Arthur Schnitzler Zwischenspiel Komödie in drei Akten Personen Amadeus Adams , Kapellmeister Cäcilie Adams-Ortenburg , Opernsängerin, seine Frau Peterl , 5 Jahre, beider Kind Albertus Rhon Marie , seine Frau Sigismund, Fürst von und zu Maradas-Lohsenstein Gräfin Friederike Moosheim , Opernsängerin Fräulein und Stubenmädchen bei Adams Wien. – Gegenwart Erster Akt Zweiter Akt Dritter Akt Erster Akt Studiersalon bei Adams. Dunkelgrau gemalt mit einfachem Fries. Im Hintergrund Tür, die auf eine kleine Gartenveranda führt, rechts und links von der Türe je ein Fenster; Blick auf den Garten, der drei Stufen tiefer liegt. Zwischen dem rechten Fenster und der Tür eine Etagere, zwischen dem linken Fenster und der Türe ein Notenpult. Sowohl über der Etagere als über dem Pult Reliefs nach Antiken. – Rechts vorn Haupteingang, rechts hinten Türe in die Zimmer Cäciliens. Links hinten Tapetentür zu Amadeus. – Rechte Seite: hoher Bücherschrank, oben Büste von Verrocchio. In der Ecke rechts hinten hohe Vase auf Ständer, mit Blumen. Links vorn Kamin, darüber Spiegel; auf dem Kamin eine einfache französische Uhr; vor dem Kamin ein Tischchen mit Sesseln. Weiter rückwärts links Etagere mit Noten; über ihr Stiche: Schumann, Brahms, Mozart usw. In der Ecke links eine Beethoven-Büste. – Links gegen die Mitte Klavier mit Klaviersessel; ein Sessel steht vorn ans Klavier gerückt. Rechts Schreibtisch, dahinter Fauteuil; Divan an den Schreibtisch gerückt. Rechts und links vom Zuschauer. Erster Auftritt Amadeus , Friederike . Amadeus dreißig Jahre, schlank, dunkles schlichtes Haar, bartlos. Seine Bewegungen rasch, zuweilen hastig. Grauer Sakkoanzug; elegant, aber ein wenig nachlässig. Gewohnheit, mit der linken Hand zuweilen das Sakko zurückzuschlagen und es festzuhalten. Er sitzt am Klavier und begleitet Friederike. Friederike achtundzwanzig Jahre, hellgrau englisches Kostüm, rote Seidenbluse; breitrandiger eleganter Sommerhut. Sie ist zierlich und rötlich blond. Singt aus »Mignon« Ausgabe: Klavierauszug S. 129. Paris. Au Ménestrel, 2 Rue Vivienne. : »Hahaha! ist's wahr, wirklich wahr? . . .« Bewegung, als wenn sie mit der Reitpeitsche den Staub von den Kleidern klopfte. Amadeus begleitet und markiert die Rolle des Friedrich. » Lachen Sie nur, ich bin ein Narr, ruiniere mein Pferd . . .« Friederike . »Wünschen Sie vielleicht . . .« Amadeus nervös. Warten Sie doch! . . Sie wissen ja noch nicht, warum ich mein Pferd ruiniere . . . »Ruiniere mein Pferd, um früher Sie zu sehen . . .« Friederike wie oben. »Wünschen Sie vielleicht, daß ich weine?« Amadeus wie oben. »O, schon bereu' ich es schwer, daß ich nur kam.« Friederike wie oben. »Nun so . . . Amadeus . Gis! Friederike wie oben. »Nun so kehren Sie um. Bald genug erblick' ich Sie wieder!« Amadeus . Das sagt sie ironisch, nicht zärtlich! »Bald genug erblick' ich Sie wieder . . .« Friederike wie oben. »Bald genug erblick' ich Sie wieder . . .« Amadeus . Nicht mit Haß, sondern ironisch, Frau Gräfin. Friederike . Sie sollen mich nicht Frau Gräfin nennen, sondern Friederike, wenn Sie mit mir studieren. Amadeus . Sehen Sie, das ist der Ton für die Philine. Den halten Sie fest . . .Und das sind die richtigen Augen . . .Wenn Sie das auf der Bühne träfen, dann wären Sie beinah eine Künstlerin. Friederike . Ach Gott, ich habe die Philine schon mindestens zwanzigmal gesungen! Amadeus . Aber hier nicht, Fried . . . Frau Gräfin. Und nicht, wenn Frau Adams-Ortenburg die Mignon sang. Beugt sich vor und sieht nach dem Garten hinaus. Friederike . Sie kommt noch nicht. Lächelnd. Vielleicht ist die Probe noch nicht aus. Amadeus . Vielleicht. Er ist aufgestanden. Friederike . Ist es richtig, daß Frau Adams-Ortenburg nächsten Herbst in Berlin gastiert? Amadeus . Es ist noch nicht sicher. – Er geht zum Fenster rechts. Sie gestatten. Öffnet. Friederike . Ein herrlicher Sommertag! Und wie Ihre Rosen duften. Beinah – – Amadeus . Beinahe wie in Tremezzo – ich weiß. Friederike . Wie können Sie das wissen? Sie waren ja noch nicht dort. Amadeus . Aber Sie haben mir genug davon erzählt. Eine Villa liegt am Wasser, leuchtend und weiß, Marmorstufen führen geradeaus in den blauen See. Friederike . Ja. Und in sehr heißen Nächten schlafe ich zuweilen mitten im Park auf dem Rasen unter einer Platane. Amadeus . Die Platane ist berühmt. – Aber die Zeit vergeht. Singen wir doch lieber. Wieder am Klavier. Die Polonaise. Ich bitte, Frau Gräfin. Er begleitet. Friederike singt: l. c. S. 285. »Titania ist herabgestiegen, Die Fee der Luft vom blauen Wolkensitz, Will die Welt behende nun durchfliegen, Noch schneller als der Vogel, schneller als der Blitz . . .« Amadeus bricht ab, läßt den Kopf sinken. Nein, nein, es geht nicht. – Bitten Sie doch den Direktor, er möchte die Partie mit Ihnen studieren. Was mich anbelangt, ich habe eine gewisse Achtung auch vor den Leuten, die im Sommer ins Theater gehen. Sie müssen sich nicht alles bieten lassen. Gehn Sie zum Direktor: Ich lass' ihn grüßen und ich hab' was Besseres zu tun. Klappt die Noten zu. Friederike freundlich. Das glaub' ich schon. Wie weit sind Sie denn eigentlich mit Ihrer Oper? Amadeus . Um Gottes willen, tun Sie doch nicht, als ob Sie dergleichen interessierte. Es verlangt's ja niemand. Friederike . Ist sie bald fertig? Amadeus . Fertig –? . . . Wie stellen Sie sich das vor? Abends mindestens zweimal wöchentlich dirigieren, vormittag Proben oder gar Korrepetition . . . glauben Sie, daß man sich nach einer solchen Stunde hinsetzen kann und die Muse erwarten? Friederike . Nach einer solchen Stunde! . . . Sie sind nicht ganz unbefangen mir gegenüber, Amadeus. Amadeus . Nicht unbefangen? ich? Ihnen gegenüber? – Ich glaube, Frau Gräfin, auch in Ihren verwegensten Augenblicken denken Sie nicht daran, daß meine Frau von Ihnen etwas zu fürchten hätte. Friederike . Sie wollen mich wahrscheinlich mißverstehen. Sie ist zum Kamin gegangen und wendet sich jetzt wieder zu Amadeus. Sie wissen sehr wohl, warum Sie gegen mich so gereizt tun, Amadeus. Weil Sie in mich verliebt sind. Amadeus sieht in die Luft und spielt Klavier. Friederike . Mit dem Dreiklang da werden Sie mir nicht das Gegenteil beweisen. Amadeus . Dreiklang da . . . Sagen Sie mir lieber, was es für einer ist. Schlägt ihn nochmals wütend an. Friederike . As dur. Amadeus gelangweilt. G dur selbstverständlich. Friederike neben ihm, lächelt. An dem halben Ton soll unser Glück nicht scheitern. Amadeus steht auf, geht nach hinten und blickt in den Garten. Friederike . Ihre Frau? Amadeus . Nein, mein Bub' spielt draußen. Am Fenster, winkt hinaus. Pause. Friederike . Sie nehmen das Leben zu schwer, Amadeus. Amadeus am Fenster, sich zu ihr wendend. Ich kann nicht lügen – ich will nicht lügen. Das heißt nicht: das Leben schwer nehmen. Friederike . Nicht lügen . . . Sie waren doch manchmal viele Monate von Ihrer Frau fort – nicht wahr? Ihre Frau war doch schon hier engagiert, während Sie noch irgendwo draußen Kapellmeister waren? . . . Also . . . Amadeus . Das sind Dinge, die Sie nicht ganz verstehen, Frau Gräfin. Blickt zur Eingangstüre. Friederike . Nein, es kann Ihre Frau noch nicht sein. An einem so schönen Tag wie heute wird sie auf ihren Spaziergang doch nicht verzichten. Amadeus . Was Sie da versuchen, Friederike, ist ziemlich kläglich. Friederike . Warum denn? Ich weiß ja, daß sie zuweilen auch mit Ihnen spazieren geht. Amadeus . Wenn es meine Zeit erlaubt, ja. Und manchmal mit Sigismund. Heute wahrscheinlich mit dem Fürsten Sigismund . . . das wollten Sie mir doch sagen? Friederike . Weshalb denn? Sie wissen es doch. Mir fällt es wahrhaftig nicht ein, was Übles daran zu finden; er ist ja Ihr Freund. Amadeus . Mehr – oder weniger als das. Er war mein Schüler. Friederike . Das hab' ich ja gar nicht gewußt. Amadeus . Als ganz junger Mensch, vor zehn Jahren, hab' ich auf dem Schloß seines Vaters gelebt. Wer weiß, wo ich heute wäre ohne den alten Fürsten Lohsenstein. Ja, wir Männer haben im allgemeinen eine andere Jugend hinter uns als ihr . . . Friederike . . . . Als ihr Künstlerinnen. Amadeus . . . . als ihr Gräfinnen wollt' ich sagen. Drei Jahre hab' ich jeden Sommer auf dem Schloß in Krumau verbracht. Dort konnt' ich – zum erstenmal in meinem Leben – für mich in Ruhe arbeiten und hatte nichts weiter zu tun, als Sigismund zu unterrichten. Friederike . Wollte er denn Pianist werden? Amadeus . Das nicht; er wollte in einen Orden eintreten. Friederike . So? ist das wahr? – Nein, wie sich die Menschen ändern! Amadeus . Nicht so sehr, als Sie glauben. Er ist ein sehr ernster Charakter geblieben. Friederike . Und spielt dabei so hübsch Tanzmusik –? Amadeus . Warum nicht? Dem Himmel ist ein guter Walzer und ein guter Choral gleich wohlgefällig. Friederike . Was waren das einmal für reizende Abende in Ihrem Haus! Noch in diesem Winter. Wir sprechen manchmal davon, der Graf und ich. – Lädt man den Fürsten Sigismund auch nicht mehr ein, so wie mich? Amadeus . Liebe Gräfin, er ist erst vor vierzehn Tagen bei uns gewesen – einen ganzen Abend lang. Wir haben draußen in der Laube soupiert, dann noch lang hier im Zimmer geplaudert, und vor dem Fortgehen hat er über den Cagliostro-Walzer phantasiert. – Und was meine Frau auf diesem Spaziergang mit ihm redet, während ich nicht dabei bin, bleibt mir so wenig unbekannt, als ich ihr verschweige, was wir zwei zueinander reden. So stehen wir zueinander, meine Frau und ich, damit Sie es doch endlich begreifen, Friederike! Friederike . Es gibt aber doch Dinge, die man einander nicht sagen kann . Amadeus . Zwischen Menschen unserer Art gibt es keine Geheimnisse. Friederike . Ja dann . . . dann werden Sie Ihrer Frau heute mehr gestehen müssen, als Sie mir selbst gesagt haben, Amadeus. Adieu . . . Reicht ihm die Hand. Amadeus . Was soll das nun eigentlich werden, Friederike? Friederike . Warum wehren Sie sich gegen Ihr Schicksal? Ist es denn gar so schlimm? Was Sie mir sind, war mir ja doch noch keiner! Amadeus . Verlangen Sie, daß ich Ihnen auch das glaube? Friederike . Ich würde es nicht zur Bedingung machen. Aber es ist wahr, Amadeus. Nun leben Sie wohl. Auf morgen, Amadeus. Das Leben ist wahrhaftig viel leichter, als Sie denken . . . Es könnte so schön sein – es wird schön sein. Sie geht. Amadeus allein. Setzt sich zum Klavier; spielt ein paar Töne. Es wird ernst . . . oder wird es heiter? . . . Schüttelt den Kopf.   Zweiter Auftritt Amadeus . – Albertus Rhon tritt ein. Albertus mittelgroß; ziemlich langes, schwarzes, graumeliertes Haar; eher nachlässig gekleidet. Amadeus . Ah, du bist's, Albertus? Grüß' dich Gott! Albertus . Ich komme mich erkundigen, Amadeus, wie es mit unserer Oper steht. Hast du was gemacht? Amadeus . Nein. Albertus . Wieder nichts? Amadeus . Ich komme hier wohl nicht mehr dazu. Wir müssen die Ferien abwarten; ich habe zu viel zu tun. Jetzt bringen wir die »Mignon« heraus mit einigen Neubesetzungen – – Albertus . Wenn ich mich nicht täusche, sah ich Philine eben an mir vorüberschweben – mit ziemlich trunkenen Augen . . . O! sollt' ich wieder ein wenig taktlos gewesen sein? Entschuldige. Amadeus abgewandt. Es stimmt; sie war eben hier. Das verdammte Korrepetieren! Aber es dauert hoffentlich nicht mehr lang. Im nächsten Winter muß sich meine Zukunft endgültig entscheiden; Urlaub hab' ich schon. Albertus . Also wird's Ernst mit der Tournee? Amadeus . Ja, ich gehe diesmal auf zwei Monate fort. Albertus . Deutsche Städte? Amadeus . Wahrscheinlich auch einige italienische. Ja, mein Lieber, man weiß im Auslande mehr von mir als daheim. Ich werde meine dritte dirigieren und hoffentlich auch die vierte. Albertus . Bist du denn schon so weit? Amadeus . Nein; aber ich verspreche mir was von dem heurigen Sommer. Da soll wieder einmal ordentlich gearbeitet werden. Albertus . Zeit wär's ja. – Unsere Fußtour hab' ich übrigens zusammengestellt. Ich hab' auch die Karte mitgebracht. Schau' einmal her. In Niederdorf beginnen wir, von dort über Plätzwiesen nach Schluderbach, dann Cortina, dann über den Giaupaß nach Caprile, dann über den Fedaja – – Amadeus . Ich überlasse, dir alles, ich vertraue dir vollkommen. Albertus . Also es bleibt dabei, daß wir wieder einmal mit dem Rucksack und Bergstock durch die Lande ziehen, wie in jungen Jahren –? Amadeus . Ja. Ich freue mich sehr darauf. Albertus . Du brauchst einfach Sammlung; – ein paar Wochen Gebirgsluft und Ruhe, das wird dich schon herausreißen. Amadeus . Ich bin ja nirgends versunken. Nervös bin ich, das ist alles. Albertus . Merkst du nicht, Amadeus, wie du schon diese Ausflucht mir gegenüber, dem du ja zur Ehrlichkeit nicht verpflichtet bist, deiner Natur abringen mußt? wie du an diese kleine Unaufrichtigkeit gewissermaßen einen Teil deiner geistigen Kraft verschwendest? Ich habe es dir immer gesagt: Verstellung liegt deiner Natur fern. Wenn du einmal in die Lage kämst, einem Wesen gegenüber, das dir nahesteht, Komödie zu spielen, so gingst du daran zugrunde, Amadeus . Diese Sorge ist überflüssig! Du kennst uns doch lang genug, mich und Cäcilie, und weißt, daß unsere Ehe vor allem auf vollkommene Aufrichtigkeit gegründet ist. Albertus . Den guten Willen hätten viele, aber im richtigen Moment fehlt manchmal der Mut. Amadeus . Wir haben einander noch nie etwas verschwiegen. Albertus . Weil ihr euch vorläufig noch nichts zu gestehen hattet. Amadeus . Vielleicht doch mancherlei, was andere für sich behalten hätten. Unser Leben hat ja keinen so einfachen Verlauf genommen. Monatelang haben wir getrennt voneinander existieren müssen. Ich habe schon mit andern Sängerinnen studiert als mit Philine, und überlegen auch andere Männer als Fürst Sigismund haben gefunden, daß Cäcilie schön ist. Albertus . Ich habe nicht von Cäcilie gesprochen. Amadeus . Und nebstbei wäre zwischen Cäcilie und mir auch jeder Versuch des Verschweigens aussichtslos. Wir kennen einander so gut – gewiß hat es noch nie zwei Menschen gegeben, die sich so vollkommen verstanden haben wie wir. Albertus . Ich kann mir einen Punkt denken, wo das Verständnis aufhört und damit alles andere. Amadeus . Alles andere, das wäre möglich, – aber gerade das Verständnis nicht. Albertus . Nun ja. Wenn nur das Verständnis übrig bleibt, so bedeutet es auch nichts anderes als den Anfang vom Ende. Amadeus . Das sind – Zufälle, auf die jeder Mensch gefaßt sein muß. Albertus . Du redest aber nicht wie einer, der gefaßt, sondern wie einer, der entschlossen ist. Amadeus . Wer könnte völlig für sich oder einen andern einstehen? Jedenfalls haben wir beide nie das Schicksal durch ein Gefühl zu großer Sicherheit herausgefordert. Albertus . Mein Lieber, was das anbelangt: das Schicksal fühlt sich immer herausgefordert, durch Zweifel geradeso wie durch Vertrauen. Amadeus . Daß einen nichts unvorbereitet treffen kann, gibt immerhin ein Gefühl der Beruhigung. Albertus . Mehr Beruhigung gäbe vielleicht der feste Entschluß, alles abzuwehren, wodurch ein sicheres Glück aufs Spiel gesetzt werden könnte. Amadeus . Glaubst du, daß mit einer solchen Abwehr etwas gewonnen wäre? Glaubst du nicht, daß: Verlockungen widerstehen mit Sehnsucht in der Seele, von allen Lügen die schlimmste und gefährlichste wäre, und daß man aus Abenteuern eher heil nach Hause käme als aus Wünschen? Albertus . Abenteuer . . .! Müssen sie denn gerade erlebt sein? Einem Maler, der über Stümperei erhaben und über Jugendtorheit hinaus ist, genügt ein Modell für alle Gestalten, die er träumt und schafft – und den, der zu leben weiß, erwarten alle Abenteuer, nach denen ihn gelüstet, im Frieden seines Heims. Er erlebt sie geradeso wie ein anderer, aber ohne Zeitverschwendung, ohne Unannehmlichkeiten, ohne Gefahr; und wenn er Phantasie hat, bringt ihm seine Gattin, ohne daß sie es ahnt, lauter uneheliche Kinder zur Welt. Amadeus . Es ist die Frage, ob man das Recht hat, einem Wesen, das einem wert ist, solch eine Rolle zuzumuten. Albertus . Man darf die Menschen nie darüber aufklären, was sie einem bedeuten. Ich habe darauf einen Spruch gemacht: Kennst du mich, so störst du mich, kenn' ich dich, so hab' ich dich.   