Moritz von Schwind Künstlers Erdewallen. Briefe von Moritz v. Schwind Inhalt         Vorwort I. Wanderjahre 2. April 1835 an Bauernfeld 23. April 1835 an Schaller 1. Juni 1835 an Schaller 24. Juli 1835 an Schaller 25. Juli 1835 an Bauernfeld 6. September 1835 an Schaller 20. Dezember 1835 an Schober 18. September 1836 an Schober Frühjahr 1840 an Bauernfeld II. Auf Vorposten 15. Februar 1842 an Therese v. Frech 4. April 1842 an Bauernfeld 29.Juli 1842 an Therese v. Frech 4. November 1842 an Schaller 25. Mai 1843 an Genelli 25. Mai 1843 an Therese v. Frech 20. August 1843 an Bauernfeld 29. Oktober 1843 an Genelli 15. Januar 1844 an Genelli 15. Januar 1844 an Genelli 29. Februar 1844 an Schaller 24. März 1844 an Kaulbach 24. März 1844 an Therese v. Frech 1. Juli 1844 an Genelli 4. November 1844 an Bauernfeld 12. Januar 1845 an Bauernfeld 17. März 1845 an Genelli 13. April 1845 an Bauernfeld 4. April 1845 an Rietschel 25. Juni 1845 an Hähnel 5. November 1846 an Schaller 26. Dezember 1846 an Schaller 13. Februar 1847 an Schaller 25. Februar 1847 an Bauernfeld III. Meisterjahre Pfingstsonntag 1847 an Schädel Juni 1848 an Thäter 9. Dezember 1848 an Thäter 11. August 1849 an Marianne v. Frech 24. November 1849 an Schädel 5. März 1850 an Schober 27. April 1850 an Schädel 27. März 1851 an Schädel 11. Januar 1852 an Schädel 26. April 1852 an Schober 12. Dezember 1852 an Schädel 19. Dezember 1852 an Bauernfeld 6. Februar 1853 an Schober 6. März 1853 an Bauernfeld 26. März 1853 an Schädel 27. Juli 1853 an Schober 2. April 1854 an Bauernfeld 11. Juni 1854 an Thäter 19. September 1854 an Bauernfeld 11. April 1855 an Schädel 24. August 1855 an Therese v. Frech 28. November 1856 an Schädel 2. Januar 1858 an Schädel 1. Juni 1859 an Hähnel 12. November 1860 an Bauernfeld IV. Heimkehr 5. Februar 1861 an Schädel 3. November 1862 an Schädel 8. November 1863 an Schädel 17. Dezember 1863 an Mörike 21. September 1864 an Mörike 2. November 1864 an Hähnel 16. Februar 1865 an Mörike 7. Januar 1866 an Mörike 6. März 1866 an Bauernfeld 30. April 1866 an Bauernfeld 14. Mai 1866 an Bauernfeld 28. Juni 1866 an Schädel Sommer 1866 an Ludwig Richter 9. Februar 1867 an Schädel 11. Juni 1867 an Mörike Sommer 1867 an Mörike 26. Dezember 1867 an Mörike 31. Januar 1868 an Mörike 12. Dezember 1868 an Bauernfeld 4. April 1869 an Bauernfeld 11. Mai 1869 an Mörike 11. Juni 1869 an Mörike 7. Dezember 1869 an Mörike 31. Januar 1870 an Mörike 15. April 1870 an Bauernfeld 3. Dezember 1870 an Mörike Vorwort Man freut sich der Bilder Moritz von Schwinds gemeinhin mit jener schönen Sorglosigkeit, mit der das Volk über den Liedern selbst die Namen der Dichter vergißt. Dies ist, nebenbei, ein gutes Zeichen für die Klarheit, die Selbstverständlichkeit jener Werke, ein Zeugnis für echte Kunst. Gleichwohl würde man sich durch eine genauere Kenntnis von Schwinds Lebensgang und Lebensart auch im Genusse seiner Bilder, die fast alle mit den Ereignissen und Stimmungen seines Lebens zusammenhängen, bereichern können. Wenig aber weiß man von der bedeutenden geistigen Persönlichkeit des Malers, von seiner eigentümlichen, lebhaften Menschlichkeit, am wenigsten – von ein paar Anekdoten abgesehen – von seiner köstlichen Art, sich zu äußern. Wohl wurden neben dem häufiger genannten als gekannten Briefwechsel mit Mörike, von J. Baechtold herausgegeben, ab und zu vereinzelte Briefe auch den weiteren Kreisen der Öffentlichkeit bekannt gemacht, aber sie boten nicht den völligen Begriff von der besonderen Meisterschaft, mit der Moritz von Schwind außer dem Pinsel und Zeichenstift auch die Schreibfeder geführt hat. Erst in ihrer Gesamtheit, in ihrem Zusammenhange, zeigen sie, daß es sich dabei um mehr als um gewöhnliche und gelegentliche Mitteilungen handelt, nämlich um die überaus feine und deutliche Spiegelung der Dinge und Menschen in einer ungewöhnlich befähigten und tätigen Individualität. Ihr sachlicher, sozusagen geschichtlicher Gehalt ist mindestens nicht gering zu schätzen, gemäß der bedeutenden Stellung, die Schwind in Mitten seiner Zeit und Zeitgenossen eingenommen hatte; ihr höchster Reiz und Wert aber beruht in ihrem persönlichen Charakter. Bei der Ordnung der verstreuten und entlegenen Briefe zeigte sich, daß der Maler nur von Zeit zu Zeit zur Feder griff, dann aber an einem einzigen Tage Dutzende von Seiten schrieb, mit sichtbar guter, mitunter auch übler Laune, in jedem Falle mit Laune. Das Bedürfnis, sich mitzuteilen, sich Luft zu machen, ist bei diesem leidenschaftlichen Menschen immer mächtig gewesen. »Mir ist so wohl, wenn ich Dir schreiben kann«, bekennt der Jüngling seinem Lebensfreunde Franz von Schober, und »nur verschluckten Ärger kann ich nicht vertragen«, schreibt noch der Greis an Eduard Mörike, den Freund seines Alters. Schwinds Briefe sind erfüllt von dem Behagen, mit dem – nach seiner eigenen Forderung – ein Brief geschrieben sein muß, wenn er sein Postgeld wert sein soll. Mitunter aber gewinnt »der Ingrimm ein Vorrecht,« dann mag man sich eines Wortes erinnern, das der Meister nach einer allzu derben, von Genelli abgelehnten Kritik der belgischen Schule an diesen gerichtet hat, nämlich: »daß, was ich so hinschreibe, nicht beurteilt werden muß wie ein abgeschlossenes, überlegtes Ding, wie es Urteilschreiber von Profession gewohnt sind, sondern als ein Wort des Augenblicks, an dem die Stimmung ebensoviel Anteil hat, als die Überlegung.« – Daß aber auch solche Äußerungen, selbst wenn sie von der Entwicklung der Dinge ins Unrecht gesetzt worden sind, wegen ihrer kulturhistorischen Perspektive interessant und wegen ihres Temperamentes erfreulich bleiben: dies versteht sich wohl von selbst. Schon im Kreise der Jugendfreunde stand Schwind als »der witzigste der Wiener« im Mittelpunkt und sein ganzes Leben lang entzückte er durch seine anregende, liebenswürdige Galligkeit. »Als ich im Jahre 1835 in München war,« erzählt Graf Raczynski in seiner Geschichte der neueren deutschen Kunst, »traf ich Schwind dort nicht an, aber schon damals hörte ich ihn rühmen, als einen Mann von satyrischem, lebhaftem und eigentümlichem Geiste, und begabt mit dem glücklichen Sinne, das Leben leicht und fröhlich zu nehmen, welcher Sinn den Wienern so wesentlich eigen ist.« In ungezählten Anekdoten ist Schwinds unerschrockener, prächtiger Witz, seine nie fehlende Schlagfertigkeit überliefert. »Es vergeht kein Tag,« bestätigt der Kupferstecher Julius Thäter in seinen Lebenserinnerungen, »wo er nicht einen schlagenden Witz gebärt, und ich wünschte, mein Gedächtnis könnte alle diese oft höchst ergötzlichen Spitzen behalten.« W. H. Riehl aber berichtet, daß auch die Bilder Schwinds, die gemalten Erzählungen, niemand besser und gewinnender als dieser selbst zu erklären vermochte; »es stand ihm jener schlicht treuherzige Vortrag der Sage und des Volksmärchens, der seinen Bildern ihren wärmsten Reiz verleiht, im Wort ebensogut wie mit dem Pinsel zu Gebote.« Mit all dem ist auch das Wesen der Briefe bezeichnet: vollkommene Aufrichtigkeit und gebildete Natürlichkeit, Wärme und Lebhaftigkeit der Empfindung, Schärfe der Auffassung, Geist und Humor, das sind ihre besten Eigenschaften. Ihr behaglicher Vortrag, ihr fein auf das Wesen des Schreibers und Empfängers abgestimmter Ton, ihre Anschaulichkeit und oft geniale Treffsicherheit und urwüchsige Kraft des Ausdrucks geben ihnen vollends eigenen, literarischen Wert – wie ich ungern, doch gemeinverständlich sage – und berechtigen, das Scherzwort »in meinem lehrreichen und berühmten Briefstil«, das Schwind Mörike gegenüber von ihnen gebraucht hatte, in heiteren Ernst zu wenden. * Noch zwei Jahre vor seinem Tode schrieb Moritz von Schwind an seine Tochter: »Du mußt wissen, daß dieses Monat, und es ist noch nicht aus, schon über achtzig Briefe angekommen und abgegangen sind.« Er hat in seinem langen Leben ganze Bände von Episteln geschrieben. Vielleicht wird es einmal Zeit, sie in einer kritischen Gesamtausgabe zu sammeln, zunächst aber, in diesem Büchlein, soll es nicht in erster Linie aufs Geschichtliche, nicht aufs Wissen ankommen, sondern aufs Menschliche, auf den Charakter, auf Genuß und Erlebnis. Nach dieser besonderen, wohlüberlegten Absicht hatte sich die, im übrigen völlig freie, beschränkende Auswahl unter den zu Gebote stehenden Briefen und innerhalb derselben zu richten; ihr hatten sich alle andern Interessen in dem Maße unterzuordnen, daß fast zwei Drittel des Gesammelten und selbst bisher ungedruckte Funde zur Seite gelegt wurden. Meine Bearbeitung des Briefwechsels Schwinds mit dem Grafen Raczynski fand im 27. Bande der Österreichischen Rundschau eine Stätte. Die hiebei entbehrlichen Stellen, Unwichtigsten, Wiederholungen u. dgl., konnten ohne Störung des Zusammenhangs und darum auch ohne Störung des Satzbildes (durch die sonst beliebten die Auslassungen bezeichnenden Punkte) ausgeschieden werden. Einen Niederschlag jenes reichlichen nicht unmittelbar brauchbaren Materials aber findet man außer in den Fußnoten in den Ein- und Überleitungen des Herausgebers, die im übrigen lediglich die zum völligen Verständnis und zur rechten Würdigung der Briefe notwendigen Ergänzungen und Erläuterungen bieten wollen. Die Grundsätze und Freiheiten des Herausgebers müssen sich durch ihr Ergebnis selbst rechtfertigen, nur noch die Ausscheidung der Jugendbriefe, die mancher, der Freundschaft Schwinds mit Franz Schubert gedenkend, bedauern könnte, sei erklärt: jene Jugendbriefe voll Überschwang und Gärung hatten hier schon darum keinen Platz, weil es sich nicht um die Entwicklung, sondern um das endgültige Wesen Schwinds handeln sollte; auch würde jenes köstliche, genialische Treiben der Schubertfreunde aus den wenigen davon handelnden Briefen Schwinds gar nicht zu erkennen sein, und seine Vergegenwärtigung muß, da sie auf andere Urkunden, zerstreute Korrespondenzen, Memoiren und Tagebücher, angewiesen ist, einer besonderen Darstellung vorbehalten bleiben. Daß alles, was der Leichtverständlichkeit und dem unbefangenen Genuß entgegen stand, aus dem Wege geräumt und z. B. die krause Orthographie und Interpunktion des eigenwilligen Malers, der kaum einen Namen richtig schrieb, sorgfältig berichtigt wurde, war eine in der Bestimmung dieses Buches liegende Forderung. Nur dort, wo in der Falschschreibung eine launige Absicht war, wurde sie beibehalten, so wenn der Meister seinen Freund Schaller als Schiller behandelt, oder wenn er das Wort Maecen in den absonderlichsten Abweichungen vorführt, um zu zeigen, daß er die Gelegenheit gehabt habe, es richtig schreiben zu lernen. Aus gleicher Rücksicht auf einen weiteren Leserkreis wurde den Proben von Schwinds Italienisch und »klassischer Latinität« die deutsche Uebersetzung beigefügt. * Mit Dankbarkeit nenne ich an dieser Stelle noch jene Männer, welche diese Arbeit mit Tat und Rat gefördert haben: Vor allen Professor Dr.   Hyacinth Holland , den gründlichsten und feinsten Kenner Schwinds und seiner Zeit; er hat nicht nur die Briefe an Franz von Schober, mit denen seine in sich vortreffliche Biographie des Meisters aufgebaut ist, sowie die meisten der Briefe an Bauernfeld (erstmals im Jahrbuch der Grillparzergesellschaft mitgeteilt), und jene an Ludwig Schaller (aus Bettelheims Biographischen Blättern) zur Verfügung gestellt, sondern er hat mich auch unablässig aufgemuntert, die vielfach gefährdete Arbeit zu vollenden. Dr.   Moritz Necker verdanke ich, außer manchem Winke, mehrere Briefe an Bauernfeld, sowie jene an Julius Hähnel, und Alois Trost die zuerst von ihm im Jahrbuch der Grillparzergesellschaft mitgeteilten Episteln an Frau und Fräulein von Frech, sowie einen Brief an Ludwig Richter. Dank schulde ich auch Regierungsrat Dr.   Karl Glossy , dem Herausgeber jenes wertvollen Jahrbuches und Bearbeiter der überaus wichtigen Tagebücher Eduard von Bauernfelds, sowie, für freundlich beratende Teilnahme, Dr.   Anton Bettelheim . Endlich weise ich auf den Moritz von Schwind gewidmeten, von Dr.   Otto Weigmann trefflich bearbeiteten Band der »Klassiker der Kunst« hin: er ist den ernsthaften Freunden des Meisters unentbehrlich. Aus dem Anteil der Genannten und dem Interesse einer großen Anzahl weiterer Personen, mit denen mich die Vorarbeiten in Berührung brachten, darf ich schließen, daß das Unternehmen, den Menschen Schwind in seinen Briefen aufzusuchen und der weiteren Öffentlichkeit vorzustellen, willkommen, und daß der Weg, den ich dazu endlich einschlug, der rechte war. München, Herbst 1911 Walther Eggert Windegg I. Wanderjahre Moritz von Schwind hatte natürlich von Anfang an Maler werden wollen, aber die sorglichen Eltern hatten darauf bestanden, daß er ein »ordentliches« Studium beginne; und so hatte er im Jahr 1818, seinem vierzehnten Lebensjahre, die Wiener Universität bezogen, um sich durch den vorgeschriebenen philosophischen Kurs auf die Beamtenlaufbahn vorzubereiten. Drei Jahre später indes wandte er sich von der Universität zur Akademie der bildenden Künste, wo er von 1821 bis 1823 lernte, was für ihn dort, namentlich bei Ludwig Ferdinand Schnorr von Carolsfeld , zu lernen war. Jenem überwundenen Zwange verdankte der junge Künstler immerhin die Grundlage seiner feinen und vielseitigen Bildung, deren Vervollkommnung er weiterhin vor allem im lebendigen Umgang mit lebendigen Menschen suchte und fand. Da standen ihm am nächsten – neben Franz Schubert , mit dem er einige Jahre »in glücklicher Not und Freundschaft versungen und vermusiziert hat« – seine beiden Lebensfreunde, an die auch die meisten unserer Briefe gerichtet sind: Franz von Schober und Eduard von Bauernfeld . Der erstere war, allen nach Welterfahrung und Glücksumständen überlegen, damals das Haupt des Kreises; »er ist um fünf Jahre älter als wir«, schrieb Bauernfeld in sein Tagebuch, »dabei eine Art Weltmann, besitzt eine große Suada und Dialektik . . . . Auch Moritz verehrt ihn wie einen Gott.« Schober, 1796 zu Torup in Schweden geboren, lebte damals unabhängig seinen künstlerischen, insbesondere literarischen Neigungen, suchte sodann auf Reisen Bildung und Zerstreuung, wurde später Legationsrat in Weimar und ließ sich 1856 in Dresden nieder, wo er 1882 starb. Schwinds Verhältnis zu Schober war lange Zeit von überschwänglicher Hingebung, dann schwankend, bis die Verhandlungen, die Schober von Weimar aus mit Schwind zur Ausmalung der Wartburg führte, zur Wiederherstellung der alten Herzlichkeit, aber auch zum bald nachfolgenden unheilbaren Bruch den Anlaß gaben. Mit dem 1802 in Wien geborenen Eduard von Bauernfeld war Schwind, ebenso wie mit Nikolaus Niembsch von Strehlenau, – »vielleicht kennen Sie Gedichte von ihm, deren er unter dem Namen Lenau eine ziemliche Menge mit Beifall herausgegeben hat« (an Genelli) – schon von der Schule her befreundet, und mit ihm blieb er, obwohl ihre Wege sich frühzeitig trennten und nicht mehr zusammenfanden, Zeit Lebens in herzlichem und regem Verkehr. Bauernfeld trat nach Beendigung seiner Studien in den österreichischen Verwaltungsdienst, lebte aber, da ihm darin nicht wohl werden konnte, von Anfang an als Literat und Lustspieldichter und starb 1890 in Döbling bei Wien; außer den erwähnten Tagebüchern sind seine in den Gesammelten Schriften enthaltenen Erinnerungen »Aus Alt- und Neu-Wien« für die Biographie von großem Wert. Zu den »neunerischen« Freunden – so geheißen nach dem Cafe Neuner in Wien, wo sie sich zu treffen pflegten – gehörte auch der Bildhauer Ludwig Schaller , gleichfalls ein bevorzugter Empfänger Schwindscher Episteln. Anno 1804 in Wien geboren, ging Schaller im Frühjahr 1828 nach München, wo er zunächst bei Schwanthaler, von 1831 an selbständig arbeitete; für sein bestes Werk gilt das in den Briefen Schwinds mehrfach erwähnte Herder-Denkmal in Weimar. Er starb 1865. Aus dem Wiener Kreise begegnen uns ferner noch oft die Brüder Franz und Ignaz Lachner . Besonders mit dem älteren, 1803 zu Rain am Lech geborenen Franz verband den musikalischen Maler eine innige Freundschaft, deren entzückendste Gabe die »Lachnerrolle« ist, eine zwölfeinhalb Meter lange launige Lebensbeschreibung in Bildern; Franz Lachner kam 1822 als Organist nach Wien, blieb dort, seit 1826 Kapellmeister am Kärntnertortheater, bis 1834, wo er Leiter der Oper in Mannheim wurde, und kam 1836 als Kgl. Kapellmeister nach München, wo er von 1852 bis 1868 als Generalmusikdirektor wirkte und sich um die Hofoper wie überhaupt das musikalische Leben Münchens große Verdienste erwarb; er starb am 20. Jänner 1890. Von 1842 an war neben ihm sein Bruder Ignaz als Hofmusikdirektor tätig, bis er als Kapellmeister des Stadttheaters nach Hamburg kam; 1858 wurde Ignaz Kapellmeister in Stockholm, 1861 am Stadttheater in Frankfurt a. M. und starb im Jahre 1895. Gelegentlich sind in den Briefen Schwinds noch die folgenden Wiener Freunde genannt: die Maler Leopold Kupelwieser (ihm verdankte Schwind die erste Unterweisung im Gebrauche der Farben) und Josef Binder , der von 1827 bis 1834 in München unter Heß tätig war; ferner die auch mit Schubert innig befreundet gewesenen Brüder Josef und Anton von Spaun ; der Dichter Joseph Kenner und der Schubertsänger Johann Michael Vogl ; der Dichter Johann Mayrhofer , gleichfalls ein Freund Schuberts, und der nachmalige Feldmarschall-Lieutenant Ferdinand Mayerhofer von Grünbühel; der Schriftsteller Wilhelm von Chezy , dessen gleichfalls aufschlußreiche Lebenserinnerungen seinerzeit viel besprochen und geschmäht, von keinem Geringern als Hebbel jedoch als »ganz vortrefflicher Beitrag zur Zeit- und Sittengeschichte« gerühmt wurden; dann Chezys »liebster Geselle« Ernst von Feuchtersleben , der Verfasser der »Diätetik der Seele« sowie wiederum dessen Freunde, Andreas Schuhmacher und Christian Huber , welch letzterer später österreichischer Konsul in Ägypten war; der 1804 in Wien geborene Maler Leopold Schulz , der während Schwinds erster Münchener Periode neben diesem, als Schüler des Cornelius und Julius Schnorrs, arbeitete; endlich Alexander Baumann , von Schwind nach Pfeffels Gedicht Kifuen geheißen, der Verfasser des »Versprechens hinterm Herd«, und der nach seiner Hypochonderlaune Raunzilander genannte Komponist Josef Dessauer . Nicht zu vergessen die beiden Brüder Schwinds: den Zeit Lebens in Wien ansässigen August (1800 bis 1865), Freiherr und Staatsrat, und besonders Franz (1805 bis 1877), der im österreichischen Berg- und Salinenwesen hohe Beamtenstellen in folgenden Stationen bekleidete: 1835 Gmunden, 1838 Ischl, 1841 Hallstadt, 1844 wieder Ischl, 1847 Aussee, 1849 Salzburg, 1856 Hall, 1864 Wien; zuletzt, im Ruhestand, lebte er in Innsbruck. In diesem Kreise von fröhlichen, tüchtigen jungen Leuten rang der junge Schwind um seine Kunst. Er hatte schon bald vortreffliche Leistungen sowohl als auch Erfolge aufzuweisen. So entstanden bereits um 1825 die Vignetten zu Tausend und Eine Nacht, denen selbst der alte Goethe eine entzückte Rezension widmete. Um die selbe Zeit vollendete Schwind seinen Hochzeitszug des Figaro; in ihm erkannten die Urteilsfähigen die Zeichen einer großen Zukunft, und wirklich ist in ihm das künstlerische Wesen des Meisters, das musikalische und das erzählende Element, schon mit vollkommener Klarheit am Werke. Zwei der Größten haben sich an dieser Huldigung für Mozart, den Schwind zum Schutzheiligen erkoren hatten erquickt. »Ich weiß nicht,« sagt der Künstler in einem Brief an Schubert, »ob ich dir geschrieben habe, daß ich bei Grillparzer war. Er zeigte viel Freude über meine ›Hochzeit‹ und versicherte mich, in zehn Jahren werde er sich noch jeder Figur erinnern. Da wir in Ermangelung eines Weimarschen Herzogs, der zu schützen und zu zahlen vermag, nichts begehren können als das geistige Urteil bedeutender Männer, so kannst du dir denken, wie vergnügt ich nach Hause ging.« Und das erste Blatt dieser Zeichnungen trägt, von Schwinds Hand, die bedeutsame Bemerkung: »Dieses Heft hatte der alte Beethoven in seiner letzten Krankheit bei sich. Nach seinem Tode bekam ich es erst wieder zurück.« – Aber doch heißt es in den Tagebüchern Bauernfelds nur allzuoft: »Schwind moros,« mit der Erklärung vom 26. August 1826: »Der arme Moritz leidet an seiner Liebe und findet keine Anerkennung in seiner Kunst.« Von hier aus greifen wir auf einen Brief zurück, den Schwind im April 1825 an Schober geschrieben hatte; darin steht: »Es ist nicht Mangel an Mut oder Verachtung der Zeit, wenn ich die alten Meister um ihre Schülerjahre beneide, aber der Schmerz, allein zu sein und sein Handwerk niemand ganz zu verdanken. Fänd' ich den Mann, dem ich unbedingt trauen könnte, so wäre ich der beste Schüler, den man sich denken kann, so aber bin ich ein Fremder in der Kunstwelt.« Und dann ist von Peter Cornelius die Rede. Am 7. August 1827 reiste Schwind nach München und schrieb alsbald an die Freunde voll Begeisterung, wie Cornelius ihn, mit Grillparzers Empfehlung, freundlich aufgenommen habe. »Während der Lustigkeit sagte C. zu mir, da er einiges von Wien mit mir sprach: ›Sie kommen doch nach München und das bald?‹ Worauf ich sagte und noch sage: ›So bald es im geringsten möglich ist.‹ . . . Die Akademie in München, und mehr suche ich nicht, ist in einem solchen Zustand, oder besser in einem solchen Schwung, daß Einer was lernen muß, wenn nicht die blühendste Unfähigkeit entgegensteht.« Und nun, im Oktober 1827, heißt es in des Freundes täglichen Aufzeichnungen: »Schwind zurück. Er ist frisch und frohen Mutes.« Ein Jahr später übersiedelte der hoffnungsfrohe Künstler nach München. Cornelius nahm sich seiner »tätlich an«, indem er ihn zu Josef Schlotthauer und Eugen Neureuther , seinen Schülern und Mitarbeitern, einquartierte. In Julius Schnorr von Carolsfeld , dem jüngeren Bruder Ludwig Ferdinands, der seit 1827 eine Professur für Historienmalerei in München innehatte, gewann Schwind bald einen treuen Freund; auch Ludwig Schaller fand er hier vor und lebte im ganzen »in einer Kameradschaft, die die ersten Christen weit hinter sich läßt«. Und konnte doch nicht heimisch werden! Da rissen die zwei tiefsten Lebenswurzeln, die ihn an die Heimatscholle gebunden hatten: Am 19. November 1828 starb Schubert; und bald darauf, nach einem kurzen Besuche des erschütterten Freundes, notiert Bauernfeld: »Schwinds Heirat hat sich zerschlagen. . . . . Moritz wieder nach München. Wir waren noch in Währing an Schuberts Grab.« Rasch zerflattert nun der fröhliche Schwarm und der Zurückbleibende klagt: »Schober geht nächstens nach Ungarn, als Gesellschafter eines Grafen Festeticz. Das ist nun der Letzte! Schwind in München, Mayerhofer in Josephstadt. Bald werd' ich allein stehen.« (Jänner 1830). Schwind aber antwortet aus München: »Ich habe Freunde gefunden, die es für mein Leben bleiben werden, aber das ist doch alles nichts oder wenig gegen das, was ich nicht vergessen kann . . . ich arbeite aus allen Kräften darauf hin, mein Lager in Wien aufzuschlagen, das für mich freilich auch abgeräumt ist, daß ich mich ordentlich fürchte, aber es ist mir doch lieber als hier oder sonst wo.« Noch zum Ende des Jahres vermeldet er, er habe Ritter Kurts Brautfahrt fertig gezeichnet und wolle nun die Geschichte von den sieben Raben ausführen. »Ich hoffe so viel Geld dafür zu bekommen, daß ich damit nach Wien gehen kann, ohne gleich dem Verdienst anheim zu fallen. Ich möchte auch einmal aus der Not herauskommen.« Einstweilen war ein als »Liebschaft zartester Gattung« in München begonnenes Verhältnis ernst geworden und, nicht zuletzt an der unsicheren Lage des Bräutigams, gescheitert. In dieser verzweifelten Zeit, da Schwind sein ganzes Leben am liebsten aufgegeben hätte und mit Gewalt von München wegstrebte, kam ihm durch Cornelius und Wilhelm von Kaulbach der Auftrag zu, in dem von Leo von Klenze erbauten neuen Teile der Residenz das Bibliothekzimmer der Königin mit Fresken zu Tiecks »Phantasus« zu schmücken. Er war aber schon im Begriff, zu Schober nach Ungarn zu wandern, um dort in stiller Muße »in Öl« zu malen und dann, durch eine größere Ausstellung, alles auf einmal zu gewinnen; und es bedurfte der ernstlichen Vorstellungen der Freunde, namentlich Kaulbachs und Schobers selbst, um ihn zurückzuhalten und zur Annahme des gewichtigen Auftrages zu bestimmen. Endlich, am 28. November 1832, schrieb er an Schober: »Tieck wird gemalt. . . . Zwei Jahre werde ich wohl brauchen, hoffe aber, so viel zu ersparen, daß ich Italien bereisen und dann nach Wien gehen kann.« Im Laufe der befriedigenden Arbeit kehrte bald die Lust und Ruhe zurück, die inneren und äußeren Nöte nahmen ein Ende. Wieder zuversichtlich lauten die Berichte von den Fortschritten des Werkes und fröhlich die Erzählungen von den Geselligkeiten der Freunde. Von diesen begegnen uns späterhin, außer den schon Genannten, der damals berühmte Novellist Karl Spindler , sowie die Schriftsteller Eduard Duller und Ludwig Bechstein , zu deren Werken Schwind manche Illustration gezeichnet hat; sodann der gleichzeitig mit Schwind bei Cornelius tätige Maler Ferdinand Fellner , der Historienmaler Heinrich Schwemminger , in Schwinds Briefen nur Heinrich genannt, die Landschaftsmaler Ferdinand Olivier und Carl Rottmann , der Professor Clemens Zimmermann , der Bildhauer Ludwig Schwanthaler , flüchtig auch Bonaventura Genelli ; endlich aus dem »Kupfer stechenden Geschlecht« Samuel Amsler , seit 1829 Akademieprofessor in München, Heinrich Merz , Eugen Eduard Schäffer , 1842 Professor am Städelschen Kunstinstitut in Frankfurt, und der seit 1831 in München und zwar besonders für Genelli tätige Hermann Schütz . Im Sommer 1834 kam Schwind mit den Fresken zu Tiecks Phantasus zu Ende. Neben dieser gewaltigen Arbeit hatte er noch die entzückenden Radierungen vom Rauchen und Trinken geschaffen, die zehn Jahre später »mit erklärenden Versen« von Ernst von Feuchtersleben bei J. Veith in Zürich als Almanach erschienen. Nun aber drängte es ihn fort; er hatte schon am 20. Juli 1833 an Schober geschrieben: »Obwohl mir Klenze immer von weiteren Arbeiten spricht, die für mich noch da sind, so denke ich doch immer nebenaus, wie ich meine eigenen Gedanken ins Werk setzen könnte«. Doch sollte ihm dies noch nicht völlig vergönnt sein, denn als er zunächst nach der Wiener Heimat zurückkehrte, beschwerte ihn der neue Auftrag, für das von Domenico Quaglio neu erbaute Schloß Hohenschwangau des Kronprinzen Max Entwürfe zu Fresken zu liefern. »Ich habe mich an die Arbeit des Kronprinzen gemacht,« schreibt er am 3. November 1834 aus Wien an Ludwig Schaller, »und gefunden, daß es eine Teufelsarbeit ist«; dann ist des näheren die Rede von »gründlich verrückten Bestimmungen«, deren verrückteste endlich die war, daß Schwinds Entwürfe von fremden Händen »ausgeführt« werden sollten. Nicht genug mit dem Verdruß, der dem Künstler aus dieser Arbeit erwuchs: Ende November überfielen ihn auch noch die Blattern. Am 10. Dezember aber geht folgende Nachricht an Schaller: »Ich habe das Vergnügen zu melden, daß ich von meinem verteufelten Übel jetzt gänzlich hergestellt bin und mich, einige kleine Schwächen abgerechnet, besser befinde als seit Jahren. . . . Möge es lange so bleiben! Ich kann mir gar nicht vorstellen, daß ich derselbe, der mager und blaß in dieser grauslichen Sauce gelegen und für den man schon die letzte Wegzehrung für nötig hielt. Im Vorbeigehen gesagt sterben an dieser Schweinerei täglich 2 bis 4, auch 8 Menschen; geimpft oder nicht, das ist alles eins.« Ferner: »Herrn Quaglio kannst du lesen lassen, daß ich das letzte Blatt heute mit günstigem Wind komponiert habe und also in ein paar Wochen, allenfalls bis zum neuen Jahre meine Sendung machen werde.« Endlich also konnte Schwind an seine lang ersehnte italienische Reise denken, die er denn Anfangs März 1835 antrat, noch immer begleitet von der Sorge um Hohenschwangau. Hier setzen unsere Briefe ein , denen wir nur noch wenige Ergänzungen und Erklärungen beizufügen haben. In Rom traf Schwind wieder mit Cornelius zusammen, der dort sein »Jüngstes Gericht« komponierte; von den Mitgliedern der ziemlich starken deutschen Malerkolonie erwähnt er in seinen Briefen besonders den Landschaftsmaler Josef Anton Koch , den Verfasser der »Modernen Kunstchronik oder Rumfordischen Suppe«, eines witzigen, beziehungsreichen Büchleins über die Kunst und Künstlerverhältnisse seiner Zeit; sodann die Nazarener Friedrich Overbeck , den ihm schon von Wien her bekannten Josef von Führich und Philipp Veit (von 1830 bis 1843 Direktor des Städelschen Instituts in Frankfurt); endlich auch Thorwaldsen . Ende Oktober ist Schwind wieder in München, von wo er aber sogleich nach Wien weiter strebt. Indessen fesselt ihn eine neue Aufgabe, die Julius Schnorr ihm bietet: dessen Fresken aus der Geschichte Rudolfs von Habsburg in der neuen Residenz mit einem das friedliche deutsche Leben symbolisierenden Friese zu schmücken. Und schon zum Beginne dieses bedeutenden Werkes, des berühmten »Kinderfrieses«, welches den Künstler bis ins Jahr 1840 in München hielt, sollte sein Weg noch weiter von der ersehnten Vaterstadt abgelenkt werden. Wir lesen in seinem Briefe vom 11. Februar 1838, Dr.   Heinrich Hübsch , der Erbauer der Karlsruher Kunsthalle – sowie, späterhin, der Trinkhalle in Baden-Baden – sei vom badischen Großherzog beauftragt, mit ihm »zu kontrahieren wegen Herstellung des Hauptbildes [zur Kunsthalle], welches etwa 34 Fuß lang werden soll. Der Gegenstand ist die Einweihung des Freiburger Doms, also ein sehr reicher.« Hierzu kamen noch Fresken fürs Treppenhaus und die Antikensäle der Akademie, sowie für den Sitzungssaal der Ersten badischen Kammer. Diese Arbeiten bereitete Schwind noch in München vor. »Dient zur Nachricht,« schreibt er am 15. Februar 1841, »daß, nachdem ich an meinem Namenstag in Karlsruh eingezogen, mich in die Großherzogin verliebt, und zwei Lunetten gemalt, ich erstens einen Abstecher nach Frankfurt gemacht und Mitte Dezember mein Hauptquartier nach München verlegt habe. . . Ein Klavier habe ich, einen der es spielt, und eine Geige, außerdem male ich ein Serail von Tugenden, die im Ständehaus in Karlsruh die Wände verzieren oder verunstalten werden, je nachdem die Götter aufgelegt sind.«   Franz Schubert Bleistiftzeichnung von M. v. Schwind   Venedig, 2. April 1835 (an Bauernfeld) Liebster Freund! Ich habe schon in Triest die dummen Bosheiten gelesen, die die Theaterzeitung auftischt, glaubte aber, es sei nicht unumgänglich an einen übeln Erfolg zu glauben, weil es dieser frisierte Hund so geglaubt wissen will. Aber ecco il publico. So ist die Bestie; wenn man es recht bedenkt, so ist fast mehr Ehre dabei durchzufallen, als Beifall zu finden. Hol sie alle zusammen der Teufel, bis übers Jahr haben sie schon wieder gepascht und es wird darum nichts besser und nichts schlechter sein. Ich habe mich in Laibach und Triest ziemlich lang aufgehalten und ein Paar von meinen verwünschten Zeichnungen gemacht. Ich kann das unmöglich mehr aushalten. Ich soll Gedanken haben und ein anderer soll sie ausführen. Zu so einer Narrheit kann ich mich nicht mehr herbeilassen. Wenn Du wieder eine Reise unternehmen kannst, so laß es hieherwärts sein, es ist wirklich merkwürdig. Von den Schönheiten des Meeres will ich nichts sagen, denn ich fürchte, wieder speien zu müssen, wenn ich zu viel dran denke, und dieses ist eine große Erniedrigung. Dem ersten Anfall von Entzücken bin ich glücklich entkommen. Von Optschina aus war das Ganze eine graue, gleichgültige Masse, lustig aber sieht die Stadt aus und die Schiffe machten mehr den Eindruck des Fliegens als des Schwimmens. Die Figuren am Hafen sind merkwürdig genug und das Abfahren und Ankommen der Schiffe hielt mich stundenlang auf den Beinen. Abends wird alles wie verrückt, ein jedes schreit was möglich ist oder macht sonst einen Lärm. Ich fand es sehr behaglich, auch zu schreien. Von Venedig kenne ich bis jetzt den Markusplatz, das andere sieht niederträchtig aus und stinkt, als ob das Wasser noch aus den Zeiten der Republik wäre. In so einer Gassen bleib ich heilig noch einmal stecken. Die Frauen sind aber über alle Begriffe schön. Das Italienischreden ist eine heillose Sache, und stumm herumzugehen soll auch der Teufel aushalten. Lebe wohl, lieber Freund, und schlage diese Fatalität nicht zu hoch an. Die Welt will uns bescheiden, drum muß sich das Urteil derer, die nur loben, manchmal von der verrückten Seite zeigen. Genug, das Stück ist gut, und das übrige geht wie's kann. Wenn ich so etwas machen könnte, wollte ich gern einmal durchfallen. Grüße Schober und unsere neunerischen Freunde vielmals und wenn Du mir wieder was schreibst, so tue es bis 15. nach Venedig, später nach Innsbruck oder München. Dein Freund und Gönner M. Schwind.   Eduard von Bauernfeld Bleistiftzeichnung von M. v. Schwind   Venezia, 23. Aprile 1835 (an Schaller) Ecco mi ancora carissimo amigo Shalliero fermo ancora in Venezia, aspettando con dolore un passaporto nuovo da Vienna, e danari, che ambedue me rendano capace de persequir il mio viaggio verso di Roma, in reggio nella servitu di questa stupida bestia d'un pudlaccio e di un principe giovanni che oggi non sa che a detto jeri, e che sempre occupato, si non po vedere nessuna volta, e lascia tutto nelle mani d'un segretario, dei finezze di quello ciascuno sia libero per le gracia di Dio. Da sitze ich, liebster Freund Schaller, immer noch in Venedig, in der schmerzhaften Erwartung eines neuen Passes aus Wien und von Geldern, die mich beide in den Stand setzen sollen, meine Reise nach Rom fortzusetzen, ich bin in Knechtschaft gehalten von dieser dummen Bestie von einem Pudel (Quaglio) und einem jungen Prinzen, der heute nicht weiß, was er gestern gesagt hat, und der immer so beschäftigt ist, daß man ihn nie zu sehen bekommt, und alles in den Händen eines Sekretärs läßt, vor dessen Finessen Gottes Gnade jeden bewahren möge. So geht es mit dem Italienischen, wenn ich nicht stecken bleibe, was in jedem Satz beiläufig so oft geschieht als er Worte hat. Wir wollen suchen, wie es mit dem übrigen geht. Dein Brief, so sehr es mich freute, ihn auf der Post zu finden, hat mich in einige Schrecken versetzt; erstens, daß es gar so schlecht mit der Arbeit aussieht, – hol der Teufel alles miteinander – und daß zu vermuten steht, Schulz würde nicht nach Wien reisen. Anlangend Dich weiß ich nichts zu raten, auch vorderhand nicht zu helfen, da ich unendlich zufrieden sein muß, daß ich nach so verzweifelten Beschädigungen wie der Abzug der sechshundert tapfern, liebenswürdigen, lebensfrohen, gesunden und tugendhaften Gulden – diese Träne ihrem Andenken! diesen schäbigen Ausreißern – und die notgedrungene Überwinterung in Wien noch immer imstande bin, meine Reise zu vollenden und dort für den ersten Anlauf bei der Zurückkunft einiges vorrätig finde. Halt nur in Gottesnamen aus, so gut es geht, es wird sich etwas finden. Man wird Dir doch nicht ganz in den Wind hinein Versprechungen machen. In ganz großer Not, beiläufig wie meine auf dem Dampfschiff, wird auch Beisprung, schönes Wort! nicht ferne sein! Betreffs meiner, was soll ich tun? Jetzt bin ich so weit in Italien, wer weiß, wie ich wieder dazu komme, und zudem läßt sich die Sache verzweifelt schön an. Mein Aufenthalt wird kurz sein, denn über vier Monate reicht mein Proviant nicht, vielleicht nicht ganz so lang, wenn ich nicht mit leeren, ganz leeren, entsetzlich leeren Taschen nach Hause kommen will; aber besser kurz als gar nicht, vielleicht besser kurz als zu lang. Ist es nicht eine Schande, zu denken, was dann am klügsten sein wird anzufangen? aber dio mio die Zeiten gewinnen ein fatales Aussehen, »und Andresl möchte gern leben!