Die Schwanjungfrau Hochlandsbild von Maximilian Schmidt     Leipzig H. Haessel Verlag     Seiner Majestät König Ludwig II. von Bayern, dem großsinnigen Beschützer volkstümlicher Dichtung   in allertiefster Ehrfurcht und Dankbarkeit gewidmet.             I. Das Zum Dialekte: Die richtige Aussprache des Dialektes besteht hauptsächlich in der Betonung des hohen und tiefen a sowie in der Anwendung von Nasallauten. Die hohen a sind durch aa bezeichnet, die Nasallaute durch einen Accent? Außerdem ist folgendes zu bemerken:     a und an' steht statt des unbestimmten Artikels ein und einen , wobei das a ebenfalls hochtönig ist, gleichwie in da , welches statt des bestimmten Artikels der oder statt dir steht, wie ma statt mir . – aa (hochtönig) steht statt auch , au , ä und anderen Doppellauten.     Die durch Apostroph gekürzten Worte mei' , dei' , sei' , scho' , no' , ma' , na' , (mein, dein, sein, schon, noch, man, nein) sind mit einem Nasallaut auszusprechen, ähnlich wie das französische non . I hon steht statt ich habe . Alles übrige erklärt sich wohl selbst oder ist eigens angeführt. Berchtesgadenerlandl ist das an Naturschönheiten reichste Gebiet, die Perle der nördlichen Alpen; ihm gebührt unter allen Punkten der deutschen und helvetischen Alpen unbedingt der erste Preis. Man versteht 10 darunter den von der Bischofswieser-, Ramsauer- und Königssee-Ache durchrauschten, von mächtigen Gebirgen und Felswänden rings umschlossenen Thalkessel, dessen unvergleichlicher Reiz der harmonische Einklang ist, zu dem sich hier alles vereint hat. Berchtesgaden mit der ehemaligen fürstlichen Propstei und den prächtigen Spitztürmen seiner Stiftskirche selbst liegt auf schluchtigen, hügeligen Halden, deren immer wechselnde Gestaltung das Auge stets von neuem fesselt. Seine Häuser kauern malerisch auf den Höhen oder verbergen sich geschämig in den Tiefen. Die Berghänge rings um den schönen Markt sind mit saftigen Wiesen belegt und von laubfrischen Buchen- und Ahorngruppen beschattet, welche hoch hinauf die Gehänge tannendunkler Vorberge umsäumen, aus denen rauschende Bergwasser niedertosen und über welche im flimmernden Hochduft rings 11 in der Runde die imposante Bergwelt in eigenartiger Schönheit emporragt. Teils bis zum Gipfel hinauf begrünt und bewaldet, teils als schauerliche Wände mit hoch hinauf ins Wolkenreich strebenden Felsenzinken reihen sich an den sagenhaften Untersberg und das grüne Hochthal der Zill die majestätischen Gebirgsgruppen des Göll mit dem Schwarzort, Hochbrett und Jenner, dann die Funtenseetauern, die Schönfeldspitze, der Hochkalter, das Lattengebirg, die Reitalp und alle überragend wie die Tiara des Hohenpriesters, die herrlichen Hörner des Bergkönigs, des hohen Watzmanns. Wohl mochte der alte Riesenkönig oft sein schneebedecktes Haupt schütteln über das wechselvolle Schicksal des zu seinen Füßen liegenden, etwa vier Quadratmeilen umfassenden Ländchens. Oft zuckt aus dräuenden Gewittern sein strafendes Wildfeuer herab, oft verhüllt er sich mißvergnügt in das dichte Gewand der aus den Tiefen aufbrauenden Nebel, aber noch öfter lächelt er hernieder im freundlichen Lichte der ihn umkosenden Sonnenstrahlen, die ihn zum Morgen- und Abendgruße glühend umarmen, oder von den silbernen Fäden des Mondes zur riesigen Leuchte umsponnen und umflirrt von den zum Reigen versammelten Elfen der Berge. Und warum sollte er auch zürnen, der alte Riese? Sonst gaukelte um ihn häßliche Drachenbrut, und wilde Tiere durchstreiften die unwirtsame Wildnis um und unter ihm, ihr unheimliches Geschrei erfüllte die Luft und tönte von den Felsenwänden schaurig wieder, während kein erquickendes Lüftchen sich aus den schneebedeckten oder moorigen Thälern zu ihm empor zu schwingen und sein Haupt zu umkosen vermochte. 12 Jetzt ist es anders geworden. Statt dem Geheul der wilden Tiere hallt das Jauchzen fröhlicher Menschen von Thal und Bergen, tönt aus grüner Matte das Geläute der weidenden Herden und klingen im Thale die hellen Glocken zur Andacht. Die Wildnis ist ein Paradies geworden, die Zuflucht der nach Gesundheit und Erholung lechzenden Fremden; der würzige Hauch der Alpenblüten und honigduftender Gräser ist nun des Königs Weihrauch, und statt der Drachen steigen zu seinem Throne frohe Menschen, die ihn mit schönem Sang begrüßen und von seiner Hochwarte aus mit Entzücken hinausschauen in die weite Welt, mit ihren Blicken das unübersehbare Flachland umspannend und die wunderschöne Welt der Berge. Und das alles verdankt der Felsenkönig, verdanken die Menschen, die hier ihre Heimat gefunden, einem edlen Weibe, der Gräfin Irmengard von Sulzbach, kraft deren Gelöbnis im zwölften Jahrhundert (1120) in dem Wald- und Jagdgebiet Berchtesgaden von Mönchen des Klosters Rottenbuch unter Propst Eberweins Leitung ein Kloster und Dom erbaut, die Wildnis kultiviert und durch fleißige, der Holzschnitzerei kundige Ansiedler und andere Handwerker aus dem Aufenthalte der wilden Tiere und dem Schlupfwinkel der Drachen eine Stiftshütte Gottes und eine Heimat fleißiger Menschen geschaffen worden. Ein rühriges Leben begann, die Hochwälder erklangen von den Axthieben der Klosterleute und die düstere Lampe des Bergmanns flimmerte alsbald in den Stollen des unter Propst Dietrich im Jahre 1174 aufgeschlossenen, salzreichen Tuvals, auf dessen Schätzen die durch ansehnliche, ihm von Kaiser und Papst verliehene Vorrechte selbständig gemachte Fürstpropstei ihre irdische Wohlfahrt aufbaute, 13 welche so schnell zum Gedeihen und zur Blüte kam, daß selbst der nachbarliche Erzbischof von Salzburg nicht zu erhaben war für den Neid. Und der Neid brachte in das Thal des Friedens den Krieg, angefacht und geführt von Männern des Friedens, irdischen Besitzes halber, das Gesetz wendend nach dem Rechte des Stärkeren. Jahrhunderte währte der Hader, der wohl das Volk bedrückte, weniger aber die infulierten Pröpste. Ersteres verarmte in den Fesseln der Leibeigenschaft, Not und Elend machten es krank und verkommen, während die Pröpste und Stiftsherren im Überflusse schwelgten und infolge ihrer Mißwirtschaft bald gezwungen wurden, Land und Leute an Bayern zu verpfänden, das, lange über des Ländchens Selbständigkeit wachend, es endlich nach vielen Wandlungen im Jahre 1810 durch den Frieden von Schönbrunn als Eigentum erhielt. Nun begannen auch für das kleine Ländchen bessere Zeiten; das Volk wurde frei, der Preis der Arbeit erhöht, Viehzucht und Feldbau erweitert, und bald ward Berchtesgaden der Lieblingsaufenthalt seines milden, königlichen Regenten. Der alte Watzmann mußte schweigend alles mit ansehen. Wie oft mochte er da die Zeiten der Urwildnis zurückgewünscht, wie mochte ihn die Lust der Pröpste angeekelt haben, wenn er dabei die Thränen des gedrückten Völkleins sah und seine lauten Klagen hörte! Aber heute – zu Anfang der fünfziger Jahre – war es ja anders; heute hallten himmelanstrebende Juhschreie herauf, Böllerschüsse erdröhnten und die Luftwellen trugen feierliche Fanfaren heran, denn der Landesherr König Max II. zog mit seiner Familie in Berchtesgaden 14 ein, um in seinem prächtigen neuerbauten Hause Sommeraufenthalt zu nehmen. Das ganze Völklein war auf der Reichenhaller Straße den Ankommenden entgegengeeilt. Festlich geschmückte Jungfrauen brachten dem geliebten Herrscherpaare Willkommensgrüße mit Almenrausch und Edelweiß, welches oben am Watzmann gepflückt worden, der heute in wunderbar lichter Weiße zum blauen Himmel emporragte, als wollte auch er dem freundlichen Landesvater ein herzhaftes »Grüaß di Gott!« zurufen. »Juhu! Juhu!« jauchzte das Volk, und der Fürst wie seine Familie fühlten sich hier daheim in ihrem lieben Berchtesgaden. Stille war es inzwischen auf den anderen Straßen, besonders auf jener, welche von Salzburg durch das schmale Thal der Alpe zwischen den roten Wänden und Niederungen des Unterberges und den Ausläufern des hohen Göll zu dem heute festlich geschmückten Orte herführte. Nur ein einziger Wanderer kam rüstigen Schrittes von dort her. Staunend blickte er auf zu den hohen Bergriesen und frohen Herzens jubelte er hinauf und erfreute sich an dem schönen Echo seiner Lieder. Er mochte etwa vierundzwanzig Jahre zählen und war nach Jägerart gekleidet, das heißt, er trug einen grünen, mit Spielhahnstoß geschmückten Hut, eine graue Joppe und Beinkleider von der gleichen Farbe, welche in die hohen Wadenstiefel gesteckt waren. Er trug einen alten Rucksack, der vollgepfropft aussah, aber nichts anderes enthielt, als seine Wäsche; um die Schulter hing sein in einem alten Futteral aus Juchtenleder wohlverwahrtes Gewehr. Er war kräftig gewachsen und aus seinem 15 hübschen, etwas dunkelfarbigen Gesichte blickten zwei dunkle, große Augen, ein kleines, schwarzes Schnurrbärtchen bedeckte seine Oberlippe, und üppiges Haar wallte unter dem Hute hervor. In der Hand trug er einen festen Stock, dessen gebogener oberer Teil mit einer schönen Schnitzerei versehen war, einen Jäger mit einem Schwane darstellend. Aus der äußeren Seitentasche seiner Joppe ragte ein kleines, aus Gamskrückl gefertigtes Tabakspfeifchen hervor und im Knopfloche hatte er einen mit Perlen gestickten Tabaksbeutel mit einem hölzernen Stopfer hängen, welch letzterer gleichfalls eine Schnitzarbeit zeigte, eine schöne Jungfrau in langem Kleide, mit wallendem langem Haar und mit von Almenrausch und Edelweiß bekränzter Stirne. Der junge Mann trug seinen ganzen Reichtum mit sich. Und er war reich durch sein heiteres Gemüt; mochten auch in der alten Börse nur noch wenige Groschen vorhanden sein, das konnte sein Herz nicht bedrücken angesichts der unendlichen Herrlichkeit dieser schönen Welt, welche sich ihm hier aufthat. Wo die Straße eine Biegung macht und das Thal der lustig daher rauschenden Ache sich erweitert, wo zum erstenmal das schöne Berchtesgadenerlandl sich den erstaunten Blicken zeigt, da hielt er Rast unter einer riesigen Esche, da jauchzte er, überwältigt von der sich ihm darbietenden Pracht. Doch während freudige Juhus sich aus seiner Brust lösten, fielen auch Thränen aus seinen Augen, eine tiefe Rührung bemächtigte sich seiner – es war ja die Heimat seiner guten Mutter, die ihn so sehr entzückte, seiner Mutter, die bis zu ihrem Tode ein ungestilltes Heimweh hatte nach dem schönen Berglande und dem Sohne 16 nichts anderes hinterlassen konnte, als den Rat, dorthin zu ziehen, wo sie so glücklich gewesen und wo auch er sein Glück finden würde. Seine Mutter war die Tochter eines Berchtesgadener Jägers und zog nach dem Tode ihrer Eltern als das Weib eines braven Jägers ins Unterland, an die Donau, wohin dieser von seinem bisherigen Standpunkt Bartlmä aus versetzt ward. Das Glück ihrer Ehe konnte die Sehnsucht nach der verlassenen Heimat nie ganz verwischen. Das Alpenblümchen kann im Flachlande nicht gedeihen, und so fühlte auch Frau Perlacher sich nirgends heimisch, so reizend auch die Gegend war, in welcher sie ihr Familienglück aufbaute. Am fernen Horizonte tauchten bei hellem Wetter die Spitzen des Watzmanns auf, und nach diesem fernen Riesengebirge blickte sie dann oft mit unendlicher Wehmut. In solchen Stunden zeigte sie dann ihrem Söhnchen Berchtold den heimatlichen Berg und dieses mußte mit seinen kleinen Händchen den fern herblickenden Gipfel begrüßen. Von diesem Berge, von diesem Ländchen erzählte sie dem wißbegierigen Kinde, und die Sagen und Lieder dieses Berglandes waren es, mit denen sie den zur Ruhe gelegten Knaben einschläferte und in süße Träume wiegte. Kurz vor ihren Tode blickte sie noch hinein zu den in seltener Klarheit leuchtenden Spitzen des Watzmanns. »Durt ziag hin,« sagte sie zu dem kleinen Sohne, »wennst amal groß bist – grüß mir die Berg und den See vom lieben Berchtesgaden, durt wird mei' Geist dir nah sein, durt find'st dei' Glück!« Und sie schloß die treuen Augen auf immerdar. – Berchtolds Vater erzog seinen Knaben zum edlen 17 Waidwerke. Er hatte später die Försterei eines adeligen Gutsbesitzers übernommen und hoffte, einst diese Stelle seinem Sohne überlassen zu können. Da mußte der kräftig herangewachsene junge Mann zum Militär, bald darauf starb sein Vater, und da auch das Gut in andere Hände überging, wurde des jungen Jägers Hoffnung, seinem Vater im Amte folgen zu können, zu nichte. Nach dreijähriger Dienstzeit beim Militär ward er ständig beurlaubt, aber auch brotlos. Nirgends konnte er eine Unterkunft als Jäger finden und als er schon verzagen wollte, kam ihm plötzlich die Prophezeiung seiner guten Mutter in den Sinn, von weiter Ferne leuchteten ihm die Hörner des Watzmanns zu und dorthin setzte er nun seinen Wanderstab. Er nahm den Weg über Salzburg; von dort kam er heute her. In Schellenberg nahm er seinen Morgenimbiß zu sich und traf hier mit einem bei seiner Kompagnie gestandenen jungen Burschen, Namens Peter Graf, zusammen. Sie waren sich während ihrer gemeinschaftlichen Dienstzeit nicht besonders hold. Beide waren die besten Scheibenschützen, aber Berchtold eroberte zum Verdrusse des Kameraden stets den ersten Preis. Auch galten beide für die stärksten Männer der Kompagnie und bei hin und wieder ausgeführten Ringkämpfen war es meistens wieder Berchtold, der den anderen besiegte. Oft kam es da zwischen beiden zu wirklichen Ringkämpfen, in denen Peter immer zu Boden geworfen wurde. Das versöhnende Gemüt des Siegers brachte aber stets wieder das gespannte Verhältnis und die Eifersucht zum leidlichen Auskommen. Heute traf er diesen Widerpartner im Gasthause zu Schellenberg. Sie begrüßten sich als Freunde und tranken über dem unerwarteten Wiedersehen in den Bergen wohl 18 mehr als Berchtold gewohnt war und seine Börse vertragen konnte. Peter, in etwas defekter Berchtesgadener Kleidung, mit Spitzhut, Joppe und Kniehösln, erzählte dem Kameraden, daß er sich durch Edelweißbrocken ernähre, daß er aber nebenbei noch anderen Verdienst habe, an dem er den ehemaligen Kompagniekameraden wollte Anteil nehmen lassen. Er sagte ihm aber nicht, was das für ein Verdienst sei. »Heunt Nacht,« sagte er, »kimmst zu der Schenk im greana Baam, durt find'st mi – durt kriegn ma a Gerstl!« Und als Berchtold verwundert fragen wollte, auf welche Art und Weise, war der Grafenpeter durch die Küchenthüre verschwunden. Zur Hauptthüre aber traten zwei Gendarmen ein. Berchtold machte sich jetzt ebenfalls auf den Weiterweg und die fortwährend neuen Eindrücke, hervorgerufen durch die stets wechselnde Scenerie der zu beiden Seiten des Weges befindlichen Bergabhänge, ließen dem jungen Mann nicht Zeit, über das unerwartete Zusammentreffen und die große Zutraulichkeit des einstigen Kompagniekameraden nachzudenken. Sein Entzücken erreichte den Höhepunkt, als er jetzt an dem Platze angelangt war, wo sich all die Herrlichkeit des schönen Berchtesgadenerlandes vor ihm aufthat. Wie erwähnt, bemächtigte sich seiner zugleich eine tiefe Rührung, als er den nun ganz nahe vor ihm stehenden Watzmann, den sonst nur von den weit entfernten Vorbergen des bayrischen Waldes begrüßten Bergkönig, erblickte und ihm die Grüße seiner längst verstorbenen Mutter überbrachte. Und es ward ihm eigentümlich zu Mute; er glaubte sich 19 wieder gegrüßt von all den Bergen rings umher, auf denen so oft der Mutter Auge geruht, zu denen sie sicher auch emporgestiegen in den frohen Tagen ihrer Jugend. Rechts von der Straße zweigt hier ein schmaler Weg nach der sogenannten Gern ab, von welcher ein geschwätziges Bergwasser herabeilt. Eine riesige Esche breitet ihre schattenreichen Äste über die Straße und eine an ihrem Stamme angebrachte hölzerne Bank ladet den Wanderer zur Ruhe ein. Hier ließ sich auch Berchtold nieder. Er wollte all die Eindrücke, die so verschiedenartig sein Gemüt bewegten, vorübergehen lassen, ehe er zum schön gelegenen Markte emporstieg. Vor seinem Geiste tauchten all die Sagen und Märchen auf, welche ihm seine Mutter von ihrer Heimat erzählt, aber er konnte sich nur mehr unklar derselben entsinnen. Daß ein wilder König, Namens Watzmann, samt einer Frau und sieben Kindern in Stein verwandelt worden, und daß der große und kleine Watzmann nebst seinen sieben Felsenzinken der Sage nach diese Königsfamilie sein soll; daß die Arche Noahs an der obersten Spitze Halt gemacht hat und noch heute einige Trümmer jener Arche dort oben sichtbar sind, dies und anderes fiel dem jungen Manne wohl ein, vergebens aber besann er sich auf das Märchen von der Schwanjungfrau in dem zu Füßen des Watzmanns liegenden, felsumschlossenen See. Und doch erzählte ihm gerade davon die Mutter am liebsten. Es war die Jungfrau, welche sein halbverbrannter Pfeifenstopfer vorstellte, den er jetzt zur Hand nahm, während er sich alle Mühe gab, die Sage wieder in sein 20 Gedächtnis zurückzurufen. Er hatte den Kopf an die Esche gelehnt, er schloß die Augen und dachte und dachte. Sei es nun infolge des in Schellenberg genossenen Weines und der Ermüdung, sei es infolge der gerade jetzt ihm besonders fühlbaren Hitze der hoch am Himmel stehenden Julisonne – der junge Mann verfiel in einen festen Schlaf und das geschnitzte Bildnis in seiner Hand verfloß in seine Träume, in schöne Träume, denn er lächelte und öffnete nur widerstrebend die Augen, da er ganz in der Nähe einen Gesang hörte. Aber er rührte sich nicht von der Stelle, denn vorüber huschte im weißen, wallenden Gewande, die goldenen Locken geschmückt mit Almenrausch und Edelweiß, eine blaue Schärpe um die Schulter, eine herrliche Jungfrau – die Schwanjungfrau. Sie sah ihn einen Moment freundlich lächelnd an und nickte mit dem Kopfe, wobei aus den Locken ein Zweiglein Almenrausch zur Erde fiel. Dann entschwand sie seinen Blicken auf dem Wege in die Gern. Berchtold schloß die Augen wieder, um den Traum fort zu träumen, und sein tiefes Atmen bezeugte, daß ihm das auch gelungen. Aber es währte nicht mehr lange. Plötzlich erwachte er und sein erster Blick fiel auf ein häßliches, dicht neben ihm sitzendes Weib. War es ein Kobold, eine Hexe? Berchtold sprang erschrocken auf. »Wohl bekomm's! G'segn's Gott!« rief die Alte lachend und dabei gähnend, »hast mi schier selm zum Duseln ang'steckt. Ja, ja, 's is hoaß heunt!« Die so Sprechende hatte ein schwarzes Tuch um ihren Kopf gewunden, den gestrickten braunen, mit breiten roten und grünen Streifen umfaßten Berchtesgadener Spenzer und einen grünen, verschossenen Rock an. Sie trug dazu 21 blaue Strümpfe und Pantoffel. Ihr Gesicht glich ganz dem einer Zigeunerin, nur hatte sie an der rechten Seite des Halses einen riesigen Auswuchs, eine sogenannte Schilddrüse, die ihr weit über die Schulter herabhing. Sie rauchte aus einer ziemlich langen, ganz gewöhnlichen Tabakspfeife, daß der Qualm in dichten Wolken sie umgab. Neben ihr lag eine Strickerei mit langen, hölzernen Nadeln, ein angefangener Spenzer, wie sie selbst einen solchen trug, und daneben stand eine Flasche mit einem dunklen Inhalt. Berchtold, noch halb von seinem Traume befangen, sah mit eigentümlichen Blicken nach dieser rätselhaften Erscheinung. Sein erster Gedanke war, dieses hexenartige Weib möchte etwa die Schwanjungfrau in neckischer Verwandlung sein. Ganz gewiß hatte er die schöne Jungfrau selbst vorüberwallen sehen – er konnte das nicht geträumt haben – dort ging sie hin, die Stirne geschmückt mit Alpenrosen und – dort lag am Boden das herabgefallene, rote Sträußchen, es kam von ihr. – Berchtold eilte hinzu und hob die Blüte auf; es war ihm ganz sonderbar zu Mute. Als er den Blick jetzt wieder zu der Alten wandte, sah er sich von dieser lächelnd angestarrt. »Moanst nit, du traamst?« fragte sie ihn und trank aus ihrer Flasche. »Da trink, damit'st wieder nüchtern wirst. Wollt wetten, du bist z'viel einkehrt und hast dernthalbn da einduselt. Trink, sag i, und spreiz di nit lang – da kriagst glei wieder liachte Augn, wie's a rechta Jagasbua braucht.« Berchtold schämte sich über sein Erschrecken. Er wollte 22 den ersten Trunk, der ihm in der neuen Heimat gereicht wurde, nicht verschmähen. Vielleicht, dachte er lächelnd, ist es nur eine Probe, und wenn er getrunken, verwandelt sich die Hexe in das schönste Traumbild. So denkend, griff er nach der ihm dargereichten, langhalsigen Flasche und setzte dieselbe, nachdem er ihren Rand unwillkürlich mit seinem Ärmel abgewischt, an seinen Mund. »G'segn's Gott!« sagte die Alte lächelnd und Berchtold that einen herzhaften Schluck. »Pfui Teufl!« schrie er und spie den Saft mit einem schauerlichen »brrr!« heraus. »Ja was is denn dös für a Hexentrank?« »Was?« rief die Alte, die Flasche an sich reißend. »An' Hexentrank nennst die Raritätsessenz? Dös is a Nagerlmet, den i mir selm ansetz – aus lauter rasse Nagerl. Bua, dös is scharf, dös wirmt di, dös is besser, wie'r Enzian oder gar der Plempl von an' Bier. Du bist 'n halt nit g'wöhnt.« »Na'!« erwiderte der nun wieder völlig frisch gewordene Jäger; »bewahr Gott, daß i so was gwöhna muaß! Wie nur a leibhaftiger Mensch, no' dazua a Wei', so was awibringa kann!« »Ja no', der Hunger treibt Bratwürst awi und der Durst an' Schampani; wennst aber nix anders hast, aft is der Nagerlmet aa nit schlecht. Sunst hon i 'n nur als Medizin g'macht für d' Kinderkranketen, zumal für d' Blattern, denn woaßt, i bin diermal a Fretterin (Arzneipfuscherin), aber mit der Zeit hon i dös guate Saftl selm liabn gwöhnt. Hackara!« fuhr sie jetzt plötzlich auf, »wennst nix hast sunst und dennast koa' Wasser trinkn willst, was 23 thuast denn nacha nit alles! I halt 'n für guat und daß er mir schmeckt, is d' Hauptsach. Ebba nit?« »Ja, ja,« meinte der Jäger, »'s is halt Gwohnheit. Därf Enk vielleicht a Pfeifen Tabak gebn aus mein' Beutel?« »Dös därfst scho',« entgegnete barsch das Weib; »is mir eh der meinige ausganga. Was hast denn für an' Pfifferling?« »An' Spezial!« antwortete Berchtold lachend. »I verhoff, daß er besser is, als dei' Knaster, den d' grad g'raucht hast. Der riecht verdächti.« »Mir scheint, du bist a bsunderer, weil's d' nix an mir achtst. Wo kimmst denn her? Bist zum Förster her versetzt worn, weilst dei' Bix in an' solchen Fuatteral tragst? Wenn iatzt a Hirschel über 'n Weg springet, wie wolltst d'es denn machen?« »Laufa ließ i 's. I hon koa' Recht zum Schiaßn da, i suach mir erst a Stell, i hoff, i kriag oane, nacha trag i mei' Bix scho' frei.« Die Alte hatte sich inzwischen ihre Pfeife gestopft und mit einem Schwamm, welchen sie mittels Stahl und Feuerstein glühend gemacht, angezündet. Sie schmauchte einigemale sehr behaglich. »Is nit schlecht!« sagte sie, »aber der mei' is mir liawa – leih wir den Stopfer a weng – höllsaxendi – dös is ja gar d' Schwanjungfer vom Königssee. No' ja, die hat si scho' schön verbrennt bei dir!« »A Frag!« sagte Berchtold. »Seids Ös scho' lang neben wir gsessn? Habts nit gsehgn, daß a weiße Frau vorbei is, grad so, wie die und – dös Almasträußl – 24 wie kann dös daher komma sein? Wißts nix! Sagts mir's, i bitt Enk.« »D' Schwanjungfrau willst gsehgn habn? Bua, dös waar a Glück – da versäums ja nit und geh außi zum Königssee, wer woaß? Kunnt ja sein! Aber i moan halt allwei, du hast traamt. Gsehgn hon i nix, wier i donna kemma bin, als di – ja nomal, a großmächtiger, weißer Vogel is mir über'n Kopf g'flog'n, gegn d' Schönau und 'n See zua – ausgsehgn hat er, wier a Gans!« »Ja, ja, i hon halt traamt,« sagte Berchtold lachend. »Aber möchts mir nit weiters erzähln, was 's mit der Schwanjungfrau für a Bewandtnis hat?« »Da muaßt di an den Stopferschnitzler wenden – glei durt obn hat er sei' Hütten in der Gern, siehgst ja eh 's Dachl – der alt' Weyerzisk woaß all's, er schnitzelts ja allweil und da kannst dir nacha glei an' andern Stopfer kaafa; den kannst mir schenka.« »Dös kann i nit,« entgegnete der Jäger, »es is a Angedenken von mein' verstorbna Vatan.« »Ja, ja, nacha halt'n in Ehrn!« fiel die Frau schnell ein, »alles muaß ma' in Ehrn haltn, was von die Eltern kimmt; 's is gar so schön, wennst sagn und denkn kannst, 's giebt ebban, der dei' Sach amal acht, und waar's no' so g'ring!« »Kennts Ös so was nit denkn?« fragte der Jäger, der schon längst wieder auf der Bank neben der Alten Platz genommen. »I?« fragte die Alte und lachte dann hell auf. »Wer wird denn von der Rappelleni oder der Rappelgräfin so a Gmüat verlanga, von der kropfigen, rappelköpfigen Hex!« 25 »A Gräfin? Seids Ös a Gräfin?« fragte der Jäger verwundert. »Ja, no', d' Leut hanseln mi mit dem Nama, wenns aa wissen, daß 's mir anamal an' Stich ins Herz giebt. Aber was fragen d' Leut nach an' altn Wei! Mei' rechter Nam' is Magdalene Graf und ganz von Rechts wegen sollt' i Schweiger hoaß'n. So hat mei' Bua ghoaßn, wier i no' a saubers Deandl gwen bin. 'n Schweiger sei' Ödl und Vata is Knapp' gwen in der Salin', und wie's von alters her bei uns eing'führt war, hat der Sohn 's Handwerk von sein Vatan, und koa' anders ausübn därfen. Aber halt mei' Schweiger hat die Arbet im Bergwerk nit votragn, der Schnaufer is eam ausganga, d' Aderlaß hat nix gholfa und so hat er's denn mit ara andern Arbet versuacht. 's Gadlmachen (Schachtelmachen) hat 'n gfreut und weil er koa' Berechtigung dazua kriegt hat, hat er an' Selbsterer (Arbeiter auf eigne Faust) gmacht und da hat 'n unser geistliche Obrigkeit wegn Gwerbsbeeinträchtigung gstraft und schikaniert. An an' Konsens zum Heiraten war nit z'denken und so is er ausgwandert auf Münka außi und hat beim alten Kurfürsten (Karl Theodor), der die Berchtesgadener hat guat leiden kinna, a Konzession kriegt zum Gadlmacha und d' Erlaubnis zum Heiraten. No ja, da hon i nit lang gfragt und bin ohne Erlaubnis von seiner fürstlichen Gnaden – denn woaßt, ohne die hat koa' Berchtesgadener auswandern oder si außer Lands verheiratn dürfen – auf und davon auf Münka. I bin mit 'n Schweiger kopliert worn und halt so recht glückli ham ma glebt. A Deandl hat uns unser Herrgott gschenkt und nix is uns abganga, nix als die Berg, als unser Berchtesgadnerlandl. 's Hoamweh is 's 26 gwen, Not und Elend in der alten Hoamet ham ma bald vergessen und an nix denkt, als daß 's halt in die Berg so gar viel schö'!« »Grad wie bei meiner Muata',« unterbrach sie der Jäger, »und die is über dem Hoamweh gstorbn.« »Uns aber hat's verdorbn!« fuhr die Alte fort. »Da ham ma uns 1798 durch a Schriftstuck von unserm Fürstpropst schrecka lassen, d' Hauptsach is aber dengerst d' Sehnsucht nach der Hoamat gwen. In dem Schriftstuck hat's ghoaßn, i woaß 's no' auswendi, daß alle bisher ohne herrschaftlichen Konsens außer Landes befindlichen Unterthanen, wo sie sich aufhalten mögen, zurückkehren sollen, um die durch ihr verbotenes Austreten »verworchene« Landeshuld gegen vorbehaltene Bestrafung auszuwirken und zu fernerem Gehorsam sich einzustellen, widrigenfalls sie als leibeigene Unterthanen auf Erfragen hereinberufen und den Reichskonstitutionen gemäß vindiziert, auf Betreten aber gegen sie als treulose Verräter des Vaterlandes mit Konfiszierung Hab und Gutes, Versendung auf Galeeren, auch nach Gestalt der Sache noch schärfere Leibesstrafe verfahren werden solle Landesstatuten der gefürsteten Propstei Berchtesgaden. Oberbayr. Archiv. . Auf dös Schriftstuck auffi hon in mein' Schweiger dahin bracht, daß er mit mir z'ruck is in d' Hoamat. I hon ghofft und vertraut auf die Huld und Gnad von unserm geistlichen Landesfürsten, aber da hon i mi schön gschnidn. Mit der Geign ham's mein Mo' gstraft und mit ara schwern Geldstraf, daß all unser Hab und Guat drauf ganga is, mir haben's 'n Maulkorb anglegt und mi' an d' Schandsäuln gschlagn, unser Heirat ham's für 27 ungilti erklärt und ham mi von mein' Mann mit Gwalt trennt Die Folterwerkzeuge, sowie ein Richtschwert, dann die als Hoheitssymbole den Fürstpröpsten vorgetragenen Scepter und Schwert wurden 1865 in das bayr. Nationalmuseum zu München abgeliefert. . Mei' Deandl ham's a ledigs Kind ghoaßn, 's Grafenkind ham's sie's gspöttelt. Mein' Mo' ham's wieder ins Bergwerk gsteckt und i hon gstrickt und gstrickt aaf Hallein ummi in d' Fabriken. Der meinige Mo' hat's nit lang damacht und is gstorbn, grad wie's aa mit 'n letztn Fürstbischof Joh. Konr. Freiherr von Schroffenberg. Er war zugleich Bischof zu Freysing und Regensburg und starb den 4. April 1803. von unserm Landl seiner Herrlichkeit aus is worn. Da is d' Hetz anganga in unsern Landl. Bal is 's salzburgerisch, bal boarisch, glei drauf österreichisch und aftn wieder welsch worn, wie's der Toskaner Ferdinand kriegt hat. Anno fünf, z' Weihnachten, i denk's no' guat, hat uns 's Christkindl auf amal wieder österreichisch gmacht und uns 'n Kaiser Franzl zum Herrn gebn. Mei liawe Zeit, der hat's guat gmoant mit uns; d' Leibeigenschaft hat er aufghobn, wir san aus die Hund Menschen worn, aber halt mei' Schweiger hat's nimmer dalebt. Krieg über Krieg, Not und Elend is über 's Landl kommen, der Hunger und 's hitzi Fiaber ham regiert, mei' ganze Froandschaft is elendi z' Grund ganga, i hon 's alloa' damacht, i und mei' »ledige« Tochter. Endli san ma anno zehni guat boarisch worn. Dös war a Jubel, wie der Vater Max 's erstemal zu uns einakemma is! I hon aa Vivat g'schrien, denn i hon 's best ghofft, daß iatzt mei' Deandl wieder ehrli wird. Aber da san a fünf, a sechs Jahr im Krieg dahin ganga, und eh die Sach entschieden, is mei' Deandl g'storbn, im Kindsbett g'storbn und d' Leut 28 ham glacht und ham gsagt: »Iatz is halt wieder a Grafenkind mehr aus der Welt.