Walter Scott Guy Mannering – der Roman eines Sterndeuters Erster Band. Erstes Kapitel. Es war im Anfang des Wintermonats 17.., als ein junger Engländer, der die hohe Schule zu Oxford verlassen hatte, eine Reise durch das nördliche England machte und, durch Wißbegierde verleitet, von da in die angrenzenden Teile Schottlands fortsetzte. An dem Tage, da unsere Geschichte beginnt, hatte er verschiedene Klosterruinen in der Grafschaft Dumfries besucht und auch Zeichnungen davon gefertigt. Darüber war es spät geworden, so daß, als er wieder zu Pferde stieg, um seine Tour fortzusetzen, die zur Winterszeit kurze trübe Dämmerung schon angebrochen war. Der Weg ging durch ein schwarzes Moor, das sich seitwärts und geradeaus meilenweit erstreckte. Kleine Erhöhungen stiegen wie Eilande auf der Fläche empor, die, hie und da mit Getreidestreifen bedeckt, selbst in dieser Jahreszeit noch grün waren; und zuweilen erhob sich eine Hütte oder ein Pachthaus, von einigen Weiden beschattet und umfriedigt von dicken Hollunderbüschen. Pfade, die sich durch das Moor wanden, aber nur von Einheimischen begangen werden konnten, setzten diese vereinzelten Wohnstätten in Verbindung. Der Fahrweg war jedoch ziemlich gut und sicher, so daß dem Wanderer, den etwa die Nacht überfiel, keine Gefahr zu drohen schien. Reist aber jemand allein und nachts durch eine unbekannte Gegend, so ist ihm wohl niemals behaglich zu Mute, und bei keiner Gelegenheit wohl ist die Phantasie so rührig, wie in der Lage, in der sich unser Reiter, der den Namen Mannering führte, befand. Als der Schein der Dämmerung immer mehr erlosch und das Moor immer schwärzer wurde, erkundigte sich der Reisende bei jedem vorübergehenden Wanderer auf immer lebhaftere Weise, wie weit es bis zum Dorfe Kippletringan sei, wo er die Nacht zubringen wollte. Gewöhnlich folgte auf seine Frage die Gegenfrage: Woher kommt der Herr? und so lange die Leute, die er fragte, in dem matten Abendlichte noch erkennen konnten, daß sie einen Reisenden von Stande vor sich hatten, legten sie ihren Gegenfragen gewöhnlich irgend eine Annahme unter: z. B.: »Der Herr kommt gewiß vom alten Kloster Heiligen Kreuz, wohin so viele englische Herren gehen.« Als es aber so finster geworden, daß die Leute den Fragesteller nicht mehr erkennen, sondern nur hören konnten, erwiderten sie gewöhnlich: »Ei, woher kommt Ihr zu einer solchen Zeit in der Nacht?« oder auch: »Ihr seid gewiß nicht hier aus den Lande, Freund?« Die Antworten waren übrigens, wenn sie erfolgten, weder übereinstimmend noch genau. Anfangs war es bis Kippletringan noch ein schönes Stück, das bald zu drei Stunden sich verlängerte, die dann wieder auf eine, starke Meile zusammenschrumpften, oder annähernd bis zu drei, Meilen sich ausdehnten. Die Stimme einer Frau, die erst ein schreiendes Kind beruhigte, das sie auf dem Arm trug, versicherte endlich dem Reisenden, es sei noch sehr weit bis zum Dorfe und die Straße für Fußgänger sehr beschwerlich. Dem armen Mietpferde, das Mannering ritt, schien der Weg so wenig zu behagen, wie der guten Frau: es wurde allmählich sehr matt, antwortete auf jeden Sporenstich mit einem Stöhnen und stolperte über jeden Stein. Mannering war ungeduldig. Endlich wähnte er, in einem fern schimmernden Licht das Ziel seiner Tagesreise zu sehen; als er aber näher kam, fand er nur eins jener Bauernhäuser, die hie und da das weitgedehnte Moor beleben. Eine neue Verlegenheit kam: er geriet an einen Scheideweg. Hätte er auch ein Licht gehabt, um die von einem Wegweiser vorhandenen Trümmer zu Rate zu ziehen, so hätte es ihm doch wenig geholfen, da nach echt schottischer Sitte die Schrift wieder ausgelöscht worden war. Wie ein irrender Ritter mußte sich unser Abenteurer auf die Klugheit seines Pferdes verlassen, das ohne Bedenken den Pfad zur Linken einschlug; und da es munterer als bisher zu traben begann, erfüllte es seinen Reiter mit der Hoffnung, daß es dem Stalle zustrebe, daß also das Nachtlager nicht mehr weit entfernt sei. Es war schon sehr finster, obgleich die Sterne von Zeit zu Zeit mit zitterndem, ungewissem Lichte durch die Wolken blickten. Nichts unterbrach die tiefe Stille umher, als das Geschrei der Rohrdommel und das Heulen des Windes, der über das dürre Moor fuhr. Endlich vernahm der Reisende auch das ferne Tosen des Meeres, dem er sich schnell zu nähern glaubte. Ein neuer Grund zu Besorgnissen! Viele Wege in jener Gegend laufen längs dem Meeresstrande und werden häufig von der Flut überströmt, die sehr hoch geht und mit reißender Schnelligkeit wächst. Andere Pfade sind von Buchten und schmalen Stearinen durchschnitten, die zur Flutzeit nicht immer gangbar und sicher sind. Beides war für einen, des Weges nicht kundigen Reisenden auf einem ermüdeten Pferde, in einer so finsteren Nacht, mißlich genug. Es blieb ihm nichts übrig, als in dem ersten bewohnten, wenn auch noch so, armseligen Orte zu bleiben; es müßte denn gerade sein, daß er sich einen Führer nach dem leidigen Kippletringan verschaffen könnte. Er hielt vor einer kleinen ärmlichen Hütte, und als er mit vieler Mühe die Tür gefunden und lange gepocht hatte, erschallte zur Antwort ein gellendes Duett zwischen einer weiblichen Stimme und einem Hofhunde, der sich beinahe das Herz aus dem Leibe bellte, während jemand dazu schrie. Endlich wurden die menschlichen Töne vorherrschend, während das Geheul in ein häßliches Gekläff überging: ein Zeichen dafür, daß noch andere Faktoren als die Lunge beruhigend gewirkt hatten. »Daß Du krepieren mögest!« waren die ersten vernehmlichen Worte. »Ich kann ja vor Deinem Gebell nicht hören, was der Mann will.« »Bin ich noch weit von Klippetringan, gute Frau?« rief Mannering. »Von Kippletringan!!!« antwortete jemand im Tone der höchsten Verwunderung, die sich selbst durch drei Ausrufzeichen nur schwach kennzeichnen läßt ... »O Freund, da müßt Ihr wieder zurück bis –« »Nicht doch, gute Frau. Mein Pferd kann nicht weiter. Könnt Ihr mir nicht Nachtherberge geben?« »Das kann ich nicht. Ich bin ganz allein, Jakob ist auf dem Jahrmarkte in Drumshourloch mit den Zuchtkälbern. Ich darf niemand aufmachen, der sich um diese Zeit auf der Straße herumtreibt.« »Aber was soll ich denn anfangen, liebe Frau? Hier auf der Straße kann ich doch die Nacht nicht zubringen.« »Ja, aber ich kann nicht anders. Geht doch hinunter zum Schlosse. Ich wette, da nimmt man Euch gern auf.« »Aber wie komme ich denn zum Schlosse? Ist niemand hier, der mir den Weg zeigen kann? Ich will ja gut dafür bezahlen.« Das Wort »bezahlen« wirkte mit Zaubergewalt ... »Hans! Du fauler Strick!« rief jemand im Hause; »liegst hier und schnarchst, und der junge Herr braucht einen Wegweiser nach dem Schlosse! Auf, Du Bärenhäuter, geh und bring ihn hin! – Er wird Euch den Weg weisen, lieber Herr,« klang wieder die Frauenstimme, »und ich wette, man wird Euch gut aufnehmen, denn es wird nie jemand dort von der Tür gewiesen. Ich denke, Ihr werdet just zur guten Stunde kommen; der Knecht des Lairds ritt heute abend vorbei, die Hebamme zu holen, und als er hier einen Krug Dünnbier trank, sagte er uns, die gnädige Frau wollte in die Wochen kommen.« »Aber zu einer solchen Zeit möchte die Ankunft eines Fremden lästig sein,« hob Mannering wieder an. »Nicht doch, laßt Euch nicht bange sein; im Haus dort ist Platz genug, und Kindbettzeit ist immer fröhliche Zeit.« Hans hatte sich indes in eine zerrissene Jacke und ein Paar noch schlechtere Beinkleider gefunden, und es kam ein weißköpfiger, barfüßiger, träger Junge von zwölf Jahren beim Schimmer eines Binsenlichts zum Vorschein, das seine halbbekleidete Mutter so hielt, daß sie den Fremden sehen konnte, ohne sich seinen Blicken auszusetzen. Der Junge schlug die Richtung gegen Abend ein, und das Pferd am Zügel haltend, führte er den Reisenden mit einer Gewandtheit, die nichts zu wünschen ließ, über einen schmalen Pfad am Rande eines tiefen Abgrundes. Darauf zog er das müde Tier über eine steinige Wagenspur, dann über ein frisch gepflügtes Feld; endlich machte er eine Oeffnung in eine Mauer von losen Steinen, und so kam er zuletzt durch ein Pförtchen in einen Weg, der wie eine Allee aussah, obgleich viele Bäume gefällt waren. Das Toben des Meeres drang näher und lauter an des Reisenden Ohren, und der durch die Wolken brechende Mond übergoß mit seinem bleichen Schimmer ein mit Türmen gekröntes, den Anscheine nach verfallenes Gebäude von ansehnlichem Umfange. Mannering betrachtete es mit einer mißmutigen Empfindung »Das ist ja ein alter Steinhaufen, Junge, und kein Haus« sagte er. »Aber unsere Herrschaft hat da schon lange gewohnt. Es ist das alte Schloß Ellangowan. Freilich ist's nicht geheuer hierherum; aber Ihr braucht Euch nicht zu fürchten, ich selbst habe nie was gesehen. So, nun sind wir gerade vor dem Tore des neuen Schlosses.« Der Reiter ließ die Trümmer rechts liegen und stand vor einem kleinen neuen Hause, an dessen Tor der Junge laut pochte. Mannering eröffnete dem Diener, der zum Vorschein kam, sein Anliegen, und als der Hausherr in der Wohnstube vernommen, um was es sich handle, kam er heraus und hieß den Fremden gastfreundlich in Ellangowan willkommen. Der Junge wurde mit einer halben Krone entlassen, worüber er höchst vergnügt war, das müde Pferd in den Stall gebracht, und nach einigen Minuten sah Mannering bei einem guten Abendessen, das er sich nach dem beschwerlichen Nachtritte schmecken ließ. Zweites Kapitel. Die Gesellschaft im Wohnzimmer zu Ellangowan bestand aus dem Gutsherrn selbst, und einem Manne, der wie ein Dorfschulmeister oder wie ein Pfarrgehilfe aussah; in ihm den Dorfpfarrer selbst zu vermuten, dazu war sein Äußeres zu armselig, denn der hätte sich zu einem Besuch im Schlosse wohl anständiger gekleidet. Der Laird war ein Landedelmann zweiten Ranges. Ein Zug von gutmütiger Sorglosigkeit war der einzige Ausdruck, der in seinem Gesicht auffiel, das eher hübsch als unangenehm aussah, aber so recht all jene Leere zum Ausdruck brachte, die in seinem ganzen Leben geherrscht hatte. Godfrey Bertram von Ellangowan zählte viele Ahnen, aber wenig Einkünfte, wie mancher Gutsherr seiner Zeit. Die Reihe seiner Väter stieg so hoch hinauf, daß an seinem Stammbaume, außer den Kreuzfahrernamen der Gottfriede, Gilberte und Rolande, auch noch die heidnischen Früchte einer weit dunklern Zeit hingen. Sie waren vordem die unruhigen Gebieter eines öden, aber ausgedehnten Besitztums und die Häuptlinge eines zahlreichen Stammes, namens Mac Dingawaie, der späterhin mit dem normannischen Zunamen Bertram vertauscht wurde. Sie hatten Kriege angefangen, Aufstände angezettelt, waren geschlagen, geköpft und gehängt worden, wie es sich Jahrhunderte lang für ein angesehenes Geschlecht ziemte. Allmählich aber verloren sie an Ansehen, und die Herren von Ellangowan, einst Häupter und Rädelsführer von Verschwörungen, sanken zu untergeordneten Parteigängern herab. Ihre unglücklichste Zeit fiel in das siebzehnte Jahrhundert, wo der böse Geist des Widerspruches sie mit den Machthabern in ewigen Hader brachte. Allan Bertram, der zur Zeit Karls des Ersten lebte, war ein standhafter Königsfreund, verband sich mit dem tapfern Monrose und andern eifrigen, ehrenwerten Vaterlandsfreunden und erlitt große Verluste. Der König verlieh ihm zwar die Ritterwürde, aber nach dem Sturze wurde er als Uebelgesinnter hart verfolgt. Sein Sohn heiratete die Tochter eines einflußreichen Schwärmers, der dem Staatsrate angehörte und dadurch den letzten Rest des Stammgutes rettete. Zu seinem Unglück aber begeisterte er sich für die Anschauungen seiner Gemahlin ganz ebenso wie für ihre Reize, und als er unter Karl dem Zweiten im Namen der Gutsbesitzer der westlichen Grafschaften beim Staatsrat eine Beschwerdeschrift über Landbedrückungen einreichte, wurde er zu einer harten Geldbuße verurteilt, die ihn zur Verpfändung seines halben Erbteils nötigte. Durch Sparsamkeit hätte sich dieser Verlust wohl ersetzen lassen: aber als es bald nachher zu einem neuen Aufstande kam, machte sich Bertram abermals verdächtig, wurde verhaftet und brach bei einem Versuche, aus dem Kerker zu entspringen, den Hals. Der Hypotheken-Gläubiger setzte sich in Besitz des Anwesens, und der junge Erbe von Ellangowan, Donohoe Bertram, übernahm nun das stark verkümmerte Stammgut. Er warf den Kaplan seiner Mutter aus dem Hause, weil beide, wie die Sage geht, um eines Milchmädchens willen in Streit geraten waren, betrank sich täglich bei den vielen Gesundheiten, die er auf König, Staatsrat und Bischöfe ausbrachte, und ging im Tressen bei Killiekrankie zu Clavers über. Bald nachher schoß ihn ein Cameronianer in einem Gefechte mit einem silbernen Knopfe tot; denn man hielt ihn für kugel- und stichfest. Sein Grab heißt noch immer »das Lager des schlimmen Laird.« Sein Sohn Lewis war klüger als seine andern Stammesglieder und suchte zu erhalten, was vom Stammgute auf ihn gekommen war, obgleich auch er, vom Verhängnis ergriffen, das über den Herren von Ellangowan feindselig waltete, sich in die politischen Parteien mischte, die sich 1715 zu gunsten des vertriebenen Hauses Stuart bildeten: aber er verlor doch nicht alles, sondern verkaufte einen Teil seiner Ländereien, räumte das alte Schloß, wo seine Voreltern gewohnt hatten, und erbaute von einem Teile seiner ehrwürdigen Trümmer ein kleines Haus, dessen Vorderseite wie eine Grenadiermütze aussah; das war der neue Edelhof, worin er seinen Sitz aufschlug, und hier war er immer dafür besorgt, den Wohlstand seines Hauses wieder zu erheben. Er nahm einige Ländereien von benachbarten Gutsbesitzern in Pacht, kaufte und verkaufte hochländisches Rindvieh und Cheviot-Schafe, ritt auf Jahrmärkte und Sammelplätze und half sich in der Not, so gut es gehen wollte. Was er aber an Geld gewann, verlor er an Ansehen; denn alle landwirtschaftliche und kaufmännische Betriebsamkeit wurde von seinen Standesgenossen, die nur für Hahnenkämpfe, Jagd und Wettrennen Sinn hatten, mit sehr ungünstigen Augen angesehen. Dadurch sah sich der neue Herr von Ellangowan gezwungen, ihre Gesellschaft zu meiden und einer von den »fürnehmen Pachtherren« zu werden, was aber damals in Schottland kein angesehener Stand war. Als das dürftige Erbe auf seinen einzigen Sohn, den Wirt unseres Reisenden, überging, trat die gefährliche Natur der väterlichen Spekulationen sehr bald zu Tage. Es fehlte an der selbständigen Oberaufsicht, die der Vater geführt hatte, so daß alles, was der Sohn angriff, mißlang. Ohne einen Funken von eigener Kraft, den hieraus erwachsenden Schaden gut zu machen, verließ er sich auf einen Verwalter, unter dessen Händen kleine Schulden zu großen wurden, Zinsen sich auf Zinseszinsen häuften, ablösliche Lasten zu erblichen wurden, bis der brave Laird, der durchaus kein Freund von Zank und Streit war, aus den Prozessen nicht mehr herauskam, aber von ihnen zumeist erst dann hörte, wenn das Gericht die Kosten beitrieb. Die Nachbarn sahen seinen Untergang voraus, und während die Vornehmern ihn schon, nicht ohne Schadenfreude, als »bankerotten Standesgenossen« ansahen, fühlten die Niedern, die seine Lage nicht neidenswert fanden, in gewissem Maße Mitleid mit ihm. Bei mancher öffentlichen Zusammenkunft, wenn von Bedrückungen der adeligen Gutsherren die Rede war, hieß es dann wohl bei diesen letztern: »Ja, wenn der ehrliche Ellangowan noch die Macht seiner Voreltern besäße, ließe er arme Leute nicht so unter die Füße treten.« Aber trotz dieser guten Meinung von ihm, machte man sich doch kein Bedenken daraus, bei jeder Gelegenheit Nutzen aus seinen Verlegenheiten zu ziehen, das Vieh in sein Gebüsch zu treiben, Holz aus seinen Beständen zu stehlen und Wild von seinen Fluren wegzuschießen; Hausierer, Zigeuner, Kesselflicker und allerhand fahrendes Volk schlug sein Lager in der Nähe seines Schlosses auf oder herbergte gar in seiner Küche; der Gutsherr aber, der, wie fast immer Schwächlinge unter den Menschen, ein Freund vom Klatsche war, fand den Lohn für seine Gastfreiheit in der Gelegenheit, seine Gäste nach den Neuigkeiten im Lande zu fragen. Auf dem geraden Wege zum Untergange wurde der Gutsherr durch die Mitgift von viertausend Pfund Sterling, die ihm seine Braut brachte, noch einmal aufgehalten. Niemand in der Gegend konnte begreifen, warum ihre Wahl auf ihn gefallen, warum sie ihm ihr Geld in die Hände gab, wenn sie sich nicht gerade durch seine schlanke hübsche Gestalt, sein freundliches Gesicht und Benehmen und sein gutmütiges Temperament hatte fesseln lassen. Vielleicht hat bei ihr auch mitgesprochen, daß sie in dem bedenklichen Alter von achtundzwanzig Jahren stand und keine näheren Verwandten hatte, die Einspruch gegen ihre Wahl hätten erheben können. Sie stand nun vor ihrer ersten Entbindung, und eben um ihretwillen war in der Nacht, da Mannering eintraf, der Eilbote nach Kippletringan gesandt worden. Des Gutsherrn Gesellschafter war Abel Sampson, gewöhnlich als Jugendlehrer »Magister Sampson« genannt. Er war von niederer Herkunft, war aber seit seiner frühesten Kindheit ein so ernster Streber gewesen, daß seine armen Eltern sich zu der Hoffnung berechtigt hielten, ihr Junge werde den Weg auf die Kanzel finden. Infolgedessen darbten sie sich alles ab, standen früh auf und gingen spät zu Bett, aßen trocknes Brot und tranken kaltes Wasser, um ihrem kleinen Abel die Mittel zum Studium zu schaffen. Aber der arme Sampson war von langer, häßlicher Figur, und von schweigsamem, ernstem Wesen, hatte auch die seltsame Gewohnheit an sich, mit Armen und Beinen zu schlenkern und Gesichter zu schneiden, wenn er seine Aufgabe hersagte, und wurde hierdurch allen Schulknaben zum Gelächter. Nicht besser erging es ihm auf der hohen Schule von Glasgow. Die halbe Gassenjugend lief gewöhnlich zusammen, wenn »Magister Sampson« – diesen Ehrentitel besaß er schon – mit seinem Wörterbuch unter dem Arme aus dem griechischen Unterricht kam, die langen, ungefügigen Beine spreizend, die seltsamen Takt hielten mit dem Spiele der mächtigen Schulterblätter, über denen der weite, fadenscheinige schwarze Rock, sein gewöhnlicher und einziger Anzug, sich hob und senkte. Wenn er redete, waren vollends alle Bemühungen des Lehrers, das unauslöschliche Gelächter der Schüler zu unterdrücken, umsonst; ja es fiel ihm selbst schwer, ernsthaft zu bleiben. Das lange, bleiche Gesicht, die stieren Augen, der große Unterkiefer, der nicht willkürlich sich zu öffnen und schließen, sondern wie durch einen im Leibe arbeitenden Mechanismus auf- und niederzuklappen schien, die rauhe, überlaute Stimme und die an Geheul erinnernden Töne, wenn er ermahnt wurde, deutlicher zu sprechen – alles dieses reizte noch mehr zum Lachen! dazu kamen noch der zerlumpte Rock und die zerrissenen Schuhe, die Stoff zum Spott gegen den armen Gelehrten seit Juvenals Zeiten gegeben haben. Daß Sampson je darüber aufgebracht gewesen wäre oder an seinen Quälgeistern sich zu rächen gesucht hätte, davon hatte noch kein Mensch im Leben gehört. Er schlich auf den einsamsten Pfaden, die er finden konnte, aus der Schule in seine armselige Wohnung, wo er, für achtzehn Pense wöchentlich, auf einem Strohsacke schlafen und, wenn seine Wirtin gut gelaunt war, an ihrem Feuer seine Aufgaben lernen konnte. Mitten in diesen bedrängten Umständen erwarb er sich jedoch gute Kenntnisse im Griechischen und Lateinischen und blieb auch in den Wissenschaften kein Fremdling. Mit der Zeit wurde er Predigtamtskandidat. Aber ach! auf der Kanzel stand ihm nicht bloß seine Schüchternheit im Wege, sondern die ganze Gemeinde geriet bei seinem ersten Predigtversuche in eine so fidele Stimmung, daß dem armen Kandidaten die Worte im Halse stecken blieben. Er keuchte, zeigte die Zähne, rollte furchtbar die Augen, schlug die Bibel zu, stolperte die Kanzeltreppe hinab und rannte die alten Weiber, die hier gewöhnlich ihren Platz hatten, dabei fast über den Haufen. Seitdem hieß er nur »der Prediger, der nicht weiter kann.« Nach diesem trübseligen Debüt kehrte er wieder in seine Heimat zurück mit verlorenen Hoffnungen und Aussichten, und teilte dort die Armut seiner Eltern. Da er nun weder Freunde noch Kameraden, ja nicht einmal einen Bekannten hatte, konnte es niemand recht fassen, wie er über das Malheur wegkam, das dem Städtchen, in welchem er als Prediger aufgetreten war, acht Tage lang Stoff zur Unterhaltung gab. Wahrscheinlich aber ist sein Gleichmut dadurch nicht erschüttert worden. Durch Stundengeben suchte er so viel zu verdienen, daß er seine Eltern unterstützen konnte, und hatte wohl bald Schüler genug dazu, aber der Einnahmen aus dieser Tätigkeit herzlich wenig. Pächterssöhne durften ihm nach Belieben geben, von den Armen nahm er aber nichts, und für die erstern war es eben nicht viel Ehre, daß der arme Lehrer keinen Tag so viel verdiente wie ein geschickter Knecht hinter dem Pfluge. Er schrieb eine gute Hand, und eine kleine Einnahme wurde ihm von seiten des Herrn von Ellangowan, für den er Rechnungen schrieb oder Briefe entwarf. Auf diese Weise fand dieser mit der Zeit immer mehr vereinsamende Gutsherr nach und nach Behagen an Sampsons Gesellschaft. Von Unterhaltung konnte dabei freilich nicht viel die Rede sein, aber der Magister war ein guter Zuhörer, wußte das Kaminfenster gut imstande zu halten, versuchte sich wohl auch in der Kunst des Lichtputzens; als es ihm aber dabei passierte, daß er zweimal hintereinander die Wohnstube in tiefes Dunkel setzte, gab er weitere Versuche in dieser Richtung auf und beschränkte seine Dienstleistung hinfort darauf, sein Bierglas gleichzeitig mit dem Burgherrn von Ellangowan in die Hand zu nehmen und dessen endlose Erzählungen mit unverständlichem Beifallgemurmel zu begleiten. Bei einer solchen Gelegenheit bekam unser Reisender zum erstenmal Magister Sampsons langes, mageres, ungeschlachtes Knochengerippe in dem alten, schäbigen schwarzen Rocke, zu dem ein buntes, nichts weniger als sauberes Halstuch, ein Paar graue Beinkleider und dunkelblaue Strümpfe sowie ein Paar klobige Schuhe mit genagelten Sohlen, durch kleine kupferne Schnallen über dem Spann zusammengehalten, eine schickliche, nicht aber vorteilhafte Ergänzung bildeten, zu Gesicht. Drittes Kapitel. Der Gast wurde über den Zustand der Hausfrau unterrichtet, der als Entschuldigungsgrund für ihre Abwesenheit und all die hiermit notwendig im Zusammenhange stehenden Unzukömmlichkeiten, wie Mangel an Aufmerksamkeit bei der Bewirtung, usw. gelten mußte. »Ich kann nicht schlafen,« sagte der Hausherr mit der Unruhe, die bei einem Vater unter solchen Umständen begreiflich und natürlich ist, »bis ich weiß, daß sie es glücklich überstanden hat, Wenn Sie nicht allzu müde sind, lieber Herr, so schenken Sie vielleicht mir und dem Magister die Ehre Ihrer Gegenwart noch? Allzulange werden wir Sie hoffentlich nicht aufhalten. Die Hebamme ist eine geschickte Person, die ihresgleichen sucht. Da war eine Dirne hier in der Gegend in Kindsnöten und ließ die Howatson-Luckie holen. Warum schütteln Sie so mit dem Kopfe und seufzen, Sampson? – die Kirchenbuße ist doch schlecht und recht von ihr bezahlt worden, und was kann solch armes Ding noch mehr tun? – Es passierte wohl, ehe sie unter die Haube kam, aber der Mann, der sie dann genommen, hält sie darum nicht weniger in Ehren – sie wohnt jetzt in Annan, an der Küste, und ich sage Ihnen, Herr Mannering, ein anständigeres, ordentlicheres Ehepaar kann man sich gar nicht vorstellen, Sie hat ein halbes Dutzend hübsche Kinder, und der kleine Krauskopf Godfrey – der Älteste, der sozusagen ohne Paß auf die Welt kam, – der ist auf einem Zollschiffe bedienstet – ich habe selbst einen Vetter auf dem Zollschiffe, den Kommissarius Bertram; er bekam die Stelle, als in der Grafschaft der große Wahlkrawall herrschte, – unter König Jakob – Sie werden ja davon gehört haben?« Hier wurde die Geschichte, in die sich der Laird wieder zu verwickeln begann, durch lauten Gesang von jemand, der die Küchentreppe heraufkam, unterbrochen. Die hohen Töne waren zu grell für eine männliche, die tiefen schienen zu dumpf für eine weibliche Stimme zu sein. Was Mannering von dem Singsang unterscheiden konnte, lautete: Sei der Tag beglückt gewesen! Tät' die Frau des Kinds genesen? Bübel oder Mädel sei's, Beten wir und machen's Kreuz. »Ach, die Meg Merrilies, die Zigeunerin, bei meiner Armensünder-Ehre!« sagte Bertram. Sampson stöhnte, löste die gekreuzten Beine voneinander, zog den vorgestreckten, in der bisherigen Stellung lahm gewordenen Fuß an sich, stellte ihn senkrecht vor sich hin und legte das andere Bein darüber, während er dicke Tabakswolken aus seiner Pfeife blies. »Warum stöhnen Sie, Magister?« fuhr ihn Bertram an. »Was die Meg Merrilies singt, ist doch nichts Schlimmes.« »Was Gutes auch nicht,« antwortete Sampson mit einer Stimme, deren rauher Mißklang zu seiner ungeschlachten Gestalt vortrefflich paßte. Es waren die ersten Worte, die Mannering aus dem Munde des Magisters hörte, den er bis jetzt nur wie einen Automaten essen, trinken, rauchen gesehen, und da er mit gewisser Spannung darauf gewartet, ihn auch reden zu hören, machten ihm die rauhen Töne, die nun den Weg zu seinem Ohr fanden, nicht wenig Spaß. Da ging die Tür auf, und Meg Merrilies trat herein. Mannering fuhr bei ihrem Anblick zurück. Sie war volle sechs Fuß hoch, trug einen Mannsrock über ihrem Kleide, hielt in der einen Hand einen derben Schlehdornknüttel und wies, von ihren Weiberröcken abgesehen, mehr das Aussehen eines Mannes als eines Weibes auf. Ihre tiefschwarzen, zerzausten Locken lugten unter der altmodischen Mütze, die sie auf dem Kopfe trug, wie Gorgonenhaar hervor und verschärften die energischen Züge des gebräunten Gesichts, das von ihnen verdunkelt wurde, während ihre Augen so wild rollten, daß man die Person für wirklich wahnsinnig, oder sich wahnsinnig stellend, halten konnte. »Ei, ei, Ellangowan,« sagte sie, »was möchte wohl passiert sein, wenn die Edelfrau in die Wochen gekommen wäre, und ich wäre ohne Ahnung davon auf dem Jahrmarkte in Drumshourloch geblieben! Wer hätte die bösen Geister verjagen sollen? Wer hätte die Elfen und Hexen bannen sollen von dem lieben Bübel, das der liebe Gott segnen möge! Wer hätte der heiligen Columba Zauberspruch für ihn hersagen sollen?« und ohne auf Antwort zu warten, hub sie an: »Kleeblatt, Taubenkraut und Dill Hindern, was die Hexe will; Dem ist wohl, der Fasttag macht, Wenn Sankt-Andrestag erwacht. Sankt Brigitta, sei uns gut; Sankt Columbas treue Hut, Auch Sankt Michel und sein Schwert Halt' das Haus uns unversehrt!« Sie sang den Spruch in wilder Weise, in hohen gellenden Tönen und machte dabei drei Sprünge, so gewandt und behende, daß sie fast die Decke der Stube berührte ... »Und wollt Ihr mir nun einschenken lassen, edler Herr?« setzte sie hinzu. »Meth sollst Du haben, Meg! Setz' Dich dort an die Tür und erzähle mir, was Du Neues gehört hast auf dem Markte,« antwortete der Laird. »Meiner Treu, edler Herr, da hättet Ihr sein sollen und Euresgleichen! Es war auch lustiges Weibsvolk da, außer mir; aber niemand, der einer Handgeld geben wollte!« »Und wieviel Zigeuner sind ins Gefängnis gesteckt worden, Meg?« »Nur drei, edler Herr, denn mehr waren ihrer nicht auf'm Jahrmarkt, außer mir, wie schon gesagt, aber ich bin ihnen aus dem Wege gegangen, denn mit dem zänkischen Volk ist nicht gut umgehen. Der Dunbog, wenn's Euch interessiert, hat den Red Rotten und den John Young vom Gute gejagt – verflucht sei sein Stamm! Kein Tropfen Edelmannsblut fließt in seinen Adern. Was liegt wohl daran, wenn ein paar arme Leute Schutz und Obdach in einem verfallenen Hause suchen oder eine dünne Birke umhauen, um sich ein bißchen Suppe zu kochen? Dem kräht doch sicher, ehe der Tag graut, der rote Hahn auf der Scheune!« »Still, Meg, das sind schlimme Reden!« »Was meint sie?« fragte Mannering leise den Magister. »Brandstiftung,« versetzte der wortkarge Magister. »Wer ist die Person? und was? Sagen Sie es mir, bitte!« »Diebin, Hexe, Zigeunerin,« versetzte Sampson mit der gleichen Wortkargheit wie vordem. »O, fürwahr, Laird,« fuhr Meg während dieser Zwischenrede fort, »nur Leuten wie Euch kann man das Herz ausschütten. Der Dunbog, seht, ist so wenig ein Edelmann wie der Maurer, der das Haus baut. Aber wer Euch gleicht, der ist Edelmann aus einem Geschlecht, das Hunderte von Jahren alt ist, und so einer jagt arme Leute nicht von seinem Grund und Boden wie tolle Hunde, und niemand von unsern Leuten würde Euch was nehmen, und wenn Ihr soviele Kapaunen hättet, wie Blätter am Baume hängen ... Nun mag einer von euch Herren die Uhr nehmen und mir die Minute sagen, in der das Kind geboren ist, und ich will ihm wahrsagen.« »Wir werden Eure Hilfe nicht brauchen, Meg,« sagte Bertram; »hier ist ein gelehrter Herr aus Oxford, der versteht sich besser als Ihr aufs Wahrsagen, denn er liest aus den Sternen.« »Gewiß, Herr Bertram,« antwortete Mannering, den Einfall seines gutmütigen Wirts aufgreifend, »ich will ihm die Nativität stellen nach allen Regeln der Triplizität, die Pythagoras, Hippokrates, Diokles und Avicenna gegeben haben.« Es war eine von Sampsons guten Eigenschaften, die ihm Bertrams Gunst gewonnen: daß er auch auf den plumpsten Versuch, ihn zum besten zu haben, nicht einging, so daß er dem Laird ein bequemes Opfer für seine Neckereien und Sticheleien abgab; Sampson stimmte tatsächlich kein Gelächter an und stimmte nie in ein Gelächter ein, das er durch seine Einfalt weckte; ja man sagte, er habe bloß einmal in seinem Leben gelacht, seine Wirtin aber dadurch in solchen Schrecken gesetzt, daß sie vor der Zeit in die Wochen kam. Merkte er ja einmal, daß man über ihn lachte, so übte das weiter keine Wirkung auf ihn, als daß er, aber ohne einen Muskel seines Gesichts zu bewegen, das Wort: »Komisch!« hervorstieß, streng in zwei Silben geschieden, und höchstens einmal noch wiederholte. Jetzt aber heftete er seinen stieren Blick auf den jungen Sterndeuter, ohne zu wissen, ob er die Antwort, die derselbe seinem Gönner gegeben, recht verstanden hätte oder nicht. »Ich fürchte, lieber Herr,« meinte Mannering, zu Sampson gewandt, »Sie sind einer von den unglücklichen Menschen, deren Augen zu blöde sind, um in die himmlischen Sphären zu schauen und Beschlüsse des Himmels dort zu lesen, und die deshalb aus Vorurteil und Mißverstand ihr Herz der Wahrheit verschließen.« »Allerdings,« antwortete Sampson, »ich glaube mit Sir Isaak Newton, weiland königlicher Majestät Münzmeister, daß die angebliche Wissenschaft der Sterndeutung töricht, eitel und müßig ist.« Und damit setzte er sein Kinnbacken-Orakel wieder in Ruhestand. »Es tut mir wirklich leid,« nahm der Reisende wieder das Wort, »einen Mann von Ihrer Gelehrsamkeit und Würde in so seltsamer Verblendung und Täuschung befangen zu sehen. Wollen Sie den trocknen neuen Namen Isaak Newton gegen die ernsten wohllautenden Namen Benatus, Ptolomäus, Haly, Etzler, Harfurt, Agrippa, Maginus, Argel stellen? Haben nicht Christen und Heiden, Juden und Ungläubige, Dichter und Weltweisen, einstimmig den Einfluß der Sterne zugegeben?« » Communis error , ein allgemeiner Irrtum!« antwortete Sampson, sich nicht beirren lassend. »Nicht doch,« hob der Engländer wieder an, »ein allgemeiner, wohlbegründeter Glaube.« »Es ist das Hilfsmittel der Betrüger und Schelme,« sprach Sampson. »Mißbrauch kann rechtmäßigen Gebrauch nicht aufheben,« versetzte Mannering. Während dieses Wortwechsels zeigte Laird Ellangowan das Bild einer Schnepfe, die sich in ihrer eigenen Schlinge gefangen hat, und faßte abwechselnd die beiden Leute, die den Wortwechsel führten, ins Auge. Aus dem Ernst, womit Mannering wider seinen Gegner kämpfte, und aus der Gelehrsamkeit, die er dabei verriet, meinte er fast folgern zu sollen, daß es sich um eine ernste Sache dabei drehte. Die Zigeunerin heftete einen verwirrten Blick auf den Sterndeuter, denn dessen Sünde, die sich noch geheimnisvoller als ihre eigene anhörte, versetzte sie in Schreck und Bestürzung. Mannering nahm seinen Vorteil wahr und tischte alles von Fach- und Kunstausdrücken auf, was ihm sein gutes Gedächtnis zur Verfügung stellte und in dessen Besitz er durch Umstände, die wir im Verlaufe dieser Erzählung noch erfahren werden, schon in früher Jugend gelangt war. Endlich wurde die Unterhaltung durch die fröhliche Botschaft aufgehoben, daß die Edelfrau ihrem Gemahl einen hübschen Jungen zum Präsent gemacht habe. Bertram eilte in die Wochenstube, Meg Merrilies lief in die Küche, um sich ihren Anteil von der milden Spende zu holen, die es bei solchen Gelegenheiten zu setzen pflegt, und als Mannering auf seine Uhr gesehen und Stunde und Minute der Geburt festgestellt hatte, bat er mit gemessenem Ernste den Magister, ihn auf irgend einen Platz zu führen, von wo aus er die Gestirne überschauen könnte. Ohne ein Wort zu sagen, erhob sich Sampson und öffnete eine halb mit Glasscheiben versehene Tür, die hinter dem neuen Hause auf einen Erdwall führte, der mit der Anhöhe zusammenhing, worauf die Trümmer des alten Schlosses lagen. Der Nachtwind verjagte die Wolken, die bisher den Himmel verhüllten. Der Vollmond stand hoch, und alle Sterne funkelten in ungetrübtem Glanze. Die Landschaft, die Mannering in ihrem Lichte sah, bot ein Bild von überraschender Großartigkeit. Wir haben früher erzählt, daß Mannering an den Strand gekommen war, ohne zu wissen, wie nahe. Nun aber sah er, daß die Trümmer des Schlosses Ellangowan auf einem vorspringenden Felsen standen, der eine kleine, stille Bai begrenzte. Das kleine Gebäude lag, obgleich dicht an dem alten, doch tiefer, und der Boden dahinter war ein sanft abfallender grüner Hang, der sich in natürlichen Terrassen, auf denen hohe alte Bäume standen, in dem sandigen Gestade verlor. Die andere Seite der Bai wurde von einem abschüssigen Vorgebirge eingeschlossen, zum großen Teile mit Buschholz bestanden, das auf diesem Strande fast bis zur Fluthöhe reicht. Eine Fischerhütte blickte aus den Bäumen hervor. In dieser späten Nachtstunde bewegten sich noch Lichter am Strande; allem Anscheine nach wurde dort das Fahrzeug eines Schleichhändlers von der Insel Man, das in der Bai lag, ausgeladen. Als man ein Licht in der Glastür des Hauses bemerkte, rief jemand vom Schiffe her: »Vorgesehen! Licht weg!« und alsbald ließen diejenigen, die am Ufer waren, die Lichter verlöschen. Es war eine Stunde nach Mitternacht. Eine anmutige Aussicht öffnete sich vor unserm Reisenden, Die grauen Türme der Schloßtrümmer, teils noch unversehrt, teils zerrissen, hier verwittert, dort zum Teil mit Efeu bekleidet, krönten den Gipfel des dunklen Felsens, der zu Mannerings Rechten sich erhob. Vor ihm lag die stille Bucht, deren kleine Wogen, in den Strahlen des Mondes schimmernd, die Oberfläche kräuselten und mit murmelndem Plätschern an dem silberweißen Sandufer sich brachen. Links zum Strande hinab stieg der Wald, dessen Wipfel im Mondlichte mannigfaltig wogten, und jene Abwechslung von Licht und Schatten, jenes anziehende Gemisch von lichten Stellen und dunklem Dickicht zeigten, auf dem man so gern den Blick ruhen läßt, entzückt über dasjenige, was man sieht, und angezogen von den Geheimnissen in der Tiefe der Waldlandschaft. Hoch an dem blauen Himmelsgewölbe wandelten die Gestirne, jedes durch seinen eigenen Lichtkreis unterschieden von kleineren oder entfernteren Sternen. So wunderbar vermag die Einbildung selbst diejenigen zu täuschen, die sich willig ihrem Fluge überlassen, daß Mannering, während er die glänzenden Himmelskörper betrachtete, sich dem Glauben an ihren Einfluß auf die menschlichen Schicksale zwanglos hingab. Er war jung, er liebte, und vielleicht stand er unter dem Einfluß jener Empfindungen, denen ein Dichter Schiller, im Wallenstein (Piccolomini, 3ter Aufzug, 4ter Auftritt). in den folgenden Zeilen Ausdruck gegeben: Die Fabel ist der Liebe Heimatwelt; Gern wohnt sie unter Feen, Talismanen, Glaubt gern an Götter, weil sie göttlich ist. Die alten Fabelwesen sind nicht mehr; Das reizende Geschlecht ist ausgewandert. Doch eine Sprache braucht das Herz, es bringt Der alte Trieb die alten Namen wieder, Und an dem Sternenhimmel gehn sie jetzt, Die sonst im Leben freundlich mitgewandelt. Dort winken sie dem Liebenden herab, Und jedes Große bringt uns Jupiter Noch diesen Tag, und Venus jedes Schöne. In solche Träumereien sich verlierend, sprach er zu sich selbst: »Mein guter alter Lehrer, der sich so gern in Diskussionen über Sterndeutung einließ, möchte wohl dieses Bild mit ganz andern Augen betrachten, und allen Ernstes versucht gewesen sein, aus der Stellung dieser Himmelskörper ihren Einfluß auf die Schicksale des neugeborenen Kindes zu ergründen, gleich als ob die Bewegungen oder Ausflüsse der Gestirne die Beschlüsse der göttlichen Vorsehung aufheben oder doch vereint mit ihr wirken könnten. Doch Ruhe seiner Asche! Er hat mir genug von seiner Wissenschaft mitgeteilt, eine kunstgerechte Nativität zu stellen. Wohlan, so soll es einen Versuch gelten!« Darauf schrieb er die Stellung der Hauptplaneten nieder und begab sich in das Wohnhaus zurück. Der Burgherr begegnete ihm im Wohnzimmer, sagte ihm, daß er Vater eines kerngesunden Knaben geworden, und schien willens, seinem Gaste noch eine Weile bei der Flasche Gesellschaft zu leisten, ließ aber Mannerings Entschuldigung gelten und führte seinen müden Gast in das Schlafgemach. Viertes Kapitel. Der Glaube an Sterndeutung war fast allgemein in der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts, verfiel allmählich gegen Ende desselben und bekam im Anfange des achtzehnten überall bösen Leumund, wurde sogar allgemein verspottet. Noch immer hatte er jedoch, selbst in den Sitzen der Gelehrsamkeit, seine Anhänger. Ernste, bücherfleißige Männer gaben ungern die Berechnungen auf, die früher die Hauptgegenstände ihrer Forschungen gewesen waren, und sie hatten nicht Lust, von der Höhe hinabzusteigen, auf die sie das vermeinte Vermögen, durch Erforschung höherer Einflüsse und Verbindungen in die Zukunft zu blicken, vor andern Menschen gehoben hatte. Zu denjenigen, welche dieses eingebildete Vorrecht mit bestem Glauben hoch hielten, gehörte ein alter Geistlicher, unter dessen Pflege Mannering in seiner Jugend stand. Er stumpfte seine Augen durch die Beobachtung der Gestirne ab und quälte seinen Verstand mit den Berechnungen über den gegenseitigen Stand der Himmelskörper. Dem Zöglinge wurde, von früher Jugend an, etwas von der Begeisterung des Lehrers zuteil, und er versuchte eine Zeitlang selbst, sich mit astrologischen Untersuchungen zu befassen, so daß ihm, ehe er sich von der Eitelkeit dieser Kunst überzeugt, mancher Meister das Lob eines trefflichen Jüngers erteilt hätte. Sobald der Morgen angebrochen war, legte er Hand ans Werk, das Schicksal des Erben von Ellangowan zu erforschen. Er befolgte genau alle Kunstregeln, sowohl des Scheines wegen, als auch, weil er selber neugierig war, zu sehen, ob er in der eingebildeten Wissenschaft noch bewandert sei. Er teilte das Himmelsgewölbe in zwölf Häuser, stellte die Planeten darein und ordnete sie nach Stunde und Minute der Geburt. Bei dieser Beschäftigung zog ein Zeichen die Aufmerksamkeit unseres Sterndeuters besonders an. Mars, der im Gipfel des zwölften Hauses die Herrschaft hatte, drohte dem Neugebornen Gefangenschaft oder plötzlichen gewaltsamen Tod, und als Mannering die übrigen Kunstregeln zu Rate zog, um die Gewalt dieser bösen Vorbedeutung zu erforschen, ergab sich, daß vorzüglich drei Lebensabschnitte gefahrvoll sein würden, das fünfte, das zehnte und das einundzwanzigste Jahr. Dabei überraschte ihn noch ein sonderbarer Umstand. Er hatte vor einiger Zeit, bei einer ähnlichen Anwandlung törichter Laune, seiner Geliebten, Sophie Wellwood, ebenfalls die Nativität gestellt und gefunden, daß der Einfluß der Gestirne ihr in dem neununddreißigsten Jahre Tod oder Gefangenschaft drohte. Sie war um diese Zeit achtzehn Jahre alt, so daß nach dem Ergebnisse der Berechnung, ihr in demselben Jahre eben das Unglück drohte, das dem in dieser Nacht geborenen Kinde geweissagt wurde. Erstaunt über dieses seltsame Zusammentreffen, wiederholte Mannering seine Berechnung, aber immer fand er das überraschende Ergebnis wieder, und endlich zeigte sich, daß sogar Monat und Tag zusammentrafen. Niemand wird auf diesen Umstand großes Gewicht legen wollen, aber es geschieht ja so oft, daß wir, von dem Hange zum Wunderbaren verleitet, selbst bemüht sind, unsere bessere Einsicht zu verblenden. Mag das erwähnte Zusammentreffen wirklich einer von den sonderbaren Zufällen sein, die zuweilen gegen alle Berechnung sich ereignen, oder mag Mannering, verwirrt von den astrologischen Untersuchungen, zweimal demselben Faden gefolgt sein, um sich aus dem Irrgange zu finden; oder mag seine Einbildung, durch irgend eine scheinbare Ähnlichkeit getäuscht, ihm die Gleichheit beider Fälle auffallender gemacht haben, als sie in der Tat war – wer könnte es ausmitteln? Aber lebhaft und unauslöschlich war der Eindruck, den dieser Umstand auf sein Gemüt machte. »Hat der Teufel seine Hand im Spiele, um sich zu rächen, daß wir mit einer Kunst scherzen, die ihren Ursprung aus der Hölle haben soll?« sprach er zu sich selbst, »Oder hätte etwa Bacon recht, wenn er mit andern behauptet, daß an verständig und regelmäßig angewandter Sterndeutung etwas Wahres ist, und daß man den Einfluß der Steine nicht leugnen soll, obgleich die Anwendung der Kunst durch die Betrüger, die damit ihr Unwesen treiben, in solchen Mißkredit gesetzt worden?« – Nach kurzem Nachdenken verwarf er jedoch diese Meinung als einen törichten Einfall, den jene verständigen Männer bloß darum ausgesprochen hätten, weil sie es nicht wagten, das allgemeine Vorurteil ihrer Zeit auf einmal anzugreifen, oder weil sie selbst noch nicht ganz frei von dem ansteckenden Einflüsse des herrschenden Aberglaubens waren. Die Wirkung, die der Erfolg seiner Untersuchungen auf sein Gemüt machte, war indes so erfreulich, daß er sich, wie Prospero, In Shakespeares Sturm vornahm, nie wieder, weder im Scherze noch im Ernste, sich mit der Sterndeutung abzugeben. Er überlegte lange, was er dem Herrn von Ellangowan von dem Horoskop des Neugeborenen mitteilen sollte; endlich entschloß er sich jedoch, ihm alles offenherzig zu sagen, aber ihm zugleich die Trüglichkeit und Torheit der Regeln zu zeigen, die er bei seinen Untersuchungen befolgt hatte. Mit diesem Vorsatze stieg ei auf die Anhöhe vor dem alten Schlosse. Nicht minder schön, als im Mondlichte, war die Umgebung von Ellangowan in der Beleuchtung der Morgensonne. Das Land lachte, selbst im November, in ihrem milden Scheine. Ein steiler Pfad führte von dem Erdenwall auf die benachbarte Anhöhe bis zur alten Burg. Sie bestand aus zwei starken, runden Türmen, die aus einer flachen Mauer, die sie verband, finster hervorsprangen und den weiten Eingang schützen, der durch einen hohen Schwibbogen in den innern Schloßhof führte, wo man noch die Falze für Fallgatter und Zugbrücke sah. Ein plumpes Tor von zusammengenagelten Föhrenstangen war jetzt die einzige Schutzwehr des einst so furchtbaren Einganges. Der Freiplatz vor der Burg bot eine herrliche Aussicht. Die öde Gegend, wodurch Mannering am vorigen Tage seinen Weg genommen, war durch einige Anhöhen verdeckt, und die Landschaft, anmutig abwechselnd mit Tal und Hügeln, durchzog ein Fluß, der bald hervorblinkte, bald zwischen tiefen waldigen Ufern strömte. Eine Kirchturmspitze und einige Häuser bezeichneten die Lage eines Dorfes nicht weit von der Stelle, wo der Strom ins Meer sich ergoß. Die Täler schienen gut angebaut zu sein, und die Einfriedigungen, womit sie abgeteilt waren, liefen bald am Fuße der Hügel hin, bald stiegen sie in frischen Hecken zu den Anhöhen hinauf. Höher lagen üppig grünende Weiden, auf denen Hornvieh, zu jener Zeit Haupterzeugnis dieser Gegenden, die Landschaft belebte. Ernster erhoben sich die entfernteren Hügel und schwollen im tiefsten Hintergrunde zu dunklen Bergen empor, die, den Gesichtskreis abschneidend, die Grenze des angebauten Landes bezeichneten und den freundlichen Gedanken an eine stille Abgeschiedenheit erweckten. Die Seeküste, die Mannering jetzt in ihrer ganzen Ausdehnung erblickte, war mannigfaltig und schön, wie auch die Aussicht ins Binnenland. Hier und da erhob sie sich in hohen Felsen, häufig bedeckt mit den Türmen alter Burgen; Türmen, denen man der Sage zufolge, eine solche Lage gegeben, daß sie bei feindlichen Einfällen, oder in bürgerlichen Kriegen, zu gegenseitiger Verteidigung oder Beschützung durch Zeichen eine Verbindung unterhalten konnten. Das Schloß Ellangowan war die ansehnlichste dieser alten Burgen und bestätigte, was die Sage von dem Ansehen erzählte, das seine Gründer einst unter den Edlen des Landes genossen hatten. An andern Stellen gab die Küste einen anmutigen Anblick und war, wo das Ufer sanft sich senkte, in kleine Buchten zerschnitten oder streckte waldige Vorgebirge ins Meer. Dieser Anblick übertraf so sehr die Erwartung, die die nächtliche Reise erweckt hatte, daß Mannering sich dem freundlichen Eindruck gern überließ. Zu seinen Füßen lag das neue Gebäude, freilich ein schlechtes Werk der Baukunst, aber die Lage war sonnig und anmutig. »Wie glücklich,« dachte er, »würde das Leben in dieser Abgeschiedenheit dahinfließen! Hier die hehren Ueberreste alter Größe und das geheime Gefühl von der Würde der Ahnen, das sie erwecken, und dort so viele Zierlichkeit und Gemächlichkeit, daß jeder bescheidene Wunsch Befriedigung finden könnte. Hier, und hier mit Dir, Sophie –« Wir überlassen den Verliebten seinem wachen Traume. Er stand eine Minute mit untergeschlagenen Armen, bis er sich endlich zu den Burgtrümmern wandte. Die rohe Pracht des innern Hofes glich dem großartigen Aeußeren. Auf der einen Seite lief eine Reihe hoher, breiter Fenster, durch ausgehauene Pfeiler abgeteilt, die einst die große Halle des Schlosses erleuchtet hatten; auf der andern zeigten sich Bauwerke, die zwar von ungleicher Höhe und aus verschiedenen Zeitaltern waren, aber doch ein gleichförmiges Ganzes bildeten. Türen und Fenster waren mit vorspringenden rohen Bildwerken verziert, die teils unversehrt, teils zertrümmert, teils mit Efeu und andern, üppig unter den Trümmern wachsenden Schlingpflanzen bedeckt waren. Die dem Eingange gegenüberliegende Seite des Hofes war ehedem auch durch eine Reihe von Gebäuden geschlossen gewesen, doch hatte dieser Teil der Burg durch das Geschütz während des Bürgerkrieges unter Cromwell, wie man sagte, so sehr gelitten, daß sich hier in den Trümmern eine weite Kluft öffnete, durch die Mannering das Meer und ein kleines bewaffnetes Fahrzeug in der Mitte der Bai erblickte. Als er in den Trümmern sich umsah, hörte er aus einem Gemache zur Linken die Stimme der Zigeunerin schallen, die er am vorigen Abende gesehen. Er fand bald eine Oeffnung, durch die er sie ungesehen beobachten konnte, und ihre Gestalt, ihre Beschäftigung und ihre rauhe Umgebung mußten ihn an eine alte Sibylle erinnern. Sie saß auf einem zerbrochenen Eckstein im Winkel eines gepflasterten Gemachs, wo sie einen Platz für ihre kreisende Spindel reingefegt hatte. Ein heller Sonnenstrahl fiel durch ein hohes schmales Fenster auf ihre wilden Züge und ihren auffallenden Anzug, und gab ihr Licht zu der Arbeit. Tiefe Dämmerung war in dem übrigen Teil des Gemaches. Aus Wolle von dreierlei Farbe, schwarz, weiß und grau, zog sie einen Faden vom Rocken auf die Spindel und sang während des Spinnens einige Worte, die wie ein Zauberspruch klangen. Vergebens suchte Mannering die Worte des Gesanges aufzufassen, und machte dann nach einigen Stellen, die er deutlich verstanden, folgende Nachbildung, die er für ziemlich treu hielt: Spinnt und drehet so wie hier, Mischt im Lebensfaden schier Hoffnung, Furcht und Fried und Streit Freude sich und Traurigkeit. Zauberfaden wird gesponnen, Kindes Leben hat begonnen; Schaut! in trüber Dämm'rung Schweigen Seltsam sich Gestalten zeigen. Wildes Treiben, eitler Wahn, Freude, schnell der Pein voran; Argwohn, Zweifelmut und Grau'n Sind im Zaubertanz zu schau'n, Wachsen jetzt und jetzt vergehen, Kreisend mit der Spindel drehen. Spinnt und drehet! so wie hier Mischt sich Freud und Trübsal schier. Ehe der Nachbildner seine Reime geordnet hatte, war die Zigeunerin mit ihrer Arbeit fertig oder ihre Wolle versponnen. Sie wickelte darauf die Spindel ab, indem sie den Faden um den Ellbogen wand und zwischen dem Zeigefinger und dem Daumen durchschlang, und, ihn messend, murmelte sie die Worte: »Eine Haspel, aber keine ganze – ein Schock Jahre und zehn, aber dreimal zerrissen und dreimal wieder angeknüpft – wird ein glückliches Menschenkind werden, wenn er da hindurchkommt.