Walter Scott Guy Mannering – der Roman eines Sterndeuters Zweiter Band. Erstes Kapitel. Niemand zeigte sich so eifrig, den Unbekannten zu entdecken, durch den Charles Hazlewood überfallen und verwundet worden war, als der einstige Schreiber und jetzige Laird von Ellangowan, Gilbert Glossin, zugleich auch wohlbestallter Friedensrichter und als solcher ohne Widerrede auch völlig befugt dazu. Er hatte der Gründe mancherlei, die ihn dazu trieben; nach allem aber, wie wir ihn bisher kennen gelernt haben, wird wohl die Liebe zur Gerechtigkeit nicht der Beweggrund dazu gewesen sein. Glossin sah sich in seinen Erwartungen trotz allem schließlich bitter getäuscht; und wenngleich er durch seine Ränke in den Besitz der Gutsherrschaft seines alten Wohltäters gekommen war, so hatte sich doch nicht alles nach seinem Wunsche gestaltet, und es war ihm durchaus nicht leicht und behaglich zu mute. Saß er zu Hause mit sich allein, wo so manches ihn an die alten Zeiten gemahnte, so stiegen allerhand Gedanken in ihm auf, doch nicht immer solche froher Natur, und nicht immer meinte er sich zu der ihm gelungenen List gratulieren zu dürfen; denn wenn er die Blicke um sich her schweifen ließ, so nahm er nicht ohne lebhaften Verdruß wahr, daß ihm die Landedelleute aus dem Wege gingen; und nachdem ihm Ellangowan gerichtlich zugesprochen worden war, meinte er doch, sich zu ihnen rechnen zu dürfen; aber er merkte, daß sie ihn aus ihrer gesellschaftlichen Sphäre ausgeschlossen, daß er in der Oeffentlichkeit gemieden, ja bei fast allen Gelegenheiten mit Kälte und Verachtung behandelt wurde. Grundsätze und Vorurteile waren die Faktoren, die solche Abneigung weckten, denn die Landedelleute sahen ihn über die Achsel an, weil sie ihn nicht für ebenbürtig hielten, und haßten ihn, weil sie die Mittel verabscheuten, durch die er sich sein Vermögen verschafft hatte. Weit schlimmer jedoch stand es mit seinem Ansehen noch bei den unteren Volksklassen, die ihn weder nach seiner Herrschaft Ellangowan nennen, noch ihm auch nur den »Herrn« vor seinem Namen vergönnen wollten; bei ihnen war er »der Glossin« und nichts mehr; aber in seinem eitlen Sinne lag ihm an dieser Kleinigkeit so außerordentlich viel, daß er einmal einem Bettler, der ihn dreimal als den gnädigen Laird von Ellangowan um ein Almosen angebettelt hatte, eine halbe Krone gab. Diese Verweigerung aller öffentlichen Achtung ging ihm um so tiefer zu Herzen, als er doch immer vor Augen hatte, wie beliebt Mac Morlan, der doch bei weitem nicht so gut dastand wie er, bei arm und reich war und, wenn auch langsam, doch sicher in seinen Vermögensverhältnissen ebenso vorwärts kam, wie in seinem bürgerlichen Ansehen. Aber so sehr er sich über diese Vorurteile von Landjunkern, wie er sich ausdrückte, ärgerte, so war er doch klug genug, keine Klage darüber laut werden zu lassen. Die Zeit, dachte er, schwächt den Wert von Wundern ab und deckt über Vergehen den Mantel des Vergessens. Gewandt, wie jemand sein muß, der sein Glück durch die Erkenntnis der menschlichen Schwächen gemacht hat, nahm er sich vor, jede Gelegenheit zu ergreifen, sich sogar denjenigen nützlich zu machen, die ihn am wenigsten leiden konnten. Er rechnete auf seine Geschicklichkeit, auf die Streitsucht der Landedelleute, denen der Rat eines im Rechtswesen erfahrenen Mannes oft unschätzbar sein mußte, und auf tausend andere Umstände, die er mit Geduld und Klugheit zu seinem Vorteile benutzen zu können hoffte, und so glaubte er, daß es ihm auf diesem Wege mit der Zeit gelingen werde, seinen Nachbarn in einem günstigern Lichte zu erscheinen. Der Angriff auf Mannerings Wohnung und der Unfall des jungen Hazlewood schienen ihm eine gute Gelegenheit darzubieten, der ganzen Gegend zu beweisen, welche wichtigen Dienste ein tätiger Beamter leisten könne, der mit dem Gesetze ebenso wohlbekannt sei, als mit den Gängen und Gewohnheiten der Schleichhändler. Seine Kenntnisse in letzter Hinsicht hatte er sich früher durch heimlichen Verkehr mit verschiedenen Genossen derselben und zwar solcher der schlimmsten Art erworben, bald indem er sich an ihren Unternehmungen direkt beteiligte, bald indem er ihnen zu solchen geraten oder auch allerhand Umstände dabei verraten hatte. Da er aber diesen Umgang seit Jahren aufgegeben hatte, und solche Menschen ihr gefährliches Gewerbe bekanntlich selten lange treiben können oder in der Regel von einem Orte zum andern gejagt werden, so machte er sich keinerlei Sorge, durch seine Nachforschungen etwa alte gute Freunde, die mit ihm noch ein Hühnchen zu rupfen haben möchten, in Verlegenheit oder Unruhe zu setzen. Daß er mit solchen Subjekten und Schlichen in Beziehung gestanden, durfte ihn nach seiner Meinung nicht abhalten, seine Erfahrungen zum Nutzen des Gemeinwesens, wohl auch im eignen Interesse auszunützen. Daran hingegen, Mannerings Achtung und Gunst zu erwerben, mußte ihm vor allem liegen, noch wichtiger für ihn war es aber, in gute Beziehungen zum alten Hazlewood zu treten, der über großen Anhang in der Grafschaft verfügte; wenn es ihm nun gelang, die Schuldigen zu entdecken und dem Gerichte zur Bestrafung zu überliefern, so stand es außer Zweifel, daß ihm Mannering und Hazlewood näher treten müßten, und außerdem winkte ihm noch die Freude, Mac Morlan zu demütigen und zu übertrumpfen, denn diesem als Unter-Sheriff lag es noch mehr ob als ihm, in solcher Sache sich zu bemühen. Glossin scheute keine Mühe, Mitglieder der Bande, die Woodbourne überfallen hatte, besonders aber dasjenige Subjekt ausfindig zu machen, von welchem Hazlewood verwundet worden war. Er setzte Prämien aus, gab Mittel und Wege bekannt, wie es seiner Meinung nach gelingen müsse, das Versteck der Uebeltäter zu ermitteln, und benutzte allen Einfluß auf alte Bekannte aus der Zeit seines Verkehrs mit den Schleichhändlern, ihnen klar zu machen, daß sie klüger täten, ein paar Leute, an denen nichts gelegen sei und die ihnen nichts mehr schaden oder nützen könnten, zu opfern, statt sich dem häßlichen Verdacht einer Mitschuld an solch empörender Missetat auszusetzen. Zunächst blieben all seine Bemühungen fruchtlos. Das niedere Volk war mit dem Schleichhandel zu eng verwachsen, daß sich jemand darunter hätte finden sollen, der als Zeuge vor Gericht in einer Sache hätte auftreten mögen, die alle Schmuggler auf die Beine bringen und ihm auf den Hals hetzen mußte. Nach einiger Zeit aber bekam Glossin, der die Hände nicht mehr ruhen ließ, Wind davon, daß ein Mann, auf den das Signalement von Hazlewoods Feinde ziemlich genau paßte, am Abend vor dem Ueberfall im Wirtshause zu Sippletringan aufhältlich gewesen sei. Glossin begab sich auf der Stelle dorthin. Frau Mac Candlish mochte, wie sich der Leser erinnern dürfte, von Glossin nicht viel wissen. Sie sagte ihm kaum guten Tag und ließ sich lange bitten und nötigen, bis sie sich dazu verstand, mit ihm in ihre Wohnstube zu gehen. »Recht hübsch frisch heute früh, liebe Frau Candlish, aber herrliches Wetter,« begann Glossin die Unterhaltung. »O ja, solchen Morgen kann man sich schon gefallen lassen,« »Sagen Sie mal, liebe Frau Mac Candlish,« fragte er nun, »kommen die Herren Friedensrichter noch immer nach der Dienstagssitzung zu Ihnen zu Tisch?« »O freilich, – warum sollten sie nicht? Sie werden wohl kommen wie immer,« versetzte die Wirtin trocken und schickte sich an, die Stube zu verlassen. »Haben Sie es doch nicht so eilig, liebe Frau! Sie sind doch gewiß nicht böse, eine nette Tischgesellschaft einmal in jedem Monat bei sich zu sehen?« »Sicher nicht, Herr Glossin, wenn es Herren sind, die sich sehen lassen dürfen –« »Na, das sollt ich meinen, Gutsbesitzer und Leute, die in der Grafschaft eine Rolle spielen, meine ich; ich möchte solchen Mittagsklub einrichten.« Frau Mac Candlish antwortete hierauf mit einem Husten, den man nicht gerade als Zeichen der Ablehnung aufzufassen brauchte, aus dem aber gewiß Zweifel herausklangen, ob zu so etwas ein Mann wie Glossin der rechte sei. Glossin fühlte das recht gut heraus, aber Empfindlichkeit hierüber merken zu lassen, war jetzt nicht an der Zeit ... »Der Verkehr auf der Landstraße läßt wohl noch immer nichts zu wünschen?« fuhr er fort; – »wohl auch heute viel Gesellschaft da?« »O ja! die Gäste werden auf mich warten!« »Nur ein Paar Sekunden noch, liebe Frau! Ein alter Kunde wie ich darf darum wohl bitten ... Hat nicht in der letzten Woche ein großer junger Mensch bei Ihnen logiert – oder genächtigt?« »Das kann ich wirklich nicht sagen. Ich sehe mir meine Gäste nicht darauf an, ob sie lang oder kurz sind, sondern ob sie lange oder kurze Rechnungen machen.« »Und wenn die Gäste für lange Rechnungen nicht sorgen, Frau Mac Candlish, dann tun Sie es – wie? – he! – – – Aber der junge Mensch, den ich meine, hat einen dunklen Rock mit blanken Knöpfen angehabt, hat hellbraunes Haar, blaue Augen und eine gerade Nase gehabt und ist zu Fuß gereist ohne Diener, ohne Gepäck. Auf solchen Gast müßten Sie sich doch besinnen können!« »So etwas, Herr Glossin, kann man in einem Hause wie hier wirklich nicht im Kopfe behalten. Da gibt's doch mehr zu tun, als das, sich um Haar und Nase von Gästen zu bekümmern.« »Nun, dann muß ich eben mit der Sprache herausrücken, Frau Mac Candlish! Dieser junge Mensch steht im Verdacht, sich eines Verbrechens schuldig gemacht zu haben – und ich als Friedensrichter muß solche Auskunft von Ihnen verlangen, und weigern Sie sie mir, dann kommt es zum Eide.« »Aber ich darf, nicht schwören, Herr Glossin! Sie wissen doch, daß mein Mann – Gott habe ihn selig! sich zu dem presbyterianischen Glauben bekannte, und daß ich als seine Witwe mich zu einem andern Glauben nie bekennen darf und werde; wenn ich schwören soll, so muß ich mich erst bei unserm Geistlichen befragen, zumal es sich um ein so unschuldiges Menschenkind handelt, das so fremd und mutterseelenallein durch die Grafschaft pilgerte.« »Nun, vielleicht kommen wir um Ihre Bedenklichkeiten herum, ohne den ehrwürdigen Pfarrer zu behelligen, wenn ich Ihnen sage, daß der Fremde, den wir suchen, kein anderer ist als der, der auf unsern jungen Hazlewood geschossen hat.« »Heiliger Gott! Wer hätte so etwas von ihm gedacht! – Nein, hätte es sich um Geldschulden gehandelt, oder wären Differenzen mit Zöllnern im Spiele gewesen, so hätte mir nichts die Zunge lösen sollen; hat er aber wirklich den jungen Hazlewood angeschossen, – aber nein! von einem so gutmütigen Menschen, Herr Glossin, läßt sich das gar nicht annehmen – es handelt sich doch sicher bloß um irgend einen Kniff von Ihnen – Sie suchen nach irgend einer Handhabe, ihn ins Gefängnis zu bringen!« »Sie haben, sehe ich, kein Vertrauen zu mir, Frau Mac Candlish. Wenn Sie aber diese Zeugenaussagen hier lesen möchten, wird es Ihnen nicht schwer fallen, Klarheit zu gewinnen, ob das Signalement des Verbrechers auf Ihren Gast paßt oder nicht.« Die Wirtin las das Dokument, das ihr Glossin gab, aufmerksam, nahm auch einige Male die Brille ab, um einen Blick zum Himmel empor oder eine Träne aus dem Auge zu wischen, denn der junge Hazlewood hatte einen großen Stein bei ihr im Brett. »Ja freilich,« sagte sie dann, als sie mit Lesen fertig war, »wenn die Dinge so stehen, dann habe ich wahrlich keine Ursache mehr, dem Menschen das Wort zu reden. Guter Gott! können wir arme Menschen uns irren! Aber,« setzte sie nach längerer Pause hinzu, »sagen muß ich doch, daß ich nie im Leben ein Gesicht vor Augen gehabt habe, das mir besser gefallen hätte, und auch keins, das einen rechtschaffnern, ehrlichern Eindruck gemacht hätte. Ich bin der Meinung gewesen, es sei ein gar vornehmer Herr, der nur augenblicklich in Verlegenheit wäre. Aber wenn es sich so verhält, mag ich nichts mehr von ihm wissen. Dem armen Hazlewood eine Kugel in den Leib zu jagen, obendrein angesichts der beiden jungen Fräulein! Ach Gott, die armen Kinder! Muß das ein Schreck für sie gewesen sein! – Nein nein! von solchem Menschen mag ich nichts mehr wissen – absolut nichts mehr!« »Sie räumen also ein, daß ein solcher Mensch in ihrem Gasthause logiert hat, und zwar in der Nacht vor der Missetat?« »Gewiß! das ist richtig; und allen meinen Leuten hatte er's angetan mit seinem offenen Gesicht und ehrlichen Wesen. Verzehrt hat er freilich nicht viel, auch habe ich ihn zu einem Glas Tee eingeladen, das ich aber nicht mit auf die Rechnung gesetzt habe. Abendbrot hat er gar nicht gegessen, er wäre zu müde, sagte er, weil er die ganze vorige Nacht unterwegs gewesen. Weither schien er allerdings zu kommen.« »Haben Sie vielleicht gehört, wie er heißt?« fiel ihr Glossin ins Wort. »Gewiß – gewiß,« erwiderte die Wirtin, der nun auf einmal die Zunge gelöst war – »er sagte, es könnte passieren, daß eine alte Frau, die wie eine Zigeunerin aussähe, nach ihm fragte. – Ja, ja, wie es im Sprichworte heißt: sage mir, mit wem Du umgehst, und ich will Dir sagen, wer Du bist! Nein, solch abscheulicher Mensch! Und dabei hat er, als er früh am Tage aufbrach, seine Rechnung auf Heller und Pfennig bezahlt, auch der Hausmagd ein Trinkgeld gegeben!« Glossin wurde ungeduldig und suchte die redselige Frau auf die Hauptsache zu bringen; sie aber schwatzte weiter . , . »Jawohl, er sagte, wenn solch alte Frau nach einem gewissen Brown fragen sollte, dann möchte ich nur sagen, er sei zum Creeran-See gegangen, um sich die Schlittschuhläufer anzusehen, und gegen Mittag würde er wieder da sein; aber zurückgekommen ist er nicht. Ich hatte ein junges Huhn und Schellfisch für ihn hergerichtet, was sonst nicht alle Tage bei mir vorkommt. Aber wer kann denn ahnen, was solcher Mensch im Schilde führt! Du mein Gott! auf solchen netten Menschen wie den jungen Hazlewood zu schießen!« Glossin ließ der Frau reichlich Zeit, sich von ihrer Ueberraschung zu erholen und ihren Groll zu besänftigen, ehe er die weitere Frage stellte, »ob der unter solchem Verdacht stehende Fremde etwa Sachen oder Papiere bei ihr zurückgelassen habe.« »Ach richtig, ein Päckchen, aber ein ganz kleines, hat er mir in Verwahrung gegeben; auch ein bißchen Geld; zu ein Paar Hemden nämlich, die ich ihm machen lassen sollte.« Glossin verlangte das Päckchen zu sehen; aber die Wirtin zog das Gesicht in Falten; der Gerechtigkeit, meinte sie, müsse freilich ihr Lauf gelassen werden; für Sachen aber, die ihr anvertraut worden, behielte sie die Verantwortung – sie wollte aber den Armenpfleger Bearcliffe holen lassen, und wenn Glossin ein Verzeichnis von den Sachen aufsetzen, oder, was ihr noch lieber wäre, alles versiegeln und in Bearcliffes Verwahrung lassen wollte, so wüßte sie nicht, ob sie sich dann noch Gedanken zu machen brauchte. Glossin sah ein, daß er auf andere Weise bei der starrsinnigen Frau nicht zum Ziele kommen werde, und ließ den Pfleger holen. Bearcliffe kam auch so flink, daß er sich gar nicht Zeit gelassen hatte, die kleine Perücke gerade zu rücken, die er gegen seine Ladenmütze vertauscht hatte. Frau Mac Candlish brachte nun das Päckchen zur Stelle, das Brown ihr in Verwahrsam gegeben hatte. Der Beutel, den die Zigeunerin Brown gegeben, befand sich darin, und als die Wirtin sah, welch wertvollen Inhalt das Päckchen barg, war sie doppelt froh über ihre Vorsicht; Glossin aber kam nun, den uneigennützigen, ehrlichen Mäkler spielend, selbst mit dem Rate, von allen Habseligkeiten des verdächtigen Menschen ein genaues Verzeichnis aufzunehmen und sie dann dem Pfleger in Gewahrsam zu geben, bis die höhere Behörde sie ihm abverlangen werde. Er selbst, bemerkte er, fühle nicht das mindeste Verlangen, für Dinge Verantwortlichkeit zu übernehmen, die scheinbar einen hohen Wert hätten, und die womöglich auf keine ehrliche Weise an sich gebracht seien. Glossin untersuchte das Papier, in das der Beutel gewickelt gewesen, und fand den Namen »V. Brown« darauf vermerkt. Alles andere war weggerissen. So eifrig die junge Wirtin vorher gewesen war, dem jungen Menschen einen Rückhalt zu lassen, so begierig war sie jetzt, seine Flucht aufzuhalten, denn der Inhalt des Beutels weckte auch bei ihr Argwohn; ja, sie hielt mit der Meinung nicht hinter dem Berge, ihre Knechte müßten den Fremden an dem Tage, an welchem der junge Hazlewood verwundet worden, auf dem Eise gesehen haben. Nun wurde zuerst unser alter Bekannter, der Fuhrknecht John, hereingerufen. Er bekannte, ohne Vorbehalt, an dem betreffenden Morgen einen Fremden, der abends vorher im Wirtshause eingekehrt war, auf dem Eise gesehen, auch mit ihm gesprochen zu haben. »Und um was hat sich euer Gespräch gedreht?« fragte Glossin. »Gedreht?« wiederholte der Knecht – »gedreht haben wir uns überhaupt nicht, sondern sind immer geradeaus gegangen.« »Schön! aber worüber habt ihr gesprochen?« »Er hat gefragt, wie jeder Fremde fragt,« gab der Fuhrknecht zur Antwort, in den der verstockte Sinn gefahren zu sein schien, der vordem die Wirtin beherrscht hatte. »Was denn?« fuhr ihn Glossin ungeduldig an, »Na, nach den Leuten hat er gefragt, die auf dem Eise liefen, und nach dem Spiel hat er gefragt, und nach den Frauenzimmern hat er gefragt.« »Nach was für Frauenzimmern?« »Nun, nach Fräulein Julie Mannering und Fräulein Lucy Bertram, die Sie ja auch kennen, Herr Glossin. Die beiden Damen liefen mit dem jungen Laird von Hazlewood Schlittschuh.« »Und was hast Du ihm für Bescheid gegeben?« »Daß Fräulein Lucy eigentlich schwer reich sein müßte, wenn alles gut gegangen wäre, denn das Gut wäre ihr Erbteil gewesen, und daß Fräulein Julie den jungen Laird heiraten sollte. Sie hing gerade an seinem Arm, als ich ihm das sagte – und –« »Und –? na – und was hat er darauf gesagt?« »Er hat die beiden Mädel scharf gemustert und mich dann gefragt, ob es auch gewiß sei, daß Fräulein Mannering den Laird heirate. Ich habe ihm gesagt, es sei eine ausgemachte Sache, wüßte ich es doch von meiner Muhme, der Jenny Claverse – die kennen Sie doch auch, Herr Glossin, denn sie ist ja mit Ihnen gleichfalls verwandt – und die hat's von der Haushälterin in Woodbourne, die eine gute Bekannte von ihr ist.« »Was hat der Fremde weiter gesagt, als Sie ihm das sagten?« »Gar nichts hat er gesagt; bloß als die Frauenzimmer um den See gingen, hat er sie wieder angestiert, als ob er sie hätte fressen wollen. Dann ist er vom Eise weg, über den Kirchweg durchs Gehölz von Woodbourne gegangen, und wir haben nichts mehr von ihm gesehen.« »Der muß ja ein steinhartes Herz haben!« rief die Wirtin, »den armen jungen Menschen vor den Augen der Braut anzuschießen!« »O, dergleichen Fälle kennt die Justiz mehr,« antwortete Glossin; »jedenfalls hat er sich für seine Rache die Stelle gesucht, wo sie am sichersten traf!« »Gott helf uns!« rief der Armenpfleger, »was sind wir doch für schwache Geschöpfe, wenn wir uns selbst überlassen sind! Wie kann ein Mensch vergessen, was in der Schrift steht: Mein ist die Rache, spricht der Herr, ich will vergelten.« »Aber, ihr Herren,« meinte John, in seiner hartköpfigen Pfiffigkeit sichtlich bemüht, das Wild aufzutreiben, während die andern bloß auf den Busch klopften – »Sie dürften sich am Ende doch irren! Mir wenigstens will es nicht in den Kopf, daß jemand seinen Mitmenschen mit dessen eigenem Gewehre erschießt, wenn er's ihm erst dazu aus der Hand reißen muß. Ich bin nur ein schwacher Kerl, aber mir sollte der stärkste Mann in Schottland meine Flinte nicht aus der Hand reißen, ehe ich ihm nicht eine Kugel daraus durch die Rippen gejagt hätte.« John ging, denn er wußte weiter nichts auszusagen. Die Aussage, die der Hausknecht machte, stimmte mit der von John gemachten so ziemlich überein. Glossin fragte, ob Brown an dem unglücklichen Morgen Waffen bei sich gehabt hätte; aber keiner von beiden Zeugen hatte außer dem kurzen Säbel, den der Fremde an der Seite gehabt, eine Waffe bei ihm gesehen. »Ich muß Ihnen sagen, mein lieber Glossin,« nahm der Krämer und Pfleger das Wort und vergaß im Eifer, daß er einen Friedensrichter – noch dazu einen, der eben erst dazu ernannt wurden, – vor sich hatte, und faßte Glossin vertraulich am Rockknopfe: »Mir kommt die Geschichte immer wunderlicher vor! Wie kann einer mit solchem Käsemesser darauf ausgehen sollen, sich an jemand zu vergreifen?« Glossin machte seinen Rockknopf von der Hand des Krämers frei und ließ, aber nicht unfreundlich, – denn es mußte ihm jetzt daran liegen, überall von sich die beste Meinung zu wecken – das Thema fallen, erkundigte sich nach dem Preise von Tee und Zucker und ließ ein Wort darüber fallen, daß er nicht abgeneigt sei, bei Bearcliffe seinen nächsten Jahresbedarf zu decken. Zunächst bestellte er bei Frau Candlish ein gutes Essen für eine Gesellschaft von fünf Personen, und drückte John, der ihm statt des Hausknechtes das Pferd hielt, eine halbe Krone in die Hand. »Das muß wahr sein,« meinte der Krämer zu Frau Mac Candlish, als sie ihm einen Bittern eingoß; »der Teufel ist so böse nicht, wie man ihn macht. Es verdient immer Anerkennung, wenn sich jemand mit öffentlichen Dingen so eifrig befaßt wie Herr Glossin.« »Das stimmt, Herr Bearcliffe, das stimmt,« Pflichtete die Wirtin bei, »und doch kommt's mir sonderbar vor, daß unsere Lairds solchem Manne ihre Angelegenheiten anvertrauen. Aber freilich, so lange das liebe Geld eben rund bleibt und rollt, so lange darf man es nicht so genau damit nehmen, was für ein Königskopf darauf geprägt ist.« »Mir scheint, als ob Glossin nicht viel Ehre aus der Sache ernten wird,« meinte John, am Schenktische vorübergehend, »aber das tut der halben Krone keinen Abbruch, die er mir gegeben.« Zweites Kapitel. Glossin ritt langsam heim nach Ellangowan. Viel Licht hatten ihm seine Erkundigungen ja noch nicht gebracht, aber je mehr er über den Fall nachdachte, desto fester wurde seine Meinung, daß sich ihm eine gute Gelegenheit bot, sich bei Hazlewood und Mannering in ein gutes Licht zu setzen, falls es ihm glückte, Licht in die geheimnisvolle Affäre zu bringen. Vielleicht meinte er auch, sich schon deshalb nach Kräften bemühen zu müssen, weil andernfalls sein Renommee als kluger Kopf auf dem Spiele stünde. Seine Freude war begreiflicherweise nicht gering, als ihm bei der Heimkehr nach Kippletringan berichtet wurde, dem Gendarmen Mac Guffog sei ein guter Fang geglückt, und er warte in der Küche auf ihn. Glossin war im Nu vom Pferde und ließ seinen Schreiber rufen. »Nun, Mac Guffog,« fragte er, als er sich mit dem Schreiber am Tisch postiert hatte. »Wo habt Ihr Euren Gefangenen erwischt?« Mac Guffog, ein stämmiger, krummbeiniger Gesell mit dickem Stiernacken, hochrotem Vollmondgesicht und Schielaugen, machte zuerst eine Reihe von plumpen Verbeugungen und tischte dann seine Sache auf ... »Ich bin in das Haus gegangen, das Euer Edlen mir nannten,« sagte er, »und worin die Frau wohnt, die Euer Edlen kennen. Was ich Gutes brächte, fragte sie; ich käme doch von Ellangowan? – Ja, sagte ich, den Herrn von Ellangowan kennen Sie doch von früher?« »Was soll das?« fiel ihm Glossin ins Wort. »Zur Sache.« »Ja doch,« sagte Mac Guffog störrisch – »als wir bei einem Gläschen saßen, da – nun, da kam er herein.« »Wer?« fragte Glossin. »Na, der,« versetzte Mac Guffog und zeigte auf die Küche; »er hatte sich in den Mantel gehüllt, und ich sah recht gut, daß er Waffen bei sich trug. Da dachte ich, es wäre doch am besten, ihn recht sicher zu machen, und fing so vertraulich zu schwatzen an, daß er schier meinte, ich sei einer von der Insel Man. Nun setzte ich mich zwischen ihn und sie, daß sie ihm keinen Wink geben sollte. Als wir im besten Trinken waren, wettete ich mit ihm, auf einen Zug, ohne abzusetzen, ein Quart Schnaps auszutrinken. Er ging darauf ein, und als er eben angesetzt hatte, sprangen John und Richard auf ihn zu und legten ihm die Ketten an; er aber blieb ruhig wie ein Lamm. Jetzt hat er ausgeschlafen und ist frisch wie ein Maikäfer,« »Waffen hatte er bei sich?« fragte Glossin wieder. »Solche Kerle sind nie ohne Dolch und Genickfänger.« Mac Guffog wurde verabschiedet. Gleich darauf hörte man Kettengerassel auf der Treppe, und ein dicker, rüstiger Mann wurde hereingeführt, dessen graues Haar schon ein ziemlich hohes Alter verriet; er war nicht groß von Figur, und doch möchten nur wenige Luft gehabt haben, sich in einen Kampf mit ihm einzulassen. Sein Gesicht verriet noch die Spuren des Rausches, der seine Verhaftung erleichtert hatte, aber der kurze Schlaf und noch mehr die Erkenntnis seiner gefährlichen Lage hatten ihn wieder zu voller Besinnung gebracht. Der Friedensrichter und der Gefangene sahen einander lange an, ohne ein Wort zu wechseln. Glossin schien in dem Manne einen frühern Bekannten gefunden zu haben und war sichtlich verlegen, wie er sich ihm gegenüber verhalten, und wie er das Verhör beginnen sollte, Endlich fragte er: »Seid Ihr es wirklich, Kapitän? Ihr habt Euch seit ein paar Jahren recht fremd hier gemacht!« »Ich fremd?« erwiderte der andere; »mehr als fremd, dächte ich – denn der Teufel soll mich scheren, wenn ich je hier gewesen bin.« »Damit werdet Ihr schwerlich durchkommen, Kapitän!« »Werd' schon damit durchkommen müssen, Herr Friedensrichter, oder – der Teufel schert uns beide,« versetzte der andere tückisch. »Und wie beliebt's Euch jetzt genannt zu werden?« fuhr Glossin fort. »Oder soll ich Leute zitieren, die Eurem Gedächtnis ein bißchen aushelfen?« »Wer ich bin? – Mord und Brand! Jans Janson von Cuxhaven bin ich – wer denn sonst?« Glossin langte aus einer Schublade ein Paar Taschenpistolen, die er mit großer Sorgfalt lud .. »Ihr könnt einstweilen mit den Leuten abtreten,« sagte er zu dem Schreiber, »bis ich Euch rufe. Aber im Vorsaal geblieben, verstanden?« Dem Schreiber wollte es gar nicht gefallen, daß sein Herr mit dem Gefangenen allein blieb; aber Glossin winkte ungeduldig, und so mußte er gehen. Glossin ging ein paarmal auf und nieder, setzte sich dann dem Gefangenen so gegenüber, daß er ihm ins Gesicht sehen konnte, legte die Pistolen bereit und sagte mit fester Stimme: »Ihr seid Dirk Hatteraick – he? – Hatteraick von Flushing?« Der Gefangene blickte unwillkürlich nach der Tür, als ob er dort einen Horcher fürchtete. Glossin erhob sich, trat zur Tür, machte sie so weit auf, daß der Gefangene von seinem Stuhl aus sehen konnte, daß niemand dort war, setzte sich dann wieder ihm gegenüber, und wiederholte seine Frage: »Ihr seid Dirk Hatteraick?« mit dem Zusätze: »früher Kapitän der Jungfer Haagenslaapen, – he?« »Alle Schock Teufel, wenn Ihr's wißt, warum fragt Ihr?« »Weil ich mich wundere, Euch da zu sehen, wo Ihr zu allerletzt sein solltet, wenn Euch an Eurem Leben gelegen ist.« »Alle Schock Teufel! wer solche Reden zu mir führt, dem liegt ein Quark am eigenen Leben.« »Wie? ohne Waffen und in Ketten? aber poltern hilft hier nicht, Kapitän,« versetzte Glossin, »man wird Euch schwerlich hier weglassen, bevor Ihr nicht Rede und Antwort gestanden über einen kleinen Vorfall, der sich vor geraumer Zeit bei der Warrocher Landspitze abgespielt hat.« Hatteraicks Augen schossen grelle Blitze. »Ich für meine Person,« fuhr Glossin fort, »habe gar keine Veranlassung, mit einem alten Bekannten hart ins Gericht zu gehen. Aber meine Pflicht als Beamter muß ich tun, und werde nicht umhin können, Euch noch heute mit Post nach Edinburgh zu schaffen.« »Alle Schock Teufel!« rief Hatteraick, doch mit einer festen Stimme, die um vieles milder klang als vordem – »das werdet Ihr bleiben lassen – wie? Habt Ihr nicht den Wert der halben Ladung bekommen in Wechseln auf Vanbeest und Vanbrüggen?« »Die Geschichte ist schon lange her, Kapitän, daß ich wirklich nicht mehr weiß, was ich für meine Mühe erhalten habe.« »Für Eure Mühe?« wiederholte Hatteraick – »dafür, daß Ihr das Maul gehalten habt, wollt Ihr sagen!« »Es war ein Geschäft,« erwiderte Glossin – »und von Geschäften habe ich mich seit einiger Zeit zurückgezogen.« »So? daß ich Euch aber wieder ins Geschäft bringen könnte, wißt Ihr nicht – he? wollt ich Euch doch, alle Schock Teufel! eben aufsuchen, um Euch etwas zu sagen, das Euch verteufelt nahe angeht.« »Von dem Jungen?« fragte Glossin unruhig. »Jawohl, von dem Jungen.« »Er lebt doch nicht mehr? Wie? oder etwa doch?« »Er lebt – und ist gesünder als Ihr und ich.« »Herrgott im Himmel! aber doch in Indien?« »Nein, alle Schock Teufel! Hier lebt er – hier an Eurer elenden Küste!« »Aber, Hatteraick, – wenn es an dem ist – aber ich glaub's noch nicht – dann geht's uns beiden an den Kragen! Er wird sich gewiß darauf besinnen, wie Ihr ihm mitgespielt habt, und für mich – für mich kann's die schlimmsten Folgen setzen. Wie gesagt, es geht uns beiden an den Kragen!« »An den Kragen wird's Euch gehen – sonst niemand,« versetzte Hatteraick – »denn ich – ich hab keinen Kragen mehr – und wenn ich büßen muß – nun, dann soll alles heraus!« »Welcher Satan hat Euch wieder ans Land getrieben?« »Je nun, das Geld war futsch, das Haus fing an zu wackeln, und ich habe gedacht, die alte Geschichte sei vergessen.« »Pst!« machte Glossin – »was soll nun werden? Loslassen darf ich Euch nicht. Das wäre zuviel riskiert. Aber könnt Ihr Euch nicht unterwegs freimachen? Dem Leutnant Brown nur ein Wort gesagt, – und ich lasse die Leute mit Euch den Weg am Strande nehmen.« »Damit ist nichts, Brown ist tot – erschossen – oder der Satan hat ihn sonstwie geholt.« »Erschossen? Wohl bei Woodbourne?« »Ja freilich.« Glossin schwieg eine Weile. Angstschweiß trat ihm auf die Stirn, während Hatteraick an seinem Tabak kaute und ihn ansah. »Hört, Hatteraick,« nahm Glossin endlich wieder das Wort, »loslassen kann ich Euch nicht, aber Ihr sollt an einen Ort kommen, wo Ihr Euch selbst in Freiheit setzen könnt. Einem alten Freunde helf ich gern. Ich schicke Euch heute nacht ins alte Schloß und gebe der Wache eine doppelte Portion Branntwein. Der Gendarm wird in die Schlinge fallen, in der er Euch gefangen hat. Die Fensterstangen sind zerbrochen. Es ist kaum ein Sprung von zwölf Fuß, und der Schnee liegt tief.« »Aber die Ketten?« sprach Hatteraick. »Hier, Hatteraick,« antwortete Glossin und gab ihm, eine kleine Feile, »die klein Freundin wird Rat schaffen; und den Weg an die Küste könnt Ihr beim Sternenlicht finden.« Hatteraick schüttelte freudig seine Ketten, als ob er schon frei wäre, und mühte sich, die gefesselte Hand seinem Beschützer zu reichen. Glossin legte den Finger auf den Mund und blickte vorsichtig auf die Tür, ehe er mit seinen Weisungen fortfuhr ... »Ihr müßt meinen Kahn stehlen, der unten in der Bucht liegt,« sagte er, »aber bei der Warrochspitze wartet Ihr auf mich!« »Bei der Warrochspitze?« wiederholte Hatteraick betroffen. »Ja,« versetzte Glossin: »Ihr hört's doch!« »Wohl in der Höhle? Ich wollte lieber, sonst wo! Dort spukt's, und die Leute behaupten, er lasse sich da sehen. Aber alle Schock Teufel! ich habe ihn nicht gefürchtet, als er lebte, und sollte ihn fürchten, da er tot ist? Nein! Unsinn! ich warte, bis Ihr kommt.« »Darauf rechne ich,« antwortete Glossin; »jetzt muß ich aber meine Leute hereinrufen.« Mac Guffog erschien mit seinen Gesellen ... »Ich kann nichts aus dem Hauptmann Janson herausbringen,« sagte Glossin ... »Ihn heut ins Gefängnis zu schicken, ist's zu spät – wir haben doch im Schlosse ein festes Behältnis?« »O ja, im alten,« antwortete Mac Guffog; »mein Vetter, der Konstabler, hat dort einen Gefangenen drei Tage lang gehütet, als der alte Ellangowan noch lebte. Aber recht staubig war's darin, und auch an Gewürm hat's nicht gefehlt.« »Macht nichts, der Gefangene bleibt bloß eine Nacht hier. Im kleinen Gewölbe das an das Verließ stößt, könnt Ihr Euch Feuer machen, und ich werde Euch einen Tropfen schicken, der Euch munter halten soll. Vergeßt mir aber nicht, die Tür hinter dem Gefangenen zu verriegeln. Ihr müßt ihm auch etwas Feuer machen; sonst möcht's ihm zu kalt werden.« Nachdem Glossin diese Anordnungen getroffen, schickte er seine Leute mit dem Gefangenen und ausreichendem Vorrat von Speisen und Getränken ins alte Schloß, in der festen Zuversicht, daß sie die Nacht weder mit Wachen noch mit Beten verbringen würden. Er selbst fand wenig Schlaf. Seine Lage war äußerst heikel. All die Missetaten seines verbrecherischen Lebens stiegen um ihn her auf, und als er endlich auf seinem Lager eingeschlummert war, schreckten ihn ängstliche Träume. Jetzt erschien sein ehemaliger Gönner, totenblaß, wie in jenem Augenblicke, wo er sich noch einmal mit der letzten Kraft aufraffte, und wollte ihn aus der Wohnung seiner Väter vertreiben. Jetzt fand er sich auf weitgedehnter Heide und stand, nach langer Wanderung vor einem Wirtshause, aus dem Stimmen von lustigen Zechern schallten, und wen erblickte er, als er hereintrat? Frank Kennedy, mit blutenden Wunden, wie er ihn einst am Ufer unter der Warrochspitze gesehen, aber mit einem Napfe dampfenden Punsches in der Hand. Und jetzt? jetzt tat sich ein Kerker auf, in welchem Dirk Hatteraick, den Tod vor Augen, einem Priester beichtete ... Und was beichtete er? ... »Als die blutige Tat geschehen war, da gingen wir in eine Höhle, nicht weit davon, die nur ein Mensch in der Gegend kannte. Dort überlegten wir, was wir mit dem Kinde anfangen sollten, und hatten beschlossen, es den Zigeunern auszuliefern, als wir lautes Geschrei von unsern Verfolgern vernahmen. Ein Mann trat in die Höhle: der Schurke, der um das Geheimnis wußte; aber wir machten ihn uns zum Freunde, indem wir ihm die Hälfte der geretteten Güter abtraten. Auf seinen Rat hin nahmen wir das Kind mit nach Holland auf unserm Beischiffe, das in der folgenden Nacht uns von der Küste abholte. Und der Mann – der Mann war –« »Nein, es ist nicht wahr, ich war's nicht!« rief Glossin, aus dem Schlafe auffahrend. Das geänstigte Gewissen hatte die grausigen Bilder vor seine Seele geführt. Treue Bilder aus der Vergangenheit! Glossin, besser als irgend jemand mit den Schlupfwinkeln der Schleichhändler bekannt, war stehenden Fußes zu der Höhle gerannt, noch ehe er wußte, daß Kennedy ermordet worden, in der Meinung vielmehr, ihn als Gefangenen der Schleichhändler zu finden. Er kam mit der Absicht, den Vermittler zu machen; als er aber zu ihnen trat, waren alle von bangem Schrecken ergriffen, und die Wut, die sie zum Morde verleitet hatte, war bei allen, nur nicht bei Hatteraick, der Gewissensangst und Furcht gewichen. Glossin war damals arm und hatte der Schulden mehr als Haare auf dem Kopfe, aber Bertrams Vertrauen hatte er bereits gewonnen und kannte dessen Fügsamkeit und Schwäche gut genug, daß es ihm gar nicht schwer erscheinen konnte, sich auf seine Kosten zum reichen Manne zu machen, sobald es ihm nur gelang, den männlichen Erben auf die Seite zu schaffen, da dann das alte Gut das unbeschränkte Eigentum des schwachen, verschwenderischen Vaters wurde. Für ihn handelte es sich momentan nicht bloß um die Anwartschaft auf weitere Vorteile,, – er nahm, was ihm die in Schreck gejagten Schleichhändler anboten, um ihm den Mund zu stopfen, nicht bloß an – nein! er bestärkte sie in ihrer Absicht, das Kind seines Wohltäters aus dem Lande zu schaffen, war es doch alt genug, von dem schrecklichen Ereignis, dessen Zeuge es gewesen, eine Schilderung zu geben, Wohl versuchte Glossin sein Gewissen zu beschwichtigen, aber es wollte ihm nicht gelingen, wenn er sich auch vorredete, daß die Versuchung groß gewesen sei, daß sie plötzlich über ihn gekommen, daß sie ihm alle Vorteile, nach denen er lange gerungen, jäh vor Augen gerückt, daß sie ihm vorgespielt habe, ihn aus seinem finanziellen Jammer mit einmal zu erlösen, aus all den Bedrängnissen, die ihm das Messer an der Kehle hielten. Auch daß er sich weiter einredete, die Selbsterhaltungspflicht lasse ihm keine andere Wahl, wollte wenig nützen; nur das Bewußtsein, sich in der Gewalt von Räubern zu befinden, die ihm, wenn er sich auf ihr Ansinnen nicht einließe, keine Zeit gönnen würden, die freilich nicht eben ferne Hilfe herbeirufen könnten, sondern, wie so oft bei geringeren Anlässen, sicherlich vor keinem Morde zurückschrecken möchten. Unruhig fuhr Glossin von seinem Lager auf und blickte hinaus in die Nacht. Rings umher war die Gegend mit Schnee bedeckt, von dessen weißem Glänze die Fläche des düstern Meers grell abstach. Sein Blick fiel auf die finstern Trümmer des alten Schlosses, aus dessen vorspringendem Turme zwei Lichter blinkten; eins aus Hatteraicks Verließ, das andere aus der Stube, in der die Wächter lagen. Ob er die Flucht schon bewerkstelligt hat? fragte sich Glossin ... Ob sie ihm gelingen wird? Ob die, Leute, auf die sonst nie Verlaß war, heute gewacht hatten, ihn vollends zu verderben? War der Verbrecher früh noch im Kerker, so mußte er ihn nach Edinburg schaffen, und ob nun Mac Morlan oder sonst jemand die Untersuchung führte, so stand außer Zweifel, daß er selbst hineingezogen, überführt und ein hartes Urteil zu gewärtigen hatte; denn Dirk Hatteraick schonte seiner doch gewiß nicht. Eine Beute dieser quälenden Gedanken, war er kaum imstande, sich ruhig zu verhalten, als er mit einemmale wahrnahm, daß eins der beiden Lichter sich verfinsterte, ganz so, als ob eine dunkle Gestalt ans Fenster getreten wäre. O, dieser Augenblick peinvoller Erwartung! Ist er der Fesseln ledig? Ha! er rüttelt an den Gitterstangen! Sie sind morsch, sie fallen, sie schlagen klirrend auf die Steine! Das Gepolter muß doch die Wächter aufstören ... Hol der Teufel seine Ungeschicklichkeit! Da, das Licht brennt wieder hell – sie haben ihn vom Fenster gerissen, sie binden ihn – doch nein! er ist bloß auf einen Augenblick vom Fenster getreten – das Poltern der fallenden Eisenstangen hat ihn selbst erschreckt – jetzt steht er wieder am Fenster – das Licht ist weg – eine breite Masse lagert sich davor – sie bewegt sich – er hat sich durchs Fenster geschwungen – da – ein dumpfer Aufprall, wie von einem in weichen Schnee fallenden Körper, und der ängstliche Horcher gewinnt die Zuversicht, daß Hatteraicks Flucht geglückt ist! Und nicht lange mehr, so sieht er eine dunkle Gestalt wie einen Schatten längs dem weißen Gestade hinschleichen, zu dem Orte hin, wo das Schiff lag ... Neue Besorgnisse! Wird er allein stark genug sein, es loszumachen? oder muß ich, fragte sich Glossin, hinabgehen und ihm helfen? Nein! Das Schiff ist los, Gott sei Dank! Schon glitzert das Segel im Mondlicht. Der Wind ist ihm günstig – o, wenn sich ein Sturm erheben – wenn die Flut ihn verschlingen wollte! Mit diesem satanischen Begehr im Herzen verfolgte er den Lauf des Bootes, das nach der Warroch-Klippe zulenkte, mit den Blicken, bis das dunkle Segel sich von den finstern Wogen, über die es entlang zog, nicht mehr unterscheiden ließ. Drittes Kapitel. Bei dem Gendarmen und den Fronen herrschte am nächsten Morgen arge Bestürzung, als sie die Flucht ihres Gefangenen entdeckten. Noch schwer im Kopfe und von Bange geschüttelt, trat Mac Guffog mit der Unglücksbotschaft vor den Friedensrichter, kam aber mit einem ernsten Rüffel davon. Ueber dem Eifer, des Entsprungenen habhaft zu werden, schien Glossin der Pflicht, die lässigen Wächter zu strafen, zu vergessen. Den Häschern legte er vor allem ans Herz, in den ruinenhaften Ueberbleibseln von Derncleugh, wo Landstreicher oft nachts Zuflucht suchten, Nachsuche zu halten. Darauf eilte er selbst auf Umwegen durch den Wald von Warroch zu der Höhle, wo er den Schleichhändler zu treffen dachte, von dem er dort in größerer Ruhe Nachricht über die Rückkehr des Erben von Ellangowan zu bekommen rechnete. Wie ein Fuchs, der, um den Hunden auszuweichen, im Zickzack herumfährt, suchte Glossin sich dem Orte der Zusammenkunft zu nähern, ohne durch eine Spur im Schnee seinen Weg zu verraten. O, wie wünschte er, daß es schneite, daß der Schnee doch seine Tritte verdeckte! denn fand sie einer der Spürhunde, so war es außer Zweifel, daß er sie verfolgte! Er stieg nicht ohne Beschwerde die Klippe hinab, und kletterte zwischen den Felsen und den Spritzwellen, die die Flut auf den Strand spülte, ängstlich umher, bald aufwärts schauend, ob ihn jemand von der Höhe bemerkte, bald unruhig auf die See blickend, ob ein Boot sich zeigte, das ihn beobachten könnte. Aber selbst diese Regungen eines von Selbstsucht erfüllten Gemüts erstarben, als er zu der Stelle kam, wo Kennedys Leichnam gefunden worden war. Noch sah man das Felsstück, das mit ihm oder hinter ihm her gestürzt war; es hatte sich mit kleinen Schaltieren bedeckt und war mit Seegras überwachsen, aber von den umherliegenden Felsstücken noch immer deutlich zu unterscheiden. Daß er der Stelle bisher fürsorglich aus dem Wege gegangen war, läßt sich denken – und als er sie nun zum erstenmal seit dem unglücklichen Tage wieder erblickte, stand die schreckliche Szene mit allem ihrem Grausen urplötzlich vor seiner bebenden Seele. Es fiel ihm ein, wie er sich damals ängstlich aus der Höhle vorschlich und behutsam unter die erschrockenen Männer gemischt hatte, die um den Leichnam herum standen, immer zitternd vor der wahrscheinlichen Frage, woher denn er gekommen; es fiel ihm ein, wie er im Bewußtsein seiner Schuld die Blicke von dem gräßlichen Schauspiele abgewendet hatte. Das Wehgeschrei seines Wohltäters: »O mein Kind!« klang ihm wieder in den Ohren ... »O Gott!« rief er da, »ist alles, was ich gewonnen, der Angst wert, die seitdem mein Leben verbittert hat? O, läge ich doch, wo jener Unglückliche liegt, und stände er doch an meiner Stelle hier lebend und gesund! – Doch all diese Klagen kommen zu spät!« Diese qualvollen Empfindungen bekämpfend, schlich er zu der Höhle, die der Stelle, wo man den Leichnam gefunden, so nahe war, daß die Schleichhändler in ihrem Zufluchtsorte alles, was die Umstehenden über das Schicksal des Ermordeten gesprochen, hatten hören müssen. Die enge Oeffnung der Höhle lag an der Vorderseite der Klippe hinter einem aufrecht stehenden schwarzen Felsblocke, der zweierlei Zweck erfüllte: dem Unkundigen den Eingang zu ihr zu verbergen, dem Kundigen aber ihre Lage zu verraten. Der Raum zwischen dem Felsblocke und der Klippe war sehr enge, und dermaßen mit Sand und Schutt angefüllt, daß man selbst bei sorgfältigem Suchen die Höhle nicht hätte entdecken können, ohne zuvor wegzuräumen, was die Flut vor ihrem Zugang gespült hatte. Um sie noch unauffindbarer zu machen, verstopften die Schleichhändler, sobald sie in dem Schlupfwinkel waren, die Oeffnung gewöhnlich mit welkem Seegras, das sie so locker zu schlichten wußten, daß es aussah, als sei es von den Wogen hinweggeschwemmt worden. Dirk Hatteraick war dieser Vorsicht nicht bloß eingedenk, sondern hatte sie auch jetzt nicht außer acht gelassen. Ein so kühner, verwegener Mann Glossin war, so klopfte ihm das Herz doch und die Kniee schlotterten ihm heftig, als er sich jetzt rüstete, in jenen Schlupfwinkel der schlimmsten Verbrecher zu kriechen und mit Dirk Hatteraick zu verhandeln, den er als den tollkühnsten, rohesten, verzweifeltsten von allen zur Genüge kannte. »Aber er hat keinen Vorteil dabei, mir zu schaden,« dachte er bei sich und suchte Trost hierin. Er vergaß aber nichtsdestoweniger, seine Taschenpistolen nachzusehen, ehe er das Seegras wegräumte und auf Händen und Beinen in die Höhle kroch. Der Eingang war so niedrig und eng, daß ein Mensch nur kriechend hineingelangen konnte; gleich dahinter breitete sich die Höhle zu einem hohen, geräumigen Gewölbe. Kies von herrlicher Reinheit bedeckte den allmählich ansteigenden Boden. Noch ehe Glossin sich wieder auf die Beine emporgerichtet hatte, dröhnte Hatteraicks rauhe, aber gedämpfte Stimme, durch die Windungen der Höhle ... »Alle Schock Teufel! bist Du's?« »Seid Ihr im Finstern?« fragte Glossin. »Im Finstern? Zum Henker ja! Woher sollt ich Licht kriegen?« »Ich bringe Licht,« antwortete Glossin, schlug Feuer an und steckte eine kleine Handleuchte an. »Ihr müßt auch Feuer anmachen,« herrschte Hatteraick ihm zu, »ich bin schon ganz erfroren.« »Ja, kalt ist's hier, sehr kalt,« versetzte Glossin und suchte Faßdauben und Holz zusammen, das vielleicht seit Hatteraicks letztem Aufenthalte hier herumgelegen hatte. »Kalt? Alle Schock Teufel! Ich habe mich bloß warm halten können durch Auf- und Niedergehen – ein gottvermaledeites Loch, diese Höhle! Ein Glück, daß mir die lustigen Zechstunden einfielen, die wir hier verlebt haben.« Die Flamme fing an hell aufzulodern. Hatteraick wandte sein braunes Gesicht gegen das Feuer und hielt die rauhen nervigen Hände begierig darüber. Der Flackerschein erhellte seine wilden, finstern Züge. Der Rauch, der dem von Kälte erstarrten Mann mit Erstickung drohte, wirbelte ihm um den Kopf und stieg zu dem finstern Gewölbe auf, um seinen Ausgang durch verborgene Felsspalten zu suchen, durch die, wenn die Flut hereintrat, Luft zugeführt werden mochte. »Ich bringe Euch was zum Frühstück mit,« sagte Glossin wieder und holte Brot und Fleisch und Schnaps aus seinen Taschen hervor. Hatteraick griff begierig nach der Flasche und tat einen kräftigen Zug ... »Das schmeckt! das wärmt den Magen!« rief er lustig und stimmte ein paar Strophen eines deutschen Trinkliedes an: Saufen Bier und Branntewein, Schmeißen allen die Fenster ein; Ich bin liederlich. Du bist liederlich, Sind wir nicht liederliche Leut! »Gut gesagt, mein Herzenshauptmann!« rief Glossin und stimmte in den Zecherton ein, indem er das Lied weiter sang: Branntwein vollauf, auch Wein soll fließen, Frisch die Fenster eingeschmissen! War'n drei wilde Jungen doch, Wilde Jungen war'n wir doch, Du auf dem Land, und ich auf dem Sand, Und Hans am Galgen hoch – hoch – hoch! Ei, nicht wahr, das paßt zu Eurer Weise? – Aber nun laßt uns von unsern Geschäften reden!« »Von Eurem Geschäfte, bitte!« fiel ihm Hatteraick ins Wort. »Mein's war abgetan, sobald ich die Kette los war.« »Geduld, mein Freund! ich will Euch bald klar machen, daß unser Vorteil ein und derselbe ist,« hob Glossin wieder an und setzte, als Hatteraick ihm mit einem trocknen Husten antwortete, nach einer Pause hinzu: »Sagt 'mal, wie kam's denn, daß Ihr den Knaben habt entwischen lassen?« »Alle Schock Teufel! was ging er mich an? Leutnant Brown übergab ihn seinem Vetter im Hause Vanbeest und Vanbrüggen zu Middleburg, band ihnen das Märchen auf, der Junge sei in einem Gefecht mit Schnapphähnen eingefangen worden, und ließ ihn ihnen als Laufjungen – von Entwischen lassen, Glossin, ist keine Rede; bloß gekümmert hab ich mich nicht weiter um ihn.« »So – und Laufjunge ist er geblieben, – he?« »O bewahre! der alte Herr hatte bald einen Narren an dem Jungen gefressen, hat ihm seinen Namen gegeben, hat ihn die Kaufmannschaft erlernen lassen und hat ihn nach Indien geschickt. Ich glaube gar, er hätte ihn wieder hierher geschickt, hätte sein Vetter ihm nicht gesagt, daß es mit dem Freihandel auf lange Zeit aus sein dürfte, wenn der Junge wieder nach Schottland käme.« »Ob er jetzt über seine Herkunft was weiß?« »Wie kann ich sagen, was er jetzt weiß oder nicht weiß! Aber auf mancherlei besinnen konnte er sich. In seinem zehnten Jahre beschwatzte er einen anderen Jungen – auch aus England – mein Boot zu stehlen, um in sein Land, wie er's nannte, zurückzukehren, und ehe wir sie einholen konnten, war das Boot schon weit weg – im Meere hätt' es untergehen müssen –« »O, wäre es doch untergegangen – und er mit!