« A Jaga hat ihr's antho', hat ihr z'erst d' Heirat versprocha, aftn hat er's sitzn lassn, hat a andere gnumma und is weit furt. Wohl hat er ehrli mir a Geld eingschickt, bis er vor a etli Jahr g'storbn is. I alloa' woaß aa sein' Nam, den nit amal sei' Suhn woaß, der Peter. So hon i mi dahingfrett mei' ganz's Lebn lang und wenn i oft rappelköpfi worn bin über mei' Gschick – no', hon i koa Ursach dazua? I hon 'n Peter christli auferzogn, kann i was dafür, daß er a halbeter Loder worn is? Hat 'n der Spott von die Leut nit selber dazua gmacht? 's Grafenkind hams 'n als kloaner gschimpft und später aftn 'n Grafen Peter. No', da spielt er halt aa diemal 'n Grafen im Wirtshaus und auf die Berg. I hon koa' Gwalt mehr über eam, aber büaßen muaß i alles, was er thuat. Höllsaxendi! dös wird mir schon bal z'wider! Da möcht i oft scho' alles zsammschlagn und nix gfreut mi mehr auf der Welt! Nit amal d' Lustbarkeit hon i heunt anschaugn mögn, wie 's 'n Küni empfanga ham – mir schneid't a iade Freud ins Herz. Ja, ja, es geht nix über aa' braven Suhn, der si um sei' Muatta annimmt. Der Peter hat koan solchen Geist!« »Der Peter Graf?« fragte Berchtold überrascht, »dersel, der z' München beim Militär war?« »Kennst'n?« fragte die Alte dagegen. »So lang er beim Militär war, is 's ja recht gwen, aber sitta, daß er wieder zruck is, is der Tuifi in eam gfahrn – a Loder is 's, a Trinka und Spieler, a nixnutziger!« Nun war es Berchtold klar, zu welchem Zwecke ihn Peter für heute Nacht in die Schenke bestellt – ganz gewiß zu keinem guten. Und dessen Großmutter war es, 29 die ihn unbewußt jetzt vor ihm warnte. Er errötete. Schon das Zusammenkneipen mit diesem Burschen in Schellenberg konnte ihm Schaden bringen und wenn man ihn jetzt wieder mit dessen Großmutter beisammen sähe, könnte das nicht mißdeutet werden? Rasch stand er auf. »Liawe Frau,« sagte er, »pfüat Gott iatz – i hon lang gnua grast't.« »Wo gehst denn hin?« fragte die Alte, der es gar nicht recht war, daß sie der hübsche Bursche schon verlassen wollte. »Ge, laß mi mitgehn, es passiert wir gar so selten, goar niemals sag, daß i mit an' braven Menschen a Unterhaltung hon – laß mi mitgehn, du steuerst ja 'n Markt zua.« Berchtold blickte nach der vom Markte herabführenden Straße, auf welcher sich mehrere Leute näherten. »Aha!« rief die Alte, ebenfalls hinblickend, »kemma d' Leut zruck vom Einzug. Da waar eh koa' Ruah mehr aaf mein' Leibplatzl. Am Weg kannst mir aftn dazähln, wo du herkimmst und was d' suachst.« »'s Glück suach i,« entgegnete Berchtold. »Da folg i glei Enkern Rat und birsch mi aaffi zum Schnitzler.« »Ah so! z' wegn der Schwanjungfrau? Du Schliffl, du! No ja, du bist schon aaf der rechten Fährt! Möchts dir gehn, wier 'n Jaga Berchtold –« »Der Jaga Berchtold bin i ja selm!« sagte der Bursche lachend. Die Alte erschrak. »Was? Am End gar da Berchtold, da wilde Jaga?« fragte die Alte entsetzt. »Wie's moants!« gab der Bursche lachend zurück, 30 nicht ahnend, daß hierum der wilde Jäger »Bartold« oder »Berchtold« genannt und allenthalben noch sehr gefürchtet wird. »Gott steh mir bei und alle Heilin!« rief jetzt die Alte und eilte, so rasch sie es vermochte und sich mehrmals bekreuzend, von dannen. Der Jäger sah ihr kopfschüttelnd nach. »D' Leut ham recht,« sagte er für sich, »dera rappelts nit weng!« Dann aber schlug er den Weg nach der Gern ein, den Weg, auf welchem die Schwanjungfrau entschwunden. War's auch nur geträumt – kommt doch auch das Glück oft im Traume. Die Rappelgräfin oder Rappelleni eilte dem Markte zu. Sie teilte den Vorübergehenden mit, daß der wilde Jäger in der Nähe sei; aber man lachte sie nur aus. Berchtolds Gedanken aber waren bei dem reizenden Traumgebilde, denn er träumte noch wachend von der Schwanjungfrau. 31 II. Das kleine Haus des Schnitzers stand in etwas erhöhter Lage in der von einem frischen Bergwässerlein durchströmten Gern. Es war, wie alle Wohngebäude hierorts, aus Holzbalken zusammengezimmert und hatte ein flaches, steinbeschwertes Legschindeldach, einen unteren und oberen »Gaden« (Wohnungsräume), zu welchen man über eine Freitreppe von außen gelangte. Eine Galerie oder »Laagn« zog sich um den ersten Stock. Durch einen dunklen Flötz gelangt man zur Wohnstube, in welcher der große, grüne, rings mit Bänken umgebene Kachelofen weit vorspringt. Der hölzerne Plafond ist schwarz angestrichen, die Wände ringsum mit Lehm beworfen und geweißt. Gleichwie um den Ofen zieht sich eine Bank rings an der Wand herum. In der vorderen Ecke steht der große, spiegelblank gescheuerte Tisch. Ein prächtig geschnitztes, altersschwarzes Kruzifix hängt oben in der Ecke, nebenan stehen zu beiden Seiten auf kleinen Postamenten Maria und Joseph. Zunächst der Thüre, welche in die Schlafkammer führt, hängt eine altertümliche Uhr und an dem mit Blumenstöcken bestellten Fenster steht der Werktisch mit der Drechslereinrichtung, während die nahen Wände mit den zur Schnitzarbeit und Drechseln 32 nötigen Werkzeugen, als Messern, Meißeln, Sticheln u. s. w., behangen sind. Durch die kleinen Fenster streift der Blick über eine Tannengruppe hinweg zum Watzmann und Hochkalter. Ein heiterer Frieden liegt über dem ganzen Hause, und diesen Frieden, den andere in Reichtum und Ruhe oft umsonst zu finden hoffen, schufen hier Genügsamkeit und Arbeit. Diese beiden Tugenden gereichen den Berchtesgadenern wohl ebenso zur Zierde wie ihrem Landl die unvergleichliche Schönheit der Natur. Die in acht Bezirken, sogenannten »Gnodschaften« zerstreut lebenden Berchtesgadener sind Älpler, Holzknechte, Holzschnitzer oder Bergknappen. Der bescheidene Landbau an den Hängen gewährt nur spärlichen Ertrag. Die einzelnen Gütchen, Lehen genannt, sind so klein, daß keines derselben für sich allein den Unterhalt einer Familie sichern würde, weshalb die meisten Handwerker, Bauern und Taglöhner zugleich auch Schnitzarbeiter sind, deren Material in Holz, in Knochen und Elfenbein besteht. Alle die kleinen Kunstwerke, womit die Kinder in Europa spielen und die auch in andere Weltteile verführt werden, sind im Berchtesgadener Lande verfertigt. Plumpe Bauernhände fertigen Werke, deren feine Ausarbeitung jeden Kunstdrechsler beschämt. Das Kunsthandwerk ist hier vorwiegend Hausindustrie und beschäftigt gewöhnlich die ganze Familie. Ahorn, Linde, Zirbelkiefer, Fichte, Tanne, Lärche, Apfel-, Birn- und Nußbaum, sowie der Wachholder liefern das Material, welches gemäß ererbten Rechtes gegen unbedeutende Gilten (etwa 30 Pfennig per Stamm) aus der königlichen Salinenwaldung abgegeben wird. 33 Die ältere Einteilung der Kunstholzhandwerker hat sich gewohnheitsmäßig bis auf den heutigen Tag erhalten. Da giebt es große und kleine Schachtelmacher (»Gadlmacher«), Trücherl-, Rößel-, Löffel-, Herrgotts- und Soldatenschnitzer, Pfeifen-, Pipen- und Trompetendreher, Rechen- und Holzschuhmacher \&c., neben welchen konzessionierten Meistern noch sogenannte »Fretter«, jetzt auf »eigene Faust«, arbeiten. Man ist im ungewissen, ob man mehr über die Billigkeit dieser Waren oder über die Geschwindigkeit staunen soll, mit welcher sie verfertigt werden. Diese Fertigkeit verdanken sie meist dem Umstande, daß jeder Arbeiter sein Leben lang nur ein und denselben Gegenstand arbeitet. Der Herrgottschnitzer macht ewig nur seinen Herrgott, ein anderer nur Posthörnln oder Tanzdocken, oder Trommler mit Schlegel u. s. w. Dies hat aber auch seine Gefahren, denn wenn das spielende Kindervolk draußen in der Welt launisch plötzlich einen Artikel verwirft, so verursacht das zu Berchtesgaden großen Jammer, Angst und Not, denn der arme Schnitzler muß dann oft im hohen Alter alles vergessen, was er erlernt und Zeit seines Lebens geübt hat, muß sich auf ein ganz neues Spielzeug einüben und so das Schnitzen wieder von vorne beginnen. Diese Sitte des lebenslänglichen Einerlei ist nicht willkürlich, sie entstand aus dem hier herrschenden Kastenzwang. Jedem Handwerker ist nämlich die Art seiner Ware seit Jahrhunderten vorgeschrieben. Er darf nicht Artikel verfertigen, welche anderen zur Beschäftigung und zum Broterwerb eingeräumt sind und sollte ihn auch Neigung und Gewinn noch so sehr dazu einladen. In Berchtesgaden folgt der Sohn immer seinem Vater im Handwerk; der Drechsler kann nur einen Drechsler, der Schnitzer 34 nur einen Schnitzer, der Schachtelmacher nur einen Schachtelmacher erzeugen, und der Vater ist auch der Meister des Sohnes. Dadurch wurden jene Zwistigkeiten verhindert, welche Neid und Eifersucht unter Arbeitern gleichen Faches zu erregen pflegen, aber auch die Kunst zum Handwerk herabgewürdigt, denn nur durch die Konkurrenz wird Nacheiferung bewirkt und ohne diese schlummert der Trieb nach Vervollkommnung. Der Sohn macht alles dem Vater nach, übt nur die Hand und nie den Geist. Und doch giebt es Arbeiter, welche sich weit über die Linie der Mittelmäßigkeit erhoben, ja selbst zu Künstlern aufgeschwungen haben; alle aber teilen sie das allgemeine Los der Dürftigkeit. Die schöne Göttin mit dem Füllhorn hat wohl die Gegend, aber nicht die armen Bewohner mit ihren Gaben bedacht. Ob nun diese Armut der Arbeiter auf Rechnung der Habsucht und Härte zurückzuführen ist, womit die Verleger denselben ihre Waren mehr abdrücken, als abkaufen, ob sie in dem kleinen Umfange der Gründe (ein Lehen mit 8–10 Morgen heißt schon groß; die meisten haben nur 4–6 und noch weniger), in dem rauhen Klima und der Undankbarkeit des Bodens, vielleicht auch in der vernachlässigten Kultivierung ihrer Gründe zu suchen ist, darüber wurde schon viel geschrieben, am richtigsten aber dürfte die Annahme sein, daß die angeführten Punkte alle zusammen das ihrige redlich zu jener traurigen Erscheinung beitragen. So knüpfen sich an die Weihnachtsfreuden unserer Kindertage der Schweiß und die Sorge des armen Arbeiters, und wir ahnen es im glücklichen Jubel nicht. Seit durch die Gewerbefreiheit der ausgebildete 35 Kastenzwang beseitigt und durch Errichtung der Industrieschule bessere Bildung erzielt worden, blüht die Holzindustrie in Berchtesgaden in einer Weise, daß sie sowohl in technischer Vollendung, wie im Preise, die Konkurrenz der Schweizer Arbeiter zu überflügeln vermag. Zu Beginn unserer Erzählung, Anfang der fünfziger Jahre aber war dieses Arbeitervölklein trotz aller Anstrengung der edlen Landesfürsten noch in großer Dürftigkeit, doch es kannte, wie gesagt, auch jene Genügsamkeit, welche ihm die Lust und Freude an der schönen Bergheimat nicht zu verkümmern vermochte. Die früher blaßgelben, abgehärmten Gesichter verschwanden allmählich und machten einem durchschnittlich wohlgebildeten, etwas mehr romanischen, als germanischen Gepräge Platz. Der Berchtesgadener ist zuverlässig, gutmütig, munter, aber auch selbstbewußt und nicht geneigt, sich etwas zu vergeben. Die gewinnende Ehrlichkeit und Offenherzigkeit seines bescheidenen, ruhigen und doch sicheren und selbstbewußten Benehmens macht einen ebenso vorteilhaften Eindruck wie die kleidsame Bergtracht, welche seine meist kräftigen Glieder umhüllt. Trotz des oben erwähnten Kastenzwanges in Fabrikation der Ware erwuchs doch in Mitte des Landes, das den Mechanismus seit Jahrhunderten bewahrt, ein Künstler, würdig eines schönern Himmels und eines glücklicheren Zeitalters. Es war Franziskus Weyer, genannt der Weyerzisk, derselbe, dessen Wohnung wir beschrieben und dessen Thüre sich der junge Jäger Berchtold näherte. Weyerzisk war ein kleines, altes Männlein. Sein hagerer Körper war in eine rupfene Pfoad (Hemd), eine alte blaue Jacke und eben solche Zwilchhose gekleidet. Ein 36 Fuß war nackt und man sah ihm an, daß ihn nur selten ein Schuh bedeckte; der andere Fuß war in alte Leinwandflecke gewickelt. Ein Marmorblock war ihm darauf gefallen und hatte ihn schwer verletzt. Er konnte nur mit aller Vorsicht auf demselben auftreten und selbst dann noch verursachte es ihm große Schmerzen. Der etwas große Kopf des kleinen Männchens stand zu dem schmächtigen Körper in keinem Verhältnis. Aber dieser Kopf mußte jedem einen gewissen Respekt einflößen. Unter einer breiten, gewölbten Stirne lagen ein Paar dunkle, ausdrucksvolle Augen, sein glattrasiertes Gesicht hatte einen ungemein sanften Ausdruck, das kahle, nur rückwärts mit länglichem weißen Haar bedeckte Haupt trug er infolge eines kleinen Auswuchses an der rechten Seite des Halses etwas nach links geneigt, dabei war das Kinn nach vorn geschoben, so daß das ganze geistvolle Gesicht stets etwas nach aufwärts gerichtet war. Weyerzisk gehörte zu den Feinschnitzern. Sein Hauptverdienst bestand in früheren Zeiten in der Fertigung von Pfeifenstopfern, welche am oberen Teile kleine Figürchen, meistens Jäger, Gebirgsdeandln, Gemsen und andere auf das Gebirgsleben bezügliche Gegenstände darstellten. Sein Urödl und Ödl, sowie sein Vater hatten gleichfalls diese Figuren geschnitzt, und der Sohn schnitzte sie wieder, seit er das Schnitzmesser zum erstenmal in die Hand genommen. Aber Weyerzisk ließ es dabei nicht bewenden, er arbeitete noch anderes, er war ein verschämter Künstler. Er wußte den Meißel zu führen. Da er aber nicht zum »Handwerke der Bildhauer« gehörte, so wagte er es nicht, um eine »Konzession« hierzu nachzusuchen, und durch diese Verschämtheit, deren Grund jedenfalls in den beengenden 37 Verhältnissen jener Zeit zu suchen ist, ging für Berchtesgaden vielleicht ein Thorwaldsen, ein Michel Angelo verloren. Der Mann, welcher, sobald dich sein Talent durch den Anblick jener idealen Meisterwerke in Italien, oder auch nur in München, erhöht und veredelt haben würde, Ruhm und Reichtum erwerben mußte, zehrte in Berchtesgaden am Hungertuche, bis sich am Abende seines Lebens dessen Verhältnisse im Gegensatze zu den früheren glänzend gestalteten. Der alte Schnitzer war längst Witwer und hatte eine Tochter, ein bildsauberes Deandl. Gleich ihrer Mutter diente sie dem Schnitzer zum Modell bei Anfertigung der Schwanjungfrau. Das prächtige, lange Haar, die ebenmäßigen Züge hatten sich von der Mutter auf die Tochter vererbt und als diese einen Holzschläger, Grillersepp mit Namen, geheiratet, auch auf deren Zwillingstöchter, deren Geburt der jungen Frau das Leben kostete. Der Grillersepp nahm bei der Holzarbeit die Stelle eines Meisterknechts ein und hatte einen ziemlich guten Erwerb. Doch mußte er die meiste Zeit des Jahres auf der Holzstube und bei der Arbeit zubringen und so blieb ihm nichts anderes übrig, als seine mutterlosen Kinder dem Ödl, dem Weyerzisk, zur Erziehung zu überlassen, und der Alte unterzog sich diesem Geschäfte mit aller Hingebung. Ein armes Weib, welches ihm das Hauswesen führte, unterstützte ihn dabei. Der Grillersepp ließ an Sonn- und Feiertagen, an welchen er regelmäßig seine Kinder aufsuchte, so viel von seinem verdienten Gelde zurück, daß der alte Ödl in dieser Beziehung keine Sorge zu haben brauchte und es bemächtigte sich des Alten beim Anblick des Gedeihens seiner beiden 38 Enkelinnen ein so freudiges Gefühl, wie es früher bei den drückenden Lebens- und Arbeitsverhältnissen niemals über ihn gekommen. Regerl und Sabina hießen die Zwillingsschwestern; sie krabbelten rechts und links zu seinen Füßen, während er seine Pfeifenstopfer schnitzte, und ihr Lächeln, ihr Gekose machte ihm das alte Herz vor Freude hüpfen. Stundenlang konnte er mit ihnen plaudern, konnte ihnen kleine Lieder singen lehren, Liebe zu Gott und der Herrlichkeit der Welt erwecken, bis die sich sehr ähnlich sehenden Kinder in die Schule mußten, worauf sie dann den des Lesens unkundigen Großvater ihrerseits in der Fibel zu unterrichten strebten und es auch so weit brachten, daß er seinen Namen lesen und schreiben konnte. In diese Zeit nun fällt der Aufschwung des alten Schnitzers vom Handwerke zur Kunst. Die Liebe hatte sein Herz, seinen Geist erhoben, der Anblick der schönen, engelgleichen Enkelinnen zauberte ihm stets das Bild seines Weibes, seiner Tochter vor Augen und er ließ sich einen weißen Marmorblock in seine Werkstatt wälzen und meißelte dort nur nach einer flüchtigen Bleistiftskizze die Schwanjungfrau mit dem Gesichte seiner verstorbenen Tochter, deren getreue Züge sich in den beiden Enkelinnen Regerl und Sabina wiederspiegelten. Die Statue war in Lebensgröße. Üppige Haare wallten über die Schultern hinab; ein leichtes Gewand, welches die schönen Formen des Körpers wohl ahnen ließ, war mit Meisterschaft dem weißen Marmor entmeißelt. Das Bild hatte Leben. Lebendig blickten die schönen Augen, lebendig gestalteten sich die Züge zu einem anmutigen Lächeln. Der aus Almenrausch und Edelweiß 39 gewundene Zweig in den Haaren schien zu zittern beim leisen Windeshauch; nichts fehlte, als die Farbe, um die Statue für lebendig zu halten. Der alte Schnitzer nannte dieses Bildnis »die Schwanjungfrau« und mit innerer Befriedigung blickte er stets nach diesem Kunstwerke, aus welchem ihn die eigene Liebe anmutete, mit welcher er es geschaffen, denn es liegt ein eigener Zauber in dem Blicke, mit dem ein Künstler sein der Vollendung nahe gerücktes Bild betrachtet. Der Genius lächelt aus ihm und ist kindlich froh. So vergingen ihm die Jahre. Die Enkelinnen wuchsen heran; sie blühten wie Almenrausch im Morgentau, die Fülle ihrer blonden Haare, die prächtigen blauen Augen, das feingeschnittene Gesicht, die Lust des Lebens auf demselben und der frohe Gesang von ihren Lippen – der alte Schnitzer wußte wohl, wie reich ihn dies alles machte. Der Grillersepp hatte sich inzwischen zum Rottmeister aufgeschwungen und wollte sich nun selbst wieder ein Heim gründen. Er forderte deshalb die beiden Zwillingsschwestern zu sich nach Hause. Aber da gab es einen langen und heftigen Kampf, dessen Friedenspräliminarien zu dem Resultate führten, daß eines der Mädchen zum Vater gehen, das andere aber beim Ödl verbleiben sollte. Regerl traf dies letztere Los; Sabina aber ging mit dem Vater, der die Holzarbeit an der Königsbachklause übernommen und führte ihm in einem kleinen Häuschen zu Königssee-Dorf die Wirtschaft. Regerl dagegen wurde die treue Pflegerin des alternden Großvaters. Dieser hatte als Nebenbeschäftigung und um der geliebten Enkelin einmal ein Andenken zu hinterlassen, eine Büste aus weißem Marmor gefertigt, 40 welche den ehrwürdigen Greis selbst darstellte. Seinen Augen und seinen Lippen war so viel Sanftes und seinem ganzen Gesichte so viel Ausdruck gegeben, daß man die Büste nicht ohne Rührung betrachten konnte. Da, als er noch die letzte Hand anlegte, fiel das Kunstwerk vom Tische zu Boden. Der Alte suchte den Fall dadurch zu mildern, daß er seinen Fuß schnell unterstellte. Wohl verhinderte er dadurch die Verstümmelung seines Kunstwerkes, aber der Block schlug ihm am Vorderfuß eine schmerzliche Wunde, die ihm nun schon seit Monaten nicht mehr gestattete, das Haus zu verlassen, so daß der Alte sich nur mittels eines krückenartigen Stockes oder auf einem Fuße hüpfend in der Stube hin und her bewegen konnte. Wie war ihm das gerade heute so schmerzlich, da der König seine prächtige Villa in Berchtesgaden wieder bezog! Er hatte den Fürsten wohl öfters gesehen, als er noch Kronprinz, doch niemals, seit er Regent war. Und er sehnte sich danach, ihn zu sehen, zu sehen mit seinem Künstlerauge, denn das dritte und letzte Kunstwerk sollte eine Büste des geliebten Fürsten werden. Mit diesem Werke wollte er dann hervortreten am Rande seines Lebens, wollte der Mitwelt noch zeigen, daß das arme Berchtesgadenerlandl nicht lauter mechanische Handwerker, daß es auch Künstler hervorbringen könne. Schon hatte er sich aus Lehm ein Modell zurecht gemacht, aus einigen schlechten Bildern seinem Gedächtnis nachgeholfen, aber er wollte ihn noch von Person sehen, ehe er den Meißel an den Marmor setzte. Wie erwähnt, war dies heute nicht möglich. Dafür aber ging Regerl hin und zwar auf Wunsch des Bürgermeisters von Berchtesgaden als Prangerin, als 41 Festjungfrau. Das Mädchen war mit mehreren anderen hierzu auserwählt, noch mehr, sie mußte den Willkommsgruß sprechen. Es wurden natürlich nur die schönsten Mädchen aus allen Gnodschaften hervorgesucht, keine aber durfte sich, was Schönheit anbelangte, mit Weyerzisks Enkelin messen. Sie kleidete sich nach dem Vorbilde der Schwanjungfrau, der alte Ödl steckte ihr selbst den Zweig von Almenrausch und Edelweiß in die goldigen Haare. Er that dies mit Künstlerhand, und als Regerl fertig vor ihm stand, da lächelte er, der Alte, er vergaß die Schmerzen seines Fußes und sagte scherzend zu dem Mädchen: »Grüaß ma 'n Maxl und schaug 'n fest an, was der Hauptzug is in sein' Gsicht. Dös mirk dir guat, daß i 's Modell danach kann richten. Für di mach i 's, Regerl – dei' Glück soll's gründen – so, und iatz geh und schaug 'n an – vergiß nix, bring mir 'n hoam!« Und 's Deandl eilte fort – sie sah den König an, aber auch sein Auge weilte länger auf Regina, als auf dem anderen Mädchen, er nahm huldvollst den Alpenstrauß aus ihren Händen und richtete freundliche Worte und Fragen an sie. Die Festjungfrauen wurden in die königliche Villa beschieden und mit Andenken beschenkt. Regina aber, die Sprecherin, erhielt des Königs gemaltes Bildnis in einem goldenen Medaillon und mit diesem Geschenk eilte sie überglücklich nach Hause zu dem mit Sehnsucht ihrer harrenden Großvater. So kam sie an der Esche vorüber, an welcher Berchtold saß. Er sah ihr freudestrahlendes Gesicht – es war kein Traum. – »Bringst'n Kini!« rief ihr der alte Schnitzer entgegen. »G'wiß!« erwiderte das Mädchen freudig. »Nur schnell 's Modell her, daß i nix vergiß.« Sie eilte in die Nebenkammer, nahm ihre blauseidene Schärpe ab und legte sie um die Marmorschultern der Schwanjungfrau. Auch ihren Blumenkranz setzte sie der Marmorstatue aufs Haupt. Dann kehrte sie rasch in die Werkstube zurück, nahm das Thonmodell und trug es zum Werktische des Meisters. »Z'erst schaugts Enk dös Bildl an,« sagte das Mädchen, »dös i vom Kini gschenkt hon kriegt – es is scho' troffen, aber halt nit so ganz aafs Leben, da« – dabei deutete sie nach dem Modell – »rechts und links von die Mundwinkl is a Zug nach abwärts, halt a so a recht freundlicher Zug zum Gernhabn – sehgts, a so – ja, ja, recht! – grad a so hat er mi angschaut; sunst wißt i nix ausz'setzn.« Das Mädchen hatte selbst mit dem beinernen Griffel keck einige Eindrücke in den weichen Thon gemacht, sie verstand ja auch zu schnitzen, und die Striche, welche sie machte, waren so sicher und gaben dem Bildnis sofort jenen freundlichen, herzgewinnenden Zug, welcher dem Fürsten eigen war. – Befriedigt, glücklich blickte dann das Alter und die Jugend nach dem Modelle. »I wer mi ge iatz ausziagn,« sagte Regerl, »und nacha Fuatta schneidn gehn für d' Bläß.« »Ja, ja,« entgegnete der Alte, »i hons scho' an' etli Mal plärn hörn; warm is 's, sie wird aa 's Tränken brauchen.« »Glaabs leicht aa,« sagte das Mädchen, »sie därf nimmer länger wartn!« Sie eilte in ihre Kammer, wo sie sich rasch 43 umkleidete und Sichel und Schubkarren nahm, um für die Kuh von dem nebenan bis zum Waldgelände reichenden Wiesenflecke Futter zu holen. Der alte Schnitzer studierte indessen an dem Modell und dem Bilde. Sein Lächeln zeigte, daß er mit seiner Arbeit zufrieden sei und mit einem triumphierenden Blicke musterte er den weißen Marmorblock, aus welchem er das fertige Modell zu meißeln beabsichtigte. »Mit Gottes Hilf,« sagte er, »wird's mir glinga. Frisch an d' Arbet – freudi und schneidi!« 44 III. Da klopfte es an die Thüre. Auf das einladende »Herein« erschien Berchtold Perlacher in Weyerzisks Werkstatt. »Grüaß Gott!« rief der junge Mann. »'s is mir gsagt worn, i kunnt da an' Pfeifenstopfer kaafn, – an' extrigen, mit der Schwanjungfrau – sehgts, so oan, wie der da, den i von mein Vatan, Gott hab 'n seli, erirbt und halt scho' ganz z' schandn gmacht hon.« Er zeigte ihm dabei den defekten Stopfer. Der Schnitzerwastl hatte sich auf seinem beweglichen, hölzernen Lehnstuhl gegen den Ankommenden gedreht und blickte ihn erst gleichgültig an; nachdem er aber den ihm dargereichten Pfeifenstopfer einigemale in der Hand gedreht, faßte er den jungen Mann scharf ins Auge. »Den Stopfer hon i gschnitzt,« sagte er, »'s mag a lange Zeit her sein, es is oaner von die viele tausend.« »Dös is nacha wohl aa von Enk?« fragte jetzt Berchtold, indem er dem Alten den Griff seines Stockes zeigte. »Dös is der Jaga Berchtold mit 'n Schwan!« rief der Alte. »Den Stock hon i Freundschafts halber 'n Förster Perlacher gebn – Gott tröst 'n! Und du – du bist sei' Suhn! Is 's nit a so?« Und diesem erfreut 45 die Hand reichend, setzte er hinzu: »Du bist mir freudi willkomma!« Berchtold schlug in die dargereichte Hand ein. Er bestätigte dem Alten, daß er sich nicht geirrt, erzählte ihm dann von seinen Eltern, und wie er hierher gekommen, sein Glück zu suchen, und sich bei dem Förster in Bartlmä, welcher einst zu gleicher Zeit mit seinem Vater Jagdgehilfe war, um eine Stelle zu bewerben. Er erzählte dem Schnitzer auch, daß ihn die Rapelleni hergeschickt habe, um sich einen Stopfer zu kaufen und wie ihn das verrückte Weib plötzlich für den wilden Jäger gehalten habe und entflohen sei. Der Alte nahm das lebhafteste Interesse an der Erzählung des jungen Burschen, welcher neben ihm auf der Bank Platz genommen hatte. Er klärte ihn vor allem dahin auf, daß die alten Leute hierzulande noch sehr abergläubisch seien, und daß der wilde Jäger in ihrer Meinung noch unter dem Namen Berchtold in der Gegend, besonders am Königssee, seinen Spuk treibe. Der Bursche lachte und fragte, auf die Schnitzerei an seinem Stocke deutend: »Is das 's Bildnis vom wilden Jäger? Ös habts vorhin g'sagt, es is der Berchtold mit 'n Schwan.« »Dös is der Berchtold, der durch den Schwan Berchtesgaden begründet hat. Mei', die Gschicht is schier vergessen und außer mir denken wohl wenig mehr dran. I hon woltern nit drauf vergeßn kinna, weil i mei' Lebn lang den Jaga da und die Schwanjungfrau gschnitzelt hon, gschnitzelt und gmeißelt. Sitta etli Jahr hat si der Absatz aufg'hört mit die Stopfer, d' Leut rauchen Cigarrln und wenger aus Tubakspfeifn – no' ja, da hat mir der Verleger absagen lassen – was willst machen? So hon 46 i halt a anders Fach glernt no' in meine altn Täg und so schnitzl i halt furt, so lang 's geht.« »An' anders Fach?« fragte Berchtold. »Ös seids wohl a Bildhauer worn? Jeß! wie schön! Dös is ja unser Kini, der Maxl – zum Reden treu.« »Ja, ja,« entgegnete der Alte, »dös is nur so a Nebngschäft, woaßt, dös tragt mir nix. Kochlöffeln muaß i machn und Teller – mochst ja glei a Hirsch wern – i, der Weyerzisk!« Der Alte verhüllte sein Gesicht, dann wischte er sich über die Stirne und sagte wieder freundlich und gefaßt. »Es war a schöne Zeit, wie dei' Vata no' hiersig war. Da aaf der Bank, wo du iatzt sitzt, is er oft gsessn und hat mir zuagschaut, wier i so oa' Stückl nach 'n andern gschnitzelt hon. I woaß's no' wier heunt, wie'r eam den Stock da gschnitzt und dabei die Gschicht erzählt hon vom Berchtold und 'n Schwan.« »Gehts zua,« bat Berchtold, »erzählts mir 's aa und schnitzelts mir die Schwanjungfrau dabei. Sie is mir vorhin erschiena, wier i unter der Eschen g'schlafn hon, so schön, so zauberhaft, daß i 's nimmer aus 'n Kopf bring. Ös wißts mehr davon, hat die Rappelleni gsagt. Erzählts mir's, was 's wißts.« Der Alte lächelte. »Vorhin is 's dir erschiena – mit ara blaun Schärp'n?« »Ja, – lange guldene Lockn, mit Almarausch gschmückt; da – da hon i no' a Zweigl davon; sie hat's verlorn und is verschwundn. Was moanst, is dös gwen?« 47 »Ah so!« lachte der Alte. Es war ihm klar, daß der junge Mann seine Enkelin, 's Regerl, vorbeihuschen sah, da sie als Prangerin vom Empfange des Königs zurückkam, daß der Jäger dies mit der Schwanjungfrau in Verbindung brachte und sich aus Begeisterung für diese einen neuen Pfeifenstopfer mit ihrem Bilde kaufen wollte. Das ergötzte den alten Schnitzer höchlich. Aber man soll dem Kinde nicht vor der Zeit seinen Glauben an das Christkind nehmen und dem Jäger wollte er den Glauben an eine gütige Fee mit tausend Freuden lassen, so lange, bis Regerl selbst, zufällig eintretend, dieses Traumbild, einer Seifenblase gleich, zerstäuben ließe. »So lang mir halt so a runds Stück Buachas her, – woaßt, i kann nit gehn, mei' Fuaß is krank.« »Habts Enk ebbas einitreten?« fragte Berchtold und reichte dem Alten das Verlangte hin. »Dös nit,« entgegnete Wastl, »aber mei' Kopf is mir aufn Fuß gfalln und hätt mir schier a paar Zehen daquetscht.« »Enker Kopf?« fragte Berchtold. Er glaubte, falsch gehört zu haben. Fast überkam ihn wieder dasselbe Gefühl, das er empfand, als er beim Erwachen unter der Esche die hexenähnliche Rappelleni neben sich sitzen sah. Die Schwanjungfrau, der wilde Jäger, jetzt der herabgefallene Kopf des so eigentümlich, so übergeistigt blickenden Alten: – es war doch etwas sonderbar! »Es is schon so!« bestätigte jetzt der Alte noch zum Überflusse, »aftn zoag i dir 'n schon. Lang ma no' den Stichel her, so – gelts Gott! Und iatz schnitz i dir dei' 48 Jungfrau und erzähl dir, was d' so gern hörn möchst.