« Mannering wollte eben die Wahrsagerin anreden, als eine Stimme, rauh, wie die Wogen, mit deren Geräusch sie sich mischte, zweimal mit wachsender Ungeduld laut wurde: »Meg, Meg Merrilies! Zigeunerin! Hexe! Alle Hagel!« »Ich komme, ich komme, Hauptmann!« antwortete sie, und in wenigen Augenblicken kam der ungeduldige Befehlshaber durch die Kluft in den Trümmern zum Vorschein. Er hatte das Ansehen eines Seefahrers, kaum von Mittelgröße, und sein Gesicht war braun von tausend Kämpfen mit den Nordostwinden. Er zeigte so ungeheure Muskelkraft und rüstige Derbheit, daß ein Mann von höherem Wuchse es im Ringen mit ihm wohl kaum hätte aufnehmen mögen. In seinen rauhen Zügen fand man nichts von dem sorgenfreien, fröhlichen Mute und der harmlosen Neugier, durch die der Seemann auf dem Lande sich auszeichnete; es verfinsterte sie ein mürrisches, wildes Wesen ... »Wo bist Du, Mutter Teufelsbrut?« sprach er mit einem fremdländischen Tone, obgleich in ganz gutem Englisch, »Donner und alle Wetter! Wir haben schon eine halbe Stunde gewartet. Komm und segne das liebe Schiff und unsere Reise, und sei Du vermaledeit, irdisches Satanskind!« In diesem Augenblick ward er Mannering gewahr, der in der Stellung, in der er dem Zauberspruch der Zigeunerin gelauscht hatte, da der Pfeiler, hinter dem er stand, ihn verbarg, ganz so aussah wie einer, der sich verstecken wollte. Der Hauptmann schwieg bestürzt und fuhr mit der Hand schnell in den Busen, als ob er eine Waffe gesucht hätte ... »Was gibt's, Brüderchen, Du stehst wohl auf der Lauer? He?« Ehe Mannering, leicht betroffen über die drohende Gebärde und trotzige Anrede, antworten konnte, kam die Zigeunerin aus dem Gewölbe und näherte sich dem Fremden. Der Seemann fragte sie, auf Mannering blickend, leise: »Ein Spürhund, he?« Sie antwortete in gleichem Tone: »Nicht doch, er ist im Schlosse, ein fremder Herr.« Des Hauptmanns Gesicht heiterte sich auf ... »Guten Morgen, lieber Herr,« sprach er. »Ich höre, Ihr seid ein Gast meines werten Freundes, Herrn Bertram. Verzeiht mir, ich hielt Euch für etwas anderes.« »Und Ihr seid wahrscheinlich der Herr des Schiffes in der Bai?« antwortete Mannering. »So ist's. Ich bin der Hauptmann Dirk Hatteraick, vom Schiffe Jungfrau Hagenslaapen, und wohlbekannt hierzulande. Ich schäme mich nicht meines Namens, noch meines Schiffes, und eben auch nicht meiner Ladung.« »Ihr habt auch wohl nicht Ursache dazu, sollt ich meinen.« »Alle Hagel, nein! Ich treibe ehrlichen Handel. Frisch geladen bei Douglas auf der Insel Man – schöner Kognak – echtes Haisan und Souchong-Brabanter Spitzen, wenn Ihr etwas davon gebrauchen könnt,« »Ich bin auf der Reise,« erwiderte Mannering, »und wüßte von all diesen Sachen jetzt keinen Gebrauch zu machen.« »Nun, so gehabt Euch wohl; mein Geschäft ruft mich. Oder wollt Ihr mit mir an Bord gehen und meinen Schnaps versuchen? Ihr sollt auch eine Büchse Thee haben. Dirk Hatteraick weiß auch zu leben.« Es war eine Mischung von Unverschämtheit, Kühnheit und argwöhnischer Furcht in dem Manne, und alles dies machte ihn unbeschreiblich widerlich. Sein Benehmen verriet den Räuber, der des Verdachts, den er weckt, sich bewußt, aber durch die erzwungene Miene unbefangner und dreister Vertraulichkeit ihn niederzuschlagen sucht, Mannering lehnte die angebotene Höflichkeit ab, und nach einem trocknen guten Morgen ging Hatteraick mit der Zigeunerin zu dem Teile des alten Schlosses, wo er sich zuerst gezeigt hatte, Das würdige Paar stieg auf einer schmalen Treppe hinab, die zum Seeufer führte und wahrscheinlich einst bei Belagerungen gedient hatte, die Besatzung zu verproviantieren. Der sogenannte Hauptmann ging darauf mit zwei Leuten, die ihn zu erwarten schienen, in ein kleines Boot! die Zigeunerin aber blieb an dem Gestade zurück und sprach in singendem Tone ein paar Worte, die sie mit heftigen Gebärden begleitete. Fünftes Kapitel. Als das Boot den Hauptmann an Bord gebracht hatte, wurden die Segel aufgezogen, und das Schiff begann die Fahrt. Es grüßte mit drei Schüssen die Burg Ellangowan, und ein günstiger Landwind trieb es schnell von der Küste. »Ei, seht doch!« rief der Burgherr seinem Gaste zu, den er schon einige Zeit gesucht hatte: »Da fahren sie hin, die Schleichhändler! Das ist Hauptmann Dirk Hatteraick mit seiner Jungfer Hagenslaapen; halb Holländer, halb Teufel, Wie das geht, mit Bugspriet, großen Schoten, Mars und Bramsegel! – Ihm nach, wer's kann! Der Kerl ist ein Schrecken aller Zollschiffe; sie können ihm nichts anhaben, so pfiffig weiß er ihnen zu entkommen. Doch bei dem Zoll fällt mir ein, daß ich Sie zum Frühstücke holen wollte, – Sie sollen einen Tee trinken, der –« Mannering bemerkte, daß sich bei Bertram die Gedanken seltsam zu verketten begannen, und brachte ihn durch eine Frage über Dirk Hatteraick noch zur rechten Zeit wieder auf den Punkt, von dem der gute Mann ausgegangen war. »O, er ist – ein gutes Menschenkind,« antwortete Bertram; »ein Schleichhändler, wenn er seine Kanonen als Ballast braucht, und ein Freibeuter, oder auch gar wohl ein Seeräuber, wenn sie geladen sind.« »Aber es wundert mich, Herr Bertram, daß ein solcher Mensch hier Schutz und Aufmunterung findet.« »Aber, lieber Herr Mannering, jedermann braucht Branntwein und Tee, und man kann's nicht anders haben, als auf diese Art. Da gibt's kurze Rechnungen, und zu Weihnachten findet man wohl ein Paar Fäßchen, oder ein Dutzend Pfund Tee vor der Stalltür, statt der verwünschten langen Rechnungen, die der Krämer schickt, der bares Geld braucht oder nur kurze Zeit borgt. Aber Hatteraick nimmt Holz oder Gerste oder was er sonst gerade brauchen kann. Ich will Ihnen eine hübsche Geschichte davon erzählen. Es war einmal ein Gutsherr, der hatte eine große Menge von Zinshühnern – wie hierzulande der Gutsherr von den Pächtern erhält, – Die meinigen sind immer schlecht gefüttert; die Pächtersfrau Finniston schickte vorige Woche drei; schändliches Zeug, sag' ich Ihnen, und sie hat doch eine ganz fette Aussaat – es ist die Frau von Dunean Finniston, der kürzlich gestorben ist – wie wir denn freilich alle sterben müssen. – Doch vom Sterben sprechen? jetzt wollen wir leben, denn das Frühstück steht auf dem Tisch, und der Magister ist schon bereit, das Gebet zu sprechen.« Sampson sprach den Segen, die längste Rede, die Mannering bislang von ihm gehört hatte. Der Tee, der ohne Zweifel aus des edlen Hauptmannes Vorräten gekommen war, wurde für vortrefflich gefunden, doch gab Mannering mit gebührender Bescheidenheit einen Wink über die Gefahr, solchen Desperados des Geschäft zu erleichtern ... »Wäre es auch nur,« meinte er, »um der Zollgerechtigkeit keinen Eintrag zu tun.« »Ja,, die Zollbeamten,« fiel Bertram ein, der, da ihm die Fähigkeit abging, sich in eine Materie hineinzudenken, vom Zollwesen weiter nichts als Einnehmer, Aufseher und Zollbereiter kannte – »die Zollbeamten wissen's für sich schon zu machen. Niemand braucht ihnen zu helfen, und sie haben ja auch Soldaten zum Beistande. Und was die Gerechtigkeit betrifft, damit habe ich gar nichts zu tun, und es wird Sie wundern, Herr Mannering, ich bin nicht einmal Friedensrichter.« Mannering antwortete mit dem verwunderten Blicke, auf den der andere gerechnet, obgleich er der Meinung war, daß das Friedensrichterkollegium durch die Abwesenheit dieses freundlichen Mannes keine Einbuße erlitte. Herr Bertram war aber nun auf einen der wenigen Gegenstände gekommen, die ihm nahe gingen, und ließ sich mit einigem Nachdruck aus. »Nein, lieber Herr,« fuhr er fort, »der Name Godfrey Bertram von Ellangowan ist nicht unter den neuernannten Friedensrichtern, obgleich hier jeder, der nur für ein Pferd Land zu pflügen hat, zu den Gerichtssitzungen reitet und das Wort Friedensrichter hinter seinen Namen setzen kann ...« Von einem aufs andere überspringend, verlor er sich in eine weitschweifige Erörterung wie dieser und jener durch Neid oder Nörgelei ihn um die Auszeichnung gebracht, und durch welche Vor- und Zufälle, diese feindselige Stimmung gegen ihn geweckt und genährt worden war. »Es ist gewiß nicht recht, Herr Bertram,« antwortete Mannering, »daß Ihnen solche Rücksichtslosigkeit widerfährt in einem Lande, wo Ihre Vorfahren wohl in recht hohem Ansehen gestanden haben.« »Allerdings, Herr Mannering. Ich bin ein schlichter Mann und weiß wenig von solchen Dingen, aber ich wollte, Sie hätten hören können, wie mein Vater von den alten Gefechten der Helden von Mac-Dingawaie mit den Irländern und Hochländern erzählte und von den Zügen ins heilige Land, ich meine nach Jerusalem und Jericho. Sie haben Reliquien mitgebracht, wie man sie bei den Katholischen antrifft, auch eine Türken-Fahne, die oben auf dem Boden liegt. Sie hätten besser getan, wenn sie nach Jamaika gegangen wären, wie Herrn Thomas Kittlecourts Oheim, und Kisten mit Rohzucker und Fässer mit Rum heimgebracht hätten, dann befänden wir uns jetzt wohl. – Aber Sie vergessen ja ganz Ihr Frühstück, Herr Mannering! Kosten Sie doch von diesem Salme; John Hey hat ihn gefangen, es sind Sonnabend gerade drei Wochen.« Der gute Mann fiel jetzt wieder in seine gewöhnliche schleppende Unterhaltung, und Mannering hatte Zeit genug, über die Nachteile der Lage, die ihm eine Stunde früher so beneidenswert geschienen, seine Betrachtungen zu machen. Er hörte hier einen Landedelmann, dessen schätzbare Eigenschaft stille Gutmütigkeit zu sein schien, gegen andere murren, und zwar über Dinge, die, mit wahrem Herzeleid im Leben verglichen, gar nicht in Betracht kommen konnten. Aber so teilt die Vorsehung allen mit gleicher Gerechtigkeit zu, und diejenigen, denen große Leiden nicht drohen, haben kleine Plackereien zu tragen, die ihnen aber bedeutend genug dünken, sich den Frohsinn stören zu lassen. Neugierig, die Sitten des Landes zu erforschen, benutzte Mannering eine Pause in Bertrams Erzählungen zu der Frage, was Hauptmann Hatteraick wohl mit der Zigeunerin zu schaffen habe. »Vermutlich will sie sein Schiff segnen. Sie müssen wissen, Herr Mannering, diese Freihändler oder Schmuggler, wie die Herren von der Gerechtigkeit sie nennen, haben keine Religion; lauter Aberglauben, nichts als Hexenwerk, und Zaubersprüche und Unsinn –« »Torheit und Schlimmeres!« fiel Sampson ein. »Verkehr mit dem Bösen! Zaubersprüche, Amulette, Wahrsagerei, alles kommt von ihm.« »Seid doch ruhig, Magister! Ihr sprecht ja immer« – der gute Mann hatte seit dem Gebete den Mund noch nicht geöffnet – »Herr Mannering kann ja vor Euch gar nicht zu Worte kommen. Aber, Herr Mannering, bei Sternseherei und Zaubersprüchen fällt mir ein, waren Sie denn so gütig, an die Dinge zu denken, von denen wir gestern abend gesprochen?« »Ich möchte fast, lieber Herr Bertram, mit Ihrem würdigen Freunde glauben, daß ich mit – Messern gespielt habe. Weder Sie noch ich, noch sonst irgend ein verständiger Mann kann den Vorhersagungen der Sterndeutern Glauben beimessen, aber es hat sich zuweilen wohl zugetragen, daß Nachforschungen über die Zukunft, die im Scherze angestellt wurden, einen sehr ernsthaften und nachteiligen Einfluß auf Handlungsweise sowohl als auf Gemütsart gehabt haben; darum wünsche ich in der Tat, Sie möchten mir die Antwort auf Ihre Frage erlassen.« Dieser ausweichende Bescheid reizte Bertrams Neugierde noch mehr. Mannering dagegen wollte das Kind vor den Nachteilen, die ihm aus der Voraussetzung, daß sich ihm unglückliche Weissagungen in die Fersen hingen, entspringen konnten, behüten und übergab darum seinem Wirte das Papier mit der Bitte, das Siegel fünf Jahre lang, bis nach Ablauf des Monats November, unversehrt zu lassen. Nach Verfluß dieser Zeit sollte ihm gestattet sein, die geheimnisvolle Schrift zu öffnen. Hierbei leitete ihn die Meinung, daß, wenn der erste Unglückstermin vorüber sei, den beiden andern niemand mehr Bedeutung beimessen werde. Bertram versprach es gern, und um ihn zum Worthalten zu vermögen, deutete Mannering auf Unglück, das unfehlbar eintreffen müßte, wenn seine Weissagungen nicht befolgt werden sollten. Der übrige Teil des Tages, den Mannering auf Bertrams Einladung noch im Schlosse blieb, verfloß ohne einen merkwürdigen Vorfall, und am Morgen des folgenden ließ unser Reisender sein Pferd satteln, nahm herzlichen Abschied von seinem gastfreien Wirte und seinem geistlichen Hausfreunde, wiederholte seine guten Wünsche für das Glück des ganzen Hauses, und als er die Straße nach England eingeschlagen, entschwand er bald den Blicken der Bewohner von Ellangowan. Auch unsern Blicken wird er einstweilen entschwinden, bis wir in der spätern Zeit seines Lebens, in die unsere Geschichte fällt, ihm wieder begegnen werden. Sechstes Kapitel. Als Frau Bertram wieder so weit genesen war, daß man ihr erzählen konnte, was sich während ihrer Niederkunft ereignet hatte, wollte in der Wochenstube das Geschwätz über den hübschen jungen Studenten von Oxford, der das Glück des Stammerben aus den Sternen gelesen haben sollte, kein Ende nehmen; Gestalt, Sprache, Benehmen des Fremden wurden sorgfältig zergliedert und Pferd, Saum, Sattel und Steigbügel haarklein beschrieben. Alles machte auf das Gemüt der guten Frau, die ziemlich abergläubisch war, tiefen Eindruck. Sobald sie das Bett verlassen, ließ sie es sich nicht nehmen, ein kleines Beutelchen von Sammet für das Horoskop zu stricken, das ihr Mann ihr übergeben hatte. Es juckte ihr oft in den Fingern, das Siegel zu lösen, aber ihre Leichtgläubigkeit war stärker als ihre Neugier, und sie besaß Selbstbeherrschung genug, das Papier in zwei Pergamentstreifen zu nähen, damit es nicht zerknittert werden könnte. Dann wurde es in das oben erwähnte Sammetbeutelchen gesteckt und dem Kinde als Amulett um den Hals gehängt, wo es nach der Mutter Willen hängen sollte, bis die Zeit, es zu öffnen, gekommen sei. Der Vater nahm sich seinerseits vor, dem Kinde die beste Erziehung zu geben; Herr Sampson ließ sich bestimmen, sein Schulmeisteramt aufzugeben und seinen Wohnsitz im Schlosse zu nehmen, um gegen einen Lohn, womit ein Dienstbote kaum zufrieden gewesen, dem künftigen Herrn von Ellangowan Gelehrsamkeit einzuimpfen; Herr Bertram fand bei dieser Einrichtung noch den Nebenvorteil, jemand um sich zu haben, der ihm, allein mit ihm, geduldig zuhörte, und auf dessen Kosten, wenn er Gäste bei sich hatte, er einen Spaß machen konnte. Ungefähr vier Jahre nach dieser Zeit entstand eine lebhafte Bewegung in der Grafschaft, zu der Ellangowan gehört. Ein neues Ministerium war ans Ruder gekommen, und nach der darauf erfolgten Auflösung des Parlaments wurde zu neuen Wahlen geschritten, Thomas Kittlecourt, dessen glückliche Lage Herrn von Ellangowan schon lange ein Dorn im Auge war, warb wieder um Stimmen; die Freunde der neuen Machthaber hatten schon ihre Blicke auf einen andern Mann geworfen, der die besten Hunde und Jäger in der Grafschaft hatte. Zu denen, die sich zu der Fahne der Neuerer hielten, gehörte auch Gilbert Glossin, der Verwalter des Burgherrn von Ellangowan, der über eine, auf Ellangowanschem Gebiete ruhende Stimme verfügte und entschlossen war, seinem Gönner auch eine solche zu verschaffen, da kein Zweifel obwalten konnte, auf welche Seite der Burgherr sich schlagen werde, und er wußte ihrer so viele Stimmen auf die einst so mächtige Herrschaft Ellangowan zu ziehen, daß er über zehn Stimmführer zu gebieten hatte. Diese Verstärkung entschied den Kampf. Der Burgherr und sein Verwalter teilten die Ehre, aber der eigentliche Profit fiel dem letztern zu. Bertram wurde bald nach dem Zusammentritt des neuen Parlaments Friedensrichter. Sein Ehrgeiz hatte nun das höchste Ziel erreicht, denn wenn auch das Amt seine Bürde brachte, war er doch der Meinung, daß es ihm auch Würde gab, die nur boshafte Mißgunst nicht achten konnte. »Toren muß man kein Gewehr in die Hand geben,« sagt ein altes schottisches Sprichwort, und in der Tat war Bertram kaum im Besitze der richterlichen Gewalt, nach der er sich so sehr gesehnt hatte, als er sie auch mit Strenge ausübte und die günstige Meinung, die man von seiner Gutmütigkeit hegte, gänzlich Lügen strafte. Ohne Erbarmen ging er gegen die Gauner und Spitzbuben vor, die seit einem halben Jahrhundert ungestört seine Nachbarn gewesen, und flugs lernte nun mancher Lahme wieder gehen, mancher Blinde sehen, mancher Sieche arbeiten. Allbekannte Bettler, die seit zwanzig Jahren ihre regelmäßigen Bittgänge durch die Nachbarschaft machten, wurden ins nächste Arbeitshaus geschickt, und gleiches Schicksal fand ein altes, hinfälliges Mütterchen, das sich auf einer Trage von Haus zu Haus hatte schleppen lassen. Der »taube Hans,« ein Mittelding von Schelmerei und Blödsinn, der seit beinahe fünfzig Jahren der Dorfjugend zum Zeitvertreib gedient, mußte ins Zuchthaus wandern, wo er, der frischen Luft entbehrend, in knapp einem halben Jahre hinsiechte und starb; und ein alter Seemann, der seit vielen Jahren das Gesinde in allen Küchen durch seine muntern Matrosenlieder ergötzt hatte, wurde darum des Landes verwiesen, weil er Irländisch reden sollte. Alle diese Dinge blieben nicht unbemerkt, sondern brachten den Burgherrn von Ellangowan in um so bösern Ruf, als er vordem beliebt gewesen war, ...»Wie konnte er den Armen so hartherzig mitspielen! Sein Großvater hieß der böse Gutsherr, und es war nicht viel an ihm; er ging mit schlechten Leuten um und hatte sich dem Trunk ergeben; aber so etwas hätte er doch um alles in der Welt nicht getan. Nein, nein, zu seiner Zeit rauchte die Esse im alten Schlosse wie ein Schmelzofen, und es waren so viele arme Leute im Hofe und vor der Tür, die den Abhub verspeisten, als nette Leute im Speisesaal. Und so oft Weihnachten kam, gab seine Hausfrau jedem Armen zwölf Silberlinge, zu Ehren der Apostel.« So ging die Rede beim Kruge Dünnbier in jeder Schenke drei bis vier Meilen um Ellangowan, denn soweit ungefähr reichte der Kreis, in welchem unser Freund, der Friedensrichter Bertram, als erstes Licht glänzte. Noch mehr aber kamen die bösen Zungen in Gang, als eine Horde von Zigeunern vertrieben wurde, die ihren Sitz auf dem Gebiete von Ellangowan hatte. Siebentes Kapitel. Die Zigeuner wurden von einem der ältern schottischen Könige als ein eigener unabhängiger Volksstamm aufgenommen, gingen aber später mancher Gerechtsame verlustig, ja wurden zuletzt gewöhnlichen Dieben gleichgestellt und ebenso hart und streng wie sie verfolgt und bestraft. Ungeachtet dieser strengen Verordnungen gedieh jedoch der fremde Stamm bei aller Erschwernis und Drangsal und fand vielen Zuspruch aus der Reihe von Leuten, die durch Hungersnot, Druck und Krieg um ihren Lebensunterhalt gebracht worden waren. Durch solche Vermischung mit anderm Blute ging viel von den alten Stammessitten verloren, und es entstand eine Zwitterhorde, die den Müßiggang und die Raubsucht ihrer morgenländischen Alvordern mit dem wilden Temperament der nordländischen Gesellen gemein hatte. Sie zogen in verschiedenen Schwärmen umher und hatten ihre besonderen Gesetze, durch die jeder Stamm auf seinen eigenen Bezirk eingeschränkt wurde. Jeder Einbruch in die Grenzen eines andern Stammes führte wilde Kämpfe herbei, die oft viel Blut kosteten. Die Zigeunerhorde, zu der Meg Merrilies gehörte, war auf dem Gebiete von Ellangowan seßhaft, hatte hier einige Hütten errichtet, die sie ihre Zufluchtsstadt nannten, und zwar vor so langer Zeit schon, daß man sie schier als Eigentümer derselben ansah. Die Weiber spannen Handschuhe für die Edelfrau und strickten Gamaschen für den Gutsherrn, die jährlich zu Weihnachten mit großer Feierlichkeit überreicht wurden. Die greisen Wahrsagerinnen segneten das Brautbett des Lairds, wenn er sich vermählte, und die Wiege des neugeborenen Erben. Die Männer flickten der Edelfrau das zerbrochene Porzellan, halfen dem Gutsherrn auf seinen Jagden, nahmen seinen Hunden den Wurm und schnitten seinen jungen Dachshunden die Ohren. Die Kinder sammelten Nüsse in den Wäldern, Brombeeren im Moose und Pilze auf den Weiden, als Zins für den Burgherrn; und so hatte sich wenigstens schon zwei Jahrhunderte lang ein freundliches Einvernehmen gebildet, das es der Horde von Derncleugh auf dem Gebiete von Ellangowan recht wohl hatte sein lassen. Dieses Verhältnis sollte aber nun gestört werden. Die Horde von Derncleugh, nur um ihre eigenen Schelme besorgt, ließ es sich wenig stören, wenn der Friedensrichter streng gegen andere Landstreicher verfuhr. Man konnte es sich wohl denken, daß er fremdes Bettlergesindel, außer dem auf seinem Grund und Boden seßhaften, das ja mit seiner, wenn nicht ausdrücklichen, doch stillschweigenden Erlaubnis dort hauste, in der Gegend nicht dulden mochte. Herr Bertram hatte es auch nicht eilig, seine neue Amtsgewalt auf Kosten seiner alten Ansiedler auszuüben, aber er wurde durch die Umstände dazu gedrängt. Bei der vierteljährigen Gerichtssitzung wurde unserm Friedensrichter von einem politischen Widersacher öffentlich der Vorwurf gemacht, daß er, trotz seines anscheinenden Eifers für öffentliche Ordnung, trotz seines Strebens, den Ruf eines tätigen Beamten zu verdienen, einen Haufen der ärgsten Schelme in der Nähe seiner Burg hausen ließe. Darauf ließ sich nichts erwidern, denn die Sache war landkundig. Der Laird verschluckte die Pille, so gut er konnte, und überlegte auf dem Heimwege, wie er die Landstreicher am leichtesten loswerden möchte. Dazu sollte sich nun ungesucht eine Veranlassung darbieten. Seit unser Freund Friedensrichter geworden, hatte er das äußere Eingangstor, das sonst, da es nur eine Angel hatte, gastfreundlich offen gestanden, neu einhängen und einen Zettel aus der einen Seite des Tores befestigen lassen, der alles unerlaubte Betreten seines Grund und Bodens bei Pfändung verbot. Dieser Androhung zum Trotze ritten sechs rüstige Zigeunerbuben und Mädchen mit Maiblumensträußen durch das Tor, die zweifellos auf dem Grund und Boden des Gutsherrn gepflückt waren. Der Burgherr befahl ihnen abzusteigen, und als sie sich an dies Gebot nicht kehrten, riß er einen nach dem andern vom Pferde; aber sie widersetzten sich und bestiegen die Pferde wieder. Der Burgherr rief darauf seinen Knecht zu Hilfe, einen mürrischen Burschen, der sogleich zu seiner Reitpeitsche griff. Nach ein paar kräftigen Hieben nahm das Volk Reißaus, und so war bei Friede zwischen der Burg Ellangowan und den Zigeunern von Derncleugh gebrochen und Hader und Zwist im Gange. Achtes Kapitel. Wir dürfen hierüber nicht vergessen, daß der kleine Harry Bertram, einer der dreistesten und muntersten Knaben, nun bald fünf Jahre alt war. Ein lebhafter Hang zur Natur verleitete ihn frühzeitig zu kleinen Wanderungen, so daß er schon als Kind jeden Pfad rings um die Burg kannte und alle Plätze wußte, wo schöne Blumen blühten und die besten Nüsse wuchsen; und schon mehr als einmal hatte er sich heimlich bis zum Zigeunerdörfchen gewagt. Von da brachte ihn Meg Merrilies gewöhnlich zurück, die zwar, seit ein Neffe von ihr zum Seedienst gepreßt worden, das Schloß nicht mehr betreten wollte, aber ihren Unwillen nicht auf das Kind zu übertragen schien. Sie diente Harry vielmehr bei seinen Wanderungen gern als Führerin, sang ihm Zigeunerliedchen vor, ließ ihn auf ihren Esel reiten und steckte ihm oft ein Stück Pfefferkuchen oder einen rotwangigen Apfel in die Tasche. Sie schien, da man ihr und den Ihrigen jetzt in Ellangowan so unfreundlich begegnete, ihre Freude am Umgang mit dem Kinde zu haben, und weissagte dem jungen Herrn, daß er einst der Stolz des Geschlechtes sein werde. Als der Knabe einmal krank wurde, lag sie die ganze Nacht unter dem Fenster und sang ein Lied, das sie für ein kräftiges Mittel gegen Fieber hielt. Solche lebhafte Zuneigung einer Zigeunerin erweckte aber Verdacht, wenn auch nicht bei dem Burgherrn, der nie voreilig Argwohn faßte, so doch bei seiner kränklichen, nervösen Frau, die in ihrer zweiten Schwangerschaft schon so weit vorgerückt war, daß sie nicht mehr ausgehen konnte; und da die Wärterin des kleinen Herrn ein junges, unbedachtsames Mädchen war, bat die besorgte Mutter den braven Magister, den Knaben auf seinen Ausflügen zu begleiten, Sampson liebte seinen Pflegling und war entzückt über dessen Fortschritte, hatte er ihn doch schon so weit gebracht, daß er dreisilbige Wörter lesen konnte. Um diese Zeit hatte der Burgherr sich vorgenommen, die Zigeuner mit Stumpf und Stil auszurotten. Die alten Dienstboten schüttelten die Köpfe darüber, auch Sampson wagte Vorstellungen dagegen zu machen, die aber in die orakelmäßigen Worte: Ne moveas Camcrinam – gekleidet waren – und da weder Anspielung noch Sprache Bertram sympathisch war, nahmen die gegen die Zigeuner eingeleiteten Maßregeln ihren gesetzlichen Gang. Jede Haustür im Dörfchen wurde mit Kreide bestrichen zum Zeichen der förmlichen Mahnung, zum bestimmten Termin von dannen zu ziehen. Die Zigeuner schienen aber nicht weichen zu wollen. Endlich war die gesetzte Frist abgelaufen, der unglückliche Martinstag war da, und man schritt zur Gewalt. Gerichtsfrone forderten die Bewohner zum letztenmal auf, bis zum Mittage zu weichen, und als ihnen nicht gehorcht wurde, begannen sie, dem erteilten Befehle gemäß, die Dächer niederzureißen, Türen und Fenster herauszuheben, wie es noch jetzt in Irland und Schottland zahlungsunfähigen oder widerspenstigen Pächtern gegenüber Brauch ist. Die Zigeuner sahen dem Zerstörungswerk eine Zeitlang mit finsterm Schweigen zu; endlich aber sattelten und bepackten sie ihre Esel und rüsteten sich zum Aufbruche, neue Ansiedelungen unter Menschen aufzusuchen, die nicht zu den »Herren von der Gerechtigkeit« gehörten. Eine gewisse Beklommenheit hatte es dem Burgherrn rätlich erscheinen lassen, bei der Austreibung seiner alten Freunde abwesend zu sein. Er überließ es den Fronen unter dem Befehle des Zollaufsehers Kennedy, der seit einiger Zeit im Schlosse großes Ansehen genoß, mit den Zigeunern fertig zu werden, und hatte sich für einige Zeit zu einem entfernten Bekannten begeben; aber der Zufall fügte es, daß er, trotz aller Vorsicht, den Zigeunern nicht ausweichen konnte, sondern ihrem Zug in einem Hohlweg begegnete, durch den ein steiler Pfad zu der Anhöhe führte, wo Ellangowan lag. Voran zogen vier bis fünf Männer in langen, fliegenden Röcken, die ihre hohen, schlanken Gestalten verhüllten, während die breitrandigen, niedergeschlagenen Hüte, tief auf die Stirn gedrückt, ihre wilden Züge, schwarzen Augen und verbrannten Gesichter bedeckten. Zwei davon trugen lange Jagdflinten, einer hatte ein breites Schwert ohne Scheide, und alle waren mit dem hochländischen Dolche versehen, den sie aber nicht offen zur Schau trugen. Hinter ihnen folgten beladene Esel und kleine Karren, auf denen die Schwachen und Hilflosen, Greise und Kinder der vertriebenen Gemeinde lagen. Die Weiber in roten Röcken und Strohhüten, und die ältern Kinder, barhaupt und fast nackt, führten den Wagenzug. Der schmale Weg stieg zwischen zwei Sandhügeln hinan, und Bertrams Diener, der voranritt, knallte herrisch mit der Peitsche, die Treiber mahnend, Platz für den Laird zu machen. »Er soll seinen Teil von der Straße haben,« antwortete ein Zigeuner, ohne den Blick zu erheben: »aber mehr nicht – die Landstraße ist so frei für unsere Esel, wie für seinen Wallachen.« Da der Ton des Mannes mürrisch, ja drohend war, hielt Herr Bertram es für das beste, seine Amtswürde zu wahren, und auf dem Wege, den man ihm frei lassen wollte, wenn er auch schmal genug war, weiter zu reiten, ohne sein besseres Recht schärfer geltend zu machen. Um seinen Verdruß über den Mangel an Respekt, den er hinnehmen mußte, unter scheinbarer Gleichgültigkeit zu verbergen, wandte er sich zu einem der Zigeuner, der, ohne ihn zu grüßen oder anzusehen, vorbei ging ... »Nun, Baillie,« fragte er, »habt Ihr schon gehört, daß es Euerm Sohn recht gut geht?« Die Frage bezog sich auf den zum Seedienst gepreßten jungen Mann. »Wenn ich etwas anderes gehört hätte,« antwortete der Alte mit einem finstern drohenden Blicke, »so hättet Ihr auch etwas hören sollen.« Bertram ritt weiter, ohne noch eine Frage zu wagen. In dem Gedränge um sich her sah er überall bekannte Gesichter, die jetzt nur Haß und Verachtung aussprachen, sonst aber bei jeder Gelegenheit, wenn sie ihm nahe gekommen, Ehrerbietung ausgedrückt hatten; und als er vorbei war, konnte er nicht umhin, sein Pferd zu wenden und auf den Zug zurückzusehen. Schon hatte die Vorhut ein kleines, verkrüppeltes Dickicht am Fuße des Hügels erreicht, das die lange Reihe allmählich verbarg, bis endlich die letzten Nachzügler verschwanden. Ein schmerzliches Gefühl ergriff ihn. Das Völkchen, das er aus dem alten Zufluchtsorte vertrieben hatte, hatte freilich gar viele Untugenden an sich, aber er hatte ja nie die Hand gerührt, sie zu bessern, Sie waren ja jetzt nicht schlechter, als zu der Zeit, wo sie sich für Hörige seines Hauses halten durften. Mußte denn seine Ernennung zum Friedensrichter solche Verwandlung in seinem Verhalten gegen sie herbeiführen? Hätte er wenigstens nicht einige Besserungsversuche machen sollen, ehe er sieben Familien auf einmal in die weite Welt hinausstieß? Es mußte seinem Herzen wehe tun, von so vielen bekannten Gesichtern zu scheiden, und für solche Regungen war Bertram in seinem beschränkten Geiste besonders empfänglich. Als er sein Pferd wendete, um weiter zu ziehen, erschien Meg Merrilies, die hinter dem Zuge geblieben war, unerwartet auf einer der hohen Wände, die über den Hohlweg hingen, frei im Rahmen des klaren blauen Himmels stehend, fast in übermenschlicher Größe. In ihrem Anzuge, oder vielmehr in ihrer Art, die Kleidung zu ordnen, lag etwas von ausländischer Sitte, zu deren Annahme sie sich hauptsächlich wohl deshalb verstanden, um ihre Zaubersprüche und Wahrsagungen in wirksamem Lichte erscheinen zu lassen. Um den Kopf gewunden trug sie ein großes Stück rotes Baumwollenzeug in Gestalt eines Turbans, und mit ungewöhnlichem Feuer glänzten ihre Augen darunter hervor. Ihr langes schwarzes Haar floß in wilden Locken aus den Falten dieses seltsamen Kopfputzes. Wie eine verzückte Prophetin stand sie da, in der ausgestreckten Rechten einen jungen Baumzweig haltend, den sie gerade gepflückt zu haben schien. »Ich will verdammt sein,« sprach der Reitknecht, »wenn sie nicht die jungen Esche im Park abgeschnitten hat.« Der Laird antwortete nicht, sondern hielt die Blicke auf die über dem Wege stehende Gestalt gerichtet. »Reitet Eures Weges, Laird von Ellangowan!« sprach die Zigeunerin. »Heute habt Ihr sieben rauchende Herde ausgelöscht; seht zu, ob das Feuer in Eurer eigenen Wohnung darum heller brenne. Ihr habt von sieben Hütten die Dächer abgerissen; seht zu, ob Euer eigenes Dach desto fester stehe. Ihr könnt Eure Rinder in die Hütten zu Derneleugh stellen; seht zu, daß sich der Haß nicht auf dem Herdstein von Ellangowan ein Lager bereite. Reitet Eures Wegs, Richter Bertram! Warum schaut Ihr unsern Leuten so nach? Hier sind dreißig Herzen; sie hatten eher das Brot entbehrt, als Euch einen Bissen fehlen zu lassen, und eher ihr Herzblut hingegeben, als Euch den Finger ritzen zu lassen. Ja, dreißig sind's, von dem alten Weibe von hundert Jahren bis zu dem Buben, der vor acht Tagen geboren ward, und Ihr habt sie alle aus ihren Hütten geworfen, daß sie mit den Füchsen und dem Birkhahn auf dem Moore schlafen müssen. Reitet Eures Weges, Ellangowan! Unsere Kinder hängen auf unsern müden Rücken; seht zu, daß Eure Wiege daheim besser gebettet sei. Nein, ich wünsche nichts Böses dem kleinen Harry oder dem Kindlein, das soll noch geboren werden, Gott verhüte es, und mache es freundlich gegen die Armen und besser, als sein Vater ist! Und nun reitet Eures Weges! denn dies sind die letzten Worte, die Ihr je von Meg Merrilies hören sollt, und dies ist das letzte Reis, das ich schneiden werde in den lieben Wäldern von Ellangowan.« Mit diesen Worten zerbrach sie den Baumzweig, den sie in der Hand hielt, und warf ihn in den Weg. Der Laird wollte seine Stimme erheben und steckte die Hand in die Tasche, um ein Geldstück zu suchen; aber die Zigeunerin wartete weder auf seine Antwort noch auf seine Gabe, sondern schritt vom Hügel hinab, den Zug einzuholen, Ellangowan ritt gedankenvoll heim, und es war gewiß merkwürdig, daß er seinen Angehörigen von dieser Zusammenkunft nichts mitteilte. Der Reitknecht aber, weniger zurückhaltend, erzählte die ganze Geschichte in der Küche und schloß mit der Beteuerung, wenn je der Teufel aus einem Weibermunde geredet, so habe er an diesem heiligen Tage aus Meg Merrilies gesprochen. Neuntes Kapitel. So lange Herr Bertram seinem Amte eifrig oblag, vergaß er auch nicht für die Hebung der Zolleinahmen zu sorgen. Auf der ganzen südwestlichen Küste von Schottland war der Schleichhandel allgemein, für den die Insel Man besondere Eignung aufwies. Fast die ganze niedere Volksklasse war dabei beteiligt, die höhern Stände drückten die Augen zu, und die Zollbeamten wurden von denen, auf deren Schutz sie hätten rechnen müssen, oft in der Ausübung ihrer Pflicht behindert. Um diese Zeit war der schon genannte Kennedy in jener Gegend der Küste als berittner Zollwächter angestellt; er war ein rüstiger, entschlossener Mann, der schon manches Schleichhandelsgut weggenommen hatte, und bei allen, die dem verbotenen Gewerbe nachgingen, bitter verhaßt. Er war der natürliche Sohn eines Mannes von Stande, und sowohl dieser Umstand als sein unversieglicher Humor sicherten ihm bei allen Landjunkern freundliche Aufnahme. Er kam oft nach Ellangowan und war dort stets willkommen. Die kühnen, gefährlichen Unternehmungen, die er in seinem Amte ausgeführt hatte, gaben trefflichen Unterhaltungsstoff; dem Burgherrn behagte dieser Umstand, und so tat er das Seinige, Kennedy bei der Ausübung seiner verhaßten und schwierigen Pflicht zu unterstützen. Da ereignete es sich, daß der Hauptmann Dirk Hatteraick eine Schiffsladung von Branntwein und andern verbotenen Waren nicht weit von Ellangowan landete und der Meinung war, im Vertrauen auf die Nachsicht, die der Laird ehedem gegen solche Gesetzesübertretungen gezeigt, sich bei der Bergung der Ladung weder beeilen zu brauchen, noch besonders heimlich dabei zu Werke gehen zu müssen. Da erschien aber Kennedy, mit einem Befehle von Ellangowan ausgerüstet, in Begleitung einiger der Gegend kundigen Landleute und eines Kommandos Soldaten, die gelandeten Fässer und Ballen zu konfiszieren, und brachte sie auch nach einem verzweifelten blutigen Kampfe siegreich ins Zollhaus. Dirk Hatteraick schwur in holländischer, deutscher und englischer Sprache dem Aufseher und seinen Beschützern grausame Rache, und wer ihn kannte, zweifelte nicht, daß er Wort halten werde. Einige Tage nach der Vertreibung der Zigeunerhorde fragte Bertram seine Frau beim Frühstücke, ob nicht des kleinen Harry Geburtstag sei. »Gerade fünf Jahre alt, Gott segne ihn!« antwortete sie. »Nun könnten wir ja auch einmal das Papier des Engländers ansehen.« Bertram war in Kleinigkeiten pedantisch, »Nicht eher als morgen, mein Kind,« erwiderte er. »Der Sheriff sagte erst neulich bei der Gerichtssitzung, ein Tag, das heißt ein dies inceptus – doch Du verstehst ja nicht Lateinisch – ich meine, ein anberaumter Tag fange nicht eher an, als bis er zu Ende sei.« »Aber das hört sich ja an wie rechter Unsinn, Mann.« »Mag sein, doch das Gesetz bleibt deshalb Gesetz,« erwiderte Bertram und sagte nach einigen Abschweifungen, daß Franz Kennedy ausgeritten sei um dem königlichen Wachtschiff in der Bai von Hatteraicks Ankunft Nachricht zu geben, und nicht vor Abend zurückkehren werden, dann aber mit ihm eine Flasche Bordeaux auf Harrys Gesundheit trinken solle. »Ich wollte, Kennedy bekümmerte sich nicht um Dirk Hatteraick,« meinte die Frau. Warum macht er sich mehr Arbeit als andere? Kann er nicht sein Liedchen singen, sein Schlückchen trinken und seine Besoldung ziehen, wie andere ehrliche Leute, die niemand stören? Mich wundert's, daß Du Dich in solche Dinge mengst. Brauchten wir je nach Tee oder Branntwein in den Flecken zu schicken, als Dirk Hatteraick ruhig hier landen konnte?« »Du verstehst nichts von diesen Dingen,« antwortete der Laird. »Meinst Du, es schicke sich für einen Beamten, sein Haus zu einer Niederlage von Schleichhändlergut zu machen? Laß Dir von Kennedy einmal die Strafgesetze darüber zeigen. Du weißt ja selbst, wie sie ihre Waren im alten Schlosse unterbrachten!« »O, was schadet's denn, wenn in den Gewölben einmal ein Fäßchen Branntwein liegt? Du bist ja gar nicht verpflichtet, etwas davon zu wissen. Und was schadet's dem Könige, wenn die Gutsherren hier ein gutes Gläschen um billigen Preis bekommen, und ihre Frauen ein Täßchen Tee? Es ist Sünd' und Schande, daß man solche Abgaben auf solche Genußmittel legt. Und als Dirk Hatteraick mit Brabanter Haubenspitzen von Antwerpen schickte, da war ich auch nicht böse. Aber lange dauern wird's, bis mir der König oder Kennedy etwas schickt. Und gar erst Dein Streit mit den Zigeunern! Mir bangt jeden Tag, daß unsere Scheune in Flammen steht.« »Ich sage Dir nochmals Kind, Du verstehst nichts von solchen Dingen. Aber sieh, da sprengt Kennedy die Allee hinauf.« »Gut, gut, Bertram!« rief sie ihm nach, als er hinauseilte, »ich wünschte, Du könntest es auch.« Der Laird eilte seinem Freunde entgegen ... »Kommt, kommt,« rief Kennedy, »ins alte Schloß hinauf! Der alte Fuchs Dirk Hatteraick wird von des Königs Hunden tüchtig gehetzt.« Mit diesen Worten warf er seines Pferdes Zaum einem Buben zu und eilte zu dem alten Schlosse hinauf. Der Laird folgte ihm mit mehreren Hausgenossen, die der von der See herüberschallende Geschützdonner in Angst und Schrecken setzte. Als sie den Teil der alten Ruine erstiegen hatten, der die weiteste Aussicht bot, sahen sie ein Fahrzeug in der Bai, das von einer Kriegsschaluppe lebhaft verfolgt wurde. Beide Schiffe feuerten gegeneinander... »Es kommt ihm näher!« rief Kennedy, außer sich, vor Freude. »Verdammt! der Schmuggler wirft seine Ladung aus. Faß auf Faß fliegt über Bord. Der verwünschte Hatteraick! Ha! nun haben sie den Wind ihm abgenommen. Frisch ihm zu Leibe! frisch!« Die Jagd dauerte fort. Das Schleichhändlerschiff, das mit großer Geschicklichkeit steuerte und mit aller Anstrengung zu entrinnen suchte, wollte eben um eine Landspitze biegen, als die Raa in der Mitte von einer Kugel getroffen wurde und das Segel auf das Verdeck stürzte. Dieser Unfall schien dem Schiffe verderblich werden zu sollen; aber es gelang ihm doch, um die Landzunge herumzukommen und hinter dem Vorgebirge zu verschwinden. Die Schaluppe setzte alle Segel, das fliehende Schiff zu verfolgen, hatte aber zu dicht am Vorgebirge gehalten und wäre, wenn sie nicht umgelegt hätte und in die Bai zurückgesteuert wäre, um Räumte zur Umsegelung der Landspitze zu gewinnen, auf die Küste getrieben worden. »Verdammt,« rief Kennedy. »Sie verlieren Ladung und Schiff! Ich muß zur Warroch-Spitze reiten und ihnen sagen, wo sie das Schiff finden. Gott befohlen auf eine Stunde, Ellangowan! Holt den Punschnapf, wenn ich zurückkomme; wir trinken dann auf des jungen Lairds Gesundheit.« Mit diesen Worten schwang er sich aufs Pferd und ritt davon. Als er ungefähr eine Viertelstunde weit geritten war und die Höhe des Waldes erreicht hatte, der das in die Landspitze auslaufende Vorgebirge deckte, traf er Harry Bertram in Sampsons Begleitung. Er hatte dem Knaben, der den lustigen Hausfreund sehr gern hatte, schon oft einen Ritt versprochen, und kaum hatte Harry ihn gesehen, als er ihn auch daran erinnerte. Kennedy, der kein Bedenken fand, dem Knaben den Willen zu tun, obendrein den bedächtigeren Lehrer, dessen Mienen Besorgnis verrieten, necken wollte, hob den Kleinen schnell vor sich aufs Pferd und ritt weiter. Sampsons Ruf: »Herr Kennedy!« verlor sich in dem Getrappel des Pferdes. Sampson überlegte eine Weile, ob er dem Reiter folgen sollte; aber da Kennedy ein Vertrauter des Burgherrn war, er selbst aber sich mit einem Manne, der immer Possen trieb, nicht gern viel einließ, ging er endlich seines Weges und nach Ellangowan zurück. Die Leute vom Schlosse standen noch immer und beobachteten die Schaluppe, die endlich, nach vielem Zeitverluste, um die Warroch-Spitze bog und sich in kurzer Zeit hinter dem waldigen Vorgebirge verlor. Bald darauf hörte man Schüsse aus der Ferne, und nicht lange nachher einen furchtbaren Knall, wie wenn ein Schiff in die Luft geflogen wäre, und eine dicke Rauchwolke stieg über die Waldwipfel zu dem blauen Himmel empor. Darauf verließen alle die Burg, verschiedener Meinung über das Schicksal des Schleichhändlerschiffes, aber die meisten glaubten, es müsse entweder gefangen oder gesunken sein. »Es ist Essenszeit, mein Kind,« sprach die Hausfrau, »wird Herr Kennedy bald kommen?« »Ich erwarte ihn jeden Augenblick; vielleicht bringt er ein paar Offiziere von der Schaluppe mit.« »Lieber Himmel, warum hast Du mir das nicht eher gesagt, daß wir den großen runden Tisch hätten decken können? Und dann – solche Leute haben doch Pökelfleisch satt, und außer Rindfleisch gibt's auch bei uns nichts. Ich hätte doch auch gern ein anderes Kleid angezogen, und für Dich wäre es auch nicht übel, wenn Du eine reine Halsbinde anlegtest. Aber Du hast immer Deine Freude daran, mich in Verlegenheit zu bringen.« »Ei, hole der Henker Rindfleisch, Kleid, Tisch und Halsbinde! Es wird auch so gehen. Aber wo ist Sampson? Wo ist Sampson und Harry?« »Sampson ist schon seit zwei Stunden wieder da,« antwortete der Diener, »aber Junker Harry ist meines Wissens nicht mit ihm gekommen.« »Harry nicht mit ihm?« rief Frau Bertram. »Sagt doch Sampson, er möchte sogleich zu mir kommen,« – »Herr Sampson,« fuhr sie den Eintretenden an, »wie verhält es sich mit Harry? Ihr habt freien Tisch, Bett und Wäsche – dazu jährlich zwölf Pfund Sterling – bloß um über den Knaben zu wachen, und laßt ihn ein paar Stunden lang aus den Augen!« Sampson antwortete mit demütiger Verbeugung für alle von seiner Herrin aufgezählten Benefizien und erzählte sodann, wie Herr Kennedy aus eigenem Antrieb den Knaben unter Obhut genommen, trotz aller Gegenvorstellungen von seiner Seite. »Ich bin Herrn Kennedy für seine Mühe nicht im geringsten dankbar,« erwiderte sie ärgerlich ... »Wenn er das Kind vom Pferde fallen ließe, oder wenn das Kind von einer Kugel getroffen würde, oder –« »Oder, Kind,« fiel Ellangowan ein, »was noch wahrscheinlicher als alles andere ist, sie sind an Bord der Schaluppe oder des gefangenen Schiffs gegangen und kommen mit der Flut um die Landspitze.« »Und könnten am Ende gar ertrinken,« rief sie ängstlich. »Ich habe freilich geglaubt,« nahm Sampson das Wort, »Herr Kennedy wäre schon seit einer Stunde zurück. Mich dünkt doch, ich habe sein Pferd gehört, als es in den Hof trabte.« »Ei,« fiel grinsend der Hausknecht ein, »das war ja das Mädel, das die Kuh ohne Hörner austrieb.« Sampson wurde über und über rot; nicht über den Spott, den er nie gemerkt und nie empfunden hätte, sondern über einen Gedanken, der ihm durch den Kopf fuhr ... »Ich habe gefehlt,« sprach er, »ich hätte auf das Kind warten sollen.« Mit diesen Worten nahm er Hut und Stock und eilte zu der Warroch-Spitze, schneller als er je vorher und nachher in seinem Leben gegangen. Der Laird sprach noch einige Zeit mit seiner Frau über die Angelegenheit, Endlich ließ sich die Schaluppe wieder sehen, aber ohne sich der Küste zu nähern, und mit vollen Segeln westwärts steuernd, war sie bald wieder verschwunden. Bertram war das ängstliche Temperament seiner Frau so gewöhnt, daß ihre Besorgnisse ihn nicht sonderlich bekümmerten; aber die verstörten Gesichter seiner Dienstboten machten ihn endlich unruhig, und seine Bestürzung stieg, als man ihn hinauslief und ihm erzählte, Kennedys Pferd wäre allein zum Stalle gekommen, mit unterwärts hängendem Sattel und zerbrochenem Gebiß; ein Landmann hätte im Vorbeigehen gesagt, ein Schleichhändlerschiff stände in Flammen unten auf der andern Seite der Warroch-Spitze, doch hätte er, als er durch den Wald gekommen, weder Kennedy noch den Junker gesehen, nur Herr Sampson wäre wie wahnsinnig umhergelaufen, sie zu suchen. Alles im Schlosse war nun in Bewegung. Der Laird eilte mit seinen Dienstboten, Knechten und Mägden zu dem Warroch-Walde. Die Landleute in der Umgegend leisteten Beistand, manche aus Teilnahme, die meisten aus Neugier. Kähne wurden bemannt, die Küste zu untersuchen, die der Landspitze gegenüber in hohe schroffe Felsen aufstieg, denn die Besorgnis wurde laut, das Kind sei von diesen Klippen hinabgestürzt; aber niemand wagte es, den schrecklichen Gedanken in Worte zu kleiden. Der Abend war angebrochen, als die Leute in dem Walde ankamen und sich in verschiedenen Richtungen zerstreuten. Der dunkle Nachthimmel, der heulende Novemberwind, das Rauschen des welken Laubes und die wiederholten Anrufe der Suchenden gaben der Szene einen unheimlichen Anstrich. Eine Stunde war verstrichen und trotz lebhaftester Mühe nicht das geringste ermittelt worden. Besorgt steckten alle die Kopfe zusammen. Da erscholl plötzlich ein Schrei vom Strande her so laut, so durchdringend, so ganz verschieden von allen Tönen, die in dieser Nacht den Wald belebt hatten, daß niemand zweifelte, er bedeute eine neue schreckliche Botschaft. Alle eilten dem Schalle nach, und auf Pfaden, auf denen sie zu anderer Zeit zurückgescheut wären, kamen sie an den Fuß eines Felsens, wo eben die Mannschaft eines Bootes gelandet war ... »Hier, ihr Leute, hier!« rief es. »Um Gottes willen, hier herunter!