Die Ameisenhexe. Kultur- und Lebensbild aus dem bayerischen Hochgebirge von Maximilian Schmidt     Leipzig H. Haessel Verlag     I. Die ausgedehnte Berggruppe, welche mit dem Namen »Karwendelgebirg« bezeichnet wird, gehört zu den wildesten Partien der nördlichen Kalkalpen und umfaßt vier mächtige, durch kurze Querriegel verbundene Parallelketten, von denen die südlichste an der linken Seite des Innthales zwischen Zirl und Hall aufragt, während die nördlichste, der eigentliche Karwendel, zugleich Landesgrenze zwischen Bayern und Tirol, im Thale der wildromantischen Riß ihren Abschluß findet. Dazwischen liegen die Hinterauthaler- und Gleirschthalerketten. Sie umfassen das Quellgebiet der Isar, deren Ursprung im obersten Winkel des Hinterauthales liegt. Die Felsspitzen und scharfen Grate dieses Gebirges zeichnen sich durch wilde, zum Teil phantastische Formen aus, deren Kühnheit den berühmten Gipfeln der sogenannten Dolomiten kaum nachsteht. Innerhalb dieses weiten Berggebietes giebt es, wenn man von den am Außenrande befindlichen Wohnorten absieht, keine ständigen Wohnsitze und nur während der Sommermonate sind die einsamen Thäler durch Sennen, Hirten und Jäger einigermaßen belebt; desto ausgedehnter sind die Felswüsten und Schuttkarre. Dieses wilde Gebirge birgt aber einen ausgedehnten Wildstand und enthält ausgedehnte 215 Jagdgebiete und Waldgehege, besonders gegen das Thal der Riß zu, woselbst der Herzog von Koburg Jagdherr ist. Um Jagd, Jäger, Wildschützen, Forst und Holzgewinnung dreht sich da, wie überhaupt im oberen Isarthale, das ganze Leben der wenigen Bewohner. So abgelegen und wild das Rißthal auch erscheint, so bietet es wegen seiner herrlichen Waldbestände, der kühn geformten Gebirge und wegen seines zahlreichen Wildes eines der interessantesten Standpunkte im Bereiche der deutschen Alpen. Hoch über der Einmündung des schäumenden Rißbaches in die Isar steht das dem bayerischen Königshaus gehörige Jagdschlößchen Vorderriß, daneben befindet sich das Forsthaus, zugleich Post und Einkehrhaus und eine kleine, schön gebaute Kapelle, ringsum eingeschlossen von dunklen Waldbergen und darüber emporragenden Felsengraten. Tief unten braust das Wasser über das Wehr und rasselt die Schneidsäge, vor welcher viele Tausende von Stämmen lagern, um ihrer Verarbeitung zu Brettern gewärtig zu sein. Es ist ein prächtiger Sommer-Sonntagsmorgen, heller Sonnenschein liegt auf Wald und Bergen und ein tiefblauer Himmel wölbt sich über dieser prächtigen Bergwelt. Vor dem Einkehrhause steht ein sogenanntes Schweizerwägelchen. Die braune Stute verzehrt mit Wohlbehagen den ihr im Holzbarren eingeschütteten, mit Wasser vermischten Haber. Das Pferd hatte schon den beschwerlichen Weg von Lenggries hierher gemacht und seinen Herrn und Besitzer, den Angerbauern, mit Sohn und Tochter hierher befördert. Diese tranken mit mehr oder weniger Wohlbehagen in der Wirtsstube soeben ihren Kaffee. Dem Vater sah man auf den ersten Blick den 216 Bauernwirt an. Er war ein großer Mann, etwa im Anfange der fünfziger Jahre stehend, mit einem vollen, rötlichen, glattrasierten Gesicht und starkem Doppelkinn. Seine Kleidung bestand in einem weichen Filzhute aus Seidenhaaren, mit dem er selbst in der Stube gern sein an Haaren mageres Haupt bedeckte, in einem langen Tuchrock, Lederhosen, langen Stiefeln, buntseidener Weste mit doppelreihigen Münzknöpfen und einem schwarzseidenen Halstuch, über welchem der weiße Hemdkragen umgelegt war. Hinter dem Ohr hatte er eine rote Nelke stecken. Der fünfundzwanzigjährige, mittelgroße Sohn war ähnlich gekleidet, nur trug er statt der ledernen eine lange, dunkle Tuchhose und der Nelkenstrauß prangte auf seinem Hute. Eine neue, lederne, vollgepfropfte Reisetasche mit grünem Tragzeug lag neben ihm. Er hatte üppige, blonde Haare und ein sehr einnehmendes, fast mädchenhaftes Gesicht mit sanften Zügen und blaßblauen Augen. Fast zum Sprechen ähnlich war ihm die Schwester, welche die dicken, blonden Zöpfe schön um den Kopf gewunden hatte, den ein kleines, schwarzes, mit Goldschnur und Blumenstrauß geziertes Chiemgauerhütl bedeckte. Rock und Aermel von blauem Stoffe, ein reichverziertes Mieder und ein bunt geblumtes Brusttuch machten ihren sehr wohlgefälligen Anzug aus. Der Angerbauer, Georg Leitermann von Lenggries, war erst im Auswärts (Frühjahr) ins Isarthal gezogen, um den ihm erbschaftsweise angefallenen, prächtigen Angerhof zu übernehmen. Er hatte früher im Chiemgau eine Wirtschaft an der Straße, benannt »das goldene Rößl«, die wegen ihrer Güte weit und breit im besten Rufe stand. Hoch und nieder kehrte dort ein und unter anderen sprach 217 auch besonders gerne der Erzbischof von München auf seiner Firmungsreise im »goldenen Rößl« zu. Dieser Umstand ermutigte den Wirt einst, den hohen Kirchenfürsten um die Ehre zu bitten, der Firmpate seines Sohnes, des Friedl, zu werden. Diese Gunst ward ihm gerne bezeugt und der ehrgeizige Wirt that sich viel darauf zu Gute. Friedl sollte studieren und ein großer Staatsmann oder ein Prälat werden. So wünschte es der Vater. Aber Friedl hatte eine ausgesprochene Abneigung vor dem Lateinischen und eine solche Vorliebe für die erste Klasse der Lateinschule, daß er nach zweijährigem Besuche derselben ihr auch noch ein drittes Jahr opfern wollte, was den wohlmeinenden Rat des hohen Paten zur Folge hatte, Friedl nicht weiter mit Studium zu plagen, sondern aus ihm einen Wirt und Landmann zu machen. Dies war denn auch der Fall. Für das »goldene Rößl« traten aber mit der Zeit magere Jahre ein. Durch die Eisenbahn ward der Verkehr auf der Landstraße brach gelegt und der Wirt ergriff gerne die Gelegenheit, den von seinem Vetter, dem Angerbauern in Lenggries, ererbten Hof zu beziehen, dagegen sein Wirtshaus zu verkaufen. Der erzbischöfliche Pate Friedls war inzwischen Kardinal in Rom geworden und der junge Bursche war soeben im Begriffe, die weite Reise dorthin zu unternehmen. Friedl sollte nämlich, dem Wunsche seiner Mutter entsprechend, eine ihm blutsverwandte, sehr vermögliche Base aus dem Chiemgau heiraten, wozu der päpstliche Dispens nötig war. Da nun die Mutter nicht ohne Grund befürchtete, daß das Bäschen, welches wegen seiner Schönheit und seines Reichtums viel begehrt war, leicht den Sinn ändern könnte, so sollte, um Zeit zu ersparen, Friedl selbst nach 218 Rom reisen, um durch seinen hohen Paten, den Kardinal, den Dispens möglichst rasch erwirken zu lassen. Heute nun begann er seine Romfahrt. Die Mutter segnete ihn und füllte ihm die Reisetasche mit Nudeln, Geselchtem und Wäsche; Vater und Schwester aber gaben ihm das Geleite. Auf ausdrücklichen Wunsch der Mutter sollte jedoch damit ein Besuch des Wallfahrtskirchleins in Hinterriß verbunden werden, damit die Himmlische den Sohn während der großen Reise in ihren Schutz nehmen möchte. Und so ward in Vorderriß Rast gemacht, um sich für den Weiterweg stärken zu können. Der Vater betrachtete den Sohn mit Wohlgefallen und ward nicht müde, ihm fortwährend Verhaltungsmaßregeln für die Reise zu geben. Besonders warnte er ihn vor den prellenden Wirten, die er mit allen möglichen Titeln belegte, doch freilich immer hinzufügte, daß die bayerischen Wirte, besonders jene im Chiemgau, mit gewissen fremdländischen gar nicht zu vergleichen wären. Dann sprach er mit ihm von Reiseabenteuern, die von selbst kämen und bei denen er immer seine Klugheit zu Rate ziehen solle. Friedl hörte schweigend zu. Der Kaffee wollte ihm nicht schmecken; war die altgebackene Semmel daran Schuld oder ein infolge der frühen Abreise geschwächter Magen – der Vater wußte es nicht, aber die Schwester, die Mirl, wollte es wissen. »Ge', iß dengerst die Kaffeesuppen,« sagte sie, »oder is dir unguat?« »Mei', mir steckt halt d' Roas' im Mag'n,« erwiderte Friedl. »Auf Rom zua, dös is koa' Kloanigkeit.« »Aber stolz kannst drauf sei', wenn's d' sagen kannst, du bist in Rom gwen bei Seiner Eminenz, dein 219 Firmgöden, und hast'n Papst gsehgn,« fiel der Vater ein. »Jessas, was gebet i drum, wenn i so a Glück hätt'.« »Woaßt was, Vater?« versetzte Friedl. »Geh' du für mi; i kehr mit Freuden wieder um. I hon gar koan Gusta zu die zerlumpten Italiener; i hon 's dick kriegt beim Eisenbahnbau.« »Du Patschi, du,« erwiderte der Alte. »In Italien selber is dös ganz anders, da giebt 's schöne Leut', und Lemoni und Pomeranzen wachsen auf die Alleebaam. Bua, da kannst Lemoniwasser trinka, daß 's a Freud is, und an' Wei' kriagst um an' Vergelt's Gott. Und kimmst nacha auf Rom zua, so richt' di fei' schö' zam, nimm a frisch's Schneuztüachl und sei manierli mit Seiner Eminenz, dein Firmgöd, daß er si' nit schaama muaß, wenn er mit dir zum Papsten geht.« »No', dumm gnua wer i mi stell'n!« versetzte Friedl, »b'sunders, wenn i d' Wahret verleugna muaß, wenn mi der Göd fragt, ob i 's Basl zum Fressen gern hon –« »So wirst»ja« sag'n!« fiel der Vater ein. »I sag scho' ja, aber denken thua i mir, was i will. Wenn der Dispens schwieri wird, laß i'n liaba ganz hint', denn gar z' viel möcht' i 'n Herrn Göd nit anstrenga.« »Da hat der Friedl recht,« versetzte die Schwester, die überhaupt in allem die Gesinnungen des Bruders teilte. »Was Anstrengung!« rief der Vater. »Dös geht alles sein g'weisten Weg; d' Hauptsach is, daß d' glei wieder hoamfahrst, wenn 's in Ordnung is, denn d' Muatta hat recht, 's Basl is a Goldvögerl, dös gar viel fanga möchten und 's waar mentisch schad, wenn 's dir davonfludern thaat. Woaßt Friedl, es is scho' recht schö', wenn's d' 'n Kasten voll Geld hast. Da hab'n d' Leut' an' Respekt vor 220 dir! A Bauer, der a Geld hat, is a Küni. Also tracht', daß d' a Küni wirst.« »O mei',« meinte Mirl, »'s Geld macht aa nit allemal glückli; a guats Gmüat is aa r a Reichtum, gelt Friedl?« »Aber a guats Gmüat kriagst nur, wenn d' 'n Beutel voll Geld hast,« warf der Vater ein. »Dös is nit richti,« sagte Mirl. »Wenn i in der Kircha andächti beten kann, so hon i a guats Gmüat; wenn i außi schaug zu die Berg und alles um mi so voller Pracht is, wenn d' Bleamln in der Blüat san, wenn d' Lercherln in der Luft jubiliern, wenn d' Sunna auffasteigt aus ihran guldan Bett oder wenn i nachts auffischaug zu die glanzeten Stern; da wird's mir wohl im Gmüat, da denk i an koa' Geld, Vata, und grad a so is's 'n Friedl z' Muat.« »Ja, ja, 's Mirl hat recht,« versicherte der Bursche. »Oes seid's halt dumme Patschi!« versetzte der Alte. »Moants denn, all die Pracht gfallet enk so guat, wenn's bettelarm wär'ts? Moants denn, 's Beten gaang enk so guat vom Herzen, wenn enk der Hunger martern thaat? Und d' Bleamln, d' Sunn und d' Stern, die macheten enk nur a halbe Freud, wenn's Kümmernis und Not am Herzen hätt's. I woaß's in unserm »golden Rößl« hab'n viel Maler zuakehrt und von dene habt's all die Faxen g'hört und g'lernt. No' ja, mir is 's ja recht; aber a Kasten voll Geld is mir alleweil liaba, als die schönsten Bleameln. Drum Bua, mach, daß d' auf Rom kimmst. Zeit is's, daß ma in d' Hinterriß fahrn, sunst kriegn ma' koa' Meß mehr. Also richts enk zam!« 221 Die Zeche ward beglichen und gleich darauf befanden sie sich auf dem Wege nach dem Klösterl. An Klammen und Wasserfällen vorüber, führt das schmale Sträßchen in dem engen, vom Scharfreiter einer- und dem Karwendel anderseits beherrschten Thale nach dem schönen Thalkessel der Hinterriß, woselbst sich das Franziskanerklösterl mit dem vielbesuchten Wallfahrtskirchlein »Maria von der Schmelz« befindet, so benannt, weil wahrscheinlich früher zu Hinterriß das aus der Erzklamm gewonnene Erz geschmolzen wurde. Etwas erhöht vom Klösterl steht das in gotischem Stile erbaute Jagdschloß des Herzogs von Koburg. Es ist ein wunderbarer Fleck Erde, dieses Hinterriß, fernab vom Getriebe der Welt, aber rings umgeben von der Majestät einer großartigen Natur, von der gewaltigen Masse des Karwendelzuges, aus welchem die wildschönen plattengepanzerten beiden »Falken« und das Gamsjoch vorspringen, dem Compar und thalabschließend dem Bettelkar und der Löffelspitze. Die Woche über herrscht hier die tiefste Stille, die beiden Franziskaner lesen ihre Messen meistenteils ohne Teilnehmer und auch das ans Klösterl angebaute Wirtshaus erfreut sich nur weniger Besucher, bestehend in Jägern, Waldbodenhütern und durchwandernden Touristen, die überdies lieber den eine halbe Stunde weiter aufwärts gelegenen, sogenannten »Alpenhof« aufsuchen, welcher dem Wildmeister des Herzogs gehört. An Sonn- und Feiertagen hingegen ist es sehr belebt in diesem sonst so stillen Winkel. Da kommen die Holzarbeiter aus ihren Holzstuben heran, die Sennen und Sennerinnen steigen zu Thal, und von außen her kommen Wallfahrer, so von der Jachenau, Lenggries, 222 Wallgau, Krün, Mittenwald, welch letztere über die Joche des Karwendels herübersteigen, und insofern die Herreise schon Tags vorher geschieht, so haben oft die zwei von einander entfernt gelegenen Gasthäuser nicht Raum genug, alle die Herbergesuchenden unterzubringen. Am frühesten Morgen eilt dann alles zum kleinen Kirchlein. Die verschiedenen Trachten zaubern ein heiteres, lebendiges Bild in diese Weltabgeschiedenheit. Der Angerbauer kam mit seinen Kindern gerade noch rechtzeitig zum Beginn des sonntäglichen Hochamtes und nachdem das Gefährt im Klösterlwirtshaus untergebracht, begaben sie sich ohne Säumnis in das kleine Kirchlein, woselbst sie der Gnadenmutter ihre Wünsche und Hoffnungen mitteilten. Es ist eine eigentümliche Stimmung, welche den Gläubigen in diesem von der Welt fast abgeschiedenen Kirchlein überkommt. Die hehre Großartigkeit der Natur, die tiefe Stille, der wohlthuende Friede, der sich sofort dem empfindsamen Herzen mitteilt, versetzen ihn in eine andere Sphäre. Es deucht ihm eine erquickende Rast im Kampfe des Lebens, und solch eine Stunde seelischen Friedens stärkt ihm Geist und Herz mit neuem Mut und frischer Kraft. Friedl dachte sich auch, wie viel angenehmer es für ihn wäre, wenn er nicht die beschwerliche Reise machen, sondern in der Heimat bleiben dürfte. Aber er hatte sich wohl oder übel dem Wunsche der Eltern zu fügen und so fing er denn für eine glückliche Reise zu beten an. Doch schon seit Beginn der Messe richteten sich Friedls Augen mehr, als es seine fromme Beschäftigung erlaubte, auf ein junges Mädchen, das in seiner Nähe kniete und ihm durch die wohlgefällige Tirolerkleidung mit dem dunklen 223 Bandhute, unter welchem ein paar dichte, schwarze Flechten hervorschauten, auffiel. Beim Evangelium, wobei sie sich erhob, bewunderte er ihren prächtigen Wuchs und ihr schönes, von der Sonne dunkelgebräuntes Gesicht. Und als sie sich beim » Ite missa est « zum Gehen anschickte und der Blick ihrer schönen, dunklen Augen sich mit dem seinen kreuzte, da fühlte er, daß das Ende der Messe der Anfang eines neuen Lebens für ihn war. Er vergaß sein Basl, den Kardinal und Papst in Rom und dachte nur an die schöne, schwarzäugige Tirolerin. Beim Verlassen der Kirche suchte er neben ihr zu gehen, und außer der Kapelle wagte er es sogar, von seinen Angehörigen unbemerkt, dem fremden Mädchen das rote Nagerlsträußl (Nelkensträußchen) zu geben, das seinen grünen Hut schmückte. Und es war ihm ganz sonderbar zu Mute, als die Beschenkte das Sträußchen an ihre Brust steckte mit den Worten: »I hon d' Bleamln fürs Leben gern.