« Und während er zu schnitzen begann, erzählte er: »Der Jaga mit der Armbrust an dein' Steckn is der Berchtold. So hat' 'n schon mei' Urödl gschnitzt. Und woaßt, wer der Schwan is? Neamd anders is 's, als d' Schwanjungfrau oder d' Wallkürn, der wir alles verdankn, was in unserem Berchtesgadenerlandl Schöns und Guats is. Längst ham d' Menschn drauf vogessn, i bin der oanzi, der dran denkt hat schier alle Tag, so oft i's gschnitzt hon, und no' iatz. Und da traamt mir gar oft, der Schwan wird lebendi, kriegt silberne Federn und verwandelt si' in a schöne Jungfrau, die mi no' reich macht in meine altn Tag, nit zwegn mir, bei Leib nit! i verlang mir nix mehr – nur zwegn meine Deandln, zwegn dene, sunst zwegn nix.« »Und was hats mit dem Jaga und dem Schwan für a Bewandtnis ghabt?« fragte Berchtold, neugierig gemacht, indem er die Schnitzerei seines Stockes aufmerksam betrachtete. »Dös kannst scho' hörn,« entgegnete der Alte; »kent nur 's Pfeiferl an, du irrst mi nit im Schnitzln. I selm rauch nit, aber schmeckn thua i's gern; es is so hoamli wenn 's Pfeiferl qualmt. Siehgst, es brennt scho' – stopf nur mit 'n altn Stopfer, bald kriegst an' nuia. No' ja, es raucht schon! und also erzähl i dir's halt, so wier i 's woaß. Vor uralters Zeit, wo d' Gegend rings umatum no' lauta Wildnis war, wo d' Wölf, d' Bärn und d' Drachen und 's wildst' Gflüg da ghaust und neamd sie hat einatraut, is draust im Salzachthal an' alta Jaga gwen, der hat a wunderschöns Deandl zur Tochter ghabt. Dös 49 Deandl hat a frischer Jagasbua, Berchtold oder Barthel Die alten Bayern wußten nichts von Bartholomäus, sondern tauschten denselben für ihren Barthel, Berthold oder Berchtold nach dem Beinamen Wodans ein, wie im Salzburgischen noch der wilde Jäger heißt. Ihm zu lieb findet auch das jährliche Berchtlaufen in den Rauhnächten in Salzburg und Tirol statt, was förmlich einer wilden Jagd gleicht. Ebenso steht Berchtold zum Wasser in Beziehung am Bartholomä- oder Königssee. (Dr. Sepp.) mit Namen, von Herzen gliabt und hätt 's gern gheirat, aber mei', alle zwoa hams nixi ghabt, als d' Liab, wie 's heuntigen Tags aa no' oft der Fall. Wier aftn der Alte gstorbn is, hat 's Deandl furt müassn in Deanst und dem frischen Jagasbuam is aa nix anders über bliebn, als furt z'roasn, er hat selm nit gwußt, wo aus und wo an. So is er voll Gram und Kümmernis eini in Forscht und in d' Wildnis und hat sei' Gschick 'n Himmi vertraut und alle guatn Geister. No' ja, dös Ding is guat – da stroaft er amal durch 'n Wald und sei' Hund schlagt an auf an' Edelhirsch, der in raschen Sätzen durchs Waldgstrüpp bricht. Der Berchtold eam nach durch Wald und Busch und über Felsen und Sturzbach. Oft vermoant er, sei' Pfeil kunnt 'n dareichn, aber 's Edelwild verschwind', taucht wieder auf, verschwind' aufs neue, so geht die Hetz dahin an' etli Stund. Auf oa'mal steht er vor an' See, von dem no' neamd ebbas gwußt, mitten zwischen himmelhohen, glanzeten Marmelwänden – dunklgrea' glanzt 's Wasser, der Watzmann spiegelt si z' tiafest drin und auf 'n Wasser kimmt a weißer Schwan herzogn mit silberweiße Federn und grad zum Jaga Berchtold zuari. Der schaut und schaut, und wie der wunderschöne Schwan bei eam am Ufer halt, so grüaßt er 'n freundli. 50 »Mei' schöner Schwan«, sagt er, »wie kimmst du da in dö Wildnis eina?« Da taucht der Schwan gachs unter in der Flut und statt seiner taucht in an' guldan Schifferl a wunderschöne Jungfrau auf im schneeweißen, silbern' Gwand mit guldane, lange Haar, mit Edelstoa' und Perln gschmückt und a silbers Ruader in der Hand. »Grüaß Gott,« sagts, »liawa Jagersmann, von wannen kommst du und wodannen zeihst du? Steig eina und schenk mir dei' Vertraun, auf mei' Hilf kannst du baun!« No' ja, der Jaga is nit dumm, nimmt glei Platz im guldan Schiffl und dierweil d' Jungfrau einifahrt in See, klagt er ihr sei' Load und wier er arm und trauri is, daß er sei Deandl nit als Ehfrau hoamführn kann. Da sagt die Jungfrau freundli: »Dir soll gholfn wern: i fahr di hin ins Reich vom Elfenkönig, der unverschuldet Unglück endet.« Und dreimal tauchts ihr Ruader in d' Flut, da teiln si wier a Blitz so schnell die Welln und 's Elfenreich thuat si aaf. Wie schö' dös gwen muaß sei', dös laßt si nit dasagn, halt wier im Himmi selber. Der Elfenkini, der Wodan, sitzt aaf an' guldan Thron, sei' Gwand dös strotzt von Edelstoa' und Gold und Bleamlwerk, und freundli sagt er zu der Jungfrau: »Zeig ihm die Schätze mein, Und was er will, sei sein!« Dös wird wohl a Wort gwen sei! Der Jaga macht sein Servus und d' Jungfrau führt 'n nacha donni zur a Felsenwand. Auf ihren Wink springt a Thür auf, die in a großmächtige Marmorhalln führt, die über und über voll is mit Edelstoa' und gediegna Gold. 51 »Da nimm, was d' brauchst und gründ' dei' Glück. In neuer Not komm wieder zrück!« sagt's zu eam. Der Jaga laßt si dös nit zwoamal sagn, schoppt si d' Säck glei voll und d' Weidtaschn und 'n Huat strotzat voll und aftn fahrt 'n d' Jungfrau wieder zruck im guldan Schiffl ans Ufer hin. Freudi springt er ans Land und will sie just bedankn, da is dös Schiffl mit der Frau verschwunden und nur der Silberschwan gleit' langsam überm Spiegl hin vom See. An' Juchaza schreit er eam nach, daß 's vielfach wiederhallt und aftn stürmt er furt, zur Salzach außi, wo sei' Deandl is – und gheirat wird, a prächtigs Gschloß wird baut und glebt in Glück und Freud, in Saus und Braus! – No' ja, dös Ding is guat, so lang dös Gerstl (Geld) ghaltn hat, aber halt an' Brunn kannst daschöpfn, und bist no' so reich, findst nit dei' Glück am eigna Herd und in der treuen Liab, und suachst es außahalb bei Trunk und Spiel, und gehst bloß müaßi, no' ja, so geht's halt abwärts, und aus 'n reichsten Mo' kann bal a Bettler wern. Grad so is 's ganga mit 'n Berchtold. Nit hat er ghört aufs Bitten und aufs Woan von sein' braven Wei' – Haus und Hof – ft! – furt is 's gwen und zruck hams müassen in die hölzer Hüttn im Wald, wo 's z'erst san gwen, und wo eam d' Reu am Herzen nagt und wo 'n umasunst sei treus, bravs Weibl tröst. Er traut si nimmer zu der Jungfrau hin zum See um Hilf, dös schlecht Bewußtsei' druckt 'n – leicht kannst dir 's denkn! Da is 's amal, das d' Frau vom Berchtold im Wald drin kniet und halt so recht frumm bet' um Hilf. Da kimmt a schöne Jungfrau zuawi, d' Schwanjungfrau is 's gwen, und sagt, grad wier a Engel so guat und mild, 52 zum arma Wei', daß 's grührt is durch die Reu vom Berchtold, und kemma is, eam zu verzeihn und a neus Glück z' bringa, dös der Elfenkini eam hat vomoant. Der Berchtold soll um Mitternacht am Platz sei', aftn wird er 's ander hörn. Der Berchtold, no', 's Herz hat eam freili gschlägelt, wier er hin is um Mitternacht, zum See von Elfenkini. Da siehgt er aa beim Herr Mann Herr Mann – Mondschein. scho' aaf weit 'n weißn Silberschwan, der donna schwimmt und der si am Ufer in die schö' Jungfrau wandelt. Und außi führts 'n, wo der Albbach rauscht, auf an' enga Steig und bleibt mit eam vorm Salzberg Tuval stehn. »Da schürf!« sagts, »und Glück auf für alle Zeiten! Auf Gold alloa' kannst 's Glück nit baun, aaf d' Arbet nur und Gottvertraun!« Und wie 's dös g'sagt hat, winkts eam freundli zua und gachs verwandelt in an' Schwan, steigts hoch in d' Luft und fliegt gen Königssee. Dankbarli schaut der Berchtold nach, und wie der Tag hat graut, fangt er glei 's Schürfen an am Berg und find't an dera Stell dös schönste Salz, dös mehr als Gold dem Menschen vonnöten is. Schnell hat si d' Kund verbreit vom reichen Bergwerk in der Wildnis, und kloa' und groß is herkemma zum neu'n Schacht und wier a goldner Quell is 's Glück 'n Bergherrn gfloßn und hat sein' Fleiß und d' Arbet richti g'lohnt. Den Tann vom Urwald hat er gfällt und Wohn- und Sudhaus baut, wo Moos und Sumpf is gwen, san Feld und Wies' entstanden und da, grad am schönsten Fleckl, hat er baut sein Gaden, wo d' Felsenberg 53 rundumatum hinschaugn, und Berchtoldsgaden hat er's ghoaßn, so wie ma's heunt no' hoaßt. Der schöne See vom Elfenkönig hoaßt sit der Zeit der Königssee. Ma' kann aa diem von weiten d' Schwanjungfrau no' sehgn, wenn d' Stern hell funkeln und der Herr Mann si spiagelt drin im See. Stand aber hat's seit Berchtolds Zeiten neamd mehr ghaltn, neamd mehr, als mir; i hon's ja in der Hand, da siehgst es, so schaugt's aus.« Der alte Schnitzer hatte während seiner Erzählung in der That die Schwanjungfrau geschnitzelt, mit prächtigem Gesicht, ganz wie er sie beschrieben; nichts fehlte als die Farbe. Der Jäger griff staunend nach dem Figürchen. »Höll Saxendi!« rief er, »i wollt, die waar größer und lebet.« »Größer kann i dir's zoagn,« sagte der Alte lächelnd, »vielleicht aa lebendi. Thua nur d' Kammerthür durt aaf.« Berchtold näherte sich fast zögernd der Thüre, auf welche das helle Rot der untergehenden Sonne schien, deren goldene Strahlen die Werkstatt schon einige Zeit wie magisch beleuchteten. Jetzt öffnete Berchtold mit einem raschen Griffe die Thüre angelweit – ein Ausruf des Erstaunens entfuhr seinen Lippen. Die Schwanjungfrau stand vor ihm. Ähnlich wie beim Alpenglühn umfloß die weiße Marmorstatue purpurrosiges Licht. Der durch das Öffnen der Thüre verursachte Luftzug veranlaßte eine merkliche Bewegung des natürlichen Alpenrosenkranzes und der seidenen Schärpe, und das sonst weiße Marmorantlitz der Walküre schien durch den Glanz der zitternden Lichtwellen lebendig 54 und blickte mit wunderbarer Anmut, einer holden Göttin ähnlich, auf den überraschten jungen Mann. Dieser stand lange sprachlos, der alte Meister neben ihm. Er war auf einem Fuße zu dem Jäger herangehüpft und staunte nun, an dessen Schulter gelehnt, gleich diesem sein eigenes Kunstwerk an, denn noch niemals hatte die scheidende Sonne ein so intensives Purpurlicht über die Statue ausgegossen. Was der Alte in diesem Augenblick fühlte, das war das reinste Glück, so wie es vom Himmel in seltenen Tropfen herniederträufelt, das nur der versteht, nur der empfindet, den die Gottheit ganz besonders würdigt, der den Weihekuß der echten Kunst empfangen und der beim Anblick seiner reinen Schöpfung ein Gottähnlichsein in sich verspürt. Not, Hunger, Kümmernis vergangener Jahre, wie war das alles aufgewogen durch solch einen göttlichen Augenblick! »Die is 's, die i gsehgn hon,« rief endlich Berchtold; »i hon nit traamt! Is 's denn mögli?« Der Alte lächelte. »Aber, na,« meinte dann der Bursche, »jetzt sehg i's schon, daß 's koa' lebendige Gstalt is, daß 's von Marmor is. Aber kann's denn nur mögli sein, dennerst so voll Lebn, daß ma 's anredn möcht! A lebendiger Stoa'! Und dennerst hon i 's gsehgn, dös Zweigl is von ihr – sagts mir dös Gheimnis.« Der alte Meister fand aber, daß es Zeit zur Trennung sei. Noch während sein Werk von rosiger Glut umflossen, wollte er es den Augen des Staunenden entrücken. Was mitten im Verlangen entweicht, füllt das Herz mit Sehnsucht, und Sehnsucht nach dem Schönen und 55 Göttlichen entrückt den Menschen der Alltäglichkeit. Das fühlte der alte Schnitzer, er wollte den Zauber seines Kunstwerks nicht erschöpfen lassen und er schloß die Thüre. »Also war's doch a Traam!« meinte der Jäger wieder. »Dös bedeut' was! Dös bedeut' dös Glück, dös mir mei' Muatta prophezeit hat.« »Glaub an dös Glück!« erwiderte Weyerzisk, nun wieder in seinem Lehnstuhl sitzend. »Sei brav und froh – und nimmer kann's dir feihn. Fahr eini aaf Bartlmä zum Förster, heunt fahr no' eini, heunt is dei' Glücktag, nutz'n aus und kehr bal wieder zura.« »Is 's nit z'spat auf Bartlmä?« fragte der Bursche wie träumend. »Wär's nit morgen fruah gscheita?« »Verschieb nix aaf morgn!« entgegnete der Alte. »Hast schon dein Glauben an d' Schwanjungfrau, so is grad heunt die best' Zeit dazua. Verweil di nimmer, i rat dir's guat.« Berchtold hing Rucksack und Gewehr um, nahm seinen Stock und reichte dem Alten die Hand. »Was kost' mei' kloane Schwanjungfrau?« fragte er, den Pfeifenstopfer zu sich steckend. »Die kost dir nix, als 's Wiederkemma, dös bist mir schuldi und iatz fahr wohl, verhalt die nit, pfüat Gott!« »Gelts Gott!« antwortete nicht ohne Rührung der junge Mann; »bal kimm i wieder. Moan i dennerst, i muaßt dableibn. Pfüat Gott, pfüat Gott!« Der Alte lächelte freundlich und winkte dem Abgehenden wie segnend nach. Dann aber erhob er sich und hinkte wieder hin zur Kammerthür, die er öffnete. Er rückte einen Stuhl herzu, und nachdem er sich darauf niedergelassen, blickte er mit Entzücken nach der noch immer magisch beleuchteten Statue. Er atmete tief; er schwelgte 56 im Genusse seiner Schöpfung; ein himmlischer Friede umgab ihn. – Regerl fand ihn eingeschlummert auf dem Stuhle sitzen. Sie hatte den Jäger aus dem Häuschen gehen sehen und ihm lange nachgeblickt. Er war derselbe, den sie unter der Esche gesehen. Die freundlichen Worte des Königs, das herrliche Geschenk, der Anblick dieses schönen jungen Mannes, sie wußte kaum, über was sie mehr nachdenken sollte – ein Gedanke überstürzte den anderen und erfüllte sie mit Freude – es war ein wunderbarer Tag. 57 IV. Berchtold wanderte thalaufwärts durch die reizende Schönau, in welcher zerstreut die Gebirgshäuschen der Landleute, Lehen genannt, teils in der Ebene, teils auf den Abhängen der Berge malerisch liegen, dem König der Seen zu durch blühende Wald- und Wiesengründe, zwischen deren schattigen Ahorn- und Platanengruppen die Berge in stets wechselnder Gestalt, bald vereinzelt, bald zur imposanten Kette verbunden, hervorleuchten, entlang der aus dem See heranstürzenden meergrünen Achen. Das ist ein herrliches Stück Erde, dieses Königsthal. Hier unter den leise rauschenden Blättern der riesigen Laubbäume wandelt sich's so wohl, fern vom Getriebe der großen Welt, sich ganz dem Eindrucke einer herrlichen Natur überlassend. Und wenn die untergehende Sonne die Firnen, die in Hochduft flimmernden Klippenwände vergoldet, wenn das entzückende Spiel des Lichts durch das Gezweig flimmert, die Waldungen mit violettem Hauche übergossen, die honigduftenden Wiesen in magischer Farbenpracht erscheinen, wenn das in Kaskaden herabstürzende oder durch Felsblöcke sich Bahn brechende Bergwasser sich in flüssiges Gold verwandelt und die vom Felsen abfallenden Tropfen in allen Farben des Regenbogens herniederfallen, dazu die Vögel singen und die Menschen jauchzen und 58 zwischen moosgepolsterten Felsblöcken das trauliche Geläute der grasenden Herden ertönt: wem riefe es nicht da mit tausend schmeichelnden Stimmen zu: Verweile hier und ruh' dich aus! Auch Berchtold fühlte sich wunderbar ergriffen. Das holde Gesicht seiner Traumgestalt wollte ihm nicht mehr aus dem Sinn, deren Zusammenhang mit dem Marmorbild vermochte er sich nicht zu enträtseln. Er konnte sich auch nicht lange seinen Gedanken in dieser Richtung überlassen. Gleich ihm schlugen viele meist elegant gekleidete Leute den Weg zum Königssee ein. Hin und wieder vernahm er, daß die königliche Familie dort eine Wasserfahrt unternehme, daß ihrer Ankunft zu Ehren eine Berg- und Seebeleuchtung stattfinde. Er vernahm auch auf der jenseits des Ufers sich hinziehenden Straße Wagengerassel und Pferdegetrabe. »Der König!« rief es plötzlich, und Berchtold beeilte sich, gleich vielen anderen, zu einer Stelle zu gelangen, wo sich die Wege verbinden, um den geliebten Landesvater zu sehen; aber es wollte ihm nicht glücken. So eilte er denn mit jener ansteckenden Hast vorwärts, welche die rege gemachte Neugierde hervorruft, vorüber an grün geränderten Hügeln, an losgerissenen, ungeheuren, mit Tannen gekrönten, mit Moos, Epheu und Immergrün überzogenen Felsblöcken und endlich an dem kleinen Dörfchen Königssee vorüber nach der nördlichen Bucht des Sees. Das letzte Abendrot brach sich soeben an dem bewaldeten Vorsprunge des hohen Jenners und spiegelte sich in den zitternden, sonst grünlichten, von einem leichten Winde berührten Fluten, welche an die scharf und trotzig 59 in die schmale Bucht vorspringende, vorerst den See noch verbergende Wand des Falkensteins spielend anschlugen. Eine Menge Leute waren auf dem Ländeplatz versammelt. Markige Schiffer und schmucke Schifferinnen in der kleidsamen Berchtesgadener Tracht sind des Winkes des als »Seekarl« bekannten Schiffmeisters gewärtig. Die Buben in blaugrauen »Juppen,« grünen Hüteln, schwarzen hirschledernen Kniehösln mit grünen, breiten Hosenträgern, rotem Halstuch, grauen oder grünen Wadenstrümpfen und Schnürschuhen, die Deandln in langleibigem, rund ausgeschnittenem, schwarzem, mit Goldnähten besetztem Samtmieder, dem leicht um den Nacken geschlungenen Halstuch, in schönen, weiten, etwas über den Ellenbogen reichenden Hemdärmeln, kurzem Persrock und weißer Schürze, teilweise auch in braunen, am Halse mit grünen und roten Streifen eingefaßten Wollröckeln, das flotte, grüne, mit Adlerflaum und Federn geschmückte sogenannte Herzog Max Hütel auf ihrem mit grünen Bändern durchflochtenen, um das Haupt gewundenen Zöpfen tragend. Eine Menge kleiner Nachen gleiten auf der leuchtenden Flut dahin. Böllerschüsse erdröhnen von allen Seiten und nimmer endende Juhus und Gesang hallen von den Bergen herab und wieder hinauf, und weithin durch die Luft trägt der Abendwind die lustigen Klänge einer den See durchkreuzenden Kapelle. Längst war das mit Blumenguirlanden geschmückte Schiff der königlichen Familie, umgeben von zahllosen Kähnen, welche ihre Begleiter trugen, in den weiten See hinausgefahren. Berchtold sah diesem Treiben mit großem Vergnügen zu. Die Lust des Volkes war ansteckend. »Grüaß di Gott!« riefen ihm hin und wieder die 60 drallen Mädchen zu, wenn sie an ihm vorübereilten. Berchtold erwiderte freundlichst diese Grüße. Die schmucken Deandln gefielen ihm gar wohl, mehr als auf den übrigen haftete aber sein Auge auf einem in ein braunes Wollröckl gekleideten Mädchen, welches eben einen schönen Buschen Edelweiß ins Wasser werfen wollte, den ihr ein kleines Mädchen mit einigen Worten überreicht hatte. »Was thuast?« fragte sie der Jäger. »Wirst do' den Buschen net von dir werfen?« »Warum denn nit?« fragte das Mädchen ihrerseits. »Mi gfreut er nit, i mag 'n nit!« Und sie warf ihn von sich. Er fiel aber nicht ins Wasser, sondern in ein kleines Schiffchen. Berchtold sah das schöne Mädchen einige Zeit an. Er mußte selbst über sich lächeln – wieder ward er an die Schwanjungfrau erinnert. »Bist du a Schifferin?« fragte er sie jetzt. »Eigentli nit,« antwortete das Deandl, »aba diemal muaß i halt aa zuawa, wenn Not an Mann is. Es is a alts Recht von mein' Vatan, dös er nit gern aufgiebt. Er moant, nix soll ma verachtn, was eam an' etli Kreuzer einbringt. Du bist leicht a nuia Jagasg'hilf aaf Bartlmä, weilst mir ganz fremd bist?« »I hoff, daß i net umasunst daher groast bin und an' Deanst krieg'« erwiderte Berchtold. »I bin am Weg nach Bartlmä, aber ich sehg schon, heut is für mi koa' Glegnat.« »Warum nit?« fragte das Mädchen. »Für d'Jaga san extrige Schiff in der Hütt'n, du därfst di nur an Seeer wenden – oder is 's ebba, daß d' nit fahrn kannst, i ruader di scho' eini; i wollt, i därft einifahrn in See, 61 daß i d'Bergfeuer sehget, und wenn der Herr Mann (Mond) scheint, is 's woltern so schö' durt drinn. Ge zua, sag, du magst nit selm fahrn, daß i weiter kimm; bei mir geht's schnell.« »Dös wär mir freili recht,« meinte der Jäger; »aber – dös kost a Geld und i –« »Natürli, du hast koans,« fiel das Mädchen lachend ein. »Dös thuat nixi, dernthalbn bist bei uns herin grad so g'acht, denn grad dernthalbn san wir alle so lusti, weil wir alle mitanand nix ham und koans aafs ander neidi sei' kann. Und du – du hast a gewaltigs Aussehgn, und an' Geist im Gsicht, so recht a Jagagstalt; da wird's nit feihn. Steig nur ein! I hoaß Sabin –, da is mei' Schiffel – i red glei mit 'n Seeer.« Und ohne Berchtolds Antwort abzuwarten, begab sich Sabina zum Schiffmeister, besprach mit ihm einiges und kehrte alsbald zu dem mit sich noch unschlüssigen Jäger zurück. »'s is alles in bester Ordnung!« rief sie ihn an, sprang ins Schiff und ergriff die Ruder. »Steig nur ein!« Und Berchtold that nach dem Wunsche des Mädchens. Es war dasselbe Schiff, in welches Sabina das Edelweiß geschleudert hatte. Im nächsten Augenblicke stieß der Kahn ab. Die Schifferin jauchzte ihren Genossinnen zum Abschied zu und diese erwiderten mit jauchzender Antwort. Berchtold blickte lachend zurück; da sah er hinter der Schiffhütte den Grafenpeter mit gerötetem, aufgeregtem Gesicht, mit geballter Faust dem Schiffe nachdrohen. Wem galt dies Drohen? Ihm, weil er nicht zum gewünschten Stelldichein kam, oder seiner Schifferin? Berchtold blickte wieder nach vorwärts, Sabina saß, das Gesicht zu ihm gewendet, aber ihre freundlichen Züge hatten sich verdüstert. »Steht durt net der Grafenpeter?« fragte der Jäger. »'s wird woltern der Loder sei', der schlecht,« entgegnete Sabina. »Aber frag' mi nix mehr heunt um den, heut is 's so schö' im See, siehgst, wie der Vollma' auffasteigt über d'Schönau, bis ma ummi san ums Eck vom Falkenstoa', leucht der See schon und da denkst aftn an gar nix mehr, als an die Leut, die 's d' gern hast und an die Schönheit von unserer Hoamat. Sehg i den durt, wird's mir schwaar ums Gmüat, grad wie da herin zwischen die Felsenwänd, wo's Wasser schwarz wird überm grausen Abgrund, wo Sunn und Ma' nit rastn mögn, wo der Sturm d' Welln oft haushoch aaffi peitscht zu die Wänd, daß d' oft moanst, 's End der Welt is da. So wier i mach, daß i außi kimm in 'n Weitsee, da wird's mir wieder leicht – schaug an, ob's da nit schö'? Uijuhuhu!!« Der Kahn hatte um die Ecke gebogen und ein Zauber that sich auf. Im magischen Vollmondsglanze schimmerte der Spiegel der breiten, langen Wasserfläche des rings von steilen, im Mondlicht gleißenden Felsenwänden eingeschlossenen Meers. Ein glänzender, silberner Hochduft schien wie ein zweiter See von Äther über dem gewölbten Wasserspiegel zu liegen, über den Hochriesen des steinernen Meeres, des Watzmanns und des Königsseegebirges breitete sich ein tiefdunkler, dicht mit Sternen beflockter Himmel aus, während die wunderbare Scheibe des Vollmondes gerade ober dem See langsam ihre Bahn zog. Um die aus den Felsenritzen sprossenden Gräser, um die leichtbewegten Zweige der auf moosigem Untergrunde, auf den Felsenwänden gewachsenen Tannen und Fichten 63 schienen die Elfen ihre Schleier gewoben zu haben, es flirrte um sie das silberne Mondlicht, welches auch die von den Rudern fallenden Wassertropfen in schimmerndes Gold und Silber verwandelte. Es war ein wunderbar bezaubernder Anblick. »Gelt,« sagte Sabina zu dem sprachlos staunenden Jäger, »da denkt ma' nit ans Geld, nit an d' Sorg, halt grad an dös, was ma' siehgt und an die, von dene ma' wünschet, daß s'es mit oan sehgeten.« »Ja!« versetzte der Jäger und er gedachte seiner Mutter. So hatte sie ihm den See geschildert bei Vollmondschein, er fand ihn schöner, als er es sich vorzustellen, schöner als die Mutter es zu beschreiben vermochte, denn keines Menschen Hirn vermag die Herrlichkeit einer solchen Vollmondnacht am Königssee sich zu vergegenwärtigen, keine Zunge und keine Feder sie zu schildern. Aber schon ward Berchtolds Aufmerksamkeit wieder auf etwas Neues gelenkt. Ein gewaltiges, donnerähnliches Schießen machte die Luft erzittern, es kam von dem an der Schallwand abgebrannten Pistolenschusse, dessen schwellende Schallwogen mächtig grollend, mit dröhnenden Schlägen untermischt, hin und zurück durch das ganze Gebirge, bis in die fernsten Thäler hinein, in zehnfachem Echo wiederhallten. Dies war das Zeichen zum Anzünden der Bergfeuer, und im Nu flammte und loderte es rings auf den Felsenspitzen und Wänden auf, die Sterne schienen vom Himmel herabgefallen und sich an den Felsen angeklammert zu haben. Hundertfach spiegelten sich die Feuer im See und mischten ihren rötlichen Schein mit dem Silberstrahl des Mondes. 64 Hell jauchzte es von allen Seiten unten und oben, und sicher war in diesem Augenblick das Herz des Königs bewegt, dem Himmel, Natur und Volk diese herrliche Stunde bereiteten. Berchtold war wie gebannt unter dem erhebenden Eindruck all dessen, was er sah und hörte. »I muaß mir ge 's Pfeiferl ankennten,« sagte er jetzt; »die Schönheit macht mi ganz damisch und i kunnt wieder einschlafen und d' Schwanjungfrau kaant mir wieder 'n Kopf vozwirrn.« »Was d' sagst!« versetzte das Mädchen lachend. »Ja, ja,« versicherte Berchtold; »der alt Weyerzisk hat mir so viel Schöns dazählt, daß i allwei dran denkn muaß.« »Der Weyerzisk? Dös is ja mei' Ödl!« rief das Mädchen. »I bin d' Sabin – 'n Rottmeasta Grillersepp sei' Tochter. Bist leicht beim Ödl gwest heunt?« Und als es Berchtold bejahte und ihr von dem Alten erzählte, freute sich das Mädchen herzlich. »Hast es 's Regerl nit gsehgn?« fragte sie. Aber der Jäger konnte nicht antworten. Ein Schiff mit jungen Burschen und Deandln ruderte ganz in ihrer Nähe, und diese hatten einen schönen, fröhlichen Gesang angestimmt, in welchen Sabina sofort einfiel. Auch Berchtold nahm am Gesange Anteil, er fühlte, daß seine Stimme noch nie so voll und schön geklungen, als zwischen diesen herrlichen Felsenwänden, und sein Jodler stand dem der hiesigen Bewohner an Schönheit und Fertigkeit nicht im mindesten nach. Hallende Juhus folgten dem Gesange und von allen Seiten antwortete frohes Jauchzen, vermischt mit dem 65 Tosen und Rauschen der über die Felswände herabstürzenden Wildwasser. Die Scenerie nimmt an Großartigkeit zu, je näher man dem grünen Vorlande St. Bartholomä kommt. Die Riesenmasse des Watzmanns und das Felsenhorn der Hachelwand steigt zur Rechten aus der wildschauerlichen, ungeheuren Schlucht des Eisthales auf, Mauern türmen sich auf Mauern, Felsen auf Felsen in Form von Pyramiden, Türmen und Kämmen fast dreitausend Meter hoch hinauf in den dunkelblauen, ernsten und majestätischen Äther, vom silbernen Hauche des Mondes leise umschleiert, während am geheimnisvollen Ende des Sees die Wände des steinernen Meeres herniederstarren, das lustige Gemsenheim, wo der Königsaar um den Felsenhorst kreist und der pfeifende Schrei des Murmeltieres ertönt. Berchtold war von der Großartigkeit dieser Naturschönheit so überwältigt, daß er fast erschrak, als jetzt seine freundliche Schifferin sagte: »Iatz landn ma ge zuari in Bartlmä. I moan aber, du kimmst heunt 'n Förster nit am g'legensten; kunnt leicht sei', daß der Kini durt aussteigt und daß gar neamd aaf di acht hat. Moanst ebba nit, daß 's gscheita waar, wir fahrn 'n See no gar aaffi – so prächti is 's gar selten und an deina Stell, woaßt, was i thaat? I gaang aaffi zum Obersee, heunt is der Weg beleucht', weil der Kini aa hingeht, so was hast nit gsehgn deina Lebta.« »Sehgn möcht i's freili,« meinte der Jäger, »aber 's is mir zwegn a Nachtherberg.« »A Nachtherberg? die kriegst drobn aaf der Saletalm da is a meinige Freundin durt als Sennin, die b'halt di 66 scho' aaf der Heß Heß = das sogenannte Heubödel in der Kuchel, gerade über der Schlafkammer der Sennerin. In Tirol sagt man »Hoß.« und giebt dir aa an' Schmarrn und an' Enzian; es kost' di nix, i richt dir's scho'.« »I moan selm schier, daß i 'n Första heunt koa' große Freud mach. –« »G'wiß nit. Und wenn ma' ebban um ebbas angeht, is 's anemal d'Hauptsach, sagt der Ödl, daß ma' nit unglegn kimmt.« Es ward also beschlossen, die Fahrt bis ans Ende des Sees fortzusetzen. Dasselbe war durch eine Menge von Feuern gekennzeichnet, welche ihren rötlichen Schein weit hinein warfen in die Flut des Sees und wie mit bengalischen Flammen die kahlen Felsenwände beleuchteten. Berge traten hinter Bergen hervor, wie Scene hinter Scene. Hier der Burgstall, der Simmers, die Jagdköpfe, dort der Karlsberg, die Schlangwand, der Wildpalfen. Der Schönfeldspitz ging unter und der Hochfunkel, die Blühnbacherscharte, die Kammer- und Waldhüttenwand und alles überragend die beiden Teufelshörner gingen auf wie die Gestirne des Himmels, zu denen sie sich erheben. Der Königssee ist vom Obersee nur durch einen breiten Erdwall getrennt, der aus dem Gerölle niedergestürzter Felsenwände gebildet, sich quer zwischen beiden Gewässern ausspannt. Dieser auf solche Weise geschaffene grasbewachsene Hochrücken heißt die Saletalp. Der gewaltige Einsturz soll am 3. und 4. Januar 1117 geschehen sein. Auf der Saletalpe hat sich der regierende Herzog von Meiningen ein trauliches Schweizerhäuschen gebaut und verweilt jährlich längere Zeit dortselbst. Mehrere Sennhütten, weidende Herden und der lustige Gesang der 67 Sennerinnen bringen hier Leben und Bewegung in die sonst so großartige Einsamkeit. Heute war nun freilich auf Berg und See ein frohes Treiben. Nicht wie sonst durfte Sabina hier landen, der Schiffordner rief ihr zu, so lange zu warten, bis die höchsten Herrschaften, welche soeben vom Obersee zurückkehrten, wieder zu Schiffe gestiegen und die Rückfahrt angetreten hätten. Dies währte nicht lange; alsbald fuhr das königliche Schiff mit mehreren anderen vorüber. Deutlich konnte man das Königspaar erkennen und ein freudiger Juhschrei löste sich aus Berchtolds und Sabinens Brust, daß es vielfach von den Felsen wiederhallte. Lange sahen sie dem festlich geschmückten Schiffe nach, das einen langen Silberstreifen in den Wellen zurückließ. Dann landeten sie. »Dierweil i zum Burgei sein Kaser geh – siehgst, glei durt donni – und für di Quartier mach, steigst aaffi zum Obersee. Du bist in etli Minuten durt. Schaug dir 'n an, juchaz, wenn's dir gfallt und kimm nacha aaf d' Alm; kann sei', daß d' mi no' triffst, wennst di nit z' lang vohaltst. Gieb her dei' Bix und 'n Rucksack, i bring dir 'n aaffi zum Burgei, aftn brauchst nix z'schleppn.