Johann Gottfried Seume Obolen Außer dem Nachstehenden enthielt die ursprüngliche Ausgabe der Obolen (erstes Bändchen 1796, zweites Bändchen 1798) noch eine Anzahl Gedichte von Seume (und zwar die in unserer Ausgabe, Bd. V. S. 17, 18, 22 (M. Fr. Rothe) 67, 71, 72, 76 (A. R. Korbinsky), 79, 80, 80, 81, 81, 81, 82, 85, 98, 98, 99, 101, 104, 110, 113, 116, 117, 206, 211, 214, 216, 219, 229 u. 230 mitgetheilten), ferner Das polnische Mädchen und Die Belagerung von Platäa . Von den Gedichten hat Seume die oben S. 206 ff. angeführten sieben letzten nicht in die von ihm selbst veranstalteten drei Ausgaben seiner Gedichte aufgenommen. Das polnische Mädchen ist in unserer Ausgabe dem sechsten, Die Belagerung von Platäa dem zehnten Theil der Werke zugetheilt. – A. d. H. Erstes Bändchen Widmung des ersten Bändchens an Platner   Dem Herrn Doctor Platner in Leipzig aus wahrer beständiger Hochachtung gewidmet.   Verehrungswürdiger Lehrer! Sie erhalten hier ein Schreiben mit literarischen Kleinigkeiten von einem Manne, dessen Name Ihnen vielleicht kaum unter der Anzahl Ihrer Schüler erinnerlich ist. Aber ich kann und werde die glücklichen Stunden nicht vergessen, wo ich mit gefesselter Aufmerksamkeit vor Ihrem Lehrstuhle saß, von welchem Sie mit edlem Eifer in starker männlicher Sprache den Werth der Weisheit und Tugend und die Stärken und Schwächen unserer Seele uns lehrten. Der gedrängte Saal hing in feierlicher Stille am Gegenstande und Vortrage; von Hunderten wurde kein Athem gehört, und selbst der Zögling der Mode vergaß das Spiel mit dem Uhrbande. Erlauben Sie, daß ich Ihnen hier öffentlich ein kleines Dankopfer bringe! Nichts kann mich dazu bestimmen als das wahre, innige Gefühl meines Herzens. Wenn auch meine Arbeit nicht durchaus Ihre Billigung erhält, so wird doch die Erinnerung Sie nicht betrüben, daß ich einst mit in Ihrem Hörsaale war. Sie gestehen gern Jedem seinen eigenen Ideengang zu: ich nehme das Fehlerhafte auf meine Rechnung und bekenne mich für das Gute als Schuldner Ihrer Schule. Nehmen Sie meine Versuche mit gütiger Nachsicht auf! Es sind nur Obolen; Jeder opfert nach seinem Vermögen. Wenn Sie dieses lesen, schlummere ich vielleicht an dem Fuße einer Alpe oder halte Posten an einer Schlucht des Kaukasus. Aber überall folgt mir das dankbare Andenken an alle Wohlthaten meiner Lehrer, und unter diesen vorzüglich an die Ihrigen. Leipzig, 1796. Seume . Vorwort Seume's Das Publicum wird nicht sogleich über das erste Bändchen erschrecken; denn sollten gute Münzkenner diese Obolen von ganz schlechtem Gehalt finden, so werden keine mehr geschlagen. Nur provisorisch bin ich Willens, dem Publicum einige meiner Arbeiten unter diesem Titel vielleicht in noch folgenden Sammlungen mitzutheilen – wenn ich nämlich lebe und gesund bin, wenn meine Verhältnisse mir literarische Beschäftigungen erlauben, und wenn diese für eine hinlängliche Anzahl von Lesern einiges Interesse haben. Findet dieses Alles oder Eins davon nicht statt, so ist Alles mit dem Grunde ultra posse sogleich zu Ende. Es sind freilich nur Obolen, was ich hier gebe; aber als kleine Münze können sie doch immer mitgehen, wenn sie durch ihre gänzliche Leere nicht zu sehr den philosophischen und ästhetischen Curs verderben. Hoffentlich liefere ich sie künftig besser, so wie ich selbst weiser und besser zu werden denke. Vielleicht gedeihen sie einst zu Drachmen und Minen, und vielleicht bin ich einst noch im Stande, meinen Landsleuten ein Talent zu geben, das noch bei den Enkeln Werth hat. Wahre Sachverständige werden aus diesen kleinen Proben schließen, ob aus dieser Officin, wenn sie gehörig bearbeitet, mit Stoff versehen und verbessert wird, vielleicht nach zehn Lustren ein solider Artikel kommen kann. Ueber Atheismus im Verhältniß gegen Religion, Tugend und Staat. Eine philanthropische Rhapsodie. Know but thyself, presume not God to scan! The proper study of mankind is man. Pope .     Ohne Apologie und Vorrede trete ich mit dieser kleinen Abhandlung vor ein billiges Publicum in der Hoffnung, daß der Gegenstand wenigstens die Unternehmung rechtfertiget, wenn auch die Art der Ausführung der philosophischen Kritik reichen Stoff zu Gegenbemerkungen und Rügen geben sollte. Da ich leider von der Legion Derer bin, die nach langer und tiefer oder auch nur flüchtiger Untersuchung schweigend oder laut als Grundprincip alles menschlichen Handelns und Strebens nur Egoismus finden, so wird es Niemand befremden, wenn er eine kleine Dose desselben vielleicht auch in dieser literarischen Kleinigkeit entdeckt. Ich habe wenig Bücher gelesen, weil meine Verhältnisse mir nur wenig Lectüre erlaubten, und nicht, weil ich gegen den Unterricht dieser Art gleichgültig bin; weil ich übrigens aber doch glaube, daß der Mann, der sich durch das Chaos menschlicher Wissenschaften durcharbeiten will, besser seine eigenen Kräfte braucht und sich seine eigenen Wege bahnt. Mein Herz ist warm, das fühle ich; ob mein Kopf je helle werden wird, wage ich jetzt noch nicht zu bestimmen. Ehrlich muß ich bekennen, daß mich die Skepse von den geweihten Altären der Religion in das Heiligthum der Themis, aus diesem in die Arme der Philosophie und aus diesen in die Vorhöfe des Kriegsgottes trieb, wo ich wenigstens aus Amtspflicht bei einer klaren Ordonnanz mein Gehirn mit Zweifeln zu behelligen selten oder nie Gelegenheit habe. Aber wer kann dem Denken ganz entsagen und doch Mensch bleiben? Die Frucht einiger Lucubrationen lege ich hier mit Bescheidenheit dem Urtheile competenter Männer vor, mit der schüchternen kühnen Stimmung einer Seele, wo in dem Kopf bei mancher Lehre oft noch der Zweifel den Vorsitz hat, in dem Herzen aber beständig eine warme, feste Rechtschaffenheit zum unerschütterten Grunde liegt. Meinen Namen nenne ich, nicht aus gewöhnlichem Egoismus, welchen ich wahrlich ohne Erröthen gestehen würde, sondern aus dem Grundsatze, daß nach meiner Meinung immer der Staat und jedes Individuum sogleich wissen müssen, an wen sie sich über Alles zu halten haben, was in irgend einem Buche steht. So sehr jeder liberale Mann vernünftige Preßfreiheit liebt und wünscht, so sehr ist ihm billig Anonymität zuwider, unter deren Hülle man nicht selten Gift aller Art in das Publicum bringt oder Personalitäten einstreut, die man sich ohne Larve zu sagen schämt. Daher ist es auch unter den Engländern, einer gewiß liberalen Nation, nicht nur kein Lob, sondern selbst zuweilen kein geringer Vorwurf, ein anonymes Buch geschrieben zu haben. Was ein braver Mann für wahr und recht hält, hat er öffentlich zu sagen Muth; oder es ist eine Sache, die nicht gesagt werden muß, und folglich nicht ganz wahr. Wenn wir nur Diejenigen Atheisten nennen wollen, welche die Existenz eines höchsten, allweisen, allgütigen Wesens aus Vernunftgründen gänzlich abzuleugnen und wegzudemonstriren gesucht haben, so hat es zum Glück der Menschheit seit der Cultur des Geistes derselben nur sehr wenige gegeben; wenn wir aber unter die Zahl der Atheisten alle Diejenigen mit einrechnen, bei denen die Glaubensgründe für das Dasein dieses höchsten Wesens nicht das hinlängliche Gewicht haben, eine immer wohlthätige Ueberzeugung zu wirken, so dürfte wol dieselbe ziemlich beträchtlich werden. Und ich denke, daß wir dieses Letztere müssen; denn wer etwas nicht glaubt, es sei nun aus völliger Ueberzeugung durch ihm geltende Gründe vom Gegentheil oder aus bloßem Mangel derselben auf dieser Seite, den kann man unmöglich zu den Anhängern des Begriffs zählen, der durch jene Ueberzeugung festgesetzt wird. Diese Männer mögen nun in Ansehung des Begriffs von Gott durch einen aus irgend einer Ursache entsprungenen Indifferentismus ruhig in ihren Verhältnissen sitzen und sich gemächlich dem Zufalle überlassen oder mit Angst sich in den Untiefen der Zweifel herumtreiben, so sind sie doch auf keine Weise Gottesbekenner und Gottesverehrer, wozu nur der Begriff einer ewigen, weisen Endursache jedes vernünftige Wesen machen kann, indem es denselben auffaßt und mit wohlthätigen Glaubensgründen an seine geistige und moralische Existenz anschließt, oder vielmehr dieselbe darauf bauet. Ueber die evident dogmatischen Gottesleugner mögen die Philosophen in der Geschichte ihrer Wissenschaft bestimmen; ich glaube, ihre Anzahl wird unter den Alten und Neuern sehr geringe sein, und ich weiß nicht, ob man sogar Epikur, Lucrez und Spinoza geradezu in ihre Classe stellen dürfte, oder ob man im ganz strengen Sinne dieses Ausdrucks einen Einzigen derselben finden möchte. Die Atheisten, welche man hier und da bei den Armeen, in den Cabinetten und in den Sälen und Schlupfwinkeln der Wollust sophistisiren hört, sind kaum der Bemerkung werth, und der Grund ihres Seelenzustandes ist meistens wirklich bloße Schwäche oder gänzliche Uncultur des Geistes, im Sinnenrausch ersticktes moralisches Gefühl und in demselben erstorbene moralische Kräfte: daher auch die sogenannten Bekehrungsgeschichten solcher Personen billig von keiner Secte als Beweise der Wahrheit auf ihrer Seite angeführt werden sollten. Denn so viel Rest von altem Adel bleibt noch immer in jeder noch so tief gesunkenen Menschenseele zurück, daß sie am Ende einer solchen Laufbahn ihre ungeheure Inconsequenz und die ganze Abscheulichkeit in ihrer Denkungs- und Handlungsweise fühlt; und dann nimmt sie, da sie eigentlich nie Ueberzeugung in irgend etwas hatte noch sich darum bekümmerte, in der Angst und der Schwachheit aller ihrer übertäubten Kräfte jeden Begriff ohne viele Untersuchung auf, der ihr nur etwas Linderung verspricht. Es wäre ebenso überzeugend, wenn man das Vernünftige und Wahre der Möncherei daraus beweisen wollte, daß so viele erlauchte Sünder noch zu ihrem Troste in der Kutte gestorben sind. Ich dehne also den Begriff des Atheismus hier billig auf Alle aus, die nicht mit innerer, völliger, fester Ueberzeugung den Lehren des Deismus und irgend eines aus demselben abgezogenen und auf denselben gebauten Religionssystems beitreten können, und denen Gott, Vorsehung, Fortdauer nach dem Tode und Tugend und Laster in Beziehung auf diese Begriffe ganz fremd sind. Der Atheist sieht in der Welt, so viel als sein Gedanke davon fassen kann, entweder nirgends einen Plan, nirgends Zweck, keine Ordnung irgend einer weisen Grundursache und leugnet daher dogmatisch die Existenz derselben, oder wenn er Alles dieses sieht oder wenigstens vermuthet, so ist seine Vernunft bei der Forschung nach der Grundursache dieser Anordnung so schwach, seine Kraft so schwindelnd, es erheben sich bei der Untersuchung von allen Seiten so viel Widersprüche, daß er keine zwingenden Beweise für reine, helle Wahrheit findet und den moralischen Glaubensgründen, aus einem angenommenen Weltplane zur höchsten Wahrscheinlichkeit abgezogen, aus Mangel einer evidenten, nothwendigen Gewißheit sein Herz nicht hingeben kann. Da wir also die Zweifler an dem Dasein eines Gottes unmöglich zu den Gottesverehrern rechnen können, deren ganze moralische Existenz auf dem angenommenen Begriffe einer ersten Grundursache ruht, so müssen sie bei der Erörterung unserer Frage unter den Atheisten so lange stehen, bis sie zu den Deisten und den mit ihnen verwandten positiven Religionsanhängern durch Ueberzeugung des Glaubens übertreten oder sich gänzlich im Lehrbegriff mit jenen verbinden. Ohne mich in die Metaphysik dieses Gegenstandes, der für mich auch meistens zu hoch und zu tief und zu breit ist, einzulassen, will ich nun darzustellen suchen, in welchem Verhältnisse diese Atheisten gegen Religion und Tugend und Staat stehen oder vermöge ihres eigenen Systems und ihrer einstweiligen Zweifel stehen müssen. Wenn ich nur werde gezeigt haben, wie sie sich gegen die zwei ersten, nämlich Religion und Tugend, verhalten, so folgt das Letzte natürlich selbst. Die ganze Moralität eines Gottesbekenners hängt ab von dem angenommenen Begriffe eines ersten Wesens, seiner gedachten Plane mit der Weltschöpfung, der allerhöchsten Ordnung und Urharmonie in derselben und dem daraus hergeleiteten reinen Begriffe der Pflicht, dieser Ordnung zu folgen und diese Harmonie nicht zu stören; hängt ab von der großen Idee der beabsichtigten allgemeinen Vollkommenheit des Ganzen für eine lange, immer steigende Fortdauer. Daraus entspringt für ihn die wohlthätige Religion, die heilige Tugend, die göttliche Hoffnung und das allgemeine, große, philanthropische Gefühl, das jetzt nur noch das verwandte Menschengeschlecht faßt und künftig die ganze Geisterwelt zu umfassen verspricht. Von allen diesen ist für den Atheisten nichts da. Die Schöpfung ist für ihn nur eine ungeheure, ihm unbekannte Cohärenz unbekannten Stoffs. Sei es Geist, sei es Materie, ihm ist es eins; er faßt von beiden, getrennt oder zusammen, nichts. Es ist ihm also gleichgiltig, wie man es nennt. Alle Plane verlieren sich vor ihm in endloser Verwirrung, alle Zwecke sind Zufall, alle Harmonien ohngefähres Ineinandergreifen. Für ihn ist kein Gott, keine Ordnung, keine Religion, kein Gesetz, keine Hoffnung. Was kann ihn bestimmen? Was kann ihm Schranken setzen, die er nicht durchschreiten soll? Er kennt keine Verbindlichkeit, keinen Lohn, keine Strafe. Der erste Anblick eines solchen Mannes ist schreckbar und schauervoll. Wer wird es wagen, mit ihm eines Wesens sein zu wollen, da er allein, öde, verlassen und furchtbar in seiner Dunkelheit dasteht, wie ein alter schwarzer Felsen aus einer Weltruine emporragt? Wir wollen etwas näher betrachten, welches Wesens dieser traurige Mann ist. Man hat sehr oft, ja, man hat fast durchgängig dem Atheisten alle Tugend abgesprochen und ihm nicht die Fähigkeit zugestanden, tugendhaft sein zu können. Lord Shaftesbury hat in seinen »Charakteristiken« eine eigene lange Abhandlung über diese Frage: »Ob ein Atheist tugendhaft sein könne?« und mit vielem Aufwand von Mühe und Scharfsinn behauptet er ihm endlich die Möglichkeit, tugendhaft sein zu können, aus der Natur der Sache und führet manche Beispiele an, daß Männer, die man durchaus als Atheisten verdammte, wirklich tugendhaft durch ihr ganzes Leben waren. Wenn man den Begriff der Tugend annimmt als eine beständige Neigung und Fertigkeit, immer nach der ewigen Ordnung und nach dem Begriffe der reinen Pflicht zu handeln, so kann in diesem Sinne der Atheist freilich durchaus keine Tugend haben und ist ihrer durchaus nicht fähig, da für ihn der Begriff der Ordnung und der Pflicht gänzlich leer ist. Nimmt man aber die Tugend an als eine beständige Neigung, sich und folglich auch Andern immer wohlzuthun, welches mit dem Vorhergehenden im Praktischen doch wol einerlei ist und nur auf einer andern Vorstellungsart beruht, so können allerdings in diesem Sinne auch Gottesleugner einer hohen Tugend fähig werden. Shaftesbury sagt und beweist mit vielen Schlußfolgen, der Atheist könne tugendhaft sein; und ich setze ohne Bedenken hinzu: er muß tugendhaft sein, wenn er nicht in die auffallendste Inconsequenz des Lebens mit sich selbst gerathen, wenn er nicht gegen seine eigenen Begriffe, gegen seinen eigenen, ausgemachtesten Vortheil streben will. Der Atheist hat freilich nicht die hohen hyperphysischen Ideen von Gott, Universalharmonie, Pflicht, Ursache und Wirkung, und Alles löst sich bei ihm endlich nur in sein eigenes Ich auf. Ihm ist nichts Pflicht, als was ihm wohlthut; und auch dieses blos, weil es ihm wohlthut, und nur so lange es ihm wohlthut. Wenn wir aber auch den Begriff von Tugend bei dem geistigsten Religionslehrer mit genauem Forschergeiste verfolgen, so werden wir immer finden, daß er sich ebensowol beständig auch in den feinsten Egoismus auflösen wird. Wenigstens ich kann nichts Anders finden. Zwar bin ich nichts weniger als Metaphysiker und lasse gern die Punkte dieser abstracten Wissenschaft in ein heiliges Dunkel gehüllt für die Geweihten liegen und bescheide mich gern, daß es vielleicht deswegen ist, warum ich mich nie zu dem ganz reinen, abgesonderten Begriffe der Ordnung und Pflicht ohne Hinsicht auf Glückseligkeit habe erheben können, sondern immer noch ein Anhänger der alten guten Glückseligkeitslehre bin. Am Ende ist es freilich wieder einerlei für die Menschheit und ihre Verhältnisse, ob wir so oder so denken, da aus dem verschiedenen Ideengange das nämliche Resultat für dieselbe entspringt. Höchste Ordnung und Harmonie und Tugend erzeugen nothwendig Glückseligkeit; und Glückseligkeit kann einzig und allein erreicht werden durch höchste Ordnung und Tugend. Es fragt sich nun aber, ob wir dem ganz reinen Begriffe der allerhöchsten Ordnung, Harmonie und Tugend, ohne Hinsicht auf ihre Begleitung, die Glückseligkeit, folgen können. Ich vermag es nicht; nicht als ob meine Seele im groben Egoismus zurückbliebe, obgleich das Gefühl, reine, ganz reine Wahrheit zu sehen und zu empfinden, nach meiner Meinung immer noch egoistisch bleibt, sondern weil wirklich mein Gedanke zu schwach ist, eine Ordnung mit ihren Gesetzen zu fassen, die höher wäre als die Glückseligkeit selbst. Ich darf hier fragen: Ist Ordnung Zweck, und ist Glückseligkeit Mittel? oder ist Glückseligkeit Zweck und Ordnung nur das Mittel? Mir däucht das Letztere, nach der Analogie aller unserer Begriffe. In der Gottheit mag immer Zweck und Mittel nur ein Gedanke sein. Von dem Wesen der Gottheit begreift unser Verstand weiter nichts als die Nothwendigkeit ihrer Existenz, und diese nur als Postulat zur Rechtfertigung unseres Selbst und zur Lösung der Widersprüche, die sonst unsere Vernunft noch mehr umstricken würden; aber für uns Menschen sind Zweck und Mittel getrennte Begriffe, da wir nur in Zeit und Raum denken. Welches ist nun höher, der Zweck oder das Mittel? Mich däucht, der erstere nach der Analogie aller unserer Begriffe. Die kritische Schule mag hier die ehrliche Aeußerung eines gutherzigen Laien mit Wohlwollen aufnehmen; vielleicht überzeugt sie mich einst von der Wahrheit auf ihrer Seite. So lange aber meine Gedanken meine Gedanken sind, kann ich nicht auf das Autos epha irgend eines Andern schwören, und wenn er ein Seraph wäre. Freilich wird durch diese Vorstellungsart in dem Menschen am Ende Alles selbstsüchtig und egoistisch, und seine feinste Tugend ist nur der feinste Eigennutz. Aber was kann ich dafür, daß ich nicht anders Wahrheit sehe? Das Ganze verliert hoffentlich dabei nichts. Die höchste Tugend des Menschen in dem Traume der uneigennützigsten Philanthropie, die Tugend, welche ihren Geweiheten in ihrer Größe opfert, beruht immer auf dem Gefühl der Pflicht, das dem Besitzer wohlthätig und erhebend ist, und schon jedes Gefühl ist eigennützig. Der Mann, welcher blos nach Begriffen handelt, ist mehr als Mensch, und jedem Begriffe liegt sodann wieder ein Gefühl zum Grunde, indem er durch Sinnlichkeit erzeugt oder veranlaßt wird, und wir stehen wieder auf dem alten Punkte. Vom Ich fängt die Philosophie an; und wer beweist uns, daß sie über das Ich hinausgeht? Bei der Auseinandersetzung des Begriffs der Pflicht ergiebt sich also endlich, daß jeder Mensch eigentlich immer nur für sich handelt, indem er mit dem heißesten Enthusiasmus für Andere zu handeln wähnt. Indem er zur Wohlthat Anderer arbeitet, arbeitet er sich zu dem höchsten Gefühl der Würde seiner eigenen Natur empor. Wir schämen uns zwar, dieses noch Eigennutz zu nennen; aber ist es im Grunde etwas Anders? Nehmt alle Eitelkeit, alle Vortheile, allen Lohn aller Art hinweg: die Tugend ist ihr eigener Lohn, sagt der Moralist und sagt recht. Ihr Lohn ist ihre Würde; aber ihre Würde entsprang aus ihrer Wohlthätigkeit und dem Gefühl, wie glücklich das Ganze sein würde, wenn sie allgemein wäre. Was ist nun dieses Gefühl? Der arme Phocion ist in seiner Tugend reicher als der Besitzer der Schätze des großen Königs, der gefolterte Regulus froher als der Schwelger Lucull, über dessen Mahlzeiten die Beherrscherin der Welt, das mächtige Rom, verarmte. Alles ist Gefühl, und Gefühl ist Egoismus; wer den feinsten besitzt, ist der Beste, und der Tugendhafteste, wer sich auf den seinigen am Besten versteht. Durch diesen Gedanken wird die Würde der Tugend und überhaupt die Menschennatur nicht gekränkt; denn die Gottheit hat damit den Grund zu sehr weisen Zwecken gelegt. Der Durst nach Selbstgenuß ist das große Rad in der Körper- und Geisterwelt. Der Schöpfer wird dadurch nicht entehrt, der die Ordnung der Dinge so festgesetzt hat, daß hohe wahre Glückseligkeit des Einzelnen durchaus nicht gegründet werden und nicht bestehen kann, ohne daß er zu dem Wohl von Tausenden mitwirke. Gott hat Alles so bestimmt, daß jeder wahre Genuß eine reine Quelle wahren Wohls für Viele auf lange Dauer wird und jeder Mißgriff die Freude des Handelnden und aller mit ihm in Verbindung Stehenden so lange stört, bis die alte reine Harmonie wieder hergestellt ist. Nach diesen Begriffen nun ist es auch dem Atheisten unmöglich, irgend ein Gesetz der Ordnung zu brechen; nicht als ob es Gesetz für ihn wäre, sondern weil selbst sein eigenes Gebäude von Wohlbefinden durch diesen Einbruch zu Grunde gestürzt werden würde. Wir müssen annehmen, für Andere hat er keinen Begriff, keine Empfindung der Verbindlichkeit; Pflicht, Gewissen und moralisches Gefühl sind für ihn leere Gespenster, mit denen man Kinder zur Ruhe schreckt. Die Befriedigung seiner Leidenschaften, aller seiner Begierden und Phantasien ist der Angel, um welchen sich seine ganze Existenz herumdreht; er sieht in der ganzen weiten Natur nur sein Ich, und jede andere Rücksicht ist für ihn ohne Sinn. Dieses klingt schrecklich. Was soll ihn halten, wenn seine Begierden mit aller Ordnung im Widerspiel stehen? Wer kann ihm Gesetze geben, da er den Begriff des Gesetzes nicht kennt? Wer wird ihm Schranken ziehen, die er nicht zu durchbrechen wagt? Die Gesetze des Staats? Ihrem Zwange spricht er vielleicht in seinem Verhältnisse öffentlich Hohn und streicht durch sie hin wie der Hai durch ein Häringsnetz, oder betrügt sie durch Klugheit und List. Er hat keinen Richter über, neben und in sich. Sein blinder Wille ist sein ganzer Codex; und was kümmert es ihn, ob seine Erfüllung für die Wesen außer ihm Wohlthat oder Untergang ist? Dieses ist fürchterlich, aber wahr. Was wird ihn und die Wesen um ihn her retten, die sein Wahnsinn fassen kann? Oft, wenn ich mit einem guten, wohlmeinenden, rechtschaffenen Orthodoxen über diese Materie mit freundschaftlicher Wärme sprach, pflegte er zur Erläuterung des schrecklichen Zustandes den Gottesleugner in folgende Lage zu setzen und zu fragen, was ihn abhalten könne, ein vollkommener Bösewicht zu sein. »Ein Atheist geht mit einem Reisegefährten, dessen moralische Beschaffenheit uns übrigens für diesen Fall ganz gleichgiltig ist, durch einen großen, tiefen, dichten Wald. Der Atheist weiß, sein Gefährte hat eine beträchtliche Summe Gold oder Goldeswerth bei sich; dieser Gefährte ist aus einem fremden Lande, und es ist kaum wahrscheinlich, daß je nähere Nachfrage nach ihm in dieser Gegend geschehen werde. Niemand weiß von ihrer gesellschaftlichen Reise, Niemand kann sie erfahren, Alles ist tiefes Geheimniß. Der Wald umschließt sie von allen Seiten. Die Summe des Fremden kann ihm auf einmal auf sein ganzes Leben Gemächlichkeit verschaffen und ihn für die Zukunft außer allen Sorgen setzen. Vor aller Entdeckung der bürgerlichen Gesetze und aller ihrer Strafe ist er durch die Maßregeln gesichert, die er zu nehmen gesonnen ist, und er kann fast mathematisch berechnen, daß nie der geringste Argwohn auf ihn fallen, und daß seine That auf immer verborgen bleiben wird. Ueberlegene Stärke hat ihm die Natur gegeben und Waffen das Ohngefähr. Was kann ihn hindern, seinen Gefährten zu erschlagen, der sein Glück besitzt, den Erschlagenen in den nächsten Dickicht oder Fluß zu werfen, seinen Schatz zu nehmen und sich so zum Besitzer desselben zu machen? Der Eigennutz fordert es, überall ist Sicherheit: warum soll hier der Eigennutz nicht herrschen, da er bei ihm überall die anerkannte Herrschaft hat und er keine Gründe sieht, die ihn gegen denselben bestimmen könnten? Man berufe sich nicht auf moralisches oder nur menschliches Gefühl; dieses ist ihm fremd und hat für ihn nichts Verbindendes, da es seinen Grundsätzen widerspricht; und wenn ihm ja von der Wiege noch etwas von der milden Milch der Natur zurückgeblieben sein sollte, so gebietet die eiserne Consequenz seines Kopfs, Alles durch das System zu unterdrücken. Ihm ist nichts Recht und Unrecht; er handelt nach dem stürzenden Lauf seiner Leidenschaften in allen Fällen: was kann hier seinen blinden Egoismus zähmen?« Wenn der Egoismus blind ist, freilich nichts; aber der Seelenblinde wird auch durch kein Moralsystem gesichert. Ich behaupte, das Auge des Egoismus selbst, sobald es sich öffnet, um sich blickt und nur einige Schritte in die Ferne sieht, muß den Atheisten in dem vorerzählten sowie in jedem Falle zurückhalten. Wer wird je annehmen wollen, daß selbst der Atheist nur einzig für diesen gegenwärtigen Augenblick zu leben wünscht? Schon die Begierde des Raubes zeigt Wunsch nach Fortdauer der Existenz und Vorsicht, und eben diese Vorsicht wird die Begierde des Raubes bändigen. Das Auge leuchtet den Begierden, und der feinere Egoismus setzt dem gröbern Schranken. Denke sich der Atheist in sich selbst, welches Wesen er wolle, seinen Ursprung, seine Dauer, sein Ende, wie er wolle, so wird er doch immer genöthiget sein, wegen seiner selbst zu glauben, alle ihm ähnliche Wesen um ihn her, an denen allen er die nämlichen Erscheinungen wahrnimmt, seien der nämlichen Natur, er erkläre sich dieselbe, wie er wolle, mit den nämlichen Einrichtungen, den nämlichen Ansprüchen, den nämlichen Befugnissen. Indem er also zugiebt, seine Handlungsweise sei durchaus gänzlich und allein auf Eigennutz gegründet, muß er das Nämliche auch von Andern annehmen und Jedem die Freiheit geben, auch sich Alles das zu nehmen, was er für sich selbst nimmt. Nun wird er sich, muß er sich seiner eigenen Sicherheit wegen, die er beständig zu schützen sucht, immer fragen: ob er Andern das gegen sich erlauben wolle, was er sich selbst gegen sie zu erlauben gesonnen ist; und indem er es sich gegen sie erlaubt, giebt er ihnen nach seiner eigenen Denkungsweise sogleich das Recht, sich das Nämliche gegen ihn zu erlauben. Es bleibt also das alte goldene Sprüchelchen, das alle alte und neue, heilige und profane Weisen in so verschiedenen Gestalten und Wendungen den Menschen geprediget haben: Quod tibi non vis fieri, auch für den Gottesleugner nach seinem eigenen Ideengange die einzige letzte Norm seiner Gesinnungen und Handlungen; nicht als ob er es aus dem reinen Begriffe der Pflicht und Ordnung herleitete oder diesen auf dasselbe zu gründen suchte, sondern weil sein Egoismus mit Sicherheit und Dauer durchaus nur darauf fußen und fest ruhen kann. Denn wollte der Atheist jedem Sturme seiner Begierde, die Folge sei, welche sie wolle, nachgeben und jeder Leidenschaft Genugthuung zu verschaffen suchen und dadurch, wie er selbst nicht leugnen kann, das nämliche Recht auch allen Uebrigen geben, so entsteht daraus augenblicklich das alte schreckbare bellum omnium contra omnes, gegründete Furcht der Zerstörung des Ganzen – welches ihn freilich nach seinem eigenen System sehr wenig kümmert; aber zugleich leidet seine persönliche Ruhe und Sicherheit den größten Stoß, sein ganzes Ich geräth in Gefahr des Untergangs, und der grobe leidenschaftliche Egoismus muß dem feinen stärkern Egoismus des Nachdenkens weichen. Wenn sich der Atheist in dem angeführten Falle, frei ein Bösewicht sein zu können, heute wirklich als Bösewicht beträgt und ohne Rührung und Nachdenken seinem blinden Eigennutz Alles opfert, was er opfern kann, so kann er morgen in dem nämlichen oder einem ähnlichen Falle gegen Andere stehen und muß dann in diesem Verhältnisse nach seinem eigenen System nichts Anders erwarten, als auch das Opfer ihrer Leidenschaft zu werden. Um die Sache noch weiter zu treiben, setzen die Moralisten ferner den Atheisten oder einen in diesem Punkte ihm gleichdenkenden Egoisten auf eine wüste Insel mit einem ähnlichen Kameraden und fragen, was ihn zurückhalten solle, denselben zu erschlagen, da hier durchaus keine Entdeckung als wahrscheinlich angenommen werden könne, da nicht einmal die Wahrscheinlichkeit da sei, daß je eine Menschenseele die Insel besuchen werde, und da sodann auch kein Grund für ihn da sei, anzunehmen, daß Andere ebenso handeln werden wie er selbst. Ich antworte: es lasse sich durchaus nicht bestimmen, ob nicht neue Ankömmlinge sich einfinden; und in diesem eintretenden Falle muß jeder Mensch allerdings absolut annehmen, daß ihm homogene Wesen ihm homogene Handlungsweise haben werden. Jetzt ist sein Vortheil für ihn der Bestimmungsgrund; alsdann ist der Vortheil des Andern für den Andern der Bestimmungsgrund. Bei näherer Betrachtung sehen sie ein, daß ihre Vortheile meistens zusammengehen und, richtig berechnet, nie collidiren. Diese richtige Berechnung ist Jedem für sich wichtig. Fände der Atheist oder jeder andere Mensch in dem angegebenen Zustande auf der Insel wirklich, daß durchaus seine Sicherheit nicht neben dem Andern bestehen kann, so tritt hier das Vertheidigungsrecht der Natur ein, eine Collision, der wol schwerlich irgend ein System gänzlich abhelfen kann. Wenn er dem Andern schadet, so beruhet seine Handlung blos auf einer Mißrechnung seines wahren Vortheils und seiner dauerhaften Sicherheit. Das letzte Moralgebot der Philosophen, so zu denken und zu handeln, daß unsere Denkungs- und Handlungsweise allgemeine Norm werden könne, hat doch wol blos auch diesen Grund, weil daraus die Glückseligkeit Aller und folglich auch die meinige resultiren würde; denn sonst ist keine Ursache da, warum ich oder Andere diese Denkungs- und Handlungsart zur allgemeinen Regel erhoben wissen wollten. Vor Verbrechen sichert uns also von Seiten der Gottesleugner ihr eigenes System und ihr Egoismus selbst, wenn sie mit sich und ihren eigenen Gedanken consequent sind; und ist der Mann nicht mit seinem System consequent, so kann uns das beste so wenig helfen als das schlechteste schaden. Wenn sie uns nun aber gleich nicht mit Verbrechen drohen, wenn auch ihr eigener klug geleiteter Egoismus sie vor Lastern und selbst vor Fehlern, die ihre eigene Personalität auf irgend eine Weise in Gefahr setzen könnten, zu schützen vermag: werden wir sie je für wohlthätige Tugend gewinnen, und ist der Mann, der nach seinen eigenen Grundsätzen und Bekenntnissen Alles auf sein eigenes Ich zurückführt, je der geringsten Aufopferung für Andere fähig, die nach seinem Systeme ihm ganz fremd sind? Dafür hat der gütige Urheber der Natur durch Anordnung dieses Egoismus selbst gesorgt. Er hat es so eingerichtet, daß das Wohlbefinden jedes einzelnen Individuums und also auch des Atheisten so mit dem Wohlbefinden Anderer zusammengewebt ist, daß man sie, ohne beide zu verletzen, nicht von einander trennen kann. Daß der Gottesleugner den Urheber dieser Anordnung nicht anerkennt, verändert nichts in der Sache; genung, sie ist da, und er fühlt selbst ihre strenge Forderung, nicht für einen kosmischen Zweck, sondern für sein bloßes Ich. Der Atheist thut also sehr viel systematisch für Andere, wenn er anerkenntlich Alles für sich allein zu thun vorgiebt, so wie der sublimirte Moralist meistens Alles für sich thut, wenn er viel, sehr viel für Andere zu thun vorgiebt. Die Anordnung ist die der Natur, welcher Beide nur an verschiedenen Leitfaden folgen. Der Atheist ist Mensch; die Menschheit ist ihm von der Wiege an theuer geworden, ohne daß er es sich selbst gestehen will, weil das Geständniß sehr oft mit seinen Gedanken in Widerspruch stehen würde. Seine Freuden, seine Bedürfnisse, seine Leiden sind also menschlich und können nur von Menschen geschaffen, befriediget und gelindert werden. Sein eigenes Geschlecht ist ihm das nächste, wenngleich nicht das ehrwürdigste. Das Bedürfniß der Gesellschaft und des Umgangs ist ihm aus Sympathie nach und nach nothwendig geworden, und diese Sympathie führt er nur in den einsamen Stunden des Nachdenkens wieder auf Egoismus zurück. Er wird tugendhaft und sucht den Begriff der Tugend aus seinen Gedanken zu verbannen. Sein Auge sieht nicht gern Scenen des Leidens, weil er Vorahnungen oder Rückerinnerungen desselben in seinem Selbst mitfühlen muß. Er hilft, ohne zu denken oder sich ein Verdienst daraus zu machen, weil er sich gesteht, er habe nicht Andern, sondern sich selbst geholfen. Er macht froh aus Bedürfniß, frohe Gesichter und nicht Kummergestalten um sich zu haben. Seine Freude gewinnt durch Gemeinschaft, sie wird größer durch Theilnahme; es ist also Alles für ihn. Er arbeitet zur Anstrengung und Hebung seiner Kräfte. Er thut Andern wohl, weil er dadurch Wachsthum seines eigenen Wohlbehagens spürt. Sein gröberer Egoismus schränkt sich ganz auf sein bloßes Ich ein; sein feiner dehnt sich aus, so weit seine Kräfte reichen, um sich sodann mit desto mehr Selbstzufriedenheit wieder zurückzuziehen. Sich selbst zu schaden, wehrt der Instinct; Andern zu nutzen, spornt die Ausrechnung des Gewinnstes an, welche die Klugheit unbemerkt im verborgenen Hinterhalte angestellt hatte. Die Berechnung wird vergessen; die Beschäftigung und das daraus entstandene und damit verbundene Gefühl bleibt. Der Mann vergißt seinen Egoismus wie der Meister die Grundsätze und Regeln der Kunst, nach denen er sein Werk bildete; er ruft ihn nur zurück in den Augenblicken der Selbstprüfung wie Dieser die Regeln in den Augenblicken der Kritik. So ausgemacht nun nach der endlichen Uebereinstimmung aller philosophischen Secten der alten und neuen Welt ist, daß Tugend und nur Tugend allein glücklich macht, so sicher können wir auch in Ansehung des Atheisten für die Tugend sein, da seine Glückseligkeit mit seinem Egoismus Eins und das Nämliche ist, welche ohne das, was wir Tugend nennen, nicht gedacht noch erreicht werden kann. Er hat für das, was für ihn gut ist, zwei große immer sichere Kriterien, die auch für jeden Andern, er sei von welcher Secte er wolle, zu allen andern Prüfungen, sie seien von welcher Art sie wollen, nach meiner Meinung giltig sein werden und billig der Probestein aller Wahrheit sein sollten: diese sind Allgemeinheit und Dauer. Was ihm in allen seinen Lagen und Verhältnissen zu allen Zeiten und auf immer wohlthut, das hält er mit Recht für gut, ohne sich weiter um die wahre innere Beschaffenheit desselben in Rücksicht auf Andere und seine Ableitung aus hyperphysischen Begriffen zu bekümmern. Denn diese liegen außer seiner Sphäre, und über sein Ich kann er bei strenger Untersuchung nicht hinausgehen. So wie er aber diese Kriterien für sich anerkennt, so kann er auch ihre Giltigkeit für Andere nicht leugnen, die er für ihm ähnliche Wesen halten und ihnen also nach seiner Consequenz die nämliche Gedankenfolge zugestehen muß. Da er nun seine Ueberzeugung für die wahre hält – denn sonst würde sie nicht seine Ueberzeugung sein – so gewinnt dadurch das Kriterion der Allgemeinheit durch alle seine Verhältnisse natürlich die Giltigkeit für das ganze Menschengeschlecht, dem er ein nämliches Sensorium zuzuschreiben sich genöthiget sieht. Blos sein eigener Vortheil macht und erhält ihn gut; und er ist ehrlich genung, dieses zu gestehen und zu behaupten, daß nur dieses und nichts Anders bei jedem Andern sein könne. Er sucht seine eigene Glückseligkeit und nicht Anderer. Die Gedanken Gesetz, Tugend, Religion sind ihm als solche fremd; will man sie ihm aber als Mittel zur Glückseligkeit unterschieben, so ist er das wohl zufrieden, da sie mit seinen eigenen Begriffen von Vortheil zusammentreffen. Wir wissen, daß sie zusammentreffen müssen. Der Atheist wird aus heroischem Egoismus im Stande sein, sich für das Wohl Anderer zu opfern, nicht mit dem Gedanken der Pflicht, der ihm fremd ist, sondern auf der Höhe seiner Kraft, wo ihm ein Augenblick in der Anstrengung derselben zur Wohlthat für Andere für ihn selbst theuerer wird als eine verlängerte Existenz, in träger Schwachheit hingeschlummert. Als Wohlthäter Anderer dünkt er sich selbst glücklicher, weil er dadurch geliebter, geehrter, geschätzter, größer und in Ansehung seiner angenehmen Empfindungen selbst gesicherter wird. Er sucht so viel Genuß als möglich zu haben, so hoch als möglich zu steigen, und damit er auf seiner Höhe sicher stehe, sucht er, so viel er vermag, zu seinem Vortheil dem Egoismus Anderer nachzuhelfen oder ihn wenigstens nie zu stören, weil er dieses für das einzige Mittel hält, sich zu behaupten. Er schaut zufrieden um sich her, mit der Selbstgenüglichkeit, er habe mehr gethan als Andere, und Andere schließen sich an ihn als an ihre Stütze an, anstatt daß er als Schwächling die Unterstützung Anderer suchen müßte. Das Gute ist zu allen Zwecken besser als das Böse, zu allen Zwecken, die sich ein Mann vorsetzen kann, der auch nur seinem geraden Sinne nachgehet und kein Selbsthasser ist; und ist ein Mensch zu dieser Tiefe herabgesunken, so rettet ihn kein System, kein Vernunftgrund, kein Glaube. Aus Allem, was ich bisher gesagt habe, dünkt mich, erhellet nun, daß ein Gottesleugner, so furchtbar er auch bei dem ersten Anblick sein mag, wenn er nach seinem System richtig handelt, gar nicht der Mann ist, von dem die Tugend für die Menschheit sehr zu fürchten hat; und die Menschengeschichte bisher hat gezeigt, daß die ausgezeichnetesten Bösewichter nicht eben wegen ihres Atheismus berüchtiget waren. Vielmehr waren die Schandflecke aller Art meistens von dem entgegengesetzten Ungeheuer, von dem blutigen Fanatismus erzeugt, der die Menschheit oft mit Scorpionen peitschte, da sie noch nie die Ruthe des Atheismus gefühlt hat. Um den Gedanken des Atheismus nur zu fassen, muß ein Mann schon einen zu kalten Abstractionen geneigten und geschickten Geist haben; und selten wird ein beschränkter oder wilder, unordentlicher, leidenschaftlicher Mensch es nur wagen, sich mit diesen tiefsinnigen ungeheuern Speculationen zu beschäftigen. Bei einem Manne also, der sich in diese Untiefen des menschlichen Wissens stürzt, hat die Leidenschaft durch andere Systeme ausgegohren, der gewöhnliche grobe, stürmische Egoismus hat ausgebraust und ist berichtiget worden, und der verfeinerte tritt in seinen Resultaten der reinen Tugend so nahe, daß ihn oft die feinsten Bemerker nicht von derselben unterscheiden können. Religion und Tugend sind zwar eigentlich für den Gottesverleugner Undinge, und man kann also nicht sagen, daß er in irgend einem Verhältnisse zu beiden stünde, da beide für ihn so gut als nicht existirend gedacht werden müssen. Wenn aber der Geist der Religion in diesem Leben in Beruhigung und Beglückseligung des Menschen durch Tugend bestehet, und der Egoismus des Atheisten in seinen Folgen mit dem, was Religion und Tugend fordern, für die Menschheit einerlei Erscheinungen hervorbringt, so ist wirklich nicht leicht zu bestimmen, welchen Schaden er beiden in Rücksicht auf dieses gegenwärtige Leben zufügen könne. Blos die Vorstellungsart ist verändert, die Resultate für das Leben sind die nämlichen. Die beste Religion ist diejenige, welche den Menschen hier am Glücklichsten macht, welche ihn alle Geschenke der Gottheit am Lebhaftesten fühlen und genießen läßt und ihm alle Einschränkungen und nothwendigen Leiden seiner Natur am Besten tragen hilft, dieselben nicht vervielfältiget, sondern so viel als möglich vermindert und über die Zukunft die beste Beruhigung giebt. Der Atheist hat das nämliche Ziel, obgleich nur jeder für sein eigenes Individuum, aber doch alle zusammen jeder besonders und also allgemein; nur sucht er es auf andern Wegen, weder durch Religion noch durch Tugend als solche, sondern durch den am Besten ausgerechneten Egoismus. Nun ist es die weise, notwendige, wohlthätige Einrichtung des Urhebers der Natur, daß diese Wege endlich zusammentreffen müssen. Wenn die Natur die Begründung und Festhaltung der menschlichen Glückseligkeit ganz allein dem Spiel unsers Geistes überlassen hätte, wie noch mannichfaltig elender würden wir armen Menschenwesen sein, als wir durch tausend fremde und einheimische Ursachen schon wirklich sind! Aber so zieht uns die Wohlthäterin durch ihren allgewaltigen Zauber immer wieder aus dem verworrenen Labyrinthe unserer Hirngespinnste heraus auf ihren einfachen gebahnten Weg, wo nach tausend Seitenstegen die große Straße Alle wieder aufnimmt, die nicht seitwärts ihre Kraft ganz in Sümpfen verloren oder sich im Sturm der Leidenschaften in Abgründe stürzten. Und diese Sümpfe und Abgründe sind keiner Secte ausschließlich allein eigen. Ich glaube gezeigt zu haben, daß die Tugend des Atheisten, wenn man ihren egoistischen Bemühungen anders diesen heiligen Namen gönnen will, ebensowol die Probe halten kann als die Tugend irgend eines andern Systematikers. Sie liegt nothwendig zwar nicht mit diesem Namen, aber doch mit ihrem Wesen in seinem Egoismus gegründet, und er scheint ihr, nach meiner Meinung, eine desto größere Huldigung zubringen, da er ihr geradezu als ihrer eigenen gegenwärtigen Belohnung folgt, ohne an der Hand der schönen glühenden Hoffnung erst noch künftig einen neuen Aufschluß der Ordnung zu erwarten und einen verhältnißmäßig größern Lohn für seine Aufopferungen zu fordern. Er ist der Meinung, nach dem millionenjährigen blinden Zufall, nach dem allgemeinen Egoismus eines jeden Wesens und der natürlichen Tendenz aller konnte keine andere Erscheinung entspringen als die Erscheinung unserer oder einer ähnlichen Welt; er sieht ein oder glaubt einzusehen, welches für ihn einerlei ist, Eigennutz halte jedes sich selbst und durch Zusammenhängen eins das andere, bis die abgetriebene Maschine zerfällt und zu neuen Formen in neue Fugen tritt, wo dann das Spiel des Zufalls von vorn anfängt. Die Religion mit ihren Mysterien und Gegenständen des Geisterglaubens hätte freilich von dem Atheismus und seinen ungeheuern Behauptungen oder Zweifeln nichts weniger als ihren gänzlichen Fall zu fürchten, wenn er mit seinen finstern trostlosen Sätzen bis zum evidenten Beweise vordringen könnte; aber zum Glück für den gewöhnlichen schlichten Menschensinn sind die Anmaßungen des Atheismus noch weniger einer demonstrativen Evidenz fähig als die Cardinalbegriffe, welche die Deisten und alle positiven Religionslehrer auf Glaubensgründen zur Erklärung der Dinge aufstellen; und zu noch größerm Glücke treffen am Ende für das praktische Leben die Streitenden in einem Punkte zusammen, so sehr sie auch über die Erörterung der Grundbegriffe mit aller Anstrengung der Geisteskräfte sich auf metaphysischen Syrten herumtreiben. Es liegt schon in der Natur des Atheismus, daß er nicht allgemein werden kann, da schon eine ungewöhnliche Anstrengung der Seele und eine oft vorhergegangne tiefe fruchtlose Untersuchung über die Natur der Dinge dazu gehört, nur den Gedanken davon zu fassen. Ein Mann von leidenschaftlichem, grobem, blindem Egoismus ist kaum der Idee der Gottesleugnung fähig, so sehr auch sein moralisch-nichtswürdiges Betragen das Wesen lästert, das er bekennt; und von dem anerkannten feinen klug geleiteten Egoismus des kalten traurigen Spähers hat die praktische Tugend nichts zu fürchten, da er im Grunde mit ihr im Bunde stehen muß. Das kalte, finstere, trostlose, grauenvolle Gebäude des Atheismus wird also nie viele Einwohner bekommen, und die dahin flüchten, sind für die philosophische und moralische Welt, was meistens die Eremiten für die übrige Menschengesellschaft sind: isolirte, hoffnunglose, verirrte Seelen, die zwar selten viel Gutes stiften, aber auch selten viel Schaden anrichten. Freilich, wenn