« Ellangowan brach durch den Haufen, der sich schon um die unglückliche Stelle gedrängt hatte. Es war Kennedys Leichnam. Beim ersten Anblick schien es, als sei der Mann durch einen Sturz von den Felsen, die sich hier hundert Fuß über die Sandbank erhoben, umgekommen. Der Leichnam lag halb in, halb außer dem Wasser, Denjenigen, die zuerst sich näherten, war es vorgekommen, als ob noch Leben in dem Toten wäre, weil die anschwellende Flut den Arm gehoben und die Kleider bewegt hatte. Aber man sah bald, daß jeder Funke erloschen war. »O mein Sohn! mein Sohn!« rief der unglückliche Vater, »wo kann er sein?« Alle öffneten den Mund, Hoffnungen zu erwecken, die niemand hegte. Endlich nannte jemand die – Zigeuner. Im Fluge stieg Ellangowan den Felsen hinan, schwang sich auf das erste Pferd, das er fand, und ritt wie rasend zu den Hütten von Dernclengh. Alles war hier finster und öde. Als er abstieg, um genauer zu untersuchen, strauchelte er über die Trümmer von Hausrat, den man aus den Hütten geworfen, und über zerbrochene Dachsparren. Da fielen die Verwünschungen, die Meg Merrilies gegen ihn ausgestoßen, ihm schwer auf die Seele ... »Ihr habt von sieben Hütten die Dächer abgerissen; sehet zu, ob Euer eigenes Dach desto fester stehe.« »Gib mir mein Kind wieder!« rief er aus. »Bring mir meinen Sohn zurück, und alles soll vergessen und vergeben sein!« Als er diese Worte im Wahnsinn des Schmerzes ausrief, entdeckte er einen Lichtschimmer in einer der zerstörten Wohnstätten. Es war die Hütte, worin Meg Merrilies ehedem gewohnt hatte. Das Licht, das von einem Feuer zu kommen schien, schimmerte nicht nur durch das Fenster, sondern auch durch das zerstörte Dach. Er flog dorthin. Der Eingang war verriegelt. Die Verzweiflung gab dem unglücklichen Vater Riesenstärke, und er stürzte mit so heftiger Gewalt gegen die Tür, daß sie wich. Die Hütte war leer; aber man sah Spuren, daß sie kurz vorher bewohnt gewesen; auf dem Herde brannte Feuer, es stand ein Kessel da, und man sah Anstalten zum Kochen. Bertram blickte starr umher, ob er irgend etwas fände, seine Hoffnung zu bestätigen, daß sein Kind noch am Leben, wenn auch in der Gewalt der Zigeuner wäre. Da trat ein Mann in die Hütte. Es war der alte Gärtner ... »O gnädiger Herr!« sprach er, »ich hätte nie gedacht, eine solche Nacht zu erleben. Ihr müßt sogleich ins Schloß kommen.« »Ist mein Kind gefunden? Lebt es? Habt Ihr meinen Sohn gefunden? Andreas! Habt Ihr ihn gefunden?« »Nein, gnädiger Herr, aber –« »Man hat ihn gefangen! Gewiß, Mann, so gewiß, als ich auf Gottes Erde stehe, Sie hat ihn gestohlen, die Meg Merrilies, und ich gehe nicht von der Stelle, bis ich Nachricht von meinem Kinde habe.« »Aber Ihr müßt heimkommen, Herr! Ihr müßt heimkommen. Wir haben nach dem Sheriff geschickt, und wir wollen hier eine Wache hinstellen, wenn die Zigeuner etwa zurückkommen sollten. Aber Ihr müßt heimkommen, Herr; die gnädige Frau liegt in den letzten Zügen.« Bertram heftete sein Auge starr auf den Unglücksboten, und die Worte: »in den letzten Zügen!« wiederholend, als ob er den Sinn derselben nicht hätte fassen können, ließ er sich von dem Alten zu seinem Pferde ziehen. Auf dem Heimwege rief er nur mit schmerzlichem Ausdrucke: »Weib und Kind, beide – Mutter und Sohn! Beide!« Wer könnte den neuen Jammer schildern, der ihn erwartete? Die Nachricht von Kennedys Schicksal war im Schlosse verbreitet worden, mit dem Zusatze, der Unglückliche hätte ohne Zweifel das Kind mit sich von der schroffen Klippe herabgerissen und die Flut hätte des Knaben leichtern Leichnam weggeschwemmt. Die unglückliche Mutter vernahm die entsetzliche Botschaft, erlitt eine Frühgeburt, und ehe Ellangowan sein bewegtes Gemüt hatte sammeln können, um das Schreckliche seiner Lage zu fassen, war er Vater einer Tochter und Witwer. Zehntes Kapitel. Am folgenden Morgen, bei Tagesanbruch, kam der Sheriff der Grafschaft nach Ellangowan, um kraft seines Amtes die erforderlichen Nachforschungen anzustellen. Sein erstes Geschäft war, alle Zeugnisse zu sammeln, die auf das geheimnisvolle Ereignis Licht werfen konnten. Seine sorgfältige Untersuchung des Falles brachte manche Umstände an den Tag, die die erste Vermutung, daß Kennedy durch einen unglücklichen Zufall von der Klippe gefallen, über den Haufen stießen. Der Leichnam war, wie man ihn gefunden, in eine benachbarte Fischerhütte gebracht worden. Bei der Untersuchung fand man ihn wohl gräßlich zerschmettert von dem furchtbaren Sturze, aber auch eine tiefe Wunde im Kopfe, die nach der Meinung des geschickten Wundarztes, der zur Leichenschau gezogen wurde, von einem Schwert oder Säbelhieb herrührte. Der erfahrene Mann entdeckte noch andere verdächtige Zeichen. Das Gesicht war schwarz, die Augen waren verdreht und die Halsadern geschwollen. Die Halsbinde, die der Unglückliche trug, hatte nicht mehr die gewöhnliche Lage, sondern war locker, die Schleife aber verschoben und sehr fest gezogen, als ob man den Verstorbenen daran geschleppt hätte. Der Geldbeutel des Toten war unberührt, die Pistolen aber, die er gewöhnlich bei sich trug, wenn er auf gefährliche Abenteuer ging, fand man geladen in seiner Tasche, was um so mehr auffiel, als Kennedy bei den Schleichhändlern als unerschrockener Mann, der sich seiner Waffen geschickt zu bedienen wußte, gefürchtet war. Bertrams Dienstboten erzählten zwar, er habe gewöhnlich auch einen Hirschfänger getragen, doch fand man solche Waffe nicht bei dem Leichnam, und niemand wußte bestimmt anzugeben, ob er sie an diesem Tage bei sich geführt habe. Der Beamte schritt darauf zur Besichtigung des Fundortes der Leiche und ließ sich umständlich erzählen, wie man sie gefunden. Ein großes Felsenstück schien mit dem Unglücklichen von der Klippe herabgerollt oder ihm nachgestürzt zu sein. Die feste Steinmasse war bei dem Sturze so wenig zersplittert, daß sich durch genaue Untersuchung erkennen ließ, welche Lage sie auf der Höhe des Felsens eingenommen. Als man darauf die Klippe erstieg und die Stelle untersuchte, wo das Felsenstück gelegen haben mußte, glaubte man sicher zu sein, daß ein einziger Mensch nicht stark genug gewesen sei, es mit sich zu reißen. Hingegen schien der Block auch so locker gelegen zu haben, daß die vereinte Kraft von drei bis vier Menschen ihn leicht von seiner Stelle gerückt haben konnte. Der Boden war rings umher zertreten, und menschliche Fußtapfen, die man entdeckte, schienen zu verraten, daß hier ein heftiger Kampf stattgefunden. Aehnliche, doch minder sichtbare Spuren leiteten ans den Rand der Waldhöhe, und man verfolgte dieselben bis tief in das wild verwachsene Dickicht, wohin niemand anders, als in der Absicht, sich darin zu verbergen, seinen Weg genommen haben konnte. Hier fand man, je weiter man kam, deutliche Spuren von Gewalttätigkeit und Kampf. Zweige waren niedergebogen, als ob sie von einem Unglücklichen, den man hindurch geschleppt, in heftigem Widerstände erfaßt worden wären; und wo der Boden weich war, sah man verschiedene Fußtapfen auf weißlichem Tonboden, und am Rückenteil von Kennedys Rocke hatte man Flecke von der gleichen Farbe bemerkt. Die Fährte verfolgend, fand man in einiger Entfernung vom Rande des Abgrundes einen offenen Platz, der zerstampft und offenbar mit Blut befleckt war, obgleich man Laub darauf gestreut hatte, diese Spuren zu verdecken. Auch wurde hier der Hirschfänger des Unglücklichen und nicht weit davon, aber sorgfältiger versteckt, Gürtel und Scheide dazu entdeckt. Bei genauer Untersuchung der Fußstapfen ergab sich, daß einige von ihnen mit dem Fuße des Ermordeten übereinstimmten; andere aber waren größer oder kleiner, und man glaubte annehmen zu dürfen, daß wenigstens vier bis fünf Menschen mit ihm gekämpft haben müßten. Ueberdies bemerkte man hier, aber nirgendwo anders, Fußstapfen von einem Kinde, und da man bis nahe der Stelle eine tiefe Pferdespur verfolgt hatte, konnte man annehmen, daß der Knabe während der Verwirrung in dieser Richtung entflohen sein müßte. Da man jedoch gar nichts von dem Knaben gehört hatte, äußerte der Beamte, nach Erörterung all dieser Umstände, die Meinung, Kennedy sei hinterlistig überfallen worden, und die Mörder, wer sie auch gewesen sein möchten, hätten sich des Kindes bemächtigt. Man bot nun alles auf, die Täter zu entdecken. Der Verdacht schwankte zwischen Schleichhändlern und Zigeunern. Das Schicksal von Dirk Hatteraicks Fahrzeug war keinem Zweifel unterworfen. Zwei Männer von der entgegengesetzten Seite der Warroch-Bai hatten, freilich aus weiter Entfernung, gesehen, wie das Schiff, nachdem es die Landspitze umsegelt, ostwärts gesteuert habe, aber, nach seinen Bewegungen zu urteilen, in schlechtem Zustande gewesen sei. Bald darauf sei es gesunken und dann in Feuer aufgegangen. Da erst sei ein königliches Schiff um das Vorgebirge herumgekommen, habe sich aber, der eigenen Sicherheit wegen, in gemessenem Abstande halten müssen, und sei endlich südwärts gesteuert. Ob das Schleichhändlerschiff Boote ausgeschickt hätte, wußte niemand zu sagen; doch sei es möglich, daß das brennende Schiff die Boote den Blicken entzogen haben könne. Der Befehlshaber des königlichen Schiffes machte dem Sheriff Mitteilungen, die jene Aussage bestätigten und es außer Zweifel setzten, daß Dirk Hatteraick der Eigentümer des zerstörten Schiffes gewesen; er war überzeugt, daß die Mannschaft ihr Fahrzeug in Brand gesteckt und sich in den Booten gerettet hätte. Sein Schiff hatte später die Küsten der Insel Man untersucht, um den Schlupfwinkel der Schleichhändler zu entdecken, aber durchaus keine Spur gefunden. Unter der Voraussetzung also, daß die Mannschaft des Schleichhändlerschiffes sich gerettet habe, war der Tod des unglücklichen Kennedy, wenn er in den Wäldern unter die Wütenden gefallen, leicht zu erklären, und da man wußte, daß Hatteraick gegen Bertram heftige Drohungen ausgestoßen, glaubte man mit Wahrscheinlichkeit annehmen zu dürfen, daß jene Menschen selbst vor dem Morde des Kindes nicht zurückgebebt hätten. Gegen diese Vermutung wurde eingewendet, daß fünfzehn bis zwanzig Seeleute sich nicht leicht auf der Küste hätten verbergen können, da doch dort sogleich nach der Zerstörung des Schiffes sorgfältige Nachforschungen angestellt worden seien, man also doch wenigstens ihre Boote hätten finden müssen. Und daß sie in einer so schwierigen Lage, die jede Flucht gewissermaßen ausschloß, sich zu einem unnützen Mord, bloß aus Rache, hätten zusammentun sollen, schien auch eine haltlose Annahme. Diejenigen, die solche Zweifel hegten, vermuteten, daß entweder die Boote des Schleichhändlers unbemerkt die See gewonnen und vor dem verfolgenden Fahrzeuge sich gerettet hätten, oder daß die Mannschaft, nachdem ihre Boote durch das Feuer der Schaluppe zerstört worden, mit dem Schiffe umgekommen wäre. Allerdings schien für diese Meinung zu sprechen, daß man weder Hatteraick noch einen von seinen Seeleuten, die bekannt genug waren, auf der Küste oder auf der Insel Man bemerkt hatte, und daß nur ein Leichnam, ein, wie es schien, erschossener Seemann, von der Flut auf das Gestade geworfen worden. Eine andere Vermutung wollte den Verdacht des schrecklichen Verbrechens auf die vertriebenen Bewohner von Derncleugh lenken. Man wußte, daß sie gegen den Laird von Ellangowan heftig erbittert gewesen waren und schwere Drohungen ausgestoßen hatten. Kindesraub war ein Verbrechen, das ihnen eher als den Schleichhändlern zuzutrauen war. Konnte nicht Kennedy bei dem Versuche, das Kind zu retten, umgekommen sein? Er hatte sich freilich bei der Vertreibung der Zigeuner beteiligt, und auch gegen ihn waren Drohungen gefallen. Die letzten, von Meg Merrilies gegen Ellangowan gerichteten Worte erweckten selbst dem Sheriff Verdacht, Ein Landmädchen, das in dem Walde von Warroch Nüsse gepflückt hatte, meinte auch gesehen zu haben, wie Meg Merrilies, oder doch ein Weib von ihrer großen Gestalt, plötzlich aus dem Dickicht gestürzt wäre. Sie habe sie bei Namen gerufen, setzte das Mädchen hinzu, aber da die Gestalt das Gesicht abgewendet und nicht geantwortet habe, könne sie nicht wissen, ob es die Zigeunerin gewesen oder ihr Schatten, und sie habe sich gefürchtet, zu einem Weibe zu treten, in dessen Nähe es doch nicht geheuer sei. Diese Erzählung schien eine Bestätigung durch den Umstand zu erhalten, daß man in der verlassenen Hütte der Zigeunerin Feuer gefunden hatte, obgleich sich kaum annehmen ließ, daß Meg Merrilies, als Mitschuldige des gräßlichen Verbrechens, an demselben Abend, da es verübt worden, an einem Orte hätte Zuflucht suchen sollen, wo man zuerst nach ihr forschen mußte. Die Zigeunerin wurde verhaftet und verhört. Sie blieb standhaft dabei, an dem unglücklichen Tage weder in Derneleugh noch im Walde von Warroch gewesen zu sein, und einige von ihrer Horde beteuerten eidlich, sie habe das Lager nicht verlassen, das sich in einem Tale ungefähr fünf Wegstunden von Ellangowan befand. Auffallend war jedoch der Umstand, daß ihr Arm durch eine scharfe Waffe, wie es schien, leicht verwundet und mit einem Schnupftuch, das dem kleinen Harry gehörte, verbunden war; der Hauptmann der Horde aber behauptete, er habe sie an jenem Tage mit seinem Dolche gezüchtigt; sie selbst und andere gaben dieselbe Ursache der Verwundung an, und da in den letzten Monaten so viel Wäsche in Ellangowan gestohlen worden, ließ sich ebenfalls erklären, wie Meg Merrilies zu dem Tuche gekommen, ohne daß man darum den Verdacht des schweren Verbrechens auf sie werfen konnte. Bei dem Verhöre fiel es auf, daß sie alle Fragen, die sich auf die Ermordung Kennedys, oder »des Zöllners«, wie sie ihn nannte, bezogen, mit Gleichgültigkeit beantwortete, aber mit lebhaftem Unwillen sich darüber äußerte, daß man sie fähig halte, dem kleinen Harry ein Leid zuzufügen. Man ließ sie lange im Gefängnisse sitzen, in der Hoffnung, irgend einen Umstand zu entdecken, der Licht auf die geheimnisvolle blutige Tat werfen könnte; als sich jedoch weiter nichts ergab, wurde sie zwar entlassen, aber als Landstreicherin und Diebin aus der Grafschaft verbannt. Nie fand sich eine Spur von dem Knaben, und endlich hörte man, auf, von der unerklärlichen Geschichte zu reden, deren Andenken nur in dem Namen »Zöllnersprung«, wie man den Felsen nannte, wo Kennedy seinen Tod gefunden, noch fortlebte. Elftes Kapitel. Siebzehn Jahre nach dem erzählten unglücklichen Ereignisse – in welch langer Zeit sich nichts von Wichtigkeit für den Verlauf unserer Handlung zugetragen, – an einem kalten, stürmischen Novemberabend saß eine muntere Gesellschaft in der Küche des Wirtshauses zu Kippletringan vor dem Herdfeuer. Die Wirtin, Frau Mac Canlish, thronte in einem mit schwarzem Leder überzogenen Lehnstuhle und bewirtete ein paar Gevatterinnen aus der Nachbarschaft mit einer Schale Tee, wobei die sorgsame Hausfrau jedoch nicht vergaß, auf die geschäftig hin- und hergehenden Dienstboten ein wachsames Auge zu haben. Der Küster saß in einiger Entfernung, seine Sonnabendpfeife rauchend, und blies den leichten Dampf von Zeit zu Zeit über sein Glas, um die Zunge mit einem Gemisch von Branntwein und Wasser zu erquicken. Der Almosenpfleger, Krämer Bearcliff, ein wichtiger Mann im Dorfe, rauchte seine Pfeife zu dem leichten, mit Branntwein versetzten Tee. Weiter entfernt saßen ein paar Landleute bei einem bescheidenen Kruge Dünnbier. »Ist die Stube zurecht?« fragte die Wirtin ihre Hausmagd. »Brennt das Feuer hell, und raucht die Esse nicht?« Das Mädchen sagte, es sei alles in Ordnung. »Man darf nicht unfreundlich gegen sie sein, zumal in ihrem Unglück,« fuhr die Wirtin fort, sich zu dem Krämer wendend. »Gewiß nicht, Frau Mac Candlish, gewiß nicht,« erwiderte Bearcliff. »Glaubt mir, was sie von Kleinigkeiten aus meinem Laden brauchen unter sieben, acht oder zehn Pfund Sterling, ich schreib es ihnen gern an wie den ersten in unserer Gegend, Werden sie in der alten Kutsche kommen?« »Ich glaube nicht,« sprach der Küster. »Denn Fräulein Bertram kommt immer auf dem Weißen Schimmel zur Kirche. Sie ist eine fleißige Kirchgängerin, und man hört sie gar gern Psalmen singen, das liebe junge Blut.« »Ja, und der junge Laird von Hazlewood reitet nach der Predigt immer bis auf den halben Weg mit ihr heim,« fiel eine der Gevatterinnen ein ... »Mich wundert, daß der alte Hazlewood das leidet.« »Ich weiß nicht, wie er's jetzt leiden kann,« sprach ein anderer Teegast; »aber es gab eine Zeit, wo es Ellangowan gar nicht recht gewesen, wenn seine Tochter sich mit dem Sohne des Lairds von Hazlewood eingelassen hätte.« »Ja, es gab solche Zeit!« antwortete die erste mit Nachdruck. »Ja gewiß, Nachbarin,« sprach die Wirtin, »Hazlewoods sind ein gutes altes Haus hier im Lande, aber es ist ihnen erst seit ein paar Mandel Jahren eingefallen, sich den Ellangowans gleich zu stellen. Die Bertrams von Ellangowan sind die alten Mac Dingawaie, wie ein altes Lied sagt; Herr Skreigh kann uns das Lied singen.« »Frau Wirtin,« antwortete der Küster, seinen Branntweinpunsch feierlich schlürfend, »wir haben unsere Gaben zu anderen Dingen, als alte Lieder so nahe vor dem Sonntag zu singen.« »O, lieber Herr Skreigh, ich habe Euch schon oft ein lustiges Liedchen am Sonnabend singen hören ... Aber um wieder auf die Kutsche zu kommen, die hat im Schuppen gestanden, seit Frau Bertram tot ist, das geht nun ins siebzehnte Jahr. Johnny ist mit meiner Kutsche fort. Ich weiß nicht, wo er bleibt. Der Weg ist nicht überall schlecht, und Johnny weiß Bescheid.« Da wurde laut an die Tür geklopft ... »Das sind sie nicht; ich höre keine Räder,« meinte die Wirtin und schickte das Mädchen hinaus. »Es ist ein einzelner Herr,« meldete die Magd; »soll ich ihn in die Stube führen?« »Auf die Beine! Auf die Beine! Es wird wohl ein englischer Herr sein, der noch spät ohne Diener kommt. Hat der Stallknecht das Pferd? Geschwind Feuer in die rote Stube!« »Liebe Frau,« sprach der Reisende, in die Küche tretend, »ich will mich hier ein wenig wärmen; es ist eine kalte Nacht.« Sein Aeußeres, seine Stimme und sein Benehmen machten sogleich einen günstigen Eindruck. Es war ein schöner, schlanker Mann, schwarz gekleidet, wie man sah, als er seinen Oberrock abgelegt hatte; ungefähr vierzig bis fünfzig Jahre alt, von ernsten, einnehmenden Zügen und militärischem Aussehen. Frau Mac Candlish hatte durch lange Praxis ein scharfes Verständnis für Gäste gewonnen und wußte ihren Stand auf den ersten Blick zu erraten und den Empfang danach einzurichten. Sie machte bei dieser Gelegenheit sehr tiefe Verbeugungen, war verschwenderisch mit verbindlichen Worten und ging, als der Fremde um recht gute Behandlung für sein Pferd bat, selbst in den Stall. Ein schöneres Stück Vieh habe noch nicht im Stalle zu Kippletringan gestanden, äußerte der Knecht, und diese Versicherung erhöhte die Achtung der Wirtin vor dem Reiter. Sie räumte ihm den besten Platz am Herde ein und bot ihm das Beste an, was Küche und Keller bargen. Er begehrte eine Schale Tee. Sogleich verstärkte sie ihren Aufguß durch einen reichlichen Zusatz von bestem Haisan und bediente den Fremden mit liebreichem Anstande ... »Wir haben eine recht hübsche Stube,« hob sie wieder an, »aber sie ist für heute versprochen an einen Herrn und seine Tochter, die von hier wegziehen. Meine Kutsche holt sie ab. Es geht ihnen jetzt nicht mehr so gut in der Welt, wie einst; wie es nun so trifft im Leben, bald oben, bald unten, das wird Euer Gnaden wohl wissen. Aber ist Ihnen der Tabakrauch nicht zuwider?« »Nicht doch, liebe Frau, ich bin ein alter Kriegsmann und schon daran gewöhnt.« In diesem Augenblicke hörte man einen Wagen rollen. Die Wirtin eilte an die Tür, kam aber sogleich mit einem Fuhrknechte zurück. »Nein,« sprach dieser, »sie können gar nicht kommen, der Laird ist schwerkrank.« »Gott stehe ihnen bei!« erwiderte die Wirtin. »Und morgen ist der letzte Tag, der allerletzte Tag, wo sie im Hause bleiben können.« »Ja, sie können nicht kommen, sage ich Euch,« hob der Fuhrknecht wieder an. »Herr Bertram kann nicht von der Stelle.« »Wie, Herr Bertram?« sprach der Fremde. »Doch nicht Bertram von Ellangowan?« »Eben der,« war die Antwort, »und wenn Sie ein Freund von ihm sind, so kommen Sie gerade recht.« »Ich bin lange außer Landes gewesen,« erwiderte der Fremde. »Ist seine Gesundheit so schwer zerrüttet?« »Ja, seine Gesundheit, und seine Umstände auch,« fiel Bearcliff ein. »Die Gläubiger haben Beschlag auf sein Vermögen gelegt, und die Güter kommen unter den Hammer. Jemand, der ihm fast alles verdankt, – ich nenne keine Namen, aber Frau Mac Candlish weiß, was ich meine – ist jetzt am meisten über ihn her. Ich habe auch etwas zu fordern, aber lieber möchte ich's verlieren, als daß ich den alten Mann aus dem Hause werfen sollte, in dem Augenblicke, da ihm der Tod naht.« »Ja freilich,« sprach der Küster, »der Glossin will den alten Laird gern los sein; er fürchtet, der männliche Erbe möchte ihm über den Hals kommen. Denn ich habe mir sagen lassen, wenn ein männlicher Erbe da wäre, so konnte das Gut wegen der Schulden des alten Ellangowan nicht verkauft werden.« »Er hatte ja einen Sohn, der schon vor vielen Jahren geboren ist,« hob der Fremde wieder an. »Aber er ist wohl tot?« »Das kann niemand sagen,« antwortete der Küster geheimnisvoll. »Tot!« fiel Bearcliff ein. »Ich wette, schon lange tot! Seit zwanzig Jahren hat man nichts von ihm gehört.« »Nicht zwanzig Jahre,« fiel die Wirtin ein. »Es sind ungefähr siebzehn, gerade um diese Zeit. Es war damals großes Gerede davon. Das Kind verschwand an eben dem Tage, wo der berittene Zollwächter Kennedy ums Leben kam. Wenn Sie hier zu Lande bekannt sind, gnädiger Herr, so werden Sie den Kennedy ja gekannt haben. Ich war damals noch jung und noch nicht lange verheiratet mit meinem Manne – Gott habe ihn selig! – und habe viel Spaß gehabt mit dem Kennedy. Und sehen Sie, gnädiger Herr, da fiel ein Kriegsschiff über den Dirk Hatteraick her – Ihr erinnert Euch ja noch, Herr Bearcliff, Ihr habt ia selbst mit Dirk zu tun gehabt. Es war ein herzhafter Kerl und focht auf seinem Schiffe, bis es in die Luft flog. Kennedy war zuerst auf seinem Schiffe und wurde wohl ein Paar tausend Fuß weit geschleudert und fiel ins Wasser unter der Warroch-Spitze bei dem Felsen, der noch heutigen Tages der Zöllnersprung heißt.« »Und was hat Bertrams Kind mit all diesen Dingen zu tun?« fragte der Fremde. »Das Kind war bei dem Zollwächter,« erwiderte die Wirtin. »Alle Leute meinten, es wäre mit ihm aufs Schiff gegangen, wie nun Kinder immer gern vorweg sind, wo's Unfug gibt.« »Nein, nein,« fiel der Krämer ein, »Ihr seid ganz falsch berichtet. Der Junker ist von einem Zigeunerweib weggefangen worden; es war die Meg Merrilies; ich kann mich ganz wohl auf sie besinnen. Sie hatte den Ellangowans Rache geschworen, weil man sie durch Kippletringan getrommelt, als sie einen silbernen Löffel gestohlen hatte.« »Nehmt mir's nicht übel,« sprach der Küster, »Ihr seid fast ebenso im Irrtum, wie unsere Frau Wirtin.« »Und was sagen Sie denn zu der Geschichte?« sprach der Fremde, sich neugierig zu ihm wendend. »Davon ist nicht gut zu erzählen,« erwiderte der Küster feierlich. Der Fremde drang in ihn, ohne Rückhalt zu reden. Darauf stieß der Küster ein paar dicke Tabakswolken aus, räusperte sich ein paarmal und ließ nun, die Beredsamkeit nachahmend, die er wöchentlich einmal von der Kanzel donnern hörte, aus der Wolkenhülle, die ihn umgab, folgende Worte ertönen: »Was ich Euch zu sagen habe, meine Brüder – meine lieben Freunde, will ich sagen – kann als Antwort für alle Hexenverteidiger, Gottesleugner und Ketzer dienen. Ihr sollt wissen, daß der achtbare Laird von Ellangowan nicht so eilig war, als es sich gebührt, sein Gebiet zu säubern von Hexen, von denen da geschrieben stehet: Du sollst keine Hexe leben lassen – noch von solchen, so da mit bösen Geistern Umgang haben und Wahrsagerei treiben, wie es die Zigeuner tun. Und der Laird war drei Jahre lang vermählt und bekam keinen Erben. Alle Welt aber dachte, daß er viel Verkehr mit der Meg Merrilies gehabt, die die verrufenste von allen Hexen in Galloway und Dumfries war.« »Daran ist wohl etwas,« fiel die Wirtin ein, »er hat ihr einmal zwei Gläser Branntwein hier in meinem Hause schenken lassen.« »Die Edelfrau wurde endlich gesegneten Leibes, und in der Nacht, da sie eines Kindes genesen sollte, siehe! da kommt an die Tür des Hauses – das Schloß Ellangowan nennen sie's – ein alter Mann, seltsam gekleidet, und bat um Herberge. Sein Haupt, seine Beine und Arme waren nackt, wiewohl es Winterszeit war, und er hatte einen grauen Bart, drei Viertelellen lang. Man ließ ihn herein, und als die Edelfrau entbunden war, wollte er genau den Augenblick der Geburt wissen und ging darauf hinaus, die Sterne zu befragen. Als er nun zurückkam, sagte er dem Laird, daß der böse Geist Gewalt haben würde über das Kind, so in jener Nacht geboren, und er schärfte ihm ein, den Knaben zur Gottesfurcht zu erziehen und einen Geistlichen ihm an die Seite zu stellen, der mit ihm und für ihn bete. Und der Greis verschwand, und niemand hier zu Lande hat wieder etwas von ihm gesehen.« »Nein, das kann nicht sein,« rief John, der Fuhrmann, der bisher in ehrerbietiger Entfernung dem Gespräch zugehört hatte; »Herr Skreigh wird es mir verzeihen, jener Mann hatte nicht mehr Haare im Gesichte, als der Herr Küster selbst, und hatte gute Stiefel an und Handschuhe dazu.« »Still, Johnny, still!« rief die Wirtin, und der Küster setzte verächtlich hinzu: »Was könnt denn Ihr davon wissen!« »Nicht viel, Herr Skreigh, aber ich wohnte zu jener Zeit keine zwanzig Schritt weit von dem Schlosse, als in der Nacht, wo der junge Laird geboren war, ein Mann an unsere Haustür kam, mit dem meine Mutter mich zum Schlosse schickte. Wär' er ein Zauberer gewesen, so hätte er's ja wohl selbst finden können. Es war ein junger, hübscher Mann wie ein Engländer. Ich sage Euch, er hatte so gut einen Hut, Stiefel und Handschuhe als sonst ein Herr. Es ist wahr, er sah ein bißchen schauerlich zum Schlosse hinan, und man hat mancherlei davon geredet; aber – mit dem Verschwinden ist's nichts. Ich habe ihm selbst die Steigbügel gehalten, als er wegritt, und er gab mir eine halbe Krone. Das Pferd gehörte dem Greggy Dumfries; es war spatlahm, ich hab' es vorher und nachher oft gesehen.« »Nun, nun, John,« erwiderte der Küster mit freundlich-feierlichem Tone, »unsere Erzählungen sind in wesentlichen Dingen nicht verschieden; ich wußte nicht, daß Ihr den Mann gesehen habt. Der Wahrsager also, meine Freunde, hatte dem Kinde Böses geweissagt, und sein Vater nahm einen gottseligen Geistlichen an, der Tag und Nacht bei dem Knaben sein mußte.« »Ja, das war Magister Sampson,« sprach der Fuhrmann. »Der ist ein Erzpinsel,« fiel der Krämer ein. »Man sagt, er habe nie mehr als fünf Worte von einer Predigt herausbringen können, seit er aus dem Magister-Examen gekommen.« »Nun ja,« hob der Küster wieder an, mit der Hand winkend, als hätte er gern wieder allein das Wort führen wollen. »Er bewachte den jungen Laird Tag und Nacht. Als nun der Knabe fünf Jahre alt war, da begab es sich, daß der Laird seinen Irrtum erkannte, und beschloß, die Zigeuner zu verjagen. Und Francis Kennedy, ein wilder Bursche, der sich immer mit Flüchen vermaß, wurde abgeschickt, sie hinauszuwerfen. Und er verfluchte und verwünschte sie, und Meg Merrilies, die mit dem Feinde des Menschengeschlechts im Bunde war, schwor ihm zu, sie werde ihn mit Leib und Seele haben, ehe drei Tage über sein Haupt gegangen. Meg Merrilies erschien dem Laird – das hab ich von guter Hand – als er von Singleside heimritt, und drohte ihm, was sie an den Seinigen tun wollte. Doch ob's Meg war oder ein böser Geist in ihrer Gestalt, das weiß ich nicht; denn sie war dicker als ein sterbliches Wesen, wie mir der Reitknecht erzählte.« »Und das Ende von allem diesen?« fiel der Fremde ungeduldig ein. »Nun,« fuhr der Küster fort, »der Erfolg und das Ende war: als sie in die See hinaus sahen, wo ein königliches Schiff einen Schleichhändler verfolgte, da riß Kennedy plötzlich aus, niemand wußte, warum – nicht Stricke und Bande hätten ihn halten können – und fort ging's zu dem Walde von Warroch, was das Pferd laufen konnte. Unterwegs traf er den jungen Laird und den Lehrer, und er nahm den Knaben aufs Pferd und schwor, wenn er behext wäre, so sollte der Knabe mit ihm gleiches Schicksal haben. Und der Geistliche folgte, so schnell er konnte, und fast so schnell als sie, denn er war wundersam schnell zu Fuße, und er sah, wie Meg Merrilies, oder ihr Meister in ihrem Ebenbilde, plötzlich aus der Erde stieg und das Kind dem Zöllner aus den Armen riß. Dann zog er sein Schwert, denn Ihr wißt, wer den Tod finden soll, und ein Hengst, die fürchten auch den Teufel nicht. Aber sie packte ihn und schleuderte ihn, wie einen Stein über die Felsenspitze von Warroch, wo man ihn am Abend fand. Was aber aus dem Knaben geworden, weiß ich nicht zu sagen. Der Pfarrer, der sonst hier war, meinte, der Knabe wäre nur auf einige Zeit ins Feenland gebracht worden.« Der Fremde hatte bei dieser Erzählung zuweilen gelächelt; aber ehe er antworten konnte, hörte man draußen lauten Hufschlag; und alsbald kam ein zierlich gekleideter Diener in die Küche, der, den Fremden bemerkend, ehrerbietig zu ihm trat und ihm einen Brief überreichte ... »Der Laird von Ellangowan ist in großer Not und nicht imstande, Besuch anzunehmen.« »Ich weiß es,« erwiderte der Fremde und bat darauf die Wirtin, ihm die Stube einzuräumen, die durch das Ausbleiben der erwarteten Gäste frei geworden war. Geschäftig leuchtete Frau Mac Candlish dem Fremden. Der Krämer reichte dem jungen Diener, der in der Küche blieb, sein Glas ... »Es wird Euch schmecken nach Eurem Ritte.« Der Diener trank es auf des Krämers Gesundheit, der darauf wieder anhob: »Und wer ist denn Euer Herr, mein Freund?« »Der berühmte Oberst Mannering aus Ostindien.« »Wie? von dem wir in den Zeitungen gelesen haben?« »Ja, eben der. Er hat Cuddiburn entsetzt, Chingalor verteidigt und den großen Maharatten-Fürsten, Ram Tscholli Bundelmann, geschlagen. Ich war meist bei ihm auf seinen Feldzügen.« »Gott segne uns!« rief die Wirtin. »Ich muß nur gleich zu ihm gehen und fragen, was er zu Abend speisen will. O, daß ich ihn auch hier konnte sitzen lassen!« »Das war ihm gerade recht, Mutter. Ihr habt in Eurem Leben keinen schlichteren Mann gesehen als den Obersten, und doch hat er auch etwas vom Teufel im Leibe.« Zwölftes Kapitel. Der Oberst ging gedankenvoll auf und nieder, als die geschäftige Wirtin hereintrat und nach seinen Wünschen fragte ... »Habe ich recht verstanden,« sprach er, »so verlor Herr Bertram seinen Sohn im fünften Lebensjahre?« »Allerdings, edler Herr,« antwortete sie, »aber über das Wie dabei hat man schon viel tolles Zeug geschwatzt. Es ist nun schon eine alte Geschichte. Das Kind ging in seinem fünften Jahre verloren; die Edelfrau war hochschwanger, und als man ihr die Nachricht unvorsichtig brachte, hatte sie den Tod davon in selbiger Nacht. Seit jenem Tage konnte der Laird nie wieder aufkommen und war gleichgiltig gegen alles. Als seine Tochter groß wurde, wollte sie wieder Ordnung ins Haus bringen; aber was konnte sie tun, das arme Kind? Jetzt werden sie von Haus und Hof getrieben.« Der Oberst fragte, um welche Zeit das Kind verloren gegangen, und nach einigem Besinnen antwortete die Wirtin, es wäre gerade im Anfange des November 17 ... gewesen ... Der Fremde ging eine Weile schweigend auf und nieder ... »Habe ich recht verstanden,« hob er endlich wieder an, »so soll die Herrschaft Ellangowan verkauft werden?« »Ja, verkauft. Uebermorgen wird sie dem Meistbietenden zugeschlagen und Hausrat und Habe versteigert. Alle Leute sagen, man habe schändlicherweise den Verkauf zu dieser Zeit betrieben, wo wegen des bösen Kriegs in Amerika so wenig Geld im Lande ist. Da ist jemand, der das Gut um ein Spottgeld haben will. Der schwarze Tod soll über ihn kommen!« setzte die Wirtin im Zorn über die vermeintliche Ungerechtigkeit hinzu. »Und wo soll der Verkauf vor sich gehen?« fuhr der Oberst fort. »In Ellangowan, so viel ich weiß.« Der Fremde erkundigte sich darauf, wer über die Angelegenheit ihm genauere Nachweisungen geben könne; und als die Wirtin Herrn Mac Morlan, den Unter-Sheriff der Grafschaft, genannt und ihn als einen wackern Mann gerühmt hatte, der, wie sie sagte, eben im Dorfe wäre, ersuchte sie der Oberst, den Beamten zu ihm einzuladen, aber niemand ein Wort von der Sache zu sagen. »Nicht ein Wort,« erwiderte sie lebhaft. »Ich wollte, Euer Gnaden, oder sonst ein edler Herr, der für das Vaterland gefochten hat, könnte das Gut haben, da es die alte Familie doch einmal verlassen muß, wenn's nur der Schuft, der Glossin, nicht kriegt, der auf den Untergang seines besten Freundes sein Glück gebaut hat.« Nach diesen Worten eilte die Wirtin fort, den erhaltenen Auftrag auszurichten, und in einigen Augenblicken saß Oberst Mannering, mit der Feder in der Hand, vor seinem Tische. Wir blicken über seine Schulter und teilen unsern Lesern mit, was er niederschreibt. Es ist ein Brief an Arthur Mervyn zu Mervyn-Hall, in Westmoreland. Nach einer kurzen Nachricht über des Schreibers Reise von dem Landsitze seines Freundes bis nach Schottland hieß es weiter: »Und wollen Sie mir noch immer meine Schwermut vorwerfen, lieber Mervyn? Glauben Sie denn, ich könnte nach Verlauf von fünfundzwanzig Jahren, wo ich Schlachten, Wunden, Gefangenschaft und Mißgeschick aller Art erdulden mußte, noch immer der lebhafte muntere Guy Mannering sein, der mit Ihnen den Skiddow erklomm und Haselhühner auf dem Croßfell schoß? Daß Sie, der Sie im Schoße häuslichen Glückes blieben, sich wenig verändert haben, daß Ihr Schritt noch so leicht, Ihre Seele noch voll heiteren Sonnenscheins ist, das nenne ich die glückliche Wirkung der Gesundheit und der Gemütsstimmung, die Wirkung der Zufriedenheit und einer ruhigen Fahrt auf dem Strome des Lebens. Auf meiner Laufbahn aber fand ich nur Beschwerden, Zweifel, Irrungen, Wirrungen. Seit meiner Kindheit war ich ein Spiel des Zufalls, und obgleich der Wind mich oft in einen Hafen führte, so war's doch selten der Hafen, wohin der Steuermann seinen Lauf gerichtet hatte. Ich will Ihnen, doch nur mit wenigen Worten, die seltsamen Schicksale meiner Jugend und das Mißgeschick meines Mannesalters zurückrufen. »Meine Jugend, werden Sie sagen, wäre ja eben nicht schrecklich gewesen. Ja, zwar nicht die beste, doch ganz erträglich. Mein Vater, der älteste Sohn eines alten, aber herabgekommenen Hauses, ließ mich mit geringem Vermögen, aber mit den Namen des Stammhalters seines Geschlechts, in dem Schutze seiner glücklichern Brüder, die so vernarrt in mich waren, daß sie sich beinahe um mich zankten. Mein Oheim, der Bischof, wollte mich in den geistlichen Stand bringen und mir eine Pfründe verschaffen; mein Oheim, der Kaufmann, hätte mich gern in seine Schreibstube gesetzt und wollte mir einen Anteil geben an dem schwunghaften Geschäfte des Hauses Mannering und Marshall in der Lombard-Street. So zwischen zwei Stühle gestellt, oder vielmehr zwischen die weichen bequemen gut gepolsterten Lehnsessel der Gottesgelehrtheit und der Kaufmannschaft, schlüpfte ich Unglücklicher mitten hindurch und kam auf einen Dragonersattel zu sitzen. Darauf wollte der Bischof mich mit der Nichte und Erbin des Dechants von Lincoln vermählen, und mein Oheim, der Alderman, mit der einzigen Tochter des großen Weinhändlers Sloethorn, der so reich war, daß er Haarwickel aus Banknoten drehte, aber ich zog meinen Hals aus beiden Schlingen und heiratete die – arme, blutarme Sophie Wellwood. »Sie werden sagen, ich hätte in Indien, wohin ich mit meinem Regimente ging, doch mit meiner kriegerischen Laufbahn einigermaßen zufrieden sein müssen, und Sie haben recht. Auch werden Sie meinen, daß ich mir doch nicht das Mißfallen der beiden Pfleger meiner Kindheit zugezogen, obgleich ich die Hoffnungen derselben täuschte; daß der Bischof mir, außer seinem Segen, seine handschriftlichen Predigten und eine merkwürdige Mappe vermachte, die drei Bildnisse berühmter Geistlichen der englischen Kirche enthielt, und daß mein Oheim, Paul Mannering, mich zum einzigen Erben seines großen Vermögens einsetzte. Alles dies hilft mir leider nichts. Ich habe Ihnen schon gesagt, es lag etwas auf meiner Seele, das ich wohl mit ins Grab nehmen werde – ein ewiger Aloegeschmack im Kelche des Lebens! Ich will Ihnen die Ursache umständlicher erzählen, wozu ich nicht das Herz hatte, als ich unter Ihrem gastfreien Dache wohnte. Man wird Ihnen vielleicht oft davon erzählen, und vielleicht mit abweichenden Umständen. Ich will Ihnen also ohne Rückhalt alles mitteilen, aber dann möge von dem Ereignisse selbst und von der Schwermut, die es in meiner Seele erweckte, nie wieder die Rede zwischen uns beiden sein. »Sophie begleitete mich, wie Sie wissen, nach Indien. Sie war unschuldig, munter und froh, zum Unglück für uns beide, beides im gleichen Maße. Mein Leben hatte sich teils durch die gelehrten Beschäftigungen, die ich aufgegeben, teils durch die Liebe zur Einsamkeit gebildet, die sich aber mit meiner Lage als Regimentskommandeur in einem Lande, wo jeder Ansiedler, der auf den Rang eines achtbaren Mannes Anspruch macht, Gastfreundschaft anbietet und erwartet, nicht recht vertrug. Sie wissen, in welcher Verlegenheit wir zuweilen um weiße Gesichter waren, unsere Schlachtlinie in Ordnung zu halten. In solchem schlimmen Augenblick kam ein junger Mann, Namens Brown, als Freiwilliger zu unserm Regimente, und da er das Kriegsgewerbe seiner Neigung angemessener fand als den Handel, dem er sich früher gewidmet, blieb er als Kadett bei uns. Ich muß meinem unglücklichen Opfer Gerechtigkeit widerfahren lassen: er zeigte sich bei jeder Gelegenheit so tapfer, daß man ihm den Anspruch auf die erste erledigte Offizierstelle zuerkannte. Als ich von einer Unternehmung in einer entlegenen Gegend nach einigen Wochen heimkehrte, fand ich diesen jungen Mann als Hausfreund, als gewöhnlichen Gesellschafter meiner Frau und meiner Tochter in meinem Hause. Dies mißfiel mir in mehr als einer Hinsicht, obgleich sich gegen die Sitten oder den Charakter des Mannes nichts sagen ließ. Ich hätte mich jedoch mit seinem Umgange in meinem Hause wohl wieder ausgesöhnt, wenn nicht Ohrenbläserei mich aufgebracht hätte. Wenn Sie den Othello – ich traue mich nie, das Buch aufzuschlagen – lesen, so werden Sie ahnen können, was erfolgte; ich rede von meinen Beweggründen, denn meinen Handlungen war, Gott sei Dank! weniger vorzuwerfen. Wir hatten noch einen andern Kadetten, der nach der erledigten Offizierstelle trachtete. Er machte mich auf die Liebelei meiner Frau mit dem jungen Manne, wie ich, durch ihn verleitet, es nannte, aufmerksam. Sophie war tugendhaft, aber stolz auf ihre Tugend, und durch meine Eifersucht gereizt, beging sie die Unvorsichtigkeit, eine Vertraulichkeit, die, wie sie sah, meinen Argwohn erweckte, zu ermuntern. Zwischen Brown und mir herrschte eine Art innerer Abneigung. Er machte einige Versuche, mein Vorurteil zu beseitigen; aber in meinem Vorurteil schrieb ich diese Schritte einer falschen Ursache zu. Als er sich, und nicht ohne Unmut, abgewiesen sah, ließ er ab, und da er ohne Angehörige, ohne Freunde war, hielt er das Betragen eines Mannes, der beides hatte, desto aufmerksamer im Auge. »Sonderbar, daß es mir so schmerzlich ist, diesen Brief zu schreiben. Und doch fühle ich mich getrieben, diese Qual zu verlängern, als könnte ich dadurch das Ereignis entfernen, das mein Leben so lange verbittert hat. Doch – es muß erzählt werden, und so soll es denn kurz geschehen. »Meine Frau, zwar nicht mehr jung, war noch sehr hübsch, und – lassen Sie es mich sagen, wenn es mich rechtfertigen kann – sie hatte es gern, daß man sie dafür hielt. Noch einmal, ich hegte nie Zweifel gegen ihre Tugend, aber durch Archers listige Eingebungen verleitet, glaubte ich, sie sei wenig besorgt für die Ruhe meines Gemütes, und der junge Mann wolle, mir zum Trotze, ihr seine Huldigungen darbringen. Er hielt mich vielleicht für einen herrschsüchtigen Aristokraten und meinte, daß ich meinen Rang in der Gesellschaft und im Heere benutzen wollte, diejenigen zu drangsalieren, die der Zufall mir untergestellt hatte. Wenn er meine törichte Eifersucht bemerkte, so glaubte er wahrscheinlich für die kleinen Tücken, die ich in meiner Lage ihm antun konnte, sich am besten dadurch zu rächen, daß er mich an jener wunden Stelle meines Gemütes faßte. Ein scharfsichtiger Freund wollte die Bewerbungen des jungen Mannes argloser, wenigstens minder beleidigend finden, indem er mich zu überreden suchte, daß Brown seine Absicht auf meine Tochter gerichtet habe, obgleich er sich an die Mutter wende, um die Gunst derselben zu gewinnen. Ich hätte zwar auch in einer solchen Bewerbung eines jungen Mannes, ohne Herkunft und ohne Namen, eben nichts Schmeichelhaftes sehen, aber mich doch durch eine solche Torheit nicht so beleidigt finden können, als ich es durch die Vermessenheit war, die ich argwöhnte. Ja, ich fühlte mich empfindlich beleidigt. »Ein kleiner Funke wird leicht zur hellen Flamme, wo alles umher liegt, was Feuer fangen kann. Ich habe die nächste Veranlassung des Streits gänzlich vergessen, aber es war eine Kleinigkeit am Spieltisch, die zu heftigen Worten und zu einer Herausforderung führte. Wir trafen uns jenseits der Wälle der Festung, wo ich Befehlshaber war, nicht weit von der Grenze. So war es verabredet zu Browns Sicherheit, wenn er davonkommen sollte. Möchte er davongekommen sein, wenn auch zu meinem Nachteile! Er fiel auf den ersten Schuß. Wir wollten ihm beistehen, aber einige von den einheimischen Räubern, den sogenannten Luti, die überall auf Beute lauern, überfielen uns. Nicht ohne Schwierigkeit gelang es mir und meinem Begleiter Archer, zu unsern Pferden zu kommen, und erst nach einem harten Kampfe, worin Archer gefährlich verwundet wurde, sahen wir uns außer Gefahr. Es war nicht das einzige Unglück des verhängnisvollen Tages. Meine Frau, die meine Absicht geahnt hatte, als ich die Festung verließ, war mir in ihrem Palankin gefolgt und wurde von einem andern Räuberhaufen überfallen und wäre fast in Gefangenschaft geraten. Eine Abteilung unserer Reiterei rettete sie zwar, aber ich kann es mir nicht verbergen, daß die Ereignisse jenes unglücklichen Morgens ihre schon wankende Gesundheit völlig erschüttert haben. Als sich Archer dem Tode nahe glaubte, gestand er, daß er einige Umstände ersonnen und andern die schlimmste Deutung gegeben hätte, um seine Absichten zu erreichen. Es folgte eine offene Erklärung; wir verziehen einander; aber die Krankheit meiner Frau wurde dadurch in ihrem Fortgange nicht gehemmt. Sie starb acht Monate nach dem unglücklichen Vorfall und hinterließ mir eine einzige Tochter, die Ihre Gemahlin einstweilen unter Obhut zu nehmen so gütig gewesen. Auch Julie wurde krank, und zwar so bedenklich, daß ich meine Stelle aufgab, um nach Europa zurückzukehren, wo heimische Luft, Zeit und die Neuheit der Umgebung beigetragen haben, ihre Traurigkeit zu zerstreuen und ihre Gesundheit herzustellen. »Sie kennen nun meine Geschichte und werden mich wohl nicht mehr fragen, was mich zur Schwermut stimmte. Lassen Sie mich immer diesem Trübsinne nachhangen! In der Erzählung, die ich Ihnen soeben mitteilte, liegt gewiß genug, um den Kelch, welchen Glück und Ruhm, wie Sie oft sagten, mir zur Erheiterung der einsamen Lebensjahre bereitet haben, wenn auch nicht zu vergiften, doch zu verbittern. »Ich könnte noch manche Umstände hinzufügen, die unser alter Lehrer als Beweise für Unglückstage angeführt hätte; aber Sie möchten wohl lachen, wenn ich davon reden wollte, zumal da Sie wissen, daß ich selbst nicht daran glaube. Indes seit ich in dem Hause bin, woher ich Ihnen jetzt schreibe, habe ich ein seltsames Zusammentreffen von Umständen entdeckt, das uns künftig, wenn es sich wirklich bestätigen sollte, zu einer anziehenden Erörterung Stoff geben wird. Aber ich nehme Abschied von Ihnen, da ich eben jemand erwarte, mit dem ich über den Ankauf eines Gutes in dieser Gegend, das feil ist, sprechen will. Ich habe eine törichte Vorliebe für den Ort und hoffe, durch die Erwerbung des Gutes denjenigen, die es aufgeben müssen, nützlich zu werden, da man damit umgeht, es unter dem Werte zu verkaufen. Empfehlen Sie mich Ihrer Gemahlin, und obgleich Sie noch gern für einen lebhaften jungen Mann gelten wollen, so wage ich's doch, Ihnen den Auftrag zu geben, meine Tochter für mich zu küssen. Leben Sie wohl, lieber Mervyn.« »Der Ihrige Mannering.« Mac Morlan trat herein, als der Brief vollendet war. Dem verständigen und rechtlichen Manne war Oberst Mannering dem Rufe nach so vorteilhaft bekannt, daß er sich sogleich zu vertraulichen Mitteilungen bereit zeigte und die Vorteile und Nachteile des Kaufes auseinandersetzte. »Die Besitzung kann, wenigstens dem größten Teile nach, nur auf männliche Erben übergehen,« sprach er, »und der Käufer würde den Vorteil haben, einen ansehnlichen Teil des Kaufgeldes an sich zu behalten für den Fall, daß der Sohn, der in seiner Kindheit verschwunden ist, zurückkommen sollte.« »Aber warum soll denn der Verkauf beschleunigt werden?« fragte Mannering. »Angeblich,« antwortete Mac Morlan lächelnd, »um von dem Gelde Zinsen zu ziehen, statt unregelmäßig eingehenden Pachtgeldes von schlecht angebauten Ländereien; eigentlich aber, um die Wünsche und Absichten eines gewissen Mannes zu befriedigen, der als Hauptgläubiger das Gut zu erstehen denkt, und durch Mittel, die er selbst am besten kennen wird, die Sache so weit getrieben hat. Man meint, es werde ihm sehr gelegen kommen, das Gut zu kaufen, ohne den Kaufpreis zu bezahlen.« Mannering überlegte mit Mac Morlan, wie diese unredlichen Absichten vereitelt werden könnten. Darauf sprachen sie lange über das seltsame Verschwinden des jungen Harry Bertram an demselben Tage, wo er fünf Jahre alt geworden, wodurch Mannerings Prophezeiung so merkwürdig in Erfüllung gegangen war. Mac Morlan, der zu jener Zeit noch nicht angestellt gewesen war, aber alle Umstände genau kannte, versprach dem Obersten, ihm von dem Unter-Sheriff selbst, der die Verhandlungen über jenes Ereignis geführt hatte, die umständlichste Nachricht zu verschaffen, und beide schieden, äußerst zufrieden miteinander. Mannering wohnte am folgenden Tage dem Gottesdienste bei. Von Ellangowan war niemand in der Kirche, und man erzählte, das Befinden des alten Lairds sei eher schlimmer als besser geworden. Dreizehntes Kapitel. Früh am nächsten Tage stieg Mannering zu Pferde und nahm, von seinem Diener begleitet, den Weg nach Ellangowan. Er brauchte keinen Führer; denn von allen Seiten strömten Kauflustige oder Neugierige zu dem Schlosse. Als er ungefähr eine Stunde geritten war, erblickte er die alten Türme der verfallenen Burg. Die Erinnerung an die ganz andern Empfindungen, womit er vor vielen Jahren den letzten Blick auf diese Trümmer geworfen, ergriffen sein Gemüt tief. Die Landschaft war noch die gleiche; aber wie so ganz anders waren die Gefühle, Hoffnungen, Erwartungen des Beschauers! Leben und Liebe waren für ihn zu jener Zeit neu, und ihre Strahlen vergoldeten die ganze Aussicht. Aber jetzt, getäuscht in der Liebe, gesättigt mit Ruhm und mit dem, was die Welt Glück nennt, trug er bittere, reuige Erinnerungen in der Seele, und seine beste Hoffnung war, eine einsame Zuflucht zu finden, wo er seiner Schwermut bis zum Grabe leben konnte ... »Warum klagen,« sprach er zu sich selbst, »über getäuschte Hoffnungen und verschwundene Aussichten? Hätten die alten Häuptlinge, die diese ungeheuren Türme erbauten, um der Macht ihres Hauses einen festen Sitz zu geben, – hätten sie es sich träumen lassen, daß einst der Tag kommen sollte, wo der letzte ihres Stammes aus seinem Eigentume wandern muß? Aber die Natur spendet ihre Wohltaten immer gleich! Mögen diese Trümmer Eigentum eines Fremden oder eines niederträchtigen Rechtsverdrehers sein, die Sonne wird sie so schön bescheinen, wie zu jener Zeit, wo das Banner ihres Erbauers auf ihren Zinnen wehte.