« Welche fünfzigtausend Teufel reiten denn den Schnorr, daß er noch einen so entsetzlichen Kleiderhandel unternimmt? Es wird also schon an Arbeit für den neuen Bau [der Residenz] gedacht, ist alles schon verpachtet? Auf unsereinen wird da schwerlich etwas kommen. Auch gut. Indessen dürfte es nicht übel sein, Augen und Ohren bei der Hand zu haben. Daß man von der Sache mit Hohen-Schwangau weiß, macht am Ende nichts. Die Trefflichen, die mich besuchen wollten, kann ich vielleicht wo anders hin laden, wo es auch nicht übel ist. Ich habe mich hier schon ordentlich herumgetrieben und die wichtigsten Sachen zwei-, dreimal gesehen. Meine Hauptfreude aber ist San Giovanni e Paolo nebst der Markuskirche, in der ich täglich eine kleine Revue halte. Die Untersuchungen über Komposition finden hier wenig Ausbeute, ich hoffe überhaupt den ganzen Plunder los zu werden. Über den Charakter des Titian bin ich ganz irre. Ich kann gar zu keinem rechten Begriff kommen, was denn das für ein Menschenkind ist. Paol Verones ist derjenige, den mancher kennen lernt, aber selten in seinem rechten Humor. Dagegen setzen mich die Alten in Erstaunen. Diese Kirchlichen haben einen verteufelten Vorsprung schon dadurch, daß sie Glieder einer geistigen Gesellschaft sind, während die anderen nur zu oft von dem sehr materiellen Interesse, einer Macht von dieser Welt, abhängen. Diese Judenkerls von Dogen haben sich nicht wenig erlaubt, die Kunst zu Staatszwecken zu erniedrigen, wie Ringseis Dr. Joh. Nep. Ringseis, der Leibarzt König Ludwigs I. sagt. Sei's wie es will, die Sachen sind gut, und ich für meinen Teil freue mich unendlich, daß ich das alles sehen kann. Ich wohne sehr angenehm bei Spauns Schwager, habe eine prächtige Aussicht, bin ganz ungestört, im freien Gebrauch von Büchern, Kupferstichen in Massen, eines herrlichen Klaviers, unschätzbaren Bedientens und habe überdies eine kleine, aber sehr honette Bildersammlung im Haus. Mit Quaglios Sachen werde ich – dem Himmel sei eine Wachskerze versprochen, grande flagrante spangente odori e dipinta ed ornata con fiori e santi!! [eine große, flammende, duftende, bemalte, blumengeschmückte, geweihte!!] – dieser Tage fertig: das ist eine schöne Unterhaltung! Die Riva besuche ich täglich zweimal, wenn ich nicht vorziehe, in der Gondel herumzufahren per uin swansiger die Stunde. Zwei treffliche Erzähler machen mir das größte Vergnügen. Der eine, Tonin Bangnatio, schwarz angezogen, mit zinnernen Ringen von kolossaler Größe an den Fingern, reißt Possen, über die alles unmenschlich lacht, von denen ich aber, da er den Dialekt spricht, fast gar nichts verstehe. Der andere, zerlumpt und schmierig wie man sich gar nicht vorstellen kann, erzählt im größten Pathos sehr rührende Geschichten. Missetaten geschehen vom schwersten Kaliber, Geister erscheinen, sie zu entdecken, noch öfter aber und fast immer wird ein Tyrann, schlechter Kerl und Ungeheuer vom Kaiser Joseph il dolcissimo amigo della infelice umanita, il buonissimo sovrano [der zärtlichste Freund der unglücklichen Menschheit, der Beste der Herrscher] unerkannt überrascht und dann in Galea [zur Galere] verurteilt. Nebenbei bemerke ich einen Alten, der noch seinen einst roten Mantel trägt, die Zierde des venetianischen Adels. Dermalen ist er ganz schäbig, nur in den tiefsten Falten rot und häufig mit blauen und schwarzen Fetzen gestickt. Eine Gondel, von einem Kapuziner gerudert, während sein Kamerad im Kammerl schläft, in einem ganz entlegenen verfallenen Kanal machte sich auch nicht übel. Ein Winkel an einer Kirche verschmäht die gewöhnliche Inschrift rispetate la casa di Dio [Ehrfurcht vor dem Haus Gottes] und schreibt Dio te vede [Gott sieht dich]. Man denke sich Dio , wie er zuschaut. Das Gesindel von Matrosen und voraus die nobeln, schönen, einzigen Venetianerinnen unterhalten mich trefflich. Abends gehe ich öfter in eine Kneipe mit hinlänglich verrückten Individuen: Ein Buchhaltungsbeamter, so zu Schanden gerechnet, daß er auch Sonntags, wie vom bösen Geist getrieben, in die Kanzlei muß und allein, verzweiflungsvoll irgend etwas rechnet. Ein Hauptmann, der täglich rapportiert, wie viel Prügel Pisan Sabion und Agostion, die gottlosen Schufte, bekommen haben. Gottseidank hat er jetzt acht Tage Haus-Arrest, weil der Sabion, der Lump, bei der letzten Parade besoffen war und in dem erhabenen Moment der Revue zu speien anfing. Ein Luder von Oberleutnant spricht von sich als dem schwarzen Hofer. Adieu. Schwind nel Caffè greco. NB. Es wird eine Kiste Pomeranzen unter deiner Adresse anlangen, die ich auszuzahlen und zu Schnorr zu spedieren bitte. Deinem Bruder und Schulz, sowie dem Kupfer stechenden Geschlecht, Schwanthaler alles Schöne. Rom, 1. Juni 1835 (An Schaller) Teuerster Freund Schiller! cosa vol dire questo [was ich sagen will]: alle Tage laufe ich auf die Post und immer niente, niente. Ich denke zwar immer, es müsse schon unterwegs sein, aber ich muß am Ende doch je eher je besser anfragen, was es für einen Haken hat. Bedenke, wie unangenehm es wäre, hier pumpen zu müssen, und schicke entweder alles, was du hast, am besten in Form eines Wechsels an Torlognia, oder schreibe, was zu schreiben ist, damit ich mich von Wien aus verproviantiere, ma presto prestissimo. Ich habe mich hier schon sehr fleißig umgesehen, kann aber nur sagen, daß alle Beschreibungen nicht passen, besonders in Bezug auf die Raffaelischen Sachen. Die Teppiche werde ich heute sehen. Mir für meinen Teil wird es immer klarer, daß, wenn man mich in München nicht so beschäftigt, daß ich mit allen Kräften arbeiten kann, so sitz ich gleich auf und gehe nach Wien. Zu verhungern braucht man nicht, wenn man etwas leistet, das ist gewiß und das übrige liegt nicht in unserer Hand. Bei Overbeck war ich noch nicht, auch nicht bei Thorwaldsen. Morgen gehe ich in die französische Akademie, um einmal zu sehen, was diese Kerls machen. O Dio wäre nur einer von Euch da, der Wein ist so famos gut, daß um jede Flasche schad ist, die nicht von ordentlichen Leuten getrunken wird. Wer Rom noch sehen will, der komme bald. Der Campo vaccino wird renoviert. ich glaube wahrhaftig, sie haben nicht weniger im Sinn. Das Kolosseum ist voll neuer Mauern. Der Friedenstempel mit einer schönen, hohen, dichten, gelben Stakete umgeben. Die Bögen und Säulen stehen jedes wie in einer Badwanne mit einer zarten geweihten Mauer umgeben. Es ist einzig. Im Lateran habe ich den Papst das Volk segnen sehen, es geht dabei zu wie bei den Englischen Reitern! Geht ihr fleißig Kegel scheiben? Ich rede so leicht davon, München zu verlassen, aber es wird mir schwer werden, denn ich habe diese Leute so gern. Was macht Merz, Schütz? es schreibt keiner trotz meinen schönen Versen. Leb wohl und laß mich nicht in diesem schönen Lande von Unruhe gequält werden, ich glaube oft, du bist krank oder weiß der Teufel, was geschehen ist. Adio. Schwind. Rom, 24. Juli 1935 (An Schaller) Lieber Freund Schiler! Vorderhand sei dem Himmel gedankt, daß Du Arbeit hast und daß Dir noch mehr dergleichen bevorsteht. So wird es sich auch diesmal bewähren, daß einer, der was kann und Lust hat zu arbeiten, am Ende zu etwas kommt. Nichts ist erfreulicher zu hören, als daß Gärtner so in Schwung kommt, Fr. v. Gärtner wurde damals mit dem Bau der Münchener Universität betraut. das kann nicht anders als einen guten Einfluß auf alles haben. In die Länge könnte die Klenzische Art, die Malerei zu verwenden, ohne Schaden nicht angewendet werden, obwohl es bis jetzt ein großes Glück und eine treffliche Vorbereitung war. Diese Tage reise ich nach Neapel, was ich so schnell als möglich abtun will, um endlich wieder einmal nach Haus und an die Arbeit zu kommen, wozu mich nebst andern auch die Furcht vor der Quarantäne antreibt, die leicht verhängt werden könnte, wenn die Cholera, die jetzt in Nizza ist, weiter um sich griffe. Ich habe hier noch nach Tivoli zu fahren, um die Bilder des Titus zu sehen, poi parto [dann reise ich]. Leb wohl und grüße alle von deinem Freund Schwind. Mit Schwanthaler, den ich schönstens zu grüßen bitte, könntest Du etwas von Quaglio reden. Vielleicht weiß er etwas, das im Anzug ist. Auf jeden Fall mache ich mich an den »Ritter Kurt« und habe ihn vielleicht untermalt, bis der Kronprinz kommt. Den muß ich in München erwarten. Geht ihr auf keinen Sommerball? Wie sieht das Volk jetzt aus? Ich freue mich schon auf Neapel und das Meer wie verrückt. Am Hafen herumzulaufen ist ein zu großes Vergnügen. Es ist sehr der Mühe wert, Venedig, Padua und Triest zu sehen. Wäre die Sixtinische und etwas Großes von Raphael dort, man hätte genug daran. Die Sachen in Padua von Giotto werden von nichts übertroffen. Adieu. Schreib nach Florenz. Rom, 25. Juli 1835 (an Bauernfeld) Lieber Freund! Da ich in einigen Tagen mittelst Abreise nach Neapel meinen mehr als zweimonatlichen Aufenthalt in Rom beschließe, so will ich noch von meinem hohen Befinden Nachricht geben. Die Reise von Venedig bis her war von schlechtem Wetter sehr begünstigt, indem es nur auf der Straße schlecht, in den großen Städten schön war. So habe ich in Padua, Ferrara, Bologna und vor allem in Florenz, wo ich zwar nur fünf Tage blieb (aber wieder hinkomme), die schönste Zeit gehabt. Ich war den ganzen Tag auf den Beinen, steckte in allen Galerien, Kirchen und Kapellen, war alle Tage früh in S. Migniato und alle Tage abends am Arno und auf den Brücken rudernd durch wasser-glacisartige Menge von unglaublich schönen Frauen. Sonntag auf der Promenade, die sich gewaschen hat, und zur Abwechslung zu Haus auf dem Kanapee rauchend, Briefe schreibend, mitunter einen Marsala-Dusel ausschlafend, eine Gattung, die sehr zu empfehlen ist. Das ist eine Stadt, um angenehm zu leben. Alles reich charakterisiert, im Aufnehmen, das Gefrorne höchst gut und viel und die Wirtshäuser sauber. An der römischen Grenze geht das Elend an. Am Trasimenischen See, der übrigens ungeheuer schmutzige Wellen machte, kehrten wir in einem Loch ein, wo kein Stein auf dem andern festsitzt. Im Hause trotz Hunger und Durst nichts zu genießen, und die Türe von einem Haufen von Bettlern, alt und jung, belagert, die einen, wollte man ausgehen, verfolgten, sah man zum Fenster hinaus, anheulten. Es war völlig zum Umkehren. Dagegen ist Perugia–Raphael. Ebenso ist Arezzo reizend, wo ich abends einen Spaziergang auf einer Art Bastei machte, hinter einer prachtvollen Kirche mit der schönsten Aussicht. Bis spät in die Nacht spazierte ich leider allein vor dem Tore aus der Straße, wo die ganze Stadt, lustig und laut schwatzend, im Mondschein spazieren ging. Das ist aber noch im Florentinischen. Wer rein verzweifeln will, der begebe sich von Terni zum Wasserfall. Der erste Jammer ist langsam fahrender Postillon und ein Kerl, der schweißtriefend neben dem Wagen läuft, um ja gewiß den Cicerone zu machen. Poveri custodi, Bettelmänner, Weiber und Kinder von allem Kaliber, Beschwörungsformeln, Unverschämtheiten und Flüche machen einen fast rasend. Man kann sich nur höchstens sammeln, so genau als möglich überall hinzuschauen; von einem Eindruck ist bei solcher Aufreizung zum Prügeln nicht zu denken. Aber das ist eine Sache, die sich gewaschen hat, und ebenso merkwürdig als der Fall ist die Gegend. Rauh, wild, üppig an Unkraut, als hätte nie ein Mensch da gewohnt, dazwischen so eine Art Langischer Anlagen, Strohhütten, Aussichten, Inschriften und so Zeug. Noch schöner ist Narni, von solchen Städten hat man bei uns keinen Begriff. Es mag sich zu unsern Städten verhalten wie ein altes Schloß zu einem Landhaus, verrücktes, schwarzes, phantastisches Zeug. Der Eintritt in die Campagna ist enterisch genug. Die Wälder auf Schußweite rechts und links ausgehauen, Gendarmes in Laubhütten einquartiert. andere streifend. Die Wagen einer hinter dem andern. Wir waren drei. Zwischen den Posten kein Haus, kein Feld, kein Zaun. Vor Nepi gleich an dem Tor beschäftigte sich ein harmloser Haufe Landbewohner damit, ein gefallenes Pferd abzudecken und zu zerlegen. Die Haut war herunter, die Eingeweide hingen heraus, und in der Bemühung, die Hinterfüße abzutrennen, zogen sie die Geschichte auf der Wiese herum. Sind das Schweinskerle! Rom macht einen ganz stillen Eindruck, durchaus bequem, und so, als wäre man schon dagewesen. Die Ermüdung von der Herreise, die große Menge von Kunstsachen, die in einem raschen Lauf durchzunehmen rein unmöglich ist. Es ist auch alles so zur Aufnahme von Künstlern bereitet, man trifft so viele Freunde, lernt so viele kennen, deren jeder als bestimmt annimmt, man bleibe hier – alles das versetzt einen in einen wohnlichen Zustand, daß man die ganze Welt vergißt, und ich finde es jetzt ganz begreiflich, daß einer hier für zeitlebens hängen bleibt. Die Ungeniertheit ist grandios. Man kann, glaub ich, in der Unterhose ausgehen, es kümmert sich kein Mensch darum. Auf dem Korso, einer Art Kohlmarkt, liegen mitten unter der eleganten Welt die Bauern auf dem Pflaster und schlafen. Esel und Ziegen spazieren überall herum, so wie auch in den entlegensten Stadtteilen prachtvolle Paläste stehen. Erquicklich sind die unzähligen Brunnen, wo die Limonari ihre lustigen Anstalten aufgeschlagen haben. Da sitzt man in der Nacht, raucht und trinkt. Die Umgegend in der Weite wie Mödling ist über alle Maßen schön. Leider war ich nicht so viel draußen, als mir jetzt lieb wäre. Morgen will ich noch einmal nach Tivoli fahren. Von den alten Kunstsachen etwas zu sagen, ist vergeblich. Nur so viel ist gewiß, daß man von Michelangelo und Raphael keinen Begriff hat. Die Nachbildungen sind alle viel zu plump. An die Arbeiten des Cornelius denke ich von hier aus mit noch mehr Respekt als je, schon das, was hier ist, kann man neben allem sehen. Thorwaldsen packt ein. Overbeck läßt sein großes Bild nicht sehen, Koch hat mir eine Zeichnung von Macbeth geschenkt, die Deutschen machen nichts und die Italiener können nichts. Das ist alles. Ich selbst habe »die Arbeiter im Weingarten des Herrn« in Wasserfarben gemacht, wofür ich Lob und elogi einernte erstaunlich. Außerdem eine Zusammenstellung zur Dekoration eines Zimmers, in dem Schubertische Lieder gesungen werden. Leider blieb Schwind die Gelegenheit zur Ausführung dieses Planes versagt. Noch im Jahre 1862 betrieb er die Sache: »Sag einmal, doch das ist nur ein Problem, wäre der Mann nicht zu bewegen, seinen Saal dem Andenken Schuberts zu widmen. Da kannst Du dir denken, wie ich dabei wäre.« So schrieb er an Bauernfeld, beim Bericht über das Anerbieten, den »Speisesaal in einem Herrn Tadesco gehörigen Hause« auszumalen, – und 1851 klagte er: »Wenn Liszt bei Graf ein Klavier probiert, das muß gemalt und als Reliquie verehrt werden, unser guter Schubert hat uns tausendmal am Klavier entzückt, was war ein Kreis von tüchtigen Leuten um ihn – man müßte es guldenweise betteln.« Die Wand des Mayrhofer ist ziemlich in der Ordnung und kann nächstes Frühjahr zur Ausstellung wandern, nebst der des Goethe; könnte nicht [Graf] Wilczek so was machen lassen? Um ein paar tausend Gulden ist alles geschehen. »Urania« und »Einsamkeit« als Arabesken sind in Farben fertig, ich will aber in Pompeji noch nachschauen. Antigone und Oedip, die zürnende Diana und Memnon! sind komponiert, aber ich habe keine Freude, so verwünschte Konturen zu machen, ich muß etwas in Öl malen, sonst werde ich närrisch. Denk, wie lang ich das entbehre, und was ich jetzt alles gesehen habe, das mich aufmuntert. Faremo [Wir werden machen] Ritter Kurts Brautfahrt, da ist doch ein Haufen Farben nebeneinander. Hast du den wunderlichen Heiligen schon zu Spaun expediert? Hoffentlich, denn ich habe an Spaun sagen lassen, er solle ihn nach Linz schicken. Gestern haben sie mir Blutegel gesetzt, infolge eines Rippenstoßes. Alles Schöne aller Orten. Dein treuer Schwind. Rom, 6. September 1835 (an Schaller) Lieber Freund Schiler! Gestern kam ich von einem dreiwöchentlichen Ausflug von Neapel zurück, und fand zu meinem großen Vergnügen deinen Brief im Caffé greco. Ich reise Donnerstag 8 Tage (heute ist Sonntag) von hier ab, wahrscheinlich mit bedeutendem Leidwesen, denn so eine Stadt wie Rom gibt es einmal nicht wieder. Ich werde so viel möglich mit der Post reisen, aber mich doch in Padua und Venedig und später bei meinem Bruder in Gmunden und in Linz etwas aufhalten, wie es eben sich tun läßt, und dann nach München kommen, um dort allda zu bleiben, bis der Ritter Kurt fertig ist. Ergibt sich mittlerweile eine Bestellung von König oder Kronprinz, ist es gut, wo nicht, gehe ich mit dem fertigen Bild nach Wien, wo ich schon mein Fortkommen werde zu finden wissen. Eher als ich den Knecht oder Possenreißer mache, suche ich ein Zimmermaler-Gewerb zu kaufen und kann da vielleicht mehr ins Werk setzen. Im äußersten Fall bin ich auf alles gefaßt, will aber das bessere hoffen. Ich war vierzehn Tage lang in Rom herumgezogen, bis ich endlich abreisen konnte. Die verrückten neapolitanischen Verordnungen gegen die Cholera brachten alle gemachten Verabredungen zunichte. Auch das letzte Mal wiesen sie uns an der Grenze zurück, weil in dem Paß des Kondukteurs eine Kleinigkeit fehlte. Wir mußten anderthalb Tage in Terracina bleiben und zwei Nächte dazu, bis der Paß korrigiert von Rom zurückkam. Die Stadt ist ein interessantes Loch und die Aussichten so schön, daß mir die Zeit nicht lang wurde. Abends badete ich im Meer und rauchte am Fenster einige vergnügliche Pfeifen. In Neapel machte ich es sehr einfach. Morgens ging ich an den Hafen, dann ins Museum, nachmittags schlief ich. Abends ging ich an der Strada nova hinaus und wenn es finster war ins Theater. Einen Tag brachte ich in der Gegend von Puzzeoli zu. In Pompeji war ich allein mit dem jungen [Historienmaler] Rhoden. Den Vesuv zu besteigen gelang mir nicht. Es war viel schlechtes Wetter, mit der Gesellschaft ging es auch nicht zusammen und allein kostet es zu viel. Er rauchte stark, feuerte aber nicht. Wenn man am Meer spazieren gehen kann, braucht man nichts weiter; solche erstaunliche Dinge wie der Vesuv sind für die Engländer, für mich nur in sehr guter Gesellschaft. Wenn ich bedenke, wie höchst verschiedene Arbeiten ich gesehen, die doch jede einen vollkommenen Eindruck macht, so finde ich mich in der Ansicht ganz bestärkt, daß jeder tun soll wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Das ist aber heutzutage sehr schwer, denn bis man weiß, daß man einen Schnabel hat, ist er von vielem Anstoßen schon ganz verbogen. Wenn du mir noch schreibst, tu' es nach Venedig. Grüße deinen Bruder und Heinrich recht schön und leb wohl. Dein Freund Schwind. München, 20. Dezember 1835 (an Schober) Nach so langem Schweigen ist es mir unmöglich, mich hinzusetzen und vom Anfang bis zum Ende zu erzählen; je mehr ich das will, desto weniger komme ich dazu. Am 24. September reiste ich von Rom weg, ging über Ancona nach Venedig, dann nach Triest, war einige Tage in Laibach bei Max [Spaun], der ganz der alte, nur sehr glücklich ist. Von da reiste ich durch Schnee und Eis nach Salzburg, dann nach Gmunden zu meinem Bruder, wo ich eine Woche blieb, von da nach Linz und kam dann den letzten Oktober wieder hier an. Ich hoffte, Geld zu finden, das ich ausstehen habe, und den Ritter Kurt anzufangen, den ich auf der Reife fleißig durchgedacht und, wie ich meine, in ein stattliches Lustspiel umgewandelt habe, bekam aber anstatt 6–700 Gulden keinen roten Heller. Zum Glück hat der Kronprinz mit Arbeit auf mich gewartet und so geht es. Dieser Treffliche ist mir sehr geneigt und hat, wenn auch nicht die richtigsten Begriffe, doch sehr viel Leidenschaft für Kunst und Sinn für selbsterfundene Sachen. Es ist von so einem Herrn genug, wenn er sich 2–3 Stunden mit unsereinem bespricht, ohne zu ermüden. Genug, wenn sonst nichts dazwischen kömmt, da wäre ich geborgen. Von meiner Arbeit in der Residenz macht auch alles ein großes Wesen, mir ist aber bei alledem angst und bang. Mein Leben entscheidet sich von außen günstig, wie es eigentlich einst zu hoffen war, und doch unglücklich, denn ich stehe nicht da, wo ich stehen sollte. Ich habe alle Freude verloren und es geschieht mir immer wieder, daß, wo ich es gut meine und Zutrauen und Neigung verschwende, Täuschung und möglich Hohn der Gewinn ist. Soll ich daran glauben, daß manchmal einer dem Unglück preisgegeben ist, oder ist alles, was ich Gutes glaube und suche, nicht wahr? Ein selbständiges Wirken ist etwas, aber nicht viel, und auch das traue ich mir nicht mehr recht zu. Wäre ich in meiner Jugend statt bewundert und übermütig, fleißig gewesen und still, es wäre eine Freude für mich und manchen, der Geist und Liebe genug hat, sein Leben geformt und verschönert zu sehen und sich daran zu erholen. Mir wird schwer mehr wohl werden. Wir zwei haben uns auch so lieb gehabt und hängen uns, denk' ich, noch ebenso an, aber wieviel Freude hast Du denn an mir erlebt? wie gut haben wir's gemeint und in welche Verwirrungen hat es geführt. – An eines denke ich in Ernst: hier alles auszugeben und in Wien allem miteinander die Stirne zu bieten. Not werde ich nicht brauchen zu leiden, und ich bin doch das Elend los, immer zu machen, was mich nicht freut. Zimmermalen ist auch eine schöne Kunst und ernährt als ehrlichen Mann, nicht als Possenreißer. Hier muß ich zugrunde gehen. – Leb wohl, und wenn es Dich auch etwas Überwindung kostet, so setz Dich nieder und schreib mir, daß wir einmal etwas in Takt kommen. Ich lebe so allein, daß es mir wirklich not tut, von Auswärtigen etwas zu hören. Ich schreibe an eine Menge von Leuten, aber niemand antwortet recht nacheinander. Für Gesellschaft bin ich verdorben und dieses Handwerksleben ist mir unleidlich. Von Herzen wünsche ich, daß Du mehr Freuden hast als ich. Schwind.   Franz von Schober Bleistiftzeichnung von M. v. Schwind   München, 18. September 1836 (an Schober) Es ist jetzt, glaube ich, lange genug, daß wir außer Berührung geblieben sind, und ich habe es von Herzen satt. Im Juli traf ich auf der Reise nach Gmunden, wo ich vier Wochen lang bei meinem Bruder war, in Braunau zwei Ungarn, die ich nach Dir fragte und die Antwort erhielt: »O ist das geschickter Mann, erzieht jungen Grafen und Gräfin und das ganze Haus.« Daraus war zu entnehmen, daß Du bei Festetics und in Pest bist. Es ist jetzt schon wieder so lang, daß ich in Italien war, daß es schon fast nicht mehr wahr ist. Bis zum Juli arbeitete ich für des Kronprinzen Schloß eine Menge Sachen, Zeichnungen in Wasserfarben, immer in der Hoffnung, eine Zeichnung selbst auszuführen, woraus aber immer nichts wurde, erst zu meinem großen Ärger, jetzt zu meiner Zufriedenheit. Denn man ist so geniert, daß doch auch nichts Rechtes draus geworden wäre. Wenn der Kronprinz so fortmacht, ist mein Verlangen, ihm zu dienen, nicht groß. Wenn Du dich eines gefangenen Grantikus erinnerst, dem Zwerge durch Gitterabfeilung behilflich zu sein sich bemühen, so habe ich zu melden, daß selbes Werk, in Öl ausgeführt, in den Besitz des Generals Heideck übergegangen ist. »Der Traum des Gefangenen«. Ich hoffe, dieses liebenswürdige Material nicht mehr aus der Hand zu legen, denn was nützen mich die Herrlichkeiten des Freskomalens, wenn man nichts von mir haben will. Ritter Kurt, der lang herumgetragene, kommt doch noch an die Reihe, kreuz und quer überarbeitet; denn wer mag seine Sachen schlechter machen, als man sie weiß. Mir ist Angst, indem ich das alles schreibe, Du wirst es unfreundlich finden, daß ich lauter äußerliches Zeug schreibe, aber erinnere Dich, daß Dir früher ganz umständlich erzählende Briefe wohl gefallen haben, und ich wäre sehr zufrieden, hätte ich von Dir einen solchen. Die Zeiten der Angst sind eine gute Zeit vorbei, und möge es unser Herr Gott so einrichten, daß ich in solche Zerrissenheit und Gefühl des Untergangs nicht mehr zu verfallen brauche. Meine Wirtschaft durchzumachen, war keine Kleinigkeit, und da muß man vergessen, daß Härte notwendig war, so etwas kann so sauber nicht abgehen. Was hast Du mir denn alles zu schreiben, warum tust Du es denn nicht? Ich weiß es, daß Du mich nicht vergessen hast, warum soll ich nichts von Dir haben? Bei dem, was mich in die Sauce brachte, war vieles von Dir, das ich abschütteln mußte, um herauszukommen. Ich widerstrebte heftig, denn ich war geängstigt und gehetzt, wegen meiner boshaft, wenn ich Deiner Leichtigkeit zu reden nicht aufkam, das ist die ganze Geschichte. Hält Dich das ab, mir zu sagen, wie es Dir geht, was ich doch so gern wüßte? Glaubst Du, es tut mir nicht leid, daß so ein Prügel zwischen uns liegt? Ich weiß nicht anders, als daß wir gut auseinander gegangen, und könnten wir uns heute sehen, würde einer daran denken, daß wir uneins gewesen, daß ich Dir und über Dich Dinge sagte, die mir leid tun? Geh sei wieder gut, wir finden keiner so bald wieder einen so alten Freund. In Linz fand ich einen Aufsatz von Dir über Danhausers Bild, schreibst Du mehr dergleichen? Feuchtersleben beschreibt [Karl] Rahlen von allen Seiten; so gut kannst Du es, hol' mich der Kuckuck, auch, aber man muß recht dahinter her sein. Schwemminger geht nach Rom; das ist fast so gut als ins alte Eisen. Die Wirtschaft kenne ich und sehe wenig Erfreuliches dabei. O Jammerkreis von Studieren, Unterrichten, und die Kunst des Hervorbringens sitzt auf der Erde! Ich bin nur begierig, wenn doch einmal die Welt aussehen wird, als malte einer darin, der Schwind heißt? Ich möchte doch auch einmal mitzählen! Leb wohl und antworte, wie Du willst, aber gleich, Deinem alten Freund Schwind. München, Frühjahr 1840 (an Bauernfeld) Lieber Freund! Deinen Verdruß über den letzten Durchfall »Damit ist vermutlich mein Lustspiel ›Ernst und Humor‹ gemeint.« Bauernfeld. begreife ich nicht nur, sondern teile ihn schon, seit ich davon hörte. Was soll man den Leuten machen, wenn ihnen solche Stücke nicht gefallen? mit Ernst ist nichts und mit Humor ist's auch nichts. Ich bin der Meinung, daß unsere Zeit, die zu nichts mehr Zeit hat, nur mit Gewalt dazu gebracht werden kann, sich vier Akte hindurch Zeit zu nehmen, sich zu unterhalten. Hol sie alle zusammen der Teufel. Das Rechte muß geschehen, clam vi et precario [insgeheim, mit Gewalt und Bitten] es ist nicht anders. Wenn Du etwas schreibst und herausgibst, wozu Du mich brauchen kannst, so disponiere ganz und gar über mich, ich werde aus jenem Fasse aufwarten, auf dem die schwarze Katz liegt. »Das ist der beste Wein, worauf die schwarze Katze sitzt.« Bauernfeld. Die Ausstellung meines Kartons [zum Kinderfries] hatte ich so eingerichtet, daß es nicht gar zu öffentlich ausfiel, nämlich nur vier Tage lang und bescheiden angezeigt. Es sah ihn indessen doch die ganze Künstlerschaft und eine gewaltige Menge Leute. Der König kam glücklich zu spät und geriet in einen schwer zu besänftigenden Zorn. »Ein König hat nicht alle Tage Zeit,« hieß es. – Mit dem Eindruck war ich sehr zufrieden. Trotz meinem losen Maul waren alle Sorten von Menschen zufrieden und darüber einstimmig, daß ich ein heiteres und lebendiges Werk zustand gebracht habe. Je besser der Mann, je besser das Lob. Mit den Zeitungsanzeigen war man allgemein unzufrieden. Ein großer und ausführlicher Artikel wurde an die Allgemeine Zeitung geschickt, aber nicht abgedruckt, worüber ich meinesteils froh bin. Ich habe bisher der Öffentlichkeit gegenüber immer im Aug gehabt, keinen Schritt vor zu tun, bevor man gewiß ist, ihn nicht wieder zurücktun zu müssen, und bin dabei gut gefahren. Wenn das Bild fertig und gut ist, dann werden und mögen sie jubilieren quantum sat [nach Herzenslust]. Den Winter über habe ich acht runde Tugenden gemalt für den Sitzungssaal der Ersten Kammer in Karlsruhe, als Weisheit, Gerechtigkeit, Stärke und Klugheit und gegenüber Frömmigkeit ( pietas ), Treue, Friede und Reichtum. Figuren von vier Fuß auf allerhand Thronen sitzend. Werden nächstens ausgestellt. Etwa halben April gehe ich nach Karlsruhe und habe bis dahin noch einen Karton von drei Figuren zu zeichnen, die Architektur, von Staat und Kirche beschützt, fertig zu machen und die Großherzoglich Hessische Familie für einen Lithographen. Das wird gut bezahlt und macht mir viel Spaß mit den seidenen Weibern und dem pompösen Beiwerk. Von meinem Leben hier ist gar nichts zu sagen. Meine Familie in Wien bessert sich einigermaßen; traurig daß es bei Dir so übel geht. Lebe recht wohl und nimm mit diesem verrückten Zeug vorlieb. Grüße Herz und Niembsch, Winkler und Kifuen, Trost und Verzweiflung und schreib wieder einmal. Dein Schwind.   Schubert und Vogl am Klavier Federzeichnung von M. v. Schwind   II. Auf Vorposten »Die Sache in München war nicht mehr auszuhalten.« Dagegen: » Karlsruh ist für mich die interessanteste Stadt von der Welt geworden. Es gibt keine schönere Gegend, keine schöneren Straßen, keine schöneren Sterne als hier. Dieses neugebackene Loch enthält alles, was ich brauche.« So berichtet Schwind in der guten, zuversichtlichen Stimmung, mit der er jeder Veränderung seiner Lage entgegen ging, an den » Trienter Hof «, das heißt an zwei im Trienterhofe zu Wien wohnende Jugendfreundinnen, Frau Therese und Fräulein Marianne von Frech . (Die Briefe an den Trienter Hof sind von ganz besonderer Grazie, gemäß dem Bekenntnis ihres Schreibers: »Man kann nicht bald wieder so lang und heimlich plaudern als bei dieser Frau von Frech«; sowie: »Wenn Ihnen meine Briefe Vergnügen machen, so wird das daher kommen, daß ich Ihnen, wo ich weiß verstanden zu werden, lieber und leichter schreibe, als vielen andern.«) Schon bald aber hieß es wieder: »Ich habe oft so das Heimweh nach Wien, daß ich glaube, es ist nicht auszuhalten.« Denn alles, was er brauchte, sollte Schwind auch in Karlsruhe nicht beschieden sein, – er meinte nämlich: »Wirkungskreis und Frau, den will ich sehen, der mehr verlangen kann, höchstens einen Haufen Kinder dazu.« Der Wirkungskreis blieb ihm versagt, er klagte über »schlechte Behandlung« und hatte den besonderen Verdruß, in der Konkurrenz um die Ausmalung der Trinkhalle zu Baden-Baden (der »Vater Rhein« ist daraus hervorgegangen) dem Historienmaler Jakob G. Götzenberger nachgesetzt zu werden. Aber die Frau wurde ihm hier beschert: Luise Sachs , die Tochter eines badischen Majors, mit der er sich am 3. September 1842 vermählte; sie waltet fortan sichtbar wie im Leben, so in den Briefen des glücklichen Mannes. Von Karlsruher Bekannten nennt Schwind nur, gelegentlich, den Minister Freiherrn von Blittersdorf , seinen Gönner, – »ich kenne die meisten Deputierten persönlich recht gut und in Blittersdorfs Haus habe ich ein ›Leben‹ nach Schober« – und den außerordentlichen preußischen Gesandten und bevollmächtigten Minister Josef Maria von Radowitz (in Karlsruhe 1842 bis 1845), den Vertrauten Friedrich Wilhelms IV. Einer weiteren Erklärung bedürfen die folgenden Briefe nicht. Lediglich ein neuer Briefempfänger ist noch vorzustellen, der bisher, obwohl die persönliche Annäherung schon im Jahre 1836 erfolgt war, nur flüchtig erwähnt wurde: Buonaventura Genelli . »Mit dem dicken, aber originellen, kräftig gesinnten Schwind stehe ich seit einiger Zeit in ziemlich lebhaftem Briefwechsel,« – so schreibt dieser ums Jahr 1843 an einen Freund – »den ich nicht vernachlässigen mag, da er unter den Künstlern der einzige ist, dem ich mich gern mitteile, weil er ein ganz von mir Verschiedener und zwar kein aus dem Kunstparadiese Verstoßener ist.« Welche Hochschätzung dafür Schwind dem neuen Freund entgegenbrachte, der allzulange wahrhaft ein Verstoßener blieb, das ist in seinen Briefen zu lesen, zugleich als ein edles Zeugnis für die treue und tatkräftige Freundschaft, deren Schwind, neben jähestem Unmute, fähig war. Einige dieser Briefe hat vor 35 Jahren schon Lionel v. Donop in der Zeitschrift für bildende Kunst mitgeteilt. Als es auch in Karlsruhe »nicht mehr auszuhalten« war, da ging bald ein Gerücht um, das der seit 1836 in Frankfurt übende Alfred Rethel an seinen Bruder Otto, am 28. Jänner 1844, also vermeldet: »Noch ein anderer Künstler soll sich um diesen wurmstichigen Institutsapfel bewerben, nämlich Schwind aus Karlsruhe, früher in München, ein saugrober Mensch, aber tüchtiger Künstler.« Jener eine Künstler aber war der von Schwind gehaßte, von der Zeit gefeierte Meister der Düsseldorfer Schule, Karl Friedrich Lessing ; der wurmstichige Apfel war die Lehrstelle für Historienmalerei am Städelschen Kunstinstitut in Frankfurt a. M. Und das Gerücht bekam recht; nichts war in Karlsruhe, was Schwind gehalten hätte: auch »das Ministerhaus ist fort und mit ihm das einzige, das ich außer der Familie besuchte, findet sich aber in Frankfurt wieder«. Er übersiedelte, nachdem das Institut noch ein größeres Werk »aus der deutschen Geschichte« von ihm bestellt hatte (es wurde der Sängerkrieg auf der Wartburg daraus), im Mai 1844 nach Frankfurt a. M.; »auf Vorposten,« wie er Genelli schrieb. »Die Zelte werden schon abgebrochen und ich erwarte täglich ein Kamel von Fuhrmann, das meine Siebensachen transportieren soll. Gleich nach Ostern soll 's weitergehen. Nach München ginge ich freilich lieber,« – dies ist auch der Inhalt der letzten Karlsruher Briefe an Schaller und an Kaulbach – »aber ich denke, es wird sich leben lassen.« Karlsruhe, 15. Februar 1842 (an Therese von Frech) Liebe gnädige Frau! Gestern vormittag habe ich mich verlobt, mit Luise Sachs, Majorstochter von hier. Seit Weihnachten konnte ich aus der Mutter nichts Rechtes herauskriegen, bis ich gestern dranging und in ein paar Minuten alles erobert hatte. Das gute Mädel fing an zu weinen um ihren Vater und ihre Schwester, die beide in Zeit von acht Monaten gestorben sind, sie hat sich aber wieder getröstet. Alle Bekannten, Halbbekannten und selbst Fremde gratulieren mir, ich hätte das bravste Mädel auf weit und breit. Das auffallende Unglück, das sie zu bestehen hatte, machte auch ihr wackeres Betragen bekannt. Ich bin gestern mit ihr ausmarschiert und sah lauter vergnügte Gesichter. Dieser Mensch also, der so viel Unheil erlebt und angefangen hat, ist also endlich untergebracht. Man spricht von den Beschwerden des Ehestandes, gut, was aber ein alter Junggesell für ein nichtsnutziges, ungehöriges, abgelegtes Ding ist, davon kann ich auch reden. Nicht einmal seinen eigenen wirklichen Verdruß hat man, geschweige denn was anders. Wir haben unter unseren Bekannten niemand, dem sie gleich sieht, es sei denn die Nettl, Anna Hönig, »die Königin meiner jungen Jahre«, 1832 mit Ferdinand Mayerhofer von Grünbühel vermählt. sie ist aber größer und hat einen Mund wie ein Kaffeelöffel so klein. Falls die Frau von Gutherz Therese G., geborene Hönig, die Schwester der Nettl. über meine Untreue trauern sollte, so gestehe ich aufrichtig, daß zwischen den Händen ein bedeutender Unterschied ist. Was nützt's, ein solches Paar wie der Resi ihrs gibt's nur einmal und es wär schad darum zum Kochen. Ich sag Ihnen, mir ist ganz gut zumut, mein Bild hab ich auch verkauft und tausend Gulden des Jahrs auf zwei Jahre schriftlich, bis auf weiteres mündlich und wie ich glaube wirklich. Zu tun gibt's auch genug und sei über alles Bisherige ein großes Kreuz geschlagen, und nichts soll aus dem ersten Teil in den zweiten herüber als die Freude über die viele Freundschaft, die ich gefunden habe. Jetzt, glaub ich, werde ich erst alle recht gern haben, weil ich alle die verrückten Launen und leeren Wünsche los bin. Meine Zukünftige empfiehlt sich unbekannterweise und wahrscheinlich auf Wiedersehen im Herbst. Ihr alter Freund Schwind. Karlsruhe, 4. April 1842 (an Bauernfeld) Liebster Freund! Deinen Roman solltest Du doch nicht verschmähen mir zu schicken, wenn es ohne große Unbequemlichkeit geschehen kann. Erstens möchte ich ihn gar gerne lesen und dann macht man so hin und her etwas viel angenehmer und besser, als wenn man alles auf einmal machen soll. Die Kammer hat ihren Tee. Blittersdorf kann was ertragen und plagt mich eigentlich um Karikaturen. Ich hab ihm eine Szene gezeichnet, wo man ihm die Fenster einwerfen will, das gefällt ihm sehr gut und er will es herausgegeben haben. Ich will es nicht abgelehnt haben und vor allem nicht, bis ich die Sache kenne. Schober also läßt sich oder ließ sich gar nicht mehr sehen, das ist ein merkwürdiger Kerl. Seine Geschichte wäre nicht uninteressant wo einzuflechten. Sei doch so gut und vergiß nicht, mich wissen zu lassen, wo dein Nekrolog Vogls zu lesen ist. Gleich daneben sei gesagt, daß ich meinem Schatz ein Hochzeitsgedicht versprochen habe. Sie möchte gern von Niembsch eines, dessen Gedichte sie sehr liebt, ich möchte von Dir eines, es sei also jedermann eingeladen. Schon am 23. Februar 1842 hatte Schwind an den Freund geschrieben: »Ich werde nächster Zeit ein Porträt einschicken, damit doch jedermann sich überzeugt, daß es der Mühe wert ist, und auch die Hochzeitscarmina nicht brauchen aufs gerade Wohl gemacht zu werden.« Bis 1. Juli soll die große Feierlichkeit vor sich gehen. Wenn man gewiß wüßte, daß jeder so gut zu käme wie ich, so müßte man Tag und Nacht seinen Freunden in den Ohren liegen, bis jeder eine Frau hätte. Dieses Mädl ist vortrefflich und wenn Dir die Frau des »Selbstquälers« gegenwärtig ist, so kennst Du sie. Dazu ist sie heiter und standhaft, daß es eine Art hat. Wenn's so fort geht, und das ist zu hoffen, denn wir haben ohne Ekstase angefangen, so hoffe ich, statt ein Philister zu werden, die Masse von Verdrießlichkeit, Unlust und Verstockung, und das ist das wahre Philisterium, abzuschütteln. Etwas behagliche Gewohnheit ist unserm Alter angemessen und gehört dazu, um etwas Gesundes zu machen. Ich würde mich jetzt gar nicht besinnen, die ganzen Staatsarbeiten abzudanken und mich, bloß auf meine Gedanken gestützt, dem Publikum gegenüber zu stellen, was ich früher kaum würde gewagt haben. Ich habe jetzt so Zeug genug gemacht, vedremo. Die Sache in München war nicht mehr auszuhalten. Ich habe müssen einsehen, daß da keine Wahl war, als aufgeben oder, wo nicht geradezu närrisch zu werden, in Ärger und Verbitterung um alle Fähigkeit zu kommen. Gott sei's geklagt, daß es so hat kommen müssen, aber es war nicht zu helfen. Alle äußere Entbehrung, Unbehagen und Langeweile hätte ich ertragen, wenn man aber einsieht, daß alles inwendige zugrunde geht, da ist nichts mehr zu tun als salvare animam [das Seelenheil zu retten]. Es kostet mich viel und ich habe viel auszustehen von dorther. Das muß man aber in Gottesnamen hinnehmen und froh sein, mit einem blauen Auge weggekommen zu sein. Glaub mir, ein ausgesprochenes Verhältnis hat fast keinen von allen den Schrecken, wie wir uns eingebildet haben. Ich finde das alles so natürlich, als wäre es nie anders gewesen. Es harmoniert alles so gut, daß einem eine Menge Verdruß und Zeit erspart ist. Kann sein, daß es mir gar so behaglich ist, weil ich früher habe müssen so viel ausstehen, auch habe ich mein Alter und daher mehr Freude an Kindern als an einem Roman, deren ich genug und das nasenverbrennende gehabt habe. Du wirst sehen, Du wirst mit meinem Mädel zufrieden sein. Dialectus jonica, sie schwäbelt vortrefflich. – Bevor das Freskomalen wieder angeht, wird noch nach Düsseldorf geflossen, ich will den Rhein ein wenig verkosten und den Cölner Dom noch sehen, bevor ihn das uneinige Deutschland verhunzt. Leb recht wohl und vergiß nicht wegen des Nekrologs und Hochzeitsgedichtes. Empfiehl mich bei Neuner bestens. Dein Freund Schwind. Karlsruhe, 29. Juli 1842 (an Therese von Frech) Beste gnädige Frau! Noch immer bin ich altes dickes Haus Bräutigam, gewiß einer der betrübtesten Zustände, in denen man sich befinden kann. An dem Tag meiner Hochzeit will ich mit einem großen Schwur alles was Zukunft heißt aus meiner Rechnung ausstreichen und über die Vergangenheit ein Kreuz machen wie ein Haus. Wohlverstanden über das, was geschehen ist, nicht über die Personen, und das heißt wiederum, wenn Sie von der Nettel etwas wissen, so lassen Sie mir's ja zukommen. Trotz allen Männern und Kindern und was weiß ich denk ich doch immer gern an sie und das prächtige Leben, das wir zusammen gehabt haben. Sie werden denken, das sei schlimm für die Braut, dem ist aber nicht so. Das ist ein so gutes und allerliebstes Geschöpf als eins zu denken, und ich bin überzeugt, daß ich, wenn nicht von außen Unheil kommt, ein ganz gutes Leben führen werde. Mir, der ich immer in einem verehrenden und pagenartigen Verhältnis zu meinen Schätzen war, kommt es etwas spanisch vor, daß ein so schönes und stattliches Mädel ganz in meiner Gewalt ist, aber es ist gar nicht übel und meinem Alter anpassender als dumme und unerfüllte Wünsche. So rede ich aber nebst Ihnen nur zu ganz wenig Leuten, das heißt meinen Brüdern und sonst niemand, denn ich fange auch an zu bemerken, daß man einiges auf dieser Welt für sich behalten muß. Neben aller Weisheit muß ich aber auch gestehen, daß ich bis über die Ohren verliebt bin und, gequält von meiner kranken Leber, geärgert von Warten und meiner ganz prosaischen Schwiegermutter, Szenen aufführe, die eines Achtzehnjährigen vollkommen würdig wären. Um aber von etwas Gescheiterem zu reden als meinen Gedanken, so steht zu vermelden, daß mein Bild anfangt fertig zu werden. Die Plage ist ärger, als man sich vorstellt. Ich war auch eine Zeitlang so in Verwirrung, daß ich das dummste Zeug gemacht, und mir vor Ändern und wieder Ändern nimmer wußte, wo mir der Kopf stand. Am 1. September, wenn die Verkündigungen ordentlich gehen, kann Hochzeit sein, und zwar in der Lichtenthaler Kirche, worauf ein paar Tage in Baden zugebracht werden und dann über Regensburg nach Linz, und von da über Gmunden nach Hallstadt gereist wird. Wenn Sie so lang in Gmunden bleiben, was ich hoffe, so sind Sie die ersten, die meinen Schatz sehen werden. Wie werden Sie mich als Ehmann auslachen, aber der Kuckuck mag ein alter Junggeselle werden oder bleiben! Von da wird wieder nach Linz zurückgefahren und vielleicht in Ihrer Gesellschaft nach Wien gerutscht. Ich will haben, daß meine Frau meine Freunde sieht, damit ich mit ihr davon reden kann und der Schaden ausgebessert wird, daß wir keine gemeinschaftlichen Erinnerungen haben. Auch brauche ich nach so langer Plage wieder eine Erfrischung. – Sie kommen noch einmal ins Badener Land, oder ich werde einmal mit Glanz nach Wien gerufen, oder muß mich mit Schand und Spott dahin zurückziehen, da wollen wir recht dahinter her sein. Ein Mensch, der an der Kunst keine Freude hat, ist wie ein Kind das nicht spielen kann, ein dummes, knechtisches Ding. Es kann sein, daß ich hier eine sehr schöne Arbeit bekomme, 14 Bilder nämlich, in der neuen Trinkhalle in Baden. Das wäre ein Platz wo man sich könnte sehen lassen. Wird aber nichts daraus, so habe ich schon meine Sachen gerichtet, und arbeite dann mit Hilfe, daß das Ding ein wenig schneller geht. Ich hoffe, die »gedankenlose Kunst« wankt etwas auf ihrem Altare, und welche Freude, ihr auch ein paar Fußtritte zu versetzen. Auf meinen Schatz kann ich mich glücklicherweise ganz verlassen, sie macht sich nichts aus ein paar Gulden weniger des Jahrs. So hätte ich denn wieder einmal geschwätzt nach Herzenslust. Leben Sie recht wohl, und schreiben Sie und Frl. Mimi wieder ein paar Zeilen. Meine Ankunft in Gmunden wird noch gemeldet. Wäre doch das Schicksal so liebenswürdig und brächte mich auf lange, auf immer in Ihre Nähe. Wenn Sie Ihrer Frau Tochter schreiben – alles Schöne von Ihrem ergebensten Schwind. Karlsruhe, 4. November 1842 (an Schaller) Liebster Freund Schiller! Dein Brief wurde mir nach Hallstadt nachgeschickt. Auf der Reise kam ich nicht dazu zu schreiben. Ich war die letzten 14 Tage vor der Hochzeit so hin, daß ich nicht mehr recht auf den Füßen stehen konnte: Hitze, Arbeit, Herumlaufen und eine mörderische Cucarilla [?] brachten mich ganz auf den Hund, so daß ich mit genauer Not das Notwendigste voreinander brachte. Ich fuhr im gepackten Wagen nach Lichtenthal, wurde um 12 Uhr getraut und fuhr um 4 Uhr davon. Es ging über Offenburg, Donaueschingen nach Konstanz, wo wir den 3. Tag eintrafen. Von da nach Lindau und noch denselben Tag per Eilwagen nach Kempten. Von da über Reutte, (2 St. von Hohenschwangau, das ich mich aber nicht entschließen konnte anzusehen), Lermoos und Telfs nach Innsbruck, wo wir einen Tag blieben, abends mit dem Eilwagen abfuhren und den andern Tag um halb 6 in Salzburg ankamen. Es war der 11. und den 12. nach 9 Uhr fuhren wir nach einem Spaziergang über den Mönchsberg wieder weiter. Ich fürchte fast, wir waren denselben Tag in Salzburg, ohne es zu wissen. In Hallstadt blieb ich 12 Tage, restaurierte zwei alte Temperabilder an der Kirche und machte eine kleine Zeichnung mit Wasserfarben. Die Gegend ist herrlich und ich kann sagen, daß ich da sehr zufriedene Tage erlebte. In Linz hielt ich mich 2 Tage auf und fuhr mit dem Dampfschiff nach Wien. In Nußdorf wartete Bruder, Schwestern und Nichten, so daß man sich im Gedränge aus den Augen verlor. Ich wohnte die ersten Tage mit Frau und Bruder Franz, der mitgereist war, im Wirtshaus auf der Wieden, nach 3 Tagen erst zog der Wiener Bruder von Hietzing in seine Stadtwohnung und ich zu ihm. Wir blieben 3 Wochen, aßen aber nur drei- oder viermal zu Hause, so zahlreich waren die Einladungen. Am 18. Oktober reiste ich mit dem Eilwagen nach Linz, wo ich Rasttag machte, dann nach Regensburg, wo ich 2 Tage blieb. Dann mit dem Landkutscher in sehr bequemem Wagen über Ingolstadt, Donauwörth, Nördlingen. Über Gmünd nach Stuttgart, wo ich wieder einen Tag blieb. Sonntag abends um 6 Uhr traf ich hier ein. Die Wohnung fand ich eingerichtet (Stephanien-Straße Nr. 70), geheizt und beleuchtet. Hochzeitsgeschenke die Menge und Schwiegermutter, Schwager und Freundinnen der Frau versammelt. Ich habe Platz für einen Gast, ja ich könnte ohne viel Ungelegenheit einen Schüler oder Gehilfen abgesondert einlogieren. Im Bau bekomme ich ein geheiztes Atelier. Über meine Badener und hiesigen Angelegenheiten soll bald etwas entschieden werden. Die Aussichten sind ziemlich günstig. Das beste ist, daß ich ganz gefaßt bin, auf eigene Faust und Rechnung eben so gern, fast noch lieber zu arbeiten als auf Bestellung. Das tägliche Brot ist nicht zu wenig, sondern etwas sehr Dankenswertes, wenn man denkt, wie manchem es knapp zugemessen ist. Schnorr gratuliere bestens zur glücklichen Vollendung seiner Arbeit und der großen Anerkennung, die sie findet. Du schreib recht bald und versprich einen Besuch, damit Du die kärgliche Zumessung von diesem Sommer wieder gut machst. Leb wohl und schreib recht viel von allen Freunden und Bekannten. Genelli und Schütz schönstens zu grüßen vergiß nicht von Deinem Freund Schwind. Karlsruhe, 25. Mai 1843 (an Genelli) Verehrter Freund! Meine alten Sehnsuchten und Pläne, wie man und wo man sich wieder sehen könnte, haben durch die Freundlichkeit Ihres Briefes bedeutend zugenommen. Kommt Zeit, kommt Rat. Den vielbesagten »Rhein« sollen Sie schon zu sehen bekommen, denn ich hoffe ihn dem Kronprinzen von Bayern aufzuhängen, wenigstens will ich ihn in München ausstellen. Die Absicht, die ich mit Ihrem Manuskripte hatte, ist zum Teil vereitelt. Ich dachte den kleinen Kunsthändler Veith, der mittlerweile mit Ihnen selbst in Unterhandlung getreten ist, für die Herausgabe zu interessieren. Kann ich jetzt etwas in der Sache vermitteln oder helfen, so stehe ich zu Diensten. Der kleine Kerl ist noch immer von den besseren. Ich habe ihm meine kleinen Forderungen um einen Trumpl verkauft, um nur einmal anzufangen, die nächsten soll er schon besser bezahlen. Das Erscheinen eines Werkes wie Ihre »Hexe« müßte Folgen haben, ich kann es nicht anders glauben. Ihre Centaurenfamilie ist mein tägliches Vergnügen und meine immerwährende Verzweiflung. Ist es eine gänzliche Torheit von mir zu verlangen, daß meine Sachen kräftiger sein sollten? Ich kann mir's nicht erwehren. Mit meinem Verfahren in den hiesigen Angelegenheiten bin ich ganz zufrieden und würde, wenn ich es noch einmal zu tun hätte, gerade so, höchstens etwas stolzer verfahren. Reiht man sich einmal in diese Lumpenwirtschaft ein, so ist man verloren, und ich glaube, ich habe mich genug schinden lassen. Auf einen Gaul, der ein paar hundert Gulden wert ist, gibt man acht und schont ihn, und sein armes Talent soll man in den Mistkarren spannen. Ich habe auf ein oder ein paar Jahre Geld zum Leben, da müßte es doch wunderlich zugehen, wenn ich mich nicht sollte in Verdienst setzen können. Vorige Woche war ich in Frankfurt, wohin ich, unter uns gesagt, meine Residenz zu verlegen gedenke, da mir München versperrt ist, und habe das weltberühmte Bild von Lessing gesehen. Sie können sich von der Armseligkeit keinen Begriff machen. Diese Leute haben Blähungen im Gehirn und das halten sie für Gedanken. Huß ist nicht Huß, das Konzil ist nicht das Konzil, sämtliche Kunstfragen sind gar nicht gestellt, geschweige denn gelöst, alles zusammen auswendig gelernte Brocken und die Geilheit, Syrup ist zu wenig, des Vortrags ekelhaft. Lange wird der Jubel nicht dauern. Leben Sie recht wohl samt Frau und Kindern und denken manchmal an Ihren Freund Schwind.   