Dritter Auftritt Die Vorigen – Marie und Peterl aus dem Garten. Dann das Fräulein . Marie . Peterl wünscht durchaus, daß ich hereinkomme; ich wollte im Garten auf Cäcilie warten. Amadeus . Grüß' Sie Gott, Marie. Marie . Ich habe hoffentlich nicht gestört? Fräulein aus dem Garten, will den Buben holen. Peterl! Peterl . Nein, Fräulein, ich bleibe bei den Großen. Amadeus . Ja, lassen Sie ihn uns nur da, Fräulein. Fräulein ab auf die Veranda; bleibt sichtbar. Marie . Nun, habt ihr viel gearbeitet? Amadeus . Wir haben mehr geplaudert. Albertus . Weißt du, warum sie sich erkundigt? Weil sie in den Herrn von Rabagas verliebt ist. Amadeus . In wen? Albertus . Du erinnerst dich nicht einmal an ihn! Es ist der interessante junge Mensch, der im ersten Akt im Gefolge des Königs auftritt. Früher hat sie sich wenigstens nur in die Helden meiner Stücke verliebt, jetzt werden ihr schon die Episodenfiguren gefährlich. Amadeus . Da müßtest du doch eigentlich stolz darauf sein. Albertus . Stolz? Manchmal bedauert man doch, daß man dazu verurteilt ist, alle Schönheiten und Tugenden der Welt in die Gestalten zu legen, die man schafft, und daß einem fürs eigene Fortkommen nichts übrig bleibt als das bißchen Geist.   Vierter Auftritt Die Vorigen . Cäcilie von rechts. Peterl . Da ist die Mama! Cäcilie . Guten Tag. Reicht allen die Hand. Grüß' dich Gott, Marie. Das ist aber schön! Hätt' ich das gewußt . . . Ich bin ein bißchen spazieren gegangen; das Wetter ist so wundervoll! – Na Peterl küßt ihn , schon gegessen? Peterl . Ja. Fräulein kommt von der Veranda herein. Guten Tag, gnädige Frau. Peterl hat noch nicht seinen Mittagsschlaf gehabt. Marie . So, schläft er noch immer am Nachmittag? Unsere zwei haben sich das vollkommen abgewöhnt. Albertus . Dafür spielen sie jetzt jeden Nachmittag ein wunderschönes Spiel, das sie selbst erfunden haben; es heißt »Trommler und Trompeter«. Marie . Komm nur bald wieder zu uns, Peterl; dann kannst du mitspielen. Peterl . Ja, ich hab' ein Werkel, das nehm' ich mir mit, damit mehr Lärm ist. Cäcilie . Jetzt geh, sag' aber schön adieu zuerst. Peterl . Habe die Ehre, sag' ich; adieu ist mir zu gemein. Alle lachen; er geht mit dem Fräulein. Die beiden Frauen gehen langsam zum Kamin und setzen sich dann dort nieder. Marie . Ich komme natürlich, dich um etwas bitten. Cäcilie . Ich höre. Marie . Es handelt sich um ein Konzert, bei dem du gebeten wirst mitzuwirken. Cäcilie . Heuer noch? Marie . Ja, Cäcilie. Es soll auch nicht in der Stadt sein, sondern auf dem Land . . . zu einem wohltätigen Zweck natürlich. Wenn du nur zwei, drei Lieder singst, wird das Komitee ganz glücklich sein. Cäcilie . Das wird sich schon machen lassen. Marie . Ich wäre dir sehr dankbar. Amadeus . Machen Ihnen solche Veranstaltungen nicht viel Mühe? Marie . Irgend eine Beschäftigung muß der Mensch doch haben. Wenn ich zu irgendwas Talent hätte, wie ihr alle, so kümmerte ich mich gewiß nicht um Volksküchen und Teeanstalten, – da wären mir die Menschen wahrscheinlich auch egal. Cäcilie lächelnd. Auch . . .? Marie . Es war nicht so gemeint. Albertus . Du solltest aus der Wiesenanmut deines holden Plauderns dich nicht in das Dickicht psychologischer Erörterungen begeben, Marie. – Übrigens komm, Kind; diese beiden Menschen werden Mittag essen wollen. Cäcilie . O, bis dahin ist's noch eine Stunde. Amadeus . Wir arbeiten vor Tisch gewöhnlich noch ein bißchen zusammen. Heute könnten wir zum Beispiel die Lieder für Ihr Konzert durchmachen. Cäcilie . Ja, da bin ich ganz einverstanden. Marie . Ich bin dir so dankbar, Cäcilie! Cäcilie . Wann sieht man sich denn wieder? Albertus . Ja richtig. Wir haben eben über den Sommer gesprochen. Amadeus und ich unternehmen eine Fußwanderung. Wie wär's, wenn ihr beide während dieser Zeit mit den Kindern an den selben Ort gingt, irgendwohin nach Tirol vielleicht, um uns dort zu erwarten? Marie . Das wäre ja wunderschön! Cäcilie . Hörst du, Amadeus? Amadeus der etwas abseits stand. Natürlich. Das wäre sehr gut . . . Ihr erwartet uns in Tirol. Cäcilie . Willst du morgen nachmittag zu mir kommen, Marie? Da besprechen wir das Nähere. Marie . Gern. Ich bin ja so froh, wenn du ein wenig Zeit für mich hast. – Also auf Wiedersehen! Albertus . Adieu. Albertus und Marie ab.   Fünfter Auftritt Amadeus , Cäcilie . Amadeus geht auf und ab. Cäcilie folgt ihm mit den Blicken; sie sitzt auf dem Divan. Amadeus zum Fenster; dann zurück. Mit eigentümlich trockenem Ton. Nun, wie war's denn? geht das Finale endlich zusammen? Cäcilie . Leidlich. Amadeus . Vorgestern war es noch nicht recht auf der Höhe. Ich finde, sie lassen dich nicht ganz heraus; deine Stimme müßte über den andern schweben, nicht im Schwarm mitfliegen. Cäcilie . Willst du morgen nicht wieder einmal zu einer Probe kommen . . . wenn du Zeit hast? Amadeus . Es wäre dir angenehm –? Cäcilie . Ich fühle mich sicherer, wenn ich dich in der Nähe weiß; das ist dir ja bekannt. Amadeus . Ich werde kommen – ja. Ich werde dem Neumann und der Gräfin absagen. Cäcilie . Wenn du damit kein zu großes Opfer bringst – – Amadeus absichtlich trocken. Ich kann sie ja auch für Nachmittag zu mir bitten. Cäcilie . Dann kämst du aber gar nicht dazu, für dich zu arbeiten. Lassen wir's doch lieber. Amadeus . Was sollen wir lassen? Cäcilie . Komm morgen nicht zur Probe. Amadeus . Wie du meinst, Cäcilie. Ich dränge mich natürlich nicht auf. Eben sagtest du aber, du fühltest dich sicherer, wenn ich in der Nähe bin. Und was das Arbeiten anbelangt, damit wird es ja – ich sprach eben mit Albertus davon – damit wird's vor den Ferien doch nichts. Cäcilie . Das dacht' ich mir. Amadeus . Aber im Sommer will ich meine Vierte fertig machen. Ich will heuer was neues zu dirigieren haben. Im übrigen handelt es sich nur mehr um den letzten Satz. Die übrigen sind, innerlich wenigstens, so gut wie fertig. Cäcilie . Du hast mir schon lang nichts daraus vorgespielt, Amadeus. Amadeus . Zum Vorspielen ist es noch nichts; aber die Hauptthemen kennst du doch . . . das Allegro . . .das Zwischenspiel . . Er ist am Klavier und spielt einige Töne. Cäcilie . Also im November gehst du fort? Amadeus . Ja, für drei Monate. Cäcilie . Und im Oktober werde ich in Berlin sein. Amadeus . So . . . gibt's etwas Neues in dieser Angelegenheit? Cäcilie . Ja; ich habe so ziemlich abgeschlossen. Reichenbach hat mich in der Oper aufgesucht. Drei Gastrollen: die Carmen jedenfalls, die andern kann ich wählen. Amadeus . Und welche wirst du – – Cäcilie . Die Tatjana, denk' ich. Sie sollen dort einen so ausgezeichneten Onegin haben. Amadeus . Wedius, ja; ich kenne ihn. Er war zu meiner Zeit in Dresden. – Na, Carmen, Tatjana und –? Cäcilie . Das überlege ich noch . . . Vielleicht besprechen wir's miteinander. Amadeus . Selbstverständlich. Pause. Cäcilie . Es wird ein bewegter Winter. Amadeus . Allerdings. Man wird nicht viel voneinander haben. Cäcilie . Wir werden uns wieder Briefe schreiben. Amadeus . Wie einst. Cäcilie . Wir sind es ja gewöhnt. Amadeus . Ja. Pause. Im übrigen, sage: du willst tatsächlich bei diesem Wohltätigkeitskonzert mitwirken? Cäcilie . Warum nicht? Ich konnte es doch Marie nicht abschlagen. Hast du was dagegen? Amadeus . Nein . . . warum denn? Wir könnten nun wirklich die halbe Stunde vor Tisch benützen, um noch was durchzunehmen. Zur Etagere hin. Was willst du denn singen? Cäcilie . Nun, etwas von dir jedenfalls – – Amadeus . O nein, nein. Cäcilie . Warum denn nicht? Amadeus . Aus einem innern Bedürfnis heraus singst du's ja doch nicht. Cäcilie . Wie du meinst, Amadeus. – Ich dränge mich auch nicht auf. Amadeus gebückt, suchend. Wie war' es mit Schumann . . . »Schneeglöckchen«? . . . oder . . . »Alte Laute« . . . und . . . »Verratene Liebe« . . . Cäcilie . Ja. Dann vielleicht von Wolf »Verborgenheit« und irgendwas von Brahms. »Nicht mehr zu dir zu gehen, beschloß ich . . .« Amadeus . Ja. Eben habe ich das Heft in der Hand. Leicht, trocken. Du bist doch mit Sigismund spazieren gegangen? Cäcilie . Ja. Er läßt dich grüßen. Amadeus lächelnd. Wozu? Mit den Noten zum Klavier. Da könnte er ebensogut wieder zu uns kommen. Cäcilie . Es gefällt mir nicht am wenigsten an ihm, daß er das nicht tut. Amadeus . So? – Nun ja. – Ich lass' ihn gleichfalls grüßen. Aber es ist wirklich schade, daß er nicht mehr kommt. Es war so hübsch, wenn er seine Walzer spielte – wirklich, es waren so nette Abende . . . Ich sprach eben mit der Gräfin von diesen Abenden. Cäcilie . So? – Und ich habe eben ihr Bild gesehen. Amadeus . Ihr Bild? Cäcilie . Ich war mit Sigismund im Künstlerhaus. Amadeus . So. – Es soll sehr gelungen sein, das Bild. Cäcilie . Es wäre ein Wunder, wenn das nicht gelungen wäre! Der Maler soll ja ein halbes Jahr dazu gebraucht haben . . . Amadeus . Ist das so lang für ein gutes Bild? Cäcilie . Nein. Aber für die Gräfin. – Sie wird übrigens sicher auch die Philine sehr gut singen. Amadeus . Glaubst du? Ich fürchte, du wirst dich irren . . . Pause. Also, Cäcilie, was habt ihr denn heute miteinander gesprochen . . . du und Sigismund? Cäcilie . Was wir gesprochen haben . . . ? Pause. Die Worte findet man doch nicht wieder . . . Langsam zum Kamin hin. Sie klingen auch anders, wenn man sie nur wiederfindet. Amadeus . Das ist richtig. Näher zu ihr. Auf die Worte kommt es wohl nicht so sehr an . . . Nun, Cäcilie, solltest du mir nicht mehr zu sagen haben? Cäcilie . Mehr –? Zögernd. Glaubst du nicht, Amadeus, daß manche Dinge geradezu anders werden dadurch, daß man versucht sie auszusprechen? Amadeus . Unter Menschen wie wir – nein! Cäcilie . Was du da sagst, hatte vielleicht früher einmal Geltung. Aber . . . du weißt es ja geradesogut wie ich . . . es ist nicht mehr, wie es war. Amadeus . Nicht mehr ganz. Ja. Aber das dürfte doch für keinen von uns ein Grund sein, dem andern eine Antwort zu verweigern. Solche Bedenken wären unserer nicht würdig. Wir sind es ja: Cäcilie, du, und ich! Sag' mir ungescheut, was du mir zu sagen hast. Cäcilie steht auf. Du mußt mir nicht Mut zusprechen, Amadeus. Amadeus . Nun –? Cäcilie schweigt. Amadeus . Liebst du ihn? Cäcilie . Ob ich ihn liebe . . . ? Amadeus mahnend. Cäcilie! . . . Cäcilie . Soll ich mehr sagen, als ich für wahr halte? Wäre das nicht wieder Lüge? – so gut und so schlecht als eine andere? – Nein, ich glaube nicht, daß ich ihn liebe. Als ich dich kennen lernte, Amadeus, war es anders. Amadeus . Die Zeit liegt fern! – Du hast wahrscheinlich vergessen, wie es damals war. Im ganzen wird es doch das Gleiche sein. Nur daß du eben seither älter geworden bist, und daß du sieben Jahre mit mir – auch wenn wir fern voneinander waren, mit mir – gelebt hast, daß wir ein Kind haben . . . Cäcilie . Nun ja, vielleicht ist's nur darum anders; – aber es ist doch anders. Amadeus . Das, worauf es ankommt, ist doch das Gleiche: du fühlst dich zu ihm hingezogen. Cäcilie sehr innig, beinahe zärtlich. Aber vielleicht gibt es heute etwas, das zurückhält, . . . das zurückhalten könnte, wenn es nur wollte. Amadeus nach einer Pause, herb. Es will nicht . . . es darf nicht wollen. Was hätte es für einen Sinn? Heute wäre ich vielleicht der Stärkere, – und vielleicht noch ein anderes Mal – und endlich käme doch der Tag, an dem ich unterliegen würde. Cäcilie . Warum? . . . Das müßte ja nicht sein! Amadeus . Und selbst wenn man immer der Sieger bliebe: wäre das noch ein Glück, um das man oft kämpfen und immer zittern müßte? Ein Glück für uns, die ein so hohes gekannt haben? . . . Nein, Cäcilie, in der Angst umeinander sollte unsere Liebe nicht enden. Ich halte dich nicht, Cäcilie, wenn es dich anderswohin zieht; – du hast gewußt, daß ich dich niemals halten würde. Cäcilie . Vielleicht hast du recht, Amadeus. Aber es ist nicht allein aus Stolz, daß du mich so leicht entgleiten läßt. Amadeus . Es ist ja nicht nur aus Liebe, daß du dich noch auf halbem Wege zurückrufen ließest. Pause. Er beim Fenster. Cäcilie . Amadeus, wollen wir diese Stunde wirklich durch Bitterkeit entweihen? Wir haben einander doch nichts vorzuwerfen. Wahrheit haben wir einander versprochen, und ich habe mein Wort gehalten bis zu dieser Stunde. Amadeus . Auch ich hab' es immer getan. Und wenn du es wünschest, kann ich dir auch, was heute zwischen mir und der Gräfin Friederike gesprochen wurde, so getreu berichten wie ich's jedesmal getan. Ich , Cäcilie, würde sogar die Worte wiederfinden. Cäcilie sieht ihn lang an. Ich weiß genug. Pause. Amadeus hin und her, fern von ihr stehen bleibend. Und was nun? Cäcilie . Was nun –? Es trifft sich vielleicht ganz gut, daß die Ferien kommen. Da werden wir, jeder für sich, in Ruhe überlegen können, was nun weiter werden soll. Amadeus . Es scheint ja beinahe, als hätten wir beide das vorausgeahnt. Wir haben nicht einmal gemeinschaftliche Sommerpläne gemacht wie sonst. Cäcilie . Es ist wohl das beste, ich gehe mit dem Buben irgendwohin nach Tirol, an einen stillen Ort . . . so wie ihr besprochen habt. Amadeus . Ja. Cäcilie . Und du? . . . Amadeus . Ich? . . . Ich werde mit Albert meine Fußtour unternehmen; ich will wieder einmal im Gebirge herumklettern. Cäcilie . Und dann herniedersteigen in ein schönes Tal – nicht wahr? Amadeus . Das . . . wäre möglich. Cäcilie herb. Da müßten wir aber vorher – endgültig Abschied nehmen, denn von dort her gibt's kein Zurück. Amadeus . Natürlich nicht! So wenig es für dich eines gibt. Cäcilie . Für mich . . . ? Amadeus . Es könnte ja sein, daß du Lust bekämst . . . deine Pläne zu ändern . . . nicht mit Marie zusammen zu bleiben . . . lieber ungestört – – Cäcilie . Ich ändre meine Pläne nicht. Und du sollst es auch nicht tun. Amadeus . Wenn du es wünschest – Cäcilie . Ich wünsche es. Pause. Amadeus . Sollte jetzt, mit einemmal, wirklich die Stunde da sein? Cäcilie . Welche Stunde? Amadeus . Nun – die wir beide so lang, auch in den schönsten Tagen vorhergesehen, die wir beinahe wie etwas Unausbleibliches erwartet haben? Cäcilie . Sie ist da. Ja. Jetzt wissen wir, daß es vorbei ist. Amadeus . Vorbei? . . . Cäcilie . Ich glaube, wir sprechen die ganze Zeit von nichts anderm. Amadeus . Ja. Du hast recht. Im Grunde ist es gut, daß es endlich mit klaren Worten ausgesprochen ist. Die Stimmungen der letzten Zeit waren zuweilen etwas bang. Cäcilie . Das wird jetzt jedenfalls besser werden. Amadeus . Besser . . . Warum? . . . Nun ja . . . du magst recht haben. Mir ist beinah, als fing' es jetzt schon an, besser zu werden. Seltsam . . . Man . . . atmet freier. Cäcilie . Ja. Jetzt haben wir eben den Lohn davon, daß wir immer ehrlich gewesen sind, Amadeus. Wie müde wären andre schon in einem solchen Augenblick von allerlei peinlichen Ausflüchten, mühseligen Beschwichtigungen und kläglich süßen Versöhnungen. Wie feindselig ständen sie sich vielleicht gegenüber in ihrer verspäteten Aufrichtigkeit. Wir zwei, Amadeus, wir werden doch wenigstens als Freunde voneinander scheiden. Pause. Amadeus . Und unser Bub'? Cäcilie . Ist's dir nur um ihn? Amadeus . Es ist mir um manches. Wie soll es nun eigentlich werden? Cäcilie . Das sind Dinge, über die wir in den nächsten Tagen ausführlich reden wollen, – eh' wir verreisen. Bis dahin bleibt alles beim alten. So wie es das letzte Jahr gewesen ist, darf es ja bleiben; damit tun wir niemandem ein Unrecht. Pause. Amadeus setzt sich zum Klavier. Eine bange Pause. Amadeus beginnt, das Capriccio-Thema wie früher zu spielen. Cäcilie nahe der Veranda, wendet sich um und lauscht. Amadeus bricht brüsk ab. Cäcilie . Warum spielst du nicht weiter? Amadeus lacht kurz. Cäcilie . War es nicht das Zwischenspiel? Amadeus nickt. Cäcilie noch fern. Hast du dich schon entschieden, wie du es bezeichnen wirst? Bleibt es bei »Capriccio«? Amadeus . Vielleicht: Capriccio doloroso. Es ist seltsam, wie man manchmal seine eigenen Einfälle anfangs mißversteht. Die verborgene Traurigkeit des Themas hast du mir entdeckt. Cäcilie . Du wärst schon selbst darauf gekommen, Amadeus. Amadeus . Vielleicht. Pause. Amadeus . Mit wem, Cäcilie, gedenkst du denn vom nächsten Jahr ab zu korrepetieren? Cäcilie . Das wird sich schon finden. Die Lieder für das Konzert, die nimmst du wohl noch mit mir durch – nicht wahr? Und auch am Abend selbst hast du wohl die Freundlichkeit, mich zu begleiten? Amadeus . Selbstverständlich. – Aber ich möchte wirklich gern wissen, wer von nun ab mit dir studieren wird. Cäcilie . Sollte das die wichtigste Frage sein, die wir zu erledigen haben? Amadeus . Nein, gewiß nicht. Umsoweniger, als gar nicht recht einzusehen ist, warum ich diese Stellung nicht sollte beibehalten dürfen. Cäcilie lächelnd. Du glaubst –? . . . Ja, da müßten wir über die Stunde und die Bedingungen einig werden. Amadeus . Du, Cäcilie, ich rede nicht im Scherz. Da wir ja im besten Einvernehmen voneinander gehn, weshalb sollte man diese Möglichkeit nicht wenigstens in vorläufige Erwägung ziehen? Cäcilie . Das wird sich ja später vielleicht von selber ergeben . . . Daß wir . . . daß du mich in einem Konzert begleitest . . . oder daß du eine Partie mit mir studierst . . . Amadeus . Warum denn später? . . . Steht auf; ans Klavier gelehnt. Es liegt doch eigentlich kein vernünftiger Grund vor, daß sich unsere musikalischen Beziehungen umgestalten müßten. Ich glaube, wir beide hätten darunter in gleicher Weise zu leiden. Ohne mich zu überheben, halte ich es für unwahrscheinlich, daß du einen besseren Korrepetitor findest als mich. Und was meine Sachen anbelangt, ich wüßte nicht, wer sie besser verstünde . . . mit wem ich sie lieber bespräche als mit dir. Cäcilie . Es wird dir doch nichts anders übrig bleiben. Amadeus . Das seh' ich nicht ein. Wir haben schließlich auf niemanden Rücksicht zu nehmen – ich gewiß nicht. Cäcilie . Ich auch nicht. Ich werde mir meine Freiheit zu bewahren wissen. Amadeus . Nun also! Cäcilie . Trotzdem, Amadeus . . .Daß wir einander sehen und sprechen werden, das bringen ja unsere Stellungen mit sich . . . aber so wie früher kann es natürlich auch in Hinsicht auf unsere Arbeit nicht mehr werden. Das mußt du doch einsehen? Amadeus . Das seh' ich durchaus nicht ein. Und – ganz abgesehen von unseren künstlerischen Beziehungen – es kommt ja noch allerlei anderes in Betracht – Wichtigeres. Unser Bub', Cäcilie. Warum soll denn der Junge mit einemmal vaterlos dastehen, sozusagen? Cäcilie . Davon ist nicht die Rede. Da werden wir schon ein Übereinkommen treffen. Amadeus . Ein Übereinkommen! . . . Wozu denn diese Schwierigkeiten, die vielleicht bei einigem guten Willen alle zu vermeiden wären! Der Bub' gehört mir so gut als dir. Warum sollen wir ihn denn nicht gemeinschaftlich weiter erziehen dürfen? Cäcilie . Du sprichst von Dingen, die undurchführbar sind. Amadeus . Das find' ich durchaus nicht. – Im Gegenteil! Je ruhiger ich die Sachlage überschaue, um so unsinniger erscheint es mir, daß wir wie die ersten besten geschiedenen Eheleute voneinandergehn, daß wir unser schönes gemeinschaftliches Heim aufgeben sollen . . . Cäcilie . Amadeus, du träumst wieder einmal! Amadeus . Wir sind doch nebstbei auch gute Kameraden! Das können wir doch bleiben. Cäcilie . Ja, das bleiben wir jedenfalls. Amadeus . Nun also! Was uns verbindet, ist ja so stark, daß alles andere, was uns etwa noch in unserer Freiheit bevorstehen mag, dagegen geradezu unwesentlich erscheint. Das spürst du doch geradeso wie ich? Auf die Leute brauchen wir keine Rücksicht zu nehmen! Wir haben wohl das Recht, einen etwas höheren Standpunkt einzunehmen. Wir gehören doch schließlich noch immer zusammen, auch wenn von hundert Fäden, die uns verknüpfen, einer zerrissen ist. Oder sollen wir mit einemmal vergessen, was wir einander gewesen sind und was wir uns bleiben können und müssen? Das steht einmal fest, daß dich niemand mehr so verstehen wird wie ich, und mich niemand mehr wie du . . . Und darauf kommt's doch an! Also warum sollten wir nicht – – Cäcilie . Nein, es ist unmöglich! Nicht wegen der Leute; die sind mir so gleichgültig wie dir. Aber um unsrer selbst willen. Amadeus . Um unsrer selbst willen –? Cäcilie . Du vergißt nämlich eins: daß wir von heute ab Geheimnisse voreinander haben werden. Wer weiß, wie viele . . . wie schwere . . . Und schon das leichteste würde sich zwischen uns wie ein Schleier senken. Amadeus . Geheimnisse –? Cäcilie . Ja, Amadeus. Amadeus . Nein, Cäcilie. Cäcilie . Wie? Amadeus . Das dürfte eben nicht der Fall sein. Cäcilie . Aber – – Amadeus! Amadeus . Geheimnisse dürfte es zwischen uns nicht geben. Darin liegt alles – ganz richtig. Aber warum sollte es auch Geheimnisse zwischen uns geben? Bedenke nur, daß wir von heute ab nicht Ehegatten, sondern Kameraden – wirklich nur Kameraden wären, die einander nichts verbergen müßten – ja nicht einmal es dürften. Oder fehlt dir der Mut dazu? Cäcilie . Der Mut? Nein. Amadeus . Nun also. Wir werden uns über alles aussprechen, geradeso wie bisher – ja gewissermaßen über mehr. Da wäre natürlich die Voraussetzung unserer weiteren Beziehungen: Wahrheit – rückhaltlose Wahrheit. Und das käme nicht nur unseren Beziehungen zueinander, sondern jedem einzelnen von uns sehr zu statten. Denn könntest du einen bessern Kameraden finden als mich, ich eine bessere Kameradin als dich? – Mit unseren Freuden und mit unseren Schmerzen kämen wir zueinander, wären Freunde wie bisher, vielleicht bessere als je, und würden uns die Hände reichen, auch über Abgründe. So behielten wir alles, was uns bisher gehört hat: unsere Arbeit, unser Kind, unser Heim – alles, was wir gemeinsam haben müssen, damit es seinen ganzen Wert für uns behält. Und gewännen zugleich manches, wonach wir uns beide seit einiger Zeit sehnen, und wovon ich im übrigen auch gar keine Freude hätte, wenn ich dich verlieren müßte. Cäcilie verneigt sich. Amadeus . Dir geht es ja geradeso, Cäcilie. Ich weiß es ja. Wir können ohne einander gar nicht leben. Ich ohne dich gewiß nicht. – Und du? Cäcilie . Es ist wohl möglich, daß es auch mir schwer fiele. Amadeus . Da sind wir ja einig, Cäcilie! Cäcilie . Du findest –! Amadeus . Cäcilie! Er zieht sie plötzlich an sich. Cäcilie . Was tust du? Neue Hoffnung im Blick. Amadeus umarmt sie. Ich habe meiner Geliebten Lebewohl gesagt. Cäcilie . Auf immer. Amadeus . Auf immer. Er drückt ihr die Hand. Und nun begrüße ich die Freundin. Cäcilie . Für alle Zeit – nur Freundin. Amadeus . Für alle Zeit – ganz natürlich! Cäcilie atmet tief. Amadeus . Nun, Cäcilie, ist dir jetzt nicht mit einemmal ganz leicht? Cäcilie . Etwas sonderbar scheint mir all das – beinah wie ein Traum. Amadeus . Es ist gar nicht sonderbar; es ist alles so vernünftig und einfach als möglich. Das Leben geht weiter . . . und alles ist gut . . . Komm, Cäcilie – laß uns jetzt die Lieder durchnehmen. Cäcilie . Die Lieder –? Amadeus . Willst du nicht? Cäcilie . Warum nicht? . . . Gern . . . Amadeus am Klavier. Ah, ich kann dir gar nicht sagen, wie froh mir zumute ist! Es hat sich wahrhaftig nicht viel geändert. Nur die Befangenheit ist fort . . . die Bangigkeit dieser letzten Wochen . . . Es ist nicht schön gewesen in der letzten Zeit. Der Himmel so trüb über unserm Haus . . . und nicht nur über unserm Haus. Jetzt schwinden die Wolken, jetzt wird die ganze Welt geradezu wieder licht. Und ich werde eine Symphonie schreiben – eine Symphonie –! Cäcilie . Alles zu seiner Zeit . . . Für jetzt das eine Lied wenigstens . . . Ach dieses . . . ? Amadeus . Willst du nicht? . . . Cäcilie . Da es schon daliegt . . . Amadeus . Also – ich beginne. Schlägt an. Bitte, nimm den Anfang nicht zu sentimental. Es ist gehalten und schwer. Cäcilie singt. »Nicht mehr zu dir zu gehen, beschloß ich . . .« Amadeus . Sehr schön. Cäcilie . O Amadeus! Amadeus . Was denn? Cäcilie . Ich fürchte, daß du jetzt am Ende plötzlich zu nachsichtig mit mir wirst. Amadeus . Nachsichtig . . .! Du weißt sehr gut, daß du als Künstlerin für mich die einzige bist und bleibst. Cäcilie . Amadeus, du sollst nicht allen deinen Schülerinnen den Hof machen. Amadeus . Ich verehre dich sehr. – Also weiter! Cäcilie . »Nicht mehr zu dir . . .« Amadeus . Was ist dir denn? Cäcilie . Nichts. Ich habe ja schon so lange kein Lied gesungen. Nur weiter! Amadeus spielt. Cäcilie . »Nicht mehr zu dir zu gehen, beschloß ich und beschwor ich, und geh' doch jeden Abend . . .« Während sie singt, fällt der Vorhang. Zweiter Akt Gleiche Dekoration. Oktoberabend. – Die Bühne dunkel. Erster Auftritt Marie . Das Stubenmädchen von rechts. Stubenmädchen macht Licht. Marie . Danke. – Aber bitte, sagen Sie der gnädigen Frau, wenn sie sehr müde ist, so soll sie sich meinetwegen nicht stören. Stubenmädchen . Die gnädige Frau ist ja noch gar nicht da. Sie kommt erst mit dem Abendzug.   Zweiter Auftritt Die Vorigen . Amadeus kommt von rechts. Amadeus im Überrock und mit Hut. Wer ist's denn? . . Ach Sie, Marie! Grüß' Sie Gott. Sind Sie schon lange da? Marie . Ich komme eben. Ich wollte Cäcilie begrüßen, aber ich höre – – Amadeus . Nun, so erwarten Sie sie mit mir. Zum Stubenmädchen. Bitte, nehmen Sie das. Gibt ihr Rock und Hut. Stubenmädchen ab. Amadeus . Ich komme auch eben nach Hause. Ich war in der Stadt, hatte Besorgungen zu machen. Übermorgen fahre ich ab. Marie . So bald! – Das wird eine kurze Freude sein. Amadeus . Ja. – Bitte, nehmen Sie doch Platz. Sieht auf die Uhr. In einer Stunde muß Cäcilie da sein. Marie . Sie hat ja wieder kolossale Erfolge gehabt! Amadeus . Das will ich glauben! Sehen Sie, das Telegramm kam heute früh. Reicht es vom Schreibtisch. Über die gestrige Abschiedsvorstellung. Marie . O! . . . Einundsiebzig Hervorrufe! . . . Amadeus . Wie? . . . Ah nein, der Strich gehört zum »H«! Sieben! Sonst wäre sie ja noch heute dort. Marie liest weiter. »Erneuter Antrag unter glänzenden Bedingungen.« Amadeus . Unter glänzenden Bedingungen! Marie . So wird's am Ende doch ernst werden? Amadeus . Ernst? . . . Marie . Nun, mit der Übersiedlung nach Berlin. Amadeus . Das ist noch nicht sicher. »Antrag« steht da, nicht »Annahme«. Darüber müssen wir uns noch beraten. Marie . So? . . . Amadeus . Selbstverständlich. Wir beraten uns über alles, liebe Marie; geradeso wie früher. Und mit noch mehr Objektivität vielleicht als früher. Und was mich anbelangt, so dürfte ich vom nächsten Jahr an ganz frei sein und ebensogut in Wien als in Berlin oder Amerika leben können. Marie . Aber für mich wäre es furchtbar, wenn Cäcilie fortginge! Amadeus . Nun, es wäre ja möglich, daß die Leute hier nach den Erfolgen draußen endlich auch drauf kämen, was sie an Cäcilie haben, und sich dementsprechend benähmen. Marie . Hoffentlich. – Übrigens scheint mir wirklich, daß Cäcilie in der letzten Zeit sehr gewachsen ist. Ihre Stimme scheint mir voller, wärmer . . . beseelter sozusagen. Amadeus . Nicht wahr? Das finde ich auch. Marie . Aber wie sie auch arbeitet! Nein! ich habe mir das früher gar nicht vorgestellt, daß auch fertige Künstler so fleißig sein können! Amadeus . Müssen, liebe Marie, müssen. Marie . Heuer im Sommer, wenn ich in der Früh' mit den Kindern im Garten gespielt habe, da hat sie schon ihre Skalen und Läufe geübt – wie eine Gesangsschülerin. Ganz regelmäßig, von neun bis dreiviertel zehn. Dann wieder vor Tisch von zwölf bis einhalb eins, und abends wieder eine halbe Stunde . . . Bei gutem Wetter und bei schlechtem, ob sie heiter war oder – – Amadeus . Oder? . . . Marie . Übrigens war sie immer heiter. Ich glaube, nichts auf der Welt hätte sie hindern können, ihre Skalen und Läufe zu üben. Amadeus . Ja, das ist ihre Art. Nichts auf der Welt könnte sie hindern . . . Allerdings, was hätte sie heuer abhalten sollen? In eurer ländlichen Zurückgezogenheit, wo ihr keinen Menschen saht – oder beinah keinen . . . Marie . Keinen. Amadeus . Nun, Sie hatten doch zuweilen Besuche – Cäcilie wenigstens. Marie . Ach so, Sie meinen – – den Fürsten Sigismund. Das kann man doch keinen Besuch nennen. Amadeus lächelnd, leicht. Wie denn? Marie . Der ist nur so vorübergesaust auf seinem Rad. Amadeus wie oben. Na, er hat es doch wenigstens auf ein paar Augenblicke an einen Baum gelehnt. Und hat sich sogar, was mich übrigens sehr freut, Zeit genommen, das kleine Haus zu photographieren, in dem Cäcilie gewohnt hat. Er nimmt das kleine eingerahmte Bild vom Schreibtisch und reicht es Marie, die auf dem Divan sitzt. Marie erstaunt. Das haben Sie auf dem Schreibtisch stehen? Amadeus leicht geärgert. Warum denn nicht? Marie das Bild betrachtend. Richtig – hier auf der Bank Cäcilie und ich . . . ja. Und das ist der Haselstrauch am Gartenzaun . . . Wie man sich da plötzlich erinnert an diesen wunderschönen heißen Sommertag – Amadeus über den Schreibtisch hingebeugt. Sie und Cäcilie kann ich unterscheiden, aber gegenüber den drei Buben bin ich ratlos. Marie . Wieso denn? . . . Das ist Peterl, der so macht Zwinkert.  – – Amadeus . Der macht so? Marie . Und das Max – und der mit dem Reifen Moritz. Amadeus . Das ist ein Reifen? . . . Ich hielt es für ein fernes Bahnwärterhäuschen. Der Hintergrund scheint mir besser gelungen zu sein. Über der Landschaft liegt wirklich so ein Hauch von Sommer und Stille . . . Kleine Pause. Marie . Es war auch schön. Der tiefe Waldesschatten gleich hinter den Häusern, und der Ausblick auf die Felsspitzen – wundervoll! Und diese Abgeschiedenheit . . . Schade, daß Sie sich den lieben Ort nicht einmal angeschaut haben. Wir dachten – – Cäcilie hat Sie doch eigentlich erwartet. . . Amadeus ist aufgestanden, hin und her. Das glaub' ich nicht . . . Auch fügte es sich nicht mehr. Es hielt mich noch im Süden zurück. Marie lächelnd. Süden nennen Sie das. Amadeus lächelnd. O Marie! Marie leicht verlegen. Sie sind mir doch nicht böse? Amadeus . Weshalb denn? Ich habe ja vor niemandem geheim gehalten, wo ich war. Marie zutraulich. Albert hat mir auch von der Villa erzählt, von dem Park, den marmornen Stufen – – Amadeus . So ausführlich war er? Er ist doch nur eine Stunde lang dort gewesen. Marie . Ich glaube, er will den Park für den letzten Akt verwenden. Amadeus . Ach so! Wenn er mir ihn nur endlich bringt . . . den letzten Akt meine ich. Ich möchte ihn mit auf die Reise mitnehmen. Marie . Werden Sie denn dazu kommen, etwas zu arbeiten? Amadeus . Warum denn nicht? Ich arbeite immer. In meinem ganzen Leben war ich nicht so aufgelegt dazu wie jetzt. – Auch ich bin in einer glänzenden Epoche. Es geht mir viel besser als im Verlauf der letzten Jahre. Ich war geradeso fleißig wie Cäcilie. Nur die Regelmäßigkeit ist nicht mein Fall: neun bis dreiviertel zehn, zwölf bis einhalb eins, und so weiter. Aber fragen Sie nur Albertus! In dem Wirtshaus auf dem Fedaja-Paß, während er sich müd' auf dem Bett wälzte, habe ich das Capriccio aus meiner Vierten instrumentiert. Stubenmädchen kommt, bringt Briefe und geht wieder ab. Amadeus . Sie entschuldigen, liebe Marie. Marie . Lassen Sie sich nicht stören. Steht auf. Amadeus . Ein Brief von Cäcilie, gestern vor der Vorstellung geschrieben. Jeden Tag hab' ich solche Briefe bekommen. Marie . Lesen Sie ihn doch, bitte. Amadeus hat ihn geöffnet. Aber es hat ja Zeit. In einer Stunde erzählt mir Cäcilie doch alles, was da drin steht . . . Reißt den andern auf. Er fliegt ihn durch, wirft ihn gleich wieder hin. Dumm sind die Leute – dumm! na! . . . Und gemein! Er fliegt den Brief Cäciliens wieder durch. Da schreibt mir Cäcilie von der Soiree beim Intendanten . . . Auch Sigismund war dort. Sie wissen ja, daß Sigismund in Berlin war? Marie verlegen. Ich – ich dachte . . . vielmehr ich wußte – – Amadeus überlegen. Nun, nun, Sie brauchen doch deswegen nicht verlegen zu werden. Finden Sie nicht, daß der Fürst ein ausnehmend sympathischer Mensch ist? Marie . Ja, er ist sehr liebenswürdig. Ich versichere Sie, Amadeus, er war nur ein einziges Mal bei uns im Pustertal, und gewiß nicht länger als zwei Stunden. Amadeus lachend. Und wenn er acht Tage dort gewesen wäre . . . Sie sind komisch, Marie, wirklich! Marie schüchtern. Darf ich was sagen? Amadeus . Was Sie wollen, Marie. Marie . Ich bin trotz allem überzeugt, Sie werden einander wiederfinden. Amadeus . Wiederfinden? . . . Wer? Cäcilie und ich? Steht auf. Wiederfinden? Hin und her. Bei ihr stehen bleibend. Aber Marie, Sie sind doch eine so kluge Frau; Sie sollten doch verstehen, daß wir uns überhaupt nie verloren haben, Cäcilie und ich. Es ist doch merkwürdig! Wieder bin und her. Sie müssen doch begreifen, daß die Beziehungen zwischen uns etwas so Schönes sind – ja geradezu erst geworden sind, wie wir es uns gar nicht besser wünschen können. Wir brauchen uns doch nicht wiederzufinden! Sehen Sie doch nur: da sind ihre Briefe. Jeden Tag hat sie mir acht bis zwölf Seiten geschrieben . . . ausführlich, aufrichtig, wie man eben nur einem Freunde – seinem besten Freunde schreibt. Es kann überhaupt kein edleres Verhältnis geben.   