« Berchtold ließ alles geschehen. Er versprach, in kürzester Zeit zurück zu sein, und eilte, während Sabina zu Burgeis Alm schritt, einem neuen Wunder dieser Bergwelt entgegen. Der Steig zum Obersee war zwar nicht mehr künstlich beleuchtet, doch schien der Mond so hell, daß dies gar nicht nötig war. Kein menschliches Wesen war nun hier mehr unterwegs, hehre Stille herrschte in diesem Felsenthal mit seinen fürchterlichen, fast senkrecht einfallenden Wänden. 68 Jetzt ward der Fuß des Wanderers plötzlich gehemmt, vor ihm eröffnete sich im Zauberlicht des Mondes eine Feenwelt, das innerste, erhabene Heiligtum der Wasserwelt dieses Landes. Von keinem Lufthauche bewegt, ruhig und klar, aus Gold und Silber, Blau und Grün zusammengeflossen, leuchtete der kleine See, in welchem die Riesenmauern der Alpen, einer Fata morgana gleich, sich spiegelten. Das flimmernde Silber der nächtlichen Leuchte zitterte von dem steinernen Meere her über der blaugrünen Flut und schwebte empor an den kahlen Wänden, während das blaue Himmelsdach, mit Millionen hellglitzernder Sterne besäet, dieses Fleckchen Erde für sich zu umspannen schien als eine eigne Welt, geschaffen nur für holde Feen, für den König dieses Sees, für die Schwanjungfrau – Berchtold konnte dieses nicht ausdenken. Was war es, das sich so plötzlich von der Bank erhob, welche unter einer riesigen, breitästigen Esche am Seegestade angebracht ist? Es war eine feine, hohe Gestalt in lichtweißem Gewande, das Mondlicht spiegelte zitternd ihr Bild zurück aus der Flut, ihr goldenes Haar schmückte ein Kranz von Alpenrosen – Berchtold hielt den Atem an sich, ihm war ganz wunderbar zu Mute; vor ihm stand, dessen war er gewiß, die Walküre des Seekönigs, die Schwanjungfrau. Ob bei diesem wundersamen Zumutesein dem Jäger nicht im ersten Augenblick das Haar zu Berge stand, ob ihm nicht unwillkürlich gruselte, wer kann es wissen? Aber die Mahnung des alten Schnitzers, das Glück des Augenblicks zu erfassen, klang ihm noch in den Ohren, und Berchtold wollte dieser Mahnung folgen. 69 »Bist du endlich da?« fragte bei seiner Annäherung die Erscheinung mit lieblich klingender Stimme; »es ist Zeit!« Berchtold erkannte aus dieser Ansprache, daß er von der Jungfrau schon erwartet worden sei, und erwiderte, seinen Hut abziehend und einige Komplimente machend: »Fräuln oder Gnä Frau – Sie wern verzeihn, wenn i net woaß, wier i glei sagn soll – es is 's erst' Mal, daß i so a' hoh'n Frau gegenüber steh –« »Du kennst mich doch!« sagte die Erscheinung. »Ja freili!« entgegnete der Jäger, durch den heiteren Ton der Fee ermutigt. »Sie san mir heunt mittag, wie i unter der großn Eschen z'nachst Berchtesgaden eing'schlafen war, schon im Traam erschiena, der Weyerzisk hat mir 's weiter dazählt, daß 's so wohlthäti san und an' arma Jaga gern zum Glück verhelfa, wenn er's würdi is. Sie wern's ja wissen von meiner Muatta, die aar a guater Geist is und mi nit umsunst da eina ghoaßn hat, daß mir halt nix über d' Jagerei geht, und was 's Geld anbelangt und d' Edelstoa', so frag i nix danach, wenn i nur mei' Auskomma und a Arbet und a freudigs Bluat hon, sunsten hon i nix vonnöten.« Die Erscheinung war durch einen herabhängenden Eschenzweig den Blicken des Jägers teilweise verdeckt, sie selbst aber konnte die vom Monde beleuchteten Gesichtszüge Berchtolds wohl erkennen. Sie mußte lächeln. »Für wen hältst du mich denn?« fragte sie den Jäger. »Ja no', halt für d' Schwanjungfrau, für d' Tochter vom Seekini – is 's net a so?« Ein leiser Ausruf entfuhr den Lippen der Fee; der Jäger konnte nicht erkennen, ob es gelacht oder gejubelt war. »Es ist so!« entgegnete jetzt die Erscheinung, »so 70 wahr du der Jäger Berchtold bist, so wahr bin ich die Schwanjungfrau!« Diese Antwort brachte auf den Jäger eine solche Wirkung hervor, daß er sich unwillkürlich aufs Knie niederließ. Die Fee hatte sich ihm ja selbst als die Schwanjungfrau förmlich vorgestellt. Sie wußte seinen Namen, natürlich, warum sollte sie das nicht? – Kurz, der Moment war da, das Glück zu erfassen. »Was verlangst du von mir?« fragte jetzt huldvoll die Erscheinung. »I hoaß Berchtold Perlacher,« entgegnete der junge Mann, »mei' Vata war früher Jaga in Bartlmä, i möcht halt aar a Anstellung kriegn und an' Vodeanst, da« – dabei zog er ein Päckchen Papiere aus der Seitentasche seiner Joppe, »da san meine Zeugnis, i kann's schon lesen lassen und –« »Gieb mir die Papiere,« sagte die Fee mit freundlicher Stimme. Berchtold reichte ihr dieselben hin. Er berührte dabei die wunderbar weiche und feine Hand, sein Auge suchte auch das Antlitz der Jungfrau, aber diese gewährte ihm den Anblick desselben nicht, sie hielt ihre linke Hand, an welcher ein Ring mit drei hellglitzernden Rubinen funkelte, davor, während sie mit der rechten Berchtolds Papiere entgegennahm. »Hole dir morgen die Antwort – unter der Esche an der Straße nach Schellenberg,« sagte sie gütig, »morgen gegen Abend, wenn die untergehende Sonne sich im Wasser spiegelt, die Firnen leuchten und der Vollmond heraufsteigt. Wirst du es wagen, wieder zu kommen?« »Und wenn zehn Teufel mir 'n Weg verwehreten, 71 i kimm!« rief der Jäger, »und scho' heunt sag i vergelts Gott!« »Da nimm einstweilen das!« sprach die Jungfrau, dem Jäger ein kleines, rotsamtenes, mit Goldperlen gesticktes Beutelchen überreichend. »Du bist nicht unbescheiden und wirst das Wenige ehren; es ist alles, was ich bei mir habe.« »Aber i bitt Eana,« entgegnete Berchtold, »dös braucht's ja gar net. Aaf der Saletalm unten kost's mir ja heunt eh nix, 's Ahnderl vom Weyerzisk, Sabin hoaßt 's, hat mi hergfahrn und sorgt dafür, daß i beim Burgei a Nachtherberg krieg und an' Schmarrn, kann sei' aar an' Enzian – sunst brauch i nix.« »Deine Schifferin ist also noch da?« »Ja, vorn is 's. I glaab scho', daß 's mi no' abwart.« »Hast du sonst kein Schiff gesehen – mit einem starken Ruderer?« »Na',« versetzte Berchtold. »Dann ist es Zeit, daß ich gehe,« sprach die Erscheinung. »Blicke in den See hinein und erhebe dein Auge nicht eher, als bis ich von dannen; dann verweile noch ein Viertelstündchen. Denk an meine Huld und jetzt lebe wohl!« »Pfüat Gott!« sagte Berchtold. »Vergelts Gott für alles!« Und er blickte, wie ihm geheißen, in den See, dessen leicht bewegte Wellen das lichte Gewand der Erscheinung wiederspiegelten, welche jetzt hinter seinem Rücken verschwand und dem Gestade des Königssees zuschwebte. Berchtold saß auf der Bank unter der breitästigen 72 Esche. Sein Herz klopfte vor Freude, sein Glück war gemacht. Seine gute Mutter, der alte Schnitzer, seine Ahnung, nichts hatte ihn betrogen, er konnte nicht anders, er mußte seinen glücklichen Gefühlen durch einen Juhschrei Ausdruck geben. Er ließ ihn hinaushallen aus seiner freudig bewegten Brust, hin über die mondhelle Fläche des zauberischen Sees, und von den Felsen klang es wieder in vielfachem Echo, als wäre ein Chor von Geistern lebendig geworden, die in wunderbarer Harmonie ihre Stimmen vereinten mit dem Freudenrufe des überglücklichen Berchtold. 73 V. In der Sennhütte der Saletalpe war das saubere Burgei Regentin. Es war ein echtes, lebfrisches Sennadeandl, und eine rastlos thätige, das Wohl ihrer unterhabenen Pflegebefohlenen stets im Auge behaltende Almdirn. Ihr kleiner Bruder, der Lenzl, ein pausbackiger, zwölfjähriger Bua war als Hüatabua bei ihr, und außerdem befand sich noch eine schon ältere Person, »d' Nandl,« als sogenannte Schoßdirn zeitweise da, welche täglich die Milch und die Butter nach Königssee und Berchtesgaden zu verbringen hatte. Die Besucher des Obersees gingen selten an der Sennhütte vorüber, ohne sich durch ein Glas frische Gebirgsmilch zu erquicken. Mit einem hellklingenden Juh! begrüßte sie Burgei schon beim Landen und wenn sie wieder die Rückfahrt angetreten, schickte sie ihnen noch weithin hallende Grüße nach. Ein kleines, wohlgepflegtes Almgärtchen befand sich neben der an einen Felsblock gelehnten Hütte, angefüllt mit Alpenrosen und Edelweiß, mit welchem hier mancher bequem den Hut schmückte, um dann im Lande draußen als kühner Bergsteiger angestaunt zu werden. Aber auch eßbare Gegenstände baute Burgei in diesem Gärtchen, wie Salat, Rettich und weiße Rüben, welche 74 mitunter Abwechselung in das Einerlei der Almkost – Millisuppn und Schmarrn – bringen sollten. Auf der Saletalm war stets lustige Zeit, denn: »Wann die Glocke hell klingt Und die Sennerin schön singt Und der Guggezer schreit, Is die lustige Zeit!« Heute aber war Burgei ganz absonderlich lustig, heute hallte ihr Jodler und Berggruß noch einmal so schön, denn sie galten dem an ihrer Hütte vorbeigehenden Königspaar, und dieses hielt gerne an, um sich vom Burgei ein Glas Milch kredenzen zu lassen und sich mit dem Mädchen in leutseligster Weise zu unterhalten. Auch der kleine Lenzl erfreute sich des Erinnerns des Monarchen und griff glücklich nach der ihm dargereichten Hand. »Lenzl, wie steht's heuer mit deinen Rüben?« fragte ihn der König heiter. »No', san nit schiach,« erwiderte der Bub. »Mögts oa?« »Heute nicht mehr,« entgegnete der Fürst lachend, »aber es kann sich schon wieder schicken zur Jagdzeit.« Und gnädigst grüßend entfernte er sich, seiner Begleitung das kleine Abenteuer erzählend, welches er im vorigen Herbste mit diesem Buben hier hatte. Es wurde eine Hirschjagd abgehalten und das Edelwild von den Treibern und Hunden aus den hohen Waldungen und von den Felsen und Klippen herab zu Thal gesprengt. Der Fürst hatte in der Nähe der Saletalm, am Fuße des Abhanges einer Schwarzwaldung seinen Standpunkt und war der Jagd gewärtig, die lange auf sich warten ließ. Da erblickte er den in seiner Nähe auf einem 75 Felsblock sitzenden kleinen Hüterbuben, den Lenzl, welcher soeben damit beschäftigt war, sich weiße Rüben zu schälen und mit großem Appetit zu verzehren. Der König näherte sich dem Knaben und fragte ihn freundlich: »Kleiner, was treibst du da?« Lenzl erkannte in dem vor ihm Stehenden sofort den König. Er nahm seinen alten Filzhut ab und sagte, ihn mit treuherzigen Augen anblickend: »A Ruam schäl i mir zu mein' Intabrot.« Der Fürst sah nach der saftigen Rübe und fragte: »Hast d' keine mehr? Ich möchte eine kosten.« »So viel 's mögts. Warts nur a weng, glei bin i wieder zruck.« Er legte die halbverzehrte Rübe und sein altes Taschenmesser auf den Felsblock und eilte wie der Blitz dem Almgärtl neben der Sennhütte zu, um frische Rüben zu holen. Dem Fürsten gefiel das flinke, gefällige Bürschchen gar wohl. Er wollte sich mit ihm einen Spaß machen und steckte schnell dessen Messerl zu sich. Lenzl war mit drei schönen Rüben rasch wieder zur Stelle und reichte sie lächelnd dem Fürsten. »So kann ich sie nicht essen,« meinte dieser, »du mußt sie mir schälen. Ich habe mein Messer vergessen.« »Dös kann leicht sei',« entgegnete Lenzl und griff nach dem Platze, auf welchem er sein Messerl hingelegt hatte. Aber siehe da – es war verschwunden. Der Bub durchsuchte verlegen alle seine Taschen, ging dann suchend um den Stein herum, schüttelte den Kopf, kratzte sich hinter den Ohren und sah endlich den König mit eigentümlich zweifelhaften Blicken nach der Quere an. 76 »Was suchst du denn?« fragte ihn dieser jetzt. »Mei' Messer,« antwortete Lenzl. »I hon's ganz gwiß da donna glegt, eh i um d' Ruam gloffa bin und iatzad – iatzad is 's halt nimmer da. Dös is a bsunderer Fall!« Der König strich sich schmunzelnd den Schnurrbart und ergötzte sich an der Verlegenheit des Knaben; dann fragte er. »Du hast doch nicht auf mich Verdacht, daß ich dir dein Messerl genommen habe?« »O beileib, Herr Kini!« erwiderte der Bub; »so was trauet Enk dengerst nit zua – aba,« stotterte er mit vor größter Verlegenheit gerötetem Gesichte, »aba –« »Was aber? Sag frisch und frei, was du denkst,« ermunterte der Fürst. »Gelt, du glaubst wirklich, ich habe dir's genommen?« Und Lenzl antwortete jetzt ohne Zagen: »I moan grad nit, daß 's ma 's gnumma habts, aber i moan halt, wenn's 's nit zu mir donna kema waats, so hätt' i mei' Messerl no'!« Der gute König lachte herzlich über diese drollige und doch so richtige Antwort, zog das Messer hervor und sagte, es dem Buben überreichend, in wohlwollendster Weise: »Sieh, da hast du dein Messerl wieder und weil es dir so schön gelungen, mir die Wahrheit zu sagen, ohne dabei grob zu sein, so gebe ich dir für deine drei Rüben drei Dukaten in deine Sparbüchse und hast du einmal etwas nötig, so wende dich nur an mich; ich werde dich nicht vergessen.« Der überglückliche Lenzl machte seiner Freude durch einen Juhschrei Luft. In diesem Augenblicke begann die Jagd, der König 77 eilte zu seinem Standplatz zurück und kam eben recht, einen durch das Gezweig brechenden Zwölfender aufs Korn zu nehmen und mit sicherem Schusse niederzustrecken. Während nun der König seiner Begleitung dieses kleine Abenteuer in heiterster Weise erzählte, war Lenzl ganz glücklich, daß sich der Monarch noch so gnädig seiner und seiner Rüben erinnerte, und ebenso glücklich war das schöne Burgei über die ihr zu teil gewordenen gnädigen Worte des Königspaares. Lange juchzte sie demselben nach – jetzt aber hielt sie plötzlich inne. In ihrer Nähe hörte sie einen Juchezer, den sie sofort erkannte. Er kam von ihrem Buam, dem Holzernazi, den sie weit von sich weg auf der Holzstube an der Königsbachklausen vermeinte. Sie sang ihn auch sofort an: »Die Sennerin auf der Albn Thut an' Juchzer, an' halbn, An halbn thuat da Bua, Wenn er hinkimmt, dazua.« Und der Holzernazi sang ihr die Antwort zu: »Bergauf bin i ganga, Bergab bin i grennt, Da hat mi mei' Dirndl Am Juchezen kennt!« »Und an no' was sollst mi kenna!« rief ihr jetzt der schöne, kräftige Bursche zu, indem er das Dirndl umhalste, »an mein herzhaften Bussei – so – schnaggeln muaß's!« Es waren aber auch ein paar herzhafte Küsse und sicher wären es der noch mehr geworden, hätte sich nicht Burgei frei gemacht und gerufen. »Ja Nazi, wie führt di heunt no' der Weg daher?« Der lustige Bursche sang ihr sogleich die Antwort auf ihre Frage: 78 »Da Ma'schei' , da Ma'schei' Der zimt mi so schö', Daß i alle helln Nacht Zu meim Burgei muaß geh'.« Und die Sennerin erwiderte, ihn liebkosend: »An' iads hat sei' Örtl, An' iads hat sei' Stell, Und so guat zimt's di nindert, Magst sei' wodawell !« »Aber iatz sag mir,« rief sie dann, »hast di wirkli nit vogange – heunt, an an' Werklta?« »Schlackarawall,« entgegnete der Bursche, »voganga? I kenn gar koan richtigern Weg, als den her zu dir. I hon ja heunt wieder zu'n an' Schiffer umsatteln müaßn, woaßt, weil da Küni mit seine Leut am See fahrt, da bild't si der Seekarl ein, i waar halt von frühersher no' von die bessern Fahrer oana und da hat mi mei' Rottmoasta, der Grillersepp, awalassen von der Königsklausen zum See. I hon aa ganz alloa' a bildsaubers Fraaln, a Hoffraaln ham's g'sagt, is 's – Schlackarawall, is die schö'! – glei hinterm Küni sein' Schiff herfahrn müassn. Iatz is 's umi aaf'n Obersee, da möchts no' an' etli Zeit alloa bleiben, hat 's gsagt, weil's der Ma'schei' gar a so gfreut und i sollt, sobald da Küni wieder zruck is, aaffi gehn zu der großn Eschn am Obersee und solls nacha awaweisen, und wieder nachifahrn aaf Bartlmä, wo's Feuerwerk abbrennt wird. No', iatz woaßt alles. Ladst mi leicht nit ein, daß i in d' Hüttn einigeh?« »Ganz alloa' bleibt das Fraaln am See obn?« fragte Burgei statt aller Antwort. 79 »So is 's,« entgegnete der Bua. »Ja no', wenn i dazua kimm, is 's nimmer alloa', woaßt!« »Hätts nit glaabt, daß d'so g'scheit worn bist!« versetzte Burgei in schnippischem Tone. »Dernthalb hast di heunt aa so schö' gwandt, grad als gaangst aus, daß di d' Stadtleut halt so recht angaffa!« »Burgei!« rief der Bursche lachend, »i glaab gar, du eiferst! Schlackarawall, du wirst dengerst nix Unrechts denkn? I und a solches Fraaln! Ge zua –« »Du gehst nit aaffi!« gebot Burgei. »I leids nit! Beim Ma'schei' san d'Grafen und Bauernburschen nit leicht unterschiedli, bsunders wenn's alle gleich gwandt san und leicht, daß oana die naturbrauna Knie besser gfalleten, als die nußfarbigen Die Städter bräunen, wenn sie Kniehösln tragen, ihre Kniee oft mit dem Safte von grünen Nüssen, damit sie von denen der Gebirgsbewohner nicht allzusehr abstechen. . Nix wird draus –« »Schlackarawall!« rief der Bursche und lachte. »Ja, lach nur und sag Schlackarawall! I hon scho' viel dazähln hörn. D' Nandl drin woaß gnua selli Gschichtn und –« »Da bin i scho' mit 'n Kochlöffel!« rief die Alte, unter die Thüre des Kasers tretend. »Heunt wird nixi g'strittn da an dem Platzl, wo der Küni leibhafti 'n Burgei d' Hand gebn hat. Recht hat 's Deandl! I ließ an' so an' saubern Buam aa nit alloa' mit wem is 's da will für a Weibats, wenn der Herr Ma' so schö' schein' thuat. Drum gieb enk an' Rat. Der Lenzl kann ja mit aaffi steign und i moan, Burgei, du kannst di aftn scho' beruhinga.« »Bist einverstanden?« fragte Burgei den Nazi. 80 »Was willst machn!« entgegnete dieser. »I muaß zu all'm »Ja« sagn, sunst krieg i koa' Bussei mehr und hör koa' lustigs Gsangl von mein herzallerliebstn Schatzerl!« »So sollst glei oans hörn,« erwiderte Burgei lächelnd und sang: »A Herzerl, a treu's Is so rar aaf der Welt, Wie ban uns in die Bergn A Metzensack Geld!« Und sprechend fügte sie hinzu: »So und iatz bist höfli eingladn in d' Hüttn,« nahm den Burschen untern Arm und führte ihn in die Kuchel, in deren vorderer Ecke der Tisch steht, an welchem sie Platz nahmen. Der fette Schmarrn brodelte in der Pfanne am offenen Herdfeuer, dessen Rauch sich in Ermangelung eines Kamins langsam durch das mit großen Steinen beschwerte Legschindeldach der aus Baumstämmen gefertigten Hütte hindurchzog. Die alte Nandl rührte und stieß fleißig mit dem Kochlöffel in der Pfanne. »Leg no' an' Brocken Schmalz zua,« sagte Burgei zu der Dirn, »und im Teller drin is no' a griebener Zucker. I woaß 's schon, daß der Nazl gern nascht. Dierweil, bis 's Essen firti, schlagst mir a weng d' Zidan. Du woaßt scho', wie's mi gfreut, wennst mir oans vürsingst. Heunt is 's ja so recht a Tag zum Singa und Lustigsein!«. »Du hast mi scho' am Bandl,« meinte der Bursche gutmütig lachend, griff einige Accorde auf der Zither und sang dann mit frischer Stimme und prächtigen Schlußjodlern, in welche Burgei und selbst die alte Nandl fast andächtig einstimmten: 81       Was wohl d' Liab is? Mir zimt, ma' sollt manen, Die Liab waar a Stern, So hell und so feurig, Daß ma' blend't schier kunnt wern. Derweil is 's a Wildbach Voll Gfahr und voll Graus, Und wer amal 'nein fallt, Kummt schwerli mehr 'raus. Die Liab is a Garterl, Kunnt ma' öfters aa maan, Wo Tausende Bleamerln Sich abbusseln thoan. Doch sein all die Bleamerln Von weitem bloß schön: Wer Dornen will g'spüren, Muaß naschend zuagehn. Is denn d' Liab nit der Himmel? Hab i in Pfarrer z'naxt gfragt. »Ja, was dir nit einfallt!« Hat er mir drauf gsagt. »Die Liab is a G'fängnis, Das mirk dir, mei' Bua, Und die sakrischen Diandlan Han den Schlüssel dazua!« Die Melodie zu diesem Liede ist im Koschat-Album zu finden. »Der Küni kimmt zruck!« rief jetzt Lenzl zur Thüre herein. »Tummelts enk, daß 's außa kemmts!« Alle im Kaser Anwesenden rannten zur Thüre hinaus und befriedigten nochmals nicht nur ihre Neugierde, sondern auch ihre Freude, denn wiederholt grüßte das Königspaar freundlich zu den Bewohnern der Almhütte hin, die ihm wieder laute Juhus nachschickten. 82 »Wennst eam halt dengerst an' Almaschmarrn antragen hättst!« meinte die mit dem Kochlöffel dastehende Nandl, »an' bessern macht eam leicht d' Künigin aa nit, als wier i 'n drin in der Pfanna hon und 's waar eam was Seltsams.« »I laaf nachi,« rief Lenzl, »und sag eam's.« »Ob'st dableibst!« rief Burgei, den Buben packend. »Schaamst di nit? Dös kaam ja dengerst außa, als wennst wieder a paar Goldstückeln möchst!« »Ja so!« erwiderte der kleine Lenzl, »dös hon i nit bedenkt.« »No', so machts halt aftn ös, daß 's eini kemmts und Mahlzeit halts!« sagte Nandl. »I richt glei an.« Dieser Einladung ward denn auch Folge geleistet und alsbald stand die Pfanne auf einem hölzernen Teller auf dem Tische. Ein Weidling Milch und ein Laib Brot vervollständigten die Mahlzeit. Jedes bekam seinen Löffel, Lenzl betete laut ein kurzes Tischgebet und in fröhlichster Unterhaltung ward der Abendimbiß eingenommen. Sie waren damit noch nicht fertig, als Sabina an der offenen Thüre erschien. »Jeß, d' Sabina!« rief Burgei erfreut. »Du kimmst grad no' recht zum Auskehr! Setz die nur glei zuawa und iß.« »Dernthalbn bin i nit kemma,« erwiderte das Mädchen, »sondern um a Nachtherberg geh i di an für den Jaga, dem dös G'wehr da und der Rucksack ghörn. Hebs aaf und laß eam, sobald er kimmt, nix abgehn. Er wird Hunger habn und Durst. Zahln laßt eam nix, i bin Zahler, und morgen fruah laßt'n mit der Nandl außi fahrn aaf Bartlmä, denn woaßt, er möcht zum Förster 83 und weil heunt koa' richtige Zeit dazua is, hon eam die Pracht vom See zoagt und daß i nit in Königssee auf der Länd hon bleibn müaßn. I bin ja heunt a Schifferin; der Nazl wird dir's eh gsagt habn.« »Wenns eam auf der Straa in der Schupfa draus gut gnua is, so is 's eam gern vogunt,« antwortete Burgei. »Und an' Schmarrn und a Milli kriegt er aa no'.« »Und an' Enzian därfst eam scho' aa gebn,« versetzte Sabina. »Ja wer is denn der Jaga?« fragte Nazl. »Dös woaß i nit weiter,« antwortete Sabina. »I frag aa d' Leut nit gern aus, aber so viel is gwiß, es is a richtiger und a braver Mann. Und also geh i wieder. I mach, daß i 'n Küni sein Schiff nachi kimm und 's Feuerwerk in Bartlmä sehg. Pfüat Gott mitanand.« Die Anwesenden grüßten sie freundlich. Burgei aber geleitete sie eine Strecke weit gegen das Gestade hinab. Da sagte sie zu ihr. »Hast leicht 'n Grafenpeter verkehrt?« »Du därfst nix Unrechts denkn,« erwiderte Sabina mit Nachdruck. »I kenn den Jaga erst, sitta daß i 'n aaffag'fahrn han. Beim Ödl is er gwest und aaf Bartlmä möcht er – hon's ja eh scho' g'sagt.« »Was is 's aber mit 'n Grafenpeter?« fragte Burgei hartnäckig weiter. »Mit dem is 's nix,« entgegnete Sabina. »I mag koan solchen Loder mehr, der d' Arbet scheut und nix treibt, als 's Edelweiß awiholn von die Berg und nacha 's Geld verlumpen. Du woaßt es, wier i 'n gern ghabt hab, mei' Voda hat 'n als Holzschlager angstellt, aber er halts bei koana Arbet aus, in die Berg umasteign taugt 84 eam besser, Edelweiß brockn mit Lebensg'fahr und diem an' Wilderer machn, woaßt, dös is sei' Sach. I aber hon eam versichert, daß i nix mehr von eam wissen will, so lang er nit wieder a feste Arbet hat und ehrli sei Brot vodeant.« »Da hast recht ghabt!« pflichtete Burgei der Freundin bei, »und wenn's grad is, 's giebt ja Buam gnua, die a bravs Deandl, wir du bist, z'schaatzen wissen. Moanst nit?« »Du moanst – ganz aufgebn?« fragte Sabina, den Kopf schüttelnd. »Wolln hätt' i's schon oft, erst heunt wieder, wier er mir an' frischen Buschn Edelweiß durch a kloans Deandl aaf der Länd draus zugschickt hat. So lang i 'n sehg, kaannt eam, woaß Gott was! anthoa', und dös war aa der Hauptgrund, warum i gmacht hon, daß i 'n Jaga hon aaffafahrn därfn, aber bin i weit von eam, dann ziagts mi hin, der Haß und die Liab fanga völli 's Rankeln an – und halt anamal bleibt d' Liab obn auf. Wo dös außi soll, i woaß 's nit.« »Hat si schon gar viel gricht aaf der Welt,« tröstete Burgei, »wirst aa du dein' Friedn kriegn.« »Mein Friedn?« entgegnete Sabina traurig, »den krieg i so leicht nimmer. Am Tag muaß i jeden Augenblick denkn, iatzt schiaßt 'n a Jaga zam, der 'n dawischt beim Wildern, oder wieder, daß er beim Edelweißbrockn awistürzt über d' Felsenwand und si dafallt im grausen Gwänd, und nachts wieder sehg i 'n bsoffen im Wirtshaus all sei' Gerstl votrinka, statt daß er sei' alt's Ahndl unterhalt, und so sehg i lauter Angst und Kümmernis und dengerst – dengerst muaß i 'n gern haben.« 85 Sabina hatte sich schluchzend an die Brust der Freundin geworfen. Diese wußte auf diesen Herzenserguß nichts zu erwidern, sie fühlte, wie auch ihr die Thränen über die Wangen herabrannen. Jetzt bemerkte sie aber, wie eine weißgekleidete Frauengestalt schnellen Schrittes auf dem Steige vom Obersee herankam. »Aha,« sagte sie, »durt kimmt dös Hoffraaln, die mei' Nazl vom Obersee hätt' abholn solln. Dös muaß eam glei sagn. Pfüat di Gott, Sabina, tröst di, es kann no' all's recht wern. Für den fremdn Jaga wird scho' gsorgt. Pfüat di Gott!« »Pfüat Gott!« rief Sabina der rasch zu ihrer Hütte eilenden Burgei nach, trocknete sich mit der Schürze die Thränen und ging zu ihrem Schiffe. »Schifferin!« hörte sie sich jetzt von der rasch ihr nacheilenden Dame anrufen. Sabina hielt und erwartete deren Ankunft. Das Deandl erkannte in ihr die Baronesse N., die Hofdame der Königin, und grüßte sie ehrerbietig. »Willst du mich in deinem Schiffe mitnehmen?« fragte das Fräulein. »Mein Fährmann, der Holzernazi, scheint mich vergessen zu haben.« »'s is mir a große Ehr,« entgegnete Sabina. »Steigts nur glei ein, i bin ganz laar. Der Nazl aber, der hat si halt bei sein Burgei verhalten – da laaft er daher. Laßts eam's nit entgelten. Er hat 's Burgei gar so gern und kimmt von der Holzstubn obn seltn awa ins Thal.« »Entgelten?« fragte das Fräulein lachend. »Im Gegenteil, ich bin ihm sogar zu Dank verpflichtet, daß er 86 nicht kam. Ich hätte sonst nicht ein so köstliches Abenteuer erlebt.« »Gnadn Fraaln!« rief jetzt, kaum zu Atem kommend, der herbeieilende Nazl, »Sie wern verzeihn – a bißl gsunga ham wa' ob'n im Kaser, und a bißl 'gessn und –« »A bißl busselt!« vervollständigte Sabina, nun wieder lachend. »Das sind triftige Entschuldigungsgründe,« meinte das Fräulein. »Es sei dir vergeben. Damit du übrigens nicht so urplötzlich von deinem Burgei scheiden mußt, fahre ich mit Sabina zurück. Bist du einverstanden? Ein Trinkgeld lasse ich dir schon zukommen.« »Gnä Fraaln!« erwiderte Nazl, »i hon meinoad! koans vodeant. Es is mir aa gar nit recht, daß i Eahna nit zruckfahrn soll – aber was willst macha? Aaf d' Alm geh i aa nimmer zruck. I fahr in Enkerer Näh, aft wenn's was brauchts, bin i glei da. I hon's 'n Seeerer ghoaßn, daß i recht acht gieb und da soll si nix feihn!« Noch während Nazl sprach, hatte Sabina ihren Nachen abgestoßen. Nazl folgte einige Augenblicke später nach. »Juhu!« tönte es jetzt von der Sennhütte herab und »Juhu!« war die lustig klingende Antwort aus den beiden Schiffen. Die Baronesse erkundigte sich nun bei Sabina nach dem Jäger, den sie am Obersee getroffen und diese erzählte ihr, was sie von demselben wußte. Freilich war das nicht viel, aber das Mädchen meinte, der Weyerzisk, ihr Ödl, wisse jedenfalls mehr, weil er ihm von der Schwanjungfrau erzählt habe, die ihm, wie der Jäger sagte, den Kopf ganz »vozwirrt« hätte. Außerdem sei der Förster von Bartlmä ein alter Bekannter von des Jägers Vater und 87 der junge Mann hoffe, durch diesen einen Dienst zu bekommen. Dem Fräulein genügten für heute diese Mitteilungen. Sie überließ sich nun schweigend dem Eindrucke, welchen die Herrlichkeit dieser nächtlichen Fahrt in ihr hervorzauberte und auch Sabina, die mit gleichmäßigem Ruderschlag das Schiff vorwärts brachte, überließ sich ihren Gedanken. Sie blickte einigemal nach dem Edelweißbuschen, der hinter ihrem Sitze lag, nicht mehr von ungefähr hingeworfen, sondern sorgsam hingelegt. Sanft über die Tiefen dahingleitend, trug sie der Kahn vor das grüne Vorland St. Bartholomä, welches gleich einer Insel im Meere von der übrigen Welt abgesondert ist. Das kleine, mit zwei niederen Kuppeltürmen versehene Kirchlein ist an das ehemals fürstliche Jagdschlößchen Das Kirchlein ward schon im Jahre 1134, das Jagdschloß durch den Fürstpropst Kajetan von Nothafft 1732 erbaut. angebaut, um welches sich rings umher in der Form eines Halbzirkels ein sanfter Grasboden ausbreitet, auf welchem Kühe und Kälber weiden, und den ein stiller Eschen- und Buchenhain umzieht. Im Schlößchen wohnt der Förster und wird daselbst eine durch die berühmten Saiblinge allbekannte Wirtschaft ausgeübt. Heute nahm die königliche Familie unter den durch buntfarbige Lampions beleuchteten Baumgruppen das Souper zu sich, nach dessen Beendigung ein Kunstfeuerwerk abgebrannt werden sollte. Das Edelfräulein landete an diesem Eilande und schloß sich wieder dem Hofe an. Sie reichte Sabina zum Abschied die Hand und versprach ihr, beim Weyerzisk ein Andenken für sie zu hinterlegen. 