Die Gerechtigkeit Gottes – Erzählungen Wilhelm Heinrich Riehl Inhalt Die Gerechtigkeit Gottes Der stumme Ratsherr Der Dachs auf Lichtmeß Der Hausbau Der Zopf des Herrn Guillemain Abendfrieden Der Märzminister Am Quell der Genesung Nachwort Die Gerechtigkeit Gottes 1. Unser Herrgott macht's den Menschen selten recht: er schenkt ihnen bald zu wenig, bald zu viel. Der Graf Norbert im Hattengau und seine Frau hatten schon lange einen Sohn erhofft und erbetet, da kam Frau Jutta am Pfingstsonntage 1265 mit Zwillingen nieder, und es waren zwei Knaben. Einer wäre vorderhand genug gewesen; doch nahm man nun auch den überreichen Segen mit Dank und Freude hin. Die beiden Sonntagskinder waren stark und gesund und sahen sich so ähnlich wie ein Ei dem anderen. Die Amme schlang darum dem älteren sofort ein rotes Bändchen um den linken Arm, auf daß er mit dem jüngeren nicht verwechselt würde und nicht später ein Streit entstünde über das Altersvorrecht. Denn der Erstgeborene sollte die sämtlichen großen Lehensgüter des Hauses erben. Nach dem frommen Brauche der Zeit wurden die Neugeborenen schon am ersten Tage ihres Lebens getauft; der ältere auf den Namen Walram, der jüngere auf den Namen Gunther. Die besondere Liebe der Mutter wandte sich alsbald dem kleinen Walram zu, dem Glückskinde, welches so gescheit gewesen war, zuerst zur Welt zu kommen. Es ist etwas Eigenes um das Glück: wir schätzen es am höchsten, wenn wir oder andere es am wenigsten verdient haben. Auch der Vater fand den Stammhalter, den er öfters zärtlich ansah, weit kräftiger und schöner als den Nachgeborenen, welchen er kaum eines Blickes würdigte. Übrigens wußte er mit beiden Kindern noch nichts rechtes anzufangen und meinte im stillen, die winzigen Geschöpfe seien zur Zeit ja noch dümmer und täppischer wie zwei junge Hunde. Er hatte recht: in den ersten Wochen seines Daseins ist ein junger Hund klüger und manierlicher wie ein gleich junger Mensch, erst nach Monaten wächst der Mensch dem Hunde über den Kopf, und die meisten Väter gewinnen erst dann ein Verständnis für ihre Kinder, wenn dieselben über den Hund gekommen sind. Die Mutter dagegen versteht ihr Kind vom ersten Tage an. Die Zwillinge wurden von einer alten Magd gepflegt, einem Erbstück des Hauses, die vor dreißig Jahren bereits den Vater gepflegt hatte, als er gerade so hilflos dalag wie jetzt seine Kinder. Sie hieß Leisa und man nannte sie die Husbeckin nach ihrem Vater, der ein Höriger des Grafen gewesen war und auf dem kleinen Hofe Husbach gesessen hatte. Sie wartete der beiden Kinder mit gleicher zärtlicher Sorgfalt. Und doch hatte sie auch am dritten Tage schon größeren Respekt vor Walram. War er nicht recht eigentlich von Gottes Gnaden vor seinem Bruder zu ihrem künftigen Herrn erkoren? Dieser dritte Tag sollte verhängnisvoll werden. Während die Mutter schlief, war die Husbeckin in der Nebenstube beschäftigt, die Kleinen zu baden. Sie hatte Walram auf den Tisch gelegt, indes sie Gunther in das laue Wasser der Wanne tauchte und wusch und bespritzte, zu seinem sichtlichen Vergnügen. Da rutschte Walram vom Tisch und stürzte auf den harten Estrich des Fußbodens, wo er lautlos liegen blieb. Die Alte, von lähmendem Schreck durchzuckt, wäre fast zusammengebrochen und gleichfalls zu Boden gestürzt, aber sie ermannte sich, hob das Kind mit zitternden Händen auf, schüttelte es und klopfte ihm auf den Rücken: da zuckte es noch einmal und blieb dann starr und steif in ihren Händen; der letzte Lebensfunke schien erloschen. Sie wollte um Hilfe rufen, doch die Stimme versagte ihr; es ward ihr schwarz vor den Augen, sie wußte nicht mehr, wo sie war, was sie tat, was geschehen war. Nach einer Weile kam sie wieder zu Sinnen; – sie starrte auf das tote Kind. Die Schuld däuchte ihr doppelt groß, das Unglück doppelt entsetzlich, weil es das kostbare Leben des Erstgeborenen getroffen hatte. Mußte doch einmal ein Kind vom Tische fallen, warum war es nicht Gunther gewesen? Aber wer war denn eigentlich Walram, wer war Gunther? Sie unterschieden sich zur Zeit durch nichts als durch das rote Bändchen. Da fuhr es der armen Husbeckin wie ein Blitz durch den Kopf: – sie löste hastig das rote Band von Walrams Arm und schlang es um den Arm des jüngeren Bruders. Dann atmete sie auf. Nicht ihre Schuld wollte sie mindern, aber das Unglück des Hauses glaubte sie in ihrer Einfalt gemindert zu haben: der Stammhalter war nun doch heil und gesund, und dem toten Kinde konnte durch den Verlust des roten Bändchens ja kein Erbrecht mehr verkürzt werden! Und jetzt erwachte sie erst aus ihrer traumhaften Erstarrung, schrie laut auf, rief die Leute herbei, heulte und jammerte und zeigte und erzählte dem entsetzten Vater das Schreckliche. Der Graf machte sich die bittersten Vorwürfe, daß er dem alten Weibe die Kinder allein habe anvertrauen können, und verwies die Alte für immer aus seinen Augen. Kaum hatte jedoch die verzweifelnde Dienerin das Haus verlassen, so entdeckte man schwache Lebenszeichen an dem verunglückten Kleinen. Er zuckte und begann ganz leise zu stöhnen und zu wimmern, – er war nicht tot! Man rief eine heilkundige Frau, und sie erklärte, es sei noch einige Hoffnung, das Kind zu retten, obgleich es mehrere Knochen gebrochen habe. Mit diesem Troste konnte der Vater das Unglück der Mutter berichten, und fügte den weiteren Trost hinzu, daß ja nicht Walram, sondern nur Gunther, der Nachgeborene, den Schaden erlitten habe. Der arme Kleine, welcher von nun an Gunther hieß, genas in der Tat. Da aber die Knochenbrüche schlecht genug geheilt wurden, so blieb er schief und verwachsen sein Lebenlang. Mit dem Fall vom Tische aber hatte er nicht nur seine schöne Gestalt, sein rotes Bändchen und sein Erstgeburtsrecht verloren, sondern auch die besondere Vorliebe der Eltern, die nunmehr von ihm auf den früher vernachlässigten Bruder überging. Die Husbeckin war spurlos verschwunden; man hielt es für eine sehr gnädige Strafe, daß sie bloß davongejagt worden war, und es fragte niemand, wohin sie geflohen ist. 2. Am vierzigsten Tage nach ihrer Niederkunft trug Frau Jutta die beiden Kinder zur Kirche des benachbarten Klosters Mergenthal, damit sie selber dort samt den Kleinen gesegnet würde. So wollte es der alte fromme Brauch. Zum Zeichen des demütigen Dankes über die unverdiente Gnade ging die Mutter barfuß, ganz schmucklos in ein langes graues Bußgewand gekleidet, welches nach der Heimkehr einer armen Frau geschenkt werden sollte. Sie beabsichtigte, die beiden Kinder den ganzen weiten Weg auf ihren Armen zu tragen; allein der kleine Walram, welchen wir von nun an Gunther heißen müssen, litt noch so große Schmerzen und wimmerte so wehleidig bei jeder Bewegung, daß er einer Dienerin übergeben wurde, die mit ihm hinter der Gräfin einherging. Und so hatte dann der unverdient glücklichere Gunther, den die Husbeckin zum Walram umgetauft hatte, auch hier den Vortritt und ruhte allein in den Armen der Mutter. Der Abt des Klosters sprach den Segen über Mutter und Kinder und pries die besondere Gnade des Himmels, der den Erstgeborenen vor Schaden behütet habe. Während dieser Rede schrie der verkrüppelte Kleine jammervoll, indes sein glücklicherer Bruder sich ganz still verhielt, wozu er auch alle Ursache hatte. Hinter einem Pfeiler in der dunkelsten Ecke der Kirche lauschte ein armes Weib der feierlichen Handlung – es war die Husbeckin. Sie hatte sich da hinten versteckt und spähte zitternd manchmal aus, ob man sie nicht entdeckte; doch keiner bemerkte sie. Atemlos lauschte sie bis zum Ende. Dann lief sie stracks davon und irrte stundenlang im Walde umher, bis sie zum Tode ermattet am Fuße einer Eiche niedersank. Sie starrte in die hindämmernde Nacht und zermarterte sich den Kopf mit tollen Gedanken in wunderlichem Selbstgespräch. »Warum habe ich das rote Bändchen vertauscht? Wäre der ältere Knabe tot gewesen, so würde der jüngere ja doch der Erbherr geworden sein, auch ohne mein Bändchen. Allein er wurde wieder lebendig: ich muß ihm sein Bändchen wiedergeben.« Sollte sie zum Grafen gehen? sollte sie bekennen, was sie getan? Würde man ihr jetzt noch glauben? Würde man sie nicht für verrückt halten? Man war ja so froh, man pries Gott, daß der Erstgeborene heil und gesund geblieben! Bekannte sie die Wahrheit, dann war der Erstgeborene ein Krüppel, und der Abt hatte seine ganze schöne Rede von der besonderen Gnade Gottes irrtümlich gehalten. Die Husbeckin hatte sich in die Kirche geschlichen, weil sie unter Furcht und Beben hoffte, dort werde ihr Gewissen entlastet werden, indem sich die Verwechslung der Kinder durch ein Wunder enthülle. Sie hatte den Mut, diesem unerwarteten Wunder beizuwohnen, auch wenn es zerschmetternd auf ihr Haupt falle: jenes Wunder selbst zu tun, dazu hatte sie den Mut nicht. Allein es geschah kein Wunder. »Also hat Gott es geduldet,« so fuhr sie in ihrem Selbstgespräche fort, »daß ich, die armseligste Kreatur, seinen ursprünglichen Willen geändert und den Jüngeren, welchen er doch anfangs zurückgesetzt, nun zum Älteren erhoben habe. – Ist es nicht Sünde und Narrheit, so zu denken? Wie konnte ich, die arme Husbeckin, unseres Herrgotts Willen wenden! Nein, sein Wille ist es vielmehr gewesen, daß der Zweitgeborene der Erstgeborene werden sollte, und ich war nur das Werkzeug, welches ausführte, was Gott von Ewigkeit her gewollt hat!« Ihre Gedanken verwirrten sich; ein Abgrund tat sich vor ihr auf, in welchen sie schwindelnd immer tiefer und tiefer blickte, und was sie sah, war doch nur ein unendliches, immer schwärzeres Dunkel. Dann sprach sie wieder zu sich selbst: »Der neue Walram führt jetzt einen Namen, auf den er gar nicht getauft ist, und der neue Gunther desgleichen. Ich habe beide umgetauft und bin doch kein Pfarrer. Jedes der beiden Kinder hat seinen heiligen Namenspatron durch die Taufe erhalten, der ihm fürs ganze Leben hilfreich zur Seite stehen wird. Der heilige Walram wird wohl ein guter Heiliger sein und der heilige Gunther nicht minder. Die zwei Heiligen können sich jetzt miteinander streiten um die zwei Kinder, sie können mich strafen, weil ich ihnen genommen und gegeben habe, was ich gar nicht geben und nehmen darf, und von den Kindern ruft in Zukunft jedes einen unrichtigen Namenspatron an und feiert einen falschen Namenstag.« So sprach das arme Weib in seiner einfältigen Weise. Sie blieb die ganze Nacht, in sich gekauert, am Stamm der Eiche sitzen, halb wachend, halb schlafend. Ein schweres Gewitter brach herein. Das Geheul des Sturmes und das Rollen des Donners verschlangen sich gegenseitig. Sie träumte, es sei das jüngste Gericht. Sie stand vor dem Stuhle des Weltenrichters; ein Engel hielt die Wage ihrer guten und bösen Taten. Die beiden Schalen schwebten fast gleich: da warf der Engel das rote Bändchen in die linke Schale und die Schale sank tief zu Boden. Ein greller Blitz umflammte die Schläferin und unter dem krachenden Donner stürzte sie zur Hölle hinab. Sie erwachte. Allein es dauerte geraume Zeit, bis es ihr klar ward, daß sie noch lebendig und leibhaftig die alte Husbeckin sei und unter der Eiche im Markwald sitze. Das Gewitter verzog sich; der Morgen dämmerte. Jetzt erst raffte sie sich auf und schlich zu ihrer bisherigen Zufluchtsstätte zurück, der am Waldessaum gelegenen Hütte eines Schäfers, wo sie seit ihrer Verjagung vom Schlosse verborgen gelebt hatte. 3. Der Schäfer stellte sie zur Rede über ihr nächtliches Umherschweifen und wollte wissen, wo sie die ganze Nacht gewesen sei. Sie bekannte, daß sie unter der großen Eiche im Markwald gesessen habe trotz Sturm und Regen, kaum eine Viertelstunde von der Hütte entfernt. Der Schäfer fragte, was sie denn dort getan habe und warum sie nicht heimgegangen sei bei dem Unwetter? »Ich tat gar nichts. Ich machte mir meine Gedanken und eben darum konnte ich nicht von der Stelle.« Der Schäfer erschrak. Er war schon sehr oft bis auf die Haut naß geworden, aber niemals darum, weil ihn seine Gedanken verhindert hätten, ins Trockene zu gehen. Das alte Weib erschien ihm plötzlich ganz unheimlich. War sie verhext oder verrückt? Er wollte wissen, was das für Gedanken gewesen seien, die sie sich gemacht habe? Doch ihre Antworten lauteten so verworren und verwirrend, daß er selber sich nun Gedanken zu machen begann, ob es denn recht sei, eine von Gott so sichtbar mit Wahnsinn geschlagene Person hilflos unter seinem Dache zu behalten. Sie murmelte minutenlang ganz leise in sich hinein. Das kam dem Schäfer noch viel unheimlicher vor als zuerst ihr lautes Gerede. Denn er sprach den ganzen Tag so wenig, daß es ihm Arbeit genug war, anderen zu antworten; mit sich selbst zu sprechen erschien ihm ganz unnatürlich. Wer mit sich selbst spricht, ist ein Narr; das hatte ihm seine Großmutter schon gesagt. Von ihrem Selbstgespräch aber verstand er nur das eine, daß sie sich einer großen Sünde anzuklagen schien, die ihr das Herz abdrückte und die sie doch nicht bekannte. Als er darum gegen Mittag dem Abt von Mergenthal begegnete, bat er ihn flehentlich, mit ihm zu seiner Hütte zu gehen und den Zustand der Husbeckin gründlich zu untersuchen; die Alte sei verrückt, sie spreche mit sich selber. Der Abt ging mit. Die Husbeckin schwieg anfangs auf alle seine Fragen; plötzlich aber brach sie in einen wahren Redestrom aus und fragte den Abt, ob es denn möglich sei, daß ein einfältiges Weib wie sie den Willen Gottes umwerfen könne? oder ob sie vielleicht den wahren Willen Gottes zur Tat gemacht, indem sie ihn umgeworfen habe? Der Abt erwiderte, ihre erste Frage sei ein Frevel und ihre zweite Frage ein Unsinn, bei welchem ihm der Verstand stille stehe. Beide Fragen aber bewiesen, daß sie in sündhafte Gedanken verstrickt sei; darum fordere er sie auf, ihm ihre Sünden zu beichten, dann würde es schon wieder hell werden in ihrem Kopfe. Die Alte schien diese Aufforderung gar nicht zu verstehen. Sie sah dem Abte mit gläsernen Augen ins Gesicht, und ihre Gedanken waren offenbar ganz wo anders. Es war kein Wort mehr aus ihr herauszubringen. Zuletzt nahm der Abt den Schäfer beiseite und sprach zu ihm: »Die Husbeckin hat ihren rechten Verstand verloren; sie ist besessen. Sie könnte sich und Euch Schaden bringen, wenn sie länger in der Hütte bliebe. Ich will den Grafen bitten, daß er sie ins Schloß zurücknimmt. Dort kann man sie beobachten, einsperren und den Teufel austreiben.« Am nächsten Tage sprach der Abt in diesem Sinne mit dem Grafen, den bei der Schilderung vom Zustande der Husbeckin ein tiefes Erbarmen überkam. Er war nicht immer so hartherzig wie in jener Stunde des Zornes, wo er die alte treue Dienerin fortgejagt hatte. Ja, er hatte sich schon längst geängstigt, daß sie so ganz verschollen war, und fragte sich nun, ob nicht vielleicht seine eigene Härte die Ursache ihrer Verrücktheit sei? Ohne Zögern ging er darum auf den Wunsch des Mönches ein. Als ein Dienstmann der Husbeckin die Nachricht brachte, daß der Graf sie wieder zu Gnaden in sein Haus aufnehmen wolle, weigerte sie sich lange hartnäckig, mitzugehen. Plötzlich wurde sie anderen Sinnes. Es erschien ihr als eine Buße, der sie sich nicht entziehen dürfe, als eine Buße, daß sie täglich das arme verkrüppelte Kind sehen müsse, welches sie um seine geraden Glieder und um sein Erbrecht gebracht. Sie kehrte ins Schloß zurück, stumm und stumpf, und lebte ganz stille in dem Kämmerlein des abgelegensten Außenturmes, das man ihr zur Wohnung anwies. Sie sprach tagelang kein Wort und tat nichts Närrisches, vom frühen Morgen bis zum späten Abend spinnend und webend. Wäre nicht ihr starrer Blick und das unverständliche Gemurmel, welches während der Arbeit oft stundenlang ganz leis ihre Lippen bewegte, so unheimlich gewesen, so würde sie kein Mensch für närrisch gehalten haben. Und man ließ sie ganz in Ruhe. Dies kam aber daher, weil der Abt behauptete, sie sei verhext, und der Graf, sie sei verrückt. Der eine wollte dem bösen Weibe den Teufel austreiben und der andere die arme Kranke heilen. Hierüber stritten sie sich wochenlang. Zuletzt glaubte der Abt, auch der Graf sei verhext, weil er die Husbeckin für verrückt halte, und der Graf, der Abt sei verrückt, weil er die Husbeckin verhext glaubte. Es kam darüber zu einer beiderseits sehr nachteiligen Spannung zwischen Schloß und Kloster. Die anfängliche Ursache des Streites aber wurde über dem Streite vergessen, und die alte Husbeckin spann, wob und murmelte in Frieden weiter. 4. Es kam eine ganze Reihe sonniger Jahre für das Grafenhaus im Hattengau. Sie flogen so schnell dahin, daß man ihre Flucht erst merkte, als sie vergangen waren. Das Glück kann vielgestaltig sein wie das Unglück, Glück und Unglück können auch langsam schleichen; aber am glücklichsten sind wir doch, wenn hinterdrein nicht viel von unserem Glücke zu erzählen ist, das so rasch vorüberhuschte. Und so erzähle ich auch nur ganz wenig von diesen guten Jahren. Die beiden Knaben wuchsen fröhlich heran; Gunther – denn so müssen wir ihn fortan nennen – blieb schief und verwachsen, allein ein schwächlicher Junge wurde er doch nicht. Im Kern gesund, entwickelte er eine Körperkraft, die alle äußeren Hemmnisse überwand, und gar manchmal warf er seinen schlank und gerade gewachsenen Bruder im Ringkampf zu Boden. Nur im Wettlauf war ihm Walram weit überlegen. Die Eltern freuten sich der aufblühenden Knaben um so mehr, da auch noch ein Töchterchen hinzugekommen war, die Kinderstube voll und lebendig zu machen. Wenn nur Gunther schöner gewesen wäre! Die Frau Gräfin konnte lesen und schreiben und unterrichtet ihre Kinder in beidem, während der Graf diese pfäffischen Künste um so gründlicher verachtete, weil er sie niemals gelernt hatte. Der buckelige Gunther konnte mit acht Jahren schon das ganze ABC, was seinem erlauchten Vater fast unheimlich vorkam. »Der Junge hat das Zeug zu einem Pfaffen,« pflegte er zu sagen, »schade, daß er buckelig ist, er könnte sonst einmal Bischof werden. Aber die Kirche will keine Krüppel, so wenig wie die Ritterschaft.« Der schöne Walram hingegen kam nie über das D hinaus, und wenn er dem Gemach der Mutter entlaufen war, schimpfte er über die langweiligen Buchstaben. Das hörte sein Vater mit stillem Vergnügen und sprach: »Der Junge hat ritterlichen Geist.« Auch Gunther eilte gerne aus dem Frauengemach nach beendeter Lehrstunde. Er schlich dann hinüber zu dem kleinen Außenturm und besuchte die Husbeckin; er zeigte ihr, was er gelernt hatte, und sie sollte es nachmachen: er wollte sie schreiben lehren! Vergebens sträubte sich die Alte: sie mußte die Buchstaben nachmalen, welche ihr Gunther auf seiner Tafel vorschrieb. Allein ihre zitternde Hand brachte nur die tollsten Krähenfüße zu stande. Darüber lachte dann wohl Gunther recht herzlich, aber manchmal war er auch tief betrübt, daß die Husbeckin gar nicht schreiben lernen konnte. Warum zog es den Knaben immer wieder zu der verstörten alten Frau, vor welcher andere Kinder erschraken und davonliefen? Sie wagte es nicht, ihn anzublicken, sie fürchtete sich vor ihm wie vor ihrem bösen Gewissen, sie tat ihm nicht freundlich, sie brachte in seiner Gegenwart oft kein Wort über die Lippen – und doch kam Gunther immer wieder zu ihr und war glücklich, ihr erzählen zu können und sie schreiben zu lehren, obgleich sie's niemals lernte. Ahnte der Knabe, daß dieses arme elende Wesen ihn liebte wie ihren Augapfel, während sie erstarrte, wenn er kam, daß sie ihr Leben für ihn gegeben hätte, da sie doch vor ihm zitterte als vor dem Fluch ihres Lebens? Als Gunther sich wieder einmal vergebens bemüht hatte, ihr seine neu erlernte Kunst beizubringen, rief die Alte, wie wenn sich ihr Inneres plötzlich löste: »Wie bist du doch so gut und wie bin ich so schlecht!« »Du bist nicht schlecht, Husbeckin!« entgegnete das Kind, »du bist nur dumm. Sei doch gescheit und mache den Buchstaben nach, wie ich ihn vormache. Man kann alles, was man will, sagt die Mutter, und wenn du willst, so kannst du auch!« »Wenn ich will, so kann ich auch?« wiederholte die Alte in einem Tone, daß Gunther erschreckt zusammenfuhr. Nach langem Schweigen murmelte sie dann ganz leise mit bebender Stimme: »Ich will, ich soll – und ich kann doch nicht!« Gunther schlich sich betrübt hinweg, weil er die arme Frau gekränkt zu haben glaubte. Des anderen Tages kam er wieder, aber seine Schreibtafel brachte er nicht mehr mit. 5. Mit dem zehnten Jahre nahm der Vater die Söhne in seine Schule und übte sie in den Waffen und im Weidwerk. Merkwürdigerweise blieb hierbei Gunther trotz seiner Gelehrsamkeit und seines Gebrechens hinter dem glücklicheren Bruder nicht zurück, der doch weder einen schiefen Buckel hatte noch an der Last des Wissens schwer trug. Kampf und ritterliches Treiben erfüllte die Einbildungskraft der beiden Knaben, sie sprachen miteinander nur vom Hauen und Stechen und träumten von Schlägen, die sie gekriegt oder ausgeteilt hatten. Ihre Spiele waren Turniere und Fehden, Raubzüge und Belagerungen. Die Kultur unseres Geschlechtes begann damit, daß wir lernten, uns nach den Regeln der Kunst totzuschlagen; – wird sie damit enden, daß wir uns gegenseitig lieben und ertragen? Kein Mensch dachte zu selbiger Zeit an diese Frage, da sich Gunther und Walram so ritterlich rauften und prügelten, und also dachten die beiden Jungen auch nicht daran. Bald aber trennten sie sich in ihren Spielen und ein jeder spielte Ritter in seiner besonderen Weise. Gunther erklomm einen fast unzugänglichen Felsen in der Nähe des väterlichen Schlosses und erbaute sich droben eine Burg aus Steinen und Zweigen. Wenn er aufrecht dabei stand, reichte ihm der höchste Turm bis an die Nase. Allein er brauchte keine größere Burg, um ein ganz vollkommener Ritter zu sein. Halbe Tage lang saß er ganz allein in seinem Adlerneste und träumte, wie er Verfolgte beschütze, müde Wanderer bewirte, ungetaufte Türken erschlage, getaufte schlechte Kerle ins Verließ werfe und über die ganze weite Welt bis zur nächsten Waldecke als ein König herrsche. Er verteidigte seine Burg heute ganz allein und eroberte sie morgen ganz allein, wobei er öfters Gefahr lief, den Hals zu brechen. Er war dabei so glücklich in seinen Gedanken! Auch große Kinder sind ja in Gedanken am glücklichsten; die Gedanken machen uns hellsehend, wenn wir die Augen schließen; wir tragen sie immer bei uns; wir schwelgen uns satt in ihnen, wenn wir nichts zu nagen und zu beißen haben; sie gehen uns verloren, wenn wir selbst uns verloren gehen. Walram trieb ein ganz anderes Rittertum. Er versammelte alle kleine Buben des Schlosses und der Nachbarschaft um sich und bildete streitbare Haufen, die er ordnete und befehligte, und zwar als ein sehr gestrenger Feldherr; denn wer ihn nicht verstand, den zauste er an den Ohren, bis ihm das Verständnis kam, und wer ihm nicht gehorchte, den schlug er auf den Kopf, bis er gehorchte. Man balgte und raufte sich in wildem Jubel, und da keiner den Erbgrafen ernstlich anzupacken wagte, während er Hiebe und Püffe nach Herzenslust austeilte, so blieb er immer Sieger. Einstmals lauerte Walram hinter einem Busche, bis ein paar sechsjährige Bauernbübchen des Wegs gezogen kamen, die ein Körbchen mit Äpfeln trugen und sehr vergnüglich davon schmausten. Da brach Walram mit lautem Hallo hervor und nahm den Kleinen die Äpfel ab. Nachdem sich diese jedoch vom ersten Schreck erholt hatten, suchten sie dem Räuber ihre Äpfel wieder zu entreißen, vergaßen dabei allen Respekt vor seiner hohen Geburt und schlugen ihm auf die Nase. Allein der zehnjährige Walram wurde der Kleinen bald wieder Herr und bearbeitete sie so jämmerlich, daß ihr Hilferuf weithin erschallte. Gunther hatte den ganzen Kampf von seinem Felsen aus beobachtet. Jetzt sprang er herab, befreite die Schwachen aus der Hand des Stärkeren und gab ihnen die Äpfel wieder. Zu Hause verklagte Walram Gunthern beim Vater, und dieser zankte ihn, daß er so unritterlich gewesen sei, mit den Bauernbuben gemeinsame Sache zu machen gegen seinen Bruder. Zur Strafe solle er heute kein Abendbrot erhalten. Gunther sah den Vater mit großen tränenden Augen an und schwieg. Nachher aber schlich er in den Turm zur Husbeckin, erzählte ihr die Geschichte und klagte ihr sein Leid. Die Alte suchte ihn zu trösten, allein ihre Worte verfingen nicht. Da ging sie an einen Kasten, der in der Ecke des Kämmerchens stand, holte ihr eigenes Abendbrot herbei und setzte es Gunther vor zum Ersatze für das Essen, welches man ihm zu Hause entzogen hatte. Allein Gunther berührte keinen Bissen. »Ich will keinen Trost haben,« rief er, »ich will auch kein Brot, Husbeckin! du sollst sagen, daß ich recht habe: – dies will ich! Ich will mein Recht!« »Dein Recht!« schrie die Alte, jäh auffahrend, »dein Recht? Ich wollte dir ja dein Recht geben, dein Recht für heute abend – auf ein Butterbrot. Und du hast es verschmäht. Aber du hast ein viel größeres Recht von deinem Bruder zu fordern; ich habe dir's genommen und ich will dir's wiedergeben. Höre, was ich dir erzählen will – – – merke genau auf meine Worte – – ach! ich kann die rechten Worte nicht finden – – doch horch! komm herbei!« und sie zog ihn ans Fenster und deutete auf einen Baum, der draußen im Zwinger stand. »Siehst du den Buchfink dort in den Zweigen? hörst du ihn singen? Der weiß die rechten Worte. Er erzählt dir alles, besser, als ich's vermag. Er singt mir jeden Tag dasselbe Lied vor, er singt von deinem Recht und meiner Sünde!« Gunther sah keinen Fink und hörte keinen Gesang, aber das Gesicht der Alten war jetzt so entsetzlich anzuschauen, daß er sich losriß und davonlief. Er dachte den ganzen Abend an das Turmstübchen und konnte die Nacht nicht schlafen, weil er fort und fort das schauerliche Gesicht der Husbeckin vor Augen sah, die plötzlich so bös und närrisch geworden war, und kaum vorher war sie doch noch so gut und so gescheit gewesen. Um Mitternacht stand er auf und blickte hinaus in das schweigende Dunkel. Es war ihm so weh ums Herz, als ob ihn die ganze Welt von sich stoße, er fühlte sich so einsam und verlassen. Da sah er zum gestirnten Himmel und von dort glänzte ihm ein einzelner Stern, heller wie alle andern, mit wundersam funkelndem Lichte entgegen. Er konnte sein Auge nicht abwenden von dem Sterne und es überschlich ihn leise ein süßer Trost und ein frohes Hoffen, er wußte nicht, woher und warum, und er sprach zu sich: mein Abendbrot habe ich verloren, aber das ist mein Stern, der gehört mir, der bleibt mir, den wird mir niemand nehmen. Während seines Lebens hat er noch unzähligemal nach diesem schönen Stern geblickt; er fand ihn immer wieder, auch wenn der Stern seinen Ort verändert hatte, er nannte ihn stets seinen Stern und glaubte, derselbe werde noch ebenso seinen Frieden und sein Glück bestrahlen, wie dazumal und später seinen Kummer. Er wartete oft auf dieses Glück und es kam nicht, doch der schöne Stern kam immer wieder. 6. Zwei Dinge kann jeder Mensch, auch der dümmste: – auf die Welt kommen und sterben. Das eine hat eigentlich keiner gewollt, obgleich wir später den Tag feiern, an welchem er's getan hat; das andere wollen nur wenige und müssen doch alle. Vierundzwanzig Jahre hatte Graf Norbert in glücklicher Ehe gelebt, ohne den Tod in seinem Hause zu sehen. Da trat derselbe plötzlich herein, ohne anzuklopfen: die Gräfin starb am Johannistage 1285, als sie eben im heiteren Kreise den Liedern des Junker Kurt von Mörlen lauschte, der so schön vom Reigen unter der Linde sang. Das Tanzlied erstarb mit der Sterbenden. Frau Jutta lebte so gerne, sie hätte so gern noch recht lange gelebt! Eine Frau trennt sich so schwer von ihrem Manne, eine Mutter vielleicht noch schwerer von ihren Kindern: der Glücklichen war der Schmerz der einen wie der anderen Trennung erspart geblieben. Oder kann man vielleicht gar nicht sterben, ohne sich dessen bewußt zu werden? Darüber hat uns noch keiner Kunde gegeben. Der Graf war niedergeschmettert; dann klagte er laut; dann war er lange still und tief betrübt. Im ersten Monat hätte er selber gern sterben mögen, um sofort auf ewig mit der Dahingeschiedenen vereint zu sein. Nach Ablauf des ersten Vierteljahres ermannte er sich jedoch und gedachte im unlösbaren geistigen Zusammensein mit Jutta mutig weiter zu leben. Nach Ablauf von drei Vierteljahren kam ihm das ganze Schloß so verwaist und einsam vor, die verlassenen Kinder dauerten ihn, obgleich sie schon recht groß waren. Sollte er sich wieder verheiraten? Doch erst nachdem das volle Trauerjahr verflossen war, warf er diese Frage immer öfter und ernster auf, und erst zu Michaeli 1286, also nach vollen fünf Vierteljahren, warb er um die Hand der Luitgard, einer schwäbischen Jungfrau aus edlem Stamme, die nur fünfundzwanzig Jahre jünger war als er selbst. Allein Graf Norbert fühlte sich noch jung trotz seiner fünfundvierzig Jahre und er wollte noch viel jünger, er wollte wieder ganz jung werden an Luitgards Seite. Das ist ja so oft der Traum des Alters, und der Traum ist auch ein Leben. Es dünkte Norbert, als habe er mit seiner ersten Frau die Lehrjahre der Ehe durchgemacht, nun wollte er mit der zweiten in die Meisterjahre treten. Auf den 16. November war die Hochzeit anberaumt. Da erkältete sich der Bräutigam am 31. Oktober auf der Jagd, bekam eine Lungenentzündung und starb drei Tage vor der Hochzeit. Der liebe Gott hatte dem Grafen also gewährt, was dieser im ersten Monat nach Juttas Tode so sehnlich sich gewünscht hatte, – seiner geliebten Frau nachzusterben. Allein die Gewährung kam viel zu spät, da der Graf jetzt eigentlich gar nicht mehr sterben, sondern eine andere heiraten wollte. Der liebe Gott kann es eben den Menschen niemals recht machen. Walram, kaum dem Knabenalter entwachsen, war nun mit einemmal Graf, ein großer Vasall des Kaisers, Bannerherr, Richter in des Königs Gericht und vieles andere. Er hatte vor zwanzig Jahren das Anrecht auf alle diese Herrlichkeiten gewonnen, weil er nicht vom Tisch gefallen war und eine alte Magd ihm deshalb ein rotes Bändchen um den linken Arm gebunden hatte, und trat nunmehr in den Vollbesitz jener Herrlichkeiten, weil sein Vater sich auf der Jagd erkältet hatte. Es geht nirgends wunderlicher zu wie in der Welt. Man hätte meinen sollen, der arme junge Graf sei ratlos gewesen, wie er sich in all die neuen Bürden und Würden finde, die ihm so über Nacht zu teil geworden waren. Allein so stand es ganz und gar nicht. Walrams lebhafter Geist hatte sich schon seit Jahren in kühnen Bildern ausgemalt, was er alles tun wolle, wenn er einmal Graf würde, und so tief ihn des Vaters jäher Tod erschütterte, hatte er doch im stillen nicht zwar diesen Augenblick, wohl aber dessen Folgen schon längst herbeigewünscht. Denn nur durch des Vaters Tod konnte er ja zu seinem Lebensberufe kommen. Ist es Sünde, sich nach seinem Lebensberufe zu sehnen und die Stunde herbeizuwünschen, wo man ihn antreten kann? So hat wohl schon mancher Erbprinz gefragt und den Sohn eines Schusters beneidet, der ein Schneider werden will und zur Erfüllung dieses löblichen Wunsches nicht auf den Tod seines Vaters zu hoffen und zu warten braucht. Walram wollte zunächst verbessern, was sein Vater nicht gut gemacht hatte, denn er war schon seit seinem achten Lebensjahre mit seinem Vater recht unzufrieden gewesen. Vor allem ging er daran, die Stammburg – man nannte sie die Hattenburg – zu erweitern und zu verschönern. Er meinte, der Alte habe gar nicht wie ein Graf gewohnt in den engen, finsteren Mauern, und man müsse doch vor allen Dingen gräflich wohnen, um ein richtiger Graf zu sein. Diese Gedanken fanden keinen Beifall bei seinem Bruder Gunther, der mit treuer Liebe am Gedächtnis der Eltern und an all der trauten Heimeligkeit des elterlichen Hauses hing. Allein Walram hatte schon längst im Sinne gehabt, sich, wenn er einmal Graf wäre, der lästigen Gemeinschaft mit dem so ganz anders gearteten Bruder zu entledigen, dessen schiefer Buckel ohnedies nicht in den prächtigen neuen Palast gepaßt hätte. Er wies ihm ein mäßiges Lehengut an der fernsten Grenze der Grafschaft zum Unterhalte an. Dort stand ein kleines, altes, burgliches Haus auf steilem Fels, das »Windhaus« genannt, weil es von allen Winden umheult war, in tiefster Waldeinsamkeit, wo sich die Wölfe und Füchse gute Nacht sagten. Die Erträgnisse des Gutes genügten für das Auskommen eines einfachen Bauern, also konnte auch wohl ein buckeliger Grafensohn davon leben. Walram sagte zu Gunther, das Windhaus entspreche so ganz seinem Geschmack für das Wilde, Schlichte, Weltverlassene, darum habe er es aus brüderlicher Liebe eigens für ihn ausgewählt. Gunther war anfangs etwas überrascht, daß Walram seinen Geschmack so fein erfaßt und berücksichtigt habe. Allein er fügte sich ohne Groll dem Willen des Familienhauptes und dachte, es sei am Ende doch besser, er lebe in Frieden in dem kalten, armen Neste, als in Hader auf dem reichen, stolzen Schlosse. 7. Bei dem Neubau der Hattenburg mußte auch das Türmchen fallen, welches die alte Husbeckin noch immer bewohnte, ein verlassenes und vergessenes Wesen. Die jüngeren Insassen des Schlosses wußten gar nicht mehr, daß sie überhaupt noch am Leben war. Graf Walram meinte es gut mit der Alten und bestimmte ihr ein freundlich gelegenes Häuschen im Garten des Zwingers seines Schlosses zum Aufenthalt, damit sie dort ihre Tage in Frieden beschließen könne. Allein die Husbeckin weigerte sich aufs festeste, ihren Turm zu verlassen. Der Graf hatte seinen guten Tag, als man ihm dies berichtete; sein Herz wurde weich, indem er der so traurig geistesverwirrten Dienerin des väterlichen Hauses gedachte, und so ging er selber in den Turm, um die nun Fünfundachtzigjährige mit guten Worten zur Übersiedelung in die behaglichere neue Wohnstätte zu bewegen. Die Husbeckin saß im dunkelsten Winkel ihres Stübchens, regungslos. Das schneeweiße Haar umrahmte das hagere, totenblasse Gesicht, dessen Züge wie versteinert waren, die Augen blickten starr und ziellos ins Weite. Sie erhob sich nicht, als der Graf eintrat, sie erwiderte seinen Gruß nicht, sie schien seine Anwesenheit gar nicht zu bemerken. Graf Walram trat ganz nahe an die Alte heran, sah ihr fest ins Auge und rief dann so laut, als ob er zu einer Tauben redete, daß er ihr eine schöne Wohnung im Garten ausgesucht habe und daß sie dies schlechte Stübchen verlassen möge. Nach langem Besinnen entgegnete sie, unbeweglich sitzen bleibend: »Ich erkenne und verstehe Euch wohl, Junker Gunther« – – »Ich bin nicht Gunther, ich bin Walram«, unterbrach sie der Graf. »– Ihr wißt selbst nicht, wer Ihr seid !« erwiderte fest die Alte, »ich aber weiß es, ich allein: Ihr seid Gunther.« Der Graf schüttelte den Kopf: die Alte war verrückt, man konnte nicht mit ihr reden. Doch sie fuhr immer nachdrücklicher fort: »Ihr habt Euern Bruder aus seinem Stammschlosse vertrieben und in das öde Windhaus verbannt. Wenn Ihr Euern Bruder Walram wieder in das Schloß zurückruft, dann will auch ich in das neue Häuschen ziehen.« Der Graf, entrüstet, daß das alte Weib ihm gar noch eine solche Bedingung zur Annahme seiner Wohltat stelle, kehrte ihr den Rücken und wollte gehen. Da rief die Husbeckin, sich plötzlich erhebend, mit lauter Stimme, gebieterisch: »Bleibt! Ihr wißt nicht, wer Ihr seid; ich will es Euch sagen! Ich kann nicht sterben, bevor ich's Euch nicht gesagt habe.« Und nun begann sie ganz ruhig und mit der größten Klarheit zu erzählen, was sich an jenem verhängnisvollen dritten Tage nach der Geburt der beiden Knaben ereignet hatte, und wie sie ihm das rote Bändchen des Erstgeborenen umgebunden habe, da doch sein Bruder der wahrhaftige Erstgeborene sei, und wie sie die beiden Kinder umgetauft habe. – – Sie erzählte das alles so klar, so überzeugend, und überzeugt – – hatte sie es doch schon tausendmal sich selbst erzählt! »Jetzt wißt Ihr alles,« rief sie zuletzt und richtete sich hoch auf und blickte den Grafen mit den Augen einer Seherin an, – »jetzt wißt Ihr, was Ihr zu tun habt. Gehet zu Eurem Bruder, gebt ihm seinen Namen, gebt ihm das Recht der Erstgeburt wieder, das ihm gebührt! Führet ihn, den wahren Grafen, aufs Schloß. Er wird in Herrlichkeit einziehen und Ihr in Gerechtigkeit neben ihm; Ihr werdet gepriesen werden als der Gerechte, weil Ihr mutig dem entsagt, was Ihr so fest zu besitzen glaubtet und was Euch doch nicht gebührt. Die Gerechtigkeit Gottes wird offenbar werden, und die arme Husbeckin wird vielleicht noch vor Gott Verzeihung ihrer unermeßlichen Sünde finden.« Bei diesen Worten sank sie auf den Stuhl zurück. Der Graf stand eine lange Weile wie versteinert. Eine Verrückte hatte gesprochen, aber dieser Ton, diese Worte kamen nicht aus einem verstörten Geiste, sie klangen so klar, so wahr, sie klangen wie die Stimme aus einer Welt, in welcher alles offenbar werden wird, wo es keinen Lug, keine Täuschung mehr gibt. Er trat heran an ihren Sitz: »Hast du die Wahrheit gesprochen?« fragte er leise. Sie gab keine Antwort. Das Haupt der Alten war auf die Brust gesunken, die Augen geschlossen. Sie schien zu schlafen. Die vordem so herben Züge sahen jetzt so mild, so friedlich aus. Der Graf ergriff die Hand und ließ sie dann entsetzt wieder fahren: sie war starr und kalt. Die arme Husbeckin war tot. 8. Das Hinscheiden der alten Frau wurde kaum bemerkt auf dem Schlosse und in der Nachbarschaft. Die meisten Leute glaubten, die Husbeckin sei schon längst gestorben und erfuhren erst durch ihren Tod, daß sie noch gelebt habe. Nur einer war von diesem Todesfalle jählings erschreckt worden und mußte Tag und Nacht an die Sterbende denken: Graf Walram. Er wurde schweigsam, mied die Gesellschaft, welche er sonst gesucht hatte, und suchte die Einsamkeit. War er dann für sich allein, so quälte er sich mit der Beantwortung einer ganzen Kette von Fragen, die er sich immer wieder vorlegte und von denen er nicht eine einzige entscheidend mit Ja oder Nein beantworten konnte. Hatte die Husbeckin die Wahrheit gesagt? – War sie in ihrer letzten Stunde von Sinnen gewesen? – oder war ihr nicht vielmehr, bevor sich ihr Mund auf ewig schloß, das volle Licht des Geistes, die volle Kraft des Gedächtnisses zurückgekehrt, wie es so manchmal bei Sterbenden geschieht? – Warum hatte sie das Geheimnis so lange verborgen? – Hatte sie es seinem Bruder gleichfalls offenbart? Es schwindelte Walram bei dem Gedanken, daß er durch das Bekenntnis des alten Weibes plötzlich von einer stolzen Höhe herabgestürzt worden sei. Was sollte er beginnen? – Sollte er das Geheimnis dem Bruder mitteilen? Und dann? – Sollte er zurücktreten gegen den Glücklicheren, der so lange der minder Beglückte gewesen war? – Aber vielleicht war ja alles nur das Traumgesicht einer geistig umnachteten Person gewesen! Nur Gott allein kannte die Wahrheit. Doch das war gerade genug. Wie – wenn er dem Bruder antrug, bei dem Zweifel an ihrem beiderseitigen Rechte brüderlich das Erbe zu teilen? Dann war er ja mit Gott versöhnt und mit dem Bruder und mit sich selbst, und er konnte ruhig erwarten, daß die Wahrheit offenbar werde – am jüngsten Tage. Dieser weise und gute Gedanke hielt nicht lange stand. Klüger schien es Walram doch, zuerst zu erforschen, ob sein Bruder, ob überhaupt irgend ein Mensch etwas von der Sache wisse. Wußte niemand davon, dann war es ja töricht, sein kostbarstes Recht aufzugeben, welches ihm kein Mensch streitig machte. Rasch faßte er daraufhin seinen Entschluß und vollführte ihn rasch. Er ritt nach dem Windhaus. Der Weg ward ihm sauer genug. Er wollte öfters wieder umkehren. Allein er mußte Gewißheit haben. Er traf Gunther vor dem Hause, sein Pferd tummelnd. Die Brüder begrüßten sich im Sattel und ritten eine Weile nebeneinander im Ring herum, von gleichgültigen Dingen redend. Walram fand die rechten Worte nicht und bat zuletzt seinen Bruder, abzusteigen und mit ihm ins Haus zu gehen. Es dünkte ihm unmöglich, unter Gottes freiem Himmel zu sagen, was er sich so fein ausgedacht hatte. Im engen kahlen Stübchen begann er dann von dem Tode der Husbeckin zu erzählen. Seine Stimme zitterte dabei, aber Gunther nahm dies als ein Zeichen der Teilnahme an den letzten Augenblicken der armen Dienerin. »Sie starb,« so schloß Walram, »indem sie mir, wie sie sagte, ein großes Geheimnis offenbaren wollte, welches ihre Seele tief zu bewegen schien. Da schloß ihr der Tod die Lippen. Was für ein Geheimnis mochte es gewesen sein?« Er wagte nicht, die Augen aufzuschlagen und den Bruder anzublicken, als er diese Frage stellte. Er glaubte die Alte drohend neben sich zu sehen. Gunther erwiderte, daß auch ihm die Husbeckin in ihrer verworrenen Weise öfters von einem Geheimnis geredet und ihm auch dieses Geheimnis mitzuteilen versprochen habe. Schließlich habe sie's aber doch nicht getan. »Sie offenbarte es dir niemals?« »Niemals!« »Sie deutete nicht einmal an, worauf ihr Geheimnis ziele?« »Niemals!« »Dann hat sie es mit sich ins Grab genommen. – Gott sei ihrer Seele gnädig!« »Amen!« fügte Gunther leise hinzu. Walram schrak zusammen bei diesem Wort. Hatte es die Husbeckin gesprochen? Er blickte empor. Es war niemand weiter in der Stube als sein Bruder. Da atmete er auf: Gunther wußte ganz und gar nichts von der Sache! Und nun zog er den Bruder vertraulich auf die Bank an der Wand und setzte sich neben ihn und redete ihm recht brüderlich zu. Er bedauerte, welch einsames, müßiges Leben Gunther hier auf dem Windhaus führe, da es doch für ihn an der Zeit sei, durch ritterliche Taten den Ruhm seines Stammes zu mehren und sich selber einen großen Namen zu gewinnen. Dazu biete sich jetzt die schönste Gelegenheit. »Schon seit sechs Jahren,« so fuhr er fort, »streitet Graf Reinald von Geldern mit dem Grafen Adolf von Berg über das Erbe des Herzogtums Limburg. Es ist ein prächtiger Krieg! Du findest die edelsten Genossen und die edelsten Gegner. Der Erzbischof von Köln, der Herzog von Luxemburg, der Graf von Nassau halten zum Grafen von Geldern, und Johann von Brabant hilft andererseits dem Grafen von Berg. Die Bürger von Köln stehen nebenbei gegen ihren eigenen Erzbischof: es muß höchst gemütlich sein, diese elenden Bürger niederzurennen. Der Kampf drängt zur Entscheidung; eine große Schlacht steht nahe bevor. Ein Bote des Erzbischofs hat auch uns zur Teilnahme aufgefordert. Welch würdige Gelegenheit für dich zum ersten Waffengange! Die Sache eilt und der Weg zum Niederrheine ist weit. Morgen mußt du aufbrechen.« »So soll ich also für den Erzbischof streiten und gegen die Bürger von Köln, die mir doch gar nichts zuleide getan haben?« fragte Gunther. »Natürlich für den frommen Erzbischof, der erst jüngst in Deutz einen naseweisen Philosophen verbrennen ließ, welcher sich anmaßte, die Kirche reinigen zu wollen.« »Doch auf welcher Seite ist das Recht?« »Seltsame Frage! Wenn man wüßte, wo das Recht wäre, dann brauchte man ja nicht sechs Jahre lang zu streiten. Der Kampf ist ein Gottesgericht, und in dem stärksten Arme, der zuletzt alles niederschlägt, verkündet sich die Gerechtigkeit Gottes.« »Allein mir deucht,« fiel Gunther ein, »Verwandte sollten überhaupt nicht streiten um ein Erbe, sondern sich vergleichen und brüderlich in das Erbe feilen: das würde dem gerechten Gott vielleicht besser gefallen, als wenn sie einander totschlagen.« Walram errötete. Dann sprach er, rasch gefaßt: »Der wahre Ritter kämpft, um zu kämpfen». Er fragt nicht nach Grund und Ziel des Kampfes. Der Kampf ist sein Leben, weil er nur atmen kann, wenn er Ruhm und Ehre gewinnt.« Gunther war ein Kind seiner Zeit. Diese Worte zündeten. Ja! es schien ihm groß, zu kämpfen um des Kampfes willen, wie heute der Mann der Wissenschaft forscht um der Wissenschaft willen, der Künstler bildet und dichtet um der Kunst willen. Er versprach schon morgen aufzubrechen, und Walram bot ihm die besten Waffen, die schönsten Pferde und die tüchtigsten Knechte zur Reise. Nur die Rüstung war seine eigene; sie war ihm auf den Leib gearbeitet, schief von hinten und vorn, ganz seinem schiefen Buckel entsprechend. Walram dachte während des zärtlichen Abschieds: Wenn mein lieber Bruder um das Limburgsche Erbe für den Erzbischof von Köln streitet, dann kann er zunächst doch nicht um sein eigenes Erbe mit mir streiten, und wenn er etwa einen ruhmvollen Reitertod finden sollte, dann wäre die Frage des roten Bändchens abgemacht für alle Zeit. 9. Gunther war kaum vier Wochen von Hause entfernt, da kam ein fahrender Sänger auf die Hattenburg und brachte traurige Kunde. Am 6. Juni 1238 war bei Worringen unterhalb Köln eine große Schlacht geschlagen worden. Reinald von Geldern samt dem Erzbischof und seinem ganzen Anhang war besiegt, Heinrich von Luxemburg mit seinen drei Brüdern erschlagen, Reinald gefangen, der Graf von Nassau gefangen, der Erzbischof gefangen und im Harnisch in einen Käfig gesperrt. Nur wenige Edle von Reinalds Partei vermochten zu entrinnen. In späten Jahren sang und sagte man noch von dieser blutigen Schlacht, daß dort der Vater eines künftigen Kaisers – der Luxemburger – den Tod, und ein künftiger Kaiser – Adolf von Nassau – den Kerker gefunden habe, und das der fromme Erzbischof sieben Jahre geharnischt im Käfig habe sitzen müssen. Endlich aber wurde er dennoch frei und bekam nun den Herzog von Berg in seine Hand und sperrte ihn dann seinerseits in einen Käfig, aber ganz nackt und mit Honig bestrichen, in der glühenden Sommersonne, den Wespen und Mücken zur Beute. Das war so ein kleiner Austausch ritterlicher »Courtoisie«. Gleichviel. Der eine Tag von Worringen hatte dem sechsjährigen Kriege ein Ende gemacht und der Brabanter behauptete das Herzogtum Limburg. Walram fragte den fahrenden Sänger mit bebender Stimme, ob er nichts von dem Schicksal seines Bruders wisse, der an der Seite des Erzbischofs gestritten habe? Allein der Sänger wußte nichts. Wo so große Herren zu Grunde gegangen waren, da schwieg die Kunde von den kleinen. Nach vierzehn Tagen aber kam einer von den Knechten, die Gunther begleitet hatten, zerlumpt und ganz verelendet zurück und erzählte, sein Herr sei in dem mörderischen Ringen erschlagen worden und die anderen Leute seines Gefolges dazu, und er allein sei entronnen. Man konnte zwar aus dem verworrenen Berichte nicht klar erkennen, ob der Erzähler schon beim Beginn der Schlacht davongelaufen war oder erst am Ende. Allein da weitere Wochen verstrichen und weder von Gunther noch von seinen übrigen Leuten irgend eine Nachricht kam, so mußte man dem Unglücksboten wohl glauben. Trotz aller anderweitigen Nachforschungen war und blieb Gunther verschollen. Walram trauerte um den Bruder, wie sich's gebührt. Und doch mußte er sich bei aller Betrübnis immer wieder mit einem stillen Vergnügen sagen, daß er sich jetzt die einfältige Geschichte von dem roten Bändchen für immer aus dem Kopfe schlagen dürfe. 10. Gunther war nicht tot. Er hatte mannhaft bis zuletzt gekämpft und nur eine leichte Wunde davongetragen. Als aber alles verloren war, sprengte er mit einem kleinen Trupp unter die Mauern der Burg Worringen, um die befreundeten Verteidiger derselben gegen die siegreich andringenden Kölner Bürger zu unterstützen. Da warfen die Verteidiger den Feinden von den Zinnen herab einen großen Balken auf die Köpfe, der jedoch irrtümlich ihren Freund, unseren Gunther, traf und ihn vom Pferde schlug. Das Pferd stürzte, er geriet mit den Beinen unter das Tier und blieb, am ganzen Körper gequetscht und geschunden, für tot liegen. Als er unter großen Schmerzen wieder zum Bewußtsein kam, fand er sich in einem ganz engen dunklen Raume auf Stroh gebettet. Er konnte kaum atmen, er konnte sich nicht erheben, an allen Gliedern wie gelähmt; und als er mit der Hand umhertastete, entdeckte er, daß er in einem ganz schmalen und niederen Kasten eingeschlossen lag. Entsetzen erfaßte ihn: – war das ein Sarg? hatte man ihn lebendig begraben? Er raffte alle Kraft zusammen und schlug gegen die Wand des Kastens. Das laute Bellen eines Hundes antwortete seinen Schlägen und nach einigen bangen Minuten öffnete sich die Vorderseite des Kastens. Das grelle Licht der sinkenden Abendsonne fiel blendend in den dunklen Raum und der Kopf eines alten Mannes erschien vor der Öffnung. Das Gesicht dünkte Gunther nicht fremd, und als der Alte ihn freundlich begrüßte, erkannte er ihn: es war Kurt, der Schäfer, welcher viele Jahre lang in der Nähe der Hattenburg die Herden gehütet hatte, aber vor längerer Zeit hinweggezogen war, derselbe Schäfer, bei dem die Husbeckin vor Zeiten Unterschlupf gefunden. Gunther stieß eine Menge hastiger Fragen aus; er wollte wissen, wie er hierhergekommen, wo er sich befinde, ob er gefangen sei? und der Schäfer gab sehr langsam und bedächtig seine Antworten. Er erzählte: »Ich wurde mit anderen Bauern heute am frühesten Morgen aufs Schlachtfeld getrieben, um die Toten des gestrigen Tages zu begraben. Da fand ich Euch als einen Toten und erkannte Euch an Eurer buckligen Rüstung. Der Buckel war Euer Glück. Hätte ich Euern stolzen, kerzengrad gewachsenen Bruder gefunden, ich hätte ihn liegen lassen. Als ich Euch den Harnisch abzunehmen begann, entdeckte ich, daß Ihr noch lebendig waret. Da sprach ich zu den Bauern: ›Wir wollen die Beute teilen. Der Mann hat Geld und Kleinodien in der Tasche, die nehmt für euch; Schwert und Harnisch müßt ihr den Rittern bringen; den Toten aber lasset mir.‹ Die guten Leute waren sehr einverstanden mit dieser christlichen Teilung. Weil Ihr als Kind so freundlich gegen mich gewesen seid wie gegen alle geringen Leute, wollte ich nicht, daß Ihr in Gefangenschaft fielet oder gar lebendig begraben würdet, und schaffte Euch heimlich beiseite und habe Euch hier in meinem Schäferkarren versteckt. Wir sind weit genug vom Schlachtfelde entfernt in der verwachsenen Au zwischen den Altwassern des Rheins, wohin ich mich schon vor der Schlacht geflüchtet, nachdem mir die Mannen des Erzbischofs die Schafe genommen und nur den Karren und den Hund übrig gelassen hatten. Seit zwei Jahren, wo ich vor Ärger und Verdruß aus dem Hattengau davongelaufen bin, diene ich einem reichen Bauern in der Nachbarschaft. Da derselbe aber jetzt keine Schafe mehr besitzt, so braucht er auch keinen Schäfer mehr, und für den Lohn, den er mir schuldet, behalte ich den Karren und stelle mich mit Karren und Hund zu Euern Diensten. Und ich glaube, Ihr werdet meiner Dienste bedürfen, daß Ihr frei aus dieser heillosen Gegend entrinnt, was nicht ganz leicht sein wird, denn in den nächsten vier Wochen werdet Ihr weder gehen noch reiten können, da eine Sehne Eures linken Fußes verdehnt oder zerrissen und Euer rechtes Bein durch eine Quetschung am Knie dick aufgeschwollen ist.« Der Schäfer Kurt war als Heilkünstler in ganzen Hattengau berühmt gewesen, wie damals so viele seinesgleichen. Also ergab sich Gunther seiner ärztlichen Behandlung, die gerade nicht sehr sanft, aber um so gründlicher war, und unter entsetzlichen Schmerzen stöhnend, dachte er, wie glücklich er doch sei, daß er für kleines Wohlwollen, welches er dem Schäfer früher entgegengebracht, unverdient so aufopfernde Treue empfange, und wie gut doch eigentlich die Menschen seien, obgleich sie sich wegen der Erbschaft eines lumpigen Herzogtums zu Tausenden totschlügen. Lange konnte der Schäfer mit seinem Patienten in der Rheinau nicht bleiben, sie würden sonst Hungers gestorben sein. Darum fragte Kurt schon am ersten Abend den jungen Herrn, ob er kein befreundetes Haus in der Nähe wisse, wo er sich, vor den Feinden geborgen, auskurieren könne? Gunther war ganz fremd in diesem Lande. Allein er entsann sich eines Ortes, wo er bei seinem Ritt nach Worringen acht Tage lang die gastlichste Aufnahme gefunden hatte. Es war dies ein kleines burgliches Haus – Rodineck – in der Nähe von Andernach, dem Ritter Gerlach von Molsberg verpfändet, dessen stattliche Stammburg Molsberg überm Rhein auf dem Westerwald lag. Zur Sommerszeit pflegte der Ritter in den engen und doch so behaglichen Räumen von Rodineck zu wohnen. Seine Familie war so klein, daß das kleine Haus genügte; denn er besaß nur eine Tochter, die er wie seinen Augapfel liebte und behütete. Seine Frau war längst gestorben. Zur Winterszeit zog er dann wieder nach dem großen Schlosse Molsberg, um mit seinem Bruder Giso gemeinsam die Herrschaft über Land und Leute zu führen. Glückliche Zeiten, wo die großen Herren nur im Winter zu regieren brauchten und durch den ganzen Frühling, Sommer und Herbst sich ausruhten! Und Gerlach von Molsberg war ein sehr vornehmer Herr: das Geschlecht führte seinen Stammbaum auf den deutschen König Konrad II. zurück. In dem gastlichen Hause Rodineck hatte Gunther, wie gesagt, acht köstliche Rasttage verlebt, als er jüngst gen Worringen zog. Auf diesem Haus ruhte der Frieden. Der Molsberger kümmerte sich nicht um die Limburgische Fehde und lebte still für sich, den Welthändeln abgewandt. Gunther glaubte im Paradiese zu sein während jener acht Tage, aber der eigentliche Engel dieses Paradieses war doch die bildschöne neunzehnjährige Tochter des Wolsbergers gewesen, ein Mädchen von seltener Milde und Güte, die den ebenso seltenen als schönen Namen Wahla führte. Gunther hatte bis dahin noch niemals erlebt, daß ihm ein Mädchen hold und liebreich entgegengekommen war und seine tiefe Herzensgüte erkannte und schätzte – wie Wahla. Ihr Bild hatte ihn darum im Kampfe begleitet, er sah es auch jetzt auf seinem Schmerzenslager, und so sagte er dem Schäfer, er wisse nur einen Ort in diesem rheinischen Land, wo er ein sicheres Unterkommen zu finden hoffe, und der sei das Haus Rodineck bei Andernach. Nach kurzer Beratung beschloß Kurt, den Kranken in seinem Schäferkarren dorthin zu fahren. Der Weg war freilich weit. Ein guter Fußgänger braucht zwei Tage von Worringen nach Andernach. Allein der gerade Weg über Köln mußte vermieden werden, und so schlug der Schäfer die Fahrt auf fünf Tage an. Er spannte sich selbst vor den zweiräderigen Karren, auf dem die sargartige, mit Stroh gedeckte Hütte stand, und wechselnd nahm er auch noch den Hund zum Vorspann. Die Fahrt ging langsam genug und der Schäfer mußte oft geraume Zeit rasten. Speise und Trank erbettelte er sich bei guten Leuten, denen er vorgab, daß er seinen kranken Vetter nach Koblenz führe. Gunther, der in heftigem Fieber lag, bedurfte der Speise nicht viel und seufzte nur nach Wasser. Die Sonne brannte erschrecklich. Erst am Morgen des sechsten Tages hielt der Karren vor dem Tore von Rodineck. 11. Der Schäfer ging in das Haus, um dem Burgherrn Gunthers Gruß zu überbringen, mit der Bitte, daß er dem Hilflosen den Schutz seines Daches gewähren möge. Gunther gedachte indessen mit Schrecken des Abstandes zwischen seinem heutigen Aufzuge vor Rodineck und seinem Erscheinen vor vier Wochen. Damals hatte er einen stattlichen Reisigen vorausgeschickt, der ihn meldete und um ritterliche Gastfreundschaft bat; – heute schickte er einen armen Schäfer, der um Gottes willen einen geheimen Unterschlupf erflehte. Damals war er hoch zu Roß gekommen, in schimmernder Rüstung; – heut kam er auf einem Schäferkarren, mit dem zerlumpten Mantel des Schäfers bedeckt. Damals träumte er von ritterlichen Taten, die er demnächst vollbringen werde; er hatte solche inzwischen auch wirklich vollführt, aber zum Beschluß seines ersten Waffenganges war ihm von Leuten der eigenen Partei ein Stück Holz auf den Kopf geworfen worden und er brachte ein Loch im Kopf, ein verrenktes Bein und blaue Male am ganzen Körper zurück, welches man keine ritterlichen Wunden zu nennen pflegte. Der Herr von Molsberg war ein barmherziger Mann. Er bot noch wärmere Gastfreundschaft dem unglücklichen Krieger, der so kläglich dahergefahren kam, als vorher dem siegesgewissen, der so stolz hereingeritten war. Der Schäfer durfte als Arzt bei dem Junker bleiben, und da er den braun und blau geschlagenen Grafen so vortrefflich behandelte, erlaubte ihm der Molsberger auch sein Leibpferd zu kurieren, welches an der Kolik litt. Ein Schäfer stellte dazumal noch eine ganze medizinische Fakultät dar. Nur selten huschte Wahla wie eine Traumgestalt an Gunthers Schmerzenslager vorüber. Aber unbemerkt bereitete sie ihm doch jede Labe und Linderung. Niemand sagte dies dem Kranken, und dennoch wußte er's ganz bestimmt. Als der Genesende in die warme Sommerluft hinausgeführt wurde und halbe Tage lang auf der Bank des kleinen Burggärtchens ruhte, da kam auch Wahla oft herbei, setzte sich zu ihm und plauderte so treuherzig und merkte gar nicht, daß Gunther sofort die Augen wieder niederschlug, wenn er ihr ins Gesicht zu sehen wagte und mitunter keine Antwort gab, mitunter auch eine verkehrte. War Gunther dann wieder allein, so hielt er die längsten Reden an Wahla, sagte ihr die wunderschönsten Dinge, nahm sich vor, daß er ihr das nächste Mal all diese Reden laut wiederholen wolle, nur noch viel wärmer und bewegender. Allein wenn Wahla am anderen Tage wieder vor ihm sah, dann wußte er nie, wo er mit seiner schönen Rede anfangen solle. Seltsamerweise sann sich auch Wahla, wenn sie allein war, viel treue und trauliche Worte aus, die sie Gunther sagen wollte; sie verstummte dann freilich nicht, wenn sie in den Garten kam, sie sprach sogar recht viel, allein sie sagte doch niemals, was sie eigentlich hatte sagen wollen. Auf ihre Kammer zurückgekehrt, war sie dann sehr unglücklich und schalt über sich selbst und ihr unbeholfenes Wesen. Dasselbe tat auch Gunther, nur nahm er die Sache weit schwerer. Sie liebten sich beide, ohne es aussprechen zu können, aber Gunther war viel unglücklicher. Wenn er es wagte, um Wahlas Liebe zu werben, was konnte er ihr bieten außer seiner Liebe? Zum erstenmal war er namenlos unglücklich darüber, daß er einen schiefen Buckel habe, daß er der nachgeborene Sohn sei, auf das ärmliche Gut bei dem rauhen Windhaus angewiesen und daß er seine ritterliche Laufbahn so ruhmlos begonnen habe. Seit er das verschwiegene Glück der Liebe zum erstenmal ahnte, begann er das offenbare Unglück seines Lebens zu erkennen, welches er bis dahin nicht einmal geahnt hatte. Und je mehr sich sein verletzter Körper erholte, um so schwerer fühlte er sich in tiefster Seele krank. Gegen Ende Juli hätte er abreisen können. Der Gastfreund, welcher großes Gefallen an seinem Umgang gewonnen hatte, nötigte ihn, dazubleiben, und er blieb. Jede Woche wollte er gehen und jede Woche dachte er mit Schrecken an die Abreise und ging nicht. 12. Da kam eines Tages der Schäfer, um sich zu verabschieden. Seine ärztliche Aufgabe bei Gunther war beendet und das Pferd des Molsberg hatte schon längst keine Kolik mehr. Gunther sagte zu dem treuen Mann: »Gehe zur Hattenburg und melde meinem Bruder meine baldige Rückkunft. Dann aber begib dich aufs Windhaus und mache dort Quartier für dich und mich; denn du mußt bei mir bleiben dein Leben lang, und ich will dir eine Schafherde kaufen; für die genügsamen Tiere haben wir Weide genug auf dem vielen Ödland.« Kurt versprach zu tun, was ihm geheißen wurde. Nur wollte er vorher noch einmal zurückgehen zu seinem letzten Dienstherrn, dem Bauern bei Worringen; denn dort lag noch ein alter Kittel, der ihm gehörte, und ein lederner Zwerchsack, und er meinte, diese beiden Dinge seien wohl vier Tagemärsche wert. Bevor er ging, bat er noch für eine kurze Weile um Gehör. »Die selige Husbeckin,« so begann er, »war gequält von einer Sünde, die sie mir öfters bekennen wollte und doch nicht bekannte. Endlich brachte sie's aber doch heraus; – es war zu der Zeit, wo sie noch heimlich in meiner Hütte wohnte – und beichtete mir am heiligen Weihnachtsabend, was ihr Gewissen bedrückte. Sie war ein wunderliches Weib: dem Pfarrer wollte sie nicht beichten, aber dem Schäfer beichtete sie. Übrigens war sie damals ganz bei Sinnen und sprach so gescheit, wie in ihren besten Tagen. Ich mußte ihr schwören, das Geheimnis nicht zu verraten, bevor sie gestorben sei.« Und nun erzählte der Schäfer die ganze Geschichte von der Verwechslung der beiden Kinder, genau wie sie die Husbeckin in ihrer Todesstunde Walram erzählt hatte. Doch das letztere wußte der Schäfer so wenig wie Gunther es wußte. Gunther war tief ergriffen von der überraschenden Kunde. Er brütete den ganzen Tag darüber. An sich dachte er dabei anfangs weniger: die arme Husbeckin dauerte ihn so sehr; er versenkte sich in das Rätsel ihres verirrten Gewissens und zerbrach sich den Kopf, warum die treue Dienerin nicht sofort an dem Unglückstage ein offenes Bekenntnis abgelegt habe? Dann wäre ja alles anders gekommen. Sein ganzes Lebensgeschick war durch ein schwachsinniges altes Weib bestimmt worden. Aber nein! Es wäre Gotteslästerung, dies zu glauben. Gott hatte sein Lebensgeschick bestimmt! Und Gott bedurfte der Husbeckin, um seinen Lebensgang zu verwirren? Ohne dieses seltsame Werkzeug wäre doch wohl alles besser gegangen! – Das schien ihm wieder Gotteslästerung. Er raffte sich empor aus dieser trostlosen Grübelei, indem er sich vornahm, fortan sein Schicksal selber in die Hand zu nehmen und selber seines Glückes Schmied zu werden. Da begegnete ihm Wahla. Mit wie ganz anderen Augen sah er sie plötzlich an! Er blickte ihr zum erstenmal fest ins Gesicht und sprach mit festerer Stimme als je zuvor: – er bekannte ihr, daß er sie liebe. Und sie errötete, wurde verwirrt und schwieg, während er sonst verwirrt geschwiegen hatte, wenn sie redete. Aber ihre Blicke sagten, daß sie ihn wieder liebe. Es war nur eine flüchtige Begegnung. Als Wahla eben das Wort zu finden begann, kam der Schäfer und sagte Lebewohl, und als der Schäfer ging, kam Wahlas Vater und zeigte Gunther einen verbesserten Steigbügel. Die beiden Liebenden sahen sich den ganzen Tag nicht mehr ohne Zeugen. Am späten Abend ging Gunther einsam im Garten auf und ab. Er schwelgte im Vollgenuß seines Glückes. Hatte er doch heute zum erstenmal sein Herz ganz zu erschließen vermocht, hatte sich doch ihm zum erstenmal ein geliebtes Herz erschlossen! Allein er vermochte sich nicht lange in dem Vollgenuß seliger Liebesgewißheit zu wiegen; er hielt ein und sann, was zu tun sei. Sollte er sofort vor Wahlas Vater treten und um die Hand seiner Tochter werben? Doch nein! das war nicht der rechte erste Schritt. Sollte er nicht vielmehr vorher dem Vater sagen, was ihm Kurt enthüllt hatte? Sollte er ihm nicht zunächst darlegen, daß er nicht ganz der Enterbte sei, daß er Ansprüche auf eine weit glänzendere Lebensstellung erheben könne, als man bisher geahnt hatte? Doch nein! dies war ja vorerst nur ein Traum, wie er andererseits seither geträumt hatte, daß er ausgestoßen und verlassen sei. Welcher von beiden Träumen sprach denn die Wahrheit? War die Erzählung des Schäfers eine Urkunde, mit welcher er, sein Recht fordernd, vor den Bruder treten konnte? Und wenn sie es wäre, wollte er denn Walram verdrängen, der ohne Zweifel im besten Glauben seines Rechtes aufgewachsen war? Das wollte er in der vollen Gutmütigkeit seines Herzens gewiß nicht. Allein er konnte sich ja mit seinem Bruder vergleichen, sie konnten gemeinsam der Herrschaft walten, wie es auch die beiden Brüder von Molsberg taten. Nach langem Sinnen beschloß Gunther zuletzt, vor Wahlas Vater noch zu schweigen, ja sein Geheimnis auch vor Wahla noch zu verschließen, dagegen sofort nach Hause zurückzukehren, um zu ergründen, wer er selber sei. Wußte er das, dann wollte er wiederkommen und um die Hand der Geliebten werben. Jetzt mit einemmal leuchtete es ihm auch wie ein Blitz durch die Seele, daß Walram ihn unter allen Umständen übervorteilt habe, daß er auch als Zweitgeborener ganz andere Ansprüche erheben dürfe, als sie das magere Gütchen von Windhaus gewähre. Sein ganzes Leben hatte ihm Entsagung gelehrt, ja er hatte oft geradezu geschwelgt im Entsagen, wie dies vergeistigten Naturen eigen ist. Doch nun er liebte und geliebt wurde, wollte er nicht mehr entsagen. Man braucht nur eine Braut oder gar eine Frau zu haben, so wird man weltklug und lernt zugreifen, wo man vorher geträumt und abgewartet hatte. Schon am nächsten Morgen rüstete sich Gunther zur Abreise. An dem heimeligsten Plätzchen des Gartens sagte er Wahla Lebewohl. Heute beteuerte auch sie ihm ihre Liebe, aber sie begriff nicht, warum er gerade jetzt so plötzlich abreisen wolle. Gunther sagte, das geschehe gerade um ihres Liebesbundes willen; er gehe nach Hause, um als ein neuer Mann wiederzukommen und dann bei dem Vater um ihre Hand werben zu können. Dann schwuren sie sich auf Gunthers Andringen gegenseitig, daß sie vor seiner Rückkehr keiner Seele etwas offenbaren wollten von ihrem Bunde. 13. Am 5. September, genau drei Monate nach der unglücklichen Schlacht von Worringen, erblickte Gunther die Türme des väterlichen Schlosses wieder. Es war ein milder, weicher Spätsommerabend; die Sonne verglühte in ihren letzten Strahlen. Gunther verlangsamte den Gang seines Pferdes. Es trieb ihn nach Hause und zog ihn doch viel mächtiger wieder zurück. Er hätte weinen können vor Wehmut. Allein ein Ritter, der von seinem ersten Feldzuge heimkehrt, soll doch nicht weinen, auch wenn er so arm zurückkommt wie Gunther. Das Pferd, worauf er ritt, hatte ihm der Molsberger geliehen und den Knecht dazu, der hinterdrein ritt und die Pferde zurückführen sollte. Harnisch, Schild und Schwert hatte er auf dem Schlachtfeld gelassen und den Rock, den er trug, hatte ihm der Herr von Molsberg geschenkt. Er hatte alles verloren und nur ein liebes, treues Herz gewonnen. Doch von diesem Gewinn sollte die Welt noch nichts wissen. An der Waldecke, wo sich der volle Anblick des Schlosses auftat, stieg er ab und befahl dem Diener, mit den Pferden zum Dorf hinüberzureiten und dort zu warten, bis er ihn rufen lasse. Er wollte ganz allein aufs Schloß gehen und seinen Bruder überraschen. Als er sich dem befestigten Tore der äußeren Ringmauer näherte, sah er das kleine Seitenpförtchen geöffnet: der Torwart saß daneben auf der Bank und blickte nach den Wolken, offenbar in Anbetrachtungen versunken, die sich auch ein Torwart mitunter zu machen pflegt, wenn er nichts besseres zu tun weiß. Gunther trat ihm ganz unerwartet zur Seite, klopfte ihm auf die Schulter und bot ihm einen Guten Abend. Da sprang der Mann auf, sah den Junker starr ins Gesicht, stieß einen lauten Schrei aus und lief davon. Seltsamer Empfang! Gunther trat in die Torhalle. Der Knecht des Torwartes kam von innen herbeigelaufen, um zu sehen, warum sein Herr so schreie. Als er aber Gunther erblickte, starrte er ihn gleichfalls entsetzt an, schrie noch lauter wie der andere, sprang zurück in den Zwinger und warf das innere Tor hinter sich in den Riegel. Gunther, der nun nicht vorwärts konnte, wollte wieder hinausgehen, als ihm die beiden großen Schloßhunde knurrend und zähnefletschend entgegensprangen. Doch da er sie anrief, hielten sie plötzlich ein, erhoben ein Freudengeheul, wedelten und sprangen an ihm empor, daß sie ihn vor lauter Jubel beinahe umgeworfen hätten. Das war doch wenigstens ein herzlicher Willkomm! Und Gunther faßte die Hunde bald am Hals, bald an den Ohren und streichelte sie, und die Hunde legten sich ihm wedelnd zu Füßen, und alle drei waren sehr glücklich miteinander. Als aber der Pförtner von außen und der Knecht durch das innere Torfensterchen die drei glücklichen Wesen sahen, faßten sie ein Herz und kamen von beiden Seiten vorsichtig herzugeschlichen. »Seid Ihr es, Herr Gunther?