« »So därf i dir öfter oa bringa?« fragte der Bursche. Das Mädchen errötete und wußte nicht, was es antworten sollte. Aber sie sah Friedl mit wohlgefälligem Blicke an. »Wo bist denn her, schön's Deandl?« fragte dieser, nicht ohne sichtliche Befangenheit. »Von Seefeld draus,« entgegnete das Mädchen. »Aber auf etli Wochen bin i mit mein' alten Oedl da herin in die Waldungen vom Scharfreiter; i bin eam behilfli bei sein' G'schäft. Er ischt an' Amoasla und Pechler. Durt kimmt er grad aus der Kirch'n. No'mals schön' Dank für die Nagerln!« Sie eilte dem aus dem Kirchlein tretenden und sich 224 auf seinen Bergstock stützenden alten Mann entgegen und begab sich mit ihm zu dem wenige Schritte entfernten Wirtshaus, vor welchem beide auf einer Bank unter schattigen Bäumen Platz nahmen. Der Ameiser war ein schon betagter Mann von auffallender Größe, welche aber durch die beträchtliche Rundung seines Rückgrates vermindert wurde. Ein verwitterter, großer, grüner Hut bedeckte sein sonst kahles, nur mit wenigen Haarbüscheln am Hinterkopfe bewachsenes Haupt. Sein mit weißlichgelbem Schnurr- und Vollbart versehenes Gesicht war grobknochig und hatte scharf ausgeprägte Züge, und die dunklen Augen lagen tief in ihren Höhlen. Seine Kleidung bestand in einer reinlichen, rupfenen Pfoad (Hemd), die Hals und Brust, von Sonne und Wetter gebräunt, frei ließ, in einer alten, grauen Joppe, kurzer Lederhose, Wadenstrümpfen und Schnürschuhen. Dieser Alte und seine Enkelin waren ein lebendiges Bild von Winter und Frühling und beim Anblicke des schönen Mädchens fühlte nun Friedl, wie wahr heute seine Schwester in der Vorderriß gesprochen und er ergänzte deren Rede in Gedanken dahin, daß auch der Anblick eines schönen Mädchens, gleich Sonne, Mond und Sternen, Blumen und Vogelsang, das Herz erfreuen und beglücken könne. Während die Tirolerin ihrem Großvater Brot zu Bierbrocken in den Maßkrug schnitt, blickte sie wohl öfter zu dem hübschen Burschen hin, der zu seinem größten Leidwesen, weil es dem Vater ungemein pressierte, auf dem Wägelchen Platz nehmen und wieder weiterfahren mußte. Doch grüßte er das Mädchen noch einmal im Vorüberfahren und da war es ihm, als zöge ihn ihr Blick zu sich, 225 als könnte er sich nimmer von ihr trennen. Aber der Gaul begann einen Trab und – Klösterl, Tirolerin und die schwarzen, feurigen Augen waren entschwunden. Letztere sah er zwar noch immer vor sich im Geiste, er blickte weder nach rechts, noch nach links, nur still vor sich hin, und die Reise nach Rom hatte er ganz vergessen. »Dös war a saubers Deandl, dös d' grüaßt hast,« sagte endlich Mirl leise zu dem neben ihr sitzenden Bruder, während der Vater vom Bocke aus kutschierte. »Hast ihr ge gar deine Nagerln g'schenkt, dös 's im Leibl stecken g'habt hat?« »I hon mir denkt, was thua i mit die Nagerln in Rom! I hon ihr's geb'n, weil 's mir so guat g'fall'n hat.« »Aber dös wenn 's Basl inna wird?« warf die Schwester ein. »So frag i gar nix darnach,« lautete die Antwort. »Warum hat's koane so schön' Aug'n und koa' so schöne G'stalt und so a liab's G'sicht, so a freundlichs und so –« »Hör auf – der Vater hört's!« mahnte die Schwester. »Was hör i?« fragte dieser. »Was soll i nit hör'n?« »Wir hab'n grad von der Roas' g'red't,« erwiderte Mirl. »Und i hon dran denkt,« versetzte der Vater. »Wir machen's ge so. In Vorderriß halt ma' Mittag und wenn die ärngst' Hitz vorbei is, geht der Friedl Mittenwald zua und wir fahr'n wieder hoam. Z' Mittenwald bleibst beim Posthalter über Nacht,« belehrte er hierauf den Sohn, »und fahrst morg'n mit 'n Postwag'n auf Innsbruck, und nacha laßt d' Eisenbahn nimmer aus. Geld hast und d' Himmelsmuatta wird di aa b'schützen, um dös hab'n ma' 's im Klösterl ja bitt'. In vier Wochen wallfahrten ma' wieder 226 hin, wenn alles guat ganga is, und i hon g'lobt, a prächtige Kirzen z' opfern. Du siehgst, an mir feit 's nit, mach du dös dei', und in sechs Wocha is Hozet. Juchaz, Friedl!« Friedl nahm sich wohl einen Anlauf zum Juchzen, aber der Laut blieb ihm in der Kehle stecken. »Du bist a trauriger Bua!« lachte der Alte, »hör mir zua!« Und er juchzte aus voller Brust. Im prächtigen Echo hallte es wieder von den Felsenwänden zur Rechten und zur Linken. Der bereits müde Gaul spitzte die Ohren und wie neubelebt und in rascherem Tempo ging es der Vorderriß zu. Nach eingenommenem Mittagsmahl erfolgte sodann der Abschied Friedls von Vater und Schwester, die ihm noch bis zur Isarbrücke das Geleite gaben. Die beiden letzteren weinten. Es schmerzte sie, den Sohn und Bruder so allein in die weite Welt ziehen lassen zu müssen. Aber Friedl war auffallend gefaßt. »Schreib mir glei' von Rom aus, ob 's d' guat hinkomma bist,« schluchzte Mirl. »Und grüaß mir halt Seine Eminenz, dein Göden, und 'n Papsten thuast mi aa höfli empfehl'n,« sagte der Vater. »I werd's ausrichten,« versprach der Sohn, »und also b'hüat enk Gott. Grüaßt's d'Muatta dahoam! I bring enk scho' was mit, daß 's a Freud habt's.« Dann umarmten sie sich, winkten sich gegenseitig zu, und als sie sich nicht mehr sehen konnten, stiegen Vater und Tochter mit nassen Augen wieder zur Vorderriß empor, Friedl aber eilte der rauschenden Isar entlang – Rom zu. 227 II. Wohl brachte jeder Schritt seinen Körper in dem von hohen, bewaldeten Bergen eingefaßten Isarthale vorwärts, sein Geist aber blieb an einen Ort zurückgebannt, der verweilte in der Hinterriß bei seinen Nelken, bei der schönen Tirolerin. Wenn er sie nur um ihren Namen gefragt hätte! Es war ihm, als zöge ihn eine unsichtbare Macht bei jedem Schritte wieder zurück; je weiter er sich von der Riß entfernte, desto wehmütiger ward ihm zu Mute; ein förmliches Heimweh ergriff ihn, nicht nach Eltern, Schwester und Braut, sondern nach dem fremden Mädchen. Er wußte sich's nicht zu deuten, wie das alles so kam, wie rasch sich sein Herz an eine Fremde ketten konnte, welche er erst vor wenigen Stunden zum ersten Male gesehen und nur flüchtig kennen gelernt hatte. So schritt er nur langsam fürbaß und wie träumend kam er nach etwa dreistündiger Wanderung auf der Höhe von Wallgau an, welche die Isar von dem Zuflusse des Walchensees scheidet. Hier bietet sich dem erstaunten Auge ein Gebirgsbild dar, wie es herrlicher und großartiger nirgends mehr zu finden ist. Hellstes Sonnenlicht war über das weite Thal des dunkelgrünen Isargrundes ausgebreitet, über die Riesenmasse des hehr und erhaben in die blauen Lüfte aufsteigenden Karwendels und die mit finsterem Trotze über grüne Hänge herüberblickenden, nackten Rippen des 228 Wettersteins, während durch die Lücke, welche den Karwendel vom Wetterstein scheidet, der Scheitel eines schimmernden Tirolergletschers hereindämmerte. Friedl betrachtete staunend dieses entzückende Bild. Wieder gedachte er der heutigen Rede seiner Schwester. O, wäre sie jetzt neben ihm, wie würde sie dieser Anblick ergötzen! Er sah mit ihren Augen, er dachte mit ihrem Geiste. Doch war es ihm, als ob gleich den hellen Sonnenstrahlen die Erinnerung an das Tirolermädchen in der Hinterriß ihm alles ringsumher verkläre, denn noch niemals war ihm die Welt so schön erschienen, noch niemals sprach all die Herrlichkeit so eindringend, so wohlthuend zu ihm, noch niemals rührte sie sein innerstes Gemüt so, wie heute. Vom Wirtshause des schönen Dorfes tönten lustige Klänge; frohes Jauchzen tönte herauf. Rasch war Friedl entschlossen, dort Einkehr zu halten, sich nach dem heißen anstrengenden Marsche zu erquicken und mit den Fröhlichen fröhlich zu sein. Prächtige Menschen waren im Wirtshause versammelt, junge Burschen und Deandln, alle in der schmucken Gebirgstracht, alle heiter, die Alten, wie die Jungen, und die fünf Musikanten spielten so einschmeichelnde Weisen und Tänze, daß niemand widerstehen konnte. Die Alten wiegten den Kopf nach dem Takte und schnalzten mit den Fingern, die Jungen drehten sich auf dem grünen Rasenplatz im Garten im ruhigen Ländler und aufregenden Schuhplattler. Friedl hatte an einem einsam stehenden Tische Platz genommen und sah mit Vergnügen dem lustigen Treiben zu. Der Wirt, ein leutseliger Mann, gesellte sich alsbald zu ihm und lud ihn ein, sich an der allgemeinen Lustbarkeit zu beteiligen. Er fragte Friedl, wohin seine 229 Wanderschaft ginge; der aber gab als sein Ziel vorerst nur Mittenwald an. Im Laufe des Gespräches erfuhr Friedl, daß die meisten der anwesenden Burschen Holzarbeiter seien, die drinnen in der Riß das durch den Windbruch am Hange des Scharfreiters zu Boden geschleuderte Holz aufzuarbeiten hätten, und der Wirt fügte hinzu, daß trotz des guten Verdienstes großer Mangel an Arbeitern sei. Friedl fühlte, wie ihm die Röte ins Gesicht stieg, als er von der Riß und den Waldungen des Scharfreiters hörte. Dort war das Revier der schönen Tirolerin. O, die glücklichen Holzarbeiter! Sie konnten in ihrer Nähe sein, konnten sie sehen! »I wollt, i wär aa r a Holzarbeiter drin am Scharfreiter!« sagte er fast unbewußt, mehr zu sich selbst, als zum Wirte. »Wenn d' dös willst, bist es schon,« erwiderte der letztere; »durt, an dem Tisch drenten sitzt der Holzmoasta – an' oanzigs Wörtl und du bist eing'stellt. Probier's auf acht Tag; wenn's dir nit taugt, gehst wieder.« »Auf acht Tag?« meinte Friedl. »Dös is gar nit zwider!« Seine Züge heiterten sich zusehends auf. Er dachte, Rom laufe ihm nicht davon, was liege daran, ob er acht Tage früher oder später dorthin käme. So gerne möchte er vorher die schöne Tirolerin noch einmal sehen, ihren Namen erfragen und dann – ja, was dann? Das wußte er nicht. Auf sein geäußertes Bedenken, daß er weder Arbeitsmontur, noch Arbeitszeug habe, meinte der Wirt, daß alles um Geld und gute Worte zu beschaffen sei, versprach ihm, 230 Ranzen und Geld so lange zu verwahren, als er auf der Holzstube sei und da Friedl mit allem einverstanden war, rief er den Holzmeister herbei, der den jungen, wenn auch nicht besonders kräftig aussehenden Burschen gerne unter seine Arbeiter aufnahm. Friedl war seelenvergnügt über sein erstes Reiseabenteuer, das ja von selbst gekommen, wie sein Vater richtig vorhergesagt. Dessen Rat, dabei klug zu sein, befolgte er ja auch, indem er einem Herzenswunsche nachkam und dabei Geld verdiente, was bis jetzt bei ihm noch nie der Fall gewesen. Er war jedoch vorsichtig genug, seinen jetzigen Wohnort nicht zu nennen, sondern nur den früheren im Chiemgau anzugeben. Gleich den anderen Burschen vergnügte auch er sich dann mit Gesang und Tanz und als er sich zu Bett legte, glaubte er kaum den morgigen Tag erwarten zu können, der ihn wieder in die Nähe des fremden Mädchens bringen sollte. Frohgemut zog er beim Morgengrauen mit den übrigen Arbeitern quer über einen Sattel des Soierngebirges nach dem Rißthale und nach dem Reviere des Scharfreiters. Er teilte die ihm ungewohnte und beschwerliche Arbeit, wie jedes Ungemach mit den übrigen, schlief mit ihnen in dem flüchtig aus unbehauenen Stämmen zusammengefügten Blockhaus, der Holzstube, nur wenn abends Rast gemacht wurde, entfernte er sich von den anderen, um kreuz und quer den Wald zu durchstreifen, da er hoffte, es würde ihm gelingen, einmal der reizenden Tirolerin mit ihrem Großvater zu begegnen. Mehrere seiner Kameraden stellten ihn herüber zur Rede und warnten ihn halb ernsthaft, halb scherzweise vor 231 den Waldweiblein oder Holzfräulein, die ganz in graues Baummoos gekleidet sind und alte, runzelige Gesichter haben. Ihr Leben ist an das Leben der Waldbäume gebunden und sie wohnen in hohlen Bäumen, schenken grünes Laub, das sich in Gold verwandelt und spinnen das zarte Miesmoos, das oft viele Schuh lang von einem Baume zum andern gleich einem Seile hängt. Sie sind keine Freunde der Holzhauer und wehe diesen, wenn sie es unterlassen, auf den Baumstamm mit scharfer Axt drei Kreuze einzuhauen, so lange der Schall des fallenden Baumes noch hörbar ist, denn auf diese Stöcke setzen sich die Waldfrauen, wenn der wilde Jäger in Sturm und Ungewitter durch die Wipfel des Waldes dahinsaust und die Waldweiblein und ihre Männchen vor sich herhetzt. Wollen sich diese Holzfräulein an einem Holzhauer rächen, so verwandeln sie ihr altes Gesicht in ein jugendliches, das demjenigen der Geliebten des Burschen ähnlich ist, und locken ihn an eine Felswand, die sich sofort öffnet, aber auch gleich wieder und zwar für ewig hinter ihm schließt, wenn er so unvorsichtig war, dem Waldweiblein zu folgen. Friedl lachte über diese Erzählung, gleichwohl unterließ er es nicht, die drei Kreuze in den Baumstumpf zu hauen und sich so gegen die Feindschaft der Waldgeister zu feien. Um so weniger nahm er Anstand, oft noch in der Dämmerung im Walde herumzustreifen und den Ameisler mit seiner schönen Enkelin zu suchen. Da sah er einmal, als er wieder nach Feierabend allein zu Thal stieg, plötzlich vor sich eine hexenähnliche Erscheinung in grauem, zerlumptem Gewande und grauem Kopftuch, einen großen vollgepackten Sack über der Schulter tragend 232 und beim Gehen den Bergstock fest auf den Boden stoßend. Friedl ward es eigentümlich zu Mute. Natürlich gedachte er sofort der Sage von den Waldweiblein, aber er war sich keines Fehlers gegen dieselben bewußt und dann fehlte ihm doch auch wieder der Glaube daran. Doch hielt er es für alle Fälle gut, mit einem christlichen Gruß sich bemerkbar zu machen. Deshalb rief er, als er der sonderbaren Gestalt ganz nahe war: »Gelobt sei Jesus Christus!