88 Sabina ließ die Ruder sinken und übergab ihr Schifflein dem Spiele der ruhigen Flut. Und als dann die bengalischen Feuer die Felsenwände und das Wasser in feenhafter Beleuchtung widerstrahlen ließen, zahllose Leuchtkugeln und Raketen zum Himmel strebten und wieder in den See hernieder fielen, als sie die Rufe und das Jauchzen so vieler glücklicher und froher Menschen vernahm, da leuchtete in ihren Augen eine Thräne, und diese Thräne fiel auf das Edelweiß, das sie, ohne es selbst zu wissen, in die Hand genommen und an die Lippen geführt hatte. Zum Ländeplatz in Königssee zurückgekehrt, erwartete sie bereits ihr Vater, der Grillersepp, ein kräftiger, durch viele und anstrengende Arbeit abgehärteter Mann von gutmütigem Äußern und heute ebenfalls in feiertägiger Gebirgstracht. Er führte das Mädchen nach einem dem Gasthause schräg gegenüber liegenden Häuschen. Auf dem kurzen Wege dahin hörte man den Gesang und das Johlen einer schon sehr angeheiterten Gesellschaft, die im Wirtshause saß. Ganz besonders aber und in fast unangenehmer Weise machte sich einer der Lärmenden bemerkbar und dem braven Mädchen gab es einen Stich ins Herz, als der Vater sagte: »Hörst 'n wieder, den nixnutzigen Loder?« Sabina nickte bejahend und ihren Händen entglitt der frische Edelweißstrauß, den sie erst kurz mit ihren Thränen benetzt und der nun beschmutzt vom Staube der Straße durch die Tritte der Wanderer vernichtet wurde. Dieses Lärmen der Trinkenden steigerte sich mit der zunehmenden Stunde und gestaltete sich schließlich in ein wildes Schreien und Schimpfen, in ein gegenseitiges Drohen und das Ende war eine unfreiwillige Entfernung des 89 Hauptruhestörers und Raufboldes, des angetrunkenen Grafenpeter und dessen Verbringung in Haft. Die zum Fenster hingeeilte, aufs heftigste erschrockene Sabina sah das Blinken der Gewehre mehrerer Gendarmen und hörte das Fluchen des unbändigen Burschen, ihres Geliebten. Drinnen in der Gaststube aber waren die Leute um den Holzernazi beschäftigt, der aus einer großen, aber glücklicherweise nicht lebensgefährlichen Wunde blutete. Die Veranlassung zu dem Streite gab der Jäger Berchtold. Nazi hatte sich nämlich über den arbeitsscheuen Peter lustig gemacht, mit dem Sabina ein für allemal abgerechnet habe, weil sich ein jedes rechtschaffene Deandl über einen solchen Loder schämen müsse. Und als der Grafenpeter 90 den Beweis dafür verlangte, war Nazi unbedachtsam genug, ihm mitzuteilen, daß Sabina seinem Burgei in seiner Gegenwart einen Jägerburschen aufs dringendste empfohlen und sich für seine Verpflegung und Nachtherberge als Zahlerin erklärt habe. Der Holzernazi sprach die Wahrheit, aber in der Hitze des Gespräches mochten seine Worte mehr Hohn und Spott enthalten, als er vielleicht beabsichtigte, kurz, der Grafenpeter brach in Verwünschungen und Drohungen gegen den ihm wohlbekannten Jäger aus und begann mit dem Holzernazi auch bald zu raufen, wobei er ihm die erwähnte Wunde beibrachte. Als der Grafenpeter unter Sabinas offenem Fenster vorüberschritt, blickte er unwillkürlich auf und erkannte sofort das Deandl. »Elende Dirn!« rief er ihr zu; »Gnad eam Gott, wenn i wieder mit eam zammtriff!« Dann schwieg er und entfernte sich mit seiner Eskorte die Straße hinauf. Sabina blickte noch lange nach der Stelle, wo er ihren Augen entschwand. Die rötliche Scheibe des Vollmondes war über die stolzen Gipfel des Watzmanns hinübergezogen und nichts erhellte mehr die Nacht, als das Geflimmer des gestirnten Himmels. Kühle Lüfte strichen von der Bucht des Königsees herauf. Sie verkündeten den nahenden Morgen. Sabina fröstelte es; leise schloß sie das Fenster und suchte ihr Lager wieder auf. »Elende Dirn!« sagte sie, unter stillem Weinen des Burschen Worte wiederholend. »Und dengerst – dengerst muaß i di gern habn!« 91 VI. Auf der Saletalm lag alles im friedlichen Schlafe, im glücklichen Träumen. Selbst die alte Nandl kicherte vergnügt, denn es war ihr, als säßen der König und die Königin und die Prinzen um den Tisch im Kaser herum und ließen sich den durch sie bereiteten, fetten Almschmarrn aus der großen Pfanne aufs beste schmecken. Der kleine Lenzl lachte fast laut auf, weil er dem König einen ganzen Sack voll weiße Rüben bringen durfte, für deren jede ihm der freundliche Fürst einen großen, glänzenden Dukaten auf die Hand legte, so daß der Glückliche nicht mehr wußte, wohin er all das Gold stecken sollte. Burgei, auf ihrem hohen Kreister in der Kammer liegend, lachte auch, denn sie war mit dem Gedanken eingeschlafen. »I hon und b'halt mein' Buam am Schnürl!« Und über dieses Thema mochte sie vergnügt weiter träumen, denn für alle Frauen liegt ein unendlicher Reiz darin, mit der überlegenen Kraft des Mannes zu spielen. Und Berchtold, der in der Streuschupfe schlief – ob der im Traume Ursache zum Lachen hatte! Als er vom Obersee zur Alm gekommen, bewirtete ihn Burgei mit dem Besten, was ihr zu Gebote stand, das schöne Feuerwerk auf Bartlmä, welches sie mit 92 den Ihrigen vor der Hütte stehend ansah, gestattete ihr aber nicht, sich in einen eingehenderen Diskurs mit dem jungen Manne einzulassen und hernach war es höchste Zeit zum Schlafengehen. Lenzl sprach das Nachtgebet, in welchem er namentlich der Schiffer, Holzer, Jäger, Wurzelgräber und Saliner, sowie der armen Seelen im Fegfeuer gedachte, worauf jedes sein Lager aufsuchte. Berchtold blieb auf der Gred sitzen, bis er sein Pfeifchen ausgeraucht und tappte dann im Zwielicht des Mondscheins zur Streuschupfe. Er mußte fortwährend an die Erscheinung am Obersee denken, doch stiegen mählich sehr nachhaltige Zweifel in ihm auf, ob nicht am Ende die vermeintliche Schwanjungfrau ein ganz natürliches Menschenkind gewesen sei. Diese Zweifel wurden durch die Visitation der rotsamtenen Börse, welche ihm die gütige Fee überreichte, in nicht geringem Grade verstärkt. Neben den Guldenstücken, Sechsern und Kreuzern befand sich ein kleines, zusammengelegtes Zettelchen, ein Postaufgabeschein für eine Wertsendung an die Armenhausverwaltung in Traunstein, das erst jüngst ein Raub der Flammen geworden. Es wollte dem Jäger doch seltsam dünken, daß sich die Schwanjungfrau bei Übersendung ihrer wohlthätigen Gaben der Post bediene und sich noch dazu einen Schein ausstellen lasse. Dann gedachte er aber wieder des wunderbaren Eindruckes, den ihre Erscheinung schon mittags unter der Riesenesche, beim Weyerzisk und am Obersee auf ihn gemacht, die drei Rubinen funkelten vor seinen Augen und dann, und dann – mit all dem »dann« war er eingeschlafen und er schlief noch fest, als sich über die Felsen 93 im Osten herauf schon der Morgen vorbereitete und es drinnen in der Sennhütte lebendig wurde. Die Sennerin mahnt hier nicht, wie ihre Schwestern im Bauernhofe, der laute Weckruf des Haushahnes, daß es Morgen werde. Das erste Grau, das durch die Ritzen des luftig gefügten Baues bricht, macht sie wach und sie eilt, den Kühen, die sich früh morgens bei der Hütte warmen Trank holen, ihr Frühstück zu bereiten. Das Feuer prasselt und leckt an dem rußigen Kessel und während das Wasser siedet, schneidet die Sennerin Gras in Fässer und überschüttet es mit Kleienmehl, welche Mischung mit kochendem Wasser abgebrüht, den sogenannten »Brohd« giebt. Schon klingelt und klingelt es in allen Tonarten die Halden und Schluchten heran, vom Baß begleitet, den sich die rüstigen Kühe dazu brüllen, die nun ihr freies Nachtlager verlassen, um bei der Alm sich »Brohd« für ihre Morgenmilch einzutauschen. In der Hüttenthür stehend, jodelt die Sennerin ihren frischen Morgengruß hinaus und juchzt in die Weite, und sollte noch eine ihrer Pflegebefohlenen hinter den Felsblöcken säumen, dann eilt sie auf dieses Juh mit lautem Brüllen heran. Der Hüterbub rangiert mit lautem Zuruf die harrende Gilde. Die Sennerin, mit Dreifuß und Sechter, faßt Posto vor der Alm und die verständigen Kühe, des Brauches gewöhnt, schreiten bedächtig vor den Zollstuhl, wenn ihre Namen gerufen werden. »Blaßl«, »Franzi«, »Mudei«, »Scheck« u. s. f. schreit die geschäftige Sennerin und während die Schoßdirn den gerufenen Kühen den bereitgehaltenen Trank darreicht, werden sie bedächtig von der Sennerin gemolken. Die schäumende Milch wandert, sobald der Sechter 94 gefüllt, durch ein Haarsieb in den Milcheimer und mit gelindem Schlag und freundlichem Wort wird Kuh um Kuh entlassen. Die Frühmilch wird dann in den großen Kessel mit Zusatz von »Lab« (Schleimhaut des Kälbermagens) gefüllt, damit sie bei geringem Feuer gerinnen möge, und sodann verkäst, während die Abendmilch in die in Reih und Glied in der Milchkammer stehenden »Waidlinge« (Schüsseln) geschüttet wird, wo sie rahmt und nächsten Tages für die Butterbereitung abgeschöpft wird. Schon steht das mit Rahm gefüllte Butterfaß bereit und die Nandl macht sich so ihre Gedanken bei dem gleichmäßigen Auf- und Niederrühren. Eine scharfe Morgenluft streicht über den in Nebelschleier gehüllten See herein. Auf den obersten Spitzen und Graten der Riesenberge funkelt es und über das Grün der höheren Alpenweiden zuckt es dann und wann in blaßgelben Streifen. Bald aber schimmern goldene Feuerwolken am tiefblauen Himmelsbogen, erst hell, dann immer dunklerer Purpur färbt die Alpen, blitzende, goldene Ströme wie Lavabrüche scheinen sich von den Flanken der strahlenden Häupter des Hochgebirges herniederzugießen, funkelnde Lichtwellen verdrängen die leisen Nebel, unter deren fliegendem Zauber der goldspiegelnde Königssee schimmert und glänzt. Ein freudiger Juhschrei löste sich aus Burgeis Brust, sie sandte ihn hinaus zu den östlichen Bergen, weit über die Region des Königsbaches, wo sich Nazis Arbeitsplatz befand und wohin sie ihn seit Sonnenaufgang unterwegs glaubte, und Grüße und Jodler tönten herab von den oberen, selbst weit entfernten Alpen. 95 Berchtold hatte sich jetzt auch von seinem Lager erhoben, auch er ließ seinen Juhschrei als Morgengruß hinaushallen über den Königssee und wieder zum Obersee und hinein in den lichten Felsensaal, welchen die roten Kalkmauern der Kauner- und Waldhüttenwand umschließen und über welchem die gigantischen Teufelshörner in glühender Firnenpracht emporragten. Burgei lud den Jäger zum Almkaffee in die Hütte, und Berchtold ließ sich letzteren wohl schmecken. »Muaßt schon vozeihn,« sagte die Sennerin, »daß ma' dir gestern nimmer viel Ehr anthoa' kunnten. Woaßt, der Küni is halt bei uns zuarikehrt und über a seln Freud vergißt leicht aaf alles andere und aftn dös schö' Feuerwerk hat uns aa gfreut, und mei' Nazl is aa no' unversehens kemma und dös Fraaln is mir aftn aar im Kopf gsteckt, dös er vom Obersee abholn sollt und was eam gwihrt hon, no' ja, da bin i woltern froh gwen, wier i in mein Bett glegn und alles ruhri hon überdenka kinna.« »A Fräuln hätt' dei' Nazl vom Obersee abholn solln?« fragte Berchtold sichtlich errötend. »So is 's!« entgegnete Burgei. »Aber dernthalbn brauchst d' nit rot wern,« setzte sie lachend hinzu. »Woaßt, a Edelfraaln von unserer Künigin is 's gwen, die si halt an dem glanzetn See nit satt sehgn hat kinna und die mei' Nazi hätt' a'holn und 'n Prachtschiff nachifahren solln. Er is halt z' spät kemma, i hon 's scho a so g'richt, so is 's halt alloa awakemma in ihren schneeweißn Gwandta und es wird si ebba wohl nix gfeit ham. Von mir is 's grad a so a Dummheit gwen, aber ma' hat halt diermal so sein dumma Tag.« 96 »Ja, ja,« stimmte Berchtold bei, »i hon gestern aa mein dumma Tag ghabt.« Er schlug sich zwar nicht auf die Stirne, aber immerhin machte er eine derartige Bewegung; dann starrte er schweigend in die leere Kaffeeschale. »Magst no' a Schaln Kaffee?« fragte Burgei. »Na', na',« entgegnete Berchtold – »dös is a rarer Kaffee!« dabei meinte er sein gestriges Abenteuer. »Ebba nit?« fragte Burgei, »koa Stammel Cichorie is drin und 'n Rahm hon i selm a'gnomma.« »Siehgst ja, daß er mir gschmeckt hat,« beruhigte sie der Jäger; »aber mir san halt so gachs allerlei Gedankn kumma über dös Edelfraaln. No', die wird lacha!« »Über mi, monst ebba?« fragte Burgei. »Na', na', scho' über mi! Wenn i nur meine Zeugnis wieder hätt'!« »Deine Zeugnis? Hast es verlorn?« Berchtold hielt an sich. Seine gestrige Dummheit ausplaudern, wäre eine neue, dachte er bei sich und er suchte ein anderes Gespräch. »Wie kimm i denn aaf Bartlmä?« fragte er Burgei. »I muaß zum Förster.« »Zum Förster? Da fahrst halt mit der Nandl; die wird eh bal g'richt sei', weils 'n Butter auf Königssee außibringt. Da wünsch ich dir halt, daß der Förster heunt mit 'n rechtn Fuaß z'erst aus 'n Bett gstiegn is, sunst kannst nit viel mit eam machn.« »Er is a guater Freund von mei'm Vater seli gwest, da verhoff i das Best'!« »I wünsch dir's,« sagte Burgei, »aber wenn er aa im Anfang grandi is und dir 'n Kopf abreißn möcht, 97 dernthalbn därfst di nit kränken; wennst 'n a andersmal bei guater Stimmung dawischt, setzt er dir 'n Kopf gern wieder auf. Woaßt, es is halt an' alta eisgrauer Brummbär, sunst aber a kreuzbraver Mo'.« »I fürcht koan Bärn!« sagte Berchtold lächelnd, »wenn i mei' Büchserl aus 'n Fuatteral hon. Möcht der Förster nur mit 'n rechtn Fuaß z'erst aus 'n Bett gstiegn sei'! Und iatz sag mir mei' Schuldigkeit.« »Ja was denn nit gar! Erstens kost's dir eh nix, zwoatens gaangs auf meiner Kameradin, der Sabina, ihra Rechnung und drittens wirst eh nit viel Geld habn. Kimm nur wieder auf d' Saletalm, wann's di gfreut, du kriegst, was ma ham und an' Juchaza zum Pfüat Gott.« Dieser hallte alsbald an den Felsenwänden wieder, als Nandl, den blau bemalten Stotzen (niederes Schaff) voll Butter auf dem Kopfe, herzukam und sagte: »So, i bin g'richt!« Berchtold bedankte sich bei der freundlichen Sennerin und stieg zu Schiff; ein Juhschrei – und mit kräftigem Ruderschlag ging es dem grünen Vorlande St. Bartlmä zu. Die alte Nandl plauderte während des Ruderns ohne Unterlaß, besonders gesprächig aber wurde sie, als ihr Berchtold mitteilte, daß er der Sohn Perlachers sei, der in früheren Jahren auf Bartlmä Jäger gewesen. »Vom Perlacher bist a Suhn? Ja, was d' sagst! No', dös gfreut mi! Mei' liawe Zeit, wie oft hon i mit dem schuahplattelt! Dem hat koana ankinna im Tanzn und Singa. Da hat eam so a Loder von an' Wilderer an' Schuß in 'n Fuaß beibracht und aus war's mit 'n Tanzen und Bergsteign, drum is er ins Flachland vosetzt worn. Hat wir recht load tho' um den braven Mo' und 98 um sei' brav's Wei', die 's oanzige Kind vom Oberjäger draus z' Berchtesgadn war und der ihre Eltern kurz hinteranand gstorbn san. Gott tröst's – warn brave Leut! Und 'n Perlacher, dein Vatan, tröst 'n Gott aa. Siehgst eam völli gleich, bist grad so sauber. Ja no', i muaß oft gnua an eam denkn, er hat ja an Andenkn zrucklassen –« Nandl stockte. »An Andenkn?« fragte Berchtold, »wie so?« Nandl war sichtlich verlegen, da sie sich verplaudert hatte und lenkte ein. »No' ja,« erwiderte sie, »halt daß 'n die Deandln nit vergessn, mit denne er so schö' Landler tanzt hat. Iatzt freili san scho alle gstandne Weibats; schau nur mi an, i bin no' die sauberst drunter, weil i koan Kropf hab. Gel, da lachst? Ja no', magst es glaubn oder nit, i und 's Grafendeandl san dazumal die saubersten Deandln in unserer Gnodschaft gwen, wir warn oa' Herz und oa' Sinn, koa' Gheimnis ham ma vorananda g'habt und nit leicht hon i no' so gflennt, wier an dem Tag, wo ihr mit der Leich ganga bin.« »'s Grafendeandl?« fragte Berchtold, sich der gestrigen Erzählung der Ruppelleni erinnernd. »Moanst d' Muatta vom Grafenpeter?« »Wieso woaßt du dös?« fragte Nandl überrascht. »D' Rappelleni hat mir gestern davon erzählt, wie i Rast ghaltn hon unter der großen Eschen außer Berchtesgadn –« »Hast ihr aftn du gsagt, daß d' 'n Perlacher sei' Suhn bist?« fragte Nandl. »I glaab nit,« entgegnete Berchtold. »Sie hat mir 99 nix Guats über ihren Enkel gsagt, und d' Sabina, die mi aaffa gfahrn hat zu Enk, scheint mir aa nit guat auf eam z' sprechen sein.« »D' Sabina?« entgegnete Nandl. »Ja, ja, auf die hat's der Loder abgsehgn, z' wegn der brechet er si 'n Hals und 's Gnack, und 's Deandl möcht 'n aa, wenn er nur arbeta thaat. Der Grillersepp, 'n Deandl sei' Vata, hat 'n in d' Holzarbet gnomma, aber die grob' Arbet scheucht er, und die sitzend' kann er nit vertragn, mei', es liegt halt scho' im Geblüat. Im Wald frei umagehn, jagern und birschen und Edelweißbrocken sagt eam halt besser zua, und so an' Mannets ohne festen Vodeanst giebt der Grillersepp sei' Deandl nit, dös muaßt dir mirkn. So, und iatzt san ma mit lauter Schwatzn zurikemma aaf Bartlmä – also steig aus in Gottsnam! Wünsch dir halt a recht guate Verrichtung! Und willst dei' Sach recht guat machn, so geh z'erst aaffi zum Wallfahrtskirchl vom heilin Peter und Pauli, es is a kloas Wegl hin, dös Kirchl ham vor uralters Zeit fromme Jaga baut und alle Zeit ham d' Jaga viel Vertraun, wenn's durt betn thuan, i bin dir guat Rats. Und aftn vergiß nit und trink von dem Wasser, dös nebn der Kapelln aus 'n Felsen kimmt, da kriegst an' klar'n Verstand und liachte Aug'n, die braucht a Jaga – und iatz pfüat di Gott!« Berchtold dankte der Alten, warf ihr einige Sechser zu und stieg rasch ans Land. Nandl konnte ihm deshalb das Geld nicht mehr zurückgeben. »No', so hast was guat,« rief sie ihm nach und sandte ihm ihren frischen Juchzer nach. Berchtold aber schritt voll froher Hoffnungen dem Forsthause zu. In der unteren Flur des Hauses, welche mit den 100 bekannten Ahnenbildern der naturhistorischen Familie Saibling ( salmo salotinus ), welche in riesigen Exemplaren hier vertreten ist, und mit Jagdbildern geschmückt ist, fragte Berchtold nach dem Förster. Dieser war aber noch nicht zu sprechen; man hieß Berchtold in einer Stunde wieder anfragen. Berchtold benützte diese Zeit, dem Rate der alten Nandl folgend, und suchte die alte Peters- und Paulskapelle auf, am Eingange zur Gletscherschlucht, der sogenannten Eiskapelle. Er empfahl sein Geschick den beiden Aposteln und trank auch aus der frischen, eiskalten Quelle, mit deren Wasser er sich dann auch, wie es ihm Nandl empfohlen, die Augen wusch. Gewiß hatte auch sein Vater oft hier geweilt! Er gedachte lebhaft desselben und legte nicht ohne Rührung wieder den Weg zum Forsthause zurück. Der Förster war jetzt zu sprechen. Berchtold trat mit höflichem Gruße ein. Der alte Weidmann, mit weißem Schnurrbart und kahlem Kopfe, gekleidet in eine graue Joppe, ebensolche Hose und eine grüne Weste, saß am vorderen Tische und aß soeben seine Morgensuppe. Ein paar Dachshunde lagen zu seinen Füßen. Die Hunde liefen dem Ankömmling sofort freundlich entgegen und wedelten um seine Füße. Der Förster aber sah in nicht sehr freundlicher Weise von seiner Schüssel auf. »Was is 's? Was soll's?« rief er dem jungen Manne zu. »Herr Förster,« begann Berchtold, »i bin der Sohn vom verstorbna Perlacher, der a guata Freund von Eahna war und so hätt' i halt dös Vertraun zu Eahna, daß 's 101 mir zur a Stellung verhelfeten als Jagdknecht da im Revier. I bin a g'lernter Jaga und bin aa im Forst wohl bewandert!« »Natürli,« rief der Förster spöttisch, »auf di hab i grad g'wart'. Moanst, es braucht nix, als daherroasen und an' Anstellung kriegn?« »I hon halt gmoant, weil's a guata Freund von mein Vatan –« »Wenn i alle Söhn von meine guatn Freund anstelln wollt, so hätt' i bald mehr Jagdpersonal als Gamsen und Hochwild im Revier. Da schreibt ma' doch erst, eh ma's Geld verroast. Übrigens weis' wir deine Zeugnis, damit i's schwarz auf weiß sehg, was 's mit dir is, denn daß d' der Sohn vom Perlacher bist, für dös kannst nix; obst a braver, richtiger Jaga bist, da drauf kommts an. Also wo san die Papier?« Berchtold errötete. »Dös is mir jetzt schon recht zwida!« sagte er, »i kann Enks nit zoagn, Herr Förster.« »Warum nit? Aha, sans halt danach!« »Na', na', alle sands ganz guat – aber i hons gestern nacht ebban gebn und –« »Wem hast es gebn?« fragte der Förster kategorisch. »An' Fräuln hon i 's gebn. I kriegs aber heunt hoffentli wieder.« »Was?« rief der Förster mit wildrollenden Augen, »an' Fräuln? An' Deandl, willst sagn. A so oana bist du? Wie hoaßts denn?« »I woaß 's nit. Aber sie is koa Unrechte –« »Wann bist denn ankemma?« »Gestern nachts.« 102 »Ja, was d' sagst! Gestern nacht bist kemma und heunt hast scho' koane Zeugnis mehr in der Taschen, weilst es an' Deandl gebn hast! Mir scheint ja, du bist a rechter Flottwell, a ganz leichtsinniger Patron! No', an solchen kunnt i grad brauchen da auf Bartlmä, 's is a rechts Glück, daß d' kemma bist!« »I hoff, daß Eahna morgn die Zeugnis zoagn kann,« sagte Berchtold. »Morgn?« rief der Förster. »I hab an der Ehr von dein Bsuach heunt scho' gnua – da – da hast dei' Gschenk und somit guate Roas'.« Der Förster hatte unter diesen Worten den Geldbeutel gezogen und dem Jäger einen halben Gulden hingeworfen. Dieser aber sagte, das Geschenk zurückweisend: »Herr Förster, i bin nit betteln da. Könnts mi nit brauchen, so geh i in Gottsnam wieder weiter. Brauch i a Geld, so kann i arbeiten, und is 's, was da will, wenn's nur ehrli is. Der Grillersepp nimmt mi g'wiß auf als Holzknecht, bis si' amal was find't.« »Ganz recht,« sagte der Förster, »koa' Arbet schänd't. Dös gfallt mir scho' besser von dir, als deine Zeugnis, di i nit lesen kann, weil's a fremds Deandl in der Taschen hat. Dös is ja merkwürdi!« »So pfüat Gott!« sprach Berchtold. »Nix für unguat, Herr Förster.« Und er war im Begriff zu gehen. »Hör amal!« sagte jetzt der Förster, »was bist d' denn für a Schütz? Triffst was?« »I kann mi just sehgn lassen. Freili reich i Eahna 's Wasser nit auf meilenwegs – mei' Vata hat wir oft 103 von Eahna dazählt, i moan, 'n Scheib'nküni ham's Eahna ghoaßn, is 's nit a so?« »Ja, ja,« erwiderte der Alte geschmeichelt, »so hoaßens mi heunt no', wenn i aa scho' recht zsammschaugn muaß und d' Händ' nimmer haltn wolln. No', sehgn möcht i grad, was d' kannst. Nimm mei' Kugelbix durt aus 'n Glaskastn und geh mit mir außi zum Scheib'nstand.« Berchtold nahm die Büchse, besah sie mit großer Befriedigung und hing sie, nachdem der Förster gesagt, daß sie geladen, über die Schulter. Er folgte dann dem Förster in den Eschenwald hinaus, wo ein schöner Schießstand errichtet war. Der Förster stellte den Mann auf die weiteste Distanz und hieß ihn dann auf die Scheibe schießen. Berchtold zielte und schoß. »A Vierer is 's, rechts vom Punkt!« sagte er, das Gewehr noch immer im Anschlag haltend. »So laß uns außischaugn,« sagte der Förster und schritt mit Berchtold der Scheibe zu. »Dös is a Prachtbix!« bewunderte Berchtold im Hingehn. »Ja, ja,« meinte der Förster, »aber von selm triffts trotz aller Pracht nix; es ghört a guata Schütz dazua. – Wahrhafti, rechts vom Punkt a guata Vierer!« rief er, als er an der Scheibe angekommen war. »Dös is scho' was!« fuhr er dann fort. »Guat schießn und 'n Schuß ansagn kinna. Aber wie siehgt 's aus mit der Jagdwissenschaft?« »I versteh mi aufs Hoch- und Niederwild so guat, wie aufs Geflüg,« entgegnete Berchtold. »In meine Zeugnis steht's schon.« 104 »Ja, ja, in die Zeugnis!« meinte der alte Jäger, jetzt schon freundlicher lachend. »Wenn ma's halt hätten, deine Zeugnis! Hast alle die Requisita, die zu an' vollkommena edlen Weidmann gehörn? Woaßt, was derselbe billi vor allen Dingen sein soll?« Und Berchtold antwortete: »Der Weidmann muß hirschgerecht, jagdgerecht, holzgerecht und forstgerecht sein, dann gottesfürchtig, treu und redlich, vorsichtig, anständig, klug, edel, wachsam, unverdrossen, arbeitsam, resolut, listig, geschwind, tapfer und dem Trunk nicht ergeben.« »Brav!« sagte der Förster, »dazua muaß er a guats und a reinlichs Gwehr, muaß Liab zu die Hund habn und von guter Leibeskonstitution sein. Bist auch in die Weidmannssprüch bewandert? Dei Vata und i warn stolz drauf.« »Sag mir an, mein lieber Weidmann: Was macht den Wald weiß, Was macht den Wolf greis, Was macht den See breit, Woher kommt alle Klugheit?« Und Berchtold, dieser Sprüche wohl kundig, erwiderte dem alten Jäger: »Das will ich dir wohl sagen schon: Der Schnee macht den Wald weiß, Das Alter macht den Wolf greis, Und das Wasser den See breit, Vom schönen Jungfräulein kommt alle Klugheit.« Der Alte nickte zufrieden, und sich ganz zurückversetzend in längst vergangene Jahre, fragte er wieder »Weidmann, lieber Weidmann, sag mir an, Was ist weißer, denn der Schnee, Was ist grüner, denn der Klee, 105 Schwärzer, denn der Rab, Und klüger, als der Jägerknab?« Auch hierauf wußte Berchtold richtig zu antworten. Das kann ich dir wohl sagen an: Der Tag ist weißer als der Schnee, Die Saat ist grüner als der Klee, Die Nacht ist schwärzer als der Rab, Schöne Mädchen klüger, als der Jägersknab.« Der Alte lächelte. »Guat hat dir's dei' Vata beibracht. Die Sprüch san aa wahr. Glaubst denn, a schön's Madl wär so unklug gwen und hätt' dir so mir nix, dir nix, ihre Zeugnis gebn? Dös is dös oanzige, was mir an dir nit gfallt! Aber mit die Gams, wie? da wirst nix machn kinna? Im Unterland giebt's koa' und bei uns herin is dös d' Hauptsach.« »Grad dös is mei' Force,« entgegnete Berchtold. »I bin ja über zwoa Jahr im Tegernseer Revier gwen. Hätt' i nit zum Militär müassn, wär' i no' dort; 's wird aa 's gscheitast sei', i roas dorthin, i verhoff nit, daß i umsunst hingeh.« »Dös is dei' freier Willn!« versetzte der Förster, »aber wennst die Zeugnis hast, so kannst bei wir aa no' mal anfragn – verstandn? Und jetzt gehst vüri mit mir und i werd' sorgn, daß d' was z' essen und z' trinken kriegst. I will koa' Einred hörn! Da hast aar a paar Zigarrln. Nimm's, sag i, oder laß 's bleibn! So zünds nur an! Und iatz woaßt, wie i gstimmt bin. I hab koa' Zeit mehr, i muaß meine Rechnungen zammstelln. Dös Roaten macht mi anemal granti. So, z' essen und z' trinka kriegst glei außa. Dein Rucksack und dei' G'wehr kannst dalassen bis morgen und 's weitere wern ma' sehgn.« Damit verschwand er in dem Hausflur. Gleich darauf erschien eine Dirn mit Speise und Trank, setzte alles auf 106 einen Tisch und rief dem unter den Bäumen wandelnden Jäger zu, es sich gut schmecken zu lassen. Das war denn auch der Fall. Die »Dackeln« leisteten ihm Gesellschaft und er teilte ihnen redlich von seinem Teller. Mit nächster Gelegenheit fuhr er dann nach Königssee zurück und ging nach Berchtesgaden, den Heimatsort seiner Mutter. Nun begriff er wohl das Heimweh der guten Frau. Lange vor der bestimmten Zeit schlug er sodann den Weg nach dem Thale ein; hoffend und bangend hatte er bald die Riesenesche erreicht. – Er setzte sich auf die Bank und zündete sich eine Zigarre an. Während er den blauen Rauch in die klare Abendluft blies, harrte er der Lösung des Rätsels und vor seinem geistigen Auge schwebte wieder lebhaft das Bild der Schwanjungfrau. 107 VII. Regerl, die schöne Enkelin des Weyerzisk, hatte in der vergangenen Nacht auch so ihre eigenen Träume gehabt. Der hübsche, fremde Jäger, den sie auf der Bank unter der Esche gesehen, schien sich während ihrer Träume einen Ruheplatz in ihrem Köpfchen – es war nicht recht zu unterscheiden, ob nicht auch in ihrem Herzen – gesucht zu haben. Und da blieb er ebenso angepickt sitzen, wie gestern unter der Esche, als Regerl im Kleide der Prangerin an ihm vorüber eilte und ihn anlächelte. Regerl lächelte zwar gestern so im Vorübergehen jedermann an, der ihr begegnete, sie hatte wohl Grund, ein recht heiteres Gesicht zu machen, aber der hübsche, fremde Jäger, der auch bei ihrem Ödl längere Zeit verweilte, wie sie von der Wiese aus sah, wo sie Futter für die Bläß holte, wie sie vom Stalle aus merkte, wo sie die Kuh fütterte und dann an der Thüre der Stube hörte, in welche sie sich in geradezu kindischer Scheu nicht hineintraute, so lange er da war – dieser Jäger wollte nicht vorüber. Und als er ging, sah sie ihm lange nach, es war ihr wundersam zu Mute, wundersam waren ihre Träume. Und heute meinte sie, als sie dem Ödl die Morgensuppe mit einem freundlichen Gruße hinstellte: »Dös war gestern a recht a guldana Tag!« 108 Der alte Weyerzisk nickte freundlich und zustimmend. Auch er gedachte Berchtolds, des ersten, den seine Werke begeistert. Jetzt waren ihm diese noch einmal so wert. Vermochten sie schon den naturwüchsigen Burschen zu rühren, welch ganz anderen Eindruck mußten sie auf den gebildeten Beschauer hervorbringen! Das war ja längst sein Wunsch, aus dem Munde eines Kenners ein Urteil zu hören und es dünkte ihm ein solch günstiges Urteil das höchste Glück zu sein. Mit frischem Eifer ging er heute an die Arbeit, erst an den Broterwerb – Kochlöffel und Teller. Aber während dieses mechanischen Schnitzens und Drechselns war sein Auge nach dem Modelle der Königsbüste gerichtet, öfters legte er seine Arbeit beiseite und verbesserte mit dem Bossiergriffel dort und da, und sein ehrwürdiges Gesicht blieb heiter. Öfters lächelte er bei der Erinnerung an des Jägers Bekenntnis, daß er sein Regerl für die leibhaftige Schwanjungfrau gehalten und, was seit Jahren nicht mehr der Fall gewesen, Regerl hörte ihn manch lustiges Liedchen summen und da hielt sie es für ihre Pflicht, mit ihrer hellklingenden Stimme den Liedern, welche des Ödls Sinn durchkreuzten, Klang und Melodie zu verleihen, was dem Alten gar wohl gefiel. Dabei kehrte sie alles spiegelblank, staubte jedes Eckchen und Fleckchen sorgsam ab und gab nicht eher Fried', bis alles nett und sauber war. Dann schaute sie vors Haus, erst zu der Bläß, dann zu den Hühnern, sah in das kleine Gemüse- und Blumengärtchen, jätete das Unkraut aus und spielte dann eine Weile mit der grauen Katze. Als sie dann mit Aufräumen und Säubern der Milchwaidlinge fertig war, ging sie wieder in die Stube, nahm 109 eine Näherei zur Hand und leistete dem Ödl so lange Gesellschaft, bis es Zeit war, in die Küche zu gehen, um das einfache Mittagsmahl zu bereiten. Im Gärtchen hatte sie, wie sie es gewöhnlich that, einige Nelken gepflückt und eine davon in das braune Wollröckl an ihre Brust gesteckt. Dem Ödl reichte sie die anderen Blumen, er hielt etwas darauf und steckte in der Regel eine Nelke hinters Ohr, um sie zeitweise herabnehmen und sich an ihrem Dufte erfreuen zu können. Da ging das Arbeiten noch einmal so leicht und bis zum Mittagessen hatte der alte Schnitzer so viele Löffel und Teller fertig, daß er nachmittags an seinem Modell arbeiten konnte. Regerl hatte außer dem Hause zu thun und der Alte war ganz in seine Arbeit vertieft, als es an der Thüre klopfte und auf das »Herein« des Alten eine elegant gekleidete Dame eintrat. »Seid Ihr der Weyerzisk?