« riefen beide. »Seid Ihr wirklich lebendig?« Und als nun Gunther ihnen versichert hatte, daß er ganz gewiß nicht tot, sondern lebendig sei, und ihnen die Hand gereicht hatte, die sich ganz warm anfühlte, da küßte ihm der Torwart die Hand und der Knecht fiel gar auf die Knie, und sie baten ihn um Verzeihung, und die Hunde sprangen herüber und hinüber und waren unbändig lustig bei diesem rührenden Schauspiel. Gunther erfuhr nun, daß der aus der Schlacht entflohene Knappe seinen Tod gemeldet habe und daß diese Nachricht durch Anfrage bei Freund und Feind bestätigt worden sei. Der Graf von Berg hatte dann in vergangener Woche sogar Gunthers Rüstung und Waffen übersandt, welche die Bauern vom Schlachtfeld eingebracht hatten. Auf dieses sicherste Zeichen hin – so fuhren die beiden fort – sei gestern eine feierliche Seelmesse für den Herrn Junker gelesen worden, und so hätten sie ihn doch ganz gewiß für tot und begraben und seine Erscheinung für ein Gespenst halten müssen. Ein wandernder Krämer, den Gunther beauftragt hatte, seinen Aufenthalt in Rodineck dem Bruder zu melden, war nicht angekommen; wenigstens wußte der Torwart nicht, daß eine solche Nachricht eingelaufen wäre. »Ist mein Bruder auf der Hattenburg?« fragte Gunther. Der Pförtner antwortete: »Er ritt heute morgen hinweg mit dem jungen Herrn von Scheuernberg und dem tollen Junker Matz und großem Gefolge. Die Herren lagen vier Wochen hier zu Gaste: das war eine lustige Zeit! Turnieren und Jagen, Singen und Schmausen! Und dann war Eure Seelmesse gestern wieder so traurig und Euer Bruder war so fromm in der Kirche! Aber heute morgen zogen sie alle miteinander aus unter Hörnerschall; sie reiten zum Rhein, von Burg zu Burg: da wird es Gastereien geben! Man sagt, Herr Walram reite aus, um sich eine Braut zu suchen.« Nachdem Gunther diese Neuigkeiten gehört hatte, verlor er die Lust, über Nacht auf der väterlichen Burg zu bleiben. Er ging hinunter ins Dorf, bestieg dort sein Pferd und sprengte stracks nach dem Windhaus, wo er in dunkler Nacht ankam und nur mit Mühe Einlaß fand. Hier waren während seiner Abwesenheit keine zechenden Junker eingezogen, sondern nur eine Schar von Fledermäusen, ungemütliche Tiere für Damen mit langen Locken, aber sehr gemütliche Tierchen für Männer mit kurzen Haaren. Und seit Gunther der Balken auf den Kopf gefallen war, trug er die Haare kurz. Er schwelgte in dem süßen Kummer der Einsamkeit und klagte über das herbe Glück der Einsamkeit. Er wollte einsam sein und war mit einemmal sich selbst allein etwas zu wenig und dachte, Einsamkeit zu zweien wäre doch die allerschönste Einsamkeit. 14. Gunther fand auf dem Windhaus keine Ruhe. Er begann alles mögliche zu treiben und wußte dennoch niemals, was er eigentlich treiben sollte. Die Stunden schritten ihm im Schneckenschritt dahin. »Ich habe warten gelernt,« sprach er zu sich am zweiten Tage und nahm sich vor, dieses Wort künftighin als seinen Sinnspruch zu führen. Wir wählen uns gerne Sinnsprüche, die das besagen, was wir wollen und sollten, aber niemals fertig bringen. Er wartete: – zunächst auf den Schäfer Kurt, der nicht kam. Sollte ihm Schlimmes unterwegs zugestoßen sein? Er wartete – auf seinen Bruder, der ja günstigenfalls erst nach Wochen zurückkehren konnte; er wartete, ihm das entscheidende Geheimnis zu eröffnen, seine Ansprüche geltend zu machen, und dann wieder zum Rheine zu eilen, um als ein neuer Mann vor Wahlas Vater zu treten und um ihre Hand zu werben. Einstweilen blieb ihm eben gar nichts anderes übrig, als zu warten, und er entdeckte mit Verdruß, daß er durchaus nicht warten gelernt habe. Er ging auf die Jagd und konnte sich nicht entschließen, den Bolzen von der angelegten Armbrust abzuschnellen, wenn ihm ein Rehbock zum schönsten Schusse stand. Nach Hause zurückgekehrt, ärgerte er sich, daß er nicht draußen geblieben war, und schoß den Bolzen in die blaue Luft zum Fenster hinaus. Man nennt diesen Zustand des Gemüts »Liebe«. Die Bauersleute aus der Gegend kamen neugierig herbei, um einen lebendigen Menschen zu sehen, für welchen man schon eine Seelmesse gelesen hatte. In der früheren Zeit pflegte Gunther auch mit dem Geringsten ein freundlich Wort zu reden; jetzt ging er den Bauern aus dem Wege. Sie meinten zuletzt, wenn der Junker wirklich noch lebe, dann lebe er wie ein Gespenst und schleiche wie ein Gespenst umher: das wirke gewiß die Seelmesse. Herr Hans Haller von Bolgenstein, ein Jugendfreund Gunthers, kam eigens nach Windhaus, um den Wiedererstandenen zu beglückwünschen. Er wollte erzählt haben von des Freundes Abenteuern, vorab von der Schlacht von Worringen. Allein die Schlacht lag Gunther jetzt weit zurück in grauester Ferne, und von dem einzigen süßen Abenteuer, welches ihn Tag und Nacht beschäftigte, wollte und durfte er nicht erzählen. In der Tat, wenn zwei Liebende beieinander sind und ein dritter kommt hinzu, dann pflegen sie sehr langweilig zu sein, wenn aber ein Liebender von der Geliebten getrennt ist und ein dritter besucht ihn, dann ist er noch hundertmal langweiliger. Nach vierzehn Tagen begann Gunther einen Brief an Wahla zu schreiben. Er hörte jedoch bald wieder auf und zerriß das Blatt; denn es fiel ihm jetzt erst ein, daß Wahla ja nicht lesen konnte. Sie war sehr gebildet für ihr Alter, sie konnte singen, tanzen und wunderschöne Kränze winden, sie konnte spinnen, weben, sticken, nähen, sie konnte kochen, sieden und braten, Wunden heilen und das Fieber beschwören, aber lesen und schreiben konnte sie nicht. Gunther ward ganz zornig darüber, daß er diese einfältige Kunst gelernt habe, welche ihm jetzt nichts nütze, wo er sie zum erstenmal brauchte, statt daß er vielmehr zornig darüber hätte sein sollen, daß Wahla diese Kunst nicht gelernt hatte. Man nennt diesen Zustand des Verstandes »Liebe«. 15. Obgleich die Zeit stille zu stehen schien, verging sie doch, und nach sechs Wochen, als man den 17. Oktober schrieb, öffnete sich eines Abends die Tür von Gunthers Gemach, der längst Erwartete war gekommen: – Walram stand vor ihm. Gestern auf dem Schlosse eingetroffen, war er gleich heute nach dem Windhaus herübergeritten. Ob ihn wohl die brüderliche Liebe so schnell hergetrieben hatte? Wenigstens sagte er es in herzlichen Worten und begrüßte aufs zärtlichste den verloren geglaubten Bruder. Welch ein schöner, feiner Mann war Walram! Wie frei und gewandt wußte er zu sprechen, wie überlegen stand er vor dem armen, unbehilflichen Gunther, der kaum die Sprache fand! Und wie oft hatte sich dieser doch vorgesagt, was er in diesem längst erwarteten Augenblicke sprechen wolle! Walram brach das Schweigen: »Ich komme, um dir meine Verlobung anzukündigen. Ich gedenke bald eine Frau auf unser Schloß heimzuführen« – – Gunther hörte zerstreut, mit halbem Ohre, – – »die Tochter des Herrn von Molsberg«, fuhr Walram fort. Gunther schreckte auf, wie aus einem Traume. »Welches Herrn von Molsberg?« rief er. »Gisos?« »Nein, Gerlachs!« »Welche Tochter Gerlachs?« »Welche? Er hat nur eine: Wahla. Ich komme geraden Wegs von Rodineck.« »Du warst in Rodineck?« »Freilich! ganze drei Wochen lang. Dort erfuhr ich ja so viel von deiner Rettung, deiner Genesung, daß ich dich vorhin gar nicht zu fragen brauchte. Du stehst zu Rodineck im besten Andenken.« »Es ist nicht möglich!« unterbrach ihn Gunther. »Wie wärest du nach Rodineck gekommen?« »Wie ich dorthin kam? Auf einem großen Umwege, gleich dir. Freunde hatten mich diesen Sommer besucht, um mich über deinen Verlust zu trösten, und als ihr Trost gar nicht verfangen wollte, da sagten sie zuletzt, ich müsse mich verheiraten, um auf andere Gedanken zu kommen. Und so zogen wir gemeinsam aus von Burg zu Burg, zum Rheine hinüber. Wir fanden überall gastliche Aufnahme und schöne Mädchen, alle zum Küssen schön, aber zum Heiraten war keine schön genug. Da trennte ich mich von meinen Freunden. Denn ich hatte gehört, die Schönste der Schönen blühe in tiefster Verborgenheit, in jenem verzauberten kleinen Hause bei Andernach. Sie wollte ich ohne Begleitung sehen; denn wo es ernst wird mit der Liebe, da sind alle Freunde überflüssig.« »Und du gewannst Wahlas Liebe?« fragte Gunther mit erstickter Stimme. »Sie war mir gut, sie war mir so unbefangen freundlich schon am ersten Tage. Dann wurde sie unruhiger, verwirrter, als ich mich ihr mit Zeichen wachsender Liebe nahte. Sie floh oder saß mir stumm gegenüber, wenn sie bleiben mußte, sie zitterte, wenn sie mit mir redete. O wie entfachte diese jungfräuliche Verschämtheit meine Leidenschaft! Wußte ich doch, daß dieser sichtbare Seelenkampf, der sie bald erblassen, bald wie im Fieber erglühen ließ, die stumme und doch so beredte Sprache der sich durchringenden Liebe war!« »Und sie gestand dir ihre Liebe?« stotterte Gunther. »Ich tat, was ein Mann von guten Sitten tun soll. Ich ging zu ihrem Vater und warb um ihre Hand. Der Alte sagte sie mir zu. Er rief Wahla, er verkündete ihr meine Werbung, er forderte, daß sie als gehorsames Kind ihre Hand in die meine lege. Sie weigerte sich, sie brach in Tränen aus und konnte vor Schluchzen kein Wort über die Lippen bringen. Aber der Vater erhob sie freundlich empor und fügte selber unsere Hände zusammen – und sie ließ es geschehen. Sie war von Sinnen: – dieses vernichtete Niedersinken im Übermaß des Glücks – es war erschütternd – und es war entzückend!« Da brach Gunther hervor mit einer Wut des Zornes, mit einer Glut der Leidenschaft, wie sie Walram nie an ihm gesehen, und rief: »Du hast mir mein Erbgut geraubt, mir, dem Erstgeborenen, du willst mir auch mein einziges Glück, meine Liebe rauben! Wahla gehört mir! Wahla liebt mich! Sie ward verwirrt in deiner Nähe, sie floh dich, sie verstummte, nicht weil sie dich liebte, sondern aus Schreck vor deiner Liebe! Sie brach zusammen, nicht im Übermaß des Glücks, sondern im Übermaße des Elends, womit du sie beladen hast! indem du sie in den unlösbaren Zwiespalt zwischen ihrer beschworenen Liebe und ihrer kindlichen Pflicht stürztest! Walram! Ich wollte bei deiner Rückkehr mein Recht der Erstgeburt von dir zurückfordern; – nein! – ich wollte es brüderlich mit dir teilen. Nicht Gottes Wille, sondern ein schwaches, altes Weib hat dich zum Erben dieser Grafschaft gemacht, die mir gebührt. Ich schenke dir mein Recht. Sei und bleibe, was du bisher gewesen bist. Aber verzichte auf Wahla, die dich nicht liebt, und lasse mir das einzige Glück, was mir in diesem elenden Leben zu teil ward, das Glück, die Liebe eines treuen Herzens zu besitzen!« Walram erglühte. Dann sprach er kalt und fest: »Also hat auch dir die verrückte Husbeckin ihre tolle Geschichte erzählt! Ich dachte es längst. Aber du mußt bessere Beweise bringen, um mich von dem Platze zu stoßen, den mir meine Eltern stets und zweifellos zuerkannten, den mir alle Welt zuerkannt. Ich besitze Wahlas Hand aus ihres Vaters Händen, und es wäre ein seltsamer Handel, wenn ich die Geliebte hingeben sollte, um ein Recht zu erkaufen, welches ich seit meiner Geburt besitze und welches mir kein Mensch bestreiten kann.« Bei diesen Worten ging er ohne Abschied. 16. Dem Abend folgte für Gunther eine schlaflose Nacht. Bitter klagte er seinen Bruder an, der um das Bekenntnis der Husbeckin gewußt, der gegen ihn darüber geschwiegen und der sich doch jetzt verraten hatte. Aber er klagte auch sich selbst an. Hatte er nicht Wahla Schweigen gelobt? und nun hatte er das Geheimnis ihres Liebesbundes dem Bruder doch entdeckt; er hatte – seinen Schwur gebrochen. Wahla dagegen hatte geduldet und geschwiegen. Sie erschien ihm wie eine Heilige, wie eine Märtyrerin, die von ihrem Vater zur Opferung geführt wird. Am nächsten Morgen in aller Frühe ritt Gunther ganz allein vom Windhaus hinweg. Er sagte dem einzigen Diener, der das Haus behütete, nur, er werde vielleicht in wenigen Tagen wiederkommen, vielleicht auch lange nicht. Wohin er gehe, sagte er niemand. Man erfuhr später, daß er Geradeswegs nach Rodineck geritten war und dort während eines Tages sich aufgehalten habe. Was an diesem Tage in den Gemächern der kleinen, friedlichen Burg vorgefallen, das blieb verborgen. Die dortige Dienerschaft erzählte sich nur, daß Gunther lang und heftig mit dem Herrn von Molsberg gesprochen habe und daß die beiden Männer so dröhnenden Schrittes in des Ritters Stube auf und ab gegangen seien, daß der Boden erzitterte. Schon am Nachmittag sei Gunther wieder hinweggeritten, langsamsten Schrittes, in sich versunken, weder des Weges, noch der Begegnenden, noch seines Pferdes achtend, dem die Zügel schlaff über den Hals gehangen hätten. Aber das Merkwürdigste sei am späten dunklen Abend geschehen. Gunther müsse da zu Fuße wiedergekommen sein, eine unsichtbare Hand müsse ihm das Hinterpförtchen zum Garten geöffnet haben; denn im Garten seien darauf leise flüsternde Stimmen wie Gunthers und Wahlas zu erhorchen gewesen. Dann sei alles still geworden. Über den weiteren Verlauf gingen die Erzählungen auseinander. Doch waren alle, die irgend etwas erlauscht hatten, darüber einig, daß Gunther mit Wahla zu entfliehen versucht, daß er sie entführt habe, aber vom Vater verfolgt und eingeholt worden sei. Nach Mitternacht hatte der Alte seine Tochter in das Haus zurückgebracht, was aber aus Gunther geworden, das wußte niemand. Gewiß war nur, daß Wahla des anderen Tages todkrank zu Bette lag. Ein Bote wurde nach Koblenz geschickt, um einen alten Juden herbeizuholen, der für den größten Heilkünstler der ganzen Gegend galt. Er blieb über eine Woche auf Rodineck und schien schwer besorgt über den Ausgang der Kur. Der Vater verzichtete auf sein gewohntes Vergnügen der Jagd, bestieg kein Pferd und brütete einsam auf seiner Stube oder schlich betrübt um das Haus. Gäste kamen nicht. Friede und Frohsinn schienen für immer von Rodineck gewichen. Im ganzen Rheinlande verbreitete sich bald die Nachricht von Wahlas Entführung, und je weiter die Kunde umlief, desto reicher wurde sie von den buntesten Goldfäden der Sage durchwoben. Auf Gunther schmähten die Leute als auf den gottlosesten, undankbarsten Menschen, der monatelang treue Pflege unter dem gastlichen Dache des Molsbergers genossen und ihm zum Dank dafür sein Kind entführt habe. Da fast niemand Gunther von Angesicht kannte, so wurde er als der häßlichste, mißgestaltetste Kobold geschildert, der nur durch Zauberei die Jungfrau habe betören können. Walram dagegen, der ehrsam um die Hand der Tochter beim Vater angehalten, erschien als ein bildschöner, ritterlich edler Held, eine wahre Lichtgestalt, der nun durch die Schuld des neidischen Bruders seine Braut am Rande des Grabes sah. Mehrere junge und hübsche Töchter des Rheinlandes verliebten sich geradezu in das dichterische Bild des edlen Walram, den sie nie gesehen hatten, und wären sehr geneigt gewesen, ihm zum Trost ihre Hand zu reichen, sowie Wahla gestorben sein würde. Letzteres aber mußte nach der allgemeinen Ansicht demnächst der betrübende Schluß der Geschichte sein. 17. Gunther hatte in Wahrheit getan, was sich die Leute erzählten. Er hatte Wahla beredet, mit ihm zu entfliehen, nachdem er von dem Vater streng und demütigend zurückgewiesen worden war. Das arme Mädchen, im wildesten Seelenkampfe hin und her geschleudert und außer sich bei dem Gedanken, daß sie nun willenlos Walram für immer gehören solle, wie sie willenlos ihre Hand in die seinige gelegt – das arme Mädchen hatte zuletzt Gunthers leidenschaftlichem Drängen nachgegeben und wußte selbst nicht, was sie tat, als sie des Nachts mit ihm das väterliche Haus verließ. Aber der Vater war wach gewesen und den Fliehenden nachgegangen, die er gar nicht weit vor dem Tore einholte. Der Schluß des peinlichen Zusammentreffens war, daß Wahla, niedergeschmettert von der Wucht der väterlichen Gewalt, die ihr jetzt wieder ganz wie ein göttliches Recht erschien, gegen welches sie sich empört habe, dem zürnenden Vater nach Hause folgte. Gefoltert von Schmerz und Beschämung stand Gunther allein in der dunklen Nacht. Der Herr von Rodineck hatte ihn zwar nicht aus dem Hause geworfen, aber er hatte ihm verboten, jemals wieder hineinzukommen, und das war nicht viel besser. Er konnte sich lange nicht von dem Orte trennen, er umkreiste von fernher die Mauern, bis das letzte Licht hinter den Fenstern erloschen war. Er gedachte der Qualen, die Wahla jetzt um seinetwillen erduldete, und konnte ihr doch nicht helfen. Sollte er in der Morgenfrühe noch einmal ans Tor klopfen und den Vater umzustimmen versuchen? Sein gekränkter Stolz verbot ihm dies. Er wollte hinausziehen in die Welt und dem Molsberger erst recht zeigen, wer er sei, er wollte die kühnsten Taten verrichten und dann wiederkehren nach Rodineck. Allein er war schon einmal ausgezogen zu kühnen Taten und elend zerschlagen zurückgekehrt und hatte denselben Molsberger um Schutz und Pflege angefleht. Und was sollte inzwischen aus der armen Wahla werden? – Er fühlte sich ganz hilf- und ratlos. Ein kräftig niederströmender Regen trieb ihn endlich in den Wald hinein, wo er in wachem Traume bis zum Morgen umherirrte. Todmüde kam er vor einem großen Bauernhause an, welches am Waldessaume lag. Er öffnete die Türe. Der Bauer trat ihm entgegen und betrachtete ihn argwöhnisch vom Kopf bis zu Fuß. Gunther grüßte freundlich und bat, daß er ihm einen Platz am Herdfeuer gönnen möge, denn es regnete immer stärker, und ein Stück Brot gebe. Der Bauer schlug ihm die Türe vor der Nase zu, schob den Riegel vor und rief durchs Fenster, er möge machen, daß er weiterkomme. Gunther wandte dem Hause den Rücken, ohne ein Wort zu erwidern. Er hatte arme Wanderer immer so freundlich beschenkt, daß er glaubte, es sei nicht schwer, zu betteln. Jetzt merkte er, wie schwer dies ist, und vergaß für den Augenblick all sein anderes Leid über der betrübenden neuen Erfahrung, daß es doch mitunter auch recht schlechte Menschen in der Welt gebe. Er lenkte seine Schritte wieder zum Walde hinüber; da hörte er hinter sich laut rufen: »Halt, Freund! Nicht so geschwind!« Er glaubte schon, der grobe Bauer rufe ihn zurück, und tat im stillen Abbitte, daß er den Mann für so hartherzig gehalten habe. Allein der Ruf kam von einem gewaffneten Reiter, der, gefolgt von drei berittenen Knechten, auf ihn zusprengte und ihn mit den Worten begrüßte: »Also seid Ihr's wirklich? Junker Gunther! Kriegskamerad. Habe ich Euch doch schon von weitem an Euerm Buckel erkannt! Glückauf! Wohin geht die Reise?« Nun erkannte auch Gunther den Reiter, der zwar keinen schiefen Buckel hatte, aber ein solches Galgengesicht, daß man's ebensowenig vergaß und unter Hunderten wieder herausfand. Es war Fritz Merkenauer, ein Edelmann von etwas zweifelhaftem Stammbaum, dessen Lehensgüter vermutlich im Monde lagen, der aber eine verteufelte Klinge schlug. Während des unglücklichen Feldzugs war er zum öfteren Gunthers Zeltgenosse gewesen und hatte bei Worringen an seiner Seite gefochten. Er fragte: »Wohin geht Ihr?« »Das weiß ich nicht.« »Woher kommt Ihr?« »Das sage ich nicht.« »Wo wohnt Ihr?« »Nirgends.« »Was treibt Ihr? Was habt Ihr vor?« »Gar nichts.« Fritz Merkenauer lachte laut auf, sprang vom Pferde, schüttelte Gunther die Hand und rief: »Gehet mit mir, dann werdet Ihr bald wissen, woher Ihr kommt, wohin Ihr geht, wo Ihr seid und was Ihr treibt! Aber zuerst wollen wir zusammen frühstücken und zwar im Trockenen, dort in dem großen Bauernhause, denn der Regen dringt bis auf die Haut und aus dem Schornstein drüben steigt ein verheißungsvoller Rauch empor.« Gunther meinte, sie würden hier schlechte Aufnahme finden, und erzählte, wie ihm der Bauer vor wenigen Minuten die Türe gewiesen habe. »Der Bauer soll bestraft werden!« rief der Merkenauer. »Ich will Gerechtigkeit üben und Ihr sollt Genugtuung haben.« Bei diesen Worten klopfte er mit dem Schwertknauf wider die verschlossene Haustür, und da niemand öffnete, sprang einer seiner Knechte herbei und schlug mit dem Streitkolben die Tür in Stücke, daß sie dröhnend auf den Hausflur fiel. Jetzt kam der Bauer mit einem dicken Prügel herangesprungen. Als er jedoch die feinen Gäste erblickte, ließ er den Prügel hinter sich zu Boden sinken und fragte sehr höflich, was die Herren wünschten? »Wir wünschen gut zu essen und zu trinken, und zwar augenblicklich!« rief der Merkenauer. Der Bauer entgegnete, daß er kaum ein Stück Brot im Hause habe; der edle Ritter aber würdigte diese Lüge gar keiner Erwiderung, sondern winkte seinen drei Knechten, die den Bauern von rechts und links packten und in den Schweinestall sperrten und dann das Haus durchsuchten. Sie taten dies so rasch und sicher, daß man sofort erkannte, welch vieljährige Übung sie in derlei Geschäften besaßen, brachten auch bald einen prächtigen Schinken, dazu Käse, Eier und Brot nebst sechs Krügen Wein und deckten den Tisch höchst einladend neben dem prasselnden Herdfeuer, so daß man sich nur niederzusetzen und zuzugreifen brauchte. Dies tat denn auch Fritz Merkenauer und ließ sich das Frühstück schmecken, und Gunther folgte ihm, wenn auch mit bedeutend weniger Appetit, und die Knechte setzten sich seitwärts in die Ecke und griffen gleichfalls zu. Das Bild war sehr gemütlich anzusehen, nur nicht für den Bauern, allein den hatte man ja mit zarter Rücksicht in den Schweinestall gesperrt, damit er's nicht zu sehen brauchte. Während des Essens erzählte der Merkenauer Gunther von der »Reise«, welche er vorhabe. Er sprach: »Die großen Herren haben zwar Friede gemacht, allein kleine Herren wie wir setzen den Krieg noch fort. Sollen wir uns überwunden geben durch eine einzige Schlacht? Sollen wir uns nicht rächen an unseren Siegern? Wir wollen uns zunächst an den Kölner Krämern rächen, die gegen ihren eigenen von Gott gesetzten Bischof gefochten und seine Burg niedergerissen haben. In dieser Gegend ist freilich nichts zu machen, hier brennt mir der Boden unter den Füßen. Ich reite rheinaufwärts gegen Frankfurt. Unterwegs werden gute Freunde zu uns stoßen; sie kennen den ›wilden Fritz‹, wie sie mich nennen. Und stehen wir erst vereint in der Wetterau, dann lauern wir dort einer ganzen Karawane von Kölner Kaufleuten auf, die in der nächsten Woche mit vollen Beuteln nach Frankfurt ziehen. Sie sollen Buße zahlen für die Empörung gegen ihren Bischof, und diese Buße streichen wir ein, denn der Bischof sitzt im Käfig und kann jetzt kein Geld brauchen.« Fritz Merkenauer drang dann sehr beredt in Gunther, daß er sich diesem Ruhm verheißenden Feldzug anschließen solle. Allein Gunther war mißtrauisch gegen den wilden Fritz. Der Einbruch in das Bauernhaus hatte ihm nicht ganz gefallen, und doch konnte er sich auch einer stillen Befriedigung nicht erwehren über die Bestrafung des ungastfreien Mannes. Hatte der wilde Fritz nicht dennoch Gerechtigkeit geübt? Die Reise nach Frankfurt dünkte ihm eher ein Raubzug wie eine ritterliche Fehde. Trotzdem machten ihm die beschönigenden Gründe des Merkenauers erheblichen Eindruck. Er war ein Kind seiner Zeit und seines Standes. Nichts hatte ihn schwerer geärgert, als daß bei Worringen bloße Bürgersleute mit Rittern zu kämpfen sich unterfingen und vollends Ritter zu besiegen sich erfrechten. Ja! er wollte Rache nehmen an diesen Krämern, und es dünkte ihm zuletzt eine recht löbliche Tat, so ein halbes Dutzend derselben totzuschlagen. Ihr Geld mochte dann der wilde Fritz behalten. Kaum ließ Gunther etwas merken von diesen zeitgemäßen Gedanken, so griff Fritz dieselben weiter auf und wußte ihn zuletzt zu überzeugen, daß die geplante Reise nach Frankfurt sehr löblich und nützlich sei. Gunther würde aber doch nicht zugestimmt haben, wenn ihm nicht das ganze Leben seit heute nacht so öde und ziellos geworden wäre, wenn er nicht seinem Schmerz, seinem Zorn, seiner Beschämung mit Gewalt hätte Luft machen müssen. So schlug er endlich ein unter der einzigen Bedingung, daß er im Gefecht der erste sein dürfe. Denn er hoffe dabei durch den Tod erlöst zu werden. Der wilde Fritz gab ihm diesen ersten Platz weit lieber zu, als wenn er bei der Beuteteilung den ersten Platz gefordert hätte. Nun aber galt es, rasch davonzureiten. Ein Knecht nahm ein Pferd aus dem Stalle des Bauern und setzte sich darauf, während er das seinige Gunther überließ. Gunther stutzte. Das war offenbarer Raub. Er hätte dem Bauern das Pferd gerne bezahlt, allein er hatte kein Geld. Der Merkenauer beruhigte ihn, indem er lebhaft sagte: »Was den Bauern gehört, das darf sich der Edelmann nehmen. Wozu wären denn die Bauern überhaupt auf der Welt, wenn sie uns Edelleute nicht ernähren, wenn sie uns nicht dienen sollten? Der liebe Gott schuf den Weinstock, damit wir diesen Wein trinken konnten, der übrigens nicht ganz gut geschaffen, weil sehr sauer war; er schuf das Schwein, damit wir jenen tadellosen Schinken essen konnten: so schuf er auch die dummen Bauern, damit wir uns von ihnen nehmen, was wir brauchen.« Trotz dieser schlagenden Beweisführung nahm sich Gunther doch vor, dem Bauern den Wert seines Pferdes zu ersetzen, falls er lebendig vom Main zurückkomme. Er schwang sich in den Sattel und sie sprengten davon. 18. Der Raubzug gegen die Kölner gelang vollständig. Die Kaufleute waren über den Westerwald nach Wetzlar gereist, weil die Straße längs des Rheins zu unsicher schien. Sie glaubten sich schon ganz geborgen, als sie durch die offene, stark bevölkerte Wetterau gen Frankfurt zogen. Gerade diese täuschende Sicherheit ward ihr Verderben. Zwischen Friedberg und Frankfurt ritten und gingen sie lässig ihrer Straße; die Sonne neigte sich, Pferde und Leute waren müde; ein Teil des bewaffneten Gefolges war in Friedberg zurückgeblieben, da man dessen nicht mehr zu bedürfen glaubte. Doch plötzlich sprengten Bewaffnete von rechts und links gegen den zerstreuten Zug heran; es waren ihrer wohl dreißig Mann; denn noch drei andere »Herren« mit zahlreichen Knechten hatten sich unterwegs zu dem wilden Fritz gesellt. Die Kaufleute wurden umzingelt und aufgefordert, sich zu ergeben. Sie versuchten zwar durchzubrechen; allein der Sieg der Ritter war rasch entschieden. Gunther hatte so wütend dreingeschlagen, daß der Schrecken vor ihm allein schon den Mut der Kaufleute brach. Die Besiegten wurden gefesselt, ihrer Habe beraubt und dann von der jubelnden Bande eiligst gegen die Berge geführt. Man wollte vor der Nacht noch die schützenden Schluchten und Wälder des Taunus gewinnen und dort die Beute teilen. Allein, kaum war der ganze Haufe eine Stunde weit geritten, als sich das vorhergegangene Spiel wiederholte, nur in umgekehrter Weise: Gewappnete in dreifach überlegener Zahl sprengten von rechts und links heran, umzingelten die Räuber und forderten sie im Namen des Kaisers auf, sich zu ergeben. Der wilde Fritz warf stracks sein Pferd nach der Seite herum, wo die Kette der Angreifer noch nicht fest geschlossen war, und entfloh, unbekümmert um die übrigen. Die drei anderen Strauchritter suchten dem Beispiel ihres Führers zu folgen, was auch zweien gelang; der dritte wurde erschlagen. Gunther dagegen wandte sich wider die Hauptmacht der Feinde und ward nach tapferem Widerstand vom Pferde gerissen und gefangen. So erschien er, der sich so verzweifelt gewehrt und die Knechte in den Kampf getrieben hatte, jetzt als der Führer der ganzen Bande. Er ward vor den Hauptmann der Kaiserlichen gebracht und um seinen Namen befragt. Allein er verweigerte standhaft jede Auskunft, da er nicht wollte, daß der ehrliche Name seines Vaters in ihm mit Schimpf und Schande bedeckt werde. Die gefangenen Knechte wußten nur auszusagen, daß der Ritter Merkenauer den jungen Mann bei Andernach von der Straße aufgelesen habe und daß man ihn den Junker Gunther nenne. Da nichts weiter herauszubringen war, behandelte ihn der Hauptmann wie einen gemeinen Wegelagerer, ließ ihn in Ketten schließen und nach Frankfurt führen. Dort wurde Gunther in ein Gewölbe geworfen, welches bei Tag so dunkel war wie bei Nacht und so niedrig, daß man nicht aufrecht darin stehen konnte. In diesem Loche lag er drei Wochen auf feuchtem Stroh, mit Wasser und Brot verköstigt. Er wurde nicht verhört, der Schließer gab keine Antwort auf seine Fragen. Er wußte nicht, wie die Zeit verstrich, wie lange er schon im Kerker sei, er wußte nicht, wann es Tag und Nacht war, und die drei Wochen dünkten ihm eine Ewigkeit. Als man ihn dann aus dem Kerker zog, war er so elend, daß er nicht mehr gehen konnte. Man legte ihn darum gefesselt auf einen kleinen Rollwagen, vor den eine alte Mähre gespannt war, und fuhr ihn unter starker Bedeckung tagelang durch das Land, der Mittagssonne entgegen. Da kamen sie zuletzt nach einer Stadt, die vor hohen Waldbergen lag, und auf der anderen Seite breitete sich weithin eine fruchtbare Ebene aus. Gunther kannte die Stadt nicht; er fragte seine Wächter, wie sie heiße, aber keiner gab ihm Bescheid. Als er durch die Gassen gefahren wurde, schimpfte ihn das gaffende Volk und bedrohte ihn, so daß er fast froh war, wieder hinter Schloß und Riegel zu kommen. Dort sagte ihm der Eisenmeister, daß er am nächsten Tage vor seinen Richter geführt werden solle. Gunther wußte, was ihm bevorstand. Allein er beschloß, auch vor dem Richter zu schweigen, selbst wenn das Geständnis seines Namens und die wahrhaftige Erzählung seines Schicksals ihm das Leben hätte retten können. 19. Kaiser Rudolf von Habsburg ging den räuberischen Rittern streng zu Leib; er wollte Sicherheit schaffen im Reiche. Er hatte in Thüringen sechzig Burgen als Raubnester zerstören, er hatte die schlimmsten Räuber aufknüpfen lassen trotz ihrer Ritterschaft. So war er auch jetzt in den Breisgau gekommen, um Recht und Ordnung wiederherzustellen. Man nannte den Kaiser das wandernde Gesetz, die lebendige Gerechtigkeit. Auf hohem, freiem Bergesgipfel hatte er nach der Urväter Weise die Schöffen um sich versammelt; er saß im Ring auf der Malstatt. Der hagere Alte mit dem kahlen Kopf, der Habichtsnase und den strengen Zügen, schlicht, ja fast gering gekleidet, sah nicht aus wie ein Kaiser, von welchem Glanz und Macht und Gnade ausstrahlt, sondern nur wie der unerbittliche Richter. Scharen Volkes umstanden den Ring, um das seltene Schauspiel zu sehen, wie der gestrenge alte Herr, dem eisigen Novemberwinde trotzend, unter Gottes freiem Himmel Recht sprach und das Volk von seinen Bedrückern erlöste. Eine ganze Bande adeliger Raubgesellen war bereits vorgeführt worden. Man machte kurzen Prozeß; von zehn gewann nur einer die Freiheit, sechs verfielen dem Kerker, drei dem Henker. Zuletzt brachte man Gunther in den Ring. Die Menge glaubte das Zeugnis seiner Missetaten schon in seiner verwachsenen Gestalt und dem von Leiden entstellten Gesicht zu lesen und empfing ihn mit Verwünschungen. Um Namen und Heimat befragt, verweigerte er jede Auskunft. Die Umstehenden begannen zu argwöhnen, daß der halsstarrige Mensch gar kein Ritter sei, sondern ein gewöhnlicher Strauchdieb, mit dem man viel zu viel Umstände mache und der es gar nicht verdiene, von einem so hohen Gericht zum Galgen verurteilt zu werden. Auf die Anklage, daß er gemeinsam mit dem wilden Fritz einen Raubzug unternommen und bei Friedberg die Kölner Kaufleute überfallen habe, bekannte sich Gunther dessen vollkommen schuldig. Die als Zeugen geladenen Kaufleute berichteten dann noch, daß der Angeklagte der Unbändigste im Angriff gewesen sei, ja der eigentliche Führer der ganzen Rotte. Der Kläger forderte ihn auf, zu bekennen, wohin die anderen Führer, namentlich der wilde Fritz, sich geflüchtet hätten. Man stellte ihm sogar eine Milderung der Strafe in Aussicht, wenn er zur Gefangennahme dieses Hauptspitzbuben behilflich sei. Er erklärte, daß er von des Merkenauers Wegen und Verstecken gar nichts wisse, wie es auch wirklich der Fall war. Allein das Gericht wie die versammelte Menge sah dies nur als ein weiteres Zeichen seiner Verstocktheit an. Das Urteil lautete auf Tod durch den Strang. Gunther hörte es ruhig an. Die Frage, ob er nichts weiteres zu erwidern oder zu bekennen habe, beantwortete er mit »Nein!«. Man wollte ihn wegführen, und der Galgen war nicht weit. Da drängte sich ein gemeiner Mann, von einem Schäferhunde gefolgt, durch die Menge, drang trotz aller Abwehr in die Nähe des Kaisers und rief: »Sehet zu, Herr Kaiser, wen Ihr richtet! Das ist der Graf Walram vom Hattengau und kein gemeiner Dieb!« Der Kaiser horchte auf und ließ sich von dem Manne, der kein anderer als der Schäfer Kurt war, wiederholen, was er gesagt hatte. Kurt tat es mit verdoppeltem Nachdruck. Der Kaiser aber erwiderte ihm ruhig: »Du bist entweder ein Narr oder ein Schelm. Ich kenne den Grafen Walram recht gut; denn er war erst vor vierzehn Tagen an unserem Hofe, uns zu huldigen, und sieht diesem Räuber so ähnlich wie der Schwan der Krähe.« Allein Kurt begann nun eine Erzählung, die ebenso lang als verworren war, mit fieberndem Eifer hervorzusprudeln. Er behauptete, jener Mann, den man soeben verurteilt habe, nenne sich freilich keinen Grafen, allein er sei der richtige Graf; er heiße freilich Gunther, aber von Rechts wegen solle er Walram heißen. Das komme alles von dem roten Bändchen, welches ihm die Husbeckin abgebunden und dem falschen Walram umgebunden habe; er sei auch kein Räuber, obgleich er sich dazu bekenne, sondern der wahre Räuber sei sein Bruder, der ihm sein Erbe geraubt und es behalten habe, obgleich ihm doch die Husbeckin gesagt, daß es ihm nicht gehöre. Der Kaiser unterbrach die völlig unverständliche Rede, über welche viele zu lachen, andere zu murren begannen, mit der Frage, wer er selbst denn eigentlich sei und woher er komme? Kurt gab ruhig und wahrhaftig Bescheid. »Wohlan!« sprach der Kaiser, »du treibst ein dummes, falsches Spiel. Bist du wirklich ein Schäfer aus dem fernen Hattengau, wie und warum kamst du denn hierher? Wie konntest du wissen, daß jener Räuber heute hier vor Gericht gestellt werde? Vermutlich warst du auch unter den Wegelagerern bei Friedberg; aber jetzt sollst du deiner Strafe nicht entgehen!« Hierauf begann der ehrliche Kurt wiederum eine lange Erzählung, die jedoch bedeutend klarer herauskam, als seine erste. Er war nach seiner Trennung von Gunther zurückgegangen zu dem Bauern bei Worringen, dessen Schafe er vor der Schlacht gehütet, und hatte demselben den Schäferkarren wieder zugestellt und dagegen seinen Kittel und den ledernen Zwerchsack geholt. Doch hielt er sich länger auf und kam weit langsamer vom Wege, als er gedacht; denn ein Schäfer hat immer Zeit. Wochen verstrichen, so daß Gunther das Windhaus inzwischen bereits wieder verlassen hatte. Die Straße rheinaufwärts führte Kurt über Andernach und er beschloß, in dem nahen Rodineck noch einmal vorzusprechen. Er kam dort am zweiten Tage nach Gunthers unseligem Besuche an und hörte die ganze Entführungsgeschichte. Es war aber auch schon bekannt geworden, daß Gunther sich der Bande des wilden Fritz angeschlossen und den Waldbauern ausgeplündert und in den Schweinestall gesperrt habe und dann mit den Strauchdieben nach Süden gezogen sei. Wahla erfuhr Kurts Anwesenheit. Sie ließ ihn in ihre Kammer rufen und bat ihn unter Tränen, daß er seinem Herrn nacheilen und ihn in ihrem Namen beschwören solle, von der Gemeinschaft mit dem verrufenen Ritter sich los zu machen. Das Elend und der Kummer des kranken, gebrochenen Mädchens rührte Kurt so tief, daß er ihren Auftrag auszuführen versprach. Es gelang ihm, die Spuren der Bande aufzufinden; denn sie waren durchs ganze Land hin deutlich genug. Allein er kam doch viel zu spät und erfuhr erst in Frankfurt, daß die Rotte des wilden Fritz zersprengt und ein buckeliger Ritter, den niemand kannte, gefangen worden sei. Obgleich nun Kurt alle weitere Spur verlor, glückte es ihm doch, später zu erfahren, daß man eine ganze Anzahl gefangener Wegelagerer von nah und fern nach Freiburg bringe, um sie dort vor des Kaisers Gericht zu stellen. Er schloß, daß sein Herr auch dabei sei, und wanderte aufwärts in den Breisgau. Als er eben zum Tore von Freiburg hineingehen wollte, sah er, wie alle Leute hinausströmten zur Malstatt, und so war auch er im letzten Augenblicke dort erschienen. Kurt schloß seine Erzählung mit den Worten: »Mein Herr mag unrecht getan haben, indem er zur Bande des wilden Fritz gegangen ist. Aber bedenket, Herr Kaiser, wenn Euch Euer Bruder Euern Namen gestohlen hätte und Euer Erbe und zuletzt noch Eure Braut dazu, dann würdet auch Ihr teufelswild werden und von Sinnen kommen, Eure Wut müßte heraus, und wenn Ihr Euren Bruder nicht in die Hände bekämet, so müßtet Ihr jemand anderes anpacken, um Euch Luft zu machen. Dies tat auch mein Herr, und wenn er zufällig die Kölner Krämer angepackt und geschüttelt hat, so ist das noch nicht das größte Unglück gewesen.« Der Kaiser hatte schon während der Rede des Schäfers einen Diener herbeigewinkt und ihn fortgeschickt, daß er den verurteilten Junker wieder zurückbrächte. Es war die höchste Zeit gewesen, denn Gunther stand schon unter dem Galgen. Nachdem aber Kurt geendet, sprach der Kaiser zu den Richtern: »Wir verschieben den Vollzug des Urteils, bis wir ergründet haben, wer dieser Mann eigentlich ist und was an ihm gefrevelt wurde, bevor er selber frevelte.« Dann befahl er, Gunther wieder ins Gefängnis zu führen und den Schäfer gleichfalls, doch in getrennte Haft zu nehmen. Man solle den armen einfältigen Mann jedoch gut halten, gleich seinem Hunde; denn er scheine treu zu sein wie ein Hund. 20. Nach etlichen Tagen ließ der Kaiser Gunther ganz allein vor sich kommen. Er sagte ihm, er kenne das Geheimnis seiner Person und seines Lebens und berichtete ihm alles, was er von dem Schäfer auf der Malstatt und nachher noch durch wiederholtes Befragen erfahren hatte. Dann faßte er den Junker fest ins Auge und fragte: »Ist das wahr, was ich erzählte?« Gunther schwieg. »Du schweigst? Also gibst du zu, daß ich die Wahrheit berichtet habe. Denn wäre das nicht, so würdest du widersprechen!« Da fand Gunther plötzlich die Sprache wieder: »Ich kann nicht lügen, auch nicht indem ich schweige. Was Ihr von meinem Erbrecht gesagt habt, ist unerwiesen. Was Ihr von meiner Liebe erzähltet und von meiner verzweifelten Flucht, das klingt wie eine Sage, wie ein Lied, in welchem die Fabel zur Wahrheit und die Wahrheit zur Fabel wird. Was ist überhaupt die Wahrheit einer Geschichte? Wir erleben jedes Ereignis zwiefältig: einmal in der Tat, dann in der Erinnerung, und die Erinnerung ist immer eine Dichterin.« »So erzählt mir, was Eure Dichterin geschaffen hat, aber dichtet mir nichts Neues mehr hinzu«, sprach der Kaiser, und ein huldvolles Lächeln glitt über die sonst so strengen Züge, daß Gunther nicht widerstehen konnte und schlicht und klar die Erlebnisse der letzten Monate zu berichten begann. »Ihr sehet, Herr Kaiser,« sprach er am Schluß, »ich habe ein unnützes Leben geführt, ich habe bei Worringen für eine Sache gefochten, die mich nichts anging, ich habe in Rodineck hinter dem Rücken des Vaters um die Liebe der Tochter geworben, ich habe das arme Mädchen in unseligen Zwiespalt gestürzt, ich habe ihr den Schwur des Schweigens gebrochen, ich habe sie entführt, ich bin unter die Wegelagerer gegangen, ich habe gegen meinen Kaiser gefochten –« »Ihr braucht nicht weiter zu berichten«, unterbrach ihn Rudolf. »Eine einzige von allen den Sünden genügte schon, daß man Euch einsperrte, und Ihr werdet in Haft bleiben. Aber verliert den Mut nicht! Die Wahrheit schläft oft lange und erwacht doch endlich; auch die Liebe gibt sich gar manchmal verloren und kommt ganz unversehens doch ans Ziel.« Der Kaiser entfernte sich sinnend und zweifelnd. Es war ja klar, was Gunther gesündigt hatte; viel dunkler dagegen die Frage, was eigentlich an ihm gesündigt worden sei. Nach seiner bedächtigen Weise wollte dies Rudolf mit aller Klugheit erforschen. Dazu brauchte er Zeit und ihn drängten jetzt andere Geschäfte. Also blieb Gunther sitzen, wenn auch fortan in sehr milder Haft, noch tieferem Sinnen und Zweifeln anheimgegeben als der Kaiser. 21. Nach einiger Zeit wurde er an einen anderen sicheren Ort gebracht. Seine bisherigen Wächter erfuhren nicht, wohin. Man hörte nichts mehr von ihm. Er war verschollen. Wer hätte sich auch viel um ihn kümmern sollen, um den unbekannten, von Natur und Glück vernachlässigten jungen Mann, der eben erst hervorgetreten war und dann wieder versank! Auf der Hattenburg durfte man seinen Namen gar nicht nennen. Walram hörte ihn nicht gern. Er unterließ auch jede Nachforschung nach dem Verlorenen, der seinem Hause Schande gemacht hatte. Nur eine Seele dachte täglich seiner, freilich auch als eines Verlorenen. Verschiedene widersprechende Gerüchte waren zu Wahlas Ohren gedrungen. Zuerst hieß es, Gunther sei in dem Kampfe mit des Kaisers Mannen bei Friedberg gefallen, dann, er sei gefangen vor des Kaisers Gericht gestellt und verurteilt, aber insgeheim hingerichtet worden, damit dem Grafenhause die öffentliche Schande erspart werde. Doch ging auch die dunkle Sage, Gunther lebe noch in ewiger Haft. Der alte Molsberger suchte das unglückliche Mädchen im Glauben an Günthers Tod zu bestärken. Gerhard von Molsberg war kein harter Mann; allein er war ein Kind seiner Zeit. Der Vater verfügte über die Hand seiner Tochter und die Tochter hatte sich seiner Gewalt zu beugen. Er hatte Wahla mit Walram verlobt und dabei blieb er, zumal Walram, nachdem er von dem mißglückten Entführungsversuche seines Bruders gehört, um so leidenschaftlicher auf baldige Hochzeit drang. Nur der andauernd leidende Zustand der armen Wahla bewirkte, daß die Vermählung vom Herbste zum Frühjahr aufgeschoben wurde. Äußerlich war Wahla geduldig und ergeben. Auch sie war ein Kind ihrer Zeit; es schien ihr die größte Sünde, dem Willen des Vaters zu widerstreben. Sie bereute tief, daß sie es in jener verhängnisvollen Nacht getan, und faßte ihr ganzes Elend als die gerechte Strafe Gottes auf. Sie suchte das Bild Gunthers aus ihrer Seele zu reißen, doch es gelang ihr nicht. Fort und fort sah sie ihn in doppelter Gestalt, und beide Erscheinungen kämpften miteinander, und sie zerkämpfte sich über beide. Das eine Mal war es der sanfte, fromme, mildfreundliche Jüngling, wie er krank und genesend während der sonnigen Sommermonate in Rodineck geweilt und ihr Herz gewonnen hatte; das andere Mal der wild erregte, gewaltsame, vergeisterte, unheimliche Mann, wie er im Herbste wiedergekommen war, sie in ihrem tiefsten Gewissen erschreckend, unglücklich durch ihre Schuld, die ihr doch keine Schuld deuchte, und sie und sich mit größerer Schuld belastend. Tat sie unrecht, da sie ihrem Vater folgte? Tat sie unrecht, da sie ihm entfliehen wollte? Sündigte sie, da sie selbst jetzt noch in zielloser Leidenschaft für Gunther, den Verlorenen, sich verzehrte? Sündigte sie, da sie Walram nicht lieben konnte und doch ihre Hand willenlos in die seinige legen ließ? Sie wußte es nicht. Sie bat Gott, daß er sie erleuchten möge, aber sie fand keine Erleuchtung. Sie fragte sich, ob der liebe Gott, der doch alles so dunkel gefügt habe und ihr kein Licht und keinen Trost sende, wirklich der Gott der Liebe sei? Sie begriff dieses Rätsel nicht und zieh sich der Sünde, daß sie es nicht begreifen konnte, ja, daß es ihr überhaupt ein Rätsel war. 22. Wahla hatte den Winter in tiefster Zurückgezogenheit auf dem väterlichen Stammschlosse Molsberg verlebt. Der rauhe Westerwalder Winter und das einsame Bergschloß bildeten einen so schroffen Gegensatz gegen den lieblichen Landsitz Rodineck mit seiner sommerlichen Anmut. Im Dezember war die Einsamkeit auf eine Weile durch einen Besuch Walrams unterbrochen worden. Wahla ging dem Bräutigam aus dem Weg, wo sie nur konnte, und schwieg, wenn er sprach. Das verdroß denselben wohl, allein er ließ sich seinen Ärger nicht merken, und der Vater merkte nicht, daß er dem geliebten Kinde das Herz brach. Da er selber ganz verliebt in Walram war, glaubte er, bei Wahla werde sich die Liebe allmählich auch schon finden. Im Februar war er zum Gegenbesuch in den Hattengau gereist, wo ihm das schöne Schloß und die schönen Güter so außerordentlich gefielen, daß er mit einer gewissen Freude, die bisher doch auch bei ihm nicht ganz hatte aufkommen können, den Ehevertrag beredete und abschloß. Am 6. April sollte die Hochzeit sein. Walram war eine Woche vorher auf Molsberg eingetroffen mit überreichen Geschenken für die Braut, die ganze Molsbergische Familie und Dienerschaft und die zu erwartenden Gäste. Am Morgen nach seiner Ankunft saß er vertraulich mit seinem künftigen Schwiegervater zusammen, der in letzter Zeit erschrocken war über Wahla's Zustand. In ihrer steigenden Schwermut und herben Verschlossenheit erschien sie ihm nachgerade als ein ganz fremdartiges Wesen; er merkte nun erst deutlich, daß sie gar nicht mehr das frohe, gute, offenherzige Kind sei wie früher und wollte eben seine Besorgnis dem Bräutigam ans Herz legen. Da wurde das Gespräch durch einen fremden Mann unterbrochen, der unangemeldet zur Tür hereintrat. Er war in Begleitung eines anderen gekommen, beide tief in ihre Mäntel gehüllt, und der Torwart hatte sie anfangs gar nicht einlassen wollen, da sie ihre Namen nicht nannten und so gering gekleidet waren. Allein der größere und ältere von den beiden sagte kurzweg und ganz herrisch, er sei ein alter Freund des Burgherrn, schob den Torwart beiseite und tat so stolz, daß ihm die Diener verwundert nachsahen, und indem er seinen Begleiter in der Vorhalle ließ, trat er ohne Umstände in das Zimmer. Er schlug den Mantel zurück und begrüßte den Molsberger freundlich: – es war der Kaiser. Herr Gerlach war ganz erschrocken und sprachlos über die hohe Ehre des unerwarteten Besuchs. Walram dagegen fand sofort das Wort, den Gruß aufs schicklichste zu erwidern. »Es ist mir lieb, Euch hier zu finden, Graf Walram,« sagte Rudolf, »ja, ich habe Euch eigentlich gesucht. Euer toller Bruder hat Euch schweren Kummer gemacht und uns kaum minder schweren Kampf und Sorge.« Walram fiel beteuernd ein, daß er keine Mitschuld habe an den Freveltaten Gunthers, die er tief beklage. »Um so glücklicher werdet Ihr sein zu erfahren, daß ich Euch Euern Bruder wiedergebe. Ich habe ihn mitgebracht. Er war bisher mein Gefangener, aber er soll es nicht länger bleiben. Seine Taten waren schlecht, doch im Herzen meinte er's gut, und wo dies zusammentrifft, da soll der König das göttliche Recht der Gnade üben.« Walram erbleichte und stammelte seinen Dank, nun gar nicht mehr so redegewandt wie vorher. »Ich will noch weiter schlichten und versöhnen«, fuhr der Kaiser fort. »Es bestünde eine schwere Streitfrage zwischen Euch und Eurem Bruder, wenn dieser sein Recht wollte geltend machen, die Streitfrage nämlich, ob Ihr wirklich Walram heißt und nicht Gunther, woran sich dann einige nicht unbedeutende Folgen knüpfen würden. Euer Bruder erklärt aber, der Name Gunther sei ihm gut genug, er sei ihm seit dreiundzwanzig Jahren so lieb geworden, daß er ihn gar nicht wieder hergeben wolle; er begehre auch die Grafschaft nicht, welche Euch so sehr gefalle. Allein auch ungebeten bin ich der Anwalt Eures Bruders, weil ich will, daß Recht Recht werde, und müßten wir's vom Himmel holen.« »Das wird in diesem Falle wohl nötig sein,« entgegnete Walram, »denn auf Erden hat sich kein Erweis meines Unrechts gefunden.« Walram berichtete nun, wie seine Eltern niemals den leisesten Zweifel kundgegeben hätten, daß er Walram, daß er der Erstgeborene sei. Die Aussage eines verrückten alten Weibes habe das Märchen aufgebracht von der Verwechslung der Zwillinge, das sie aber bis zu der Stunde, wo die Schatten des Todes bereits ihren schwachen Geist vollends verdunkelten, keinem Menschen offenbart habe. »Doch hatte sie das Geheimnis in besseren Jahren bereits einem Schäfer anvertraut«, unterbrach ihn der Kaiser. »– der ein ebenso würdiger und glaubwürdiger Zeuge ist wie die Alte selber«, ergänzte Walram spöttisch. »Ich habe Kurt, den Schäfer, als einen klugen und treuen Mann erfunden,« fuhr der Kaiser fort, »und ihn in meinen Stall aufgenommen; denn er kuriert Hunde, Pferde und Esel meisterhaft. Aber warum sagtet Ihr Euerm Bruder nichts von dem Bekenntnis der Husbeckin? Glaubtet Ihr gar nicht, daß sie dennoch die Wahrheit könne gesagt haben?« »Wir glauben, was wir wünschen, und wir bezweifeln, was uns Schaden brächte, solange nicht Beweise jenen Glauben oder diesen Zweifel vernichten.« »Ihr redet klug,« sprach der Kaiser, »und es scheint in der Tat, daß solche Beweise nicht zu finden sind. Dennoch wäre es brüderlich, wenn Ihr Euren Namen behieltet und mit dem Bruder zusammenlebtet bei geteiltem Erbe.« »Ich kann nicht mit meinem Bruder zusammenleben,« entgegnete Walram, »denn er bestreitet mir nicht nur die Grafschaft, er bestreitet mir auch meine Braut.« »Wohlan!« rief Rudolf, »kein Mensch kann entscheiden, ob Euch oder ihm die Grafschaft gebühre. Das weiß nur Gott. Aber es gibt einen Menschen, der kann entscheiden, ob Euch oder Gunther Wahlas Liebe zukomme, und der Entscheid soll jetzt getroffen werden, so wahr ich Kaiser bin!« 23. In diesem Augenblick trat Wahla in das Zimmer. Sie glaubte nur ihren Vater hier zu finden, sie erschrak, als sie den Fremden sah, und wollte sich wieder zurückziehen. Allein der Kaiser trat ihr entgegen: »Ich hoffe,« sprach er, »die Tochter des Hauses flieht nicht vor dem Gaste des Hauses, auch wenn er ein ungebetener Gast wäre. Ich bin Euch fremd und doch nicht ganz fremd, denn ich bringe Euch Nachricht von einem unglücklichen Manne, dem Ihr einst gewogen waret. Darf ich Euch von Gunther erzählen?« Wahla schwieg; ihre Kniee zitterten, ihre Lippen bebten. Rudolf wartete eine lange Weile. »Ihr habt mich erschreckt«, sagte sie endlich. »Ich fürchte mich vor Euerm Bericht und ich bin jetzt zu schwach, ihn zu hören. Gunther ist tot; – ich kannte einen anderen Gunther, als den Ihr meint, und von meinem Gunther könnt Ihr mir doch nichts erzählen.« »Vielleicht kann ich's nicht. Aber ich stelle Euch einen anderen Mann, der wird's können.« Bei diesen Worten winkte der Kaiser einen Diener herbei und flüsterte ihm einen Auftrag ins Ohr. Der Diener ging, ihn auszurichten. Da trat Walram zwischen Rudolf und Wahla und rief: »Ihr tut unrecht, Herr Kaiser, daß Ihr dieses arme Mädchen, meine Braut, so grausam martert. Wahla! folge mir!« und er wollte sie hinausführen. Als aber Wahla hörte, daß der Fremde der Kaiser sei, fiel sie vor ihm auf die Knie und flehte um seinen Schutz. Rudolf hob sie auf und sprach: »Ich bin für dich nur der Fremde, der dir Botschaft bringen wollte. Dein rechter Beschützer ist hier dein Verlobter Bräutigam. Folge ihm!« Wahla zögerte. »Oder ist Graf Walram nicht dein Verlobter? Willst du ihm nicht die Hand geben?« »Ich gab sie ihm und ich werde sie ihm geben«, antwortete Wahla, sich wieder aufrichtend. Leichenblässe deckte ihr abgemagertes Gesicht. »Der Entscheid fällt für Euch, das Recht ist auf Eurer Seite!« sprach Rudolf zu Walram. »Seht, es war doch leichter, zu erweisen, wem Wahlas Liebe zukomme, als wem das Geburtsrecht auf die Grafschaft gebühre!« In diesem Augenblick führte ein Diener den Begleiter des Kaisers herein, dessen Gestalt von einem langen groben Mantel verhüllt war. Wahla schrak zusammen, als sie ihn erblickte, dann faßte sie die gramentstellten Züge des Gesichtes fest ins Auge und rief mit herzzerreißendem Schrei: »Gunther!« und sank bewußtlos in die Arme des Kaisers. Als sie langsam wieder zur Besinnung kam, sprach Rudolf milde: »Gunther lebt. Aber es ist nicht mehr der böse Gunther, er ist wieder der gute Gunther geworden, der er im Sommer auf Rodineck war.« Da riß sich Wahla vom Kaiser los und warf sich wortlos Gunther in die Arme und mit ihrem Kuß verschmolzen sich die Tränen beider. Der Kaiser wandte sich lächelnd gegen Walram und den Vater und sagte leise, mit erhobener Hand: »Vorher hörten wir den ersten Entscheid in deutlichen Worten. Mir scheint, dieser zweite ganz andere Entscheid, den wir bloß sehen, ohne ein Wort zu hören, ist der höhere und letzte, der den ersten aufhebt.« Da sprach Walram: »Herr Kaiser! Ihr könnt richten über unser Leben und unsere Dienstpflicht, ja über unser Leib und Leben; doch über unsere Liebe seid Ihr nicht zum Richter gesetzt!« »Habe ich denn gerichtet, junger Mann?« fragte der Kaiser scharf und streng. »Ich sagte nur, ich wolle jemand stellen, der uns Entscheid brächte über Wahla's Liebe, und wir sehen den Entscheid vor Augen. Das letzte Wort hat aber dennoch die väterliche Gewalt, welche gebunden hat und lösen kann, und ich greife nicht in ihre natürlichen Rechte.« Da öffnete endlich der alte Molsberger den Mund und sprach tiefbewegt: »Ich habe während dieser Stunde vieles gehört und gesehen, was mir neu war. Walram dünkt mir plötzlich ein anderer, als ich dachte, Wahla eine andere, Gunther ein anderer. Auch das Glück meiner Tochter dünkt mir jetzt fast wo anders zu liegen als vor einer Stunde. Ich selbst bin wie verwandelt, wie geblendet; aber ich bin langsam und bedacht; ich bitte um einen Tag Frist, dann will auch ich mein letztes Wort sprechen.« Walram schien diese Frist nicht abwarten zu wollen. Er verabschiedete sich kalt und feierlich von dem Kaiser, stumm und kalt von dem Molsberger und verließ die Burg im hellen Zorn. 24. Am folgenden Tag hatte der Kaiser, der auf der Burg geblieben war, einen sehr glücklichen Morgen. War ihm gestern nicht alles nach Wunsch gegangen? In der Tat, er war seit Jahren nicht so zufrieden mit sich selbst gewesen und fand, es sei doch viel leichter und angenehmer, die Herzen der Menschen zu lenken, als die Geschicke der Staaten. Er fühlte sich heute morgen ganz wie ein kleiner Herrgott, und den kleinen Herrgott spielen wir Menschen so gerne, namentlich wenn wir Kaiser sind. Der alte Molsberger war gestern gegen Abend schon ganz gescheit geworden und wollte von Walram kein Wort mehr hören, Wahla hatte den vollen Glauben an Gunther wiedergefunden und Gunther den Glauben an sein Glück. Doch konnte der Kaiser noch immer nicht ganz klug werden aus diesem Gunther, den er nun schon seit Monaten von nah und fern beobachtet hatte. Er meinte, ein Mann, der so unverhofft dem Henker und Kerker entrinnt und dafür seines Kaisers Gnade findet und obendrein eine verlorene Geliebte wiedergewinnt, müsse heller aufjubeln. Und Gunthers Jubel war offenbar noch etwas schwermütig. Er lies ihn rufen. »Was willst du nun beginnen, da du wieder frei bist?« fragte er ihn. »Ich weiß es nicht«, antwortete Gunther. »Die Welt liegt dir offen. Greife zu!« »Wäre ich eines Bauern Sohn, so hätte ich einen Beruf und wüßte, was ich tun sollte; da ich aber zufällig eines Grafen Sohn bin, weiß ich's nicht. Ich habe das Waffenhandwerk versucht und bin schlimm dabei gefahren. Möglich, daß ich fortan auch in den Waffen mehr Glück hätte, allein es befriedigt mich nicht ganz, andere Leute totzuschlagen.« »Du bist ein halber Gelehrter, wie man mir sagte: werde ein ganzer. Du machst dir deine Gedanken und liesest Bücher, am Ende schreibst du gar ein Buch. Nun gut. Lebe glücklich in deinen Büchern und Gedanken!« »Wie könnte ich dies im öden Windhaus! Ich müßte in eine große Werkstatt des Geistes gehen, in ein Kloster oder Domstift. Wie könnte ich aber dies, da ich Wahla liebe?« »Das wollte ich hören!« rief Rudolf lachend. »Und nun weißt du, was du tun sollst: heirate deine Wahla!« »Und was weiter?« – »Was weiter?« wiederholte der Kaiser staunend. »Eine solche Frage hat mir noch kein Liebender gestellt. Freilich, wenn du das nicht weißt, dann weiß ich's auch nicht.« Nach kurzem Besinnen sprach Gunther sehr ernst: »Die Ehe ist der Beruf des Weibes, aber der Mann muß auch noch einen anderen Beruf haben, bevor er zur Ehe schreitet. Wer bloß lebt, um zu lieben, der ist kein Mann. Ich sage es Euch ja, Herr Kaiser, daß ich nicht weiß, was ich im Leben tun soll, und eben darum würde ich Wahla unglücklich machen, wenn ich sie heiratete.« »So heirate Wahla nicht!« »Dann würde ich sie gleichfalls unglücklich machen; denn sie liebt mich über alle Maßen, sie liebt mich so sehr, wie ich sie liebe.« »Ich weiß dir einen Beruf«, fiel der Kaiser ein. »Ziehe dich zurück auf dein bescheidenes Erbgut und verwalte es als ein echter Edelmann.« »Ein echter Edelmann?« fragte Gunther. »Ja, wenn der echte Edelmann ein Bauer wäre, wenn er pflügte und säte und erntete, dann hätte er etwas Ordentliches zu tun. Aber das darf er ja nicht. Er läßt seine Bauern pflügen und nimmt ihre Gülten und Zehnten und Fronden entgegen; er verzehrt die Frucht ihres Fleißes.« »Nun, das ist doch auch eine Arbeit!« rief der Kaiser, »und obendrein eine recht feine und vornehme!« »Aber mein Gut ist so klein und meine Bauern sind so arm, daß ich ihnen gar nichts abnehmen kann, ohne mich der Sünde zu schämen.« »Ich merke, wohin du zielst: Wie schlau können doch auch die kindlichsten Gemüter sein! Doch du hast recht, Gunther. Du bist verkürzt in deinem Erbe, dein Gut ist zu klein. Ich will dir ein reicheres Lehen geben in meinen Stammlanden.« »Edler Herr! Mein Herz hängt an meiner Heimat, die ich nur ein einziges Mal und sehr zu meinem Schaden verlassen habe. Welches Heimweh hatte ich alle die Wochen nach dem öden Windhaus! Ich würde vor Heimweh vergehen in Euren schönen Landen.« »Dann wollen wir sehen, ob dein kleines Gut beim Windhaus nicht erweitert werden kann.« »Das könnte nur auf Kosten meines Bruders geschehen und ich würde es niemals annehmen. Und wenn ich Wahla heimführte nach Windhaus, würde mich mein Bruder dort nicht in Frieden leben lassen; denn Wahla war seine Braut, die er ganz zu besitzen glaubte und die ihn doch nicht haben wollte.« »Du hast recht,« sagte der Kaiser, »du bist gescheit bei all deinem Unverstand. Aber was wäre da zu machen?« »Ich weiß einen Rat, gnädigster Herr. Nehmt Walram auf ein paar Jahre an Euern Hof, gebt ihm ein recht vornehmes Amt in Euerm Gefolge, er ist schön, fein, weltklug, Ihr werdet ihn brauchen können und er wird mich in Frieden lassen und sich bessern.« Der Kaiser lachte laut auf. »Ich habe schon oft gehört, daß der Hof junge Leute verderbe und zur Selbstsucht verlocke, aber noch niemals, daß man einen Selbstsüchtigen zum Hofe schicken solle, damit er dort ein gutes Herz gewinne.« »Für andere Höfe mag das gelten,« fiel Gunther ein, »aber nicht für den Hof Kaiser Rudolfs.« »Junge, wo hast du das schmeicheln gelernt?« rief der Kaiser, mit dem Finger drohend. – Und doch gefiel ihm die kleine Schmeichelei. »Walram ist eitel,« fuhr Gunther fort, »nehmt ihn an Euern Hof; laßt ihn die Eitelkeit auskosten bis zum Übermaße, dann wird er wieder gut.« »Die Eitelkeit übersättigt sich nie«, belehrte Rudolf. »Je mehr man sie füttert, um so hungriger wird sie. Übrigens ist Walram im Zorne von uns gegangen: er würde meine Einladung ablehnen.« »Das wird mein Bruder nicht. Hätte er Wahla geliebt, wie ich sie liebe, so würde er in der Tat dem Zerstörer seiner Liebe absagen und wenn dies gleich sein Kaiser wäre. Allein er liebt, was glänzt, und der kaiserliche Hof glänzt weit mehr, als die schlichte Wahla von Molsberg. Macht die Probe! Sie wird die Liebesprobe, welche Eure Weisheit gestern anordnete, wiederholt bestätigen. Ich wette, daß Walram zu Hofe geht.« »Ich nehme die Wette an«, rief der Kaiser. »Verliere ich sie, dann will ich mich in meinem Leben nicht wieder in fremde Liebeshändel mischen; verlierst du sie aber, dann sollst du statt deines Bruders zwei Jahre an meinen Hof kommen, damit du dort deine Grillen ablegst und dich besinnst, was du eigentlich auf dieser Welt treiben sollst, und fähig wirst, Wahla nicht nur zu lieben, sondern auch zu heiraten. Übrigens bist du ein geborener Hofmann, du mußt nur noch dazu erzogen werden.« Gunther meinte, der Einsatz bei dieser Wette sei etwas ungleich, doch gehe er darauf ein, denn er sei sicher, zu gewinnen. Rudolf aber sprach: »Du bist ein Rechthaber, mit dem kein Mensch fertig wird. Statt von ungleichem Einsatz zu reden, solltest du dich vielmehr freuen, wenn du die Wette verlörest.« Mit diesen Worten entließ er Gunther. 25. Der Kaiser war am Morgen so glücklich gewesen, so selbstzufrieden mit seiner eigenen Weisheit, weil er glaubte, er habe das verfahrene Schicksal wenigstens eines Menschen trefflich wieder auf den rechten Weg zu lenken gewußt, fast gerechter waltend wie unser Herrgott. Allein am Abend mußte er erkennen, daß er mit dem Kopf und Herzen jenes Menschen doch nicht fertig werden könne. Und dieser Mensch war Gunther, den er gerettet hatte, der noch blutjung und unerfahren war, in der Einsamkeit aufgewachsen wie ein Wilder, enterbt und verstoßen, ungeschickt und unglücklich in allem, was er unternahm, und schief und bucklig dazu! Gunther wußte sich selbst nicht zu raten, nahm aber auch keinen Rat von andern an, nicht einmal von seinem Kaiser. Das Schlimmste aber war, daß dieser Kaiser sich sagen mußte, er selber habe ja auch dem Ratlosen nichts Gescheites zu raten gewußt. Es begann zu dämmern. Rudolf ging mit großen Schritten in der Stube auf und ab. Dann blieb er wieder am Fenster stehen und blickte in das weit sich absenkende Hügelland hinaus, das sich mehr und mehr in Dunkel hüllte. Und wie sein Auge aus der engen Stube ins Weite drang, so trugen ihn auch seine Gedanken von dem kleinen Erlebnis des Tages zur Rückschau auf sein langes vergangenes Leben. Er hatte so viel gerichtet und geschlichtet im Deutschen Reiche, er hatte oft geglaubt, das Geschick wie die Herzen der Fürsten und Völker zum Besten gelenkt zu haben, und doch dünkte ihm jetzt, er habe auch da genau so wenig ausgerichtet, wie heute bei Gunther. Recht trübsinnig gelaunt, setzte er sich zuletzt auf eine Bank in der dunkelsten Ecke. Da öffnete sich plötzlich die Türe, die rote Lichtglut einer Fackel drang herein, und dem Diener, welcher die Fackel vorangetragen hatte und diese in den eisernen Ring an der Wand steckte, folgte Gunther höchst ungestüm, eine verhüllte weibliche Gestalt nach sich ziehend, die offenbar lieber davonlaufen als mitgehen wollte. »Fürchte dich nicht, Wahla!« rief er, »wir müssen dem Kaiser berichten, was wir soeben erlebt haben. Herr Kaiser, ich weiß jetzt, was ich will und was ich soll. Ihr konntet mir's nicht sagen, ich konnte mir's auch nicht sagen, aber Wahla hat mir's gesagt. Weil ich die Sache aber gar nicht klar auseinandersetzen kann, wenn Wahla nicht dabei ist, so habe ich sie gleich mitgebracht.« Gunthers Augen leuchteten, sein Gesicht war wie verklärt, er war ein ganz anderer wie heute morgen. Lächelnd betrachtete ihn der Kaiser; dann bat er ihn freundlich, vorzubringen, was er zu berichten habe. »Es ist sehr wenig und sehr viel«, begann Gunther. »Ich saß den ganzen Nachmittag mit Wahla zusammen, bloß um ihr genauer wieder zu sagen, was Ihr und ich am Vormittag miteinander gesprochen hatten. Sie billigte jedes meiner Worte, die ich vor Euch geredet. Ich tauge nicht für den Beruf des Kriegers, ich tauge noch weniger für Euern Hof, es ist für mich zu spät, ein Gelehrter zu werden, ich kann und will auch nicht mein Lebenlang auf dem einsamen Windhaus sitzen, um den Bauern die Zinsen abzunehmen – – « Gunther hielt ein. »Aber wozu taugst du denn endlich?« fragte der Kaiser ungeduldig. »Was hat dir Wahla gesagt, das dein Beruf sei?« »Wahla hat mir gar nichts gesagt. Sie hat nur zugestimmt, daß ich zu allem dem im einzelnen nichts tauge, gerade so wie Ihr zustimmtet. Aber als ich ihr ins Auge blickte, als ich mich in ihrer Nähe so ganz durchströmt fühlte von ihrer und meiner Liebe, da wußte ich auf einmal, was ich tun solle; als ich dagegen heute früh, verzeiht mir, Herr Kaiser, Eure weisheitsvollen Worte hörte, da wußte ich's ganz und gar nicht. Und nun vernehmet meine neue Weisheit: für jeden der genannten Berufe im einzelnen tauge ich nicht, aber ich tauge für alle zusammengenommen; ich will sie alle miteinander ergreifen: in den Krieg ziehen, wenn's nottut, zu Hofe, wenn man einmal meiner bedürfte, ich will meines kleinen Gutes walten, soweit ich mir und meinen Bauern nützen kann, und mich in die Geheimnisse des Denkens und Dichtens versenken, wenn die rechte Sonntagsstimmung über mich kommt, – und das alles zusammen ist der Beruf eines echten Edelmanns, und der bin und bleibe ich doch als meines Vaters Sohn, wenn ich auch enterbt bin und schief und bucklig dazu. Übrigens meinte Wahla, und das war das einzige, was sie sagte, wenn es uns auf dem Windhaus zu langweilig werde, dann könnten wir ja auch in der schönen Sommerszeit beim Vater in Rodineck wohnen.« »Halt!« fiel der Kaiser ein. »»Heute morgen wolltest du ja nicht heiraten. Willst du das nun auch noch zu all dem übrigen tun, um ein ganzer Edelmann zu sein?« »Bei Gott!« rief Gunther erschrocken, »vom Heiraten haben wir gar nicht geredet. Wahla! das haben wir ganz vergessen!« Der Kaiser sprach: »So höre denn, Wahla, heute morgen sagte dieser junge Mann, wenn er dich heirate, so mache er dich unglücklich, und wenn er dich nicht heirate, so mache er dich gleichfalls unglücklich, folglich wisse er auch hier nicht, was er tun solle.« »Wenn er mich unglücklich macht,« erwiderte Wahla, tief errötend, »so muß ich mein Unglück zu tragen suchen: es kommt nur darauf an, ob ich ihn glücklich machen kann.« Sie blickten einander Aug' in Auge und sprachen kein Wort, und Rudolf legte ihre Hände ineinander, und so war auch diese Frage entschieden – die doch schon alle anderen Fragen vorher entschieden hatte – gleich den übrigen durch Blick und Händedruck, wo das Wort versagte. Nach langer Pause sagte der Kaiser: »Jetzt aber will ich auch noch wissen, wie es mit meiner Wette steht. Werde ich sie gewinnen oder verlieren?« »Ihr werdet sie verlieren!« antwortete Gunther, »und Walram wird sein Glück bei Hofe machen. Und doch würde Walram vermutlich nie an Euern Hof gekommen sein, wenn ich nicht vergangenen Herbst so töricht gehandelt und heute morgen so töricht gesprochen hätte, und wenn mein Kaiser nicht so gnädig gegen mich gewesen wäre, und wenn – – die Kette der kleinsten Ursachen ist endlos! O, mein Herr! diese Kette der kleinsten Ursachen, an denen unser ganzes Leben hängt, hat mich in der langen Haft manche lange schlaflose Nacht hindurch beschäftigt. Denn damals gewann ich zuerst Zeit und Ruhe, auf mein ganzes seltsames Leben zurückzublicken. Und dieses Leben, wenig nütze, wie es bisher war, wurde mir zum Gedicht; aber der Held des Gedichts war nicht ich, sondern ein Höherer! An einem roten Bündchen, dünn wie ein Faden, hing mein erstes, entscheidendes Lebensgeschick. Das Rätsel der unergründlichen Menschenseele war es, was der alten Husbeckin zur unrechten Zeit den Mund verschloß und zur unrechten Zeit öffnete. Ein Rätsel wird mir mein angeborenes Recht für immer bleiben. Ein Zufall war es, der mich auf dem Schlachtfelde von Worringen rettete, ein Zufall, der mich nach Rodineck führte. Das unergründliche Rätsel der Menschenseele war es, was mich Wahla's Liebe gewinnen ließ und mich in Verzweiflung stürzte. Eine Kette von Zufällen war es, die mich der Hand des Henkers entriß und in Eure Gunst brachte, ein Zufall, der Euch zur letzten Stunde, und doch nicht zu spät, auf Molsberg erscheinen ließ. Womit hatte ich so viele Schmach, womit so großes Glück verdient? – Aber eines war kein Zufall, eines stand mir über allen Rätseln: auch wenn ich ganz verzweifeln wollte und nirgends in der Welt die Gerechtigkeit sah, hatte ich doch die feste Zuversicht, daß sie sich bei Gott finden werde – diesseits oder jenseits! – ein Geheimnis für uns Sterbliche und doch eine tröstende, versöhnende Gewißheit. Und vor dieser Zuversicht der Gerechtigkeit Gottes, vor dieser Zuversicht, die da glaubet, was sie nicht sieht, verlieren die Rätsel dieser Welt ihr Grauen, die Rätsel unseres eigenen Lebens und Sterbens!