Felicitas Rose Kerlchens Lern- und Wanderjahre. Provinzmädel – Band II Der Zug sauste durch die friedliche Thüringer Landschaft. Kerlchen stand am Wagenfenster und drückte ihr Stumpfnäschen an den Scheiben platt. Es war so interessant zu beobachten, wie die Telegraphendrähte sich gegeneinander neigten, höher und höher stiegen und sich so hart streiften, daß man immer meinte, die Schwalben, die sich so vergnügt auf den Drähten wiegten, müßten plötzlich elendiglich zerquetscht zu Boden fallen. Aber die Telegraphenstangen besannen sich eines Bessern, sie kamen wieder zurück, verneigten sich vor den Fenstern des vorbeijagenden Zuges, und das lustige Spiel begann von neuem. Die Schwalben zwitscherten und jubilierten. – »Sie haben's gut,« dachte Kerlchen mit tiefem Seufzer, »sie werden niemals in eine Pension gebracht, »in die Benehmigte«, wie der Thüringer sagt. Sie brauchen auch nicht in einem heißen, staubigen Coupé zu sitzen, und es wird ihnen nie der Schnabel verboten.« Kerlchen streift mit sehr finsterem Gesicht die Insassen des Wagenabteils ... In der einen Ecke sitzt ihr lieber Papa und schläft; er ist in Zivil, aber jeder, der Augen im Kopfe hat, muß den Offizier in ihm erkennen, außerdem ist die Dame, die in der anderen Ecke schläft, beim Einsteigen über die hohe Helmschachtel gefallen, mit welcher Kerlchen gespielt hatte. Und das war der Anfang der stürmischen Debatte gewesen, die sich gleich darauf entspann. Oberst Schlieden hatte noch eine leichte Zornröte auf seiner Stirn, Kerlchen hätte gern einen Kuß darauf gedrückt, aber sie wagte es nicht, sich zu rühren, aus Furcht, die zeternde Dame wieder zu wecken. Kerlchen wußte nicht, womit sie die Mitreisende so erzürnt hatte. Sie hatte ihr in mitfühlender Weise Ratschläge für das zerstoßene Schienbein gegeben, und der Papa hatte ein paar entschuldigende Worte hinzugefügt, aber sie waren auf steinigen Boden gefallen, und wo ein Wort hinfiel, flog ein Stein zurück. »Vorlaut, naseweis, rüpelhaft« waren Kerlchen verständliche Worte, aber »Proletarier der zweiten Klasse« verstand es nicht, und Papa gewiß auch nicht, denn er antwortete garnicht darauf, sondern sagte nur ganz ruhig: »Kerlchen, rüttle mal die alte Schachtel zurecht,« worauf das Kind die Helmschachtel an den richtigen Platz brachte. Aber die Dame hatte den Schaffner gerufen, von Beleidigung geschrieen und um einen andern Fahrgast ersucht, was ihr jedoch versagt wurde. Dann war Waffenstillstand eingetreten, und nun schliefen die streitenden Parteien. Kerlchen dachte in der Stille und Schwüle des Wagens darüber nach, wie es wohl käme, daß das Leben immer so kriegerisch verliefe, woran es wohl läge, daß so viele Mütter auf der Welt krank seien und so viele Kinder zu fremden Leuten müßten, und es beschloß, daß die eigenen späteren vierundzwanzig Kinder niemals in Pension kommen sollten. Dann schlief Kerlchen ebenfalls ein. * »Die Neue hat wieder geheult!« »Ist gar nicht wahr, ich heule nie, ich hab schlecht geträumt!« Kerlchen setzte sich im Bette auf, das mit noch neun andern Betten in einem großen Schlafsaal stand. Dickverschwollene Augen blinzelten aus einem heißen, mit roten Flecken bedeckten Gesicht. »Soll ich dir 'n Spiegel holen, Fee?« »Ha, ha, ha, schöne Fee!« »Machst deinem Namen viel Ehre!« »Prinzessin Heulmeier!« »Rrrrraus!« Kerlchen schrie es mit aufgeregter Stimme, der man das verhaltene Schluchzen deutlich anhörte. Die übrigen Mädchen brachen in tosendes Gelächter aus und liefen dann eiligst hinaus. Die Klassenuhr schlug acht Schläge, eine schrille Klingel tönte durch das Haus, dann war alles still. * »Felicitas, wie siehst du wieder aus? Und warum kommst du jetzt erst? Es ist zehn Uhr!« »Wann bist du aufgestanden?« »Um vier Uhr, wie immer!« »Du lügst!« »Fee lügt nie! Sie ist um vier Uhr aufgestanden und in den Garten gegangen; da hat sie Fräulein Kleist wieder geholt und trotz ihres Sträubens ins Bett gesteckt.« Gretchen Döring war es, die für Fee die Verteidigung aufnahm. »Warum sprichst du nicht, Felicitas?« »Das thut sie nie, wenn Sie ihr sagen, sie hätte gelogen.« »Unsinn! Sie soll sich verteidigen, dieses Schweigen ist nichts als Trotz.« Kerlchen war ganz blaß geworden, ihre Augen funkelten die Lehrerin kampfbereit an. »Warum kamst du nicht zur rechten Zeit, wenn du doch seit vier Uhr wach warst?« »Weil ich kein eigenes Zimmer habe!« »Spukt dieser Unsinn immer noch in deinem Kopfe?« Die Mädchen lachten laut. »Natürlich, sie zieht sich nicht an in unserer Gegenwart.« »Zimperliese!« »Wenn wir nicht mal vorher in den Garten laufen, wenn's recht schönes Wetter ist, dann kommt sie regelmäßig zu spät; wir necken sie natürlich und bleiben im Schlafsaal – –« »Es ist zu verrückt von ihr!« »Ruhe!!! Felicitas, du solltest dich schämen, in dieser Weise die Schulordnung zu stören. Du wirst dich an den gemeinsamen Schlafsaal gewöhnen müssen, solange deine Eltern es für richtig halten, dich in einer Pension zu lassen. Dein Papa hat ausdrücklich geschrieben, daß du ganz so gehalten werden sollst wie die anderen Mädchen. Und nun setzt euch ruhig hin, die Stunde beginnt!« Die Lehrerin seufzte tief auf. Es war wirklich schwer, dieses Mädchen zu erziehen, das so »anders« war, wie auch die Mitschülerinnen sagten. Dabei wußte Felicitas ganz gut Bescheid, sie hatte die Lücken, (ganz unglaubliche Lücken bei einem elfjährigen Mädchen) in rascher Zeit aufgefüllt und überflügelte die besten Mitschülerinnen, wenn sie wollte. Aber sie wollte nicht immer. Heute z. B. dieser Aufsatz! Fräulein Kolditz schaute ergrimmt auf das Heft. Schon die Schrift des Mädchens empörte sie jedesmal von neuem. Diese steilen, deutlichen, dicken Buchstaben waren gegen jede Schulordnung. Und der Aufsatz selbst! Fräulein Kolditz wollte ihn nachher gleich der Vorsteherin bringen. »Felicitas, steh auf und sieh mich an! Du hast den schlechtesten Aufsatz von allen zehn Mädchen geliefert! Du hast dich von Anfang an dem Thema widersetzt und behauptet, man könnte nicht darüber schreiben, die anderen Mädchen strafen dich Lügen, denn sie haben sehr hübsch über die »Wüste Sahara« geplaudert. Du dagegen hast deiner Bosheit die Zügel schießen lassen und fängst an: »Die Wüste Sahara ist furchtbar langstielig.« Den besten Aufsatz hat Helene von Giers geschrieben, er ist zu meiner Überraschung sehr fließend abgefaßt: »Betrachten wir auf der Karte von Afrika den schmalen Küstenstrich – –« Ein helles, lustiges Gelächter unterbrach die Lehrerin. »Abgeschrieben! Hi hi hi, abgeschrieben!« Mehr als fünf Lesebücher zugleich wurden ihr hingereicht, und da stand es freilich im »Kinderfreund«: »Die Wüste Sahara: ›Betrachten wir auf der Karte von Afrika den schmalen Küstenstrich – – –‹« »Es ist gut, ich werde nachher mit Helene von Giers reden. Durch diese Täuschung wird aber dein Aufsatz nicht besser, Felicitas; du brauchst die Mundwinkel nicht so verächtlich herunterzuziehen. – Dann ist also der beste Aufsatz der von Gretchen Döring – du bist sonst keine Heldin im Schreiben, hat dir jemand geholfen?« »Geholfen? Nein! Den ganzen Aufsatz hat sie mir gemacht – die Fee!« »Mir auch, mir auch!« riefen die lustigen Kinderstimmen. »Fräulein, wir wußten alle nichts darüber zu schreiben, da hat die Fee sie für uns gemacht; die kann's, die schreibt gern Aufsätze – –« »Geht alle hinaus, Kinder, leise – – daß ihr die anderen Klassen nicht stört. Du, Felicitas, bleibst hier!« »So! Und nun komm einmal her! Weißt du, daß du sehr Unrecht gethan hast?« »Nein, Fräulein! Die Kinder baten mich alle so und sie sind sonst nicht gut zu mir, da dachte ich, sie würden vielleicht ein bißchen netter, wenn ich ihnen einen großen Gefallen thäte. Bloß Gretchen Döring ist gut mit mir, deshalb hab ich ihr den ersten Aufsatz gemacht, und Helene von Giers ist gräßlich, der hab ich keinen gemacht, und wie ich acht Aussätze geschrieben hatte, da kam meiner dran, oh Fräulein – da hing mir die Wüste Sahara zum Halse 'raus.« »So, so! Und da schriebst du, sie wäre furchtbar langstielig. Nun verstehen wir uns schon besser.« Fräulein Kolditz zog Felicitas zu sich heran. »Du wirst so etwas niemals wieder thun, Fee?« »Ich weiß es noch nicht, Fräulein!« »Du bist ein sehr merkwürdiges Kind, Fee; Wie ist nur deine Gouvernante mit dir ausgekommen?« »Oh ganz gut! Bis sie 'ne Leber bekam!« »Waaas bekam sie? Schon gut, schon gut, rufe die anderen Kinder wieder herein.« Es war schon dreiviertel auf elf, aber die Kinder lernten gut in dieser einen Viertelstunde, und die Vorsteherin erfuhr nichts von der »Wüste Sahara«. * »Seht mal, dort geht Doktor Calmus!« »Wo, wo, wo? Oh Gott, laß sehen!« »Drängel doch nich so!« »Und die erste Klasse hinter ihm her!« »Wo? Wo?« »Warum laufen sie hinter ihm her?« »Felicitas, frag nicht so geistreich!« »Weil er ihr Schwarm ist!« »Was is 'en das?« »Ach, sei nicht so albern!« »Meine große Schwester hat gestern den Namen von Dr. Calmus aus der Zeitung geschnitten und auf dem Butterbrot gegessen.« »Pfui!« »Garnicht pfui! Alice von Felsen hat einen Knopf von ihm im Medaillon.« »Warum?« »Fee, du bist ein Schaf!« »Selber eins! Warum steckt sie nicht sein Bild ins Medaillon, ein Knopf ist ja zu dumm!« »O Gott, sein Bild! Wenn sie das bekommen könnte! Sie wäre selig, sagt meine große Schwester.« »Phhhh! Ich finde Doktor Calmus grrräßlich.« »Er findet dich auch gräßlich, Fee, er hat's gesagt.« »Freut mich!« »Weshalb ist die Fee so kratzbürstig auf ihn?« »Er hat »süßes Lockenköpfchen« gesagt und sie gestreichelt.« »Wie interessant!« »Na, was is'en da interessant bei?« »Und sie hat ihn auf die Hand gehauen und ihm die Zunge lang herausgestreckt.« »Fee!« »Na ja, hab'ch immer gethan. Aber er hats gepetzt; pfui, gepetzt hat er!« »Und du mußtest ihm abbitten!« »Hab ich aber nich! Ich hab bloß was gemurmelt so mit zugemachtem Munde: »Alter, ekliger Petzkalmuser«, und da sagte er so sanft und katzenfreundlich: »Schon gut, kleine Fee!« Pfui! Grrräßlich ist er! Aber Herr Schönwolt, das ist ein famoser Kerl!« »Och! So'n Volksschulmeister!« »Dem gehorch' ich garnicht!« »Der paßt garnicht in unsere Schule, sagt Mama.« »Wenn er in der ersten Klasse mal Aushilfe hat, dann antwortet ihm niemand!« »Seinen Anzug trägt er nun schon vier Jahre.« »Und Papierkragen und -Manschetten.« »Ich hab mal gesehen, wie er mit einem Gummi große Wäsche hielt.« »Seine Mutter ist 'ne Bauernfrau in Vieselbach.« »Wie schrecklich!« »Und von so'n Menschen soll man sich unterrichten lassen!« »Warum nicht! Er ist so klug, klüger als alle und lustig kann er sein; und alle Dummheiten, die man macht, hat er früher auch gemacht, das ist zu famos! Ich hab ihm auch mal die Zunge rausgestreckt, ganz im Anfang wars; er hatte mich ungerecht beschuldigt, und ich war so wütend, da lachte er und sagte: »So ists recht, Felicitas, immer länger, immer länger, soweit die deutsche Zunge reicht!« Da hab ich mich so geschämt und ihm von allein abgebeten.« »Du bist komisch, Felicitas!« »Denkt doch, er kann nich mal 'ne Ferienreise machen, so arm ist er. Alles muß er seiner Mutter geben und 'ne kranke Schwester hat er auch.« »Deshalb sieht er immer so schäbig aus!« »Ich schenier' mich ordentlich, wenn er mir auf der Straße begegnet.« »Wir sind doch Töchter höherer Stände. Warum unterrichtet er nicht Straßenjungen?« »Ja, dazu sind Volksschullehrer da, sagt Mama!« »Das ist nicht wahr, das ist nicht wahr! Gänse seid ihr alle mit'nander! Prinz Li hatte als ersten Lehrer auch einen Volksschullehrer, oh – solch lieben guten, Herr Lorenz hieß er, und Papa hat mir so viel von ihm erzählt, er ist dann gestorben, und Prinz Li hat sich garnicht trösten lassen wollen.« »Ach – einerlei!« »Was kümmerts uns!« »Wir wollen lieber was anderes erzählen!« »Fee hat ja immer so verrückte Ansichten.« »Nu eben!« Brief des Herrn Schlachtermeisters Krone an Kerlchen. Schwarzhausen, 6. Juni. Liebes Kerlchen! Soolt mers glauben, daß schon bald zwei Jahre vergangen sind, daß du fort bist und gewiß schon großes Mädchen, ich hab mal'n Bild von dich bei Doretten gesehn, wunderschön, ich meine dein Kleid, aber sonst ganz das alte liebe Kerlchen. Es freut mich sehr, daß du immer noch an uns denkst und grüßen läßt, und meine Frau grüßt auch wieder. Und ich habe das schöne Gedicht von dich zu Dorettens Geburtstag gelesen; wie du so was nur machen kannst, Dorette hat so geheult, es war so rührend und was meine Frau is, auch. Und ich wollt dir bitten, was du nich for mich auch eins machen kannst und ich wills deglamieren aufn Kriegerverein, wir haben ne neue Fahne bekommen, von die Damens in der Stadt und da is Einweihung. Und du könntest dich wünschen, was du wolltest und wenn es zehn Pfund Schokolade wärn, wärn mir nich zu viel, denn der alte Stadtdichter is gestorben, du kennst ihm ja, den Klempner Susemihl, und is kein Mensch weit und breit der dichtet. Also mach hin, allo! Und sei so gutt Dein väterlicher Freund Krone, Schlachtermeister und ff. Wurstfabrik. Brief von Kerlchen an Herrn Schlachtermeister Krone. Lieber Herr Krone! Mit Freuden ergreife ich die Feder. Diese Schule ist entsetzlich, aber ich habe doch nun endlich schreiben gelernt, richtig schreiben bei Herrn Schönwolt, der ein sehr kluger und famoser Mensch ist. Lieber Herr Krone, ich schicke Ihnen gern ein Gedicht, ich hab es vorhin in der Weltgeschichte gemacht. Weltgeschichte machen ist furchtbar, ich mach da lieber Gedichte. Es heißt so: Ihr, die ihr hier versammelt seid Zu unsers Kaisers Ehre, Heil dir im Siegerkranz! Im Streit Da setzt euch stets zur Wehre. Wir sind von der Fahne so hoch beglückt Die alle die Damens fein gestickt Wir halten die Fahne in Ehren. Und wir wollen den Namens es schwören Und wenn es wieder giebt Krieg Dann führt uns die Fahne zum Sieg. Und wenn auch viele dabei starben, Ich bin ein Preuße, kennt ihr meine Farben!!! Hurra! Wenn Sie so freundlich wären und mir dafür Wurst schickten, Schokolade esse ich zwar auch furchtbar gern, Sie können gern ein Pfund beipacken, aber das meiste muß Wurst und Speck sein; auch Schmalz, alles vom besten und recht viele Bratwürstchen dabei. Wenn das Gedicht nicht langen sollte, hab ich noch eine Ballade gemacht, sie ist vorne ruhig und in der Mitte wütend und hinten traurig. Sie können mir dann schreiben, ob Sie sie noch haben wollen. Ich sehe mit Hochachtung Ihrer Kiste entgegen. Hunderttausend Grüße an mein liebes Schwarzhausen. Kerlchen. * »Nein, nein, Gretchen, nimm sie nur nicht in Schutz, es ist Thatsache, daß sie eine »Wurschtkiste«, einen »Freßkober« gekriecht hat und daß sie alles alleine neingeleiert hat. Das is – na – gemein!« Gretchen Döring ließ den Kopf hängen. Was sollte sie thun? Die ganze Klasse war gegen ihre liebste Freundin, die Fee. »Sie hat uns doch Schokolade abgegeben, sie hat sie ganz genau geteilt,« bemerkte sie kleinlaut. »Du liebe Zeit, das war ein Pfund unter zehn Mädchen, es war ein »Fimmel« für jeden.« »Und die meterlangen Würste hat sie allein gefuttert, mich wundert bloß, daß sie nicht geplatzt ist.« »Dabei aß sie doch bei Tisch nicht weniger als wir, es ist unbegreiflich!« Gretchen hatte Thränen in den Augen. Sie konnte es nicht ertragen, daß man die Abwesende angriff und mußte doch den Angreifern Recht geben, denn sie selbst hatte auch nicht das kleinste Stückchen von der zarten Wurst bekommen, die so appetitlich mit blauen Bändchen umwunden in der Kiste gelegen hatte; nein, nein, sie hätte diesen Geiz niemals der Fee zugetraut – Gretchen war ganz, ganz böse. Als Felicitas aus der französischen Stunde kam, sie hatte immer noch »Extra-Konversation« bei einer Französin, da sah sie in lauter finstere Gesichter, ja, manches Gesicht sah sie überhaupt nicht, die Inhaberinnen drehten ihr einfach den Rücken zu. »Ihr seid wohl rrrrr?« fragte Kerlchen mit bezeichnender Handbewegung nach der Stirn. »Oh, das brauchen wir uns nicht gefallen zu lassen!« »Es war hier immer so Sitte – – –« »Du mußt nicht denken, daß wir neidisch sind – –« »Du liebe Zeit, ich bin noch immer satt geworden –« »Aber es ist doch nun mal Sitte in der Pension – –« »Himmel noch mal! Was is denn los? Hab ich was gethan?« fuhr Kerlchen energisch dazwischen. »Ohhhh nichts!« »Wenn du's nicht selbst weißt.« »Nee, ich weiß nischt! Man los!« Gretchen schmiegte sich an Kerlchen. »Sie meinen die Kiste,« sagte sie leise, »die aus Schwarzhausen, mit der vielen Wurst. Wir haben hier immer geteilt – –« Dunkelrot wurde Kerlchen, wie ein ertappter Verbrecher sah es aus. Die Hände hatte es fest hinter dem Rücken zusammengelegt, wie immer, wenn es heftig erregt war. Es sah die Kinder der Reihe nach an, mit denen es so treu seine Schokolade geteilt hatte. »Phhh!« sagte Kerlchen nur, rannte hinaus und knallte die Thür hinter sich zu. * »Fee, du sollst gleich mal zu Herrn Schönwolt kommen ins Lehrerzimmer.« »Was hast du denn verbrochen?« »Er macht sich mausig, der Volksschullehrer!« »Geh nich hin, Fee; er kann selber kommen!« Kerlchen war aber schon aus der Thür und stand endlich mit ziemlich starkem Herzklopfen im Lehrerzimmer. Herr Schönwolt hatte einen kleinen Briefbogen in der Hand, den er fortsteckte, als Kerlchen eintrat. »Komm mal her, Fee,« sagte er mit ganz eigentümlich unsicherer Stimme. »Ich wollte dich gern einmal fragen, wo du am vorigen Mittwochnachmittag warst? – Bei der Französin jedenfalls nicht?« Kerlchen schüttelte den Kopf, der rot und heiß wurde unter den forschenden Augen des Lehrers, aber über seine Lippen kam kein Wort. Jetzt zog Herr Schönwolt langsam den Briefbogen aus der Rocktasche, legte ihn vor Kerlchen hin und fragte: »Hast du das geschrieben?« »Ja!« »Fee!!! – – – Wann bist du dort gewesen?« »Am Mittwoch! Sind Sie böse auf mich?« »Böse? Kleine gute Fee! Aber es darf nicht wieder vorkommen! Du darfst keine Heimlichkeiten treiben! Und woher kennst du meine alte Mutter, und woher hast du die Wurst?« Kerlchen erzählte ihm alles. Zuerst stockend und unwillig. Es hatte nicht geglaubt, daß »es« herauskommen würde; Kerlchen hatte es niemand erzählt, nicht mal Gretchen Döring, aber freilich, wenn die Mutter von Herrn Schönwolt selber »petzte« – – – Ein leises Lächeln huschte über das ernste, männliche Gesicht des jungen Lehrers. »Mutterchen hat nicht gepetzt,« sagte er freundlich, »sie hat mir nur geschrieben, wer in aller Welt das Heinzelmännchen sein könnte, das ihre leere Speisekammer mit einem Mal gefüllt, das einen Korb auf die Stubendiele gesetzt hatte und dann auf und davon geflohen war, wie nicht recht gescheit.« »Der Zug ging so schnell wieder ab.« »Und ich hab ihr geschrieben,« fuhr der Lehrer fort, »daß es kein Heinzelmännchen gewesen wäre, denn Heinzelmännchen schreiben nicht so liebe, unorthographische Briefe – sieh mal da: »Es is alles orrntlich ferdient nehmen sies man freuntlich und mit Gruhß!« »O, Herr Schönwolt, es ging so fix.« »Das scheint so! Heinzelmännchen wird's aber nicht wieder thun, nicht wahr? – – ich – ich möchte das nicht gern, Mutterchen dankt aber dem Heinzelmännchen sehr; die Wurst und das viele schöne Schmalz und der Speck sind an ganz arme Frauen im Dorf verteilt worden und haben viel Freude angerichtet.« »Warum hat sie es nicht selbst behalten, wenn sie doch 'ne leere Speisekammer hat?« »Das verstehst du nicht, kleine Fee! Sieh, wenn du erst mal ganz auf eigenen Füßen stehst und durch ehrliche Arbeit etwas verdienst, dann kannst du auch andern Menschen eine Freude machen, aber man darf nicht bei andern Leuten um Wurst bitten und sie dann wegschenken.« »Ist »dichten« nicht ehrliche Arbeit?« »O, Fee! Dein schönes Gedicht, das hab ich ja ganz vergessen! Nun laß gut sein! Du bist ein tapferes Kerlchen! Was mußt du für prächtige Eltern haben!« Kerlchen brach plötzlich in lautes, bitterliches Weinen aus. Der Anfall kam so plötzlich, daß Herr Schönwolt heftig erschrak; er streichelte sanft den wilden Lockenkopf, und da schmiegte sich das Kind an ihn und schluchzte fassungslos. »Ich hab so furchtbare Sehnsucht nach Papa!« »Armes Kind!« »Ach bitte, bitte, sagen Sie doch ein einziges Mal »mein altes Kerlchen« zu mir!« Die Stimme des Herrn Christian Schönwolt klang plötzlich merkwürdig rauh und heiser. »Mein altes Kerlchen!!!« »Ach, ich dank Ihnen tausendmal! Und seien Sie mir doch nicht böse! Niemand ist gut mit mir, auch Gretchen Döring hat mich nicht mehr lieb, und Mama ist so krank, und Papa hat so viel zu thun, und Briefe bekomme ich beinahe nur vom Schlachter Krone und vom Erbprinzen.« »Kleines, liebes Kerlchen! Nein, ich bin dir nicht böse!« »Herr Schönwolt, dauert es sehr lange, bis man selbst was verdienen kann mit richtiger Arbeit?« »Warum meinst du?« »Och, nur so!« »Nun, es giebt sogar schon Kinder , die in harter Arbeit selbst verdienen müssen, das ist zum Glück dir erspart geblieben und wird es hoffentlich auch immer bleiben. – Und nun ade. Kerlchen!« »Ade, lieber, lieber Herr Schönwolt! Aber sehen Sie, da hab ich Ihren schönen Rock vollgeheult, Papa legte sich schon immer ein großes Taschentuch auf die Uniform, wenn ich mal anfing, aber warten Sie nur, ich wisch' es fix ab.« Felicitas nahm ihr Taschentuch heraus und rieb eifrig. »Du nimmst dir wohl alle Weihnachten, Pfingsten und Ostern ein reines,« fragte Herr Schönwolt schaudernd. »O nein, alle vier Wochen!« * Brief von Kerlchen an Oberst Schlieden. Erfurt, den 1. Juli. Mein lieber Herzenspapa! Ich will Dir lieber gleich den ganzen Krempel selbst schreiben, denn die Vorsteherin schreibt es Dir doch und gewiß nicht richtig, denn sie ist nervös, das ist was sehr Schlimmes, im Kopf und in allen Gliedmaßen. Siehst Du, mein lieber, lieber Papa, der Herr Schönwolt, der ist ein ganz famoser Kerl, so ähnlich wie Du, aber natürlich so wie Du kann eben niemand ganz sein. Er hat Dir ja damals geschrieben, ich weiß nicht, ob er Dir von der Wurstgeschichte geschrieben hat, es ist eine sehr langweilige Wurstgeschichte und sie machten ein Aufhebens davon, auch die Mädchen alle, die nix abgekriecht hatten. Sieh mal, da wars der Herr Schönwolt, der hat es jeder Einzelnen erzählt, ich hätte die Kiste den armen Leuten in Vieselbach gebracht, er ist so edel, daß er so gelogen hat, denn er ist doch dran Schuld, denn die armen Leute waren mir doch wurscht, ich hatte aber die Wurscht doch der Mutter geschenkt. Lieber Herzenspapa, Du siehst nun ganz klar Alles, nicht wahr? – – – Aber das ist jetzt garnicht die Hauptsache und schon beinah vergessen, es hat sich aber noch was zugetragen. Ich habe nämlich Schande auf Deinen edlen Namen gehäuft und Thränen auf Dein graues Haupt, das sagt aber Alles nur Fräulein Kleist, denn ich weiß ja, daß Du blondes Haar hast und verstehe auch die Schande nur so undeutlich. Nämlich Herr Schönwolt wollte so gern eine Ferienreise mal machen, so wo hin, was weiter weg ist wie Vieselbach, zum Beispiel der Harz oder Griechenland, aber er konnte es nie, denn er giebt sein Geld immer seiner Mutter. Deshalb bin ich drei Wochen Kindermädchen bei Bäcker Demuth in der Kreuzgasse gewesen, es war ein süßes Baby und ich hab furchtbar drauf aufgepaßt und sie waren sehr zufrieden mit mir und ich bekam für jeden Nachmittag fünfundzwanzig Pfennig und prachtvollen Kaffee mit Maulschellen, das sind aber nicht so Ohrfeigen, wie Du sie giebst, sondern »Hefenes mit Corinthen« drin. Und, lieber Herzenspapa, sie wußten nicht, daß ich ein höheres Mädchen war in einer feinen Pension. Ich sagte ihr aber, ich hieße Felicitas Schlieden und wohnte Anger 67, ganz richtig, und sie sagte »Felicitas«, das hatte sie noch nie gehört, es wäre »närrisch«, so hieße niemand, ob ich nich noch andre Namen hätte und da sagte ich, »Ernstine« und da nannte sie mich so. Aber neulich auf einmal ging Fräulein Kleist mit in die Konversationsstunde, und da konnte ich den Nachmittag nicht schwänzen, weißt Du, lieber Papa, ich schwänzte nämlich immer, denn sonst hätte ich Nachmittags ja kein Kindermädchen sein können, und da kam den andern Tag die Bäckerfrau angerannt und war so wütend und klopfte alle Klassen zusammen und machte einen Mordsschkandal, und wie Fräulein Kleist so recht vornehm fragte: »Wer sind Sie?,« da sagte sie: »ich bin die »Demuth«, und da mußten wir schrecklich lachen. Lieber Herzenspapa, nun kam Alles raus, aber Frau Demuth war sehr nett und sagte, wenns mir mal schlecht ginge, könnte ich alle Tage Kindermädchen werden, aber Fräulein Kleist war so so so entsetzlich böse, und bitte sage Du mir, ob ich Schande auf Deinen edlen Namen gewälzt habe und schreibe mir doch auch, wie es meinem Pony geht und ob er's gut hat im Prinzenstall und nun habe ich fünf Mark und zwanzig Pfennige von Frau Demuth bekommen, aber es reicht nicht bis Griechenland und nicht bis Wernigerode, oder darum, Herr Schönwolt hat es natürlich erfahren und er hatte ganz richtige Thränen in den Augen, es that mir zu leid, ich wußte nicht, daß ich sowas ganz Schreckliches begangen hatte und bitte sag mir, was ich mit den fünf Mark und zwanzig Pfennigen anfangen soll, das Leben ist doch recht schwer. Verzeihe doch bitte, daß ich so schlecht war. Dein Dich so schrecklich lieb habendes Kerlchen. * Brief von Oberst Schlieden an Kerlchen. Mein altes Kerlchen! Solche Sachen mach nur nicht wieder, hörst Du, aber ich habe sie Dir ganz und vollkommen verziehen. Das Geld mußt Du schön aufheben, der gute Herr Schönwolt, den ich recht herzlich zu grüßen bitte, wird Dir gewiß ein Sparkassenbuch kaufen; das ist dann ein Stammkapital, zu dem der liebe Gott schon seinen Segen geben wird! Die liebe Mama ist leider recht krank, der Zustand ist immer derselbe und deshalb wird mein Kerlchen tapfer in der Ferne aushalten, nicht wahr, Kleines? Ich war vor kurzem in Schwarzhausen und Neustadt. – Unsere Villa hab ich verschlossen, Dorette ist zu Mama nach Palanza gegangen, damit Mutti doch jemand Liebes um sich hat; Johann hat der Fürst einstweilen übernommen und ihm einen Gärtnerposten übertragen; Johann okuliert fleißig, das war immer eine Schwäche, oder vielmehr Stärke von ihm. Der Fürst ist immer so gütig und erkundigt sich jedesmal nach seinem Patenkind. Aber seine Gesundheit macht mir Sorge, und auch der Erbprinz kränkelt viel, wir haben das Studium unterbrechen und berühmte Ärzte aufsuchen müssen. In Amalienlust haben wir der Einweihung des großen Siechenhauses beigewohnt. Die Leute in Amalienlust haben Dich alle in gutem Andenken, trotzdem Deine tollen Streiche noch immer im Dorfe die Runde machen; der Herr, Pastor läßt Dich auch herzlich grüßen, der alte, brave Lehrer Greßler ist gestorben, und das weinumrankte Häuschen steht einstweilen leer. Mein Herzenskind, leb wohl! berichte mir treulich von Deinem Thun und Treiben und denke immer an mein Abschiedswort: » Ordre parieren , Gott vor Augen, den König im Herzen!« Dein treuer Vater Schlieden Aus Kerlchens Tagebuch. Ich muß dich nun mal wieder vorholen, du altes Buch. Du bist ganz zerdrückt und hast eine Menge Eselsohren bekommen, Erich würde sagen, das war schon ein Zeichen, daß du mir gehörst. Ich sitze in meiner Stube und denke. – – – »Wir sind das Land der Denker,« sagte gestern der eklige Doktor Calmus, aber dadrin hat er Recht. Ich denke , daß es ein sehr elendes Loch von Stube ist, was ich habe, aber ich denke , es ist immer besser wie der große Schlafsaal mit den Mächens alle drin; ich denke , Herr Schönwolt hat mirs verschafft, daß ich allein schlafen darf, weil er sah, daß ich so unglücklich drüber war; ich denke , er ist doch immer und allemal der Beste. Ich weiß warraft'ch nich, wen ich lieber habe, den Schlachter Krone, den Erbprinzen, oder Herrn Schönwolt und deshalb hab ich mich gestern wütend gewehrt, wie Fräulein Kleist die Bilder auf meinem Schreibtisch umstellen wollte. Da steht nämlich in der Mitte der Schlachter Krone, weil die Fotografi am größten ist und rechts von ihm der Fürst und links mein Papa und dann davor der Erbprinz und Herr Schönwolt. Über dem Schreibtisch hängen Mama und Erich, aber natürlich nur fotografirt. Und da wollte Fräulein Kleist das Alles umändern, aber ich tobte nicht schlecht und da ließ sie es. Und weil es grade englische Konversationsstunde war, schrie ich sie an »mei Haus is mei Cassel« und da ließ sie mich zufrieden, denn das heißt auf deutsch: »Diese Bude gehört mir«! Dann steht noch mein Bett drin und ein Waschtisch und eine Kommode und ein Kleiderschrank, da muß ich Ordnung halten, denn ab und zu kommt Fräulein und residiert, das ist allemal ein schlimmer Tag, wo viel geheult wird. Über sowas heul ich natürlich nie, nur bei Sehnsucht und sowas. Es war Alles sehr ordentlich bei mir, aber Fräulein Kleist hat ganz andere Begriffe, weil sie so uralt ist, ich meine, dreißig Jahre soll sie sein, eine Greisin denkt natürlich anders, wie'n Kind. Sie wollte nicht, daß die Wichse und die Wichsbürste neben meinem Spitzenkragen lägen und noch mehr so Kleinigkeiten. Dann schimpfte sie einen langen Rebbel, daß ich immer was Besonderes haben müßte, denn die Stiefeln von uns »Pangsionärrinnen« (wie Peter sagt) werden alle vom »Peter« geputzt, das ist ein alter Diener, der schon Fräulein Kleists Vater die Stiefeln gewichst hat, aber er kann es nicht mehr gut, er hat keine Kraft und mit solchen Stiefeln geh ich nicht. Papa sagt, bei Pferden und bei Frauenzimmern sollt man immer zuerst nach den Potentaten kucken und wie die Gangart is, na und da hab ich mir ne Wichsbürste gekauft und Wichse schicken lassen von Prinz Li, der hat auch immer so blanke Stiebeln und er hat auf den Wichstopf geschrieben: »Diese Wichse weiß wie Schnee, schenk ich meiner lieben Fee!