« »Ja, ich war selbst so fuchswild auf ihn, daß ich ihm einen derben Puff versetzte – aber der Junge schwamm wie eine Ente! Eine Stunde lang habe ich ihn Wasser schlucken lassen, um ihn Mores zu lernen, und Hab ihn erst wieder ins Boot hereingenommen, als er unterzusinken drohte. Meiner Treu! Euch wird er schon was zu knacken geben!« »Aber wie ist er denn aus Indien hergekommen?« fragte Glossin gespannt. »Woher soll ich das wissen? Das Haus hatte falliert, und das hat uns in Middleburg auch böse getroffen; drum schickten sie mich wieder hierher, ob sich mit meinen alten Bekannten etwas machen lasse; die alten Faxen seien längst vergessen, dachten wir. Ich hatte auf den beiden letzten Reisen einen hübschen Handel in Gang gebracht; aber der dumme Brown, der Spitzbube, hat alles wieder verbuttert dadurch, daß er sich vom Obersten hat anschießen lassen.« »Und warum wart Ihr nicht dort?« »Alle Schock Teufel! Ich kenne keine Furcht – aber so weit ins Land hinein durfte ich mich doch nicht wagen; meine Fährte hätte man gar leicht finden können.« »Allerdings – aber – um wieder auf den Jungen zu kommen –« »Ja, das geht Euch an,« sagte Hatteraick. »Wißt Ihr auch ganz bestimmt, daß er wieder im Lande ist?« »Gabriel hat ihn im Gebirge gesehen,« »Gabriel? Wer ist das?« »Ein Zigeuner, der hier vor achtzehn Jahren zum Dienste gepreßt wurde. Er warnte uns vor dem Spürhund an dem Tage, da Kennedy umkam, und sagte uns, daß Kennedy uns verpetzt hätte. Die Zigeuner waren dem Kennedy ohnedies nicht grün. Gabriel ging nach Ostindien im gleichen Schiffe mit Eurem Junker und kannte ihn recht gut, wenn auch der andere sich nicht auf ihn besinnen mochte. Gabriel ging ihm aus dem Wege, weil er desertiert war und auf holländischen Schiffen gegen England gedient hatte, aber er ließ es uns gleich wissen, daß der Musje hier sei. Doch was geht das uns an!« »Also wirklich hier im Lande, Hatteraick?« fragte Glossin – »auf Treue und Gewissen!« »Alle Schock Teufel, ja doch! Was denkt Ihr denn von mir?« »Daß Ihr ein verwegener Raufbold seid,« dachte Glossin, fragte aber laut weiter: »Wer von Euch hat den Hazlewood angeschossen?« »Ei, meint Ihr denn, wir seien toll? Von uns keiner. Nach dem dummen Streiche, den Brown bei Woodbourne gemacht, war's aus hier für uns –« »Nun, Brown soll ja den Hazlewood angeschossen haben.« »Nicht unser Leutnant, das kann ich Euch versichern. Der lag schon sechs Fuß tief unter Derncleugher Erde tags vorher, ehe das passierte.« Jetzt ging Glossin mit einemmale ein Licht auf ... »Sagtet Ihr nicht, der Junker, wie Ihr ihn nennt, hieße Brown?« »Ja, Vanbeest Brown. Der alte Vanbeest Brown hat ihm seinen Namen gegeben.« »Dann, meiner Sixen!« rief Glossin, sich die Hände reibend, »dann ist er's auch, der das Verbrechen begangen hat.« »Was geht's uns an!« versetzte Hatteraick. Glossin schwieg und schmiedete nun an der Hand solch ausgiebiger Hilfe seinen Plan, rückte auch dem Schleichhändler gleich vertraulich näher ... »Ihr wißt, lieber Hatteraick, vor allen Dingen ist's notwendig für uns beide, den jungen Menschen uns vom Leibe zu schaffen.« »Hm!« machte der Schleichhändler. »Es soll mir ferne sein, ihm Böses zu wünschen,« sagte Glossin wieder, »wenn – wenn es auf andere Art geschehen kann. Aber weil er den gleichen Namen mit Eurem Leutnant führt, der in die Geschichte bei Woodbourne verwickelt war, und ferner, weil er den Hazlewood angeschossen hat, könnte es sich doch machen, daß er hinter Schloß und Riegel kommt.« »Aber was soll das Euch helfen? Er muß doch wieder herausgelassen werden, so bald er seine andere Flagge bekennt.« »Ganz recht, Freund Hatteraick! Aber zu einstweiliger Verhaftung wird's doch kommen, und die wird so lange dauern, bis er aus England, oder sonst woher, Ausweise bekommt. Ich weiß doch, Kapitän, wie es in unserm Rechtsstaate zugeht, und lasse mich auf keine Bürgschaft ein, und wenn er mit der besten und sichersten anträte, bis er das zweite Verhör passiert hat – nun, wo denkt Ihr wohl, daß ich ihn einsperren lassen will?« »Was geht's mich an!« rief Hatteraick wieder. »Oho, Kamerad, viel, sehr viel! Ihr wißt, daß Euer konfisziertes Gut im Zollhause zu Portanferry, der kleinen Fischerstadt, liegt. Ins Arbeitshaus, nahe beim Zollhause, sperr ich ihn ein! Die Soldaten sollen über Land marschieren, dafür will ich sorgen. Ihr landet dort in der Nacht, holt Euch Euer Gut und nehmt den Junker Brown mit nach Blissingen ... He?« »Ja, oder mit nach Amerika?« »Wohin Ihr wollt,« versetzte Glossin. »Oder – werfe ihn über Bord?« »Nein, zu Gewalttätigkeit mag ich nicht raten.« »Nun, das überlaßt nur mir! In dieser Hinsicht kenne ich Euch von alter Zeit her – aber sagt mir' bloß, was hab' ich davon?« fragte Hatteraick. »Ist's denn Euer Vorteil nicht so gut wie der meinige? Und habe ich Euch nicht heute morgen in Freiheit gesetzt?« »Ihr mich? Das habe ich mir selbst zu danken.« »Keine dummen Späße, Dirk! Noch einmal, es geht Euch an so gut wie mich,« sagte Glossin. »Was schwatzt Ihr bloß immer von mir? Habt denn nicht Ihr dem Junker sein ganzes Erbe genommen? In meine Hände ist doch von all seinem Gute kein Heller gekommen.« »Still, still! Diesmal geht's halbpart mit dem Gewinne!« »So? Halbpart soll's gehen? Das Gut auch?« »Was? das Gut auch? Aber was sind das für Ideen! Wir können doch nicht zusammen in Ellangowan wohnen.« »Aber den halben Wert könnt Ihr mir auszahlen! Mit Euch zusammen wohnen? Nein! das mag ich nicht. Ich kaufe mir eine Villa in Middleburg und einen Blumengarten – und dann soll mich kein Bürgermeister mehr scheren!« »Ja, mit einem hölzernen Löwen vor der Tür und einer gemalten Schildwache im Garten mit einer Pfeife im Munde. Aber, Hatteraick, was können Euch all Eure Lusthäuser und Blumengärten in Holland nützen, wenn Ihr hier in Schottland an den Galgen kommt?« »An den Galgen?« wiederholte Hatteraick, und sein Gesicht legte sich in finstre Falten. »Freilich, Kapitän! Vor dem Schicksal, als Mörder und Kindsräuber den Galgen zu zieren, bewahrt Euch kein Teufel, sobald der junge Bertram wiederkommt und der tapfere Hauptmann einmal bei seinem Handel erwischt wird. Man schwatzt ja viel von Frieden, und wer weiß, ob Euch die General-Staaten nicht, ihren neuen Bundesgenossen zu gefallen, am Ende gar ausliefern möchten, selbst wenn Ihr Euch in der Heimat sicher fühlen solltet.« – Glossin schwieg hinterhältig. »Alle Schock Teufel! mir kommt's fast vor, als ob Ihr recht hättet!« rief Hatteraick. »Meint aber ja nicht, ich wollte unhöflich sein,« erwiderte Glossin, als er sah, daß seine Worte ihre Wirkung nicht verfehlten, und ließ eine Banknote in Hatteraicks Hände gleiten. »Ist das alles?« brummte der Schleichhändler. »Ihr habt als Schweigegeld den Wert einer halben Ladung bekommen – und dabei mußten wir uns um alles Weitere selbst kümmern!« »Aber, Freundchen, Ihr vergeßt, daß Ihr doch Euer Gut wiederbekommen sollt!« »Ja, doch auf die Gefahr hin, mir den Hals dabei zu brechen? Dazu brauchen wir Euch, Schockschwerenot, doch nicht!« »Das bezweifle ich doch, Kapitän. Ein Dutzend Rotröcke dürftet Ihr ohne meine Hilfe ganz sicher im Zollhause finden. Laßt Euch zureden. Ich will so freigebig sein, wie nur möglich, aber ganz ohne Gewissen dürft Ihr auch nicht sein!« »Macht mich nicht wild!« rief Hatteraick – »Ihr raubt und mordet, und laßt mich für Euch rauben und morden und den Seelenverkäufer machen – und nun redet Ihr mir von Gewissen! Könnt Ihr Euch den Jungen nicht auf bequemere Weise vom Halse schaffen?« »Nein, auf keine andere Weise als daß ich ihn Euch überlasse,« versetzte Glossin. »Mir? Ha, das heißt ihn ans Messer liefern! Nun – wenn's sein muß, so muß es sein; aber erraten könnt Ihr es, was daraus werden kann.« »Mein Lieber, hoffentlich wird solche Härte nicht von nöten sein,« meinte Glossin wieder hinterhältig. »Härte?« wiederholte Hatteraick in einem Tone, der sich wie ein Seufzer anhörte. – »Ich wollte, Ihr hättet geträumt, wie ich, als ich wieder in dieser verdammten Höhle steckte und mich auf dem dürren Seegrase zum Schlafen hinstrecken wollte. Da sah ich den Mann in seinem Blute – mit dem gebrochenen Rückgrate und dem Felsblock daneben, den ich auf ihn gewälzt hatte – ha! geschworen hättet Ihr, er läge da, wo Ihr steht, und zuckte wie ein von einem Fußtritt zermalmter Frosch –« »Was soll der Unsinn!« fiel ihm Glossin ins Wort. »Wenn Ihr zum Hasenfuß geworden, dann freilich ist das Spiel aus; aber dann auch mit uns beiden!« »Zum Hasenfuß? Nein! ich habe nicht darum gelebt, daß ich am Ende zittern sollte.« »Wohlan, trinken wir noch eins! Ihr habt Euch das Herz noch nicht erwärmt, merk' ich. – Und nun sagt mir, was ist aus Eurer alten Mannschaft geworden?« »Tot, alles tot, gehängt, ertrunken, im Zuchthaus! Brown war der letzte. Nur Zigeuner Gabriel ist noch da. Aber der wird auch wohl ruhig sitzen, um seinetwillen, oder wegen seiner Muhme, der alten Meg.« »Wer ist das?« »Meg Merrilies, die alte Teufelsbrut von einer Zigeunerhexe,« antwortete Hatteraick. »Die lebt noch? und ist hier im Lande?« »Ja hier. Sie war neulich in Derncleugh, mit zwei von meinen Leuten und einigen Zigeunern.« »Wieder ein Quälgeist mehr, Hauptmann. Wird sie nicht petzen?« fragte lauernd Glossin. »Die nicht, Sie hat uns hoch und teuer geschworen, wenn wir dem Jungen nichts zuleide täten, so wollte sie nichts vom Zöllner sagen. Ich hab ihr im Gefecht einen Hieb über den Arm gegeben, und sie hat lange sitzen müssen, wie Ihr wißt, und doch war sie treu wie Stahl.« »Ihr habt recht. Aber besser wär es doch, wenn Ihr sie mit nach Zeeland nehmen könntet, oder –« Hatteraick sprang auf und maß Glossin mit einem grimmigen Blicke ... »Ich sehe den Pferdefuß nicht,« rief er endlich, »und Ihr müßt doch der leibhaftige Teufel sein. Aber die Meg Merrilies ist mit dem Satan in noch engerm Bunde als Ihr! Ich habe nie so schlimmes Wetter gehabt, als seit ich ihr den Arm geritzt habe ... Nein, nein! ich mag nichts mehr mit ihr zu schaffen haben. Doch fürs übrige, wenn unser Handel dabei nicht leidet, so will ich Euch schon von dem Junker befreien; laßt's mich nur wissen, wenn Ihr ihn habt.« Beide schieden, nachdem sie einig waren, und verabredeten, wo sie einander treffen wollten. Viertes Kapitel. Bei sich zu Hause fand Glossin unter den inzwischen eingegangenen Schriftstücken eins von einem Edinburger Rechtsgelehrten, namens Protocol, durch das ihm als Verwalter des verblichenen Laird Godfrey Bertram von Ellangowan und dessen Erben das plötzliche Abscheiden des Fräuleins Margareth Bertram von Singleside mitgeteilt wurde. Zugleich wurde er aufgefordert, Bericht darüber zu erstatten, ob es besagte Erben für nötig erachten sollten, sich durch einen Bevollmächtigten bei der Nachlaßeröffnung vertreten zu lassen. Glossin, dem es keine Minute zweifelhaft war, daß der Anwalt, von dem diese Zuschrift herrührte, über das feindselige Verhältnis zwischen ihm und dem verblichenen Laird nichts wußte, war keinen Augenblick im Zweifel, daß außer Lucy Bertram niemand einen rechtlichen Anspruch auf das Erbe der Verstorbenen hatte; aber ebenso sicher schien es ihm zu sein, daß dieses wunderliche alte Fräulein über ihren Nachlaß ganz anders verfügt hätte. Nach reiflicher Erwägung, ob für ihn Vorteil aus diesem Umstande erwachsen könne, erblickte er nur ein Mittel darin zur bequemeren Ausführung seines Vorhabens, sich in Würde und Ansehen zu setzen. Ich muß mir, sagte er sich, festen Boden schaffen, damit ich wenigstens, wenn die Sache mit Hatteraick schlecht ausfallen sollte, die gute Meinung für mich habe. Anderseits mochte er – und diese Gerechtigkeit müssen wir ihm wohl oder übel widerfahren lassen, – bei aller Schlechtigkeit seines Charakters einen gewissen Trieb in seinem Heizen fühlen, Lucy für das schwere Unrecht, das er ihr und ihrem alten Hause angetan, zu einer Aufbesserung ihrer Lage zu verhelfen, zumal seine persönlichen Interessen dabei nicht ins Spiel kamen. Er nahm sich vor, am folgenden Tage nach Woodbourne hinüberzureiten – tat es aber erst nach mancherlei Bedenken, denn der Gedanke, dem Obersten Mannering gegenüber zu stehen, war ihm höchst unsympathisch, wie ja bekanntlich jeder Betrüger sich scheut, einem ehrlichen, rechtschaffenen Menschen vor die Augen zu treten. Er hatte jedoch ein ziemlich unbegrenztes Vertrauen zu seiner Gewandtheit und viel natürlichen Scharfsinn; auch hatte ihm ein mehrmaliger Aufenthalt in England eine gewisse Nonchalance verliehen. Gegen zehn Uhr kam er in Woodbourne an und ließ sich erst vor der Tür des Zimmers, in welchem die Herrschaften das Frühstück einnahmen, durch den Diener bei Fräulein Bertram melden. Lucy, der bei dem Namen Glossin die letzten Augenblicke ihres Vaters vor die Seele traten, wurde totenblaß und wäre fast ohnmächtig vom Stuhle gefallen. Julie Mannering trat sogleich zu ihr und begleitete sie hinaus. In dem Zimmer blieb nur der Oberst, Charles Hazlewood, – der den Arm noch in der Binde trug, und Sampson, auf dessen Gesicht ein Ausdruck von tödlichster Feindschaft trat, als er Glossin erkannte. Glossin schien sich wohl beschämt zu fühlen, als er sah, welchen Eindruck sein Besuch machte; er trat aber selbstbewußt näher und meinte, hoffen zu dürfen, daß er die Damen nicht gestört habe. Der Oberst erwiderte mit stolzer Offenheit, daß er keine Ahnung davon habe, welcher Umstand ihm die Ehre eines Besuches von seiten des Herrn Glossin verschaffen könne. »Ich erlaubte mir nur, bei Fräulein Bertram vorzusprechen,« versetzte Glossin, – »in einer Geschäftssache.« »Wenn Sie mit Herrn Mac Morlan darüber reden könnten, dürfte es, meiner Meinung nach, dem Fräulein angenehmer sein.« »Bitte um Verzeihung, Herr Oberst, in gewissen Fällen ist es für die unmittelbar Beteiligten doch wohl richtiger, Mittelspersonen zu umgehen.« »Dann teilen Sie der Dame doch schriftlich mit, um was es sich handelt.– Fräulein Bertram wird es an Aufmerksamkeit nicht fehlen lassen.« »Daran zweifle ich nicht. Aber in gewissen Dingen empfiehlt sich der mündliche Verkehr doch nicht. Der Herr Oberst sind, wie ich merke, von Vorurteil gegen mich eingenommen, so daß Ihnen mein Besuch als zudringlich erscheinen mag. Aber ich gebe es Ihrem Ermessen anheim, ob es klug sein möchte, mir, ohne die Absicht meines Besuches zu kennen, ein freundliches Gehör zu versagen; es könnte am Ende dem gnädigen Fräulein, dem Sie Ihren Schutz weihen, zum Nachteil gereichen.« »Das ist keineswegs meine Absicht,« erwiderte Mannering. »Ich werde Fräulein Bertram um ihre Meinung fragen, und bitte Sie, auf die Antwort zu warten, wenn Sie Zeit haben.« Mit diesen Worten verließ er Glossin, der noch immer in der Mitte des Zimmers stand, denn der Oberst hatte ihn weder durch ein Wort noch durch eine Bewegung zum Sitzen eingeladen und war selbst während der ganzen Unterredung vor ihm stehen geblieben. Als Mannering aber die Tür hinter sich geschlossen hatte, nahm sich Glossin einen Stuhl und setzte sich mit einer Miene, die die Mitte etwa zwischen Bedrücktheit und Unverschämtheit hielt. Höchst unangenehm empfand er das tiefe Schweigen, das die übrigen Anwesenden beobachteten, und schließlich wandte er sich an Sampson mit den Worten: »Ein recht schöner Tag heute, Herr!« Sampson antwortete mit einem Geknurr, das auch der größte Optimist nicht für ein Zeichen des Beifalls hätte nehmen können. »Warum kommen Sie denn gar nicht mehr nach Ellangowan hinunter, Herr Sampson?« fragte Glossin; »Ihre alten Bekannten vermissen Sie recht. Finden würden Sie ja noch die meisten dort. In meinem Herzen wohnt ein viel zu hoher Respekt vor dem alten Stammhause, daß ich alte Gäste desselben stören oder gar wegschicken möchte, wenn ich auch sonst ein Mann von Reformen bin. Aber es liegt nicht in meiner Art – und dann, Herr Sampson, verdammt ja auch die heilige Schrift Härte gegen die Armen!« »Auch Verkürzung von Waisen in ihrem Erbe,« fiel ihm Sampson ins Wort ... »Anathema! Maranatha!« und mit diesen Worten stand er auf, nahm einen Folianten, in dem er gelesen, auf die Schulter und verließ mit soldatischen Schritten das Zimmer. Glossin ließ sich dadurch nicht beirren, oder stellte sich wenigstens so, als wenn es nicht der Fall wäre, wandte sich vielmehr zu Hazlewood, der eine Zeitung vor der Nase hatte ... »Was gibt's denn Neues in der Welt?« fragte er den jungen Laird. Hazlewood blickte auf, sah ihn an, schob ihm gleichgiltig das Blatt hin und stand auf, um hinauszugehen. »Verzeihen Sie, Herr Hazlewood,« hob Glossin wieder an, »ich möchte Ihnen gratulieren, daß Sie sich von dem schrecklichen Unfall so schnell erholt haben.« Hazlewood nickte kühl. »Ich beteure Ihnen, Herr Hazlewood, es hat niemand so lebhaft Anteil daran genommen, wie ich, nicht allein um der öffentlichen Wohlfahrt willen, als aus ganz besonderer Achtung gegen Ihr hohes Haus, das einen so ansehnlichen Rang unter uns behauptet. Ja, einen sehr ansehnlichen Rang, und wenn Sie mir erlauben, als Freund zu sprechen und als Mann, der in solchen Dingen einige Kenntnis hat, so möchte ich mir erlauben, Ihnen zu bemerken, daß Sie bei der bevorstehenden Wahl sich doch um eine Kandidatur bewerben sollten – und was meinen Einfluß betrifft –« Hazlewood maß ihn mit einem vernichtenden Blicke. »Auch hier abgewiesen!« dachte Glossin bei sich, begann jedoch gleich wieder: »Was mir da eben einfällt, Herr Hazlewood, Sie dürften doch bald wieder imstande sein, den Jagdsport zu treiben – warum jagen Sie denn bloß immer in Ihrem Gebiete? Sie werden doch hoffentlich auch einmal in Ellangowan jagen, wo sich ein weit besserer Schnepfenstand vorfindet, als anderswo?« Hazlewood dankte für die Einladung wiederum mit einer so kalten, gezwungenen Verbeugung, daß Glossin für geboten hielt, das Gespräch so lange abzubrechen, bis Mannerings Rückkehr ihn halb und halb aus der Verlegenheit befreite. »Bedauere sehr,« sagte dieser, »daß ich Sie so lange aufhalten mußte, Herr Glossin; aber es ist mir nicht möglich gewesen, Fräulein Bertram, wie ich es wünschte, zu einer Unterredung mit Ihnen zu bestimmen; es gibt Erinnerungen im Leben, die sich nicht leicht uns dem Gedächtnisse verwischen lassen, und es wäre ungalant gewesen, hätte ich noch länger versuchen wollen, darauf zu bestehen. Fräulein Bertram hat mich gebeten, in ihrem Namen mit Ihnen zu verhandeln.« »Hm, hm, es sollte mir sehr leid tun, wenn ... wenn sich bei Fräulein Bertram ... ein Vorurteil ... oder etwa gar die Meinung ... als handle es sich meinerseits ...« »Mein Herr,« erwiderte der Oberst, »wenn keine Beschuldigung erhoben wird, ist keine Entschuldigung am Platze, und auch keine Erörterung. Daß ich interimistisch die Vormundschaft über Fräulein Lucy Bertram führe, wird Ihnen bekannt sein, und ich richte die Frage an Sie, ob Sie meinen, mir die Kenntnis von Umständen, die auf ihr Wohl hinwirken können, vorenthalten zu sollen?« »Durchaus nicht, Herr Oberst; ich bin vielmehr der Meinung, daß Fräulein Bertram den besten Vormund in Ihnen besitzt, der sich für sie hätte finden lassen, und daß ich niemand wüßte, mit dem ich mich so gern wie mit Ihnen offen und ehrlich ausgesprochen hätte.« »Zur Sache, bitte!« »Aber, Herr Oberst! Das ist doch nicht so leicht und einfach. ... O bitte, warum will uns denn Herr Hazlewood allein lassen? Das ist wirklich nicht nötig. Ich nehme an Fräulein Bertrams Geschick so regen Anteil, daß es wirklich gut wäre, die ganze Welt hörte, was ich zu sagen habe.« »Herrn Hazlewood dürfte wahrscheinlich nicht viel daran liegen, Dinge zu erfahren, die ihn persönlich nichts angehen,« erwiderte Mannering ... »und jetzt!« fuhr er fort, »da mein Freund es vorgezogen hat, sich zu entfernen, muß ich Sie wiederholt ersuchen, sich kurz und deutlich zu erklären. Ich bin Soldat und als solcher kein Freund von Umschweifen und langen Vorreden.« Mit diesen Worten setzte er sich und wartete ab, was ihm Glossin zu sagen hätte. »Lesen Sie, bitte, dieses Schreiben,« versetzte Glossin, nachdem Mannering sich gesetzt hatte. Der Oberst las das Schreiben ein paarmal, dann vermerkte er sich den Namen seines Absenders in seinem Notizbuche ... »Hierüber ließe sich viel reden,« sagte er, »ich will die nötige Sorge tragen, daß Fräulein Bertrams Interessen nicht verkürzt werden.« »Aber, Herr Oberst,« versetzte Glossin, »es tritt noch ein anderer Umstand hier in Betracht, den niemand außer mir zu erklären vermag. Fräulein Margarethe Bertram hat eine Verfügung zu gunsten des Fräuleins Lucy Bertram getroffen, als sie noch bei meinem Freunde, dem alten Laird, in Ellangowan wohnte. Herr Sampson und ich haben als Zeugen das betreffende Schriftstück unterfertigt. Fräulein Margarethe Brown war zurzeit noch unbedingt dispositionsfähig, und sie war Erbin des Gutes Singleside, obgleich ihre ältere Schwester ein Leibgedinge daran hatte. Der alte Laird Singleside war ein wunderlicher Kauz und fand eine besondere Freude daran, die beiden Töchter, die er hinterließ, wie ein Paar Katzen aufeinander zu hetzen .« »Sie sagen,« unterbrach ihn Mannering, »Fräulein Margarethe Bertram sei befugt gewesen, ihr Gut Fräulein Lucy zu vergeben, und habe es ihr vererbt?« »So ist's, Herr Oberst. In unserm Rechtswesen muß ich doch wohl Bescheid wissen, habe ich doch viele Jahre darin gearbeitet – und wenn ich mich auch seit einer geraumen Weile von dieser Tätigkeit zurückgezogen habe, so vergrabe ich doch deshalb mein Pfund nicht, sondern halte mich auf dem laufenden, denn so ein bißchen Jus ist, möchte ich sagen, besser als Haus und Hof, heißt's doch schon im Liede: »Gar herrlich, all ihr Toren, Gut retten, das verloren ...« und wenn man sich schließlich auch bloß damit abgibt, guten Bekannten und Freunden zu Diensten zu sein.« Glossin war der Meinung, sich hierdurch bei dem Oberst in besseres Licht gesetzt zu haben; der Meinung war dieser nun freilich, daß durch den Eintritt dieses Ereignisses in den Verhältnissen seines Mündels ein Wendepunkt bedingt sein möchte, und indem er seine Abneigung gegen Glossin zu bekämpfen suchte, lieh er ihm ruhig Gehör, ja stellte ihm schließlich die Frage, ob er über den Verbleib der betreffenden Urkunde etwas zu sagen wisse. »O freilich – ich glaube sogar, sie finden zu können. Aber wer dergleichen in Gewahrsam hält, erhebt wohl in der Regel auch Ansprüche auf Abfindung –« »Das soll uns kein Hinderungsgrund sein, weiter zu verhandeln,« versetzte der Oberst barsch und klappte sein Taschenbuch auf. »Aber, Herr Oberst, Sie sind doch wohl gar zu kurz angebunden – nehmen Sie es mir nicht übel! Meine Rede lautet doch nur, bei gewissen Leuten sei es wohl Brauch, eine gewisse Abfindung zu begehren – für meinen Teil aber, Herr Oberst, möchte ich diesen Anlaß vielmehr benutzen, Fräulein Bertram und ihren Freunden die Ueberzeugung zu verschaffen, daß mich bloß die ehrliche Absicht, ihr nützlich zu sein, leitet. Hier ist die Urkunde, Herr Oberst. Es hätte mir Freude gemacht, sie dem Fräulein selbst einzuhändigen und ihr zu der erfreulichen Aussicht zu gratulieren. Aber da sich gegen gefaßte Vorurteile schwer ankämpfen läßt, bleibt mir weiter nichts übrig, als ihr durch Ihre gütige Vermittlung die Versicherung zu geben, daß ich jederzeit bereit bin, die Echtheit der Urkunde durch mein Zeugnis zu erhärten. Ich wünsche Ihnen guten Morgen, Herr Oberst.« Die letzten Worte waren von Glossin so geschickt gewählt und wurden mit einem solchen Trotz und Selbstbewußtsein gesprochen, daß selbst Mannering in seinem Vorurteile gegen ihn unsicher wurde. Er ging ein paar Stufen mit ihm die Rampe hinunter und erwies ihm beim Abschiede, wenn er auch kalt und ernst blieb, doch mehr höfliche Rücksicht als während der bisherigen Unterredung. So erfreut Glossin über den günstigen Eindruck war, den er zurückließ, so empfindlich hatte ihn doch die behutsame Zurückhaltung, der strenge Stolz berührt, mit dem man ihm gegenübergetreten ... »Um einiges höflicher hätte der Oberst schon sein können,« meinte er bei sich selbst. »Alle Tage wird's einem armen Mädchen nicht passieren, daß ihm vierhundert Pfund jährlicher Rente auf den Tisch gelegt werden. Jeder andere an meiner Stelle hätte sein Interesse dabei besser gewahrt – aber freilich, mit dem Wie habe ich mich bis jetzt ja noch gar nicht befaßt – und ob es sich so leicht hätte machen lassen, sich die Beute selbst anzueignen, will mir ohne weiteres nicht in den Kopf.« Mannering ließ, sobald Glossin außer Sehweite war, Mac Morlan rufen und legte ihm die Urkunde vor mit der Frage, ob sich durch Lucy damit vorgehen lasse. »Brillant!« rief Mac Morlan strahlenden Gesichts, als er das Schriftstück gelesen hatte; »was Besseres hätte an uns Glossin nicht tun können, sofern er nicht etwa Schlimmeres im Sinne hat ... Aber freilich,« sagte er nach einer Weile, und sein Blick verlor an freudigem Ausdruck, – »die Jungfer kann ihren Willen in letzter Stunde auch geändert haben.« »Und wie erfahren wir das?« »Fräulein Lucy muß sich bei der Testamentseröffnung durch einen Bevollmächtigten vertreten lassen.« Der Oberst ersuchte Mac Morlan, dies Amt zu übernehmen; da aber Mac Morlan durch dringende Amtsverrichtungen behindert war, entschloß sich Mannering, den Termin zu wahren und am andern Morgen mit Sampson, der die Urkunde als Zeuge mit unterzeichnet hatte, die Reise nach Edinburg zu unternehmen. Mac Morlan gab ihm ein paar Zeilen an einen angesehenen Anwalt dort mit, der früher Sheriff ihrer Grafschaft gewesen war, und dessen Rat und Beihilfe dem Obersten, wie Mac Morlan meinte, von gutem Nutzen sein möchte. »Sollen wir Fräulein Lucy von der Aussicht, die sich ihr eröffnet, schon jetzt Mitteilung machen?« fragte der Oberst noch. »Selbstverständlich,« versetzte Mac Morlan, »muß sie doch die Vollmacht unterfertigen, die ich gleich aufsetzen will. Aber keine Sorge, lieber Oberst! Fräulein Lucy wird keine Luftschlösser darauf bauen, sondern die Sache mit nüchternen Augen betrachten – als eine Möglichkeit zur bessern Gestaltung ihrer Zukunft – als sonst nichts weiter.« Mac Morlan hatte recht. Lucy ließ sich in keiner Weise merken, daß der so unvermutet eingetretene Todesfall ihr günstige Aussicht für die Zukunft eröffnete. Zwar richtete sie abends an Mac Morlan die scheinbar zufällige, doch aber nicht unauffällige Frage, wie hoch sich Hazlewoods Einkünfte im Jahre wohl stellen möchten; aber wer hätte daraus schließen mögen, daß sie sich mit der Frage befaßte, ob sie als Erbin von vierhundert Pfund Jahresrente eine passende Partie für den jungen Laird sei? Fünftes Kapitel. Mannering säumte keinen Augenblick, die Reise nach Edinburg anzutreten, und lotste mit Hilfe seines Dieners den braven Sampson, trotzdem er zweimal in Gefahr geriet, ihn unterwegs zu verlieren, glücklich in ein Edinburger Gasthaus. In einem Städtchen, wo gehalten werden mußte, war er mit dem Schulmeister über einen Vers in einer horazischen Ode in endlosen Diskurs geraten; das andere Mal war er entschlüpft, um sich das Schlachtfeld von Rullion-Green Im Jahre 1566 wurden die Presbyterianer von dem königlichen Heere, unter dem tapfern General Dalzell, hier geschlagen. Siehe hierüber den Roman: »Die Schwärmer« von Walter Scott. anzusehen, das für den eifrigen Presbyterianer ein höchst sehenswertes Objekt darstellte. Als ihn der Diener Mannerings endlich aufstöberte und ihn barsch anfuhr, daß alles bloß auf ihn wartete, schreckte er ordentlich zusammen und ließ den stereotypen Ausruf seiner Verwunderung: »Komisch! komisch!« hören – um noch hinzuzusetzen: »Du liebe Zeit! Wie konnte ich mich so vergessen!« Diener Barnes konnte sich über seines Herrn Geduld Sampson gegenüber nicht genug wundern, wußte er doch, wie verhaßt seinem an militärischen Drill gewöhnten Herrn jeder Zug von Saumseligkeit und Lässigkeit war. Aber Sampson und Mannering harmonierten immer ausgezeichnet, ja sie schienen zu Lebensgefährten förmlich wie geschaffen. Brauchte Mannering irgend ein Buch, so schaffte der Magister es zur Stelle; galt es Rechnungen zu prüfen oder zu ordnen, war Sampson im Nu bereit; suchte Mannering irgend eine Klassikerstelle, so wußte sie Sampson auf den Moment, war er doch ein lebendiges Wörterbuch; und für einen so stolzen, in sich abgeschlossenen Mann, wie Mannering, hatte solch ein auf die Minute bereiter »zweibeiniger Universalkatalog« und »allzeit dienstbares Faktotum« natürlich der Vorteile mancherlei. Kaum in Edinburg angekommen, ließ sich Mannering zu dem Rechtsgelehrten Pleydell führen, an den ihn Mac Morlan empfohlen hatte, schärfte aber seinem Diener ein, dieweil ein wachsames Auge auf Sampson zu haben. Damals – gegen Ausgang des amerikanischen Krieges – hatte sich Edinburg nur wenig entwickelt. Mit dem Bau der Neustadt auf der Nordseite, die jetzt fast eine Großstadt für sich geworden, wurde gerade erst begonnen. Die höhern Stände, besonders aber die Rechtsgelehrten, hatten ihre Wohnungen noch fast ausschließlich in der dunklen, verräucherten Altstadt, und dort wohnte auch Herr Paul Pleydell, ein strammer Verfechter der sogenannten »guten alten Zeit,« der mit Eigensinn an sanktionierten Bräuchen der Vergangenheit festhielt, und dementsprechend nicht bloß ein trefflicher Rechtsmann, sondern ein Bieder- und Ehrenmann war. Als Mannering mit seinem Führer durch einige Straßen zwischen den himmelhohen, bis unter das Dach erleuchteten Häusern der High-Street gegangen war, kamen sie endlich zu einem unscheinbaren Gebäude und waren schon ziemlich hoch auf steilen Treppen gestiegen, als sie, zwei Stockwerke höher, ein lautes Pochen horten. Eine Tür tat sich auf, und alsbald wurde das wilde Gebell eines beißenden Hundes, Weibergeschrei, Katzengeheul, und dazwischen eine Männerstimme laut, die gebieterisch rief: »Kusch dich, Senf! kusch!« »Gott sei uns gnädig!« rief die Weiberstimme. »Hält' er die Katze erwürgt, dann wäre mein Herr schier außer sich.« »Ach, was soll denn der Katze geschehen sein? Also nicht da, sagst Du?« fragte der Mann, Dinmont mit Namen. »Nein, Herr Pleydell ist Sonnabends nie da!« »Und morgen ist Sonntag,« versetzte Dinmont, »was soll man da machen?« Mannering kam inzwischen die Treppe herauf und sah sich einem rüstigen Landmann in grauem Rocke mit dicken Metallknöpfen, einem glänzenden Hut auf dem Kopfe, in blitzblanken Stiefeln, mit langer Reitpeitsche unter dem Arm, gegenüber – der mit einem Mädchen sprach, das in der einen Hand das Türschloß, in der andern eine Gelte mit weißer Tünche hielt, dem in Edinburg Sonnabends üblichen Säuberungsmittel. »Herr Pleydell also nicht da, Kind?« fragte Mannering wieder. »Da ist er, Herr, aber nicht daheim.« »Aber ich komme weither, Kind, und habe es höchst eilig,« erwiderte Mannering; »wo treffe ich Deinen Herrn?« »Herr Pleydell wird wohl im Wirtshause sein,« meinte sein Führer. »So bringt mich dorthin,« wandte der Oberst sich zu seinem Begleiter; »er wird mich hoffentlich dort anhören, da ein sehr wichtiges Geschäft mich zu ihm führt.« »Darüber kann ich nichts sagen,« antwortete das Mädchen, »Sonnabends läßt er sich nicht gern stören; aber die Höflichkeit gegen Fremde läßt er nicht außer acht.« »Ich gehe mit in die Schenke,« meinte Dinmont; »ich komme auch weither und habe auch wichtige Geschäfte.« »Je nun,« meinte die Magd, »wenn er mit dem Herrn da redet, wird er für Euch gemeineren Mann wohl auch ein Wort übrig haben. Sagt aber um Himmels willen nicht, daß ich Euch schicke.« »Nun, wenn ich auch nicht zu den Vornehmen rechne, so verlange ich doch von niemand was umsonst,« versetzte der Pächter in ehrlichem Stolze und ging schweren Schrittes die Treppen hinunter. Mannering, ihm auf dem Fuße folgend, konnte nicht umhin, den festen Schritt des Bauern zu bewundern, der ihnen durch das Straßengewühl den Weg bahnte ... »Nun, der mag nicht aus der Straßenmitte,« meinte der Führer zum Obersten, »aber wundern sollte es mich, wenn nicht schließlich jemand mit ihm anbände!« Die Vermutung bestätigte sich aber nicht. Dinmonts urkräftige Gestalt flößte solchen Respekt ein, daß sich niemand an ihn herantraute, sondern ihn ungestört ziehen ließ. Endlich drehte sich Dinmont um und sagte zu dem Führer: »Da geht's wohl hin zu der Schenke, nicht wahr, Freund?« Der Führer nickte, und Dinmont ging erst einen dunklen Gang entlang, dann eine dunkle Treppe hinunter und geriet endlich vor eine offene Tür. Dort pfiff er laut nach dem Aufwärter wie einem seiner Hunde; und Mannering sah sich um, außerstande zu begreifen, wie ein Mann von Bildung, der an gute Gesellschaft gewöhnt ist, in einem so armseligen, halbverfallenen Hause Unterhaltung suchen könne. Der Korridor, in welchem sie standen, hatte ein kleines Fenster, das zur Küche führte. Beim Scheine eines hellflackernden Feuers erblickte man dort Männer und Weiber in der muntersten Tätigkeit – teils mit Backen und Braten, teils mit dem Rösten von Austern beschäftigt, während die Beherrscherin dieses Feuerreiches in ausgetretenen Schuhen, mit wildfliegendem Haar, das zu einer kleinen Haube heraushing, wie eine Megäre herumschoß, kommandierend, arbeitend, und Befehlen einer noch höheren Gewalt fügsam ... Aus verschiedenen Teilen des Hauses erscholl munteres Gelächter, ein Zeichen dafür, daß die Megäre es verstand, durch gute Speisen ihre Gäste in gute Stimmung zu setzen. Endlich lieh sich der Kellner herbei, den Obersten und den Bauern nach dem Zimmer zu geleiten, in welchem der vielbegehrte Rechtsgelehrte seine Wochenkneipsitzung abhielt. Das Schauspiel, das sich den beiden Fremden bot, setzte sie in das größte Erstaunen. Pleydell war ein munterer Herr mit klugem Gesicht, pfiffigen Augen und von jener Förmlichkeit im Wesen, die der Amtsberuf mit sich bringt. Sonnabends aber streifte er mit seiner dreizöpfigen Perücke und seinem schwarzen Rocke auch alle Förmlichkeit ab und war unter fidelen Kameraden der fidelste. Seit vier Uhr saßen sie schon beisammen, all die starken Trinker vorm Herrn, unter Leitung eines wackern Vortrinkers, der schon drei Menschenalter hindurch diesen Gelagen beiwohnte und während der Hälfte dieser Zeitspanne auch präsidierte. Ein uraltes, jetzt vergessenes Spiel, »Highs-Jinks« genannt, wurde dabei getrieben, aber auf höchst verschiedene Weise: mit Karten, Würfeln, Brettsteinen usw. Wen das Los traf, der mußte entweder eine Zeitlang im Geiste einer bestimmten Rolle handeln oder eine gewisse Menge von schnurrigen Versen in bestimmter Ordnung herleiern. Wer aus der Rolle fiel oder steckenblieb, mußte büßen und zur Strafe entweder einen Becher mehr trinken oder einen Strafgroschen in die »Pinke« stiften. Als Mannering eintrat, war Pleydell eben zum König ausgerufen worden, saß auf einem Lehnstuhl, der auf den Tisch gestellt worden war, hatte die zerzauste Perücke schief auf dem Kopfe und an Stelle einer Krone einen Flaschenuntersatz darüber, während ihm alle fidelen Geister des Weines aus den Augen blitzten. Von dem lustigen Hofe, der ihn umringte, wurden allerhand schnurrige Reime gesungen, wie: »Ei, wo ist Gerunto jetzt? Was ist aus ihm worden letzt? Ach, er war ein Schwimmer nie – drum ist er ersoffen letzt, drum ersäuft er wieder jetzt! Dinmont rief von der Schwelle aus: »Weiß Gott! er ist's! aber so etwas ist mir mein Lebtag nicht vor Augen gekommen! mein Lebtag nicht!« und wie außer sich vor Verwunderung und Staunen klatschte er in die Hände. »Herr Dinmont und Oberst Mannering möchten Sie sprechen, Herr Pleydell!« wandte sich der Aufwärter jetzt zu dem lustigen Zecherkönig – und dieser schaute sich um, wurde rot bis hinter die Ohren, als er den vornehmen Herrn aus England erblickte; aber er dachte wie Falstaff: »Ausgespielt, ihr Schelme, das Spiel ausgespielt!« und hielt es für gescheiter, den Harmlosen zu spielen. »Wo ist unsere Leibwache?« rief er lustig: »seht Ihr nicht den fremden Ritter, der aus fremden Landen kommt, unsern Hof zu besuchen? Da ist ja auch unser wackrer Freisasse, Andrew Dinmont, der Hüter unserer königlichen Herden, im Kedwooder Walde, die dort, dank unserer königlichen Fürsorge, sicher weiden, wie in Abrahams Schoße! wo ist unser Lord Lyon? Das schottische Herolds-Kollegium wird »Lyon-Office« genannt und besteht aus dem Lord Lyon und mehreren Herolden und Persevanten. wo stecken unsere Herolde und Persevanten? Geleitet die Fremden zu unserer Tafel und traktiert sie ihrem Range gemäß, würdig dem hohen Feste! Morgen wollen wir hören, was uns die Gäste bringen.« »Morgen, mit Verlaub, ist Sonntag,« meinte einer von der Sippe. »Sonntag? Morgen? Nun, dann sei der Kirche kein Anlaß zum Aergernis gegeben; dann sollen sie am Montag Gehör erhalten.« Mannering, einen Augenblick unschlüssig, ob er den Fuß weiter hinein, in die Stube oder wieder aus ihr heraussetzen sollte, hielt es im andern Augenblicke für klüger, das Possenspiel eine Weile mitzumachen, obgleich er im stillen Mac Morlan grollte, ihm solch seltsamen Herrn zum Berater in solch wichtiger Sache empfohlen zu haben. Sich dreimal hintereinander tief verneigend, trat er zu dem Throne der Trinkermajestät und ersuchte um die Vergünstigung, sein Beglaubigungsschreiben zu den Füßen des Monarchen niederzulegen. Seine gut gespielte Gravität und seine tiefen Bücklinge, mit denen er den ihm vom Zeremonienmeister angewiesenen Sitz erst ablehnte, nach einigem Zieren aber annahm, wurden mit dreimaligem Applaus belohnt. »Da soll mir doch der Teufel ins Genick fahren, wenn sie nicht alle miteinander fürs Narrenhaus reif sind!« meinte Dinmont, indem er sich ohne viel Umstände einen Platz am Ende der Tafel suchte. Ein Becher Bordeaux wurde dem Obersten kredenzt, der ihn auf das Wohl des Königs leerte ... »Ihr seid meines Vermutens,« hob darauf der König an, »der vielgerühmte Miles Mannering, der sich in den Kriegen gegen Frankreich hervorgetan – und werdet uns sagen können, ob die Gascogner Weine in unserm nördlicher gelegenen Reiche an Geschmack und Blume Schaden leiden oder nicht.« Mannering, durch diese Anspielung auf den Ruhm seines gefeierten Ahnherrn geschmeichelt, erwiderte, zwar nur ein entfernter Verwandter des biedern Ritters zu sein, erklärte aber den Wein für vortrefflich. »Für meinen Magen nicht,« sagte Dinmont, das leere Glas auf den Tisch setzend. »Dem wollen wir abhelfen,« sagte König, Paul, der erste dieses Namens. »Es war uns aus dem Sinn gekommen, daß die dicke, feuchte Luft in unserm Liddes-Tale stärkeres Getränk erfordert. Seneschal, reicht unserm getreuen Freisassen einen Becher Branntwein; der wird ihm besser tun.« »Wir haben Eure huldvolle Majestät unbedachterweise bei fröhlicher Erholung gestört,« nahm Mannering das Wort, »darum geruhen dieselben wohl zu sagen, wenn ein Fremdling in der wichtigen Angelegenheit, die ihn nach Eurer Hauptstadt geführt hat, vorsprechen darf mit der Zuversicht, Gehör zu erhalten?« Der König brach Mac Morlans Schreiben auf, überflog es geschwind und rief mit seiner Amts- oder Berufsstimme: »Lucy Bertram von Ellangowan? Ach, das arme Ding!« »Buße! Buße!« riefen ein paar Dutzend Stimmen; »Majestät sind aus der Rolle gefallen.« »Nicht doch! nicht doch!« antwortete der König; »dieser wackere Ritter sei Richter! Auch ein König darf einer Maid von geringem Blut Liebe weihen! Ich zitiere den König Cophetua mit seiner Bettlermaid als casus in terminis .« »Schusterrede! Schusterrede!« riefen die stürmischen Edlen; »abermals Buße! abermals Buße!« »Hatten nicht Unsere Vorfahren im Reiche,« nahm der König wieder das Wort mit gehobener Stimme, bemüht, das Geschrei der Mißvergnügten zu betäuben: »hatten nicht auch sie ihre Johannen und Lisen? ihre Oliphants, Sandilands usw.? Uns soll's verwehrt sein, den bloßen Namen einer Maid zu nennen, der Wir Unsere Gunst schenken? Nein! so stürze der Thron, und die Herrschaft versinke! Gleich Karl V. lege ich die Krone nieder und danke ab, um im stillen Schatten bürgerlichen Lebens die Freuden zu genießen, die dem Königsthrone versagt sind.« Mit diesen Worten schleuderte er die Krone vom Haupte, sprang von seinem Throne Zur Erde, um vieles behender, als sich bei seinem Alter erwarten ließ, bestellte Lichter, Waschbecken und Tee in ein Nebenzimmer und winkte Mannering, ihm zu folgen. Im Nu hatte er Hände und Gesicht gewaschen, die Perücke vor dem Spiegel zurecht gerückt und wurde zu Mannerings nicht geringem Erstaunen ein ganz anderer Mensch als jener König eines kindischen Gelages ... »Herr Oberst,« sagte er, »gewisse Leute sollten, wenn sie sich als Narren aufspielen, scharf aufs Korn genommen werden, weil sie entweder zu viel bösen Witz oder zu wenig gesunden Sinn haben. Ich kann Ihnen kein besseres Kompliment machen, als Ihnen zeigen, daß ich mich schäme, vor Ihnen zu stehen, und wenn ich nicht sehr irre, habe ich das Ihrer freundlichen Nachsicht schon heute abends bewiesen ... Aber – entschuldigen Sie, bitte – was mag der stämmige Patron dort wollen?« Dinmont war hinter dem Obersten eingetreten und machte nun einen Bückling und einen Kratzfuß über den andern – dann hub er an: »Ich bin Andrew Dinmont aus Charlieshope im Liddes-Tale. Sie haben 'mal für mich einen Prozeß gewonnen.« »Prozeß? Was für einen? Sie meinen doch nicht, daß ich mich auf alle Toren besinnen soll, die mir meine gute Laune verderben?« »Aber, Herr Pleydell, es war doch der große Prozeß um die Hutweide!« sagte Dinmont, »Weiß von nichts, Mann! Geben Sie mir die Urteilsschrift oder was Sie sonst wollen, und kommen Sie Montag früh um zehn Uhr in meine Kanzlei.« »Ich habe nichts Schriftliches bei mir, Herr Pleydell. Sie haben doch immer gesagt, es wäre Ihnen am liebsten, wenn wir Leute aus dem Tale unsere Sache mündlich vorbrächten.« »So? na, wenn ich das gesagt habe, mag meine Zunge der Geier holen. Meine Ohren müssen nun dafür büßen! Also was führt Sie her? Kurz, bitte! Sie sehen ja, daß der Herr dort wartet.« »O, wenn es dem Herrn lieber ist, kann er seine Sache ja zuerst vortragen und ich nachher.« »Was soll sich der Herr Ihren Kram mit anhören? Und daß Sie anhören, was er zu sagen hat, läßt sich ihm doch nicht zumuten.« »Auch gut! Ganz, wie's Ihnen und ihm beliebt,« meinte Dinmont und berichtete nun mit vielen Worten und haarkleinen Ortsschilderungen den Streit, in den er mit zwei seiner Nachbarn über die Grenze einer Weide-Parzelle geraten sei. »Nun, liegt denn gar so viel an dem bißchen Land?« fragte Pleydell; »wieviel Schafe könnt Ihr denn drauf füttern?« »Nun, Schafe nicht eben viel,« meinte Dinmont, »dazu liegt's zu hoch und zu kalt, höchstens ein Ferkel wird darauf satt, in guten Jahren vielleicht zwei.« »Und um des bißchen Grases willen, das höchstens fünf Schillinge wert ist, wollt Ihr ein Paar hundert Pfund wegwerfen?« »Nein, Herr Pleydell, um das Gras geht's mir nicht, aber um die Reputation – um Recht und Gewissen.« »Mein Lieber, in Sachen von Recht und Gewissen, meine ich, ist sich jeder selbst der Nächste. Denkt an Euer Weib und Kind und laßt die Sache schießen!« Dinmont blieb unschlüssig stehen, den Hut in der Hand drehend ... »Es möchte ja alles sein, lieber Herr; aber bei den Nachbarn heißt's, sie wollen ein halbes Schock Zeugen bringen; und mir fehlen sie auch nicht, das kann ich wohl sagen, und jeder kann beschwören, daß mir das Stück Land gehört – wie soll ich leiden sollen, daß das Gut um eine Gerechtigkeit verkürzt wird?« »Aber, lieber Mann, prozessiert doch nicht starrköpfig um solche Kleinigkeit!« sagte der Anwalt. »Also, Herr Pleydell, Sie mögen den Prozeß nicht führen?« »Nein, Mann, ich nicht! Geht hübsch nach Hause, trinkt einen Schluck zusammen und vertragt Euch miteinander!« »Eins noch, Herr, und das betrifft die Erbschaft der verstorbenen Mamsell Bertram von Singleside.« »Was, Mann? die Erbschaft?« fragte Pleydell, aufs höchste erstaunt. »Ja, wir sind zwar nicht verwandt mit den Bertrams – denn das sind gar vornehme Leute, Aber die Jenny Liltup, die war Haushälterin beim alten Singleside und ist die Mutter der beiden alten Mamsells, die nun beide tot sind. Die Jenny war ander Geschwisterkind mit meiner Mutter ihrer Stiefschwester und hatte mit dem alten Singleside ihr Techtelmechtel, zum ewigen Verdruß ihrer ganzen Sippe und Verwandtschaft. Aber er hat sich doch schließlich mit ihr trauen lassen, und da ist mir nun eingefallen, ob wir nicht schließlich auch einen Anspruch auf Erbschaft hätten?« »Keine Spur von Anspruch,« antwortete Pleydell. »Na, armer werden wir darum auch nicht,« versetzte Dinmont, »aber wenn sie ein Testament gemacht hat, wär's doch vielleicht möglich, daß sie uns bedacht hat. So, nun bin ich fertig, Herr Pleydell. Wünsche gute Nacht und ...« Bei diesen Worten fuhr er mit der Hand in die Tasche ... »Nein, nein, mein Lieber,« fiel ihm der Rechtsgelehrte ins Wort, »Sonnabends nehme ich von niemand Geld, zumal von Leuten nicht, die nichts Schriftliches mithaben. – Gehabt Euch Wohl, Andrew!« »Eure Majestät haben ihren Verzicht auf den Thron mit einer milden Handlung geklönt,« sagte Mannering lachend, als Dinmunt sich entfernt hatte. »Dem guten Manne wird's wohl nicht einfallen, vor Gericht zu gehen,« »Das glauben Sie ja nicht! Mir ist bloß ein Klient flöten gegangen – das ist alles! Aber ruhen wird er nicht eher, als bis er einen andern gefunden, der ihm zu der Torheit zuredet. Sonnabends sage ich immer die Wahrheit. Das ist meine schwache Seite.« »Hoffentlich doch auch an Wochentagen?« fragte Mannering scherzend. »O ja, so weit es sich mit meinem Beruf verträgt. Ich bin, wie Hamlet sagt, passabel ehrlich, solange die Parteien mich nicht nötigen wollen, ihre doppelten Lügen vorm Gericht zu vertreten. Aber man muß leben; und das ist ein böses Ding ... Doch nun zu unserer Sache! Es freut mich von meinem alten Freunde, Mac Morlan, daß er Sie Zu mir geschickt hat, Herr Oberst! Mac Morlan ist ein braver Mensch und ein kluger Kopf: er weiß, daß ich lebhaften Anteil an der unglücklichen Familie von Ellangowan nehme, besonders an dem armen Mädel, der Lucy! Sie war gerade zwölf Jahre alt, als ich sie zum letztenmal gesehen, ein hübsches, liebes, süßes Ding! Schade, daß ihr Vater solch gutmütiger Schwachkopf war! Aber meine Anteilnahme an ihrem Schicksal rührt aus früherer Zeit hei – ich führte damals als Sheriff der Grafschaft die Untersuchung in einer Mordsache, Gerade an dem Tage, als das arme Kind zur Welt kam, war ein gewisser Kennedy in der Nähe von Ellangowan umgebracht worden, und durch eine sonderbare Verkettung von Umständen, in die ich leider kein Licht bringen konnte, war dabei auch ihr Brüderchen verschwunden, entweder geraubt oder auch ermordet – ihr einziges Brüderchen, ein fünfjähriger Knabe! O, Herr Oberst, nie im Leben vergesse ich, wieviel Elend in dieser Zeit über die arme Familie hereinbrach! Der Vater halb wahnsinnig – die Mutter nach der Frühgeburt auf dem Totenbette – so kam das hilflose Kind unter Tränen und Jammer in diese unglückliche Welt, in der sich kaum jemand fand, es abzuwarten und zu pflegen. Wir Rechtsleute find nicht von Erz und Eisen, so wenig wie Ihr Kriegsleute von Stahl. Wir haben mit Verbrechen und Unglück der Menschheit zu schaffen, Ihr mit den Drangsalen des Krieges – und wer von uns seine Pflicht tun will, – braucht schon eine Dosis von Kaltblütigkeit – aber der Teufel hole solchen Krieger, dessen Herz hart ist wie sein Schwert, und jeden Rechtsmenschen, der statt der Stirn sich die Brust bepanzert! – Doch ich komme ja ganz um meinen Sonnabend! Bitte, lassen Sie mir die Schriftstücke, die sich auf Fräulein Lucys Fall beziehen. Morgen mittag seien Sie, bitte, in meinem Junggesellenheim mein Gast. – Um drei Uhr erwarte ich Sie. Die alte Mamsell wird am Montag begraben. Da es sich um ein Waisenkind handelt, dürfen wir schon eine Stunde vom Sonntage wegnehmen, um über den Fall zu verhandeln. Jetzt lassen Sie mich zu meinen Untertanen, denn sie werden ungeduldig über das Interregnum, An unserm Fest teilzunehmen, mag ich Sie nicht einladen, Herr Oberst – das hieße Ihnen zuviel, zumuten.