« »Du stehst auf der Höhe des Glücks,« sprach der Kaiser, »und der Glückliche findet leicht den Glauben an die waltende Gerechtigkeit.« Dann trat er Gunther näher und sagte ganz leise: »Doch wenn dir heute noch deine geliebte Braut durch den Tod entrissen würde – der Zufall könnte es ja fügen –, würdest du auch dann in der schwersten Stunde jene Zuversicht behaupten, daß auch hier nur die Gerechtigkeit Gottes walte?« Gunther bebte zusammen. Nach kurzem Besinnen aber faßte er die Hand seiner Braut und die Hand des Kaisers und sprach: »Ich würde es! Wo wir gehen und stehen auf dieser Erde, wohin wir fliehen und wohin wir auch versinken mögen, wir bleiben doch immer – – unter dem Himmel.« Der stumme Ratsherr 1. Hunde mitzubringen in die Ratssitzung einer Reichsstadt, war im Mittelalter gerade nicht der Brauch. Nun geschah es aber doch einmal, daß ein Hund fast sieben Jahre lang Sitz – wenn auch keine Stimme – in einem reichsstädtischen Rate erhielt. Das kam also: Gerhard Richwin, Bürger und Wollenweber in Wetzlar, war ein reicher Mann, weil sein Vater gespart und gearbeitet hatte. Dafür feierte nun der Sohn und vergeudete, und wenn er's noch zehn Jahre so fort trieb, so war er bis dahin vermutlich aus dem reichen der arme Richwin geworden. In der Lahngasse, enggepackt zwischen anderen hochgiebeligen Häusern, stand Richwins Haus, ein stattlicher Holzbau, erst vor zehn Fahren von Grund aus neu aufgeführt, wie die Jahreszahl – 1358 – über der großen Türe bezeugte. Durch diese Tür trat man in die Verkaufshalle; denn Richwin handelte nicht bloß mit selbstgewebter Ware, sondern mehr noch mit fremden Zeugen und würde zur Kaufmannsgilde gezählt haben, wenn es eine solche in Wetzlar gegeben hätte. So aber gehörte er zur vornehmsten Zunft, zu den Wollenwebern, und innerhalb dieser zu einem kleinen vornehmen Kreise, den sogenannten »flandrischen Zunftgenossen«, vom Verkauf der kostbaren flandrischen Tücher also benannt; unter den vornehmen »Flandrischen« aber war Richwin wiederum der Reichste und Vornehmste, und es dünkte ihm, er sei doch fast um einen Kopf über die Zünfte überhaupt hinausgewachsen und auf ein Haar so groß wie ein Patrizier. Durch die große Türe trat man, wie gesagt, in die Verkaufshalle; nämlich wenn man auf der Schwelle nicht über zwei böse Buben stolperte, die daselbst gewöhnlich zu spielen und zu raufen pflegten. Es wären Richwins ältere Kinder. Die jüngeren, zwei Mädchen, machten im oberen Geschoß der Mutter das Leben sauer; denn da es dem Vater zu langweilig war, Zucht zu üben bei den wilden Rangen, so lernten die Brüder jede Unart von selber und die kleinen Schwestern lernten die Unart von den Brüdern; die Mutter allein aber vermochte die unbändige Rotte nicht im Zügel zu halten. Klagte die arme Frau Eva dem Manne ihr Leid wegen der Kinder, so hörte er mit dem rechten Ohre gar nicht zu und mit dem linken halb und gab keine Antwort, oder, wenn er besonders achtsam war, eine verkehrte. So ging's auch in anderen Stücken. Gerhard merkte nicht, wie arg er seine Frau vernachlässigte; hätte er's gemerkt, er würde es besser gemacht haben; denn er hatte ein gutes Herz und liebte seine Frau. Aber Eva merkte um so mehr, daß er oft ganze Tage nichts mit ihr sprach, und wenn ja, so waren es kalte, zerstreute Worte, schlimmer als nichts. Sie trug ihr Kreuz in Geduld und wußte doch nur zu wohl, daß es bald ein doppeltes Kreuz werden würde; denn sie sah den Verfall von Hab und Gut langsam, aber sicher heranschleichen, ohne ihm irgend steuern zu können. Viel Unrechtes tat Gerhard Richwin nicht, er tat nur auch nichts Rechtes. Jedem Einfall, jeder Laune des Augenblicks gab er sich hin; diese Einfälle aber fielen, seltsam genug, niemals auf die Arbeit, welche im Augenblick zu vollführen dringend not war. Wenn es galt, in der Weberei nachzusehen, dann hatte er die größte Lust, auszureiten, und wenn er aufsitzen sollte zu einem Ritt nach den benachbarten Grafenschlössern in Weilburg, Dillenburg oder Braunfels, wo oft bedeutende Geschäfte abzuschließen waren, dann deuchte es ihm wunder schön bei den Webstühlen. Standen Käufer im Warenlager, dann schaute Meister Richwin wohl durchs Fenster seinen bösen Buben zu, sann, wie er ihrer Unart doch auch einmal wehren wolle, vergaß aber darüber geraume Zeit die Kunden und redete sie zuletzt mit grimmiger väterlicher Strenge an und fuhr mit der Elle ins Zeug, als wolle er die Käufer statt der Buben prügeln. Die treuesten Geschäftsfreunde fühlten sich nachgerade doch gar zu säumig und grob behandelt, denn die Diener und Lehrlinge des Hauses schrieben sich des Meisters Beispiel hinters Ohr und wurden noch um einen Grad säumiger und gröber als er selber; kein Wunder also, daß es allmählich etwas stiller ward in Richwins berühmter Warenhalle. Böse Zungen meinten, wenn das so fortgehe, dann werde Richwin bald der einzige Kunde seines Kaufladens sein, der beste sei er ohnedies schon. Er leuchtete nämlich in jener modesüchtigen Zeit allen anderen Bürgern vor durch reiches Kleid und steten Wechsel der Tracht, und sah man ihn im Prunkrock mit den langen Ärmeln, deren breite Tuchstreifen bis an die Füße reichten, in den buntgestreiften Hosen und spitzigen Schnabelschuhen, auf dem Kopfe die vorn und hinten aufgeschlagene Kugelmütze, das Haar geradlinig auf der Stirne abgeschnitten, indes nur rechts und links über den Ohren zwei Locken stehen geblieben waren, – dann konnte man glauben, er sei kein Zünftler oder Kaufmann, sondern ein Herr. Hätte aber jemand Meister Richwin wegen seines Putzes einen Gecken genannt, so würde er das übel genommen haben, denn er war verletzbar wie ein geschältes Ei, und obgleich er des innerlich Unschicklichen wahrlich genug tat, fürchtete er sich doch grausam, gegen das äußerlich Schickliche zu verstoßen. Dieser Zug verkündete nun eben nicht den derben, geraden Bürgersmann. Und in der Tat hatten ihn seine Genossen, die Zünftler, im Verdacht, daß er auf zwei Achseln trage und aus Hoffart heimlich zu den Patriziern stehe. Solch ein Verdacht aber war bitterböse in jenen Tagen; denn in den Gemütern der reichsstädtischen Zunftgenossen gärte es gewaltig. Die edlen Geschlechter tagten allein im Rat und beherrschten die Stadt; sie hatten neuerdings den gemeinen Säckel mit Schulden überbürdet, die Stadt in verderbliche Bündnisse und Fehden verstrickt, sie waren dem Volke von Grund aus verhaßt und das Maß ihrer Herrschaft schien voll zum Überlaufen. Eine Verschwörung der Zünfte gegen die Geschlechter wucherte auf, verborgen, aber weitverzweigt. Hatte doch so manche andere Reichsstadt in den letzten Jahren ihrem patrizischen Rate den Stuhl vor die Türe gesetzt: warum sollten die Wetzlarer ihre Patrizier nicht auch zum Teufel jagen können? Und diesem stillen Wühlen, Planschmieden und Vorbereiten seiner Zunftbrüder gegenüber verhielt sich Gerhard Richwin kalt und zweideutig! Er war doch noch immer der vornehmste Mann der vornehmsten Zunft, hatte in den Trinkstuben großes Ansehen, und wenn sich auch die Geschäftsfreunde minderten, so mehrten sich doch die Zechfreunde; ein empfindlicher Wann, eigensinnig, gescheit, wenn er gescheit sein wollte, ein Mann, mit dessen Vermögen es bergab ging: war ein solcher nicht gemacht wie zum Demagogen? Es lohnte wohl der Mühe, ihn für die neue Sache zu gewinnen. Man winkte und flüsterte ihm zu, schmeichelte, beredete, drängte ihn. Es verfing alles nicht. Er hatte Freunde unter den Geschlechtern, und ihr hoffärtiges, eigenwilliges Wesen deuchte ihm ganz edel und fein. Überdies war Parteizucht dem Wanne unbequem, dem jede Zucht mißfiel; er rührte sich nicht, wo er Hände voll Geld gewinnen konnte: wie sollte er sich rühren, wo vielleicht nur der Galgen zu gewinnen stand? 2. In jenen aufgeregten Tagen hatte Richwin einen prächtigen jungen Hund zum Geschenk erhalten, der mindestens doppelt so aufgeregt war wie die Wetzlarer Bürger und dreimal so eigensinnig wie sein Herr, einen großen schwarzen Wolfshund von spanischer Rasse, kaum dreiviertel Jahre alt, noch ganz ungezogen, täppisch und allen Mutwillens voll. Der Hund hieß Thasso und machte seinem Namen Ehre, welcher einen Schläger oder Streiter bedeutet. Denn Streiten und Raufen ohne Ende war seine Lust, und obgleich er, höchst gutartig, fast nur im Spiel kämpfte, so war doch ein Spiel mit Thasso nicht jedermanns Vergnügen. Ging ein ehrsamer Bürger auffallend raschen Schrittes durch die Straße, flugs sprang Thasso hinterdrein und zupfte ihn neckisch am Wams, riß aber auch gleich einen handgroßen Fetzen Tuch mit herunter. Oder er sah ein Kind, sprang spielend zu ihm hin und warf es im ersten Anlauf mit seinen breiten Tatzen in die Gosse. Am ergötzlichsten aber war Thasso, wenn ein Reiter rasch vorbeitrabte. Gleich einem Raubtier setzte dann der Hund in Riesensprüngen dem Pferde nach, umkreiste es, hüpfte ihm zum Kopf hinauf, dann wieder zum Schweif, schnappte dem Reiter nach der Hand oder schlüpfte dem bäumenden Rosse unter dem Bauche durch, ohne jemals einen Huftritt davonzutragen. Er biß nicht, er spielte bloß; aber die Pferde scheuten, wichen zurück, stiegen hoch auf oder gingen trotz Zügel und Schenkel gestreckten Laufes durch, als sähe ihnen der Satan im Nacken. Rief dann Meister Richwin den Hund zurück, so hielt dieser augenblicklich ein, blickte seinen Herrn an, als wollte er sagen: ich kann's noch viel besser, und verfolgte drauf das Pferd mit verdoppelter Lust. Drohte und schalt Richwin aber gar, so verwandelte sich das Spiel des Hundes in Zorn, er bellte und biß und lief dann aus Furcht vor der Strafe davon, durchschwärmte die halbe Stadt, trieb unterwegs allerlei neuen Unfug und schlich erst spät und ganz heimlich nach Hause zurück. Nun erhielt er freilich seine Hiebe. Diese verstand der Hund jetzt aber falsch; denn, da er die erste Ursache der Strafe längst vergessen hatte, so glaubte er, man prügle ihn, weil er nach Hause komme, und blieb das nächste Mal um so länger fort. Also nahm sich Meister Richwin vor, den Hund auf frischer Tat zu bestrafen. Da lief dann der Hund hinter dem Reiter her und Richwin hinter dem Hund. Endlich stand der Hund und ließ, tief zerknirscht, den Schwanz zwischen den Beinen, seinen Herrn herankommen. Sowie dieser sich aber auf zehn Schritt genähert hatte, nahm Thasso wieder Reißaus. Meister Richwin ging langsam, lockte, schmeichelte und heuchelte ein freundliches Gesicht: der Hund kam herbei, – aber nur auf zehn Schritt, dann lief er wieder davon. Der Herr mochte eilen, schleichen, stille stehen – das Tier blieb immer bei ihm, aber auch immer zehn Schritt vom Leibe. Die Gassenbuben jubelten, und die ganze Straße lief an Tür und Fenster, um zu sehen, wer denn eigentlich gewinne, Meister Richwin oder Meister Thasso? Der stolze Bürger zitterte vor Wut und warf gar mit Steinen nach dem Sünder. Thasso aber wich jedem Wurfe wunderbar gewandt aus, sprang dem Steine nach, apportierte ihn wie zum Spotte mit fliegender Hast und war schon wieder zwanzig Schritt voraus, ehe sein Rächer nur ordentlich zum Hiebe ausgeholt hatte. Jeder Tag brachte neue Szenen ähnlicher Art. Der Hund entfaltete einen staunenswerten Erfindungsgeist in immer neuen Unarten und in der Kunst, einem rechtzeitigen Hiebe zu entrinnen. Es war aber, als sei mit dem Hunde erst das leibhaftige Unheil in Richwins Haus gezogen. Die vier unartigen Kinder spielten und balgten sich mit dem Tiere von früh bis spät, und Thassos Geist kam dabei dergestalt über sie, daß man schwer entscheiden mochte, ob der Hund ärgeren Mutwillen trieb oder die Kinder. Die arme Frau Eva konnte den Hund nicht leiden; das nahm Meister Richwin äußerst übel, und hatte er sie vordem nur durch seine Kälte gekränkt, so schalt und zankte er jetzt obendrein; war Thasso seiner Peitsche entlaufen, so ließ er den Zorn an der Frau aus, und redete diese irgend ein unbequemes Wort, so mußte sie gleich ihren Haß gegen den edeln Hund auf dem Butterbrot essen. Seit der Hund im Hause war, hielt sie ihren Mann, sich und die Ihrigen völlig dem Verderben geweiht. Hatte sich der Meister vorher schon wenig um Haus und Beruf bekümmert, so tat er es jetzt noch viel weniger. Er wollte vor allen Dingen seinen Hund dressieren, und dieses wichtigste Werk beschäftigte ihn den ganzen Tag. Da er aber durchaus planlos und launisch dabei verfuhr, heute alle Untugenden nachsah und morgen wieder überhart strafte, so verlor Thasso vielmehr das bischen Zucht noch vollends, welches er mitgebracht hatte. Fort und fort kamen Klagen über den Störenfried. Der Meister mußte Schaden ersetzen, Schmerzen vergüten, gute Worte geben und böse einstecken. Die Beschädigten drohten, das Tier zu vergiften oder totzuschlagen, und die Freunde drangen in den Meister, er möge die zuchtlose Bestie doch abschaffen oder an die Kette legen. Allein Richwin blieb bei seinem Satz: er selber wolle den Hund erziehen, er wolle ihn lammfromm machen und dann mit dem edeln, gefürchteten Tiere einherstolzieren wie Ritter Kurt mit seinem großen Fanghund. Nun geschah es, daß die Wetzlarer Bürger am Aschermittwoch einen altherkömmlichen seltsamen Aufzug begingen. Sie zogen nämlich gewaffnet in die geistlichen Höfe, vom Hofe der Deutschherren bis zum Altenberger Nonnenhof, um bei den Deutschherren ein lebendes weißes Huhn, bei den Nonnen einen Schinken, beim Dechanten einen Goldgulden zu empfangen als Zeichen der Stadtgerechtsame in den geistlichen Höfen. Als Hauptstück glänzte dabei aber allezeit das lebende weiße Huhn, weshalb man den Aschermittwoch in Wetzlar noch bei Menschengedenken den »Hinkelchestag« nannte. Tadellos weiß, mit bunten Bändern geschmückt, mußte die Henne von einem Knaben dem Zuge voran durch die Straßen getragen werden. Meister Richwin ging heuer an der Spitze seiner Zunft im Zuge und hatte zu Hause den strengsten Befehl gegeben, daß man den Hund wohl eingesperrt halte, bis der Lärm vorüber sei. Thasso aber brach dennoch aus, verfolgte die Spur seines Herrn und sprang mitten in die festlichen Reihen, als der Amtmann des Deutschordens eben das Huhn dem Knaben übergab. Den schreienden, flügelnden Vogel mit den flatternden Bändern hatte er im Nu erspäht, flog darauf los, entriß ihn der Hand des Kindes und zerrte ihn, daß die Federn und Bänder in der Luft umherflogen. Der Amtmann, welcher abwehren wollte, wurde kräftigst in die Waden gebissen, und als es Meister Richwin endlich gelang, den Hund zu bändigen, flügelte das Huhn noch einmal, und schloß dann seinen Schnabel für immer. Nun hatte man kein lebendes, weißes Huhn mehr! Aber ohne lebendes Huhn keinen Umzug, ohne Umzug keine Gerechtsame in den geistlichen Höfen. Die Sache war sehr ernsthaft. An den pünktlich erfüllten Wahrzeichen des Rechtes hing damals das Recht selber. Mit tausend Bitten und Beschwörungen erreichte endlich Meister Richwin, daß man den ganzen Vorgang als ungeschehen ansehen wolle, wenn er binnen zwei Stunden ein anderes tadellos weißes, lebendes Huhn zur Stelle schaffe. Die feierliche Übergabe sollte dann von neuem beginnen, doch mit der bestimmten Rechtsverwahrung, daß man nicht etwa in Zukunft den Deutschherren die Last aufbürde, zwei Hühner zu liefern, ein totes und ein lebendes. Auch sollte Gerhard Richwin diesmal dem Amtmann zehn Ellen des feinsten flandrischen Tuches schenken als Schadenersatz und Schmerzensgeld. Von Zorn, Arger und Angst gegeißelt lief der Meister in alle Hühnerhöfe der Stadt, fand aber kein tadellos weißes Huhn. Endlich, fast in der letzten vorgesteckten Minute kam er schweißtriefend auf den Deutschordenshof mit einer mageren alten Henne, die ursprünglich weiß und etwas grau gesprenkelt gewesen; durch das Ausrupfen etlicher Hände voll Federn aber hatte er sie in ein tadellos weißes Huhn verwandelt. Man ließ das neue Rechtssymbol gelten, und so kamen denn noch alle Beteiligten, wie man zu sagen pflegt, glücklich mit einem blauen Auge davon, die erwürgte erste Henne natürlich ausgenommen. Die Bestrafung Thassos am Abende war mustergültig. Meister Richwin aber gelobte sich heilig, von Stund an den Hund nach einer ganz neuen, planvollen und gründlichen Weise zu erziehen. Um aller Welt Güter hätte er das Tier gerade jetzt nicht abgeschafft; er wollte recht behalten und den Wetzlarern zeigen, daß er trotz des letzten Auftrittes dennoch den unbändigen Halbwolf lammfromm machen könne. Er brütete – zum erstenmal in seinem Leben – die ganze schlaflose Nacht über Erziehungsplänen. 3. Am anderen Morgen stand Meister Richwin mit dem ersten Dämmerlicht auf, wie er's vordem gar nicht gepflegt hatte, denn er war ein Langschläfer. Er wollte aber Thasso stufenweise an einen ruhigen Gang durch die Straßen gewöhnen, noch ehe sie von Menschen und Pferden wimmelten. Den Hund am Stricke, durchzog er die ganze Stadt. Sowie das Tier auf einen Reiter oder Fußgänger spannte, faßte es auch augenblicks seinen richtigen Peitschenhieb. Vorher hatte Thasso bei seinen Missetaten zwar immer sichtbar Reue empfunden, zur Buße dagegen durchaus keine Lust gezeigt. Jetzt kam Reue, Buße und Sühnung alles mit einemmale. Richwin fand diese Frühstunde wie gemacht zu unbelauschter Dressur. Mit den wachsenden Februar- und Märztagen stand er daher immer früher auf und war stets schon vor der Sonne mit Thasso auf den Beinen. Ging er an einer offenen Kirchentüre vorbei, so zog er den Strick besonders fest und ließ einen mahnenden Streich auf Thassos Rücken fallen. Denn der Hund hatte bis dahin eine besondere Lust, in die offenen Kirchen zu laufen und die Gemeinde anzubellen, und je lauter ihn sein Herr zurückrief, um so toller schlug er Lärm. Das verlernte er jetzt gänzlich. Wenn nun Meister Richwin so vor die offene Türe kam und hörte, wie innen die Frühmesse gelesen wurde, so blieb er wohl auch eine Weile andächtig im Portale stehen – denn wegen des Hundes wagte er sich nicht hinein – und nahm sich ein Stück Morgensegen mit. Bis dahin war er ein seltener Gast im Gotteshause gewesen; bald aber glaubte er nun, der Tag sei gar nicht recht begonnen ohne Frühmesse unter der Kirchentür, auch gehe der Hund nachher immer viel ruhiger. Als der Meister zum erstenmal von dem Morgengang nach Hause kam, schien ihm der Tag doch sehr lang, der ihm früher, als er noch lange schlief, so kurz gedeucht hatte. Zum Zeitvertreib ging er darum mit Thasso in die Werkstatt, wo zur Stunde schon fleißig gearbeitet werden mußte. Es sah aber noch gar still aus, denn Gesellen und Lehrlinge verließen sich auf den gesunden Schlaf des Meisters und kamen, so spät es ihnen beliebte. Wie staunte und wetterte der Meister über den Unfug, und wie ärgerten sich die Gesellen, als er Tag für Tag immer früher in die Werkstatt trat! Die Reiter und Spaziergänger schwuren dem unbändigen Thasso nicht mehr den Tod, aber die Gesellen hätten den gebändigten Thasso jetzt gerne vergiftet, denn sie merkten wohl, daß er allein schuld sei an den frühen Besuchen des Meisters. Aber Richwin hielt den Hund Tag und Nacht bei sich nach dem ganz richtigen Grundsatze, daß man ein Tier nur dann gut erziehen und treu gewöhnen kann, wenn man stets mit ihm zusammen lebt. Dieses Zusammenleben hatte im Verkaufsgewölbe freilich seinen besonderen Haken. Trat nämlich ein Käufer ein, so fuhr Thasso bellend unter der Bank hervor; wollte aber jemand den gekauften Pack Waren mitnehmen und weggehen, so war der Hund gar nicht zu halten, er achtete Kauf offenbar für Diebstahl und packte den harmlosen Kunden so fest, daß ihn nur der Herr selber mit Not wieder befreien konnte. Meister Richwin als Erzieher betrat hier den Weg der Milde. Denn sollte er dem Hunde seine beste Tugend, die Wachsamkeit, ausprügeln? Nein! Er wollte ihn nur unterscheiden lehren, was Käufer und was Diebe sind. Kam also ein Käufer, so reichte ihm Richwin äußerst freundlich die rechte Hand, indes er mit der linken die knurrende Bestie streichelte, und bot dann auch weiter im Gespräch seine heiterste Laune, seine lichteste Miene auf, damit der Hund sehe, daß es hier einem Geschäftsfreund und keinem Diebe gelte. Und ging der Kunde mit den gekauften Waren hinweg, so duldete es Meister Richwin anfangs gar nicht, daß er seinen Pack selber zur Türe trug – denn Thasso stand schon zähnfletschend auf dem Sprunge –, sondern nahm ihm denselben höflichst ab und trug ihn über die Schwelle, mit manchem verstohlenen Rückblick nach dem Vierfüßler. Die Leute aber staunten das Wunder an und begriffen's nicht, wie der gröbste Kaufmann über Nacht zum höflichsten geworden sei, der stolzeste zum dienstfertigsten. Da brauste aber einmal just im bedenklichsten Zeitpunkt das wilde Heer der Kinder durch die Halle. Jetzt war alle Mühe vernichtet, Thasso fuhr wie besessen zwischen die Kinder und dann zwischen die Beine der Käufer, als wolle er die verhaltene Lust nun doppelt zügellos genießen. Den Kindern bekam's übel. Mit furchtbarem Schelten wurden sie hinauf zur Mutter geschickt und die beiden Knaben schon anderen Tages dem Schulmeister zur schärferen Zucht übergeben. Auch das Lungern und Balgen auf der Gasse ward ihnen strengstens untersagt. »Sie haben den Hund zu tausend Unarten verführt,« meinte Meister Richwin, »und wie kann man überhaupt, umtobt von so wilden Kindern, einen jungen Hund erziehen?« Er beschloß, von nun an seinen bösen Rangen den Daumen scharf aufs Auge zu drücken, damit der Hund Ruhe habe und unverführt bleibe. Frau Eva mußte dem Mann ihre Freude über alle die Verwandlungen aussprechen. »Es ist doch ein rechter Segen,« sagte sie, »daß du morgens wieder zur Messe gehst.« »Jawohl, Eva! Der Hund liegt wie ein Standbild, wenn ich unter dem Portale kniee.« »Die Kunden mehren sich wieder, seit du so freundlich geworden.« »Jawohl, Eva! Der Hund knurrt nur noch ganz leise, er bellt nicht mehr im Kaufladen und denkt nicht von weitem ans Beißen.« »Die Kinder bessern sich zusehends, seit du sie kürzer hältst.« »Freilich, Eva! Das war dem Hunde grundverderblich, daß er immer das böse Beispiel der Kinder sah.« »Und wie tut mir's wohl, Gerhard, daß du jetzt wieder so manches freundliche Wort mit mir redest!« »Ei freilich, liebe Eva! Da du jetzt so freundlich von dem Hunde gesprochen« – sie hatte keine Silbe von ihm gesagt – »wie sollte ich dir's nicht danken?« Frau Eva dachte für sich: »Meister Richwin erzieht den Hund und ahnet nicht, daß noch viel mehr der Hund den Meister Richwin erzieht«, und warf zum erstenmal einen freundlichen Blick auf Thasso und streichelte ihn. Das besiegelte den neuen Hausfrieden. Aber trotz der großen Fortschritte, die Thasso machte in seines Herren Zucht und seiner Herrin Gunst, brachen doch manchmal die alten Tücken wieder hervor. Dabei waltete aber ein seltsamer Instinkt des Tieres: es schien die Zünftler von den Patriziern zu unterscheiden, und wenn es ja seinem Mutwillen wieder einmal freien Lauf ließ, so war er gewiß gegen einen Patrizier gerichtet. Wie es Hunde gibt, die keinen Bettelmann und Landstreicher ohne Gebell vorüber lassen, so konnte Thasso keinen geputzten, stolz schreitenden, ritterlich leitenden Patrizier sehen, ohne daß sich der alte Adam in ihm regte. Nach dem Feierabend pflog Meister Richwin durch die nunmehr von Menschen wimmelnden Straßen zu gehen, damit der Hund, des Strickes frei, bewähre, was er in der einsamen Frühstunde, angefesselt, gelernt hatte. Thasso schleicht ganz sittsam in den Fußstapfen seines Herrn. Da schreitet ein Junker aus den Geschlechtern tänzelnd und geziert über den Marktplatz; flugs springt Thasso zu ihm hinüber, kein Rufen, kein Pfeifen hilft, wie im Rausch hat er alle Lehren des nüchternen Morgens vergessen und kriecht erst, demütigst wedelnd und um Verzeihung bittend, zu dem wütenden Meister zurück, nachdem er den bis zum Fuß niederfallenden langen Ärmel des Patriziers mitten entzwei gerissen. Des anderen Tages schickte Meister Richwin dem Geschädigten seinen eigenen Prunkrock mit den langen Ärmeln zum Ersatz. »Wie konnte ich solch ein Geck sein,« rief er aus, »ein so widersinniges Kleid zu tragen? Müssen die langen, flatternden Tuchstreifen, müssen die hundert Bänder und Flitter nicht jeden Hund herausfordern, daß er daran zupfe?« Meister Richwin begann einen stillen Grimm auf die Kleiderpracht und andere Hoffart der Geschlechter zu werfen und ging von da an nur noch im schlichtesten bürgerlichen Gewand. Dazu dünkte ihm, die Patrizier hätten ganz besonders höhnische Blicke, wenn er mit seinem Zöglinge an der Schnur durch die Gassen schritt, oder wenn der entfesselte Thasso wieder einmal die Ohren verstopfte und durch Steinwürfe an seine Pflicht gemahnt werden mußte. Wie spöttisch hatte nicht neulich jene vornehme Jungfrau gelächelt, als Meister Richwin sie mit tiefer Verbeugung grüßte, indes der Hund am Strick unwiderstehlich zum nächsten Eckstein hinüberzog, so daß die Verbeugung sich fast zum Fußfall gesteigert hätte? Und waren die edeln Herren nicht allezeit am gröbsten, wenn Thasso ja noch einmal an ihren galoppierenden Pferden hinaufsprang? Wie duldsam nahmen das dagegen die friedlichen Schrittes einher reitenden Zünftler auf! So vollbrachte Thasso auch hier, was keinem anderen gelungen war: an der Hundeschnur zog er seinen Herrn ganz leise von der Neutralität zur Partei der erbittertsten Zünftler hinüber. Das wurde fest und fertig, als die Wetzlarer Kaufleute und Handwerker auf Ostern 1368 zur Frankfurter Messe gingen. Sie bildeten einen stattlichen Trupp, der geschlossen zusammenhielt bei der Fahrt durch die Wetterau, wegen räuberischer Angriffe. Die Geschlechter waren vordem auch mitgeritten in der Reiseschar ihrer Stadt, und Meister Richwin auf seinem stolzen Rappen hielt sich sonst lieber zu den vornehmen Leuten als zu den Zunftgenossen, die zu Fuß oder auf langsamen Kleppern die Nachhut bildeten. Heuer aber ließ er den Rappen zumeist bei seinen Saumtieren und ging zu Fuß unter den Zünftlern. Denn Thasso lief zur Seite, und vom Roß herab hätte er den Hund doch nur in halber Zucht halten können. Die Zunftgenossen aber freuten sich gar sehr über die neue leutselige Art des Meisters, der den schönsten Rappen beim Troß führen ließ, um mit ihnen zu Fuß zu gehen. Da fiel gar manches Schmeichelwort, und die Reden der Volksmänner, welche früher bei Richwin gar nicht verfangen hatten, fanden jetzt die beste Statt in seiner Seele. Und als der Zug an der Friedberger Warte hielt und herabsah auf die Türme von Frankfurt, da war Meister Richwin eingeweiht und eingeschworen in den Bund der Zünfte wider die Geschlechter. Johannes Kodinger, der Hauptmann des Geheimbundes, schüttelte ihm dankend die Hand und rief: »Ach Meister, wie seid Ihr ein besserer Mann geworden, ja erst jetzt ein ganzer Mann, und das in der kurzen Frist von Aschermittwoch bis Ostern!« Gerhard fuhr auf wie aus einem Traum und erwiderte: »Ei freilich! Ich wußte wohl, daß der Hund von edler Art sei, und daß ihm nur die rechte Zucht fehle. Ja, Meister Kodinger, es geht nichts über eine gleichmäßige, ausdauernde und feste Schule, die bändigt selbst eine Bestie. Aber Thasso kann nun freigesprochen werden von der Lehre, und das soll geschehen, sobald wir nach Wetzlar heimgekehrt sind.« 4. Der Sturm war in Wetzlar losgebrochen, die Geschlechter waren verjagt, die Zünfte hatten das Feld und zugleich das Regiment der Reichsstadt gewonnen. Meister Richwin hatte vorangeleuchtet im Kampfe durch Ausdauer, Strenge gegen sich selbst und andere und durch seinen unversöhnlichen Haß gegen die Patrizier. Die Mitbürger staunten über den verwandelten Mann. Als der neue Rat nunmehr rein demokratisch aus den Zünften gebildet wurde, fiel die Wahl auch auf Meister Richwin. Noch vor einem Jahre, da er sich doch gar nicht um das Gemeinwohl kümmerte, war es das süßeste Traumbild seines Ehrgeizes, einmal Ratsherr zu werden; heute, wo er heiß gearbeitet und gerungen hatte für die Stadt, lehnte er ab. Niemand erriet die Ursache und alle bestürmten den Meister, daß er in den Rat eintreten oder doch mindestens den Grund seiner Weigerung offenbaren möge. Nach langem Zögern und mancherlei Ausflucht sprach er endlich: »Der Grund wird euch kindisch scheinen. Mir aber ist er ernst und schwer. Ich kann nicht täglich auf dem Rathause sitzen in dieser drangvollen Zeit, weil ich meinen Hund nicht mitnehmen darf. Lasse ich aber das Tier allein daheim, so kommt wieder alles Unheil über mein Haus wie vordem. Ich sage wohl, der Hund hat ausgelernt; aber wer lernt jemals aus? Kein Mensch und kein Hund! Übergebe ich Thasso manchmal auf einen Tag dem Lehrjungen, so wird er gleich wieder rückfällig, und es ist mir begegnet, daß ich selber an einem solchen Tage auch wieder rückfällig geworden bin. Wir sind beide noch etwas schwach, wir dürfen uns nicht voneinander trennen. In der Vorhalle der Kirche mag ich die Messe so gut hören, wie drinnen im Schiff, und der Hund steht an meiner Seite; als Ratsherr aber kann ich doch nicht allezeit vor der Türe des Ratssaales bleiben. Nehmt meinen Grund für keine Grille. Ich hege den Aberglauben, daß mein Haus erst wieder fest stehen werde, wenn Thasso einmal ganz fertig gezogen ist; ich darf mich noch nicht trennen von dem Hunde. Und wie sollte ich das wankende Gemeinwesen festen helfen, wenn mein eigen Haus noch viel ärger wankt?« Nach dieser Rede des Meisters, die dem einen ernst, dem anderen spaßhaft dünkte, beschlossen die Ratsgenossen, es solle Thasso vor allen Hunden der Stadt das Vorrecht eines Sitzes im Ratssaale unter dem Stuhle seines Herrn erhalten, jedoch mit der Klausel, daß dieses Recht augenblicks erlösche, sowie sich der Hund eine Stimme anmaße. Nach einigem Sträuben fügte sich Meister Richwin nun doch dem Willen seiner Mitbürger und erschien pünktlich zu jeder Frist mit Thasso auf dem Rathause. Diesen aber nannten die Wetzlarer seitdem den »stummen Ratsherrn«, und stumm blieb er in der Tat; man hörte in Jahr und Tagen nicht, daß er wider die Klausel seines Privilegs gesündigt hätte. Auch auf der Straße schreckte er niemand mehr durch seine unbändige Spielerei; er war den Flegeljahren entwachsen und schritt, nach großer Hunde Art, so still und stolz hinter seinem Herrn einher, als sei er sich des Vorrechtes vor allen anderen Hunden der Reichsstadt klar bewußt. Nun geschah es, daß Meister Richwin in der Ernte durchs Feld ging, hart an dem Graben, welcher das Stadtgebiet von einem Walde des Grafen von Solms schied. Thasso schlich ruhig neben ihm. Mit einemmale aber war er verschwunden. Richwin spähte ringsum, rief und pfiff. Der Hund kam nicht. Da rauschte und krachte es in dem Dickicht jenseits des Grabens, und von Thasso wie von einem Wolfe gehetzt, brach ein königlicher Hirsch hervor, ein Zwanzigender zum mindesten, stutzte, als er das freie Feld und den Mann sah, kehrte um, warf den Hund mit der ganzen Wucht seines Geweihes zur Seite und machte sich rückwärts wieder freie Bahn in die Büsche, unter dem Rauschen und Knicken der Blätter und Zweige. Aber auch Thasso erhob sich von seiner augenblicklichen Niederlage und fuhr wie besessen hinter dem Tiere drein, und man hörte bald nur noch fernher das Rauschen und das Pfeifen, womit der Hund Laut gab. Der arme Richwin pfiff sich die Lippen trocken und rief sich die Lungen atemlos; all seine Dressur war verschlungen von Thassos Jagdfieber. Zweimal trieb er ihm den Hirsch zum Graben entgegen, gleich als wolle er ihn dem Herrn zum Schusse stellen, und zweimal brach der Hirsch wieder zurück. Beim drittenmal aber trat ein Solmsscher Forstwart aus dem Walde hervor und legte seine Armbrust an, nicht auf das Wild, sondern auf den Hund. »Schämt Euch, der Ihr ein Jäger sein wollt und zielet auf den edelsten Hund, der doch nur von dem gleichen Jagdmut berauscht ist, wie Ihr selber!« rief der Meister dem Dienstmann entgegen. Getroffen von der Wahrheit dieses Wortes und zugleich von der Schönheit des kämpfenden herrlichen Hundes, ließ der Forstmann die Armbrust sinken und schritt trutzig zu dem Bürger. »Der Hund ist mir verfallen,« rief er, »weil er in meines Grafen Bann gejagt hat. Ihr folget mir mit Euerm Hunde zum Grafen, und will er das Tier in seine Meute nehmen, so sei ihm das Leben geschenkt.« Meister Richwin widersetzte sich natürlich, der Dienstmann aber hielt ihn fest, und als sich der Bürger mit Gewalt frei machen wollte, schlug jener ihm die blanke Klinge über den Arm. Im selben Augenblicke jedoch ward der Dienstmann von hinten durch Thasso zu Boden gerissen; denn sowie das Tier den Herrn in Gefahr sah, wich auch das Jagdfieber einer Treue, die nicht Dressur war. Mehrere Wetzlarer Leute liefen nun auf den Lärm gleichfalls aus dem Felde herbei, befreiten den Forstwart von dem Hunde und führten den Mann gefangen zur Stadt, weil er einen Bürger auf reichsstädtischem Boden verwundet hatte. Denn die Städter waren in dem siegreichen Kampfe mit den Geschlechtern rauflustig genug geworden und fürchteten sich nicht vor einem neuen Strauß. Der Rat aber kam doch stark in Verlegenheit, was er mit dem gefangenen solmsischen Dienstmann anfangen solle. Den Arm in der Schlinge, konnte Meister Richwin schon am nächsten Tage der Sitzung beiwohnen, in welcher über den kitzlichen Fall verhandelt ward. Alle Ratsleute waren gewaltig aufgeregt, nur Thasso lag in behaglichster Ruhe unter dem Stuhle, als gehe ihn die Sache gar nichts an. Und doch ging es ihm an den Kragen und er fand wenig Fürsprecher. So sehr man ihm als dem stummen Ratsherrn gewogen war, schien es doch, als ob man ihn diesmal der großen auswärtigen Politik opfern müsse. Es hauste nämlich zur Zeit (1372) der böse Ritterbund der »Sterner« so arg in den Nachbargauen, daß man in Wetzlar im stillen sich rüstete zum offenen Kampfe. Die Sterner aber zählten gar viele Grafen, Ritter und Herren zu ihren Genossen, die Reichsstadt hingegen hatte wenig Freunde und es kam ihr sehr überquer, gerade zu dieser Frist einen so kriegstüchtigen Nachbarn wie den Grafen Johann von Solms zu erzürnen, von dem noch unbekannt war, ob er für oder wider die Sterner Partei nehmen werde. Als daher ein Ratsherr dartat, der Forstwart sei im Rechte gewesen, nickten manche Köpfe bejahend, und als er hinzufügte, auf Begehren des Grafen dürfe man sich nicht weigern, den Jäger freizugeben und den Hund auszuliefern, fiel ihm stracks die Mehrzahl zu, und etliche meinten, Thasso habe vordem schon Unfug genug verübt, man dürfe sich nun doch nicht vollends noch den Solmser durch ihn auf den Hals Hetzen lassen. Thasso blieb ganz ruhig und schaute nur fragenden Auges um sich, als er seinen Namen nennen hörte. Sein Herr aber erhob sich. Er sprach: »Ist Graf Johann, der schlaue Fuchs, für uns, so wird er sich um des Hundes Willen nicht gegen uns kehren; ist er wider uns, so gewinnen wir ihn auch nicht mit einem geschenkten Hund. Der Mann kennt seinen Vorteil und schaut nach ganz anderen Dingen als nach Hirschen und Hunden. Soll die Verletzung des Wildbannes gesühnt werden, so erbiete ich mich, den dreifachen Wert des Hirsches und Hundes in gutem Gelde zu erlegen. Den Hund aber liefere ich keinem Menschen aus; eher ersteche ich das Tier auf der Stelle. Ihr wißt nicht, was ich dieser unvernünftigen Kreatur Gottes schulde, die zugleich sichtbar Gottes Werkzeug gewesen ist. Wenn Gott nicht will, so bekehren uns seine heiligsten Prediger nicht, und wenn er will, so bekehrt uns ein Hund. Dieser Hund hat Ordnung meinem Geschäfte gebracht, Zucht meinen Kindern; den Hausfrieden meiner Frau, er hat mir den Weg gezeigt zu meinen Freunden und Zunftbrüdern, den Weg zur Kirche und den Weg zum Rathause; indem ich den Hund zu erziehen glaubte, erzog der Hund vielmehr mich. Das hat mir meine Hausfrau oft gesagt, und ich achtete es als einen artigen Spaß; jetzt, da ihr mir meinen Hund nehmen wollt, erkenne ich mit einemmal, daß es bitterer Ernst gewesen ist.« Diese wenigen Worte nur sprach Meister Richwin, aber er sprach sie mit feuchtem Auge, und Thasso, der seines Herrn Bewegung sah, erhob sich langsam, rührte ihn leise mehrmals mit der breiten Vordertatze an und leckte ihm die Hand, als wolle er den Bekümmerten trösten. Es war ganz stille geworden im Ratssaal; man konnte die Atemzüge hören. Da streckte der Ratsdiener den Kopf zur Türe herein und meldete einen Boten des Grafen von Solms. Die Bürger erschraken und ahnten Schlimmes. Um so überraschender klang die Botschaft. Der Graf hatte mit Bedauern vernommen, daß sein Dienstmann einen Wetzlarer Bürger aus so geringfügigen Anlaß geschlagen, ja verwundet habe. Doch bat er, man möge um guter Nachbarschaft willen den Forstwart wieder freigeben, er – der Graf – mache seinerseits ja auch von dem verletzten Wildbann kein weiteres Aufheben, und damit die Stadt erkenne, wie freundlich er gesinnt, so schicke er dem hohen Rate anbei einen Hirsch, den er selber erlegt habe und der mindestens ebenso gut sei, als der von dem Hunde gejagte und nicht erlegte, nebst einem Fäßlein Bacharacher, damit auch der Trunk zum Schmaus nicht fehle. Die Ratsherren waren starr vor freudigem Staunen, da statt des gefürchteten Donnerwetters plötzlich so heller Sonnenschein über sie hereinbrach. Sie sagten dem Boten manch artiges Wort und beglückwünschten den Meister Richwin samt seinem Thasso. Der Meister aber erhob seine starke Stimme, den durcheinanderwirbelnden Redeschwall laut übertönend, und bat, daß man vor erteilter Antwort den Boten noch einmal abtreten lassen und ihm auf wenige Minuten Gehör schenken möge. »Mißtrauet den süßen Worten des Grafen!« rief er. »Hätte er uns seinen Zorn entboten, ich würde nicht erschrocken sein, aber da er uns seine Huld entbietet, erschrecke ich. Der Graf schenkt uns seinen Hirsch nicht umsonst. Wir bedürfen des Grafen nicht; sein Vetter, der Braunfelser Otto und Landgraf Hermann von Hessen sind uns bessere Bundesgenossen. Graf Johann aber bedarf unser. Und hat er uns erst am kleinen Finger, so hat er uns auch ganz. Thasso, Thasso! du schaffst uns großes Leid, nicht weil du jenen solmsischen Hirsch ins Wetzlarer Feld, sondern weil du diesen Hirsch in die Wetzlarer Ratsküche jagtest! Ich beschwöre euch, werte Freunde, lehnet das Geschenk freundlich ab, fordert unser Recht und gebt dem Grafen das seine. Schicket den Hirsch zurück und behaltet den Jäger, bis der Graf des Dienstmannes Übermut nach der Ordnung sühnen will – –« Hier unterbrachen die anderen den Redner« und hielten ihm vor, er treibe seinen Groll wegen des leichten Hiebes doch zu weit, daß er nicht einmal durch so viel Güte zufrieden zu stellen sei. Meister Richwin aber erwiderte: »Spräche ich für mich, ich wäre wohl der Zufriedenste mit des Grafen Vorschlag, vorab wegen meines Hundes. Aber ich rede hier als Ratsherr der Reichsstadt und sage: Fordert unser Recht und gebt dem Grafen das seine: dem Grafen ist der Hund verfallen, weil er seinen Wildbann durchbrochen, uns ist der Forstwart verfallen, weil er unseren Burgfrieden verletzt hat. Aus Furcht vor dem Zorne des Grafen wollte ich diesen Hund, meinen treuesten Freund, nicht ausliefern, aber aus Furcht vor des Grafen Freundschaft liefere ich ihn aus. Vorhin, da ich als des Hundes Anwalt sprach, hätte ich weinen mögen über das arme Tier; jetzt spreche ich als der Anwalt unserer Gemeine, und da möchte ich noch viel bitterere Tränen weinen, nicht über den Hund – was kümmert mich der! – sondern über das heranschleichende Verderben meiner armen Vaterstadt!« Der Meister hatte in den Wind gesprochen; er blieb allein mit seinem Argwohn. Das Geschenk ward mit Dankesworten angenommen und passend erwidert, der Dienstmann freigegeben, und Graf Johann von Solms war bald, was er gewollt, der erklärte Freund und Beistand des Wetzlarer Rates. Als der Hirsch bei festlichem Mahle verzehrt und der Bacharacher getrunken wurde, blieb Meister Richwin schmollend zu Hause, und Thasso bekam nicht einen Knochen von dem Wild, welches er doch den Ratsherren in die Küche gejagt. 5. Dies war geschehen im Fahre 1372. Im folgenden Jahre schlug man vor dem Obertor von Wetzlar die heiße Schlacht, in welcher der Sternerbund besiegt ward und vernichtet. Die Bürger der Reichsstadt fochten unter der Führung des Grafen Johann von Solms, und ihre Weiber verteidigten die Tore, indes die Männer draußen im Felde kämpften. Der Landgraf von Hessen und Otto von Solms-Braunfels teilten sich mit ihnen in die Ehre des Tages. Meister Richwin war auch mit dabei. Noch am Abend nach der Schlacht ließ Graf Otto die gefangenen Ritter der Sterner, welche in seine Hand gefallen, enthaupten; Graf Johann dagegen begnadigte die übrigen ohne seiner Verbündeten Vorwissen. »Merket auf!« sprach der Meister Richwin zu seinen Mitbürgern. »Ein neues Warnungszeichen! Graf Johann hat doppeltes Spiel im Sinn und hält sich den Weg offen nach rechts und links.« Die Wetzlarer aber achteten's nicht und meinten, der Meister bilde sich doch gar zu treu nach seinem Hunde. Weil Thasso nicht mehr spiele, sondern jetzt lieber knurre und beiße, so vermeine Richwin, er müsse nun auch knurrig und bissig werden. Ein launischer Mann sei er nach wie vor und hasse jetzt grundlos den Grafen Johann, welcher doch der Stadt solchen Ruhm gebracht, wie er auch vordem Liebe und Haß nach Grillen und Einfällen gewechselt habe. Die Volksgunst hatte sich gar rasch von dem Meister abgekehrt. Im Rate saß er nun meist fast ebenso stumm, wie der stumme Ratsherr unter seinem Stuhle. Sprach er ja ein Wort, so war es eine Warnung vor der übermäßigen Freundschaft des Grafen Johann; der locke so süß wie der Vogler, bevor er die Vögel fange. Häufig erschien Meister Richwin auch gar nicht im Rate, zumal wenn er wußte, daß Graf Johann auf den Saal komme, um den Bürgern irgend einen neuen Dienst anzubieten. Denn fast schien es, als ob der Graf neben dem adoptierten stummen Ratsherrn unter dem Stuhle nun auch als Ratsherr adoptiert sei, aber nicht als stummer. Das einzigemal, wo Richwin zugleich mit dem Grafen im Rate saß, hatte Thasso bei jedem Worte des Solmsers dermaßen geknurrt, daß ihn sein Herr hinausführen mußte, damit der Hund nicht seines Privilegs verlustig gehe. Der Meister meinte, das Tier könne eben die solmsischen Farben nicht mehr sehen, seit es den Strauß mit dem Forstwart gehabt, und nahm dies als eine gute Ausrede, um jedesmal wegzubleiben, wenn der Solmser kam. Denn ohne den Hund gehe er nun durchaus nicht mehr aufs Rathaus. Die Wetzlarer aber sprachen: Richwin treibe denn doch den Spaß etwas zu weit, und machten Spottverse auf den unbeliebten Mann. Es lief ein gar lustig gezeichneter Bilderbogen mit vielen Reimen um, worauf die gemeinsamen Erlebnisse des Meister Thasso und des Meister Richwin naturgetreu abkonterfeit waren mit der Überschrift: »Auf diesen Bildern man ersieht, Wie ein Hund einen Ratsherrn erzieht.« Meister Richwin ließ sich das wenig anfechten; er waltete still seines aufblühenden Hauses und ließ geschehen, was er nicht hindern konnte. War es doch nicht das kleinste Verdienst Thassos, daß er mit so vielen tausend Unarten seinen Herrn gelehrt hatte, geduldig zu sein und die überfeine Empfindlichkeit in die Tasche zu stecken. So vergingen wiederum zwei Jahre. Da ward eines Tages – es war um Sommer-Johanni – Meister Richwin auf das Rathaus entboten. Ungesäumt solle er sich einstellen, keine Ausrede gelte diesmal; Graf Johann von Solms sei erschienen mit einer Botschaft des Kaisers. Der Meister stutzte. Eine Botschaft des Kaisers, das war freilich eine gewichtige Sache! Und dennoch erklärte er, er könne nicht kommen: sein Hund werde knurren und bellen, wenn der Graf die kaiserliche Botschaft vortrage; denn Thasso, so gescheit er auch sei, wisse doch nicht des Kaisers Wort von des Grafen Vortrag zu unterscheiden und könne also sozusagen die kaiserliche Majestät selber anknurren, und ohne den Hund gehe er nun einmal nicht aufs Rathaus. Selbst Frau Eva redete ihrem Mann zu; er aber blieb standhaft. Da kam ein zweiter Bote und mahnte, der Meister müsse kommen, mit oder ohne Hund, der Rat müsse diesmal vollzählig sein; es gelte die Ehre und Würde der Stadt. Der Meister faßte Argwohn über dieses Drängen. Aber es galt die Ehre und Würde der Stadt. Also rief er dem Lehrjungen, daß er den Hund an die Kette lege, und rüstete sich zum Fortgehen. Es grauste ihm fast, zum erstenmal allein, ohne den Hund, den Ratssaal zu betreten. Da kam der Lehrjunge von der Straße herein, um Thasso anzuketten. »Meister!« flüsterte er, »es gehen seltsame Dinge vor. Ein Glück für Euch, daß Ihr so lange gezögert habt! Hinter dem Rathause stehen Bewaffnete, wohl über hundert, und hinter den Bewaffneten schauen altbekannte Gesichter hervor, patrizische Gesichter, und man meint, sie sähen etlichen Herren vom alten Rate, den man vor sieben Jahren vertrieben hat, aufs Haar ähnlich. Auch drängen sich solmsische Knechte nach den Stadttoren, als wollten sie den Ausgang wehren.« Der Meister erbleichte; doch war er rasch wieder gefaßt. Er sprach zu seiner Frau: »Nimm die Kinder, den Lehrjungen und die zwei Kästchen mit dem Geld und den Kleinoden. Schleicht euch zur Mühle an der Lahn, dort ist das kleine Pförtchen, das wird noch offen stehen; vor dem Pförtchen liegt ein Kahn; den löset und fahret zum anderen Ufer. Meidet nur um Gotteswillen die Brücke und die großen Tore. Seid ihr glücklich hinüber, so gehet eilends den jenseitigen Fußpfad nach Gießen. In Gießen treffe ich euch, so Gott will, wieder.« Er drängte die fragende Frau vorwärts, bis sie zitternd vollführte, was er befahl. Dann faßte er Thasso an seiner Kette mit der linken Hand, mit der rechten aber nicht, wie sonst, die Peitsche, sondern das Schwert, und eilte auch nicht aufs Rathaus, sondern auf den Markt. Dort sah er die Bürger bereits gewaffnet, zu Hunderten eng geschart. Aber auch das Rathaus war schon dicht umzingelt von fremden Rittern und Reisigen. Vorsichtig schlich sich Meister Richwin in die Hinteren Reihen der Bürger, die gleichfalls Gefahr geahnt hatten und herbeigeeilt waren, um ihren Ratsherren beizustehen. Vor den Bürgern aber stand Graf Johann von Solms in glänzendem Harnisch, umgeben von zwanzig Rittern, das Reichspanier in der Hand, und verkündete, er sei gekommen in des Kaisers Namen, um Frieden zu stiften zwischen den weiland verjagten Geschlechtern und dem neuen zünftlerischen Rate. Keinem werde ein Leids geschehen, am wenigsten seinen guten Freunden, den Ratsherren drinnen im Rathause. Friedliche Sühne sei alles, was er fordere im Namen des Kaisers. Ein neues, reicheres Gedeihen der Stadt, eine Mehrung ihrer Vorrechte, werde die Frucht dieses schönen Tages sein. Als treuer Freund und Nachbar ersuche er darum die Bürger, die Waffen abzulegen, welche sie voreilig für ihre Obrigkeit ergriffen hätten; denn dieser drohe zur Stunde nicht die mindeste Gefahr. »Zur Stunde? Ja! sprach Richwin zu den Nächststehenden. »Aber ob nicht in der folgenden Stunde? Behaltet die Waffen, bis die Ratsleute wieder frei unter uns stehen!« Doch schon sah er, daß die Vorderen, gewonnen durch des Grafen süßes Wort, die Schwerter einsteckten und die Spieße nach Hause trugen. Die Männer aber, zu welchen Richwin geredet, schalten ihn, meinten, sein Platz sei doch auch vielmehr auf dem Rathause als hier auf dem Markte, und ob er denn immer der gleiche bissige Hund bleiben wolle, der die besten Freunde der Stadt anbelle und die Bürger untereinander hetze? Da Richwin solchergestalt sah, daß alles verloren sei, machte er sich eiligst davon, gewann noch zur rechten Frist das Hinterpförtchen an der Lahn und schwamm mit dem Hunde durch den Fluß, weil der Nachen, welcher seine Frau gerettet, nun am anderen Ufer stand. Nach wenigen Stunden erreichte er die Seinigen und fand in Hessen eine sichere Zuflucht; denn Landgraf Hermann war dem Grafen Johann feind geworden nach der Schlacht bei Wetzlar wegen der eigenmächtig begnadigten Gefangenen. Ins Hessenland aber drang bald eine neue Mär aus der Reichsstadt. Der Graf von Solms hatte, nachdem er den Bürgern die Waffen aus der Hand geschmeichelt, den zünftlerischen Rat in den Turm geworfen, die Güter der Ratsherren eingezogen und drei derselben, Kodinger, Dufel und Vollbrecht, enthaupten lassen, zwei andere Ratsherren, Beyer und Heckerstump, warfen die Solmsischen von der Brücke in die Lahn und ersäuften sie kurzer Hand, um dem Scharfrichter die Umstände zu ersparen. Den sechsten Mann zu diesen fünfen hätte man gar gerne dann zur Abwechslung aufgehängt: es war dies Meister Gerhard Richwin, den der Graf am bittersten haßte. Allein in Wetzlar wie in Nürnberg hängt man keinen, bevor man ihn hat. Die alten Geschlechter aber, mit welchen der Graf längst unter einer Decke gesteckt, gewannen wieder die volle Herrschaft wie vordem. Obgleich Meister Richwin den besten Teil seines Besitztums in Feindeshand hatte lassen müssen, konnte er doch mit dem Geretteten später in Frankfurt als Bürger sich einkaufen und ein neues Geschäft beginnen. Wenn er nun dort in wieder gesichertem Behagen bei seiner Hausfrau saß, den treuen, bereits ergrauenden Thasso zu Füßen, dann sprach er wohl manchmal, mit einem wehmütigen Blick auf den »stummen Ratsherrn«: »Gott verzeih mir's, daß ich Kinderzucht und Hundezucht vergleiche! Die Zucht der Kinder lohnt uns Gott und wir erwarten nicht, daß ein Kind den Sold all unserer Mühen uns gleich bar bei Heller und Pfennig heimzahle. Aber dieser Hund hat zum Dank für meine Zucht mich selber erzogen und zum Entgelt für tausend richtig empfangene gesalzene Prügel mir endlich Anno 1375 gar das Leben gerettet! Niemals ward ein Schulmeister so rasch und vollgültig gelohnt, wie ich durch meinen und der Reichsstadt Wetzlar stummen Ratsherrn.« Der Dachs auf Lichtmeß In einer kleinen schwäbischen Reichsstadt zeigte man vordem zwei Wahrzeichen: ein mächtiges, zweihändiges Ritterschwert, welches im Rathause aufbewahrt wurde – man nannte es »des Dachsburgers Schwert« – und einen sieben Fuß langen Sandsteinblock vor der Schmiede am Marktplatz – man nannte ihn »des Dachsburgers Bett«. Wer der Spur dieses Namens weiter nachging, der fand die Trümmer der Dachsburg mehrere Stunden nordwärts im Gebirge und zwischen der Burg und der Stadt eine Waldschlucht, »die Dachsfalle« genannt. Das ehemalige Reichsstädtlein ist inzwischen fast zu einem Dorfe heruntergekommen, das Schwert vom Rathause ward an den Juden verkauft, der es dann weiter in das Raritätenkabinett eines Engländers verhandelte, und der Stein vor der Schmiede, auf welchem seit undenklicher Zeit die Schulkinder gespielt, wurde zerschlagen und in den Sockel des neuen Spritzenhauses vermauert. Nur die »Dachsfalle« hat sich noch als Namen eines Waldbezirkes auf den Flurkarten der Gemeinde erhalten und von der Dachsburg blieb ein mäßiger Trümmerrest. Eine Sage dagegen, welche Burg, Falle, Bett und Schwert miteinander verknüpft, lebt in voller Frische fort trotz allen Wandels der Geschlechter bis auf diesen Tag. In den alten Ritterzeiten, so erzählt sie, wurden die Bürger arg gequält von dem Ritter von Dachsburg, welchen man meistens kurzweg »den Dachs« hieß. Wo er ihnen auflauern und Hab' und Gut wegschnappen konnte, da tat er's. Am liebsten hätte er gleich das ganze Städtlein eingesteckt, allein es war doch etwas zu groß für seine Taschen. Auch deuchte es ihm kurzweiliger, auf scharfem Roß ins Weite zu schweifen, als Mauern und Türme zu berennen. So lange daher die Bürger hinter ihrem Stadtgraben blieben, hatten sie Ruhe; zog aber einer auch nur ein paar Stunden über Feld, so standen Geld und Freiheit auf dem Spiel. Ein solcher Stadtarrest kann auf die Dauer auch dem geduldigsten Deutschen zu arg werden. Da sich die Bürger aber zu schwach fühlten, für sich allein dem Dachs zu Leibe zu rücken, so schlossen sie heimlich ein Schutz- und Trutzbündnis mit mehreren Nachbarstädten; allein der Ritter kam ihnen auf die Schliche und verbündete sich nun seinerseits auch mit mehreren benachbarten Rittern. So ward aus der Wegelagerei ein kleiner Krieg. Da webte und wimmelte es nun auf einmal in dem Städtchen wie in einem Ameisenhaufen, wenn ein Knabe mit dem Stock hineinstößt; denn die sonst so friedsamen Bürger fühlten wohl, was es heiße, als kriegführende Macht auf die Bühne zu treten. In den Kramläden und Werkstätten war allgemeiner Feiertag, auf den Gassen dagegen, in den Schenken, im Zeughaus, im Rathaus wie nicht minder im Ratskeller wogte jung und alt geschäftig durcheinander. Ein jeglicher hatte Pläne, Warnungen und Prophezeiungen in der Tasche, jeder wollte reden, einige sogar hören, was andere redeten, und vom Schusterjungen bis zum Bürgermeister erschienen alle als geborene Heerführer und Staatsmänner, deren Gaben bisher nur verborgen geruht. Vorab aber galt es als das Zeichen eines wahren Patrioten, völlig zu vergessen, daß es noch irgend ein ander Ding in der Welt gebe als die drohende Fehde mit dem Dachs und seinen Spießgesellen. Von all diesem war nur ein einziger Mann ausgenommen: der Schmied Michael am Marktplatz. Er schmiedete in seiner Wertstatt weiter, als ob gar kein Dachsburger im Lande sei, ging nur dann zur Schenke, wann er Durst hatte, trank seine Kanne und redete wenig, pfiff und sang sogar noch seine alten Liedlein, während die ganze übrige Bürgerschaft bloß Kriegsmärsche pfiff, und verließ sein Haus nur, wenn es draußen wirklich etwas zu tun gab. Ja noch mehr. Er hatte stadtkundigerweise eine Liebschaft mit einer Bauerndirne, gut eine Stunde vor dem Tor, und blieb verliebt vor wie nach und besuchte sogar seinen Schatz dreimal in der Woche, wie er schon lange zu tun pflegte, als noch kein Mensch von einem Krieg träumte. Die anderen schalten ihn darum einen lässigen Bürger, einen schlechten Christen ohne Gemeingeist und faßten dies nach landesüblicher Weise bündig in ein Wort, indem sie ihn »Michael Leimsieder« nannten. Doch hätte man ihm seine politische Leimsiederei vielleicht noch verziehen, wäre er wenigstens in ein eingeborenes Stadtkind verliebt gewesen; allein seine Trude war ein Bauernkind, und nicht einmal eines Vollbauern, sondern eines eingewanderten Söldnerbauern Tochter, zählte also selbst unter dem Bauernvolk zum hergelaufenen Pack. Und um einer solchen Dirne willen vergaß der reichsstädtische Zunftmann fürs Heil der Stadt zu zechen, zu raten und zu reden! Die Liebschaft konnten sie dem unpatriotischen Schmied nicht wehren, aber das Heiraten wenigstens wollten sie ihm versalzen; so gelobten sich's die Ratsleute und die Zunftgenossen. Die Stadt, vom Hügel zum Flüßchen niedersteigend, hatte oben einen trockenen Graben und unten einen nassen und dementsprechend zwei Tore, das Bergtor und das Bachtor. Nach dem alten Brauch war der Verteidigungsplan auf die Zunftordnung gegründet, so daß jede Zunft ihr besonderes Stück Stadtmauer zu besetzen hatte. Die trockene Bergseite war von Natur minder fest als die Bachseite; es fügte sich darum ganz bequem, daß man die zahlreichen Zünfte, welche im Trockenen arbeiten, die Schmiede, Schuster, Schneider, Bauleute, Bäcker und Metzger an die trockene Seite postierte, dagegen die kleine Schar der Gerber, Fischer, Brauer, Schenkwirte und ähnliche feuchte Berufe an die Bachseite. Die wichtigsten Punkte waren jedenfalls die beiden Tore; am Bachtor hielten darum die fauststarken Gerber Wacht, am Bergtor die noch nervigeren Schmiede. Nun galt freilich vordem Michael der Schmied für den stärksten und kühnsten Mann in der ganzen Stadt, und man hätte ihm gerne den Befehl am Bergtor übertragen, wäre er nicht neuerdings Michel der Leimsieder geworden. So aber hielt der Rat dafür, daß ein so gleichgültiger, stummer und selbstgenügsamer Mann für den gefährlichen Posten nichts tauge, und stellte ihn in die Reserve zu den alten Leuten und unbärtigen Jungen. Der Schmied nahm das ganz ruhig hin, als ob sich's von selbst verstünde, und schmiedete ruhig fort an seiner Esse. Inzwischen war dem Rat die geheime Kunde geworden, daß der Dachsburger nächste Woche auf Lichtmeß mit seinen Freunden zusammenstoßen und in also vereinter Macht einen Hauptstreich wider das Städchen führen werde. Es galt, dieser Vereinigung der Gegner zuvorzukommen, und zwar stand die Sache derart auf Spitz und Knopf, daß man den Dachs entweder in dem Augenblick überfallen mußte, wo er seine Burg verlassen, den Sammelplatz der Gefährten aber noch nicht erreicht hatte, oder, wenn diese einzige Stunde versäumt würde, Verzicht leistete auf jeden Angriff und hinter den schwachen Mauern alle Plage einer sehr bedenklichen Belagerung auf sich nahm. Um dem Ritter den Weg zu verlegen, mußten aber die Bürger wenigstens den Sammelplatz wissen, gegen welchen er auf Lichtmeß von seiner Burg ziehen wolle. Sie schickten zu dem Ende drei Kundschafter aus: einen Metzgerknecht, einen Schustergesellen und einen Schneiderjungen. Allein die Späher kamen nicht wieder, sondern statt ihrer ein Bote des Ritters, vermeldend, sein Herr habe jene drei auf verdächtigen Wegen ertappt und festgenommen, sei aber bereit, sie gegen sehr billiges Lösegeld auszuliefern. Wolle ihm der Rat statt des Metzgers ein paar fette Mastochsen, statt des Schusters ein paar fette Schweine und statt des Schneiders, der gar leicht und mager sei, ein paar junge Zicklein senden, nebst sechs Maltersäcken Korn als Brot zum Fleische, dann könnte er die drei Burschen im Stadtwald gegen Quittung wieder in Empfang nehmen. Die Bürger waren außer sich über diesen neuen Schaden samt dem Spott; dazu drängte die Zeit, denn morgen bereits stand Lichtmeß im Kalender. Schon früh am Tage hielt man Kriegsrat auf dem Rathause. Im engeren Ringe standen die Hauptleute der Zünfte wie auch die Führer einiger fremden Mannschaft, die von den befreundeten Nachbarstädten herübergeschickt worden war, im weiteren Ring die anderen bewaffneten Bürger als Zuhörer. Es drohte aber eine bedenkliche Spaltung; denn einem Teile war die Nachricht, der Dachsburger wolle auf Lichtmeß ausziehen, nachgerade so verdächtig worden, daß sie behaupteten, der Ritter selber habe sie ausgesprengt, um die Stadt irre zu führen, und die Gefangennahme der Späher sei bereits die erste Frucht seiner gelungenen List. Die anderen dagegen hielten die Kunde für echt und begehrten den Ausmarsch auf morgen, nur konnte keiner genau sagen, wohin man eigentlich marschieren solle. Um den Streit zu schlichten, forschte man nun – freilich etwas spät – genauer nach, woher denn eigentlich jene geheime Kunde gekommen. Der Bürgermeister sagte, er habe sie vom Zunft-Meister der Gerber, der Zunftmeister, er habe sie von seinem Wachtposten am Bachtor, der Wachtposten, er habe sie von einem fremden Bauern, der in voriger Woche frühmorgens zwischen Licht und Dunkel ans Tor gekommen sei, woher sie aber der Bauer habe, das wisse er nicht. Nun hatten die Zweifler gewonnen Spiel. »Auf solche Gewähr,« riefen sie entrüstet, »ängstet man die ganze Stadt und will uns gar vors Tor führen, daß wir dem Dachs desto sicherer in den Rachen laufen!« Da schallte aus den hintersten Reihen der Zuhörer eine dröhnende Baßstimme: »Die Nachricht ist dennoch echt; morgen zieht der Dachs aus seiner Höhle!« »Wollt Ihr etwa bürgen für den fremden Bauersmann?« fragte strafend der Bürgermeister den unberufenen Redner. »Ja! denn der Bauer war ich selber!« antwortete die Stimme, und zugleich sah man die hohe Gestalt Michaels des Schmieds aus der Menge sich emporrichten. »Und wer hat Euch jene Mär aufgebunden?« »Ich erlauschte sie von des Ritters Leuten, da ich vorige Woche, wie gewöhnlich, des Abends als Bauer verkleidet den Söldnerbauer und seine Tochter besuchte.« »Das ist kein zuverlässiger Bote, der auf Liebesabenteuer zieht, indes wir hier, wie auch ihm ziemte, den Schlaf uns abbrechen, um die Stadt zu bewachen!« rief der Gerberzunftmeister, der Befehlshaber am Bachtor. Ruhig erwiderte Michel Leimsieder: »Hättet Ihr wirklich die Stadt bewacht, so hätte ich nicht auf Liebesabenteuer ausziehen können. Denn seht, ich bin in den letzten vierzehn Tagen sechsmal bei Nacht über die Mauer gestiegen und durch den Graben gewatet, hart neben eurem Bachtor, und keiner hat mich erblickt.« Diese kurze Zwiesprache begann die Stimmung der Menge bereits zu wenden. Man drängte und schob den Schmied in den engeren Ring; vielen dämmerte es schon, daß der Leimsieder allein schweigend gehandelt habe, während die anderen bloß redeten, wie man handeln solle, und daß der einzige Politikus in der Stadt ein Verliebter sei. Alle lauschten atemlos den weiteren Antworten Michaels, die so kurz und schwer fielen, wie Hammerschläge auf den Amboß. »Warum,« fragte der Bürgermeister, »habt Ihr mir nicht sofort pflichtmäßig Anzeige gemacht von dem erlauschten Geheimnis?« »Weil ich gern meine eigenen Pfade im stillen gehe, und den nächtlichen Weg zum Söldnerbauer hättet Ihr mir doch gar zu gerne verlegt. Übrigens glaubtet Ihr ja alle, was ich dem Wachtposten entdeckte, ungeprüft. Also konnte ich schweigen. Heute, wo man laut zu zweifeln beginnt, rede ich.« »Da Michel alles weiß, so kann er uns vielleicht auch sagen, welchen Weges morgen der Dachsburger ziehen wird?« sagte der Gerbermeister in zornigem Spott. »Allerdings«, erwiderte der Leimsieder trocken. »Und habt Ihr das auch von den Knechten des Ritters?« »Nein, sondern vom Ritter selber.« Und wiederum schwieg er, als harre er weiterer Fragen. »Himmel und Welt!« rief der Bürgermeister, »lauf' doch einer in die Werkstätte des Schmieds und hole die große Zange, daß wir ihm die Worte etwas leichter aus dem Munde ziehen können!« »Die Zange brauchen wir jetzt nicht,« sagte Michel, »aber den Hammer werden wir brauchen, morgen früh vorab, wenn es wider den Dachsburger geht. Und jetzt höret das Übrige. Ich selber habe dem Ritter unsere drei Kundschafter fangen helfen. Das kam nämlich so: es ließ mir keine Ruhe, ich mußte Näheres erforschen über den Plan unseres Feindes. Ich schlich mich daher in einem Bauernkittel zum Müller in der Lohe, wo der Dachs mit seinen Knechten und einer Schar Bauern hielt, die er dorthin entboten, um mit ihrer Hilfe ein weidgerechtes Treibenjagen auf die drei städtischen Kundschafter anzustellen. Die Bauern kennen mich alle, aber keiner wird mich verraten, denn wegen des Söldnerbauern Gertrud halten sie mich für ihresgleichen. So wurde ich also mit ihnen im Treiben aufgestellt. Natürlich hatte ich die Absicht, unsere drei Leute auf meiner Linie auskommen zu lassen, und das wäre auch geschehen, wenn sie nicht gar zu selbstgewiß all meine Winke verachtet hätten. Mögen sie's also haben. Nach vollführtem Fang bewirtete uns der Ritter auf der Mühle, und als er nach manchem tiefen Trunk etwas stark redselig wieder zu Pferde stieg, blickte er nach dem Mond und sagte zu mir, der ich das Roß am Zügel hielt: »Wachsend Licht und Ostwind – das gute Wetter wird standhalten. Sonnenschein auf Lichtmeß! Der Dachs wird seinen Schatten sehen, wenn er aus der Höhle tritt. Bäuerlein! Wie heißt der Spruch vom Dachs auf Lichtmeß?« Da erwiderte ich: »Sieht der Dachs auf Lichtmeß seinen Schatten, so kriecht er auf vier Wochen wieder in den Bau zurück.« Der Ritter lachte und rief zu seinen Leuten, indem er dem Pferd die Sporen gab: Heuer wird der Dachs den Spruch zu Schanden machen. Ich verstand wohl, was er meinte, und schlich in meiner Angst dem Reiterzuge nach, der im Schritt den steilen Berg hinanklomm. Indem ich nun so im Schatten des Waldsaumes nebenher huschte, vernahm ich, wie der Ritter von der Klosterwiese als dem Sammelplatz sprach, wo er auf Lichtmeß am Vormittag mit seinen Freunden zusammentreffen wolle. Von der Burg zur Wiese gibt es aber nur einen Weg für berittene Mannen, nämlich durch die Schlucht im Rauchholz. Dort müssen wir morgen zur rechten Stunde lauern oder nirgends; und nun wisset Ihr alles, was ich selber weiß.« Michael wollte bescheiden wieder auf seinen Platz zurückgehen, aber die anderen duldeten das nicht; jeder wollte ihn ausfragen, beloben, seinen Rat hören: der Leimsieder war mit einemmal der Mann der Volksgunst geworden, obgleich sich doch alle vor ihm hätten schämen sollen, als vor ihrem leibhaften bösen Gewissen, welches ihnen wie ein Spiegel, nur im verkehrten Bild, die eigenen Mängel vorhielt. Keiner zwar zupfte sich an der eigenen Nase, sondern ein jeder seinen Nebenmann, und es gab ein babylonisches Gewirr, in welchem das Lob des Schmieds mit den gegenseitigen Vorwürfen der einzelnen zusammenfloß. Nun fand sich's auch urplötzlich, daß es in der Rüstkammer fehle und im Proviantgewölbe; denn alle hatten geredet, keiner gerüstet, alle gezecht, keiner gehandelt, den Leimsieder ausgenommen, der sein Haus bestellt hatte für jeden Fall, während er ganz still seinem Tagewerk und seiner Liebschaft nachging. So endete er auch jetzt den greulichen Tumult, indem er seinen Harnisch zeigte, der gefestet und blank geputzt, und sein Schwert, das scharf geschliffen war, und erbot sich, dem Dachsburger selber in der Waldschlucht zu Leibe zu gehen, wofern ihn nur zwölf tüchtige Burschen begleiten wollten. Die fanden sich bald, und die Befehlshaber redeten auch kein Wort wider das Wagnis, denn sie fürchteten schon, der Leimsieder mögs ihnen allen über den Kopf wachsen; werde er etwa vom Ritter geduckt, so sei es gerade kein Unglück. Am anderen Morgen zog Michael zum Tor aus, nicht mit zwölf, sondern mit dreißig Genossen, denn Tatkraft lockt zur Tat. Ein größerer Haufe marschierte in der Richtung der Klosterwiese, um, mit Vermeidung eines Gefechts, die dort sich versammelnden anderen Ritter zur Seite zu locken, daß sie nicht etwa dem Dachsburger entgegenritten. So hatte es der Leimsieder schon längst im stillen ausgedacht. Lautlos strich er mit seiner Schar in der frühen Dämmerung durch den Wald und stellte in der Schlucht die Zünftler ins Versteck hinter die Bäume und Felsstücke. In der Rechten hielt er den wuchtigen Schmiede-Hammer, das Schwert ruhte in der Scheide, über der Rüstung trug er den Bauernkittel, in welchen er sich so oft zu ganz anderen Abenteuern verhüllt hatte. »Sonnenschein auf Lichtmeß!« war der Feldruf der Städter an diesem Tage. Als eben die späte Februarsonne hellglänzend durch die laublosen Wipfel aufstrahlte, nahte sich der Ritter, sorglos den engen, steinigen Pfad herabreitend; die Knechte folgten ihm, einer hinter dem anderen, denn der Weg bot nicht Raum für zwei. Der Harnisch des Dachses glühte im goldenen Licht und der Schatten von Roß und Mann fiel vor ihm her. Da trat ihm auf zwölf Schritt der Schmied aus dem Gebüsch entgegen. »Sonnenschein auf Lichtmeß!« rief er. »Herr Ritter, Ihr macht ein Sprichwort zu Schanden: Der Dachs sieht seinen Schatten, aber er kehrt nicht mehr in seinen Bau zurück!