Bonaventura Genelli Bleistift mit Kreide von M. v. Schwind   Karlsruhe, 25. Mai 1843 (an Therese von Frech) Beste gnädige Frau! Sehr habe ich zu bedauern, daß ich drum gekommen bin, Ihnen zu erzählen, wie ich Ihre Frau Tochter in Wiesbaden getroffen. Statt Wiesbaden fuhr ich nach Biebrich und hatte das außerordentliche Vergnügen, ein paar Stunden lang zum Teil im Regen dem Nassauischen Militär exerzieren zuzusehen. Sie scheinen sich, was das Getragene, Mysteriöse, heldenhaft Schwebende ihrer Schritte betrifft, den Geist im Hamlet zum Muster zu nehmen. Wenn die Franzosen vor diesem Schritt nicht davonlaufen, so haben sie gar keine Phantasie. Das Ziel meiner Reise war Frankfurt, wohin ich ging, um zu sehen und gesehen zu werden. Es sieht aus, als wollte sich's hier nicht mehr lang tun, und da faßt ein kluger Hausvater eine Stadt ins Auge, die Geld hat, angenehm ist und wohin er seine Möbel zu Wasser bringen kann. Eine Stadt, die nebst andern Süßigkeiten auch die hat, daß Wiesbaden eine Stunde davon ist, wo Fr. v. Frech doch einmal einen Sommer zubringen wird. Damit Sie nicht im Zweifel sind, woher der Wind weht, so erzähle ich Ihnen, daß sich für die Badener Arbeit ein Mitbewerber aufgetan hat, der nebst rotem Adlerorden auch die große Eigenschaft hat, 5mal weniger zu verlangen als ich. Mit alledem kann ich mich freilich nicht messen. Dazu ist es totschlächtig hier und armselig, daß es nicht in die Länge zu haben ist. Zu Hause bin ich so glücklich, als man sein kann. Es geht alles als ginge es zwanzig Jahre, und brauchte man nicht für seine Kunst Umgang, Einwirkung von außen, und Mitteilung, so könnte es mir ganz gleichgültig sein, wo ich bin. Wer kann aber fortwährend ausgeben, ohne einzunehmen? In 4 Wochen beiläufig soll der Storch kommen, das wird nach allem, was ich davon höre, ein starkes Stück sein, man hat aber etwas davon. Die Frau ist fortwährend gesund, so kann ich das beste hoffen. Ich wollte, Sie könnten sehen, wie schön ich eingerichtet bin. Der Louis ihr Teil Zimmer ist so heimlich und sauber, daß es mir jedesmal Freude macht, so oft ich mich umsehe. Dazu habe ich meine Junggesellenwirtschaft für mich voll Papier, Reißbrettern, Pfeifen und dergleichen. Das Klavier ist ein alter Scherben, macht mir aber doch großes Vergnügen. Bitte schließlich einen regnerischen Sonntag zu benützen oder zu verschwenden und einen jener anmutigen mexikanischen Briefe gnädigst an mich ergehen zu lassen. Empfehle mich dem Paperl und verbleibe verharrend auf den Spitzen der Zehen Meine Damen Ihr untertänigster und getreuer M. Schwind. Alles Schöne von der Frau. Karlsruhe, 20. August 1843 (an Bauernfeld) Liebster Freund! Am 6. Juli kam bei uns ein kleiner, breitschultriger Kerl auf die Welt, der Hermann August heißt und bereits die Dicke und Länge eines dreimonatlichen Mannes erreicht hat. Er brüllt vortrefflich und hat nichts im Auge als sein hinlängliches Auskommen, da wird er schon durch die Welt finden. Er wurde Ingenieur und starb 1906. Ich schrieb damals in 3 Tagen 24 Briefe, so daß ich nicht mehr weiter konnte. Feuchtersleben, dem ich's schrieb, er möchte es meiner damals schon sehr kranken Schwägerin beibringen, wird Dir die Nachricht mitgeteilt haben. Von Dir las ich in irgendeiner Zeitschrift, Du wollest Dich vom Lustspiel lossagen, und Dich dem Roman zuwenden. Ich begreife, daß Du es genug hast, das Volk mit anständigem ennui zu versorgen, sonst wollen sie nichts. Schreibst Du einen Roman, so laß es einen sein, den ich illustrieren kann, das sollte mich freuen. Mit meinen badischen Aufträgen werde ich in der nächsten Woche fertig. Se. Hoheit sind sehr unzufrieden mit mir und haben die Malerei in der Badener Trinkhalle den wenigst Nehmenden hintangegeben. Das ist nun eine Virtuosität, in der ich mich gern übertreffen lasse. Um mir nun nicht Unrecht getan zu haben, muß meine Arbeit nichts wert sein, und man machte die grausame Entdeckung, daß ich ein Ausländer sei. Ich zitiere eine Stelle aus Götz und schere mich nicht weiter darum. Dir zum Troste erwähne ich, daß sämtliche Künstlerschaft mir alle Komplimente macht und meine Arbeit über den grünen Klee lobt. Die Hofwirtschaft ist hier einzig, alle drei Monat ein anderer Friedensfürst, und niemand erfreut sich eines dauernden, unwandelbaren Vertrauens als der Hofschneider. Für diesen Winter habe ich angenehme Aufträge in Öl, der kleine Bub wird bis zum Frühjahr größer, dann sitz ich eben auf und gehe auf ein Paar Jahre nach Rom. Indessen der Mensch prahlt und Gott zahlt, wer weiß was bis dahin geschieht. Jedenfalls ist mein Säckel gefüllt, so daß ich was Tüchtiges unternehmen kann. Lachner dirigierte in Landau das Oratorium »Moses«. Ich war drüben und erfreute mich höchlich an dieser wackeren und gefühlvollen Arbeit. Die ganze Wirtschaft hatte etwas Ländliches und Angenehmes. Die Reitschule mit Grünem und Inschriften aufgeputzt, die Sängerinnen auf tausend Schritt als Pfarrerstöchter zu erkennen, häufig Schullehrer, aber alles ging vortrefflich und die Solopartien ließen kaum etwas zu wünschen übrig. Ich war in Gesellschaft des Gesandtschaftsekretärs Brenner, Dürfelds Schwager, und des F. Löwenstein, die beide sehr lustige Leute sind. Mit Lachner und seinem Bruder Vincenz tranken wir ein Glas Bier auf dem Platz und ließen uns von einem bayerischen Oberlieutenant mit der Beschreibung der Wirkungen unterhalten, die 10 000 Zentner Pulver machen müßten, wenn sie in die Luft gingen. Sie lagen etwa 100 Schritt von uns. Dein Stück habe ich Md. Haizinger Amalie Haizinger, Schauspielerin, bis 1846 in Karlsruhe, dann, am Hofburgtheater, in Wien, wo sie 1884 starb. übergeben, aber keine Folgen gesehen. Auffenberg ist seit kurzem Intendant, ich glaube, er wird etwas energischer sein als der vorige, wenigstens so lang er neu ist. Hast Du was an ihn, so schreib, ich kenne ihn gut. Wo ist Niembsch? Ein Gerücht will ihn in Stuttgart gesehen haben. Sollte er wirklich so abscheulich sein und nicht herüber kommen? Grüße alle schönstens. Radowitz, den Allwissenden, sehe ich manchmal, es ist angenehm mit ihm zu reden. Es sind sonst noch tüchtige Leute hier, aber alle einzeln, lauter Robinsone. Das ist in Deutschland nicht anders und daran scheitert alles. Leb recht wohl und schreib einmal ein paar Zeilen Deinem Freund Schwind. Karlsruhe, 29. Oktober 1843 (an Genelli) Ihre Betrachtungen, verehrter Freund, über die niederländischen Bilder sind mir aus der Seele geschrieben. Obgleich ich sie nicht gesehen habe, sehe ich doch den Jubel, den sie erregen, und da frage ich die Leute in Gedanken, warum sie denn, wenn ihnen Kolorit so sehr imponiert, nicht außer sich geraten, wenn sie Bilder von Paul Verones sehen, von Raphael und Michelangelo gar nicht zu sprechen? und dann weiter, ob sie sich denn gar nicht veranlaßt sehen nachzudenken, ob die Umstände, unter denen eine solche Ausbildung möglich ist, uns armen zerstreuten deutschen Robinsonen gegeben sind? Zwanzig Jahre läßt man uns brach liegen und dann sollen wir Wunder tun, ein Publikum entzücken, das den Kopf voll Forderungen hat, die die Natur andern Nationen gestellt hat. O Deutschland, das du immer für das begeistert bist, was dich nichts angeht! Daß übrigens, was Kolorit betrifft, etwas geschehen muß, ist gewiß. Ich für meine Person brenne vor Begierde, etwas darin zu leisten. Ich habe mich mit den Freskoarbeiten möglichst geplagt und wäre mit den letzten Sachen zufrieden. Dafür darf ich aufhören und kann vier Jahre für versäumt ansehen – das macht mich aber nicht müde, im Gegenteil hab ich das angenehme Gefühl wieder erlangter Freiheit und Muße. Zwei Aufträge für Ölbilder habe ich mit vollem Eifer ergriffen als eine gute Gelegenheit, meine Kräfte in diesem Fach, dem ich mich jetzt ganz widme, zu prüfen. Ich habe mich ganz auf mein Haus beschränkt, lasse niemand in mein Atelier, welches aus einem kleinen Zimmer mit einem Fenster besteht, und schaffe was nur immer möglich ist. Das Gefühl des viel Versäumthabens ist zu lebendig, als daß ich Rast und Ruhe haben könnte. Sie sehen, daß selbst bis in diesen Brief herein mich das Getreibe verfolgt, aber ich kann's nicht ändern. Ist einmal etwas getan, und bin ich von hier fort, so will ich auch wieder ausrasten und denken. Mit großem Bedauern habe ich schon früher von der Krankheit Ihrer Frau Gemahlin gehört. Gott sei Dank, daß alles wieder gut ist. Ein solcher Fall würde mich ohne Zweifel auch aufs Trockne setzen. Hat sich Ihre Familie vermehrt? Der Rhein ist etwas in den Hintergrund gedrängt, wird aber nach München kommen. Ci vole danaro um das große Ding anzufangen. Das größere jener Bilder, das ich eben zeichne, 5 Schuh hoch, 3 breit, ist komischer Natur. Gnomen haben über Nacht einen steilen Fels hinan einen Weg gebahnt und schlüpfen in ihre Höhle, während ein Rittersmann, dem sie den Gefallen getan, zur Burg hinaufreitet, wo ihn seine Geliebte, der Preis des Wagestücks, empfängt. Es sind etliche 20 Figuren. Bei Liszt frage ich mich auch manches. Es ist kein Zweifel, daß der Mensch auf dem Klavier Wunder tut. Aber welche Ehren gebühren verhältnismäßig denen, die in der Musik Wunder getan haben? Wäre von Ideen bei ihm die Rede, würde der Beifall kein so lärmender sein, denn die Zuhörer würden mehr geistig als nervig angeregt sein und mithin keine Disposition zu solchen Extravaganzen haben. Leben Sie recht wohl und nehmen Sie vorlieb. Ich habe Verdruß mit dem Architrav und eben zwischen diesen Brief hinein einen anmutigen Zettel beantwortet. Hol die Kerle alle der Teufel. Niemand soll froher sein als ich, wenn ich aus dieser von oben bis unten unzuverlässigen, ordinären badischen Wirtschaft draußen bin. Ihrer Frau Gemahlin meine und meiner Frau beste Empfehlungen. Allen Freunden Grüße. Von ganzem Herzen Ihr Freund Schwind. Karlsruhe, 15. Januar 1844 (an Genelli) Lieber Freund! Diesmal plage ich Sie. Ich weiß, daß unser Freund Schaller krank ist, und habe gar keine Nachricht von ihm. Sie sind wohl so gut, ihn zu besuchen, ihm den Einschluß zu bringen, der aber keine Eile hat gelesen zu werden, und mir, wenn er es nicht selbst kann, mit zwei Worten von seinem Befinden Nachricht zu geben. Aber recht bald. Ihr Brief ist leider nicht erheiternd, und nur eines darin erquicklich, daß Sie immer obenauf sind. Mir gegenüber scheinen Sie aus der Welt zu sein, mich mit Ihren Werken und Ihren Wünschen in meine bescheidenen Grenzen zurückzuweisen. Ich werde es erleben, daß Sie, bei aller Freundschaft für mich, zu dem Rhein werden die Achseln zucken müssen und mir raten, von solchen Dingen lieber wegzubleiben. In drei Wochen denke ich wieder in München zu sein. An Gärten und Villen denke ich lange nicht mehr, wohl aber alles Ernstes, wenn ich mich noch einige Jahre herumgeschlagen habe, an ein kleines Haus in einem Ort, wo ein Kloster ist, mit Bibliothek, Orgel, Jagden und schöner Gegend, Wiesen für ein paar Kühe, Garten für Kraut und Erdäpfel und, wenn's recht gut, einem alten Schimmel, der mir die Leber zurecht schüttelt. Ich wäre imstande, dann nichts zu machen als Miniaturen wie »der wunderliche Heilige« und solches Zeug. Mein Luxus wären Zeichnungen von Ihnen. Jetzt aber führe ich ein Leben, wie ich es noch nie aufgeführt habe. Ich arbeite wie im Taglohn und habe gar keinen Umgang außer meiner Frau, die eben gar gut und heiter ist. Der Tran ist ein gutes Material, und man darf sich nur nicht davor fürchten, so geht's. Sie werden auch dieses Meisterstück zu sehen bekommen. Die Frankfurter bestellen mir ein Bild und zwar einen Stoff aus der deutschen Geschichte. Glücklicherweise bin ich mit einem starken Patriotismus behaftet. Die belgischen Bilder habe ich gestern gesehen. Man muß noch andere Dinge sehen als die und sich nicht irre machen lassen. Ich fürchte, wenn ich sie öfter sehe, werden sie mich langweilen. Bei alledem sind diese Maler aber um ihre glücklichen Umstände zu beneiden. Leben Sie recht wohl und nehmen Sie mir meine Bitte nicht übel. Lassen Sie mich bald was hören, und auch daß Sie wieder Lust haben, etwas zu machen. Ihr Freund von ganzem Herzen M. Schwind. Karlsruhe, 15. Jänner 1844 (an Schaller) Liebster Freund Schiller! Dein langes Schweigen fangt an, mir ängstlich zu werden. Ich ersuche Freund Genelli, Dir diesen Brief zu bringen und, falls du noch gehindert wärest selbst zu schreiben, mir von Deinem Befinden Nachricht zu geben. Kannst Du aber, so tu es in zwei Zeilen. Das Folgende hat keine Eile, aber ich bitte Dich, die Sache in Erwägung zu ziehen. Der Karton dürfte in 14 Tagen fertig sein. Ich möchte ihn nach München schicken, um zu erfahren zu suchen, ob der Gegenstand zieht und was Leute von Geschmack darüber sagen. Schiene es ratsam, so möchte ich, daß ihn der König und der Kronprinz sähe – vielleicht bestellt ihn einer. Das Ugartische Bild Der »Falkensteiner Ritt«, damals im Besitz einer Gräfin Ugarte . dürfte anfangs März nach München kommen, desgleichen die »Elfen«. Ich würde, unter uns gesagt, auf Förster und Kaulbach ein wenig rechnen, aber vor allem Deine Meinung wissen. Ich meine, die Sachen könnten sich sehen lassen, und da der König, laut Kunstblatt, eine Neue Pinakothek baut, so wäre eine Bestellung nichts Undenkbares. Ich arbeite wie besessen und es geht gut. Ich bin recht glücklich mit meiner Frau, so ist es einen Tag wie den andern. Die großen Bilder sind hier. Ich meine, mit dieser Malerei kann man nichts Feines machen, und so mag sie treiben, wer will. In der Hoffnung, bald Gutes zu hören, Dein Schwind. Karlsruhe, 29. Februar 1844 (an Schaller) Liebster Freund Schiller! Du wirst jetzt nichts Eiligeres zu tun haben, als Deine sämtlichen Brunnenzeichnungen einzupacken und, ohne irgendwem ein Wort zu sagen, sie an meinen Bruder (August Schw., Kaiserl. Rat etc. adr. K. K. Hofkammer) nach Wien zu schicken, oder an Eduard [v. Bauernfeld] mit dem Auftrag, sie zu ihm zu bringen, aber ohne Aufschiebung. Es ist ein Weg da, sie wohlempfohlen unmittelbar an den Finanzminister Kübeck zu bringen. Ich werde es übrigens an Vorstellungen bei unterschiedlichen Hofräten nicht mangeln lassen, daß es ein Skandal ist, wenn ausgezeichnete Inländer immer übergangen werden. Wird nichts daraus, so hat man das seinige getan und ist wenigstens um das weiter, daß man wieder einmal übergangen wurde. Schulz hat ein Projekt gemacht, das ganz gut ist, nun werde ich ihm schreiben, daß er dich gleich nennt. Bei mir ist alles wohl. Den Rhein schicke ich nebst Erklärung und unmaßgeblicher Instruktion. Es wird in Frankfurt schon gehen. Früher wußte ich mit den Leuten nichts anzufangen, als sie zu lieben oder zu hassen, jetzt weiß ich auch sie laufen zu lassen und sie zu gebrauchen. Es ist alles miteinander Lumpenpack, mit ganz geringen Ausnahmen. Fr. danke bestens für ihren guten Willen, sich meinem etwaigen Aufenthalt in München nicht entgegenzustellen. Ich werde mich wo anders auch durchhauen. Die Zwerge sind bis zum Lasieren fertig. »Goethe und Schiller« wäre ich höchst begierig zu sehen; hast Du keine Zeichnung, die Du schicken könntest? Leb wohl und halte Dich tapfer, es kommen Dir auch noch lustige Tage, hast du doch keine so desperaten Geschichten auf dem Hals als ich. Dein alter Freund Schwind. P.S. Vom Kronprinzen ist noch immer nichts da. Karlsruhe, 24. März 1844 (an Kaulbach) Lieber Freund Kaulbach! Zum Dank für das große Vergnügen, das Du mir durch die Abfertigung Götzenbergers gemacht hast, – denn ich kann mir kaum etwas Possierlicheres denken als das Gesicht dieses aufgeblasenen Balgs, bei einer so empfindlichen Enttäuschung – sollst Du gleich wieder in Anspruch genommen werden. Ich habe einen Karton an Schaller geschickt, damit ihm meine Freunde auf den Puls fühlen und mir sagen, ob Leben darin ist oder nicht. Hier in der Wüste weiß man am Ende nicht, was man macht oder zu machen im Begriff ist. Fändest Du's der Mühe wert, mir ein paar Zeilen zu schreiben, so solltest Du sehr bedankt sein. Gib auch Deine Stimme ab, ob es ratsam ist, zu einer Ausstellung auf der Akademie zu schreiten oder nicht, und stoße Dich nicht zu sehr an einzelnen Ungeschicklichkeiten. Gleich nach Ostern ziehe ich hier weg, bereichert um eine vortreffliche Frau, einen rotbackigen Buben, ein gutes Stück Geld und einen schönen Auftrag für das Institut in Frankfurt. Da mögen sich andre in die hiesigen Verhältnisse mühsam eindrängen, an denen ich nichts gut finde, als daß sie für mich selbst in der Erinnerung nicht mehr existieren. Empfiehl mich Deiner Frau, wenn sie sich meiner erinnert. Leb recht wohl und nimm Dir die Zeit, das Prachtstück anzusehen. In vorhinein dankend Dein alter Freund Schwind.     Nun hieß es: »Es ist in Frankfurt nicht übel leben, und ich habe Leute gefunden, mit denen sich leben läßt.« Zu diesen Leuten gehörte in erster Linie der Musiker Bernhard Schädel ; nach dem »für den ausübenden Künstler verhängnisvollen Jahr 1848« übernahm dieser, durch das frühere Studium der Kameralwissenschaften befähigt, die Güter- und Vermögensverwaltung des Grafen Wilhelm von Reichenbach -Lessonitz und übersiedelte 1858 als Privatmann nach Darmstadt. Er empfing von Schwind eine Reihe von inhaltreichen Briefen, die er selbst vor dreißig Jahren auszugsweise in der Zeitschrift »Nord und Süd« mitgeteilt hat. Neben Schädel ist auch der 1828 in Frankfurt geborene Historienmaler Otto Donner -von Richter zu nennen, der bis 1847 Schüler des Städelschen Instituts, dann Delaroches in Paris war und darauf unter Schwinds Augen in München arbeitete. Die von Schwind öfters genannte Frau Hoffstadt war die Witwe des 1846 verstorbnen bayerischen Appellationsrates Friedrich Hoffstadt, der sich besonders um die Wiederbelebung der Gotik bemüht und eine reichhaltige Sammlung gotischer Kunstschätze hinterlassen hatte. Von nun an wird öfters auch ein Mann genannt werden, dessen Kunst und Hingabe Schwind besonders viel zu danken hatte: der prächtige Julius Thäter . Dieser hervorragende Kupferstecher verstand Schwinds Handschrift wie kein Zweiter zu lesen, und Gustav König , der Freund sowohl Schwinds als Thäters, hatte recht, ihn »Vorzüglichster aller Grabstichel!« anzureden. (Der lustige Maler, der für seine Darstellungen aus der Reformationsgeschichte den Beinamen »Luther-König« erhielt, machte dabei den Vorbehalt: »Du brauchst dir diesen Eingang nicht gerade zu merken, damit du deine Antwort nicht etwa anfängst ›bedeutendster aller Pinsel‹!«) Thäter kam, 1804 in den ärmlichsten Verhältnissen zu Dresden geboren, nach einer furchtbar harten Jugend und Lehrzeit durch eigene Tüchtigkeit zur Kunst, war zunächst Schüler der Akademie in Dresden, dann Amslers in München, bis er 1842 an die Kunstschule zu Weimar, 1844 an die Dresdener Akademie und endlich, 1849, nach Amslers Tode, durch Schwinds Bemühung an die Akademie in München berufen wurde; er starb am 14. November 1870. Julius Thäter war ein Charakter von seltener Reinheit und Festigkeit, darin verwandt und aufs innigste befreundet mit den Dresdener Meistern Ernst Rietschel und Ludwig Richter . Neben des Letzteren »Lebenserinnerungen eines deutschen Malers« steht, trotz seiner Vergessenheit, ebenbürtig Thäters »Lebensbild eines deutschen Kupferstechers«. In Frankfurt baute sich Schwind ein eigenes Haus, das in seiner Stattlichkeit wahrlich nicht an das Schilderhaus des Vorpostens gemahnte. Und doch spähte er, um weiter zu kommen, von Anfang an nach Norden und nach Süden. »Nach München ginge ich lieber,« hatte er ja schon bei der Übersiedelung nach Karlsruhe gesagt, einstweilen aber handelte sichs um Leipzig, Berlin und Dresden. Jedoch: »In Dresden sticht man mich aus und sorgt zugleich, daß ich nicht nach München kann, im Fall der König an mich dächte. Gott sei Dank, ich kann mir selber helfen und denke, ohne Titel und Orden noch Manchem zu schaffen zu machen«. Nebenbei mühte er sich, auch Genelli nach Berlin und Dresden zu verhelfen, doch ebenso vergeblich; immerhin konnte er schon am 6. August 1842 berichten: für Genelli scheine die Zeit der Not vorbei zu sein, womit ihm ein großer Stein vom Herzen falle. Dies schrieb er an den Bildhauer Ernst Julius Hähnel , mit dem er schon in München befreundet war und der später sein Mitarbeiter am Wiener Opernhause werden sollte. Hähnel, an den auch einige unserer Briefe gerichtet sind, wurde 1838 auf Gottfried Sempers Veranlassung nach Dresden berufen, wo er an der Akademie der bildenden Künste wirkte; sein populärstes Werk ist wohl das Beethovendenkmal in Bonn. Im November 1846 erhielt Schwind die Nachricht, es sei in der Künstlerschaft ein Gerede, er werde nach München berufen werden; und kurz darauf, am 20. Dezember, teilt er Genelli vertraulich mit: » si tratta di una professura a Monaco! Mit Frau und Kind kann man das nicht abweisen, und wenn ich denke, daß wir wieder beisammen sitzen werden, so lacht mir das Herz im Leibe. Unsere Frauen werden auch zusammen taugen, und meinem zimpferlichen Buben wird es ganz gesund sein, wenn er von dem Ihrigen Prügel bekommt. Nähme ich die Stelle nicht an, so weiß der Kuckuck, wer sie bekommt, und es ist mir nicht gleichgültig, wer da sitzt. Gearbeitet soll werden, daß es eine Freude ist. Wenn ich erst wieder bei Leuten bin, denen meine Sachen Vergnügen machen und die ein Urteil haben.« Die bestimmte Nachricht von seiner Berufung nach München, an die Stelle des als Akademiedirektor nach Dresden versetzten Julius Schnorr, empfing Schwind von Friedrich von Gärtner , dem 1792 in Koblenz geborenen und 1847 in München verstorbenen Erbauer u. a. der Hof- und Staatsbibliothek, der Ludwigskirche, der Universität, des Siegestores in München; ihm gebührt das Verdienst, Schwind die Wege nach München geebnet zu haben. Frankfurt, 24. März 1844 (an Therese von Frech) Liebe gnädige Frau! Seit Ostern bin ich hier, wohne Mainzer Chaussee Nr. 366, fast ganz im Freien, und fange an, mich von Karlsruhe mit allen seinen Reizen zu erholen. Frau und Bub sind wohlauf, das Geschäft geht gut, mithin alles in Ordnung. Die Frau Tochter habe ich in Biebrich besucht und mich sehr gefreut, sie wohlauf zu finden, und von Ihnen und Frl. Mimi, unserer sehr werten Freundin, wieder einmal zu schwätzen. Der Papagei ist heimgegangen! und der Trienterhof verlassen! Das ist allerdings melancholisch oder sieht wenigstens so aus. Den Paperl wird man ausgestopft haben und die Frl. Mimi hat hoffentlich ein besseres Licht zum Malen als im Trienterhof, wozu man nur gratulieren kann. Die Hauptsache ist, daß Sie, um den Schmerz um den Paperl zu lindern, vielleicht aufsitzen und anhero nach Wiesbaden reisen, welches der Frau Tochter gar gut bekommen würde; die gesellige Partie scheint nicht die angenehmste zu sein. Unsereiner könnte eben auch davon profitieren und Ihnen die Stadt Frankfurt mit Merkwürdigkeiten, Äppelwein und einem bescheidenen Absteigquartier ganz nahe der Eisenbahn anbieten. Es ist hier nicht übel leben, und ich habe Leute gefunden, mit denen sich leben läßt. Frankfurt ist reizend, das muß man sagen, und bei den vielen anwesenden Millionen – die Frau saß neulich mit zwei Herren, à 5 Mill. das Stück, tut 10 Mill., in einer Loge – hoffe ich bald soviel zu erbeuten, daß ich mich nach Wahl und Neigung niederlassen kann, denn das Herumzigeunern habe ich auch satt und möchte es meiner Frau gern recht appetitlich einrichten. Ein paar Tage bei uns wohnen würde Ihnen besser zeigen, wie gut ich aufgehoben bin, als wenn ich davon schreibe. Es ist auch nichts zu sagen, denn es geht alles ganz natürlich zu, und als ob es so sein müßte. Der Bub hat bereits Schicksale, er schlägt sich die Nase auf, schlägt sich Beulen an den Kopf und dergl. mehr. Blattern und Zähne haben ihm nicht viel Beschwerde gemacht. Von Kunstsachen ist nicht viel zu sagen. Diese Tage wird sich ermitteln, was ich für das Städelsche Institut male. Ich habe drei Gegenstände vorgeschlagen. In München habe ich einiges mit gutem Erfolg ausgestellt. Jedenfalls kann ich Ihnen einiges zeigen, wenn Sie kommen. Wir würden auch miteinander nach Cöln fahren und dergl. was nicht zu verachten ist, wenigstens nach Mainz zum Zapfenstreich. In musicalibus bin ich gut versorgt. Im Haus wohnt ein Musiker – Schädel, an dem ich erstens einen Freund, mit dem man alles verhandeln kann, und einen trefflichen Kapellmeister besitze. Leben Sie recht wohl, gnädige Frau, und kommen Sie lieber als Sie schreiben, und schreiben Sie lieber als Sie schweigen. Sie haben die Wasserfahrt bis Regensburg, das ist mehr als der halbe Weg. Da Sie über Frankfurt kämen – wieder von Würzburg auf dem Wasser, so würde ich um Anzeige bitten, um Sie gleich am Ufer in Empfang zu nehmen. Wäre das nicht ein Ereignis? Meine Frau kann ein ganz Wienerisches Essen kochen. Schönste Grüße links und rechts, und entreißen Sie sich dem staubigen Dornbach für ein paar Monate. Ihr ergebenster Diener M. Schwind. Frankfurt, 1. Juli 1844 (an Genelli) Liebster Freund! Lange hat mir nichts so weh getan, als daß die Mannheimer Arbeit zu Wasser wurde. Wenigstens muß ich das annehmen, da keine Antwort mehr kam. Man muß es aber hinnehmen wie die ganze Zeit und weiter sehen, was zu machen ist. Ihre Bilder wird mir schon eine große Freude sein zu sehen, und sollte es mir gelingen, sie zu verkaufen, so wäre das gar schön. Der Kunstverein zahlt kein Porto, so viel ich weiß, also schicken Sie's nur an mich. Sagen Sie mir aufrichtig, warum setzen Sie sich nicht mit dem Münchener Kunstverein auf den Fuß, daß Sie da alle Jahr ein Bild verkaufen? Hol die Kerls der Kuckuck, wenn sie darnach sind, aber warum das Geld laufen lassen? Ich kann mir kaum denken, daß das Schiedsgericht aus lauter solchen Heiden sollte komponiert sein, daß man nicht froh wäre, etwas von Ihnen zu bekommen. Versäumen Sie wenigstens nicht, die Sachen auszustellen. Das ist aber Ihre Sache, von mir können Sie überzeugt sein, daß ich die Bilder mit offenen Armen empfange und alles mögliche tun werde, sie an den Mann zu bringen. Die Hexe habe ich hier angekündigt. Vedremo. Ich selber bin also drei Monate hier. Ich soll für das Institut den Sängerkrieg auf der Wartburg An eine spätere Besprechung dieses Werkes (am 25. Oktober 1845) knüpft Schwind den Auftrag an Hähnel: »Sei so gut und sage Kapellmeister Wagner, ich hätte damals die Zeichnung des Sängerkriegs für ihn durchzeichnen lassen, aber die Überzeugung, daß er nichts davon brauchen kann, und eine gerechte Scheu, die Komposition so lang vor dem Bild publik zu machen, hätten mich abgehalten, sie ihm zu schicken. Es war also keineswegs Ungefälligkeit, daß er sie nicht bekommen hat.« Dies ist die erste Erwähnung Richard Wagners in den Briefen Schwinds, dem er fernerhin, wie dem »Klavier-Abbé« Liszt, nur mit grimmigem Spott begegnete. malen, es waltet noch eine kleine Differenz über den Preis ob. Der Rhein wäre mir lieber gewesen, aber da heißt es, er sei für Freskofarbe. Ich werde ihn schon noch machen. Gemacht habe ich eine Komposition, Kaiser Konrad III. vorstellend, der den hl. Bernhard auf den Schultern aus dem Gedränge trägt. Das war auch zu couragiert. Den wunderlichen Heiligen habe ich wieder gemacht und zwar etwas größer als die erste Zeichnung, die ich nach Triest verkauft habe. Sie war in Düsseldorf ausgestellt und man behauptete, in dieser Art nie etwas vollkommeneres gesehen zu haben – nichtsdestoweniger fand sie keinen Käufer. Alsdann habe ich, um doch etwas zu tun, und unfähig noch etwas Neues anzufangen, dieselbige Sabine von Steinbach in Öl zu malen unternommen, es ist fast fertig. Nehmen Sie mir's nicht übel, aber ich sehne mich sehr aus dem Trubel heraus und tue das mögliche, um etwas hinter mich zu bringen und den bewußten Bauernhof zu verdienen. Eine Zeichnung vom Ritter Kurt ist in Dresden gekauft worden um 1200 fl. (die aber erst im nächsten Jahre bezahlt werden). Thäter soll sie als Vereinsgeschenk stechen. Millionäre kommen nach der Summe zu mir, sind entzückt, fragt aber auch keiner, was dieses oder jenes koste. Vorderhand kann ich zufrieden sein. Bis nächsten Herbst oder im Frühjahr 1846 hoffe ich, hier wieder flott zu werden. Den Sängerkrieg freut mich zu machen und so wird's gehen. Ende des Monats erwartet man den großen Lessing. Wie werd' ich da herumkommen! Alle Tage entdecke ich neue Laster an seinen Bildern und der Heidenkerl freut sich darauf, mich kennen zu lernen. Im ganzen ist es hier doch hundertmal besser als in Karlsruhe, in München wäre es freilich noch ganz anders, aber Sie wissen –. Leben Sie recht wohl und haben Sie Dank, daß Sie geschrieben haben. Ich war ganz stumm geworden über den Mannheimer Schrecken. Die Frau dankt für Ihre freundlichen Grüße. Zusammen empfehlen wir uns Ihrer Frau Gemahlin und wünschen alles Glück und Heil. Ihr aufrichtiger, aber vorderhand etwas niedergeschlagener M. Schwind. Frankfurt, 4. November 1844 (an Bauernfeld) Liebster Freund! Aus den Zeitungen wirst Du wissen, wie es dem guten Niembsch geht. Da ich durch die Familie seiner vortrefflichen Braut von dem Gang seiner Krankheit unterrichtet bin, will ich nicht versäumen, Dir was ich weiß darüber mitzuteilen um so mehr, als die letzten Nachrichten hoffnungsvoller Natur sind. Er saß am 29. September beim Frühstück (alle schriftlichen Angelegenheiten waren in Ordnung und er wollte als übermorgen hierher reisen), als ihm, wie er selber schreibt, ein sonderbares Gefühl über den Körper bis an die linke Wange lief. Er sprang an den Spiegel und da die linke Seite des Gesichtes verzogen erschien, rief er aus, er sei vom Schlag gerührt. Die Ärzte erklärten die Erscheinung für eine rheumatische Gesichtsmuskel-Lähmung, die sich bald heben lasse und auch wirklich verschwunden ist. Indessen zeigte sich bald, daß er seiner Gedanken nicht mehr Herr sei, indem er einen Aufsatz schrieb, des Inhaltes, daß er durch eine musikalische Wunde geheilt sei, den er durchaus wollte in der Allgemeinen Zeitung abdrucken lassen. Dann kamen Phantasieren des Nachts durch, stellenweises Irrereden bei Tag, bis endlich das Übel in Tobsucht überging, die die traurige Maßregel notwendig machte, ihn nach Winnenthal zu bringen. Dr.  Pfitzer fuhr mit ihm hinaus und verließ ihn ruhig, wissend wo er ist, nach einem Spaziergang im Garten, eingeschlafen. Nach Dr. Zellers Ausspruch sollte er ganz herzustellen sein, wenn seine Körperkräfte ausreichen. Ein Brief Zellers acht Tage später sagt: leichte und trübe, ruhige und stürmische Momente wechseln ab. Er hoffe viel und fürchte viel. Zugleich werden seine Braut und Fr. Reinbeck in Stuttgart aufgefordert, ihm fleißig zu schreiben. Gestern erhalten wir Nachricht, daß sein Schwager Schurz ihn in Winnenthal besucht, mit ihm im Garten spazieren gegangen und von Zeller (dem Vorstand der Anstalt) den Trost empfangen habe, daß eine gänzliche Herstellung zu hoffen sei. In seinen Phantasien kommt nichts vor als Schwärmerei über Musik, seine Braut und das Glück, dem er entgegen geht. Also keine fixe Idee. Von der Trauer und dem Entsetzen, das die erste Nachricht verbreitete, ist nicht zu reden. Mir ist, seit man wieder hoffen kann, ein Stein vom Herzen. Zur Enthüllung des Goethe-Monuments hätte ich jemand aus Wien hergewünscht. Es war von Literaten niemand als Dingelstedt und Dräxler-Manfred da, zwei ziemlich langweilige Menschen. Ich habe ein großes Transparent gemalt, was viel Aufsehen machte. Im Hause ist alles wohlauf. Nächster Tage erwarte ich ein zweites Kind. Frankfurt gefällt mir in jeder Hinsicht vortrefflich und ich fühle mich von Tag zu Tag aufleben. In Karlsruhe hätte ich müssen einschlafen oder mich zu Tod ärgern. Meine Hauptarbeit ist, den »Sängerkrieg« zu malen, ein Bild von zehn Fuß und ebenso hoch – ich bin aber noch am Zeichnen. Außerdem habe ich Kleineres und Kleines teils angefangen, teils fertig, teils in Auftrag, teils zu meinem Vergnügen. Ich kann nur wünschen, daß es so bleibt wie es ist, ich bin im besten Zug und habe meine besten Tage. Frau Frech war hier einen Tag bei uns, wußte aber nicht so viel zu erzählen, als ich gern gehört hätte. An Spann alles Schöne, nächstens schreibe ich. Alle Freunde grüße bestens. Ein halber Bogen Nachrichten von Dir und der gottesfürchtigen Stadt Wien wäre ein wahres Fest. Richte Dich ein, nächstes Jahr im September von hier über Brüssel nach Paris zu reisen, so findest Du mich bereit und gepackt. Es geht gar leicht und muß doch einmal geschehen. Leb recht wohl und schreibe bald. Ich wünsche von Herzen, bald Erfreuliches von unserm Freund schreiben zu können, und werde keinen Tag säumen. Adieu. Dein alter Freund Schwind. Frankfurt, 12. Januar 1845 (an Bauernfeld) Liebster Freund! Vor allem meinen besten Glückwunsch zu dem Erfolg, den »der deutsche Krieger« hat. Ich hoffe, es wird keinen nachträglichen Verdruß mit der Zensur geben. Das Gedicht vom Zollverein hat mir sehr gut gefallen. Soll ich nicht das Eisenbahngedicht, das Du meiner Frau ins Stammbuch geschrieben hast, an den Grenzboten-Redakteur schicken? Von unserm guten Niembsch sind vor ein paar Tagen Nachrichten gekommen, d. h. ein Brief vom Hofrat Zeller, des Inhalts: daß vor dem Frühjahr von einer Genesung nicht die Rede sein könne – daß die Genesung seines Geistes ganz bedingt sei in einer vollkommenen Herstellung seiner körperlichen Zustände, und daß diese letzte noch auf gutem Wege sei, indem er bei Appetit sei, zusehends besser aussehe, aber noch immer der Wohltat eines ungestörten Schlafes entbehre. Möge das Beste zustande kommen. Ein Brief von Justinus Kerner, den ich gelesen, (J. war zwei Tage in Winnenthal) erzählt, daß er immer einen Tag ganz wohl sei, den andern von Anfällen heimgesucht. Ein Gedicht, das er diktierte, zeigt von großer Traurigkeit, aber von ganz ungeschwächter Kraft des Ausdrucks, der Bilder und des Reims. Er könnte es in seinen besten Tagen gemacht haben. Seine Braut benimmt sich in ihrem großen Unglück wie man's nur wünschen kann und, was gar selten ist, die Schwiegermutter auch. Wenn er sich, wie zu hoffen steht, erholt, so erwartet ihn ein Leben, das der Mühe wert ist. – Den Gedanken, nach Frankfurt zu kommen, gib ja nicht auf. Allerwenigstes wollen wir nach Koblenz und zurück fahren mit einem Schiff voll Frauen, die sich können sehen lassen. Die hiesigen Poeten, Gutzkow an der Spitze, sehe ich samstäglich in der »indischen Gesellschaft am Ganges«, oder vielmehr im Ganges Augsburger Pagode so und so vieltes Viertel des Brama Bethl oder Spargl oder Melone \&c. Den Theaterdirektor kenne ich auch gut und kann ich Dir etwas dienen, stehe zu Diensten. Nach Paris zu gehen würden mich nur sehr starke Hindernisse abhalten. Es ist die Hauptstadt von Deutschland, was nützt da viel reden. Zeigt sich die Möglichkeit, ans Brett zu kommen, ziehe ich ganz hin. Die Leutchen haben nicht den Lokalstolz, natürlich weil sie überhaupt keine Freude an der Heimat haben. Bei Gutherz empfiehl mich bestens. Gratuliere zu den schönen Töchtern. Die meinige, namens Anna Karolina, Sie vermählte sich später mit Justizrat Dr. Jakob Siebert in Frankfurt a. M. und starb 1891. ist bis jetzt von sehr erträglichen Reizen, aber tüchtig gebaut und schlagt in die Rasse der Mutter. Ich war viel geplagt mit Unwohlheiten der Frau, die ihr nicht erlauben auszugehen, und so kann sie sich in der Zimmerluft nicht erholen. Er scheint aber am Ende zu sein. Der Sängerkrieg ist endlich auf der Leinwand angefangen. Er ist bestellt vom Städelschen Institut in Frankfurt, nebenbei gesagt um 7400 fl., was man in Wien nicht bekommt. Spaun alles Schöne, seiner Frau, Schwester, Kindern und Bekannten. Leb recht wohl und schreib wieder einmal. Vergiß nicht einiges an Kifuen, der uns bald alle protegieren wird. Dein alter Freund Schwind. Frankfurt, 17. März 1845 (an Genelli) Sehr verehrter Freund! Seit ich weiß, daß Sie auf das Aussehen der Schrift aufmerksam sind, schneide ich so lang Federn, bis alle nichts nütz sind. Gestern hatte ich endlich eine Konferenz mit Radowitz, deren hoffnungsvolles Resultat ich Ihnen gleich berichten will. Er sagt a) er hätte mir nicht geschrieben, weil er immer auf dem Sprung gewesen, hieher zu kommen, und lieber mit mir gesprochen. b) Versprach er mir, daß er alles aufbieten wolle, den König zu einem ersprießlichen Schritt gegen Sie zu bewegen, und das aus aufrichtiger Entzückung über Ihre Arbeiten. c) Sei er gerne bereit zu schreiben und einen Brief von Ihnen einzubegleiten, könne uns aber versichern, daß das zu gar keinem Resultate führen würde. Wir möchten ihm zutrauen, daß er wisse, wie man es anstellen müsse, um zu Ende zu kommen – den König zur rechten Stunde sprechen, und zwar so, daß auf den ersten Anlauf alles fertig sei. Im Mai oder Juni würde er mit ihm zusammenkommen, würde mir schreiben und wünsche eine Reihe von Fragen von mir beantwortet, um auf alles gerüstet zu sein. Er meint, man könne entweder einen tüchtigen Auftrag oder eine Berufung nach Berlin mit einem Gehalt beantragen. Jetzt seien Sie so gut und schreiben Sie mir, was Sie darüber denken. Sie haben an Radowitz einen sehr warmen protectore, und daß er beim König etwas vermag, ist bekannt. Ich sagte ihm auch, daß [der preuß. Geh. Hofrat] Waagen dem König die Hexe gezeigt und welche Antwort darauf erfolgte. Wie sehr sich R. für Sie interessiert, zeigt seine Replik »Es handelt sich nicht um die Richtung, sondern um das Talent.