« Darauf trennten sie sich. Mannering kehrte nach seinem Gasthof zurück, jetzt vollauf zufrieden mit dem Manne. Nicht wenig erstaunt war er, am andern Morgen, als er mit Sampson beim Frühstück saß, Pleydell plötzlich eintreten zu sehen, vom Scheitel bis zur Sohle Rechtsanwalt, wie er im Buche steht. »Ich komme,« lautete seine höfliche Ansprache, »meine königliche Gewalt über Sie in geistlicher, wie in weltlicher Hinsicht auszuüben. Soll ich Sie in die Presbyter-Kirche oder ins Versammlungshaus der Bischöflichen Gemeinde führen? Wir Rechtsleute sind, wie Sie wissen, in Religionsfragen beidlebige Wesen – oder haben Sie Lust, den Vormittag anderweit zu verleben? Nehmen Sie mir meine altfränkische Zudringlichkeit nicht übel! Ich stamme aus einer Zeit, wo man einen Schotten für einen Verbrecher am Gastrechte hielt, sobald er seinen Gast für einen Augenblick allein ließ, die Schlafenszeit ausgenommen. Sie sagen es mir aber unverblümt, wenn ich Ihnen beschwerlich falle?« »Aber, lieber Herr Pleydell, was konnte mir lieber sein, als mich Ihrer Führung zu überlassen? Einen schottischen Prediger hörte ich gewiß gern – machen sie ihrem Vaterlande durch ihre reichen Gaben doch große Ehre! Indessen,« fuhr er fort, Pleydell auf die Seite nehmend, mit einem Blick auf Sampson; »mein braver Freund hier ist ein bißchen unbeholfen und zerstreut, will aber auch in die Kirche gehen, ich möchte ihm aber meinem Diener, der sonst immer mit ihm geht, in solchem Falle doch nicht gern anvertrauen.« Pleydell wußte auf der Stelle Rat und ließ einen ortskundigen Mann rufen, den der Oberst für die Dauer seines Edinburger Aufenthaltes als Cicerone für Sampson dang. Mannering besuchte mit dem Rechtsgelehrten ein paar Kirchen, um mehrere Prediger zu hören, von denen er Rühmliches vernommen. Dann schieden sie auf ein paar Stunden; zur festgesetzten Zeit aber verfügte sich der Oberst in das Haus seines freundlichen Anwalts, Nach allem, was er von dessen Wohnung gesehen, begab er sich mit keinerlei großen Erwartungen zu der Mahlzeit, zu der er geladen worden. Das Haus nahm sich bei Tage innen und außen fast noch schlechter aus als am Abend vorher. Das Bücherzimmer aber, wohin ihn ein ältlicher Diener führte, stach vorteilhaft ab von der wenig versprechenden Vorhalle. Es war geräumig und freundlich, mit Bildnissen berühmter Schottländer geschmückt, und mit Büchern, den besten Ausgaben der besten Schriftsteller, aufs reichste ausgestattet ... »Mein Handwerkszeug,« meinte Pleydell; »ein Rechtsmensch ohne Kenntnis von Geschichte und Philosophie ist eine Null in unserem Stande; verfügt er aber über solche Kenntnisse, darf er sich einen Baumeister nennen.« Nachdem sich Pleydell an der Ueberraschung seines Gastes sattsam geweidet, brachte er die Rede wieder auf Lucys Fall ... »Ich habe noch immer, wenn auch nur schwach, gehofft,« meinte er, »Mittel und Wege ausfindig zu machen, wie sich ihr unbestreitbares Recht auf das Gut Singleside durchführen ließe; aber all meine Nachforschungen sind fruchtlos verlaufen; die alte Mamsell war allerdings unbeschränkte Herrin über ihr Vermögen und konnte damit schalten und walten nach Belieben. Es bleibt uns nur die eine Hoffnung, daß sie kein böser Geist getrieben, ihre erste Verfügung umzustoßen. Wir müssen das Leichenbegängnis abwarten; Sie werden dazu eingeladen werden, nachdem ich dem Anwalt der Verstorbenen von Ihrer Anwesenheit Mitteilung gemacht – dann werde ich Sie in der Wohnung der Verstorbenen treffen und darüber wachen, daß bei der Testamentseröffnung alles mit rechten Dingen zugeht. Die alte Mamsell hat ein junges Mädchen bei sich gehabt, eine Waise, mit ihr verwandt, die den Puttel bei ihr gemacht hat. Hoffentlich hat sie es nicht fehlen lassen, das arme Wesen für all die Härte, mit der sie sie bei Lebzeiten behandelt, zu bedenken.« Mannering brachte den Nachmittag bei seinem Gastfreunde in Gesellschaft einiger gemütlichen Herren aufs angenehmste zu, und als er abends in seinen Gasthof zurückkehrte, fand er die Einladung zum Leichenbegängnisse vor, von der ihm Rechtsanwalt Pleydell gesprochen. Sechstes Kapitel. Zur bestimmten Stunde stand Mannering im Trauerhause in der Südvorstadt, unter den leidtragenden Verwandten dritten, vierten, fünften und sechsten Gliedes, bemüht, seinem Gesichte jenen feierlichen Ausdruck zu geben, den er bei allen Anwesenden wahrnahm – jenen Anflug von Kummer und Herzeleid, als ob er in der Verstorbenen eine Schwester oder Mutter verloren hätte. Nach einer langen, feierlichen Stille fing unter den Versammelten die Unterhaltung an, aber so leise, als ob sie gefürchtet hätten, eine in den letzten Zügen lebende Person zu stören ... »Unsere gute, liebe Freundin,« sagte ein höchst gesetzter Herr, indem er kaum den Mund auftat, um sein Gesicht nicht aus den feierlichen Falten zu bringen, »unsere gute liebe Freundin hat doch für ein recht anständiges Begräbnis Sorge getragen, für ihre Lebensumstände wirklich recht passabel!« »Ja,« antwortete der Angeredete, indem er die Augen zu schließen versuchte, »Fräulein Margarethe hat das Ihrige zusammenzuhalten verstanden.« »Nichts Neues heute, Herr Oberst?« hob ein anderer, der sich tags zuvor mit Mannering bei Tisch getroffen, in einem so ernsten Tone an, als ob er den Tod seiner ganzen Familie zu verkünden gehabt hätte. »Nichts Besonderes, Herr,« antwortete Mannering, den im Trauerhause vorherrschenden Ton anschlagend. »Wie man hört,« sagte der erste wieder, mit der Miene eines Menschen, der über alles Bescheid weiß, »ist ein Testament vorhanden.« »Was wird wohl die kleine Jenny bekommen?« »Hundert Pfund und die alte Repetieruhr.« »Wenig, blutwenig! Das arme Ding hat viel ausstehen müssen bei der alten Muhme. Aber auf anderer Leute Tod zu warten, ist halt immer ein schlimmes Ding.« »Wir werden wohl,« nahm Mannerings Nachbar wieder das Wort, »mit unserm alten Freunde Tippu Sahib noch nicht fertig sein – er wird der Kompagnie wohl noch zu schaffen machen. – Bekannt mag's wohl auch schon sein, denn die indischen Papiere sollen, heißt's, gar keine Tendenz mehr zum Steigen haben.« »Wenn sie bloß bald steigen wollten,« meinte Mannering. »Die verstorbene Dame,« mischte sich ein anderer ins Gespräch, »hat indische Papiere besessen; ich weiß es daher, weil ich die Zinsen für sie abgehoben habe. Gut wäre es ja, wenn sich die Kuratoren und Erben beim Herrn Obersten Rat holen wollten, wie sich solche Papiere am besten an den Mann bringen lassen. Ich meinerseits bin der Ansicht –« Der Zeremonienmeister trat zur Versammlung, um den Bahrtuchträgern ihre Plätze anzuweisen, und zwar je nach dem Verwandtschaftsgrade, in welchem der betreffende zu der Abgeschiedenen gestanden. Natürlich kam bei jedem der Ehrgeiz hierbei in Betracht, und so vorsichtig der Zeremonienmeister bei der Verteilung der Karten zu Werke ging, so ließ es sich doch nicht hindern, daß er hie und da einen kleinen Verstoß beging und daß unfreiwilliges Murren von verschiedenen Seiten laut wurde. Freund Dinmont aber, der sein Mißvergnügen nicht unterdrücken oder den zu der Feierlichkeit passenden Ton nicht finden konnte, gab Ursache zu mancherlei Aergernis: »Einen Zipfel vom Tuche oder eine Ecke vom Sarge hättet Ihr mich wohl auch tragen lassen können!« sagte er, und zwar um vieles lauter, als es die Rücksicht auf den Anstand gestattete ... »Wär bloß nichts zu erben da, – dann könnt ich bestimmt rechnen, daß ich den Sarg allein tragen müßte, soviel vornehmere Herrschaften jetzt auch hier sind, als meine Wenigkeit.« Dem derben Mann vom Lande, der mit seiner Meinung so gar nicht hinter dem Berge hielt, traf mancher böse Blick. Zum Glück setzte sich der Leichenzug bald in Bewegung und erreichte auch bald die Kirchhofspforte und, durch eine Reihe von müßigen Weibern, die ihre Kinder auf dem Arme hielten, und einem Schwarm von tobenden Jungen und Mädchen, den Erbbegräbnis-Platz der Familie Singleside, der mit einem eisernen Gitter eingefriedigt war, auf der einen Seite von einem Engel, der zwar die Nase und einen Flügel eingebüßt hatte, aber seinen Ehrenposten schon volle hundert Jahre rühmlich behauptete, auf der andern durch einen Cherub gehütet wurde, der aber von seinem Piedestal herabgeglitten war und zwischen Kletten, Schierling und Nesseln lag, die üppig um die Mauern der Gruft wuchsen. Kaum waren die sterblichen Reste der alten Dame in die Ahnengruft gesenkt, so trieben die ungeduldigen Verwandten die Mietskutscher zur Rückfahrt, weil es ihnen drum ging, endlich zu wissen, wie es sich mit dem Testament verhielt. Wie in Lucians Fabel die trefflich abgerichteten Affen mit großem Beifall ein Trauerspiel aufführten, bis auf einmal durch eine Handvoll Nüsse, die ein Schalk auf die Bühne warf, der ganze theatralische Anstand gestört wurde und die natürlichen Leidenschaften der Schauspieler in einen höchst manierlichen Wetteifer ausarteten, gerade so weckte die bevorstehende Entscheidung unter den Erbschaftskandidaten Empfindungen, die höchst verschieden waren von denen, die sie wenige Minuten vorher zum Ausdruck gebracht hatten. Dieselben Augen, die eben erst andächtig zum Himmel oder demütig auf den Boden geblickt hatten schossen jetzt scharfe, inquisitorische Blicke in alle Ecken und Winkel, in alle Regale, Fächer, Kisten und Kasten; aber vergebens suchte man das vielerwähnte, mit Spannung erwartete Testament. In einem Winkel wurde ein Schuldschein über zwanzig Pfund gefunden mit dem Vermerk darauf, daß die fälligen Zinsen am letzten Martinstage bezahlt worden seien; im andern Winkel ein höchst wunderlicher Liebesbriefwechsel zwischen der Verstorbenen und einem Leutnant von der Infanterie mit Namen O'Kean, der mit einer Urkunde zusammengebunden war, die der lieben Verwandtschaft über die Umstände ausführlich Auskunft gab, die zur plötzlichen Auflösung des höchst prekären Verhältnisses Anlaß gewesen: sie war nämlich nichts anders als eine Schuldverschreibung des Leutnants über zweihundert Pfund, auf die kein Pfennig Zinsen bezahlt worden zu sein schien. In einem dritten Winkel lagen in einem halb vermoderten Pappkasten Münzen von allerlei Gepräge, Stückchen von zerbrochenem Gold und Silber, alte Ohrringe, Gelenke von Tabaksdosen, Brillenfassungen usw. Von einem letzten Willen aber war noch immer keine Spur zu entdecken, und Mannerings Hoffnung, daß die ihm von Glossin behändigte Urkunde tatsächlich die letzten Verfügungen der Verstorbenen enthalte, steigerte sich. Anwalt Pleydell aber trat jetzt ein und dämpfte die Hoffnung wieder um einige Grade ... »Ich kenne den Mann,« sagte er, »der den Fall in der Hand hat, und sein Verhalten läßt mich schließen, daß er manches mehr darüber weiß, als wir alle zusammen.« Unter der übrigen Verwandtschaft schienen einige ganz besonderes Interesse an dem Verlaufe zu nehmen: Dinmont, nach wie vor mit der Reitpeitsche unterm Arme, beschränkte sich darauf, dem als Nachlaßverwalter eingesetzten Advokaten scharf über die Achsel zu gucken. Unweit von ihm stand, in einem streng korrekten Traueranzug, ein älterer Herr mit Namen Mac Casquill, ein weitläufiger Verwandter der Verstorbenen, der auf Berücksichtigung im Testamente deshalb Anspruch zu haben meinte, weil er mit ihr alle Sonntag im gleichen Kirchstuhl gesessen und alle Sonnabend abends mit ihr Cribbage gespielt, aber es immer so einzurichten gewußt hatte, daß nicht er, sondern sie gewann. Wieder ein anderer, der das Haar in einen Lederzopf geflochten trug, ein Tabakshändler und mütterlicherseits verwandt, meinte darum auf ein Miterbe rechnen zu dürfen, weil er der Verstorbenen auch nach der Preissteigerung während des Krieges ihre Schildpatt-Dose wöchentlich mit dem besten Raps ebenso billig geliefert hatte wie vordem, und weil sich die Verstorbene dabei ihm jedesmal bestens hatte empfehlen lassen. Mannering interessierte im Grunde bloß eine Person: das arme Mädchen, das ihre ganze Jugendzeit der alten Mamsell geopfert hatte, immer der Spielball ihrer üblen Laune gewesen und alle Geschäfte und Arbeiten für sie hatte verrichten müssen. Auf sie hefteten sich aller Blicke mit Groll und Ungunst, einzig und allein Dinmont, den ehrlichen Bauer ausgenommen; denn alle erblickten in ihr eine Person, die ihnen das Erbe verkürzte, und dabei schien doch allein sie den Heimgang ihrer langjährigen Herrin aufrichtig zu beklagen. »Zu verwundern wäre es doch,« meinte endlich in seiner Ehrlichkeit Dinmont zu dem Nachlaßverwalter, »wenn sie kein Testament gemacht haben sollte.« »Abwarten, Freund, abwarten,« erwiderte dieser; »Fräulein Bertram war eine herzensgute, aber sehr kluge, umsichtige Dame, die sich immer an die rechten Leute zu wenden wußte, und wohl kaum mehr denn ein einziges Mal sich mit jemand befaßt hat, der ihres Vertrauens nicht würdig gewesen wäre.« »Zehn gegen eins wette ich, daß er das, worauf wir alle warten, in der Tasche hat,« flüsterte Pleydell dem Obersten zu und wandte sich dann an den Verwalter mit den Worten: »Ich denke, Herr Kollege, wir machen die Sache kurz ab. Bitte, hier habe ich eine letztwillige Verfügung über Gut und Herrschaft Singleside, handschriftlich ausgestellt und auch unterschrieben vor mehr denn Jahresfrist von der Verstorbenen, laut welcher dasselbe nach ihrem Ableben auf Fräulein Lucy Bertram von Ellangowan fällt–« Aller Blicke richteten sich mit einem Anfluge von Entsetzen ob der grausamen Enttäuschung auf Pleydell. »Herr Kollege Protocol,« nahm Pleydell wieder das Wort, halb an diesen, halb an die Erb-Versammlung gerichtet, »wird uns zweifelsohne sagen, ob nach dieser Verfügung eine weitere getroffen worden oder nicht.« »Mit Verlaub, Herr Kollege,« versetzte Protocol und griff nach der Schrift, um sie rasch zu überfliegen. »Der Halunke,« flüsterte Pleydell dem Obersten zu, »wenn er sich so benimmt, kalt wie ein Frosch, steht's außer Zweifel, daß er was anderes in der Tasche hat.« »Aber warum bringt er's nicht zum Vorschein?« fragte Mannering, dessen Geduld sich zu erschöpfen drohte. »Ja, wer kann's wissen,« erwiderte der Rechtsgelehrte; »warum beißt die Katze die gefangene Maus nicht gleich tot? Doch wohl nur, weil sie sich an dem Bewußtsein ihrer Ueberlegenheit weidet – vielleicht auch aus Lust am Necken und Tändeln« – dann wandte er sich zu dem Kollegen: »Nun, Herr Protocol, und Ihre Meinung zur Sache?« »In aller Form Rechtens abgefaßt und vorschriftsmäßig beglaubigt, auch von Zeugen unterfertigt.« »Aber durch eine spätere Verfügung, die Sie in Händen haben, überholt – nicht wahr?« »Das könnte freilich wohl der Fall sein, Herr Kollege,« versetzte Protocol und nahm ein Bündel Schriften aus seinem blauen Beutel, das mit Bindfaden umschnürt und schwarz gesiegelt war. »Die Urkunde, die Sie präsentieren, Herr Kollege, datiert vom 1. Juni des Jahres 17 ... Diese hier aber,« schloß er, indem er die Siegel löste und das Papier langsam auseinanderfaltete, »vom 21. April des laufenden Jahres, ist also volle zehn Jahre jünger.« »Wirklich und wahrhaftig« rief Pleydell, nach einem Blick auf das Datum – »das Dokument datiert von dem Monat, in welchem Ellangowans mißliche Lage allgemein offenbar wurde. Aber, bitte, lesen Sie es vor!« Der letzte Wille der verstorbenen alten Mamsell war höchst unvermuteten Inhalts: Gut und Herrschaft Singleside samt allem Zubehör fiel an – an den Nachlaßverwalter, der jetzt die Stimme zu einem sanften, bescheidenen Pianissimo senkte – an Herrn Peter Protocol, in dessen Tüchtigkeit und Redlichkeit die Erblasserin immer das größte Vertrauen gesetzt habe – diese Worte wiederholte er mit der Beteuerung, daß sie Aufnahme in dem Schriftstück gefunden hätten auf ausdrückliches Verlangen seiner würdigen Freundin ... »jedoch nur als,« führ er darauf fort, »anvertrautes Depositum«, nach diesem Beisatze verkürzten sich die langen Gesichter der Zuhörer merklich – »und zwar unter nachbenannten Bedingungen und Bestimmungen ...« und in diesem Vorbehalt lag der Schwerpunkt ... Die erste Bedingung – der ein paar einleitende Worte über die direkte Abstammung der Erblasserin von dem alten Hause Ellangowan vorausgingen – lautete: Harry Bertram, Sohn und Erbe von Godfrey Bertram, Baron von Ellangowan, sei in frühester Kindheit seinen Eltern geraubt worden; sie aber, die Erblasserin, wisse bestimmt, daß Harry noch am Leben sei, aufhaltlich außerhalb Englands, und daß ihn die göttliche Vorsehung noch in das Erbe seiner Väter einsetzen werde. Sobald nun besagter Harry Bertram auftauche, solle Herr Peter Protocol verpflichtet und verbunden sein, ihm die gesamte Erbschaft, nach Abzug einer gemessenen Vergeltung für seine Mühewaltung, auszufolgen und zu überantworten. Bloß zwei Vermächtnisse waren noch ausgesetzt: eins von hundert Pfund für die alte Magd der Verstorbenen, die bei ihr immer einen großen Stein im Brett gehabt hatte – ein anderes in gleicher Höhe für Janet Gibson, – die, wie es im Testament hieß – von der Erblasserin erzogen worden sei, ohne daß sie irgendwelche Entschädigung dafür genossen – und der sie diese Summe vermache, damit sie die Möglichkeit gewänne, sich einem ehrsamen Lebensberufe zuzuwenden. Tiefes Stillschweigen folgte auf die Verlesung. Der erste, der es brach, war Pleydell, der sich das Testament zur Einsichtnahme ausbat. Er las es durch, erklärte es für richtig abgefaßt und in Ordnung und gab es ohne alle Bemerkung zurück. Dann sagte er leise zu Mannering: »Ich glaube, Protocol ist nicht besser, aber auch nicht schlimmer als andere Leute; aber das alte Fräulein hat die ganze Geschichte so arrangiert, daß es ihm, wenn er noch kein Schurke ist, an Versuchung, es zu werden, nicht fehlen kann.« »Na, das muß man sagen, so etwas ist noch nicht dagewesen!« rief Mac Casquill. »Eins, Herr Protocol, möchte ich noch wissen, wie ist denn die verblichene Dame darauf gekommen, einen Jungen noch bei Leben zu halten, der doch, wie jedermann weiß, schon vor Anno Tobak umgebracht worden ist?« »Darüber kann ich nicht mehr aussagen, als Sie selbst hier in diesem Schriftstücke hinterlegt hat,« antwortete Protocol; »sie war eine brave und fromme Dame, die vielleicht in ihrem Glauben an den ewigen Gott und seine allwaltende Gerechtigkeit Gründe gefunden, an das Nochvorhandensein des besagten Ellangowan zu glauben.« »Ich weiß es, was für Gründe sie dazu bestimmt haben,« fiel der Tabakshändler ein: »Jungfer Rebekka, die dort drüben sitzt, hat mir's wohl hundertmal im Leben gesagt, daß eine alte Zigeunerin ihr gesagt hätte, der Harry Bertram sei noch am Leben. Nicht wahr, Jungfer Rebekka, so verhält es sich? Was Sie Ihrer Dame, wozu ich Sie oft animiert und wofür ich Ihnen auch manche halbe Krone geschenkt, ans Herz legen sollten und wollten, das haben Sie freilich vergessen.« »Daß ich nicht wüßte,« versetzte Rebekka mürrisch und mit einem Gesicht, das deutlich verriet, daß sie keine Lust hatte, sich an etwas erinnern zu lassen, was weder angenehm noch rühmlich für sie war. Die Trauergesellschaft schickte sich zum Auseinandergehen an; Protocol übertrug der Hausmagd Rebekka die einstweilige Aufsicht über das Haus, das er, wie er sagte, in einigen Tagen zu vermieten denke; der ehrliche Dinmont, der sich auch nicht ganz ohne Hoffnung eingefunden, hatte die Zeit über ziemlich verdrossen im Lehnstuhle der Verstorbenen gesessen, die sicher außer sich geraten wäre, wenn sie mitangesehen, wie er den Plüschüberzug mit seiner Reitpeitsche traktierte, stand jetzt auf und setzte die Trauergesellschaft durch die Worte in Aufregung: »Was soll denn aber aus dem armen Dinge, der Janet Gibson, werden? So lange die Erbschaft noch in Aussicht stand, hat's Verwandtschaft von der Margareth schier geregnet; ich dächte, nun müssen wir zusehen, was für sie zu tun.« Den Worten wohnte scheinbar eine geheime Wunderkraft inne, denn sie setzte die Beine fast sämtlicher Anwesenden in energische Bewegung, Alles fing an zu rennen und zu flüchten. Mac Casquill murmelte, er habe für Köpfe mehr als genug zu sorgen, und eröffnete diesen »Ausmarsch aus Aegypten.« Der Tabakshändler meinte, Herr Protocol habe ja das Legat auszuzahlen und werde sich um das Mädel schon kümmern; und lief so flink, daß er Mac Casquill fast umrannte. Protocol rief ihm hinterher, freilich habe er daran gedacht, diese Sorge vorderhand auf sich zu nehmen, es möchte aber alles, was er für sie tue, bloß aus Barmherzigkeit getan gelten. Dinmont aber schüttelte seinen weiten Flausrock, wie ein Neufundlandhund seinen zottigen Pelz, wenn er aus dem Wasser kommt, und rief: »Schockschwerenot, Herr Protocol, sie soll Ihnen nicht zur Last fallen, sofern sie Lust hat, mit auf mein Gut im Hochland zu kommen. Fehlen soll es ihr bei uns an nichts; mit dem feinen Leben wird's freilich vorbei sein, und in Büchern zu lesen, wird's auch nichts geben, auch keine Stickerei oder Weißnähen, wie bei der alten Mamsell, bei der sie so lange gelebt hat. Aber sorgen will ich für alles, und die hundert Pfund sollen Sie ruhig in Verwahrsam behalten, Herr Protocol; ja, ich will sogar noch was dazu legen, wenn sich 'mal ein wackerer Bursche in unserm Tale finden sollte, der eine Hausfrau braucht und ein Auge auf sie wirft. Na, was meinen Sie zu dem Vorschlag, Janet? Aber reiten lernen mußt Du, Kind, denn von Kutschen gibt's noch keine bei uns im Tale; und falls Jungfer Rebekka sich Dir anschließen und Lust haben sollte, ein paar Monate bei uns zu bleiben, so lange Du Dich noch nicht heimisch bei uns fühlst, nun, so sollte es mir bloß recht sein.« Rebekka knickste höflich und hielt auch die arme Waise dazu an, und als Dinmont zu ihr trat und ihr mit seiner rauhen Herzlichkeit zuredete, das Weinen zu lassen, fuhr der alte Pleydell mit allen fünf Fingern in seine Tabaksdose ... »Das ist Wasser auf meine Mühle,« meinte er zum Obersten – »darüber könnt ich schier Essen und Trinken vergessen – solch ehrliche Haut nach all dem Heuchelpack zu hören, ist Medizin für ein Menschenherz! Na, dafür muß ich ihm auch zum Ruin verhelfen. Ruhe findet er früher doch nicht! Na, Ihr da, aus dem Liddestale! Dandie, Charlie – oder wie Ihr heißt –« Der Pächter froh, daß man sich mit ihm befaßte, wenn auch nur auf solche Art von oben her, drehte sich um und reichte dem Anwalt, vor dem er großen Respekt hatte, die Hand. »Na, wollt Ihr die Geschichte ruhen lassen?« fragte dieser. »Nicht doch, lieber Herr Pleydell. Niemand büßt gern was ein, worauf er ein Recht hat, und läßt sich noch obendrein auslachen. Aber da es Ihnen nicht angenehm ist, sich damit zu befassen, – vielleicht auch, weil Sie es mit der Gegenpartei halten, nun, so muß ich mich schon nach einem andern umsehen.« »Hab ich's nicht gesagt, Herr Oberst,« wandte sich Pleydell schmunzelnd an Mannering, um dann zu Dinmout zu sagen: »Nun, wenn Ihr durchaus nicht anders könnt, als Euch als Narr aufzuspielen, dann muß ich doch zusehen und sorgen, daß Ihr wohlfeil davonkommt und, wenn's angeht, auch als Sieger aus dem Prozesse hervorgeht. Schickt mir also Eure Papiere, und laßt mich weiter sorgen! Warum solltet Ihr schließlich nicht prozessieren? Genau so gut. Mann, wie Eure Altvordern brandschatzten und mordeten.« »Das dächt ich auch, Herr Pleydell! Recht muß Recht bleiben – und hätte sich das Leben nicht so ganz umgestaltet, dann suchten wir auch keine andern Wege als unsere Altvordern. Heute heißt's: Recht bindet uns und muß uns lösen. Und wer bei uns nicht vor Gericht gestanden, der hat kein rechtes Ansehen.« »Sehr gut, mein Lieber, sehr gut! Na, für heute Gott befohlen! Schickt mir Eure Papiere, und ich will zusehen, was sich tun läßt ... Bitte, Herr Oberst, wir haben hier nichts mehr zu schaffen.« »Na,« rief Dinmont, indem er sich vergnügt die Schenkel klopfte – »jetzt ist mir die Hutweide sicher.« Siebentes Kapitel. Die beiden Männer schieden mit der Abrede, daß Pleydell am nächsten Donnerstage Mannerings Gast sein solle, denn Mannering hatte sich vorgenommen, acht Tage lang in Edinburg zu bleiben. Er verlebte die Zeit aufs angenehmste, denn Pleydell versäumte nicht, ihn mit allen Edinburger Berühmtheiten jener Zeit, David Hume, Adam Smith, Robertson, Ferguson, Home, bekannt zu machen. Am festgesetzten Tage stellte sich Pleydell, ein großer Freund von Tafelfreuden, bei ihm ein; aber mehr noch als durch ausgezeichnete Bewirtung erfreute ihn Sampson durch seine kurzen, ernsten Antworten auf die oft recht verfänglichen Fragen, die ihm Pleydell stellte, und seine gutmütige Einfalt, die selbst dem Obersten manche neue Seite an dem Manne offenbarte, »Was sie nur bestimmt haben mag, unsere alte Mamsell,« meinte Pleydell im Verlaufe des Tischgesprächs, »der armen Lucy das Erbe vorzuenthalten, um jemand, der schon als Kind für tot und verschwunden gegolten, zu ihrem Erben einzusetzen? Ach, bitte, mein lieber Herr Sampson,« wandte er sich an den Magister, »Sie müssen mir es schon zu gute halten, daß ich dieses Thema berühre – ohne Rücksicht darauf, daß es Ihnen so nahe geht. Ich weiß ja, wie schwer es mir bei Ihrer Vernehmung wurde, auch nur drei zusammenhängende Worte aus Ihnen herauszuzapfen. Erzählen Sie mir noch soviel von Ihren stummen Brahminen, lieber Herr Oberst, gegen unsern Gelehrten hier kommen sie im Punkte der Schweigsamkeit ganz bestimmt nicht auf ... Aber, wie es im Sprichworte heißt: eines Weisen Worte sind kostbar und sollen nicht in den Wind gesprochen sein,« »Das muß ich Wohl sagen,« versetzte Sampson, indem er sein blaugewürfeltes Taschentuch von den Augen nahm, »das war ein herber Tag! Aber wem der Herr Lasten gibt, dem gibt er auch Kräfte, sie zu tragen,« Mannering lieh sich von Pleydell die näheren Umstände auseinandersetzen, unter denen der Knabe verschwunden war, und fragte den neuen Freund, als er ihm diesen Wunsch erfüllt hatte, wie er wohl selbst über den Fall dächte. »Daß Kennedy ermordet worden, daran besteht kein Zweifel,« meinte Pleydell, »Aber, was ist aus dem Knaben geworden?« »Meiner Meinung nach ist er mit ermordet worden, stand er doch schon in dem Alter, über alles, was er mitangesehen, aussagen zu können, und daß sich die Schurken, sobald es ihr Interesse notwendig machte, bedacht hätten, das Kind zu morden, nachdem sie den Mann gemordet hatten, möchte ich für sehr unwahrscheinlich halten.« »Gräßlich!« tief Sampson, tief aufseufzend; »gräßlich! gräßlich!« »Es war ja aber in der Erbenversammlung auch von der Zigeunerin die Rede,« bemerkte Mannering, »und was jenes ordinäre Subjekt nach dem Begräbnisse sagte, zu der Magd Rebekka, meine ich –« »Sie haben recht,« fiel Pleydell ihm ins Wort, »die alte Mamsell hat auf die Aussage einer Zigeunerin gefußt, daß das Kind noch am Leben sei ... Das muß ich sagen, Herr Oberst, Ihre Divinationsgabe ist außerordentlich, und ich als Rechtsmensch beneide Sie darum! ja, es ist direkt unverzeihlich, wenn nicht beschämend für mich, daß ich auf diesen Schluß nicht selbst gekommen bin ... Aber wir wollen den Fall sogleich festnageln.« Der Anwalt ließ seinen Schreiber holen. Er saß im Gasthause, bei einer Partie »Großschlemm«, wie Herr Pleydell mit dem Bemerken andeutete, daß Rechtsleute nun einmal bei aller Geregeltheit ihres Berufes die »ungeregeltsten« Leute seien, und sagte zu dem Boten, er solle nicht vergessen zu sagen, daß er, Pleydell, für die Buße aufkomme, die der Schreiber wegen zu frühen Aufstehens von der Partie zu zahlen haben dürfte. »Erscheinen wird er doch?« fragte Mannering. »Bitte, nichts mehr davon,« versetzte Pleydell; »aber es wird notwendig sein,« fuhr er lächelnd fort, »uns Nachrichten aus dem Lande Aegypten zu verschaffen. Habe ich nur erst das eine Ende des Fadens in den Händen, dann soll es nicht lange mehr dauern, bis ich Sie in das Labyrinth hineinführe. Die Zigeunerin will und werde ich schon zu einem Geständnis bringen,« Der Schreiber kam so eilig, daß er sich nicht einmal Zeit genommen, die Spuren des eben genommenen »Liebesmahles« aus den Lippenwinkeln zu wischen. Pleydell hieß ihn, die alte Magd der alten Mamsell aufzusuchen und unter irgend welchem Vorwande zu bewegen, daß sie sich am andern Morgen früh um acht Uhr bei ihm in seiner Wohnung einfände. Als der Schreiber sich wieder entfernt hatte, wandte Pleydell sich an Mannering: »Sie glauben gar nicht, wie verwendbar dieser Mensch ist. Dreimal in der Woche schreibt er mir nachts nach Diktat, ohne einzuschlafen, oder wenn er 'mal nickt, dann schreibt er ganz ebenso schnell und korrekt, wie wenn er munter wäre. Dabei ist er ein Muster von konservativer Denkungsart. Er verkehrt Sommer und Winter in der gleichen Schenke und beschränkt seine Spaziergänge auf diesen engen Raum hier, so daß ich immer weiß, wo ich ihn zu suchen habe, sobald Ich ihn zu irgendwelcher Arbeit brauche, was begreiflicherweise von unschätzbarer Wichtigkeit in unserm Berufe ist.« »Er trinkt aber gern einen?« fragte der Oberst. »Freilich, Ich meine fast, Bier müsse ihm alles ersetzen, Essen, Anziehen, Schlafen, Waschen und Bier: das ist sein ganzer Lebenslauf.« »Bei solchem Menschen laßt sich aber doch ständige Tauglichkeit zur Arbeit kaum voraussetzen?« »O, er kann schon einen tüchtigen Rausch haben, ohne daß es ihn bei der Arbeit molestierte. So habe ich ihn einmal Sonnabends, vom Biertisch weg zu einer höchst pressanten Arbeit holen lassen müssen. Er befand sich in solch bedenklichem Zustande, daß ich selbst kaum glaubte, ihn brauchen zu können: und siehe da! sobald er den weißen Bogen vor sich und die Feder zwischen den Fingern hatte, ging die Sache wie geschmiert; nur um eines kam er nicht herum: er fand das Tintenfaß nicht, und so mußte ich mich dazu bequemen, ihm immer die Feder einzustippen,« »Und wie sah die Schrift am andern Morgen aus?« fragte Mannering. »O, ganz ausgezeichnet. Nicht drei Worte brauchten geändert zu werden, und wir konnten das Schriftstück ohne Verzug auf die Post bringen. Aber morgen zum Frühstück sehe ich Sie bei mir? Sie werden doch mit anhören, was diese alte Magd der alten Mamsell zu Protokoll gibt?« »Sie fangen leider recht früh am Tage an?« »Später läßt es sich nicht machen, Herr Oberst. Wollte ich nicht pünktlich früh in der Kanzlei erscheinen, möchte sogleich das Gerede aufkommen, daß mich der Schlag gerührt haben müsse und unter den Folgen solches Geredes hätte ich während der ganzen Verhandlung zu leiden.« »Nun, meinetwegen,« erwiderte der Oberst, »ich werde schon nicht auf mich warten lassen.« Hierauf gingen die Herren auseinander. Am andern Morgen stellte sich der Oberst pünktlich in der Kanzlei des befreundeten Anwalts ein, wo er die Jungfer Rebekka bereits antraf, bei einem Täßchen Schokolade, das ihr der Anwalt hatte vorsetzen lassen. »Seien Sie ganz ohne Sorge, Fräulein Rebekka,« eröffnete der Anwalt das Verhör, »es liegt nicht im geringsten in meiner Absicht, den letzten Willen Ihrer verstorbenen Herrschaft anzufechten. Das Vermächtnis, auf das Sie doch wahrlich so gerechten Anspruch haben, bleibt unbedingt aufrecht.« »Nun, wenn sich die Dinge so verhalten,« erwiderte Rebekka, »so will ich Ihnen gern erzählen, wie die Geschichte verlaufen ist. Sehen Sie, es mag so ungefähr ein Jahr her sein, da ging meine Dame auf ein paar Wochen nach Gilsland, zu ihrer Erholung. Es wurde schon damals viel von den zerrütteten Vermögensverhältnissen des Lairds von Ellangowan gesprochen, und darüber bekümmerte sich das Fräulein ganz außerordentlich, denn sie war sehr stolz auf ihr Haus und ihre Familie. Mit dem Laird hat sie sich manchmal vertragen, manchmal nicht; aber in den letzten drei Jahren waren alle Differenzen ausgeglichen, und es hatten sich recht gute Beziehungen zwischen ihm und meiner Herrin angebahnt. Der Laird wollte Geld borgen, und das konnte und wollte sie ihm nicht geben, weil sie dachte, er könnte es ihr doch nicht wieder bezahlen. Da erzählte ihr jemand von der Gesellschaft zu Gilsland, die Herrschaft Ellangowan sollte verkauft werden, und ich möchte sagen, von dem Augenblick an mochte sie von Fräulein Lucy Bertram nichts wissen. Wohl hundertmal sagte sie zu mir: »O Rebekka, wenn doch das unnütze Ding, das Mädchen in Ellangowan, das ihren Vater nicht in Ordnung halten kann, ein Junge wäre! Dann könnte man das alte Stammgut nicht verkaufen, wegen der Schulden des einfältigen Narren.« Das mußt ich immer und ewig von ihr hören, so daß ich seiner am Ende ganz überdrüssig werde. Einmal als ich mit ihr spazieren ging, sah sie einige hübsche Jungen, die einem Landmann gehörten. Und sie sagte zu mir: »Es ist doch recht unglücklich, jeder arme Bauersmann hat hier einen Sohn und Erben und das Haus Ellangowan hat keinen männlichen Erben.« Da stand eine Zigeunerin hinter uns und hörte das – ich habe in meinem Leben nicht eine Frau gesehen, die so schrecklich aussah. »Was ist das?« sagte sie, »wer darf sagen, daß das Haus Ellangowan ohne männlichen Erben untergehen solle?« Meine Herrschaft sah sich um – sie war nichts weniger als schüchtern und hatte immer eine Antwort bei der Hand. »Ich sage es,« antwortete sie, »und mit schwerem Herzen,« Da nahm das Zigeunerweib ihre Hand und sagte: »Ich kenne Euch recht gut, wenn Ihr mich auch nicht kennt. Aber so gewiß die Sonne am Himmel scheint, so gewiß dies Wasser ins Meer fließt, und so gewiß als ein Auge ist, das uns beide sieht, und ein Ohr, das uns beide hört, Harry Bertram, der bei dem Warroch-Felsen umgekommen sein soll, ist dort nicht gestorben. Er hat viel ausstehen müssen, bis er einundzwanzig Jahre alt war, das wurde ihm gewahrsagt: aber wenn Ihr am Leben bleibt, und ich's erlebe, so sollt Ihr mehr hören von ihm in diesem Winter, ehe der Schnee zwei Tage auf den Feldern von Singleside gelegen hat .. Ich brauche Euer Geld nicht,« sprach sie weiter, als meine Dame ihr einige Münze geben wollte, »Ihr möchtet sonst glauben, ich wollte Euch blauen Dunst vormachen. Lebt wohl bis nach St. Martinstag,« Und so ließ sie uns stehen, »Sie war sehr groß, die Zigeunerin – nicht wahr?« fragte Mannering, »Sie hatte schwarzes Haar, schwarze Augen und eine Schmarre auf der Stirn?« fügte Pleydell hinzu, »Ich habe mein Lebtag kein so großes Weib gesehen,« antwortete Rebekka, »Ihr Haar war schwarz wie die Nacht, und sie hatte eine Schmarre überm Auge, in die man einen Finger legen konnte. Wer sie einmal gesehen hat, der kann sie nimmer vergessen. Ich bin gewiß, meine Herrschaft hat bloß auf das Wort der Zigeunerin hin ihr Testament gemacht, da sie das Fräulein von Elangowan nicht mehr leiden konnte, Und sie konnte sie noch um so weniger leiden, als sie ihr zwanzig Pfund hatte schicken müssen, und sie sagte mir oft: Es ist nicht genug, daß Lucy das Gut in fremde Hände gehen lassen muß, weil sie ein Mädchen und kein Junge ist, sie wird auch durch ihre Armut uns Verwandten noch zur Last fallen,« Pleydell beruhigte noch einmal die wiedererwachten Besorgnisse der Magd um ihr Vermächtnis und fragte sie nach der Janet Gibson. Rebekka erzählte, die Waise habe Dinmonts Vorschlag angenommen, was sie selbst auch getan, »Die Dinmonts,« sagte sie, »sind gute Leute: Meine Herrschaft mochte freilich nicht gern etwas von diesen Verwandten hören. Aber die Schinken von Charlieshope nahm sie ganz gern, und den Käse und das Geflügel, und was man ihr sonst schickte, und die Strümpfe und Handschuhe von Lämmerwolle, das war ihr alles mehr als recht.« Als Rebekka entlassen worden, hub der Rechtsgelehrte an: »Ich glaube, ich kenne die Zigeunerin.« »Meg Merrilies,« antwortete Mannering. »Wissen Sie das gewiß?« fragte Pleydell. Mannering erwiderte, er habe ein solches Weib gekannt, als er vor fünfundzwanzig Jahren in Ellangowan gewesen sei, und erzählte darauf die merkwürdigen Umstände, die jenen Besuch ihm so unvergeßlich gemacht hatten. Pleydell hörte ihm sehr aufmerksam zu. »Ich habe mich gefreut,« sagte er darauf, »in Ihrem Kaplan einen grundgelehrten Theologen zu finden, aber das hatte ich wahrlich nicht erwartet, in seinem Gönner einen Schüler von Albumasar und Messahala zu finden ... Aber ich denke, die Zigeunerin wird uns wohl mehr von der Sache erzählen können, als Sie aus den Sternen gelesen haben, oder sie selbst aus ihren Wahrsagekünsten weiß. Ich habe sie schon einmal unter den Händen gehabt, konnte damals aber wenig aus ihr herausbringen,« Pleydell versprach, seinen alten Freund, Mac Morlan, der Zigeunerin an die Fersen zu heften und, wenn er sie aufgestöbert hätte, selbst in die Grafschaft zu kommen und ihrem Verhöre dort anzuwohnen. Er mußte dem Obersten weiter versprechen, in diesem Falle sein Quartier in Woodbourne zu nehmen. Am folgenden Tage trennten sich die beiden Männer, beide sehr froh, sich gefunden zu haben, Pleydell ging in seine Kanzlei, und Mannering gelangte wohlbehalten nach Woodbourne zurück. Achtes Kapitel. Wir blicken auf die Zeit zurück, da Hazlewood verwundet wurde. Der Gedanke, welche Folgen dieser Unfall für Julien und ihn haben mußte, erschütterte ihn lebhaft. Zwar ließ sich nach der Richtung des Flintenlaufs im Augenblicke des Schusses ernstliche Gefahr für den Verwundeten kaum befürchten; aber ihm als Fremdling, der außer stände war, auf der Stelle beweiskräftige Auskunft über seinen Stand zu geben, mußte daran liegen, seiner Verhaftung zu entgehen, Er faßte den Entschluß, fürs erste nach der benachbarten Küste von England zu entfliehen und dort ein Versteck zu suchen, bis er Briefe von seinem Regiment und Geld von seinem Agenten bekommen hüte, was ihn in die Lage setzte, die entsprechende Auskunft über sich zu geben und dem jungen Hazlewood ausreichende Genugtuung zu schaffen. Mit diesem Vorsatze machte er sich auf den Weg und gelangte glücklich zu dem Küstenorte, den wir Pontanferry genannt haben. Eben wollte ein kleines Boot nach dem kleinen Hafenorte Allonby in Cumberland vom Ufer abstoßen. Brown bestieg es, weil er dort Briefe und Geld abwarten wollte. Während der kurzen Ueberfahrt unterhielt er sich mit dem Steuermann, einem noch recht muntern Greise, der, wie die meisten Fischer in diesen Gewässern, mitunter auch Schleichhandel getrieben hatte. Brown brachte das Gespräch auf den Obersten Mannering, und der Schiffer erzählte ihm, doch mit lebhaftem Tadel des Verhaltens der Schleichhändler, von dem Angriff auf Woodbourne ... »Die Hand davon!« sagte er, »das ist das beste! Die ganze Nachbarschaft werden sie noch wilder sich aufbringen. Da wüßt' ich was Gescheiteres, wie zum Beispiel ein Spielchen beim Glase Branntwein mit den Herren vom Zollamt. Eine Ladung genommen, hieße es dann. Nun, recht gut für sie, aber eine andere wäre durchgeflitzt, und die gehörte mir; nein, nein! eine Krähe hackt der andern die Augen nicht aus, und das muß man gelten lassen! Sonst geht ja alles drunter und drüber im Leben.« »Und Oberst Mannering?« fragte Brown wieder. »Von ihm ist's auch nicht eben klug, sich in solche Affäre zu mischen. Daß er den Zöllnern das Leben rettete, war ja ganz gut; aber solch vornehmer Herr darf eben auch nicht zu den Waffen greifen, um dem armen Volke den Tee und Branntwein zu verteuern. Aber so ist's nun 'mal mit den großen Herren und Offizieren: die machen mit unsereinem, was Ihnen beliebt.« »Aber seine Tochter,« sagte er, »heiratet, glaube ich, in ein vornehmes Haus?« »Sie meinen Wohl den Hazlewood?« erwiderte der Schiffer; »ei, Gott bewahre! Das ist ja eitles Geschwätz. Der junge Herr ist ja doch jeden Sonntag mit der Tochter vom alten Ellangowan ausgeritten, und mein Mädel, das bei Mannerings dient, hat mir gesagt, der Herr Charles dächte an Fräulein Mannering so wenig wie ich oder Sie!« Brown machte sich bittere Vorwürfe darüber, daß er sich durch die Eifersucht zu solch vorschneller Tat hatte hinreißen lassen, freute sich aber sehr, daß er Julien allem Anschein nach in falschem Verdacht gehabt habe. Was mußte aber Julie von ihm denken? In welchem Lichte mußte ihr sein Verhalten erscheinen? seine geringe Rücksicht auf ihre Seelenruhe? sein geringes Vertrauen zu ihrem Worte? Nach einer Pause fragte er wieder: »O! Ihre Tochter dient in Woodbourne? Ich habe Fräulein Mannering in Indien gekannt, und wenn auch meine Lebensumstände nicht mehr so günstig liegen wie dort, so darf ich doch noch mit einiger Sicherheit darauf rechnen, daß sie sich für mich verwendet .. Mit ihrem Vater hatte ich dort einen unglückseligen Zwist; er war mein Vorgesetzter, und ich glaube fest, daß die Tochter es sich angelegen sein lassen würde, eine Aussöhnung zwischen uns zu stande zu bringen. Vielleicht könnte Ihre Tochter ihr einen Brief zustellen, ohne daß zwischen dem Fräulein Tochter und ihrem Vater Unfrieden darüber entstände?« Der Schiffer versprach gern, den Auftrag zu besorgen und geheim zu halten, sobald er wieder in Allonby sein würde, und Brown brachte sogleich ein paar Zeilen zu Papier, Er beteuerte, das ihn seine Uebereilung tief schmerze, und beschwor sie, ihm eine Gelegenheit zu verschaffen, sich mit ihr auszusprechen, denn so lange er ihre Verzeihung nicht hätte, wäre er der unglücklichste Mensch auf Gottes Erdboden. Er hielt es aber nicht für klug, sich über die Umstände selbst näher auszulassen, und bewegte sich überhaupt in Ausdrücken, die einem Fremden keinen rechten Sinn gaben, auch keine Schlüsse auf den Schreiber des Briefes zuließen, weil er sich in keine Gefahr setzen wollte, falls der Brief etwa in fremde Hände käme. Der Schiffer versprach auch, wenn es irgend anginge, ihm gleich die Antwort des Fräuleins mitzubringen. Brown suchte sich in dem kleinen Hafenorte seinen bescheidenen Umstanden gemäß einzurichten, und zwar unter dem Namen seines Freundes Dudley; et konnte gut zeichnen, und sich also recht gut für einen Kunstmaler, ausgeben, der auf sein Gepäck warten müsse, das von Winton her unterwegs sei. Täglich erwartete er Antwort auf die Nachrichten, die er seinem Agenten, seinem Kameraden Delaserre und seinem Oberstleutnant übermittelt hatte. Von seinem Agenten erwartete er Geld, von seinem Vorgesetzten Atteste, um sich über Stand und fleckenlosen Ruf auszuweisen, seinen Kameraden Delaserre aber erwartete er persönlich. Wegen seines Mangels an Bargeld wandte er sich an Dinmont, den freundlichen Pächter von Charlieshope, und da es bis dorthin nur etwa 36 Stunden war, rechnete er auf baldigen Eingang des kleinen Darlehens, das ihm über die erste Verlegenheit hinweghelfen sollte. In dem Briefe setzte er dem wackern Manne das Mißgeschick auseinander, das ihn neuerdings getroffen hatte. Aber die Post brauchte zu jener Zeit ihre Weile, und bei Dinmunt lagen die Dinge unglücklicherweise so, daß er regelmäßige Postsendungen nur dann erhielt, wenn er Prozesse in der Stadt führte, sonst aber kaum alle Vierteljahre einen Postbeutel sah, der außer den für ihn eingelaufenen Briefen auch die Zeitungen, Pfefferkuchen und den Tabak enthielt, die zu den Bedürfnissen des Pächters gehörten, und da geschah es wohl auch, daß Briefe manchmal ein ganzes Vierteljahr und länger dazwischen liegen blieben, ehe sie aufgemacht und gelesen wurden. So hatte Brown schon ein paar Tage gewartet und war so gut wie völlig auf dem trocknen, als er durch einen Fischerjungen die folgenden Zeilen zugesteckt erhielt: »Wie konnten Sie bloß so unbedacht handeln? Ich habe daraus ersehen, daß ich auf Ihre Versicherungen, mein Glück und meine Ruhe betreffend, nicht bauen darf; wenig fehlte, so hätten Sie den Tod eines ehrenhaften jungen Menschen auf dem Gewissen! Soll ich Ihnen sagen, daß mich Ihr Unbedacht auf das Krankenlager geworfen hat? Die Folgen, die für Sie hieraus entstehen können, können meine Unruhe wahrlich nicht verringern. Und das alles um solcher Lappalie willen, wie Sie es mir in Ihrem Briefe schildern? Der O. ist auf ein Paar Tage verreist. H. ist so gut wie wieder hergestellt; ein Trost für mich, daß man den Täter auf ganz anderer Fährte zu suchen scheint. Indessen begehen Sie um Gottes willen nicht die Torheit, hierher zu kommen! Es sind der schrecklichen Unfälle zuviel über uns hereingebrochen, als daß ich hoffen dürfte, Einvernehmen herzustellen. Hat es uns doch schon so oft mit dem schwersten Unglücke bedroht! Leben Sie wohl und seien Sie versichert, daß Ihr Glück niemand mehr am Heizen gelegen sein kann als Ihrer Julie M.« Auf Brown machte der Brief den Eindruck, als solle er zu Schritten veranlassen, die dem darin empfohlenen Verhalten gerade zuwiderliefen, und er fragte den Fischerjungen deshalb, ob er direkt von Pontanferry käme und den Brief von seiner Schwester, die in Woodbourne beschäftigt sei, selbst bekommen habe. Der Junge bejahte die Frage, mit dem Beifügen, er wolle abends wieder zurückfahren. Brown entschloß sich zur Mitfahrt, wollte aber nicht in Pontanferry, sondern anderswo an der Küste ans Land gesetzt werden, wozu sich der Fischer gern bereit erklärte. Die Ausgaben, die durch diesen Entschluß notwendig wurden, gab seiner kleinen Barschaft vollständig den Rest. Er hinterlegte auf dem Postamte den Auftrag, ihm Briefe nach Kippletringan nachzusenden, wo er den bei der Wirtin hinterlegten kleinen Schatz abzuheben gedachte. Sobald er seine Papiere hätte, nahm er sich vor, Hazlewood jede Genugtuung als Offizier zu geben, die sich mit seiner Ehre vertrüge, und sein Verhalten als unvermeidliche Folge seines hochfahrenden Wesens hinzustellen. Der Wind stand konträr, und das schwerbeladene Boot mußte schwer gegen die Wogen ankämpfen. Brown, der ja in seiner Jugend dem Seemannsberufe angehört hatte, leistete dem Schiffer mit Rat und Tat Beistand, so daß es ihnen glückte, alle Gefahren hinter sich zu bringen, und so gelangten sie bei Tagesanbruch in Sicht einer schönen Bai an der Küste von Schottland. Das Wetter war milder geworden. Der Schnee war durch den Tauwind, der in den letzten Nächten eingesetzt hatte, in den Tälern völlig geschmolzen; nur die in der Ferne aufsteigenden Hügel trugen noch weiße Kappen. Das Gestade mit seinen Einschnitten, Baien und Buchten entschwand auf beiden Seiten in allerhand anmutigen Wellenlinien, denen das Auge gern folgte. Ebenso mannigfaltig wechselten die Erhöhungen des Gestades. Hier lief die Küste in schroffe Klippen aus, dort stieg sie zu sanft schwellenden Anhöhen auf. Die Wintersonne beleuchtete Gebäude von allerhand Art mit ihren hell blinkenden Strahlen, die das Licht pittoresk zurückwarfen, und die Wälder liehen, obgleich sie entblättert waren, der Landschaft einen berückenden Reiz. Brown weidete sich an diesem Anblick mit unverhohlener Freude, denn nach der unangenehmen Nachtfahrt wirkte er doppelt wohltätig auf sein Gemüt. Vielleicht mischten sich auch schlummernde Erinnerungen an eine längst vergangene Zeit mit den frohen Empfindungen, die ihm der Anblick dieser Landschaft bereitete. »Wie heißt denn dieses schmucke Vorgebirge?