« Da hab ich zum erstenmal Fräulein Kleist lächeln sehn. Gelacht soll sie überhaupt noch nie haben von ihrer Geburt an, aber wenn der Kaiser, oder ein Fürst, oder ein Graf, oder ein Baron, oder eine Frau von denen einen Witz macht, dann lächelt sie. Also nu wichs ich mir die Stiebeln allein, und da sagte Fräulein Kleist, es wäre 'ne Kränkung für den armen Peter. Das wollte ich natürlich nicht, und da hab ich ihn zum Vogelschießen mitgenommen und ihn freigehalten, wir waren alle hingegangen und fuhren Karussell. Jeder suchte sich aus, worauf er reiten wollte, ich nahm natürlich ein Pferd, Petern setzte ich daneben in eine Gondel und Fräulein Kleist nahm einen Schwan, trotzdem auch ein Krokodil da war. Sie war so furchtbar anstellerig und setzte sich natürlich verkehrt und wollte als Dame reiten und da mußte sie, um richtig zu sitzen mit dem einen Bein rüber steigen und wie sie das andere nachziehen wollte, da ging das Karussel los und nun saß sie so da und alle lachten furchtbar, aber ihre Strümpfe waren nicht kaput, sie brauchte sich nich so doll zu schämen. Aber dem Peter wurde schlecht in seiner Gondel, und wie wir ausgestiegen waren, konnte er auf keinem Bein stehen und faßte immer Fräulein Kleist unter den Arm, da riß sie sich los und das war doch viel mehr 'ne Kränkung für Peter, wie meine Wichse. Dann kauften sich die andern noch schrecklich viel Bonbons und Riechzeug, Eßpokkee un Odemillflör, es roch prachtvoll, aber Mama leidet nicht, daß ich was anderes wie Odekollonj nehme und auch nur bei Kopfweh, oder wenns sehr heiß is, und Prinz Li schickte mir schon öfters mal »Riviera-Veilchen«. Das riecht aber lang nicht so doll wie die Fläschchen auf dem Vogelschießen und dabei waren die sehr billig, zehn Pfennige eine große Flasche. Na, nachher ging aber bei Helene von Giers der Stöpsel los und dann wollte niemand mehr mit ihr gehen. Ich habe mein Geld beinahe alles verschossen an der Scheibe, das ist so famos, aber man kriecht nichts dafür, es geht bloß um die Ehre. – Und ich hab so oft ins Schwarze getroffen und da stellten sich eine Menge Leute drum rum und sagten, ich wäre »ä Mordskerl«. Aber da stand auf einmal Fräulein Kleist da und zog mich aus der Menge heraus und hielt mir immerlos den Fürsten vor, und was der sagen würde, wenn sein Patenkind »Mordskerl« genannt würde, aber ich sagte ihr, so nennte mich der Fürst immer , da warf sie die Augen so nach dem Himmel, daß man bloß das Weiße sah und das eigentliche Grüne drin fort blieb. Das war das ganze Vogelschießen, ich hatte es mir eigentlich noch netter gedacht, und Herr Schönwolt war garnicht mit, der hatte Stallwache, das heißt, ich nenne das bloß so, wenn er Aufsichtsdienst in der Pension hat. Auf dem Wege nach Haufe begegneten uns noch Zigeuner, es war so intressant, sie sagten uns wahr aus der Hand. Mir sagten sie, ich bekäme einen sehr klugen vornehmen Mann und vierzehn Kinder. Gott sei Dank! Fräulein Kleist sagten sie auch so was ähnliches, aber sie that garnicht, als wenn sie's gehört hätte, sie macht sich auch garnichts aus kleinen Kindern und sie sind doch so süß! – Als wir nach Hause kamen, lief ich gleich nach Herrn Schönwolts Stube und wollte ihm erzählen, wies gewesen war. Aber er sah so blaß aus, so schrecklich blaß und hörte garnicht ordentlich hin. Er wird doch nicht krank sein??? * Ich hab Herrn Schönwolt vorhin heimlich heißes Zitronenwasser mit Zucker in die Stube gestellt. Den Zucker hab ich mir vom Kaffee aufgespart und das Wasser war nur lauwarm, aber wir dürfen ja nicht in die Küche gehen und etwas verlangen, da mußte ich schon von meinem reinen Waschwasser nehmen und das Glas über die Lampe halten, eins sprang entzwei und die Lampe ging aus und der Cylinder ging kaput, aber eins hielt, aber das Wasser wurde nicht sehr warm. Ein Brennersches Pflaster hab ich auch hingelegt für Herrn Schönwolt, ich hatte kein neues mehr, aber ich hatte noch eins aufkleben, denn wie ich neulich so Sehnsucht nach Papa hatte, glaubte ich, es würde helfen, wenn ich ein Pflaster aufs Herz klebte und das gab ich nun Herrn Schönwolt. * Herr Schönwolt hat mir heute gesagt, das Zitronenwasser hätte nichts genützt, und das Pflaster hätte nicht mehr kleben wollen, aber gefreut hat er sich doch, er hatte aber immer noch traurige Augen. Nich mal Kamillenthee will er trinken und das ist so was gutes; ich esse immer die ganzen Kamillen mit, man wird satter. * Ich hab »Tannhäuser« gesehen oder »der Sängerkrieg auf der Wartburg«. Es war wundervoll, entzückend, famos – einfach doll! Ach es ist eine Erleichterung, wenn ich in meinem Tagebuch so Wörter schreiben kann, Fräulein Kleist erlaubt so etwas in Wirklichkeit nie. Wenn ich mal sage, es ist heute » entsetzlich « heiß, dann sagt sie gleich: »Rede keinen Unsinn, sag', fühlst du wirklich » Entsetzen « in dir?« Und wenn ich »ja« sage, dann sagt sie, es wäre nicht wahr. – Oh, ich muß doch besser wissen, was innewendig in mir ist. Also wir fuhren nach Weimar ins Hoftheater und da quälte ich so lange, bis wir Nachmittag erst noch in die Fürstengruft gingen. Nich wegen der toten Fürsten, ach Gott, nein, die machen so furchtbar traurig, namentlich die kleinen Kindersärge, und ich muß so doll an Hermann Berg denken, aber wegen Schiller. Ich darf nie richtig in ihm drin lesen, Fräulein Kleist erlaubt es nicht, aber Papa hat ihn mir doch geschenkt, sechs Bücher und ab und zu klapp ich ihn mal auf und lese wie es so prachtvoll klingt: »Um der Imagination Genüge zu thun, muß die Rede einen materiellen Teil oder Körper haben, und diese machen die Anschauungen aus, von denen der Verstand die einzelnen Merkmale oder Begriffe absondert, denn so abstrakt wir auch denken mögen, so ist es doch immer zuletzt etwas Sinnliches, was unserm Denken zu Grunde liegt.« Ich weiß ja nich, was Schiller meint, aber es klingt über die Maßen schön. Ich hab es auswendig gelernt und sagte es mal Fräulein Kleist, aber sie schrie gleich, ich sollte keinen Unsinn schwatzen. Phh! Unsinn! Und dabei sagt es Schiller! Und dann gebraucht Schiller auch so Wörter wie ich, und er soll doch unser Vorbild sein. Denn in einem Gedicht von ihm, da steht immerlos, was ich nicht sagen soll: »Liebt ich mein eigen Blut nicht, rasen müßt' ich, Entsetzlich ist mir's, solches zu beschließen, Entsetzlich , mich ihm zu entziehn. –« »Na also! Ich hab es mit roter Tinte angestrichen, sie gehörte mir aber nicht, sie gehörte dem Lehrerzimmer, ich habe schnell mal eingetaucht. Ach, das Schönste, ist aber doch der »Handschuh«, wir haben ihn gelernt und wir haben ihn schon im Schlafsaal aufgeführt, ich war ein Löwe, aber der Schkandal war zu groß und wir kriegten Arrest. Arrest ist noch das beste an der ganzen Pension. Man braucht dann nicht zu Zwein spazieren zu gehen, sondern muß französisch sprechen, oder kann sonst Unsinn machen, wir thun immer das Letzte.« Es liegt auch noch ein großer Dichter in der Fürstengruft, er heißt Goethe. Er hat das wunderschöne Lied gemacht: »Sah ein Knab' ein Röslein stehn«. Und denn noch was, wodran ich nichts Schönes finde, nämlich als mal Kirmse in Schwarzhausen war, da waren wir zum Tanzzusehen, und da sagte unser Johann zu unserer Dorette: »Schönes Fräulein, darf ich's wagen, Arm und Geleit Ihnen anzutragen«. Da fragte ich Prinz Li: »Hat das Johann eben extra gemacht?« Da sagte Prinz Li: »Nee, Goethe!« Fräulein Kleist sagt, Goethe wär noch nichts für uns, und Papa sagt, »sie muß es wissen.« * Wie ich so bei Schiller stand, hab' ich den großen Sarg gestreichelt, ich war ganz allein, der Führer ging mit den andern und erklärte, aber ich wußte alles schon und besehe mir so was viel lieber ohne die andern. Es war so dämmrig in der Gruft und da kamen auf einmal Herr Schönwolt und Fräulein Kolditz herein, gerade die beiden, die ich am liebsten in der Pension habe. Sie sahen mich aber nicht, und zwischen Schillers und Göthes Sarg gab Herr Schönwolt ihr einen Kuß. Sie sagte immer »nicht hier, nicht hier!« Aber er kehrte sich nicht dran. Es muß aber doch sehr traurig sein, wenn so'n großer Mann so'n altes Mädchen küßt, sie weinen immer dabei, bei Doktor Karsten und Fräulein Mauritius war es ebenso. Nachher sahen sie mich, und Fräulein Kolditz erschrak sehr, sie sieht doch sehr süß aus, wenn sie auch schon dreiundzwanzig Jahre alt ist. Ich fragte sie an Karl Augusts Sarg, ob sie sich heiraten wollten, aber da weinte sie immer döller und dann kamen die andern mit Fräulein Kleist herein und Fräulein Kleist sah furchtbar böse aus. Abends im Theater war es so schön, daß es einen Hund jammern konnte, aber wir mußten so steif da sitzen, wie Holzklötze, und durften kein Wort fragen, und auch nicht »ah« oder »oh«, »o Gott«, oder »Himmel noch mal zu!« rufen. Fräulein Kleist sah aus wie sieben Tage Regenwetter, Fräulein Kolditz weinte und Herr Schönwolt war blaß und hatte ein finsteres Gesicht. Als ich ihn fragte, ob die Venus nicht fröre, weil sie doch so wenig anhätte, da antwortete er garnicht und Fräulein Kleist sagte leise zu mir, sie würde mich aus dem Theater schicken, wenn ich mich noch einmal unpassend betrüge. Ich habe mich wahrhaftig nicht unpassend betragen, sie sollte das lieber der Venus sagen, – phh – ich hatte ordentliches Zeug an. Nachher, als wir nach Erfurt zurück kamen, führten wir das Stück wieder auf im Schlafsaal, ich kam nochmal aus meiner Stube wieder heraus, wie ich dachte, nun könnte Fräulein Kleist möglicherweise eingeschlafen sein, und da war ich Theaterdirektor und arranschierte erst alles. Ich litt auch nicht, daß die Venus, die Helene von Giers durchaus sein wollte, bloß einen Schleier umthat, sie mußte sich ordentlich anziehen und bekam noch ein Bettlaken als Schleppe, und von Herrn Schönwolt nahm ich einfach den ganzen Anzug, den er zum Ausklopfen für Peter draußen hingehängt hatte und zog ihn an, denn ich mußte Tannhäuser sein. Die Hosen banden sie mir um den Hals zu, denn sie waren viel zu lang und der Rock schleppte auch, aber es war doch sehr ähnlich wie der richtige Tannhäuser, namentlich als ich kniete. Dann spielte ich ein Lied auf der Waschschüssel, da hatten wir nämlich vier Stricke drüber gebunden, das waren die Saiten und ich sang dazu, was mein Papa früher öfters zu seiner Guitarre sang, wenn er recht lustig war: »Es hätt geschniet« Es hätt gefroren, Min Mann is hüt Nicht utgefohren. Min Mann is to Hus Min Mann is to Hus Min lewer zucker, zucker, zuckersäuter Mann.« Slap du, min säutes Kindeken Slap du in säuter Roh Un mal du deine Äugelein Des Abens frühe to. Bsch, wsch, bsch, wsch, bsch, wsch!!! Es klang wunderschön, aber wir lachten alle so doll, besonders der Landgraf von Thüringen, der ein Nachthemd anhatte und auf einem Koffer ritt, und da kam plötzlich Fräulein Kleist an, wir hörten aber nur an ihrer Stimme, daß sie es war, denn sonst sah sie sehr verändert aus. Die Haare hatte sie über Papier gewickelt, das waren nun lauter Hörner und ihre Zähne hatte sie in der Kommodenschieblade vergessen und im Zeug ging sie beinahe wie die richtige Venus im Theaterstück. Sie hatte auch ihre Brille vergessen und deshalb sah sie nicht, daß ich schnell unter ein Bett kroch. Die andern kriegten nun furchtbare Schimpfe und zum Schluß sagte sie, sie freue sich, daß Felicitas Schlieden nicht mit dabei wäre bei dem Unfug, und wolle ihr gleich morgen ein öffentliches Lob erteilen. Wie sie raus war, lief ich schnell in meine Stube, den Anzug von Herrn Schönwolt mußte ich leider nur so herunterstrampeln und auf der Treppe liegen lassen, die zu seinem Zimmer führt, denn ich konnte nicht an den Nagel langen, um ihn aufzuhängen. Am andern Morgen schrie der dumme Peter das ganze Haus zusammen, ich meine aber nicht Herrn Schönwolt, sondern den richtigen, dummen Peter, der glaubte, es wären Diebe da gewesen. Der Anzug sah schrecklich aus, weil ich damit doch so unter dem Bett herumgerutscht war und die Stubenjungfer nicht so aufwischt, daß es ordentlich rein ist, aber ich sagte Herrn Schönwolt gleich alles und wollte Papa um einen Anzug von sich selbst bitten, aber Herr Schönwolt meinte, es ginge nicht, daß er in einer abgelegten Oberstenuniform unterrichte. * Oh, es kann und kann und kann nicht wahr sein!!! Herr Schönwolt soll fort von dieser Schule! Es muß etwas Schreckliches passiert sein. Entweder hat Herr Schönwolt Fräulein Kleist die Treppe herunter geworfen, oder Fräulein Kleist Herrn Schönwolt. Man erfährt garnichts richtiges, sie sprechen nur von »überwerfen« und »Zerwürfnis«. Vielleicht haben sie sich auch nur was an den Kopf geworfen. Fräulein Kleist ihre Stimme hörte man bis oben rauf und dann ging ich an Fräulein Kolditzens Zimmer vorüber, da hörte ich sie leise weinen, es klingt schrecklich traurig, wenn so'n altes Mädchen weint; oh, sie soll auch fort aus der Schule, es thut mir zu leid! Ich hab mich besonnen, was ich ihr schenken könnte, aber ich hab nich viel. Endlich nahm ich meine goldene Taschenuhr vom Fürsten, einen kleinen Ring von Papa, meine Ledermappe mit den Oblaten und meine aller-allerliebste Puppe Emmy, die keinen Kopf mehr hat. Ich rüttelte an Fräuleins Thür, aber sie hatte sich eingeschlossen, da ging ich zu Herrn Schönwolt und brachte ihm die Sachen. Er wollte immer sprechen, aber er konnte nicht, er streichelte nur immer mein Haar und ganz zuletzt, da gab er mir die Uhr und den Ring zurück und sagte: »Die Puppe Emmy behalte ich und auch die Oblaten, sie sind das Schönste, was ich je geschenkt bekommen habe, ich bringe alles meiner Braut.« Und dann erzählte er mir, daß Fräulein Kolditz zu seiner Mutter ginge nach Vieselbach, denn sie wäre eine Waise und müßte dort bleiben, bis er eine neue Stelle hätte und sie holen könnte, aber das dauerte viele, viele Jahre lang. »Gehn Sie denn fort,« fragte ich ihn und mußte furchtbar weinen, und er nickte so traurig und sagte, vier Wochen bliebe er noch hier. Vier Wochen! Die sausen ja nur so dahin! Vier Wochen! Die sind ja nur wie ein Tag, meinetwegen so lang wie der Donnerstag, wenn wir nur bei Fräulein Kleist Stunde haben. * Ich habe eine Idee! Ich habe oft Ideen, ich meine, sie sind immer wundervoll, aber Papa wünscht immer, ich gewöhnte mir die Ideen ab und Fräulein Kleist sagte schon, meine Ideen wären schlimmer wie 'ne Krankheit. Aber diese Idee ist ganz gewiß wunder, wunder, wundervoll!!! Lieber Gott, du kannst ja alles, mach doch, daß aus dieser Idee wirklich etwas Gutes wird! * Lieber Gott, ich komme wieder zu dir! Ich bin so aufgeregt und kann doch mit niemand davon sprechen. Sei doch so gut und laß mich bald Antwort kriegen. * Nichts! nichts! Es sind schon vier Tage vergangen! Jeden Morgen renne ich den alten Briefträger über den Haufen, er ist schon ganz verdrießlich, weil ich ihm heute mit der Thürklinke in den Rücken stieß, aber er hat nie was für mich. Lieber Gott, ist es denn nicht möglich – – –? * Immer nichts! Ich bin so ffffurchtbar traurig! Ich dachte, es würde mir von Schlagsahne besser werden, und habe mir was aus der Konditorei geholt, aber mir ist nach den fünf gefüllten Windbeuteln ordentlich wie'n bischen übel geworden. * Zehn Tage vorbei! Ich habe heute so viel Ausgezanktes von Fräulein Kleist bekommen, daß ich ganz dumm im Kopfe bin. Dann fragte sie mich ganz plötzlich mitten in dem Schimpfen, wann der Vertrag von Verdun wäre, ich wußte es nicht, es ist mir auch ganz Wurscht, wann er war, und dann mußte ich es dreißigmal aufschreiben, aber den Zettel hab ich verloren und weiß die Zahl nun nicht mehr. Ich denke ja auch nie an den Vertrag von Verdun, sondern immer nur an – o lieber Gott, du weißt, woran ich denke! * Nun sind drei Wochen vergangen. Fräulein Kleist hat an Papa geschrieben, ich wüchse wohl zu rasch und würde blaß und mager. Ich habe solch einen lieben Brief von Papa, er schreibt, er hätte Angst um mich. I wo, lieber Herzenspapa, ich bin nicht krank, ich muß nur soviel denken und traurig sein. Lieber Gott, möchtest du mich vielleicht noch einmal ruhig anhören? Ich will dich ja nicht quälen, aber bitte, bitte, bitte, lieber, guter Gott, thue es doch! Denk doch dran, wie furchtbar nett und schön meine Idee ist und ich bin doch von alleine drauf gekommen und du brauchtest dich nicht weiter drum zu bemühen, aber nun bitte, bemühe dich doch und mache uns alle so glücklich! Lieber, lieber Gott, ich habe dich so lieb! Gute Nacht! Hilf mir! Gute Nacht! * Es ist nur gut, daß niemand dies Buch zu Gesicht bekommt, so viel Klexe sind drin und so viel Ausgestrichenes. Wenn ich früher einen Klex in meinen Briefen machte, dann zeichnete Papa immer ein Schweinchen aus dem Klex heraus, mit so'n vergnügten Ringelschwänzchen, aber das konnte ich doch bis jetzt nicht thun, ich mußte ja immer so traurig schreiben – heute – ach heute bin ich so, so, so fröhlich, ich hab schon meinen Stuhl und meine Waschschüssel umarmt, weiter hab ich hier nichts. Schad' auch nix. Ach Gott, wie soll ich's nur aufschreiben und erzählen! Es ist ja zu schön! Lieber, guter Gott, ich dank' dir auch vielmals! Nämlich Herr Schönwolt, (Fräulein Kleist hat mir gesagt, ich sollte nicht immer alle Sätze mit »also« anfangen, nun will ich »nämlich« nehmen) – – – also Herr Schönwolt rief mich heut in sein Zimmer und sah mich an – ganz komisch. Er war ganz furchtbar aufgeregt. Auf einmal sagte er: »Ja, bist du denn eigentlich ein Menschenkind, du kleines Kerlchen, oder eine richtige, kleine Fee?« Ich guckte ihn nur dumm an, da lachte er. Er zog einen ganz dicken Brief aus seiner Brusttasche, da war 'ne Menge Gedrucktes drauf und dann noch ein Bogen mit son Krikelkrakel und fürchterlich geschmierten Namen, der war vom Fürsten, der schreibt so, ich kenn' ihn. Ich mußte gleich in der Stube rumtanzen und pfiff dazu und schrie und trampelte und Herr Schönwolt strahlte, aber er sagte immer: »Bsch, wsch!« denn Schreien, Pfeifen und Trampeln ist in der Pension verboten, Fräulein Kleist hat 'ne neue Schulordnung gemacht, seit ich da bin. Also nämlich das entsetzlich Schöne ist nun, daß Herr Schönwolt Lehrer in Amalienlust geworden ist, und das süße Häuschen bekommt, das so ganz weinumrankt auf einer kleinen Anhöhe liegt. Und dann mußte ich ihm alles erzählen, was ich gethan hatte. Also wie ich die Idee kriegte, da wollte ich an den Fürsten schreiben. Natürlich, wie immer, kam Fräulein Kleist dazu und war ganz aus dem Häuschen und holte mir einen mächtigen Bogen und einen Briefumschlag, so groß, wie ein Kopfkissen und dann diktierte sie mir. Immerlos mit »Durchlaucht« und »Durchlauchtigster« und »gehorsamst« und »ergebenst«, es wurde einem so, wie wenn man sich den Finger in den Hals steckt. Sie brachte den Brief selbst zur Post und war den ganzen Tag mörderlich freundlich mit mir, dann kann ich sie noch weniger leiden, als wenn sie schimpft. Oh, und ich war wütend. In dem Brief stand ja kein Wort von meiner Idee, nur lauter Quatsch, denn Fräulein Kleist sollte ja nichts davon wissen. Ich mußte deshalb die ganze Nacht durchschreiben, einen neuen Brief; es war aber nicht die ganze Nacht draufgegangen, denn ich lag um 11 Uhr schon im Bett. Also ich hab geschrieben: Mein lieber Pate! Entschuldige nur ja, daß ich solchen Blödsinn geschrieben habe, ich habe ihn mir nicht ausgedacht, sondern Fräulein Kleist. Immer wenn ich einen vernünftigen Brief schreiben will, kommt ein Erwachsener drüber und diktiert mir Quatsch. Lieber Pate, Du hast mir früher so oft gesagt, ich möchte mir was von Dir wünschen, aber ich hatte ja so viele Puppen und auch schon ein Brillantkreuz und einen Ring und ein Pony, ich wußte nie, was ich mir wünschen sollte. Aber nu weiß ichs. Du suchst doch gewiß einen lieben, klugen Lehrer in Amalienlust und nu hab ich einen für Dich, der ist hier rausgeschmissen von Fräulein Kleist, und er möchte doch so gern jemand heiraten, nämlich ein Mädchen. Lieber Pate, Herr Schönwolt ist der nettste Mensch, den ich kenne, er hat mir immer nur Gutes gethan, wenn ich so einsam war. Weißt Du, wie das ist, wenn man so einsam ist und so hungrig dabei, daß es innewendig so kollert? Also, bitte, lieber Pate, nimm Herrn Schönwolt zu Deinem Lehrer nach Amalienlust und gieb ihm das liebe Lehrerhäuschen; aber der Ofen in dem Wohnzimmer, der raucht, das hat mir der frühere tote Lehrer Greßler erzählt, den mußt du rein machen lassen. Bitte, sage niemanden was davon, auch Deiner Frau nicht, sie könnte was wiedererzählen. Nämlich es weiß niemand was von meiner Idee, als ich und du und der liebe Gott. Den bitte ich immerlos, damit Dus thust. Wie geht es Deinem Jungen, dem Li? Papa schrieb, er wäre so viel krank, das thut mir furchtbar leid, ich bete jeden Abend für ihn, wenn ich nicht zu müde bin. Hoffentlich schreibst Du mir bald, bitte, schreib mir dann auch, ob ich Dich noch »Du« nennen darf, Du darfst mich gerne immer »Du« nennen, auch wenn ich mal eine Dame werde. In der Hoffnung, daß mein liebes Schreiben Dich munter antrifft bin ich Dein Dich liebendes Kerlchen. P. S. Schreib recht bald! Kerlchens gesammelte Gedichte. Meinem lieben Papa mit entsetzlicher Liebe gewidmet. Lieber Papa, nimm diese Gedichte freundlich an, Ich weiß, daß ich es noch nicht so wie Schiller kann, Der liegt in der stillen Fürstengruft Bis ihn der liebe Gott zu sich ruft. Dein Kerlchen. * Für meinen Lehrer Herrn Christian Schönwolt, früher hier bei uns an dieser fürchterlichen Schule, jetzt in Amalienlust in dem weinumrankten Häuschen. Ach wie schön war es doch noch, Als Sie waren in Erfurt doch. Doch es kam der furchtbare Tag, Und der brachte das Ungemach. Ich brachte Sie zu dem Zuge auf die Bahn Und habe den letzten Abschied empfahn, Ich sah Ihnen lange weinend nach, Und Ihre Braut fuhr nach Bieselbach. K. * Für Herrn Schlachter Krone ff. Wurstfabrik. Sie waren immer gut zu mir, Daran muß ich denken oft hier, Hier ist es wie in einer Wüste, Ich sehne mich nach einer Wurstkiste, Hier ist mir immer trocken im Hals, Doch bei Ihnen da giebt es schönes Schmalz. Es ist gewiß wie das schönste Geschenke, Wenn ich freundlich an Ihre Würstchen denke. (Nachschrift: Die beiden letzten Zeilen sind wundervoll, Gretchen Döring sagt es auch und das Stubenmädchen auch; ich meine, wenn ich mich recht übe im Dichten, kann ich es nächstens wie Wasser.) * Für Fräulein Kleist, Schulvorsteherin. Sie waren immer gräßlich zu mir, Daran muß ich auch immer denken hier, Aber der Himmel thut strafen und lohne Das sagte mir auch Herr Schlächter Krone. O daran denke du alte Maid, O bete für deine Seligkeit! * An meine Stube. In dir soll ich täglich wohnen und rasten, Noch du bist nur ein viereck'ger Kasten, Ja in Schwarzhausen, da war es schön, Meine Stube konnte sich lassen sehn, Da summten vorm Fenster die fleißigen Bienen Und ich guckte durch die Mullgardinen, Und ich hab mich auf dem Sofa gerekelt, Diese Gardinen hier hat Fräulein Kleist gehäkelt. Meine Waschschüssel ist auch zerbrochen, Noch niemand hat das Unheil gerochen, O wäre diese Stube gar nicht mehr da Und ich erst wieder bei Papa und Mama. K. * Ich habe Papa meine Gedichte geschickt, damit er eine Freude hätte, aber er schreibt mir, er hätte Leibweh davon gekommen und ich sollte ja nicht mehr dichten, sondern fleißig in unsern großen Dichtern lesen . Das habe ich nun auch gleich gethan. Balladen gefallen mir am Schönsten, ich habe den Grafen von Habsburg gelesen und des Sängers Fluch, – o prachtvoll! Auch eine furchtbar vergnügte Ballade hab ich angefangen, da kam drin vor: »Und hurre, hurre, hopp, hopp, hopp gings fort im sausenden Galopp.« Oh – da kriegte ich solche Sehnsucht nach meinem Pony. Aber gerade an der Stelle nahm mir Fräulein Kleist das Buch weg. Am Nachmittag in der Deutschen Stunde sagte Fräulein Kleist sehr zornig zu uns Pensionärinnen: »Daß sich niemand von euch untersteht und sich die Gedichte von Bürger anschafft,« deshalb hatten alle an demselben Abend sich diese Gedichte gekauft, nur ich habe sie nicht, erstens weil mein Taschengeld alle war und zweitens, weil Gretchen Döring sagt, sie wären langstielig. Wir haben uns Blockzucker gekauft und den Erlkönig dazu gelesen, der ist nun wirklich wunderschön und von Goethe. Früher hab ich immer gedacht, es wäre ein sehr lustiges Gedicht, denn wenn Papa mal sagte: »Er hält in den Armen das sechzehnte Kind«, oder »Erreicht den Hof mit Müh und Not«, dann lachten immer alle dabei – und nun ist es so was Trauriges. Große Menschen sind sonderbar. Und wirklich, ich finde die selbstgemachten Balladen immer noch am besten. Ich habe deshalb eine gemacht, sie heißt so: Der arme Jüngling, der von dem elenden Grafen nachher totgestochen wurde. Auf hohem Fels, auf hohem Stein Ein Jüngling lief hinan, Ihn hemmet nicht das müde Gebein Stolz klettert er bergan. Und als er endlich oben ist Na tritt ein Knecht herfür: Was wollt Ihr denn, Herr junger Mann, »Den Weg zum Graf zeigt mir!« O geht doch ja nicht zum Grafen hin Sein Töchterlein ist gerade tot, Und niemand soll ins Schloß hinein O hört auf mein Gebot! »Was?« schreit der Jüngling – »sie ist tot?« Ihn faßt ein kaltes Beben, Er reißt die Thür auf und springt rein. Da kommt der Graf soeben. »Was wollt ihr hier, verflixter Kerl?« Und wütend zieht er sein Schwert, Doch nein – ein solcher Himmelhund Ist meines Hau'ns nicht wert. »Noch einmal – Kerl, wo kommst du her?« »Ich komme soeben vom Ritte, O laßt mich rein und schimpft nich so, Ich hab 'ne große Bitte: Laßt mich doch mal Euer Töchterlein sehn. Ich liebte sie wie mein Leben Ich wollte sie heiraten, doch hat ihr Gott Den Todesstoß gegeben. »Ihr wagt eine solche Bitte zu thun?« So ruft der Graf wutschnaubend, Dann sticht er sein blitzendes Schwert in das Herz des Jünglings, das Leben ihm raubend. Der Jüngling stirbt und blutet sehr, Der Graf weint auf ihn nieder. Ach Gott nun seid ihr beide tot. Aber im Himmel kriegt Ihr Euch wieder! * Ich habe dem Stiefelputzpeter und der Stubenjungfer diese Ballade vorgelesen, sie haben beide beinahe geweint, na sie ist ja auch ergreifend. Minna hat mir ein Wurstbrod dafür gegeben, dick belegt, wie wirs sonst nie bekommen, Peter hatte nichts, aber er borgte mir mal sein Taschentuch, ich verlier meins immer. Sie haben mir auch sehr zugeredet, daß ich noch mehr Balladen machen soll, aber es strengt sehr an. Helene von Giers dichtet auch, sie ist viel älter als ich, jetzt macht sie Gedankensplitter. Die sind sehr nett und leicht zu machen, ich will es auch versuchen. Gedankensplitter: Eine Schulvorsteherin, wenn sie eklig ist, ist kaum zu ertragen. Ranzige Butter schmeckt viel greulicher als frisch ausgelassenes Schmalz. Hunger ist etwas Grausames für den Leib. Es giebt so viel Schachteln in der Apotheke und Flaschen und Dosen mit was drin, aber wenn man sich nach seinem Papa sehnt, dann giebt es nichts. Wenn große Leute herumpiemeln und nöckerig und miesepeterig sind, dann spricht der Doktor eine Stunde lang mit ihnen und tröstet sie und beratschlagt sie, aber wenn Kindern das Herz weh thut, dann wissen die Doktors nichts und lachen. Es ist schade, daß es so viele Menschen auf der Welt giebt – sonst hätte der liebe Gott mehr Zeit. Der Storch ist das klügste Tier, was es auf der ganzen Welt giebt. * Ich mußte aufhören mit den Gedankensplittern, es ist etwas sehr Unerhörtes zu Tage gekommen. Nämlich das soll nicht wahr sein mit dem Storch. Oh ich bin so unglücklich! Gretchen Döring sagte es mir zuerst und die anderen Kinder lachten so laut, daß ich mir die Ohren zuhalten mußte. Nun sitze ich still in meiner schrecklichen Stube und mein Herz thut doll weh. Gretchen Döring klopfte vorhin schon mal an und wollte mich trösten, aber ich rührte mich nicht. Lieber Gott, warum ist nur alles, was so wunderschön ist, nicht wirklich wahr! Warum nehmen sie einem alles fort? Zuerst war es das »Osterhäschen«. Ich weiß noch so genau, wie es die bunten Eier im Garten von der Villa gelegt hatte. Rote und blaue und grüne, ach zu schön, und inwendig waren sie wie richtige Hühnereier. Ich wollte auch nie Chokoladeneier, sondern solche, die der Hase wirklich gelegt hatte. Da kam Minna Berg und sagte mir, es wäre nicht wahr! – Dann kam's mit Knecht Ruprecht so! – Jedes Jahr war er zu mir gekommen mit dem schönen, weißen Bart und dem großen Sack voll Äpfel und Nüsse, ich hatte so nett Angst vor ihm, denn er wußte alles von meinen Dummheiten, auch wenn sie kein Mensch sonst wußte. Da sagte mir Jule, es gäb keinen Knecht Ruprecht, das war nur unser Johann. Ich fragte ihn gleich und er sagte, Jule wär'n Schaf, aber ich konnte und konnte es nun nicht mehr glauben; mir fiel gleich so viel ein, was unwahrscheinlich war. Und dann kams mit dem Christkindchen! – O das liebe Christkindchen! Es war doch so wunderschön, wie es mir immer den großen Tannenbaum anputzte, und wie das roch!!! So wie lauter Kuchen und ausgeblasene Wachslichtchen, wenn noch ein Fünkchen am Docht hängt! – Ach, und dann war das auch nur 'ne Sage! Das Christkind war gar nie vom Himmel gekommen, es hatte gar nie vorher angefragt, ob ich artig wäre; es war alles blos gelogen und mein Muttchen hatte all das Schöne gethan! – Ach! – – Und nun der Storch! Wenn ich es nicht so genau wüßte!!! Auf dem Rathaus war doch sein Nest, hundertmal hat mir Väterchen erzählt, wie er geklappert hätte, ehe er mich brachte. Es gäbe stille Störche und laute Störche. Die stillen brächten die ruhigen Kinder und die lauten brächten die Krakehler, und von denen hätten wieder welche Quadratschnäuzchen und einige Kubikschnäuzchen. Und ich war 'ne Kubik! Ach Gott, ich weiß es ja noch wie heute! Und nu alles wieder nich wahr! Himmel! Ich möchte jetzt am liebsten eine Ballade machen, eine furchtbare, aber ich bin zu doll betrübt! Ich weiß nun auch garnicht, wen ich fragen soll, woher denn nun all die süßen Kinderchen kommen? Ich denk und denk immer los, aber ich werde nur düsig, sonst nix. Vielleicht schreibe ich an Papa, aber der is am End' bös, weil ich nichts glaube und weil ich auf die dummen Gänse gehört hab, oder ich frag am End' bei Herrn Lehrer Schönwolt an, oder bei Schlachter Krone, oder am liebsten bei allen zusammen, aber Erich und den Erbprinzen frage ich nicht, die sind auch beide noch dumm und wissen noch nichts. Antwort von Herrn Schlachter Krone an Kerlchen. Mein liebes Kerlchen! Ne, da weiß ich gar nichts von, ich hab da nie recht zugehorcht, wenn die mordsklugen Leute sich von so was erzählen thäten, und die jungen Freileins in der Penßion sollten auch was Besseres thun. Und Du mußt nich so viel sinnieren, mein liebes Kerlchen, das nützt Dich nischt und is Unfug. Ich schick Dir lieber mal wieder ne Wurschtkiste. Dein treuer Freund Krone, jetzt mit Dampfbetrieb. * Antwort von Herrn Lehrer Schönwolt an Kerlchen. Liebes Kerlchen! Plag Dich doch nicht mit solchen Fragen und Gedanken, mein liebes Kleines! Sieh mal, wie draußen die Sonne lacht und wie Dich alles lockt – hinaus in den Wald! Könnt' ich doch nur bei Dir sein, ich denke so viel an meine kleine, liebe Schülerin, an das Heinzelmännchen und Erzgeneraldümmerchen mit seinem guten Herzen und tollen Köpfchen. Ich will Deinen lieben Papa bitten, daß er Dich in den nächsten Ferien nach Amalienlust schickt, – da kannst Du gleich ein schönes Fest mitmachen, meine Hochzeit mit Fräulein Kolditz; wir wollen sie ganz still und einfach feiern, nur mein Mütterchen kommt dazu her; aber unser Kerlchen darf nicht fehlen, der liebe Papa wird es schon erlauben. Hier ist es ganz herrlich, nur eins bedrückt uns alle sehr, daß unser gütiger Fürst so viel leidend ist. Die besten Menschen werden immer am meisten vom Ungemach heimgesucht, das siehst Du auch an Deinem lieben Muttchen. Bleibe Du nur immer gesund, kleines, liebes Kerlchen, geh recht viel spazieren und schließe Dich nur an gute Kinder an. Wills Gott, auf baldiges Wiedersehn! Dein treuer Lehrer und Freund Christian Schönwolt. * Antwort von Oberst Schlieden an Kerlchen. Mein alter Kerl! Deinen Fragezeichenbrief hab ich an die höchste Instanz, an Deine Mutti nach Pallanza geschickt. Kerlchen, was fragst Du für Zeugs zusammen! Die Frauenzimmer um Dich rum sind ja wohl rein des D– –, ich meine, es sind Dreikäsehochs und sollen Ordre parieren und Dich in Ruh lassen. Kannst ihnen den Brief zeigen! Ich will doch mal nächstens nach Erfurt kommen und ein bißchen bei Euch revidieren; die Vorsteherin schreibt mir, daß Du brav lernst und die Erste werden sollst. Na, ich bin auch zufrieden, wenn Du in der Mitte sitzt und nicht gerade als fünfundzwanzigste von fünfundzwanzig mitläufst. Nicht überanstrengen, mein Kerl! Und keine Balladen mehr machen, hörst Du? Wir haben schon genug. Prinz Li hätte Dir auch schon längst mal wieder geschrieben, aber er ist immer so müde. Gebe Gott, daß es bald besser wird! Mir gehen viele Pläne im Kopfe herum, wie wir es wohl mit Dir während der Ferien machen, es ist aber alles noch nicht spruchreif. Gott mit Dir, mein Kerlchen! Kopf hoch! Schreib mir ja, wenn Du Geld brauchst, oder sonst mal 'n Wunsch hast. Dein treuer Vater Schlieden. * Antwort von Frau Oberst Schlieden an Kerlchen. Mein teures Kind! Hätte ich Dich doch jetzt bei mir, mein liebes, armes, kleines Mädchen, – ach wie haben es doch andere Mütter gut, die bei ihren Kindern bleiben können! Vielleicht ist es auch nur die grenzenlose Sehnsucht nach Euch, die meine Heilung so verzögert, Du hast eine ganz arme, schwache Mutter, mein Kerlchen. Deine brennende Frage in dem lieben Briefchen, die Du so dick, und mindestens zehnmal unterstrichen hast, kann ich Dir mit gutem Gewissen so beantworten, daß unser lieber Herrgott uns die Kinderchen schickt . Ich habe da auch nicht weiter drüber nachgegrübelt, ich war froh, als ich Dich im Arme hielt und wurde ordentlich krank vor Freude, ebenso war es, als der liebe Gott uns den Erich schickte. – Und nun gieb Dich zufrieden und frage keine anderen Menschen, Lehrer oder Mitschülerinnen danach; gelt, ich darf mich auf mein Kerlchen verlassen? Und wenn die wunderschönen Märchen alle, die wir als Kinder hörten, auch nicht volle Wahrheit sind, deshalb behalten wir sie doch lieb, nicht wahr, weil die Dichter sie sich so herrlich ausgedacht haben und weil in jedem der alten Märchen eine tiefe, schöne Wahrheit steckt, die das kleine Kerlchen noch nicht begreift, die aber einst die große Felicitas mit hohem Entzücken