Dritter Auftritt Amadeus , Marie . Albertus tritt von rechts ein. Albertus . Guten Abend. Amadeus . Ein wenig spät kommst du. Albertus . Guten Abend, Marie! Er berührt wohlwollend ihre Wange. Amadeus . Wir werden kaum noch etwas arbeiten können, Cäcilie wird gleich da sein. Albertus . Nun, eine halbe Stunde haben wir wohl noch für uns. Ich habe da einige Skizzen zum dritten Akt mitgebracht. Marie . Ich werde nach Hause gehen; die Buben werden mich schon erwarten. Albertus . Schön, mein Kind, geh nach Hause. Amadeus . Aber bleiben Sie doch; Cäcilie wird sich gewiß sehr freuen. Sie gehen dann mit Albertus fort. Unterhalten Sie sich indes mit Peterl . . .Oder wollen Sie nicht zuhören? Albertus . Kind, geh lieber zu Peterl. Im dritten Akt kommt der Herr von Rabagas ohnedies nicht mehr vor, du versäumst also nicht viel. Marie . Ich lass' euch schon allein. Auf Wiedersehen. Ab.   Vierter Auftritt Amadeus , Albertus . Albertus . Also zur Sache! Nimmt Blätter aus seiner Tasche. Liest. »Die Szene stellt einen Wiesenplan dar, der sich hügelig sanft dem Souffleurkasten entgegensenkt. Im Hintergrund eine Villa, zu der einige marmorne Stufen hinaufführen. Rückwärts ahnt man einen See.« Mit Verbeugung. »In der Mitte der Szene eine hohe grüne Platane.« Amadeus lacht. Also richtig! Albertus . Ich wollte dir eine kleine Aufmerksamkeit erweisen. Amadeus . Danke bestens. Albertus nach einer Pause. Du, Amadeus, ist es übrigens wahr, daß der Graf nach seinem Duell mit dem Maler sich mit der Gräfin wieder versöhnt hatte? Amadeus . Ich weiß das nicht. Ich sehe die Gräfin seit geraumer Zeit nur mehr in der Oper. Steht auf und geht hin und her. Albertus kopfschüttelnd. Es ist eigentlich eine unheimliche Geschichte. Amadeus . Warum, ich finde sie alltäglich. Ein Ehemann, der den spöttisch »Verrat« seiner Frau entdeckt . . . Albertus . Nein, daran liegt es nicht. Aber daß er ihn ein halbes Jahr zu spät entdeckt, während seine Frau ihn schon mit einem andern betrügt. – Wenn der Graf sich mit dir geschlagen hätte, war' es ja weiter nichts Besonderes. Aber der Fall liegt weit merkwürdiger. Da wäre ein junger Mensch auf ein Haar umgebracht worden, wegen einer Sache, die längst vorbei ist. Und du gehst hier vergnügt herum – vorläufig wenigstens. Amadeus auf und ab. Albertus . Weißt du, was mir eigentlich leid tut, im höheren Sinn? Daß der Maler kein Genie ist . . . und daß der Graf ihn nicht wirklich totgeschossen hat. Da läge was großartig Tragikomisches in der Sache. So wär's auch zu machen . . . wenn der da droben mehr Geist hätte . . . Amadeus . Wieso? Wie meinst du das? Albertus . Ich meine: wenn ich das Stück zu schreiben hätte – – Amadeus lauscht. Albertus . Was ist denn? Amadeus . Ich dachte, ein Wagen, aber es ist nichts. Sieht auf die Uhr. Es kann auch noch gar nicht – – Also lies. Hin und her. Albertus . Du bist sehr zerstreut, ich komme lieber morgen vormittag. Amadeus . Lies nur, ich bin durchaus nicht – – Albertus steht auf. Du, Amadeus, ich will dir was sagen: Wenn es dir angenehm ist – für mich hat das ja weiter nichts zu bedeuten – ich begleite dich. Amadeus . Wohin? . . . Wie meinst du das? Albertus . Auf deine Tournee. Zum mindesten für die ersten acht bis vierzehn Tage bin ich gern bei dir; herzlich bis das Schwerste überwunden ist. Amadeus . Aber – –. Ach Gott! du denkst, daß ich wegen der Gräfin . . .! Die Geschichte ist doch längst vorbei. Albertus . Ist mir bekannt. Ich weiß auch, daß du dich nun auf andere Weise zu übertäuben suchst. Aber ich verstehe sehr gut, daß dir das doch unter diesen Umständen nicht so ohne weiteres gelingen kann. Amadeus . Ja, von welchen Umständen redest du denn eigentlich? Albertus . Mein Lieber, es wäre mir nie eingefallen, mich in dein Vertrauen zu drängen, aber da die Sache doch schon in den Zeitungen steht – – Amadeus . Was steht denn in der Zeitung? Albertus . Du hast nicht gelesen, was heute abend im Neuen Journal steht? Amadeus . Was denn? Albertus . Daß Cäcilie den Fürsten Sigismund – –. Aber die Tatsache ist dir doch jedenfalls bekannt? Amadeus . Nichts weiß ich! Was steht im Neuen Journal? Albertus . Eine kleine Notiz – ohne Namensnennung, aber deutlich genug . . . Sie lautet ungefähr: »Eine unserer ersten Künstlerinnen, die jetzt eben in der Metropole eines befreundeten Staates Triumphe feiert . . . bisher die Gattin eines begabten Musikers« oder »hochbegabten« . . . und so weiter – und so weiter . . . »wird sich, wie wir hören, mit einem bekannten österreichischen Kavalier aus einem der ältesten Adelsgeschlechter« . . . und so weiter . . . Amadeus . Cäcilie und der Fürst?! . . . Albertus . Ja . . . Dann Anspielungen, daß in diesem Fall der Dispens des Papstes leicht zu erlangen sein wird . . . Amadeus . Ja, sind denn die Leute toll? . . . Ich erkläre dir, daß kein Wort daran wahr ist! . . . Du zweifelst? . . . Du meinst doch nicht, daß ich es dir ableugnen würde, wenn – – Oder meinst du gar, daß Cäcilie es mir – – Höre! und das ist nun ein Freund, ein Seelenkenner, ein Dichter! Albertus . Entschuldige, aber nach allem Vorhergegangenen wäre es doch nicht unwahrscheinlich – – Amadeus . Nicht unwahrscheinlich –? Es ist unmöglich! Cäcilie denkt nicht daran! Albertus . Jedenfalls darf es dich nicht überraschen, daß solch ein Gerücht entstanden ist. Amadeus . Es überrascht mich nicht. Aber mir ist, als wenn durch Geschwätz dieser Art die Beziehungen zwischen Cäcilie und mir entweiht würden. Albertus . Neuerer wie du müssen das Urteil der Welt verachten, sonst geraten sie in Gefahr, Großsprecher gewesen zu sein. Amadeus . Ich bin ja kein Neuerer. Das Ganze ist eine Privatabmachung zwischen mir und Cäcilie, bei der wir uns beide so wohl fühlen als möglich. Sag' doch den Leuten, bitte, die dich fragen, daß wir uns nicht scheiden lassen . . . daß wir uns aber auch nicht betrügen, wie in diesen Wischen zu lesen steht, die seit einiger Zeit an mich zu kommen pflegen. Albertus nimmt den Brief in die Hand, fliegt ihn durch und legt ihn wieder fort. Ein anonymer Brief? das gehört dazu . . . Amadeus . Mach' ihnen doch klar, daß von einem Betrug keine Rede sein kann, wo es keine Lüge gibt. Sag' ihnen, daß die Treue, die wir, Cäcilie und ich, einander halten, wahrscheinlich eine bessere ist als die in manchen andern Ehen, wo man tagsüber seine eigenen Wege geht und nichts gemeinsam hat als die Nacht. Du bist ja ein Dichter, ein Seelenkünder – erkläre das doch den Leuten, die es nicht verstehen wollen! Albertus . Es wäre etwas umständlich, ihnen das mitzuteilen. Aber wenn du Wert darauf legst, so mache ich einfach ein Stück daraus. Dann werden sie ohne weiters diese neue Art von Ehe begreifen – wenigstens von halb acht bis zehn. Amadeus . Bist du dessen gewiß? Albertus . Vollkommen. In einem Stück kann ich ja den Fall viel klarer darstellen, als er sich tatsächlich präsentiert, ohne das überflüssige episodische Beiwerk, mit dem uns das Leben verwirrt. Vor allem habe ich das voraus, daß die Zuschauer in den Zwischenakten nicht dabei [sind] und ich indessen mit euch machen kann, was ich will. Und ferner werde ich dir einen Vergleich in den Mund legen, der den Fall erläutert. Amadeus . Einen Vergleich? . . . Albertus . Ja. Denn Vergleiche haben immer etwas Beruhigendes. Du sagst zu irgend einem Freund – oder sonst wem, der sich's gefallen läßt, ungefähr folgendes: »Was wollt ihr denn von mir? Denkt euch, Cäcilie und ich, wir wohnten gemeinsam in einem behaglichen Haus, in dem wir uns wohl fühlen, mit weiter Aussicht, die uns beglückt, und einem wundervollen Garten, in dem wir gern spazieren gehen. Und es käme einen von uns einmal die Lust an, im Walde jenseits des Gitters Erdbeeren zu pflücken. Müßte deswegen der andere gleich Untreue, Schmach, Verrat schreien? Müßten wir Haus und Garten verkaufen und uns einbilden, daß wir nun nicht mehr miteinander zum Fenster hinausschauen und nicht mehr in unseren Alleen herumspazieren könnten? . . . Weil unsere Erdbeeren jenseits des Gitters wachsen –?« Amadeus . Das wolltest du mir in den Mund legen? Albertus . Ist es dir zu geistreich? – O, das wird nicht auffallen, das mach' ich schon! Mit deinem musikalischen Genie kann ich in einem Stück sowieso nichts anfangen. Ich kann dich ja den Leuten nicht deine Symphonie vordirigieren lassen. So helfe ich mir und dir, indem ich dich etwas klüger, energischer, konsequenter gestalte – Amadeus . Als Gott mich geschaffen hat. Albertus . Na, die Konkurrenz ist noch auszuhalten! Amadeus . Neugierig wäre ich allerdings auf eines: wie du das Stück möchtest enden lassen. Albertus nach einer kleinen Pause. Nicht sehr heiter, mein Freund. Amadeus betreten. Wie? . . . Albertus . Das ist ja das Charakteristische aller Übergangsepochen, daß Verwicklungen, die für die nächste Generation vielleicht gar nicht mehr existieren werden, tragisch enden müssen, wenn ein leidlich anständiger Mensch hineingerät. Amadeus . Es gibt ja keine Verwicklungen. Albertus . Ich werde mich nicht der Verpflichtung entziehn, eine zu erfinden. Amadeus . Willst du nicht noch einige Geduld haben? . . . Vielleicht daß das Leben selbst – Albertus . Mein Lieber, was diese lächerliche Wirklichkeit mit euch vorhat, die sich ohne Regie und Souffleur behelfen muß – diese Wirklichkeit, in der es manchmal nicht zum fünften Akt kommt, weil dem Helden schon im zweiten ein Ziegelstein auf den Kopf fällt – das interessiert mich gar nicht. Ich lasse den Vorhang aufgehen, wenn es anfängt, amüsant zu werden, und lasse ihn fallen in dem Augenblick, wo ich recht behalten habe. Amadeus . Wenn du dein Stück schreibst, dann vergiß mir aber ja nicht, mein Lieber, eine Figur hineinzubringen, für den die Wirklichkeit diesmal besser vorgesorgt haben dürfte als für den Helden –: den Hanswurst. Albertus . Denkst du mich damit zu beleidigen? Ich habe mich stets für einen nahen Verwandten von ihm gehalten.   Fünfter Auftritt Die Vorigen – Marie , Peterl und das Fräulein kommen herein. Peterl . Die Mama kommt! Marie . Der Wagen ist eben stehen geblieben. Fräulein . Der Bub' hat sich nicht im Bett halten lassen. Albertus . Was er für schöne Blumen hat! Peterl . Die sind für die Mama! Amadeus nimmt ihm eine weg. Du erlaubst, mein Sohn –   Sechster Auftritt Die Vorigen – Cäcilie kommt, hinter ihr das Stubenmädchen . Cäcilie . Guten Abend. – Was, ihr auch? Das ist aber nett! Peterl . Mama – Blumen! Cäcilie nimmt ihn, küßt ihn ab. Mein Bub'! mein Bub'! Begrüßt dann die andern. Amadeus reicht ihr eine Blume. Peterl hat mir auch eine überlassen. Cäcilie . Danke sehr. Sie reicht ihm die Hand. – Zum Stubenmädchen. Bitte, holen Sie die Sachen aus dem Wagen; der Kutscher wird Ihnen helfen. Er ist schon bezahlt. Stubenmädchen ab. Cäcilie den Hut abnehmend. Na, Marie? . . . Zu den andern. Ihr habt am Ende noch gearbeitet? Albertus . Wir haben versucht. Cäcilie zum Fräulein. War er brav? Peterl . Sehr brav bin ich gewesen! Hast du mir auch was mitgebracht? Cäcilie . Natürlich. Aber du kriegst es erst morgen früh. Peterl . Warum nicht jetzt? Cäcilie . Jetzt bin ich zu müd', um auszupacken; morgen, wenn du aufwachst, wirst du's auf deinem Tischerl finden. Peterl . Was ist es denn? Cäcilie . Das wirst du schon sehen . . . Peterl . Ist das Tischerl groß genug? Cäcilie . Das wollen wir hoffen. Amadeus ans Klavier gelehnt, betrachtet sie immer. Cäcilie tut, als merke sie es nicht. Albertus . Sie sehen vorzüglich aus. Cäcilie . Ein bißchen abgespannt bin ich doch. Amadeus . Du bist gewiß schon sehr hungrig. Cäcilie . O nein. Wir haben im Speisewagen gegessen. Die meisten Reisenden. Aber einen Tee möchte ich noch haben. Bitte, Fräulein, wollen Sie so gut sein? Amadeus . Für mich auch, Fräulein; und, bitte, etwas kaltes Fleisch lassen Sie mir besorgen. Fräulein . Das ist schon geschehen. Ab. Cäcilie . Hast du am Ende mit dem Nachtessen auf mich gewartet? Amadeus . Gewartet – o nein! Ich habe . . . nur nicht daran gedacht. Cäcilie zu Albertus und Marie. Aber setzt euch doch! Albertus . Nein, liebe Cäcilie, wir gehen. Nur noch meine herzlichsten Glückwünsche und damit genug für heute. Marie . Du hast ja Triumphe gefeiert. Cäcilie . Nun, es ging an. Zu Amadeus. Hast du mein Telegramm bekommen? Amadeus . Ja. Ich habe mich riesig gefreut. Cäcilie . Denkt euch, Kinder, nach der Vorstellung wurde ich zu Sr. Majestät in die Loge befohlen! Albertus . Befohlen? . . . Gebeten, meinen Sie wohl! Kein Kaiser und kein König hat Ihnen was zu befehlen. Cäcilie . Sie Anarchist! Das ist ja ganz egal. Man geht doch in die Loge! Sie täten's auch. Albertus . Warum nicht? Man soll sich alle Lebewesen, wenn möglich, in der Nähe besehen. Amadeus . Und was sagte der Kaiser? Cäcilie . Er äußerte sich höchst anerkennend. Er hätte noch keine bessere Carmen gesehen. Albertus . Er wird nächstens bei irgend einem Spanier eine Oper für Sie bestellen. Fräulein kommt. Der Tee kommt gleich. Amadeus . So, Peterl, aber jetzt mußt du schlafen gehn. Es ist spät. Fräulein will ihn nehmen. Peterl . Nein, die Mama soll mich ins Bett tragen wie einen kleinen Buben! Cäcilie . Also komm. – Herrgott, bist du aber schwer geworden. Cäcilie, Fräulein, Peterl ab. Marie . Schön ist sie! Amadeus . Das ist Ihnen wohl nichts neues. Albertus . Also leb' wohl! Amadeus . Auf morgen! Ich erwarte dich früh zwischen neun und zehn. Marie im Weggehen, zu Amadeus. Tut's Ihnen nicht leid; jetzt gleich wieder fort zu müssen? Amadeus . Beruf, liebe Marie . . . Cäcilie kommt wieder herein. Ihr geht wirklich schon fort? – Also lebt wohl, auf Wiedersehen! Albertus. Marie ab.   