« fragte die junge, schöne Dame, den Alten freundlich grüßend. Der Schnitzer bejahte es. Er hatte sein Modell schnell mit einem Tuche überdeckt, wie er es zu thun von jeher gewohnt war, wenn ein Fremder in seine Werkstatt trat. Diese Gewohnheit datierte aus jener Zeit her, in der er noch nicht berechtigt war, irgend etwas anderes zu »handwerken.« Er hieß die fremde Dame Platz nehmen, entschuldigte sich, daß er ihr seines kranken Fußes wegen nicht selbst einen Stuhl hertragen könne und sagte weiter. »Eigentli hoaß i Sebastian Franziskus Weyer und mei' Haus hoaßt 's Weyerlehen. Aus dem Franziskus ham d' Leut an' Zisk g'macht und so is Weyerzisk mei' 110 Handwerksnam' worn. Und also mit was kann i Euer Gnaden deanle sein?« »Ich komme, um mich nach einem jungen Jägerburschen, Namens Berchtold Perlacher, zu erkundigen,« sprach jetzt das Fräulein. »Ich weiß, daß er gestern hier bei Euch war. Ich bin mir über den Mann nicht recht klar. Seine Zeugnisse sind ganz vortrefflich, besonders ist seine Arbeitsliebe und Nüchternheit gerühmt. Es wollte mir aber gestern, als ich ihn am Obersee zufällig traf, bedünken, als hätte es mit dieser Nüchternheit doch einen kleinen Haken. Oder sollte er etwas zu viel oder zu wenig da oben haben?« Dabei deutete sie nach der Stirne. »Kurz, ich wäre Euch recht dankbar, wenn Ihr mich über ihn aufklären wolltet.« Weyerzisk war dazu gerne bereit. Er erzählte der Fremden, was er von Berchtolds Vater und seit gestern von dem jungen Manne selbst wußte und erwähnte dabei auch der Schwanjungfrau, für welche der Jäger im Halbschlafe sein Regerl gehalten. Auch von dem Entzücken des Jägers beim Anblicke der Marmorstatue berichtete er und meinte, Berchtold sei jedenfalls unter dem Einflusse, den diese Fee auf ihn gemacht, nach dem Obersee gekommen. Das Edelfräulein hörte dem Alten vergnügt zu. Als er geendet, erzählte sie ihm ihrerseits, wie auch sie der Jäger in aller Wirklichkeit für die Schwanjungfrau gehalten, ihr sogar seine Papiere anvertraut habe und heute sicher zum Stelldichein unter der Esche komme, um seine Bestallung aus den Händen der Fee zu erhalten. Sie teilte dann dem Alten mit, daß Berchtolds Vater noch in gnädiger Erinnerung bei dem König stehe und der Fürst dem braven Sohne gerne eine Gnade wolle angedeihen lassen. 111 Es sollte dieses noch von dem Ergebnis ihrer Unterredung mit dem Schnitzer abhängen und da seine Auskunft für den Jäger so günstig sei, so wolle sie nicht mehr säumen und es ermöglichen, daß Berchtold bis nach Sonnenuntergang mit seinem Anstellungspatent überrascht werden könne. Und als jetzt Regerl eingetreten war, welche das Fräulein sofort als die Sprecherin des Willkommgrußes erkannte, meinte dasselbe, »es wäre das beste, Regerl hole gegen Abend Berchtolds Papiere bei ihr ab und übergebe sie dem Burschen, denn, habe sie den Sinn des Jägers gestern verwirrt,« schloß sie, »so sei es nicht mehr als billig, daß sie ihm heute den Kopf wieder zurechtbringe.« Regerl war tief errötet, erst schon über den Besuch der hohen Dame, die sie sofort erkannte, dann noch mehr darüber, daß sie bestimmt sein sollte, dem hübschen Jägersmann sein Glück mitteilen zu dürfen. Das Fräulein erkannte wohl dieses Errötens Bedeutung, sie reichte ihr freundlich die Hand. »Du brinnst ja, Regerl,« sagte der Alte lachend, »irger wie 's Almrausch drin auf 'n Marmorkopf.« »Dös is nur der Widerschein von die roten Nagerln da,« antwortete Regerl, und um die Aufmerksamkeit von sich abzulenken, ging sie zur Kammerthüre und dieselbe öffnend, sagte sie: »Da sehgts dös Almarausch, dös der Ödl moant; sit gestern is 's verblaßt.« »Mach d' Thür zua!« rief der Ödl. Aber das Edelfräulein hatte die Statue bereits erblickt. Staunend fragte sie den Alten: »Wie kommt Ihr zu diesem Kunstwerk?« »Wier i dazua kimm?« erwiderte der Alte lächelnd. 112 »Der Marmorstoa' is vom Untersberg und meine Händ und der Meißel dort, die ham dös ander verschuld't.« » Ihr habt das gemacht?« fragte das Fräulein mit ungläubiger Miene. » Ihr , der Teller- und Kochlöffelschnitzer?« »Ja, i,« erwiderte der Alte selbstbewußt, »i, der Sebastian Weyerzisk.« »Ist das nur möglich?« rief das Fräulein bewundernd aus. Als sie aber jetzt aufmerksam die edlen Züge, das ruhige, klare Auge des Alten betrachtete, da fand sie sofort die Möglichkeit und wie entschuldigend sagte sie: »Ihr müßt mir verzeihen. Ein solches Kunstwerk konnte ich nicht in Eurer Hütte, nicht von einem gewöhnlichen Arbeiter erwarten. Ich habe nicht leicht eine schönere Madonna gesehen.« »A Madonna mit an' silbern Ruder, die eam ummi schifft ins Paradies?« sagte Weyerzisk. »So weit will i nit freveln, daß i mei' Machwerk für würdi halt, daß zu eam bet' wird; na', na', dös hon i nit vomoant!« »Wie leicht betet sich's zu diesem Bilde!« sprach das Edelfräulein. »Milde, Güte, Friede, Freude, Trost und Hoffnung, ach alles, alles liegt in diesen wunderbaren Zügen! Könnt Ihr noch über die Statue verfügen? Ist sie Euch verkäuflich? Dieses Bild muß in eine Kirche, es wird jeder zur Zierde gereichen. Hätte ich die Mittel, es zu erwerben, ich wüßte sofort eine Verwendung. Aber ich werde jemand anderen dafür interessieren. Wie haltet Ihr das Werk im Preise? Was ist es Euch wert?« »Ös moants, was 's kost'?« fragte der Alte. »Was 's mir wert is? Viel, mei' halbets Lebn, es war mei' 113 Trost in Not und Kümmernis, mei' Muat, mei' Freud, von dera Stund an is 's mei Stolz!« »Also ist dieses Werk noch verkäuflich?« fragte die Dame, ihre Augen stets auf den wunderbaren Mann gerichtet. »Verkäufli? Ja no', freili 's Regerl braucht ja a Geld, wenn amal der Hochzeiter ins Haus kimmt.« »Was verlangt Ihr?« fragte das Fräulein. »Was willst verlanga?« entgegnete Weyerzisk. »Wenn i 's zammzähl, die Tag und Stunden, wo i dran g'arbet hon, so kann's netta a hundert Tag ausmacha. Is 's wohl z' viel, wenn i für 'n Tag an Zwanzger (24 kr.) verlang'?« »Und was weiter?« fragte das Fräulein verwundert. »Weiter? Ja no', der Marmelstoa kost mir nixi, grad 's Herfahrn mit a Paar Ochsen, mei' 'sel wacht nit viel aus.« »Habt Ihr das Werk um diesen Preis schon angeboten?« fragte die Dame erstaunt und gerührt zugleich. »No' niermals,« entgegnete der Alte. »Leicht is 's Enk z' viel; ja no', i woaß nit, was so a Stück wert is.« »Das wißt Ihr freilich nicht!« versetzte das Edelfräulein, dem Alten die Hand reichend, »Ihr wißt nicht, welch herrliches Werk Ihr da geschaffen. Ein Zwanziger per Tag und der Fuhrlohn! Da hättet Ihr Euch mit dem Tellermachen mehr verdient! Aber seid unbesorgt; ich werde dafür Sorge tragen, daß Euch dieses Kunstwerk abgekauft wird und zwar um einen Preis, der seinem Werte näher kommt. Der Genius des Künstlers, der aus dem Marmor spricht, der ist allerdings nicht zu bezahlen, 114 denn es ist die Seele, die Ihr dem Werke eingehaucht, Eure eigne Seele.« »Ja, ja,« rief der Alte begeistert und Thränen glänzten in seinen Augen, »so, so – so hon i 's vomoant, i hon 's nit sagn kinna, was i wolln und wier i 's wolln. Ös, gnä Fraaln, habt's es gsagt, mei' Seel is 's, die eam einghaucht hon, dem Marmelstoa' und dös is 's, was mir so trauli entgegenscheint, was mi anhoamelt, so bekannt, halt grad so, als waar's a Stuck von mir, mei' Seel is 's, mei Seel!« Der Alte war zur Kammer hingehinkt, er wollte seine eigne Seele erschauen in dem Anblick der friedlichen Züge der Schwanjungfrau. »Es sind Regerls Züge, die Ihr zum Vorwurf genommen,« sprach das Edelfräulein; »der junge Perlacher ist zu entschuldigen, daß er über diesen Zügen verwirrt geworden. Regerl, es ist Ihre Schuldigkeit, ihn wieder hellsehend zu machen. Kommen Sie vor Abend ins Schloß und fragen Sie nach mir. Man wird Sie sofort zu mir führen.« Jetzt fiel ihr Blick auf Weyerzisks Porträtbüste und unwillkürlich entschlüpfte ihr abermals ein Ausruf der Bewunderung. »Iatz müaßts aa no' sei' neueste Arbet betrachten,« sagte Regerl hocherfreut darüber, daß die vornehme Dame des Großvaters Arbeiten so belobte. »Da sehgts, dös soll unser Küni wern.« Dabei zog sie das Tuch von dem Modell. »Er ist es ja schon!« rief das Fräulein erfreut. »Is er's,« fragte Weyerzisk, vor Freude errötend, »hon i sein' Geist einig'haucht, siehgt ma' sei' schöne Seel aus 'n G'sicht? Siehgt ma's?« 115 »Ja, man sieht sie,« sagte das Fräulein gerührt. »Doch ich werde Euch jemanden senden, der ein besseres Urteil zu geben vermag, als ich, die ich nur so viel von der Sache verstehe, daß jede Kunstsammlung auf diese Werke stolz sein müßte.« Und als sie sich jetzt zum Gehen anschickte, da hätte sie so gerne gefragt, ob der Mann in Not sei und wie sie ihm helfen könne. Aber sie wagte es nicht. Ihr Blick suchte deshalb nach einem Gegenstande, den sie kaufen könnte, aber er begegnete nur Kochlöffeln und Tellern. Schnell entschlossen, sagte sie: »Erlaubt mir, daß ich diese Sachen Euch abnehme, – ich habe dafür Verwendung.« »So nehmts nur, was 's brauchts,« antwortete Weyerzisk; »'n Verleger därfts halt nix sagn davon; dem waar's nit recht, wenn i unter der Hand ebbas hergebet. I gieb Enks aber gwiß aa nit teurer, als 'n Verleger.« Die Dame reichte ihm ein Goldstück hin. »Mir sind die Sachen von Eurer Hand das, o, noch viel mehr wert,« sagte sie. »Waar nit aus!« rief der Alte errötend. »I nimm koa' Almosen an! Na', na', liebs, guats Fraaln, i hon koans angnomma, wier i schier dahungert bin, und iatzt geht ma so weit nix mehr ab. Laßts mir mein' Stolz, und wollts mir a Freud macha, so erlaubts mir, daß Enk die Schwanjungfrau schnitzeln därf zum Angedenken, so wie i 's gestern 'n Berchtold gschnitzelt hon. Ös brauchts koane Teller und Kochlöffel. Wollts aber oa', so kostens Enk so viel, wier an' Verleger und nit um an' Pfenning nimm i mehr, so wahr i der Sebastian Weyerzisk bin.« 116 »So schnitzt mir das Figürchen. Bis wann seid Ihr damit fertig?« »'s dauert gar nit lang,« erwiderte Wastl, »ös kinnt's es scho' abwarten.« Und schon hatte er das Schnitzmesser in Bewegung. Staunend schaute ihm das Edelfräulein zu. Mit rätselhafter Schnelligkeit entstand aus dem Klötzchen Lindenholz eine Figur, das Ebenbild der Schwanjungfrau mit Regerls Gesicht. Lächelnd übergab sie der Alte dem Edelfräulein und dieses zog jetzt einen Ring vom Finger und reichte ihn dem wunderbaren Manne. »Erlaubt mir, Euch als Gegenandenken diesen Ring mit den drei Rubinen zu geben,« sagte sie. Aber der Alte lachte. »Für meine Händ paßt koa' solches Ringl, aber i nimm's mit Dank. Es is dös erste rare Gschenk in mein' Lebn, dös i krieg und annimm, dös erste Vergelts Gott, dös i dafür bring. Erlaubts, daß i 's mein Regerl gieb? Für dera ihre Finger paßt's leicht besser, dös Ringl mit die roten Stoa'. Geh donna, Deandl. So! Siehgst, dös glanzt ja sakrisch schö' und so bedank di halt bei dem gnä Fräuln.« Regerl küßte der Dame die Hand. Dann reichte letztere dem Alten die Hand zum Abschiede, verhieß ihm baldiges Wiederkommen und ließ sich von ihm versprechen, sein Kunstwerk nicht zu veräußern, ohne ihr vorher Mitteilung darüber gemacht zu haben. Dann entfernte sich die Dame, welche heute gleich einer gütigen Fee das ärmliche Haus betreten, von dessen Reichtum die Mitwelt keine Ahnung hatte, bis der Zufall, 117 ein gütiges Geschick das Edelfräulein herabsteigen ließ zur dürftigen Hütte des armen Handwerkers, den sie wieder verließ als großen und seltenen Künstler. Berchtold saß, wie schon erwähnt, vor Sonnenuntergang an der Esche. Schon schimmerte das Abendrot auf den Spitzen des Watzmanns und des Hochkalters und über den Waldungen lag der violette Duft, jenes zauberische Licht, welches gestern die Marmorstatue in des Meisters Hütte mit scheinbarem Leben erfüllt. Berchtold fühlte eine gewisse Scham in sich. Was mußte das Edelfräulein von ihm denken! Von ihm, dem starken Jägerburschen denken, der die Schwäche hatte, an eine wirkliche Schwanjungfrau zu glauben? Er fürchtete, von ihr recht herzlich ausgelacht zu werden; er hatte es wohl verdient. »Hätt' i nur meine Zeugnis und waars scho' wieder furt!« dachte er bei sich. Er harrte lange Zeit. Mehrere Damen gingen an der Esche vorüber dem Markte zu, keine achtete seiner. Da er nur eine städtisch gekleidete Dame im Sinne hatte, übersah er es beinahe, daß ein Mädchen in Berchtesgadenertracht vom Markte her sich näherte und gerade auf die Esche zuschritt. Erst als es ganz nahe war und der Jäger Regerls Züge deutlich sah, entfuhr ihm ein Ausruf des Erstaunens. Das war das Gesicht der gestern an ihm vorüberschwebenden Gestalt, das waren auch die Züge der Marmorstatue und diejenigen Sabinas, seiner Schifferin. Er war für den ersten Moment wieder ganz verwirrt. »Du bist der Jäger Perlacher?« fragte das Mädchen »Grüaß di Gott! I bring dir a Botschaft, a guate.« 118 Sie zog aus ihrem »Wollröckl« ein Päckchen Papiere hervor. Bei dieser Gelegenheit sah Berchtold den Ring mit den Rubinen, den Regerl von dem Edelfräulein erhalten, den Ring, den er gestern, dessen war er fest überzeugt, am Finger jener Erscheinung am Obersee hatte funkeln gesehen. Nun war es für ihn kein Zweifel mehr, das vor ihm stehende Mädchen war die Hofdame, die sich einen Spaß gemacht und sich in die hiesige Landestracht verkleidet hatte. »Gnä Fräuln,« sagte er, sich erhebend und den Hut abnehmend, »heunt bin i scho' a bißl gscheita, als gestern. Lachens mi nur aus; aber alles in allem is 's verzeihli, daß i a so a Dalk bin.« »Bleib dennast sitzen!« sagte Regerl heiter. »I bin ja koa' Fraaln, bloß 's Regerl vom alten Schnitzer durt obn, wost gestern so lang gwen bist. Da soll i dir deine Papier wieder bringa und drunter find'st a Schreibn, dös sollst glei lesen. I moan, es kunnt di gfreun.« Der Jäger nahm die Papiere und öffnete hastig ein versiegeltes Schreiben, in welchem wörtlich stand: Der Jäger Berchtold Perlacher hat sich sofort zur Dienstesleistung beim Revierjäger in Königssee zu melden, wo er seine weiteren Instruktionen empfangen wird. Das K. Forstamt Berchtesgaden.             »Juche!« schrie Berchtold, dann aber ergriff er Regerls Hand und drückte einen heißen Kuß darauf. »Vergelts Gott, gnä Fräuln!« sagte er. »Iatz kinnts mit mir Dummheiten machen, so viel als 's wollts. Ös habts mir a Stell verschafft, iatz is alles guat. Da, nehmts vor allem dös Beuterl wieder; a Postschein is 119 drin. I nimm koa' Geld an als Almosen. Ja, wenn's d' Schwanjungfrau wirkli gwen waarts, wie i gestern glaubt hab, da machet i mir koa' Gwissen draus, denn von die guatn Geister soll ma' alles annehma, was 's eam gebn. Aber von Enk, gnä Fräuln, nimm i nix. Ös habts mir so viel gebn, daß i gar nit gnua danken kann. A Stell' beim Förster in Königssee – juhu! Mei' Muatterl hat dennast recht ghabt, mei' Glück is gmacht!« Regerl ließ sich die Hand wohl küssen und lachte dazu. »Aber Jaga,« sagte sie, »i bin gwiß koa' Fräuln; i bin bloß beauftragt, dir dös z' gebn. I bin ganz g'wiß 's Regerl.« »I wollt, du wärst 'n Weyerzisk sei' Regerl, nacha wüßt' i scho', was i thaat.« »Du därfst es keck thoa. I bin wahrhafti nix anders.« »No', so schmatz i dir nit lang d' Hand, sondern – siehgst es, so machet i's 'n Regerl.« Er hatte dabei das Mädchen geküßt, bevor es sich dessen versah. »Aber Jaga,« sagte das Deandl, über und über errötend, »hör auf; i – bin dennast wieder lieber 's Fraaln, ja, ja, g'wiß bin i 's! Thue nur wieder dein Huat awa und küß ma d' Hand.« »I bitt di da Gottswilln, bleib's Regerl – nur a Minuten no',« sagte Berchtold und blickte mit Entzücken nach dem schönen Mädchen, dessen Augen ebenfalls freudig erglänzten und das mit innigem Wohlgefallen den jungen Mann betrachtete. »Iatz is mir alles klar. Woaßt, mit 'n Amt is mir aa der Verstand kemma. Du bist 's Regerl, der Sabina ihra Schwester und 's Edelfräuln hat dir die Papier für 120 mi übergebn. Wie hoaßts denn? Wo triff i 's denn, daß i ihr danken kann? – Aber dös Ringl?! Is 's am End dennast anders, bist du, san Sie, verzeihns, dös verkleid'te Edelfräuln? Jeß, i woaß nimmer, wo mir der Kopf steht und mei' Herz – nur ebbas woaß i gwiß –« »Und was is dös?« fragte Regerl ermunternd. »Daß wenn du 's Regerl bist, du die mei' wern muaßt und kostets mei' Lebn. Du bist dös Glück, dös mir mei' Muatta prophezeit hat, daß i 's da herin finden werd; du bist dös Glück! Ja lieb's Deandl, du bist es!« »I?« fragte Regerl, ihre Hand ans Herz drückend, »i?« »Ja, du! O, nur a weng wennst mi du aa gern ham kaanntst, nur a ganz kloa's weng.« Regerl ließ ihm ihre Hand, die er drückte und blickte ihm treuherzig in die Augen, indem sie sagte: »A weng nit – aber viel, recht viel. Pfüat Gott, pfüat Gott!« Sie riß sich los und eilte davon, dem Häuschen des Ödls zu. Berchtold streckte seine Arme der Fliehenden nach. Dann aber schnalzte er mit dem Finger und den Hut über sich schwingend, schickte er der sich Entfernenden einen freudigen Juhschrei nach. »'s Regerl is 's! 's Regerl is 's!« rief er mit fast kindischer Freude und ganz von seinem Glücke überwältigt, »'s Regerl muaß die mei' wern. Uijuhuhu!« »Juhu!« hallte es wieder, aber nicht als Echo, sondern als Abschiedsgruß von den Lippen des an der Schwelle seines Häuschens angelangten, überglücklichen Deandls. Und dieses Juhu verkündete Berchtold mehr, als tausend Worte, daß sie schon sein war mit ganzer Seele. 121 VIII. Zu der Anstellung Berchtolds wollte der alte Förster von Bartlmä sein gut Teil beitragen, als er dem Forstmeister von Berchtesgaden die Rechnung übergab, deren Anfertigung ihn morgens so »grandig« gemacht hatte. Dabei nun erwähnte er der Ankunft des jungen Perlacher, der ihm ganz ausgezeichnet gefallen bis auf einen Punkt, nämlich daß er auf ganz leichtsinnige Weise seine Papiere, weiß der Himmel welch einer gewissenlosen, weiblichen Person übergeben habe. Der Alte war nicht wenig überrascht, als ihm der Forstmeister hierauf mitteilte, die Papiere seien in seinen Händen und ihm durch eine dem Hofe zunächst stehende hohe Persönlichkeit übergeben worden; daß er aus den Zeugnissen die Vortrefflichkeit des jungen Mannes ersehen, und weil derselbe im Tegernseer Revier mit der Anlegung von Reitwegen betraut gewesen, so käme derselbe gerade zur richtigen Zeit, um die neuanzulegenden königlichen Reitwege vom Kessel aus über die Gotzenalpe nach dem Jagdhause Lahfeld zu leiten, weshalb er ihn zur Dienstleistung bei dem ohnedies kränklichen Revierförster in Königssee in Aussicht genommen habe. Der alte Förster von Bartlmä glaubte dem Amtsvorstand versichern zu können, daß er keine glücklichere Wahl hätte treffen können. Freilich hätte er es lieber 122 gesehen, den weidspruchkundigen Jäger bei sich zu behalten, aber der Forstmeister meinte lächelnd: »So ein jugendlicher Weidmann, wie Sie sind, braucht noch keinen Adlatus; der Revierförster vom Königssee aber ist ein alter Mann!« »Grad um zwanzig Jahr jünger als i!« versetzte der Alte lachend – »aber oanwegs fühl i mi gottlob! jünger und frischer wia viele, die meine Söhn sein könntn! Und trotz meine fünfasiebzg Jahr is mir nix liawa, als 'n Gamsl nachgehn, und mei' Liadl is: »A Gams möcht i sei', Das wär wohl a Freud'! Alleweil bei der Höh', Alleweil bei der Schneid'!« Mit einem herzhaften Händedruck entließ der Forstmeister den alten Weidmann; dabei mochte er wohl mit einiger Wehmut denken und beklagen: »Daß es keine Kultur giebt, solche alte Weidmänner zu ersetzen, die gleich den Urwaldsriesen mehr und mehr verschwinden und nur noch vereinzelt stehen und zeugen von der alten, herrlichen Weidmannszeit!« Der alte Förster verhielt sich in Berchtesgaden noch längere Zeit und schlug dann, sein Pfeifchen rauchend, bei untergehender Sonne den Weg nach Königssee zu ein. Er war noch nicht weit gegangen, als ihn Berchtold einholte, der, wie schon erwähnt, ebenfalls dem Königssee zueilte. Der Alte beglückwünschte ihn herzlich und drückte ihm besonders darüber seine Freude aus, daß er sich bezüglich des ihm zugemuteten Leichtsinns geirrt habe. »Denn woaßt – du mußt mir scho erlaubn, daß i du zu dir sag, bist ja der Suhn von meim Jagdspezl – 123 drei Ding san teuer auf der Welt: D' Hund, d' Weiberleut' und 's Wirtshaus. Die drei bringa annamal für oa' Freud sieben Reuen. Därfst nit glaubn, daß i a Heiliger bin, weil i die Sprichwörter so guat kenn – a jeder macht seine bestimmten Dummheiten durch im Lebn, und der a Sprichwort zamstudiert hat, hat's z'erst erlebt und is hintnnach so gscheit worn! Du glaubst überhaupt nit, wie hintnnach die Leut so gscheit wern; morgn kann dir a jeder Fex sagn, was heunt für a Wetter war. Wolltst aber vorher alles wissen, so halten di d'Leut für recht gscheit – aber die gar gscheitn Leut passen nit eina zu uns in d' Berg, und so is 's besser, ma' schleppt dös gemeinsame Kreuz der Einfalt mit furt, und is a bisserl frumm, a bisserl krumm – aber allezeit a grundehrlichs Leut! Oder wie's Gsangl hoaßt: »I abant a bißl lusti sei', I abant a bißl betn, Aft woaß unser Herrgott schon, Wia ma's gern hättn!« »Sand Sie niamals verheirat gwen?« fragte jetzt Berchtold den rüstig neben ihm herschreitenden Nimrod. »Niamals,« entgegnete dieser. »Aber aa nit aus Klugheit, weil i vielleicht gfürcht hätt', i werd betrogen oder i geh sunst ein, sundern weil mir mei' Schatz 'n Abschied geben, und an' Salzbergler gheirat hat. Sie hat si' freili damit d' Suppn versalzn. I bin a Lediger bliebn, und siext – die da, mei' Flintn, is mei' alles worn – da hon i alleweil ins Schwarze gschossn, und dös is halt aar a Freud! da hon i mi jung erhaltn im Gmüat. – Woaß Gott, wia's ganga hätt', wenn i 's 124 Haus und 's Kinderkreuz hätt durchs Lebn schleppn müassn! I moan, so is 's halt grad am besten, wia's worn is.« »So is eana Schatz nöd glückli worn?« »Ja no,« erwiderte der Alte, »'s is halt an' alts Wei' worn. I will damit nöt verächtli von die altn Weiber redn. I bin koaner von dene, die si's aufs Begegna von an' altn Wei' ausredn, wenns nix treffn. Na', pfüat mi Gott! Es giebt gar nix Ehrwürdigers, als a so an' alts, bravs Weibl, aber mei' Schatz hat a verdroßns Gmüat kriegt, dös is a ganz extrige worn, und wennst d' es heut sehgest, thaatst es gar nit mögli haltn, daß 's amal a Schönheit und a lustigs Deandl war. Durt steigts eh daher, da kannst es glei kenna lerna.« »D'Rappelleni?« rief der junge Jäger überrascht, als er trotz der schon stark zunehmenden Dämmerung in dem herankommenden Weibe seine gestrige Gesellschafterin unter der Esche erkannte. Sie trug heute auf ihrem Kopftuche einen schwarzen, gut erhaltenen Filzhut mit goldener Schnur und hatte in der Hand einen Bergstock, den sie noch rüstig hob und einsetzte. »Ja, d'Rappelleni,« entgegnete der Alte. »Wenns ihren Rappel nit hat, is 's a gscheits Leut. – Mei', mi dabarmts! Grüaß di Gott, Leni,« rief er jetzt schon von weitem dieser zu. »Grüaß di Gott, alter Jagersbua!« rief die Herankommende mit Nachdruck, und Berchtold erkennend, fuhr sie zu diesem gewandt fort: »heunt schreckst mi nimmer, heunt ärgerst mi grad.« »Warum dös?« fragte Berchtold. »Warum? Weilst es gestern beim Mondschei' so schö' kinna hast mit der Sabin, die wo di eini gfahrn hat aafn 125 Obersee. Da Holzernazi hat mein saubern Peterl drum ghanselt, und der nit faul, schlagt eam sein gläsern Maßkrug aafn Kopf. Du tragst die Schuld dran. Mei' bravs Buaberl, mei unschuldigs, hams arretiert und 'n Holzernazl hat der dumm Bader a großmächtigs Pflaster aaf d'Wundn pickt, aber 'n Glasscherbn im Fleisch lassn. Schaug i mi um die Sach nit um, bleibt der Nazl a etli Wochn arbeitsunfähig, und 'n Peterl pflasterns a doppelte Strafzeit aaffi. Da bin i halt außi und visitier die Wundn und ziag 'n größtn Glasscherbn außa. Mit dem hat 's Wehthoan, sei' Jammern und dös von seim Burgei aufghört. In a etli Tag kann er scho' wieder holzn und dös hat halt wieder an' alts Wei' zambringa müassn!« »I hon schon am Herweg ghört von der Rauferei,« sagte der Förster, »aber nix von der Ursach.« »Ja no', die Ursach steht da,« versetzte die Alte, »a junger Jagersbursch – kaum schmeckt er eina in unsa Landl, geht er scho' die schönstn Deandln aus, und er is ja danach, daß er's kriagt!« Der alte Förster drohte Berchtold lächelnd mit dem Finger. Dieser aber versicherte ihm, daß noch nie unnützeres Blut geflossen sei, denn die Sabina habe ihn nur zur Saletalpe gefahren und dabei nur über das und jenes mit ihm geplaudert. Wenn es ihm hier jemand angethan habe, so sei es nicht Sabine, sondern ihre Schwester, das Regerl, für die er Leib und Seele hergeben könnte! »Barmherziger Himmel!« rief der alte Förster, »du hast ja seit vierundzwanzig Stunden das reinste Hetzjagen ghaltn!« »Halt wia der wild Jaga,« sagte die alte Frau, 126 »und da soll ma' nit vor eam davon laaffn und 's Kreuz machn! I hon nur oan kennt in mein Leben, dem's grad a so glückt is – alle hat er 's kriagt, die er mögn hat.« »I bin der nit gwen,« fiel der alte Jäger lachend ein – »'s schö' Grafendeanerl hat mi verschmacht!« »Därfst froh sei',« erwiderte die Alte. »Was thaatst iatz mit ar a solchn Voglscheuch, wier i oani bin! Na', na', du bist a braver gwen! Der, den i moan, waar aa nit aus, aber bei dem hats ghoaßn: »Über oa' Stigl steig i nit, Bei oan Deandl bleib i nit, Alleweil über Ecks über Ecks, Alleweil fünf, sechs!« Woaßt denn nimmer, wer dös gwen is? Der Perlacher is 's gwen!« »No, da steht der Perlacher!« sagte der alte Jäger, lachend auf Berchtold weisend. »Was, dös is da Perlacher?« rief jetzt die Alte. »Meiner Seel! Leibhaft! Alle guatn Geister loben ihren Herrn! Was ist dein Begehrn! Gott steh mir bei!« Und die Alte eilte mit allen Zeichen des Schreckens und Entsetzens von dannen. Mit dem Bergstock machte sie das Zeichen des Kreuzes zurück, und nachdem sie schon über eine Ecke verschwunden, hörte man noch ihre laut gerufene Beschwörungsformel gegen das vermeintliche Gespenst des längst verstorbenen Perlacher. »Was is ihr denn scho' wieder?« fragte Berchtold. »Es rappelt ihr halt wieder,« entgegnete der alte Förster. »Jetzt halts dich für 's Gspenst von deim Vatern, den 's guat, recht guat kennt hat. 's wird 's best' sei', du gehst ihr aus 'n Weg. Und no' wen vermeid, i moan 127 'n Grafnpeter, ihrn Enkl, dös is a gwaltthätiger Mensch, an' arbeitsscheuer, dem alles oans is. Es is schad um den junga Burschn; es is der kühnst Bergsteiger im ganzn Landl, er nennt si selm 'n Edlweißküni. Richti is 's, daß 's eam koana nachmacha kann. I bin aa überzeugt, daß er zur richtigen Zeit wildert. I hon scho' oft dran denkt, es wär nit ungrad, wenn ma' an' Jagersknecht aus eam machet, da waar er in sein Element und wer woaß 's, ob er nit guat thaat. Aber so oft i der Rappelleni und der Grillersabin z'liab a guts Wörtl für eam beim Forstmoaster einlegen wollt, hat mir der sakrische Bua wieder an' Strich durch d' Rechnung gmacht.« »Aber d' Sabin – will denn dös brave Deandl ebbas von dem Loder wissn?« fragte Berchtold. »Dös hat a bsunderne Bewandtnis, i woaß 's nur halbert, aber wenn du mit der Sabin scho' so guat bekannt bist, und sogar ihre Schwester, 's Regerl, gern siehgst, so kannst es ja amal fragn, wia dö Liab entstanden is.« Wie diese entstanden, hätten die beiden Männer wohl am besten erfahren, wenn sie die beiden Mädchen hätten belauschen können, welche zu eben dieser Zeit auf der Bank vor des Grillerseppen Häuschen saßen; es waren Sabine und Burgei. Letztere war auf die ihr durch die alte Nandl hinterbrachte Nachricht von Nazls Verwundung sofort nach Königssee geeilt und übernahm die Pflege ihres Bräutigams. Sabine aber schickte, nachdem sich die Schmerzen des Verwundeten nicht stillen wollten, nach Berchtesgaden zur Rappelleni, die als »Fretterin« mit ihren Kräutern und Säften nicht selten die besten Kuren machte. Den Erfolg ihres Besuches erhielten wir durch 128 die Alte selbst mitgeteilt. Als nun nach Entfernung des Glasscherbens aus der Wunde Nazl in einen tiefen Schlaf verfiel, ging Burgei zu ihrer Freundin Sabine, welche dem Verwundeten gleichfalls jegliche Hilfe hatte angedeihen lassen. Die Mädchen plauderten über dies oder jenes, natürlich am meisten über Nazl und auch über den Grafenpeter, den Verursacher dieses Unglücks. »Sag mir nur, wie dir 's der Peter anthan hat?