empfinden wird. Mein Kerlchen, der Vater schreibt mir, daß er Dich mit nach Berlin nehmen will zu unseren Verwandten dort; ich bin natürlich recht in Sorge, wie Du Dich mit ihnen stellen wirst. Deine Cousine Ada von Lölhöffel ist so ganz anders erzogen, als Du; nicht wahr, Du wirst recht lieb zu ihr sein und auch Tante Heloise von Lölhöffel nicht »Theelöffel« nennen, wie früher einmal. Präge Dir den richtigen Namen recht ein, Tante liebt solche Scherze nicht. Nimm Dich auch recht auf den Straßen in acht, Berlin ist nicht Schwarzhausen und auch nicht Erfurt, verursache keine Aufläufe und schimpf niemals laut, pfeife auch nicht, sie sperren dort gleich ein. Ach, liebes Kind, mein Herz ist recht schwer, aber ich verlasse mich auf meine verständige Felicitas. Grüße Deine verehrte Schulvorsteherin, Fräulein Kleist, herzlich von mir, sei immer artig und gut, auch wenn Du manchmal meinst, daß Dir Unrecht geschieht, oder wenn Du die Anordnungen der Dame nicht recht begreifen solltest. Sie ist so viel erfahrener und klüger als Du, mein Kerlchen, und meint es gut mit den ihr anvertrauten Kindern. Gott nehme Dich in seinen Schutz, mein Herzenskind. Es küßt Dich herzlich Deine treue Mama. Aus Kerlchens Tagebuch. So ein verständiger Brief von einer Mutti ist was sehr Schönes, wenn sie auch verkehrte Ideen über Schulvorsteherinnen hat, die haben ja Mütters immer. Aber mit dem Storch! Ich bin wieder ganz froh. Man weiß doch, woran man ist. Und schließlich kann ich die Sache immer noch mit Herrn Schönwolt mal richtig besprechen, es ist gut, wenn er auch Bescheid weiß, wenn sie ihm mal was Falsches gesagt haben sollten. Und nun soll ich nach Berlin, aber nicht gleich, erst darf ich noch die Hochzeit von Herrn Schönwolt mitmachen. Ich bin noch nie auf einer Hochzeit gewesen und ich denke, ich werde mich mal ordentlich satt essen. Ich fahre dann auch bestimmt nach Schwarzhausen, zu – – – eigentlich zu niemand, aber ich will doch unser liebes Haus mal sehen und Hermanns Grab und Herrn Dr. Karsten und Fräulein Mauritius und Schlachter Krone. Oh ich habe solche Sehnsucht nach allen, aber man darf es nicht zeigen und darf auch nicht heulen, es ist unmännlich. Auf Berlin freue ich mich auch sehr, es muß furchtbar interessant sein, die Menschen dort sollen so große Münder haben, sagte Johann mal, und die nehmen sie immer sehr voll. Nun, ich werde mir das alles besehen, es muß nicht gerade hübsch aussehen, aber – Gott – wenn ich was hätte, würde ich den Mund auch vollnehmen. Tante Theel – – –, ich meine Tante von Lölhöffel ist toll vornehm, so ähnlich wie Tante Emerenzia. Väterchen sagte mal früher, sie wäre nicht nur adlig besetzt und verbrämt, sondern auch adlig gefüttert und wenn sie sich in den Finger schnitte, dann spritzte das blaue Blut nur so raus. – Muß ich mir alles besehn! Es ist riesig nett, so 'ne Verwandtschaft zu haben, sonst sieht man sowas nur auf Jahrmärkten oder Vogelschießen. * Amalienlust, im Juli. Ich würde nicht in dich hineinschreiben, liebes Buch, wenn ich nicht von Tante Emerenzia eingesperrt wäre. Sie ist gerade noch so, wie früher, und hat sich garnicht gebessert, wie ich .. Ich bin sehr müde, denn ich habe zuerst eine Viertelstunde mit den Füßen aufgestoßen, dann eine Viertelstunde gebrüllt, – nicht geweint, nein nur so planlos – dann habe ich laut gelacht, damit Tante es hören sollte, aber nun schreibe ich, weil ich dann andere Gedanken kriege, ich habe mir nämlich so furchtbare Strafen für Tante Emerenzia ausgedacht, daß ich mich ordentlich ein bißchen fürchte so allein. Es war eine sehr herrliche Hochzeit, sie war schon vorgestern. Beinahe wäre ich garnicht hingekommen, denn Tante Emerenzia fand es nicht »fähr« für mich. »Fähr« ist ein rasend dummes Wort und kommt überall vor. Alles, was nett ist und was mir gefällt, ist nicht »fähr« für mich. Aber schließlich hörten wir, daß der Fürst selbst ein Stündchen auf Herrn Schönwolts Hochzeit gehen wollte und da war es mit einmal »fähr«. Ich habe in der Kirche Blumen gestreut, nun sagt Tante Emerenzia, ich hätte alles verkehrt gemacht, aber warum gab sie mir so'n kleines Körbchen und so wenig Blumen? Da war'n sie natürlich gleich alle, wie das Brautpaar kaum in der Mitte von der Kirche war. Wie die Predigt fertig war, und sie wieder hinausgingen, faßte ich Herrn Schönwolt an der Hand und Fräulein Kolditz auch und marschierte mit ihnen raus, das war wieder nicht recht, und sie lachten alle, was man doch garnicht darf in einer Kirche. Wie wir am Taufstein vorbei kamen, fragte ich Fräulein Kolditz, ob sie da dran ihr kleines Kind taufen ließe und sie möchte es kriegen, so lange ich noch da war, das war den Leuten wieder nicht recht. So geht es nun immerzu, was ich auch anfangen mag. Bei der Hochzeit war ich wirklich sehr satt, eigentlich zu satt, aber sobald ich mich übergeben hatte, war das Zusatte fort, und ich konnte noch weiter essen. Grade während so einer Übergabe kam der Fürst und soll furchtbar nett gewesen sein, es that mir zu leid, daß ich ihn nicht gesehen habe, er hat gleich nach mir gefragt. Dann ist er wieder fortgegangen und wir haben alle auf sein Wohl getrunken und auf den Erbprinzen seins und auch auf die Fürstin. Aber da wurde mir so komisch zu Mute, wie mal ganz früher, als ich mit Onkel Professor eine Reise in den Thüringer Wald machte; der Saal wurde auf einmal ganz groß und dann wieder ganz klein, sie haben mich nachher mitten auf den Tisch gestellt, und ich habe eine Rede gehalten. Sie war gewiß sehr schön, weil alle so laut lachten, ich weiß aber kein Sterbenswörtchen mehr davon. Nachher bin ich an die frische Luft gegangen, und weil ich so schlecht gehen und stehen konnte, habe ich mich in einem Strohdiemen hingelegt. Kann ich nun dafür, daß ich einschlief und sie mich die ganze Nacht gesucht haben? Erst früh um 8 Uhr haben sie mich gefunden, sie sind zuerst nach der verkehrten Seite gelaufen. – Tante Emerenzia hat alle rebellisch gemacht mit ihrer Angst und hat zu dem armen Herrn Schönwolt gesagt, so kalt und spitz, wie sie reden kann: »Von Ihnen fordere ich Felicitas zurück!« Sie selbst hat sich ins Bett gelegt, aber der gute, liebe Herr Schönwolt hat mich die ganze Nacht gesucht, und dann hat er mich auch gefunden. Er ist eben ein zu guter und herrlicher Mensch, er hat sich halb tot gesorgt um mich, das that mir schrecklich leid. Deshalb ging ich auch nicht gleich ins Schloß, sondern blieb bei ihm und Fräulein Kolditz und trank mit ihnen Kaffee, bis Tante Emerenzia mich holen ließ, wie sie endlich ausgeschlafen hatte. Ich will alle die greulichen Wörters garnicht herschreiben, die sie sagte, und dann fand sie es wieder »durchaus unpassend«, daß ich bei Herrn Schönwolt und Fräulein Kolditz geblieben war, sie weiß eben nicht, was sie will. Aber wegen all dem bin ich nicht etwa eingesperrt worden, sondern wegen etwas Gutem, was ich gethan habe. Ich habe meinen Patenfürsten nämlich noch garnicht gesehen und muß ihm doch so viel erzählen und ihm noch so viel danken für all das Gute, was er mir und Herrn Schönwolt und Fräulein Kolditz gethan hat. Sie heißt ja wegen der Lehrerstelle jetzt auch » Frau Schönwolt «. Aber wenn ich mit Tante Emerenzia »zur Audienz« hingehe, dann kann ich dem Fürsten doch nichts erzählen, dann muß ich bloß 'n Knix machen und 'n Handkuß und mich nach dem fürstlichen Befinden erkundigen, was mir alles Wurscht ist, und kann nicht ein einziges Mal sagen: »Mein lieber, guter Pate, wie geht es dir?« Also deshalb horchte ich so ein bißchen bei den Hofleuten herum, und wie der Hofmarschall zum Kammerherrn von Letzlingen sagte: »Seine Durchlaucht wünschen jetzt ungestört zu sein,« da dachte ich – nu ist's Zeit. Und da lief ich schnurstracks zum Fürsten hin, und klopfte garnicht erst an, er saß an seinem Schreibtisch und hatte den Kopf in die Hand gestützt, furchtbar ernst sah er aus. Wie ich aber hereinlief und mich an ihn schmiegte, da fuhr er auf, ich beruhigte ihn gleich und sagte: »Ne, ne, es kommt jetzt niemand, Gott sei Dank, wir können gemütlich zusammen schwatzen, du wolltest ja ungestört sein.« Da lachte er so herzlich und freundlich, wie früher, als er noch ganz gesund war, aber wie ich so mitten drin war im Erzählen, da wurde er ganz blaß und kriegte sowas wie einen Schwindel und Angst und klingelte, da stürzten alle rein und sahen mich und warfen mich beinahe heraus, und den Fürsten führten sie in sein Schlafzimmer, und Tante Emerenzia erzählten sie eine Mordsgeschichte, nichts ist davon wahr, aber sie sperrte mich ein. – Eben schließt sie auf und nun werde ich wieder wütend, ich kann nicht anders. – * Abends. Ich hatte gar keine Zeit, wütend zu werden, Tante Emerenzia hatte eine entzückende Puppe in der Hand, die schickte mir der Fürst. Tante war auf einmal sehr lieblich und sagte, es war alles ein Mißverständnis, Seine Durchlaucht hätten geruht es aufzuklären. Ich riß ihr die Puppe aus der Hand, es ist ein süßes Lockenköpfchen und ich nenne sie »Dagmar«. Es giebt doch nichts Schöneres auf der Welt, als Puppen und kleine Kinder und Fürsten. – – – Und Schlachter und Volksschullehrer und Artilleristen! * Gestern war ein wunderschöner, fröhlicher, trauriger Tag. Es war so, als wenn man zum lieben Pfingstfest in der Kirche ist, oder auch am Weihnachts-Heiligabend, wenn die Lichtchen am Altar brennen und der Herr Pfarrer vom Christkindchen erzählt. – Ich war in Schwarzhausen! – Ich hab so sehr viel erlebt gestern, in der Stadt und in unserer Villa und auf dem Kirchhof und im Herzen drin. Deshalb ist's mir heute, als wär ich schon ganz groß und alt, so viele Gedanken laufen mir im Kopfe herum. Schwarzhausen ist wunderschön, bloß sie küssen alle dort so viel, das ist kaum zu ertragen. Zuerst bin ich beinahe erdrückt worden, auch von ganz fremden Menschen, und wie ich dann zuletzt Besuche machte, streckte ich nur immer die Hände aus und sagte: »Bitte nicht! « Dann wußten sie schon Bescheid. Doktor Karsten ist grade noch so nett wie früher, aber garnicht mehr traurig und Fräulein Mauritius auch nicht. Der liebe Gott hat ihnen vor ein paar Tagen ein winziges Kind geschickt, so ein herziges, süßes, liebes und Erni heißt es. Dr. Karsten fragte mich, wie viel Menschenglücker ich wieder befestigt hätte in der Zwischenzeit, und bedankte sich noch vielmals bei mir, aber ich weiß nicht, was er meinte. Wir gingen dann zusammen nach unserer Villa, denn Doktor Karsten hat die Schlüssel dazu, und wie wir durch den Garten gingen und über die Terasse, da wurde mir so ganz schwindlig und das Herz klopfte mir so stark und dann wars, als ob es still stände, und Doktor Karsten trug mich einfach an den Brunnen und ich mußte aus seiner hohlen Hand trinken. »Mir ist so komisch,« sagte ich und er sagte: »Armes Kerlchen!« Seine Augen waren ganz naß, ich sah es wohl. – Ich glaubte, ich würde mich freuen, ach so sehr freuen drinnen in unserer Villa, aber ich konnte es nicht. Ich stand mitten im Salon, und sah so auf alles hin und ich wollte immer was sagen, aber im Halse da war etwas – –. Ich lief nachher in mein Stübchen, da war alles verhängt, ich hätte ja die weißen Tücher fortnehmen können, aber ich fürchtete mich. Mit einem Male kam ein Luftzug stark durch die offne Thür, da flogen ein paar Tücher von selbst weg, und ich erschrak sehr. Da stand die alte, braune Staffelei, auf der Muttchen immer früher malte, und darauf lehnte Papas Bild, ganz groß gemalt. – Oh, er sah mich an, mein, mein Papa – und ich nickte ihm zu, und er lachte – – ach – da drückte ich meinen Kopf an das Bild und weinte so ganz ganz stark, es war ja niemand da. – – – – – – – * Wer Doktor blieb lange in unserm Wintergarten, endlich kam er ganz leise und fragte: »Bist du fertig, Kerlchen?« und da war ich auch grad' fertig und ging still mit ihm fort. – – * Brief von Herrn Schlächtermeister Krone an Herrn Oberst Schlichen. Hochgeehrter Herr Oberst! Mit hoher Freude ergreife ich die Feder, da ich Herrn Oberst die Ehre geben darf, mich mit ihm zu unterhalten. Wo ich stets weiß, daß Herr Oberst den Unterschied zwischen Mein und Dein nicht kennen, ich meine mit Respekt zu sagen, den Unterschied zwischen meinem einfachen Stande und Ihrem hohem Range. Und wollte mich in meinem geneigten Schreiben erstens entschuldigen, wenn es zu lang wird und zweitens gütigst bitten, das Strafporto auszulegen, drittens werde ich dann in einem ferneren Schreiben zwei Postmarken retuhr erstatten, weil ich noch niemalen Jemandes Schuldener gewesen bin. Viertens wollten ich und meine Frau vielmals danken, daß das Kerlchen uns besuchen kam und spreche hiermit so zu sagen im Namen der ganzen Stadt, denn Frieden und innere Ruhe unserer Einwohner sind uns heilig und wer dazu beiträgt, der findet uns als dankbare Gesinnungsgenossen, nämlich Kerlchen. Was Kerlchen hat in seiner großen und rührenden Dämlichkeit und Unschuld einen Segen in einem Mutterherzen gestiftet, wofür ich Herrn Oberst nicht genug danken kann, weil Sie doch als Vater von dieses Kind an allem Schuld haben. Also ich machte gestern meinen gewöhnlichen Spaziergang und kam bei Sie vorbei und da kam aus Ihre Thüre der Doktor und das Kerlchen, und der Doktor sagte, ich möcht' das Kind unter meinen Schutz nehmen, denn es wollt partuh auf den Kirchhof gehen und er könnt nicht mit, er hätte Sprechstunde. Natürlich that ich das und wir Zweie saßen dann an Hermann Bergs Grab, wo eine kleine, hübsche Bank steht und ich mußt mir ein paar Mal die Augen wischen, denn das Kerlchen erzählte so seine kleinen Verlebnisse in die Penßion und es war nicht so, als ob sie mir erzählte, sondern als ob es für den toten Spielkameraden bestimmt wäre. Nachher standen wir auf und das Kerlchen schlenderte so neben mich her, und wie wir an der Mauer vorbeikamen, zeigte ich so mit dem Stock hin und sagte, ohne mich viel bei zu denken: »Da liegt auch die Minna Fehrs!« Es ist ja nun wahr, schrecklich sah das Grab aus, es war gar kein richtiger Hügel mehr und ganz eingesunken und Schierling wuchs drauf, wies eben so is, wenn Eins nicht abwartet, bis ihn der Herrgott ruft, sondern sich selbst zu nichte macht. Da legt niemand ein Paar Blumen drauf oder läßt das Grab zurechtmachen, denn wir in so 'ner kleinen Stadt halten noch auf Zucht, un je eher, je besser ist so ein Hügel der Erde gleich gemacht. Wenn freilich die Mutter von der Minna mal zu ihrem Kinde gewandert war, hätt wohl niemand was drin gefunden, eine Mutter is ebend eine Mutter! Aber die Frau Fehrs verzeiht nicht und was das Schlimmste ist, mit keinem Menschen fast hat sie seither gesprochen die Jahre lang und auch mit dem lieben Gotte nicht. Dem hat sie zuerst furchtbare Worte gegeben, und wie die Nachricht kam, daß der Leutnant von Vallian bei 'ner Expedition von die Schwarzen todt gemacht ist, da hat sie gelacht, so schrecklich, daß wir meinten, sie müßte fort in eine Anstalt. Wie wir nun so vor dem Grab stehen, was eigentlich kein Grab mehr war, da guckt mich das Kerlchen an und ich hab immer gedacht, es hätt' blaue Augen, aber da waren sie ganz schwarz. Und nichts weiter gesagt, – hingelaufen zu Frau Fehrs und mir knallte sie die Thür vor der Nase zu. Warraftig Herr Oberst, mir schlug das Herz, was nun wohl kommen würde, denn vor der Frau Fehrs fürchteten wir uns alle 'n bischen, weil sie das Lachen und das Weinen, das Sprechen und das Beten verlernt hatte. Und unserm guten Herrn Pfarrer hatte sie das Haus verboten. Dann bin ich still heimgegangen, aber meine Frau und ich haben das Haus immer im Auge behalten und – Herr Oberst, ich denk', ich schlag lang hin, wie das Kerlchen nach 'ner Weile rauskommt und halt die Frau Fehrs bei der Hand und die ganze Schürze hats voll Blumen, die in dem alten Fehrsschen Garten so wucherten. Zum Kirchhof sind sie gegangen und wie ich hinterher naufgemacht bin, ist alles ein Blumengarten gewesen. Und die Frau Fehrs hat Frieden gemacht mit sich und mit dem lieben Herrgott und mit dem Herrn Pfarrer und ordentlich verändert, fröhlich verändert, sieht die Frau aus. »Sie hat neuen Lebensmut von das Kerlchen bekommen,« fügt sie, – aber was nun das Kind ihr alles gesagt hat, das ist ein Geheimnis zwischen die Frauenzimmer, die wahrhaftig auch manchmal schweigen können, aber man selten. Womit ich achtungsvoll verbleibe. Ew. Wohlgeboren ergebenst Krone. PS. Bemerke noch einmal wohlwollend, daß das Strafporto meine Sache ist. Im Hause des Herrn Geheimen Rates von Lölhöffel, Berlin W., Karlsbad 70, herrschte ein ungemütliches Durcheinander. Es war ein Laufen und Rennen, Fragen und Antworten, daß niemand sein eigen Wort verstand; dabei tönte beinahe ununterbrochen die elektrische Klingel durch die Wohnung, was recht aufregend wirken kann, besonders wenn, wie es in alten Häusern vorkommt, die Herrschaftsklingel nicht von der Dienstbotenglocke zu unterscheiden ist. Auch bei Lölhöffels fragte man nach jedem Klingelton: »Vorne oder hinten?« Stimmenmehrheit entschied, aber es kam doch vor, daß trotzdem die »Meta« wieder nach »hinten« rasen mußte, weil auf dem Vorderflur niemand geschellt hatte. Der Geheimrat nannte deshalb seinen Hausflur: »die Entfettungskur«. Frau Geheime Rat von Lölhöffel war vor allen Dingen in Aufregung. Es war dies durchaus Normalzustand bei ihr; und ihre »Kribbeligkeit« teilte sich dem ganzen Hausstand mit. Außerdem war ihr Geburtstag, ein alljährlich mit großem Trubel ins Werk gesetztes Fest, das wochenlang vor- und nachher die Gemüter in Aufregung hielt zumal da auch noch eine Generalprobe zu den lebenden Bildern abgehalten wurde, die am Abend »steigen« sollten. Zum Überfluß flatterte in all die Aufregung noch ein Telegramm vom Vetter Oberst, der seine Ankunft mit Kerlchen meldete. Die kleine Nichte (»Gott sei Dank, zweiten Grades,« wie Frau von Lölhöffel aufatmend feststellte), war ihr nicht fremd, Tante Emerenzia hatte nie versäumt, Geheimrats durch haarsträubende Berichte gebührend vorzubereiten. Nun, für ein paar Wochen würde es schon auszuhalten sein, außerdem kam der Oberst ja selbst mit und würde seinen Sprößling schon »an die Kandare« nehmen. Die Unruhe im geheimrätlichen Hause nahm zu. Man wußte, Oberst Schlieden liebte das »Abholen« nicht, er schickte sein Telegramm, traf mit militärischer Pünktlichkeit ein, und ging dann in sein altes Stammhotel, das in der Mittelstraße lag. So war es immer gewesen, aber diesmal sollte wenigstens Kerlchen bei ihnen wohnen. Die Frau Geheimrätin sah ärgerlich und aufgeregt nach der Uhr. Der Zug mußte längst da sein, und vom Anhalter Bahnhof nach dem Karlsbad war nur eine geringe Entfernung. Eine Menge Droschken hatte man schon vorbeirasseln hören, aber auch nicht eine davon hatte gehalten und seine Insassen an Geheimrats ausgeliefert und jetzt gerade brauchte man Kerlchen doch so notwendig. Der eine Mitspieler Willy von Reymers war plötzlich an den Masern erkrankt und Kerlchen sollte in dessen Rolle einspringen. Auswendig zu lernen hatte sie in dem Märchen »Die heilige Genofeva« nichts, aber gut aufpassen mußte sie. Denn sie sollte die Hinterbeine von Klein-Schmerzenreichs liebevoller Hirschkuh darstellen. Aber Kerlchen kam nicht. – Man nahm die anderen lebenden Bilder vor »Frauen, Liebe und Leben« von Chamisso. Zwar begriff niemand recht, in welchem Zusammenhang diese Bilder mit dem Geburtstage der Geheimrätin standen. Diese hatte wohl nie in ihrem Leben, auch in den Schwärmerjahren nicht, geseufzt und gesungen: »Seit ich ihn gesehen, glaub ich blind zu sein«, ihre Gedichte – denn gedichtet hatte sie viel – (wie man munkelte), waren mehr »geharnischte Sonette« gewesen. Ihre lange, vornehme Gestalt mit dem wohlerhaltenen, im Ausdrucke unendlich hochmütigen Gesicht und den überaus strengen Augen, war geradezu eine hohnlächelnde Illustration zu dem Worte: »Er soll dein Herr sein.« Aber die Geheimrätin wählte die Sachen, welche zu ihrem Geburtstage aufgeführt wurden, selbst aus und studierte sie auch ein. – So stand denn der Referendar von Feddern im magisch beleuchteten Hintergrund und sah sieghaft auf das junge Mädchen nieder, das malerisch auf einer länglichen Kiste lag, welche die rätselhafte Inschrift »Macks Doppelstärke« trug; die Kiste sollte erst am Geburtstage selbst mit frischem Grün verkleidet werden. Fräulein von Hassee hatte große, schwarze, feurige Augen, mit denen sie den Referendar von Feddern anblitzte, es war nicht recht glaubhaft, daß sie seinem »Es ist erreicht«-Schnurrbart gegenüber blind war, aber hinter den Kulissen bestätigte es eine ebenso energische wie unmusikalische Sopranstimme: »Seit ich ihn gesehen, glaub ich blind zu sein.« Frau Geheimrat von Lölhöffel war eine selbständige Natur, sie kehrte sich nicht an Paul Thumanns Darstellungen von Frauen, Liebe und Leben; ihre eigenen Erlebnisse auf diesem Gebiete waren nicht so sentimentaler Natur, deshalb zog sie auch jetzt zu dem dritten Bilde sehr energisch ihren Trauring vom Finger und überreichte ihn einem ältlichen unschönen Mädchen, welches Liebe und Leben im dritten Bild verkörpern sollte. Sie war die Tochter eines sehr »hohen Tieres«, weshalb man sie nicht von den lebenden Bildern ausschließen konnte, Fräulein Adeline von Roland war außerdem als sehr heftig und aufbrausend bekannt; sie bekam Nervenzufälle, sobald ihr etwas »gegen den Strich« ging und hatte deshalb von der schnöden Männerwelt schon den Beinamen »der rasende Roland« bekommen. Jetzt war sie aber ganz zahm, der Trauring übte entschieden einen günstigen Einfluß auf ihr Temperament, und sie drückte ihn wahrhaft fromm an die Lippen und das Herze. »Gott soll mich bewahren,« murmelte der äußerst gefühllose Leutnant Dreßler, der zum »Er« gepreßt worden war, »es fehlt jetzt nur noch, daß die Mutter Roland mit gezücktem Segen auf uns los kommt.« Die Frau »Wirkliche Geheime Rätin, mit dem Range der Rätinnen erster Klasse« von Roland kam auch in der That, wenn auch ohne böse Nebenabsichten auf ihn zu; sie wollte nur sagen, wie »himmlisch« das Bild gewesen sei und wie »entzückend« Adeline ausgesehen habe, so echt »bräutlich«. Dies letzte Wort machte den Leutnant nervös, er verschwand schleunigst im Hintergrunde und das zweite Bild wurde vorbereitet, das vorhin zurückgeschoben war, da der »Herrlichste von allen«, ein junger Regierungsrat, noch »Sitzung« im Oberpräsidium vorgeschützt hatte. * Nun war er aber da, »herrlich, milde und gut, holde Lippen, klares Auge, heller Sinn und fester Mut,« den er schon dadurch bekundete, daß er sich zu diesem Bilde hergab. Eben küßte er der Geheimen Rätin die huldvoll ausgestreckte Hand, verneigte sich rings umher nach allen Seiten und begab sich in den magisch erleuchteten Hintergrund, während seine Partnerin, ein junges, üppiges Mädchen ihren Sitz auf »Macks Doppelstärke« so energisch einnahm, daß diese in allen Fugen krachte. Wieder setzte die hohe Sopranstimme hinter den Kulissen möglichst falsch ein: »Er der Herrlichste von allen«, brach aber plötzlich ab, denn ein energisches Klopfen an der Thür meldete einen ungeduldigen Besucher. Die beiden Dienstmädchen von Geheimrats, welche unbefugterweise »zusahen«, liefen erschrocken auf ihren Posten, prallten aber gegen einen Polizisten, welcher dicht vor der Thür stand, und der heftige Stoß, sowie die auf zarte Gemüter immer unheimlich wirkende Uniform entlockte ihnen einen lauten Schrei. »Seien Sie nicht so albern«, sagte das Auge des Gesetzes, »machen Sie lieber die Korridorthür zu, ich hab noch nie eine so bequeme Gelegenheit zum Diebstahl gesehn.« Er zeigte auf die gesamte Herren- und Damengarderobe, welche im Flur hing, dann wandte er sich rasch an die zur Salzsäule erstarrte Geheimrätin, die in der geöffneten Salonthür stand. »Gehört dies kleine Mädchen zu Ihnen«, fragte er und schob ein fragwürdig aussehendes Persönchen an den Schultern vor. »Felicitas Schlieden giebt vor, sich verlaufen zu haben, als sie vom Anhalter Bahnhof aus hierher wollte. Ich traf das Kind in der Königgrätzer Straße, die es laut pfeifend durchwanderte, sodaß sich alle Leute nach ihm herumdrehten. Als es dann im Begriff war, einer Dame das Taschentuch aus der Jackentasche zu mausen, hielt ich es an.« Kerlchen drang mit blitzenden Augen auf die Staatsgewalt ein. »Sie lügen,« schrie es außer sich, »ich habe es Ihnen hundertmal schon gesagt. Sie lügen, o pfui, pfui!« Kerlchen spuckte energisch und ungeniert aus, dann lief es auf die Geheimrätin zu, die beinahe ohnmächtig vor Scham und Bestürzung war, und umklammerte ihren Arm. »Bist du Tante Heloise? Hilf mir doch! Ich hatte mich verlaufen, ich fand Herrn und Frau Schmidt nicht wieder, dann kamen so furchtbar viele Menschen, da glaubte ich, es wäre Jahrmarkt irgendwo, oder Vogelschießen und ging mit, und vor mir ging eine dicke, freundliche Dame mit vielen Paketen, die verlor ihr Taschentuch und ich steckte es wieder in ihre Paletottasche, weil sie ja gar keine Hand frei hatte, da schrie sie mörderlich, und dann kam dies Greul und hielt mich fest.« »Schwindel,« sagte der Schutzmann ungerührt, »das Mädchen pfiff wie ein Schusterjunge so frech, –« »Weil ich mich fürchtete,« schrie Kerlchen. »Nich gerade doll , aber 'n bißchen , und dann pfeif ich immer, das hilft. – Das Kind blickte hilfeflehend auf die Geheimrätin und dann auf all die fremden Leute, die es neugierig und erbarmungslos anstarrten, und von denen sich doch niemand seiner annahm. »Ich nehme doch nix weg,« rief es wieder empört, »ich hab mir doch selbst in Erfurt zwei reine Taschentücher eingesteckt.« Kerlchen griff in die Tasche und zog einen schwarzen Lappen hervor, steckte ihn aber gleich wieder fort. »Na, damit hab ich das Coupéfenster abgewischt, aber hier –!« Ein grauweißes Leinengebilde wurde triumphierend von ihr entfaltet und sie suchte nach ihrem Namen, den sie in der vierten Ecke endlich fand. »F. S.« sagte Kerlchen stolz, »es ist mein neues Dutzend, die beiden hab ich noch davon, die andern zehn hab ich verloren.« Die Geheimrätin fand ihre Sprache wieder. »Es ist gut,« sagte sie matt zu dem Polizeibeamten, »es ist meine Nichte – –« Der Mann entfernte sich, und Kerlchen legte beide Arme um den Hals ihrer Tante. »Mein Name steht auch in meinem Hemd und den andern Sachen, willst du es sehen?« fragte es treuherzig, denn es glaubte, nur dem F. S. seine Anerkennung zu verdanken, aber die Tante schüttelte Kerlchen unwillig ab, faßte dann seine Hand und zog es hastig ins Nebenzimmer. »In welchem Aufzuge kommst du uns ins Haus,« fuhr die Geheimrätin das Kind an, »tot schämen möchte man sich über dich! Erzähle mir jetzt alles von vorn an, aber rasch, rasch, ich habe keine Zeit.« »Papa fuhr mit mir,« berichtete Kerlchen trotzig, »aber in Halle bekam er ein Telegramm, daß der Erbprinz ihn haben wolle, und Papa wußte nicht, wohin mit mir. Da waren aber so nette Leute im Coupé, Herr und Frau Schmidt, und Herr Schmidt sagte, er wollte mich gern bemuttern und mich bei euch abliefern. Aber wie wir aus dem Anhalter Bahnhof rauskamen, fürchteten sich Herr und Frau Schmidt schrecklich, da faßte ich sie an und ging mit ihnen los. Dann fragten wir zwei freundliche Herren, wo »Karlsbad« läge, da lachten sie und sagten, wir hätten bis Dresden fahren müssen, wenn wir nach Karlsbad wollten. Wie aber Frau Schmidt anfing zu weinen, sagten die Männer, sie hätten bloß Spaß gemacht und wollten uns herführen, vorher sollten wir aber ein Glas Bier mit ihnen trinken. Das mochte ich nicht und sagte, sie sollten nur allein trinken, ich wollt derweilen mir die Läden besehen. Das habe ich auch gethan, aber Schmidts kamen nicht wieder, und ich fand das Haus nicht mehr, wo sie hineingegangen waren – –« Kerlchen schwieg. Es war müde und hungrig, niemand hatte ihm einen Stuhl angeboten, oder eine Erfrischung; nicht einmal den Hut hatte es ablegen können, er saß windschief auf dem dunkeln Lockenkopf. »Es ist mir alles sehr fatal,« seufzte die Geheimrätin, »wie konnte dein Vater dich mit diesen Schwindlern reisen lassen!« »Es waren keine Schwindler, es waren Hofbesitzer aus Garnsdorf.« »Ach Unsinn! Das kann jeder sagen. Gleichviel, du bist nun hier und sollst in den lebenden Bildern mitwirken, Willy von Reymers ist krank geworden, und unsere Ada weigert sich, das unartige Ding, Ferdinand aber hat zu viel zu thun. Nun wasche dich aber erst mal ordentlich und zieh dir ein anderes Kleid an. – Minna, führen Sie meine Nichte in ihr Zimmer.« Minna verzog den Mund zu einem spöttischen Lächeln. »Et wäre besser, die Jnädige sagten »Loch« anstatt »Zimmer«, bemerkte sie verächtlich, als die Thür hinter ihnen zugefallen war. »Jungeken, du kommst uffn Hängeboden.« Kerlchen kletterte verwundert die Hühnerleiter hinauf und sah sich erschrocken in dem niedrigen, halbdunkeln Raume um. – »Was soll ich hier,« fragte es erstaunt. »Was du sollst? Waschen sollst de dir un kämmen, un en anderen Adam sollste dir anziehn, der da is ja verknutscht un paßt nich vor die feine Jesellschaft da unten. Na, un schlafen sollste och in det Loch, det heißt, wenn dir die »Dusemangmarschees« un de andern braunen Tierchens dazu kommen lassen.« Kerlchen schüttelte den Kopf, es war alles so unverständlich, was die Minna sagte. »Da hinein gehe ich nicht,« erklärte es, und seine Augen wurden verdächtig blank, »das ist viel, viel schlechter als der Stall von meinem Pony in Schwarzhausen.« »Det wird dir nischt helfen, aber recht haste,« sagte Minna ruhig, » que faire , spricht Zeus.« Kerlchen kletterte die Stiege wieder hinunter und blieb in dem halbdunkeln Flur stehen. »Ich will wieder nach Hause,« rief es trotzig. Ein unterdrücktes Gekicher wurde neben ihm hörbar, und ehe es sichs versah, fühlte es sich gepackt und im Sturmschritt fortgezogen bis zur nächsten Thür, die mit großem Krach aufgestoßen wurde. Kerlchen befand sich in einem großen, hellen Kinderzimmer; ein Bett stand darin, ein Arbeitstisch, verschiedene einfache Schränke und Stühle. Die Wände waren hell getüncht, nicht tapeziert und mit Kreidezeichnungen bedeckt, meist Porträts, die mit unverkennbarem Talent direkt auf die Wand übertragen waren. Neben Kerlchen stand ein vielleicht dreizehnjähriger Knabe, ungelenk und lang aufgeschossen, und ein hageres, blasses, unschönes Mädchen in Kerlchens Alter mit klugen, grauen Augen. »So, nun laß dich erst mal ordentlich betrachten, Cousine Felicitas, es ist ja zum Totlachen, wie du uns ins Haus schneist. Wir nennen dich natürlich »Kerlchen«. Ich bin der Sohn des Hauses, Ferdinand von Lölhöffel, dies meine Schwester Ada, ein Geschöpf, welches zur Plage ihrer Mitmenschen auf die Welt gekommen ist.« – »So und du ?« fragte Ada entrüstet. »Zum Segen « antwortete der Bruder ruhig. Kerlchen betrachtete die Geschwister erstaunt, dann setzte es sich in wirklicher Erschöpfung auf den nächsten Stuhl, die Augen fielen ihm beinahe zu. »Da siehst du, Ferdi,« sagte Ada altklug, – »das arme Ding! Sie hat sicher nichts zu essen und zu trinken bekommen, sondern ist nur im Kreuzverhör gewesen. Hast du Königin-Mutter, den Erbprinzen und die Erbprinzessin gesehen?« Kerlchen schüttelte den Kopf. »Ada quatscht,« sagte Ferdinand ruhig, »wir nennen Mama und unsere beiden Geschwister so, weil sie so mordsvornehm sind, Papa ist »Prinzgemahl«. Natürlich giebst du uns erst mal dein Ehrenwort, daß du drüben nichts davon erzählst, es ist unser Burggeheimnis.« Kerlchen reichte ihm sofort die Hand hin, die er kräftig drückte. »Ihr gefallt mir sehr,« sagte es ernsthaft. »Du uns auch!« »Und nun möchte ich etwas schlafen,« bat Kerlchen, »aber natürlich nicht in dem greulichen Burgverließ, in das mich Minna vorhin stecken wollte. Ich bin so müde, und habe gar keine Lust zu den lebenden Bildern.« »Ha ha ha, du stellst die Hinterbeine von Schmerzensreichs Kuh. Die ganze Chose ist ein verrückter Gedanke von der Erbprinzessin, – Kerlchen – wenn du heute Abend wirklich noch Hinterbeine stellen solltest, denn schlag nur tüchtig aus und zwar »Golo« vor den Magen, das ist ein geborenes Scheusal und der Erbprinzessin ihr Zukünftiger.