Siebenter Auftritt Amadeus , Cäcilie . Cäcilie zum Kamin hin. Also da wäre man wieder zu Haus. Setzt sich. Amadeus von der Tür her, nicht ohne Verlegenheit. Ob du dich geradeso freust wie ich, das ist noch die Frage. Cäcilie streckt ihm die Hand entgegen. Amadeus nimmt sie und küßt sie. Er setzt sich. Nun erzähle. Cäcilie . Erzählen? Was denn? Ich habe mir ja gar nichts zum Erzählen übrig gelassen – beinahe. Amadeus . Nun – Cäcilie . Jeden Abend, wenn ich nach Hause kam – und es war manchmal wirklich recht spät, wie du weißt – habe ich dir geschrieben. Ich wollte, du wärst ebenso ausführlich gewesen. Amadeus . Ich habe dir doch auch täglich geschrieben. Cäcilie . Immerhin, mein Freund, du hast einiges nachzuholen, scheint mir. Lacht. Über manches bist du auffallend flüchtig hinweggeglitten. Amadeus . Das könnte ich dir auch sagen. Cäcilie . Nein, das könntest du nicht. Meine Briefe waren geradezu Tagebücher; das kann man von den deinen nicht behaupten. – Na, Amadeus –? Ohne Aufrichtigkeit hätte doch die ganze Sache nicht viel Sinn. Amadeus . Was ist dir denn unklar? Cäcilie . Mit Philine ist es wirklich aus? Amadeus . Das war ja schon aus – – steht auf bevor du weggefahren bist. Das weißt du ja. Von vergangenen Dingen braucht doch wahrhaftig nicht gesprochen zu werden. Cäcilie . Wird sie übrigens an der Oper bleiben können nach diesem Skandal wegen deines . . . verzeihe – wegen deines Vorgängers? Amadeus . Wie ich höre, ist alles in Ordnung. Sie hat sich auch mit ihrem Gatten wieder versöhnt. Cäcilie . So? – Du, das ist eigentlich eher unangenehm. Da hilft's ja am Ende gar nicht, daß die Geschichte vorbei ist. Gegenüber einem Menschen, der die heimtückische Eigenschaft hat, erst Monate später auf gewisse Dinge zu kommen . . . Amadeus . Ach, daran muß man nicht denken! Cäcilie . Hat sie Briefe von dir? Amadeus nach kurzem Nachdenken. Der Abschiedsbrief ist der einzige. Cäcilie . Der dürfte genügen. Warum hast du ihn nicht zurückverlangt? Amadeus . Wie konnte ich denn? Cäcilie . Wie leichtsinnig du bist! Ja! Leichtsinnig! – Die Hand auf seine Schulter legend. Du, Amadeus, jetzt kann man doch davon sprechen. Früher hättest du vielleicht eine solche Bemerkung falsch aufgefaßt – als Eifersucht oder dergleichen . . . Aber ich hoffe, in so eine Geschichte läßt du dich nicht mehr ein, Amadeus. Ich habe keine Lust, für meinen besten Freund zittern zu müssen. Ich gönne dir alles auf der Welt, das kannst du mir glauben; – aber den Tod für eine andere – das ginge doch über den Spaß! Amadeus . Also ich verspreche dir, daß du nicht mehr für mich wirst zittern müssen. Cäcilie . Das hoffe ich; sonst ziehe ich meine Hand von dir ab. – Und, im Ernst, Amadeus: du hast hoffentlich nicht vergessen, daß du zu vernünftigeren und wichtigeren Dingen aufbewahrt bist, – daß du auf Erden noch etwas zu tun hast, Amadeus. Amadeus . Ja, das fühle ich! Das habe ich vielleicht in meinem ganzen Leben noch nicht so stark gefühlt wie jetzt. Leuchtend. Die Symphonie . . . Cäcilie sehr lebhaft. – ist fertig? Amadeus . Ja, Cäcilie. Und – ich wollte es dir heute zwar noch nicht sagen, aber es läßt mir keine Ruhe . . . Cäcilie . Nun, was denn? Amadeus . Der Choral im letzten Satz, dessen Hauptmotive du ja kennst, wird von einem Sopransolo geführt und beherrscht. Und dieses Solo ist für dich bestimmt. Cäcilie . Verehrter Meister, wie stolz macht mich Ihr Vertrauen! Amadeus . Ich bitte dich, Cäcilie, darüber scherze nicht. Niemand auf Erden kann dieses Solo singen als du . . . Dieses Solo gehört dir – dir allein. An den Klang deiner Stimme habe ich gedacht, während ich es niederschrieb. Im Feber, wenn ich wieder zurück bin, Cäcilie, lasse ich die Symphonie hier aufführen, und dann sollst du dein Solo singen. Cäcilie . Im Feber –? . . . Ja, gern, lieber Amadeus, – im Falle, daß ich noch hier sein sollte. Amadeus . Wie? . . . Cäcilie . Du weißt ja noch nicht alles. Gestern nach der Vorstellung sprach der Intendant mit mir. Amadeus erregt. Nun! . . . Die telegraphische Andeutung von den großartigen Bedingungen . . . die kann sich doch natürlich erst auf die nächste Saison beziehen? Cäcilie . Wenn ich von hier loskäme, möchten sie mich schon vom ersten Januar an in Berlin haben. Amadeus . Aber du wirst nicht loskommen. Cäcilie . O, wenn ich will! Der Direktor besteht nicht auf seinem Schein. Amadeus . Aber du wirst nicht wollen, Cäcilie! Cäcilie . Es ist doch sehr zu überlegen. Ich bin dort beträchtlich besser gestellt. Amadeus . Vom nächsten Herbst an bin ich . . . wahrscheinlich frei. Solange könntest du wahrhaftig noch Geduld haben. Da könnten wir dann gemeinschaftlich übersiedeln. Aber – – Cäcilie . Es muß ja nicht heute entschieden werden, Amadeus. Wir haben morgen Zeit, die Angelegenheit reiflich durchzusprechen. Ich wäre jetzt wirklich gar nicht fähig. Amadeus . Du bist müde . . . ? Cäcilie . Das wirst du wohl begreifen. Am liebsten möchte ich gleich – – Blick nach ihrer Türe. Stubenmädchen bringt den Tee, stellt ihn auf das Tischchen. Cäcilie . Ach ja! – Darf ich dir auch einschenken f Amadeus . Bitte. Cäcilie schenkt den Tee ein. Zum Stubenmädchen. Machen Sie doch den einen Fensterflügel ein bißchen auf; es ist hier so viel Zigarettenrauch. Stubenmädchen öffnet den rechten Fensterflügel. Amadeus . Wird dir nicht kühl sein? Cäcilie . Kühl? Es ist wieder ganz warm geworden. Amadeus . Wie war denn die gestrige Vorstellung im übrigen? Cäcilie . Sehr gut. Insbesondere Wedius war wieder unvergleichlich. Amadeus . Du schriebst mir einigemal von ihm. Cäcilie . Du kennst ihn ja von Dresden her. Amadeus . Ja. Er ist sehr begabt. Cäcilie . Auch er schätzt dich sehr. Amadeus . Das freut mich. Stubenmädchen ab. Amadeus nimmt kaltes Fleisch. Darf ich dir auch –? Cäcilie . Danke. Ich kann wirklich nicht mehr. Amadeus . Ja, du hast schon gegessen . . . oder vielmehr ihr, »die meisten Reisenden«, wie du früher sagtest. Cäcilie einfach. Ich habe mit Sigismund gespeist. Amadeus . Er war die ganze Zeit in Berlin? Cäcilie . Zwei Tage nach mir kam er dort an; ich hab' es dir ja geschrieben. Amadeus . Freilich – du schriebst mir alles. Einmal warst du mit ihm in der Nationalgalerie. Cäcilie . Auch im Pergamenischen Museum waren wir zusammen. Amadeus lustig. Man muß sagen, du tust viel für seine allgemeine Bildung. – Aber was ich dich fragen wollte: wie hat sich denn Sigismund in diese Soiree beim Intendanten hineingeschwindelt? Cäcilie . Hineingeschwindelt? Amadeus . Nun ja, du schriebst mir doch, daß er mit seinem Walzerspiel geradezu Sensation hervorgerufen hat. Cäcilie . Ja. Aber er hat sich doch nicht hineingeschwindelt. Als Neffe der Baronin hat er das wahrhaftig nicht notwendig. Amadeus . Ach ja, daran dachte ich gar nicht! Cäcilie . Übrigens hat sich der Intendant auch lebhaft nach dir erkundigt. Amadeus . Er schätzt mich sehr . . . Cäcilie lächelnd. Ja. Wirklich. Sobald deine neue Oper fertig ist . . . Amadeus . Und so weiter! Er ißt. Es wundert mich übrigens, daß er sich bei dir nach mir erkundigt hat. Cäcilie . Warum wundert dich das? Amadeus wie harmlos. Nun, daß er unsre Persönlichkeiten als so zusammengehörig auffaßt, das wundert mich. Hat man denn in Berlin nichts davon gehört, daß wir uns scheiden lassen? Cäcilie . Wie? was heißt das? Amadeus lachend. Nun, es sind Gerüchte der Art im Umlauf. Cäcilie . Wie? Na höre! Amadeus . Ja, es ist unglaublich, was die Leute zusammenreden. Steht sogar schon in der Zeitung. Seine Durchlaucht Sigismund Fürst von Maradas-Lohsenstein soll dich zum Altare führen. Der Dispens vom Papst kommt sofort. Toll – was? Cäcilie . Ja. – Aber das Tollste, mein Freund, das verschweigst du mir leider. Amadeus . Das wäre –? Cäcilie . Daß du nahe daran bist, diese Tollheit zu glauben. Amadeus . Ich? . . . Wie kannst du nur so . . . Nein! Cäcilie . Du hast eben nicht berücksichtigt, daß ich um drei Jahre älter bin als er. Amadeus stutzt. Wenn es nur wegen der drei Jahre Unterschied wäre – – Cäcilie . Nein, das ist nicht der Grund. Wahrhaftig! Auch wenn ich die Jüngere wäre, dächte ich nicht daran. Amadeus . Wenn sich aber deine Neigung tiefer erwiese, als du anfangs vorausgesetzt hast? Cäcilie . Auch dann nicht. Amadeus . Warum?  . . . Cäcilie . Warum? . . . Daß sie nicht ewig währen wird, weiß ich ja doch. Amadeus . So denkst du also schon an das Ende? Cäcilie . Ich sage nicht, daß ich daran denke; – aber ich zweifle nicht daran, daß es kommen wird, wie es immer kommt. Amadeus . Und dann – ? Cäcilie zuckt die Achseln. Amadeus . Und dann? Cäcilie . Was weiß ich, Amadeus! Es gibt so viele Verheißungen. Amadeus zuckt zuerst leicht zusammen. Dann. Ja, das ist wahr: voll Verheißungen ist das Leben. Überall, von allen Seiten lockt es und verspricht es, – wenn man sich entschlossen hat, frei zu sein und das Leben leicht zu nehmen wie wir . . . So hast du das wohl gemeint? Cäcilie . Ja, genau so. Amadeus . Du, sage, Cäcilie . . . Näher. Eines möchte ich gern wissen: ob Sigismund ahnt, daß dir solche, für den Beteiligten doch immerhin etwas unheimliche, Gedanken durch den Kopf gehen? Cäcilie . Sigismund? . . . Was fällt dir ein! Dergleichen gesteht man nur seinem Freunde. Reicht ihm die Hand. Amadeus immer freundschaftlich. Aber wenn er etwas davon merkte . . . ich halte es ja für sehr unwahrscheinlich, daß er der Mann dazu ist . . . aber gesetzt den Fall, er würde es an mancherlei Anzeichen spüren, daß dir dergleichen Gedanken durch den Kopf gehen . . . würdest du sie vor ihm ableugnen? Cäcilie . Ich glaube wohl, daß ich auch das imstande wäre. Amadeus leicht zurückschreckend. So. – Cäcilie, nun will ich dir was sagen . . . du denkst an etwas Bestimmtes . . . ja . . . ich bin davon überzeugt . . . Es handelt sich um eine ganz bestimmte Verheißung. Cäcilie lächelnd. Das wäre möglich. Amadeus . Was ist geschehen, Cäcilie? Cäcilie . Nichts. Amadeus . So ist eine Gefahr in der Nähe. Cäcilie . Gefahr? . . . Was ist für uns Gefahr? Wer keine Verpflichtungen hat, für den gibt es auch nichts mehr zu fürchten. Amadeus sie leicht am Arm fassend. Spiel' nicht mit Worten! Ich errate ja doch alles. – Ich weiß es! Schon aus manchen Stellen deiner Briefe habe ich's entnommen, trotzdem sie lange nicht so aufrichtig waren, als du es unserer Freundschaft schuldig gewesen wärst. Wedius ist die neue Verheißung! Cäcilie . Inwiefern war ich nicht aufrichtig in meinen Briefen? Schrieb ich dir nicht schon nach dem Onegin, seine Persönlichkeit hätte etwas Faszinierendes? Amadeus . Das hast du auch früher von manchen Menschen gesagt; aber es bedeutete keine Verheißung. Cäcilie . Alles beginnt was anderes zu bedeuten, wenn man frei ist. Amadeus . Du sagst mir nicht alles . . . Was ist geschehen? Cäcilie . Geschehen ist nichts; aber entschlossen wäre ich dort geblieben – wer weiß . . . Amadeus zuckt zusammen; dann geht er hin und her. Dann bleibt er hinten am Fenster stehen. Der arme Sigismund! Cäcilie . Warum beklagst du ihn? Er weiß nichts davon. Amadeus wieder überlegen. Zieht es dich deshalb nach Berlin? Cäcilie . Nein! – Wahrhaftig nein! Der Zauber ist vorbei . . . scheint mir . . . Amadeus . Und doch willst du schon zu Neujahr – – Cäcilie aufstehend. Lieber Amadeus, um das heute noch zu besprechen, bin ich wirklich zu müde. Ich will dir jetzt gute Nacht sagen, es ist spät. Reicht ihm die Hand. Amadeus zögernd. Gute Nacht. Cäcilie! . . . Ihre Hand haltend. Drei Wochen warst du fort, übermorgen früh fahre ich weg, – wenn ich zurückkomme, bist du am Ende nicht mehr da . . . weither ist's eigentlich mit deiner Freundschaft auch nicht, wenn du unter solchen Umständen nicht einmal das Bedürfnis hast, mit mir ein wenig länger zu plaudern. Cäcilie . Warum denn so sentimental? Das Abschiednehmen sind wir zwei doch gewöhnt. Amadeus . Ja, das ist richtig. Aber es ist doch immer eine neue Art von Abschied und eine neue Art von Wiederkommen. Cäcilie . Da sich unser Leben nun einmal so gestaltet hat – Amadeus . Daß es einmal so werden könnte wie jetzt, haben wir beide doch nicht geahnt. Cäcilie . Oh! . . . Amadeus . Nein, Cäcilie, wir haben es nicht geahnt. Das ist ja eben das Sonderbare, daß wir in allen unsern Zweifeln doch aneinander geglaubt haben, und daß wir eigentlich, auch getrennt voneinander, früher so beruhigt und vertrauensvoll waren, wie man es wohl nicht sein dürfte. Aber es war schön. Ja, selbst das Fernsein voneinander hatte früher eine .ganz eigene Art von Schönheit. Cäcilie . Gewiß. So ganz ungestört liebt man sich eigentlich doch nur, wenn man meilenweit fort voneinander ist. Amadeus . Wenn du auch heute darüber zu lächeln vermagst, sowas kommt nicht wieder, Cäcilie, für keinen. Da verlaß dich drauf. Cäcilie . Das weiß ich so gut wie du. – Aber warum sprichst du denn auch mit einem Male, als wäre es gewissermaßen aus zwischen uns und als wäre das Beste aus unserem Leben unwiederbringlich vorbei? Das ist doch gar nicht der Fall. Das kann doch gar nie der Fall sein. Wir wissen ja beide, daß wir die gleichen geblieben sind, und daß alle andern Dinge, die uns begegnet sind und noch begegnen mögen, nicht sonderlich wichtig sind . . . Und selbst wenn sie wichtig werden sollten, wir werden uns immer die Hände reichen, selbst über die tiefsten Abgründe hinweg, Amadeus. Amadeus . Du sprichst wie gewöhnlich äußerst klug. Cäcilie . Und wenn du die Weiber zu Dutzenden verführst, und wenn sich die Männer um meinetwillen gegenseitig totschießen – wie für Gräfin Philine –: was hat das mit unserer Freundschaft zu tun? Amadeus . Es ist nichts dagegen einzuwenden. Immerhin, ich habe es nicht erwartet . . . ja, ich finde es geradezu bewundernswert, wie du dich in alles findest; wie ruhig du zu bleiben vermagst in allen neuen Schicksalen und Erwartungen. Cäcilie . Ruhig? . . . Hier bin ich's. An unserem Kamin, . . . beim Tee, in deiner Gesellschaft. Hier will und werd' ich's auch immer sein. Das ist ja der Sinn unseres ganzen Zusammenlebens. Was immer mir in der Welt beschieden sein mag, wenn ich hier eintrete, wird es abgeglitten sein. Die Stürme sind nur draußen. Amadeus . Dafür kannst du heute nicht einstehen, Cäcilie. Es könnten Dinge kommen, die sich schwerer an dich hängen, als du in diesem Augenblick ahnst. Cäcilie . Immer werde ich soviel Kraft behalten, um abzuwerfen, was ich will, ehe ich zu dir komme. Und sollte mir diese Kraft einmal fehlen, so werde ich eben vor der Türe bleiben. Amadeus . Nein, das darf nicht sein! Das wäre gegen die Abrede! Gerade wenn dir Schweres begegnet, bin ich ja da, um es dir tragen zu helfen. Cäcilie . Wer weiß, ob du dazu immer bereit wärst. Amadeus . Immer – das schwör' ich dir! Was du auch Trauriges oder Erbärmliches erfahren solltest: bei mir wirst du Zuflucht und Verständnis finden. Aber von ganzem Herzen wünsch' ich dir, daß dir Manches erspart bleibe. Cäcilie . Mir? . . . Nein, Amadeus, diesen Wunsch weise ich zurück. Ich habe ja noch . . . ich habe ja noch so wenig erlebt. Und ich sehne mich danach. Ich sehne mich nach allem Schmerzlichen und Süßen, nach allem Schönen und nach allem Kläglichen, was das Leben bringt. Ich sehne mich nach Stürmen, nach Gefahr, – vielleicht nach mehr. Amadeus . Nein, Cäcilie, das versuchst du dir einzubilden! Cäcilie . O nein! Amadeus . Gewiß, Cäcilie. Du weißt eben noch wenig und stellst dir vieles einfacher und reinlicher vor, als es ist. Aber es gibt Dinge, die du nie ertrügst, und manche, die zu begehen du nicht fähig wärst. – Ich kenne dich, Cäcilie. Cäcilie . Du kennst mich? . . . Du weißt nur, was ich dir – was ich als deine Geliebte, deine Gattin war. Und da du für mich die ganze Welt bedeutet hast, in dir all meine Sehnsucht, all meine Zärtlichkeit beschlossen war, so konnten wir beide früher nicht ahnen, wozu ich bestimmt wäre, wenn sich die wirkliche Welt vor mir auftäte. – Ich bin schon heute nicht mehr, die ich war, Amadeus . . . Oder vielleicht war ich immer dieselbe und habe es nur nicht gewußt; und es ist jetzt etwas von mir abgefallen, das mich früher umhüllt hat . . . Ja, so muß es sein: denn jetzt fühle ich alle Wünsche, die früher an mir herabgeglitten sind wie an einem fühllosen eisernen Panzer, . . . jetzt fühle ich sie über meinen Leib, über meine Seele gleiten, und sie machen mich beben und glühen. Die Erde scheint mir voll Abenteuern, der Himmel wie von Flammen strahlend, und mir ist, als säh' ich mich selbst, wie ich mit ausgebreiteten Armen dastehe und warte. Amadeus wie einer Entfliehenden nachrufend. Cäcilie! Cäcilie . Was ist dir? Amadeus . Es ist nichts . . . Was du da sprichst, kann mich ja nicht befremden nach allem, was ich schon weiß. Aber deine