« Und bei diesen Worten warf er den Hammer im Bogen dem geharnischten Mann entgegen; – er hatte den Wurf oft daheim geübt, während die anderen auf dem Rathaus Reden übten. Der Hammer sauste dem Gegner an den Kopf; doch schlug er ihm nur den Helm herab, welcher lose und bequem aufgesetzt gewesen. Allein das Roß scheute, bäumte, und ehe der erschrockene Reiter des erschrockenen Tieres Meister ward, stürzte es im Gestein des abschüssigen Pfades. Mit dem Sturz aber kamen dem kampfgewohnten Manne die Sinne wieder; im Nu war er aus den Bügeln, auf den Beinen, zog das Schwert und sprang dem Schmied entgegen, der kaum rasch genug sein eigen Schwert aus der Scheide reißen konnte. Sie prallten beide gleichzeitig aneinander. »Sonnenschein auf Lichtmeß!« schrie der Leimsieder und hämmerte in fürchterlichen Naturhieben auf des Gegners Harnisch, als hätte er glühendes Eisen auf dem Amboß. »Ich will dir den Sonnenschein auf ewig verdunkeln l« erwiderte der Ritter und gab ihm zugleich die Hiebe kunstgerechter, doch nicht minder kräftig heim. »Sonnenschein und Sturm zugleich!« rief der Michel. »Wenn's auf Lichtmeß stürmt und tobt, der Bauer sich das Wetter lobt!« und schlug dem Ritter einen Querhieb ins Gesicht, daß das Blut die Backen herunterrann. Nun kam auch dem Dachs der Humor: »Lichtmeß hell, gerbt dem Bauer das Fell!« entgegnete er und zog dem Michel einen Hieb über die linke Schulter, daß er dachte, er habe den Bauer durch und durch gespalten. Aber der Harnisch, an welchem der Leimsieder gehämmert, während seine Mitbürger Stroh gedroschen, fing den Streich auf und nur der Bauernkittel, in Fetzen geschlagen, fiel von der Schulter, daß der Schmied plötzlich in blanker Rüstung wie ein Junker vor dem Ritter stand. »Lichtmeß dumper, macht den Bauer zum Junker!« donnerte Michel nun, die richtige zweite Halbstrophe zu der eben gesprochenen ersten des Ritters fügend. »Wird der Bauer zum Junker, geht die Welt unter!« rief der Dachs mit entsprechendem Streich. »Für dich geht sie unter heut auf ewig«, antwortete der Leimsieder mit entsprechendem Gegenstreich. Und mit der Losung »Sonnenschein auf Lichtmeß!« fiel er immer wütender den Ritter an. »Auf Lichtmeß sieht der Bauer lieber den Wolf in der Herde als die Sonne am Himmel!« brüllte der Ritter. »Ihr sollt den Wolf haben und die Sonne zugleich!« und schwang sein Schwert gewaltig über Michels Kopf. Der Ritter behielt das letzte Wort: der Schmied wußte keinen Wetterspruch von Lichtmeß mehr, aber er behielt den letzten Hieb. Denn kaum hatte der Dachsburger jenes Wort gesprochen, so spaltete ihm der Leimsieder den Schädel und rief: »Schweigen ist auch eine Antwort!« Der Fall des Führers entschied den Tag. Des Schmiedes Genossen hatten leichtes Spiel mit den Knechten des Ritters. Roß und Rüstung, welche diesen im offenen Felde so oft den Sieg verschafft über die Städter, wurden in der engen Felsschlucht ihr eigenes Verderben. Als sie vollends den Herrn fallen sahen, wandten sie sich zur Flucht. Doch wurden etliche niedergemacht und gefangen. Die Bundesgenossen auf der Klosterwiese harrten bis Mittag ihres Freundes, da meldete ihnen gleichzeitig das Jubelgeschrei und Glockengeläute von der Stadt herüber und ein versprengter Knecht, der aus der Schlucht entronnen war, des Dachsburgers Schicksal. Sie gingen für diesmal auseinander und kamen so bald nicht wieder. Die Bürger aber in der Schlucht, welche von Stund an die »Dachsfalle« hieß, luden die Leiche des Ritters samt Schwert und Rüstung auf sein Pferd und führten dieses Siegeszeichen zur Stadt; Michael der Leimsieder ging mit dem Hammer an der Spitze des Zuges. Als sie an dem Hause des Söldnerbauern vorbeikamen, nahm er den Alten zur Rechten und die Gertrud zur Linken. Den zerfetzten Bauernkittel trug der jüngste Lehrjunge der Schmiedezunft ganz hinten auf einem Spieß wie ein erbeutetes Banner. So schritt die abenteuerliche Rotte zum Tore herein. Am Marktplatz machte man Halt und legte die Leiche des Ritters auf den Stein vor der Schmiede wie auf einem Paradebett aus, daß jeder sich überzeugen konnte, es sei auch wirklich der Dachsburger und kein anderer, den Michael gefällt. Es zeigte sich, daß der Ritter aufs Haar so lang war wie der Stein, nämlich sieben Fuß, gleich als sei der Stein, der schon seit undenklicher Zeit dort lag, eigens für ihn zurecht gehauen worden. Das alte zweihändige Ritterschwert, wie es damals schon kein Mensch mehr zu führen pflegte, ward zu ewigem Gedächtnis im Rathaus aufbewahrt. Es kam von da der Brauch auf, neu eingeschworenen Bürgern dieses Schwert zu zeigen, damit sie im Andenken an Michael den Leimsieder erkennen möchten, daß wenig reden und viel handeln die erste Bürgertugend sei. Als Lösegeld für den gefangenen Metzger, Schuster und Schneider schickte man die Leiche des Dachsburgers seiner Familie zurück. Er hatte bekanntlich die Gefangenen gegen Mastochsen, Mastschweine und junge Geißböcke ausliefern wollen. Ein Mönch im Städtlein fand diese Wendung so bedeutsam, daß er am nächsten Sonntag sehr erbaulich darüber predigte. Michael heiratete seine Gertrud ohne Einsprache, wie sich von selbst versteht. Seine Freunde behaupteten noch lange nachher, nie im Leben, nicht einmal an seinem Hochzeitstage, sei er so gesprächig gewesen wie in der Dachsfalle, als er mit Hieben gewettert und mit Wetterregeln dreingehauen habe. Und doch sei er auch dort das letzte Wort schuldig geblieben, nicht aber den letzten Hieb. Der Spitzname des Leimsieders ward, wie das damals so oft geschah, zum Familiennamen. Die Familie blieb in hohen Ehren, soll jedoch in späterer verfeinerter Zeit jenen Namen abgelegt haben, so daß mehrere große Männer deutscher Nation, die ohne Zweifel aus dem Hause Michaels stammten, den Zusammenhang mit ihrem Ahnherrn nicht mehr durch den Namen, sondern bloß durch ihre Taten nachweisen konnten, ganz im Geiste Michaels. In unseren Tagen, wo man zu jeder alten Sage sofort eine noch viel ältere Parallelsage aufspürt, wollen sogar einige Gelehrte behaupten, nicht Michael Obertraut aus dem Dreißigjährigen Kriege, sondern dieser Michael Leimsieder sei der ursprüngliche deutsche Michel gewesen, der verspottet schweigt, wenn die weisen Politiker reden, aber zu allerletzt das Wort und den Hieb führt, wenn jenen ihr Latein ausgeht. Der Hausbau 1. »Das Bauen ist ein' große Lust, Daß's so viel kost', hab' ich nit g'wußt: Behüt' uns Herr in alle Zeit Vor Maurer, Schmied und Zimmerleut.« Dieser Spruch stand vor hundert Jahren an dem Haus des Rats Humbert auf dem Walle. Für ein Bürgerhaus war der Reim im Grunde etwas zu bauernmäßig; allein da man bei den meisten Einwohnern der Stadt überhaupt nicht recht wußte, wo der Bürger aufhöre und der Bauer anfange, so paßte er doch ganz gut. Zudem hatte der reiche Rat das Haus auf dem Walle, welches er mit seiner Frau erheiratet, immer nur als eine Art Gartenhaus angesehen und niemals auf längere Zeit bewohnt. Seine eigentliche Wohnung stand mitten in der Stadt am Markte. In dem volksarmen Orte war es damals unmöglich, einen Käufer für das abgelegene Wallhaus zu finden, dasselbe aber an geringere Leute zu vermieten, hätte der Rat unter seiner Würde erachtet, und so diente es der Familie nur zum gelegentlichen Aufenthalt, wenn sie den prächtigen Obstgarten besuchte, der das verwahrloste Haus umgab. Mit des Rats Tode aber ward es anders. Sein einziger Sohn Christian hatte keine Schneid zum Studieren gehabt, er war Ökonom geworden und bewirtschaftete ein großes Hofgut, eine Stunde vor der Stadt. Das väterliche Haus am Markte hatte er verkauft: das Haus auf dem Walle dagegen behielt er, weil er es doch zu einem Spottpreis hätte verschleudern müssen. Er wollte es sich zu einem Absteigequartier Herrichten und auch wohl im Winter etliche Monate darin wohnen. Da galt es aber einen gründlichen Umbau; denn ein Teil der Räume war ganz verfallen, und was noch gut erhalten stand, daß paßte nicht für Geschmack und Bedürfnis des neuen Besitzers. Allzu große Zimmer sollten verkleinert, zu kleine vergrößert, hier ein Fenster, dort eine Türe versetzt werden, die Decken neu getäfelt, die Wände getüncht, die Fußböden ausgespänt, die Öfen umgebaut. Kurzum, das halbe Bauernhaus sollte sich in ein ganzes, behagliches Bürgerhaus verwandeln. Und gleichsam zum Wahrzeichen, daß ein neues, fortgeschrittenes Geschlecht Besitz ergriffen habe von dem alten Bau, ließ der junge Humbert vor allem die Tafel mit dem Bauernreim über der Türe ausbrechen. Das bemerkte sein Nachbar, der Förster Habermann mit großem Verdruß; denn er hatte den Reim so oft und gerne gelesen. Aber sein Verdruß wuchs noch bedeutend, als er hörte, daß der verlassene Bau stadtmäßig hergerichtet und im Winter von Humberts Christian bewohnt werden solle. Der Förster hatte nämlich vor zwanzig Jahren einen nachbarschaftlichen Prozeß mit dem Rat Humbert gehabt und hielt diesen Mann seitdem für seinen Feind, dem er überall aus dem Wege ging. Die Gärten und Höfe beider Häuser grenzten auf der Mittagsseite aneinander, durch einen Bretterzaun getrennt, welchen seit alter Zeit bald der eine, bald der andere hatte ausflicken lassen, so daß man nicht mehr wußte, wem eigentlich der Zaun gehörte. Vertrauend auf dieses Zeugnis des Herkommens hatte der Förster die Grenzlinie als eine gemeinsame angesehen und in seinem Hof eine Waschküche hart an dem Zaun zu bauen begonnen. Da erklärte der Rat, er besitze das »Hammerrecht« längs dieses Zaunes, das heißt, der Nachbar müsse seinen Bau auf Hammerwurfsbreite – drei Fuß – vom Zaune abrücken. Der Förster bestritt das Recht und baute weiter; es kam zum Prozeß, welchen der Förster verlor, so daß er seinen bereits halb vollendeten Bau auf drei Fuß breit wieder abbrechen muhte. Im Zorn über die Geschichte ließ er die Ruine der nach hinten offenen, dachlosen Waschküche stehen, wie sie stand, zumal er dadurch einer Ruine anderer Art in des Rats Garten eine Art Trutzburg entgegenzusetzen glaubte. Es war nämlich der Rest eines alten, efeuumrankten Stadtturmes, welcher jenem Garten einen besonders malerischen Schmuck verlieh; und auf den Zinnen des Turmes hatte der Rat ein Belvedere, wie er's nannte, anlegen lassen, welches ihm freie Aussicht zu Fluß und Stadt hinüber, wie auch in den Garten des Försters öffnete. Dem Förster war es natürlich unangenehm, daß ihm der Nachbar den ganzen Garten ausspähen konnte; darum übte er jetzt Vergeltung, umpflanzte die Ruine seiner Waschküche mit Efeu und legte gleichfalls ein Belvedere auf den drei vom Richterspruch verschonten Mauerwänden an. Dies war aber auch das einzige Zeichen des tiefen Grolles, den er gegen den glücklicheren und mächtigeren Nachbarn im Heizen trug. Mit einem fürstlichen Rate war in jener Zeit nicht viel zu spaßen, und überdies gehörte der Förster zu den verschlossenen Naturen, die schweigend am nachhaltigsten zürnen. Solch schweigende Fehde ließ sich nun ganz leicht durchfechten bei einem Nachbarn, der fast niemals im Hause zu sehen war und sich mit den Jahren immer weniger um dasselbe kümmerte. Daher ahnte der Rat denn auch gar nicht des Försters Faust im Sacke, und als vollends sein Sohn das Besitztum antrat, dachte dieser nicht im Traume mehr an den alten Zankapfel des Hammerrechtes und ging ganz arglos ins Försterhaus zum ersten nachbarlichen Begrüßungsbesuch. Der Förster war im Walde; seine Tochter empfing den unerwarteten Gast höchst verlegen. Denn sie hatte die Humberts immer als böse Nachbarn schildern hören und kannte den jungen Christian zumeist nur aus den verstohlenen Blicken, welche sie vor Jahren durch die Astlöcher des Bretterzaunes geworfen, wenn er drüben im Garten unreifes Obst von den Bäumen brach und naschte. Der Rat Humbert hatte darin das erste Anzeichen der landwirtschaftlichen Neigungen seines Sohnes gesehen, der strenge Förster aber hielt solche Frevel des wilden Jungen seinen Kindern als abschreckendes Exempel vor. Nun stand der Frevler, inzwischen zum gemachten Manne ausgewachsen, vor der erschrockenen Marie und erzählte ihr höchst artig, daß er nächsten Winter als Nachbar einziehe, vorher aber das Haus gründlich zu verbessern und zu verschönern gedenke. Er könne freilich jede Woche nur einmal in die Stadt kommen und nach dem Baue sehen, darum habe er die Aufsicht über so vielerlei kleine Arbeiten, die doch alle rechtzeitig ineinander greifen müßten, dem Maurermeister übertragen. Er hoffe, der Mann werde sein eifriger Stellvertreter sein; übrigens wolle er auch den Förster bitten, daß er als guter Nachbar mitunter den Maurern, Tünchern, Zimmerleuten und Schlossern ein wenig zuschaue, um ihm in acht Tagen zu erzählen, wie sie's getrieben hätten. Wie er selbst aber den Maurermeister zur eifrigsten Aufsicht spornte, das müsse die Jungfer Habermannin nun doch auch noch erfahren. »Mein seliger Vater,« so sprach er, »hatte eine bewährte Reiseregel. Wenn er in ein Wirtshaus kam, so gab er gleich beim Eintritt dem Kellner das Trinkgeld und nicht bei der Abreise. Denn wer erst gibt, wenn er den Fuß wieder in den Steigbügel setzt, der schenkt bloß dem Kellner und ehrenhalber; wer aber gibt, wenn er eben den Fuß aus dem Bügel getan, der schenkt zugleich sich selbst; er verbindet mit der Ehre den Nutzen. Gesetze und Trinkgelder haben keine rückwirkende Kraft. Getreu der väterlichen Regel brachte ich darum dem Maurermeister heute schon beim Beginn der Arbeit ein Fäßchen Wein eigenen Wachstums; er wird mich jetzt wohl ebenso gut bedienen, wie mein seliger Vater wegen seiner vorgeschenkten Sechsbätzner allezeit in den Wirtshäusern bedient worden ist.« Als der Förster des Abends nach Hause kam, hörte er mit Staunen von dem seltsamen Besuch. Seine Verwunderung wuchs, da ihm Marie erzählte, daß er selber gar acht geben solle auf die Fortschritte des Baues. Er fand das Ansinnen höchst unbefangen, wenn nicht unverschämt, und nahm sich anfangs vor, keinen Blick auf das Nachbarhaus zu werfen, möchten die Handwerksleute sich auf die Köpfe stellen und das Haus aufs Dach, so sei's ihm gleich. Als er aber zuletzt die neue Lehre von dem vorgeschenkten Trinkgeld hörte, gelüstete es ihn doch, gelegentlich hinüberzuschauen. Denn wenn einer gescheiter sein will als alle anderen Leute, dann gönnen wir's ihm, daß er erst recht nichts zustande bringt. Und der Förster hoffte dieses stille Vergnügen bei dem Hausbau des Nachbarn zu erleben. Da es ihm aber zuwider war, über die verhaßte Schwelle zu schreiten, so sagte er seinem kleinen Georg, dem zehnjährigen Bruder der Marie, er dürfe drüben bei den Bauleuten spielen und solle dann auch fleißig aufpassen, was und wie sie arbeiteten, das sei lustig und lehrreich obendrein. Allein obgleich der Bube mit großem Jubel sich herumtummelte in den bis dahin verschlossenen Räumen, zu welchen er so oft vergebens neidisch hinübergeblickt, brachte er doch nur dürftige Kunde von dem Treiben der Handwerker. Um so schärfer beobachtete dagegen Marie. Zehnmal täglich bestieg sie das Belvedere auf den Ruinen der Waschküche und wußte am Schluß der Woche genauesten Bescheid über alles, was beim Nachbarn geschehen und nicht geschehen war. Am ersten Tage griffen sie da drüben mit einem Eifer zu, als solle der ganze Bau bis zum Feierabend schon fertig stehen. Auch der Maurermeister war pflichtlich auf seinem Posten, ordnete und verteilte die einzelnen Arbeiten und fluchte dabei so kräftig, daß man's über drei Häuser hören konnte. Also war alles im schönsten Gange. Am zweiten Tage hörte Marie den kommandierenden Maurermeister nur einmal fluchen und am dritten gar nicht mehr. Das schien ihr bedenklich. Zugleich beobachtete sie an eben dem dritten Tage einen eigentümlichen Handwerksbrauch der Maurer und Tüncher, den sie auch bei anderen Bauten schon wahrgenommen. Die Leute kamen nämlich punkt fünf Uhr morgens mit großem Gepolter und stellten ihre Kübel quer vor die Haustür, warfen auch ihre Hämmer und Kellen dröhnend auf die Schwelle, daß man's unfehlbar hören und sehen mußte, rührten mit gewaltigem Lärm ein wenig Kalk an und verzogen sich dann ganz leise wieder, um erst nach Tisch zurückzukehren. Sie nannten das eine stille Frühmesse und meinten, man müsse das Werkzeug auch einmal für sich allein arbeiten lassen. Während der Zeit war nur ein einziger alter Zimmermann auf dem Hofe tätig. Mit sehenswerter Bedächtigkeit hob und senkte er sein Beil im langschleppenden Zeitmaße eines Trauermarsches, um etliche Späne von einem Balken zu hauen. Desto lebhafter sah ihn dagegen Marie bald nachher mit Hobel und Schnitzmesser hantieren; als sie aber den Gegenstand seiner Bautätigkeit etwas näher ins Auge faßte, fand sie, daß er für ihren Bruder Georg, der plaudernd neben ihm stand, ein Gewehr und einen Säbel aus zwei alten Latten schnitzte. »Wo bleibt denn heute der Maurermeister?« rief sie dem Alten über den Zaun hinüber. – »Er ist gestern in Kahlbach vom Gerüste gefallen und hat ein Bein gebrochen«, antwortete der Zimmermann mit großer Seelenruhe. – »Ist es ein schlimmer Bruch?« fragte der Förster, welcher gleichfalls im Garten stand. – »Fa. Es ist das schlimmste Bein, das man brechen kann, nämlich das Nasenbein.« – »Und wie kam denn das Unglück?« – »Darum kam's, weil der Meister schon am hellen Tage zu viel von dem Wein getrunken hatte, welchen ihm der Herr Humbert geschenkt.« – Der Förster sagte zu seiner Tochter: »Die goldene Regel vom vorgeschenkten Trinkgeld hat also doch auch ihre blecherne Ausnahme«, und schlich in das Haus zurück. Am vierten Tage hörte man wieder einmal ein tüchtiges Hämmern und Sägen und Hobeln; die Arbeit schien nun doch endlich im vollen Zuge. Allein die Herrlichkeit dauerte nur bis zum Nachmittag. Glock drei Uhr rief der Lehrjunge sein »Schab ab!« und die Leute liefen aus allen Winkeln in den Hof und machten schleunigst Schicht. Nach wenigen Minuten zogen sie singend zum Tore hinaus. Nur der alte Zimmermann hieb noch eine halbe Stunde länger Späne von seinem Balken. Infolge desselben Gesetzes der Trägheit, welches ihn so wunderbar langsam das Beil heben und senken ließ, schien er auch langsamer wieder zur Ruhe zu kommen als die anderen. Das Beil auf der Schulter, ging er träumend, im lässigsten Bequemschritt am Försterhause vorbei. Marie rief ihm aus dem Fenster zu, warum er denn heute so früh schon Schicht mache? Der Zimmermann schob sich noch drei gemessene Schritte weiter, dann blieb er stehen, kehrte sich um und schwieg eine Weile. Hierauf sprach er: »Morgen ist ein halber katholischer Feiertag, und da einer von uns zwölfen katholisch ist, so feiern wir anderen mit, wegen der Parität, wie man's nennt, das heißt, damit keiner wegen seiner Religion vor dem anderen etwas voraus hat. Es ist aber ein löblicher Brauch, daß man vor einem Feiertage drei Stunden früher Feierabend macht als gewöhnlich.« So war es. Und am sechsten Tage schlichen die Handwerksleute erst nach Tisch auf den Bauplatz; denn nach einem halben Feiertage folgt billig auch ein halber Blauer-Montag. Als der junge Humbert am Schluß der Woche zur Stadt kam, um seinen Bau zu besichtigen, war der Förster durch ein höchst dringendes Geschäft wiederum in das fernste Waldrevier gerufen. Er hatte sich's freilich genau so eingerichtet, daß das dringende Geschäft gerade auf diesen Tag erledigt werden mußte, und Marie hatte er mitgenommen, daß sie unterwegs in Hammelsried bei der Pfarrerin zu Besuche blieb. Marie meinte zwar, dazu sei es auch in einem Monat noch Zeit; aber der Alte fand, daß es gerade heute Zeit sei, und sie mußte mit. Als ehrlicher Nachbar aber hatte er die Magd mit dem kleinen Georg daheim gelassen, damit sie dem Bauherrn genau erzählten, daß der Maurermeister infolge des vorgeschenkten Trinkgeldes die Nase gebrochen und also nicht viel Aufsicht habe üben können, und daß die Handwerksleute gearbeitet hätten wie eine Stube voll Schulbuben, wenn der Schulmeister hinausgegangen ist. Dem jungen Humbert stiegen die Haare zu Berg, da er dann mit eigenen Augen die Leistungen dieser ersten Woche prüfte. Aber das war noch nicht das Schlimmste. Weil nämlich das ganze Haus leer stand, so hatte er ohne Bedenken den Maurern die Schlüssel gegeben, daß sie früh morgens sich selber öffneten und abends schlössen. Die Maurer aber fanden es bequemer, abends nicht zu schließen, weil sie dann morgens nicht zu öffnen brauchten. Und nun fand sich's, daß ein Haus, welches dem Eigentümer ganz leer scheint, für das durchgebildetere Auge eines Diebes doch noch voll stecken kann von stehlenswerten Dingen. Die Diebe hatten die schöne Messingröhre vom Brunnen geschraubt, den Kupferbeschlag vom Küchenherde gelöst, die eisernen Türchen aus sämtlichen Öfen gehoben, ja sie hatten sogar den Hausschlüssel selbst mitgenommen, den die Maurer steckengelassen. Sie waren sichtbar viel fleißiger gewesen in ihrer Nachtarbeit als die anderen Arbeiter bei Tage. Der unglückliche Hausherr hängte bis auf weiteres ein großes Vorlegeschloß vor die Türe und übergab den Schlüssel dem kleinen Georg. Er lasse, so fügte er hinzu, den Vater grüßen und freundnachbarlich bitten, daß er den Schlüssel jedesmal nachts in seinem Hause aufbewahren möge, damit die Handwerksleute genötigt seien, ihn morgens abzuholen und abends zurückzubringen. Der Förster war bei der späten Heimkehr nicht wenig überrascht, als er den Hausschlüssel des Feindeshauses nun gar in seine Hände gelegt sah, und sagte dem Buben, er hätte den Schlüssel gar nicht annehmen sollen. Allein Marie meinte, das sei doch zu hart, und setzte dem Vater recht beweglich auseinander, daß er mit diesem Hausschlüssel vielmehr feurige Kohlen auf das Haupt ihres Hausfeindes sammeln müsse. Der Förster brummte noch eine Weile fort: da könne der Herr Humbert an sich selber fühlen, wie nützlich gute Nachbarschaft für zwei so abgelegene Häuser sei; gestern habe man prozessiert, heute bitte man um Gefälligkeiten und so weiter. Plötzlich aber stand er auf und sprach fast feierlich zu der Tochter: »Nun haben wir aber den Hausschlüssel einmal angenommen, also müssen wir ihn auch so treu bewahren, als schlösse er unser eigenes Haus. Ein Hausschlüssel ist kein gemeines Stück Eisen, er hat symbolische Kraft wie ein Petschaft oder ein Trauring. Man soll dergleichen Dinge nicht leichtsinnig übernehmen oder führen; denn sie verpflichten weit hinaus. Mit dem Schlüssel ist uns auch die Wacht über das ganze herrenlose Haus und die noch herrenloseren Arbeitsleute ins Gewissen geschoben. Übrigens wäre mir's eine rechte Lust, den faulen Gesellen einmal das Dressierhalsband umzulegen mit den Stachelkorallen. Im Grunde haben sie mich in meinem eigenen Hause schon ebenso oft und schwer mit ihrem Hämmern geärgert, als der verstorbene Rat mit seinem Hammerrecht. Gleich steht hier wider Gleich, und die Gelehrten haben noch nicht ausgemacht, was ein Haus gründlicher schädigt, gewissenlose Bauleute oder ein Prozeß.« 2. Einen Tag besann sich der Förster noch; denn sein Zorn stand mit sich selbst in Widerstreit: über den Humbert ärgerte er sich, weil derselbe baute, und über die Handwerker, weil sie nicht bauten. Hätte er seinen Groll an Humbert auslassen wollen, so mußte er die faulen Arbeiter unterstützen: drückte er diesen aber als pflichteifriger Mann den Daumen aufs Auge, so half er seinem Feinde bei dem verhaßten Hausbau. Am zweiten Tage aber war er entschlossen, er ging hinüber, seine schöne Rede über den Hausschlüssel wahr zu machen. Die Bauleute zeigten ihm sehr freundlich, was sie getan hatten und was alles noch zu tun sei, und begleiteten ihn vom Keller bis auf den Speicher. Als sie aber ganz oben zu Ende gekommen waren, stellten sie sich wie in einen Halbkreis hinter den Förster, und zwei Maurergesellen traten vor und sprachen: »Lieber Herr, mit Gunst! Sie haben getreten auf unsere Kunst, Da Sie nun unser Wert betrachten, So werden Sie auch ein kleines Trinkgeld nicht achten.« Statt eines kleinen Trinkgeldes warf ihnen der Förster tausend Donnerwetter an die Köpfe: »Meinet ihr, ich sei aus Neugierde gekommen, um eure Stümperei zu sehen, die ihr eine Kunst nennt? Ich stehe hier als der Stellvertreter des Bauherrn und will schon acht geben, daß ihr nicht fernerhin unserem Herrgott die Tage abstehlt, wie ihr's vergangene Woche getan!« Und damit er sogleich ein praktisches Exempel gebe und sich als Kenner ausweise, rief er einen Maurer vor und zeigte ihm einen dunklen Winkel zwischen den Ziegeln und dem Gebälk des Daches, sagte, da droben sei ein Loch, und fragte, warum, das Loch nicht vor allen Dingen vermörtelt worden sei? Denn es hatte über Sonntag gewaltig hereingeregnet und das Wasser war durch den Speicherboden zum Getäfel der Decke des ersten Stockes gedrungen, das Getäfel aber hatte wiederum ein Loch und so war der Regen dort weiter an der frisch getünchten Wand herabgesickert und hatte die Wand verderbt, an welcher der Tüncher die ganze vorige Woche gemalt hatte. Der Maurer steckte kaltblütig die Hände in die Hosentaschen und sagte, das Loch gehe ihn nichts an, es sei im Gebälk und nicht im Verputz und also möge es der Zimmermann stopfen. Der Zimmermann tat einen langen Zug aus seiner Stummelpfeife, spuckte aus und sprach, das Loch kümmere ihn nicht, es sei im Blechverschlag der Dachkante und gehöre dem Spengler. Der Spengler bat den Tüncher um eine Prise, schnupfte, nieste und bemerkte sodann, wenn ja einer das Loch stopfen müsse, so sei es der Dachdecker; denn es fehle an den Ziegeln. Der Dachdecker kletterte nach langem Besinnen an den Balken hinauf, tastete und klopfte an der schadhaften Stelle, wo es sehr dunkel war, bedächtig hin und her und rief dann aus seiner Finsternis herab: »Das Loch schiert mich den Teufel, die Ziegel sind vollzählig und gesund, und wenn das Loch ja irgendwo ist, so ist's zwischen den Ziegeln und dem Blech und den Ballen in der Giebelwand, und der Maurer soll's nur ausstreichen.« Nun schwur aber der Maurer wieder, das Loch sei dennoch im Gebälk, der Zimmermann, es sei dennoch im Blech, der Spengler, es sei dennoch in den Ziegeln, der Dachdecker, es sei dennoch in der Mauer und so fort, die Reihe herum. Der Förster wußte zuletzt nicht mehr, wo ihm der Kopf sah, geschweige, daß er gewußt hätte, wo nun jenes Loch sitze. Weil er sich aber in diesem besonderen Falle nicht mehr zu helfen wußte, so machte er's wie kluge Staatsmänner: er ließ den Fall fallen und lenkte die Frage aufs Allgemeine. Er begehrte zu wissen, welcher Handwerker denn jetzt statt des Maurermeisters den Gang der Arbeiten anordne. Der Zimmermann antwortete mit Bedacht: »Es hat der Maurermeister seinen Altgesellen geschickt, und Herr Humbert hat ihm auch ein Trinkgeld vorgeschenkt, daß er uns allen die Arbeit zuweise. Allein das gilt nicht! Den Maurermeister ließen wir uns gefallen; denn er ist ohnedies ein halber Baumeister. Wir Zimmerleute, Schreiner, Schlosser, Tüncher, Dachdecker und Spengler können es aber doch nicht dulden, daß uns der Geselle einer fremden Zunft als Oberhaupt gesetzt werde, darum warfen wir ihn gestern zum Tore hinaus, worüber es zu einem kleinen Streit kam, der den ganzen Nachmittag dauerte, und während dieser Zeit hätte viel Nützliches gearbeitet werden können.« »Ihr Schwerenöter!« rief der Förster, »bei euch geht's ja zu wie im deutschen Reiche!« und wies ihnen nach, wie sie einig und im Einverständnis arbeiten müßten, sonst werde der Bau niemals fertig. Weil er aber im Augenblicke selbst nicht wußte, wie dieses Einverständnis herzustellen sei, so wandte er sich vom Allgemeinen wieder zurück zum Besonderen und sprach: »Lassen wir's denn in Gottes Namen noch eine Weile auf den Speicher regnen, bis ermittelt ist, wer das Loch da droben zu stopfen hat. Aber das andere Loch in der Täfelung der Zimmerdecke soll der Schreiner auf der Stelle flicken, damit der Regen wenigstens auf dem Speicher bleibt.« Der Schreiner schüttelte den Kopf: »Das Getäfel ist vor alter Zeit vom Zimmermann gemacht worden; man sieht's an der groben Arbeit. Also soll's der Zimmermann auch reparieren.« Der Zimmermann sprach: »Herr Förster, hören Sie ein Wort!« und nahm die Pfeife aus dem Mund, als wolle er was recht Bedeutendes sagen. Es war aber nur, um sie auszuklopfen und frisch zu stopfen. Nachdem dies geschehen, fuhr er fort: »Der Kitt des Tünchers ist kein Gift. Der Tüncher muß ohnedies das Getäfel neu mit Ölfarbe streichen, also kann er auch das Loch auskitten. Ich sage, sein Ölkitt ist kein Gift und er hält das Wasser am allerbesten ab.« Der Tüncher dagegen meinte, wenn er alle Löcher im Hause verkitten solle, dann brauche er den Kitt zentnerweise, und wälzte die Sache auf den Schreiner zurück. So führten die Handwerksleute den Förster abermals im Kreise herum, und da er, von dem zweiten besonderen Falle abspringend, auch seinerseits wieder auf die allgemeine Frage zurückkam, wer denn eigentlich Koch und Kellner sei, so drehte er sich gar in zwei konzentrischen Ringen. Zum Glück war Marie während der letzten Verhandlungen im Hintergrund erschienen und bat jetzt den Vater, er möge ihr die Aufgabe überlassen, in drei Stunden solle kein Tropfen mehr durch Dach und Decke regnen. Nachdem dann der Alte sich scheltend entfernt, nahm sie zuerst den Zimmermann beiseite. Er war, wie sie wohl wußte, in jüngeren Jahren Schiffszimmermann in Diensten der Republik Venedig gewesen, hatte lange Zeit das Mittelmeer befahren, auch in Asien und Afrika gearbeitet, um zuletzt gerade so arm und viel lüderlicher wieder zurückzukommen, als er ausgezogen war. Zu seinem angestammten deutschen Phlegma hatte er überdies noch eine reiche Zugabe orientalischer Faulheit mitgebracht. Natürlich erzählte er nun sehr gerne von seinen Abenteuern unter Türken und Heiden, wenn jemand Geduld hatte, den furchtbar langsamen Vortrag anzuhören. Marie brachte dem alten Venediger, wie man ihn nannte, auf seine Seefahrten, und er mußte ihr von Stürmen und Schiffbrüchen erzählen, und wie eine Kugel der Korsaren in die Flanken des Schiffes geschlagen und auch sonst ein Leck entstanden sei, und wie da die Zimmerleute sich hätten tummeln müssen, das Loch zu stopfen. Als sie ihn aber so weit hatte, nahm sie den Alten lächelnd bei der Hand und führte ihn vor das Loch im Getäfel und bat gar freundlich, jetzt möge er ihr auch mal zeigen, wie er's damals gemacht, und möge gleich den Leck verschlagen, als stehe beim Verlust einer Minute Mann und Maus auf dem Spiel. Der Venediger lachte über die listige Hexe, fluchte über alle Weiber; griff zum Werkzeug und hatte in einer Viertelstunde schon den Schaden geheilt. Dann ging das Mädchen zum Maurergesellen. Seine Lebensabenteuer waren einfacher gewesen, rein vaterländischer Art, und das bemerkenswerteste Ergebnis derselben waren zwei uneheliche Buben, die hungrig und zerlumpt in der Stadt herumliefen. Marie begehrte hier keine Erzählung, sondern knüpfte gleich an die vollendete Tatsache und sagte dem Maurer, sie habe ein abgelegtes Kamisol und ein paar Strümpfe ihres Bruders, auch allerlei alte Lappen, womit er seinen Buben in der Feierstunde die Hosen flicken könne, aber vorerst müsse er hier geschwind das Dach flicken, sonst werde nichts gereicht. Der Maurer seufzte tief, kratzte sich hinter den Ohren, dankte mit einem »Vergelt's Gott!« im voraus und stieg dann in stiller Entsagung aufs Dach. Nachdem so der besondere Fall erledigt war, ging nun Marie zum Allgemeinen über. Sie entwarf mit Beihilfe des alten Venedigers einen Plan, in welcher Reihenfolge fortan die vielen selbständigen Handwerker bei den hundert kleinen Verbesserungen ineinander greifen sollten, und studierte förmlich die Natur und Quelle der Nachlässigkeit und Faulheit jedes einzelnen, daß sie einen jeglichen an seiner schwachen Seite packen und mit milder Gewalt zu seiner verfluchten Schuldigkeit führen könne. Das letzte Geschäft war nicht leicht, und die Werkmeisterin hätte es für sich allein unmöglich zustande gebracht; aber sie setzte bald ihren Bruder, bald die Hausmagd, bald den Forstgehilfen oder gar den Vater selbst in Bewegung, daß sie ihr nachsehen halfen und zwischen den Werkstätten der säumigen Handwerksmeister und dem Bauplätze einen Mahnbotendienst übten. Der Förster wußte nicht, wie er sich vorkam. Die Faulenzerei der Arbeiter und die Betriebsamkeit der Tochter jagte ihn ins Feuer für seines Feindes Haus; für einen eigenen Hausbau wäre er gewiß nicht halb so heftig hineingegangen. Allein er wollte ja nur den Handwerkern zeigen, daß er sie zwingen könne; das war nun Ehrensache. Gar oft schon hat ein gemeinsamer dritter Gegner zwei alte Feinde unvermerkt verbrüdert. Daran dachte jedoch der Förster gar nicht: sobald er den anvertrauten Hausschlüssel einmal zurückgegeben, sollte auch wieder der tiefste Graben ohne Brücke die beiden Nachbarhäuser trennen. Den Besuchen des jungen Humbert konnte er nicht jedesmal ausweichen: desto sicherer aber wich er dann jedem Gespräche aus, das nicht auf den Hausbau zielte. Der Nachbar war für ihn nur als umbauender Hausbesitzer auf der Welt, und er sorgte als ein ungehobelter Jägersmann dafür, dies allezeit recht deutlich zu zeigen. Inzwischen kam die Erntezeit, und man hätte denken sollen, der junge Gutsbesitzer stecke jetzt so tief in der Feldarbeit, daß er wohl auf Wochen nicht nach dem Hausbau sehen könne. Allein seine Besuche wurden vielmehr immer häufiger; es schien fast, das alte Haus sei das bedeutendste Grundstück, welches er zu bewirtschaften habe. Kam er aber so oft zur Baustätte, dann konnte er ja wohl auch die Handwerksleute selber beaufsichtigen und Marie ward ihres Dienstes quitt. Oder er fand bei so häufiger Einkehr in der Stadt wenigstens einen anderen Bauführer von Profession statt des Maurermeisters und des Altgesellen. Allein Humbert schien eben die Försterstochter für die beste Bauführerin von der Welt zu halten und ließ ihr völlig freie Hand. Der Bau gedieh ja prächtig, und während anfangs alle Arbeiten zweimal verkehrt gemacht wurden und erst beim drittenmal gerieten, wurden sie jetzt immer nur zum erstenmal verdorben und gerieten, wenn Marie sie dann wieder herunterschlagen ließ, schon beim zweitenmal ganz gut. Nun war es aber seltsam, daß die Anwesenheit des Bauherrn der schönen Werkführerin jetzt ebenso große Verlegenheit bereitete, wie anfangs die Abwesenheit desselben. Sie war in das Bauwesen hineingekommen und wußte selbst nicht wie; zuerst aus reiner Neugierde, dann getrieben vom lustigen Ärger über die faulen Handwerker, dann aus Freude, daß sie's dem Vater so ergötzlich abgewann, die Trägen zur Arbeit zu führen, und dann freute sie sich wieder, daß sich der Bauherr freute über ihre stille waltende Förderung des Werkes. Trotzdem ward sie allemal rot, wenn dieser sie beim Bau überraschte, und hatte doch ein so gutes Gewissen. Um sich das Erröten zu ersparen, stellte sie darum den kleinen Georg als Schildwacht auf den Turm im Garten; er konnte von dort den Weg übersehen, welchen Humbert zur Stadt herüberreiten mußte, und kam dieser dann ins Haus, so war Marie längst verschwunden, und es schien, als ob die Hand eines wohlgesinnten Heinzelmännchens wie im Märchen inzwischen den Bau geleitet habe. Der junge Humbert begriff lange nicht, warum er Marie niemals im Hause traf, indes er doch so oft wahrnahm, daß sie eben erst dagewesen, bis er eines Tages zu Fuße von hintenher durch den Garten kam, da konnte sie ihm nicht mehr entwischen. Seitdem wählte er stets diesen versteckten Fußweg, und so sahen sich die beiden wohl alle paar Tage. Marie erzählte dann vom Bau, Humbert prüfte nach ihrem Bericht die Arbeiten und half kräftig nach und erzählte seinerseits, was er alles noch aus dem alten Hause zu machen beabsichtige. So kamen sie oft recht tief ins Erzählen. Humbert erzählte aus seinen Jugendjahren, oder von den seltsamen Lebensschicksalen seines Vaters, oder von Familiengeschichten, die sich an das alte Haus knüpften; ähnlich erzählte Marie Erlebtes und Überliefertes dagegen. Sie hatten sich auch so viel zu erzählen; denn sie waren ja trotz der Nachbarschaft immer meilenweit fern voneinander gehalten worden. Allezeit aber blieb ihr Gespräch bei diesem rein historischen Ton. Es ging in ihrem Verkehre zu wie in einer echten Novelle: Es ward immer nur schlechtweg erzählt, sie wühlten nicht in Gefühlen, grübelten und predigten nicht. Wenn aber ein jedes nachgehends wieder für sich allein war, so dünkte es ihm, sie hätten doch allerlei wundersame Empfindungen miteinander ausgetauscht, obgleich sie sich eben nur Geschehenes treu und einfach erzählt hatten. Und gerade so wie bei dieser wirklichen Geschichte steht es um die Gefühlspoesie der erdichteten Geschichte: die Poesie des Herzens wirkt am reizendsten da, wo sie in der Tatsache ausgesprochen, im Worte aber verschwiegen ist. Kam dann abends der Vater nach Hause, so erzählte ihm die Tochter wieder, was sie und der junge Humbert sich gegenseitig erzählt hatten. Nur verfuhr sie dabei etwas einseitig. Sie berichtete nämlich getreu, was man irgend über das Haus und den Bau gesprochen, und erzählte auch alle die alten Geschichten, die sich auf das Haus bezogen. Was man aber von sonstigen Erlebnissen und Schicksalen erzählt hatte, das behielt sie im Sinn. Sie wußte ja, daß Humbert nur als umbauender Hausherr für ihren Vater auf der Welt war. Ihr selbst aber gefiel Humbert in dieser Eigenschaft so gut und sie gefiel sich so ganz als Werkführerin, daß sie wünschte, es möge in Ewigkeit fort umgebaut werden an dem alten Hause. Und im Grunde dachte sie auch kaum daran, daß der Bau jemals ein Ende nehmen und was dann weiter kommen werde. 3. So war der Sommer vergangen und die Innenräume des Hauses waren leidlich in ihre verbesserte Gestalt gebracht. Man begann eben Hoftor und Haustüre zu erneuern und den Hof neu zu nivellieren und zu pflastern, auch rammte der Tüncher schon seine Gerüstbalken in den Boden zum Abputz der Außenwände. Da blieben eines Morgens alle Handwerker aus; nur ein Tagelöhner kam herbeigeschlichen und räumte bedächtig etwas Schutt vom Hose. Marie eilte sogleich herüber, um ihn nach den anderen Arbeitern zu fragen. »Sie werden zunächst nicht wiederkommen«, erwiderte dieser ganz gelassen. – »Und warum nicht?« – »Weil sie die Arbeit hier nicht mehr freut.« – »Und warum freut sie die Arbeit nicht mehr?« – Auf diese öfters wiederholte Frage kam dann immer wieder die Antwort: »Ja, weil sie's eben nicht freut.« Mit einem großen Aufwände von Geduld brachte Marie endlich heraus, daß den Handwerkern hier nachgerade die Arbeit zu viel geworden sei, des Bieres aber zu wenig und des Branntweins viel zu wenig, und daß sie darum einmütig beschlossen hätten, dieses undankbare Werk eine Weile liegen zu lassen; vielleicht werde es durchs Liegen besser, wie die Winterbirnen. Es mußte fast notwendig so kommen. Gleichwie der Esel, wenn man ihn durch einen Sturm von Prügeln und Schmeicheleien überrascht, plötzlich, sich selbst vergessend, im Galopp einherspringt wie das frischeste Pferd, dann aber nicht minder plötzlich erkennt, daß er ja seiner Natur untreu geworden ist, und nun stehen bleibt wie ein Klotz, und trotz Sporn und Zügel und Prügel seinen Platz behauptet und wieder ein ganzer Esel wird, so waren auch die Arbeiter durch das unvermutete Zusammenwirken des Försters, des Mädchens und des Hausherrn wie im Rausche aus sich selbst herausgetrieben worden. Auf dem Höhepunkte des Rausches aber kam der Umschlag; sie wurden nüchtern, erkannten, daß sie von ihrer wahren Natur abgefallen waren, und kehrten nun mit desto größerem Trotze zu sich selbst zurück. Da war guter Rat teuer. Vergebens ging der Förster in die Werkstätten der Meister und bat und schalt, damit sie ihren Gesellen die Köpfe zurechtsetzten. Die Meister zuckten die Achseln, baten um ein paar Tage Nachsicht oder hielten wohl gar den Gesellen geradezu die Stange. Sie waren durch so manches scharfe Wort, das man ihnen vom Bauplätze heimgebracht, selber mit beleidigt, und es geschah bei dem entarteten Handwerk der verkommenen kleinen Städte damals überhaupt nicht selten, daß der Meister dem Gesellen alle Zuchtlosigkeit nachsah, um ihn hinterdrein desto gründlicher für seinen Eigennutz auspressen zu können. Der Förster und seine Tochter beschlossen, den nächsten Tag abzuwarten, da Humbert vermutlich wieder zur Stadt kam. Allein auch er blieb aus. Statt seiner erschienen gegen Abend ganz andere Gäste. Soldaten von der Reichsarmee rückten in die Stadt und nahmen auf mehrere Tage Quartier, während französisches Kriegsvolk, das mit dem Reichsheere vereinigt gegen den Preußenkönig zog, auf den umliegenden Dörfern sich einlagerte. Im Hause des Försters war man eben vollauf beschäftigt, für sechs Mann zu kochen und Strohsäcke auf die Nacht herzurichten, als sich ein Höllenlärm vor dem Nachbarhause vernehmen ließ. Der Förster öffnete das Fenster und sah da drüben zwölf Mann, welche Einlaß begehrten, und da das Tor verschlossen war, und niemand öffnete, so schlugen sie mit dem Kolben dawider unter entsetzlichem Brüllen und Fluchen. Es war keine Zeit zu verlieren; in einer halben Stunde würde die erzürnte Rotte das Haus mit all seiner neuen Herrlichkeit ohne Zweifel gründlich verwüstet haben. Eingedenk der Pflicht, die ihm der Hausschlüssel auferlegte, eilte darum der Förster hinüber und versicherte den Anstürmenden, das Haus sei unbewohnt, noch gar nicht ausgebaut und von allem Hausrat entblößt. Die Soldaten aber zeigten ihre Quartierzettel, sagten, sie wüßten schon ins Haus zu kommen, und wenn sie erst einmal darin seien, dann werde sich auch schon jemand finden, der für sie sorge, oder sie schlügen alles kurz und klein. Während der Förster aber noch vergebliche Verhandlungen mit dem tobenden Volke pflog, hatte Marie bereits einen Voten auf Humberts Hof geschickt, daß der Hausherr rasch Betten und Lebensmittel hereinfahren lasse und selber mitkomme. Dann war sie durch eine Lücke des Gartenzaunes ins Nachbarhaus geschlüpft und öffnete eben das Tor von innen, als ihr Vater außen seine letzten Gründe erschöpfte, lief aber so rasch wieder zurück, daß keiner der Eindringenden ahnte, welche schöne Pförtnerin den Schlüssel gedreht. Indes die Soldaten aber alle Winkel des Hauses durchsuchten nach dem Hausherrn, der doch eben erst geöffnet hatte und nun wieder nirgends zu finden war, kam Marie auch schon von außen ans Tor zu dem Vater und beschwor ihn, die Mannschaft so lange leihweise zu verpflegen, bis Herr Humbert das Nötige senden und heimzahlen werde. Sie predigte tauben Ohren. Der Alte glaubte seinem Hausmeisteramte vollauf genügt zu haben, indem er die Soldaten vor dem Tore zurückgehalten und dafür hinreichende Grobheiten eingesteckt hatte. Marie ward dringender: »Die Soldaten werden das Haus verwüsten, sie werden es in Brand stecken und dann wird die Flamme auch unser Haus ergreifen!« – »Es hat keine Gefahr«, erwiderte der Alte gelassen. »Uns trennt der breite Hofraum und dann auch noch das Hammerrecht. Sieh, dafür ist das Hammerrecht gut. Auf eigenem Grund und Boden mußten wir dem Nachbarn mit unserem Bau noch drei Schritt vom Leibe bleiben: die Flamme reicht nicht zu uns herüber!« »So ist denn all unsere List und Mühe während des ganzen Sommers umsonst gewesen«, rief Marie verzweifelnd. »Was wir bauen halfen, das werden die Soldaten zusammenschlagen, und sind diese abmarschiert, dann kommen die Handwerksleute wieder und fangen wieder von vorne an und triumphieren über uns, daß sie nun doch nicht zur vorgesteckten Zeit fertig geworden sind.« Und während sie noch so sprach, hörte man schon oben ein paar Fensterscheiben klirren, und unten hoben zwei Mann eine Tür aus und schlugen sie in Stücke, denn das trockene Tannenholz, von Ölfarbe frisch getränkt, sei vortrefflich, um ein Feuer in der kalten Küche anzumachen. Der Förster stutzte. Sollte er wirklich Geld oder Geldeswert, wenn auch nur leihweise, hergeben, um seines Hausfeindes Haus erhalten zu helfen? Zwar hatte er jetzt schon monatelang Zeit und Arbeitskraft in reichem Maße gespendet und nicht bloß leihweise. Aber solche Dinge, die nicht mit Händen gegriffen werden können, achtet man für nichts; dagegen Essen und Trinken für zwölf Mann, die ohne Zweifel essen können wie die Drescher und saufen wie die Kosaken, das sind reelle Gegenstände, worüber man sich besinnt. Hatte Marie in ähnlicher Erwägung doch auch dem Vater strenge verheimlicht, daß sie dem Maurer zum Sporn seines Fleißes die alten Strümpfe und Lumpen geschenkt habe. Der Alte würde bitterböse darüber geworden sein. Denn Zeit und Kraft herschenken, das ist nichts: aber zerrissene Strümpfe und eine Handvoll Flicklappen sind doch immer ein wirkliches Geschenk. Er besann sich lange. Der Gedanke jedoch, daß die Handwerksleute umsonst gearbeitet und umsonst gefaulenzt hätten und wieder von vorne anfangen müßten, und nun erst recht gegen ihn das Feld behaupteten, siegte zuletzt. Er versprach den Soldaten Brot und Branntwein zu liefern, bis der Hausherr herbeigerufen sei, und half ihnen selbst, Bretter zu Pritschen herzurichten und mit Stroh zu bedecken als vorläufige Lagerstatt. Der Feldwebel versicherte dagegen, daß die Mannschaft das Haus nicht weiter schädigen werde. Der von Marie ausgesandte Bote kam aber mit schlimmer Kunde zurück. Auf Humberts Gute lagen Franzosen und hausten gar übel. Der Gutsherr war schon tags vorher nach der Stadt geritten und unterwegs einem Trupp französischer Reiter in die Hände gefallen, die ihn gewaltsam mitnahmen, daß er ihnen als Wegweiser diente. Auf dem Gute waren daher die Dienstleute nicht minder ratlos als der Nachbar in der Stadt. Marie fuhr ein Todesschreck durch die Glieder. Solche erpreßte Wegweiserdienste endeten oft mit Beraubung und Mißhandlung, ja mit dem Morde des Führers. Schon mancher war nicht wiedergekommen. Erfüllt von traurigen Bildern, setzte sich das Mädchen an den Gartenzaun auf derselben Stelle nieder, wo ihr der Bote die Nachricht gebracht; sie konnte nicht mehr stehen und auch nicht weitergehen, so zitterten ihre Knie. Sie blickte auf das alte Nachbarhaus, und es stand wie ein leibhaftiges Märchen vor ihren Sinnen. Seit den Kindertagen hatte sie diese selben Mauern und Fenster täglich vor Augen gehabt, und doch deuchten sie ihr jetzt ganz anders, so traumhaft schön, von dichterischem Schimmer verklärt. Von innen freilich war das Haus inzwischen umgebaut worden, von außen merkte man's wenig: hatte bei ihr selbst nicht auch inzwischen so ein innerer Umbau stattgefunden, den man von außen nicht merkte? Sie hatte bisher gar nicht daran gedacht, daß das Bauen einmal ein Ende nehme und die Besuche des Bauherrn dazu. Jetzt schwiegen die Hämmer und Hobel der Werkleute, und der Bauherr war verschwunden. Gestern und Heute lagen wie durch Jahre voneinander getrennt, und das Haus lag ihr so verschwimmend fern. Sie hatte sich im Getümmel der Arbeit niemals Zeit genommen, den Bau auch einmal von diesseits des Zaunes zu übersehen; sie meinte zuletzt fast, das Haus gehöre ihr; jetzt stand sie wieder im elterlichen Garten und entsann sich, daß das Haus ja in eines fremden Mannes Händen sei. Wie im Spiel hatte sie an dem Hausbau teilgenommen, sie war dann Werkführerin geworden, und die Sache ward ernsthafter: sie kam mit dem Herzen an die Arbeit. O hätte sie jetzt zum Spiele zurückkehren können! Sie glaubte aber ganz bestimmt zu wissen, daß Humbert bei dem Hausbau gleichfalls vom Spiel zum Ernste fortgeschritten und mit dem Herzen an die Arbeit gekommen sei. Er hatte das nicht gesagt, aber sie hatte es gesehen und empfunden. Und das dunkle Gefühl spricht manchmal klarer als das klare Wort. Zwischen alle diese Gedanken drängte sich dann aber immer wieder die quälende Frage, was wohl aus Humbert geworden sei. »Fahren fremde Leute nach Amerika, so denken wir, sie werden schon glücklich übers Meer kommen; geht aber jemand, den wir lieb haben, nur zwei Meilen übers Feld, so fürchten wir gleich, es möge ihm Schlimmes begegnen, als ob es das Unglück immer nur auf die Leute packen müsse, die wir lieb haben.« Mit diesen stumm in sich hineingedachten Worten redete sich Marie die Furcht aus, gestand sich's aber auch zugleich zum erstenmal, daß sie den jungen Humbert lieb habe. Ein Männerschritt weckte sie aus ihren Gedanken. Es war der Feldwebel von den Reichssoldaten, die im Nachbarhause lagen. Als sie erschrocken aufblickte, fragte er, warum sie weine? und jetzt erst merkte sie selbst, daß ihr die Tränen auf den Wangen standen. Marie erwiderte, sie sei so betrübt wegen des Hauses da drüben. Sie habe es bauen helfen und jetzt stocke der Bau, die Werkleute hätten ein Komplott gemacht und seien davongelaufen, der Krieg werde im Herbst verwüsten, was im Sommer mühsam aufgestellt, und der Bauherr sei verloren gegangen. Da der Soldat nun näher wissen wollte, wie sie, ein so feines Frauenzimmer, denn habe bauen helfen, so erzählte sie ihm die Geschichte von den faulen Arbeitern und wie sie Werkführerin geworden sei und den Bau nach Kräften gefördert habe, bis auf einmal die Handwerker sich verschworen und die Arbeit eingestellt hätten. Den Feldwebel ergötzte die Geschichte. Er war aber eigentlich ein verkommener und durchgegangener Schauspieler, der sich hatte anwerben lassen und nebst einem halben Musketier das gesamte Kontingent bildete, welches ein reichsunmittelbares Nonnenkloster im schwäbischen Kreise zur Reichsarmee gestellt. Als Künstler und als Soldat eines Nonnenklosters hielt sich der Feldwebel nun zwiefach verpflichtet zu ritterlichem Frauendienste, darum tröstete er Marie, bat sie um die Namen der Werkleute und sagte, sie möge nur ein paar Stunden warten, er wolle die desertierten Kerls schon wieder auf ihren Posten führen. Hierauf ging er zu seiner Mannschaft und erzählte, sie hätten darum so schlechtes Quartier in diesem Hause, weil die Arbeiter, welche es einzurichten gehabt, im Komplott davongelaufen seien. Die müßten jetzt zur Strafarbeit herbeigeschafft werden. Und dazu gebe es einen Hauptspaß: die schöne Försterstochter da drüben sei die Werkführerin, gegen welche die Handwerker sich empört hätten. Als Reichsexekution wollten sie die Rebellen jetzt wieder zum Gehorsam bringen und sich dann königlich daran ergötzen, wie die faulen Mannsleute unter des fleißigen Mädchens Kommando mit ingrimmigem Fleiße wieder zum Werkzeug griffen. Unter jubelndem Beifall zog dann der Feldwebel mit seinen Leuten in die Stadt und kehrte bald mit den Gesellen und Tagelöhnern zurück, den alten Venediger an der Spitze, der größere Schritte machte, als man's je in seinem Leben gesehen. Hierauf ging der Feldwebel zu Marie und versicherte ihr heilig, es werde ihr kein Leids geschehen, sie möge nur gleich wieder auf den Bauplatz kommen und die Arbeiter anweisen. Marie traute des Soldaten gutem Gesichte und folgte. Und nun ging ein Arbeitsgetümmel im Hause los, wie es nie gehört worden war; denn hinter jedem Arbeiter stand ein Soldat und drohte mit furchtbaren Scheltworten und mit Stock oder Degen, sowie der Fleiß einen Augenblick nachließ. Weil aber der Fleiß ebenso gut ansteckt wie die Faulheit, und weil es sogar anmutig schien, unter der Führung eines so schönen Mädchens recht fleißig zu sein, so griff nach einer Weile der Feldwebel selber zum Grabscheit und half beim Nivellieren des Hofes, und die anderen taten's ihm nach, je nachdem sie von diesem oder jenem Handwerk etwas verstanden, und zuletzt arbeiteten alle Soldaten mit den Werkleuten um die Wette. Marie hatte anfangs schweren Herzens das Nachbarhaus betreten und bleich und zitternd ihre Weisungen erteilt. Als aber die Arbeit so lustig im Gange war, da ward es ihr auch wieder wohler zu Mute. Es war ihr, als müsse nun auch der Hausherr wiederkommen und das Bauen gehe nun wieder in Ewigkeit so fort und die breite Kluft sei wieder überbrückt, die vorhin noch die beiden Nachbarhäuser für immer zu trennen schien. Und als nun gar die Reichsarmee unter Lachen und Scherzen mitzuarbeiten begann, da ward das Mädchen wieder so still vergnügt, daß sie leise vor sich hin sang, wie sie auch sonst bei dem Hausbau gepflegt, und da der Feldwebel die leise süße Stimme hörte, stimmte er in der Terz mit ein, und die anderen Soldaten machten's ihm nach, und zuletzt sang die ganze Gesellschaft und sogar der alte Venediger brummte hinten nach wie der Pedalbaß einer verstimmten Orgel, und die Hämmer, Äxte und Schaufeln bewegten sich im Takte doppelt so geschwind. Der Förster kam nun auch herbei, und nachdem er mit innigem Vergnügen den Sinn des seltsamen Schauspieles sich enträtselt – denn die Leute hatten gar nicht Zeit, ihm ordentlich Red' und Antwort zu stehen – ließ er reichliche Erfrischungen herüberbringen für die bewaffnete sowohl wie für die unbewaffnete Mannschaft, und dachte gar nicht mehr daran, daß er nun doch wieder Geldeswert hergebe für seines Hausfeindes Haus. Man hätte ihn malen mögen, wie er leuchtend dastand und sich die Hände rieb, daß er nun doch noch solchen Triumph feiere über die widerborstigen Handwerksleute. Es fehlte nur noch einer auf dem Bauplatze, und auch der kam gerade im rechten Augenblick, als Mariens Stimme eben wieder leiser und schwermütiger zu klingen begann. Der junge Humbert hatte sich kaum wieder losgemacht von den Franzosen, so erzählte ihm ein Bauer, sein Haus in der Stadt sei durch die Reichssoldaten von Grund aus zerstört worden. Er eilte darum schleunigst hierher und wußte nicht, ob er träume oder wache, wie er die Soldaten nicht als Verwüster, sondern als Bauleute im Hause erblickte. Er wäre der schönen Werkführerin gerne gleich an den Hals geflogen, denn er ahnte den Zusammenhang; aber die Gegenwart des Försters hielt ihn zurück. So trat er denn wieder bloß als umbauender Hausherr in den Kreis und mußte mit kalten Mienen bei klopfendem Herzen sich berichten lassen, was alles geschehen war. Er hätte gern den Alten und Marie beiseite genommen zu einem anderen Wort. Allein es war ein solches Arbeitswüten unter alle Leute gekommen, daß sich gar kein Augenblick zu einem gesammelten Worte fand, und wenn er nicht als der einzige Faulenzer unter so vielen Fleißigen stehen wollte, so mußte er, jetzt fast ebenso gezwungen und ingrimmig wie der alte Venediger, schlechtweg beim Hausbau zugreifen. Nach zwei Tagen war das Werk vollendet, Haus und Hof standen fertig bis auf die innere Einrichtung, und zwar vierzehn Tage früher, als man's im günstigsten Falle hätte hoffen können. Auch die Reichstruppen marschierten ab, und so war es wieder ganz stille geworden. Da bat Humbert den Förster, er möge nun mit seiner Tochter noch einmal herüberkommen und sich das ganze Haus anschauen, zu dessen Umbau sie so fleißig mitgeholfen. Sie kamen, und der Hausherr führte sie zu beiderseitigem Behagen durch alle die Räume, welche bis dahin so wüst ausgesehen und jetzt so reinlich, bequem und einladend vor ihnen lagen. Als sie nun das ganze gründlich geprüft hatten und in den Hof zurückgelangt waren, zeigte Humbert dem Förster die ausgebrochene Steintafel mit dem Bauernreim, welche neu abgeglättet in der Ecke stand und sagte, die Tafel solle wieder an ihren alten Ort kommen, er habe die Wahrheit des Reimes inzwischen zu tief erprobt. Der Alte billigte dies. »Allein,« fuhr Humbert fort, »die Tafel genügt doch nicht mehr ganz, es muß noch eine zweite zur Ergänzung beigefügt werden.« Als nun der Förster wissen wollte, was denn auf diese andere Tafel geschrieben werde, stotterte Humbert einige unverständliche Worte und schwieg verlegen, nahm sich jedoch wieder zusammen und sprach lächelnd: »Jetzt bringe ich's nicht recht heraus; ich muh einen Umweg nehmen, aber ich hoffe, er führt uns schon auf die Tafel zurück.« Dann sagte er, der Herr Nachbar habe ihm bei dem Bau schon zu so vielem verholfen, aber es fehle ihm zu dem fertigen Hause noch eines, nämlich eine Frau, und dazu könne ihm nun eben gar kein anderer Mensch verhelfen, als wiederum der Herr Nachbar. Der Förster zog mit feierlicher Miene den Hausschlüssel, welchen er immer noch bei sich verwahrte, aus der Tasche und sprach: »Den Schlüssel habe ich seinerzeit übernommen und alle Pflichten eines Hausmeisters, wie sie der Hausschlüssel auferlegt, getreu erfüllt. Ich kann Ihnen diesen Schlüssel, wie mir scheint, mit Ehren jetzt wieder zurückgeben. Dem Hausherrn eine Frau zu freien, das gehört nicht mehr zur Hausmeisterei. Und merken Sie sich überhaupt, junger Herr, die alte Regel: Vieh kaufen, Mägde dingen und eine Frau freien soll man niemals für einen anderen. Es bringt doch beiden Teilen nur Verdruß und Reue.« Vergebens verwahrte sich Humbert dagegen, daß ihm der Förster eine Frau freien solle; der Alte wiederholte und erläuterte seinen Spruch und ließ ihn gar nicht zu Worte kommen. Da warf der verzweifelnde Humbert endlich den Ruf hinein: »Auch möchte ich wegen des Hammerrechtes noch mit Ihnen reden!« Das »Hammerrecht« wirkte; der Förster schwieg und horchte auf. Der andere sprach: »Das Hammerrecht ist ablösbar, wenn beide Teile es wünschen.« – »Ich wünsche es schon seit zwanzig Jahren!« rief der Förster dazwischen. – »Und ich wünsche es nunmehr auch«, fuhr Humbert fort. »Allein es wird schwer sein, unsere gegenseitige Rechnung einschließlich des Hammerrechtes auszugleichen, da ich in einer so ganz unberechenbaren Weise Ihnen verschuldet bin –« »Das Hammerrecht berechnet sich sehr leicht«, unterbrach ihn der Förster. »Man nimmt die Länge der Hammerrechtslinie, denkt sie als auf anderthalb Fuß Breite mit normalmäßigen Ziegelsteinen belegt und berechnet dann den Wert dieser Ziegelsteine, so findet man laut der Bauordnung den Ablösungswert des Hammerrechtes.« »Ich will nichts wissen von Ihrem Rechenexempel,« rief Humbert, »ich wollte ja nur sagen, daß ich Ihnen so verschuldet bin, daß von Gegenrechnungen mit oder ohne Ziegelsteinen gar nicht die Rede sein kann. Ich vermag meine Schulden an Sie überhaupt nur abzutragen, indem ich eine neue unendlich größere Schuld bei Ihnen aufnehme. Verstehen Sie mich denn gar nicht? – Ich bitte Sie um die Hand Ihrer Tochter!« Der Förster machte große Augen. Das ging über den umbauenden Hausherrn und die Pflichten des Hausschlüssels hinaus. Doch sagte er nicht stracks Nein, sondern erbat sich Bedenkzeit. Sei es nun, daß er während dieser Frist erkannte, wenn man den Ärger über einen verlorenen Hammerrechtsprozeß zwanzig Jahre lang nachgetragen, so sei das gerade lange genug, oder daß ihm Marie ebenso unwiderstehlich zusetzte, wie vorher den Werkleuten, oder daß ihn die gemeinsame Fehde gegen den dritten Feind im stillen doch schon tiefer umgestimmt hatte, als er es selber geahnt, genug, er sprach sein Ja und Amen. Wie aber die Liebe als Werkführerin den Umbau des alten Hauses geleitet, so wirkte sie auch fort in dem neuen Hause, welches sich in dem alten jetzt auf festeren Grundmauern als von Stein aufbaute. Die Tafel an der inneren Haustüre gegen den Hof aber, welche ein städtisches Gegenstück zu dem wiederhergestellten Bauernreim an der Außentüre bilden sollte, zeigte in halb erhabener Arbeit den Amor als Baumeister, umgürtet mit dem Schurzfell, Lot und Winkelmaß in der Hand, den Köcher auf dem Rücken. Humbert bestellte die Platte alsbald nach der Verlobung, und da er durch den Hausbau in den Ruf eines peinlich strengen Arbeitgebers gekommen war, so eilte sich der Steinmetz ungemein und vollendete das Kunstwerk nur zwölf Monate später, als er's ursprünglich versprochen hatte. Der Zopf des Herrn Guillemain Wie hätte sich der alte Fritz die Augen gerieben, wenn er vor fünfzig Jahren aus dem Grabe erwacht wäre und der Leipziger Völkerschlacht ein wenig hätte zuschauen dürfen? Oder was würde der alte Bonaparte sagen, wenn er heute nur auf einen Tag wieder käme und seinen Neffen in kaiserlicher Politik hantieren sähe? Oder der alte Bach, wenn er eine Beethovensche Symphonie hörte? Oder unsere Urgroßmutter, wenn sie vom Himmel herunter einen Eilzug gewahrte, wie er gleich einer feuerschnaubenden Schlange durch die Landschaft zischt? So hat schon mancher gefragt, und große und kleine Kinder plagen sich überhaupt gerne mit der Rätselfrage, was ein Verstorbener wohl sagen würde, der, plötzlich wiederkommend, die ganze Welt verändert fände. Ist inzwischen gar so handumgekehrt vieles neu und besser geworden, worauf jener bei Lebzeiten vergebens hoffte, dann denken wir, der Mann wird gehörig staunen und sich freuen und zugleich sich ärgern, daß er vor drei oder sechs Jahren hat sterben müssen; uns aber rechnen wir es fast als einen Ruhm an, daß wir so gescheit waren, noch etliche Jahre länger zu leben und die Sonne nach dem Nebel abzuwarten. Ich erinnere mich aus meiner Jugend, daß einmal in meines Vaters Hause unter Freunden von solchen Dingen geredet ward. Mein Vater durchschnitt das ziellose Für und Wider mit der Frage, ob denn niemand den Herrn Guillemain von Mainz kenne, der sei ja fünf Jahre lang so gut wie verstorben gewesen und plötzlich wiedergekommen in eine neue Welt, die mittlerweile fast genau so geworden, wie er sich's gewünscht habe; der könne am besten erzählen, wie es einem da zu Mute sei. Ich hörte das nur so im Vorbeigehen; denn als zwölfjähriger Bube lief ich nur eben im Zimmer ab und zu; aber die wenigen aufgefangenen Worte arbeiteten und wühlten in meiner Einbildungskraft, zumal ich noch vernahm, daß Herr Guillemain ein unglücklicher Mensch geworden sei durch die wunderliche Gnade, halbwegs sterben und dann wiederkommen zu dürfen, um eine neue Welt, welche er geträumt, plötzlich aufgebaut zu sehen, wie das Kind am Weihnachtsabend den flimmernden Christbaum. Als ich darum kurz nachher mit dem Vater wieder einmal nach Mainz kam, bat ich ihn, er möge mir heute eine rechte Merkwürdigkeit zeigen, und als er mich fragte, was ich denn sehen wolle, ob den Eichelstein oder die Martinsburg oder die Menagerie auf der Messe, antwortete ich: »Ich will nichts weiter sehen als den Herrn Guillemain.« Mein Vater erwiderte lächelnd: »Wenn's möglich ist.« Nach manch ermüdendem Spaziergange, wobei ich jeden Begegnenden vergebens darauf ansah, ob er nicht etwa Herr Guillemain sei, kehrten wir ein in den »drei Kronen«. Es ging dort sehr lebhaft zu, und wir fanden nur mit Mühe noch einen Platz am Wirtstische gegenüber einem munteren alten Herrn, der sich mit sichtbarem Behagen seinen Schoppen schmecken ließ. Er schien ein Stammgast des Hauses und hatte, redselig wie ein echter Rheinländer, meinen Vater bald in ein lebhaftes Gespräch über gleichgültige Dinge verflochten, von denen man spricht, um zu sprechen. Obgleich der Mann wie ein frischer Fünfziger dreinschaute, erfuhr ich doch nachgehends, daß er bereits tief in den Sechzigen stehe. Er war vornehm, doch etwas altmodisch gekleidet und hatte sein reiches schneeweißes Haar hinten in ein ganz kleines, bolzgerade hinaufstehendes Zöpfchen geflochten. Solch ein echter aus dem achtzehnten Jahrhundert herübergeretteter Miniaturzopf war damals – in der Mitte der dreißiger Jahre – längst die größte Seltenheit, und nur bei einem alten Gerbermeister in Bingen und einem pensionierten weiland nassau-usingischen Leibkutscher in Biebrich hatte ich noch seinesgleichen gekannt. Als wir uns nach einer Stunde Rast wieder zum Aufbruche anschickten, flüsterte mir mein Vater zu: »Fasse den Mann mit dem Zopfe noch einmal recht genau ins Auge, das ist der Herr Guillemain, den du zu sehen begehrt.« Ich war aus den Wolken gefallen und bedauerte innigst, daß ich die Menagerie nicht vorgezogen hatte. Denn den Herrn Guillemain, der fünf Jahre lang so gut wie gestorben und dann wiedergekommen war, um höchst unglücklich zu werden, hatte ich mir als einen Patriarchen mit langem Barte gedacht, den wir in irgend einer Spelunke hätten aufsuchen müssen, wo er auf dem Stroh gelagert, ein halb verschimmeltes Stück Brot und einen großen Wasserkrug zur Seite, von vergangenen und künftigen Tagen im Stile der Klagelieder Jeremiä mit hohen Worten gepredigt hätte. »Und der Mann soll so gar unglücklich sein?« fragte ich auf der Straße recht ärgerlich den Vater. Dieser aber erwiderte: »Wann du älter geworden, dann wirst du erfahren, daß man mit seinem Rock und glattem Gesicht jeden Abend in den drei Kronen sitzen, ein artiges Gespräch führen und ein gut Glas Wein mit Verstand trinken und dennoch ein höchst unglücklicher Mensch sein kann. Dann wird es auch Zeit sein, daß ich dir die Geschichte des Herrn Guillemain ausführlich erzähle; jetzt verständest du sie doch noch nicht.« Ich vergaß bald meinen Ärger samt dem Herrn Guillemain und erst nach vielen Jahren, als der alte Herr mit dem Zöpfchen längst zum zweitenmal, und nicht bloß beinahe, verstorben war, erfuhr ich die Geschichte. Seitdem aber gereute es mich gar nicht mehr, daß ich damals lieber den merkwürdigen Menschen, wenn auch mit dem Auge eines Kindes, gesehen, als die Menagerie auf der Messe. Und so erzähle ich denn auch hier wieder Lesern, die keine Kinder mehr sind, jene einfache Geschichte, nachdem ich ihnen bis hierher den Mann ganz ebenso als ein unverstandenes Rätsel vorgeführt habe, wie er mir selber zuerst erschienen ist. 1. Joseph Guillemain war als junger Mann ein rechter Erzdemagog – soweit man dies nämlich zwischen 1780 und 1790 in Mainz und der Umgegend sein konnte. Eigentlich aber war er Maler. Sein Sinn ging auf die hohe und ernste Kunst, er wollte nur Geschichte malen, wie er später Geschichte machen wollte; Michel Angelo war sein Vorbild und Liebling, dann Rubens. Die frühesten Skizzen des Kunstjüngers sahen darum sehr »genialisch« aus, wie man es damals nannte – gewaltige Motive, überkühne, oft verworrene Gruppen, eine Übernatur in Form und Farbe, welche die reiche, in Sturm gestaltende Phantasie verriet, aber des läuternden Schönheitsgefühles entbehrte. Es war ein Mann des großen Stiles, und seines Vaters großer Geldbeutel gestattete ihm so frei, wie er nur immer wollte, im großen Stile zu malen. Als erstes Hauptwerk hatte er einen figurenreichen Karton begonnen, den Tod des Cäsar, welcher von Kennern mit hohem Lobe geprüft wurde, von Nichtkennern mit noch höherem, und es galt für ausgemacht, daß der Künstler nach Vollendung des Bildes mit dem Titel eines kurfürstlichen Hofmalers tax- und stempelfrei würde begnadet werden. Sein Vater, trotz des französischen Namens ein echter Kurmainzer, wartete mit Stolz auf diesen glücklichen Tag. Neben all den Bewunderern des Bildes stand nur ein einziger wahrer Freund, der sein Urteil ganz ehrlich von der Leber weg sagte, Doktor Kringel, ein junger Arzt. Er meinte, mit solchen Mord- und Aufruhrgeschichten solle Guillemain sich doch nicht plagen, sondern friedliche und ansprechende Bilder malen, etwa eine badende Nymphe oder den heiligen Nepomuk, das seien ja auch historische Stoffe, wenn man sie sechs Fuß hoch anlege. Guillemain verstand den Spott; denn er war selbst ein witziger Kopf, und wäre er dies nicht gewesen, so würde er vermutlich gar kein Demagog geworden sein. Begeistert für seine besondere Kunstrichtung, wußte er mit dem übermütigen Selbstgefühle der Jugend jede andere in Grund und Boden zu spotten. Hundert Epigramme, die er in flüchtigem Worte hingeworfen oder auch beim Weine in einen lustigen Reim gefaßt, durchliefen die Stadt. Und da die Kunst all sein Leben erfüllte, so wollte er auch, daß alles andere Leben in der ganzen Welt nach seinem künstlerischen Ideale umgewurzelt werde. Ganz Mainz und das übrige Europa war ihm viel zu wenig titanisch; ein echter Stürmer und Dränger, schlug er Pfaffen und Junker, Pedanten und Spießbürger, die ihm rings in die Quere liefen, mit der Geißel des Witzes. Die lebendigen Menschen sollten werden wie die gemalten auf seinen Bildern, und so ingrimmig freiheitsdurstig, so aufgequollen pathetisch, dazu so hochgestilt im stolzen Togawurf wie die Figuren seines Cäsarkartons bewegten sich die Mainzer von 1785 allerdings eben nicht. Waren sie aber auch keine Gracchen und Brutusse, wie es Guillemain gewünscht, so verstanden sie doch einen Spaß besser als vermutlich jene alten Römer und jubelten dem jungen Maler Beifall zu, der so keck und lustig Hiebe nach rechts und links austeilte. Denn jeder einzelne glaubte sich selbst nicht getroffen, freute sich aber, daß sein Nachbar etwas abgekriegt habe. Guillemain war darum bald das Schoßkind der Mainzer Gesellschaft und wurde einmal sogar zu Wein und Butterbrot in ein adeliges Haus geladen, was zu selbiger Zeit in Mainz viel sagen wollte. Unter Freunden sprach der Maler wie ein Prophet: »Das deutsche Reich wird seine Revolution durchkämpfen so gut wie Nordamerika; es wird seinen Washington, seinen Franklin und Lafayette schon finden, ein neues, freies Leben wird erblühen!