es möglich sein sollte, daß die Lehren dieser düstern Secte jemals auf den Geist der Menschen in gesellschaftlichen Verhältnissen so viel Einfluß gewönnen, als der entgegengesetzte Fanatismus der Möncherei und Priesterwuth einst zum blutigen Denkmal menschlicher Verirrung wirklich besaß, so müßte die Menschheit von dem blinden Egoismus des Pöbels der Secte ebenso grausame Wunden fürchten, als ihr von dem blinden Feuereifer der Fanatiker aller Art schon geschlagen wurden. Wie ich aber schon bemerkt habe, der Atheismus mit seiner verwirrten traurigen Weisheit kann nur in den ungeheuern Köpfen solcher Geister entstehen, die mit ihren Gedanken die Gottheit wie ein Dreieck zu messen wagen und sie über der Untersuchung verlieren. Sie können sich nie ganz von ihr entfernen, sondern überziehen nur durch den kühnen schwindelnden Blick das Auge ihres Geistes mit noch dickerer Finsternis als es vermöge ihres Wesens in Ansehung dieser unerreichbaren Idee mit strahlender Unwissenheit schon umhüllt war. In den alten Zeiten finde ich nicht einmal, daß man diesen unglücklichen speculativen Köpfen je ihre Tugend streitig gemacht oder sie darüber angetastet hätte. Lucrez nimmt sich, so viel ich mich erinnere, nicht die Mühe, seinen Epikur darüber zu rechtfertigen; welches er gewiß nicht würde unterlassen haben, wenn dieses damals eine Quästion gegen ihn gewesen wäre. Auch die ersten duldsamen Kirchenväter, die einander in philosophischen Streitfragen das alte verträgliche Hanc veniam petimusque damusque vicissim gern zugestanden, waren weit entfernt, einander deswegen zu beunruhigen, bis man anfing, über Spitzfindigkeiten und Grillen der guten herrlichen Urmoral des Lehrers zu vergessen, aus dem Zirkel des praktischen Lebens herauszugehen und Streitigkeiten mit Hitze und Lieblosigkeit auszufechten, die mit Tugend und Moral nicht in der geringsten Beziehung standen und nie in dem Sinne des großen Lehrers gelegen hatten. Aber auch während dieser ganzen Periode warf man die Frage über die Möglichkeit der Tugend eines Gottesleugners nicht auf, so sehr auch einige Häupter der Kirche mit ihren Meinungen und Erklärungen selbst an den Sinn des atheistischen Systems grenzten. Erst in den neuern Zeiten ist die Verdammungssucht dieser Art erwacht, ohne daß man eigentlich recht wußte, welchen Begriff man mit der Beschuldigung eines Atheisten verband. Die alten Athenienser schämten sich herzlich des Urtheils, das man über Sokrates gesprochen hatte, und die Männer, welche der blinde Aberglaube opferte, sind noch jetzt die Zierde der griechischen Nation. Auch Banini verbrannte man, und das ganze Collegium seiner Richter würde mit aller seiner christgläubigen Gottesverehrung vielleicht keine einzige Strophe seiner Ode zum Lobe der Gottheit gemacht haben; so sehr war der Mann, den sie verdammten, durch Kopf und Herz selbst in diesem Punkte über sie erhaben! Es ist allerdings der Gutherzigkeit und Wohlgemeintheit der Orthodoxen nicht zu verdenken, daß sie von den Sätzen des Atheismus für Moral und Bürgertugend mehr befürchten als von aller Ketzerei in den Artikeln Sub utraque und De communicatione idiomatum, da sie bei dem ersten Anblicke so schreckbar und fürchterlich aussehen. Wir haben bei näherer Betrachtung gefunden, daß sie zwar für den Besitzer selbst trostlos und hoffnungleer, aber doch für die übrige Menschheit nicht so tödtlich sind, als sie der erste Schrecken darstellt. Uebrigens wird das System aus schon oben angeführten Gründen noch weniger irgendwo ein Volksglaube werden können, als es je der Deismus oder irgend ein philosophisches System werden wird. Denn alle diese Systeme ruhen zu sehr blos auf kalten abgezogenen Begriffen, deren der menschliche Geist im Allgemeinen schwerlich fähig werden wird. Jedes Religionssystem, das ein Volk führen soll, muß mit etwas Menschlichkeit gewürzt sein, damit es Phantasie und Gefühl auch bis zum Enthusiasmus beschäftigen kann. Freilich werden daraus zuweilen Täuschungen entstehen, aber diese Täuschungen sind doch meistens so wohlthätig, so menschlich schön, wie es nie die irrsamen Streitfragen der Philosophen sind, die sich meistens in dem Dunkel endloser Windungen der Skepse verlieren. Ueber seinen Egoismus brauchte oben der Atheist zur Prüfung und Berichtigung desselben zwei Kriterien, von denen ich behauptete, daß sie auch in der Untersuchung der Wahrheit und Tugend überhaupt von Giltigkeit seien, nämlich Allgemeinheit und Dauer. Freilich sind sie auch von keiner unumstößlichen nothwendigen Evidenz; aber wir dürften doch schwerlich für das praktische Leben höhere haben, welche die Skepse nicht ebensowol mit ihren Schlingen umwickeln könnte. Ich glaube, wenn etwas von allen Individuen eines Geschlechtes in allen Verhältnissen, aus allen Gesichtspunkten betrachtet, zu allen Zeiten ohne Veränderung für alle Individuen das Nämliche ist, so ist diese Erscheinung für das ganze Geschlecht, das einen gemeinen Maßstab seines Urtheils hat, auch gemeine Wahrheit, und es ist jedem Individuum unmöglich, sich die Sache anders zu denken, weil nie eine andere Erscheinung davon existirte. Von dieser Art sind alle Wahrheiten der Mathematik unumstößlich, alle bewährte Erfahrungen der Physik, die, millionenmal wiederholt, sich einander nie widersprechen, obgleich nicht von der ganz gewissen Evidenz der vorigen. Für Tugend brauchen wir gar keine Veränderung der Prüfung; denn Tugend ist nichts anders als Ordnung und moralische Wahrheit oder in ihren Resultaten für das praktische Leben dasjenige, was wirklich Glückseligkeit schafft. Was also Gutes wirkt und angenehmen Zustand hervorbringt, allen Individuen ohne Ausnahme, in allen ihren Verhältnissen, ohne Jemand zu verletzen, zu allen Zeiten ohne Einschränkung, das ist wirklich Gutes, wirklich Tugend, man sage dagegen, was man wolle, und modificire und erkläre die Sache, auf welche Weise man wolle. Der Probestein der Tugend ist also am Ende doch immer nur der Nutzen, den die Individuen und die Gesammtheit aus ihr ziehen, und ich habe schon oben bekannt, daß ich nicht im Stande bin, mir einen andern höhern Begriff zu denken, so erniedrigend dieses auch immer klingen mag. Ich halte dieses für die weiseste Einrichtung des Schöpfers, so wie es sodann das schönste Geschenk desselben ist, daß wir diesen Grundsatz im Leben durch praktisches tägliches Handeln vergessen. Wir sehen, daß die Glückseligkeit der Andern mit der unsrigen durchaus Hand in Hand gehet, daß wir die unsrige erhöhen, indem wir die unserer Mitgeschöpfe befördern. Daraus entstehet eine hingebende Neigung, welche uns wohlthut, und in welcher endlich für das praktische Leben zur Wohlthat für das Ganze der erste Bewegungsgrund verloren geht. Es geht vielleicht hier mit der reinen, ganz uneigennützigen Tugend wie mit der Freiheit des Willens in der Metaphysik. Die Philosophie giebt sich zwar alle Mühe, sie zu behaupten und zu beweisen, kann aber mit allem ihrem Scharfsinn sie nicht von der Kette der Nothwendigkeit loswinden. Traurig über den Zwang, in welchem er sich fühlt, geht der Philosoph zurück in das große weite Feld des Lebens, wo die Natur ihre magische Kraft so tief versteckt gelegt hat, daß er, sich selbst unbemerkt, an ihrem unsichtbaren Leitfaden durch offne Sphären hineilt und so wenig den Zügel fühlt, daß er sich bald wirklich überzeugt, er sei frei wie ein Gedanke, wenn ihn nicht ein widriger Anstoß aus dem schönen freien Schwung wieder auf die Klippen der Skepse wirft. So rächt sich die Natur, sobald wir ihren Armen zu entweichen suchen und uns in Regionen wagen, für die wir auf diesen Lebensstationen noch nicht bestimmt zu sein scheinen. Sollte denn in dem Menschenleben so wenig mehr zu thun sein, daß wir durchaus unsern Flug über unsern Horizont hinaus nehmen müssen, aus dem wir selten etwas für die Gegenwart herunterbringen? Prudens futuri temporis exitum caliginosa nocte premit deus, sagt ein Mann, der sonst wol nicht immer muthig genung Wahrheit sagte, aber ein desto richtigeres Gefühl für dieselbe hatte, wo er sie ohne Gefahr sagen konnte. Hoffentlich geht unsere Tugend über das Grab hinaus; ein großer Theil der Menschheit, der doch wahrlich ebenso viel Anspruch auf Glückseligkeit hat als alle seine übrigen Brüder, würde sonst traurig zu beklagen sein. Wenn nun die Glückseligkeit, welche bewirkt wird, der Maßstab der Tugend ist, so folgt daraus, daß die Mittel, welche diese Glückseligkeit hervorbringen, die nähere Bestimmung der Tugend enthalten. Dieses ist ohne Zweifel ausgemacht: Gutes bringt Gutes, und Böses bringt Böses hervor; oder mit andern Worten: was beständig in allen Verhältnissen auf immer angenehme Gefühle erzeugt, ist Tugend, das Entgegengesetzte ist Laster. Der erste und letzte Grund aller Tugend, die Base aller ferneren höher steigenden philanthropischen heroischen Schwingung ist das feste kalte Suum cuique oder Laede neminem, welches zum Grundprincip unstreitig wieder die alte Philautie hat. Um den Begriff der Gerechtigkeit zu prüfen, nehme man nun wieder die angeführten Kriterien, Allgemeinheit und Dauer, um zu erfahren, wie viel derselben wirklich in der Welt herrsche! Denn kein einziges Menschenwesen darf seine Forderungen zu keiner Zeit verlieren, und Verlust derselben durch Präscription wäre ein Attentat in die allgemeine Menschenvernunft. Aus diesen Ansprüchen Aller an Alle entstehet der Grundpfeiler einer ganz vernünftig gegründeten Gesellschaft, Isonomie, allgemeine Gerechtigkeit, welche in diesem Sinne wol noch nicht ihre Erscheinung unter den Menschen gemacht hat. Wenn Asträa diese Göttin war, so ist ihr Verlust dem Menschengeschlechte eine unheilbare Wunde. Die Griechen scheinen eine dunkle Ahnung dieses Gedankens in diesem Mythus gehabt zu haben, und wenn hier und da sich das Gefühl zum Begriffe erhellte, so wußten sie in der Angst nicht, was sie damit anfangen sollten. Auch jetzt, da man die Idee wieder auffängt, ist man in der ängstlichsten Verlegenheit, auf welche Weise man sie mit Sicherheit in das praktische Leben bringen soll. Die Gleichheit der Menschen hat zwar in der Natur unumstößlich ihre Richtigkeit. Wenn wir auch nicht in das Wesen des Menschen eingehen wollen, um sie schlußweise aus demselben herzuleiten und zu beweisen, so wird sie schon a posteriori dadurch dargethan, daß kein einziger Mensch sich den andern absolut unterwürfig machen kann. Denn weder die physischen noch die geistigen Kräfte können den Einen ganz vor den Angriffen des Andern in Sicherheit setzen. Was mir nun noch widerstehen kann, was ich nicht absolut unterdrücken und beherrschen kann, ohne es gänzlich zu vernichten, das ist mir in seiner Grundkraft, also in seiner Natur gleich. Ich habe nicht nöthig, dieses weiter auszuführen. Wird man nun diese Gleichheit in Gesellschaften oder gar in Staaten mit übertragen können? Die Idee hat in sich nichts Widersprechendes, sobald nur alle Individuen oder auch nur der größere Theil derselben gerecht sind. Wer wird aber dieses von dem Menschen zu hoffen wagen? Ihn halten nur Furcht und Gesetze, und wo er deren Meister ist, geht der größere rohere Haufe dem Sturm seiner Leidenschaften und seiner Begierden nach; sein grober, blinder Egoismus stürzt alle Schranken vor sich nieder. Gerechtigkeit kann ohne bürgerliche Freiheit nicht bestehen, und kein hoher Grad von Glückseligkeit und Vollkommenheit kann ohne dieselbe erreicht werden. Wer wagt es aber, das richtige Maß, das Zuviel und das Zuwenig unwidersprechlich zu bestimmen? Das Zuviel hat manchen Staat gestürzt, das Zuwenig manche Menschengeneration gemartert und sie zu Marionetten des Elends herabgewürdiget. Man erhebe ja nicht enthusiastisch die Freiheit der Griechen und Römer! Ihr Hochgefühl für dieselbe ist Alles, was uns in ihr Interesse gewinnen kann. Beide gepriesene Völker des Alterthums waren in ihren Nationaltransactionen blutige Barbaren. Es fällt in den römischen Geschichtschreibern gar nicht auf, wenn sie ganz trocken erzählen: »Und die gefangenen Anführer wurden im Gefängnisse getödtet, die Uebrigen aber als Sclaven verkauft.« Eine Brandmarke drückten die verbündeten Griechen der Menschheit ein, als sie im peloponnesischen Kriege alle braven Platäer nach der Einnahme der Stadt durch das schändlichste Kriegsrecht, das je gehalten wurde, hinrichten ließen: eine Trauerscene, an welcher der kraftvolle menschliche Thucydides sein ganzes Pathos erschöpft hat. Wer kann an Sparta denken, ohne über den Schicksalen der Messenier und Heloten eine menschenfreundliche Verachtung gegen die seelenlosen Eisenmänner zu fühlen? Die Geschichte beider Völker ist voll von Schauspielen, die jetzt das ganz gewöhnliche Menschengefühl empören würden, so sehr, daß die Philanthropie in Versuchung geräth, den Spartacus für den ehrenvollsten Feldherrn der alten Menschenkunde zu halten. Wer kann in Republiken die Gesetze de ambitu eisern genung machen, daß sie nicht durch das Gold, die List, die Verwegenheit, die Cabale, den Parteigeist durchbrochen werden könnten? Und doch sind allein diese Gesetze die Base und Mauer der Regierungsform; sind diese Schranken gebrochen, so ist der Staat verloren. Griechenland und Rom sind davon Beispiele. Richtig ist es unstreitig, in republikanischen Verhältnissen steigt Menschenwerth und Menschenvollkommenheit am Höchsten; aber richtig ist es auch unstreitig, in ihnen sinkt Menschennatur und Menschenverderbniß am Tiefsten. Selbst die Geschichte unserer Tage, die sich doch aus der alten Tiefe des Unsinns im öffentlichen Rechte ziemlich erhoben haben, hat noch neue frisch blutende Beispiele von beiden. Nur dann, wenn die Begriffe von Bürgerfreiheit und allgemeiner Gerechtigkeit von den Männern der Nationen richtig und lebendig gefaßt werden, können wir Hoffnung haben, daß die innerlichen und äußerlichen Verhältnisse der Staaten in eine solche wohlthätige Harmonie treten werden, wo der herrliche philanthropische Traum des Vater Kant vom ewigen Frieden vielleicht einst in Wirklichkeit übergehen mag. Unvermerkt hat mich eine warme Einbildungskraft von meinem Gegenstand entfernt; ich kehre zum Schluß zurück. Diejenigen, von denen die Staaten alter und neuerer Geschichte viel gefürchtet und gelitten haben, waren nicht Atheisten. Bei dem Gottesleugner wird man vermöge seines kalten abstracten Ideenganges unmöglich den groben Egoismus treffen können, da dieser nur in dem dicken Dunstkreis der Leidenschaften liegt, über welchen sich die isolirte traurige Speculation des Atheismus schon vermöge ihrer Natur erhoben hat. Der feinere Egoismus trifft immer mit der Idee von Recht zusammen und kann also in keinem Verhältnisse dem Staate gefährlich werden, da ihr auch jeder andere rechtschaffene Mann von jeder andern philosophischen oder religiösen Partei gleichfalls folgen muß. Könnte aber der Atheist zum ganz groben, leidenschaftlichen Enthusiasmus herabsinken, so würde er dadurch ebenso gefährlich und nicht gefährlicher werden als jeder andere Fanatiker, der von seinem blinden, im Grunde ebenfalls egoistischen Enthusiasmus geführt wird. Also bin ich überzeugt und glaube durch diesen Vortrag es auch dem Leser begreiflich gemacht zu haben, daß, obgleich die Begriffe von Religion, Pflicht und Tugend in dem Sinne der Puristen sich durchaus nicht mit dem Atheismus vertragen, das praktische Leben und folglich die Gesellschaft von ihm nichts befürchten darf. Damit behaupte ich gar nicht, daß der Atheist vermöge seines Systems vorzüglich geschickt sei, ein guter, patriotischer Bürger zu werden. Da der Stunden des Nachdenkens in dem Menschenleben doch natürlich, zumal bei einem so kalten, tief abstracten Kopfe, sehr viele sein müssen, so kömmt er in denselben, da er sich sonst an keinen Gegenstand halten kann, beständig zu seinem Ich zurück, und die öftere Beschäftigung mit diesem kalten, auch noch so fein sublimirten Egoismus droht ihn endlich ganz von seinen bessern Menschengefühlen zu isoliren. Er ist nur dann Mensch, und guter, theilnehmender Mensch, wenn sein Herz vor seinem Kopfe hergeht oder seine wärmere Empfindungen ihn so beschäftigen, daß sie ihn nicht zu seinen Abstractionen zurückgehen lassen: und dann kann er für seine Mitbürger ebenso wohlthätig als ein rein Tugendhafter werden; schädlich läßt ihn sein System selbst niemals sein. Aber wenn auch die Gesellschaft durch dasselbe von ihm nichts verliert, so verliert er selbst desto mehr. Er sieht sich blos als einen Spielball des Zufalls an, ohne weitere Zwecke und höhere Würde. Für ihn ist kein Vater der Wesen, keine Verwandtschaft der Geschöpfe, keine brüderliche Vereinigung zur gemeinschaftlichen Glückseligkeit. Ein Jeder neben ihm rollt traurig isolirt als ein eben solcher Spielball hin, wo ihn der nämliche Zufall hinstößt; blos die Tendenz der blinden Materie zur Cohärenz macht bei ihm die Erscheinung von Glückseligkeit, gemeinschaftlichen Bedürfnissen und den ganzen Zusammenfluß des feinern Egoismus. Wenn auch wirklich am Ende alle Tugend in diesen Egoismus sich auflöst, so täuscht sich doch jeder Andere so gern und vergißt in der philanthropischen Mittheilung und dem freundschaftlichen Ergusse der Gefühle den Gedanken, da nicht geradezu sein ganzes System darauf beruhet und er so viele andere aus Glaubensgründen festgesetzte Begriffe hat, die ihm Beschäftigung, Nahrung und Unterstützung gewähren. Jeder Andere denkt den Gedanken nur mit einer unangenehmen Anstrengung: der Gottesleugner muß ihn wegen der Consequenz überall vorausschicken; und dieses muß sodann seinem ganzen Wesen eine gewisse traurige Menschenscheue geben, die er nur durch Entfernung des Denkens überhaupt von sich entfernen kann. Zum Glück haben solche finstere Männer meistens ein ebenso großes, gefühlvolles Herz, als sie einen tiefen, forschenden Geist besitzen. Wirklich habe ich selbst einen Mann dieser Art gekannt, der einige Jahrzehende trübsinnig in den Systemen der Alten und Neuen herumgewühlt hatte, der jetzt mit allem fürchterlichen Ernst eine trostlose Stelle des Spinoza erklärte und behauptete und kurz darauf eine schöne moralische Stanze in seinem Silbertenor zum Erstaunen und zur Rührung aller Anwesenden mit allem Ausdruck des wahren Gefühls sang, der mit aller Kälte der Speculation sein egoistisches System vertheidigte und einem Unglücklichen, der ihn nicht bat, heimlich einige Goldstücke reichte und ein paar muntere, ihm wildfremde Knaben aus seiner eigenen Garderobe kleiden ließ. Es ist gewiß ein traurig rührender Anblick, einen solchen Mann zu sehen, der ohne alle Ansprüche auf Zukunft, ohne alle Begriffe von Pflicht, ohne alle offene Anerkennung reiner Philanthropie aus dem feinsten Gewebe seines Systems heraus den schönsten menschlichen Tugenden opfert; Alles blos für den augenblicklichen Lohn seines Herzens. Es würde mir, wenn ich noch nicht völlig von der Existenz eines unaussprechlich gütigen, weisen und mächtigen Schöpfers und Vaters der Natur überzeugt wäre, ein neuer, fester, herzlicher Grund zum Glauben an ihn werden, daß keines seiner erschaffenen Wesen, es mag sich noch so weit von den Gedanken an ihn entfernen, sich ganz von ihm und seiner Glückseligkeit verlieren kann; so göttlich, väterlich sind alle Einrichtungen der ganzen Natur, daß selbst alle Irrwege zuletzt im wesentlichen Punkte der Tugend und Glückseligkeit zusammentreffen. Man wird mich aus dem, was ich bisher gesagt habe, nicht der Anhänglichkeit an dieses unglückliche System beschuldigen, da ich nach einem Gefühl allgemeiner Gerechtigkeit es gegen die harten Beschuldigungen der Zeloten zu vertheidigen suchte, welche behaupten, indem der Atheist den Begriff der Gottheit und der Religion aufhebet, breche er dadurch alle Tugend und Pflicht und alle Schranken bürgerlicher Gesellschaft nieder; welches aber, wie ich gezeigt habe, ein Widerspruch in seinem System wäre. Zwar kann ich jetzt nicht, nach mehrern Jahren des Lebens und des Denkens, mit Unbefangenheit alle Artikel unterschreiben, die mir einst die religiöse und philosophische Dogmatik mit dem Ansehen der Infallibilität dictirten; aber wenn auch hier und da eine Latte des Daches zerbrochen oder ein Balken des Obergebäudes aus der Fuge getreten ist, so steht doch noch der Grund in seiner ganzen Unerschütterlichkeit fest und wird jedes Gebäude zu tragen im Stande sein, welches auf ihn wirklich richtig gepaßt wird. Wenn auch der Gedanke Gott, Vorsehung, Tugend, Zukunft und Verbindung der jetzigen und künftigen Existenz trotz ihrer selbst philosophisch höchsten Wahrscheinlichkeit nicht Wirklichkeit sein sollte, so wollte ich mir selbst für mein Dasein die schöne, wohlthätige Täuschung nicht nehmen lassen, die mich zu einer solchen Würde zu erheben und in dieser Würde mir eine solche Ruhe zu gewähren fähig ist. Ich habe bei dem Gedanken wenigstens die süße Hoffnung, von dem Räthsel der Schöpfung einst so viel lösen zu können, als ein endliches Wesen davon zu fassen vermag. Zu dieser Höhe kann kein Gottesleugner steigen; diese Hoffnung kann keiner der Männer ohne Trost haben; denn so viel sie auch von der Natur, von dem Ganzen und von den Theilen und von der ewigen Vereinigung mit finsterm Tiefsinn philosophiren, so wird doch nie aus dieser ewigen Nacht ein heller Gedanke hervorgehn, der auch nur auf bloßen Glaubensgründen beruhete, und an dem sich ein Mensch mit blos menschlichem Sinne und Gefühl halten könnte. Ueber das Spiel Χρήματα δ᾿ οὐχ ἁρπακτὰ, ϑεόςδοτα πολλὸν ἀμείνω. Hesiod. Es ist in allen Verhältnissen von den heiligen und philosophischen Rednerstühlen, in Büchern aller Art schon so viel und so viel Gutes über diesen Gegenstand gesagt worden, daß man billig die Materie für erschöpft und einer ferneren Behandlung für unfähig halten sollte, wenn nur nicht diese leidige Erbsünde jetzt mehr als je in ihrer ganzen Stärke da stünde und jedem Raisonnement nicht mit blindem Trotz ins Angesicht starrte. Wenn ich also auch, wie ich sehr gern glaube, nichts Neues über die Sache zu sagen weiß und das Alte vielleicht nur halb so gut und so stark als Andere vorzutragen im Stande bin, so rechtfertiget doch die noch dauernde Stimmung unsers Zeitalters in Ansehung dieser unseligen Leidenschaft jeden Versuch, den auch ein Idiot der literärischen Geschichte mit philanthropischem Wunsche machen kann. Das Spiel hat noch jetzt so sehr alle Gesellschaften von sogenanntem guten Ton in Beschlag genommen, daß es das erste Requisit eines Candidaten zu denselben ist, wie man sich gewöhnlich auszudrücken pflegt, eine Partie machen zu können. Und ein Mann, der dieses nicht versteht oder aus Grundsatz und Abneigung von dergleichen Beschäftigungen irgend eine schickliche, doch merkliche Entschuldigung findet, wird bald als ein homme qui n'a rien de sociable ganz vernachlässiget, so daß er kaum auf die allergewöhnlichste Höflichkeit Anspruch machen darf. Jedermann begreift, wenn man nur vom Spiele spricht, daß darunter blos das Spiel der jetzigen Mode oder das Kartenspiel zu verstehen sei, welches seine Herrschaft so ausgebreitet und festgesetzt hat, daß man über demselben fast den Namen aller übrigen Spiele zu vergessen anfängt. Der Würfel, welcher ehemals der Entscheider des Schicksals aus der blinden Leidenschaft war, hat jetzt fast alle Anbeter verloren. Der Würfel verdient aber doch wahrlich wenigstens in dieser Rücksicht den Vorzug vor allen andern Methoden, wenn ein Mensch einmal so in Inconsequenz gefallen ist, daß er seinen Antheil an irdischen Glücksgütern durchaus dem Zufalle unterwerfen will, weil er diese Absicht am Schnellsten und Vollkommensten erreicht. Bei dem Spiele um Gewinn läßt sich durchaus nichts Würdiges denken; und thut man sodann nicht besser, lieber gar nichts zu denken? Wohin man kommt, sieht man Gruppen von emsigen Spielern, welche die ganze Aufmerksamkeit ihrer Seele auf ein buntes Blättchen gerichtet haben und mit der größten Unruhe und Angst auf dessen Umschlag warten, um entweder dem blinden Zufalle feurigen Dank zuzurufen oder gegen ihn Verwünschungen, Unsinn und Blasphemien auszustoßen, über denen das unverdorbene Menschengefühl erröthet. Ich bin keinesweges gesonnen, mich zum Moralisten der Nation aufzuwerfen; es ist aber doch gewiß keine Anmaßlichkeit, wenn ein Mann mit gewöhnlich hellen Gedanken und guten schlichten Empfindungen für alle seine Zeitgenossen, ohne Rücksicht auf Schaden und Gewinn für sich selbst, es wagt, sich einer Gewohnheit mit entgegenstemmen zu helfen, die unter der Firma der Geselligkeit wie ein tiefrollender Strom an dem Bau der Moralität und der wirklich edlen Geselligkeit selbst wühlt und durch Leichtsinn und Unbesonnenheit gewiß mehr Unglück unter den Menschen schafft, als die sinnreichste Bosheit kaum wirken kann. Wenn ich von Spielern rede, so verstehe ich darunter immer noch sogenannte Spieler von Ehrlichkeit und gewöhnlichem Gewissen, die entweder in gänzlich anerkannten Hazardspielen oder sogenannten Commerschen, die es doch alle nach jetzigem Fuß wenigstens auch zur Hälfte sind, ohne Hinterlist dem Fall des Ohngefährs ihr Glück anvertrauen und außer der gewöhnlichen Aufmerksamkeit sich keines Vortheils bedienen. Leute, die ihre Zuflucht zu leider nicht ganz ungewöhnlichen Handgriffen nehmen, und deren Richtschnur der Wahlspruch ist: »Il faut entendre finesse pour oorriger la fortune!« sind durchaus zu sehr unter aller Verachtung aller leidlich ehrlich Gesinnten, als daß man nöthig hätte, noch ein Wort wider sie zu sagen; und doch genießen sie noch weit mehr Nachsicht, als man einer solchen capitalen Niederträchtigkeit gestatten sollte. Zuweilen habe ich mich bemüht, die Bewegungsgründe aufzusuchen, warum wol die große Menge der Leute von sogenanntem Ton das Spiel so ohne alle Einschränkung liebt oder wenigstens handhabt, und ich habe nur folgende mögliche Ursachen aufgefunden, außer welchen ich mir keine denken kann. Man spielt: um zu gewinnen, um zu verlieren, die Zeit zu vertreiben, der Mode zu folgen. Die letzte Ursache ist in gewissen Verhältnissen die einzige, welche einigermaßen entschuldigen kann. Die drei ersten haben, wie ich zeigen werde, für eine Person von Sinn so wenig Rechtfertigendes, daß sich billig Jeder schämen sollte, sie für sich anzuführen. Wir wollen sehen. Erstlich, ich setze mich nieder oder ich trete hin, um zu gewinnen. Man kann zwar nicht sagen, daß das Spiel nach den Naturgesetzen, wo positive bürgerliche Gesetze mit weiser Absicht nicht näher darüber bestimmen, an sich selbst ungerecht sei. Ein Jeder verfügt über das, was er mit Fug besitzt, nach seinem Gutdünken, ohne daß Jemand ihn in der Ausübung seines Eigenthumsrechts stören darf. Denn Jeder hat das Recht und die Freiheit, mit seinem Vermögen ohne Verletzung des Rechts eines Andern nach seiner Weise ein Narr zu sein, wie ihm beliebt. Jedes Spiel ist eine Art von Wette, wo der Ausgang den Gewinn entscheidet; Jeder setzt willig seinen Theil in die Schale und ist zufrieden, sich dem Ausschlag des Glücks ruhig zu unterwerfen. Nichts kann als eine ehrliche Wette angesehen werden, wo das Ende der in derselben gesetzten zweifelhaften Sache nicht beiden Partien völlig unbekannt, wirklich zweifelhaft und, ich darf sagen, ungewiß ist. Denn wenn eine Partie entweder des Ausganges mathematisch gewiß ist oder ihn durch einen andern Canal schon erfahren hat und dann die Wette noch eingeht, so kann man ihr mit Recht Unredlichkeit vorwerfen, und die Wette kann mit Grund als null angesehen werden. Ebenso darf ich sagen, wenn Jemand mit einem bekannt entschiedenen Uebergewicht im Spiel sich hinsetzt, gegen einen Andern, ganz sichtlich weit Schwächern, so ist die Partie von seiner Seite auf keine Weise redlich, obgleich hier der schwächere Theil kein Recht zur Klage haben kann, indem er die Geschicklichkeit und überlegene Fertigkeit seines Gegners kannte oder sie wenigstens voraussetzen mußte, und es also sein Wille war, sich mit ihm für die gesetzte Prämie zu messen. Nun entsteht aber die Frage, obgleich juristisch nach dem strengen Naturrechte kein Streit darüber sein kann, was der Mann der festeren Rechtschaffenheit darüber meinen wird, der Mann, welchem es nicht genung ist, daß ihn kein Mitbürger coram foro civili belangen kann, sondern der alle seine Gesinnungen und Handlungen auf der feineren Wage der Sittlichkeit, des moralischen Gefühls und der Philanthropie abwiegt. Ausgemacht leiden alle Diejenigen, welche sich hinsetzen zu spielen, sei es aus welcher Ursache es immer wolle, auf irgend eine Weise an einer Schwachheit des Geistes. Wer wollte sich nun wider die Schwachen rüsten, um von ihrer Schwachheit den Vortheil zu ziehen, den ihm eine größere Kenntniß und Geschicklichkeit über sie giebt? Wenn ein Anderer schwach und unvorsichtig genung ist, Blößen zu geben, ist es nicht offenbar feindselig, diese Blößen zu benutzen? Ist wol die geringste Würde und Gutmüthigkeit in dem Entschlusse, den Raub zu ergreifen, den seine Unbesonnenheit blos zum Köder hinhält? Alle Spielenden stehen also aus eigener Neigung beständig auf dem Kriegsfuße, und leider ist dieser Krieg nur allzu oft ebenso Elend schaffend und blutig als der, den die Götter der Erde meistens auch aus den nämlichen Ursachen führen. Auf alle Fälle ist es nicht großmüthig, von den Leidenschaften seiner Mitbrüder in den Augenblicken ihrer Blindheit zu seinem Vortheil Gebrauch zu machen; und hat man je gehört, daß es einem Manne zur Ehre gereicht hätte, sich ein Vermögen im Spiele erworben zu haben, auch wenn er während des ganzen Handels sich nie von der Handelsweise eines rechtlichen Mannes entfernte? Auf Moral darf man sich kaum berufen, wenn man nicht sogleich unter dem Namen eines Moralisten in die Classe der Pedanten will versetzt werden; und was kann dennoch wol ehrwürdiger, was kann wol heiliger und göttlicher sein als diese Führerin des Lebens, diese Stütze der Gesetze, diese Trösterin in allen Leiden, welchen die Gebrechlichkeit der besten Menschennatur immer noch so oft und mannichfaltig unterworfen ist? Das Wort Moral ist in sogenannten guten Gesellschaften, die leider nicht immer das sind, was ihr Titel anzeigt, schon so unwillkommen, als ob es durch seinen Ernst alle Freuden verscheuchte, da doch allein nur eine gute, festgegründete Moral die Base der dauerhaften, gesellschaftlichen Vergnügungen sein kann. Und ein Vergnügen, das nicht dauerhaft sein kann, das in seinen Wirkungen künftiges Mißvergnügen bald oder spät nothwendig zur Folge haben muß, verdient auch schon in der Analyse des gemeinen Menschenverstandes den Namen des Vergnügens nicht mehr. Wer sich mit der Absicht an den Spieltisch setzt, seine ebbenden Finanzen wieder in Fluth zu bringen – und bei den Meisten dürfte dieses doch der nächste Bewegungsgrund sein –, bekennt geradezu, daß er sich von der Thorheit seiner Mitbrüder nähren will, und giebt dadurch zugleich zu verstehen, daß er andere, ehrlichere Erwerbungsmittel aus Mangel an Talent und Kraft nicht wählen kann oder aus Mangel an Thätigkeit und Fleiß nicht wählen will. Schon habe ich erklärt, daß falsche Spieler und Betrüger als der Abschaum jeder Gesellschaft keiner Notiz zu würdigen sind, da sie natürlich die ganze, nur leidlich ehrliche Welt schon hinlänglich stigmatisirt hat; aber die sogenannten Spieler von Profession in allen Classen, obgleich ihr Credit eben nicht sehr ehrenvoll ist, werden bei Weitem noch nicht mit der allgemeinen Verachtung angesehen, welche sie verdienen. Angenommen, sie gehen ohne Betrügerei und schlechte Kunstgriffe zu Werke, so ist doch der Gebrauch, den sie von ihrer unseligen Fertigkeit, von ihrer höllischen Feinheit und Aufmerksamkeit gegen die unkundigen, mit Blindheit geschlagenen Opfer machen, vor dem Gerichtshofe der strengeren Gerechtigkeit moralischer Männer durchaus nichts Anders als Gaunerei. Meistens sind Diejenigen, welche diese Methode halten, Subjecte, die ihre Modebedürfnisse auf Kosten der Andern, welche ebenso wie sie der Mode opfern, zu befriedigen suchen, nachdem sie ihre eigenen Fonds durch gewöhnliche Unbesonnenheiten geleert haben, die sie durch ehrenvolle Wege wieder herzustellen nicht Muth und Geschicklichkeit genung besitzen. Der Nutzen für sie ist sehr geringe, da sie meistens den Sieben gleichen, welche Wasser halten sollen; und ihre einzige Wirkung auf Andere ist, daß sie einen großen Theil Derer, die in ihre Sphäre kommen und lange in derselben verweilen, zu Ihresgleichen machen. Der zweite Grund, den ich mir als Bestimmung zum Spiel vorstellen kann, nämlich die Absicht zu verlieren, ist höchst selten und eigentlich blos wörtlich, aber nicht im wahren Sinne denkbar. Sollte er stattfinden, so ist es nur in dem Gehirne eines offenbaren Bedlamiten, und also nicht mehr Grund, sondern blos Ursache. Ein alter Engländer sagt: »Es ist eine Tollheit, deren Cur aller Nieswurz trotzt, den Würfel zu rollen, ob unser Vermögen unser sein solle oder nicht.« Eigentlich wünscht Niemand Verlust; und wenn, wie nicht selten der Fall eintritt, Jemand Spielverlust wünscht und ihn geflissentlich befördert, so hofft er dafür gewiß irgend einen andern Gewinnst, dessen Natur schon aus dem Mittel, ihn zu erhalten, verdächtig wird. Also sucht wol zuweilen ein Minister dem Secretär eines andern für seinen Geldverlust die Geheimnisse seines Herrn abzugewinnen, und der Secretär hat durch den Gewinn einiger Goldstücke unbemerkt spielend seine Ehrlichkeit verloren. Die meisten jungen Männer, welche auf Artigkeit einigen Anspruch machen, sind in Verlegenheit, wie sie im Spiel gegen Damen sich benehmen sollen, indem sehr oft ihre Börse Verlust fürchtet und man es doch für einen Mangel guter Erziehung auslegt, wenn sie gewinnen. Man kann jetzt als die Hälfte der Spielpartien immer die Damen rechnen, so daß also diese Verlegenheit fast bei jeder Partie ist. Mich däucht, daß das ganze Arrangement nicht sehr zur Ehre unsers Zeitalters ist; aber noch weniger gereicht es den Damen zur Ehre, daß sie es als ein Privilegium des Geschlechts sich anmaßen, immer Gewinnerinnen sein zu müssen. Wenn ein Frauenzimmer aus irgend einem Grunde sich mit hin an den Spieltisch setzt, und auch unsere gewöhnlichen, sogenannten Commerschspiele müssen, so wie sie jetzt sind, mit darunter begriffen werden, so habe ich für sie noch weit weniger Entschuldigungen als für die Männer, da diese Beschäftigung von dem wahren, edlen Charakter der Weiblichkeit noch weiter entfernt ist. Wenn sich also eine Dame zum Spiel setzt, so wird sie dadurch sich gewiß keinen Anspruch auf höhere Achtung und Liebenswürdigkeit zu verschaffen hoffen; wenn sie mit der Idee des notwendigen Gewinnstes spielt, so würdigt sie die Vorzüge ihres Geschlechts sehr weit herab, indem sie es zum gröbsten Freibeuter gegen das andere macht; wenn aber durch den absichtlichen Verlust von der andern Seite bei ihr in anderer Rücksicht gewonnen wird, so ist in diesem Verluste der Gegenpartie für sie statt des Gewinnstes doppelter Verlust. Wenn ein Frauenzimmer, das sich durch Kleiderglanz, Haarkräuslermeriten, schönes Fuhrwerk und andere Friperie der großen und kleinen Mode fangen läßt, schon der Netze nicht werth ist, die man für sie legt, so ist die Gunst eines Frauenzimmers, im Spiele auf solche Weise gewonnen, gewiß ein reiner Verlust. Der Mann von Sinn entdeckt ihn sogleich, und der oberflächliche, geckhafte Stutzer fühlt ihn oft erst lange Jahre nachher, wenn die Hitze des Verderbens ihn an der Stirne brennt. Ich appellire in diesem Falle an den Geradsinn und das Ehrgefühl jedes feindenkenden Individuums beider Geschlechter und schweige von der zu niedrigen, obgleich oft gewöhnlichen Maschinerie der gröbsten Galanterie, wo das Spiel blos das Vehikel des Kupplerlohnes wird. Männer also, die auf diese Weise verlieren, wollen eigentlich nicht verlieren, sondern gewinnen, und sollten sie auch nur die gute Meinung der Uneigennützigkeit und Großmuth dadurch erwerben wollen, welches doch wol selten die reine Absicht allein sein dürfte. Das Mittel aber, sie zu erwerben, ist für den Mann von wahrem Sinn und ächter Philanthropie bei Weitem nicht dasjenige, welches er wählen wird. Zuweilen, obgleich seltener, giebt es auch Damen, die in gleicher Absicht an die Männer verlieren; und ich sehe nicht ein, warum von ihnen im Gegentheil nicht auch das Nämliche gelten sollte. Eine minder moralisch zweideutige Methode, die aber doch nicht ohne ein überfeines und also falsches Ehrgefühl ist, bestehet darinne, wenn ein Reicher oder Vornehmer einem Armen, dem er wohlwill, und dessen kitzligen Empfindungen in dem, was man gewöhnlich point d'honneur nennt, er nicht beikommen kann, auf diese Weise ein Geschenk machen, mit andern Worten, eine Wohlthat erzeigen will. So wie sehr oft das ganze sogenannte point d'honneur auf verjährten falschen Vorstellungen beruht, so däucht mich, ist es auch hier der Fall. Entweder ich darf, ich will Geschenke annehmen, die mir ein anderer Wohlwollender zu machen gesonnen ist, oder ich darf, ich will es aus irgend einem Grunde nicht. Im erstern Falle sehe ich nicht ein, was mich hindern kann, das, was ich thun will, und wozu ich Grund zu haben glaube, öffentlich zu thun. Der Fall ist ganz gegenseitig. Was soll einen edeldenkenden Mann, der Unterstützung zu geben gesonnen ist, bestimmen, sie nicht auf die beste, die zweckmäßigste Weise zu geben? Geschieht dieses im Spiel? Ich zweifle sehr. Ueberzeugt Euern Mann, wenn er wirklich des Beistandes bedarf, daß es von ihm sehr falsche Scham sei, ihn von Euch, von dessen Verhältnissen, Verbindungen und Charakter er diesen Beistand am Füglichsten erwarten kann, nicht annehmen zu wollen. Ist er unüberwindlich und weicht jeder offenen Methode aus, so ist es eine Beleidigung für seinen Verstand, ihn trotz seiner Ueberzeugung auf eine versteckte Weise wider seinen Vorsatz handeln zu machen. Denn man wird doch sicher annehmen können, daß er einsehe, seine Gegenpartie im Spiel mache geflissentlich keinen Gebrauch von ihrem Glücke und ihrer Geschicklichkeit. Mit welchem Gefühl muß er nun dieses bemerken und während einer ziemlich langen Zeit zu bemerken fortfahren? Wenn das Annehmen der Wohlthat seinem feinen Ehrgefühl auf offenem Wege Ueberwindung kostet, so muß es durch diese halb heimliche Weise gefoltert werden; und ich habe wirklich Fälle gesehen, wo Personen voll glühenden Unwillens das Spiel verließen, weil sie die grausam wohlthätige Absicht der Gegenpartie deutlich merkten. Gesetzt, das wohlthätige Geschenk kommt durch diese Weise wirklich an seinen Mann, so verfehlt es doch höchst wahrscheinlich die gute Absicht des Gebers, nämlich die, wirklich bleibenden Vortheil zu schaffen. Ich glaube überhaupt, daß Derjenige, welcher im Spiele Geschenke anzunehmen fähig ist, in seinem Betragen einer sehr großen Reform bedarf. Ein Mann, welcher noch spielt, kann und darf noch keine Wohlthat empfangen, und ein Mann, welcher Wohlthaten annehmen darf, kann nicht mehr spielen, wenigstens darf er es nicht auf einem Fuß, daß er im Spiele Geschenke erhielte, die einigen Einfluß auf seine Oekonomie haben könnten. Die Großen ergreifen oft diese Methode, ihr Wohlwollen thätig zu beweisen. Die Absicht des Wohlwollens verdient Lob; die Methode scheint mir sehr wenig calculirt zu sein. Entweder müssen sie Den, welchem sie durch das Spiel helfen wollen, für sehr unbesonnen oder für sehr blödsinnig halten. Wie können sie glauben, daß ein Mann, dem sie bei einer solchen Gelegenheit auf eine sogenannte feine Art eine ziemliche Summe zufließen lassen wollen, die nämliche Summe nach gewöhnlichen Spielbegriffen gegen sie auf die Wage legen könne? Wie können sie dieses, ohne ihn der unverantwortlichsten Unbesonnenheit zu zeihen? Wie können sie aber annehmen, daß er ihre Absicht nicht merke, ohne ihn für blödsinnig zu halten? Und schont man denn wirklich des Ehrgefühls eines Mannes, dessen Verstand man compromittirt und dem man nicht Festigkeit der Begriffe genung zutraut, um mit ihm frei und offen sprechen und handeln zu können? Das Recht, dem Andern wohlzuthun, hat Jeder, aber nicht gegen des Andern Willen und Begriffe, weil dieses wirklich nicht Wohlthat wäre. Ist Derjenige, der mir wohlthun will, mein Freund, so hat er dazu das unbedingte Recht, und noch mehr das Recht, sein Wohlwollen mit seinem theilnehmenden, ernsten Rath zu begleiten, der oft mehr werth ist als die Unterstützung selbst. Die Großen haben durch ihre Verhältnisse im Staate und durch den Charakter, den sie in demselben behaupten sollen, schon die Befugniß, mit Jedem offenherzig und mit strenger Wahrheit über alle Begriffe zu sprechen, die nur irgend Einfluß auf das Schicksal von Individuen oder des Ganzen haben können. Sie dürfen also wol das falsche Ehrgefühl der überbedenklichen Männer berichtigen und von jeder Sache mit ihnen reden, wie sie ist, und nach diesen berichtigten Begriffen gegen sie handeln, anstatt ihre Empfindungen in einem irrsamen Seitenwege fortlaufen zu lassen. Wir sehen diese Wahrheit sehr deutlich, sobald wir aus der Sphäre der Mode und des falschen point d'honneur entweder überwärts oder herabwärts heraustreten. Der Monarch nimmt sich billig nicht die Mühe, wenn er Jemand ein Geschenk machen will, es in einer Partie L'Hombre an ihn zu verlieren; und niemals glaubt der Empfänger sich erniedriget, sondern vielmehr geschätzt durch einen solchen Beweis des Wohlwollens, der aber doch wahrlich mit andern Worten auch nichts Anders ist als eine Wohlthat. Der unpolirte Sohn der Natur auf dem Lande nimmt ohne Scham das gereichte Geschenk von seinem Gutsherrn, ohne sich deswegen für einen Bettler zu halten. Ferner glaube ich behaupten zu dürfen, daß die auf diese Weise im Spiel zugewandte Wohlthat meistens ihres Zwecks verfehlt. Die vertrauliche Mittheilung und der freundschaftliche Rath, als der bessere Theil des Geschenks, mangelt und muß nach der Natur der Sache mangeln. Der Spieler hat die Unterstützung auf eine leichtsinnige Art erhalten, denkt darüber auf dieselbe Weise und macht auf dieselbe Weise Gebrauch davon. Was auf dem Wege der Mode gewonnen ist, geht auf dem Wege der Mode wieder fort. Er schließt daraus, daß sein Gönner diese Methode, ihm seine Geschenke zuzustellen, einschlug, daß dieselbe an sich überhaupt durchaus ehrenvoll sei, er sieht diese Beschäftigung durch die ganze feine Welt in Credit, sein eigener Hang zieht ihn nicht zurück, und er schlendert unvermerkt in der eingeschlagenen Bahn fort, geht von der Mode zur Neigung, von der Neigung zur Gewohnheit, von der Gewohnheit zum Leichtsinn, von diesem zur Unbesonnenheit, von dieser zur Vergessenheit aller moralischen Grundsätze. Die erste Veranlassung war vielleicht die Methode, welche sein gutmeinender Wohlthäter wählte, ihm seine Güte thätig zu zeigen. Ich habe Personen gekannt, denen Männer von Ansehen in kurzer Zeit einige hundert Ducaten auf diese Weise schenkten; aber ich glaube, eben diese Weise war vorzüglich Schuld, daß diese Summen, die mit der gehörigen Vorsichtigkeit ihre kleine Oekonomie in den besten Stand hätten setzen können, mit eben der Leichtigkeit des nämlichen Weges wandelten, den sie gekommen waren. Von allen Fällen scheint also blos der großmüthige Fremde mit der größten Entschuldigung sich dieser Weise gegen einen Mann bedienen zu dürfen, dessen Mangel er erfahren hat, und dessen Verhältnisse ihn zurückhalten, offenherzig und freundschaftlich mit ihm zu sprechen; aber auch hier gilt Vieles von dem Obengesagten, und jeder Unbefangene wird gestehen, daß die Herren beide an dem Gängelbande der Mode laufen, nur der nichtigen Convention des Ceremoniels opfern und es nicht wagen, rein menschlich