Stimme hat einen Beiklang, den ich heute zum ersten Mal höre. Und auch diesen Glanz deiner Augen habe ich bis heute nicht gekannt! Cäcilie . Das glaubst du nur, Amadeus. Wäre es wirklich so, dann müßte es mir mit dir geradeso ergehen. Und ich merke keinen Unterschied an dir. Ich kann mir auch nicht vorstellen, daß du mir je verändert erscheinen könntest. Bei andern Frauen magst du Bösewicht – oder dummer Junge sein – was gewiß auch manchmal vorkommen wird –: für mich wirst du immer derselbe bleiben; und ich fühle, daß dem Amadeus, den ich meine, im Grunde überhaupt nichts geschehen kann. Amadeus . Könnte ich das nur auch – für dich fühlen! Aber diese Sicherheit habe ich nicht; die Unbedenklichkeit, die Lust, mit der du in eine unbekannte Welt hineinschreitest, erfüllt mich geradezu mit Angst um dich. Der Gedanke, daß Menschen herumgehen, von denen du, die von deiner Existenz noch nicht wissen und denen du gehören wirst – – Cäcilie . Gehören werde ich niemandem . . . ich bin frei . . . Amadeus . – – Die zu deinem Schicksal und zu deren Schicksal du doch schon bestimmt bist, das ist mir unheimlich. Und du bist auch nicht die Cäcilie, die ich geliebt habe – nein! Du bist nur sehr ähnlich einer, die mir sehr lieb war, aber doch ganz anders als die. Nein, du bist nicht die, die jahrelang meine Frau war; das habe ich in dem Augenblick empfunden, als du hereintratest. – Nur ein geheimnisvoller Zusammenhang besteht zwischen dem jungen Mädchen, das vor sieben Jahren eines Abends in meine Arme sank, und der, die heute aus der Fremde in diesem Hause für kurze Zeit eingekehrt ist. Aber diese sieben Jahre habe ich mit einer andern verlebt, – mit einer stillen gütigen Frau, mit einer Art von Engel vielleicht, der nun entschwunden ist. Die, die heute kam, hat eine Stimme, die ich nie gehört, Blicke, die mir fremd sind, eine Schönheit, die ich nicht kenne, – keine bessere, glaub' ich, als jene andere, eher eine grausamere – und doch eine, glaub' ich, die mehr geschaffen ist zu beglücken. Cäcilie . Sieh mich nicht so an! . . . und sprich nicht so zu mir! . . . So spricht man doch nicht zu einer Freundin! Vergiß nicht, daß ich nicht mehr die bin, die ich war. Wenn du so zu mir sprichst, Amadeus, dann ist mir, als umwehte mich auch hier die Luft, die ich jetzt draußen so oft mich umschmeicheln fühle – in der das Leben so unbegreiflich leicht erscheint und in der man sich zu allerlei bereit fühlt, was einem früher wie unfaßbar erschien. Amadeus . Wenn du ahntest, Cäcilie, wie deine Worte mich schmerzen und zugleich berauschen! Cäcilie herb. Sprich nicht so, Amadeus. Ich will nicht. Sei klug um meinet- und deinetwillen. Gute Nacht. Amadeus . Cäcilie, du gehst?! Cäcilie . Ja. Bedenke, daß wir Freunde sind und es bleiben wollen. Amadeus . Bedenke, daß wir immer wahr sein wollten! Und es ist einfach nicht wahr – nicht für dich und nicht für mich –, daß wir in diesem Augenblick uns als Freunde gegenüberstehen . . . Cäcilie – in diesem Augenblick fühl' ich nur eins , daß du schön bist . . . schön, wie du's niemals gewesen! Cäcilie . Amadeus, Amadeus, vergißt du alles, was geschehen ist? Amadeus . Ich könnte es vergessen – wie du. Cäcilie . O ich denke dran, ich denke dran! Will fort. Amadeus . Cäcilie, bleib, bleib! übermorgen bin ich nicht mehr da – bleibe! Cäcilie . Sprich nicht so zu mir, ich beschwöre dich! Ich bin nicht mehr, die ich war: nicht mehr stolz, nicht mehr ruhig, nicht mehr gut. Wer weiß, ob es so viel brauchte, daß ich einem gewissenlosen Verführer zum Opfer fiele! Amadeus . Cäcilie! Cäcilie . Hast du so viel Freunde zu verlieren? Ich nur einen Freund. – Gute Nacht. Sie will gehen. Amadeus . Cäcilie, ihre Hand nehmend wir haben uns längst als Gatten Lebewohl gesagt – aber wir haben uns entschlossen, das Leben leicht zu nehmen, frei zu sein und jedes Glück zu ergreifen, das uns entgegenkommt. Sollten wir wahnsinnig sein oder feig und vor dem höchsten zurückweichen, das sich uns bietet? . . . . Cäcilie . Was sollte daraus werden, Amadeus . . . Freund! Amadeus . Nenne mich nicht so! Ich liebe dich und ich hasse dich, aber dein Freund bin ich in diesem Augenblick nicht: Was du mir warst: Gattin, Kameradin . . . es kümmert mich nicht! . . . Ich will – dein Geliebter will ich heute sein! Cäcilie . Das darf nicht! . . . Das soll nicht . . . nein . . . Amadeus . Nicht dein Geliebter also . . . nein, etwas Besseres und was Schlimmeres: der Mann, der dich einem andern nimmt! . . . der, für den du einen verrätst . . . einer, der dir Seligkeit und Sünde zugleich bedeutet! . . . Cäcilie . Laß mich, Amadeus! Amadeus . Cäcilie, keinem von uns beiden wird jemals, solang er lebt, ein schöneres Abenteuer auf dem Wege blühen! Cäcilie . Kein gefährlicheres, Amadeus! Amadeus . War das nicht deine Sehnsucht? . . . Cäcilie . Gute Nacht, Amadeus. Amadeus . Cäcilie! Er hält sie, zieht sie an sich. Vorhang. Dritter Akt Gleiche Szene. – Morgen des nächsten Tages. Die Bühne leer. Erster Auftritt Amadeus kommt aus seinem Zimmer links, angekleidet, aber im Morgenrock. Geht langsam nachdenklich durchs Zimmer, zum Schreibtisch. Nimmt die Briefe auf, die dort liegen, und legt sie wieder hin. Er fröstelt, sieht sich um, merkt, daß das Fenster offen, und schließt es. Dann zu Cäciliens Türe und lauscht. Dann zum Schreibtisch, beginnt aus den Pulten die Manuskripte zu nehmen. Amadeus . Machen wir Ordnung . . . Wie wird es nur werden? – – Von der Reise aus werd' ich ihr schreiben. Hierher komme ich nicht mehr zurück . . . Ich könnte es nicht ertragen – nicht ertragen! – Ein Manuskript in der Hand. Das Solo – ihr Solo! Aber ich werde nicht dabei sein, wenn sie es singt. Stubenmädchen tritt ein. Die Leute sind da, die die Koffer fortbringen sollen. Hier ist der Schein vom Spediteur. Amadeus . Es ist gut. Sie sollen die Sachen über die Hintertreppe wegschaffen. Stubenmädchen ab. Amadeus . – Wenn ich ihr morgen adieu sage, wird sie nicht ahnen, daß es für immer ist . . . Und mein Bub' . . . mein Bub' –? Hin und her. . . . Aber es muß sein. Plötzlich. Heute abend noch reise ich – nicht morgen. Ja, heute abend noch. Trägt hastig Noten zusammen. Ich werde mit dem Direktor sprechen. Geht er nicht drauf ein, so geh' ich einfach durch. Hierher komm ich nie wieder. Wieder zu Cäciliens Tür. Sie schläft wohl noch. Nach vorn, setzt sich auf den Divan, stützt den Kopf in die Hände. Wir werden zusammen bei Tische sitzen, und sie wird nicht ahnen, daß es zum letzten Male ist . . . Nicht ahnen –? Warum nicht? Sie soll es wissen . . . Gleich . . . Ich spreche mich mit ihr aus. Ja. Steht auf. Schreiben läßt es sich ja doch nicht. Ich werde ihr alles sagen. Ich werde ihr sagen, daß ich's nicht ertragen kann – daß der Gedanke an den andern mich toll macht. Und sie wird es begreifen. Und wenn sie mich auch anfleht, ihr zu verzeihen, – wenn sie auch . . . ah! Zur Türe. Jetzt gleich sag' ich ihr's . . . Ich möchte sie erwürgen! . . . Cäcilie! Klopft. Keine Antwort. Was ist denn das? In ihr Zimmer. Sie ist fort! . . . Ab. Kommt nach einer halben Minute durch den Garten wieder. Klingelt. Wo mag sie – –   Zweiter Auftritt Amadeus . Das Stubenmädchen . Amadeus leicht. Die gnädige Frau ist fortgegangen? Stubenmädchen . Schon ziemlich lang, gnädiger Herr. Amadeus . So . . .? Stubenmädchen . Es wird wohl zwei Stunden sein. Gegen ein Uhr wollte die gnädige Frau wiederkommen. Amadeus . So. – Danke. Stubenmädchen . Darf ich dem gnädigen Herrn jetzt das Frühstück bringen? Amadeus . Ach ja, ich habe ganz vergessen. Bringen Sie mir den Tee, bitte. Stubenmädchen ab.   Dritter Auftritt Amadeus allein. Amadeus . Fort! . . . Nun ja, was ist daran weiter Sonderbares? . . . In der Oper jedenfalls . . . Aber warum sagte sie mir nicht – – Fährt zusammen. Bei ihm? . . . Nein, das ist ja nicht möglich! nein! . . . Warum nicht möglich? . . . Eine Frau wie sie – – Warum sollte sie nicht zu ihm? . . . Mit drohender Geste. Hätt' ich nur ihn! . . . Erleuchtet. Das kann ich ja . . . das wäre ja . . . . Ihm gegenüberstehen! – ja! Ihm gegenüber! – Da könnte ja am Ende manches wieder gut werden . . . Nein, sie ist nicht bei ihm . . . Wie nur solch ein Gedanke – – – Das ist ja vorbei! . . . Ja, das tu' ich! . . . Ich oder er! . . . Da könnte ja vieles, – da könnte alles wieder gut werden . . . Er oder ich! . . . Aber so weiterleben, während er . . . Ich gehe zu Albertus! Heut noch muß es geschehen! Ab in sein Zimmer.   Vierter Auftritt Albertus tritt ein. Zugleich bringt das Stubenmädchen das Frühstück. Stubenmädchen . Ich will Sie dem gnädigen Herrn gleich melden. Stellt die Tablette auf das Tischchen, geht links ab. Albertus nimmt ein Kipfel von der Tablette und beißt das Spitzel ab.   Fünfter Auftritt Albertus , Amadeus . Das Stubenmädchen rasch durchs Zimmer ab. Amadeus . Ah, da bist du ja! Albertus . Jawohl. Ich komme doch nicht zu früh? Bist du bereit? Ich will dir nun den dritten Akt vorlesen. Nimmt die Blätter aus seiner Rocktasche. Die Szene kennst du ja: Park, Villa, Platane. Etwas muß ich noch vorausschicken. Du erinnerst dich des Herrn von Rabagas, in den meine Frau verliebt ist? An dem habe ich eine kleine Korrektur vorgenommen: er schielt nämlich. Ich bin neugierig, wie sich Marie jetzt zu ihm stellen wird. Amadeus sehr nervös. Später davon. Es handelt sich für den Augenblick um Wichtigeres. Albertus . Wichtigeres –? Amadeus . Ja. Du mußt mir einen großen Dienst erweisen . . . einen Dienst, der keinen Aufschub leidet. Du mußt mein Zeuge sein. Albertus steht auf. Dein . . . ? – Ja, was ist das für ein Unsinn? Du nimmst es einfach nicht an! Mußt du dich wegen Madame Philine totschießen lassen? Ah nein! Amadeus . Es handelt sich nicht um Philine. Ich bin auch nicht gefordert worden. Ich selbst fordere. Und zwar bitte ich dich, sofort unsern Freund Winter aufzusuchen, dich mit ihm zum Fürsten Sigismund zu bemühen und ihm – – Albertus ihn unterbrechend, lacht. Ah, zum Fürsten Sigismund! – Danke verbindlichst. Amadeus befremdet. Was hast du denn? Albertus . Sehr liebenswürdig. Du beschenkst mich mit einem Schluß zu unserem gestrigen Stück. Ich danke. Der ist mir zu abgeschmackt – den glaubt kein Mensch. Ich habe einen viel bessern: Du wirst vergiftet – ja. Und weißt du, von wem? . . . Von einer ganz neuen Figur: einem dir unbekannten Liebhaber deiner Frau. Amadeus wütend. Das interessiert mich absolut nicht. Ich bitte dich, höre mir davon auf! Ich erfinde dir keine Schlüsse für deine Wurstelkomödien! Wir befinden uns im Leben, mitten im Leben! Albertus . Du meinst . . .! Also wenn ich schon zu diesem unsaubern und lächerlichen Aufenthalt verurteilt sein soll: was wünschest du eigentlich von mir? Amadeus . Hast du mich denn nicht verstanden? . . . Ihr sollt den Fürsten Sigismund in meinem Namen fordern. Albertus . . . . In deinem Namen? . . . den Fürsten? Lacht. Amadeus . Es scheint dir ja sehr komisch vorzukommen, aber ich versichere dir – – Albertus . Darauf kommt es wohl nicht an, daß du mir komisch vorkommst; dafür gibt es wahrscheinlich eine Menge Leute, denen du bis heute lächerlich erschienen bist und die dich nun mit einem Male vernünftig fänden, . . . obzwar sie sich logischerweise sagen müßten: Gerade heute ist der Herr Kapellmeister eifersüchtig geworden? . . . Bis zum zweiundzwanzigsten Oktober ist er es nicht und am dreiundzwanzigsten wird er es mit einem Male? Amadeus . Es hat sich eben manches geändert von gestern auf heute. Albertus . Geändert? . . . von gestern auf heute? . . . Ach so! Amadeus nach einer Pause. Also auch du hast es nicht geglaubt! Albertus . Ehrlich gestanden: nein. Amadeus . So lebt man also wirklich unter lauter Leuten – – Albertus . Die schließlich doch recht behalten. Warum entrüstest du dich also? Wenn wir lange genug existierten, behielte wahrscheinlich jede Lüge Recht, die über uns umläuft. Horch' auf die Verleumder, so wirst du die Wahrheit über dich erfahren. Das Gerücht weiß selten, was wir tun, aber immer, wohin wir treiben. Amadeus . Wir wußten es nicht, daß wir dahin treiben – das wirst du mir hoffentlich glauben. Albertus . Und doch mußte es so kommen: Freundschaft zwischen zwei Menschen verschiedenen Geschlechts ist immer eine gefährliche Sache – sogar zwischen Eheleuten. Wenn die Seelen sich allzu gut verstehen, so reißen sie allmählich auch das mit, was man gern bewahren möchte; und wenn die Sinne zueinander fließen, so gleitet mehr von der Seele nach, als wir ihnen gerade nachsenden wollten. Ein ewiges Gesetz, mein Lieber, das die tiefe Unsicherheit aller irdischen Beziehungen zwischen Mann und Weib verschuldet, und nur, wer es nicht kennt, vertraut den andern und sich selbst. – Du erlaubst. Er streicht sich Butter auf ein Kipfel. Amadeus . Du verstehst mich also? . . . Albertus . Selbstverständlich; – das ist ja mein Metier. Amadeus . Nun, wenn du verstehst, was geschehen ist, und verstehst, daß es geschehen mußte, – dann verstehst du auch, daß ich die Konsequenzen daraus ziehen muß. Albertus . Konsequenzen? . . . Ich rede Weisheit, und dich verlangt nach Unsinn? Und das nennst du Konsequenz? – Ich finde vielmehr, daß du im Begriff bist, dich zu benehmen wie ein ausgemachter Narr. Jeder andere dürfte tun, was du jetzt vorhast, nur du darfst es nicht. Denn da du es vorhast, ist es unlogisch, unedel, ja geradezu betrügerisch. Du willst einen Menschen zur Rechenschaft ziehen für etwas, das ihm seiner Meinung nach geradezu ausdrücklich gestattet war? . . . Ich an seiner Stelle würde dir unter die Nase lachen. Wenn hier einer das Recht hat, empört zu sein und Rechenschaft zu fordern, so ist es nur er, der Fürst selber, denn nicht er hat dich, sondern du, du hast ihn hintergangen. Amadeus . Das kommt aufs Gleiche heraus, denn er würde es tun. Albertus . Dazu müßte er es wissen. Amadeus . Dafür soll gesorgt werden. Albertus . Du willst es ihm sagen? Amadeus . Wenn du glaubst, daß dieser Weg rascher zum Ziele führt –? Albertus . Da sehe man den Ehrenmann! Ist das die Diskretion, die du deiner Geliebten schuldig bist? Amadeus . Nenne mich unlogisch, unedel, indiskret, was du willst! Ich kann nicht anders! Ich liebe Cäcilie . . . hörst du? . . . und will mit ihr weiterleben. Und ich kann es nicht, ehe das, was geschehen, seine Sühne gefunden – vor mir, ihr und – ja, ich gestehe es – vor der Welt. Sigismund und ich müssen einander gegenüber stehen Mann gegen Mann – dann erst kann mir wieder wohl werden. Albertus . Und was soll sich an der ganzen Sache ändern dadurch, daß ihr in die Luft knallt? Amadeus . Einer von uns muß aus der Welt, Albertus! . . . Verstehst du's nicht endlich? Albertus . Höre, mein Lieber, das geht zu weit! Ich denke immer, es handle sich um ein Duell – und nun sehe ich, du willst ihm ans Leben! Amadeus . Du wirst es vielleicht beklagen, daß du selbst in einer solchen Stunde übelangebrachte Scherze nicht lassen kannst. Die Sache drängt, Albertus, entscheide dich. Albertus . Und wenn er refüsiert? Amadeus . Er ist ein Edelmann. Albertus . Er ist fromm, sein Vater ist einer der Führer der klerikalen Partei im Herrenhaus und im Präsidium der Anti-Duell-Liga. Amadeus . So was ist ja nicht erblich. Und wenn er nicht wollte, ich würde ihn zu zwingen wissen. Es gibt nichts anderes. Wenn ich weiterleben will – mit ihr, oder ohne sie – gibt es nichts anderes. So kann alles gut werden – aber nur so. Nur so wird die Luft um uns wieder rein, nur wenn das vorüber ist, dürfen wir einander wieder gehören und – glücklich sein. Albertus . Hoffentlich besteht nun Cäcilie nicht darauf, Philine und etliche andere umzubringen, was ebenso sinnreich wäre, aber die Sache sehr komplizieren würde. Amadeus . Ich bitte dich, geh! Albertus . Ich gehe ja schon. – Und unsere Oper? Amadeus . Darüber sprechen wir noch. Zu deiner Beruhigung: was fertig ist, liegt hier im zweiten Fach, wohlgeordnet. Albertus . Und wer soll den dritten Akt komponieren? Amadeus . Man wird es als Fragment geben und ein Ballett dranhängen. Albertus . Ja, du hast recht: »Harlekin als Elektriker« oder »Vergißmeinnicht«. Ab.   