« Kerlchen hörte nicht mehr, die Augen waren ihm längst zugefallen, lang ausgestreckt lag es auf Adas Bett und schlief den Schlaf des Gerechten. Im Korridor wurden Stimmen laut. »Wo steckt sie? Schnell, schnell, holt sie, wir brauchen sie!« Ferdinand steckte den Kopf zur Thür hinaus. »Wenn Ihr Hinterbeine sucht, da liegen sie,« sagte er, »sie sind todmüde, und ich werde euch dem Tierschutzverein anzeigen.« »Laß deine Albernheiten,« verwies ihn das junge, schöne Mädchen, in dessen zartem, von rötlichem Haar umgebenem Gesicht kaum eine Ähnlichkeit mit den unschönen Zügen des Knaben zu entdecken war. »Wir müssen noch eine Probe halten, Felicitas weiß ja über nichts Bescheid, sie soll uns wohl heute Abend blamieren?« Erna von Lölhöffel rüttelte Kerlchen energisch, aber dies lag wie ein Totes da, nicht einmal die Augenlider hoben sich. Ferdinand und Ada lachten fröhlich und schlugen sich vor Entzücken auf die Knie, bis Erna bebend vor Zorn das Zimmer verließ. Dann setzte sich das Geschwisterpärchen leise flüsternd an den Tisch, ängstlich bemüht, das fremde, müde Bäschen nicht zu wecken. In den Vorderzimmern hatte inzwischen eine stürmische Beratung über die Unterbringung von Kerlchen stattgefunden. Der Geheimrat war aus seinem Bureau gekommen und mit sehr sanfter Stimme hatte er leise für das richtige Fremdenzimmer plaidiert, das hoch und luftig war und mit zwei schön gerüsteten Betten bereit stand, Fremde aufzunehmen. »Das ist für Tante Josepha und ihr Fräulein,« bemerkte die Geheimrätin, scharf. »Könnte das Fräulein nicht – –?« »Lölhöffel, soll ich mich aufregen? Ich vertrage keinen Widerspruch!« Und der Prinzgemahl schwieg. Um acht Uhr abends wachte Kerlchen von selbst auf. Es wußte zuerst garnicht, wo es war, und wurde erst nach und nach durch das Spottgelächter ihrer jungen Verwandten in die Wirklichkeit versetzt. Ada war nichts weniger als in full dress , im Gegenteil, Kerlchen sah etwas erstaunt auf ihre Cousine, die ein mehrfach geflicktes, augenscheinlich ganz altes Kleid übergeworfen hatte, dessen Besatz sogar abgerissen herunter hing. Ebenso wunderbar hatte sich Ferdi ausstaffiert mit viel zu kurzen Hosen, die auf dem Knie neben einem Loch einen Flicken zeigten, die Jacke wies an den Ellenbogen schadhafte Stellen zur Genüge auf, und die Halsbinde von fragwürdiger Farbe war ganz und gar ausgefranst. Vor Kerlchen dagegen lag ihr tadellos sauber geplättetes Kleidchen, in das sie zur Feier des Tages schlüpfen sollte. »Mach nich so erstaunte Augen, Schlafratz,« rief Ada lachend, »schnell, kriech in deinen Staat, alles ist schon versammelt, sie gehen eben zu Tisch.« »Na und Ihr?« fragte Kerlchen. Die beiden Kinder machten wütende Gesichter. »Das ist's ja eben,« rief Ferdi zornig. »Die Erbprinzessin und der Erbprinz haben es durchgesetzt, daß wir nicht mit bei Tisch sitzen sollen, sie gönnen uns nichts, nichts – und es ist doch Mutters Geburtstag – jedes Taglöhnerkind sitzt da mit bei Tisch –« Ferdi biß die Zähne zusammen und trommelte aufgeregt mit den Fingern auf der Tischplatte. »Pah, und nun rächen wir uns,« fiel Ada ein. »Unser schlechtestes Zeug, das wir im vorigen Jahrhundert mal in der Sommerfrische trugen, haben wir angezogen, sieh – wie scheußlich – und wenn wir dann nach Tisch hereingerufen werden, zum »Zusehen« und »Händchen geben«, dann erscheinen wir so in der feinen Gesellschaft, und die Geschwister ärgern sich tot.« Kerlchen lachte hell auf. »Ich glaube, es ist nicht sehr recht von euch,« meinte es, »aber es wird ein Hauptspaß.« * Die Stühle waren gerückt worden, die feierliche Quertafel, an der alle Verwandten und bevorzugten Freunde des Hauses saßen, wurde aufgehoben und man schüttelte sich umständlich die Hand. An dem »jungen« Tische hielt der Sohn des Hauses in der Uniform der Gardegrenadiere mit etwas näselnder Stimme einen letzten Trinkspruch auf das, » was wir lieben «, blieb aber dabei stecken; seine Gedanken verwirrten sich offenbar, denn sein »Repertoire auf dem Gebiete war zu reichhaltig«, wie ein Kamerad bemerkte. Man saß und stand in zwanglosen Gruppen zusammen und nun wurden die Kinder herein gerufen. Die Geheimrätin stand, den Rücken nach der Thür gewendet, und unterhielt sich mit einer Excellenz, die als Mitbewohner des Hauses zur Geburtstagsfeier erschienen war. So bemerkte sie die verwunderten, erstaunten und empörten Blicke zuerst garnicht, die ihre in diesem Kreise wohlbekannten Sprößlinge trafen, und erst Ernas halb erstickter Ausruf: »Um Gotteswillen, Mama!« ließ sie nach jener Richtung sehen. Sie traute ihren Augen nicht. Als sei alles ganz in guter Ordnung, so schritten Ferdinand und Ada in ihren zerrissenen und beschmutzten Kleidern durch die vornehm geschmückten Räume und die geputzte Gesellschaft, überall ihre tintenbeklecksten und auch sonst nicht einwandfreien Pfötchen hinreichend, mit ernsthaften Gesichtern. Daneben ging Kerlchen, ziemlich niedergeschlagen, denn die neugierigen Blicke der Geburtstagsgesellschaft peinigten es sehr. »Ihr geht sofort hinaus,« gebot die Geheimrätin mit zitternder Stimme, und zu Kerlchen sagte sie leise: »Dein Glück, daß du den Unfug nicht mit gemacht hast!« »Ich hab mein ganzes Zeug durchgesehen, aber ich fand nicht einen so scheußlichen Anzug drunter, wie Ferdi und Ada ihn haben,« bekannte Kerlchen ehrlich, wurde aber nach diesem Bekenntnis sofort Landes verwiesen, mit dem Vermerk, nur zu erscheinen, wenn es zu den lebenden Bildern gerufen würde. In der Kinderstube brach das mühsam verhaltene Lachen bei allen Dreien durch. »Sahst du unsere Erbprinzessin?« jubelte Ferdinand und krümmte sich höchst ungraziös vor Wonne und Behagen, »sie sah grün aus vor Bosheit und Ärger, und grün steht ihr garnicht.« »Und der Erbprinz erst!« lachte Ada. »Der hatte ja den Grafen Fink, den Reichsunmittelbaren eingeladen, um ihm unsere schöne Schwester zu zeigen; ich glaub, er hat ihm garnicht erzählt, daß wir Scheusälchen auch noch da sind, – juchhe, ich bin extra zu dem Grafen hingegangen, daß er so recht meinen abgerissenen Besatz sah, und ich lispelte: »Ich bin Karlo's Schwester.« Kerlchen, lach doch mit, du brauchst doch nicht zurückhaltend zu thun, wir kennen dich doch!« Kerlchen zog die Schultern hoch. »Es ist mir nicht doll lacherig zu Mute,« sagte es mit einem tiefen Seufzer, »mir thut auch eure Mama leid und der alte Geheimrat. Euer Papa war ganz blaß, es ist nicht schön, wenn andere sich so arg ärgern.« »Hm, du bist ein ganz vernünftiger Kerl,« bemerkte Ferdi anerkennend, »ich denke dasselbe manchmal auch, wenn ich die Bande geärgert habe, aber du – du bist eben ein Provinzmädel, so was wächst eben anders auf, als wir, die Ada und ich müssen uns Stacheln anschaffen, wie die warraftchen Igels, sonst stößt man nur so mit uns rum.« Ferdinand stützte seinen Kopf in beide Hände und stöhnte leise, Ada kaute wütend mit tiefverfinstertem Gesicht an ihrer Unterlippe, Kerlchen legte ihre Arme um Ferdi, aber der schüttelte sie mit einem Ruck ab. * »Sag mir man bloß nischt Liebes,« fuhr er das Kind an, »soll ich losheulen, wie ein Lutschbaby? Nee, is nich! Du sollst nur nich denken, daß Ada und ich immer solch blödsinniges Zeug im Kopfe haben; du lieber Himmel, das vergeht uns. Aber wir haben kein Vergnügen, keins , weil sich alles »nich schickt«, bloß die beiden Großen kriegen alles, weil sie so hübsch sind und so schöne Reden machen können. Aber ich wollt ja gewiß garnichts haben, wenn ich bloß nicht zu studieren brauchte, – mir wird Latein und Griechisch so furchtbar schwer, – ach, und ich soll Jurist werden, weil das bei den Lölhöffels nun seit Jahrhunderten so üblich ist; der Älteste wird Offizier und der Zweite Jurist. Ach, und ich möcht doch für mein Lebtag gern Maler werden!« Ferdinand schlug mit der Faust auf den Tannentisch und schluchzte laut auf. Es war ein elementarer Ausbruch des Schmerzes, der den schmächtigen Jungen packte und förmlich schüttelte. Kerlchen öffnete seine Blauaugen schreckhaft weit. Etwas Neues, Fremdes trat heran, was es noch nicht ganz erfassen konnte. »Er kann so wunderschön zeichnen,« sagte Ada leise zu Kerlchen, »und seine Lehrer sagen alle, er müßte Maler werden und Onkel Liskow sagt es auch, das ist aber der Einzige von allen Verwandten.« »Weil er der Vernünftigste ist,« schrie Ferdinand, »und weil er garnicht mit uns verwandt ist, die Lölhöffels find ja alle zu dumm!« Ada zeigte auf die Wandmalereien des Zimmers. »Das hat alles Ferdi gezeichnet, und noch viel mehr war da, oh so schön und so komisch, deshalb hat Mama alles übertünchen lassen, bloß oben das blieb stehen, weil Papa so bat. Sieh, der Herr dort, der so gut und so streng aussieht, das ist Onkel Listow, und das ist sein alter Friedrich, und das sind seine beiden Pferde, Hans und Grete, und – und –« »Und das bist du,« rief Ferdinand und sprang auf, fuhr dann unglaublich rasch mit schwarzem Kreidestift über die Wand, wahrhaftig, da stand schon Kerlchen mit dem wirren Lockenhaar, den trotzigen Augen, der Hut hing im Nacken, die Hände waren auf dem Rücken verschlungen. »So sahst du heute Nachmittag aus, als du nicht auf dem Hängeboden schlafen wolltest, und das ist die Mama« – – wieder ein paar kühne Striche,– – »und das ist unser Papa,« – – ja, ei war es unverkennbar, der arme, geknechtete Geheimrat, Kerlchen mußte laut auflachen, und da warf Ferdinand die Kreide weit von sich und fing von neuem an bitterlich zu weinen. In diesem Augenblicke kam Erna zur Thür herein. »Schnell, Felicitas, das erste Bild wird vorbereitet, laß die beiden Nichtsnutze hier allein sitzen, morgen soll das Strafgericht sie noch viel gründlicher ereilen.« Ferdinand und Ada schnitten unglaubliche Grimassen, es waren gar keine menschlichen Gesichter mehr, und besonders Ada schielte noch dazu so entsetzlich, daß gar kein Augapfel mehr zu sehen war. Kerlchen wollte noch ein paar liebe, gute Worte sagen, aber Erna zog sie mit, sich fort. Das große Arbeitszimmer des Geheimen Rats war zur Bühne verwandelt und gänzlich ausgeräumt worden. Nur der Diplomatenschreibtisch stand in einer Ecke, und der Geheimrat war den ganzen Nachmittag schier geisterhaft um den Tisch herumgeschwebt, immer in Sorge und Angst, daß bei dem Tohuwabohu einige von seinen wichtigen Zettelchen und Papierchen fortkommen könnten, die er sich für den Vortrag beim Minister zurechtgelegt hatte. Wirklich hatte er auch Minna dabei ertappt, wie sie auf Befehl seiner Gattin auf seinem Schreibtisch »Ordnung« machte, er hatte ihr stöhnend vor innerer Wut einige Papierfetzen abgejagt, mit denen sie zum Ofen wandern wollte, aber ein strenger, befehlender Blick der Geheimrätin verbot ihm schließlich endgültig das Betreten seines eigenen Zimmers, und jetzt saß er müde und abgespannt neben seiner Gattin auf bekränztem Sessel und hörte mit unendlich bitterm Lächeln den Prolog einer jungen Fee an, welche von der »Demut des Weibes, der Treue, dem Gehorsam« sprach. Es war das beste Gedicht, welches die stark poetisch veranlagte Geheimrätin jemals zu ihrem eigenen Geburtstage verfaßt hatte. Hinter dem Vorhang ging es mehr als lebhaft zu. Der Regisseur, Regierungsassessor von Blankenburg, war bereits im Gewande des bösen Golo und lief wie wahnsinnig umher, ordnete hier an und stellte dort »unglaubliche« Mängel fest, dazwischen rief er aufgeregt: »Pscht, pscht, Ruhe meine Herrschaften, man hört draußen jedes Wort.« Sein willfährigstes Werkzeug war jedenfalls Erna von Lölhöffel, die sich mit unermüdlicher Geduld von einem Platz zum andern jagen ließ, um eine neue Stellung zu probieren, und die so unsagbar reizend als heilige Genofeva aussah. Ihr rotblondes Haar war gelöst und umhüllte wie ein Mantel sie und den kleinen Schmerzenreich, der in Gestalt von Adas großer Wachspuppe still und ruhig in ihren Armen lag. Weniger still und ruhig verhielt sich die Hirschkuh. Sie sollte eigentlich behaglich wiederkäuend im Walde liegen, der von einigen mageren Oleanderbäumen markiert war; da aber die Vorderbeine von Max von Hellhoff dargestellt wurden, einem lebhaften und verzogenen Bengel, so hüpfte die Hirschkuh höchst nervös umher, und bei jeder Ermahnung, doch endlich still zu liegen, tönte es weinerlich aus ihrem Innern: »Ich kann nich, es juckt so.« Auch die Hinterbeine hatten schon ein paarmal lebensgefährlich ausgeschlagen, und Kerlchen stöhnte erbärmlich: »Ich habe keine Lust, es ist furchtbar heiß hier drinnen.« »Ruhe jetzt, oder ich ohrfeige euch alle beide,« schrie der Assessor wütend, denn der Vorhang sollte hochgehen. Da hatte denn auch die Kuh ein Einsehen und legte sich malerisch hin; die dumpfen Klagelaute, welche ab und zu aus ihrer Seele kamen, waren der schmerzlichen Lage, in der sich Genofeva befand, ganz angemessen. Gerade als der Vorhang oben war und das Bild mit »Ah« und »oh« bewundert wurde, kam ein Telegramm an den Geheimrat. »Vom Vetter Schlieden,« sagte er halblaut, aber die Hirschkuh hatte es doch gehört und brüllte in das erstaunte Publikum: »Was schreibt Papa? Wie geht es ihm?« Der Vorhang mußte fallen. Der Geheimrat schickte zu Kerlchens Beruhigung das Telegramm hinter die Kulissen und dort durften die unglücklichen Bewohner der Hirschkuh einmal Luft schnappen und Kerlchen las: »Bitte um sofortige Nachricht, ob mein Töchterchen gut angekommen ist.« Kerlchen barg das Papier sorglich in ihrer Kleidertasche und ließ sich dann wieder geduldig das Fell über die Ohren ziehn. Zweites Bild: »Schmerzenreichs Wiederkehr.« Es war ein zu verfänglicher Name; was Wunder, wenn ein Unstern auch über diesem Bilde schwebte! Kaum war der Vorhang wieder in die Höhe gegangen und hatte dem erstaunten Publikum den Einzug des Thronerben in das väterliche Stammlokal angedeutet, als sich auf dem Flur hinter der Thüre eine lebhafte Unruhe bemerkbar machte. Laute Stimmen und dazwischen wieder beschwichtigende Rufe ertönten, der Geheimrat, welcher der Thür am nächsten saß, öffnete sie ein wenig, und nun hörte man deutlich eine weinende Frauenstimme: »Um Gotttausend willen, ech will ja nur emal sehn, ob das Gerlichen xund is.« Mit einem Jubelruf riß die Hirschkuh mitten durch. »Das sind Schmidts, das sind Schmidts,« schrie Kerlchen, strampelte schnell die Haut der Hinterbeine von sich ab und lief unbekümmert um das, was es zurückließ, durch die helllachenden Zuschauer direkt in die Arme einer einfach gekleideten kleinen, dicken Frau, die neben ihrem ebenso kleinen und dicken Gatten stand. Und nun hatte die vornehme Gesellschaft ein anderes lebendes Bild: »Das Ehepaar Schmidt aus Garnsdorf hielt Kerlchen fest umschlungen, und unter Lachen und Weinen riefen die Beiden immer abwechselnd: »Gott Lob un Dank, daß 'r nischt bassiert is. Ech hatt's nich iberlebt, wenn 'r was bassiert wär!« Das ganze Intermezzo war so plötzlich gekommen, daß die Geheimrätin garnicht wußte, wie ihr geschah. Am liebsten hätte sie es gesehen, wenn sich die Erde geöffnet und ihre liebe Nichte samt den obskuren Bekannten verschlungen hätte, aber die Erde that ihr diesen Gefallen nicht, im Gegenteil, die Thüre zum Gesellschaftszimmer öffnete sich und neugierige Gesichter schauten der unliebsamen Scene zu. An die lebenden Bilder dachte niemand mehr. Frau von Lölhöffel kam ein rettender Gedanke. Sie dirigierte mit ihren aristokratischen Händen höchstselbst den braven Hofbesitzer aus Garnsdorf in das Kinderzimmer, Frau Schmidt und Kerlchen folgten und nun, nachdem die Geheimrätin noch die Thür verschlossen und verriegelt hatte, wandte sie sich an das erschrockene Ehepaar. »Nun sagen Sie mir, was Sie hier wollen zu nachtschlafender Zeit?« »Nu äbend, mer wollten nach's Kerlchen sähn. Mer hattens dem Herrn Oberscht versprochen, 's kleene Mächen richt'g abzuliefern; där Kuffert is wohl scho längst da, – un wenn där elendigte Schwindler nich gekommen war, där mersch ganze Geld abgeluchst hat, ich wär scho lange dahier.« Die Nase der Geheimrätin wurde spitz und lang. »So? – Ihr Geld ist fort? Da läuft wohl alles nur auf eine Bettelei hinaus?« »Madame! Sähn Sie nach Ihren Worten,« rief der kleine Herr Schmidt, und all der Ärger, den er heute wohl schon geschluckt hatte, brach bei ihm los. »Ech habe noch nie nich einen Menschen angegangen, un den estemier ich nich for was Honettes, der mir so was zutrauen thut, Ech wollt bloß fragen kommen, ob das liebe Dingelchen gut uffgehoben wär, daß mer ruhig schlafen kennten. Un nach 'n Hôtel wollt 'ch auch fragen, weil mer so fremd sin in dän gottverdammten Berlin.« Nie Geheimrätin drückte mit sehr energischer Hand auf die elektrische Klingel und schloß die Thür wieder auf. »Bringen Sie die – die Leute sofort nach irgend einem Gasthaus,« herrschte sie die herbeieilende Minna an. »Nehmen Sie mich mit, oh nehmen Sie mich mit,« flehte Kerlchen und klammerte sich an den kleinen, dicken Herrn, der wieder dunkelrot vor Zorn auf die Geheimrätin los ging. »Irgend ein Gasthaus? Da muß ich doch sehr bitten, Gott sei Dank, so viel Kredit hat der Hofbesitzer Schmidt aus Garnsdorf auch in Berlin, daß ich ruhig abwarte kann, bis mei Geld kömmt. Ich will in dasselbe Gasthaus, wo der Herr Oberscht immer absteigen,« wandte sich Herr Schmidt an die bereitstehende Minna. »Besorgen Se en Wagen und denn fahr'n mer alle hin, un wenns Kerlchen dahier im Wege is, denn nehme ich's mit.« »Meine Nichte bleibt hier,« ertönte plötzlich die Stimme des Geheimrats in so ungewohnter Festigkeit und energischem Tonfall, daß seine Frau ihn erschrocken ansah, nicht anders meinend, als er sei plötzlich verwandelt worden und zwar in den ehemaligen schlichten Referendar von Lölhöffel. Das war die einzige Zeit, in der er noch ein flotter, forscher Kerl war, ein mutiger, ehrlicher Mensch, der Liebling seiner Kollegen, der mit großem Talent Karrikaturen zeichnete, bis er selbst eine solche heimführte. Er hielt seine Rechte dem braven Herrn Schmidt hin und dankte ihm für die Sorge, die er Kerlchen auf der Reise erwiesen. »Heute bleibt Felicitas unter meinem Dach, morgen darf sie Sie einmal im Hotel aufsuchen.« Frau Schmidt wollte sich nicht so rasch von Kerlchen trennen, aber ihr Ehegespons schob sie kräftig vor sich her, bis die Hausthür zwischen ihnen und der gastlichen Familie ins Schloß fiel. Den Geheimrat aber traf ein Blick seiner besseren Hälfte, vor dem er ins Gesellschaftszimmer flüchtete und den er sich ins Deutsche übersetzte: »Lölhöffel, wir sind heute auch noch mal allein .« Wie das Festprogramm weiter verlief, erfuhr Kerlchen nicht, es rannte aufgeregt in das Kinderzimmer und geberdete sich dort so wild und unbändig, so trotzig und widerspenstig, daß Ferdinand und Ada gar nicht wußten, was sie mit ihm anfangen sollten. So sahen sie denn ganz still, aber mit großer Teilnahme Kerlchens »Anfall« zu und sorgten, daß keine Störung von außen eintrat. Als das Kind sich beruhigt hatte, hielt Ferdi ihm ein Glas Champagner hin. »Da nimm,« sagte er, »die Schauspieler haben alle Sekt hinter die Kulissen bekommen, deshalb hab ich für dich auch eine Flasche gemaust, denn an uns denkt doch niemand. Trink nur feste, du hast's verdient. Na, nu hör blos, wie sie drinnen »Hoch« rufen, – ach, wer doch mal zusehen könnte.« »Pah, mach mir gar nichts draus,« sagte Ada wegwerfend, »wenn wir doch bei den Hauptsachen nicht dabei sein dürfen. Erna will sich heute verloben, ich weiß es von Minna; Mama hat den besten Wein herausgegeben und ein paar Flaschen echten, französischen Champagner, dies is blos man deutscher, aber er schmeckt ausgezeichnet, trink nur feste, Kerlchen.« Kerlchen trank. »Is es nich gemein von Erna, daß sie sich mit Blankenburg verlobt,« sagte Ferdi nachdenklich, »blos weil sie auf den lieben, guten Herrn von Fischersdorf noch zu lange warten mußte. Mädchen sind alle falsch.« Ada zuckte die Achseln, aber Kerlchen rief bestimmt: . »Ich nicht!« So unkindlich sahen die Geschwister aus, als sie so über die Vorgänge ihres Hauses verhandelten, – dazu die späte Abendstunde, das unordentlich aussehende Zimmer mit der halb geleerten Sektflasche auf dem Tisch; Kerlchen erschien auf einmal ihre kleine Bude in der Erfurter Pension in hellerem Lichte, trotzdem es gar nicht weiter drüber nachdachte, was sie so häßlich und fremdartig berührte. »Komm, trink,« ermunterte Ferdi, der schon recht rot und heiß war, und nicht mehr ganz fest stand. »Ich mag nicht,« wehrte Kerlchen, »ich möchte so gern schlafen.« »Dann hol nur schnell dein Nachtzeug,« rief Ada, »sieh, Ferdi hat deine Matratze und deine Betten vom Hängeboden mit der Minna hergeschleppt, da liegt alles auf der Erde.« »Guter Ferdi,« bekräftigte Kerlchen. »Och, kein Ursach, geh jetzt nur leise in den kleinen dunkeln Salon drüben, da ist niemand drin, aber deine Plaidtasche steht drin, sagte Minna, sie hatte keine Zeit, sie herzubringen.« Kerlchen durchschritt den matterhellten Flur und klinkte leise, ganz leise die Thür zum kleinen Salon auf. Dort war es thatsächlich so dunkel, daß Kerlchen zuerst überhaupt nichts sehen konnte, aber dann sah es doch zwei Personen ganz eng umschlungen auf dem Sopha sitzen. Kerlchen betrachtete sich die beiden sehr ungeniert und trat noch ein paar Schritte vor, wobei seine Stiefelchen vernehmlich knarrten. Mit einem Schrei fuhr Erna von Lölhöffel empor, auch Herr von Blankenburg sah erschreckt auf. »Immer dieses Unglückswurm,« versetzte er zornig halblaut, »was stehst du da? Mach, daß du wegkommst.« »Nun, wirds bald?« herrschte Erna sie an. »Was stehst du da? Was guckst du mich so an, dummes Ding?« Kerlchen wandte sich zum Gehen. »Ich beseh dich nur mal richtig. Ich find es so schauderhaft, daß Genofeva den Golo lieb hat und nich auf den richtigen Ritter wartet, es ist gar nicht, wie im Märchen!« »Vorlautes, altkluges, abscheuliches Mädchen!« Diese Benennungen schlugen noch an Kerlchens Ohr, ohne weiteren Eindruck zu machen; Kerlchen fand endlich seine Plaidtasche und schlug die Thür hinter sich zu. Ihm war recht traurig zu Mute, so als wäre es hier in Berlin wieder ein paar Jahre älter geworden, ohne auch körperlich zu wachsen, so daß es niemals mit reden konnte, wenn große Leute etwas Unrechtes thaten. In der Kinderstube setzte es sich müde auf einen Stuhl und sah die Geschwister bekümmert an. »Sie sind nun!« sagte es orakelhaft. »Was denn?« »Verheiratet!« »Wer?« »Golo und Genofeva.« »Ach – du meinst wohl verlobt?« »Es ist dasselbe,« seufzte Kerlchen, »ich habe es nun schon so oft durchgemacht. – – – »Bist du schon wach?« fragte am andern Morgen Ada schlaftrunken das schon fertig angekleidete Kerlchen, das am Fenster saß und in den Garten hinausschaute. »Es ist ja noch Nacht!« »Oh, es ist so ein köstlicher Morgen,« rief Kerlchen. »Ich stehe immer um fünf Uhr auf, ich bin vorhin schon nach unten gelaufen und wollte mir den Garten oder die Stadt besehen, aber die Thüren sind alle zu.« »Na, das war dein Glück,« rief Ada und war mit einem Male hell wach. »Die Mama hätte ja wohl Kopf gestanden, wenn du früh um fünf Uhr durch Berlin gerast wärest. Kerlchen, du bist verrückt, du machst es gerad wie Papa, der sitzt nun auch schon seit fünf Uhr, das thut er immer.« »Der Onkel? Oh! Ich hab ihn lieb! Hätt ich das gewußt, dann hätt ich mit ihm Kaffee getrunken.« »Kaffee?« rief Ada und gähnte dann herzhaft. »Wo soll denn Kaffee herkommen? Wir trinken erst um halb neun Uhr in den Ferien Kaffee. Die Mädchen stehen um halb acht auf und bringen dann erst die Zimmer in Ordnung. Sowie dann Mama kommt, wird der Kaffee gebracht. Papa ißt früh um 5 Uhr immer ein Stückchen Chokolade und trinkt dazu ein paar Schlucke Wasser.« Kerlchen machte wieder seine erstaunten Augen. »Das finde ich komisch,« erklärte es nachdenklich. »Bei uns ist das ganz anders. Mama sagt immer: »Der Vater ver dient das Brot, deshalb muß er zu allererst be dient werden.« Jetzt war die Reihe, erstaunt zu sein, an Ada. »Nee, sowat habe ick noch nie jehört,« meinte sie und dehnte sich so recht faul. »Oh,« rief Kerlchen, »ich hab 'ne Idee, es ist jetzt bald dreiviertel auf sechs, ich wecke schnell die Minna, sie ist so nett zu mir, und sie kocht Kaffee, du stehst fix auf, und wir machen unsre Betten und dann decken wir hier fein den Tisch und rufen den Onkel und Ferdi – oh, es wird so gemütlich.« Kerlchen strahlte in heller Begeisterung, und das wirkte ansteckend; Ada fuhr mit beiden Füßen zugleich aus dem Bett und zog sich rasch an. Kerlchen lief ins Zimmer der Dienstmädchen und nachdem sie die schlaftrunkene Minna durch Liebkosungen und Püffe völlig aufgeweckt hatte, war diese auch bereit, zum ersten und letzten Male ihren gediegenen Morgenschlaf der Herrschaft zu opfern. »Nur heute, nur heute! Minna,« drängte Kerlchen begütigend, »Sie sollen uns nur zeigen, wie Kaffee gemacht wird, morgen kochen ihn Ada und ich ganz allein für den Onkel.« »Na, weil et für den Herrn is, will ick mir opfern,« meinte Minna gähnend, »for die Olle hätt ick euch wat jepustet.« Kerlchen lief in die Kinderstube zurück, Ada zog sich schon das Kleid über und war bereit, Ferdi zu wecken. In der Zwischenzeit machte Kerlchen die Betten, schön sahen sie ja nicht gerade aus, denn alles, was an Sachen im Zimmer umherlag, wurde von Kerlchen hineingesteckt; aber als die weißen Decken liebevoll darüber gebreitet waren, machten sie sich doch recht schön, wenn auch beide Lagerstätten eher Hochgebirgszügen glichen als ebenmäßigen Ruhelagern. Ferdi war in ganz unglaublich kurzer Zeit fertig. Er begrüßte die Mädchen mit stürmischer Freude. »Ich habe kaum schlafen können,« rief er. »Es ist zu schön, daß du da bist, Kerlchen; du führst lauter herrliche Neuerungen ein. Seit gestern ist's noch mal so hübsch bei uns, als sonst!« Kerlchen sah ihn dankbar an. Andere Menschen hatten sonst nie diese Anschauung von Kerlchens Dasein und ihrer Thätigkeit. »So, nun noch die Fenster auf!« ordnete Kerlchen an. Wie ein breiter, glänzender Strom flutete die Morgensonne ins Zimmer, ein starker Duft von Jasmin und Jelängerjelieber strömte herein, der Himmel lachte blau und wolkenlos. Mit strahlendem Lächeln sahen sich die drei Kinder an und atmeten alle drei tief auf. »Macht mal uff,« rief Minna draußen, »ick bringe den Mokka.« Sie wurde nun mit einem Jubelruf begrüßt und schmunzelte über die begeisterten Danksagungen der Kinder. »Morjen mach ik det wieder,« versetzte sie großmütig, »man verleppert die schönste Zeit seines Lebens in't Bett.« Kerlchen hatte noch rasch die auf dem Tische umherliegenden Schulbücher in Adas Bett verstaut, nun wurde ein weißes Tischtuch aufgelegt und Minna deckte die Tafel, sodaß es sehr gemütlich aussah. »Da!« sagte Ferdi etwas wehmütig und setzte einen kleinen Strauß Gartenblumen auf den Tisch. »Ich hatte ihn von meinem Taschengeld zu Mamas Geburtstag gekauft, aber sie bekam gestern so wunderschöne Rosen in Mengen, da mocht ich ihn garnicht geben.« Minna sah den Knaben mitleidig an. »Jungeken, et is der schönste Strauß von alle Sträußer un der Kaffeedisch heite vornehmer, als bei Majestäten.« Dabei übersah sie mit Kennerblicken das Werk ihrer Hände und fuhr fort: »Frische Butter is ooch da un der Semmelfritze detjleichen, ik werde sofort mit die Dingers antreten.« »Raucht Onkel?« fragte Kerlchen plötzlich. Minna zog langsam die Schultern hoch. »Roochen dhun dhud der Herr Jeheimrat mit Wonne, un in sein Zimmer is ihm och ab un an en Ziehjarn gestattet, – aber hier??? Det würde sofort uff verschiedene Jeruchsnerven schlagen.« »Oh, Papa muß heute rauchen,« entschied Ferdi begeistert, »er muß eine lange Pfeife rauchen, das thut er ja nie mehr, aber wir bitten ihn drum.« »Ihr holt den Onkel,« rief Kerlchen jubelnd »und wenn er aus seinem Zimmer raus is, denn stopf ich ihm seine Pfeife – Hurra!« »Bsch wsch wsch,« beschwichtigte Minna, »man nich so 'n Radau machen, damit die Luft rein bleibt, ik wer man die Semmeln holen.« Der Geheimrat war sehr verwundert, als die drei Kinder so morgenfrisch in sein Zimmer kamen und ihn leise in feierlichem Zuge in die Kinderstube führten. Kerlchen aber hatte mit hellem Blick den Tabaksbeutel entdeckt, der auf einem Schränkchen ziemlich verstaubt da lag. Aus einer langen Reihe Pfeifen, die wohl nur noch zum Staat da standen, wählte es mit Sachkenntnis das beste Weichselrohr aus, stopfte den Pfeifenkopf, nachdem es sich überzeugt, daß er beim Durchpusten einen klaren, reinen Ton von sich gab, und nachdem der letzte Daumendruck den Varinas hineinbefördert, wurde noch ein kleines Häufchen extra drauf gestreut, wie sie das beim Papa gewohnt war. Nun noch geschwind ein paar Fidibusse gefaltet und dann hinein in das kaffee- und blumendurchduftete Zimmer, in dem schon alle erwartungsvoll Kerlchens harrten. Der Geheimrat wußte wirklich nicht, wie ihm geschah. Er war so garnicht an Sorgen und Umhegen und hausmütterliches Bedienen gewöhnt, in seinem Gesicht zuckte es seltsam, als er seiner kleinen Nichte dankbar den Lockenkopf streichelte. Ahhh, wie das wohlthat! Wie der Kaffee schmeckte, und die Buttersemmel, von Ada in rührender Ungeschicktheit zurecht gestrichen und – die Pfeife! »Kerlchen, du bist ja ein Hauptkerlchen,« sagte er in herzlichster Anerkennung. Die sechs Kinderaugen strahlten wieder. Minna hatte die Hände über dem Magen gefaltet und sah gerührt und andächtig auf die Gruppe. »Soll Minna nicht mittrinken,« fragte Kerlchen, »sie hat den Kaffee gekocht und will es auch jeden Morgen thun.« Der Geheimrat rückte auf seinem Stuhl hin und her und Ferdi und Ada sahen etwas verlegen drein. »I wo werd ik,« entschied Minna, – »ik wer doch mir un den Herrn Jeheimrat nich so 'ne »Schäne« ufflegen, ik jehe jetzt, aber det kleene Provinzmädel jefällt mich, det sollte man öfters bei uns kommen!« Sie schlürfte hinaus. Um neun Uhr erschien die Geheimrätin. Sie hatte gut geschlafen nach den Anstrengungen und Aufregungen des vergangenen Tages, dazu kam, daß sie noch am gestrigen Abend aus Ernas Munde die Verlobung erfahren hatte, die so ganz nach ihrem Sinne war; Frau von Lölhöffel befand sich in rosigster Laune. Das Eßzimmer war bereits aufgeräumt, ein würziger Kaffeeduft, vermischt mit dem zarten Geruch eben erblühter Hyacinthen durchzog den behaglichen Raum, in welchem bereits der Geheimrat und die Kinder die Herrin des Hauses erwarteten. Mit einem seltsamen Gefühl, fast wie Rührung nahm die Geheimrätin den schönen Strauß entgegen, den ihr der Gatte reichte. »Ich fand gestern keinen rechten Augenblick der Sammlung, um dir von Herzen Glück zu wünschen,« sagte er wie verlegen. Ferdinand kämpfte noch mit zwei Gewalten in seiner Brust. Die eine verlangte gebieterisch, daß er den mühsam ersparten und gestern doch ganz unbeachtet gebliebenen Strauß zum Fenster hinauswerfe, die andere aber, welche ein weiches Lächeln auf sein eckiges Knabengesicht zauberte, behielt die Oberhand. So reichte Ferdi seiner Mutter das Sträußchen hin, und sie strich ihm über den Kopf, daß er ganz rot wurde und sehr glücklich aussah. Kerlchen war überwältigt von der nachträglichen Geburtstagsfeier und kam sich ordentlich gedemütigt ohne Geschenk vor. Deshalb rief es voll Eifer: »Wünschst du dir vielleicht eine weiße Maus? Es ist das Schönste, was man sich denken kann; sie bekommt täglich Junge, du kannst deinen Freunden immer viel Freude damit machen.