« Dann wandte sich diese um, und wer beschreibt das Erstaunen Friedls, als er das jugendlich schöne Gesicht der so sehnsüchtig gesuchten Tirolerin auf sich gerichtet sah. »In Ewigkeit Amen!« erwiderte sie. War das Hexerei, war es Wirklichkeit? Dem Friedl galt das gleich. »Ja, Deandl,« rief er, »bist es denn wirkli, die Tirolerin, die i am vorin Sunnta im Klösterl hint troff'n hab'?« »Gel, da schaugst, daß d' mi als Hex siehgst?« lachte diese, sichtlich darüber erfreut, den Burschen wieder zu sehen, der es auch ihr mit den roten Nagerln angethan hatte. »Fürchst dir ebba gar vor mir?« fragte sie dann. »Na', g'wiß nit!« versicherte der Bursche. »Aber sag mir nur, was hast denn in dem Sack drin?« »Woaßt denn nit, daß i a Amashex bin? Amoasen san drin mit ihre Oar. Dös Sammeln is ja mei' Gschäft und hierbei kannst koa' saubers Gwanta braucha.« Friedl mußte jetzt über sein erstes Erschrecken lachen. Er reichte dem Mädchen die Hand, welche diese erfaßte und ihm zugleich freudig in die Augen sah. »Deandl,« sagte Friedl, »daß d' a Hex bist, dös woaß 233 i seit 'n Sunnta; aber du bist a guate Hex, der i mi ergieb mit Leib und Seel.« »I kann mi nit verhalten,« entgegnete das Mädchen, »es pressiert ma', hoam z' kemma.« »So muaßt mir 's erlaub'n, daß i dir den Sack hoamtrag; i bin stärker als du.« »Dös schickt si' nit für an' Bauernsuhn,« meinte die Ameiserin. »Aber hör, du schaugst heunt aa nit grad nobel aus.« »Ja no', i bin a Holzarbeiter d'robn am Scharfreiter, da ziagt ma' halt aa koa' Sonntagsgwand an.« »So bischt du grad der Knecht von dem Bauern gwen, mit dem's d' am Sunnta vom Klösterl wegg'fahr'n bist?« »Natürli, so is's!« log Friedl; »i bin grad a Knecht.« »Schau, i woaß's gar selber nit, warum mi dös g'freut, daß d' koa' Bauernsuhn bischt,« sagte das Mädchen, »daß d' aa grad a Arbeiter bischt, so wie i; itz denk i mi leichter zu dir hin. Jeß, was schwatz i dumm's Zeug!« »Schwatz nur zua!« antwortete Friedl, den Sack von der Schulter des Mädchens nehmend und auf die seinige ladend. »I trag dir den Sack und du plauderst mir was vür. Vor allem sagst ma', wie 's d' hoaßt?« »Franzei hoaß i,« erwiderte das Mädchen, »Franziska Gruber aus Seefeld. D' Eltern san mir scho' früah g'storb'n, Gott tröst's! und der alt' Oedl ischt mei' oanzige Verwandtschaft auf der Welt. Er hat mi aufzog'n und so ischt's mei' Pflicht, daß i eam Beistand leist' in sein G'schäft beim Sammeln und Verkaafa von die Amoasenoar. Wir bleib'n nur so lang in der Riß, bis ma' die ganz Waldung 234 abg'suacht hab'n und nix mehr finden. Drauß in der Oswaldhütten an der Straß' ischt unsa Hirwa. Alle Samsta bring i die Amasoar mit 'n Tölzer Boten eini auf Mittenwald, wo i 's an an' Handler verkauf. So gwinna ma' 's Geld für unsern Unterhalt. Aber itz sag mir, wie du hoaßt und wo 's d' herkimmst?« »Friedl is mei' Nam',« entgegnete der Bursche. »Vom Chiemgau kimm i her und – da bin i mit mein Herrn und seiner Tochter ins Klösterl g'wallfahrt, auf daß mi d' Himmelmuatta b'schützen sollt auf ara weitmächtigen, großen Roas', die i machen soll. No' ja, da hon i di g'sehgn, Franzei – und nacha bin i furtg'roast. Bin aber nit weita kemma, als bis auf Wallgau außi.« »No', die Roas' is nit weitmächti gwen,« meinte die Tirolerin lachend. »Warum bischt denn wieder umkehrt?« »Warum?« fragte der Bursche, nicht ganz ohne Verlegenheit, entgegen. »Ja woaßt, i geh halt gar so gern auf d' Holzarbet und weil i in Wallgau mit Holzern zamtroffen bin, hon i mir denkt, gehst mit eana hintri zum Scharfreiter Windbruch, vodeanst dir a bißl a Geld, und kunnt sei', hon i mir denkt, daß ma' dös Deandl no'mal unter d' Hand kaam, dös mir am Sunnta im Klösterl so viel g'fall'n hat, daß i 's gar nit dasag'n kann. Wart, da seh i schöne, rote Almarösln. Du hast a Freud mit die Bleameln, i hol dir an' Buschen.« Er warf den Sack ab und näherte sich dem Felsen, von dem die roten Blüten freundlich grüßten. Ein Wildbach zwängte sich durch eine schmale, klammähnliche Schlucht, der Rand war bewachsen mit den schönsten Blüten, aber sie zu erlangen, war sehr gefährlich. Trotzdem hatte 235 Friedl rasch einen Buschen gepflückt und ihn dem Mädchen übergeben. Franzei dankte ihm erfreut und sichtlich beglückt. Schweigend gingen sie dann auf dem Felsensteig nebeneinander dahin. »Gieb acht!« rief das Mädchen plötzlich, »der Steig ischt da g'fährli. Schaug nit alleweil mi an, sundern auf 'n Weg; es geht tiaf awi auf der linken Seit', 's kunnt leicht an' Unglück passiern.« »Hast Angst um dein' Amoasensack?« fragte Friedl lachend. »Um di hon i Angst,« bekannte das Mädchen freimütig. »Aber itz ischt dei' Plag z' End, wir san an unserm Ziel. Wirf 'n Sack nur ab.« Sie waren auf einen freien Platz hinausgetreten, über welchen ein vom Scharfreiter herabkommender Bergbach in gerölligem Bett zur nahen Riß hinabstürzte. »Und was g'schieht itz?« fragte Friedl. »Dös sollst glei' sehgn,« erwiderte das Mädchen, »was d' Amashexen für a Hexerei vollbringn.« Und sie belehrte ihn und ließ ihn Einblick nehmen in das Geschäft der Ameiseneinsammler. Dieselben suchen sich fürs erste einen Ort mit fließendem Wasser aus. An dessen Rand wird eine kleine Fläche mit einem seichten Graben umgeben und in diesen das Wasser ein- und herumgeleitet, so daß es beim Ausgang wieder ins alte Bett fließen kann und gewissermaßen eine Insel gebildet ist. In der Mitte dieses so abgeschlossenen Platzes werden eine oder mehrere Gruben von Handhöhe gegraben, die mit Taxen zugedeckt werden, damit es darunter kühl und schattig ist. Der Platz 236 muß sich überdies in sonniger Lage befinden, gewöhnlich nicht zu weit von der Wohnung entfernt. Dann gehen die Ameiser in den Wald, wo sie schon ihre bestimmten Bezirke haben, von denen sie wissen, daß daselbst viele Ameisen sind. Ihr Werkzeug ist eine Schaufel oder Kelle und ein leinener Sack. Durch grobe Handschuhe schützen sie sich vor den Bissen der beraubten Tiere. Schon Morgens um zwei oder drei Uhr brechen sie auf, da sie oft einen sehr weiten Weg machen müssen, um ihre Beute zu finden. Treffen sie nun auf einen geeigneten Ameisenhaufen, so streifen sie zuerst vorsichtig mit der Schaufel oder einem Stück Holz die aus Nadeln gebildete Oberdecke hinweg und schöpfen dann mit der Schaufel das ganze Nest in den Sack. Haben sie so mehrere Haufen ausgenommen, was in der Regel bis Mittag dauert, dann gehen sie zu dem bestimmten Platze und schütten dort die Ameisen mit den Eiern aus. Kaum ist dies geschehen, so sind auch schon die Ameisen in vollster Thätigkeit, um die Eier in die mit Taxen zugedeckten Gruben zu tragen. Es ist wirklich rührend, mit welcher Geschäftigkeit diese Tierchen die anvertraute Brut so schnell als möglich in Sicherheit zu bringen suchen. Aber die armen Geschöpfe arbeiten ihren Räubern in die Hände. Gegen Abend werden die gesammelten Eier in das mitgebrachte Behältnis geschüttet, der Eingang des Wassergrabens wird verstopft, damit die betrogenen Tierchen nicht wieder abziehen können, insoferne sie nicht mit den Hinterfüßen im Schlamme kleben bleiben. Zu Hause angelangt, werden die Eier auf einem Leintuche ausgebreitet und von den anhängenden Nadeln gereinigt. Um die noch mitgebrachten Ameisen wegzubringen, 237 wird noch ein Tuch darüber gedeckt, welches etwas rauher ist und an das sich die Tierchen sofort hängen. Sie werden entfernt, indem man die Decke in einiger Entfernung ausschüttet. Hierauf werden die Eier auf länglichen Brettern ausgebreitet und auf dem gedeckten Söller des Hauses, der sogenannten Sommerlaube, an der Sonne gedörrt. Diese gedörrten Eier werden dann in einem Korbe in die größeren Ortschaften gebracht und »masselweis« oder »Löffel voll« als Vogelfutter verkauft. Der Erlös ist ein ziemlich guter, so daß die Dirnen auf ihren Sonntagsschmuck, in welchem man schwerlich die »zuseligen Amashexen« wieder erkennen dürfte, manches Stück Geld verwenden können. Friedl hatte mit größtem Interesse dem Thun und Treiben der Fremden zugeschaut und freute sich dabei ihres fröhlichen Geplauders. Diese hatte die Eier in eine große Schachtel geschöpft, welche sie in einer Staude versteckt gehalten hatte und war nun im Begriffe, mit ihrer Beute den kurzen Weg zur Oswaldhütte anzutreten, vor welcher sie bereits den alten Großvater stehen sah, der erwartungsvoll nach ihr auszublicken schien. »Der Oedl wart scho' auf mi,« sagte Franzei, »i kann mi nimmer länger verhalten. I sag dir halt gelt's Gott, daß d' mir den Sack tragen hast.« »Den möcht i dir gern alle Tag trag'n,« entgegnete Friedl; »sag mir nur grad, wo i di morg'n wieder find', denn du sollst es wissen, z'wegen dir ganz alloa hon i mei' Roas' aufgeb'n und bin a Holzarbeiter worn, damit i ohne Aufsehgn in dei' Nähe kemma bin. Itz, wo i di g'funden hon, verlaß i di nimmer. Franzei, sag mir 's, wo i di morg'n im Wald wieder treffen kann.« 238 »Und warum dös?« fragte das Mädchen errötend. »Warum? Muaß i dir's erst sag'n, daß i di gern hon, daß d' mi überall hin verfolgst, wo i bin, bei Tag und bei Nacht und daß 's mi hinziagt zu dir, wie r 'n Sturzbach ins Thal.« »Siehgst nit dös Unheil, dös der Sturzbach anricht'?« erwiderte Franzei ernst. »Schaug, wie er d' Baam umreißt und 's Erdreich mitnimmt, wie er alles ringsum vermurrt (mit Sand und Geröll bedeckt), wo früher 's Gras g'wachsen ischt und Bleamln blüaht hab'n. Friedl, i sehg dir's an, i glaub dir's, i möcht sag'n, i g'spür's völli, wia guat daß d' ma' bischt, aber wenn dir's wirkli a so ischt, so bitt i di um oans: versprich mir, daß d' thuast, was i hab'n will.« »D' Hand drauf im voraus!« rief Friedl, dem Mädchen die Hand reichend und ihr dabei mit aller Liebe in die dunklen Augen schauend. »So verlang i von dir, daß d' mi niermals mehr im Wald aufsuachst. Willst mit mir zamkemma, so findst mi alle Feiertag drin im Klösterl in der Hinterriß. Durt vor alle Leut gieb i dir Red und Antwort, da lernst aa mein' alten Oedl kenna und mi wird's g'freu'n, wennst di nit scheust, die arm' Amashex anz'red'n – aber im Wald nimmer – versprich mir dös.« »Du willst es a so hab'n,« entgegnete Friedl, »so muaß i dir zuastimma, ungern freili, aber dei' Will'n is mir heili. Am Sunnta bin i drinn im Klösterl; bis durthin denk i an di Tag und Nacht.« »So pfüat di Gott, Friedl. Aa mei' ganz's Denken bleibt bei dir. Pfüat di Gott!« Rasch zog sie ihre Hand aus der seinen und eilte davon. 239 Friedl war erst im Begriffe, ihr nachzufolgen, doch besann er sich sofort eines Besseren. Ihre letzten Worte bereiteten ihm einen ganzen Himmel. Er wollte sein Versprechen nicht brechen, wollte sich, so hart es ihm auch fiel, gedulden bis zum nächsten Feiertage. Aber einen kräftigen Juhschrei sandte er der sich Entfernenden nach, die denselben zu seiner unaussprechlichen Freude auch sofort erwiderte. »Und geht's, wie da will,« rief er jubelnd aus; »i brauch koan Dispens von Rom; 's Franzei wird die mei'!« 240 III. Ein heftiges Gewitter war soeben über das Gebirge gezogen und hatte die schon mehrere Tage über andauernde, drückende Schwüle in der Luft durch erquickende Frische ersetzt. Rasch eilen die düsteren Wolken von dannen, der blaue Himmel bricht durch die dunklen Schichten und hell glitzern im leuchtenden Abendsonnenstrahle die an den Nadeln der Fichten und Tannen hängenden Wassertropfen. In der Thüre des Vorderrißer Einkehrhauses, in dessen Vorplatz für die minderen Gäste Tisch und Bänke aufgestellt sind, erschien einer der Gäste nach dem andern, um Umschau nach dem Stand des Wetters zu halten. Vor dem plötzlich hereinbrechenden Gewitter waren Leute hierher geflüchtet, die sonst das Forsthaus der Vorderriß nicht berührt hätten, teils weil sie zu sparsam und gewissenhaft waren, um sich schon vor Feierabend in eine Schenke zu setzen, teils, weil sie sich durch ihr Erscheinen dem vielleicht anwesenden Förster nicht in Erinnerung bringen wollten. Da saß der alte Pechler und Ameisler, Franzeis Großvater, in der Ecke und kaute mühselig die erweichten Bierbrocken, welche er mit dem Messer aus dem Glase spießte und mit zitternder Hand zum Munde führte. Der Alte war nämlich in der ganzen Waldgegend nicht nur als Ameisler, sondern auch als Pechkratzer bekannt, der das Harz aus Tannen und Fichten heraushackt, sammelt und dann an die eigentlichen Pechsieder abliefert. 