und philosophisch mit einander zu handeln. Die dritte Ursache, welche einzelne Personen und ganze Gesellschaften haben können, sich um die Spieltische zu pflanzen, ist, die Zeit zu vertreiben. Man gesteht es sich oft laut, daß man blos wegen des Zeitvertreibs spiele, und bedenkt wol schwerlich, daß man sich selbst und dem ganzen Zirkel um sich her dadurch nicht allein keine Verbindlichkeit, sondern geradezu eine platte Sottise sagt. Nur ein Dummkopf oder ein Kranker kann Langeweile haben; Beide sind für keine Gesellschaft. Sollte eine beträchtliche Anzahl von gebildeten Personen nicht immer Stoff zu einer lehrreichen und angenehmen Unterhaltung finden können, da doch gewiß jede eine eigene Sphäre hat, in welcher sie nicht fremd ist? Und es gehört doch gewiß keine überschwängliche Kunst dazu, einige Stunden die Gegenstände der Unterredung aufzufinden; und es wird keine Demosthenische Beredsamkeit, so wenig als Kantischer Tiefsinn erfordert, sie discursiv mit einigem Interesse und einiger Anmuth von mehrern Seiten zu behandeln. Niemand wird mit der Erwartung in einen gesellschaftlichen Zirkel kommen, um daselbst abstracte Erörterungen zu hören oder vollendete Meisterwerke der redenden Künste anzutreffen, sondern gewiß blos mit der Hoffnung, durch muntern Witz, heitere Laune und angenehmen Scherz einige Mußestunden zu würzen und vielleicht hier und da einen treffenden, aus der Seele gegriffenen Gedanken zum künftigen Privatgebrauch oder öffentlichen Nutzen zu finden. Und ist diese Hoffnung nicht philanthropisch consequent, da in dem Strom der Fröhlichkeit, in dem Ergusse des unbekümmerten Herzens mancher Schatz hervorquillt, in der Wärme der Rede mancher Funke herausbricht, der ohne das elektrische Berühren des freundschaftlichen Zwistes in seiner Tiefe fortgeschlummert hätte? Ist denn unser jetziges Menschenleben so ganz an Interesse leer, daß die Zeit so schwer über unsern Häuptern hängt und wir, um ihrer los zu werden, zu der geschmacklosesten aller Beschäftigungen, der langweiligen Mischung bunter Papierfiguren, unsere Zuflucht nehmen müssen? Dort sitzt ein Quarré von Menschen, ihre Augen auf die groteske Malerei der Karten geheftet, lauert mit dumpfer Aufmerksamkeit auf einige Dutzend zufällige Veränderungen derselben und erstickt allen Witz, alle Jovialität, die den frohen Menschen in geschäftlosen Augenblicken zu einem so interessanten Geschöpfe macht. Kein Fünkchen Geist spielt auf dem Antlitz der Spielenden; es ist Alles abgemessene, trockne, kalte Maschinerie; und wenn ja einmal ein Strahl von Leben, Satire, Ironie und Menschensinn hervorbricht, so löscht er sogleich unter Quatre honneurs, Trois levées, Premiers und dem übrigen Gefolge der tiefsinnigen Hieroglyphik plötzlich wieder aus. Kein Gedanke kann erscheinen, der nicht sogleich von der Spadille wieder verjagt würde, und nur höchst selten weckt ein lahmes Bonmot die gähnende Gesellschaft, wenn sie in ein concertirendes Schläfchen einzunicken bereit ist. Auf alle Fälle ist der Mann zu bedauern, der, um seiner Zeit quitt zu werden, solche Ressourcen aufsuchen muß. Seit Einführung der Spielkarten ist zwar ihr Gebrauch in alle Gesellschaften ohne Ausnahme, von dem Saale der besternten Minister bis in die geräucherte Dorfschenke, aufgenommen worden, und man sollte glauben, es sei ein allgemeines Bedürfniß vorhanden, welches sie nunmehr nothwendig machte. Aber diese Herrschaft sind sie blos dem Leichtsinne und dem Hange nach Gemächlichkeit in der menschlichen Natur schuldig, wie jede andere Mode, welche diesen beiden Schwachheiten schmeichelt. Jeder Mensch liebt bei aller seiner Furchtsamkeit doch immer etwas Wagliches; und in dem Spiele wagt er weiter nichts als ein Stück Geld und seine Zeit; das erste kommt bei einem Theil, das zweite bei dem andern sehr wenig in Anschlag; Beides ist also leicht zu wagen. Sodann hat die ganze Beschäftigung einen so gedankenähnlichen Gang, der doch im Grunde blos ein recht gemächliches, hinbrütendes Vegetiren ist, so daß, wenn das Spiel nicht meistens physischen und moralischen Schaden anrichtete, man es der menschlichen Indolenz immer als eine behagliche Anstrengung ihrer Austernthätigkeit gönnen könnte. Von dem moralischen Schaden habe ich schon Manches gesagt und werde noch Manches sagen; den physischen tragen beide Geschlechter vom guten Tone unter zwanzig modischen Namen zu nicht geringer Mitpeinigung aller Derer herum, welche das Schicksal in den Kreis ihrer Leiden und ihrer Thorheit einschließt. Man wendet vor, daß es doch besser sei, sich mit gemalten Männerchen zu beschäftigen, als mit aller Lieblosigkeit gewöhnlicher Coterien über den guten Ruf seiner Mitbürger herzufallen. In dieser Rücksicht, muß man allerdings bekennen, hat man ein kleineres Uebel gegen ein größeres eingetauscht und also in der That gewonnen. Aber ist es denn durchaus nothwendig, daß Schadenfreude, Mißstellung der Charakter und boshafte Anstrengung, die Menschen schlechter zu machen, als sie wirklich sind, der Gegenstand der Unterhaltung sein müssen? Hat die Welt oder auch nur die kleine Peripherie um uns her nichts für das Interesse gewöhnlich guter Seelen, daß diese Lieblosigkeit wirklich zu befürchten ist? Muß denn durch jede Schwingung der giftigen Zunge ein guter Name sterben, durch jeden zweideutigen Blick Mißtrauen gegen eine Tugend erweckt werden? Wer wollte die menschliche Natur so tief herabwürdigen, um dieses von ihr zu glauben? Es ist allerdings in dem Menschen ein allgemeiner Kitzel der Freude bei dem Anblick, daß Andere nicht besser oder wol gar noch schlimmer sind als wir; aber Vernunft und berichtigtes Gefühl wissen ihn bei Wohlgesinnten zu unterdrücken und endlich gar zu ersticken. Schadenfreude und Schmähsucht sind zwar häßliche Züge in jedem Charakter; aber ihre Erscheinung hat doch durch den Contrast manche gute Wirkung für die Menschheit. Der Gegenstand derselben hat meistens wenigstens einige Schuld, wäre es auch nur der Schein des Vergehens, das man ihm zur Last legt. Auch dieser Schein muß nicht stattfinden, da in der Welt so viel nach dem Schein beurtheilt werden muß. Jede Person von Wahrheitsinn kann auf alle Fälle Vortheil von zugefügten sogenannten Beleidigungen ziehen; denn sind sie wahr, so hören sie eigentlich auf, Beleidigungen zu sein, und nur die böse Absicht des Gegners verdient Tadel, und Der, den sie treffen, muß daher Gelegenheit nehmen, sich wirklich zu bessern; sind sie nicht wahr, so ist ihr Urheber ein Narr oder ein Schurke, und Beide verdienen nicht mehr als kalte Verachtung; oder man dürfte kein Glas Wasser ohne die Furcht trinken, sich die Schwindsucht an den Hals zu ärgern, so oft ist man täglich in Gefahr, auf Beider Consortenschaft zu stoßen. Ihr vertraget gern die Narren, weil Ihr klug seid, sagt ein Mann, der aus langer Erfahrung sich eine herrliche Lebensphilosophie erworben hatte; und Schurkerei ist blos die giftige sublimirte Quintessenz der Narrheit. Durch diese Freiheit der Zunge lernt man ferner oft die häßlichen Geschöpfe kennen, deren Vergnügen es ist, die Schwachheiten der Menschen mit Geschicklichkeit auszuheben und in ein grelles Licht zu stellen; und es ist gut, daß man dergleichen Subjecte wirklich ausbezeichnet wisse, um sich des alten Hic niger est zu erinnern, so oft man sich ihnen nähert. Unsere Sphäre ist wahrlich nicht so leer an Gegenständen, die für Alle entweder wichtig oder wenigstens nützlich und angenehm sein können, und zu deren gesellschaftlicher Behandlung jedes Individuum sein Theil beizutragen im Stande ist, seien seine Einsichten noch so eingeschränkt. Wenn man sich nur nicht mehr schämen wird, Interesse am wirklich Interessanten zu haben und zu zeigen, zu lernen und mitzutheilen; wenn Mütter, ohne lächerlich zu werden, von Häuslichkeit und Erziehung, Männer, ohne Pedanten zu scheinen, über wahre Wirtschaftlichkeit oder über irgend einen philosophischen, politischen oder ästhetischen Gegenstand menschlich teilnehmend sprechen können, so wird man auch Hoffnung haben, daß das zeittödtende und vernunfterstickende Spiel endlich nach und nach seinen Einfluß verlieren werde. Viertens ist wol die allergemeinste, wirksamste und nichtsbedeutendste Ursache der großen Herrschaft des Spiels die Mode. Diese Göttin regiert überhaupt mit blinder Despotie unter mancherlei Benennungen überall, wo sich die Strahlen der Vernunft vor dem Nebel der Leidenschaften zurückziehen müssen. Sie heißt bei den Großen Ceremoniel, bei den Theologen Ritual, bei den Rechtsgelehrten Observanz, bei den Aerzten Methode, bei allen Eingeweihten Glaube, bei allen Laien Sitte und Gebrauch. An alle diese Benennungen appellirt man gewöhnlich, wenn man in der Vernunft keinen andern Grund des Verfahrens mehr aufweisen kann; und sie haben, von dem Orden des goldenen Vließes an bis herab zu den Orden des Kuhschwanzes und der Elephantenblase, für ihre Behörde immer hinlängliche Giltigkeit. Ob nun gleich die Mode als Mode selbst sehr selten einen vernünftigen hinreichenden Grund hat, so hat doch immer ihr Ursprung seine wohlbedeutende Ursache. So verbargen die Perrücken Kahlköpfe, die Schnürleiber schiefe Seiten, die Reifröcke Hüftenfehler, die hohen Absätze und Aufsätze Pygmäengestalten, die Schnäbelschuhe unförmliche Füße und so weiter; und so verbirgt vermutlich das gewöhnliche Kartenspiel in seinem Ursprung nebst irgend einer Leidenschaft die Armuth und Schwachheit des Geistes, die in andern Beschäftigungen zu sehr sichtbar werden würde. Jede edle Art der gymnastischen Spiele hatte ihren Vortheil sogleich in sich selbst, indem jedes dem Körper freiere Bewegung schaffte, seine Kräfte stärkte und ihn biegsam machte und zur höhern physischen und ästhetischen Vollkommenheit bildete. Das Schachbrett, als Analogie des Kriegs, beschäftiget die Aufmerksamkeit und den Scharfsinn der Parteien auf eine nicht gewöhnliche Weise und giebt einem Militär die ersten allgemeinen Regeln seines Handwerks bildlich an die Hand. Aber dasselbe als eine große Schule der Kriegskunst überhaupt zu betrachten, würde wol gänzliche Unkunde der menschlichen Natur sowol als der Wissenschaft sein; denn Soldaten haben mit Schachfiguren auch weiter nicht die geringste Aehnlichkeit als ihre mechanische Stellung. Auf dem Brette schlägt nach der berechneten Regel in der Position die Figur gewiß ihre Figur; aber auf dem Felde schlägt in der Position nicht nothwendig der Mann den Mann oder ein Regiment ein Regiment, sondern das bessere schlägt das schlechtere; und es zeigt sich nur zu oft aus der Erfahrung, welcher Unterschied zwischen Bauer und Bauer, Springer und Springer, Thurm und Thurm ist. Doch hat das Spiel seinen Nutzen, indem es allgemeine Ideen giebt; aber welches Kartenspiel irgend einer Art hat nur den geringsten Vortheil nah oder entfernt auf das praktische Menschenleben? Ein Beweis, daß die energischen Abendländer nicht die ersten Erfinder dieses Tandes sein können, und daß es aus dem faulen Orient durch irgend eine Horde indolenter Betelkauer zu uns herübergekommen sein muß! Obgleich das Schachspiel auch orientalischen Ursprungs ist, so muß es doch mehr von Männern und aus einer Periode sein, deren Charakter etwas mehr als Unthätigkeit und gänzliche Gedankenlosigkeit war. Man findet Cohorten von Menschen, die nichts weniger als ausgezeichnete Gaben besitzen und fast alle nichts bedeutende Spiele mit den bunten Figuren in größter Vollkommenheit zu spielen wissen. Und gesetzt auch, wie denn dieses nicht ganz zu leugnen ist, daß die mancherlei Veränderungen des Kartenspiels auch wol etwas Sinnreiches für die Aufmerksamkeit haben können, so haben doch alle nicht den geringsten Bezug auf das menschliche Leben und stehen noch zehen Grade unter dem Kunstwerk, wo der Meister drei complete Kegelspiele in einen Kirschkern auf ein Fuhrwerk drechselt, das er von einem wohl abgerichteten Floh ziehen läßt. Was würde die Königin der feinen Damen Griechenlands, in deren Gesellschaft Periklesse, Sokraten und Alcibiaden sich bildeten, und deren Haus der Sammelplatz des guten Tons in Athen und das Heiligthum der Musen und Grazien war, was würde Aspasia sagen, wenn sie in unsern Gesellschaften vom sogenannten guten Ton sähe, wie die ganze gespannte Aufmerksamkeit stundenlang an der krausen Mischung einiger Dutzend der schlechtesten Bilder hängt, und wie man sich mit aller Anstrengung bemüht, Gedanken in die Gedankenlosigkeit zu bringen? Allerdings hält man bei uns keine griechischen Hausfeste, wo die Menschheit in ihrer schönsten Würde, in einer herrlichen himmlischen Geistesergießung, verbunden mit der reinsten, liebenswürdigsten Sinnlichkeit zu sehen war. Wer wollte nicht mit bitterer Herzenszerknirschung enthusiastisch Schiller's Götter Griechenlands zurückrufen, wenn er nur eine Viertelstunde hinter einem unserer modischen Spieltische steht? Die Mode der gedankenlosen Spielsucht ist also von der Art der alten dänischen, von welcher Shakespeare's Hamlet in einem beißenden Apophthegm sagt, daß man sie besser bricht als hält. Ich bin versichert und weiß es wenigstens aus dem Zirkel meiner Bekanntschaft gewiß, daß die Meisten sich anfangs zu dieser Beschäftigung als Opfer der Mode zwingen, bis man nach und nach die Natur ausrottet und etwas Bastardartiges an ihre Stelle pflanzt, welches endlich mit der Zeit ganz dieselbe – aber mit welchem traurigen Aequivalent? – zu ersetzen scheint. Und was gewinnt man durch diese tiefe, ruhige, der Indolenz so behagliche Unthätigkeit? Angenommen, daß auch keine niedrige Leidenschaft mit in das Spiel tritt, vor welcher jeder redliche Mensch Ursache hat, zu erröthen, und daß man blos aus den beiden letzten Ursachen zur Gefälligkeit sich zur Partie setzt, welche traurige Befriedigung gewährt dieser sogenannte Zeitvertreib! Schon das Wort Zeitvertreib ist, wie ich schon oben behauptet habe, eine Satire auf den Menschenverstand; und es gereicht meiner Meinung nach den energischen Römern zu nicht geringer Empfehlung, daß sie in ihrer Sprache für diesen Begriff kein ganz eigenes unphilosophisches Wort haben wie wir. Jeder vernünftige Mann wird seine Stimme geben, daß er lieber einen Zeithalter als einen Zeitvertreiber wünscht. Ohne den Vorwurf der Pedanterei zu wagen, darf man billig fragen: Ist denn die Zeit so etwas Peinigendes, daß wir noch Mittel ersinnen müssen, ihren Adlerflug noch mehr zu beschleunigen? Schon oben habe ich geradezu angegeben, wem die Zeit schwer über dem Schädel hänge, und ich kann nicht umhin, hartnäckig bei dieser Meinung zu bleiben. Sobald es ausgemacht ist, daß unser sogenanntes Spiel nach vernünftiger Vorstellungsart ein Vergnügen ist, sobald ist es gerechtfertiget und hört sogleich auf, bloßer Zeitvertreib zu sein. Wie verstimmt müssen aber nicht Seelen sein, die vorzugsweise ein Vergnügen an einer Sache finden können, welche, von allen Seiten betrachtet, von keiner eine vortheilhafte Beziehung, weder auf Vernunft noch Moralität und praktisches Menschenleben hat? Der Mann hat nie weniger Würde als in der gedankenlosen Stellung des Kartengebens oder Kartenordnens, das Weib nie weniger Anmuth und Grazie als bei eben dieser Beschäftigung. Jede wirklich empfindungsvolle und geistreiche Person wird in diesen Augenblicken zur Figur und nach und nach zum bloßen Automat. Als Medicin der Gesellschaft, wie man wol zu sagen pflegt, mag das Spiel immer gelten; aber dann giebt man gerade zu, daß die Gesellschaft krank sei. Ob es gleich mehr als hundertmal schon gesagt und besser und nachdrücklicher gesagt worden ist, als ich es zu sagen vermag, so kann ich doch nicht schweigen, welche fürchterliche Zerrüttung das Spiel nach und nach in der ganzen Moralität anzurichten im Stande ist. Tausend traurige Beispiele in großen und kleinen Verhältnissen schreiben es mit blutiger Schrift zur Beherzigung vor das Auge eines Jeden, der bemerken kann und will. Schulen und Akademien, wo junge Leute an Herz und Kopf zu ächten Patrioten gebildet werden sollen, sind so voll von dieser pestartigen Seuche, daß man sehr oft auf den Studirzimmern von Jünglingen, die man sonst eben nicht für verwildert hält, unter der Büste des guten kahlköpfigen Atheniensers Pharopartien trifft, wo man die Weisheit des alten Ehrenmannes unter seinem Bildnisse lästert. Goldhaufen rollen über den Tisch zwischen den Schwärmern hin, und ein armer Handwerker muß im Nebenzimmer um seinen sauer erschwitzten Lohn wie um ein Almosen betteln, wird wol gar mit Lotterbubenausdrücken, deren sich wahrlich die feine Welt schämen sollte, sich aber leider noch nicht schämt, wieder fortgeschickt. Manchmal bin ich Zeuge solcher Unwürdigkeiten gewesen und hätte zähneknirschend mit Rehabeam's Scorpionenzucht dareinschlagen mögen, wenn ich nur hätte hoffen können, dadurch dem armen Gemißhandelten zu helfen. So setzen sich die würdigen Zöglinge der feinen Welt in den Stand, um vielleicht einst auf eine Karte die ganzen jährlichen Einkünfte der väterlichen Güter und endlich die väterlichen Güter selbst zu setzen, ganze Familien durch ihre Hirnwuth zu Grunde zu richten und endlich unter dem Sturz der Ihrigen als Opfer der Verzweiflung zu fallen. Und diese Wuth herrscht mit eisernem Scepter über beide Geschlechter. Wer Gelegenheit gehabt hat, etwas näher in die Verhältnisse der größern Zirkel zu sehen, wird gefunden haben, daß die Hälfte des daselbst vermißten Glücks von dem Spiele geraubt wird. Es ist erstlich Qual, wird nach und nach Gewohnheit, dann Neigung, dann Leidenschaft, dann Wuth, dann Furie; es frißt bald krebsartig um sich her und tödtet bald mit allen Schrecken des Verderbens. Und eben die schönsten Seelen, welche anfangs gezwungen der Mode dieses Opfer bringen, sind am Ersten in Gefahr, durch ihre Lebhaftigkeit endlich selbst ihr Opfer ohne Rettung zu werden. Ein junges herrliches Mädchen mit einem Grazienkörper und einer himmlischen Seele, die dem besten Manne ein Paradies auf Erden schaffen könnte, wird conventionsmäßig die Gattin eines Mannes, in dessen Herz der Himmel wenig Wärme gelegt, und in dessen Kopf er wenig Licht angezündet hatte. Unschuld und Frohsinn wohnen auf ihrem Antlitz, und ihre Augen strahlen Erleuchtung und Gefühl selbst in die Seele des Menschenhassers. Ihr Gatte hat nur die Vorzüge des Goldes und des Standes, welche beide Qualitäten leicht die andern ächten, wünschenswerthen Eigenschaften in den Augen der Welt geben oder übersehen lassen. Das junge liebenswürdige Weib hofft auf Glückseligkeit und Lebensgenuß durch Sympathie und zärtliche Mittheilung; sie wird getäuscht und trauert. Ihr Herz fordert Mitempfindung über die wichtigsten, heiligsten Gegenstände vernünftiger Wesen, und sie findet den Mann ihres Lebens überall in greller Mißstimmung. Sie irrt einsam und sucht um sich her nach Seelenähnlichkeit; sie findet sie, wo Gesetze und Tugend das Anschließen verbieten. Das freudeathmende Geschöpf verliert sich in Schmerz der Zurückhaltung. Ihr Gatte war für die Zärtlichkeit die erste Woche gestorben, wenn er je eine Minute für sie gelebt hatte. Sie flieht zur Modezerstreuung aller Zirkel, in welcher ihr Gemahl das Beispiel giebt, und eilt den Spieltischen zu. Hier lauert die Verführung mit tiefen unsichtbaren Schlingen auf ihr Opfer. Ihre Seele ist rein und feurig; um ihrer quälenden Gedanken los zu werden, sucht sie im Spiel Beschäftigung, unglückliche Beschäftigung. Der Gewinnst des Geldes reizt sie nicht, aber der Verlust ist ihr nicht gleichgiltig; sie verliert und erholt sich wieder. Sie gewinnt und wird kühner; sie fängt an, um nichts Anders denken zu müssen, nur auf das Spiel zu denken; das Glück ist abwechselnd, aber nicht so regelmäßig wie Ebbe und Fluth. Ihr Verlust wird größer. Ein verdeckter Wüstling legte unterdessen seine Minen und hat durch seine teuflische Geschicklichkeit schon den Vortheil eines artigen, unverdächtigen Mannes gewonnen. Er verliert an sie und gewinnt bei ihr; seine List ist zu fein. Sie verliert das Gewonnene an Andere, deren Hunger nichts als Geld verlangt. Der Mann, der auf mehr rechnet und ihr sein Geld unbemerkt verspielt, rückt näher, aber beleidiget nicht. Die Scene verändert sich, aber ihr Zustand wird immer verwickelter und trostloser. Ihr Herz wird ganz leer, und nur der gute Ton nimmt darinne Besitz. Sie wird vertraut mit Beispielen, die vorher ihr Gefühl empört hatten. Der sentimentale Verführer spielt seine Rolle als Großmüthiger, sie aus der tödtlichen Verlegenheit zu retten, in welche sie seine eigenen Stricke gezogen hatten. Sie dankt erst gerührt, dann warm, dann heiß. Ihre Unbesonnenheit ist Ursache, daß sie wiederholt ihre Zuflucht zu ihm nehmen muß; sie dankt endlich in der fünften Instanz des Dichters. Der feine Lehrling des Satans hat nun seine Absicht erreicht, und sie eilt, um der Scham zu entfliehen, in die Arme der Schande. Nun wechseln die Personen und die Auftritte, aber nicht das Schauspiel. Sie ist ihrem Gatten gleich und eilt von Zirkel zu Zirkel und gelegentlich von Liebhaber zu Liebhaber. Das Spiel hat mit Hilfe der Mode ein Meisterstück der Schöpfung zerstört; und verdient ein Weib dieser Art wol weniger den Namen eines Stadtweibes, weil es im Wagen fährt, als andere, die ihr nämliches Gewerbe zu Fuße treiben? Dieses ist Ideal; wollte der Himmel, es wäre bloßes Ideal, und es entsprächen ihm nicht so viele Originale in unserer Modewelt! Dort stellt sich unruhig ein junger Mann der besten Hoffnung unter die Reihen der Glücksritter. Halb zitternd faßt seine Hand ein Goldstück nach dem andern, um es zu dem großen Haufen des Bankhalters zu schieben. Seine Geberden ziehen sich bei jedem hingestoßenen Ducaten in ein ängstlicheres Ganze, halbgebrochene Verwünschungen drängen sich hervor. Selbst der augenblickliche Gewinnst vermehrt seine bange Erwartung; er geht wieder fort und kommt zurück und geht wieder. Seine Baarschaft sinkt, seine Begierde steigt und mit ihr seine Unruh und Angst. Jeder neue Verlust gebiert neue Flüche; Alles, was dem Menschen heilig und ehrwürdig ist, wird mit Blasphemie genannt. Der Mann verliert gänzlich sein Gleichgewicht; er kocht, er rast, er wüthet; mit jedem Goldstücke verliert er einen Grad der Besonnenheit und mit dem letzten den letzten. Sein nicht viel vernünftigerer Nebenmann wird schnell, halb schuldig, halb unschuldig, der Gegenstand seines Grimmes. Das Spiel macht dem Zorne und der blinden Rache Platz, und Scorpionenstiche treten an die Stelle der Ruthenstreiche. Eine kalte Stahlspitze oder ein Stückchen Blei bringt die hoch aufkochende Narrheit in ihre Grenzen zurück. Oft schickt Einer den Andern ohne Abrechnung hinüber in das unbekannte Land, um ihm bald als Todtenopfer nachzufolgen. Und diesem Allen stellt sich der Mensch bloß nur aus kleiner schmutziger Gewinnsucht, zu der ihn stufenweise arme Leerheit des Geistes oder die blinde Abgöttin der Mode führt, ohne ihn in dem Opfer den geringsten Sinn für Moral, Patriotismus, Philanthropie und ächte Menschenwürde finden oder nur ahnen zu lassen! Scholion »Die Ketten sind zerschlagen,« sprach einer der Männer; »der Tyrannen Blut raucht, unser Arm ist Stahl und unser Muth Fels. Wir wollen uns vor keinem Idole mehr beugen. Hier wollen wir der Freiheit einen Tempel bauen und stehend an ihrem Altare opfern.« – »Wir wollen, wir wollen!« stürmte die Versammlung. Da trat ein alter Graukopf hervor, um dessen Schädel Würde wie ein Heiligenschein strahlte: »Ihr Männer, meine Brüder und Kinder,« rief er, »ich habe neunzig Jahr das Buch der Menschen in der Grundsprache gelesen. Nur wo Asträa wohnt, wohnt die Freiheit. Zieht Jene vom Himmel herab, und diese begleitet die Schwester in ihr Heiligthum; selbst das Schicksal kann sie nicht trennen.« Die Männer wurden ernst und traurig und dachten nach, wie sie Asträen einen Altar bauen könnten; aber der Gedanke wurde fortgeschlagen von dem Sturme des Aufruhrs. »Arme Betrogene!« seufzte der Graukopf und schlich sich beiseite. Die Freiheit hatte weder in Rom noch Griechenland Tempel, und der Altar, den man ihr dort baute, sprach ihr Hohn. Ohne allgemeine Gerechtigkeit ist Freiheit Lästerung. Bemerkungen Es wird dem rechtschaffenen Menschenfreunde so schwer zu glauben, daß er von irgend Jemand gehaßt werde, weil der Haß seiner Seele fremd ist. ### Die hellste, unparteilichste Philosophie muß gestehen, daß Egoismus das Grundprincip aller unserer Gesinnungen und Handlungen, folglich unserer Moralität sei. Aber wehe dem kalten Vernunftmenschen, der dieses Resultat seiner Untersuchungen beständig eingedenk mit sich herumträgt! Es ist die größte Wohlthat des Schöpfers, daß wir so oft Dinge vergessen, deren nackte Wahrheit unserm Herzen seine wohlthätige, leidenschaftliche Wärme nehmen und uns statt des großen Enthusiasmus für alles Gute oft nur eine engbrüstige Selbstsucht geben würde. ### Derjenige ist immer der Tugendhafteste, der seinen Vortheil am Besten versteht und sich den bleibendsten Vortheil erwerben kann. ### Wenn uns der Richter in uns nicht verdammt, so wird es uns leicht, das Verdammungsurtheil von Andern anzuhören; aber die Lossprechung durch einen fremden Richter schlägt uns nieder, wenn der innere Inquisitor die Absolution nicht unterschreibt. ### Wen Lob und Tadel in die Höhe heben und zu Boden schlagen, ist ebenso schwach, als Der vermessen ist, dem Beides ganz gleichgültig bleibt. ### Niemand sage, daß er ein Mann sei, wenn ihn ein Unglück, das nur ihn selbst allein betrifft, noch sehr lebhaft rühren kann. ### Wo nur eiskalte Vernunft herrscht, ist furchtbare Härte; wo nur gute menschliche Empfindung führt, meistens Schwachheit. Das beste Lebensregiment ist, wo das Gefühl die Segel schwellt und die Vernunft das Ruder hält. ### Jede Lebensperiode hat ihre Leidenschaft zur Feindin; und wie man Niemand vor seinem Ende vollkommen glücklich nennen darf, so darf man Niemand vor seinem Ende vollkommen weise nennen. ### Ein Dankbrief muß ganz aus dem Herzen geschrieben sein, weil die Dankbarkeit ein Gefühl ist. ### Wenn heute Jemand bekennt, daß er sich gestern geirrt hat, so heißt das so viel, daß er heute weiser ist, als er gestern war. Dieses sollte billig den Widerwillen mindern, den wir gegen Entschuldigungen und Abbitten haben. ### Auf dem Theater giebt es Personen, die man sehen und nicht hören, und andere, die man hören und nicht sehen muß; sehr wenige darf man sehen und hören zugleich, und sehr viele sollte man weder sehen noch hören. ### An dem Maßstabe des Verdienstes steig' ich hinauf von dem gewöhnlich guten Hausvater zu dem Manne der Stadt, zu dem Manne des Landes, zum Manne der Nation, zum Manne des Erdbodens, zum Manne des Universums. Der gute Hausvater arbeitet in und für den engen Kreis einer Familie; seinen Werth sieht nur seine Hausgenossenschaft und sein traulicher Nachbar: solcher Männer hat zum Glück jede Stadt noch viele. Der Mann der Stadt wirkt weiter; seine Mitbürger empfinden die Wohlthätigkeit seiner Arbeiten, ihnen opfert er seinen Fleiß, seinen Muth, seine Beharrlichkeit: jede Stadt hat solche Männer in ihrer Geschichte, deren Andenken sie verehrt. Der Mann des Landes weihet seine Kräfte dem Wohl seiner Provinz, verbreitet Licht um sich, lehrt die Vortheile sehen und sie verfolgen, steht wie ein Fels gegen den Druck der Despotie und rettet einer Million das Palladium der Gerechtigkeit und Freiheit: solche Männer waren Solon, Lykurg, Moritz der Sachse. Männer der Nation geben ganzen Völkern durch ihre Kraft einen Schwung, machen durch ihr Leben die Periode ihres Ruhms und bleiben die Fixsterne an dem Horizonte ihrer Geschichte: solche Männer waren Alexander der Macedonier, waren einige große Römer; so ein Mann war Hermann, war Heinrich der Vierte der Gallier, war Gustav Wasa, war Peter der Erste. Männer des Erdbodens sind keiner Nation, sondern aller; sie wirken fort durch Reiche und Zeiten, und ihre Namen werden genannt mit Ehrfurcht vom Aufgang zum Niedergang: solche Männer waren Sokrates, Christus, Rousseau. Unter den Königen war noch keiner groß genung, daß er zu ihnen gesetzt werden könnte. Peter, der Russe, steht ihrem Geiste am Nächsten. Ein Mann der Welt umfaßt mit seinem Geiste die Systeme der Sterne, mißt Bahnen, wiegt Schweren, zieht Grenzen den Welten und öffnet die Bücher des Urwesens: ein solcher Mann war Newton, der Brite. Anekdoten. Bei der Belagerung von Warschau durch die Preußen und Russen 1794 gab man bei einer feierlichen Gelegenheit in der Stadt ein patriotisches Fest, wo man trotz der feindlichen Kanonade recht heiter und fröhlich war. Beim Handkuß ermunterten die Damen die Herren, welche ziemlich wohl getrunken hatten, zu einem Unternehmen, um das Fest mit größerem Glanze zu krönen. Voll Enthusiasmus und Weins eilte ein junger General mit seinen ebenso feurigen Officieren sofort hinaus in die Werke und that einen Ausfall, der aber in der Hitze so übel berechnet war, daß die Polen dabei einige hundert Mann, einige Kanonen und einige brave Officiere verloren. ### Der König – – war einigemal in der Gesellschaft eingeschlafen. Der alte Ob – weckte ihn endlich und sagte: »Wachen Sie doch, Sire! man spricht ja schon überall davon, daß Sie schlafen.« ### Der König – – war in seinen öffentlichen Geschäften immer sehr ängstlich um die Meinung der Höfe P – und B – besorgt. »Sehen Ew. Majestät nur nicht immer nach Norden und Süden,« sagte der alte Ob –; »man wird doch endlich von beiden Seiten mit uns Kegel schieben; und bei diesem Spiel, wissen Sie wol, wirft man meistens nach dem König.« ### Im Sommer 1795 manövrirte S– zu Warschau beständig mit Colonnen und ließ sodann die Soldaten nach seiner Weise mit fürchterlichem Hurrah bei jeder Parade mit gefällten Bajonnetten laufen. »Nicht wahr, mein Herr,« sagte er zu einem Preußischen Officier von Distinction, der dem Manöver zusahe, »so muß man es machen, so muß es gehen?« »Nach dem es ist, Ew. Excellenz,« antwortete dieser ganz lakonisch; »kann doch wol nichts helfen.« ### Als ich in Riga auf dem Licenthause war, wo eben ein Transport Manuscripte von der Zaluski'schen Bibliothek angekommen war, um nach Petersburg zu gehen, untersuchten einige Zollleute mit vieler Kritik eine lateinische Handschrift, um ausfindig zu machen, ob sie esthnisch oder lettisch sei. Die Literaturzeitung hat allerdings nicht Unrecht, wenn sie klagt, wie nachlässig man mit den gelehrten Schätzen umgegangen. Die Kisten waren gepackt, wie man ohngefähr Tabaksblätter packt. Zwischen Grodno und Bjelostock sah ich eine zweite Division der Bibliothek nach Petersburg marschiren. Der Regen konnte von allen Seiten in die zerplatzten Kisten schlagen, Bücher waren herausgefallen, und ein ganzer Wagen war in einen Hohlweg hinabgestürzt, wo die Gelehrsamkeit in einem traurigen Mischmasch durch einander lag. ### Gleich nach der Eroberung der Prager Linien kam ein ehrlicher Pole, der uns sonst in der Gefangenschaft zu besuchen pflegte, um Abschied zu nehmen. Er war Hauptmann von einem Regiments, das bei der Action fast zu Grunde gerichtet worden war, und er selbst war mit wenigen seiner Leute dem Tode entgangen. Eine große Thräne stand dem Manne im Auge. »Die Ihrigen haben wieder gesiegt,« sagte er heftig zitternd und hob den verwundeten Arm unwillkürlich empor; »mein Vaterland ist nun ohne Rettung verloren. Wenn mir künftig noch Jemand von Gott, Vorsehung, Gerechtigkeit und Tugend spricht, so will ich ihm die Antwort ins Gesicht speien. Dort liegen Weiber und Kinder und Greise zu Hunderten gemordet. Ihre Kameraden schlachten noch. Es sind keine Soldaten mehr dort; aber nun schänden sie Mädchen, um sie dann zu tödten; ich schäme mich, ein menschliches Gesicht zu tragen.« Eben wollte Einer von uns dem verzweifelnden Manne etwas Tröstendes sagen und den Himmel rechtfertigen, so stürzte er mit einem fürchterlichen Fluche zur Thür hinaus, und wir sahen ihn nicht mehr. ### Ein Postcommissär bat bei dem Reichstage um das Indigenat als polnischer Edelmann. Viele waren durchaus darwider und fragten, welche Verdienste denn der Mann um das Vaterland habe. Der alte Ob – bemerkte, daß doch wol nicht immer Verdienste zu solchen Ansprüchen gehörten, die man wenigstens in dieser Rücksicht wol schwerlich bei Lakaien und Opernbedienten angetroffen haben könnte. Damit zielte er auf einige etwas auffallende öffentliche Promotionen. Der Candidat aber habe wirklich ein großes Verdienst um den Staat, bemerkte er kaustisch. Als man hören wollte, welches, setzte er hinzu: seit undenklichen Zeiten wären von seiner Station bis zur folgenden nur drei Meilen gewesen ; er aber habe mathematisch bewiesen, es seien viere, und habe also der Republik eine Meile Land gewonnen. Man lachte, und die Petition ging durch. Zweites Bändchen. Unserm guten Vater Gleim mit inniger Liebe und wahrer Ehrfurcht gewidmet. Widmung des zweiten Bändchens an Gleim Verehrungswürdiger Mann! Gegen die Patriarchen der Nation, unter welchen Sie schon längst stehen, ist man nicht in Gefahr, Schmeichler zu werden. Man spricht mit Rührung und doch mit Zuversicht die Empfindung seines Herzens, und Alle, die selbst Herz haben, stimmen mit reinem Beifall ein; die Uebrigen werden nicht gezählt. Ich habe nie Ihr Angesicht gesehen, aber ich habe mich oft von Ihrem Geiste genährt, und der Rath, den Sie einst dem unerfahrnen Jünglinge ertheilten, ist in meiner Seele geblieben. Sie schenkten mir ein gütiges, ermunterndes Lob: das war viel und könnte mich stolz machen; aber Sie sagen, daß Sie mich lieben: das ist mehr und macht mich glücklich. Ich gäbe Ihre wenigen Worte nicht für eine Ministerschaft hin; denn diese stempelt nicht so ächt als Gleim's Wahl. Wenn ich ein Greis sein werde, kann ich künftig noch damit die Enkel überzeugen, daß ich nicht ganz werthlos war; und dieses Gefühl wird mir mehr wohlthun, als wenn ich mit besternter Brust auf einer Goldkiste säße. Was ich Ihnen hier bringe, sind immer noch nur Obolen. Glücklichere Geister werden Talente geben; ich zweifle jetzt, daß ich je selbst eines geben werde. Wenn Sie nur hier und da einen Gedanken finden, der in glücklichern Stunden zu etwas Besserm hätte geprägt werden können, so sind Sie gewiß zufrieden, und ich bin belohnt. Oft übersinne ich, zu welcher Menschenclasse ich endlich wol gehöre, da ich für die meisten Lagen unsers Lebens so wenig Analoges habe, und bin dann manchmal etwas traurig, daß es so ist; aber auf alle Fälle gehöre ich doch zu den ehrlichen guten Leuten. Unter dieser Rubrike, die bei dem Allen so außerordentlich stark nicht ist, nehmen Sie mich gewiß mit hin, wenn mich auch der Kopf oder das Herz zuweilen ohne Faden in Labyrinthe führen sollte. Wo ist das sublunarische Vernunftwesen, das nie den Faden vergessen oder verloren hätte? Verzeihen Sie väterlich der gutmüthigen Offenheit! Diese Zeilen sollten nur ein Ausdruck meiner wahren Liebe, Hochachtung und Ehrfurcht sein. Wenn auch das Denkmal nicht bleibt, so bleibt doch die Gesinnung. Seume. Warum ist der Schmerz der Eltern bei dem Verluste kleinerer Kinder größer und heftiger als bei dem Verluste erwachsener? Unter kleinern Kindern verstehe ich hier nicht Säuglinge in Wiegen und Windeln, deren neues Menschenwesen kaum noch das zärtlichere Interesse der Eltern gewonnen hat: ich verstehe Kinder von der Periode des Gängelbandes herauf bis in das zwölfte oder vierzehnte Jahr, wo die menschliche Natur anfängt, in jeder Rücksicht sich zu einiger Vollkommenheit heraufzuarbeiten. Nun scheint mir dieses eine durch Erfahrung ausgemachte Sache zu sein, daß Eltern und daß überhaupt Menschen bei dem Tode solcher jungen Geschöpfe, die so eben zu ihrer schönsten Fülle aufblühen, im Allgemeinen heftiger gerührt werden als bei dem Tode anderer älterer, in denen die Natur schon ihre höchsten Zwecke ziemlich erreicht zu haben scheint. Ich sage: im Allgemeinen; denn unstreitig giebt es Ausnahmen, die durch andere individuelle Umstände und Ursachen bestimmt werden. Wenn eine alte einsame Mutter ihren einzigen Sohn, ein guter zärtlicher Vater seine einzige geliebte Tochter verliert, Kinder der edelsten, besten Art, die den Eltern Freude, Trost und Stütze in den letzten Lebensperioden schon wirklich waren, so ist hier der Schmerz unstreitig sehr heftig und angreifend, aber seine Quelle ist nicht allein die reine Zärtlichkeit der Natur. Auf einmal verschwundene Hoffnungen, zerscheiterte Plane, die schon in ihrer Reife lagen, und die sichtbar weit mehr Beziehung auf den Trauernden als auf den Verstorbenen hatten, die Aussicht der melancholischen Einsamkeit, der Hilflosigkeit, des Unvermögens, vielleicht des Mangels in der Zukunft drängen sich unbemerkt zum Ausbruch des heftigsten Leidens zusammen. Und auch in diesem Falle bemerken wir, wenn eine Mutter ihrem einzigen geliebten Sohne als Knaben oder heranwachsenden Jünglinge zum Grabe folgt, daß ihre Gefühle erschütterter sind, als wenn sie ihn als Leiche eines vollendeten Mannes hinaustragen siehet. Die Erscheinung ist wahr, und die Ursachen davon müssen in dem Wesen des Menschen liegen. Ich will, so weit meine Kräfte und Einsichten reichen, einige davon zu entwickeln suchen. Mich däucht, es ist eine richtige, nicht ganz gewöhnliche Bemerkung, die man aber oft im Leben zu machen Gelegenheit hat: bei der Geburt der Kinder ist die Zärtlichkeit und Besorglichkeit der Mütter für die kleinen Neugebornen unbegrenzt, die der Väter bei Weitem nicht so innig. Einige gewiß nicht schlimme Väter haben mir bekannt, sie hätten mit ungewöhnlicher Gleichgiltigkeit das kleine ihnen geborne Menschenkind betrachtet und die junge Creatur der Mutter unter halb geheuchelter Freude zurückgegeben. Gewiß ist nicht, wie wol Einige boshaft behaupten, oder doch nur höchst selten die geringere Gewißheit des Eigenthums bei dem Vater der Grund dieses Mangels an Innigkeit und der geringeren Freude, indem eben diese Männer versicherten, daß kein Gedanke von Zweifel darüber jemals in ihrer Seele aufgestiegen. Auch liebten eben diese Väter eben diese Kinder mit unbeschreiblicher Zärtlichkeit, als sie einige Jahre alt waren. Die Natur scheint dieses Princip zur Wohlthätigkeit für das Menschengeschlecht gesetzt zu haben, da es für die erste Erziehung der neuen Weltbürger so nothwendig ist, und es lassen sich vielleicht sehr gute Gründe der Erscheinung selbst bestimmen. Die Mutter nämlich hat während der ganzen Zeit der neun Monate und vorzüglich während der letzten Periode derselben sich auf eine ungewöhnlich nahe, feine und innige Weise mit dem künftigen kleinen Wesen beschäftiget; ihre Existenz war mit seiner Existenz ganz genau verbunden; sie hatte mit ihm einerlei Furcht, einerlei Hoffnung, so zu sagen, einerlei Schmerz, einerlei Genuß. Der Vater war seit der Zeugungsperiode, in Vergleichung mit der Mutter, dem Embryo und dem nunmehrigen lebendigen Wesen weit fremder geworden. Nur sein Seelengefühl hatte die Verwandtschaft fortgesetzt; für die Sinnlichkeit war sie unterbrochen, und nun erst fangen die Sinne von Neuem an, sie wieder anzuknüpfen. Der erste Anblick des jungen Geschöpfs wirkt verhältnißmäßig nur schwach auf den Vater, da die Gestalt desselben nur noch wenig ästhetisches Vergnügen gewähren kann. Die Mutter sieht in der Erscheinung ihres Neugebornen schon einen Lohn ihrer zärtlichen Sorgfalt und ihrer überstandenen Angst, welches ihr denselben theurer macht. Wenn man einem Manne eine Stimme erlauben will, der nicht das Glück hat, Vater zu sein, und dessen Gefühle also noch nicht in dieses Heiligthum der menschlichen Natur eingehen konnten, so glaube ich sagen zu dürfen, daß die ersten freudigen Regungen der Eltern nach der Geburt ihrer Kinder anfänglich blos aus dem moralischen Gefühl entstehen. Das kleine Wesen kann während der ersten Monate seiner Existenz, als abgesondert von seinen Eltern gedacht und ohne Ueberlegung seiner künftigen Bestimmung und Vollendung, durch seinen bloßen Anblick kein sehr angenehmes Wohlgefallen erregen, weil es während dieser ersten Zeit nur sehr wenig Schönheit darstellt. Wenn ich nach meinem Gefühle urtheilen darf, so muß ich bekennen: so sehr ich in jedes reine schöne Kindergesicht, ich darf sagen, fast wirklich verliebt bin, so wenig Interesse hat die Erscheinung der kleinen ganz neuen Ankömmlinge in den Windeln für mich. Ich konnte oft meine Gleichgiltigkeit kaum verbergen, wenn man mir einen solchen Neuangekommenen Weltbürger zum Anschauen hingab, und reichte ihn blos mit der tröstlichen Bemerkung zurück: »In vier Jahren wird er schöner sein.