« fragte er den Fischerjungen, »das dort drüben rechts seine waldigen Bergwände ins Meer hinunterstreckt?« »Die Warrochspitze,« versetzte der Junge. »Und das alte Schloß mit dem etwas tiefer liegenden neuen Gebäude?« fragte Brown weiter; »von hier gesehen, scheint es ja eine recht stattliche Besitzung?« »Es ist ein wunderliches Nest, dies alte Schloß,« versetzte der Fischerjunge, »und nach dem hohen Turme, den man schon von Ramsay auf der Man-Insel und vom Ayr-Kap aus sieht, richten wir Schiffer uns auf hoher See. Vor nicht langer Zeit hat's hier ein böses Zusammentreffen gegeben.« Brown hätte gern mehr erfahren, aber der Fischer wußte weiter nichts, als was er eben gesagt, zu sagen. Das Boot fuhr nun dicht an der Landspitze hin, auf der die Burg lag, die von dem Felsengipfel ernst auf das noch immer hochgehende Meer hinunterschaute ... »Ich glaube,« sagte der Schiffer, »daß Sie hier gute Landung haben werden. Hier lagen vorzeiten die Schiffe der Herren von Ellangowan; wir gehen aber jetzt hier selten vor Anker, weil es seine Schwierigkeiten hat, Güter über die engen Stufen oder Felsen zu schaffen.« Das Boot war in einen Hafen hineingesteuert, der sich hinter einer Felsenspitze ausbuchtete und zum Teil durch die Natur gebildet, zum Teil aber auch von den alten Schloßherren, um ihren Fahrzeugen eine sichere Zuflucht zu schaffen, angelegt und gegraben worden war. Die den Eingang flankierenden zwei Felsspitzen rückten so dicht aneinander, daß immer nur ein Boot allein passieren konnte. Zwei ungeheure Eisenringe waren tief in den Felsen eingelassen worden, durch die, der Sage nach, eine große Kette nachts gezogen wurde, um den Hafen völlig abzusperren. Auf dem vorspringenden harten Felsen war mit Spitzhacke und Meißel ein Strandweg ausgehauen worden, der zu einer hohen Steintreppe emporführte, auf der man zu der alten Burg hinaufgelangte. Hier ging der Schiffer vor Anker. Brown wollte ihm ein Trinkgeld geben, das der Fischer aber mit den Worten ausschlug, er habe ja für seine Ueberfahrt mehr gearbeitet, als jeder andere auf dem Boote, und wünschte ihm alles Glück für die Zukunft. Darauf stieß er ab, um auf der andern Strandseite seine Güter auszuladen, und Brown nahte sich nun, fremd, des Wegs unkundig, in den bedrängtesten Umständen, zudem freundlos und eines schweren Verbrechens beschuldigt, zum erstenmal den Ruinen jener Burg, auf der einst seine Ahnen als mächtiges Geschlecht geherrscht hatten. Neuntes Kapitel. Wir werden unsern Wanderer, nachdem er den väterlichen Boden betreten, hinfort nicht mehr unter dem Namen Brown, sondern unter dem ihm zukömmlichen Bertram dem Leser vorführen und lassen ihn durch eine, dem Anscheine nach ehedem sorgfältig befestigte Hinterpforte in die Burg treten und aus einem Gemach in das andere wandern. In dem einen setzte ihn die Pracht, in dem andern die Größe und Stärke in Staunen und Verwunderung. In zwei Gemächern sah man Spuren, daß dieselben erst jüngst noch benutzt worden waren: leere Flaschen, Knochen, Ueberreste eines ausgebrannten Feuers. Daß dergleichen geringfügige Umstände mit Vorgängen in Verbindung standen, die sein Glück, seine Ehre, vielleicht sein Leben angingen, davon konnte Bertram allerdings nur wenig ahnen. Als er das Innere der Burg mit flüchtigen Blicken betrachtet hatte, ging er durch das große Tor, das sich nach der Landseite hin öffnete, und blickte hinaus auf die herrliche Landschaft, die sich vor ihm auftat. Vergebens aber suchte er die Lage von Woodbourne, obgleich er die Gegend von Kippletringan ungefähr bestimmen konnte. Dann warf er noch einen Rückblick auf die stattlichen Ruinen, die er eben durchwandert hatte, bewunderte die malerische Wirkung der gewaltigen Rundtürme, die, auf beiden Seiten vorspringend, den Eindruck des hohen, finstern Bogens, unterhalb dessen sich das Tor öffnete, noch erheblich verstärkten. Das über dem Tore in den Stein gehauene Wappenschild des alten Geschlechts, drei Wolfsköpfe, erblickte man unter dem Helme und dem Helmbusche, den ein von einem Pfeile durchbohrter ruhender Wolf bildete. Als Schildhalter stand zu beiden Seiten ein wilder Mann, der in der einen Hand einen entblätterten Eichbaum hielt. »Ob sie noch immer im Besitze des Gebietes sind, das ihre Ahnherren so stark befestigten, die Nachkommen der mächtigen Herren, denen das Wappen hier angehörte?« sprach Bertram bei sich; »oder ob sie umherwandern in der Welt, unbekannt vielleicht mit dem Ruhme der Macht, die dem Geschlechte ehedem gehörte? während Fremdlinge auf ihrem Erbe hausen? Wie kommt es,« fuhr er fort, »daß so mancher Anblick Erinnerungen weckt, die zu den Träumen früher, dunkler Erinnerungen zu gehören scheinen? . ... Mein alter Brahmine mochte sie wohl für Erinnerungen aus einem früheren Dasein gehalten haben .. Selbst unter Menschen, die wir vorher nie mit einem Blicke sahen, scheint uns oft ein geheimnisvolles, unerklärliches Gefühl zu sagen, daß uns Schauplatz, handelnde Figuren, der Gegenstand der Handlung nicht völlig fremd seien, ja es kommt uns vor, als könnten wir ein noch nicht angeknüpftes Gespräch erraten, und so ist es mir, wenn ich auf diese Trümmer hier blicke .. Ich kann den Gedanken nicht los werden, als ob mir alles, was ich hier sehe, Türme, Tor und Schloßhof, nicht völlig fremd sei, ja als ob es mir in meinen Kinderjahren liebe Gegenstände gewesen seien .. Aber Brown, der mich doch sicher nicht hat hintergehen wollen, hat mir doch immer gesagt, ich sei nach einem Gefechte, in welchem mein Vater gefallen sei, von der östlichen Küste weggebracht worden, und auf solchen schrecklichen Kampf besinne ich mich wirklich, so daß ich seiner Erzählung wohl oder übel glauben muß.« Die Stelle, von welcher aus Bertram wirklich die Burg überschaute, war gerade die Stelle, wo sein Vater das Zeitliche gesegnet hatte. Eine breitwipfelige alte Eiche bezeichnete sie: die einzige auf dem Erdhügel, die unter dem Namen des Gerichtsbaums bekannt war, weil die Herren von Ellangowan hier vorzeiten das Blutgericht abgehalten hatten ... Glossin kam am selben Morgen mit einem Feldmesser, der auch den Baumeister der Gegend machte, die Anhöhe hinauf. Ihm waren die alten Trümmer ein Dorn im Auge, darum hatte er sich vorgenommen, sie abzutragen und zum Bau eines neuen Wohnhauses zu benutzen, Bertram stand ihnen mit dem Rücken zugekehrt und von den Zweigen des alten Baumes so verborgen, daß er von Glossin nicht früher bemerkt wurde, als bis er dicht vor ihm stand. »Ja, ich hab's Ihnen schon oft gesagt,« hub der Feldmesser an, »das alte Schloß hat gar schöne Bausteine, und für Ihr Gut wäre es gewiß das allerbeste, wenn Sie es ganz niederrissen, im Grunde ist's ja doch kaum etwas anderes als ein Schlupfwinkel für Schleichhändler.« In diesem Augenblicke drehte sich Bertram herum, von Glossin nur durch einige Schritte noch getrennt. »O, was sagen Sie? Sie wollen das alte, ehrwürdige Schloß abtragen lassen?« Gestalt, Gesicht und Stimme des Fremdlings erinnerten an den Vater, als er in der Vollkraft seiner Männlichkeit stand, und Glossin, als er die Stimme hörte und diese Gestalt und dieses Gesicht so blitzartig vor sich auftauchen sah, genau auf der Stelle, wo sein Gönner das Zeitliche gesegnet hatte, meinte fast im ersten Augenblicke, das Grab habe den Toten verjüngt wieder auferstehen lassen. Unwillkürlich fuhr er ein paar Schritte zurück, aber schnell faßte er sich und sagte sich, daß es kein Bewohner der andern Welt sei, der vor ihm stehe, sondern ein in seinem Rechte benachteiligter Mensch, dem er, falls er nicht scharf aufpasse, leicht Anlaß geben könne, sich sein Recht zu suchen, und zwar auf seine Kosten. Aber trotzdem war er so heftig erschüttert, daß er nur verlegen zu fragen im stände war: »Um Gottes willen, wie haben Sie den Weg hierher gefunden?« »Ich bin vor etwa einer Viertelstunde in der Bucht unterhalb des Schlosses gelandet und habe mir nur auf ein paar Minuten die stattlichen Ruinen ansehen wollen. Hoffentlich habe ich mich keiner Übertretung schuldig gemacht?« »Nein, nein, Herr, keiner Übertretung,« stotterte, noch immer verlegen, der neue Schloßherr, um nach einer Weile, als er sich gefaßt hatte, an seinen Begleiter ein paar Worte zu richten, worauf dieser sogleich sich in das Wohnhaus zurückbegab . ... »Nein, nein,« wiederholte Glossin, sich zu ihm wendend ... »Im Gegenteil, Sie sind willkommen wie jeder Fremde, den die Neugierde hierher treibt.« »Besten Dank, Herr. Es soll ein sehr altes Schloß sein, wie man allgemein hört.« »Ganz recht. Im Gegensatze zu dem neuen Gebäude dort unten,« versetzte Glossin, den es begreiflicherweise interessierte, festzustellen, ob Bertram aus seiner Kindheit noch Eindrücke in sein späteres Leben hinübergenommen hätte, auf der andern Seite sich aber zur äußersten Vorsicht genötigt sah, um nicht durch einen Namen oder irgend eine Redensart schlummernde Erinnerungen zu wecken .. »Ich möchte wissen, wie das Geschlecht heißt, dem diese herrliche Burgruine gehört,« sagte Bertram harmlos. »Wem sie gehört?« versetzte Glossin; »mir! mein Name ist Glossin.« »Glossin? Glossin?« wiederholte Bertram, scheinbar in Gedanken, oder wie wenn er eine andere Antwort erwartet hätte, setzte aber gleich hinzu! »Entschuldigen Sie, bitte, Herr Glossin, aber ich war zerstreut .. Wie lange befindet sich das Schloß im Besitz Ihrer Familie?« »Es ist wohl vor langer Zeit und meines Wissens von einer Familie Mac Dingawaie erbaut worden,« antwortete Glossin ausweichend, da er nicht dazu beitragen mochte, Bertrams Erinnerungen aufzufrischen. »Und was steht denn über dem Gebälk, wo das Wappen in den Stein gehauen ist?« »Das kann ich selbst auch nicht recht lesen,« versetzte Glossin. »Wenn ich recht lese,« nahm Bertram wieder das Wort, »so heißen die Worte: Unser Recht ist unsre Macht.« »Mag wohl sein,« erwiderte Glossin knurrig. »Wohl der Wahlspruch Ihres Hauses?« fragte Bertram. »Nein, nein! nicht unser Wahlspruch! Mein Wahlspruch ... Hm, habe mich erst seinetwegen an das Heroldsamt zu Edinburg gewandt; meines Wissens hat die Familie Glossin den Wahlspruch: Wer's nimmt, der hat's.« »Wenn Sie noch nicht schlüssig darüber sind, so würde ich, entschuldigen Sie, bitte, die unmaßgebliche Meinung äußern, dem alten Spruche den Vorzug zu geben, der mir entschieden als der bessere dünkt.« Glossin sagte nichts, sondern nickte nur. »Seltsam,« sagte Bertram wieder, den Blick auf Wappen und Tor heftend, »seltsam! was für Streiche uns unser Gedächtnis doch spielen kann! Wie ich den Wahlspruch las, fiel mir ein altes Lied, eine Prophezeiung oder so etwas, ein: Was dunkel ist, soll Licht, das Unrecht werden Recht, wenn Bertrams Recht und Bertrams Macht auf .. auf .. Ich kann mich auf den letzten Reim tatsächlich nicht besinnen, aber auf »wacht« ging er aus .. das weiß ich.« »Möge ihm der Sinn nie klar werden,« meinte Glossin bei sich, »er besinnt sich so schon auf zuviel.« »Auch andere Verse fallen mir darüber ein,« meinte Bertram weiter, »kennt man hier wohl ein altes Lied von einer Königstochter auf der Insel Man, die sich von einem schottischen Ritter entführen ließ?« »In alten Volkssagen bin ich ganz und gar nicht bewandert,« sagte Glossin. »Als ich noch Knabe war,« sagte Bertram, »kannte ich solches Lied vollständig auswendig; »Schottland ist mein Vaterland, ich habe es jedoch in früher Jugend verlassen, und die Leute, denen meine Erziehung oblag, haben nichts getan, meine Erinnerungen an die Heimat zu festigen, wahrscheinlich, weil ich bemüht war, mich ihrer Aufsicht zu entziehen.« Glossin schien während der Unterhaltung in sich zusammenzuschrumpfen und kein Wort der Erwiderung zu finden, setzte vielmehr, zum Zeichen der Verlegenheit, die ihn befiel, bald den einen, bald den andern Fuß vor, bald bückte er sich, bald zog er die Schultern hoch, spielte bald mit den Knöpfen an seiner Weste, oder klappte die Hände zusammen: ganz wie ein böser Mensch, den Bange vor der Entdeckung seiner Schandtaten befällt. Bertram aber bemerkte nicht, was in Glossin vorging, da er zu sehr mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt war. »Ja ja, aber meine Muttersprache,« sagte er, »konnten sie mir nicht abspenstig machen; trotzdem alle auf dem Schiffe nur Englisch redeten; und sobald ich mich allein in irgend einem Winkel befand, hab ich das Lied von Anfang bis zu Ende gesungen. Den Text habe ich wohl vergessen; aber die Melodie kenne ich noch ganz genau .. aber wie es kommt, daß mir das alles jetzt so unmittelbar in die Erinnerung tritt, das kann ich nicht begreifen.« Bei diesen Worten zog er eine Flöte aus der Tasche und blies eine einfache Weise, die wohl in einem Mädchen, das unfern davon bei einer Quelle, die einst das Schloß mit Wasser versorgt hatte, mit dem Bleichen von Leinwand beschäftigt war, ähnliche Gedanken wachrufen mochte, denn aus ihrem Munde ertönte jetzt das Lied: Sie sprach: Ist dies Forths Uferland? Ist es die Bucht von Dee? Der schöne Wald auf Warrochs Wand? Wie gerne sah ich sie! »Beim Himmel! Das ist das alte Lied!« rief Bertram, wie aus einem Traume erwachend; »das Mädchen muß mir das Lied hersagen.« »Beim Teufel!« dachte Glossin bei sich; »tue ich hier nicht Einhalt, so ist alles verloren! Hol der Henker alle Lieder und Reimschmiede, und alle Dirnen, die kaum was anderes mehr verstehen, als ein Lied herfaseln. Aber,« wandte er sich laut zu Bertram, als er den Feldmesser mit ein Paar Männern daherkommen sah; »dazu findet sich wohl später Zeit; jetzt gibt's Nichtigeres hier zu reden!« »Wie soll ich das verstehen?« fragte Bertram, über den Ton, den sich Glossin gegen ihn erlaubte, ziemlich unwillig. »Sie heißen Brown?« fragte Glossin. »Wozu die Frage?« erwiderte Bertram. Glossin guckte über die Schulter, um nach den Männern zu sehen ... »Banbeest Brown, wenn ich nicht irre?« fragte Glossin weiter. »Aber wozu das?« wiederholte Bertram, noch unwilliger als vordem. »Nun, in diesem Falle sind Sie mein Gefangener, im Namen des Königs,« rief Glossin und packte ihn beim Kragen, während die herzugetretenen Männer ihn an den Armen packten. Brown riß sich im Nu los und zog seinen Säbel .. »Keiner wage es, die Hand gegen mich zu heben!« rief er drohend; »einem Befehle der Obrigkeit, wenn er mir vorgewiesen wird, werde ich mich fügen, im andern Falle aber meiner Haut mich wehren, so lange ich den Säbel da zu führen vermag.« Auf Glossins Wink zeigte einer der Gerichtsfrone den Befehl vor, Banbeest Brown, angeklagt des vorsätzlichen und böswilligen Ueberfalles auf Charles Hazlewood, wie auch anderer Vergehungen und Uebertretungen, überall dingfest zu machen, wo man ihm begegne, und in das nächste Untersuchungsgefängnis abzuliefern. Zehntes Kapitel. Während die Vorkehrungen zum Transport des Gefangenen, der einstweilen in einem noch bewohnbaren Raume des Schlosses untergebracht war, getroffen wurden, setzte sich Glossin an seinen Schreibtisch, um an Sir Robert Hazlewood auf Hazlewood, das Haupt eines der angesehensten Geschlechter Schottlands, das durch den Verfall des Hauses der Ellangowan an Ehren und Einfluß merklich gewonnen hatte, die Anfrage zu stellen, ob es ihm vielleicht genehm sei, den Verbrecher, der seinen Sohn angeschossen hätte, selbst zu verhören: es sei ihm geglückt, desselben habhaft zu werden; falls es dem edlen Herrn genehm sei, sich dieser unangenehmen Verpflichtung zu unterziehen, wolle er durch den gleichen Boten geneigtest Bescheid geben. Der Herr von Hazlewood, der gern etwas von sich hermachte, dankte Glossin verbindlichst für die Mühe, die er sich auferlegt, und zwar in einer Angelegenheit, die ausschließlich seine, Hazlewoods, Familie anginge, ersuchte um Ueberführung des Delinquenten nach Hazlewood und schloß mit einer Einladung zum Mittagessen, falls Herr Glossin seine Liebenswürdigkeit so weit triebe, den Delinquenten persönlich nach Hazlewood zu bringen. »Nu, einen Finger hätten wir ja in der Sache,« dachte Glossin bei sich, »nun werde ich wohl die ganze Hand hinein bringen! Zuerst muß ich aber diesen leidigen jungen Wicht mir vom Halse schaffen; dann denke ich den alten Herrn schon kirre zu machen. Er ist etwas schwachsinnig, spielt sich aber gern als großer Herr auf. Er wird sich gewiß von mir beschwatzen lassen, die Affäre so abzuwickeln, wie sie mir in den Kram paßt, kann er sich doch dabei besser aufspielen als je in seinem Leben, und sich so stellen, als sei alles aus seinem eigenen Kopfe hervorgegangen. Mir bleibt der Vorteil dabei, die Fäden hinter den Kulissen zu ziehen, ohne das mich irgendwelche Verantwortlichkeit für etwas dabei trifft.« Unter diesen vergnügten Aussichten fuhr er durch eine Doppelreihe alter Eichen dem Landsitze des Baronets entgegen, der ehedem eine Abtei gewesen war, aber zur Zeit der Königin Maria Stuart Vergleiche hierzu den Roman »Der Abt« mit dem Vorspiele »Das Kloster« von Walter Scott dem Stifter des Hauses nebst den angrenzenden Ländereien von der Krone geschenkt worden war. Das Schloß lag äußerst anmutig inmitten eines großen Parkes, am Ufer eines kleinen Flusses. Der Charakter der umliegenden Landschaft war finster und feierlich, paßte jedoch gut zu dem schwermütigen Ernste des alten Gebäudes. Alles zeigte auf Reichtum und hohen Rang seines Besitzers. Sir Robert erblickte den Wagen seines Nachbarn vom Fenster aus. In seinem Ahnenstolz empfand er es schon als eine Anmaßung beispielloser Art, daß sich ein Emporkömmling, wie dieser ehemalige Schreiber, zu einem Wagen verstiegen hatte; als er aber sah, daß auf dem Kutschenschlage bloß die Namens-Initialien G. G. standen und das Wappen fehlte, milderte sich sein Groll; freilich war schuld hieran weniger Glossins Bescheidenheit als die schleppende Erledigung seines Gesuchs seitens des Edinburger Wappenherolds, der zu einem Entwurfe des Wappenschilds für den neuen Laird von Ellangowan noch keine Zeit hatte finden können. Während die Frone mit dem Gefangenen in eine Stube zu ebener Erde gewiesen wurden, ließ Sir Hazlewood den Gast Gilbert Glossin in das sogenannte Eichenzimmer geleiten: ein großes, mit lackiertem Täfelwerk ausgelegtes Gemach, worin die Ahnen des edlen Geschlechts mit ihren grimmen Gesichtern hingen. Hier empfing ihn Hazlewood mit all der gnädigen Herablassung, die er Menschen gegenüber, die er nicht für ebenbürtig seinem Range hielt, mit ausgezeichneter Verve zu entfalten verstand. Er dankte Glossin für seine Aufmerksamkeit bei dieser seinen Sohn so nahe angehenden Affäre, deutete mit der Spitze seines Zeigefingers auf die an den Wänden hängenden Ahnenbilder und sprach salbungsvoll: »Selbst diese ehrwürdigen Gestalten, lieber Herr Glossin, werden Ihnen verbunden sein für die Arbeit und Mühe, die Sorge und Beschwerde, die Sie sich auferlegt haben, und könnten sie sprechen, so möchte ich keinen Moment zweifeln, daß sie ihre Dankbarkeit mit der meinen vereinigen würden, um Ihnen zu danken für den guten Dienst, den Sie unserm Hause erwiesen haben.« Glossin verneigte sich dreimal, und jedesmal tiefer, zur Erde hinunter: einmal zu Ehren des edlen Herrn, der in gemessener Haltung vor ihm stand, zum andern Male den an den Wänden hängenden stummen Bildern zur Huldigung, und zum dritten Male als Aufmerksamkeit dem letzten Sprößlinge gegenüber, der berufen war zur Fortpflanzung des alten Geschlechts und Namens. Hazlewood war sehr erfreut über die ihm und seinem Hause von diesem »Bürgerlichen« erwiesenen Ehrenbezeigungen und nahm in freundlich-vertraulichem Tone das Wort: »Nun müssen Sie mir schon erlauben, mein lieber Freund, an Ihre Rechtskenntnis in diesem Falle zu appellieren. In friedensrichterlichen Funktionen habe ich nur geringe Erfahrung; sie eignen sich eben besser für solche Leute, die von ihren häuslichen Obliegenheiten weniger in Anspruch genommen werden als unsereiner.« Glossin erwiderte, daß er selbstverständlich bereit sei, alles zu tun, was in seiner geringen Kraft stehe; aber der Baronet sei doch in allen einschlägigen Kreisen so rühmlich als tüchtiger Rechtsmann bekannt, daß er sich der Hoffnung auf wichtigere Dienste wohl kaum zu versehen haben dürfte. »Nun, mein lieber Herr Glossin,« sagte darauf Hazlewood, »ich meine ja auch nur die gerichtliche Präzis, wenn ich mich so ausdrücken darf. Freilich habe ich auch das edle Jus studiert und darf mich wohl einiger Fortschritte in dieser Wissenschaft rühmen, doch fallen dieselben in eine frühere Zeit. Heute bietet sich für einen Mann vom Stande wenig Gelegenheit, es im edlen Jus so weit zu bringen, wie andere Leute, die für den Plebs ebensowohl als für den ersten Edelmann im Lande Prozesse führen. So etwas muß Leuten von meinem Range natürlich die Lust verleiden. Schon bei dem ersten Prozesse, der mir zuerteilt wurde, ist mir richtig übel geworden: das Objekt, um das die beiden Parteien stritten, war Talg ... Talg! Ich bitte Sie, Herr! Ein Fleischer und ein Lichtzieher waren die beiden Streithammel, und mir wurde zugemutet, ihren Namen in den Mund zu nehmen und mich mit den terminis technicis ihrer beiden Gewerbe zu befassen. Seit diesem Prozesse, lieber Herr Glossin, habe ich tatsächlich kein Talglicht mehr riechen können.« Glossin bedauerte, wie erwartet, daß man einem Baronet mit so hervorragenden Fähigkeiten solche Bagatelle, obendrein von so übelduftender Sorte, zugemutet hätte, und erklärte sich bereit, bei dem Verhöre, um das sich freilich nicht herumkommen ließe, das Protokoll zu führen, oder sich anderweit nützlich zu machen, je nachdem der Baronet bestimmen würde ... »Wir werden vor allen Dingen,« sagte er, »feststellen müssen, daß der Gefangene derjenige ist, der den Schuß abgegeben hat; was übrigens nicht eben schwierig sein dürfte. Falls er es in Abrede stellen sollte, wird Ihr Herr Sohn ja zweifellos es durch seine Aussage bekräftigen können.« »Mein Sohn ist heute nicht zu Hause anwesend.« »Aber der Reitknecht, den Ihr Herr Sohn bei sich hatte, wird es beschwören können. Das Faktum wird sich, meines Erachtens, nicht in Abrede stellen lassen; aber daß durch die nachsichtige Weise, wie Ihr Herr Sohn den Vorfall schildert, die Tat nur als bloßer Zufall und nicht als vorsätzlich begangen erscheint und aufgefaßt wird, ist freilich nicht ausgeschlossen.« »Ich habe ja nicht die Ehre, unsere liebe Obrigkeit in dieser Hinsicht zu kennen,« versetzte der Baronet, »aber vermuten möchte ich, um nicht zu sagen, daß ich davon überzeugt sei, daß die Tatsache, meinen Sohn verwundet zu haben, sei es auch nur unvorsichtigerweise geschehen, wenn ich die mildeste, günstigste und unwahrscheinlichste Auslegung annehmen will, von ihr für ein Verbrechen angesehen wird, das mit Gefängnis nicht als gebüßt angesehen werden dürfte, sondern zum wenigsten mit Landesverweisung geahndet werden müsse.« »Ich bin allerdings in dieser Hinsicht ganz Ihrer Meinung, Sir Robert,« erwiderte Glossin; »aber ich weiß nicht, wie es kommt, daß in Edinburgh die Justiz etwas darunter zu suchen scheint, bei der Rechtsprechung auf Rang und Geburt keinerlei Rücksicht zu nehmen ..« »Was fällt Ihnen denn ein, Herr Glossin, so etwas zu sprechen,« rief Hazlewood; »keine Rücksicht auf Rang und Geburt? Das wäre ja noch schöner! Wie können sich Leute von Bildung und Erziehung auf solchen Standpunkt stellen? wie zu solchen Anschauungen bekennen? Es ist doch ganz etwas anderes, wenn ein Spitzbube auf offener Straße eine Kleinigkeit stiehlt, als wenn er das gleiche Verbrechen in einer Kirche begeht: im ersten Falle ist's weiter nichts als ein gemeiner Diebstahl, im andern aber Tempel- oder Kirchenraub. Im gleichen Verhältnisse sollte also, der richtigen Stufenfolge in der bürgerlichen Gesellschaft gemäß, die Strafe für Beleidigung auch nach dem Range der Person, gegen die sie verübt wird, bemessen, beziehungsweise erhöht werden.« Glossin antwortete mit einer tiefen Verbeugung und bemerkte, daß, wenn dergleichen verderbliche Lehren tatsächlich Eingang finden sollten, Vanbeest Brown vom Gericht auch aus anderm Grunde noch in Anspruch genommen werden dürfte. »Vanbeest Brown heißt er?« fiel Hazlewood ein,. »Gerechter Gott, und durch solch unbekannten Menschen ist meines Sohnes Leben bedroht worden, das Schlüsselbein der rechten Schulter zerrissen und verschoben, und etwas geronnenes Blut, wie in dem Berichte unseres Wundarztes ausdrücklich geschrieben steht, in Acromium abgesetzt worden.« »Ja, wahrlich, Sir Robert, man kann den Gedanken kaum ertragen,« erwiderte Glossin. »Aber ich bitte tausendmal um Verzeihung, daß ich noch einmal darauf zurückkomme; ein Mensch eben dieses Namens ist, wie aus diesen Blättern hier erhellt« – er zeigte Hatteraicks Schiffsbuch vor – »Steuermann auf dem Schleichhändlerschiffe, dessen Mannschaft einen Angriff auf Woodbourne gewagt hat; ohne Zweifel einunddieselbe Person.« »Ganz gewiß, lieber Glossin. Man würde ja selbst den gemeinsten Menschen unrecht tun, wenn man glauben wollte, es könnte unter ihnen zwei geben, die einen, jedem Ohre so häßlich klingenden Namen führen.« »Zweifelsohne, Sir Robert; aber Sie werden bemerken, daß solcher Umstand solch verzweifelte Tat eines Menschen erklärt. Sie werden das Motiv des Verbrechens finden, Sir Robert, wenn Sie den Fall untersuchen; ich meinesteils aber kann den Verdacht nicht unterdrücken, daß Rache die einzige Triebfeder zu dem Verbrechen gewesen, da Ihr Herr Sohn sich bei der Verteidigung von Woodbourne gegen das Gesindel und diesen Schurken so rühmlich hervorgetan hat.« »Ich will den Fall untersuchen und feststellen, lieber Herr Glossin, möchte mich aber schon jetzt der Meinung zuneigen, daß Sie die richtige Lösung dieses Rätsels oder Geheimnisses gegeben haben. Ja, Rache muß es sein – und Du mein Herrgott! von wem und gegen wen? Gegen meinen lieben Sohn Charles ausbrütet und ausgeführt von einem Vanbeest Brown! Wir leben doch wahrhaftig in einer sehr schlimmen Zeit,« fuhr der Baron fort, und verriet durch den freundlichen Zusatz: »mein würdiger Nachbar,« wie schnell Glossin in seiner Gunst gestiegen – »in einer gar schrecklichen Zeit; alle Fundamente der bürgerlichen Ordnung sind erschüttert – ach! wie war's doch so ganz anders, als ich ins Leben trat, da war der Gebrauch von Schwertern, Pistolen und andern Waffen dem Adel vorbehalten, und das gemeine Volk war auf die Waffen angewiesen, die ihnen die Natur verliehen, oder auf Knüttel, die sie sich im ersten besten Walde brechen, schneiden oder hauen mußten. Aber der Gefangene soll hereingeführt werden, damit wir seiner wenigstens jetzt los werden.« So geschah es. Glossin, dem das Gewissen doch nicht recht Ruhe ließ, hielt es für besser, seinem Amtsbruder die äußere Führung des Falles zu überlassen, hielt die Augen auf den Tisch geheftet, augenscheinlich erpicht auf die Durchsicht der diesbezüglichen Schriftstücke, und warf nur hin und wieder ein Wort dazwischen, wenn er merkte, daß Ritter Hazlewood stecken zu bleiben drohte, was ihm oft einmal passierte, trotzdem oder weil er beflissen war, den strengen Ernst des Richters mit der Würde des Oberhauptes eines alten Geschlechts zu vereinigen. Unten am Tischende wird er postiert, Frone,« herrschte er die Schergen an und den Gefangenen: »Ins Gesicht soll Ihr mir sehen, verstanden? und auf die Fragen, die ich an Euch richten werde, habt Ihr laut und vernehmlich zu antworten, – verstanden?« »Zunächst möchte ich Auskunft darüber fordern, wen ich in Ihnen vor mir habe? Den Männern, die mich hergebracht, hat's nicht beliebt, mir darüber Bescheid zu geben.« »Was hat Namen und Stand mit den Fragen zu tun, die ich Euch vorlege?« »Am Ende wenig oder gar nichts! aber auf meine Lust zu antworten, könnte es von merklichem Einflüsse sein.« »Nun, dann wißt, daß Ihr in mir Sir Robert Hazlewood, Friedensrichter, und einen Amtskollegen aus derselben Grafschaft vor Euch habt. Daran laßt Euch genügen!« Diese Mitteilung hatte aber die erwartete Wirkung ganz und gar nicht, und so war es nicht zu verwundern, daß bei Sir Robert in dem Verhör, das er führte, eine ständig wachsende Abneigung gegen den Gefangenen sich bemerkbar machte, »Ihr heißt Vanbeest Brown?« »Ja.« »Stand, Gewerbe?« »Rittmeister im königlich britischen Dragonerregiment Nr. 7.« Der Baronet hörte die Antwort mit Verwunderung, fand aber seine Zuversicht schnell wieder, als er Glossins spöttisches Lächeln sah. »Wir dürften wohl, mein Lieber, bevor wir auseinandergehen, eine bescheidenere Rangordnung für Euch finden .. Kennt Ihr den jungen Hazlewood von Hazlewood?« »Zuvörderst verlange ich diejenige Behandlung, die meinem Stande gebührt, und dulde keinen Zweifel an meinen Angaben,« versetzte Bertram; »ich habe den Herrn, der meines Wissens sich so nennt, ein einziges Mal gesehen, und leider unter höchst leidigen Umständen.« »Ihr räumt also ein, dem jungen Manne durch einen Schuß nach dem Leben getrachtet zu haben? ihm bei diesem Versuche das Schlüsselbein der rechten Schulter gefährlich verletzt zu haben?« »Ich kann bloß sagen, Herr, daß ich nicht weiß, ob der junge Mann schwer oder leicht verwundet worden – versichre Ihnen aber, daß mir der Unfall aus tiefstem Herzen leid tut. Er geriet mir auf einem schmalen Pfade in den Weg, den er mit zwei Damen und einem Diener ging, und ehe ich vorbei war, oder sie ansprechen konnte, riß der junge Mann dem Diener die Flinte aus der Hand, legte auf mich an und befahl mir hochmütig, meiner Wege zu gehen. Ich fühlte mich nicht geneigt, mich seiner herrischen Weisung zu fügen, aber auch nicht in der Lage, ihn im Besitz seiner Waffe zu lassen, von der er in so unbesonnener Weise Gebrauch machen wollte. Deshalb suchte ich ihm die Waffe aus der Hand zu winden; dabei aber entlud sich die Flinte, und auf diese Weise bekam der junge Mann zu meinem tiefsten Bedauern, eine empfindlichere Züchtigung, als ich ihm wünschte; nichtsdestoweniger erfüllt es mich mit Befriedigung, daß er mit einem blauen Auge davonkommen wird.« »Ihr bekennt also,« nahm der Baronet, sein Gesicht im Gefühl der gekränkten Amtswürde in tiefe Falten legend, »daß Ihr dem jungen Herrn Hazlewood vorsätzlich auf offener Straße sein Gewehr abgenommen, das heißt aus der Hand gerissen habt? .. Darauf, mein lieber Nachbar, wollen wir fußen,« wandte er sich an Glossin, »das wird die Haftnahme begründen.« »Sie werden das Richtige schon anordnen, Sir Robert, aber eine Bemerkung gestatten Sie mir wohl: es kam doch auch einiges, was die Schleichhändler betraf, in Betracht,.« »Ganz recht, mein lieber Glossin ... Vanbeest Brown, Ihr nennt Euch Rittmeister in königlichen Diensten? Dabei seid Ihr doch bloß Steuermann eines Schmugglerschiffes und Genosse und Helfershelfer von Schmugglern!« »Hätte ich nicht einen alten Herrn in Ihnen vor Augen,« erwiderte Bertram, »und müßte ich Sie nicht in grobem Irrtum befangen halten, so sollte Ihnen diese Rede nicht so leicht hingehen.« »Alter Herr ... grober Irrtum,« wiederholte Hazlewood, »ich frage hierauf, Vanbeest Brown! können Sie sich durch Legitimationspapiere ausweisen?« »Momentan nicht; aber nach Eingang der nächsten oder übernächsten Post.« »Wie kommt Ihr als britischer Rittmeister dazu, Euch ohne Legitimation und ohne Gepäck, ja ohne Eurem Rang und Stande zukömmliche Attribute in Schottland auf Reisen zu befinden?« »Mich hat das Unglück betroffen, in die Hände von Räubern zu geraten –« »Oho! dann seid Ihr also der Mann, der mit der Post nach Kippletringan fuhr, den Postillon auf offener Straße halten und ihn durch zwei Spießgesellen durchprügeln ließ, weil er ihm das Gepäck nicht mitnehmen lassen wollte?« »Mit der Post, Herr, bin ich allerdings gefahren, habe mich aber auf dem Wege nach Kippletringan verlaufen. Die Wirtin dort wird mir gern bestätigen, daß ich gleich nach meiner Ankunft nach dem Postillon fragte.« »Und wo habt Ihr genächtigt, – he? Im Schnee doch gewiß nicht?« Bertram gedachte des der Zigeunerin gegebenen Versprechens und suchte seine Gedanken zu sammeln – dann erwiderte er: »Ich kann momentan keine Antwort hierauf geben.« »Kann ich mir denken, mein Lieber! Im verfallenen Turm von Derncleugh seid Ihr gewesen – he?« »Ich wiederhole, daß ich auf diese Frage zunächst die Antwort verweigere.« »Nun, dann wandert Ihr wieder ins Loch, mein Vanbeest Brown – was anders gibt's nicht! Seht Euch dieses Papier hier an! Ihr seid doch der darin genannte Vanbeest-Brown?« Glossin hatte unter die Papiere ein Paar Bertram gehörige geschoben, die von den Fronen in dem Gewölbe, worin die Räuber das Felleisen geplündert hatten, gefunden wurden waren. »Ein Paar von den Papieren gehören mir,« versetzte Bertram, »und befanden sich, als mein Gepäck gestohlen wurde, in meiner Reisetasche. Aber ich sehe, daß man gerade diejenigen davon herausgesucht hat, die mir für Rang und Stand keinerlei Ausweis bieten, was in andern recht wohl der Fall gewesen wäre; sie sind auch mit Schiffspapieren und andern Schriftstücken zusammengesteckt, die mich nichts angehen, sondern einem Manne gleichen Namens gehören mögen.« »Und Ihr wollt mir einreden, Freund, daß zwei Menschen in der Welt herumlaufen, die einen so absonderlichen Namen, obendrein von so üblem Klange führen?« »Warum sollte das nicht der Fall sein? gibt es doch einen alten und einen jungen Hazlewood – und es sollte keinen alten und keinen jungen Vanbeest Brown geben können? Aber lieber ein Paar Worte im Ernste! Ich bin in Holland erzogen worden und weiß, daß der Name Brown, so unangenehm er britischen Ohren auch klingen mag –« Glossin, der recht gut merkte, daß der Arrestant sich auf einen ihm gefahrvollen Boden zu begeben anschickte, warf hier freilich unnötigerweise, ein Wort dazwischen, das Hazlewood ablenken sollte – denn der Aerger über den vermessenen Vergleich, den Bertram zwischen ihm und sich gezogen, hatte ihn ganz sprachlos gemacht. Die Stirn runzelnd, zog er langsam den Atem ein. »Sir Robert,« fiel ihm Glossin ins Wort, »sofern ich meine Meinung äußern darf, könnten wir den Fall doch jetzt auf sich beruhen lassen. Von den Beweisen abgesehen, die wir schon in Händen haben, erklärt einer der Frone sich zu der eidlichen Aussage bereit, daß sich der Gefangene, als ihm heute morgen der Säbel abgenommen wurde, widersetzt hat. Vielleicht kann uns der junge Mann sagen, wie er zu der Waffe gekommen ist. Der Fron behauptet, sie schon bei dem Ueberfall auf Woodbourne bei den Schleichhändlern gesehen zu haben.« »Auf diese Frage werde ich keine Antwort geben,« erwiderte Bertram. »Es verdient noch eins Berücksichtigung,« nahm Glossin wieder das Wort. »Arrestant hat der Wirtin in Kippletringan ein Päckchen mit Goldmünzen und andern Wertsachen übergeben; vielleicht wäre die Frage am Platze, Sir Robert, wie er zu solchem doch keinesfalls alltäglichen Besitztum gekommen sei.« »Vanbeest Brown, Ihr hört die Frage des Herrn – was habt Ihr darauf zu antworten?« »Besondere Gründe legen mir die Pflicht auf, auch hierauf die Antwort zu verweigern.« »Dann wird unsere Pflicht uns nötigen, Euch in Haft zu behalten.« »Was man nicht hindern kann, das muß man geschehen lassen, ich gebe aber anheim, den Schritt reiflich zu überdenken. Ich wiederhole, daß ich Rittmeister in der königlich britischen Armee bin, daß ich eben aus Indien zurückkomme, also unmöglich mit Schleichhändlern zu tun haben oder gehabt haben kann. Mein Oberstleutnant befindet sich momentan in Nottingham, der Major und die andern Offiziere liegen in Kingston an der Themse in Quartier, und ich erkläre, mich jeder Strafe willig zu unterwerfen, sofern sich mit der nächsten oder übernächsten Nottinghamer oder Kingstoner Post meine Aussagen nicht bestätigen sollten.« »Alles ganz gut und schön,« fiel ihm Glossin ins Wort, besorgt, daß Bertrams letzte Antwort nicht ohne Eindruck auf Hazlewood bleiben dürfte, war es doch keine Kleinigkeit; einen Offizier – wenn Bertram wirklich diesen Rang bekleidete – in Arrest zu setzen .. »alles ganz gut und schön, aber es fehlt doch an jeglichem Zeugnis für Ihre Behauptungen!« »Zwei Personen, denen ich bekannt bin, lassen sich namhaft machen: ein Landmann im Liddestale, mit Namen Dinmont, der indessen über mich nicht mehr aussagen könnte, als ich selbst gesagt und eben wiederholt habe ...« »Und der andere?« fragte Hazlewood »Aus besonderen Gründen persönlicher Natur nenne ich ihn nicht gern; ich habe in Indien unter ihm gedient – aber er ist im Grunde solch ein Ehrenmann, daß er mir sein Zeugnis nicht verweigern wird.« »Und wer ist's? dieser wackere Bürge? Wohl ein verabschiedeter Wachtmeister oder Feldwebel?« meinte Glossin, »Herr Oberst Mannering.« »Mannering!« rief Glossin, »wer wäre Schwerenot! wohl darauf gekommen?« »Oberst Mannering,« wiederholte jetzt auch Hazlewood und gewann auf einmal die Meinung, daß er doch vielleicht zu weit gegangen sei. »Lieber Glossin,« wandte er sich leise an seinen Kollegen, »der junge Mann hat, von seinem gewöhnlichen Namen und etwas unfeinem Benehmen abgesehen, doch etwas von einem Manne von Stande an sich, scheint wenigstens in halbwegs guter Gesellschaft sich bewegt zu haben – ein Offizierspatent in Indien zu erlangen, soll ja nicht schwierig sein. Ich hielte es doch für am besten, die Rückkehr des zurzeit in Edinburg befindlichen Obersten abzuwarten.« »Ganz, wie Sie meinen, Sir Robert,« antwortete Glossin, »ganz, wie Sie meinen – aber ich stelle es Ihrem Ermessen anheim, ob wir befugt sein möchten, den Arrestanten auf Aussagen hin aus der Haft zu entlassen, die durch Zeugen nicht erwiesen sind.« Er sah recht gut, daß sein Kollege sich unsicher fühlte, und setzte, um die Sache zum Schlusse zu bringen, devot hinzu: »Ich darf wohl die gehorsamste Frage stellen, ob es sich nicht mehr empfehle, den jungen Mann, statt ins Stadtgefängnis, nach dem Stockhaus von Portanferry zu bringen, wo er in sicheren Verwahrsam genommen werden kann, ohne den Blicken von all und jedem ausgesetzt zu sein – ich meine, dieser Umstand verdiente für den Fall, daß seine Angaben nicht aller Wahrheit entbehren, einige Berücksichtigung.« »Der Gedanke läßt sich hören,« erwiderte der Baronet, »wir haben in Portanferry zur Beschützung des Zollgebäudes eine Militärwache – die uns Bürgschaft genug sein kann für die Sicherheit unseres Arrestanten. – Sie haben recht, Glossin, lassen wir ihn dorthin abführen – oder vielmehr, autorisieren wir ihn zum Aufenthalte daselbst!« Glossin verabschiedete sich mit unzähligen Bücklingen. Die beiden Amtsbrüder wechselten noch ein paar höfliche Worte; und auf dem Heimweg führte Glossin das folgende Selbstgespräch: »So! und nun zu Hatteraick! die Wache eskamotiert, und dann den Wurf gewagt! Aber hurtig, hurtig! Ist das ein Glücksfall, daß Mannering in Edinburg ist! Die Bekanntschaft zwischen ihm und diesem Brown setzt mich in neue Gefahr. Aber wie wäre es, wenn ich mich mit dem Erben verständigte?« meinte er, sein Pferd anhaltend, »schließlich fände er sich bereit, eine schickliche Summe als Abstandsgeld an mich zu zahlen – und dann würde ich den Hatteraick los? Aber nein, nein! es sind der Augen zuviel auf mich gerichtet – lassen wir's lieber beim ersten Entschlusse!« . ... Und seinem Pferde die Sporen in die Seiten jagend, ritt er im Galopp davon, getrieben von dem Gedanken, seinen Plan so schnell wie möglich in Ausführung zu setzen. Elftes Kapitel. In dem gleichen Wagen, worin er hergebracht worden, wurde Bertram nach Portanferry transportiert, in das neben dem Zollhause, dicht am Seestrande, befindliche Stockhaus. Die beiden Gebäude wurden durch ein starkes Bollwerk, das sich jäh zum Ufer hinsenkte, gegen den Anprall der Wogen geschützt. Die Vorderfront schloß eine hohe Mauer ein, die einen kleinen Hof bildete, in welchem die Insassen sich ergehen durften. Gendarm Mac Guffog, der Bertram arretiert hatte, war Aufseher des Hauses. Er ließ den Wagen vor das Tor fahren und rief die Wächter herbei. Ein Schwarm zerlumpter Jungen, die sich die Zeit damit vertrieben, auf den Lachen, die die Flut zurückgelassen, Papierfregatten treiben zu lassen, rannten herbei, neugierig, wer in Glossins neuem Wagen säße. Riegel wurden zurückgeschoben, Ketten rasselten, und Frau Mac Guffog, eine derbe Hünin, die, wenn ihr Mann abkommandiert war, die »Kommandeuse« spielte, riß das Tor auf; vor ihr hatten die Jungen einen Heidenrespekt und retirierten in gemessener Entfernung. Bertram wurde von ihrem Manne ziemlich unsanft aus dem Wagen befördert und in den Hof gezerrt, und als er nun den Blick warf auf die hier auf und niedergehenden Verbrecher, denen Verzweiflung und Liederlichkeit ihr Brandmal aufgedrückt hatten, fühlte er sich unsäglich gedrückt durch den Gedanken, in solcher Gemeinschaft auch nur Augenblicke zu verweilen ... »Sie weisen mir hoffentlich eine besondere Zelle an?« fragte er Mac Guffog. »Und was hätte ich davon?« antwortete dieser. »Mein Aufenthalt hier wird höchstens zwei Tage dauern. Ich will mich gern für solche Gefälligkeit bei Ihnen abfinden.« »Ja, aber wann und wie?« »Sobald ich frei bin und mein Geld aus England erhalte.« Mac Guffog schüttelte ungläubig mit dem Kopfe. »Sie halten mich doch nicht für einen gemeinen Verbrecher?« fragte Bertram wieder. »Kann ich's wissen, oder nicht? aber soviel ist klar, daß Ihr nicht zu den geriebenen gehört, wenn Ihr dazu gehört!« »Wie habe ich das zu verstehen?« »Nun, was Ihr in Kippletringan gelassen habt, läßt sich doch nur ein Tropf nehmen. Mir hätte es nicht passieren sollen – keinen roten Stüber hätten sie bekommen! Ihnen das Geld abzunehmen, war nicht in Ordnung; und Sie ins Loch zu stecken, ohne alle Mittel, was hier für sich zu haben und auf sich wenden zu können, erst recht nicht. Alles andere hätten sie ja als Beweismaterial behalten können. Warum haben Sie dann aber Ihre Guineen nicht zurückverlangt? Ich habe Ihnen doch beim Verhöre immer zugewinkt und zugenickt; aber Sie hatten ja weder Auge noch Ohr für mich.« »Ich danke Ihnen, Mann, und wenn ich mein Geld fordern darf, so werde ich es auch sicher tun, und um Ihnen davon zu zahlen, was Ihre Forderung beträgt, dazu reicht's allemal,« »Wie es um Ihre Geldverhältnisse steht, weiß ich nicht, mein lieber Herr,« versetzte Mac Guffog, »aber auch nicht, wie lange Sie hier vielleicht werden brummen müssen. Und Borgen ist an sich ein dummes Ding, das dümmste aber in Verhältnissen, wie zwischen uns. Und wer borgen soll, der rechnet auch alles höher. Aber immerhin – meine Frau sagt zwar, ich käme durch meine Gutmütigkeit immer ins Schlamassel; ich will aber noch 'mal ein Auge zudrücken und mich mit einem Gutschein auf Ihr Geld hin begnügen. Mit dem Glossin werde ich schon fertig werden; weiß ich doch einiges über einen gewissen Arrestanten, der jüngst aus Ellangowan ausgebrochen ist; mir wird der Glossin schon zum Rechte verhelfen.« Bertram versprach ihm, den Gutschein zu geben, falls er nicht binnen der nächsten beiden Tage auf andere Weise aus der Verlegenheit kommen sollte ... »Na, dann abgemacht,« sagte Mac Guffog, »dann soll's Euch an nichts fehlen.« Um jede Differenz zu vermeiden, erklärte er rund heraus, was er für eine besondere Zelle, für Benutzung von Gerät und Bett forderte, und versprach, für Essen und Trinken sich mit zwanzig Prozent über den Einkaufspreis zu begnügen. »Außer diesen Hauptsachen,« setzte er hinzu, »dürften wohl nur ein paar kleine Nebenkosten noch in Betracht kommen, so z.B. für das Recht, frei im Hofe zu spazieren, jedesmal sechs Pence.« Mit der Aussicht auf derlei große »Benefizien« führte er seinen Arrestanten eine steile Steintreppe hinan, oben mit einer starken Tür verschlossen und auf einen langen schmalen Gang mündend, auf dessen beiden Seiten je drei ärmliche Zellen mit eisernen Bettstellen und Strohsäcken lagen, am hintersten Ende aber ein kleines Stübchen noch lag, das, von dem Gitterfenster und der mit Eisen beschlagenen Tür abgesehen, in keiner Hinsicht an eine Kerkerzelle erinnerte und meist als Krankenstube für die Arrestanten gebraucht wurde. »So! das ist Ihr Bett, Rittmeister,« sagte Mac Guffogs Frau, die gleich merkte, woher bei dem neuen Insassen der Wind wehte, »und wenn Sie Betttücher, oder Kopfkissen oder etwas Tischzeug, oder Handtücher brauchen, so sagen Sie es nur, denn das geht meinen Mann nicht an, und er macht darüber nie etwas aus.« »In Gottes Namen,« antwortete Bertram, »macht nur alles anständig und fordert, was Ihr wollt.« »O, das ist bald getan; wir schröpfen niemand, wenn wir auch dicht am Zollhause wohnen.« Bertram war allein. Trübselig ging er ein paarmal in der Zelle auf und ab, blickte ein paarmal durch das enge, vergitterte Fenster auf die See hinaus, las auch ein paar von den Witzen, der der und jener frühere Insasse in seiner desperaten Stimmung auf die getünchten Wände gekritzelt hatte. Was er zu hören bekam, war so häßlich wie alles, was er sah; bald schlug die Flut brausend gegen den Fuß der Mauern, bald knarrten Riegel oder Angeln, bald hallte die rauhe Stimme Mac Guffogs oder die gellende seiner keifsüchtigen Ehefrau, bald das Gebell des grimmigen Kettenhundes, wenn ihn Gefangene neckten, in seinen Ohren wider. Eine schmutzige Magd kam, den Tisch zum Essen herzurichten, indem sie Messer und Gabel, denen man nicht ansah, daß sie viel geputzt wurden, neben einen zerbrochenen Steingutteller legte, zusammen mit einem leeren Senftopf und einem Salzfaß, das bedenkliche Gebrauchspuren aufwies. Bald kam die nichts weniger als appetitliche Hebe zum andern mal wieder mit Rindfleischschnitten in wässriger Brühe, und einem Stück Schwarzbrot, und fragte, was der Gefangene trinken wolle. Bertram hielt sich an Wein und Brot mit etwas Käse, gab auf die Frage, ob ihr Herr ihn besuchen solle, der Magd den Bescheid, daß er lieber allein bleiben wolle, und ließ sich Licht, Papier, Feder und Tinte geben. Aber nur Licht konnte er haben, die andern Dinge, ließ Mac Guffog sagen, müßten erst besorgt werden, aber er könne das Geld dafür nicht auslegen. Bertram fragte, ob er ein Buch haben könne, und drückte der Magd ein Trinkgeld in die Hand. Nach geraumer Zeit kam sie mit ein Paar Heften des Newgate -Registers wieder, die Bertrams Gedanken sehr trübe stimmten, weckten sie doch das Bewußtsein seiner trüben Lage immer von neuem in seinem Herzen, so sehr er sich auch Mühe gab, sie im günstigsten Lichte zu betrachten. Bertram dachte an Delaserre, der nun bald in Schottland sein mußte, an die Papiere, die auch bald von seinen Vorgesetzten kommen mußten; er dachte an den Obersten Mannering, der ihm schlimmstenfalls sein Zeugnis nicht weigern würde – er dachte weiter, ob es nicht vielleicht auf diese Weise zu einer Aussöhnung mit ihm kommen möchte? hatte er doch mehr denn einmal bei ihm die Beobachtung gemacht, daß er, wenn er sich einmal für jemand zu erwärmen anfing, vor keinem Opfer zurückscheute, und denjenigen immer am meisten anhing, denen er das Leben hatte schwer machen müssen. Vom Obersten fanden seine Gedanken den Weg zu Julien, seiner Tochter, und ohne Acht für die Kluft, die ihn, einen Glücksritter und Emporkömmling, der sich auf ihres Vaters Zeugnis angewiesen sah, um der Haft ledig zu werden, von der Tochter eines durch seine Waffentaten berühmten Helden und einzigen Erbin all seiner Reichtümer und Schätze schied, genau abzumessen, baute er die größten Luftschlösser und dekorierte sie mit all dem muntern Farbenspiel eines Sommerabend-Himmels, als plötzlich lautes Pochen am Außentore und heftiges Hundegebell ihn aus seinen Sinnen riß. Bald nachher hörte er das Tor offnen und jemand eintreten. Dann kam ein Hund die Treppe herauf und kratzte winselnd mit der Pfote an der Tür; dann tönten schwere Schritte auf dem Korridor, Mac Guffogs rauhe Stimme ließ sich vernehmen, dann wurde die Tür geöffnet, und zur nicht geringen Verwunderung und Freude sah Bertram Silvan, seinen Dachshund, über die Schwelle springen; ihm hinterher kam sein anderer treuer Freund aus Charlieshope, der Landmann Dinmont. »Ei! sieh da!