« Das wäre also so weit gut. Würden Sie uns noch etwas von Ihren Kompositionen anvertrauen, um es der Majestät zu zeigen, wo möglich etwas Gefärbtes? Da Sie die Hexe nicht notwendig zu brauchen scheinen, setze ich Ihre Erlaubnis voraus, sie noch drei Wochen zu behalten. Von mir zu reden, habe ich bereits einen Flügel vom Sängerkrieg untermalt. Wäre der Karton nicht so sehr schlecht ausgefallen, hätte ich ihn nach München geschickt. Ich kam aber, da eine alte Komposition in eine neue verwandelt werden muß, in ein so fatales Ändern und Flicken, daß mir die Geduld ausging. Ich bin begierig, wie man eine Arbeit aufnehmen wird, die weder in italienischer noch in niederländischer Sprache vorgetragen ist. Namentlich habe ich für die letzte gar keinen Löffel. Im Mai, wenn das Ding untermalt ist, will ich einen kleinen Ausflug nach Dresden machen, um wieder einmal etwas recht Gutes zu sehen. Die Pariser Reise muß bis übers Jahr verschoben werden, da ich doch auch nach London möchte und im Herbst daselbst gar nichts zu sehen ist. Frau und Kinder sind wohlauf. Gestern abends dachte ich viel an Sie. Ich war in einer großen Gesellschaft, wo nebst andern guten Dingen auch die Szene des Orpheus gesungen wurde, von der Ihnen die paar Bruchstücke, die ich singen konnte, Vergnügen machten. Diesmal war ich nicht Orpheus, sondern eines der Gespenster, die ihm anfangs trotzen und zuletzt von seinem Gesange erweicht werden. Ich kam erst um zwei Uhr nach Hause. Dies und das schändlichste Wetter der Welt, Schnee, Regen, Wind, Glatteis und Nebel helfen mit, diesen Brief, den ich aber doch nicht aufschieben will, möglichst verwirrt zu machen. Nebst dem Sängerkrieg habe ich übernommen: Allegorische Dinge zur »Geschichte des Erzherzog Karl«! Geschildert von Eduard Duller. Wien 1847. Können Sie sich so was denken? und ich mache es mit vielem Interesse, es werden gegen fünfzig Stück. Kennen Sie Tristan und Isolde? Dazu soll ich eine ähnliche Dekoration machen wie das Nibelungenlied von Schnorr. Ich arbeite wieder recht gerne, in dem verteufelten Karlsruhe war mir schon alles verleidet. Der Rhein ist doch unter aller Kritik gezeichnet, läßt sich aber verbessern. Wenn wir's noch dahin bringen, daß Ihr König das Seinige tut, und ich erwarte das beste, dann habe ich meine besten Tage. Frankfurt ist eine ganz plausible Stadt, und ich fasse nach und nach wieder das Zutrauen zu mir, daß ich was zustande bringen könnte, was die Möglichkeit in der Malerei etwas erweitert. Radowitz teilte mir die Idee des Jüngsten Gerichts mit, wie sie der König von Cornelius ausgeführt haben will, – das hätte ich nicht erwartet, und wünschte nur, C. hätte Courage genug, es von sich auf Sie überschreiben zu lassen. Dieses traurige Komponieren und von andern ausführen lassen schneidet dem Gedeihen der Kunst die Sehne ab. Es wird so weit kommen, daß die lächerliche Lage zur Tagesordnung wird, in der ich mich befunden, als ich für Hohenschwangau Kompositionen liefern sollte, um sie von Leuten, denen nichts einfiel, verballhornen zu lassen, und in München Schwanthalerische Kompositionen ausführen sollte. War das eine andre Zeit imstand als unsere? Ihrer Frau und Kindern alles Schöne von der meinen und Ihrem Freund Schwind. Frankfurt, 13. April 1845 (an Bauernfeld) Liebster Freund! Dein Stück habe ich mit dem allergrößten Vergnügen gelesen – mit mehr als Vergnügen gelesen, mit einer rechten Genugtuung. Gehörig gespielt, muß jede dieser Figuren den lebendigsten Eindruck machen, während doch jede keinen Augenblick aufhört, eine Gattung zu repräsentieren. Der Hans (Michel), der über der Melusine einschlaft und das Schießen überhört, ist gleich ganz einzig und allein und so Szene für Szene. Der Stadt Paris werden die möglichsten Zugeständnisse gemacht, fast zu viel für unsereiner Gesinnung. Gutzkow habe ich das Stück zu lesen gegeben, und habe von ihm den Auftrag, Dir sein aufrichtigstes Entzücken mitzuteilen. Seine spezielle Ansicht darüber wird nächstens in der Leipziger Novellen-Zeitung zu lesen sein. Besagter Mann macht vom Anfang nicht den günstigsten Eindruck, er ist kurzsichtig und macht daher so verteufelte Bewegungen, spricht auch sehr umständlich – bei näherer Bekanntschaft findet sich aber ein angenehmes Maß von Wärme und Einsicht. Ärgerlich wäre es, wenn Du ihn nicht mehr hier fändest, er würde Dir gefallen. Zu finden bin ich nicht schwer, von 7–1, nachmittags 4–7 bin ich im Städelschen Institut. Außerdem au der Mainzer Chaussee neben Rat Heimpl. Du darfst nur im Posthof in eine Droschke steigen, die immer dastehen. Kannst Du mir den Tag Deiner Ankunft früher zu wissen machen, so nehme ich dich an der Post oder am Main in Empfang. Im halben Mai denke ich auch zu reisen, leider ist aber eine Reise nach London und Paris zu groß. Mein Bild wird bis dahin untermalt sein, ein etwas unerfreulicher Anblick für einen, der nicht vom Metier ist, also nicht weiß, daß eine graue Untermalung notwendig ist. Das Neueste ist, daß ich an der Promenade einen Bauplatz gekauft habe, wo mir ein Domizil ausgeführt wird. Ich habe, seit ich hier bin, rechtschaffen Lust bekommen zu arbeiten, und alles wohl erwogen ist Frankfurt noch der beste Platz in Deutschland. Es sind auch ganz annehmbare Leute hier und jedermann kommt her. Du schreibst von einem Reisegefährten – ich wollte es wäre Kifuen, nach dem meine Frau eine gewaltige Sehnsucht hat. Grüße alle bestens. Von Niembsch sind etwas bessere Nachrichten da. Leider war Hofrat Zeller krank, da blieben alle Nachrichten aus. Den Tag, wo er den Schlaganfall hatte, wovon seine Krankheit, bekam er einen Brief, den er verbrannte und der ihn höchst wahrscheinlich so aufgeregt hat. Er schreibt selbst: Ich hing einem traurigen Gedanken nach, der sich zum heftigsten Affekt steigerte, da fühlte ich \&c. den Schlag. Sollte denn etwas an der Vermutung sein, daß ihn irgend eine Frau mit Vorwürfen verfolgte? Hast Du gar keine Ahnung. Es könnte für seine Heilung von Wichtigkeit sein. Also vorderhand glückliche Reise und baldiges Wiedersehen. Was macht die Frau! Alles Schöne an Spaun, Lina \&c. Adieu. Dein alter Freund Schwind. Frankfurt, 4. April 1845 (an Rietschel) Lieber Freund Rietschel! Wenn ich jetzt anfinge: Bei euch ist eine Professur leer, tue dazu, daß ich sie bekomme, so irre ich mich nicht, Du würdest Dich tüchtig an den Laden legen. Nun habe ich aber in dieser Beziehung ein Anliegen, das mich wenigstens so wahr angeht, als handelte es sich um meine Person, und ich wende mich an Dich, nicht allein in meinem, sondern in gar vieler alter Freunde Namen, die der Meinung sind, meine Verwendung würde bei Dir nicht ohne Gewicht sein. Genelli wird sich um die Stelle bewerben. An Genelli schrieb Schwind am 29. Juni: »Sie werden lachen, wenn ich Ihnen sage, daß wir Sie in Dresden als Professor plazieren wollten. Ich habe ein wahres Meisterstück von Brief geschrieben, das mir bald einen tüchtigen Verdruß zustande gebracht hätte. Hähnel, der Ihr wackerer Freund ist wie immer, sagte gleich es ginge nicht, und eine kurze Anwesenheit in D. überzeugte mich, daß Sie ganz recht haben, dergl. nicht zu wünschen, denn Sie würden in ein paar Monaten davonlaufen oder unglücklich sein. Jetzt ist die Rede von mir. Da ich aber nichts dafür tue, glaube ich es wird sich ein wohlfeilerer Sachse finden.« Zeichnungen, Bilder werden geschickt und manche gute Stimme wird seine Bewerbung unterstützen. Sein Mitbewerber von München aus ist [Gustav] Jäger, den Schnorr auf das leidenschaftlichste unterstützen wird. Er ist ein geschickter junger Mann, aber auf eine solche Stelle gehören Leute von Namen, nicht solche, die sich beinahe noch gar nicht selbständig bewegt haben. Du warst in Karlsruhe schon verwundert über die Zeichnung aus dem Leben einer Hexe; wie wirst Du drein sehen, wenn Du Dich aus den neueren Zeichnungen überzeugen wirst, daß unser treulicher Freund, trotz den üblen Verhältnissen, die jeden anderen ganz zu Boden drücken würden, nicht aufhört Fortschritte zu machen. Es ist eine Schande für ganz Deutschland, daß ein Mann von so unglaublichem Talent an der Grenze der äußersten Not hinleben muß. Hat das sollen sein angeborenes Übermaß von Kraft, das sich oft wie Unbändigkeit mag ausgenommen haben, in die Grenzen der Friedlichkeit und Liebenswürdigkeit zurückführen, so könnte es jetzt immerhin ein Ende finden, denn von seiner sprudelnden Jugend sprudelt nur mehr sein Talent, und das in der schönen Begrenzung des Studiums und der Bildung. Kannst Du für Genellis Gesuch etwas tun, so erwirbst Du Dir ein Verdienst um die Kunst, und den Dank manches Freundes. Cornelius und Kaulbach an der Spitze wird Dir's lohnen. Laß Dir's ans Herz gelegt sein, als wüßte ich so warm und so eifrig zu schreiben, wie es der Gegenstand verlangt, während ich leider nur einfach sage: tue es zum Vorteil der Akademie, zu unser aller Freude, und zu Deiner eigenen Ehre. Frankfurt, 25. Juni 1845 (an Hähnel) Lieber Freund! Ich fand bei meiner Ankunft so schmählich viel zu tun, da ich neben meinem Bilde mich leider noch mit einer Kompositionenreihe eingelassen habe, daß ich die Dresdener Ausstellung als etwas Fernliegendes betrachtete und ganz vergaß, eine Kiste zu bestellen. Nun zeigt sich, daß die Geschichte zu der Zeit, die Du wünschest, nicht in Dresden ankommen kann, was mir insoweit ganz recht ist, als ich bezüglich jener Stelle der Ansicht bin, daß ich nur unter ganz guten Bedingungen meine Unabhängigkeit mit einer Anstellung vertauschen möchte. Unter diesem ganz versteht sich obenan, daß ich meinen guten Kredit bei der Majorität nicht erst nötig habe, durch ein paar alte Kartons herzustellen – und daß ich ohne Bewerbung meinerseits will aufgefordert werden. Das sollte mir auch noch passieren, daß es hieße, ich hätte mich beworben und man hätte mich nicht brauchen können. Zur Zeit als Bendemann Historienmaler Eduard B., 1838 Akademieprofessor in Dresden, 1859 bis 1867 Direktor der Akademie Düsseldorf. angestellt wurde, war ich von München aus schon vorgeschlagen. Also lassen wir's gehen wie's kann. Rietscheln sage: daß mit einer Erklärung wohl das Beste der fraglichen Zeichnung verloren geht – der Reiz, sich selbst den ziemlich losen Zusammenhang zu ergänzen. Ich dachte nicht, eine Geschichte darzustellen, sondern den behaglichen Zustand zweier von der Welt zurückgezogenen Brüder, die durch ihr gänzliches Einswerden sich alle Rückerinnerungen vom Leibe halten. Das wird aber noch mehr Erklärung brauchen als die Zeichnung selber. Ein etwaiger Käufer wäre aufmerksam zu machen, daß die Wiege der Anfang des Lebens ist (wenn er's nicht selber merkte daß zwei Kinder von einer Wiege ausmarschierend – Zwillinge sind, welcher Umstand die folgende Verwechslung aus Ähnlichkeit motiviert. Auf einer Seite erzählt sich die heitere Liebesgeschichte des Geigers – auf der andern die sentimentale des Arztes, die beide mit Körben endigen, worauf der eine vom Krankenbett weg, der andere aus einem tollen Leben, von den Engeln wieder zusammengeführt – Einsiedler werden. Mehr weiß ich nicht. Erinnere ich mich recht, so ist euere Ausstellung im halben Juli, da werden die Kartons wohl angewackelt kommen. Der Verkauf des Wüstlings ist richtig, also für den ersten Anlauf gesorgt und ein Anfang im Kunsthandel gemacht. Das Haus ist schon recht hübsch sichtbar und macht mir viel Freude. Das Bild kostet Schweiß und wird noch dessen genug kosten. Rietschel und allen Freunden danke in meinem Namen auf das beste für alle erwiesene Freundschaft. Ich fühle mich von dem Dresdener Aufenthalt sehr erfrischt, und gäbe es da für mich eine annehmbare Stellung, ich glaube, ich würde mich unter so vielen alten Freunden sehr wohl und arbeitslustig fühlen. Leb recht wohl, empfiehl mich Deiner Frau, und komme recht bald. Dein alter Schwind. Frankfurt, 5. November 1846 (an Schaller) Liebster alter Freund Schiller! Es ist, glaube ich, lange genug, daß ich Dir nicht geschrieben habe. Erstlich wußte ich nie recht, wo Du warst, und zweitens war ich mit dem Haus in einem Trubel und Geldsorge, daß mir die Augen übergingen. Es kostete ein 3000 fl. mehr, als ich angesetzt hatte. Item jetzt sitze ich seit September drin und bin sehr zufrieden. Vor ein paar Tagen kam ich von einer Reise nach Berlin zurück, wo ich mich denn auch in Weimar zwei Tage aufhielt. Der Platz, auf den »Herder« zu stehen kommt, ist reizend und erinnerte mich so lebhaft an Dich, daß ich lieber gleich geschrieben hätte. Dazu war aber keine Zeit. Den Hintergrund bildet die alte Kirche und zwei Strebepfeiler machen eine sehr gute Abgrenzung, so wie das Fenster einen guten Schluß nach oben. Herders Hans ist in der Nähe. In Berlin hatte ich alle Ursache zufrieden zu sein. Ich hatte den »Rhein« mit, um mit Cornelius darüber zu sprechen. Rauch, der ein herrlicher Mann ist, fing daran dermaßen Feuer, daß er den König herbeischaffte (Cornelius hatte mir eines seiner vier Ateliers eingeräumt), der denn auch ganz gehörig entzückt war. Rauch sagte nur, er habe den König darnach gesprochen und ihn geradezu »montiert« gefunden, ebenso daß der König von dem »Kinderfries« immer als einer Arbeit gesprochen, die ihm besonders gefallen, ohne aber zu wissen, daß er von meiner Erfindung sei. Jetzt weiß er es. Die Farbenzeichnung vom »Freiburger Münster« hat er gekauft. In Dresden war ich auch. Ein freundschaftliches Mittagmahl auf der Brühlschen Terrasse von etwa zwanzig Freunden war ganz prächtig und abends war ich bei den jungen Leuten eingeladen, die mir alle Auszeichnung erwiesen. Mein Sängerkrieg ist seit acht Wochen ausgestellt und die Zeitungen in Frankfurt schweigen – eine kurze Anzeige abgerechnet. Ein früher ausgestelltes Bild, das sehr gefiel, blieb gleichfalls ohne Erwähnung. Sie wollen nicht loben und trauen sich nicht zu schimpfen – und können mich . . . Die »Musikanten« »Ich schrieb nichts dazu als ›Die Rose‹ oder ›Hochzeitsmorgen‹ und der publicus fand sich ganz gut zurecht, jedenfalls besser als unsere tappigen Kunstschreiber.« 25. Nov. 47 an Eduard v. Steinle. wären wohl bald fertig, hätte ich nicht um des leidigen Geldes willen wieder müssen Holzschnitte annehmen. Es ist mir stark an den Kragen gegangen und ohne ein halbes Dutzend Wunder weiß ich nicht, wie ich durchgekommen wäre. Die Ausstellung in Berlin von 1700 Nummern machte mir gewaltig Courage. Es ist nicht möglich, daß dieser gedankenlose Plunder sich durch seine abgedroschenen Effekte noch lange sollte erhalten können, gegenüber von Poesien. Gib acht, was ich für Geschütz auffahre das nächste Mal in München oder Berlin. Heideck läßt mir sagen, es sei in der Künstlerschaft ein Gerede, ich würde nach München berufen werden. Das wird eine harte Nuß werden – denn ich mag nicht gehen. Sage aber nichts. In Leipzig kann es auch kommen. Ich weiß eigentlich nicht, wie sie bei der Menge leerer Throne um mich herumkommen sollen. Für Leipzig habe ich heimliche Schritte getan. Baurat Lange war bei mir und sagte mir, es ginge Dir wieder besser und das Übel scheine sich zu heben. Nun Gott sei tausend Dank, es ist mir zu nahe gegangen. Hätte ich nur gewußt, daß Du in ein Salzbad gehst, so hätte ich Dich zu meinem Bruder nach Ischl getan, wo du die ganze Geschichte umsonst gehabt hättest. Leb recht wohl und der Himmel lasse Dich recht gesund werden. Streng dich nicht an mit Schreiben, sende aber Botschaft durch Genelli, mit dem ich noch immer korrespondiere. Adio Dein alter Freund Schwind. Frankfurt, 26. Dezember 1846 (an Schaller) Liebster Freund Schiller! Bald nach Deinem Briefe, der mir die allergrößte Freude machte, kam einer von Gärtner, worin mir die Münchner professura im Namen des Königs angeboten wurde. Ich wollte Dir erst schreiben, wenn alles in Ordnung ist, denn daß ich mit Frau und Kind so etwas nicht ausschlagen kann, versteht sich von selbst – es dauert mir aber zu lang. Ich habe es hier ganz geheim gehalten, damit die Philister nicht glauben, ich wolle mich aushalten lassen, und Du bist auch so gut und sprichst mit niemand davon als Genelli. Die Sache geht jetzt ihren Weg beim Ministerium. Ich habe eine genaue Instruktion verlangt, da ich nicht Lust habe, alles allein zu tun – habe also noch in der Hand zurückzutreten. Laß nur einmal Deine Meinung hören. Ich will Dir sagen, wie es hier steht. Durch die Berufung Lessings ist hier alles auf lange hinaus verdorben. Sie können jetzt, ohne sich zu blamieren, keinen von der andern Fahne anstellen, das Institut bleibt also eine Bubenschule und die Administratoren in den Händen eines Genrekerls und des Passavants . Es ist an Aufträge, an ein Kunstleben nicht mehr zu denken. Steinle wird auch nicht zu lange unangesteckt bleiben. Das läßt sich denken und dann fällt die Sachsenhäuser Wirtschaft auch über den Haufen. Meine Bilder verkaufen sich schwer. Zeuge dessen ich keine einzige Bestellung habe, ein schäbiges Deckenstück abgerechnet. Mit Holzschnittzeichnungen mich abzugeben ist mir zur Last, da meine Augen es nicht mehr recht aushalten wollen und es eine verdammte Last ist, Anfangsbuchstaben auszudenken und darüber wichtige Gedanken liegen lassen. Denk dazu, es käme Krankheit oder Krieg, was müßte ich mir für Vorwürfe machen Frau und Kindern gegenüber. Wenn ich den Gehalt von 1150 fl. habe und den Zins von meinem Haus, brauche ich mich um nichts mehr zu scheren und kann ohne weiters große Sachen unternehmen, oder kleine wenn es nur beliebt, mit einem Wort als Poet leben statt als Mietgaul. Vom König von Preußen verlautet nicht das geringste. Für die Stelle in Leipzig ist von seiten der Dresdener Akademie Jäger vorgeschlagen, dem ich es herzlich gönne, aber wenn mir alle Aussichten abgeschnitten werden, soll ich auch den König von Bayern, den einzigen der an mich denkt, vor den Kopf stoßen? Dann muß ich auch sagen, wenn einem die Kunst am Herzen liegt, kann man nicht zurückbleiben, wenn einem endlich einmal ein Platz angeboten wird, wo man sie mit Muße und mit Erfolg ausüben kann. Was hab ich von aller Anstrengung in Karlsruhe? Wer kümmert sich um diese Sackgasse! Was hab ich von Frankfurt? Ich sehe dem Faß auf den Boden und die Lumpenkerls hängen mein Bild, daß es kein Mensch sehen kann, und die Frankfurter Zeitungen schweigen davon. Könnten sie unser einen ungeschehen machen, sie täten es. Was ich zu machen habe, ist mehr als eine Liebhaberei, es ist ein Beruf, und da kein anderer machen kann, was ich mache, eine Pflicht . Wie freue ich mich, meine Sachen unter Freunden zu machen, die sie verstehen und einem auch etwas raten können! Ich mache mitunter die schönsten Pläne. Wenn der König Dein Haus einmal einreißen läßt, schauen wir den Platz zu bekommen und bauen eines hin nach unserm Bedürfnis. Wenn ich hier nur leidlich mein Haus verkaufe, habe ich zwanzigtausend Gulden, das andere wird gepumpt. Wohl ist Gott sei Dank alles bei mir. Das Bild mit den Musikanten – da ich wieder eine Partie von 26 Holzschnitten abgetan habe – wird jetzt fertig gemacht. Ich denke man wird von der Farbe auch reden können. Wo würdest Du mir raten zu wohnen? Ich denke an die Müllerstraße oder so wo. Ich hoffe Deine Gesundheit hält jetzt und im Frühjahr stellst Du Dich dann vollends her – kann sein wir reisen ein Stück zusammen, da in Linz von einer Freskoarbeit die Rede ist. Für das dortige Ständehaus; die Sache kam, dank »dem segensreichen Jahre 1848«, nicht zustande. Von meiner Frau alles Schöne. Adio Dein alter Freund Schwind. Frankfurt, 13. Februar 1847 (an Schaller) Liebster Freund! Wegen der Wohnungen bin ich sehr dankbar und vollkommen einverstanden. Bis 15. März längstens bin ich da und da können wir gleich eine aussuchen. Ich zweifle nicht, daß gegen meine jetzige Behausung alle zusammen wie Löcher aussehen werden. Eins möchte ich Dich bitten: dem Schneidermeister Daffner zu sagen, er möchte Aufschläge und Patten für meine Uniform alsobald beim Goldsticker bestellen und mir sagen lassen, ob ich ihm ein Maß meiner Halsweite schicken kann, damit auch der Kragen vorgenommen wird, damit, wenn ich komme, das Prachtgewand gleich kann gemacht werden; säume aber ja nicht, den Bock in Bewegung zu setzen. Das Haus ist verkauft, immerhin mit einem Gewinn von 5000 fl. ein paar hundert weniger. Es ist genug. Endlich hat man mir auch das Diplom als Ehrenmitglied der Akademie in Dresden zugeschickt – es ist vom 1. September datiert. Duller habe ich neulich besucht – er ist in einer Geschäftigkeit, die kein zweiter aushält, Vorsitzender der Armenkommission, Kirchenvorstand, Sekretär des literarischen Vereins und zwanzig anderer Mitglied – hat alle Tag drei Sitzungen und schreibt nebenbei dem Teufel ein Ohr weg. Das alles entfremdet ihn freilich nach und nach unsern Kunstinteressen. Gratuliere zu Herders Vollendung, ich freue mich über die Massen, deine Sachen wieder zu sehen. Grüße alle bestens und vergiß den Geißbock nicht, denn ich muß in Uniform zum König gehen. Ade. Dein alter Schwind. Frankfurt, 25. Februar 1847 (an Bauernfeld) Das vergangene Jahr war für mich ein ziemlich vertraktes. Mit dem Sängerkrieg hatte ich unglaubliche Mühe und gar keinen Erfolg. Das Haus auszubauen, die Frau ins Bad zu schicken kostete mich schauderhaftes Geld – einmal hieß es, ich sollte nach Dresden, einmal nach Leipzig, und immer wurde nichts daraus, ich wußte nie recht, was das geben sollte – nun kam, was ich schon lange kommen sah, die Münchner Professur, und ich bin sehr zufrieden damit. Ein beliebter, gar ein glänzend bezahlter Künstler werde ich nie, also bin ich zu Tod froh, daß ich so weit bin, ziemlich meinen eigenen Mecän machen zu können. Ich habe Stoffe gefunden, deren Ausführung ich nicht erwarten kann, von denen ich aber im vorhinein weiß, daß von denen, die zahlen können, lange keiner was verstehen wird. Der schlechte Zustand der Malerei in Wien ist mir sehr erklärlich. Alles was gemacht wird, entsteht wie eine Ausarbeitung in einer fremden Sprache, wie zur Zeit, da ganz Deutschland lateinisch schrieb und einen Germanikus für den verpönteren Fehler hielt. Da kann nichts Gesundes herauskommen, nicht einmal etwas Lebendiges. Von einer Nachahmung der alten Deutschen kann nicht die Rede sein, aber von einer Abstammung und Verwandtschaft, wie sich die Sprache im Faust zu den Reimen des Hans Sachs verhält. Ich rechne mir's zum Verdienst, das zu wissen, und bin zufrieden, wenn ich beitragen kann, daß da fortgearbeitet wird, wo was Rechtes wachsen kann. Bei Euch Poeten ist es ganz anders, auch bei den Musikern. Ihr habt eine fertige Sprache, bei uns erwartet sie wenn nicht ihre Erschaffung, doch vor allem ihre Anerkennung. Meine hiesigen Geschäfte gehen jetzt zu Ende. Ich nehme ein leider unvollendetes Bild mit – wenn es ein Drama wäre, könnte man es das Lustspiel vom verdorbenen Geschmack nennen. Ich bin begierig, wie es aufgenommen wird. Mit den Linzer Ständen unterhandle ich wegen einer Freskoarbeit, ich hätte zwei Sommer in Linz zu leben, wo ich doch gar leicht nach Wien könnte. Möge es zustande kommen! Ob man mich in Wien jemals wird haben wollen – ich glaube es nicht und wünsche es kaum. Ich habe kein Vertrauen mehr auf Wien. Die Gutzkowa ist, glaub ich, noch hier. Bei ihm kommt es mir fast vor, als wäre ihm an Dir nicht mehr soviel gelegen, seit er nicht mehr nach Wien denkt. Du gehörst nicht zu der wechselseitigen Versicherung. Niembsch verlangt wieder nach seiner Guitarre, und das wird schon als ein großer Fortschritt betrachtet. Ich will ihn, wenn's geht, besuchen. Der kleine Rollett war auch lange hier, jetzt steckt er in Ulm. Auf Lachner freue ich mich sehr in München, das ist doch wieder ein alter Freund. Leb recht wohl, erwidere alle Grüße, die Du mir geschrieben hast und sag vor allen Spaun alles Schöne. Ich schreibe in einem Trubel von Geschäften und Briefen, daher wahrscheinlich sehr langweilig. Ein andersmal kommt's besser. Dein \&c.   Aus dem Radier-Almanach   III. Meisterjahre München sollte von nun an Schwinds dauernde Heimat sein. Aber erst achteinhalb Jahre nach seiner Übersiedelung ergibt er sich darein, sich für einen Bayern anzusehen. »Ich habe mich lang genug gewehrt.« Davon geben seine Briefe wiederholt und deutlich Zeugnis. Bei den Äußerungen seines Heimwehs nach Wien ist häufig von Josefine von Wertheimstein die Rede, einer durch seltene Anmut des Leibes wie des Geistes ausgezeichneten Frau, deren gastliches Haus ein Künstlerheim von fast geschichtlicher Bedeutung gewesen ist. (Bauernfeld, zum Beispiel, schloß die Augen in ihrer Döblinger Villa.) »Sag ihr,« schreibt Schwind an diesen, »daß sie an mir eine gewaltige Eroberung gemacht hat; ich glaube, wenn ich nach Wien komme, laufe ich zu allererst zu ihr. Warum weiß ich eigentlich nicht.« Eine treffliche Antwort auf dieses Warum wäre in Anton Bettelheims anmutvoller Charakteristik dieser Frau, in dem Essaibande »Deutsche und Franzosen«, nachzulesen. Schwinds Briefe an Josefine von Wertheimstein sind leider verschollen. Die Lage in München schildert der Meister im Jahre des »Völkerfrühlings« mit folgenden an Marianne von Frech gerichteten Worten: »Die Professur kostet wenig Zeit und ich habe ein paar Schüler, die mich interessieren – setzt mich aber in den Stand, meine sieben Sachen zu malen nach meiner Lust, unbekümmert um Käufer, die jetzt ohnedem alle vor den Strahlen der Freiheit dahingeschmolzen sind.« Und wenn auch Rietschel (am 18. Februar 1850) Julius Thäter gegenüber äußerte: »Wie ist die künstlerische Richtung in München? Ich höre, daß die jungen Leute alle an Schwind mit Begeisterung hängen. Das sollte mir lieb, als ein erfreulich Zeichen für die Jugend sein,« – so blieb doch wahr, was Thäter zu gleicher Zeit in seinen Tagebüchern schrieb: »Schwind ist und bleibt einer der genialsten Künstler unserer Zeit, und es ist bitter zu beklagen, daß er so unbenützt liegen gelassen wird. Hier bekümmert sich kein Mensch um ihn.« Nur preisen wir es als ein Glück, daß er nicht zu »monumentalen« und andern seinem Wesen fremden Aufgaben »benützt« wurde, sondern, durch sein Gehalt vor Not geschützt, Zeit fand, »seine Siebensachen«, seine Meisterwerke, zu malen. Er war zu finden »in einem kleinen Parterrehäuschen [Briennerstraße Nr. 35], das unter ein Paar gewaltigen Linden, im Hintergrund eines Wiesen- und Gartengrundes liegt, gerade groß genug, um die verehrliche Familie aufzunehmen und einen anspruchlosen Gast. Das Atelier, an welchem erweitert und nachgeholfen wird, übertrifft das Frankfurter.« Darin förderte er hauptsächlich: » Die Symphonie «, von der als der »musikalischen Novelle«, der »modernen Zeichnung«, der »Beethovenschen Zeichnung« viel die Rede ist; die » Rückkehr des Grafen von Gleichen «, die er 1864 für den Grafen Schack in Öl ausführte; ferner das » Aschenbrödel «, – »hoffentlich die klarste und reichste meiner sämtlichen Arbeiten« – worüber er im Jahre 1852 an Bauernfeld schreibt: »Es ist ein lang herumgetragener Gegenstand, ursprünglich gedacht als die Dekoration eines Tanzsaals, welchem Eindruck zulieb die Musikanten, die unten sitzen, noch beibehalten sind«; endlich das Märchen von den sieben Raben , gleichfalls, wie alle die besten von Schwinds Werken, ein lang herumgetragener Gegenstand, »eine Lebensarbeit, denn die ersten Striche, wovon ich noch Gebrauch machen konnte, sind dreißig Jahre alt« (11. November 1858). Von diesem und dem übrigen Schaffen des Meisters erzählen die Briefe viel des Bedeutenden; auch die köstlichen »Nebenarbeiten«, die »lyrischen Stücke«, die » Reisebilder « (die Perlen der Schack-Galerie!) – »wovon die älteste Komposition vielleicht vom Jahr 22, die neueste von vorgestern ist, . . . eine rechte Alte-Herren-Arbeit,« (13. Oktober 1853) – werden mehrfach besprochen. Um die Gleichenburgen durchzustudieren, guckte Schwind im Jahr 1849 »ein wenig ins Thüringische« und wurde dabei vom Zufalle mit Schober, den er lange nicht gesehen noch hatte sehen wollen, »in ein Wagerl« zusammengeführt. Schober brachte den Freund zu seinem Herrn, dem Großherzog Karl Alexander von Sachsen-Weimar , und überzeugte diesen bald, daß kein anderer als Schwind der rechte Mann für seinen Plan sei, die von Hugo von Ritgen wiederhergestellten Räume der Wartburg mit Fresken zu schmücken. Nach langen Verhandlungen (wir verfolgen sie nur in den entscheidenden Wendungen) kam die Verbindung im Jahr 1853 zustande und zwar »durch Schobers Vermittlung, wozu er als ›beiderseitiger Freund‹ vom Erbgroßherzog aufgestellt ist und wobei er sich mit nicht genug zu lobender Geduld und Ausdauer bewiesen.« »Damit aber die Hindernisse nicht ausgehen,« berichtete der Meister noch am 10. April 1853 an Schober, »kömmt Graf Esterhazy, der österreichische Gesandte, zu mir und nimmt meinen Patriotismus und Ehrgeiz sehr in Anspruch durch die Aufforderung, eine Zeichnung zu machen zu einem Schild, den die kaiserliche Armee an Graf O'Donnel , den Erretter des Kaisers, verehren will.« Graf O'Donnel hatte den Attentäter, der am 18. Februar 1853 den Kaiser beim Spaziergang zu erdolchen versuchte und durch einen Messerstich nicht unbedenklich verwundete, abgewehrt. Um den ihm dafür zugedachten Ehrenschild gab sich Schwind bedeutende, aber schlecht gelohnte Mühe – »es war beiläufig die Arbeit, die ein tüchtiger Plafond macht«. Die Fresken für die Wartburg, Darstellungen aus der Geschichte der thüringischen Landgrafen, aus dem Leben der heiligen Elisabeth (»Das ist die Perle aller Geschichten!«) und eine Komposition des Sängerkrieges, nahmen ihn dann vom Sommer 1853 bis zum Herbst 1855 in Anspruch. Die Bedeutung dieser Arbeit für seine Künstlerschaft beschreibt er in einem Brief an Bauernfeld mit den Worten: »Für mich ist es gerade so wichtig, eine öffentliche Arbeit zu machen, als für Dich, daß Deine Stücke aufgeführt werden.« Auf der Wartburg hatte sich Schwind der besonderen Freundlichkeit der Herzogin Helene von Orleans , geborenen Prinzessin von Mecklenburg-Strelitz zu erfreuen, die er als »die liebenswürdigste und seelenvollste Fürstin, die mir noch vorgekommen ist,« preist. Gelegentlich spricht er auch von der damals auf der Altenburg in Weimar lebenden Fürstin Wittgenstein , an die seine Skizzen zu den Fresken kamen, als seiner alten Freundin. In München wurde Schwind, was Umgang anbetrifft, »immer aristokratischer«: er ging den Verwirrungen der Zeit aus dem Wege, mied jeden öden Zeitvertreib und ließ sich einzig durch die Klänge der Musik, der er ja mit Pinsel und Fiedelbogen ergeben war, aus seiner Häuslichkeit locken. Da hieß es einerseits: »Schon bevor der politische Galimathias mich gänzlich aus allen Gesellschaften vertrieben hat, war der künstlerische Unsinn hinreichend, mich sehr rar zu machen.« Anderseits: » In musicalibus lebe ich wie Gott in Frankreich.« Dies namentlich dank der k. b. Hofsängerin Caroline Hetzenecker , »die aus mir altem Haushahn noch einen Theaterläufer machen wird,« und dank der » Diezischen «, des Sängers Friedrich Diez nämlich und dessen Gattin Sophie , – »heiterer, trefflicher Leute, und eines singenden Paares, wie so leicht keines aufzutreiben ist.« Im April 1856 war der Meister zum Besuche der Weltausstellung in Paris und im Sommer 1857 im Auftrage des Königs auf der Ausstellung in Manchester und in London , sonst aber lebte er nach diesem Rezept: »Ich überlasse die große Bühne andern und ziehe mich unter meine Lindenbäume, ich bin da vielleicht besser am Platz, und keinenfalls werde ich der Narr sein und mir meine Pfeife nicht schmecken lassen.« München, Pfingstsonntag 1847 (an Schädel) Liebster Freund! Wäre ich noch in Frankfurt, so ist wohl kein Zweifel, daß ich heute morgens nach der Mainzer Chaussee geschlendert wäre und mit Zigarrenanzünden und Schwätzen Ihre Ungeduld nach der Kirche gehörig gesteigert hätte. Da nun die Promenade zwischen uns sich bedeutend verlängert hat, so benütze ich die unvollkommene aber doch angenehme Erfindung des Schreibens, dem Mangel der Wirklichkeit in etwas nachzuhelfen. Es ist dies der erste Brief, den ich nach Frankfurt schreibe, nicht ohne Gewissensbisse, da es sich wohl schickte, empfangene Briefe zu beantworten, – es kann aber auch noch geschehen. Was ist in diesen acht bis neun Wochen alles vorgekommen! von der kleinlichen Pein des Wohnungsuchens, Frauerwartens, Besuchemachens, Zimmermalens und Möbelkaufens gar nicht zu reden. Unter allem diesem Trubel ist vorderhand das wichtigste geschehen; ich habe Frankfurt vergessen, rein abgeschüttelt, und was davon halten kann, das kommt jetzt zum Vorschein, ohne den Beigeschmack alberner Verdrießlichkeiten, die alle in den großen Papierkorb versenkt sind. Hier ist Fahrwasser, und wer Kräfte hat, der kann sie loslassen. Ich habe lange zu tun gehabt, mich des langersehnten herrlichen Zustandes, als eines wirklich erreichten, ganz zu bemächtigen: daß ich mich hinsetzen kann und mit aller Muße Werke unternehmen, bei deren Ausführung mich von vornherein kein fremder Einfluß auf die Wahl des Stoffes, hintennach keine alberne und neidische Verdächtigungspolitik verstimmt und ermüdet. Im Vorbeigehen gesagt ist das Musikantenbild mit Glück überarbeitet und braucht nur mehr die letzte Feile. Der Rhein im Begriff auf die Leinwand gepaust zu werden, und für die Geschichte mit der Beethovischen Symphonie ein wichtiger Schritt geschehen, nämlich die Einteilung erfunden. Über den Verkauf des Hauses bin ich vollkommen getröstet. Meine hiesige Wohnung (in Schnorrs Haus) ist um ein tüchtiges größer, der Garten schöner, die Umgebung ganz grün, und statt des Eschenheimerturms haben wir die Glyptothek vor Augen, die auch nicht bitter ist. Veni et vide. Ein Gastzimmer fehlt nicht. Die Akklimatisierung scheint vorüber zu sein. Die ganze Gesellschaft hustete und fieberte – jetzt ist es, Gott sei Dank, gut. Die Kinder fressen wie die Wölfe und schlafen wie die Würste. Ich hatte anfangs viel von Schwindel zu leiden, der aber auch seinen Abschied genommen hat. Drei, vier Ärzte, die ich über das Schleimfieber gesprochen, versichern, daß es erstens seinen epidemischen, zweitens seinen nervösen Charakter, den es seit der Cholera behauptet, seit mehr als einem Jahre ganz verloren und wieder, wie sonst, nur mehr sporadisch und entzündlicher Natur sei. Dies zum Trost für die Frau Gemahlin, wenn sie den Reisepaß ausfertigen muß. Lachner ist ganz der Alte. (Die »Nachbarn auf dem Lande« hab ich ihm noch nicht gezeigt – er kennt aber Sachen von Ihnen und schätzt sie.) Morgens schreibt er an seiner neuen Oper »Benvenuto Cellini«, klopft dann Noten aus und füllt den übrigen Tag mit Billardspielen und Biertrinken aus. Eine Oper seines Bruders »Lorley« habe ich mit großem Vergnügen gehört. Wäre die von Mendelssohn: welchen Spektakel! Ich sage Ihnen, das sind Leute, daß einem das Herz im Leibe lacht: Sie müssen notwendig kommen und sie kennen lernen. Er macht auch so vortreffliche Schwänke, e. g. behauptet er von Meyerbeers Instrumentierung, wenn ein Besenstiel irgendeinen Ton von sich gäbe, müßte er auch ins Orchester. Was macht der Instrumentalverein? Dieser Tage habe ich mit der Liedertafel gekneipt – eine solche Massa von Humor habe ich nicht bald beisammen gesehen, dazu singen die Kerls prächtig. Zum Künstler-Maifest habe ich Frau und Kinder hinausgeführt, welche treffliche Wirtschaft! Man sitzt und liegt im Wald herum, hält Reden, Maskenzüge, singt, ißt und trinkt, alles auf das fröhlichste. Der König ist im allerbesten Humor. An meiner Tür war er einmal vergeblich und rufen hat er mich nicht lassen. Fräulein Lola [Montez] sitzt in ihrem Haus und zeigt sich wenig. Ich habe nur erst ihr Porträt gesehen, das ist aber schon der Mühe wert. Um unsern Direktor Gärtner hat es mir leid getan. Es war ein Grobian, aber eine ehrliche Haut und ein Mann von Energie und großen Gaben. Wenn man sich um den unentbehrlichsten Mann in München gefragt hätte, so war es Gärtner, jetzt ist er vier Wochen tot, und wenn er heute zurückkommt, kann man ihn gar nicht mehr brauchen. Das ist eine traurige Betrachtung. Der Geldbeutel von Ihrer guten Frau sieht schon sehr strapaziert aus. Er soll getragen werden, solang er hält. Ein Klavier wird sich herausschlagen lassen und zwar der Leipziger Stutzflügel à  280 fl. Fassen Sie nur den Gedanken fest ins Auge, daß Sie herkommen müssen, grüßen Sie Frau und Kinder nebst der ganzen Nachbarschaft von meiner Frau Louisl und Ihrem alten Freund Schwind.   Bernhard Schädel Bleistiftzeichnung von M. v. Schwind   München, Juni 1848 (an Thäter) Liebster Freund Thäter! So bald stelle ich kein Bild wieder aus, wenn die Leute gleich Monate herumgehen lassen, bis es an Ort und Stelle kommt. Wegen des Firnissens schmeichelte ich mir bisher, ich würde an Peter und Paul nach Berlin reisen können, um Cornelius zu gratulieren, und bei dieser Gelegenheit nach Dresden kommen und noch ein paar Striche an dem Bilde machen. Wer mag aber jetzt reisen und vollends in einen so verrückten Ort wie Berlin! Also immerhin den Dreck herunter und Firniß hinauf. Freund Richter bin ich für seine Teilnahme an dieser spassigen Arbeit sehr dankbar. Man wird einmal einsehen, daß es jetziger Zeit keine Kleinigkeit ist, an den deutschen Elementen festzuhalten. Ich wollte nur, es wäre mehr Talent und Trieb unter den jungen Leuten, so könnte man eher hoffen, daß die Sache durchgeführt und zu Ehren gebracht wird, denn unsereiner ist zu alt und hat zu viel Zeit mit Unsinn verlieren müssen, um etwas Schlagendes leisten zu können. Den heillosen Verwirrungen der Zeit bin ich noch insofern dankbar, als sie einen ganz auf sich selbst verweisen. Nur das Allerinnerlichste gibt jetzt ein Gleichgewicht gegen den Taumel, der sich aller Köpfe bemächtigt hat. Ich hoffe, die hiesige Bürgerschaft hat den Willen, Ruhe zu halten, die Fäuste hat sie jedenfalls dazu – und so mag man wenigstens ohne Sorge vor dem Äußersten der nächsten Zukunft entgegengehen. Zu Hause und ganz heimlich arbeite ich an dem Grafen Gleichen mit seinen beiden Frauen, ein Bild nicht so groß als die Musikanten, aber mit größeren Figuren. Kannst Du mir vielleicht etwas verschaffen über die Gegend bei Gotha, den Kontur des Thüringer Waldes? oder etwas dergleichen? Ich möchte gern alles recht getreulich machen. Die Charaktere sind diesmal anderer Natur als das Lumpengesindel, das zur Hochzeit zieht, aber nobler. Ich hoffe, meine Freunde werden zufrieden sein. Jedenfalls hoffe ich, dem dummen Geschwätz ein Ende zu machen, daß ich von Farben nichts verstehe – woran mir nie etwas gelegen war. Denn von meinen Beurteilern ist nichts Brauchbares zu lernen, was aber meine Freunde oft mag in Verlegenheit gebracht haben. Auf die Abdrücke freue ich mich sehr. Wie hast Du Dich arrangiert wegen etwaigen weiteren Verkaufs? Bei mir sind alle Bestellungen abgesagt; hätte ich die Fliegenden Blätter nicht, hätte ich nichts zu verdienen. Der Gehalt ist vorderhand besteuert, nächstens wird er verringert. Es wird hübsche Zustände geben, und keine Aussicht auf irgend etwas Vernünftiges. Was macht denn Rietschel? Hähnel? Gesund ist Gott sei Dank alles bei mir. Das kleine Madel Marie, geboren am 8. September 1847; sie heiratete am 9. September 1867 den Wiener Kinderarzt Dr.  