« Ich kann mich nicht tiefer in die Zergliederung dieses Gegenstandes einlassen. Alle Aesthetiker und Naturgeschichtsforscher sind voll von Bemerkungen, die meine Meinung bestätigen. Die Gestalt der Neugebornen ist durch die ganze Natur wirklich nur sehr selten schön. Der Tod eines Kindes also indem ersten oder auch wol in dem zweiten Jahre ist den Eltern bei Weitem nicht so traurig als in den folgenden. Der Mutter ist er aus eben dem Grunde schon schmerzlicher, aus welchem ihre Zärtlichkeit gegen den kleinen Verstorbenen größer und inniger war als die des Vaters, und den ich oben mit wenigen Worten berührt habe. Aber von dem zweiten Jahre an entwickelt sich das Geschöpf; der Mensch wird in jedem Zuge, in jeder Veränderung sichtbarer. Die Form fängt vom dritten Jahre an, sich täglich merklich schöner zu bilden, und die gemischte Ähnlichkeit beider Eltern zeigt sich in dem Kinde deutlicher. Der Knabe hebt an, seine jungen Muskeln mit aller Kraft in Bewegung zu setzen, sein Gesicht wird heiter wie der schöne Mai. Das feinste lebendigste Colorit mischt sich auf seinem Antlitz; seine Augen blitzen Freude und Thätigkeit, und rastlose Bemühung fährt strahlend durch sein ganzes Wesen. Die junge schuldlose Seele arbeitet mit bewußtloser Kraft in der biegsamen Masse, Alles wird an dem Knaben Bedeutung und Interesse, und für wen kann dieses Interesse inniger sein als für Vater und Mutter? Das kleine Geschöpf wächst, wird in seinem Bau harmonischer, in seinen Bewegungen elastischer, in allen seinen Spielen der Seele und des Körpers reicher an Schattirungen. Es wird mit einem Worte schöner, so wie es anfängt, menschlicher zu werden. Nun schließt es sich selbst an die Eltern an, da die Eltern es vorher an sich ziehen und an sich halten mußten. Es macht sie zu Gehilfen, zu Theilnehmern seiner ersten Thätigkeit. Je mehr der Knabe zum Vater hinaufsteigt, je mehr steigt der Vater mit unaussprechlichen Gefühlen zu dem Knaben herab. Alles ist in der jungen Form Biegsamkeit, Regung, Schnellkraft, Alles in der jungen Seele Thätigkeit, Wißbegier, Schlußtrieb: Beides verbunden, macht das ergetzende rührende Bild kindischer Schönheit. Nun tritt die Periode ein, in welche sich der Vater durch Erinnerung selbst einigermaßen wieder zurücksetzen kann. Er vergißt sein Ich und fließt mit dem kleinen Sohne in ein Wesen zusammen. Er wird wieder Knabe mit mehr Erfahrung; zum ganzen Genusse seiner jetzigen Existenz bekommt er wieder reinen Kindersinn, um den wirklichen Knaben an seiner Hand emporzuleiten. Nun holt er die Zärtlichkeit der Mutter ein und geht ihr oft vor. Seine beste, süßeste Beschäftigung ist Sorge für das jetzige Vergnügen und das künftige Glück seiner Kinder. Dieses ist der Zeitpunkt der schönsten, heiligsten Gefühle der Natur für Eltern: der Genuß der Gegenwart ist der reinste, unschuldigste und herrlichste, die Hoffnung der Zukunft ist die glühendste. Wenn es wahr ist, was Kant an irgend einem Orte sagt, – und mich däucht, daß es wahr ist, – daß nämlich wahre, reine Schönheit keinen Charakter weder des Geistes noch des Witzes noch des Tiefsinnes noch irgend einer Eigenschaft zeige, so ist gewiß die Form der Kinder vom fünften bis zum funfzehnten Jahre ausgemacht die schönste. Hier ist die Form zwar schon zu ziemlicher Vollkommenheit entwickelt, aber doch noch immer rein, biegsam, schmelzend, der Umriß so rund und so fein, so leicht und so schwer. Kein Geist, kein Witz, kein Tiefsinn sitzt auf dem Gesicht: liebliche Unbefangenheit ist darüber verbreitet. Keine Leidenschaft hat ihre Züge eingegraben: ein leichter Schleier, eine zitternde Empfänglichkeit für alle fährt strahlend augenblicklich darüber hin und läßt keine merkliche Spur zurück. Das Kind ist Alles und ist Nichts. Es kann das Prototyp wahrer, reiner Schönheit, der Gegenstand reines ästhetischen Genusses sein, abgezogen von allen übrigen Verhältnissen und Rücksichten. Es war jederzeit der Vorwurf der wildesten Barbarei und des gänzlichen Mangels an Menschengefühl, wenn man im Kriege der Kinder nicht schonte: weil die Kinder schon durch ihre Gestalt, durch ihre schuldlosen, schmelzenden Mienen, durch ihre rührenden Bitten allen Zauber haben, durch den man selbst das Herz eines Wütherichs zur Menschlichkeit bändigen könnte. Nun denke man Eltern, die mit diesen liebenswürdigen Geschöpfen in der innigsten Vereinigung stehen, die in dem Aufkeimen ihrer Schönheit und ihrer Fähigkeiten ihre eigene Jugend noch einmal leben: wie süß und stark müssen wol ihre Empfindungen sein, da die Kette so vielfach ist, die Beider Wesen an einander bindet! Es ist ausgemacht, unsere mächtigsten Gefühle sind die sinnlichen; ebenso richtig scheint es zu sein, daß das Gefühl der Eltern in dieser Periode und ihr Genuß an ihren Kindern die reinste, edelste Sinnlichkeit ist. So wie nun das Vergnügen des Genusses das größte, reinste und edelste seiner Art ist, so ist auch sein Verlust der größte, heftigste und schmerzlichste. Jetzt lagen die Kinder den Eltern ganz nahe, kein Verhältnis des Lebens konnte sie einander näher bringen. Die Wohlthaten dieser und die Dankerwiderungen jener waren die wärmsten und rührendsten. Alles, was aus Gefühl und mit Gefühl geschieht, rührt den Menschen mehr, als was blos kalte, wahre Vernunftidee ist: hier ist Alles Gefühl, und nur selten treten die Ideen, auf welchen es beruhet, in ein helles Licht; und sobald die Gefühle sich zu Grundsätzen entwickeln, verlieren sie von ihrer Wärme. Der Genuß für jede wahre Wohlthat ist in dem Wohlthun selbst. Der Vater freut sich, zu geben, zu helfen, zu unterstützen, zu erhöhen, ein Verschwender seiner Zärtlichkeit zu sein. Die wärmsten Empfindungen füllen seinen Geist mit glühenden Bildern der künftigen frohen Ernte, und so wie meistens die Hoffnung süßer ist als der Genuß, so ist auch dann der Verlust der Hoffnung schmerzlicher als der Verlust des Genusses selbst; und hier ist Verlust des schönsten Genusses und der schönsten Hoffnung zugleich. Wenn Kinder ganz zu Menschen emporwachsen, wenn ihre ausgebildeten Fähigkeiten eine festere Richtung nehmen, ihr Charakter einen eigenen Stempel gewinnt, so steigen sie dadurch an Vollkommenheit und moralischem Werth, aber ihr reiner ästhetischer Werth sinkt. In dem Bau des Jünglings steht Stärke, seine Miene zeigt Kraft und Muth, seine Stirne spricht Entschlossenheit und Trotz, irgend eine Leidenschaft gräbt oder wühlt in seinem Gesicht und läßt nunmehr ihre Marken zurück. Es ist nicht mehr reine Schönheit, es ist Charakterzug. Das Gesicht der Jungfrau leidet unter andern Eindrücken mit andern Anlagen auch andere Veränderungen. Die sich unbewußte liebenswürdige Unbefangenheit verschwindet; auch ihre Züge werden Charakter, der oft fast ebenso wenig an moralischem als an ästhetischem Werth gewinnt. Der Mensch ist fertig, er nähert sich seiner Bestimmung. Er liegt nun den Eltern nicht mehr so nahe, er braucht ihre Hilfe nicht mehr so unmittelbar. Wenn wir nicht mehr wohlthun können, so weitert sich das Band zwischen den Gegenständen, unsere Wesen trennen sich. Sobald der Mensch herangewachsen ist, treten beide Parteien, Eltern und Kinder, mehr aus dem Gebiete der Sinnlichkeit und des bloßen Gefühls und gehen über in das Gebiet der Vernunft und des reinern Begriffs der Pflicht. Nun ist Vernunft selten so stark als Sinnlichkeit und Pflicht selten so heiß als Gefühl. Die Zeit hat die Pflicht gestärkt und geheiliget, aber das Gefühl gemildert, obgleich tiefer gelegt. Der Schmerz ist also bei dem Verluste solcher Kinder, die schon einen beträchtlichen Grad ihrer Vollkommenheit erreicht haben und ihrer endlichen Bestimmung nahe sind, wenngleich tiefer und dauernder, doch nicht so heftig und erschütternd als bei dem Tode solcher Geschöpfe, die in der Blüthe der Hoffnung dahin fallen, wo den Eltern der edelste, reinste Genuß in dem Wohlgefallen an Schönheit und alle herrliche Bilder der Zukunft auf einmal vernichtet werden. Ein Ähnliches gilt auf gleiche Weise von dem Schmerze der Kinder bei dem Verluste der Eltern. Wenn derselbe in der Periode dieser zärtlichen Verknüpfung, dieser vollen Herrschaft der stärksten Sympathie eintritt, so wird der Schmerz weit größer sein als in jeder andern. Der gute Knabe, der seinen Vater in dieser Lebensepoche verliert, wird unsägliche Trauer trauern, wird für sein Gefühl keinen Namen haben; die Natur wird um ihn her in seinem Schmerz unterzugehen scheinen; die Welt mit allen ihren Freuden wird ihm wie eine Leichengruppe sein. Ich berufe mich hier auf meine eigene Empfindung, auf Erfahrung. Mein Vater starb, als ich ohngefähr dreizehn Jahr zählte. Ich hatte mir vorher den Fall als mit meinem Wesen zugleich möglich nicht zu denken vermocht, daß eines meiner Eltern sterben könnte. Noch bin ich mir dieses Gedankens völlig bewußt; die Vorstellung schlug mich in Nichts zusammen. Als der Fall geschah, war die ganze Welt um mich her wie eingestürzt, mein Zustand war die ersten Tage unaussprechlich, ich hatte für ihn keine Vergleichung. In den Tod nachsinken zu können, würde mir süße Wohlthat gewesen sein. Kurze Zeit darauf war ich nicht allein getröstet, sondern sogar erheitert. Ich wunderte mich selbst über die Veränderung meines Zustandes und machte mir Vorwürfe. Nur periodenweise kehrte die magische Melancholie zurück, wenn der Gedanke an den Verstorbenen sich in meine Seele drängte oder ich einsam an seinem Grabe stand. Die Lebhaftigkeit der Jugend war Ursache der Heftigkeit der Gefühle und war Ursache ihrer kurzen Dauer. Jetzt bin ich Mann; die Gewalt der Empfindungen hat durch Erfahrungen mehrerer Jahre merklich abgenommen, und die Vernunft ist soviel als möglich schon an die eiserne Kette der Notwendigkeit geschmiedet. Wenn meine gute Mutter stürbe, die ich liebe und ehre, der ich jede solidere Richtung meines Charakters zu danken habe, und wegen welcher das Erdenleben noch das meiste Interesse für mich hat, ich würde bei ihrem Tode vermuthlich nicht so unaussprechlich schmerzlich trauern, obgleich meine Trauer gewiß länger und tiefer sein würde. Die Bilder des Knaben sind glühender, die Gefühle des Mannes sind bleibender. Es geht durch die ganze Natur, daß wir an der Jugendlichkeit aller Geschöpfe, im Thierreiche sowol als im Pflanzenreiche, durch den Anblick ihrer sanften Schönheit ein hohes, reines, sinnliches Vergnügen haben. Die Bücher der Dichter aller Nationen sind voll von Beispielen, die dieses bestätigen; alle diejenigen von ihnen, deren erster Zweck es ist, Schönheit darzustellen und zu erreichen, nehmen ihre Vergleichungen von jugendlichen Gegenständen. Selbst in ihren gewagtesten Prosopopöien muß der Tag und die Morgenröthe jung sein; und wenn es nicht gegen alle Analogie wäre, würden sie vielleicht auch einen schönen Abend so nennen. Schon der Begriff der Jugend giebt, daß Alles schöner ist. So ist uns der Mai schöner als der October mit allen seinen Schätzen, eine junge grünende Kornflur reizender als ein reifes Aehrenfeld, ein blühender Apfelbaum ergetzender als seine Hesperidenfrüchte. So wird der Landmann schmerzlicher trauern, wenn das Ungewitter seine schossenden Halme niederschlägt oder der fürstliche Jäger mit seiner Bande die jungen Saaten niederstampft, als wenn ihm der Dieb seine Garben stiehlt; so wird der Gärtner heftiger empfinden, wenn ihm ein Wüstling seinen schönen blühenden Lieblingsapfelbaum niederhauet, schmerzlicher über den Tod der Blüthen klagen, als wenn man ihm die ganze Ernte des Herbstes nähme. Es ist etwas unaussprechlich Trauriges und Wehmüthiges in dem Gefühle, etwas in der Blüthe mit allen seinen herrlichen Hoffnungen zernichtet zu sehen. Wenn nun ein Exemplar des Meisterwerks der Schöpfung auf einmal von der jugendlichen Glorie herabfällt und mit allen seinen schon aufblühenden Schönheiten alle künftigen Früchte zugleich mit hinabsinken, wer kann den Schmerz Derer messen, die das süße, heilige, unwidersprechliche Recht hatten, sich jetzt in der Anschauung der durch sie entstandenen Schönheiten zu ergehen und einst für so angenehme Mühe so reiche, volle Belohnung zu erwarten? Wer vor einem zerschlagenen Saatfelde, vor einem zerbrochenen Zöglingsbaume ohne Empfindung vorübergehen kann, ist ein Mensch ohne Gefühl; wer eine junge dahingestorbne Menschengestalt ohne Rührung im Sarge liegen steht, ist ein Mensch ohne Menschlichkeit. Ueber den Verlust des in seinen Endzwecken Vollendeten trauern wir, und wir klagen über das frühe Verunglücken dessen, was nach Vollendung strebte; und Klagen sind eine große laute Trauer. Unsere Trauer kann tiefer, kann dauernder und vielleicht gefährlicher sein, aber unsere Klagen sind schmerzlicher, denn sie sind der Ausbruch der Gefühle, die wir nicht in stiller Trauer unterdrücken konnten. Neue wohlgeordnete Auszüge aus Büchern und Zeitungen. Es ist schon Manches über Hannibal's Perrücke gesagt worden – aber die kritische Philosophie hat diesen wichtigen Punkt in ihren Untersuchungen bei Weitem noch nicht hinlänglich erörtert. * Als der Consul Mummius Korinth erobert und die schönsten Statuen mit großer Sorgfalt nach Rom geschickt hatte – stiegen in London die Actien sogleich um sieben Procent, welcher glückliche Vorfall auf der Börse einen allgemeinen Jubel verursachte. * Die dreißigtausend Freudenmädchen auf der Costnitzer Kirchenversammlung – wurden hierauf mit großer Feierlichkeit eingeholt, und den folgenden Tag wurde in der Kathedralkirche vom Erzbischof ein feierliches Hochamt gehalten. * Obgleich Sokrates in seinem Korbe vortrefflich Astronomie studirte – so ist es deswegen doch immer noch unentschieden, an welcher Todesart der Papst Ganganelli gestorben. * Ohne diese Hilfe hätte gewiß Cicero trotz seiner ganzen Beredsamkeit die Rotte des Catilina nicht besiegt – denn ohne Zweifel würde durch Abschaffung der Fasten in den katholischen Ländern der Stockfischhandel sehr leiden und also der Industrie Schade geschehen. * Als Pitt diese energische Rede gehalten hatte – wurde auf einmal das Wasser sehr trübe, und der Fischzug ging desto besser. * Das wunderthätige Bett des Doctor Graham aus London – ist wegen seiner Brauchbarkeit besonders in den Klöstern in Süddeutschland sehr in Ruf gekommen. * Die ächte Orthodoxie drohet leider immer mehr in Verfall zu gerathen – deswegen haben auch die Parforcejagden sehr abgenommen, und man fängt sogar an, über das Steuersystem zu philosophiren. * Die vornehmen Fremden mußten diesen Abend mit einer sehr mäßigen Bewirthung zufrieden sein – weil die Schornsteinfeger- und Schlosserjungen der Madam Sch – – tz die Fenster eingeworfen und ihr Etablissement auf einige Zeit außer Stand gesetzt hatten. * Die Unschuld des Mannes wäre freilich wol zu beweisen und der arme Wicht zu retten gewesen – wenn der Geheimerath, der den Schnupfen hatte, die Acten selbst hätte durchsehen können und der Fürst von der Saujagd nicht sehr verdrießlich zurückgekommen wäre. * Es würde bei Hofe und im Lande Alles gut sein, wenn der Weg zum Regenten nicht – durch die Tasche des Kammerlakaien ginge. * Die Lehre von der Synthesis der Apperception – ist in den baierischen Klöstern und in der Lombardei sehr in die Mode gekommen – und man verspricht sich davon eine gesegnete Heuernte. * Die Philosophie und alle Wissenschaften sind jetzt allerdings zu einem ungewöhnlichen Grad der Vollkommenheit gediehen – aber unter allen sind doch die Dampfnudeln das beste Gericht. * Die Skepse des Pyrrho und Arcesilas – wurde folgenden Tag Sr. Maroccanischen Majestät mit dem dort gewöhnlichen Cerimoniel vorgestellt, und gleich darauf schickte der Minister einen Expressen an seinen Hof ab, die Audienz zu melden. * Der Favorit mit seinem Anhange hat sich nachdrücklich der Einführung der Blitzableiter widersetzt – denn das neue Project soll gefährlich sein und sich mit der jetzigen Einrichtung der Finanzen durchaus nicht vertragen. * Nachdem der Divan versammelt war – und die Messe gehört hatte, ging das ganze Gefolge der hohen Herrschaften insgesammt auf das Schloß zur Mittagstafel. * Der berühmte Arzt wurde von der Aebtissin zu einer jungen Nonne gerufen – um daselbst einem Kaiserschnitte beizuwohnen, den man auch den nämlichen Nachmittag glücklich vollbracht. * Nachdem die Kosacken den Feind von der Piliza vertrieben hatten – setzte der Docent seine Ideen nach Kantischen Grundsätzen so deutlich aus einander, daß die ganze Versammlung überzeugt nach Hause ging. * In der Diplomatik haben wir seit Hugo Grotius wenige große Männer gehabt – aber unsere Artillerie und das Bajonnett unserer braven Grenadiere haben endlich nach einem blutigen Gefechte zu unserm Vortheil entschieden. * Nach allen Gründen des bürgerlichen und canonischen Rechts muß die Frau und zwar mit Zuchthausstrafe vom Manne geschieden werden – praeterea censeo, Carthaginem esse delendam. * Die Pest zu Constantinopel hat viel – zur Canonisation des Erfinders – der Accise beigetragen, wobei der advocatus diaboli sich viel Ehre erworben hat. * Die Ausfuhr des holländischen Käses ist überhaupt dieses Jahr sehr geringe gewesen – ein triftiger Beweis gegen Alle, die nicht mehr an die ewige Verdammniß glauben! Jack Rostbeef's return Welcome, dear Jack, from foreign ground Back to old England save and sound! I s yet your carriage staunch and stout? What devil came you home about? 'Tis but some years, You curs'd and swore, You would our island see no more, Where all your soul's high blazing fire Expired in pit coals, fogs and mire. Well, pray, dear Jack, come let us know, Your spirits are they high or low? Are You disburthen'd of your load, By what you found and fed abroad? Let me alone! old Jack replied, Quick turning to an other side; And when they prest and prest him close, The surly fellow blew his nose. And listless of the curious crowd, Which very thick and very lowd Besieg'd their dear strange country man, The following rhapsody began. Well, what before I feard, I found By rambling all the globe around, from thrones and sees to chamberstools, That mankind are but knaves or fools. Broad folly reigns all over the map, And only wears a different cap: The cowl but changes with the climes, And nonsense flows in smoother rhimes. The German prince and English peer The selfsame haughty jargon sneer, And everywhere with heavy Hem The people's fleec'd and cries God dam! Boldly commands with giddy mope Through Russian fields the flatfaced pope, And all the throng falls on the knee, And bawls Pomuiluj Gospodee! There was a race of generous fools, For every whim the stoutest tools, The Polacks once; but with one sway Now the whole frame is fool'd away. With heavy pace the German clown, His hardy countenance sunburnt brown, Sets now and then his tongue a loose, And for his driver crams his goose. The thinlegg'd Frenchman skims away From comedy to bloody fray, And for a thing, he freedom calls, Walks round his dance through cannonballs. And after having in his frown The ennemy's army battled down, He abject curbs his liberal mind, For fear of being guillotined. Now look You there, over holy rome Broad dulness hangs with midnight gloom, And fatten'd monks with Molochs stare Upon the people's marrow fare. And in the lap of pious Spain He's damn'd whoever is sound in brain, Who does but change to purse his mouth Southwestward, when the wind is south. The Dutch upon a throne of cheese are happily dull with pork and pease, With patience tutor'd by their wives, The cordials of their shellfish lives. And all the rest of human race, Run down to slavery apace: God bless the blockheads on their way! For folly ever plays foolish play. Here I am back in british air; Our country is as good and fair As ever a handywork of god, By other twolegg'd creatures trod. Go, take the round east north and west To look for fools; at home is best. Our excellent pudding is as sweet, As pumpernick or polnish meat. Our pippins have as fine a taste, As berries of the dreary waste; And who shall small beer thin and stale Compare with our high flavouring ale? What though our Lords, for jockies fit, Be sometimes something out of wit, They do the nation little evil; We damn and give them to the devil. God save the King! and go to hell, Who in his name do buy and sell! Peace to the brave, and knock them down, The rascals of the church and gown! Let them be fools, who choose to be; I shall be one myself for me, Jack Rostbeef I, not Lord nor knight, But all along an honest wight. And though we be as stately fops As ever turn'd their crazy tops, In all our tricks there's yet left sense From Shakespeare down to Peter Squence. Well let me live with merriment, And homely feed, what heaven has lent, Till goes my whimsy soul to rest! For even our Bedlam is the best. Ein Wort an Schauspieler und Diejenigen, welche es werden wollen. Circum preaecordia ludit. * Da der Geschmack an Schauspielen in unserm deutschen Vaterande immer zunimmt, obgleich sich nicht immer bessert, so ist es wol nicht überflüssig, wenn über den Gegenstand, der selbst keine ganz unwichtige Nationalsache ist, aus manchen Gesichtspunkten recht viel gesprochen wird, wenn auch nicht Alles, was gesprochen wird, die Kritik der Philosophie, der Moral und der Aesthetik halten sollte. Mein gegenwärtiger Aufsatz ist weder ein gründliches scientifisches Gebäude der Kunst noch eine tiefere Analytik einzelner Gegenstände derselben, sondern blos, was die Aufschrift sagt, eine kurze Apostrophe, eine flüchtige Rhapsodie, ein teilnehmender Aufruf an Kenner und Liebhaber. Leid sollte es mir freilich thun, ob ich gleich nicht Kritik schreibe, wenn man hier gar nichts für wahre gründliche Kritik finden sollte; ich bin aber schon zufrieden, wenn hier und da ein Veteran auf etwas trifft, wo er Beifall nickt, und wenn die Tironen und Dupondier Thaliens oder Diejenigen, welche so eben Lust haben, es zu werden, nur einige Winke merken, die zu ihrem Frieden dienen. Nichts gewähret dem gebildeten, wohlgestimmten Menschen in allen Verhältnissen ein wahreres, edleres Vergnügen als ein dichterisch und theatralisch gut gearbeitetes Schauspiel; aber nichts setzt auch die feinere Humanität in eine peinlichere Lage, als wenn ihr Liebling, die schöne Natur, von dem Dichter und ihre Darstellung von dem Schauspieler verdorben wird. Das große Postulat, auf welches der kritische Zuschauer auch im Vergessen der Kritik strenge hält und zu halten berechtiget ist, bleibt, daß der Dichter und der Schauspieler beständige Harmonie sein müssen. Es ist ein Verstoß der Kunst, wenn er unangenehm daran erinnert wird. Die Schauspielkunst ist so leicht und so schwer wie alle übrigen Künste, welche für Bildung der Humanität arbeiten. So leicht für Diejenigen, welche dazu die gehörige geistige und körperliche Fähigkeit und Ausbildung besitzen; so schwer für Alle, denen die erforderlichen Anlagen mangeln, oder bei denen sie roh und unausgebildet wie im Chaos liegen! Unmöglich ist sie für diejenigen traurigen Subjecte, denen durchaus gänzlich Anlage und folglich auch nothwendig Ausbildung fehlt, die trotz allen Musen hervortreten, und die bei jeder Periode, welche sie sagen, und bei jedem Schritte, den sie treten, dem Hörer und Zuschauer das Naturam furca herbeirufen und an ihre eigentliche Bestimmung erinnern. Leider sind solche verunglückte Schöpfungen auf unsern Theatern noch nicht sehr selten. Man könnte von unsern Bühnen gewiß ebenso viele Beispiele nehmen, um zu belegen, wie es nicht sein sollte, als zu erklären, wie es sein sollte. Selbst Schauspieler von wahrem Werth, deren ich einige persönlich kenne, fühlen das Bedürfniß einer strengeren Kritik für ihr Handwerk und haben, eben weil sie gut sind, Muth genug, sich auch selbst dem Messer nicht entziehen zu wollen. Wann wird Lessing's Geist wieder aufstehen und den Stempel des Lobes und des Tadels wieder strenge nach wahrem Verdienste prägen? Seit seiner »Dramaturgie« hat das Scientifische der Kunst viel gewonnen. Die Gewohnheit, zu analysiren und auf einfache Grundsätze zurückzuführen, hätte auch der Bühne Vortheil bringen sollen. Aber sie hat ihr blos Männer gebracht, die über Schauspiel philosophiren, und diese Männer sind sehr selten Schauspieler, und Schauspieler bekümmern sich sehr selten um die Philosophie dieser Männer. Vielleicht liegt die Ursache vom Letztern auch mit darin, weil der Vortrag dieser Männer meistens zu schulmäßig systematisch ist und die Schauspieler selten gekettete Systeme lieben; denn wäre dieses, so würden sie schwerlich Schauspieler geworden sein. Seit Lessing's »Dramaturgie« ist, so viel ich weiß, bei uns kein Werk erschienen, das mit so viel wahrer, gründlicher Kenntniß der Sache so viel attisches Salz und eine so angenehm eindringende Art des Vortrags verbände. Das Ense recidendum wird jetzt mehr als jemals wieder nöthig. Der Werth von Schink's braven dramaturgischen Arbeiten ist nicht zu verkennen. Aber als Kritiker steht doch vielleicht Schink ebenso weit hinter Lessing, als er als gelehrter Kenner hinter ihm steht, wenn er ihm auch an Geist, welches viel sagen will, gleichkommen sollte. Lessing war zu seiner Zeit der Mann des Tages, wo er nur auftrat, und die jetzt Männer des Tages werden wollen, dürfen sich nicht schämen, seine Schüler zu sein; denn er war ein großer Meister. Sein Geist schöpfte aus der alten und neuen Schule aller Nationen mit durstigen Zügen das Beste und brachte es für die Humanität auf die Probe, und er ist von Allen bis auf diesen Tag vielleicht der Einzige, der die Sprache grammatisch ganz rein schrieb, und der daher trotz einigen Härten, die ihm eigen sind, als ächt classisch angesehen werden kann. Es müßte ein Mann mit Lessing's Geist, Lessing's Kenntnissen, Lessing's Muth sein, der es auf sich nähme, den jetzigen Zustand des deutschen Theaters zu würdigen und an seiner Vervollkommnung mit wohlthätiger, unerbittlicher Strenge ohne Bitterkeit zu arbeiten. Die Nation wird dieser Männer nicht viele haben, und Diejenigen, welche dem Unternehmen vielleicht gewachsen wären, sind durch ihre individuelle Lage oder ihren Geschmack zu andern Arbeiten bestimmt, die freilich auch der Nationalbildung nicht weniger wichtig sind. Daß wir kein eigentliches Nationaltheater haben, ist bekannt und ist wol kein geringer Grund, warum für die Hebung der Schauspielkunst in Deutschland verhältnißmäßig gegen unsere Nachbarn so wenig geschieht. Was in Wien, Berlin und an einigen andern Orten für Nationaltheater gilt, ist immer nur Eigenthum des Ortes und der Provinz; und nicht selten hat die Aesthetik Ursache, die Eigenheiten dieser Institute unter nähere Rüge zu nehmen. Gesetzt, man könnte alle übrigen wesentlichen Gegenstände der Theaterkritik mit Wahrheit an diesen verschiedenen Orten concentriren und gehörig behandeln und den Schauspieler nach allen strengen Forderungen der Kunst zum Muster der Humanität bilden, so wird es doch unmöglich sein, die Hauptsache der Sprache so zu bearbeiten, daß die ganze Nation sich auf die Bühne als die Norm der Entscheidung in zweifelhaften Fällen der Aussprache, des Accents und selbst der Grammatik berufen könnte. Jedes unserer Theater hat noch seinen eigenen, den andern oft sehr unangenehmen Dialekt und Accent; und die wahre reine Sprache einer Nation muß weder Dialekt noch Accent haben. Daß die griechische sie hatte, hebt die Gerechtigkeit der Forderung nicht auf. Der attische Dialekt war auf der griechischen Bühne die Fahne geworden, nach welcher man sich in allen übrigen Provinzen der entgegengesetztesten Aussprache richtete. Man kann eigentlich auch nur von den Athenern sagen, daß sie unter den Griechen diese Kunst getrieben haben. Die verschiedenen Dialekte in den griechischen Theaterdichtern gehören zur Bezeichnung der Charaktere; und man hat deren hauptsächlich doch nur zwei, den attischen und den dorischen, zur Darstellung der feinern und der gröbern Classe der Nation. Daß Pindar, als ein Böotier und doch das größte Dichtergenie der Griechen, in dem letztern schrieb, bewegte den Komiker Aristophanes billig nicht, in seiner Anordnung eine Aenderung zu treffen. So lange die Griechen überhaupt noch ihre sehr verschiedenen Dialekte hatten, war auch die Nationalbildung noch sehr zurück. Zu Perikles' Zeiten sprach und schrieb schon fast Alles Attisch, von Byzanz bis nach Syrakus und Cyrene; und höchst wahrscheinlich würde nach und nach endlich Alles in eine allgemeine Form gegossen worden und nur zur Colorirung des Gemäldes Nuancen geblieben sein. Der Dialekt Theokrit's gehört auch zur Charakterzeichnung seiner Personen, so wie bei uns in mehreren Stücken von Voß. Das deutsche Theater hat also die Vortheile nicht, die das englische und französische gleich von ihrer Entstehung an gehabt haben; und man muß sich wundern, wie ohne einen festen Mittelpunkt die deutsche Schauspielkunst noch zu diesem Grad der Vollkommenheit gekommen ist, auf welchem sie doch jetzt wirklich schon stehet. Unstreitig ist dieser Mangel des Mittelpunktes für die Sprache auch eine der wichtigsten Ursachen, warum sich das italienische Theater nicht höher gehoben hat, und warum auf demselben das Lustspiel mehr Glück gehabt als das Trauerspiel, weil jenes den classischen Werth der Sprache eher entbehren kann als dieses. So wie der Schauspieler in der allgemeinen Darstellung weder den Engländer noch den Franzosen noch den Spanier, sondern den Menschen geben muß, so muß der deutsche Schauspieler in seiner Sprache nicht den Wiener noch den Berliner noch den Meißner noch den Mannheimer, sondern den Deutschen geben. Wie soll er aber diesen geben, da es noch streitig ist, wo er ihn suchen soll, und da der Künstler keinen festen Strebepunkt hat, wo er für das Allgemeine und die kleinsten Nuancen der Sprache Gewißheit hernehmen könnte? In England entscheidet Coventgarden als das Centrum der Nationalstimme, und in Frankreich die Akademie, nach welcher sich in diesem Stücke das Theater und nach diesem die ganze Nation richtet. Was soll in Deutschland entscheiden? Man giebt den anfangenden Schauspielern freilich mit Recht den Rath, sie sollen ihre Muttersprache nach dem besten Dialekt rein und richtig sprechen lernen; aber wo ist der beste Dialekt, da viele Provinzen auf die Dictatorschaft in der Sprache gleichen Anspruch machen? Adelung sagt zwar und belegt mit nicht untriftigen Gründen aus der Geschichte und Bildung unserer Sprache, daß der Strich Landes an der Oberelbe und Saale seit dem sechzehnten Jahrhunderte ausschließlich in dem Besitz der besten Mundart sei. Es lassen sich aber gegen eben diese Mundart, vorzüglich in Ansehung der Richtigkeit und Feinheit der Aussprache, so viele Einwendungen machen, daß sie durchaus nicht, weder dem Volksredner noch dem Schauspieler, ohne Ausnahme empfohlen werden kann. Was die Niedersachsen über die Vernachlässigung des Unterschiedes der weichen und harten Buchstaben desselben Tones und der fast gleichlautenden Vocale sagen, hat einen so guten Grund, daß man nur das Autos epha eines Meißnischen Schulmeisters weggeworfen zu haben braucht, um ihn sogleich zu fühlen. Die Meißner haben unstreitig die beste Grammatik der Sprache, und ihre Aussprache ist im Allgemeinen, das heißt als Sprache der Nation, die erträglichste; aber sie müssen das Gute nicht verkennen, das die übrigen Provinzen einzeln besitzen. Wenn man auch die Autorität des Zischlautes in Sp und St anerkennt, welches doch die Niedersachsen mit ebenso gutem oder vielleicht besserm Grunde, als es die Meißner fordern, nicht thun, so bleibt doch in der hochdeutschen Aussprache der Obersachsen noch manches Fehlerhafte, das nur Derjenige gehörig empfindet, der das Gute mehrerer Mundarten lange gehört und unparteiisch verglichen hat. Die Provinzen an der Ostsee von Danzig bis nach Reval sind nicht ganz ohne Ursache auf ihre richtige deutsche Aussprache eitel und bezeichnen eine sehr fehlerhafte Aussprache unter Anführung vieler auffallenden Beispiele mit dem Namen der sächsischen. Dafür nehmen sich aber wieder die meisten der deutschen Nordländer die Freiheit, die Regeln der Grammatik in jeder Periode einigemal zu radbrechen und den Artikel und die Präpositionen alle Augenblicke falsch zu brauchen. Freilich geben wir ihnen auch in dem Punkte der Grammatik manchmal wenig nach, und es würde schwer sein, auf der besten deutschen Universität nur ein halbes Dutzend Professoren zu finden, die ihre Sprache ohne Ausnahme richtig sprechen. »Wer sein Sie?« hörte ich selbst vor Kurzem lakonisch genug von einem Manne fragen, dessen Deutsch nicht allein in Büchern, sondern auch auf dem Lehrstuhle bei der Nation sonst billig in sehr gutem Credit steht. Schauspieler also, welche in der Sprache schnitzern, haben wenigstens ein ebenso großes Recht auf Entschuldigung als akademische Lehrer, deren Vortrag zugleich Belehrung und Muster der Aesthetik sein sollte; obgleich vielleicht Gründe da sind, welche unsere Forderungen an den Schauspieler noch strenger machen. Aber ich verirre mich zu sehr auf dem Wege der Ungebundenheit. Ich will meine Anforderungen an den Schauspieler, sowol in Ansehung des Physischen als in Ansehung des Geistigen und Wissenschaftlichen, in der Kürze vortragen. Die Künstler und Kenner werden urtheilen, mit welchem Fuge dieses geschieht, und die Candidaten der Kunst mögen darnach ihre Selbstprüfung anstellen. Ich fange von dem Physischen an, weil dieses die erste Bedingung ist, welche eintritt, und welche allein durchaus nicht in unserer Macht steht, sondern von der Natur gegeben sein muß. Ein ansehnlicher, stattlicher, durchaus harmonischer Körper ohne auffallende Eigenheit irgend einer Art und ein reines metallvolles Sprachorgan sind das erste Requisit an einem Schauspieler für ernsthafte Rollen. Thersit wird nie die Person Agamemnon's spielen, und wenn der Heldengeist des ganzen griechischen Lagers in seine Seele gefahren wäre. Schönheit der Person ist billig nirgend bei der ersten Erscheinung ein besserer Empfehlungsbrief als auf der Schaubühne. Schon das Wort rechtfertiget die Sache; es muß etwas zu schauen gegeben werden. Die Theatergeschichte hat zwar Beispiele, daß auch nicht ansehnliche Figuren sich in dieser Sphäre zu ungewöhnlicher Vollkommenheit hinaufgearbeitet haben, unter denen Garrick selbst der Erste ist. Garrick war nicht groß und ansehnlich, er war blos regelmäßig und angenehm. Aber über seinem großen Geiste und dem Ausdruck desselben vergaß man die kleine unansehnliche Figur, so wie man über dem kleinen Geiste manches Schauspielers die große ansehnliche Figur vergißt. Ich darf aber immer sagen, der erste Eindruck wird bei dem ersten immer nachtheilig und bei dem letzten vorteilhaft sein, und die Veränderung geschieht nur, wenn der Eine mehr und der Andere weniger leistet, als Beide ankündigen. Unstreitig würde bei demselben Studium, mit demselben Geiste, den er besaß, und einer Heldenfigur Garrick in großen Rollen noch größer gewesen sein, so wie der schlechte Schauspieler ohne Figur sogleich noch schlechter oder vielmehr gar nichts sein würde. Damit sage ich nicht, daß jeder Schauspieler ein Belvederischer Apoll sein müsse; aber ein Mann ohne Person wird, wenn er sich auch mit Glück auf das Theater wagt, sich doch nicht an Charakter wagen dürfen, zu denen Person durchaus erfordert wird. Ebendasselbe gilt von den Weibern. Eine kleine niedliche Grazie, die uns als Ophelie bezaubern kann, wird uns als Königin Elisabeth oder auch als das Mädchen von Marienburg, das hier vielleicht nicht ganz eigentlich Mädchen genannt worden ist, durchaus nicht befriedigen können. Wenn der Kothurn auch ihrer Länge eine Elle zusetzen könnte, so kann er doch das Uebrige in kein heroisches Verhältniß bringen. Die historische Wahrheit darf nicht so sehr beleidiget werden, oder wenn auch dieses nicht wäre, so darf man unsere Forderungen auf Größe, wo Größe in unsern Vorstellungen wesentlich ist, durchaus nicht vernachlässigen. Besonders erfordert im angeführten letzten Stück der Charakter Peter's des Ersten in seiner Geliebten mehr als eine Begleiterin der Liebesgöttin, und wenn diese auch wirklich derselben ihren Gürtel geliehen hätte. Die Geschichte zeigt auch, daß Katharina die Erste wirklich mehr Virago war als ein Bild sanfter weiblicher Anmuth, mehr eine Heroin als eine blos schöne Seele in einem niedlichen Körper. Und wenn uns also eine Grazie mit dem Inbegriff alles weiblichen Liebreizes das Mädchen von Marienburg mit aller ihrer schmeichelnden Kunst giebt, so wird doch unsere Bezauberung nur so lange dauern, als wir uns nicht erinnern, daß diese kleine Schmeichlerin unmöglich die Geliebte Peter's des Russen sein kann, die am Pruth mit so viel männlicher Entschlossenheit wie ein Held handelte und durch ihr ganzes Leben diesen Charakter getragen hat. Eine helle, starke, sonorische Stimme ist ferner ein unnachläßliches Erforderniß für einen Schauspieler großer Rollen, ohne welches er durchaus zu dem ganzen Ausdruck des wahren Geistes in dem Charakter nicht gelangen kann, den er auf der Bühne zeigen soll. Er kann die Schönheit der Person vielleicht noch eher entbehren als dieses allernächste Mittel der Darstellung, die Stimme; wer aber beide Geschenke der Natur, Person und Sprache, besitzt und Seele genug hat, ohne welche durchaus gar nichts gethan werden kann, der steht in Vortheilen auf dem Theater Jedem sogleich viele Schritte voraus, der ihm sonst an wahren Vorzügen des Geistes auch weit überlegen ist, und wird mit weit weniger Aufwand von Studium weit mehr als Diejenigen leisten, die in diesen äußern Erscheinungen minder Günstlinge der Natur sind. Man darf nur die Schauspieler von entschiedenem Credit bei der Nation in dem großen Fache betrachten, um sich sogleich recht lebhaft davon zu überzeugen. Wem die Natur nicht vorgearbeitet hat, der wird mit aller Anstrengung seiner geistigen Kräfte, die wirklich ausgezeichnet sein mögen, doch meistens nur auf der Mitte stehen bleiben. Wer also auf der Bühne etwas Großes zu leisten wünscht, den muß der Hauptmann bei der Musterung durchaus nicht ins Ranzenglied stellen können, der muß auch als Schildwache im Stande sein, ein eindringliches, metallenes »Wer da?« zu rufen. Ich bin einigemal im »Hamlet« in Versuchung gerathen, bei dem ersten Anruf der Posten in der ersten Scene das Haus zu verlassen, so wenig war der Ton kriegerisch fest, daß er vielmehr die Stimme von Tertianern zu sein schien. Welche Wirkung auch in sonst ziemlich gleichgiltigen Stellen Person und Stimme zusammen macht, habe ich nie eindringlicher gefunden als bei dem verstorbenen Reinecke. Die Natur hatte ihn zu großer Arbeit gebaut, und schon bei seiner ersten Erscheinung schien sie zu sagen: Hier steht ein Mann! In seiner Stimme lag die Stärke einer Posaune und die Modulation einer Flöte. Und wenn er den Briefträger machte und in dem ganzen Stücke nur zwanzig Schritte trat und zehn Worte sprach, so wußte man doch schon, daß er der erste Mann der Gesellschaft war. Mit wahrem Genuß erinnere ich mich noch seiner letzten Rolle im »Hamlet«, wo er den Geist und Opitz den Prinzen spielte. Hier war das eigentliche Verhältniß zwischen Beiden. Opitz wäre Reineckens Sohn geblieben, und wenn er noch vierzig Jahr neben ihm fortgearbeitet hätte; denn die Natur hat ihm nicht die physische Kraft gegeben, sich auf gleichen Fuß mit ihm zu stellen. Das benimmt seinem Werthe nichts; die Natur hat die Ordnung gemacht, und diese hebt Niemand mit aller Anstrengung und dem ganzen Zauber der Kunst auf. Opitz machte den Prinzen vortrefflich; aber er war immer nur Prinz, und Reinecke war König. In der Vorstellung des Letztern war der Geist wirklich Geist und schaffte durch seine Erscheinung das schauerliche, schreckliche Gefühl, sowol bei dem Prinzen als bei den Zuschauern, das er schaffen sollte. Seine Gestalt war zitternder Nebel, sein Schritt das Dahinziehen einer grauen Wolke, seine Stimme die schauerliche, starke Tremulation eines Orakels. Sein: »Schwört! Schwört auf sein Schwert!« war allein ein ganzes Trauerspiel werth. Immer habe ich geglaubt, daß der Geist des alten Hamlet's eine Hauptrolle des Stücks ist, und mich durch diese meisterhafte Vorstellung völlig überzeugt. Der Dichter hat mit wahrem Gefühl Alles, was er von Majestät, Kraft und Würde hatte, in die wenigen Züge des ermordeten Königs gelegt, und die Schilderung, welche sein Sohn von ihm der Mutter im Nachtgespräche macht, giebt uns die Idee, die wir uns von seiner Person nicht allein machen dürfen, sondern machen müssen. Es soll mit einem Worte der Geist eines Königs sein, und zwar der Geist eines Königs, der als Muster der Könige in jeder Rücksicht vorgestellt wird. Traurig ist es, wenn man jetzt hier und da die Geister Hamlet's auf der Bühne sieht und hört, die von dem wahren Geiste des Königs noch mehr abstechen als der lebende König von dem verstorbenen in dem Stücke selbst nach der Zeichnung des Dichters. Heu mihi, qualis erat, quantum mutatus ab illo ! steigt es mit Widerwillen in der Seele empor, und mit wahrer Erleichterung sieht das beleidigte ästhetische Gefühl den Schacher wieder in die Hölle fahren. Da der Schauspieler, so wichtig auch die Mimik der Geberden und des ganzen übrigen Körpers ist, doch vorzüglich durch die Sprache wirken muß, wie will ein Mann seinen Zweck erreichen, der gar keine Sprache hat? Sprache läßt sich indessen doch noch eher erwerben, als Figur schaffen. Der schwerzüngige Demosthenes nahm Kiesel in den Mund und sprach und trat im Sturm an das Felsenufer, um seiner Stimme Stärke zu geben, und neuere Diätetiker der Seele und des Körpers liefern vielleicht ähnliche ebenso bewährte Mittel. Aber unter zehntausend Schwerzüngigen wurde vielleicht nur ein Demosthenes, und unter ebenso vielen würde vielleicht auch nur ein Garrick werden. Diese vorzüglich strenge Anforderung an Figur und Stimme erstreckt sich indessen nach meiner Meinung blos auf Diejenigen, die im heroischen Fache etwas mehr, als gewöhnlich ist, leisten wollen. Es giebt eine Menge Rollen, wo eine gewöhnliche Figur und eine gewöhnliche Sprache, wenn nur sonst der Kritiker der Kunst nichts Erhebliches gegen dieselben in ihren gegebenen Situationen einwenden kann, hinreichen, den Charakter zur Belehrung und zum Vergnügen der Zuschauer vollkommen ästhetisch darzustellen. Dergleichen sind Chevaliers, gewöhnlichere Liebhaber, Hausväter und die meisten Nebenrollen des Trauerspiels und Schauspiels und fast alle Rollen des Lustspiels, das wieder einen eigenen Stempel für seine Personen verlangt. Es müssen sogar in jedem Stücke die Steigerung und Ordnung der Personen der Zeichnung der Charakter beständig entsprechen, und ein Stück, in welchem alle Spieler Helden oder alle Helden in gleichem Grade und auf gleiche Weise wären, würde seiner gehofften Wirkung ganz gewiß verfehlen. Der Knappe soll nicht Ritter sein und die Zofe nicht Fräulein; aber so wie man gegen Ritter und Fräulein als solche nichts einzuwenden haben muß, so muß man auch gegen Knappen und Zofe in ihrem Charakter nichts einzuwenden haben. Im Komischen ist sogar etwas Barockes in Figur und Stimme nicht selten der Grund eines entschiedenen Wohlgefallens zur Darstellung von Charaktern, die alle in diesem Hauptfache liegen. Einem ganz schön gebauten Manne wird es schwerer gelingen seine Figur in Stellungen und sein Gesicht in Züge zu zwingen, die sich fast der Caricatur nähern, und die doch auf dem Theater nicht selten gebraucht werden müssen, da selbst der Dichter sie zur Hebung des Contrastes aus der wirklichen Welt nimmt, wo er sie oft genug findet. Solche Leute, Männer sowol als Weiber, sind vortrefflich in ihrer Art, nur sollten sie die Directoren nicht aus ihrer Sphäre treten lassen. Ueberhaupt könnte eine Theatergesellschaft, wenn sie nur immer Fonds genug hätte, nicht Mannichfaltigkeit der Subjecte genug in ihrer Mitte haben, auch manche schlechte mit eingerechnet; denn es ist kein Schauspieler so schlecht, der nicht irgend eine Rolle vorzugsweise vortrefflich und weit besser machte als der größte Meister der Kunst, weil die Natur Jedem seinen eigenen Stempel gegeben hat. Es ist gewiß eine ebenso große Thorheit, ein universeller Schauspieler als ein Polyhistor sein zu wollen, weil es nicht möglich ist und die Natur auch hier, wie überall, Jedem seine Grenzen angewiesen hat. Die Oekonomie der meisten Gesellschaften schränkt sich aber auf eine bestimmte, oft geringe Anzahl ein; und so sind sie denn genöthiget, die Mannichfaltigkeit der Natur durch die künstliche zu ersetzen, indem mehrere aus ihrem Charakter links und rechts heraustreten und noch so viel Analoges zu sich ziehen, als sie einigermaßen behandeln können, wozu sie nicht selten aus Mangel der Subjecte selbst das Directorium verbindet. Das canonische Recht will, daß kein Candidat mit einem auffallenden schweren körperlichen Gebrechen in das heilige Ministerium genommen werde. Ohne den Schauspieler mit dem Kanzelredner eben in Parallele zu setzen, darf man diese Forderung mit weit mehr Grund an die Candidaten der Bühne machen. Jeder wahre Gebrechliche erregt wahres Mitleiden; und in den Rollen, wo er auf dem Theater erscheint, ist wol selten oder fast nie wahres Mitleid, am Allerwenigsten mit dem Spieler, die beabsichtigte Wirkung. Es muß sich meistens in dem Jovialischen oder dem Lächerlichen des gezeichneten Charakters verlieren. Es liegt überhaupt nicht in der Humanität und ist ein Zeichen der Armuth oder des Muthwillens, wenn Dichter von solchen Naturfehlern Gelegenheit nehmen, ihre Personen in komischen Contrast zu setzen. Wenn es aber doch geschieht, so ist ein solcher Naturfehler immer noch angenehmer, wenn er auf dem Theater nachgemacht, als wenn er wirklich erscheint, aus einem doppelten Grunde. Das humane Gefühl wird mit dem Anblick wirklicher Leiden verschont, und das Vergnügen an der Geschicklichkeit des Künstlers behauptet sich trotz der Humanität mit dem dunkeln Gedanken, daß es hier nur Täuschung ist. Ferner wird für das Publicum und den Schauspieler selbst von dem letztern vorzüglich eine gute, feste Brust erfordert. Dieses liegt einigermaßen schon in der Bedingung der Stimme mit eingeschlossen, da beide meistens zusammen sind; aber sie sind es doch nicht immer. Die Erfahrung zeigt, wie viele Schauspieler, die sich nicht schonen können, durch die Anstrengung leiden, wenn ihre Brust nicht fest ist, und schon mancher brave Mann ist aus dieser Ursache das Opfer seines Enthusiasmus für die Kunst geworden. Der Kanzelredner kann immer seine Brust noch eher schonen. Er ist der Einzige auf seinem Posten, mißt seinen Vortrag nach seinen Kräften ab und überläßt es sodann seinen Zuhörern, ihm so gut als möglich zu folgen. In dem Schauspielhause ist das Publicum etwas gebieterischer und fordert, daß Alles zum höchsten Genuß in der Darstellung übereinstimme. Es ist dem Schauspieler durch die Sache vorgeschrieben, wie er sprechen soll. Er hat nicht die Wahl; er darf keiner Situation etwas vergeben, keine vorgezeichnete Leidenschaft ohne Vollendung lassen, nicht zum Nachtheil seiner Rolle hinter seinen Mitspielern zurückbleiben, wo ihr Geist will, daß er voranstehen soll. Wenn sich gleich mancher Schauspieler mit etwas mehr Kritik vielen Aufwand von Kraft ersparen könnte, so ist doch der Aufwand, der wirklich unumgänglich erfordert wird, oft schon groß genug, daß ihn ein Schwachbrüstiger ohne des Publicums und noch mehr ohne seinen eigenen Schaden unmöglich machen kann. Es ist nicht selten, daß Personen vom Theater halb ohnmächtig nach Hause getragen werden, ohne daß man sagen könnte, daß sie ihre Rolle übertrieben haben. Ein Mensch also, der vielleicht die Sünden seiner Väter mit seinen eigenen trägt, wird für die Bühne schwerlich taugen, wenigstens keine Rollen übernehmen können, die einen Mann erfordern, und die er unvollendet liegen lassen müßte. Das Nämliche gilt von den Weibern, doch nicht in dem nämlichen Grade, da man überhaupt dem Weibe etwas mehr Schwachheit verzeiht als dem Manne, weil sie schon mehr in dem weiblichen Charakter liegt. Daß der Körper eines Schauspielers leicht, biegsam und frei, daß er, so zu sagen, durchaus plastisch sein müsse, ist eine Bedingung, die durch die Sache selbst gesetzt wird. Er muß mit dem Körper fast ebenso viel als mit der Stimme arbeiten, und wie soll er arbeiten, wenn dieser bei aller übrigen Wohlgestaltheit doch durchaus nur hart und unbildsam ist? Wie soll er als Künstler und momentanes Kunstwerk selbst sich durch alle wellenden oder schroffen Bewegungen doch mit Grazie hindurchwinden, wenn man alle Augenblicke über ihn ausrufen möchte: Stipes est et fungus ? Diese plastische Beschaffenheit des Körpers ist indessen keine abgesonderte, absolut reine Naturbedingung, da man annehmen kann, daß ein Körper, der nur übrigens durchaus harmonisch gebaut ist, sich durch Fleiß, Aufmerksamkeit und wiederholte Uebung bald in alle Wendungen fügen wird, die zum Ausdruck der Rolle gehören, welche sein Besitzer geben soll; ja, man darf behaupten, diese Bewegungen werden, so zu sagen, nach einer prästabilirten Harmonie von selbst folgen, wenn nur die Seele richtig empfindet und ihre Empfindungen ohne Zwang rein ästhetisch hinströmen läßt. Jedoch ist Uebung und Studium auch hierin von dem größten Nutzen, nicht um die Bewegung zu lernen – denn gelernte Bewegung ist nicht mehr reine Natur, also nicht mehr für die Kunst –, sondern über sie zu wachen, damit sie sich nicht von dem Ausdruck der Wahrheit entferne, welche die Seele geben will. Die Sache wird noch deutlicher und anschaulicher werden, wenn ich nun weiter von den moralischen und scientifischen Erfordernissen für den Schauspieler spreche und zeige, was wir in Verbindung dieser Eigenschaften billig von ihm erwarten dürfen. Ich trage fürs Erste, ehe ich weiter gehe, meine Forderungen an den Körper mit noch mehr Unerbittlichkeit im Allgemeinen auf die Seele des Schauspielers über. Er muß eine empfängliche, gefühlvolle, wahr empfindende, tactmäßige Seele haben. Ist dieses nicht, so gewinnt er mit allen jenen Vorzügen von den Zuschauern schwerlich weiter etwas als ein Quanta Species ; ist dieses aber, und er hat wahren Willen, etwas zu leisten, so wird er des Zwecks sicher nicht verfehlen. Kein Mensch in der Welt muß ein feineres ästhetisches Gefühl besitzen als der Schauspieler, um das wahre Schöne und Harmonische ebenso wie das Abstechende und Grelle in den Charakteren lebendig zu bezeichnen. Selbst der Lehrer der Aesthetik kann eher die Aesthetik entbehren als ein Mann auf der Bühne, an den unsere Forderungen in der Darstellung des Schönen unnachläßlich sind. Die Forderung ist nicht strenger, als daß Derjenige, der keinen Tact hat, kein Musiker sein, und wer kein Gerechtigkeitsgefühl besitzt, kein Richter werden soll. Allgemeine Harmonie und allgemeiner Tact liegen so tief in der Seele des Menschen, daß Jeder, der von der Natur nicht ganz stiefmütterlich behandelt worden ist, beständig unvermerkt in ihrer Leitung geht. Ein Regiment würde auch ohne das Instrument des Corporals vielleicht nur einige Tage später, aber desto reiner nach dem musicalischen Instrumente marschiren; und es ist fast unmöglich, auf dem Parterre seine Aepfel anders als nach dem Tact der Symphonie zu essen, wenn man nicht ganz allein mit dem Essen beschäftiget ist: so wie es einem moralisch richtig gestimmten Menschen unmöglich ist, sein Gesicht mit Wohlgefallen oder auch nur mit Gleichgiltigkeit auf dem Antlitz einer eben wirksamen Schurkenseele ruhen zu lassen. Ein guter Schauspieler muß durchaus ein Günstling der Natur sein, oder sein Rollenfach wird so eingeschränkt und undankbar sein, daß er selten einen interessanten Charakter ganz liefern und von der Gesellschaft und dem Publicum meistens weiter nichts ernten wird als: »Er ist doch ein recht guter Lückenbüßer.