« rief dieser mit einem Blick auf die elende Zelle – »was ist denn mit Ihnen vorgegangen?« »Das Schicksal hat mir eins ausgewischt, Freund Dinmont,« erwiderte Bertram, ihm herzlich die Hand schüttelnd – »sonst ist nichts weiter!« »Aber was soll – was kann dabei geschehen? Welcher Grund liegt dabei vor? Geldschulden? Oder was sonst?« fragte Dinmont lebhaft. »Falls Ihr Zeit habt, lieber Dinmont, und Euch ein Weilchen setzen könnt, will ich Euch sagen, was ich von der Sache weiß.« »Zeit? Na, Schwerenot, Freund! Ich bin ja doch zu dem Zwecke hier, zu sehen, was los ist, denke aber, Sie essen doch lieber erst? Spät genug ist's wenigstens dazu. Im Wirtshause, wo mein Rappen steht, habe ich den Leuten gesagt, sie sollen mir das Abendessen hierherbringen, und Mac Guffog, der liebe Mensch! läßt's passieren – die Sache ist schon mit ihm abgemacht. Aber nun sagt mir, was Euch passiert ist ... Kusch dich, Silvan! ... Der arme Kerl freut sich noch scheckig, Sie wiederzusehen!« Bertram hatte bald erzählt, was ihn hierhergebracht: das unselige Vorkommnis mit dem jungen Hazlewood, und die Verwechslung mit einem beim Angriffe gegen Woodbourne beteiligt gewesenen Schmuggler gleichen Namens. Dinmont hörte aufmerksam zu ... »Na, dann ist die Sache ja nicht weiter schlimm! Dem jungen Laird geht's ja besser und ein Paar Schrotkörner in der Schulter haben nicht viel auf sich – freilich, wenn er das Auge dabei eingebüßt hatte, wär's anders!« »Aber wie habt Ihr erfahren, Freund, daß ich hier stecke?« »Ja, das ist eine schnurrige Geschichte! Aber erst wollen wir essen. So lange dies weibliche Ungetüm sich um uns herbewegt, wär's kaum gut, davon zu reden.« Das Essen kam, und Bertram mußte seine Neugier zügeln; denn Dinmont hatte, wie er sagte, seit dem Frühstück keinen Bissen genossen, rechnete dabei freilich die halbe Hammelkeule nicht, die er sich zu Mittag hatte schmecken lassen, und fiel wie ein Scheunendrescher über das leckere Mahl her, ganz wie ein homerischer Held, wenig, weder Gutes noch Schlimmes, redend, bis Hunger und Durst gestillt waren. »Nun,« begann er endlich, die Knochen eines verspeisten Huhns mit den Blicken wägend, »für eine Stadthenne im Grunde genommen gar nicht übel, aber unsere Hühner in Charlieshope sind mir doch lieber, Kind,« rief er der Magd zu, »Rum, heißes Wasser und Zucker haben wir – Du kannst also Deiner Wege gehen; wir wollen allein sein.« Die Magd ging: Dinmont guckte durch das Schlüsselloch, um zu sehen, daß auch niemand lauschte, trat zum Tische, mischte einen strammen Grog, fachte das Feuer an und nahm endlich das Wort auf eine sonst ihm nicht gewohnte ernste Weise. »Seht, Rittmeister,« sagte er, »ich bin ein paar Tage in Edinburg gewesen, beim Begräbnis einer weitläufigen Verwandten, hab wohl gedacht, der Ritt würde was einbringen, bin aber abgefallen. Was kann das aber helfen? Auch um einen Prozeß ging's mir – um ein Stück Hutweide – aber was interessiert das Sie? Kurz und gut, ich hatte in Edinburg nichts mehr zu verrichten und war frühmorgens draußen auf der Heide, um nach den Herden zu sehen, und da kam mir ein Mensch in Sicht, der keiner von den Hirten war – wer aber war's? Gabriel, der Fuchsjäger! Das wunderte mich nicht wenig ... »He, was macht denn Ihr hier, ohne Eure Hunde?« fragte ich; »wollt wohl den Fuchs fangen ohne Hunde?« »Nein, Herr,« versetzte er, »Euch suche ich!« – »Nun, was wollt Ihr denn von mir?« fragte ich, »wohl was für den Winter?« – »Nein, nein, so was nicht,« sagte er; »aber, mit dem Rittmeister, dem Brown, der hier war, steht Ihr doch gut?« – »Freilich, Gabriel,« erwiderte ich, »was ist denn los mit ihm?« – »Na,« sagte er, »es gibt noch andre, die's gut mit ihm meinen, und Leute, denen ich parieren muß, also ist's nicht aus eignem Willen, daß Ihr mich hier seht – aber wenn Ihr's gut mit ihm meint, dann reitet Ihr nach Portanferry; laßt aber nicht Gras unterm Hufe wachsen; und trefft Ihr ihn im Stockhause, so bleibt zwei Tage bei ihm, Tag und Nacht, denn er wird Freunde brauchen, die ihre Fäuste zu führen wissen. Versäumt's nicht, denn Ihr möchtet's 'mal bereuen; solche Gelegenheit, ihm rechter Freund zu sein, kommt Euch Euer Lebtag ganz gewiß nicht wieder.« – »Aber, Gabriel,« sagte ich, »wie habt Ihr denn das erfahren? Bis Portanferry ist eine stramme Tour.« – »Schert Euch nicht um das Wie,« sagte er, »auch nicht um den Mann, der die Kunde brachte, und der Tag und Nacht hat reiten müssen. Aber Ihr müßt, wenn Ihr noch was helfen wollt, auf der Stelle fort – sonst hab ich Euch weiter nichts zu sagen.« Darauf ging er ins Tal hinunter. Ich ritt heim, wußte eigentlich nicht, was ich machen sollte, dachte, es wäre doch dumm, sich von einem Landstreicher in den April schicken zu lassen. Da kam ich ja schön an bei meiner Alten! »Eine Schande wär's,« sagte sie, »wenn Ihnen was zustieße, was ich vielleicht hindern könnte.« Da kam Ihr Brief, der alles bestätigte, und da bin ich zu meinem Kasten gegangen, hab ein Paar Banknoten herausgenommen für alle Fälle und von dem Jungen den Rappen satteln lassen, der frisch war wie ein Röschen, denn ich hatte die Tour nach Edinburg auf dem Falben gemacht. Und Silvan, der Strick, war gar nicht zu halten, wie wenn er gewußt hätte, wohin es gehen sollte – und, nun bin ich da, Freund – aber – die Hosen hab ich mir durchgeritten – 's war eine stramme Tour!« Bertram erkannte daraus, daß eine neue Gefahr über ihm schwebte, vielleicht bedrohlicherer Art, als ein kurzer Arrest sie ihm hätte bringen können, sowie weiter, daß ein unbekannter Freund über ihm wachte und für ihn arbeitete ... »Sagtet Ihr nicht, Freund Dinmont,« fragte er, »der Gabriel, von dem Ihr spracht, gehöre zu den Zigeunern im Lande?« »So heißt es,« antwortete Dinmont, »und was wir jetzt erfahren, macht es sehr wahrscheinlich. Die wissen alles voneinander und untereinander und tragen Neuigkeiten durch das ganze Land von einem Ende zum andern. Daß ich's übrigens nicht vergesse, nach dem alten Weibe, das wir in Newcastle gesehen, hat Tod und Teufel gefragt – die Behörde hat an allen Ecken und Enden nach ihr suchen lassen und eine Prämie von fünfzig Pfund auf ihren Kopf gesetzt, aber kriegen wird man sie drum doch nicht, wenn sie sich nicht kriegen lassen will.« »Und warum wird sie gesucht?« fragte Bertram. »Kann's nicht sagen. Was drüber geschwatzt wird, ist wohl dummes Zeug; bei den einen heißt's, sie könne sich unsichtbar machen und durch Schlüssellöcher kriechen – andre, sie sei schon über hundert Jahre alt und könne von den unruhigen Zeiten erzählen, als die Stuarts aus dem Lande gejagt wurden. Ja, hätte ich gewußt, daß es die Meg Merrilies wäre, die wir in der Schenke sahen, so hätte ich ihr schon was in die Hände gedrückt.« Bertram lauschte Dinmonts Worten sehr gespannt, trafen sie doch in so manchen Stücken mit all dem zusammen, was er selbst von der alten Sibylle gesehen. Nach kurzem Besinnen meinte er, sich nicht wortbrüchig zu machen, wenn er dem Freunde, der von der Zigeunerin eine so gute Meinung zu haben schien, alles erzählte, was er in Derncleugh erlebt hatte. Dinmont schüttelte drob seine schwarzen Locken ... »Ja, ja, Gutes und Böses wohnt beides in diesem wunderlichen Volk, und uns geht's nicht an, wenn sie gemeinsame Sache mit dem Bösen machen – das müssen sie 'mal selbst ausbaden – soviel bloß weiß ich, die Schmuggler lassen, wenn einer von ihnen im Kampfe geblieben, immer gleich ein Weib wie die alte Meg holen, damit sie die Leiche in Ordnung bringt; von einem Begräbnis wie wir, wissen sie nichts; hat die Leiche, was ihr zukommt, dann wird sie verscharrt wie ein Hund. Bloß ein altes Weib muß dabei sein, das alte Lieder oder Zaubersprüche herleiert. Ich wette, der Tote war einer von den Leuten, die bei dem Woodbourner Brande erschossen wurden.« »Aber Woodbourne ist ja nicht niedergebrannt worden,« fiel ihm Bertram ins Wort. »Nun, recht gut für alle, die darin wohnen. Bei uns hat's geheißen, es sei kein Stein auf dem andern geblieben. Aber gekämpft worden ist, und ohne Frage ist der Tote auch dort geblieben, wie auch die Zigeuner Ihnen das Felleisen genommen haben, als Ihre Kutsche im Schnee steckte.« »Wenn das alte Weib aber so viel Macht über sie hat, warum konnte sie mich nicht offen beschützen und mir meine Habe zurückgeben lassen?« »Wer vermöchte das zu sagen?« versetzte Dinmont, »die andern werden wohl auf ihrem Willen bestehen, wenn ihnen Profit winkt. Es waren ja doch auch Schmuggler mit dabei, und über sie hat die Meg nicht soviel Gewalt. Und dann ist wohl auch zu bedenken, daß die Alte nicht ganz richtig im Kopfe ist. Das Wahrsagen mag sie wohl verstehen, zum wenigsten glaubt sie selbst steif und fest daran und richtet sich immer nach ihrem wunderlichen Getue – aber bleib mir einer mit solchem Krame, wie Zauberei, Leichenverscharren und dergleichen vom Halse! wir leben doch in keinem Märchenparadiese!« Mac Guffog störte die Unterhaltung, indem er die Riegel wegschob und den Kopf zur Tür hereinsteckte ... »Na, nun wird s Zeit, Herr Dinmont,« fügte er, »eine Stunde haben wir Euch zu Gefallen zugegeben, aber jetzt müssen wir die Bude schließen – Sie müssen sich in Ihr Quartier begeben.« »Ich, Freund? Reden Sie nicht! ich schlafe heute nacht hier. Ein Bett ist ja übrig.« »Das geht nicht,« versetzte Mac Guffog – »unter keinen Umständen.« »Geht nicht? Sie meinen, ich gehe nicht? Na, das sollen Sie auch erleben. Nicht von der Stelle geh ich. Kommt her und nehmt mal ein paar gute Schlucke.« Mac Guffog nahm ein paar gute Schlucke, bestand aber auf seinem Begehr ... »Es ist wider die Hausordnung, Herr Dinmont! Hier haben bloß Missetäter und Vagabunden Unterkunft, und Sie sind keins von beiden,« »Den Kopf schlag ich Euch ein, Kerl, wenn Ihr das Maul noch einmal aufmacht – und hier Anspruch auf ein Nachtquartier zu haben, wird dann wohl weitere Missetat nicht von nöten sein.« »Aber, Herr Dinmont, es ist wider die Hausordnung, und ich komme um mein Amt!« »Mac Guffog, nur zwei Worte noch! Ihr kennt mich und wißt, daß ich keinem Arrestanten zur Freiheit verhelfe.« »Woher soll ich das wissen?« »Wißt Ihr das nicht, dann was anderes: z. B., daß Euch Euer Amt zuweilen in unser Tal führt. Laßt mich heut ruhig beim Rittmeister nächtigen; ich zahle Euch die doppelte Stubentaxe – sagt Ihr aber nein, dann gibt's eine Prügelsuppe, wie noch nie, sobald Ihr wieder einen Fuß zu uns ins Tal setzt.« »Gut denn, Herr Dinmont, wer auf seinem Kopfe besteht, muß seinen Willen haben. Das ist 'mal nicht anders. Aber werd' ich darüber zur Rede gestellt, dann weiß ich, an wen ich mich zu halten habe. Das laßt Euch gesagt sein.« Darauf ging er, visitierte noch sämtliche Türen und begab sich zur Ruhe. »Es ist zwar noch nicht spät,« meinte Dinmont, als sie allein waren und die Glocke die neunte Stunde schlug; »aber Sie sind müde, wie ich merke. Legen wir uns aufs Ohr, wenn Sie keine Lust haben, noch einen Becher mit mir zu leeren.« Bertram ließ sich nicht lange nötigen, konnte sich aber, als er sich das Bett ansah, nicht zum Auskleiden entschließen, sondern warf sich in Sachen auf die von der Schließerin für rein erklärten und doch höchst unsaubern Laken. »Sie haben recht, Rittmeister,« meinte Dinmont, »und ich will's ebenso machen; zum Glück wird mein Flausrock schon was abhalten.« Und mit einer Wucht, daß alle Fugen krachten, warf er sich auf das Bett, und sein Schnarchen verriet bald, daß er im tiefsten Schlafe lag. Bertram konnte lange nicht einschlafen, denn sein Gemüt war zu rege befaßt mit dem Gedanken an sein seltsames Geschick und die Geheimnisse, die sich immer dichter um ihn scharten, während Feinde und Freunde aus einer Menschenklasse, mit der er bislang nie in Verbindung gestanden, ihn verfolgten und beschützten, ohne daß er weder diese noch jene kannte. Endlich schloß ihm Müdigkeit die Augen, und er schlief bald ganz eben so fest wie sein Gefährte. Zwölftes Kapitel. Am Abende jenes Tages, an welchem Bertram verhört worden war, kam Oberst Mannering wieder nach Woodbourne, wo er alles gesund und munter fand. Hätte seine Tochter Julie Kenntnis von Bertrams Haft gehabt, so wäre sie sicher nicht munter, vielleicht sogar nicht gesund gewesen. Die beiden Mädchen hatten aber während Mannerings Abwesenheit in solcher Abgeschlossenheit gelebt, daß sie die unselige Kunde nicht hatte treffen können. Lucy Bertram war durch den dem Obersten vorausgegangenen Brief von dem Ausfall des in Aussicht gestandenen Erbes schon benachrichtigt worden, und wenn hierdurch auch Hoffnungen zerstört worden waren, so ließ sie es den Obersten, ihren einstweiligen Vormund, als sie ihn begrüßte, doch nicht merken, schon um ihm zu zeigen, wie hoch sie seine väterliche Güte zu schätzen wußte, und gab ihrem lebhaften Bedauern, daß er in so rauher Jahreszeit ihretwillen eine so weite Reise habe machen müssen, lebhaften Ausdruck. »Das Bedauern, mein liebes Fräulein, liegt ganz auf meiner Seite,« antwortete Mannering; »ich habe aber so interessante Bekanntschaften in unserer Hauptstadt gemacht und meine Zeit dort so angenehm verlebt, daß ich mich wirklich freuen muß, wieder einmal dort gewesen zu sein. Selbst unser Freund Sampson ist ein ganz anderer Mensch geworden, seit er sich mit den Koryphäen der Wissenschaft dort hat katzbalgen können.« »Gewiß, gewiß,« pflichtete Sampson selbstgefällig bei, »ich habe gestritten, ohne zu wanken, so gewandt auch die Gegner waren, mit denen ich es aufnehmen mußte.« Am folgenden Morgen aber ließ sich Sampson beim Frühstück nicht sehen. Einer von der Hausdienerschaft meldete, daß Herr Sampson schon in aller Frühe ausgegangen sei; ihn bei Tische einmal nicht zu sehen, war man schon so gewöhnt, daß man sich dadurch längst nicht mehr stören ließ. Der greisen Haushälterin, die dem greisen Herrn sehr wohlgesinnt war, blieb dann die Sorge um ihn überlassen. In der Regel ging man ihm ein Stück entgegen. Daß er aber, wie heute, zwei Mahlzeiten ausließ, das kam sehr selten vor. Die Unterhaltung des Rechtsanwalts Pleydell mit Oberst Mannering über Harry Bertrams Verschwinden hatte tiefen Eindruck auf Sampson gemacht und all die schmerzlichen Empfindungen wieder wach gerufen, die jenes traurige Ereignis in seinem Gemüt hinterlassen hatte. Den Vorwurf der Nachlässigkeit, das Kind Kennedy überlassen und dadurch mittelbar auch den Tod der Mutter und den völligen Verfall des alten Geschlechts und Hauses verursacht zu haben, war er nie losgeworden, wenn er auch nie darüber zu sprechen pflegte. Und nun war er im Verfolg der trüben Gedanken, die er sich von neuem machte, in Kummer darüber, daß dem einzig noch am Leben befindlichen Gliede des Hauses, der von ihm so verehrten Lucy, auch das Erbe der alten Mamsell Tante entging, auf den Einfall gekommen, den Schauplatz jenes traurigen Vorfalls, die Warrochspitze, wohin er seit Jahren den Fuß nicht mehr gesetzt, wieder einmal zu besuchen. Es war ziemlich weit bis dorthin, und Sampson verlief sich auch mehreremale, hatte aber doch endlich den Wald erreicht, ihn nach allen Seiten hin durchstrichen, bis hinauf zur Spitze, hatte alles, was dort vorgegangen, im Geiste noch einmal durchlebt und hatte sich dann wieder auf den Rückweg nach Woodbourne gemacht. Der Hunger hatte sich auch mit der Zeit geregt, und als er zu dem verfallenen Turme von Derncleugh kam, wo Bertram den Tod des verwundeten Schleichhändlers mit angesehen, konnte er des grausigen Gefühls, das ihn beim Anblick der alten Trümmer überkam, fast nicht mehr Herr werden. Zudem war der brave Sampson bei aller Gelehrsamkeit, die er besaß, kein solcher Philosoph, daß er frei von dem Glauben an Zauberei, Hexen und Gespenster gewesen wäre. Der nahende Abend eines trüben Nebeltages erhöhte solche Disposition, und ein geheimer Schauer ergriff ihn, als er sich dem alten Turme näherte. Jenes Tor, das der Sage nach von einem der letzten Lairds von Ellangowan errichtet worden, um kühnen Eindringlingen den Zugang zu sperren, und zu dem, wie es hieß, der Schlüssel im Pfarrhause läge, tat sich zu seinem Staunen jetzt plötzlich auf, und die ihm, wenn er sie auch viele Jahre nicht gesehen, doch noch recht gut bekannte Figur der alten Meg Merrilies zeigte sich vor seinen Augen. Sie stand ihm gerade im Wege, so daß er nicht vor-, sondern nur zurücktreten konnte, und das ließ sein Mannessinn nicht zu. »Ich hab's gewußt, daß ich Euch hier treffen würde,« sagte sie mit ihrer rauhen, tiefen Stimme, »und weiß, wen Sie suchen. Aber Sie müssen sich meinem Gebot fügen.« »Hinweg, hinweg!« rief Sampson, außer sich vor Schreck ... »Hebe Dich von mir! Conjuro te! « Meg kehrte sich nicht an seinen Schreck und nicht an seine Stimme, nicht an seinen Beschwörungsruf, sondern erwiderte rauh und kalt: »Was fürchtet Ihr Euch vor mir? und warum rieft Ihr den Teufel an? Hört, was ich Euch zu sagen habe, oder es wird Euch leid tun, so lange Euer Leib noch in seinem Gebein hängt. Sagt dem Obersten Mannering, daß es mir nicht fremd sei, daß er mich suche. Er weiß wie ich, daß das Blut abgewaschen, und der Verlorene gefunden werden wird. – Da ist ein Brief für ihn, den ich auf anderm Wege an ihn gelangen lassen wollte. Selbst schreiben kann ich nicht, hab' aber Leute, die es verstehen, die für mich auch lesen, wie sie reiten und laufen für mich. Sage ihm, daß die Zeit nun gekommen sei, daß das Schicksal erfüllt sei, daß er nach den Sternen sehen solle, wie ehedem. Wollt Ihr's besorgen und nichts davon vergessen?« »Will's gerne besorgen und gewiß nichts vergessen,« antwortete Sampson. »Aber, Weib! Deine Rede erschreckt mich – und Zittern befällt mich, wenn ich Deine Stimme höre.« »Schlimmes kommt nicht durch meine Rede, aber Gutes kann aus ihr werden.« »Hebe Dich weg! Gutes auf unrechtem Wege durch unrechte Mittel verabscheue ich.« »Narr Du!« rief Meg zornig, dicht vor ihn hintretend, und ihre schwarzen Augen leuchteten wie Flammen unter der finstern Stirn. »Narr Du! Wollt ich Böses tun, wer möchte mich hindern, Dich von diesem Felsen zu schleudern? und würde je wohl jemand mehr von Dir drüber erfahren, als von Frank Kennedy?« »Im Namen aller guten Geister!« schrie Sampson, seinen langen Stecken mit großem Zinnkopf wie einen Spieß gegen die vermeintliche Hexe erhebend: »Hebe Dich weg von mir! Du sollst mich nicht führen und leiten – hinweg, sage ich – oder ich wehre mich Deiner – auf Deine Gefahr!« Meg aber – so hat er's selbst erzählt – umschlang ihn mit übermenschlicher Kraft, schleifte ihn auf den Boden hin und zerrte ihn in den Turm. Dort stieß sie ihn auf einen Schemel und herrschte ihn an: »Niedergesetzt, und beruhige, mäßige Dich, Du schwarzes Klapperbein! Hast Du heute schon was im Magen oder noch nicht?« »Bloß Sünde, bloß Sünde hab ich gesehen, sonst nichts!« antwortete Sampson, der sich langsam zu erholen anfing. Als er aber inne wurde, daß all seine Beschwörungen bloß dazu dienten, die starre Hexe noch mehr aufzubringen, hielt er es für das klügste, sich ihrem Willen zu fügen und seine Beschwörungen, statt laut, nur im Herzen zu wiederholen; Meg trat nun zu einem großen schwarzen Kessel, der über dem Feuer auf bei Erde hing, und nahm den Deckel ab. Ein Duft stieg aus dem brodelnden Inhalt auf und füllte das Gewölbe, bessere Dinge verheißend, als Hexenkessel gemeinhin enthalten sollen: es roch lieblich nach geschmortem Hasen-, Reb-, Hasel- und anderm Geflügel-Fleisch, im trauten Gemenge mit Kartoffeln, Zwiebeln und Lachs, das, nach der Größe des Kessels, wenigstens ein halbes Dutzend Menschen zu sättigen imstande sein mußte. »Also noch gar nichts habt Ihr heut im Magen?« sagte Meg, indem sie eine braune Schüssel aus dem Kessel füllte und schmackhaft mit Salz und Pfeffer bestreute. »Noch keinen Bissen,« antwortete Sampson, » sceleratissima wollte sagen – Frau Wirtsmutter!« »Nun, dann greift zu,« fuhr sie fort, die Schüssel vor ihn setzend; »Essen wird Euch gut tun.« »Habe keinen Hunger – malefica wollte sagen, Frau Merrilies ... Aber,« sagte er zu sich selbst, »gut riecht's, wär's nur nicht gekocht von einer Okranidia oder Erikothoe.« »Eßt Ihr nicht auf der Stelle – dann bei Brot und Salz! schieb ich's Euch in die Kehle mit dem Löffel hinunter, so heiß es ist. Den Mund aufgesperrt, Sünder, und den Gaumen geschwungen!« Sampson mochte, aus heiliger Scheu vor Salamanderaugen, Froschzehen und Tigerkaldaunen, gar nicht recht essen, aber der liebliche Duft war stärker als diese Regung, und so dauerte es nicht eben lange, bis ihm der Mund zu wässern anfing, und den Rest gaben ihm die drohenden Worte der Hexe; Hunger und Furcht sind vorzügliche Eideshelfer ... »Saul,« sprach der Hunger leise zu ihm, »speiste mit der Hexe von Endor; und das Salz,« fiel die Furcht dazu ein, »das die Alte auf das Essen gestreut, zeigt doch, daß es kein Hexenfutter ist, denn dabei kommt Salz ja niemals in Betracht.« Und das letzte Wort hatte der Hunger, denn nach dem ersten Bissen flüsterte es aus dem Magen zum Herzen hinüber und von dem Herzen nach dem Kopfe hinauf: »Nicht übel, nicht übel! Das Fleisch ist sogar delikat.« »Na, schmeckt's?« fragte die Meg. »Ja,« gab Sampson zur Antwort, »und ich danke Euch auch schön – sceleratissima – wollte sagen, Frau Wirtin.« »Na, dann eßt Euch satt, genug dazu ist ja da ... aber wüßtet Ihr, wie wir dazu gekommen, dann möcht's Euch wohl kaum schmecken.« Sampson ließ den Löffel fallen, als ihn die Hand zum Munde führen wollte. »Sonst hat's kein Wenn und Aber?« meinte Sampson bei sich und fuhr mit dem Löffel wieder tief in die Schüssel. »Auch ein Schluck gefällig?« fragte die Meg. »O ja,« versetzte Sampson – » conjuro te , wollte sagen, danke von Herzen!« Bei sich aber sagte er: »Hat einen der Teufel nur erst einmal bei einem Haar, dann muß man ihm gleich den ganzen Schopf lassen« – und dabei setzte er einen Humpen voll Schnaps an die Lippen, um ihn auf die Gesundheit der Hexe zu trinken. Hiernach kam er sich gut bei Kräften vor und es war ihm, als könnte ihm etwas Böses nun nicht mehr zustoßen. »Aber, was ich Euch gesagt habe,« fragte Meg wieder, »das vergeßt Ihr doch nicht? An den Augen seh ich's Euch an, daß Ihr ein ganz anderer Mensch geworden seid als vorher.« »Freilich, Frau Meg, freilich,« versetzte Sampson fest, »ich werde ihm den versiegelten Brief übergeben und dabei sagen, was Ihr bestellt haben wollt.« »Das ist kurz abgemacht,« versetzte Meg; »sagt ihm, er solle heute nacht nach den Sternen gucken und tun, was hier in dem Briefe steht, sofern er wolle, Daß Bertrams Recht und Bertrams Macht Auf Ellangowans Berg erwacht. – Zweimal hab ich ihn gesehen, während er mich nicht sah! gekannt hab ich ihn, als er hier zum erstenmal im Lande war, und was ihn hergeführt hat, weiß ich so gut wie er. Nun aber auf die Beine und fort! Zu lange schon habt Ihr hier gesäumt. – Kommt und folgt mir!« Meg führte ihn quer durch den Wald auf einem weit kürzeren Wege als er gekommen war, den er aber nimmer gefunden hätte; er führte hinaus auf die Gemeindewiese; Meg ging auch hier noch mit weiten Schlitten voran bis zum Gipfel eines kleinen Hügels, der über den Weg hinüber hing ... »Hier,« sagte sie, »warte und sieh! Sieh, wie die sinkende Sonne durch die Wolken bricht, die den Himmel heut seit dem frühen Morgen verfinstert haben. Sieh, wohin der erste Lichtstrahl fällt – auf Donagilds runden Turm, das älteste Gebäude von Ellangowan – sieh, wie der Strahl auf dem Meere spielt, dort auf das Schiff in der Bucht – hier bin ich gestanden, hier auf dieser Stelle,« fuhr sie fort, die hohe Gestalt aufrichtend, den langen, nervigen Arm und die geballte Hand von sich streckend: »hier bin ich gestanden, als ich dem letzten Laird von Ellangowan sagte, was über sein Haus kommen werde – und ist's zu Grunde gegangen? Nein – es ersteht wieder! Und hier, wo ich den Stab des Friedens über ihm zerbrach, hier stehe ich wieder und bitte Gott, daß er Segen und Gedeihen gebe dem rechten Erben zu Ellangowan, der bald wieder zu seinem Eigentume kommen wird! Und der beste Laird wird er sein, den Ellangowan seit drei Jahrhunderten besessen – wer weiß, ob ich's noch erlebe; aber manch glückliches Auge wird's sehen, wenn sich das meine längst geschlossen haben wird. – Und nun, Abel Sampson, sofern Ihr auf Ellangowan und sein Geschlecht und Haus je was gehalten habt, dann tummelt Euch mit dem Briefe zu dem englischen Obersten, tummelt Euch, als hinge Leben und Tod an Eurer Eile!« Hierauf drehte sie sich jäh um und verließ Sampson, der so erschrak, daß er den Fuß im ersten Augenblick nicht heben konnte. Mit langen Schritten erreichte sie bald den Wald wieder, aus dem sie ihn geführt; er aber sah ihr noch eine Weile verwundert nach, dann lief auch er, gehorsam ihrem Befehle, schnelleren Schrittes als sonst, in der Richtung auf Woodbourne zu, davon – und dreimal hintereinander entfuhr es seiner Kehle: »Komisch! Komisch! Komisch!« Dreizehntes Kapitel. Als Sampson verstörten Blickes daheim ankam, stürzte ihm die Haushälterin, die auf ihn gewartet hatte, entgegen ... »Aber, wo stecken Sie denn bloß, Herr Sampson? Ei, so schlimm war's aber doch nie mit Ihnen! Wie können Sie denn so lange hungern? Das muß Ihnen doch am Leibe schaden! So was verträgt kein menschlicher Magen ... Steckt Euch künftig Pfeffermünztropfen in die Tasche, und eine Schnitte Brot mit etwas kaltem Fleisch!« »Hebe Dich weg von mir!« rief Sampson, in der Meinung, noch immer Meg Merrilies vor sich zu haben, und rannte ins Wohnzimmer. »Nein, geht nicht dort hinein,« rief die Haushälterin; »es ist schon seit einer Stunde abgedeckt, und der Oberst sitzt beim Weine. Kommt zu mir herein; ich hab Euch was Leckeres aufgehoben.« »Ich habe gegessen,« erwiderte Sampson. »Gegessen? Unmöglich! Wo denn, Ihr kehrt doch nirgends ein!« »Mit Beelzebub, sofern ich recht berichtet bin,« rief Sampson unwirsch. »Jesus! der Mann ist behext!« rief die Frau, die Hände über dem Kopfe zusammenschlagend, und ließ ihn gehen. »Behext oder toll ... Jesus! es ist doch ein Jammer, wenn es mit solchem gescheiten Menschen so weit kommt.« Während sie in ihre Stube lief, trat Sampson in das Eßzimmer, von Kopf zu Füßen bespritzt, und fast leichenblaß infolge der Anstrengung und des Schreckens. Alles starrte ihn verblüfft an.. »Aber was ist denn mit Ihnen, Sampson?« fragte Mannering, als er Lucys ängstlichen Blick sah. Exociso te! rief Sampson mit Grabesstimme. »Was soll das, Freund?« fragte Mannering außer sich. »Pardon, Herr Oberst, in meinem Kopfe« – »Aber, Herr Sampson, fassen Sie sich doch, und sagen Sie uns, was dies alles bedeutet?« Sampson wollte antworten, aber seine Beschwörungsfloskeln drängten sich ihm wieder auf die Lippen; er hielt es deshalb für am besten, von aller mündlichen Erörterung abzusehen, und händigte dem Obersten das Papier ein, das ihm die Zigeunerin gegeben. Mannering löste das Siegel und las mit Staunen ... »Wohl ein Narrenscherz?« rief er, »zudem ein recht dummer ... so sieht's ganz aus!« »Die Person, von der ich das Papier bekam,« fiel Sampson ein, »sah nicht aus, als ob sie scherzen möchte.« »Von wem haben Sie das Papier?« Sampson, wenn Lucys Interesse in Betracht kam, oft außerstande gegen sein Zartgefühl anzukämpfen, gedachte der schmerzlichen Umstände, die mit der Zigeunerin zusammenhingen, blickte die beiden Mädchen an und schwieg. »Ich sehe,« wandte sich Mannering an sie, »daß Herr Sampson mit mir allein sprechen will – geht also – wir kommen gleich zum Tee. – Nun, die Mädchen sind fort, lieber Sampson,« wandte er sich an ihn, – »nun sagen Sie mir, was dies alles bedeutet?« »Vielleicht eine Botschaft vom Himmel,« antwortete Sampson, »aber bestellt ist sie von Beelzebubs Postmeisterin worden, denn ich hab sie von der Hexe Meg Merrilies, die schon vor zwanzig Jahren in einer Teertonne hätte verbrannt werden müssen als Hure, Diebin, Hexe.« »War es auch wirklich die Zigeunerin?« fragte Mannering lebhaft. »Gewiß, Herr Oberst! Ein zweites Frauenzimmer wie die Merrilies gibt's nicht mehr auf Erden.« Der Oberst ging hastig auf und ab, in stürmischen Gedanken ... »Ob man sie festnehmen läßt?« fragte er sich ... »Aber darüber geht zuviel Zeit verloren, muß ich doch erst zu Mac Morlan schicken, und der alte Hazlewood ist ein eingebildeter Tropf ... und wenn wir sie dort, wo wir sie suchen, nicht finden sollten, oder, wenn sie wieder, wie früher, den Mund nicht auftun sollte? ... Nein, und wenn man mich zehnmal für einen Esel hält, so will ich doch lieber dem Wink folgen, den sie mir gibt. Mancher von ihrem Schlag fängt mit Betrug an und hört mit Muckerei auf oder wandelt eine Bahn, die zwischen beidem liegt, ohne Ahnung, womit sie sich selbst oder andere betrügen. Nun, mir ist der Weg auf alle Fälle vorgezeichnet, – er geht schnurgerade – mag mir Vorteil oder Nachteil, Lohn oder Schaden daraus entstehen; daß ich mich auf meine Klugheit verlassen sollte, um Nachteil oder Schaden aus dem Wege zu gehen, kann mir nicht passieren.« Darauf klingelte er Barnes, seinem Diener. Ehe wir aber dem Leser melden, wie die Weisungen lauteten, die er ihm heimlich erteilte, wollen wir uns nach einem anderen Ereignisse dieses Tages umsehen. Charles Hazlewood hatte sich während Mannerings Abwesenheit in Woodbourne nicht sehen lassen. Aus Mannerings ganzem Benehmen gegen ihn war ihm klar geworden, daß es der Oberst übel aufnehmen würde, und der Respekt vor dem angesehenen Heerführer und feingebildeten Manne war bei Charles Hazlewood so groß, daß er sich der Gefahr, ihn zu verletzen, unter keinen Umständen hätte aussetzen mögen; wohl meinte er durchblicken zu können, daß der Oberst seine Beziehung zu Lucy nicht eben tadelte; aber sein Zartgefühl sagte ihm, wie ungeziemend unter solcher Voraussetzung jedes Bemühen, sich mit Lucy auf vertrauteren Fuß zu setzen, erscheinen mußte, zumal sich seine Eltern, wie er recht gut wußte, nicht anders als ablehnend dagegen verhalten würden – darum respektierte er die zwischen dem Mädchen und ihm gezogene Schranke ebensowohl um Mannerings willen, als um sie nicht dem Schutz eines so edlen und wohlwollenden Freundes zu berauben ... »Nein,« sagte er zu sich selbst, »meine Lucy in solche Gefahr zu bringen, wird mir nie einfallen – selbst dann nicht, wenn ich ihr ein eigenes Heim zu bieten vermag.« Um jeder Versuchung die Spitze abzubrechen, beschloß er einen Besuch bei entfernten Verwandten zu machen, den er schon lange zugesagt hatte, und bis zur Rückkehr des Obersten von Woodbourne fernzubleiben. Allerhand widrige Zufälle durchkreuzten aber diesen Plan: dem Pferde mußten die Eisen geschärft werden, weil über Nacht Frostwetter eingetreten war; dann gefiel es der Hausfrau, mit dem Frühstück warten zu lassen; dann mußte er sich die Jungen ansehen, die sein bester Hühnerhund in der Frühe geworfen hatte. Darüber verstrich der Morgen, und jetzt zum Essen nach Woodbourne zu reiten, erschien ihm nicht mehr schicklich. Er ließ also den Weg zum Landhaus seitwärts liegen, aber während er den Blick auf die blaue Rauchsäule richtete, die an dem bleichen winterlichen Abendhimmel aufstieg, war es ihm, als ob er Sampson durch den Wald gehen sähe. Er rief ihn an, aber umsonst, denn der für äußere Eindrücke überhaupt nicht empfängliche Magister hatte eben die alte Meg Merrilies verlassen, und war über die von ihr gehörten Dinge noch in so tiefen Gedanken, daß er für alles um sich her weder Auge noch Ohr hatte. So kam der junge Laird um die Gelegenheit, sich über die Bewohner von Woodbourne zu befragen, wobei Lucys Namen doch sicher genannt worden wäre. Er ließ nun seinem Tiere die Zügel frei, einen steilen, sandigen Weg hinauf, der zwischen zwei hohen Wänden entlang auf eine Anhöhe führte, die einen weiten Ausblick über die umliegende Gegend bot. Da schreckte ihn eine Stimme, zu rauh für eine weibliche, zu hoch und hell für eine männliche, aus seinem Sinnen ... »Was hält Euch so lange auf der Straße? Müssen wohl andere Leute Arbeit für Euch verrichten?« Eine Frau von großer Figur, mit einem dicken Tuch um den Kopf, unter dem wirre graue Locken hervorquollen, in langem, rotem Mantel, einen Stecken mit beschlagener Spitze in der Hand, stand vor ihm: Meg Merrilies! Charles Hazlewood hatte sie noch mit keinem Blicke gesehen und zog verdutzt die Zügel an ... »Ich dachte,« fuhr sie fort, »wer's gut meint mit Ellangowan, sollte nicht schlafen heute nacht. Drei Leute waren schon auf der Suche nach Euch, und Ihr bleibt zu Hause in Eurem Bette? Denkt Ihr denn, der Schwester könnte es wohl gehen, wenn der Bruder umkommt?« »Ich verstehe den Sinn Eurer Worte nicht, Frau,« erwiderte Hazlewood, »sprecht Ihr von Fräulein – ich meine, von jemand aus dem einstigen Hause von Ellangowan – dann sagt – sagt schnell, was ich für sie tun kann!« »Das einstige Haus Ellangowan!« wiederholte sie heftig – »und wann war je ein Geschlecht Ellangowan, das nicht den edlen Namen Bertram führte – wann wird ein solches Haus sein ohne diesen Namen?« »Aber was soll das alles, gute Frau?« »Eine gute Frau bin ich nicht: das ganze Land weiß es; aber ich kann tun, was kein gutes Weib kann, kein gutes Weib darf; ich kann tun, was Weibern, die von zu Hause nicht weggekommen und nichts weiter verstehen, als Kinder päppeln und schaukeln, das Blut in den Adern gerinnen macht. Hört, was ich Euch sage! Man hat die Wache aus Portanferry nach Hazlewood abrücken lassen auf Befehl Eures Vaters, der für heute nacht einen Ueberfall durch Schmuggler befürchtet. Aber kein Mensch denkt an so etwas gegen einen Herrn von gutem und edlem Blut. Schickt die Reiter wieder heim auf ihre Posten. Heute nacht gibt's Arbeit, viel Arbeit; es werden Flinten knallen und Schwerter im Mondschein glitzern.« »Was faselt Ihr, Weib? Man könnte meinen, Ihr seid verrückt: und doch scheint alles, was Ihr sagt, in gewissem, wenn auch wunderlichem Zusammenhange.« »Verrückt bin ich nicht, wenn sie mich auch als verrückt eingesperrt und gegeißelt und des Landes verwiesen haben. Aber verrückt bin ich nicht! Charles Hazlewood, sagt, grollt Ihr dem Manne, der Euch verwundete?« »Um Gottes willen nicht – mein Arm ist wieder hergestellt, und ich habe immer behauptet, daß das Gewehr zufällig losging – lieb wär's mir, ich könnt's dem jungen Manne selbst sagen.« »So tut, was ich Euch sage, und Ihr werdet ihm mehr Gutes tun, als er Euch je Böses tat. Fällt er seinen Feinden in die Hände, so ist er früher, als der Tag graut, eine Leiche, oder aus dem Lande geschafft – aber noch ist Einer über uns allen! Tut, was ich Euch heiße, und schickt die Reiter wieder heim!« Nach dieser Mahnung war sie mit ihrer gewöhnlichen Schnelligkeit verschwunden. Hazlewood hatte die jähe Erscheinung der Zigeunerin und ihre gebieterische Redeweise heftig alteriert. Er ritt schnell nach Hause, kam nach Anbruch der Dunkelheit hin, und fand beim ersten Blick in den Hof die Bestätigung für die Worte der Zigeunerin; dreißig Dragonerpferde standen zusammengekoppelt unter einem Schuppen; drei bis vier Reiter hielten Wache, die andern marschierten mit gezogenem Seitengewehr vor dem Hause auf und ab. Hazlewood fragte den Wachtmeister nach dem Standquartier. »Portanferry,« lautete die Antwort. »Ist Wache dort geblieben?« fragte Hazlewood weiter. »Nein, auf Sir Robert Hazlewoods Befehl hin sind alle Mann hierher marschiert zum Schutz gegen einen von den Schmugglern geplanten Ueberfall.« Charles Hazlewood begab sich auf der Stelle zu seinem Vater. Auf seine Frage nach dem Grunde der von ihm angeordneten Maßregel bekam er dieselbe Antwort wie von dem Wachtmeister. Er kannte seines Vaters Schwächen und versetzte, es wolle ihm nicht recht glaubhaft erscheinen, daß es auch den verwegensten Menschen einfallen sollte, ein Schloß mit so zahlreicher Dienerschaft und soviel Hörigen anzugreifen; dagegen möchte es doch bedenklich sein, Soldaten vom Dienste wegzurufen, um sich persönlichen Schutz zu schaffen, anderseits wäre wohl zu befürchten, daß man sich zum Gespött der ganzen Nachbarschaft machte, falls sich solche großartigen Vorsichtsmaßregeln als unnütz erweisen sollten. Sir Robert wurde hierüber recht perplex, denn vor Gespött hatte er eine Heidenangst; aber es ging ihm nicht minder gegen den Strich, vor seinem Sohne die Segel zu reffen, und so stellte er sich, als ob ihm an der Meinung der Welt nicht das geringste gelegen wäre, und zog gegen den Sohn alle Register seiner väterlichen Würden. »Ich sollte doch meinen,« sagte er, »daß die meinem Hause an Deiner Person, meinem nächsten Erben, widerfahrene Beleidigung, um nicht Ehrabschneidung zu sagen, beim größten Teile des Publikums Maßregeln, wie ich sie getroffen, sattsam rechtfertigen dürfte.« »Ich habe Ihnen aber doch schon wiederholt erklärt, Vater, daß nach meiner festen Ueberzeugung das Gewehr bloß zufällig losgegangen ist.« »Davon kann keine Rede sein; aber Du bist ja immer klüger als ältere Leute.« »Aber, Vater, in einem Falle, der mich so nahe betrifft –« »Dich geht er nicht näher an als mich – nicht näher als unsre ganze Grafschaft, als das ganze Königreich Schottland, insofern als das Interesse des Hauses Hazlewood in Dir benachteiligt, bedroht und gefährdet wurde ... Aber das Subjekt, das Dich angeschossen, ist in sicherem Verwahrsam, und Glossin meint –« »Glossin, Vater?« »Jawohl, Glossin, der jetzige Herr und Eigentümer von Ellangowan! Du kennst ihn doch?« »Aber, Vater, daß Sie sich auf einen solchen Mann berufen möchten, hätte ich nie gedacht, nie für möglich gehalten – gilt er doch bei aller Welt als geizig, betrügerisch, gemein, intrigant, und wer weiß, was er noch für Tugenden an sich hat! Auf seinen Rat hin, Vater, ist wohl die Wache aus Portanferry abkommandiert worden?« »Auf Glossins Rat?« wiederholte Sir Robert – »nun, lieber Sohn, ich glaube nicht von dem Herrn, daß er sich herausnehmen möchte, mir seine Meinung oder gar seinen Rat aufzudrängen, in Fällen, wo Haus und Geschlecht Hazlewood in Betracht kommen –« »Aber zugestimmt zu Deinem Gedanken hat er – wie?« fragte Charles wieder. »Mir erschien es angemessen, ihn als die nächste Amtsperson zu Rate zu ziehen, als mir die Nachricht von dem gegen mein Besitztum geplanten Ueberfalle bekannt wurde – und da muß ich freilich sagen, daß er zwar nichts davon wissen mochte, den diesbezüglichen Befehl an die Wache von Portanferry mit zu unterzeichnen, den Schritt selbst aber vollkommen guthieß.« Mac Morlan trat ins Zimmer ... »Bedaure sehr, Sir Hazlewood, wenn ich stören sollte?« »Durchaus nicht, Herr Mac Morlan, durchaus nicht,« fiel ihm der Laird ins Wort – »bitte, was führt Sie zu mir? amtliche Verrichtung oder eine Ursache privater Natur?« »Amtliche Verrichtung, Sir Robert,« erwiderte Mac Morlan kühl – »es handelt sich um das Kommando von Portanferry, das unverzüglich zurückmarschieren muß. Für Ihres Hauses Sicherheit übernehme ich Bürgschaft.« »Die Wache soll ich missen? und mit Ihrer Bürgschaft mich begnügen, Herr Mac Morlan?« fuhr Sir Robert auf; »wie sollte mir solche für meines Hauses Sicherheit ausreichen? Nicht eins von diesen Ahnenbildern möchte ich verrückt oder gar beschädigt sehen–« »Darüber zu diskutieren, Sir Robert, muß ich zu meinem Bedauern ablehnen,« versetzte Mac Morlan, »glaube aber versichern zu dürfen, daß durch mein Verhalten kein unersetzlicher Verlust dieser Art entstehen wird, zumal sich kein sterblicher Mensch mit dem Gedanken eines Angriffs gegen Ihr Schloß trägt. Ich habe im Gegenteil Winke bekommen, die mir den Verdacht wecken, daß das Gerücht lediglich zu dem Zwecke ausgesprengt worden ist, einen Grund zur Entfernung der Wache von Portanferry zu haben. Infolgedessen muß ich von meinem amtlichen Rechte Gebrauch machen, und das Kommando, wenigstens zum großen Teil, wieder nach seinem Standquartiere zurückschicken. Für sehr bedauerlich halte ich es, daß durch meine zufällige Abwesenheit schon soviel Zeit verloren gegangen ist, daß ich fast fürchten muß, das Kommando wird zu spät in Portanferry wieder eintreffen.« Gegen eine so bestimmte Erklärung der zuständigen Obrigkeit erlaubte auch der Baronet sich keinen weitern Einwand, sondern erteilte sogleich seinen Dienstmannen Befehl, sich zu bewaffnen. Charles Hazlewood hätte die Reiter, die unter Mac Morlans Führung nach Portanferry zurückritten, am liebsten begleitet, aber dem Vater solch empfindliche Kränkung anzutun, mochte er doch nicht wagen; mit schlechtverhehltem Unmute sah er dem Wegritt des Kommandos vom Fenster aus zu, und nicht lange währte es mehr, so waren die Reiter unter den Bäumen der Straße verschwunden und der Hufschlag ihrer Rosse verhallt. Vierzehntes Kapitel. Wir eilen den Reitern zuvor, und blicken in das Gemach, wo wir Bertram und seinen biedern Freund zurückließen. Der Landmann schlief sehr fest, Bertram aber erwachte noch vor Mittelnacht aus dem ersten tiefen Schlafe, und konnte nicht wieder einschlummern. Die Bewegung seines unruhigen Gemüts wurde durch einen Fieberschauer erhöht, den die dumpfige Luft des engen Gemachs ihm zugezogen hatte. Endlich erhob er sich und suchte das Fenster zu öffnen, um frische Luft zu schöpfen. Aber ach! der erste Versuch erinnerte ihn, daß er in einem Gefängnisse war. Er blieb vor dem fest verschlossenen Fenster stehen. Der kleine Silvan, so müde er noch von der vorigen Tagfahrt war, kroch auch aus dem Bette, rieb sich an den Beinen seines Herrn und schien durch freundliches Knurren seine Freude über die Wiedervereinigung aussprechen zu wollen. Bertram blickte einige Zeit auf das Meer. Die Flut schwoll hoch an und schlug dumpf und dicht bis an die Grundmauer des Hauses. Zuweilen stiegen hohe Wogen bis an das die Gebäude schützende Bollwerk und brachen sich hier mit heftigerer Gewalt als die am Sandufer zerfließenden. Fern in der Beleuchtung des eilenden, oft bewölkten Mondes wälzte das Meer in wildem Gedränge seine Wogen. »Ein wildes, finstres Schauspiel,« sprach Bertram zu sich selbst. »Ganz wie die drängenden Wellen des Schicksals, die mich seit meiner Kindheit durch die Welt fortgestoßen haben! Wann wird diese Ungewißheit aufhören? wann wird es mir vergönnt sein, nach einer stillen Heimat zu sehen, wo ich ruhig und ohne Furcht, ohne Unruhe die Künste des Friedens pflegen kann, von denen mich bis jetzt eine mächtige Gewalt abgezogen hat? Möchte es doch wahr sein, was man sagt, daß das geistige Ohr die Stimme der Seenymphen und Tritonen unter dem Wogengeräusch unterscheiden könne! Mochte doch eine Sirene, oder ein Proteus, aus den Wellen aufsteigen, um mir das Rätsel des seltsamen Schicksals zu lösen, das mich von allen Seiten umfängt ... Glücklicher Freund,« fuhr er fort, auf den tief schlummernden Landmann blickend: »Deine Sorgen sind beschränkt auf den engen Kreis einer gesunden und gedeihlichen Beschäftigung. Du kannst sie nach Gefallen beiseite legen und die tiefe Ruhe des Leibes und der Seele genießen, die eine gesunde Arbeit Dir bereitet hat.« In diesem Augenblicke wurden seine Betrachtungen durch Silvan, der mit wütendem Gebell zu dem Fenster hinanzuspringen versuchte, unterbrochen. Dinmont vernahm den gellenden Ton, aber noch verschwand die Täuschung des Traumes nicht, der ihn aus dem armseligen Raum hinaus unter seine grünen Hügel geführt hatte, und einige Töne aus seiner Kehle verrieten, daß er seinen Schäferhund rief. Silvans Gebell wurde durch das Geheul des Kettenhundes im Hofe sekundiert, der sich lange still verhalten und nur einmal, als der Mond jäh aus den Wolken hervorblinkte, einen kurzen, tiefen Ton ausgestoßen hatte, nun aber ein wütendes Gebell anhob, als ob er durch irgend eine Störung gereizt worden wäre. Bertram, dessen Aufmerksamkeit nun lebhaft gespannt war, glaubte ein Boot auf dem Meere zu sehen, und unterschied deutlich Ruderschlag und menschliche Stimmen unter dem Brausen der Wogen ... »Vielleicht ein Schiffer, den die Nacht überfallen,« dachte er, »oder verwegene Schleichhändler von der Insel Man? Sehr verwegen, dem Zollhause so nahe zu kommen, wo doch Wache liegen muß? Das Boot ist groß und dicht besetzt. Vielleicht sind's Leute vom Zollamt?« Bertram wurde in dieser Meinung durch die Wahrnehmung bestärkt, daß das Boot an einem schmalen Strandwege anlegte, der gleich hinter dem Zollhaus zum Meer hinunterlief. Die Mannschaft sprang ans Ufer, und ihrer zwanzig an der Zahl, gingen sie im Gänsemarsch eine schmale Gasse hinauf, die das Zollhaus von dem Stadthause trennte, und verschwanden dort. Nur zwei Männer blieben als Wache bei dem Boote zurück. Der Ruderschlag und die gedämpfte Stimme der Männer hatten den Hofhund geweckt, der jetzt ein so furchtbares Geheul ausstieß, daß Mac Guffog, sein Herr, endlich erwachte. Aus dem Fenster hinaus schrie er: »Tirum! Tirum! was gibt's!« Doch Tirum schwieg nicht, sondern übertäubte die beunruhigenden Töne, die ihn munter gemacht hatten. Frau Mac Guffog aber, die ans Fenster trat, hatte ein schärferes Ohr als ihr Mann ... »Geh hinunter,« sagte sie, »und laß den Hund los. Ich wette, es sind Kerle, die zum Tor hinein wollen; muß auch der alte Narr in Hazlewood die Wache wegholen lassen! Aber, Mann, Du hast wirklich nicht mehr Mut als eine Katze!« Sie ging hinunter, den Hund selbst los zu machen, während ihr Mann, der vor Krawall in seinen vier Pfählen größere Angst hatte als vor einem Sturm draußen, alle Türen untersuchte, um sich zu vergewissern, daß die Arrestanten nicht etwa ausbrechen könnten. Bertram, dessen Zelle auf der Seeseite lag, konnte nur wenig von dem Lärm auf der Vorderseite hören, wohl aber alles deutlich, was im Innern vorging und zur vorgeschriebenen nächtlichen Ruhe eines Stockhauses recht wenig paßte; er konnte nicht anders als annehmen, daß etwas Ungewöhnliches im Werke sei. Von diesem Gedanken beherrscht, trat er zu Dinmont und schüttelte ihn munter. »Ih! – O! Lieschen! Es ist ja noch nicht Zeit zum Aufstehen!« rief der Mann aus den Bergen, noch halb im Schlafe. Endlich aber ermunterte er sich und fragte verdutzt: »Jesus Maria, was gibt's?« »Das weiß ich nicht,« erwiderte Bertram, »aber es muß Feuer im Hause sein, oder sonst etwas vorgehen. Hört doch, wie man die Türen wirft, und die rauhen Stimmen! Es muß von draußen her kommen! Steht auf, bitte, steht auf! wir müssen auf der Hut sein!