« Fragte dann aber Doktor Kringel, wann das alles geschehen werde, so antwortete Guillemain, »heute und morgen schwerlich, und vielleicht erst, wenn uns allen längst kein Zahn mehr weh tut«. Und fragte Kringel, wie denn das verbesserte Reich ungefähr aussehen solle, so erwiderte jener, das wisse er nicht; denn wenn er's wisse, so sei es zu spät zum Prophezeien und die glückselige Zeit schon angebrochen. Berauscht vom Erfolg ging Guillemain mit seinen Satyren immer toller ins Zeug und machte eines Tages eine rechte Dummheit im deutschesten Sinne des Wortes. Als er nämlich einmal mit sehr jugendlichen und grünen Freunden nicht mehr beim ersten Schoppen saß, schnitt er sich zum Zeichen des Bruches mit allen bildlichen Zöpfen seinen eigenen natürlichen Zopf ab und legte ihn, begleitet von einer anonymen gereimten Epistel, in eine Schachtel, die er auf der Stelle wohlversiegelt an den Kurfürsten schickte. Als der künftige Hofmaler des anderen Morgens beim stark verspäteten Frühstück saß, trat Doktor Kringel ins Zimmer, zog einen falschen Zopf aus der Tasche und beschwor den Freund, sich doch diesen anzuheften, daß man ihn nicht sofort als den Absender der frevelhaften Schachtel entdecke. Guillemain sträubte sich und meinte, da hätte er dem Kurfürsten lieber gleich einen falschen Zopf überschicken und den echten behalten sollen; der Arzt dagegen suchte ihm zu verdeutschen, daß es freilich nur ein schlechter Witz sei, wenn man einen abgeschnittenen Zopf an einen Privatmann adressiere, sende man aber einen schlechten Witz an einen Kurfürsten, so sei das Majestätsbeleidigung. Entrüstet stutzte Guillemain über dieses Wort; allein er hatte nicht Zeit, lange zu stutzen, denn der Kapaunenstopfer des Kurfürsten trat herein, brachte die Schachtel samt ihrem Inhalte zurück und meldete, der gnädige Herr lasse danken für das zugedachte Geschenk und die Verse von wohlbekannter Hand. Neues habe er nicht aus denselben gelernt, denn daß Herr Guillemain einen Sparren zu viel im Kopf habe, sei ihm schon längst bekannt gewesen. Der Maler stand wie ein begossener Pudel vor dem Kapaunenstopfer, der eine Weile wartete, als hoffe er auf ein Trinkgeld. Da raffte sich Guillemain plötzlich auf, gab ihm einen Louisdor, sagte: »Auf eine fürstliche Botschaft gehört fürstlicher Botenlohn«, packte ihn beim Kragen und warf ihn die Treppe hinunter. Er war zunächst wütend darüber, daß der Kurfürst den schlechten Witz doch nicht für Majestätsbeleidigung genommen hatte; sechs Monate Festung wären ihm lieber gewesen als dieser verachtende Hohn. Dann hätte er grollen und klagen und über dem Zorn die Scham vergessen können, und jetzt blieb ihm gar nichts anderes übrig, als sich zu schämen. Nicht so sehr aber hatten ihn die Worte des Kurfürsten beschämt, als der Bote, welchen man geschickt. Wäre noch der Hofmarschall oder ein Sekretär, oder auch nur ein Kammerdiener oder Lakai gekommen; aber der Kapaunenstopfer! ein versoffener Kerl, eine Karikatur, welcher alle Gassenbuben nachliefen! Noch mehr jedoch als der Bote beschämten ihn dann zuletzt seine eigenen Verse, da er sie nüchtern las. Es waren wirklich recht betrunkene Verse. Und diese Scham nagte am tiefsten. Er machte sich Luft mit dem Ausrufe: »Es muß besser werden im deutschen Reiche, und wenn nicht heute und morgen, so doch gewiß in Jahr und Tag!« »Es muß?« fragte Kringel erstaunt, »und gar so bald schon? Sonst sagtest du immer: es wird, und rücktest den Termin in die blaue Zukunft hinaus! Und wie wird es besser werden?« »Das weiß ich nicht! Frage mich, wann ich Wein getrunken habe: wie kann man nüchtern ein Prophet sein!« »Bist du wirklich nüchtern,« entgegnete lächelnd der allezeit nüchterne Doktor, »so freue dich wie gewöhnliche Menschen, daß dein trunkener Streich so glücklich abgelaufen ist.« Allein gerade weil dieser Streich zunächst ohne schlimme Folgen blieb, ward er mittelbar erst recht folgenreich für Guillemains ganzen Lebensgang. Als der junge Maler ohne Zopf wieder unter die Leute kam, bemerkte er gar bald den vollkommenen Umschlag der allgemeinen Gunst. Ehrsame Bürger gingen ihm aus dem Wege; vornehme Gönner kannten ihn nicht mehr; niemand tadelte ihn ins Gesicht, denn dazu war der Spötter zu gefürchtet, aber er konnte es mit Händen greifen, wie man hinterm Rücken über ihn loszog. Weil er diesmal wirklich taktlos gehandelt, so griff man zurück und entdeckte plötzlich in hundert lustigen Streichen, die man seit Jahren bewundert hatte, eine ganze Kette von Taktlosigkeiten. Und was der Mensch gesündigt, das ließ man dann auch den Künstler büßen: seine Bilder waren über Nacht bedeutend schwächer geworden. Guillemain sagte täglich ein dutzendmal, daß er sich den Teufel kümmere um die Ungnade aller der Hofschranzen mit und ohne Livree. Sein Freund aber flüsterte ihm ins Ohr: »Du würdest das nicht so oft sagen, wenn es dich wirklich so wenig kümmerte.« Tiefer schnitt bei dem jungen Künstler allerdings das strenge Urteil seines Vaters. Der alte Guillemain strafte den mutwilligen Sohn in harten Worten; die hatte Joseph erwartet und ließ sie stille über sich ergehen; als er aber merkte, daß sein Vater nicht bloß zürne, sondern zugleich von ganzer Seele betrübt sei, weil er ihn für einen verlorenen Menschen halte, da hätte er in den Boden sinken mögen vor Groll und Schmerz. Der Stolz des Vaters zu sein, war bis dahin für Joseph selbst der größte Stolz gewesen; er konnte es nicht ertragen, daß dies mit einemmal anders geworden durch eine reine Kinderei, welche höfischer Knechtssinn zur Freveltat steigerte. Jetzt erst erhielt die öffentliche Ungunst Bedeutung für ihn; denn sie hatte ihm das Vertrauen seines Vaters gestohlen. Um Trost zu finden, ging er zu dem Freunde, mit welchem er ewig uneins war und den er doch so lieb hatte. Der kam ihm diesmal in der Tat mit einem herrlichen Trost, wie er glaubte, entgegen: Der Kurfürst wußte bis zur Stunde noch gar nichts von der Schachtel; sein Sekretär hatte sie eröffnet und, da er Guillemains Handschrift erkannte, durch den Kapaunenstopfer zurückgeschickt; durch jenen Sekretär war dann allerdings der Vorgang stadtkundig geworden. Darum riet ihm der Freund, er möge ganz stille den Cäsar fertigmalen, daß er mit seinem Pinsel wieder gut mache, was er mit seiner Pinselei bei den Leuten verdorben habe. Trete er dann mit dem großen Werke sieghaft hervor, so sei die alte Zopfgeschichte begraben, und der Künstler stehe wieder rein an dem Platz, der ihm gebühre. Aber zu solchem Rate war es bei Guillemain viel zu spät. Also hatte er nicht einmal in der Gefahr des Märtyrertums oder wenigstens der allerhöchsten Ungnade geschwebt, und nur ein simpler Sekretär war es, der ihm einen Gegenstreich gespielt hatte! Und wegen eines solchen Spieles hatte er die Gunst der ganzen Stadt und das Herz seines Vaters verloren! Da sah man doch recht die Hohlheit unserer Gesellschaft, welche weder Spaß versteht noch Ernst und nur nach den kleinlichsten Rücksichten und Vorurteilen die Menschen und Dinge zu messen weiß! Nachdem Guillemain diese und ähnliche Gedanken seinem Freunde ausgesprochen, erwiderte derselbe ironisch: »Du hast recht! Das sicherste Mittel, den Ärger über sich selbst zu vergessen, besteht darin, daß man sich über alle Welt ärgert. In dem großen Weltmeer eines stolz aufwogenden Zornes verschwindet dann spurlos das kleine Bächlein der Selbstbeschämung.« Diese Worte nagten an dem Künstler; denn sie bargen Wahrheit. Der Freund hatte ihm sogar den Trost seines Ärgers genommen! Um die Lücke auszufüllen, spannte Guillemain nun doch den Karton seines Cäsar wieder auf; ihn hungerte nach Arbeit. Allein er erschrak über sich selbst und über sein Werk: es erschien ihm klein und unreif und hatte ihm doch früher so groß und fertig gedünkt. Er fand mit einemmal zu wenig Ideen in seiner Zeichnung, zu wenig Weltgeschichte; er hätte gern mit Frakturbuchstaben auf das Bild schreiben mögen, daß hier die alte Römerfreiheit siegt, um dennoch unterzugehen, und der Usurpator fällt, um in seinem Tode dennoch zu siegen. Aber wie sollte er das mit dem Pinsel seinen Figuren in die Gesichter schreiben? Dem Freunde predigte er stundenlang von dem hohen Berufe der Kunst, den Mitlebenden die großen Mahnworte der Geschichte in die Seele zu donnern und von neuen und kühnen Gedanken, welche ihm in diesem Sinne für sein Bild aufgegangen. Allein seine Predigt wimmelte von Fragezeichen und war seltsam sprunghaft und zerrissen, ohne ein abschließendes Wort. Doktor Kringel hörte die Reden anfangs mit wahrer Freundesgeduld, als ein gutes Wahrzeichen, daß Joseph wieder mit ganzem Herzen zu seinem Werke zurückgekehrt sei. Dann aber stutzte er und fragte ihn trocken, ob er denn auch wirklich male? »Törichte Frage!« erwiderte jener im Tone des Zornes und der Selbstironie, »eben darum rede ich ja so viel über die Malerei, weil's mit dem Malen nicht flecken will!« Der Doktor sagte: »Ich will dir ein Rezept verschreiben: Denke eine Zeit lang gar nichts mehr und wirf alle Kompositionen in die Ecke. Suche dir einen schönen Mädchenkopf und male ihn, rein, wie er dir ins Auge schaut, oder einen alten Bettelmann, oder einen hübschen Buben, oder meinetwegen einen Pudel, wenn dir kein Mensch sitzen will, daß du wieder Blick und Hand für Form und Farbe gewinnest. Du mußt dir deine Grübeleien hinwegmalen; denn Hinwegdenken kannst du sie doch nicht.« »Da haben wir's!« rief Guillemain. »So urteilt ein gedankenreicher Kopf: wie soll nun der gedankenlose Pöbel urteilen!« Der gute Rat dünkte ihm die schwerste Beleidigung. So wenig hatte der Freund ihn verstanden, daß er ihn wieder in die Schule des Modellsaales zurückschickte! Bisher konnte Guillemain nicht mehr malen, aber er wollte es doch noch, jetzt wollte er es auch nicht mehr; er zeichnete zum Trotz nur noch in Gedanken. Wozu überhaupt noch zeichnen und malen? Die Welt muß erst einmal neu geworden sein, dann werden begabte Geister auch wieder Luft und Muße finden zu einer neuen Kunst. Bis dahin sind es nur die Feigen und Schwachen, die sich hinter die Kunst verstecken und wähnen, die Zeit stehe still, weil sie selber stille stehen. So ungefähr dachte der Künstler, und als ihn der Freund wieder einmal zur Staffelei treiben wollte, sprach er: »Ich habe die Kunst einem höheren Berufe zum Opfer gebracht, freudig und doch schweren Herzens, wie ich vorher die Aussicht auf Amt und Würde, die Gunst meiner Mitbürger, ja die Liebe meines Vaters zum Opfer brachte!« »Und worin besteht denn dieser höhere Beruf?« fragte der unausstehlich klar denkende Doktor. »Ich kenne ihn noch nicht genau, aber ich suche ihn«, erwiderte Guillemain geheimnisvoll. Allem Anscheine nach war es ihm noch nicht ganz deutlich, wie die versunkene Menschheit zu erretten sei, nur wußte er, daß die Fürsten nichts taugten und der Adel gar nichts, die Bürger sehr wenig und die Bauern nicht viel. Ja sogar von sich selbst glaubte er mit unerbittlichem Humor, daß er gerade so schlecht sei wie alle die anderen. Allein er hatte den ernstlichen Willen, sich und die Welt zu bessern, und darum taugte er doch vergleichsweise noch am meisten. Verbittert und friedlos und dennoch gehoben von dem Bewußtsein eines reinen Strebens nach neuen und hohen Idealen zog er oft wochenlang im Lande umher und ließ den Sturm seiner Seele in Wind und Wetter aufbrausen. »Ich studiere nach der Natur,« sagte er, »der Doktor hat es mir ja so dringend geraten, aber ich studiere die Menschen, wie sie inwendig sind, nicht wie sie in dem Trugbilde von Gesicht und Gestalt erscheinen.« Mit solchen Volksstudien verband er aber zugleich auch die Belehrung des Volkes. Er half den Bürgern die Zeitung lesen und den Bauern brachte er sie mündlich mit. In Frankreich waren die Notabeln einberufen worden, sie hatten den Minister Calonne in die Flucht geschlagen; mächtig wuchs die Teilnahme des Volkes für die Opposition im Parlamente, auf der Straße schon ertönte der Ruf nach Generalständen. »Das sind Vorboten einer großen Revolution!« weissagte Guillemain. In Holland war der Erbstatthalter vertrieben worden, die neuen Gedanken von Freiheit und Menschenrechten durchleuchteten die Köpfe, die Patrioten rangen mit den Anhängern des Statthalters. »Seht da!« rief Guillemain, »die Freiheit triumphiert wieder im alten Lande der Freiheit!« In Schweden gärte es unheimlich gegen den König Gustav, der für das Mittelalter schwärmte und Turniere und Ringelrennen hielt und sein Volk in die Zwangsjacke einer allgemeinen Nationaltracht stecken wollte. »Wen Gott vernichten will, den verblendet er,« predigte begeistert der Maler, »und auf das Turnier der Ritter wird das Turnier der freiheitskämpfenden Völker folgen.« In Polen schlich die Empörung heimlich einher, aber Guillemain sah sie schon offen ihre Blitze schleudern. In Belgien verweigerten die Bürger die Steuern und bewaffneten sich gegen die Reformen Josephs zum Kampfe für das Herkommen, und in Ungarn erhob sich der Adel, um für die Leibeigenschaft zu streiten. »Das ist eine niederträchtige Sorte von Revolution,« eiferte Guillemain, »aber die Leute haben doch wenigstens das Zeug, Gewalt mit Gewalt zu vertreiben, sie wollen sich nicht wie Schafe regieren lassen, wenn auch vom besten Hirten, und das Volk wird von dem Adel lernen, wie man Revolution macht, und wird dann seinen Lehrmeistern auf die Köpfe schlagen. – In allen Winden steigen Wolken auf, sie werden sich zu einem furchtbaren Gewitter über unseren Häuptern sammeln: wohl dem, der sein Haus bereitet hat!« Einige spotteten über diese Predigt, andere ärgerten sich, mehrmals ward der Prophet auch aus den Wirtshäusern hinausgeworfen und geprügelt. Das kümmerte ihn wenig. Er verglich sich bescheiden mit dem Apostel Paulus, der auch viele Schläge erlitten, doch sagte er's nicht laut, weil Bibelzitate nicht im Geschmack der Zeit waren. Da er aber an seine eigenen Reden glaubte und sie in begeisterter Überzeugung vortrug, so bewunderten ihn auch manche und hingen ihm an. Guillemain verbat es sich, daß man ihn noch einen Maler nenne, er sagte: »Ich bin ein Patriot, weiter nichts und an diesem Berufe habe ich genug«. Doch merkte er in ruhigeren Stunden, daß dieser Beruf einer festen Form des Wirkens ermangele. Endlich aber glaubte er auch diese gefunden zu haben. Doktor Kringel wünschte die neue Handhabe für den praktischen Beruf eines Freiheitsmannes zu sehen. Guillemain sprach: »Es ist nur ein Gedanke, eine Sentenz. Sie lautet: Die Freunde der Freiheit haben überall das gleiche Ziel, sie fechten für ein großes Recht, sie können einen Bund durch alle Länder schließen; die Unterdrücker des Volkes dagegen wollen hundert verschiedene Rechte verteidigen, sie liegen ewig mit sich selbst im Hader und bringen es nie zur durchgreifend gemeinsamen Tat. Eigennützige Herrschsucht ist vielgestaltig und entzweit; opferfähige Freiheitsliebe ist einheitlich und verbündet.« »Sehr wahr!« sprach der Doktor. »So lange es gilt, die gar verschieden gefestigteten Zwingburgen niederzureitzen, sind alle Freiheitskämpfer einig. Das ist aber nur der erste Akt. Im zweiten soll darauf ein neuer freiheitlicher Staat an der Stelle des zerstörten aufgebaut werden, und ich glaube, dann werden die Befreier doch wieder gerade so uneins, wie es früher die Zwingherren waren. Und so zerfließt deine praktische Handhabe in einen ganz unbrauchbaren Gemeinplatz. Ihr seid nur darum einig, weil ihr über» Haupt noch nichts seid und habt und bloß von der Luft des allgemeinen Gedankens zehret.« Es war zum letztenmal, daß Kringel dem schwärmerischen Freunde so kalt und schonungslos Widerpart gehalten. Guillemain verfolgte seinen Gedanken. Er setzte sich in Briefwechsel und persönlichen Verkehr mit Revolutionären aus allen Ländern; er wollte einen allgemeinen Bund der Freiheitsfreunde gründen, der die wahre weltbürgerliche Brücke schlüge über jede Schranke der Nationalität und emporwüchse zu einer unwiderstehlichen Verschwörung der denkenden Köpfe und unabhängigen Charaktere; er reiste umher in Deutschland, Holland und Frankreich, gewann auch einige begeisterte Jünger und glaubte schon den festen Grund seines furchtbaren Geheimbundes gelegt zu haben. Da aber erfüllte sich die einzige Weissagung, welche ihm der sonst gar nicht prophetische Doktor öfters verkündet hatte: Joseph Guillemain ward im Jahre 1787 unversehens ergriffen und eingesteckt, ich weiß nicht mehr in welchem Reichslande. Man fand stark verdächtigende Briefe, durch welche sich der Faden einer weitgesponnenen Verschwörung zu ziehen schien. Das ganze Gewebe zu entwirren war eine gar zu reizende Aufgabe für politische und kriminalistische Spürnasen, darum behielt man den jungen Mann in einsamem Gefängnis; denn Einsamkeit macht mitteilsam. Der Angeklagte aber blieb stumm und fest wie jeder echte Schwärmer, und es ist niemals ermittelt worden, ob er schwieg, weil er nichts sagen wollte oder weil er nichts zu sagen wußte. So lag er denn jahrelang in strengster Untersuchungshaft, trotz aller Bemühungen des Vaters und der Mainzer Freunde. Es wäre freilich bequemer gewesen, den Volksverführer rasch abzuurteilen oder kurzweg aus dem Lande zu weisen. Allein in den aufgegriffenen Briefen fand sich ein vornehmer, dem Fürsten des Ländchens nahestehender Mann mehrmals in bedenklicher Weise erwähnt; er schien sogar mit Guillemain korrespondiert zu haben. Der dirigierende Minister hatte jenen Günstling vergebens zu stürzen getrachtet; jetzt konnte er ihn wenigstens in steter Angst halten durch den verhafteten Maler, und das gelang auch vortrefflich. So lange also nicht entweder der Günstling gefallen war oder der Minister, hatte der Gefangene wenig Aussicht, seiner Haft ledig zu werden, und während er glaubte, er dulde als Opfer seines Freiheitsmutes, duldete er eigentlich nur als Opfer einer Hofintrigue. Ist aber einer erst einmal tot, dann gilt es ihm wohl ziemlich gleich, ob ihm seine Krankheit oder sein Doktor den Garaus gemacht, und Joseph Guillemain war tot und begraben für die Welt und die Welt war abgestorben für ihn. Er sah nur den Schließer des Gefängnisses und in langen Pausen den Richter, der sich die Aufgabe stellte, ewig zu untersuchen und niemals zu richten. Briefe schreiben durfte er nicht, und aus den einlaufenden Briefen teilte man ihm nur etwaige persönliche Nachrichten nach Gutdünken mündlich mit. Obgleich er aber so schauerlich einsam leben mußte, war er doch nicht allein: hundert Gestalten umschwebten ihn und rastlos gärte und arbeitete es in seinem Geiste. Er hielt große, gewaltige Volksreden, indem er vor den Ofen trat, der ihm eine Volksversammlung darstellte, und verkündete den Sturz des alten politischen Babels kühner als je in freien Tagen, oder er unterhielt sich stundenlang mit dem Handtuch, welches hinter der Türe hing und ihm für seinen langen, nüchternen Freund Kringel gelten mußte, und machte sich selber alle die spitzigen Einwürfe, welche ihm der Freund gemacht haben würde, um sie samt und sonders zuletzt sieghaft zu widerlegen. Namentlich aber versicherte er dem Handtuch stets aufs eifrigste, daß er keinen Augenblick bereue, ja daß er stolz sei, den Weg gemacht zu haben, der ihn ins Gefängnis geführt, daß er nur um seines Vaters willen betrübt sei, aber einst mit Ehren aus dem verfluchten Loche zu kommen hoffe, und daß er heilig glaube, er werde die neue Morgenröte im Aufgang noch mit eigenen Augen schauen. Guillemain stand fest in seiner Schwärmerei, denn er war langsam und notwendig hineingewachsen. Es gibt keine geschiedeneren Leute als den Spötter und den Schwärmer. Allein der Spötter hatte sich geschämt über einen törichten Spott und im Ärger über sich selbst die Beschämung aus seiner Seele hinweggeärgert und dann im Weltärger den eigenen Ärger erstickt; dem Ärger über alle Welt entsproßte aber die Begeisterung für die Weltreform, und da keine Verdrießlichkeiten und Opfer zu einem wirklichen Dulderlose sich gesteigert hatten, so brach aus der Begeisterung endlich die Schwärmerei hervor. Ein rasch aufflackerndes Strohfeuer erlischt auch rasch, aber die langsam genährte Flamme brennt tief und lange. Hatte der Gefangene sich satt gepredigt gegen den Ofen und sich satt gestritten mit dem Handtuche, dann malte er –, doch nicht wie gewöhnliche Maler beim hellen Tageslicht, sondern in den langen, dunkeln Abendstunden. In Gedanken entwarf er ein riesiges Bild: »Das jüngste Gericht der Völkerfreiheit«. Cäsars Tod war ihm jetzt ein viel zu kleiner und dürftiger Stoff geworden, aber ein politisches Weltgericht, zermalmend groß nach Michel Angelos Vorbild, das dünkte ihm ein begeisternder Gegenstand. Unser Herrgott selbst, halb Jehova, halb Jupiter, sollte richtend oben stehen; die blutigen Würgengel der Revolution schmetterten in die Posaunen; schwarzes Nachtgewölk, von Blitzen fahl durchleuchtet, schattete zur Linken des Richters, wo die schlechten Könige in den Abgrund stürzten, statt des Kopfes eine hohle Krone auf dem Rumpf, von einem züngelnden Flammenmantel statt des Purpurs umlodert, wo die Diplomaten von Schlangen umringelt wurden, die ewig rückschreitenden Pfaffen von großen Krebsen zernagt, die Edelleute von ihren Wappentieren, von echt heraldischen Greifen, Löwen und Adlern zerfleischt, oder unten im Abgrunde an vielästige Stammbäume als ihre eigenen Schildhalter aufgehängt, wo die blutsaugenden Reichen und Wucherer mit schweren Geldsäcken am Halse in bodenlosen Schlamm tiefer und tiefer versanken und vergebens den armen Lazarus, den gemeinen Arbeiter, der sich drüben aus seinen Lumpen erhob, anflehten, daß er ihnen das Zentnergewicht ihres Geldsackes abnehmen möge. Zur Rechten des ewigen Richters aber strahlte warmes Sonnenlicht vom blauen Himmel nieder; im Hintergrunde sah man die gebrochenen Burgen und die rauchenden Schlösser der Tyrannen, überwölbt vom Regenbogen des ewigen Weltfriedens; Kinder warfen die Mordwaffen des Krieges hinunter in den Abgrund und zerrissen die Urkunden historischer Rechte und Unrechte, daß sie in den Lüften zerflatterten; der Bauer im Kittel, der Handwerker mit dem Schurzfell schwebten aufwärts, halbnackte Bettler und Fürsten, die ihre Krone beizeiten in die Tasche gesteckt hatten, daß sie nur noch ein klein wenig hervorsah, umarmten sich brüderlich, die Herolde der Nationen legten ihre Fahnen vor einander nieder zum Zeichen der Völkerbrüderschaft und des allgemeinen Weltbürgertums, und dem aufsteigenden Zuge der Befreiten voran wallten die Märtyrer der Freiheit, Brutus, Huß, Rienzi, die Gracchen, Wullenweber, Savonarola und viele andere mit dem Bürgerkranze von Eichenlaub gekrönt und die Palmen des Friedens und der Verklärung in den Händen. Immer klarer in Form und Aufbau, immer glühender in der Farbe trat das ungeheure Bild vor die Seele des Gefangenen, daß er die Gestalten im Kerkerdunkel mit Händen greifen konnte, und manchmal lief es ihm kalt den Rücken herab, so sehr erschrak er vor dem fürchterlichen Gesicht des rächenden und sühnenden Gottes der Freiheit, und er fuhr wohl gar zusammen, weil er schon den ersten Schall der Posaune zu hören glaubte, und es war doch nur das Knarren des Schlüssels und der Angeln, wenn der Wärter die Türe seines Gefängnisses öffnete. Und dann blieb alles wieder stille wie im Grab. Aber draußen, jenseits des Kerkers, war es derweil nicht stille geblieben. Das Jahr neunundachtzig war gekommen, ein Stufenjahr der Weltgeschichte; – im Sturm flogen die Ereignisse; – jene blutigen Würgengel der Revolution, welche der Gefangene im Traumgesichte seines Bildes sah, schmetterten in Frankreich wirklich in die Posaunen und ganz Europa fuhr aus dem Schlummer empor; – nur der arme Maler des jüngsten Gerichtes der Freiheit blieb im Kerkerschlaf gebannt, er ahnte nicht, daß die Völker jetzt schon mit leiblichem Auge schauten, was er bloß dem Auge des Geistes als eine ferne Weissagung vorzudichten gewagt. Gar oft sprachen die Freunde in Mainz bei den ungeahnten und erschütternden Botschaften, die jeder neue Tag brachte: Was würde Guillemain dazu sagen, wenn er's hörte! wie würde er aufjauchzen! wie würde er uns triumphierend zurufen: Habe ich nicht recht gehabt, kommt nicht alles, wie ich's prophezeite? Allein für Guillemain schlich eine Stunde so öde und langsam dahin wie die andere, das Jahr neunundachtzig war ihm ein ganz gemeines Jahr von dreihundertfünfundsechzig Tagen, wenn's nicht zufällig ein Schaltjahr gewesen ist, und die Zeit deuchte ihm so unergründlich still, als sei das tausendjährige Reich des allgemeinen Weltfriedens bereits angebrochen mit seiner ganzen unergründlichen Langeweile. 2. Kurz vor Weihnachten l792 erhielt Guillemain unerwartet seine Freiheit; die Untersuchung wegen der Mitverschworenen wurde niedergeschlagen, und für die fünfjährige Haft konnte er sich als eine gnädige Strafe seiner Umtriebe bedanken. Im Grunde aber ließ man ihn aus politischen Rücksichten frei, wie man ihn aus politischen Rücksichten so lange festgehalten hatte, und befahl ihm auch zum Überflusse noch, binnen vierundzwanzig Stunden das Land zu räumen; Guillemain wäre schon von selbst gegangen. Ja, er ging nicht, sondern er lief zum Lande hinaus, obgleich es ihm sauer ward und schwindelte vor der frischen Luft und der ungewohnten Bewegung. Aber die Stadt, die Häuser waren ihm zu enge, er wollte wieder einmal ein recht großes Stück Himmel sehen und Wald und Feld, Berg und Fluß; nur in Gottes freier Natur konnte er sich ja wieder ganz als ein freier Mann fühlen. Leider trugen seine Beine diesen Freiheitsrausch nicht lange, sie mußten erst wieder gehen lernen, und der arme Guillemain kam vom Laufen bald ins Schleichen und hinkte recht erbärmlich und doch überselig die menschenleere Landstraße entlang und wußte gar nicht recht, wohin er eigentlich hinke; er hinkte nur so im allgemeinen in die Freiheit hinein. Am Waldessaume stieß ein fein frisiertes Männlein zu ihm und blickte ihn staunend und lächelnd an; denn Guillemain sah in der Tat gar seltsam aus. In den fünf Jahren war keine Schere über sein Haar, kein Messer über seinen Bart gekommen und die langen Locken fluteten wild auf Brust und Schulter herab, und da sein Rock zudem etwas verschabt und sein Gang so jammervoll war, so konnte er wohl für einen Stromer vom echtesten Schlage gelten. »Schönes Wetter!« rief ihm der andere zu, »und schöne Haare tragt Ihr, wunderschöne Haare«, und prüfte sie mit Kennerblick. »Vor einem Jahr noch hätte ich Euch sechs Batzen für Euer Haar geboten, aber jetzt sind schlechte Zeiten; die Leute fürchten sich fast, Zopf und Perücke zu tragen, und seit in Paris die Köpfe so wohlfeil geworden, gehen die Menschenhaare im Preise herunter wie die Assignaten.« Der fein frisierte Mann war augenscheinlich ein Perückenmacher. Guillemain sah ihn fragend an und sprach: »Also kommen die Zöpfe aus der Mode?« »Freilich! und auch der Puder. Seit die Ohnehosen in Mainz hausen, beginnt die Unnatur des ungepuderten Kopfes sogar auf dem rechten Rheinufer erschreckend um sich zu greifen.« Guillemain staunte wie ein Kind über alle die unverständlichen Worte – Ohnehosen, – wohlfeile Köpfe. – Assignaten. »Die Ohnehosen?« fragte er, »was sind das für Leute?« Jetzt sah ihn der Perückenmacher an, als verstehe er ihn nicht. »Nun, die Sansculotten, wenn Ihr's auf deutsch hören wollt; – die Franzosen meine ich, die freien Neufranken; denn alles hat jetzt neue Namen.« »Wie!« rief Guillemain erschrocken, »die Franzosen in Mainz?« Nun kam aber die Reihe zu erschrecken auch an den Perückenmacher. »Das wißt Ihr nicht?« fragte er mit verdächtigem Seitenblicke auf das wilde Gesicht und den starrenden Blick des Fragers. »Man meint, Ihr seiet von gestern!« und er begann allgemach seinen Schritt zu beschleunigen. Aber Guillemain hielt ihn am Rockzipfel. »Nicht von gestern, Freund, ich bin von fünf Jahren her. Aber erzählt mir doch! Also führt der König von Frankreich Krieg mit dem Reiche?« »Der König von Frankreich? Nein! Der ist ja längst unter Vormundschaft gestellt.« »Ist er wahnsinnig geworden?« »Nein! Aber sein Volk ist wahnsinnig geworden; darum läßt es sich die Haare wachsen ungepudert und steckt seinen König ins Gefängnis und hält Gericht über ihn, und man sagt, der König könne bald um einen Kopf kürzer werden, wie so viele andere.« Guillemain ließ den Rockzipfel des Perückenmachers los und hob die Hände empor wie zum Gebet. »Also ist das jüngste Gericht der Völkerfreiheit wirklich angebrochen! Es war kein bloßer Traum, den ich in Gedanken malte. Wie Sterbende fernen Freunden erschienen in der Sterbestunde, so erschien mir der richtende Gott der Tyrannen in der Stunde, da er wirklich seinen Stuhl bestieg!« »Pfui Teufel, Ihr seid auch so ein Jakobiner!« platzte der Perückenmacher heraus, erschrak aber sogleich über sein eigenes Wort und fügte begütigend hinzu: »Doch sage ich immer, die Jakobiner sind großenteils besser, als man sie malt; Marat zwar trägt seine Haare wild und struppig um den Kopf, aber Danton hat doch wenigstens noch eine Phantasielocke über jedem Ohre behalten und Robespierre läßt sich zierlich frisieren und schmückt sich sogar mit einem kleinen Haarbeutel. Ich sage immer, Robespierre ist ein feiner Mann und er meint es ernst mit dem Volkswohle. Ihr solltet Euch doch auch wenigstens die zwei Locken Dantons über die Ohren ringeln lassen.« Diese Worte aber verhallten ungehört; denn Guillemain stürmte atemlos mit Fragen auf den Perückenmacher. Er sollte geschwind erzählen, wie das alles gekommen sei in Frankreich und wie es in Deutschland stehe und ob es noch einen römischen Kaiser gebe und Kurfürsten und Herren und Diener überhaupt, und ob der Papst noch in Rom sitze und hundert ähnliche Kleinigkeiten mehr. »Der Perückenmacher erwiderte: »Beantwortet mir doch erst eine einzige Frage gegen so viele: wie kommt es, daß Ihr allein nicht wisset, was alle Welt weiß?« »Das ist bald gesagt. Ich habe fünf Jahre im Zuchthaus gesessen und komme eben geraden Weges aus dem verdammten Loche.« »Entschuldiget: ich muß jetzt seitab gehen; da drüben ist eine Holzversteigerung«, rief der Perückenmacher und lief, was er laufen konnte, quer in den Wald hinein. Er hatte bisher nur geglaubt, dem Manne rappele es ein wenig im Kopfe, jetzt sah er einen Verbrecher vor sich, einen Räuber, einen Mörder. Allein Guillemain sprang ihm nach, würde ihn jedoch schwerlich eingeholt haben, wenn der Flüchtling nicht mit seiner Frisur, wie Absalom, an einem hochwüchsigen Wacholderbusche hängengeblieben wäre. »Ich bin kein Räuber,« sprach Guillemain und packte den zitternden Haarkräusler fest beim Arme, »nehmt meine Uhr, nehmt meine Börse als Pfand, daß ich Euch nicht ausplündern will. Aber Ihr müßt mit mir gehen und mir erzählen. Ein anderer würde sich an edlem Weine erquickt haben nach fünfjähriger Qual und Entbehrung: Eure Worte sind mir ein erquickender, berauschender Wein, ich will erzählt haben, wie die Welt sich verjüngt hat, so erzählt, erzählet nur!« »Der Mann ist wirklich kein Räuber,« dachte der andere jetzt, »er ist zu verrückt für eine so solide Profession.« Und also folgte er ihm und erzählte, was er wußte, bunt durcheinander wie Kraut und Rüben: von den Septembermorden und von Freiheit und Gleichheit, vom Staatsbankerott und »Krieg den Palästen, Friede den Hütten«, von Emigranten und Nationalkokarden, vom Veto und den Menschenrechten, von den Klubbisten und dem Herzog von Braunschweig, und warf die Notabeln, das Parlament, die Nationalversammlung, den Konvent und den Munizipalrat in grausamem Wirrsal durcheinander. Und während er so berichtete, warum der König sitze und warum so viele andere gesessen hätten und geköpft worden seien, wollte er zwischendurch immer wieder erforschen, warum denn nun eigentlich sein Begleiter gesessen habe; dieser aber schnitt ihm jede Abschweifung vom Grundtext sofort am Munde ab und trieb ihn zur Revolution zurück, und als sie endlich im nächsten Dorfe sich trennten, da war dem Perückenmacher der Atem und der Redestoff vollständig ausgegangen, was ihm außerdem nie in seinem Leben begegnet sein soll. Unserm Freund Guillemain aber brauste der Wein, den ihm der Perückenmacher eingeschenkt, dergestalt im Kopfe, daß er notwendig ins Wirtshaus gehen und eine wirkliche Flasche darauf setzen mußte, um Feuer durch Feuer zu bändigen. Es war die wonnigste Stunde eines Lebens, seine ganze Seele Jubel und Jauchzen; er hätte den Hausknecht und die Kellnerin umarmen mögen, da gerade kein anderer Mensch im Zimmer war; allein die letzten fünf Jahre hatten ihn Verschlossenheit und Zurückhaltung gelehrt. Es brauchte lange Zeit, bis er seine Gedanken von Frankreich, Europa und der Menschheit wieder auf sich selbst zurücklenkte und sich fragte, wohin denn nun eigentlich sein Weg gerichtet sei? Er beschloß sofort nach Mainz zu gehen und später nach Paris, wobei er freilich geradeaus wieder umkehren mußte, denn er war bisher nur seiner Nase nachgelaufen und zufällig in die ganz entgegengesetzte Richtung geraten. Allein, wer so lange gesessen hat, dem schaden ein paar Stunden Umweg nichts. Also brach er auf nach der befreiten Vaterstadt. Wie ein Träumender zog er seine Straße, und was er anfangs von den Welthändeln weiter vernahm, das steigerte nur den Taumel seines Geistes. Allein nichts macht auch allmählich gedankenklarer als ein strenger Fußmarsch in schneidender Dezemberluft. Je mehr Guillemain Mainz sich näherte, um so schärfer durchdachte er alle Nachrichten. Da stiegen ihm denn manche trübe Zweifel auf. In Paris ging es doch recht polnisch zu, am Rhein entbrannte ein Krieg von sehr ungewissem Ausgang, und im übrigen Reiche war noch alles beim alten. Guillemain hatte sich das Gericht der Völkerfreiheit doch etwas anders gedacht. Geteilt zwischen Begeisterung und Zweifeln kam er gegen Mainz. Da hörte er, die Franzosen ließen wohl jeden hinein in die Stadt, um aber wieder herauszukommen, bedürfe es besonderen Ausweises, der nicht immer erteilt werde. Seltsame Freiheit! Sie erinnerte ihn stark an sein Gefängnis, wo er auch so leicht hinein und so schwer wieder herausgekommen war. Er stutzte; und während er früher überall so ungestüm ins Zeug gerannt, wurde er jetzt auf einmal vorsichtig, weil er schon meinte, daß die Leute denn doch mit der Revolution etwas zu ungestüm ins Zeug gerannt seien. In Hochheim rastete er darum vorläufig einen Tag und schickte einen Boten zur Stadt an den Doktor Kringel. Der kam alsbald heraus. Welches Wiedersehen! Der sonst so kritische Kringel weinte wie ein Kind; Guillemain schien etwas ruhiger, und doch wogte und tobte es in ihm, daß er kaum reden konnte. Seine erste Frage waren die Worte des alttestamentlichen Joseph, da er seine Brüder wiedersah: »Lebt mein Vater noch?« »Er lebt!« erwiderte der Freund, etwas betroffen, daß man in solcher Zeit zuerst nach einem Vater fragen könne. »Er lebt und ist wohlauf, aber er lebt so insgeheim; wir Patrioten leben nur noch öffentlich. Wir sind frei! O mein Freund, hörst du das himmlische Wort? Wie Großes ist geschehen, seit wir auseinandergingen, – wie ganz erfüllte sich, was du einst vorhergesagt, – wie fehltest du uns, – wie oft sprachen wir: wenn du nur wiederkämest, wenn du nur nacherlebtest, was wir vorerlebt haben! »Nacherlebtest?« fragte Guillemain, – »vielleicht habe ich in meinem Kerker mehr vorerlebt, als ihr jemals nacherleben werdet. Es ist auch gar nicht alles so gekommen, wie ich es gewünscht und gehofft. Doch das ficht mich nicht an, euch aus vollem Herzen zuzujubeln, und ich freue mich auf den Anblick eures freien Gemeinwesens wie ein Kind auf Weihnachten.« Der Doktor fand diese Worte etwas kühl. Allein um so rascher mußte man Guillemain in den vollen Strom hineinschleudern. Also mahnte er zum augenblicklichen Aufbruch nach Mainz. Unterwegs hätten sich beide in aller Freundschaft beinahe die größten Grobheiten gesagt und zwar über einen französischen Vorposten, dem sie begegneten. Kringel, der sich fortwährend einen Patrioten nannte, forderte von dem Freund, er solle sich freuen, daß er jetzt die ersten Franzosen auf Reichsboden sehe. Guillemain sagte: »Im Gegenteil, ich bin so frei, mich darüber zu schämen.« Der Doktor schwieg. Nach einer Weile deutete er auf die starken Schanzarbeiten, zu welchen die Bauern der Umgegend von den Franzosen gezwungen wurden, und sprach: »Die Deutschen drohen zwar, Mainz zurückzuerobern; aber wir Patrioten sind wohlgerüstet und fürchten den Feind nicht.« »Das ist eine neue Welt!« rief Guillemain. »Was für ein Patriot bist du denn eigentlich, wenn du die Deutschen Feinde nennst?« »Ich bin ein Patriot im Lande der Freiheit, und alle Knechte sind unsere Feinde.« Guillemain erwiderte: »Da ist nun die Sache wieder etwas anders gekommen, als ich gehofft hatte. Kann man die Bürger frei machen, indem man die Völker unterjocht? die Franzosen werfen uns die Freiheit an den Kopf unter Sengen und Morden, ganz wie die alten Despoten die Knechtschaft. Ich dachte, freie Völker sollten sich nur im Frieden verbünden und nach freier Wahl. Mit dem Erobern hört ja die Freiheit von selber auf.« »Das verstehst du nicht«, unterbrach ihn Kringel. »Zuerst muß der Schrecken der Freiheit kommen, dann kommt der Weltfriede. Urteile überhaupt nicht zu vorschnell. Du siehst eine fertige neue Zeit, wir erlebten die Geschichte, wie sie erwuchs, und eben diese Geschichte, die du im Kerker verschlafen, hat selbst mich, anfangs den nüchternsten Gegner des Völkersturmes, widerstandslos mit sich fortgerissen.« Guillemain dagegen meinte: umgekehrt! er sei Schritt für Schritt durch alle Stufen des großen und kleinen Märtyrertums zum wahren Jünger der Freiheit durchgedrungen, darum urteile er jetzt besonnen, Kringel hingegen vorschnell, denn dieser sei plötzlich kopfüber in ein neues Leben hineingestürzt und folglich fanatisch, wie alle Konvertiten. Hiemit war das erste Scheltwort gefallen, und bald flogen die beleidigenden Trümpfe herüber und hinüber, wie wenn sich zwei Knaben mit Schneeballen werfen, aber die Ballen waren in Eiswasser gehärtet und mitunter auch Steine darin. Zum Glück kamen die Freunde gerade an die Rheinbrücke, als der Zwist zum offenen Bruche umzuschlagen drohte. Der Anblick der Vaterstadt, wie sie im Abendlicht so königlich stolz an dem großen Strome sich erhob, griff dem heimkehrenden Verbannten so mächtig ans Herz, daß er kein Ohr mehr für die bösen Worte behielt und dem Freunde statt aller weiteren Gegenreden schweigend die Hand drückte. Der Doktor aber verstand, was in der Seele des anderen vorging, und als sie über die Brücke schritten, waren sie wieder versöhnte Leute: das natürliche Heimweh hatte ihren spitzigen Widerstreit über den Patriotismus gelöst, das dunkle Gefühl die klaren Gedanken verschlungen. Guillemain wollte sofort in das Haus seines Vaters, doch Kringel hielt ihn zurück. Nur eine Stunde möge er vorher der heiligen Sache der Freiheit widmen. Der Klub der Freiheitsfreunde war eben jetzt versammelt. Es mußte höchst dramatisch wirken, wenn Guillemain so, wie er ging und stand, mit den langen, ungekämmten Haaren, bestaubten, abgetragenen Kleidern, todmüde und doch aufs heftigste erregt, in die Versammlung geführt wurde, ein Opfer politischer Verfolgung, wie es eben ganz frisch aus dem Kerker kam. Der Wiedererstandene wollte sich vorher wenigstens kämmen und bürsten. Kringel widersprach. »Meinetwegen,« sagte Guillemain, »ich bin noch immer Künstler genug, um zu wissen, daß Schmutz und Anordnung meist malerischer sitzen als eine saubere Toilette.« »Lieber Freund!« rief Kringel heftig, »aufs Malerische kommt es gar nicht an, wozu überhaupt jetzt noch die Malerei? Aber republikanischer siehst du aus ungekämmt und ungebürstet, dazu auch etwas märtyrerhafter. Nur eines Schmuckes bedarfst du noch, der jeden anderen aufwiegt, – der blauweißroten Kokarde, des Wahrzeichens der Freiheit.« Kringel trug ein ungeheuer großes Exemplar dieses Wahrzeichens an seinem Hute. »Ich bin ein Freiheitskämpfer,« erwiderte Guillemain, »also will ich auch mit Stolz die Kokarde tragen, nur bitte ich um ein kleineres Format als das deinige.« »Das darfst du nicht!« fuhr Kringel dazwischen. »Die heimlichen Royalisten tragen kleine Kokarden: du würdest verdächtig erscheinen.« »Verdächtig!« wiederholte Guillemain mit tief ironischem Nachdruck. »Das Wort ist ja vorrevolutionär, und ich glaubte, die entflohenen Despoten hätten es unter ihrem anderen Plunder mitgenommen. Aber ich bin kein heimlicher Royalist, also hinweg mit der kleinen Kokarde: ich will eine recht große, doppelt so groß wie die deinige.« »Das sähe aus wie Spott und Hohn,« rief Kringel, »und die Franzosen im Klub würden dir's besonders übel vermerken, sie sind verteufelt empfindlich für das Lächerliche.« »Aber was gehen mich die Franzosen an!« entgegnete jener. »Ich will die Freiheit haben, frei zu wählen. Quälst du mich doch mit deiner republikanischen Etikette, als ob wir zu Hofe gehen wollten! Doch das sind Spielereien, mir ist die Sache heilig und jede Kokarde recht. Nenne mir lieber jetzt noch die Haupt-Helden eures Klubs, bevor wir hingehen.« Der Doktor nannte Georg Forster – »er war doch nur erst als ein Dilettant von einem Weltumsegler bekannt,« bemerkte Guillemain, »zur Zeit, da ich schon als ein fachgemäßer Weltverbesserer gestritten und gelitten hatte« – Hofmann und Böhmer – »zwei unbedeutende Schulmeister, die sind also jetzt Meister des Volkes geworden!« – Dorsch – »der Pfaffe?« fragte Guillemain. »Er war ein Priester,« entgegnete Kringel, »allein er hat den Aberglauben abgeschworen und ein Weib genommen.« – »Das war etwas vorschnell«, fiel Guillemain ein. »Auch Luther wäre klüger gewesen, wenn er seine Käthe nicht gar zu geschwind geheiratet hätte. Ehrlich gestanden, mir gefällt es nicht, daß ich fort und fort nur neue Namen höre, die über Nacht wie Pilze aufschießen, in Mainz wie in Paris. Es ist unerträglich, sich überall von Helden umringt zu sehen, die seit ein paar Monaten erst aus dem Ei geschlüpft sind.« Es schien in der Tat fast, als hätten die beiden Freunde in den fünf Fahren ihre Seele ausgewechselt, und Kringel sei Guillemain geworden und Guillemain Kringel. Und doch waren sie die gleichen geblieben, nur daß Kringel die Revolution schrittweise miterlebt hatte und Guillemain dieselbe mit einemmal fix und fertig aus dem Boden gewachsen fand. Der schwärmerische Maler prüfte und verneinte, weil alle Welt ihm mit einer unerhörten Schwärmerei unheimlich fremdartig gegenübertrat; der nüchterne Arzt dagegen schwärmte, weil die Schwärmerei ja ganz unvermerkt Mode geworden war. Nach den letzten Ausrufen seines wiedergefundenen Freundes aber bereute er beinahe, daß er ihn so unvorbereitet hatte in den Klub führen wollen. Doch da war jetzt nichts mehr zu ändern; sie gingen hin; Guillemain befangen in zweifelnder Erwartung, Kringel nicht minder befangen in heimlicher Furcht. Allein diese Furcht schien grundlos gewesen zu sein. Der weiland verfolgte, jetzt wie vom Tode erstandene Maler wurde von den versammelten Freiheitsfreunden mit wahrhaft brüderlichem Willkomm begrüßt, und obgleich es ihn anfangs sichtlich belästigte, daneben wie ein Wundertier angestaunt zu werden, so schien er doch bald heimisch in dem Kreise. Übrigens befremdete es ihn, hier überhaupt nur wenig alte Bekannte, dagegen viele neue Leute zu finden, ein buntes Gemisch von Deutschen und Franzosen. Kringel atmete wieder auf; denn Guillemain benahm sich ja ganz gut. Und doch war es dem Doktor immer, als müsse es heute abend noch einen rechten Skandal geben; darum hütete er den Freund wie ein kleines Kind und wachte über jedem seiner Worte. Doch Guillemain schien nur zu beobachten; sein glühendes Auge folgte gespannt den Rednern, aber kein Zeichen von Beifall oder Mißfallen spielte um seine Lippen; sein Benehmen im Gespräch zeigte durchaus den bescheidenen Gast, der achtsam zuhört und teilnehmend eingeht auf fremden Meinungstausch, ohne die eigene Ansicht irgend vordringlich geltend zu machen. Da kamen Guillemains Nachbarn in vertraulichem Geplauder auf einen Gegenstand, welcher ihn sichtbar zu packen schien; man sah, er zitterte, er spannte darauf, einzuspringen mit schlagendem Wort, so recht von innen heraus. Kringel erschrak; – »sollen wir jetzt nicht nach Hause gehen zu deinem Vater?« flüsterte er ihm ins Ohr. »Jetzt nicht! Widmen wir der Freiheit noch eine Stunde!« Die Leute redeten von der Konstituierung des linken Rheinlandes als einer neuen Provinz der Freiheit und vom freiwilligen Anschluß derselben an das große Mutterland Frankreich. Guillemain aber merkte bald, daß hierüber unter den Freiheitsfreunden selber eine heftige Parteiung bestand und daß zudem die meisten Mainzer Bürger nicht recht anbeißen wollten, ihre eigene Stadt dem Reichsfeind auf dem Präsentierteller anzubieten. »Man muß sie in ihr Glück hinein ängstigen,« sagte halblaut ein Klubbist, »man muß sie mit verbundenen Augen aus dem Feuer führen«, fuhr ein anderer fort. »Wie die Ochsen, wenn der Stall brennt«, vollendete Guillemain trocken und mit erhobener Stimme. »Gerade so sprachen vordem auch die alten Fürsten.« Alle horchten auf und staunten. Das war eine fremde Tonart. Kringel aber flüsterte dem Freunde zu, um das Gespräch wieder etwas enger und persönlicher zu machen: »Hast du nicht selbst gar oft gesagt, wie es besser werde in der miserablen Welt, das sei dir ganz gleich, wenn es nur besser werde?« »Habe ich das gesagt,« rief Guillemain, der schon nicht mehr zu halten war, »so habe ich eine Dummheit gesagt, wofür ich jetzt täglich neue aufklärende Ohrfeigen bekomme.« Und alsbald war er mitten im heißesten Wortgefechte mit den andern und verwies ihnen ihr gewaltsames, undeutsches Vorgehen. Man widerlegte und überschrie ihn, verspottete ihn, warnte und drohte. – Alles vergebens. – Die Schleusen waren durchbrochen und Guillemain ergoß jetzt im vollen Strome alle den Tadel über die Sünden und Schwächen der Revolution, der sich seit dem Gang mit dem Perückenmacher in seinem Geiste angesammelt hatte. Umsonst rief Kringel entschuldigend dazwischen: »Der Mann hat so lange im Dunkel gesessen, daß ihm jetzt die Augen tränen beim Sonnenglanze der Freiheit!« und dann wieder: »Er kennt die Verkettung der Tatsachen nicht, er hat ja fünf Jahre verschlafen, die ein Jahrhundert aufwiegen!« Guillemain ließ sich nicht irren, und die anderen fielen immer wütender aus gegen den seltsamen Märtyrer, der aus lauter Freiheitsidealismus zum besten Anwalte der Reaktion wurde. Als aber immer wuchtigere Drohworte hereinplatzten, und andererseits einige den überkühnen Sprecher freundschaftlichst an die Gefahr mahnten, der er sich preisgebe, da war Guillemains Zorn gar nicht zu bändigen. Wie ein Donner im Sturm dröhnte mehr seine Stimme in den Tumult hinein: »Ich fürchte keine Gefahr, und die neuen Gewaltsherren schrecken mich so wenig als die alten! Darum erkläre ich: hier wie in Paris herrscht eine kleine Minderzahl kraft des Schreckens, mit welchem sie die Bürger bannt, nicht kraft des Volkswillens, hier wie in Paris – – – – – –« Die weiteren Worte wurden verschlungen von dem Sturme des Unwillens, der jetzt den Donner der einzelnen Stimme völlig überbrauste. Allein Widerspruch steigert den Widerspruch, und der tosende Lärm wirkte auf den zornglühenden Redner wie ein Trommelschlag auf einen Soldaten, er entflammte das echte Schlachtenfieber. Als darum der Lärm endlich soweit nachließ, daß man schreiend sein eigenes Wort wieder verstehen konnte, sprach Guillemain: »Man hat mir erzählt, es liegen in dieser Stadt zwei Bücher auf, ein rotes und ein schwarzes« – der Redner machte eine Pause, und die ganze Versammlung ward still und lauschte –; »in das rote Buch schreiben sich die Anhänger der neuen Ordnung, in das schwarze sollen sich die Gegner derselben einzeichnen. Viele Namen stehen bereits, so sagt man, in dem roten Buche, kein einziger in dem schwarzen. Aber viele müßten sich nach ihres Herzens Meinung wohl in das schwarze Buch schreiben, so sagt man, doch keiner wagt es. Nun höret! Ich habe vor Jahren als der Erste in Mainz gewagt, für die Freiheit der Bürger die Freiheit meiner Person einzusetzen. So wage ich denn auch heute das gleiche, ja ich wage sogar meinen Kopf für diese Freiheit: ich schreibe meinen Namen als der Erste in das schwarze Buch! Und wenn ihr mir entgegnet: durch das schwarze Buch sprichst du zugleich den Wunsch nach Rückführung der alten Zustände aus, so antworte ich als freier Mann: die alten Zustände waren herzlich schlecht, aber die neuen sind noch viel schlechter.« Guillemain schwieg; aber auch die anderen schwiegen. Durch starres Schweigen spricht der höchste Unwille wie der höchste Beifall; nur hier und da vernahm man ein halblautes »Pfui!« Aber Doktor Kringel, der treue, wenn auch allezeit gegnerischer Freund, erkannte, daß Guillemain jetzt wirklich in persönlicher Gefahr schwebe; denn mit Cüstine und seinen Franzosen war nicht zu spaßen. Darum ergriff er den Freund, der nur vom Platze aus gesprochen, am Kragen und riß ihn auf die Rednerbühne. »Sehet hier,« rief er auf Französisch, »das Opfer der Tyrannei! Fünf Jahre einsamen Kerkers haben den sonst so klaren Geist verwirrt, daß er wie im Wahnsinn redet, ja er ist ein Wahnsinniger! Der von Folterqualen gebrochene Körper eines solchen Opfers würde schon euer Mitleid erregen und euern tiefsten Grimm gegen seine Peiniger: wieviel tieferes Mitleid weckt uns aber dieser von Folterqualen gebrochene und verwirrte Geist! Bürger! Sprecht euer Mitleid aus für meinen unglücklichen Freund in einem Fluch auf seine Kerkermeister und Folterknechte!« Die theatralische Szene wirkte. Guillemain mit dem wild flatternden Haare, dem totenbleichen Gesicht, den rollenden Augen, den gekrampften Händen sah in der Tat einem Wahnsinnigen ähnlich genug und sein vergeblicher Protest, daß nicht er verrückt sei, sondern höchstens sein mitleidiger Freund, der ihn für verrückt erkläre, steigerte noch die naturwahre Täuschung des Eindruckes. Die anwesenden Franzosen zumal glaubten, der Mann sei wirklich wahnsinnig; denn der deutschen Sprache nur halb mächtig, hatten sie die genügend klaren Reden Guillemains ohnedies nicht recht begriffen; desto überzeugenderen Eindruck machte ihnen die Gruppe auf der Rednerbühne und die französischen Worte des Arztes. Die Deutschen dagegen waren froh, daß man den Unruhestifter mit so guter Manier für ihn und andere unschädlich gemacht, sie umringten ihn und halfen dem Arzte, seinen zur Unzeit wieder erstandenen Freund endlich mit heiler Haut aus dem Saale zu bringen. Draußen überhäuften sich die beiden noch eine Weile mit Vorwürfen: Kringel den Guillemain, weil er ihn so schändlich bloßgestellt, Guillemain den Kringel, weil er ihn öffentlich für verrückt erklärt habe. Die Stille der kalten klaren Nacht mit ihrem, wie zum ewigen Frieden leuchtenden Sternenhimmel brachte Guillemain wieder zu ruhigeren Sinnen. Er schwieg und sammelte sich aufs Wiedersehen seines Vaters; der Arzt aber ließ ihn nicht eher los, als bis sich die Türe des elterlichen Hauses geöffnet hatte, und stand noch eine Weile Schildwacht auf der Gasse; denn er fürchtete immer, sein Freund möge wieder in den Saal zurücklaufen und sich als nicht wahnsinnig ausweisen. Der alte Guillemain erschrak, indem er den verwilderten Mann mit der großen Kokarde ins Zimmer treten sah; denn als ein schweigender Gegner der Revolution fürchtete er schon lange mißhandelt oder aufgehoben zu werden. Als er aber in der verdächtigen Gestalt den Sohn erkannte, vergaß er alles Herzeleid, das er seinetwegen ausgestanden, und allen Widerwillen gegen die dreifarbige Kokarde und fiel ihm um den Hals und weinte und hatte nur noch ein Herz für den wiedergefundenen Sohn. Wie innig wohl tat es Joseph, daß er nach so vielen Jahren zum erstenmal wieder rein menschlich von einer mitfühlenden Menschenseele, vom Vater, den er so tief betrübt, sich angesprochen fühlte. Er hatte dieses Wiedersehen oft gar rührend sich ausgemalt und vorgeträumt; aber auch hier war die Erfüllung ganz anders als das Phantasiegebilde der Hoffnung: der selige Augenblick war unendlich rührender und schöner, als er ihn je hatte vorempfinden können, und der altmodisch gesinnte Vater fragte ihn gar nicht, wie er denn schon so geschwind zu der großen Kokarde gekommen und ob er auch gleich wieder ein Revolutionär neuen Stiles geworden sei? Er sprach bis tief in die Nacht hinein als der Vater mit seinem Kinde und ließ es sich nicht einmal merken, wie schweren Kummer ihm dieses Kind gemacht. Am anderen Morgen griff Joseph Guillemain vor allen Dingen zum Rasiermesser und ließ sich das Haar schneiden und einen Zopf flechten. Er sagte: »Man hat mir verwehrt, meinen Namen in das schwarze Buch zu schreiben, so will ich denn in anderer Form öffentlich Zeugnis geben von meinem ungebrochenen Freiheitsmute. Als alle Welt Zöpfe trug, schnitt ich den meinigen ab; jetzt, wo die Zöpfe verpönt und mißachtet sind, kehre ich wieder zum Zopfe zurück. Der rechte Freiheitsmann handelt und duldet immer mit der Minderheit; denn bei der großen triumphierenden Masse ist und war die Freiheit niemals.« Da man nun aber Herrn Guillemain über Nacht wohlfrisiert und mit einem Zopfe erscheinen sah, so gewann der Glaube, daß er verrückt geworden, auch unter den Deutschen in Mainz bedeutend an Festigkeit. In der Tat jedoch bekundete der Mann mit dem Zopfe seinen klaren Verstand vor anderen darin, daß er seine eigene Ohnmacht angesichts des Weltsturmes bald genug begriff, sich grollend in sich selbst zurückzog und Mainz zur rechten Stunde verließ, um erst wiederzukommen, als die Deutschen die Stadt zurückerobert hatten. Trotz aller Wechsel der Mode und der Politik trug er fortan seinen Zopf, nicht als den Zopf des Rückschrittes, sondern als den Zopf des Eigensinns. Unzufrieden mit jedem bestehenden Zustande, hegte und veredelte er zwar getreulich sein Ideal einer besseren Zeit, allein niemals gelang es ihm, dasselbe der gegebenen Weltlage anzupassen; es fehlten ihm eben fünf Jahre erlebter Geschichte, in welchen der Schlüssel für die ganze nächste Zukunft lag. Er kehrte zurück zum Epigramm, womit er begonnen; er blieb ein politischer Kopf und obendrein ein Republikaner, aber er hatte kein Herz mehr für die tatsächliche Politik. So blieb er auch in Gedanken ein Maler, aber er malte nicht mehr. Er redete oft von seinem neuesten Karton, dem Völkergerichte der Freiheit, doch nie entschloß er sich, auch nur das Papier zum ersten Entwurf über den Holzrahmen ziehen zu lassen. Wie aber die erste Periode seines Lebens durch den unvollendeten Tod des Cäsar bezeichnet war, und die zweite durch das niemals begonnene jüngste Gericht, so hatte auch die dritte ihr neues symbolisches Kunstwerk gefunden. Er sprach nämlich viel von einem philosophisch-politischen Roman, mit welchem er sich trage. Eine Schar der wütendsten Jakobiner, die beim Sturze der Schreckensherrschaft der Guillotine entrann, war nach Cayenne verbannt worden. Dorthin kommt nachgehends auch eine Anzahl später geächteter Royalisten. Zwei der entschiedensten Charaktere aus diesen beiden Lagern begegnen sich in der mörderischen Fiebereinöde, wo sie gemeinsam leben und arbeiten müssen. Der Jakobiner erfährt von dem Todfeinde, wie trotz des Sturzes seiner Gegner, den er gehofft und geweissagt, dennoch die rote Republik nicht gesiegt hat; die Geschichte ist ihren eigenen Weg gegangen, weitab von der Linie, welche er ihr im Geiste gezeichnet. Der Royalist hofft noch und entwirft kühne Bilder vom Wiedererstehen des Königtums und lebt in giftigem Zwiste mit dem bereits stumpf entsagenden Jakobiner. Als aber nun die Botschaft auch zu dem fernen Lande herüberdringt, daß Napoleon den Stuhl seiner Kaiserdespotie auf die Trümmer der Republik gestellt habe, da erkennt auch er, wie alle Traumbilder von künftiger Gestaltung der Völker und Staaten eitel und unwahr sind, und er reicht dem Jakobiner die Hand als dem einzigen Wesen, welches sich mit ihm wenigstens bis aufs Blut zu zanken und also auch menschlich mit ihm zu empfinden vermag, und beide, die über der Politik vergessen hatten, daß sie Menschen waren, finden zuletzt Versöhnung und Sühne in menschlich brüderlichem Gemeinleben, ja sie einigen sich auch politisch wenigstens darin, daß sie die ganze europäische Politik möglichst weit hinweg wünschen von dem Lande, wo der Pfeffer wächst; denn in diesem Lande lebten sie ja selbander. Es war der tragische Roman seines eigenen Lebens, den Guillemain solchergestalt in fremder Szenerie sich auszudichten unternahm. Berühmter aber als durch dieses ungeschriebene Buch und die ungemalten Bilder war und blieb er durch seinen wirklich ausgeführten Zopf. Der wurde zum Sprichwort in der ganzen Umgegend. Und wenn die Leute so manchmal wahrnahmen, daß ein Altliberaler, von dem man gehofft, er werde sich an die Spitze einer neuen Bewegung stellen, verstimmt in sich selbst zurückkroch, weil alles anders gekommen, als er's erwartet hatte, dann achselzuckend und verneinend gegen die neuen Volksführer auftrat und zuletzt gerade im Vollbewußtsein seines Freisinnes das Banner der alten Zeit ergriff – so sagten sie: das ist der Zopf des Herrn Guillemain. Abendfrieden 1. Wir Biebricher hatten den prächtigsten Schulweg, da wir als zehnjährige Knaben das Pädagogium (die Lateinschule) zu Wiesbaden besuchten. Früh morgens halb sechs Uhr sammelten wir uns in den Gassen, wer nicht bereits marschfertig vor der Türe stand, der wurde mit dem Appell des nassauischen leichten Bataillons aus dem Hause gepfiffen, und dann stürmte die kleine Rotte lustig vom Rheine durchs Dorf und durch Mosbach über den Berg nach Wiesbaden, fast fünfviertel Stunden Wegs, in jeder Jahreszeit und bei jedem Wetter. Im Winter war's besonders schön, da brachen wir erst um halb sieben auf, traten gar manchmal die erste Spur in den frischen Schnee und fanden es weit vernünftiger, bis an den Leib durch die Schneewehen des Chausseegrabens zu waten, als mit den andern Leuten oben auf dem Fußpfad zu gehen; mein besonderer Stolz aber war dann eine kleine Laterne, welche ich im Dunkel voranleuchten und trotz Morgenrot und Sonnenaufgang bis zu den römischen Ruinen der neuen katholischen Kirche fortbrennen ließ, um, wie man sagt, dem Tage die Augen auszubrennen. Jene Kirche im Stile des Pantheon war übrigens, nebenbei bemerkt, von einem scharfen Theoretiker gebaut, welcher klar bewies, daß Fundamente ein höchst kostbarer Überfluß seien; er brachte auch den stolzen Säulenbau fast ohne Fundament nahezu bis ans Kreuz auf dem Dache; da hatte die Kirche eines Nachts das Unglück, zusammenzufallen. Auf dem Rücken trugen wir kleinen Wanderbursche allesamt ein Ränzchen, unten mit Büchern gefüllt, oben mit Milchbrötchen, Äpfeln, Birnen, Nüssen, Kirschen, in der ganz schlechten Zeit aber bloß mit zwei doppelten Butterbroten – zur Aufbesserung des Mittagstisches im Wiesbadener Kosthause, welcher uns für acht Kreuzer die spartanische Blutsuppe pädagogisch veranschaulichte. Und leichteren Herzens und mit erleichtertem Tornister pilgerten wir dann um vier oder fünf Uhr abends dieselbe Straße weit langsamer wieder heim. Kinder laufen durchs Land wie die Hunde: sie sehen und behalten unglaublich scharf das Nächste, was an und auf dem Wege liegt; für die Fernen haben sie keinen Blick. Darum bekümmerten wir uns denn auch weit weniger um die herrliche Aussicht ins Rheintal hinab als um die großen Apfelbäume an der Landstraße; die kannten wir alle und nannten sie alle mit Namen. Allein wir sahen bloß nach den Äpfeln und griffen nicht danach; denn es ging die Sage, wer bei den Äpfeln erwischt werde, der müsse nach nassauischem Feldrecht alle unersetzt gebliebenen Flurfrevel des ganzen Jahres bezahlen, und sei solchergestalt ein armer Metzgerbursche für einen einzigen Apfel um hundertzwanzig Gulden gestraft worden. Doch nicht bloß, daß uns dieses Obst zu teuer dünkte, wir hatten überhaupt viel wichtigere Dinge zu tun, als nach Äpfeln zu werfen. Die Straße war uns morgens Lernplatz, abends Spielplatz, in der Frühe zeigte sie uns ihr Werktagsgesicht und ihr Sonntagsgesicht am Abend. Sowie wir beim Ausmarsch früh morgens das letzte Haus von Mosbach im Rücken hatten, trat einer von uns vor und sprach laut die Versregel, welche aus Zumpts Grammatik, oder die Fabel, welche aus Wagners »Lehren der Weisheit und Tugend« für den laufenden Tag auswendig zu lernen war, und die andern sprachen's taktfest im Chore nach. Mochte uns der Märzsturm da droben auf der Höhe packen und zausen, wir schrieen seinem Geheule kräftigst entgegen: »Viele Wörter sind auf is Masculini generis ,« und beschworen ihn mit » panis, piscis, crinis, cinis « wie mit einer Zauberformel; mochten die Regenwolken in ganzen Geschwadern vom Binger Loch herüberziehen und uns auf die Haut durchnässen, das galt uns alles gleich, wenn wir nur unsere »Hausaufgaben« in den Kopf und trocken unter Dach brachten. In diesen Morgenstunden war die Landstraße außer von Spatzen und Goldammern gewöhnlich nur von Leuten belebt, welche durch ihr Geschäft zur Stadt geführt wurden, oder von Bauern, welche in den Acker gingen; wir gingen auch in den Acker, aber in einen lateinischen, und wie viel stolzer war unser Schritt, der nach Zumpts, Gellerts und Pfeffels Rhythmen einherschwebte! Da zogen die Gunsenheimer Gemüsweiber an zwanzig Mann hoch zu Markte; sie hatten ihre schweren Körbe bereits im Nachen über den Rhein gefahren und in Biebrich allesamt auf einen Wagen geladen, den der Hammartin, ein hinkender Fuhrmann, mit einem lahmen Gaule führte, und liefen neben dem Wagen her und schnatterten durcheinander wie eine Gänseherde; wir aber übertönten sie weitaus, Lichtwers »Tier' und Menschen schliefen feste« im Chor sprechend. Was wußten die armen Weiber, was wußte der Hammartin von Lichtwer! Oder es kamen Biebricher Handwerker, welche in die Stadt gingen, Rohstoffe einzukaufen; wir erzählten uns, einer dem andern das Wort aus dem Munde nehmend, die Geschichte von Cyrus und Astyages, damit wir sie um zehn Uhr in der Geschichtsstunde wiedererzählen konnten. Was war diesen Schustern und Schneidern Astyages, ja was war ihnen Cyrus! Wir fühlten uns als die wahren Herren der Landstraße, und höchstens sank uns der Mut, wenn früh morgens ein Hase über den Weg sprang: da hemmten wir unsere Lichtwerschen Trochäen und gingen erschrocken dreimal drei Schritte rückwärts; denn hätten wir solchergestalt nicht den bösen Angang zunichte gemacht, so würde uns sicher Strafarbeit im Laufe des Tages geblüht haben. Außer den Hasen vermochte nur eines noch unsere Studien zu unterbrechen: der Mainzer Schauspielerwagen. Wann der kam, dann hielten wir allemal inne und schauten auf. Es war ein großer Omnibus, schwer befrachtet mit schönen Damen und Herren, mit der ganzen Oper oder Tragödie, welche heut abend über die Wiesbadener Bretter gehen sollte; denn Mainz und Wiesbaden hatten damals gemeinsames Personal für ihre zwei stattlichen Schauspielhäuser und die dramatische Kunst fuhr so herüber und hinüber, einen Tag um den anderen, und nur im Winter beim Eisgang blieb sie so lange an einem Orte liegen, bis der Rhein entweder eisfrei oder so fest gefroren war, daß er den Thespiskarren tragen konnte. Den Mainzer Schauspielerwagen aber ignorierten wir nicht vornehm wie den Gunsenheimer Gemüsewagen; wir begrüßten ihn mit lautem Jubel und Hurra, denn warum soll die Wissenschaft die Kunst nicht begrüßen? Diese Frauenzimmer, welche so artig aus den Wagenfenstern blickten, fuhren auch zu ihrem Tagewerke, allein dasselbe war gleich dem unsrigen den Musen geweiht, und also achteten wir die Passagiere des Theaterwagens für die einzige ebenbürtige Gesellschaft, welche sich morgens mit uns auf der Straße bewegte. Der Heimweg am Abend sah nun aber ganz anders aus; nicht nur unser Sinn und Gemüt, auch die Chaussee mit ihren Menschengestalten war völlig verwandelt. Zu jener Tageszeit ging es da ziemlich stille zu; denn im Sommer war der schattenlose Weg zu heiß, und im Winter hatte ohnedies halb Wiesbaden Feierabend. Geschäftslose, friedesuchende Menschen schlenderten vereinzelt des Weges, pensionierte Beamte auf ihrem täglichen Gange, alte Damen, die sich ohne männlichen Schutz bis zu den zwei großen Birnbäumen an der »Umkehr« wagen konnten; vielleicht ritt auch ein Reiter bedachtsam vorbei, der wegen chronischer Unterleibsleiden im fünfzigsten Jahre zum erstenmal ein Pferd bestiegen hatte. Das bunte, aufregende Gewimmel der großen Kurwelt flutete nach einer ganz anderen Seite, nach den malerischen Pfaden des Sonnenberger und Nerothales, und nicht einmal die Kuresel mit ihren feuerroten Satteldecken kamen heraus auf unsere Straße. Höchstens daß im Winter ein einsamer Croupier dort müßig ging, der in der kalten Jahreszeit nichts zu tun und vielleicht auch nichts zu essen hatte, eine wandelnde Elegie auf die Vergänglichkeit der Sommerpracht; denn in jenen vormärzlichen Tagen war die Roulette während des Winters geschlossen, und erst das Jahr achtundvierzig brachte mit anderen Errungenschaften den Fortschritt des »Winterspieles«. Zwar rollte auch mitunter eine glänzende Equipage oder eine Extrapost ins Rheingau vorüber, allein das waren zur Stunde unseres Heimweges doch nur Ausnahmen, charakteristisch herrschten die schleichenden, stillen Feierabendgestalten, und unter ihnen die Krone von allen, der Kasteler Franz, der armseligste von den damals wegen ihrer Armseligkeit weit berühmten Kasteler Einspännern: er hatte sein »neues Pferd«, an dessen Hüftknochen man den Hut aufhängen konnte, für drei Brabanter Taler auf dem letzten Hochheimer Markt gekauft, und es galt für ein Wagnis, bei ihm einzusteigen, nicht wegen des Durchgehens, sondern weil verschiedene Fahrgäste schon mit dem Boden seiner Kutsche durchgebrochen waren. Der Franz verstand keinen Spaß und hatte trotz seines Schneckenschrittes den wahren Feierabendfrieden allerdings noch nicht gefunden, und doch hätte jedes fühlende Herz wenigstens der keuchenden Mähre und dem wackeligen Marterkasten so gerne den ewigen Feierabend gegönnt. Unter allen diesen friedlichen oder friedebedürftigen Gestalten schwärmten wir kleinen Wanderburschen nun anfangs recht wild und ruhelos umher. Auch wir fanden, gleich dem Kasteler Franz, den Feierabend in uns selber noch ganz und gar nicht. Die Freude über den vollendeten Schultag mußte ausgetobt sein, und da lief dann der eine vor, der andere blieb zurück, man trieb allerlei Mutwillen, neckte sich, stritt, kriegte und balgte, kurzum, beim Friedensscheine der Abendröte fehlte jene einträchtig gemütliche Kameradschaft, zu welcher uns Zumpt, Wagner und Kohlrausch doch in dem viel aufregenderen Morgenlichte unvermerkt verbündet hatten. Wir ärgerten uns, daß es des Morgens fast schöner war auf der Chaussee als am Abende, wo doch die Chaussee von Rechts wegen am allerschönsten hätte sein sollen. Aber keiner wußte den Grund von dieser verkehrten Welt. Nun geschah es eines Tages, daß einer der Genossen den Rinaldo Rinaldini mitbrachte, welchen er von ungefähr zu Hause gefunden hatte. Der glückliche Finder begann auf dem Heimwege den Roman vorzulesen, gleichsam als Gegengewicht gegen Wagners »Lehren der Weisheit und Tugend« beim Morgengange. Allein er kam nicht weit. Wir fanden das Buch grausam langweilig, hatten bei einem Räuberromane gleich auf Seite 1 ganz andere und zwar recht haarsträubende Dinge erwartet, und der Vorleser verstummte alsbald mißmutig, weil ihm niemand mehr zuhörte. Wir waren offenbar noch nicht reif für Vulpius. »Da könnt' ich euch ganz andere Geschichten erzählen, weit schönere!