« fragte Burgei die Freundin. Und Sabine erzählte ihr gerne von jenem denkwürdigen Tage, der ihr Herz an einen Mann gefesselt, welcher ihrer Liebe nicht würdig, den sie sich zu hassen zwinge, der aber stets mit unwiderstehlicher Gewalt ihr ganzes Sein und Denken gefangen halte. Im vorigen Jahre durfte sie mit ihrem Vater zum erstenmal auf die Gotzenalpe zum Almkirta. Dort wurde in der Springlhütte gesungen und getanzt, aus allen Richtungen waren Gäste herangekommen, und ein reges Leben herrschte auf und in der Alm. Sabine mit dem schwarzen, goldbeschnürten Hütchen aus den blonden Flechten und der sonstigen Berchtesgadenertracht hatte besonders die Aufmerksamkeit eines ihr bis jetzt fremden Burschen erregt, nämlich des erst jüngst vom Militär zurückgekehrten Grafenpeter. Er war einer der hübschesten und kräftigsten Burschen, der beste Tänzer, und erregte durch seinen Gesang während des Ländlertanzens und in den Pausen die allgemeine Aufmerksamkeit. Wie bei allen derartigen Gelegenheiten fehlte auch hier nicht der »Fex«, wie man die ehedem in dieser Gegend sehr zahlreich, nun aber seltener vorkommenden Blödsinnigen nennt. Es war der»narrisch Jakoberl,« 129 ein kleines, schon ältliches Männlein, der sich Hut, Gewand und Stock mit mächtigen Almbuschen geschmückt hatte und die Kirchweihgäste damit erheiterte, daß er ihnen durch Gebärden und Zischen das Laufen der Lokomotive vergegenwärtigte. Er lief dabei weite Strecken und ahmte das Pfeifen der Lokomotive nach. Ein Stück Brot oder ein Restchen Bier war seine magere Bezahlung. Der arme Kerl hatte sich schon halb zu Tode gehetzt und immer wieder munterte man ihn zu neuen Läufen an. »Wenns eam nur a Ruah lasseten!« sagte Sabina zu ihrem Vater. »Der arm' Mensch dabarmt mi!« Der in der Nähe stehende Grafenpeter hatte diese Worte kaum vernommen, als er vortrat und gebieterisch erklärte, daß man den Fexen nun in Ruhe lassen soll; es sei eine Schande, den Ärmsten so zu quälen und ihn dennoch Hunger und Durst leiden zu lassen. »Hat er enk a Freud gmacht bis iatz, so machts eam ös aa oane und schenkts eam was!« meinte er. Er selbst ging mit gutem Beispiel voran und drückte dem Jakoberl von seinen wenigen einen Sechser in die Hand. Dem anwesenden Burschen wollte der gebieterische Ton des Grafenpeter nicht behagen und es flogen Bemerkungen hin und wieder, welche Peter zu dem Ausspruche veranlaßten, daß er keinen der Anwesenden fürchte und jeden unter sich bringe, ohne Waffen, nur mit seinen zwei kräftigen Armen. Das wollten sich viele kräftige Burschen nicht gefallen lassen, sie nannten ihn einen »Brosler« (Prahler), und Peter lud sofort jeden der Anwesenden ein, mit ihm zu rankeln (ringen). Schnell erboten sich mehrere dazu, es wurden Wetten gemacht, einige boten sich als Ordner an, 130 worunter besonders der Grillersepp, Sabinens Vater, damit der Ringkampf nicht in Ernst ausarte. Nur mit Hemd und Beinkleid bekleidet eilten nun die Rankler in den durch die Zuschauer gebildeten Kreis. Sie faßten sich über den Hüften an, rangen lange mit ebensoviel List als Muskelanstrengung, bis einer von ihnen das Gleichgewicht verlor, in die Höhe gehoben ward, doch halb schon zu Boden gestürzt, sich wieder emporschwang und den schon als Sieger Begrüßten dennoch zur Erde streckte. Hier siegt nicht immer die Stärke, sondern meistens Geschicklichkeit und Behendigkeit. Und der Grafenpeter blieb jedesmal Sieger. Beschämt zogen sich die Burschen zurück, Peter aber ward laut bewundert. Besonders aber johlte der narrische Jakoberl über den Sieg seines Beschützers, der ihm durch seine Hilfe Ruhe verschafft hatte. Peter hatte kein Ohr für all das ihm gespendete Lob, er suchte nur eine einzige Person im Kreise der Zuschauer, und diese einzige fehlte. Es war Sabina. Sie wollte den Ringkampf nicht mit ansehen. Aber dem mitleidigen Burschen, der sich des armen Jakoberl so energisch angenommen, alles Glück wünschend, ging sie allein hinaus zum Vorsprunge der Alpenwiese, dem sogenannten Feuerpalfen (Kreuzeck), legte sich hier unter einer Zirbeltanne nieder und blickte sinnend hinab in den tief unter ihr liegenden Königssee. Sie sann wohl nach über die feurigen Blicke des Burschen, sie wünschte ihm Glück im Kampf. Und während sie so dalag, näherte sich ihr derjenige, dessen sie soeben gedachte, der Grafenpeter. Sabina wollte gehen, aber Peter bat sie, zu verweilen. Sie that es, weil Jakoberl eben nachkam, und 131 als sich Peter neben Sabina setzte, warf sich auch Jakoberl in einiger Entfernung zu Boden. »Hast 'n Kampfpreis kriegt?« fragte Sabina. »Freili hat er 'n kriegt!« rief Jakoberl. »Alle hat ers niedergmannxt ins Gras, a Goliath is er, der Peter; für ihn giebts koan David.« »'s giebt oan!« sagte Peter, »'s giebt ebban, der mi bsiegt hat, ohne mi anzgreifen, grad mit an' Blick, und der Blick is aus deine Augn kemma, Deandl. Was liegt mir am Kampfpreis! Jakoberl, da hast 'n! Mei' schönster Preis is dei' liebs Gschau, Deandl.« Sabina stand errötend auf. Sie wollte gehen. 132 »Schenk eam aar ebbes!« sagte Jakoberl, »mach eam aar a Freud.« »Mit was denn?« fragte die überraschte Sabina lächelnd. »Schenk eam dös rote Herzl, dös d' am Schnürl um 'n Hals tragst,« sagte Jakoberl. »Ja, dös schenk mir,« bat Peter, nach dem Korallenherzchen blickend. »Koa' Gschenk machet ma a größere Freud.« Sabina reichte ihm das Kleinod mit den Worten: »Es ist a Andenkn von meiner Muatta, nimm's und halt's in Ehrn.« Dem Deandl war es, als flösse wirklich ihr Herz hinüber zu dem schönen Burschen. Willenlos gestattete sie, daß er seinen Arm um sie schlang und sie küßte, und als er sich darauf rasch entfernte, sah sie ihm lange nach; sie fühlte, daß er in der That ihr Herz mit sich genommen. Nur der närrische Jakoberl schreckte sie aus ihren Gedanken auf, da er jetzt Sabina fragte: »I muaß 'n Peter nachi, was willst, daß eam von dir bring?« »An herzhaften Gruaß,« erwiderte das Mädchen, und mit lauten Juhus eilte Jakoberl seinem Beschützer nach. Sabinens Herz aber gehörte dem Grafenpeter. Es gehörte ihm trotz der üblen Nachrede, welche er sich allenthalben zuzog, trotz ihrer vergeblichen Bemühungen, aus dem arbeitsscheuen Manne einen ehrlichen Arbeiter zu machen. Er hatte sich ihr Herz am Feuerpalfen genommen, und ihre Gedanken weilten bei ihrem Herzen. Sie gab sich vergebliche Mühe, das Andenken an den Burschen zu ersticken, er hatte es ihr ein für allemal angethan. – So weinte sie jetzt über das neue Unglück, das er angerichtet, und ihre 133 Freundin, das Burgei, durch den Unfall, der ihren Geliebten betroffen, selbst aufs tiefste erregt, tröstete die Freundin, so gut sie es vermochte. Inzwischen kamen der alte Förster von Bartlmä mit Berchtold an dem Hause an, vor welchem die Mädchen saßen. Berchtold sprach diesen gegenüber sein Bedauern aus, daß er die unschuldige Ursache an dem Unfalle gewesen. Beide Mädchen aber entbehrten heute viel von ihrer gestrigen Freundlichkeit gegen ihn, denn er war immerhin die Ursache des Übels, und Burgei erinnerte sich unwillkürlich der Antwort ihres kleinen Bruders an den König: »Wärt's ös nit zu mir donnakemma, so hätt' i halt mei' Messerl no'.« Sabina drang hierauf, wie sie es schon oft gethan, in den alten Jäger, er möge den Grafenpeter als Jagdknecht anstellen, wo er allein auf seinem Platze wäre, und das war der beste Trost für sie, als ihr der Alte zusagte, sich für den Burschen verwenden zu wollen. Sie reichte jetzt auch Berchtold die Hand, der ihr mitteilte, daß er beim Revierjäger in Königssee angestellt sei. Der Schiffer des Försters harrte bereits seines Herrn, um ihn nach Bartlmä zurückzufahren. Berchtold begleitete ihn, da er Gewehr und Rucksack dortselbst gelassen und ihn der alte Jäger, wie nicht anders zu erwarten, einlud, sein Gast zu sein. – Wie gestern glitt der Kahn durch die vom Mondschein erhellte Flut. Es deuchte Berchtold wie ein Märchen, was er seit diesem Gestern erlebt und erfahren, in lebendiger Wirklichkeit aber schwebte vor seinem geistigen Auge die Enkelin des greisen Künstlers, 's Regerl, und nichts als 's Regerl. 134 IX. Berchtold hatte in der That im Berchtesgadener Landl sein Glück gefunden. Es war, als ob ein unsichtbarer Geist ihm die Wege ebne, was er begann, glückte ihm. Sein heiteres Wesen, seine Freude zur Thätigkeit, sein Pflichtgefühl erwarben ihm das unbedingte Vertrauen seiner Vorgesetzten, und nachdem der Revierjäger vom Königsee wegen anhaltender Krankheit in Ruhestand gegangen, ward vorerst kein anderer an diese Stelle versetzt, sondern Berchtold provisorisch mit Leitung der Försterei betraut. Er zeigte bei Anlegung der neuen Reitwege in den östlichen Königsseealpen große Umsicht und schritten dieselben rasch ihrem Ende entgegen. Beginnend vom sogen. Kessel, wo einstens ein sinniger Bürger Berchtesgadens die Anlage der Natur benützt, und einer Bergschlucht die Form eines englischen Gartens verliehen, zog sich einer derselben in bequemen Serpentinen über den Waldabhang hin zur Gotzenthal- und Seeaualp, welche zunächst den Gotzen- und den Seetauern liegen, und weiter hinaus zur Gotzen- und Regenalpe bis hin zu dem königlichen Jagdstand am hohen Lahfeld. Eine Menge von Arbeitern waren hiebei beschäftigt, und es herrschte daher auf dem ganzen östlichen Gebiete des Sees ein reges Leben. Die 135 mächtigen Hiebe der Holzaxt und des Steinhammers vermengten sich mit dem fröhlichen Juchzen der Almbesucher und dem Geläute des Almviehes, während der aus seinen Horsten aufgeschreckte Adler schweigend über den grauen Felsenwänden kreiste. An den Feiertagen ging dann Berchtold die Gamseln aus und orientierte sich in seinem Felsen- und Waldrevier, besonders im Quellengebiet des Rötbaches, in welchem von jeher der beste Wildstand gehegt wurde. Dies ist auch das Jagdrevier der Wurzelgräber und Edelweißbrocker; insbesondere am Regenbergl und an der fast senkrecht in die Fischunkel abfallenden Langthalwand gedeihen das Edelweiß und die Gentianen, aus welch letzteren ein bis zwei Meter langen Wurzeln der berühmte Enzian gebraut wird, wie nirgends anderswo. Beide Pflanzen kamen aber auch bereits in Gefahr, gänzlich ausgerottet zu werden, weshalb von seiten der Forstbehörde das Wurzelgraben und Edelweißbrocken als Geschäfts- und Handelsartikel in diesem Reviere aufs strengste und bei Strafe verboten ward, welches Verbot auch im Interesse des hierum gehegten Wildstandes nötig geworden. Dies schloß nicht aus, daß die munteren Bergfahrer ihre Hüte mit dem schönen Edelweiß schmücken durften und Berchtold selbst von diesen und anderen Bergbleameln manch frischen Strauß nach Hause trug. Den ersten reichte er dem Edelfräulein, das ihm sein Glück begründet, und welches sich herzlich darüber freute, sich für einen solch würdigen Mann verwendet zu haben. Den zweiten Strauß aber erhielt sein Regerl. Er hatte sich nicht nur sein Glück im schönen Berchtesgadenerlandl geholt, er hatte es auch gebracht, 136 zuerst in das junge Herz des schönen Regerls und gewiß nicht minder in das jugendfrische Herz des alten Schnitzers. Durch die Verkettung jener Umstände, die den Besuch des Edelfräuleins in der ärmlichen Werkstätte Weyerzisks veranlaßten, ward der bis jetzt unbekannte Künstler ans Tageslicht gebracht; er lernte das Glück des Künstlers auch kennen: die Anerkennung, die höchste Anerkennung, die er sich wünschen mochte, die seines Königs. Da saß er wieder eines Tages an dem Modell und legte noch die letzten Striche mit dem Griffel an. Der weiße Marmor, aus dem er die Büste meißelte, stand bereits auf einem Blocke und waren die Konturen im Groben ausgehauen. Da erschienen zwei Herren in seiner Stube – ein Ausruf des freudigsten Schreckens entfuhr den Lippen des alten Mannes, denn der eine der Herren war der König, welcher ihn freundlich grüßte, der andere ein Adjutant. Rasch wollte er von seinem Sitze herab, aber der König, von seinem kranken Fuße unterrichtet, hieß ihn sitzen bleiben. »Bleibt auf Euerm Thron,« sagte er lächelnd, auf den hohen Drehstuhl deutend, »hier seid Ihr der König und Meister, und Ihr seid es mit Recht!« Dabei blickte er erstaunt nach dem Modell zu seiner Büste. »Ich hörte von diesem Werke und bin gekommen, Euch zu sitzen, falls es nötig. Ich finde, daß es nicht nötig ist.« »I seh nix,« sagte der alte Schnitzer, dem fortwährend die Thränen über die Wangen liefen, »d' Augen san mir überganga, dös Glück, die Ehr is oamal z'groß!« Und der Alte weinte wie ein Kind. »Faßt Euch nur,« sagte der Fürst, in freundlichstem 137 und gnädigstem Tone, »ich will einstweilen Eure anderen Kuustwerke und Schönheiten betrachten. Ah – da präsentiert sich schon die lebendige, das ist das Regerl, nicht wahr, die mir den schönen Willkommsgruß gesagt und nebenbei meine Züge für des Großvaters Modell fixierte, und dann als Schwanjungfrau meinen Jäger halb verrückt machte? Du bist ja ein prächtiges Mädl und wirst einmal auch eine brave Försterin werden!« »Gewiß, Herr Küni!« erwiderte Regerl, mit ihren feuchten blauen Augen den König treuherzig anblickend, und die Hand aufs Herz legend. Der König legte seine Hand auf das Haupt des jungen Mädchens und blickte vergnügt auf das herrliche, unschuldsvolle Gesicht. »Schreib mir noch jemand über die Häßlichkeit meiner Berchtesgadener!« rief er seinem Begleiter zu, zum Schnitzer aber sich wendend, sagte er. »Da hattet Ihr freilich ein prächtiges Modell zu Eurer Schwanjungfrau, die meinen Jäger so verwirrte. Ich wünsche die Statue zu sehen.« »Regerl, mach d' Kammerthür auf!« rief der Alte. »A mei'! es ist soviel nit dran an der Arbet. Iatzt, weil's a Küni betracht, fühl i 's, wie kloa und nixnutzi mei' Werk is!« Regerl hatte die Thüre geöffnet und des Königs Blicke waren von der Statue wie gebannt. Schweigend betrachtete er lange das Werk. Den alten Schnitzer litt es jetzt nicht mehr auf dem Stuhle. Er war mit Regerls Unterstützung zum Eingange der Thüre gehinkt und lehnte sich an die Schwelle, des Königs Blicke neugierig verfolgend. Kaum getraute er sich zu atmen. 138 Endlich wandte sich der Fürst nach ihm, es war ein Blick der Hochachtung, der lange auf des Alten ehrlichem und durchgeistigtem Antlitz haftete, dann reichte er ihm die Hand und sagte. »Ihr seid ein Künstler!« Ein feuriger Strahl belebte des Künstlers Auge. Ehrfurchtsvoll küßte er die königliche Hand. Nun fiel des Königs Blick auf die Büste von Weyerzisk selbst und wenn möglich, steigerte diese noch des Fürsten Bewunderung, und gerührt wandte er sich jetzt wieder an den Meister und sagte: »Daß ich Euch erst so spät kennen lernen mußte! Ihr sollt keine Holzteller und Kochlöffel mehr arbeiten dürfen, es wäre ein Raub an der Kunst. Ich werde dafür sorgen, daß Ihr dieser allein leben könnt. Für diese Kunstwerke bin ich Abnehmer, und werde ich die Werke nicht nach Eurem bescheidenen »Tagelohn« taxieren, sondern nach dem der Kunst, wenn Ihr mir anders dieselben ablassen wollt.« »Na', na',« sagte der Alte, »nix von Lohn. Ös habts mi an' Künstler gnennt, Herr Küni, und dös ist dös höchst, was i mir hätt wünschn könna! Halts es da Müh wert, so nehmts es von mir an als Gschenk, und redts nix von Lohn, mir gnüagt die Ehr und mei' Stolz!« »Das ist echte Künstlersprache,« entgegnete der König lächelnd. »'s ist genial, aber nicht praktisch. Fügt Euch nur meinem Willen, und Stolz und Ehre wird Euch überdies niemand mehr nehmen. Meine Büste sollt Ihr fertig machen und das Weitere laß ich Euch wissen.« Und sich zu Regerl wendend, die mit freudestrahlendem Blick auf des Königs Worte lauschte, sagte er: 139 »Deinen Perlacher ernenne ich zum Oberjäger in Königssee, halte mit ihm bald Hochzeit, ich werde es an einem ergiebigen Geschenke nicht fehlen lassen.« Dann verabschiedete er sich von den beiden Beglückten in herzlich herablassender Weise und verließ mit seinem Begleiter gerührt die arme Hütte. Noch an demselben Tage ward dem alten Meister eine über alles Erwarten große Summe überbracht und gingen damit die gedachten Kunstwerke in das Eigentum des Fürsten über. Sie sollten bis zur Vollendung der Königsbüste an Ort und Stelle verbleiben und dann insgesamt verpackt werden. So war es dem Weyerzisk noch am Rande seines Lebens vergönnt, ganz allein in seiner Kunst zu wirken. Alle Entbehrungen vergangener Tage, sie waren vergessen, der Glanz seiner scheidenden Sonne verdrängte die düsteren Schatten, welche oft über dasselbe verbreitet waren. In rätselhafter Schnelligkeit hatte er des Königs Büste vollendet, es war ihm herrlich gelungen, und er war mit sich selbst zufrieden. Aber sie erregte auch nicht minder des Fürsten Zufriedenheit, welcher wiederholt den bescheidenen Künstler mit seinem Besuche beglückt, aufs höchste belobt und königlich belohnt hatte. Für den andern Tag war die Verpackung und Absendung der Kunstwerke festgesetzt, und der Meister hatte nur noch auf Wunsch des Königs die Signatur einzumeißeln: » Opus monticolae Berchtesgadensis Weyerzisk pictoris. « Der Alte that dies mit gehobener Stimmung, und als es Abend wurde, mußte ihm Regerl auch sein letztes Werk in die Kammer tragen, in welcher die Statue der Schwanjungfrau und seine eigene Büste standen und wo sich sein Bett befand. Die Werke seiner verborgenen 140 Kunst, die ihm sein Leben versüßt, die ihn unter den drückendsten Verhältnissen zum Gotte machten, sie sollten, ehe sie ihn für immer verließen, noch die letzte Nacht sein Lager umgeben, sein letzter Blick beim Einschlafen sollte noch auf sie gerichtet sein, von ihnen wollte er träumen und von dem Glück, das sie ihm am Abende seines Lebens gebracht. Auf sie sollte noch sein erster Blick beim Erwachen fallen, ein schmerzlicher Abschiedsblick. Und dieser fiel darauf; aber es war kein schmerzlicher, es war ein Blick vollen Entzückens, denn als der Alte nach sanftem Schlafe morgens die Augen öffnete, beleuchtete die aufgehende Sonne die Marmorwerke mit wundervollem Scheine. Die Lichtwellen schienen die Werke lebendig zu machen; wie dortmals der junge Berchtold, so blickte jetzt der Meister nach seinen eigenen Werken. »Regerl, Regerl!« rief er, »kimm und siehg die Pracht.« Regerl riß mit dem Rufe die Thür auf: »Was giebt's, Ödl?« Und der im Bette Sitzende erwiderte mit verklärten Zügen. »'n Himmel giebt's, 'n Himmel giebt's, möcht er nit vergehn!« Und er verging ihm nicht mehr. Sanft fiel er auf das Kissen zurück, sein leibliches Auge war geschlossen, sein geistiges aber schwebte in des Himmels Pracht, von dem ihn nicht der Schreckensruf, die heißen Thränen der treuen Enkelin zurückriefen. Weyerzisk war tot! Die letzten Augenblicke seines mühseligen Lebens verklärte ihm der Götterfunke der Kunst. Ihm ward ein beneidenswertes Ende. 141 X. Die Sonne des Nachmittags spielt in den grauen Felswänden des Königssees und blaue Bergluft weht ringsumher. Es ist tiefer Herbst und doch ist die Luft noch wundermild; es ist jene blaue, schimmerklare Herbstluft, in der die Sonnenfäden fliegen, die Wälder golden sind und der Rauch senkrecht von den Hütten der Sennen emporsteigt. Dies war aber heute nur noch bei denen der Fall, welche auf den grünen Halden der östlichen Königsseealpen liegen; die auf den westlichen und südlichen Gebirgen des Sees befindlichen Alpen waren bereits geräumt und die Sennerinnen der übrigen wollten am morgigen Tage, es war am Vortag vor Allerheiligen, mit ihren Pflegebefohlenen zu Thal fahren. Für jedes einzelne Stück Almvieh ward ein Kranz aus Almgesträuß gewunden und bereits war das Holz zu einem lustigen Almfeuer zusammengelegt, welches bei einbrechender Nacht zum Abschied von der Alm himmelan lodern sollte. Die zum Abtriebe des Almviehes nötigen Leute finden sich schon am Vorabend zeitig ein und Gesang, Zitherspiel und wohl auch ein lustiger Tanz sind bei solcher Gelegenheit an der Tagesordnung. Da kommen dann Holzknechte, Jäger, Wurzelgräber und noch andere Leute; wie zum Kirta kocht die Sennerin oder die Schoßdirn Rohrmus, 142 Rohrnockeln, Kasnocken und manch andere Leckereien der Alpen. Am lebhaftesten geht es an diesem Vorabende wohl auf der Gotzenalm zu, welche sich nebst anderen zahlreichen Sennhütten auf dem Rücken des Hochplateaus der im Osten des Königssees sich erhebenden Königsseealpen befindet. Man gelangt dahin vom Dorfe Königssee über die Triftklause des Königsbaches und die hohe Bahn, oder vom Kesselbachfall am östlichen Ufer des Sees aus über die neuen, bequemen Reitwege. Die 1548 Meter hoch gelegene Gotzenalm besteht aus 7–8 Kasern und verdankt ihren Ruf der schönen Aussicht, die sich von hier aus darbietet. Sie umfaßt den ganzen Berchtesgadener Bergkranz, das steinerne Meer, das über die Felspyramiden der Teufelshörner hereinleuchtende, meilenweite Schneefeld der übergossenen Alp, während man an dem nur eine Viertelstunde entfernten Feuerpalfen senkrecht über dem tiefblauen Gewässer des Königssees zu stehen glaubt. In dem als »Hotel Springel« bezeichneten, größeren Kaser der Gotzenalm war der Lieblingsaufenthalt des Grafenpeter, denn von hier aus gelangt man leicht an die Regenalpe hin und in das Quellengebiet des Rötbaches, welches, wie schon erwähnt, das Eldorado der Wurzelgräber und Edelweißbrocker war. Der Grafenpeter arbeitete aber in diesem Revier nicht nur mit der Schaufel, sondern auch gleichzeitig mit der Bix. Der narrische Jakoberl, ihm mit ganzer Treue ergeben, spionierte ihm jedesmal aus, wann die Jäger nicht auf den Bergen waren, dann nahm er sein Gewehr aus dem Versteck in der Nähe der Gotzenalm und birschte auf wohlbekannten Plätzen, um sich ein oder das andere 143 Wild zu holen, welches dann der mehr verschlagene, als närrische Jakoberl an bestimmte Absatzquellen trug und zu Geld machte. Der Handel mit Edelweiß, das er, mit der Gefahr spielend, von den höchsten und schroffsten Wänden holte, brachte ihn in keinen Konflikt mit den Jägern, ausgenommen im Gebiete des Rötbaches, wo die Ausrottung dieser Alpenblumen verboten war. Da sich der Bursche wenig an dieses Verbot kehrte, konnte es nicht fehlen, daß er wegen unbefugten Edelweißbrockens öfters zur Strafe gezogen wurde. Seit einigen Monaten hatten Gams und Edelweiß Ruhe vor ihm gehabt, er mußte wegen seiner gewaltthätigen Handlungsweise dem Holzernazi gegenüber eine längere Strafe verbüßen, welche heute ihr Ende erreicht hatte. Peter hatte sich während seiner Gefangenschaft in Haß und Wut gegen seinen vormaligen Kompagniekameraden hineingelebt, der ihm, wie er fest glaubte, das Herz seiner Sabina geraubt. Nicht die Spottreden des Holzernazi allein waren es gewesen, welche ihn so aufbrachten, sein Verdacht ward schon rege, als Sabina den fremden Jäger so vertraulich zur Fahrt in den See einlud, während sie seinen Edelweißbuschen empört von sich warf. Der Gedanke, dieses Mädchen zu verlieren, erfüllte ihn mit Schmerz und Wut. Ihr zulieb wollte er selbst noch arbeiten lernen und alle seine bisherigen Neigungen aufgeben. War es auch nur der Wald, wo er sich heimisch und glücklich fühlte, ihr zulieb versuchte er's, den Wald zu meiden, seine Büchse zu vergessen und statt mit steter Lebensgefahr Edelweiß vom überhängenden Felsen zu brocken, auf der Holzarbeit sich zu verdingen, zu sägen und zu spalten. Aber es blieb beim Versuche – und selbst 144 auf der Kaiserklause, unter Sabinas Vater, brachte er es nicht über eine Woche hinaus. Aber trotz seines Leichtsinns und seiner Arbeitsscheu trug er Sabinas Herz mit sich. Das rote Korallenherzchen, welches sie ihm voriges Jahr auf der Gotzenalm gegeben, trug er stets um seinen Hals, und ihr lebendiges Herz war ihm auch bislang treu geblieben, so wenig er sich dessen auch wert gemacht. Aber es war doch sein schönstes Träumen, daß dieses Mädchen ihm gehöre, es war der Sonnenstrahl, der oft sein wüstes Gemüt erhellte; der Gedanke an sie war sein Gebet, sein besseres Sein. Und jetzt sollte sie ein anderer erringen? Ihn verachtend, sollte sie sich einem anderen – braven Burschen schenken? Dieser Gedanke war ihm ärger, als der Tod, den er verachtete, er war ihm die Hölle. Dieser Gedanke brachte aber auch den Entschluß in ihm hervor, sofort nach seiner Freilassung nach Sabinens Willen zu thun und ein fleißiger, arbeitsamer Mensch zu werden. Er wollte damit wieder ihre Achtung erringen und in treuer Liebe sollte sie ihm ergeben bleiben. Und als die Riegel seines Gefängnisses sich geöffnet, war es sein erstes, sein Mädchen aufzusuchen, ihr sein Vorhaben mitzuteilen und ihre Verzeihung zu erbitten. Da erwartete ihn vor der Fronfeste seine Großmutter, die Rappelleni. Sie saß auf einer vor dem Hause angebrachten Bank. Sie wußte durch den Gerichtsdiener genau, wann Peter entlassen wurde und postierte sich hin, den Enkel zu empfangen. »Peterl!« rief sie, als sie jetzt den etwas blassen Burschen aus der Thüre treten sah, »Peterl, grüaß di Gott! Daß d' nur wieder da bist – es geht mir recht letz!« 145 Peterl grüßte sein Ahndl und erschrak sichtlich über deren abgehärmtes, eingefallenes Gesicht. »Was is dir denn?« fragte der Bursche. »I hon recht Weh kriegt um di,« erwiderte die Alte, nach der Hand Peters haschend, »woaßt, du bist es nit wert, aber du bist halt dennast mei' Fleisch und Bluat und kann i di aa nit lob'n, es is mir schier a Wohlthat, wenn i di greina (zanken) kann.« »Na', Ahndl, nimmer sollts mi greina,« sagte Peter in bestimmtem Tone. »I will iatz an' anderer wern, Respekt solln d' Leut vor mir kriegn, 's Arbeiten fang i an und den möcht i kenna, der 'n Grafenpeter no' überzwer anschaut!« »Ja, is dös wahr?« rief die Alte. »Ui Gottes, dös waar no' a blühats Bleaml aaf mei' alte Brust, dös thaat mir no' wohl, wenn's mi eing'scharrt ham, da brauchet i koa' Bleaml und koa' Kranzl auf mein' Grab sunst! Peterl, morgn is Allerheiling, vergiß 's nit und bind' deiner Muatta a Kranzl von Tannazweig und Stechpalm, die soll aa nit vogessn sei', hättst es nur kennt, aftn staands aa anders um di, aftn staandst aa da, wie sei' andra Suhn!« »Wem sei' Suhn?« fragte Peter. »I wer dir's erzähln, wenn ma dahoamt san,« sagte die Alte. »Aber i kann di nit einladn, mit mir hoam z' gehn, d' Strickarbet is mir ausganga und elendi frett' i mi dahin; nit amal a Pfeiferl Tabak hon i seit etli Wochen graucht, nit amal an' Nagerlmet kann i mir mehr ansetzn, und bettln kann i nit und mag's nimmer lerna!« »Was?« rief der Bursche. »Ahndl, dös sollst nit! I sorg für di. Geh hoam iatz. Eh's Nacht wird, bin i bei dir und bring dir was hoam. Du sollst koa' Not 146 mehr leidn! I geh Edelweißbrocken und nach 'n Feiertag geh i in d' Arbet, aftn wird's scho' wieder recht.« Der Alten Augen schwammen in Thränen, da sie den sonst so leichtsinnigen Enkel so sprechen hörte. »Gott gieb dir d' Gnad zu dein Vorhabn!« sagte sie. »I geh eini in d' Kircha und bet zum heilin Wolfgangi, dem heunt sei' Tag is, daß er 's richt bei unserm Herrgott. Da vergiß i aaf 'n Durst und aaf 'n Hunger und bis 's Nacht wird, kimmst ja eh wieder hoam, gelt Peterl?« Dieser nickte bejahend und eilte von dannen. Er war gerührt, er hätte weinen können über die Not der Alten, und daß es ihm nicht möglich war, sie noch in dieser Stunde zu beseitigen. Als er um die Ecke bog, rief ihn der narrische Jakoberl an. Auch dieser hatte ihn erwartet. Er grinste ihn mit seinem häßlichen Gesichte an und lachte täppisch. »Jakoberl,« sagte Peter, »is recht, daß d' da bist. Du muaßt mit mir gehn Edelweißbrocken, i brauch a Geld, mei' alt's Ahndl hungert und i hon koan Kreuzer in der Taschen.« »Da, da,« sagte der Narr und reichte dem Burschen eine Handvoll Pfennige hin, »hon 's zammgspart für di. Gelt, da schaugst, wie 's glanzen, ganz gulda? Woaßt, i hon 's putzt, daß dir g'falln, und daß d' Schwanjungfrau nit so viel Plag hat, wenn 's ma 's in Gold verwandeln wollt. I bin alle Tag außi aaf'n See, bsunders beim Mondschei', aber sie laßt sie nit sehgn und meine Pfenning san Pfenning bliebn. Nimms, alle g'hörns dei'!« Peter zögerte, ob er das Geld von dem Narren nehmen sollte, er schämte sich dessen und wies es zurück. 147 »So laßt dei' Ahndl hungern?« fragte Jakoberl vorwurfsvoll. »Grad no' an' etli Stund,« sagte Peter, »aftn soll sie 's nimmer.« »Willst a Gamsei oder an' Rehbock schießn?« fragte der Narr. »Zum letztenmal heunt, ja!« »I hon's ausganga,« versetzte Jakoberl, »heunt is der Jaga von Königssee nit obn am Regenbergl, viel Leut steigen aaffi aaf d' Alma, weil morgen der Abtrieb is, warum sollst du nit aaffisteign? Hint beim Rötenbach find'st mi; i trag dir's Wild furt und bring dir's Geldei, du woaßt scho' wier sunst.« »Is der Förster in Königssee scho' wieder krank?« fragte Peter. »Bewahr Gott, der wird krank sei' – wenn er nachstens gheirat wird!« »A narrisch! der alt Mo'?« fragte Peter lachend. »Na', na', der jung, – Perlacher hoaßt er – woaßt dersel –« »Perlacher? Teufel, der is Förster in Königssee?« »Ja, scho' lang; 'n Grillersepp sei' Deandl is sei' Hochzeiterin.« Wenn ein Blitz neben ihm eingeschlagen hätte, so wäre Peter nicht heftiger erschrocken, als durch diese Worte des Narren. Er erblaßte und zitterte unwillkürlich. »'n Grillersepp sei' Deandl, die bei eam is in Königssee draus?« fragte er. »J – ja!« gab der Narr zur Antwort. »I hon selber 'n Förster in Hoa'gast gehn sehgn beim Grillersepp und d' Leut ham gsagt, dös is der Hochzeiter vom Grillerdeandl.