« Unter diesen Betrachtungen kam Mannering vor die Tür des Hauses, das für jedermann offen stand. Er ging mit andern hinein, die durch die Zimmer wanderten, um sich Gegenstände zum Kauf auszusuchen oder ihre Neugier zu befriedigen. Es liegt etwas Trauriges in solchem Schauspiele, selbst wenn die Umstände am günstigsten liegen. Der Wirrwarr unter dem Hausgeräte, das, um die Kauflust zu wecken und den Transport zu erleichtern, gruppenweise zusammengestellt ist, wirkt auf das Auge unangenehm. Dinge, die sich an den ihnen zukommenden Plätzen nett und gut ausnehmen, sehen dann schlecht und armselig aus, und die Zimmer, von allem entblößt, was sie bequem und angenehm macht, zeigen ein wüstes, ödes Bild, wie auch jetzt in Ellangowan, hier aber doppelt peinlich, weil alles mit auf den Untergang eines alten Geschlechtes des Landes, auf den Verfall eines seiner Ursitze deutete. Es dauerte lange, ehe Mannering jemand fand, der auf seine wiederholten Fragen nach dem alten Laird von Ellangowan Antwort zu geben Lust hatte. Eine bejahrte Magd erzählte ihm endlich, indem sie sich die Tränen aus dem Auge wischte, mit dem Laird ginge es kaum besser, man hoffe aber, er werde das Haus noch heute verlassen können. Fräulein Lucy, setzte sie hinzu, erwarte jeden Augenblick die Kutsche, und da das Wetter für die Jahreszeit mild und freundlich sei, habe man den alten Herrn in seinem Lehnstuhle auf den grünen Platz vor dem alten Schlosse getragen, damit er das traurige Schauspiel nicht mit ansehen müsse. Mannering begab sich dorthin und erblickte bald die kleine Gruppe. Da der Weg steil hinanging, hatte er Zeit, die Gestalten zu betrachten und zu überlegen, wie er ihnen entgegenträte. Bertram, gelähmt, fast außerstande, sich zu bewegen, saß in seinem Armstuhl, eine Zipfelmütze auf dem Kopfe, in einem weiten Kamelottrock, die Füße mit Tüchern umwickelt. Hinter ihm stand, die Hände auf dem stützenden Stocke kreuzend, Sampson, den Mannering sogleich wiedererkannte. Die Zeit hatte ihn gar nicht verwandelt, außer daß sein schwarzer Rock brauner geworden war und seine magern Wangen noch schlaffer herabhingen als zu der Zeit, da Mannering ihn zum erstenmal gesehen. Auf der einen Seite des alten Mannes stand eine holde Gestalt, ein Mädchen von ungefähr siebzehn Jahren, die Mannering für die Tochter halten zu sollen glaubte. Sie blickte von Zeit zu Zeit kummervoll nach dem Fahrwege, der zu der Burg führte, als ob sie der Kutsche entgegensähe, zupfte zuweilen die Tücher um des Vaters Füße zurecht, oder beugte sich zu ihm herab, um Fragen zu beantworten, die er ungeduldig und verdrießlich zu stellen schien. Sie getraute sich nicht, nach dem Wohnhause zu sehen, obgleich das Gemurmel der dort versammelten Menge ihre Blicke dahin ziehen mußte. Die vierte Gestalt in der Gruppe war ein schöner junger Mann, der des Mädchens Bekümmernis und ihre Sorgfalt, des Vaters Zustand zu lindern, zu teilen schien. Der junge Mann bemerkte zuerst den Fremden und eilte ihm sogleich entgegen, wie wenn er die Absicht hatte, ihn von der trauernden Gruppe fern zu halten. Mannering erklärte sich: er sei ein Fremder, der bei Herrn Bertram vor Jahren Gastfreundschaft genossen habe, er würde sich aber in einem so traurigen Augenblick nicht hineindrängen, wenn es ihm nicht so vorgekommen wäre, als ob die unglücklichen Menschen von allen Freunden verlassen wären, und er wollte nur fragen, ob er dem Laird und dem Fräulein irgendwie gefällig sein könne. Er blieb in einiger Entfernung von dem Lehnstuhle stehen. Sein alter Bekannter blickte mit erstorbenen Augen auf ihn und verriet auf keine Weise, daß er ihn wiedererkannte. Sampson schien so tief in Traurigkeit versunken zu sein, daß er ihn kaum bemerkte. Der junge Mann sprach allein mit Lucy, die schüchtern zu dem Fremden trat und ihm für seine Güte dankte. Aber sie fürchte, setzte sie hinzu, während ihr die Tränen in die Augen traten, ihr Vater werde sich seiner nicht erinnern. Darauf trat sie mit dem Obersten zu dem Lehnstuhle ... »Vater,« sprach sie, »hier ist Herr Mannering, ein alter Freund, der Sie besuchen will.« »Er ist herzlich willkommen,« sprach der Alte, und vom Stuhle sich erhebend, wollte er versuchen, dem Gaste eine Verbeugung zu machen, während ein Strahl gastfreundlicher Zufriedenheit über seine matten Züge zu fliehen schien. – »Aber laß uns ins Haus gehen, Lucy, hier draußen kannst Du doch den Herrn nicht empfangen. Sampson, nehmt den Schlüssel zum Weine. Herr ... Herr ... wird nach dem Ritte eine Erfrischung wünschen.« Mannering war unbeschreiblich gerührt, als er diesen Willkommen mit jenem verglich, den ihm dieser unglückliche Mann vor Jahren bereitet hatte. Er konnte die Tränen nicht zurückhalten, und die Erschütterung, die sein Gesicht verriet, gewann ihm sogleich das Vertrauen der Tochter. »Ach,« sagte sie, »selbst einem Fremden geht das zu Herzen! Aber es ist wohl besser für meinen armen Vater, daß er in diesem Zustande ist, als wenn er alles wüßte und fühlen könnte.« Ein Diener in Livree kam in diesem Augenblick den Pfad hinauf und sagte halblaut zu dem jungen Manne: »Die gnädige Frau läßt bitten, Sie möchten sogleich kommen und für sie das schwarze Ebenholz-Kästchen erstehen. Sie sollten ja gleich kommen.« »Sagt ihr, Ihr hättet mich nicht gefunden, Tom! Oder – sagt, ich wäre zu den Pferden gegangen.« »Nein, nein,« fiel Lucy ernst ein, »wenn Sie diesen unglücklichen Tag nicht noch unglücklicher machen wollen, so gehen Sie sogleich zu den Ihrigen. Der Herr hier wird uns gewiß zu dem Wagen begleiten.« »Allerdings, Fräulein,« sprach Mannering, »Ihr junger Freund darf darauf rechnen, daß ich Ihnen alle Aufmerksamkeit erweisen werde.« »Leben Sie wohl!« sprach der junge Mann, flüsterte Lucy etwas ins Ohr und eilte den Pfad hinab, als ob er, wenn er gezögert hätte, sich auf seinen Willen nicht hätte verlassen können. »Wohin läuft Charles Hazlewood?« fragte der Kranke, dem Anschein nach an des jungen Mannes Gegenwart gewöhnt ... »Warum geht er weg?« »Er wird bald wieder da sein,« sprach Lucy sanft. Aus den Trümmern schallten Stimmen herauf. Wir erinnern uns, daß zwischen dem alten Schlosse und dem Meeresstrande ein Verbindungsgang war, und die Treppe desselben stiegen die Leute hinauf, denen die Stimmen gehörten. »Ja, Hier gibt's genug Muscheln und Mörtel,« sprach eine Stimme, »und wenn Ihr Lust habt, ein neues Haus zu bauen, so findet Ihr hier in dem alten Teufelsneste behauene Steine, so viel Ihr braucht.« »O Gott!« sprach Lucy zu Sampson, »der elende Glossin! Wenn mein Vater ihn sieht, wird er den Tod haben.« Sampson drehte sich um und ging mit langen Schritten auf Glossin zu, der aus dem Torwege des alten Schlosses trat. »Von hinnen!« sprach er, »von hinnen! Willst Du, indem Du das Gut nimmst, auch den Leib nehmen?« »Nun, nun, Magister Sampson,« antwortete Glossin trotzig, »wenn Ihr auf der Kanzel nicht predigen könnt, hier brauchen wir keine Predigten. Wir halten uns ans Recht, mein Freund, und überlassen Euch das Evangelium.« Der unglückliche Kranke hatte in der letzten Zeit den Namen dieses Mannes nicht ohne die heftigste Bewegung hören können, und die Stimme desselben brachte im Nu ihre Wirkung. Bertram sprang auf, ohne Hilfe zu brauchen – und als er sich jetzt gegen den verhaßten Menschen wandte, war die Leichenblässe seines Gesichts zur Heftigkeit seiner Stimme in seltsamen Kontrast getreten. »Aus meinen Augen, Du Schlange!« rief er. »Du kalte Schlange, die ich wärmte, bis sie mich stach. Fürchtest Du nicht, daß die Mauern der Wohnung meines Vaters niederstürzen und Dir Arme und Beine zerschmettern? Fürchtest Du nicht, daß die Schwelle des Schlosses Ellangowan sich öffne und Dich verschlinge? Warest Du nicht freundlos, heimatlos und arm, als ich Dich bei der Hand nahm? Und nun willst Du mich und dieses unschuldige Mädchen, freundlos, heimatlos und arm – aus dem Hause jagen, das uns und den Unsrigen tausend Jahre Obdach gegeben!« Wäre Glossin allein gewesen, so wäre er wahrscheinlich gegangen, aber da er sah, daß außer seinem Begleiter, einem Feldmesser, auch ein Fremder Zeuge dieses Auftritts war, so faßte er sich ein Herz ... Doch selbst für seine Frechheit war dies fast zu schwer. »Herr ... Herr Bertram« – stammelte er, »Ihr solltet mich nicht tadeln, sondern Eure eigene Unvorsicht.« Mannering geriet in heftigen Unwillen ... »Mein Herr,« rief er, »ohne über Recht und Unrecht in diesem Streite entscheiden zu wollen, muß ich Ihnen sagen, daß Sie Ort, Zeit und Umstände dazu auf das schändlichste mißbrauchen. Entfernen Sie sich, bitte, ohne jedes weitere Wort.« Glossin, ein starker, rüstiger Mann, verspürte Lust, es mit dem Fremdling aufzunehmen, da er es mit ihm aufnehmen zu können glaubte ... »Ich weiß nicht, wer Sie sind, mein Herr,« versetzte er, »und werde niemand solche Worte gegen mich erlauben. Mannering war von Natur heftig. Seine Augen flammten, und vor Glossin tretend, rief er: »Daß Sie mich nicht kennen, Herr, darauf kommt's nicht an. Aber ich kenne Sie, und wenn Sie nicht im Augenblicke die Treppe hinuntergehen ohne jedes weitere Wort – so, bei dem Himmel, der über uns ist! sollen Sie den Weg hinunter mit einem einzigen Schritt finden!« Sein gebieterischer Ton brachte den feigen Polterer auf einmal zum Schweigen. Nach einigem Zögern machte er Kehrt, und zwischen den Zähnen murmelnd, daß er bloß das Fräulein nicht in Angst bringen wollte, befreite er die Gesellschaft von seiner verhaßten Gegenwart. Der Kutscher der Wirtin in Kippletringan, der indes dazu gekommen war, rief laut: »Hätte er sich nicht davongemacht, der schmutzige Schuft, so hätte auch ich ihm dazu geholfen!« Darauf näherte er sich, um zu melden, daß der Wagen bereit sei, den Laird und das Fräulein aufzunehmen. Aber es war zu spät. Der letzte Ausbruch des Unwillens hatte die letzten Kräfte des Kranken erschöpft, und als er in seinen Lehnstuhl zurücksank, hauchte er fast ohne Todeskampf seinen Atem aus. Das Erlöschen der Lebensflamme veränderte seine Züge so wenig, daß erst das Angstgeschrei seiner Tochter, als sie sein starres Auge sah und seinen Puls nicht mehr schlagen fühlte, den Umstehenden seinen Tod verkündete. Vierzehntes Kapitel. Die zahlreichen Zuschauer und Müßiggänger, die sich in Ellangowan eingefunden, waren ihrem Vergnügen oder ihren Obliegenheiten – oder was sie so nannten – nachgegangen, ohne sich viel um die Leute auf Ellangowan zu kümmern, und nur wenige wußten etwas von der bedrängten Familie. Der Vater, abgeschieden, unglücklich und schwachsinnig, war seit vielen Jahren bei den Mitlebenden in Vergessenheit geraten und seine Tochter fern von der Welt. Als aber verlautete, daß dem unglücklichen Bertram, in dem Augenblick, da er die Wohnung seiner Väter habe verlassen sollen, das Herz gebrochen sei, wurde die Teilnahme plötzlich allgemein, und alles sprach mit Achtung von dem hohen Alter und dem allzeit redlichen Wandel dieses Geschlechts. Mac Morlan erklärte ohne weiteres, daß er mit dem Verkaufe des Gutes und des übrigen Vermögens inne halten und die Tochter einstweilen im Besitz der Grundstücke des Verstorbenen lassen wolle, damit sie sich mit ihren Freunden besprechen und für die Beerdigung ihres Vaters Anstalten treffen könne. Glossin hatte, angesichts der veränderten Sachlage, und da das allgemeine Mitgefühl gleichsam elementarisch hervorbrach, ein Paar Augenblicke lang schüchtern, dann aber dreist gemacht durch die Wahrnehmung, daß sich kein Unwille gegen ihn richte, gefordert, daß mit dem Verkaufe fortgefahren werde. »Ich darf mich für ermächtigt halten,« sagte Mac Morlan, »den Verkauf auszusetzen und nehme die Folgen auf mich. Ich werde bekannt machen, wann mit dem Verkauf fortgefahren werden soll. Es liegt in aller Beteiligten Interesse, daß die Ländereien den höchsten Verkaufspreis erzielen, und dies läßt sich im gegenwärtigen Augenblicke gewiß nicht erwarten. Noch einmal, ich nehme die Verantwortlichkeit auf mich.« Glossin entfernte sich, heimlich und eilig, und wahrscheinlich zu seinem Glück, da Johnny eben einem zahlreichen Schwarm barfüßiger Jungen begreiflich machte, daß es hoch an der Zeit sei, den verhaßten Menschen hinauszuwerfen. Einige Zimmer für Lucy und die Leiche ihres Vaters wurden schnell in stand gesetzt, Mannering glaubte nun, seine fernere Einmischung sei unnötig und könne vielleicht gar mißdeutet werden, zumal er bemerkte, daß ein paar Vettern und Basen, die ihren Anspruch auf adeligen Rang hauptsächlich auf die Verwandtschaft mit dem Hause Ellangowan gründeten, jetzt die Neigung verrieten, ihren Stammbäumen eine Aufmerksamkeit zu schenken, wozu sie das Mißgeschick ihrer Verwandten nie hatte bewegen können, Um die Ehre, das Leichenbegängnis des Lairds zu besorgen, stritten sich annähernd sieben angesehene, reiche Männer, von denen keiner dem Unglücklichen bei seinen Lebzeiten eine Zuflucht angeboten hatte. Der Oberst beschloß also, da seine Gegenwart entbehrlich war, eine kleine Tour zu unternehmen und erst nach vierzehn Tagen zum neuen Verkaufstermin zurückzukehren. Vor seiner Abreise wünschte er, mit Sampson zu sprechen. Der arme Mann erschien, als er hörte, daß ein fremder Herr nach ihm gefragt habe, und seine hageren durch den Schmerz über den Verlust des alten Freundes starkvergrämten Züge verrieten einige Ueberraschung, als er Mannering jetzt ins Gesicht sah. Aber nach ein paar tiefen Verbeugungen blieb ei ruhig stehen und wartete geduldig darauf, was Mannering von ihm wolle. »Sie ahnen wohl nicht, Herr Sampson,« sagte Mannering, »was Ihnen ein Fremder zu sagen haben könnte?« »Wenn sich's nicht darum handelt, einen jungen Mann in nützlicher Gelehrsamkeit zu unterrichten ... Aber ich kann nicht – kann nicht – bin schon in Anspruch genommen.« »Nein, Herr Sampson, so hoch versteigen sich meine Wünsche nicht. Ich habe keinen Sohn, und meine einzige Tochter möchten Sie wohl kaum für eine passende Schülerin ansehen.« »Sicherlich nicht. Ich habe zwar auch Fräulein Lucy in allen nützlichen Kenntnissen unterrichtet ...« »Schön, Herr Sampson – von Fräulein Lucy wollte ich eben sprechen. Sie erinnern sich meiner Wohl nicht mehr?« Sampson, dessen Geist immer in anderen Regionen zu schweifen pflegte, erinnerte sich aber weder des Sterndeuters aus einer fernen Vergangenheit noch auch des Fremden, der seinen Gönner gegen Glossin in Schutz genommen ... seine Gedanken waren durch seines Freundes plötzlichen Tod in zu große Wirrnis geraten. »Doch – darauf kommt's auch nicht an,« fuhr Mannering fort. »Ich bin ein alter Bekannter Ihres verstorbenen Freundes und im stande, wie auch bereit, seiner Tochter in ihrer jetzigen Lage beizustehen. Zudem habe ich Lust, dieses Gut zu kaufen und muß also wünschen, daß das Haus in guter Ordnung gehalten werde. Wollen Sie, bitte, diese kleine Summe zu den gewöhnlichen häuslichen Bedürfnissen verwenden?« Mit diesen Worten legte er eine Goldbörse in Sampsons Hand ... »Ko–misch!« rief Sampson ganz erschrocken – und in diesem Worte machte sich seine Verwunderung in der Regel Luft, ... »aber wenn Euer Gnaden warten wollten ...« »Unmöglich, lieber Herr Sampson, unmöglich!« sagte Mannering, sich losreißend. »Ko–misch!« wiederholte Sampson und folgte ihm mit der Börse in der Hand bis zur Treppe ... »Aber dieses Geld –« Mannering eilte so schnell wie möglich hinab. »Ko–misch!« rief Sampson zum drittenmal und stand schon an der Haustür. Mannering aber hatte sich bereits aufs Pferd geschwungen und hörte ihm nicht mehr. Sampson, der nie, weder für sich, noch für andere, den vierten Teil dieser Summe, die doch nur aus zwanzig Guineen bestand, besessen hatte, ging mit sich zu Rate, was er mit dem ihm anvertrauten Gelde anfangen sollte. Zum Glück fand er einen uneigennützigen Ratgeber in Mac Morlan, der ihm mit Auskünften, wie sich das Geld am zweckmäßigsten zu Lucys Nutzen, wozu der Geber es bestimmt hatte, verwenden lasse, an die Hand ging. Viele adelige Familien in der Nachbarschaft kamen dem verwaisten Mädchen gastfreundlich und wohlwollend entgegen; Lucy aber fühlte einen natürlichen Widerwillen gegen alle Wohltat von fremder Seite und wollte vorderhand abwarten, wie sich ihres Vaters nächste Verwandte, ein Fräulein Margarete Bertram von Singleside, gegen sie verhielte. Das Leichenbegängnis wurde dem Range gemäß, aber in aller Stille vollzogen, und die unglückliche Waise betrachtete sich jetzt nur als einstweilige Bewohnerin des Hauses, worin sie geboren und solange als Pflegerin des greisen Vaters gelebt hatte. Aus mehreren Unterredungen mit Mac Morlan hatte sie die Hoffnung geschöpft, daß sie nicht jäh aus diesem Zufluchtsorte gestoßen würde, aber das Schicksal hatte es anders beschlossen. Es waren nur noch zwei Tage bis zu der Frist, die für den Verkauf der Güter ihres Vaters gelassen worden war, Mac Morlan wartete ungeduldig auf Mannerings Rückkehr oder wenigstens auf eine Vollmacht, für ihn als Käufer einzutreten. Vergebens, es erschien weder der Oberst noch ein Brief. Er bereitete, als der bestimmte Tag kam, alles in seiner Wohnung für den Empfang des Gastes. Vergebliche Hoffnung! »Hätte ich das vorausgesehen,« sprach er schmerzlich, »so wäre ich durch ganz Schottland gereist, um jemand zu finden, der gegen Glossin hätte bieten können,« Aber zu spät; es schlug die Stunde, und die Kauflustigen versammelten sich in Kippletringan, wo der Verkauf vor sich gehen sollte. Mac Morlan suchte die vorläufigen Verhandlungen, so weit es anging, in die Länge zu ziehen, und las die Kaufbedingungen so langsam, als ob er sein Todesurteil verlesen hätte. Er sah sich um, so oft die Tür aufging, aber seine Hoffnungen sanken immer tiefer. Er horchte auf jedes Geräusch im Dorfe, aber alles vergebens; weder der Hufschlag eines Pferdes noch das Rasseln eines Wagens drangen an sein Ohr. Der Gedanke, daß Mannering einem andern Vollmacht gegeben haben könnte, regte sich in seinem Herzen; aber auch diese Hoffnung verschwand. Nach einer feierlichen Pause bot Glossin den Schätzungspreis für die Herrschaft Ellangowan, und als kein Mitbewerber erschien und nach Ablauf der Sanduhr die gewöhnliche Wartezeit verflossen war, mußte Mac Morlan erklären, daß der Verkauf gesetzmäßig geschlossen sei. Der wackere Beamte schlug es aus, dem glänzenden Gastmahl beizuwohnen, das Herr Glossin für die Anwesenden veranstaltete, und kehrte heim mit einer bittern Empfindung im Herzen über den Flattersinn und die Launen der indischen Nabobs, deren Entschlüsse selten über zehn Tage hinaus Bestand hätten. Um sechs Uhr abends aber kam ein Eilbote sternhagel betrunken, wie die Hausmagd meldete, mit einem großen Briefe, den der Oberst vor vier Tagen aus seiner Stadt, ungefähr vierzig Wegstunden von Kippletringan entfernt, abgeschickt hatte, und mit einer ausgedehnten Vollmacht für Mac Morlan, die Herrschaft auf Ellangowan zu kaufen, Mannering teilte dabei mit, daß eine wichtige häusliche Angelegenheit ihn nach Westmoreland zu Arthur Mervyn in Mervyn-Hall abgerufen habe. Mac Morlan warf unmutig den Brief auf die Seite, unterließ zwar nicht, den lässigen Boten, durch den seine Hoffnungen so empfindlich vereitelt worden, seinen Zorn fühlen zu lassen, konnte aber an der vollzogenen Tatsache selbst nichts mehr ändern. Fünfzehntes Kapitel. Als Lucy Bertram diese schmerzliche, und nach den letzten Vorfällen unerwartete Nachricht erhalten hatte, machte sie sich sogleich bereit, die väterliche Wohnung zu verlassen. Mac Morlan leistete ihr dabei freundlichen Beistand und lud sie dringend ein, in seinem Hause zu verweilen, bis sie Antwort von ihrer Verwandten erhalten, oder einen festen Lebensplan entworfen hätte, Ohne unfreundlich zu erscheinen, konnte sie hierzu nicht nein sagen, Mac Morlans Gattin war eine gebildete Frau, die es verstand, Gästen den Aufenthalt in ihrem Hause angenehm zu machen. Leichteren Herzens zahlte nun Lucy den Dienstboten ihres Vaters den rückständigen Lohn aus und verabschiedete sich von ihnen, was jedoch unter diesen Umständen für beide Teile doppelt schmerzlich war. Alle aber schieden mit Dank und guten Wünschen von ihrer Gebieterin. Es blieb niemand im Zimmer, als Mac Morlan, der das Fräulein abholen wollte, Magister Sampson und Lucy ... »Und nun,« sagte das arme Mädchen, »muß ich einem meiner ältesten und gütigsten Freunde Lebewohl sagen. Gott segne Euch, Herr Sampson, und vergelte Euch die Güte, die Ihr mir durch Euren Unterricht und Eure Freundschaft gegen meinen armen Vater erwiesen habt. Hoffentlich höre ich recht oft was von Euch.« Mit diesen Worten drückte sie ihm ein Papier mit einigen Goldstücken in die Hand und stand auf, das Zimmer zu verlassen. Sampson erhob sich auch und stand in sprachlosem Staunen vor ihr. Den Gedanken, von Lucy sich trennen zu sollen, hatte er in seiner Herzenseinfalt noch nie gefaßt. Er legte das Geld auf den Tisch. »Es ist freilich,« sprach Mac Morlan, Sampsons Meinung verkennend, »nicht ganz angemessen, aber die Umstände –« Sampson bewegte ungeduldig die Hand. »Was soll mir das Geld?« sagte er – »nicht das ist's, was mir nahe geht! aber ich habe von Ihres Vaters Brote gegessen und aus seinem Glase getrunken zwanzig Jahre und länger, und soll Sie nun verlassen in Schmerz und Bedrängnis? Nein, Fräulein Lucy, das kann nicht Ihre Meinung sein. Sie würden Ihres Vaters armen Hund nicht von sich stoßen, und wollten schlimmer mit mir umgehen? Nein, Fräulein Lucy, so lange ich lebe, scheide ich nicht von Euch, Ich will Ihnen nicht zur Last fallen; ich weiß schon, wie ich das verhüten werde. Aber wie Ruth zu Naemi sprach: »Rede mir nicht darein, daß ich Dich verlassen solle, und von Dir umkehren; wo Du hingehst, da will auch ich hingehen, wo Du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und Dein Gott ist mein Gott, Wo Du stirbst, da sterbe ich auch, da will ich auch begraben werden. Der Herr tue mir dies und das, der Tod muß mich und Dich scheiden.« Nährend Sampson diese Worte sprach, die längste Rede, die er je gehalten, flossen die Tränen aus den Augen des gutmütigen Geschöpfs, und weder Lucy noch Mac Morlan konnten bei diesem unerwarteten Gefühlsausbruch eine Regung des Mitgefühls unterdrücken ... »Herr Sampson,« sagte Mac Morlan, »mein Haus ist groß genug; und wenn Sie eine Lagerstätte bei mir annehmen wollen, so lange Fräulein Bertram mir die Ehre ihres Besuches gönnt, so wird es mich sehr freuen, einen so wackern, getreuen Mann unter meinem Dache zu haben.« Um jedem Einwurfe zu begegnen, der von Lucys Seite kommen könnte, setzte er zart hinzu: »Ich brauche bei meinen Geschäften oft einen bessern Rechner, als ich unter meinen Schreibern habe, und es wäre mir recht angenehm, wenn ich zuweilen Ihren Beistand in Anspruch nehmen dürfte.« »Gewiß, gewiß,« erwiderte Sampson lebhaft, »ich verstehe die doppelte italienische Buchhaltung.« Frau Mac Morlan empfing ihre Gäste aufs herzlichste. Ihr Mann sagte ihr wie den übrigen Hausgenossen, er brauche Sampsons Hilfe zur Abwicklung einiger Konten und wünsche, daß derselbe wählend dieser Arbeit, der Bequemlichkeit wegen, bei ihm wohne. Bei seiner Weltkenntnis konnte er sich nicht verhehlen, daß Sampson, wie ehrenvoll auch für ihn selbst und die Familie von Ellangowan seine Anhänglichkeit sei, sich als Begleiter eines schönen Mädchens von siebzehn Jahren doch ziemlich lächerlich ausnehmen müsse. Sampson unterzog sich aller Arbeit, die ihm sein neuer Beschützer zuwies, mit Eifer; aber man bemerkte bald, daß er jedesmal nach dem Frühstück zu einer bestimmten Stunde sich entfernte und etwa zur Tischzeit wiederkam. Den Nachmittag brachte er in Mac Morlans Schreibstube zu. Am Sonnabend trat er mit freudigen Blicken zu Mac Morlan und legte zwei Goldstücke auf Ken Tisch ... »Was soll das, lieber Herr Sampson?« fragte Mac Morlan. »Zuvörderst soll es Sie für die Ausgaben schadlos halten, die ich Ihnen verursacht habe; das übrige ist zu Fräulein Lucys Nutzen.« »Aber, Herr Sampson, Ihre Arbeit in meiner Schreibstube vergilt mir alles reichlich; ich bin Ihr Schuldner, lieber Freund.« »So sei alles für Fräulein Bertram,« erwiderte Sampson. »Gut, aber wie haben Sie das Geld –« »Ehrlich erworben, Herr Mac Morlan. Es ist das Honorar für Sprachunterricht, den ich einem jungen Herrn täglich drei Stunden gebe.« Nach einigen Fragen ergab sich, daß dieser freigebige Schüler kein anderer als der junge Hazlewood war, der, durch Frau Mac Candlish über Sampsons Anhänglichkeit und Treue unterrichtet, sich denselben zum Lehrer gedungen hatte und, um seinen Unterricht zu genießen, täglich drei Wegstunden hin und zurück ritt. Obgleich nun Sampson ein sehr gelehrter und braver Mann war, kam solcher Lerneifer Mac Morlan bei einem zwanzigjährigen Jüngling doch höchst eigentümlich vor. Sampson auszuforschen, war wenig Kunst nötig; denn in dem Herzen dieses ehrlichen Mannes wohnten nur ehrliche, schlichte Gedanken, »Weiß denn Fräulein Bertram, wie Sie Ihre Zeit zubringen, mein Freund?« »Durchaus nicht! Herr Hazlewood hat mich auch gebeten, es ihr zu verschweigen, damit sie nicht Bedenken trage, den kleinen Beistand anzunehmen, der ihr daraus zufließen solle. Aber es wird ihr nicht lange verborgen bleiben können, denn Herr Hazlewood wünscht seine Lehrstunden dann und wann hier im Hause zu nehmen.« »Aber sagen Sie mir doch, Herr Sampson, bringen Sie die drei Stunden bloß mit Erklären und Uebersetzen zu?« »Das just nicht. Kommt wohl auch vor, daß wir uns zusammen unterhalten. Neque semper arcum tendit Apollo. « Auch Apollo spannt nicht immer den Bogen. Mac Morlan forschte weiter, um welche Dinge sich diese Gespräche drehten. »Um unser Beisammensein in Ellangowan,« antwortete Sampson, »und oft kommt wohl auch die Rede auf Fräulein Lucy. Herr Hazlewood ist in dieser Beziehung ganz wie ich, lieber Herr Mac Morlan; komme ich erst einmal auf sie zu sprechen, so kann ich kein Ende finden, und so stiehlt sie uns« – setzte er spaßhaft hinzu – »oft die halben Lehrstunden weg.« »O, kommt der Wind daher!« dachte Mac Morlan, der schon früher von Beziehungen zwischen den jungen Leuten gehört zu haben meinte. Er überlegte, wie Fräulein Lucy und er selbst sich in dieser Angelegenheit am besten verhielten, denn der alte Hazlewood war mächtig, reich, ehrgeizig und rachsüchtig, und bestand, wenn eine Heirat für seinen Sohn in Betracht kam, doch sicher auf Vermögen und edler Herkunft. Er kam zu dem Schlusse, seiner Schutzbefohlenen, von deren Verstand und Scharfsinn er die beste Meinung hatte, einen Wink zu geben ... »Freuen Sie sich,« sprach er, als er sie allein fand, »Ihr Freund Sampson ist recht glücklich gewesen? er hat einen Schüler, der ihm für zwölf Stunden im Griechischen und Lateinischen zwei Guineen bezahlt.« »Was Sie sagen! das freut mich sehr. Aber wer ist denn der Freigebige? Oberst Mannering ist doch nicht wieder da?« »Nein, nein, nicht Mannering. Aber was denken Sie von Ihrem Bekannten, Charles Hazlewood? Er spricht davon, seine Lehrstunden hier zu nehmen. Recht gern, wenn wir's einrichten könnten!« Tiefe Glut bedeckte Lucys Wangen... »Um Himmels willen nicht, Herr Mac Morlan!« sprach sie. »Geben Sie das nicht zu! Hazlewood hat schon Verdruß genug deshalb gehabt.« »Wegen der alten Schriftsteller, Fräulein? Freilich machen sie den meisten jungen Herrn den Kopf zu gewissen Zeiten recht dick, aber jetzt studiert er sie doch aus freiem Willen.« Lucy brach ab, ihr Wirt knüpfte das Gespräch nicht wieder an, aber am folgenden Tag nahm sie Gelegenheit, mit Sampson zu sprechen. Sie gab ihrer Dankbarkeit für seine uneigennützige Zuneigung und ihrer Freude über die gute Einnahme, die er gefunden, Ausdruck: gab ihm aber dabei zu verstehen, daß es besser sein möchte in seinem wie seines Schülers Interesse, wenn er für die Dauer dieses Unterrichtes seine Wohnung mehr in die Nähe seines Schülers legte. Sampson wollte, wie sie erwartet hatte, von diesem Vorschlage nichts hören und sie nicht verlassen, selbst wenn er der Lehrer des Prinzen von Wales hätte werden sollen. »Aber ich sehe wohl,« setzte er hinzu, »Sie sind zu stolz, meinen Beistand gelten zu lassen, und ich werde Ihnen lästig.« »Nein, gewiß nicht,« antwortete Lucy, »Sie waren meines Vaters alter, ja fast sein einziger Freund, und ich bin nicht stolz, Gott weiß es, ich habe keine Ursache dazu. Sie mögen in andern Dingen tun, was Sie für das beste halten; aber sagen Sie, bitte Herrn Hazlewood, in meinem Auftrage, daß Sie mit mir über seine Lernbegierde gesprochen, und daß ich der Meinung sei, es ginge unter keinen Umständen an, daß er seine Stunden hier im Hause nehme.« Sampson verließ sie mit größter Bestürzung, und als er die Tür schloß, konnte er nicht umhin, Vergils Worte über die Veränderlichkeit der Frauen in den Bart zu murmeln. Am folgenden Tage trat er mit sichtlicher Bekümmernis zu Fräulein Lucy und übergab ihr einen Brief. »Herr Hazlewood,« sagte er, »will seine Stunden aussetzen, aber er hat großmütig ersetzt, was ich dabei verbüße. Was ihm an Kenntnissen, die er durch mich hätte erwerben können, verloren geht, wird er sich selbst freilich nicht ersetzen. Auch mit dem Schreiben will's nicht recht fort. Um dieses kleine Briefchen zustande zu bringen, hat er eine ganze Stunde gebraucht und vier Federn und manches schöne Blatt Papier verdorben. Ich hätte ihm in drei Wochen eine feste, fließende, leserliche Hand beigebracht. Doch – Gottes Wille geschehe.« Der Brief enthielt nur wenige Zeilen. Hazlewood klagte über Lucys Grausamkeit, die ihn nicht nur aus ihrer Nähe verbannte, sondern ihm nicht einmal vergönnen wollte, sich aus der Ferne nach ihr zu erkundigen und ihr beizustehen, so weit es in seinen Kräften läge. Mit der Versicherung, daß seine Zuneigung trotzdem unwandelbar sei, schloß der Brief. Sampson erhielt durch seine Gönnerin, Frau Mac Candlish, zwar andere Schüler, die aber weder so vornehm noch so frei wie Hazlewood waren. Er verdiente aber immerhin etwas und war herzlich froh, wenn er wöchentlich Mac Morlan den kleinen Ertrag einhändigen konnte, nach Abzug eines minimalen Prozentsatzes für seine Tabaksdose und seine Pfeife. Sechzehntes Kapitel. Mannering hatte die kleine Tour nach Bertrams Tod angetreten mit der festen Absicht, vor dem Verkaufe des Gutes Ellangowan zurückzukehren. Er fuhr nach Edinburgh und in andere Gegenden Schottlands; aber auf dem Rückwege nach dem südwestlichen Teile des Landes, wo unser Schauplatz liegt, in einem Flecken, ungefähr vierzig Wegstunden von Kippletringan, erhielt er einen Brief von Mervyn, der ihm ziemlich unangenehme Nachrichten meldete. »Verzeihen Sie, Teuerster,« schrieb der Freund, »daß ich Ihnen den Schmerz verursacht habe, Wunden aufzureißen, von denen Ihr Brief meldet. Man hat mir immer, vielleicht irrig, erzählt, Browns Bewerbungen hätten Julien gegolten. Wie dem auch sein möge, so stand zu erwarten, daß Sie in Ihrer Lage seine Kühnheit nicht ungestraft lassen würden. Männer von Verstand meinen, daß wir der bürgerlichen Gesellschaft unser natürliches Selbstverteidigungsrecht nur unter der Bedingung überlassen, daß uns das Gesetz seinen Schutz nicht vorenthalte. Eins ohne das andere ist nicht denkbar und nicht statthaft. Niemand, wird zum Beispiel mir das Recht abstreiten, mein Leben und meinen Beutel gegen einen Straßenräuber zu verteidigen, gleich dem wilden Indianer, der weder Gesetz noch Obrigkeit kennt. Die Frage, ob ich Widerstand leisten oder mich unterwerfen müsse, muß ich nach allen meinen Hilfsmitteln und meiner Lage beurteilen. Wenn ich aber, bewaffnet und gleich an Stärke, Unrecht und Gewalttätigkeit von irgend jemand, er sei hoch oder niedrig, ohne Widerspruch erleide, so wird man es schwerlich religiösen oder moralischen Gefühlen weder bei mir noch bei irgend jemand zuschreiben, ausgenommen etwa bei einem Quäker. Ein Angriff auf meine Ehre ist meines Bedünkens dasselbe. Die Beleidigung, wenn auch unbedeutend an sich, hat weit wichtigere Folgen für alle Lebensverhältnisse als, irgend ein Unrecht, das ein Straßenräuber mir zufügen könnte, und der Ersatz steht weit weniger in der Gewalt der öffentlichen Gerechtigkeit oder liegt vielmehr gänzlich außer dem Kreise ihrer Wirksamkeit. Wenn es irgend jemand einfällt, mir Geld aus meinem Beutel zu nehmen, und es fehlen mir die Mittel zur Verteidigung oder die Geschicklichkeit und der Mut, sie zu brauchen; so wird meine Obrigkeit mir Gerechtigkeit schaffen dadurch, daß sie den Räuber aufknüpft. Aber wer wird mir die Verpflichtung zumuten, auf diese Gerechtigkeit zu warten, wenn ich selbst Mittel und Mut habe, mein Eigentum zu beschützen? Wenn man mir aber eine Beleidigung zufügt, die ich nicht erdulden kann, ohne meinen Ruf bei Männern von Ehre für immer zu beschimpfen, welches Gesetz oder welcher rechtliche Grund sollte mich abhalten, zu beschützen, was jedem Mann teurer ist und teurer sein muß als sein ganzes Vermögen? Vom religiösen Gesichtspunkte will ich nichts sagen, bis ich einen Gottesgelehrten finde, der Selbstverteidigung von Leben und Eigentum verdammt. Nimmt man die Sache hier allgemein, so möchte man wohl wenig Unterschied machen können zwischen Beschützung von Leben und Vermögen und Verteidigung des guten Rufs. Daß dieser von Menschen, die nicht im gleichen Range mit uns stehen, vielleicht in sittlicher Hinsicht tadellos und von guter Sinnesart sind, angegriffen werden kann, wird unser Recht zur Selbstverteidigung nicht aufheben. Es kann mich schmerzen, daß Umstände mich gezwungen haben, mit einem solchen Menschen zu kämpfen; aber eben dieses Gefühl mußte ein edler Feind, der im Kriege unter meinem Schwerte fiele, in mir erregen. Mögen die Kasuisten diese Streitfrage ausmachen, ich bemerke nur, daß alles, was ich geschrieben habe, weder der gewerbsmäßige Raufbold noch der Duellant, der seine Ehre rehabilitieren will, für sich ausführen könnte. Ich will bloß denjenigen entschuldigen, der durch eine Beleidigung, die niemand geduldig ertragen kann, ohne für immer Ansehen im Leben zu verlieren, zum Kampfe gezwungen wird. »Es tut mir leid, daß Sie sich in Schottland ansiedeln wollen, doch freut es mich, daß die Entfernung nicht unermeßlich und die Lage ganz zu unserm Vorteil ist. Von Devonshire sich nach Westmoreland zu begeben, könnte einem Indier Schauder erregen, aber von Galloway oder Dumfries zu uns zu kommen, ist ein kleiner Schritt näher zur Sonne. Wenn zudem, wie, ich vermute, das Gut, auf das Sie Ihr Auge gerichtet haben, zu dem alten Spukschlosse gehört, worin Sie vor vier- bis fünfundzwanzig Jahren den Sterndeuter spielten, so darf ich wohl nicht hoffen, daß Sie sich von dem Ankaufe abraten lassen, da Sie mir jenen Auftritt so oft mit komischem Pathos geschildert haben. Der gastfreundliche Laird ist wohl noch nicht zu seinen Vätern versammelt worden, und sein Kaplan, den Sie uns oft so possierlich schilderten, weilt auch wohl noch unter den Sterblichen. »Möchte ich hier, lieber Mannering, schließen können, denn es tut mir unbeschreiblich weh, Ihnen das schreiben zu müssen, was noch fehlt. Zum voraus aber muß ich Ihnen die Versicherung geben, daß ich Ihrer mir einstweilen in Obhut gegebenen Tochter nicht den geringsten absichtlichen Verstoß gegen unsere gesellschaftlichen Rücksichten beimessen will; aber sie hat viel von der romantischen Gemütsstimmung des Vaters und eine schwache Dosis von jenem Hange zur Bewunderung, der allen hübschen Damen mehr oder weniger eigentümlich ist. Sie wird zudem wahrscheinlich Ihre Erbin sein; ein belangloser Umstand für Leute, die Julien mit meinen Augen ansehen, aber ein mächtiger Hebel für Scheinheilige, Arglistige und Unwürdige. Sie wissen, wie ich über Juliens sanfte Schwermut, ihre einsamen Wanderungen früh vor Sonnenaufgang und abends bei Mondschein, wenn alles zu Bette ist oder beim Spieltisch sitzt, gescherzt habe. Die Begebenheit, die ich Ihnen erzählen will, konnte vielleicht auch nicht anders als Scherz behandelt werden, doch wollte ich lieber, der Scherz käme von Ihnen, als von mir. »In den letzten vierzehn Tagen habe ich ein paarmal spät in der Nacht oder früh am Morgen das kleine Hindu-Liedchen, das Ihre Tochter so sehr liebt, auf einer Flöte blasen hören. Ich glaubte anfangs, ein Dilettant unter der Hausdienerschaft, der bei Tage seinem Hange zur Musik nicht frönen könne, habe sich diese einsame Stunde ausgesucht, um eine Melodie nachzusingen, die er bei seiner Arbeit im Wohnzimmer gehört habe. Als ich aber gestern abend in meinem Studierzimmer, gerade unter Juliens Zimmer saß, hörte ich zu meinem Erstaunen nicht nur ganz deutlich die Töne der Flöte, sondern überzeugte mich auch, daß sie von dem See unter dem Fenster kamen. Neugierig, wer uns zu so ungewohnter Stunde eine Serenade brächte, schlich ich mich an mein Fenster. Aber es waren noch andere Wächter da, als ich. Sie werden sich erinnern, daß Julie dieses Zimmer um des Erkers willen vorzog, der auf den See hinausgeht. Ich hörte, wie das Fenster geöffnet wurde, und wie sie mit jemand sprach, der von unten herauf redete .. Dies ist etwa nicht – »viel Lärm um nichts,« nein, ich irrte mich nicht, es war ihre Stimme, so sanft, so einschmeichelnd, und die Töne von unten waren der Ausdruck inniger Liebe. Von dem Inhalte des Gespräches kann ich nichts sagen. Ich drückte mein Fenster auf, um etwas mehr von diesem spanischen Melodram als bloßes Gemurmel zu hören; aber all meine Vorsicht betrog mich doch, mein leises Knarren störte das junge Paar, und Juliens Fenster war im nächsten Augenblick geschlossen. Der Ruderschlag auf dem See belehrte mich, daß sich der männliche Teilnehmer an diesem Duett zurückzog. Ich sah auch bald seinen Kahn, den er mit großer Geschicklichkeit lenkte, über den See fliegen. Am folgenden Morgen fragte ich scheinbar zufällig bei meinen Dienstboten herum und erfuhr, daß der Hegereiter bei seiner Runde den Kahn mit einem einzigen Manne zweimal unter dem Hause gesehen und auch die Flöte gehört hatte. Weitere Fragen mochte ich nicht stellen, aus Bangen, Julien bei meinen Leuten in Mißkredit zu setzen. Beim Frühstück gab ich durch einen Wink zu verstehen, daß ich die nächtliche Musik gehört hätte, und gebe Ihnen mein Wort, daß Julie abwechselnd rot und blaß wurde. Ich gab der Sache auf der Stelle eine solche Wendung, daß sie glauben konnte, meine Beobachtung sei bloß zufällig gewesen, habe aber seitdem ein Nachtlicht in mein Bücherzimmer gestellt und die Fenster offen gelassen, um den nächtlichen Besucher abzuschrecken! habe auch die strenge Witterung des herannahenden Winters und die rauhen Nebel geltend gemacht als bedenklich für den Aufenthalt im Freien. Julie hat sich mit einer Geduld gefügt, die gar nicht in ihrer Gemütsart liegt und, aufrichtig gesagt, ein Zug ist, der mir bei der Sache am wenigsten gefällt. Julie hat zuviel von ihres Vaters Temperament, als daß sie sich gern in ihren Launen stören ließe, wenn ihr nicht das pochende Gewissen sagte, es sei klug – allen Streit zu vermeiden. »Meine Geschichte ist nun erzählt, und Sie werden ermessen, was Sie zu tun haben. Ich habe meiner Frau nichts von der Sache gesagt; sie hätte vielleicht dagegen Einspruch erhoben, daß ich Sie benachrichtigte – hätte sich's vielleicht in den Kopf gesetzt, Julien Vorstellungen zu machen, die aber wohl mehr Böses als Gutes gestiftet hätten. Julie hat nun einmal eine reizbare Einbildung und lebhafte Empfindung; sie ist edelmütig, geistreich und liebenswürdig. Den Kuß, den Sie schickten, habe ich bestellt, aber zum Danke hat sie mich derb auf die Finger geklopft. Kommen Sie sobald wie möglich wieder zu uns; bis dahin rechnen Sie auf die treue Fürsorge Ihres Arthur Mervyn.« »P.S. Sie werden neugierig fragen, ob ich irgend eine Ahnung habe, wer der nächtliche Flötenspieler sei. Nein, solche Ahnung habe ich nicht. Es gibt hier keinen jungen Mann, der sich durch Rang oder Vermögen berechtigt fühlen könnte, seine Augen auf Ihre Tochter zu richten, und von dem sich glauben ließe, daß er solche Rolle gespielt hätte. Auf dem andern Ufer des Sees aber, uns gerade gegenüber, liegt eine verwünschte Kneipe, der Zufluchtsort von Fußwanderern aller Art, Dichtern, Schauspielern, Malern, Tonkünstlern, die hierher kommen und über unser malerisches Land faseln, deklamieren und sonst allerlei Torheiten treiben. Wäre Julie meine Tochter, so würde ich gerade diese Burschen am meisten fürchten. Sie ist hochsinnig und schwärmerisch. Sie schreibt jede Woche sechs Bogen an eine Freundin, und es ist ein schlimmes Ding, wenn einem hierzu der Stoff ausgeht. Noch einmal Lebewohl! Wollte ich diesen Gegenstand ernstlicher behandeln, als ich getan, so würde ich Ihrem Gefühle zu nahe treten; wollte ich ihn gänzlich übersehen, so würde mein Gefühl zweideutig erscheinen.« Dieser Brief hatte zur Folge, daß Mannering, zuerst einen Boten an Mac Morlan mit der nötigen Vollmacht zum Ankaufe der Herrschaft Ellangowan abschickte, dann sein Pferd wandte, eine südlichere Richtung nahm und ohne Rast fortritt, bis er die Wohnung seines Freundes am Strande eines Landsees in Westmoreland erreicht hatte. Siebzehntes Kapitel. Mannering hatte gleich nach seiner Ankunft in England seine Tochter in eine rühmlich bekannte Erziehungsanstalt gebracht, Schon am Ende des ersten Vierteljahrs aber nahm er sie wieder weg, da er fand, daß ihre Fortschritte seinen Erwartungen nicht entsprachen. Julie hatte gerade nur so viel Zeit gehabt, einen ewigen Freundschaftsbund mit der ihr ungefähr gleichalterigen Mathilde Marchmont zu schließen, an die die dicken Briefhefte gerichtet waren, die von Mervyn-Hall auf Postfittichen abgingen. Einige Auszüge aus diesen vertraulichen Mitteilungen dürften zum Verständnis unserer Geschichte notwendig sein. »Ach, teuerste Mathilde, traurig ist meine Geschichte zu erzählen. Mißgeschick hat seit der Kindheit Deine unglückliche Freundin verfolgt. Um einer so unbedeutenden Ursache willen mußten wir getrennt werden! Eine unrichtige Redensart in meiner italienischen Aufgabe und drei falsche Noten in einer Sonate von Paesiello! Aber das liegt in der Gemütsart meines Vaters, von dem ich nicht leicht sagen kann, ob ich ihn mehr liebe, mehr bewundere, oder fürchte. Glücklich im Leben und im Kriege, gewohnt, jedes Hindernis, selbst wenn es unbezwinglich erschien, durch unbändige Energie zu besiegen, hat er sich eine gewisse Rauheit und Rücksichtslosigkeit angeeignet, die ihn keinen Widerspruch dulden läßt und unnachsichtig gegen jeden Fehler macht: und er selbst ist so vollkommen! Du weißt vielleicht, daß infolge einiger dunklen Worte, die meine arme Mutter einmal hatte fallen lassen, die Rede von ihm aufgekommen, daß er über noch andere Kenntnisse gebiete, die den Menschen befähigen sollen, die dunklen Schattengestalten der Zukunft heraufzubeschwören. Muß nicht schon der Gedanke an solche Gewalt, – oder richtig gesagt – die hohe Geisteskraft und den überlegenen Verstand, den Menschen mit einem gewissen geheimnisvollen Nimbus umkleiden? Du wirst das Schwärmerei nennen; aber bedenke, daß ich im Lande der Feen und Zauberer geboren bin, und daß Märchen, die Ihr nur in der entstellenden Hülle französischer Uebersetzungen kennt, um meine Wiege geklungen. O Mathilde, ich wollte, Du hättest die dunklen Gesichter meiner indischen Wärterinnen sehen können, wenn sie in stiller Andacht den Zaubergeschichten lauschten, die, halb Prosa, halb Dichtung, dem Munde des Märchenerzählers entströmten. Daß mir europäische Dichtungen kalt und trocken vorkommen, nachdem ich die wunderbaren Wirkungen gesehen, die die morgenländischen Märchen auf die Zuhörer machen, ist wohl begreiflich.« »Du kennst mein Herzensgeheimnis, Mathilde, denn Du weißt, wie teuer Brown mir ist. Ich sage nicht, sein Andenken; denn ich bin überzeugt, er lebt und ist mir treu. Er wurde in seinen Bewerbungen um mich durch meine verstorbene Mutter ermuntert, vielleicht unvorsichtigerweise, da sie meines Vaters Vorurteile über Herkunft und Rang kennen mußte. Aber gewiß konnte man von mir – ich war zu jener Zeit fast noch ein Kind – keine größere Portion Klugheit erwarten, als von derjenigen, unter deren Obhut die Natur mich gestellt. Meinen Vater, der fast immer von seiner Soldatenpflicht festgehalten wurde, sah ich nur selten, und man lehrte mich, mehr mit scheuer Ehrfurcht als Vertrauen auf ihn blicken. Wollte Gott, es wäre anders gewesen! Vielleicht würde es jetzt besser um uns alle stehen.« »Du fragst mich, warum ich es meinem Vater nicht sage, daß Brown noch am Leben ist? warum ich wenigstens nicht entdecke, daß er die Wunde, die er in jenem unglücklichen Zweikampfe empfing, überlebt und in seinem letzten Briefe an meine Mutter seine Genesung gemeldet und der Hoffnung Ausdruck gegeben hat, bald aus seiner Gefangenschaft befreit zu werden? Ein Krieger, der im blutigen Waffengewerbe so manchen Feind erschlug, findet sich wahrscheinlich mit dem Gedanken an vermutetes Unglück leichter ab als Menschen wie ich, die darüber vor Grauen schier vergehen. Und wollte ich ihm nun jenen Brief zeigen, was würde die Folge sein? Würde nicht Brown, wenn er lebte und die Ansprüche, um derenwillen mein Vater ihm einst nach dem Leben getrachtet, wieder geltend machen und von neuem verfolgen wollte, die Gemütsruhe meines Vaters furchtbarer stören, als jetzt, da er für tot gehalten wird? Ist er jenen Räubern entronnen, so wird er gewiß bald nach England kommen, und es wird dann Zeit sein, zu überlegen, wie ich meinem Vater das Geheimnis entdecken könne. Aber ach! sollte meine zuversichtliche Hoffnung getäuscht werden, was möchte es helfen, ein Geheimnis zu enthüllen, an das sich so viele schmerzliche Erinnerungen knüpfen? Meine gute Mutter hatte vor dieser Entdeckung so große Bange, daß ich glaubte, sie wollte meinen Vater lieber in dem Argwohn lassen, daß Browns Bewerbungen ihr gegolten hätten, als ihm den wahren Sachverhalt zu verraten. O Mathilde, wie viel Achtung ich auch dem Andenken meiner Mutter schuldig bin, laß mich gerecht gegen meinen Vater sein! Ich muß das zweideutige Betragen, das sie beobachtete, verdammen, weil es ungerecht gegen meinen Vater und höchst gefährlich für sie selbst und für mich war. Doch Friede sei mit ihrem Staube! Sie ließ sich mehr von ihrem Herzen als ihrem Verstande leiten, und sollte ich, die Erbin ihrer Schwäche, zuerst den Schleier von ihren Mängeln ziehen?