Sechster Auftritt Amadeus . Dann Peterl und das Fräulein . Später das Stubenmädchen . Amadeus eine Weile allein. Sinnt. Dann macht er sich am Schreibtisch zu schaffen. Es klopft an der Terrassentür. Amadeus . Was ist denn? Peterl von draußen. Ich bin's, Papa. Darf ich herein f Amadeus . Natürlich, Komm nur, Peterl. Peterl und das Fräulein kommen herein. Fräulein . Guten Morgen. Amadeus . Guten Morgen, Fräulein. Küßt Peterl. Ist es nicht etwas zu kalt im Freien? Fräulein . Peterl ist warm angezogen, und übrigens scheint jetzt auch die Sonne wieder schön. Peterl . Hast du schon gesehen, Papa, was ich von der Mama gekriegt hab'? Amadeus . Was denn? Peterl . Ein Theater – ein großes Theater! Amadeus . So? hast du's denn schon? Peterl . Freilich. Dort in der Laube steht's. Willst du dir's anschaun? Amadeus fragender Blick auf das Fräulein. Fräulein . Die gnädige Frau hat es in aller Früh' zu uns hereingestellt, wie Peterl noch geschlafen hat. Amadeus . So? Peterl . Ich kann auch schon Theater spielen! Es ist ein König, und ein Bauer, und eine Braut, und ein Teufel, ein ganz roter – er ist beinah so rot wie der König. Und hinten ist eine Mühle, und ein Himmel, und ein Wald, und ein Jäger . . . Willst du dir's nicht anschaun, Papa? Amadeus auf dem Divan, den Buben zwischen den Knien; abwesend. Ja freilich werd' ich mir's anschaun. Stubenmädchen tritt ein. Gnädiger Herr – – Amadeus . Was gibt's? Stubenmädchen . Seine Durchlaucht fragt, ob der gnädige Herr zu sprechen sind. Amadeus . Welche Durchlaucht? Stubenmädchen . Seine Durchlaucht der Fürst Lohsenstein. Amadeus steht auf. Wie?! Fräulein . Komm, Peterl, wir wollen jetzt wieder in die Laube gehen weiterspielen. Mit Peterl ab. Amadeus gefaßt. Sagen Sie dem Fürsten – – Wendet sich ab. Einen Moment. Vor sich hin. Was soll das bedeuten? . . . Plötzlich. Ich lasse bitten. Stubenmädchen ab. Amadeus geht rasch auf und ab, steht ziemlich entfernt von der Türe, wenn Sigismund eintritt.   Siebenter Auftritt Amadeus , Sigismund . Sigismund schlank, blond, sechsundzwanzig Jahre, elegant, gar nicht geckenhaft; verbeugt sich. Guten Morgen. Amadeus ein paar Schritte entgegen, nickt höflich. Sigismund blickt um sich, befangen, aber nicht in komischer Verlegenheit, sondern durchaus würdig. Leicht lächelnd. Wir haben uns lange Zeit nicht gesehen, und Sie werden wohl vermuten, daß mein heutiger Besuch einen besonderen Anlaß hat. Amadeus . Allerdings. – Platz anbietend. Bitte. Sigismund . Danke. Tritt näher, bleibt stehen. Also, ich habe mich zu diesem Gang entschlossen, der mir, ich versichere Sie, nicht leicht geworden ist, weil ich die Situation, in der wir . . . wir alle uns befinden, unhaltbar, in gewissem Sinne lächerlich finde und ich der Ansicht bin, daß ihr so oder so ein Ende gemacht werden muß. Mein Besuch hat nun den Zweck, Ihnen einen Vorschlag zu unterbreiten. Amadeus . Ich höre. Sigismund . Ich werde nicht viel Worte machen. Ich mache Ihnen den Vorschlag, sich von Ihrer Frau Gemahlin scheiden zu lassen. Amadeus zuckt, starrt ihn an, nach einer Pause, ruhig. Sie wollen Cäcilie heiraten? Sigismund . Es ist mein sehnlichster Wunsch. Amadeus . Und wie verhält sich Cäcilie zu dieser Ihrer Absicht? Sigismund . Vorläufig ablehnend. Amadeus befremdet. Cäcilie ist vollkommen Herr ihrer Entschlüsse. Sie hätte natürlich auch das Recht, mich zu verlassen, wann und in welcher Form es ihr beliebt. Sie entschuldigen also, wenn ich zumindest den Anlaß Ihres werten Besuches unbegreiflich finde. Sigismund . Sie werden ihn sofort begreifen. Die ablehnende Haltung der Frau Adams-Ortenburg in dieser Hinsicht beweist nämlich nichts. Solange Frau Adams-Ortenburg von Ihnen nicht freigegeben wird – selbst gegen ihren eigenen Willen, steht sie gewissermaßen unter Ihrem Bann. Um vollkommene Klarheit zu schaffen, erscheint es mir daher sehr notwendig, daß Sie selbst, verehrter Herr Kapellmeister, auf der Scheidung bestehen. Erst wenn sie geschieden ist, wird Frau Adams-Ortenburg frei zu wählen imstande sein. Bis dahin kämpfen wir – und das kann Ihre Absicht nicht sein – mit ungleichen Waffen. Amadeus . Hier handelt es sich nicht um einen Kampf. Sie mißverstehen die Sachlage in einer mir völlig unbegreiflichen Weise. Denn daß Ihnen Cäcilie verschwiegen hätte, welche tieferen Gründe uns veranlaßten, an eine Lösung unserer Ehe vorläufig nicht zu denken, das darf ich nicht annehmen. Sigismund . Gewiß kenne ich diese Gründe; aber sie erscheinen mir keineswegs zwingend genug, auch für Sie, um den Gedanken einer Ehescheidung von der Hand zu weisen. Denn ich beeile mich, Ihnen zu versichern, daß ich vor diesen Gründen in jedem Falle den weitestgehenden Respekt bekunden würde. Amadeus . Wie meinen Sie das? Sigismund . Sie wissen, verehrter Kapellmeister, meine Verehrung für Ihre Kunst, wenn ich ihr auch nicht immer zu folgen vermag, ist so groß als meine Bewunderung für den Gesang von Frau Adams-Ortenburg. Ich weiß, wie viel Sie beide einander verdanken, wie Sie sich – wenn ich so sagen darf – musikalisch ergänzen, und es läge mir fern, der Fortdauer Ihrer künstlerischen Beziehungen irgendwelche Schwierigkeiten in den Weg zu legen. Nicht minder bekannt ist mir die Zärtlichkeit, die Sie für Ihr Kind hegen, – dem ich übrigens, wie Ihnen nicht unbekannt, die größte Sympathie entgegenbringe – und ich gebe Ihnen mein Wort, daß die Türe zu Peterls Gemächern Ihnen jederzeit offenstehen würde. Amadeus . Mit andern Worten: Sie hätten nichts dagegen, daß der frühere Gatte Ihrer . . . der Frau . . . der Fürstin von Lohsenstein in Ihrem Hause als Freund verkehrte? Sigismund . Jede Einwendung dagegen erschiene mir wie eine Beleidigung gegen Ihre . . . gegen meine . . . gegen Frau Cäcilie Adams-Ortenburg und gegen Sie, verehrter Herr Kapellmeister. Und unter diesen Voraussetzungen wäre der neue Zustand, den vorzuschlagen ich mir hiermit erlaube, vernünftiger und – wenn Sie mir ein aufrichtiges Wort gestatten – anständiger als der, in welchem wir jetzt zu leben alle genötigt sind. Ich bin überzeugt, verehrter Herr Kapellmeister, wenn Sie in Ruhe darüber nachdenken, werden Sie mir nicht nur zustimmen, sondern sogar staunen, daß Sie nicht früher selbst auf diese einfache Lösung einer unerträglichen Situation verfallen sind. Was mich anbelangt, so füge ich hinzu, daß diese Lösung mir für meine Person überhaupt als die einzig mögliche erscheint. Ja, ich stehe nicht an zu erklären, daß ich es vorzöge, diese Stadt zu verlassen und Frau Cäcilie niemals wiederzusehen, als sie weiterhin auf eine für uns alle so peinliche Weise zu kompromittieren. Amadeus . Darauf käme es mit einem Male an? Nun, wenn das Cäcilie und mich nicht kümmert, darf es Ihnen wohl gleichgültig sein. Sie wissen hoffentlich, daß wir uns ohne Rücksicht auf das Geschwätz der Leute das Leben so eingerichtet haben, wie es uns beliebte, und daß es mir sehr egal ist, ob Cäcilie kompromittiert ist – wie Sie es nennen – oder nicht! Sigismund . Ihnen – das ist mir ja bekannt. Aber mir ist es nicht egal. Eine Frau, die mir so teuer ist und die ich so hoch verehre, daß ich die Absicht habe, mit ihr vor den Altar zu treten, muß ohne Makel sein vor Gott und den Menschen. Amadeus . Das hätten Sie sich dann wohl früher überlegen müssen. Ihr bisheriges Benehmen läßt von dieser Auffassung wenig durchblicken. Sie erwarten meine Frau in der Nähe der Oper, Sie gehen mit ihr stundenlang spazieren, Sie besuchen sie auf dem Land, Sie folgen ihr nach Berlin, fahren mit ihr zurück . . . Sigismund befremdet. Es stand doch bei Ihnen, all das zu untersagen, wenn es Ihnen nicht paßt. . . Amadeus . Untersagen . . . nicht paßt . . .! Wer spricht davon? – Ich bin es ja nicht gewesen, der diese Situation unerträglich und kompromittierend fand. Sigismund . Ich verstehe Sie. Allerdings klingt Ihr Ton in Anbetracht Ihrer eben betonten Gleichgültigkeit gegen das Gerede der Leute ziemlich erregt. Aber erlauben Sie mir, Ihnen zu versichern, daß mich das eher sympathisch berührt. Doch ich bin ja nur ein Mensch! Welcher junge Mann an meiner Stelle hätte auf ein häufigeres Zusammensein mit dem angebeteten Wesen verzichtet, wenn es ihm in jeder Hinsicht so leicht gemacht wird? Und trotzdem habe ich mit mir gekämpft, ehe ich ins Pustertal gefahren, ehe ich nach Berlin gereist bin . . . ja sogar manchmal, ehe ich in der Nähe der Oper gewartet habe. Und wie habe ich gelitten unter den forschenden Blicken, mit denen Frau Adams-Ortenburg und ich zuweilen betrachtet wurden, wenn wir zum Beispiel in Berlin nach der Vorstellung in einem Restaurant zusammensaßen oder zu Mittag im Tiergarten spazieren fuhren! Wie peinlich waren mir gewisse Bemerkungen meiner Tante, als ich mich von ihr verabschiedete! Ich kann es Ihnen wirklich kaum schildern. Amadeus . Wie lange, werter Fürst, gedenken Sie denn diese sonderbare Komödie mir gegenüber noch fortzusetzen? Sigismund tritt zurück. Sie meinen . . . . . . Amadeus . Was in aller Welt veranlaßt Sie, mir gegenüber eine Rolle zu spielen, von der ich nicht weiß, ob ich sie abgeschmackt oder verwegen finden soll? Sigismund . Herr! . . . ah! . . . Sie glauben . . . Nun versteh' ich! . . . Und Sie meinen, daß ich in einem solchen Falle noch einmal den Fuß über Ihre Schwelle gesetzt hätte? Amadeus . Warum soll ich gerade das nicht von Ihnen glauben? Sigismund . Auf das, was Sie über mich denken, wird noch zurückzukommen sein. Aber hier ist noch eine andere Person im Spiel, und ich werde nicht dulden – – Amadeus . Waren Sie gegen jedermann so aufgebracht, dem die Tugend der Frau Adams-Ortenburg nicht über jeden Zweifel erhaben erschien? Sigismund . Sie sind jedenfalls der erste, der mir solche Zweifel ins Gesicht zu äußern wagt, und der letzte, der es ungestraft wagen dürfte Amadeus . Glauben Sie, daß die Strafen, die Sie über jene Unverschämten zu verhängen gedenken, geeignet sein werden, den Ruf Cäciliens wieder herzustellen? Meinen Sie, es würde dem Gerede ein Ende machen, wenn für die Ehre der Frau Adams-Ortenburg gerade Sie einzustehen versuchten? Sigismund . Wer denn als ich? Amadeus . Wenn es keine Komödie ist, die Sie mir da vorzuspielen versuchen, so haben Sie nicht einmal das Recht dazu! Sigismund . Da wäre also Ihrer Meinung nach Cäcilie heute die einzige Frau der Welt, die gegen Verleumdungen schutzlos dastehen müßte! Amadeus . Wenn Sie die Wahrheit sprechen, Fürst Sigismund, dann hätte nur einer auf der Welt das Recht, Cäcilie zu schützen, und das bin ich! Sigismund . Ich habe lebhaften Grund zu zweifeln, nach allem, was vorgefallen ist, daß Sie von diesem Recht Gebrauch machen und diese Pflicht erfüllen würden. Amadeus . Sie irren. Und wenn Sie sich von hier nach Hause bemühen wollen, so werden Sie sich von diesem Irrtum rasch genug überzeugt haben. Sigismund . Was bedeutet das? Amadeus . Das bedeutet ganz einfach: zwei meiner Freunde sind soeben auf dem Weg zu Ihnen, in meinem Auftrag – Sigismund . Nun –? Amadeus . Nun, um Rechenschaft von Ihnen zu fordern für das, wessen ich Sie schuldig – – Sieht ihm ins Auge. glaubte. Sigismund tritt einen Schritt zurück. Pause. – Sie sehen einander ins Auge. Sigismund . Sie haben mich – – Er streckt ihm die Hand entgegen. Das ist schön! Amadeus nimmt die Hand nicht. Sigismund . Das ist wirklich schön! Ich versichere Sie, jetzt bekommt die ganze Sache überhaupt ein anderes Gesicht. Ich stehe Ihnen natürlich nach wie vor zur Verfügung, wenn Sie darauf bestehen. Amadeus atmet tief auf, sieht ihn lang an, schüttelt den Kopf. Nein, nicht mehr. Reicht ihm die Hand. Hin und her, vor sich hin. Cäcilie . . . Cäcilie! . . . Zurück; anderer Ton. Wollen Sie nicht Platz nehmen, Sigismund? Sigismund . Danke. Amadeus wieder fremd und mißtrauisch. Wie es beliebt. Sigismund . Fassen Sie das nicht falsch auf. Aber unsere Unterredung ist wohl zu Ende, verehrter Kapellmeister. Sieht um sich. Und doch, ich will es Ihnen gestehen, seit Sie so grob mit mir geworden sind, ist mir im Grunde viel wohler. Ist das nicht sonderbar? Trotzdem ja nach dieser überraschenden Wendung meine Hoffnungen ziemlich . . . o entschuldigen Sie! . . . völlig begraben sind – trotzdem ist mir jetzt eigentlich leichter zumute als die ganze letzte Zeit. Wenn mir nun auch das Glück nicht beschieden ist, das ich törichterweise eine Zeitlang zu erträumen wagte . . . Amadeus . War es so töricht? Sigismund gutmütig. O ja. Aber das ist doch wenigstens ein Abschluß, den man sich kann gefallen lassen. Schüttelt den Kopf. Wie merkwürdig. Wenn ich jetzt nicht gekommen wäre, hätten Sie am Ende nie erfahren . . . hätten Sie nie geglaubt . . . hätten von Cäcilie . . . Und einer von uns wäre vielleicht . . . müßte vielleicht . . . Geste. Amadeus . Ein seltsamer Zufall, daß Sie gerade in dieser Stunde – – Sigismund . Zufall? . . . Ah nein. Es gibt keinen Zufall, lieber Kapellmeister; darauf werden Sie schon kommen. Pause. Also leben Sie wohl und grüßen Sie Frau . . . Adams . . . Amadeus . Sagen Sie ruhig: Cäcilie. Sigismund . . . . und sie möchte mir nicht böse sein, daß ich ohne ihr Wissen diesen Schritt getan habe. Daß ich fortfahre, das wird sie nicht überraschen. Ich habe ihr gestern beim Abschied gesagt, daß ich diese Existenz nicht weiterführen kann. Amadeus . Und sie? . . . Was hat sie geantwortet? Sigismund zögernd. Sie – –? Amadeus in neuer Erregung Sie wollte Sie hier halten –? Sigismund . Ja. Amadeus . Also doch! Sigismund . Jetzt wird sie auch nicht mehr wollen, lieber Kapellmeister. Wehmütig lächelnd. Ich habe ja meinen Zweck erfüllt. Amadeus . Wie meinen Sie das? Sigismund . Nun, ich sehe ja jetzt, was ich ihr war . . . o gewiß ohne daß sie's geahnt hat! Amadeus . Was waren Sie ihr? Sigismund . Nicht mehr und nicht weniger als ein Mittel, Sie wieder zurückzugewinnen. Amadeus . Warum denken Sie – – Sigismund . Warum? . . . Weil es ihr gelungen ist. Amadeus . Nein, Sigismund, sie hatte mich nicht verloren – trotz aller der Dinge, die geschehen sind. Mir ist sogar, wie wenn ich – sie mehr verloren gehabt hätte als sie – mich. Sigismund . Sie sind sehr liebenswürdig. – Nun, grüß' Sie Gott. Amadeus beinahe ergriffen. Und wann sieht man Sie wieder? Sigismund . Ich weiß nicht. Vielleicht nie. – Oh, nicht, daß ich mich umbringen werde! Ich werd' es schon überwinden, ich bin noch jung. – Ja, lieber Kapellmeister, wenn das wieder einmal so werden könnte wie früher, daß ich hier am Kamin sitzen dürfte, während Cäcilie singt, – oder nach dem Nachtmahl auf dem Klavier klimpern . . . Amadeus . Oh! nicht so bescheiden! Ihr Klavierspiel ist ja sogar in Berlin berühmt geworden. Sigismund . Das hat sie Ihnen auch erzählt! – Aber sehen Sie, lieber Kapellmeister, das kann alles nicht mehr wiederkommen . . . die Unbefangenheit wäre fort. – Also . . . auf Nimmerwiedersehen. Amadeus . Nimmer . . . Warum denn? Vielleicht begegne ich Ihnen sogar bald . . . allein. Ich reise ja . . . auch fort. Sigismund . Ich weiß. Wir haben gestern davon gesprochen, im Speisewagen. Sie dirigieren Ihre – – die wievielte ist es denn? Amadeus . Die vierte. Sigismund . So weit halten Sie schon? – Wo fahren Sie denn überall hin? Amadeus . Zuerst Rheingegend, dann über München nach Italien: Venedig, Mailand, Rom. Sigismund . Rom? . . . Möglich, daß wir uns dort treffen. Aber entschuldigen Sie, in Ihre Konzerte werd' ich nicht hineingehn; vorläufig verstehe ich Ihre Symphonien noch nicht . . . Oh, das wird auch einmal kommen! Man wird ja immer gescheiter; und besonders Erfahrungen und Schmerzen reifen den Menschen . . . So, jetzt macht er Späße, werden Sie sich denken. Es ist mir aber wirklich nicht so lustig zumut. Grüß' Sie Gott, lieber Meister. Meinen Handkuß der gnädigen Frau. Ab.   