« 148 Mehr bedurfte es nicht mehr. Sabina war ihm untreu geworden, sie war Perlachers Braut. Daß hier eine Verwechselung der beiden Mädchen stattfand, an das dachte Peter nicht, er wußte nicht, daß der alte Schnitzerwastl gestorben und Regerl seitdem ebenfalls bei ihrem Vater in Königssee wohnte, daß Regerl die Verlobte des neuen Oberjägers war. Und der Narr, er ahnte ja nicht, was er dem Peter für eine Nachricht brachte. Die Neigung desselben zu Sabina war dem Narren unbekannt geblieben, trotzdem er selbst den ersten Impuls dazu gegeben. Peter sprach niemals mit ihm über das Deandl und seine Liebe, er glaubte dieselbe zu entweihen, wenn er mit dem Troddel darüber Worte wechselte. So kümmerte sich Jakoberl um Sabina so wenig, als um eine andere, er glaubte auch jetzt nur Gleichgültiges nachzusagen und wußte nicht, daß seine Worte wie Dolchstiche das Herz seines Beschützers trafen. Sie hatten den Ort hinter sich; Peter hatte sich unter einer Tanne zu Boden geworfen. Die Aufregung dieser niederschmetternden Kunde, der Jammer seiner alten Großmutter, die Abspannung seiner Nerven infolge der Haft, das alles trug dazu bei, daß er heftig zu weinen begann. Jakoberl liebkoste ihn, erst lachte er, dann weinte er mit. »Es will nit sei'!« rief jetzt der Bursche wild aus, »i muaß mei' Bix aufsuacha. Geh zua, Jakoberl, zoag mir 'n Weg; iatz bin i der Narr und d' Leut solln von mir red'n!« Was er dachte, welchen häßlichen Gedanken Wut und Schmerz in ihm geboren; das ließ er unausgesprochen. Schweigend schritt er dem vorauseilenden Jakoberl nach, die Berghänge hinan zu den Königsalpen und dann 149 über die hohe Bahn, einem vom Königssee gerade heraufführenden Holzweg, der, an der Westseite des Gebirges hinziehend, sich späterhin mit dem neu angelegten Reitwege vereinigt, welcher zur Gotzenalpe führt. An den Quellen, an welchen er vorüber kam, hatte er sich seinen Durst gelöscht, an der Handvoll Brombeeren, die ihm Jakoberl an einem Schlage vorüberkommend pflückte, seinen Hunger gestillt. Erst in der Nähe der Gotzenalpe, am Feuerpalfen, machte er Rast. Hier hatte er seinem Deandl im vorigen Jahre seine Liebe gestanden und von ihm das Amulett erhalten. Als allgemein bewunderter Sieger war er vor sie hingetreten, ihr Herz war die Krone der Siege, welche er an jenem Tage verzeichnete. Damals glaubte er im Himmel zu sein. Sein Juhschrei hallte freudig hinab zu dem tief unter ihm liegenden Königssee und hinüber zu den Felsenhörnern des Watzmanns, die ganze Welt schien nur für ihn da zu sein, für sein Glück und jetzt! Die von der Gotzenalpe hertönenden Freudenrufe widerten ihn an. Hastig sprang er auf. »I muaß a Geld ham!« rief er, »Jakoberl, unten in der Fischunkel erwartst mi, i steig über d' Langthalwand ab, wenn i mei' Gamsei am Regenbergl g'holt hon.« »Na', na',« sagte der Narr, »du därfst heunt nit hin. Erst in der vorigen Woch is durt der Schwebhansl beim Edelweißbrockn abgfalln und maustot liegen bliebn. G'regnt hat's in der letzten Zeit viel und d' Steig sein gfährli – i bitt bi, steig nit awi an der Thalwand!« »Was liegt dran, wenn i mi dafall!« sagte Peter bitter, »aber meinthalbn kann i aa an der Kaunerwand awisteign. Leicht, daß uns aftn die alt' Nandl von der 150 Saletalm ihr Schiffal laßt, daß ma' wieder hoam kinna. D' Nandl is mir guat g'sinnt. Und iatz schlag i mi ummi gen 's Lahfeld zua, du woaßt dein Weg; pfüat Gott!« »Peter, fang nix an!« rief ihm der Narr nach und ging dann traurig seines Weges. Die Gotzenalpe umging er in weitem Kreise, er hatte heute keine Lust, die Eisenbahn zu spielen. Tiefe Sorge drückte ihn und langsam stieg er den schmalen Felsensteig an der Kaunerwand hinab. Er war soeben am Fuße derselben angelangt, da stand plötzlich der neue Oberjäger Perlacher vor ihm. Jakoberl zitterte an Händen und Füßen bei diesem Anblick. Der Jäger war an ihm vorübergeschritten und sagte nur zu dem Troddel. »Kimmst g'wiß von der Gotzenalm? Geht's lusti zua obn?« »Ja, ja,« antwortete Jakoberl, »von der Gotzenalm, und iatz geh i aaf d' Saletalm und bettel mir a Milli.« »Dös wird schwer halten,« meinte Berchtold. »D' Burgei is grad mit 'n Vieh abzogn. Aber d' Nandl hon i no' gsehgn.« »Aftn is 's scho recht,« sagte der Troddel, »d' Nandl schenkt mir scho' ebbas, i brauch nit viel.« »Da hast von mir aa was,« sagte Berchtold, dem verkommenen Burschen ein Geldstück hinreichend. »Vergelts Gott!« dankte dieser, »vergelts Gott tausendmal!« Perlacher hatte den Anstieg begonnen. Jakoberl aber lag unten auf den Knieen und betete zu allen Heiligen, daß sie den Peter beschützen möchten. Er konnte ihn nicht warnen, er konnte auf dem einzigen Steige dem Jäger nicht vorauseilen, er hoffte nur, sein Gebet würde dem Peter schon einen Ausweg finden lassen. 151 XI. Berchtold, der glückliche Bräutigam Regerls, welche nunmehr in Königssee in seiner nächsten Nachbarschaft weilte, ließ sich in seinem Diensteifer dadurch nicht beirren. Sein Pflichtgefühl machte dem Herzen keine Zugeständnisse. Wegen seiner Braut kürzte er seine Waldgänge nicht ab oder blieb gar zu Hause bei süßem Geplauder, statt in seinem Revier herumzustreifen. Heute wollte er dieses um so mehr im Auge behalten, als infolge des Almabtriebes manche Ungehörigkeiten vorkommen konnten, vor denen man sich in acht nahm, wenn man den Förster unterwegs wußte. Er war zur Saletalpe gefahren und stieg nun bei herrlichstem Herbstwetter die steile Kaunerwand hinan, um dann zur Gotzenalm zu gelangen. Vorsichtig stieg er zu Berg. Aber ebenso vorsichtig stieg zu gleicher Zeit und auf demselben Steige der Grafenpeter zu Thal. Einen prächtigen Rehbock trug er offen mittels des Riemens auf dem Rücken. Keiner der beiden Männer hatte eine Ahnung, gerade auf einem der gefährlichsten Steige sich zu begegnen; beide prallten erschrocken einen Schritt zurück, als sie sich über 152 einem kleinen Felsenvorsprung plötzlich auf wenige Schritte gegenüberstanden. Aber dieses Verhoffen währte nur einen Augenblick, im nächsten hatte Peter das Wild abgeworfen und das Gewehr von der Schulter gerissen. Ebenso flink war Perlacher. »G'wehr ab!« rief dieser, »und laß uns red'n!« Der Wilderer aber hatte seine Büchse eher an dem Backen und mit den Worten. »Zwischen uns is ausg'red't!« drückte er ab. Aber Perlacher, flink wie eine Gemse, hatte sich geduckt und war mit einem Sprunge hart an dem Gegner, er schlug ihm die Büchse nach aufwärts – der Schuß dröhnte durch die klare Luft und hallte in vielfachem Echo von den Felsenwänden wieder; aber noch war er nicht verschollen, als sich die beiden Männer schon gegenseitig gepackt hatten. Berchtold hielt dabei seine Flinte fest. »Ergieb di!« rief der Jäger wieder, »oder i wirf di awi ins Gwänd.« »Du fallst mit mir!« entgegnete der Wilderer, »iatz is 's oa' Teufl. I hon dir 'n Tod gschworn – und iatz sollst 'n hab'n, sollt aa i mit dir z' Grund geh'!« Der Jäger wandte all seine Stärke an, seinen Gegner von sich los zu bringen. Peter aber, der sein Gewehr fallen ließ, um freie Hand zu haben, hatte sich fest an ihn geklammert und suchte seinerseits, Berchtold hinabzustürzen. Da fielen beide ab, fast drei Klafter tief auf einen Felsenvorsprung. Sie hatten sich im Fallen nicht losgelassen, wie zusammengewachsen fielen sie auf die bemooste Felsenplatte. Der Grafenpeter war auf den Boden zu liegen gekommen, Berchtold war obenauf. 153 »Iatz hätt'n wa's erste Wandl!« sagte der Grafenpeter, nachdem er sich vom Falle etwas erholt hatte. »Laß mi aus!« »Nit ehnda, als du ergiebst di – sunst bist verlorn!« »Dös is no' d' Frag, wer von uns zwoa verlorn is,« rief Peter. »I hoff, daß i di wieder unter mi bring.« »Dös g'lingt dir nit! I dadrossel di, wennst di nit giebst.« Die Antwort war ein abermaliges Ringen, ein Ringen auf Tod und Leben. Wieder waren sie dem Rande der Wand nahe gekommen, wieder verloren sie den Boden unter sich. Ein Schreckensschrei tönte aus beider Mund. Beide glaubten, es ginge hinab über das schaurige, senkrechte Gewänd, hinab in das schwarze Gewässer des Sees. Berchtold ließ die Büchse fallen, die beiden Kämpfenden hielten sich im Sturze noch krampfhaft umfaßt. Da fielen sie auf Latschengestrüpp, welches sich auf einer schmalen Felsenbank befand. Beide waren auf einige Augenblicke betäubt, beide bluteten, aber rasch erholten sie sich wieder. »Iatz hätt' ma's zwoat Wandl!« sagte mit eigentümlichem Humor der Wilderer. »Und i bin obenauf!« setzte er wie triumphierend hinzu. Er war in der That obenauf, der Jäger unter ihm. Ein paar Falken, welche aus ihrem Horst aufgeschreckt wurden, machten kleine Zirkel um die Abgefallenen. »Ergieb di!« rief der Jäger wieder. Er fühlte, daß seine Glieder noch ganz, und neuer Mut regte sich in ihm, Aber der Wilderer fühlte sich ebenfalls wieder. 154 »Na'!« rief er, »iatz is koa' Umkehr mehr, iatz mußt awi ins Gwänd!« Und er packte wieder fest an und zerrte den Jäger zum Abgrund. Dieser wehrte sich wie ein Löwe. Mit fürchterlicher Kraftanstrengung schleuderte er den Wilderer von sich, dieser wankte und fiel mit einem wütenden Schrei kopfüber ab; aber auch der Jäger verlor das Gleichgewicht, auch er fiel, auch er schwebte über der gähnenden Tiefe, aber instinktartig hatten sie beide im Fallen die Äste einer wagrecht aus der Felsenritze herausgewachsenen Tanne erfaßt, die nun mit der ungewohnten Last schaurig hin und her schwankte, als wollte sie die Hilfesuchenden die senkrecht steile, schauerliche Wand hinabschnellen in die heraufschimmernden Fluten des Königssees. Doch sie ließen sich nicht abschütteln. Peter war dem Stamme des Baumes zunächst, während sich Berchtold mehr dem Gipfel zu befand. Die Wurzeln des nicht allzu großen Baumes drohten sich von dem Felsen, den sie umklammerten, loszureißen. Moos und Steine fielen in die Tiefe voraus. »Iatz is 's aus!« sagte der Grafenpeter. »Mei' Ahndl verhungert; sunst halt mi nix auf der Welt und woant mir neamd nach!« »Mir woant mei' Bräutl nach, mei' Regerl!« sagte Berchtold. »Sie bleibt mei' letzter Gedanken! Mei' Muatta im Himmel oben wird's trösten, mei' arm's Regerl!« Peter horchte mit aufgesperrtem Munde. »Sabina willst sag'n? D' Griller Sabina is do' dei' Hochzeiterin?« »D' Sabina?« rief Berchtold. »Die hat auf di ghofft, hat 'n Förster z' Bartlmä so lang bitt, bis er ihr 155 versprochen hat, daß er di als Jagdknecht nimmt, sobald d' frei bist. D' Sabina lebt und stirbt für di. Mei' Deandl, mei' Bräutl aber is 's Regerl.« »Jeß, Maria und Josef!« schrie jetzt Peter, »so hon i di in falschen Verdacht g'habt! Was hon i ang'fangt! Na, du därfst nit sterbn, du bist a braver Mensch, i aber bin a Abschaum, a Fressen für d' Fisch oder d' Geier. I will alloa' z' Grund gehn!« »Es is koa' Hilf mehr,« sagte Berchtold, »jeden Augenblick reißt d' letzt' Wurzel, wir stürzen mit 'n Baam awi. I mach mei' Reu und Leid; unser Herrgott wird an' braven Jäger gnädi sei'!« »Woaßt was,« sagte Peter, »i tritt auf d' Wurz und schnell 'n Stamm gen d' Wand zua. Den Schneller benutzt und schaugst, daß d' di an die Latschen durt oben anklammern kannst, weiter oben is wieder oane, die kannst leicht dalanga und dort is glei a Felsenbank, grad wier a Kanzl – i war schon amal durt; aftn kannst die leicht umihandeln bis wo der Wildbach awi laaft und kimmst auf d' Kauneralm und d' Gotzenalm. Fluch mir nit, sei glückli! Grüaß ma d' Sabina und mei' Ahndl, laß 's nit verhungern – bist g'richt? I roas iatz furt. Fang d' Latschen! Iatz! – –« Peter hatte mit der linken Hand die sich an den Felsen in senkrechter Richtung anklammernde Wurzel erfaßt, während er mit dem rechten Arm unter riesiger Anstrengung den wankenden Stamm nach aufwärts schnellte. Dies hatte zur Folge, daß sich der Tannengipfel der Wand soweit näherte, daß Berchtold sich in der That an einer Latsche festklammern konnte, zugleich aber riß die letzte Wurzel des Baumes vom Felsen, so daß derselbe mit dem 156 heroischen Grafenpeter krachend in die schauerliche Tiefe des Königssees hinabstürzte. Berchtold kletterte, wie es ihm Peter geraten, zu dem weiter oben herauswachsenden Latschengesträuch und konnte sich von hier aus mit letzter Kraftanstrengung auf eine schmale Felsenbank schwingen. Es war die letzte Anstrengung, denn kaum fühlte er festen, sicheren Boden unter sich, so verließ ihn das Bewußtsein und er fiel ohnmächtig der Länge nach zu Boden. Wohl über eine Stunde mochte er so dagelegen haben, bis sein Bewußtsein wieder zurückkehrte. Er erhob sich, noch an allen Gliedern zitternd. Er nahm einen Schluck aus seiner Schnapsflasche und fühlte sich bald etwas kräftiger. Angestrengten Blickes forschte er dann nach der abgefallenen Tanne und nach dem Grafenpeter. Jene hing am felsigen Ufer und tauchte in die leise bewegte Flut – dieser aber war nirgends zu erspähen und nichts war gewisser, als daß er im See sein Grab gefunden. Berchtold betete in tiefer Bewegung ein Vaterunser für seine Seele. Es galt nun, einen Weg zu finden und dies fiel ihm glücklicherweise nicht besonders schwer. Die schmale Felsenbank, bis jetzt wohl nur von Gemsen und den kühnsten Edelweißbrockern begangen, zog sich, wenn auch nur wenige Fuß breit, die ganze Kaunerwand entlang bis hin zu dem Sturzbach. Mit langsamem, aber sicherm Tritte suchte der Jäger die gefährliche Stelle zu passieren. Endlich, am Sturzbache angelangt, ruhte er aus, trank von dem Wasser und wusch sich das Blut von einer beim zweiten Abfall erhaltenen Kopfwunde. Von hier aus war es nicht mehr schwer, 157 den Weg zur Gotzenalm zu finden, wo er zum Tode ermattet anlangte. Sang und Tanz verstummten sofort bei Ankunft des blaß aussehenden Oberjägers, dessen Kleider zerrissen und blutbefleckt waren. Alles umringte ihn neugierig und teilnahmsvoll. Berchtold aber sprach nur von einem unglücklichen Abfall, bat die Leute, sich in ihrer Lustbarkeit nicht stören zu lassen und ersuchte die Sennerin, ihm für eine kurze Weile, bis er sich wieder gekräftigt, ein Lager anzuweisen. Die Sennerin führte ihn zu ihrem eigenen Kreister, verband ihm seine Wunde, reichte ihm einen guten Almkaffee, und sobald sie den Almgästen sagen konnte, daß sich der Oberjäger ganz gut befinde, nahmen diese die unterbrochene Lust wieder auf, die Klampfen (Guitarre) und Zither kam wieder in Thätigkeit, Sang und Juhschrei hallten über die Berge und im Schuhplattler drehten sich die kräftigen Paare. Berchtold aber ruhte auf dem Kreister, seine Lippen bewegten sich zu einem stillen Gebete; es galt der Seele seines hochherzigen Feindes. – Er hätte jetzt um ihn weinen mögen, wie um einen geliebten Bruder. – 158 XII. Dei Stief-Bruada is 's gwen!« schrie die alte Rappelleni, als ihr am nächsten Morgen Berchtold selbst die Nachricht vom Tode ihres Enkels brachte. »Oan Vatan habts mitanander g'habt – der Perlacher is 's gwen!« Und in geradezu wilder Verzweiflung schrie und jammerte sie über das Verhängnis ihres Hauses. Berchtold war durch diese überraschende Nachricht, daß der Grafenpeter in so naher Beziehung zu ihm stehe, aufs tiefste erschüttert. Er hatte es bis jetzt nicht über sich bringen können, die gestrige Affaire nach ihrem wahren Sachverhalte zu erzählen. So verschwieg er, daß er den Grafenpeter als Wilderer ertappt, er verschwieg auch, daß er dessen Todesopfer werden sollte. Die Größe und Hoheit, welche der Loder in den letzten Augenblicken seines Lebens bewies, machten es Berchtold unmöglich, von ihm als einem Verbrecher zu sprechen. Und jetzt gar, nachdem er erfahren, daß es sein Halbbruder sei. Er wollte von dem Grafenpeter nur auf diesem bekannte Steige geführt worden sein, wobei sie infolge einer Steinlahne abgefallen, und sich beide an einer Felsentanne anklammerten. Was hier geschehen, wie Peter sich für ihn opferte, das verschwieg er 159 nicht der Großmutter, nicht Sabinen, deren thränendes Auge hoch aufleuchtete bei Erzählung dieser That, die alle Schmach und alle Verachtung auslöschte, die auf dem Geliebten haftete und ihn in ihren Augen umgab mit dem Glorienschein eines Helden. Allerheiligen war es; schon heute wurden die Gräber am Berchtesgadener Friedhofe geschmückt mit Kränzen aus Tannengezweig und Stechpalmen und geziert mit den roten Beeren des Vogelbeerbaumes. Der Grillersepp besuchte mit seinen beiden Töchtern das frische Grab des Großvaters Weyerzisk, auf welches heute wiederholt die Huld des Fürsten einen Lorbeerkranz gelegt, und welches die Verwandten mit den schönsten Blumen schmückten, die sie besaßen. Dann begaben sie sich zur Kirche, um dem Himmel zu danken für die glückliche Errettung Berchtolds, der sich ihnen zugesellt und mit tiefer Rührung sie begrüßte. Von hier aus entfernte sich Sabine von den Ihrigen. Vater und Schwester ließen sie gehen, sie ehrten ihren Schmerz. Das Mädchen eilte allein nach Hause, sie hatte am Wege Eichenlaub abgeschnitten, und zu Hause beraubte sie alle Blumenstöcke, welche die Fenster ihrer Kammer zierten, ihrer Blüten. Davon wand sie einen Kranz, machte dann aus zwei rohen Ästen ein Kreuz, auf welchem sie den Kranz befestigte, und eilte zum See, um sich in einem Schiffchen zur Kaunerwand, in die Nähe der Saletalp hinzurudern, wo sie an der herabgestürzten Tanne vielleicht die Stelle finden konnte, wo der Grafenpeter abgefallen war. Stille war es heute auf dem See, Kirchhofsruhe herrschte. Der heutige Tag war schon wie der Tag Allerseelen den Toten 160 geweiht, und die Pietät des Landvolks für dieselben entweihte durch keinen freudigen Juhschrei den Ernst des Tages. Die Thränen flossen fast unaufhörlich aus den Augen der schönen Schifferin, sie ließ sie oft hineinfallen in die grün schimmernde Flut, in deren Tiefe sie den Leichnam des Geliebten wähnte. Die Kaunerwand entlang fahrend, suchte sie bebenden Herzens nach der vom Felsen abgefallenen Tanne, und sie erblickte diese in der That nahe der Saletalpe an dem felsigen Ufer, den Gipfel in die Fluten tauchend, während die mit Erde und Moos bedeckten Wurzeln sich neuerdings an dem Felsen festzuklammern schienen. Hier landete sie und band an der Tanne den Kahn fest. Da unten lag der Verunglückte. Sie strengte ihre Augen an und blickte hinab in die greuliche Tiefe, die ihr schwarz entgegendräute. Sie grüßte und küßte hinab, lange – lange. Dann nahm sie das Kreuz mit dem Kranze und stieg zu Land. Sie lehnte es an den Felsen und befestigte es mit mehreren umherliegenden Steinen. Und mit ineinander verschlungenen, nach abwärts gedrückten Händen betete sie dann für die Ruhe des Verunglückten und gab sich ganz dem Eindrucke des Augenblicks hin. »Mei' armer Bua,« sagte sie, »ruah in Fried da unt im nassen Grab. Mei' Herz hast mit dir gnumma, bhalts in Ewigkeit! Durt ommat wird's dir besser gehn als da herunt! Du hast nöd glückli sei' solln, so weng wiar i, und wenn i kimm zu dir, aft wird's ja dengerst anders wern wia da. Pfüat Gott mei' liawa, liawa Bua, i bleib dir treu in alle Ewigkeit!« »Sabin, Sabin!« rief es jetzt hinter ihr; »Sabin, 161 Sabin!« rief ein zu ihren Füßen gestürzter Mann, »mei' Deandl, mei' alles!« »Peter,« schrie das Mädchen entsetzt auf, »bist d' es wirkli, oder is 's dei' Geist?« »Wirkli bin is,« erwiderte der Bursche aufspringend, und das erblassende, wankende Mädchen in seinen Armen haltend. Er setzte es neben das Kreuz auf einen Felsenstein und brachte es durch seine Küsse wieder zu sich. »A Wunder hat mi erhalten,« rief er dabei, »und i dakenn's, für di hat's mi dahaltn, aft daß i brav und ehrli werd und bleib, und nur für di därf lebn oder sterbn.« Und in der That glich es einem Wunder, daß der, wie wir wissen, an der fast senkrechten Kaunerwand abfallende Wilderer sich nochmals an einem Latschengesträuche festzuhalten vermochte, und so zwischen Himmel und Erde schwebend, den sicheren Todessturz verzögerte. Der närrische Jakoberl war es, welcher ihn in dieser gefährlichen Lage erblickte. Mit fast übermenschlicher Kraft suchte Jakoberl den herabgestürzten Tannenbaum wieder an die Felsenwand zu lehnen, und es so dem Grafenpeter zu ermöglichen, sich nach einem verhältnismäßig noch geringen, aber immerhin noch lebensgefährlichen Abfall an der Tanne festzuhalten, welche infolge der wuchtigen Beschwerung das Gleichgewicht verlor und wiederholt in den See stürzte, aus welchem dann Peter, den Stamm des Baumes festhaltend, und mit Hilfe des Jakoberl gerettet wurde. Jakoberl hatte dann den halb ohnmächtigen und aus vielen Wunden blutenden Freund den schmalen Felsensteig entlang, zur Saletalpe, und in die uns bereits bekannte Almhütte der schönen Burgei gebracht. Diese war aber heute bereits mit ihrem Almvieh abgezogen, niemand war 162 mehr anwesend als die alte Nandl, die sofort alles aufbot, um den Verwundeten, soweit es noch anging, unterzubringen, dessen Kleider zu trocknen und ihn zu verpflegen. Da erst am morgigen Tage der kleine Lenzl ihr Schiffchen wieder bringen sollte, so konnte sie die Salet nicht verlassen, um einen Doktor oder Bader zu holen. Es ging auch ohne diese, und als Peter bei einbrechender Nacht ruhig eingeschlafen, war auch der Jakoberl zu seinen Füßen und blickte triumphierend nach dem Beschützer, dem er sich dankbar bezeigen, dem er das Leben retten durfte. Am andern Morgen befand sich der Verwundete bereits wieder so wohl, daß er das Lager verlassen konnte; da aber der kleine Lenzl noch immer nicht mit dem Schiffchen kam, mußte er hier verbleiben. Die Nandl plauderte gerne, und so erzählte sie dem Peter, daß Burgei nächstens mit dem Holzernazi Hochzeit halten werde, dessen Wunde glücklich wieder durch die Rappelleni, Peters Ahndl, geheilt worden sei. Sie wußte ihm auch von dem Verhältnisse Regerls mit dem neuen Oberjäger zu erzählen und deren baldiger Verbindung, verschwieg ihm auch nicht, daß die beiden Grillerdeandl reich geworden seien, indem sie alles geerbt, was der alte Weyerzisk hinterlassen hätte und wie dieser vom König eine große Summe, für »a paar schöne Marmorschnitzereien,« wie sie sich ausdrückte, noch am letzten Tage seines Lebens erhalten, und daß schon mancher brave Bursche sein Auge auf die schöne Sabina geworfen, diese aber von niemand etwas wissen wolle, als vom Grafenpeter. »Mei', i bin ihr Liab nöd wert,« sagte Peter seufzend – »iatz hat's an' Fried vor mir, bis 's selber kimmt und sagt: »I halt' di wert!« 163 »Drauf därfst nit lang wartn,« rief Nandl – »täuscht mi 's Gschau nit, so fahrt dort d' Sabin z'naachst da Kaunawand – iatz steigts aus, grad an dem Fleck, wo 's d' a'g'falln bist.« Peters blasses Gesicht überlief eine sichtliche Röte. »Sie halt mi für tot,« sagte er, »i därfs nit lang in dem Glaubn lassen. Schnell schaug i ummi zu ihr!« Und er begab sich, so schleunig er es vermochte, über die Saletalpe hin zu dem Platze an der Kaunerwand, wo eben Sabina ihm ihre Liebe und Treue über das Grab hinaus gelobte. – Neben ihr auf dem Felsen sitzend, hatte er ihr alles erzählt, er hatte sein Verbrechen nicht verschwiegen, wohl aber seine Großmut dem Perlacher gegenüber. Von dieser aber erzählte ihm Sabina – sie erzählte ihm noch mehr – nämlich daß Berchtold sein Halbbruder sei. »Barmherziger Gott!« rief Peter, »und an dem wollt' i – Wia muß si der über mi schama!« »Stolz is er auf di,« versicherte ihm Sabina, »därfst es glaubn, und koa größere Freud wird's für eam gebn, als wenn er hört, daß d' nit z' Grund ganga, daß di der Himmi erhaltn hat für mi – dei' treus Deandl!« Peter hatte in seinem Leben keine solche Glückseligkeit empfunden, als bei dieser Versicherung. »I will's wert wern,« sagte er, »dei' Liab – dös Glück! Nimmer sollst mi feiern sehgn, arbeitn will i, so lang i leb, freudi und schneidi!« »Dös sollst,« sagte Sabina, »und a Arbet kriagst, die dir grad am liabstn is. Da Förster von Bartlmä hat mir Hand und Wort gebn, daß er di nimmt als Jagasknecht, da bist in deim Element, im Wald und auf die 164 Berg, und mit der Zeit kannst es aufwärts bringen, dei' Bruader, der Perlacher, sorgt scho' dafür, thuast nur dei' Schuldigkeit.« Die beiden hatten in ihrem süßen Geplauder gar nicht beachtet, wie ein Kahn mit mehreren Personen dicht an der Kaunerwand entlang näher kam. Es war der Grillersepp, Berchtold und Regerl und die Rappelleni. Die beiden Männer ruderten, die Rappelleni und Regerl saßen auf einem Sitze, jede hatte einen Kranz in der Hand. Die Alte stierte schmerzbewegt in die Flut. Von Sabinens Fahrt in Kenntnis gesetzt, waren sie sofort bereit, ihr nachzueilen, um so mehr die Rappelleni schon lange auf der Lände auf- und ablief und ein Schifflein verlangte, um, wie sie sagte, zu ihrem Peterl zu fahren. Perlacher lud sie ein, mit ihm zu fahren, er kaufte ihr einen Kranz, damit sie jene Stelle schmücken könne, wo das Unglück geschehen. Regerls Blicke hafteten ohne Unterlaß auf ihrem Bräutigam. Ihr Herz bebte bei dem Gedanken, wie nahe er daran war, ihr für immer entrissen zu werden, und sie wurde nicht müde, dem Himmel für seine Rettung zu danken. »Gestern um die Zeit war's!« sagte Perlacher, »so um vieri rum.« »Um vieri!« rief die Rappelleni. »No' ja, grad um die Zeit bin i in der Vesper gwen und hon beim Pange lingua mein Peter den Segen zuarigschickt. Nix is 's, nix is 's! I sag's ja, alles is nix!« »Staad Leni!« rief der Grillersepp. »Es is scho' ebbas! Schau durt hin, sitzt nit der Peter lebendi nebn meiner Sabin?« 165 Alle blickten nach dem jetzt sichtbaren Paare. Freudenrufe erschallten. »Is er's wirkli?« rief die alte Großmutter. »Is 's koa Traam?« Und als sie im nächsten Momente aus dem Schifflein ans Land gestiegen und Peter an ihrem Halse weinte, da sagte sie ebenfalls unter Thränen: »Es is koa' Traam – es giebt ebbas – es giebt ebbas!« Und dankend blickte sie himmelwärts. »Ja, Muatterl,« sagte jetzt Peter, »i hon's dakennet und gwiß will i mi dera Himmelsgnad würdi zoagn mei' ganz's Leben lang!« Nun umarmten sich die beiden jungen Männer. Sie sahen sich lange in die Augen und schüttelten sich dann treuherzig die Hände. »Wie hon i dös denkn kinna, daß du mei' Bruada bist!« versetzte endlich Peter. »I werd dir gwiß koa' Schand mehr macha! Bleib mir gut!« »I bin dir's und bleib dir's!« versicherte ihm Berchtold gerührt. »Und i bin seit gestern aa dei' Freund!« sagte der Grillersepp vortretend. »Wer sei' Unrecht einsiehgt und 's Lebn zum Opfer bringa kann, dem is der Himmel gnädi, dem müassens aa die Menschen sei'. Da hast mei' Hand; schlag ein! Von heunt an bist wein Schwiegersuhn! Mach d' Sabin glückli!« Kein Juhschrei hallte aus der Brust des überglücklichen Grafenpeter. Er war von all dem unerwarteten Glück wie überwältigt. Er drückte Sabinens Vater die Hand und legte die linke wie zum Schwur auf sein Herz. Dann stiegen sie alle zu Schiffe. Aus den 166 Totenkränzen wurden Guirlanden gemacht und damit das Fahrzeug geschmückt. Sabinens Schiffchen wurde an das größere angehängt. »Halt!« rief Peter, als sie schon im Abfahren begriffen waren, »der Jakoberl därf nit vergessn wern. Eam verdank i 's, daß i nit in See abgfalln bin.« Der Genannte war ohnedies nur wenige Schritte entfernt und kam jetzt sofort herbei. Er wußte kaum, wie ihm geschah, da er von allen belobt und beschenkt wurde und man ihm versprach, für ihn sorgen zu wollen. Ein tiefblauer Himmel wölbte sich über dem felsenumgürteten See. Die Strahlen der schon tief stehenden Sonne schimmerten in dem buntfarbigen Laubwerk der östlichen Wände, während sich über die westlichen bereits die Schatten ausgebreitet hatten. Aber über denselben ragte die Tiara des Watzmanns in weißlich gelbem Lichte hernieder und schien freundlich herabzugrüßen auf die Glücklichen. Glücklich waren alle, das Alter, wie die Jugend, und wohl kein Nachen mag seit der sagenhaften Schwanjungfrau und Berchtolds Zeiten die dunkelgrüne Flut des Königssees durchfurcht haben, der freudigere Menschen getragen. – War heute das Glück nur still empfunden und ausgetauscht, bald jubelten es alle freudig hin über den See und die Berge. Regerl war noch vor Weihnachten Berchtolds geliebtes Weib, ihm war der Muttersegen treu geblieben! Peter hielt, was er versprochen. Als Weidmann war er auf seinem Platz, und der alte, würdige Förster von Bartlmä wußte ihn nicht genug zu rühmen. Im nächsten Frühjahr führte auch er Sabina als Hausfrau heim. Die alte Rappelleni lernte noch am Rande ihres Lebens das Glück kennen und preisen. 167 Berchtold und Peter aber stiegen hoch hinauf zu den schönen Bergen, hinauf zum König Watzmann, um ihre Lust hinaus zu jubeln in die weite Welt, zu den in Morgenrot lodernden Gipfeln, zu dem von Glanz und Glut überfluteten Himmel und in das liebe Berchtesgadenerlandl. Weithin hallte ihr Juhschrei, klang ihr Gesang, dem selbst der alte Felsenkönig freudig lauschen mochte: »Landl und Leuteln frisch Is berchtesgadnerisch; Heidi! Juchhe! Juchhe! Steign ma' aaf d' Höh! Auf dur an' Tannawald, Auf über d'Oxenhalt, Aft fanga d'Schroffen an, Wer's dagehn kann. Drobn aaf 'n höchstn Spitz Is da schönst' Jagasitz, Kemma just d'selbin zamm, Dö a Schneid ham. Deandln und Almabuam, Gambsein und Wettersturm, Drunt glanzt der Künisee, Heida! Juchhe! Landl und Leuteln frisch Is berchtesgadnerisch, I bin a sölla Bua, Juchz mir nie gnua! Juh, juh, juh, juh! Juchu!«   Berchtesgaden, Sommer 1882.