« Dinmont war im Nu auf den Beinen, unerschrocken und mutig, wie jeder seiner Vorfahren, sobald die Feuerzeichen leuchteten. »Ein verwünschter Ort!« sagte er; »bei Tage lassen sie einen nicht heraus und bei Nacht nicht schlafen. Hier käm ich in den ersten vierzehn Tagen um ... Aber was ist das für ein Getöse? Wenn wir nur Licht hätten! Silvan, Silvan, bscht! Man kann ja über Deinem Gebell nicht hören, was los ist.« Vergebens suchten sie nach einer Kohle unter der Asche, um das Licht anzustecken. Der Lärm wuchs, Dinmont trat ans Fenster ... »Um Gottes willen, Rittmeister, kommt her! Die Schmuggler sind ins Zollhaus eingebrochen.« Bertram eilte ans Fenster und erblickte einen dichten Schwarm Schmuggler und andern Gesindels, einige mit brennenden Fackeln in der Hand, andere schleppten Ballen und Fässer zum Boote hinab, das am Strandwege lag, wo jetzt noch einige Fischerboote sich zeigten, die nacheinander geladen wurden, während einige schon in die See gegangen waren. »Die Sache ist klar,« hob Bertram wieder an; »aber ich fürchte, es ist noch Schlimmeres geschehen. Riecht es nicht nach Rauch? Oder ist es Einbildung von mir?« »Einbildung?« wiederholte Dinmont; »nein, es raucht wie im Ofen. Verdammt! wenn sie's Zollhaus angesteckt haben, kommt das Feuer auch hierher, und wir verbrennen alle miteinander wie Teertonnen ... Mac Guffog! Hört Ihr denn nicht?« schrie er aus allen Kräften. »Wollt Ihr einen ganzen Knochen im Leibe behalten, so laßt uns heraus, laßt uns heraus!« Das Feuer loderte nun hoch auf, und dicke Dampfwolken zogen an den Fenstern vorüber, wo Bertram und Dinmont standen. Zuweilen trieb der Wind den Rauch in so dunkle Wolken zusammen, daß sich nichts mehr erkennen ließ; zuweilen wieder erhellte roter Lichtglanz Land und Meer und beschien die finstern, furchtbaren Gestalten, die mit wilder Eile ihre Kähne beluden. Das Feuer nahm mehr und mehr überhand; aus allen Fenstern des brennenden Gebäudes drangen die Flammen hervor, während der Wind lohende Stoffe gegen das anstoßende Gefängnis trieb und eine finstere Rauchschleppe sich über die ganze Gegend hinzog. Von allen Seiten her erscholl Geschrei von wilden Haufen, von Gesindel, das sich aus dem Städtchen und der Umgebung zu den Schleichhändlern geschlagen hatte, sobald es ruchbar geworden, daß sie im Vorteil geblieben, und das, wie immer, ungeachtet der späten Nachtstunde überall auf den Beinen war. Bertram war in ernstlicher Sorge. Im Hause rührte sich nichts mehr. Unheimliche Stille im ganzen Innern. Der Gefangenwärter schien Reißaus genommen zu haben und das Gefängnis mit all seinen unglücklichen Insassen den Flammen überlassen zu wollen, die es zu ergreifen drohten. Es wurde ein neuer heftiger Angriff auf das äußere Tor unternommen mit Hämmern und Brechstangen, und nicht lange, so waren die Schmuggler seiner Herr. Was von Dienstvolk noch da war, überlieferte willig die Schlüssel, und nun mischten sich die freigewordenen Gefangenen unter wildem Gejohle zwischen den Pöbel, der ihre Fesseln gesprengt hatte. Mitten in diesem Durcheinander stürzten Schleichhändler, einige mit geschwärzten Gesichtern, Fackeln schwingend und bewaffnet mit Säbeln und Pistolen, in Bertrams Gemach ... »Heidi!« rief ihr Führer, »hier kommen wir recht!« Zwei Männer packten Bertram; einer raunte ihm zu: »Keinen Widerstand, bis Ihr draußen seid!« und sich gleich darauf zu Dinmont wendend, setzte er ebenso leise hinzu: »Macht's wie Euer Kamerad – draußen aber rührt die Fäuste, sobald Ihr seht, daß es am Platze ist.« Dinmont, unter dem Drange der Umstände Gehorsam für das beste haltend, blieb Bertram dicht auf den Fersen, der von den beiden Schleichhändlern die Treppe hinunter, über den von der Flamme nun hell erleuchteten Hof in eine enge Gasse geschleppt wurde, zu der man vom äußern Tor gelangte. Hier staute sich der Menschenschwarm, und plötzlich dröhnte es wie Pferdegetrappel aus der Ferne herüber: ein Geräusch, nicht danach beschaffen, die Verwirrung zu mindern ... »Potz Pulver und Blei!« rief der Führer, »was ist das?« und zu dem Haufen gewandt, setzte er hinzu: »Zusammengehalten, Jungens! und laßt den Kerl nicht entwischen, den wir erwischt haben!« Aber an dem Umstände, daß diejenigen beiden, die Bertram führten, die letzten im Zuge waren, vermochte all sein Rufen und Wettern nichts zu ändern, denn es war unmöglich, vorzudringen. Alsbald kam es an der Spitze des Zuges zum Handgemenge. Schüsse fielen und Dragonersäbel blitzten über den Köpfen der Schmuggler. »Jetzt,« rief leise die Stimme wieder, die Bertram schon einmal gewarnt hatte, »nieder mit dem Kerl, und mir hinterher!« Es gelang Bertram, sich mit einem Ruck von dem Manne, der ihn am Kragen hielt, freizumachen. Zwar griff derselbe stracks zum Pistol, aber ein Schlag von Dinmonts kräftiger Faust streckte ihn im andern Augenblicke besinnungslos zu Boden. »Schnell hinter mir her!« rief die warnende Stimme wieder, und der Mann, dem sie gehörte, stieß sie durch eine enge, schmutzige Gasse, die aus der Straße führte, weiter. Da die Schleichhändler mit den von Mac Morlan herbeigeführten Reitern noch vollauf zu tun hatten, blieben sie unverfolgt. Die Reiter wären früher dagewesen, vielleicht früh genug, den Ueberfall zu verhüten, aber Mac Morlan hatte unterwegs sich durch die falsche Nachricht düpieren lassen, die Schleichhändler seien in der Bai von Ellangowan gelandet, und auf diese Weise waren beinahe zwei Stunden eingebüßt worden – ein Umstand, den man wohl, ohne gehässig zu erscheinen, Glossin auf Rechnung setzen dürfte; denn, daß die Reiter von Hazelwood ausgerückt waren, konnte ihm am wenigsten verborgen bleiben, andererseits lag ihm wahrlich genug daran, ihr Erscheinen vor dem Stockhause zu verzögern, wenn nicht gar zu verhindern. Bertram eilte inzwischen seinem Führer nach, und ihm folgte Dinmont. Das Geschrei, der Hufschlag, die Schüsse wurden schwächer und schwächer; aber sie machten nicht eher Halt als am Ende der Gasse, wo sie einen Wagen mit vier Pferden fanden .. »Seid Ihr zur Stelle? Sprecht im Namen Gottes!« rief der Führer den Kutscher an. »Ja, da bin ich, wollte aber, ich wäre sonstwo.« »Den Verschlag geöffnet! Flott in den Wagen herein, ihr Herren! Noch eine Weile, dann sind Sie geborgen!« So rief ihnen ihr unbekannter Führer zu, der gleich darauf sich zu Bertram wandte und ihm leise sagte: »Vergeßt das Versprechen nicht, das Ihr der alten Zigeunerin gabt!« Bertram, keine Sekunde im Zweifel, dem Unbekannten, der ihm solch außerordentlichen Dienst geleistet, blinden Gehorsam schuldig zu sein, stieg auf der Stelle ein; Dinmont folgte seinem Beispiel; der treue Silvan, der sich ihnen dicht auf den Fersen gehalten, sprang gleichzeitig mit Dinmont herein, und schnell flog der Wagen davon ... »Gebt acht,« sagte Dinmont, »nun kommt das Aergste! Potz Pulver und Kanonen! sie werden uns doch nicht umwerfen? Was bloß aus meinem Rappen geworden? Lieber wär's mir schon, ich säße auf seinem Rücken, als in solcher Kutsche, mag sie gleich einem Herzoge gehören!« Bertram erwiderte, ohne die Pferde zu wechseln, könnten sie unmöglich lange in solchem Tempo fahren; darum sei es kaum zu umgehen, daß in dem ersten Wirtshause, das sie träfen, Rast gemacht und der Tag abgewartet würde; dort würde sich Auskunft über Grund und Ziel der Fahrt einholen lassen, dort würde Dinmont nach seinem Pferde schicken können ... »Gott geb es!« meinte Dinmont; »wären wir nur erst wieder aus diesem Lärmkästen, dann sollte es ihnen schwer fallen, uns anderswohin zu schaffen, als in unserm Willen liegt.« Da machte der Wagen eine jähe Wendung. Den beiden Insassen zeigte sich das Städtchen noch immer im hellen Feuerschein, Ein Speicher, in welchem Branntwein lag, war von den Flammen ergriffen worden, eine Flackersäule von weißglühendem Scheine! Aber das grausig-schöne Schauspiel zu bewundern blieb ihnen nicht lange Zeit, denn bald machte der Wagen eine abermalige Wendung und bog in einen dichten Wald hinein, wo die Fahrt auf schmalem Pfade in tiefer Finsternis weiter ging. Fünfzehntes Kapitel. Wir verließen Woodbourne in dem Augenblick, als Oberst Mannering seinen vertrauten Diener mit Aufträgen entließ, worauf er in Gedanken sich wieder in das Wohnzimmer begab. Die beiden Mädchen waren über sein Aussehen fast erschrocken, wußten aber, daß er selbst von Personen, die er herzlich liebte, neugierige oder teilnehmende Fragen nicht leiden mochte. Man setzte sich zum Tee, und die Stille wurde nicht unterbrochen, bis plötzlich ein Wagen vorfuhr und die Glocke Besuch ankündigte .. »Doch sicher noch einige Stunden zu früh,« sagte Mannering halblaut. Bald öffnete ein Diener die Tür und meldete Herrn Pleydell aus Edinburg. Mannering hieß ihn mit herzlichem Händedruck willkommen ... »Sie kommen mir gerade recht, Freund,« sagte er, – »ich habe Ihnen doch gesagt, daß ich die erste Gelegenheit zu einem Besuche wahrnehmen würde; und wenn ich mich in dem Augenblicke von Edinburg losmache, da der Gerichtshof seine Sitzungen eröffnet, so ist das gewiß kein kleines Opfer; aber ich war der Meinung, meine Anwesenheit möchte hier von Nutzen sein; obendrein habe ich hier einem Zeugenverhöre anzuwohnen. Aber möchten Sie mich nicht den Damen vorstellen? .. Die eine kenne ich ja bereits – wenigstens lassen mich die bekannten Familienzüge nicht über ihre Abkunft im Zweifel ... Fräulein Bertram – Fräulein Lucy! – sehr erfreut, Sie wieder einmal zu sehen!« – Und also sprechend, legte er den Arm um ihre Taille und gab ihr einen herzhaften Kuß auf beide Wangen; Lucy errötete wohl, störte aber den lustigen alten Herrn nicht, der mit den Worten: » On n'arrête pas dans un si beau chemin ,« sich bei der Tochter des Obersten, als sie ihm vorgestellt wurde, die gleiche Freiheit herausnahm, Julie machte sich, herzlich lachend, aber nicht minder tief errötend, los. »Bitte tausendmal um Verzeihung,« sagte Pleydell mit einer Verbeugung, die nichts weniger als linkisch war. »Alter und alte Sitten geben Vorrechte, und ich weiß wirklich nicht, ob ich's lebhafter bedaure, schon Anrecht darauf zu haben, als ich mich glücklich fühle, Gelegenheit zu so angenehmer Wahrung solchen Anrechts zu finden.« »Wer es versteht,« versetzte Julie lachend, »Missetaten durch so schmeichelhafte Worte gut zu machen, versetzt doch in Zweifel, ob ihm gestattet werden darf, sich unter den Schutz der genannten Eigenschaften zu flüchten!« »Du hast mehr denn recht, Julie, zu solcher Rede,« meinte der Oberst, »denn mein lieber Freund Pleydell ist ein sehr schlimmer Herr. – Als ich zum letztenmal das Vergnügen hatte, ihn zu sehen, saß er schon um acht Uhr früh im Tête-á-Tête mit einer reizenden Dame.« »Allerdings, lieber Oberst, aber Sie sollten doch nicht unerwähnt lassen, daß ich diese Gunst mehr meiner Schokolade als meiner Persönlichkeit zu verdanken hatte, denn solch einsichtsvolle Jungfrau wie die Rebekka, läßt sich nun einmal kein X für ein U machen.« »Was mich daran erinnert, Herr Pleydell,« fiel Julie ein, »Ihnen noch die Aufforderung zum Tee schuldig zu sein – wobei ich freilich voraussetze, daß Sie bereits zu Mittag gespeist haben.« »So gut, verehrtes Fräulein, wie sich in einem schottischen Wirtshause speisen läßt.« »Sagen wir statt gut, lieber schlecht, Freund Pleydell,« versetzte der Oberst, nach der Klingelschnur greifend; »da müssen wir schon für Besseres sorgen,« »Bitte, lassen Sie lieber,« antwortete Pleydell; »ich habe, als ich mich unten ein Weilchen aufhielt, um die Reisegamaschen abzustreifen, die mir doch ein bißchen zu weit waren –« hierbei warf er einen selbstgefälligen Blick auf sein für seine Jahre noch immer recht stattliches Bein, – »ein Wörtlein mit Ihrem Barnes und mit einer recht verständigen Person, die ich für Ihre Wirtschafterin angesehen – gesprochen, und dabei ist ausgemacht worden, daß dem Abendtische ein paar Wildenten beigefügt werden sollen – wir haben uns auch ein bißchen über die dazu notwendige Sauce unterhalten, und da ich bei genannter Dame hierüber die gleichen Ansichten fand, wie ich sie habe, so gestatten Sie mir wohl, mit der Magenfüllung so lange zu warten, bis die gute Dame mit ihrem lukullischen Werke erscheint,« »Aber wir essen heute früher als gewöhnlich,« sagte der Oberst, »Damit bin ich von Herzen einverstanden,« erwiderte Pleydell, »doch mache ich mir aus, daß die Gesellschaft der beiden jungen Damen mir bis dahin nicht verloren geht. Ich liebe die coena , das Mahl der Alten, und das gesellige Glas, das die Spinngewebe, mit denen uns Geschäfte und Sorgen tagtäglich das Gehirn umziehen, aus der Seele spült.« Den beiden Mädchen machte das lebhafte Wesen des alten Herrn und die ruhige Unbefangenheit, womit er die Bedürfnisse seiner epikuräischen Gemächlichkeit kund gab, viel Vergnügen; vor allem aber fand Julie Gefallen an ihm und widmete ihm eine so schmeichelhafte Aufmerksamkeit, daß die Artigkeiten auf beiden Seiten gar kein Ende nehmen wollten. Nach dem Thee faßte der Oberst den Arm des Rechtsgelehrten und führte ihn in eine, an das Wohnzimmer anstoßende Studierstube, in der es abends nie an Licht und Feuer fehlte. »Wie ich sehe,« begann hier Pleydell, »haben Sie mir etwas über Ellangowan zu sagen. Ist's irdischer oder himmlischer Art? Was spricht mein kriegerischer Albumasar? Haben Sie die Sterne befragt und die Zukunft berechnet?« »Nein, lieber Pleydell, Sie sind der einzige Ptolemäus, an den ich mich bei gegenwärtigem Anlasse wenden will, denn ich habe, ein anderer Prospero, meinen Stab zerbrochen und mein Buch ins Meer versenkt. Aber große Neuigkeiten, trotz allem, lieber Freund – trotz allem! Unsere Sibylle Meg Merrilies ist heute vor dem Magister erschienen und mag den Biedermann nicht wenig erschreckt haben,« »Was Sie sagen!« »Ja, und mir hat sie die Ehre eines Schriftwechsels angetan, in der Annahme, ich sei in die Geheimnisse der Sterndeutung noch eben so tief eingeweiht, wie zur Zeit unserer ersten Begegnung. Hier ist das Blättchen, das der Magister mir behändigt hat.« Pleydell setzte hurtig die Brille auf die Nase. »Was für ein Gekritzel, Inizialbuchstaben so spitz und gerade wie die Spanferkelrippen! Ich kann's nicht entziffern – wenigstens nur langsam,« »Lesen Sie doch laut,« meinte Mannering. »Versuchen will ich's ... Ihr könnt's wohl suchen, wißt's aber nicht zu finden. Ihr gabt Euch Mühe, ein wackliges Haus zu stützen, hattet aber etwas wie Ahnung, es wieder erstehen zu sehen. Helft jetzt bei dem Werke, das nahe ist, wie Ihr das ferne Schicksal im Auge hieltet. Laßt heute nacht um zehn Uhr beim Graben von Portanferry einen Wagen halten und die Leute nach Woobourne bringen, die die Eurigen fragen werden, ob sie da seien, in Gottes Namen. Halt, nun kommen gar Verse: Was dunkel ist, soll Licht Und Unrecht werden Recht, Und Bertrams Recht und Bertrams Macht Auf Ellangowan sind erwacht.« Fürwahr, ein Brief mit sieben Siegeln,« rief Pleydell, »der kumäischen Sibylle würdig. Und wie haben Sie sich dazu verhalten?« »Nun, eine Gelegenheit, Licht in die Sache zu bringen, wollte ich mir nicht entgehen lassen. Das Weib mag ja nicht ganz bei Verstand sein, und vielleicht beruht alles, was sie redet, bloß auf Einbildung: aber Sie waren ja selbst der Meinung, daß Meg Merrilies von der wunderlichen Geschichte mehr wisse, als sie je gesagt habe,« »Sie haben den Pagen also an den bezeichneten Ort geschickt?« »Wenn ich ja sage, lachen Sie mich vielleicht aus!« »Ich? ganz gewiß nicht! Ich möchte eher meinen, es sei das klügste, was Sie tun konnten.« »Nun, schlimmstenfalls wäre der Fuhrlohn hinausgeworfen gewesen. Kurz und gut, ich habe einen Vierspänner von Kippletringan abgehen lassen und den Kutscher angewiesen, sich nach dem Schreiben zu verhalten. Einen harten Stand wird er in der kalten Nacht freilich haben, wenn wir falsch berichtet wurden.« »Wir dürften meiner Ansicht nach das Gegenteil erfahren. Die alte Hexe hat ihre Rolle so lange gespielt, daß sie endlich selbst daran glaubt oder, falls ihr Tun nur eitel Trug und sie dabei tatsächlich frei von Selbsttäuschung sein sollte, vielleicht darauf sehen zu müssen meint, daß sie nicht aus der Rolle fällt. Eins darf ich sagen, daß bei ihr alle gewöhnlichen Mittel, aus einem Menschen was herauszubringen, nichts gefruchtet haben. Das klügste, was wir tun können, dürfte vielleicht noch sein, ihr die Sache ganz in die Hand zu geben, – ich meine, es ihr zu überlassen, wie sie dabei vorgehen will. Nun, sind wir fertig? Oder haben Sie noch etwas auf dem Herzen? Wenn nicht, so wollen wir zu unseren schönen Damen zurückgehen.« »Ich fühle mich heute über die Maßen erregt und – doch nein, ich habe nichts mehr auf dem Herzen, bloß die Minuten zählen werde ich, bis der Wagen kommt. Daß Sie meine Ungeduld teilen, darf ich freilich nicht erwarten.« »Warum nicht? Gewohnheit ist die Mutter alles Schlendrians, im Tun wie im Denken. Drum nehme ich gewiß lebhaften Anteil an Ihrem Empfinden, werde aber über die Zwischenzeit wohl hinwegkommen, wenn die jungen Damen so nett sein wollen, uns mit etwas Musik zu unterhalten.« Mit diesen Worten stand er auf und ging in das Wohnzimmer, wo sich Julie auf seine Bitte ans Klavier setzte. Lucy Bertram, die im Vortrag von Liedern ihrer Heimat Vorzügliches leistete, begleitete die Freundin, die zuletzt noch ein Paar Sonaten von Diabelli zum besten gab. Der alte Rechtsgelehrte, der einem Edinburger Musikkränzchen angehörte, und das Cello leidlich spielte, war so erbaut über diese improvisierte Abendunterhaltung, daß ihm die Wildenten ganz aus dem Gedächtnis gekommen zu sein schienen, als Lakai Barnes zur Abendtafel invitierte. »Sage Mrs. Allan,« befahl der Oberst dem Diener, »sie möge sich auf weitere Gäste einrichten. Ich rechne – wollte sagen hoffe, daß wir heute abend noch Gesellschaft bekommen. Bleib Du mit den übrigen Leuten auf! Das äußere Hoftor wird heute nicht eher geschlossen, als ich Befehl dazu gebe.« »Aber wer könnte noch kommen, Papa?« fragte Julie verwundert. »Nun, ein paar Fremde vielleicht, die heute abend noch mit mir sprechen wollen – in Geschäften natürlich, es ist aber auch noch ganz ungewiß.« »Wir werden Ihnen aber die Störung nicht verzeihen, außer sie bringen eine ebenso freundliche Laune, ein ebenso offenes Herz mit, wie mein Freund, und wie er sich selbst zu nennen liebt, Verehrer, Herr Pleydell,« erwiderte Julie. »O, Fräulein Julie,« versetzte Pleydell, ihr höflich den Arm reichend, um sie ins Speisezimmer zu führen: »es hat eine Zeit gegeben – damals als ich von Utrecht nach England zurückkam, anno 1788 –« »O bloß nicht tempi passati streifen, Herr Pleydell, wir haben Sie lieber, so wie Sie jetzt sind, Utrecht! Du lieber Gott! Ein Glück für uns, daß Sie all die spätere Zeit darauf verwandt haben, sich von den Schlacken Ihrer holländischen Kultur wieder zu säubern.« »O, bitte sehr, mein Fräulein, die Holländer sind weit galanter gegen Frauen, als ihre quecksilbrigen Nachbarn zugeben wollen: Pünktlich wie die Uhr sind sie in ihren Huldigungsbeweisen.« »Das möchte mich bald ennuyieren,« meinte Julie. »Und von unerschütterlichem Ebenmaße in allem Tun und Lassen.« »Was mich noch viel weniger reizen könnte!« »Und hat Ihnen Ihr Galan sechsmal dreihundertfünfundsechzig Tage lang den Pelzkragen um den Hals gelegt und das Kohlenbecken unter die Füße geschoben, im Winter Sie im Sitzwägelchen über das Eis und im Sommer im Kabriolett durch den Staub gefahren, so dürfen Sie ihm ohne Grund und Entschuldigung über Nacht den Abschied geben am zweitausendeinhundertundneunzigsten Tage – so lange wird ungefähr, das Schaltjahr nicht gerechnet, die Periode der supponierten Verehrung dauern, – und nicht einmal in dieser Zeitspanne wird sich für Ihre Empfindungen die mindeste Veranlassung zu Besorgnissen, daß Mynheer durch seine Zärtlichkeit in irgendwelche Schwulitäten kommen könnte, geboten haben,« »Nun, Herr Pleydell, das letzte ist wahrlich Empfehlung für einen Sohn Hollands – doch müßten Gläser und Herzen in der Welt dann alles Wertes verlustig gehen, wenn sie nicht zerbrechlich wären.« »Darum, liebes Fräulein, ist es ja doch ebenso schwer, Herzen zu finden, die noch brechen, und eben darum möchte ich jetzt mein Glas erheben – aber ich sehe, Herr Sampson hält die Augen schon geschlossen und die Hände gefaltet, um das Tischgebet zu sprechen – und die Wildenten sehen gar zu appetitlich aus –« Damit setzte er sich und setzte alles Süßholzraspeln außer Kurs, um den die Tafel zierenden Finessen schottischer Küche alle gebührende Ehre zu erweisen. Geraume Zeit ließ er nichts mehr von sich hören, eine kleine Lobrede auf die Köchin ausgenommen, bis ihn endlich Julie unterbrach. »Ei, ei, Herr Pleydell, gleich am ersten Tage muß ich es erleben, daß mir ein so schlimmer Rivale um Ihre Verehrung erwächst?« »Bitte um Pardon, schönes Fräulein, einzig und allein Ihre Strenge hat mich zu der Taktlosigkeit verführt, mir in Ihrer Gegenwart einen guten Happenpappen schmecken zu lassen. Wie ließe sich Ihrer Strenge stand halten, wollte man nicht für Auffrischung der Kräfte sorgen? Nach diesem und keinem andern Grundsätze vergönnen Sie mir, bitte, die Freiheit, Ihnen ein Gläschen zu kredenzen?« »Wohl auch Utrechter Sitte?« »Bitte um Pardon, liebes Fräulein. »Die Franzosen, bekanntlich Muster in der Galanterie gegen das schöne Geschlecht, geben dem Gastwirte den Namen Restaurateur, doch sicher im Hinblick auf die Stärkung und Erfrischung, die er dem geknickten Liebhaber zu bieten vermag, der sich vom Busen seiner gestrengen Herzensdame hinweg an den seinen flüchtet – wie auch ich jetzt tun möchte, indem ich Herrn Sampson bitte, mir noch einen Entenflügel zu reichen,« Während der alte Herr, durch Juliens Lebhaftigkeit und Aufmerksamkeit erfreut, sie und sich selber zu unterhalten suchte, konnte Mannering seine Ungeduld nicht mehr bemeistern, stand von der Tafel auf unter dem Vorwande, nie viel zu Abend zu essen, rannte in der Stube auf und nieder, trat bald ans Fenster, um in die Nacht hinauszusehen, lauschte bald unruhig, ob sich nicht draußen ein Wagen hören ließe, und verließ endlich, von seiner Ungeduld getrieben, das Zimmer, stülpte sich den Hut auf, warf den Mantel über und lief draußen auf dem Baumwege herum, der zu dem Landhause führte. »Wenn sich der Oberst doch nicht nachts ins Freie hinauswagen möchte!« sagte Lucy; »Sie haben wohl von dem Schrecken gehört, Herr Pleydell, den wir jüngst hier ausgestanden haben?« »Mit den Schleichhändlern meinen Sie?« fragte der Advokat; »das sind ja alte Bekannte von mir, habe vor langer Zeit, als ich hier Sheriff war, einige dieser Brüder nach Nummer Sicher gebracht.« »Einer hat seinen Rachedurst an uns stillen wollen – ach! waren das schreckliche Stunden!« rief Lucy. »Sie meinen Herrn Hazlewoods Verwundung?« fiel Pleydell ein, »davon habe ich auch gehört.« »Sie können sich gar nicht denken, Herr Pleydell, wie es uns angegriffen hat, Fräulein Mannering und mich! war's doch ein Räuber, der auf uns losstürzte, gleich schrecklich durch seine Stärke, wie durch den wilden Ausdruck seines Gesichts,« »Die Sache liegt hier nämlich so, Herr Pleydell,« nahm Julie hier das Wort, die ihren Verdruß über diese, wenn auch unabsichtliche, so doch nicht minder garstige Schmähung ihres Anbeters nicht länger unterdrücken konnte, »daß der junge Hazlewood bei den Damen der hiesigen Gegend für solchen Seladon gehalten wird, daß ihm keiner ein Haar krümmen oder auch nur zu nahe treten darf, ohne gleich für einen Strauchdieb oder einen Fra Diavolo gehalten zu werden.« »Oho!« dachte Pleydell, ein scharfer Beobachter, wie es ja sein Beruf schon mit sich bringt, »zwischen den beiden Mädchen ist doch sicher etwas nicht ganz in Ordnung!« – »Ich habe den jungen Herrn Hazlewood,« wandte er sich an Julien, »schon seit Jahren nicht gesehen, und so muß ich schon wohl oder übel unsern Damen ihr Recht lassen; aber glauben Sie mir, Sie mögen spotten, soviel Sie wollen, wer wirklich hübsche junge Männer sehen will, der muß nach Holland gehen. Einen schönern Mann, als den jungen Vanbost oder Vanbuster, oder wie der barbarische Name sonst geheißen haben mag, habe ich mein Lebtag nicht wiedergesehen.« Nun war die Reihe an Julien, aus der Fassung zu kommen; zum Glück trat gerade jetzt der Oberst wieder herein ... »Ich höre noch nichts,« sagte er; »doch bleiben wir noch beisammen. Wo ist Sampson, unser Magister?« »Hier, Herr!« »Was haben Sie da für ein Buch in der Hand, lieber Sampson?« »De Lyra, Herr! Ich wollte Herrn Pleydell um seine Meinung über eine streitige Stelle bitten.« »Lieber Herr Sampson,« beschied ihn Pleydell, »dazu bringen Sie mich momentan nicht, so lange mich ein kräftigeres Metall anzieht, wie unsere schönen Damen, die ich noch immer zu bestimmen hoffe, eins mit mir zu singen, heißt es doch in Edinburg, daß sich mein Baß ganz gut hören lassen könne – lassen Sie also Ihren de Lyra vorläufig von der Tagesordnung, mein Lieber.« Sampson klappte das Buch zu, nicht wenig verwundert, wie sich ein so gelehrter Mann wie Herr Pleydell mit dergleichen Tand befassen könne. Den alten Herrn ließ es aber jetzt sehr kalt, ob er seinen Ruf als Gelehrter in Gefahr setzte oder nicht, sondern füllte seinen Humpen mit Burgunder und animierte, mit seiner schon stark »lädierten« Stimme die Melodie zum »alten Matrosen« anstimmend, die jungen Damen lustig, ihn zu begleiten – wozu sich beide auch nicht lange nötigen ließen. Endlich schlug es ein Uhr ... »Heute wird's nichts mehr werden,« meinte Mannering, schon lange am Ende seiner Geduld, und wollte eben vom Fenster wegtreten, – doch was nun folgt, erheischt ein besonderes Kapitel. Sechzehntes Kapitel. »Ein Wagen!« rief Mannering dumpf, die Uhr, die er aus der Tasche genommen, wieder einsteckend – »oder rauscht der Wind durch die kahlen Bäume? Treten Sie ans Fenster, Herr Pleydell!« Pleydell saß, mit seinem großen seidenen Schnupftuch in der Hand, neben Julien, in einer seiner Meinung nach interessanten Unterhaltung, leistete aber, nachdem er vorher, um sich nicht zu erkälten, sein Schnupftuch um den Hals geworfen, der Aufforderung Mannerings auf der Stelle Folge. Rädergerassel wurde nun deutlicher hörbar. Pleydell, als ob er seiner Neugier nun die Zügel schießen ließe, rannte zur Tür hinaus; Mannering rief seinen Diener und hieß ihn die Insassen des in der Herfahrt begriffenen Wagens in ein besonderes Zimmer führen, da man sich doch erst vergewissern müsse, wer es sei. Noch aber hatte er nicht seinem Befehl vollen Ausdruck gegeben, als sich auch schon die Tür öffnete. »Sieh da,« rief Pleydell von draußen, »unser Freund aus dem Liddes-Tale, mit einem kräftigen jungen Burschen von gleichem Schlage.« Dinmont erkannte den befreundeten Anwalt gleich an der Stimme ... »O, wenn Sie es sind, Herr Pleydell,« rief er lustig, »dann ist alles auf gutem Wege.« Während er stehen blieb, dem Anwalt sein Kompliment zu machen, trat Bertram, von dem jähen Lichtglanz geblendet und über die Situation noch völlig im unklaren, in die ihn sein letztes Abenteuer gebracht, in die offene Tür, fast ohne es zu wissen, und erkannte nun seinerseits den ihm entgegentretenden Oberst. Der helle Lichtschein im Zimmer ließ keinen von beiden über sich im Zweifel, und einer war über die unerwartete Begegnung genau so betroffen wie der andere. Mannering hatte den Mann vor Augen, den er in Indien ums Leben gebracht zu haben glaubte; Julie erblickte ihren Geliebten in einer für ihn höchst gefahrvollen Lage, und Lucy erkannte im Nu den Mann, der ihrer Meinung nach auf Charles Hazlewood geschossen hatte, Bertram aber, seinerseits in der Meinung, den starren Ausdruck im Gesicht des Obersten als Unwillen über seine Zudringlichkeit deuten zu müssen, entschuldigte sich auf der Stelle, er sei nicht aus freiem Willen hier, wisse nicht, wer ihn hierhergebracht, und habe auch nicht gewußt, wohin man ihn Zu bringen vorgehabt. »Herr Brown, sofern ich nicht irre?« fragte Oberst Mannering, »Jawohl, Herr, derselbe, den Sie in Indien kannten,« versetzte Bertram bescheiden, »und der sich der Hoffnung hingibt, trotz allem, was Ihnen damals über ihn bekannt geworden, als Mann von Ehre vor Sie treten und auf Ihr Zeugnis als solcher anderen gegenüber rechnen zu dürfen.« »Herr Brown, solche Ueberraschung habe ich selten, fast wohl nie erlebt – aber daß ich Sie nach dem zwischen uns Vorgefallenen für berechtigt halte, sich auf mein Zeugnis zu berufen, darüber meine ich Sie keine Sekunde im unklaren lassen zu dürfen.« Pleydell sah zu seiner nicht geringen Verwunderung, wie der Oberst fast sprachlos war, wie Lucy sich kaum auf den Füßen halten konnte, wie Julie sich umsonst bemühte, die Fassung zu behalten. ... »Was geht denn vor?« rief er; »hält dieser junge Mensch etwa das Gorgonenhaupt in seiner Hand? Vergönnt mir doch einen Blick auf ihn! – Meiner Treu!« meinte er leise bei sich, »das leibhaftige Ebenbild des alten Ellangowan! Die Hexe hat Wort gehalten!« Er trat schnell zu Lucy, »Sehen Sie doch den jungen Mann an, Lucy! Haben Sie nicht schon jemand in Ihrem Leben gesehen, der ihm aufs Haar ähnlich war?« Lucy hatte auf den Mann, in welchem sie auf der Stelle denjenigen wiedererkannte, der das Leben ihres Geliebten bedroht hatte, nur einen flüchtigen Blick geworfen; aber Furcht lähmte sie dermaßen, daß sie außerstande war, der Aufforderung des Anwaltes nachzukommen ... »Sprechen Sie mir nichts von ihm!« rief sie leise, »um Gottes willen nicht! Schicken Sie ihn weg – weit weg – denn er bringt uns alle noch um!« »Umbringen?« wiederholte Pleydell, nicht ohne Unruhe, »Aber ich bitte Sie! Wir sind unser drei, das Dienstvolk nicht gerechnet. Und unsern ehrlichen Freund aus dem Liddes-Tale rechnen Sie nicht? und doch wiegt er ein halbes Dutzend Landsknechte auf. Immerhin, David, Dindie, oder wie Ihr Euch nennt, faßt Posten zwischen dem Patron und uns, zum Schütze unserer Damen.« »Ei, du meine Güte, Herr Pleydell, das ist ja doch Rittmeister Brown. Kennt Ihr ihn denn nicht?« »Nein,« antwortete Pleydell, »aber wenn Ihr Euch gut mit ihm steht, werden wir wohl nichts zu fürchten haben; doch haltet Euch immerhin in unserer Nähe.« Alles dies spielte sich so geschwind ab, daß Sampson in seiner Ecke nicht einmal Zeit blieb, sich zu sammeln; er klappte das Buch zu, worin er gelesen hatte, und machte einen Schritt vorwärts, um sich die Fremden anzusehen. Aber kaum hatte er einen Blick auf Bertram geworfen, als er auch mit lauter Stimme rief: »Wenn Gräber Tote wiedergeben können, dann ist dies mein lieber, über den Tod hinaus verehrter Herr!« »Beim Himmel, Sie haben recht,« rief Pleydell, »und ich wußte es! Das wahre Ebenbild seines Vaters! Aber was fehlt Ihnen, lieber Oberst, daß Sie Ihren Gast nicht willkommen heißen? Ich glaube, ich hoffe, ja – ich weiß: wir sind im Recht, Nie ist mir solche Aehnlichkeit vor Augen gekommen. Aber Geduld! – Sampson, sagen Sie nichts, und Sie, junger Herr, setzen Sie sich!« »Bitte,« versetzte Bertram, »ich bin, wie ich höre, im Hause des Obersten Mannering, und möchte zuvor hören, ob er Anstoß an meinem zufälligen Erscheinen nimmt, oder ob er mich willkommen heißen will.« Oberst Mannering überwand die Regung in seinem Herzen und zwang sich zu der Antwort: »Willkommen? O, gewiß; vor allem, wenn Sie mir sagen können, wie ich mich Ihnen dienstfertig zeigen kann. Manches Unrecht habe ich ja doch gegen Sie gut zu machen. Eine innere Stimme hat es mir schon oft gesagt, aber Ihr so plötzliches und unerwartetes Auftauchen hat mancherlei schmerzliche Erinnerung geweckt und mich zunächst verhindert, Ihnen zu sagen, daß Ihr Besuch mir angenehm ist, gleichviel, welchem Umstände ich ihn beizumessen habe,« Bertram verneigte sich vor dem, wenn auch höflichen, so doch ernsten Manne dankbar, doch zurückhaltend. »Liebe Julie,« nahm der Oberst wieder das Wort, »besser möchte es wohl sein, wenn Du uns verließest; Herr Brown wird Dich entschuldigen! Mancherlei Erinnerungen rufen Dir, wie ich sehe, schmerzliche Gedanken wach.« Julie stand auf und verließ das Zimmer, hatte aber, als sie an Bertram vorbeiging, nicht umhin gekonnt, ihm zuzuflüstern: »Unbesonnener! Zum zweitenmale!« Niemand als er hatte die Worte vernommen. Lucy ging mit ihrer Freundin hinaus. Ihr war der Schreck so in die Glieder gefahren, daß sie sich nicht traute, noch einen zweiten Blick auf diesen Mann des Grauens zu werfen; es mußte ein Mißverständnis obwalten, das merkte sie, und sie wollte die Verwirrung nicht dadurch vermehren, daß sie den Fremden als Mörder hinstellte; sah sie doch, daß der Oberst ihn kannte und als Ehrenmann behandelte; die Tat fiel ihm also entweder gar nicht zur Last, oder Hazlewood hatte doch recht, daß das Gewehr durch einen unglücklichen Zufall losgegangen war. Tiefes Schweigen herrschte nun; jeder war zu rege mit sich selbst beschäftigt, als daß es ihm hatte auffallen können, was mit den andern vorging. Bertram sah sich unvermutet in dem Hause des Mannes, in welchem er bald seinen persönlichen Feind erblicken mußte, bald wieder den Vater seiner Geliebten zu achten sich verpflichtet sah. In Mannering kämpfte der rege Sinn für Höflichkeit und Gastfreundschaft, das frohe Bewußtsein, sich der Schuld, ein Menschenleben im Zweikampfe zerstört zu haben, ledig zu wissen, mit den in seinem stolzen Gemüt älter eingesessenen Empfindungen von Abneigung und Vorurteil, die jetzt von neuem erwachten, als ihm der Mann, der sie geweckt hatte, vor Augen stand, Sampson fühlte sich so heftig ergriffen, daß er sich auf eine Lehne stützen mußte; keinen Blick ließ er von Bertram, und auf sein Gesicht trat ein Ausdruck so heftiger Bestürzung, daß sich seine Züge förmlich verzerrten. Dinmont, in seinem weiten zottigen Oberrock an den Bären in seinen Bergen erinnernd, blickte mit seinen großen Augen ganz verdutzt auf das seltsame Schauspiel. Pleydell allein war ganz in seinem » esse « und sah sich pfiffig und rege um; seine Gedanken waren schon bei dem absonderlichen, fast präcedenzlosen und mysteriösen Prozesse, der ihm winkte, und aus dem er sich als Sieger hervorgehen sah – er kam sich vor wie ein Feldherr, umgeben von seinem Generalstabe, dem das Herz vor Stolz darüber schwillt, daß er allein die schwierige Aufgabe, den Kampf zum Siege zu wenden, lösen solle und lösen könne – »Kommt, meine Herren,« rief er, lebhaft hin und her tretend, »das fällt alles in meinen Ressort – das muß ich alles für euch alle ins Lot bringen ... Bitte, Platz zu nehmen, mein lieber Oberst, und bitte, freie Hand! – Herr Brown, bitte, gleichfalls Platz zu nehmen – auf quocunque alio nomine voceris – Magister Sampson, keine Umstände, und braver Dinmont, nieder auf den Stuhl da!« »Ich weiß nicht, Herr Pleydell,« versetzte dieser mit einem Blick von seinem groben Rock hinüber auf das stattliche Zimmergerät – »aber es wäre wohl besser, ich ginge anderswohin, und ließe Sie allein, bis Sie mit Ihrer Angelegenheit ...« Der Oberst erkannte erst jetzt den ehrlichen Landmann und hieß ihn von Herzen und mit ein paar artigen Worten, daß er nach allem, was er in Edinburg von ihm gesehen, überzeugt sei, sein grober Rock und derbes Schuhzeug dürfte sich in jedem Prunkgemache mit Ehren sehen lassen, willkommen. »Nein, nein, Herr Oberst, Landvolk paßt bloß aufs Land, aber daß ich gern erführe, ob das Glück dem Rittmeister heute 'mal hold sein wird, kann ich nicht in Abrede stellen. Anderseits weiß ich freilich, daß alles gut und recht gehen wird, was der Herr Pleydell in die Hand nimmt.« »So stimmt's, Dandie Dinmont,« versetzte Pleydell, »und nun still verhalten! – Also, jetzt sitzen wir alle! Aber ehe ich mit meinem Sermon beginne, noch ein Glas Wein! ... Und dann, mein lieber junger Herr, wer und was sind wir?« So betroffen sich auch Bertram fühlte, so konnte er bei diesem, Verhörsanfange sich einer Anwandlung, zu lachen, nicht erwehren ... »Ich muß nun freilich sagen,« erwiderte er, »daß ich das bisher zu wissen gemeint habe; jüngst sind aber mancherlei Dinge passiert, die mich in dieser Meinung einigermaßen erschüttert haben.« »Und welcher Meinung über sich waren Sie bisher?« »Nun, daß ich Vanbeest Brown sei, dem Namen nach, den ich führte. Ich habe als Freiwilliger im Ostindischen Dragonerregiment des Herrn Obersten gedient und darf wohl hinzusetzen, daß ich die Ehre hatte, ihm damals nicht unbekannt zu sein.« »Das trifft zu,« versetzte Mannering, »und hinzusetzen darf ich, daß Herr Brown sich recht intelligent und mutig erwiesen hat.« »Läßt sich hören, Herr Oberst – läßt sich hören,« fiel ihm Pleydell ins Wort; »doch das gehört ins allgemeine Auskunftswesen. Wir müssen jetzt von Herrn Brown hören, wo er das Licht der Welt erblickt hat.« »Meines Wissens in Schottland, doch kann ich den Ort nicht nennen.« »Besinnen Sie sich auf keinerlei Umstände aus Ihrem frühesten Leben, ehe Sie aus Schottland den Fuß setzten?« »Kaum – von unbestimmten Erinnerungen abgesehen, daß ich in meiner ersten Kindheit viel Liebe und Güte erfahren, und daß ich einen lieben freundlichen Herrn Papa und eine kränkliche Dame Mama genannt habe; aber dies alles steht mir nur wirr und unklar vor der Seele. Doch eines langen, magern, schwarzgekleideten Mannes, der mir Unterricht im Schreiben und Lesen gab, und mit mir ins Freie hinausging und, soweit ich mich besinnen kann, gerade in der letzten Zeit meiner glücklichen Kindheit – erinnere ich mich noch –« Sampson konnte sich nicht länger halten; verriet ihm doch jedes Wort, das der junge Mann sprach, daß der Sohn seines Wohltäters vor ihm stand. Wohl hatte er sich bis jetzt Gewalt angetan, seine Erschütterung zu verbergen; als aber Bertram sich seiner so unmittelbar zu entsinnen anfing, als er von ihm in so treffenden Worten zu reden anfing, da konnte der ehrliche Magister nicht mehr an sich halten, und aufspringend und die Hände zusammenschlagend, rief er mit schlotternden Gliedern und mit Tränen in den Augen: »Harry Bertram, sieh mich an, bin ich es nicht gewesen, der Dich lehrte und leitete?« »Ja!« rief Bertram, von seinem Stuhle emporfahrend, als ob es Licht in seinem Geiste würde; »ja, so hat der Mann mich gerufen – und jetzt erkenne ich Stimme und Gestalt des Mannes, der mir ein guter, sanfter Lehrer war.« Sampson riß Bertram an seine Brust mit einer Inbrunst, die sein ganzes Wesen erschütterte. Mannering verbarg die Bewegung nicht, die auch ihn ergriffen hatte; und Pleydell verzog das Gesicht und putzte an den Gläsern seiner Brille herum, während Dinmont heftig zu schlucken anfing und mühsam stotterte: »Ein Teufelsbraten, dieser Rittmeister – kriegt's, weiß es Gott, fertig, das etwas über mich kommt, was ich seit meiner alten Mutter Tode nicht gespürt habe!« »Achtung jetzt!« rief Pleydell; »noch sind wir nicht zu Ende – bevor der Tag graut, wird es, vermute ich, noch weitere Arbeit setzen.« »Ich will ein Pferd satteln lassen, wenn Sie meinen,« fiel der Oberst ein. »Nein, nein! Dazu ist noch Zeit! Aber, Magister, Sie haben nun Zeit genug gehabt, Ihrer Empfindungen Herr zu werden. Ich muh die Sache richtig in die Hand nehmen. Jahren wir also fort!« Sampson war an Gehorsam gegen jeden Befehl gewöhnt, der ihm erteilt wurde. Er sank auf seinen Stuhl zurück, hielt sich das Schnupftuch vor die Augen und faltete die Hände über der Brust, woraus sich folgern ließ, daß seine Seele sich dankend zum Himmel erhob. So saß er nun in sich gekehrt, den Blick nur zuweilen hebend, um sich zu vergewissern, daß die liebe Gestalt seines einstigen Schülers nicht etwa verschwunden sei, in fromme Betrachtungen versunken, bis der Anwalt durch weitere Fragen an Bertram ihn auf neue Gedanken brachte. »Und nun,« sagte Pleydell, nachdem er noch mehreres über Dinge gefragt, die in Bertrams Kindheit gehörten – »mein lieber Herr Bertram, – denn es wird sich nun wohl so gehören, daß wir Sie bei Ihrem rechten Namen nennen – nun erzählen Sie uns doch, bitte, was Ihnen noch darüber, wie Sie Schottland verlassen haben, in Erinnerung geblieben.« »Ich weiß mich zwar auf den grausigen Tag noch deutlich zu besinnen, aber eben der Schreck über all jene Geschehnisse hat die nähern Umstände in meiner Seele gänzlich verwirrt und verwischt. Nur daß ich mich irgendwo im Freien befand – wenn ich mich nicht irre, in einem Walde, das ist mir im Gedächtnis geblieben.« »Richtig, lieber Harry, im Warroch-Walde war es,« rief Sampson lebhaft. »Still, Herr Magister,« fiel ihm Pleydell ins Wort. »Ja, in einem Walde war's,« nahm Bertram wieder das Wort, in dessen Geiste sich die Gedanken langsam zu ordnen anfingen, »und jemand war bei mir, der würdige Herr dort, glaub' ich–« »Ja, ja, Harry, Gott segne Dich! Ich war es – ich war es!« rief Sampson. »Ruhig, Magister,« rief Pleydell wieder – »lassen Sie doch unsern jungen Freund sich selbst finden und sammeln« – dann wandte er sich wieder zu Bertram: »und weiter?« »Dann hab ich auf einem Pferde gesessen, vor dem Manne, glaub ich, der bei mir war.« »Nein, nein!« rief Sampson; »ich habe meine Glieder nie in solche Gefahr gesetzt, und Deine, Harry, erst recht nicht.« »Das kann ja kein Mensch aushalten!« rief Pleydell; »noch ein Wort, Magister, ohne meine Erlaubnis, und ich lese drei Sprüche aus dem schwarzen Buche, schwinge dreimal meinen Stab ums Haupt, vernichte alles Zauberwerk dieser Nacht und verwandle unsern Harry Bertram flugs wieder in Vanbeest Brown.« »Bitte vielmals um Verzeihung, würdiger Herr Pleydell,« rief Sampson kläglich, »es war ja nur verbum volans .« »Sie haben eben nolens volens den Schnabel zu halten, Magister,« versetzte der Anwalt mit kurioser Barschheit. »Für Ihren jungen Freund, mein Lieber,« wandte sich der Oberst an Sampson, »ist es freilich von Belang, wenn Herr Pleydell in seinen Fragen ungestört bleibt,« »Ich will ja stumm sein wie das Grab,« erklärte Sampson eingeschüchtert. »Da sprangen plötzlich Männer auf uns zu,« erzählte Bertram weiter, »und rissen uns vom Pferde ... Aber von da ab weiß ich nur noch, daß es zu einem wilden Kampfe kam zwischen dem Manne, der hinter mir gesessen hatte, und den Männern, die uns überfallen hatten – und daß ich zu entfliehen suchte, aber von einem großen Weibe, das aus dem Gebüsch hervorstürzte, gepackt wurde, das mich mit wegriß, – – – auf mehr kann ich mich nicht entsinnen, alles andere liegt wie ein banger Traum auf mir – nur eine matte Erinnerung habe ich noch von einem Strande und einer Höhle, und daß ich durch ein starkes Getränk in langen Schlaf versetzt worden bin. Von da ab ist aber eine weite Lücke in meinem Gedächtnis bis zu der Zeit, wo ich mich als Schiffsjungen an Bord einer Schaluppe wiederfinde, bis ich dann nach Holland unter dem Schutze eines alten Kaufherrn gelangt bin, der mich sehr lieb gehabt hat.« »Und was hat Ihnen dieser alte Kaufherr über Ihre Herkunft gesagt?« »Wenig, und hat mir obendrein befohlen, nicht weiter zu forschen. Mein Vater habe Schleichhandel an der östlichen Küste Schottlands getrieben und sei in einem Gefechte mit der Zollwache umgekommen; Kameraden von ihm hätten mich aus Mitleid nach Holland geschafft. In meinen spätern Jahren schien mir freilich mancherlei mit meinen Erinnerungen nicht übereinzustimmen; ich besah aber keine Mittel, mich solcher Zweifel zu entledigen, und keinen Freund, mit dem ich darüber hätte sprechen können, Ueber mein späteres Leben ist Oberst Mannering unterrichtet. Ich fand in Ostindien Unterkunft als Kommis in einem holländischen Handlungshause, das aber fallierte, habe mich dann beim Militär anwerben und mir während des Dienstes nichts zu schulden kommen lassen, bin vielmehr ziemlich rasch befördert worden.« »Aber die Geschichte mit Hazlewood?« fragte Pleydell. »Sie ist weiter nichts, als ein unglücklicher Zufall,« versetzte Bertram; »ich war auf einer Erholungstour durch Schottland und acht Tage beim Pächter Dinmont gewesen, mit dem ich zufällig bekannt, und, wie ich zu meinem Glücke sagen darf, befreundet geworden –« »Für mich war's ein Glück,« fiel ihm Dinmont ins Wort, »denn wenn er nicht gewesen wäre, hätten mir ein Paar Strolche auf der Heerstraße den Schädel eingeschlagen!« »Bald nachher – wir hatten uns im nächsten Städtchen getrennt – wurde mir mein Gepäck gestohlen, und in Kippletringan traf ich zufällig mit dem jungen Hazlewood zusammen, als ich auf Fräulein Mannering zutreten wollte, um ihr als einer ostindischen Bekanntschaft guten Tag zu sagen. Es mag wohl sein, daß mein Touristenanzug bei dem jungen Herrn keine hohe Meinung von mir geweckt hat; er hieß mich gehen; mein Stolz bäumte sich dagegen auf, und so wurden wir handgemein, und mir passierte das Mißgeschick, ihn durch einen unglücklichen Zufall zu verwunden. Hiermit meine ich nun, Ihnen volle Beichte abgelegt zu haben –« »Noch nicht,« fiel ihm Pleydell ins Wort, mit den Augen zwinkernd, »ein paar Fragen bleiben noch, die ich aber bis morgen aufsparen will, denn für heute nacht, oder vielmehr heute morgen, ist's nun Zeit, die Sitzung zu schließen.« »Immerhin meine ich, nachdem ich auf alle Fragen Rede und Antwort gestanden, die Sie an mich zu stellen für angemessen erachteten, meinerseits berechtigt zu sein zu der Frage, warum Sie solchen Anteil an meinen Verhältnissen nehmen? und, da meine Abkunft so große Bewegung verursacht, zu der weitern Frage: für wen Sie mich eigentlich halten?« »Was mich angeht, so bin ich Paul Pleydell, Advokat und Notar in Edinburg. Für wen wir aber Sie halten, darüber läßt sich momentan noch nichts völlig Verläßliches sagen; ich hoffe jedoch, Sie in kürzester Zeit als Harry Bertram, letzten Erben und Sprößling eines der ältesten Häuser in Schottland und Fideikommis-Erben der Herrschaft Ellangowan, begrüßen zu dürfen. »Ja,« schloß er seine Rede, während ihm die Augen schon zufielen, mehr zu sich als zu den andern gewandt: »es wird das beste sein, den Vater zu übergehen und ihn als Erben seines Großvaters, des Fideikommisses Stifter, auftreten zu lassen, der war der einzige wirklich gescheite Mensch in dem ganzen Geschlechte, von dem wenigstens ich gehört habe.« Alle hatten sich erhoben, um ihr Nachtlager aufzusuchen. Oberst Mannering trat zu Bertram, der von Pleydells Mitteilung aufs tiefste betroffen war ... »Zu der Aussicht, die das Schicksal Ihnen eröffnet, gratuliere ich Ihnen von Herzen. Ich habe in meinen jungen Jahren Gelegenheit gehabt, Ihren Vater zu meinen Bekannten zu rechnen – ja, der Zufall hat es sogar gefügt, daß ich in derselben Nacht, in der Sie geboren wurden, auf Ellangowan als ein ebenso unvermuteter Gast eintraf, wie jetzt Sie in meinem Hause. Von solcher Ahnung war ich nun freilich weit entfernt; will nun aber hoffen, daß alles, was zwischen uns vorgefallen, vergessen sein soll. Daß ich mir, als ich Sie als Herr Brown hier vor mir sah, wie von einem Alpe erlöst vorkam, dürften Sie mir glauben; daß mir aber Ihr Anrecht auf Rang und Namen meines alten Freundes Bertram Ihre Gegenwart doppelt willkommen macht, werde ich Ihnen nicht erst zu beteuern brauchen,« »Und meine Eltern?