241 Er hatte wohl in den Tirolerbergen eine Gerechtsame hierzu, nicht aber in den bayerischen. Doch nehmen es diese Leute nicht allzustrenge mit der Grenze und schänden die Wälder als sogenannte wilde Pechler, die wegen der Eile, zu der sie die Furcht vor Entdeckung antreibt, die nötige Rücksicht vergessen und die Bäume oft in traurigster Weise durch Anwendung schädlicher Mittel, wie Einhacken, Ausbrennen \&c. \&c. zu größerer Pechproduktion bringen. Deshalb werden sie gleich den Borkenkäfern, Wildschützen und Wurzelgräbern zu den Schmarotzern des Waldes gezählt. In der Person des Halsenblasi war der Wildschütz von Profession vertreten, einem schon älteren Mann mit sehr verludertem Aussehen in Gesicht und Anzug. Er gab sich als Flößer von Tölz aus, war aber ein landbekannter Wilddieb. Weiters befanden sich noch am Tische mehrere kräftige Holzarbeiter, die wegen des morgigen Sonntags bereits Feierabend gemacht, um zu ihren Familien in die Jachenau zurückzukehren. Holzhacke und Rucksack hatten sie neben sich liegen. Ein junger Bursche in feiertägiger Lenggrieser Tracht mit schön geschmücktem, grünem Hute saß nebenan. Er war ein vermöglicher Bauernsohn und mit unverhohlenem Respekte blickten alle Anwesenden nach ihm und beeilten sich, seine Fragen so rasch als möglich zu beantworten. Er war auf einem Wallfahrtsgang in die Hinterriß begriffen, mit dem er jedoch noch einen andern Zweck verband, welchen der redselige Bursche, der die Gewohnheit hatte, alles zu sagen, was er dachte, auch alsbald der Gesellschaft anvertraute. Man nannte ihn den Schruller-Ferdl. 242 Der blondhaarige Bursche mit den großen, blauen aber etwas blöden Augen strotzte von Kraft und Gesundheit und war gerade das Gegenteil eines anderen Burschen in abgetragener Gebirgskleidung, der entfernt vom Tische auf der Bank saß und damit beschäftigt war, frisch gepflückte Alpenrosen zu einem schönen Strauße zu binden. Niemand kannte diesen Burschen. Man hielt ihn für einen »Bleamelbrocker«, für einen armen Teufel. Er schien nicht besonders kräftig zu sein, sein Gesicht war blaß und noch bartlos und seine sanften, blauen Augen blickten oft unstät von seinen Blumen hinweg zu dem alten Ameiser, während er von den übrigen keine Notiz zu nehmen schien. Die Unterhaltung der Holzknechte drehte sich fast ausschließlich um den jüngsten, infolge eines Föhnsturmes veranlaßten Windbruch, der auch in der Riß ungeheure Massen von Stämmen zu Boden geschleudert hatte, zu deren Verarbeitung Hunderte von Arbeitern gesucht, aber nicht gefunden wurden. »Hoaßt's alleweil, d' Leut hätten koa' Verdeanst, koa' Arbeit,« sagte der alte Ameisler, »dierweil is d' Not, Arbeiter gnuag z' finden. Woll, woll! Freili, d' Holzarbet ischt halt a schwaare Arbet und der genga viel aus 'n Weg, die a leichtere suachen oder glei' gar koane, wie r ebba 's Bleamelbrocka. Woll, woll!« Bei diesen Worten warf er einen vielsagenden Blick auf den Burschen, der mit dem Binden seines Alpenstraußes soeben zu Ende war. Aller Augen wandten sich jetzt zu ihm hin, der sichtlich in Verlegenheit kam und bald auf seine Blumen, bald auf die Männer sah, die ihn forschend betrachteten. »Was kost' nacha der Buschen?« fragte der 243 Schruller-Ferdl, jener junge Bauernsohn, indem er sich seinen Schnurrbart strich. »I hätt' just an' Platz für eam, wenn morg'n früah ebba auffakimmt von Lenggries.« »Wenn dir a G'fall'n gschehgn is und dir der Buschen g'fallt, so is 's mir a Ehr, wennst 'n halbet nimmst von mir,« sagte der Angesprochene freundlich, indem er die Hälfte des Straußes dem Schruller überreichte. »Du muaßt aber sag'n, was er kost,« versetzte dieser, den Strauß wohlgefällig betrachtend. »Nix kost' er,« erwiderte der andere. »I hon d' Bleameln g'fund'n ohne Müah und i woaß's, sie kemma in guate Händ – in die von der Angerbauern-Mirl.« »Wie kannst denn du dös wissen?« rief der Schruller lachend; »i kenn di nit.« »Aber i kenn di und woaß, daß der Buschen 'n Mirl vermoant is. Hon i's daraten?« »Meiner Seel!« rief der Schruller, »a so is 's. I leugn's nit, i hon dös Deandl gern und 's Deandl mi.« »Aber dös is schnell ganga,« meinte einer der Holzknechte. »Der Angerbauer is dengerst erst im Auswärts auf sein Hof aufzog'n. Du hast halt 's Deandl scho' kennt, wie 's no' im Chiemgau drauß is gwen?« »Warum denn nit gar!« antwortete der Schruller lachend; »i kenn 's erst sitta vier Wochn. Daß i 's Deandl gern kriegt hon, dazua hab' i koa' Stund braucht. Bin ja erst kurz vom Regiment hoamkemma. Da triff i statt dem verstorbna Angerbauern an' andern Nachbar, der z'naachst von Traunstoa' herkemma is. Und sei' Deandl, schlakarawall! Dös is a Prachtdirn! So oane giebt's nimmer im ganzen Isarwinkel, und i wollt's koan raten, daß er's scheel anschauget.« 244 Dabei nahm der Schruller den Hut ab und steckte die Spielhahnfedern mit der Spitze nach vorn. Trotzig bedeckte er dann wieder sein Haupt. »Hättst deine Federn lassen, wie's gwen san,« sagte einer der Holzhacker. »Gott segn dir dei' Liebschaft; wir vergunna dir alle a baldige Hozet.« »Gelts Gott für den Wunsch,« entgegnete der Schruller, »aber mit der Hozet hat's an' kloan Hacken, und dernthalbn wallfahrt i eini in die Hinterriß und mach a G'löbnis, daß dös Hindernis eher weicht, und morg'n kimmt mei' Mirl und sei' Vata nachi.« »Därf ma wissen, was da Krumm's unterwegs is?« fragte der Halsenblasi. »Ei wohl,« entgegnete lachend der Schruller, »von mir därft's alles wissen, i hon mi vor der Wahret nit z' scheu'n. Besser is's, d' Leut wissen's, aus welchem Grund mei' Verspruch mit 'n Mirl außiträniert werd. Der Angerbauer hat außer dem Deandl no' an' Sohn, 'n Friedl, und der sollt sei' Gschwistertkind heiraten, so is 's die Eltern eana Will'n. Zu der Heirat is der Dispens vom Papst nöti und der Friedl sollt' auf Rom roasen, um si' 'n z' hol'n und die Sach zu beschleunigen. Vor vier Wocha, grad an dem Tag, wo i hoamkemma bin, is der Friedl furtgroast. Vata und Schwester hab'n 'n ins Klösterl begleit in der Hinterriß, wo's alle bet' hab'n für a glückliche Roas' und a guats Wiederkemma. Nacha is er furt, aber auf Rom is er nit.« »Nit auf Rom?« fragten alle erstaunt. »Na'. Weil gar koa' Botschaft kemma is, hat der Angerbauer an Herrn Kardinal schreibn lassen, und von 245 dem sein' Sekretari is bald drauf d' Nachricht kemma, daß si' in Rom koa' Friedl hat sehgn lassen.« »So is eam a Unglück passiert?« fragten die Zuhörer wieder. »Beilei!« erwiderte der Schruller. »Nix is eam passiert und dengerst wieder recht viel, denn vor etli Tag is endli a Schreib'n von eam kemmn mit'n Poststempel »Mittenwald.« Wart's, i hon dös Briafl in der Taschen, der Angerbauer hat ma's geb'n, i les's enk vor.« Und nachdem er den Brief aus seiner Tasche hervorgeholt, las er, wie folgt: Rom am 6. August 18 . . Liebe Eltern und Schwester! Ich hab die Reise nach Rom glücklich und gesund zu stande gebracht, aber mein hochwürdigster Herr Göd hat die Meinung, daß es durchaus nicht gut ist, eine so nahe Blutsverwandte, wie mein Basl ist, zu heiraten, weil es so eingerichtet ist, daß außer der Verwandtschaft auch noch etliche Dirndln auf der Welt sind, die man gern haben kann fürs Leb'n und man nur im Notfall zu seiner nächsten Freundschaft greifen soll. Ein solcher Notfall ist aber nicht gegenwärtig, weil ich eine gefunden, wie's eine schönere und bessere nicht mehr giebt. Kommt am nächsten Sonntag nach dem Klösterl in der Hinterriß, wo ich euch meine Auserwählte vorführen werde. Ich reise morgen mit dem Güterzug von hier ab. Es hat mir gut gefallen in Rom, wo ich auf euer Wohl sehr viel Lemoniwasser und roten Wein getrunken habe. Schachtelfeigen, Datteln und verzuckerte Pomeranzenzelteln kann man sich hier um ein paar Pfennig von den Bäumen reißen, so viel man will und der Himmel ist wirklich ganz italienisch. 246 Mündlich näheres. Einen schönen Gruß vom Herrn Göden und vom Papst. Ich begrüße Euch Euer Sohn und Bruder Friedl.         »Also is er ja dengerscht z' Rom gwen!« rief einer der Holzhacker; »da steht's g'schrieben.« »Dös scho'!« entgegnete der Schruller. »Aber der Poststempel is von Mittenwald und er is aa wirkli an denselm Tag z' Mittenwald gwen. D' Lenggrieser Bötin, die alt' Brotkathl hat 'n gsehgn und mit eam g'red't. Dera hat er's anvertraut, daß eam's a Hex antho' hat mit ihran G'schau in der Riß hinten und daß er nit seli wern kaannt, wenn er die Hex nit als Hochzeiterin krieget. No', und d' Brotkathl hat dös so ghoam g'halten, daß 'n andern Tag der ganz Isarwinkel g'wußt hat.« »Ah, dös is aber dengerscht a Gspaß?« meinte einer der Holzarbeiter. »A Hex! San dengerscht d' Hexen abgschafft – und seli will er wern mit der Hex – hast scho' so ebbas dahört? Mit ara Hex!« »Oes kinnt's enk denken, in was für a Angst d' Angerbauernleut san. Der Alt' glaubt no' an Hexen und so hat er si' ins Klösterl verlobt mit seiner Tochter, daß a guats End hergeht. Er will's Mirl nit ehnda mit mir in Verspruch geb'n, als bis die Sach mit'n Friedl in Ordnung und die Hexerei aus is. 's Traurigste aber is, daß 's Basl aus'n Chiemgau gestern Botschaft tho' hat, weil's 'n Friedl so weng pressiert und weil er ihr gar koa' Botschaft aus Rom hat zuakemmn lassen, so wär's ihr liaba, wenn der Verspruch ausananda gaang, denn sie wüßt' si' an' andern, zu dem's koa' Dispens brauchet. No', so was wird 'n 247 Angerbauern wohl rechtschaffen g'fuxt hab'n. Morgn in aller Fruah kemmas auffa in d' Riß. Mi aber habns vorausgschickt. Weil i so schlau bin, habns gsagt, soll i a weng rumspioniern, ob i 'n Friedl und sei' Hex ninderscht dafrag. I richt'n ganz gwiß wieder zam und erlös'n von seiner Hex, dös könnt's glaubn. Er kennt mi no' nit und i richts scho' so ein, daß er mir traut. Schlakarawall! Sei' Hex muaß i dafragn, geht's wie's will.« Es war nicht aufgefallen, daß der »Bleamelbrocker« sich während der Rede des Schruller der Thüre genähert und sich unbemerkt entfernt hatte. »Kimmt dir halt schier drauf an, wer die Hex ischt,« sagte jetzt der alte Ameisler, welcher aufmerksam der Erzählung des Schrullers zugehört hatte. »Kunnt justament sein, daß 's grad a Amashex ischt und – da schießt mir was durch 'n Kopf – hast nit g'sagt, du kennst 'n Friedl gar nit?« »Wahrhafti is 's wahr,« entgegnete der Schruller. »Und morg'n ischt 's vier Wocha, daß er mit Vater und Schwester hint war im Klösterl?« »Grad vier Wocha.« »So woaß i 's, wo der Friedl z' finden ischt,« sagte der Alte. »Dös wenn's d' wissest!« rief der Schruller. »I lasset's mi was kosten, wenn i's dafraget.« »Laß 's guat sei', Schruller,« versetzte der Halsenblasi. »I bring dir 'n zua, i kenn 'n guat.« »Glaub's nit!« rief jetzt der alte Ameisler. »I kann dir die best' Auskunft geb'n. Mir fallt's wie Schuppen von die Augen. Ja, ja, es ischt scho' so – der Friedl ischt am Platz da. Frag nur 'n Bleamelbrocker. der woaß 248 's am besten; der ischt selber der Friedl, und koan anderer. Woll, woll! Aber wo ischt er denn?« Aller Augen suchten nach dem jungen Burschen; dieser war verschwunden. »Dös is der Friedl gwen?« rief der Schruller. »Den muaß i no' dawischen.« Er eilte der Thüre zu. »Den find'st nimmer, wenn er 'n Wald zua ischt,« sagte der Alte. »Aber i verhilf dir dazua, ohne daß d' di plagst.« »Verlang, was d' willst, wenn's d' wahr red'st.« »Dem Alten san d' Bierbrocken in Kopf g'stieg'n,« sagte der Halsenblasi. »Wie kommet der reich' Angerbauernsuhn dazua, in söchana armselige Montur rumz'laufen und mit Bleameln z' handeln.« »Da will i enk scho' aufklärn,« versetzte der Alte. »Er ischt eingstanden als Holzarbeter hint' am Scharfreiter; etli drei Wocha hat er 's ausg'halten, aber sitta acht Tag hat er d' Arbet aufgeb'n, weil er dem strenga G'schäft nit gwachsen ischt. Woll, woll! So thuat er si' halt so im Wald rum und giebt si' für an' Bleamelbrocker aus, daß er nit als Streuner furtg'schickt wird, wie 's scho' manchem ganga hat. Woll, woll!« Er blickte dabei nach dem Halsenblasi. Dieser verstand den Hieb und sagte: »Woll, woll! Gieb nur du obacht, du alter Piglbrenner In Tirol sind die Pigelbrenner, d. i. Pechsieder, sehr in Verruf. Pigel cimbrisch = Pech, Harz. , daß 's di nit übrischiabn ins Tirol, wenn's d' in unsere Waldungen rumschwendst und 's Pech abkratztst.« »I schab koa' Pech mehr,« erwiderte der Alte. »I 249 hon's grad mehr mit die Amasoar z' thuan und dazua hon i mei' G'rechtsam. Woll, woll!« »Und a schöne Hex hast aa dazua, is 's nit so?« lachte der Halsenblasi. »Nix für unguat, Alter. Wer mi haut, den hau i wieder. Aber was dei' Enkelkind anbelangt, so is 's die schönst' Amashex, die mir je unterkemma is. Und sechse für oans, dös is die Hex, die 's 'n Angerbauern Friedl antho' hat?« »Kann scho' sei',« erwiderte der Alte. »Drei Sunnta hinteranand hat er's im Klösterl aufgsuacht nach der Kircha und 's letzt' Mal hat er 's auf d' Oswaldhütten außi begleit'. Er hat si' für an' Holzknecht ausgeb'n. Heunt is 's Deandl auf Mittenwald eini mit Amasoar und kimmt mit'n Tölzer Boten wieder zruck. Dernthalbn ischt der Friedl unterwegs. Woll, woll! Er wird warten draus und weil er woaß, daß 's d' Almröserln gern hat, hat er ihr an' Buschen brockt. Aber i bin eam nit guat Freunds gwen, weil i denkt hon, er scheut d' Arbet. Itz ischt's ma freili begreifli, daß a Bauernsuhn 's Holzen nit a so gwöhnt is, wie unser oana; 's ischt woll, woll a Wunder, daß er drei Wochen ausg'halten hat.