« Mervyn-Hall »Indien ist ein Wunderland, liebe Mathilde, hier aber lebe ich im romantischen Lande. Die Landschaft vereinigt die erhabensten Gebilde der Natur: donnernde Wasserfälle, Berge, die mit ihren Häuptern den Himmel berühren, Seen, die, durch schattige Täler sich windend, bei jeder Krümmung ihrer Ufer in wilde Einsamkeit führen, Felsen, deren Gipfel über die Wolken ragen. Hier Salvator Rosas Wildheit, dort ein Feenland von Claude Lorrain! Es freut mich, daß ich wenigstens einen Gegenstand finde, der meinen Vater nicht weniger begeistert als mich. Er ist ein maßloser Naturfreund, als bildender Künstler sowohl wie als Dichter, und ich habe ihm mit dem innigsten Vergnügen zugehört, wenn er über Wesen und Wirkungen dieser phänomenalen Schöpferkraft sprach. Ach, wenn er sich doch in dieser bezaubernden Gegend niederließe! Aber seine Absichten sind weiter nach Norden gerichtet, und eben jetzt ist er nach Schottland gereist, um sich, wie ich vermute, dort anzukaufen. Erinnerungen aus seinem früheren Leben haben ihm eine Vorliebe für jenes Land eingeflößt. Ich werde Dir also noch weiter entrückt werden, teure Mathilde, ehe ich eine Heimat habe, O, wie froh werde ich sein, wenn ich einst sagen kann: Komm, Mathilde, und sei der Gast Deiner Julie. Ich wohne jetzt bei Herrn Mervyn, einem alten Freunde meines Vaters. Seine Gattin ist eine recht wackere Frau, anständig und häuslich, aber nach höheren Vollkommenheiten darfst Du nicht fragen. Mervyn ist ein anderer Mann, als mein Vater, ein ganz anderer Mann, aber ich habe ihn gern, und er ist nachsichtig gegen mich. Ein dickes, munteres Männchen, sehr klug, fast pfiffig und nicht ohne Humor. Es macht mir Spaß, ihn mit mir auf die Gipfel der Berge hinauf- und zu dem Fuße der Berge und zu dem Fuße der Wasserfälle heranzuführen, und ich muß dagegen zum Danke seine Rüben, seinen Klee und sein Gras bewundern. Er mag mich wohl für ein einfältiges, schwärmerisches Ding halten, nicht ohne – das Wort will heraus – Schönheit, nicht ohne Gutmütigkeit, und ich meine, der liebe Herr hat, was die weibliche Außenseite betrifft, einen guten Geschmack, und ich denke nicht, daß er tiefer in mein Inneres zu blicken versteht. So neckt er mich, führt mich an der Hand und humpelt neben mir her – denn der gute Mann hat auch das Podagra – und erzählt alte Geschichten aus der vornehmen Welt, deren er viele in petto hat, und ich höre zu, lächle, und sehe so nett und freundlich dazu, als ob ich kein Wässerlein trüben könnte – und wir kommen recht gut miteinander aus. Aber ach, teuerste Mathilde, wie könnte ich die Zeit hinbringen, selbst in diesem Paradiese, an der Seite eines Paares, das zu meinen Anschauungen so wenig paßt, wenn Du nicht auf meine kaum interessanten Mitteilungen mit so freundlicher Treue antwortetest. Ich bitte Dich, schreibe mir wenigstens dreimal in der Woche. Du wirst ja immer etwas zu erzählen haben,« 5 »Wie soll ich Dir sagen, was ich Dir jetzt mitzuteilen habe! Hand und Herz zittern noch so heftig, daß ich kaum schreiben kann. Sagte ich Dir nicht, daß er noch lebe? Sagte ich Dir nicht, ich wollte nicht verzweifeln? Wie konntest Du glauben, Mathilde, daß meine Gefühle, da ich in so früher Jugend von ihm getrennt worden, eher einer glühenden Einbildung als meinem Herzen entsprüngen! Nein, wie oft wir uns auch über die Regungen unseres Herzens täuschen mögen, ich war sicher, daß diese Empfindungen echt waren. Doch höre meine Geschichte! Aber sie sei Dir ein heiliges Unterpfand, wie diese Mitteilung die aufrichtigste Freundschaftsprobe ist. Wir gehen hier früh zu Bette, früher als mein Herz mit seiner Sorgenlast Ruhe finden kann. Ich nehme daher gewöhnlich, sobald ich allein bin, auf ein Paar Stunden ein Buch in die Hand, um vor dem Schlafengehen, wie gewöhnlich, auf den See im Mondschein hinauszusehen. Mein Zimmer hat, wie ich Dir wohl schon gesagt habe, einen kleinen Erker mit einer Aussicht über den See. Mervyn-Hall, zum Teil ein altes, zur Verteidigung eingerichtetes Gebäude, liegt auf dem hohen Ufer des Sees. Ich war ganz vertieft in den schönen Auftritt im Kaufmanne von Venedig, wo zwei Liebende die Reize einer stillen Sommernacht wetteifernd beschreiben, und ganz versunken in die verwandten Erinnerungen und Empfindungen, die in mir erwachten, als ich den Ton einer Flöte auf dem See hörte. Ich habe Dir schon gesagt, die kleine Querflöte war Browns Lieblingsinstrument. Wer konnte sie spielen in einer Nacht, zwar still und heiter, aber doch zu kalt und winterlich, als daß sie einen Wanderer hätte locken können, eine Lustfahrt auf dem See zu machen! Ich ging näher ans Fenster und horchte, kaum aufatmend. Die Töne schwiegen eine Weile, wurden von neuem laut, schwiegen noch einmal, und drangen wieder, immer näher kommend, an mein Ohr. Endlich hörte ich deutlich das kleine Hindu-Lied, das Du mein Leibstückchen nanntest – Du weißt, von wem ich's gelernt habe. Es waren seine Töne. War es irdische Musik, oder wehte der Wind mir diese Töne zu, seinen Tod mir anzukündigen? Es dauerte einige Augenblicke, ehe ich mich faßte, auf den Erker zu treten; aber nichts hätte mich hierzu vermocht, als die feste Ueberzeugung, daß er noch lebe und daß wir uns wiedersehen würden. Mein Herz klopfte ungestüm. Ich sah einen kleinen Kahn mit einem einzigen Menschen. O Mathilde, er war's! Ich erkannte ihn nach so langer Trennung und selbst im Schatten der Nacht so genau, als ob wir erst gestern uns getrennt hätten und im vollen Sonnenschein uns wiedersähen. Er kam mit seinem Kahn unter den Erker und sprach mit mir. Ich weiß kaum, was er sagte, noch was ich antwortete. Ich konnte kaum reden vor Weinen, aber es waren wonnevolle Tränen. Hundegebell, das in einiger Entfernung laut wurde, störte uns, und wir schieden, als er mich beschworen hatte, ihm heute abend am selbigen Orte und zur selbigen Stunde eine neue Zusammenkunft zu bewilligen. Aber was soll daraus werden? Kann ich's wissen? nein, ich kann's nicht. Der Himmel, der ihn vom Tode rettete und ihn aus der Gefangenschaft befreite, der meinen Vater behütete, einen Mann zu ermorden, der ihm nicht ein Haar auf dem Haupte gekrümmt hätte, er muß auch mich aus dem Irrgange führen. Für jetzt genügt mir der feste Entschluß, daß Mathilde nicht über ihre Freundin, mein Vater nicht über seine Tochter, mein Freund nicht über diejenige erröten soll, der er seine Zuneigung gewährt hat.« Achtzehntes Kapitel. Julie hatte Verstand, Grundsätze und ein gefühlvolles Herz; aber es machte sich bei ihr auch der Einfluß einer mangelhaften Erziehung durch eine irregeleitete Mutter geltend, die ihren Mann im Herzen so lange einen Tyrannen schalt, bis sie ihn als solchen fürchten lernte, und so lange Romane über Romane las, bis sie sich in die darin geschilderten Irrungen und Verwirrungen so verstrickte, daß sie nicht mehr anders konnte, als selbst einen kleinen Familienroman anlegen, in welchem ihre Tochter, ein sechzehnjähriges Mädchen, die Hauptheldin spielen sollte. Sie fand ihr Vergnügen an kleinen Geheimnissen und Ränken und zitterte vor dem Unwillen, wozu diese unwürdigen Schritte ihren Mann reizten. So faßte sie bloß aus Uebermut oder Hang zum Widerspruche den Plan zu einem Anschlag, verwickelte sich unmerklich tiefer, suchte sich durch neue Künste herauszuziehen oder ihren Fehler durch Verstellung zu beschönigen, verstrickte sich in ihren eigenen Schlingen und sah sich, um sich aus der Situation zu helfen, in die Mutwille sie gestürzt hatte, zu Ränken und Intrigen gezwungen. Der junge Mann, den sie so unvorsichtigerweise zu ihrem Vertrauten machte und ermunterte, seine Blicke auf ihre Tochter zu richten, besaß zum Glück strenge Grundsätze und edlen Stolz, und sie hatte einen minder gefährlichen Hausfreund in ihm gefunden, als sie wohl hätte rechnen dürfen. Ein anderer Einwand als zweifelhafte Herkunft ließ sich nicht gegen ihn machen; aber Edelmut und Ruhmbegier eröffneten ihm glänzende Aussichten, und jeder, der den wackern Jüngling im Auge hielt, sagte ihm eine glückliche Laufbahn voraus. Daß er Lockungen, wie sie ihm durch Juliens unvorsichtige Mutter bereitet wurden, hätte widerstehen oder gegen ein Mädchen, dessen Schönheit und Anmut zur Liebe aufmunterten, hätte gleichgiltig bleiben sollen, ließ sich nun freilich nicht erwarten, zumal auf einem Schauplatz nicht, wie dem einer indischen Festung, wo an weiblichen Reizen wahrlich kein Ueberfluß zu herrschen pflegt. Ueber die unglücklichen Folgen dieses Ehelebens hat uns Mannering schon unterrichtet, und es würde überflüssig sein, darüber weitere Worte zu verlieren. Wir fahren daher in den Auszügen aus Juliens Briefen fort. »Ich habe ihn wiedergesehen, Mathilde; ich habe ihn zweimal gesehen. Aber nach den Gründen habe ich nicht gesucht, die ihn überzeugen, daß unser geheimes Verständnis für uns beide gefährlich ist, ja ich habe in ihn gedrungen, er möge seinem Glück nachgehen, ohne weitere Rücksicht auf mich, und Beruhigung in dem Gedanken suchen, daß ich den Frieden meines Gemüts wiedergefunden, seit ich weiß, daß er nicht von meines Vaters Hand gefallen sei. Er antwortete – aber wie könnte ich Dir alles sagen, was er zu antworten hat? Die Hoffnungen, die meine Mutter ihm gemacht, wolle er als sein Eigentum fest halten, ja, er möchte mich zu dem wahnsinnigen Gedanken verleiten, mich ohne meines Vaters Willen mit ihm ehelich zu verbinden. Nein, Mathilde, dazu soll er mich nicht bringen. Ich habe ihm widerstanden, ich habe das wilde Gefühl gemeistert, das für ihn sprach; aber wie soll ich mich aus diesem unglücklichen Irrgang zurecht finden, in den Verhängnis und Torheit uns verwickelt haben! Ich habe lange, lange darüber nachgedacht, so lange, daß mir fast der Kopf schwindelt. Ich finde keinen andern Ausweg, als meinem Vater alles zu gestehen. Er verdient es; denn seine Güte währet immer, und seit ich seine Gemütsart genauer studiert habe, scheint es mir, als ob er nur dann zur Härte sich wende, wenn er Arglist oder Täuschung argwohnt, und in dieser Hinsicht hat meine Mutter sein Gefühl wohl verkannt. Auch ist ein leiser Anklang von Schwärmerei in seinem Wesen: ich habe gesehen, wie die Erzählung einer edlen Tat, ein Zug von Heldenmut, oder tugendhafter Selbstverleugnung Tränen aus seinen Augen lockten, die alltägliches Herzeleid nicht hervorrufen konnte. Aber Brown wendet ein, mein Vater habe eine persönliche Abneigung gegen ihn. Und seine dunkle Herkunft – freilich, das wird ein Stein des Anstoßes sein! Ich denke mir, liebe Mathilde, auch keiner von Deinen Vorfahren habe bei Poitiers 1356, wo die Franzosen von Eduard, dem schwarzen Prinzen, geschlagen wurden. und Azincourt 1415, wo Heinrich V. von England die Franzosen besiegte. gefochten. Hielte mein Vater nicht das Andenken des gestrengen Miles Mannering so unendlich hoch, so würde ich nicht halb so viel Angst davor empfinden, mich ihm zu offenbaren.« »Ich habe soeben Deinen lieben so sehr willkommenen Brief erhalten. Dank Dir, teuerste Freundin, für Deine Teilnahme und Deine Ratschläge, Ich kann es Dir nur mit unbegrenztem Vertrauen vergelten. Du fragst mich, woher denn Brown stamme, da seine Herkunft meinem Vater so anstößig sei. Seine Geschichte läßt sich kurz erzählen. Er stammt aus Schottland, ist aber früh verwaist und wurde von seinen Verwandten in Holland erzogen. Man bestimmte ihn zum Kaufmannsstande und schickte ihn in seinen ersten Jünglingsjahren in eine unserer ostindischen Niederlassungen, zu einem Handelsfreund seines Pflegevaters. Als Brown aber in Indien ankam, war dieser Freund gestorben, und es blieb ihm nichts übrig, als sich in einem Kontor als Schreiber zu verdingen. Da brach der Krieg aus. Die bedrängte Lage, in der wir uns anfangs befanden, gab jedem jungen Manne, der zu den Waffen greifen wollte, Gelegenheit zu einer günstigen Laufbahn, und Brown, von seiner Neigung dazu getrieben, gab sofort eine Laufbahn auf, die zum Reichtum führen konnte, um der Bahn des Ruhmes zu folgen. Seine übrige Geschichte kennst Du. Denke Dir nun den Unwillen meines Vaters, dem der Kaufmannsstand zuwider ist, trotzdem er sein Vermögen hauptsächlich von meinem Großoheim her besitzt, der diesem ehrenvollen Stande angehörte. Erwäge nun, wie er sich, zumal er feindselig gegen alles Holländische gesinnt ist, zu einem Antrage Vanbeest Browns stellen würde, der von dem Hause Vanbeest und Vanbrüggen aus Barmherzigkeit erzogen wurde! Nein, Mathilde, es geht nicht! Ja sieh, so kindisch bin ich selbst, daß ich mich kaum enthalten kann, seine aristokratischen Gesinnungen zu teilen. Frau Vanbeest Brown – der Name hat wahrlich wenig Klang, – ach, Mathilde! was sind wir Menschen doch für Kinder!« »Alles ist vorbei, Mathilde. Ich werde den Mut, mit meinem Vater zu reden, nie finden. Ja, ich fürchte, er hat schon auf anderm Weg mein Geheimnis erfahren. Ich käme also mit meiner Mitteilung zu spät, wenigstens würde ihr der Reiz der Unbefangenheit fehlen; kurz, ich sehe alle Hoffnungen schwinden, auf die ich gebaut hatte. Gestern nacht kam Brown wie gewöhnlich, und seine Flöte kündigte seine Nähe. Wir hatten verabredet, daß er sich durch dieses Zeichen kenntlich mache. Die herrlichen Seen unserer Gegend locken viele Wanderer zu allen Stunden herbei; wir hofften also, Brown werde, wenn ihn jemand aus dem Hause bemerken sollte, für einen solchen Naturschwärmer gehalten werden; auch konnte Flötenspiel meinen Aufenthalt auf dem Erker entschuldigen. Gestern nacht aber, als ich mich lebhaft mit dem Gedanken, meinem Vater alles zu gestehen, befaßte und Brown eben so lebhaft dagegen sprach, wurde das Fenster in Mervyns Bücherzimmer, das gerade unter meiner Wohnstube ist, leise geöffnet. Ich gab Brown ein Zeichen, sich zu entfernen, und trat schnell vom Erker, noch von der Hoffnung erfüllt, unbemerkt geblieben zu sein. Sie schwand aber in dem Augenblicke, als ich Herrn Mervyn beim Frühstücke ansah. Sein Blick schien mir zu sagen, er wisse alles, ja mir kam es vor, als wollte er mich geradezu herausfordern, daß ich recht böse hätte werden können, wenn ich es hätte wagen dürfen. Aber ich muß schon höflich und artig bleiben. Meine Spaziergänge beschränken sich nun auf den Umkreis des Guts, wohin mich der gute Herr Mervyn ohne Scheu und ohne Störung gehen lassen darf. Zweimal habe ich ihn wohl bei dem Versuche ertappt, in meinen Gedanken und auf meinem Gesichte zu lesen. Er hat schon mehr als einmal von der Flöte gesprochen, hat die Wachsamkeit und Wildheit seiner Hunde gerühmt und vor der Gewissenhaftigkeit seines Wildhüters gewarnt, der nie anders als mit geladener Flinte die Runde mache. Auch ließ er Andeutungen auf Fußangeln und Selbstschüsse fallen. Es sollte mir wehe tun, meines Vaters alten Freund in seinem Hause zu kränken; aber zeigen möchte ich ihm doch, daß ich meines Vaters Tochter bin, und daß Herrn Mervyn in dieser Hinsicht keine Zweifel bleiben sollen, wenn ich mich zu einer Antwort auf diese Winke hinreißen ließe, weiß ich jetzt bestimmt. Wofür ich ihm aber herzlich dankbar bin: er hat seiner Frau nichts gesagt! Lieber Himmel, was für Vorlesungen hätte ich sonst hören müssen über die Fährlichkeiten der Liebe und der Abendluft auf dem See, über die Möglichkeit, durch Glücksjäger in leibliche und seelische Not zu geraten, über Erkältungsgefahr einerseits und verschlossene Fenster anderseits. – Du siehst, Mathilde, Scherz und Posse kann ich nicht lassen, so weh mir ums Herz ist. Was Brown anfangen wird, weiß ich nicht. Die Furcht vor der Entdeckung wird ihn wohl abhalten, seine nächtlichen Besuche fortzusetzen. Er wohnt in einem Wirtshause am jenseitigen Ufer des Sees, unter dem Namen Dawson – er ist recht unglücklich in der Namenwahl, das läßt sich nicht in Abrede stellen. Er dient, glaube ich, nicht mehr im Heere, spricht aber nichts davon, wie er sein Leben zu gestalten denkt. Die plötzliche Rückkehr meines Vaters hat meine Besorgnis erhöht. Er schien sehr verdrießlich zu sein. Unsere Wirtin rechnete erst in acht Tagen auf seinen Besuch, wie ich aus einer lebhaften Erörterung zwischen ihr und der Haushälterin erraten habe; aber seinen Freund Mervyn scheint sein Besuch nicht überrascht zu haben. Sein Benehmen gegen mich war so auffallend kalt und gezwungen, daß ich allen Mut verloren habe, mich ihm zu offenbaren und seiner Großmut anzuvertrauen. Seine Mißlaune soll, wie er sagt, daher rühren, daß ihm ein Gut im südwestlichen Schottland, an dem durch Zusammentreffen verschiedener Umstände sein Herz hing, verloren gegangen; aber ich glaube nicht, daß ihn solche Kleinigkeit so aus der Ruhe hat bringen können. Bald nach der Ankunft machte er in Mervyns Kahn eine Fahrt über den See, zu dem Wirtshaus hin, von dem ich Dir geschrieben. Du kannst Dir denken, mit welcher Angst ich seine Rückkehr erwartete. Wer könnte die Folgen ahnen, wenn er Brown wiedergesehen hätte! Er kehrte aber zurück, ohne etwas entdeckt zu haben. Er will nun, wie ich höre, eine Wohnung mieten, dem Anscheine nach in der Nachbarschaft von jenem Ellangowan, wovon ich mir so viel sagen lassen muß, denn er vermutet, daß das Gut, das er zu besitzen wünscht, bald wieder unter den Hammer kommen werde. Ich will diesen Brief erst absenden, wenn ich über seine Absichten genau unterrichtet bin. Ich habe eine Unterredung mit meinem Vater gehabt, so vertraulich, wie es ihm, scheint es mir, genehm ist. Ich mußte heute nach dem Frühstück mit ihm ins Bücherzimmer gehen. Die Kniee zitterten mir und, ohne zu übertreiben, liebe Mathilde, ich konnte ihm kaum folgen. Ich hatte vor etwas Furcht – wußte aber und weiß auch jetzt nicht, wovor. Seit meiner Kindheit bin ich gewohnt, alles vor seinem Blicke beben zu sehen. Ich mußte mich setzen und habe so schnell wohl noch keinem Befehle gehorcht. Kaum daß ich mich aufrecht halten konnte. Er ging auf und ab im Zimmer. Du hast meinen Vater gesehen, und auch Dir ist, wie ich mich erinnere, der kräftige Ausdruck seiner Züge aufgefallen. Wenn er ergriffen oder unwillig ist, wird sein sonst mattfarbiges Auge dunkler und fängt an zu strahlen; er hat die Gewohnheit, bei heftiger Erschütterung die Lippen einzuziehen, was mir als Zeichen des Kampfes erscheint zwischen der angeborenen Heftigkeit seines Gemüts und der durch Gewohnheit erworbenen Selbstbeherrschung. Ich war zum erstenmal seit seiner Rückkehr aus Schottland mit ihm allein, und als ich jene Merkmale seiner Gemütsbewegung entdeckte, war es mir nicht zweifelhaft, daß er im Begriffe stand, von dem Gegenstande zu sprechen, den ich am meisten fürchtete. Mir wurde es unbeschreiblich leicht ums Herz, als ich sah, daß ich mich darin geirrt hatte, und daß er, was er auch von Mervyns Argwohn oder Wahrnehmungen wissen mochte, gar nicht die Absicht hatte, über diese Sache mit mir zu sprechen, wiewohl er, wenn er die Gerüchte, die ihm vielleicht Zu Ohren gekommen, untersucht hätte, viel Schlimmeres als sein Argwohn vermutet, erfahren haben möchte. Bei meiner Schüchternheit wurde es mir wirklich unaussprechlich leicht, nichtsdestoweniger fand ich den Mut nicht, die Unterhaltung zu beginnen, sondern erwartete schweigend seine Befehle. »Julie,« hob er endlich an, »mein Geschäftsführer in Schottland schreibt mir, er habe eine schickliche Wohnung für uns gemietet, die alle Bequemlichkeiten in sich vereine. Sie liegt nur etwa eine Stunde von dem Gute, das ich kaufen wollte.« Er schwieg und schien Antwort von mir zu erwarten, »Jede neue Wohnung, die Ihnen gefällt,« sagte ich, »muß mir ja recht sein, Vater.« »Hm! aber es will mir nicht gefallen, Julie, daß Du während des Winters allein dort wohnen sollst.« »Nun, Herr und Frau Mervyn, dachte ich, werden ja da sein, sagte aber nach einer Pause wieder: Jede Gesellschaft, die Ihnen angenehm ist – »O, fast zu viel von bedingungsloser Unterwürfigkeit!« fiel er ein, »Ei–ne herrliche Tugend ... ohne Frage – aber Deine ewige Wiederholung solcher gehorsamen Reden erinnert mich an die endlosen Selams Morgenländische Begrüßungen unserer schwarzen Diener in Indien, Mit einem Worte, ich weiß, daß Du Gesellschaft liebst, und habe die Absicht, ein junges Mädchen, die Tochter eines verstorbenen Freundes, auf einige Monate zu uns zu nehmen.« »Aber um Himmels willen, Vater, doch keine Hofmeisterin?« rief ich Unglückliche, durch meine Besorgnisse ganz aus der Fassung gebracht. »Keine Hofmeisterin, Julie,« antwortete mein Vater, ziemlich finster, »aber ein junges Mädchen, in der Schule des Unglücks aufgewachsen, das Du Dir, meine ich, in ein paar Dingen zum Vorbild wirst nehmen können. – Eine Antwort hierauf wäre bedenklich gewesen, daher folgte eine Pause. »Ist sie eine Schottländerin?« hob ich endlich wieder an. Ein trockenes – »Ja!« »Sie spricht wohl das Englische mit schottischem Accent?« fragte ich weiter. »Schwerenot,« rief mein Vater heftig, »glaubst Du, ich kümmere mich um Aussprache? Julie, ich rede im tiefsten Ernst. Du neigst dazu, Dich in Beziehungen einzulassen, die Du Freundschaften nennst« – war das nicht hart, Mathilde? – »Um Dir nun Gelegenheit zum Erwerb wenigstens einer würdigen Freundin zu geben, wünsche ich, daß dieses Mädchen ein paar Monate in meinem Hause lebt, und ich erwarte, Du wirst ihr alle Aufmerksamkeit beweisen, die Unglück und Tugend beanspruchen dürfen.« »Gewiß, lieber Vater,« erwiderte ich. »Ist meine künftige Freundin rothaarig?« Mein Vater warf einen strengen Blick auf mich ... Du wirst vielleicht sagen, es sei mir recht geschehen, aber ich weiß nicht, welcher böse Geist mich zuweilen treibt, die Menschen durch Fragen zu peinigen. »Sie hat eben so viel äußere Vorzüge vor Dir, meine Tochter, als sie Dich in klugem Verhalten gegen Menschen und Freunde übertrifft,« sagte er. »Aber halten Sie solche Ueberlegenheit für eine Empfehlung? – Doch nein, lieber Vater, ich sehe, Sie gehen darauf aus, alles was ich sage, zu ernst zu nehmen; wer aber auch das Mädchen sein mag, sie soll gewiß nicht Ursache haben, sich über Mangel an Aufmerksamkeit von meiner Seite zu beklagen, da sie mir von Ihnen empfohlen wird. Hat sie einen dienstbaren Geist bei sich?« fuhr ich nach einer Pause fort ... »Ich muß doch für die Bequemlichkeit meiner neuen Freundin sorgen ...« »Nein, einen dienstbaren Geist eigentlich nicht. Der Kaplan, der bei ihrem Vater lebte, ist ein gutmütiger Mensch, und ich glaube, es wird auch für ihn Platz in unserem Hause sein.« »Ein Kaplan, Vater? Lieber Himmel!« »Ja, Julie, ein Kaplan. Warum fällt Dir das Wort so sehr auf? Hatten wir nicht auch einen Kaplan, als wir in Indien waren?« »Aber damals, lieber Vater, waren Sie doch Armeebefehlshaber –« »Und jetzt, Julie – bin ich Kommandeur in meinem Hause.« »Gewiß, mein Vater, Aber wird er uns nach den Gebräuchen der englischen Kirche vorbeten?« Der scheinbaren Unbefangenheit hielt sein Ernst nicht stand,. »Tu bist ein wunderliches Mädchen, Julie, und es hilft mir nichts, wenn ich Dich schelte. Mir ist es nicht zweifelhaft, daß Du Deine künftige Gesellschafterin lieben wirst, und der Mann, den ich aus Mangel an einem passenden Worte Kaplan genannt habe, ist ein würdiger Mann, der nur ein paar Wunderlichkeiten an sich hat, aber es wohl nie merken wird, wenn Du über ihn lachst, Du müßtest gerade sehr laut lachen.« »Das gefällt mir an ihm. Aber werden wir dort ebenso schön wohnen wie hier?« »Vielleicht nicht ganz so nach Deinem Geschmacke. Es ist kein See unter den Fenstern, und Du wirst Dich auf Hausmusik beschränken müssen.« Dieser letzte Schlag machte dem scharfen Wettkampf unseres Witzes ein Ende, denn Du kannst denken, Mathilde, daß ich allen Mut zu einer Antwort verloren hatte. Sonst aber sehe ich den Dingen, gleichsam mir selbst zum Trotze, mutiger entgegen denn je. Brown lebt, ist frei, ist in England; Verlegenheit und Kümmernis können und müssen von allen Menschen, auch von mir getragen werden. Uebermorgen reisen wir von hier nach unserm neuen Wohnsitze ab. Ich werde Dir selbstverständlich mitteilen, was ich von meinen schottischen Hausgenossen halte, die mein Vater, wie ich wohl nicht ohne Grund vermute, als ehrsame Spione wird benutzen wollen. O wie verschieden von der Gesellschaft, die ich mir so gern gewählt hätte! Gleich nach meiner Ankunft in meinem künftigen Aufenthalte erhältst Du Nachricht von Deiner Julie Mannering.« Neunzehntes Kapitel. Woodbourne, der Landsitz, den Mac Morlan für Mannering gemietet, lag freundlich am Fuße eines waldigen Hügels, der das große, bequeme Haus gegen Mitternacht und Morgen beschirmte. Die Vorderseite war gegen einen kleinen Grasplatz gekehrt, der mit einer Reihe von alten Bäumen eingefaßt war. Rings umher lagen Ackerfelder bis zum Flusse hinab, den man aus den Fenstern des Hauses sah. Ein leidlicher, wiewohl etwas altfränkischer Garten, ein wohlversehener Taubenschlag, und so viel Feld, als für die wirtschaftlichen Bedürfnisse der Bewohner von nöten, machten den Landsitz in allen Hinsichten passend für eine angesehene Familie. Hier wollte Mannering, eine Zeitlang wenigstens, seinen Wanderstab niederlegen. Er war, obgleich er aus Indien kam, nichts weniger als von der Sucht besessen, mit Reichtum zu prahlen, wollte vielmehr, zu stolz um Geck zu sein, nur wie ein wohlsituierter Landedelmann leben, ohne in seinem Haushalte jenen Prunk zu zeigen, den man in jener Zeit für das eigentliche Merkmal eines Nabobs hielt. Er hatte die Herrschaft Ellangowan noch immer im Auge; Mac Morlan vermutete, Glossin werde die Besitzung bald wieder aufgeben müssen, da einige Gläubige ihm das Recht streitig machten, einen so beträchtlichen Teil des Kaufschillings in Händen zu behalten, und seine Zahlungsfähigkeit vielfachen Zweifeln begegnete. Darum meinte Mac Morlan, daß Glossin, wenn ihm etwas über den Preis, den er zu zahlen versprochen, geboten würde, wohl von dem Kaufe zurückzutreten geneigt sein möchte. Daß Mannering sich zu einem Orte, den er nur einmal, in seinen Jugendjahren und nur auf kurze Zeit gesehen, so kräftig hingezogen fühlte, könnte seltsam erscheinen; aber was da vorgegangen war, hatte seine Phantasie lebhaft ergriffen. Es schien hier ein Verhängnis zu walten, das die merkwürdigsten Begebenheiten in seinem eigenen Hause mit den Schicksalen der Bewohner von Ellangowan verknüpfte, und eine geheimnisvolle Sehnsucht nach jenem Erdhügel, wo er in den Sternen ein Ereignis gelesen, das an dem Erben des unglücklichen Hauses so wunderbar erfüllt worden und mit einem Unfall in seinem eigenen Hause so merkwürdig zusammentraf, verließ ihn nicht. Daß es ihm empfindlich war, seine Absicht durch einen Menschen wie Glossin vereitelt zu sehen, daß sich sein Stolz mit der Phantasie zusammentat und beides ihn in dem Entschlusse, das Landgut noch an sich zu bringen, befestigte, wird niemand wundern. Man wäre jedoch ungerecht, wenn man dem Wunsche, der unglücklichen Lucy nützlich zu werden, keinen Teil an seinem Entschlusse zubilligte. Die Vorteile, die seiner Tochter aus dem Umgange mit ihr erwachsen konnten, waren ihm nicht entgangen, traute er ihr doch Klugheit und Verstand zu, und seine Achtung vor ihr war, seit ihm Mac Morlan unter dem Siegel der Verschwiegenheit erzählt hatte, wie sie sich gegen Hazlewood benommen, bedeutend gestiegen. Hätte sie sich von der Heimat und den wenigen Menschen, die sie Freunde nannte, auf immer trennen sollen, wäre ihr der Entschluß vielleicht weniger leicht gefallen; aber in Woodbourne nur eine Zeitlang als Gast in Juliens Gesellschaft zu leben, nahm sie gern an, zumal ihr feines Empfinden ihr sagte, daß Mannering, so zart er es auch verschleiern wollte, sich doch vor allem durch seine Großmut, ihr zu helfen, zu dem Vorschlage leiten ließ. Dazu kam noch, daß sie von jener Verwandten, an die sie sich gewandt hatte, einen sehr kaltherzigen Brief bekam. Es war zwar eine kleine Summe beigefügt, aber mit dem ernsten Rate, recht sparsam zu leben und bei ruhigen Leuten in Kippletringan, oder in der Nachbarschaft, Unterkunft zu suchen. Dabei hatte die Verwandte zu Lebzeiten von Lucys Mutter fast drei Jahre in Ellangowan gelebt und erst, als ihr ein jährliches Einkommen von 100 Pfund Sterling durch Erbschaft zugefallen war, das gastfreundliche Haus verlassen, wo sie sonst bis zum Tode des Eigentümers ein Obdach gefunden hätte; aber nach ruhiger Ueberlegung begnügte sich Lucy mit der Antwort, sie wolle die paar Pfund nur als Darlehen annehmen und so bald wie möglich zurückerstatten, ersuchte aber ihre Verwandte um Rat, wie sie sich der Einladung des Obersten Mannering gegenüber verhalten sollte. Auf diese Frage kam die Antwort mit umgehender Post, so ängstlich war es der alten Dame darum zu tun, die Base versorgt und sich aller weitern Verbindlichkeiten enthoben zu sehen. Wollte also Lucy nicht ihrem bisherigen Beschützer, der zu freigebig war, als daß er hätte reich sein können, noch länger beschwerlich fallen, so blieb ihr keine andere Wahl als den Vorschlag des Obersten anzunehmen, denn so, wie die eine ihrer Verwandten, verhielten sich alle. Sampsons Los wäre nicht minder traurig gewesen, wenn nicht Mannering, der für menschliche Absonderlichkeiten immer eingenommen gewesen, und der von Mac Morlan erfahren hatte, wie brav der wackre Mensch an der Tochter seines alten Gönners gehandelt, denselben gebeten hätte, Sampson mitzuteilen, daß er ihn recht nötig brauche für die Verwaltung der Büchersammlung, die er von seinem Oheim, dem Bischof, geerbt habe und zur See nach Schottland bringen lasse; auch seien manche Handschriften zu kopieren, Register anzulegen usw. »Bestimmen Sie seinen Gehalt nach Ihrem Gutdünken!« schloß der Oberst; »aber besorgen Sie dem braven Mann einen anständigen Anzug und lassen Sie ihn zusammen mit dem Fräulein nach Woodbourne kommen.« Mac Morlan empfing diesen Auftrag mit lebhafter Freude; es machte ihm aber manches Kopfzerbrechen, wie er es anstellen solle, den alten Mann neu zu kleiden, so notwendig dies auch schon lange war. Ihm das Geld dazu auszuhändigen und ihn für die Anschaffung selbst sorgen zu lassen, hätte kaum etwas anderes bedeutet, als ihm Gelegenheit zu geben, sich lächerlich zu machen; denn wenn Sampson einmal an seinem Anzüge Veränderungen vorgenommen hatte, waren dieselben immer so merkwürdiger Natur gewesen, daß ihm die Dorfjugend tagelang nachlief. Ihm aber durch einen Schneider Maß nehmen zu lassen und ihm den neuen Anzug zuzuschicken, hätte er wahrscheinlich, wenn er sich dazu verstand, äußerst ärgerlich aufgenommen. Mac Morlan fragte Lucy um ihren Rat. Sie meinte, wenn sie auch selbst keinen Mannsrock ausbessern oder machen könne, so sei wohl nichts leichter als Sampson mit solchem zu versorgen ... »Mein Vater,« setzte sie hinzu, »ließ, wenn Sampson etwas Neues brauchte, ihm durch einen Dienstboten nachts, wenn er schlief, das alte Kleidungsstück wegnehmen und das neue an die Stelle legen. Daß Sampson solche Veränderung in seiner äußern Tracht je wahrgenommen, sei ihr niemals aufgefallen.« Mac Morlan wandte sich nun an einen Schneider, der es auf sich nahm, Sampson zwei Anzüge, einen schwarzen und einen grauen, ohne vorherige Maßnahme zu fertigen; Mac Morlan verhielt sich nun so, wie Lucys Vater, und machte mit den Beinkleidern den Anfang am ersten Abend, mit der Weste am zweiten die Fortsetzung, und mit dem Rock am dritten den Schluß. Als nun Sampson vollständig verwandelt und zum erstenmal in seinem Leben anständig gekleidet war, glaubte man doch wahrzunehmen, daß ihm eine dunkle Ahnung von einer Handlung in seinem äußern Menschen aufdämmerte; wenigstens sah man, daß er bald auf den Rockärmel, bald auf die Knie guckte und wohl nach Stellen suchte, wo er die mit blauem Zwirn gestopften Risse und aufgehefteten Flicken vermißte; und das ging so lange, bis er sich endlich an den neuen Anzug gewöhnt hatte. Er machte aber bloß die einzige Bemerkung dazu, daß die Luft in Kippletringan so gut sei, daß sie selbst Kleidern zu bekommen scheine, denn sein Rock sehe fast so neu aus, wie an dem Tage, da er ihn zum erstenmal angezogen, als er nämlich die Predigtamtsprüfung abgelegt hätte. Als die Nachricht von Mannerings Anerbieten einer Bibliothekarsstelle in Kippletringan eintraf, warf Sampson zuerst einen besorgten Blick auf Lucy, als sei es auf eine Trennung von ihr abgesehen; sobald aber Mac Morlan ihn durch die Versicherung beruhigt hatte, daß auch sie eine Zeitlang als Gast in Woodbourne wohnen solle, rieb er sich die großen Hände und lachte seit langer Zeit wieder einmal aus vollstem Halse. Nach diesem Ausbruche seines Behagens verhielt er sich aber allen weitern Zurüstungen gegenüber völlig passiv. Zwanzigstes Kapitel. Der Tag im Dezember, an welchem Mannering mit seiner Tochter in Woodbourne erwartet wurde, erschien. Jeder in dem kleinen Kreise sah dem Ereignis mit eigener Besorgnis entgegen. Mac Morlan wünschte sich in der Gunst eines so reichen, bedeutenden Mannes wie Mannering zu befestigen. Es war ihm nicht entgangen, daß Mannering, so großmütig und wohltätig er war, die Schwachheit hatte, seine Wünsche bis aufs kleinste genau erfüllt zu sehen; er hielt deshalb peinliche Umschau, von der Dachstube bis herab zu den Ställen, ob alles in Ordnung sei. Seine Frau tat das gleiche in ihrem engeren Kreise, dem Speisezimmer und der Küche, war aber in ständiger Bange, daß das Mittagessen verderben und ihr guter Ruf als Hauswirtin Schaden erleiden möchte. Selbst Sampson wurde in seiner Gemütsruhe gestört, trat zweimal an das Fenster, das nach der Landstraße hinaussah, und rief zweimal, wie es nur käme, daß die Räder so langsam rollten? Lucy, die ruhigste von allen, hatte von allen die trübsten Gedanken; sollte sie doch nun, auf fremde Wohltätigkeit angewiesen, abhängig von Fremden leben, mit deren Denkungsart, so freundlich sie sich auch bisher gezeigt hatten, sie doch kaum bekannt war. Endlich hörte man den Wagen rollen. Zuerst kam die Dienerschaft und stellte sich im Hausflur zum Empfange auf mit einer Wichtigkeit und Geschäftigkeit, die für Lucy, die weder an Gesellschaft gewöhnt war, noch die Sitten der vornehmen Welt kannte, höchst beunruhigend waren. Mannering, bei wie gewöhnlich die Reise zu Pferde zurückgelegt hatte, trat herein, mit seiner Tochter am Arm. Julie war von Mittelgröße und eine zierliche Gestalt, mit durchdringenden dunklen Augen und tiefschwarzem langgelockten Haare, das gut zu dem lebhaften, klugen Gesichte stand, das ein seltsames Gemisch von Stolz und Scheu, von Humor und Sarkasmus zeigte. Lucys erste Empfindung war: »meine Freundin wird sie nie werden,« als sie das Gesicht aber zum zweitenmal musterte, meinte sie: »vielleicht wird sie es doch!« Julie war bis ans Kinn gegen die rauhe Winterkälte in Pelze vermummt; ihr Vater hatte den Oberrock bis an den Hals zugeknöpft. Er grüßte Frau Mac Morlan, der auch Julie eine kurze Verbeugung machte, die ihr nicht eben schwer fiel und der Mode und dem Anstande gerecht wurde. Mannering führte darauf seine Tochter zu Lucy, die er freundlich, fast mit väterlicher Zuneigung, bei der Hand faßte, und sagte: »Hier, Julie, ist Fräulein Bertram; hoffentlich ist es unserem Freunde gelungen, sie zu einem recht langen Besuche zu bestimmen. Es wird mich sehr freuen, Julie, wenn Du dem Fräulein den Aufenthalt in Woodbourne so angenehm machen kannst, wie ich ihn zu Ellangowan fand, als ich das erstemal im Leben als Fremder in dieses Land kam.« Julie faßte die neue Freundin liebreich bei der Hand, und Mannering wandte sich nun zu Sampson, der seit dem Eintritt des Obersten unaufhörlich Verbeugungen gemacht, die Beine gespreizt und den Rücken gekrümmt hatte, wie ein Automat, der sich so lange dreht, bis er abgestellt wird. Mannering stellte ihn seiner Tochter vor, indem er sie mit strengem Blick ansah; aber es fiel ihm schwer, das Lachen zu verbeißen, das Julie anzustimmen große Lust hatte ... »Mein lieber Freund, Herr Sampson,« hob er an; »er wird meine Bücherei in Ordnung bringen, sobald sie ankommt, und ich rechne darauf, von seiner ausgebreiteten Gelehrsamkeit großen Nutzen zu ziehen.« Julie verlor, als ihr Vater die Stirn runzelte, die Lust zu einem Scherze, der ihr auf den Lippen schwebte, und wandte sich schnell zu Lucy. »Wir haben heute eine starke Tagreise gemacht,« sagte sie ... »Sie nehmen es mir wohl nicht übel, wenn ich mich vor Tische auf ein paar Augenblicke entferne?« Die ganze Gesellschaft zerstreute sich bis auf Sampson, dem es nicht in den Sinn kam, sich zu anderer Zeit, als beim Aufstehen, an- und beim Schlafengehen auszuziehen. Er blieb allein und kaute an einem mathematischen Beweise, bis die Gesellschaft sich wieder versammelte, um sich ins Speisezimmer zu begeben. Gegen Abend suchte Mannering Gelegenheit, mit seiner Tochter allein zu sprechen ... »Nun, gefallen Dir unsere Gäste, Julie?« »O, Fräulein Bertram, ganz gut! Aber dieser seltsame Pfaffe – Lieber Vater, wer kann den ansehen, ohne daß ihm das Lachen ankommt?« »So lange er in meinem Hause wohnt, muß jedermann Ernst in seiner Gegenwart lernen.« »Du mein Himmel, selbst die Lakaien können nicht ernsthaft bleiben.« »So mögen sie meine Livreen ausziehen und sich anderswo vor Lachen ausschütten. Herr Sampson ist ein Mann, den ich wegen seiner Einfalt und seines redlichen Gemüts hochachte.« »O, auch an seiner Freigebigkeit zweifle ich nicht,« rief Julie. »Kann er doch keinen Löffel Suppe zum Munde bringen, ohne allem, was an ihm und um ihn ist, was abzugeben.« »Du bist unverbesserlich, Julie, aber das laß Dir gesagt sein: ich erwarte, daß Du Deinen Witz ihm gegenüber in Schranken hältst und weder ihn noch Fräulein Bertram kränkst, der jede Kränkung, die ihm widerfährt, empfindlicher sein möchte als ihm selbst. Und nun, gute Nacht, meine Tochter, und laß Dir noch gesagt sein, Herr Sampson hat freilich nicht den Grazien geopfert, aber es gibt vieles in der Welt, was weit lachhafter ist als linkisches Betragen oder einfältiger Sinn.« Zwei Tage nachher verließ Mac Morlan mit seiner Frau den Landsitz, dessen Bewohner sich bald eingerichtet hatten. Die beiden Mädchen setzten ihre Beschäftigung gemeinsam fort und amüsierten sich zusammen. Mannering nahm mit Vergnügen wahr, daß Lucy im Französischen und Italienischen gut beschlagen war, was sie Sampson zu verdanken hatte, der sich durch beharrlichen Fleiß, in aller Stille, auch mit den meisten neuern Umgangssprachen bekannt gemacht hatte. Von Musik verstand sie wenig oder nichts, aber Julie nahm es auf sich, sie darin zu unterrichten, wogegen ihr Lucy die Kunst des Reitens beibrachte, sie auch mit Bewegung im Freien vertraut machte. Mannering ließ es sich angelegen sein, ihnen solche Bücher zum Lesen zu geben, die Belehrung mit Unterhaltung verbanden, und da er selbst mit Geist und Geschmack vorlas, gingen die Winterabende angenehm vorüber. Es fand sich auch bald Gesellschaft, wozu mancherlei anlockte. Die meisten Gutsherren aus der Nachbarschaft machten dem Obersten Besuche. Hoch in seiner Gunst stand Charles Hazlewood, der oft bei ihm war, und zwar mit Einwilligung seiner Eltern, die zu meinen schienen, Juliens indische Schätze wären ein Preis, der einiger Mühe schon wert sei. Durch diese Aussicht verblendet, übersahen sie die Gefahr, die sie schon einmal gefürchtet hatten, daß er nämlich seine Neigung der armen Lucy schenken möchte, die nichts auf der Welt besaß als ein hübsches Gesicht, gute Herkunft und ein liebevolles Herz. Mannering war umsichtiger. Er hielt es als Lucys Vormund für Pflicht, den jungen Mann von jeder bindenden Erklärung gegen ein Mädchen so lange zurückzuhalten, bis er mehr vom Leben und von der Welt gesehen und das Alter erreicht hätte, in welchem ihm ein selbständiges Urteil in einer Angelegenheit, die sein Lebensglück so nahe anging, zuzutrauen sei. Während die Aufmerksamkeit der Landhausbewohner solchermaßen in Anspruch genommen wurde, widmete sich Sampson mit allem Eifer der bischöflichen Büchersammlung, die inzwischen von Liverpool angekommen und auf dreißig bis vierzig Karren aus dem nächsten Hafenorte herbeigeschafft worden war. Unbeschreiblich war seine Freude, als er den reichen Inhalt der Kisten auf dem Fußboden erblickte und alles in Reih und Glied aufstellte. Gleich Windmühlenflügeln schwang er die Arme, und seine Lieblingswort »Komisch! komisch!« dröhnte durch das ganze Haus. So viele Bücher, meinte er, hätte er, ausgenommen in der Bibliothek der Hochschule, nie im Leben beisammen gesehen, und berauscht von dem Gedanken, der Verwalter solch herrlichen Schatzes zu sein, kam er sich schier vor wie der Universitäts-Bibliothekar, den er immer für den größten und glücklichsten Menschen auf Erden gehalten. Seine Wonne wurde nicht vermindert, als er die Bände zu mustern und zu sortieren begann ... Manche freilich, wie Gedichte, Schauspiele, geschichtliche Denkwürdigkeiten, warf er verächtlich auf die Seite mit einem: »Bah!« oder gar: »unnützes Zeug«; – aber die meisten und dicksten Bände waren wuchtigerer Tendenz: theologische Werke, Bibel-Erläuterungen, Polyglotten, Kirchenväter, Predigten und andere wissenschaftliche Werke alter und neuer Zeit in den besten und seltensten Ausgaben. Sampson trug alles in ein Verzeichnis ein, das er zierlich und korrekt, wie ein Verliebter ein zärtliches Briefchen, schrieb, und stellte jedes Buch ehrfürchtig auf seinen Platz. Bei allem Eifer rückte aber die Arbeit nur langsam vor; denn oft blieb er mit einem Bande auf der Hälfte der Bücherleiter stehen und las darin, seiner unbequemen Stellung ungeachtet alles um sich her vergessend, bis der Diener ihn am Rockschoße zog und ihm sagte, daß man zu Tische gehe. Dann begab er sich ins Speisezimmer, schlang alles in großen Bissen hinunter, beantwortete mit Ja und Nein aufs Geratewohl jede Frage und eilte, sobald das Tischtuch weggenommen war, zurück ins Bücherzimmer. Einundzwanzigstes Kapitel. Brown war seit seiner Kindheit ein Ball des Schicksals gewesen, aber die Natur hatte sein Gemüt mit jener Kraft begabt, die im Kampfe erstarkt. Eine hohe männliche Gestalt; Züge zwar nicht völlig regelmäßig, aber mit viel Ausdruck von Verstand und Laune, und wenn er sprach, oder in Bewegung geriet, ungemein anziehend. Sein Benehmen verriet den kriegerischen Stand, worin er sich jetzt zu dem Range eines Rittmeisters erhoben hatte, da Mannerings Nachfolger bemüht gewesen war, die Ungerechtigkeit wieder gut zu machen, die Brown von jenem erlitten. Aber dies, sowie seine Befreiung aus der Gefangenschaft fiel in die Zeit nach Mannerings Abreise aus Indien. Brown folgte ihm bald nachher, da sein Regiment nach Europa zurückkehrte. Er erkundigte sich sogleich nach Mannering, und als er erfuhr, daß dieser nach Norden bezogen, folgte er ihm, in der Absicht, seine Bewerbungen um Julie zu erneuern. Er glaubte, Rücksichten gegen ihren Vater nicht nötig zu haben; denn unbekannt mit dem Verdachte, der dem Obersten beigebracht worden, sah er in ihm bloß den aristokratischen Unterdrücker, der seine Amtsgewalt gemißbraucht, um ihn der wohlverdienten Beförderung verlustig zu machen, und ihn zum Zweikampfe gezwungen hatte, bloß weil er kühn genug gewesen war, der schönen Tochter, die ihm ihre Gunst geschenkt und deren Mutter ihn ermunterte, den Hof zu machen. Er wollte von niemand als dem Mädchen selbst – das war sein Entschluß, – eine abschlägige Antwort annehmen. Das harte Unglück, das er erduldet, eine schmerzliche Wunde und Gefangenschaft, die Folge der Beleidigung, die er von ihrem Vater empfangen, gaben ihm, wie er meinte, das Recht, mit diesem Manne wenig Umstände zu machen. Wir wissen, wie weit sein Plan gelungen war, als seine nächtlichen Besuche durch Mervyn entdeckt wurden. Dieses unangenehme Ereignis bewog Brown, das Wirtshaus zu verlassen, wo er unter dem Namen Dawson sich aufhielt, so daß Mannering ihm nicht auf die Spur kommen konnte. Aber keine Schwierigkeit sollte ihn abschrecken, sein Unternehmen auszuführen, so lange Julie ihm noch einen Hoffnungsschimmer ließ. Sie hatte es ihm nicht verbergen können, was sie für ihn empfand, und mit dem Mut eines Paladins raffte er sich auf zu unerschütterlichem Ausharren. Er mag seine Denkungsart und seine Absichten selbst enthüllen, wie er es in einem Briefe an seinen vertrauten Freund, den Rittmeister Delaserre, einen Schweizer, tat. »Lassen Sie mich doch bald etwas von sich hören, lieber Delaserre. Bedenken Sie, daß ich nur durch Ihre gütige Vermittlung von unserm Regiment etwas erfahren kann, und daß ich natürlicherweise dies und das gern von ihm wissen möchte. Nach unserm wackern Freunde, dem Oberstleutnant, frage ich nicht; ich habe ihn gesehen, als ich durch Nottingham reiste, wo er glücklich im Kreise der Seinigen lebt. Welch ein Glück ist's für uns arme Teufel, lieber Delaserre, wenn wir ein Ruheplätzchen finden zwischen Lager und Grab, wenn Krankheiten, Eisen und Blei und die Folgen harter Beschwerden uns nicht frühzeitig hinwegreißen. Sie und ich, Delaserre, beides Fremdlinge – denn was bin ich anders, obgleich ich aus Schottland stamme, da die Engländer mich selbst, wenn ich meine Abkunft beweisen könnte, doch schwerlich für einen Landsmann anerkennen würden – wir dürfen stolz darauf sein, daß wir unsere Beförderung erfochten und mit dem Schwerte gewonnen haben, was uns auf andere Weise infolge unserer Armut nicht beschieden gewesen wäre. »Aber ich denke, Sie haben mich schon lange mit ungeduldiger Neugier fragen wollen, was aus meinem Liebeshandel geworden sei. Ich habe Ihnen erzählt, daß ich es für gut gehalten, mit Dudley, einem jungen englischen Künstler, den ich kennen gelernt habe, eine Fußreise in die Gebirge von Westmoreland zu machen. Mein Gesellschafter ist ein angenehmer Mann; er malt leidlich, zeichnet schön, hat eine vorzügliche Unterhaltungsgabe, spielt vortrefflich die Flöte und ist bei all dem bescheiden und anspruchslos. Als wir nach einigen Tagen von unserer Reise zurückkehrten, erfuhr ich, daß der Feind gespäht hatte. Mervyns Kahn war über den See gekommen, wie der Wirt erzählte, mit dem Junker und seinem Gaste. »Und wie sah er ungefähr aus?« fragte ich. Es sei ein finsterer Mann gewesen, der wie ein Offizier ausgesehen und den man Oberst genannt habe, war die Antwort. Herr Mervyn soll scharf examiniert haben, mein Wirt aber, der Lunte gerochen haben will, beteuert mir, er habe von meinen Streifereien nichts verraten. »Sie werden mir zugeben, daß es unter solchen Umständen für mich das geratenste war, meine Zeche zu begleichen und das Feld zu räumen, wenn ich nicht meinen Wirt ins Vertrauen ziehen wollte, wozu ich aber gar keine Lust verspürte. Zudem kam mir zu Ohren, daß der ehemalige Herr Oberst im Begriff stehe, Schottland zu seinem künftigen Domizil zu erküren und die arme Julie mit sich dorthin zu nehmen. Von den Leuten, die sein Gepäck transportieren, habe ich gehört, daß er beabsichtige, auf einem Landsitze, Woodburne in der Grafschaft C ..., Winterquartiere zu beziehen. Ich vermute, daß er jetzt wohl auf der Hut sein wird, und lasse ihn deshalb in seine Verschanzung retirieren, ohne ihn vorderhand zu beunruhigen ... Dann aber, mein teurer Herr cidevant -Oberst, dem ich zu so großem Danke verpflichtet bin, dürften Sie Anlaß haben, sich auf Ihre Defensive zu rüsten. Fürwahr, mein lieber Delaserre, mir schwant zuweilen, als käme der Geist des Widerspruchs über mich, wenn mich der Eifer, mein Vorhaben auszuführen, übermannt. Mir schwant zuweilen, als sei es gescheiter, wenn ich diesen hochmütigen Herrn dazu zwänge, seine Tochter zur Frau Brown zu machen, gescheiter als wenn ich mich darauf vertröstete, sie einst mit seiner Einwilligung zu nehmen und mit Königs Erlaubnis, Titel, Wappen und Namen Mannerings weiter zu führen, auch wenn ich all sein Moos damit erhielte. Eins nur macht mir dabei Bedenken: Julie ist eine schwärmerische Natur und ist noch sehr jung, und es widerstrebt mir, sie zu einem Schritte zu treiben, den sie in reiferen Jahren vielleicht doch bereuen möchte. Ebensowenig möchte ich den Vorwurf auf mich laden, ihr Glück zertreten zu haben, und mich in die Gefahr setzen, solchen Vorwurf später einmal aus ihrem Munde zu hören; es wäre mir schrecklich, dann Worte zu hören, wie: »Ja, wäre mir Zeit geblieben, mich zu bedenken, mir die Sache zu überlegen, dann hätte ich wohl klüger und richtiger gehandelt!