Ferdinand Baurnfeind. wird alle Tage liebenswürdiger. In Deinem Zimmer – o schöne Zeiten! wohnt meine Schwiegermutter. In den Stubenvoll, überhaupt ins Wirtshaus gehe ich gar nicht mehr, ich kann das politische Geschwätz nicht aushalten. So wollen wir denn suchen, das wilde Heer über uns wegziehen zu lassen, und uns an der Arbeit freuen, da auf Geld oder Anerkennung nicht zu rechnen ist. Ich werde nach und nach in den Besitz einer hübschen Galerie gelangen. Der König wird schon wieder einmal zu Dir kommen und wird dann das Bild gefirnißt sehen. Empfiehl uns Deiner Frau, grüße alle Freunde und schreib bald wieder Deinem alten Schwind. München, 9. Dezember 1848 (an Thäter) Liebster Freund Thäter! Ich wünsche nur, daß Du Zeit findest, die Arbeit zu fördern; ich kann's sehr brauchen, daß mich wieder was freut. So sehr ich mir das politische Teufelszeug vom Leibe halte, so fängt es doch an, mich zu belästigen. Den Rhein wirst Du im Kunstblatt sehr heftig getadelt finden. F. möchte gern dartun, daß der Karton im Bild nicht mehr zu erkennen ist. Nun, mich freut's, daß ich ihm das Haus verboten habe, und kümmere mich den Teufel um das Geschwätz der Lohnbedienten, und diese Bursche sind nichts anderes. Sie verdienen ihr Trinkgeld mit ihrem Geschwätz von unseren Werken. Ich mache im Augenblick kuriose Sachen, die für die Öffentlichkeit nicht geeignet sind. Der Karton zum Grafen Gleichen ist angefangen. Tausend Dank für die Richterische Zeichnung; ich kann sie ganz herrlich benützen. Was für schöne Sachen hat der brave Kerl zu den Schererischen Kinderliedern gemacht! Wie übel nehmen wir uns dagegen aus! Daß Düsseldorf noch zu blühen gedenkt, ist stark. Vergiß nicht, wenn Du schreibst, Nachricht zu geben von Schnorrs Augenübel; es schien hier nicht unbedenklich. Hier hatscht die Kunst ihren Weg, daß es ein Jammer ist. Immer noch die abgedroschenen Redensarten von Historie und Genre; immer noch der Deidideldum von Farbengebung und solchen Lumpereien. Mir fallen immer die Lebensgeschichten der Maler des vorigen Jahrhunderts ein: geboren da und da, ging anno so viel nach Rom, studierte den und den, und malte lieber auf Blech als auf Holz; und höchstens noch: sein Pinsel war markig. Wäre man nicht besser gleich ein Schuster, wenn von Erweiterung des Ideenkreises und von der Ausbildung der deutschen Sprache doch keine Rede ist? – Schwanthaler haben wir begraben; er hat so entsetzlich ausstehen müssen, daß man fast froh war, als es hieß, er sei tot. Ich habe ihn in letzter Zeit wenig mehr gesehen, was mir leid tut. Wie albern ein Dreispitz mit einem Lorbeerkranz aussieht, kannst Du Dir gar nicht denken. Merz sehe ich gar nicht mehr und lebe überhaupt mehr mit der Hofkapelle als mit den Malern. Musik ist mir lieber als Gesinnungstüchtigkeit, wie man sie jetzt trägt. Ich frage nur, wenn in der ganzen Bewegung ein Funke von Nationalstolz oder auch nur vom ordinärsten Patriotismus wäre, ob man es nicht schon in den Kunstforderungen spüren müßte? Ich habe neulich das »Es lebe die Freiheit hoch« im Don Juan wütend applaudieren hören. Die Freiheit, zu morden und Schulden zu machen, die Freiheit des Urlumpen, die samt ihm in einer halben Stunde der Teufel holt. Man muß wenigstens gestehen, die Leute sind nicht schüchtern. Hier bringen sie einen Fackelzug für Robert Blum zustande, sonst aber nicht viel. Hole die Kerls der Teufel! Das wäre mir eine schöne Freiheit! Dein alter Schwind. München, 11. August 1849 (an Marianne von Frech) Liebe Fräulein Mimi! Über Ihren allerliebsten Brief war ich wenig erfreut, denn ich erwartete Sie selbst, und davon ist gar keine Rede, wie es scheint. Es wäre schon der Mühe wert, meine Wirtschaft anzuschauen. Man sitzt in einem selbstgebauten Atelier und schreibt abgesondert vom Haus und doch nicht auswärts. Die Pflanzungen brillant, die zwei Bäume schattig. Der Viehstand glänzend: zwei Schafe, ein Kater, die dazu gehörigen Mäuse, nebst Amseln und Finken. Die Kinder zum Aufspringen, der Keller sehr wohl versorgt. Die beiden Lachner kommen manchmal Sonntag vormittag und man trinkt eine vortreffliche Flasche. Es ist alles, was ein Pensionist verlangen kann, und wenn man sich einmal darüber getröstet hat, daß man bei besten Kräften vom großen Schauplatz abtreten muß, weil die baren Auslagen, die ein größeres Bild macht, nicht zu erschwingen sind, so ist das Ding gar nicht übel. Ich habe gestern eine Arbeit fertig gebracht, die zwar aus einigen Bogen Papier und Bleistiften gemacht ist, jedoch als Erfindung manchen befriedigen kann. Heute früh erwachte ich auf das angenehmste, umgeben von sechs Zeichnungen, die ich schon lange zusammengedacht habe und die sich freundlichst zur Ausführung empfehlen wollten. In jetziger Zeit, wo ich an Geschichte oder nur an deutsche Nationalität nicht denken kann, ohne wütend zu werden, ist es sehr angenehm, sich in Ideen früherer hoffnungsvoller Tage zu versetzen, und indem man frühere Ideen neu aufnimmt und zur Vollendung bringt, die schönere Zeit wieder lebt. Sie werden wissen wollen, was das für Herrlichkeiten sind? Das gestern Fertige ist eine Aufführung der Beethovenschen Fantasie für Klavier, Orchester und Chor. Das heute früh Gemeldete die Geschichte von sieben Raben. Ich denke, das liegt weit genug ab von den weltbeglückenden Ideen der Neuzeit. Das erste vereinigt einige zwanzig Darstellungen, das zweite zwölf bis fünfzehn. Wäre das nicht der Mühe wert anzuschauen, ungerechnet die schönste Hängelampe auf der ganzen Welt? »Bei mir im Haus prangt ein gemalter Lüster, den ich zu Weihnachten verfertigt habe, – das Uhlandische Gedicht ›Eberstein, Eberstein, heut nacht wird dein Schlößlein gefährdet sein‹.« (27. 1. 49 an Schädel.) Ich wollte, ich hätte meine Besoldung nicht nötig, ich könnte jetzt ganz einfach mich nach Traunkirchen setzen und Ihnen und den vortrefflichen Spaunischen Gesellschaft leisten. Gewiß hätte ich mehr Anregung davon, meine Sachen für einen solchen Kreis zu machen, wäre vollends noch der brave Linzer Spaun dabei, und Kenner und solche Kameraden, als mich von dem verschrobenen Kunsttrubel anschauen zu lassen, der mir hier das Leben langweilig macht. Ein alter Freund ist ein Schatz und wenn er auch ein Tropf ist, dann erst solche Leute! Mir war's sonst auch leichter, einen Brief wegzuschreiben, sei's daß ich mich lustig stellte, wo ich's nicht war, sei's daß ich mich habe gehen lassen, wie's mir ums Herz war. Man nennt das gewöhnlich älter werden, wenn man weder zu sich noch zu andern das frische Vertrauen hat. Schön wär's, wenn Sie einen Ausflug hieher machten, in Wien konnte man sich weder recht sehen noch sprechen. Und doch freut's mich, daß ich da war. Ein Paar geselchte Würstl im Trienterhof wären mir lieber als das ganze Deutschland mit seinem politischen Gepfusch. Leben Sie recht wohl; wenn ich jetzt nicht schließe, laß ich den Brief wieder liegen. Ganz gehorsamster M. Schwind. München, 24. Nov. 1849 (an Schädel) Liebster Freund Schädel! Es ist heute gerade wieder so ein nebliges Sauwetter wie voriges Jahr in den angenehmen Tagen Deines Hierseins, so verschaffe ich mir denn schreibend ein Surrogat des Geschwätzes, das mir, Du darfst es glauben, sehr abgeht. Familie ist Gott sei Dank wohlauf, und die Freundschaft um meinen alten Kameraden Thäter, den wir als Kupferstich-Professor an die Akademie bekommen haben, vermehrt. Die vielbesprochene Zeichnung mit dem Beethovischen Musikstück ist schon längere Zeit fertig. Obwohl ich sie nicht öffentlich ausstellte, brachte sie mir gewaltigen Beifall ein, und ich wünschte nur, es bestellte sie jemand in einem etwas größeren Maßstab auszuführen. Ich schreibe Dir ein Programm ab, das ich dem König zustellte, um ihn etwas vorzubereiten: Zur Probe eines der anmutigsten Werke Beethovens »Fantasie für Klavier, Orchester und Chor«, dem einzigen, das in dieser Weise instrumentiert und dadurch im Bilde zu erkennen ist, hat sich die bunte musikalische Welt eines Badeorts in dem zur festlichen Aufführung geschmückten Theatersaal versammelt. Die Sängerin eines kleinen Solos erweckt bei dieser Gelegenheit die Aufmerksamkeit eines jungen Mannes. Dieses Paares harmlose Liebesgeschichte entwickelt sich in weiteren drei Bildern, die im Charakter mit den weiteren drei Stücken eines Quartetto – Andante, Scherzo, Allegro – Schritt halten; ein Begegnen ohne Annäherung, – der Mutwille eines Balls, auf dem man seine Gefühle laut werden läßt, und ein heiterer Moment der Hochzeitsreise, als man das Schlößchen des beglückten Gatten zuerst erblickt. Im Einklang mit dem Chor des Beethovischen Musikstücks, der ein Lobgesang auf die Freuden des Naturgenusses ist, sind in der Umfassung dieser Bilder Wald und Lust, letztere durch die vier Winde, vorgestellt, sowie in den verbindenden Arabesken die Tageszeiten, die Erfrischung des Reisens, der Heilquelle \&c. angebracht. Ich schicke dieses opus, das natürlich niemand brauchen kann, weil noch niemand eines hat, dem das meine nachhinkt, der Erbgroßherzogin von Weimar zu, die ich diesen Herbst auf einer Reise nach Thüringen kennen gelernt habe. Es scheint möglich, daß mit dem jungen Hofe sich eine sehr erfreuliche Verbindung anknüpfe. Wenn die Zeichnung wieder flott wird, hätte ich nicht übel Lust, sie nach Frankfurt wandern zu lassen, und zwar an das Haus Brentano, unter eidlicher Versicherung, daß sie nicht im Institut ausgestellt wird. Die mögen erst schätzen lernen, was sie von mir haben. Die Montags-Musiken sind wieder im Gang, leider ohne die Donna Elvira. Ihre Stelle muß ein junges Mädchen vertreten, die wenigstens eine wunderschöne Stimme hat. Lachners Oper erleidet der Anfechtungen genug. Sicherlich ist es ein reiches Sujet, das nutzt aber alles nichts, wenn nicht eine Dosis Lüge und Niederträchtigkeit dabei ist, so schmeckt es nicht nach dem Brei, den die Welt täglich zu fressen gewohnt ist, und das wird nicht verziehen. Konzerte sind wieder trefflich. Theater sage Oper hinkt. Bei mir sind nebst den erwerblichen Arbeiten das zweite Blatt von den sieben Raben in der Arbeit, ein Märchen in achtzehn Kompositionen aus sieben Blättern. Leb recht wohl und schreibe bald. Was macht Blittersdorf? Schöne Grüße zu Haus und überall von Deinem alten Freund Schwind. München, 5. März 1850 (an Schober) Lieber Freund Schober! Du erinnerst Dich, daß S. K. Hoheit der Erbgroßherzog mir sagte, ich solle das Musikantenbild nicht weggeben, ohne es vorher zu melden, da dieselben wünschten, es selbst zu besitzen. Da nun ein Verkauf in Prag wahrscheinlich ist, so glaube ich, davon Meldung machen zu müssen, und habe S. K. Hoheit geschrieben. Willst Du so gut sein und dem freundlichen Herrn den Brief zustellen? Vom Preis schreib ich nichts hinein. Zweitausend Gulden, das sind zwischen elf- und zwölfhundert Taler, ist wohl nicht teuer, und sagt der Prinz, daß er es haben will, so hat es allenfalls Zeit, bis die Anschaffung mit anderen Einrichtungen zusammentritt. Den Rhein habe ich tüchtig durchgefeilt (die Musikanten auch noch ein wenig) und riskiere es jetzt, ihn nach Berlin zu schicken. König Ludwig stößt sich an der Fiedel und behauptet frischweg, Rhein stamme von ρινος und er sei ein Grieche. Da bin ich vielleicht auch einer, ohne es zu wissen. Unter all den Wappen, Kirchen und sonstigen mittelalterlichen Wesen müßte sich eine Lyra schön ausnehmen. Die moderne Zeichnung sitzt noch in Gotha. Der Herzog will sie seinem Bruder, dem König von England, anhängen. In Deutschland hat mich trotz dem Beifall, mit dem ich sehr zufrieden sein kann, kein Mensch gefragt, was sie kostet. Vielleicht, wenn statt dem Klavier eine Lyra wäre? Alles Lyra. Bratsche Lyra! Bassettel Lyra! Waldhorn Lyra! Postillon mit der Lyra! das sähe ganz erhaben aus. Ich wollte, der Erbgroßherzog begriffe, daß, wenn es mit der Wartburg etwas geben soll, bald angefangen werden sollte. Ich könnte dieses Jahr noch einiges machen, und wenn einer billig ist, bin ich's. Wenn des Jahrs dreitausend Taler drangerückt werden, bin ich in fünf, längstens sechs Jahren fertig und da muß alles auf das pompöseste sein. Es ginge auch in vieren mit Anstand, aber niemand kriegt eine Lyra. Bei mir ist alles gesund und gedeiht. Musik haben wir vollauf. Das schöne Montagskränzl, obwohl der gefeierten Sängerin, die aufs Land geheiratet hat, beraubt, ist doch immer noch ein großer Genuß. Zudem kann ich mir hin und her einen Schubertischen Privatgenuß zu vier Händen verschaffen. – Anton Spaun, in Kremsmünster begraben, soll ein kleines Monument gesetzt werden. Ich habe mich erboten, da das Geld für eine Figur zu wenig ist, mit einem Freskobilde beizutragen, bekomme aber keine Antwort. Es scheint, daß in Österreich kein Mensch mehr auf dem alten Platze sitzt. Frechs scheinen sich in Traunkirchen befestigt zu haben, wo auch Pepi Spaun ein altes Haus gekauft hat. – Ich wünsche gar sehr, daß Du durch kein Übel, noch weniger durch Unlust gehindert seist, mit einigen Zeilen zu antworten, es macht mir gar zu viel Vergnügen. Grüße alle Freunde und schönen Frauen, und wenn ich, statt an Dich, an Schöll hätte schreiben sollen, so bekenne ich, daß ich an ihn zu schreiben angefangen, aber da ich so behaglich zu Hause sitze, vorgezogen habe, Dir ein wenig vorzuschwätzen. Dein alter Freund Schwind. München, 27. April 1850 (an Schädel) Liebster Freund Schädel! In wohlgeheizter Stube, dem weitentfernten Frühling entgegenfrierend, Sonntags Morgen dazu, nach durchgeschanzter Woche, kann man nichts Besseres tun als schreiben. Nun also in den vierzigen bist Du auch, wohl bekomm's. Ich wünsche nur, daß Du Deinem begeisterten Grafen genug abgefordert hast. Deine Kunst wird Dir jetzt mehr Freude machen, da Du sie nicht mehr melken mußt. In Deiner neuen Stellung kannst Du mir vielleicht behilflich sein, meinen alten Plan eines ländlichen Rückzugs ins Werk zu setzen, ich laufe doch in der Welt herum wie in dem fatalen Traum, wo man die Hosen vergessen hat. Es nützt auch nichts, wenn man das Publikum in Entzücken versetzt, wie ihr schreibt, daß der Fall war, weder das Institut noch einer von all den reichen Menschen fragt auch nur, was das kosten könnte. So war's in Frankfurt, so war's hier und wird auch überall so sein, man kann es nicht brauchen und ich darf zur Belohnung für die gehabte Mühe ein paar Monate lang hinsitzen und Kinderbücher illustrieren und ähnliches Lumpenzeug zum Schaden meiner Augen, meines Renommees und meines Fortschreitens in der Kunst. Was soll man sagen: es wurde in Vorschlag gebracht, diese Komposition [die Symphonie] als Vereinsblatt zu stechen, und ein ganz schäbiger Columbus, von Hanfstängl lithographiert, siegte glanzvoll dagegen. Wegen der Seitenstücke wäre ich nicht im geringsten in Verlegenheit. Auf der Zauberflöte habe ich längst eine Zusammenstellung gemacht, und die vier Jahreszeiten und Schöpfung gäben eine Wand für den alten Haydn. Auch sehe ich nicht ein, warum ein Zimmer nicht mit dem einen Bilde genug haben sollte gerade über dem Klavier, was mehrenteils die einzige breite Wand ist, und übrigens kleine Sachen. Wohlauf ist Gott sei Dank alles. In unserm Park ist der Verschönerungen manche entstanden. Frau Louisl mit einem großen Pinsel hat sämtliche Tische und Bänke mit einem frischen Grün angestrichen, »dem Auge zur Erquickung dar«. Verschiedene Stauden, die einst ein undurchdringlicher Hain werden sollen, sind angepflanzt. Im Atelier habe ich meinen Sitz für diesen Sommer aufgeschlagen und zittere bei dem Gedanken, daß ich wieder in die Akademie werde hinein müssen. Hier fange ich um sechs Uhr an, in die Akademie komme ich nie vor acht Uhr, und habe eine Störung nach der andern auszuhalten. Ich wollte, ich wär's wieder los. Von den nach Berlin und Prag ausgesandten Bildern verlautet nichts, und ich zweifle nicht, daß sie alle wieder an mein Vaterherz zurückkehren werden. Wir haben in unsrer Kunst auch Meyerbeer und Proch, wer soll sich da um unsereinen kümmern. Ich bin über alles das sehr getröstet, seit ich die Hand des Schicksals darin sehe. Deutschland muß es büßen, daß es 35 Jahre lang mit Kotzebue, Clauren, Eugen Sue, Donizetti und solchen Schuften gebuhlt hat. Mein Leben ist ein sehr kleines Äderchen des ganzen, aber es läuft dasselbe Blut darin wie im ganzen. Leb recht wohl und schreib bald wieder Deinem alten Freund Schwind. München, 27. März 1851 (an Schädel) Liebster Freund! An Dich schreiben und nicht alles schreiben, das will nicht recht und wollte nicht recht gehen, daher das lange Schweigen. Seit ich hier bin, steht ein Ereignis nach dem andern vor der Tür, das es ratsam erscheinen ließ, auf dem Platz zu bleiben, keines aber ging in Erfüllung. Insofern war ich aber bedeutend erleichtert, als ich bis jetzt noch von den akademischen Sitzungen dispensiert bin, und das andere ist nicht von Belang. Mit der Gesundheit ging es von Anfang gar nicht gut. Habe ich das Seebad zu lang gebraucht, oder hat es mich übermäßig angegriffen, ich war tüchtig auf dem Hund. Ich machte mich mit Donner und meinem kleinen Hermann nach Aussee, wo ich 14 Tage blieb und doch so weit kam, daß ich bei dem dortigen Maler zuerst wieder die Courage bekam, den Pinsel in die Hand zu nehmen. Zurückgekehrt fing ich wieder an zu arbeiten, und siehe da, es ging wieder, und fast kommt es mir vor, besser als vorher. Nur bin ich kein Narr mehr und plage mich den ganzen Tag. Großes habe ich weislich nicht unternommen, wodurch denn, was auch nicht unwichtig ist, die Geldernte gegen die bisherigen Münchener Jahre sich bedeutend besser stellt. Meine nächste Arbeit sind sechs Kirchenfahnen für eine hiesige Kirche [die Theatinerkirche], die ich nun freilich fast umsonst mache, auf die ich mich aber sehr freue. Erstens bleiben sie in der Kirche stehen, und zweitens ist mir von Zeit zu Zeit ein wahres Bedürfnis, etwas Kirchliches zu machen. Es sind einzelne Figuren, da lange ich mit meiner geringen Fähigkeit aus; zu großen Sachen gehört Beruf und ein theologischer, ja priesterlicher Zustand, von dem allem ich nicht viel aufzuweisen habe. Ein neuer Bilderbogen, die bisherigen wirst Du wohl kennen und für Deine Jugend angeschafft haben, ist im Schneiden; der soll Dir gefallen, denke ich, diesmal in der Form des Frieses, die zum Erzählen doch ganz unvergleichlich ist. Ein zweiter ist ausgedacht und wird demnächst zu Papier gebracht werden. Mit lauter so kleinem Zeug wird der August (Monat, nicht Bruder) herankommen, und wenn es Gottes Wille ist, packe ich meine ganze Wirtschaft aus und leg mich auf drei Monat nach Aussee. Da kann ich mich denn an eine Herzensarbeit machen, wenn mir nicht alle Lust bis dahin vergangen ist. Das hiesige Kunstleben ist einem Spaziergang zwischen Torgau und Wittenberg zu vergleichen, wo man drei Stunden weit Landpartien zu einem Baum macht. Eine Öde, ein allmähliches Krepieren, das einen anekelt, wo »man es nur von weitem sieht«. Gott sei Dank hält sich Lachner mit seinem Orchester wenigstens obenauf. Wir hatten gestern (25jähriger Todestag Beethovens) eine Aufführung der Eroika und der Musik zum Egmont, von einer Feinheit und Wärme, wie es nicht schöner zu denken ist. Der Publikus war auch völlig bezaubert. Besagter hat diesen Winter eine Symphonie geschrieben nebst vielen Liedern, nebst den Propheten »Den ›Propheten‹ habe ich pflichtschuldigst gehört und kann nur staunen, daß damit ein so weltenstürmerisches Halloh hervorzubringen war. Solchen Dingen gegenüber wird mir himmelangst, wie denn unsereiner etwas hervorbringen soll, was da auch gefallen könnte. Und doch geht es.« (An Bauernfeld.) einstudieren. Wie schwach ich war, kannst Du daraus sehen, daß ich das erstemal wieder im Konzert nach dem zweiten Stück der Symphonie das Weite suchte – ich konnte es nicht aushalten. Jetzt entgeht mir keine Note. Im Garten wird schon gearbeitet. Es gibt Verbesserungen und Verschönerungen, nach der Blittersdorfischen Maxime, jeden Zustand anzusehen, als sei es der ein für allemal bleibende. (Definitives Provisorium?) Von Deiner schönen Wohnung und gutem Klavier habe ich mit großem Vergnügen mir erzählen lassen. Ist nur noch zu wünschen, daß Dein edler Graf Bilder kauft und sie bis auf weiteres bei Dir aufhängt. Grüß überall schönstens, empfiehl uns Deiner Frau und schreib bald wieder Deinem alten Freund Schwind. München, 11. Jänner 1852 (an Schädel) Liebster Freund Schädel! Gratuliere von Herzen zu dem kleinen Buben sowohl als zu der so weit wieder gewonnenen Gesundheit. Was noch fehlt kommt mit dem Frühling. Gut, daß Ihr in Frankfurt einen habt, in München reduziert er sich auf ein paar frühlingsartige Tage oder Stunden. Die Büste mag Dich manchmal erinnern, daß ich noch auf der Welt bin und, Gott sei Dank, seit die Schwäche nach dem Seebad gewichen ist, gesünder als seit langen Jahren. Obgleich aus der Reihe der lebenden Künstler ausgestrichen, bin ich nichts desto weniger tätig und guter Dinge, und trotz aller Zurücksetzungen und Preisherabdrückungen verbessert sich mein Haus und mein Vermögele, wie die Frau sagt, mehrt sich, wenn auch langsam. Die Kinder sind kreuzwohlauf, und die Frau, obgleich noch stellenweise von der Nesselsucht geplagt, ist doch wieder so weit praktikabel, daß wir unsere Spaziergänge machen und abends, in der Regel, ja fast immer allein, in unserm unterirdischen Kneiplein beisammensitzen. Nachdem die Kirchenfahnen für die hiesige Theatinerkirche, zu meiner Zufriedenheit und hoffentlich zum Ärger des Publikums, fertig sind, arbeite ich mit allem Eifer an der Bestellung des Königs Otto, die Beethovische Zeichnung nämlich in Farben auszuführen. Die Haut wird mir zwar dabei über die Ohren gezogen, aber bei so etwas muß man froh sein, wenn man's machen darf. Nicht um das fünfzigfache Geld möchte ich so Lumpenzeug machen oder gemacht haben, wie es jetzt das Reich der Kunst beherrscht. Kommt's noch einmal dazu, daß von deutscher Kunst überhaupt die Rede ist, dann wird man sich wundern, was für dumme Bestien unsere Mecäne waren. Wie gut dem Ding die Farbe tut, kannst Du Dir gar nicht denken. Es ist alles so klar gefordert, daß sich's ganz ohne Anstand heruntermalt. Bis Ostern hoffe ich fertig zu sein und gehe dann damit nach Wien, vielleicht daß es behilflich ist, meinen alten Ehrgeiz zu befriedigen, ein Bild in die Wiener Galerie zu bringen. Geht's nicht, ist's mir auch recht, ich habe selbst eine Galerie. Siehst Du, so ist man noch immer voll Eifer für seine Kunst und meint, andere mögen das mit Beifall anhören. Lachner hat seine neueste Symphonie in Wien mit größtem Beifall aufgeführt, und es sieht fast aus, als wollten sie ihn von München entführen. Ich rechne aber auf die bei Reorganisierung der Akademie bewiesene Energie, die so groß ist, daß nach zweijährigem Reorganisieren die Anstalt zugesperrt ist. Es wäre für München eine schöne Ohrfeige, umsomehr als Dingelstedt mir ganz so vorkommt, als schaffte er an Lachners Stelle den Cimborasso Liszt herbei. Ist keine Aussicht, daß Dich ein Güterkauf nach München führt? ein Bilderkauf wäre eine noch schönere Veranlassung. Kann ich's irgend machen, so rutsche ich einmal nach Frankfurt. Möge sich das neue Jahr in diesem und allen rechtschaffenen Punkten gut aufführen. Der Frau Gemahlin und dem neuen Ankömmling nebst sämtlichen Kindern und Freunden alles Schöne. Schreib wieder einmal und recht viel gutes Deinem alten Freund Schwind.   Frau Luise von Schwind mit ihren Kindern Bleistiftzeichnung von M. v. Schwind aus dem Jahr 1851   München, 26. April 1852 (an Schober) Ich bin erst seit ein paar Tagen von einer Familienreise zurück, bin also erst seit sehr kurzem im Besitz Deines lieben Briefes. Wie schade! hätte ich ihn vor vierzehn Tagen bekommen, so wäre mein Weg nach Weimar und Gotha gegangen. Ich weiß, was ich zu wissen brauche, und mein Erscheinen in Weimar hätte nicht aussehen können, als wollte ich mich zudrängen, was mir nicht einfällt. Will's kommen, so will ich auch ein wenig gewünscht sein, und will's nicht – so hab' ich gelernt, ruhig zu schauen, wie schöne Wände verschmiert werden, und kann sich auch einer finden, der's besser kann als ich. Ich bin mit der Malerei der Beethovenschen Zeichnung, die Du in Weimar gesehen hast, fertig und, Gott sei Dank, besser als ich dachte. Wie sich die modernen und nackten Sachen nebeneinander vertragen würden, konnte ich mir nicht recht vorstellen; und nun ist es da, als dürfte es nicht anders sein. Jetzt bleibt noch übrig, zu erfahren, was der Publicus dazu sagt. Wie sich's gehört, ist die nächste Arbeit schon in vollem Gang, und zwar die Geschichte des Aschenbrödel. In Ermangelung eines Tanzsaales, die alle mit halbnacktem Zeug dekoriert werden müssen, habe ich mir eine Aufstellungsweise ausgedacht, die mich über die Not hinaussetzt, erst ein Gebäude abwarten zu müssen, das so gefällig ist, sich ausmalen zu lassen. Ich bin so erwärmt für diesen Wettkampf von Schönheit, für die abwechselnden Situationen, das prächtige Personal und die abgerundete Form, in die ich glaube das Ganze gebracht zu haben, nicht zu vergessen die Freude an den errungenen Vorteilen in Bezug auf Farbe, die ich hoffe geltend zu machen, daß mir jeder Auftrag, sei er woher er wolle, nur ungelegen käme. Hat der König von Griechenland her gefunden, so kommt das nächstemal der Schah von Persien, und kommt er nicht – ich habe nicht viel, aber so viel als ich brauche, und habe ich mich seit mehr als zwanzig Jahren müssen plagen und mißbrauchen lassen, so will ich mir meine noch guten Jahre nicht wegen ein paar tausend Gulden mehr oder weniger verderben lassen. Ich wollte, Dein Weg führte Dich einmal über München, es würde Dir gefallen, wie ich mich gesetzt habe. München, 12. Dezember 1852 (an Schädel) Liebster Freund! Ich meine, es wäre jetzt wieder lange genug, daß wir keine Nachrichten gewechselt haben. Kollischon, dem der Himmel zu seinen übrigen Tugenden auch etwas Talent verliehen haben sollte, brachte mir Grüße von Dir, dazu den Ausspruch »in der Hauptsache ginge es gut«. Die Hauptsache ist das Himmelreich, für diese aber ein gesundes corpus , und da sich das erste teils von selbst, teils gar nicht versteht, denn Sperrsitze gibt es da nicht, so beziehe ich es auf das zweite, und getröste mich, daß Du kein Übel mehr, allenfalls Nachwehen zu tragen hast. Ich wünsche Dir von Herzen, daß auch die verschwinden, denn mit gesunder Haut hat man in hac lacrimarum valle noch genug auszustehen und zu befahren. Ich lebe der Hoffnung, daß mit dem neuen Jahr einiges Ausschnaufen vergönnt werde, denn das ganze Jahr gab's was zu leiden. Meine Krankheit, der Frau sehr geplagte Hoffnungszeit, Niederkunft, jetzt Abgewöhnen des Kindes, Louise , am 23. Juli 1852 geboren, im Alter von einem Jahre gestorben. begleitet von Kopfschmerzen und Nervengeschichten, die Flecken bei zwei Kindern – es ist immer etwas. Mir hat das Salzbad wieder treffliche Dienste getan, und hauptsächlich, wie ich glaube, der dreimal wiederholte Gebrauch: 1850 Seebad, 51 Aussee, 52 Salzburg. Ich bin in frischerer Stimmung als seit vielen Jahren, kann zu Dingen lachen, die mich sonst außer sich gebracht hätten, und arbeite mit lang nicht mehr gekannter Lust und Sicherheit. Von außen haben Zurücksetzung und Verringerung des Einkommens eher zu- als abgenommen, von innen dagegen die Verachtung des ganzen Kunstbabels, von der höchsten Protektion bis zu den Bilderrahmen herab, und die Überzeugung, daß nur außerhalb des ganzen »Geschäftes« was Rechtes gedeihen kann, eine solche Höhe und Festigkeit erreicht, daß ich dazu lache wenn Unsummen ausgegeben werden, um dem gemeinen Zeitgeist so viel Monumente als möglich zu setzen. Ja, ich kann mich daran freuen, daß meine Existenz, mit der ich sehr zufrieden sein kann, wie durch eine fortgesetzte Reihe von Wundern im Gang erhalten wird. Kann ich auch nicht so viel größere Werke zustande bringen als ich wünschte und könnte, so bin ich doch bei dem, was mir möglich ist, nicht geeilt, und nicht durch die höhere Weisheit der Besteller beirrt und verstimmt. Die schöne Sage von der Aschenbrödel ist gegenwärtig in vollem Gang. Leider aber enthält es weder Mordtat und Hurerei, und so muß ich auf den König von Persien als Abnehmer rechnen; in Deutschland wird man es nicht brauchen können. Im Vorbeigehen laß Dich auf einen neuen Zug unseres holden Publikums aufmerksam machen. Dasselbe Lumpenpack, das sich mit schamloser Vornehmheit von den Leichen aus Donners »Körner« weggewendet hat, als einem kunstwidrigen Gegenstand, adoriert jetzt die Kopfabschneiderei aus Gallaits »Egmont«. Was ist das? Weiters denke! habe ich mich nicht enthalten können, abends in meinem unterirdischen Zimmer die zweite Musikzimmer-Wand, wovon das Beethovische Bild die erste ist, in Angriff zu nehmen. Die Zauberflöte für Mozart. Ich bin ganz erstaunt über den Reichtum des Stoffes und lache mir den Buckel voll, daß es ohne irgendeine Gewalttat sich in eine ganz kongruierende Form wie von selber fügt. Der einzige Sarastro ist ein bißchen hohl, dagegen prächtig und stilisiert, wie alle Mozartischen Aufzugsmusiken. Es kann sein, daß ich während des Malens der Aschenbrödel mit den Zeichnungen fast ganz zustande komme. Man wird mich auslachen, das versteht sich, ich frage aber, ob der Faust von Goethe ein viel größerer Nationalschatz ist als dieses herrliche, das man freilich nicht so dumm sein muß, sich ohne die Musik denken zu wollen. Lachners Musik zum Ödipus ist alles Mögliche. Ouverture und Eingangsmarsch ganz vortrefflich. Leonhard ist zu meiner großen Freude hier, mit einer des Tags zwei Stunden fressenden Anstellung als Oberlehrer des Klaviers am Conservatorio. Gibt er noch ein paar Stunden die Woche dazu, so geht's ihm gut. Lachner ist sehr von ihm eingenommen und mit der Zeit hoffe ich das Beste. So ein lediger Bursche kommt schon durch. So hätte ich ziemlich Rapport abgestattet, und ersuche um ein Gleiches. Von Weimar immer noch keine Entscheidung – es liegt mir nichts mehr daran. In Salzburg war ich wieder mit Cornelius und Schnorr beisammen zu meiner großen Freude. Mein Ausseer Bruder, der jetzt in Salzburg ist, hat geheiratet. Steinle hat geschrieben, ich antworte demnächst. Das ist nichts Kleines, eine erwachsene Tochter verlieren. Der Frau Liebsten nebst Kindern alles gute Glück. Leb recht wohl und schreibe bald und Erfreuliches Deinem alten schlanken Freund Schwind. Ist Graf Reichenbach mit seiner Zeichnung zufrieden? München, 19. Dezember 1852 (an Bauernfeld) L. F. Dein Brief freute mich um so mehr, als ich aus Deinem stiefmütterlichen Betragen gegen die arme Aschenbrödel auf böse Abhaltungsgründe zu raten gedrängt war. Die Zeichnung ist schon lange wieder da und es ist deren Ausführung schon hübsch vorgerückt. Wegen der Malerei mache Dir keine Sorgen. Das Beethovische Werk war eher komplizierter als das neue, und hat Dich doch befriedigt. Was eine Massa Bilder sind in einem gemalten Saal und sind sie harmonisch behandelt, so unterstützt eines das andere. Aber es hat seine Schwierigkeiten. Was soll ich tun? Ich habe zwei historische Stoffe daliegen, einzelne Bilder, aber dafür brauche ich fast Lebensgröße und was tue ich mit der Pletschen, wenn sie mir niemand abkauft. Für Zeichnungen habe ich Entwürfe auf Jahre – da es keine Albumblätter sind, kann sie niemand brauchen, so wie mir für die Zeichnung zu dem Beethovischen Bilde, die alles entzückt hat, kein Mensch auch nur fünf Groschen geboten hat. Die einen sagten, es ist nicht gemalt, die anderen, man kann das nicht malen. Da mußte ich froh sein, daß der König von Griechenland es um einen wahren Bettel doch wenigstens wollte und ich doch Gelegenheit fand zu zeigen, daß man zwar nicht, aber ich es malen kann. Der Beifall war hinreichend und da machte ich mich hinter die Aschenbrödl. Wenn Du die Einteilung siehst, wirst Du mit der Klarheit und Einfachheit zufrieden sein. Man wird eben dran hingehen, wie man eine Erzählung nach und nach zu sich nimmt. König Ludwig, der ein Bild von mir will, hat mir's anfangs übers Haus geworfen, jetzt ist er entzückt und wird verisimiliter [wahrscheinlich] zahlen. Daß ich gerne im Belvedere ein Bild von mir wüßte, wirst Du begreiflich finden, aber es scheint, als wartete man auf eine Komposition, die gerade so aussieht wie alle andern, versteht sich aber dabei höchst neu und originell ist, und wer das kann, dem geb' ich einen Sechser. Zu Deinem guten Erfolge gratuliere ich von Herzen. Es freut einen doch, wenn ein Werk anpackt, man mag sich noch gestählt glauben gegen Beifall oder Durchfall. Mach nur gleich wieder eins, Du kannst es. Deine Ansicht, daß in der Clique nicht zu leben ist, teile ich vollkommen. Mich sieht von den hiesigen Malergesellschaften keine. Samstag komme ich mit den zwei Lachnern und noch einigen Musikanten zusammen, um doch nicht ganz zu vereinsiedeln. Ignaz hat einen Ruf nach Hamburg, die hiesige Intendanz will ihn halten, vedremo. Die Idee wegen dem Schubertischen Saale reduziert sich mir nach und nach auf ein Bild und da wird die Erfindung der Zusammenstellungen sich bewähren. Ich brauche nicht zu warten bis mir eine Architektur gegeben wird, sondern mache sie mir selber. Leb' recht wohl und schreibe bald wieder Deinem alten Schwind. Gesund ist Gott sei Dank alles! München, 6. Februar 1853 (an Schober) Liebster Freund! Nachdem die fatale Freundesangelegenheit in Ordnung gebracht und, wie sich von selbst versteht, mit Undank belohnt ist, »Fort konnte ich unmöglich wegen des sonderbaren Umstandes, daß ich mich für die Vollendung einer Zeichnung verbürgt hatte, die ein sehr geschickter, sehr armer und überaus langsamer Freund für den König zu liefern hat und deren langersehntes Honorar auf dem Spiel stund, wenn ich mich nicht vors Loch stellte.« (29. I. 53 an Schober.) auch endlich das kgl. griechische Geld angelangt, bin ich durch die besondere Gnade König Ludwigs, der meine Büste für seine Sammlung bestellt hat und auf deren baldige Vollendung dringt, wieder auf einige Zeit festgehalten. Ich bekomme das ganze Jahr kein freundliches Gesicht, wenn ich ihm jetzt davonginge. Indessen ist der Bildhauer Halbig einer dem's von der Hand geht, und ich hoffe, er kann nach ein paar Sitzungen den König einladen, der immer drein reden muß, sonst wird's nicht gut. Auf Deine Gastfreundschaft freue ich mich zehnmal mehr als auf den ganzen Handel, und ohne die Aussicht auf einige heimliche Tage in Deinem Quartier ginge ich wahrscheinlich gar nicht und ließe die Sachen laufen. Wenn dem Prinzen so wenig an mir liegt, daß nicht einmal eine Antwort zu erlangen ist, so gehörte es sich eigentlich, daß ich sagte, ich empfehle mich. Der gute Ritgen kennt sich nicht aus und hat so grausame Dinge in Vorschlag gebracht, daß ich sehe, er hat gar keinen Begriff, was einem Saal gut tut oder nicht. Auf einer Seite Bilder, auf der andern Rüstungen; das muß notwendig den Eindruck machen, als wäre das Inventar der Wartburg zum Verkauf ausgestellt. Auf der anderen Seite hat sich der treffliche Mann so viel ehrliche Mühe gegeben, so umfassende und exzellente Studien gemacht und ist für die Sache so begeistert, daß es mir in die Seele zuwider ist, ihm entgegen zu treten. Über das verwünschte Bücherlesen ist übrigens ihm und Arnswald der einfache Blick verloren gegangen für das, was sich von den Wartburg-Geschichten lebendig erhalten und was in Schweinsleder modert. Ein größeres Glück, eine günstigere Stellung ist einer monumentalen Arbeit gar nicht zu wünschen, als wenn jeder Besuchende gleich fragt: »Hier also war der Sängerkrieg? hier lebte die hl. Elisabeth? hier wohnte Dr.  Luther?« Das muß denn auch in erster Reihe zu sehen sein, sonst ist der Haupthebel gebrochen. Die zwei Bilder, die jetzt oben sind, sind am Ende doch die instinktmäßig rechten Gegenstände, und darum sind wir jetzt so ziemlich gebracht um ein paar Fenster willen, an die man gleich wieder Vorhänge oder Jalousien machen muß, denn der Kuckuck mag die Mittagsonne in einem Saal mit Bildern haben. Und ich hätte, statt den großen Sängerkrieg mir in den Kopf zu pflanzen (denn ich hab' ihn in der Hauptsache ausgedacht), was anderes vornehmen können, was ich ins Werk setzen könnte. Übrigens lasse ich mich so leicht nicht abschrecken, und es kommt mir zugute, daß ich ein Dutzend und mehr Säle unter der Hand gehabt und einige Dutzend neben mir mit allen möglichen Erfolgen habe entstehen sehen. – Bis auf wenige Nebensachen, die sich finden, hätte ich den Wagen wieder im Geleis, und erklärt sich der Prinz, daß anno 54 angefangen wird, werde ich von dem ganzen Plan nichts schuldig bleiben. Ich bin überzeugt, Du wirst mich loben. Könntest Du mir nur irgendein Wort schreiben, daß der Prinz mich zu sprechen wünscht, so wäre ich die unbehagliche Empfindung los, daß ich durch mein Einrücken in Weimar als einer erscheine, der da überrumpeln oder sich aufdringen will. Vielleicht kannst Du etwas der Art herbeischaffen. Da ich nun doch noch meiner gipsernen Verewigung halber bleiben muß, so fange ich auch das letzte Aschenbrödelbild zu malen an, von dem ich mich vernünftigerweise nicht losreißen kann bis es zu ist. Während meiner Abwesenheit kann dann der Verzierungsmaler ein gutes Stück arbeiten und ich kann zurückkehrend ans Fertigmachen gehen, wozu eine Unterbrechung gut ist. Du siehst, ich treibe meine Sachen systematisch – wie könnte man aber mit einer großen Arbeit zustande kommen, ohne die Poesie ein wenig zu kommandieren. Auf [Friedrich] Preller freue ich mich nicht wenig, wie auf alle Weimarer Freunde. Wir wollen einmal einen rechten Spektakel machen, hier ist's so langweilig, daß es nicht auszuhalten ist. Lachner und Schaller grüßen bestens. Ist es Dir möglich, den Prinzen zu einer Art Einladung zu vermögen, so tue es. Jedenfalls schreibe, denn Deine Briefe machen mich jung! Die Sache muß ins Reine kommen. Grüße Alle bestens. Bis auf Wiedersehen Dein alter Schwind. München, 6. März 1853 (an Bauernfeld) L. F. Dingelstedt begegnete ich und fragte ihn geradezu, ob er von dem, was Du zu erfahren wünschest – nichts weiß. Er sagte mir, er habe sich sehr gewundert, die »Krisen« unter Kreuzband von dem Herrn so und so und nicht von seinem alten Freund Bauernfeld selbst zugeschickt erhalten zu haben. Ich klopfte weiter an und werde nicht irren, wenn ich sage, daß er keine Lust hat, die »Krisen« aufzuführen. Hol ihn der Teufel. »Auch ohne Mecänaten!« das muß der Wahlspruch bleiben, der was rechtes machen will. Unser allergnädigster König Ludwig, der für allen und jeden Plunder Geld hat, mir möchte er für so ein gewaltiges Stück Arbeit wie die Aschenbrödel so viel geben als für den nächsten besten belgischen Fetzen, von dem es zweifelhaft ist, ob es eine Landschaft oder ein Ofentürl ist. »es handelt sich um 5000 Gulden« (an Schober). »Da werden Sie keinen Käufer bekommen, Liebster, Bester!« Das waren die aufmunternden Worte, mit denen er mich verließ. Glücklicherweise bin ich das alles so gewohnt, daß ich meine Pfeife wieder anzündete und weiter malte. Die Mühe ist groß, aber das schwerste ist geschehen. Die Ausführung rutscht wie auf der Eisenbahn. Bis Ende Mai kann's überstanden sein. Fast froh bin ich, daß die Unterhandlungen mit dem Erbgroßherzog von Weimar wegen Malereien in der Wartburg in nichts zu zerfließen scheinen. Ich weiß was Gescheiteres zu machen und werde die Mittel schon auftreiben Mit Schober, durch den die Verhandlung ging, bin ich bei der Gelegenheit wieder auf einen ordentlichen Fuß gekommen, das ist wohl das beste an der Geschichte. Er hat mich sehr freundlich eingeladen, wenn ich nach Weimar komme – und ich werde hingehen, wenn man nicht mehr im Schnee stecken bleibt – bei ihm zu wohnen, und zeigt sich in allem wieder wie er einstens war. Ein alter Freund ist eine gar gute Sache. Lachner Ignatius hat eine brillante Kapellmeisterstelle in Hamburg in der Tasche – mit Oktober zu beziehen. Außer Samstag, wo wir mit Lachner Franciscus und noch ein paar Musikanten Wirts- und Kaffeehaus beschreiten, sehe ich ihn hin und her bei Martius der sich immer nach Mahufer erkundigt. Wird er nicht Gesandter in Stambul? wie geht's überhaupt? Alte Liebe rostet nicht. Wenn der Kaiser das erstemal ausgeht, gibt's bei mir eine große Suite. Weh' meinem Weinkeller! »was an Österreichern da ist, muß trinken, daß es eine Art hat.