« »I möcht sagn, mir steht mei' bißl Verstand staad,« bekannte Schruller. »A so was hätt'n i und d' Angerbauernleut nit denkt. An' miserablen Holzarbeter macha – so kloa' si' geb'n!« »No', is ebba dös was ehrlos?« riefen die Holzknechte mit drohenden Mienen. »Schänd' di d' Arbet vielleicht? Uns schänd's nit, und wennst di gar a so brauchst z'wegn dem bißl Geld und dein' gringa Verstehstmi (Verstand), so kann scho' sein, daß dir 's Wallfahrten vergeht.« 250 »Aber Manna!« rief der Schruller verlegen. »Wer schänd' enk denn? I hon ja nur gmoant, daß der Friedl z'schwach wär zu so r a Arbet, wo nur kraftvolle, g'sunde und rechtschaffene Leut und Herrn dazua in Vorschlag vom hohen Forstamt –« Er stockte. »Hör auf mit dem Singa!« rief der Halsenblasi lachend, »sunst kauf i dir an' Löffl voll Amasoar. Zahl liaba etli Maß Bier, auf daß ma d' Gesundheit von deiner Hozeiterin trinka kinna.« »So soll's sei'. Holla, Wirtshaus!« schrie der Schruller. Einige Minuten später ward denn auch in voller Eintracht auf Mirls Wohlsein getrunken. Die Holzknechte machten sich übrigens bald auf den Weg und nur der alte Ameisler, der Halsenblasi und der Schruller blieben noch zurück. Der Halsenblasi hielt Ausschau nach dem Forstgehilfen, welcher soeben das Haus verlassen hatte. Es schien ihm sehr angenehm zu sein, als er denselben gegen den Krametsberg zuschreiten sah. Der Förster, hieß es, sei nach Wallgau und komme erst abends wieder. Diese Botschaft wollte er zwei Männern, seinem Bruder, dem Halsentoni und dessen Kameraden, wissen lassen, die auf Nachricht bei der Rißklause an der Grenze warteten, wo ein schmaler Baumfloß zur Abfahrt bereit lag. Um den Floß war dem Halsenblasi nun gerade nicht zu thun, wohl aber um den geheimen Transport von drei wild erlegten Hirschen durch die Riß in die Isar und von da hinab nach Lenggries. Er selbst war zum Auskundschaften hier, ob die Jäger nicht unterwegs. Doch war das Vorhaben der Wilderer verraten worden und man machte den Spion sicher. 251 Der durchtriebene Wilderer hatte sich alsbald seinen Plan zurecht gelegt. Der etwas schwachköpfige Schruller sollte sein Bote sein. Zu dem Zwecke mußte er aber zuerst den alten Pechler von ihm trennen, der mit allen möglichen Fragen in den Lenggrieser drang. Deshalb sagte der Wilderer, als er ins Haus zurückkam: »Grad hon i an' Plachawag'n über d' Brucken fahrn sehgn; 's wird wohl der Bot gwen sein.« »So?« rief der Ameisler. »Da muaß i glei awi, denn 's Franzei geht glei von unten weg hoam. Da kunnt der Friedl ihr 'n Weg abpassen, dös wär mir nit recht. Woll, woll!« »Mögli is's,« antwortete der Wilderer; »a Bursch war in der Näh vom Wagn.« »Da ischt's pressant!« rief der Alte, eiligst Hut und Bergstock nehmend. »Laß mi aa mit!« rief der Schruller, aber der Halsenblasi hielt ihn zurück. »Bleib da!« flüsterte er ihm zu. »I woaß, wo der Friedl is.« Zu dem Ameisler aber sagte er: »Der Schruller kann ja zu dir in d' Oswaldhütten kömma; 's 's besser, du redst z'erst mit dein' Enigkl (Enkelin) alloa'.« »Ja, dös ischt freili besser, woll, woll!« entgegnete der Alte, so rasch als möglich von dannen eilend. Nun wandte sich der Wilderer zum Schruller. »Geh, so schnell als du's vermagst, eine auf d' Rießer Klausen, drinn bei der Klamm, da wirst 'n Friedl treffa,« sagte er. »Wenn's d' zwoa Flößer siehgst, wirfst dein' Huat in d' Höh' und wenn's di fragn, wie der Wind geht, giebst zur Antwort: »gen d' Isar außi, aber g'schwind.« Sunst nix. Hast mi verstanden?« 252 »Ja,« sagte der Schruller mit möglichst dummem Gesicht. »Wenn die nacha abg'fahrn san, wird der Friedl nimmer lang auf eam warten lassen.« »Ja aber –« wollte der Schruller erwidern, doch der Halsenblasi ließ ihn nicht mehr zum Worte kommen. Er versicherte ihm hoch und teuer, daß er, der Halsenblasi, seinen Zweck damit erreiche und daß der Schruller in Mirls Achtung bedeutend steigen müsse, wenn er dem Angerbauern den verlorenen Sohn zuführen könnte; aber es hänge alles von seiner Schnelligkeit ab. Das fleckte. Der Schruller zahlte seine Zeche und auch die des Blasi und eilte mit raschen Schritten auf dem Sträßchen der Hinterriß zu. Aber er hatte kaum die bergabführende Straße passiert, als er plötzlich den Forstgehilfen neben sich sah. »Wo aus denn so schnell?« fragte ihn dieser freundlich. »Auf d' Rißerklausen eini,« lautete die Antwort. »I hon a Botschaft, die pressiert.« »So?« sagte der Forstgehilfe lächelnd. »Gel, du bist beim Halsenblasi g'sessen droben in der Schenk?« »Ja freili,« entgegnete der Bauer. »Für den muaß i ja einilaufa in d' Klausen.« »Was muaßt denn ausrichten?« fragte der Forstgehilfe mit dem unschuldigsten Gesichte von der Welt. »Wenn mi oana fragt, wie der Wind geht, gen d' Isar außi, aber g'schwind.« »Und was is's nacha?« examinierte der andere weiter. »Nacha fahrn's mit 'n Floß furt. I aber soll 'n Friedl treffa, 'n Angerbauernsuhn von Lenggries, der auf Rom zua, aber in der Hinterriß hängn blieb'n is an ara 253 Amashex. Sei' Vata hat mi ja vorausg'schickt, daß i 'n daweil ausspekulier, bis er morgen nachkimmt.« »No', da hat er 'n richtigen scho' g'schickt,« lachte der Forstgehilfe. »Verhalt di nimmer länger, daß d' rechtzeiti einikimmst auf d' Klausen. Wie is dei' Nam'?« »I bin der Schruller Ferdl von Lenggries.« »No', so b'hüat di Gott. Mir pressierts aa!« Und er eilte in raschen Sprüngen den Berg gegen das Forsthaus hinauf. Der Schruller aber ging, ohne zu ahnen, zu was er sich verwenden ließ, rasch thalaufwärts. Er malte sich schon in Gedanken die Freude aus, welche er dem Angerbauern und dessen Tochter durch die Nachricht bereiten könne, daß er ihren Liebling gefunden. In solchen Gedanken kam er nach etwa einstündiger Wanderung bei schon eintretender Dämmerung an die Klamme, durch welche sich die Riß brausend hindurchzwängt und vor welcher sich eine Klausenvorrichtung befindet, da von hier aus die Floßfahrt beginnt, wie durch das viele hier lagernde Stamm- und Scheitholz sofort erkenntlich ist. Der Schruller erblickte auch sofort am jenseitigen Ufer die beiden Flößer. Er warf, wie ihm geheißen, den Hut in die Höhe und sofort kam einer derselben über den Klausensteg gelaufen mit der Frage: »Wie geht der Wind?« »Gen d' Isar außi, aber g'schwind!« entgegnete vorschriftsgemäß der Schruller. »Juhe!« rief der Flößer und lief zu seinem Kameraden zurück. Beide eilten hierauf den Waldhang hinauf und schleppten gleich darauf einen mächtigen Hirschen auf den Floß, deckten ihn mit bereitgehaltenen Brettern zu und wiederholten das Experiment ein zweites und drittes Mal. Nachdem das Hochwild wohl verwahrt war, lösten sie den 254 Floß los und bei dem großen Gefälle ging es rasch von dannen. Der Schruller hatte jetzt trotz seiner Beschränktheit erkannt, daß er es mit Wilderern und Paschern zu thun habe und daß er unbewußt der Helfershelfer derselben geworden. »Gen d' Isar außi, aber g'schwind,« wiederholte er. »Oes Malefizlumpen! Itz woaß i, wie i dran bin.« Er wußte nicht, sollte er fluchen oder lachen. Aber das Lachen verging ihm, und er ward plötzlich totenblaß, da er des Forstgehilfen gedachte, dem er in seiner Eselei, wie er es selbst nannte, alles haarklein erzählt und noch dazu seinen ehrlichen Namen spendiert hatte. Wenn das aufkäme, würde er sicher mit in die Untersuchung gezogen werden. Er sah sich schon auf der Anklagebank im Gerichtssaal, und mit der Hochzeit war's tralarum! Es blieb ihm nichts übrig, als sich mit dem Himmel in Rapport zu setzen und denselben um eine glückliche Fahrt für die Wilderer zu bitten. Unwillkürlich lenkte er seine Schritte wieder gegen die Vorderriß und der Oswaldhütte zu, wohin ihn ja ohnedies der alte Ameisler bestellt. Er machte sich immer neue Vorwürfe, daß er so pläderig (geschwätzig) sei und alles, was er denke, sage. Das hatte ihm schon beim Regiment viele Unannehmlichkeiten eingetragen, und er merkte wohl, daß ihm diese auch in Zukunft nicht erspart bleiben sollten. Aus seinen unerquicklichen Selbstvorwürfen schreckten ihn mehrere Schüsse. Der Entfernung des Lautes nach kamen sie aus der Vorderriß und dort mußte bei dem hohen Wassergange der Floß der Wilderer bereits angelangt sein. Die Forstleute, denen er es verraten, hatten also 255 aufgepaßt. Jetzt fielen wieder zwei Schüsse, es war richtig, ein Kampf auf Tod und Leben fand statt. Er war Mitschuldiger, Helfershelfer, er sah sich schon als solcher verfolgt. Es wurde ihm ganz unheimlich zu Mute. Wie auf Kommando machte er »Kehrt!« und eilte der Hinterriß zu. Er getraute sich nicht eher wieder zurück zu blicken, bis er den österreichischen Schlagbaum hinter sich hatte. Ihm graute vor seinem jenseitigen Vaterlande. In Hinterriß, aber nicht im Klösterlwirtshaus, das zu nahe beim Zollhause lag, wo er den dortigen Finanzwächter fürchtete, sondern in dem eine Viertelstunde aufwärts gelegenen Alpenhofe wollte er das weitere abwarten. Damit er sich aber nicht wieder verplaudere, gelobte er, bis zur morgen erfolgenden Ankunft seiner Braut kein unnützes Wort mehr zu sprechen, und wenn er mit Zangen gezwickt würde. So wanderte er über das Klösterl hinaus zum prächtig gelegenen Alpenhofe. Ihm schmeckte heute weder Speise noch Trank, er antwortete auf alles nur mit »hm, hm!« so schwer es ihm auch fiel. Bald lag er im Bette und wälzte sich unruhig hin und her in Hangen und Bangen über die Ereignisse des kommenden Tages. 256 IV. Friedl hatte sich auf des Schrullers Erzählung hin aus der Vorderriß entfernt, da er nicht mehr daran zweifeln konnte, daß er nunmehr von dem alten Ameisler erkannt werde. Er wußte bereits durch die Lenggrieser Bötin, daß während seiner Abwesenheit vom Hause gar wichtige Dinge vorgefallen, voran die Werbung des Schrullers um seine Schwester. Am Tage seiner Abreise hatten sich die beiden gefunden, und merkwürdigerweise hatte auch er an diesem Tage sein Herz an die Ameisenhexe verloren. Der Besuch des Klösterls hatte sonach ganz eigentümliche Folgen gehabt. Das Allerliebste aber, was er aus des Schrullers Rede vernommen, war ihm, daß seine ihm bestimmte Braut auf ihn verzichtet habe. »O du guats, bravs Basl, wie gscheit bist du!« rief er. »Auf Rom brauch i itz nimmer, Gott sei Dank! Itz steht koa' Schlagbaum mehr zwischen mir und 'n Franzei und morgen, wenn der Vater kimmt, wird alles recht wern.« Unter solch glücklichen Gedanken schaute er nach der schönen Tirolerin aus. Jetzt sollte kein Geheimnis mehr obwalten zwischen ihr und ihm; heute noch wollte er sie über seine Person aufklären. In der Mühle, wo ein Landsmann von ihm als Sägknecht diente, hatte er seinen Reisesack und seine besseren Kleider verwahrt und dahin lenkte 257 er nun seine Schritte. Er wollte sich umkleiden, wollte die schlechte Arbeitsmontur ablegen, die ihm in den wenigen Wochen so wert geworden war. Er hatte drei Wochen lang die Mühsal des Holzarbeiters und seine Entbehrung geteilt, er hatte Respekt bekommen vor diesen Leuten, die sich jahraus, jahrein dieser steten und oft gefährlichen Anstrengung aussetzen müssen und dabei darben, um für ihre Angehörigen zu sparen. Diese drei Wochen, meinte er, hätten für sein Leben einen höheren Wert, als die Reise nach Rom es hätte haben können und sein Vater sollte sich wundern, wie er ihm künftig in jeder Arbeit ergiebigen Beistand leisten würde. Aber nicht nur die Holzer hatte er bei ihrer Arbeit kennen gelernt, auch Franzei, die Ameisenhexe, erregte seine Bewunderung durch ihre Thätigkeit früh und spät. Er hatte sie seit ihrer ersten Begegnung im Walde nicht wieder allein gesprochen, selbst als er ihr am letzten Sonntage das Geleite gab, hatte sich ihnen eine Kamerädin angeschlossen, aber ihre Blicke sagten sich mehr, als alle Worte es vermocht hätten. Doch wenn das Herz auf der Zunge liegt, sind Liebesgeständnisse Himmelsmusik, der jeder mit seligen Empfindungen lauscht. Heute endlich sollte er allein mit ihr sprechen können, so hatte er gehofft. Wie unangenehm war er daher überrascht, im Einkehrhause den alten Ameisler zu finden, der sicher auf seine Enkelin wartete. Er entschloß sich daher, dem Botenwagen entgegen zu gehen. Er hätte sich zu diesem Zwecke gern umgekleidet, da jedoch der Sägknecht in der Mühle nicht anwesend war, die Zeit aber drängte, so schlug er so, wie er war, den Weg nach Wallgau zu ein. Schon von weitem erblickte er bald darauf den mit einer weißen Plache 258 überdeckten Wagen und vorne saß neben dem alten Boten die schöne, schwarzäugige Tirolerin in ihrem Sonntagsstaate. Sie erwiderte mit heller Freude den Gruß des jungen Mannes und bat den Boten, anzuhalten und sie absteigen zu lassen. Der alte Rosselenker, dem die Nachbarschaft des jungen schönen Mädchens sehr angenehm gewesen, besann sich erst eine Weile, indem er dem hoch errötenden Mädchen lachend ins Gesicht sah und dann meinte: »Ja, ja, so geht's halt unser oan, wenn er alt wird; d' Jugend halt nit aus bei uns, es ziagts wieder zu der Jugend hin und wir hab'n 's nachischaugn.« »O, Herr, i hon mi recht guat mit enk unterhalten,« erwiderte lachend das Mädchen. »Es is halt a Ofenwirm (Ofenwärme) gwen,« versetzte der Alte; »d' Sunn im Lanks (Frühling) thuat die Bleamln wohler. So steig halt ab. Und du, Bua, halt mir dös Bleaml in Ehrn und moans guat damit, sunst soll di der Teuxl holn!