« Vorgekommen sein sollen solche Dinge im lieben Leben, und mögen Wohl täglich vorkommen ... Nein, Delaserre, so etwas soll nicht passieren, wenigstens mir nicht. Gerade dieser Umstand macht mir Sorge, weil mir recht gut bekannt ist, daß ein Mädchen in Juliens Situation von dem Opfer, das sie bringt, keine bestimmte und sichere Vorstellung hat. Erschwerende Umstände kennt sie doch eben nur dem Namen nach, und von Drangsalen des menschlichen Lebens hat sie gar keinen Begriff; wenn sie an Liebe und daran denkt, daß Raum für eine liebendes Paar in der kleinsten Hütte sei, so stellt sie sich unter einer solchen Hütte doch keine andere vor als eine in einem romantischen Lustparke eines hohen Herrn, der wenigstens über zwölftausend Pfund Revenuen zu verfügen hat, denn in andere Situationen sich hineinzudenken, ist für sie ganz ausgeschlossen. Sollte sie sich in einer ärmlichen Schweizerhütte einrichten müssen, von der wir so oft uns unterhalten, und all die Drangsale überstehen müssen, ehe wir solchen Nothafen erreichten, möchte bei ihr vielleicht bald in Erfüllung gehen, was ein anderer Dichter nicht minder schön gesagt, wenn auch einige Töne tiefer: daß Hunger wohl der beste Koch, aber auch das schärfste Gift für die Liebe sei. Kurz und gut: dieser Punkt will scharf überlegt sein. Juliens Schönheit und Zuneigung haben ja unstreitig auf mich einen ewig unauslöschlichen Eindruck gemacht, aber das muß für mich dabei feststehen, daß sie die Lebensvorteile, die sie um meinetwillen eventuell in die Schanze schlagen will, vollauf würdigt, oder würdigen lernt, ehe ich mich damit einverstanden erkläre, daß sie sie in die Schanze schlägt. »Meinen Sie, Delaserre, ich sei zu stolz, zu eingenommen von mir, wenn ich mich in dem Gedanken wiege, daß auch diese Prüfung meinen Wünschen genehm bestanden wird? ...wenn ich meine, daß die paar persönlichen Vorzüge, die ich besitze, im Bunde mit den beschränkten, um nicht zu sagen, dürftigen Mitteln, die mir für die Führung eines Haushalts zur Verfügung stehen, und mit dem Vorsatze, ihrem Glück mein Leben zu weihen, einem solchen Mädchen Entschädigung sein könnten für die großen Opfer, die sie mir bringen soll? Oder wird sie für die Wandlung, die dann in Garderobe, Bedienung, vornehmer Lebensführung, wie man die Möglichkeit, sein Domizil je nach Gefallen, je nach dem Unterhaltungsbedürfnis, das man fühlt, wechseln zu können, nun einmal nennt, oder zu nennen sich gewöhnt hat, ... wird sie für solche durchgreifende Wandlung all ihrer Lebensverhältnisse Ersatz, genügenden Ersatz finden in der Aussicht auf ein sogenanntes Glück? in der Zuversicht inniger Zuneigung? Von ihrem Vater spreche ich nicht: seine guten und schlimmen Eigenschaften stehen in einem so seltsamen Mischungsverhältnis, daß die ersteren von den letzteren sattsam aufgewogen werden, und was Julie als Tochter ungern vermissen möchte, ist mit jenem, was sie als Mädchen, als Weib so innig herbeisehnt, ebenfalls derart verschmolzen, daß mir vorkommen will, als sei die Trennung vom Vater ein Umstand, auf den hier wenig Gewicht gelegt werden kann. Immerhin bin ich guten Mutes, so weit es in solcher Lage möglich ist, ihn aufrecht zu erhalten. Ich habe des Ungemachs und der Beschwerden im Leben zuviel ertragen, als daß ich so verwegen sein könnte, voreilig auf glücklichen Erfolg zu rechnen, aber anderseits wieder zu häufig unverhoffte Hilfe gefunden, als daß ich ohne weiteres mutlos verzagen sollte. Ich wünschte, Sie könnten dieses Land, diese Gegend sehen! Sie würden, wie ich überzeugt bin, Freude an allem haben, was Ihr Auge hier sieht. Mich wenigstens erinnert die ganze Szenerie an die feurigen Schilderungen, die Sie mir von Ihrem Heimatlande entworfen haben. Freilich haben sie für mich auch den Reiz der Neuheit. Von den schottischen Bergen habe ich, obgleich mir gesagt worden, ich sei dort geboren, nur eine sehr unklare Vorstellung. Daß mein jugendliches Gemüt, wenn ich das Auge über die Ebenen von Neuseeland schweifen ließ, eine schreckliche Oede fühlte, dessen erinnere ich mich nur allzu deutlich; ich schließe aber daraus, daß ich solche Empfindung wohl kaum gehabt hätte, wenn mir nicht in meinem früheren Leben Hügel und Felsen vertraut gewesen wären und auf meine kindliche Phantasie nicht einen tiefen Eindruck gemacht und dort hinterlassen hätten. Mir steht noch deutlich vor Augen, wie ich den berühmten Gebirgspaß in Maisur zum ersten Male erstieg, und alle meine Begleiter über die Erhabenheit der Szenerie nur Ehrfurcht und Staunen empfanden, während ich mich, gleich Ihnen, lieber Freund, von einer Art Heimweh beim Anblick der wilden Felsen ergriffen fühlte. Ja, trotzdem ich in Holland meine Erziehung genossen, erscheint mir ein blauer Berg doch immer wie ein Freund, und jeder rauschende Bergstrom gemahnt mich an ein Ammenlied, das mich in Schlaf lullte. Nie haben mich diese Empfindungen so lebhaft ergriffen wie hierzulande, und mir geht nichts mehr zu Herzen, als daß Ihre Pflicht sie hindert, mich zu begleiten auf meinen Touren durch die herrlichen Täler und in die wilden Berge. Mit ein paar Skizzen habe ich es ja versucht, aber etwas Rechtes bringe ich nicht zu stande. Dudley dagegen zeichnet prächtig, so frisch und flott, als ob eine Zaubergewalt ihm die Hand führte. Ich kann mich noch sehr quälen, und mehr als eine Karikatur, als ein abscheuliches Zerrbild von Landschaft wird doch nie auf meinem Zeichenblatt erscheinen. Ich muß mich an meine Flöte halten, denn Musik ist die einzige Muse, die mich in der Wiege mit holdem Blicke angelacht hat. »Wissen Sie denn schon, daß der Oberst Mannering auch Zeichner ist? Wohl kaum, denn vor Untergebenen mit seinen Talenten zu paradieren, ist seine Sache bekanntlich nicht. Aber er zeichnet wirklich sehr nett. Nachdem er mit Julien Mervyn-Hall den Rücken gekehrt, ist Dudley dorthin zitiert worden, um für den Gutsherrn mehrere Skizzen zu vollenden, die Mannering, zufolge seiner schnellen Abreise, unvollendet lassen mußte. Aber vier davon hat er vollständig ausgearbeitet, auch jeder ein paar Verse beigefügt. Saul unter den Propheten? werden Sie unwillkürlich ausrufen. Oberst Mannering zeichnet und dichtet? Nun, fürwahr, dieser Mann muß sich ebensoviel Mühe gegeben haben, sein Licht unter den Scheffel zu stellen, wie andere, es recht leuchten zu lassen. Stolzer und ungeselliger als er, konnte doch kaum jemand sein! und eine größere Abneigung, sich an einer Unterhaltung zu beteiligen, die für die Allgemeinheit interessant zu werden versprach, auch niemand an den Tag legen ... Und nun gar erst seine Vorliebe für dieses Subjekt von Archer, einen Menschen, der doch so tief unter ihm stand! und weshalb? weil er Bruder vom Viscount Archerfield, einem verarmten schottischen Baron, war! ... Wäre dieser Archer nicht an den Blessuren draufgegangen, die er im Gefecht von Caddyboram erhalten, so hätte man vielleicht noch manches erfahren, was über die vielen Widersprüche im Charakter dieses seltsamen Menschen Licht gebracht hätte. Mehr denn einmal wenigstens hat er zu mir geäußert, daß er Dinge wisse, die meine harte Meinung über den Mann recht wohl zu ändern vermöchten ...aber der Tod kam zu schnell über ihn, und wenn er mir, mancherlei Reden nach, solche Genugtuung hat schaffen wollen, so hat ihn der Tod eben zu schnell abgerufen, als daß er es gekonnt hätte. »Ich beabsichtige, bei dem prächtigen Frostwetter noch eine Tour durch dieses schöne Gebirgsland zu machen. Dudley, der ein ebenso flotter Fußgänger ist, wie ich, macht die Tour ein Stück mit. An der Grenze von Cumberland trennen wir uns; Dudley geht nach London zurück, in das dritte Stock eines Hauses, wo er, seiner beliebten Redensart nach, »die rationelle und kommerzielle Seite seines Berufes ausübt.« Einen größeren Abstand als zwischen den beiden Naturen, die jeder Künstler haben muß, sagt er, wenn er nicht verhungern will, läßt sich unter allen Berufen des menschlichen Lebens nicht wieder auffinden. Im Sommer frei und ungebunden wie ein Indianer, genießt man mit vollen Zügen die großartige Schönheit der Natur, während man im Winter und Frühjahr zwischen seinen engen vier Pfählen hockt und dazu verurteilt, sich in die Schnurren und Grillen von Hohlköpfen zu finden, die aber in der Gesellschaft eine Rolle spielen und auf dem Geldsacke sitzen; diese größere Zeit des Jahres kommt sich jeder Künstler vor wie ein Galeerensklave. Ich habe ihm versprochen, Sie mit ihm bekannt zu machen, Delaserre; und bin der unverhohlenen Meinung, daß seine Kunstfertigkeit Sie ebenso erfreuen wird wie ihn die schwärmerische Begeisterung, mit der Sie an Ihrer Heimat, an Ihren Bergriesen und Wasserfällen, hängen. »Ich beabsichtige, wenn wir uns getrennt haben werden, eine Straße einzuschlagen, die, wie man mich berichtet, durch eine wilde Gegend im obern Teile von Cumberland nach Schottland führen soll. Ich will nämlich dem cidevant -Oberst, ehe ich seine Stellung rekognosziere, Zeit lassen, sein Lager aufzuschlagen. Und nun, Lebewohl, teurer Freund! Ich dürfte wohl kaum Gelegenheit finden, noch einmal an Sie zu schreiben, ehe ich Schottland erreiche.« Zweiundzwanzigstes Kapitel. Wir treffen uns mit dem Leser an einem hellen, frostigen Novembermorgen wieder, auf einer offnen Heide, die zum Hintergrunde eine hohe Gebirgskette hat, aus der der Skiddaw und der Saddleback aufragen. Auf einem nur schwach kenntlichen Pfade, – denn er unterscheidet sich von dem dunklen Heideboden nur durch ein helleres Grün und ist eigentlich nur von weitem sichtbar, weil er dem Auge sozusagen gleich verschwindet, wenn ihn der Fuß betreten hat – bewegt sich die Person zu uns heran, mit der sich unsere Erzählung nunmehr zu befassen hat. Eine militärische Erscheinung ist es, mit aufrechter, kühner Haltung, festem Tritt und – von annähernd sechs Fuß Höhe, Größe und Gestalt stehen im wohltuenden Einklange. Aus der schlichten Tracht läßt sich auf keinen Rang schließen: es kann ebensogut ein vornehmer Herr sein, dem es gefällt, auf solche Weise eine Vergnügungstour zu machen, wie eine Person aus niederem Stande, die sich auf eine bescheidene Tracht beschränken muß. Sein Gepäck konnte kaum bescheidener, schlichter sein: ein kleines Bündel mit Leibwäsche über der Schulter, in der Hand einen eichenen Stock und in der Tasche einen Shakespeare-Band: das ist alles, was der Wanderer, den wir dem Leser vorstellen, an »Ausstattung« bei sich führt. Zeit der Handlung, in die wir nunmehr treten, ist jener Morgen, an welchem Brown sich von seinem Freunde Dudley verabschiedet und seine einsame »Tour« durch Schottland angetreten hat. Die erste Stunde legt er in etwas trübsinniger Stimmung zurück, hervorgerufen durch die Einbuße der ihm liebgewordenen Gesellschaft des Freundes, Trübsinn ist aber nicht seine Sache, und er streift ihn auch bald von sich, denn die gesunde Motion und kräftige Wirkung der Morgenluft verträgt sich nicht mit Trübsinn. Jedem Bauern, den er trifft, sagt er freundlich guten Tag oder macht einen Scherz mit ihm; »ein lustiger Patron! daß ihn Gott segnen möge!« klingt's aus jedem Munde, wenn er vorüber ist: jede Dirne guckt der athletischen Gestalt, die zu der freien, schlichten Rede des Fremdlings schön paßt, länger nach, als sich eigentlich schickt. Ein munterer Dachshund, der ständige Kamerad des Wanderers, und mit ihm an Frohsinn wetteifernd, rennt auf der Heide umher und springt, wenn er zurückkehrt, lustig an seinem Herrn in die Höhe, um ihm zu sagen, daß er sich über die Wanderung ebenso freue wie er. Unser großer Sittenprediger Johnson meint ja, daß nichts im Leben über die Lust ginge, schnell in einer Postchaise durch eine schöne Gegend zu fahren und alle Eindrücke gleichsam im Fluge in sich aufzunehmen; wer aber in der Jugend fröhlich gewandert ist, der wird dagegen meinen, daß sich auf solche Weise Wohl ein Geschmack recht bequem und leicht befriedigen lasse, daß aber keine Postfahrt dem Bereiter das prächtige Gefühl schaffen könne, das man mit dem Worte Wanderlust so richtig und glücklich bezeichnet. Was nun insbesondere Brown dazu bestimmt hat, seinen Weg durch die unwirtlichen Gegenden des östlichen Cumberland zu nehmen, ist im Grunde genommen nichts anderes gewesen als der Wunsch, die Ueberreste der berühmten römischen Mauer zu sehen, die sich besonders hier besser erhalten hat als irgendwo anders in England. Browns Erziehung ist keine gründliche gewesen, aber weder die Jahre, die er am Schreibpult gestanden, noch die Zerstreuungen in der Knabenzeit, noch der Geldmangel, unter dem sein Leben eigentlich von Beginn an zu leiden gehabt hat, sind ihm ein Hindernis gewesen, sich auf geistigem Boden zu bilden ...»Ha!« rief er begeistert aus, als er eine Höhe erklommen hatte und jene Ruinen aus dem grauen Altertum vor seinen Augen sich erstrecken sah, »das also ist die römische Mauer! Welch ein Volk müssen doch diese Römer gewesen sein, die selbst am äußersten Ende ihres Weltreiches Bauten ausgeführt haben von einer Größe und Dauerhaftigkeit, daß sie noch Jahrtausende später die Bewunderung der Menschen ernten! Wie wenige Spuren von Arbeiten eines Vauban und Coehorn werden noch vorhanden sein, wenn die Kriegskunst in andere Bahnen gelenkt ist? Aber die alten Römerbauten werden ihr faszinierendes Interesse auch dann noch besitzen! All ihre Bauwerke künden den ernsten, majestätsvollen Charakter ihrer Sprache, im Vergleiche mit welcher all unsere Bauten, all unsere Sprachen nur wie aus Bruchstücken zusammengeflickt erscheinen.« Nach diesem Ergusse geistiger Natur fühlte er menschliche Regungen und lenkte die Schritte nach einer kleinen Schenke am Wege in einem Talgrunde, der von einem Bächlein durchrieselt wurde. Neben dem Hause stand eine mächtige Esche, die Haus und Stall, eigentlich bloß eine Lehmhütte, beschattete. Dort stand ein Gaul, der eben beim Fressen war. Das Aeußere der Schranke sah nicht vielversprechend aus, trotzdem sein Schild einen Bierkrug zeigte, aus dem in einen drunter stehenden Humpen braunes Naß floß, während unter ihm Worte zu lesen oder vielmehr zu entziffern standen, die etwa heißen mochten: Hier wird für Bewirtung und Obdach aufs beste gesorgt. Aber Brown war nicht wählerisch, sondern trat in die Schenke. Was ihm zuerst in die Augen sprang, war die Gestalt eines in weiten Reitrock gehüllten kräftigen Landmannes, dem das im Stalle stehende Pferd gehörte. Er kaute an einigen derben Schnitten gekochten Rindfleischs, während er hin und wieder einen Blick durch das Fenster hinauswarf, um zu sehen, wie es seinem Gaule mundete. Neben seinem Teller stand ein großer Bierkrug, dem er von Zeit zu Zeit tüchtig zusprach. Die Wirtsfrau war mit Backen beschäftigt. Auf einem steinernen Herde, wie sie in dieser Gegend im Gebrauche, brannte Feuer, mitten auf einem Kamin von ungeheuerm Format, an welchem zwei Bänke angebracht waren. Auf der einen von ihnen saß eine Frau von ganz auffallender Leibesgröße, die in einen roten Mantel gehüllt war und eine gekrempte Haube auf dem Kopfe trug. Im übrigen sah sie ganz aus wie eine Kesselflickerin oder ein Bettelweib. Sie hatte eine kurze schwarze Tabakspfeife im Munde und rauchte tüchtig. Brown verlangte etwas zu essen. Die Wirtin wischte mit ihrer mehlbestreuten Schürze die einzige Tischdecke ab, stellte einen Holzteller hin, legte Messer und Gabel daneben und sagte, der Herr möchte es machen wie Herr Dinmont und sich das Fleisch munden lassen. Dabei zeigte sie mit dem Finger auf das Rindfleisch, von welchem sich genannter Herr Dimnont ein paar derbe Schnitten abgesäbelt hatte; dann füllte sie einen Humpen mit Hausbier und stellte ihn neben den Teller. Brown war kein Kostverächter und ließ sich nicht lange nötigen. Eine Weile lang war sein Nachbar noch zu sehr befaßt mit seiner leiblichen Stärkung, als daß er sich um ihn hätte bekümmern können; dann aber taute er doch so weit auf, daß er, wenn Brown zum Bierkruge griff, ihm freundlich zunickte. Als nun aber unser Wanderer sich dabei machte, dem kleinen Wasp, wie sein Hund hieß, eine Portion Fressen zu reichen, schien es dem schottischen Pächter, denn ein solcher war Herr Dinmont, doch nicht mehr gut möglich, seinen Nachbar ohne eine »Ansprache« zu lassen. »Ein netter Dachs, Herr,« begann er, »stellt auf der Jagd gewiß seinen Mann, vorausgesetzt natürlich, daß er dressiert ist; denn auf die Dressur kommt ja doch bei Hunden alles an.« »Allerdings, Herr,« erwiderte Brown, »leider ist es bei ihm in dieser Hinsicht ein wenig versehen worden. Was an meinem Hunde besonders zu schätzen ist, ist seine Eigenschaft, einen guten Gesellschafter abzugeben.« »So? Na, Herr – nehmen Sie es mir aber nicht weiter übel – das ist doch recht schade, Herr, denn an Dressur darf's eben nie fehlen, weder beim Menschen noch beim Tiere ...Ich habe ein halbes Dutzend Dachse zu Hause, und zwei Jagdhunde außerdem, auch noch fünf Windspiele und verschiedene andere Köter. Aber dressiert sind sie alle, erst auf Kaninchen, dann auf Wiesel, letzterhand auf Dachse und Füchse ...meine vierfüßigen Patrone fürchten sich jetzt vor keinem haarigen Bieste mehr.« »Ich glaub's Ihnen schon, daß Sie Ihre Menagerie gut dressiert haben,« erwiderte Brown lächelnd, »aber gibt's denn viel Wild hier?« »Viel Wild?« rief der Pächter, »na, Herr! daß es mehr Hasen in der Gegend gibt, als ich Schafe in meinen Ställen habe, dürfen Sie mir schon glauben; und was die Feld- und Haselhühner angeht, na, so kommen meine Tauben im Taubenschlage auch nicht mit. Aber haben Sie schon 'mal Birkwild gejagt, Herr?« »Nein, habe einen Birkhahn überhaupt noch nicht gesehen, außer einem ausgestopften im Keswicker Museum.« »Na, da haben wir's! Zu merken war's ja an der südlichen Redeweise ... aber daß es so wenig Leute drunten in England gibt, die Lust haben, sich 'mal bei uns einen Birkhahn anzusehen, das ist doch höchst sonderbar! Wissen Sie was? Sie scheinen mir ein recht braver Kerl zu sein, und wenn Sie 'mal bei mir mit vorkommen wollen, in Charleshope, bei Dandy Dinmont ... da sollen Sie nicht bloß einen Birkhahn sehen, sondern auch einen schießen und essen; Herr!« »Nun, das letztere müßte wohl die Hauptsache dabei sein, Herr. Wenn ich 'mal Zeit übrig habe, dann werde ich an Ihre Einladung denken, Herr.« »Wenn Sie Zeit 'mal haben werden? Was soll das heißen, Herr? Sie können ja doch gleich mitkommen, Herr. Wie reisen Sie eigentlich?« »Ich? Zu Fuß, Herr; und wenn der schmucke Gaul im Stalle Ihnen gehört, Herr, dann möchte es für mich wohl nicht eben leicht sein, Schritt mit Ihnen zu halten.« »Das wohl, Sie müßten denn sieben Stunden in einer laufen können ... Aber vor Nacht können Sie noch bis Riccarton kommen und im dortigen Wirtshause Einkehr halten; oder wenn es Ihnen beim Jockey Grieve auf der Heide lieber sein sollte, auch dort, denn der würde Sie sicher gern aufnehmen; ich reite ohnehin bei ihm vorbei und kippe einen bei ihm: da kann ich's ihm ja gleich sagen, daß er auf Sie rechnen solle ... Aber halt, Weib!« wendete er sich an die Wirtin, »wie wär's denn mit Ihrem Gaule? Den könnten Sie doch dem Herrn borgen?« Aber der Wirtsgaul war auf die Weide gelassen worden, und bis man ihn eingefangen hätte, wäre mehr Zeit verloren gegangen, als Herr Dinmont hätte warten wollen ... drum sagte er: »Na, da müssen wir uns eben drein sitzen, Herr! Aber vergessen Sie nicht, morgen bei mir mit vorzukommen; und nun, Frau Wirtin, schnell meine Zeche! Ich muß wacker zureiten, damit ich vor Einbruch der Dunkelheit noch an der Furt bin, denn Ihr wißt doch, bei Euch auf der Heide ist's nicht ganz geheuer.« »Aber, Herr Dinmont! Was fällt Ihnen denn ein? Wie können Sie denn unsere Heide in solchen Mißkredit setzen,« erwiderte die Wirtin, »seit Sawney Culloch vor zwei Jahren in Carlisle gehenkt worden, zusammen mit Rowley Overdees und Jack Penny, ist kein Mensch mehr in unsrer Heide belästigt worden. Wem möchte es in ganz Newcastle einfallen, so etwas zu tun? Wir sind ehrliches Volk hier.« »Na, Wirtin, so lange der Teufel blind ist, mögt Ihr recht haben; aber meines Wissens sieht er noch recht gut! Ich bin fast überall in Galloway und Dumfriesshire, auch in Carlisle und zu Stoneshire auf dem Markte gewesen und hab verteufelt wenig Lust, wieder so nahe zu Hause noch ausgeplündert zu werden; deshalb ist's schon gescheiter, ich mache mich beizeiten auf den Trab.« »So? In Dumfries und Galloway seid Ihr gewesen?« fragte die alte große Frau, die bisher, ohne sich mit einem Worte in die Unterhaltung zu mischen, am Kamine auf der Bank gesessen und ihre Pfeife geraucht hatte. »Allerdings, Frau, und müde genug bin ich von der Tour geworden.« »Dann kennen Sie wohl auch einen Ort mit Namen Ellangowan?« fragte die Alte. »Ellangowan? Das war doch das Bertramsche Familiengut? ... O ja, den Ort kenne ich ganz gut. Ist doch der alte Laird vor etwa vierzehn Tagen gestorben. Hab wenigstens so gehört.« »Gestorben? Laird Bertram?« fragte die Alte und ließ ihre Stummelpfeife vor Schreck zur Erde fallen – dann stand sie auf und trat vom Kamine hinweg ...»Gestorben?« wiederholte sie, »der Laird? Wißt Ihr das bestimmt?« »Ganz bestimmt,« erwiderte Dinmont, »ist doch in der ganzen Grafschaft des Redens davon kein Ende gewesen! Der Sensenmann holte ihn gerade an dem Vormittag, als sein Gut versteigert werden sollte. Infolgedessen wurde die Versteigerung ausgesetzt, und viele Leute hatten den Weg dorthin umsonst gemacht ...Es ging auch die Rede, er sei der letzte des alten Geschlechts, und wohl keinen hat's gegeben, der ihn nicht von Herzen beklagt hätte ...aber was ist dagegen zu machen? Das adelige Blut wird nun einmal in Schottland von Jahr zu Jahr spärlicher.« »Gestorben!« wiederholte die Alte, in welche der Leser wohl schon die alte Bekannte von ihm, mit Namen Meg Merrilies, wiedererkannt haben dürfte ...»Gestorben! Na, das gleicht vieles aus ... Und ohne Erben, sagt Ihr, sei er gestorben?« »Jawohl, Frau,« sagte der Pächter, »und ebendeshalb ist ja doch das Gut und alle Habe unter den Hammer gekommen! Wäre ein Erbe dagewesen, hieß es, so hätt's zu keiner Versteigerung kommen können.« »Versteigert!« rief die Zigeunerin in einem Tone, der sich fast wie ein unartikulierter Schrei anhörte, »wer hat's gewagt, auf Ellangowan zu bieten, der nicht von Bertrams Blute war? ...und wer hat sagen können, daß der schmucke Junker nicht zurückkäme, sein Erbe in Anspruch zu nehmen? ...Wer hat's gewagt, Gut und Schloß Ellangowan an sich zu bringen?« »Ich glaube, Frau, es ist einer von dem Schreibervolk, Glossin mit Namen, glaub' ich.« »Glossin? Gibbin Glossin? Daß mich doch gleich ...! den Wicht hab' ich ja, weiß der Teufel wieviel mal im Korbe getragen, war doch seine Mutter kein Haar vornehmer als ich! Dieser Wicht wagt die Baronie Ellangowan zu kaufen? ... Jesus! ist das eine Welt geworden! viel Gutes hab ich dem Wicht ja nie gewünscht, aber solches Unglück doch, weiß Gott! auch nicht! Der bloße Gedanke verursacht mir Herzspannen!« – Sie schwieg eine Weile, wehrte aber dem Pächter, als er gehen wollte, mit der Hand, da er ihr bei jedem Absatz, den sie in ihrer Rede machte, den Rücken drehte, aber jedesmal wieder gutmütig stehen blieb, wenn er sah, welch regen Anteil sie an seinen Antworten nahm. »Da wird man ja bald weiteres hören und sehen, denn Erd und Meer werden ja nicht länger Ruh und Frieden halten ...Wißt Ihr, ob derselbe Mann noch Sheriff in der Grafschaft ist, der es vor einigen Jahren war?« »Nein, der soll nach Edinburg versetzt worden sein ...aber, meiner Sixen, Frau, jetzt muß ich weg.« Sie folgte ihm zu seinem Pferde, und während er dasselbe sattelte, bestürmte sie ihn in einemfort mit Fragen über den Tod des Laird Bertram und das Schicksal von seiner Tochter, worüber sie aber von dem ehrlichen Manne nicht viel erfahren konnte. »Habt Ihr 'mal einen Ort gesehen, Derncleugh mit Namen, ein knappes halbes Stündchen von Ellangowan?« »O ja, Frau, aber das Nest sieht schlimm aus, alle Hütten sind verfallen, auf keiner mehr sitzt das Dach; ich war mit einem dort, der hindurchritt, um sich den Grund und Boden anzusehen, weil er die Absicht hatte, sich dort anzukaufen.« »Es war einmal eine trauliche Stätte,« sprach die alte Frau vor sich hin, »aber das ist geraume Zeit her ... Habt Ihr vielleicht eine alte Weide dort gesehen, so gut wie umgebrochen, aber noch im Erdreiche wurzelnd und grüne Zweige treibend ... dort hab ich manchen Tag gesessen und gestrickt.« »Mit der alten Frau scheint's nicht richtig zu sein, denn sonst schwatzte sie wohl nicht in einem weg von Weidenbäumen und von Ellangowans .. Na, Frau, jetzt muß ich aber fort, Gott befohlen! Da habt Ihr ein paar Pence, kauft Euch ein halbes Maß Hausbier, aber befaßt Euch nicht soviel mit alten Geschichten, das tut nie gut!« »Schönen Dank, mein Herr! Nun will ich Euch auch einen guten Rat geben, da Ihr mir auf all meine Fragen so bereitwillig geantwortet habt. Aber Ihr dürft nicht fragen, warum ich Euch den Rat gebe. Die Mumps wird gleich wieder da sein, die Tib, die Wirtin, meine ich, und die wird Euch fragen, ob Ihr Euren Weg über die Willies-Heide oder über das Conscowthart-Moor nehmen wollt .. sagt Ihr, was Ihr wollt; bloß nehmt Euch in acht« – setzte sie hinzu, die Stimme senkend, »daß Ihr den Weg nicht reitet, den Ihr ihr sagt.« Der Pächter mußte lächeln, sagte aber, daß er ihren Rat nicht unbeachtet lassen wolle. Während die Zigeunerin beiseite trat, fragte Brown, der dem Gespräch aufmerksam zugehört hatte, ob er sich wirklich nach dem Rate zu richten gedenke ... »Weiter fehlte nichts!« antwortete der Pächter, hell auflachend, »dazu ist mir die alte Hexe denn doch zu schmutzig! Nein, da redete ich doch noch lieber mit der Tib Mumps als mit ihr .. wiewohl ihr auch nicht über den Weg zu trauen ist, und wenn Ihr meinem Rate folgen wollt, dann bleibt in dem Hause hier nicht über Nacht!« Im andern Augenblick erschien die Wirtin mit dem Abschiedskruge, dem eifrig zugesprochen wurde. Sie fragte, wie die Meg gesagt, ob der Pächter über die Höhe oder durchs Moor reiten wolle; er sagte, durchs Moor, grüßte Brown aufs freundlichste, sagte nochmals, daß er drauf rechne, ihn spätestens morgen in Charlieshope zu sehen, und ritt dann im schnellsten Trabe von dannen. Dreiundzwanzigstes Kapitel. Brown zahlte kurz darauf gleichfalls seine Zeche, denn er war willens, dem Rate des Pächters gemäß zu handeln. Ehe er aber den Fuß aus der Stube setzte, konnte er nicht umhin, die Zigeunerin nochmals zu mustern: sie war wirklich dieselbe Hexe, die wir vor so vielen Jahren zum ersten Male in Ellangowan getroffen. Freilich hatte die Zeit ihre Rabenlocken grau gefärbt und ihrem wilden Gesicht die Runzeln nicht erspart; aber die hohe Gestalt hatte sie noch immer, wie damals, und an Elastizität hatte sie auch noch nichts eingebüßt. Sie stand am Fenster, mit leicht rückwärts geneigtem Kopfe, so daß die große Haube, die sie trug, ihre Augen nicht behindern konnte, den Wanderer genau zu betrachten. Es war, wie wenn sie durch jede Gebärde, die er machte, durch jeden Klang seiner Stimme auf das tiefste ergriffen würde. Aber auch er war nicht weniger seltsam berührt von der Wahrnehmung, daß er den Blick gleichfalls nicht ohne eine seltsame Erschütterung aus diese alte Frau richten konnte ... »Ist mir dieses Weib im Traum erschienen, oder ruft es mir Gestalten in die Erinnerung, die ich in den Pagoden Indiens gesehen?« So sprach er bei sich selbst; und während die Wirtin das zum Herausgeben auf die ihr von Brown gereichte Guinee notwendige Silbergeld zusammensuchte, sah er plötzlich, daß die Zigeunerin auf ihn zutrat, und fühlte, wie sie ihn bei der Hand nahm. Er war keiner anderen Meinung, als daß sie ihm werde wahrsagen wollen, indessen schienen es andere Gefühle zu sein, die sie jetzt beschäftigten. »Sagen Sie mir, junger Herr, um Gottes willen sagen Sie mir, wie Sie heißen und woher Sie kommen.« »Ich heiße Brown, liebe Mutter, und komme direkt aus Ostindien.« »Aus Ostindien!« wiederholte sie, dann ließ sie seufzend seine Hand fallen ...»so kann es nicht sein! Nein, dann kann es nicht sein! Aber ich bin nun einmal solche Närrin geworden, daß mir alles, was ich sehe, als dasjenige vorkommt, was ich gern sehen möchte. Aber Ostindien! Nein, nein, dann kann's nicht der Fall sein! Nun, seien Sie, wer sie wollen, junger Herr, aber Sie haben ein Gesicht und eine Stimme, die meinen Geist in alte Zeiten zurückversetzt ...Gott befohlen, junger Herr! Beeilen Sie Ihre Weiterreise; und sollten Sie ja einmal Leuten von unserer Rasse begegnen, dann mischen Sie sich in nichts, was sich Ihren Augen zeigt, und Sie werden unbehelligt bleiben.« Brown hatte mittlerweile sein einzelnes Geld bekommen und drückte der Zigeunerin einen Schilling in die Hand; dann sagte er der Wirtin guten Tag und schlug denselben Weg ein, wie der Pächter, und schritt rüstig vorwärts, den frischen Hufspuren entlang, die das Roß des andern ins Erdreich gedrückt. Meg Merrilies sah ihm eine Zeitlang nach; dann murmelte sie vor sich hin: »Ich muß den Burschen wiedersehen – und kann auch nach Ellangowan zurückgehen. Der Laird ist tot, wohlan! Tod begleicht Schulden – und einstens war er ja auch ein freundlicher Mann. – Der Sheriff ist versetzt; also kann ich mich wieder dort aufhalten – ohne zu riskieren, daß ich wieder eingesperrt werde. – Ja, das schöne Ellangowan muß ich noch einmal sehen, eh' ich sterbe.« Brown schritt inzwischen gen Norden über die Moorgegend, die als die wüste Heide von Cumberland bekannt ist. Der Weg führte ihn an einem einsamen Haus vorüber, wohin auch, nach den Fußstapfen des Rosses zu schließen, der Reiter sich begeben zu haben schien. Ein Stück weiter schien er wieder auf die Landstraße zurückgekehrt zu sein. »Mir wär' es schon recht,« dachte Brown, »der Pächter hätte hier auf mich gewartet, daß ich ihm einige Fragen über den Weg vorlegen könnte, der mit jedem Schritte wilder zu werden scheint.« Wirklich hatte die Natur, gleich als hätte sie diesen Landstrich zum Grenzwall zwischen zwei feindlichen Völkern machen wollen, demselben einen wilden, öden Charakter gegeben. Die Hügel sind hier weder hoch noch felsig, sondern das Land besteht nur aus Heide und Sumpf; und Wohnstätten, ärmlich und elend, finden sich nur in weiten Zwischenräumen. In ihrer unmittelbaren Nähe zeigt sich im allgemeinen etwas Anbau; aber einige halbausgewachsene, an den Hinterfüßen zusammengebundene Füllen lassen erkennen, daß hier der Hauptnahrungszweig die Pferdezucht ist. Die Leute sind von roherm Schlage, als sonst in Cumberland, was zumeist wohl von ihrer Vermischung mit Landstreichern und Verbrechern herrühren mag, die in dieser wilden Gegend Zuflucht vor der Gerechtigkeit suchen. Brown hatte von ihrer Unsicherheit wohl mancherlei schon gehört, und sein Argwohn war nach dem Gespräche zwischen der Wirtin, Dinmont und der Zigeunerin durchaus nicht geschwunden; aber er war von Natur furchtlosen Gemüts, hatte nichts bei sich, was einen Räuber locken konnte, und hoffte zudem, noch vor Einbruch der Nacht durch die Heide zu kommen. Hierin aber sollte er sich getäuscht sehen. Der Weg zog sich über Erwarten in die Länge; und der Horizont begann sich zu verfinstern, gerade als Brown ein ausgedehntes Stück Moorland betrat. Der Weg führte nun auf einem Pfade hin, der bald zwischen zwei Wänden von lockerer Moorerde hinlief, bald durch schmale, aber tiefe Gräben gekreuzt wurde, die mit Schlamm und Wasser gefüllt waren; ebenso bildeten Haufen von Sand und Steinen, die von Quellen und Gießbächen, die von den muß den Burschen wiedersehen – und kann auch nach Ellangowan zurückgehen. Der Laird ist tot, wohlan! Tod begleicht Schulden – und einstens war er ja auch ein freundlicher Mann. – Der Sheriff ist versetzt; also kann ich mich wieder dort aufhalten – ohne zu riskieren, daß ich wieder eingesperrt werde. – Ja, das schöne Ellangowan muß ich noch einmal sehen, eh' ich sterbe.« Brown schritt inzwischen gen Norden über die Moorgegend, die als die wüste Heide von Cumberland bekannt ist. Der Weg führte ihn an einem einsamen Haus vorüber, wohin auch, nach den Fußstapfen des Rosses zu schließen, der Reiter sich begeben zu haben schien. Ein Stück weiter schien er wieder auf die Landstraße zurückgekehrt zu sein. »Mir wär' es schon recht,« dachte Brown, »der Pächter hätte hier auf mich gewartet, daß ich ihm einige Fragen über den Weg vorlegen könnte, der mit jedem Schritte wilder zu werden scheint.« Wirklich hatte die Natur, gleich als hätte sie diesen Landstrich zum Grenzwall zwischen zwei feindlichen Völkern machen wollen, demselben einen wilden, öden Charakter gegeben. Die Hügel sind hier weder hoch noch felsig, sondern das Land besteht nur aus Heide und Sumpf; und Wohnstätten, ärmlich und elend, finden sich nur in weiten Zwischenräumen. In ihrer unmittelbaren Nähe zeigt sich im allgemeinen etwas Anbau; aber einige halbausgewachsene, an den Hinterfüßen zusammengebundene Füllen lassen erkennen, daß hier der Hauptnahrungszweig die Pferdezucht ist. Die Leute sind von roherm Schlage, als sonst in Cumberland, was zumeist wohl von ihrer Vermischung mit Landstreichern und Verbrechern herrühren mag, die in dieser wilden Gegend Zuflucht vor der Gerechtigkeit suchen. Brown hatte von ihrer Unsicherheit wohl mancherlei schon gehört, und sein Argwohn war nach dem Gespräche zwischen der Wirtin, Dinmont und der Zigeunerin durchaus nicht geschwunden; aber er war von Natur furchtlosen Gemüts, hatte nichts bei sich, was einen Räuber locken konnte, und hoffte zudem, noch vor Einbruch der Nacht durch die Heide zu kommen. Hierin aber sollte er sich getäuscht sehen. Der Weg zog sich über Erwarten in die Länge; und der Horizont begann sich zu verfinstern, gerade als Brown ein ausgedehntes Stück Moorland betrat. Der Weg führte nun auf einem Pfade hin, der bald zwischen zwei Wänden von lockerer Moorerde hinlief, bald durch schmale, aber tiefe Gräben gekreuzt wurde, die mit Schlamm und Wasser gefüllt waren; ebenso bildeten Haufen von Sand und Steinen, die von Quellen und Gießbächen, die von den »Hoffentlich nicht gefährlich verwundet, Herr?« »O, hat nicht viel auf sich – mein Kopf verträgt schon einen Puff – obwohl ich den Schuften nicht dafür danke, wohl aber Ihnen für Ihren Beistand. Doch nun, Landsmann, helfen Sie mir mein Pferd fangen: dann setzen Sie sich hinter mich, denn wir müssen flott darauf los reiten, wenn wir nicht die ganze Zigeunerbande auf den Hals bekommen wollen: weit wird die Sippschaft wohl nicht sein.« Der Klepper ließ sich zum Glück leicht fangen; Brown suchte aber geltend zu machen, daß er die Last nicht tragen möchte. »Hat gar nichts auf sich, Herr,« antwortete der Pächter, »Dumple könnte sechs Mann tragen, wäre sein Rücken nur lang genug – aber um des Himmels willen schnell aufgestiegen! denn ich sehe dort Volk über die Heide gerannt kommen, das wir besser nicht erst abwarten.« Brown sah jetzt auch ein halbes Dutzend Kerle quer über das Moorland rennen, mit denen die anderen Gemeinschaft zu haben, schienen, und dieser Umstand mußte alle Rücksichten aufheben. Er stieg hinter Dinmont auf, und das kleine mutige Tier flog mit den beiden großen Männern auf dem Rücken einher, als wären es sechsjährige Kinder gewesen. Der Pächter, dem die Pfade dieser Wildnis genau bekannt schienen, suchte, unterstützt von dem Instinkte seines Kleppers, der nie verfehlte, die schwierigen Stellen immer genau an dem Flecke und auf die Weise zu überschreiten, wo und wie sie am sichersten zu passieren waren – mit scharfem Blick die sichersten Wege, konnte jedoch trotz aller Vorsicht nicht verhindern, daß sie manchmal die Richtung verloren ... »Wenn wir nun erst Withershins Bruch hinter uns haben,« sagte der unerschrockene Mann zu seinem Gefährten, »dann wird die Straße besser, und wir werden den Kerlen schnell aus dem Gesichte sein.« Withershins Bruch war ein schmaler Kanal, in welchem Schlammwasser träge sickerte, das mit grünen Sumpfpflanzen überdeckt war. Dinmont lenkte sein Pferd nach einer Uebergangsstelle, wo das Wasser auf härterm Boden rascher zu fließen schien; aber Dumple stutzte, senkte den Kopf, wie wenn er den Sumpf genauer in Augenschein nähme, stemmte die Vorderfüße fest vor sich und stand so unbeweglich wie ein steinernes Bild. »Täten wir nicht besser,« sagte Brown, »wenn wir abstiegen und das Pferd seinem Schicksal überließen? Zwingen wird es sich kaum lassen.« »Nein, nein,« entgegnete der Landmann, »meinem Dumple zuwiderhandeln, das gibt's nicht – er hat bessern Verstand als mancher Christenmensch.« Dann wandte er sich zu dem Pferde: »Nun, wohlan, Dumple, such' Dir den Weg selber aus – zeig uns, wo Du hinüber willst.« Dabei liebkoste er sein Tier mit dem Zügel ... . Dumple trabte nun rasch nach einer andern Stelle des Sumpfes, die Brown viel ungünstiger vorkam: Scharfsinn oder Instinkt hatten das Tier aber sicher geführt; es stieg in den Bruch hinein und erreichte ohne Schwierigkeit die entgegengesetzte Uferseite. »Ich bin froh, daß wir aus dem Moorgrunde sind,« sagte Dinmont; »denn da gibt's mehr Ställe für Pferde als Absteigequartiere für Menschen – wir kommen nun auf den Jungfernweg, wo es besser gehen wird.« Schnell erreichten sie nun eine holprige Heerstraße, den letzten Rest einer alten römischen Straße, die diese Wildnis genau in nördlicher Richtung durchschneidet. Hier legten sie in einer Stunde über zwei Meilen zurück, denn Dumple verlangte keine andere Rast, als notwendig war, seinen Paß mit Trab zu vertauschen. Brown meinte, da man nun weit aus dem Bereiche der Schurken sei, wäre es doch wohl geraten, wenn sich der Pächter ein Tuch um den Kopf bände, die Frostluft könnte doch nachteilig auf die Wunde wirken. »Was sollte das nützen?« versetzte der abgehärtete Mann; »am besten ist's, man läßt das Blut auf der Backe gerinnen, – das spart Pflaster, Landsmann. Uebrigens sind wir binnen fünf Minuten in Schottland, und sie kommen nun mit bis Carlieshope; davon geh ich nicht ab. Brown nahm bereitwillig das Anerbieten an. Bei einbrechender Nacht sahen sie einen breiten Fluß, der sich durch eine grüne Landschaft wand. Die Gegend verlor ihren wilden Charakter, und grasige Abhänge senkten sich zu dem Flußufer nieder. Ein einsames, anmutiges Landschaftsbild: keine Einfriedigungen, keine Straßen, wenig Ackerland – so recht eine Gegend, wie ein Patriarch sie zur Weide für seine Herden gewählt haben würde, Hie und da ein verfallener Turm, als Wahrzeichen dafür, daß das Land einst andere Menschen beherbergt hatte als jetzt, Freibeuter nämlich, die in den Kriegen zwischen England und Schottland ihr Wesen trieben. Der Klepper fand wieder die Furt über den Fluß und trabte dann mit schnellerem Schritte etwa eine halbe Stunde am Ufer hin, bis er sich einigen niedern, strohgedeckten Häusern näherte, die mit ihren Ecken so gegeneinander standen, als wollten sie aller Symmetrie Hohn sprechen. Dies waren die Wirtschaftsgebäude von Charlieshope. Mit wütendem Gebell begrüßte die Angekommenen die ganze Hundesippschaft; des Pächters wohlbekannte laute Stimme stellte aber bald Ruhe und Ordnung her; die Schafmelkerin, die eben von ihrer Arbeit kam, öffnete die Pforte, und als sie dieselbe wieder verschlossen hatte, flog sie ins Haus mit dem Rufe: Frau! Frau! der Herr ist da, und noch ein Mann mit ihm.« Der Rappe suchte von selbst seinen Stall, als die Reiter abgestiegen waren, und das frohe Gewieher, womit er sich ankündigte, ward alsbald von seinen Bekannten im Stalle beantwortet. Brown hatte indes Mühe genug, den armen Wasp gegen die Hofhunde zu schützen, die nicht so gastfreundlich wie ihr Herr, große Lust hatten, den eingedrungenen Fremdling zu mißhandeln. Die Hausfrau, ein freundliches, flinkes Weibchen, erschien alsbald und bewillkommte ihren Mann mit herzlicher Freude... »Ei, ei! Väterchen, wie lange Du geblieben bist!« »Es ist ein Wetterweib,« sprach Andrew Dinmont, sich freundlich und mit einem liebevollen Blicke aus ihren Armen lösend. »Liese, siehst Du denn nicht den fremden Herrn?« Die Hausfrau sah sich um, ihre Entschuldigung zu machen... »Ich war so froh, meinen Mann zu sehen, daß – Aber, gütiger Gott! was ist mit Euch beiden vorgegangen?« setzte sie erschrocken hinzu, als sie mit den Männern in die Stube trat und bei dem Scheine der Lampe Dinmonts Wunden und seines Gefährten blutbefleckte Kleider sah ... »Du hast gewiß wieder mit den Pferdehändlern gerauft, Andrew. O Väterchen! Aber ein Ehemann, und ein Mann, der so viele liebe Kinder hat wie Du, sollte besser bedenken, was eines Vaters Leben wert ist ...« Und die Tränen standen der guten Frau in den Augen, als sie diese Worte sprach. »Still, still, Mütterchen!« erwiderte der Mann mit einem herzlichen Schmatze. »Was bedeutet's denn! Der Herr hier kann Dir sagen, wie's gekommen ist. Ich hatte in der Schenke ein Glas Schnaps getrunken, und ritt wieder ins Moor, da sprangen zwei Landstreicher aus einem Torfgraben auf mich zu und schlugen mich nieder; und, beim Himmel, Mutter, wäre dieser ehrliche Mann nicht dazu gekommen, sie hätten mich noch schlimmer zugerichtet und mir wohl mehr Geld genommen, als ich entbehren könnte. Nächst Gott, hast Du's ihm zu danken.« Mit diesen Worten zog er aus der Seitentasche eine große lederne Brieftasche, die er seiner Frau aufzubewahren gab. »Gott segne den Herrn! Ja, das sag' ich vom Herzen. Aber wie können wir es ihm anders danken, als daß wir ihm Herberge und Nahrung geben, was wir auch dem Aermsten nicht versagen; es wäre denn,« – setzte sie hinzu, einen Blick auf die Brieftasche werfend, aber mit einem Benehmen bei diesem Winke, welches das feinste Zartgefühl verriet – »es wäre denn, daß wir auf eine andere Art ...« Brown wußte diesen Ausdruck einer gutmütigen Einfalt und dankbaren Gesinnung, der so unbefangen und zart war, gebührend zu würdigen; aber da er wohl merkte, daß sein Aeußeres, sein zerrissener, blutiger Anzug ihn zu einem Gegenstande des Mitleids zu machen schienen, so zögerte er nicht, zu sagen, daß er Brown heiße, Rittmeister in dem X'schen Dragoner-Regiment sei und, sowohl zu seinem Vergnügen, als aus Sparsamkeit, zu Fuß reise. Darauf erinnerte die freundliche Wirtin, es werde nötig sein, nach ihres Mannes Wunden zu sehen, die dieser von ihm nicht habe untersuchen lassen wollen. Frau Dinmont, die eher daran gewöhnt war, ihren Mann verwundet heimkommen zu sehen, als einen Dragoner-Rittmeister zu bewirten, blickte auf das nicht ganz reine Tischtuch und dachte ein paar Augenblicke an das Abendessen.. Endlich schlug sie ihren Mann auf die Schulter und hieß ihn sich niedersetzen. Er wäre ein Hartkopf, sagte sie, der immer sich und andere in Schlägereien brächte. Dinmont machte erst ein paar Luftsprünge und spottete über die Aengstlichkeit seiner Frau, ehe er sich endlich niedersetzte, um seinen runden, schwarzen, dichtbehaarten Kopf von ihr untersuchen zu lassen. Sie zeigte sich ziemlich sachkundig; denn sie schnitt die blutigen Haare ab, bedeckte die Wunden mit einer Salbe, die man im ganzen Tale für das wirksamste Heilmittel hielt, legte sorgfältig einen Verband darüber, und wie auch der Mann sich sträuben mochte, zog sie ihm eine reinliche Nachtmütze über den Kopf, damit alles gehörig in seiner Lage bliebe. Einige leichte Quetschungen an der Stirn und der Schulter wurden mit Branntwein gewaschen, was der Verwundete nicht eher zuließ, bis die liebe Wundärztin seinen Lippen einen schweren Zoll entrichtet hatte. Als sie fertig war, bot sie auch dem Gaste ihren Beistand an. Brown versicherte, daß er desselben nicht bedürfe, und bat bloß um Waschbecken und Handtuch. »Daran hätte ich schon eher denken sollen,« antwortete sie. »Ich habe auch daran gedacht, aber ich durfte die Tür nicht aufmachen; die Kinder sind draußen, die armen Dinger, sie wollen den Vater gern sehen.« Ein lautes Trommeln und Weinen vor der Tür der kleinen Wohnstube, welche die Mutter sogleich verriegelt hatte, als es laut geworden war, wurde dem Gaste durch diese Worte erklärt. Kaum aber hatte sie die Tür geöffnet, um Waschbecken und Handtuch zu holen, als eine Flut flachsköpfiger Kinder hereinströmte. Einige kamen aus dem Stalle, wo sie den Rappen mit einem Teile ihres Vesperbrotes bewillkommt hatten, andere aus der Küche, wo die alte Hanne Märchen erzählte und Lieder sang; das jüngste war halbnackt aus dem Bette gesprungen, und alle kamen gelaufen, Väterchen zu sehen, und zu hören, was er ihnen mitbrächte von den Jahrmärkten, die er besucht hatte. Der Vater küßte sie alle nach der Reihe, und dann teilte er Pfeifchen, Trompeten und Pfefferkuchen aus; und als endlich der frohe Lärm der Kinder und die Freude des Willkommens zu laut wurde, rief er dem Gaste zu: »Daran ist die Mutter schuld, Herr Rittmeister; sie laßt dem jungen Volke zuviel Willen.« »Lieber Himmel!« sprach Liese, als sie in diesem Augenblicke mit Waschbecken und Handtuch wieder hereintrat, »was kann ich dafür! Ich kann ihnen ja nichts anders geben, den armen Dingern!« Dinmont setzte darauf sein persönliches Ansehen in Geltung und teils schmeichelnd, teils drohend und hinausschiebend, säuberte er die Stube von der wilden Schar; nur ein Knabe und ein Mädchen, die beiden ältesten, wurden geduldet, weil sie, wie der Vater sagte, sich schon manierlich zu benehmen verständen. Aus gleichen Gründen, aber mit weniger Umständen, wurden sämtliche Hunde vertrieben, ausgenommen die ehrwürdigen Patriarchen, der alte »Pfeffer« und der alte »Senf«, die durch mancherlei Züchtigung schließlich so weit gebracht wurden, daß sie dem kleinen Wasp, der bis jetzt unter dem Stuhle seines Herrn Zuflucht gesucht, nach gegenseitigen Auseinandersetzungen, die sie durch bescheidenes Knurren äußerten, ein altes Widderfell mit ihnen zu teilen erlaubten. Die sorgsame Hausfrau hatte indes dem geehrten Gaste ein paar junge Hühner geopfert, die aus Mangel an Zeit nur auf dem Roste gebraten wurden. Ein mächtiges Stück Rindfleisch, Eier, Butter und Gerstenmehl-Kuchen in Fülle, und vortreffliches Bier vom Hausgebräu nebst einer Flasche mit Branntwein gaben ein stattliches Mahl. Schwerlich würde ein Kriegsmann, nach hartem Tagewerk und einem Gefechte obendrein, gegen ein solches Mahl etwas auszusetzen gehabt haben, und auch Brown ließ es sich schmecken. Während die Hausfrau teils half, teils anwies, nahm eine rüstige Magd, deren Wangen beinahe so rot wie ihr Haarwulst waren, das Gedeck hinweg und brachte Zucker und heißes Wasser, das sie über dem Verlangen, einen Rittmeister recht anzusehen, fast vergessen hätte. Brown benutzte diese Pause zu der Frage an seinen Wirt, ob er es nicht bereute, den Wink der Zigeunerin vernachlässigt zu haben. »Je nun, wer weiß, ob's mir was geholfen hätte,« antwortete Dinmont, »Es ist ein Teufelsvolk. Vielleicht wär ich der einen Bande entgangen, und unter die andere geraten. Doch ich will das gerade nicht behaupten, und wenn das Weib nach Charlieshope käme, sollte sie doch eine Flasche Branntwein und ein Pfund Tabak für den ganzen Winter haben. Ja, es ist ein Teufelsvolk, wie mein alter Vater zu sagen pflegte, das eben sein Gutes und sein Böses hat, aber sie sind schlimm, wenn man schlimm mit ihnen umgeht.