« (an Schober.) Bhüt dich Gott und schreib bald wieder Deinem alten Freund Schwind. Lachner grüßt bestens. Nach Operntexten wird geseufzt. München, 26. März 1853 (an Schädel) Liebster Freund Schädel! Guck emol an! wenn der heillose Schnee nicht gekommen wäre, so träte statt dieses armseligen Briefes wahrscheinlich meine eigene Gestalt bei Dir ein. Es war so gut als abgemacht, daß ich Montags abreisen sollte und zwar nach Gotha und Weimar, um mit dem Erbgroßherzog endlich ins Reine zu kommen, und von da wäre ich über Frankfurt und Karlsruhe, überall drei Tage verweilend, zurückgekehrt. Ecco legt es einen Schnee her, daß vollkommenes Steckenbleiben das Minimum des zu Erwartenden ist und einem der Bart gefriert, wenn man nur ans Reisen denkt. Insuper [dazu] stürzt mir der Rhein von der Wand und schlägt sich eine tüchtige Wunde, deren Herstellung Gott sei Dank vollkommen möglich, deren Kur aber an die 100 fl. verschlingen wird. So sind die Ferien verschneit, das Geld verfallen, und Reise und Überraschung, Veränderung der äußeren Eindrücke, daraus zu erwartende Erfrischung – alles schrumpft zusammen auf vier bis fünf Tage ohne Arbeit und ohne Zerstreuung. Wenigstens will ich Dir schreiben und womöglich Dir einen Brief entreißen. Was macht Dein Exsudat? Das meine war groß genug, ich spüre nichts mehr davon und das schon lange. Ich hoffe die Deinige wird unterdessen überwunden sein oder sich endlich bezwingen lassen. Wie gern sieht man seine Freunde nach einer tüchtigen Krankheit. Dein letzter Brief klang nicht ganz befriedigend. Schau, daß Du was besseres schreiben kannst. Bei mir ist Gott sei Dank alles wohl, etwas Nervositäten bei der Frau abgerechnet. Die Kleine kriegt ihre Zähne, die Großen ihre guten Noten, und an den nötigen Lebensmitteln und Stiefeln hat es noch nie gefehlt. Dem Hermann, der gute Ohren zu haben scheint, soll ein Geigenlehrer beigelegt werden, er hat Freude dazu, und ich halte es für ein gar nützliches und geselliges Instrument. Will er Klavier spielen lernen, soll er's tun, wenn seine Finger zum Konzert spielen zu steif sind, so kann ihm der moderne Firlefanz nicht an den Leib. Musikalischerweise lebe ich sehr zurückgezogen. Es greift mich mehr an als sonst, und ich exponiere mich nicht gern zu starken Eindrücken. So profitiere ich auch nicht so viel von Leonhard, als ich könnte, es setzt aber hin und her eine Bachsche Fuge, ein Stück Sinfonie, und partienweise sein Oratorium Johannes (Täufer), das mich sehr interessiert. Durch ihn machte ich die Bekanntschaft Maiers, der Generalbaßlehrer am Conservatorio ist, eines vortrefflichen unangesteckten Mannes und Palästrinapietisten, wie er sich selber nennt. Wir sitzen alle Samstag mit den beiden Lachner im Wirtshaus zusammen, was mein einziger Klubgang ist. Mit den Malern ist nichts anzufangen. Die reden immer von verschiedenen Wegen, und ich sehe nur ein großes Loch voll süßem Morast, wo sie alle zusammen in der Rundung herumtaumeln. Wer da nicht mit essen und natürlich immer tiefer hinein kommen will, der muß für sich allein bleiben. An der Aschenbrödel spare ich nicht Zeit nicht Mühe, obgleich in der Gewißheit, daß ich schwerlich was dafür bekomme, und tröste mich und halte mich frisch mit der Gewißheit, daß ich das, was gern bezahlt wird, um das Zehnfache nicht machen möchte, was die armen Tröpfe dafür bekommen. Ich bin bereits tüchtig müde und hätte eine Erholung gut brauchen können, aber es ist auch hübsch was fertig, das Ganze auf gutem Weg und der bei weitem größte Teil überstanden. Da ich doch von Nebenarbeiten leben muß, sei Dir angezeigt, daß von diesem Werke eine fünf Schuh lange, achtzehn Zoll hohe, sehr präsentable Sepia-Zeichnung existiert, an der der Besitzer, für den Gedanken nicht das Wertloseste sind, etwas rechtes hätte. Ich meine damit, gerade herausgesagt, Deinen jungen Grafen. Versteht sich, muß das Bild erst da sein. Aufrichtig gesagt kann ich gar nicht genug staunen, daß immer das Nötige da war und noch da ist, wenn ich bedenke daß es bald ein Jahr ist, daß ich nichts mehr fertig machte und der König von Griechenland erst anfangs dieses Monats bezahlt hat. Dazwischen Krankheit, Kindbett und Badereise! Also tapfer zu. Daß Veit von Frankfurt weggeht, ist natürlich, aber viel zu spät. Ich komme manchmal auf den tollen Gedanken zurück, daß wir hätten in einer kleinen wohlfeilen Stadt sollen zusammensitzen und uns so selber eine Kunststadt machen, – das geht aber nur mit einer Ordensregel und wer kann ein Kloster gründen mit Weib und Kind. So sieht man, wie weit man's bringt als Künstler und eigner Mecän zugleich. Ich habe mir ausgedacht gehabt, wir säßen mit Veit zusammen, und ließen Dir die Wahl, ob du wolltest katholisch werden oder Dir einen Haarbeutel antrinken auf die Gefahr hin, ein Türke zu werden. Frau und Kindern alles Glück und Heil! und schreib bald wieder Deinem alten Freund Schwind. München, 27. Juli 1853 (an Schober) Liebster Freund! Dein Brief kam in ein Trauerhaus. Ich zog mich an, um mein jüngstes Kind zum Grabe zu begleiten, und meine Frau hielt das zweitjüngste auf dem Schooß, während man ihm Blutegel setzte, um eine Gehirnentzündung zu verhüten. Wie lang ist es, daß ich Dir schrieb »komm und sieh, wie schön es bei mir ist«? – jetzt hab ich von den tausend Rosen, die damals blühten, die letzten meinem herzlieben Kinde mitgegeben, das, ein Bild der Gesundheit, uns den ganzen Tag zuzurufen schien: Freuet euch, freuet euch, wie schön ist alles! Aber auch das muß getragen sein. Ich las Deinen Brief, als ich von dem traurigen Gang zurückkehrte, und konnte mich freuen über Deine Freundlichkeit und über den hellgrünen Nachklang, der aus den schönen Oberösterreicher Zeiten in Dir lebendig ist. – Das Kind war schon, wie ich die Sachen packte, am Keuchhusten unwohl, der sich auf die Lunge warf und es – an seinem ersten Geburtstag hinüber nahm. Ich habe mir ein Grab neben dem seinigen gekauft; da will ich liegen. – Sag dem Großherzog, ich sehe seinen Auftrag an als eine Gabe, die, soweit es möglich ist, mir das Leben noch teuer macht. Ich hoffe, die tausend Irrtümer, vergebliche Versuche, all das soll an dieser Arbeit seine Lösung finden. Noch ein tüchtiges Wort mitzureden zugunsten unserer ganz verfahrenen deutschen Kunst, es ist aller Mühen eines geprüften Mannes wert. Sängerkrieg und Geschichtliches muß ich jetzt ganz auf sich beruhen lassen. Den ersten habe ich zweimal umgeformt – ich brauche Ruhe. Im Sommer wird Gelegenheit genug sein, das alles auszudenken und zu besprechen. Jetzt studiere ich das Leben der heiligen Elisabeth und kann mich natürlich nicht mit einem Schriftsteller begnügen. Wahrscheinlich werde ich auch nach Marburg müssen, wo ihr Brautkleid, ihr Grab und sonst noch Einzelheiten sind. Hast Du die Streifen aneinander gesetzt »Die Komposition, von der ich im ersten Briefe rede, ist der Bilderbogen ›von der Gerechtigkeit Gottes‹. Du mußt so gut sein, ihn in Streifen zu schneiden und aneinander zu setzen.« (3. Juli 53 an Schober.) so daß der erzählende Fries ganz deutlich ist? Ich meine auf diese Form läßt sich bauen. Der Stoff ist unendlich reich – und nicht den großen Raum auszufüllen, sondern sich zu beschränken, wird das Schwierige sein. Die Arbeit geht freilich mühsam und oft möchte ich dazwischen hinausschreien, aber doch habe ich mich daran gemacht, damit die Aschenbrödel fertig wird. Ich tue mich hart in dem kleinen Format. Ende August denke ich durch zu sein. Vielleicht kommst Du doch zu uns – aufs Jahr siehst Du sie auch noch bei mir. So was ist nicht die Mode, da kauft es auch niemand. Mit dem Kontrakt wird S. K. Hoheit wohl billigen, daß ich gegen meinen König die schuldige Rücksicht habe. Ich habe den nötigen Urlaub begehrt, der Minister hat mir ihn zugesagt, die Akademie hat bereitwilligst zugestimmt, es muß aber dem König vorgelegt werden. In ein paar Tagen kommt er und ich kann mich auf den Minister von Zwehl, der sehr freundlich gegen mich gesinnt ist, vollkommen verlassen. Der König dürfte es doch übel nehmen, wenn ich mich über seine Zustimmung hinwegsetzte, und so ist es besser, ich warte die paar Tage. Leb recht wohl und sei froh, daß Du keine Kinder hast, so kannst Du keines verlieren. Das geht fast über menschliche Kräfte. Dein alter Freund Schwind. München, 2. April 1854 (an Bauernfeld) L. F. Lange keine Briefe bekommen, hat etwas Trübseliges, kommt aber einer nach langer Zeit und ist gerade wieder als läge gar nichts dazwischen, so ist das doppelt erfreulich. Vor allem bedanke mich schön für das zugesandte Stück , so lustig und warm als man sich's wünschen kann. Besonders gaudiert es mich, daß die Weltmenschen sich viel komödienhafter gerieren als die Theaterleute. Ich nehme an, daß dem Ganzen ein Zug aus Kochs Leben zugrunde liegt, wo nicht, ist es täuschend so erfunden. Jetzt hängst Du da an einem romantischen Stoff, desto besser. Ich höre jetzt so viel von Romantik, daß ich nicht mehr genau weiß, was die Leute darunter verstehen. Für mich ist die romantische Welt die, wo man seine Feinde niederhaut, für seine Freunde ins Feuer geht und einer verehrten Frau die Füße küßt. Dazu ein Hintergrund von gesunder und lebendiger Natur statt unserm Kanzleitisch. Viel anders wird es bei Dir auch nicht sein. Also nur zu! Ich hänge mit einer wahren Wut an dem Leben der heiligen Elisabeth; das ist eine Zeit! es ist alles konzipiert, aber an die Ausführung ist erst nächstes Jahr zu denken. Den Sommer über will ich sehen, was in Eisenach und Marburg noch Brauchbares zu finden ist. Die Aschenbrödel, obwohl noch nicht fertig, habe ich an einen Privaten verkauft, aber nicht wohlfeiler, sondern teurer als sie der König Ludwig bekommen hätte. Ich habe die Bedingung gemacht, sie in Berlin und Wien auszustellen, bevor sie abgeliefert wird. Man muß doch der Frau von Wertheimstein was Ordentliches von mir zeigen. Ich bin ganz glücklich, daß die arme Frau wieder besser ist. Hat's besser werden können, wird's auch ganz gut. Bitte, mich schönstens zu empfehlen. Kifuen und Raunzilander! eine Oper schreibend! Baumann und Dessauer schrieben gemeinsam die Oper »Dominga oder die Schmuggler in den Pyrenäen«. Mich soll's freuen, wenn sie noch was anders davon haben als das Vergnügen des Schaffens, aber ich traue ihnen das Maß von Frechheit und Armseligkeit nicht zu, das nötig scheint, um jetzt Glück zu machen. Das sollte man doch nicht meinen, daß es möglich, wie es da aussieht. Es ist in der Malerei auch so und wird bei den Poeten nicht viel anders sein. So darf man sich nicht wundern über den reißenden Abgang Deiner Gedichte, aber ärgern. Was sagst Du denn zu dem Dichterhof, der hier angelegt wird? Geibel habe ich kennen gelernt, der ist kein übler Mann, aber nach der ganzen Kompanie habe ich kein Verlangen. Es muß allerhand Leute geben, das ist ganz richtig, aber die so zusammen gehören, sollten beisammen sein. Mich interessiert die ganze hiesige Wirtschaft, Lachner ausgenommen, nicht um einen Kreuzer. Zum Überfluß wirft sich der ganze Bildungseifer auf Chemie! Ich gelte für einen gemeinen Kerl, weil ich mich erklärt habe, ich ginge erst in die Vorlesungen, wenn der homunculus gemacht wird. Dingelstedt scheint mit einiger Ungnade behaftet und wäre, ohne die Protestation König Ludwigs, wie man sagt, wohl schon an die Bibliothek versetzt. Ich sehe ihn schon lange nicht mehr. Ich bin mit meinen Zeichnereien so weit fertig und gehe acht Tage nach Ostern ab. Adresse auf der Wartburg bei Eisenach; ich wohne nämlich oben, mit der Aussicht auf den Thüringer Wald. Es ist in Reinhardtsbrunn, eine Stunde von Eisenach, eine Luft, der zulieb mancher hinreist und einen Landaufenthalt macht, dazu eine wunderbar schöne Gegend und eine ganz andere Ruhe als in Reichenhall. Kann sein, Du machst da eine Vakanz. Jetzt leb wohl, ich komme ins Schwätzen. Überall die schönsten Empfehlungen und Grüße und vergiß nicht Deinen alten Freund Schwind. Wartburg, 11. Juni 1854 (an Thäter) Lieber Freund Thäter! Ohne Zweifel habt Ihr in den Zeitungen gelesen, daß der König von Preußen hier war, und werdet Euch den schwärmerischsten Hoffnungen hingegeben haben von Lobeserhebungen, Aufträgen, roten Piepvogelorden und Berufungen. Von alledem erfolgte aber gar nichts. Des Schildes wurde mit keinem Worte erwähnt, und von einem Adjutanten erfuhr ich, daß die Zeichnung, die man durch die Gesandtschaft sich in Wien hatte ausbitten lassen, mit einem sehr schmeichelhaften Schreiben an? – O'Donnel nach Wien zurückgegangen sei. Die Landgrafenzeichnungen sah der König mit Interesse; am Wagen ließ er mich noch rufen, gab mir die Hand und sagte mir einiges Schöne. Leben Sie wohl! König Gustavs Bibel wird von unseren Herrschaften mit Beifall gesehen. Kommt's einmal zum Bau des Lutherhauses, was aber noch eine gute Weile dauern wird, denn dieses Jahr wurde von dem bereits Bewilligten fast die Hälfte wieder abgezogen, so hat Freund König einen festen Stein im Brett. An mir fehlt's nicht, dem Großherzog den Namen König einzuorgeln. Bitte schönstens zu grüßen! – Mit meinem Aufenthalte habe ich alle Ursache, ganz und gar zufrieden zu sein; von der Schönheit der Umgebung habe ich nur zu sagen, daß sie, so schön sie schon auf den ersten Anlauf ist, doch noch alle Tage an Reiz gewinnt. Der Großherzog übertrifft an Freundlichkeit, Zuvorkommenheit jede Erwartung, die man sich hätte machen können. Von meinen Arbeiten ist er entzückt und verläßt mich nie, ohne mir seine Freude und seinen Dank auszusprechen. Mehr kann man nicht verlangen. Außerdem hat er die seltene Eigenschaft, daß seine Hofherren sehr lustige und angenehme Leute sind. Meine Genossenschaft auf der Burg ist so zuvorkommend als möglich; zudem habe ich ein Nest von Musikern entdeckt, an denen ich die größte Freude habe. Alle alten Geigen werden hervorgesucht und Quartette gegeigt, daß es eine Art hat. Es sind sehr gebildete und angenehme Leute. Die Angelegenheit wegen der gewünschten dunkeln Gründe bei der heiligen Elisabeth ist ganz nach meiner Ansicht erledigt. Ich führte den Großherzog an Ort und Stelle, brachte meine Gründe vor, und alles war in Ordnung. Wenn Du die sieben Zeichnungen haben willst, so schreib, ich brauche sie nicht . . . So weit geht also alles trefflich. Mein Kompliment an die Sitzung! Grüße Schaller, König \&c. bestens und schreibe bald Deinem alten Freund Schwind. Bad Greifenberg, 19. September 1854 (an Bauernfeld) L. F.! Ich denke, es ist lange genug, daß wir von einander nichts hören. Vielleicht kann ich Dich durch Aufzählung meiner mittelmäßigen Schicksale bewegen, mich von Deiner Seite Froheres hören zu lassen. Meine Aufgabe für dieses Jahr brachte ich am 28. August zu Ende. Tags daraus reiste ich ab und traf meine Frau in Bayerdiessen am Ammersee, wo mittlerweile die Cholera ausgebrochen war, durch einen Fall am linken Bein beschädigt und intransportabel. Nach einigen Tagen konnte ich es wagen, alles in einen Wagen zu packen und in die nächstgelegene cholerafreie Stadt Landsberg zu schaffen, wo auch ein Arzt ist. Nach acht Tagen zog ich hieher, um doch im Freien zu sein und der Frau das Bad angedeihen zu lassen. Seit einigen Tagen kann sie wieder nicht gehen. Der Arzt läßt mich warten. Die Kinder liegen mir auf dem Hals. Kurz, es ist eine höchst peinliche Situation. Gott besser's! Auf der Wartburg ging es im ganzen gut. Mit dem Großherzog ist gut auskommen und somit waren auch die anderen charmant. Die Frau Herzogin von Orleans ist bezaubernd. Den letzten Sonntag, den ich auf der Wartburg war, kam abends ein Brief, der uns ankündigte, daß Mayerhofer, von Berlin kommend, zu Mittag in Eisenach eintreffen werde. Es war nichts zu erfragen, als daß ein großer? Herr mit einem Schnurrbart nach mir gefragt habe, dann im Mariental spazieren gegangen und wieder abgereist sei. Frag doch nach, es täte mir zu leid, wenn er es wirklich gewesen wäre. Von der Aufführung der Schubertischen Oper verlautete viel Gutes von der Musik, viel Gelächter über den Text. Liszt habe ich ein paarmal gesehen, ich halte ihn für einen vollendeten Hanswurst mit seinen Mazeppa-Geschichten und Wagnerischen Opern. Von Franz Lachner weiß ich nichts, als daß er nicht gestorben ist. Ignaz dagegen floriert in Hamburg mit 4–5000 fl. Gehalt. Bis 26. kehre ich nach München zurück. Die Krankheit nimmt bedeutend ab und mein Haus wird bis dahin leer. Empfiehl mich Frau Wertheimstein aufs beste und laß mich wissen, wie es ihr geht. Kifuen und Raunzilander nebst allen unsern schönen Freundinnen mes compliments. Französisch reden hat es diesen Sommer geheißen, daß es ein Skandal war. Adieu Dein alter Freund Schwind. München, 11. April 1855 (an Schädel) Lieber alter Freund! Solche Dinge, wie sie Dein Brief bringt, rühren mich, das muß ich gestehen. Daß sich jemand darauf freut, ja sich darum beinahe bewirbt, mich in seinem Hause zu beherbergen, macht mich in meinen Augen wertvoller als ich mich zu halten gewohnt bin. Was kann einem Angenehmeres geschehen? Aber genug in diesem Tempo. Sei schönstens bedankt für Deine Freundlichkeit, und sei froh, daß Dir die Plage erspart wird, eine ganze Karawane im Haus zu haben. Es bleibt diesmal alles zu Hause, der Schulen wegen, auch aus Rücksicht auf die bedeutenden Kosten, und ich muß meine Wanderschaft allein antreten. Müssen doch andere übers Meer oder in den Krieg, um ihr Brot zu gewinnen, da hab ich's vergleichsweise noch gut. Wünschenswert wäre mir ein vierzehntägiger séjour zwischen der Vollendung der Zeichnungen und dem Beginn der Freskomalerei, die einen ausgerasteten Mann verlangt, denn die Anstrengung ist eine gewaltige, und ich kann nicht leugnen, daß ich von der starken Arbeit und den nichts weniger als erfrischenden Erlebnissen dieses Winters ziemlich auf dem Hund bin. Wo ich eine solche Erholung suchen soll, ich weiß es noch nicht. Einmal zieht's mich nach Paris, mit den noch nicht gesehenen Bildern von Rafael, ein anderes Mal möchte ich ins Gebirg oder nach Wien – irgend etwas wird geschehen. Vorderhand bin ich, Gott sei's gedankt, so weit mit meinen Arbeiten, daß ich morgen die letzte Zeichnung zur Geschichte der heil. Elisabeth anfange, womit dann alles, was ich brauche, beisammen ist. Vor Weihnachten wurde ich mit der Aschenbrödl fertig, seitdem ist der Sängerkrieg, ein Karton von 18 Fuß Breite und 9' Höhe, und die sechs Bilder zur heiligen Elisabeth glücklich fertig geworden nebst einer sehr durchführten Farbenskizze des ersten. Von der Anordnung des Bildes in Frankfurt ist aber auch keine Spur in der neuen Komposition. Nach den bisher gemachten Versuchen an Fürst Pückler, Kaulbach und Paul Heyse habe ich ziemlich bemerken können, daß der Hauptknoten der Aufgabe glücklich überwunden ist. Die Handlung an und für sich ist ungeheuer roh und gewalttätig. Gleichwohl handelt es sich darum, zur Anschauung zu bringen den großen Adel, der im dreizehnten Jahrhundert liegt – keine Kleinigkeit – aber es scheint gelungen. Ich knüpfe da an, wo der Adel liegt, in der hohen Ehrfurcht, die den Frauen gezollt wurde; die Stärke des Glaubens konnte ich nicht hineinziehen und damit scheint das Kunststück gelungen. Auf eins mache ich Dich aufmerksam. Ende September werde ich fertig und ist auf der Wartburg eine Zusammenkunft von Künstlern im Antrag. Denke beizeiten daran, vielleicht könntest Du auch kommen. Wagner wird nicht sehr zufrieden sein mit meiner Auffassung des Sängerkriegs, und das um so weniger, als sie durchaus nachzuweisen und begründet ist. Die Herren meinen, die Wartburg sei bloß erbaut, um etwas Propaganda für die Zukunftsmusik zu machen. Leb recht wohl, halte Dich bereit, wenn ich über Frankfurt komme, Dich mit mir herumzuquälen, und jedenfalls nimm meinen besten Dank, als hätte ich vierzehn Tage mit Kind und Kegel bei Dir im Quartier gelegen. Dein alter Freund Schwind. Wartburg, 24. August 1855 (an Therese von Frech) Verehrteste gnädige Frau! Wenn die alten Frauen widerwärtig sind, so geht nichts darüber, wenn sie aber charmant sind wie die Frau von Frech, so ist das auch was Allerliebstes. Vor allem wissen sie besser als die jungen, daß es einem alten Herrn wohl tut, wenn ihm ein wenig mit der Erinnerung an seine jungen Tage geschmeichelt wird, da doch wenig mehr als die Erinnerung davon übrig ist. Genug, Ihr Brief kam gestern, in einem meiner Frau eingeschlossen, zu mir auf die Wartburg, wo ich gerade noch den letzten Rest meiner Kräfte aufbiete, um die nächste Woche mit dieser unmenschlichen Arbeit fertig zu werden. Es sind jetzt gerade zwei Jahre, daß ich den Kontrakt unterschrieben habe, und nicht weniger als vierundzwanzig Bilder sind fertig. Ich zweifle nicht, daß die heilige Elisabeth besser begriffen hat als der Großherzog, daß ich mich ihr zu Ehren etwas sakrifiziert habe, und mir einige Beihilfe hat zukommen lassen. Gott sei Dank ist alle Welt zufrieden, Katholiken wie Protestanten, und ich habe mit der Vollendung dieser Arbeit alle weltlichen Sorgen so weit hinter mich gebracht, daß ich in meinem zweiundfünfzigsten Jahre so weit bin, als unsereiner in seinem zwanzigsten sein sollte, so weit nämlich, daß ich das Beste, was ich weiß, tun kann. Nach Traunkirchen zu reisen, wäre vielleicht das Allergescheiteste, daran kann ich aber jetzt nicht denken, denn erstens habe ich meine Kinder vier Monate lang nicht gesehen, und die Kleinste hat unterdessen angefangen, auf dem Chor zu singen, und zweitens habe ich ein terribles Geld ausgegeben. Freund Spaun, den ich viel tausendmal grüße, wird sich erinnern, wie man gerupft wird, wenn man an einem See ein Haus baut, und das geschah diesen Sommer zwischen Starnberg und Possenhofen, wo ich ein Stückchen Urwald gekauft habe. Es geht daraus hervor, daß ich mich endlich drein ergeben habe, mich für einen Bayern anzusehen. Ich habe mich lang genug gewehrt. Im ganzen hat mir das Hofleben gar nicht übel gefallen, trotz des obligaten Pluzers, den ich jedes Mal losgelassen habe. Sagen Sie doch Mayerhofer, daß es mir zu leid getan hat, daß ich ihn nicht gesehen habe. Den Brief, der ihn für Mittag ankündigte, bekam ich um fünf Uhr abends, da nützte kein Nachfragen mehr. Hoffentlich trifft sich übers Jahr in Salzburg beim Mozartfest, das noch obendrein an meinem Hochzeitstag gehalten wird, alles was Füße hat. Ich werde nicht ermangeln, mich mit einer schönen Darstellung der Zauberflöte dabei zu produzieren. Sollte billigerweise auch Kenner in Bewegung gesetzt werden. Den schönen Damen empfehle ich mich allerseits schönstens. Die beschädigte Büste wird sich ersetzen lassen, durch eine Photographie, die sich gewaschen hat. Ich wollte, ich sähe und hörte, was in Traunkirchen beisammen ist, und schätze es als ein großes Glück, wenn mitunter an mich gedacht wird. Was habe ich da für gute Tage gehabt, bei einem wie bei dem andern. Ich hätte aber in Wien verhungern können nach Belieben, und da wäre auch niemandem geholfen. Leben Sie recht wohl, gnädige Frau, und lassen Sie an diesem Geschreibsl Gnade für Recht ergehen. Ich habe schon gar keine Ruhe mehr und will lieber schließen. Nochmals tausend Grüße an die ganze verehrte Gesellschaft, und bleiben Sie freundlich Ihrem ergebensten Freund und Diener M. v. Schwind. München, 28. November 1856 (an Schädel) Liebster Freund Schädel! Seit ich wieder zurück bin, geht's von einer Schwulität in die andere, von einer Stimmung oder Verstimmung in die andere, so daß ich noch nicht einmal dazu gekommen bin, Dir zu schreiben. Das muß ich sagen, wenn man nach so langer Zeit wieder einmal hereingeschneit kommt. und wird aufgenommen, als käme da was Rechtes, da kann man sich braver Freunde rühmen. Im Schreiben bin ich liederlich, schicken tue ich Dir gar nie etwas, als einmal die Diezischen – und komme ich daher, so ist es, als wäre ich nie weg gewesen. Wenn ich in einer so festlichen Gesellschaft ein wenig über die Schnur haue, so ist es mir nicht übel zu nehmen, da es mir hier das ganze Jahr nicht so gut wird. Ich bin gewiß ein häuslicher Mensch und wäre unglücklich, wenn ich müßte alle Tage Gesellschaft laufen, aber da sage mir einer, was er will, von Zeit zu Zeit muß der Mensch was haben, was ihn ein wenig auf die Beine stellt. Was waren für treffliche Leute auf einem Häufel beisammen, was gab's zu sehen und zu hören! Wenn ich sehe, daß mich die alle lieb haben und sich freuen, mich zu sehen, da kommt's mir auch wieder vor, als wäre was an mir und es wäre gerade nicht auf den Mist zu werfen, was ich allenfalls machen kann. Was ist aber da viel zu sagen. Ich sitze einmal in München und daran ist nichts zu ändern. Das Bild für den gescheiten »Verein für historische Kunst« ist Gott sei Dank komponiert und auf der Leinwand angefangen. Kaiser Rudolfs Ritt zum Grabe. Daran ist zu erkennen, daß ich etwas altere, daß es mir so viel Ärger macht, eine Arbeit anzupacken, die mir nicht recht zu Gesicht steht. Ich finde es impertinent, daß ein anderer, weil er ein paar Taler zu vergeben hat, mir sagen kann, jetzt machst du das, und das laßt du sein. Aber was ist zu tun? Kinder sind da – und da das Ärgste überwunden ist, so wird es auch gehen. Herr und Frau Diez haben mich um Nachrichten von Dir und Deinem Hause fast aufgespeist. Die Frau schwört hoch und teuer, so wohl als bei Dir sei es ihr lange nicht geworden, und daß Dir ihres Mannes Gesang noch besser gefallen als der ihre, macht ihr die größte Freude. Heute habe ich sie die Servilia im Titus singen hören, einzig! Bei der ersten Privatmusik werden Deine Quartetten gesungen. Ich wollte, Du wärest dabei. Deinem freundlichen Grafen bitte ich mich schönstens zu empfehlen. Wenn ich wieder komme, und es geschieht so bald als möglich, so richte ich mich auf acht Tage ein, daß man sich auch seines Lebens freuen kann. Vorderhand schau, daß Du einmal herkommst, und zwar in der Musikzeit. Man ist da, bevor man sich umschaut, und kosten tut es auch nicht viel. Also, lieber Freund, nochmals meinen herzlichsten Dank; wenn ich mir gar keinen guten Tag mehr weiß, so komme ich zu Dir, da finde ich gewiß einen. Leb recht wohl, grüße Frau und Kinder schönstens von mir, und alle Freunde, die an mich denken. Daß doch die dummen Esel keine Ruhe hatten, bis ich zur Stadt draußen war, und hätten mich so gut brauchen können. Ich lasse sie auch recht schön grüßen und bleibe Dein alter Freund Schwind. München, 2. Jänner 1858 (an Schädel) Liebster Freund! Von Deiner Absicht, Frankfurt zu verlassen, bin ich schon eine gute Weile durch Donner unterrichtet. Es wird's halt in Frankfurt »nicht mehr getan haben«, wie man bei uns sagt. Ich bin immer unmaßgeblich der Meinung, daß alle großen Herren sich viel lieber anschmieren lassen als ehrlich bedienen, was seinen Grund in dem allgemeinen Widerwillen gegen das Respektfühlen hat, das ist wenigstens zwischen den Zeilen unserer Zeit sehr deutlich zu lesen. Geschehen ist es jetzt und es bleibt nur übrig zu wünschen, daß Du Dich recht nach Wunsch einrichten kannst und daß die Frau Hoffstadt recht oft herüberkommt. Ich werde, was Umgang betrifft, immer aristokratischer. Leute, für die das Schöne nicht auf der Welt ist, langweilen mich, und die das Schöne in sich aufnehmen oder gar hervorbringen können, das ist die Aristokratie, die ich brauche. Es gibt des Resignierens und Verzichtens auf dieser Welt genug, im Umgang mag ich nichts davon wissen. Da kannst Du auch was zwischen den Zeilen lesen. Ad vocem Schönes will ich zwei Worte von Frau Schumann reden. Solchen Glauben habe ich nicht gesucht in Israel. Andere mögen mit ein paar Pferdekräfte mehr auf dem Klavier arbeiten, diese Frau spielt aber ohne die geringste Ostentation, als säße sie in ihrem Zimmer und erfände eben, was sie spielt. Von uns zu reden, haben wir das kleine Haus, das Du kennst, verkauft. Es wollte durchaus nicht mehr ausreichen, und da ich auch das Häuschen am See habe, kam es mich zu hoch. Über den Winter wohnen wir ein paar Häuser weiter. Ende April ziehen wir in eine Wohnung nah' der protestantischen Kirche, wenn Du Dich daran erinnerst. Daß ich im August, Deiner oft gedenkend, in England war, weißt Du; bei meiner Zurückkunft machte ich mich an eine große Arbeit, die ich nur unterbrochen habe, um für den König eine Komposition zu machen von der Erstürmung Jerusalems durch Gottfried von Bouillon. Nicht lang wird es mehr hergehen, etwa drei Wochen, so ist der erste Akt fertig. Komponiert ist alles. Der Gegenstand ist die Geschichte eines braven Mädels, das seine sieben in Raben verwandelten Brüder durch schwergeprüfte Treue erlöst. Man nennt das ein Märchen, ich danke aber für diesen Titel, denn es ist um kein Haar weniger Arbeit dran als an einer tüchtigen Oper. Wenn ich im Frühjahr fertig bin, kann es leicht geschehen, daß ich die ganze Geschichte in eine Kiste packe und damit nach Stuttgart, Karlsruhe und Darmstadt reise. Otto Donner und Frau Hoffstadt mögen dann herüberkommen, und wir lassen's uns erst recht gut gehen. In Frankfurt sind ihrer doch zu viele. Man wird immer älter und kann sich so was schon erlauben. Ich rechne aber auch darauf, daß Du Dich in München einfindest, wenn es irgend möglich ist. Sehr betrübt hat mich der Tod Rauchs. Das war ein ganz nobler Künstler und für mich ein Gönner erster Sorte. Neues gibt es in München nichts. Lachner ist Gott sei Dank immer der Alte, und fast mein einziger Umgang. Die Kinder sind Gott sei Dank gesund, obwohl gegen zwanzigtausend Menschen an der Grippe krank liegen. Die Ärzte laufen und fahren in der Stadt herum, daß es eine Freude ist. Somit wünsche ich glückseliges neues Jahr. Möge sich einiges ändern, anderes aber, wobei ich an unsere alte gute Freundschaft denke, unverändert und unangefochten bleiben. Grüße Frau und Kinder bestens und behalte lieb Deinen alten Freund Schwind.   Franz Lachner mit Karoline Hetzenecker, Sophie Diez und Leopoldine Lenz Aquarell von M. v. Schwind aus dem Jahr 1848   München, 1. Juni 1859 (an Hähnel) Lieber alter Freund! Es tut mir leid, Dir keine erwünschte Antwort auf Deine freundliche Einladung geben zu können. Es ist nichts fertig, was des Schickens wert wäre, obgleich ich seit Vollendung der sieben Raben ziemlich fleißig war. Sieben Kartons für Glasmalereien, worunter, komisch genug, auch die trauernden Juden vorkommen, kosten schon eine hübsche Zeit. Seit Ostern arbeite ich ausschließlich an den Bildern für einen großen gotischen Flügelaltar in die Frauenkirche. Die heiligen drei Könige, zehn Fuß breit, zwölf hoch. Maria Geburt und Tod, fünf Fuß breit und hoch vier. Passionsbilder ebensogroß und noch vier kleinere Bilder aus dem Leben Mariä. Das alles muß bis Oktober übers Jahr fertig sein. Ich habe mich dieser Arbeit lange gewehrt, weil aber die frommen Kirchenmaler, – beiläufig gesagt, das nichtsnutzigste Pack in der ganzen Künstlerschaft – die vom Kirchenmalen steinreich geworden sind, Forderungen machten, die die Kirche nicht bezahlen kann, habe ich mich dazu verstanden. Nebenbei ist es mir lieber, es bleibt eine Arbeit von mir in der Kirche als in dem lumpigen Magazin von Pinakothek, wo man doch nur für die Lohnbedienten arbeitet. Daneben habe ich fortgearbeitet an einer Sammlung kleiner lyrischer Bilder, von denen ich nichts ausstelle und nichts verkaufe, bis ihrer vierzig etwa beisammen sind, die ich mir zusammengestellt habe. Ich habe zu oft die Erfahrung gemacht, daß ein einzelnes solches Bild unter hundert andern gar nie zur rechten Geltung kommt, also versucht man's einmal so. Einige zwanzig sind teils fertig, teils angefangen, und wenn ich an der Kirchenarbeit müde werde, mache ich wieder ein paar. Unsere alte Freundin, die Fürstin Wittgenstein, war mehrere Wochen hier. Kaulbach hat die junge in ganzer Figur und vollem Schmuck gemalt. Es ist eine gescheite und gute Frau, aber das ewige Propagandamachen für Liszt ist doch am Ende unerträglich. Mir ist sie in einem fort angelegen, ihre Tochter als die Heldin eines Märchens zu benützen und solches Zeug! Ich habe übrigens ein Engagement mit einer Fee, die sich gewaschen hat, vermutlich mit der Melusine. aber das Ding wird immer größer und jetzt habe ich keine Zeit. Ich könnte schon noch fünf bis sechs gesunde Jahre brauchen, um auszuführen was bereit liegt. Bendemann geht also wahrscheinlichst wieder nach Düsseldorf! Es ist nicht anders! Je weiter einer herunterkommt, desto willkommener ist er den großen Herrn. Seine Stelle in Dresden wird leider nicht wieder besetzt, sonst hätte ich meinen Freunden zugemutet, sich für mich an den Laden zu legen; mir wäre nichts lieber, als hier fortzukommen. Ausgestellt wird wenigstens nie wieder etwas, steht also zu erwarten, ob nicht nach Umständen die kleine Sammlung, wenn sie fertig ist, zuerst in Dresden auftritt. Leb recht wohl, empfiehl mich bestens Deiner Frau und schreib wieder einmal Deinem Freund Schwind. München, 12. November 1860 (an Bauernfeld) Lieber alter Freund! Nach langer Zeit des Schweigens war ich nicht wenig erfreut, wieder einmal Deine Schrift zu sehen. Die Reise nach Ischl aufzuschieben, wie ich durch drängende Arbeit gezwungen wurde, erleichterte mir die Nachricht, daß ich weder Dich noch Frau Wertheimstein treffen würde, gar sehr. Ich tröstete mich auf einen Besuch in Wien, aber jetzt, wo ich los könnte, schneit es nach Noten und ich hätte die Aussicht, als Eiszapfen nach Wien zu kommen oder im Schnee stecken zu bleiben. Ich weiß, das viele Arbeiten ist ein Laster, aber gleichwohl muß ich Gott danken, daß ich noch so viel Eifer in meinen alten Knochen habe, daß ich nicht nachlassen kann, bis ich ein angefangenes Stück zu Ende gebracht habe. So hing ich diesen ganzen Sommer, vom halben Juni bis jetzt, an einer elf Fuß hoch und breiten Darstellung der heil. drei Könige. Ich ließ meinen Hühnerhof aufs Land gehen und blieb allein in der Stadt, weil ich das große Ding nicht mitnehmen konnte. Genug, jetzt ist es überstanden bis auf die letzte Feilen zu der man wieder ganz frisch und ausgerastet sein muß. Du wirst Dich vielleicht wundern, mich an Kirchenbildern arbeitend zu denken, der Teufel mag aber alleweil das nämliche machen und unsereinem kann es auch einmal vergönnt sein, das Nobelste in die Hand zu nehmen, was es gibt. Ich habe mich ganz restauriert daran, einmal alle malerischen Mittel zu kommandieren, und es scheint, nach dem Beifall den die Sache findet, ziemlich zu gelingen. Es steht in der Malerei ganz anders als in den übrigen Künsten. Das Publikum ist durch die bisherige Handhabung unsrer Kunst gewöhnt, einem Bilde gegenüber vor allem eine feierliche Langeweile zu empfinden, die sich in einem noch langweiligeren Hang zu kritisieren ausgießt. Den Gegensatz bildet nur eine kleine Ausweichung ins Lüsterne und Gemeine, das sich hinter das Malenkönnen versteckt. Kommt einmal etwas, das den Beschauer irgend innerlich anregt, wie ein Erlebnis, muß einer ein wenig lachen oder weinen oder schwärmen, so haltet er das Ganze für ein Dilettantenwerk. Das habe ich hundertmal erfahren. So macht es mir denn auch Freude zu zeigen, daß ich von der Kunst gerade so viel verstehe und noch etwas mehr als die andern Gispeln auch. Du hast recht, die Barbarei ist im Anzug, aufhalten kann ich sie nicht, aber habe ich mich so lange Jahre nicht irre machen lassen, so kann sie mir jetzt vollends gestohlen werden. Es handelt sich in der Malerei noch um so vieles, was die anderen Künste hinter sich haben, daß ich lebhaft wünsche, noch zwanzig Jahre arbeiten zu können, um das Meinige nicht schuldig zubleiben, um Leben und Licht in die Sache bringen zu helfen. Ob es viel oder wenig ist, kümmert mich gar nicht, ob man mich hoch oder niedrig stellt, noch viel weniger, ich denke meinen Graben so gut auszufüllen als ein anderer. Ich halte mich sorgfältig auf der Kenntnis der neuen Literatur, in musicalibus ist nicht viel zu holen und staune, wie weit das mit der Malerei auseinander liegt. Alles was ich lese ist aus unserer Zeit, aus unserer Bildungsstufe entstanden, und wenn weiter gar nichts ist, so ist es doch in deutscher Sprache geschrieben. Bei uns geht die Hälfte drauf aus, ein Dasein vor dreihundert Jahren zu affektieren, die andere befleißt sich einer holdseligen Lümmelhaftigkeit, die gar keine Notiz nimmt von der Höhe der Bildung, auf der wir leben, und entnationalisiert sind sie alle. Dazu gerechnet ein ziemlich langweiliges Leben, fast ohne alle Anregung, da kann man sich, wenn man nur etwas leistet, schon seines Fleißes rühmen. Meine Familie ist Gott sei Dank wohlauf und Du würdest Dich einigermaßen wundern, sie zu sehen. Mein Sohn filius ist ein Bursch wie ein Bär, studiert mathematisches Zeug in Karlsruh (was, nebenbei gesagt, schweres Geld kostet). Meine älteste Tochter ist mir gleichfalls über den Kopf gewachsen, obgleich noch nicht sechzehn Jahre alt. Dann folgt eine lustige Person von dreizehn und endlich ein kleines Ding von fünf Jahren. Helene, geboren am 28. November 1855, seit 17. Juni 1886 mit dem Landschaftsmaler Paul v. Ravenstein vermählt. Das will alles erzogen und angezogen und gefüttert sein – es geht auch. In München lebt sich's gut – man wird etwas landpomeranzig, wie ich jedesmal bemerken kann, wenn ich mit einem ordentlichen Wiener zusammenkomme, aber man ist mit allen Leuten auf gutem Fuß. Mit dem König, mit Soldaten, Lutheranern, endlich auch mit der Polizei und den Gendarmen selbst. Ich komme auch mit Geibel und Sybel und denen gut aus. Bodenstedt ist sogar ein sehr angenehmer Mann, und der hübsche Heyse: auf einen Berliner ganz charmant. Ungesellig geht es zu, woran ich vielleicht selber schuld bin . Wenn es nicht ganz nach meinem Gusto ist, so tue ich lieber gar nicht mit. Darüber wäre ein trauriges Lied zu singen. Jetzt sei so gut und übernimm die herzlichsten Grüße an alle Freunde. Wäre die starke Kälte nicht eingetreten, so wäre ich jetzt in Wien. Leb recht wohl, laß Dich mein langes Schwätzen nicht verdrießen und schreib bald wieder Deinem alten Freund Schwind.   Ölbehälter einer Hängelampe Aus den Kunstgewerblichen Entwürfen   IV. Heimkehr Wie ein Symbol für Schwinds Leben in seinem letzten Jahrzehnt steht das heimliche Landhäuschen am Starnberger See vor uns und Ludwig Richters Erinnerung an eine Heimfahrt dahin, am 18. Juli 1860: »München. Im Bahnhof Zusammentreffen mit Schwind. Schwind höchst liebenswürdig, schleppte einen Korb mit Birnen und Würsten, um sie zu den Seinen zu bringen. Freut sich innig über alles an der Landstraße. Wald. Schöner Abendhimmel. Glühendes Licht über Berge und Buchenwälder. Wallfahrtskirchlein zur heiligen Eiche mitten im Walde. ›Sixt, schau, ist das nit herrlich!‹ Eifert gegen das gedanken- und geistlose Arbeiten. ›Wann einer an ein schöns Bäumle sei Lieb und Freud hat, so zeichnet er all sein Lieb und Freud mit, und 's schaut ganz anders aus, als wenn ein Esel schön abschmiert.‹ ›Ach es gehört ein gar feiner, ein gar keuscher, guter Sinn dazu, um das Geheimnis aller Schönheit und aller Wunder der Natur aufzuschließen.‹ Wir fahren über den See bei einbrechender Nacht. Er jauchzert und jodelt den Seinen zu. Fernes Jodeln aus dem Walde als Antwort. Wie die Anna und die Nichte den Papa umarmen und umjubeln! Wie er freundlich zur etwas ernsten Hausfrau tut! Abendessen in dem köstlich kleinen Holzstübchen, mit Zinntellern und Krügen ausstaffiert.« Die lang und viel ersehnte Heimkehr nach Wien aber war nur dem Künstler beschieden. Es war, wir wissen es, sein »alter Ehrgeiz«, wenigstens ein Bild nach Wien zu bringen. Da wurde er vor Weihnachten 1863 »von seiten des Komitees der Stadterweiterung eingeladen zu kommen, um Rücksprache zu nehmen wegen der im neuen Opernhaus auszuführenden Fresken«. »Nach verschiedenem Hin- und Herreden ergab sich für mich eine auch von der Straße sichtbare Loggie, auszufüllen mit Bildern aus der Zauberflöte . . . In einem Opernhaus in Wien muß ohne alle Frage Mozarts Name vornan stehen und wieder von allen seinen Opern entschieden die Zauberflöte, die entschiedenst deutsche, dem Stoff nach eine Verherrlichung der Macht der Musik, dem Kostüm nach diejenige, die einen gewissen notwendigen Grad von Symbolisierung erlaubt. Hiermit gloria in excelsis. « Das war also zugleich eine Heimkehr in das innerste Reich Schwindscher Kunst. Dieser ersten Betonung, daß die Loggia auch von der Straße sichtbar sei, folgt am 2. April 1865 die vergnügte Verdeutlichung: »Summa: Da die Bilder auch von der Straße gesehen werden, werden täglich einige fünfzigtausend Wiener verurteilt sein, einen Blick auf Kunstwerke zu werfen, in denen keine Spur von der herrschenden Schweinerei zu finden ist, und das freut mich. Auch wird es nicht schaden, wenn gegenüber dem anwachsenden musikalischen Unsinn und [Wagneri] anertum das Andenken an Mozart so oft als möglich aufgefrischt wird.« Die Kartons zur »Zauberflöte« wurden schon im Jahr 1865 fertig, die Ausführung in Fresko geschah im Sommer 1866 und 1867, unbekümmert um die politischen Ereignisse: » Item, ich male drauf los, so lang sie mich nicht vom Gerüst herunterschießen.« Für das Foyer des Opernhauses hatte der Meister noch vierzehn Kartons zu verschiedenen Opern beizusteuern, die ihn im Winter 1866 in Anspruch nahmen. Dazwischen, im Jahr 1865, förderte er mit wunderbar schöpferischer Phantasie eine Fülle von entzückenden kunstgewerblichen Entwürfen, die noch heute der damals versäumten Ausführung wert wären. Dann schuf er sein letztes, tief ergreifendes, nach Ludwig Richters Wort »mit Mozartischer Schönheit erfülltes« Werk, die Schöne Melusine , – »das wehmütige Ausklingen einer großen, herrlichen Kunstepoche.« Noch im Alter gewann Schwind einen Freund, der ihm nach seiner Wesensgleichheit schon lange bestimmt sein mußte: Eduard Mörike . Ausnahmsweise war es dieser scheue Mann selbst, der im Dezember 1863 mit einem Briefe die Beziehungen begann; und alsbald schrieb er: »In Summa: Schwind ist ein Wundermann.« Wie herzlich und frohsinnig der Malerpoet antwortete, lese man selbst. Es kommt hier nicht auf ästhetische und literaturgeschichtliche Vergleichungen an und bleibt darum dem Gefühle des Lesers vorbehalten, die seelischen Grundlagen dieser herrlichen Freundschaft zu spüren. Man weiß, wie schwer es Mörike ankam, auch nur – nach seinem eigenen Wort – in einen anderen Rock zu schlüpfen, und man begreift, daß alle Versuche, sowohl von seiten Schwinds als Geibels und anderer Krokodilmitglieder, den schwäbischen Dichter nach München zu ziehen, vergeblich waren. Umsonst schrieb ihm der Freund: »Mit Kaulbach habe ich einen langen Diskurs über Sie gehabt. Nebst Verehrung im höchsten Grade ist er doch der Meinung, daß Ihnen einige Reiselust, wenigstens von Stuttgart bis München, sehr wohl anstehen würde. Sie sollten's ganz haben, wie Sie wollten. Still, spektakulös, in allen Abstufungen.« Dafür kam Schwind, der selbst in reiferen Jahren noch »ein rechter Voyageur« gewesen, häufiger zu Mörike: nach Stuttgart, wo dieser als Literaturprofessor an einer Mädchenschule wirkte, dann nach Lorch, wo er ruhte und nebenbei in einer Hafnerwerkstätte durch Gravierung von Tongefäßen (für die Freunde) seinem Formentrieb Befriedigung gewährte, endlich nach Nürtingen. Der letzte unserer Briefe an Mörike, vom 3. Dezember 1870, ist nicht mehr von Schwinds Hand, sondern von der seiner Gattin geschrieben. Das Übel, über das der Meister darin noch mit seinem gewohnten Humor zu siegen hofft, sollte sich nicht mehr bessern, und die nächste Nachricht, die Mörike erhielt, war die von der ewigen Heimkehr des Freundes am 8. Februar 1871. Einige Zeit darauf empfing Mörike Schwinds Totenbild und schrieb dazu die ewig gültigen Worte: »Beim ersten Blick darauf schoß mir das Wasser in die Augen; dann aber ging das herbe, persönlich gemischte Schmerzgefühl alsbald in jene andere allgemeine, nur noch rein schöne und erhabene Empfindung über, die hier allein zu herrschen hat.