« Friedl half dem Mädchen vom Wagen und wollte dem Boten ein Geldstück als Lohn geben; dieser aber wies es zurück. »Warum denn nit gar,« sagte er. »Bhalt dei' Geld – und wenn i vom Franzei nix Guats über di hör' am nächsten Samsta, wenn i wieder auf Mittenwald fahr, so paß auf, was i dir anthua. Und also pfüat Gott, liabs Deandl.« Franzei grüßte den gemütlichen Mann noch einmal und der Wagen fuhr ohne sie davon. Jetzt gab ihr Friedl zum Willkomm seinen Alpenstrauß. 259 »O, die schön Bleameln!« rief das Mädchen erfreut. »Gwiß hast es wieder brockt mit Gfahrnis! Mei', i bin in so viel Angst um di die ganz' Wochen über; es könnt' dir so leicht was passiern bei dem Holzg'schäft. Und na' hon i mi wieder g'ängstigt, was d' treibst, seit's d' aufg'standen bischt. 's Feiern thuat kon' guat, Friedl. Sag mir, was d' vorhast; i bin so viel in Angst um di.« Hand in Hand gingen die beiden den Fahrweg entlang. Friedl war gerührt von der Sorge des Mädchens um ihn. »Ueber mei' Zuakunft brauchst nit in Angst z' sei', liebs Deandl,« sagte er. »Die könnt gar nit prächtiga wern. I kann mir's gar nimmer anders denken, als mit dir z' leb'n.« »Mir geht's woltern grad a so,« entgegnete die Tirolerin. »Mir ischt, als hätt' ma uns scho' kennt von Kindheit auf und als müßt i dir g'hörn bis zum Sterbn.« »Dös sollst aa,« beteuerte Friedl, indem er zärtlich seinen Arm um Franzeis Nacken schlang. »Morgn kimmt mei' Vata, der muaß uns in Verspruch gebn. Thuat er's nit, so geh i furt mit dir in d' Fremd und gründ' mein' Hausstand auf eig'ne Faust, denn i hon itzt 's Arbeten glernt und wer arbet, geht nit z' Grund.« »Friedl, dös schlag dir aus'n Kopf. Ohne den Segen von dein' Vata und mein' Oedl möcht' i nit mit dir gehn; aber wenn dös der Fall, geh i hin, wo's d' willst, bis ans End der Welt. Kann dir a treue Liab 's Lebn schö' macha, so glaub mir's, daß's koa' Schöners giebt für di, für mi. Plag und Arbet will i gern mit dir teiln, sunst kann i dir nix mitbringa. I bin ja arm, recht arm.« »Was liegt da dran!« rief Friedl. »Gott sei's gedankt, 260 i krieg so viel, als wir braucha. Dös soll di nit kümmern. Du haltst mi für arm, i bin's nit.« »Nit? Und machst an' Knecht, an' Holzer, an' Bleamelbrocker?« »Er macht schon noch was anders!« rief plötzlich eine rauhe Männerstimme. Es war der Förster von Vorderriß, der, hinter einem Gebüsche stehend, den Augen des Liebespaares verdeckt war, nunmehr aber mit gespanntem Gewehre vortrat. »Kerl, rühr' dich nicht vom Fleck, sonst kriegst a Kugel in Leib!« rief er dem erstaunten Friedl zu. »Jessas Maria!« schrie Franzei auf. »Friedl, was ischt's mit dir?« »A Wilddieb ist er,« sagte der Förster, »a Streuner, ohne Zweifel a Schlingenleger. Von daher sein Geld. Aber wart, heut wird aufg'räumt mit euch Gesindel!« Friedl erholte sich bald wieder von seinem Schrecken. »Herr, ös irrts Enk,« sagte er; »i bin koa' Wilderer.« »So? Bist nicht grad vorhin mit 'n Halsenblasi beisammen g'wesen oben im Einkehrhaus. Der is nur herkommen, um uns sicher zu machen. Ganz bestimmt ist er mit im Spiel bei dem Wildtransport, der heut auf einem Floß stattfinden soll. Gesteh's ein! Ist der Halsenblasi beteiligt?« »I kenn 'n Halsenblasi gar nit,« sagte Friedl, »und im Wald hon i nix tho', als Holz g'arbet und höchstens Bleameln brockt.« »Und hast rumspioniert schon die ganze Wochen,« fuhr der Förster fort. »Meinst, wir haben gar keine Notiz von dir genommen. Laufst ja rum, wie a Jagdhund, der sein' Herrn sucht. Z' Mittenwald warst, in der Hinterriß warst, 261 dann wieder draußen z' Wallgau und in den Waldungen hinten.« »Weil i halt Bleameln brockt hon,« sagte Friedl verlegen, »aus koan andern Grund. Da sehgt's es; für die da hon i's brockt.« »Sag lieber, weil d' 'n Halsenblasi und seine Spießg'selln spioniern hast helfen.« »So fragt's 'n halt, 'n Halsenblasi. Warum verarretierts 'n denn nit?« »Er ist beobachtet und soll uns die andern in die Falle locken samt dem Wild. Du weißt es ganz gewiß, wohin die drei Stück Hochwild versteckt worden, die 's gestern g'schossen hab'n.« »I woaß ganz g'wiß von nix, Herr Förster,« beteuerte Friedl. »Und überhaupt, dös wird mir itzt scho' z' dumm; i laß mi nit schlecht machen aufs gradwohl hin. Moants, weil i a schlechts Gwant anhab, dürfts mi schikaniern. I hoaß Gottfried Leitermann. Oes därfts mir scho' nachfragn, Oes werds nix Unrechts von mir hörn.« »Herr Förschta,« bat jetzt Franzei, »laßts dengerscht mein' Buam in Fried. Der ischt brav und was er sagt, ischt wahr.« Da sich Friedl erst auf die richtige Antwort besann, antwortete das Mädchen statt seiner: »Aus'n Chiemgau ischt er z' Haus. Als Knecht hat er si' in Lenggries verdingt ghabt und mir z' liab ischt er a Holzarbeiter am Scharfreiter worn; mir z' liab hat er sei' große Roas' aufgeb'n, die er angfangt hat.« »Was für eine Reise?« fragte der Förster. »Auf Rom,« entgegnete Friedl. 262 »Du siehst grad aus, als wenn 's d' nach Rom reisen wollt'st! Was hätt'st denn in Rom gethan?« »Zu mein' Göden wär i.« »So? Was is denn dei' Göd?« »A Kardinal.« »O du durchtriebener Mensch, du!« schrie der Förster erzürnt. »Wart nur, solche Antworten wird man dir vertreiben. Wo bist du her?« »Von Lenggries.« »Das ist schon der erste Haken. Zum Dirndl sagst, aus 'n Chiemgau und zu mir aus Lenggries.« »Aus 'n Chiemgau bin i gebürti, aber in Lenggries hon i zur Zeit mei' Hoamat,« erklärte Friedl. »Bist dort Knecht g'wesen, oder wo?« examinierte der Förster weiter. »Knecht bin i eigentli nit gwen.« »Was denn?« »I bin halt meine Eltern eana Sohn gwen –« »A Lump bist g'wesen und bist es noch!« brauste der Förster auf, der sich von dem Burschen verhöhnt glaubte. »Auf'm Gericht werden's es schon rausbringen,« fuhr er fort. »Du bist ein höchst verdächtiger Mensch. Ich arretier dich wegen Verdacht des Wilderns. Marsch!« »Himmlischer Vata!« rief Franzei. »Herr Förschta seid's gnädi! O mei' Friedl, was hast mir antho'! I hätt' mei' Hand für di ins Feuer g'legt, daß d' brav und ehrli bischt! I hon di so gern g'habt –« »Also hast mir dei' Liab gnumma?« rief Friedl, der im Bewußtsein seiner Unschuld eine große Kaltblütigkeit an den Tag legte. »Na', na', die nimm i dir nimmer, mei' Bua!« rief 263 Franzei weinend, »die g'hört dir und bleibt dir auf ewi; von mir aus magst sei', wer's d' willst.« Der Förster sah das Mädchen nicht ohne Rührung an. »Franzei, du bist a brav's, a ehrlichs Deandl,« sagte er. »Sei stolz und wirf dei' Liab kein' solchen Loder nach, der dir grad so untreu wird, wie er's der Ehrlichkeit und Wahrheit worden ist.« »Halt dein' Glaub'n an mir nur fest,« sagte Friedl zu dem Mädchen. »Drent in der Mühl is mei' Sunntagwand und mei' Paß, mit dem i hätt' auf Rom roasen solln. Wenn den der Herr Förschta lest, wird er scho' an' andere Ansicht krieg'n.« Da sie während der ganzen Verhandlung auf der Straße weiter gegangen, waren sie jetzt in die Nähe der Brücke gekommen. Ein im Gebüsche versteckt gewesener Jäger trat zu dem Förster heran und flüsterte ihm leise etwas zu. Dieser gab seinem Untergebenen Befehl, Friedl in die Interimsstube im Forsthause zu führen und dann schnellstens wieder zurückzukommen. »Vorwärts!« sagte er dann zu seinem Arrestanten. »Du gehst mit dem Jäger da und 's Weitere wird sich finden.« »Friedl, pfüat di' Gott!« rief Franzei weinend. »Sei ohne Sorg!« tröstete sie Friedl. »Sag 'n Sagknecht, er soll mir mei' Taschen und mei' Gwand bringa und morgen fruah kimmt mei' Vata und mei' Schwester, da wird si' alles aufklärn. Vertrau auf mei' Liab. Morgn im Klösterl sehgn ma uns wieder!« Er entfernte sich mit dem Jäger. Der Förster aber 264 suchte in gedeckter Stellung den Rißbach aufwärts zu kommen. Franzei war trostlos. Sie folgte dem Geliebten über die Brücke nach und als er mit dem Jäger den Gangsteig zum Forsthaus hinaufstieg, sandte sie ihm ihren mit Thränen umflorten Blick nach. Friedl grüßte einige Male zurück. Jetzt war er ihren Blicken entschwunden. Weinend wollte sie sich soeben in die Mühle begeben, als der Halsenblasi neben ihr stand. »Warum verarretierns denn den Burschen?« fragte er. »Weil 'n der Förschter in Verdacht hat, daß er's mit an' Wilderer hat, mit 'n Halsenblasi.« »Dös is a ganz falscher Verdacht, auf Ehr und Seligkeit. Haben's ebba gar 'n Halsenblasi auf der Muck?« »Woll, woll. Er soll ja drei Stuck Hochwild g'wildert habn.« »Dös wissens?« rief der Wilderer erschrocken. »Hast nix g'hört von an' Floß?« »Ja, mir scheint, auf den warten's.« »Alle Teufel!« fluchte Blasi, »was für a Hund hat uns verraten!« Ohne sich weiter um das Mädchen zu kümmern, eilte er am Ufer aufwärts, um den Genossen irgend ein Zeichen von der drohenden Gefahr zu geben. Franzei aber begab sich in die Mühle, vor welcher der alte Oedl schon ihrer harrte. »O mei' Oedl! Der Friedl! Der Friedl!« rief sie schluchzend. »Ja gel, der hat si' für was ganz anders ausgeb'n, als er ischt,« entgegnete der Alte. 265 »I kann's nit glauben!« rief Franzei. »'s ischt aber dengerscht a so,« bestätigte der Großvater. »Aber woana brauchst dernthalben nit; i moan schier, du machst a rechts Glück. Woll, woll!« »A Glück?« fragte das Mädchen mit bitterem Lächeln. »Er ischt a reicher Bauernsuhn und – hat er dir's denn nit g'sagt?« fragte der Alte, als ihn seine Enkelin verwundert anblickte. »A Wilderer soll's sei', hat der Förschter g'sagt,« erzählte Franzei. »Aber er ischt unschuldi, ganz gwiß ischt er unschuldi; er hat mir's selba g'sagt.« »Wenn's der Friedl Leitermann von Lenggries ischt, so ischt er a reicher Bauernsuhn –« »Ja, so hoaßt er,« fiel ihm Franzei in die Rede. »Ob er aber arm oder reich ischt, dös ischt mir oans, wenn er nur wieder frei wär. Sie hab'n 'n ja als Wilderer arretiert.« Wieder schluchzte sie laut. »Gehn ma hoamzua,« beschwichtigte der Alte. »Morgn, wenn der Angerbauer kimmt, wird si's ja zoagn, was er ischt, a Wilderer, a ehrlicher Bursch oder a Maulmacher. I glaub 's letztere.« »Und i glaub, daß er der ehrlichst' Bursch ischt von der ganzen Welt,« beteuerte das Mädchen. Dann suchte es den Sägknecht auf und richtete ihm Friedls Auftrag aus. Dieser bestätigte ihr gleichfalls, daß er kein armer Arbeiter, sondern der Sohn des angesehenen Angerbauern von Lenggries sei, der gewiß niemals gewildert habe. Die letztere Nachricht beruhigte die junge Tirolerin einigermaßen über Friedls Schicksal; dafür bedrückte es ihr das Herz, zu wissen, daß er reich sei. So wanderte sie in großer Aufregung neben ihrem Großvater der Oswaldhütte 266 zu. Friedls Alpenblumenstrauß hielt sie in der Hand. Sie blickte oft fragend nach den roten Blüten, es war ihr, als ob diese ihren Mut und ihr Vertrauen stärkten; eines aber fühlte sie sicher bei ihrem Anblick, daß Friedl sie liebte – treu und wahr. Ein schmaler Floß, welcher auf dem hochgeschwollenen Rißbache eilig daherschoß, störte sie in ihrem Gedankengange. Wenn das der von den Forstleuten erwartete Floß wäre, warum sollte sie den Flößern keine Warnung zukommen lassen? Nahm sie ja doch unwillkürlich Partei für die Leute, zu denen Friedl, ob mit Recht oder Unrecht, gezählt wurde. Sie winkte deshalb mit beiden Händen und gab das Zeichen zum Landen. Dies geschah unter vielen Kraftanstrengungen etwas weiter unten, wo der Rißbach eine kleine Kurve macht. Der alte Pechler, der es ganz in der Ordnung hielt, daß man die Leute warne, ließ Franzei gewähren und diese eilte zu den Flößern und benachrichtigte sie von der ihnen drohenden Gefahr. »Vergelt dir's Gott!« rief einer der Wilderer. Franzei entfernte sich rasch und ging mit ihrem Großvater der Oswaldhütte zu. Inzwischen war auch der Halsenblasi, der einen weiten Umweg gemacht, um den Forstleuten nicht in die Hände zu laufen, zur Stelle gekommen. »'s Wild raus!« rief er schon von weitem den Genossen zu und diese schleppten die erlegten Hirsche ans Ufer. Dann nahm jeder der Männer ein Stück über den Nacken und sie stiegen mit ihrer Beute so rasch als möglich und mit rüstiger Kraft zum Joche des Krametsberges und des Scharfreiters hinauf, um sie in das Dürrenbachthal hinab in Sicherheit zu bringen. Die einbrechende Dämmerung 267 kam ihnen dabei sehr zu statten. Der Floß aber, den sie nicht festgebunden, wurde von der Strömung wieder ergriffen und zur Vorderriß hinabgetrieben. Hier hatten sich zu beiden Seiten des Rißbaches die Forstleute und Grenzwächter aufgestellt, ebenso an der Wehr. Wie waren sie aber überrascht, als sie den Floß ohne Bemannung herantreiben sahen. Nachdem sie das Fahrzeug beim Wehr aufgefangen und durchsucht, mußten sie sich überzeugen, daß außer den Brettern, abgeriebenen Haaren und dem Schweiß des Wildes nichts weiter zu finden war. Sofort eilten sie nun zur Verfolgung der Wilderer, welche einer der Grenzaufseher gegen den Krametsberg zuflüchten sah, und es begann eine Art Hetzjagd. Oben auf einem Felsensteig glaubten sie noch einen der Flüchtigen zu sehen und da er auf ihren wiederholten Zuruf nicht anhielt, feuerten sie nach ihm, ohne ihn zu treffen. Die Wilderer hatten einen zu weiten Vorsprung. So konnten sie sich retten und sie entkamen glücklich. Der Ameisenhexe hatten sie dies zu verdanken. Franzei erfuhr noch an demselben Abend, daß die Rettung gelungen. Sie sagte sich's wohl, es war kein gutes, aber ein menschliches Werk. Ihrer Warnung war es zu danken, daß kein Menschenleben zum Opfer gefallen. Der Lohn, so hoffte sie, würde ihr morgen in der Hinterriß gewiß werden durch die Erfüllung von Friedls Worten: »Morgn im Klösterl wird alles recht wern. Vertrau auf mei' Liab!