« Die Geheimrätin lehnte ab, aber sie lächelte dabei, es war ein richtiges, ausgesprochenes, nicht zu verkennendes Lächeln; es war wirklich ein hervorragend ungetrübtes Morgenkaffeestündchen. * Der Korvettenkapitän a. D. Liskow bewohnte in der Kleiststraße eine sehr hübsche Villa, die in großem, schattigem Parke lag. Aus dem tiefen Grün der mächtigen Lindenbäume lugte im Hintergründe noch das Dach des Kutscherhäuschens hervor, worin Friedrich mit seiner braven Agathe hauste, die zugleich bei dem Herrn Kapitän die Oberaufsicht in Küche und Haus führte. Liskow war schon früh Witwer geworden, und sein einziges Töchterchen war der Mutter bald gefolgt. Eine Kesselexplosion auf dem Kriegsschiffe, dem er angehörte, hatte seinen rechten Arm zerschmettert, und so nahm damals der allgemein beliebte und hochgeachtete Mann, dem man eine große Zukunft vorhersagte, den Abschied. Er war noch eine Zeitlang im Reichsmarineamt beschäftigt gewesen, aber die Bureauarbeit befriedigte ihn nicht. Sein Vermögen erlaubte ihm ohnedies ein sorgenfreies, behagliches Dasein, er nahm seinen früheren Burschen, der sich in Berlin mit seiner Frau kümmerlich durchschlug, als Kutscher zu sich, hielt einen ziemlich regen Verkehr mit seinem alten Freunde Lölhöffel aufrecht, dessen Gattin er gelegentlich seine Meinung in so »klarem Deutsch« sagte, daß diese ihn ebenso gelegentlich einen »abscheulichen, ungebildeten Seebären« benannte, das heißt, nur gegen ihren Gatten und die Kinder, – ins Gesicht rief sie ihn »lieber Liskow« und zwar durch eine Skala der verschiedensten Empfindungen hindurch, so daß man an der Betonung schon erkennen konnte, auf welchem Punkte das Barometer stand. Nahe Verwandte hatte der Kapitän in Berlin nicht, seine hochbetagte Mutter war vor kurzem gestorben, nun unterhielt er noch regen Briefwechsel mit seinen Geschwistern, die, in minder glücklichen Verhältnissen als er, die treueste Unterstützung an ihm fanden. Von seinen Freunden hatte er sich ganz zurückgezogen, er, der gesunde, hochgewachsene Mann, den man früher den »Hünen« nannte, war jetzt als »Krüppel«, wie er sich selbst bezeichnete, von krankhafter Empfindlichkeit. So stieg nur selten ein alter Kamerad das »Fallreep« hinauf, allerdings eine sonderbare Bezeichnung für die breite, teppichbelegte Treppe. Der Kapitän hatte sich sein »Schiff« ganz nach eigenem Geschmack eingerichtet. Das »Achterdeck« war ein wunderschöner, großer Raum nach dem parkartigen Garten zu, auf welchem man köstliche Bowlen trank, welche Kapitän Liskow vortrefflich zu brauen verstand. Nach einigen Gläsern »kalter Ente« wurde nach seiner Meinung selbst die Geheimrätin »menschlich«. Die »Kabinen« des Kapitäns waren mit auserlesenem Geschmack eingerichtet. Alle Möbel eigentümlich schwer und fest, die Sofas und Stühle teilweise in die Wände eingelassen, als schaukele die Villa auf den chinesischen Gewässern und sollte einem gelegentlichen Taifun Trotz bieten. Schwere dicke Smyrnateppiche lagen durch die ganze Wohnung ausgebreitet und dämpften jeden Schritt, der Kapitän brauchte unbedingte Ruhe, er arbeitete viel für fachwissenschaftliche und schöngeistige Zeitschriften, und hatte sich in dem jungen Sekretär Otto, der ihn auch auf Reisen begleitete, seine »rechte Hand« herangezogen. Jetzt wanderte er mit großen Schritten und dem eigentümlich wiegenden Gange des alten Seemannes durch seine Kabine und diktierte mit wohlklingender Stimme seinem jungen Sekretär. Der alte Friedrich hatte dafür zu sorgen, daß während dieser Arbeitszeit niemand störend »auf Deck« herumlief, auch »Reinschiff« durfte nicht gemacht werden, zum stillen Ärger der »Schiffsjungen« und des »Maaten«, wie Kapitän Liskow die beiden jungen Dienstmädchen und die Frau seines Kutschers nannte, während Friedrich, der »Obermaat«, schmunzelte und immer auf Seiten seines Herrn stand. Hatte der Kapitän eine gute Nacht gehabt, war das Wetter sonnig und infolgedessen der dumpfe Schmerz, welcher sich ab und zu in seinem verstümmelten Arm bemerkbar machte, einigermaßen erträglich, dann rief er nach dem Frühstück seinem Sekretär ein fröhliches: »Klar zum Ankerlichten« zu, der Anker wurde »gekettet und gefischt«, »Mars- und Bramsegel« füllten sich, und die Phantasie des Seemannes zog in die Weite. Das waren die schönsten Stunden des Kapitäns a.D. Liskow, dem das Leben »außer Dienst« zuerst schier unerträglich gedünkt hatte. Seine kraftvolle, etwas heisere Seemannsstimme drang durch das ganze »Schiff«, während er diktierte und »Frau Agathe« schlich auf den Zehen umher und beschwor »Trine und Dora«, ihre lustigen Kamellen sich »en anner Mal to vertellen,« damit sie nicht »losjuchten« und den Herrn »Käpten« störten. »Wat hebbt wi förn gauden, klooken Herrn!« Trotz dieser unendlichen Sorgfalt hatte sie aber doch vergessen, die Hausthür fest zu schließen; wie die wilde Jagd rannten drei Kinder das »Fallreep« hinauf, stürmten über das Achterdeck und auf der andern Seite die Schiffstreppe wieder hinunter, ballerten an Onkel Liskows Kabinenthür und vollführten einen Höllenspuk trotz Agathens beschwörender Zurufe: »Willt Ji woll ruhig sünn! Ji Rackertüg! Um Gottsdausendwillen, wat makt Ji för 'n Spitakel!« »Es sind Lölhöffels!« sagte drinnen ganz ergebungsvoll und ohne eine Spur von Ärger der Kapitän zu seinem Sekretär, »für heute ist's aus mit der Arbeit.« Die Thür flog auf. »Onkel Liskow, Onkel Liskow!« Vier Arme umklammerten ihn, und so mitten drin in den stürmischen Liebkosungen schloß er das kleine, fremde Mädel, das etwas zögernd vor ihm stehen blieb, auch gleich an sein Herz. »Daß euch der Klabautermann hole, Rasselbande,« lachte vergnüglich der Kapitän. »Ist das eine Art, zu mir zu kommen?« »Aber Onkel Liskow, so kommen wir doch immer,« entgegnete Ada vorwurfsvoll, und Ferdi lief lebhaft: »Wir wollten dir das Provinzmädel zeigen, unsere Cousine Felicitas Schlieden.« »Ich heiße Kerlchen! « Felicitas stellte sich dicht vor Onkel Liskow hin und sah ihm stramm in das Gesicht. Die scharfen Seemannsaugen nahmen gleichfalls das ganze kleine Persönchen aufs Korn, und die gegenseitige Musterung fiel zur vollen Zufriedenheit aus. Kerlchen atmete hoch auf. »Das glaub ich schon, daß man dich lieb haben kann, Onkel Liskow,« beteuerte es und streckte dem Kapitän beide Hände hin. Dieser drückte sie in nerviger Faust zusammen, aber Kerlchen »muckste« nicht; die Begrüßung entsprach ganz dem Bilde, das es sich nach der begeisterten Schilderung Ferdis und Adas von dem Kapitän gemacht hatte. »Himmel, ist es schön bei dir,« rief Kerlchen gleich darauf und lief zu den Schiffsmodellen, die rings an den Wänden auf eichengeschnitzten Regalen standen. »Wie wunderwunderschön! O, wie prachtvoll müssen erst die lebendigen Schiffe aussehen!« Damit hatte Kerlchen gleich das Herz des Kapitäns gewonnen. »Die lebendigen Schiffe! Das ist ein schönes Wort, Kerlchen. Komm her, mien lüttge Fregatte! Wenn du ein Jung wärst, du müßtest in die blaue Jacke.« Kerlchens Augen strahlten. »Schau dir das Mädel an, Ferdinand,« rief der Kapitän, und dann schäm dich, daß du kein Seemann werden willst.« »Onkel Liskow!« »Schon gut, mein Junge, weiß schon! Na, hast du wieder fleißig gezeichnet? Hier liegt Material für dich in Hülle und Fülle, wollte dir schon lang eine Freude machen.« Mit einem Jubelruf stürzte sich Ferdi auf das große Reißbrett, auf den Zeichenblock mit den vielen festen Bogen, auf den Behälter mit den verschiedensten Stiften, als er aber einen Blechkasten öffnete und silberglänzende Tuben in wohlgeordneter Reihe ihm entgegenlachten, da warf er beide Arme um den Hals des gütigen Gebers. »Onkel Liskow, ich möchte dich totdrücken oder losheulen.« »Keins von beiden, Junge. Arbeiten sollst du und ein tüchtiger Maler werden. Das ist der beste Dank.« »Und nun komm her, Kerlchen . Was für ein schöner Name!« »Den hat mir mein Papa gegeben.« »Wie stolz das die kleine Fregatte sagt! Nun, und was macht mein alter Freund und Kupferstecher?« »Er ist nicht »Kupferstecher«, er ist immer nur noch Oberst, und es geht ihm gut.« »So, so, na das freut mich,« lachte Liskow, »es war übrigens die höchste Zeit, daß er dich mal herschickte, wolltest du uns denn garnicht kennen lernen?« »Nein!« gestand Kerlchen ehrlich. – »Aber ich wußte auch nicht, daß du so famos bist,« setzte es rasch hinzu. »Na, das wußte ich bis jetzt auch nicht,« erwiderte der Kapitän trocken, – »aber nun vor allen Dingen »Backen und Banken«. Otto, ruf die Agathe.« Der junge Sekretär eilte sofort hinaus, mit einem strahlenden Gesicht, denn er wußte, daß er bei diesen kleinen festlichen Gelagen dabei sein durfte. »Backen und Banken« ist »Frühstück«, erklärte Ferdi dem Kerlchen, das diese Nachricht mit dem ganzen Entzücken eines Kindes aufnahm, welches immer und allezeit mit einem gesunden Hunger behaftet ist. Aber so schön und reichhaltig das Frühstück auch war, so hinderte es doch nicht die Unterhaltung, die stürmisch wie ein frischer Waldbach dahinschoß. Die Kinder erzählten von Ernas Verlobung mit dem »Scheusal«, und Onkel Listow verfehlte nicht, ihnen in einer kleinen »Pauke« klar zu machen, daß Regierungsassessor von Blankenburg ein heller Kopf, ein strebsamer, junger Beamter sei, der das Herz aus dem rechten Flecke habe, und dessen gerechte Beurteilung über den Horizont der drei lüttgen Gören ginge. »Mund halten, ordre parieren! « schloß der Kapitän, und Kerlchen rief begeistert: »So ruft Papa auch immer, nur daß er: » Maul halten« sagt.« Der Kapitän lachte. »Kinder,« rief er, »ich sehe nicht ein, warum wir heute nicht zusammen bleiben sollen, es ist doch einmal ein angebrochener Vormittag. Ich werde mit Agathe sprechen, ob sie ein anständiges Verlobungsdiner bis 6 Uhr zustande bringt, Huster im »Englischen Hause« kann ihr helfen, ich schicke derweile zu den Eltern und lade sie und das Brautpaar ein. – Euch dreien spendiere ich das Geld zum Zoologischen Garten, um 2 Uhr werde ich hier noch ein kleines Imbißchen bereit halten, wer Hunger hat, – kommt dazu her –« » Ich !« unterbrach ihn Kerlchen voll Überzeugung. »Und abends 6 Uhr stellt Ihr euch alle in reinen Gewändern und frisch gewaschenen Pfoten ein,« schloß der Kapitän. Seine Idee wurde mit wahrem Indianergeheul aufgenommen. Nachdem der Küchenzettel von den drei Kindern aufgestellt war, wobei Ferdi für »Reisbrei mit dick Zucker und Zimmet drüber« gestimmt hatte, während Ada mehr für Stangenspargel und Kaviar war, bat Kerlchen nur um viel Sekt, woran sie die Hoffnung knüpfte, mal die Zunge in den Sekt stecken zu dürfen, die tausend Champagnerperlen »bissen« immer so nett, aber sie bekam stets Schelte. Kapitän Liskow saß sehr behaglich um zwei Uhr bei seinem zweiten Frühstück. Auf dem Tisch standen noch die drei unberührten Gedecke der erwarteten kleinen Gäste, die sich aber noch nicht eingestellt hatten. Das machte dem Kapitän aber weiter kein Kopfzerbrechen, er wußte aus seiner eigenen Jugend, was der »Zoologische« für eine große Macht auf empfängliche Gemüter ausübte, und daß man dabei wohl das Frühstück vergessen konnte, besonders wenn noch ein gutes Mittagessen in Aussicht stand. Der Kinderfreund malte es sich förmlich zwischen einer guten Eierspeise und einer guten blumigen Margaux aus, wie die drei jetzt in stummen Staunen, oder in lebhafter Unterhaltung vor den Gittern stünden und gar nicht mehr an den Onkel Liskow dächten. Deshalb setzte er erschrocken das Glas nieder, als sich leise die Thür öffnete und Ferdi und Ada höchst niedergedrückt und mit tiefverfinsterten Gesichtern hereinschlichen. »Na, was ist denn los?« fragte der Kapitän völlig verblüfft über das Aussehen der beiden. »Es ist fort,« sagte Ferdi beinah tonlos. »Das Kerlchen!« setzte Ada erklärend hinzu. Der Kapitän schüttelte die beiden. »Erzählt ordentlich,« rief er erregt. »Was soll das heißen? Fort? Ist es fortgelaufen, oder fortgeholt, oder was sonst?« »Einfach weg, verschwunden!« Ferdi konnte die Worte vor Mattigkeit kaum hervorbringen, so merkte der Kapitän erst, wie heiß und abgehetzt die beiden Kinder waren. Er schenkte ihnen schnell Wein ein und sie schlürften ihn hastig herunter. »Wir standen bei den Affen,« erzählte Ferdi, »und sie waren zu niedlich, und Kerlchen konnte sich kaum von ihnen trennen. Alle Leute, die mit drum rum standen, lachten über Kerlchen, denn es rief immer: »O sieh, sie sind gerade so wie wir, sie thun alles, was ich auch thue. Da kamen eine Menge Jungs, die neckten die Affen, und quälten sie, und einer gab ihnen eine brennende Cigarre, und wie Kerlchen das sah, hieb es gleich auf den einen Jungen ein, und im Nu war sie im Knäul drin, und wie ich hinterher lief und rief, da schrie es mir zu: »laß man Ferdi, ich komme gleich wieder,« und wirklich, es lag auch in dem Knäul immer oben. Und hinter mir schrie Ada, denn ein Affe hatte durch die Stäbe gegriffen und Adas neuen Hut zerknautscht, da wollte ich ihr zu Hilfe kommen.« »Er ist ganz hin – oh, was wird Mama sagen,« schaltete hier Ada ein und brach in Thränen aus. »Himmel, nur keine Heulerei,« rief der Kapitän, »hier handelt es sich um Kerlchen. Der neue Hut ist Nebensache – lieft ihr dem Kinde denn nicht nach?« »Natürlich, aber da war sie nicht mehr zu sehen. Wir sind immer den ganzen Zoologischen Garten durchgelaufen und haben auch geschrieen und gerufen, aber keine Antwort kam.« »Das ist ja eine verdeubelte Geschichte,« brach der Kapitän los. »Das arme, arme Kind! Es wird sich halb tot ängstigen in der großen, fremden Stadt.« »Och nee! Angst hat Kerlchen nie,« rief Ferdi, es ist nur – es ist nur – so schmachvoll, daß ich nicht drauf aufgepaßt habe, – ich war doch sein Beschützer!« »Ja wohl, Beschützer!« entgegnete Kapitän Liskow grimmig und ging mit großen Schritten im Zimmer auf und ab. »Da könnte eher die kleine Pinasse die beiden Dampfer ins Schlepptau nehmen, damit sie keine Havarie erleiden. Donnerwetter nochmal, Otto besorg mir 'ne Droschke, wir wollen Am Karlsbad und bei den Eltern nachsehen.« Die Fahrt verlief höchst eigentümlich. Bei jedem Schutzmann ließ Kapitän Liskow halten und verständigte ihn von dem Vorgefallenen; ebenso stieg er vor jedem Polizeibureau aus und erzählte die Geschichte aus dem Zoologischen Garten, immer in der sonderbaren Voraussetzung, der zuhörende Wachtmeister müsse sofort eine Thür öffnen und Kerlchen triumphierend herausholen. Da dies aber niemals geschah, schied der Kapitän immer etwas ärgerlich aus der Wachtstube und warf die Thür zornig in das Schloß. Seine Stimmung wurde auch nicht gerade durch die sich inzwischen draußen ansammelnde Menge verbessert, aus deren Reihen ihm ein Junge zurief: »Na, freijelassen?« Dafür traf er Lölhöffels in vergnüglichster Stimmung. Die Damen waren mit dem Ankleiden zu seinem eigenen Diner beschäftigt, während der Geheimrat mit seinem zukünftigen Schwiegersohn eine »gute Pulle Rotspon ausstach.« Die laute, energische Frage des Kapitäns: »Ist das Kerlchen hier?« störte das äußerst gemütliche Zusammensein, die beiden Herren sprangen auf und sahen Onkel Liskow verständnislos an. »Also nicht?« Der Kapitän fuhr sich verzweiflungsvoll durch die Haare, und seine Schilderung des Vorfalles machte auch die beiden Herren aufs höchste bestürzt. Herr von Blankenburg erbat sich sofort, nach dem »Zoologischen« zu fahren und nachzuforschen, ein Entschluß, der ihm einen kräftigen Händedruck von seinem jungen Schwager eintrug, der ihm innerlich alles abbat, auch Ada war von gleichem Gefühl beseelt und wischte wenigstens ihr thränenüberströmtes Gesicht an seinem Rockärmel ab. Dann erschienen die Geheimrätin und Erna, letztere taufrisch im weißen Kleide mit weißen Rosen, – der Bräutigam sah sie entzückt an, aber Onkel Liskow dachte nicht ans Gratulieren, er war in Angst und Sorge um Kerlchen. Die Geheimrätin wurde mehr ärgerlich, als bestürzt über das Verschwinden ihrer Nichte, sie hatte zu deutlich Proben von Kerlchens Selbständigkeit erfahren, als daß sie sich ernstlich darüber beunruhigen sollte, Erna sagte spöttisch: »Unkraut vergeht nicht,« errötete aber unter dem ernst-verwunderten Blick ihres Verlobten. Am lautesten zeigte Minna ihre Bestürzung über Kerlchens Verschwinden. Sie stürmte ganz wild in das Zimmer der gnädigen Frau und betrachtete gar nicht das ärgerliche Abwehren der beiden Damen. »Jotte doch! Det arme Kind! Vielleicht is et von Zijeunern jeraubt un springt irjendwo uffn Seile rum, oder se ham's jleich abjemurkst.« Die Geheimrätin zeigte gebieterisch mit dem Finger nach der Thür. »Ick jehe schonst,« schluchzte Minna, – aber wat Firchterliches is passiert, denn ick hab die janze Nacht von Rindfleisch jeträumt.« Sie ging traurig hinaus, und die Zurückbleibenden sahen sich an; zu lachen vermochte niemand. Das Brautpaar stand jetzt aneinandergelehnt in der Mitte, die andern im Halbkreis herum, ganz leise öffnete sich die Thür und ein schwaches Stimmchen rief: »Seid Ihr alle da? Oha, es sieht aus, wie bei 'ner Hochzeit.« Sie stürzten alle auf Kerlchen los, aber wie sah das Kind aus! heiß, staubig, beschmutzt, mit Blutflecken auf Gesicht und Kleid, die Haare verwirrt und ohne Hut, aber sorgfältig im Arm trug es ein rotes Bündel. Ein rührend sorglicher Ausdruck lag auf dem schmutzigen Gesichtchen. »Ihr müßt leise sein, sonst wacht es auf,« sagte Kerlchen mit halblauter Stimme, und dann trat es feierlich vor das Brautpaar und hielt ihnen das Bündel hin: »Ich komme hier mit einem Kinde,« »Und bring es Euch zum Angebinde,« »Der liebe Gott – – – – Ein Aufschrei der Geheimrätin, Kerlchen wurde unsanft beiseite geschoben, Erna lief weinend und empört hinaus, die Thür so hastig hinter sich zuschlagend, daß aus dem roten Bündel ein klägliches Wimmern vernehmlich wurde. »Sie is wohl ffferrückt?« rief Kerlchen zornig dem Bräutigam zu. »Ich war ja noch gar nich fertig mit meinem Gedicht.« Das Bündel wurde zärtlich hin und her gewiegt. »Na, wein nur nicht, du Süßes, Süßes,« beschwichtigte Kerlchen mit zärtlichem Tonfall, »ich bringe dir gleich warme Milch. Wollen Sie es mal so lange halten,« wandte es sich an den Bräutigam, und als dieser schaudernd abwinkte, reichte es das Bündel vertrauensvoll Onkel Liskow, der es auch entgegennahm, aber zugleich Kerlchen festhielt. »Sag uns erst mal, wo du in aller Welt herkommst, und was das alles bedeuten soll,« rief er sehr energisch. Kerlchen sah ihn erstaunt an und wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Ich wäre gern um zwei Uhr zum Zweitfrühstück gekommen,« sagte es etwas trotzig, »aber ich wurde ja so furchtbar von den Jungens verhauen und haute selbst so doll. Dann kam mir eine Frau zu Hilfe, und ein Polizist, und die Jungens rissen aus. Die Frau hatte dieses süße Kindchen auf dem Arm und führte mich zu einem Brunnen, denn meine Nase blutete schauderhaft. Und dann hat sie mich abgewaschen und sie hat mir viel erzählt, wie arm sie wäre, und noch sieben Kinder zu Haus hätte, die hätten keinen warmen Löffel im Leib. Dann wollte sie Milch für dieses Kindchen holen und gab es mir so lange zum Halten. Es war zu wonnig, ich hab damit gespielt, es ist ja erst zehn Wochen alt. Süß, nicht? Aber die Frau kam und kam nicht wieder, da hab ich gedacht, wie wunderschön es wäre, wenn ich das Kindchen behalten könnte, und ich wollte es Erna schenken, weil die doch so wie so heiratet und dann eins braucht. Und nun schreit sie und läuft weg,« schloß Kerlchen zornig. Die Geheimrätin war blaß vor Entsetzen, ihr Gatte trat von einem Fuß auf den andern und rieb sich in höchster Verlegenheit die Hände, der Regierungsassessor wurde sehr rot im Gesicht, Onkel Liskow lachte laut, dröhnend und anhaltend, daß ihm die Thränen herunterrollten. Minna war wieder herbeigekommen und hielt schaukelnd das Kind im Arm, dem sie ab und zu zurief: »Na nu brat mir eener en Storch,« wobei sie wohl hauptsächlich den Storch meinte, der es überhaupt hergebracht hatte. Ferdi und Ada standen neben Minna und beschauten neugierig das Kleine, das jetzt in den höchsten Tönen quiexte und sich in den »höheren Kreisen« absolut nicht wohl zu fühlen schien. »Es muß was zu trinken kriegen,« entschied Kerlchen, »bitte, liebe Minna, holen Sie was.« »Aus die Tasse kann det Kind nich trinken,« entgegnete Minna kopfschüttelnd, »un 'ne Saugflasche mit 'n Jummiproppen hab'n wir Jott sei Dank nich im Hause, aber nadierlich muß eener her, wenn det Wurm nich krepieren soll.« »Schnell, schnell, holen Sie die erforderlichen Sachen,« rief die Geheimrätin nervös, und holte aus ihrem Geldtäschchen verschiedene Nickel hervor, aber Minna stand da, wie eine zürnende Göttin. »Nee, Frau Jeheimrat. Nich in de Hand. Un wenn ik den juten Dienst verlieren sollte! Det kann niemand von mir verlangen, daß ik als anständiges Mädchen in 'n Laden jeh un 'n Schnuller holen soll.« »Aber Minna!« »Herr Jeheimrat, ik dhu es nich! Fräulein Erna würd' es ooch nich dhun un der Herr Assessor kann's ooch nich, – da muß schon eins von die Kinners ran.« Ferdi errötete heftig, nahm aber das Geldstück in Empfang. »Ich thu es sehr ungern, aber ich bin so froh, daß wenigstens Kerlchen wieder da ist,« rief er hastig. Kerlchen hatte inzwischen höchst verständnislos von einem zum andern geblickt, ihm war nur eins klar, daß sich in diesem sonderbaren Hause niemand über das entzückende kleine Wesen zu freuen schien, das so hilflos in dem roten Steckkissen lag. »Und was nun?« stöhnte die Geheimrätin. »Ich werde es nach dem nächsten Polizeibureau bringen,« meinte der Kapitän und wischte sich die Augen, »Minna, Sie werden mich begleiten und das Wurm tragen.« »Abersten in 'ne geschlossene Droschke, Herr Kapitän,« entgegnete Minna hoheitsvoll, »det bin ik mir schuldig. Un nu kommt,« wandte sie sich an Ada und Kerlchen, denn eben kam Ferdi die Treppe wieder herausgestürmt, »ihr könnt' mich 'n bißchen helfen, ik muß, erst 'ne Haarnadel an dem Jase jlühend machen un en sogenanntes Loch in dem Schnuller brennen un denn – na un denn – du lieber Jott, jeder jute Schambancher wird trocken jelegt, warum soll det arme Würmeken et schlechter haben.« Damit stapfte sie hinaus. »Minna ist eine Perle,« erklärte der Kapitän, »und nun Kopf hoch, die Sache ist doch wahrhaftig mehr zum Lachen, als zum Weinen. Base Lölhöffel, seien Sie kein Frosch, Kerlchen hat das doch gut gemeint, es ist überhaupt ein Tausendsappermenterchen. Und Sie, lieber Assessor, lachen Sie nur auch, der ganze Vorfall ist ein frohes Zeichen für die Zukunft, – da geht sie hin und singt nicht mehr,« setzte er gleich darauf hinzu, denn die Geheimrätin war aus dem Zimmer gerauscht, um den weiteren zarten Anspielungen des »Seebären« zu entgehen. Freilich war der Kapitän später zunächst sehr ärgerlich, als er vom Polizeibureau zurückkehrte, auf dem er unzählige Fragen beantwortet und ebenso viele Schriftstücke unterschrieben hatte. Aber dann löste sich alles in Wohlgefallen auf, und alle fuhren in zwei Droschken nach der Kleiststraße, wo ein hervorragend feines Diner ihrer wartete. Kerlchen im weißen Kleide mit hellblauer Schärpe war mit Ada ganz gleich gekleidet, auch Erna sah strahlend bräutlich aus und hatte sich einigermaßen mit Kerlchens Streich ausgesöhnt; die Geheimrätin, im Bewußtsein, sehr gut in dem »Hellgrauseidenen« auszusehen, freute sich auf die Leckerbissen der Mittagstafel. So bot denn die vom »Maaten« und den beiden »Schiffsjungen« wunderschön geschmückte »Messe« mit der silberbesetzten Tafel einen ganz reizenden Anblick und die Teilnehmer des Mahles waren in ausgezeichneter Stimmung. Kerlchen hatte sogar, von Onkel Liskow angeregt, sein Gedicht zu Ende sagen sollen, aber die Geheimrätin hatte schon nach der fünften Zeile ein energisches »Halt« geboten. Nach Aufhebung der Tafel saßen alle malerisch gruppiert auf dem »Achterdeck« bei einer blumigen » Veuve Cliquot «, deren Silberhals aus einem grüngeschmückten Kühler hervorlugte. Vom Park her dufteten Jasmin und Jelängerjelieber herein und mischte sich mit dem Tust des Mokka und der feinen Havannas. Und nun ging das Quälen los. »Onkel Liskow, es ist hier so einzig schön, nun mußt du erzählen, hörst du? Von deinen Reisen, von den Kriegsschiffen, Onkelchen erzähle! Erzähle!« Auch die Großen vereinigten ihre Bitten mit denen der Kinder. »Hab ich euch schon mal von unsern vier Temperamenten an Bord erzählt?« fragte Onkel Liskow. »Nein, nein! Los! Bitte!« »Was ist »Temperament«,« rief Kerlchen, »ich soll auch eins sein, sagt Papa.« Onkel Liskow lachte. »Freilich bist du eins, ich glaube sogar, du vereinigst alle vier in deinem kleinen Persönchen, mindestens bist du »Sanguiniker und Choleriker«. Kapierst du noch nicht, kleine Fregatte? Nun sieh, ich hab doch so was läuten hören, daß du gern mit den Füßen stampfst, die Zunge herausstreckst und rechtschaffen toben kannst, wenn du glaubst, daß dir Unrecht geschieht: Temperament Nr. I: Choleriker! Wenn du aber einen Säugling von der Straße aufliest und ihn uns ins Haus schleppst, in der Meinung, er wird mit Hurrageschrei in die Familie aufgenommen, so bist du eben Sanguiniker: Temperament Nr. II. Und wenn der Ferdi die Flinte ins Korn wirft und kein Gottvertrauen hat, daß doch noch mal ein echter Maler aus ihm wird, und sich wie 'ne alte Jungfer in eine trübsinnige Lebensauffassung 'neinarbeitet, so wächst er sich zum »Melancholiker« aus: Temperament Nr. III. Na und wenn man so 'n dickes Fellchen hat, wie unsere Ada, und den lieben Gott bei allem einen guten Mann sein läßt, und wenn man sich so auf das Ruhebett hinflegelt und thut, als sei einem alles »Wurscht«, was Onkel Liskow erzählt, so halte ich sie für ein phlegmatisches, kleines Frauenzimmer: Temperament Nr. IV. Und diese vier Temperamente hatten wir vor Jahren mal auf S.M.S. Brandenburg.« Ada dehnte sich recht behaglich und unbekümmert. »Fang an, Onkel Liskow, es ist so gemütlich bei dir,« bat sie. Kerlchen schwang sich auch auf das Ruhebett und schmiegte sich an die Cousine, ein köstliches Wohlbefinden durchströmte beide in dem behaglichen Raume. Kapitän Liskow sah still vor sich hin. Es wetterleuchtete seltsam in seinem Gesicht, und die Umsitzenden lächelten sich verständnisvoll an. So machte er's immer, – er überdachte sich eine kurze Weile und versetzte die Zuhörer dann mit einem Schlage in die Situation, in die er sie haben wollte, ohne jede weitere Vorbereitung. »Was hat denn bloß der Fröben?« fragte Oberleutnant Herbach die Kameraden und setzte sich an den gedeckten Frühstückstisch in der Offiziersmesse: »Es rast der See und will sein Opfer haben.« »Kennen sie denn den Fröben anders als rasend?« fragte Oberleutnant Hennig ruhig dagegen, »dieser Mensch regt sich auf, wenn 'ne Fliege zur unrechten Zeit niest.« »Woher weiß denn Herr v. Fröben, daß sie zur unrechten Zeit geniest hat?« fragte der kleine Leutnant Vahl bescheiden, bekam aber keine Antwort. »Ach, laßt den Fröben! Die Zeit wird auch ihn verwandeln, wie sie jeden klein kriegt, – auch Fröben wird lernen, ruhig und mit zusammengebissenen Zähnen über diese jammervolle Welt zu wandern.« Diese Worte wurden mit einer wahren Grabesstimme gesprochen, sie kamen aus dem Munde des Oberleutnants Truelsen. »Na, Truelsen, Sie sind ja wieder mal waschecht heute mit Ihrer Melancholie,« entgegnete ich ihm, der ich damals Flaggleutnant war und den Beinamen Marquis Posa führte, »aber ich sage Ihnen: Laßt mir meinen Karlos in Ruhe!« – »Wo in aller Welt bleibt der Premier?« fragte Herbach wieder, »ich habe einen Bärenhunger.« »Wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf« – tönte das bescheidene Stimmchen des Leutnants Vahl – »ich glaube, Jumbo hat wieder was angestellt.« »Jumbo!« »Diese verd... Bestie!« »Altes Ekel.« »Strychnin!« Fast gleichzeitig wurden diese Worte gerufen von sämtlichen Herren, und aufgeregte Gesten begleiteten sie, dann aber begrüßten wir den eintretenden ersten Offizier. Eine leichte Verlegenheit lag auf seinem Gesicht, als er den Gruß erwiderte. »Ich bitte um Entschuldigung, meine Herren, Jumbo mußte erst gestraft werden – er hat in der Kabine des Herrn v. Fröben bös gehaust – hm – hm – warum läßt sie Kamerad Fröben auch offen stehn.« In diesem Augenblick trat Oberleutnant v. Fröben in die Messe. Er sah rot und aufgeregt aus und trommelte, nachdem er neben mir Platz genommen, nervös mit den Fingern auf der Tischplatte. Das Essen verlief ziemlich schweigsam, und sofort nach dem letzten Gange zog sich der erste Offizier zurück. »Es ist um auf die Bäume zu klettern,« brach jetzt Fröben los. »Ein siedendes Donnerwetter soll doch dem Satan über den Leib kommen! Sieh dir bloß nachher mal meine Bude an, Marquis – mein Bett, meinen Schreibtisch – alles verwüstet, zerrissen, beschmutzt, und kein Gedanke, das Affenvieh zu züchtigen; ich wurde seiner nicht Herr, bis der Erste dazukam und mir half; der ihn dann auch elend verwamste. Wie kann man sich bloß so'n Scheusal halten, ich mach' es kalt bei der nächsten Gelegenheit.« »Na, na, Ruhe, Ruhe!« begütigte ich ihn, »mein alter Karlos, du bist ja ganz aus dem Häuschen!« »Armes Thier!« murmelte Truelsen melancholisch. »Armer Jumbo! Da reißen dich grausame Menschen vom Mutterherzen, um dich zu ihrem Gefährten zu machen, und wenn du deine angestammte Natur nicht verleugnest, dann strafen sie dich mit tausend Martern. Oh, die Welt ist vollkommen überall, wo der Mensch nicht hinkommt mit seiner Qual.« »Hören Sie auf mit Ihrem Gejammer,« rief Fröben nervös, » einig müßten wir alle sein und dem Unfug ein Ende machen.« »Weg mit den Grillen und Sorgen,« rief fröhlich Herbach, – »weg mit den blutigen Gedanken, ich mache heute in Erwartung der Heimatsordre eine Bowle – Kinder, Landstand – –« er schnalzte mit der Zunge, – »Sekt und Burgunder –«. Wie lacht er im Glase, Wie jagt er durchs Blut, Legt den auf die Nase, Der nicht auf der Hut. Wer traurig, wird fröhlich, Wer krank, wird gesund. Verzweifelte selig Durch Wein von Burgund!« »Vor allen Dingen Ruhe,« sagte der Phlegmatiker Hennig – »wie kann man sich bloß so erregen! – hat Jumbo Unfug gemacht – gut, der »Premier« trägt den Schaden, – hat Herbach 'ne Burgunderbowle, – noch besser, – sie wird getrunken – bloß Ruhe – Ruhe bei allem.« »Wie kann man ruhig sein, wenn man an Burgunder und Sekt denkt,« rief Herbach und himmelte die niedrige Decke der Messe an, »jedenfalls wollen wir heute fidel sein, find wir doch im vielbesungenen Andalusien, im schönen Golf von Cadiz, – oh, hier ist alles Poesie, alles!« »Und schläfst du, mein Mädchen, Komm, öffne du mir, Denn die Stund' ist gekommen. Da wir wandern von hier, Durch die tief', tiefen Wasser Des Guadalquivir – –« »Bleiben Sie bedeckt,« sagte trocken der Phlegmatiker, »und legen Sie Ihre Gefühle einstweilen in Ihrer Kabine nieder. Ich habe heimlich mit Marquis Posa zu reden.« »Heimlich, heimlich?« fragte Herbach und war sofort wieder Feuer und Flamme, – »Mensch, – Kamerad, ich bin nicht neugierig, aber ich möcht's zu gern wissen, – handelt es sich um Sevilla? Werden wir gemeinsam hinfahren? Ahhh Sevilla!« Quien no ha visto Sevilla No ha visto maravilla! »Ha, ha, ha – ich gehe ja schon, ich gehe ja schon!« Die Zurückbleibenden atmeten auf. »Ein toller Mensch, der Herbach, der reine Feuerteufel,« sagte Hennig. »Ein Prachtkerl,« beteuerte ich – »immer fidel, obenauf, frohgemut, geistesgegenwärtig, – nicht zu unterschätzende Eigenschaften beim Seemann; na und was wollten Sie mir anvertrauen, Hennig?« »Ja, sehen Sie, Marquis, ich will einfach Ihren Rat oder besser noch Ihre Zustimmung zu 'ner Sache haben, die ich in stiller Stunde ausgeklügelt und in 'ner andern stillen Stunde ausgeführt habe. Der Einzige, der darum weiß, ist der Ingenieur, ich möcht' aber noch 'n andern Vertrauten haben, und Sie sind der Rechte, Marquis, Sie sind verständig, ruhig, verheiratet« – Ich lächelte etwas wehmütig. »Hat meine Heirat was mit Ihrem Plan zu schaffen?« »Nee – eigentlich nicht – ich komme nur so unter all den verdrehten Junggesellen auf die Idee, daß Sie der Vernünftigste an Bord sind, außer mir natürlich. Sobald wir wieder nach Kiel kommen, wird auch geheiratet.« »Sind Sie verlobt?« »Denk nicht d'ran! Aber ich kenn' ein nettes Mädel, das, heißt, ich sprach vor zwei Jahren das letzte Mal mit ihr; jung ist sie, hübsch, reich, und ich gab ihr zu verstehen, wissen Sie – hm – daß ich mich wohl auch mal verheiraten würde.« Ich lachte laut. »Weiter nichts? Und auf diese Andeutung hin, meinen Sie, wartet das Mädchen, jung, hübsch, reich, auf Sie?