« fragte Bertram. »Ihre Eltern sind tot, Ihr Erbe ist zwangsweise verkauft worden, wird sich aber hoffentlich wiedererlangen lassen, und was zur Geltendmachung Ihrer Rechte nötig sein wird, stelle ich Ihnen mit Vergnügen zur Verfügung,« antwortete Mannering. – »Nein, das lassen Sie meine Sache sein,« nahm Pleydell das Wort, »das schlägt in meinen Ressort und ich werde schon wissen, was hier zu tun ist.« Hiermit griff der alte Herr zu seinem Licht und ging hinaus. Die übrigen folgten seinem Beispiel. Nur Sampson ließ es sich nicht nehmen, seinen »kleinen Harry,« wie er den sechsfußhohen Soldaten nannte, vorher noch einmal zu herzen und zu küssen. Siebzehntes Kapitel. Andern Tags, zur festgesetzten Stunde, saß Pleydell vor einem lustigen Kaminfeuer, im warmen seidenen Schlafrock, mit seinem Sammetkäppchen auf dem Kopfe, und ordnete beim flackernden Licht von zwei Wachskerzen die über Kennedys Ermordung vorhandenen Papiere. An Mac Morlan war bereits ein Eilbote abgefertigt worden, mit der Aufforderung, eines wichtigen Falles wegen sobald wie möglich nach Woodbourne zu kommen. Dinmont, den die Vorgänge der letzten Nacht stark angegriffen hatten, war von seinem Bett im Vergleich zu den Schragen, auf dem er in Portanferry nächtigen mußte, so erbaut, daß er es nichts weniger als eilig hatte, sich aus ihm herauszufinden, Bertram hätte die Ungeduld längst ins Freie hinausgetrieben, hätte er nicht auf Oberst Mannering warten müssen, der seinen Besuch beim Auseinandergehen angekündigt hatte. Endlich kam der Oberst, und Bertram hatte mit ihm eine lange, auch befriedigende Unterredung, Beide aber hielten mit etwas hinter dem Berge: Mannering konnte es nicht über sich gewinnen, von dem Horoskop zu sprechen, das er bei Harry Bertrams Geburt gestellt hatte, und dieser wiederum verschwieg aus leicht begreiflichen Gründen seine Liebe zu Julien. Lucy war schon zum Frühstück im Wohnzimmer, als Sampson mit freudestrahlendem Gesicht hereinstolziert kam. Solche Stimmung war bei ihm so ungewöhnlich, daß Lucy im eisten Augenblick glaubte, es habe sich jemand einen Scherz mit ihm durch irgendwelche Tatarennachricht gemacht. Ein Paar Augenblicke rückte er unruhig auf dem Stuhle herum, bis er zuletzt mit der Frage hervortrat: »Und wie ist denn Ihre Ansicht über ihn, Fräulein Lucy?« »Ueber wen, Herr Sampson?« »Nun, über Har- nein, über den Mann, den Sie kennen.« »Den ich kenne?« wiederholte Lucy, außerstande, den Sinn seiner Worte zu fassen, »Nun ja doch, über den fremden Gast, der gestern abend spät noch in der Postkutsche kam, – der den jungen Hazlewood – Ha! ha!« und Sampson lachte so überlaut, daß es sich fast wie ein Gewieher anhörte. »Aber, Herr Sampson, ich begreife wahrhaftig nicht, wie Sie darüber so lustig sein können ... Ich habe gar keine Meinung über den Mann, und wünsche und hoffe lediglich, daß sein Renkontre mit Hazlewood zufällig gewesen und keine Wiederholung erleben möge.« »Zufällig! Ha! ha!« lachte Sampson wieder. »Sie sind ja heute ganz außer Rand und Band,« meinte Lucy leicht empfindlich. »Stimmt, stimmt,« rief der Magister, in die Hände klatschend – »stimmt wie eine schottische Orgel – aus Rand und Band – ha! ha! ha!« »Jawohl, und zwar dermaßen, Herr Sampson, daß ich bitten möchte, mich über die Ursache zu Ihrer frohen Stimmung zu unterrichten, mit ferneren Ausbrüchen derselben aber zu verschonen.« »Na, na, erzürnen, liebes Fräulein, will ich Sie nicht – da sei Gott vor! Aber können Sie sich noch auf Ihren Bruder besinnen?« »Jesus! ist das eine Frage! Sie wissen doch recht gut, daß er am Tage meiner Geburt vermißt wurde!« »Ach, richtig, richtig!« rief Sampson, mit Lachen auf der Stelle aufhörend, »wie konnte ich nur so vergeßlich sein! Ja doch, ja doch! Aber auf Ihren lieben guten Vater besinnen Sie sich?« »Aber, Herr Sampson, sind das heute Fragen! Wie können Sie meinen, ich besänne mich auf den Vater nicht mehr? Ist er doch erst vor knapp einem Jahre uns genommen worden!« »Richtig, richtig! Ich will nicht mehr lachen und scherzen bei diesen trüben Erinnerungen ... Sehen Sie sich aber den jungen Mann doch einmal genau an!« Bertram trat gerade ins Zimmer ... »Ja, Fräulein Lucy, sehen Sie ihn 'mal recht genau an,« fuhr Sampson fort, »ist er nicht Ihres Vaters leibhaftes Ebenbild? – Und da Gott euch, meine lieben Kinder, eure lieben Eltern genommen hat, so liebt euch einander um so herzlicher – um so inniger!« »Jesus, Sampson! was sehe ich? es sind wahrhaftig meines Vaters Züge, es ist wahrhaftig der Vater, wie er leibt und lebt,« rief Lucy, und alle Farbe wich aus ihrem Gesicht. Bertram aber flog zu ihr hin, um sie zu halten, und Sampson fuhr mit der Hand in seiner Zerstreutheit in die Theekanne, um ihr das heiße Wasser ins Gesicht zu spritzen – als sich zum Glück ihre Wangen wieder röteten, so daß er auf dieses prekäre Mittel, sie wieder zu sich zu bringen. Verzicht leisten konnte ... »Herr Sampson,« flüsterte sie, und ihre Stimme zitterte, hörte sich aber seltsam-feierlich an ... »Sagen Sie mir, Herr Sampson, ist's wirklich mein Bruder?« »Er ist's, Lucy, er ist's! ja, Lucy, es ist der kleine Harry, der Harry Bertram, so wahr Gottes Sonne am Himmel scheint!« »Und sie ist meine Schwester!« rief Bertram, außer sich vor Freude, und zu lautem Ausbruch kamen die brüderlichen Empfindungen, die so lange in seiner Brust geschlummert hatten. »Sie ist's! Sie ist's! Fräulein Lucy Bertram! Meisterin in den Sprachen von Frankreich, Italien, ja selbst von Spanien; Meisterin in ihrer Muttersprache, im Rechnen und in der einfachen und doppelten Buchhaltung, Von ihren Kenntnissen im Zuschneiden, Säumen und in der Hauswirtschaft spreche ich nicht, da sie sie nicht mir, sondern der alten Wirtschafterin dankt. Auch rechne ich mir ihre musikalischen Kenntnisse nicht zum Verdienst, denn daß sie auch solche besitzt, ist die Schuld eines edlen, tugend- und sittsamen, auch recht gutherzigen, lustigen Fräuleins, der Tochter des, Obersten, Julia Mannering, Der Wahrheit die Ehre – und suum cuique tribuito .« »Du bist also die einzige, die mir geblieben,« sprach Bertram bewegt, »Oberst Mannering hat mir das Unglück, das über unsere Familie hereingebrochen, eben ausführlich erzählt, aber er hat mir nicht gesagt, daß ich hier eine Schwester finden würde.« »Das sollte Dir der gute Mann hier sagen,« erwiderte Lucy, »einer der besten, gütigsten, treuesten Freunde, der meinen Vater in seiner langen Krankheit pflegte, ihn sterben sah und mich, die Waise, selbst unter den härtesten Schicksalsschlägen nicht hat verlassen wollen.« »Gott segne ihn dafür!« rief Bertram, Sampson herzlich die Hand drückend. »Er ist der Liebe wert, mit der ich auch den Schatten seines Andenkens immer verehrt habe, das mir aus meiner Kindheit immerfort vorgeschwebt hat.« »Gott segne euch beide, ihr lieben Kinder!« rief Sampson wieder; »wäret nicht ihr noch auf Erden gewesen, so hätte ich, wenn es dem Himmel gefallen hätte, mich abzurufen, mein Haupt neben dem Rasen hingelegt, der meines Gönners irdische Reste deckt.« »Aber ich rechne,« rief Bertram, »daß wir noch bessere Tage erleben werden, denn der Himmel hat uns Freunde gegeben.« »Freunde, fürwahr,« wiederholte Sampson, »und Ihr habt recht, er hat sie geschickt. Er, zu welchem ich Euren Blick frühzeitig lenkte, als zu der Quelle alles Guten! Den wackern Oberst Mannering aus Ostindien, einen in Anbetracht der spärlichen Gelegenheiten, die ihm zum Studium blieb, grundgescheiten Herrn – den tüchtigen Advokat Pleydell, und den biedern Dandie Dinmont, der zwar kein gelehrter Mann ist, sich aber gleich den Patriarchen des Altertums auf alles versteht, was Viehzucht und Herden anbelangt. Endlich bin auch ich da. Ich habe mehr Gelegenheit zu Studien gehabt als besagte achtbare Männer, und habe sie auch nie versäumt! und all mein Wissen soll meinem kleinen Harry zu gute kommen, denn, lieber Harry, wir müssen wieder lernen, und von Grund auf müssen wir's! Mit Englisch fangen wir an und gehen bis zum Hebräischen und Chaldäischen zurück.« Als Mannering sich von seinem Gast verabschiedet hatte, begab er sich in das Zimmer seiner Tochter. »Lieber Papa,« rief ihm Julie entgegen, »Sie scheinen vergessen zu haben, daß in der letzten Nacht recht wenig Schlaf in unsere Augen gekommen ist; denn Sie lassen mir ja kaum Zeit, mir das Haar zu machen, und wenn sie einem bei all dem Wust von Wundern, die über uns gekommen, zu Berge stehen, so ist das wahrlich nicht zu verwundern!« »Mich interessiert jetzt nicht Dein Haar, sondern Dein Herz, Julie, aber in ein paar Minuten wirst Du Dich Deiner Kammerfrau wieder überantworten können.« »Aber, lieber Papa, bedenken Sie, mir muß es ja noch ganz wüst im Kopfe sein – wie können Sie meinen, mir in ein paar Minuten Dinge plausibel zu machen, die mein Herz angehen? Ist's mir doch, als hätte ich einen wilden, wilden Traum durchlebt,« rief Julie. »Nun, ich will sehen, ob sich Dein Traum deuten läßt,« versetzte Mannering, und nun erzählte er ihr von Bertrams Schicksal und von den Aussichten, die sich für dessen weiteres Leben eröffneten, und Julie lauschte seinen Worten mit unverhohlener Teilnahme. »Nun?« fragte der Oberst, als er zu Ende war – »hat sich Dein Traum ein wenig geklärt?« »Daß ich nicht wüßte, mein lieber Papa! Da kommt ein junger Mensch, den man für tot gehalten, aus Indien zurück, wie Abulfuaris, der große Reisende zu seiner Schwester Canzade und seinem Bruder Hur. Doch nein! da irre ich mich doch; denn Canzade war ja seine Frau; Lucy mag die eine und der Magister den andern abgeben, und der wunderliche, aber kreuzfidele Rechtsanwalt macht sich dabei wie ein Pantaleone am Schlusse eines Trauerspiels ... Eins aber soll uns alle freuen, ich meine, wenn unsre Lucy wieder zu ihrem Gelde kommt!« »Was aber mir,« bemerkte Mannering wieder, »am geheimnisvollsten bei der ganzen Sache vorkommt, ist, daß meine Julie, der doch ihres Vaters Bekümmernis über Browns Schicksal kein Geheimnis war, ihn, als Hazlewood den unglücklichen Schuß bekam, gesehen haben und ihrem Vater doch kein Wort davon gesagt haben, sondern es ruhig geschehen lassen sollte, daß man den jungen Mann als des Mordes verdächtig verfolgte.« Julie, die bis jetzt allen Mut zusammengenommen hatte, diese Unterredung mit dem Vater zu bestehen, senkte jetzt still den Blick Zu Boden. Umsonst hatte sie nach einem Worte gerungen, um in Abrede zu stellen, daß sie Brown bei dieser Gelegenheit wiedererkannt habe. »Du findest keine Antwort auf meine Frage?« fuhr Mannering fort; »nun, dann sage mir wenigstens, ob Du Brown damals zum erstenmal seit seiner Rückkehr aus Indien gesehen? ... Auch darauf keine Antwort? So muß ich denn annehmen, daß Du ihn damals nicht zum erstenmal gesehen? – Auch jetzt noch keine Antwort? Julie, laß mich, bitte, nicht ohne solche! – Wer ist der junge Mann gewesen, der in Mervyn-Hall unter Dein Fenster gekommen und sich mit Dir unterhalten hat? Julie, ich fordre Aufrichtigkeit von Dir – ich bitte Dich um Aufrichtigkeit.« Julie lichtete den Blick auf den Vater ... »Ich bin töricht gewesen, Papa – bin es wohl noch immer – bin's in hohem Maße. Papa, es ist hart, sehr hart für mich, mit diesem Manne, der mich zu meiner Torheit wohl nicht eigentlich veranlaßt, doch aber sich mitschuldig daran gemacht hat, in Ihrer Gegenwart – unter Ihren Augen zusammenzutreffen.« Darauf schwieg sie wieder. »Er hat also Dir in Mervyn-Hall Serenaden gebracht?« fragte Mannering weiter. Julie faßte bei dieser Frage wieder Mut ... »Er war es, Papa, und wenn ich unrecht getan habe, wie ich oft gedacht, so kann ich doch etwas zu meiner Entschuldigung anführen.« »Und das wäre?« fragte Mannering schnell und nicht ohne Strenge. »Ich traue mir, sie zu sagen, Papa, aber –« hier nahm sie ein kleines Etui aus der Tasche, öffnete es und gab ihrem Vater verschiedene Briefe ... »Hieraus, Papa,« sagte sie, werden Sie ersehen können, wie es zu Beziehungen zwischen ihm und mir kam, und durch wen ich dazu aufgemuntert worden bin.« Mannering, dem sein Stolz es nicht gestattete, weiter zu gehen, trat mit den Papieren ans Fenster und überflog einige Stellen darin mit unruhigem Blicke und mit heftiger Erregung; es gelang ihm aber, sich zu beherrschen, und als er nun zu seiner Tochter zurücktrat, die Empfindungen, die ihn beherrschten, zu unterdrücken ... »Allerdings keine geringe Entschuldigung für Dich, Julie,« sagte er, aber aus dem Ton seiner Stimme war noch immer nicht alle Strenge gewichen – »so weit ich nach einem flüchtigen Blick auf diese Briefe urteilen kann. Du bist wenigstens gegen Deine Mutter gehorsam gewesen. Doch laß uns an ein schottisches Sprichwort denken, das Sampson neulich anführte: »Geschehen ist geschehen; was kommt, wird noch gehen.« Vorwürfe über den Mangel an Vertrauen mir gegenüber mag ich Dir nicht machen, Julie. Schließe aber auf meine Gesinnungen aus meinen Handlungen, die Dir bis jetzt Wohl noch keine Ursache zu Klugen gegeben haben. Nimm Deine Briefe wieder; für mich sind sie niemals bestimmt gewesen, und mehr davon zu lesen, als Dir zu Deiner Rechtfertigung wünschenswert, verlangt mich nicht. Und nun, Julie, sind wir Freunde? oder vielmehr gewinnst Du Verständnis für meine Weise und mein Verhalten?« »O, mein lieber guter – mein edler Papa!« rief Julie, ihm in die Arme sinkend; »wie konnte es kommen, daß ich Sie nur einen Augenblick nicht verstand?« »Kein Wort mehr davon, Julie! Wen Stolz hindert, Zuneigung und Vertrauen dort zu fordern, wo er auch ohne Bitten auf beides Anspruch zu haben meint, wird sich oft und vielleicht nach Verdienst getäuscht sehen. Es ist schon ein mir unsäglich teures Wesen, ohne mich zu verstehen, ins Grab gestiegen, aus dem es keine Klage, keine Reue zurückholen kann – mag es genug daran sein! möge mir Gott das Herzeleid, das Vertrauen einer Tochter zu verlieren, die mich lieben muß, wenn sie sich nicht vor sich selbst verleugnen will, in seiner Allgüte ersparen!« »O, darum keine Sorge, Papa! Weiß ich nur erst, wie ich mich, um Ihnen zu Willen zu sein, verhalten muß, und meinem Gewissen nach, verhalten kann, so wird mir nichts schwer sein zu befolgen, was Sie mir vorschreiben.« »Gut denn, mein Kind,« versetzte Mannering, sie auf die Stirn küssend: »hoffentlich werden an Deinen Heldensinn nicht allzu hohe Anforderungen gestellt: was aber die Bewerbungen jenes jungen Mannes anbetrifft, so darf vor allen Dingen keine Rede sein von irgend welchem heimlichen Verständnis, – denn auf dergleichen darf sich kein junges Mädchen einlassen, das sich nicht in ihren eigenen und in den Augen ihres Geliebten herabsetzen will. Das ist mein striktes Verlangen, Julie! Fragt Bertram nach Gründen, dann weise ihn an mich! Doch auch Du wirft sie kennen lernen wollen; sie sind einfach, aber einleuchtend genug: vorerst will ich Gemüt und Charakter des jungen Mannes genauer kennen lernen, als es Umstände und Vorurteile mir früher ermöglichten. Nicht minder muß es mein Wunsch sein, ihn wieder in seinem standesgemäßen Verhältnis zu sehen. Darum, ob er wieder in den Besitz von Ellangowan gelangen wird, bin ich nicht besonders ängstlich, wenn auch solcher Umstand, von Romanen abgesehen, von niemand auf Erden für gleichgültig gehalten werden wird. Harry Bertram, als Erbe von Ellangowan, ob er nun sein Erbe wieder antritt oder nicht, ist eo ipso eine durchaus andere Persönlichkeit als Vanbeest Brown, der den lieben Niemand zum Vater hatte. Die Bertrams sind mit Ruhm und Ehre dem Banner ihrer Könige gefolgt, während die Mannerings bei Crecy und Poitiers gefochten haben. Mit einem Worte, ich will meine Zustimmung weder geben, noch weigern; ich erwarte aber von Dir, daß Du frühere Irrungen wieder gut machst, und da Du nun leider nicht beide Eltern mehr zur Zuflucht hast, so rechne ich auf Erfüllung Deiner Kindespflicht mit Zuversicht insoweit, als Du mir all Dein Vertrauen schenken wirst, zumal mich mein Verlangen, Dich glücklich zu machen, dazu berechtigt, es als eine Kindesschuld von Dir zu fordern.« »Ich verstehe Sie, Papa, vollständig,« versetzte sie und küßte ihn, tief ergriffen von seinen Worten, »Sie werden mich als Ihre gehorsame Tochter finden.« »Ich danke Dir, mein Kind,« sagte Mannering, ihren Kuß innig erwidernd – dann setzte er hinzu: »Was mir vor allem am Herzen liegt, ist Dein Lebensglück – nichts anderm gilt meine Sorge – aber jetzt wische Dir die verräterischen Perlen aus Deinen Augen – wir wollen ins Frühstückszimmer gehen.« Achtzehntes Kapitel. Bei wohl allen Personen, die um den Frühstückstisch herumsaßen, war ein gewisser Grad von Verlegenheit zu bemerken. Juliens Stimme war, als sie Bertram fragte, ob sie ihm noch Tee einschenken solle, kaum vernehmlich, und Bertram war, als er unter Mannerings Augen sein Butterbrot verzehrte, nicht minder verlegen. Lucy kam, bei aller Liebe für den nach so langem Alleinsein gefundenen Bruder oder vielmehr um dieser Liebe willen, sein Zwist mit Hazlewood nicht aus dem Sinne. Den Obersten berührte es unangenehm, sich bezüglich seines Tun und Lassens der peinlichen Kontrolle seiner Umgebung ausgesetzt zu sehen. Das Gesicht des Advokaten legte sich in ernste Falten, während er sich sein Brot mit Butter bestrich. Sampson dagegen war in der fidelsten Stimmung, musterte bald Bertram, bald Lucy, schwatzte in allen Tonarten, verstieß aller Augenblicke gegen Gewohnheit und Sitte und beging einen Schnitzer über den andern, schüttete die Rahmkanne in seine Morgensuppe, die Morgensuppe in die Zuckerschale, statt auf seinen Teller, zuletzt die ganze heiße Brühe über des Obersten Lieblingshund, den alten Plato, der für solche Aufmerksamkeit nichts als Geheul und Gewinsel hatte, das seinem philosophischen Sinn freilich sehr wenig Ehre machte. Zum Glück machte ein Brief der Frau Mac Morlan der schiefen Situation ein Ende. Sie schrieb, daß ihr Mann noch nicht aus Portanferry wieder da sei, was Pleydell im ersten Augenblicke verdrießlich war, da ihm die Beihilfe seines Amtsbruders in mancherlei Hinsicht fehlte ... »Indessen,« setzte er, sich tröstend, hinzu, ist ja durchaus nichts verloren, denn unser junger Freund muß vor allem als entwichener Gefangener, auf den das Gericht ein gewisses Anrecht hat, sui juris werden, deshalb, Herr Oberst, wollen wir nach Hazlewood hinüberfahren, um uns als Bürgen für ihn zu stellen. Sir Robert Hazlewood wird solche Bürgschaft, meine ich, wohl gelten lassen müssen.« »Selbstverständlich bin ich dazu bereit,« versetzte der Oberst und erteilte sogleich die nötigen Befehle, »Und unterdessen ..?« fragte er. »Müssen wir uns nach triftigem Beweismaterial umsehen, denn Bertrams Erinnerungen gelten natürlich nicht als solches, und Fräulein Bertram, Herr Sampson und meine Wenigkeit können bloß sagen, was jeder andere sagen wird, der den seligen Laird gekannt hat und jetzt den jungen Mann sieht: daß er das leibhaftige Ebenbild desselben ist; solche Ansicht oder Meinung macht ihn aber noch nicht zu Ellangowans Sohne und verschafft ihm das Erbgut nicht wieder.« »Und was ist also dazu nötig?« fragte Mannering. »Klare Beweise. Da wären ja zunächst die Zigeuner da; aber, Du lieber Himmel, sie gelten doch vor unsern Richtern fast als ehrlos und kaum fähig, Zeugnis abzulegen; vor allem wird das zutreffen auf die Meg Merrilies, die doch so verschiedenerlei Aussagen gemacht, ja im Verhör, dem ich sie unterzog, alle Kenntnis der Sache rundweg bestritten hat.« »Wir müssen zusehen, aus Holland von den Leuten, die sich unsres jungen Freundes in seiner Knabenzeit angenommen haben, Beweismaterial zu bekommen. Freilich werden sie fürchten, noch wegen des an dem Zollbeamten begangenen Mordes zur Rechenschaft gezogen zu werden, und ihre Aussage weigern oder, wenn sie sich dazu bereit finden lassen, für uns wiederum den Nachteil haben, als Ausländer oder als Leute, die außerhalb des Gesetzes stehen, angesehen zu werden. – »Kurz, überall Hemmnisse!« »Hoffen wir das, liebster Herr Sampson,« erwiderte Pleydell; »solche fromme Zuversicht enthebt uns aber der Pflicht nicht, nach den rechten Mitteln zur Geltendmachung dessen, was wir für recht halten, zu suchen, und sie zu erlangen, wird, fürchte ich, uns schwerer fallen, als ich mir in der ersten Zeit vorgestellt habe; ein Herz ohne Mut gewinnt aber nie eine schöne Braut . ... Aber der Wagen fährt vor, Herr Oberst,« rief er – »also auf fröhliche Wiederkunft, Leutchen! und Sie, Fräulein Julie, bewahren Sie ja bis dahin Ihr Herzchen, damit ich dann auch mein Recht noch finde, – bin ja doch jetzt imstande des non volens agere .« Sir Robert Hazlewood bereitete den beiden Herren, trotzdem er vor dem Obersten gewaltigen Respekt und von Advokat Pleydell seit langem die beste Meinung hatte, einen recht trockenen, frostigen Empfang. Gegen die angebotene Bürgschaft ließe sich ja nichts einwenden, sagte er, und er nähme sie sicher an, trotzdem sein Sohn, Hazlewood junior von Hazlewood, der Betroffene sei, aber der Missetäter habe sich einen Stand beigelegt, der ihm nicht gehöre, und sich als ein so gemeingefährliches Subjekt erwiesen, daß man die Verantwortung, ihn freizulassen, der Gesellschaft gegenüber schwerlich übernehmen könne ... »Hoffentlich werden Sie, Sir Hazlewood,« nahm der Oberst das Wort, »in meine Aussage, daß der Deliquent als Kadett in Indien unter mir gedient hat, keinen Zweifel setzen?« »Durchaus nicht,« versetzte der Baronet; »der Mann behauptet aber, nicht Kadett, sondern Rittmeister zu sein!« »Seit ich mich von meinem Posten begeben, ist er in höhere Chargen aufgerückt,« sagte Mannering. »Aber das müßte Ihnen doch bekannt geworden sein?« »Wieso? Ich bin häuslicher Verhältnisse wegen aus Indien nach England zurückgekehrt und habe mich seitdem um das Regiment wenig bekümmert. Der Name Brown ist zudem so alltäglich, daß sich von seiner Beförderung vielleicht auch gelesen habe, ohne darauf zu achten. In ein paar Tagen werden aber seine Legitimationspapiere zur Stelle sein.« »Mir ist zu Ohren gekommen, Herr Pleydell,« nahm der Baronet wieder das Wort, »daß er nicht gesonnen sei, den Namen Brown weiterzuführen, sondern als ein Bertram Anspruch auf Ellangowan zu erheben.« »Und von wem wissen Sie das, Herr Baronet?« fragte Pleydell. »Gibt solches Gerücht,« fiel Mannering ein, »dem Gerichte ein Recht, ihn in Arrest zu nehmen?« »Still, Oberst still!« rief Pleydell, »sollte er als Betrüger entlarvt werden, würden Sie ihn so wenig wie ich einer Unterstützung für würdig erachten – aber im Vertrauen, Sir Robert, von wem haben Sie diese Mitteilung?« »Von einem Mann, dem sehr viel daran liegt, der Sache auf den Grund zu gehen. Ich muß indessen ablehnen, verzeihen Sie, mich bestimmter darüber auszulassen.« »So? und wie begründet er dieses Gerücht?« fragte Pleydell weiter. »Es soll sich unter Zigeunern und anderm solchen Gelichter die Kunde verbreitet haben, daß der junge Mann, von dem wir sprechen, ein Bastard des feigen Ellangowan sei und durch seine große Aehnlichkeit auf den Gedanken gekommen sei, den Betrüger zu spielen.« »Existiert denn solch unehelicher Sohn wirklich, Sir Robert?« »Allerdings, darüber bin ich genau unterrichtet. Ellangowan hat ihn durch Vermittlung eines Verwandten als Schiffsjungen auf einen Zollkutter gebracht.« »Gut, Sir Robert,« versetzte Pleydell, dem ungeduldigen Obersten das Wort vom Munde nehmend: »Sie erzählen mir etwas Nagelneues, und ich werde es nicht verabsäumen, es zu untersuchen; bewahrheitet sich das Gerücht, so hat der junge Mensch auf Unterstützung von unserer Seite nicht mehr zu rechnen. Trotz allem würden Sie sich einer gesetzwidrigen Handlung schuldig machen und großer Verantwortung aussetzen, wenn Sie die von uns angebotene Bürgschaft ausschlagen wollten.« »Wenn Sie mir versprechen, Herr Pleydell, den jungen Mann fallen zu lassen –« »Falls es sich ausweist, daß er ein Betrüger ist,« erklärte Pleydell. »Nichts anders meinte meine Rede – unter dieser Bedingung, wie gesagt, will ich Ihre Bürgschaft gelten lassen. Immerhin muß ich bemerken, daß ein sehr wohlgesinnter, höflicher Nachbar, der sich auch auf die Rechtsfragen versteht, mir erst heute morgen noch den Wink gegeben hat, solchem Verlangen nicht Folge zu leisten; von ihm habe ich auch gehört, daß der junge Mensch seine Freiheit wiedererlangt oder vielmehr aus dem Gefängnis ausgebrochen ist.« Die Angelegenheit wurde schnell geregelt, der Bürgschein vom Obersten und Herrn Pleydell, der Freilassungsbefehl von Sir Robert Hazlewood ausgestellt, und bald saßen die ersteren beiden wieder in ihrem Wagen, jeder in eine Ecke gelehnt. Es verging geraume Zeit, bis die Unterhaltung zwischen ihnen in Gang kam. »Sie wollen den armen jungen Menschen,« nahm der Oberst endlich das Wort, »also gleich bei der ersten Schwierigkeit, die sich bietet, fallen lassen?« »Ich?« rief Pleydell, »das sollte mir einfallen! Aber was hätte es mir genützt, mich mit dem alten Toren über Rechtsfragen zu streiten? Weit besser dient er uns, wenn er seinem Einhelfer Glossin meldet, daß wir uns gleichgültig oder lau bei dem ganzen Handel gezeigt haben. Ich wollte überdies dem Feinde gern ein bißchen in die Karten gucken.« »So? Also auch Ihr Rechtsleute habt Eure Kriegslisten, so gut als wir Soldaten? Und wie denken Sie über die feindliche Aufstellung?« »Gar nicht übel gewählt, aber ein wenig gewagt,« erwiderte Pleydell: »man will mit zuviel List operieren – bei solchen Dingen bekanntlich der gewöhnliche Fehler.« Der Wagen setzte inzwischen seine Fahrt schnell fort, ohne daß sich irgend etwas von Wichtigkeit ereignet hätte – abgesehen davon, daß sie den jungen Hazlewood trafen, der von einem Morgenritte heimkehrte. Mit wenigen Worten erzählte ihm der Oberst, daß Bertram in Woodbourne sei, was Hazlewoods lebhafte Teilnahme erweckte, so daß er seinem Pferde die Sporen gab, um den beiden Herren vorauszureiten und Lucy zu dem frohen Ereignis von Herzen zu gratulieren. Die Unterhaltung in Woodbourne hatte sich zumeist um das alte Haus Ellangowan, seine einstige Macht und Größe gedreht. »Also unter der Burg meiner Väter,« sagte Bertram, »war es, wo ich vor einigen Tagen ans Land stieg, kaum zu unterscheiden von einem Landstreicher! Und die verfallenen Türme und dunklen Gewölbe weckten Gedanken in mir, die meine ganze Seele tief ergriffen, Erinnerungen, über die ich mir nicht klar werden konnte. Ich will die alte Stätte nun wieder besuchen, aber mit andern Gefühlen und, wie ich hoffen darf, mit besseren Lebensaussichten.« »Geh jetzt nicht hin,« bat die Schwester; in unserer Väter Hause wohnt jetzt ein Schurke, ebenso tückisch wie gefährlich. Durch seine Schlechtigkeit ist unserm armen Vater frühzeitig das Herz gebrochen worden.« »Du wehrst durch Deine Worte mein Verlangen, dem Wichte gegenüber zu treten, in dem Schlupfwinkel, in dem er sich verkrochen hat. Gesehen habe ich ihn wohl schon.« »Vergessen Sie nicht, Heu,« nahm hier Julie das Wort, »daß wir beide, Lucy und ich, über Sie wachen sollen und Sie für Ihr Tun und Lassen verantwortlich machen. Oder meinen Sie, ich solle auf die Ehre, zwölf Stunden lang die besondere Gunst eines Rechtsanwalts genossen zu haben, so ohne weiteres verzichten? Es wäre doch wahrhaftig eine Torheit ihresgleichen, jetzt nach Ellangowan gehen zu wollen; es ginge doch höchstens an, daß wir zusammen bis ans Ende der Allee gingen, und daß wir Ihnen dann noch in unserer Gesellschaft den Aufstieg auf die nahe Höhe gestatten, damit Ihr Auge sich an dem Blick auf die dunklen Türme Ihres väterlichen Schlosses werden kann.« Der Spaziergang wurde sogleich beschlossen; die Damen nahmen die Mäntel, und machten sich in Bertrams Gesellschaft auf den Weg. Es war ein schöner Wintermorgen, der Wind nicht kalt, sondern nur frisch. Ein geheimes Band verknüpfte die beiden Mädchen, wenn auch keines von ihnen sich darüber aussprach. Bertram dagegen sorgte, daß die Unterhaltung nicht ins Stocken kam, indem er von seinen Erlebnissen in Indien erzählte. Lucy war nicht wenig stolz auf einen Bruder, der soviel erstaunliche Gefahren mit so großem Mute bestanden hatte, Julie aber, der Worte ihres Vaters eingedenk, wiegte sich in der frohen Zuversicht, daß ihr Vater Vertrams stolzen Sinn nicht mehr für Anmaßung eines bürgerlichen, sondern für den Erben eines berühmten Geschlechts angemessenen Edelsinns schätzen werde. Die drei Spaziergänger erreichten bald die in unserer Geschichte oft erwähnte Höhe über dem Hohlwege an der Grenze der Herrschaft Ellangowan, und ein überaus liebliches Landschaftsbild zeigte sich ihren Blicken: Täler und Hügel, begrenzt von Wäldern, die zur herrschenden Jahreszeit eine dunkle Purpurfarbe aufwiesen, während an andern Stellen die Aussicht scharf abgeschnitten wurde durch dichtes Kiefergebüsch, dessen dunkles Grün in allerhand Tönen hervorstach. Ungefähr eine halbe Stunde weit lag die Bai von Ellangowan, deren Wellen der Westwind kräuselte. Die Türme des alten Schlusses ragten in der Landschaft des alten Schlosses hoch empor und färbten sich heller im Strahlenmeer der Wintersonne. »Dort liegt es, das Heim unserer Väter!« rief Lucy, auf das ferne Schloß zeigend. »Nicht die Macht und Größe dieser alten Burgherren ist's, Bruder, die ich für Dich begehre, – dafür ist mir Gott Zeuge, denn die Macht haben sie, heißt, oft übel angewandt und die Größe nicht festzuhalten verstanden. Aber soviel noch von beiden möchte ich in Deinen Händen sehen, daß Du unabhängig von andern und frei von irdischer Sorge leben, auch den alten Dienern unseres Hauses Unterstützung gewähren könntest, die seit unseres armen Vaters Tode –« »Recht so, Schwester! und hoffentlich gelingt es mit Hilfe unserer wackern Freunde und unter gütigen Beistand des Himmels nach so harten Kämpfen dieses glückliche Ziel zu erreichen.« »Hier sah er sich durch Dinmont unterbrochen, der eilig, aber bis er zur Stelle war, ungesehen von den übrigen, die Straße heraufkam ... »Rittmeister! Rittmeister! es sucht Euch jemand – die Alte, die Alte, die Ihr schon kennt.« Im andern Augenblick stieg Meg Merrilies wie aus dem Schoße der Erde aus dem Hohlwege herauf und stand vor ihnen.. »Ich habe Euch schon im Hause gesucht, aber bloß den, »sagte sie auf Dinmont deutend, – »drin gefunden – Ihr habt recht, und ich hab unrecht; hier sollten wir uns finden, hier auf dieser Stelle! Gedenket an Euer Wort und – folget mir!« Julie und Lucy fuhren entsetzt zurück, als sie die Zigeunerin erblickten ... »Um Gottes willen!« rief Julie, ihre Börse aus der Tasche ziehend: »geben Sie dem Weibe etwas, und sagen Sie ihr, daß sie gehe.« »Das kann ich nicht,« erwiderte Bertram; »beleidigen oder kränken darf ich sie nicht.« »Was hält Euch hier?« fragte Meg Merrilies, ihre rauhe Stimme verschärfend; »warum folgt Ihr mir nicht? Muß Eure Stunde Euch zweimal rufen? Gedenkt Eures Schwures – es sei in der Kirche oder auf dem Markte, bei der Hochzeit oder beim Leichenbegängnis –« und drohend hob sie den dürren Zeigefinger empor. Bertram wandte sich zu den von Angst erfüllten Mädchen .. »Ich muß mich auf eine Weile entfernen; ein Gelübde bindet mich, der Frau zu folgen.« »Jesus! einem mit Narrheit geschlagenen Weibe!« rief Julie. »Einem Zigeunerweib, das mit ihrer Bande im Walde haust und Dir nach dem Leben trachten wird!« setzte Lucy hinzu. »So soll niemand sprechen vom Hause Ellangowan!« rief Meg Merrilies, einen finstern Blick auf Lucy richtend – »Böses tut, wer Böses fürchtet.« »Es geht nicht anders – ich muß gehen,« nahm Bertram wieder das Wort ... »es muß sein, Lucy, ich bleibe nicht lange – fünf Minuten – dann bin ich wieder da.« »Fünf Minuten?« wiederholte die Zigeunerin – »nicht in fünf Stunden seid Ihr wieder hier!« »Hören Sie, was Sie spricht?« rief Julie ängstlich – »um Gottes willen! gehen Sie nicht!« »Ich muß gehen,« versetzte Bertram, »Dinmont wird Sie und die Schwester heimbegleiten.« »Nein,« fiel Meg Merrilies ein, »der Mann muß mitgehen; zu diesem Zwecke ist er hier, und daß er's tut, ist nicht mehr als recht und billig, denn Ihnen hätte seine Rettung weit teurer zu stehen kommen können.« »Meiner Treu, das stimmt!« rief Dinmont, »und ich will's ihm zeigen, daß ich's noch nicht vergessen habe.« »Jawohl,« riefen beide Mädchen wie aus einem Munde, »müssen Sie dem Weibe folgen, dann soll er Ihnen folgen!« Bertram drückte der Schwester die Hand und nahm von Julien mit einem zärtlichen Blick Abschied. Fast betäubt von Erstaunen und Furcht folgten die Mädchen mit ihren Blicken dem Wege, den Bertram mit seinem Gefährten und der seltsamen Führerin nahm. Die hohe Gestalt der letztern durchmaß die winterliche Heide mit so schnellen, weiten Schritten, daß sie weniger zu gehen als zu schweben schien; und durch ihr langes, fliegendes Gewand und die hohe Kopftracht wurde der Eindruck geweckt, als reichten Bertram und Dinmont kaum an sie heran. Sie ging geraden Weges über das Gemeinland, ohne die Seitenpfade einzuschlagen, auf denen Wanderer sonst den Unebenheiten und Wasserläufen auszuweichen suchten. Bald entschwanden die drei Gestalten den Blicken der nachblickenden Mädchen, bald zeigten sie sich wieder, je nachdem sie durch Gräben schritten oder aus Hohlwegen heraufstiegen, bis sie endlich im Dickicht verschwanden, das sich nach der Trümmerstätte von Derncleugh zu erstreckte. »Sonderbar,« sprach Lucy nach längerer Pause zu ihrer Freundin: »was kann ihn mit dem alten Weibe verknüpfen?« »Mich schaudert's,« erwiderte Julie,« und unwillkürlich muß ich an die Märchen von Zauberern und bösen Geistern denken, die mir in Indien erzählt worden sind. Was kann Ihren Bruder so an diese Hexe ketten, das er uns, offenbar widerwillig, verläßt und sich den Befehlen des schrecklichen alten Weibes fügt?« »Wir können wenigstens sicher sein, daß ihm nichts Böses begegnen wird,« erwiderte Lucy, »sonst würde das Weib doch den brauen Dinmont nicht zur Begleitung aufgefordert haben, von dessen Mut und Treue mein Bruder uns soviel erzählt. Begeben wir uns schnell nach Hause und erwarten wir dort Ihren Herrn Vater, der ja am besten wissen wird, was nun mehr getan werden muß.« Arm in Arm gewannen die beiden jungen Mädchen bald die Baumreihe wieder, die bis zum Landhause führte, als sie plötzlich lauten Hufschlag hinter sich vernahmen. Erschrocken wandten sie sich um, waren aber nicht wenig froh, als sie Charles Hazlewood erblickten .. »Der Herr Oberst wird gleich hier sein,« rief er; »ich bin vorausgeritten, um Fräulein Bertram zu der frohen Wiederkunft ihres Bruders zu gratulieren. Stellen Sie mich nur recht bald dem Rittmeister vor, damit ich ihm für die wohlverdiente Lehre danke, die er mir für meine Uebereilung und Unbesonnenheit gegeben hat.« »Mein Bruder hat uns eben verlassen,« antwortete Lucy, »aber auf eine Art, die uns recht sehr erschreckt hat.« Da fuhr auch schon der Wagen heran, in welchem Oberst Mannering mit seinem Freunde sah. Sobald sie der beiden Mädchen ansichtig wurden, stiegen sie aus, und traten zu ihnen. »Schon wieder diese Meg Merrilies!« rief Mannering, als er über den neuen Vorfall unterrichtet worden war ... »Führwahr, ein geheimnisvolles, unergründliches Wesen. Sie wird wohl Bertram etwas mitzuteilen haben, das wir nicht wissen sollen!« »Hole der Henker den alten Besen!« rief Pleydell; »warum läßt sie der Sache nicht ihren Gang? Immer muß sie die Hand im Spiele haben; immer will sie es nach ihrem Sinne leiten. Ich fürchte fast, daß sie nach Ellangowan unterwegs sind! Der schurkische Glossin hat uns ja schon gezeigt, über was für schlimme Subjekte er verfügt – wenn nur der ehrliche Dinmont ihm Schutz genug bietet!« »Wenn Sie meinen, daß er Hilfe brauchen könne,« rief Hazlewood, so will ich gern hinterher reiten. Daß ihm jemand in meiner Gegenwart ein Haar krümmen möchte, will mir nicht als möglich erscheinen. Dazu bin ich doch im Lande zu gut bekannt. Ich will mich vorsichtig in einigem Abstände halten, damit es nicht so aussieht, als ob ich die Zigeunerin ausspionieren möchte – und die Mitteilungen zu hindern, die sie ihm doch vielleicht machen will, wäre doch auch nicht klug.« »Das muß ich sagen, dieser junge Herr hat alles Zeug, ein tüchtiger Mann zu werden,« meinte Pleydell zu dem Obersten, aber so, daß ihn Hazlewood nicht hörte – »ich fürchte eher einen neuen Versuch, unserm jungen Freund auf gesetzlichem Wege zu schaden, als durch offene Gewalt, denn von solcher würde Hazlewoods Gegenwart Glossin und seine Halunken schon abhalten ... Also frisch voran, mein junger Freund!« rief er dem Reiter zu; »nach Dernoleugh hinüber, dort werden sie wohl stecken, wenn nicht im Warroch-Walde.« Hazlewood gab seinem Pferde die Sporen und sprengte davon. »Zu Mittag sehen wir uns wieder!« rief der Oberst ihm nach, und Hazlewood nickte. Neunzehntes Kapitel. Bertram und Dinmont folgten ihrer seltsamen Führerin, durch Wälder und über Täler zwischen der offenen Heide und den verfallenen Hütten von Derncleugh. Bloß als sie sie zu rascherem Laufe anspornen wollte, wandte sie den Blick rückwärts und kehrte sich wenig oder gar nicht daran, daß ihnen der Schweiß in dicken Tropfen von der Stirn rann. Zuweilen sprach sie auch mit sich selbst, und dann immer in abgebrochenen Sätzen ... »Das alte Haus soll wieder aufgebaut – der Grundstein soll gelegt werden – ha! habe ich ihn denn nicht gewarnt? Hab ich ihm nicht gesagt, daß ich geboren sei, es zu vollbringen, und ginge der Weg auch über meines Vaters Leiche? Verurteilt, in Kerker und Verließ geworfen hat man mich – und doch bin ich meinem Vorsatze treu geblieben – verbannt aus dem Lande hat man mich, und mitgenommen habe ich ihn in ein freundlicheres Land – ausgepeitscht hat man mich und gebrandmarkt, aber was ich im Sinne hatte, ließ sich nicht erschüttern – denn bis dorthin reichten weder Geißel noch glühendes Eisen – nun aber – nun ist die Stunde gekommen –« »Rittmeister,« sagte Dinmont leise, »wenn sie bloß nichts Schlimmes im Sinne hat! Was sie spricht, klingt nicht, als käme es von Gott oder wie aus anderer Menschen Munde.« »Habt keine Furcht, Freund,« erwiderte Bertram. »Furcht? Nein, mich schert weder Hexe noch Teufel!« rief Dinmont, »bloß klar sehe ich gern.« »Still!« rief Meg und guckte ihm finster über die Schulter: »meint Ihr, Zeit und Ort wäre beschaffen danach, daß Ihr reden dürftet?« »Gute Frau,« fiel Bertram ein, »ich zweifle ja nicht an Eurer redlichen Absicht und Freundschaft, denn Ihr habt mir ja schon Beweise davon gegeben; aber Ihr sollt auch mir Vertrauen entgegenbringen. Drum sagt mir, wohin Ihr mich führt.« »Ich habe nur eine Antwort darauf, Harry Bertram. Meiner Zunge habe ich verschworen, es Euch zu sagen, nicht aber meinem Finger, es Euch zu zeigen. Geht voran, und sucht Euer Glück! oder kehrt um und verliert's! Ganz, wie Ihr wollt! Weiteres kann ich Euch nicht sagen.« »Vorwärts denn,« rief Bertram, »ich werde Euch keine weitern Fragen stellen.« Ungefähr auf derselben Stelle, wo Meg sich früher von Bertram getrennt hatte, kletterten sie in die Schlucht hinunter. Einen Augenblick lang blieb Meg unter dem hohen Fenster stehen, von wo aus er damals die Beeidigung mit angesehen, und stampfte auf ben Boden, der trotz aller angewandten Vorsichtsmaßregeln noch deutlich verriet, daß er vor kurzem erst aufgewühlt worden ... »Hier ruht einer,« sagte sie, »der vielleicht bald Nachbarn bekommt.« Dann ging sie längs dem Bache hin zu dem zerstörten Dörfchen, wo sie vor einem noch aufrecht stehenden Giebel verweilte. Ihr Auge schien ein milderes Gefühl zu beseelen, und als sie nun wieder das Wort nahm, geschah es nicht in der abgerissenen Weise von ehedem, aber noch immer in dem feierlichen Tone, der ihrer Stimme eigen war: »Seht Ihr das schwarze verfallene Stück Hütte dort? Dort hat mein Kessel vierzig Jahre gekocht; dort habe ich zwölf Söhne und Töchter geboren, – wo sind sie heute? Wo sind die Blätter, die an jener alten Esche am Martinstage hingen? Der Abendwind hat sie kahl gefegt. – Auch ich bin kahl! Seht Ihr den Weidenbaum dort? Es ist bloß ein schwarzer, verfaulter Stumpf noch ... An manch schönem Sommerabend hab ich drunter gesessen im Schatten der frischen Zweige, die über dem murmelnden Wasser hingen. Dort saß ich –« fuhr sie fort, ihre Stimme verschärfend, – »dort hielt ich Euch auf meinem Schöße, Harry Bertram, und sang Euch Lieder von den alten Baronen und den blutigen Kämpfen, die sie geführt haben. Sie wird nie wieder grünen, die alte Esche, und Meg Merrilies nie wieder singen, weder ein frohes Lied noch ein trauriges; aber vergessen werdet Ihr sie nicht; werdet Ihr doch die alten Mauern wieder aufbauen lassen, um ihretwillen! Und laßt jemand hier wohnen, der nicht bös genug ist, die Schatten aus einer andern Welt zu fürchten. Kehren die Toten je wieder unter die Lebendigen, dann soll man mich, wenn diese Gebeine Staub geworden, in diesem Tale hier Nacht für Nacht sehen.« Während sie dies sprach in einem Tone, der sich wahnsinnig, halb wie wild-pathetisch anhörte, hielt sie den entblühten rechten Arm ausgestreckt, den linken gebogen unter den tiefroten Falten ihres Mantels verborgen ... »Und nun,« fuhr sie fort, jäh wieder in die ihr eigene, abgerissene ernste hastige Redeweise fallend, »zur Arbeit – zu unserer Arbeit!« Sie nahm den Weg zu dem vorspringenden Berge hin, der den Turm von Derncleugh trug, zog einen großen Schlüssel aus der Tasche und schloß die Tür auf. Innen herrschte bessere Ordnung als sonst ... »Ich hab's anständig eingerichtet,« sagte sie, »und könnt mich wohl hier hinstrecken bis zum Einbruch der Nacht. Zur Totenwache werden ohnehin nur wenige sich einfinden, denn nicht wenige von unseren Leuten werden mir grollen um deswillen, was ich getan und was ich tun will.« Sie wies nun auf einen Tisch mit kalten Speisen, die besser und sauberer aussahen, als man von Meg sich hätte vermuten lassen ... »Eßt,« sagte sie, »Ihr werdet's brauchen, heute abend.« Bertram nahm, um die alte Frau nicht zu kränken, ein paar Bissen; Dinmont aber langte wacker zu, denn ihm konnten weder Abenteuer noch Gefahren die Eßlust verderben. Meg reichte zum Schlusse der Mahlzeit jedem ein Glas Schnaps, aber nicht mehr. »Und Ihr? – nehmt Ihr nicht auch etwas zu Euch?« fragte Dinmont die Alte. »Ich werde nichts brauchen,« antwortete sie. – »Aber Ihr – Ihr müßt auch Waffen haben. Doch greift nicht vorwitzig dazu! Nehmt gefangen, wen Ihr bekommen könnt, aber schont das Leben! Die Gerechtigkeit will auch ihr Teil haben; und er muß reden, bevor er stirbt.« »Wen sollen wir fangen, und wer soll reden?« fragte Bertram verblüfft, als sie ihm geladene Pistolen reichte. Ohne auf seine Frage zu achten, drückte sie auch Dinmont ein großes Taschenpistol in die Hand und holte aus einem Winkel ein paar Knüttel, verdächtigen Aussehens hervor. Hierauf verließen fie zusammen den Turm; Bertram aber nahm den günstigen Augenblick wahr, dem Freunde zuzuraunen: »etwas ist hier nicht begreiflich; wir wollen uns aber vornehmen, von den Waffen nur im äußersten Notfall Gebrauch zu machen. Richtet Euer Verhalten in dieser Hinsicht ganz nach dem meinigen!« Dinmont antwortete mit pfiffigem Blinzeln, Dann ging es weiter über Moor und Brachfeld, der Zigeunerin nach, die sie Zum Warroch-Walde auf dem nämlichen Pfade geleitete, den der unglückliche Ellangowan an jenem Abend geritten war, als Kennedy ermordet wurde, um in Derncleugh sein Kind zu suchen. Endlich kamen sie in das Gehölz, durch dessen Wipfel rauh und kalt der winterliche Seewind pfiff. Meg Merrilies schien sich einen Augenblick auf den Weg besinnen zu müssen. – »Wir können keinen andern Weg wählen,« sagte sie im Weitergehen, schritt aber nicht mehr, wie bisher, geradeaus, sondern im Zickzack und auf Schlangenwegen. Endlich brachte sie die beiden Männer durch das Dickicht auf einen offenen, von Bäumen und Sträuchern wild umwachsenen Platz, der selbst im Winter, trotzdem es an dem Schatten grüner Wipfel fehlte, still und lauschig war, Bertram hatte sich umgesehen, und sein Gesicht hatte sich jäh verfinstert ... »Hier ist's gewesen,« sprach Meg leise vor sich hin – dann sah sie ihn von der Seite an und fuhr fort: »Besinnt Ihr Euch?« »Ja,« versetzte Bertram, »eine dunkle Erinnerung taucht mir auf« – »Dort drüben stürzte der Mann vom Pferde,« hob die Zigeunerin wieder an; »ich stand im selben Augenblicke dort hinter dem Hollunderbusche. Er wehrte sich wacker, sehr wacker und schrie oft um Erbarmen; aber er hatte es zu tun mit Menschen, die kein Erbarmen kannten. Nun laßt ihn Euch weiter zeigen, den Weg, den Ihr damals gewandelt seid – getragen hier von diesen Armen.« Einen langen, fast ganz mit Buschwerk verwachsenen Schlangenpfad ging es nun entlang, und mit einem Male standen sie, ohne daß der Weg merklich bergab geführt hatte, am Meeresstrande. Meg lief an der Felswand hin, an der sich die Flut brandete, bis zu einem großen, freiliegenden Steinblocke. ... »Hier,« sagte sie in leisem kaum hörbarem Tone, »hier wurde sein Leichnam gefunden.« »Und die Höhle,« ergänzte Bertram im gleichen Tone, »ist dicht in der Nähe. Bringt Ihr uns zu ihr hin?« »Ja. Faßt Euch beide ein Herz! Kriecht mir hinterher – ich habe das Brennholz so geschichtet, daß Ihr verdeckt steht. Bleibt solange hinter dem Stoße, bis ich rufe: Stunde und Mann sind gekommen! Dann fallt über ihn her, nehmt ihm die Waffen ab und bindet ihn – fest! so fest, bis ihm das Blut zwischen den Nägeln hervorspritzt.« »Ich will's, wenn's der Mann ist, an den ich denke,« sagte Bertram – »wenn's Jansen ist!« »Ja, Jansen ist's oder Hatteraick – führt er wohl an die zwanzig Namen!« »Dinmont, jetzt müßt Ihr Euren Mann mitstellen – denn dieser Kerl ist der wahre Teufel!« »Zweifelt nicht daran,« antwortete Dinmont leise. »Aber ehe ich der Hexe in ihre Höhle nachkrieche, möchte ich zuvor beten; es wäre doch ein böses Ding, wenn wir in solchem Loche umkommen sollten wie ein Fuchs in seinem Baue. Aber des Teufels will ich sein, wenn ich Euch im Stiche lasse.« Der Eingang zur Höhle lag jetzt offen. Meg kroch auf Händen und Füßen hinein, Bertram folgte, ihm hinterher Dinmont, nachdem er sich noch einmal bekümmert nach dem Tageslichte umgesehen hatte. Im selben Augenblick aber, als er sich mühsam durch die Oeffnung zwängte, griff eine kräftige Hand nach seinem Beine. Dem kühnen Manne fing das Herz zu schlagen an, und nur mühsam gelang es ihm, einen Schrei zu unterdrücken, der in der wehrlosen Lage, in der sie sich befanden, ihnen allen das Leben hätte kosten können. Er wurde des Schrecks aber Herr und zog. ohne einen Laut von sich zu geben, den Fuß aus der Hand dessen, bei sich so unvermuteterweise an seine Fersen gehängt hatte. »Seid ruhig,« sprach jetzt eine Stimme hinter ihm, »gut Freund – Charles Hazlewood.« Meg Meirilies, die den Klang seiner Stimme, so leise er auch sprach, vernommen haben mochte, fuhr erschrocken zusammen. Sie war schon an der Stelle, wo die Höhle sich erweiterte, und fing schon an zu murmeln und zu singen, als ob sie ein horchendes Ohr hätte täuschen wollen, hantierte auch zwischen dem Reisig, das in der Höhle aufgehäuft lag. Da schrie eine Stimme aus dem Innern her: »Teufelsbraten! Was treibst Du da?« »Ich rücke das Holz zurecht. Der kalte Wind soll nicht Eingang finden.« »Bringt Ihr mir Schnaps und Kunde von meinen Leuten?« »Hier habt Ihr die Flasche! Eure Leute sind zerstreut und flüchtig vor den Rotröcken.« »Schlag der Teufel drein! Diese Küste ist das schlimmste Pech für mich!