« Und sie vertraute. – 268 V. Der Angerbauer und Mirl waren schon bei Morgengrauen von Hause weggefahren. Jener machte heute nicht das wohlwollende Gesicht, wie vor vier Wochen. Seinen Kopf durchkreuzten schlimme Gedanken und seine Schweigsamkeit unterbrach nur manchmal ein derber Fluch. Mirls Gesicht dagegen trug alle Zeichen des Glücks und der Zufriedenheit. In ihrem jungfräulichen Gemüte war ja die schönste Blume aufgekeimt: die Liebe. Der Schruller Ferdl war, wenn auch kein besonderes Geisteskind, so doch ein braver, wackerer Bursche und der einzige Sohn eines bedeutenden Großbauern. Mirl fühlte sich glücklich. Sie hätte so gern mit ihrem Vater von ihrem Glück gesprochen, aber dieser hatte vorerst nur seinen ungehorsamen Sohn, den Friedl, im Kopf, der ihn in so unerhörter Weise betrogen, sich von einer Hexe umgarnen ließ, die Verbindung mit dem reichen Basl unmöglich gemacht und im ganzen Winkel zum müßigen Gerede geworden. »No' wart!« wiederholte er immer wieder zähneknirschend. »Aba Vata, du wirst dengerscht 'n Friedl nit schänden?« erlaubte sich Mirl einzuwenden. »Z'erst muaßt hörn, wie die Sach steht; und mit der Hex, moan i, hat's a bsundre Bewandtnis.« »Dera will i's Hexen scho' vertreib'n!« rief der Bauer. 269 »Ja, wenn's di nit aa verhext,« lachte Mirl. »Du hast alleweil an' alte, grausige, a recht a wilde vor Augen. Denk dir amal die Hex, die's 'n Friedl antho' hat, als a jungs, saubers, schwarzaugigs Deandl, als a christli's und a frumm's Deandl, a Tirolerdeandl, a lustigs; wirst ebba nacha nit sanftmütiger dafür g'stimmt?« »Du thuast ja grad, als ob's d' es kennast? Du steckst mit dein' saubern Bruada unter oana Decken, du woaßt mehr!« »Nix woaß i,« versicherte Mirl. »Aber dös Tirolerdeandl, dös z'naachst zu gleicher Zeit mit uns in der Kircha im Klösterl gwen is, hat dort recht andächti bet'. Die Tirolerin will ma nit recht aus 'n Kopf. Ihr hat der Friedl seine Nagerln g'schenkt, sie hat's an ihra Brust g'steckt und hat'n ang'schaut dabei, so liab, so guat, daß i mi selber ganz in sie verliabt hon. Die Hex, Vata, kaanntst dir g'fallen lassen. Mir waar's justament tausend Mal liaba als Schwagerin, wie die stolz' Basl.« »Aber a Geld hat's Basl,« warf der Vater ein. »Aber koa' Herz,« entgegnete Mirl, »und 's Herz is ja dengerscht d' Hauptsach im Leben.« »Schaamts enk, ös verliabts Gsindel aufananda,« rief der Angerbauer. »So viel is gwiß, 'n Friedl vertreib i seine Faxen, und daß d' Himmelmuatta im Klösterl alles recht macht, hon i die groß' Wachskerzen zum Opfer mitgnomma.« »Die machts scho' recht,« versicherte Mirl. »Hat's mir nit vor vier Wochen, wie ma von der Wallfahrt hoamgfahrn san, in Fall Fall – Ortschaft zwischen Lenggries und Vorderriß. 'n Ferdl finden lassen? Hats nit 'n Friedl an demseln Tag –« 270 »Von dem bist ma staad!« unterbrach sie der Vater wild, »koa' Wort will i mehr von eam hörn, bis i selm mit eam Rücksprach gnumma hon.« Dabei machte er eine Bewegung, die als das Gegenteil einer Liebkosung gedeutet werden konnte. Mirl ließ sich ihre glückliche Stimmung nicht verderben, aber sie behielt ihre Gedanken bei sich. So fuhren sie meist schweigend der Vorderriß zu. Der Förster war bis spät in die Nacht beschäftigt gewesen, indem er nach der fruchtlosen Verfolgung der Wilderer noch den Floß derselben besichtigte und sonach spät nach Hause kam. Er nahm sich daher vor, über den Burschen erst am nächsten Morgen zu verfügen. Als er heute nun, seiner Gewohnheit gemäß, in frühester Morgenstunde bloßköpfig und in alter Hausjoppe in den zunächst des königlichen Jagdschlosses liegenden, kleinen Hirschpark gegangen war, um dem prächtigen Lieblingshirsche des königlichen Herrn das Morgenfutter reichen zu lassen, rief ihm Franzei, in ihre gefällige Tirolertracht gekleidet, ein »Guten Morgen, Herr Förschta!« zu. Das ließ sich der alte Jäger wohl gefallen und freundlich erwiderte er den Gruß des Mädchens. »Kann mir denken, was dich schon in aller Früh zu mir treibt,« sagte er. »Man könnt völlig eifersüchtig werden auf den Loder.« »Aber er ischt ja unschuldi!« versetzte Franzei. »Habt's denn seine Papier scho' nachg'sehn?« »Dazu hab ich noch keine Zeit g'habt,« antwortete der Förster. »Aber nachdem ich gsehn hab, daß der Hans und die Gretl (dies sind die Namen des Hirsches und des Tieres) wohl sind und ihnen 's Fressen schmeckt, will ich 271 die Sache aufnehmen, und 's Liebste ist mir immer, wenn ich nicht viel Schererei mit dem Burschen hab' und ihn laufen lassen kann, obwohl er Strafe verdient, da er mich mit seinem Kardinalsgöden und seiner Romfahrt föppeln wollte.« »Liaba Herr Förschta, lassen's 'n laufen,« bat Franzei; »heut ischt so a schöner Feiertag. Gel Hansle, du bittst aa für mi, daß der Herr nit so grausam ischt.« Dabei liebkoste sie den Hirsch, der ihr durch den Zaun die Hand ableckte. »So komm mit mir,« sagte der Förster, »ich laß heut schon eher mit mir reden, als gestern, obwohl ich's nicht verwinden kann, daß mir die Bande ausgekommen ist. Wenn ich nur wüßt, wer ihnen noch in der letzten Minute den Wink gegeben hat, vom Floß aus Reißaus zu nehmen. Mit dem redet ich ein Wörtl! Aber ich krieg 'n schon raus!« Er führte das Mädchen, das auf des Försters Aeußerung hin wohl errötete, aber mäuschenstill war, in das Haus und ließ es in dem kleinen, an die Wirtsstube anstoßenden, sogenannten Herrenzimmer Platz nehmen, um das weitere abzuwarten. Franzei drückte ihm herzig die Hand und ihre Augen baten ihn inniger, als die wärmsten Worte es vermocht hätten. Der alte Jäger lächelte und ging kopfschüttelnd ab. Franzei war voll banger Erwartung. Sie blickte durch das offene Fenster hinaus in die prächtige Gebirgswelt. Es war ein lachender Sommermorgen, alles war so friedlich, eine kleine Welt des Glückes schien der scheinbar engbegrenzte Horizont zu umspannen; es war das Glück ihres eigenen Herzens, das sie auf die sie umgebende, schöne Welt 272 ausdehnte. Daß der freundliche Förster nichts Schlimmes mehr vorhatte, das sagte ihr dessen auffallend warmer Händedruck beim Scheiden. Jetzt sah sie den Angerbauern und seine Tochter ankommen. Es waren dieselben Personen, mit denen vor vier Wochen Friedl die Hinterriß verließ. Beim Anblick des Mädchens ward sie sofort an Friedls Gesichtszüge erinnert. Sie zweifelte keinen Augenblick, daß die Angekommenen Friedls Vater und Schwester seien. Sie kamen ihr zu früh. Nun konnte sie Friedl nicht mehr allein sprechen. Sie mußte sich selbst sagen, daß der Vater jedenfalls gegen das Verhältnis sein werde und so wurde ihr wieder recht bange ums Herz. Die Neuangekommenen nahmen in der Wirtsstube Platz, die Thüre zu derselben war nur angelehnt, so daß Franzei jedes Wort vernehmen mußte, das draußen gesprochen wurde, und was sie hörte, ermutigte sie gewiß nicht. Inzwischen hatte der Förster von den Papieren Einsicht genommen, die sich in Friedls Reisetasche befanden und war nicht wenig überrascht, wirklich einen Reisepaß nach Rom und eine nicht unbedeutende Summe Geldes zu finden und konstatiert zu sehen, daß der Bursche der Sohn des geachteten Angerbauern Leitermann von Lenggries sei, der ihm von seinem früheren Aufenthalt in Chiemgau wohl bekannt war. Nun war ihm alles klar, wenn er sich das schöne Franzei dazu dachte. Jakob hatte um Rahel sieben Jahre gedient, warum sollte Friedl nicht um Franzei drei Wochen Holz hacken und Blumen pflücken? Ohne Verzug begab er sich daher in die Stube des Arrestanten und kündigte ihm die Freiheit an. 273 Friedl hatte ohnedies nichts anderes erwartet und legte keine besondere Bewegung an den Tag; er wurde erst lebhafter, als ihm der Förster sagte, daß sich die Sache wahrscheinlich noch einige Stunden verzögert hätte, wenn nicht die schöne Tirolerin um seine Freilassung gebeten hätte. »Unten im Herrenzimmer wart's auf dich,« setzte der Förster hinzu. »Geh zu ihr und schätz' das Glück, so ein Dirndl g'funden z'haben. Sei ehrlich, treib kein Spiel mit ihr. Es macht dich nichts reicher, als ein herzensguts Weib und wenn's noch dazu so schön ist, wie's Franzei, so darfst dich just als einen der glücklichsten schätzen auf der Welt. B'hüt dich Gott; nichts für ungut! Zur Hochzeit schick ich dir schon einen Kapitalbock.« »Den, Herr Förschta, müaßts Oes mitessen helfen,« sagte Friedl ganz glückselig. »I dank Enk für die schö' Red. Freili halt i zum Franzei auf ewi, aber mei' Vata wird ma's schwaar gnua macha. Herr Förschta, Oes habts ma gestern viel Unrecht tho'; dös könnts tausendfach guat macha, wenn's mir und 'n Franzei guat reden möchts bei mein' Vatern, der heunt her kimmt.« »Topp!« rief der sehr gut gelaunte Forstmann. »Sag mir's nur, wenn dein Vater da ist. Wir werden uns schon wegen deinem Franzei verständigen. Laß 's jetzt nimmer länger warten; kannst ihr in mein' Namen auch a paar Schmatzer geben.« Friedl eilte freudig lachend von dannen. Er nahm sich gar nicht Zeit, seine Arbeitsmontur mit seiner besseren Kleidung zu vertauschen, er dachte nur an sein Franzei. Der Angerbauer hatte inzwischen die Kellnerin gefragt, ob der Schruller hier übernachtet habe. »Bei uns is heunt nacht koa' Fremder gwen,« 274 antwortete diese und sich besinnend, fügte sie hinzu: »Aber, daß i wahr red, im Arrestkammerl oben is oana, der's mit die Wilderer halten soll, mit den's gestern so an' harten Kampf abg'setzt hat.« Und nachdem sie davon erzählt, was sie wußte, setzte sie leiser und etwas vorsichtig hinzu: »Mi freuts, daß's es nit dawischt hab'n und der Dalk da oben thuat ma load, daß er si' hat fanga lassen. Oes sollts 'n kenna, er is von Lenggries z' Haus – Friedl Leitermann hoaßt er.« Vater und Tochter erblaßten. »Dös is nit wahr!« rief der Angerbauer. »Dös is scho' wahr!« entgegnete die Kellnerin. »Mi dauert er. Er siehgt si' gar nit außi auf an' Wilderer, 's is a saubers Bürschl. Mei', so geht's halt oft!« schloß sie seufzend und verließ die Stube. »Kann's denn möglich sei', daß er so tiaf gsunken is,« rief der Angerbauer. »A Wildschütz! Na', dö Schand!« »So a Kuraschi hätt' eam gar nit zuatraut,« versetzte Mirl nicht ohne Anflug von Wohlgefallen. »Hör auf dei' dumms Gschwaatz!« fuhr sie der Alte an. »Unser Nam' is g'schänd't im ganzen Isarthal. Aber i hon niemals gsehgn, daß der Friedl a Bix in der Hand ghabt hat,« fuhr er sinnend fort; »nit amal a Vogelflinten. Sollt er ebba gar so an' Bazi, an' Schlingenleger g'macht hab'n? Dös wär no' 's allerschrecklichst!« »Da waar's dengerscht gscheita, wenn er sei' Bix hätt' glei ordentli krachen lassen,« meinte Mirl. »Es wird aa so gwen sei'. Der Friedl macht uns koa' Schand, dös därfst glaubn, Vata, der is a ehrlicha Wildschütz.« »Bist staad!« schrie der Alte. 275 Mirl konnte ohnedies ihre Verteidigung nicht fortsetzen, denn Friedl kam soeben zur Thüre herein. Ein dreifacher Ausruf der Ueberraschung tönte durch die Stube. Friedl fand zuerst die Sprache wieder. »Ja grüaß enk Gott mitanand!« sagte er und wollte dem Vater die Hand reichen. Dieser zog jedoch die seinige rasch zurück, indem er rief: »So kimmst zruck aus Rom?« Friedl überkam jetzt ein Galgenhumor und er erwiderte lächelnd: »So a Roas' nimmt 's Gwanta her.« »Natürli,« versetzte der Alte, »du hast es so strapliziert auf'n Güterzug, daß aus dein' Feiertagsrock a alte graue Joppen worn is. Himmel Herrgott! Friedl, bist es denn? Is 's denn mögli, in vier Wochen a ganz umkehrter Mensch z'wern? D' Wahret will i hörn, eh i di – bald hätt' i ebbas gsagt!« »So frag halt ordentli, na' wird der Friedl d' Wahret sagn,« versetzte Mirl. »Du bist ganz staad!« rief ihr der Vater zu. »Frag nur,« sagte Friedl, »i vertusch nix.« »Bist in Rom gwen?« donnerte ihn der Angerbauer an. »Na',« antwortete der Sohn. »Da wär's Geld schö' umsonst verroast worn. An' Dispens holn in Rom – und 's Basl mag gar nimmer. Dös Geld hon i mir ersparn kinna.« »Und hast es verlumpt?« schrie der empörte Vater. »Gel, dös hat dir besser paßt?« »Is ja gar nit wahr, Vata,« entgegnete Friedl. »Da schaug her, in dem Beutl is mei' gan's Roasgeld drin, 276 wie's d' es einizählt hast. I hon dös Geld nit braucht, i hon mir selm oans verdient, ehrli und redli als Holzarbeiter, und dazu konnst koa' Sunntaggwand braucha. Woaßt, i hon halt a Abenteuer g'habt, wie's d' es in deiner Weisheit vorausgsehgn hast.« »An' Wilderer hast g'macht, du ungeratener Sohn, du!« schrie der Bauer. »Dös war nur a ungerechter Verdacht vom Herrn Förschta; der wird's dir glei' selber sag'n, daß i unschuldi bin. Giebst ma itz dei' Hand no' nit?« Der Angerbauer machte eine abwehrende Bewegung. Aber Mirl ging zu dem Bruder und reichte ihm mit zärtlichem Blicke die Hand. »I wünsch' dir Glück, Mirl,« sagte dieser, »du bist ja Hochzeiterin worn.« »I dank dir, Friedl,« entgegnete die Schwester. »No' und du bist aa Hochzeiter worn,« sagte der Angerbauer, Friedls zärtlichen Ton zu seiner Schwester nachäffend. »Solln ma dir ebba aa Glück wünschen zu deiner Hex, die dös aus dir g'macht hat, als was d' itz so jämmerli dastehst. Dawisch i 's nur, die soll an mi denka!« »Ja Vata, stellst du dir ebba gar a Hex vor mit der Mistgabel zwischen die Füaß, die für'n Rauchfang außi fahrt?« lachte Friedl. »Mei' Deandl is grad a Amashex, an' Amasoarsammlerin. Ja was hast dir denn du vorg'stellt?« »I kann mir vorstelln, was i will,« rief der Vater. »Na', dös kannst nit. Du kannst dir nit statt unsern Bräunl draußen an' Frosch vorstelln und kannst dös, was 277 weiß is, für schwarz anschaugn oder glei' an' Engel von an' Deandl für a alte, wilde Hex.« »Du hast die Keckheit g'habt und hast in dein' verlogna Briaf von dem Engel g'schriebn, du hast uns sogar eing'laden, daß ma mit dir in der Hinterriß heut zamkemma solln.