« Hat der Schauspieler eine harmonische, feinfühlende Seele, so fehlt es ihm auch nicht an Dichtersinn, der durchaus zur völligen Fassung und Darstellung seiner Rolle nöthig ist, so wird er den ganzen Charakter sowol als die einzelnen seinen Nuancen, die wie die Farbenschattirungen im Gemälde die Symmetrie erhöhen, lebendig geben können. Mit ihr übersieht er leicht den Plan des ganzen Stücks und die Charakter der verschiedenen handelnden Personen und findet desto leichter und gewisser den Geist seiner eigenen Rolle und ihre Verkettung mit den übrigen. Bei jedem Schritte sagt ihm sein innerer Genius: Das will der Dichter, denn das ist das Wahre, und wenn es der Dichter nicht gewollt hat, so will es die Dichtung. Bei jeder Gelegenheit fühlt er das Feine und das Schickliche und giebt es, so wie er es gefühlt hat, seinen Zuhörern und Zuschauern, und giebt es gewiß richtig; und mit diesem Gefühl arbeitet er sich glücklich durch die Klippen, die ihm der Dichter vielleicht durch das Uebermaß oder den Mangel des Genies gelegt hat. Mit dieser Grundlage der Seele und einem treuen Gedächtniß hat er nach meiner Meinung schon die größten Schwierigkeiten seiner Kunst überstiegen; denn die übrigen Anforderungen sind bei denselben mit gehörigem Studium und nöthiger Aufmerksamkeit leicht befriediget. Ein gutes, treues Gedächtniß ist dem Schauspieler vorzüglich auch unentbehrlich. Doch wird zu seiner Arbeit eben kein Wunder von Memorie erfordert, daß er auf das erste Mal Lesen wie Mithridates eine Legion Namen behalte oder sogleich aus Ovid's »Metamorphosen« alle Hunde, die Aktäon zerreißen, mit ihren Stammbäumen hersage. Es ist genug, wenn er mit gewöhnlicher Aufmerksamkeit, nachdem er den Geist seiner Rolle gefaßt hat, auch ihre Form, ganz wie sie ist, zu nehmen und zu geben im Stande ist. Wessen Gedächtniß aber ein Sieb ist, der darf überhaupt keine Lebensart wählen, wo die Fächer des Kopfs unumgänglich nöthig in beständiger Ordnung und Revision sein müssen; am Allerwenigsten darf er Schauspieler werden, wo man einen Fehler dieser Art am Wenigsten verzeiht, mit Strenge rügt und in seiner Strenge Recht hat. Damit sage ich nicht, daß, wer ein sehr schnelles, treues und weitumfassendes Gedächtniß hat, sogleich auch vorzüglich geschickt zum Schauspieler sei. Man hat oft genug bemerkt, daß bei Subjecten, welche diese Gabe in einem sehr hohen Grade besitzen, die altera pars Petri ziemlich mangelhaft ist. Man darf aus einem fertigen Gedächtnisse ebenso wenig schnell auf die übrigen wichtigen Talente schließen, als man selten zum Resultat von dem Polyhistor annehmen kann, daß er ein guter Dichter, Philosoph, Sachwalter oder überhaupt nur ein durchaus vernünftiger Mann sei. Das Tantum scimus, quantum memoria tenemus des römischen Redners hat zwar seine Richtigkeit, aber das Wissen allein ist nirgends genug, es gehört überall mehr dazu, daß es lebendig werde. Ein Mann, der viel Philosophie weiß, ist deswegen noch kein Philosoph, und ein Mann, der des Aristoteles ganze »Poetik« und alle Vorschriften des Horaz von Humano capiti bis zu plena cruoris hirudo auswendig hersagt, ist darum kein Dichter; denn sonst wäre gewiß Gottsched einer unserer ersten Männer in beiden Fächern gewesen. Viele Männer können ohne ein sehr treues Gedächtniß in ihren Fächern wahres Verdienst haben; aber der Schauspieler darf desselben durchaus nicht in einem merklichen Grade ermangeln. Die Wichtigkeit davon lernen erst Schauspieler einsehen, welche in die Jahre kommen, wo nach dem Laufe der Natur diese Gabe schwächer wird, oder auch noch mehr solche, die durch irgend einen unglücklichen Zufall einen guten Theil derselben verloren haben. Alles dieses, wovon ich bisher gesprochen habe, ist mehr oder weniger nur Naturgabe. Ich komme nun auf das, was Erziehung und eigene nähere Vorbereitung für die Bühne thun muß. Das Erste, was man nach eben vorausgesetzten Bedingungen von dem Schauspieler unnachläßlich fordert, ist, daß er seine Sprache rein und fließend nach dem besten Dialekt und wo möglich ohne allen Accent irgend einer Provinz spreche. Wie schwer dieses bei unserer Nation sei, ist schon oben erwähnt worden und hat wol keiner fernern Erweiterung nöthig, da die Schwierigkeit Jedem sogleich selbst in die Augen fallen muß. Aber je größer diese Schwierigkeit ist, und je mehr eben dieser Mangel unter der ganzen gebildeten Classe der Nation auch außer dem Theater überall bemerkt wird, desto gerechter ist der Wunsch, daß es nach und nach auch hierin besser werden möchte, und desto billiger unsere Forderung an das Theater, vorzüglich mit dazu arbeiten zu helfen. Wie ich oben bemerkt habe, ist kein Dialekt einer einzelnen Provinz ohne Ausnahme insbesondere zu empfehlen, sondern es ist hier mehr als irgendwo nöthig, den Eklektiker zu machen. Der Meißnische Dialekt ist zugestanden der erträglichste im Allgemeinen, aber ist aus dem niedersächsischen gewiß noch mancher Berichtigungen fähig. Man wird ihn nicht deswegen geradezu für völlig gut halten wollen, weil er die Mitte zwischen dem starken, zischenden oberdeutschen und dem weichern niederdeutschen ist. Aus dem oberdeutschen, besonders dem östreichischen, schwäbischen und schweizerischen dürfte in der That wenig zu gebrauchen sein, einige Wortformen und Veränderungen ausgenommen für die höhere Poesie, wo selbst Klopstock für sie ist; für die Aussprache gar nichts, aber desto mehr Berichtigungen in Ansehung der Genauigkeit der Aussprache bietet die niedersächsische Mundart dar. Ich selbst bin in dem Fall gewesen, daß ich in Gegenden von Niederdeutschland erst mit Aufmerksamkeit und Mühe meine Aussprache zu berichtigen suchen mußte, um nicht oft unangenehm erinnert zu werden, daß mich dort Schulknaben mißverstehen würden. Dann wollte ich wieder nicht ohne Einschränkung oder vielmehr ohne erweiterte Liberalität die dortige Mundart für die beste erkennen; denn logisch und grammatisch dürften wol die Niedersachsen das Meiste für sich haben. Aber sie machen doch bei Weitem den kleinsten Theil der Nation aus, und das Deutsche ihrer niedern Classen ist kaum unter die gröbsten Abarten zu zählen; sie dürfen also zufrieden sein, wenn man das, was unwidersprechlich gut in ihrem Dialekt ist, zu benutzen sucht. Sie werden schwerlich den alten verjährten Zischlaut in dem sp und st verdrängen, durch dessen Wegschaffung unstreitig auch die Sprache zu ängstlich, weichlich und fast weibisch werden würde. Logisch haben sie Recht, empirisch wir. Prüfet Alles, das Gute behaltet! heißt es hier vorzüglich. Man hört es sogleich an der Rede, ob ein Mann auch außer seiner Provinz, und zwar in dieser Rücksicht auch ohne Vorurtheil außer derselben gelebt hat. Bei Schauspielern ist dieses vorzüglich zu ihrem Vortheil bemerklich. Man findet bald diejenigen aus der Gesellschaft, welche nicht beständig auf einem einheimischen Theater gewesen sind, sondern sich vom Rhein bis zur Newa, wo die deutsche Muse spricht, vielleicht sich selbst kaum bewußt, gebildet haben. Der Schauspieler wird durch diese wiederholte Veränderung des Orts nicht allein, was man sagt, ein routinirter Schauspieler, er hat noch andere wesentlichere Vorzüge, und es ist keiner der kleinsten Vortheile, daß seine Sprache dadurch außerordentlich gewinnt. Er verliert auf dieser Wanderung das Provinciale und behält nur das Nationale; und dieses wollen wir. Provincialismen jeder Art können nur Leute ohne wahren geläuterten Geschmack oder wahre Kenner nur in solchen Stücken vergnügen, die in der Peripherie des niedrigen Komischen bleiben. Die Accentuation gehört, insofern sie die Richtigkeit einzelner aus dem Text genommener Worte betrifft, zu der Aussprache, und insofern sie das richtige Maß und Gewicht dieser Worte in dem Texte bestimmt, zu dem Vortrage. Man fordert ferner von dem Schauspieler mit Recht, daß er gut declamire; eine Forderung, deren Erfüllung sehr leicht und sehr schwer ist, nach der Beschaffenheit des Subjectes, an welches sie geschieht. Declamiren kann weiter nichts sein als eine durchaus verhältnißmäßige Verstärkung der Lebhaftigkeit des Vortrags auf der Bühne zur Erreichung des theatralischen Zwecks. Für Jeden, der in den Geist seines Gegenstandes eingedrungen ist, der in dem Augenblick der Darstellung sich denselben selbst ganz eigen gemacht hat, kann der Vortrag nicht schwer sein, denn er ist eine natürliche Folge seiner Ideen und Gefühle. Wenn beide richtig sind, wird nothwendig ihre äußere Darstellung schön und angenehm werden; vorausgesetzt, daß die oben gegebenen Bedingungen der Person, der Stimme und der Sprache erfüllt sind. Die Declamation als Steigerung des Vortrags fordert allerdings etwas mehr Aufmerksamkeit und auch wol etwas mehr Anstrengung der Kräfte, aber sie beruht doch immer nur auf dem richtigen Gefühl des Wahren und in jeder Lage Schicklichen. Ein Mann, der richtig denkt und fühlt und dem Ausdruck dieses Gefühls seine natürliche Freiheit läßt, hat wenig Regeln für Declamation und Handlung nöthig; einem Andern werden eine Menge Regeln wenig helfen. Unser Zollikofer wurde einst gefragt, weil man fand, daß er außerordentlich richtig und fein declamirte, wo er declamiren gelernt hätte. »Wie meinen Sie das?« versetzte der vortreffliche Redner lächelnd; und als man sich weiter darüber erklärte, sagte er: »Das habe ich nicht gelernt.« Auf die Neugierde, wie er einen durchaus so festen und richtigen Ausdruck bekommen habe, gab er zur Antwort: »Ich suche so viel als möglich richtig zu denken und zu fühlen; diesen Gedanken und diesem Gefühl übergebe ich mich, und so wird ihr Ausdruck, wie ihr inneres Wesen war.« Dieses war die ganze herrliche Schule des Mannes; ich zweifle, ob Demosthenes und Bourdaloue eine bessere gehabt haben, » Pectus est, quod facit disertos ,« sagt Quintilian, ein Mann, auf dessen Autos epha man hierin fast zu schwören gewohnt ist. Freilich ist die Declamation des Schauspielers mannichfaltiger und vielleicht in mancher Rücksicht schwerer als die Declamation des Redners, da die Lage der Rollen verschiedener und der Uebergang aus einer in die andere schneller und verwickelter ist. Der Redner hat zu seinem Gegenstande ein eigenes großes Gemälde, dessen Schöpfung, Ordnung, Haltung und Ausführung alles sein eigenes Werk ist; der Schauspieler ist das rastlose Menschenleben selbst, wo das Spiel keinen Augenblick feststeht und die nämlichen Farben beständig andere Schattirungen machen. Der Redner giebt die großen Laster und Tugenden der Menschen; der Schauspieler giebt den Menschen selbst mit seinen Lastern und Tugenden und wirkt eben dadurch sinnlich stärker. Ich darf also behaupten: ein richtiges, tiefes, lebhaftes Gefühl der Wahrheit der Rolle durch alle ihre Lagen, mit allen ihren psychologischen Ursachen ist stets der Grund zum richtigen Ausdruck und seines Grades. Damit der Schauspieler dieses Gefühl recht lebendig und ganz haben könne, darf er freilich weder in der Welt noch in den Wissenschaften Fremdling sein. Jeder kann nur das aus sich herausnehmen, was in ihm ist. Ueber Dinge, die er nicht kennt, kann er weder richtige Vorstellung noch richtiges Gefühl haben und muß sie also aufs Gerathewohl geben, wo er sie höchst wahrscheinlich falsch geben wird. Von dem Schauspieler wird also billig verlangt, nicht daß er ein vollendeter Virtuose in irgend einem Fache sei, sondern daß er als nicht ungeschickter Dilettant in vielen oder vielmehr in den meisten Fächern erscheine, die zu der Erziehung des seinen Lebens gehören. Der Opernschauspieler muß in der Musik etwas mehr als bloßer Dilettant sein, weil er, wenn er seine ganze Aufmerksamkeit auf die Musik verwenden müßte, dem übrigen Charakter seiner Rolle unmöglich Gerechtigkeit widerfahren lassen könnte. Mit den Wissenschaften und Künsten überhaupt muß Derjenige, der auf dem Theater mit Leichtigkeit und Glück erscheinen und arbeiten will, wenigstens einigen Umgang gehabt haben. Ohne Geschichte wird selten eine Rolle ganz verstanden; denn selten ist eine, in welcher nicht irgend eine historische Hinweisung oder ein historisches Gleichniß vorkäme. Von der Philosophie muß der Schauspieler etwas mehr als eine eingeschränkte Terminologie wissen, weil er sonst das Ganze schwerlich fassen und Manches nicht in Consequenz bringen kann. Alle Augenblicke erscheinen Kunstausdrücke, und das ganze Betragen des Spielers bekömmt etwas Aengstliches und Linkisches, wenn er den Sinn derselben nicht vollkommen gefaßt hat. In Dingen, welche er nicht hinlänglich richtig einsieht, kann er keinen Vortrag haben, oder sein Vortrag wird sein, wie wenn ein Laie von Dorfschulmeister eine militärische Erzählung von der Belagerung einer Festung vorlieset. Wenn die Schauspieler auch wirklich im Ganzen sehr wenig oder gar nichts hätten, so sollten sie doch von Allem etwas haben und wenigstens die Fähigkeit besitzen, im erforderlichen Falle schnell etwas selbst werden zu können. Technologie ist ihnen fast ebenso nöthig als dem Oekonomen und dem Finanzkrämer. Alle Künstler und einzelne wissenschaftliche Männer können eher die Kenntnisse der Dinge außer ihrer Sphäre entbehren als der Schauspieler eine allgemeine Bekanntschaft mit Allem, weil in seine Sphäre wirklich fast Alles gehört. Das Publicum besteht aus dem Amalgama aller Classen, und Jeder ist befugter Richter in seinem Fache, wenn auch der Schuster nur bei dem Leisten und der Roßkamm nur bei der Striegel bleibt. Wenn, wie gar kein Zweifel ist, das Schauspiel eine Darstellung wichtiger, rührender und lehrreicher Begebenheiten aus dem menschlichen Leben ist, so müssen die handelnden Personen im Stande sein, Alles, was diese Begebenheiten wichtig, rührend und lehrreich machen kann, lebendig zu geben; und dazu gehören nicht allein alle große Züge, sondern auch alle kleinen Nüancen der verschiedenen Menschenclassen, ihrer Gesinnungen und Geschäfte. Etwas vertrautere Bekanntschaft muß der Schauspieler ferner haben, nicht allein mit den Dichtern, sondern auch mit der Poesie. Desto besser, wenn es ihm selbst an Dichtergeist nicht fehlt, desto besser für das Publicum; aber desto schlimmer vielleicht in mancher Rücksicht für ihn selbst! Denn es muß eine wahre Folter für einen geistreichen Schauspieler sein, eine geistleere Rolle zu behandeln. Das Publicum gewinnt, indem der Schauspieler von dem Seinigen noch etwas hineinlegen kann, er selbst aber wird das Sühnopfer für den Dichter. Die Bekanntschaft mit der Poesie und mit dem Versbau insbesondere läßt den Schauspieler den Rhythmus der Diction durchaus besser fühlen, fassen und ausdrücken. Er hat nicht nöthig, Geßner's Idyllen erst in Verse zu übersetzen: er weiß sie so zu sagen, daß der Wohlklang derselben den abgeschnittenen Stanzen nichts nachgiebt. Für eine rhythmische Seele ist der ganze Boccaz in Stanzen. Der Schauspieler, wenn er hier kein bloßer Handwerker ist, kann, darf und soll die Sünden des Dichters zudecken; nur gehört oft etwas mehr als gewöhnliche Kritik dazu, zu bestimmen, ob es wirklich Sünde des Dichters oder Fehlblick und Unvermögen des Schauspielers ist. Der Schauspieler braucht weder Verse noch Schauspiele selbst geschrieben zu haben, aber es muß doch von seinen Fähigkeiten und seinem Geschmack mit Recht angenommen werden können; wenn er es unternähme, so würden beide Producte nicht schlecht sein. Jeder Schauspieler, der sich über das Mittelmäßige zu heben hofft, muß ebenfalls eine ziemliche Kenntniß von den benachbarten Sprachen besitzen, wenigstens diejenige mit einiger Fertigkeit wissen, die bei uns den guten Ton in Beschlag genommen hat, welches bis jetzt noch die französische ist. Es ist traurig, wenn man zuweilen aus dieser Sprache die Phrasen, welche sogar bei uns in deutschen Gesellschaften des sogenannten guten Tons Curs haben, brechen und würgen hört. Es giebt Rollen, deren Charakter dieses erlaubt, ja sogar fordert – von diesen ist die Rede nicht –; aber es giebt wieder Rollen, die eine möglichst genaue feine Aussprache dieser Radotage verlangen; und wenn der Schauspieler darin zu sehr absticht, so setzt er die Zuhörer, die es besser zu hören gewohnt sind – und dieser sind jetzt nicht wenige –, in Unmuth, zumal wenn dieses Rothwälsch in seiner Geläufigkeit, wie oft der Fall ist, hauptsächlich zum Charakter gehört. Etwas Latein ist jedem Mann von guter Erziehung unentbehrlich, wenigstens so viel, daß er nicht die Prosodie in Stücken trete und dem Priscian Ohrfeigen gebe. Wenn der Schauspieler mit dieser Sprache noch nicht bekannt ist, so gehört es sogleich zu dem ersten Verstehen seiner Rolle, daß er sich die Ausdrücke, welche vielleicht in derselben daraus vorkommen, gründlich erklären lasse, ehe er selbst zu dem Studium derselben weiter geht. Das Nämliche gilt ebenso sehr von wissenschaftlichen, deren Grund er nicht einsieht; denn vor Allem muß die Rolle grammatisch und logisch verstanden werden, ehe ihr Geist studirt werden kann. Man sieht, daß Unwissende oder schwer bezeichnete Stiefkinder der Natur am Allerwenigsten auf dem Theater an ihrer Stelle sind, – wenn das Directorium nicht Subjecte genug hat, daß für ihren eigenthümlichen Charakter nur jährlich ungefähr einige Rollen fallen. Man hat oft die Erfahrung, daß junge, unbändige Wildlinge, denen das Joch der heilsamen Disciplin in ihrem Fache unerträglich wird, ihre Ausflucht auf das Theater oder unter das Militär nehmen. In beiden Fällen sind sie eben in die rechte Bahn gekommen; denn es wird wol in keinem Fache mehr Geduld, Anhaltsamkeit, Muth, Unverdrossenheit und angestrengtes Studium erfordert als in den angeführten beiden, wenn den Pflichten des Standes Genüge geleistet werden soll. Zum Glück fehlt es solchen Leuten selten ganz an Anlagen, die ihren Neigungen angemessen sind, aber die Schwierigkeit in der Ausbildung dieser Anlagen sehen sie meistens erst ein, wenn sie mit ihrer Wahl erst recht bekannt werden. Sie verwünschen sodann oft mit Unrecht, was sie mit Unrecht gewählt haben, und beide Fächer haben an ihnen, wenn nicht sehr glückliche Umstände dazu kommen, selten mehr als mittelmäßige Subjecte. Von dem Schauspieler fordert man endlich Welt, das heißt Bekanntschaft mit den Sitten und Gebräuchen des Gesellschaftlichen, mit dem Charakter der Menschenclassen überhaupt und vieler Individuen insbesondere; nicht Einseitigkeit des hier und da Conventionellen, sondern allgemeine Leichtigkeit, ebensowol das Analoge von allen Nationen aufzufassen, als ihren abstechenden Unterschied zu bezeichnen. Er muß ein Mann von entschieden feiner Lebensart sein. Platner sagt: »Die beste Lebensart ist, keine Lebensart haben.« So paradox dieses klingt, so ausgemacht wahr ist es. Die wahre Lebensart ist, überall das Angenehme, Schickliche und Gefällige zu sehen, zu fassen und so viel möglich in seiner Individualität darzustellen. Um dieses zu können, muß man kein Sclav der Formalitäten mehr sein, sondern sie zu beherrschen wissen; um sie aber zu beherrschen, muß man kein Fremdling in denselben sein. Dieses war ursprünglich die so berühmte griechische Urbanität, die selbst noch Sokrates bei Aspasien lernte, und durch welche sich Alcibiades, als Beider Schüler, eine solche Allmacht in Griechenland erwarb. Es gehört allerdings viel Verstand, Geist und Leben dazu, auf diese Weise keine Lebensart zu haben. Ein guter Schauspieler muß diesem Bilde nahe kommen, wenn er auch kein vollendeter Alcibiades wird; und wir sehen wirklich, daß Männer von entschiedenem Werth in diesem Fache mehr oder weniger selbst solche Bilder sind. Diese Forderung ist stark, aber die Forderungen an einen guten Schauspieler sind auch überhaupt nicht geringe; sie steigen höher, so wie sein Werth und unsere Schätzung desselben wächst. Endlich wird vielleicht aus ihm, was Schiller von seinem Armenier im Geisterseher sagt: »Alle Leidenschaften haben in seinem Gesichte gewühlt und sind wieder verschwunden; die Zeit hat ihre Spuren wieder völlig geebnet, und mit unerforschlicher Ruhe steht der vollendete Menschenkenner da.« Diese Männer sind selten; aber die Nationen zählen auch ihre großen Schauspieler nicht zu Dutzenden. Alles, was ich bisher sagte, bezieht sich nur auf die persönlichen und scientifischen Eigenschaften und ist nur als Vorbereitung zum Schauspieler anzusehen. Die Vorbereitung ist aber das Wichtigste in jeder Sache, da immer ihr glücklicher Erfolg selbst darauf beruht. Ich gehe nun zu dem Theater selbst über und erlaube mir, nachdem ich meine Meinung gesagt habe, wie der Mann vor dem Schauspiele sein müsse, auch noch einige Bemerkungen, wie er als Schauspieler auf dem Theater selbst sein soll. Das Erste ist, daß er sich gut und in seinem Charakter ohne Übertreibung kleide. Hierher gehört vorzüglich das Studium des Costümes. Das Unbestimmte ist der Wahl und dem Geschmack des Schauspielers überlassen; aber Alles, was bestimmt ist – und das Costüme ist es jederzeit –, muß sich durchaus nach der Bestimmung richten. Es muß kein Ordensband getragen werden, wenn der Mann in seinen Verhältnissen gehörig angegeben ist, das der Kenner dieser Institute nicht in der Rubrike findet. Die ganze Quincaillerie dieser Art kostet einige Ducaten, und auch diese müssen zweckmäßig angewendet werden. Es muß allemal gefragt werden, ob dieser Mann diesen Orden wirklich tragen konnte, und welchen er eigentlich tragen mußte. Wenn der Dienst bestimmt ist, sind auch sogleich alle Abzeichen des Dienstes gegeben, und das Auge Desjenigen, dem die Nation bekannt ist, muß nicht durch auffallende Widersprüche im Aufzuge beleidiget werden. Jetzt ist das Publicum billig etwas strenger geworden; und wenn man ehmals den Achill im Frack tanzen sah, ohne sich sehr darüber zu ärgern, so wird es jetzt schon mit Mißfallen bemerkt, wenn ein bestimmter Officier eine falsche Cocarde oder eine falsche Degenquaste trägt. Das Costüme abgerechnet, welches mehr Sache des Directoriums ist, dessen Verfehlung aber doch immer dem Schauspieler nicht zur Ehre gereicht, weil er sich darum bekümmern soll, zeigt sich schon in der Kleidung der feine Geschmack der Schauspieler zu ihrem Vortheil. Man kann von ihnen erwarten und verlangen, daß an ihnen Alles schön und geschmackvoll sei, wo es der Charakter ihrer Rolle erlaubt, weil die Gesellschaft zur Vorbereitung auf das Wesentlichere sogleich schon eine ästhetische Erscheinung machen muß. Grotesken, welche in Figur und Spiel die Grenzen der Caricatur halten, gefallen uns zwar auch, aber sie haben ihr Mißliches, und die Veredlung unsers Geschmacks erlaubt nicht, daß sie zur platten Buffonnerie des Jack Pudding herabsinken. Den Weibern des Theaters gesteht man in der Regel mit Recht immer etwas mehr Freiheit des Anzugs zu als den Weibern, welche wenigstens nicht Schauspielerinnen sein sollen. Man darf bekennen, daß in dem Artikel der Anständigkeit unsere Damen von der Bühne in ihrer Kleidung noch sittlich genug sind und in dieser Rücksicht zuweilen fast den Vorzug vor unsern Damen außer der Bühne verdienen. Die Mode der entblößten Busen hat seit einigen Jahren schnell genug die Ronde von Paris nach Warschau und zurück gemacht. Ohne eben den Moralisten zu machen, kann ich nicht finden, daß der reine ästhetische Sinn durch eine Erscheinung gewinne, wo man von dem, was gezeigt wird, nur noch eine Spanne zum Allerheiligsten von Paphos hat. Es ist ein altes, oft gesungenes Lied: »Wann werden die Weiber endlich die wahren Reize der Sittsamkeit verstehen lernen?« Wenn die Kunst nackend bildet, so hat sie ihre großen löblichen Absichten als Kunst; wenn sie aber Gewänder giebt, so bekleidet sie gewiß nicht auf diese Weise, wenn ich mich in der wahren ästhetischen Darstellung nicht irre. Für Weiber vom Ballet ist ein solcher Aufzug noch zweckmäßig genug; denn er scheint der ganzen Figur mehr schwebende Elasticität zu geben, und der Begriff von wahrer Sittsamkeit fällt auch bei solchen Personen weg, den man sonst von dem Begriffe der schönen Weiblichkeit zu trennen nicht berechtiget ist. Die Balletmädchen abgerechnet, müssen sich also auch die übrigen Schauspielerinnen sehr hüten, sich hierin zu viel Freiheit zu nehmen. Weder ihr eigener noch der Charakter ihrer Rolle gewinnt; doch ihr eigener kommt dabei nicht weiter in Anschlag, als insofern er Einfluß auf ihre öffentliche Erscheinung hat, welches freilich mittelbar fast immer ist. Die Aesthetik der Kleidung bei den Schauspielerinnen ist ein Artikel, in welchem das Theaterwesen in unsern Gegenden noch ziemlich zurück ist. Es giebt einige vortheilhafte Ausnahmen; aber im Ganzen wird der Anzug bei Weitem noch nicht mit der leichten Grazie behandelt, wie er sollte. Weder in Berlin noch in Dresden kleiden sich die Weiber des Theaters so angenehm als in den nördlichern Ländern, zum Beispiel in Warschau und Riga. Es ist immer noch so viel Hartes und Ungeschmeidiges in ihren Figuren, daß selbst eine Grazie ihre Anmuth zu verlieren scheint. Wie sie diese leichte Grazie haben und erhalten können, weiß ich freilich nicht; aber die Forderung ist gerecht, sie sollen sie haben; denn sie ist eine der ersten Bedingungen ihrer Kunst. Gegen den Anzug der Männer ist bei Weitem nicht so viel zu erinnern; doch über diesen dürfen vielleicht nur die Damen richten. Ein vorzüglicher Punkt, den man vielleicht noch mit zum Anzuge rechnen darf, ist die Schminke. Niemand wird die Nothwendigkeit der Schminke auf dem Theater leugnen. Sie ist ein herrlicher doppelter Ersatz für die Masken der Alten. Daß sie es nicht zu sehr auf Kosten des eigentlichen Gesichts werde, dafür mögen durch die Wahl der Ingredienzen Diejenigen selbst sorgen, welche sie brauchen müssen. Im Schminken zeigt der Schauspieler keinen geringen Grad von Beurtheilung. Nach meiner Meinung wird diese wichtige Sache auf unsern Theatern ungewöhnlich vernachlässiget. Ich erinnere mich, im Englischen ein ziemlich starkes Buch unter dem Titel »The art of painting for players« gesehen zu haben, und Kenner versicherten mich, daß es für Schauspieler classisch sei. Es ist schon alt und in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts geschrieben. Jeder Schauspieler wird selbst die Wichtigkeit dieses Punktes einsehen und zugestehen; aber es scheint nicht, daß man nur die gewöhnliche Aufmerksamkeit darauf verwende. Selten hat ein Gesicht eine so glühende Farbe, daß es auf dem Theater nicht noch Erhöhung durch Schminke nöthig hätte, da die Entfernung des Standpunktes und der Glanz der Lichter die Wirkung des natürlichen Colorits sehr schwächen. Männer sowol als Weiber sind in diesem Falle, wenn man auch noch gar nicht von der Charaktermalerei des Gesichts spricht. Aber es ist ein großer Unterschied, ob sich eine Dame schminkt zum Ball oder zur Cour bei dem Könige Stanislaus Poniatowski, Es zeigte sich selten eine Dame ungeschminkt in seiner Gegenwart. »Vous êtes bien pâle, Madame; Vous ferez bien de mettre du rouge!« sagte er einst zu einer Dame, die er nur von ungefähr ohne Schminke an einem öffentlichen Orte sah. oder ob sie mit ihrem Gesicht die Toilette für die Bühne macht. Dort kann der Spiegel hinlänglich entscheiden, wie stark oder schwach das Gemälde sein müsse; hier ist durchaus die Perspective nöthig, den gehörigen Grad zu bestimmen. Schon die Nachlässigkeit im Auftragen ist kaum zu verzeihen. Die meisten werfen einen Klecks auf den Backenknochen, ohne sich weiter die Mühe zu geben, die Farbe gehörig zu verwaschen und das natürliche Colorit mit dem Gemälde sanft zusammenlaufen zu lassen. Daraus entsteht der grellste Anblick, der dem Auge der Natur nicht anders als unangenehm sein kann. Oft liegt die fremde Farbe so isolirt auf dem Gesichte, daß das Ganze aussieht wie die abgelebte Mode mit allen ihren Sünden. Ich appellire an das Gefühl eines Jeden, welche ästhetische Wirkung dieses thun kann. Geschminkt müssen die Schauspieler sein; aber nur diejenigen schminken sich gut, von denen man nicht sieht, ob sie sich geschminkt haben. Wenn man aber gleich bei dem Eintritt in das Parterre oder in die entferntesten Logen die übertünchten Figuren schimmern sieht, so gehört schon Ueberwindung dazu, dieser verdorbenen Malerei seine Aufmerksamkeit zu schenken. Man hält es für ein sehr kleines theatralisches Verdienst, wenn man sagt: »Er schminkt sich gut.« Es ist wahr, es ist kein großes; aber es ist doch eines der ersten, gleich bei dem ersten Anblick den richtigen Sinn des Zuschauers nicht zu beleidigen. Um dieses zu studiren, sollte jeder Schauspieler sich zuweilen in dieser Absicht in das Parterre oder in entfernte Logen stellen, wo er sehen könnte, welche vorteilhafte oder widrige Wirkung diese oder jene Art, sich zu malen, mache, um für sich seine Maßregeln darnach zu nehmen. Die Schminke der Damen von der Bühne kann freilich nicht so sparsam aufgetragen und so fein verarbeitet werden, wie sie eine Modesünderin auftuscht, die noch den spähenden Blick ihres Liebhabers täuschen will, aber sie darf doch nicht in grellem Abstich einen Theil des Antlitzes wie ein Brachfeld liegen lassen und den andern lothweise in glühende Blüthe setzen. Der richtige Grad und die vorteilhafteste Mischung ist leicht zu finden, wenn man sich nur die Mühe geben will, die Entfernung zu Rathe zu ziehen und nach ihr und dem Lichte, in welches man gestellt wird, die Wirkung zu messen, welche man haben will. Sodann wird vor allen Dingen gefordert, daß der Schauspieler seine Rolle gut memorirt habe, so daß er in der Verlegenheit des Sinnes und der Worte nicht den Geist verfehle. Es ist eine fast notwendige Folge, daß dieses geschehe, wenn nicht gut gelernt worden ist; und der Schauspieler giebt in diesem Falle seine Rolle fast ohne alle Bedeutung, wie ein Automat. Wie will er den Ausdruck des Ganzen und alle Schattirungen der einzelnen Züge lebendig darstellen, wenn er ängstlich sein Ohr auf die Stimme des Nothhelfers spitzt, nach den Perioden fragmentenweise hascht und sie so den Zuschauern vortranchirt? Er verliert, wenn auch nicht den Sinn, doch das Gewicht desselben im Zusammenhange; er setzt den Ton entweder gar nicht oder falsch und erscheint wie ein Katechismusschüler, dem sein Nachbar bei dem Examen die siebente Bitte ins Ohr flüstert. Um gut zu sprechen, muß man wissen, was man sprechen will. Einige komische Rollen leiden durch die Gegenwart des Geistes, das Gesten- und Mienenspiel und einige charakteristische Lückenbüßer des Schauspielers vielleicht einen nicht unangenehmen Aufenthalt; aber die Fälle sind selten, und eine ernsthafte Stelle oder auch eine komische, die durchaus im Fluß gesprochen werden muß, verliert allemal viel durch Gedächtnißfehler, und wenn der Schauspieler noch so routinirt wäre. Es ist schwerlich möglich, erst vom Souffleur den Sinn zu haschen und ihn sogleich mit allem Charakter wiederzugeben. Es entstehet daraus für die nahe am Theater Stehenden und Sitzenden eine andere große Unannehmlichkeit, daß sie den Souffleur vorher und fast ebenso stark hören als den Schauspieler selbst. Ganz entfernt wird der Mann dieses unterirdischen Orakels nun wol nicht werden; aber das ist doch traurig, daß er noch in so vielen Stücken uns immer die Hauptrolle macht und das halbe Publicum, eben nicht zur Empfehlung der Gesellschaft, mit seiner hilfreichen Stimme übertoset. Der Name deutet hinlänglich sein Amt an, und je weniger er es zu verwalten nöthig hat, desto besser. Il ne faut qu'un souffle; maischez nous c'est un bruit, qui donne un soufflet à la pièce. Die üble Gewohnheit ist so stark, daß sie selbst den Schauspieler, der wirklich fertig memorirt hat, in seiner Arbeit hindern muß. Welcher Genuß aber für die Nahestehenden, wenn der Schauspieler, wie wol zuweilen der Fall ist, fast ebenso ungesalzen nachspricht, was ihm der Souffleur, nicht vorgehaucht, sondern mit voller Lunge vorgeblasen hat! Daß es dem Schauspieler manchmal schwer werden muß, eine Rolle zu memoriren, die nicht nach seinem Geschmacke oder wider seine Empfindung oder wol gar ohne allen Dichterwerth, trocken und im eigentlichen Verstande nur zusammengesetzt ist, daran ist kein Zweifel; auch das Auswendiglernen einer wirklich guten Rolle wird nicht leicht sein; aber es wird ja Niemand sagen, daß es überhaupt leicht sei, Schauspieler zu sein. Die gute Rolle muß unter den Händen eines braven Künstlers nichts verlieren, und die schlechte muß gewinnen. Ich komme zu dem Wesentlichen der Kunst, zum Vortrage und der Handlung selbst. Dieses ist so sehr das Heiligthum Thaliens, daß ein Laie billig nur schüchtern seine Wünsche und seine bescheidene Meinung zu äußern wagt. Aus dem, was ich bisher gesagt habe, wird man schließen können, daß meine Erwartungen zwar nicht übertrieben, aber doch auch nicht geringe sind. Wir haben darüber schon manche Belehrungen und Systeme, daß jede Erörterung überflüssig sein dürfte. Mir scheint es ziemlich gewiß zu sein, daß Derjenige, dessen Seele das Schöne, Wahre, Große und Gute nicht überall finden und empfinden kann, hier durch Belehrung wenig gewinnen wird, und daß Derjenige, der durch die glückliche Stimmung der Natur Alles dieses lebendig zu fassen im Stande ist, derselben ohne großen Verlust entbehret. Damit spreche ich nicht wider solche Theorien und Grundsätze. Sie sind zum wissenschaftlichen Studium und der wahren Kritik zweifelhaft scheinender Fälle sehr nützlich, müssen aber doch erst aus jener Stimmung der Natur genommen sein und werden ohne sie so wenig einen Schauspieler schaffen als des Aristoteles »Poetik« einen Dichter. Bilden können sie ihn, oder vielmehr nur warnen, wo er irre gehen möchte, welches aber bei einem Mann mit den Eigenschaften, die ich in dem Schauspieler billig vorausgesetzt habe, nicht so oft zu befürchten ist. Lebendige Beispiele sowol des Vortrefflichen als des Schlechten thun hier wie überall mehr als ganze Rollen todter Regeln. Wenn die Schauspieler im Stande sind, den wahren Sinn ihrer Rollen im Ganzen und Einzelnen richtig einzusehen und zu fühlen, so wird ihnen unter den gegebenen Bedingungen der wahre Ausdruck niemals fehlen. Das Komische wird vergnügen, das Angenehme wird gefallen, das Pathetische wird rühren, das Erhabene wird erheben, das Starke wird erschüttern. Ist bei dem Schauspieler dieses nicht, so mag er zwei Olympiaden den Geist zu haschen suchen, er wird für ihn immer ein Proteus sein, und das ganze Werk wird böotisch bleiben. Nur richtiger Tact für Wahrheit und seines Gefühl für Humanität und alles darauf Bezogene, welches von der Natur geschenkt, durch Kenntnisse genährt und durch den Umgang mit der Welt bestimmt und befestiget wird, macht den guten Schauspieler im ersten Augenblick. Seine erste Rolle wird sogleich besser sein als die Arbeit des Schächers, der schon hundert Paar Sohlen auf der Bühne durchgelaufen hat. Daher ist die Erfahrung nicht selten, daß eine Privatgesellschaft von Personen, die blos zu ihrem eigenen Vergnügen Stücke für sich selbst versuchen, es sogleich weit besser machte als lange geübte alte Zöglinge Thaliens. Die Ursache ist, solche Personen, von denen man richtiges Gefühl voraussetzt, haben in den meisten Rücksichten alle mehr Kenntnisse und Bildung, als die meisten wirklichen Schauspieler vermöge ihrer Verhältnisse haben können. Wenn Schröder also der erste Schauspieler unserer Nation ist oder wenigstens war, so ist er unstreitig seinen Credit auf dem Theater, nach seinen Naturgaben, mehr seiner erhöhten Bildung, seiner tieferen Menschenkenntniß und seiner leichtern Empfänglichkeit für alles Wahre, Wichtige und Schickliche schuldig als allen Regeln der Kunst. Diese Regeln sind vortrefflich, zu entscheiden, warum etwas geschehen oder nicht geschehen soll; aber sie bewirken selten, daß es geschehe. Die Kunst geht meistens vor den Regeln her, und ein Künstler, der immer nur nach Regeln arbeitet, ist selten ein großer Künstler; deswegen wird er doch nicht wider die Regeln arbeiten. Es wird dem Schauspieler von Kenntnissen und richtiger Empfindung nicht schwer werden, sich in den Geist einer richtig gezeichneten schönen Rolle hineinzusehen, wo Alles consequent motivirt ist; aber sehr schwer wird es ihm werden, wenn die Rolle dieses nicht ist, wenn der Charakter in sich selbst nicht folgerecht und ohne Haltung oder geringfügig und ganz gemein ist. Hier ist der brave Schauspieler ebenso sehr zu bedauern, der in das bunte Machwerk des Dichters, welches nur nach Horazens adsuitur pannus zusammengesetzt zu sein scheint, schöne Übereinstimmung bringen soll, als der Dichter zu bedauern ist, dessen gute Arbeit unter die seelenlose Behandlung eines ungesalzenen Brettertreters fällt, der durch Unwissenheit und Gefühllosigkeit jede wahre Schönheit mehr als combabisirt. Unstreitig ist die erste große Künstlerpflicht des Schauspielers, daß er seine ganze Rolle studirt, das heißt, ihren Grund in der Individualität des dargestellten Subjects und in den Verhältnissen mit den übrigen Charaktern zur nähern Bestimmung desselben anschaulich fasse. Dazu gehört meistens eine Uebersicht des Stücks selbst; denn sehr wenige geringe Nebenrollen ausgenommen, sind die Charaktere alle verflochten und müssen durch einander erklärt und näher bestimmt werden. Dieses Studium muß dem Künstler keine Arbeit, sondern Vergnügen sein, ein ebenso großes Vergnügen sein, als es die gute Darstellung dem Zuschauer ist. Freilich findet vielleicht der Schauspieler in dem Lauf dieses Studiums manche Sünden des Dichters auf, aber eben dieses schärft seine Kritik und giebt ihm desto mehr Werth, wenn er durch seine zauberische Geschicklichkeit diese Sünden bedecken kann. Wir haben sehr wenig Dichter, deren Charaktere durchaus ohne Ausnahme richtig gezeichnet wären. Iffland und Lessing, Schiller und, bei aller seiner übrigen Unregelmäßigkeit, Shakespeare sind vielleicht in dieser Rücksicht die besten Muster. Es giebt zwar noch mehrere richtige Zeichner, die aber als Dichter zurückbleiben. Iffland leistet vielleicht mehr den Forderungen als großer Schauspieler Genüge, Lessing als großer Kritiker, aber Beide als wahre Dichter. Auch einige Franzosen haben auf dieses Verdienst Anspruch. Kotzebue, der ein Lieblingsmann des größten Theils unsers Publicums ist und es in mancher Rücksicht sehr verdient, entspricht dieser Forderung der Kritik nicht. Denn fast kein einziger seiner Hauptcharaktere hat durchaus psychologische Richtigkeit und gehörige Haltung; selbst nicht der vollendetste, nämlich der des Unbekannten in »Menschenhaß und Reue«. Und doch sieht man die meisten seiner Stücke trotz der Kritik mit mehr Vergnügen als andere, denen man das Verdienst einer richtigen Zeichnung der Charaktere vielleicht nicht absprechen kann, wo aber Alles nur kalte