« »Natürlich! Wenn sie vernünftig ist! Und vernünftig war sie! Nur keine Ueberstürzung! Aber das war's nicht, was ich Ihnen sagen wollte, die andere Sache macht mir etwas Kopfschmerzen, sie betrifft mein Amt als Messevorstand, Sie wissen, ich bin ein sparsamer Mensch, und so habe ich die wahrhaft erleuchtete Idee gehabt, eine » Brutanstalt « einzurichten.« »Eine – was ?« »Eine Brutanstalt, ich sprach doch wohl deutlich genug. Kapitale Idee, was?« »Und – wo – haben – Sie –« »Hier an Bord natürlich! Das ist ja der Kernpunkt und die sparsame Seite. Sehen Sie, Marquis, hier muß doch so wie so des elektrischen Lichtbetriebes wegen immer ein Schiffskessel geheizt sein; na, die hier erzeugte Wärme wird ja unnütz vergeudet, also hab ich mit Ingenieur Kuntz eine Kiste gepolstert, mit Heu, und darin zwei Dutzend Eier verstaut und alles in den heißesten Winkel zwischen Kessel und Deck geschoben. Die Sache dauert aber verteufelt lange, d.h. einmal haben wir schon nachfüllen müssen, weil sich zwei Heizer Eierkuchen gemacht hatten, – so'n Volk – aber nun liegen sie doch schon wieder 'n Wochener achte, die Eier nämlich.« »Mensch!« stöhnte ich, »und Sie glauben wirklich?« »Abwarten, Ruhe, nur keine Ueberstürzung! Natürlich müssen wir bei der Bombenhitze Kücken kriegen, das ist doch klar – ich lade Sie jetzt schon feierlichst auf Backhähndl ein« – – – * Draußen ertönte erregtes Sprechen und Schimpfen. »Das soll nun ein friedlicher Sonntag sein,« seufzte Hennig, »Sonntag an Bord eines Kriegsschiffes, wie ihn die Feuilletons der Zeitungen immer so herzbrechend schildern; heute ist ja wohl der Deubel los, nun hören Sie bloß, Marquis, wie der Fröben draußen krakehlt.« In diesem Augenblick erschien auch schon Oberleutnant Karl von Fröben in der geöffneten Thür. »Und da soll man ruhig bleiben,« rief er erregt, »und da wundern sich stumpfsinnige Böotier, wenn man bei so 'ner Sache am liebsten den Großmast raufkraxeln möchte – –« »Fröben, Karlos, was ist' denn schon wieder los?« »Gut, ich will ruhig sein, Marquis, – ich bin ruhig,« schrie er den etwas zweifelnd lächelnden Hennig an. – »Also bei der Musterung mach ich den Premier darauf aufmerksam, daß es um die Bilge herum schauderhaft riecht; wir kriechen nach unten, was finden wir? Den Heizer Kobellowski beknüllt, wie eine Strandkanone; hat sich nach seiner Aussage Ei – Ei – Eier – gr – gr – og machen wollen, »oaber schmeckt sich Zeichs jrrräßlich,« wie er heulend versichert. Drei Tage Mittel! – Und denn steht da 'ne Kiste, 'ne Kiste, meine Herren – und in der siehts aus – lauter muffiges Heu und faule Eier, und der Geruch – – –. Und das alles auf unserem Schiff, auf unserem »Schmuckkästchen«, wie mal ein kundiger Thebaner äußerte. – Na, Ingenieur Kuntz hat 'ne Nase gekriegt so lang – und Kamerad Hennig, Sie sollen nachher sofort zum Premier kommen, der wütet nicht schlecht in seiner Kabine umher.« Hennig blieb seelenruhig. »Es thut mir blos leid, Marquis, daß ich Sie wieder ausladen muß, – mit meinen Backhähndln ists Essig.« »Und über all dem Zeug vergessen wir die Post,« rief Fröben, »sie muß schon da sein, ich erwarte endlich Nachricht von Hause – – kommen Sie mit ins Bureau, meine Herren?« »Machen wir!« sagte Hennig, »ich hole mir vom ersten Offizier meinen Rüffel für die Brutanstalt und zugleich einen Trostbrief aus der Heimat.« Die Herren traten in das Bureau. Wehe, auch hier keine Sonntagsruhe. Des Kommandanten großer Affe Jumbo raste in dem Räume umher, sein Herr folgte ihm mit der erhobenen Reitpeitsche; man sah, er war außer sich vor Zorn und Wut. Jumbo fletschte die Zähne. »Meine Herren,« rief der Kommandant und warf die Reitpeitsche in ohnmächtigem Grimm nach Jumbo, welcher sehr geschickt auswich; »meine Herren, Sie sehen mich in einer Lage – ich bin buchstäblich – meine Herren – da –,« er rang nach Luft, – »sehen Sie, Jumbo ist über die Post gekommen – und daß auch das Bureaupersonal gerade nicht da ist – oh du – du –« Und wieder begann die tolle Jagd, diesmal mit vereinten Kräften, bis man des Tieres habhaft wurde und der starke Fröben die langen, zappelnden Gliedmaßen des Affen mit nerviger Faust zusammenpreßte. Der Kommandant nahm den Ausreißer in Empfang und verließ mit ihm das Bureau. Die Zurückbleibenden sahen erst sich und dann die »Post« an. Briefe, Zeitungen, Berichte, Karten, alles in Fetzen gerissen, zu unförmlichen Knäulen geballt, so zeigte sich die langersehnte Post den entsetzten Gesichtern, Fröben war außer sich, ich nicht minder, Hennig faltete die Hände über seinem Magen, Truelsen starrte düster auf die Verwüstung, und Herbach fuchtelte in der Luft herum. Und in diese bange Stille hinein tönte verzweiflungsvolles Kreischen Jumbos. Bald darauf erschien der Kommandant. »Jumbo läßt sich empfehlen, meine Herren,« sagte er mit einem schwachen Versuch zu scherzen, »er ging soeben endgiltig von Bord.« Von der Post war nichts mehr zu gebrauchen. Die Herren rafften die Knäule und Fetzen an sich und legten sie drinnen in der Messe auf den Tisch des Hauses nieder. Dann brach der Sturm los. Alle sprachen, riefen, schalten, lachten, wetterten zugleich; alle versuchten aufgeregt und mit zitternden Händen die Briefschnitzel zu glätten, zusammenzusetzen, vergebliche Mühe! »Was sieht hier ganz amtlich aus,« brummte der Marinearzt Dr. Selten, »nicht wieder vorkommt – – sollte es 'ne Nase sein?« »Hier, Herbach, das wird für Sie sein,« rief ein anderer –: »mit deinem Wechsel wieder nicht – – –.« Sie lachten alle. »Hier ist 'ne Backfischhandschrift,« rief Herbach, wen von den Herren geht sie was an? Hennig, Sie haben ja 'sone lüttje Schwester, sie schreibt: »Nelly nun auch verl – –« »Hennig nahm sehr ruhig das winzige Stückchen Papier in Empfang und zeigte es gelassen lächelnd dem Marquis, »'s ist wie ein Fingerzeig des Schicksals,« sagte er, »daß gerade dies übrig geblieben ist. – Nelly nun auch verl – –, soll heißen: Nelly nun auch verliebt in dich, lieber Bruder, wie alle anderen, – ich wußt es ja!« Fröben glättete unruhig an einem Streifchen herum. »– – – süßes Baby ist gesund,« las er zornig, »und dabei ist mir's doch, als sei 's die Handschrift meiner Cousine. Baby, Baby, ich kenne kein Baby, – schon das Wort macht mich nervös!« Ich riß das winzige Zettelchen aus Fröbens Hand. Ein Blick auf die Handschrift – meine Augen wurden feucht. » Mein Baby, mein Herzensmädel!« »Meine Herren, ich schlage vor, diese traurigen Reste den Flammen zu übergeben,« entschied Truelsen düster. »Ich finde nichts, nichts für mich – –. Das ist wieder mal einer von den bekannten Keulenschlägen des Schicksals.« »Ficht mich gar nicht an,« lachte Herbach leichtsinnig, »ich kann infolge dieses Vorkommnisses mit ruhigem Gewissen einen liebenswürdigen Brief an meine Erbtante schreiben und sie noch einmal anbohren. Es lebe Jumbo!« »Ein wahrhaft geistvoller Ausspruch, Kamerad Herbach,« bemerkte Hennig, »in Anbetracht dessen, daß Jumbo zu seinen Vätern versammelt ist und vielleicht jetzt in den jenseitigen Urwäldern auf einem Brotbaum die Zähne fletscht. – Im übrigen meine ich, – wir ehren den Schmerz des Kommandanten, dem heute wohl nicht nach Hei und Juchhei zu Mute ist, und jeder bleibt den Abend über still in seiner Klause ohne Burgunder und Sekt. – Still, Herbach! Sie sind überstimmt!« * Tiefe Stille über dem Hafen von Cadiz. Die Schiffsglocke verkündete »Vier Glas«. Tiefe Stille auch auf unserm Panzer. Nur der eintönige Schritt der auf und ab gehenden Wache war vernehmbar. Der Vollmond beleuchtete das weiß schimmernde Cadiz und die wild zerklüfteten Felsen, die sich weit in die See hinausstreckten; darüber schäumten in ewigem Kommen und Gehen die Wellen des Ozeans; – hell schimmerte der Leuchtturm von San Sebastian. Am andern Morgen lachte eine strahlende Sonne auf den Golf und die Stadt mit dem glänzenden Namen: » taza de plata « – Silbertasse. – – An Bord scheuchte die Sonne ebenfalls alle düsteren Schatten hinweg; das Barometer stand auch in den Räumen des Kommandanten nicht mehr auf Sturm; die Offiziere hatten mit wenigen Ausnahmen Urlaub zum Stiergefecht nach Sevilla erhalten. »Laß mich an Bord, Karlos,« bat ich, »erstens fehlt mir das richtige Verständnis für Stiergefechte; zweitens hat das Ausbleiben des Heimatbriefes mich mehr mitgenommen, als ich es dir zeigte; drittens möcht' ich nicht mit euch in Sevilla herumschlemmen, sondern lieber sparsam sein, verstehst du mich, alter Karlos?« »Nein, ich verstehe dich ganz und garnicht,« brauste Fröben auf, »sag mir bloß, alter Freund, was du vom Leben hast? Ist es nicht schon jammervoll genug, daß man wahrhaftig gut thut, kleine, harmlose Zerstreuungen mitzunehmen? Dein Plan mit dem Sparen ist vollends eine Kateridee, aber natürlich, – das frühe Heiraten, – ein Seemann sollte überhaupt nicht heiraten!« »Und so weiter und so weiter,« lachte ich, – »siehst du, Karlos, ich bin zwar tief durchdrungen von deiner Weisheit, aber ich tausche doch mit keinem von euch. Und nun beeile dich, die Pinasse wartet vielleicht, der Zug aber wartet jedenfalls nicht. Morgen Abend plaudern wir weiter.« Die beurlaubten Kameraden erschienen Abschied nehmend noch einmal in meiner Kabine, Herbach radebrechte das schöne Spanisch zum Erbarmen und bot sich lachend und lärmend als Cicerone an; Hennig erklärte, er mache nur höchst ungern die Anstrengung der Reise mit und freue sich wieder auf die gemütliche Stille an Bord; Truelsen war düsterer denn je und philosophierte noch binnen drei Minuten über »Blut«, »Grausamkeit«, »Kampf ums Dasein« und »die niederen Instinkte einer sensationslüsternen Menge«. – Fröben wurde schließlich wild und erklärte, an Bord bleiben zu wollen, wenn noch länger gekohlt würde. Den Beschluß machte der kleine bescheidene Leutnant Vahl, dessen rundes Kindergesicht die Freude an den kommenden Herrlichkeiten wiederspiegelte. Gleich, nachdem die Pinasse fortgedampft war, begab ich mich an die Arbeit. Der stramme Dienst an Bord that mir gut und erwies sich wie immer als Sorgenbrecher. Doch fühlte ich je länger, desto mehr, wie mir mein Feuerkopf Karlos fehlte, an dem ich seit Jahren mit brüderlicher Liebe hing; ich vermißte auch den melancholischen Truelsen, der ein großer Philosoph und reichbegabter Mensch war, mir fehlte ferner das strahlende Gesicht und das hallende Lachen des Sanguinikers Herbach. Als die Herren am andern Abend wiederkehrten, saß ich sehr beschäftigt in meiner Kabine, gleich darauf ging die Thür auf. Ich drehte mich nicht einmal um, wußte ich doch, daß dieses frohe Lachen nur Kamerad Herbach gehören konnte und erschrak ordentlich, als ich beim Aufsehen Truelsen erkannte. »'n Abend, Marquis,« rief Truelsen laut und vergnügt. »Mensch, das war 'ne Fahrt! Donnerwetter, ist das Sevilla schön! Nicht allein die berühmte Kathedrale, Freund, mit dem gewaltigen Glockenturm »La Giralda«, – nicht allein der herrliche Alcazar, das einstige Schloß der maurischen Könige, nicht die köstlichen Gemälde, – ah – Marquis, wir sahen einen Murillo, Freund, – einen Murillo! – – Aber, was sind alle Bilder der Welt gegen das atmende, blühende Leben! Noch ist die goldene Zeit, noch sind die Tage der Rosen! Marquis, – eine Amerikanerin war da – einfach pyramidal, eine Amerikanerin, – oh, nie sah ich so etwas an Schönheit, Liebreiz, Hoheit, vollendeter Form – –« Ich stand buchstäblich zur »Bildsäule entgeistert«. »Truelsen, trinken Sie erst mal 'n Glas Wasser, man kennt Sie ja überhaupt nicht mehr,« entgegnete ich endlich, »was ist denn eigentlich mit Ihnen vorgegangen?« »Ich bin schönheitstrunken, Marquis, ich bin hingerissen, ich bin nicht mehr »ich selbst.« »Das sehe ich,« bestätigte ich trocken. »Und wo war die Amerikanerin?« »Wo sie war?« schrie Truelsen. »Überall, Freund, überall! Was kümmerten mich die Stiergefechte, was kümmern wir uns überhaupt um die barbarischen Sitten eines fremden Volkes, – o, Marquis, ich sah nur Eine, von Anfang an, nur dieses unbeschreiblich entzückende Geschöpf, drücken Sie mir die Hand, Marquis; lassen Sie uns Freunde sein. Sie sind ein redlicher, vortrefflicher Mensch, – die andern, – oh Marquis, die andern – – –!« Truelsen hatte wahrhaftig Thränen in den Augen, er schüttelte mir wild die Hand und stürzte hinaus. Ich sah ihm kopfschüttelnd nach. Da näherte sich meiner Kabine ein langsamer, schleppender Schritt. »Aha,« dachte ich, »Freund Hennig! Die Reise muß ihn höllisch mitgenommen haben, denn etwas elastischer war sein Schritt doch sonst, trotz allen Phlegmas.« »Guten Tag, Marquis,« tönte eine matte Stimme. »Herbach, Sie sind's? Ich dacht', es wär Hennig!« »Hennig?« fragte er müde. »Der ist ja ganz rabiat, mit dem war während der ganzen Zeit nichts anzufangen. Mit dem kleinen Vahl ist er beinahe in einen Zweikampf geraten.« »Hennig?« fragte ich erstaunt. »Was machen Sie mir nicht weis, der thut ja keiner Fliege was, dazu ist er ja viel zu bequem.« »Ha, Sie werden ja sehen, Marquis. Bitte geben Sie mir 'ne Zigarre und ein gutes Buch, – will ein bißchen studieren.« »Mensch,« rief ich, »wie kommen Sie mir bloß vor! Wie war denn das Stiergefecht? Ich brenne auf eure Schilderungen, und keiner von euch giebt Hals.« »Stiergefecht? Ach so! Stiergefecht! Hm! Mäßig! Aber eine Amerikanerin war da – schön! Unbeschreiblich! Kann ich nun das Buch bekommen? Ich bin müde. Verzeihen Sie. Mahlzeit!« Ich faßte nach meinem Kopf. Was konnte in aller Welt in die Leute gefahren sein, daß sie sich so verwandelt hatten? Lange Zeit blieb mir aber zum Nachdenken nicht übrig. Denn schon tönte Hennigs Stimme draußen. »Wir sprechen uns noch weiter!« und dann stürmte der Sprecher selbst herein. »Unausstehlicher Frechdachs, der Vahl!« schrie er aufgebracht. »Verzeihen Sie, Marquis, aber so was macht mich wild. Ich kann nun mal keinen Widerspruch vertragen von einem so jungen Kameraden, und dann noch in so unziemlichem Ton.« »Vahl? Unser bescheidener Jüngster?« fragte ich, aufs neue verblüfft. »Um was handelt es sich denn? Aber vor allen Dingen mal, guten Tag, Hennig, und willkommen an Bord! Na, wie war's denn, und sind Sie befriedigt von Sevilla und den Stiergefechten?« »Stiergefechte?« erwiderte er wegwerfend. »Blödsinniges Gebahren! Einfach unerhört im zwanzigsten Jahrhundert! Ein wütender, wahnsinniger Greuel. Mord und Tod! Habe mich, weil's mich anwiderte, einfach weggewendet. Und da sah ich ein Mädchen, eine Amerikanerin (heißt es ja, wenn der Kerl, der Vahl, nicht lügt), ein Engelsgeschöpf, eine Huldgestalt, eine vollendete Schönheit, – begleitet von einem recht gewöhnlich aussehenden Vater, wahrscheinlich self made man und früherer Hausknecht. Das Mädchen fiel allgemein auf, wir sahen sie in stummer Bewunderung an; bloß der Vahl drängte sich an die Leute, er hat mit ihnen gesprochen, freilich den Namen nicht verstanden, aber sich doch fürs nächste Mal als Bärenführer angeboten, – alberner, aufdringlicher Geselle!« »Ruhig, ruhig, bester Hennig, ich kenne Sie ja garnicht so,« sagte ich begütigend. »Wahrhaftig, die Amerikanerin hätte auch besser gethan, in New York zu bleiben, als Zwietracht an Bord zu tragen.« »Die Amerikanerin? Was kann die Amerikanerin dafür,« brauste Hennig auf. »Aber ich werde mit dem Kommandanten sprechen! Der Vahl darf einfach keinen Urlaub wieder bekommen, er blamiert sich und uns.« »Na, hören Sie mal,« rief ich nun auch energisch, denn mir lief die Galle über, »da muß ich aber unsern jungen Kameraden doch in Schutz nehmen. Vahl ist ein ganz besonderer Liebling von mir und ich weiß nicht –« »Gut, dann kann ich ja gehen,« unterbrach mich Hennig wütend, »ich konnte mir's ja denken, daß ich bei Ihnen kein Verständnis finden würde, adieu!« Ich sah ihm starr nach. Mir war's, als müßte die Welt untergehn. Ich wunderte mich über nichts mehr. Die Liebe war über meine Kameraden gekommen und hatte die Temperamente durcheinander gewirbelt. Was würde nun noch kommen? Wo blieb mein Karlos? Ich beschloß, nicht mehr auf ihn zu warten, sondern selbst nach ihm zu sehen. Vorher klopfte ich noch an die Kabine des Leutnants Vahl, in welcher ich Stimmen hörte. Da aber niemand »Herein« rief, klinkte ich leise auf. Leutnant Vahl drehte mir den Rücken zu und schien etwas auswendig zu lernen. Ich hörte ungefähr Folgendes: – – »so die große Wasserleitung mit ihren 410 gewaltigen Bogen, auf welchen das Wasser von Alcala de Guadaira nach Sevilla zufließt. Ein Teil dieses Bauwerkes, das hier Canos de Carmona genannt wird, stammt von Julius Cäsar her. Nochmal: Ein Teil dieses Bauwerkes, das hier Canos de Mona, – Canos de Corma, nicht doch, Cornos Cona, ach – – Teufel auch!« – »Was machen Sie denn da, Kamerad?« fragte ich. Vahl fuhr erschrocken auf. »Oh – ich, ich – ich wollte Ihnen gerade guten Abend sagen.« »So! Hm! Und das lernen Sie auswendig? Na, lassen Sie's gut sein, ich will mal schnell zu Fröben.« »Herr Oberleutnant von Fröben ist krank,« berichtete Vahl, »ich glaube es wenigstens.« Auf diese Nachricht eilte ich im Sturmschritt zu meinem Freunde. Don Carlos saß mit aufgestütztem Ellbogen vor seinem Schreibtisch, sein Kopf ruhte in den Händen. Er sah auf, als ich hereintrat und ich erblickte ein düsteres, blasses Gesicht und zwei unendlich melancholische Augen. »Um Gotteswillen, Karlos,« rief ich, »was fehlt dir, bist du krank?« »Krank?« fragte Karlos mit Grabesstimme. »Wer kann sagen, daß er gesund sei? Tragen wir nicht alle den Keim des Todes in uns?« »Kerls,« rief ich aufgebracht. »Spielt Ihr denn alle Komödie? Wollt Ihr mich uzen? Oder hat dies verdammte Sevilla euch verrückt gemacht?« »Komödie? Das ganze Leben ist eine Komödie, ein großes Trauerspiel!« »Aber erzähl' doch bloß,« bat ich, »wie geht's, wie war's, hast du dich amüsiert, wie haben dir die Stiergefechte gefallen?« »Mein lieber Marquis! Also auch du suchst auf so erbärmlichen Umwegen aus mir herauszulocken, welchen Eindruck die junge Amerikanerin auf mich gemacht hat. Ha, ha, ha (er lachte schrecklich auf), warum soll denn mein bester Freund nicht auch falsch sein wie alle anderen? Oh, unter Larven bin ich die einzig fühlende Brust!« »Larve, Larve? Na, erlaube mal, alter Karlos!« »Verzeih, Marquis, – kannst du mir verzeihen? Ach, ich bin in fürchterlicher Stimmung! Oh, ihr elenden Schiffsplanken, die ihr mich hier gefesselt haltet, während in dem sonnigen Sevilla die Schönste der Schönen – –« »Glühend den Fandango schlingt.« »Nein, nein, Marquis, es ist keine Spanierin. Es ist eine Amerikanerin, ja – ich will's dir gestehen, du treuer Freund, ich liebe sie!« – »Schön, mein alter Karlos, das thu nur, aber diese Liebe wird aussichtslos sein, fürchte ich.« – »Weshalb, Marquis? Meinst du, die freie Tochter eines freien Landes wird niemals einen gefesselten Sklaven beglücken? Du magst Recht haben. Denn Sklaven sind wir alle. Unser Beruf ist grausam, denk an dein eigen Weib und Kind. Die Thränen der jungen Mutter, das Schreien deines Säuglings –« »Na, na, so schlimm ist denn doch die Sache nicht,« unterbrach ich ihn unbehaglich, – »ich rate dir, Karlos, schlaf' du erst mal ein paar Stunden ordentlich, ich werde dir selbst 'n nassen Umschlag machen, das hilft gegen alles, auch gegen die Amerikanerin.« »Spotte nicht, Marquis, – dein Spott dringt wie ein vergifteter Pfeil in mein wundes Herz.« – * Der späte Abend fand uns beinahe vollzählig in der Offiziersmesse. Die Burgunderbowle kam zu ihrem Recht, und zwar auf Truelsens begeistertes Drängen. Herbach, der eigentliche Vater der Bowle, verhielt sich ganz teilnahmlos bei der Sache, aber plötzlich, nach dem siebenten Glas, entriß er den Schenklöffel der Hand des hocherstaunten Truelsen und rief: »Was maßen Sie sich an, mein Herr? Das ist mein Amt! Fidel will ich sein, denn ich fühle Jugend und Kraft von tausend Jünglingen in mir. Ha, Burgunder und Sekt, seid mir willkommen: Wer traurig, wird fröhlich. Wer krank, wird gesund. Verzweifelte selig Durch Sekt von Burgund! »Wo steckt Don Carlos, unser edler Infant? Er soll mitthun und die welsche Jungfrau vergessen!« »Na, Gott sei Dank, Herbach,« rief ich, »daß Sie wieder im richtigen Kurse sind, wie steht's mit Ihnen , Truelsen?« Der Angeredete sah mich traurig an. »Ich habe einen schönen Traum geträumt; jetzt – wehe – bin ich erwacht. Der Menschheit ganzer Jammer faßt mich an – –« »Gottlob,« jubelte ich. »Auch du, Brutus? Nur zu, nur weiter; Truelsen! » In vino veritas .« Ach, wäre mein Karlos hier, um sich auch wieder in den alten Krakehler zu verwandeln!« Hennig, der sehr mitschuldig an dem starken Verbrauch des Getränkes war, war schon wieder ganz der Alte. »Laßt doch den Karlos,« sagte er phlegmatisch, – » der hat das beste Teil erwählt, nur keine Überstürzung – schlafen, ruhen ist das Beste.« »Was machen Sie denn, Kamerad Vahl? Lernen Sie immer noch auswendig? Her mit dem Zettel.« »A Castilla y á León Nuevo Mundo dió Colón.« las er. »Schön! Wird ja wohl richtig sein. Was heißt es denn?« »Es ist eine Grabschrift,« murmelte Vahl. »Nanu? Wollen Sie sich denn begraben lassen? Nein, lieber Vahl – leben Sie, leben Sie glücklich – wenn's sein muß, mit der Amerikanerin – – ich – ich –« Hennig schlief ein. – Ich sah schnell einmal nach meinem Freunde Karlos. Dieser hatte sich nicht bewegen lassen, an der Bowle teilzunehmen, hatte sich aber auch nicht zu Bett gelegt, trotzdem er stark fieberte. »Den Mann hat's,« dachte ich, als ich Karlos in seiner ganzen, traurigen Verfassung sah. – – Auch der andere Tag brachte keine Änderung. »Wir haben nun zwei Melancholische an Bord,« meinte Herbach, »es ist keine Disziplin mehr unter den Temperamenten.« Truelsen schloß sich eng an Fröben an; es bedurfte meiner ganzen, angeborenen Liebenswürdigkeit, um geduldig die ellenlangen Jeremiaden der beiden anzuhören, die mich zu ihrem Vertrauten machten. Der Kommandant war sehr ärgerlich. Selbst eingefleischter Junggeselle, empörte es ihn, daß ein Weib einen seiner tüchtigsten Offiziere schier verhext hatte. Am dritten Tage erwachte ein großer Entschluß in Karlos' Brust. Er erbat sich noch einmal Urlaub nach Sevilla. »Wenn nur mein Englisch besser wäre,« stöhnte er mir vor, als ich ihn mit reichen Segenswünschen entließ. »Ach was – den Alten fragst du: »Frett you Beefsteak?« Und der Tochter giebst du einen Kuß, das werden sie schon verstehen,« versetzte ich. Der kleine Vahl wollte auch beurlaubt sein, aber sie überredeten ihn alle, vernünftig zu sein, wobei sie zart das Geheimnis von Don Carlos andeuteten. Wütend warf Vahl den schweren Band »Die Seehäfen des Weltverkehrs«, aus dem er so treulich auswendig gelernt, in die finsterste Ecke seiner Kabine, saß stundenlang brütend über einem schwarzen Plan, als sei er »Vereidigter der Hennigschen Brutanstalt« und trat dann bescheiden und zierlich wie immer vor die Kameraden. »Grüßen Sie Ihr Fräulein Braut,« flüsterte er beim Abschied Don Carlos zu. »Dieser Auftrag ist verfrüht,« gab Karlos düster zurück. * Ich war in Cadiz gewesen und kam eben mit der Pinasse wieder zurück. Sofort begab ich mich zum ersten Offizier. Dieser ließ mich aber gar nicht zum Bericht kommen. »Fröben ist aus Sevilla zurück,« unterbrach er mich, »und zwar unverlobt, und in einer Verfassung, die schon mehr an Tollwut grenzt. Ich erwarte von Ihnen, seinem Freund, daß Sie ihm energisch den Kopf zurechtsetzen.« »Mein Karlos wütet? Mein Karlos schimpft? Mein Karlos rast? Mein Karlos ist gerettet!« So jubelte ich innerlich, auf dem Wege zu meinem Freunde. Dieser empfing mich stürmisch und preßte mich an seine Brust. »Endlich ein Gesicht, endlich ein Mensch!« rief er. »Wie sie mich alle stumpfsinnig anstarren, die Anderen, und à tout prix aus mir herausholen wollen: ›Bist du verlobt? Was hat der Vater gesagt, was hat sie gesagt?‹ Du , mein alter Marquis, hast aber das Recht zu einer Frage, – – na, so frag' doch in drei Teufels Namen!!!« »Ich bin so froh, daß du wieder der alte Krakehler bist, Karlos,« sagte ich und rieb mir vor Vergnügen die Hände, »erzähl' mir also, was Du für gut hältst.« »Na, denn höre, Getreuster, aber lach' mich nicht zu fürchterlich aus! Sie ist gar keine Amerikanerin! ›Schultze‹ heißt der Vater. ›Rentier Schultze aus Rixdorf‹ und die Tochter heißt ›Auguste‹, und sie sagt ›ick‹ und ›det‹ ohne jeden englischen Accent. Und die Speisen, die Sauce, den Fisch, alles schaufelt sie aufs Messer, und dann mit 'n Wupptich: ›Rin in's Vergnügen!‹ Oh, Marquis, ich bin wahrlich gerettet, ich hab' mich schändlich vor euch blamiert!« Ich lachte unter Thränen. »Vor uns, vor uns?« erwiderte ich, »nee, Alterchen, dazu haben wir dich alle viel zu lieb.« – »Ach, wie froh bin ich, Marquis, daß wir übermorgen das schöne Andalusien verlassen! Strammer Dienst, das ist jetzt für mich die Hauptsache!« »Nun, und die Neckereien der Kameraden?« »Ich fürchte nichts mehr! Arm in Arm mit dir, so fordr' ich mein Jahrhundert in die Schranken!« Onkel Liskow machte eine lange, lange Pause. »Ist die Geschichte schon alle?« fragte Ferdi hoch aufatmend. »Schon? Na, ich meine, ich habe lange genug erzählt, und übermäßig interessant muß es auch nicht gewesen sein, da – seht mal hin.« Er zeigte auf die Geheimrätin und auf Kerlchen; beide schliefen fest. »Ich hab es schon lange gemerkt,« flüsterte Ada, »aber ich wollt dich nicht stören; oh, mein Arm ist ganz eingeschlafen, so fest liegt Kerlchen drauf.« Die Geheimrätin fuhr in die Höhe. »Köstlich, köstlich, lieber Liskow,« rief sie, sich mit durchdringendem Blick umschauend, ob auch niemand ihr Schläfchen bemerkt habe, »nun sage mir doch noch, was aus dem unglücklichen Don Carlos wurde. Heiratete er noch die Amerikanerin?« Der Kapitän sah sie verblüfft an und schüttelte den Kopf. Er beantwortete die letzte Frage nicht. »Mein alter Carlos fand einen schönen Seemannstod, er war glücklicher als ich.« Kapitän Liskow zeigte mit bitterem Lächeln auf seine verstümmelte Hand; der Geheimrat sprang auf und legte den Arm um des Freundes Schulter. »Mein alter Kamerad Liskow, wenn ich dich nicht hätte!« beteuerte er mit Wärme. In diesem Augenblicke erwachte Kerlchen. Sie blinzelte schläfrig unter den Augenlidern hervor. »Onkel Liskow, erzähl weiter,« bat es, »es schläft sich so wunderschön dabei.« »So? Du kleines Ehrliches? Ich hab aber nichts weiter zu erzählen, als daß wir treue Kameraden in alle Winde zerstreut sind. Einige sind tot, einige haben den Abschied genommen wie ich; aus dem »kleinen« Vahl ist ein »großes« Tier geworden; ich hab ihn nicht wiedergesehen. Alljährlich, das wißt Ihr, treffe ich in Kiel mit wenigen Getreuen zusammen, wir fahren nach Heikendorf hinüber und hören die Buchen rauschen und die Wellen schäumen, ein Doppelklang, den man nie vergißt, wenn man ihn einmal gehört, und dann – – dann singen wir unser altes Kieler Lied – – – – »Ich weiß es, ich kenn es,« riefen Ferdi und Ada, wie aus einem Munde, »wir wollen es alle singen! Merkt auf! Eins, zwei drei!« Die hellen Kinderstimmen setzten ein, der leise Baß des Kapitäns folgte, Herrn von Blankenburgs heller Tenor und die gut geschulte Altstimme Ernas fügten sich ein, der Geheimrat entwickelte plötzlich einen sehr klangvollen Bariton, und in der halbgeöffneten Thür standen Friedrich und Agathe, letztere von plötzlichem, heftigen Heimweh erfaßt nach ihrem geliebten, schönen, treuen Schleswig-Holstein, und so schluchzte auch sie leise, halb in ihre Schürze hinein das Lied mit, das in vollem Chor hinaus klang in das Blühen und Duften des dämmrigen Parkes: »Kiel, du Stadt in Deutschlands Norden, Sei gegrüßt mir tausendmal. Laß in brausenden Akkorden Preisen dich mit Sang und Schall! Liebe Heimat, traute Stätte, Meines Herzens Glück und Ziel! Wenn ich tausend Zungen hätte: Alle rühmten dich , mein Kiel! Deines Hafens Silberwellen, Eingerahmt von Waldesgrün, Drauf mit sanftem Segelschwellen Deine stolzen Schiffe ziehn! Ihre dunklen Masten lagen Hoch hinauf so kühn und stark. Aller Welt sie wollen sagen: Wir sind deutsch bis in das Mark! Kraftvoll deine Männer schauen. Echt Germanenblut fürwahr; Groß und schön sind deine Frauen, Blau ihr Auge, blond ihr Haar. Niemals wirst du leicht gewinnen Ihre Lippen rosenrot. Aber einmal dein in Minnen, Sind sie treu bis in den Tod. Alte Zeiten sind vergangen, Neue Zeit bricht froh herein; Du, mein Kiel, sollst allzeit prangen, Wachsen, blühen und gedeihn! Deine traute Heimaterde Sei mein letztes Wanderziel; Ob ich auch zu Asche werde Gott erhalte dich , mein Kiel!« Das Lied war verklungen, und lange Zeit blieb es völlig still in dem dämmrigen Gemache. Der Kapitän war mit seinen Gedanken weit, weit fort. Das Lied hatte ihn in die Vergangenheit versetzt, hatte ihn hinausgelockt und getragen aus der Jetztzeit, die ihm heimlich so viel trübe Stunden brachte, von denen niemand etwas ahnte. Er sah sich wieder an Bord seines geliebten Schiffes, hochaufgerichtet, gesund, ein stattlicher Offizier, die Brust erfüllt von kühnen Hoffnungen und lieben Träumen; er sah das epheuumrankte Häuschen in der Düsternbrooker Allee, »unser Hüttchen«, wie sein junges Weib es nannte, er durchlebte noch einmal all die glückseligen Stunden von einst. Und als er langsam zur Gegenwart erwachte, hob ein tiefer, schwerer Seufzer seine Brust. Ferdi streckte ihm seine Hand hin: »Ich will gern Seemann werden, wenn du es so willst, Onkel Liskow,« rief er hastig, dann schlangen sich zwei weiche Kinderarme um seinen Hals und Kerlchen flüsterte ihm ins Ohr: »Ich hab dich so lieb!!!« Brief von Frau Oberst Schlichen an Kerlchen. Mein Herzenskind! Du hast mir durch Papas Vermittlung ein so nettes Briefchen geschrieben, daß ich Euch lieben Berliner wahrhaftig alle wie leibhaftig vor mir sehe. Es ist brav von Dir, daß Du alle Deine Thaten und Unthaten so treulich beichtest, aber lieber wäre es mir freilich, wenn meine Felicitas endlich anfinge, verständig zu werden. Papa hat schon alle Hoffnung aufgegeben; er meint, Du würdest immer ein »Kerlchen« bleiben. Ist das wahr? Wie gern holte ich Dich nun selbst von Berlin ab; durch den Brief von Cousine Lölhöffel zieht sich ein leiser Seufzer, als würde sie Dich recht gern los, und zwar bald. Gott Lob, ihre Erlösung von unserem kleinen Strolch ist nahe. Meine liebe Fee, ich reise morgen in unser geliebtes Schwarzhausen, zwar noch nicht ganz gesund, aber doch so weit, daß ich mit Hilfe unserer braven Dorette schon ganz hübsche Strecken gehen kann. Außerdem giebt mir die Aussicht, Euch bald wieder zu sehen, eine ungeahnte Spannkraft. Dich wird Herr Korvettenkapitän Liskow nach Erfurt bringen, was uns eine große Beruhigung ist, hoffentlich landet Ihr ohne Fährlichkeiten in der Blumenstadt. Dort wird Dich Fräulein Kleist in Empfang nehmen, unter ihrer Obhut wirst Du Deine Koffer packen und dann nach Schwarzhausen reisen; Papa oder Erich werden Dich her geleiten, da wir Dich, so schmerzlich und verwunderlich das auch ist, immer noch nicht allein reisen lassen können. Die Miß ist noch immer so leidend, daß wir ihr Deinen Unterricht nicht anvertrauen können, sie wird aber in unserm Hause bleiben, da sie so allein in der Welt steht. Sie will mir vorlesen und mit mir spazieren gehen; ich muß ja immer jemand um mich haben, besonders da Papa so viel fort ist. Prinz Li ist jetzt mit Hauptmann von Arppe in Meran, Papa soll beim Fürsten in Amalienlust bleiben, so haben wir doch den lieben Vater in unserer Nähe. Für Dich wollen wir einen Hauslehrer nehmen, es will mir nicht in den Sinn, Dich aus dem Elternhause zu schicken, da ich selbst jetzt wieder einigermaßen wohlauf bin. Und dann, mein liebes Kind, soll auch Eins voll in seine Rechte treten: »Die Musik«. Ich weiß wohl, welch vollgerütteltes Maß der liebe Gott Dir davon in die Wiege gelegt hat; Herr Schönwolt hat mir geschrieben, daß Du heimlich auf dem verstimmten Klavier in der Pension phantasiert hast, Du selbst hast nie ein Wort davon erzählt, Papa hätte sonst wohl daran gedacht, Dir gleich geregelten Unterricht geben zu lassen. Das soll nun alles besser werden. Der Fürst hat einen Flügel aus Amalienlust in unsere Villa nach Schwarzhausen schaffen lassen, doch weiß ich nicht, ob meine armen Hände so weit sein werden, Chopin und Brahms zu spielen, die Seine Durchlaucht beide so liebt. Vor allen Dingen: Gott, schenke uns ein frohes Wiedersehn! Ich bange mich unsäglich nach meiner Felicitas. Deine treue Mama. Brief des Erbprinzen Elimar an Kerlchen. Mein kleines Kerlchen! Hoffentlich bist Du nicht böse auf Deinen alten Freund, der Dir so lange nicht geschrieben hat. Kannst Du Dir wohl vorstellen, daß aus Deinem gesunden Li mit einem Male ein ganz müder Gesell geworden ist, der, anstatt im frischen Norden strammen Dienst zu thun, sich im weichen Süden herumfahren lassen muß, um seine angegriffene Lunge zu kräftigen? Liebes Kerlchen, ich bin oft sehr ärgerlich, und dies Gethue um meine Person macht mich gar nicht liebenswürdig, der gute Herr von Arppe hat viel mit mir auszustehen. Am schönsten wäre es, wenn Du bei mir wärst und mich tüchtig ausschelten würdest, ich sehne mich nach einem kleinen, wildlockigen Mädchen, das einmal so unceremoniell »Schafskopp« zu mir sagte. Bist Du noch dasselbe Kerlchen, oder hat die Pension Dir so viel schauderhaft seinen Schliff beigebracht, daß auch Du nur eine höfische Verneigung für Deinen alten Freund übrig hättest? Allerdings, eins tröstet mich, – von Berlin ist nach Meran ein Histörchen herübergeflogen von einem Verlobungsgeschenk, das Du Fräulein Erna von Lölhöffel gebracht hast – Kerlchen, Kerlchen, Kerlchen – ich habe zum ersten Mal seit langer Zeit wieder schallend gelacht; hab Dank für dieses Lachen! Ich hab als Junge öfters mit Erna gespielt, sie war ein kleiner Teufel, der besonders dann bei ihr zum Ausbruch kam, wenn wir Kadetten sangen: »Rothaarig ist mein Schätzelein, Rothaarig wie ein Fuchs; Und Zähne hat's wie Elfenbein Und Augen wie ein Luchs.