« Bei diesen und ähnlichen Gesprächen ward der Bierkrug noch einmal gefüllt und die Mischung von Branntwein und Wasser erneuert. Brown lehnte es ab, an diesem Abend länger zu zechen, Unpäßlichkeit und Müdigkeit vorschützend, weil er wohl wußte, daß Dinmont vor der Gefahr, durch Unmäßigkeit seinen Zustand zu verschlimmern, auf andere Weise nicht werde zu bewahren sein. Eine schmale Lagerstätte, aber ein sehr reinliches Bett, nahm den müden Wanderer auf. Wasp leckte seinem Herrn die Hand, und als er stillschweigende Erlaubnis erhalten, legte er sich auf die Bettdecke zu den Füßen des Gebieters nieder, dessen Auge bald ein erquickender Schlummer schloß. Vierundzwanzigstes Kapitel. Die Pächter im südlichen Schottland sind jetzt weit kultivierter, als es ihre Väter waren, und die Sitten, die wir hier schildern, haben sich teils gänzlich verloren, teils sehr verändert. Noch immer zwar findet man die alte ländliche Einfalt, aber allerhand Künste und Fertigkeiten, wovon das frühere Geschlecht nichts wußte, sowohl was die Verbesserung der Grundstücke, als alle Bequemlichkeiten des Lebens angeht, haben jetzt Eingang gefunden. Ihre Häuser sind gemächlicher, ihre Lebensweise ist dem Leben der gesitteten Welt ähnlicher, und in den letzten dreißig Jahren sind auch ernstere Kenntnisse in ihren Tälern einheimisch geworden. Zechen, ehedem ihre Lieblingsunterhaltung, ist fast gar nicht mehr üblich, aber Gastfreundschaft wird nach wie vor mit der alten Herzlichkeit geübt. Als Brown bei Tagesanbruch aufstand, ging er hinaus, die Besitzung seines neuen Freundes in Augenschein zu nehmen. Alle Umgebungen des Hauses waren öde und verwahrlost. Ein armseliger Garten; nirgends Spuren von Anstalten, die Gegend trocken und freundlich zu machen, und gänzlicher Mangel jener Nettigkeit, die in einem englischen Pachthause das Auge so erfreulich anspricht. Man sah jedoch deutlich, daß nur Ungeschmack oder Unwissenheit schuld daran war, nicht aber Armut oder die Nachlässigkeit, die aus ihr entspringt. Ein Stall mit guten Milchkühen, ein anderer mit Mastochsen von der besten Zucht, zwei Gespanne guter Pferde; fleißiges, mit seinem Lohne anscheinend zufriedenes Gesinde, überhaupt ein gewisses Ansehen freigebiger, wenn auch nicht reichlicher Fülle, alles verriet den wohlhabenden Landmann. Das Wohnhaus lag am Ufer des Flusses, an einem sanften Abhange. Zwischen dem Hause und der Weide am Hügel war ein tiefer Sumpf, welcher vor Zeiten eine Feste verteidigt hatte, von der aber keine Ueberreste mehr zu sehen waren. Brown suchte sich mit den Kindern bekannt zu machen, die unter einer breitwipfeligen Eiche spielten, aber sie flohen vor ihm, und nur die beiden Ältesten blieben stehen, als sie eine Strecke weit gelaufen waren, und sahen sich nach ihm um. Brown nahm seinen Weg nach dem Hügel, und als er über einige schmale Schrittsteine durch den Sumpf gekommen war, sah er einen Mann von der Anhöhe kommen, in welchem er alsbald seinen freundlichen Wirt erkannte. Dinmont trug jetzt, statt der Reisejacke, einen grauen gewürfelten Schäfermantel, und eine, mit dem Fell einer Wildkatze eingefaßte Mütze bedeckte bequem seinen verbundenen Kopf. Als Brown ihn aus dem Morgennebel hervortreten sah, bewunderte er die hohe Gestalt des breitschulterigen Mannes, der mit festen Schritten einherging, und Dinmont sah mit nicht geringerm Vergnügen auf den kräftigen jungen Mann, den er bis jetzt noch nicht so genau betrachtet hatte. Nach freundlichen Begrüßungen von beiden Seiten fragte Brown, wie er sich nach dem gestrigen Unfalle fühle. »Fast schon vergessen,« antwortete der Pächter. »Aber jetzt frisch und gesund, denke ich, würden wir beide es wohl mit einem halben Dutzend solcher Mordskerle aufnehmen, wenn wir auch nur einen derben Eichenknüttel hätten.« »Es wäre aber doch gut gewesen, wenn Ihr ein paar Stunden länger ausgeruht hättet, nach einer so schweren Konfusion.« »Konfusion? Nein, lieber Rittmeister, mir macht nichts den Kopf konfus. Seht, ich stürzte einmal auf der Fuchsjagd dort unten von der steilen Höhe hinab, und mir nichts dir nichts war ich wieder auf den Beinen und führte die Hunde auf die Spur. Mich macht nichts konfus, als wenn ich einmal zu tief ins Glas geguckt habe. Ich mußte auch heute ausgehen, um nach den Herden zu sehen. Die Leute sind faul, wenn unsereins weg ist. Da bin ich den Nachbarn begegnet, die heute auf die Fuchsjagd gehen. Wie wär's, hättet Ihr Lust dazu? Ihr könnt den Rappen reiten, ich nehme den Falben.« »Aber, lieber Dinmont, ich werde wohl Abschied nehmen müssen.« »Damit kommt mir nicht! Unter vierzehn Tagen lasse ich Euch nicht fort. Solche Freunde findet man nicht jede Nacht auf dem Moore von Newcastle.« Brown, der nicht die Absicht hatte, seine Reise zu beschleunigen, nahm die herzliche Einladung an und versprach, wenigstens noch acht Tage zu bleiben. Als sie ins Wohnhaus zurückkamen, wartete die Hausfrau mit einem guten Frühstücke. Sie hörte die Nachricht von der bevorstehenden Fuchsjagd zwar nicht gern, aber doch ohne Besorgnis ... »Du bist noch immer der alte!« sprach sie, »nimmst keine Warnung an, bis sie Dich einmal nach Hause tragen müssen.« Nach dem schnell genossenen Frühstück machten sich die Männer auf den Weg. Sie verließen bald das Tal und kamen zwischen ziemlich steile Hügel. Noch hingen trübe Nebel um die Gipfel der Berge, da mit einem Regenschauer Tauwetter eingetreten war; kleine Bäche flossen, wie Silberfäden, von den Abhängen herab. Auf schmalen Pfaden, die längs den Anhöhen liefen, ritt Dinmont furchtlos voran, und so näherten sie sich dem Jagdplatze, wo sich die übrigen Jäger zu Fuß und zu Pferde versammelten. Brown begriff nicht, wie man Füchse jagen wollte, mitten in einer so gebirgigen Gegend, wo die an den Boden gewöhnten Pferde kaum zu gehen vermochten, und der Reiter, von dem schmalen Pfade abweichend, in Sümpfe oder in Abgründe stürzen konnte. Sein Erstaunen stieg, als sie auf den Jagdplatz kamen. Die Reiter waren nach und nach auf eine ansehnliche Höhe gelangt und hielten jetzt auf einem Bergrücken, der über einem tiefen, sehr schmalen Tale hing. Der verfolgte Fuchs hatte zwar weniger freien Spielraum als im offenen Felde, aber die Festigkeit seiner Höhle und die Beschaffenheit der Umgebung gaben ihm dagegen manche Vorteile. Die Wände, die das Tal einfaßten und aus zerrissenen Erdschichten und zerrütteten Felsen bestanden, senkten sich ziemlich steil herab bis zu dem kleinen Flusse, der sich durch die Tiefe wand, und waren nur hie und da mit Strauchholz und Heidekraut bekleidet. Längs dem Rande dieser Schlucht stellten die Jäger zu Pferde und zu Fuße sich auf. Jeder Pächter hatte wenigstens ein Paar große wilde Windhunde bei sich. Der Oberjäger, der von den Bewohnern des Bezirks etwas Mehl und für jeden erlegten Fuchs eine Belohnung erhält, war schon unten in der Schlucht, wo der Widerhall den Jägerruf an die Fuchshunde verdoppelte. Auch waren Dachshunde bereit, mit Einschluß der ganzen Sippschaft von »Pfeffer« und »Senf«, und die Leute am Rande der Schlucht hielten ihre Windhunde an der Koppel, um sie auf den Fuchs loszulassen, sobald ihn die Jäger in der Tiefe aus seiner Höhle aufgejagt hätten. Das Schauspiel war zwar seltsam für einen erfahrenen Weidmann, doch sehr anziehend; die Gestalten auf dem Bergrande schienen auf dem blauen Himmelsgrunde gleichsam in der Luft sich zu bewegen; die Hunde, ungeduldig sich dem Zwange fügend, und gereizt durch das Gebell in der Schlucht, sprangen hin und her und zerrten an den Stricken, womit sie festgehalten wurden. Nicht minder anziehend war ein Blick in die Schlucht. Die dünnen Nebel waren hier noch nicht ganz zerstreut, und oft erblickte man die Bewegungen der Jäger in der Tiefe nur durch diesen trüben Flor. Zuweilen machte ein Windstoß alles sichtbar, und man sah das blaue Bächlein, das sich durch die wilde einsame Schlucht drängte; dann wieder die Schäfer in der Tiefe, wo sie wie Zweige erschienen, munter und furchtlos von einer Klippe zur andern springend, um die Hunde auf die Spur zu leiten. Bald aber wurden sie wieder von Nebeln eingehüllt, und außer dem Jägerruf und dem Hundegebell verriet dann nichts den weitern Verlauf der Jagd; beides hörte sich an, wie Stimmen, die aus den Innern der Erde heraufzusteigen schienen. Als endlich der verfolgte Fuchs, von einer Höhle in die andere gejagt, das Tal verlassen mußte, um eine entferntere Zuflucht zu suchen, ließen die Jäger auf dem Bergrande, die alle Bewegungen des gehetzten Tieres beobachteten, ihre Windhunde los, welche, schneller als der Fuchs und eben so wild und mutig, ihn bald zum Tode brachten. Es wurden vier Füchse an diesem Morgen erlegt, und selbst Brown, der Indiens fürstliche Jagdfeste gesehen und, auf einem Elefanten reitend, den Nabob von Arcot auf einer Tigerjagd begleitet hatte, war sehr zufrieden mit der Unterhaltung. Als die Jagd zu Ende war, gingen die meisten Teilnehmer, nach der gastfreundlichen Landessitte, mit dem Pächter zum Mittagessen nach Charlieshope. Auf dem Heimwege begegnete Brown dem Oberjäger und stellte verschiedene Fragen über die Fuchsjagd; aber er bemerkte alsbald, daß der Mann seinen Blicken auszuweichen suchte und nicht Lust hatte, länger bei ihm zu bleiben und sich mit ihm zu unterhalten, was dem Fremden unerklärlich war. Der Jäger war ein schlanker, rüstiger Kerl, kräftig gebaut, wie es sein kühnes Gewerbe verlangte, aber in seinen Zügen zeigte sich nicht die Offenheit eines fröhlichen Weidmannes; er war stets verlegen und ängstlich und schlug die Augen nieder, wenn jemand ihn scharf ansah. Nach einigen unbedeutenden Worten über das Jagdglück des Tages, gab Brown ihm eine Kleinigkeit und ritt mit seinem Wirte nach dem Pächterhause, wo Frau Liese ihre Gäste erwartete. Die nächsten Tage wurden andern ländlichen Belustigungen gewidmet; ein Lachsfang aber war das wichtigste Fest, das Dinmont seinem Gaste bereitete. Diese Jagd, wobei der Fisch mit Spießen mit Widerhaken oder langschäftigen Dreizacken verfolgt und erlegt wird, ist in der Mündung des Flusses Esk, und an andern lachsreichen Flüssen in Schottland, sehr gewöhnlich. Man wählt meist die Nacht dazu, wo man den Lachs bei Fackelschein oder beim Lichte von Feuerbecken findet, die man mit Dauben von Teertonnen füllt. Einige von der Gesellschaft, die Dinmont zur Jagd versammelt hatte, fuhren in einem gebrechlichen Boote auf dem Flusse, den ein Mühlenwehr verbreiterte und vertiefte. Die übrigen liefen längs dem Ufer, ihre Fackeln und Spieße schwingend, und jagten den Lachs. Bald suchte der Fisch stromaufwärts schwimmend zu entkommen, bald sich unter Baumwurzeln und Steinen vor den Blicken seiner Verfolger zu verbergen. Diejenigen aber, die im Boot saßen, entdeckten dies alsbald, und das Schimmern einer Floßfeder oder das Aufsteigen einer Luftblase war für die geschickten Jäger hinreichend, um ihren Waffen die gehörige Richtung zu geben. Das Schauspiel war für jeden, der daran gewöhnt war, ungemein unterhaltend. Brown aber, der in der Führung eines Spießes keine Uebung hatte, machte nur unglückliche Versuche, die seinen Arm ermüdeten, indem er, statt des Lachses, worauf er zielte, die Felsen des Flußbettes traf. Es tat ihm weh, den Todeskampf der verwundeten Lachse, die blutend im Boote lagen, anzusehen, aber er verbarg Gefühle, die niemand begriffen hätte, und er bat, man möge ihn wieder ans Land setzen. Er bestieg eine Anhöhe, wo er das Schauspiel bequemer genießen konnte. Bald verlor sich der Schein der Lichter in der Ferne und schimmerte matt auf dem Wasser, wie das Licht, das, nach der Sage des Volkes, die Wassernixe aus der Tiefe aufsteigen läßt, um das feuchte Grab ihrer Opfer anzuzeigen; bald näherte sich der Lichtglanz, hell und voll, bis die lodernde Flamme im schnellen Laufe Ufer, Felsen und Bäume in Sicht setzte und sie bald mit rötlichem Lichte übergoß, bald, sich entfernend, in Dunkelheit oder matte Dämmerung zurücktreten ließ. Auch die Gestalten im Kahne zeigten sich bei dem Scheine der Lichter am Ufer, wie sie ihre Waffen bald erhoben, bald sich bückten, um den Lachs zu treffen, bald aufrecht standen, rötlich beleuchtet, gleich Erscheinungen aus der Unterwelt. Endlich kehrte Brown langsam zu dem Pächterhause zurück und stand zuweilen still, um den bei dem Fange beschäftigten Männern zuzusehen. Gewöhnlich sind zwei bis drei beisammen: der eine hält die Fackel, während die andern die Spieße bereit halten, ihre Beute zu treffen. Als unser Wanderer bemerkte, daß ein Mann mit einem schweren, bereits durchbohrten Lachs kämpfte und sich vergebens anstrengte, ihn aus dem Wasser zu ziehen, ging er näher ans Ufer, um den Erfolg Zu sehen. Der Mann, welcher die Fackel hielt, war der Oberjäger, dessen mürrisches Wesen Brown schon mit Verwunderung bemerkt hatte. »Hierher, lieber Herr! hierher! Seht einmal das mächtige Tier!« riefen die Fischer ihm zu, als sie ihn erblickten. »Frisch darauf los! haltet ihn nieder! Habt Ihr denn gar kein Mark in den Knochen?« riefen, ermunternd und verweisend, die Jäger vom Ufer dem Manne zu, der bis an den Gürtel zwischen Eisschollen im Wasser stand und gegen die Kraft des Fisches und die Gewalt des Stromes kämpfte, ungewiß, wie er seine Beute sichern sollte. »Haltet Eure Fackel, hoch, Jäger!« rief Brown, sich nähernd, indem er bei dem hellen Lichtglanze das finstere Gesicht des Mannes erkannte. Kaum aber hatte der Jäger Browns Stimme vernommen, als er die Fackel, statt sie zu erheben, scheinbar zufällig ins Wasser fallen ließ. »Den Gabriel plagt der Teufel!« rief der Fischer, als das brennende Holz, halb lodernd, halb glänzend, oder bald erlöschend, den Strom hinabschwamm, »Verdammt! ich kann ihn nicht bezwingen ohne Licht, und einen herrlicheren Lachs hat man noch nicht gefangen.« Einige Männer sprangen ins Wasser, dem Fischer beizustehen, und der Lachs wurde glücklich ans Ufer gezogen. Brown war nicht wenig erstaunt über das seltsame Benehmen des Jägers. Er konnte sich nicht erinnern, ihn je gesehen zu haben, und begriff nicht, warum der Mann, wie es offenbar der Fall war, seinen Blicken auswich. War er etwa einer von den Räubern aus der Heide? Die Vermutung war gar nicht unwahrscheinlich, obgleich Brown keineswegs irgend eine Bemerkung gemacht hatte, die ihm Grund dazu geben konnte; aber die Räuber hatten ja die Hüte so tief ins Gesicht gedrückt, waren in weite Kleider gehüllt, und hatten in ihrer Gestalt keine auffälligen Unterschiede aufgewiesen. Er nahm sich vor, am nächsten Morgen mit seinem Wirte darüber zu sprechen. Mit reicher Beute beladen, zogen die Fischer heim. Die besten Lachse wurden für die Pächter ausgelesen, die bei dem Fange zugegen gewesen waren, die übrigen aber unter die Schäfer, Häusler und Hörigen verteilt, die sie in ihren Hütten räucherten, um sie als köstliche Zugabe zu ihrer gewöhnlichen Winterspeise, Kartoffeln mit Zwiebeln, aufzubewahren. Dinmont ließ indes Bier und Branntwein unter die Leute verteilen und ein paar Fische zum Abendessen für sie kochen. Als sie in der großen, rauchigen Küche bei dem Mahle saßen, trat Brown mit seinem Wirte herein. Alle waren guter Dinge, bei Scherz und frohem Gelächter. Brown suchte überall das finstere Gesicht des Fuchsjägers, aber der Mann war nirgends zu sehen. Endlich wagte er eine Frage. Der Schäfer, der mit dem großen Lachse sich geplagt hatte, war der Meinung, der Jäger habe die Fackel absichtlich ins Wasser fallen lassen... »Er kann's nicht leiden,« sprach er, »wenn jemand eine Sache besser macht als er.« – »Er mag sich wohl selbst schämen,« sprach ein anderer, »sonst würde er hier nicht fehlen.« »Ist er hier aus der Gegend gebürtig?« fragte Brown. »Nein, er ist noch nicht lange im Dorfe, aber ein guter Jäger. Ich glaube, er ist in Dumfries zu Hause.« Brown fragte nach dem Namen des Mannes... »Gabriel,« war die Antwort; aber den Zunamen wußte niemand anzugeben, da zu jener Zeit noch häufig Leute sich zu einem andern Stamme gesellten, dessen Namen sie sich dann beilegten, Geschlechtsnamen daher weniger üblich waren, und besonders Leute aus der geringern Volksklasse sind gewöhnlich nur durch Beinamen, die von einer Beschäftigung, einem Gewerbe, oder einer persönlichen Auszeichnung entlehnt wurden, unterschieden. So hieß der mürrische Mann nur »Fuchs-Gabriel«, oder »Jäger-Gabriel«. Brown ging darauf mit Dinmont in die Wohnstube, und der Abend wurde, wie immer, fröhlich zugebracht; doch würde die muntere Zechlust der Männer heute wohl die Grenzen überschritten haben, wenn nicht auch glücklicherweise mehrere Pächtersfrauen aus der Nachbarschaft nach Charlieshope gekommen wären, um die Freude des merkwürdigen Tages zu teilen. Als der Punschnapf so oft gefüllt wurde, daß sie besorgt sein mußten, man werde ihre holde Gegenwart gänzlich vergessen, zogen sie, von der Hausfrau geführt, mutig zu den fröhlichen Zechern herein. Der Fiedler und der Pfeifer folgten dem Zuge, und die übrigen Stunden der Nacht vergingen unter lustigen Tänzen. Am nächsten Tage war eine Otterjagd, und tags darauf eine Dachshatz ... Hoffentlich sinkt unsrer Wanderer nicht in der Meinung des Lesers, wäre er auch ein noch so eifriger Weidmann, wenn ich ihm erzähle, daß Brown bei der letzten Gelegenheit, als der junge »Pfeffer« einen Vorderfuß verloren hatte und »Senf«, der zweite, beinahe erwürgt worden wäre, es sich von seinem Wirt als besondere Gunst ausbat, den armen Dachs, nach einer so tapfern Gegenwehr, ohne weitere Störung in seine Höhle gehen zu lassen. Dinmont, der ein solches Gesuch, wenn es von sonst jemand gekommen wäre, mit der größten Verachtung aufgenommen hätte, begnügte sich, gegen Brown sein höchstes Erstaunen auszudrücken. »Ja, das ist seltsam von Euch!« sprach er. »Aber weil Ihr seine Partei nehmt, so soll der Teufel den Hund holen, der ihn wieder anpackt, so lang' ich lebe. Ja, wir wollen ihn sogar zeichnen und ihn »Rittmeisters Dachs« nennen. Es ist mir lieb, daß ich Euch etwas zu Gefallen tun kann. Aber – Gott sei uns gnädig! wie kann man sich um einen Dachs bekümmern!« Eine ganze Woche hatte Brown mit ähnlichen Vergnügungen unter dem Dache seines freundlichen Wirts zugebracht, als er endlich Abschied nahm. Die Kinder, deren Liebling er geworden war, weinten in vollem Chore, als die Trennungstunde kam, und er mußte ihnen wohl zwanzigmal versprechen, daß er bald wiederkehren und ihnen dann alle Lieblingsliedchen auf seiner Flöte so lange vorspielen wollte, bis sie alles auswendig wüßten. »Komm wieder, Rittmeister,« sprach ein kecker, kleiner Junge, »und Jenny soll Deine Frau werden.« Jenny, ungefähr elf Jahre alt, lief weg und verbarg sich hinter der Mutter. »Rittmeister, komm wieder!« sprach ein dralles, sechsjähriges Mädchen und hielt ihren Mund zum Küssen hin, »ich will Deine Frau sein.« Der Abschied wurde ihm schwer. Auch die gute Hausfrau bot dem scheidenden Gaste die Wange mit ehrbarer Sittsamkeit und der freundlichen Einfalt der alten Zeit ...»Es ist wenig, was unsereins tun kann,« sprach sie, »sehr wenig, doch wenn nur etwas wäre, das –« »Liebe Frau Dinmont,« fiel Brown ein, »ich will so dreist sein, eine Bitte zu tun. Wollt Ihr so gut sein, mir einen grauen Mantel zu weben, wie Väterchen hat?« Er hatte die Sprache und die Empfindungen der Bewohner während seines Aufenthaltes in der Gegend gelernt, und konnte wohl ahnen, wieviel Freude seine Bitte machen würde. »Den sollt Ihr haben,« antwortete die Frau mit freudestrahlendem Auge, »oder es müßte kein Faden Wolle mehr im Lande sein, und so gut, als je einer gemacht wurde. Ich will mit dem Weber sprechen, morgen am Tage. Lebt wohl, lieber Herr! Seid selbst so glücklich, als Ihr's irgend jemand wünscht, und das mag ein guter Wunsch für manche Leute sein.« Unser Wanderer ließ seinen treuen Begleiter, den kleinen »Wasp«, als Gast in Charlieshope zurück, da er voraussah, daß der Hund ein lästiger Gesellschafter sein werde in einer Lage, die ihm Heimlichkeit auferlegte. Der älteste Knabe übernahm es, für den Dachshund zu sorgen, und versprach – mit den Worten eines alten Liedchens – das Tier sollte »Ein bißchen vom Brote, ein bißchen vom Bett« haben, und nie zu solchen gefährlichen Zeitvertreiben gebraucht werden, wobei »Senf« und »Pfeffer« Verstümmelungen erlitten hatten. Dinmont, ein rüstiger Reiter, wie alle Pächter im ganzen Tale, bestand darauf, Brown müßte die Reise zu Pferde machen. Er wollte ihn bis zur nächsten Stadt in der Grafschaft Dumfries begleiten, wohin das Gepäck vorausgesandt worden war. Unterwegs fragte Brown noch einmal nach dem Fuchsjäger, der ihm immer noch im Sinne lag. Dinmont wußte wenig Auskunft zu geben, da erst während der Zeit, da er die hochländischen Jahrmärkte besucht hatte, der Mann in Dienst gekommen war ... »Es ist ein verdammter Kerl,« setzte er hinzu, »und ich möchte sagen, er hat Zigeunerblut im Leibe. Aber von den Räubern im Moor ist er keiner, darauf könnt Ihr Euch verlassen. Es gibt unter dem Zigeunervolk auch nicht lauter schlechte Leute, und wenn ich das alte, lange, klapperdürre Weib einmal wiedersehe, so gebe ich ihr etwas für Tabak. Ich glaube, sie hat's doch ehrlich mit mir gemeint.« Als der Augenblick der Trennung kam, hielt der gute Pächter lange schweigend die Hand des Gastfreundes, bis er endlich anhob: »Herr Rittmeister, die Wolle steht heuer so gut im Preise, daß ich den ganzen Zins damit habe bezahlen können, und wenn mein Mütterchen ihren neuen Rock und die Kinder ihre Kappen haben, so weiß ich mit dem übrigen Gelde nichts anzufangen. Ich möchte es gern in sichere Hände legen, denn es ist viel zu viel für Zucker und Branntwein. Nun hab' ich gehört, Ihr Herren von der Armee könnt Euch zuweilen für ein Stück Geld einen Schritt höher herauf bringen. Können Euch einmal bei so einer Gelegenheit ein paar hundert Pfund helfen, so ist mir ein Stückchen Papier von Eurer Hand so lieb, als mein Geld. Und Ihr könnt's behalten, so lang Ihr wollt, das wird mir recht lieb sein.« Brown wußte das Zartgefühl, das unter dem Vorwande, eine Gunst zu erbitten, eine Gefälligkeit erzeigen wollte, zu würdigen; er dankte dem wackern Manne herzlich und gab ihm die Versicherung, daß er ohne Bedenken Zuflucht zu ihm nehmen werde, wenn irgend einmal die Umstände es nützlich für ihn machen sollten. Fünfundzwanzigstes Kapitel. Als Brown von dem Pächter Abschied genommen, mietete er eine Postkutsche bis Kippletringan, wo er über die Familie zu Woodbourne Erkundigungen einziehen mußte, bevor er Julien ein Zeichen seiner Nähe geben konnte. Es war ein ziemlich langer Weg. Trotz dem heftigen Schneegestöber ging es doch frisch voran, ohne daß der Fuhrmann irgend eine Bedenklichkeit verriet; als aber die Nacht angebrochen war, stiegen doch Zweifel in ihm auf, ob er auf dem rechten Wege sei. Ein mißlicher Umstand, da der Schnee immer stärker fiel und weit umher auf der endlosen weißen Fläche nirgends ein Weg zu unterscheiden war. Brown stieg aus und sah sich um, ob sich etwa ein Haus entdecken ließe, wo er sich nach dem rechten Wege erkundigen könnte. Aber umsonst; und so blieb nichts übrig, als immer weiter zu fahren. Der Weg ging durch so ausgebreitete Kulturen, daß Brown vermutete, es müsse ein Landgut in der Nähe sein. Endlich hielt der Fuhrmann still. Die Pferde wollten keinen Fuß weiter setzen, versicherte er, aber er sehe Licht zwischen den Bäumen, das aus irgend einem Hause kommen müsse ... Er stieg ab und trabte mit seinen schweren Stiefeln im hohen Schnee, bis endlich Brown ungeduldig aus dem Wagen sprang und dem Fuhrmann befahl, bei den Pferden zu bleiben, während er selbst das Haus suchen wollte, um Erkundigungen einzuziehen ... Unser Wanderer war einige Minuten dem fernschimmernden Lichte nachgegangen, als er in der Hecke ein Brett zum Uebersteigen und einen Fußpfad fand, der in ein gebautes Feld führte. Er ging immer weiter, aber bald verlor sich der helle Schein gänzlich zwischen den Bäumen. Der Pfad, der anfangs breit in das Gehölz zu laufen schien, war jetzt kaum zu unterscheiden, obgleich der Widerschein des Schnees leuchtete. Der Boden senkte sich endlich und wurde ungleich. Brown wollte umkehren, nachdem er mehr als einmal in Gräben und Brüche gestüzt war, die der immer dichter fallende Schnee verbarg. Die letzte Anstrengung wagend, ging er noch einmal voran, und zu seiner großen Freude blickte nun in geringer Entfernung das Licht wieder zwischen den Bäumen hervor und schien mit dem Wege in gleicher Höhe zu sein. Der Boden aber senkte sich immer tiefer, und Brown sah, daß eine tiefe Schlucht zwischen ihm und dem Lichte lag. Als er mit vorsichtigen Schritten dem Abhange folgte, kam er in ein enges, sehr steil abstürzendes Tal, durch das sich ein kleiner Bach wand, dessen Lauf fast ganz durch Schnee gehemmt wurde. Die Trümmer einiger Hütten, deren schwarze Gipfel auf der Schneedecke abstachen, hinderten die Schritte des Wanderers, aber jede Schwierigkeit mutig überwindend, watete er durch den Bach und erreichte nach vielen Fährlichkeiten das jenseitige steile Ufer, bis er endlich vor dem Gebäude stand, aus welchem Licht kam. Bei dem matten Scheine ließ sich das Gebäude nicht genau erkennen, doch schien es viereckig, klein, und sein oberer Teil ganz verfallen zu sein. Der übrig gebliebene Bogen des untern Gewölbes diente dem Gebäude in seinem gegenwärtigen Zustande als Dach. Das Licht kam aus einer langen, schmalen Spalte der Schießscharte, wie man sie gewöhnlich in alten Schlössern findet. Neugierig, das Innere des seltsamen Gebäudes zu sehen, blickte Brown durch die Oeffnung. Wilde Zerstörung! Auf dem Boden brannte ein Feuer! Dicker Rauch durchzog das Gemach, ehe es durch ein in den Gewölbebogen gebrochenes Loch seinen Ausgang suchte. Das qualmende Licht gab den Wänden das wüste Ansehen dreihundertjähriger Trümmer. Einige zerbrochene Kisten und Packe lagen in wilder Unordnung durcheinander. Noch mehr zogen die Bewohner des Gebäudes den Blick unseres Wanderers an. Auf einem Strohlager, das mit einem weißen Tuche bedeckt war, lag eine Gestalt so still und ruhig, daß Brown sie anfangs für eine Leiche hielt, bis ein tiefes schweres Stöhnen ihm verriet, daß sie erst dem Tode nahe war. Eine weibliche Gestalt, in einem langen Mantel, saß auf einem Steine neben dem armseligen Lager; sie stützte die Ellbogen auf ihre Knie, und ihr Gesicht, abgewendet von dem Lichte einer eisernen Lampe, die neben ihr stand, war auf den Sterbenden gerichtet. Sie netzte seine Lippen von Zeit zu Zeit mit einem Getränk und sang dazwischen, tief und eintönig, eines von den Gebeten oder Zaubersprüchen, womit der Aberglaube des gemeinen Volks in einigen Gegenden von Schottland und Nord-England das Scheiden der Seele vom Leibe zu erleichtern wähnt, gleich dem Glockengeläute in der katholischen Zeit. Sie begleitete diese traurigen Töne mit einer langsamen, wiegenden Bewegung ihres Leibes, als ob sie das Zeitmaß des Gesanges dadurch hätte angeben wollen. Die Worte lauteten also: Matt und müde, säumst Du doch, Ringst mit Staub und Erde noch? Aus dem Leibe schwing Dich hoch, Hör' die Messe singen! Wirf von Dir Dein sterblich Kleid; Muttergottes hilft bereit, Heil'ge lindern Dir Dein Leid, Horch! die Glocken klingen. Scheu' nicht Schnee vom Wind gejagt, Regen, Hagel, Sturmesnacht; Wirst in's Sterbkleid bald gebracht Auf Dich fällt des Schlafes Nacht, Wirst kein Licht mehr scheuen. Eile, eile, nicht gesehnt! Erde flieht, die Stunde tönt; Ausgeatmet, ausgesöhnt! Auf zum Himmel schauen! Denn der Tag will grauen. Die Sängerin schwieg, und es antwortete ihr ein dumpfes Stöhnen, das den letzten Todeskampf anzukündigen schien. »Es geht nicht,« – murmelte sie vor sich hin, »die Seele will nicht fort, es liegt zu schwer auf ihr. – Es hält ihn hier fest – Himmel wird ihn nicht mögen, Erde mag ihn nicht hegen. Ich muß schon aufmachen und das Gesicht zum Eingang hin kehren,« sagte sie und stand auf, war aber vorsichtig dabei bedacht, sich nicht umzuschauen, schob behutsam die Riegel von der sorgfältig verschlossenen Tür weg und sprach dabei: »Auf den Riegel – Kampf, vergeh! Komm, du Tod, und Leben, geh! Brown war von seinem Platze weggetreten und stand jetzt vor ihr, als die Tür sich auftat. Das Weib trat einen Schritt zurück und erkannte ihn auf den ersten Blick, als er den Fuß über die Schwelle setzte; aber auf ihr Gesicht trat auch sogleich ein Ausdruck von Verdruß, ja Schreck, während er dasselbe Gefühl wieder hatte, wie sie, denn auch er erkannte in ihr die Zigeunerin wieder, die er bei dem Ueberfall auf Dinmont in dem einsamen Wirtshause gesehen hatte. Er sah sie noch einmal an, und nun nahm er auf ihrem Gesichte, zu seiner nicht geringeren Ueberraschung, einen Zug von Besorgtheit, von Kümmernis wahr, der ihn an die wohlwollende Fee im Märchen erinnerte, die den Fremdling vor dem Eintritt in das gefahrvolle Schloß ihres Gemahls warnt. Dann hob sie, wie zürnend, die Hand und sagte: »Hab' ich es Euch nicht gesagt? Ihr sollt Euch in nichts mengen, was Eure Augen sehen, wenn Ihr unbehelligt bleiben wollt? Nehmt Euch in acht vor Streichen, die man in Händeln davonträgt, die einen nichts angehen! Hier winkt Euch kein sanftes Sterbelager.« Mit diesen Worten griff sie nach der Lampe und ließ ihren Schein auf das rauhe, wilde Gesicht des Sterbenden fallen, der eben den letzten Kampf bestand. Ein Stück Leinwand, das zu seinem Haupte lag, war mit Blut befleckt, und alles verriet, daß er keines natürlichen Todes gestorben war. Brown bebte zurück bei dem gräßlichen Anblick, und zu der Zigeunerin sich wendend, rief er: »Unglückliches Weib! Wer hat das getan?« »Wem es so bestimmt war, es zu tun, der hat's getan, kein anderer!« erwiderte sie, auf das Gesicht des eben verschiedenen Mannes einen festen, forschenden Blick werfend; »er hat einen harten Kampf gekämpft; aber jetzt ist's vorbei. Daß es so kommen werde, habe ich gewußt; daß es nicht schnell mit ihm gehen werde, auch; ich hab's aber gesehen, als Ihr hereintratet, daß ihm das letzte nun bevorstände; es war der Todesstoß ...und nun ist er hinüber!« Da vernahm man in der Ferne Stimmen... »Sie kommen!« sagte die Zigeunerin, »und wenn sie Euch finden, so seid Ihr ein Kind des Todes, und hättet Ihr gleich hundert Leben zu vergeben!« Brown blickte sich unruhig nach einer Waffe in dem Raume der Hütte um, sah aber keine Spur von einer solchen. Daraus eilte er zur Tür, um aus dem Raume zu fliehen, den er für eine Mördergrube hielt; aber Meg Merrilies packte ihn mit beispielloser Kraft am Arme und hielt ihn fest ...»Hierher, hierher!« rief sie leise; »und rührt Euch nicht, gleichviel was Eure Ohren vernehmen. Hier seid Ihr sicher, draußen nicht. Aber ruhig verhalten, und es wird Euch kein Leid geschehen!« Brown erinnerte sich in seiner verzweifelten Lage an den wohlmeinenden Wink, den ihm die Zigeunerin früher gegeben, und meinte, daß er am besten für seine Sicherheit sorgen werde, wenn er sich nach ihren Worten richtete. Er mußte sich der Leiche gegenüber auf ein Strohlager werfen; sie deckte ihn sorgsam zu und warf auch ein paar Säcke noch drüber. Brown aber, um sehen zu können, was vorging, schob behutsam die Strohschicht ein wenig beiseite, so daß eine Art Luke für seine Augen entstand, die ihm ermöglichte, zu beobachten, was um ihn her vorging. Mit unruhigem Herzen wartete er nun den weiteren Verlauf des unheimlichen Abenteuers ab. Unterdes trat die Zigeunerin zu der Leiche zurück, rückte sie zurecht und legte ihr die Arme an die Seiten. Dann setzte sie ihm einen Holzteller mit Salz auf die Brust und ein Licht zu seinen Häupten, ein anderes zu seinen Füßen und steckte sie beide an. Dann stimmte sie ihren Gesang wieder an und wartete den Eintritt der Männer ab, deren Stimmen draußen zu hören waren. Brown war ein tapferer Mann, aber er konnte eine gewisse Angst nicht bezwingen. Was hatte er anders zu gewärtigen, als daß Bösewichter, deren Gewerbe nächtlicher Mord war, ihn aus seinem elenden Versteck zerrten und den Mordstahl auf ihn zückten? Was blieb ihm in seiner hilflosen Lage, ohne Waffen, anders übrig als Bitten, die ihnen ein Spott sein mußten? Was weiter als Geschrei um Hilfe, das niemand hören konnte? Welch andere Bürgschaft für seine Sicherheit hatte er als das Mitleid der Alten, auf die am Ende auch nur geringer Verlaß war? Als der Schein der trüben Lampe auf ihr Gesicht fiel, forschte er in ihren Zügen, ob er dort etwas lesen konnte, das jenem echten Mitleid nahe käme, das Frauenherzen auch in dem Zustande der allertiefsten Gesunkenheit doch nicht vollständig unterdrücken können ... Aber er fand dort keinen Zug von wahrer, milder Menschlichkeit. Die Teilnahme, oder was es sonst war, das sich in dem Herzen dieses alten Weibes für ihn regte, entsprang nicht aus menschlichem Mitleide, sondern aus irgend einer wunderlichen, grillenhaften Verkettung von Empfindungen, die ihm unerklärlich waren. Vielleicht war eine eingebildete oder vermutete Aehnlichkeit dabei mit im Spiele? ähnlich, wie Macbeths Gemahlin meinte, der schlafende König habe Aehnlichkeit mit ihrem Vater ... Diese Gedanken flogen schnell durch Browns Seele, als er den Blick auf dieses seltsame Geschöpf gerichtet hielt. Noch immer aber ließ sich kein Mensch sehen, und fast fühlte er sich versucht, seinen ersten Entschluß, sein Heil in der Flucht zu suchen, in Ausführung zu setzen, die Unschlüssigkeit verwünschend, die ihn in eine Lage gebracht hatte, wo ihm weder Widerstand noch Flucht möglich war. Auch Meg Merrilies schien wachsam zu sein; denn sie lauschte, wie Brown recht gut merkte, auf jeden Ton, der draußen laut wurde. Dann drehte sie sich wieder nach der Leiche herum, um dies und jenes in ihrer Lage zu verändern; dann holte sie einen langen, dunkelfarbigen Schiffermantel aus einem Winkel hervor, den sie als Bahrtuch brauchte, und legte den Kragen desselben so, daß er den blutigen Verband verdeckte, was, wie sie murmelte, der Leiche doch ein besseres Aussehen gäbe. Endlich traten mehrere Männer herein, wild von Aussehen, Gestalt und Kleidung. »Meg, Du Satanskind!« riefen sie statt allen Grußes, »was fällt Dir ein, die Tür offen zu lassen?« »Und hat einer von Euch je gehört, daß eine Tür verriegelt gewesen wäre, wenn jemand dahinter in Todesängsten gelegen? Wie soll die Seele durch Schloß und Riegel fahren?« »Ist er denn tot?« fragte einer, zu dem Sterbelager tretend. »Tot, mausetot!« erwiderte ein anderer; »aber hier ist was von guter Totenwache!« Dabei holte er aus einem Winkel ein Fäßchen mit Branntwein, und Meg Merrilies beeilte sich, Pfeifen und Tabak unter die Männer zu verteilen. Ihre Emsigkeit dabei galt Brown für ein sichres Zeichen daß sie es wirklich gut mit ihm meine; denn ihre Absicht, die wilden Männer zum Zechen zu verleiten, und auf diese Weise seine Entdeckung zu verhindern, war unverkennbar. Brown konnte nun die Männer zählen: es waren ihrer fünf. Zwei von ihnen, starke, rüstige Gestalten, schienen Seemänner zu sein; die drei übrigen, ein Greis und zwei Jungen, alle mit pechschwarzem Haar, gehörten augenscheinlich zu der Zigeunerhorde der Meg Merrilies. Der Schnaps fing an zu kreisen ... »Glückliche Reise!« rief einer von den beiden Seeleuten; »er hat, meiner Treu! eine stürmische Nacht getroffen, um in den Himmel zu steuern.« »Was liegt ihm an Wind und Wetter?« fiel der andere ein; »ihm hat ja so mancher Nordwest um die Nase gepfiffen.« »Aber gestern zum letztenmal!« meinte ein anderer verdrossen; »und nun mag die alte Meg für ihn beten wie schon oft.« »Das tu ich nicht mehr,« sprach Meg, »und auch für euch nicht. Die Zeiten haben sich sehr geändert. Männer waren sonst Männer und fochten miteinander im offenen Felde. Und der Edelmann hatte ein freundliches Herz, ließ den armen Zigeuner nicht mit leerer Hand gehen. Aber ihr haltet auch nicht mehr auf die guten alten Gesetze, und da ist's eben kein Wunder, daß ihr so oft die Ketten scheuern müßt. Nein, ihr eßt von des Landmanns Brote, trinkt aus seinem Fasse, schlaft auf seinem Stroh in der Scheune, reißt ihm's Haus ein und schneidet ihm die Kehle ab für seine Mühe. Es ist Blut an euren Händen, mehr als je beim redlichen Kampfe. Seht zu, wie ihr einst sterben könnt! Es dauerte lange, ehe er starb; er hatte einen harten Kampf; konnt' nicht sterben, noch leben. Aber ihr – das halbe Land wird sehen, wie ihr am dürren Holze hängt.« Ein wildes Gelächter erscholl auf diese Weissagung ... »Und warum bist Du zurückgekommen, alte Hexe,« sprach einer von den Zigeunern. »Konntest Du nicht bleiben, wo Du warst, und den Bauern im Cumberland wahrsagen? Sieh zu, daß Dir niemand auf der Fährte ist!« »So? Sonst war ich wohl gut, als ich euch in dem großen Gefechte mit diesen Händen half,« antwortete Meg, ihre Fäuste erhebend. »Was wäre sonst aus euch geworden, ihr Maulhelden!« Darauf setzte sie sich vor das Lager, wo Brown verborgen war, in einer Stellung, die jeden verhindert hätte, sich dem Versteckten, wenn sie nicht vorher aufgestanden wäre, zu nähern. Niemand aber schien sie stören zu wollen. Die Männer setzten sich ans Feuer und schienen eifrig Rats zu pflegen, sprachen aber so leise und in so wildem Kauderwelsch, daß Brown wenig verstand. Nur so viel erriet er, daß sie ihrem Unwillen gegen jemand Luft machten ... »Er wird schon sein Teil kriegen,« sprach einer und sagte einem Gesellen etwas ins Ohr. »Damit habe ich nichts zu schaffen,« erwiderte dieser. »Seit wann bist Du so hasenherzig geworden, Johnny?« »Nicht mehr als Du, aber es war so etwas, das vor fünfzehn bis zwanzig Jahren den ganzen Handel störte. Hast Du von dem Sprunge gehört?« »Der da,« antwortete der andere, auf den Leichnam deutend, »hat mir davon gesagt. Er lachte recht, wenn er uns zeigte, wie er ihn von dem Felsen geworfen hätte.« »Aber die alte Meg schläft ein?« hob ein anderer an, »Sie wird faselig und fürchtet ihren eigenen Schatten. Gebt acht, sie wird noch aus der Schule schwatzen, wenn ihr nicht scharf aufpaßt.« »Seid davor nicht bange,« fiel der alte Zigeuner ein. »Meg ist redlich, aber sie hat ihre eigenen Launen, und führt oft grillige Reden.« Das Gespräch wurde in so rohem Kauderwelsch fortgesetzt, daß sich selbst aus Winken und Gebärden sein Inhalt nicht mehr erraten ließ. Als endlich einer der Männer bemerkte, daß Meg fest eingeschlafen war oder zu sein schien, befahl er einem der beiden Jungen, den schwarzen Peter hereinzubringen. Der Junge ging hinaus und kam mit einem Felleisen zurück, das Brown sogleich für das seinige erkannte. Er dachte mit unruhiger Besorgnis an den armen Burschen, den er bei dem Wagen zurückgelassen hatte. Mit ängstlicher Aufmerksamkeit sah er zu, und während die Kerle das Felleisen öffneten und auspackten, horchte er eifrig, ob nicht irgend etwas ihm das Schicksal des Fuhrmanns verriete. Die Spitzbuben waren zu erfreut über die Beute und zu eifrig mit ihrer Untersuchung beschäftigt, als daß sie über die Art, wie sie dazu gekommen waren, ein Wort hätten verlieren sollen. Brown hätte zu keiner andern Zeit so ruhig zugesehen, wie man ohne alle Umstände sein Eigentum teilte; aber in diesem gefährlichen Augenblicke konnte er nur an seine Selbsterhaltung denken. Als der Inhalt des Felleisens verteilt war, ging es wieder ans Trinken, womit die Männer den größten Teil der Nacht zubrachten. Brown hoffte anfangs, sie würden sich völlig berauschen und ihm dadurch Gelegenheit zur Flucht geben; aber die Vorsicht, die ihr gefährliches Gewerbe notwendig machte, zwang sie, bei ihren Ausschweifungen Maß zu halten. Drei von ihnen legten sich endlich zur Ruhe, der vierte aber wachte und wurde nach zwei Stunden von einem andern abgelöst. Nach der zweiten Wache wurden die Schlafenden aufgeweckt, und man schien sich zum Aufbruche zu rüsten. Zwei Männer holten darauf eine Hacke und einen Spaten hervor, ein dritter fand eine Axt hinter dem Stroh, worauf der Leichnam lag. Mit diesen Werkzeugen gingen sie hinaus, während drei von ihnen, darunter die beiden rüstigen Seeleute, als Wächter zurückblieben. Ungefähr eine halbe Stunde nachher kam einer zurück und flüsterte dem andern etwas zu. Darauf wickelten alle den Leichnam in den Mantel und trugen ihn hinaus. Meg Merrilies erhob sich sogleich, und als sie eine Weile an der Tür gelauscht hatte, kam sie zurück und befahl ihrem Gaste mit leiser gedämpfter Stimme, ihr sogleich zu folgen. Er gehorchte. Als er aus der Hütte ging, wollte er sein Geld, wenigstens seine Papiere wieder an sich nehmen, aber sie verbot es durchaus, und da er selbst bedachte, daß auf die Alte, die sein Leben, wie es schien, gerettet hatte, aller Verdacht fallen würde, wenn er etwas wegnehmen wollte, so gab er den Gedanken auf, nach seinem Eigentume zu greifen, und begnügte sich, einen Säbel sich anzueignen, den einer der Männer auf die Seite geworfen hatte. Es war ein kalter Wintermorgen. Die blendende Schneefläche ringsumher erhöhte das matte Licht der Dämmerung. Brown warf einen Blick in die Gegend, um sich künftig der Stelle wieder erinnern zu können. Der verfallene Turm, worin er die Nacht zugebracht hatte, stand auf dem Rande eines Felsens, der über dem Flusse hing, und war nur von einer Seite, und zwar von der tiefen Schlucht her, zugänglich. Auf den übrigen Seiten aber war der Felsen so steil abgeschnitten, daß Brown am vorigen Abend mehr als einer Gefahr entgangen war; denn hätte er, wie es einmal seine Absicht gewesen, es versucht, rings um den Turm zu gehen, so würde er unvermeidlich seinen Untergang gefunden haben. Die Schlucht war so enge, daß die mit Schnee beladenen Wipfel der Bäume auf beiden Seiten an einigen Stellen sich berührten und ein Gewölbe über den Fluß bildeten, der langsam in der Tiefe rann. Auf der Stelle, wo die Schlucht sich ein wenig erweiterte und eine schmale Fläche zwischen dem Ufer und der steilen Bergwand sich ausbreitete, lagen die Trümmer des Dörfchens, durch die Brown in der verflossenen Nacht gekommen war. Die zerstörten Giebel, deren innere Seiten von Torfruß glänzten, sahen noch schwärzer aus gegen den Schnee, den der Wind ihnen entgegengetrieben hatte. Brown konnte nur einen sehr flüchtigen Blick auf diese winterliche, traurige Landschaft werfen, denn als seine Führerin einen Augenblick verweilt hatte, als ob sie ihm hätte gestatten wollen, seine Neugierde zu befriedigen, ging sie schnell den Pfad hinab, der in das Tal führte. Er bemerkte, nicht ohne eine Regung des Argwohns, daß sie einen Weg nahm, den schon verschiedene Fußstapfen bezeichneten, ohne Zweifel von den Räubern, die die Nacht im Turme zugebracht hatten. Nach kurzem Nachdenken aber gab er seinen Verdacht auf. Sollte die Alte, die ihn den Zigeunern überliefern konnte, als er wehrlos war, erst in dem Augenblicke, wo er Waffen hatte und sich im freien Felde befand, zur Verräterin werden wollen? Er folgte ihr nun vertrauensvoll und schweigend. Der Weg ging durch das Bächlein, den frischen Fußstapfen nach, die weiter durch das zerstörte Dorf und dann in die Schlucht hinab führten, die bald wieder enger wurde. Endlich aber verließ die Zigeunerin diese Spur, und seitwärts sich wendend, wählte sie einen rauhen, unebenen Pfad zu der Bergwand hinan, die über das Dörfchen hing. Fast überall waren die Fußpfade verschneit; Meg Merrilies aber ging mit einem festen, sichern Schritt voran, der ihre genaue Bekanntschaft mit der Gegend verriet. Als sie die Höhe erreicht hatten, breitete sich eine weite, offene Gegend aus, die auf der einen Seite durch ein dichtes Gehölz begrenzt wurde. Meg Merrilies ging weiter, längs dem Rande der Schlucht, bis sie unten Stimmen hörte. Darauf zeigte sich auf einmal, nicht weit entfernt, eine dichte Baumallee ... »Der Weg nach Kippletringan,« sprach sie, »läuft auf der andern Seite des Gehölzes. Aber macht, so schnell Ihr könnt! Es liegt mehr an Eurem Leben, als an dem andrer Leute. Und doch ... Ihr habt alles verloren ...« Sie suchte in einer ungeheuren Tasche und zog einen schmutzigen Beutel hervor ... »Meg und die Ihrigen haben viel Almosen von Eurem Hause empfangen, und sie hat so lange leben sollen, daß sie etwas ersetzen kann.« Mit diesen Worten legte sie den Beutel in seine Hand. »Das Weib ist unsinnig,« dachte Brown; aber es war nicht Zeit, über die Sache Worte zu wechseln, da die Stimmen aus der Tiefe wahrscheinlich den Räubern gehörten ... »Wie soll ich Euch das Geld erstatten?« sprach er; »wie soll ich Euch für die Güte erkenntlich werden, die Ihr mir bewiesen habt?« »Ich habe zwei Bitten an Euch,« antwortete die Zigeunerin, sehr leise und schnell. »Fürs erste sollt Ihr nie etwas von allem sagen, was Ihr heute nacht gesehen habt. Fürs zweite sollt Ihr diese Gegend nicht verlassen, ohne mich noch einmal zu sehen, und Ihr müßt mir im Wirtshause zu Kippletringan Nachricht lassen, wo Ihr zu finden seid; und wenn ich Euch rufe, es mag in der Kirche sein, oder auf dem Markte, auf der Hochzeit, oder beim Begräbnis, am Sonntage oder am Sonnabend, Fleischtag oder Fasttag, Ihr müßt alles verlassen und zu mir kommen.« »Aber was wird Euch das helfen können, Mutter?« »Euch gar viel, und das ist's, woran ich denke. Ich bin nicht toll, wenn auch gar vieles mich um den Verstand hätte bringen können. Ich bin nicht toll, ich fasele nicht und bin auch nicht betrunken; ich weiß, was ich verlange; ich weiß es, es ist Gottes Wille gewesen, Euch aus wunderbaren Gefahren zu erretten, und ich soll das Werkzeug sein, Euch wieder auf Eures Vaters Sitz zu bringen. Drum gebt mir Euer Wort und denkt daran, daß Ihr mir das Leben verdankt, in dieser gesegneten Nacht.« »Wahrlich,« dachte Brown, »es ist etwas Wildes in ihrem Wesen, aber es ist mehr das Wilde der Kraft als des Wahnsinns... Wohlan, Mutter,« fuhr er fort, »ich gebe Euch mein Wort, da Ihr eine so unnütze geringe Gunst fordert. Es wird mir wenigstens Gelegenheit geben, Euch Euer Geld zu erstatten, und mit einer Zugabe.« »Fort, Fort!« rief sie, mit der Hand winkend. »Denkt nicht ans Geld; es ist Euer eigen; aber denkt an Euer Versprechen und wagt es nicht, mir zu folgen und mir nachzusehen.