« rief ich übermütig, als Rinaldo wieder in den Ranzen seines Besitzers gewandert war. Die Kameraden staunten, freudig überrascht, und nahmen mich beim Wort; denn sie wollten heute abend nun einmal etwas »Schönes« hören, und ich besann mich auch nicht lange und begann. Was für eine Geschichte ich darauf erzählte, das weiß ich freilich nicht mehr. Allein sie muß gefallen haben, besser als Rinaldo Rinaldini; denn ich war von nun an der ausgemachte Rhapsode unserer Schar und erzählte monatelang allabendlich auf dem Heimwege lauter selbsterfundene Geschichten, gezeugt und geboren, erdacht und vorgetragen im nämlichen Augenblicke auf der Chaussee, einzelne oft acht bis zehn deutsche Meilen lang, mit »Fortsetzung folgt« von heute auf morgen. Geschichten mit lauter Handlung, lauter Abenteuern, und auf jedes Dutzend Apfelbäume, welches wir abliefen, kam mindestens ein Szenenwechsel. Es muß damals wunderlich genug in meinem kleinen Kopfe ausgesehen haben. Gelesen hatte ich noch gar keinen Roman, aber zerstreute Bilder und Charaktere aus dem Robinson, aus Märchen, Sagen, Reisebeschreibungen, Volksbüchern, aus den Historien des Straßburger hinkenden Boten und aus Mengeldorffs »Exempelbuch der alten Zeit« schwirrten und tanzten vor meinem inneren Gesichte, und ich verwob die bunten Bruchstücke zum seltsamsten Ganzen, schuf mir neue Helden, indem ich die alten nach Lust und Laune umbildete, und ersann mir meine eigenen langen Romane, bevor ich irgend Geduld und Ausdauer besaß, auch den kürzesten fremden Roman gedruckt zu lesen. Das ist nun gerade nicht merkwürdig, aber daß meine Kameraden die Geduld besaßen, lieber jenes tolle Zeug monatelang anzuhören, als sich im Chausseegraben zu balgen oder den Chaisen nachzulaufen, das dünkt mir heute noch ein merkwürdiges Rätsel. So berichtete ich denn naturgetreu, als wäre ich selber dabei gewesen, von Schiffbrüchen an wüsten Inseln, von Räubern, die in Höhlen oder auf hohen Eichbäumen wohnten, von tapferen Rittern, besonders Kreuzfahrern, von eingemauerten Mönchen und Nonnen, am liebsten aber von unermeßlichen Schlachten, und immer gelangte mein Hauptheld durch unsägliche Kämpfe und Nöte zuletzt zu höchsten Ehren. Meine Geschichten führten stets in weit entlegene Zeiten oder Länder. Ahnet das Kindergemüt nicht auch bereits den verklärenden Zauber der Ferne, kraft dessen »alte Geschichten« an sich schon ein Stück unverdienter Poesie vor modernen voraus haben? Dazu spielte die Handlung womöglich durchaus im Freien (Türme, Rittersäle und Verließe abgerechnet); denn alles, was unser tägliches Leben schön und abenteuerlich schmückte, das fanden wir ja auch im Freien, nämlich zwischen den Apfelbäumen der Wiesbadener Landstraße. Liebschaften und Frauenzimmer hielt ich für langweilig, sie kamen gar nicht vor in meinen Geschichten. Damit jedoch auch den zarteren Regungen des Herzens ihr Recht werde, lebte mein Held etwa in wahrer Bruderschaft mit seinem Pferde, oder hatte einen großen Hühnerhund zum Busenfreunde, oder noch besser einen gezähmten, auf den Mann dressierten Löwen, der sich ihm des Nachts im Walde in Ermangelung einer Matratze dienstwillig als weiches und sicheres Lager unterbreitete. Indem wir nun aber so erzählend und hörend heimwärts zogen, bekam die Landstraße ein völlig neues Gesicht, sie sah ganz sonntäglich aus, obgleich es doch immer nur Werktag war. Vordem zerstreut umherschwärmend, schlossen wir uns nun zur geordneten Gruppe wie am Morgen, einträchtig, als gemütliche Kameraden; keiner blieb mehr zurück oder lief vor, keiner zerrte und neckte mehr den anderen, wir hatten Feierabend für uns und hatten Friede geschlossen mit allem, was auf der Landstraße lebte und webte. Die Spatzen auf dem Wege, die Mäuse im Graben wurden nicht mehr gescheucht und verfolgt, der Kasteler Franz nicht mehr verspottet und selbst der fünfzigjährige Gesundheitsreiter hatte jetzt Ruhe auf seinem frommen Pferde, welches wir früher durch unser Springen und Schreien öfters um ein Haar scheu gemacht hätten. Eine Geschichte hören oder erzählen, das war uns Friede und Feierabend. Die Epik ist die Poesie des Friedens, selbst wo sie uns den trojanischen Krieg erzählt. Man denkt sich ans Herdfeuer, zu der Lampe, an den Lehnstuhl der Großmutter, wenn von dem seligen Frieden der Geschichten, Märchen und Sagen die Rede ist, aber das Herdfeuer an sich bringt doch den Frieden nicht, sondern die Geschichte bringt ihn. Kocht die Mittagssuppe auf dem Feuer, dann dünkt uns der Herd nicht so gar friedlich, wohl aber am Abende, wann die Kohlen verglühen: bei den Geschichten ahnen wir die Flamme der Leidenschaften in der stillen Glut der verglimmenden Kohle, die Geschichte hat den Frieden, weil alles bereits geschehen und vollendet ist und in der Ferne verschwebt; mag sie auf den heißesten Tag zurückblicken, sie kann es doch nur am Feierabend oder sie verdient nicht den Namen einer Geschichte. Darum fanden wir den heimlichen Zauber des Herdfeuers und der Lampe auf der offenen Landstraße, weil wir dort mit den Geschichten den Feierabend gefunden harten. Und wann wir nun so mit meinen Helden unter den syrischen Palmen umherirrten oder in den Urwäldern Amerikas und in altdeutschen Eichenhainen, dann deutete wohl einer und der andere fragend auf die fernen Waldhöhen des Taunus, ob die nicht auch noch solche Urwälder hegten, oder auf den weitab im blauen Duft verschwimmenden Donnersberg, ob dort nicht auch noch eine ungeheure Wildnis sei? Oder wir spähten sehnsüchtig zu den Burgtürmen von Sonnenberg hinüber und zum Mainzer Dome, dessen Fenster im roten Abendscheine leuchteten, als seien Lichter ohne Zahl im Schiff der Kirche angezündet: wir sahen unseren Weg plötzlich umlagert von tausend weit entrückten Geheimnissen, umkränzt von schönen, seltsamen, rätselhaften Erscheinungen, während es uns bis dahin das nüchternste und selbstverständlichste Ding von der Welt gewesen, daß man auf der Wiesbadener Chaussee den Rhein und den Taunus und Mainz und Sonnenberg sieht. Indem die Geschichten geträumte Fernen uns nahe rückten und offenbar machten, ahnten wir zum erstenmal den Zauber der Schönheit und des Geheimnisses, welcher die wirklichen Fernen umschleierte, die uns täglich vor Augen lagen. Da aber kam urplötzlich jener bekannte Blitz aus heiterer Luft, der so oft aus dem blauen Himmel der Bücher niederfährt, ob er gleich, wie ich glaube, am echten blauen Himmel noch gar nicht entdeckt worden ist, und schlug zerschmetternd in den Abendfrieden meiner Geschichten. 2. Dies geschah an einem weichen, blütenduftigen Maitage. Die Sonne stand noch hoch, als wir um vier Uhr unseren Heimweg antraten. In lieblicher Pracht wogten die frisch aufsprossenden, treibenden Saatfelder zu dem breiten Silberstreifen des Rheines hinab, wir Knaben fühlten den beseelenden Frühlingsodem gleich dem anderen jungen Volk der Vögel und Mücken, welches uns umschwirrte, wir waren heute ganz besonders aufgeregt und wußten nicht warum. Ich erzählte wieder, und auch in meiner Geschichte trieb und gärte der Frühling gleich dem Wein im Fasse, wann die Traube blüht, das heißt, ich häufte Abenteuer auf Abenteuer, ich ließ meinen Helden wie einen Halbgott einherschreiten und die erhabensten Taten vollbringen: kein Wunder, daß er auf einmal grausam ins Gedränge kam. Er ist abgeschnitten von den Seinigen, in zwanzigfacher Übermacht sitzt ihm der Feind auf dem Nacken und vor ihm und seinem todmüden Rappen gähnt eine fünfzig Fuß breite turmtiefe Felsenkluft. Der bedrängte Ritter aber besinnt sich nicht lange, befiehlt Gott seine Seele, schließt die Augen, spornt, daß es blutet, und im Fluge setzt das Roß über die Kluft und noch ein paar Ellen weiter; die Feinde aber, welche ihm nachsprengen wollen, purzeln einer nach dem anderen in den Abgrund, wie Bleisoldaten, wenn man sie mit der Hand vom Tische streicht, und unten am Boden lag ein ganzer Klumpen. Ich verschnaufte eine Weile; der große Sprung hatte mich etwas außer Atem gesetzt. Da rief mein Nebenmann, es sei unmöglich, daß ein todmüder Rappe über eine fünfzig Fuß breite Kluft setze; er wisse auch, wie weit Rappen springen könnten, denn sein Oheim habe einen solchen im Stall. Ich fuhr auf; – das war die erste literarische Kritik, welche ich in meinem Leben erduldete – und entgegnete fest und ernst, so recht lehrhaft: »In den Ritterzeiten sind eben die Pferde viel stärker gewesen, das Roß des Eppelein von Gailingen hat zu Nürnberg einen noch weit größeren Satz getan als vorhin mein Rappe, des rabenschwarzen Pferdes der vier Haimonskinder gar nicht zu gedenken, und Karl der Große ist in drei Tagen von Ungarn nach Oberingelheim geritten; übrigens« – so schloß ich mit trotzig gehobener Stimme – »übrigens habe ich mir den Ritter samt dem Rappen selbst gemacht und lasse meine Ritter so viele Heiden totschlagen, als mir beliebt, und meine Rappen springen, so weit ich will!« Die anderen begriffen meine Rede nicht; sie fragten, ob denn die fünfzig Fuß wirklich im Buche stünden? Da regte sich zum erstenmal der Autor in mir und ich erwiderte: »Im Buche steht gar nichts, meine Geschichten stehen überhaupt in keinem Buche, sondern bloß in meinem Kopfe und sind alle miteinander hier auf der Chaussee gewachsen.« Diese Erklärung wirkte wie ein Donnerschlag, und der Schlag entfesselte einen Sturm, eine Windsbraut. Meine Kameraden glaubten, was ich ihnen da seit Monaten erzählte, das stehe alles irgendwo gedruckt und sei folglich wahr und wirklich geschehen: nun fiel es ihnen wie Schuppen von den Augen und sie hielten sich für belogen und schändlich angeführt. Vergebens warf ich ihnen entgegen, daß ich ja niemals vorgegeben habe, gedruckte Geschichten zu erzählen, daß ich nur gesagt, ich wisse etwas »Schöneres« als den Rinaldo Rinaldini, der doch auch vielleicht nicht wahr sei – das blieb alles in den Wind gesprochen, sie hatten keine Ahnung von dem Schöpferrecht der Phantasie und hielten Dichten und Lügen für gleichbedeutend. Der eine rief, ich dürfe niemals wieder eine Geschichte erzählen, der andere, ich müsse aber auch für die bereits erzählten einen exemplarischen Denkzettel erhalten: – »da liegt der Denkzettel schon!« schrie der dritte und brachte ein schweres Holz herbei, das am Graben lag: den Klotz sollte ich bis Biebrich schleppen zur Strafe für meine ungedruckten Geschichten. Die anderen fielen dem Vorschlage jubelnd bei; ich protestierte, wehrte mich, es kam zum Handgemenge: – ich war auf dem Punkte, der Übermacht zu erliegen. Da kam ein leerer vierspänniger Leiterwagen, ein herzogliches Fuhrwerk, hinter uns hergerollt; ich reiße mich los und springe dem Wagen nach, ein paar Hausknechte, die oben standen und wahrscheinlich das Abladen der Fracht in Wiesbaden besorgt hatten, sahen meine Not, winkten mir herbei, es gelang mir, mich an dem rasch dahinsausenden Wagen hinten festzuklammern, die Männer packten mich unter den Armen, zogen mich hinauf, und ehe ich noch selber recht wußte, was geschehen, stand ich oben, rückwärts gekehrt, und fuhr wie ein Triumphator vierspännig davon, indes meine Widersacher mit dem Klotze verblüfft auf der Straße standen und ihre Nachrufe im Gerassel der Ketten und Räder verhallten. Einen Augenblick schwelgte ich in dem süßen Gefühle, welches jeder kennt, der einmal bei eben ausbrechendem Platzregen ganz unverhofft noch ins Trockene gekommen ist. Aber bald wich dieses Behagen einer anderen Stimmung. Ich trug einen neuen Kittel von naturgrauem Linnen mit schwarz lackiertem Ledergürtel und stand am Hinterrade, wider die Leiterwand des Wagens gelehnt. Da zupfte es mich ganz leise hinten am Kittel; ich schaute um und sah niemand. War das etwa die unsichtbare Hand des bösen Gewissens, welche einen so von hinten am Kittel zupft? Ich hatte der Mutter fest versprochen, auf dem Schulwege niemals einem Wagen nachzulaufen, viel weniger mich anzuhängen, ja nicht einmal auf Einladung eines Kutschers mitzufahren. – Es zupfte schon wieder, merklich stärker. Siedendheiß lief mir's über das Gesicht. Das Versprechen war besonders feierlich gewesen, ohne alle Klausel, denn die Mutter ängstigte sich sehr wegen der Fährlichkeiten der Landstraße. Bisher hatte ich aufs strengste Wort gehalten und war vorhin doch auch nur im drängenden Triebe der Rettung dem Wagen nachgesprungen, – aber mein Wort hatte ich nun doch gebrochen! – Jetzt zupfte es zum drittenmal, so derb, daß ich fast umgefallen wäre, und krach! tat's einen Ritz durch meinen ganzen Kittel: ein großer Fetzen der schönen neuen Leinwand hing am Wagenrade. Das Kleid war von einem hervorstehenden Splitter der Radspeiche erfaßt worden und ohne die feste Rücklehne der Wagenleiter würde ich wohl selber mit hinabgezogen und unters Rad gekommen sein. Den zerrissenen Kittel sehen und denken: das ist die Sündenstrafe für das gebrochene Wort, und blind vom Wagen springen, – dies alles war die Sache eines Augenblickes. Da lag ich dann auf der Chaussee im dicksten Staube, die Arme weit ausgestreckt, ein echter Büßer; denn bei dem jähen Sprunge war ich der Länge nach hingefallen. Vergebens baten mich die Hausknechte, wieder aufzusteigen: kein Demosthenes und kein Cicero hätte mich wieder auf den Wagen hinaufgeredet, geschweige ein Hausknecht. Nachdem die Leute dann gesehen hatten, daß ich mich weiter nicht verletzt, fuhren sie davon; ich aber schlich einsam meine Straße und starrte bald in den Himmel, bald auf meinen zerrissenen Kittel. Es war die erste zerknirschende, bewußte Reue, welche jetzt mein kindliches Herz durchschnitt; ich war im Innersten betrübt, nicht weil ich Strafe fürchtete, sondern weil ich klar erkannte, daß ich gesündigt hatte. Da droben hinter den lichten Flockenwölkchen, die gegen den Donnersberg hinüber das endlose Blau anmutig unterbrachen, glaubte ich, sehe jetzt Gott hervor, nicht der liebe Gott, sondern der HErr GOtt, wie er mit zwei großen Anfangsbuchstaben so strenge in der Bibel gedruckt steht, und halte Gericht über mich, und von irgend einer anderen Ecke des Himmels schaue mein unlängst verstorbener Großvater herab, den ich sehr lieb gehabt, und ärgere sich über die dummen Streiche seines Enkels. So sind wir großen und kleinen Kinder: als ich oben auf dem Wagen stand in der Blüte meiner Sünde, dachte ich nicht, daß Gott mich sehe; erst als ich heruntergefallen war, hatte er mich augenscheinlich entdeckt. Ich verwünschte meine schönen Geschichten, die doch allein zuletzt das Unheil herbeigerufen hatten. Der Abendfrieden des Erzählens schien mir auf immer zerrissen und verweht und hinter jener fünfzig Fuß breiten Schlucht, über welche der unselige Gaul gesprungen war, lag ein verlorenes Paradies. 3. Zu Hause bekannte ich sofort mein Vergehen, von welchem ja der zerrissene Kittel schon klar genug zeugte. Nur den mildernden Umstand, daß ich auf der Flucht vor beschimpfender Gewalttat dem Wagen nachgelaufen war, verschwieg ich standhaft. Daran waren wieder die verhängnisvollen Geschichten schuld. Denn hätte ich den ganzen Hergang im Zusammenhange gebeichtet, so mußte ich doch auch meiner selbst gemachten Geschichten erwähnen, und das wollte ich um keinen Preis: ich schämte mich, etwas anderes gekonnt zu haben als meine Kameraden, es war mir, als habe ich mit vieler Würde einen großen Zylinderhut getragen, während Schuljungen doch eigentlich bloßköpfig oder mit der Mütze gehen. So brachten mir die Geschichten, welche ich draußen erzählt hatte, das Unglück und die Geschichten, von welchen ich daheim schwieg, die Strafe. Meine Eltern besaßen einen schönen Garten unterhalb Biebrich am Rheinufer, und es war uns Kindern immer ein besonderes Fest, wenn wir abends dort spielen durften und dann in dem kleinen Gartenhäuschen das gemeinsame Abendbrot verzehrten. Heute gingen alle hinaus, man hatte nur auf meine Ankunft gewartet, mich mitzunehmen, und nun mußte ich zur Strafe ganz allein daheim bleiben. Das war mir leid genug; doch in den Schmerz über die blind dareinfahrende Strafjustiz mischte sich bitterer Groll, während jene freie Buße, wie ich sie vorhin einsam in mir selber durchgerungen, unsäglich qualvoller gewesen war, aber ohne Bitterkeit. Als die anderen fortgegangen waren, hielt es mich darum auch gar nicht lange in der Stube; ich schlüpfte vor die Tür, ich brauchte Luft, um meine wallende Empfindung auskochen und ausdampfen zu lassen, nur einen kleinen Raum zum Vertoben, so ganz in der Nähe, wie man's bei milder Deutung einem Hausarrestanten nachsehen kann. Nun wohnten wir aber in einem Nebengebäude des Schlosses, ganz nahe der Hauptauffahrt, welche aus dem Dorfe durch eine kleine Ecke des Herrengartens zu den herzoglichen Gemächern führt. Rechts von dieser Auffahrt stand eine Bank, beschattet von zwei Kastanienbäumen; dort pflegte allerlei müßiges Hofgesinde zu sitzen, Stallknechte, Frotteure, Lakaien, Haus- und Küchenmägde, und weil die Bank von jenen Leuten so besucht war als der bequemste Platz, die Aus- und Eingehenden zu beobachten und zu bekriteln, nannte man sie die »Lästerbank«. Ich schlich um die Kastanienbäume hinter der Bank, scheu versteckt, denn da mein neuer Kittel zerrissen war, so hatte man mir ein verwachsenes und verwaschenes Kittelchen vom vorvorigen Jahre angezogen, eine Art Zwangsjacke zum Hausarrest; meine Hände aber starrten bis weit über die Knöchel aus den enganliegenden Ärmeln, also Grund genug, zu Hause zu bleiben oder doch nur heimlich spazieren zu gehen. Indem ich nun so hinter den Bäumen ganz stille meinem Groll und Kummer, Trotz und Reue nachhing und die roten Kastanienblüten, welche am Boden lagen, aufhob und zerpflückte, kam ich unbemerkt ganz nahe an die Lästerbank. Sie bot sonst Raum für viele, eben jedoch saßen nur zwei Leute dort: ein Frotteur, – das ist der gefährliche Mann, welcher die Parkettböden glatt wichst und also veranlaßt, daß man bei Hofe so leicht ausgleitet und fällt – und sein Schatz, das Eschborner Klärchen, die Küchenmagd; eine höchst korpulente Person, deren eindrucksvolle Figur mir's in späteren Jahren, als ich Goethe zu lesen begann, recht schwer machte, Egmonts Klärchen ohne Fettsucht mir vorzustellen. Ich horchte nicht auf das Gespräch der beiden, aber plötzlich vernahm ich, wie der Frotteur sich selbst unterbrach und mit erhobener Stimme dem Klärchen zurief: »Da kommt ein Mann, den müssen wir grüßen! – aufstehen! Front machen!« Was mochte das wohl für ein hoher Herr sein? Ich schaute auf. Durch das Portal des Gartens schritt ein fremder alter Mann, eine stattliche, aber gebeugte Gestalt, gestützt auf den Arm einer schönen jungen Dame, beide schlicht und einfach, doch fein und vornehm in Tracht und Haltung. Nur mühsam und mit dem rechten Fuße hinkend konnte der alte Herr sich fortbewegen und hielt alle paar Schritte inne zum Ausruhen, so daß ich die Nahenden lange und scharf ins Auge zu fassen vermochte. »Das ist der Walter Scott mit seiner Tochter,« sagte der Frotteur zum dicken Klärchen; »der Walter Scott, welcher alle die schönen Geschichten gemacht hat, den Ivanhoe und Quentin Durward; steh auf, den müssen wir grüßen!« Ich erwachte wie aus einem Traume. So also sehen berühmte Männer aus! Denn dies war der erste Mann, der viele Bücher geschrieben, der erste so eigentlich berühmte Mann, welchen ich in meinem Leben erblickte, und ob ich gleich noch keines dieser Bücher gelesen, wußte ich doch, daß die kleinen gelben Bändchen Walter Scott, wie sie alle vierzehn Tage auf Subskription in die Häuser kamen, durch ganz Biebrich und stellenweise sogar in Mosbach von alt und jung verschlungen wurden; ja, ich hatte sogar bemerkt, daß sich die Dienstboten Sonntagsnachmittags zusammensetzten, um den Walter Scott zu lesen, welchen sie ihrer Herrschaft gestohlen hatten. Ohne darum an meinen alten Kittel zu denken, noch an den Frotteur und sein Klärchen, trat ich vor und stellte mich in die Reihe neben die beiden. Walter Scott kam ganz nahe an die Lästerbank. Ach, er sah so krank und müde aus und über seinen großen Augen lag es wie ein Schleier, als ob sich die neu ergrünenden Kastanienbäume mit den roten Blütenbüschen gar nicht mehr recht hell darin spiegeln könnten! Doch als er mir gegenüber stand, blickte er auf und lächelte gar gutmütig, wie ein Lichtschimmer zuckte es über die dämmernden Augen, die schlaffen Züge bewegten sich, ja, ich glaube sogar, er hat gelacht. Ich ahnte stracks weshalb und errötete bis über die Ohren: in dem verwachsenen, verwaschenen Kittel machte ich neben dem dicken Klärchen eine äußerst drollige Figur, und dazu trug ich eine abscheuliche Kappe von Roßhaarzeug, grau und weiß gesprenkelt, eine sogenannte Kümmel- und Salztappe, die hatte ich im Anstarren aufbehalten und riß sie nun ganz erschrocken vom Kopfe, als mir der berühmte Mann ins Gesicht sah. Er warf mir grüßend ein paar freundliche Worte zu, allein in meiner Scham und Bestürzung verstand ich sie nicht und blieb stumm und vergeistert, indes der Dichter lächelnd weiterschlich. Der Frotteur erklärte mir hierauf, daß Walter Scott sich eben auf der Rückreise aus Italien befinde und daß der Herzog ihn zu Gast geladen habe. Doch den kranken Dichter, der im Süden vergebens Genesung gesucht, zog es ruhelos zur Heimat, und wer mit dem Tode um die Wette reist, daß er noch eine Stunde früher nach Hause komme, der muß selbst fürstliche Gastfreundschaft dankend ablehnen, und so hielt nur die notwendige Rast eines Nachtlagers den müden Mann in Biebrich zurück. Nachdem mir der Frotteur also in der Kürze erläutert, wie Walter Scott so plötzlich zu uns in den Biebricher Herrengarten geraten sei, fügte er hinzu: »Diesen Engländer grüßt die ganze Dienerschaft, weil er uns schon so oft erfreut hat, mag er nun im übrigen hoffähig sein oder nicht. Als hingegen neulich der alte Baron Rothschild zur Tafel geladen war, da grüßten ihn etliche Bediente nicht, und es gab großen Skandal darüber, ja, ein Küchenjunge rief dem hebräischen Baron Spottverse nach, wofür er mit Schimpf und Schande fortgejagt wurde. Das geschah ihm recht, denn so weit darf man's nicht treiben, und zuletzt stammen wir doch alle von den Juden ab.« (Weil nämlich Adam und Eva im alten Testamente stehen, hielt der Frotteur die Ureltern des Menschengeschlechtes für Juden.) »Den Rothschild habe auch ich nicht gegrüßt, aber den Walter Scott,« so schloß er mit epischem Refrain, »grüßt die ganze Dienerschaft.« Als der Dichter zwischen den Bäumen und Büschen verschwand, kämpfte ich unschlüssig in mir selber, was ich nun tun solle? Ich wäre ums Leben gern ganz sachte nachgeschlichen, hätte hinter den Büschen gelauscht und sah im Geiste schon, wie der Herzog aus dem Schlosse treten, den Dichter höflichst unterm Arm nehmen und in seine Gemächer führen werde, um ihm dann wenigstens die Marmorsäulen im großen Rondell und die neue Stukkaturdecke in der Galerie zu zeigen. So ungefähr dachte ich mir die Sache. Und der Mann hatte auch Geschichten erzählt wie ich, und war ihm doch nicht so schlimm dabei ergangen! Übrigens dünkte mir's fast merkwürdiger, daß die ganze Dienerschaft den Walter Scott grüße, als daß ihm der Herzog das große Rondell zeige. Denn Lakaien sind weit spröder und vornehmer gegen irreguläre Größen, welche kometenhaft durch die Sternenbahnen des Hofes fahren, als die Fürsten selber; das wußte ich, als geborener Biebricher, auch schon mit zehn Jahren. Sollte ich nun nachschleichen und lauschen? Es war mir überhaupt verboten, in jenem Reviere unmittelbar vor den Türen der Herrschaft umherzustreifen, und vollends heute abend! Den Hausarrest hatte ich ohnehin schon halb gebrochen und mich gar an der Lästerbank aufgepflanzt, was mir ein für allemal untersagt war: sollte ich mir durch Ungehorsam über Ungehorsam ein zweites Strafgericht auf den Kopf ziehen, schlimmer noch als das erste? Die Reue von der Landstraße wirkte nach, das Gewissen zupfte mich wieder ganz leise, diesmal am verwachsenen Kittel und ohne Riß: ich überwand mich und ging langsamsten Schrittes nach Hause. Aber den »großen Unbekannten« wollte und mußte ich heute abend doch noch näher ins Auge fassen, und suchte sofort nach dem kleinen gelben Bändchen – mit den fürchterlichen Lithographien und den zahllosen Druckfehlern; Stuttgart bei Gebrüder Franckh. Ein blinder Griff brachte mir den Guy Mannering in die Hände. Ich setzte mich in die Fensternische und las. Gleich der Anfang gefiel mir nicht übel, denn er spielte im Freien, ganz wie meine eigenen Geschichten, und der junge Engländer, welcher bei einbrechender Nacht in den Mooren von Dumfries irre reitet, erinnerte mich genau an unsere Winterabende auf der Wiesbadener Chaussee; denn obgleich wir nicht ritten, uns nicht verirrten, auch keine Engländer waren und die Chaussee kein Moor, so war es doch in beiden Fällen dunkel. Nur ging mir die Geschichte viel zu langsam und ich wäre beinahe, ähnlich dem Reiter in jenem Moore, völlig stecken geblieben, wenn mich's nicht immer aufs neue gereizt hätte, Worte gedruckt zu lesen, die ein Mann verfaßt, welchen ich soeben erst mit eigenen Augen gesehen hatte. Es war mir vorher nur ein einziger Mensch zu Gesicht gekommen, und zwar in einem Wirtshause in Schierstein, den ich als gedruckte Berühmtheit staunend angeschaut, das war Theodor von Haupt gewesen, welcher das Textbuch der »Stummen von Portici« und den »Hochverratsprozeß der Minister Karls X.« ins Deutsche übersetzt hat. Aber was war Theodor von Haupt gegen Walter Scott, was waren sämtliche Minister Karls X. gegen den einen Guy Mannering; was war ein Autor, welcher übersetzt und in Schierstein einkehrt, gegen einen Autor, der übersetzt wird, und den der Herzog zu Gaste lädt! Diese Gedankenkette brachte mich wieder in Zug, die Erzählung gedieh zu rascherem Flusse, sie packte mich fester und immer fester, schon schüttelte mich jenes Lesefieber, in welchem man Zeilen und Seiten nur so mit den Augen verschlingt, – – da klopfte mir mein Vater auf die Schulter, den ich samt der übrigen Familie in meiner Selbst- und Weltvergessenheit gar nicht hatte hereintreten hören. Er fragte, wie ich denn zu diesem Buche komme? »Weil ich vorhin den Walter Scott selber gesehen habe.« Ein strafender Blick traf mich; denn der Vater, welcher von der Anwesenheit des Dichters in Biebrich nichts ahnte, hielt die unlogische Antwort für eine mutwillige Schnurre. Doch fragte er unwillkürlich: »Wo hast du ihn gesehen?« – »An der Lästerbank.« – »Und wie durftest du dich zur Lästerbank wagen?« – »Weil ich meine Strafe verdient und doch auch unverdient erhalten hatte; das konnte ich im Hause nicht zusammenreimen und bin also nur ein klein wenig vor die Tür gegangen, ob sich's draußen etwa besser reime.« Jetzt sah ich eine gewaltige Ohrfeige heranziehen, die mir ohne Zweifel den Kopf aufräumen sollte, daß ich statt solch verworrenen und trotzigen Geredes vernünftigere Antworten gebe. Allein ich wich mit geschickter Wendung links aus und rief: »Jetzt will ich alles erzählen,« – und dann kam ich erst recht in Fluß und berichtete die Erlebnisse des ganzen Abends von Anfang an, und ob nun gelacht wurde über meine selbst erfundenen Romane oder nicht und über die kritischen Bedenken meiner Zuhörer obendrein, das war mir jetzt völlig gleich. Walter Scott hatte ja auch über mich gelacht, und doch hätte ich in diesem Augenblick schon jenes Lachen um keinen Preis wieder hergeben mögen. Meinen Vater ergötzte die Sache in der wunderlichen Art, wie ich sie vortrug, so sehr, daß er zuletzt selber ins Lachen kam und mir alles verzieh. Mir war ein schwerer Stein vom Herzen genommen, ich hatte Generalbeichte getan und Generalablaß erhalten, ich fühlte wieder jenen Abendfrieden, der mir verloren gegangen war, da ich vom Leiterwagen fiel. Allein es war mir, als habe doch eigentlich schon der kranke, gebeugte Dichter, wie er mich so freundlich lächelnd anblickte und unverstandene Worte sprach, den ersten Schimmer jenes Friedens mir wiedergegeben. Nun hätte ich gar zu gerne noch fortgelesen im Gun Mannering. Die Uhr hatte neun geschlagen und ich mußte ins Bett. Doch ins Bett zwar kann einen die väterliche Gewalt zwingen, aber nicht zum Schlafen. Und so schwebte dann vor meinen wachen Sinnen ein seltsamer Reigentanz von allerlei Schlüssen und Folgerungen auf und nieder. Ich war versöhnt mit meinen Geschichten, die ich vor wenigen Stunden noch verwünschte; denn hätten sie mir nicht die Püffe des kritischen Handgemenges und den drohenden Klotz eingetragen und den zerrissenen neuen Kittel dazu, so würde ich ja heute abend in unseren Garten gegangen sein und den Walter Scott nicht gesehen haben; ich war auch versöhnt mit dem verwaschenen alten Kittel und der Kümmel- und Salzkappe, denn beiden verdankte ich's ohne Zweifel ganz allein, daß der Verfasser des Waverley über mich gelacht und mir vermutlich einen schönen guten Abend gesagt hatte, zu alledem aber war meine Schuld gesühnt und vergeben, und die ganz regelrechte friedliche Novelle, welche ich an diesem Abend durchlebt, schloß in der denkbar friedlichsten Weise, nicht mit der Heirat, sondern mit dem Einschlafen des Helden. Als ich nach einigen Tagen mit den Kameraden wieder unsere Landstraße heimwärts zog, faßte ich im Drange meiner gehobenen Stimmung einen großherzigen Entschluß. Ich bot den Kritikern, die mich zum Klotztragen verdammt und mir alles weitere Erzählen verboten hatten, aus freien Stücken eine neue Geschichte an und zwar eine gedruckte, und erzählte nun, da sie mir freudig zufielen, den Guy Mannering, wie ich ihn eben in den späten Abendstunden zwischendurch selber las. Und als ich nach Wochen endete, gestanden mir alle, die Geschichte sei viel schöner als meine früheren selbstgemachten samt und sonders. Das freute mich ungemein; hätten jenen meine eigenen Erfindungen besser gefallen als mein Walter Scott, so würde mich's tief verstimmt haben. Denn weit leichter ertragen wir's, daß die Welt uns selber gering ansieht, als daß sie uns einen vergötterten Freund herabsetze. Den großen schottischen Dichter hatte ich seit jener Stunde, wo er mir in den Büschen vor dem Schlosse entschwunden war, völlig aus dem Gesicht verloren. Nach Jahr und Tag las ich im »Pfennig-Magazin« feuchten Auges, daß Walter Scott vom Rheine eilends nach London zurückgereist, daß er dort mit fürstlichen Ehren empfangen worden sei, allein wie er sich der herrlichen Natur Italiens und des Rheines entrissen hatte, so entfloh er auch der Huldigung seines Volkes in der Weltstadt, – er eilte in die stille Heimat seines geliebten Abbotsford und kam dort gerade noch recht zum Sterben. Sein Bild aber blieb mir für immer umgeben von jenem Friedenszauber des milden Maiabends im Biebricher Schloßgarten; und wie die plötzliche Erscheinung des Mannes den ersten Seelenkampf meines kindlichen Alters zum versöhnten Ausgange gewendet hatte, so ruhte mir der Geist eines Friedebringers auch fort und fort verklärend über seinen Dichtungen. Gar reiches, buntes Leben, oft derb und breit, mitunter auch ungleich und unfertig gezeichnet, gar mancher Kampf, gar manches dunkle Schicksal zieht über die Bühne seiner erdichteten Welt, allein der Abendfriede des gemütlichen Erzählers ruht doch versöhnend und heiter erhebend auf allen diesen Schöpfungen. Dies ist das Wahrzeichen des echten Epikers. Was ich auf der Wiesbadener Landstraße begonnen, das habe ich seitdem in Büchern fortgesetzt; ich habe am Feierabend erzählt. Im ernsten Tagewerke scheue ich den Kampf nicht; in der Novelle suche ich den rein und heiter abgeschlossenen Stoff, das still anregende, nicht das wild aufregende Spiel des Lebens, und mir dünkt, eben wenn die Kämpfe des Menschenherzens vor den Sinnen des Hörers am heißesten entbrennen, dann soll er doch in Ton und Stimme des Erzählers schon die kommende Versöhnung ahnen. Andere mögen anderes in der Novelle erstreben; es sind ja auch nicht alle Novellisten von Biebrich nach Wiesbaden zur Schule gegangen. Mich hat der Heimweg am Feierabend zur Novelle geführt und der nachwirkende Eindruck, welchen der größte Erzähler der neuen Zeit meinem Kindesherzen machte, da ich ihn mit Augen sah, als er eben auch den Heimweg zum Feierabend ging und in seinen erlöschenden Zügen doch das heitere Lächeln des Humoristen noch nicht verloren hatte. Zn dieser Kindergeschichte liegt der Schlüssel zum Verständnis meiner Novellen. Und wenn mich die Leute manchmal fragen, warum ich so dann und wann immer wieder »Geschichten« schreibe und unzeitgemäße alte Geschichten obendrein, und nichts Gescheiteres tue, so antworte ich, weil ich des Vergnügens, in Frieden zu erzählen, nicht entbehren will und weil ein jeder seinen Feierabend nach seiner Weise haben darf. Der Märzminister 1. Es ging alles Schlag auf Schlag. Am Mittwoch, dem 1. März 1848 war Vorbereitung der Volksfreunde im »Schwarzen Bären«. Rudolf Gärtner hatte das erste und letzte Wort. Er erklärte das Vaterland in Gefahr und entwarf die sieben Forderungen des Volkes. Punkt für Punkt wurden sie jubelnd genehmigt, keiner wagte eine Silbe des Widerspruchs gegen den gewaltigen Redner. Seine Freunde drückten ihm glückwünschend die Hand und riefen laut: »Die Anker sind gelichtet, wir segeln unter der Flagge der Revolution! Rudolf Gärtner wird das Steuer führen!« – »Er ist der Staatsmann der Zukunft!« erläuterte der Lederhändler Schlehbach, und das geflügelte Wort flog desselbigen Abends noch durch die ganze Hauptstadt. Am Freitag war die große Volksversammlung vor dem Rathause. Die sieben Forderungen wurden zum Volksbeschluß erhoben. Rudolf Gärtner hatte mit schwungvoller Rede alle Gemüter fortgerissen. Die Sturmpetition an den Fürsten ward beschlossen, Gärtner sollte an der Spitze von zwanzig Vertrauensmännern aufs Schloß ziehen. Weithin rollender Beifallsdonner bekräftigte seine Wahl. Er war der Herr des Tages. Darum brachte man ihm abends um zehn Uhr einen Fackelzug und dem alten Minister, Freiherrn von Gräfenberg, um elf Uhr eine Katzenmusik. Am Samstag entstand der große Krawall. Pöbelrotten wollten das Zuchthaus stürmen, die Tore des Zuchthauses erbrechen. Die besseren Bürger schauten angstvoll drein und wagten keinen Widerstand. Da trat Gärtner unter den wüsten Haufen und gebot Ruhe: man schwieg; – er zeigte den Leuten das Unsinnige ihres Vorhabens: sie gaben ihm recht; – er hieß sie auseinandergehen: sie gingen. So hatte er Blutvergießen verhütet, die Gesellschaft gerettet, zuletzt organisierte er noch die freiwillige Bürgerwehr. Der Adelsklub, welcher ihn gestern für die Festung reif erklärt hatte, votierte ihm heute eine Dankadresse. Am Sonntag bewilligte der Fürst die sämtlichen sieben Forderungen. Hierauf berief Seine Durchlaucht – abends fünf Uhr – den Bürger Gärtner zu einer Audienz. Als Sohn einer neuen Zeit erschien derselbe im Oberrock; die geheime Unterredung dauerte drei Stunden. Um acht Uhr trat Gärtner ans Fenster und verkündete dem Volke, welches unten auf den Blumenbeeten des Schloßgartens wogend harrte, daß es dem Fürsten von nun an volles Vertrauen schenken dürfe. Des andern Tages durchwandelte der Fürst die Straßen der Stadt, bloß von Gärtner begleitet, welcher irrtümlich auf der rechten Seite ging; Tausende folgten ihnen, und die Hochrufe auf den Fürsten wollten kein Ende nehmen, sie galten aber eigentlich seinem Begleiter. Am 20. März war die allgemeine Volkswahl zum neuen Landtage, welcher das neue Staatsrecht des Fürstentums schaffen sollte. Rudolf Gärtner wurde in vier Wahlbezirken zugleich gewählt, jedesmal fast mit Stimmeneinheit. Auf den 28. März ward der neue Landtag einberufen. Der allerhöchste Erlaß war noch vom alten Minister unterzeichnet. In der Stadt aber verbreitete sich an demselben Tage die Nachricht, daß Herr von Gräfenberg entlassen und Gärtner zum »dirigierenden Staatsminister« ernannt sei. 2. Aufgeregt und müde warf sich der siegreiche Volkstribun auf das Sofa seines Studierzimmers; auf dem Tische vor ihm lag seine Ernennung zum Minister. Unter schweren Kämpfen und Bedenken hatte er abgelehnt, gezögert, geschwankt und zuletzt dennoch zugestimmt, als ihm der Fürst das Portefeuille anbot, welches sämtliche Portefeuilles in sich schloß; denn das Ländchen bedurfte nur eines einzigen Ministers. Jetzt war der Schritt geschehen, und er hatte diesen Minister schwarz auf weiß. Gestern noch Advokat mit spärlicher Praxis, heute dirigierender Staatsminister! Vor wenigen Wochen noch hoffnungsloser Oppositionsmann eines Landtages, welcher niemals opponierte, und jetzt gebietender Führer der allgemeinen Opposition, dessen Wort Tat, dessen Wille Gesetz war! Wachte oder träumte er? Eine Welt von Gedanken durchstürmte seinen Kopf, zuletzt jedoch wurden sie allesamt wieder von einem Grundgedanken beherrscht und aufgesogen. »Überwältigend groß ist die neue Zeit über Nacht hereingebrochen; glücklich die Männer, welche sie mitwirkend erleben, glücklicher noch die Kinder, welche jetzt ins Leben treten, um dereinst die reifen Früchte zu genießen! Aber eine schwere Verantwortung lastet jetzt auch auf den Führern des Volkes. Sie werden zermalmt werden, wenn sie diese Last nicht starken Geistes und reinen Herzens zu tragen wissen.« Plötzlich bangend und zweifelnd, fragte sich der neue Minister, ob er auch solche Kraft besitze? Ob er für die Dauer gleicherweise Volksmann und Minister sein könne? Es wurde ihm schwül bei dieser Frage und er entsann sich nicht, gehört oder gelesen zu haben, daß irgendwann ein Volksmann längere Zeit Minister oder ein Minister längere Zeit Volksmann geblieben sei. Aber das war in der alten Welt, jetzt lebten wir in der neuen, und weit Unmöglicheres war seit drei Wochen möglich geworden. Er sprang auf, in langen Schritten das Zimmer messend. Da blieb sein Auge an dem einzigen Gemälde haften, welches die Wände des bescheidenen Raumes schmückte. Es war ein hübsches Ölbildchen aus der alten holländischen Schule, ein Familienerbstück; gefällige Kenner nannten es einen Mieris und der feine Vortrag wie der behandelte Gegenstand erinnerte allerdings an jenen Meister: – unter dem von Reben überrankten Flachbogen eines offenen Fensters saß ein allerliebstes Mädchen und nähte, ihr zur Seite stand ein Käfig mit einem Singvogel. Der Moment war anmutig wiedergegeben, wie die Kleine eben die Nadel sinken ließ, um dem Gesange des Vogels behaglich lächelnd zu lauschen; ein warmer Sonnenstrahl spielte zwischen den Rebenblättern auf der Mauer und hob sich gar frisch von dem Halbdunkel ab, welches die Lauschende deckte, während ihr blühendes Gesicht und ihr leichtes hellblaues Morgenkleid doch wieder ein eigenes magisches Licht in sich selber trug. Gärtner hatte sonst immer große Freude an dem Bildchen gehabt; heute schien es ihm schal und matt. »Die Zeit ist vorbei, wo wir uns dem leichten Spiel des Schönen in der Kunst und im Leben gefangen gaben. Das Bild ist nicht mehr am Platze im Arbeitszimmer eines Ministers!« so sprach er und drehte sich auf dem Absatze hinweg. Fast ärgerte ihn die unschuldige Malerei. Rasch entschlossen wandte er sich wieder um, hob das Bild aus dem Nagel, trug es in ein Seitenkabinett und heftete ein großes Plakat, auf welchem die sieben Forderungen des Volkes mit Frakturbuchstaben gedruckt waren, an die leere Stelle. Diese symbolische Handlung gab ihm Kraftgefühl und Selbstbewußtsein zurück. Die sieben Sätze des Zettels hatten ihn erhoben, sie sollten ihn tragen und halten. »Und wenn ich treu bleibe diesen Worten des Glaubens,« rief er laut, »dann kann ich alles, was ich will, und will nur, was ich soll. Ein Minister wird fortan nur beurteilt nach den Taten, die er im hellen Lichte des Tages vollbringt. Verleumdung, Verdächtigung, geheime Künste werden wie Nebel zerrinnen vor der neuen Sonne des öffentlichen Lebens. Das klare Auge des Volkes durchschaut mich, ich will ihm den gleichen klaren Blick des reinen Herzens entgegenbringen. Von heute gehöre ich nicht mehr mir selber, ich gehöre ganz meinem Volke!« Gärtner war in der Tat ein trefflicher Mann, biegsamen Talentes und unbiegsamen Charakters, goldtreu und eisenfest. Nur eines hatten seine Freunde zu tadeln: der treffliche Mann führte einen so musterhaften Wandel, daß man ihm gar keine schwache Seite abgewinnen konnte, und das ist auf die Dauer langweilig und also doch wieder nicht musterhaft. »Wo soll das hinaus?« fragten sie. »Er ist erst dreißig Jahre alt und schon Minister; und er ist schon dreißig Jahre alt und noch niemals verliebt gewesen!« 3. Am letzten März wurde der neue Landtag eröffnet, ohne alles vornehme Gepränge, ganz demokratisch. Der dirigierende Staatsminister ging zu Fuß in die Kammer. Aber unterwegs drängten sich wachsende Menschenmassen an ihn heran und ließen ihn hochleben, und als er das Tor des Ständehauses erreicht hatte, konnte er kaum hinein vor dem gewaltigen Gefolge, welches ihn jauchzend und glückwünschend fast erdrückte. Endlich zum Saale durchgedrungen, verlas er die Eröffnungsbotschaft des Fürsten. Sie fand um so größeren Beifall, als man in Stil und Gedankengang ganz deutlich die Feder des vergötterten Ministers erkannte. Hierauf wurde die Antwortadresse beraten. Allein da entstand eine grausige Konfusion. Fast alle Abgeordnete saßen zum erstenmal in einem Ständesaale, völlig unerfahren in parlamentarischen Dingen; der Präsident wußte sich nicht zu helfen und verwirrte vielmehr, wo er ordnen wollte. Das Schauspiel einer Versammlung, die den Staat neu konstituieren will, zunächst aber sich selbst nicht konstituieren kann, war doppelt peinlich angesichts der überfüllten Galerien. Da brachte der Minister Hilfe. In liebenswürdig bescheidener Weise schaffte er Ordnung durch Winke und Worte, denen man freudig folgte, und nach kurzer Frist kam die Debatte in stetigen Gang. Das Volk auf den Galerien war stolz, daß sich seine neuen Vertreter so rasch zu helfen gewußt, die Abgeordneten glücklich, daß sie's so gut gemacht, und nur wenige merkten, daß der Kammerpräsident für heute eigentlich am Ministertisch sitze und sagten leise: »Das ist nun der echte Volksmann als Minister!« Die Sitzung währte bis zum Abend; ein jeder hatte ja zum erstenmal zu sprechen und so vieles und wichtiges zu sagen. Siegesbewußt, aber auch siegesmüde entfernte sich der Minister. Vor dem Portal warteten die Leute schon wieder auf ihn, Kopf an Kopf. Darum schlüpfte er durch ein Hinterpförtchen ins Freie und schlug einen weiten Umweg ein, um unbemerkt nach Hause zu kommen. Als er vom Heumarkt in die Fledergasse bog, atmete er auf: hier war es ganz still und menschenleer. Er verlangsamte seinen Schritt. Das enge Gäßchen, meist von geringeren Leuten bewohnt und sonst gerade nicht lustig anzusehen, dünkte ihm wie kühle Waldeinsamkeit nach all dem Tumult und der Hitze des Tages. Keine Seele ringsum. Doch nein! Am offenen Fenster des Erdgeschosses eines altertümlichen Hauses saß ein Mädchen und nähte; sie ließ eben die Nadel sinken, um einen kleinen Hund zu streicheln, der vor ihr auf dem Fensterbrette lag. Dichte Efeuranken bekränzten den Flachbogen des Fensters, und ein warmer Lichtstreif der sinkenden Sonne fiel schräg auf Sims und Sockel, während das rötliche Kleid und das frische Gesicht des Mädchens wie mit eigenem, weit milderem Licht aus dem dämmernden Hintergrund und dem dunkelgrünen Rahmen des Efeus hervorleuchtete. Der Minister hielt unwillkürlich an. Er war ganz unbekannt in der Fledergasse, aber das Mädchen hatte er schon einmal am Fenster sitzen sehen – irgendwo anders. Wunderliches Spiel des Zufalls! Er entsann sich: das war ja das Mädchen von seinem Bilde! Er ging weiter. Aber nach etlichen Schritten mußte er sich wieder umschauen. Aus der Ferne erschien die Täuschung noch weit vollkommener: es war das leibhaftige Urbild seines Mieris. Zu Hause angekommen, warf er sich aufs Sofa, noch aufgeregter wie damals, als er die Volksforderungen statt des Mieris an die Wand nagelte. Und doch hatte er das Gefühl eines glücklichen Tages. Natürlich! Er hatte ja den lauten Triumph des Straßenjubels erlebt und den stillen aber feineren Sieg im Landtage. Doch dies freute ihn jetzt kaum; der Abend schien ihm der beglückendste Teil des Tages, – der erquickende Gang durch die schweigende Fledergasse! Und während er über sich selber lächelte, war es ihm, als sähe er seinen Mieris wieder am alten Platze trotz des Plakats mit den sieben Forderungen. Er ging ins Nebenzimmer, um ihn genauer zu vergleichen mit dem lebenden Bild aus der Fledergasse. Da entdeckte er freilich die größten Unterschiede. Dort Abendsonne, hier Morgenlicht; dort Efeu, hier Weinreben; dort ein Vogelkäfig, hier ein Hund; und ein rotes Kleid statt des lichtblauen. Es war alles anders, und doch war die Gesamtwirkung so wunderbar gleich;– aber nur aus der Ferne. Denn genau besehen hatte der alte Niederländer seiner ziemlich derben Schönen ein aufgestülptes Stumpfnäschen gegeben, und jenes Mädchen unterm Efeu hatte die feinste Spitznase, sie war überhaupt viel edler, jungfräulicher, und überdies, mag man an der modernen Tracht tadeln, was man will, sie war auch geschmackvoller gekleidet als die Niederländerin mit ihrem bauschigen Gewand. »Es ist zu bedauern,« so schloß der Minister seinen politischen Tag, »daß selbst die besten Holländer bei aller Poesie der Farbe fast niemals edelfeine Frauengestalten zu zeichnen vermochten. Ihre schönsten Fräulein sind doch immer nur geputzte Bauerndirnen. Sie werden eben keine besseren Originale gehabt haben. Welch unermeßlicher Fortschritt der Neuzeit auch hier – in der Veredelung des weiblichen Geschlechts!« 4. Des andern Morgens ging der Minister wieder ins Ständehaus und zwar geraden Wegs. Die Menschen störten ihn heute gar nicht; trotzdem bog er ganz in Gedanken links ab, und ehe er sich's versah, war er wieder in der Fledergasse. Verstohlen blickte er nach dem efeuumrankten Fenster. Gestern abend im Sonnenlicht, lag es heute morgen im Schatten, die Abendluft war warm gewesen, der Morgenwind wehte kalt, folglich waren die Flügel geschlossen und das Mädchen nicht zu sehen. Das ist ja ganz natürlich, und doch kam es dem Minister verdrießlich vor, und dieser Verdruß deuchte ihm dann wieder unnatürlich. Allein er hatte kaum Zeit darüber nachzudenken, denn im selben Augenblick huschte eine Frauengestalt aus dem Hause; er sah sie nur im Viertelsprofil, dann ganz von hinten, und doch erkannte er sie – sonst entsetzlich kurzsichtig –: das war das Mädchen vom Fenster! Wie rasch sie die Straße hinabschritt! Er mußte seinen Schritt verdoppeln, um in gleicher Entfernung hinter ihr zu bleiben. Schickt sich's denn für einen Minister, einem unbekannten Mädchen nachzueilen? So fragte er nicht einmal; er ging ihr nach, als ob sich's von selbst verstünde. Welch schlanke Gestalt, welch zierlicher Fuß, welch elastischer Gang! Fugend, Frische, Energie sprach aus diesen schwebenden Schritten. Sie ging stracks gegen das Ständehaus. Das freute ihn. Er wollte heut eine glänzende Rede halten – wenn sie auf der Galerie säße! Er stutzte über sich selbst – was war es denn, wenn unter den vielen Köpfen da droben auch noch dieser Mädchentopf steckte? Doch nein! Sie ging nicht in die Kammer, in der allerletzten Ecke schwenkte sie seitab. Es war recht ärgerlich. Die Erscheinung war verschwunden, der Zauber verweht, Rudolf Gärtner saß am Ministertisch, und es blieb ihm gar nichts übrig, als wieder ganz Minister zu werden. Er tat es; der Moment übte seine zwingende Gewalt, die Fledergasse samt der elastisch dahinschwebenden Grazie war vergessen. Der Minister zeigte sich heut schlagfertiger als je; ein leises Beben seiner Stimme offenbarte seine Herzenswärme, die das gesprochene Wort erst voll beseelt, wie das zitternde Glanzlicht des Auges. Schade, daß das Mädchen nicht unter den Zuhörern saß. Ein Meisterstück gelang dem Minister: die Stände wollten sich bei der Antwortadresse an den Fürsten nur noch als »ehrerbietige« unterschreiben, er setzte durch, daß sie »treuuntertänige« schrieben. Kein anderer hätte das fertig gebracht. Zu diesem Sieg gesellte sich ein zweiter: er ging schnurstracks durch die Hauptstraße nach Haus und keineswegs durch die Fledergasse. Er war ganz stolz, daß er dies tat und fragte sich nachher verwundert, worauf er denn eigentlich stolz sei? Zu Hause fiel er in tiefes Nachdenken; der Staat kam ihm ganz aus den Augen, er sah sich nur immer durch die Fledergasse gehn und sprach zu sich selbst: »Zuerst das Brustbild von vorn, in Ruhe, gut beleuchtet; dann die ganze Gestalt von hinten, im Schatten, bewegt. Das ist alles, was man wünschen kann und doch im Grunde sehr wenig. Übrigens ist es sehr merkwürdig, daß ein gemaltes Bild nach mehr als hundert Jahren lebendig wiederkommt. Ich will meinem Freund Rebdorf von dieser Grille des Zufalls erzählen.« Der Freund trat nämlich eben ins Zimmer; allein Gärtner erzählte kein Wort von jener Grille. Er hätte ihn auch gern gefragt, wer denn eigentlich Fledergasse Nr. 15 zu ebener Erde wohne, allein er wagte es nicht. Kaum war der Freund wieder gegangen, so klingelte Gärtner gewaltig. »Ein Minister kann heutzutage alles, was er will,« sprach er zu sich, »warum soll ich nicht meinen Bedienten rufen« – er vergaß häufig noch, daß er einen solchen habe – »und ihn fragen, wer Fledergasse Nr. 15 wohnt?« Der Bediente kam, und der Minister wäre fast errötet, als er jene Frage stellte, und dabei mußte er noch obendrein den Flachbogen mit dem Efeu beschreiben, denn Johann hatte doch nicht alle Nummern der Fledergasse im Kopf. Er wußte nichts von den Insassen des Hauses. Sein Herr gab ihm darum in etwas verworrenen Sätzen den Auftrag, sich unter der Hand, ohne Aufsehen, zu erkundigen, wer dort im Erdgeschoß wohne, was die Leute trieben, das heißt, welchen Familienstand sie hätten – dann unterbrach er sich selbst, denn es schien ihm, als habe er zuviel gesagt. Johann war Bedienter beim vormärzlichen Minister gewesen, bevor er zum Märzminister kam. Er ahnte eine Sache von politischer Wichtigkeit und beschloß zu zeigen, daß er mehr könne als servieren und Kleider ausklopfen. Sein Herr aber dachte im stillen: »Ein Minister kann heutzutage zwar alles, nur muß er mitunter seltsame Umwege machen. Als Advokat hätte ich mich auf offener Straße nach den Bewohnern jedes beliebigen Hauses erkundigt. Für einen Minister schickt sich das nicht.« 5. Eine wahre Springflut von Arbeiten brauste herein über den armen Minister. Nachdem er heute zwei Stunden mit dem Fürsten gearbeitet hatte, drei mit seinen Räten und vier mit dem Landtage, empfing er zur Erholung eine Deputation von Bauern, welche den Zehnten abgeschafft, und eine andere von Pfarrern, die ihn beibehalten haben wollten. Eben sollten noch sechs weitere Bittsteller der Reihe nach vorgelassen werden, als der Polizeidiener Krautmann zur Erstattung eines geheimen Rapportes gemeldet wurde. Derselbe berichtete: »Ich habe die befohlene Nachforschung angestellt über den pensionierten Oberförster Sachs. Der Mann ist einer der schlimmsten Reaktionäre, er besucht keine Volksversammlung, nicht einmal ein Wirtshaus, was sehr verdächtig erscheint. Jeden Nachmittag geht er im Stadtwald spazieren; Ziel und Zweck dieses Spazierens konnte noch nicht ermittelt werden – –« »Was soll das?« unterbrach ihn der Minister zornig. »Was kümmert mich dieser Oberförster? Ich habe über niemand solche Spionage anbefohlen; die Zeit der Aufpasser ist vorbei!« Der erschrockene Polizeidiener berief sich auf Johann, den Bedienten, welcher ihn beauftragt habe, ganz insgeheim Erkundigungen für den gnädigen Herrn einzuziehen über Fledergasse Nr. 16, Erdgeschoß. »Johann ist ein Esel!« platzte der Minister heraus; der Polizeidiener verstummte. Beide standen sich eine Weile schweigend gegenüber, der Scherge tief gebückt, der Minister mit fragend erhobenem Kopfe. »Aber so rede Er doch weiter!« rief dieser endlich. »Also Oberförster Sachs wohnt in jenem Hause? Ist erst neuerdings dort eingezogen?« »Erst seit vier Wochen, seit er pensioniert ist; früher stand er in Grabenheim.« »Nur vorwärts! Was ist mit den Leuten? Hat der Oberförster Familie?« »Oberförster Sachs, 54 Jahre alt, evangelisch, Witwer, hat nur eine Tochter Hedwig, 23 Jahre alt, ledig. Sie leben sehr zurückgezogen, knapper Haushalt, 700 Gulden Pension, sonst gar nichts. Die Tochter geht jeden Sonntag morgens in die Vorstadtkirche, der Vater geht nicht in die Kirche. Außerdem wurde nichts von ihrem öffentlichen Leben bemerkt.« »Es ist abscheulich, in dieser Weise die Leute zu belauschen!« rief der Minister, »das ist ja ganz vormärzlich und darf niemals wieder vorkommen! Man hat mich mißverstanden. Übrigens noch ein Wort: – hat der Oberförster Verwandte, Freunde hier in der Stadt?« »Da bin ich überfragt, soweit habe ich noch nicht nachgespürt. Mir scheinen die Leute hier ganz fremd und einsam zu sein. Wenn aber der Herr Minister befehlen, so werde ich –« »Ich befehle gar nichts!« unterbrach ihn dieser. »Unterstehe Er sich nicht wieder, das Privatleben harmloser Bürger auszuspähen! Für diesmal soll Er durch das Mißverständnis entschuldigt sein.« Als der Polizeidiener gegangen war, entdeckte der Minister, daß heut Samstag sei, also beschloß er, morgen früh in die Vorstadtkirche zu gehen. In der Bedientenstube gab es noch ein kleines Nachspiel. Der Polizeidiener machte Johann bittere Vorwürfe, daß er ihm durch den anbefohlenen Rapport den Zorn des Ministers zugezogen habe. Der Bediente fragte kaltblütig: »Hat der Herr deinen Bericht zu Ende gehört?« – »Er wollte sogar noch mehr wissen, als ich sagen konnte, aber zwischendurch schimpfte er grausam auf meine Spionage.« – »Sieh, mein lieber Freund,« belehrte Johann, welcher ein gebildeter Bedienter war, »ich habe binnen zwei Jahren in zwei Epochen der Weltgeschichte bei zwei Ministern gedient und kenne die Politik. Der Staatsmann schilt den Angeber, daß man's über die Straße hört, während er ihm ein Goldstück in die Hand drückt, und das hört kein Mensch.« – »Aber er hat mir keinen Heller in die Hand gedrückt!« – »Weil du zu wenig gewußt hast. Über diesem Oberförster ruht ein politisches Geheimnis; wir müssen's ergründen und dann feiner rapportieren.« Und so beschlossen die zwei, ihre Netze aufs neue und noch viel tiefer auszuwerfen. 6. Die Vorstadtkirche pflegte damals allsonntäglich sehr leer zu sein. Im Sturm der Ereignisse hatten die Leute gar keine Zeit mehr für den lieben Gott, vorab in der Vorstadt. Auch Minister Gärtner war während seines ganzen Ministeriums noch nicht in die Kirche gegangen. Um so größeres Aufsehen erregte es, als er heute in der Vorstadtkirche erschien und auf der Emporbühne zwischen Knechten und Taglöhnern Platz nahm – denn von dort konnte man die Frauen im Schiff am besten übersehen. (Seine Freunde erklärten nachgehends diesen Kirchenbesuch für einen bedenklichen Zug von Reaktion, während es seine konservativen Gegner als kokettes Buhlen um Volksgunst auslegten, daß er bei den Proletariern Platz genommen habe.) Der Minister ahnte nicht entfernt die politische Tragweite seines ersten Kirchganges; er suchte nur den neuen Mieris aus der Vogelperspektive und fand ihn. Das Mädchen schien in Andacht versunken, obgleich die Predigt sehr wässerig war. »Die Andacht gibt uns der Pfarrer nicht,« so dachte Gärtner, »wir müssen sie in uns selber finden. Wie hoch steht dies schlichte Kind jetzt über mir, der ich keine Andacht finden kann und aus sehr profanem Grunde hierher gekommen bin!« Und so wurde er unvermerkt andächtig in ihrer Andacht und indem er sich Vorwürfe machte, daß er ohne Andacht zur Kirche gegangen sei. Die Orgel spielte zum Ausgang, da war es ihm noch ganz feierlich zu Mute. Aber trotzdem wußte er's zu machen, daß er sich unmittelbar hinter Fräulein Hedwig Sachs zur Kirchentüre hinausdrängte. Sie war allein. Sollte er die Szene von Faust und Gretchen spielen, um sich etwa auch die Antwort Gretchens zu holen? Allein im Faust scheint die Sonne, da Gretchen ungeleitet nach Hause geht, und heute tröpfelte es, ja es begann tüchtig zu regnen. Sie beschleunigte ihre Schritte, und doch wie fest und vornehm blieb ihre Haltung, wie zierlich faßte sie das Kleid! Und sie hatte keinen Regenschirm! Minister hingegen müssen die Zukunft erraten können, und Minister Gärtner hatte einen Schirm mitgenommen. Die Gunst des Glücks blieb ihm aber auch weiter noch ganz besonders treu: wie mit Eimern goß es plötzlich vom Himmel herab, das Mädchen wollte in ein Haus flüchten und die Türe war verschlossen. Nun sprang er rasch herzu und bot ihr den Schirm, sie weigerte sich anfangs, da kamen auch noch Hagelkörner: sie mußte den kleinen Dienst annehmen. Offenbar kannte sie ihren Helfer nicht, und die Straße war ganz einsam – (es gab überhaupt in der Residenzstadt nur zwei Straßen, welche zuweilen nicht einsam waren) – der Weg war weit. Unter einem Regenschirm – was kann man sich da nicht alles in der Geschwindigkeit sagen! So kamen sie denn auch recht lebhaft ins Gespräch über – die brennenden politischen Tagesfragen; denn damals redete man überhaupt nur von Politik. Das Mädchen nannte die Märzerhebung einen Aufruhr; sie war beängstigt von dem Sturm, der über alle Lande brauste, die alte Treue schien ihr geächtet, sie sehnte sich zurück nach dem entschwundenen Frieden. Ihr Begleiter, sonst so schlagfertig, warf nur mildernde, zweifelnde Worte dazwischen. Übrigens meinte sie, an alle dem sei der böse Minister Gärtner schuld, der habe die Revolution hierzulande gemacht. Vergebens suchte ihr Begleiter sie zu belehren, daß die Spannung längst vorhandener Konflikte entscheidender gewesen sei, als irgend eine Person, die zufällig das entfesselnde Wort gesprochen. »Keineswegs!« entgegnete sie, »das weiß ich besser. Gärtner hat alles zu verantworten. Er soll sonst kein unrechter Mann sein, aber furchtbar ehrgeizig und ein ganz fanatischer Republikaner.« »Er ist ein treuer Diener seines Fürsten«, verbesserte ihr Begleiter. »Lassen Sie sich nicht täuschen von dem durchtrieben gewandten Mann!« warnte sie. »Seine Fürstentreue ist bloß Maske.« Bei diesen Worten war das Haus in der Fledergasse erreicht. Sie fragte ihn höflich, ob er nicht einen Augenblick unter Dach treten und das Unwetter abwarten wolle? Gärtner zögerte, – dann lehnte er dankend ab und ging unter den prasselnden Schloßen nach Hause. Daheim im Trockenen ärgerte er sich nachher schmählich, daß er nicht der Einladung gefolgt war. Er hätte im Zimmer seine Maske abnehmen, sich als der Minister enthüllen, das Mädchen zuerst ein wenig beschämen und hinterdrein aufs liebenswürdigste beschwichtigen können. Aber wozu dies alles? Sie interessierte ihn ja nur als das Bild eines Bildes. Freilich war sie heute bereits ein sprechendes Bild geworden und obendrein geschmückt mit dem echt weiblichen Reize des Widerspruchs. Im Grund hatte sie ihm lauter unangenehme Dinge gesagt, aber auf die angenehmste Weise, und das entscheidet bei schönen Frauen. »Sie hat einen schlechten Geschmack, allein in ihrem schlechten Geschmack ist sie so anmutig naiv, daß ich ihr kaum einen besseren wünschen möchte. Ich war ein Esel, daß ich nicht mitging!« So schloß der Minister sein Selbstgespräch, um es nach fünf Minuten wieder von vorn zu beginnen, indem er sich fragte, ob er denn als Minister überhaupt hätte mitgehen und die kleine Komödie zu Ende spielen dürfen? Als Advokat würde er's unbedingt getan haben, doch für einen Minister schickte sich's wahrhaftig nicht. 7. Auf die ersten Maitage waren die Wahlen zum deutschen Parlament ausgeschrieben; Rudolf Gärtner hatte sichere Aussicht, gewählt zu werden, und Minister, welche abwechselnd eine Woche zu Haus das kleine Vaterland regierten und in der andern zu Frankfurt dem großen Vaterland Gesetze gaben, waren 1848 keine Seltenheit. Sollte er die Wahl annehmen? Die Doppelaufgabe ging fast über Menschenkraft. Und doch konnte es andererseits dem kleinen Ländchen sehr ersprießlich sein, wenn er, der Minister, zugleich seinen Platz im konstituierenden Reichstage nahm. Völlig unschlüssig, vermochte er keinen Entscheid zu finden. Alle Parteien, Freunde und Gegner, wünschten, daß er nach Frankfurt gehe, aber jede aus andern Gründen: – der Fürst, weil der Minister dort die Selbständigkeit des Landes am besten vor weiterer Schädigung wahren könne; – die liberalen Genossen Gärtners, weil sie hofften, daß er in Frankfurt gegenteils für die deutsche Einheit wirkte; – die konservativen und radikalen Gegner, weil sie den mächtigen Mann los sein wollten, um in seiner Abwesenheit ans Ruder zu kommen. Nur der zunächst Beteiligte wußte selbst nicht, was er wollte, und zwar zum erstenmal während seines ganzen Ministeriums. Heute war der letzte Termin, er mußte sich aussprechen für Annehmen oder Ablehnen. Kein Wunder, daß er inmitten dieses Kampfes wenig Ohr hatte für die kleinen Geschäfte, welche ihm eben sein Referent unterbreitete. Mechanisch hatte er bereits zehn Nummern erledigt, als zum Schlusse noch das Gesuch des Accessisten Baum vorkam, welcher nach langem Harren endlich als Assessor angestellt sein wollte. Der Referent rühmte die Geschäftstüchtigkeit des jungen Mannes – lauter erste Noten! – nur sei er kein besonderer Freund der neuen Ordnung, doch das müsse man einigermaßen entschuldigen, denn er dürfe es vorerst nicht verderben mit seinem künftigen Schwiegervater, dem Oberförster Sachs – der Minister horchte plötzlich auf – »denn Sachs ist ein Jäger vom alten Schlag, und die Jäger hassen alle die Revolution, weil sie zuerst dem Wald und den Hirschen zu Leibe ging.« »Also ist der junge Baum verlobt mit Hed–, mit der Tochter des Oberförsters?« fragte hastig der Minister. »So sagen die einen, andere behaupten, das Mädchen wolle nichts von ihm wissen, weil er trotz seiner ersten Noten etwas roh und grob bei Damen sei, dies halte aber der Vater für altdeutsche Biederkeit, und begünstige ihn und dränge das Mädchen. Sie ist so arm wie eine Kirchenmaus. Und so tun wir wohl ein gutes Werk, wenn wir dem jungen Mann zu einem Amt und dem armen Kind zu einem Manne verhelfen, ja obendrein auch ein politisch gutes Werk; denn die Welt glaubt doch, daß dieser Baum bloß wegen seiner mißliebigen Farbe so lange warten müsse.« »Nur nicht zu voreilig!« rief der Minister. »Legen Sie den Akt beiseite; ich will mir die Sache überlegen.« Am selben Tage noch meldete er seinen Wählern, daß er fest entschlossen sei, kein Mandat zum Reichstage anzunehmen und belegte den Entschluß mit den schönsten politischen Gründen. Dieser Schritt erschütterte das Ministerium Gärtner im Fundament, ohne daß es der Minister merkte. Seine Freunde begannen an ihm zu zweifeln, weil er keinen kühneren Flug wage: »er prüft alles rein sachlich, wenn er doch nur auch einmal persönlich dreinführe! er ist die verkörperte Gerechtigkeit, welche stets nur wägt, nie wagt! ihm fehlt jede Leidenschaft, er ist ja in seinem ganzen Leben nicht einmal verliebt gewesen!« Die Deutschgesinnten beschuldigten ihn des Partikularismus, die Partikularisten fürchteten, daß er ihnen ins eigenste Gehege komme. Der Fürst argwöhnte einen Achselträger, welcher sich scheue, in Frankfurt Landesfarbe zu bekennen. Sämtliche Zeitungen des Landes (vor dem März hatte es gar keine gegeben, jetzt gab es deren zwölf) brachten Leitartikel, welche mit viel Scharfsinn die macchiavellistischen Intriguen enthüllten, die der Ablehnung des Ministers zu Grunde lägen, man erkenne dabei wieder ganz klar den Einfluß einer auswärtigen Großmacht. Wer aber jene Ablehnung hinterdrein am schärfsten verurteilte, das war der Minister selber – freilich ganz im stillen, vor dem Forum seines Gewissens. Er war abgefallen von seinem hochsinnigen Programm, untreu dem Grundsatze, daß er in dieser Zeit nur dem Staate, nur dem Volke leben dürfe. Da half kein Beschönigen: den Ausschlag in einer hochpolitischen Frage hatte ein ganz jugendlich abenteuerlicher Liebesroman gegeben. Ein Liebesroman? Liebte er denn das Mädchen, welches er nur von weitem gesehen, außer ein einzigesmal, wo sie ihm unangenehme Dinge gesagt hatte? Blieb er wirklich um ihretwillen im Lande? Gestern machte er sich noch weiß, ihn fessele bloß das schöne Urbild eines vor hundert Jahren gemalten schönen Bildes. Aber heute, wo er erfuhr, daß dieses Bild höchst wahrscheinlich demnächst einem andern gehören werde, heute wußte er, daß er liebe. Und warum verschob er die Beförderung des Accessisten? Kaum wagte er sich den Grund zu gestehn, und doch blieb der Akt bei den Akten – aus guten Gründen. Übrigens deuchte ihm, es lägen doch ungünstige Zeugnisse gegen diesen Baum vor: er war ja so ungeschliffen im Verkehr mit Damen. Bisher als Staatsmann unschuldig wie ein Kind, fühlte Gärtner nur zu tief, daß er heute seine politische Unschuld verloren habe. Er meinte, die Leute auf der Gasse müßten ihm den Abfall an der Nase ansehn, und ihm war, als müsse diese Untreue neue Untreue gebären; er ahnte ein Ende mit Schrecken und lachte dann doch wieder, daß er sich über Kleinigkeiten dergestalt gräme. Aber es war ein gezwungenes Lachen. So konnte bloß ein Märzminister denken und empfinden; aber die meisten Märzminister empfanden eben doch nur so im März, Rudolf Gärtner dagegen selbst noch im Mai, und darum war er der echteste Märzminister. 