« Kerlchen, Du stehst Dich gewiß schlecht mit ihr, ists so? Auf die beiden jüngeren Kinder kann ich mich kaum besinnen, sind sie nett und lieb mit meinem Kerlchen? Ich habe tausend Fragen an Dich, und während ich schreibe, fühle ich, daß ich viel wohler bin, so wirkt Dein gesundes, stachliges, trotziges Persönchen auch in der Ferne auf mich. Und sieh, mein Kerlchen, sollte es mir einmal ganz miserabel schlecht gehen, dann kommst Du zu mir, gelt? Laß Dich dann durch nichts abhalten, bitte Deinen von mir über alles verehrten Papa um die Erlaubnis; Du brauchst weder zu Fuß herzulaufen, noch im Kälberwagen des Herrn Schlachter Krone herzukutschieren, komm Du auf die gewöhnliche Art der gewöhnlichen Reisenden, Du außergewöhnliches Kerlchen, – aber vorläufig ists noch nicht nötig. Liebes, liebes Kerlchen, ade! Tausendmal grüßt Dich Dein einsamer Li. Aus Kerlchens Tagebuch. Mir ist es so, als hätte ich komisch geträumt von Erfurt und Berlin und Kiel, wovon uns Onkel Liskow so himmlisch erzählte, – ich bin nun wieder in Schwarzhausen. Es ist doch noch tausendmal schöner als in Berlin; wenn man sich hier verirrt hat, daß man nicht mehr nach Hause findet, dann weiß man doch immer genau, wo man wohnt, man marschiert eben einfach heim. Es hat sich viel verändert hier, Dörings sind nach Erfurt versetzt (nun muß mein armes Gretchen gewiß ihr Lebtag in der Pension bleiben), und Jule hat geheiratet, gleich an der Ecke den Schuster. Ich war schon mal bei ihr, aber es war langweilig, sie haben noch keine Kinder. Meine Herzensmama ist wieder bei uns, aber sie kann nicht viel gehen, und nur ganz leise auf dem Fürstenflügel spielen. Ich kann es döller, aber ich darf es nicht, ich soll erst die Finger üben, immer mit fünf Tönen, c d e f g – oh – das soll Musik sein, es ist aber keine. Fräulein Martens heißt meine Lehrerin, aber ich nenne sie Fräulein »Marter«; es ist auch eine. Wenn ich ganz, ganz allein bin, dann lege ich beide Hände auf die Tasten, und dann kommen so volle, schöne Töne, die suche ich mir auf dem Flügel, wie ich sie so im Herzen fühle; neulich überraschte mich Fräulein Marter und fragte, wer eben gespielt hätte, da sagte ich: »Die Katze!« Sie war sehr beleidigt darüber, es soll aber niemand, niemand wissen, daß ich von alleine spielen kann. Wenn ich furchtbar traurig bin, dann nehme ich fast nur schwarze Tasten und dann singe ich ganz langsam: »Oh Papa, oh mein lieber Li, kommt doch zu euerm Kerlchen, ich sehne mich ja so schrecklich nach euch.« Aber dann nehme ich auch mal wieder weiße Tasten und spiele oben tidelitchentidelitchen und unten bumschumschum, bumschumschum, und dazu singe ich: »In den Ferien hurra, da kommt Erich her, ich freue mich schrummbummserlich sehr!« Das ist Musik! Ich wollte, es würde alles zu Musik, was man anfaßte. Ich höre immer welche, immer und überall; wenn ich eine Treppe hinuntergehe, dann meine ich, die oberste Stufe müßte das C sein und so die Tonleiter herunter und hinauf, oh, es ist zu hübsch, wenn man dann so Akkorde gehen und springen kann. Wenn doch Papa hier wäre! Ihm kann ich alles erzählen, er versteht mich so gut und ich verstehe ihn, als ob er Kerlchen wäre und ich Vater. Der hätte auch nicht so einen Radau gemacht, wie die andern alle, bloß weil Onkel Liskow und ich mit einem Tag Verspätung in Erfurt ankamen. Wenn die Eisenbahn Verspätung hat, dann sagt kein Mensch was. Onkel Liskow und ich haben uns aber nicht die Bohne draus gemacht, bloß daß er ein bißchen aufgeregt war und schwitzte. Warum halten auch die Züge nur so ein kleines Weilchen, immer wenn ich Luft schöpfen wollte und Onkel mich denn holte, fuhr der Zug weiter; aber dafür sind wir nun auch auf der Rudelsburg gewesen, sonst fährt man da immer nur vorbei. Ach, Rudelsburg und Saaleck! Ich möchte gleich wieder hin. Ich saß in einem zerbrochenen Burgfenster und hörte ganz deutlich, wie die Burgfrau auf ihrer Mandoline spielte und dazu sang, oh, so schön, und ich fragte: »Hörst du nichts, Onkel Liskow, fühlst du nichts?« Da sagte er: »Ja, es zieht hier ganz verdammt.« – In Erfurt empfing uns Fräulein Kleist, sie redete und redete immerzu, es wurde Onkel Liskow ganz schlecht, denn es war ein furchtbar heißer Tag. Ich ging in meine Bude und packte meine Sachen, aber Fräulein Kleist litt es nicht, daß Onkel Liskow mitkam; sie blieb bei ihm und redete und redete, ich kenne sie ja und weiß, wie sie es macht, aber Onkel Liskow kennt das nicht und er sprach nachher ganz so, als wenn er Fieber oder Sonnenstich hätte. Ich hörte, wie er zu sich selbst sagte: »Oh, diese alte Fregatte! Sie hat ein Leck, sie hält nicht dicht mehr! Sie muß ins Trockendock oder außer Dienst gestellt werden!« Da ging ich mit ihm ein bißchen an die frische Luft, und da wurde er wieder vernünftig. Er hielt mir eine wunderschöne Rede über »Ordre parieren« und »Maul halten«, sie war garnicht langweilig, wie sonst solche Reden immer sind; er sagte, ich sollte vernünftig sein und gehorchen, wenn Erich mich nach Schwarzhausen brächte und sollte nicht immer aussteigen, sondern still sitzen bleiben. Ich solle von jetzt ab alles als »Dienst« betrachten, und immer denken »Fahnenflucht« sei das schlimmste Verbrechen. Das habe ich auch sehr gut verstanden. Gerade, wie nun Onkel Liskow wieder nach Berlin abgereist war, kam ein Telegramm, daß Erich erst einen Tag später käme, – huh! Oh Gott, ich dachte, ich müßte sterben, wenn ich so ganz mutterseelenallein bei Fräulein Kleist bleiben müßte. Die Stubenminna und die Köchin waren sehr mitleidig, die wissen, wie Fräulein Kleist sein kann, und deshalb halfen sie mir auch. Sie trugen meine Koffer mit zwei Bräutigämmern nach dem Bahnhof und sagten mir einen genauigen Zug, ich blieb derweile zu Hause und sollte den Abschiedsbrief schreiben, aber das war furchtbar schwer, beinahe so schwer, wie in Erfurt bleiben. Aber da dachte ich an so 'ne ähnliche Geschichte von Friedrich dem Großen, der auch mal heimlich wegreiste, ohne seinem Papa was zu sagen; da hatte der alte Fritz auch nur einen Zettel geschrieben und den schrieb ich für Fräulein Kleist ab. »Verzeihen Sie meine Flucht, Gott sei mit uns beiden!« Dann rannte ich nach dem Bahnhof und kam gerade noch zur rechten Zeit, die Mädchen holten meine Fahrkarte und die Bräutigämmer gaben mir den Schein und weil doch alles »Dienst« war, wie Onkel Liskow mir eingeschärft hatte, setzte ich mich in ein »Dienstcoupé«. Gerade, wie der Zug eben losfuhr, sprang noch ein Mann herein und schrie mich sehr an, ich müßte raus. Wie ich aber rausspringen wollte, hielt er mich wieder fest und dann wurden wir sehr gut Freund; und wir erzählten uns furchtbar nette Geschichten: vom Fürsten und von Papa und Mama und Erich und von Li und Herrn Schönwolt und Fräulein Kleist und von dem Schaffner seiner Frau und seinen kleinen Kindern. Er war ein rasend netter Mann, ich bin kein einziges Mal ausgestiegen und habe auch sonst keine Dummheiten gemacht, und wie ich in Schwarzhausen raus mußte, da nannte ich ihn schon »Du«. – Auf dem Bahnhof war natürlich niemand, denn kein Mensch wußte, daß ich kam, aber in Schwarzhausen kennt mich ja Jeder; ich aß erst sehr gut bei der Bahnhofswirtin und dann ging ich nach unserer Villa. Da schrien sie alle mörderlich, wie ich so allein kam, aber ich war stolz darauf, daß mir nichts zugestoßen war; es ist ja klar, daß es nur immer an den Erwachsenen liegt, wenn man Dummheiten macht. Nun bin ich wieder stramm im Lernen drin; es macht mir auch riesig viel Spaß. Aber ehe ich Herrn Boorde zum Lehrer bekam (er ist ein alter Freund von Herrn Schönwolt), ist den Eltern noch etwas Komisches passiert. Papa schrieb aus Amalienlust, Herr von Schwartau habe ihm so sehr die Gouvernante von seinen Jungens gerühmt, die ginge jetzt ab und wir könnten sie kriegen. Sie war auch gleich abgereist und kam bei uns an, als wir eine Ausfahrt machten. Nur unser furchtbar dummer Bursche Pawlick war zu Hause. Wie wir nun ausstiegen und nach der Gouvernante fragten, sagte Pawlick: »Is sich Gouvernantrich krank, hat sich Gouvernantrich ins Bett gelegt, hab ich Gouvernantrich Grog gebracht.« Das war Muttchen garnicht Recht, ich sah es wohl, sie schüttelte so mit dem Kopf. Und dann gingen wir zu Fräulein Wackernagel rauf nach ihrem Zimmer, um zu sehen, was ihr fehlte; da roch alles nach Kümmel und Grog und im Bett lag ein Kerl mit schwarzem Bart; Mutti fiel beinahe in Ohnmacht, wir knallten schleunigst die Thür hinter uns zu, dann telegraphierten wir an Papa und er kam auch und Herr Wackernagel ging. Es muß eine sehr lustige Geschichte gewesen sein, denn Papa lachte so furchtbar arg und streichelte Mutti immer sanft und sachtchen. Aber wenn ich frag, dann krieg ich nie was Ordentliches zu hören, deshalb hab ich nur so rumgehorcht und allerlei aufgeschnappt. Es ist so ein vergnügtes Essen in Amalienlust gewesen, und da hat Papa immer von 'ner »Gouvernante« und Herr von Schwartau immer von einem »Erzieher« gesprochen; große Menschen werden eben auch oft nicht klug von einander, wenn jeder laut schreit und so ist es gekommen. Es that mir leid, daß Herr Wackernagel ging, ich trinke so gern Grog, aber Papa sagte, er wünsche nicht, daß seine einzige Tochter im »stillen Suff« unterrichtet würde. Nun ist Herr Boorde da; das ist ein Spaß, bei dem zu lernen. Er ist ein Schleswig-Holsteiner und jeden Morgen singen wir erst mal das Kieler Lied: Eins, zwei, drei: »Kiel, du Stadt in Deutschlands Norden«. Herr Boorde »s – pricht« und »s – teht«, es klingt famos. Auch so Ausdrücke hat er, wie man sie sonst nie hört. Wenn ich mal 'ne Antwort nicht weiß, dann sagt er, »Oha, oha, Junge, Junge, du weißt von Tuten un Blasen nix ab.« Da lache ich allemal so tüchtig und dann lacht er mit. Herr Boorde ist ganz närrisch vor Freude, daß ich singen kann und so viel Musik in mir habe, er giebt mir auch Stunde. Herr Boorde kann alles. Papa sagt, Herr Boorde hätte den schönsten Tenor im Leibe; dann spielt er noch Orgel so prachtvoll, daß der Pfarrer ihn immer bittet, doch in der Kirche zu spielen, er bläst auch wunderschön Geige, – hier ist ein alter Postillon Emus, der hat das silberne Ehrenhorn, auf dem spielt Herr Boorde »die Post«, ach, und Klavierspielen kann er herrlich, er ist eben ein Une – Une – schersal – verschal, schenal, schili –, nee, ich hab's wieder vergessen, was er sein soll. Es war sehr komisch, wie wir die erste Stunde hatten. Ich sollte erst ein Liedchen singen, damit er sähe, ob ich musikalisch wäre, und wie ich auf das Notenblatt gucke und lossinge, da packt er mich an und schreit: »Menschenkind, du hast ja das » absolute Tonbewußtsein !« Ich war ganz wütend und schrie immer: »Nee, nee, ich hab's nich!« und hielt ihm meine Hände hin, da sagte er: »Das wär 'ne Gottesgabe, die hätte ich inwendig.« Na, mir kann's recht sein, es thut nicht weh. Gestern war der Fürst bei uns und Tante Emerenzia, und Papa und Kammerherr von Letzlingen. Es war zuerst alles so feierlich, dann durfte ich mit bei Tisch sitzen und mußte von Berlin erzählen und that es auch ganz ausführlich. Der Fürst lachte immer so furchtbar, daß er sich die Thränen aus den Augen wischte und dann rief er immer: »Schlieden, gönnen Sie mir den Sonnenschein wirklich nicht?« Dann nahm Papa seine Hand und drückte sie doll und sah ganz merkwürdig aus. Nach Tisch ging der Fürst mit Papa und Mama und Tante Emerenzia in Papas Zimmer, da haben sie beratschlagt und kamen nicht wieder raus. Der Kaffee stand schon längst auf dem Tisch und Dorette schickte mich, damit ich ganz still horchen sollte, ob sie denn noch nicht kämen, ich sollte »diplomatsch« sein, sagte sie. Ich weiß nicht, was »diplomatsch« ist, deshalb riß ich die Thür auf und rief: »Kommt Ihr noch nicht?« Da kamen sie gleich, Tante Emerenzia und Mutti wurden aber rot und blaß, sie gingen voraus und glaubten wohl, ich käme gleich nach, aber ich wollte noch auf den Fürsten warten und stand ein wenig hinter dem Vorhang, da hörte ich noch die Worte des Fürsten: »Nein, nein, lieber Schlieden, Sie haben Recht! Dieses Naturkind soll nicht in der Hofluft ersticken – und – ich bin ein kranker Mann, ich würde sie nicht lange schützen können.« Er breitete seine Arme aus und hielt meinen lieben Papa umgefaßt, als wäre der ein kleines Kind, es sah aber so lieb und gut aus und ich wollte zu ihnen gehen, und mit umarmen, da kam aber Tante Emerenzia, die zog mich hinter dem Vorhang vor und sagte: »Schämst du dich nicht? Der Lauscher an der Wand hört seine eigene Schand, das paßt auf dich!« – Tante Emerenzia ist doch eine greuliche Person, sie haben ja garnicht über meine Schande gesprochen. Am selben Abend reiste Tante wieder ab, mir sagte sie garnicht »adiö«, es war so, als ob ich Luft wäre; aber ein paar Mal rannte sie elend gegen mich an, damit sie doch sah, daß ich keine Luft war. Wie sie weg war, nahm Papa mich vor und erklärte mir, er habe Tante Emerenzia einen Lieblingswunsch zerstört, deshalb sei sie so sonderbar; ich solle nämlich nie, nie mehr an den Hof; Papa wünsche, daß ich so ein einfaches, bürgerliches Provinzmädel bleiben sollte meiner Lebtag, nur netter müßte ich noch werden. Ich bin so glücklich darüber! Papa hat mir noch eine Menge gesagt, aber das habe ich nicht verstanden. Als der Fürst abreiste, küßte er mich, und da sah er mit einem Male so blaß aus und so krank und so traurig, daß ich weinen mußte. Ich streichelte seine Hände und tröstete ihn: »Oh, sei nicht betrübt, ich will ja auch gern deine Hofschranze werden.« Da sprang er rasch in den Wagen und Mama zog mich ins Haus und Kammerherr von Letzlingen sagte mir gar nicht adiö; mir scheint, ich passe wirklich nicht an den Hof, Papa hat ganz Recht und der Fürst wird schon wieder vergnügt werden, wenn er das eingesehen hat. * In meinen Freistunden bin ich jetzt immer in Villa Tannenruh bei Großtante Hermine; die ist einzig gut und lieb, es ist so wunderbar, daß der liebe Gott so verschiedene Tanten gemacht hat: greuliche und himmlische. Großtante Hermine ist gar nicht wie ein richtiger Mensch, sie ist nie wütend oder grob oder verdrießlich, sie hat so eine feine, sanfte Stimme, wie ein Glöckchen, und wenn sie spricht, dann klingt es, als ob jemand g-moll auf der Zither knipst. Sie soll in ihrem ganzen Leben noch niemandem die Zunge herausgestreckt haben; das klingt, als ob man es nicht glauben könnte, aber es ist doch wahr. Tantchen hat es mir selbst versichert, wie ich sie drum fragte, aber ich bat sie, sie möchte noch »Warraftchen Gott« und »auf Ehre« dazu setzen, da hab ich's auch gleich geglaubt. Sie hat ein steifes Bein und geht stets an einem Stock, es soll schon immer so gewesen sein, wie sie noch jung war; ich hab es aber früher nie so bemerkt, nur jetzt hab ich es gesehen, weil es schlimmer wird und das Bein so schwach ist, daß sie sich nicht fortbewegen kann. Wenn wir zu Tante Hermine kommen, dann muß Herr Boorde immer erst einen Choral auf Tantchens Harmonium spielen, dann sitzt sie so still dabei und sieht so süß aus, wie die heilige Cäcilie in meinem Bilderbuch, bloß viel älter. Hierauf schlägt sie einen Spruch aus der Bibel auf und liest ihn laut vor und ermahnt uns, den ganzen Tag danach zu handeln; das ist natürlich mordsschwer, es giebt aber auch entsetzlich viel Sprüche, die von »Sanftmut« handeln, aber der liebe Gott ist nicht so. Tantchen sagt, er freut sich auch, wenn man noch nicht vollkommen gut ist, sondern danach strebt . Na, ich strebe feste. Tannenruh ist der schönste Aufenthalt, den es giebt. Das Haus ist so weiß und leuchtend, der Park so groß und schön, er hat tausend gemütliche Plätzchen; Tantchen sagt, es wären im ganzen nur sechs richtige Aufenthälter darin, aber ich finde, »tausend« klingt viel besser; und dann weiß auch eine Großtante, die 70 Jahre alt ist, nicht, wie viel Kletterbäume im Garten sind und das sind doch immer die schönsten Plätzchen. Wenn Tantchen zur Ruhe gegangen ist, bleibt Mama noch bei ihr und Herr Boorde und ich sitzen dann mit dem Gärtner Hinrich Wilhelm Gripp zusammen und unterhalten uns famos. Herr Boorde und Hinrich Wilhelm »snacken Platt«, sie sind ja beide Schleswig-Holsteiner und beide aus »Sleswig an der Slei«. Ich kann schon eine Menge »Platt«, aber sie lachen immer wie doll, wenn ich anfange, – wo's garnix zu lachen giebt. Neulich, wie der Abendbrottisch gedeckt war, ist Herr Boorde beinahe vor Lachen erstickt und doch hatte ich bloß gerufen: »Gewt mi ok wat to freten un to supen!« * Papa kommt jetzt sehr oft von Amalienlust herüber und geht dann immer gleich zu Großtante Hermine. Er ist jetzt garnicht mein lustiger Herzenspapa, immer hat er so eine mächtige Falte auf der Stirn, sie wird nicht glatt, auch wenn Mutti und ich noch so sehr streicheln und küssen. Wäre ich doch nur schon groß! Sie haben fortwährend Geheimnisse vor mir; ich möchte sie so gern wissen und ihnen raten, aber sie hören regelmäßig auf mit reden, wenn ich ins Zimmer komme und »Horchen« ist so was Ekliges. Gestern hörte ich, wie Muttchen Papa fragte: »Kannst du garnichts, garnichts retten?« Und Papa antwortete: »Ich fürchte, nein! Der Mensch hat wie toll gewirtschaftet.« Ich fragte natürlich gleich: »Wer soll gerettet werden?« Und: »Wer hat gewirtschaftet?« Aber die Eltern riefen beide erschrocken: »Nichts, Kerlchen, nichts.« Deshalb möchte ich groß sein und den Eltern raten können, und alles wissen, was sie traurig macht. Großtante Hermine muß auch Sorgen haben; jedesmal, wenn ich hinkomme, ist ihr Gesichtchen ein bißchen kleiner geworden, beinahe hat sie gar keins mehr, nur noch eine Haube. Wenn Papa bei ihr gewesen ist, dann hat sie immer eine Menge Papier auf ihrem Ruhebett liegen, ich würde nicht mehr so viel rechnen, wenn ich schon aus der Schule wäre; sie sollten doch froh sein, daß sie's nicht mehr brauchen. Gestern saßen Papa und Tantchen wieder zusammen, es war beinahe dunkel im Zimmer, denn Tantchens Augen werden immer schwächer, da muß alles verhängt werden. Sie merkten es nicht, wie ich mich mit einem Bilderbuch in die Ecke setzte und ich war mucksmäuschenstill; ich wollte sie ja nicht stören, das kann Papa nicht leiden. Da schluchzte Tantchen mit einem Mal: »Also alles verloren?« Und Papa erwiderte leise: »Ja, mein armes Tantchen!« Da weinte Tantchen, es klang schrecklich traurig. Papa legte den Arm um sie und Tantchen murmelte: »Um seinetwillen hab ich euch beraubt.« Aber Papa streichelte sie und sagte, sie sollte nicht dran denken. Dann rief Tantchen plötzlich ganz laut und ängstlich: »Schlecht war er nicht, Schlieden, gewiß nicht!« »Nein, nein, Tantchen, ich glaub es schon!« »Aber, was wird aus dem Fritz?« »Fritz ist ein tapferer Junge, um den ist mir nicht bang, der schlägt sich schon durch.« »Wird er studieren können?« »Wohl schwerlich, aber er wird sein Brod gewiß finden.« * So haben sie sich unterhalten, ich hab es deutlich gehört. Ich ging nun gleich aus meiner Ecke auf sie los und fragte: »Papa, wer ist Fritz?« Papa sah mich scharf an und fragte: »Kerlchen, weißt du, daß Lauschen etwas ganz Verächtliches ist?« Da antwortete ich: »Zu Befehl, lieber Papa, aber ich hab auch nicht gelauscht, ich hörte nur aus Versehn mit Willen, was Ihr spracht.« Papa zeigte nur mit der Hand nach der Thür, und ich mußte raus gehen. So ist es immer! * Tante Hermine ist ganz zu uns übergesiedelt. Gestern kam plötzlich ein Wagen vor unsere Villa gefahren, da saß Papa drin und hob Tante Hermine heraus und trug sie in das Fremdenzimmer, das sonst der Fürst immer bekam, wenn er sich mal zurückziehen wollte. Ich wollte gleich zu ihr hinstürmen, aber Papa litt es nicht und sagte, Tantchen wäre furchtbar angegriffen, ich möchte mich still beschäftigen. Da kam auch schon Herr Boorde und fing mich ein, er hat sich einen Lasso angeschafft, weil ich manchmal so Notwendiges zu thun habe, daß ich fortlaufen muß, gerade, wenn die Stunde anfängt. Gott sei Dank, in der letzten Singstunde hatte er kein Taschentuch; er hat selten eins, denn er vergißt alles über der Musik, aber immerzu konnte er doch nicht schnüffeln, und wie er schnell auf seine Bude ging, um eins zu holen, wupptich, da war ich auch schon weg und lief nach Villa Tannenruh hinaus. Oh, und nun bin ich so unglücklich! Es sieht alles verändert aus in Tannenruh. So totenstill ist es dort, die Fenster sind mit Laden verschlossen und überall steht daran: »Zu verkaufen!« Ich wollte zu Hinrich Wilhelm Gripp laufen, aber seine Frau hielt mich an: er wäre krank, sehr krank von den vielen Aufregungen. Sie weinte schrecklich und rief immer: »Ach Kerlchen, Kerlchen, wer hätte das gedacht!« Immerzu fragte ich sie, was los wäre, aber sie heulte bloß. Da lief ich in den Park und an alle die lieben Plätzchen und kletterte wütend auf alle Bäume; ich bin zu unglücklich, daß man mir nichts sagt. Endlich ging ich nach der Stadt zurück und besuchte den Schlachter Krone. Er ist immer noch so ein Herzensfreund von mir. Es war kein Kunde im Laden und wir unterhielten uns schön, dann fragte ich: »Weshalb ist in Tannenruh alles zugeschlossen und warum soll alles verkauft werden?« Da schnitt er mir schnell ein großes Stück Servelatwurst ab und sagte: »Iß, Kerlchen, iß.« Wie ich die Wurst aufgegessen hatte, wurde ich sehr böse und lief nach Hause. Da mußte ich gleich zu Tante Hermine kommen, denn sie hatte nach mir verlangt, aber Mama befahl mir vor der Thür, ich dürfe ja nichts von Tannenruh erzählen und solle recht still und vernünftig sein. Na, das bin ich denn auch gewesen; aber man kann sich natürlich nicht schön unterhalten, wenn man vernünftig sein soll und wenn Einem grade das verboten wird, über das man so seelengern sprechen möchte. Schließlich fragte ich Tantchen, warum sie eigentlich keine Kinder hätte, und ob sie nie einen Mann gehabt hatte, da sagte sie: »Aber Kerlchen, ich bin doch ein Krüppel!« Ich guckte sie so recht dumm an, denn ein Krüppel sieht doch ganz anders aus, und das steife Bein schadet doch nicht ein bißchen; sie hat nur nie auf Bäume klettern können, aber das thun ja die wenigsten verheirateten Leute. Wie ich sie so erstaunt von allen Seiten besah, da streichelte sie mich und lehnte sich müde zurück. »Wenn du groß bist, dann erzähle ich dir mal, weshalb ich eine alte Jungfer wurde, oder ich zeige dir die alten Blätter, die ich aufgeschrieben habe. Wenn du groß bist, Kerlchen!« * Großtante Hermine ist tot!!! * Ich habe viele, viele Tage nicht in dich hineinschreiben können, liebes Buch; es war alles zu traurig bei uns; man kann nicht stillsitzen, wenn so viel Schreckliches geschieht, ich hörte immerzu Trauermusik in meinen Ohren, daß ich sie mir zuhalten mußte, aber ich weiß wohl, die Musik steckte im Herzen drin, deshalb half alles nichts. Großtante Hermine war neulich so ganz ruhig eingeschlafen, ich streichelte immer ihre Hände und hielt den Atem an, damit ich sie nicht weckte, und dann hauchte ich in ihre Hände, denn sie wurden sehr kalt, – nachher kamen Mama und Papa und – und – sie war tot, unser liebes, liebes Tantchen! Dann haben sie mich ins Bett gebracht, ich hab etwas Fieber gehabt, aber wie sie Tantchen die letzte Ehr erwiesen, da bin ich wieder auf Posten gewesen. Da hab ich auch den Fritz gesehen, von dem Tante sprach, Fritz von Rumohr heißt er und er ist ein großer Junge von achtzehn Jahren. Er ging neben Papa hinter dem Sarge her, es ist gewiß ein naher Verwandter von uns, aber ich habe nie von ihm gehört. Wie die Beerdigung vorbei war, hatte Papa mit Fritz von Rumohr eine lange Beredung im Salon, und wie sie beide wieder heraus kamen, hatte Fritz rote Augen, aber er ging ganz stolz aufgerichtet. Papa zog sich nochmal in sein Zimmer zurück und wollte dann Fritz zur Bahn bringen, deshalb wollte ich mir den großen Jungen noch einmal tüchtig besehen und stellte mich mitten in den Weg. Er guckte mich ganz durch und durch an, dann fragte er: »Du bist gewiß Kerlchen?« »Jawohl,« entgegnete ich, »und du bist Fritz von Rumohr. Sei nur nicht traurig, ich werd' schon Großtante Hermine Blumen bringen auf ihr Grab.« Er drückte mir die Hand ganz stark und fest, aber er sagte nichts und ging fort, da rief ich: »Sei nur recht tapfer!« Auf einmal drehte er sich um und sagte so wunderschön herzlich: »Ich dank dir, Kerlchen!« Dann kam Papa und brachte ihn fort nach Erfurt, dort soll er noch sein Abiturientenexamen machen. Ich lief wieder hinaus nach Tannenruh. Ich weine nicht gern, wenn es alle Menschen sehen, aber in Tannenruh war ich immer so hübsch allein, da ist solch große, mächtige Tanne, die Zweige hängen bis zur Erde und um den Stamm geht eine Bank. Die Frau von Hinrich Wilhelm behauptet, es wäre eine richtige Verlobungstanne, es ist aber nicht wahr, ich habe mich noch nie drin verlobt. Wie ich die Zweige auseinanderbog und recht aus Herzenslust losheulen wollte, da hab ich mich greulich erschrocken, denn ein Mann saß auf der Bank, ein ganz fremder. Er sah so merkwürdig aus, ganz nobel und fein, wie der Kammerherr von Letzlingen; aber nachher, wie ich mit ihm sprach, sah er wie ein Bettler aus. Er hatte so was in der Hand wie 'ne Scheere, oder wie Mamas Opernglas, es blitzte grad so, dann warf er's auf die Bank und deckte sein Taschentuch drüber. »Was wollen Sie denn hier?« fragte ich, »das ist meine Bank und meine Tanne.« »So? Ich bin furchtbar müde, ich darf mich doch ausruhen?« »Ja,« sagte ich, »aber ich wollt hier eigentlich ein bißchen heulen, weil Großtante Hermine tot ist.« »Ich weiß, ich weiß,« seufzte er, »ich hätte sie so gern noch einmal gesehen, aber hier ist ja alles verschlossen.« Ich guckte ihn erstaunt an und fragte: »Haben Sie sie denn gekannt? Sie wohnte zuletzt bei uns, ich bin Felicitas Schlieden, und das wird hier alles verkauft, denn da war ein Mensch, der hat so gewirtschaftet und es war nichts zum retten da, hat Papa gesagt und Tante Hermine ist ganz, ganz arm geworden, das hat vorhin Dorette unserm Johann erzählt.« Der fremde Mann stöhnte furchtbar auf und rang die Hände und rief immer: »Der Schlechte, oh, der Schlechte!« Aber ich sagte: »Nein, er war nicht schlecht, das hab ich von Tante Hermine selbst gehört.« Da weinte der große Mann bitterlich, und ich kann das nicht mit ansehen, deshalb lief ich schnell fort und immer weiter, bis ich zu Hause ankam; da erzählte ich meinem lieben Papa alles. Sein Gesicht wurde ganz blaß und er lief gleich fort, ohne mich mitzunehmen, und wie er von Tannenruh zurückkam, da brachte er den Herrn Bürgermeister mit und den Dr. Karsten und sie schlossen sich in Papas Zimmer ein. Muttchen ist wieder ganz krank geworden, sie weint so viel, aber mir sagt niemand etwas. Nicht mal lernen kann ich, denn Papa hat Herrn Boorde rasch zum Fürsten geschickt, der wollte soviel wissen, was hier alles passiert. * Heute endlich war ich mal auf dem Kirchhof. Papa nahm mich mit, ich wollte schon gestern hin, aber da war irgend eine andere Beerdigung, und Papa litt es nicht, daß ich mit hin lief. Tantchens Grab ist so dicht mit schönen Kränzen belegt, daß man vom Erdboden gar nichts erblicken konnte, es sah aus wie ein schöner, grüner Garten. Das wird Tantchen freuen, wenn sie da oben herunter guckt. Wie wir an der Mauer entlang gingen, war neben Minna Fehrs' Grab frisch aufgeschaufelt, da hielt Papa an und sagte: »Hier wollen wir beten,« und er nahm seinen Helm ab. Mir fiel kein andres Gebet ein, wie: »Müde bin ich, geh zur Ruh,« aber es schadete gewiß nichts. Nachher rannte ich noch geschwind zu Tante Hermines Stellchen und holte von ihren vielen Blumen ein paar Kränze für das andere Grab; es war ja so kahl, nicht ein Blümchen war darauf und der Rasen ringsum zertreten und wüst, grad wie damals bei Minna Fehrs. Mein Herzenspapa machte ein sehr, sehr ernstes Gesicht und hörte gar nicht auf mich, ich hatte ihn ein paar Mal gefragt: »Wer schläft denn da, lieber Papa?« Aus Großtante Hermine's Vermächtnis. »Sorbitten, den 1. May 1825. Der Fritz von Rumohr ist wieder da, der tolle Fritz! Ich sehe die Fahne seines Herrenhauses flattern. Still, still! Oh, daß Niemand erfahre, wie ich diesen Zeitpunkt herbeigesehnt, wie sehr ich den Fritz geliebt habe, alle die Jahre hindurch! Wenn sie es wüßten, wie sie wohl lächeln würden über Prinzessin Turandot, über die stolze Hermine! Still, still! Die Mutter trauerte, als ein Freier nach dem andern fortgeschickt wurde, der Vater schalt. Und ich hatte kein Pfand, kein Liebeswort zum Troste; der tolle Fritz war in die Fremde gegangen mit einem gleichgültigen Abschiedswort für seine Jugendgespielin. Was war ich auch damals für ein farbloses Ding, dazu herb und unliebenswürdig, und der reiche, schöne Fritz von Rumohr konnte wählen unter den reichsten und schönsten Töchtern des Landes. Den 6. May. Heute kam er zu uns; der Vater war auf den Feldern, die Mutter sah nach dem Rechten in Küche und Haus, so empfing ich ihn. Er erblaßte, als er mich sah, und war unruhig und zerstreut. Ich bezwang mein wildschlagendes Herz und antwortete ruhig und kühl. Da faßte er plötzlich meine Hand und rief: »Wie wunderschön bist du, Hermine!« Ich lachte ihn aus, da sprang er auf und eilte hinaus. Den 7. May. Im Sturme hat er mich genommen, der tolle Fritz, ich bin seine Braut. Es war kein ruhiges, schönes Werben, und die Mutter bangt um mein Glück. – Ich nicht, bei Gott, ich nicht. Ich sehe die Welt in rosafarbenem Schimmer, ich bin trunken vor Glück. Wie ist er doch so einzig und eigenartig, mein Fritz! Zu allem hat er Talent, er spielt meisterlich auf dem Spinett und auf der Geige, er zeichnet und malt weit über den Dilettanten hinaus; ich kann von alledem gar nichts. Zuerst that er mir leid, aber er rief lachend: »Du sollst nichts, als mich lieben und schön sein, Hermine.« 12. May. Fritz überschüttet mich mit Kostbarkeiten, jeden Tag bringt er mir etwas anderes mit, was er auf seinen Reisen gesammelt hat, und ich muß mich ihm einmal als Odaliske, einmal als spanische Tänzerin und einmal als Rokokodame zeigen. Dann kann er schier in Entzücken geraten und preist meine Schönheit, die mir bis dahin so gleichgültig war. Im Juli soll schon die Hochzeit sein, bis dahin giebt es tüchtig zu schaffen, denn ich soll auf Muttchens Wunsch jedes Stück meiner Aussteuer selbst nähen. 