« Mit diesen Worten eilte sie in die Schlucht, und hinter ihr fielen Eiszapfen und Schneeflocken nieder, als sie verschwand. Trotz ihres Verbotes suchte Brown eine Stelle auf dem Bergrande, wo er ungesehen in das Tal hinabblicken könnte, und es gelang ihm nach einigen Schwierigkeiten. Er fand eine Felsenspitze, die steil unter Bäumen und Gestrüpp hervorsprang. Brown kniete auf den Schnee, und vorsichtig das Haupt vorstreckend, konnte er beobachten, was in der Tiefe der Schlucht vorging. Er sah, wie er erwartet hatte, seine nächtlichen Gefährten, zu denen nun noch ein paar andere Männer gekommen waren. Sie hatten den Schnee am Fuße des Felsens weggeräumt und eine tiefe Grube gemacht, die zu einem Grabe dienen sollte. Alle standen rings umher und senkten eine Last, die in einen Schiffermantel gehüllt war, hinab, wie Brown sogleich vermutete, die Leiche des Mannes, den er in der vorigen Nacht hatte sterben sehen. Darauf standen sie einige Augenblicke schweigend, als ob ein teilnehmendes Gefühl über den Verlust ihres Gefährten in ihnen erwacht wäre. Alle Hände regten sich nun, das Grab zuzuwerfen, und da Brown bemerkte, daß die Arbeit bald vollendet war, so hielt er es für das sicherste, den Wink der Zigeunerin zu befolgen und schnell voran zu gehen, um das Gehölz zu erreichen. Als er unter den Bäumen war, dachte er sogleich an den Beutel der Zigeunerin. Er hatte die Gabe ohne Bedenken angenommen, obgleich bei dem Gedanken an den Stand der Geberin das Gefühl in ihm erwachte, daß er sich dadurch manches in seiner Würde vergäbe. Aber er war freilich aus seiner mißlichen, wenn auch nur vorübergehenden Verlegenheit gerettet. Sein Geld, etwas Scheidemünze ausgenommen, war in dem Felleisen, das Megs Freunde genommen hatten. Es verging immer einige Zeit, ehe er von seinem Agenten Antwort, oder auch von seinem Gastfreunde in Charlieshope den Beistand erhalten konnte, auf den er rechnen durfte. Er faßte daher den Entschluß, Megs Hilfe einstweilen zu benutzen, da er ihr das Geld bald mit reichlichen Zinsen zu erstatten hoffte. »Es kann nur wenig sein,« dachte er, »und ich darf wohl glauben, die gute Frau wird auch ihren Anteil von meinen Banknoten erhalten, um sich für dieses Opfer zu entschädigen.« Aber wie groß war sein Erstaunen, als er, den Beutel öffnend, eine große Anzahl von Goldstücken verschiedenen Gepräges und aus verschiedenen Ländern fand, die zusammen gegen hundert Pfund Sterling betragen mochten, und außerdem mehrere Ringe und andere Kleinode, deren Wert er, auch nur nach einer flüchtigen Ansicht, sehr hoch anschlug. Er war ebenso erstaunt als bestürzt, sich im Besitze eines Vermögens zu sehen, das mehr als sein eigenes betrug, aber wahrscheinlich durch eben die unrechtlichen Mittel erworben worden war, durch die er das seinige verloren hatte. Sein erster Gedanke war, sich an den nächsten Friedensrichter zu wenden, ihm den Schatz zu übergeben, der so unerwartet in seinen Gewahrsam gekommen, und dabei die merkwürdigen Ereignisse zu erzählen, die ihm begegnet waren. Bei flüchtigem Nachdenken aber stiegen manche Bedenklichkeiten dagegen auf: Würde er nicht sein Wort brechen und die Sicherheit, vielleicht das Leben der alten Frau in Gefahr setzen, die das ihrige gewagt hatte, ihn zu retten? Ueberdies war er ein Fremdling und hatte, wenigstens fürs erste, nicht die Mittel in Händen, sich bei einem beschränkten oder eigensinnigen Landbeamten, wie man ihrer unter den Friedensrichtern zur Genüge fand, Glauben zu verschaffen. Er wollte die Sache reiflicher erwägen. Vielleicht lag in dem Hauptorte der Grafschaft ein Regiment, und da er unter den Offizieren der Armee viele Bekannte hatte, konnte er dann leicht Mittel finden, sich über seine Person auszuweisen, und durch den Beistand des Regimentskommandeurs die Sache so vermitteln, daß die arme Zigeunerin, die er für verrückt hielt, und deren Zuneigung er einem Mißverständnisse oder einem Vorurteile zuschrieb, in sichere Verwahrung gebracht würde... »Nein,« sprach er zu sich selbst, »sie hat sich auf meine Ehre verlassen, und wenn sie der Teufel wäre, so soll sie sich nicht geirrt haben.« Nach dieser Ueberlegung nahm er aus dem Schatze der Zigeunerin drei bis vier Goldstücke, um seine dringendsten Bedürfnisse zu befriedigen; das übrige aber ließ er in dem Beutel, mit dem Entschlusse, denselben nicht wieder zu öffnen, bis er das anvertraute Gut entweder der Geberin erstatten oder in die Hände eines öffentlichen Beamten niederlegen konnte. Den mitgenommenen Säbel wollte er anfangs im Walde liegen lassen; aber es wäre unvorsichtig gewesen, sich wehrlos zu machen, so lange er noch Gefahr lief, den Räubern wieder zu begegnen. Sein einfaches Reisekleid verriet noch immer so sehr den Kriegsmann, daß die Waffe nicht übel dazu paßte. So ging er mutig durch den Wald, die Landstraße zu suchen, die nach Kippletringan führen sollte. Sechsundzwanzigstes Kapitel. Julie Mannering an Mathilde Marchmont. Wie kannst Du mir vorwerfen, teuerste Mathilde, daß meine Freundschaft erkaltet und meine Zuneigung unbeständig sei? Konnte ich die Freundin vergessen, die mein Herz auserwählte, und in deren treue Brust ich jedes Gefühl niedergelegt habe, das ich mir selbst einzugestehen wage? Und eben so unrecht tust Du mir, wenn Du mir vorwirfst, daß ich jetzt Lucys Freundschaft Deiner Liebe vorziehe. Ich beteure Dir, sie hat nicht die Eigenschaften, die ich bei einer Busenfreundin suchen muß. Wohl ist sie ein liebes Mädchen; ich bin ihr auch recht gut und will es Dir nur gestehen, unsere Morgen- und Abendunterhaltungen haben mir weniger Zeit zum Schreiben gelassen, als ich zu dem verabredeten regelmäßigen Briefwechsel brauchte. Aber es fehlt ihr gänzlich an allen feineren Vollkommenheiten, die Kenntnis des Französischen und Italienischen ausgenommen, die sie dem seltsamsten Ungeheuer verdankt, das Du je gesehen hast, dem Manne, dem mein Vater seine Büchersammlung anvertraut hat, und den er, wie ich glaube, bloß unter seinen Schutz genommen hat, um der Welt zu zeigen, daß er ihrer Meinung trotzt. Mein Vater scheint sich vorgenommen zu haben, nichts für lächerlich gelten zu lassen, so lange er es vertritt oder an sich hat, oder damit in Verbindung steht. Ich erinnere mich, wie er einst in Indien irgendwo einen Hund eingefangen, mit krummen Beinen, langem Rücken und großen schlappen Ohren. Von der Idee, dieses wunderliche Geschöpf, allem Geschmacke zum Trotz, zu seinem Lieblinge zu machen, war er nicht abzubringen, und ich besinne mich, daß er einmal als Beweis für Browns mutwillige Laune, wie er Browns Weise zu nennen liebte, den Umstand anführte, daß Brown sich über Bingos schiefe Beine und schlappe Ohren aufgehalten habe. Wahrlich, Mathilde, ich glaube, seine hohe Meinung von diesem linkischen Schulfuchs beruht auf einem ähnlichen Grunde. Könntest Du doch den Mann hören, wie er das Tischgebet spricht, das sich ungefähr anhört wie das Geschrei eines Ausrufers in den Straßen von London. Dann schlingt er seine Bissen hinunter, ohne, wie es scheint, zu wissen, was er schluckt, und sobald er, als Dankgebet, abermals ein Paar unverständliche Töne von sich gegeben, stapft er hinaus, um sich unter einen Haufen wurmstichiger Bücher zu begraben, die so absonderlicher Art sind, wie er selbst. Ich könnte ihn allenfalls noch ertragen, wenn ich nur jemand hätte, der mit mir lachte; aber ich darf nur etwas vorbringen, das aussieht wie ein Scherz über den Herrn Sampson – das ist nämlich dieses gräßlichen Subjekts Name – so sieht Lucy Bertram mich mit so kläglichen Blicken an, daß ich allen Mut verliere, mich weiter mit ihm zu befassen, zumal dann auch mein Vater die Stirn runzelt und Flammenblitze aus seinen Augen auf mich schießt, wenn er sich nicht gar in die Lippe beißt und Worte spricht, die für mein weicheres Gefühl sich sehr hart anhören. Doch ich wollte Dir von dem grundgelehrten Manne weiter nichts sagen, als daß er Lucy in den neueren Sprachen unterrichtet hat, und ich glaube, sie verdankt es nur ihrer guten Vernunft oder ihrem Eigensinne, daß nicht auch Griechisch und Lateinisch, und vielleicht gar Hebräisch, zu ihren Kenntnissen gehören. Sie hat in der Tat sehr viele Kenntnisse, und ich wundere mich jeden Tag, wieviel Mittel sie durch ihre große Belesenheit besitzt, sich selbst zu unterhalten; wir lesen jeden Morgen miteinander, und ich fange an, mehr Gefallen an dem Italienischen zu finden, als zu der Zeit, wo der eingebildete Pinsel Cicipici uns unterrichtete. »Aber vielleicht liebe ich Lucy mehr wegen der Vollkommenheiten, die ihr fehlen, als wegen der Kenntnisse, die sie besitzt. Von der Tonkunst versteht sie gar nichts, und vom Tanzen nicht mehr, als alle Landleute hier, die doch den Tanz nur wenig lieben. Ich bin also auch ihre Lehrerin geworden. Sie ist mir sehr dankbar für Klavierunterricht, und ich habe ihr schon gezeigt, was ich von unserm Tanzmeister, Le Pique, gelernt habe, der, wie Du weißt, mich für eine sehr hoffnungsvolle Schülerin hielt. »Abends liest uns mein Vater öfter vor, und das muß ich sagen, ich habe Gedichte nie von einem andern Manne so trefflich vortragen hören wie von ihm; nicht etwa wie ein Deklamator, der sich als Mittelding von Vorleser und Schauspieler aufspielt, die Stirn runzelt, das Gesicht verdreht und ein Gebärdenspiel treibt, als ob er in vollem Theaterschmucke auf den Brettern stände. Nein! ganz anders ist meines Vaters Art; durch Gefühl, durch Geschmack, durch Modulation der Stimme, bringt er die feinsten Wirkungen hervor, nicht durch Gebärdenspiel und Mummerei. Lucy reitet sehr gut, und durch ihr Beispiel ermuntert, habe ich es schon so weit gebracht, sie auf ihren Ritten zu begleiten. Auch gehen wir, trotz der Kälte, viel ins Freie. Und so habe ich freilich nicht mehr so viel Zeit zum Schreiben als sonst. »In der Tat, liebe Mathilde, muß ich auch die Entschuldigung aller einfältigen Briefschreiber brauchen, »daß ich weiter nichts zu sagen habe.« Meine Hoffnungen, meine Besorgnisse beanspruchen geringes Interesse, seit ich weiß, daß Brown frei und gesund ist. Und ich denke auch, er hätte bis jetzt wohl Zeit finden können, mir Nachricht von sich zu geben. Unser Verhältnis mag unbedachter Art gewesen sein, aber ich möchte es nicht eben schmeichelhaft für mich finden, wenn Brown dies zuerst herausgefunden haben und daraufhin zurückgetreten sein sollte. Er könnte sich schon darauf verlassen, daß unsere Meinungen, wenn er solcher Meinung wäre, nicht sonderlich auseinandergehen möchten, denn es ist mir oft so vorgekommen, als ob ich mich in dieser Sache recht töricht benommen habe. Aber ich habe wirklich eine so gute Meinung von Brown, daß ich den Gedanken nicht loswerden kann, es müsse eine besondere Bewandtnis mit seinem Stillschweigen haben. »Aber noch einmal, liebe Mathilde, wegen Lucy Bertram magst Du ganz unbesorgt sein. Sie kann nie, nie Deine Nebenbuhlerin werden, und Deine zärtliche Eifersucht ist ohne Grund. Ja, sie ist ein hübsches, gefühlvolles, recht herzliches Mädchen, und ich glaube, bei solcher Freundin, wie sie es ist, würde ich am liebsten Trost in allen wirklichen Lebensleiden suchen. Aber diese treten uns so selten in den Weg, und man braucht einen Freund, der an eingebildeten Leiden Anteil nimmt, wie an wirklichem Mißgeschicke. Gott weiß es, und Du weißt es, meine teure Mathilde, daß wahre Herzens-Krankheiten den Balsam des Mitgefühls und der Zuneigung ebenso brauchen, wie Leiden, die offener zu Tage liegen und den Menschen schärfer alterieren. Lucy Bertram aber hat nichts von diesem freundlichen Mitgefühle, gar nichts, liebe Mathilde. Läge ich im Fieber krank, so säße sie jede Nacht an meinem Bette und pflegte mich mit der unermüdlichsten Geduld; aber an dem Herzensfieber, das meine Mathilde so oft gelindert hat, nimmt sie ganz ebensowenig Anteil wie ihr alter Lehrer. Und was mich nicht wenig ärgert, das spröde Aeffchen hat Dir wirklich einen Liebhaber, und ihre gegenseitige Neigung – denn für gegenseitig halte ich sie – ist recht romantisch. Sie war einst, wie Du schon weißt, eine reiche Erbin, die durch die unvorsichtige Freigebigkeit ihres Vaters und die Niederträchtigkeit eines abscheulichen Menschen; dem er blindes Vertrauen schenkte, um ihr Vermögen kam. Einer der schönsten jungen Männer in dieser Gegend ist ihr Liebhaber; aber da er der Erbe eines ansehnlichen Besitztumes ist, will sie seine Bewerbungen, eben der ungleichen Finanzverhältnisse halber, nicht dulden.« »Doch bei all dieser Besonnenheit, Selbstverleugnung, Bescheidenheit und so weiter, ist Lucy ein kluges Kind, gewiß, sie liebt den jungen Hazlewood, und ebenso gewiß weiß ich, daß er es ahnt und sie wohl zu einem Geständnis ihrer Liebe brächte, wenn mein Vater oder sie selber ihm Gelegenheit dazu vergönnen wollte. Aber Du mußt wissen, mein Vater ist immer bei der Hand Lucy jene kleinen Aufmerksamkeiten zu erweisen, die einem jungen Manne in Hazlewoods Lage die beste Gelegenheit zu freundlicher Annäherung schaffen würden. Ich wollte, mein lieber Vater wäre ein wenig mehr auf der Hut, damit er nicht noch die Strafe bezahle, die gewöhnlich nicht ausbleibt, wenn man sich in fremde Händel mengt. Wahrlich, wenn ich Hazlewood wäre, so hätte ich wohl ein schärferes Auge auf diese Artigkeiten und Komplimente. diese Bemühungen, die Mantille umzuhängen, den Shawl abzunehmen, die Hand zu führen, den Arm zu reichen, und so weiter und so weiter: ich glaube übrigens, daß er sich in manchen Augenblicken auch seine Gedanken darüber macht. Denke Dir, wie einfältig bei solchen Gelegenheiten Deine arme Julie sich ausnimmt! Hier tut mein Vater schön mit meiner Freundin; dort bewacht Hazlewood jedes Wort, das über ihre Lippen kommt, und jede Bewegung ihres Auges, und ich habe nicht das armselige Vergnügen, den Blick irgend eines menschlichen Wesens auf mich zu ziehen, nicht einmal jenes seltsamen Geistlichen, denn auch der sitzt immer da mit offenem Munde und heftet die großen glotzenden Augen voller Bewunderung auf Fräulein Bertram. »Alles dies macht mich zuweilen nervös, zuweilen sogar ein bißchen boshaft. Ich war neulich so ärgerlich auf meinen Vater und das Liebespaar, weil niemand sich mit mir befaßte oder mit mir sprach, daß ich mich bei Hazlewood direkt beschwerte, und auf eine Weise, die es ihm unmöglich machte, still zu bleiben, wenn er nicht unhöflich werden wollte. Er wurde unmerklich warm bei seiner Verteidigung. Du kannst es mir glauben, Mathilde, er ist ein sehr geschickter, ein sehr hübscher junger Mann, und er war mir noch nie in so günstigem Lichte erschienen wie gerade jetzt. Aber mitten in unserer lebhaften Unterhaltung drang mir ein leiser Seufzer aus Lucys Munde ins Ohr, und – wie ich bekenne – zu meiner gar nicht geringen Freude. Aber diesen kleinen Sieg weiter zu verfolgen, ließ meine Großmut nicht zu, auch wenn mir nicht vor meinem Vater bange gewesen wäre. Zum Glück war er in diesem Augenblick gerade in einer langen Schilderung der merkwürdigen Sitten eines indischen Volksstammes befaßt, der in einer abgelegenen Gegend wohnt, und erläuterte seine Beschreibung durch Zeichnungen von Trachten, die er auf Lucys Stickmuster machte, ohne es zu gewahren, daß er ein paar dadurch verdarb. Ich glaube, sie hat in diesem Augenblicke wohl weniger an ihr eigenes Kleid als an die indischen Turbane gedacht. Recht gut, daß er nicht sah, was ich durch mein kleines Manöver angestellt hatte, denn er hat sonst ein Falkenauge, und alles, was irgend nach Liebelei aussieht, ist ihm in den Tod verhaßt. »Auch Hazlewood vernahm den kaum hörbaren Seufzer aus Lucys Munde, bereute sogleich die flüchtige Aufmerksamkeit, die er einem so unwürdigen Gegenstande erwiesen, wie Deine Julie es einmal ist, und mit einem wahrhaft lustigen Ausdruck von Schuldbewußtsein postierte er sich wieder hinter Lucys Stickrahmen. Er sprach ein paar nichtssagende Worte, und ihre Antwort war so beschaffen, daß nur das scharfe Ohr eines Verliebten oder eines so neugierigen Beobachters, wie ich, einen stärkeren Grad von Kälte oder Dürre heraushören konnte, als man gewöhnlich wohl darin finden mag. Der schuldbewußte Held fühlte indes den Vorwurf und schlug errötend die Augen nieder. Nicht wahr, es würde einen zu großen Mangel an Großmut verraten haben, wenn ich nicht die Vermittlerin hätte machen wollen? Ich mischte mich also in ihr Gespräch, gelassen und ruhig, wie es sich einer unaufmerksamen, unbefangenen Teilnehmerin schickt, und lenkte sie unmerklich wieder in die frühere leichte und bequeme Unterhaltung zurück. Als mir dies aber gelungen war, animierte ich sie zu einer Schachpartie, trat zu meinem Vater, der noch immer mit seinen Zeichnungen befaßt war, und neckte ihn ... Die Schachspieler saßen nicht weit vom Kamine vor einem Nähtischchen; mein Vater saß in einiger Entfernung vor einem Büchertische. »Das Schachspiel ist wohl sehr amüsant, Vater,« hob ich an. »Es gilt allgemein dafür,« antwortete er, ohne mich eines Blickes zu würdigen. »Es muß wohl so sein; sonst würden wohl Herr Hazlewood und Lucy sich nicht so ernst damit befassen.« »Mein Vater blickte schnell auf mich und hielt den Bleistift eine Weile untätig in der Hand. Wahrscheinlich aber sah er nichts, was seinen Argwohn wecken konnte, denn er skizzierte weiter an seinem Mahratten-Turban, dessen Falten ihm nicht recht gelingen wollten. »Wie alt ist denn eigentlich Fräulein Bertram, Vater?« hob ich wieder an. »Wie kann ich es wissen! Vermutlich so alt wie Du!« »Sie dürfte wohl älter sein, Vater! Sie sagten mir ja immer, Lucy wisse sich so anständig beim Teetische zu benehmen ... Warum wollen Sie ihr nicht ein für allemal den Vorsitz dort einräumen?« »Julie,« antwortete mein Vater, »Du bist entweder ein recht albernes Ding oder findest am Unheilstiften mehr Lust und Vergnügen, als ich Dir bis jetzt zugetraut habe.« »O, lieber Vater, legen Sie mir doch nicht alles aufs schlimmste aus! Ich möchte um alles in der Welt nicht gern für ein albernes Ding gelten.« »Warum führst Du denn aber Reden, die auf solche Meinung führen müssen?« »Du meine Güte, Vater – mir kommt, was ich sage, gar nicht so albern vor – wirklich nicht! weiß doch alle Welt, daß Sie noch ein sehr hübscher Mann sind« (ein leichtes Lächeln wurde sichtbar) – »ich meine, für Ihr Alter« (der Schimmer von Fröhlichkeit schwand), »wenn Sie auch noch in den besten Jahren stehen. Warum sollten Sie nicht Ihrer Neigung folgen? Ich weiß wohl, daß ich nur ein unbesonnenes Mädchen bin, und wenn eine ernsthaftere Lebensgefährtin Sie glücklicher machen könnte, warum sollte es dann nicht Ihnen anheimgestellt sein, sie sich zu suchen?« »Auf seine Züge trat, als er jetzt meine Hand nahm, ein seltsames Gemisch von Verdruß und herzlicher Liebe; und mir bedeutete dasselbe eine ernste Zurückweisung des kleinen Scherzes, den ich mir mit seinen Empfindungen erlaubt hatte... »Julie,« sagte er, »ich bin sehr nachsichtig gegen Deinen Mutwillen, weil ich glaube, daß ich es schuldigerweise versäumt habe, strenger über Deine Erziehung zu wachen. Aber daß Du Deinen Mutwillen auch mit einem so zarten Gegenstande treiben willst, entspricht nicht meinen Wünschen. Willst Du die Empfindungen nicht ehren, die im Herzen Deines Vaters nach wie vor für Deine Mutter wohnen, so achte wenigstens das heilige Recht des Unglücks. Vergiß nicht, daß, wenn auch nur das leiseste Wort von solchem Scherze Lucy zu Ohren käme, sie ihre jetzige Zuflucht nicht allein auf der Stelle verließe, sondern sich ohne Schutz in die Welt hinausgestoßen sähe, deren rauhe Seite sie doch schon mehr als genug empfunden hat.« »Was konnte ich dazu sagen, Mathilde? Ich bat ihn herzlich um Verzeihung und versprach, in Zukunft ein frommes Kind zu sein. So stehe ich denn wieder ganz allein. Ich darf nun, ohne mich dem eigenen Vorwurfe auszusetzen, die arme Lucy nicht mehr durch neckische Manöver gegen Hazlewood quälen, ebensowenig es aber wagen, meinem Vater gegenüber den zarten Punkt noch einmal zu berühren. Da sitze ich denn und brenne Papierröllchen ab und zeichne mit dem schwarzen Ende Türenköpfe auf Karten oder spiele auf dem leidigen Klavier und fange wohl auch an, irgend ein ernsthaftes Buch von hinten an zu lesen, wie es die Juden machen sollen. »Browns Stillschweigen macht mich wirklich recht verdrießlich. Hätte er das Land verlassen müssen, so hätte er mir doch gewiß geschrieben! Sollte mein Vater seine Briefe aufgefangen haben? Doch nein, das wäre durchaus gegen seine Grundsätze! Ich glaube nicht, daß er einen Brief öffnete, den ich abends erhielte, selbst wenn er dadurch verhüten könnte, daß ich am andern Morgen aus dem Fenster spränge! Doch was für Worte sind mir da entschlüpft! Ich sollte darüber erröten, Mathilde, wenn ich es auch nur Dir gegenüber im Scherze ausgesprochen! Aber ich kann kein Verdienst darin erblicken, wenn man handelt wie man handeln muß. Brown ist ja kein so feuriger Liebhaber, daß er die Person, der seine Neigung gehört, zu dergleichen unbedachten Schritten verleiten möchte! Im Gegenteil! er läßt einem Zeit genug zu ruhiger Ueberlegung. Doch ich will ihn nicht ungehört tadeln, will mir nicht herausnehmen, an der männlichen Festigkeit seines Gemüts zu zweifeln, das ich Dir oft genug gepriesen habe. Wäre er imstande, Zweifel und Besorgnis zu hegen, wäre er fähig, Unbeständigkeit auch nur leise zu argwöhnen, so hätte ich wahrlich nur geringe Ursache, seinen Verlust zu beklagen. »Du wirst fragen, warum ich, wenn ich solch ideale Anschauungen von einem Liebhaber nähre, so ängstlich bekümmert um Hazlewoods Tun und Lassen sei? oder wem er den Hof mache? Die gleiche Frage stelle ich mir wohl hundertmal am Tage selbst, finde aber immer nur die recht törichte Antwort, daß man, auch wenn man zu ernstlicher Untreue nichtsdestoweniger denn animieren möchte, doch über jede, wenn auch nur scheinbare Vernachlässigung sich ärgert. »Ich schreibe Dir all diese Kleinigkeiten, weil Du schreibst, daß sie Dich amüsieren; aber daß dem so ist, wundert mich doch! Ich erinnere mich wohl, wie Du bei unsern Ausflügen in die Welt der Poesie immer nur Meinung hattest für das Große und Romantische! Rittergeschichten, Zwerge, Riesen, bedrängte Fräulein, Wahrsager, Geisterspuk und dergleichen waren Dein Fall, während mich nur die gewöhnlichen Lebensverwickelungen fesseln konnten, oder höchstens nur das bißchen von Wunder, das wir durch einen morgenländischen Genius oder eine wohlwollende Fee bewirken können. Du hättest Deine Lebensbahn gern über das weite Weltmeer, durch seine Windstillen, seine heulenden Stürme, seine Wirbelwinde, seine berghohen Wogen geführt; ich aber wäre mit meinem kleinen Boote bei frischem Winde lieber in einen Landsee oder eine stille Bucht eingelaufen, wo man wohl immer noch Geschicklichkeit hätte aufbieten müssen, aber schließlich keine Gefahr gelaufen wäre. Du also, Mathilde, hättest meinen Vater haben müssen mit seinem Kriegsruhm und seinem Ahnenstolz, seinem ritterlichen Ehrgefühl, seinen hohen Geistesgaben und seiner Vorliebe für allerhand tiefsinnige, geheimnisvolle Forschungen; Deine Freundin hätte aber Lucy Bertram sein müssen, deren Altvordern mit Namen, die sich so wenig behalten wie schreiben lassen, in diesem romantischen Lande herrschten, und deren Geburt, wie ich freilich nur aus unbestimmten Nachrichten weiß, unter ganz sonderbaren Umständen erfolgt ist. Unsere von Bergen umringte Wohnung und unsere Spaziergänge zwischen gespenstervollen Trümmern wären Dir auch recht gewesen. Mir aber hätte der schöne Park einer freundlichen, nachsichtigen Tante zufallen mögen, mit ihrer Betstunde am Morgen, ihrem Mittagsschläfchen und ihrer Whistpartie am Abend, die drallen Kutschpferde und den noch dralleren Kutscher nicht zu vergessen! Uebersieh aber nicht, daß Brown in diesen Tausch nicht eingeschlossen ist! Sein freundliches Gemüt, seine lebhafte Unterhaltungsgabe, seine frischfröhliche Tapferkeit passen ebensogut zu meinem Lebensplane, wie seine kräftige Gestalt, seine schönen Züge, sein hoher Mut mit Ritterlichkeit vereinbar wären. Wir können also keinen vollständigen Tausch eingehen, und so wird jeder doch eben behalten müssen, was er hat. Siebenundzwanzigstes Kapitel. Julie Mannering an Mathilde Marchmont. »Ich stehe eben vom Krankenbette auf, teuerste Mathilde, und will Dir die sonderbaren entsetzlichen Ereignisse erzählen, die ich erlebt habe. O, man sollte nicht über die Zukunft scherzen! Ich schloß meinen letzten Brief an Dich in fröhlichem Uebermute und dachte nicht daran, daß ich Dir binnen wenigen Tagen solche schrecklichen Dinge mitteilen müßte. Es ist etwas ganz anderes, liebe Mathilde, furchtbare Auftritte mit anzusehen, mit zu durchleben, oder sie nur in Schilderungen zu lesen; eben so verschieden, als wenn man, am Rande eines Abgrundes schwebend, an einem fast entwurzelten Strauche sich hielte, und solchen Absturz in einem Landschaftsbilde von Salvator Rosa sähe. »Dem ersten Teil meines Berichts fehlt es zwar nicht an Grausen, doch tritt er, wie Du wissen mußt, meinem Herzen nicht nahe, Unser Küstenland ist für eine Schar verzweifelter Menschen, die auf der benachbarten Insel Man hausen, das richtige Eldorado, für die vielen Schleichhändler nämlich, die die Gegend schon so oft in Angst und Schrecken gesetzt haben, sobald jemand ihrem Treiben ein Ziel setzen wollte. Die Zollbeamten sind, aus Furchtsamkeit oder aus schlimmern Beweggründen, lässig und ängstlich, und gehen diesen Menschen, die durch solche schlaffe Justiz trotzig und verwegen geworden, am liebsten aus dem Wege. Mein Vater, der hier fremd ist und dem alles gerichtliche Ansehen fehlt, hat begreiflicherweise mit solchen Dingen im Grunde nichts zu schaffen. Aber wenn er meint, unter dem Zeichen des Mars geboren zu sein und von Kampf und Blutvergießen selbst in der tiefsten Einsamkeit und in friedlichen Lebensverhältnissen nicht verschont zu bleiben, so kann man ihm nicht unrecht geben. »Am vorigen Dienstag, ungefähr gegen elf Uhr vormittags, als Hazlewood und mein Vater eben auf dem Wege zu einem kleinen See, ungefähr drei Meilen von hier, waren, wo sie wilde Enten schießen wollten, wurden wir, mit den Vorbereitungen zu unsrer Tagesarbeit befaßt, plötzlich durch Pferdegetrappel in Unruhe gesetzt, das sich auf dem hartgefrorenen Boden unheimlich laut anhörte. Im andern Augenblick kamen drei Reiter, jeder mit einem bepackten Rosse, auf dem Freiplatze vor dem Hause in Sicht, die in großer Bedrängnis und Eile zu sein schienen und sich oft umblickten, als ob sie Verfolger hinter sich wüßten... »Mein Vater begab sich mit Hazlewood an die Haustür und fragte nach dem Begehren der Leute. Es waren Zollwächter, die mit Schmugglerware bepackte Pferde in einem nicht weit entfernten Dorfe weggenommen hatten und nun von dem verstärkten Haufen der Schleichhändler grimmig verfolgt wurden. Sie suchten Zuflucht in Woodbourne und baten meinen Vater, ihnen als Regierungsbeamten, die bei Ausübung ihrer Pflicht in Lebensgefahr geraten seien, seinen Schutz nicht zu versagen. »Meinem Vater, einem begeisterten Anhänger von Recht und Gerechtigkeit, dem selbst ein Kind, wenn er im Namen des Königs käme, ein Gegenstand unbegrenzten Respekts wäre, gab sogleich Befehl, das Schmugglergut in seinem Haus in Sicherheit zu bringen, alles Dienstvolk zu bewaffnen und das Haus für jeden Notfall in Verteidigungszustand zu setzen. Hazlewood ging ihm wacker zur Seite, und selbst Sampson kam aus seiner Bücherhöhle hervor und ergriff eine Jagdflinte, die mein Vater abgelegt und mit einer jenen Explosionsbüchsen vertauscht hatte, die man in Indien zur Tigerjagd benutzt. Aber in der ungeschickten Hand des armen Bücherwurms ging die Jagdflinte los, und wenig fehlte, so wäre einer von den Zollwächtern von der Schrotladung getroffen worden. Bei diesem unerwarteten Zufalle rief natürlich Held Sampson sein Leibwort: »Ko-misch!«, wie gewöhnlich, wenn er in Erstaunen gerät. Aber niemand konnte ihn bewegen, die losgegangene Flinte aus der Hand zu legen, doch sorgte man dafür, daß ihm Pulver und Blei unzugänglich blieben. Hazlewood hat uns nachher all diese Dinge erzählt, die ich selbst, wie Du leicht denken kannst, in jenem Augenblicke nicht wahrnahm, und uns durch seine lustige Schilderungsweise unendlich viel Spaß gemacht. »Als mein Vater alles zur Verteidigung hergerichtet und seine Leute mit Feuergewehren an die Fenster postierte, wollte er uns in Sicherheit, in einen Keller, glaube ich, bringen; aber wir rührten uns nicht von der Stelle. Ich habe, wenn ich auch heftig erschrocken war, doch so viel von meines Vaters Mut geerbt, daß ich der drohenden Gefahr lieber offen ins Auge blicken, als den Gang der Dinge nur aus der Ferne beobachten wollte, Lucy, bleich wie ein Marmorbild, heftete ihre Blicke auf Hazlewood und schien kaum zu hören, als er sie bat, wenigstens die Vorderseite des Hauses zu meiden. Die Gefahr war in der Tat unbedeutend für uns, wenn die Tür nicht erstürmt wurde, denn alle Fenstern waren mit Kissen und Polstern und, zu Sampsons großem Leidwesen, mit eilig herbeigeschleppten Folianten verschanzt worden, ja man hatte nur kleine Schießlöcher freigelassen. »Wir sahen in dem dunklen Zimmer in banger Erwartung, Alle Männer standen schweigend auf ihren Posten. Mein Vater, in solcher Situation völlig zu Hause, wanderte vom einen zum andern und schärfte jedem ein, nicht früher zu schießen als auf sein Kommando. Hazlewood, durch meines Vaters Beispiel ermuntert, übernahm den Adjutantendienst und war gleichfalls immer unterwegs, um die Anordnungen meines Vaters überall und schnell in die Tat umzusetzen. Unsere Besatzung mochte sich auf annähernd ein Dutzend Köpfe belaufen. »Endlich wurde die erwartungsvolle Stille wieder durch lautes Pferdegetrappel unterbrochen. Ich hatte mir ein kleines Loch in einen Fensterkasten gebohrt und sah, daß mehr als dreißig Berittene auf dem Platze vor dem Hause hielten. Niemals in meinem Leben habe ich gräßlichere Gestalten gesehen! Ungeachtet der heftigen Kälte gingen die meisten halbnackt, trugen seidene Tücher um den Kopf geschlungen und waren mit Karabinern, Pistolen und kurzen Säbeln bewaffnet. Ihre Pferde dampften von dem schnellen Ritte ... Wildes Geschrei erscholl, als sie inne wurden, daß ihnen ihre Beute aus den Zähnen gerückt war. Eine kurze Stille folgte. Die Räuber schienen Rat zu halten, denn die zu ihrem Empfange getroffenen Inrüstungen waren ihnen natürlich nicht entgangen. Endlich näherte sich einer, dessen Gesicht mit Pulver geschwärzt war, mit einem weißen Tuch auf dem Karabiner und verlangte mit dem Obersten Mannering zu sprechen. Zu meinem unsäglichen Schreck machte mein Vater das Fenster auf, vor welchem ich stand, und fragte, was man von ihm wolle .. »Unser Gut wollen wir, das uns die Schnapphähne von Zollwächtern geraubt haben,« lautete die Antwort. »Unser Leutnant läßt Euch melden, daß wir abziehen wollen, sobald uns alles Gut wieder ausgefolgt wird, und daß wir den Schurken dann nicht an den Kragen gehen werden, die so frech waren, es uns abzunehmen .. daß wir aber, falls unserm Willen nicht Folge geleistet wird, dem Obersten den roten Hahn aufs Dach setzen und nichts drinnen schonen werden, bis auf den letzten Blutstropfen!« Die Drohung war mit entsetzlichen Flüchen begleitet. »Wer ist Euer Leutnant?« fragte mein Vater. »Der dort auf dem Grauschimmel, mit dem roten Tuch um den Kopf,« erwiderte der Kerl. »Nun, dann sagt ihm,« rief mein Vater mit lauter Stimme, »wenn er und die Schurken, die bei ihm sind, nicht auf der Stelle den Platz räumen, so lasse ich Feuer geben!« Mit diesen Worten schlug er das Fenster zu. Kaum war der Bote wieder zu dem Haufen zurückgekehrt, als alle unter wildem Geheul ihre Gewehre gegen das Haus abfeuerten. Klirrend Prasselten die Scheiben aus den Fenstern: aber die von meinem Vater angeordneten Schutzmaßregeln bewährten sich, und es wurde niemand von einer Kugel getroffen. Dreimal schossen die Belagerer, ohne daß auch nur ein Schuß aus dem Hause auf sie fiel. Als aber mein Vater nun wahrnahm, daß die Belagerer zu Beilen und Brechstangen griffen in der offenkundigen Absicht, das Haustür zu erbrechen, kommandierte er laut: »Keiner feuert, außer mir und Hazlewood! Sie, Hazlewood, nehmen den Botschafter aufs Korn!« Von seiner Kugel getroffen, fiel im andern Augenblicke der Mann, den sein Kamerad als den Leutnant bezeichnet hatte, von seinem Schimmel, und Hazlewood erwies sich als ebenso tüchtiger Schütze, denn der Schmuggler, der inzwischen abgestiegen war und sich mit der Axt in der Hand heranschlich, stürzte ebenfalls. Infolge dieser kräftigen Gegenwehr sank den anderen der Mut: sie rannten zu ihren Pferden, gaben wohl noch ein paar Schüsse ab, dann jedoch Fersengeld, nahmen aber ihre beiden angeschossenen Gefährten mit. Ob sie noch größeren Verlust erlitten, konnten wir nicht feststellen. Gleich nach ihrer Flucht erschien zu unsrer großen Freude ein Kommando Soldaten, das in die benachbarten Dörfer gelegt wurde. Eine Abteilung geleitete die Zollwächter mit dem konfiszierten Schmugglergute nach einem kleinen Hafenorte in der Nähe, und auf meine dringliche Bitte blieb eine andere Abteilung bis zum folgenden Tage bei uns im Hause, um uns vor etwaiger Rache der Schmuggler zu schützen. »Dies war die erste wirkliche Angst, liebe Mathilde, die ich in meinem Leben ausgestanden habe. Fast hätte ich vergessen, Dir zu sagen, daß die Räuber den Kerl mit dem geschwärzten Gesicht auf der Landstraße vor einer Hütte zurückgelassen haben, wahrscheinlich weil er nicht weiter transportabel gewesen ist. In der andern halben Stunde hat derselbe seinen Geist aufgegeben. Bei der Leichenschau wurde festgestellt, daß es ein Bauer aus der Umgegend war, der als Schleichhändler schon lange im schlimmsten Rufe gestanden. Von den benachbarten Familien laufen fortwährend Gratulationen zu der glücklichen Abweisung des Ueberfalles ein, und allgemein herrscht die Meinung, daß wir uns auf das mannhafteste gewehrt hätten. Mein Vater hat unter das Dienstvolk Prämien ausgeteilt und Hazlewood für den bewiesenen Mut außerordentlich gelobt; auch Lucy und ich haben ein paar beifällige Worte aus seinem Munde vernommen, weil wir die Situation weder durch Geschrei noch durch Widerspruch erschwert hätten. Mit Magister Sampson wollte mein Vater die Tabaksdosen austauschen. Der brave Mensch sträubte sich erst dagegen, war aber nachher höchst erfreut über solches Ansinnen und fand der Worte gar nicht genug, die Schönheit seiner neuen Dose zu preisen, die ganz so aussähe, sagte er – »ko-misch, ko-misch!« – wie echtes Gold aus Ophir. Es wäre nun allerdings merkwürdig gewesen, wenn sie nicht so ausgesehen hätte, denn sie war von Gold; aber um dem ehrlichen Tolpatsch Gerechtigkeit angedeihen zu lassen, so glaube ich, daß er, wenn er den wahren Wert der Dose gekannt hätte, seiner Dankbarkeit gegen meines Vaters Edelsinn auch keinen schärferen Ausdruck hätte geben können, als jetzt, da er nicht anders meinte, als sie sei aus Tombak und nur vergoldet ... Viel Arbeit und Mühe hat es ihm heut bereitet, die Folianten, die als Schanzkörbe oder Bollwerke gebraucht wurden, wieder an ihren Platz zurückzuschaffen; er wird wohl auch manche Ecke haben gerade biegen und manches Eselsohr glatt streichen müssen. Ja er hat uns sogar ein Paar Kugeln gezeigt, die er aus den Büchern gezogen hatte, und wäre es mir wohler zu mute, so könnte ich Dir eine gar lustige Geschichte erzählen von dem Eifer und Staunen, das dieser »Held des Tages« an den Tag gelegt und mit welcher Bravour er uns von den Wunden erzählt hat, die sich ein Thomas von Aquino und andere Heilige in andern harten Kämpfen geholt! ...Aber ich habe zu scherzen jetzt keine Lust und will Dir lieber eine andere Sache erzählen, die ich noch in petto habe und die Deine Teilnahme wohl mehr in Anspruch nehmen dürfte. Doch nicht gleich; denn ich bin so erschöpft von meiner heutigen Mühsal, daß ich erst morgen fortfahren kann ... Ich will aber den Brief, um Dir keine Sorge zu bereiten, nicht eher abschicken, als bis ich meine Nachschrift fertig habe ...«   Ich nehme, meine teuerste Freundin, den Faden meines gestrigen Berichtes wieder auf ... »Von der ausgestandenen Belagerung war natürlich mehrere Tage lang ausführlich die Rede, und allerhand Weiterungen wurden nicht minder daraus erwartet: wir machten deshalb meinem Vater den Vorschlag, eine Tour nach Edinburg zu unternehmen, oder eventuell wenigstens bis nach Dumfries: um den Schleichhändlern Zeit zur Beruhigung zu gönnen; mein Vater jedoch will nichts davon wissen, er meint nämlich, daß der Empfang, den die Schurken gefunden, sie kaum zu einem zweiten Besuche animieren dürfte; daß aber anderseits, wenn er durch Entfernung Furcht zeige, leicht das Gegenteil eintreten konnte; jedenfalls käme es ihm niemals in den Sinn, das ihm anvertraute Haus und Eigentum widerstandslos Bösewichtern in die Hände fallen oder gar die Seinigen ohne seinen Schutz und Beistand zu lassen. Durch solche Worte ermutigt, gewannen auch wir unsere Ruhe wieder und nahmen unsere früheren Spaziergange wieder auf; doch mußten auf Befehl meines Vaters die Männer zuweilen die Flinten mitnehmen, und es entging mir auch nicht, daß mein Vater nachts manchmal recht besorgt war und dem Dienstvolk untersagte, sich anders, als mit Waffen über dem Bette, schlafen zu legen. »Drei Tage später aber trug sich ein Vorfall zu, der mich in weit größere Angst und Unruhe versetzte, als der Angriff der Schleichhändler auf unser Haus. Ich habe Dir schon gesagt, daß nicht weit von Woodbourne ein kleiner See liegt, wo mein Vater und Hazlewood zuweilen auf Wildenten jagen. Beim Frühstück gab ich dem Wunsche Ausdruck, eine Partie dorthin zu unternehmen, um uns die Schlittschuhläufer anzusehen, die jetzt dort ihrem gesunden Sport obliegen. Der verschneite Boden war fest gefroren und von den Schaulustigen, die täglich zum See hinauswanderten, ein so fester Pfad getreten worden, daß Lucy und ich keinerlei Bedenken trugen, uns bis zum See hinaus zu wagen, Hazlewood erbot sich, uns mit seiner Büchse zu begleiten; zuerst lachte er über unsere Aengstlichkeit, aber um uns zu beruhigen, gab er einem Reitknecht, der auch zuweilen den Wildhüter macht, – da er sich selbst nicht damit beschweren wollte, – den Befehl, ihm mit der Flinte zu folgen. »Mein Vater, der alles Menschengedränge und Schaugepränge haßt, solches soldatischer Natur ausgenommen, hatte keine Lust, sich an dem kleinen Ausfluge zu beteiligen. »Wir brachen in aller Frühe auf. Es war ein frischer, schöner Morgen, und wir fühlten uns bald durch den Genuß der reinen Winterluft wunderbar gestärkt. Der Weg zum See bot allerhand Reiz, und die kleinen Strapazen, die wir dabei überwinden mußten, waren so recht danach beschaffen, uns in lustige Stimmung zu versetzen; galt es doch, hin und wieder einen glatten Hang hinunterzurutschen oder über einen gefrorenen Graben zu springen, und mancherlei solche Dinge mehr, die uns Hazlewoods Beistand unentbehrlich machten; und daß dieselben Lucy den Weg etwa nicht angenehm hätten, möchte ich keinesfalls Dir vorschwatzen. »Der See bot einen allerliebsten Anblick: auf der einen Seite wird er von einem steilen Felsen begrenzt, von welchem tausend und abertausend Eiszapfen, oft von erstaunlicher Größe und wie Kristall im Sonnenscheine glitzernd, herniederhingen; auf der andern Seite stand ein Fichtenwäldchen, dessen dunkle, mit Schnee beladene Wipfel ein höchst pittoreskes Bild zeigten. Ueber die gefrorene Fläche hin flogen zahllose Gestalten; die einen flink und behend, wie Schwalben, die andern lustig im Kreise sich drehend, noch andere eifrig um die für allerhand winterliche Spiele ausgesetzten Preise ringend. »Wir gingen um den See herum; Hazlewood führte uns, unterhielt sich aufs freundlichste mit alt und jung und schien überhaupt recht beliebt unter dem Volke zu sein. Endlich dachten wir an die Heimkehr. »Warum erzähle ich Dir all diese Kleinigkeiten so ausführlich? Nein, sicherlich nicht deshalb, weil ich mir einbilde, daß sie Dich jetzt sonderlich interessieren könnten, sondern nur, weil ich, dem Ertrinkenden ähnlich, der nach dem schwanken Zweige greift, alles wahrzunehmen suchte, was mich in die Möglichkeit setzt, den nun folgenden grausigen Abschnitt meiner Schilderung aufzuschieben. Aber ich muß es Dir erzählen; muß es in dieser Form erzählen; denn für das herzzerreißende Unglück muß ich wenigstens bei einem freundlichen Wesen Mitgefühl zu wecken suchen. »Wir gingen auf dem Fußpfade weiter, der durch ein junges Föhrendickicht lief. Lucy hatte Hazlewoods Arm losgelassen, denn sie will Beistand von ihm bloß in den dringendsten Fällen in Anspruch nehmen. Ich aber hing noch an seinem Arme. Lucy ging dicht hinter uns, und der Reitknecht mochte etwa drei Schritte noch weiter hinter uns sein. Jetzt machte der Pfad eine jähe Biegung ... und da stand auf einmal, wie aus der Erde emporgewachsen, Brown vor uns. Er war sehr schlicht, ja ich muß sagen, fast ordinär gekleidet, und in seinem ganzen Wesen lag eine gewisse Wildheit oder Verstörtheit. Ich schrie laut auf, halb verdutzt, halb erschreckt; Hazlewood mißverstand, was mich erregte; und da Brown sich auf mich zu bewegte, als ob er mit mir sprechen wollte, herrschte Hazlewood ihn an, er solle den Weg frei geben und mich nicht in Unruhe setzen ... Brown gab eine nicht minder stolze, ja heftige Antwort: er brauche keine Belehrung über den Umgang mit Damen, am wenigsten von einem so jungen Menschen ... Ich bin ganz entschieden der Meinung, daß Hazlewood der Meinung war, in dem ihm unbekannten Manne einen Genossen der Schleichhändler vor sich zu haben, den böse Absicht hierher geführt. Er riß dem Reitknecht, der inzwischen dicht zu uns herangetreten war, die Flinte aus der Hand, legte sie auf Brown an und befahl ihm noch einmal kurz, den Weg freizugeben, widrigenfalls er ihn niederschießen wolle wie einen Hund ... Brown, sich also bedroht sehend, sprang auf Hazlewood zu und rang mit ihm. Ich stieß einen Schrei des Entsetzens aus, der das unglückliche Ereignis noch beschleunigte. Brown hatte Hazlewood fast schon die Waffe entwunden, als der Schuß losging und Hazlewood an der Schulter blessierte. Auf der Stelle brach der arme Mensch zusammen. Ich sah nichts mehr, hörte nichts mehr, sondern schwankte ohnmächtig zurück. Wie Lucy mir nachher erzählt hat, blickte der unglückliche Brown einen Augenblick aus das entsetzliche Schauspiel, bis ihr furchtbares Geschrei Leute vom See herbeilockte. Brown sprang über einen Zaun, der den Pfad von dem Dickicht trennte; seitdem ist nichts mehr von ihm zu hören gewesen. Der Reitknecht machte keinen Versuch, ihn fest- oder auch nur aufzuhalten; was er den herbeistürzenden Leuten von ihm erzählte, bestimmte dieselben auch mehr, sich um mich zu bemühen, als hinter einem Flüchtlinge herzusetzen, der nach der vom Knechte gegebenen Schilderung ein Mensch von furchtbarer Stärke und bis an die Zähne bewaffnet sein sollte. »Hazlewood wurde nach Woodbourne gebracht. Ich glaube, seine Wunde ist in keiner Hinsicht gefährlich, aber er hat große Schmerzen auszustehen. Für Brown dagegen müssen die Folgen höchst schwerer, wenn nicht ganz unglücklicher Natur sein: ist doch mein Vater ohnehin schon mehr denn erbittert auf ihn, und droht ihm doch größere Gefahr noch durch die Verfolgung der Behörde und die Rache des alten Hazlewood, der alles in Bewegung setzen will, den Täter zu entdecken. Wie wird es Brown möglich sein, solcher Rachgier zu entgehen? Wie wird er, wenn er gefangen wird, sich gegen die Strenge des Gesetzes verteidigen? Steht ja doch, wie ich höre, sogar sein Leben dadurch in Gefahr! Lucys maßloser Kummer über die dem Geliebten zugefügte Verwundung geht mir ebenfalls tief zu Herzen, Wie konnte aber Brown sich durch sein Ungestüm zu solcher Unbesonnenheit hinreißen lassen! »Ich war zwei Tage lang recht krank. Aber Hazlewood befindet sich wieder auf dem Wege der Besserung. Von Brown hat sich nirgendwo eine Spur gefunden, und alles glaubt, daß er zu den Schleichhändlern gehöre. Dies beides leiht mir einigen Trost. Brown wird die Flucht um so leichter sein, als sich der Verdacht auf jene Bösewichter gelenkt hat, und hoffentlich befindet er sich bereits in Sicherheit. »Den besten Trost gibt mir Hazlewoods edelsinnige Aufrichtigkeit. Er bleibt bei der Erklärung, daß die Flinte, in welcher Absicht uns auch der unbekannte Mensch in den Weg getreten sei, während des Ringens sich zufällig entladen habe. Der Reitknecht hingegen behauptet, daß die Flinte Hazlewood aus der Hand gewunden und vorsätzlich auf ihn gerichtet worden sei. Auch Lucy neigt zu dieser Auffassung. Daß diese beiden die Situation absichtlich fälschen wollen, glaube ich nicht; aber man sieht hieraus, wie armselig es um Zeugnis aus menschlichem Munde bestellt ist ... Ich kann die Situation unmöglich anders auffassen, als daß der Schuß zufällig, ohne jede Absicht von seiten Hazlewoods Gegners gefallen ist ... Vielleicht wäre es das beste, wenn ich Hazlewood mein Geheimnis offenbarte? Aber er ist doch noch gar so jung, und es ist mir nicht möglich, die Abneigung zu überwinden, die ich davor habe, ihm meine Torheit zu bekennen. Neulich wollte ich Lucy das Geheimnis offenbaren; ich fragte sie, ob sie sich der Gestalt und Gesichtszüge des Mannes noch entsänne, der uns in den Weg gekommen sei; aber sie gab von diesem »Buschklepper«, wie sie ihn nannte, eine so greuliche Schilderung, daß mir aller Mut und alle Lust vergingen, ihr meine Zuneigung zu ihm zu gestehen. »Wahrlich! Lucy hat sich von ihrem Vorurteil ganz eigentümlich blenden und von ihrem Mitleid für den Geliebten vollständig irreführen lassen; denn es gibt wohl nur wenig schönere Männer als gerade Brown. »Ich hatte ihn lange nicht gesehen; aber selbst ein plötzliches Auftauchen und seine durchaus unvorteilhafte Erscheinung hat seiner Schönheit keinerlei Eintrag tun können – ja, ich möchte fast sagen, seine Züge seien noch edler, noch männlicher geworden. Werde ich ihn je im Leben wiedersehen? Ach, wer kann es sagen? Schreibe mir bald, recht bald, und schreib' recht freundlich! Doch, wann schriebst Du mir je anders? Aber glaube mir, teuerste Freundin! Ich bin nicht in der Stimmung, Rat oder Tadel annehmen zu können; ich bin nicht kräftig, nicht mutig genug dazu, sie mit einem Scherze von mir zu weisen! Ich komme mir vor wie ein Kind, das in gedankenloser Spielerei eine Maschine in Gang gesetzt hat und nun über die schreckliche Kraft der rollenden Räder und rasselnden Ketten, die es mit seiner schwachen Hand in Bewegung gesetzt, wohl erstaunt und erschrocken ist, – das vor den schweren Folgen, die dadurch entstehen können, wenn nicht müssen, wohl angstvoll zurückbebt, aber kein Glied rühren kann, sie abzustellen ... »Mein Vater ist, wie ich nicht vergessen darf, Dir zu sagen, gegen mich sehr gütig und liebevoll; die Angst, die ich ausgestanden, entschuldigt hinlänglich die Klagen über Nervenschwäche, die über meine Lippen kommen; einzig und allein die Hoffnung hält mich aufrecht, daß Brown in England oder vielleicht in Irland, wenn nicht gar auf der Insel Man, eine sichere Zuflucht gefunden haben möchte; in beiden oder, wenn Du willst, allen drei Fällen wird er den Ausgang der Krankheit mit Sicherheit und in Ruhe abwarten können, denn die Verbindung Schottlands mit beiden Ländern in Dingen der Rechtspflege ist – in diesem Falle sage ich, Gott sei Dank! – ziemlich loser Natur ... Ach! schrecklich müßten die Folgen sein, wenn man Brown jetzt ergriffe! Gegen die Möglichkeit solches Unglücks suche ich mein Gemüt auf alle Weise zu wappnen ... O, teure Freundin! wie rasch ist Herzeleid und Kummer in meine einförmige, ruhige Lebensweise gedrungen – aber nicht länger will ich Dich mit Klagen peinigen ... Lebe wohl, teure Mathilde! Deine Julie Mannering.« Ende des ersten Bandes.