Zeichnung ohne einen einzigen Hauch des Genies ist. Er hat die Gabe des schönen Dialogs, des lebhaften Witzes, zuweilen der treffenden Satire, und seine einzelnen Züge sind voll von Menschenkenntniß und seiner Charakteristik, so daß man eine kleine Inconsequenz im Ganzen manchmal kaum gewahr wird. Er ist einer von den Schriftstellern, von welchen man behaupten darf, sie würden mehr geschrieben haben, wenn sie weniger geschrieben hätten; wenn sie das, was ihren eigentümlichen Werth macht, zur Vollendung einzelner Werke concentriren wollten. Doch möchte ich glauben, daß das Studium und die Erlernung einer Kotzebue'schen Rolle trotz den kleinen pathologischen Widersprüchen in denselben dem Schauspieler weniger Mühe macht als einer andern, die weiter keinen Fehler hat, als daß sie in ihrer Einförmigkeit nichts Wichtiges für die Menschheit giebt. Hat der Schauspieler seine Rolle gut gefaßt, so giebt er sie gewiß, wenn sich in ihm die Forderungen vereinigen, die wir schon festgesetzt haben, mit Richtigkeit und Ausdruck, zum Vergnügen Derer, die ihn sehen und hören. Wenn er dabei alle die kleinen Regeln des Vortrags noch nöthig hat, so ist es ein sicherer Beweis, daß er sie noch nicht gehörig gefaßt hat. Wenn der Schauspieler Fehler in der Declamation macht, so rührt das nicht daher, weil er nicht declamiren kann, sondern weil er nicht in den Sinn und den Geist des Charakters oder nur der Stelle eingedrungen ist. Naturstimmung und Aufmerksamkeit in der Welt lehrt ihn Pathognomik genug, um den Hauptausdruck der Leidenschaften zu fassen und selbst ihre Nuancen unterscheiden zu lernen. Oder vielmehr sein eigenes Wesen als Magazin aller menschlichen Zustände drückt sie ohne Regel doch richtig aus der ursprünglichen Typographie der Natur ab. Erfahrung bildet nur aus, was die Seele selbst geschaffen hat. Wir verlangen von dem Schauspieler nicht nur, daß er uns die Natur wahr und treu darstelle, sondern daß er uns auch immer die edle Natur darstelle. Es ist hier nicht der Ort, die Frage zu entscheiden, ob die Natur veredelt werden könne. Gewiß ist es, daß ihre Erscheinungen in anscheinend gleichen Lagen sehr verschieden sind. Der Künstler soll die Natur nicht bessern, sondern er soll nur immer das Beste aus ihr nehmen, es mit Klugheit ordnen und es so in ein harmonisches Spiel bringen. Dieses Alles kann mit Leichtigkeit geschehen, ohne daß man sich einen Schritt von der Natur entferne. Das Directorium wird jederzeit wohlthun, oder vielmehr es ist seine eigentlichste Pflicht, bei der Anordnung des gröbern Mechanismus immer Nettigkeit und Geschmack mit Wahrheit zu verbinden. Gemeine Leute auf dem Theater müssen freilich nur gemeine Leute sein und müssen sprechen und handeln wie sie, aber doch nicht so ganz ohne allen Rest von Feinheit wie der gewöhnliche Schlag von Fischweibern auf der Sachsenhäuser Brücke. Handwerker und Landleute müssen Handwerker und Landleute sein, aber in ihrer edelsten Form; ihr Anstand sei die gute Einfalt, nicht die Rohheit und Grobheit ihres Standes; ihre Geschäfte so, wie man sie bei ihrer wirklichen Erblickung angenehm finden und loben würde. Es ist nichts Angenehmes, ihre Instrumente so voll Schmutz auf dem Theater zu erblicken, als sie im Regenwetter vielleicht in der kothigsten Grabenarbeit aussehen. Es macht mit dem übrigen Aufzug einen zu grellen Abstich, und es muß Alles in Harmonie gesetzt werden. Das Häßliche kann man vertragen; es wird weiter nichts als Haß erzeugt, und auch dieses ist Absicht: aber nicht das Ekelhafte; es kann nie die Absicht sein, anhaltenden Ekel zu erregen. Dichter und Schauspieler sollten sich dieser Forderung immer erinnern, der Dichter müßte denn die Sache mit so vieler Feinheit im Vorbeigehn zu behandeln wissen, wie Shakespeare in einigen Scenen. Zum Ausdruck jeder Leidenschaft ist es wol am Besten, die Leidenschaft in einem ziemlichen Grade selbst zu haben. Wo das Wesen ist, zeigt sich der Schatten gewiß richtig, wenn dem Sehnerven nicht falsche optische Gläser vorgeworfen werden. Wenn der Schauspieler seines Tacts gewiß ist, mag er sich selbst der Leidenschaft zur Herrschaft hingeben; sonst aber wagt er, wenn er gleich auch vielleicht durchaus individuelle Wahrheit giebt, doch mehr von der Leidenschaft zu zeigen, als zu dem Zweck der Bühne gehört. Mitleid, Haß, Abscheu und Verachtung mag immer erregt werden, aber nicht Scham und Ekel: sie sind der unerträglichste, niedrigste Zustand, in welchem sich der Mensch befinden kann. Die wahrhaft moralisch angenehmen Gefühle darf er so hoch treiben, als es ihm möglich ist. Auch die vermischten, wie Haß, Abscheu u. s. w., leiden einen höhern Grad – denn wir fühlen dabei durch die dunkle Vergleichung unsern eigenen Werth –; aber rein unangenehme, wie Scham und Ekel, müssen mit der größten Behutsamkeit behandelt und so viel als möglich geschont werden. Transitorisch, aber schnell wie ein Wetterleuchten dürfen sie wol berührt werden und haben sodann ihren moralischen Nutzen, wenn nur das Gefühl durch das Folgende sogleich wieder gehoben wird und Ersatz erhält. Es ist hier wie in einem wohl berechneten pädagogischen Unterricht oder jedem Unterricht überhaupt, daß man die Humanität zärtlich behandle. Der Schauspieler erreicht nur dadurch ganz seinen Zweck, daß er das in jeder Darstellung wird, was der Dichter aus seinem Charakter machen wollte. Mit Recht glaubt also Iffland, daß das Edle nur von edlen Seelen ganz edel ausgedrückt werden könne. Wo also Größe, Erhabenheit und Stärke gegeben werden sollen, darf der Schauspieler in keiner Rücksicht in seiner Erscheinung ein Schwächling oder Weichling sein. Hier thut vielleicht das Physische mehr als alles Scientifische. Auf dem Theater lassen wir uns nicht überreden, daß eine winzige Figur und eine kleine Stimme einem Helden gehöre, wenn uns auch wirklich die Geschichte dafür bürgte. Wir gehen nach der Analogie unserer Vorstellungen, und diese giebt in Zwergen keine Größe und in Castraten keine Stärke. Ganz richtig sagt man, der Schauspieler ist der Rolle nicht gewachsen, weder seine physischen noch seine moralischen Kräfte reichen zu einer solchen Höhe; er bleibt zurück und läßt den Charakter, der auf dem Felsen stehen sollte, an abgeschlagenen Steinen fallen. Jeder Schauspieler sollte hier seine Schultern vorher versuchen und sich nicht an eine Last wagen, die er auf halbem Wege abwerfen muß. Verzeihlich ist das Unternehmen und sogar löblich; aber die beharrliche Hartnäckigkeit, durchaus den Frosch in der Fabel zu machen, quält nicht selten das Publicum und schadet noch mehr dem kühnen Manne selbst. Iffland spricht an irgend einem Orte mit etwas Spott von der jetzigen Vorliebe zu großen und starken Stellen, daß man jetzt nur gepackt sein wolle. Unstreitig hat der Mann, der weiter nichts liefert, als daß er uns vielleicht einmal packt, keinen entschiedenen Werth; aber der Mann hat noch weniger einen entschiedenen Werth, der uns niemals packt. Der Ausdruck ist nicht fein, aber doch wahr und also passend genug. Nicht alle Menschen sind so sanft und gefühlvoll, daß sie das leichte Spiel der Empfindungen in die Länge angenehm beschäftigte; und doch sind sie nicht gefühllose oder gar böse Menschen. Diese Menschen, deren physische und moralische Beschaffenheit vielleicht aus den Händen des Schöpfers so kam oder auf dem Amboß der Welt geschlagen und gehärtet worden ist, weinen selten eine Thräne, loben und tadeln selten und stehen im eigentlichen Verstande als Zuschauer da. Diese Menschen sollen doch auch gerührt und müssen also gepackt werden. Es ist das wahre Kriterion des Genies, wenn er seinen Mann packen kann; deswegen ist in dem Genie noch keine Vollendung. Die Stellen, welche einen solchen harten, aber guten und nicht rohen Mann erschüttern, ihm die Hitze durch das Rückenmark in den Nacken und die Gluth in die Augenlider treiben, sind wol entschieden die besten. Das geschieht nicht durch ampullas et sesquipedalia verba , sondern im Gegentheil durch Einfachheit der Wahrheit, die die Empfindung mit ebenso einfachen Worten allmächtig wecken und halten kann. Was ist leichter als Schiller's: »Auch die Todten sollen leben! – Allen Sündern soll vergeben und die Hölle nicht mehr sein!« Und Der verdient kaum Vergebung der Sünden, der die Strophe niemals mit glühender Andacht mitsingen konnte. Nicht so moralisch, aber noch größer, von schrecklicher Größe ist das noch Einfachere des Shakespeare: »Er hat keine Kinder!« im »Macbeth«. Kann man gewöhnlichere Worte von furchtbarerer Größe haben? Macduff floh vor dem Tyrannen. Der Tyrann kochte Wuth und Rache, zerstörte seine Schlösser, tödtete seine Leute, mordete sein Weib, erwürgte seine Kinder. Der Bote kam. Dort stand der Mann, der Soldat, der Patriot, der Gatte, der Vater. Die Botschaft machte den Helden verstummen; die Söhne des ermordeten Königs und ihre Freunde forderten ihn nun mit eben diesem Grunde zur Theilnahme an der blutigen Rache auf. Unter der ganzen unaussprechlichen Last seiner Gefühle sagte er mit schrecklicher Ruhe weiter nichts als: »Er hat keine Kinder!« Hat je ein Dichter ihm so vorgemalt oder nachgezeichnet? Wer dort noch eine Erklärung braucht, für den hat Shakespeare nicht geschrieben. So kann der Tyrann nicht bestraft werden, wie er beleidigt hat. Nur Shakespeare konnte diesen furchtbaren Gedanken so fassen und so geben. Mir goß er Feuer durch die Gebeine, als ich ihn das erste Mal in seiner Verbindung las. Nicht Macbeth, sondern Macduff ist von dieser Stelle an die Hauptrolle des Stücks, und es gehört mehr als Schule dazu, ihr Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Es entsteht hier aber keine kleine Schwierigkeit. Wenn wir sagen, daß das Edle und Große nur durch Edles und Großes in der Individualität des Schauspielers selbst ausgedrückt werden kann, so scheint daraus zu folgen, daß das Niedrige, Schlechte und Verabscheuungswürdige nur durch ähnliche Eigenschaften in dem Schauspieler am Besten dargestellt werden könne, und wir wollen und dürfen doch keinem Schauspieler erlauben, weder als Schauspieler, noch viel weniger als Mensch schlecht zu sein. Auch sind nicht wenig Beispiele in der Theatergeschichte, daß Männer, die als vortreffliche Darsteller der boshaftesten, häßlichsten Rollen bekannt waren, den rechtschaffensten und zuweilen den liebenswürdigsten Charakter ihrer eigenen Personalität behauptet haben. Das Räthsel löset sich, wenn wir annehmen, daß dergleichen Männer bei ihrer Rechtschaffenheit durch ihre Weltkenntniß mit ihrer Philanthropie im Allgemeinen doch eine gewisse Morosität oder moralischen Unwillen gegen alle Schurkereien in der Welt sich erwarben, daß die Erfahrungen, wo sie Gegenstände oder Zeugen des Betrugs, der Cabale, der Unterdrückung und Bosheit wurden, ihre Bilder so lebhaft in der Seele ließen, daß sie bei jeder Gelegenheit mit einem ärgerlichen Wohlgefallen wieder hervortreten. Das Böse ist immer mit Aerger und Ingrimm verbunden; selbst dem Bösewicht ist es peinlich, daß er nicht zugleich seine Schurkenabsichten erreichen und doch auch ein ehrlicher Mann sein kann. Alles Böse geschieht also mit widerlicher Anstrengung, weil es wider die Natur geschieht. Bei dem Schauspieler erzeugt es nebst dem stillen Verdrusse, der eben die Erscheinung der Bosheit vermehrt, ein Wohlgefallen, daß er diese Bosheit der Menschen, die er mit Recht für sehr groß und ausgebreitet hält, so ganz durchschauen kann. Daraus entsteht die Richtigkeit der Darstellung ohne eigentliche Analogie der Gesinnungen. Die Erfahrung hat die ursprüngliche Humanität mit einer ziemlichen Dose Misanthropie vermischt. Die Misanthropen sind im Allgemeinen fast immer Leute von übrigens guten Grundsätzen und werden blos deswegen das, was sie sind, weil ihre Art zu denken, zu fühlen und zu handeln, die sie für gut halten, mit der gewöhnlichen schlechten Weise der Welt zu grell absticht. Timon war kein Bösewicht, selbst in Shakespeare's Gemälde von ihm ist nichts ursprünglich Bösartiges in seiner Natur; er würde aber vermuthlich in seinem Paroxysmus den Bösewicht sehr gut vorgestellt haben. Da alle Menschen von Natur gut sind, wenn sie keine Veranlassung haben, böse zu sein, so ist es leicht, daß jeder nicht ganz verwahrloste Mann als Schauspieler sich in das, was gut und edel ist, hineinsetze; wenigstens ist er in dem Augenblicke gut, wo er Güte und moralischen Werth richtig ausdrückt, sollte er auch die nächste Minute in seiner Individualität das Gegentheil sein. Deswegen kann aber nicht behauptet werden, daß der Schauspieler in dem Augenblick böse sei, in dem er die Bosheit häßlich-schön darstellt; denn Bosheit ist wider die Natur, und nur ein innerlicher Ingrimm gegen dieselbe kann den rechtschaffenen Mann zum natürlichen Ausdruck ihrer Häßlichkeit bringen. Wenn es aber doch, wie ich auch nicht durchaus leugnen will, einen vollendeten Bösewicht geben sollte, den die Aehnlichkeit seines wahren Charakters zum unverbesserlichen Schauspieler in boshaften Rollen auf dem Theater machte, so ist dieser ein Ungeheuer, den man für sein Talent mit der Brandmarke bezahlen sollte, damit Jedermann auf dreißig Schritte auf dessen Stirne lesen könnte: Hic niger est , um seine ganze Seele vor ihm auf Schildwache zu stellen. Da die Theatergesellschaften unter fast ebenso strenger Subordination stehen sollten als das Kriegswesen, so kommt es vorzüglich auf Directoren und Regisseurs an, was aus dem Institut gemacht werden soll. Wie ein guter General bald eine gute Armee, ein guter Rector bald eine gute Schule bildet, so kann ein guter Director ebensowol bald eine gute Gesellschaft für das Theater ziehen. Aber dazu gehört freilich in dem Director etwas mehr als die gewöhnlichen Principaleigenschaften, Einnahme und Ausgabe zu berechnen, die Subjecte rekrutenmäßig zu engagiren, corporalmäßig zu behandeln und ebenso zu verabschieden. Der Director muß seiner ganzen Gesellschaft Geist einzuhauchen verstehen; um dieses zu thun, muß er aber selbst Geist haben. Er muß, wenn auch nicht auf dem Brette, doch wenigstens in der Theorie der Kunst und dem damit verbundenen Wissenschaftlichen selbst ein Mann sein, der Ansehen hat und es nicht erst durch seine Stelle zu erhalten braucht. Er muß beurtheilen können, was wahre Humanität sei, und was dieselbe befördert und hindert, und er muß selbst Rechtschaffenheit und wahre Aesthetik genug besitzen, um auch für ächte Nationalbildung zur Unterdrückung des falschen Geschmacks eines fehlenden Publicums, wenn es nöthig ist, Aufopferungen zu machen. Das Meiste, was ausgepocht wird, wenn nicht die Cabale pocht, verdient diese Züchtigung; aber bei Weitem nicht Alles verdient Beifall, was laut beklatscht wird. Das Wichtigste für die Directoren ist wol, daß sie das Talent ihrer Schauspieler für die verschiedenen Fächer gehörig zu würdigen wissen, um sie in ihrer eigentlichen Sphäre zu halten und darin gehörig zu üben. Am Besten geschieht dieses, wenn sie jeden durch das Glück, welches er in diesem Fache mit Recht macht, selbst überzeugen, daß dieses Fach für ihn das beste sei. Viele Schauspieler haben den Ehrgeiz, in vielen Fächern zugleich glänzen zu wollen, und haben dabei nicht bedacht, daß jede Münze nur unter ihrem Stempel gilt. Es giebt zwar Beispiele, daß große Künstler sowol im Tragischen als im Komischen sich auszeichneten; aber dieses ist eine Seltenheit, und der große Tragiker wird doch nie zu dem kleinen Komischen sich herabstimmen können; es muß immer das Edle in seinem Charakter das Herrschende sein. Reinecke spielte im »Räuschchen« noch zum Vergnügen und zur Befriedigung aller Kritiker; aber er würde gewiß nicht sehr erbaut haben, wenn er als Barbier Schnaps erschienen wäre, er hätte denn die Rolle ganz zur eckigsten Caricatur umprägen müssen, welches weder sein eigener noch der Charakter der Rolle vertragen hätte. Salome Schmahlheim, die als Salome Schmahlheim recht brav ist, muß nie die Königin im »Hamlet« sein wollen. Das Publicum wird ärmlich bewirthet, wenn die Directoren aus Armuth solche Königinnen erscheinen lassen müssen. Wenn eine Frau sich auch bis zur Würde einer Matrone erheben kann, so steigt sie deswegen noch nicht bis zur Majestät. Und es ist kein peinlicheres Gefühl, als wenn der erwartete Ausdruck der Hoheit mit überspannter Kraft auf den Markt geworfen wird. Eine der vornehmsten Regeln für alle Schauspieler und Schauspielerinnen sollte sein, ihre Kräfte nach dem Klimax der Rolle zu messen, damit sie wissen, wie sie sowol mit der Stimme als mit dem Spiel auskommen können und den Charakter nicht auf der Hälfte liegen lassen. Die Folge davon ist, entweder sie sinken ruhig zurück, wo die ganze Kraft erst wirken sollte, und dieses ist immer noch erträglicher; oder sie springen in der Anstrengung über; wie man sich ausdrückt, der herausgezwungene Ton wird grell und pfeift: welches auf dem Theater bei dem Schauspieler noch unangenehmer ist, als wenn ein Sänger linksum in die Fistel steigt. Bei Beiden ist der Uebergang entschiedene Kakophonie und das Folgende nicht harmonisch. Komisch ist dieser Proceß, und in dem Komischen thut er oft sehr gute Wirkung. Es ist uns lächerlich, aber angenehm, in der Lebhaftigkeit die Kräfte bis zum Reißen über einer Kleinigkeit froh gespannt zu sehen, aber es ist uns höchst widrig, wenn sie in einer sehr ernsthaften Anstrengung, wo es den Werth eines großen Charakters gilt, nicht aushalten. Es ist mit Ekel vermischter Unmuth, wenn wir die Erscheinung sehen und dabei die gerechte Forderung aus dem Charakter machen können, daß sie aushalten sollen. Auch wenn sie wirklich in dem Charakter fehlen, darf der Schauspieler nicht auf diese Weise überspringen, sondern muß nach der Bezeichnung in der Ermattung ruhen oder sinken, bis die Kräfte wieder steigen und halten können, wo sie sollen. Alles dieses liegt in der Rolle und muß mit Aufmerksamkeit aus derselben herausgesucht werden. Daß zur strengen kritischen Bildung des Schauspielers vorzüglich das genauere Studium der ausgezeichnetsten Rollen dienlich sei, leidet keinen Zweifel; und keine dieser Rollen wird in ihrer ganzen Tiefe, in ihrem Hauptcharakter mit allen Nüancen ohne die Verflechtung der übrigen Personen, also mehr ohne Kenntniß und Beurteilung des ganzen Stücks gefaßt. Daß bei unserm Gange des Theaters vorzüglich die wichtigsten Shakespeare'schen Personen dieser Mühe werth sind, ist schon oft erinnert worden, so wie man mit mancher Analyse der Arbeit der Schauspieler hat zu Hilfe kommen wollen. Shakespeare ist in der That der Mann, an dem man oft irre wird und nicht weiß, ob man mehr loben oder tadeln, mehr zürnen oder bewundern soll. Seine Landsleute nannten ihn den Dichter der menschlichen Natur; und es ist vielleicht unter keiner Nation ein Anderer, der durch sein schöpferisches Genie diese Benennung mehr verdiente. Wenn man in ihm eine Menge kalter Wortspiele findet, die zuweilen bis zur Zweideutigkeit herabsinken, so ist davon mehr die Schuld in dem Geschmack seines Zeitalters, von dem er sich nicht ganz losmachen konnte, und dem er in seinen Verhältnissen vielleicht wider seinen Willen sogar mit opfern mußte. Mich däucht, Alles, was wir in seinen Schriften bewundern, lernen und studiren, ist das Eigenthum Shakespeare's des Dichters; das Uebrige hat Shakespeare der Schauspieler und Theaterdirector dazugeworfen, damit die Unbestechlichkeit seines guten Geschmacks seiner Casse nicht üble Streiche spielte. Pope sagt in seiner Vorrede zu dessen Werken: »There was never a poet who with so much thrash gave so much gold« ; und Pope ist gewiß der competenteste Mann, darüber zu urtheilen. Daß die meisten Stücke Shakespeare's einer Reform bedürfen, um die Kritik des ächten feinen Geschmacks zu halten, ist ohne Zweifel, mir ist aber kein Stück bekannt, das durch die häufigen Veränderungen wirklich gewonnen hätte, als nur Weißens Bearbeitung von »Romeo und Julie«. Schröder's »Hamlet« ist nach meinem Gefühl wol kaum eine Verbesserung zu nennen, und ich wollte wirklich lieber den Shakespeare, so wie er ist, dafür nehmen. Die scharfsinnigste, geistreichste und beste Analyse über irgend ein Theaterstück, die ich kenne, ist von Goethe über den »Hamlet« im »Wilhelm Meister«. Die hierher gehörigen Stellen in dem Buche sind so voll tiefgeschöpfter feiner Bemerkungen über Dichtung überhaupt und Theaterdichtung insbesondere, daß ich anfänglich glaubte, des Verfassers ganze Absicht sei, eine Aesthetik über Schauspielkunst zu liefern. Ich sahe nachher bei der Fortsetzung meinen Irrthum, aber kann bis jetzt noch nicht bergen, daß mir diese Stellen in Rücksicht auf Humanität die wichtigsten in dem Werke zu sein scheinen, und daß der Wunsch, eine Bearbeitung des »Hamlet« zu sehen, von einem Manne wie Goethe, nach den Ideen, die er dort angegeben hat, zu einem der lebhaftesten geworden ist, den ich für die Literatur habe. Unter unsern Nationalstücken liefern vielleicht Lessing's »Emilie«, Schiller's Trauerspiele und »Clavigo« den besten Stoff zum Charakterstudium für Schauspieler. Der deutsche Geist ist mit dem französischen zu heterogen, als daß wir uns mit den Meisterstücken dieser Nation aus ihrer goldenen Periode ganz vertragen könnten. Sie haben zwar weniger Sünden wider die Regel; aber ihre declamatorische Correctheit faßt bei Weitem unsere Seele nicht so wie die genialische Natur der uns näher verwandten Briten. Es giebt Rollen, die zwar dadurch, daß sie beides, entweder komisch oder tragisch sind, einen ähnlichen Geist zu athmen scheinen, aber durch ihre nähere Bestimmung vorzüglich der äußerlichen Personalität so sehr von einander getrennet sind, daß sie unmöglich der nämliche Schauspieler mit Glück unternehmen wird, und wenn er auch sonst in seiner Kunst ein Proteus wäre. So wird der nämliche Schauspieler schwerlich Figaro und Falstaff, oder den Schwätzer und den Amtmann Riem beide ganz gut machen, weil jeder Charakter eine eigene Personalität zu sehr abstechend von der andern hat. Der nämliche Fall dürfte es im Tragischen mit Hamlet und Odoardo sein. Ob der komische oder tragische Schauspieler den Vorzug verdiene, ist eine Frage, deren lange Untersuchung von sehr geringem Nutzen sein würde. Indessen sei es mir doch erlaubt, nur mit einigen Worten zu bemerken, daß es mir scheint, der Komiker habe als Künstler den Vorzug und der Tragiker als Mensch den größern Werth. Der Tragiker ist, was er ist, mehr durch Naturgeschenk; der Komiker dankt seine Vollkommenheit mehr dem unermüdeten Fleiß und dem Studium der Natur in allen ihren kleinen versteckten Falten. Der Tragiker kann die Natur nie zwingen; der Komiker kann sich zuweilen ihr zum Trotz in manche Fächer hineinarbeiten, wovon die Ursache mehr in dem Wesen und der Verschiedenheit beider Darstellungen liegt. Es ist eine fast allgemeine Bemerkung, daß das weibliche Personale bei den meisten Gesellschaften nicht so gut besetzt ist als das männliche. Die Ursache liegt wol in einigen Vorurtheilen, die über das Theaterleben und manchmal nicht ganz ohne Veranlassung unter uns noch herrschen. Leute aus der ganz niedrigen Volksclasse, sowol Männer als Weiber, sind nicht für das Theater geschickt, wenigstens sind die Ausnahmen höchst selten, daß Subjecte daraus durch ganz besondere Umstände sich geschickt machten. Das Theater erfordert Bildung, und zwar mehr als gewöhnliche Bildung, und Mancher, der mit dem Compendium unter dem Arme Aristarchisch oder vielmehr Zoilisch über Vorstellung aburtheilt, würde, wenn er selbst erscheinen sollte, noch einige Zeit Statist sein müssen. Frauenzimmer, welche diesen Grad der Bildung und der Kenntnisse vereint mit den persönlichen Eigenschaften besitzen, die zu dieser Lebensart gehören, tragen billig Bedenken, sich auf diese Syrten zu wagen. Wenn nicht hier und da ungewöhnlicher Enthusiasmus oder eine durchkreuzte Leidenschaft ein gutes weibliches Subject dahin brächte, würden die Theater noch ärmer sein. Vom Theater ist selten für die Weiber eine andere Ausflucht. Das sollte nicht sein, aber es ist. Ein Mann setzt sich eher über eine Menge Dinge hinweg, als ein Weib es thun darf. Gefällt einem Manne das Theater nicht mehr, so wirft er sich, freilich auch mit einiger Schwierigkeit, aber doch oft glücklich wieder in irgend ein anderes Fach des menschlichen Lebens, wozu ihn Neigung, Geschmack, Geschicklichkeit oder Verhältnisse bestimmen können. Einer Frau, die sich dem Theater gewidmet hat, bleibt selten eine andere bessere Ausflucht. In das kleine Leben zu treten, leidet der Geist nicht, der sich ihrer auf dem Theater bemächtiget hat. Jede Schauspielerin ist doch wenigstens eine Quasidame; und es gehört schon etwas Vermögen dazu, dieses außer dem Theater ohne andere Hilfsmittel zu sein. Man hat zwar Beispiele, daß Mädchen vom Theater recht gute Partien machten; aber sie sind selten, und es ist meistens noch in eben der Periode, wo die Gesellschaft vielleicht mehr an ihr verliert, als der Eheherr gewinnt. Mich wundert es, daß noch kein Director mit wahrem Gehalt im Kopf und in der Börse auf den Einfall gekommen ist, ein Erziehungsinstitut für seinen Endzweck zu errichten. Er würde Kinder genug finden, die es in ihren Verhältnissen für ein Glück zu halten Ursache hätten, in seine Disciplin zu treten. Und der Erfolg würde wahrscheinlich seinen und des Publicums guten Erwartungen entsprechen. Die Kinder der Schauspieler werden zwar meistens von Jugend auf von ihren Eltern zu dem Fache gebildet und früh genug von den Directoren selbst mit auf das Theater gezogen; und mancher Director schont wol zuweilen die Alten, um die Jungen nicht zu verlieren. Aber es ist doch nicht geradezu anzunehmen, daß die Kinder eines guten Schauspielers auch entschiedene Anlage zu diesem Studium haben. Der König Stanislaus Poniatowski, der durchaus ein besserer Aesthetiker als König war, hatte ein ähnliches Erziehungsinstitut für die Oper und das Nationaltheater in Warschau, in welches er versprechende Zöglinge beiderlei Geschlechts aus Litthauen von seinen Gütern nahm und ihnen in den nöthigen Kenntnissen Unterricht geben ließ. Das Unternehmen versprach einen sehr glücklichen Fortgang. Es wurden recht brave Leute gebildet. Wir haben selbst Madame Campi gehört, die, wie man mich in Polen versichert hat, aus diesem Institute sein soll; und die Nationalschauspieler gaben unter der Anführung des Herrn Boguslawski an Richtigkeit der Darstellung und wahrer Kritik den besten deutschen Bühnen sehr wenig nach. Die große Katastrophe hat auch diesen kleinen Altar der Grazien mit zertrümmert. Eine oft gehörte Anmerkung der Fremden über unser jetziges deutsches Theater, welche freilich nur die Dichter und den Nationalgeschmack und nicht die Schauspieler trifft, ist, daß fast in allen Stücken gegessen, getrunken und Tabak geraucht wird. Der Vorwurf ist gar nicht ohne Grund. Soll es eine Bezeichnung unsers Nationalcharakters sein, so macht uns dieser Charakter nicht sonderlich viel Ehre. Diese Dinge sind bei andern Nationen ebensowol als bei uns; aber man stellt sie nicht auf das Theater, da man natürlich dabei nichts Wichtiges, nichts Aesthetisches, Charakteristisches findet. Mit welchen Gründen man die Aufführung solcher unbedeutenden Handlungen an einem Orte vertheidiget, wo Alles Bedeutung sein soll, weiß ich nicht; mir ist sie bei keiner Nation bekannt. Shakespeare, der doch Alles aus dem Leben nahm, was ihm nur zu einer Zeichnung Gelegenheit geben konnte, bedient sich dieses Mittels nicht, wenigstens höchst selten. Seine Mahlzeit im »Macbeth« ist voll, sehr voll Bedeutung. Können häusliche Zirkel nicht anders angenehme, lehrreiche und rührende Gemälde werden als bei einer Tasse Kaffee? Ich erinnere mich noch recht lebhaft der Repartie eines wirklich sehr gebildeten Franzosen, der auch unsere deutsche Literatur kannte und liebte, wenn ich ihn zuweilen zum Theater einlud. »Mais, mon Dieu, oui«, sagte er, »quelquefois on joue fort bien, mais que voulez-vous qu'on y fasse? On ne fait que manger, boire et fumer du tabac.« Ich konnte meine Apologie nur schwach machen, weil ich im Herzen selbst keine hatte. Dieser Vorwurf trifft einen unserer besten deutschen Theaterdichter, der selbst Schauspieler ist. Iffland will vermuthlich auch mit dadurch seine Handlung heben; aber mich däucht immer, der Franzose hatte nicht Unrecht, wenn er glaubte, daß durch eine solche leere Handlung das Stück unmöglich gewinnen könne. Die Aesthetik der Gruppirung gewinnt mit der Theemaschine, der Chocoladetasse und der Tabakspfeife gewiß nur für Tabagiefreunde; übrigens kann zur Aushebung edler und merkwürdiger Charakterzüge damit durchaus nichts geholfen werden. Weit besser wird in der »Reise nach der Stadt« die Perrücke gekämmt und wieder zertreten; denn es ist wirklich sehr viel Meinung in diesem Proceß. Der Dichter und der Schauspieler müssen zwar überall Wahrheit darstellen; aber sie müssen sie auch edel und unsern ästhetischen Forderungen gemäß darstellen, und wenn dadurch wirklich gegen die Thatsache gesündiget würde. Geschichte mögen sie geben, wo sie können; aber Aesthetik und Consequenz unserer Begriffe müssen sie überall geben; zu ihrem Glücke treffen beide meistens zusammen. Dem Dichter kann es nicht so schwer werden, die Charakter zu zeichnen, als es vielleicht manchem Schauspieler werden muß, sie nach dem Geist der Zeichnung darzustellen; weil die Darstellung oft Naturbedingungen von dem Schauspieler fordert, die nicht in ihm liegen. Wir stellen uns einen großen Mann auch als groß in der äußerlichen Erscheinung vor, und wenn er auch wirklich, wie Alexander nach dem bekannten Vers, klein von Person gewesen wäre. Seine Stimme muß Metall haben, und wenn auch wirklich das Original die Lungensucht hatte. In der Wirklichkeit muß die Aesthetik oft schweigen, aber in der Kunst ist sie Herrscherin. Suworow ist zum Beispiel ein kleiner hagerer Silberkopf, dessen Stimme zwar hell und schrill ist, aber wenig Durchdringendes und Starkes hat. Blos das elastische Spiel aller seiner Muskeln zeigt dem nahen Beobachter den ungeduldigen energischen Geist des Alten. Schwerlich würden wir ästhetisch damit zufrieden sein, wenn ihn auch einst ein Schauspieler ganz treu bis auf seine Nemogusnaikas Ein satirischer Ehrentitel, den Suworow den Petitmaitern giebt. Das Wort bedeutet einen Menschen, der etwas nicht weiß und diese Unwissenheit mit der zierlichen Formel bekennt: »Das kann ich nicht wissen.« copirte. Wir wollen auf der Bühne zuerst nicht blos historische Wahrheit, sondern Wahrheit in der moralischen und physischen Welt zugleich, das ist Harmonie zwischen beiden, die freilich in der Natur selbst etwas selten ist. Der Hauptmann vor seinen Leuten oder ohne seine Leute auf dem Theater darf in seinem Commando oder in seiner Sprache durchaus nicht den Ton eines Tertianers haben, wenn auch gleich mancher Hauptmann bei der Armee seine Compagnie mit einer Tertianerstimme commandirt und vielleicht doch ein guter Hauptmann ist. In dem Felde will man erst den Soldaten und dann seine gute Erscheinung; auf der Bühne ist man überall blos mit der guten Erscheinung zufrieden. Ein Minister darf nicht wie ein Dorfschulmeister sprechen, und wenn der Schauspieler wirklich belegen könnte, daß Minister so sprechen: es ist dieses blos ein Beweis, daß auch die Minister nicht in den rechten Rollen des Lebens standen. Ein Mensch, der nicht wenigstens in manchen Fächern diese Forderungen erfüllen kann, sollte zu seinem Credit und zur Verschonung des Publicums nie die Bühne betreten, mag ihm sein Körper oder seine Seele die Geschicklichkeit dazu versagen. Es giebt Subjecte, bei deren erster Erscheinung, wenn auch noch Alles roh ist, der geübte Zuschauer, wie der Werbesergeant bei dem Anblick des Rekruten, sogleich sicher das Urtheil fällen kann: »Aus Diesem kann etwas werden, wenn er will und den guten Weg trifft.« Es giebt aber auch Leute, denen man Kenntnisse und Fleiß und selbst Geschmack auch in ihrem schlechten Spiel ansehen kann, und wo man dessenungeachtet zu urtheilen gezwungen ist: »Hier wird nichts herauskommen, und wenn er auch zwanzig Jahre wie ein Cyklope schwitzte.« Zu den meisten Metiers ist Geistesgabe und Lust hinreichend, sich emporzuarbeiten; bei dem Schauspieler ist Beides, verbunden mit der größten Anstrengung, nicht hinlänglich. Die Natur muß ihn mit Figur und Stimme beschenkt haben, ohne welche er ewig auf den Stufen der Mittelmäßigkeit stehen bleiben wird. Er kann ein großer Theoretiker werden, er kann jede Silbe mit ihrem eigenen Ton als Dramaturg und Chorag zu bezeichnen wissen; aber er wird nie ein volles Haus auf den Grad der Rührung führen, auf den es nach dem Geist und dem Werth des Stücks in einer guten Darstellung geführt werden soll. Schiller, der in seiner Abhandlung über Anmuth und Würde auch einige vortreffliche Bemerkungen über Schauspiel und Schauspieler liefert, giebt nach seinen nicht geringen Forderungen auf die Frage, wer denn nun Schauspieler werden solle, den Rath: Man solle die Menschheit erst zur Reife gedeihen lassen und dann hingehen und sie ausdrücken, wenn man Beruf dazu empfinde. Der Rath ist herrlich zur Vervollkommnung der Bühne, aber wenn würden denn unsere Rollen besetzt werden, wenn wir auf diese Zeitigung warten sollten? Ein Mann, der in seiner Welt so weit ist, wird selten den Beruf zum Schauspieler fühlen. Gewährt ihm die Wirklichkeit Genuß, so wird er diesen Genuß billig nicht um die Täuschung verkaufen; gewährt sie ihm keinen, und er empfindet das Gegentheil, so wird er die Bilder der Unannehmlichkeiten nicht alle Tage wieder von Neuem zurückrufen wollen. Wir dürfen nicht erwarten, vollendete Menschen auf das Theater zu bekommen. Die Schauspieler, glaube ich, dürfen auch dieses nicht einmal alle sein, wenn die ästhetische Vollkommenheit erreicht werden soll. Mehrere Meisterrollen erfordern allerdings solche Männer; aber eine Menge, ja die meisten Charakterzeichnungen können recht gut von gewöhnlichen Menschen geliefert werden. Der vollendete große Schauspieler würde ihnen nicht einmal Gerechtigkeit widerfahren lassen, weil er nicht so tief herabsteigen kann. Der Schluß ist nicht allemal richtig, daß, wer das Schwerere macht, auch das Leichtere machen könne. Der Sänger des »Paradieses« schrieb nur sehr mittelmäßige Sonette; und wer will behaupten, daß Homer auch Anakreontische Lieder würde gemacht haben? Friedrich der Zweite gab einst der ganzen Parade zu lachen, als er im militärischen Eifer einem Grenadier selbst zeigen wollte, wie man nur mit einer Hand das Gewehr auf die Schulter würfe, und es fallen ließ. Wir können also und wollen nicht lauter im höchsten Grad ausgebildete Subjecte auf der Bühne sehen; aber gebildet müssen sie alle sein, und ohne Bildsamkeit – so viel Beurtheilung darf man billig von jedem Vorsteher verlangen – sollte das Directorium Niemand dem Publicum vorstellen. Ohne Figur, ohne Sprache, ohne tiefes ästhetisches Gefühl, ohne festen Tact für Wahrheit und Schicklichkeit, ohne eine weite Peripherie encyklopädischer Kenntnisse, der wissenschaftlichen sowol als der sogenannten schönen für die Welt, ohne einige Größe und Stärke der Seele, ohne Humanität und Bekanntschaft mit allen Arten der Menschen kann Niemand hoffen, etwas Beträchtliches als Schauspieler zu leisten, und Derjenige, der diese Eigenschaften alle im größten Maße in sich vereiniget, wird, ohne nöthig zu haben, sich lange in das Heiligthum der Kunst einzuschließen, nothwendig bald der Erste seiner Brüderschaft werden. Das Mediocribus esse des Dichters läßt sich also auf die Individuen der Schauspielergesellschaften nicht anwenden. Es dürfen, es müssen sogar Mittelmäßige darunter sein, um den Klimax zu machen und zu halten, welcher Vergnügen gewährt. Es dürfen, es müssen Leute auf dem Theater sein, welche nicht bemerkt werden; aber es dürfen keine dort sein, welche sich durch die Antiphrase der Aesthetik bemerkbar machen. Leider findet man diese Erscheinung nicht selten, daß an einer noch guten Rolle durch einige Mißgriffe in jeder Periode nichts Erträgliches mehr gelassen wird. Oft findet man zwar in der Natur bei Menschenclassen, aus denen die Charakter gezeichnet sind, ebenso viel Ungeschicktes, Unbehilfliches, Plattes und Nichtssagendes als bei schlechten Schauspielern, und die schlechten Schauspieler könnten sich meistens immer noch entschuldigen, daß sie doch Wahrheit aus dem Leben darstellten; aber wir wollen nicht die Wahrheit ohne Auswahl, wir wollen von jeder Classe das Beste, dasjenige, was unsern besten Erfahrungen entspricht, alle unsere ästhetischen Forderungen befriediget. So wie der Dichter nicht jeden ganz alltäglichen Charakter als alltäglich zeichnen darf, so darf der Schauspieler noch weniger ihn so, wie sie in Heerden auf dem Markte stehen, darstellen. Der Dichter hob das Merkwürdige und Originale heraus, und der Schauspieler muß es noch mehr herausheben. Das Schlechte darf nie auf das Theater gebracht werden – als absichtlich, insofern es schlecht ist, das heißt, daß das Schlechte zum Beispiele sehr bemerkbar gemacht werde, so weit man gehen kann, ohne unsern moralischen und ästhetischen Sinn zu beleidigen. Dann wird aber das Schlechte gut; es thut nämlich, wenn es gut vorgestellt wird, gute Wirkung. Jeder Zuschauer merkt am Besten das Mangelhafte in seiner Sphäre, der Soldat, der Weltmann, der Gelehrte, der Handwerker. In dem Handwerksmäßigen ist Jeder in seinem Fache ausschließlich competenter Richter, und dieses betrifft vorzüglich das Costüme, sowol des Aufzugs als der Darstellung. Von dem allgemeinen Aesthetischen kann Jeder urtheilen, der allgemeine Aesthetik besitzt. Wir verlangen also nicht blos Wahrheit, sondern auch die schöne Wahrheit. Wir wollen, daß ein Mann von Stande nicht spreche wie sein Stallknecht, wenn es gleich Leute von Stande giebt, denen dieser Dialekt eigenthümlich ist. Wir wollen, daß ein Soldat nicht die Sprache eines Kleinmeisters habe, wenngleich Officiere vor der Front mit dieser Sprache auch nicht selten sind. Etwas Anders ist's, wenn dieses in dem Charakter der Rolle und in der Absicht des Stücks liegt. Der Schauspieler muß also auch die Wirklichkeit studiren, weit öfter, um sie nicht darzustellen, als um sie darzustellen. Er muß zu seinem Ideale, da er es in keiner Sphäre ganz finden wird, überall einzelne schöne Theile zur Bildung eines vollendeten Ganzen aufsuchen, wie Phidias und Polygnot zur Schöpfung ihrer Werke in der schönen Natur Musterung hielten; dann wird sich das Prototyp des Charakters in seine Seele prägen, das er uns sodann oft zu unserer Bewunderung und immer zu unserm Vergnügen wiedergeben kann. Diese wenigen Betrachtungen gebe ich hiermit Schauspielern, die schon die Bahn betreten haben, zur Beherzigung, Anfängern, die es eben Willens sind, zur Selbstprüfung und Kennern zur Untersuchung und Berichtigung, mit der Hoffnung, daß sie die meisten Forderungen gegründet finden werden. Wo sie es nicht sind, und wo ich falsch bemerkt und geschlossen habe, trete ich mit Vergnügen der bessern Belehrung bei. Apokryphen. Geschrieben 1806 und 1807. Erscheinen hier zum ersten Male vollständig und correct nach dem uns vorliegenden Originalmanuscript Seume's. – A. d. H. Die Apokryphen wurden erst nach Seume's Tode im Jahre 1811 durch den Druck veröffentlicht und zwar zusammen mit einigen Anmerkungen zum Spaziergang nach Syrakus von Schnorr v. K. , der Rede des Phliasiers Patrokles , der Belagerung von Platäa und der Weinlese , unter dem Titel: Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802. Von J. G. Seume. Dritter Theil enthält: Anmerkungen und Zusätze zur Charakteristik des Verfassers und dessen literarischen Nachlaß, mit dem Neben-Titel: Apokryphen von J. G. Seume. Nebst dessen übrigem literarischen Nachlaß und Anmerkungen und Zusätzen zu seinem Spaziergang nach Syrakus. Aus persönlichen und politischen Rücksichten hat der Herausgeber damals Vieles weggelassen, sowie in dem von ihm Mitgetheilten hie und da geändert, eine große Anzahl von Eigennamen blos durch Punkte bezeichnet u. dgl. m. Obgleich diese Rücksichten längst weggefallen sind, so hat doch keiner der späteren Herausgeber jene eigenmächtigen Aenderungen beseitigt, so daß beispielsweise Namen wie Bonaparte, die Franzosen, Paris, Austerlitz, Roßbach, Palm (der Nürnberger Buchhändler, welcher auf Napoleon's Befehl erschossen wurde), Württemberg, Preußen u. s. w. auch noch in den neuesten Auflagen nur durch Punkte bezeichnet sind. Aber es blieben nicht nur die Verstümmelungen des Seume'schen Textes bis heute unverändert, sondern derselbe ist auch noch allmählich immer mehr durch die gröbsten Druckfehler entstellt worden, welche den Sinn theils durchaus unverständlich gemacht, theils sogar in das directe Gegentheil verkehrt haben, wie z. B. in der Ausgabe von 1853 an drei verschiedenen Stellen (S. 128, Z. 22, S. 159, Z. 10, S. 226, Z. 3) »Vernunft« statt »Unvernunft,« an einer andern (S. 145, Z. 2) »vernünftig« statt »unvernünftig,« an einer dritten (S. 149, Z. 2 v. u.) »Natur« statt »Vernunft« zu lesen ist. Unsere Ausgabe bringt zum ersten Male den unverstümmelten und vollständigen Text Seume's. * Es ist doch wol möglich, daß ich zuweilen auch einen guten Gedanken habe; also will ich es immer meiner Faulheit abgewinnen und manchmal Einiges niederschreiben. Wenn vielleicht das Nämliche wiederholt und variirt vorkommen sollte, so ist das wol ein Beweis, daß es oft und vielgestaltig in meiner Seele war. Daher könnte man vielleicht schließen, daß mir der Gegenstand etwas wichtig oder lieb müsse gewesen sein. ### Apokryphen nenne ich Dinge, aus denen man so eigentlich nicht recht weiß, was man zu machen hat. Es ist also Alles in uns und um uns sehr apokryphisch, und man dürfte vielleicht sagen: die ganze Welt ist eine große Apokryphe. Mir ist es sehr lieb, wenn sie Andern verständlicher ist als mir. ### Die Vernunft ist immer republikanisch, aber die Menschen scheinen, wenn man die Synopse ihrer Geschichte nimmt, doch durchaus zum Despotismus geboren zu sein. ### So lange man die Geduld zur ersten Tugend macht, werden wir nie viel thätige Tugend haben. An thätigen Tugenden scheint auch den Volksführern wenig zu liegen, sie brauchen nur leidende. Daher geht es denen leider kaum leidlich. ### Wer aus sich herauslebt, thut immer besser, als wer in sich hineinlebt. * Wer ohne Tadel ist, ist immer ohne Furcht, aber wer ohne Furcht ist, ist nicht immer ohne Tadel. Es wäre also genug gewesen, zu sagen: »der Ritter ohne Tadel«; denn mit Furcht wäre er es nicht. Der Ausdruck wollte aber gleich den ersten Vorwurf gegen einen Ritter ausdrücklich heben, den Vorwurf der Furcht, und faßte sodann alles Uebrige in ein Wort zusammen. ### Es ist nicht unangenehm, oder vielmehr es ist oft unangenehm, aus der Sprache eines Volks seinen Charakter zu sehen. »He is possessed of great riches«, sagt der Engländer gewöhnlich, ohne etwas Schlimmes zu denken, und drückt dadurch deutlich das Verhältniß des Mannes zum Gelde aus. Das Letzte ist Herr. Desgleichen sagen die Briten: »He is worth ten thousand pounds«, und es heißt bei ihnen, er hat so und so viel. Subtrahire die Summe, so bleibt nichts; also ist der Kerl nichts werth. »He is not worth a groat« heißt nicht, wie ungefähr bei uns moralisch: Der Kerl ist keinen Heller werth, sondern: Der Lump hat keinen Heller in der Tasche. Unsere deutschen Büttel aller Art sagen gewöhnlich sogleich: »Will der Kerl raisonniren? Nur nicht raisonnirt!