16. May. Wir bekommen eine Hausgenossin; ein Mühmchen von mir wird bei den Eltern an meiner Stelle bleiben, wenn ich meinem Fritz gefolgt bin. Zwanzig Jahr ist die kleine Paula erst alt, ein verwaistes Mündel meines Vaters, die Tochter seines besten Freundes. Sie soll engelschön sein, erklärt mein Vater, der sie im vorigen Jahre sah, als ihre Mutter beerdigt wurde. 25. May. Ja, sie ist engelschön, die kleine Paula. Seit gestern weilt sie bei uns. Von dem Augenblicke an, als sie ihr Aschenbrödelfüßchen auf das Trittbrett des Reisewagens setzte, eroberte sie unsere Herzen. Dabei ist sie keck und übermütig, ihrer Schönheit voll bewußt, sie neckt sich mit jedem im Hause, und ihr Lachen klingt wie ein silbernes Glöckchen. Nur meinen Verlobten behandelt sie kühl, ganz von oben herab, und das ärgert ihn, ich merke es wohl. Er ist gewohnt zu siegen, mein Fritz. Heute machte ich ihr ein paar Vorhaltungen, da entgegnete sie: »Weißt du, wie die Leute deinen Bräutigam nennen? Den Rattenfänger von Hameln.« Die Mägdelein so groß als klein. Sie müssen alle hinterdrein!« »Nun – ich will nicht hinterdrein laufen.« Sie lachte laut und trällerte das Schelmenlied immerfort ... »Rattenfänger«! Wie häßlich das klingt! 26. May. Es ist jetzt solch ein anregendes Leben bei uns, die Tage fliegen nur so dahin. Wir reiten viel zusammen aus, Fritz, Paula und ich, und die langen, schönen Sommerabende bleiben der Musik. Paula singt einen glockenhellen Sopran, ich begleite sie mit meiner Altstimme, und dazwischen jubelt und klagt die köstliche Amati meines Fritz. Er selbst sieht jetzt oft recht düster und verstimmt aus, ich kenne ja jeden Zug in dem lieben Gesicht. 1. Juli. Gott hat mir eine schwere Prüfung geschickt; vier Wochen liege ich nun schon auf dem Siechbett. Wir hatten einen tollkühnen Ritt unternommen; ich wollte hinter Paula nicht zurückstehen und spornte mein Pferd, damit es das Hindernis nehmen sollte. Ich achtete nicht auf den Zuruf meines Verlobten, der gleich mir wußte, daß mein »Jager« nicht springt, ich sah nur, wie seine Augen bewundernd an Paula hingen, da wurde ich trotzig. Oh, wie war die Strafe so hart! Der Arzt sagt, mein Bein sei mehrfach gebrochen, dazu hat sich eine Lähmung eingestellt, die noch nicht wieder gewichen ist. Paula pflegt mich mit aufopfernder Liebe, ihr rundes Gesichtchen ist von den vielen Nachtwachen schmal und blaß geworden. Mein Fritz leidet furchtbar. Zuerst wich er nicht von meinem Lager, und ich mußte ihn anflehen, wenigstens auf Stunden der Ruhe zu pflegen. Jetzt sehe ich erst so recht, wie er mich liebt. 8. Juli. Ein Hoffnungsstrahl! Ich nehme heilkräftige Bäder, und mir ist, als könnte ich die Füße schon etwas bewegen. Dank! Dank Dir, guter Gott! 20. Juli. Der Schimmer ist erloschen! Ich bleibe für immer gelähmt. Gott, Du bist hart! Was that ich? Fritz, ach Fritz verlaß mich nicht! Gelähmt, gelähmt! Mein Gott, ich verzweifle! Sorbitten, im November. Oh, die wilden Worte, die da oben stehen. Habe ich sie wirklich geschrieben? Wie ruhig und still ist's doch da drinnen im Herzen geworden, und so still lege ich jetzt mein Leid in diese Blätter nieder. Als ich zum ersten Mal wieder nach langer Zeit in den herbstlichen Park gefahren wurde, setzten meine Eltern mit Fritz unsern Hochzeitstag fest. Fritz war liebevoller als je, aber furchtbar ernst; nun es gab ja auch nichts zum Lachen, nichts als unsern Sonnenschein, unsere Paula. Sie war es auch, mit der ich Fritz zum ersten Male wieder scherzen hörte; wie freute ich mich darüber! Sie hatten längst den Fehdehandschuh begraben; meinem Fritz kann ja doch niemand widerstehen. Es war ein Genuß, die beiden schönen Menschenkinder zu sehen, wenn sie nebeneinander durch den Garten schritten – – – – So saß ich eines Abends im dämmrigen Park unter der großen Tanne; ihre Zweige verdeckten mich ganz, und der harzige Geruch hatte mich beinahe eingeschläfert. Vor dem Hause, ich sah's durch die Zweige, gingen Paula und Fritz im Gespräche auf und ab. Halb hinter meinem Rücken, in geringer Entfernung von mir, schnitten der alte Gärtner und seine Enkelin an den Buchsbaumhecken. »Sieh, Großvater, das schöne Paar!« »Hm! Ja! Ein schönes Paar und liebe, gute Menschen, alle Zwei.« »Ich mein' immer, Großvater, er hat die Fräulein Paula lieb.« – – »Kindskopf! Er ist ein Ehrenmann! Man heißt ihn den tollen Fritz, aber wo's aufs Manneswort ankommt« – – »Großvater, mir thut er leid!« »Was da, leid thun! Giebt er das Engelchen die Paula auf, kriegt er doch auch einen Engel wieder – das Herminchen. – –« »Ist doch ein Krüppel, Großvater.« »Ein Krüppel, ja! Das Leid muß er tragen. Und er wirds tragen, dafür ist er ein Rumohr. Freilich, wenn Fräulein Hermine ihn freigäbe, eine herrliche That wär's, eine Engelsthat, aber – – – –« * Oh, die Nacht, die auf diesen Abend folgte! Dieses Kämpfen, dieses Ringen! Oh, über das schwache Herz! Draußen sangen und lachten Burschen und Mädchen, im Dorfe war Tanz, und deutlich tönte es zu mir herüber: »Leute, sagt mir's ganz gewiß, was das für ein Lieben is? Die man liebt, die kriegt man nicht und 'ne andre will ich nicht.« Andern Tags ließ ich Fritz rufen; er war so gut, so zärtlich und machte mir mein Werk doppelt schwer. – – Als er mich verlassen, da war er frei, ganz frei, und vor mir lag eine öde, öde, glücksarme Zukunft. – – Sorbitten, im May. Mein Büchlein, ich flüchte zu dir. Ist's wirklich erst ein Jahr her, seit ich in deine Blätter schrieb: »Der Fritz ist wieder da!«? Ich bin allein im Herrenhause, sie sind alle in der Kirche, da wird mein junges Mühmchen eben dem Fritz angetraut. Wie sah sie reizend aus im Brautschleier! Sie umschlang mich mit beiden Armen, lachend und weinend zugleich, als sie Abschied nahm. »O Herminchen,« flüsterte sie mir ins Ohr, »wie bin ich glückselig, und wie war es so gut, daß du den Fritz nicht wolltest.« Ich lächelte, ja wirklich, ich konnte lächeln und konnte auch mit ruhiger Stimme zu Fritz sagen: »Glückauf, lieber Fritz, glückauf!« Dann war ich allein. – Ein Jahr später. Wie das Schicksal doch so wunderlich ist! Ich, die ich glaubte, ein armer, verlassener Krüppel zu sein, darf schöne Christenpflicht ausüben und mein Mühmchen pflegen. Mein Bein ist über alles Erwarten gut geheilt, die Lähmung gewichen, freilich einen festen Stock werd' ich nie entbehren können, aber was will das sagen, im Vergleich zu dem Leid, dem ich zuerst entgegensah? Und nun bin ich hier und darf Paula pflegen, die ihr erstes Kindchen im Arme hält. Fritzens Sohn! O du guter Gott! Zuerst meint' ich, ich müßte zusammenbrechen, als ich das süße, süße Geschöpfchen sah, – sein Kind und nicht das meine! Aber das ging vorüber! Wir Schliedens, ob Weib, ob Mann, sind allezeit tapfer gewesen. Und ich hab an der Wiege des Knaben gelobt mit heiligem Schwur, das Kind nie zu verlassen, für es zu sorgen mein ganzes Leben lang. Nach Jahren. Diese traurigen Nachrichten von Fritz und Paula! Immer Krankheit, Siechtum, Unrast. Paula ist fortwährend im Süden, der Junge, der Hans, wächst ohne Mutter auf und soll ein ungeberdiger Bursche sein. Wie gern nähme ich ihn zu mir, aber Fritz erlaubt es nicht, er ist nervös und reizbar geworden und pocht auf sein Vaterrecht, das ich ihm ja gar nicht nehmen will. Aber Hans braucht mütterliche Liebe neben der Strenge des Vaters, von der die Leute ganz unglaubliche Sachen erzählen. Mehrere Jahre später. Paula und Fritz sind tot, beide hinweggerafft von der gleichen tückischen Krankheit, und nun gehört Hans mir. Welche Verantwortung! Ich beschied ihn sofort zu mir, aber er kam nicht, der trotzige Junge. Da reiste ich hin und fand ihn mit seinem »Erzieher« rauchend, trinkend, spielend – und äußerst störrisch und verstockt. Oh, wie sieht das prächtige Gut aus! Unerhört verkommen! Herr von Trebnitz ist Vormund von Hans. Er hat mir eigentlich die Thüre gewiesen, ich kann es ruhig so auffassen, wenn er auch überaus aalglatt und höflich war – ich hätte »keine Rechte an sein Mündel«. – Gilt denn das Recht des Herzens nichts? Nach Jahren. Das Gut ist unter den Hammer gekommen, das schöne, stattliche Gut! Wieder reiste ich hin, aber ich habe Hans nicht gesprochen, er war schon wieder nach Berlin gereist. Dorthin kann ich ihm nicht folgen, er soll wild und wüst darauf los leben. Die Menschen reden so viel. Nach Jahren. Doch einmal ein Lichtstrahl! Hans hat mir einen liebevollen Brief geschrieben, er ist ganz verändert und schier gebrochen, weil er sein junges Weib verloren hat. Ich wußte gar nicht, daß er verheiratet sei; ich hatte ihn, Gott verzeih mirs, aus den Augen verloren, weil er sich nicht finden lassen wollte. Was thut's, daß Hans jetzt plötzlich diese hohe Summe von mir fordert? Ich glaub' es ihm gern, daß die Krankheit seiner Frau unermeßliche Opfer gefordert hat. Und giebt er mir nicht unendlich viel dafür wieder? Ich soll seinen kleinen Sohn aufnehmen, Fritz von Rumohr, den Enkel des Nievergessenen! Hans will auf Reisen gehn. Oh, nun ist Leben auf meinem stillen Gute, Kinderfüßchen trippeln um mich herum, was ist Fritz für ein Prachtjunge! Der schlägt nach dem Großvater, dessen Augen und Nase er hat, dazu den festen, entschlossenen Zug um den Mund. – Einige Monate später. Ich hab mich nicht lange des herzigen Knaben erfreuen dürfen, die Großmutter beansprucht ihn, Frau Heinke Tönningsen auf Haus Buchenhagen in der Marsch, in Schleswig-Holstein. Alles muß ich hergeben, was mir lieb ist, alles! Später. Hans von Rumohr braucht unendlich viel, seine Reisen verschlingen Unsummen. Ich habe mein Gut verkauft und ziehe nach Schwarzhausen, dort hab ich noch mein »Tannenruh« und die andere Villa, dort hab ich vor allen Dingen meinen braven Neffen Schlieden und seine sanfte Paula. Ernst Schlieden ist solch ein prächtiger, selbstloser Mensch, er beansprucht nichts von meinem Vermögen für sich und die Seinen, er weiß, daß alles, was ich habe, Fritzens Sohn und Enkel gehört. Von dem kleinen Fritz höre ich wenig, er besucht in Kiel das Gymnasium und soll strebsam und fleißig sein. Nach Jahren. Ich habe furchtbare Sorgen. Schlieden steht mir mit Rat und That zur Seite, auch Seine Durchlaucht der Fürst ist sehr gütig, aber sie können den Ruin nicht aufhalten, der unaufhaltsam nun über mich, die Greisin hereinbricht. Jetzt, nach all diesen langen Jahren habe ich zum ersten Male selbst Nachricht von der Frau Heinke Tönningsen erhalten, der Großmutter von Fritz. Furchtbare Nachrichten! Sie hat den Gatten ihrer Tochter und Vater ihres Enkels schon lange aus Haus und Herz verstoßen. Auch sie ist arm geworden durch ihres Schwiegersohnes Leichtsinn, aber sie hofft, ihren alten Hof wieder in die Höhe zu bringen, – sie ist eine mutige thatkräftige Frau trotz ihrer 58 Jahre und sie bittet mich, nichts mehr für Hans von Rumohr zu thun. Von ihrem Enkel Fritz erwartet sie, daß er ein Bauer wird, wie die Vorfahren seiner Mutter es waren, – ach, und zu gleicher Zeit schreibt mir der Junge, daß er für sein Leben gern studieren möchte. Aber dazu giebt die Großmutter nie ihre Einwilligung. Und ich besitze nicht mehr genug; guter Gott, die reiche Hermine ist bettelarm geworden! Und wo ist Hans? Wie wird alles enden? Barmherziger, wie anders hab ich mir das Leben geträumt, damals, damals, als ich die Fahne auf dem Herrenhause Rumohr flattern sah und jubelnd ausrief: »Der Fritz ist wieder da!« Fahnenweihe in Schwarzhausen! Es war erst fünf Uhr am Morgen, aber die Hausthüren waren schon überall aufgeschlossen und auf dem Marktplatz entwickelte sich bereits ein reges Durcheinander. Schlächter Krone war »Festausschuß«. Er ging mit sehr großen Schritten umher, um die Guirlanden zu besehen, die an den Häusern hingen und diese wieder mit den Laternenpfählen verbanden, welche den Marktplatz einfaßten. In jeder Marktplatzguirlande hing ein Kranz mit einer Citrone, was einen geradezu überwältigenden Eindruck machte, eine Stiftung der Frau Kolonialwarenhändlerin Traut. »Vor de neie Fahne is mer nischt zu viel,« hatte sie erklärt, »un ech schwör's Ihnen, Herr Festausschuß, ech will nich eene eenziche Citrone widder habn, o gongträr in Gegenteil, ech will abends de Damens uff Citronlamunade frei halte, wenn mir de Lausejungen nich vorher de Citronen runtermausen.« Herr Schlächter Krone inspizierte weiter. Er nickte durch ein offenes, niedriges Fenster der kleinen blassen Nähterin zu, die an der Nähmaschine saß und ein grell rosafarbenes Kleid der Vollendung entgegen brachte. »Nicht so fleißig sein, Fräulein Keilhau, Sie wissen doch, was Doktor Karsten sagt: Immer hübsch Pausen machen und an Ihre kranke Brust denken!« Fräulein Keilhau lächelte wehmütig. »Ich möcht schon dran denken,« entgegnete sie, ohne auch nur von der Arbeit aufzusehen, »aber Fräulein Eckardt denkt nicht dran, sie hat schon dreimal hergeschickt, ob das Kleid auch ja fertig würde, und ich muß doch immer wieder auftrennen, weil ihr nichts recht ist.« Schlachter Krone murmelte etwas, was nicht schmeichelhaft für Fräulein Eckardt war. Dann lief er, so schnell es seine behäbige Person erlaubte, nach seinem eigenen Laden und gab den Befehl, der Schneiderin, Fräulein Keilhau, zwei Pfund saftige Querrippe zur Suppe hinüberzuschicken und suchte selbst noch ein paar Markknochen dazu aus. Dann legte er aus seinem eigenen Geldbeutel eine Mark in die Ladenkasse, – seine Frau ist ja zwar »'ne Seele von 'ner Frau«, aber für solche kleine Wohlthaten, wenn die rechte Hand nicht weiß, was die linke thut, fehlt ihr das Verständnis. Wozu auch solch Aufhebens machen um 2 Pfund Querrippe, dachte der brave Meister. – – – – In der »Thüringer Edeltanne« war auch schon alles auf den Beinen. Die Holzböcke wurden in dem großen Saal zurecht gestellt und die Tannen-Bretter darüber gelegt, darauf kamen dann die »eigengemachten« Tischtücher der Frau Wirtin, – an solchen Festtagen durfte sie ihre Aussteuer recht zeigen, und wie wurde von dem weiblichen Teile Schwarzhausens darauf geachtet! Die Servietten waren wahre Riesendinger und ungeheuer schwer zu handhaben, sie wurden nur an der Quertafel aufgelegt, wo die Honoratioren saßen, die an »sowas« gewöhnt waren. »Was nutzt der Kuh Muschkate,« dachte die Wirtin verächtlich, denn beim letzten Scheibenschießen hatte der Schneidermeister Kniesel seine Serviette hochgehoben und gerufen: »Kellner, nahm Se emol das Dingerichs wech, Se glaben wohl, ich hätt kee Schnupptuch nich?« Aber andrerseits hatte die Wirtin auch ihre Freuden damals, denn die Frau Oberst Schlieden hatte sie durch einen Wink besonders herangerufen und ihr versichert: »Solches Gespinst findet man heutzutage selten,« na und die mußte es wissen. Freilich war die schwere Serviette immerwieder von dem seidenen Kleid der Frau Oberst auf die Erde gerutscht und ihr Tischherr, der Brauer Jobst, war jedesmal diensteifrig unter den Tisch gefahren, von wo er krebsrot wieder zum Vorschein kam. Diesmal hatte ihn Doktor Karsten deshalb an einen serviettenlosen Tisch bugsiert, – der Mann neigte zu Schlagflüssen. Jean, der Oberkellner, schwebte über dem Ganzen. Er rührte nicht einen Fuß, er kommandierte nur, und betrachtete die Ohren des kleinen Piccolo als Glockenzüge, an denen man beliebig reißen konnte, um die mannigfachsten Dinge herbeizuklingeln. Karline, das Aufwartmädchen hatte einen Ungeheuern Stapel Teller vor sich stehen, die sämtlich noch mal abgeputzt werden sollten; für allzu heftige Flecke stand eine »Kumme« mit warmen Wasser da. Karline war aber auch geistig thätig, sie wiederholte ein »Gedicht«, das sie abends aufsagen sollte, wenn der Kriegerverein seinen Rundgang durchs ganze Haus machte und auch in die Küche kam. »Heil euch, Ihr edelen Gestalten – Gestalten – Gestalten« – – Karline kam nicht weiter, da war auch ein Fliegenfleck auf dem Teller, der »barduh« nicht weichen wollte. »Heil euch Ihr edelen Gestalten« – schwapp – sie dachte nicht mehr an die Kumme mit dem warmen Wasser, – im Feuer patriotischer Begeisterung hatte sie sich auf andere Weise geholfen, der Fleck war fort und – »mög' Frieden egal euch umwallen«, deklamierte sie gemütsruhig weiter. Gut, daß der Herr Bürgermeister, als er am Abend den Teller bekam und mit großem Appetit Braten und Gemüse davon aß, nichts ahnte. * Die Fahnenweihe war vorüber, der Herr Pfarrer hatte schön, warm und zum Herzen gehend gesprochen. Kerlchen hatte im weißen, gestickten Kleidchen mit schwarz-weiß-roter Schärpe ihr Festgedicht schwungvoll vorgetragen, nur allzu schwungvoll, denn im Feuer der Begeisterung kippte der Tisch um, den man für das kleine Persönchen auf den Marktplatz hingestellt hatte, und Kerlchen wäre unrettbar heruntergefallen, wenn es nicht vorgezogen hätte, mit einem improvisierten »Hurra« das etwas längliche Gedicht willkürlich zu kürzen und herunterzuspringen, eine Störung, über die von den Schwarzhäusern mild lächelnd hinweggesehen wurde, sie waren Schlimmeres gewöhnt. Dann sang der Mollakkord: »Nun laßt uns gehn und treten,« was von der freudig erregten Menge buchstäblich genommen wurde, ferner: »Das ist der Tag des Herrn« und zum Schluß: »Was ist des deutschen Vaterland?« eine wohlangebrachte Frage, da in der Nähe von Schwarzhausen drei Grenzsteine von verschiedenen kleinen Staaten standen. Dann ging der »unabsehbare Riesenzug« zur Thüringer Edeltanne, es war kein Ende abzusehen, denn von den 4000 Seelen, welche Schwarzhausen zählte, war außer dem Kriegsveteranen Wiedeborn, der nicht mehr laufen konnte und seinem Urenkel Friedel der noch nicht laufen konnte, alles zur Stelle. Die Wirte von Schwarzhansen schmunzelten, denn die »Thüringer Edeltanne« konnte nicht alle fassen; so kam die »goldene Traube«, das »schwarze Roß«, der »grüne Jäger«, der »weiße Schwan«, ja selbst die untergeordneten Wirte, zur »dreck'gen Gabel« und »zum renklichen Löffel«, auch noch auf ihre Rechnung. In der »Thüringer Edeltanne« wurde zunächst mal ein Frühschoppen getrunken, an den sich der Einfachheit halber gleich das »Festessen« und – abends der »Ball« anschloß. Um 1 Uhr mittags wurde der Herr Oberst feierlich begrüßt; der Vorstand des Kriegervereins gewährte huldvollst Verzeihung, daß die Frau Oberst wegen »Familientrauer« nicht mitkam und dafür Kerlchen schickte. Kerlchen sollte deshalb auch für den »offiziellen« Teil des Programms auf dem »offiziellen« Ehrenplatz der Frau Oberst sitzen, war aber gleich beim Eintritt in den Saal von ihrem alten Todfeinde Dingelmann, in Firma Schnabel und Sohn, angerempelt worden und befand sich demgemäß in einer regelrechten Prügelei mit ihm, – weshalb es endgültig an den Kindertisch verbannt wurde. Oberst Schlieden hielt eine Kaiserrede – die war »nich von Pappe«, wie Schlachter Krone mit Begeisterung betonte, der Bürgermeister sprach auf »Seine Durchlaucht« und ein brausendes Hurra brach los, denn das Stadtoberhaupt hatte es verstanden, alle die kleinen und großen, schönen Züge im Leben des edlen Fürsten mit schlichter Natürlichkeit hervorzuheben. Dann kamen in unabsehbarer Reihe die andern Trinksprüche; der Apotheker Ganswind ließ allein »sieben« von Stapel, so daß ganz zuletzt noch ein Witzbold rief: »Die Zwei, die alle Menschen leben lassen, der liebe Gott und der Herr Apotheker Ganswind, sie leben hoch!« Um vier Uhr verabschiedeten sich der Herr Oberst, der Herr Bürgermeister, der Herr Postdirektor, der Herr Pfarrer, der Herr Hofapotheker und der Doktor Karsten, letzterer endgültig und mit vollem Fug und Recht, denn: »So 'n Mann muß nüchtern sein, wenn Unsereinen was Menschliches bassiert, dadervor is er Dokter.« Diesen Herren folgten die »Muskanten«, die sich erst etwas »verpusten« mußten, um abends 7 1/2 Uhr wieder auf Posten zu sein und den Ball würdig durch eine ellenlange »Pollnäse« einleiten zu können. Um 7 Uhr erschienen sämtliche Frauen der Krieger mit ihren Töchtern und Söhnen, die »Mächens« waren »scheene durch de Bank«, wie das starke Geschlecht anerkannte, jedenfalls waren es durchweg frische, vollwangige, liebliche Thüringer Provinzmädelgesichtchen. Auf die Gewänder war natürlich viel Zeit und Mühe verwendet worden, wenn sich auch die Wenigsten ein nagelneues Kleid angeschafft hatten, wie Fräulein Eckardt, die noch vor einer Viertelstunde der letzte »Haken uff 'n Leibe angenäht worden war«, worauf sich die totmüde Schneiderin mit einem erlösenden Seufzer ins Bett gelegt hatte. Alle andern Mädchen hatten jedenfalls Seife, Stärke und Waschblau nicht geschont und die Frau des Böttchers Hildebrand erklärte mit Stolz: »So steif und blau wie heite war meine Male noch nie.« Die Herren räumten nun rasch ihre Plätze, Der Oberkellner Jean trat wieder in seine Kommandostelle und bald war das »Hufeisen« aus dem Saale entfernt, der nun mit viel Staubaufwirblung gefegt und mit Talkum bestreut wurde. »Etze fluscht's aber,« meinte der Tanzordner zu seiner Erwählten. Allmählich erschienen auch die Musikanten wieder, einer nach dem andern und stimmten ihre Instrumente; natürlich fehlte, wie immer, die »gottheilluse Klarinette«, die noch einen von des Tannenwirts »echten« Schnäpsen genehmigte. Endlich kam auch die Klarinette, fiel aber gleich über einen schnöde daliegenden Knochen, und verstauchte sich dermaßen, daß ihr während des ganzen Abends das Ventil versagte. Nun erschienen der Herr Bürgermeister, der Herr Hofapotheker, der Herr Rechtsanwalt und der Herr Major a. D., jeder mit seiner Frau. Man wußte von dem Herrn Major nicht viel, er verhielt sich außerordentlich schweigsam über seine Laufbahn. Böswillige behaupteten, er hätte als Leutnant den Abschied genommen, ein wohlhabendes Schwarzhauser Mädchen geheiratet und dieses sei im Laufe der Jahre »auf eigne Faust« zur »Frau Majorin« avanciert, wobei ihr Gatte den Vorteil hatte, mit zu avancieren. – Die »Pollnäse« begann: Schlachter Krone eröffnete sie mit der Frau Bürgermeisterin und der endlose Zug ging durch alle Räume und Gemächer des Hauses: Schlachter Krone war unerbittlich und die Frau Wirtin konnte es ihm später nie verzeihen, daß er auch ihre »unaufgeräumten« Kammern »durchpollnäste«, anstatt sich mit der tadellosen »guten Stube« zu begnügen. In der Küche empfing Karline die Krieger und sagte ihre »Lex« so überwältigend auf, daß die Wirtin beschloß, ihr fünfundzwanzig Pfennig zum monatlichen Lohn zuzulegen; außerdem erhielt sie ein himmelblaues Band, das noch an demselben Abend »anprobiert« wurde. Nach der »Pollnäse« waren alle reichlich erschöpft, und ruhten sich bei einer »Tulpe hiesiges« aus, und während dieser Pause erschien die Frau Kanzleirätin Pfotenhauer. Sie hätte natürlich schon früher da sein können, aber sie hatte irgendwo gehört, daß »wer 'n bißchen was is«, spät kommt. Gleich beim Eintritt stieß sie auf Kerlchen, welches eben heimgeholt wurde, und in Anbetracht der blauen Flecke, die ihr Enkel Dingelmann heimgebracht hatte, nahm sie die Gelegenheit wahr, Kerlchen etliche heimliche Knüffe zu verabfolgen. Kerlchen trug aber nichts nach, sie brachte der stuhllosen Kanzleirätin sogar eine Sitzgelegenheit und erhielt vom Vorsitzenden für diese edle That ein Bonbon. Daß der Stuhl mit hellgrüner Farbe frisch angestrichen war, merkte man leider erst, als die Kanzleirätin vom Schlachter Krone zu einem sanften Großvaterwalzer »ankaschiert« wurde. Unter lautem, ungebildeten Gelächter sowohl, als auch unter verstecktem »Grienen« der schnöden Mitwelt tanzte sie dahin und es war offenbar Hohn des Schicksals, daß sie nach den bekannten anzüglichen Versen walzte: »Wenn ich ämol 'ne Farbe seh, Ne rechte scheene griene. Dorchzieht mei Herz ä stilles Weh, Dann denk ich an Bauline.« Der Ball war in vollem Gange. Die Löwen des Ballsaals, Leutnant von Wenzel und Referendar Hammer, hatten bereits ihren Damen das »Neuste« beigebracht und die Paare wurden gebührend ob ihrer »Kratzie« bewundert, und der sonst sehr begehrte, aber heute beinahe kalt gestellte zweite Provisor der Hofapotheke stand thränenden Auges an einem der vier Pfeiler. Nicht, daß er so unmännlich gewesen wäre, über seine heutige Niederlage zu weinen, – diese flößte ihm höchstens Verachtung gegen die »Frauenzimmer« ein – oh, nein, seine Augen thränten, weil er sich zur Feier des Tages für seine durchaus gesunden Sehorgane einen Klemmer geliehen hatte. Das Unbehagen, welches ihm das Glas verursachte, das noch dazu ein »kurzsichtiges« war, stand in keinem Vergleich zu dem schwachen Bewußtsein, »nach was auszusehen«. Mitten in der Festfreude wurde Leutnant von Wenzel, der Adjutant des Obersten, plötzlich abgerufen; man fand das von Seiten der sämtlichen Damen »unerhört«, und als man nach kaum einer Viertelstunde den Obersten samt seinem Adjutanten im scharfen Trabe zum Bahnhof fahren sah, war man »empört«: »Oberschtens erlaubten sich äbend alles.« * Um zehn Uhr entstand eine feierliche Pause, man hatte den Telegraphenboten ins Haus gehen sehen, man erwartete die Antwort des Fürsten auf das Telegramm, das mittags als Huldigung an Seine Durchlaucht abgegangen war. Schlachter Krone rückte krampfhaft an seiner Halsbinde, die Vorlesung dieses Telegrammes kam ihm zu; dies war für alle Teilnehmer in jedem Jahr der feierlichste, erhebendste Augenblick vom ganzen Tage. Sein loyales Herz schlug in stürmischen Schlägen, denn sein Fürst sprach zu ihm, dem Schlachtermeister Krone. Er nahm noch mit leidlicher Würde dem Boten das Telegramm ab, dann aber erbrach er es hastig mit zitternder Hand. Aber, was war das? – Wieder und wieder las er es, er wischte sich mit der Hand über die Augen, unfähig, ein Wort herauszubringen, als nur das eine: »Unmöglich, unmöglich!« Krampfhaft stützte er sich auf den Tisch, dann erschütterte ein trocknes Aufschluchzen seinen Körper. Der Bürgermeister riß das Telegramm an sich, dann richtete er sich hoch auf: »Unser allergnädigster Fürst ist soeben sanft entschlafen.« Niemand hatte dazu aufgefordert, ohne weiteres erhoben sie sich von ihren Sitzen, die einfachen Kleinstädter, die Frauen weinten leise, die Männer reichten sich stumm die Hände, einen Augenblick war es totenstill im Saal. Dann aber rannten alle durcheinander, die Frauen eilten zu ihren Männern, sie kamen sich plötzlich so schutzbedürftig vor, eine nie gekannte Erregung ging durch die Gemüter. »Liebe Mitbürger,« rief der Bürgermeister mit bebender Stimme, »wir wollen alle recht ruhig nach Hause gehen und dort still um unsern heimgegangenen Fürsten trauern.« * Schwarzhausen liegt in tiefstem Schnee; Weihnachten steht vor der Thür, der Abend des vierundzwanzigsten Dezembers ist eben angebrochen. Die Villa vom Oberst Schlieden erscheint bis in die tiefsten Winkel taghell erleuchtet, denn der Hausherr ist soeben vom sonnigen Süden in sein verschneites Heim zurückgekehrt, um das Weihnachtsfest mit seinen Lieben zu feiern. Er hat frohe Nachricht mit heimgebracht: Der junge Fürst Elimar, welchen er unter Obhut der verwitweten Fürstin-Mutter in San Remo zurückgelassen hat, hat an das Kerlchen und Erich tausend herzliche Grüße bestellen lassen und: »Es ginge ihm viel, viel besser, er hoffte sicher auf ein Wiedersehn im Frühling.« Oh, nun konnte man doch Weihnachten fröhlich feiern! Dem Kerlchen hatte der Gedanke an ihren einsamen Li fortgesetzt schwer auf der Seele gelegen und sie hatte nie so recht froh sein können. Nun aber hatte der einzig gute Vater unvermutet liebe Weihnachtsgäste mitgebracht, Fritz von Rumohr und seinen Vormund – den prächtigen Onkel Liskow. Das sollte ein Fest werden! Kerlchen hatte mit seinen ewig zappelnden Händen die wunderbarsten Arbeiten zusammen »geprünt«, wie Herr Boorde sich ausdrückte. Für den Vater aus weißer Wolle einen schwarzen Strumpf, der andere befand sich in Vorbereitung; für die Mutter etwas, das kein Mensch erklären konnte; Kerlchen selbst gab es für einen Wäschebeutel aus, aber der Oberst meinte, dieses Ding lüde förmlich zum Grübeln ein und würde seine Phantasie bis in Ewigkeit rege erhalten. Für alle Übrigen hatte Kerlchen »Seifläppchen« gestrickt, aus denen Dorette zuerst »Bouillon« gekocht hatte, aber dann, als sie aus der Wäsche erstanden, wurde ein rotes Rändchen drum gehäkelt und nun sahen sie ganz schmuck aus. Als es vom Kirchturm sechs Uhr schlug, setzte sich die Hausfrau an den herrlichen Flügel, der Oberst stand neben ihr und hatte den Arm leicht um sie gelegt, Kerlchen schmiegte sich an seine Seite. Erich hatte Fritz von Rumohr herzlich umgefaßt, er fühlte, was durch die Seele des verwaisten Jungen ging, der nie ein schönes, warmes Elternhaus gekannt hatte. Onkel Liskow war zu dem jungen Lehrer getreten, in dessen Gesicht es mächtig arbeitete. Auch er war in der Welt herumgestoßen worden, bis er in diesem Hause eine zweite Heimat gefunden hatte. Es war lange her, seit seine tote Mutter ihm am Heiligabend die Hände zum Gebet gefaltet hatte; er that heute unwillkürlich das Gleiche, während die feierlichen Klänge durch das Zimmer rauschten: »Lobe den Herrn, den mächtigen König der Ehren.« Dann stand Kerlchen wortlos vor dem reichen Geschenktisch, auf dem so unendlich viel Gaben lagen, die meistens im Auftrage des Fürsten gesendet waren. Es war zu viel für ihr anspruchsloses Empfinden, sie raffte tiefaufatmend ein Buch vom Tisch, das Onkel Liskow ihr dort hingelegt hatte, nahm noch den Teller mit Äpfeln, Nüssen und Pfefferkuchen mit sich und setzte sich unter den Tannenbaum. Kerlchen hatte keinen Hunger, als man zu Tisch ging, es vergaß alles um sich her und las und las: »Onkel Toms Hütte.« Fritz von Rumohr stand lange Zeit schweigend vor seinem reichen Tisch. Er war noch so tief traurig in seinem Innern, gerade heute brach die Erinnerung mit unbezwinglicher Gewalt durch. Aber neben der Trauer wuchs eine große Dankbarkeit in ihm auf gegen die lieben Menschen, die ihm ein so liebes, schönes, deutsches Fest bereiteten; er betrachtete mit Staunen und Freude alle die prächtigen, mit feinstem Geschmack ausgesuchten Geschenke, – sie waren nach seiner Meinung ja viel zu kostbar für ihn – am meisten freute er sich aber doch über den Seiflappen von Kerlchen. – Nach Tisch las Kerlchen immer noch, während die Großen um eine dampfende Terrine saßen, aus deren Innern verlockender Duft aufstieg, der zu einem höchst vortrefflichen Punsch gehörte. »Ah, ist das gemütlich!« rief der Oberst aus und reckte sich behaglich im weichen Sessel, »Kinder: Nord, Süd, Ost, West, to Hus is 's Best! Und nun wollen wir auch den Thüringer Kräpfeln, die unsere Dorette gebacken hat, alle Ehre anthun.« »Ja,« schmunzelte der Kapitän, »gemütlich ist's, und genau das Gegenteil hiervon ist ein Weihnachten auf hoher See. Dankt Gott daß Ihr immer die Heimat habt.« Er blickte sinnend vor sich hin. An seinem Geiste zogen die Jahre vorüber, die schönen und die schweren Stunden seines Lebens, die letzteren waren allzeit in der Mehrzahl gewesen. Vorbei! Jetzt hatte ihm das Schicksal wieder einen Sohn gegeben, er wollte sich dafür dankbar erweisen und den Fritz von Rumohr zu einem tüchtigen Manne erziehen. Er streckte dem Jüngling die Hand hin und dieser zog sie an seine Lippen. Kerlchen sprang von seinem Buch auf und legte die Arme um Kapitän Liskows Hals. »Hast du den Fritz jetzt allein lieb?« fragte es stürmisch. »Nein, du Eifersüchtiges,« lachte der Kapitän, »aber du sollst den Fritz lieb haben, denn er ist jetzt mein Junge!« Er zog die beiden jungen Menschenkinder an sein Herz. Erich sah leuchtenden Blicks auf die Gruppe. Oberst Schlieden hielt seine Gattin umschlungen, ihr Kopf ruhte an seiner Schulter. »Was wird das kommende Jahr uns bringen?« fragte er. »Mundschenk, walte deines Amtes! Wir wollen das Glas der unbekannten Zukunft weihn! Gottlob, unser alter Herrgott lebt noch.« Hell klangen die Gläser an einander. Leise brannten die Wachslichtchen herab, verlöschten knisternd und verbreiteten den lieben, weihnachtlichen Duft, den niemand vergißt, der ihn einmal geatmet. * Ende.