8. Für die nächsten Tage lag ein recht unerquicklicher Gegenstand auf dem Arbeitstisch des Ministers: das neue Jagdgesetz. Mit dem alten Jagdregal sollte aufgeräumt werden, die Volksstimme begehrte das Jagdrecht der Gemeinden, zum Entsetzen aller Jäger vom alten Schrot und Korn. Gärtner harmonierte eigentlich mit den Jägern, allein aus reiner Gewissensangst stimmte er gegen seine Überzeugung für das Jagdrecht der Gemeinden. Denn es wäre ja möglich gewesen, daß der Gedanke an den Oberförster ihn beeinflusse, also befürwortete er ein Gesetz, welches ihm genau genommen ebenso verkehrt schien wie dem Oberförster. Da grub denn wiederum der Volksmann dem Liebenden den Boden unter den Füßen weg. In Gedanken tröstete er sich hierüber – als Minister. Er malte sich's prächtig aus, wie er in das bescheidene Haus der Fledergasse treten und das epheuumrankte Fenster auch einmal von innen sehen werde. Gleich einem Gott aus der Wolke wollte er kommen und Herz und Hand bieten, er, der allmächtige Minister! Hedwig wurde erlöst von ihrer Armut und von ihrem Assessor. Wie wollte er das feine, hochgebildete Kind, welches einen so reizend schlechten politischen Geschmack hatte, zu sich heraufziehen! An das Jagdgesetz dachte er dabei gar nicht mehr; der Oberförster sollte den heitersten Lebensabend genießen, auch wenn die Bauern alle Hasen totschössen. Er dachte auch nicht an einen andern kleinen Umstand, nämlich ob das Mädchen ihn überhaupt haben wolle? Doch fiel ihm das hinterher um so schwerer aufs Herz. Auch fragte sich's, ob denn Hedwig in der Tat so vortrefflich war, wie er sie dachte? Alle Versuche, einen ganz arglosen Verkehr anzuknüpfen, waren vergeblich, sie scheiterten an seiner Stellung, am Minister. Dabei wurde er immer ruheloser, blasser, magerer, immer schwankender in der Politik, verworrener in den Geschäften: schon um des Staates willen mußte ein Ende gemacht werden. Er faßte einen Entschluß, mannhaft und ritterlich, wie er seinem ganzen Wesen entsprach. Zunächst erledigte er das Gesuch des Accessisten Baum: binnen drei Tagen war derselbe Assessor. Das ging damals äußerst geschwind, wenn man wollte. Nun war der Minister ruhig, aber der Liebende verging vor doppelter Unruhe. Auch hier mußte ein Ende gemacht werden. Hedwig hatte jetzt ihren Assessor, wenn sie ihn haben mochte; sie sollte nun auch wissen, daß sie einen Minister haben könne. Das war ehrlich Spiel. Der ganz gemeine nächste Weg schien ihm der würdigste: er schrieb seinen ersten Liebesbrief, logisch wie ein Gesetz, bündig wie eine Depesche, eindringlich wie eine Note, in lauter Hauptsätzen, die fast alle mit »Ich« anfingen. Denn wenn der Mensch ganz stillos offenherzig sagt, was er fühlt und will, dann fängt er immer mit »Ich« an. Der Brief lautete: »Ich verehre Sie seit Wochen, ich liebe Sie. Ich würde um Ihre Hand bitten, aber Sie kennen mich nicht. Ich bitte darum nur um die Erlaubnis, Ihnen eine Geschichte erzählen zu dürfen, die Geschichte, wie ich dazu kam, Sie zu verehren. Ich kann nur mündlich erzählen: gewähren Sie mir also eine Unterredung. Ich warte bis morgen abend auf Antwort. Ich will Ihnen das Peinliche einer abweisenden Antwort ersparen: wollen Sie nicht einmal die Entstehungsgeschichte meiner Verehrung kennenlernen, so verbrennen Sie diesen Brief, vergessen Sie, ihn je erhalten zu haben und schreiben Sie nichts. Wollen Sie mich aber hören, dann bestimmen Sie die Stunde.« Sollte er den Brief mit dem bloßen Namen unterzeichnen? Laut Adreßbuch gab es vier »Gärtner« in der Stadt, darunter zwei »Rudolf«. Mit zögernder Hand, als tue er etwas prahlerisch Anmaßendes, schrieb er darum: »R. Gärtner, Minister.« Er fühlte sich beim Anblick dieses »Minister« so verschämt und verlegen wie einer, der am hellen Tage im Frack über die Straße geht. Seinem spionierenden Bedienten wollte er den Brief nicht anvertrauen, darum beförderte er ihn auf dem ganz bürgerlichen Wege durch die Stadtpost. 9. Kaum war eine Viertelstunde seit Aufgabe des Briefes verstrichen, so wurde der pensionierte Oberförster Sachs bei dem Minister gemeldet. Was sollte dies? Die Antwort konnte doch der Vater unmöglich schon überbringen; denn die Stadtpost war berühmt wegen ihres vorsichtig langsamen Ganges. Mit klopfendem Herzen empfing der Minister den alten Weidmann. Dieser erklärte, daß ihn eine zweifache Beschwerde hierher führe, wobei er – wie es jetzt zeitgemäß – den mündlichen Weg dem schriftlichen vorziehe. »Ich bin von Ihnen in zwei Dingen schwer gekränkt worden und will offen darüber reden, weil ich Sie, wenn auch für meinen persönlichen Feind und grundsätzlichen Gegner, doch für einen ehrlichen Mann halte. Erstens, Herr Minister, haben Sie mich ohne allen Grund pensioniert –« Der Minister mußte ihn unterbrechen, er leugnete rundweg, daß er dies getan habe. Allein es war in der Tat so, wie ihm der Alte sofort bewies. In den ersten Tagen seines Ministeriums hatte Gärtner die Pensionierung einer ganzen Anzahl von Forstleuten unterzeichnet, die den Bauern mißliebig geworden waren, und Sachs, dessen Namen er damals noch gar nicht kannte, stand obenan auf der Liste. Der Oberförster war dann, wie er weiter erzählte, sofort in die Hauptstadt gezogen, um hier die Wiederherstellung seiner gekränkten Dienstehre und die Wiedereinsetzung in sein Amt persönlich zu betreiben. Doch die Ungunst der Zeit hatte seinen Aufenthalt, der auf Wochen berechnet gewesen, auf Monate verlängert. Minister Gärtner erwiderte allgemeine Worte, die nichts besagten und nur seine Verwirrung verbergen sollten. Was konnte er tun? Dem Oberförster jetzt sein Amt wieder versprechen, in demselben Augenblick, wo sein Brief in die Hände von dessen Tochter kam – das ging ihm schnurstracks gegen das politische Gewissen. Aber konnte er ihm nicht glänzende Genugtuung für die Zukunft verheißen? Das ging auch nicht; denn in dieser Zukunft hoffte er ja Schwiegersohn des Oberförsters zu werden, und dann sah die Sache erst recht abgekartet aus und wie die offenste Familienprotektion alten Stiles. Nein! Der Oberförster mußte unter allen Umständen pensioniert bleiben. Unter allen Umständen? Wiederum nein! – Den einzigen Umstand nämlich ausgenommen, daß der Minister als Liebhaber einen Korb bekam: dann konnte er im Selbstgefühl höchster Unbestechlichkeit den Oberförster Sachs sofort wieder einsetzen oder noch besser gleich zum Oberforstrat machen. In seiner Verzweiflung gab der Minister ausweichende Antworten. Und doch schilderte ihm der alte Jäger so beredt, wie ihm die Bauern das Wild vor der Nase weggeschossen hatten, den Wald geplündert, die schönste junge Eiche gefällt und im Triumph zum Dorfe gefahren, und dort um dieselbe getanzt wie um einen Freiheitsbaum. Und der Mann hatte unter persönlicher Gefahr nichts weiter dagegen getan, als was ihm Amt und Pflicht gebot. Man konnte in seinen Blicken lesen, wie verächtlich ihm die laue, zweideutige Rede des Ministers sei. Er begann jetzt auch an dessen Ehrlichkeit zu zweifeln, denn den Bauern gab er unrecht, und ihm wollte er nicht recht geben. Hätte ihm der Minister noch im blinden Parteiwahn gesagt, daß den Bauern der Wald gehöre und daß die Förster sich ducken mußten vor dem souveränen Volk, so würde er ihn minder geringschätzig behandelt haben. Er ging darum kurzweg zu seiner zweiten Beschwerde, und die war noch weit peinlicher. »Ich lebe hier still und einsam und kümmere mich nicht entfernt um das politische Getriebe. Trotzdem werde ich seit Wochen polizeilich überwacht, Polizeidiener und Gendarmen verfolgen mich, ja selbst meine Tochter, auf Schritt und Tritt, sie spähen bis ins Heiligtum meines Hauses. Ich weiß bestimmt, Herr Minister, daß dies in Ihrem besonderen Auftrage geschieht, einer Ihrer Späher hat mir's selbst gestanden. Ich begehre den Anlaß zu wissen, damit ich mich rechtfertigen kann. Sie haben die Aufpasserei der früheren Zeit vor allem Volle so oft und laut verdammt, daß Sie mir nicht bloß meine Rechtfertigung nicht versagen, nein, daß Sie mir auch Ihre eigene Rechtfertigung nicht weigern können.« Der Minister stand wie Butter an der Sonne. Wie oft hatte er seinen Bedienten derb zurechtgewiesen, wenn ihm derselbe neue Berichte über Fledergasse Nr. l5 brachte, aber da er doch immer mit sichtbarer Spannung zugehört, so waren die Polizeidiener in ihrem Eifer gar nicht zu bändigen gewesen und viel weiter gegangen, als der Minister irgend ahnte. Er sah nur einen Ausweg aus dieser Klemme wie aus der vorigen: er mußte dem Alten die ganze Geschichte seiner Neigung zu der Tochter erzählen. Aber das konnte er wenigstens im gegenwärtigen Augenblicke nicht. Hedwig sollte sie zuerst hören, junge Mädchen haben ein Verständnis für dergleichen, aber alte Oberförster ganz und gar keins. Der Alte, in dessen Mienen Zorn und Verachtung kämpften, wünschte ja den Assessor zum Schwiegersohn; er würde ihm auf seine idyllische Geschichte höhnisch geantwortet haben, daß der Herr Minister seine polizeilichen Forschungen auf alles gerichtet habe, nur nicht auf die nächste Frage, ob nämlich das Mädchen überhaupt etwas von ihm wissen wolle? Und wenn der Alte auch milder geurteilt hätte – spielte der Minister mit seinem Bekenntnis nicht jetzt unter allen Umständen eine lächerliche Figur? Er hatte sich den Augenblick des Hervortretens so groß, so rührend gedacht, – nein! – er konnte jetzt nicht reden. So entschuldigte er sich denn, daß das Ausspähen durchaus nicht mit seinem Willen geschehen sei. »Dann müssen Sie den Polizeidiener zur Strafe ziehen, daß er auf Ihren Namen gelogen hat.« »Nicht ganz mit meinem Willen, nicht so mit meinem Willen,« korrigierte sich der Minister; denn er war wiederum zu ehrlich, um alles auf dem dummen Polizeidiener sitzen zu lassen. Neue Zweideutigkeit und Achselträgerei! dachte der Oberförster. »Aber es waltet hier von Anbeginn ein Mißverständnis«, fuhr der Minister fort. »Nun gut, so erklären Sie mir dieses Mißverständnis!« Der Minister schwieg. Der Oberförster ergriff seinen Hut. »Ich habe hier die Gerechtigkeit nicht gefunden, welche ich suchte. Diese schlimme Zeit hat wenigstens das Gute, daß man überall geradeaus gehen kann und daß alle Türen offen stehn. Als alter treuer Diener des fürstlichen Hauses werde ich morgen vor Seine Durchlaucht treten und von dem Fürsten die Genugtuung erbitten, die mir sein Minister nicht gewähren wollte.« Gärtner suchte den Alten zu beschwichtigen, allein er ging trotzig ab. In stummer Verzweiflung blickte er auf das Plakat mit den sieben Volksforderungen, welches noch immer an der Wand hing, und wiederholte die Worte, wie er sie ungefähr damals gesprochen, als er das Plakat aufnagelte: »Ich kann fortan alles – was ich will, und will nur – was ich soll. Ein Minister wird nur noch beurteilt nach den Taten, die er im hellen Lichte des Tages vollbringt. Mißverständnisse und Verdächtigungen zerrinnen wie Nebel vor der neuen Sonne des öffentlichen Lebens. Das klare Auge des Volkes durchschaut mich, ich will ihm den gleichen klaren Blick des reinen Herzens entgegenbringen. Von heute an gehöre ich nicht mehr mir selber, ich gehöre ganz meinem Volke!« 10. Der dirigierende Staatsminister wartete auf Antwort aus der Fledergasse. Er wartete um so gespannter, da er nach Empfang derselben dem Oberförster die befriedigendste Erklärung seines zweideutigen Benehmens geben konnte. Jetzt kam der Bediente und überbrachte einen Brief. Die Adresse zeigte sehr kräftige Schriftzüge, hastig erbrach ihn Gärtner: – er enthielt die Meldung des Bürgermeisters, daß in der oberen Stadt ein bedrohlicher Krawall ausgebrochen sei. Vorgestern nacht waren mehrere Ruhestörer eingesteckt worden, weil sie dem Hofmarschall die Fenster eingeworfen hatten. Unter den Verhafteten befanden sich die zwei Präsidenten des Kommunistenvereins »Mondschein«, ein verkommener Schuster und ein Literat. Ihre Freunde zogen in hellen Haufen vor das Gefängnis und forderten Freilassung der Gefangenen. Eben ertönte Trommelschlag; die Bürgerwehr rückte aus. So fieberhaft jagten sich damals die Ereignisse, daß selbst der ungeduldigste Minister nicht einmal recht ins Fieber des Wartens kommen konnte. Nach einer Viertelstunde wurde ein zweiter Brief gebracht. Auch er stammte schwerlich aus der Fledergasse, die Adresse war mit Bleistift geschrieben, die Buchstaben noch kräftiger als beim ersten. Der Bürgerwehroberst, Lederhändler Schlehbach, meldete, daß ein Teil der Bürgerwehr sich weigere, gegen die Tumultuanten einzuschreiten, der andere Teil bedrohe die widerspenstigen Kameraden, darum sei Gefahr vorhanden, daß die Bürgerwehr untereinander in Kampf gerate. Rasch entschlossen eilte Gärtner selbst ins Rathaus. Er trat auf den Balkon, um die tobende Masse zur Ruhe, die Wehrleute zur Pflicht zu ermahnen. Er rechnete auf den Zauber seiner Rede, er gedachte der Märztage, wo er viel schlimmere Stürme beschworen hatte. Allein er täuschte sich bitter! Pfeifen und Zischen empfing ihn, er konnte nicht zu Worte kommen, und als er dennoch beharrlich winkte und rief, begannen Steine zu fliegen. Er mußte sich zurückziehen. Mit Schrecken erkannte er, daß seine Popularität gebrochen sei. Er hätte es längst aus hundert Anzeichen merken können. Aber von oben nach unten sieht man viel ungenauer als von unten nach oben. Man ließ die Bürgerwehr abmarschieren und bot die ganze Polizeimannschaft und Gendarmerie auf, um wenigstens die beiden Schildwachen zu befreien, welche, von der heranwogenden Menge eingeschlossen und fast erdrückt, Gewehr bei Fuß, vor dem Gefängnistore standen und sich nicht rühren konnten oder wollten. – Es mißlang. Da kam ein dritter Brief, Adresse mit mädchenhafter Handschrift! Ein Ölblatt aus der Fledergasse durch diesen Sturm aufs Rathaus gewirbelt? Ach nein! der Brief war von einem Leutnant, dem Ordonnanzoffizier des Fürsten, welcher den Minister augenblicklich aufs Schloß entbot. Gärtner fand dort Seine Durchlaucht bereits in Beratung mit dem General der fürstlichen Truppen – (diese bestanden zwar nur aus einem Infanterieregiment, hatten aber doch einen General.) Der General wollte sofort feuern lassen, um die Schildwachen zu befreien, der Fürst war unschlüssig, der Minister schlug nun Mittel der Milde vor, als ein Lakai, der am Fenster stand, plötzlich ausrief: »Die Gefangenen sind befreit! Da tragen sie eben den Schuster auf den Schultern über den Schloßplatz wie den Masaniello in der ›Stummen von Portici‹!« Das Zitat aus der »Stummen« entschied. Tief erschrocken gab der Fürst dem Vorschlage des Generals recht, tief bewegt im schwersten Seelenkampfe fügte sich auch Gärtner. Doch ließ er sich's nicht nehmen, noch einmal Frieden gebietend, unter das Volt zu treten. Vergebens! Die Aufruhrakte wurden verlesen; – die Soldaten feuerten; – in kurzer Frist waren die Straßen gesäubert; – zwei Tote und zehn Verwundete lagen auf dem Pflaster. Die Stadt war ruhig. Am Abend desselben Tages schrieb der Minister wieder einen Brief, der aus lauter Hauptsätzen bestand, aber keiner fing diesmal mit »Ich« an: es war das Gesuch an den Fürsten, ihn seines Ministeramts zu entheben. Bei der Übernahme des Portefeuilles hatte er sich gelobt, daß er immer nur durch Güte und Vernunft die Leidenschaft des Volkes zügeln wolle. Heute war er ausgepfiffen worden, als er dies versuchte, und die Antwort darauf war das Pfeifen der Flintenkugeln gewesen. Sich selber treu mußte er abtreten, und der Fürst genehmigte seine Entlassung. Man bot ihm nachgehends einen diplomatischen Posten; er dankte für denselben wie für jedes fernere Staatsamt und ward wieder, was er gewesen, Advokat mit spärlicher Praxis. An sich selbst verzweifelnd, an der Zeit und am Volke, mußte er leider auch an seiner Liebe verzweifeln. Die Frist der Antwort für seinen Brief war abgelaufen. Da er während derselben gar keine Zeit gehabt hatte zum Warten, so übte er sich nachgehends noch etliche Tage in dieser freien Kunst. Allein es kam keine Antwort aus der Fledergasse. Das Mädchen hatte also die von ihm selber vorgeschlagene Form gewählt, durch Schweigen »Nein« zu sagen. 11. Die Stadt war äußerlich ruhig nach der Besiegung des Aufruhrs, aber in den Gemütern gärte es um so heftiger. Zunächst bewegte die Ministerkrisis alle politischen Köpfe, und wer überhaupt einen Kopf hatte, der hatte damals einen politischen. Über Gärtners Sturz trauerten nur wenige. Die Konservativen weissagten aus dem jähen Fall des Märzministers die dauernde Rückkehr der alten Zustände, die Radikalen einen Rückschlag, welcher rasch zu neuen, gründlicheren Revolutionen führen würde; die Liberalen waren froh, daß sie der pedantische Gerechtigkeitssinn und die unberechenbare Politik ihres früheren Parteigenossen nicht mehr störte, sie wollten und hofften einen Minister, der schlechthin herrschte, indem er sich von ihnen schlechthin beherrschen ließ. Alle Welt glaubte, sämtliche geheime Schliche des gefallenen Ministers zu kennen, aber kein Mensch wußte, daß er verliebt gewesen, – das Mädchen in der Fledergasse vielleicht ausgenommen. Inzwischen mußte etwas geschehen von seiten sämtlicher Parteien, damit der nötige Druck nach oben geübt werde betreffs der Wahl des neuen Ministers, der vorerst noch nirgends zu finden war. Das unvermeidliche erste Mittel dieses Druckes war eine Volksversammlung, und im Sturm der Gefühle beschloß man eine Versammlung allen Volkes ohne Unterschied der Farbe. Die alten Parteien galten nicht mehr, neue mußten sich abklären, und das geschah am besten, wenn alle miteinander und durcheinander redeten. Die vorläufige Tagesordnung war sehr einfach. Man wollte die Fehlgriffe, Sünden und Schwächen des gestürzten Ministeriums bis aufs kleinste bloßlegen, um aus dieser vernichtenden Kritik sodann den Plan einer wahrhaft gesunden Staatskunst zu entwickeln. Wer recht genau weiß, was er nicht will, der weiß darum freilich noch nicht immer genau, was er will. Aber gleichviel! Zuerst ein unerbittliches Totengericht, dann Erweckung eines neuen Lebens! In der »Sängerhalle« wurde die Volksversammlung abgehalten, allein obgleich der größte Saal der Stadt, vermochte sie doch nicht entfernt die Menschen zu fassen, welche sich herandrängten. Bis weit hinaus auf die Straße standen die Leute Kopf an Kopf, und wenn sie dort auch von den Reden nichts hören konnten, so hörten sie doch die Beifallssalven und pflanzten sie fort wie ein rollendes Rottenfeuer. Überdies spielte ein Musikkorps zwischendurch Freiheitslieder, die man dann außen in etwas kanonisch verschobenem Zeitmaße nachsang. Vier Redner hatten bereits in vernichtenden Worten allen Verrat des Ministeriums Gärtner enthüllt, und da kein Widerspruch erfolgt war, so konnte jetzt die Frage seines Nachfolgers erörtert werden. Da erschien – wie ein Gespenst aus dem Grabe – Rudolf Gärtner selber auf der Rednertribüne. Einen Augenblick lagerte schweigendes Staunen über den Massen, dann erhob sich ein Geflüster, welches immer lauter anschwoll, zusetzt ein Sturm des Unwillens! Mehrere Stimmen riefen: »herunter!« und nun folgte ein allgemeines Schreien, Heulen und Pfeifen, zwischendurch vergebliche Rufe »zur Ruhe!« Der Höllenlärm dauerte wohl zehn Minuten. Gärtner stand inzwischen fest wie eine Statue auf der Tribüne, kein Zucken war in seinen bleichen Mienen sichtbar; die Menge mußte des Schreiens doch endlich müde werden, und er wartete ruhig, bis sie sich ausgeschrien. Die felsenfeste Ruhe wirkte: – es wurde still. Nun aber begann er mit keiner Rede – die hätte man doch nicht angehört –, sondern wandte sich mit abgerissenen Fragen an die Versammelten. Er fragte, ob sie nicht alle das schändliche Verfahren der früheren Kabinettjustiz verdammten? – »Allerdings!« – Ob nicht ein besonderer Greuel jener Justiz gewesen sei, daß man Angeklagte ungehört verurteilt habe? – »Gewiß!« – Ob sie nicht soeben wider Willen in denselben Fehler verfallen seien? – Hier teilte sich die Antwort in Ja und Nein, aber das Ja behielt zuletzt den Sieg. – Ob sie ihn anhören wollten? Stürmisches »Ja!« Und so fuhr er fort, einen sokratischen Dialog mit der erhitzten Menge zu führen und zwang die Widerstrebenden, daß sie seiner Verteidigung Schritt für Schritt folgten. In den schlichten Worten des ruhigen Gewissens legte er den ganzen Gang seiner Politik dar, indem er immer wieder Fragen dazwischenwarf, welche man schlechterdings bejahen mußte. Denn zum Anhören eines Monologs eines mißliebigen Mannes hat die Menge keine Minute Geduld, darf sie aber mitsprechen, dann folgt sie stundenlang. Nur die eine Frage stellte Gärtner nicht: ob es ein Entschuldigungsgrund für die Schwächen eines Ministers wäre, wenn er zum erstenmal Minister und zum erstenmal verliebt gewesen sei? Man hätte vermutlich auch mit »Ja« geantwortet. Kurz und gut, je länger Gärtner sprach, um so kräftiger wuchsen die beifälligen Zurufe, und als er seine Verteidigung geendet, erscholl ein donnerndes Hoch auf den mutigen Mann, und die Musik schmetterte drein mit Pauken und Trompeten. Die verbissensten Gegner mußten zwar schweigen, aber sie gaben darum ihre Sache noch lange nicht verloren: zur Antwort auf den Tusch begehrten sie, daß das Orchester die Marseillaise anstimme, gleichsam als Zwischenspiel, welches zur anfänglichen Tonart zurückführe. Andere widersprachen: das Lied schicke sich nicht für deutsche Männer. Und eh' man sich's versah, wogte wilder Streit durch den Saal über die Marseillaise. Da nun der Vorsitzende, ein deutscher Patriot, sich weder durch seine Glocke noch durch seine Stimme Gehör verschaffen konnte, so befahl er den Musikern, Arndts »Deutsches Vaterland« zu blasen; er hoffte, daß die wohlbekannten Klänge die Streitenden zum Mitsingen fortreißen würden, und wenn man singt, kann man sich nicht zanken. Die meisten aber, welche die Marseillaise begehrten, kannten und konnten das Lied gar nicht ordentlich, glaubten bei den ersten Takten, dies sei die Marseillaise und sangen tapfer »allons enfants de la patrice,« während die andren nach des Deutschen Vaterland fragten, merkten dann aber schon bei der zweiten Zeile, daß sie überlistet waren und sich lächerlich gemacht hatten. Darüber brach nun ein Sturm des Unwillens los, wogegen die vorhergegangenen Stürme nur ein Säuseln gewesen. Man schrie nach dem frechen Frevler, der das Volk verspottete, einige drohten den Vorsitzenden zu mißhandeln, die meisten aber suchten wütend nach Gärtner, als dem ersten Anstifter alles Haders in der brüderlichen Versammlung, und diese Versammlung und diese Verfolgungsrufe wälzten sich hinaus zu der Menge, die das Haus umringte und nun erst vernommen hatte, daß der Exminister drinnen zu reden gewagt. Sie glaubte, jetzt sei der Augenblick der Volksrache an dem Verräter gekommen. Gärtner war inzwischen glücklich aus dem Saale entschlüpft, wurde jedoch auf der Straße erkannt und mit Schimpfreden und Tätlichkeiten angegriffen. Leute, die aus der Halle kamen, traten dazwischen, wehrten dem Unfug und riefen, der Mann sei unschuldig. Die andern wollten sich ihr Opfer nicht entreißen lassen, und so entspann sich ein neuer Kampf. Während man sich drinnen um die Marseillaise und das Deutsche Vaterland schlug, raufte man sich draußen um den vernichteten Exminister und wiedergeborenen Volksmann. Dieser gewann dadurch auf einen Augenblick Luft, daß er mit Hinterlassung seines linken Rockflügels und nur von wenigen verfolgt, sich flüchten konnte. In einer engen Seitengasse glaubte er sich bereits in Sicherheit, da ihm nur noch etliche Straßenjungen auf den Fersen waren, als er von der andern Seite eine starke Schar entgegenkommen sah, die unter Verwünschungen seinen Namen brüllte. Schnell sprang er in eine offene Haustüre, schlug sie hinter sich ins Schloß, brach dann aber mit dem Rufe: »Rettet mich!« in dem dämmerigen Hausgang besinnungslos zusammen. Als er nach wenigen Augenblicken wieder zu sich kam, stand ein Mädchen vor ihm, welches ihm besorgt den Arm bot, um ihn ins Zimmer zu führen. Fast wären ihm zum zweitenmal die Sinne geschwunden: das Mädchen war Hedwig; er war in das Haus Fledergasse Nr. 15 geflüchtet! 12. Im Zimmer stand der Oberförster: er hatte am Fenster ausgespäht und bat Gärtner, sich zu beruhigen, seine Verfolger seien weitergezogen, sie hätten nicht bemerkt, daß er ins Haus geschlüpft sei, und übrigens wolle er schon sorgen, daß ihm hier niemand etwas zuleide tue. Gärtner setzte sich auf einen Stuhl, um wieder Kraft zu gewinnen und seine Gedanken zu sammeln. Dann aber galt sein erstes Wort dem Oberförster: »Sie hatten mich unlängst in Verdacht, daß ich unredlich und zweideutig an Ihnen gehandelt, und ich konnte mich damals nicht rechtfertigen; jetzt kann ich's. Erstlich bin ich kein Minister mehr, – und zweitens wird Ihnen Ihre Tochter meinen Brief mitgeteilt haben.« »Welchen Brief?« fragte der Alte, und die Tochter rief erstaunt, daß sie den Mann gar nicht kenne und nichts von einem Briefe wisse. Der Oberförster aber belehrte sie: »Dieser Herr ist ja Herr Gärtner, unser Märzminister!« Gärtner erhob sich lächelnd. – sein Rock hing beschmutzt und in Fetzen am Leibe, sein Hut war zerdrückt, sein Gesicht totenblaß, das Haar wild verworren; – er sah wahrhaftig keinem Minister ähnlich. In herzgewinnend bescheidenem gutmütigen Tone sprach er: »Sie haben mich allerdings schon früher kennengelernt, mein Fräulein, aber damals kamen Sie in den Platzregen, und gegenwärtig komme ich aus der Traufe. Sie mögen mich wohl vergessen haben. Doch ich vergaß Sie nicht.« Dann blickte er sich um im Zimmer und sein Auge ruhte auf der Fensternische, die er nun dennoch einmal von innen sah. Er fuhr fort: »Ich hatte mir so oft und schön ausgemalt, wie ich in dieser Stube erscheinen wollte; aber ich hatte mir die Sache ganz anders gedacht, als sie nunmehr gekommen ist. Mein Fräulein, Sie wissen jetzt, wer ich bin; Sie wissen auch, was ich wollte. Sie haben durch Ihr Schweigen eine für mich zwar bittere Antwort, aber ohne Zweifel die richtige Antwort auf meinen Brief gegeben. Ich will nicht weiter davon reden.« Nun wußte der Alte wieder nicht, was dies bedeute, dafür fand dann jetzt die Tochter das rechte Wort: »Also wäre der mit Ihrem Namen unterzeichnete Brief nicht vom Assessor Baum, er wäre wirklich von Ihnen gewesen?« Diese Frage war wiederum dem Exminister zu rund. Man fragte überhaupt noch eine Weile herüber und hinüber, bis sich endlich folgende Lösung des Rätsels ergab: Hedwig hatte am Tage vor dem Empfange des Briefes dem Assessor rundweg erklärt, daß er sie trotz seines Anstellungsdekrets und trotz aller Wünsche ihres Vaters unglücklich mache durch seine Anträge. Dieser, ein unzarter Mensch, obgleich mit lauter ersten Noten, war im Zorn von ihr gegangen und hatte ihr Eitelkeit und Hoffart vorgeworfen, sie sei überall zu vornehm für ihre Armut, immer hoch hinaus und möchte am Ende gar gleich einen Minister haben. Das war so unter vier Augen gesprochen worden. Des andern Tages wollte der Vater die Tochter wieder beschwichtigen. Da kam der Brief. Das verständige Mädchen vermochte doch nicht zu glauben, daß ihr ein wirklich dirigierender Staatsminister, den sie gar nicht kannte, wirklich einen solchen Brief schreiben könne. Sie vermeinte vielmehr mit ihrem Vater, in den Schriftzügen die schlecht verstellte Hand ihres abgewiesenen Bewerbers zu erkennen und hielt den Brief, eingedenk der letzten Worte Baums, für ein unfeines Pasquill, welches, falls sie antwortete, zugleich eine höchst boshaft gelegte Schlinge sei. Statt ihrer beantwortete darum der Vater das Schreiben, indem er dem Assessor ein für allemal sein Haus verbot, und zwar in Worten, die für den armen Teufel ebenso beleidigend als dunkel waren. Der Brief war also doch beantwortet worden, nur war die Antwort an den unrechten Mann gekommen. Gärtner atmete auf: vielleicht konnte ja dann auch das Schweigen an den unrechten Mann gekommen sein? Aber nun mußte er natürlich auch die Geschichte erzählen, welche er im Briefe verheißen hatte. Er erzählte ganz offenherzig, wie es ihm mit dem schönen Bilde daheim und dem noch schöneren Bilde in der Fledergasse ergangen sei, Zug um Zug, so kindlich naiv, daß der Alte hellauf lachen mußte und Hedwig unter Lächeln sehr nachdenklich wurde. Und zuletzt schloß der Oberförster mit dem Bekenntnis, daß er den ehemaligen Märzminister wieder für einen grundehrlichen Mann halte, er habe sich übrigens schon teilweise zu diesem Glauben bekehrt, als derselbe sein Portefeuille so überaus geschwind und tapfer abzugeben verstanden, und das täten ihm wohl wenige Minister nach. Es war ganz still und dunkel auf den Straßen geworden; Gärtner konnte ungefährdet nach Hause gehen. Er bat sich beim Abschied nur die Erlaubnis aus, morgen wiederkommen zu dürfen, um mit gekämmtem Haar, in unzerrissenem Rocke und mit unzerdrücktem Hut einen ganz förmlichen Dankbesuch für die Rettung zu machen. Die Erlaubnis wurde gewährt. Des andern Tages begegnete Rebdorf seinem Freunde Gärtner, wie er etwas verstohlen durch die Straßen schlich, sein Rock war auffallend neu, sein Hut auffallend glänzend, sein Gesicht ganz auffallend verklärt. Rebdorf trat herzu, um den Freund zu trösten wegen des gestrigen Mißgeschicks. Allein Gärtner schien gar nicht besonders trostbedürftig. Er nannte den gestrigen Tag den schönsten seines Lebens. Sein Freund meinte, in der Sängerhalle habe er allerdings einen größeren Sieg als Volksredner errungen, wie je zuvor, aber die mehr dramatische Szene hinterdrein auf der Straße sei doch etwas ärgerlich gewesen. Man erzähle sich ja, er sei mit Schimpfreden und Drohungen, sogar mit Steinwürfen bis in die Fledergasse verfolgt worden. »Das war ja gerade die Krone des Tages!« rief Gärtner. »Sieh, lieber Freund, ich habe als Minister alles vermocht, alles ist mir gelungen, nur eines nicht: niemals gelang es mir, einen Besuch Fledergasse Nr. 15 zu machen. Gestern habe ich auch dies erreicht! Von unsichtbaren Händen bin ich in das Haus hineingeschleudert worden.« Rebdorf fand gar keinen Sinn in diesen Worten. Darum erläuterte Gärtner: »Politik und Liebe! Wir werden dort denselben Weg gehen, den ich hier gegangen bin. Wir lieben die Freiheit, wir schwärmen wie Liebende für die deutsche Einheit, im Grunde ist das aber ein und dieselbe Person, wir laufen ihr nach auf allen Gassen, aber wir kennen sie noch gar nicht ordentlich, es ist ja vorerst nur das Schattengebilde unserer eigenen Phantasie, dem wir nachlaufen. Wir werden sie kennenlernen und dann beginnt erst die wahre Liebe. Allein das geht nicht so sanft: wir müssen hineingeschleudert werden von unsichtbaren Händen, wie ich in die Fledergasse!« Nun verstand der Freund erst recht gar nichts. Er hatte gehört, daß Gärtner gestern zwei Hiebe über den Kopf erhalten habe, er fürchtete eine Gehirnerschütterung. Besorgt schlich er darum dem Freunde nach, und richtig, der Unglückliche mit seiner fixen Idee verschwand Fledergasse Nr. 15! Doch schon nach kurzer Frist löste sich ihm das Rätsel. In einem Vierteljahre war Hochzeit in der Fledergasse, und als Rebdorf den Trinkspruch auf das neue Paar ausbrachte, stellte er sich mitten in den Flachbogen des Fensters, durch welches gerade ein Sonnenstrahl fiel und sprach: »Unser Freund Gärtner war vor dem Volke ein Mann, im Ministerium ein Jüngling, in der Liebe ein Kind: er wird ein unvergleichlicher Ehegatte werden!« Am Quell der Genesung 1. Herr Eugen Milett war ein glücklicher Mann: es fehlte ihm gar nichts. Und doch war er nicht ganz glücklich, eben weil ihm gar nichts fehlte. Er wußte nicht, wie glücklich er war! Wer niemals unter die Traufe gekommen ist, der weiß nicht, wie es wohl tut, ein trockenes Hemd auf dem Leibe zu haben; und dieses Gefühl ist so behaglich, so erquickend, daß man sich sogleich auf die Haut naß regnen lassen möchte, um hinterdrein recht wonnig in einem trockenen Hemde schwelgen zu können. Herr Milett aber war niemals unter die Traufe gekommen, und weil ihm gar nichts fehlte, so fehlte ihm eben dieses. Er konnte tun, was er wollte; darum wußte er häufig nicht, was er tun solle. Jetzt befand er sich auf einer Reise nach Wien; nach Wien aber reiste er lediglich aus dem Grunde, weil er noch niemals dort gewesen war. Er kannte Rom und Neapel, Paris und London, Berlin und Amsterdam; nur wenn die Rede auf Wien kam, dann mußte er allemal sagen: »Zu meiner Schande bekenne ich, daß ich Wien noch nicht gesehen habe.« Er wollte die Schande dieses Bekenntnisses los werden, und zwar gründlich, er wollte Wien gründlich kennen lernen, Wien studieren; denn Herr Eugen Milett war ein hochgebildeter und bildungsbedürftiger Mann, wie hätte er sonst auch glücklich sein können, da er weder ein Bauer noch ein Kapuziner war! Aber er kannte auch Kopenhagen nicht, und Kopenhagen soll gleichfalls eine sehr sehenswerte Stadt sein. Er schwankte lange, ob er zuerst nach Kopenhagen gehen solle und dann nach Wien, oder zuerst nach Wien und dann nach Kopenhagen; er schwankte sogar noch auf der Reise und reiste darum langsam, auf Umwegen, mit Unterbrechungen, die großen durchgehenden Schnellzüge vermeidend, die ihn mit impertinenter Rücksichtslosigkeit sofort entweder nach Wien oder nach Kopenhagen geschleudert hätten. »Es ist ein' harte Reis', Wenn man den Weg nicht weiß«, so sangen früher die wandernden Handwerksburschen. Unser Reisender kam aus dem Nordwesten, aus dem Hannoverschen, wo seine großen Landgüter lagen. Da ihn nun aber das Fatum der Lokalfahrpläne bereits bis nahe zur böhmischen Grenze geführt hatte, so schwand endlich die Qual der Wahl und er war am dritten Reisetage fest entschlossen, zunächst die Kaiserstadt an der Donau zu besuchen. Der Tag war wunderschön, ein prächtiger Junitag, wie auserlesen zum vergnüglichen Fahren und Wandern, der Himmel wolkenlos, die Luft erfrischt durch ein Nachtgewitter; goldener Sonnenschein lag auf den grünen Saatfeldern, die Lerchen wirbelten, die Kinder spielten im Schatten und die Alten mähten in der Sonne das erste Gras so frohgemut, als ob auch ihnen die Arbeit heute ein Spiel wäre. Herr Milett schaute aus dem offenen Fenster des Kupees in die helle Landschaft, die so lustig vorüberrollte und die er so bequem genießen konnte; denn er saß ganz allein in einem Wagen erster Klasse. Und er konnte sich die erste Klasse wohl gönnen, ja er wußte gar nicht, wie es tut, wenn man zweiter oder dritter oder gar vierter Klasse fahren muß: – die Steuer, welche er jährlich dem Staate bezahlte, belief sich höher als das Jahresgehalt eines kommandierenden Generals. Er war ein geborener Passagier erster Klasse. Trotzdem fand er diese Klasse höchst unbequem und räsonnierte darüber angesichts all der Frühlingssonnenpracht. Er »räsonnierte inwendig«, – und gerade beim Eisenbahnfahren kann man so gut inwendig räsonnieren! Mit dem Sausen der Wagen, mit dem Rasseln der Räder wächst unser Zorn und die Hetzjagd unserer grollenden Gedanken verbindet sich mit der Flucht und Jagd des Zuges zu einer rasenden Doppelfuge. »Wir prahlen heutzutage so gern mit dem Wunderwerke unserer Eisenbahnen« – so räsonnierte Herr Milett – »und blicken mitleidig auf die Großvaterzeit der Postkutschen. Unsere Enkel aber werden uns wiederum bemitleiden über diese Eisenbahnen, die ihnen nicht besser dünken dürften, wie uns die alte gelbe Kutsche; sie werden es nicht begreifen, wie wir uns solch plumpen, unbequemen, gefährlichen Bahnzügen anvertrauen mochten, mit Staub und Rauch und Ruß bedeckt, in allen Nerven erschüttert, in enge Kupees hilflos zusammengepfercht. Denn binnen fünfzig Jahren wird man riesig fortgeschritten sein im Wettkampf der Erfindungen, man wird ein unendlich vollkommeneres Fuhrwerk besitzen. Die Wagen der elektrischen Bahn werden aus Kautschuk bestehen und sanft und unhörbar über die Schienen gleiten; stoßen zwei Züge zusammen, dann werden die Passagiere einen angenehmen Druck empfinden, wie von einer kräftigen Umarmung, aber rasch wieder aufatmen, und stürzt ein Zug vom Bahndamm herab, dann springt er unten auf wie ein Gummiball und steht sofort wieder auf den Rädern, und die Fahrgäste, welche etwas durcheinander gerüttelt wurden, setzen sich wieder auf ihre Plätze und lachen über den lustigen Zwischenfall.« Herr Milett, der die Räder seiner eigenen Equipage ohnehin schon mit Gummi hatte beziehen lassen, dachte sich einen solchen Gummizug als den Triumph der Zukunft und meinte, wir könnten ihn auch schon als einen Triumph der Gegenwart haben, wenn wir nur die Hälfte der Millionen, die wir für verbesserte Mordwerkzeuge ausgeben, auf dieses Gummi verwenden wollten. Er philosophierte dann weiter über den Fortschritt, den unendlichen Fortschritt der Menschheit. Und beim Eisenbahnfahren philosophiert sich's so gut. Demungeachtet konnte er den unendlichen Fortschritt nicht rund kriegen, diesen unendlichen Fortschritt, der ja der letzte Trost des modernen Menschen ist, wie die ewige Seligkeit der letzte Trost der altmodischen Leute. Denn bei tieferem Sinnen fand Herr Milett, daß endloser Fortschritt, genau besehen, eine endlose Qual wäre, weil nur die Gewißheit eines erreichbaren Zieles, weil nur das Ziel selber uns beglücke – und die ewige Seligkeit eine unselige Langeweile, weil Kämpfen nur und Ringen, weil nur der Fortschritt uns befriedet. Diese Gedanken, die im Zirkel liefen, hatten etwas Austrocknendes. Herr Milett öffnete deshalb seinen Handkoffer und entkorkte eine Flasche Portwein. Er war gut, hätte jedoch besser sein können. Unsere Nachkommen im zwanzigsten Fahrhundert – rastlos fortschreitend – werden ohne Zweifel weit besseren Portwein trinken als wir. »Seltsamer Trost eines Fortschrittes der Menschheit, den wir nicht erleben, den wir nicht mit genießen werden! Hätten wir nur wenigstens die Gewißheit, dereinst vom Himmel herab mit ansehen zu dürfen, wie aus unserer Mühe und Plage künftigen Geschlechtern ein beglückteres Dasein erblüht, blieben wir nur über das Grab hinaus in bewußtem Zusammenhang mit der fortschreitenden Menschheit, dann könnten wir uns wohl trösten über das elende Dasein, welches uns traf, weil wir zufällig ein paar tausend Jahre zu früh geboren wurden! Doch für diese Hoffnung vermögen wir höchstens im dunkeln Glauben zu schwärmen – genau so wie für andere Ideale des gläubigen Gemüts. Und so wirft uns die klare Erkenntnis des Fortschrittes der Menschheit zuletzt doch wieder in ein Schattenspiel der Phantasie und Vorstellung zurück, dem wir durch eben diese Erkenntnis entrinnen wollten!« So dachte Herr Wilett, ließ sich aber trotzdem den mittelmäßigen Portwein der Gegenwart vortrefflich munden. Da jedoch im rätselhaften Kreislauf des Lebens das Trinken hungrig macht, wie andererseits das Essen durstig, so öffnete er den Handkoffer zum zweitenmal und enthüllte ein kleines Päckchen, in welchem drei gebratene Krammetsvögel höchst appetitlich eingeschlagen waren. – Krammetsvögel im Juni! Im Juni fängt man bei uns bekanntlich keine Krammetsvögel. Allein wenn man die im Oktober gefangenen Vögel leicht brät und dann in Butter eingießt, so erhalten sie sich bis in den Sommer. Vor dem Verspeisen läßt man sie noch einmal ganz leicht aufbraten. Feine Zungen finden solche eingebutterte Krammetsvögel weit köstlicher als die frischen, ja sie ziehen sie sogar der Schnepfe vor. Herr Milett hätte bei seinen Vögeln schon zufrieden sein können. Sie schmeckten ihm auch ganz gut, und er saß so breit auf dem weichen Polster und ein kühles Lüftchen spielte ihm durchs Wagenfenster erquickend um die Stirn. Allein er dachte nach über die Mängel der Weltordnung, die uns arme Sterbliche im Dunkeln tappen läßt, und also für uns nur eine große Unordnung ist, und über die Weltvernunft, die ihm sehr unvernünftig dünkte, als er beim dritten Krammetsvogel den letzten Becher leerte. Der glückliche Mann! – wenn ihm nur etwas gefehlt hätte. Aber es fehlte ihm gar nichts. Hätte Arthur Schopenhauer nicht so bequem von seinen Renten gelebt, so wäre ihm der Pessimismus schwerlich eingefallen. Elende Zeiten und arme Menschen klagen sich selber an und loben den lieben Gott; gesegnete Zeiten und reiche Leute loben sich selbst, aber unser Herrgott macht's ihnen in allen Ecken nicht recht. Und wir leben in einer gesegneten Zeit und Herr Milett war ein reicher Mann. Er war auch obendrein noch ein junger Mann. Fünfundzwanzig Jahre alt, erfreute er sich des köstlichsten Gutes, der Jugend, und zwar eben in den schönen Tagen, wo wir nicht mehr älter zu sein begehren, wie die Kinder, und noch nicht jünger zu sein wünschen, wie die Leute in jenen »besten Jahren«, die wir mit melancholischem Selbstbetrug die besten nennen, weil wir nicht Wort haben wollen, daß sie eigentlich der Anfang der schlechten sind. Und stand Eugen Milett im schönsten Alter eines jungen Mannes, so stand vollends seine Frau im allerschönsten der weiblichen Jugend, im zwanzigsten Lebensjahre. Der Glückliche, welcher alles besaß, hatte nämlich auch eine reizende, liebenswerte und geliebte Frau, die den schönen Namen Doris führte. Sie war seine Kusine, und sie war in seinem Elternhause erzogen worden. Aus Kinderfreundschaft war ihre Liebe erwachsen, ganz still und leise, wie die Knospe Blüte wird, über Nacht, man weiß nicht, wie es gekommen ist. Er hatte ihr »das erste Du« gesagt, als er sie zum erstenmal sah, und sie hatte ihr erstes Du erwidert, als sie die ersten Worte zu stammeln begann; sie hatten sich den ersten Kuß gegeben, unbekannt wann! in jener mythischen Vorzeit der Kinderschule, von der sie selbst nichts Genaues mehr wußten. Eine Liebe ohne äußere Kämpfe und doch voll innerer Schmerzen und Seligkeiten, eine Leidenschaft ohne Katastrophen und doch voll Glut und Flammen, eine vorbestimmte Heirat und doch die harmonische Ehe: – in Romanen hält man dergleichen gar nicht für möglich, aber im Leben soll es manchmal vorkommen. Seit zwei Jahren verheiratet, hatte sich das zärtliche Paar bis jetzt noch niemals auf längere Zeit getrennt. Unternahm er eine kleine Reise, so war sie mitgereist. Auch diesmal hätte Doris ihren Eugen gerne begleitet; sie deutete es schüchtern an und sie selber wünschte es anfangs. Denn was ist entzückender und beglückender als eine Vergnügungsreise in Gesellschaft einer Frau, die man von Herzen liebt, die man hinausführt in die frische, freie Welt, eine Reise ganz allein mit der Geliebten und doch nicht ganz allein mit ihr, denn ein dritter reist unsichtbar mit – Amor als Reisemarschall. Allein andererseits hat es doch auch wieder seine besonderen Annehmlichkeiten, zur Abwechslung einmal ohne Frau zu reisen. Und so reiste Herr Milett diesmal allein. Am ersten Tage hatte er kaum an seine Frau gedacht; er schickte ihr nur gegen Abend ein Telegramm. Am zweiten Tage erinnerte er sich lebhaft, wie schön es früher gewesen, wenn sie zusammen reisten; er schrieb ihr abends eine Postkarte. Heute am dritten Tage sehnte er seine Frau bereits herbei in das einsame Kupee und beschloß, ihr am Abend einen Brief zu schreiben. Über diesem Sehnen vergaß er ganz, daß es doch nirgends jämmerlicher zugehe als in der Welt. Er sann darüber nach, was Doris wohl gerade jetzt tun werde, um elf Uhr dreißig Minuten vormittags. Sie sah ohne Zweifel am Schreibtische und schrieb an ihn, gewiß, sie schrieb weiter an dem langen Brief, den sie vorgestern schon begonnen hatte. Zwei Jahre bereits verheiratet, war dies doch der erste Brief, den sie ihm als Frau schrieb; denn sie waren ja noch nie getrennt gewesen. Wie anmutig saß sie da im leichten Morgenkleide! Jetzt hebt sich das Köpfchen; – das treue blaue Auge blickt durchs offene Fenster sinnend, träumend in die Ferne; – sie schaut ihn leibhaft im Geiste, so hell und klar, wie er sie eben sieht. Dann schreibt sie fort, mit jener fliegenden Feder, die nur Frauenhände führen, – gleich einer Schlittschuhläuferin gleitet die Stahlspitze über die glatte Fläche des Briefbogens. Beneidenswerte Grazie der leichten weiblichen Hand! Wenn er selber Briefe schrieb, dann war es ihm vielmehr zu Mute, als wate seine Feder im tiefen Sande. Doch jetzt springt Doris wieder auf und starrt in die Wolken, als erhasche sie von dort neue Bilder, neue Gedanken – für ihn. Ganz versunken in diese Vision hatte Herr Milett gar nicht bemerkt, daß der Zug an einer Station hielt. Die Wagentüre öffnete sich und eine hühnenhafte Gestalt schob sich herein, ein dicker, breitschulteriger Mann, sechs Fuß hoch, vermutlich ein vornehmer Bierbrauer. Er sagte nicht einmal guten Tag, sondern setzte sich ohne weiteres dem verblüfft aufwachenden Herrn Milett bolzgerade gegenüber, als sei er ganz allein auf der Welt und im Kupee. »Muß sich der grobe Mensch mir gerade vor die Augen setzen!« dachte der unglückliche Vergnügungsreisende und wollte in die andere Ecke rücken, allein dort brannte die Sonne. Er blickte den dicken Mann durchbohrend an, er maß ihn von Kopf bis zum Fuße. Das kümmerte jenen gar nicht; sein Gegenüber schien ihm Luft zu sein! »Nun gut! dann sollst auch du mir Luft sein!« dachte Herr Wilett. Er wollte den Fremden, welchen er eben erst in Grund und Boden zu sehen versucht hatte, nun gar nicht mehr sehen und begann mit offenen Augen von seiner Doris weiter zu träumen. So schön und liebreizend hatte sie kaum jemals vor seinen leiblichen Augen gestanden, wie jetzt vor seinen geistigen! Die Ferne verklärt; – aber doch nur auf eine Weile. Denn zwischendurch muß die Nähe wieder hinzukommen und der Ferne neue Verklärungskraft geben. Endlose Ferne wird zur Qual wie der unendliche Fortschritt, stete Nähe wird langweilig wie die ewige Vollendung. Es gehört zu den unausstehlichsten Impertinenzen der Logik, daß etwas nicht zu gleicher Zeit sein und nicht sein kann. Hätte Herr Milett seine Frau zu gleicher Zeit bei sich gehabt und nicht bei sich gehabt, dann wäre er jetzt ganz zufrieden gewesen. Er schwelgte in diesem undenkbaren Gedanken, als ihm der Hüne, der vornehme Bierbrauer, ins Gesicht gähnte, ohne die Hand vor den Mund zu halten. Man braucht nur ein paar Stunden auf der Eisenbahn zu fahren, um zu entdecken, daß unter hundert Menschen erster und zweiter Klasse kaum fünf gut erzogen sind. Der ganze Zauber seiner Vision war in den Abgrund dieses Gähnens versunken, die paradiesische Ferne verschlungen von der schauderhaften Nähe! Glaubte er seiner Doris lichtblondes Haar zu sehen, dann schimmerte des Gegenmannes Glatze hindurch; schaute er in ihr quellenklares Auge, dann schoben sich des Bierbrauers rotumränderte Kalbsaugen dazwischen und die stahlgraue Morgenrobe, welche des geliebten Weibes zierliche schlanke Gestalt umwallte, verkehrte sich in des Ungeheuers großkarierten Sommerrock, der auch stahlgrau war. Allein der Mann hatte ein Recht auf seine Glatze, auf seine Augen, auf seinen karierten Rock und vorab ein Recht auf seinen Platz. Und eben dieses Recht ärgerte Herrn Milett ganz grimmig. Das schlimmste des Schlimmen bei unseren Eisenbahnreisen ist, daß wir jeden beliebigen Nachbar dulden müssen und daß der Nachbar uns wiederum dulden muß, – eine Zwangsgesellschaft wie im Zuchthause. Wenn einmal Herrn Miletts elektrische Gummizüge unhörbar durch die Länder gleiten werden, dann wird man Gesellschaftsräume und Einzelstübchen bei jeder Fahrt zur Auswahl haben können und zu anständigen Preisen. Und dann wird das Reisen auch wieder ein Vergnügen sein. Inzwischen zündete sich der Eindringling ganz ungefragt eine Zigarre an und blies die dickste Wolken in die Luft. Und dazu hatte der Mann kein Recht. Denn an der Wand stand geschrieben, daß man in der ersten Klasse nur unter Zustimmung sämtlicher Mitreisenden rauchen dürfe. Jener Mensch hatte Herrn Milett beim Einsteigen nicht einmal guten Tag gesagt; dafür wollte Herr Milett ihm jetzt das erste und letzte Wort sagen, indem er ihm die Zigarre verbot. Doch im selben Augenblick hielt der Zug. »Station Huppenberg!« rief der Schaffner und der Fremde stieg aus. Nun konnte Herr Milett nicht einmal seinem Ärger Luft machen, indem er den Grobian ärgerte. Doch war er wenigstens den widerwärtigen Gesellen los. Allein kaum begann er sich in diesem Gedanken zu trösten, als der Schaffner auch ihn zum Aussteigen aufforderte, Huppenberg war Kreuzungsstation, und der Zug nach Böhmen ging erst in zwei Stunden ab. Mittag! – heißester Sonnenbrand! – das Stationsgebäude ein kleines Haus auf kahler, schattenloser Fläche! – keine Stadt, kein Dorf weit und breit sichtbar – und zwei Stunden Aufenthalt! »Das nennt man eine Vergnügungsreise!« seufzte der arme Mann, indem er seinen Handkoffer herabnahm und murrend den Wagen verließ. 2. Shakespeare läßt die verkleidete Viola von sich selber sagen: »Und so in bleicher Schwermut saß sie da Wie die Geduld auf einem Monument.« Es ist vielleicht noch keinem Bildhauer eingefallen, die Geduld plastisch, monumental darzustellen. Und doch wäre ein Denkmal der Geduld eine lohnende Aufgabe. Man könnte das Standbild in Zinkguß billig vervielfältigen zum ortsgemäßen Schmuck einer großen Zahl deutscher »Warte-Bahnhöfe«. Huppenberg verdiente ein solches Standbild vor allen. Man kann Huppenberg nicht mit der Wartestation Hagen vergleichen, wo man im Getümmel sich selbst verliert; nicht mit der Geduldstation Oberhausen, wo sich uns die schönste Gelegenheit bietet, nach stundenlangem Warten in den falschen Zug zu geraten; nicht mit der Kreuzungs- und Kreuzstation Löhne, wo der Reisende, welcher von Osnabrück nach Bielefeld fährt, Zeit genug hat, dem erwarteten Zuge auf eine Station gemütlich entgegen zu spazieren; nicht mit Bebra, wo uns der prächtige Heldentenor, womit der weltbekannte Pförtner die Züge ausruft, das Warten musikalisch verkürzt; nicht mit Lehrte, Heudeber, Wunstorf, Scherfede, Kreiensen, in deren mehr oder minder schönen Hallen viele hunderttausend Menschen schon eine unendliche Größe von Langeweile zusammengewartet haben. Huppenberg ist nur mit sich selbst vergleichbar. Herr Milett trat zunächst ins Wartezimmer, wo er wenigstens Schatten zu finden hoffte. Allein in dem engen Raum kochte eine Bruthitze, welche durch eine großgedruckte Empfehlung des Apollinariswassers (dem einzigen Schmuck der Wände) nicht gemildert wurde. In der Ecke saß eine einsame Dame und bewachte ihr Handgepäck mit einer Ausdauer, die einer besseren Sache würdig war. Unser Reisender prallte zurück und ging in das Restaurationslokal. Dort aber prallte er noch stärker zurück; es war vollgepfropft mit biertrinkenden, rauchenden Bauern. Er suchte das Freie, frische Luft und Schatten. Doch nur das kleine Stationshaus warf hier überhaupt einen Schatten und der fiel gerade auf die Schienen. Nebenan war allerdings eine öffentliche Anlage, der schüchterne Versuch eines Gartens zur Erholung für das Wartepublikum. Sandige Wege schlängelten sich zwischen verdorrtem und zertretenem Rasen, der hie und da durch kleine verkümmerte Birken- und Tannenbäumchen belebt wurde. Eine Allee von dünnen, größtenteils abgestorbenen Ebereschen verband den »Park« mit dem Hause. Herr Milett lachte hellauf über diese Karikatur eines Parks und es jammerten ihn die armen Tannen- und Birkenbäumchen, die offenbar schon lange gepflanzt waren, aber nicht gedeihen wollten. Sahen sie doch aus, als verzehre sie in dieser Einöde das Heimweh nach den Waldesbergen, welche in duftblauer Ferne am Horizont aufstiegen. Da erspähte er am äußersten Ende der Anlagen einen Holunderbusch, eine Art Laube. Dort kann er Zuflucht finden. Er tritt hinzu und prallt abermals zurück: – ein Mann und ein Knabe saßen dort bereits auf der dürftig beschatteten Bank. Allein der Mann hat ihn bemerkt, er steht auf und ersucht ihn, Platz zu nehmen. Die Einladung war so freundlich, daß Herr Milett Folge leistete und sich neben den beiden niederließ. Er begann das Gespräch, indem er über das unangenehme Warten an so öder Stätte klagte. Der andere aber entgegnete, er habe sich vielmehr auf die zwei Raststunden in Huppenberg gefreut; er komme jedes Jahr einmal hierher, und da habe er sein Vergnügen an den Birken- und Tannenbäumchen, die er nun schon seit acht Jahren beobachte. »Sie wollten anfangs gar nicht gedeihen; nun wachsen sie doch, mühselig genug, aber sie wachsen, sie werden gesünder. Ach, sie schienen anfangs so krank und unrettbar verloren!« Bei diesen Worten ward seine Stimme bewegt; er warf einen Blick auf den Knaben und fügte hinzu: »Mein Fritz ist jetzt auch acht Jahre alt!« Nun wandte Herr Milett das Auge auch auf das Kind. Der arme Junge sah in der Tat den kümmerlichen Bäumchen nur allzu ähnlich. Das Gesicht war so blaß, die Händchen so mager; er schaute den Fremden so wehmütig an mit den großen glänzenden Kinderaugen. Dann rutschte er von der Bank, ergriff eine Krücke, die nebenan gestanden, und hinkte aus der Laube hinaus. Das linke Bein war etwas verkürzt und das Gehen fiel ihm offenbar sehr schwer. »Er wird nicht müde, sich die Bäumchen zu betrachten, von denen ich ihm so oft erzählt habe«, sprach nun der Vater. »Das ist alles eine neue Welt für ihn, er wird den heutigen Tag in seinem Leben nicht vergessen, den ersten Tag seiner Reise. Und auch für mich ist heute ein Freudentag, ich genese mit dem genesenden Kinde. Vor einem Monat noch glaubte ich, meinen armen Fritz nur mehr auf einem Weg noch begleiten zu können, auf dem Wege zum Kirchhof. Herr! begreifen Sie, was das für mich jetzt heißt, diese frische, freie Luft frei wieder atmen zu dürfen mit meinem Kinde? unter diesem blauen Himmel dahin zu fahren mit ihm in diesem hellen, warmen Sonnenschein? ›Die Sonne meint's gut!‹ sagen die Bauern, wenn sie sticht und brennt, daß man umsinken möchte, und der liebe Gott meint's auch gut mit uns!« Der Alte schwieg und auch Herr Milett sprach kein Wort; es war ihm ganz feierlich zu Mute. Nach langer Pause begann dann jener zu erzählen, daß er mit dem Kinde zur Nachkur ins Bad Rimselrain reise. Es liege drüben in den Waldbergen und besitze eine lauwarme Schwefelquelle von wunderbarer Kraft. Die Badeanstalt, in tiefster Waldeinsamkeit, biete alles, was bescheidene Leute zu einem gesunden, fröhlichen Leben brauchten, vom Luxus und Schwindel der Modebäder finde sich keine Spur; Rimselrain sei eben noch ein gemütliches Bad nach guter, alter Art, ein rechtes Wildbad, kein Kunstbad. Das wisse er von zuverlässigen Leuten, denn dort gewesen sei er selber noch nicht. Auch Herr Milett bekannte, noch nicht dort gewesen zu sein und überhaupt in seinem Leben noch kein Wort von dem Schwefel- und Wildbad Rimselrain gehört zu haben. Der andere fuhr fort: »Der Badebesitzer – er schreibt sich Zacharias Oberg'schwendner – ist ein wahrer Patriarch, wie es deren wenige mehr gibt. Als vor Jahren eine regierende Kaiserin oder Königin die Schwefelkur in Rimselrain gebrauchen wollte und durch ihren Hofmarschall Zimmer bestellen ließ, schrieb Herr Oberg'schwendner zurück, es sei ihm lieber, wenn Ihre Majestät nicht komme, denn sonst müsse er allerlei Verbesserungen machen lassen; ihm und seinen Gästen gefalle es am besten, wenn alles beim alten bleibe.« Herr Milett hörte staunend zu. Auf dieser Station Huppenberg erschloß sich nicht nur dem kleinen Fritz, sondern auch ihm eine neue Welt. Er war hier einem Menschen begegnet, der sich auf die Wartestunden in dieser Einöde gefreut hatte und diesen sandigen Garten voll Besenreiser merkwürdig zu machen wußte. Und dieser seltsame Mann reiste in ein Bad, dessen offenbar noch seltsamerer Besitzer den Besuch einer Kaiserin abgelehnt hatte, damit ihm und seinen Gästen die Gemütlichkeit nicht gestört werde! Jetzt erst betrachtete er den Fremden genau mit prüfendem Blick. Derselbe war ärmlich und altmodisch gekleidet, fast wie ein zurückgekommener Handwerker. Aber der Kopf war bedeutend, die tiefgefurchte Stirn zeugte von Gedankenarbeit, die harten, bereits gealterten Züge von schweren Lebenskämpfen; – die kleinen Augen lugten scharf unter den starken Brauen hervor, der Mund war fein und sprechend, auch wenn die Lippen schwiegen. Der Mann mochte ein hoher Fünfziger sein. Diese Betrachtungen blitzten Herrn Milett nur so durch den Kopf. Er wollte nicht weiter rätseln; als der jüngere stellte er selbst sich rasch dem Fremden vor und nannte seinen Namen, Stand und Wohnort. Und jener erwiderte lächelnd: »Ich heiße Philipp Schmidt; – das ist kaum ein Name, aber ich habe keinen besseren und er war mir immer gut genug. Ich lebe gegenwärtig in ***« – er nannte eine Stadt der Nachbarschaft. »Was meinen Stand betrifft, so bin ich eigentlich gar nichts. Doch gehe ich darum nicht müßig: ich gebe lateinische Privatstunden für kleine Jungen, die aufs Gymnasium gehen wollen, um dort etwas zu lernen, und für größere Jungen, die schon längere Zeit dort waren und nichts gelernt haben. Meine Stunden sind gesucht; ich kann von ihrem Ertrage zur Not bescheiden leben. Sonst habe ich nichts.« »Aber warum suchten Sie bei solchen Kenntnissen kein öffentliches Lehramt?« »Ich fühle mich glücklicher in meiner Unabhängigkeit, zudem würde meine Methode höheren Ortes nicht genehmigt werden. Ich locke meine Schüler zu den Sprachen und lehre sie die großen Alten lieben und suche sie zu Menschen zu erziehen; an unserem Gymnasium schreckt man sie mit den Sprachen und drillt sie in der Furcht der Grammatik zu künftigen Bureaukraten. Ich habe gar nichts, aber ich habe meinen eigenen Kopf. Von Haus aus bin ich auch kein Philolog, und in letzter Zeit mußte ich leider meinen Lehrberuf sehr vernachlässigen, weil ich mein armes krankes Kind ärztlich behandeln und pflegen mußte. Es hatte ein schweres Nervenfieber mit verwickelten Nebenleiden; ich habe meinen Patienten glücklich durchgebracht; – von hundert Ärzten hätten ihn vielleicht neunundneunzig aufgegeben! – und mit Gottes Hilfe hoffe ich durchs Schwefelbad nun auch die Kur ganz vollenden zu können.« »Also waren Sie ursprünglich wohl Arzt?« »Keineswegs! Ich bin nur gewohnt, alles selber zu tun, was ich irgend vermag. Selbst ist der Mann. Übrigens war ich vor Zeiten fünf Jahre Krankenwärter in einem Spital, wo viele Nervenfieber behandelt wurden. Da merkte ich mir den Gang der Krankheit und schrieb mir die Rezepte ab, welche ich zum Apotheker tragen mußte. In unserer naturwissenschaftlichen Zeit sollte die Kunst, ein Nervenfieber zu behandeln, mindestens ebensogut zur "allgemeinen Bildung" gehören, wie die Kunst des Klavierspiels. Mein eigentliches Fach war aber die Rechtswissenschaft, welche ich – es ist schon lange her – in Heidelberg schulgerecht studiert habe. Begeistert für die Hoheit des Rechts, war es das Ideal meiner Jünglingsjahre, ein Richter zu werden. Ich halte den Richter für den vornehmsten, weil für den unabhängigsten Beamten.« »Und warum wurden Sie kein Richter?« »Weil ich nach beendeten Rechtsstudien selber zum Tode verurteilt ward.« Herr Milett fuhr zurück. War der Mann verrückt? Philipp Schmidt lächelte. »Ich verließ die Universität im Jahre achtundvierzig. Und nun werden Sie's begreifen! – oder Sie begreifen's auch nicht. Das heutige Geschlecht begreift die Begeisterung nicht mehr, die uns damals erfaßt hatte. Mit Sturm und Brausen war der Frühling über Nacht ins Land gekommen, die Natur war erwacht, wir selber waren erwacht und lebten doch wie im Traum. Wie flüchtig war dieser Traum! Wir glaubten an den Sieg der Freiheit und ein neues Deutsches Reich. Und über der Freiheit ging das Reich verloren. Im heißen Zorne wollten wir Jünglinge uns opfern, um beides zu retten. Es war im Mai 1849. Das Volk erhob sich für die Reichsverfassung, wie man damals sagte. Ich glaubte, daß nur diesem Ziel der Aufstand gelte, es war mir so heiliger Ernst um das Reich. In einer Volksversammlung, wo unter Gottes freiem Himmel Tausende sich scharten, sprach ich glühende Worte wider die Regierungen, die sich dem Reichstag und dem Reich nicht beugen wollten. Meine Glut entzündete die Massen. Da erschien ein Beamter und forderte uns auf, auseinanderzugehen. Als Antwort fiel ein Schuß – man erfuhr niemals, wer ihn abgefeuert – der Beamte brach tot zusammen. Was soll ich weiter erzählen? Der offene Kampf entbrannte. Ich mußte den Aufständischen folgen, deren Führer etwas anderes erstrebte als ich; denn die Reichsverfassung war ihnen nur ein Vorwand, sie wollten die Republik. Von meinen eigenen Genossen beargwohnt und mißhandelt, gelang es mir unter großen Gefahren, in die Schweiz zu entfliehen. Inzwischen wurde mir zu Hause der Prozeß gemacht; als moralischer Anstifter der Ermordung des Beamten in Übung seines Dienstes ward ich zum Tode verurteilt. Und nun erst erfuhr ich, daß jener Beamter der nächste Freund meines Vaters gewesen war, der Freund und Wohltäter meiner Kindheit! Um mich zu retten, hatte er sich allzu unvorsichtig unter die wütende Menge gewagt. Ich verzweifelte, indem ich dies alles erwog, und doch fand ich später Trost in meinem Gewissen. Was ich getan, war verkehrt gewesen, ich hatte für die Gegner gestritten, vergebens für meine Sache gelitten, und was ich erstrebte, war verloren. Aber was ich gewollt hatte, war doch das Beste. In der Schweiz fristete ich kümmerlich mein Leben – –« Fritz hinkte eilends herbei und rief: »Der Zug kommt!« Die beiden Männer sprangen auf. »Wir fahren noch eine Station miteinander,« rief Herr Milett, »Sie müssen weitererzählen!« Der Vater ergriff den Sohn, hob ihn auf den Arm und lief im Sturmschritt voran, daß sein Begleiter kaum folgen konnte. »Erzählen Sie weiter!« rief dieser, hintendrein keuchend. »Ich ernährte mich kümmerlich in der Schweiz durch Sprachunterricht, dann in England als Krankenwärter – –« »Die zwei traurigsten Berufe – ein Schulmeister und ein Spitaldiener!« stöhnte Herr Milett, dem der Atem ausging. »Die zwei schönsten!« verbesserte Schmidt, stolz zurückblickend. »Was gibt es Schöneres, als Kinder in das Leben des Geistes einzuführen und armen Kranken den Abschied vom Leben zu erleichtern? – Aber nehmen Sie mir den Fritz ein wenig ab, ich muß meinen Reisesack holen.« Der Zug stand bereits auf den Schienen und Herr Milett stand regungslos davor, mitten im Sonnenbrand, den Knaben auf dem Arm und dachte, welch ein begnadeter Mann doch dieser Philipp Schmidt sei, der jedem Ding die beste Seite abzugewinnen wisse, ein armer Mann und doch so reich an Gedanken. »Einsteigen!« drängte der Schaffner. »Aber wie ging es mit dem Todesurteile?« rief Milett dem Alten entgegen, der einen ungeheuren Reisesack heranschleppte. »Nach zwanzig Jahren wurde ich begnadigt auf Grund erneuter Prüfung meines Prozesses und dann noch amnestiert dazu, als ganz Deutschland selbst erneuter Prüfung entgegen ging.« Der Schaffner mahnte zum letztenmal; – und da Herr Schmidt mit einem Billett dritter Klasse sich nicht zu Herrn Milett in die erste Klasse setzen konnte, so blieb diesem in der Eile nichts anderes übrig, als zu jenem in die dritte Klasse zu steigen. Doch dort war alles überfüllt; nur noch zwei freie Plätze, und sie kamen zu dreien. Es blieb keine Wahl, die Lokomotive pfiff, sie zwängten sich hinein. Fritz wurde quer über beider Schoß gelegt; denn mit hängenden Beinen konnte das arme Kind nicht sitzen. Die Nachbarn saßen Schulter an Schulter – lauter Bauern in Hemdärmeln –; ein Tabaksrauch, den man schneiden konnte, erfüllte das Kupee, die Hitze war äquatorial. Herr Milett bemerkte das alles gar nicht; er sprach mit seinem neuen Freunde über den Wandel der Zeiten seit achtundvierzig. Schmidt schilderte, wie er anfangs trostlos gewesen sei über unser geschlagenes Volk; allein was er zumeist ersehnt, das habe sich endlich doch erfüllt, nur in etwas unerwarteter Form. »Wir fahren etwas unbequem, Herr Milett – ich meine hier im Wagen – oder auch im Reich – aber wir fahren doch! Ein Deutsches Reich unter Preußens Führung und in guter Freundschaft mit Österreich – das ist ja unser gutes altes Gagernsches Programm, und Heinrich Gagern war doch mehr als eine ›Phrasengießkanne‹, er war Bismarcks Prophet. Aber die Jungen verstehen uns Alte nicht und wir Alten die Jungen vielleicht noch weniger. So war es immer und so wird es bleiben. Ja, darin liegt das Geheimnis des Fortschrittes der Menschheit, daß immer erst die Enkel das Mißverstehen von Vater und Großvater zu lösen vermögen.« »Das mag wohl sein!« rief Herr Milett. »Andererseits entdecke ich soeben, daß ich meinen Handkoffer in Huppenberg stehengelassen habe. Ich vergaß ihn, derweil ich den Fritz in den Wagen trug.« Herr Schmidt bedauerte lebhaft dieses Mißgeschick, zu welchem er den Anlaß gegeben. Allein Herr Milett beschwichtigte ihn. »Es ist ganz gut, daß ich den Koffer vergaß. Ich schwankte soeben noch, ob ich nicht mitfahren soll in das berühmte Schwefelbad. Nun ist es entschieden. Wien mag warten, und der Koffer wird telegraphisch nach Rimselrain beordert. Den Zacharias Oberg'schwendner möchte ich kennenlernen, vorab aber noch etwas länger und ganz ruhig mit Ihnen plaudern, und hier spricht sich's so schwer und beim Gerassel des Wagens und dem Schreien der Bauern muß man selber schreien wie in der Mühle. Aber die Leute haben ein Recht, hier zu schreien, ein Recht zu rauchen, wie mein Nachbar ein Recht zu haben scheint, bereits eine Viertelstunde lang auf meinem linken Bein zu sitzen, während Fritz auf dem anderen liegt, das ist Eisenbahnsozialismus dritter Klasse, aber – wir fahren doch! – wie Sie richtig bemerkten.« In der Tat fand es Herr Milett höchst ergötzlich, nun auch einmal so schlecht zu fahren, nachdem er sich so oft gelangweilt hatte, so gut zu fahren. Trotzdem war er froh, als sie in Kopsburg den Wagen verließen, um dort im Goldenen Lamm noch vier Stunden auf den Stellwagen zu warten, der sie abends nach Rimselrain führen sollte. Der alte Schmidt war offenbar erfreut über Miletts Entschluß und dieser freute sich nun wieder, daß sich der andere freute. Herr Milett ließ sich's auch nicht nehmen, den neuen Freund mit dem Besten zu bewirten, was das Wirtshaus bot. Dieses Beste war freilich nur ein zäher Kalbsbraten und ein saurer Wein nebst einem Eierkuchen für den Knaben. Allein die beiden aßen so tapfer und stillvergnügt, daß es Herrn Milett beim bloßen Zusehen besser schmeckte, als heute morgen, da er die köstlichen Krammetsvögel selber aß. Schon dämmerte es; da erschien endlich der Stellwagen, ein Marterkasten, mit zwei Schimmeln bespannt, von denen der eine blind, der andere spatig war. Beim Einsteigen fiel es Herrn Milett heiß ein, daß er den Brief an seine Frau nun heute doch nicht mehr schreiben könne, denn bis sie nach Rimselrain kamen, war es Mitternacht. Der Wagen stieß entsetzlich, obgleich er kaum von der Stelle kam und bei jedem Stoße dichter Staub von den Ritzen des Bodens aufquoll; die Bänke waren nicht weich, dafür aber um so höher und schmäler. Allein in Gesellschaft eines so trefflichen Mannes wie Philipp Schmidt und des Kindes, dessen verschwiegenes Dulden und stille Freundlichkeit jedes Herz gewann, ließ sich's schon aushalten. Weitere Fahrgäste kamen nicht; der Fremdenstrom nach Rimselrain stockte wohl zur Zeit ein wenig. Mit einigem Widerstreben erzählte Schmidt auf Miletts Andrängen noch gar manches aus seinem reich und schwer bewegten Leben. Er hatte des Bitteren so viel erfahren! »Aber das Bitterste,« so meinte Herr Milett fragend, »war doch immer jene Katastrophe im Jahre neunundvierzig?« »Vom Bittersten,« entgegnete jener, »sprach ich noch nicht und wollte es auch nicht tun. Doch Sie sind so teilnahmsvoll, und ich will es aussprechen. Ich hatte eine Braut, sie war erst siebzehn Jahre alt, ich fünfundzwanzig, als mich jener unselige Maitag in Schmach und Verbannung warf. Dies war das Bitterste, daß ich wußte, wie sie sich um mich gräme, noch halb ein Kind, der Welt und der ganzen Lage unkundig, wie sie meine Qualen doppelt und dreifach mitlitt, lange schwankend, ob auch sie mich verdammen solle gleich den anderen! Sie tat es nicht; sie harrte aus und blieb mir treu. Als ich nach zwanzig Jahren heimkehrte, verschmähte sie es nicht, mein karges Los zu teilen; wir verheirateten uns. Und diese verspätete Ehe ward noch mit einem Kinde gesegnet; – ach, ich habe es doch gut gehabt!