« Man kann nicht besser bezeichnen. Der Gedanke ist verbannt. Das hat sich seit langer Zeit auch deutlich in den Nationalsachen gezeigt. Rex, roi, imperator, βασιλεύς, ἄρχων, Sophi etc., alles sind noch Benennungen, die humanen philosophischen Sinn haben: bei uns ist König, wer kann, die Knochenkraft, bruta vis . Und wo sie oben versiegt, geht sie in die Unterköniglinge, die Satelliten über. Das Wort vornehm ist eine eigene Unvernunft der Deutschen: »was voraus nimmt«. Keine andere Sprache hat, so viel ich weiß, ein ähnliches in diesem Sinne. Es zerstört sogleich alle erste Begriffe von Gerechtigkeit. Zum Glück hat die Dummheit den Menschensinn noch nie so herabwürdigen können, daß ein vornehmer Mann für ein reines Lob gälte. Darum bekümmert sich aber der vornehme Mann nichts, eben weil er vornehm ist. ### Wo die meiste sogenannte positive Religion war, war immer die wenigste Moralität. M. s. die Geschichte. ### Gleichheit ist immer der Probestein der Gerechtigkeit, und beide machen das Wesen der Freiheit. * Die freundliche Humanität der Griechen zeigt sich schon in der Bedeutung ihrer eigenen Namen. Es sind sehr wenige, die etwas ganz Schlechtes bezeichneten, und selten einer, der gar nichts sagte; und dessen Bedeutung ging gewiß verloren. Xenophon, der Fremdsprechende; Agesilaus, der Volksführer; Perikles, der Vielberühmte; Aspasia, die Freundliche; Philippus, der Pferdefreund; Sokrates, der Festherrschende; Diogenes, der Gottgeborne; Hippokrates, der Pferdebändiger; Terpander, der Menschenerquicker; Aristides, des Besten Sohn; Themistokles, der durchs Recht Berühmte; Demosthenes, die Volkskraft; Pausanias, der Schmerzenstiller; Alcibiades, der Gewaltherrscher; Alexander, der Menschenretter; und so die meisten übrigen. Keine andere Sprache hat hierin so viel Bedeutsamkeit. ### »Τὸ ἶσον μόνον τὸ δίκαιον«, Nur das Gleiche ist das Gerechte, sagt schon Euripides; und τὸ ἰσον ἔχειν, ἰσηγορία (im guten Sinne) und ἰσονομία sind überall der Charakter der griechischen Liberalität. * Demuth und die mit ihr verwandte Geduld sind Eselstugenden, die die Spitzköpfe den Plattköpfen gar zu gern einprägen. Demuth: Muth zu dienen. Ich habe nie gehört oder gelesen, daß humilitas oder ταπείνωσις bei den Alten unter die Tugenden gerechnet worden wären. Demuth ist der erste Schritt zur Niederträchtigkeit. * Ehrenvolle, thätige Gefahr ist besser als der ruhige Schlaf eines Sclaven. »Malo libertatem periculosam quam quietam servitutem«, sagte jener Pole. Jetzt wird von Freiheit und Vernunft bald nicht mehr die Rede sein. Auch in Frankreich giebt's keine freie Bürger mehr, sondern nur Bürger, die vor dem Autos epha des Autokrators und den Dolchen seiner Trabanten zittern. Im Manuskript am Rande die Bemerkung Seume's: »April 8. 1806«. – A. d. H. * Der Gouverneur von Gaeta ist seit langer Zeit wieder der erste, der dem deutschen Namen Ehre macht. Alle unsere Fürsten sind Bonaparte's Leibwache. Ceciderunt in profundum nostra antiqua praemia laudis atque, gloriae, ceciderunt. Bonaparte kann sich nur halten durch kluge Einführung neuer Privilegien; wir könnten ihm nur widerstehen durch kluge Vernichtung der alten. Er wird sich also wol halten; denn ihm hat das Schicksal in die Hände gearbeitet. Daß von unserer Seite nichts Verständiges geschehen wird, dafür bürgt mir die schmutzige Pleonexie unserer Privilegiaten. * Die erste Immunität war der erste Schritt zur allgemeinen Ungerechtigkeit und Sclaverei, die erste Infamie. Ueber die Atelie bin ich mehr der Meinung des Leptines als des Demosthenes, obgleich die griechische Atelie noch lange nicht das Ungeheuer unserer Steuerfreiheit war. So etwas konnten nur Barbaren erfinden und Dummköpfe verewigen. * Bei Roßbach hat man das letzte Mal mit den Ausländern Deutsch gesprochen, seitdem haben sie uns ihre Sprache gelehrt. Das ist sehr begreiflich: sie sind klüger geworden und wir beträchtlich dümmer. * Es ist jetzt allerdings keine Ehre, ein Deutscher zu sein, aber es kommt mir fast vor, als ob es eine Schande wäre, Franzose zu sein. Nach einer solchen Morgenröthe eine so cimmerische Nacht! Wenn kein Gewitter die Atmosphäre reinigt, so wird es – doch nein, es wird immer etwas Menschliches bleiben. Der Troß scheint ja zu Unvernunft und Geißel geboren zu sein; und es wird sich beständig ein Mann finden, der Israel sündigen macht, positiv oder negativ, durch Kraft oder Schwachheit. * »Der neue Hercules stand am Scheidewege«, sagt ein neuer Prodikus; »da erschienen vor ihm zwei Gestalten, ihm zu Führerinnen: die Vernunft mit ihrem Gefolge der Freiheit und Gerechtigkeit, der Freundlichkeit u. s. w., und die Despotie mit ihrem Zug, der Unterdrückung, der Habsucht, der Furcht u. s. w. Jede hielt ihre Rede ans der Seele der Sache, und der junge Heros war im Voraus entschlossen, als kleinerer Mann das Letzte zu wählen: die blinde Macht mit dem Ungrund, der Stahlherrschaft, dem Neffengeist, dem Todesschlafe der Liberalität. * Niemand ist vor den Andern ausgezeichnet groß, wo die Andern nicht sehr klein sind. * Wo ein einziger Mann den Staat erhalten kann, ist der Staat in seiner Fäulniß kaum der Erhaltung werth. * Die Geschichte scheint mir fast zu bürgen, daß die Menschen keine Vernunft haben. * Ein ehrlicher Deutscher hat gar nicht Ursache, sich über B– zu beschweren, aber wol ein ehrlicher Franzose. * Je mehr ich mich in der Welt umsehe, desto mehr werde ich der Meinung des Addisonischen Cato: »The post of honour is a private station.« * Le grand enthousiasme, l'esprit enchanteur, la générosité et la bassesse sans bornes, de grands et beaux sentimens sans raison, tour à tour rampans et fiers et toujours aimables même dans leurs égaremens de la dernière folie; voilà les François. Tout ce qu'ils sont, ils le sont par étourderie. Par étourderie ils ont été culbutés à Rosbac, par étourderie ils ont vaincu à Austerlitz; ils se sont défaits d'un roi pour se donner à un despote aux mains de fer. Tout ce qu'il y a à craindre et à espérer c'est de leur étourderie. * Der Anfang der französischen Revolution rächte das Volk an der Regierung und das Ende die Regierung an dem Volke: und beide scheinen weder besser noch klüger geworden zu sein. Der Ertrag ist wenig mehr als origineller Stoff zu dem großen cyklischen Gedicht unserer Geschichte. * Hamburg und Bremen und Lübeck sollen ihre Unmittelbarkeit unter französischem Schutz und gegen eine Abgabe an Frankreich behalten. Dann verdient doch wol kein deutscher Fürst mehr, daß er Hosen trägt. Aber die alten Tyrannen verdienen die Geißel des neuen. * Die ganze Synopse unserer Politik liegt in den zwei Versen von Bürger: »Du hast uns lange genug geknufft; Man wird Dich wieder knuffen, Schuft.« Weiter hat Vernunft und Gerechtigkeit nichts damit zu thun. * Wer keine Ungerechtigkeiten vertragen kann, gelangt selten zu Ansehn in der Gegenwart, und wer es kann, verliert den Charakter für die Zukunft. * Die geheime Geschichte der sogenannten Großen ist leider meistens ein Gewebe von Niederträchtigkeiten und Schandthaten. * Ob die Menschen Vernunft haben, ist mir entsetzlich problematisch; ich habe wenigstens in ihren politischen, philosophischen und öffentlich moralischen Vorkehrungen sehr wenig davon wahrgenommen. Am Meisten Vernunftähnliches findet man noch im Häuslichen. * Wer das erste Privilegium erfunden hat, verdient vorzugsweise so lange im Fegefeuer in Oel gesotten oder mit Nesseln gepeitscht zu werden, bis das letzte Privilegium vertilgt ist. * Warum ist Rousseau's »Bürgervertrag« so gut und seine »Politische Oekonomie« so schlecht? Den ersten schrieb er, so gut er konnte, die zweite, so gut er durfte: und sehr gut darf man freilich selten öffentlich schreiben. Die letzte wurde zuerst in Paris gedruckt und wahrscheinlich für Frankreich geschrieben. Das erklärt schon Alles. * Rousseau spricht in seinem »Bürgervertrag« von Privilegien; das klingt sonderbar. Aber R. irrte sich. Er versteht unter Privilegien nur nothwendige, persönliche Prädicate der Magistraturen. Diese Vorzüge sind keine Privilegien. Ein Vorzug ist nothwendig im Gesetze und zum Gesetze, ein Privilegium ist außergesetzlich. So viel ich weiß, hat die alte ächte Latinität und Gräcität kein Wort für diese ehrlose Sache; denn jedes Privilegium ist ehrlos. * Das erste Privilegium ist der erste Ansatz zum Krebs des Staatskörpers. * Wenn man die Geschichte liest, geräth man oft in Gefahr zu fragen: »Ist es ehrenvoller, ein Volk zu regieren oder gehenkt zu werden?« * Ob Brutus gut war, ist problematisch, aber es ist nicht problematisch, daß Cäsar schlecht war. * So verstümmelt ist oft die menschliche Natur, daß Tyrannen ihre Wohlthäter werden müssen. * Wer den ersten Gedanken der Gerechtigkeit hatte, war ein göttlicher Mensch; aber noch göttlicher wird Der sein, der ihn wirklich ausführt. * Bonaparte konnte ein Fixstern werden und ist eine Sternschnuppe geworden. * Gehe nur Einer nach Cleve und Mailand und spreche noch von dem Neffengeist der Erzpfaffen in Rom. Rom verhält sich hier zu dem heutigen Paris wie die Eidechse zum Krokodil. * Groß ist das, wovor ich mit dem ganzen Gefühl meiner physischen und moralischen Kraft staunend stehe und sage: »Das vermag ich nicht!« Meistens macht die Kleinheit die Größe. * Es giebt Geschichtsmänner, die das Schicksal bis zur Ohnmacht groß gemacht hat. Dann geht es ihnen wie den überwachsenen Körpern. »Ich werde mir kleine Kerle anschaffen müssen,« sagte mein alter Oberster, »um Euch großen maroden Bengel mit fortzuhucken.« * Man will bemerkt haben, daß die Leute in dem Verhältnisse gescheit waren, als sie nicht gelehrt waren: wenigstens findet man, daß die Gelehrtesten nicht sehr gescheit sind. * Der Witz ist die Krätze des Geistes. Er juckt sich heraus. Wo ein fester Körper ist, kann eine gute Krätze wol eine Letalkrankheit curiren, – wenn sie ordentlich behandelt wird, kann aber auch ein Körperchen aufzehren und zerstören, wenn man sie vernachlässigt. So kann es der Seele mit dem Witze gehen. Ein Witzbold setzt die Tafel ins Pferdelachen, aber hält selten die ernstere Sonde. * »Ihr vertraget gern die Narren, dieweil Ihr klug seid!« ist wol einer der weisesten Sprüche des guten Paulus. * Ueberall findet man die schönsten, reizendsten Mädchengesichter in der dienenden Mittelclasse, weil man da die Natur am Wenigsten verderbt und überfeinert; denn verfeinert hält man für etwas Gutes, welches ich freilich nicht begreife. Ich habe zuweilen eine solche Grazie mit dem Körbchen oder dem Wasserkruge bemerkt, bei der ich mich wunderte, daß sie ein reicher Schmecker nicht für sich ausputzte. Nach einiger Zeit hatte sie wirklich ein reicher Schmecker zur Dame geputzt. Ob mit Geschmack und Vortheil und für sich, das gehört in die Problematik. * Faulheit und Dummheit und die aus beiden gemischte Furcht sind die Quellen des meisten Unfugs, den Bosheit und Uebermuth anrichtet. Wo keine Sclaven sind, kann kein Tyrann entstehen. * Faulheit ist Dummheit des Körpers, und Dummheit Faulheit des Geistes. * Die meisten Menschen haben überhaupt gar keine Meinung, viel weniger eine eigene, viel weniger eine geprüfte, viel weniger vernünftige Grundsätze. * Man glaube ja nicht, daß es je einer Regierung eingefallen ist, der Menschenvernunft vernünftig nachzuhelfen; das ist gar nicht ihre Sache. Was wir noch davon sehen, ist durch die Umstände emporgegohren; und man thut überall alles Mögliche, neue Hefen hineinzubringen, damit sich ja nichts abläutere. Wenn wir nicht wieder einige Zeit in der Barbarei schlafen, wird das Ganze bald eine kecke, geckenhafte, despotische Unvernunft werden. * Es ist Schade, daß man keinen Prophetenglauben mehr hat, sonst könnte Rousseau der Begründer eines sehr schönen Systems werden. Wenn er nur nicht zu viel geschrieben hätte! Seine Schwärmerei geht doch zuweilen mit seiner Vernunft durch. Der »Contrat social« und Voltaire's kleines Gedicht »La loi naturelle« sind vielleicht das Größte, was die französische oder irgend eine andere Literatur hervorgebracht hat. * Hobbes, der eiserne Apostel des blinden Despotism, hat gewonnen, sobald man ihm einige seiner Gaunerpostulate unbedacht zugiebt. He is the hobbyhorse of tyrants, much more than any other. Aber selbst nach der Norm dieses Koryphäen würden wenig Fürsten die Sonde halten. Zum Glück haben sie nach seiner Lehre nicht nöthig, sich um die Sonde zu bekümmern. * Einem Menschen, der seinen Bruder unbesonnen um Hilfe zum Himmel weist, sollte man die Erde zur Hölle machen, und zwar ohne Aussicht auf den Himmel. * Arihman, der Vielwüthende, der Teufel der Morgenländer, klingt schrecklich genug; aber unser christlicher Teufel versteht sein Handwerk nicht minder höllisch. Sein Name heißt eigentlich der Durcheinanderwerfer, der beste Kniff vollendeter Bosheit und noch etwas sublimirter als Arihman. Arihmanskinder giebt es so viele nicht mehr, aber desto mehr Teufelsgelichter, ganz etymologisch. * Die meisten Bücherschreiber verschwenden eine ungeheure Gelehrsamkeit, um nichts zu sagen; und die meisten Diplomatiker machen unendliche Circumherumschweife, um nichts zu thun. Die neueren Franzosen haben wenigstens das Gute, daß sie nichts thun, was nicht zur Sache gehört, und den geraden Weg nehmen. Daß die Andern blind sind, ist nicht ihre Schuld; sie selbst tragen keine Maske, schon seit langer Zeit nicht mehr. * Wer jetzt Politik des Tages schreiben wollte, müßte Doctor Faust's Mantel zur Verbreitung haben; denn was heute neu ist, ist übermorgen schon sehr alt, und eine Katastrophe jagt die andere. Es wird mich gar nicht wundern, wenn ich heute höre, die Franzosen sind in Berlin, und übermorgen die Russen und die Schweden. Preußen und Brandenburger scheinen seit geraumer Zeit nicht mehr dort zu sein. * Die nordischen Mächte ausgenommen, ist Sachsen der einzige Staat, der in der Zeitkrise keine Veränderung erlitten hat; das gereicht dem Regenten zur großen Ehre. * Die Staaten stehen zusammen in Naturverhältnissen. Preußen gewinnt viere durch Tergiversation, Frankreich vierzig durch Energie. Wer hat nun gewonnen? Und wie steht die Sicherheit? * Wer sich beständig ausschlußweise mit den Büchern beschäftigt, ist für das praktische Leben schon halb verloren. Der weise Salomo hat viel Narrheit und Plato viel Unsinn. Die beste Philosophie ist der geläuterte Menschenverstand, das beste Mittel dazu die Welt sehen, die Geschichte lesen und selbst denken in gleichen Verhältnissen. Werden die Verhältnisse nicht beobachtet, so kommt das Resultat unkosmisch. * Der vernünftige Bürger muß sich erst als reinen Menschen denken. Es ist das Kriterion der Vollendung des Staats, daß der Civism durchaus kein Recht der Humanität beleidige. * Als Friedrich II. sagte: »Wenn ich eine Provinz recht empfindlich strafen will, lasse ich sie durch einen Philosophen regieren!« hatte er vielleicht eben Plato's »Republik« gelesen. * Wer den Rechtsunbegriff Knechtschaft zuerst gedacht hat, verdient tausend Olympiaden im Tartarus bei den Eumeniden die Dike zu lernen. * Das Wort Faustrecht kommt mir vor, als ob man sagte: ein rundes Quadrat oder ein viereckiger Zirkel. Das ist leider auch ein deutscher Unsinn wie das Lehnrecht mit seinen Auswüchsen: dafür leidet denn unsere Nation jetzt eine blutige, fast letale Talion. Wenn im Großen das Faustrecht, das heißt der Unsinn, zu sehr herrscht, dann kommt er auch ins Kleine, und dann ist der jüngste Tag der Staaten nahe. Es scheint aber wohlthätig in der Natur der Sache zu liegen, daß im Kleinen nie ganz so viel Unsinn herrschen kann als im Großen. * Wo das Volk keine Stimme hat, steht's auch um die Könige schlecht, und wo die Könige kein Ansehen haben, steht's schlecht um das Volk. * Wir nennen Frieden, was doch nur Lethargie vor dem Tode ist, und ich fürchte, wir erwachen nur zu unserm Ende. * Es ist oft ein Glück für die Menschheit, daß die größeren Verbrecher die kleineren in Furcht halten. Wie dabei Vernunft und moralische Weltregierung bestehen, weiß ich freilich nicht recht zu entziffern. * Plato ist ein Schwärmer und Aristoteles ein Schiefblicker, Hobbes ein Sophist und Grotius ein christlich scribelnder Römling; nur Rousseau hat haltbare Grundsätze. Nach vielen Jahrhunderten wird sein »Bürgervertrag« doch noch Katechismus werden, und fast verdient er symbolisches Buch zu sein. * Hobbes sagt: »Das Volk hört auf, Volk zu sein, mit der Unterwerfungsacte.« Wäre dieses wahr, so wäre eben dadurch die Acte null. Es bliebe blos der Fürst, der dann nichts wäre als ein Einzelner, gegen den sodann jeder Einzelne wieder das Recht der Gleichheit hätte; der außergesetzliche Zustand träte wieder ein, wenn wir nicht sagen wollen, der Naturzustand. Das Urpactum muß durchaus aus dem Zwecke der Gesellschaft und der menschlichen Natur genommen werden, auch da, wo es nicht ausgedrückt ist, und vorzüglich da. Denn wo die Freiheit etwas bestimmte, hat sie das Recht, minder weise zu sein. Aber wo nichts bestimmt ist, wird billig das Höchste angenommen. Wo nichts bestimmt ist, darf der Mensch mit seinen Forderungen in der ganzen Würde seines Wesens hintreten. Das Nämliche gilt in großen Collisionen, wo das Schlechtgesetzte vernichtet ist. * So lange ich blos empfindend lebe, ist meine mittheilende Neigung höchst uneigennützig; aber sobald ich anfange zu denken, löst sich Alles in Selbstheit auf, wenn sie auch noch so fein wäre. Selbst die moralische Größe und die Ueberzeugung, daß es göttlich sein würde, wenn Alle so gerecht und gut wären, hat ihre sublimirte Selbstheit. Die allgemeine Harmonie fängt immer mit der Stimmung der Saite an, die wir darin ausmachen. Die Empfindung führt den Gedanken herbei, und der Gedanke löst sich in Empfindung auf. * Die griechische Kalokagathie erschöpft das höchste Ideal der Menschenwürde in allen Verhältnissen. Aber als man das Wort erfand, hörte bald der Sinn auf. So geht es leider oft mit vielen Dingen, vorzüglich mit Freiheit und Gerechtigkeit. Niemand spricht mehr von Gesundheit als die Kranken. * Meine Seele ist ein Tummelplatz vieler Leidenschaften gewesen. Mit Hilfe des Stolzes hat immer die Vernunft gesiegt, vielleicht zuweilen auch nur mit Hilfe des Zufalls. Nur Haß und Verachtung sind nie in meine Seele gekommen; daher bin ich geneigt zu glauben, daß diese beiden Gefühle unphilosophisch seien. * Stolz ist Gefühl seines bestimmten Werths und durchaus lobenswürdig. Wo man ihn tadelt, liegt der Fehler in dem Irrthum des Gefühls. Wenn Alle nur vernünftig stolz wären, es würde in der Welt nicht so niederträchtig hergehen. Der Stolz eines Fürsten ist seine Gerechtigkeit und seine allgemeine Humanität; leider sind also die wenigsten Fürsten stolz. Stolz mit der strengen Moral kann an Härte grenzen; nur Weggeworfene und Niederträchtige können sich über den Stolz Anderer beschweren. Er wird nur zu oft und zu sehr mit ähnlich scheinenden Fehlern, Eitelkeit und Ehrgeiz, verwechselt. Pompejus war eitel, Cäsar war ehrgeizig, und Cato war stolz. Wer wird diese drei Charakter vermengen? Bonaparte ist Pompejus und Cäsar vereint; vom Cato hat er – wol sehr wenig. * Wer die Krankheit hat, keine Ungerechtigkeiten ertragen zu können, darf nicht zum Fenster hinaussehen und muß die Stubenthür zuschließen. Vielleicht thut er auch wohl, wenn er den Spiegel wegnimmt. * Nobilitas a nomine dicitur; wer fragt darnach, ob der Name rein gut war? Il n'y a guère de différence entre la noblesse d'Hérostrate et celle de nos privilégiés et titrés. Le premier brûla le temple d'une grande déesse, les seconds détruisent et saccagent les cabanes des pauvres misérables, qu'ils traitent avec grandeur comme canaille. Les nobles sont toujours de petits tyrans et les tyrans de grands nobles; ils se soutiennent toujours les uns les autres; et ce sont les priviléges qui font leurs liens infernaux. * Service vient de servitium et signifie originairement esclavage. Voilà le droit public expliqué. * Wo die Möglichkeit des Lehnrechts stattfindet, ist der erste Schritt zur Sclaverei gethan. * Intermediärlasten sind die Schwindsucht der Staatsökonomen. * Wenn der Deutsche von Freiheit spricht, ist es wol entsetzlich abusive. * Chez les François il n'y a pas de civlilté mais seulement de la politesse, parcequ'il n'y a pas de cité, pas de citoyen, pas de civisme. Citoyen! on disoit autrefois; bourgeois! on dit à présent. Il n'y a pas même plus le mot de liberté, à ce qu'on dit. Voilà la soldatesque avec leur chef, le tombeau de tout ce qu'il y a de la libéralité. * Unser deutsches Wort Höflichkeit ist ebenso zweideutig als das französische politesse . Ob uns von den Höfen viel Gutes kommt, weiß ich nicht, aber das weiß ich, daß uns von ihnen viel Schlechtes kommt. * Nur der Bürgersinn kann über Ehre bestimmen. Nun ist dieses Geistes überall sehr wenig; also ist nur sehr wenig wahrhaft gewürdigte Ehre. * Wer reine Wahrheit zu reden wagt, sollte sogleich seinen Stockknopf mit Gift füttern. * Man giebt in unsern Staaten meistens der Gerechtigkeit eine Form, die schrecklicher ist als die Ungerechtigkeit selbst. ### Das Bißchen Gerechtigkeit in unsern Staaten wird so entsetzlich theuer gekauft, daß wir uns oft weit besser aller ursprünglichen Ungerechtigkeit aussetzen würden. ### Ich machte mich anheischig, zu beweisen, daß man nach vernünftiger Gerechtigkeitspflege in Sachsen Niemand mit Fug strafen könne. Es sind ja keine Gesetze ordentlich promulgirt. Ein verständiges Gesetzbuch wäre wol nöthiger als ein unverständlicher Katechism. ### Wer auf Charakter hält, lebe in sich! Wer mit den Zeichen, mit Ansehen, Macht und Ruhm zufrieden ist, gehe aus sich heraus und in Andere hinein, gleichviel auf welche Weise, nur klug! ### Aus Italien ist uns doch viel gekommen, August und Caligula, Antonin und Hildebrand, die Medicis und Bonaparte; dort wurde der Ablaß, der Compaß und die Aqua Toffana erfunden. ### Que les Allemands sont la nation lourde, je le crois bien; mais que les François soient la grande nation – credat Judaeus Apella! ### »Die Vernunft gehört gar nicht in die positive Religion«, sagen selbst ihre Verehrer, nämlich die Verehrer der Vernunft und der positiven Religion. Haben sie nun die Philosophen? die Rechtslehrer? Wo ist sie denn, die schöne Fata Morgana ? ### Der Satan hat die Sprachen erfunden. Sie sind das beste Handwerkszeug der despotischen und geistlichen Gaunerei. * Ende eines Gesprächs. »Sie sind sehr dreist, verdammt dreist! Wenn ich bitten darf, mein Herr, wer sind Sie?« »Weder Ihr Herr noch Ihr Diener.« »Wissen Sie, mit wem Sie sprechen?« »Nein.« »Mein Vater ist sehr angesehen und Ritter mehrerer Orden, und der Ihrige?« »Ein Mann.« (Verächtlich) »Vermuthlich; denn Zwitter haben keine Zeugungskraft; aber von welchem Orden?« »Von dem Orden der Männer. Er ist nicht so zahlreich, als Sie glauben. Die Regel ist Muth, Vernunft, Gerechtigkeit, Menschenliebe; nicht die Regel jedes Ordens!« »Herr, Sie sind ein Jacobiner.« »Wahrheit und Ehre haben keine Secten. Nur Schwachköpfe lassen sich gängeln und von Bassen und Bonzen castriren.« »Man muß sich vor Ihnen hüten.« »So sprechen die Brillenträger. Ehrliche, selbst sehende Leute fürchten nichts.« »Der Kerl ist auf alle Fälle ein Sonderling« (geht stolz davon). * Zuweilen habe ich wol auch gewünscht, meiner Mutter ein Leuktra und Mantinea bringen zu können; wenn ich aber alle Verflechtungen und Folgen überlege, bin ich schon zufrieden, daß es ist, wie es ist, und beneide Epaminondas nicht weiter. * Das Loos des Menschen scheint zu sein, nicht Wahrheit, sondern Ringen nach Wahrheit; nicht Freiheit und Gerechtigkeit und Glückseligkeit, sondern Ringen darnach. * Der Himmel hat uns die Erde verdorben. * Ich habe gemerkt, daß der Mysticismus bei Gebildetern meistens Nervenschwäche und Magenkrampf ist. Mein Freund Novalis steht an der Spitze. Schiller konnte sich mit mehr Kraft durchtragen, sonst wäre er auch förmlich dem Mysticismus unterlegen. In seiner »Braut von Messina« stand er im Vorhofe. * Das Leben der biblischen Personen, vernünftig, ohne Bibelglauben, mit philosophischer Strenge geschrieben, müßte eine Unternehmung sein, die uns in der bessern Cultur einen großen Schritt weiter bringen würde. * Treibet die Furcht aus! Dann ist Hoffnung, daß der gute Geist einziehen werde. * Bei der allgemeinen Schande und Verwirrung des deutschen Vaterlandes tröstet mich, daß es nicht leicht schlechter und unvernünftiger werden kann, als es bisher war. * Wem sein eigener Beifall nicht genügt, macht an dem Beifall der Welt einen schlechten Gewinn. * Die Geschichte ist meistens die Schande des Menschengeschlechts. * Der Schauspieler muß viel Welt sehen, um sicher zu sein, was er und was er nicht auf die Bühne bringen darf. Was nicht in der Natur ist, darf er nicht bringen, aber auch nicht, was darin schlecht ist, nämlich ästhetisch schlecht; denn moralische Schlechtheit darf er geben. Ebenso geht's uns mit der Philosophie und Politik. Es ist nicht übel, wenn wir viel wissen; aber wir können nur wenig brauchen, ohne schlecht zu werden. * Das Schlechteste, was Schiller gemacht hat, ist die erste Hälfte des Charakters der Mutter in der »Braut von Messina« und sein Chor daselbst. Das mag ihm der Geist der Humanität vergeben! Mir ist unbegreiflich, wie so etwas aus seiner Seele kommen konnte. * Die Arbeit der philosophischen, theologischen, politisch-pathologischen Volksführer ist fast durchaus, Rauch zu machen und darin Gespenster und Schreckgestalten zu zeigen, damit man sich an ihre Heilande halten soll, von denen immer einer schlechter ist als der andere. * Keine Gesetze sind unabänderlich als die Gesetze der ewigen Natur; und dieser sind wenige, und sie sind deutlich. * Man verkauft uns meistens Gesetze für Gerechtigkeit, und oft sind sie gerade das Gegentheil. * Wodurch die größte Nationalkraft zu dem wohlthätigsten Nationalzweck gewonnen wird, das ist die einzig gute Constitution. Dieses ist nur möglich durch Gleichheit, Freiheit und Gerechtigkeit; diese Drei sind Eins. * Man bringt erst schlau genug die Erbsünde in den Menschen hinein, um sich ihrer nachher zur Schurkerei zu bedienen. * Ich möchte wol Bonaparte und den Papst in Avignon zusammen sehen und hören, was ein ehrlicher Franzose zu ihrer Conferenz sagte. * Alle saueren Moralisten hielten ihr Zeitalter für das schändlichste, und sie haben alle Recht, denn die gegenwärtige Schande ist immer die größte. * Die ewige Grundlage alles Rechts ist die Gleichheit; sobald sie verletzt wird, entsteht Verwirrung, und das Ende ist sinnlose Sclaverei. Isegorie und Isonomie sind das Palladium der Freiheit. Die Griechen waren auf einem schönen Wege, aber die Pleonexie war ihnen, was bei uns die Privilegien sind. Verba mutantur, res manet. Die Ehrenlegion wird schon wieder die Reichsritterschaft werden. * Die Vergebung der Sünden ist der Vernunft ein Widerspruch, aber unser ganzes Leben ist doch fast weiter nichts als eine fortgesetzte praktische Vergebung der Sünden. Wir können unmöglich ohne sie sein. Wenn man sie nur ordentlich menschlich nähme und nicht den Himmel darein mischte! * Aus der Geschichte geht hervor, daß Bündnisse und Garantien meistens der erste Schritt zur Unterwerfung eines Theils, natürlich des schwächern sind, wenn er nicht auf seiner Hut ist. Wenn ja Bündnisse sein müssen, würde ich sie gegen Nachbarn und nicht mit Nachbarn machen. Das hat schon der alte Hesiod eingesehen: Ζη΄λοϊ δἑ γείιονα γείτων. Das gilt von Staaten weit mehr als von Häuslern. * Sobald wir Deutschen eine Nation sind, sind wir die erste. Aber unsere kleinen und großen Despoten verstehen das Geheimniß, uns nie zur Nation werden zu lassen. Vielleicht blieben wir es auch nicht länger als die Franzosen, die mit Bonaparte's Erscheinung wieder aufhörten es zu sein. Jetzt nennt man nur noch aus Politesse ihre Manen. * Daß wir die erste Nation in Europa wären, wäre freilich auch nicht viel. Denn es ist in Europa keine Nation als die englische, die mehr durch ihre Isolirung gesichert ist. * Nur wo Nationen sind, giebt es Thaten, sonst ist nichts als despotische Maschinerie. * Ich wollte lieber der letzte Mann von Marathon sein als der erste vom Granicus, von Actium oder Austerlitz, auch wenn mein Name nicht im Register stände. * Das Regiment der Unvernunft bricht wieder stark hervor: car tel est notre bon plaisir . * Und wenn Freiheit und Gerechtigkeit in Ewigkeit nichts als eine schöne Morgenröthe wäre, so will ich lieber mit der Morgenröthe sterben, als den glühenden, ehernen Himmel der blinden Despotie über meinem Schädel brennen lassen. * Ich dürfte nur wie viele Andere den Edelmann aus der Tasche nehmen und mich einrangiren, wenn ich meinen eigenen Sinn aufgeben wollte. * Bürger im bessern Sinne haben wir nirgends mehr; es sind überall nur Bürger und Städter. Point de citoyen, malheur à vous, bourgeois, vilain, esclave. * Mit dem ersten Privilegium geht der strengere Bürgersinn ab. * Die Einigkeit der Geistlichkeit und des Adels ist, wenn es die Despotie versteht, das schönste Eingebinde für den Erben der Despotie am Wiegenfeste; und sie versteht es. Bonzen und Lama, Schwertritter und Patricier sind einerlei. * Es wird mir schwer, die Ehre der Christen zu finden, aber ihre Schande sehe ich. * Ein Volk, das zu Hause keine Ungerechtigkeiten duldet, wird keine öffentlichen begehen. Es ist immer ein Beweis schon vorhandener oder einbrechender Sclaverei, wo Völkerpleonexie der Beweggrund öffentlicher Verhandlungen wird. Durch Tödtung der Privilegien würde ein vernünftiges bürgerliches Recht entstehen, und dieses würde die beste Grundlage zu einem bessern allgemeinen Staatsrechte werden. * Grotius und die Bibel sind die besten Stützen der Despotie, weil beide so viel Nebel machen, daß man sich nur durch leidendes Hingeben an blinde Autorität einen Faden schafft. * Leben heißt wirken und vernünftig wirken. Nach unserer Weise heißt es aber leiden und unvernünftig leiden. * Fürst könnte etwas Göttliches sein, wenn es nicht etwas Teuflisches geworden wäre. * Nach der Vernunft gehören die Fürsten den Ländern, nach der Unvernunft gehören die Länder den Fürsten. * Man sehe nur das Gros der Soldaten an, vorzüglich den kleinen Stab; ihr Ganzes sagt sogleich: »Wir sind die Repräsentanten der Willkür, bei uns hört das Denken auf.« Daher ist auch ihr Lieblingswort: »Will der Kerl noch raisonniren?« Im Soldatenwesen, welches ganz etwas Anderes ist als Militär, ist freilich wenig Vernunft mehr. * Es kann in seinem Ursprung nicht leicht ein schlimmeres Wort sein als Soldat, Söldner, Käufling, feile Seele; solidarius, glimpflich: Ducatenkerl. Die Sache macht die Ehre des Kriegers, aber ein Soldat kann als Soldat durchaus auf keine Ehre Anspruch machen. Es ist ein unbegreiflicher Wahnsinn des menschlichen Geistes, wie der Name Soldat ein Ehrentitel werden konnte. * Glaubst Du denn, die Fürsten werden je die besten Mittel einschlagen, die Völker vernünftig aufzuklären? Dazu sind sie selbst zu klug oder zu wenig weise. * Alles würde in der Welt am Bestem mit Negativen gehen. Die Wegschaffung des Schlimmen wird schon das Gute bringen. * Das Recht ist für Alle, die an Gott glauben und die nicht an ihn glauben; folglich kann kein übersinnliches Princip desselben angenommen werden. * Gleichheit und Gerechtigkeit ist eins; das zeigt das Nachdenken und der Gebrauch aller Sprachen. Die successive Entfernung von der Urgleichheit bringt die Mißgeburt unserer Gerechtigkeiten hervor. * Wo man von Gerechtigkeiten und Freiheiten redet, soll man durchaus nicht von Gerechtigkeit und Freiheit sprechen. * Wo der Staat nicht Vorkehrung gegen Einführung von Intermediärlasten getroffen hat, ist der Sclaverei schon wieder das Thor geöffnet. * Wer das Wort Denkfreiheit erfunden hat, war gewiß ein Dummkopf, der weiter keine Erfindung machen wird. * Der Enthusiasmus der Ehrenlegionen aller Art kommt mir vor wie der Rausch vom Merseburger Bier, der den Geist mit Sumpfluft umgießt. * Daß die Menschen von Natur gleich sind, kann so deutlich erwiesen werden als nur irgend etwas, und wenn es nicht wäre, so müssen sie zur endlichen Schlichtung ihrer Händel und Ansprüche als gleich angenommen werden. Selbst die Satelliten der Despotie mit der Feder (denn die mit der Spitze denken nicht oder hüten sich wohl, das Gedachte auszusprechen) nehmen die ursprüngliche natürliche Gleichheit an. Der Beweis der Gleichheit kann am Besten negativ geführt werden, so daß selbst der eisernste Despot sich davon überzeugen wird. Es kann nämlich kein Mensch den andern unbedingt willkürlich zwingen, ihm zu gehorchen, sein Knecht zu werden. Sobald man mir die sichere, unfehlbare Möglichkeit des Despotenzwangs erwiesen hätte, wollte ich sogar das Recht einräumen, obgleich nicht mit Recht, sondern aus Nothwendigkeit des unvernünftigen Schicksals. Aber wie will sich ein Mensch unbedingt gegen den andern sicher stellen in seiner Willkür? Gegen physische Stärke braucht der Feind List mit Recht. Alles ist erlaubt, den unbefugten Beeinträchtiger zu zerstören. Ein Knüttel, ein Stein, ein Gifthauch kann den Anmaßer in einem Augenblick tödten. Wer sich nun dem Andern nicht rein unbedingt auf immer unterwerfen kann, ist mit ihm von einerlei, von gleicher, wenigstens nicht von größerer Natur. Selbst die Mittel der Despoten gestehen diese Gleichheit ein. Sie miethen Trabanten, aber dieses Miethen zeigt die Gleichheit mit diesen Trabanten, von denen sie sich oft abhängig genug machen müssen. Ein Despot scheint an dem Experiment zu arbeiten, wie viel die Menschen in ihrer Wegwerfung Narrheit und Unsinn vertragen können; wodurch er freilich nicht seine Weisheit zeigt. * Der Unsinn hat die natürliche Gleichheit nie so ganz verbannen können, daß sie nicht überall hervorleuchten sollte. Jeder Rechtsgang beruht darauf, jeder Vertrag hat sie zum Grunde. Mit einem Wesen, das nicht mit mir durchaus gleicher Natur ist, findet kein Vertrag statt. Auch die Mystiker haben die Gleichheit in ihrem heiligen Dunkel. »In seinem ganzen Königreich ist Alles recht und Alles gleich« ist vielleicht einer der göttlichsten Sprüche der Begeisterten. * Wenn man nur erst die Gnade vertilgt hat, wird schon die Gerechtigkeit kommen; und mit der Gerechtigkeit haben wir Alles. Der Zweck der Staaten sollte sein: Steuerung der Pleonexie, und factisch ist er ihre Beförderung. * Tragt Mathematik ins Staatsrecht, und alle Schäden werden geheilt. * Sobald dem Unfug des großen und kleinen sogenannten Lehnrechts gesteuert ist, haben wir Hoffnung zur vernünftigen Freiheit. * Man möchte die Hirngicht bekommen, wenn man ein öffentliches Blatt in die Hand nimmt und da von Leibeigenen, Frohnen, Dienstzwang und andern Gerechtigkeiten der Unvernunft liest. Ist das Christenthum, so ist das christendumm. * Die Gerechtigkeit bringt reine Ordnung, aber man möchte uns gar zu gern jede dumme Ordnung für Gerechtigkeit verkaufen. * Der große Geist hat immer mehr als der kleine, auch wo keine Pleonexie ist. Aber wer mit seinen Ansprüchen auf mehr hervortritt, zeigt sich zugleich als kleiner und als schlechter Geist. * Reiner Verkauf und reiner Besitz im Staate ist das ganze Geheimniß der besten Constitution. Gleiche Besteuerung ist die Folge. Sobald man sich eine Linie davon entfernt, schließt man der politischen Gaunerei die Thore auf. * Das Wort Strafe ist nur ein Begriff, insofern es Genugthuung heißt; das zeigen auch die griechischen Wörter ποινή und τιμωρία; und das Wort Rache ist nur vernünftig, insofern man Rechtsetzung darunter versteht. * Die Lehre von der religiösen Genugtuung, auf welcher die christliche Mystik beruht, ist der gräßlichste Anthropomorphismus gegen die Gottheit; und es hat wol selten eine Meinung der Tugend und der Vernunft mehr geschadet. Wenn sie nicht ein Ueberrest des alten jüdischen und griechischen Sauerteigs wäre, könnte man ihre Entstehung kaum begreifen. Fremde Zurechnung kann im Moralischen ohne Zerstörung der Moralität gar nicht gedacht werden. * In der Philosophie kann ich's bis zum Skepticismus bringen; weiter geht es nicht: also will ich lieber bei dem gesunden Menschenverstande bleiben, den so wenige Philosophen haben, und der doch heut zu Tage so nöthig wird. * Philosophisch bringt man die Menschen in die erbärmlichste Mystik und politisch in eiserne Despotie oder anarchischen Fanatism, wenn man sich über den gesunden Menschenverstand hinauswagt. * Wer mehr als die allergewöhnlichsten Bedürfnisse des Lebens hat, hüte sich ja vor dem vertrauteren Umgange mit der Wahrheit! Ueberall muß man zufrieden sein, wenn sie nur geduldet wird. * Wer nicht mit schlechten Menschen in Gesellschaft sein kann, ist noch zu wenig in der Welt gewesen. Wem aber ihre Gesellschaft völlig reine Unbefangenheit läßt oder gar Vergnügen gewährt, war zu viel in der Welt. * Man lärmt so viel über die französische Revolution und ihre Gräuel. Sulla hat bei seinem Einzuge in Rom in einem Tage mehr gewüthet, als in der ganzen Revolution geschehen ist. * Von Allen, die in der französischen Revolution umgekommen sind, zähle ich achtzig Theile Narren, neunzehn Theile Schurken und ungefähr den hundertsten Theil ehrliche verständige Leute. Die Proportion ist sehr liberal. Die Narren haben oft ein sehr heroisches und weises Ansehen. * Der Hagiograph sagt: »Wehe dem Lande, dessen König ein Kind ist!« Aber wenn die Kindheit des Königes dem Volke schadet, ist das Volk gewiß nicht erwachsen; und daß das Volk ewig Kind bleibe, ist doch gewiß Blasphemie. * Die französische Revolution wird in der Weltgeschichte das Verdienst haben, zuerst Grundsätze der Vernunft in das öffentliche Staatsrecht getragen zu haben. Läßt man diese Grundsätze wieder sterben, so verdient jeder Welttheil seinen sublimirten Bonaparte. * Bonaparte's bisherige Laufbahn ist eine herrliche Lection über das Fürstenwesen. * So wie alle unsere Gesetze sehr kränklicher Vernunft sind, sind es vorzüglich die Strafgesetze. Die Strafe soll psychologisch zur Besserung berechnet sein und den Beleidiger am empfindlichsten Theile treffen. Aber hier sind die Gesetze fast überall und durchaus zum Vortheil der schlechten Reichen. Eine thätliche Beleidigung kostet zum Beispiel 5 Thlr. für Jedermann. Darin liegt aber die ungerechteste Ungleichheit in dem Anschein der Gleichheit. Warum soll sie nicht einen bestimmten Theil, z. B. den fünfzigsten Theil des Vermögens kosten? Der geringste Beleidiger könnte dann nach einer niedrigsten Norm taxirt werden. Ein Millionär zahlt für eine Ohrfeige 5 Thlr. und ein Handwerksbursche 5 Thlr. Da hat denn gleich das Gesetz dem Geringeren eine Ohrfeige gegeben. Der Reiche hat dadurch in eben dem Maße die Freiheit, Ohrfeigen zu geben, als er steuerfrei ist. Quae, qualis, quanta – insania! Die anscheinende Gleichheit ist hier die drückendste Iniquität. Ich habe 200,000 Thlr.: mich muß also nach der Criminalrechnung eine Beleidigung 50,000 Thlr. kosten, die einen armen Handwerker von 400 Thlr. 100 kostet. Das wäre Gerechtigkeit; das Andere ist Malversation. Der Arme leidet seine Strafe am Körper, der Reiche bezahlt sie; eine Inconsequenz, die an Dummheit grenzt, als ob man die Verbrechen absichtlich vermehren wollte! Den Armen lasse man bezahlen, wenn er kann und will; den Reichen und Vornehmen strafe man am Körper! das ist psychologisch und gut und gerecht. Qui non habet in aere, luat in corpore , schnarren die Criminalisten in einer Stunde funfzigmal unsinnig vom Katheder. Qui habet in aere, luat in corpore , sollte es vernünftigerweise heißen, und alle Geldstrafen sollten nach den Vermögensumständen der Beleidiger eingerichtet werden. Keine bestimmte Summe, sondern eine bestimmte Proportion; für die capite censos könnte ein Minimum gesetzt werden. Eine anscheinend gleiche Strafe für Alle ist eine solche Ungleichheit, daß die Gesetze nur in praevaricationem et contumeliam justitiae et sanae rationis gemacht zu sein scheinen. In diesem Artikel ist auch Grotius consequent und gesteht die Prosopolepsie der römischen und unserer Gesetze. * Wenn ich die Menschen betrachte, möchte ich der Despotie verzeihen; und wenn ich die Despotie sehe, muß ich die Menschen beklagen. Es wäre eine schwere Frage, ob die Schlechtheit der Menschen die Despotie nothwendig oder die Despotie die Menschen so schlecht macht. * Ich kann nicht leugnen, ich habe zuweilen Furcht gehabt; aber die Furcht hat mich nie gehindert, auch mit Gefahr meines Lebens etwas zu thun, was ich mit Gründen wollte. Und dieses errungene Gefühl der bewußten gesammelten Stärke wird endlich zur größern Festigkeit als die natürliche Furchtlosigkeit. * Was Grotius in seinem Buche vom Strafkriege sagt, hält keine Sonde. Es ist blos Cautionszwang, die Malevolenz des Feindes außer Stand zu setzen, weiter zu schaden. Was er in seinem Strafkriege vom Stärkern und Schwächern fabelt, hält ebenso wenig Stich. Schon das Wort Krieg zeigt, daß die Parteien einander gleich sind. Wer sich ausgemacht für den Schwächern erkennt, führt keinen Krieg. So lange man Waffen hat und sie brauchen will, denkt man sich dem Andern gleich an Kraft, zumal wenn man sich überlegen fühlt an Recht. Strafe heißt überhaupt weiter nichts als Ersatz für das Vergangene und Sicherstellung für das Künftige, auch im bürgerlichen Rechte. Die Todesstrafen im Staate sind das Nämliche; die Moralität ist hier nicht die Hauptsache. Es läßt sich denken, daß Einer moralisch eine Bürgerkrone verdient und gesetzlich gehenkt wird. Wir schaffen einen Menschen fort, weil er uns nach unsern Einrichtungen gefährlich ist und wir nicht verpflichtet sind, ihn nach seiner Weise auf unsere Kosten zu ernähren. Was Philanthropie und Liberalität räth, ist ganz verschieden von dem, was das strenge Recht mit Fug kann. * Die Theokratie des Moses wäre allerdings eine schöne Erfindung, wenn immer ein gerechter, weiser Mann an der Spitze stände; sie giebt aber der Gaunerei zu viel Handhabe. * Trotz meiner kalten Besinnung, mit der ich neulich in meiner Septuaginta die Bücher Moses' durchlas, konnte ich mich eines warmen ehrfurchtsvollen Schauers nicht erwehren, als der Mann am Ende starb. Trotz aller Verirrung und Unheilbarkeit seines Systems bleibt er ein großer Geist für sein Volk und für den Menschenforscher. * Moses, Christus und Mahomed waren wirklich große Heilande der Völker, Jeder in seinem Kreise. Bonaparte hätte ein größerer werden können, aber er hat nicht gewollt. Er hatte zu viel Eitelkeit und Ehrgeiz und nicht Stolz genug. Doch wo die Sache nicht war, konnte das Gefühl nicht sein. Heilande der Welt müssen und werden noch kommen, die uns von der geistlichen und weltlichen Mystik befreien und uns unter die Aegide des gesunden Menschenverstandes retten. Ein Jeder wirke dazu, weil sein Tag ist! * Ich habe mir nie die Mühe genommen, das Glück zu suchen; dafür hat es sich oft, sehr oft die Mühe genommen, mich muthwillig zu necken, und dadurch bin ich endlich vollends gleichgiltig dagegen geworden. Seit langer Zeit ist es mir ziemlich einerlei, ob ich Minister oder Bettelvogt bin, ob ich einen Demantstern am Sammetrocke oder einen Flecken an der Theerjacke trage. Ich bin zuweilen ausgegangen, einen Bekannten zu besuchen, und habe fünfe nach der Reihe nicht angetroffen; dafür nahm mir's der sechste übel, daß ich nicht gekommen war, ohne sich je um meine Klause bekümmert zu haben. Einst wollte ich einige Worte mit dem alten Weiße sprechen und erfahre in seiner Wohnung, er sei aufs Land gefahren. Ich gehe aufs Land und höre, er sei eben zurückgefahren, weil er etwas vergessen habe. Ich gehe in die Stadt und vernehme, er hat das Buch eingesteckt und sich wieder in den Wagen gesetzt. Meine Botschaft war mir wichtig, ich gehe also wieder hinaus auf sein Gut. Weiße war spazieren gegangen, und nach langem Suchen fand ich ihn endlich hinter dem Garten unter seiner alten Linde schlummern. Nun waren alle Neckereien des Glücks vergessen; ich setzte mich neben ihn, zog meinen Tacitus aus der Tasche und las, bis er erwachte. * Freundliche Leute habe ich viele gefunden, aber Freunde sehr wenige. Einer will mir seinen Witz, der Andere seine Gelehrsamkeit, der Dritte seinen feinen Geschmack auftischen; Einer will mich mit seinem Wein, der Andere mit seinem schönen Zimmer, der Dritte mit seinem großen Ansehen bewirthen: Keiner ist deswegen mein Freund, wenngleich Jeder gern mein Patron sein wollte. Je mehr er mir Ducaten zufließen lassen will, desto weniger glaube ich an Freundschaft. Wenn er aber zuweilen freiwillig und uneingeladen mich bei meinem Häringssalat aufsucht, ist die Präsumtion schon besser. Gut ist es, wenn er meine Wahrheit ohne Empfindlichkeit aufnimmt und mir die seinige ohne Schonung, aber mit reiner Unparteilichkeit sagt. Der beste Beweis ist, wenn seine Lieblingsleidenschaft angestoßen wird und er nicht scheu und empfindlich zurücktritt. * Die Privilegien heben sogleich auch die Philanthropie auf. Denn wenn die Freundschaft auch ein Vorrecht zugestehen wollte, so kann die Freundschaft keins annehmen. * Gewisse Despoten nennen strengere rechtliche, moralische Leute nur spöttisch Philanthropen . Die Bezeichnung ist für Beide sehr passend. * Wo die Menschen mit ihrer eigenen unbefangenen Vernunft sprechen, urtheilen sie meistens ohne Tadel; wo sie aber unter einer Leidenschaft liegen oder an einer fremden Form ziehen, kommt selten etwas Gutes zum Vorschein. * Wer als politischer Schriftsteller sein Glück machen will – vom Ruf ist nicht die Rede –, muß seiner Natur nach ein Chamäleon oder in seinem Betragen ein Aechsler sein, immer auf der Linie der kalten Rücksicht schreiten und in seiner Tiefe – nichts Reingutes Wurzel fassen lassen. * Gelegenheit machen und sie benutzen mit Rodomontade von Rechtlichkeit, das führt zur Römerei, wenn man Arme zu Bajonnetten hat. Die meisten Politiker sind also Kuppler des Völkerrechts, Hurenwirthe, die die unbefangene Unschuld in die Arme der Machthaber liefern. Die Belege kann ein Blinder auf zehen Schritte sehen, wenn man ihm die Geschichte vorhält. * Ich höre, Bonaparte kann Cherubini nicht leiden; das ist sehr begreiflich: Cherubini's Musik ist für Marathon und nicht für Austerlitz. * Wer aus der Geschichte Völkerrecht und Staatsrecht studiren will, wird allerdings wol ein guter Minister werden können, aber mit der Vernunft wird er wol nicht beträchtlich weiter kommen. * Das griechische οἰκέτης ist häuslich mild, und δοῦλος ist bürgerlich schrecklich, und abscheulich ist ἀνδράποδον; aber mehr als alle drei ist unser deutsches leibeigen . Ihm entspricht so ungefähr das römische servitia in dem verächtlichsten Plural. So lange dieses Alles noch Rechtsbegriffe sind, ist das Recht bei mir kein Begriff. * Plato macht in seiner Republik viel sonderbare Einrichtungen, von denen manche nicht sehr menschlich berechnet sein dürften. Unter andern läßt er alle Arbeiten in der Republik von Sclaven besorgen. Wo ein einziger Sclave ist, suche ich keine Vernunft mehr. Zu der Arbeit müssen nun entsetzlich viel Hände gehören, die alle keine Köpfe haben dürfen. Denn servus non habet caput oder non est persona , war ein Rechtssatz bei den Griechen und Römern, den ihre Verehrer durchtragen mögen, so viel sie wollen, er bleibt der Schandfleck des Capitols und des Areopag. Wenn sich nun die Sclaven einfallen lassen, cur et quo jure sie nur für Andere arbeiten sollen? Was wird aus dem Staate? Und ich sehe gar nicht ein, warum ihnen der Gedanke nicht sehr natürlich beikommen soll. Jeder Vertrag, der die Würde der Menschennatur antastet, ist unhaltbar, wenn er auch nicht widerrechtlich wäre. * Heiliger Spartacus, bitte für uns! Wenn doch mehr solche Schulmeister des Menschenverstandes aufträten! * Ich habe wider Bonaparte weiter nichts, als daß er auf alle Weise in der Vernunft rückwärts statt vorwärts geht. * Privatdiebe fesselt man auf Lebenszeit im Kerker, und öffentliche gehen in Gold und Purpur, sagt schon Cato, und ich zweifle nicht, man wird es zu Cyrus' des Alten Zeiten auch schon gesagt haben. Schlechte Kerle stehlen, aber die Könige rauben. Bei allen Unternehmungen in der Welt kommt es blos auf die Kleinigkeit an, daß man sie ausführt und durchführt. * Wenn Grotius etwas beweisen will, bringt er gewöhnlich sogleich einige Beispiele aus der Geschichte, die für ihn sprechen. Das sind oft seine einzigen Gründe. Die Geschichte kann nichts geben als die Thatsache, nicht einmal die Präsumtion der Gerechtigkeit; denn sie liefert ebenso viel Schurkereien als lobenswürdige Dinge. Im Recht müssen wir ganz von vorn anfangen und aus uns herausgehen; denn darin ist die Geschichte eine traurige Lehrerin, zumal wenn man die Gesetzbücher selbst nimmt. Daß der Ueberwundene Sclave werde, geht durchaus aus keinem Rechtsbegriffe hervor. Er kann getödtet werden, aber er wird kein Sclave. Der Völkergebrauch ist kein Völkerrecht. Das scheint man auch nach und nach wenigstens zu fühlen . Wer ein Schurke sein will, hat hundert Autoritäten, die alle unter die glänzenden in der Geschichte gehören. * Wenn etwas hart bestraft wird, so beweist das gar nicht, daß es unrecht ist; es beweist blos, daß es dem Vortheil der Machthaber nachtheilig ist. Oft ist gerade die Strafe der Stempel der schönen That. * Predigt nur immer brav Geduld, so ist die Sclaverei fertig! Denn von der Geduld zum Beweise, daß Ihr Alles dulden müßt, hat die Gaunerei einen leichten Uebergang. * Wenn ich die Welt ansehe, freue ich mich, daß ich keine Kinder habe. Denn was würden sie anders werden als Sclaven oder Handlanger der Despoten? Freiheit und Vernunft gehören noch nicht in unsere Zeit. * Wenn alle Knechtschaft und alle Vorrechte aller Art verbannt sind, dann will ich auch an die heilige Vernunft glauben. Jetzt bin ich mit dem Glauben an ihre Möglichkeit zufrieden. * Wenn ich von Jemand höre, er sei sehr fromm, so nehme ich mich sogleich sehr vor seiner Gottlosigkeit in Acht. * Aristoteles schreibt: »᾽Εστὶ δὲ ἀρχὴ ἡ μὲν τοῦ ἄρχοντος χάριν, ἡ δὲ τοῦ ἀρχομένου. Τούτων δὲ τὴν μὲν δεσποτικὴν εἶναί φαμεν, τὴν δὲ τῶν ἐλευϑέρων.