« »Vielleicht gibt sie Euch noch bessern Grund zu solcher Rode!« Während dieses Zwiegespräch geführt wurde, hatten Bertram und Dinmont das Eingangsloch Passiert und sich hinter dem Holzstoße aufgerichtet. Die Höhle wurde von dem Flackerlicht des Kohlenfeuers erhellt, das auf einem Roste, wie ihn die Fischer nachts beim Lachsfange brauchen, aufgeschichtet brannte. Hatteraick warf wohl dann und wann eine Hand voll Späne hinein, aber die Höhle in ihrem ganzen Umfange zu erleuchten, war der Feuerschein viel zu gering. Der Schleichhändler lag auf derjenigen Seite des Rostes, die am weitesten vom Höhleneingange entfernt lag; es war daher leicht möglich, daß er sah, was dort vorging. Die in die Höhle eingedrungenen Männer, deren Zahl sich so unvermutet um einen vermehrt hatte, standen hinter dem aufgehäuften Reisig, und Dinmont hatte soviel Geistesgegenwart gehabt, den jungen Hazlewood mit der Hand solange festzuhalten, bis er Bertram hatte zuflüstern können: »Gut Freund – Hazlewood!« Die Kohlenglut wurde bald Heller, bald düsterer, je nach der Holzmenge, mit der Hatteraick das Feuer speiste; bald stieg eine schwarze Dampfwolke zur Decke der Hohle auf, bald loderte eine Flamme durch die Rauchsäule, mit einem Male helles Licht verbreitend; bei solch wechselnder Beleuchtung konnten die versteckten drei Männer bald schärfer, bald schwächer die Gestalt des Schmugglers unterscheiden, dessen wilde Züge durch seine finstere Stimmung noch schrecklicher wurden und vortrefflich zu der wilden Szenerie paßten, die die Höhle um ihn her bildete. Die aufrechte Gestalt der Zigeunerin, die langsam um ihn herschritt, bald im hellen Lichtschein der Flamme, bald umhüllt von Dampf, stach kräftig ab gegen den am Boden hingestreckten Hatteraick, der, da er vom vollen Flammenschein getroffen wurde, immerfort sichtbar blieb, während Meg Merrilies wie ein Gespenst erschien und verschwand. Bertrams Blut fing an zu sieden, als er den Schleichhändler sah. Er hatte ihn als jenen Jansen wiedererkannt, der ihn nach Kennedys Ermordung im Verein mit seinem Steuermann Brown während seiner ganzen Kindheit gräßlich gequält und gemißhandelt hatte. Bertram begriff nun, indem er seine eigenen dunklen Erinnerungen mit Mannerings und Pleydells Erzählungen verwob, daß dieser Mann es hauptsächlich gewesen war, der ihn aus dem Kreise der Seinen und aus der Heimat gerissen hatte. Kaum konnte er noch an sich halten, auf den Verruchten loszustürzen und ihm den Kopf an der Felswand zu zerschmettern. Aber Hatteraick war bis an die Zähne bewaffnet, und daß der Schurke sich verzweifelt wehren würde, stand mit Sicherheit zu erwarten. Zudem wäre es, sagte sich Bertram, weder schicklich noch rühmlich, dem Henker vorzugreifen; dagegen von höchster Wichtigkeit, ihn lebendig zu fangen und seinen Rächern zu überliefern. Er wartete also ab, was weiter zwischen der Zigeunerin und dem Schurken vorgehen würde. »Und wie ist's geworden mit Euch?« fragte Meg Merrilies mit rauhem Tone; »Hab' ich Euch nicht gesagt, daß es so kommen würde? Ja, und eben in dieser Höhle, wo Ihr Euch verstecktet nach der Tat.« »Potz Sturm und Wetter, Du Hexe! Geh und bete zu Beelzebub, bis man Dich braucht ... Habt Ihr den Glossin gesehen?« »Nein! Ihr habt Euch verrechnet – von diesem Versucher habt Ihr Bluthund nichts mehr zu erwarten!« »Alle Hagel!« schrie der Schurke; »hätt' ich ihn nur bei der Kehle! ... Was soll ich jetzt machen?« »Sterben wie ein Mann,« antwortete die Zigeunerin, »oder am Galgen verrecken wie ein Hund.« »Am Galgen, Du Hexe! Der Hanf ist noch nicht gesät zu dem Strick, an dem ich hängen soll.« »Er ist gesät und ist gewachsen; er ist gehechelt und auch gesponnen, Hatteraick! Hab ich Euch nicht gesagt, als Ihr den kleinen Harry Bertram wegführen wolltet, all meinen Bitten zum Trotze, daß er wiederkehren werde, wenn sein Schicksal erfüllt sei im fremden Lande, wenn er sein einundzwanzigstes Jahr vollendet hätte? Habe ich Euch nicht gesagt, daß das alte Feuer niederbrennen werde bis zum letzten Funken, an ihm aber auflodern werde zum neuen Brande?« »Ja, Teufelsmutter, gesagt habt Ihr's! Und, alle Hagel! Ich glaube beinahe, Ihr habt wahr geredet. Der Junker von Ellangowan ist mir zeitlebens ein Stein im Wege gewesen; und nun ich durch Glossins Ränke meine Mannschaft eingebüßt und meine Kähne verloren habe – ja, wie ich fürchte, auch mein Schiff, auf dem nicht Mannschaft genug war, es zu bugsieren, geschweige zu verteidigen, nun – alle Hagel! nun darf ich mich in Vlissingen, Gott straf mich! nicht mehr sehen lassen!« »Das erste kann passieren – das andere braucht Ihr nicht mehr.« sagte Meg Merrilies. »Was führt Euch her, Weib – und was soll die Rede heißen?« Meg Merrilies hatte während des Zwiegespräches Flachs auf ein Häufchen geschoben und Branntwein darauf geschüttet – und ehe sie auf Hatteraicks Frage Antwort gab, warf sie nun Brand darauf, daß im Nu eine Flammensäule zur Decke aufloderte – da rief das Weib mit wildgellender Stimme: »Ich bin gekommen, weil Stunde und Mann gekommen sind!« Auf diese Parole hin sprangen Bertram und Dinmont hinter dem Holzstoß vor und über Hatteraick her. Ihnen auf dem Fuße folgte, aber ohne Kenntnis dessen, um was es sich handelte, Charles Hazlewood. Kaum hatte der Bösewicht erkannt, daß er verraten worden, als seine Rache sich zuerst gegen Meg Merrilies wandte, auf die er sein Pistol abdrückte. Mit wildem Schrei brach sie zusammen ... »Daß es so kommen werde,« ächzte sie, »habe ich gewußt.« Bertram strauchelte beim Sprunge über den unebenen Boden und stürzte – zum Glück für ihn, denn im andern Augenblicke pfiff Hatteraicks Kugel über ihn hinweg, und so gut gezielt war der Schuß, daß Bertram, wenn er gestanden hätte, unfehlbar ein Kind des Todes gewesen wäre. Bevor er aber den dritten Schuß abgeben konnte, fiel Dinmont über ihn her: aber so groß war die Stärke des rabiaten Bösewichts, daß er den Riesen von Landmann durch den brennenden Flachs riß, – und wenig fehlte, so wäre es ihm geglückt, Dinmont mit einem dritten Schuß niederzustrecken, woran er aber durch Bertram und Hazlewood noch glücklich verhindert wurde, die mit rasender Anstrengung den Schmuggler niederwarfen, entwaffneten und fesselten. Als er inne wurde, daß ihm nichts mehr helfen konnte, lag er regungslos da wie ein Klotz. »Er hat sich stramm gewehrt,« sagte Dinmont, indem er sich den brennenden Flachs vom Rocke und aus dem halbversengten Haare schüttelte, »und das gefällt mir nicht am schlechtesten von ihm.« »Bleib bei ihm, Dinmont, und bewacht ihn,« sagte Bertram. »Ich will sehen, ob das arme Weib tot ist oder noch lebt.« Er hob mit Hazlewoods Beistand die Zigeunerin auf ... »Daß es so kommen mußte,« lallte sie, »habe ich gewußt.« Die Kugel war unter der Kehle in die Brust gedrungen. Bertram erkannte auf der Stelle, daß die Wunde gefährlich war. »Du mein Gott,« rief er, »was sollen wir mit der Aermsten anfangen?« »Mein Pferd steht oben im Walde angebunden,« sagte Hazlewood: »ich will ein paar Leute herbeiholen, auf die Verlaß ist – halten Sie mittlerweile den Eingang zur Höhle!« Mit diesen Worten stürmte er hinaus. Bertram verband die Wunde der Zigeunerin, so gut es anging, und postierte sich dann draußen vor der Höhle, während Dinmont den Schleichhändler bewachte. Tiefe Stille herrschte nun, bloß hie und da gestört durch das gedämpfte Wehklagen des verwundeten Weibes und die schweren Atemzüge des gefesselten Schmugglers. Zwanzigstes Kapitel. Nach dreiviertel Stunden, die Bertram sowohl wie auch Dinmont in ihrer Ungewissen, gefahrvollen Lage wie eine halbe Ewigkeit dünkten, wurde draußen Hazlewoods Stimme laut und im andern Augenblick er selbst sichtbar. Unter den Leuten, die er mitbrachte, war ein Gerichtsfron, der den Weitertransport des durch den jähen Wechsel von Dunkel und Helle schier geblendeten Gefangenen übernahm, während die übrigen sich mit der Zigeunerin befaßten. Als der Fron die Schmuggler aufforderte, sich auf einen Felsblock dicht am Strande nahe der Fluthöhe zu sehen, ergriff es ihn wie ein Schauder, und er schrie: »Alle Hagel! Bloß hier nicht! Bloß hier nicht!« Seinen Leib- und Magenfluch abgerechnet, waren es nur drei Worte; aber das tiefe Entsetzen, das aus ihnen sprach, ließ deutlich erkennen, was in seinem Innern vorging. Auch nach einem Wundarzt hatte Hazlewood geschickt und riet, das verwundete Weib bis zur Ankunft desselben nach der nächsten Hütte zu schaffen; aber sie wehrte sich mit aller Kraft dagegen ... »In den Turm von Dernclengh bringt mich – in den Turm von Derncleugh! Nirgends wo anders als dort kann die Seele frei werden vom Leibe.« »Es wird am besten sein, ihr den Willen zu tun,« meinte Bertram! »wir müssen sonst befürchten, daß ihr verstörtes Gemüt das Wundfieber verschlimmert.« Man trug sie auf einer Weidenbahre in den Turm; auf dem Wege dorthin schien sie sich mehr mit den letzten Vorgängen als mit Gedanken an ihren nahen Tod zu beschäftigen ... »Drei Männer waren über ihm,« meinte sie; »und ich hatte doch nur zwei mit hergebracht, Wer war der dritte? Ist er etwa selbst zurückgekehrt, seine Rache zu stillen?« Offenbar hatte Hazlewoods unerwartetes Erscheinen tiefen Eindruck auf sie gemacht, da sie, auf den Tod verwundet, ihn nicht hatte erkennen können, und sie kam oft auf ihn zurück. Bertram war über das Zusammentreffen mit ihm nicht weniger verwundert, bis Hazlewood ihm erzählte, wie er der Zigeunerin und ihren beiden Begleitern durch Heide, Tal und Wald bis zur Höhe gefolgt und endlich dem Landmanne nachgekrochen sei und ihn in dem dunklen Gange am Beine festgehalten Hab?, Vor dem Turme angelangt, zog Meg Merrilies den Schlüssel aus der Rocktasche; als man sie aber auf einen Heuhaufen betten wollte, rief sie unruhig: »Nein, nein! so nicht, nicht mit dem Gesicht gen Abend! Zum Morgen hin! Zum Morgen hin!« Sie nahm die Schmerzen, die der Wechsel ihrer Lage verursachte, willig hin und wurde, als sie zur Sonne hin lag, zusehends ruhiger. Bertram fragte, ob kein Geistlicher in der Nähe sei, der unglücklichen Frau in ihrer letzten Stunde beizustehen. Dem Ortspfarrer, Hazlewoods einstigem Lehrer, war, wie anderen Leuten auch, die Kunde, daß Kennedys Mörder endlich vom Schicksale ereilt und daß ein Zigeunerweib von ihm auf den Tod bei seiner Festnahme verwundet worden sei, Zu Ohren gekommen. Neugierde und Pflichtgefühl hatten seine Schritte zum Turme von Derncleugh gelenkt, und gleichzeitig mit ihm fand sich der von Hazlewood zitierte Wundarzt ein, Meg Merrilies aber wies beide von sich ... »Menschenkunst kann mich nicht heilen noch retten,« lallte sie; »was noch gesagt werden muß, laßt mich sagen; dann sollt Ihr Euern Willen haben. Ich mag Euch nicht hinderlich sein – aber wo ist Harry Bertram?« Die Umstehenden, denen dieser Name so lange nicht mehr zu Ohren gekommen, sahen einander betroffen an. »Ja,« wiederholte sie, ihre rauhe Stimme verstärkend: »Harry Bertram von Ellangowan rufe ich ... Tretet mir aus dem Lichte, daß ich ihn sehen kann.« Aller Blicke richteten sich auf Bertram, der zu dem armseligen Lager trat, Meg Merrilies nahm ihn bei der Hand ... »Seht ihn an,« rief sie, »jeder, der seinen Vater oder Großvater gekannt hat, lege Zeugnis ab, daß er beider leibhaftes Ebenbild ist.« Die Aehnlichkeit sprang in die Augen, und durch die Reihen der Männer, die das Lager umstanden, lief dumpfes Gemurmel. »Und nun hört mich,« fuhr die Zigeunerin fort und wies mit der Hand auf den Schmuggler, der in einigem Abstande zwischen, seinen Wächtern saß – »mag Hatteraick leugnen, was ich nun sprechen werde, sofern er's leugnen kann. Der Mann, der dort vor euch steht, ist Harry Bertram, Godfrey Bertrams, weiland Herrn von Ellangowans leibhafter Sohn, der als Knabe durch Dirk Hatteraick im Walde von Warroch geraubt wurde, an dem Tage, da der Zöllner Kennedy durch diesen ermordet wurde. Ich war Zeuge beider Vorgänge, denn mich drängte es, noch einmal den Wald zu sehen, ehe wir die Gegend verließen. Ich rettete dem Knaben das Leben; ich bat und flehte, ihn mir zu lassen. Aber sie beharrten darauf, ihn mitzunehmen, und er ist lange, lange überm Meer gewesen. Nun aber kommt er zurück, sein väterliches Erbe zu fordern. Wer will etwas wider ihn? Ich habe geschworen, sein Geheimnis zu wahren, bis er sein einundzwanzigstes Jahr vollendet habe. Daß er sein Schicksal tragen müsse, bis der Tag gekommen, habe ich gewußt und habe meinen Schwur gehalten. Mir selbst aber habe ich einen andern Schwur getan: daß ich ihn, wenn ich den Tag seiner Rückkehr erlebte, in sein väterliches Erbe wieder einsetzen wolle, sollte auch jeder Schritt über eine Leiche gehen! Auch den Schwur habe ich gehalten. Ein Schritt wird über meine eigene Leiche führen – ein anderer Schritt,« schloß sie, auf Hatteraick weisend – »über jenes Mannes Leiche – und auch ein dritter noch wird sein Leben nach uns lassen müssen.« Hier schwieg sie. Der Geistliche meinte, es sei bedauerlich, daß ihre Aussage nicht in rechtlicher Form zu Papier gebracht werden könnte; dem Wundarzt erschien es notwendiger, die Wunden der Frau zu untersuchen, statt sie durch ein Verhör zu erschöpfen. Als der Schleichhändler hinausgeführt werden sollte, damit der Wundarzt in seinen Verrichtungen nicht gestört werde, richtete Meg Merrilies sich in die Höhe und richtete die laute Frage an ihn: »Dirk Hatteraick, erst vor Gottes Richterstuhl sehen wir uns wieder. Wollt Ihr bekennen, was ich Euch gesagt?« Der Schmuggler sah sie mit frecher Stirn an; aus seinen Blicken sprach unbeugsamer Trotz. »Dir! Hatteraick, Blut klebt an Euren Händen, wagt Ihr's, ein Wort von dem zu leugnen, was mein sterbender Mund gesprochen?« Noch immer sah er sie frech und verstockt an, und noch immer fand sich kein Wort über seine wildarbeitenden Lippen. »Lebt Wohl denn, und vergeb Euch Gott!« sprach die Zigeunerin, das Wort zum drittenmal an ihn richtend, »Eure Hand hat durch Blut mein Zeugnis besiegelt, Unter Menschen galt ich nie anders denn als wahnsinniges Zigeunerweib, das man auspeitschen, brandmarken, des Landes verweisen lieh – das sich von Haus zu Haus betteln mußte, das von Kirchspiel zu Kirchspiel gehetzt wurde, wie ein verlaufener Köter ... Wer hätte da wohl auf mein Wort gehört? Jetzt aber bin ich Mensch wie sie, denn ich liege im Sterben; jetzt werden meine Worte nicht tot auf die Erde fallen, die bald mein Blut tränken wird.« Sie hielt inne. Alle verließen die Höhle, bis auf den Wundarzt und zwei bis drei Frauen. Seine Untersuchung währte nur kurze Zeit. Er gab alle Hoffnung auf und räumte seinen Platz dem Geistlichen. Der Gerichtsfron hielt, um Hatteraick wegzuführen, einen Wagen an, der leer nach Kippletringan unterwegs war. Als der Kutscher horte; was in Derneleugh vorgegangen, übergab er einem Burschen seine beiden Pferde und rannte zum Turme hin und drängte sich durch das Landvolk, das sich inzwischen angesammelt hatte, den wiedergefundenen Sohn des verstorbenen Grundherrn zu sehen. Kaum hatte er den Blick auf Bertram geworfen, so rief er feierlich: »Fürwahr! das ist Ellangowan, vom Tode auferstanden!« Diese spontane Erklärung eines einwandfreien Zeugen setzte, wie ein Funke, die Gemüter der vor der Hohle gruppierten Menschen in Flammen. »Hoch Bertram,« erklang es von allen Seiten – »lang lebe Ellangowan! Möge Gott ihn in sein Erbe einsetzen, daß er uns ein gütiger Herr sei, wie es all seine Vorfahren waren!« »Hört ihr's? Hort ihr's?« rief, aus der die nahe Auflösung kündenden Betäubung wild emporfahrend, die Zigeunerin, der der Geistliche vergeblich Gebete vorsagte – »hört ihr's? Alle kennen ihn wieder, – O, nur so lange hat mein Leben reichen sollen – ich bin ein sündiges Weib ... was aber mein Fluch über ihn brachte, das hat mein Segen von ihm wieder genommen. O, daß mir noch andere Worte vergönnt gewesen wären! Doch kann's nicht sein und soll's nicht sein. – Aber halt!« fuhr sie fort, ihr Gesicht zu dem Lichtschimmer hin wendend, der durch die enge Mauerspalte fiel: »Steht er nicht dort? Geht mir aus dem Wege, daß ich ihn noch einmal sehe . ... Ueber meine Augen legt sich die Finsternis« – starr schaute sie in das Dämmerlicht – dann sank sie zurück, und nur undeutliches Lallen fand noch den Weg über ihre Lippen. – »Alles ist aus! Alles!« schien sie sagen zu wollen – »Odem muß gehn, Tod, laß Dich sehn!« Mit diesem letzten Wunsche verschied sie ohne einen Seufzer, Pfarrer und Wundarzt brachten die Aussage der Frau zu Papier, in der festen Ueberzeugung von ihrer Wahrhaftigkeit, doch mit dem Bedauern, daß man sie nicht schärfer verhört hatte. Hazlewood war der erste, der dem Erben von Ellangowan zu der erfreulichen Aussicht gratulierte, die sich ihm eröffnete. Der Kutscher erzählte nun von dem Renkontre, das der junge Laird mit Bertram gehabt, und von dem unglücklichen Zufall mit dem Schusse, und nun gedachten die Anwesenden auch Hazlewoods mit ehrenden Zurufen. Hatteraicks starrer Sinn schien während der letzten Auftritte doch zu weichen. Wenigstens ließ sich wahrnehmen, daß er die Augen niederschlug und mit den gefesselten Händen den Hut tiefer ins Gesicht hineinzuziehen suchte, ja sogar unruhig nach der Straße hinblickte, als ob er sich vor dem Wagen gefürchtet hätte, der ihn wegführen sollte. Hazlewood bangte es davor, daß sich die Volkswut gegen den Gefangenen richten möchte; er ließ ihn nun nach Kippletringan abführen, während er Mae Morlan durch einen besonderen Boten von den Vorgängen des Tages unterrichten ließ ... »Es würde mir recht lieb sein,« sagte er schließlich zu Bertram, »wenn Sie mich nach Hause begleiteten. – Da ich aber wohl annehmen darf, daß es Ihnen heute weniger recht sein möchte als hoffentlich in ein paar Tagen, so bleibt mir nur übrig, Sie nach Woodbourne zu begleiten. Aber Sie sind nicht beritten –« Ein halbes Dutzend Stimmen auf einmal wurden unter den Landleuten laut, um dem jungen Laird ein Pferd anzubieten, und einer suchte dem andern die Gunst streitig Zu machen. Während das Pferd, zu dem sich Bertram entschlossen hatte, weil es von ihm hieß, es laufe fünf Meilen in einer Stunde, ohne daß man ihm die Peitsche oder den Sporn zu geben brauche, gesattelt und gezäumt wurde, begab sich Bertram mit dem Geistlichen in den Turm. Dort heftete er minutenlang schweigend den Blick auf den Leichnam. Der Tod hatte die Züge der Zigeunerin noch verschärft: noch immer aber verrieten sie den ernsten, kräftigen Geist, durch den sie die rohe Horde beherrscht hatte, unter der sie gelebt hatte, – Dann bat er den Geistlichen, für ein anständiges Begräbnis zu sorgen, mit dem Bemerken, daß er noch Geld in Händen hätte, das der Verstorbenen gehöre, und daß er also für die Kosten unter allen Umständen eintrete. Jetzt rief Dinmont, der von einem Bekannten ein Pferd geliehen, daß alles bereit sei. Bertram und Hazlewood legten dem auf etliche hundert Köpfe angewachsenen Landvolk ans Herz, durch unbedachtsamen Eifer dem jungen Laird, wie sie ihn nannten, nicht etwa zum Schaden zu sein, und verabschiedeten sich dann herzlich von der ihnen von neuem zujubelnden Menge. Ein schneller Ritt brachte sie nach Woodbourne, wohin die große Neuigkeit ihnen vorausgeeilt war, und von allen Insassen der Gutsherrschaft wurde Bertram mit Heilrufen bewillkommt.. »Den treuen Freunden hier,« sprach er zu der ihm zuerst von allen zufliegenden Schwester, »hast Du es zu danken, daß Du mich wiedersiehst.« Während Julie Manning einen Blick von ihm zu erhaschen suchte, dankte Lucy unter holdem Erröten dem Geliebten durch ein Nicken, und dem wackern Dinmont durch einen Händedruck. Dinmont nahm sich im Uebermaß seiner Freude die Freiheit, dem Mädchen durch einen Kuß seinen Tank abzustatten, wich aber im andern Augenblick wie ein betrippter Pudel ein halbes Dutzend Schritte zurück und stotterte, schier außer sich vor Schreck: »Um Jesu Christi willen, liebes Fräulein, nehmen Sie es mir nicht übel! Hab ich doch, weiß Gott im Himmel, gedacht, eins von meinen Kindern vor mir zu haben. Ueber der Liebe und Leutseligkeit unsers Rittmeisters lernt man wahrhaftig vergessen, wer man ist.« »Oho! wenn hier mit solcher Münze die Sporteln bezahlt werden –« rief der Anwalt, der gerade hinzutrat, mit lustigem Lachen. »Gemach, gemach, Herr Pleydell,« fiel ihm Julie ins Wort, »Sie haben sich für Ihre Gebühren den üblichen Vorschuß zahlen lassen – Sie wissen doch – gestern abend?« »Zu einem einmaligen Vorschuß bekenne ich mich,« erwiderte der alte Herr, »aber ich werde doppelte Gebühren zu kassieren haben, von Ihnen und von Fräulein Lucy, wenn ich morgen Hatteraick verhört habe – und kirre will ich den Patron schon machen! Darum keine Sorge! Sie sollen's erleben, Oberst, und die spröden jungen Damen auch – zum wenigsten hören sollen's die beiden, wenn sie's nicht sehen mögen.« »Vorausgesetzt, daß wir es hören wollen,« bemerkte Julie. »Wollen wir wetten, daß Ihnen die Neugierde schon Lust machen wird, einen kleinen Appell an Ihre Ohren zu richten?« fragte neckisch der Anwalt. »Im Verkehr mit so naschhaften Herren, wie Ihnen, wird es nichts schaden, sich ein bißchen Fingerfertigkeit anzueignen,« meinte Julie mit Lachen. »Die ist am besten Platze am Klavier, mein schönes Fräulein,« erwiderte Pleydell, scherzhaft die Hand gegen sie schwenkend – »dort schadet sie zum wenigsten nicht.« Die Tür ging auf, und Oberst Mannering führte Mac Morlan, den Untersheriff, herein, um ihn seinem Gaste vorzustellen. »Sie haben meiner Schwester Ihr Haus geöffnet,« rief Bertram bewegt und schloß ihn in die Arme, »als sie sich von Verwandten und Freunden verlassen sah.« Da aber drängte sich Sampson vor, versuchte zu lachen, brachte es aber nur zu einer Art von Geknurr, versuchte zu Pfeifen, was ihm aber noch weniger gelang, und rannte schließlich hinaus, um sich unbehelligt von andern auszuweinen. Einundzwanzigstes Kapitel. Am andern Morgen war alles auf den Beinen nach Kippletringan, dem Verhöre des Schleichhändlers beizuwohnen. Anwalt Pleydell wurde zufolge seiner Vertrautheit mit dem Falle, nicht minder auch wegen seiner hervorragenden juristischen Tüchtigkeit und Kenntnisse, mit dem Vorsitz bei der Verhandlung betraut. Bevor er sie eröffnete, ließ er noch einmal die Zeugen vortreten und brachte nach ihrem Verhör die vom Pfarrer und Wundarzt zu Papier gebrachten letztwilligen Aussagen der Zigeunerin Meg Merrilies zur Verlesung. Dieselbe hatte, wie beide Amtsträger bestimmt behaupteten, sich als Augenzeugin von Kennedys Ermordung bekannt und Hatteraick und zwei andere Schleichhändler des Mordes beziehentlich der Teilnahme bezichtigt: ihren Neffen Gabriel, mit Vatersnamen Faa, und einen, über den sie weiteres auszusagen durch ihre Schwäche verhindert worden war. Nun wurde Dirk Hatteraick gefesselt in das Verhandlungszimmer geführt. Auf alle an ihn gestellten Fragen nach Namen, Herkunft, Stand, und so weiter, verweigerte er die Antwort, Pleydell putzte sich die Brille, flüsterte Mannering zu, daß er noch kaum solch hartgesottenen Sünder in der Schere gehabt habe, ihm aber die Hölle heiß machen wolle – und ließ den Schuhmacher zitieren, der bei der ersten Feststellung des Tatbestandes die Fußstapfen im Walde gemessen hatte; nun ergab sich, daß das eine der notierten Maße mit den Schuhen des Schmugglers Brown, die im Derncleugher Turme damals gesunden worden waren, das andere aber mit dem Fuße des Delinquenten haarscharf übereinstimmte. Dieses unvermutete Beweismoment brachte Hatteraick um alle Besonnenheit ... »Alle Hagel!« rief er, »wie hat man denn Fußstapfen sehen wollen? Der Boden war doch an dem Tage hart gefroren wie Stein!« »Am Abend wohl, Hatteraick,« bemerkte Pleydell, »nicht aber Vormittags – und wo wart Ihr denn an dem Tage, auf dessen Wetter Ihr Euch so genau besinnt?« Hatteraick merkte sofort, wie sehr er sich durch seine Unbedachtsamkeit geschadet hatte, und verlegte sich wieder auf hartnäckiges Schweigen. Da ging plötzlich die Tür auf und zu aller Ueberraschung und Staunen trat Glossin über die Schwelle, Durch ein Paar gute Freunde, deren er noch immer hatte, war ihm berichtet worden, daß Meg Merrilies in der vor ihrem Verscheiden gemachten Aussage von ihm mit keiner Silbe gesprochen habe, und so glaubte er außer Hatteraicks Zeugnis keines befürchten zu müssen – um aber dieses zu verhindern dadurch, daß er seinem Mitschuldigen Mut einflößte, hatte er sich entschlossen, der Verhandlung beizuwohnen, zumal er meinte, hierdurch von seinem guten Gewissen einen besonderen Beweis zu erstatten. Alle, Sir Robert Hazlewood nicht ausgeschlossen – dem inzwischen der Argwohn aufgestiegen war, von ihm irregeführt worden zu sein, – erwiderten seine Begrüßung kalt und förmlich. »Vielleicht komme ich nicht gelegen, meine Herren,« fragte Glossin. »Die Verhandlung ist doch öffentlich?« »Was mich angeht,« vernetzte Pleydell, »so bin ich noch nie in meinem Leben über unerwarteten Besuch so erfreut gewesen, wie heut über den Ihrigen – ganz »abgesehen davon, daß sich vielleicht noch Ursache gefunden hätte, Sie um denselben zu bitten.« »Nun denn, meine Herren,« nahm Glossin wieder das Wort, indem er sich zu den andern Herren setzte und mit der Hand nach den auf dem Tische liegenden Akten griff – »wie weit sind wir? Bei welchem Punkt der Verhandlung stehen wir?« »Geben Sie mir alle meine Papiere her,« befahl Pleydell seinem Schreiber, »ich habe eine eigne Weise, meine Alten zu ordnen, Herr Glossin, und sehe es nicht gern, wenn andere dazwischen geraten. Aber es wird sich, denke ich, schon Veranlassung bieten, Sie um Ihre Gegenwart zu bitten.« Glossin schielte nach Hatteraick hinüber, konnte aber in dem finstern Auge des Gefangenen nur Bosheit und Haß lesen. »Aber, meine Herren,« bemerkte er wieder, »ich finde es doch nicht in Ordnung, den armen Menschen in Eisen zu schließen; zunächst handelt es sich doch nur um sein Verhör?« Er beabsichtigte mit der Rede nur, sich bei Hatteraick in günstiges Licht zu setzen – Mac Morlan aber beschied ihn mit der trockenen Antwort: »Der Mann ist schon einmal entsprungen,« und Glossin mußte schweigen. Bertram wurde hereingeführt. Glossin war nicht wenig betroffen, als er wahrnahm, daß ihn sogar der Baronet ganz freundlich grüßte, Bertram erzählte, was ihm aus seiner Kinderzeit noch erinnerlich, schlicht und ruhig, so daß niemand ein Zweifel an seiner Wahrhaftigkeit kam ... »Meine Herren,« nahm Glossin das Wort, von seinem Platze aufstehend, »dies sieht allem andern ähnlicher als einer Kriminal-Untersuchung; Sie wissen aber, von welchem Belang es für mich sein kann, wenn sich die Reden dieses jungen Menschen von seinen vermeintlichen Verwandtschaftsverhältnissen vertiefen, und werden mir darum wohl nicht verübeln, wenn ich vorziehe, mich zu entfernen.« »Nicht doch,« erwiderte Pleydell, »davon kann keine Rede sein, denn wir können Sie jetzt nicht missen. Weshalb betonen Sie das Vermeintliche der Ansprüche dieses jungen Mannes? Es sei mir ferne, Ihre Einreden gegen denselben erforschen zu wollen, wenn Sie zu solchen Veranlassung haben, aber –« »Die Sache ist mit wenig Worten erklärt,« antwortete Glossin; »dieser junge Mensch, nach meinem Glauben und Wissen ein natürlicher Sohn des verstorbenen Ellangowan, hat sich ein paar Wochen in unserer Gegend unter allerhand Namen umhergetrieben, hat mit einem verrufenen irrsinnigen Weibe sein Techtelmechtel gehabt und unser Landvolk durch Kesselflicker, Zigeuner und ähnliches Gesindel gegen uns Gutsherren aufgewiegelt.« »Ich muß Ihnen abermals ins Wort fallen,« bemerkte Pleydell, »wer ist der junge Mann nach Ihrem Glauben und Wissen, wie Sie sagen?« »Ein unehelicher Sohn des verstorbenen Ellangowan, – was wohl auch der Mann dort,« – dabei wies Glossin auf Hatteraick – »wissen dürfte – seine Mutter war eine Dirne vom Lande, Janet Lightoheel mit Namen, die später einen Schiffbauer Hewit in der Allaner-Gegend geheiratet hat. Er heißt mit seinem rechten Namen Godfreh Bertram Hewit und ist unter diesem Namen auf den königlichen Zollkutter Carolina gebracht worden.« »So, so,« meinte Pleydell, »gar nicht so unwahrscheinlich, was Sie uns da zum besten geben – bloß stimmt's nicht ganz mit dem Aussehen – Augen, Gesichtsfarbe und so weiter variieren – tretet 'mal näher, junger Freund! ... Na, da ist unser Seemann, besagter Hewit, Godfrey Bertram Hewit, Steuermann auf einem Westindienfahrer, und gestern abends via Liverpool von Antigua gekommen, im übrigen auf dem besten Wege, gut durch die Welt zu kommen, wenn auch sein Debüt nicht so ganz der allgemeinen Regel entsprochen hat.« Während die übrigen Gerichtsbeisitzer sich mit dem jungen Steuermann in ein Gespräch einließen, zog Pleydell zwischen seinen Akten Hatteraicks Brieftasche hervor. Da fing er einen Blick des Schmugglers auf, der ihn auf den Gedanken brachte, daß es mit der Brieftasche eine besondere Bewandtnis haben möchte, und er untersuchte sie, fand aber erst nach geraumer Zeit zwischen Pappe und Leder einen Schlitz, in welchem sich drei schmale Papiere befanden. Nachdem er sie angesehen, stellte er Glossin die Frage, ob er sich bei der Suche nach der Leiche Kennedys und nach dem Verbleib des kleinen Bertram befunden habe. »Nein,« versetzte Glossin, dem aber im Nu das Gewissen schlug – »das heißt – ich –« »Als ein so guter Bekannter der Familie Ellangowan hätten Sie doch vernommen werden müssen,« sagte Pleydell, – »meines Wissens ist das nicht der Fall gewesen – wie erklären Sie das? Gemeldet haben Sie sich nicht – das weiß ich bestimmt, denn ich habe ja die Untersuchung geführt!« »Ich mußte am Tage nach dem unglücklichen Ereignis in Geschäften nach London reisen.« »Wohl um die drei Wechsel hier an den Mann zu bringen?« fragte Pleydell, »die Sie auf Vanbeest und Vanbrüggen gezogen hatten, und die den Annahmevermerk eines gewissen Dirk Hatteraick trugen, zudem am Tage des Mordes ausgestellt worden waren?« ... Glossin war nahe daran, die Fassung zu verlieren ... »Viel Aussicht, daß Ihnen das Geschäft glücken werde, war freilich nicht vorhanden; daß die Wechsel aber eingelöst wurden, geht aus diesen Papieren hervor, in denen uns ein gewisser Gabriel Faa meldet, wie Sie sich in diesem besonder« Falle benommen oder zu benehmen für geraten erachtet haben – können Sie uns darüber naher unterrichten?« »Herr Pleydell,« versetzte Glossin, schnell gefaßt, »wären Sie im vorliegenden Falle mein Anwalt, so dürften Sie mir vermutlich den guten Rat geben, auf eine Anschuldigung, die ein gemeines Subjekt durch einen Meineid erhärten zu wollen scheint, nicht ohne weiteres zu reagieren.« »Mein Rat würde sich nach der Ansicht richten, die ich mir über Ihre Schuld oder Nichtschuld gebildet habe. Im vorliegenden Falle dürfte es wohl jedem als das geratenste erscheinen, Sie in Haft zu nehmen!« »In Haft!« wiederholte Glossin, »und auf welchen Verdacht hin? Doch nicht am Ende gar als Mordes verdächtig?« »Nein, Glossin,« versetzte Pleydell, »aber verdächtig als Anstifter von Kinderraub!« »Das läßt Haftentlassung gegen Sicherstellung zu,« meinte Glossin. »Bitte recht sehr,« versetzte Pleydell, »Kinderraub ist ein plagium – ein Kapitalverbrechen – und bedingt strenge Haft.« Er gab dem nächsten Fron einen Wink, worauf Glossin abgeführt wurde. Nun wurde zum Verhöre des Zigeuners Gabriel Faa geschritten, der von dem Schiffe, auf dem er deportiert werden sollte, entwichen war und sich an dem verhängnisvollen Tage unter den Schleichhändlern befunden hatte. Nach seiner Aussage hatte Hatteraick Feuer im Schiffe angelegt, als es zu sinken drohte, und war unter Wahrnehmung der dadurch entstandenen Verwirrung mit seiner Mannschaft und allem rettbaren Gute entflohen ... In der Höhle hatten sie Zuflucht gesucht. Hatteraick, Vanbeest Brown und drei andere, darunter Gabriel, hatten sich zur Beratung mit ein paar Bekannten aus der Gegend in den nahen Wald begeben. Hier waren sie unvermutet auf Kennedy gestoßen, den Hatteraick und Brown als den Urheber des über sie hereingebrochenen Mißgeschicks zu ermorden beschlossen. Nach Vollbringung der blutigen Tat waren sie alle auf verschiedenen Wegen nach der Höhle zurückgekehrt. Hatteraick hatte dort erzählt. wie er dem Ermordeten einen Felsblock nachgestürzt hätte; da war Glossin unter ihnen erschienen und ließ sich sein Stillschweigen teuer bezahlen. Ueber Vertrams Schicksal konnte Gabriel bis Zu seiner Verschiffung nach Indien Auskunft geben. Von da ab hatte er ihn jedoch aus dem Gesichte verloren und ihn erst im Liddes-Tale wiedergesehen. Er hatte es sogleich seiner Muhme, der Meg Merrilies, erzählt, daß er Bertram gesehen, sie hatte ihm aber streng verboten, hiervon Hatteraick Mitteilung zu machen, der Zur selben Zeit an der schottischen Küste gelandet war; kurz nachher hatte Meg Merrilies erklärt, dem jungen Ellangowan zu seinem Rechte helfen zu wollen, selbst wenn sie Dirk Hatteraick dadurch bloßstellen müsse. Auf ihr Geheiß sei Bertram bei dem Sturm auf das Zollhaus durch ihn befreit worden. Zuletzt berichtete der Zigeuner, die Meg Merrilies hätte immer gefügt, Bertram trüge etwas um den Hals, das über seine Herkunft klaren Ausweis gebe, einen Talisman, den ein Oxforder Studiosus für ihn gemacht habe, und den er wohl noch bei sich tragen werde, wenigstens hätte sie den Schleichhändlern vorgeredet, daß das Schiff dem Untergange geweiht wäre, wenn dem Kinde der Talisman genommen würde. Bertram brachte ein kleines Beutelchen von Sammet zum Vorschein, das er, wie er sagte, seit seiner Kindheit um den Hals getragen und anfangs aus Aberglauben, späterhin aber in der Hoffnung, daß es ihm einmal zur Ermittlung seiner Herkunft dienen werde, aufbewahrt habe; und als das Beutelchen nun geöffnet wurde, fand sich darinnen in einer blauseidenen Hülle das Horoskop, das Mannering sofort wiedererkannte. Nun erzählte er, wie er bei dem ersten Besuche, den er in Ellangowan abgestattet hatte, dazu gekommen war, den Sterndeuter zu spielen. Aus Rücksicht auf seinen Stand und Bildungsgrad war unterlassen worden, Glossin Fesseln anzulegen. Mac Guffog, der nach der Zerstörung des Zuchthauses in Portanferry nach Kippletringan versetzt wurden war, wies ihm eine der besseren Zellen an. Als er dort allein mit sich war und seine Lage überdachte, konnte er sich nicht verhehlen, daß es um seine Sache höchst gefährlich stand, und sobald Mac Guffog wieder in seine Zelle trat, sprach er ihm die Bitte aus, ihm zu einer Zusammenkunft mit Hatteraick zu verhelfen, Mae Guffog sprach von ausdrücklichem Befehle, die beiden Arrestanten in strenger Sonderhaft zu halten, aber ein paar Goldstücke schafften seine Bedenken aus dem Wege, und er erklärte sich bereit, Glossin zur Schließzeit in Hatteraicks Kerker einzulassen, wo er aber dann bis zum Tagesanbruch aushalten müßte. Um zehn Uhr fand sich Mac Guffog auch mit einer kleinen Blendlaterne ein. Glossin mußte die Schuhe ausziehen; dann ging es, nachdem Mac Guffog die Zellentür mit recht viel Lärm zugeschlagen und geschlossen hatte, eine steile Treppe hinauf zur Armensünderzelle. Hier hinein schob ihn Mac Guffog, um die Tür wiederum geräuschvoll hinter ihm zu schließen. In dem finstern Raume, beim matten Schimmer seiner Laterne, sah Glossin zuerst so gut wie nichts, bis er den Blick auf die Pritsche richtete, auf der Dirk Hatteraick lag. Er rief ihn an, und der Delinquent fuhr empor, mit seinen Ketten rasselnd ... »Alle Hagel!« schrie er; »wird mein Traum denn wahr? Hinweg, hinweg! Laßt mich allein! Es ist am besten für Euch!« »Aber, alter Freund,« sagte Glossin, »macht Euch die Aussicht auf eine kurze Haft denn völlig mürbe?« »Ja, denn mich macht bloß ein Strick noch frei! Hinweg, sage ich – und bringt mir das Licht aus dem Gesichte!« »Aber, Dirk, seid doch ohne Furcht! Mir ist ein feiner Plan eingefallen, alles wieder ins Lot zu bringen.« »Hol Euch der Teufel mit samt Euren Plänen! Ihr habt mich um Schiff, Ladung und Leben gebracht – und eben hat mir geträumt, Meg Merrilies schleppte Euch bei den Haaren herbei und reichte mir ein langes Messer – seid gescheit und versetzt mich nicht in Versuchung!« »Hatteraick, steht auf und laßt uns zusammen reden!« »Ich mag nicht. Ihr seid an all meinem Unglück schuld. Ihr wolltet der Meg den Jungen nicht lassen. Sie hätte ihn wiedergebracht, wenn er alles vergessen hätte.« »Hatteraick, Ihr faselt ja!« »Ha! und Portanferry? hat uns der Streich dort nicht alles gekostet? habt Ihr mich dazu angestiftet aus andrer Ursache als Eurem Vorteil?« »Aber Euer Hab und Gut –« »Der Teufel soll's fressen! Wir hätten was andres gewinnen können. Aber Schiff und Mannschaft zu verlieren und sein eignes Leben gefährdet zu sehen um eines elenden Schuftes willen, der immer mit andrer Leute Händen seine Tasche füllt und sich weißbrennt – kein Wort mehr, sage ich – Ihr habt's mit einem Kerl zu tun, der –« »Bloß ein Wort, ein einziges, Hatteraick!« »Alle Hagel! Kein Wort mehrt! Keine Silbe mehr!« »So steht wenigstens auf, Ihr Dickhäuter!« rief Glossin, die Fassung verlierend, und stieß den Schmuggler mit dem Fuße, der rasend vor Wut aufsprang und ihn mit den Ketten umschlang – »wenn Ihr's nun einmal nicht besser haben wollt!« Es kam zu einem wilden Ringen, in welchem Glossin schließlich unterlag und mit dem Genick auf das eiserne Geländer schlug. Die Zelle unter der Armsünderzelle war nun leer – es war Glossins Zelle – aber die Insassen der Nachbarzellen hatten den schweren Fall und dann Stöhnen vernommen ... doch gewöhnt an dergleichen Schreckenstöne, machten sie keinerlei Lärm. Früh bei Tagesanbruch kam Mac Guffog herein und rief leise Glossin bei Namen. »Lauter!« versetzte Hatteraick höhnisch, »lauter!« »So kommt doch bloß heraus, Glossin!« »Ohne Eure Hilfe wird's kaum gehen,« sagte Hatteraick wieder. »Was sind das für Reden, Mac Guffog?« rief der Inspektor von unten her. Nochmals mahnte Mac Guffog zur Eile, aber schon kam der Inspektor mit Licht. Mit Entsetzen sah nun Mac Guffog Glossins Leiche an dem Geländer hängen, der Hals war ihr umgedreht; und nicht weit von ihr lag Dirk Hatteraick auf seiner Streu. Neben der Leiche stand die kleine Laterne mit eingeschlagenen Scheiben. Mac Morlan wurde gerufen. Er befand sich in der Stadt, ließ aber nicht lange warten. »Wer hat Glossin hierher gebracht?« fragte er den Schmuggler. »Der Teufel,« versetzte dieser. »Und was habt Ihr ihm angetan?« »In die Hölle vorausgeschickt hab ich ihn.« Zweiundzwanzigstes Kapitel. Da Glossin ohne Leibeserben starb und auch den Kaufschilling noch nicht vollständig erlegt hatte, sollte die Herrschaft Ellangowan neuerdings im Interesse von Godfrey Bertrams Gläubigern zum Zwangsverkaufe gebracht werden, trotzdem keine geringe Anzahl derselben leer hätte ausgehen müssen, falls Harry Bertram als Fideikommiß-Erbe aufgetreten wäre. Dieser erachtete es für das klügste, die Verwaltung seiner Interessen in die Hände von Pleydell und Mac Morlan zu legen, mit dem ausdrücklichen Bedingnis indessen, daß sämtliche nachweisbaren Schulden, außer den gerichtlich anerkannten, auf Heller und Pfennig bereinigt werden sollten, auch in dem Falle, wenn er wieder nach Ostindien abkommandiert werden sollte. Oberst Mannering drückte ihm, als er diese ritterliche Erklärung vernahm, auf das herzlichste die Hand, und von da ab herrschte zwischen den beiden Männern das vollkommenste Einverständnis. Was ihm an Bargeld aus dem Nachlasse von Jungfrau Margarethe zufiel, war, mit Hinzunahme der freiwilligen Unterstützung des Obersten, für den jungen Erben ausreichend, die bereits eingeklagten Schulden zu tilgen. Seinem Rechtsfreunde Pleydell gelang es, in den von Glossin aufgestellten Rechnungen mancherlei Posten zu entdecken, die weit über den normalen Anspruch hinausgingen, und deren Reduktion die eigentliche Schuldsumme beträchtlich herabsetzte, so daß die Hauptschuldiger schließlich gern darein willigten, Bertram in seinem Erbrecht anzuerkennen und ihm in der Uebernahme der Standesherrschaft keinerlei Schwierigkeiten zu bereiten, Bertram siedelte als junger Laird von Woodbourne nach Ellangowan über und nahm in Gegenwart all seiner Freunde, und freudig begrüßt von seinen Pächtern und allem Landvolke, Besitz von dem alten Stammschlosse. Dem Obersten Mannering lag die Durchführung der Umbauten, mit denen er sich zurzeit, da er sich mit dem Gedanken getragen, Ellangowan durch Kauf in seinen Besitz zu bringen, befaßt hatte, so sehr am Herzen, daß er mit seiner Tochter selbst seinen Wohnsitz in das alte Schloß verlegte, ungeachtet mancher Bequemlichkeit, auf die er dabei verzichten mußte. Ganz aus dem Häuschen vor Freude war Sampson, der alte Magister und Freund der Familie. Drei Stufen auf einmal nahm er die Treppe hinauf, um das ärmliche Stübchen unter dem Dache wiederzusehen, worin er so lange gehaust hatte, und das ihm auch in seiner besseren Wohnung in Woodbourne nie aus dem Gedächtnisse geschwunden war. Da kam ihm aber plötzlich ein herber Gedanke: die Bücher! und der drängte sich ihm schwer aufs Herz. Wo sollte er sie hier in diesem engen Raume lassen? Nicht einmal drei Stuben wären in Ellangowan ausreichend gewesen, all die Schätze zu fassen, die ihm der Oberst in Verwaltung gegeben! Ein Glück für den Armen, daß er gleich darauf zu dem Obersten gerufen wurde, um zusammen mit ihm über den Plan zu einem neuen großen Herrschaftshause zu beraten, das unfern von dem dermaligen Schloßgebäude in einem den beiden alten geschichtlichen Türmen angemessenen Stile erbaut werden sollte. In diesem Plane war eine besondere Zimmerflucht vorgesehen, die die Aufschrift »Bibliothek« zeigte und an die sich ein Wohnzimmer mit Kabinett schloß, über welchem die Zeile prangte: »Herrn Sampsons Gemächer.« Da schlug der gelehrte Magister die Hände über dem Kopfe zusammen; aber die Freude, die ihn darob erfaßte, machte sich nur in dem Leib- und Magen-Ausrufe Luft: »Komisch! komisch! komisch!« Der biedere Rechtsanwalt Pleydell hatte sich von seinen Freunden auf einige Zeit verabschiedet, zum Weihnachtsfeste aber fand er sich, dem gegebenen Versprechen gemäß, in Ellangowan wieder ein, wo er jedoch niemand außer dem mit seinen Bauplänen und allerhand Entwürfen zu Parkanlagen, in denen er Meister war, eifrig befaßten Obersten antraf. »Ei, und wo befinden sich denn unsere schönen Damen?« fragte er, als die ersten Begrüßungsworte ausgetauscht waren, den Freund; »und wo steckt denn die holde Julie?« »Nicht weit,« antwortete Mannering, »nur gerade auf einem Spaziergange begriffen mit dem jungen Herrn Hazlewood, dem jungen Laird und dessen Freunde und Kameraden Delaserre, der seit ein paar Tagen als Gast bei uns weilt. Wir sind nämlich willens, in Derncleugh die Hütte neu aufzubauen, die der alten Merrilies als Obdach gedient hat, und die fortan nach ihr benannt, werden soll.« »Und unser gemeinsamer Freund aus dem Liddes-Tale?« fragte Pleydell. »Der ist schon lange in seinen Bergen,« erwiderte Mannering, »hat aber meiner Tochter fest versprochen, uns im Laufe des Sommers wieder zu besuchen und auch seine Frau mitzubringen, vielleicht auch seine Kinder; wieviel das sein werden, darüber hat er sich freilich nicht geäußert.« »O, die kleinen Blondköpfe! Na, da muß ich mich auch einfinden, denn ohne Versteckens und Blindekuh können die ja doch schwerlich sein, und dazu bin ich doch ohne Frage der beste Partner ... Aber was seh ich da? Baupläne? mit Turm in der Mitte? ganz nach dem Muster des Caernarvoner Adlerturms? und auch mit Corps de logis-Flügeln? Oho! der Neubau wird ja ganz Ellangowan auf seinen Buckel laden und mit ihm auf und davon fliegen.« »Nun, dann wird uns wohl nichts anders übrig bleiben als ein paar gutgespickte Beutel als Ballast hineinzuwerfen!« »Ei, ei! Aus dem Quartier pfeift der Wind?« rief mit schelmischem Lachen der Anwalt, »dann muß man wohl gar damit rechnen, daß mir der flotte Bursch die holde Julie vor der Nase wegfischt?« »Das wird freilich der Fall sein, mein werter Herr Pleydell!« erwiderte der Oberst. »Diese post nat i Schelme laufen uns Schlemihls aus der alten Schule leider immer den Rang ab,« antwortete Pleydell lachend, »aber vielleicht bleibt mir wenigstens die Lucy sicher?« »Ich fürchte stark, Pleydell,« sagte Mannering, »auch nach dieser Seite hin dürften Sie mit einem kleinen Schiffbruch zu rechnen haben!« »Was Sie sagen!« »Sir Robert Hazlewood war bei unserm Harry Bertram, heute vor ein paar Tagen, um seine Meinung über ein paar Fälle auszusprechen ...« »Ach, bitte, Oberst, ersparen Sie mir die nähere Kenntnis von Phrasen aus dem Munde dieses würdigen Herrn!« »Nun, so will ich mich so kurz fassen wie möglich,« erwiderte Mannering, »er war der Meinung, es ließe sich vielleicht insofern über einen Ausgleich zwischen den beiden Landeigentümern sprechen, als Gut Singleside zwischen zwei von seinen Pachthöfen eingeschoben läge bei mehr als zwei Stunden Entfernung von Ellangowan ... Ihm wenigstens möchte ein Tausch, auch wohl ein Verkauf, oder sonst welche Abmachung genehm sein.« »Schön! Und was hat Bertram dazu für Meinung?« »Daß Singleside, gemäß der letztwilligen Verfügung seiner Schwester, der verblichenen Jungfer Margarethe, und nicht minder seinem Wunsche entsprechend, als Eigentum seiner Schwester zu gelten habe und sich zufolgedessen jeglicher Verfügung seinerseits entziehe.« »Solch ein Spitzbub!« rief Pleydell, sich ostentativ die Brille putzend, »nicht bloß die Liebste, auch das Herz muß er mir noch entziehen! – Et puis »?« fragte er lauernd. » Et puis ,« knüpfte Mannering an die Frage des Freundes an, »entfernte Sir Robert sich und nahm mit vielen verbindlichen Worten einstweiligen Abschied, fand sich aber in der letztverwichenen Woche wiederum ein, diesmal jedoch mit voller Heeresmacht, das heißt sechsspännig, in gestickter Scharlachweste und mit der besten Perücke auf dem Kopfe, kurz, von A bis Z als nobler Herr!« »Und in welcher Absicht?« »Nun, zuerst erging er sich in einer recht ausführlichen Schilderung von der Neigung, die im Herzen seines Sohnes Charles für Jungfrau Lucy Bertram wohne ...« »Ei, ei! Seit Gott Amor seine Residenz auf den Zinnen von Singleside aufgeschlagen, ist's ihm also geglückt, die Aufmerksamkeit des alten Herrn auf sich zu lenken? Und bei dem alten Gecken und seiner Dame, dem Reisigen im Unterrock, soll das arme Ding, die Lucy, künftighin hausen?« »O, nicht doch! Wir gehen mit dem Gedanken um, das Ding anders einzurichten. Singleside soll künftighin als Ober-Hazlewood auf den Landkarten erscheinen und das junge Paar in seinen Räumen aufnehmen.« »Und Sie, lieber Oberst, gedenken hinfort in Woodbourne zu residieren?« »Wenigstens so lange, bis die Baupläne hier in die Praxis übertragen sein werden,« versetzte Mannering: »da, bitte, ist der Plan zu meinem Heim, und, wie Sie zugeben dürften, gar nicht so übel? Wenigstens wird es mir an Raum darin nicht fehlen, mich auszubrummen, wenn mich die Laune dazu befällt.« »Ei, und so dicht beim alten Schlosse? Da haben Sie wohl Absichten auf den Turm Donagilds, um sich wieder mit astrologischen Studien zu befassen?« fragte Pleydell schelmisch. »O nein, mein lieber Herr Juriskonsulent,« antwortete Mannering, »hier sagt der Astrolog Valet!« Schluß des Romans.