« München, 5. Februar 1861 (an Schädel) Lieber alter Freund! Gratuliere von Herzen zu Deiner neuen Würde. Mögen die beiden Eltern alle mögliche Freude an dem kleinen Ding erleben und baldmöglichst eines dazu kriegen, da eines doch zu wenig ist. Wie nimmt sich denn Deine Frau als Großmama aus? Wenn man denn doch älter werden muß, so geht's in einem hin. Bei mir ist es noch nicht so weit, aber wer weiß, wie's geht. Die Anna, freilich erst sechzehn Jahre alt, ist ein Stück größer als ich, und die andere schiebt ordentlich nach. Gott sei Dank sind sie jetzt alle gesund, nachdem ich fast zwei Monate lang ein förmliches Spital im Haus gehabt habe, an Grippen, gastrischen Zuständen, zerschlagenen Schienbeinen u. dergl., so daß Weihnachten erst zu hl. drei König gefeiert werden konnte. Wegen Deiner Lieder bin ich noch am Tage des Empfangs Deines Briefes zu Diez gegangen. Vor allem meint sie, da Du jetzt in Darmstadt bist, wären Gastrollen daselbst ganz angezeigt. Den Brief ließ ich sie zu ihrem großen gaudio lesen und erhielt den erwarteten Bescheid, Du möchtest sie nur schicken oder besser herbringen, da würde sich's bald zeigen, was Rechtens ist. In Anbetracht, daß es außer Kindern und katarrhalischen Menschen fast gar keine Kranken gibt, wäre es gar nicht schlecht gedacht einmal herzurutschen. Ein Bett und ein Zimmer hab ich und Bier gibt's auch genug! also aufgepackt. Ein gutes Konzert könnte Dir auch nicht schaden, wer weiß, wie lang es noch so bleibt. Mir täte es auch wohl, mich einmal recht auszuschwätzen, denn ich bin nach und nach in eine fast ungesunde Einsamkeit geraten. Ich hab allen Respekt und bin sehr dankbar für gesunde Kinder, aber »Tages Arbeit, Abends Gäste« ist auch kein schlechtes Rezept. Da habe ich's nicht so gut wie Du in Deinem allerliebsten Freundeskreis. Es kommt recht selten, daß bei mir musiziert wird. Dann ist es aber der Mühe wert, selbst von Darmstadt herzureisen. Um von meinen Arbeiten etwas zu sagen, habe ich neulich die heiligen drei Könige in die Kirche transportiert und auf den Platz stellen lassen, für den sie bestimmt sind. Im ganzen bin ich mit der Wirkung sehr zufrieden, aber es fanden sich auch Sachen, die mit wenig Mühe zum Vorteil geändert werden müssen. Auf eine so große Distanz wirkt eben manches doch anders als im Atelier. Nach dem Karneval gehe ich dran und mache ein Ende. Zu Ostern wird es zwei Jahre, daß ich die ersten Striche gemacht habe. Dazwischen ist die Sammlung der »Reisebilder«, wovon Dein tapferer Schwiegersohn einiges gesehen hat, bis auf achtundzwanzig Stück angewachsen. Kann sein, ich bringe es bis zur allgemeinen Ausstellung, die dieses Jahr in Köln statthat, bis auf sechsunddreißig, dann könnte ich ausstellen. Geht's nicht, ist's auch recht, gar zu stark hetzen mag ich mich auch nicht. Zu Volksliedern, von Dr.  Scherer gesammelt, habe ich sechs Zeichnungen gemacht, eine große Arabeske für die Frau Diez, gelegentlich einer Feier ihrer 25jährigen Sängerschaft. Mehrere Wochen verschlang auch eine Überarbeitung der Photographien von den sieben Raben, behufs einer gehörigen und wohlfeileren Ausgabe, die hoffentlich bald erscheinen wird. Mit der andern bin ich nicht sehr einverstanden. Wie froh bin ich, daß die Schachergeschichte ein Ende hat und Kontraktus unterschrieben ist. So alt ich bin, kann ich die Sauerei nicht gewöhnen, Kunstsachen als Gegenstand des Mäkelns und Schacherns behandelt zu sehen. Ich krieg immer das Fieber. Nach Köln habe ich vor mit der Frau zu reisen und die Einladung nach Antwerpen mitzumachen, woran sich eine kleine Meerfahrt anreihen sollte. Mit der Kirchenarbeit habe ich dann große Steine vom Herzen und will mir's gut gehen lassen, wenn es Gottes Wille ist. Grüße Tochter und Enkel, die jetzt die allerwichtigsten Personen sind, Frau, Kinder, Schwiegersohn und alle Freunde und schicke oder bringe Deine Lieder bald. Dein alter Freund Schwind. München, 3. November 1862 (an Schädel) Liebster Freund! Als ich Deinen Brief erhielt, rief ich aus: das ist ein Freund mit Gold nicht aufzuwiegen. Der schönste Brief war in Gedanken fertig, ein schönes Packl Kupferstiche zusammengedacht, – da bringt der Kuckuck einen werten Vetter, der mich ein paar Tage in Anspruch nimmt, dann wird der häusliche Krieg von Schubert aufgeführt, dann reist meine Anna nach Karlsruhe, kurz, es ist alle Abend was da, daß ich nicht zum Schreiben komme. Überdies ist zu gestehen, daß ein weiß Gott nicht grundloser Mißmut mich aller Korrespondenz abwendig gemacht hat. So flink ich früher im Schreiben war, so bin ich selbst mit meinen Brüdern kaum auf dem Laufenden geblieben und bin mit den wertesten Leuten ganz auseinander gekommen. Eine halb unfreiwillige Ungeselligkeit bringt mich nach und nach zur Ungeselligkeit. Ich weiß, daß es nicht gut ist, und doch weiß ich nicht zu helfen. Ich war noch im Winter an einer elenden Grippe fast sechs Wochen kampfunfähig. Bis halben Mai hin waren die Kompositionen und großen Kartons fertig für Fresken in der Kirche von Reichenhall. »Mit meiner hiesigen Arbeit glaube ich eine Nuß aufgeknackt zu haben: mit einfachen, ja den einfachsten Mitteln einen reichen und feierlichen Eindruck hervorzubringen. Es sind um die Kirche herum verteilt die vierzehn Stationen des Kreuzwegs, neben dem Altare anfangend und auf der anderen Seite schließend, und in der Chornische über dem Altar die hl. Drei-Einigkeit und vier Heilige, sämtlich über Lebensgröße. Die Stationen Zirkel von vier Fuß Durchmesser. Alle Welt ist höchst zufrieden.« 25. VII. 63 an Schädel. Aus dem Malen wurde aber diesen Sommer nichts, weil ein Gewölbe einging und daher das Verputzen der Kirche sich zu weit hinausschob. Nebst zehn großen biblischen Figuren für Glasmalereien nach Glasgow – zehn Kompositionen für Glasmalereien nach London – ist im Laufe der Zeit die bewußte Sammlung lyrischer Bilder bis gegen vierzig angewachsen. Es handelt sich noch um drei bis vier, dann ist das Ganze beisammen, und ich habe den Kopf wieder frei. Die letzte Ausführung kann dann immer wieder vorgenommen werden. Wäre das jetzt ein Unglück, wenn diese Sammlung nach Frankfurt käme. Die Stiftung ist dafür da, und die Schlingel kaufen schon seit langen Jahren nicht um einen Kreuzer. Ich bin aber doch sehr zufrieden, daß ich die Sache unternommen und seit fünf Jahren jede freie Zeit darauf verwendet habe, und danke dem Himmel, daß ich die Mittel dazu habe und auftreiben kann, um dabei auszuhalten und die Rahmen zu bezahlen. Im Augenblick erwarte ich eine letzte Entscheidung in einer mir sehr wichtigen Sache. Es handelt sich um die Dekoration eines Saales in Wien. Ich habe die Zauberflöte vorgeschlagen und der Bauherr ist von der Idee entzückt. Aber obgleich ein weiß Gott wievielfacher Millionär, findet er meine gewiß bescheidene Forderung zu hoch. Ich habe nun erklärt, ich könnte herabgehen, wenn ich, statt zwei Sommer nach Wien zu gehen, um die Sachen an die Wand zu malen, sie hier auf Leinwand malte, und man setzte sie ein. Die Räume sind derart, daß ich von meiner Komposition nicht eine Figur wegzulassen und kaum etwas dazu zu machen brauchte, und es wäre so wichtig, daß endlich einmal etwas gemacht würde, was bei uns zu Haus ist. Wenn die Sache in Ordnung kommt – so wird es wahrscheinlich herauskommen, daß ich mein Annerl in Karlsruhe abhole und über Darmstadt nach Hause reise. Ich habe doch keine Ruhe, bis ich wieder einmal bei Dir war. Die kleine Oper von Schubert hat mich ganz glücklich gemacht. Welche einfache unschuldige Freude eine schöne Musik zu machen, und welch ein Reichtum von Talent und Instinkt für das Dramatische. Mit einiger Erfahrung wäre er hinter Weber nicht zurückgeblieben. Leb recht wohl, alter Freund, empfiehl mich Deiner Frau und allen Freunden und behalte lieb Deinen alten Schwind. München, 8. November 1863 (an Schädel) Lieber Freund! Ich würde unsrer guten Frau Diez und Dir sehr unrecht tun, wenn ich hingehen wollte und fragen, ob sie auch eine so freundliche Auszeichnung zu schätzen wisse oder nicht. Dediziere Du drauf los und sei versichert, daß sie sich allerschönstens bedanken und ihre größte Freude dran haben wird. Sie ist die Frau Sophie Diez, k. b. Kammersängerin, welches die allerhöchste ihrer Würden ist, nebenbei ist sie Hof-, Opern- und Kapellsängerin und geborene Hartmann, wohnt Promenadeplatz. Du solltest nicht glauben, daß die treffliche Frau, nachdem sie vor zwei Jahren ihre fünfundzwanzigste Jahresfeier bestanden, jetzt noch immer größere Partien übernimmt und immer schöner singt. Jammerschade, daß Du zu dem Musikfest nicht gekommen bist – Du hättest Deinen Ohren nicht getraut, was die Frau leisten kann, und es steht überhaupt dahin, ob so ein Orchester und Chor jemals wieder zusammenkommt. Dazu die Virtuosenleistungen, die ich eigentlich nicht ausstehen kann, aber eine Geige wie Joachim, da lacht einem das Herz im Leibe. Du mußt Dir einen vorstellen, der alle disparaten Geigenkünste, namentlich die der Doppelgriffe, oder besser des zwei- und dreistimmigen Spiels, in der höchsten Reinheit besitzt und von da aus ein volles Herz und das feinste Verständnis ins Feld führte Ihr müßt doch nicht gar so Angst haben vor dem bißl Klima in München. Von der ganzen musikalischen Einwanderung, und die hat nicht übel gezecht mitunter, ist kein Mensch krank geworden. Lachner ist ein wenig älter geworden, dirigiert aber immer noch dem Deixl ein Ohr weg. Zu meiner großen Freude finden seine neuesten Arbeiten – Suiten – immer mehr Anerkennung. Du solltest schon einmal kommen, um seine Lebensgeschichte zu sehen, von mir gezeichnet. Von mir ist wenig zu schreiben. Von der Kirchenarbeit bin ich recht müd nach Haus gekommen und habe seitdem nichts gemacht als fünf alt- und fünf neutestamentliche Kompositionen für ein gemaltes Fenster in eine neue Kirche in London und ein paar kleine Bildchen für die bewußte lyrische Sammlung – es werden grade auch vierzig sein. Im Lauf des Winters wird sie ganz fertig werden. Es gibt immer was zu feilen dran. Nach der Anna ihrer Hochzeit will ich dann die Zauberflöte anfangen. Meine Frau ist nach dem zweiten Besuch von Karlsbad wenigstens wieder so weit, daß sie wieder hinlänglich essen kann, wenn auch mit einiger Auswahl. Mein Hermann ist von der Karlsruher Schule zurück und bleibt ein Jahr zu Haus, um noch einen Ingenieurkurs zu sich zu nehmen. Es freut mich für Dich, daß Deine Buben ordentlich weiter machen. Man sollt's nicht glauben, wie das vorwärts geht. Von der Frau Tochter schreibst Du gar nichts. Sind Kinder da? quanti ? Die Frau Siebert wird schon einmal nach Darmstadt hinüber kommen. Kommst Du aber eher nach Frankfurt, so wohnt sie Großer Hirschgraben resp. Goldene Federgasse Nr. 11 über zwei Stiegen. Siehst Du denn unsern alten Freund Ignaz nicht, der in Frankfurt Kapellmeister ist? Also mit der Frau Diez vorwärts gemacht, willst Du ihr durch mich schreiben, stehe zu Diensten. Empfiehl mich schönstens an Frau, Familie und alle Freunde und behalte lieb Deinen alten Freund Schwind. München, 17. Dezember 1863 (an Mörike) Hochverehrter Herr! So muß es mir gehen. Wenn mir je was eine rechte Freude gemacht hätte, so wär es, Ihnen, dem ich so viele schöne Stunden danke, eine kleine Freude zu machen, so geht's nicht. Daß ich Ihr unvergleichliches Gedicht immer wieder gelesen, daß mir die zarte, kränkliche, sinnige Griechin ganz ans Herz gewachsen ist, können Sie sich denken. Daß es an und für sich kein übles Bildchen wäre, ein so liebliches Wesen am Putztisch, auch mit dem Ausdruck einer allgemeinen Bangigkeit hinzustellen, das ist kein Zweifel, und wenn Ihnen damit gedient ist, will ich mich gleich mit allem Eifer dran machen. Aber es wird aus dem Bilde nie zu lesen sein, was in Ihrem Gedichte geschrieben steht. Ganz abgesehen von dem kleinen Format, das solche äußerste Feinheiten im Ausdruck so gut als unmöglich macht, halte ich es für unmöglich, das Unheimliche, das sie in ihrem Auge bemerkt, und ihr Stutzen darüber zugleich sichtbar zu machen. Wäre es ein weniger zartes und unberührbares Ding, so wäre ich bald fertig: ich hielte mich an das höchst sichtbare Sprichwort »Der Tod schaut ihr über die Achsel.« Aber sagen Sie selbst, ob das nicht unerträglich plump und grob ist gegen Ihr Gedicht. Es ist aber nicht anders. So gut es Gedichte gibt, denen man schaden würde, wenn man sie in Musik setzt, so gibt es Gedichte, die so fein sind, daß sich ein Maler sicherlich blamiert, wenn er meint, dergleichen Hauche von Empfindungen ließen sich sichtbar machen. Haben Sie denn gar nichts, wo irgend etwas vor sich geht? seien es so kolossale Dinge, wie sie »der sichere Mann« verrichtet, oder so einfache und heilige wie die schöne Dorothea . Übrigens wenn Ihnen vielleicht der Zeitschrift [»Freya«] gegenüber oder sonst aus einem Grunde damit gedient ist, so werde ich mich nicht lange zieren. So gut als ein anderer mach ich's auch, aber ich möchte in Ihren Augen nicht als ein Hasenfuß erscheinen, der sich etwa einbildete, da was Rechtes zu leisten, wo man doch wissen muß, daß es nicht geht. Entscheiden Sie also nach Gutdünken. Ihnen zulieb tut man auch einmal das Kleinste. Da ich jetzt doch einmal das Recht habe, an Sie zu schreiben, verehrter Herr, so frage ich auch an, ob es denn gar nicht denkbar ist, Sie einmal nach München zu persuadieren. Ich weiß, daß Sie sich für meine Arbeiten ein wenig interessieren, und es wäre für mich von sehr großem Wert, gerade Ihnen ein neues Werk vorzureiten, bevor wir es in die Welt hinausschicken. Es sind gegen vierzig lyrische Bilder, die etwa unter dem Begriff »Reisebilder« ein zusammengehöriges Ganze bilden. Wenn Sie mit einer leidlichen Herberge, einem bescheidenen Tisch und einem Glas Bier sich bescheiden wollen, so hätten Sie nichts zu tun, als in Stuttgart ein- und in München auszusteigen, das übrige würde ich besorgen. Ich mache mir aber wenig Hoffnung. An dem guten Fellner habe ich mich halbtot gebettelt und ihn nicht vom Fleck rühren können, und man sagt Ihnen auch nach, Sie seien über die Maßen ansässig. Jedenfalls aber wird mich die erste Ahnung des Frühjahrs nach Frankfurt treiben, wo eine Tochter von mir verheiratet ist, und da werde ich mich nicht abweisen lassen, Sie ein paar Stunden mit meiner unheiligen Gegenwart zu plagen. Bitte also, über mich zu disponieren, und verbleibe mit der aufrichtigsten Verehrung Ihr ergebenster Schwind. Nieder-Pöcking, 21. September 1864 (an Mörike) Sehr verehrter Herr und Freund! Ich bin abwechselnd in der Stadt und auf dem Lande; so kömmt es, daß ich eine Zusendung später erhalte, und arbeite an zwei Sachen zugleich, mit dem größten Eifer; daher kömmt es, daß ich mit Briefschreiben gewaltig zurückbleibe, ja nahe daran bin, Bankrott zu machen. Ich bin Ihnen von Herzen dankbar, daß Sie bei Versendung des Anakreon an mich gedacht haben; habe mich auch gleich daran gemacht, ihn zu lesen, worin ich auch bis zu den Anakreonticis gelangt bin. Ich will Ihnen nur aufrichtig gestehen, daß mich Ihre Vorrede noch mehr angezogen hat als die treffliche Übersetzung der Gedichte. Erstens staune ich, was Sie für ein gelehrter Herr sind. Zweitens dachte ich: an den Anakreonteen ist es so schön, wie Sie bemerken, daß alles erlebt ist, die Lori und Sopherl und Mirl von Lesbos und Chios, nirgends wird eine vor tausend Jahren einbalsamierte Ägyptierin besungen, und schließlich dachte ich: es lebe Deutschland, das alte, gelehrte, versessene Deutschland, das nie zugreifen kann und wenn man ihm's ums Maul schmiert. Nehmen Sie mir's nicht übel, aber es wird Einem schlimm, wenn ein Mann wie Sie Zeit hat zu übersetzen, und vollends eine Übersetzung nebst Zubehör für den Druck herzurichten. Wenn uns diese Arbeit ein einziges Gedicht von Ihnen kostet, so ist der ganze Anakreon zu teuer bezahlt. Ich tröste mich damit, daß etwa die Beschäftigung mit den Alten Sie zu der unvergleichlichen »Erinna« veranlaßt hat. Sagen Sie selber, ob ein so schönes Gedicht im Anakreon steht? Ich glaube es nicht. Doch genug von Sachen, die ich vielleicht nicht verstehe und bei denen ich von einer nicht geringen Wut beeinflußt bin, die ich nicht los werden kann, über den Schaden, den der ganz unberechtigte Vorzug der Antike mit allen seinen Folgen in unsrer Kunst angerichtet hat und noch anrichtet. Es ist beiläufig eben so viel als seinerzeit die Unterdrückung der deutschen Sprache durch die lateinische. Im Frühjahr habe ich meine Reise zu meiner Tochter nach Frankfurt glücklich so eingerichtet, daß mich mein Weg über Stuttgart brachte, und schon dachte ich, es würde mir mein sehnlicher Wunsch gewährt werden, Sie zu sehen. Ich war aber von den unzähligen Besuchen in Frankfurt und Karlsruh so auf dem Hund, ja beinahe krank, daß, als man mir noch sagte, es sei wegen obwaltendem Pferdemarkt wohl schwer, ein Unterkommen zu finden, ich in Gottesnamen weiterfuhr, mich getröstend, aufgeschoben sei nicht aufgehoben. Ihnen gegenüber, der von seinem Haus gar nicht wegzubringen ist, kann ich auch geltend machen, daß ich wohl wegzubringen bin, aber nach ein paar Wochen Abwesenheit mit Gewalt nach Haus verlange. Der Buchhändler, den Sie mir zugeschickt haben, ist ein Kuriosum. Um Ihrer Empfehlung Ehre zu machen, ließ ich mich auf einen ganz schäbigen Handel mit ihm ein, glücklicherweise mit dem Vorbehalt den ich immer mache: da ist die Sach', da ist das Geld. Es kam aber nichts, und ebenso bei Freunden, die ihm die Sache gegeben haben. Ich kann also nichts dafür, wenn er über mich schimpft. Freund Scherzer habe ich gesprochen und bei mir auf dem Atelier gehabt. Wie Sie wohl denken, war von Ihnen viel die Rede. Leben Sie recht wohl, entschuldigen Sie mein unzusammenhängendes Gefabel und seien Sie meines besten Dankes und größten Verehrung für immer versichert. Ihr ergebenster Diener und Freund M. v. Schwind. München, 2. November 1864 (an Hähnel) Lieber Freund! Es freut mich, eine Veranlassung zu haben, an Dich zu schreiben. Es wird sich Dir mit diesem Brief ein junger Mann vorstellen, der nach Dresden reist, um in Deinem Atelier – nicht Akademie – anzukommen und was Rechtes zu lernen. Es ist der Sohn des Erzgießers Miller, der die hiesige Erzgießerei seinerzeit leiten wird und während seines Vaters langer Krankheit schon mit Ehren geführt hat. Es ist zu loben, daß er einen Drang nach Bildhauerei hat, auch der Sache schon mit gutem Erfolg an der Akademie sich gewidmet hat. Daß er jetzt an die rechte Schmiede geht, ist größtenteils mein Gedanke und ist daher nicht mehr als billig, daß ich Dir den jungen Mann und sein Anliegen mit allem Gewicht, das meine wärmste Empfehlung bei Dir haben kann, ans Herz lege. Es ist ein aufgeweckter und braver Bursche, der Dir in keinem Falle Schande macht, dafür kann ich einstehen. Soll ich einen Bericht über unsere Kunstwirtschaft machen? Da sieht's gut aus. Ich bin aber schon lange so gescheit und kümmere mich nicht darum, und so glücklich, daß ich mit gar keinem Faden in das schöne Ganze verflochten bin. Meine Bestrebungen gelten jetzt dem Wiener Opernhaus, wo ich hoffe, daß Werke von Dir und mir nebeneinander stehen werden. Wenn das Wetter gut ist und die Zeit langt, so stehen meine Gedanken sehr darnach, von Wien, wo ich in nächster Zeit zu tun habe, über Dresden nach Haus zu reisen. Ich würde Dir ein Rendezvous in der Galerie geben. Die Kompositionen für Wien hätte ich bei mir. Cornelius hast Du wohl gesehen? Für 81 Jahre ist er noch bewunderungswürdig frisch. Möge er noch lange leben. Laß Dir also meinen jungen Freund bestens empfohlen sein, und kann ich kommen, so hoffe ich, treffe ich bei Dir dieselbe alte Freundschaft, mit der ich bin Dein alter Schwind. München, 16. Februar 1865 (an Mörike) Sehr verehrter Herr und Freund! Ich befinde mich seit acht Tagen in einer unfreiwilligen, aber ganz behaglichen Vakanz. Eine Verkältung, die ich mir zugezogen und die aussah, als wollte sie eine niederträchtige Grippe werden, hat sich durch Zuhausebleiben und Warmhalten in einen harmlosen Schnupfen aufgelöst, und ich habe den Profit davon, aus dem verwünschten Tagwerk herausgekommen zu sein, Studien zu zeichnen, die ich nicht recht sehe, und mit grauslicher Kohle zu zeichnen, von der man ganz schwarz wird, zu ändern, zu feilen, und mich zu ärgern, kurz, was man in diesem Leben Kartonzeichnen heißt. Dieses verteufelte Geschäft treibe ich jetzt im dritten Monat, und froh, daß mich das Schicksal ein wenig zur Ruhe gesetzt hat, so habe ich doch Zeit einzusehen, daß ich mich bereits ganz dumm gearbeitet habe und eine kleine Abwechslung das Beste sein wird, was ich mir antun kann. Sie waren so freundlich, es eine Inspiration zu nennen, einmal der »Zauberflöte« zu Leib zu gehen, aber ich habe genug an der Inspiration; ich bin halb ersoffen in der Inspiration, das Ding nimmt kein Ende und ist immer nicht schön genug – also lassen wir's ein wenig ruhen, da doch das Schwierigste überwunden ist, und denken wir daran, das Leben wieder ein wenig aufzuputzen und neue Freude in die Wirtschaft zu bringen. Wenn ein Acker so und so viel Teufelszeug hergegeben hat, um Frucht zu tragen, so muß er eben so und so viel Teufelszeug – die chemischen Ausdrücke sind nicht zu merken – wieder zurückbekommen, sonst hat das Fruchttragen ein Ende. Ebenso wenn unsereiner so und so viel Vernunft hergegeben, muß wieder so und so viel Vernunft nachgeheizt werden, sonst macht man dummes Zeug. Bitte sich also zu erinnern, daß bei unserm fröhlichen Beisammensein Sie, mein verehrter Freund, das Ansinnen, sich einmal nach München zu bringen, nicht ganz von der Hand gewiesen haben. Ich melde mich beizeiten und sage Ihnen ganz bescheidentlich, daß ich für Ostern meine Gedanken in dieser Richtung fleißig spazieren gehen lasse. Sie werden Ferien haben, werden hier mit Kirchenmusik regaliert wie nirgends, erleben am Palmsonntag ein Konzert, und was mich betrifft, hoffe ich, Ihnen sowohl »Zauberflöte« als »Reisebilder« fertig vorführen zu können, – zweiundsiebzig Nummern. Was meinen Sie? Sie haben manchen braven Kerl hier zum Freunde – ich habe schon an dem Speiszettel gearbeitet, wenn Sie ein Dutzend zu Tisch laden wollen. Der grimmige Scherzer pflegt um Ostern auch hier zu sein. Lassen Sie sich etwas zureden. Wahrscheinlich sehe ich Sie noch vorher, denn die Frau Tochter wird nächsten Monat in die Wochen kommen. Ist es ein Bub, soll ich Gevatter stehn, ist es ein Mädel, reise ich jedenfalls hin, dessen Bekanntschaft zu machen. Sie entgehen mir also doch nicht. Jetzt leben Sie recht wohl, verehrter Freund, empfehlen Sie mich der Frau Gemahlin und den kleinen Töchterln, von denen Sie eines mitbringen sollten. Ich habe auch ein neunjähriges Ding im Haus. Ihr ganz ergebenster M. v. Schwind. München, 7. Januar 1866 (an Mörike) Hochverehrter Freund! Wenn das neue Jahr nicht dazu da wäre, um bei seinen Freunden wieder anzuklopfen, so könnte es mir eigentlich gestohlen werden. Ich habe der neuen Jahre schon so viele auf dem Buckel und sie fangen an so schnell zu verlaufen, daß deren Schluß, von mir aus, immer zu schnell kommt. Item aber es ist so, und seien wir froh, daß wir gesund und tätig wieder so lang ausgehalten haben. Im September schrieb ich Ihnen und war veranlaßt abzureisen, und zwar direkt nach Leipzig. Dort machte ich schlechte Geschäfte; denn mein Mäcen, statt einigermaßen anzuerkennen, mit welchem Eifer ich mich seinen Aufträgen hingegeben, legte sich aufs Zweifeln und Kriteln, was ich doch eigentlich nicht mehr gewohnt bin, so daß ich ihm (und das zu meinem Heile) erklärte, wir wollten die ganze Sache gut sein lassen. Zu meiner großen Freude machte ich die Bekanntschaft des alten Musikus Hauptmann, den in des alten Sebastian Bach Wohnung mit einer liebenswürdigsten Familie zu sehen eine Freude fürs Leben ist. Nach Berlin zu unserm alten Cornelius zu gehen, war mir nicht gegönnt; denn ein Unwohlsein, das auf der Reise des Teufels ist, jagte mich in einer Nachtreise zu meiner Tochter, wo ich mich wieder herstellte und einen Tag um den andern liegen blieb, so daß für Stuttgart die Zeit versäumt war. Zu Hause angekommen, fand ich Ihren freundlichen Brief. – Versäumt war's! Ich machte mich an eine Arbeit, die ich vor meiner Abreise schon in Gang gebracht hatte, eine Reihe von Gerätschaften. Spiegel, Uhren, Tintenzeuge und dergl., gegen sechzig Stück. Sie waren fertig und ich war wieder daran, zu Ihnen zu fahren, als mir die Ankunft eines österreichischen Hofrats angekündigt wurde, und zwar dessen, der die Theater-Angelegenheit besorgt. Er kam an und ich übernahm die Herstellung von vierzehn Bildern für das Foyer. Da hieß es denn gleich niedersitzen und tapfer arbeiten, was auch ganz gut gelang. Am 11. November war der Kontrakt gemacht, am 6. Dezember reiste ich nach Wien und am 9. legte ich die ganze Geschichte dem Kaiser vor. Gott sei Dank, lief alles gut ab; höchsten Orts, bei Minister, Komitee – und allen Freunden. Vor Weihnachten kam ich zurück und seitdem ist eine Wirtschaft mit Anstalten und Briefschreiben, daß ich erst heute dazu komme, Ihnen die Geschichte meiner Irrfahrten, mein Leidwesen über den versäumten Besuch und meine guten Wünsche für Ihr und der Ihrigen Wohlergehen in meinem lehrreichen und berühmten Briefstil zu unterbreiten. Ohne von Zeit zu Zeit einen Brief von Ihnen zu bekommen, halte ich für ein sehr zurückgekommenes und verarmtes Leben, und mir sagen zu müssen, daß Sie nichts mehr von mir wissen wollen, hieße soviel – es wird aber nicht so sein. Sie werden mir wieder einmal schreiben und wenn der ärgste Tratsch vorbei ist, werden wir uns auch wiedersehen. Heute habe ich auch die Kartons für die neue Arbeit angefangen, und soll so ein froher Tag mit dem freundlichsten Gruß an Sie und die Ihrigen schließen. Ihr aufrichtigst ergebener M. v. Schwind. München, 6. März 1866 (an Bauernfeld) L. F.! Das ist freilich eine traurige Nachricht. Es handelt sich um die Nachricht von dem Unglück des Hauses Wertheimstein, worüber Schwind am 9. Februar 1867 Näheres berichtet. Ich habe auch zusehen müssen, wie mir ein Kind gestorben ist, ein kleines Ding, das noch nicht reden konnte, es starb an seinem ersten Geburtstag und ich kann es heute noch nicht vergessen. Einen erwachsenen Sohn habe ich auch und war besorgt um sein Leben, daher weiß ich, daß die Redensart vom zweischneidigen Schwert nicht ums Haar übertrieben ist. Der arme Mann, der seine Frau jahrelang leiden sieht, wo der noch den geringsten Widerstand gegen so einen Schlag auftreiben soll, das weiß der Himmel! und die arme gute Frau, sie darf gewiß glauben, wenn ich ihr was abnehmen könnte von ihrem Jammer, ich würde mich nicht besinnen. Schreiben werde ich ihr nicht, und es tut mir leid genug, daß ich vor ganz kurzem an sie geschrieben habe, und zwar über den guten Karl in einer Weise, die ihr jetzt nur weh tun kann. Es könnte sein, daß der Brief erst am Dienstag gekommen ist und noch wo herumliegt. Ich habe nicht mehr anders gedacht, als daß es sich um einen tüchtigen Mann handelt und habe oft das leere Zimmer meines Sohns drauf angesehen, daß es den guten Burschen ganz gut beherbergen könnte, wenn er hätte bei uns was lernen wollen. Hätte ihm auch nicht geschadet, sich das gar gute Leben ein wenig abzugewöhnen. Was Du vom Aufhören des Individuums sagst, das ginge mir gerade noch ab. Es ist mir mein Lebtag nicht eingefallen, daran zu zweifeln. Wie oder wo, das macht mir keine Sorgen. Sollten wir wirklich unsern alten Schubert nicht mehr sehen und so viele Freunde, und sollten keine guten Tage bereitet sein für so viele, die ihr ganzes Leben in Qual und Krankheit zubringen? Für die arme Josephine, die immer krank ist und jetzt noch so was aushalten muß! Das wäre hart. Wenn die Wertheimstein soweit sind, daß man ihnen so was sagen mag, so sag ihnen, daß, wenn wir in Wien sind, wir alles aufbieten werden, ihnen über eine Stunde wegzuhelfen, meine Frau, die Marie und ich. Die Frau ist im Augenblick in Frankfurt und Karlsruhe, ich habe ihr gleich geschrieben. Ich habe auch traurige Tage mit einem alten Freund, dessen Frau im ärgsten Typhus zwischen Leben und Sterben liegt, und wo man nicht weiß, ob nicht Wahnsinn auch mit im Spiel ist. Sind das alles Sachen! Leb recht wohl und grüße die Wertheimstein tausendmal von mir. Die arme Franzl muß auch schon solche Dinge erfahren! Du wirst ihnen gewiß auf alle Weise beistehen, ich weiß, Du kannst es und hast das Herz auf dem rechten Fleck. Lebe wohl und schreib recht bald wieder, ich bin recht in Sorge. Dein alter Schwind. München, 30. April 1866 (an Bauernfeld) Liebster Freund! Es scheint angezeigt, Dir zu gratulieren, denn die Ereignisse in Kammer- und Herrnhaus scheinen derart zu sein, daß Dir ein großer Gefallen damit geschieht. Illumination, Grillparzer als Senator, Vivat hoch! lauter schöne Sachen. Jetzt wollen wir nur wünschen, daß alles auch nachhält und zu was Gutem führt. Hier gibt es Menschen, die sehen übers Jahr die Guillotine aufgerichtet, so fest sitzt die Ueberzeugung, daß man alles aus Paris beziehen muß. Hol's der Teufel! Ich bin schon seit vier Wochen nach Wien unterwegs. kann mich aber immer nicht aus den Armen meiner schändlichen Grippe loswinden, die mich beim Schopf hat. Aus Husten und Schneuzen wollte ich mir nichts machen, aber ein allgemeines Elend ließ mich den ganzen Tag schlafen. Jetzt bin ich so weit auf dem Strumpf, daß ich ausgehen könnte, wenn das Wetter nicht unter aller Kanone wäre. Meine Arbeiten werden gepackt und ich hoffe, ich kann ihnen nächster Woche nachreisen. Vier Wochen schlage ich mich mit Kranksein herum. Lachner ist pensioniert und ganz glücklich, schreibt fleißig und was er macht, ist voller Heiterkeit und Wohlsein. Im Theater werden die »Meistersinger von Nürnberg« einstudiert und die Konzerte brachten wieder einen Marsch von Schubert, instrumentiert par Liszt Aus dem Trio ein Adagio gemacht, im Marsch-Takte eingesetzt, kurz – mache doch Dessauer begreiflich, daß der ganze Herr Liszt ein musikalisches Rindvieh ist, sonst müßte er doch einsehen, daß er an Schubert zu verbessern durchaus nicht berufen ist. Wo sich Salon und Meßbude vereinigen wie bei diesem Edlen, da gibt es einen guten Klang. Gemacht habe ich wenig, obwohl ich fleißig war; es gab eine Menge nachzuholen und dergl. Melusina wenig gezeichnet, aber viel gefeilt. Sie wird, unbeschadet des Gesindels, stellenweise ihren Fischschwanz kriegen. So lang's möglich ist, muß man dem Stoff nicht weh tun. Mörike hat ein sehr hübsches Gedicht an mich gerichtet. »Aus der Gesellschaft« und »Die Bauern von Weinsberg« habe ich wieder gelesen und bin immer entzückter davon. Die »Fürstin Agnes«, die ich auf dem Theater mich nicht erinnere gesehen zu haben, wirkt vortrefflich. Ist es wahr, daß der Aufführung jetzt Hindernisse in den Weg gelegt werden? Wäre nicht übel! Das wäre »Aus der Gesellschaft«. Wird mir die Bagage so zuwider, daß ich's gar nicht sagen kann. Bei uns veraltet's ein wenig wegen des Wehrgesetzes, wundervoll, ich glaub die Bauern-Esel nehmen's übel, daß die andern auch Soldaten werden müssen. Von wem sind denn die Artikel »Aus dem Wiener Leben« in der »Allgemeinen Zeitung«? Mahnen manchmal an Dich. Jetzt wünsche ich nur noch, daß ich bei Wertheimsteins gebesserte Zustände antreffe, und so leb wohl auf baldigs Wiedersehen. Dein alter Freund Schwind. So ein lausiger Brief strengt mich an. München, 14. Mai 1866 (an Bauernfeld) Liebster Freund! Ich gratuliere Dir, daß Du so etwas Vortreffliches machen kannst als das Gedicht, das Du so freundlich warst mir zu schicken. Das muß den guten Leuten wohl tun. Ich habe jetzt einen alten Freund bei mir im Haus, dem armen Kerl ist seine Frau gestorben und er hat gar niemand mehr, keine Kinder, gar nichts – und soll jetzt mutterseelenallein in der Wohnung sitzen. Ich habe in dem letzten Brief an die Frau Josephine ganz fidel von meinen alten Schwestern geschrieben, als einem verrückten Chor, in das ich sie unmöglich einreihen könne. Von einer habe ich geschwiegen – die hat fünf erwachsene Kinder verloren und keines übrig behalten. Der Schwiegervater hat sich erschossen, der Mann starb aus Kummer über einen Bankerott, der alles verschlungen hat. Die eine Tochter starb mit achtzehn Jahren in der Fremde, die zweite von zwei kleinen Kindern weg, die dritte nach fünfzehnjährigem elenden Kranksein, der eine Sohn am Sumpffieber vor Venedig, der andere gleichfalls Schulden halber ging nach Amerika und ist nicht einmal tot, sondern seit zehn Jahren verschollen. Dann starb noch der Schwiegersohn, bei dem sie lebte, und jetzt hat sie einen Enkel bei sich, ein allergeringstes Einkommen und damit basta. Und schau die Frau an, so ist sie zufrieden, daß sie dem Buben noch behilflich sein kann, und freut sich über jedes kleine Gute, das ihm allenfalls noch zukömmt. Von so einer Reihe von Unglücksfällen kann man, glaub' ich, ein Wort reden. Der Himmel weiß, was ich drum gäbe, wenn ich der armen Frau Josephine von ihrem Kummer was abnehmen könnte, aber es nützt da alles nichts, man darf seinem Schmerz nicht schön tun und muß damit fertig werden. Es sind ja so viele da und so treffliche Freunde, die alle Anteil nehmen, das zählt nicht wenig. Meine Arbeiten gehen so ziemlich, ich spüre aber das Alter . Von dem großen Zeichnen, wo man so viel stehen muß und den Arm so weit von sich halten, tun mir die Knochen weh. Lebe recht wohl, empfiehl mich bei Wertheimstein tausendmal und sonst allen Freunden. Dein alter Schwind. München, 28. Juni 1866 (an Schädel) Lieber alter Freund! In der Freundschaft ist das neue Jahr eine Art österliche Zeit, wo man sich wieder nähert, in Ermanglung anderer Anregung. Meine zwei Töchter sitzen am Klavier und studieren an Deinen Liedern. Die kleine, die sehr gute Ohren hat und eine ganz hübsche Stimme, bringt sie in ihrer unbefangenen Weise ganz gut zustand. Ich bin also in der richtigen Atmosphäre, an Dich zu schreiben. Tatsächliches hat sich eine Menge zugetragen. Nie hat mir mein kleines Malepartus am See so gut gefallen, als wie ich an einem schönen Tage wiederkehrte und die Meinigen zufällig am Bahnhof waren. Ich blieb noch bis Anfang Oktober draußen und machte mit Behagen meine Sammlung von Gerätschaften fertig. Zwanzig Blätter mit fünfzig bis sechzig Gegenständen, Uhren, Oefen, Schmuckkästln, Gartengeschirren, Spiegeln und was weiß ich alles. Sie machten einiges Aufsehen und wurden für die Nürnberger Gewerbschule um 1000 fl. angekauft. Die konnte ich gut brauchen, denn das Haus hatte ein neues Dach nötig und die Badhütte einen neuen Steg. Ich machte mich daran, gewisse Gelegenheitsgedichte zu sammeln und solche die ich im Kopf hatte aufzuzeichnen, kurz ich richtete mich ein, behaglich zu privatisieren, da kam ein Hofrat aus Wien, um mit mir wegen Bildern in das Foyer des Opernhauses zu unterhandeln. Es stehen da vierzehn Büsten von Kompositeuren und über jeder ist eine Lünette zehn zu zwölf Schuh, vier zu sechs Schuh Durchmesser. Wer kann so was abweisen? Ich brauche die Sachen nicht selbst zu malen, weil sie eingesetzt werden, einige davon waren eigentlich schon da – für Mozart war von der Zauberflöte das Nötige übrig geblieben und den Gelegenheitsgedichten eingereiht. Ich machte also in Gottes Namen den Kontrakt am 11. November, und am 9. des nächsten Monats war ich mit den fertigen Kompositionen, in kolorierten Zeichnungen, auch noch beim Kaiser. Es fand weder bei ihm, noch beim Minister, noch beim Komitee irgend etwas den geringsten Anstand, im Gegenteil erntete ich allen möglichen Beifall. Jetzt zeichne ich an den Kartons. Anfangs Mai gehe ich nach Wien, und zwar nehme ich meine Frau und die Tochter Marie mit mir. Die Kleine wird hier trefflich untergebracht, und mein Sohn ist seit 1. Dezember als Ingenieurpraktikant in Dollnstein, zwischen Eichstätt und Nürnberg. Und was glaubst Du, wo ich in Wien meine Residenz aufschlage? Bei meiner alten Freundin, der Witwe Gutherz. Sie wohnt im eigenen Haus ganz in der Nähe des Praters, am fürstlich Rommofskyschen Garten, den sie gemietet hat. Es fand sich eine kleine Wohnung im dritten Stock mit der Aussicht in den Prater, wo wir unsre Studentenwirtschaft etablieren werden. Ich bin so froh darum, da ist meine Frau und Tochter auch gut versorgt, und wir haben Luft und was wir brauchen. Mein Bruder wohnt nicht weit, und die Schwimmschule ist auch in der Nähe. Meine Frau ist Gott sei Dank gesund, die Marie aber mußte schon ein Paar Bälle in die Schanze schlagen, was sie übrigens sehr heiter durchführt. Leb recht wohl und schreib bald wieder einmal Deinem alten Freund Schwind. Schönste Grüße allerseits. Nieder-Pöcking, Sommer 1866 (an Ludwig Richter) Lieber alter Freund! Wundre Dich nicht, in dieser turbulenten Zeit einen Brief höchst friedlichen Inhalts zu lesen. Es wird irgendwie möglich sein, mir das Profil von der Frau Schröder-Devrient zu verschaffen, das Rietschel so schön gemacht hat. Ich habe es nötig zu einer Freischütz-Szene und diese hinwiederum zu einer Art Illustrationsbild über Webers Büste. Ich habe vierzehn dergl. zu machen in das Foyer des neuen Opernhauses in Wien. Diesen Sommer habe ich die größere Hälfte der Loggia resp. Zauberflöte trotz Krieg und Pestilenz fertig. Wären die Preußen in Wien eingerückt, so hätten sie mich auf meinem Gerüst malend gefunden, in der Zuversicht, daß sie doch nicht zum Vergnügen ein paar arme Maler herabschießen würden wie die Spatzen. Ich kann in meinem Alter, wegen Geschichten die mich am Ende nichts angehen, nicht ein Jahr versäumen. Mein Sohn ist Soldat geworden, kam aber zu meinem großen Behagen nicht vor den Feind, sondern steckte Pallisaden in Ulm. Meine Frau verband Verwundete und meine Tochter stickte Hemden und Unterhosen. So ging die Zeit herum, und ich sitze wieder am Starnberger See und habe eine schöne Muße Zeit vor mir, in der manches Angefangene zu Ende gebracht werden kann. Wie man sagt, soll unsere alte Galerie nach Düsseldorf wandern. Es handelt sich um den wiederholt geltend gemachten Anspruch Preußens auf den Hauptbestandteil der Alten Pinakothek, die ehemalige Düsseldorfer Galerie. Nicht übel! aber wenn ich sie nehmen könnte, wäre ich auch nicht faul. Wahrscheinlich tut es der Vorsehung weh, diese schöne Sammlung in so schäbiger Nachbarschaft zu sehen. Einem sächsischen Oberleutnant, den ich in Wien traf, habe ich eine Karte an Freund Pöschel gegeben, mit der Bitte, alle meine Freunde bestens zu grüßen. Bitte Dich, das gleiche zu tun. Welche Freude mir ein Brief von Dir mit einigen Nachrichten machen würde, kannst Du Dir denken. Schnorr hoffen wir in München zu sehen. Der wird schauen, was aus der »gnädig bewahrten Natur« für ein sauberes Früchtl geworden ist. Ich wollte, wir wären gnädig bewahrt geblieben! Was hat der Ärmste durchmachen müssen! Leb recht wohl und schau wie Du's machst. Frau Rietschel ist mir hoffentlich soweit gut, daß sie mir gern einen Gefallen tut. Versteht sich, daß alle Kosten auf mich fallen. Dein alter Freund Schwind. Nieder-Pöcking, 6. September 1866 (an Mörike) Amice doctissimus! S. V. B. E. E. V. Possibiliter jam habebis per viam ferream acceptum paccetum cum imaginibus, quas pinxi in castello expectante, quod barbari dicunt Vartburg, et narrationem de septem corvis aut sorore fideli. Spero, quod tibi faciunt aliquid gaudium et adjunxeris eas collectioni tuae. Insuper venit in hac litera facies mea ad memoriam perpetuam. Dies in societate et in atriis tuis it super millia et plango solummodo unum, quod impediti praesentia hospitum non possuimus loquare de illustrationibus musicalibus, Auf Deutsch: »Gelehrtester Freund. Hoffentlich geht's Ihnen gut, ich bin zufrieden. Möglicherweise haben Sie das Eisenbahnpaket mit den Zeichnungen, die ich auf dem wartenden Kastell, so die Barbaren Wartburg nennen, gemacht habe, und die Erzählung von den sieben Raben oder der treuen Schwester schon erhalten. Ich hoffe, daß sie Ihnen einiges Vergnügen machen und Sie sie Ihrer Sammlung einverleiben. Obendrein kommt in diesem Briefe mein Bildnis zum ewigen Gedenken. Der Tag in Ihrer Gesellschaft und Ihren Wänden geht über tausend und ich beklage einzig, daß wir, durch die Anwesenheit der Gäste behindert, nicht über die musikalischen Bilder sprechen konnten.« Der Schluß heißt: »Sie sollen nur kommen, samt Vater und Mutter, wir haben Betten und Kammern. Mit ausgezeichnetem Respekt Ihr Freund und Diener M. v. Schwind. Hole der Teufel sämtliche Stahlfedern.