« »Und es is recht schö' von enk, daß 's meina Einladung nachkömmt's.« »Staad bist, du pflicht- und ehrvergess'ner Bua!« wetterte der Alte. »Vata, du thuast ma unrecht. I hon drei Wochen g'arbet, und wer arbet, is weder pflicht- no' ehrvergessen. Und wenn mi mei' Herz zu dem Deandl hinzogn hat, dös brav und arbeitsam is, so därfst mi aa nit schänden. Du muaßt dir's halt amal anschaugn, nacha wirst glei anders reden.« »Da hat der Friedl recht,« warf Mirl ein. »I mag aber nit!« polterte der Alte. »I hon mir heunt schon gnuag g'hört und g'sehgn von dir, i fahr nimmer in d' Hinterriß.« »So schaugst dir's halt in der Vorderriß an; g'falln thuat's dir da, wie dort.« »I glaub wahrhafti, Kunt, du willst mi no' föppeln du? Möchst es nit herhexen in d' Stubn eina?« »Für was waar's denn a Hex? Itz paß auf! I därf grad sagn: Franzei kimm her, so is 's scho' da aa!« Franzei, die aus dem Gepolter des Angerbauern herauszuhören meinte, daß er doch wieder leicht zugänglich sei, ging auf den Scherz des Geliebten ein, öffnete rasch die angelehnte Thüre und trat freundlich lächelnd vor die Ueberraschten. 278 »Grüaß Gott mitanand!« sagte sie. Mirl hatte sofort das Mädchen aus der Hinterriß wieder erkannt und erwiderte freundlich dessen Gruß. Aber der Angerbauer war noch ganz paff. Im ersten Momente glaubte er wirklich an Hexerei, im zweiten schämte er sich seiner Dummheit und im dritten Moment mußte er sich alle Gewalt anthun, um in seinem Gesichte den wilden, gereizten Ausdruck zu lassen, den er seit Friedls Erscheinen angenommen hatte. Deshalb zog er seine Stirn in wuchtige Falten und blickte so grimmig drein, daß ihm das Wasser in die Augen kam. Friedl aber nahm die Geliebte bei der Hand und sagte: »Siehgst Vata, so siehgt mei' Hex aus. 's Deandl halt mi für an' arma Taglöhner und hat mir's Herz gschenkt. Giebst mir dei' Einwilligung nit, so bleib i arm und arbeit mit Freuden weiter; aber von Franzei laß i nimmer, die wird g'heirat, selm wenn's dir nit recht is.« »Friedl, da verzicht i auf di!« sagte Franzei rasch und entschieden. »Wenn dei' Vata nit aa mei' Vata sei' kann, und dei' Schwester mei' Schwester, so laß uns scheiden von anand, denn der Vatersegen bleibt 's schönste G'schenk für a Brautpaar.« »Und d' Schwesterliab aa, nit wahr?« fragte Mirl gerührt, des Mädchens Hand ergreifend. »Mir bist recht, Franzei, i hon di in Gedanken scho' gern g'habt, seit mir's gschwant hat, daß d' es du bist, die d' Himmelsmuatta im Klösterl 'n Friedl b'stimmt hat.« »Hoppadi, hoppadi!« rief der Angerbauer. »Soll i enk nit glei 'n Kaplan b'stelln. Wer kennt denn dös Deandl?« 279 »Ich kenn's,« antwortete der Förster, welcher schon eine Weile an der Thüre stand. »Und mir, mei' alter Spezl aus 'n Chiemgau, werd 's wohl aufs Wort traun.« »Jeß, der Herr Förschta!« rief der Angerbauer. »Oes habt's mein' Friedl als Wilderer eingsperrt?« »Falscher Verdacht!« »Und Oes kennt's die Tirolerin?« »Ja, als ein braves, frommes, arbeitsames Mädl und wie Ihr selbst seht, auch als a schöns Mädl.« »No', mehra kannst nimmer verlanga!« rief Friedl. »A Geld hätt' i halt aa no' mögn!« versetzte der Bauer. »Woaßt Vata, da verzicht i auf an' Teil von mein' Heiratsguat und da denkst, 's Franzei hat 'n mitbracht. Dös soll koa' Hindernis sei'.« »'s schönste Heiratsgut für an' Bauern ist a brav's, arbeitsam's Weib,« setzte der Förster hinzu. »Wenn ich Euch guten Rats bin, Leitermann, so trennt die Herzen nimmer, die sich g'funden haben.« In diesem Augenblick trat der Forstgehilfe ein und berichtete, er wisse jetzt, wer gestern die Wilderer gewarnt habe. »O weh!« sagte sich Franzei. »Wer war's?« fragte der Förster. »Die Ameisenhex war's, die da steht,« beschuldigte der Jäger das Mädchen. »Ich hab's von einem Augenzeugen gehört.« »Du, Franzei?« rief der Förster. »Da hört sich doch alles auf! Was ist dir denn da eing'falln?« »Herr Förschta, Oes habt's steif und fest behaupt', mei' Friedl wär a Wilderer. Du ischt's do natürli, daß i mein' 280 Buam seine Kameraden nit ins Unglück renna laß, wenn i's ändern kann?« »Du bist wahrhaftig a Hex!« rief der Förster. »Leitermann, wenn ich Euch gut'n Rats bin, so vergeßt, was ich euch von dem Dirndl Gut's g'sagt hab. Ich möcht's nicht wiederholen.« »Dann hab ich für bestimmt erfahren,« rapportierte der Forstgehilfe weiter, »daß das Wild nicht in unserer Staatswaldung, sondern drüben im Tirolischen geschossen worden ist.« »No', so hab'n Enk ja im Boarischen herent d' Wilderer gar nix anganga!« rief Franzei. »Habt's so viel Gregori g'macht um nix. Mir, Herr Förschta, habt's es itz zu verdanka, daß 's koa' Ungerechtigkeit beganga habt's.« Der Förster kämpfte einige Augenblicke mit sich selbst, dann gewann seine natürliche Gutmütigkeit sichtlich die Oberhand. »No', Herr Förschta,« fragte jetzt Mirl lachend, »was seid's itz 'n Vatan guat'n Rats?« »Von mir aus lassen wir's wieder bei meiner ersten Aussag,« entgegnete der Förster lächelnd. Den Angerbauern hatte die Ab- und Einschwenkung des biederen Forstmannes erheitert und Franzeis schlagende Antworten sehr befriedigt, und da es ihm nicht mehr möglich war, ein böses Gesicht zu machen, so wollte er sich auch nicht mehr lange verstellen. Deshalb sagte er: »Fahr'n ma hintere ins Klösterl, wo der Schruller a so auf uns wart'. Am Weg kinna ma uns b'sinna und kann sei', aa zamreden.« Mit freudigem Ausruf ward von Friedl und Mirl dieser Entschluß begrüßt. Friedl entfernte sich, um sein 281 Feiertagsgewand anzuziehen, der Angerbauer aber besprach sich mit der Frau Försterin wegen eines guten Mittagessens, mit welchem ein doppeltes Verlobungsfest verbunden werden sollte. Als der Förster den Namen von Mirls Verlobtem nennen hörte, sagte er: »Das ist ja jener Bursche, durch den wir die bestimmte Nachricht über den Wildtransport bekamen. Der hat seine Sache gut gemacht, aber die Hexe hat's wieder verdorben.« »Dös is ja die Hexen eana G'schäft!« meinte Franzei lachend, und jetzt lachte der Förster mit und reichte dem schönen Mädchen die Hand zur Versöhnung. Nach kurzer Zeit saßen die Mädchen im Innern und der Angerbauer mit seinem Sohn auf dem Bock des Wagens, der Braune hatte Haber im Leib und rasch ging es von dannen. Auf der Oswaldhütte ward Halt gemacht, um sich nach Franzeis Großvater umzusehen. Dieser war aber schon allein ins Klösterl vorausgegangen und so folgte man ihm rasch nach. – – Der Schruller hatte sich schon in aller Frühe erhoben. Sein Schlaf war unruhig gewesen, er sah sich von Wilderern, Jägern und Grenzwächtern umgeben und verfolgt, und so oft eine Thüre zugeschlagen wurde, glaubte er einen Schuß zu vernehmen. Wie verwünschte er diese Wilderer! Er flüchtete gleichsam vor seinen eigenen aufregenden Gedanken hinaus ins Freie, ohne erst ein Frühstück zu nehmen. Keine Seele war zu sehen weit und breit. Die Berge waren prächtig beleuchtet, die beiden Falken standen klar und rein da in ihrem weißen Felsengewande. Der frische Tau lag auf den Gräsern, Büschen und Bäumen im Thale. Die Almglocken der weidenden Herden und das Rauschen der 282 Wasserfälle verbanden sich zu einem harmonischen Morgenpsalm, der von dem Zwitschern der Waldvögel begleitet ward. Dem Schruller kam dieser Morgen im einsamen Gebirgsthal wohl recht schön vor, aber er spähte doch sehnsüchtig nach einem Menschen aus. Mit den Bergen und Wasserfällen, mit den weidenden Herden und zwitschernden Vögeln konnte er ja nicht plaudern und er hatte doch so viel zu fragen und zu erzählen, daß ihm förmlich die Zunge zitterte. Die Gedanken an Mirl gewährten ihm noch die meiste Unterhaltung; den Alpenrosenstrauß hatte er von den welken Blumen befreit und das Uebriggebliebene auf seinen Hut gesteckt. Wie schön hatte er sich das Wiedersehen gedacht und wie war ihm dies durch solch gesetzwidrige Burschen verbittert worden. Sein Aerger gipfelte in dem lauten Ausrufe: »O, wenn i könnt, wenn i därft, i kochet eana a Suppen, dene gottvergess'na Wilderer! Alle ließ i 's aufhänga, alle, und lacha kaannt i dazua!« Als er unter solch menschenfreundlichen Gedanken gegen die Hagelhütte thalaufwärts ging, stand plötzlich ein prächtiger, hoch aufhabender Hirsch vor ihm. Unwillkürlich nahm er seinen Bergstock wie ein Gewehr in Anschlag und visierte nach dem Hochwild. Es zuckte ihm in allen Gliedern. O, warum ging der Bergstock nicht los! Wie schön, wenn der Hirsch getroffen zusammenbräche! Dieser aber mochte anderer Meinung sein. Der Bergstockschütze schien ihm nicht gefährlich, ganz vertraut kehrte er in den Wald zurück, als mache er höflichst dem Schruller Platz auf seinem Wege. 283 »'s is dengerscht an' eigne Sach um's Jagen!« dachte der Bursche. »Wär itz der Bergstock losganga, so waar i halt aa r a Wilderer, denn i hätt' gschossen, meiner Seel! I will aa d' Wilderer nit alle hänga. Es liegt halt im Bluat vom Bergler und d' Sünd lockt 'n halt an, wie d' Eva der Apfel im Paradies.« Nach und nach kamen einzelne Personen aus dem oberen Rißthale herab, Holzleute aus der Hagelhütte und Sennerinnen, auch von der Hinterriß hatten sich einige Touristen auf den Weg gemacht, um über das Plumserjoch nach dem Achensee zu steigen. Vom Klösterl ertönte das Glöcklein zur ersten Morgenmesse. Der Schruller lenkte jetzt seine Schritte dorthin. Er traf vor dem Kirchlein einige Bekannte aus der Jachenau. Durch sie erfuhr er das Ergebnis der gestrigen Wildererhetze, aber auch, daß das Wild im Tirolischen erlegt worden, und die Frevler streng bestraft würden, wenn sie sich nochmals im Oesterreichischen blicken ließen. Deshalb beschlich ihn wieder von neuem große Angst, denn er konnte ja als ihr Helfershelfer angesehen werden. Es war ihm, als stünde er auf einem Vulkan, in dem er jeden Augenblick versinken könne. Wie sehnte er sich jetzt wieder nach dem blauweißen Schlagbaum, denn nun war wieder jenseits desselben für ihn Sicherheit; im Tirolischen aber Schande und Gefahr. Er ging demnach der Grenze zu; da kam der alte Ameisler des Weges. Endlich ein Mensch, dem gegenüber er sich aussprechen, von dem er Näheres erfahren konnte. Der Alte erzählte ihm, was er wußte, auch Friedls Arretierung. »Jeß, der Friedl!« rief der Schruller. »Auf den hon i ganz vergessen, und auf sei' Hex.« 284 »Die Hex zoag i dir,« erwiderte der Alte. »Kimm nur wieder zruck ins Kirchal, dort treff' ma's und da wern ma's aa hörn, wie's mit'n Friedl ausschaugt.« Der Schruller, nun wieder mutiger, kehrte mit dem Alten um, und lud denselben ein, mit ihm im Klösterl, das sie bald erreicht hatten, zu frühstücken. Nun war es hier schon lebendiger geworden; von allen Seiten kamen Wallfahrer herbei, und jetzt ertönte Wagengerassel. Ein mit vier Personen besetztes Einspännerwägerl fuhr am Wirtshause vor. Es war des Angerbauern Fuhrwerk. Die Fahrt hierher hatte alles ausgeglichen. Mit fröhlichen Gesichtern stiegen sie vom Wagen und Schruller eilte hinzu, Mirl behilflich zu sein, die ihn glückselig anlächelte. »Wir hab'n 'n Friedl scho',« rief sie ihm zu. »Und sei' Hex kimmt aa her,« antwortete der junge Bauer. »Die is so mit uns herg'fahrn,« entgegnete Mirl; »da is's.« Sie zeigte auf das Mädchen, das mit Friedls Hilfe soeben vom Wagen gestiegen. Die beiden künftigen Schwäger reichten sich die Hände zum Gruße und Friedl sagte: »Gestern hon i mit dir meine Bleameln teilt, heut teiln ma mit anand d' Freud. Dös is mei' Hochzeiterin, wenn der Oedl nix dagegn hat.« Dieser war herangekommen, um seiner Verwunderung Ausdruck zu geben, die Enkelin so vergnügt bei den fremden Leuten zu sehen. Franzei, voller Glückseligkeit, verständigte ihn rasch von allem. Der Angerbauer, der das Gefährte versorgt, kam jetzt auch herzu, eine sorgfältig in Papier eingewickelte Riesenkerze im Arme tragend, welche zur Opferung bestimmt war, und Franzei machte die beiden alten Männer mit einander bekannt. »Geht's in d' Kircha, zamläutn thuats,« sagte der Angerbauer zu den jungen Leuten. »Wir zwoa Alte kemmn glei' nachi, wir habn no' ebbas ausz'macha.« Dann wandte er sich noch zum Schruller. »Dir, Ferdl, laßt der Förster draus extra danken, daß d' sein' Forstgehilfen die G'schicht von dem Wildererfloß g'sagt hast. 's is freili anders ganga, als er denkt hat, aber der Förster denkt – und a gwiß's Franzei lenkt!« Er lachte selbst über seinen Witz. Aber auch Schruller lachte. Plötzlich war ja sein Herz erleichtert, er hatte keine Strafe mehr zu fürchten, er erntete sogar Dank. Der alte Ameisler fühlte sich wie aus den Wolken gefallen und doch wieder in dieselben erhoben, als der Angerbauer in bester Form um sein Enkelkind für Friedl freite. Sein »Ja« konnte er nur tiefbewegt und unter Thränen aussprechen. Nach dem Gottesdienste schritten zwei glückliche Paare aus der Kirche. Einige Stunden darauf ward in der Vorderriß der Verlobungsschmaus gehalten. Der alte Ameisler nahm jedoch nicht daran teil. Er dankte zu Hause, auf der Gred sitzend, dem Himmel für das unerwartete Glück. Dafür aber saß der gemütliche Förster bei seinen Gästen und manches Wohl auf die beiden Brautpaare wurde bei gutem, echten Tiroler getrunken. 286 Sechs Wochen später fand in Lenggries die Doppelhochzeit statt, die den Grundstein legte für zwei glückliche Hausstände. Friedl mußte freilich manche Scherzrede über seine Romfahrt hinnehmen, aber er lachte vergnügt dazu, und stolz auf sein prächtiges Weib, das schwarzäugige Franzei, blickend, sagte er oft: »I mag anfanga, was i will, die beste und g'scheiteste That in mein Lebn bleibt halt alleweil mei' Romfahrt in d' Hinterriß.« München 1887.