Achter Auftritt Amadeus allein im Zimmer hin und her. Atmet auf. Auf die Terrasse. Zurück. Zum Klavier; phantasiert. Zum Schreibtisch; sucht unter den Papieren. Amadeus . Das Solo! . . . Sie wird es singen, und ich werde dabei sein! . . . Er nimmt es, setzt sich zum Klavier. Glücklich. Cäcilie! . . . Cäcilie!   Neunter Auftritt Amadeus . Cäcilie tritt ein. Amadeus steht auf. Da bist du endlich, Cäcilie! Cäcilie sehr ruhig . Guten Morgen, Amadeus. Amadeus . Etwas verspätet. Cäcilie lächelnd. Ja. Legt den Hut ab, richtet sich vor dem Spiegel die Haare. Amadeus . Warum bist du denn gar so früh fort? Cäcilie . Ich hatte allerlei zu tun. Amadeus . Darf man fragen –? Cäcilie . Gewiß. – So; hier bring' ich dir was. Zieht aus ihrem Täschchen einen Brief. Amadeus . Was ist das? Nimmt ihn . . . . Wie? . . . Mein Brief an Philine! . . . Wie, Cäcilie, du warst bei ihr? Cäcilie . Es war eine Art Nervosität von mir; jetzt kommt es mir eigentlich selbst ein bißchen komisch vor. Amadeus . Ja, wie . . . ? Cäcilie . Es war die einfachste Sache von der Welt: ich habe sie gebeten und sie hat ihn mir gegeben. Er lag in einer unversperrten Lade ihres Schreibtisches – unter andern. Du kannst von Glück sagen. Amadeus . Cäcilie! Er zerreißt den Brief und wirft ihn in den Kamin. Cäcilie . Du hättest dich ja doch nicht entschlossen, ihn von ihr zu verlangen, und das hätte mich irritiert. Ich muß einen freien Kopf haben, wenn ich arbeiten will. – Nun genug davon! Abgewandt. Dann war ich auch in der Oper. Ich habe mit dem Direktor gesprochen. Er wird mein Entlassungsgesuch befürworten. Amadeus . Dein Entlassungsgesuch –? Cäcilie . Ja. Ich werde am ersten Januar in Berlin sein. Amadeus . Aber Cäcilie, wir hatten doch noch gar nicht ernstlich . . . Cäcilie . Wozu aufschieben, was ja doch entschieden ist? . . . Du weißt, das lieb' ich nicht. Amadeus . Das bedeutete ja ein volles Jahr der Trennung! Cäcilie . Für den Anfang. Aber ich glaube, wir werden gut daran tun, uns auf länger gefaßt zu machen. Amadeus . Cäcilie, du willst von mir fortgehen?! Cäcilie . Was bleibt uns andres übrig, Amadeus? Ich hoffe, du fühlst das so gut wie ich. Amadeus . Ich hatte es gefühlt bis vor wenigen Minuten, Cäcilie! Aber jetzt sehe ich unsere Zukunft anders vor mir . . . Cäcilie! – Sigismund war hier! Cäcilie . Sigismund?! . . . Du hast ihn gesprochen? Was wollte er? Amadeus . Was er wollte? . . . Deine Hand. Cäcilie . Und du hast sie ihm verweigert –? Amadeus . Er sendet dir durch mich seinen Abschiedsgruß, Cäcilie. Cäcilie . Darum also mit einem Mal so wohlgelaunt! – Pause. Und wenn er nicht dagewesen wäre? Amadeus . Wenn er nicht dagewesen wäre . . . Cäcilie . So sprich doch! Amadeus schweigt. Cäcilie . Du wolltest dich doch nicht . . . mit ihm schlagen? Amadeus . Ja. Albertus war schon auf dem Wege zu ihm. Cäcilie . So eitel, Amadeus. Amadeus . Nein, nicht Eitelkeit, Cäcilie. Ich liebe dich. Cäcilie bleibt starr. Amadeus . Du ahnst ja nicht, was in mir vorging, während ich aus seinen Worten allmählich die Wahrheit erraten konnte! Der Himmel hat sich neu für mich aufgetan! Cäcilie . Du vergißt nur, daß er für mich immer verschlossen bleiben müßte. Amadeus . Sag' das nicht, Cäcilie! Es war ja alles so nichtig, was ich erlebt habe. Cäcilie . Nichtig? . . . Und wenn ich's erlebt hätte, so war es so bedeutungsvoll, daß man darum morden oder sterben mußte? Warum glaubst du denn, ich käme ohne weiters darüber hinweg? Amadeus . Warum ich es glaube? Du hast es ja schon bewiesen. Du hast alles gewußt, was geschehen ist, und doch bist du wieder die Meine geworden . . . du hast gewußt, daß ich treulos war und du treu, und doch – Cäcilie . Treu? . . . Nein, das war ich nicht! Und erscheine ich dir auch so, für mich selbst bin ich's längst nicht mehr gewesen. Ich weiß es ja, was für Wünsche mich durchglüht haben, – ich weiß, wie in mancher Nähe mein Leib gebebt und geschmachtet hat, – und was ich dir gestern abend sagte, daß ich mit ausgebreiteten Armen dastehe und mich sehne und warte, das ist wahr, Amadeus, so wahr als ich hier vor dir stehe! Amadeus . Wenn das wahr ist, was hat dich zurückgehalten, deiner Sehnsucht zu folgen? . . . dich, die ebenso frei war wie ich selbst? Cäcilie . Ich bin eine Frau, Amadeus. Und es scheint so: irgend etwas macht uns auch dann noch zögern, wenn wir schon längst entschlossen sind. Amadeus . Also weil du selbst dich für schuldig hieltest, hast du geschwiegen? . . . Darum nur hast du mich, den du durch ein Wort von seiner Qual hättest befreien können, in dem Wahn gelassen, daß du ebenso schuldig wärst als ich selbst? . . . Cäcilie . Vielleicht . . . Amadeus . Und wie lange wolltest du mich's glauben lassen? Cäcilie . Bis es wahr geworden wäre, Amadeus. Amadeus . Nun ist's genug, Cäcilie! Es wird nie wahr werden . . . jetzt nicht mehr. Cäcilie . Warum bildest du dir das ein, Amadeus? Es wird wahr werden. Glaubst du denn, dies sollte eine Prüfung für dich sein? Denkst du, ich spielte eine kindische Komödie, um dich zu strafen, und jetzt, nachdem du zu früh die ganze Wahrheit erfahren, würde ich dir in die Arme sinken und erklären, alles sei wieder gut? Hast du es wirklich für möglich gehalten, daß nun alles vergessen sei und wir unsere Ehe wieder aufnehmen werden, wo sie unterbrochen wurde? Kannst du es denn nur wünschen, daß es so kommt und daß es eine Ehe wird wie tausend andere, wo man sich betrügt – und wieder versöhnt – und wieder betrügt, je nach der Laune des Augenblicks? Amadeus . Wir haben uns nicht betrogen und nicht versöhnt – wir waren frei und haben uns wiedergefunden. Cäcilie . Wir uns . . Als wenn das nur möglich gewesen wäre! Was ist es denn, was mich mit einem Male für dich so begehrenswert machte? Nicht, daß ich Cäcilie war, – nein: daß ich als eine andere wiederzukommen schien. Und war ich denn wirklich dein? Ich war es nicht. Oder bist du so bescheiden geworden mit einem Mal, daß dir ein Glück genügte, das zur selben Stunde sich vielleicht auch ein anderer hätte holen können, wenn er nur dagewesen wäre? Amadeus zuckt. Und wenn ich auch diese Nacht deinem Starrsinn preisgebe, jetzt ist's Tag, Cäcilie – wir sind wach – und du fühlst es so gut wie ich in diesem lichten Augenblick, daß wir uns lieben, Cäcilie, lieben, wie wir uns niemals geliebt haben. Cäcilie . Dieser Augenblick kann trügen . . . er trügt gewiß. Wenn irgend einer, so ist der dazu gemacht. Verdienen denn die vielen Stunden, in denen wir allmählich unsere Zärtlichkeit schwinden fühlten – die vielen Stunden, in denen es uns zu andern lockte . . . verdienen die weniger Glauben als dieser Augenblick? Was uns jetzt zueinander treibt, ist nichts als die Angst vor dem wirklichen Abschiednehmen. Und was wir jetzt empfinden, wäre eine armselige Probe auf die Ewigkeit. Ich vertrau' ihr nicht. Was einmal geschehen ist, könnte . . . müßte sich wiederholen – morgen – oder in zwei Jahren – oder in fünf . . . vielleicht etwas leichtfertiger, vielleicht etwas düsterer als diesmal, – kläglicher gewiß. Amadeus . Nein, nein, nie wieder! Jetzt, nach dem, was ich durchfühlt und durchlebt habe, steh' ich für mich ein! Cäcilie . Ich bin meiner nicht so sicher, Amadeus. Amadeus . Das schreckt mich nicht, Cäcilie. Denn jetzt bin ich bereit, den Kampf aufzunehmen, jetzt bin ich wert, ihn zu führen, und fähig, ihn zu bestehen. Jetzt bist du auch nicht mehr schutzlos, wie du es warst – meine Zärtlichkeit behütet dich. Cäcilie . Aber ich will nicht behütet sein. – Ich gebe dir das Recht nicht mehr dazu! Und so wenig, wie ich dein Versprechen annehme, so wenig kann ich dir eines geben. Amadeus . Und wenn ich selbst darauf verzichtete, wenn ich es auf alle Ungewißheit hin wagte? Cäcilie . Ich wage es nicht mit dir und nicht mit mir, auch nicht auf ein Gewisses hin. Wendet sich ab. Amadeus . So verstehe ich dich nicht mehr, Cäcilie. Was willst du uns . . . ja uns beide denn so bitter büßen lassen – unsere Schuld oder unser Glück? Cäcilie wieder zu ihm sich wendend. Büßen . . . ? Nicht das eine und nicht das andere. Was soll denn dieses Wort zwischen uns? Keiner von uns hat etwas begangen, wofür er Buße tun müßte, keiner hat das Recht, dem andern einen Vorwurf zu machen. Wir waren beide frei, und jeder hat seine Freiheit benützt, wie er wollte und konnte. Es ist wohl gekommen, wie es kommen mußte. Wir haben uns zu viel zugetraut . . . oder zu wenig. Wir waren weder geschaffen, uns ewig in Treue zu lieben, noch stark genug, um unsere Freundschaft rein zu erhalten. Andere fänden sich ab . . . ich kann es nicht – Und du darfst es nicht können, Amadeus. Unser Versuch ist mißglückt, nehmen wir die Enttäuschung hin. Das ist zu ertragen. Aber ich bin nicht neugierig zu wissen, wie es schmeckt, wenn Ekel das Ende ist. Amadeus . Das Ende? – . . . Cäcilie, es ist ja nicht möglich! Es kann ja nicht sein, daß wir uns wirklich verlassen sollen! wie Fremde voneinander gehn! Jetzt stehn wir einander Aug' in Aug' gegenüber, spüren jeder des andern Nähe, drum fühlst du nicht, was es bedeuten würde. Bedenke, was sich alles während einer solchen Trennung, während einer so langen, so pflichtlosen, in deinem und auch in meinem Leben ereignen könnte . . . Dinge, die du heute noch gar nicht ahnen kannst und die nie, nie wieder gutzumachen wären. Cäcilie . Schlimmere doch nicht, als schon geschehen sind? Darauf, ob man einander treu bleibt, was die Leute so nennen, kommt es wohl am allerwenigsten an. Aus allen möglichen Schicksalen können wir eher einmal zueinander zurück als aus dem Abenteuer dieser Nacht und aus dieser trügerischen Stunde. Amadeus . Zurück zueinander . . . ? Cäcilie . Gewiß ist es auch möglich, daß wir uns in ein paar Jahren nicht einmal mehr danach sehnen und daß dann alles zwischen uns so völlig aus ist, wie wir es uns jetzt nicht einmal vorstellen können. Es ist möglich, sage ich. Blieben wir aber jetzt zusammen, dann wäre es schon in dieser Sekunde aus. Denn dann wären wir um nichts besser als all die, die wir verachtet haben, – wir hätten es uns nur bequemer gemacht als die andern.   Zehnter Auftritt Die Vorigen – Albertus tritt ein. Albertus . Bitte um Entschuldigung, daß ich unangemeldet eintrete, aber – – Cäcilie geht nach hinten. Amadeus Albertus entgegen. Du hast den Fürsten nicht angetroffen – ich weiß – er war selbst hier. Albertus . Was hat das zu bedeuten? Amadeus . Daß es keinen Anlaß für mich gab, ihm ans Leben zu wollen. Albertus . So. – Nun, der Teufel soll mich holen, wenn ich nicht etwas Ähnliches vermutet habe! – Somit wäre also alles in diesem Hause wieder in schönster Ordnung? Amadeus . Ja, in schönster Ordnung. Wenn ich zurückkomme, ist Cäcilie in Berlin, und ich reise ihr nicht nach. Albertus . Wie? ihr laßt euch also scheiden? Cäcilie näher kommend. Wir lassen uns nicht scheiden, lieber Albertus. Wir scheiden. Albertus . Wie? . . . Sieht beide an. Pause. Das gefällt mir eigentlich. Ja. Ihr zwei, ihr seid feine Menschen – besonders Sie, Cäcilie – euch bleibt jetzt wohl nichts andres übrig.   Elfter Auftritt Die Vorigen – Peterl herein, Figuren in der Hand. Peterl . Papa, Mama, ich kann schon so schön Theater spielen! Wollt ihr mir nicht zuschaun? Kommt doch! Cäcilie streicht ihm über die Haare. Amadeus steht ferner. Albertus . Nun, da hast du dein geliebtes Leben! Jetzt wäre doch der Augenblick, in dem ihr euch mit absoluter Sicherheit in die Arme stürztet, wenn ihr das Glück hättet, erfunden zu sein . . . allerdings von einem andern als von mir. Cäcilie . Dazu ist uns der Bub' doch beiden zu wert . . . nicht wahr, Amadeus? Amadeus Blick auf Peterl; ausbrechend. Mit einem Mal wieder allein in der Welt stehen – es ist doch kaum auszudenken! Cäcilie . Irgendwo in der Welt sind doch auch wir: dein Kind und die Mutter deines Kindes. Als Feinde gehen wir ja nicht voneinander . . . Lächelnd. Auch dein Solo hier zu singen, bin ich gerne bereit; – studieren werd' ich es freilich allein. Amadeus . Es ist nicht zu ertragen. – Cäcilie . Es wird zu ertragen sein. Wir haben zu arbeiten – beide. Albertus . Ja. Und was so ein ordentlicher Schmerz aus dir machen wird, das ist gar nicht abzusehen. Dergleichen hat dir bisher gefehlt. Ich verspreche mir was für dich. In gewissem Sinn könnte ich dich beinah beneiden. Peterl . Also was ist denn? . . . Schau', Mama, wie sie zappeln! Das ist der König, und das ist der Teufel. Albertus . Na, Bub', komm, du sollst mir dein Stück vorspielen. Aber ich bestehe darauf, daß der Held zum Schluß entweder Hochzeit macht oder vom Teufel geholt wird; da kann man doch beruhigt nach Hause gehen, wenn der Vorhang gefallen ist. Ab mit Peterl.   Zwölfter Auftritt Amadeus , Cäcilie . Cäcilie will folgen nach einem Blick auf Amadeus. Amadeus . Cäcilie! Cäcilie wendet sich um. Amadeus sehr heftig. Cäcilie, warum hast du mich nicht von deiner Türe fortgewiesen, wenn du wußtest – Cäcilie . Wußt' ich denn . . . ? Ich habe dich geliebt, Amadeus. Und vielleicht wollt' ich nichts andres, als daß das Ende, das nun einmal unausbleiblich war, unserer Liebe würdig wäre, – daß wir mit einer letzten Seligkeit und in Schmerzen voneinander gehen. Amadeus . Schmerzen . . . Empfindest du wirklich auch dergleichen? Cäcilie wieder nah zu ihm; ganz mild. Amadeus, willst du mich denn nicht verstehen? Mir ist geradeso weh als dir. Aber eins fühle ich eben stärker als du, und das ist gut für uns beide: Wir sind einander so viel gewesen, Amadeus, daß wir uns die Erinnerung daran rein erhalten müssen. Wenn das ein Abenteuer war, so sind wir auch unser vergangenes Glück nicht wert; – war es ein Abschied, so sind wir vielleicht doch zu einem künftigen bestimmt . . . vielleicht – sie geht dem Garten zu. Amadeus . Und das ist nun der Lohn dafür, daß wir gegeneinander immer wahr gewesen sind! Cäcilie sich nach ihm umwendend. Wahr? . . . Sind wir's denn immer gewesen? Amadeus . Cäcilie! Cäcilie . Nein, ich glaub' es nicht mehr. Wenn alles andere wahr gewesen ist, – daß wir beide uns so schnell darein gefunden in jener Stunde, da du mir deine Leidenschaft für die Gräfin und ich dir meine Neigung für Sigismund gestand – das ist nicht Wahrheit gewesen. Hätten wir einander damals unsern Zorn, unsere Erbitterung, unsere Verzweiflung ins Gesicht geschrien, statt die Gefaßten und Überlegenen zu spielen, dann wären wir wahr gewesen, Amadeus, – und wir waren es nicht. Sie geht über die Terrasse ab und verschwindet im Garten. Amadeus vor sich hin. Gut denn – wir waren es nicht. Nach einer Pause. Und wenn wir's gewesen wären?! Er scheint eine Weile zu überlegen, dann geht er zu seinem Schreibtisch und packt rasch die Manuskripte, die dort liegen, in die kleine Handtasche. Dann wirft er einen Blick in den Garten; dann geht er in sein Zimmer und kommt gleich mit Hut und Überrock zurück. Er öffnet die Handtasche wieder, nimmt ein Manuskript hervor, legt es aufs Klavier. Dann gebt er rasch mit Hut, Rock und Handtasche ab. – Kurze Pause.   Dreizehnter Auftritt Cäcilie kommt herein. Später Albertus und Peterl . Cäcilie merkt, daß die Handtasche nicht mehr da ist. Sie geht rasch in das Zimmer des Amadeus, kommt wieder zurück. Sie geht bis zur Eingangstür rechts, dort bleibt sie stehen, breitet die Arme aus und läßt sie wieder sinken. Dann geht sie zum Klavier und sieht das Manuskript dort liegen. Sie nimmt es in die Hand, betrachtet es, und sinkt langsam auf den Sessel. Albertus und Peterl erscheinen auf der Veranda. Peterl von draußen. Mutter! Cäcilie hört nicht darauf. Albertus sieht, daß Cäcilie allein und in ihren Schmerz versunken ist. Er geht mit Peterl wieder in den Garten. Cäcilie weint leise und läßt den Kopf aufs Klavier sinken. Vorhang.