« worüber ich gerne Ihre Meinung eingeholt hätte. Nehmen Sie mir nicht übel, daß ich Ihnen ein sehr übel geratenes Exemplar von den »sieben Raben« schicke; ich habe aber kein anderes mehr und neu kostet der Spaß 45 fl. Die lassen Sie sich nicht schenken. Ich bin sehr froh, daß Sie durch meinen frühen Auszug nicht in Ihrem Schlaf gestört worden sind. Der Morgen mit seinem frischen Nebel war sehr angenehm. Zu Haus fand ich alles wohl, und See und Wald gefallen mir besser als je. In das Arbeiten mit der Brille muß ich mich nach und nach finden. Den ganzen Sommer habe ich keine gebraucht. Hoffentlich imponiert Ihnen die Probe einer reinen Latinität, mit der ich mein Schreiben eröffnet habe, so weit, daß Sie mir die lateinischen Zeilen, mit denen Sie mein altes Bildchen so trefflich exponiert haben, aufschreiben und zuschicken. Ich habe diesmal ein sehr einfaches Mittel angewandt, mir über das Einpacken wegzuhelfen; ich habe nämlich zu einem gesagt: Seien Sie so gut und packen Sie das ein, Adresse H. D. \&c. Das könnten Sie auch tun. Jetzt bedanke ich mich auch für genossene unvergleichliche Gastfreundschaft und wünsche nur, ich könnte sie recht bald erwidern oder wieder in Anspruch nehmen, wozu aber vorderhand wenig Aussicht ist. Bitte der Frau Gemahlin, die weiß Gott Mühe genug gehabt hat, und der nicht minder geplagten Frl. Schwester meine schönsten Empfehlungen und den zwei kleinen Wesen meine schönsten Grüße. Meine kleine Helene wäre sehr begierig, sie kennen zu lernen. Veniant solummodo cum patre et matre, habemus lectos et cammeras. Cum respecto egregio               amicus et servus                     M. v. Schwind. Auferrat diabolus omnes pennas ferreas! München, 9. Februar 1867 (an Schädel) Lieber Freund! Voriges Jahr, anfangs September, pochte ich an Deiner Tür wie der Ritter Toggenburg, aber höchst vergeblich, denn Du warst nicht nur ausgezogen, sondern auch verreist, auf langes Ausbleiben. Seitdem führe ich ein ebenso langweiliges als arbeitsames Leben und spüre bereits ganz deutlich, daß ich bei den ersten leidlichen Tagen davonlaufen werde, und zwar ins Preußische nach Frankfurt, bei welcher Gelegenheit ich hoffe, Dein neues Quartier zu entdecken. Mittlerweile haben uns, Deiner Weissagung gemäß, die Preußen geholfen, zu was das wird sich zeigen, von was? von dem leidigen Bundestag, von ein paar Fürsten, um die kein Schade ist, und von etlichen Millionen, die mich nicht rühren. Mir persönlich haben sie von vier Vettern geholfen, braven jungen Leuten, wovon einer eine 20jährige Witwe hinterläßt, und haben mir den Aufenthalt in Wien außerordentlich erheitert. Jede Familie hatte wo nicht ihre Verluste, so ihre Sorgen und Ängste, die allgemeine Stimmung war eine terrible, kurzum es gehörte etwas Archimedes dazu, um in der Wirtschaft fortzumalen. Und Gott sei Dank, das ist mir gelungen. Ich marschierte früh halb sechs Uhr aus, war um sieben an der Arbeit, um zehn Uhr ging ich in ein Wirtshäusel, wo mich fast täglich wer besuchte, und arbeitete dann weiter bis vier – fünf Uhr, fuhr nach Haus und brachte den Abend in einem wundervollen alten Garten oder im Prater zu. Meine Frau war alle Tage von sieben bis zwei im Spital, wusch ihre hundert Wunden aus, und die Marie stickte Hosen und Hemden. Der Anblick der vielen Verwundeten, der anfangs entsetzlich war, wurde nach und nach etwas erfreulicher, weil man sah, daß die guten Bursche gute Tage hatten. Die Wiener schleppten alles an, endlich Briefpapier, Bücher, ja es machten sich manche ein Geschäft daraus, sich Briefe diktieren zu lassen. Ich hatte, und habe noch, eine kleine Wohnung in der Resi Gutherz ihrem Haus, sah sie also alle Tage. Leider starb ihr, während wir da waren, ihre zweite verheiratete Tochter. Sie selbst war diesen Winter wieder krank und erholt sich sehr langsam. Das Haus Wertheimstein, wo ich meine frohen Tage hatte, ist aufs traurigste heimgesucht. Ums neue Jahr waren wir noch froh beisammen, bis zum Mai war der 20jährige Sohn gestorben, die Mutter geisteskrank, der Mann an seinem Vermögen beschädigt, und die schöne Tochter liegt an einem kranken Knie darnieder und kann höchstens auf Krücken gehen. Das will was heißen. Hoffentlich kommt's dies Jahr etwas besser, denn das alles war kaum zum Aushalten. Dreizehn Kartons sind fertig, es fehlt noch Rossini, der wird mich nicht umbringen, dann gibt's noch so kleine Sachen und ich hoffe einige Wochen Rasttag herauszubringen, bevor es im halben Mai wieder ans Freskomalen geht. Lachner hat diesen Sommer gar nichts machen können, jetzt arbeitet er an einer Suite, die Ostersonntag in Mannheim aufgeführt wird. Wir unterhalten uns davon, Ignaz aus Frankfurt, Scheffel aus Karlsruhe, Mörike aus Stuttgart und Herrn Schädel aus Darmstadt hin zu persuadieren und auf dem Heidelberger Schloß ein Glas Wein zu trinken. Leb recht wohl und schreib bald einmal Deinem alten Freund Schwind. Wien, 11. Juni 1867 (an Mörike) Sehr verehrter Freund! Ich wollte, Sie müßten einmal in eine fremde Stadt und Fresko malen, damit Sie wüßten, wie es schmeckt, wenn einem niemand schreibt. Man könnte gerade ebensogut auf dem Zobelfang sein, und da fragte es sich noch, ob die Kälte nicht noch angenehmer ist als die Hitze, die man aussteht. Es geht Tag für Tag wie in der Tretmühle und Samstags, wo aber nicht einmal ausbezahlt wird wie bei den beneidenswerten Steinhauern, tun einem alle Knochen weh. Wissen Sie, was mich jetzt so oft erinnert? Wenn ich im Stadtpark frühstücke und zwar um sechs Uhr morgens, so kommt die leibhaftige Prinzessin »Rohtraut« mit ihrer Mama oder was es ist. Von oben bis unten vornehm: die schönsten Füßchen, prachtvolle Haare und dabei so frisch und munter, daß man ihr den zierlichsten Mutwillen zutrauen möchte. Nun wir wissen, wie sie aussieht, fehlt nichts mehr, als daß wir sie zeichnen. Was leider nicht geschehen ist. Was macht die vierte Auflage [der Gedichte]? Mit meiner Arbeit geht's sehr vorwärts, und nächste Woche dürfte das für dies Jahr bestimmte große Bild fertig sein. Stellenweise denke ich der Fresko-Malerei einiges abgewonnen zu haben, was sie bisher für sich behalten hat. Es gibt dann noch ein halbes Dutzend Kinder, deren jedes einen Tag kostet, und etliche Korrekturen an den Arbeiten vom vorigen Jahr, dann gehen wir wieder heim und haben diese Theatergeschäfte, die jetzt im vierten Jahr spielen, glücklich vom Halse. Für sehr ersprießlich, förderlich und angenehm würde ich einen Brief von Ihnen ansehen, mit einigen guten Nachrichten von Ihnen und den werten Ihrigen. Die Geselligkeit ist für mich, der ich weit draußen wohne und nach der Arbeit müd bin, nicht groß; dagegen die Kunstverhältnisse mit einem starken Beischmack von Bukarest oder Odessa versetzt. Leben Sie recht wohl und nehmen Sie meine Adresse mit einigem Wohlwollen in Ihr Herz auf! Schwind. Nieder-Pöcking, Sommer 1867 (an Mörike) Sehr verehrter Freund! Jetzt wäre ich wieder in Nieder-Pöcking bei Starnberg. Sie brauchten also nicht einen so weiten Brief wie nach Wien hinunter zu schreiben, was, wie ich wohl weiß, eine zuwidere Geschichte ist, – um mich wissen zu lassen, wie es Ihnen samt Familie geht. Nach so langem Mangel an Nachrichten wäre es eine rechte Guttat, wenn Sie mir dergleichen zukommen ließen. Ich habe zu berichten, daß ich, Gott sei's getrommelt und gepfiffen, meine Arbeit in Wien ohne jeden Verdruß und ohne Krankheit oder Unwohlsein oder sonstige Störung glücklich zu Ende gebracht habe. In Anbetracht, daß der Spaß alle Tage um sieben Uhr früh angeht und, mit einer kleinen Unterbrechung von zehn bis elf, allenfalls bis fünf Uhr dauert, wenn auch nicht alle Tage, kann ich in meinen Jahren von Glück sagen, daß es so gegangen ist. Frau und Tochter haben das ihrige dazu getan, so wie mein alter Kamerad Moßdorf, der schon die Feldzüge auf der Wartburg und in Reichenhall mitgemacht hat, sich als ein Muster von Ausdauer und Freundschaft bewährt hat. Aber alles hat seinen Lohn gefunden. Die Frau kriegt einen neuen Schwiegersohn, die Tochter einen braven Mann, Medizinmann in Wien; Moßdorf eine selbständige Arbeit in seiner Heimat, die, wenn es auch wieder lausige Götter und Göttinnen sind, doch den Mann für Zeit Lebens gegen Mangel schützt Karl M., 1823 bis 1891, wurde 1847 Schwinds Schüler – der Meister schrieb damals von ihm: »Ich habe einen kleinen Sachsen in meiner Schule, der mir viel Freude macht« – und war sein Gehilfe bei der Ausführung der Fresken auf der Wartburg, in Reichenhall und Wien. Bei der selbständigen Arbeit, von der hier die Rede ist, handelt sichs um eine Darstellung der Mythe von Amor und Psyche im Schlosse zu Altenburg. ; der Maurer, der alle Tage auf dem Fleck war und ein Stück so schön angetragen hat wie das andere, hat vom Bau aus eine Gratifikation von 50 fl. erhalten nebst manchem guten Trinkgeld; und meine Wenigkeit kann sagen: ich brauche keine halbe Stunde mehr zu verkaufen, denn ich brauche kein Geld mehr, erstens und zweitens oder allererstens steht zu Mozarts Andenken die »Zauberflöte« an dem Fleck gemalt, wo sie hingehört, und das Auslachen und Nasenrümpfen hat ein End. Möge jede redliche Arbeit so ihren Lohn finden, wenn auch tamen sed tandem! Ein paar Jahre wollen wir's noch treiben. Vorderhand habe ich für die heiratende Tochter eine Titelblattzeichnung für ihr Haushaltungsbuch gemacht und ein Aquarell für den König, hoffentlich das letzte, und einiges für ein zweites gewerbliches Heft, so bequeme Sachen, denn ich bin etwas müd und bis die Hochzeit vorbei ist, kommt doch keine rechte Ruh ins Haus. Die Mörike-Zeichnungen habe ich mitgehabt und viel Freude damit gehabt. Ich bin doch noch auf Leute getroffen, die Ihre Gedichte nicht kennen. Hoffentlich büffeln sie jetzt daran. Mit den besten Grüßen an Ihre großen und kleinen Damen Ihr alter Freund Schwind. München, 26. Dezember 1867 (an Mörike) Sehr verehrter Freund! Vor allem steht fest, daß mein Tochterl nicht um die ihr zugedachte Vase verkürzt werden darf. Es wird also hiemit feierlichst darauf Beschlag gelegt, ergriffen und bezeichnet – und es wird meine Sorge sein, mich ihrer zu bemächtigen; was man Besitzergreifen nennt. Nach Stuttgart zu gehen, wenn Sie in Lorch sind, könnte mir gar nicht einfallen. Ob über meine Sachen geschrieben wird oder nicht, ist mir am Ende ganz Wurst, und Verleger oder nicht Verleger geht auch auf eins hinaus. Daß Ihre Gesundheit nicht in der Ordnung ist, ist eine traurige Geschichte. Es ist noch ein Glück, daß Sie so gut damit zurecht kommen. Daß bei Ihrer guten Frau auch noch eine Nervenwirtschaft sich etabliert hat, ist noch vollends das Ärgste. Davon weiß ich auch ein Lied zu singen. Wir arbeiten alle zu viel und haben zu wenig Freude. Da kommt das Ding her. Bei mir wird's mit den Jahren besser. Nur verschluckten Ärger kann ich nicht vertragen. Wenn Ihnen das Leben in einer so kleinen Stadt taugt, bleiben Sie dort. Ich habe auch schon daran gedacht, aber eigentlich ist mir München zu langweilig und ich wäre lieber in Wien. Mir fällt bei Lorch eine Erzählung eines Freundes ein. Er dürstet nach Ruhe, sucht im Land herum ein Städtchen, wo die Menschen friedlich beisammen leben. Ruhe, Friede, Eintracht. Endlich läßt er sich nieder in einem romantischen Paradiese. Es sind außer Bauern und friedlichen Bürgern nur drei ineinander verheiratete Familien im Ort. In drei Tagen, erzählt er, sei er im klaren gewesen, daß diese drei Familien in fünf wütende Parteien gespalten sind, und da sei er wieder abgereist. Bei mir ist jetzt sehr viel zu tun, um so mehr als ich mich auf eine etwas lange Arbeit eingelassen habe. Dennoch hoffe ich auf einen schönen Samstagmorgen, an dem es abreiserlich aussieht. Es wird wohl der Zug von Nördlingen nach Lorch mit dem von München nach Nördlingen zusammenhängen. Da Sie das Zimmer nicht verlassen, finde ich Sie jedenfalls zu Haus, und ich kann auch auf all den Spektakel hinauf einen ruhigen Tag brauchen. So schrieb ich gleich nach Empfang Ihres Briefes, der besten Meinung, in ein paar Tagen mich auf den Weg zu machen. Nun aber war mein Sohn in Karlsruh. Ich wollte mit ihm irgendwo zusammentreffen. Derweil kam er plötzlich hieher – item die Zeit war verpaßt und ich mußte nach Wien, wo ich vom 15. November bis 2. Dezember mich aufhielt. Eine zwanzigjährige Tochter in die Fremde verheiraten, das ist ein Stück Arbeit und ein Wiedersehen über alles kostbar. Gott sei Dank, sieht sie vortrefflich aus und ist höchlichst zufrieden, und in meinem Geschäft kam ich gerade recht, um einen großen Unsinn aufzuhalten. Seit ich zurück bin, plagte ich mich mit kleinen Ausbesserungen herum und bekam am rechten Ellbogen einen großen, roten, heißen Fleck, begleitet von allgemeiner Verkältung, so daß ich nicht ausgehen und nichts tun konnte. Nun haben wir Weihnachten hinter uns und steuern dem neuen Jahr zu. Wenigstens bringt man da seine Briefschulden in Ordnung. Reden wir also von dem Gescheitesten, von jenem schönen »Topf aus Erden« und dessen Beförderung nach München. Ich weiß es: Packen ist das Ärgste; aber hoffentlich gibt es in Stuttgart auch Menschen, die so was besorgen, um Geld und gute Worte. Allenfalls ist der photographische Buchhändler mit einem solchen individuus bekannt und schafft es herbei. Mein Tochterl freut sich so und es ist eine solche Ehre für sie, daß ich nicht ablassen kann, Sie zu quälen. Desgleichen werden Sie geplagt mit einer Sendung von Zeichnungen, wenn ich weiß, wo Sie jetzt eigentlich sind. In dem einsamen Lorch oder in dem gleichfalls einsamen Stuttgart? Wollen Sie mir das mit zwei Worten zu wissen machen? Sie wundern sich gewiß, daß ein Mensch so närrisch ist und zeichnet vierzig Blätter voll Uhren, Tintenzeuge, Lampen, Schlösser und dergl. Teufelszeug. Ich habe aber von Natur aus eine Goldschmiedsader im Leib, die mir keine Ruhe läßt. Hoffentlich haben Sie Weihnachten gesund und fröhlich unter den Ihrigen zugebracht und gehen dem neuen Jahre wohlgemut entgegen. Ich für mein Teil denke, trotz meinen Jahren noch was zu leisten. Ich habe mich dummer Weise wieder in eine große Arbeit eingelassen – wie Grillparzer sagt: so lange Sachen, worunter er Trauerspiele versteht. Ich habe den alten Herrn – 76 Jahre – in Wien besucht und mit ihm von dieser Arbeit, der Geschichte der Melusine, gesprochen mit der Bemerkung, daß das Wunderbare dermalen außer Kredit sei. Sagt er darauf: Ich habe ein Gespräch in vier Versen gemacht, das heißt: »Laßt mir doch das Wunderbare! Gar mancher hat's vor mir geehrt. Allein das Menschliche – das ist das Wahre«; »Das Wahre – aber kaum der Mühe wert.« Nicht übel. Das ist schade, daß Sie den Mann nicht kennen. In Paris waren Bilder von mir, die glänzend durchgefallen sind, was mich eigentlich freut, denn ich möchte diesen Hanswursten nicht gefallen. Sind aber wieder eigene Kauze unter den Franzosen. An Kaulbach schreibt einer, sie wüßten keine Gegenstände, bei uns – er nennt auch mich – schiene daran kein Mangel zu sein, und bliebe gewiß eine Menge unausgenützt liegen; wir möchten ihnen von unserm Überfluß schicken. Das ist doch vortrefflich. Wäre ich des Französischen mächtig, so bekäm er einen Brief von mir. Mit Staunen bin ich erfüllt über X. Im Ganzen so gescheit und im Detail so dumm! Spricht ganz trocken aus, ein Bild soll gar nichts vorstellen – bloß Malerei. Der soll sich wundern, was die in ein paar Jahren für Geschmier vorbringen. Die Kunst ist ein sehr aristokratisches Ding, da laßt's die Herrn Demokraten sitzen. – Aber was kümmert Sie das dumme Zeug? Sie leben in einer andern Welt. Die neue Aufgabe ist reizend. Erstens ist das Porträt ganz gut – der Druck größer und die neuen Gedichte einzig, eins schöner als das andere. Werden immer wieder hervorgeholt und gelesen und werden immer schöner. Jetzt empfehlen Sie mich Ihren großen und kleinen Damen, bedauern Sie mich, daß ich um den Besuch gekommen bin, und freuen Sie sich mit mir, daß es wieder auf den Frühling los geht, wo man wieder ans Reisen denken kann. Tun Sie ein übriges wegen des Topfes und lassen Sie mich wissen, wo Sie stecken. Gesundes und glückseliges neues Jahr wünsche ich Ihnen und Ihr ungetrübtes Wohlwollen und fröhliches Wiedersehen Ihrem Freund Schwind. München, 31. Januar 1868 (an Mörike) Verehrter Freund! Da Sie nun, wie es scheint, ganz ernstlich ein Hafner werden wollen, wäre es ein Verbrechen, Ihnen mein für das deutsche Gewerbwesen unentbehrliches Werk länger vorzuenthalten. Eine gänzliche Umwandlung, ein unerhörter neuer Aufschwung kann gar nicht ausbleiben. Nur schade, daß sich kein Verleger dafür findet, und es bei näherer Betrachtung auch keinem zuzumuten ist, dem deutschen Nationalstolz mit einer Sache entgegenzutreten, die sich untersteht, ohne sehnsüchtigen Hinblick auf Paris zu existieren. Wovon Ihnen [Friedrich Theodor] Vischer erzählt hat. Die Schwersteine – die wurden in einer Zeitschrift gebracht. Es war Theseus, der den Grabstein seines Vaters aufheben soll, Fallstaff im Waschkorb und ein Hausknecht, der einen Koffer eintritt. Es war damals eine Antwort auf die eselhafte Frage so vieler Ästhetiker: In welchem Stile sollen wir verzieren? Da habt ihr Griechisches, Mittelalterliches und Modernes, aber alle drei sind schwer auf die Unterlage drückende Gegenstände – Papierschwerer. Mit eigentlichen Ornamenten habe ich mich wenig eingelassen, meine Tätigkeit fängt da an, wo das Bezeichnende gerade dieses Geräts anfängt. Sie ist epigrammatisch und illustrierend. Ich lege ein Heft »Almanach von Radierungen« bei (sehr schön eingebunden, den Versen von Feuchtersleben zu Ehren). Ich hoffte, mit einem solchen Jahresgeschenk etwas zu verdienen, machte aber gleich so gänzlichen Fiasko, daß nicht weiter daran zu denken war. Später war ich veranlaßt, mehreres für eine Tongeschirrfabrik zu zeichnen, wovon ich einiges in die Sammlung aufgenommen habe, einiges war für einen Silberarbeiter, der mir sie als unbrauchbar zurückschickte, und so machte sich das Ding. Eine Stunde werden Sie sich schon damit unterhalten. Ich habe Ihre vier Erzählungen wieder gelesen und mich ein paar Abende damit ergötzt, den Lebenslauf des magern Hansels zu entwerfen. Mörikes Märchen »Der Bauer und sein Sohn«. Es fehlt noch ein Bild, wo ihn die Königin reitet. Sehen Sie einmal, was das Pferdl für Situationen durchmacht. In guten Tagen könnte man's für Ihre zwei Töchterln herrichten. Billigerweise sollte ich Ihnen einiges Schöne sagen über die vierte Ausgabe; das laß ich aber sein bleiben. Über solche Sachen zu reden, ist ein poetischer Akt und kann nichts anderes sein, und dazu gehört auch eine poetische Sprache, mit der ich nicht dienen kann. So viel kann ich Ihnen aber sagen: Wie nobel ist es, daß so wenig Neues daran ist! Ein anderer würde sein Gäulchen anders hetzen. Dann kann ich Ihnen sagen, daß ich in Anerkennung der köstlichen Vollendung Ihrer Gedichte fünf Wochen lang an meiner Lyrik gesessen bin, feilend und nachhelfend. Damit aber auch die Kritik nicht fehle, muß ich gestehen, daß ich einen traurigen Einblick in Ihren Charakter getan habe. Wenn Sie sich dazu bekennen, noch unpraktischer zu sein als unser werter Freund Richter, da bin ich mit meinem Latein zu Ende. Ich habe immer geglaubt, der hätte das Übermenschliche geleistet! Zuletzt möchte ich noch wissen, wie dieser Fuß heißt: Laberdan (–  ˘  –) etwa. Von der Melusine wäre sehr viel zu sagen. Ein Punkt ist ungeheuer kitzlich, daß sie nämlich keinen Fischschwanz hat. Das ist offenbar ein boshaftes Geschwätz, dessen Entstehung gezeigt werden muß, und es geht zum großen Gewinn für das Ganze. Wir werden's schon einmal anschauen. Sonst geht alles gut, nur etwas einsam, seit die zweite Tochter fort ist. Auch muß ich noch etwas für Wien machen und das ist schrecklich langweilig. Die Foyerbilder schicke ich ein anderes Mal, es muß viel dazu geschrieben werden, oder angenehmer: gesprochen. Lassen Sie sich Ihre Einsamkeit recht behagen! Sie sei gesegnet, wenn sie ein paar Gedichte einträgt. Leben Sie recht wohl und empfehlen mich den Ihrigen; alles Schöne von der Frau. Ihr ergebenster Freund Schwind. München, 12. Dezember 1868 (an Bauernfeld) Gestern wurde »Aus der Gesellschaft« im Hoftheater gegeben und ich ging hinein mit der ehrlichen Absicht, Dir heute morgen, auf telegraphischem Wege, über den glänzenden Erfolg Bericht zu erstatten. Was ich erlebte, hatte aber Zeit bis heute abends. Hervorruf nach Aktschluß zweimal – Applaus bei offener Szene ein paarmal, Applaus am Schluß u. dergl. wäre zu registrieren, aber die ganze Wirtschaft war erschrecklich weniger schön als in Wien. Es war als reiße der Gang der Sache alle Augenblick ab, namentlich im letzten Akt. Die schönsten Pointen gingen wirkungslos vorbei, und es war keine Wärme im Publikum zu spüren, wahrscheinlich weil sie bei den Schauspielern auch nicht allzu hochgradig zu finden war. Die Schauspielerinnen sind Gott sei Dank alle häßlich, namentlich die junge Gräfin, die noch überdies einen ordinären Anflug hat. Die gute Frau Dahn wird nacheinander alt, wohl gegen ihren Willen, aber doch alt. Der Graf, der Offizier, der Fürst machten ihre Sache gut, der letzte etwas tragisch, der Advokat etwas grimmig. Gesellschaftsszene etwas schlampert. – Da hast Du die erste und einzige Theater-Rezension meines Lebens. Die Lust, bald wieder in ein Schauspiel zu gehen, ist mir gestern so ziemlich vergangen. Seit wir uns nicht mehr gesehen, habe ich einen glücklichen Monat mit meiner Frau allein am See verlebt. – Dann kam aber eine Kalamität nach der andern. Ich habe Monate zugebracht in den qualvollsten Sorgen – es ist besser, nicht davon zu reden. Es wurde endlich so, daß meine Gesundheit ganz herunter kam und aller Mut und alle Kraft dahin war. Der Doktor jagte mich fort und drei Wochen in Frankfurt, Karlsruhe und in Lorch bei Mörike zugebracht, dazu ein leidliches Ende der desperaten Zustände, brachten mich wieder so weit, daß ich das abgetan zu vergessen und mich der Arbeit hinzugeben imstande war. Dafür ist aber jetzt meine Frau krank und, was einen ganz toll machen kann, die Mittel, die ihr helfen sollen, kann sie nicht vertragen. Das ist ein schönes Leben! Mit der »Melusina« bin ich so ziemlich im Gang. Es gab noch viel zu denken daran – es ist alles geordnet und eingeteilt und die paar Stücke, die ich aufgezeichnet habe, klappen gut. Wird daraus was will, es wird mich angenehm beschäftigen. Bilder gibt's genug auf der Welt, was tut's, wenn eins mißrät? Eine Schubertiade ist auch fertig geworden, aber ich habe sie an die Wand gestellt, vielleicht wird sie im Liegen gut wie die Holzäpfel. Die Sammlung von »Gelegenheitsgedichten« ist jetzt über Nr. 30. Sonst noch allerhand kleine Sachen. Leb recht wohl, lieber Freund, grüße Dessauer recht schön und gib wieder einmal Nachricht von Dir, den Wertheimsteins, die ich bestens grüße, und gratuliere Dir, daß Du der gestrigen Vorstellung nicht hast anwohnen müssen. Dein alter Freund Schwind. München, 4. April 1869 (an Bauernfeld) L. F.! Ich habe noch die gestrige Vorstellung des »Tagebuchs« abwarten wollen, sonst hätte ich gleich geantwortet. Lachner, der, wie Du weißt, mit seinem Schreiberkrampf sehr schwer tut, trägt mir auf, Dir an seiner Statt zu schreiben. Er ist der umgekehrte Hamlet, dem alles gut ausschlagt. Es kostete einige Mühe, wieder für ein Jahr quiesziert zu werden, sie hätten ihn gar zu gern wieder gehabt, wenn auch nur für die klassischen Opern. Nun hat sich's auch mit [Hans v.] Bülow leidlich eingerichtet. Dieser Gute mußte endlich merken, daß es so nicht mehr weiter gehe, und fand für gut, unsern Freund feierlich und deputionaliter einzuladen, er möchte die Suite V. in einem Konzerte selber dirigieren, wie denn auch nach mehrfachem Weigern geschah, wohl hauptsächlich aus Angst, wenn nicht er, so dirigierte sie Büloffus. Bei gedrängt vollem Saal gab es eine Aufführung, wie ich wohl nie etwas Vollendeteres gehört habe an Klarheit und Feuer. Die Suite selbst, mit allen kontrapunktischen, instrumentalischen und harmonischen Wässern gewaschen, ist keinen Takt lang ohne Melodie, Wohllaut und Charakter. Der Beifall erinnerte ziemlich an den Spektakel, mit dem seinerzeit die neunte Sinfonie empfangen wurde. Von allem Schlendrian, was bis jetzt die Parole war, wird wohl nicht mehr die Rede sein. Übrigens benahm sich Bülow sehr artig und ich bin froh, daß die Nörgeleien ein Ende haben. An Sohn und Tochter kann er alle Freude haben und wenn er noch dazu den vierzehnjährigen Mädeln den Kopf verdreht, möchte ich wissen, was da noch zu wünschen wäre. Die gestrige Aufführung ließ freilich zu wünschen übrig. – Das Mädl, obwohl schön und geschickt, trieb die Naivetät etwas gar zu weit. Sie rieb sich so oft an den Armen u. dgl. – und vergaß manchmal, daß sie keinen Augenblick aufhören dürfe, reizend zu sein. Man beging auch die erstaunliche Dummheit, vor das Kanapee, auf dem sie eingeschlafen ist, einen großen behängten Tisch zu stellen, so daß sie gar nicht zu sehen war. Die könnte weiter nicht reizend aussehen! Mich juckt's schon lang, das einmal zu versuchen – fürchte mich aber auch, denn ich bin wohl zu plump dazu. Genug, ich habe mich vortrefflich befunden. Man lebt so in der Gesindstube und im Vorzimmer seiner Seele dahin – was kann da lieblicher sein, als einmal wieder in jene heimlichen Prunkzimmer zu kommen, wo das Feinmenschliche erst zur Sprache kommt und das auf die ungesuchteste Weise und in aller Wärme. Laß Dich von irgend jemand loben, der's besser versteht. Ich sage nur, das ist Kunst und macht mich glücklich, während alles concertante mich langweilt, ja anekelt. Daher ich auch mich nicht anstrenge, von dergleichen Heroen, sei's Wagner, sei's Liszt, sei's Makart, noch ein fünftes Werk kennen zu lernen, wenn mich schon viere angewidert haben. Die Regionen, wo es gleichgültig ist, ob einer ein denkender Mensch oder ein verwirrter eitler Eselskopf ist, ziehen mich gar nicht an. Aber dem Publiko ist wohl dabei, und die Zärtlichkeit für das Mittelmäßige, ja Garstige setzt sich wieder um so viel fester, das könnte einen auch ärgern. Das hindert aber nicht, daß fortgearbeitet wird, also schadet's nicht. »Des tätigen Manns Behagen sei Parteilichkeit.« Daß Du am »Landfrieden« noch herumarbeitest, macht mir klar, daß es bei der Preisbewerbung nicht mitgespielt hat. Es hat mich, so lang ich das nicht wußte, scheußlich geärgert, daß andere vornan gekommen sein sollten. In Deinem Köcher wird sich schon noch was vorfinden, da ist mir gar nicht bang, und wenn nicht, so meine ich, Du hast genug gemacht und lang genug ausgehalten, soll's ein andrer probieren. Bei mir fehlt es nicht an Stoffen, aber die Arbeitslust wird eines schönen Tages ausgehen – bei dem gänzlichen Mangel an Anregung. Der Leopoldorden langt da nicht, obwohl etwas Höfliches immer angenehmer ist als etwas Grobes. Einmal hab ich ihn angehängt, bei der letzten Neujahrs-Cour, aber zugleich geschworen, daß mich keine sechs Gäul mehr hineinbringen; früher war doch eine schöne Königin da und die Hofdamen haben einen ausgelacht, aber unter lauter Männern ist die Dummheit nicht auszuhalten. Es fehlen auch so erschrecklich viele. Wenn der Franzl etwas Glückliches bevorsteht, sei's was es sei, so freut es mich, als sollte es mir selber widerfahren. So schön und so gut und schon so grausam Unglück ausgehalten. Möge es nur recht bald kommen und ewig dauern. Die Geschichte mit unserer Kunstausstellung war einzig. Es zweifelt kein Mensch mehr daran, daß unser Glaspalast für Wagnerische Zwecke verwendet werden sollte. Was fangt man mit so einer Figur an? Die schönsten Grüße von der Frau, von Lachner und dessen allerliebster Tochter. Grüße alle Bekannten und schreibe bald wieder Deinem alten Schwind. Dauert nimmer lang, so sehen wir uns! München, 11. Mai 1869 (an Mörike) Sehr verehrter Freund! Es war nicht meine Absicht, Sie zum Schreiben zu forcieren, gleichwohl ist es aber geschehen. Insofern ist mir ganz recht geschehen, daß ich die schauderösen Verse an Gryllos habe lesen müssen, die mir keinen schlechten Schrecken verursacht haben. »Stirb sodann«, das ließe ich mir noch gefallen, aber »werde Asche«, das ist zu viel verlangt. Es hat überhaupt noch gar keine Eile bei mir, denn trotz den ruchlosen Verlegern finde ich es auf der Welt gar nicht übel, namentlich wenn sie so schön grün wird. Exemplare »Das Pfarrhaus von Cleversulzbach« wird Ihnen die Kunsthandlung zustellen lassen, da ich selber dieser Tage verreise, um meinem Sohn einen Besuch in der Nähe von Belgrad abzustatten. Auch nicht übel. Von seinen Fenstern sieht er über die Pußta weg am Horizont den Balkan! Mir tut eine Erholung not, denn ich arbeite seit dem neuen Jahr an der vertrackten Melusina und zwar diesmal an der ganzen Reihe zugleich – natürlich, da es eigentlich ein einziges Bild ist, neunzehn Zoll hoch und dabei vierzig Fuß lang – bis da nur alle Einteilungsgeschichten und Motive bestanden waren, das hat was gebraucht. Eins ist bei so langen Geschichten ärgerlich, daß so mancher kleinere Gedanke unter den Tisch fällt. Was ist aber zu machen! Wollen Sie mir einen recht großen Gefallen tun? Es ist weder ein Brief, noch ein Gedicht, noch eine Hafnerarbeit – und doch von allem etwas. Wir haben eine junge Freundin, Lachners Tochter, ein Mädl, die gewöhnlich nicht viel spricht, aber schön und liebenswürdig ist wie wenige. Die erklärt frischweg: »Schön Rohtraut« sei das allerschönste Gedicht auf der ganzen Welt, und sie ist in der Literatur bewandert. Möchten Sie es nicht eigenhändig für sie abschreiben? Sonderbare Zumutung! Aber Sie machen dieses treffliche Wesen glücklich. Wollen Sie einen Groschen dranwenden und es ihr selber schicken, so heißt sie Frl. Mimi Lachner, München, Dienersgasse Nr. 11, 3 St. Wollen wir sehen, was Sie tun. Die Szene mit dem Prior und der dicken Wirtin Aus der Historie von der schönen Lau. hab ich koloriert! Das ist zu lustig. Sie werden's schon sehen. Sonst ist die Frau von dem heillosen Zahnweh frei! Gott sei's getrommelt und gepfiffen. Vielleicht reist sie bis Wien mit. Wenn ich also da unten nicht erschlagen werde al solito , habe ich in vierzehn Tagen oder so was wieder die Ehre. M. Schwind. Nieder-Pöcking, 11. Juni 1869 (an Mörike) Sehr verehrter Freund! Ich habe meinen Skalp-Skalp glücklich wieder nach Haus gebracht, bin aber nicht in Belgrad gewesen. Hab ich ungeschickter Mensch die Verse vergessen, an denen die Fee Lau versprochen hat, ihre Landsleute zu erkennen! Wäre also der Hauptzweck doch verfehlt gewesen. Übrigens bin ich sehr befriedigt heimgekehrt, denn ich habe meinen Sohn gesehen, ganz zufrieden mit seiner Situation, schaffend zur größten Zufriedenheit seiner Brotgeber, und gewissermaßen berühmt; denn er ist der Glückliche, der die ersten Pfähle zu einer Brücke über die Donau geschlagen hat, was für Ungarn ein Ereignis ist. Desgleichen in Wien meine Tochter, mit einem allerliebsten Kinde, und in einer sehr freundlichen Wohnung, also ganz glücklich. Das Theater, an dem ich mitgeholfen habe malen, ist ein wahres Wunder. Ein so poetisches Stück Architektur wie die Stiege, Foyer und Loggia steht, glaube ich, auf der ganzen Welt nicht wieder. Der Kaiser, dem ich in einem zu leihen genommenen Frack meine Aufwartung machte, um mich für den Leopoldsorden zu bedanken, war außerordentlich freundlich, und überdies war Hochzeit in meines Bruders Hause – also alles prächtig. Gestern erst sah ich Lachner, wo ich erfuhr, daß Sie, statt mich mit meiner unverschämten Bitte abfahren zu lassen, wirklich so freundlich waren, der Mimi ein eigenhändiges Exemplar »Rohtraut« zukommen zu lassen. Das gute Mädel ist ganz glücklich, und ich fürchte nur, dieses gute Ding, das bis jetzt so bescheiden war, wird jetzt stolz werden und uns nicht mehr anschauen. Nur mit einem schriftlichen Dank an Sie will's gar nicht weiter gehen. Sie sagt, Ihnen gegenüber schäme sie sich. Wollen sehen. Herr Bruckmann wird Ihnen zuschicken oder zugeschickt haben das erste Blatt von »Das Pfarrhaus von Cleversulzbach. Mörikes Freunden gewidmet von M. S.« Möge es Ihnen Freude machen und möge alle Welt daraus lesen, wie sehr ich Sie verehre. Ich sitze an der Melusina und habe die Ehre zu versichern, daß das Ding gar nicht gehen will. Ich sehe nicht recht und mache einen Schnitzer nach dem andern. Vielleicht wär's gescheiter, ich ließe die ganze Geschichte liegen und begnügte mich mit leichteren Sachen. O Gryllos, Gryllos! Recht schön, aufmunternd und erquickend wäre es, wenn man daran denken könnte, Sie, Verehrtester, einmal zu entwurzeln und für etliche Tage hieher zu bereden. Es ist von Lorch auch nicht weiter als von der Kanzleistraße nach Cannstatt. Einsteigen und aussteigen, damit ist's fertig! Wie würde sich Lachner freuen! Ich werde so bald nicht wegkommen und bin von meinen Irrfahrten etwas müd. Leben Sie recht wohl, seien Sie noch einmal schönstens bedankt, empfehlen mich der Frau Gemahlin und vor allem schreiben recht bald Ihrem ganz ergebenen M. v. Schwind. München, 7. Dezember 1869 (an Mörike) Verehrter Freund! Wenn einer eine so große Arbeit wie die Melusina anfängt, ist er eigentlich ein Narr, und wenn er sie durchführt, ist er noch einmal einer. Aber was nützt es, das zu wissen! Das Laster sitzt zu fest und läßt einem keine Ruhe. Heute habe ich den letzten Unterrock gemalt und einige grüne Blätter. Ex est, an die Wand gestellt und ein Tuch darüber! Herogegen das Ränzel gepackt und morgen geht's nach Wien! Seit dem neuen Jahr, also zwölf volle Monate hange ich nun, mit Ausnahme eines Ausflugs im Frühjahr und sechs oder acht lausigen Zeichnungen, hange ich an diesem opus und onus , kein Wunder, daß ich vollständig auf dem Hund bin. » Non sono fiacco, ma sono mezzo morto « schreibt ein italienischer Maler an den Herzog von Mailand. Jetzt wird einmal vierzehn Tage gefaulenzt, dann wollen wir sehen, was wir gemacht haben. Ohne Zweifel das achte Weltwunder. Wenn nur Freund Mörike in einem guten Pelz und geheiztem Waggon die Rundfahrt um die Welt, von Stuttgart nach München, zu wagen zu bewegen wäre. Es ist gar leicht sagen: wir packen das Zeug in eine Kiste; wenn's aber drum und dran geht, wird einem grün und gelb, und ob das aufgezogene Papier die Kälte aushält ohne Schaden, weiß der Teufel. Die Gläser sind ohnedem hin, Gläser, deren Anschaffung meine mangelhaften Kenntnisse im Einmaleins bedeutend gefördert haben wird. Ich weiß jetzt ganz genau und für immer, daß 9 · 9 = 81 ist. So was merkt man sich. Ich kann die Wiener, die sich lang und bestimmt auf mich freuen, nicht sitzen lassen; sonst ließe ich die Gelegenheit nicht vorbei, mit Ihnen und Lachner zusammen einen Abend zu verkneipen. Aber es geht nicht mehr. Grüßen Sie den Alten vielmals und gratulieren zu den Leipziger und hoffentlich auch Stuttgarter Erfolgen. Ich habe heute gegen die Tochter Mimi geprahlt, wenn sie mit mir zu der Aufführung der »Catharina« Franz Lachners Oper »Catharina Cornaro« wurde damals in Stuttgart aufgeführt. dem Papa zur Überraschung nach Stuttgart führe, würde sie bei Mörike statt meiner auf dem Kanapee einquartiert werden. Ist das wahr oder nicht? Morgen früh werde ich sehr behaglich aufstehen, weil die verdammte Arbeit nicht mehr auf mich wartet. Jetzt muß was her in größerem Maßstab, wenige Figuren und recht durchgebildete Hände, Köpfe, Falten. Mit der Kohle gezeichnet und leicht gefärbt; das geht auch vom Fleck. Leben Sie tausendmal wohl und gönnen Sie mir die Freude, Ihnen das angenehme Ereignis gleich mitzuteilen. Ein Stein ist vom Herzen. Ihr alter M. v. Schwind. München, 31. Januar 1870 (an Mörike) Sehr verehrter Freund. Ein Brief von mir, der die Ausstellung der Melusina meldet, muß sich mit dem Ihren gekreuzt haben. Wünsche alles mögliche Gute in Nürtingen. Es ist schwerer als man glaubt, einen Aufenthalt wählen; aber vor allem, glaube ich, war Ihnen Stuttgart nicht sehr ans Herz gewachsen. Also Glück auf! Gleich heute früh bin ich zu Lachner gegangen, der von dem gefragten Herrn selbst gar nichts wußte, mich aber an die rechte Schmiede schickte, nämlich an Professor Rheinberger, der desselbigen Lehrer ist und dem jede Diskretion zugetraut werden muß. Auf dem Nebenblatt werde ich mich bemühen, wörtlich aufzuschreiben. Melusina findet großen Beifall. Fast komisch ist es, daß als ganz besondere Merkwürdigkeit immer hervorgehoben wird, daß einem ein Schauer über den Buckel läuft bei der letzten Umarmung, oder daß einem das Herz aufgeht, oder kurz, daß sich der Beschauer innerlich erregt fühlt. Wer mag ein Buch lesen, oder eine Musik hören, oder ein Drama sehen, ohne einige Erregung zu spüren? Und in unsrer Kunst ist es eine Rarität! Da dank ich. Fragt sich aber sehr, ob mir dieser Umstand nicht zum Fehler angerechnet wird? »Don Juan« macht sich. »Vorderhand habe ich mich an Zeichnungen zu einer Prachtausgabe des ›Don Juan‹ gemacht. Jedenfalls liegt uns dieser Lumpazi näher als die Wittelsbacher Hausgeschichte, und auf alle diese Nixenchöre habe ich einen wahren Durst, mich mit ordentlichen Mannsbildern abzugeben.« Am 28. Jänner 1870 an Mörike. Finden Sie nicht, daß sich der alte Lachner auf Goethe auswächst? Mit den schönsten Grüßen ganz der Ihrige M. v. Schwind. München, 15. April 1870 (an Bauernfeld) Lieber Freund! So fröhliche Briefe wie den Deinen krieg' ich nicht oft, um so erfreulicher ist er. Wenn der Hexenschuß vorbei ist, wollen wir nicht darüber jammern. Aber Gesamtausgabe zu drucken anfangen, das heißt etwas. Das wäre auch ein Wunsch von mir. Schaut aber nicht darnach aus. Die Melusina wird schon nach Wien kommen. Ich habe sie an einen Herrn Lotter in Stuttgart verkauft, der läßt sie reisen. Ich hätte müssen verrückt werden mit der Schreiberei und Sorge. Unsereiner muß den Kopf frei haben. Derselbe Mann hat auch das Vervielfältigungsrecht, eine Photographie werde ich aber mitbringen. Bei meiner Frau hat der Doktor seine Besuche eingestellt, die Krankheit ist also vorbei. Aber auf dem Hund sind wir gehörig. Landluft, Ruhe sollen helfen, also wird zunächst nach Reichenhall gegangen, denn in Starnberg wird man die Haushaltungsgeschichten nicht los. Es soll sich bei einer so kräftigen Frau doch wieder machen. Zu jenem Feste verlangt mich sehr zu kommen, kommt mir auch nicht darauf an, extra hinabzufahren. Ich habe schon genug bereut, daß ich die Schubertsche Grundsteinlegung versäumt habe. Schreib mir nur recht bald den bestimmten Tag. Ich muß sehr mit der Zeit geizen. (Es gibt auch einen Telegraphen.) Lenbach hat nur im allgemeinen erwähnt, daß der silberne Abend außerordentlich lustig und witzig war. Es freut mich, daß der Mann mit seiner Arbeit reussiert hat. Fr. v. Tadesko erwarten wir alle Tage, es läßt sich aber nichts sehen. Grüß Dessauer recht schön und empfiehl mich Fräulein Mina und der schönsten Franzl. Dein alter Freund Schwind. München, 3. Dezember 1870 (an Mörike) Sehr verehrter Freund! Diesmal schreibt meine Frau statt meiner; wir wollen versuchen, ob ein solcher Brief nicht geeigneter sei, Ihnen eine Antwort zu entlocken, als einer von mir. Außerdem bin ich seit zwei Monaten in einer argen Diskrepanz mit meinen Augen, die mir nicht erlaubt zu schreiben, zu lesen oder gar zu zeichnen; eine Kongestion gegen den Kopf hinterließ eine Schwäche der Augenmuskeln, die sich hoffentlich durch fortgesetztes ausgezeichnetes Faulenzen wieder geben wird; – den Augen selbst fehlt nichts. Zu Ostern war es das letztemal, daß wir uns gesehen haben; Weihnachten ist nicht weit, also ist es angezeigt, wieder anzuklopfen. Seitdem war ich mit meiner Frau sechs Wochen in Reichenhall, dann bis anfangs Juli in Wien bei meiner Tochter und ging von da nach Marienbad, wo ich in der seltsamen Lage war, zu dem schlankeren Teil der Menschheit zu gehören. Leider nötigte mich der Ausbruch des Krieges, nach kaum vierzehn Tagen die Kur zu unterbrechen, die mir so vortrefflich angeschlagen hätte. Gott sei Dank! die gefürchteten Turkos blieben aus und ich brauchte nicht, wie ich fürchtete, mit Frau und Tochter irgendwo ins Gebirg zu flüchten, sondern setzte mich an den Starnberger See und arbeitete an den Kompositionen zu Grillparzers Werken, die nun als Entwürfe daliegen. Eine Zeitlang plagte ich mich mit einer Art Gedicht zum Lobe der erstaunlichen Gerechtigkeit des Geschickes und des deutschen Volkes, das seinem Erzfeind einen so schönen Sommersitz anweist wie die Wilhelmshöhe und seinen Freund und Wohltäter in so einem verwünschten Nest wie Nürtingen stecken läßt. Somit haben Sie meine ganze Geschichte und es wäre schön, wenn Sie sich entschlössen, einige Zeilen daran zu wenden, mir eine frohe Stunde zu verschaffen. Trotzdem ich aufs allerbeste versorgt bin und meine Frau sich hinlänglich plagt, mich überm Wasser zu erhalten, bleiben, bei der ungewohnten gänzlichen Untätigkeit, gelangweilte, ja melancholische Stunden nicht aus. Mich Ihren Damen bestens empfehlend, bleibe ich in aufrichtiger Freundschaft Ihr ganz ergebener M. v. Schwind.   Ostersonntag Holzschnitt zu Dullers »Freund Hein«