« Er hielt ein und blickte lange auf den Knaben, der in der Wagenecke sanft eingeschlummert lag, und fügte dann hinzu: »Möge Gott mir diesen Trost erhalten!« »Und Ihre Frau?« »Sie ist vor zwei Jahren gestorben.« »Gestorben!« wiederholte Herr Milett tiefbewegt. »Sie möchten fragen, ob ihr Tod nicht doch das Allerbitterste gewesen sei? Hart war diese Trennung fürwahr, doch das Härteste war sie nicht. Ich glaube fest, meine Luise wiederzusehen und mit ihr wieder vereinigt zu werden. Früher zweifelte ich an der persönlichen Fortdauer des Menschen, dieses Stäubchens auf einem Sandkorn, das wir Erde nennen. Seit Luisens Tod glaube ich an das ewige Leben. Ich will Ihnen etwas Merkwürdiges erzählen: Als wir uns zum erstenmal unsere Herzen erschlossen, da schwuren wir uns ›ewige Liebe‹. Sie werden dies gar nicht merkwürdig finden, sondern sehr alltäglich, da es im Grunde jedes liebende Paar zu tun pflegt. Und doch ist dieser Schwur so merkwürdig. Denn auch der kälteste Denker und Zweifler, wenn er wahrhaft liebt, wird in jenem Augenblicke ein Ende des Liebesbundes für undenkbar halten, er wird an die Ewigkeit glauben, wenn er wahrhaft liebt. Lieben heißt im Endlichen die Schauer der Unendlichkeit ahnen. Darum sind es zwei Stunden, wo unser Glaube an die Ewigkeit am festesten steht: Die Stunde, wo die Geliebte uns gegeben, und die Stunde, – wo die Geliebte uns genommen wird.« Der Mondschein fiel auf das schlafende Kind, die Sterne zogen leise ihren Weg, ob sie gleich stillzustehen schienen, erfrischender Tannenduft strich durch die Fenster des Wagens; – die beiden Männer schwiegen. Die Nacht ist das stille, tiefe Geheimnis der Natur, dunkel und doch von Lichtfunken durchzittert. Der Glaube ist das stille, tiefe Geheimnis der Menschenseele – die Nacht der Menschenseele – mit ihrem Sternenhimmel. 3. Als unsere Reisenden in Rimselrain ankamen, würde die Glocke zwölf geschlagen haben, wenn eine solche vorhanden gewesen wäre. Der Mond war untergegangen; alles tief dunkel. Sie wußten nicht, wie sie hierher gekommen und wo sie waren. Der Eingang ins Badehaus war nicht besondere einladend, der Empfang durch eine verschlafene Magd nicht sehr freundlich. Das ganze Schwefelbad schlief. Doch wurden die müden Reisenden vorläufig untergebracht und bald lagen auch sie in tiefem Schlafe. Schon um fünf Uhr stand Herr Milett auf und schlich, da alles noch stille war, aus seinem Zimmer, um die Badeanstalt samt der Umgegend etwas näher in Augenschein zu nehmen. Das Haus, alt und verwahrlost, halb bäuerlich, halb städtisch, stand hart an einer kahlen Berglehne. Die Fenster der Wohnzimmer gingen rückwärts gegen den öden Abhang, von den Fenstern der Hausgänge, der Küche und anderer Räume, in denen man nicht lange verweilt, öffnete sich dagegen der herrlichste Ausblick über waldige Talschluchten und Felsen und Wiesen, hinüber zu den hohen Kuppen des Böhmerwaldes. Hinter dem Hause, wo man nichts sah, standen Tische und Bänke für die Kurgäste; vor dem Hause, wo die entzückende Landschaft sich erschloß, standen Ställe und Schuppen. Es schien, als ob eine gewisse Enthaltsamkeit im Naturgenuß zur Kurdiät von Rimselrain gehöre. Der Brunnen lag nicht fern vom Hause, um aber morgens zur Trinkstunde dorthin zu gelangen, mußte man über die Wiese durch tauiges Gras gehen. Auf dem Fassungsrand der reichlich sprudelnden Quelle stand ein einsames Glas, vor Diebstahl sicher; denn es hatte einen großen Sprung und war mit einer festen gelblichen Kruste überzogen, als Beweis der Kraft des Schwefels. Der Henkel war abgebrochen. Wollten sich darum die Kranken den Heiltrank selber schöpfen, so mußten sie mit dem Glase zugleich die Hand ins Wasser tauchen. Seitab der Quelle schattete ein kleiner Tannenwald, die Kurpromenade. In den Boden gerammte Pflöcke zeigten, daß hier vormals Tische und Bänke gewesen waren, die boshaften Bauernburschen des Nachbardorfes hatten sie zerstört. Wer sich jedoch ein Brett mitbrachte, der konnte es noch immer auf vier Blöcke legen und hatte dann einen trockenen Sitz. Am Ende der Promenade war ein mit Stangen umzäunter Raum, in welchem sich mehrere Mutterschweine mit ihren Ferkelchen tummelten. Der Anblick dieser bald spielenden, bald kämpfenden Tiere bot den Kurgästen gewiß oft recht anregende Unterhaltung. Beim Rückweg von diesem Entdeckungsgang begegnete Herr Milett dem Herrn Zacharias Oberg'schwendner, der auf seinen Gruß mürrisch dankte. Ein rechter Bauer, war er auch als Badebesitzer und Wirt seinen bäuerlichen Sitten rühmlich treu geblieben, nur im Punkte der Zeche hatte er seine Gäste schon ganz städtisch zu behandeln gelernt. Sein Bauernhof lag nur zwanzig Minuten vom Kurhause entfernt und das Bad. eines der ältesten Bauernbäder, war schon seit Jahrhunderten im Besitz und Betrieb seiner Familie. Die Quelle erfreute sich historischen Rufes in der ganzen Nachbarschaft, und bereits zur Reformationszeit mochte hier so ziemlich dieselbe Kurordnung geherrscht haben, wie heutzutage. Herr Milett sagte dem gewichtigen Mann einiges Schmeichelhafte über sein schönes Besitztum, Herr Oberg'schwendner aber erwiderte, das Bad sei ihm eine rechte Last und für zwanzigtausend Mark verkaufe er den ganzen Kram lieber heute als morgen. Die »hohe Kur« falle immer genau in die Zeit der Ernte, wo er auf den Äckern nötiger zu tun habe, als bei dem »schmeckenden Wasser«. Doch könne er die Direktion keinem anderen überlassen. Das sei ihm unbequem genug. Lieber wäre es ihm, wenn die Leute ihre Kur in den Winter verlegen wollten. Da er gehört habe, daß es in anderen berühmten Bädern auch eine Winterkur gebe, so habe auch er voriges Jahr den Versuch damit gemacht; es sei aber kein Mensch gekommen. Auf Miletts Frage, ob es denn auch einen Badearzt in Rimselrain gebe, ward Herr Oberg'schwendner ganz zornig und meinte, wo die Quelle so gut sei, da brauche man nicht auch noch einen Doktor dazu. Die meisten Kranken begnügten sich mit dem Schäfer-Sepp, der täglich herüberkomme und auch das Vieh behandle. Wer aber durchaus einen studierten Doktor haben wolle, der möge nur in die Stadt schicken, sie sei nur dritthalb Stunden entfernt, und dort gäbe es Doktoren übergenug. Herr Milett freute sich königlich über den groben Mann mit seinem historischen Wildbad, welches auch nicht sein war. Er kannte Wiesbaden, Baden-Baden, Ems und Kissingen, aber ein so naturwüchsig origineller Kurort war ihm noch nicht vorgekommen. Ihm dünkte; er sei aus dem alltäglichen Leben über Nacht in eine Märchen- und Zauberwelt versetzt, plötzlich von den Höhen in die Tiefen des Daseins hinabgestiegen, in ein Reich von Kobolden und Erdgeistern, bei denen es etwas flegelhaft und schmutzig herzugehen pflegt, aber auch sehr abenteuerlich. Man läßt sich's gern da unten einmal gruseln, vorausgesetzt, daß man ebenso geschwind wieder heraufkommen kann, wie man hinabgefahren ist. Er ließ sich die Zimmer zeigen, welche der Wirt für ihn und seinen immer noch schlafenden Gefährten bestimmt habe. Es waren überhaupt nur noch zwei Räume verfügbar in dem bis unters Dach besetzten Hause, und obgleich der Wirt nur ein Bauer, so hatte er doch mit dem Scharfblick eines gewiegten Oberkellners Herrn Milett sofort die schönste und größte Stube zugedacht, seinem Begleiter dagegen eine jämmerliche kleine Spelunke. Die eine sollte drei Mark täglich kosten, die andere eine Mark. Milett erklärte, die kleine Kammer für sich behalten zu wollen, das große schöne Zimmer dagegen möge der Wirt dem anderen Herrn geben unter der Bedingung, daß er jenem das kleine Zimmer, ihm das große täglich in Rechnung setze. Zacharias Oberg'schwendner staunte über diesen Edelmut; der Gast schien ihm ein ebenso fabelhafter Reisender, wie er dem Gaste ein fabelhafter Wirt. Ein sehr vornehmer Mann mußte der Fremde ohne Zweifel sein, da er so närrisch war; – vielleicht war er gar ein verkappter Fürst! Herr Oberg'schwendner beschloß darum, demselben möglichst grob entgegenzutreten, damit die Gemütlichkeit von Rimselrain durch gesteigerten Luxus nicht gestört werde, genehmigte aber den Tausch der Zimmer und der Rechnungen. Das Frühstück wurde von der ganzen Badegesellschaft gemeinsam im Freien eingenommen. Auch der alte Schmidt mit seinem Kinde erschien nunmehr und setzte sich zu Herrn Milett, der in heiterster Laune bereits eine Tasse tiefschwarzen Zichorienkaffees genossen hatte. »In meiner Jugend,« sprach der Alte, »blätterte ich spielend oft in Beckers ,Taschenbuch zum geselligen Vergnügen' und fand dort eine Novelle von Stephan Schütze ,Drei Wochen im Bade', von welcher ich aber nur den Titel las. Sie war illustriert von Heinrich Ramberg, dem unermüdlichen Almanachzeichner, durch kleine figurenreiche Kupfer, welche das Karlsbader Badeleben darstellten aus der Zeit, da Goethe und Metternich dort an der Spitze der Kurliste standen. Diese Bildchen weckten in mir den heißen Wunsch, doch auch einmal drei Wochen im Bade zu verleben. Was man in der Jugend begehrt, hat man im Alter die Fülle; endlich bin ich nun auch in ein Bad gekommen und gar auf vier Wochen! Der Traum meiner Jugend erfüllt sich – – leider durch die Krankheit meines Kindes.« Die Zuversicht des gestrigen Tages fehlte dem wehmutsvollen Tone, der aus den letzten Worten klang. Milett musterte lächelnd die Badegäste – arme, kranke, bleiche Menschen, verkümmerte bäuerliche und kleinbürgerliche Gestalten, mehrenteils Frauen und Kinder – sie sahen nicht ganz so aus, wie die Karlsbader Gesellschaft zu Goethes und Metternichs Zeiten. Allein er gelobte sich, dem neuen Freunde diese erste Badekur dennoch ganz unvermerkt recht schön, ja so carlsbadisch wie möglich zu machen. Er wußte bereits, wie winzig die Mittel waren, die jener sich abgekargt hatte für Rimselrain; er wußte aber auch, wie fein der stolze Mann fühlte, und spann danach seinen Plan. War das nicht reizend? Die Welt kam ihm heute schon bedeutend besser und harmonischer vor als gestern. Nicht so dem besorgten Vater. Da Fritz eben seitab mit anderen Kindern spielte, so schüttete er Herrn Milett ganz leise sein bekümmertes Herz aus und erzählte ihm genau die Krankheitsgeschichte des Kleinen. Während des Nervenfiebers hatte sich eine Eiterung am linken Bein des Knaben gebildet; sie verschwand mit dem Fieber. Nun aber zeigte sich der obere Schenkelknochen ganz erweicht und verkümmert. Und dagegen sollte die Nachkur helfen. »Schwefelbäder für ein Knochenleiden!« rief Milett erstaunt. Doch Schmidt belehrte ihn, daß dies neue Übel eine Folge des langen Liegens und zugleich auch skrofulöser Anlage sei. Und hier helfe Rimselrain allerdings. Er möge nur umherblicken: – das ganze Kurpublikum sei ja skrofulös. Dann sank er wieder in tiefes Brüten. »Das Kind,« rief er endlich, »wurde seit seiner Geburt zu schlecht ernährt; mit allen Opfern konnte ich ihm nicht kräftigere Kost erschwingen – wir darbten ja miteinander. So entwickelte sich der Krankheitskeim. Es ist ein furchtbares Gesetz, daß die Schuld der Väter heimgesucht wird an den Kindern; aber ein noch furchtbareres, daß auch die unverschuldete Not der Eltern an den Kindern heimgesucht wird!« Der Freund sann auf ein Wort des Trostes und fand keins. Der Himmel war so blau, die Luft so frisch und tannenduftig, als ob die Wälder ihren Morgengruß herüberschickten – und ringsum doch so viel Elend! Hätte Herr Milett dem kleinen Fritz auch so ganz heimlich die Gesundheit erkaufen können, dann würde er sich vollkommen glücklich gefühlt haben in Rimselrain. Er hatte nicht lange Zeit, darüber nachzudenken, weil eine Dame grüßend vor ihn trat, die bisher ganz unbeachtet beiseite gesessen hatte. Von schlanker Gestalt, vornehm gekleidet, mit feinen Zügen und sicherer Haltung gehörte sie offenbar der »Gesellschaft« an, also durchaus nicht dieser Gesellschaft, die in Rimselrain zu baden pflegte. Sie begrüßte Herrn Milett bei Namen, fragte, ob er sich denn ihrer nicht mehr erinnere, und erkundigte sich nach seiner Frau, nach ihrer »lieben Doris«, wie sie dieselbe nannte. Herr Milett, der sich eben erst im stillen darüber gefreut hatte, daß ihn hier gewiß kein Mensch kenne, war etwas unangenehm überrascht und bedauerte, daß ihn sein schwaches Physiognomien-Gedächtnis schon wieder im Stich lasse. Allein es begegnen uns ja so viele Gesichter, die wir wieder vergessen, und das Gesicht dieser Dame war nur dadurch bemerkenswert, daß es weder jung noch alt, weder häßlich noch schön war. Sie schien einen Augenblick empfindlich, nannte dann aber ihren Namen – Fräulein Ludmilla Azalinka – und fragte Herrn Milett, was ihn denn eigentlich hierherführe? Kurz angebunden erwiderte dieser: »Das Bad.« Mit um so geläufigerer Zunge erklärte Fräulein Azalinka, daß sie kerngesund sei und keines Heilbades bedürfe; sie verweile vielmehr hier, um Naturstudien zu machen. »Also Malerin?« fragte Milett. Die Dame war schon wieder empfindlich berührt. Die deutsche Nation wußte doch schon längst, daß sie Dichterin, Novellistin sei, und dieser ungebildete Mann wußte es noch nicht! »Malerin!« wiederholte sie achselzuckend – »in gewissem Sinne allerdings. Die Poesie umschließt alle Künste. Ich male Charaktere und Leidenschaften im Roman und in der Novelle. Allein man muß Romane leben, wenn man Romane schreiben will. Ich mache Naturstudien in Rimselrain, weil hier die Menschen noch Natur sind und die Natur selbst noch ganz natürlich ist. Stimmung, Situation, Charaktere finden sich hier im Überfluß, nur eines vermisse ich: die Handlung. Es geht hier gar nichts vor; keine Intrigue, keine Konflikte, keine Tragik der Leidenschaften, nichts Sensationelles, Phrenetisches! Ich möchte sagen, Rimselrain ist höchst anregend, aber gar nicht aufregend. Und die moderne Kunst soll aufregen, das Anregende gehört dem verblaßten Klassizismus – Goethe, Mozart! – überwundene Standpunkte! Die Kunstqual ist der wahre Kunstgenuß. Was sagen Sie zu Wagner? Ich schreibe übrigens keine Nibelungen- oder Wodansromane, auch nichts Hohenstaufisches. Nur Gegenwart! naturgetreue Gegenwart! Und diese Gegenwart ist so groß! so reich an Stimmung, so gesättigt von Lokaltönen! Aber die Handlung – da fehlt's! Die großen Taten der Nation, die großen Helden des Tages können wir doch noch nicht in den Roman schlachten, und in unserem polizierten Privatleben wird jede energische Tat – Entführung, Raub, Mord – sofort kriminalistisch, und ich verabscheue die Kriminalnovelle. So bleibt als Motiv sensationeller Handlung höchstens noch jener Betrug übrig, der so hochfein ist, daß ihn das Auge des Gesetzes nicht sehen kann und die Glut und Wut verzückter und verrückter Liebe, welcher das Irrenhaus von ferne winkt. Ich dürste nach Handlung; sie allein fehlt mir noch zu einem Roman, der ganz an dieser Schwefelquelle spielt. Stimmung, Schilderung, Kolorit, alles ist fertig; ich pflege die Handlung immer zuletzt aufzusetzen, wie die Maler die Lasuren und Glanzlichter. Ach, ich bin jetzt so vereinsamt unter diesem Bauernvolk! Vorgestern reiste eine österreichische Gräfin ab, der ich mich angeschlossen, ich kann sagen, angefreundet hatte. Sie gebrauchte die Kur und gebrauchte den Schäfer-Sepp. Nun bin ich ganz verwaist! Welch ein Glück, daß ich Sie gefunden habe. Ich klammere mich an Sie, bester Herr Milett! Ich stelle mich ganz unter Ihren ritterlichen Schutz.« Herr Milett war starr vor Schrecken; eine solche Dichterin war ihm noch gar nicht vorgekommen. Allein seinen ritterlichen Schutz konnte er ihr doch nicht weigern, zumal sie sich auch seiner Frau irgend einmal »angefreundet« zu haben schien. Übrigens wußte er nicht, was da eigentlich zu schützen sei. Fräulein Azalinka, die nach Handlung suchte, war doch nur ein flüchtiger Wolkenschatten im Sonnenschein des Badelebens der beiden Freunde, ein Wolkenschatten, der allerdings vier- bis sechsmal täglich aufzog. Milett hatte nur ein paar Tage in Rimselrain bleiben wollen, da ihn aber der Ort so sehr ergötzte, beschloß er, eine volle richtige Badekur von vier Wochen durchzumachen, um recht rein nach Wien zu kommen. Auf der »Hausordnung«, die neben der Küchentüre angeschlagen war, lautet § 1: »Jedes Zimmer wird nur auf vier Wochen vermietet und müssen vier Wochen vorausbezahlt werden, gleichviel ob der Gast so lange bleiben will oder nicht«, und § 2: »Jeder Gast hat täglich ein warmes Bad zu bezahlen, gleichviel ob er badet oder nicht«. Diese Paragraphen gaben den Ausschlag. Der Millionär sagte: Wenn ich vier Wochen bezahlen muß, so will ich auch vier Wochen bleiben, und wenn ich täglich das Bad bezahlen muß, so will ich auch täglich baden; Philipp Schmidt, der kein Millionär war, sprach ebenso, Fräulein Azalinka hatte längst so gesprochen; in Rimselrain badete alles, trank alles den Brunnen, Kranke und Gesunde. Ein freiwilliger Zwang ist auch eine Kur und unter Umständen eine ganz lustige. Frühmorgens fünf Uhr ging Herr Milett nüchtern zum warmen Schwefelbade. Die Stunde mußte pünktlich eingehalten werden, denn später spendete der geizige Wirt kein warmes Wasser mehr. Nach dem Bade zog dann die ganze Gesellschaft über den nassen Grasweg zum Brunnen. Dies war zwar die verkehrte Welt, da man anderswo zuerst trinkt und nachher badet, allein in Rimselrain war alles verkehrt und eben darum höchst interessant. An der Quelle bildeten sich bunte Gruppen, darunter ein halbes Dutzend ganz armer Patienten, die um den Viertelspreis schlecht genug verpflegt wurden und neben dem Hühnerstall eine elende Schlafstätte hatten; sie durften erst ganz zuletzt trinken. Milett unterhielt sich gern mit ihnen, trank mit ihnen und unterstützte sie insgeheim auf mancherlei Art. Sie machten vergnügte Gesichter, wenn sie ihn nur von weitem sahen. Fräulein Ludmilla fand diesen Verkehr mit dem Pöbel abscheulich. Sie hätte so gerne ganz allein Herrn Miletts Gegenwart zu ihrem Schwefelwasser genossen. Nun aber zog er sich stets unter seine Armen zurück, die er seine Leibgarde nannte! Das verzieh sie ihm nicht. Nach acht Tagen bemerkte man eine auffallende Veränderung am Brunnen. Das zersprungene Glas ohne Henkel war verschwunden und statt seiner stand den Gästen eine ganze Auswahl hübscher neuer Gläser zur Verfügung und ein nettes Bauernmädchen schöpfte das Wasser für alle. Das schönste Glas, rot mit eingeschliffenen Bildern, gehörte dem kleinen Fritz; das arme Kind war ganz glückselig über sein schönes Glas. Ja noch mehr, der Weg zur Quelle fand sich eines Morgens mit Brettern belegt, so daß man trockenen Fußes hinüberkommen konnte, und in der Kurpromenade standen sogar etliche Bänke. Und dies alles hatte, so hieß es, der grobe Wirt getan. Einige deuteten es als ein Vorzeichen seines nahen Todes, daß er seinen Sinn so ganz umgeändert habe; er nahm aber das Lob der Gäste schmunzelnd hin und schimpfte nur hinterdrein auf den ungemessenen Luxus dieser neuen Zeit. Die Leser wissen freilich, daß nicht der Wirt, sondern Herr Milett der geheime Urheber dieser Verbesserungen war und dem Wirte tiefstes Schweigen auferlegt hatte, welches dieser auch mit einigen Flüchen gelobte. In seinem Geize ließ sich Zacharias Oberg'schwendner die geschenkten Gaben des närrischen Gastes gefallen. Doch als dieser auch die Küche insgeheim etwas verbessern wollte, widerstand er unbeugsam. Und mit Recht. Denn er dachte, wenn die Gläser allmählich zerbrechen und die Bänke verfaulen, dann nehmen die Leute das so hin als den Gang alles Fleisches und fordern keine neuen; wenn aber diese Bauern ein einzigmal besser gegessen haben, dann wollen sie für alle Zeiten besser essen. Milett freute sich, überall vergnügtere und freudig überraschte Menschen zu sehen und sich selbst als den geheimen Schöpfer dieser Freude zu wissen, während er doch keinen Dank zu nehmen oder abzuwehren brauchte. Ludmilla staunte über diese Dinge, die sie nur halb begriff. Sie wollte den seltsamen Mann zu einem Geständnisse zwingen und er gestand gar nichts. Er war gegen sie sehr höflich, drei Schritt vom Leibe, und gab ihr seinen »ritterlichen Schutz« aus der Entfernung. Niemals ersuchte er sie um die Vorlesung einer ihrer Novellen; er behauptete sogar einmal, Männer könnten überhaupt nicht vorlesen hören, diese schöne passive Gabe besäßen nur die Frauen und zwar in bewundernswertem Maß. Sie begann den Mann zu hassen und seinen ungeschliffenen Freund, diesen Philipp Schmidt, haßte sie doppelt und dreifach. Dem Wirt enthüllte sie, daß Herr Milett kein verkappter Fürst, überhaupt nichts Vornehmes sei, sondern nur ein bürgerlicher, aber steinreicher Mann. Hinter jenem Schmidt aber stecke ein Geheimnis, er führe einen falschen Namen, das kranke Kind sei auch offenbar nicht sein Sohn, dazu sei es viel zu zart und fein, sehe auch dem Grobian gar nicht ähnlich. Der Alte sei vermutlich ein Schwindler, ein Betrüger, der den törichten Milett bestricke und ausbeute, und das arme Kind sei gewiß das Opfer einer dunklen Tat. Sie witterte Handlung, sie spürte und spähte und zerbrach sich den Kopf und konnte doch keine Handlung finden. In ihrem Ärger beschloß sie zuletzt, die Handlung selbst zu machen. Nach der Brunnenpromenade und dem Kaffee begab sich Herr Milett regelmäßig auf sein Zimmer, um auf einer schmalen Bank, die ein Sofa darstellen sollte, etwas unbequem ausgestreckt, der Ruhe zu pflegen. Da aber im ganzen Hause keine Tür und kein Fenster schloß, so strich die Zugluft des frühen Morgens so fröhlich durchs Zimmer, daß er nur mit dem Hut auf dem Kopfe sich niederlegen konnte, wie er auch bei stärkeren Regengüssen mit aufgespanntem Schirm im Schwefelbade saß, weil ihm sonst durch die löcherige Decke des Badekabinetts eine kalte Dusche auf den Kopf geträufelt wäre. In jener Mußestunde studierte Milett anfangs noch den Stadtplan und einen Fremdenführer von Wien, weil er die Reise zur Kaiserstadt noch keineswegs aufgegeben hatte. Seit der zweiten Woche jedoch beschäftigten ihn andere Dinge; – er hatte sich mit dem Wirt in einen geheimnisvollen Verkehr gesetzt, prüfte Papiere, die ihm dieser übergab, schrieb und rechnete, erzählte aber von diesen Studien nicht einmal dem Freunde Schmidt eine Silbe. Hatte denn Herr Milett seine Frau, seine geliebte Doris ganz vergessen, die er vordem so heiß herbeigesehnt? Ganz und gar nicht. Er gedachte ihrer täglich und schrieb auch täglich an sie – in Gedanken. Nur das wirkliche Schreiben fiel ihm schwer. Am ersten Tage meldete er ihr, daß er nicht nach Kopenhagen reise, sondern nach Wien, in Rimselrain jedoch vorher ein wenig ausruhen wolle, am achten Tage, daß er nicht nach Wien reise, sondern in Rimselrain bleibe. Was mußte die arme Frau dazu denken, zumal diese Nachrichten ganz kurz und trocken gefaßt waren! Er quälte sich vergebens, die unbekannten Reize dieses Wild- und Bauernbades zu schildern; er zerriß den Brief wieder. Hierauf wollte er Doris einladen, zu ihm zu kommen und die seltenen Genüsse von Rimselrain mit ihm zu teilen. Was wäre entzückender gewesen! Das schöne und geliebte Weib fehlte einzig und allein noch in dieser Idylle. Aber die Feder versagte ihm – Doris würde kein Verständnis für Rimselrain gehabt haben! Den Frauen und den Königen fehlt in der Regel der Sinn für den derben Humor, für das niedrig Komische, Genrehafte. Es gehört burschikoser Übermut dazu, geflissentlich wie ein armer Teufel zu leben, damit man sich im Geist um so erhabener fühle über all den Tand von seiner Welt. Und Frauen sollen nicht burschikos, sollen auch nicht übermütig sein. Doris würde Rimselrain nicht verstanden und – was noch schlimmer – hier würde sie auch ihn nicht verstanden haben. Er erschrak bei diesem Gedanken; bisher hatte er's für ganz unmöglich gehalten, daß ihn seine Frau irgend wann und wo nicht verstehe. Kein Wunder, daß er die Fortsetzung der Korrespondenz auf eine bessere Stunde verschob. Inzwischen kam endlich der lang erwartete lange Brief von Doris, ein Brief, wie ihn nur liebenswerte und liebebedürftige Frauen schreiben können, voll Herz und Gemüt und anmutigen Geplauders, überreich an Inhalt und reizend unordentlich in der Form. Das waren lauter echte, reine Ergüsse des Augenblicks! Er stand ihr so nahe in der Ferne, und sie stand ihm jetzt so fern. Doch das sollte nicht sein. In der Freude seines Herzens über den langen Brief wollte er einen gleich langen schreiben, indem er begann, ihr seinen neuen Freund zu schildern. Allein das Bild ward so flach und schief, daß er auch diesen Brief wieder zerriß. Er hatte gemildert, geglättet, um jenen harten, eigensinnigen und doch so tüchtigen Charakter seiner Frau begreiflich zu machen, aber das Eigenste jenes Charakters war, daß er gar nicht geglättet werden konnte. Neuer Schreck: Doris hatte gewiß auch kein Verständnis für den neuen Freund. Und zum Ersatz für all die ungeschriebenen Briefe schickte er ihr endlich – eine magere Postkarte. Allein er spann geheime Pläne hier in Rimselrain; von diesen hätte er doch wenigstens seiner Frau berichten können. Bisher hatte er noch gar kein Geheimnis vor ihr gehabt, er hatte ihr alle seine Pläne, selbst die rein geschäftlichen, schon im ersten Keime mitgeteilt. Nur diesmal nicht! Sie hatte kein Verständnis für Rimselrain, sie konnte auch kein Verständnis für seinen Plan haben. Er erschrak zum drittenmal vor sich selbst und schrieb abermals eine Postkarte mit der Nachricht, daß er täglich Schwefelbäder nehme und den Brunnen trinke, obgleich ihm eigentlich gar nichts fehle. Nun begann auch die Frau zu erschrecken; am Ende badete und trank sich der gesunde Mann noch krank! Es ging jetzt überall in Rimselrain geheimnisvoll zu. Sogar Herr Oberg'schwendner, sonst die Öffentlichkeit selbst, hatte sichtbar sein Geheimnis – weit über die geheimnisvollen Brunnengläser und Gartenbänke hinaus. Er deutete das manchmal in halbverschluckten Worten an und es schien ein sehr angenehmes Geheimnis zu sein. Er fluchte vor sich hin, behandelte die Gäste doppelt barsch und schalt die Dienstboten mehr als je, um seiner verschlossenen Freude Luft zu machen. Von irgendeinem qualvollen Geheimnis hingegen war Ludmilla erfüllt. Sie ward trotziger, aber auch noch unstäter und hastiger als vorher. War sie bis dahin den beiden Männern nicht ganz angenehm gewesen, so wurde sie ihnen jetzt ganz unangenehm. Des Nachmittags verschloß sie sich in ihr Zimmer und schrieb – nicht an einem Roman, sondern Briefe, die vielleicht selbst ein Roman waren. Ihr unsicheres Wesen schien auch auf ihre sonst so sichere Feder übergegangen zu sein. Häufig zerriß sie wieder, was sie eben geschrieben, so daß an zerrissenen Briefen damals kein Mangel war in Rimselrain. Je mehr sie sich aber von Milett und Schmidt abgestoßen fühlte, desto vertrauter erschloß sie sich – Herrn Zacharias Oberg'schwendner, aber nur damit auch er sich ihr erschließe; sie schmeichelte ihm, sie wollte ihm offenbar Geheimnisse ablocken. Das sah nun nicht viel anders aus, als ob sie einem Holzpflock schmeichle. Und doch widerstand Zacharias nicht ganz; er gab ihr Aufschlüsse, delphisch dunkel und lakonisch kurz, allein er gab doch etwas, und die Phantasie des Fräuleins verstand das Dunkle hell und das Kurze lang zu machen. Der einzige, welcher nach außen gar kein Geheimnis hatte, war Schmidt. Dafür marterte ihn eine innere Unruhe, die ihm selbst ein Geheimnis war: – er begann zum erstenmal an sich selber zu zweifeln! Fritz wurde täglich schwächer, das kranke Bein täglich schmerzhafter. Und der Knabe ertrug das alles mit so rührender Geduld. »Bin ich denn wirklich der rechte Arzt?« fragte sich der Vater. Er wies diese Frage von sich und sie drängte sich doch wieder auf, sie erschütterte ihn bis ins Mark. Er floh vor dieser Frage, weil sie sein eigenstes Wesen antastete. Allein der Freund hielt sie ihm trotzdem wiederholt und ernstlich vor und beschwor ihn, einen Arzt aus der nahen Stadt zu Rate zu ziehen. Schmidt fühlte sich durch dieses Ansinnen tief gekränkt; hätte Milett ihm nicht so nahe gestanden, so würde er fortan kein Wort mehr mit ihm gesprochen haben. Doch er verzieh ihm. Milett schwieg und dachte daran, auf eigene Faust einen Arzt zu holen. Das würde aber Schmidts Eigensinn nur noch mehr verhärtet und gar nichts genützt haben. Einem hoffnungsvollen Kranken mochte das Badeleben selbst in Rimselrain reizend erscheinen und einem Gesunden noch viel reizender. Wer aber einem teuren Kranken helfen will und nicht helfen kann, dem wird auch der entzückendste Kurort zuletzt zur Marterstätte. Um den Vater zu zerstreuen und das Kind zu vergnügen, veranstaltete Milett Spazierfahrten. Einen Wagen gab es nicht in Rimselrain. Zacharias Oberg'schwendner sagte: »Die Kranken sollen gehen, dann werden sie gesund, und wenn sie nicht gehen können, dann sollen sie liegen.« Ein Wirt in der Nachbarschaft besaß jedoch eine Kalesche, die mietete Herr Milett zum großen Verdruß seines eigenen Wirtes, der dem anderen spinnenfeind war. Herr Oberg'schwendner räsonnierte grimmig und wollte anfangs den fremden Wagen gar nicht vorfahren lassen an seinem Hause, dann aber fügte er sich unbegreiflicherweise, lächelte vor sich hin und sprach: »Da schlage ein Donnerwetter drein! doch der Herr kann ja machen, was er will. Ich weiß, was ich weiß!« Obgleich aber dem Kinde der Sitz höchst bequem bereitet wurde, so empfand es doch nur wachsende Schmerzen bei der Fahrt, und der Vater hatte ohnehin keine Freude an dem vornehmen Umherkutschieren. Er fuhr nur Herrn Milett zu Gefallen mit; während dieser nur ihm zu Gefallen den Wagen gemietet hatte. Lieber stieg er mit dem Freunde allein in eine nahe tiefdunkle Waldschlucht. Nur wo die Natur am düstersten, die Menschen am fernsten, da fand er noch Selbstvergessen und getrosten Mut. Eines Tages kehrten beide von diesem Gange zurück, während Fritz unter den Tannen der Kurpromenade geblieben war, behaglich in einem Rollstuhl gelagert, der auch auf Miletts Zauberwink ganz unerwartet das Inventar von Rimselrain bereichert hatte. Das Kind begrüßte die Heimkehrenden mit verklärtem Gesicht; seine Augen leuchteten, sein ganzes Wesen schien verändert. Es erzählte, als es so einsam dagelegen, sei ihm ein Engel erschienen, ganz weiß gekleidet, ein wunderschöner Engel, der habe es so mild und gütig angesehen und ihm mit der zarten Hand ganz leise über die Stirn gestrichen. Da sei es ihm ganz kühl geworden, ganz wohl und leicht, wie seit langem nicht. »Und der Engel hat mich gar freundlich gefragt, wie es mir gehe, und mich geküßt. Und dann sagte er, mir solle geholfen werden. Gewiß! ich soll wieder gesund werden.«! Der Alte erschrak. Das Kind hatte Sinnestäuschungen! es muß gefiebert haben, obgleich der dünne kleine Puls augenblicklich nicht mehr fieberhaft schlug. Schmidt war nicht abergläubisch; allein die Vision des Knaben erschien ihm wie eine Wahrsagung, die ihn tief erschütterte, wie die Wahrsagung, daß bald ein anderer Engel erscheinen werde, um den armen Kleinen von allem Leid zu erlösen – mit milder Hand – auf ewig! Milett befragte Knecht und Magd, ob sie niemand hätten zu dem Knaben ins Wäldchen gehen sehen. Sie versicherten, es sei kein Mensch zu dieser Stunde hierhergekommen. Da zeigte Fritz ein Bilderbuch und sagte, dies Buch habe ihm der Engel geschenkt, allein er habe das Buch wieder vergessen, weil der Engel so schön und gut gewesen sei, daß er nur an ihn habe denken müssen. Und über einen Engel, der Bilderbücher schenkt, konnte man sich vorderhand schon beruhigen. 4. Am anderen Tage wiederholten die Freunde den Gang in die Schlucht und blieben länger dort als gewöhnlich. Fritz war wieder unter den Tannen geblieben. Milett hatte den Badeknecht beauftragt, acht zu geben, ob der Engel seinen Besuch wiederhole. Als sie zurückkamen, war das Kind verschwunden. Niemand wußte, wohin es gekommen sei. Man durchsuchte das Haus, den Garten, die Wälder. Es war nicht zu finden. Der Vater war in Verzweiflung. Man befragte wiederholt den Badeknecht, der am Eingang des Tannenwäldchens gearbeitet hatte, einen halb blödsinnigen Menschen, aus dem man nur verworrene Aussagen erpressen konnte. Früher auf dem Hofgute des Wirtes im Stalle beschäftigt, war er zuletzt so dumm geworden, daß man ihn beim Rindvieh nicht mehr brauchen konnte, weshalb ihn Herr Oberg'schwendner ins Kurhaus versetzt hatte. Endlich behauptete er allerdings, einen kleinen hageren Mann gesehen zu haben mit großem Barte, von Kopf bis zu den Füßen weiß gekleidet wie ein Koch. »Also Gewalttat, Kinderraub!« rief Ludmilla, vielleicht nur der Wiederraub eines vordem geraubten Kindes.« Herr Schmidt schien ihr nun erst recht verdächtig. Die Handlung war da. Leider schien sie kriminalistisch zu werden. Milett aber packte den Wirt am Arme und rief, die Aussage des blödsinnigen Knechtes genüge ihm nicht. Er habe den Verdacht, daß seit mehreren Tagen eine fremde Person im Hause gewohnt habe. Er habe sie nicht gesehen, nur gehört, es sei ihm gleichgültig gewesen, doch jetzt besinne er sich dessen. Zacharias leugnete standhaft. »So werde ich in die Stadt fahren und dem Gerichte die Anzeige machen!« Der Wirt brach in eine ungeheure Kette von Flüchen aus. »So geht es, wenn man vornehme Leute beherbergt: da hat die Gemütlichkeit ein Ende! Das Gericht in meinem Hause? Bleibt mir vom Leibe mit dem Gericht! Ich will alles bekennen!« Er erklärte nun, der dumme Knecht habe falsch gesehen. Der kleine Mann habe keineswegs weißen Rock und Hosen getragen wie ein Koch, sondern ein langes weißes Kleid, habe auch keinen großen Bart gehabt und sei überhaupt kein Mann gewesen, sondern eine Dame und zwar eine ganz junge und feine. Wie sie heiße, wisse er nicht. »Sie hat drei Tage hier gewohnt und mich bewogen, dies vor aller Welt geheim zu halten; sie ging nicht aus, außer wenn die Gesellschaft im Bade oder am Brunnen oder sonstwo war, und aß auf dem Zimmer. Daß sie eine Verbrecherin war, ist klar, denn sie gab dem Gesinde unmäßige Trinkgelder, um ihr Stillschweigen zu erkaufen. Der Henker hole das vornehme Volk! Gestern abend verreiste sie, aber heute scheint sie wieder dagewesen zu sein. Mehr weiß ich wahrhaftig nicht.« Durch das Geständnis des Wirtes ermutigt, erzählte nun auch die Magd, daß die Dame heut in einer prächtigen Kutsche mit zwei Rappen vorgefahren, dann ins Wäldchen gegangen und wieder abgefahren sei. Da habe sie ohne Zweifel den Knaben mitgenommen. Als Ludmilla vernahm, daß der Koch eine Dame sei, wollte sie sich entfernen. Milett bemerkte es und rief: »Bleiben Sie, mein Fräulein! Wissen Sie vielleicht von jener Dame?« Sie verneinte es, ward aber zusehends kleinlauter und sprach nicht mehr von Gewalttat und Kinderraub und endlich eingetretener Handlung. Die Handlung war zwar da, aber es schien ihr nun nicht die richtige. Milett befahl dem Wirt: »Führen Sie uns auf das Zimmer der rätselhaften Dame. Hat sie ihr Gepäck mitgenommen?« – Er wußte es nicht. – »Das wissen die Wirte sonst doch sehr genau. Vielleicht finden wir dort eine Spur.« Das Zimmer war verschlossen, der Schlüssel fehlte. Man rief nach einem Schlosser, doch den gab's nicht in Rimselrain und man brauchte auch keinen. Der Wirt kam mit der Axt. Die Tür widerstand lange, sie war zufällig das einzige, was man gut, niet- und nagelfest im ganzen Schwefelbad nennen konnte. Endlich erlag sie den Streichen und fiel krachend ins Zimmer. Es war ganz leer. Alle standen verblüfft. Der Wirt hatte seine einzige gute Tür umsonst zusammengeschlagen. Im selben Augenblick hört man das Rollen eines Wagens. Eine elegante Equipage fährt vor; zwei Damen sitzen darin; sie steigen aus; die eine trägt Fritz auf dem Arme. Die ganze Gruppe eilte ihnen entgegen. Nur Ludmilla sucht unbemerkt zu entschlüpfen; aber Milett sieht es und bietet ihr artig den Arm, daß sie ihm folgen muß. Doch als er der beiden fremden Damen genauer ansichtig wird, die eben ins Haus treten, hätte er in den Boden sinken mögen: es ist seine Frau! es ist Doris selber! und ihre Kammerjungfer trägt den Fritz. Doris befiehlt derselben, das Kind sofort auf ihr Zimmer zu bringen. Die sanfte Doris scheint hier schon ganz bekannt zu sein und an selbständiges Verfügen gewöhnt. Ihr Gatte begrüßt sie mit einem Gemisch von Staunen, Freude und bösem Gewissen; sie begrüßt ihn mit der unbefangensten Zärtlichkeit. Dann spricht sie mit so fester Stimme, wie sie ihr Mann noch gar nie von ihr gehört hatte: »Das erste Wort muß ich mit Herrn Schmidt reden. Sie sind ein eigensinniger, starrer, stolzer, ein trefflicher, gerader, fester Mann, der beste und der schlechteste Vater! Sie waren auf dem Wege, Ihr Kind zum Krüppel zu machen, ja es zu töten aus lauter Vaterliebe und Eigensinn. Aber das Kind wird seine geraden Glieder wiederbekommen und leben – so Gott will. Ich konnte den Jammer nicht länger ansehen; darum nahm ich Fritz heimlich mit zur Stadt. – Sie hätten mir das nie erlaubt, Herr Schmidt, auch wenn ich noch so innig gebeten hätte. Ich mußte List und Gewalt brauchen; ich weiß von dem Kampf, der Sie zuletzt verzehrte, jetzt ist er entschieden; das Kind hat seinen Arzt, und Sie werden froh sein, daß es ihn hat. Auf der Reise hierher lernte ich Geheimrat *** kennen, den berühmten Spezialisten; ich schilderte ihm den Fall, der mich schon seit vierzehn Tagen lebhaft beschäftigte, schilderte ihn auf Grund genauer Berichte, die mir in Hannover zukamen; ich bewog den Geheimrat, einen halben Tag in der Stadt zu verweilen, bevor er seine Reise nach Teplitz fortsetzt. Soeben hat er Fritz genau untersucht. Ihre ganze Behandlung, Herr Schmidt, war grundverkehrt: das Bein muß in Eisen geschient, der Knochen wieder geradegebogen werden – da hilft kein Schwefelwasser! – orthopädische Behandlung und innere Kräftigung ist geboten, und es ist die allerhöchste Zeit! Der Knabe muß eine weibliche Pflege haben; er hat bei Ihnen drei Väter für einen gehabt, Sie sind ein unvergleichlicher Vater, aber dem Kinde fehlt eine Mutter.« »Ihm fehlt eine Mutter!« wiederholte Schmidt tiefbewegt. »Und ich will seine Mutter sein«, vollendete Doris. Fritz war auf dem Zimmer nicht zu halten gewesen; er kam herbeigeeilt, schmiegte sich an die anmutvolle junge Frau und rief: »Vater, das ist der Engel, der mir das Bilderbuch gegeben hat, und ich werde wieder gesund werden!« Schmidt fand keine Worte, doch sein Auge strahlte Erlösung. Milett hätte seiner Doris um den Hals fallen mögen, bemeisterte jedoch sein Gefühl und fragte: »Aber woher, liebe Doris, kam dir denn so genaue Kunde von dem Knaben?« »Von dir gewiß nicht!« antwortete sie mit schalkhaft strafendem Blick. »Seit zwei Wochen wußte ich genau, was du täglich, ja stündlich triebst; ich wußte genau, in wie schlechter Gesellschaft du hier verkehrtest, mit verdächtigen Personen, die dich ausbeuteten und zu kindischer Verschwendung lockten, die man dunkler Schuldtaten zeiht, mit diesem Kinde, aus dessen blassen Zügen ein an ihm begangenes Verbrechen spricht, mit einer Dame – – Fräulein Azalinka – Sie wollen sich entfernen? Ich bitte, bleiben Sie. Bin ich Ihnen doch zu Dank verpflichtet für die täglichen Briefe, die ich zwar nicht erbeten hatte, die mir aber die Lücken in meines Mannes Briefen vollständig ergänzten.« »Hätten Sie meine zerrissenen Briefe gelesen!«– rief Ludmilla. »Hättest du gar erst meine zerrissenen Briefe gelesen! –« unterbrach Milett. »So würden Sie wissen, wie arg die notgedrungenen Anklagen mir das Herz zerrissen haben«, fuhr jene fort. »Wir Frauen haben den Naturtrieb der gegenseitigen Hilfeleistung. Ich konnte es dauernd nicht mit ansehen, Herr Milett, wie Sie in schlechter Gesellschaft hier Ihre Zeit vergeudeten, ohne daß sich das weibliche Pflichtgefühl in mir regte, Ihre Frau Gemahlin, die mir entfernt befreundet ist –« »Sehr entfernt!« unterbrach Doris. »Davon in Kenntnis zu setzen.« »Ich errate!« rief Milett. »Das war also der Roman der Briefe, die Sie täglich schrieben! Das war die Handlung, die Sie suchten! Sie verdächtigten mich bei meiner Frau, lediglich, damit doch etwas Handlung in die reine Stimmungsidylle von Rimselrain komme!« »Nun, die Handlung mußte kommen auch ohne meine Briefe«, entgegnete Ludmilla boshaft. »Und jetzt scheint sie ja recht lustig anzufangen!« »Sie endet eben jetzt«, verbesserte Doris. »Ihre novellistischen Naturstudien im Schwefelbade griffen tief, mein Fräulein«, fuhr Milett unerbittlich fort. »Sie wollten Vivisektionen machen an meinem und meines geliebten Weibes Herzen. Ich mag dergleichen bei den armen Tieren nicht, bei mir selbst aber noch viel weniger. Ich bin Mitglied des Vereins gegen die Vivisektion.« Als er sich nach der Angeredeten umsah, war sie verschwunden. Es folgte eine Pause des Staunens und Lächelns. »Meine Korrespondentin charakterisierte scharf,« fuhr dann Doris fort, »sie hat sogar Talent zur Karikatur. Mir ward himmelangst. Und dazu deine nichtigen Briefe! Eugen, welche Pein hast du mir bereitet! Begreifst du, daß es mich nicht länger zu Hause duldete? Die Unwahrheit der boshaften Berichte lag oben auf, und doch trug die Lüge zugleich den Stempel verhüllter Wahrheit. Das Fräulein fälschte, aber als eine Meisterin des Naturstudiums – sie fälschte nach dem Leben. Ich mußte mir Gewißheit verschaffen. Wir alle haben gefehlt – auch ich. Ich hätte dir die Lügenbriefe schicken sollen, daß du sie widerlegtest; allein deine eigenen Briefe verwirrten und lähmten mich. Ich reiste hierher, nicht um mit Vorwürfen in dein abenteuerliches Leben hereinzubrechen, sondern nur, um ganz heimlich ein klein wenig zu lauschen – Frauen lauschen ja so gern! – und wie gründlich habe ich euch drei Tage lang belauscht, wie oft bin ich dir ganz nahe gewesen, ohne daß du's merktest! Aus dem häßlichen Zerrbild der Briefe enthüllte sich Zug für Zug ein schönes, reines Bild! Aber ein wunderlicher Wann bist du doch – – und ein lieber Mann!« – fügte sie ganz leise hinzu, und ihr Blick sagte, daß sie ihn jetzt lieber habe als je zuvor, und sein Auge gab die gleiche Antwort. »Wie war es dir nur möglich, hier den heimlichen Aufenthalt zu nehmen?« fragte er dann; »wie gelang es dir, Herrn Oberg'schwendner in ein Geheimnis zu ziehen, welches, gleich deiner ganzen kurwidrigen Person, die Gemütlichkeit dieses Schwefelbades zu stören drohte?« »Unser biederer Wirt,« entgegnete Doris, »ist der einzige Charakter, den Fräulein Azalinka völlig verzeichnet hatte. Sie schilderte ihn so hart, so steinern, und er ließ sich doch erweichen durch Geld und gute Worte.« »Zacharias Oberg'schwendner! habt Ihr wirklich einmal eine Kaiserin abgewiesen, damit die Gemütlichkeit Eures Bades nicht gestört werde?« donnerte Milett dem Wirte ins Ohr. Ganz unerschüttert antwortete dieser: »Es war nur eine Prinzessin, und man hatte mir gesagt, Prinzessinnen verzehrten nicht viel. Das ist aber schon zwanzig Jahre her und inzwischen könnte sie sich wohl zu einer Kaiserin ausgewachsen haben.« Alle lachten. Dann sprach Milett zu seiner Frau: »Du glaubst nun all mein geheimes Treiben durchschaut zu haben; du irrst dich. Ich hege noch ein Geheimnis – es wird dich vielleicht erschrecken. Gehen wir zu dem stillen Sitz dort unter den Tannen. Freund Schmidt begleitet uns.« Als sie zu dreien im Schatten saßen, begann Milett: »Ich war mein Leben lang so glücklich und wußte selbst nicht, wie glücklich ich war, und eben darum war ich auf dem Wege, recht unglücklich zu werden. Unvermerkt hatte mich eine schwere Krankheit beschlichen – ich war ›blasiert‹ geworden. Blasiert – ein garstiges Fremdwort! es gibt kein deutsches dafür; denn diese Seuche ist auf fremdem Boden gewachsen; von West nach Osten zog sie durch die Welt, entgegen dem Weltgang anderer Seuchen. Bei diesem prächtigen Manne« – er drückte Schmidt die Hand – »lernte ich, wie innerlich frei und hoch und gottversöhnt ein starkes Herz auch das schwerste Geschick ertragen kann. Im Schimmer meines Glückes erschien mir diese schöne Welt Gottes erbärmlich verpfuscht; das Unglück dieses Mannes ließ mich die Harmonie der Welt ahnen, die Harmonie, welche in uns liegt und aus unserer eigenen sittlichen Kraft quillt. Es war eine milde Kur, Doris; eine strengere hätte mir auch verhängt werden können durch das läuternde Feuer eigenen Unglücks. Das Schwefelbad ward mir zum Quell der Genesung. Auch du bist bereits wie genesen, seit du nur hierherkamst, und der kleine Fritz wird hoffentlich noch in späteren Jahren von hier den Wiederbeginn seiner vollen Genesung rechnen. Und wird es nicht vielleicht auch Freund Schmidt, der Arzt, der an dir seine Ärztin gefunden? Ganz froh, ganz frei fühle ich mich nun aber doch erst, seit ich auch dich hier im Heilbad habe. Sollten wir nicht oft und gerne an dieses Rimselrain denken, ja sogar wiederkommen in seine kühlen Waldberge? Siehe, darum habe ich auch noch einem weiteren Menschen eine schwere Last abgenommen, ich habe noch einen Glücklichen gemacht: den Zacharias Oberg'schwendner; – ich habe ihm sein Schwefelbad abgekauft für zwanzigtausend Mark.« Doris fuhr erschrocken auf: »Eugen! es ist unmöglich!« »Wir wollen uns hier einen schönen Landsitz gründen, liebe Doris, einen Erinnerungstempel beseligender Tage. Und wenn wir ab und zu recht still vergnügt und frei von der Welt einander leben wollen, dann reisen wir nach unserer Villa Rimselrain – auf vier Wochen.« »Es kann dein Ernst nicht sein! es ist unmöglich, bester Mann!« rief Doris in wachsendem Entsetzen. »Welch ein Unglück, daß ich nicht bei dir war, dir den heillosen Plan auszureden. Hat denn das viele Schwefelwasser, welches du trankst, dich vergessen machen, daß wir bei Hannover wohnen? Eine Villa am Böhmerwald! – und dies abscheuliche Bad eine Villa – Man riecht den Schwefel schon auf eine Viertelstunde.« Milett lächelte und sah der erregten Frau recht tief in die Augen. »Es war nur ein Scherz«, fuhr er fort – »Gottlob, daß du das Bad nicht gekauft hast«, unterbrach Doris. »Wie konntest du mich so erschrecken!« »Es war nur ein Scherz,« betonte der Gatte nachdrücklich, »daß ich uns hier einen Landsitz gründen wollte. Aber das Bad habe ich wirklich und wahrhaftig gekauft. Ich muß jedoch noch einiges von meinem Glück erzählen. Welchen Schatz ich an dir besitze, das glaubte ich immer zu wissen, und doch erfuhr ich's erst heute voll und ganz. Du fügtest dich stets meinem Willen; das ist wohl schön. Heute aber erfuhr ich, daß du auch deinen eigenen Willen haben und ihn glorreich zum Ziele führen kannst; und das ist fast noch schöner. Kaum hast du mir jemals widersprochen, und jetzt mit einemmal entfaltest du die Gabe des Widerspruchs in unwiderstehlicher Liebenswürdigkeit« – und er flüsterte dem Freund ganz leise zu: »sie muß doch eine kleine Strafe dafür haben, daß sie uns so listig belauscht hat.« »Du bist grausam, unmenschlich mit deinem Spotte!« rief Doris. »Im Gegenteil. Ich war vielleicht niemals milder und menschlicher gesinnt als eben jetzt. Hätte ich denn sonst Rimselrain gekauft? An dieser Schwefelquelle erfuhr ich zunächst, wie beglückend es ist, andere mit ungeahnter Freude zu überraschen, anderen zu helfen. Ich möchte solchen Glücks auch weiter dauernd teilhaftig bleiben. Rimselrain war ein Bad der Bauern und der Armen seit alter Zeit. Es ist schändlich heruntergekommen, es soll wieder emporsteigen. Hierauf gründet sich mein Plan. Wir haben voriges Jahr zu unserem übrigen Vermögen ein artiges kleines Kapital von zweimalhunderttausend Mark ererbt und sind reich genug, dieses Geld ohne Vorwürfe so nebenbei zu unserem Vergnügen ausgeben zu dürfen. Nun gut, ich mache mir das Vergnügen, das Geld in diesem Schwefelbad anzulegen. Schlicht und nett soll ein neues Badehaus sich erheben, die Quelle soll frisch gefaßt, die Bäder sollen zweckmäßig eingerichtet werden, bürgerlich einfach soll die Pflege sein, mäßig die Preise bei einem Dutzend Freistellen für die Armen. Ist es nicht ein beglückender Gedanke, mit unverdientem Geld geplagten armen Leuten jenes Traumbild zu verwirklichen, wie es im Buche stand, Freund Schmidt! – ›Drei Wochen im Bade?‹ Auf Gottes Lohn und anderthalb Prozent rechne ich nebenbei für mich. Und besuchen wir dann einmal das verjüngte Rimselrain, dann wollen wir vergnügte Gesichter sehen. Ein Arzt darf nicht fehlen. Als Verwalter des Ganzen, als unseren Statthalter aber stellen wir unseren Freund an, der die Menschen kennt und ihre Leiden, der Leidende zu trösten weiß, weil er Leiden zu tragen verstand, ja der nebenbei sogar ein halber Arzt ist – – « »Kein Arzt mehr!« unterbrach jener. »Zum Krankenwärter taugte ich einmal, zum Kurdirektor würde ich niemals taugen, selbst nicht in einem Wild- und Bauernbad. Laßt mich meiner Wege gehen. Ich bin ein eigensinniger Mann, wie Frau Doris richtig gesagt hat. Aber ich atme wieder freier. Diese zarte Frau hat mir einen Stein vom Gewissen gewälzt, den ich im Starrkrampf meines Stolzes mit aller Manneskraft nicht bewältigen konnte. Ein Engel hat meinem Kind die Genesung verheißen, und ich hoffe jetzt auf des Wortes huldreichste Erfüllung. Zwei Menschen fand ich hier, so gut, so lieb wie wenige, und in ihren hellen Augen spiegelt sich mir die Harmonie der Welt – wie unendlich viel fand ich mit euch an diesem Quell der Genesung! Die Statthalterschaft des neuen Heilbades gebt einem Würdigeren; ich erbitte mehr von euch: – schenkt und bewahrt mir eure Freundschaft bis in den Tod, und laßt es euch zur kleinen Gegengabe an dem Dank und Segen eines armen Mannes genügen.« Nachwort Wilhelm Heinrich Riehl, der als humorvoller Mann immer zur Selbstironie bereit war, schrieb über sich: »Ein jeder Mensch reitet seine Steckenpferde; ich habe deren drei: Musik machen, Novellen schreiben und große Fußmärsche unternehmen. Mit diesen drei Dingen hatte ich aber lange Zeit sehr wenig Anklang gefunden: meine Musik wollte niemand hören, auf meinen Gewaltmärschen niemand Schritt mit mir halten, und meine Novellen schrieb ich nur so verstohlen, als ob's eine Sünde wäre.« Denn manche Leute empfanden es als eine Wunderlichkeit, daß ein Professor der Kulturgeschichte und Statistik Novellen schreibe; er hat sein Steckenpferd immer wieder gegen allerlei Leute verteidigen müssen und – ein ganz klein wenig Recht hat er ihnen zwischen den Zeilen doch gegeben. Denn der Alte war sehr klug. Nein, Leidenschaft und höchster Beruf war ihm das Fabulieren nicht. Aber es war ihm eine sonderlich liebe Beschäftigung, und da er sich ihr hingab, gab er sich ihr auch mit ganzem Gemüte hin. Er war von viel zu tüchtiger Art, als daß er eine Arbeit ohne rechten Ernst und vollen Einsatz seiner Kraft unternommen hätte. Die einsamen Vulkangebirge Raabes, das alpenklare Urgebirge Jeremias Gotthelfs, der stille Rosenhof Stifters, die Paradiesgärtlein Kellers waren nicht seine Welt, er blieb in der wohlangebauten deutschen Mittelgebirgslandschaft. Er kennt wohl das Schauern, aber nicht das Schaudern. Er kennt die mit Schmerzen erkaufte harmonische Heiterkeit, aber nicht den zuckenden Blitz der ewigen Seligkeit mitten in der ewigen Nacht. Und dennoch holen ihn die Olympier, die manchem stolzeren Geist nur zögernd und halb die Hand gewähren, mit Freundlichkeit an ihren goldenen Tisch, und verbergen nichts vor ihm, denn er hat ein reines Herz und irrt sich nie in dem, was sich ziemt. Riehl fabulierte schon in den Knabenjahren mit jugendlichem Eifer, als er täglich mit den Schulkameraden den langen Weg von Biebrich nach Wiesbaden trabte. Walter Scotts Geschichten brachten dem Jungen frühe Anregungen. Mit achtzehn Jahren veröffentlichte Riehl seine erste »Novelle« – ohne freilich zu wissen, was eigentlich eine Novelle sei – und machte für die zehn Gulden Honorar eine vierzehntägige Rheinreise. Was eine Novelle sei, lernte Riehl erst, als er, seit 1854, in München mit Heyse verkehrte. Bei der Frau Staatsrätin Elisabeth von Ledebour, einer weitgereisten, feingebildeten alten Kurländerin, versammelten sich die drei »Ecken« Heyse, Geibel und Riehl, später kam Graf Schack als vierte Ecke hinzu. Sie lasen ihre Arbeiten frisch vom Blatt einander vor und besprachen sie. Hier gedieh der hochgeschätzte Journalist und Professor zu einem sorgsamen Novellenschreiber. In der langwierigen Genesungszeit nach einem Typhus im Winter 1855/56 vollendete er seinen ersten Novellenband, die »Kulturgeschichtlichen Novellen«, die sein literarisches Antlitz für das Lesepublikum (wie es so oft geht) ein für allemal fest umrissen. Die beiden ältesten Stücke, die er darin aufnahm, sind »Der Stadtpfeifer« und »Meister Martin Hildebrand«, sie wurden schon 1874 geschrieben. In der Einleitung zu jenem Novellenband, den er beziehungsvoll »Aus der Ecke« nannte, schrieb er 1874 rückblickend: »Nachdem ich die wahre Natur der Novelle erkannt hatte, beschloß ich, fünfzig Novellen zu schreiben zu einem Gesamtwerk, welches eine ernste Lebensaufgabe umschlösse, und auf Grund dessen man mich einen Novellisten nennen könnte.« Und später: »Mein Plan war, als Novellist einen Gang durch tausend Jahre der deutschen Kulturgeschichte zu machen, vom neunten Jahrhundert bis ins neunzehnte.« Im Jahre 1888 schrieb er die letzte der fünfzig Novellen, dann nicht eine einzige mehr. (Er starb 1897.) Man muß also Riehls Novellen als ein im großen (wenn auch nicht in den einzelnen Stücken) planvolles Ganzes auffassen. Es ist charakteristisch für dieses Gesamtwerk, daß es zur gleichen Zeit entstand wie Gustav Freytags große Zyklen. (Bilder aus der deutschen Vergangenheit 1859-1867. Die Ahnen 1872-1880). Riehl greift in den Problemen tiefer, ist im Aufbau kunstvoller und hat in der Zeichnung die feinere Künstlerhand gegenüber dem (ebenfalls von Scott beeinflußten) Freytag der kulturhistorischen Zyklen, bei ihm kommt auch der anspruchsvollere Leser auf seine Kosten. Riehl hat in der Vorrede des Bandes von 1888 den Plan einer historischen Anordnung seiner Novellen vorgelegt, worin sieben Zeitalter zu sieben Bänden geordnet sind: Älteste Zeit (hauptsächlich Karolingerzeit), Romanisches Mittelalter, Reformation und Renaissance, Zeit des Dreißigjährigen Krieges, Rokokozeit, Zeit der französischen Revolution, Neuzeit. Die Bände sind dem Umfang nach freilich sehr ungleich, die Frühzeit würde nur vier, die Rokokozeit aber vierzehn (zum Teil umfängliche) Geschichten bringen. Das mag – neben dem Wunsch, die gewohnten Zusammenhänge nicht zu zerreißen und die alten Buchtitel nicht verschwinden zu lassen – der Grund dafür gewesen sein, daß die schöne Gesamtausgabe von 1923 auf die Neuordnung verzichtet hat. Auch hat sich der künstlerische Stil in der Zeit von 1854 bis 1883 erheblich gewandelt, so daß bei einer kulturhistorischen Anordnung Stücke von ästhetisch sehr verschiedener Art und ungleichem Wert hart nebeneinander stehen würden. Denn daß Riehl in den mehr als drei Jahrzehnten künstlerisch und menschlich gewachsen ist, ergibt sich unzweifelhaft, wenn man die Werte in der Reihenfolge ihrer Entstehung durchgeht. Nicht nur, daß der Umfang der einzelnen Novellen wächst, der Aufbau wird differenzierter, die »Moral« weniger handgreiflich. Das eigentlich Kulturgeschichtliche und Anekdotische tritt gegenüber den psychologischen und ethischen Problemen an Interesse zurück. Es liegt ein grundsätzliches Bekenntnis darin, wenn Riehl, der zuerst das Kulturgeschichtliche stark betonte, die letzte seiner Novellen überschreibt: »Die Gerechtigkeit Gottes«. Damit bezeichnet er das Problem, das hinter den ernsteren seiner Geschichten stand; es ist hier das beherrschende Problem geworden. Die zeitgeschichtliche Einkleidung (Zeit Rudolf von Habsburgs) ist in der Tat unwesentlich, die Schicksalsfrage und die Antwort ist die Hauptsache: Alles äußere Geschehnis ist rätselhafter Zufall; aber vor der »Zuversicht der Gerechtigkeit Gottes (man betone: vor der Zuversicht, nicht: vor der Gerechtigkeit), vor dieser Zuversicht, die da glaubet, was sie nicht sieht, verlieren die Rätsel dieser Welt ihr Grauen, die Rätsel unseres eigenen Lebens und Sterbens. (Sie werden nicht lösbar, aber sind nicht mehr grauenvoll)... Wo wir gehen und stehen auf dieser Erde, wohin wir fliehen und wohin wir auch versinken mögen, wir bleiben doch immer – unter dem Himmel.« Das ist das Höchste, was Riehl im Leben erreichte, und es ist Optimismus. Dies war der zuversichtliche Ausdruck eines aufstrebenden, optimistischen Zeitalters. Genau zur selben Zeit schrieb Raabe den »???Lar«. Aber im selben Jahre noch begann Raabe das erste der beiden großen Gegenbilder (deren eines nicht ohne das andre verstanden werden kann): »Stopfkuchen« und »Die Akten des Vogelsang«. Hatte sich Riehl mit zunehmendem Alter mehr und mehr in das Schicksalsproblem vertieft, so hatte er doch nicht damit begonnen. »Lebensrätsel« hieß der letzte Sammelband, der erste aber »Kulturgeschichtliche Novellen«. Sein Fünfzig-Novellen-Werk war nicht entworfen als ein Werk deutscher Weltanschauung, sondern deutscher Kulturgeschichte, freilich einer ideendurchwebten Geschichte. Im Vorwort des ersten Bandes von 1856 weist er seinen Novellen einen Platz zwischen dem historischen Roman und der historischen Tragödie an. In der Tragödie sei alles der Idee untergeordnet, der Dichter dürfe frei mit den Personen und Tatsachen umspringen. Im historischen Roman dürfe er das nicht. Darum seien weltgeschichtliche Personen, deren Charakter »im historischen Bewußtsein der Nation feststeht«, für den historischen Erzähler nicht verwendbar. Man müsse Personen und Handlung selbst erfinden oder aus den wenig bekannten Winkeln der Spezialgeschichte hervorholen, da nur solche Gestalten noch »bildsam« seien. Riehl erstrebt in seinen Novellen die Vereinigung der inneren Wahrheit einer Idee mit der »genrehaften Treue des historischen Kostüms«. Die Idee aber ist, durchaus im Sinne Rankes, »historische Idee«. Aber da sie eben Idee ist, handelt es sich im Grunde um mehr als irdische Geschichte. So dämmert schon im Vorwort von 1856 der Satz auf, daß die Novelle in ihrem »Kern« »jenes höchsten sittlichen Inhaltes voll ist, der uns in jeglichem Menschengeschick die Hand des gerechten Gottes erkennen läßt«. Hier liegt der Keim zu dem, was in der letzten Novelle beherrschend hervortritt. Und alles, was zwischen der ersten und letzten Novelle liegt, ist, indem das Anekdotische und Kulturgeschichtliche unwesentlicher und die Idee immer wesentlicher wird, nichts andres als ein Reifen der edlen Frucht der Lebensweisheit. Riehl hat wenig aus »Chroniken« geschöpft. Die Anregung zu einer Geschichte erhielt er nur zuweilen aus Geschichtsquellen, und dann war es nicht das Anekdotische, sondern der Konflikt und dessen Idee, was ihn reizte. Ein Beispiel: Der »stumme Ratsherr« von Wetzlar, der gezähmte Hund Thasso ist, wie der Dichter selbst betont, eine freie Erfindung: Riehl selbst ist das Urbild Gerhard Richwins, der Hund Thasso ist keineswegs in Wirklichkeit 1368 in das hochgieblige Haus des Wollwebers gekommen, sondern er ist kein anderer als des Autors ungezogener Rattenfänger. War Riehl doch ein Freund der Hunde, die zu preisen ihm Herzenssache war. So hat Riehl auch nicht während der Arbeit aus Büchern zusammengetragen, sondern die Phantasie frei schalten lassen. Sie gab ihm Stoffes genug und von zehn Ideen wurde, wie er selbst schätzt, nur eine durchgeführt. Damit hängt es auch zusammen, wenn die Geschichten, die in früheren Zeiten spielen, weniger reich im kulturgeschichtlichen Kostüm sind als die Geschichten des Barock, Rokoko und der jüngsten Vergangenheit. Riehl durchdachte den Konflikt, den er gestalten wollte, aufs klarste und baute danach in antithetischem Fortschritt die Handlung auf. Die Kapiteleinteilung läßt den Aufbau markant hervortreten. Wie er die Geschichten »komponiert«, sagt er im Vorwort von 1880: »Bei der Gliederung der Kapitel verfahre ich architektonisch-musikalisch, als ob es Tonsätze wären, und baue den Gesamtplan am liebsten auf zwei thematische Motive, im doppelten Kontrapunkt, wie aufmerksame Leser schon längst entdeckt haben.« Man kann bei Riehl ein musikalisches und ein zeichnerisches Element unterscheiden. Das musikalische gibt die Stimmung an (und damit das »Lesetempo«). Weit mehr aber tritt das zeichnerische Element hervor. Riehl nennt seine Geschichten gelegentlich Holzschnitte. Die beiden Bände »Geschichten aus alter Zeit« wollte er ursprünglich »Holzschnitte« überschreiben (aber der Verleger hielt den Titel für »zu kühn«); nun aber widmete er sie Ludwig Richter als dem Meister des Holzschnittes. In der Widmung sagte er: »Wer aber wirklich erzählt (nicht schildert), der sucht vor allem die feste, reine Linie der Handlung, deutet Licht und Schatten bloß an, läßt Schmuck und Beiwerk und die weite Fernsicht des Hintergrundes mehr erraten, als daß er sie ausspräche. Sein höchstes Ziel steht dahin, außen grob und inwendig fein zu sein, außen sparsam und innen reich. In diesem Vorbilde begegnen sich die deutsche ›Geschichte‹ und der echte Holzschnitt.« Aber es ist nicht der alte deutsche Holzschnitt der Heiligen Dorothea von 1400 oder des Augsburger Kalenders von 1487, auch nicht der Dürerschen Offenbarung oder des Holbeinschen Totentanzes, sondern der Holzschnitt der romantisch-idealistisch-bürgerlichen Zeit mit seiner gemütvollen, feinsinnigen Sauberkeit. Es liegt in Riehl die Tendenz zu einem Ludwig Richter der Erzählung. Aber bei Richter war die quellende Gemütskraft stärker, Riehls Phantasie hingegen war von bewußter Intelligenz beherrscht. Das Musikalisch-Stimmungsgemäße ist bei ihm nicht blut- und glutvoll (auch nicht in Stifterscher Verhaltenheit), die Farbe ist gleichsam aquarellmäßig zart. Die Linien aber sind zugleich fein, fest und klar. Wenn uns diese Novellen nach längerer Zeit ins Unbestimmte des Gedächtnisses versinken, so bleibt nicht ein Ton, sondern eine Linie zurück. Nicht ein Brausendes oder Grauenvolles oder Funkelndes, sondern die Linien des Konfliktes bleiben unvergeßlich haften. Mit dem starken Einschlag der Intelligenz hängt die moralisch-pädagogische Neigung Riehls zusammen, die auch in den Geschichten durchbricht, obwohl er nicht belehren, sondern vor allem Handlung geben will. Es handelt sich bei ihm immer um die Erziehung der Menschen. Alle »Zufälle« sind im Grunde weise Fügungen der »Gerechtigkeit Gottes« (»Ein religiöses Gemüt kennt keinen Zufall; denn der Zufall ist ihm gerade das Notwendigste, über unserem freien Willen stehend,– im Willen Gottes, das kleine Rätsel im großen Welträtsel.«) und haben den Sinn, die Menschen besser, weiser, reifer zu machen. Darum kann man jeder Riehlschen Novelle eine Moral entnehmen, sie ist zuweilen im Aufbau der Erzählung geradezu durch Kennworte markiert. Der starke Zuschuß von Intelligenz ist es auch, der dem an sich naturwüchsigen und mutterwitzigen Humor Riehls oft die Färbung einer überlegenen, wohlwollenden Ironie verleiht. Etwa: »Zum großen Künstler gehört seit Beethoven unbedingt ein Stück Märtyrertum, und wer ein solches erlebt hat, dem dichten es später seine Biographen an.« Oder: »Und die moderne Kunst soll aufregen, das bloß Anregende gehört dem verblaßten Klassizismus. – Die Kunstqual ist der wahre Kunstgenuß.« Diese innere Haltung, in der sich Kritik mit gelassener Anerkennung des Unvernünftigen, ja, mit einer gewissen Liebe zu dem Unvernünftigen verbindet, gehört zu den liebenswürdigsten Erscheinungen geistiger Bildung. Diese spezifische Art der Ironie waltet auch in Riehls Wertschätzung der eigensinnigen Käuze, der Pedanten usw., und sie ist wohl die Ursache, daß er eine gewisse Vorliebe für das Rokoko hat; wenigstens scheint mir, daß die Rokoko-Geschichten mit besonderer Hingebung und ausgezeichnetem Humor geschrieben sind. Aber die Intelligenz Riehls ist weit entfernt von dem, was wir heute Intellektualismus zu nennen pflegen. Denn Riehl wurzelt fest im Volke. Auch in seinen geistigsten Regungen ist noch Saft und Kraft der Erde. In dieser Verbindung der Erdhaftigkeit, Volksmäßigkeit und gepflegter Geistigkeit liegt der eigentliche Wert nicht nur der wissenschaftlichen, sondern auch der literarischen Arbeiten Riehls. Treibt ihn der Geist zu thesenhafter Formulierung allgemeiner Erkenntnisse, so nimmt der Ausdruck unwillkürlich etwas Sprichworthaftes an, die logische Formulierung hat eine gewisse Beimischung von Mutterwitz. Die Riehlschen Erkenntnisse sind immer so fest geformt, daß man sie sozusagen in die Hand nehmen kann; sie zerreißen nicht alsbald in ein lockeres Gewebe von Beziehungen, sie zerrinnen nicht wie ein Nebel ins Gestaltlose. Weil Riehl sich nicht gern in unbestimmten Allgemeinheiten umhertreibt, sondern greifbare, individuelle Gestaltungen und Prägungen liebt, befriedigt er sich nicht in theoretischen Abhandlungen, sondern schreibt Geschichten. Wissenschaft und Kunst sind bei ihm in ihrer alten Verflochtenheit beisammen. Er hat, wie Goethe, eine Abneigung gegen das Spezialistentum und schätzt, wie Goethe, den Dilettanten um der Ganzheit des Geistes willen. Das sinnenfrische Gefühl für alles Ursprüngliche, Individuelle, Gebildliche bewahrt Riehl vor erdenferner Verstiegenheit. Er ist, auch als Novellist, durch und durch gesund. Daher sind die kurzen allgemeinen Betrachtungen, die er hin und wieder in die Erzählung einfließen läßt, sinnenfrisch und erdenwahr. Seine theoretischen Erkenntnisse sind immer auch zugleich gesunde Volksweisheit. So steht Riehl mitten inne zwischen Romantik und Naturalismus. Er ist nicht Romantiker, denn er bleibt in der alltäglichen Erdenwirklichkeit. Er ist nicht Naturalist, da ihm die Realitäten nicht maßgeblich sind. Aber von beiden steckt etwas in ihm: die Achtung vor der Wirklichkeit, die Überordnung der Idee. Er ist ethischer Realist. Wenn wir nun versuchen, die innere Gesamthaltung des Geschichtenerzählers Riehl zu charakterisieren, so gibt er selbst uns dafür das Wort: Feierabend. Am Feierabend kommt das arbeitende Volk zu sich selbst, da ruht die Hand, und der Geist wird wach in Geschichten und Betrachtungen. Im »Feierabend« liegt zugleich das Besinnliche, Beruhigte, Weise des Alters. Nicht Sonntag – das würde nicht zutreffen auf Riehl, er ist nicht sonntäglich wie Keller. Aber »Feierabend« trifft das Richtige. Schon 1874 schrieb Riehl: »Ich erzähle Geschichten am liebsten aus einer Zeit, die selbst bereits Geschichte geworden. Denn die Geschichte breitet Frieden und Versöhnung über den Kampf, und ich möchte nicht im Byronschen Sinne aufregen, sondern im Goetheschen anregen, wenn ich erzähle.« Seinen vorletzten Novellenband nennt er »Am Feierabend«, und er begründet den Titel damit, daß er »die Stimmung des heiteren Behagens, der tiefinneren Versöhnung, des reinen, klaren Abendfriedens« erstrebe. Zuletzt schreibt er zusammenfassend 1888: »Ich erzählte alle meine Novellen in Feierabendstimmung und wünsche, daß sie diese Stimmung beim Leser erwecken möchten. Ich huldige nämlich der seltsamen Ansicht, daß die Kunst uns mit uns selbst und mit Gott und der Welt versöhnen solle, indem sie uns in allen Dissonanzen des Lebens doch zuletzt die hohe Harmonie von Gottes schöner Welt zu Gemüte führt, daß sie also nicht berufen sei, uns niederzudrücken, indem sie uns quält, sondern uns zu erheben, indem sie uns erfreut.« Die fünfzig Novellen Riehls, welche die deutsche Welt umspannen, sind Feierabendbücher nicht für einsame Menschen nur, sondern vor allem für Familien, die mit verständigem Nachdenken, mit Freude an kunstvoller Arbeit, mit reinlichem Gemüte und einigem Behagen zu lesen lieben. Dr. Wilhelm Stapel