« Das hat er nun wol als Alexander's Schulmeister gesagt. Kein Staat ist des Regenten wegen da, und wenn es auch in der ganzen Geschichte eine res facti wäre. Noch kein Regent hat die Unverschämtheit gehabt, es diplomatisch zu sagen, wenngleich viele alle ihre Schritte darnach einrichten, als ob ihrentwegen Alles da wäre. Das ist eine allgemeine Krankheit. Glauben doch auch die Menschen, die Welt sei für sie gemacht! * Die jämmerlichste Seelenkrankheit ist die Hedypathie, das Wollustleiden, das in seiner Grobheit zu einem Grade steigen kann, den die alten Militäre das Bullenfieber nennen. Die Verwahrung des Sokrates dagegen ist eben nicht sehr ascetisch; ob sie philosophisch ist, mag der alte Glatzkopf verantworten. »Hüten Sie ja um Gotteswillen meinen Sohn vor honneten Liebschaften!« schrieb der alte General Puttkammer an seinen Freund bei der Armee. »Die sind der Tod aller ernsthaften Beschäftigungen. Wenn der Junge sich nicht halten kann, so zahle er seinen Gulden und nehme eventuelle Rücksprache mit dem Regimentsfeldscher, der sein Freund sein muß!« Das ist nicht viel mehr als ein grob praktischer Commentar zum Rathe des Sohns des Sophroniskus und der Phänarete. * Seid vertraut mit der reinen Natur, und Ihr werdet bald vertraut mit der Tugend. Durch ihren Umgang gewinnt Ihr Licht, so viel Euch frommt, und Muth und Kraft, so viel Ihr braucht. * Wer die Andern neben sich klein macht, ist nie groß. Gewöhnlich sind die sogenannten Großen am Kleinsten, wo der goldene und bleierne Pöbel sie anstaunt. * Wo Eitelkeit und Prunksucht anfängt, hört der innere Werth auf. * Wer das Wort Gnade zuerst gesprochen hat, hat gewiß die Verdammniß im Herzen gefühlt. So lange dieser Begriff im öffentlichen Recht waltet, ist weder an Vernunft noch Freiheit noch Gerechtigkeit zu denken. * Wo ein Privilegium gilt, kann selbst der Allmächtige keinen Himmel schaffen; und die Menschen wollen damit einen vernünftigen Staat bilden! * Gleichheit ist im Recht, was der Satz des Widerspruchs in der Philosophie ist. * De tyrannicidio valde inutilis est quaestio in jure publico et periculosa; res facti est in historia: occiduntur tyranni. Multa multo melius et pulcrius fiunt quam exquiruntur. * Quid tyrannus sit in civitate, civium est perquirere, non exterorum. Ad exteros nil attinet, quid in sua re statuat civitas. * Mit Nichtsglauben muß man jede Untersuchung anfangen, und leider hören auch viele Untersuchungen damit auf. Die Sokratische Bescheidenheit des δοκεῖ μοι hat nur selten noch ein neuerer Philosoph; dafür habe ich auch schon nach der Reihe sechs Philosophien erlebt, von denen jede die Vernunft aufs Reine gebracht hat. * Wo Geheimnisse sind, fürchte ich Gaunerei. Die Wahrheit kann und darf vor Männern das Licht nicht scheuen. Es giebt keine Wahrheit, die man vor Vernünftigen verbergen müßte. Einweihung ist Entweihung des Menschensinnes. Der Staat hat also großes Recht, keine geheimen Gesellschaften dulden zu wollen, so wie er großes Unrecht hat, die helle Untersuchung der wichtigen Punkte des Gesellschaftsrechts zu untersagen. * Von einem Kaufmanne, wie die Sachen gewöhnlich stehen, kann man nie sagen: so viel hat er im Vermögen, sondern nur: so und so viel macht er Geschäfte. * Wenn mich die Philosophie zu Jacob Böhm führt, wie es den Anschein bekommt, so thue ich auf ihre Leitung Verzicht. * »Verstehen Sie mich?« »Ich verstehe wol, was Sie wollen; aber ich sehe nicht den Zusammenhang und begreife nicht die nothwendige Schlußfolge.« Der Mann wiederholte geflissentlich die ganze Sache. »Verstehen Sie nun?« »Nein.« Er wiederholte mit Eifer und Hitze seine Demonstrationen. »Haben Sie nun begriffen?« »So viel als das erste Mal, und nicht mehr.« »Aber lieber Himmel!« erboßte sich der Philosoph. »Man muß ja ein Dummkopf sein, um das nicht zu begreifen.« »Davon weiß ich nichts. Dafür begreife ich Manches, was Sie nicht einsehen.« »Zum Beispiel?« »Daß die ganze Frage der Welt verdammt wenig werth ist.« »Aber die Wahrheit?« »Sie werden bei Ihren Sprüngen mir keine Wahrheit zeigen.« * Ich habe mich oft angestrengt, den Gedanken der Knechtschaft zu begreifen; bis jetzt ist es mir, Gott sei Dank, nicht gelungen. Ohne Vertrag ist nichts, und ein Vertrag der die Personalität und die ganze bessere Menschennatur zerstört, ist aus vielen Rechtsgründen ewig null. Es ist also ein heiliger Beschluß der ehemaligen französischen Nation: »Die Rechte des Menschen sind unveräußerlich und unverjährbar.« * Die Gesellschaft gesteht uns oft zu viel zu, das thut sie aber für das Zuviel, das sie uns genommen hat. * Wer auf ein Vorrecht Anspruch macht, ist sogleich von der Vernunft geächtet und aus der Gesellschaft exilirt; und was der Einzelne nicht kann, kann noch weniger ein ganzes Corps. * Ich kenne in der Geschichte noch keine Republik im bessern Sinne. Die Franzosen hatten einige Zeit den Anschein, eine zu werden. Es ist ein göttlicher Versuch vielleicht auf Jahrtausende verunglückt. * Die Gespenster der alten Formen glotzen wieder furchtbar. * Viele Menschen haben doch wol in sich viel Vernunft, aber nicht den Muth, sie auszusprechen; die Unvernunft sprechen sie weit leichter aus, weil dabei weit weniger Gefahr ist. * Wenn die Menschen ohne Leidenschaft wären, würde freilich viel Böses verschwinden, aber auch sehr viel von dem, was jetzt sehr gut aussieht. * Hier beherrscht man mit Eisen das Gold, dort mit Gold das Eisen; aber das Eisen ist doch noch das Bessere. * Oft spricht die Pleonexie die Sprache des schönen hohen Enthusiasmus. Tastet ihre Salbung an, und sie zuckt wie ein Frosch, dem man Vitriolgeist auf die Haut tropft. * Was vor keiner Leidenschaft zurückzittert, nicht vor der verborgensten, das verspricht die Sonde zu halten. * Die Freundlichkeit eines Freundes besticht mehr als das Gold des Despoten, und sicher mehr als sein Dolch. * Aus Gefälligkeit werden weit mehr Schurken als aus schlechten Grundsätzen. * Die beste Verwahrung gegen Leidenschaft aller Art ist nahe, gründliche Bekanntschaft mit dem Gegenstand. * Unbedingter Gehorsam ist kein Gedanke unter vernünftigen Wesen. Wo mich Jemand nach seiner Willkür brauchen kann, bin ich ihm keinen Gehorsam schuldig, das geht aus der moralischen Natur des Menschen hervor. * Wenn wir nicht von vorne anfangen, dürfen wir nicht hoffen, weiter zu kommen. * Die schändlichste Erfindung der Halbbarbarei ist der Adel mit seinen Privilegien. Cyrus der Aeltere ist eine von den großen Pesten unter dem Scheine der Heilkraft. Xenophon hat darüber keine Stimme; denn Phänaretens Sohn hatte vom Recht der Natur nur noch wenig Begriffe. * Τὸ δίκαιον ἐπ᾽ ἀμφοῖν ἶσον. Maxim Tyr. * Von den messenischen Kriegen sagt Gillies: »Die ersteren waren edelmüthige Kämpfe eines kriegerischen Volks zur Erhaltung seiner angebornen Freiheit und seines ererbten Ruhms, der letztere, obgleich mit ebenderselben Benennung beehrt, nichts als ein unglücklicher Abfall von Sclaven von ihren Herren.« Für den Schluß dieser Periode verdiente der Brite, zwar kein Messenier, das wäre zu ehrenvoll, sondern ein Neger des schwärzesten Weißen in den englischen Colonien zu sein. * Wenn Bonaparte Vernunft und Freiheit und Gerechtigkeit gewollt hätte, so wäre er ein Weltheiland geworden, so daß sein Reich von mehr als dieser Welt gewesen wäre; aber so ist sein Reich ohne Heil nur von dieser Welt. * Das Böse der Revolution haben die Franzosen nunmehr so ziemlich getilgt; nun fangen sie an, auch das Gute zu tilgen, damit Alles in den alten Gang komme. * Was Bonaparte thut, thut er als Edelmann, cum grano salis , wo es nöthig ist. * Wenn es einmal in der Welt recht unvernünftig und schlecht ist, kann man das rein Vernünftige und rein Gute nicht so leicht ertragen; und das minder Unvernünftige und minder Schlechte ist ohne weitere Untersuchung als das Bessere, ja sogar als das Beste willkommen. Deswegen ist es aber immer noch unvernünftig und schlecht genug und droht bald den vorigen Grad wieder anzunehmen. Das Schicksal der meisten sogenannten Verbesserungen! * Wenn ich den Leuten auf die Nasen sehe, vergeht mir die Hoffnung, da ich darunter verdammt viele vornehme finde; und nicht wenige davon stehen auf eigentlichen Pöbelgesichtern. Mir ist's immer, als ob eine solche Nase sagen wollte: »Seht her, Ihr Hallunken, ich habe ein Privilegium!« * Wenn die Fürsten nur keine Edelleute wären, so möchten sie der Vernunft wegen immer Fürsten sein. * Die Edeln und der Adel stehen gewöhnlich im Gegensatz. * Die schlimmsten Edelleute sind gewöhnlich die Ritterkaufleute, die neuerdings die Ungerechtigkeiten gekauft haben und ihre Besitzung comtoirmäßig berechnen. * Was ist bei uns Gerechtigkeit? Antw. Daß der Bauer alle Steuern bezahle, alle Fuhren thue, alle Einquartierung habe, alle Fröhne verrichte, allen Zwangdienst leiste, mitunter Garn spinne und Boten laufe – Und weiter? Antw. Ist das nicht genug? Mitunter bekommt er Prügel; und das jus primae noctis soll wieder eingeführt werden, wie ich höre. * Nach der Schlacht bei Marathon wurde ein Krieger – Soldaten kannten die Griechen nur, als sie nicht mehr Griechen waren – nach Athen geschickt, die frohe Botschaft des Sieges zu überbringen. Χαίρετε, χαίρομεν! rief der Bürger den Bürgern zu und gab den Geist auf mit der Botschaft. Einen solchen Lohn konnte bei Actium und Austerlitz Niemand ernten. Ich weiß nicht, woher es kommt, aber ich möchte lieber dieser Bürger ohne Namen als Miltiades sein: an Octaviau und Compagnie wird weiter nicht gedacht. Dem Vaterlande zurufen zu können: Χαίρετε, χαίρομεν! und mit dem letzten Hauche zu sterben, das ist ein schöner beneidenswerther Tod, wenn man den Gruß auf dem Schlachtfelde hat verdienen helfen. Aber von hundert Schlachten haben kaum in einer einzigen die Streiter ein Vaterland; die Soldaten können als Soldaten keines haben. Das Koryphäenlied des Despotismus war nach Austerlitz die Belobung: »Soldats, je suis content de vous.« Der stille Nachhall war gewiß: »Citoyens, la liberté est morte.« * Die Dankbarkeit hat viele Staaten zu Grunde gerichtet. Der erste Enthusiasmus ging bis zur Unbesonnenheit; und als man sich besann, war die Freiheit schon der Pleonexie verkauft. * Die gefährlichsten Feinde des Staats sind fast immer im Staate selbst: die Pleonexie der Einzelnen und der Kasten. * Die französische Freiheit hatte sich männlich durch das Unglück getragen und starb am Glücke. * Wenn man sagt, eine Nation kann die Freiheit nicht vertragen, so heißt das: der weit größere Theil derselben besteht aus Schurken, Narren und Dummköpfen, oder ein Einziger versteht es, sie dazu zu machen. * In der Schlacht bei Zama ging Rom's Freiheit zu Grunde. * Gleichrechtliche Einbürgerung ist das beste Mittel zur Vergrößerung und zugleich zur Sicherung der Staaten; ohne diese giebt Unterjochung und alberne Einbürgerung nur Krebsschaden. * Aeschylus focht bei Marathon, Sophokles tanzte als Knabe in Salamis am Freiheitsfeste im Chor um die persische Beute, und Euripides wurde in Salamis am Tage der Schlacht geboren. Die Weltgeschichte hat keine Tage mehr wie diese. Die Dichter machten nicht die Zeit, sondern die Zeit machte die Dichter. * Der peloponnesische Krieg ist ein Inbegriff der Schande des Menschengeschlechts. Es giebt wenig Geschichtsperioden, wo die Verwilderung der Natur so gräßlich gewesen wäre. * Wer in sich nicht Licht und Kraft genug hat, kommt bei dem Studium der Geschichte in Gefahr, sich unbedingt dem Unsinn zu ergeben. * Das erste Requisit des Lebens ist Gleichgiltigkeit gegen Lob und Tadel von den Heiligen und Profanen und kaltblütige Bekanntschaft mit dem Tode. * Wer den Tod fürchtet, hat das Leben verloren. * Ich pflege zu sagen: »Das Leben ist mir nicht so viel werth, um mich deswegen übel zu befinden.« * Nichts ist mir mehr zuwider, als wenn mir Jemand mit einem Murrkatergesicht Geld auszahlt. Ein solcher Mann kann sicher sein, daß ich mich vor Geschäften aller Art mit ihm hüte. Muß ich durchaus mit ihm zu thun haben, so berechne ich den Curs und gehe. Ebenso unangenehm ist die feizende Ueberfreundlichkeit der gesellschaftlichen Fischler, die nichts sagen können, ohne ein Festtagsgesicht anzulegen und wie ein Maikätzchen zu lächeln. * Wieland hat Aristophanes in seinem Aristipp vortrefflich geschildert und dadurch zugleich hinlänglich vertheidigt. Es ist gar nicht wahrscheinlich, daß der große komische Satyr der Feind des philosophischen war. Hätte Athen nur noch hundert Männer gehabt, wie sie Beide waren, ich bin gewiß, die Philippiade wäre nicht eingetreten. Aristophanes muß seine Mitbürger schon sehr verachtet haben, daß er seine Komödien schrieb. * Daß ein Narr zehen andere macht, ist freilich schlimm genug; aber weit schlimmer ist es noch, daß auch ein Schurke zehen andere macht. Nur die Vernunft macht wenig Proselyten. * Wenn der Amphiktyonenrath sich zum gesetzgebenden Nationalcorps der Griechen mit vernünftiger Repräsentation hätte erheben können, so wäre es wahrscheinlich nicht dahin gekommen, daß man endlich den Macedonier Philipp aufnehmen mußte. * Die Verkehrtheit der Machthaber allein ist Schuld, daß jetzt zwei Abenteurer die Hauptleute von Europa sind (Bonaparte und Murat). * Als Bonaparte Murat aus Italien nach Paris rief, sagte ich sogleich: »Es werden große Dinge geschehen.« Es ist geschehen, was wir gesehen. Ein Meisterstreich wäre es, Zwist zwischen die Triumvirn Bonaparte, Murat und Massena zu bringen. Das ist aber schwer, da sie durch ihre verschiedenen Leidenschaften zusammengehalten werden. * Wenn ich die kleinen, feinen, zierlichen Menschengestalten unserer Zeit und vorzüglich meines Vaterlandes ansehe, kommt mir die ganze Erscheinung recht drollig vor. Die ganzen Geschöpfe haben nicht viel über vier Fuß und sind doch durchaus fertig, so daß nichts mehr von ihnen zu erwarten ist. Da habe ich denn in meinen Gedanken auf den Spaziergängen oft einen Tractat über die Verniedlichung des Menschengeschlechts geschrieben. * Demosthenes der Alte verheerte im peloponnesischen Kriege bei Syrakus die Ufer des Anapus, und jetzt ist die ganze Gegend am Anapus fast lauter Wüste. Einige gute Viehweiden sind die einzige Nutzung, und nach dem Syraka herüber ist undurchdringlicher Sumpf. * In jedem guten Staate muß Jeder die Freiheit haben, ein Narr zu sein; nur darf der Narr mit seiner Narrheit Niemand auf den Fuß treten, weil das zu viele Störungen und Zänkereien geben würde. Wo die Narrheit an Schurkerei und Ausdruck von Malevolenz grenzt, hat der Staat das Recht, ihr Grenzen zu setzen, und eher nicht: nicht weil es Narrheit ist, sondern weil es allgemein schädlich wird. * Aus der freien Narrheit der Individuen kann für den Staat große Weisheit gedeihen. * Daß der Staat das Recht hat, närrisch zu sein, wenn er will, wird Niemand leicht leugnen, und die' Geschichte zeigt, daß sich die Staaten dieses Rechts sehr oft und sehr reichlich bedient haben. Nur entsteht daraus weiter nichts als das Prädicat der Narrheit, das zuweilen an Dummheit grenzt. * Ueberall, wo ich hinkomme, lese ich an Schildern: Privilegirte Apotheke, privilegirte Fabrik, privilegirte Buchdruckerei u. s. w. In Kurzem werden wir hören: Privilegirter Holzhacker, privilegirter Besenbinder. Der Grund wäre der nämliche. Grundgesetze. Ulcisci lex prima, secunda est vivere rapto, Tertia mentiri, quarta negare deos. Galli cujusdam anonymi in popularium suorum magnum ectomea, qui Gallos fortiter fecit capones. – Halle . Das Distichon ist gut; ich möchte es wohl gemacht haben. * Man irrt sich oft jämmerlich, wenn man den Ministern in ihren öffentlichen Verhandlungen vernünftige Consequenz unterlegt. Die Folge zeigt bald, daß es Schwachheit war, was wir für ordentlichen Plan zu halten geneigt waren. Die Schwachheit wird dann Feigheit, die Feigheit Schurkerei, die Schurkerei Elend, das Elend Verderben. * Es ist gleich schwach und gefährlich, die öffentliche Stimme zu viel und zu wenig achten. * Wenn nur Jeder sicher hätte, was er verdiente, so würde Alles allgemein gut genug gehen. * Die Schurken gehören an den Galgen, die Tollen nach Bedlam, die Narren läßt man laufen; und die Vernünftigen? – sind schon zufrieden, wenn man sie läßt, wie sie sind. * Das Schild der Humanität ist die beste, sicherste Decke der niederträchtigsten öffentlichen Gaunerei. * Wer einen Mann nicht oft in großen Collisionen mit Lieblingsleidenschaften gesehen hat, muß es nicht wagen, über dessen Charakter zu urtheilen. Ohne Collision schlecht handeln, wäre offenbare Tollheit oder reine Bosheit. Die letzte ist hoffentlich nicht in der Natur. * Mit der Furcht fängt die Sclaverei an, aber auch mit Zutrauen und Sorglosigkeit. * Ein Braver heißt bei den Italienern ein Räuber; ein herrlicher Zug zu der Geschichte der Entstehung der Staaten. * Wer nichts fürchtet, kann leicht ein Bösewicht werden, aber wer zu viel fürchtet, wird sicher ein Sclave. * Innere Furchtsamkeit führt zur Sclaverei, äußere Besorgniß hält die Freiheit. * Ich höre, Caprara bewirthet in Frankreich wieder mit Gnade und Ablaß; nun, da wird's an Sclaverei, Sünde und Dummheit nicht fehlen. Glück zu zur Despotie! die Ronde geht von vorne an. * Vor meinem vierzigsten Jahre ist mir das Geschlecht im Allgemeinen sehr gleichgültig gewesen; aber einige große convulsivische Leidenschaften droheten mein ganzes Wesen zu zerstören. Seit dem vierzigsten Jahre kommt es mir vor, als ob die Mädchen immer schöner würden, und ich muß mich vor Sottisen hüten. Doch scheint die Leidenschaft sehr wenig Gewalt mehr zu haben, und vor verliebten Geckereien sichert mich jetzt der Stolz. * Zweimal war ich nahe an dem Entschlusse, mich dem Tode zu geben, beide Male für ein Weib oder aus Wahnsinn für sie. Das erste Mal hing die Ausführung von einem kleinen bedingten Umstande ab, der nicht eintrat; das zweite Mal überwog der Gedanke an meine Mutter, also nicht ganz reine Vernunft. Hätte ich den Entschluß gefaßt gehabt, so hätte ich ihn ausgeführt; denn ich führe jeden Entschluß aus, den ich fasse, und Niemand kann sagen: »Das hast Du gesagt und nicht gethan.« * Die Schlechtheit der Menschen hat mich von dem Schritte gerettet, mich für sie zu opfern. Etwas Großes wäre es freilich nicht gewesen, da ich es fast auch für eine Leidenschaft gethan hätte. * Der ehrlichste, liebenswürdigste Mensch, den ich bis jetzt in meinem Leben gekannt habe, war der französische Schneider Tombal, und diesen habe ich sehr unfreundlich behandelt. Der beste Mensch ist der Einzige, der sich über mich zu beklagen bestimmte, gegründete Ursache hat. * Ueber einen Regenten muß man kein Urtheil haben, als bis er zwanzig Jahre regiert hat. * Was als Böses erscheint, ist meistens böse; aber was als Gutes erscheint, ist nicht immer gut. * Kein Mann ist so groß als sein Name, weder im Guten noch im Schlimmen. * Wenn man menschlich fühlte und dachte, fand man das Wort Sclave zu hart; man sagte Leibeigener, dann Erbmann, dann Fröhner, dann Bauer; von der Sache selbst suchte man immer so viel als möglich zu behalten. * Man mache mathematisch das Steuerkataster und suche es rein mathematisch zu erhalten, so haben wir Freiheit, so viel als der Mensch zu verlangen befugt ist. * Alle große Thaten sind bis jetzt in der Geschichte nur blitzende Meteore gewesen, weil man sich nicht zur Idee der ursprünglichen, allgemeinen Gerechtigkeit erheben konnte. Bonaparte hätte der Fixstern der politischen Vernunft werden können; er begnügt sich aber, ein Komet zu sein, der Zerstörung droht. Wo ist die Dynastie des Cyrus und Alexander und August? So baut auch Napoleon. * Wenn die Menschen endlich vernünftig sein werden, wird die Erde vielleicht am Marasmus senilis sterben. * Du sollst, weil ich will, ist Unsinn; fast ebenso sehr Unsinn ist die Vollmacht von Gottes Gnaden. Aber Du sollst, weil ich soll, ist ein richtiger Schluß und die Base des Rechts. * Recht, rectum, linea recta , gleich; auch der Sprachgebrauch hält noch den ursprünglichen Begriff. Mit Aufhebung der Gleichheit ist das Recht zerstört. * Jedes Recht setzt zuletzt Gleichheit voraus, so wie jeder Krieg Recht. Das tiefste Gefühl von Recht hatten die Griechen, aber die wenigsten Begriffe. Die eigentliche schöne Periode der Griechen setze ich von der ersten Eroberung von Sardes bis auf die Schlacht bei Platäa. Vorher waren sie im besseren Sinne noch nicht, sodann waren sie nicht mehr. * Bürgerlich war in der griechischen Natur etwas Göttliches; auch die Römer hatten viel davon, und hier und da noch eine Nation. Bei uns ist es fast ganz ausgerottet, und man fürchtet sich schon vor dem Worte. * Unsere Religion thut auf Vernunft Verzicht, unsere Rechtslehre, unsere Politik; bald wird es auch unsere Philosophie. Alles beruht auf blindem Glauben und despotischer Willkür. * Für Vernunft und Freiheit und Gerechtigkeit ist jetzt bei unsern Zeitgenossen nichts zu thun; wir brüten zu sehr in lethargischer Indolenz. Jede Kraftäußerung ist weggeworfen, und die Perlen sind noch vor die Säue geschüttet. Das einzige Ersprießliche ist Denken für die Zukunft, der es vielleicht gelingt, glücklicher von dem Todesschlaf aufzustehen. * Cato schloß bekanntlich alle seine Reden im Senat mit der Formel: »Praeterea censeo, Carthaginem esse delendam.« Mit weit mehr Sinn könnte jeder gute Mann jetzt alle seine Vorträge damit endigen: »Praeterea censeo, deleantur privilegia, privilegia deleantur – radicitus.« * Wo man viel spricht und schreibt, sind gewöhnlich die großen, schönen Thaten zu Ende. Als Plato und Aristoteles schrieben, waren keine Miltiades und Aristides mehr. Als Cicero redete, hatte die sterbende Republik keine Scipionen, Fabier und Fabrice. Aber wir leben jetzt in einer Zeit, die weder Thaten noch Worte hat. * Die Periode schöner Thaten ist immer die Zeit der aufwallenden Vernunft und Freiheit. Das Blendende ist nur ein Abglanz des Großen und Guten. Mit dem Rest der persischen Freiheit unterjochte Cyrus Asien; Alexander that das Nämliche mit dem Rest der griechischen; und durch den Rest der gallischen ist Bonaparte Autokrator. Wer es versteht, eine Nation frei zu machen, macht sie groß und demüthigt sicher ihre Feinde, die nicht frei sind. * Die Nation, welche nur durch einen einzigen Mann gerettet werden kann und soll, verdient Peitschenschläge. * Der Cardinal Fesch wird von dem Kurfürsten Erzkanzler zum Coadjutor vorgeschlagen; da giebt der Kurfürst Erzkanzler seinem Stempel die letzte Folie. * Wir Deutschen sind doch wahre Sansculotten, das heißt: wir verdienen, keine Hosen zu tragen. Auch in dem altrömischen Sinne sind wir es; denn behoste Völker, gentes braccatae , hießen bei den Römern Barbaren, die noch ein Schwert für ihre Freiheit führen könnten; das sind wir nun augenscheinlich nicht. * Wo von innen Sclaverei ist, wird sie von außen bald kommen. * Vor zehen Jahren hatten die Franzosen Kriegsgeist, jetzt haben sie Soldatengeist. * Weist nur die Menschen in den Himmel, wenn Ihr sie um alles Irdische königlich betrügen wollt! * Es wird selten eine Handlung begangen, die nicht irgend Jemand für ein Bubenstück und zur nämlichen Zeit ein Anderer nicht für eine schöne That hielte. Ein sicherer Beweis, daß sie schlecht war, ist, wenn der Thäter den Andern das Urtheil darüber wehren will. * Das Zwielicht ist der Raum des Dichters und der Kunst überhaupt. Wo die Vernunft an die Sinnlichkeit und die Sinnlichkeit an die Vernunft grenzt, ist der Mensch in seinem schönsten Spiele. Vernunft ohne Sinnlichkeit scheint nicht mehr menschlich zu sein, und Sinnlichkeit ohne Vernunft ist es gewiß nicht. Stimmung für die Kunst und Genuß in derselben ist also der Stempel der Humanität. Die Sinnlichkeit mag darin herrschen, aber die Vernunft hat ihr die Herrschaft übertragen: und sie herrsche so, daß ihre Committentin die Vollmacht nicht zurücknimmt! * Wo die Sinnlichkeit an die Vernunft grenzt, ist sie gewiß immer schön. * Gott ist allerdings das letzte, höchste, vollkommenste Urideal; aber wir haben von ihm nicht mehr, als er uns von sich in der Sinnenwelt gegeben hat. Alles ist also einigermaßen Anthropomorphismus. Der Gott des Phidias ist göttlicher, weil er menschlicher ist. Zu dem Gotte des Plato erhebt sich kaum der Gedanke mit seiner größten Anstrengung und begreift am Ende von ihm fast nur die postulirte Nothwendigkeit. Gott ist a priori das Prototyp alles Guten in der Natur, aber das Gute in der Natur ist a posteriori wieder für uns das Prototyp des Göttlichen. Jeder macht allerdings seine Welt und seinen Gott und einigermaßen sich selbst; aber wer wollte eine so scholastische Sprache unter den Menschen reden, da sie kaum vou den Isolirten der Mystik verstanden wird? * So lange noch irgend Jemand Einweihung und Geheimnisse hat, liegt der Menschenverstand in der Wiege und ist in Gefahr, darin erstickt zu werden. * Wer Ansprüche macht, beweist eben dadurch, daß er keine zu machen hat. * Das meiste Häßliche hatte im Sprachgebrauche ursprünglich seine Euphemismen, und eben diese Euphemismen brachten durch zu häufigen Gebrauch wieder das Unanständige hervor. C'est une belle fille , ist eine conventionelle Unhöflichkeit und ein rein ästhetisches Lob, und c'est une belle personne eine philosophische Beleidigung. Der Sprachgebrauch hat die Unphilosophie zur Schmeichelei gemacht; und ich wollte keinem Manne von feinerem Tone rathen, ein ehrsames, hübsches Mädchen unter die belles filles zu setzen. Jungfer und Dirne darf bei uns Niemand mehr sein; bald wird das Wort Mädchen ebenso zweideutig werden, und wir werden auch nur Personen behalten. Das Prädicat Fräulein haben die Privilegirten in Beschlag genommen, und eine junge Person der Ehrenkaste darf wol eine Jungfer haben, aber keine sein, bei Verlust ihrer Ehre. * Hore, Huri, H–e scheint ursprünglich Eins zu sein, ὡραῖον, id quod in suo genere tempestivum, venustum est . Das Letzte ist bei uns so schlecht geworden, daß man es nicht gern ausspricht und ausschreibt. Mahomed setzt seine Huris noch zu ihrer und der Seligen Belohnung in sein Paradies. * Religion heißt etymologisch vernünftige Ueberlegung, Paradies ein Park, Glaube eine vernünftige Ueberzeugung, Seligkeit das Wohlbefinden, Verdammniß die Entschädigung u. s. w. Was die heilige Mystik nicht für Popanze aus den Begriffen geschaffen hat! Soll man sich nun davon einschrecken lassen? Mihi religio est . * Die Etymologie ist eine gefährliche Feindin der Theosophen. * Zeitvertreibe sind die Erfindung der Spitzköpfe für die Plattköpfe. »Womit sollen wir uns die Zeit vertreiben?« fragen Blax und Stax. »Wo sollen wir aber zu Allem diesem Zeit hernehmen?« fragt Sophron. * Jede Periode des Lebens hat ihre Leidenschaften. Das Alter, das man für die weiseste halten sollte, hat gewöhnlich die schmutzigsten. * Einige leben vor ihrem Tode, Andere nach ihrem Tode. Die meisten Menschen leben aber weder vor noch nach demselben; sie lassen sich gemächlich in die Welt herein und aus der Welt hinaus vegetiren. * Wer in der Welt nicht 200,000 Bajonnette mit den gehörigen Appertinenzen zu seinem Befehl hat, sollte sich's nicht einfallen lassen, öffentlich einen vernünftigen Gedanken zu haben. Und die Herren, die sie haben, lassen sich's beliebter Gemächlichkeit wegen selten einfallen. * Es geht mir mit meinen Versen wie Lessing's Maler mit seinen Bildern. Ehe sie aus Herz und Kopf durch die Fingerspitzen aufs Papier kommen, ist das Beste verloren gegangen; und ich wundere mich oft, daß es nun so kalt da liegt, da es von innen so glühend war. * Die Schlechten sind thätig und verwegen, die Besseren – denn Gute kann man sie nicht nennen – sind träge und furchtsam. Das erklärt den meisten Unsinn, den wir in der Welt sehen. * »Dem Narren muß man aus dem Wege gehen«, ist ein altes, weises Sprichwort. Da geht man denn am Sichersten, wenn man Jedermann aus dem Wege geht; Einigen, weil man sie kennt, Andern, weil man sie nicht kennt. Das Sprichwort verlangt aber nicht mit, daß man den Grund des Platzmachens merken lasse. Es ist nicht nöthig und sogar unbefugt, daß ein Anderer wisse, ob man die Deferenz der Excellenz oder dem Peter Squenz erzeigt. Meistens giebt das Mittelste dem Letzten nur ein bürgerliches Recht auf das Erste. * Die Despotie, die sich der öffentlichen Censur bemächtigt hat, bringt dadurch den Charaktern ihrer Gegner gefährlichere Streiche bei als durch die Capitalmachtschläge selbst und findet leicht Mittel, durch ihre Handlanger, die zu jeder Lüge, zu jeder Schändlichkeit fähig sind, die Seelenreinheit mit ihrem Gifte zu beschmutzen. Wem also an der Meinung der Welt, vor und nach seinem Tode, viel gelegen ist, wage es nicht, die Hyder zu berühren! * Fürchte Dich, und Du bist verloren! Deswegen bist Du aber nicht gesichert, wenn Du nichts fürchtest: nur Dein Charakter ist es; doch ist Dir dieser genug, so bist Du es auch. * Wer außer sich nothwendig noch Jemandes zu seinem Wohlbefinden bedarf, ist schwerlich ganz unbefangen. * Ich habe in Rußland einen Kameraden unter den Kosackenofficieren gehabt, der nach dem Zeugniß der Geschlechtskundigen in gerader Linie von Genghiskhan abstammte; und es war mir, als ob es eine freundlichere Berührung gäbe, wenn ich von seinem Großgroßgroßvater fast so viel wußte als sein Urururenkel. * Die moralischen Wahrheiten sind das Einzige, was wir mit Sicherheit in uns tragen. Denn sobald man unsere Ansicht der factischen Dinge merkt, trägt man Sorge, daß wir ihre wahre Beschaffenheit und ihren wahren Zusammenhang nur selten erfahren. * Wer den ersten Sclaven machte, war der erste Hochverräther an der Menschheit. Die Griechen und Römer brauchten für den Unsinn doch freundliche, schmeichelnde Namen; aber wir haben die Tollheit gehabt, das Ungeheuer recht grell als einen Begriff in das öffentliche Recht zu flechten. * Ein Despot ist vielleicht besser als viele; der Haifisch reinigt die See von Hechten, diese Hechte seien nun Bonzen, Bassen, Mandarinen, Edelleute, Mönche oder Demagogen. * Seitdem wir Alle Herren sind, giebt es immer weniger und weniger Männer. Wenn die Franzosen den Ursprung des Wortes Allemands bedächten, würden sie noch bitterer spotten, daß wir mit unserm Namen so sehr im Gegensatz stehen. * Dieser Böotier hat vier Wochen über Strongbeer, Pudding und Schinken gesessen und die Wollschur berechnet; nun hat er den Stockschnupfen schon vierzehn Tage und will morgen Hochzeit halten. Muß da seine Erstgeburt nicht die dickste Quintessenz der böotischen Atmosphäre werden? * Bonaparte ist die Geißel der Länder und der Fürsten, weil die Fürsten blos das Erste sind. Wäre bei uns mehr Gerechtigkeit und Freiheit, so würde er seine Wagstücke nicht wagen. Er ist ein vortrefflicher Rechner, hütet sich aber wohl, die Grundsätze seiner Politik laut werden zu lassen. Sollte sie Jemand von Belang auffinden, so unterdrückt er ihn, ehe er aufkommt. Einzelne mögen darüber denken, was sie wollen, das hat für ihn nichts zu sagen. Ganze Nationen werden sich wahrscheinlich nicht ermannen, dafür sorgt der Parteigeist. * Wer Gerechtigkeit, Liberalität und Geschichte sehen will, darf nur die Zeitungen und die Verordnungen der Fürsten nehmen; da findet er von allen das Gegentheil. * Ich bin fest überzeugt, wo zehentausend rein aufgeklärte, fest ehrliche, nichts fürchtende, entschlossene Männer wären, würde die Wiege des Universalreichs der Vernunft sein. Aber wo sind zehen? Und welche Stufe zu zehentausend! ### Ἦμεν δ᾿ ἕτοιμοι ϰαὶ μύδϱους αἴϱειν χεϱοῖν Καὶ πῦϱ διέϱπειν ϰαὶ ϑεοὺς ὁϱκωμοτεῖν, Τὸ μήτε δϱᾱσαι, μήτε τῷ ξυνειδέναι Τὸ πϱᾶγμα βουλεύσαντι μήδ᾿ εἰϱγασμένῳ, sagt der Bote dem Kreon beim Sophokles, »Antigone«, zur Betheuerung, daß die Wache im Ganzen nicht wisse, wer die Erde über den Leichnam des Polynices geworfen. Dieses ist für mich die älteste Stelle der Feuerprobe. Ich weiß nicht, ob man eine ältere hat. ### Wenn wir in unsern öffentlichen Verhältnissen sagen, man müsse das Beste wählen, so heißt das blos: man muß thun, was weniger schlecht ist; denn das Gute wird man uns schon zu verwehren wissen. ### Vom Sophokles zum Euripides geht man wie vom Thucydides zum Xenophon. Man findet bei dem Letztern Alles viel feiner und zierlicher, aber auch Alles viel leichter. Euripides scheint seinen Sentenzen und Xenophon seiner attischen Grazie mehr zu opfern, als ihrer Muse gut ist. Sophokles trägt aus der Seele heraus; Euripides trägt oft nur in die Seele hinein, was nicht hinein gehört. ### Nur ein Ignorant hält sogleich seine Gedanken für Entdeckungen. Unterdessen können sie es doch für ihn sein, und er entdeckt vielleicht besser als sein Vorgänger. Ein Ignorant ist kein Dummkopf, aber ein Dummkopf bleibt immer ein Ignorant, und wenn er ein noch so großer Polyhistor wäre. Die Literärgeschichte könnte dazu viel Belege liefern. ### Ein gewöhnlich großer Mann hat sein Vergnügen, Alle rund um sich her mit der Allmacht seiner Kraft niederzudrücken und eine Welt vor sich auf den Knieen zu sehen; ein rein großer Geist sucht so viel als möglich Alle mit sich auf gleichen Fuß zu setzen, und fühlt sich dann in seiner größten Würde, wenn Alle in dem Gefühl der ihrigen neben ihm stehen. Wer einen Baum aufrichtet und hält, ist ausgemacht stärker, als wer ihn niederschlägt. Wer nur auf Kosten der Vernunft und des Menschenwerths herrschen kann, hat das System der Ohnmacht ergriffen. Wo sich die Kleinen vor den Großen bücken, sind gewiß die Großen vor den Kleinen nie gehörig sicher. Der Mensch giebt seine Würde auf, aber er wird nie der Freund Dessen, der sie ihm abnimmt. ### Τὸ ἶσον μόνον τὸ δίϰαιον, und wieder tausendmal τὸ ἶσον μόνον τὸ δίϰαιον, und wenn Millionen Köpfe abgeschlagen würden, τὸ ἶσον μόνον τὸ δίϰαιον! Im Gegentheil ist jedes Kopfabschlagen ein neuer Beweis des Satzes. Und hätte Euripides nichts weiter als diese drei Worte gesagt, er verdiente eine Ewigkeit! ### Der Merops, Herr dieser Erde, hat drei große Charakter: er ist Mensch, er ist Hausvater, er ist Staatsbürger. Wo Eins das Andere stört, sind alle Drei verkehrt genommen. Der Mensch, der nicht Bürger und Hausvater sein kann, ist das jämmerlichste Product der Ascetik despotischer und mönchischer Unvernunft. Der Hausvater, der nicht Bürger und Mensch ist, bleibt ewig eine nichtswürdige Verkrüppelung des kleinlichen Eigennutzes; und ein Bürger, der nicht Mensch und Hausvater ist, ist ein kalter Rechenpfennig in dem großen Spiele des herrschenden Schicksals. Es ist unmöglich, einen Charakter wegzunehmen, ohne die andern zu zerstören. Die feinste Gaunerei ist also der erzwungene Cölibat, um eine große, Einfluß habende Classe von dem schöneren Interesse der Menschlichkeit loszuketten. Von der Ehelosigkeit zur Ehrlosigkeit ist moralischen Schwächlingen nur ein kleiner Schritt. Der Corse hat das sehr wohl und klug berechnet, auf Weisheit hat er selbst freiwillig Verzicht gethan. ### Wenn ich spazieren gehe, stößt mir alle fünf Minuten ein Gesicht auf, das ein Patent für ein Privilegium aushängt; und jedesmal verliere ich dabei etwas Muth für die Menschheit. ### Ob die Weiber so viel Vernunft haben als die Männer, mag ich nicht entscheiden; aber sie haben ganz gewiß nicht so viel Unvernunft. ### Wenn die Staaten ursprünglich mit mehr Vernunft und Gerechtigkeit eingerichtet würden, würden wenig gewaltsame Empörungen zu fürchten sein. ### Die Etymologie ist das beste Studium, die Schreckgespenster der heiligen und profanen Gaunerei loszuwerden. ### Die Kunst lebt im Zwielicht der Vernunft und ist immer eine Jugendtochter des Geistes. So lange der Geist in der Kunst lebt, ist er jung. ### Vor einigen Tagen schrieb Tilesius, wie er und seine Russen in Japan waren aufgenommen worden. Der große Kubo hatte es sehr vermessen gefunden, daß der Kaiser von Rußland es gewagt, ihm, dem großen, unvergleichlichen Beherrscher der Erde, zu schreiben; und er nahm die Geschenke nicht an, die ihm der Petersburger schickte, sondern drang seinen Gesandten vielmehr die seinigen auf. Die Russen hatten vor dem japanischen Fürsten, dem Abgeordneten des großen Kubo, nicht lange genug auf dem platten Antlitz der Erde gelegen, und ein japanischer Officier, der den Ceremonienmeister machte, drückte nachdrücklich höflich sie zum Nachschuß wieder auf den Boden, ehe sie Erlaubniß erhielten, ihre Augen zu erheben. Großer Kubo, in Europa hast Du jetzt nur einen Collegen; aber jeder deutsche Edelmann lebt in dem Abglanze Deiner Machtvollkommenheit als kleiner Kubo, mit der unbestimmten Hoffnung, vielleicht auch einmal ein großer zu werden. ### Ὅςτις γὰϱ ἐπὶ τὸ πλέον ἔχειν πέϕυϰ᾿ ἀνήϱ, Οὐδὲν φϱονεῖ δίϰαιον οὐδὲ βούλεται, Φίλοις τ᾿ἄμιϰτός ἐστι ϰαὶ πάσῃ πόλει. Da haben wir die Privilegien. Bei genauer philosophischer Untersuchung wird sich die strengste Wahrheit des Satzes finden, so ketzerisch er auch unsern schlechten Eupatriden klingen mag. ### Die Tyrannei hält immer gleichen Schritt mit der Niederträchtigkeit und das Privilegium mit der Dummheit. Es wird der Welt nie an Tyrannen fehlen, da sie voll Weggeworfenheit und Sclavengeist ist. * Die ganze griechische Geschichte hat wenig Republikaner, die römische keinen einzigen, es müßten denn die Gracchen sein. Die französische Revolution hat den Vortheil, die ersten Republikaner gestellt zu haben. Ihre Pflanzung wird wachsen, wenn sie auch jetzt vom Unkraut erstickt wird. * Mich schlägt bei meinem Blicke in die Welt nichts mehr nieder, als daß ich so viel Gesichter sehe, die ihre Ansprüche auf irgend ein Privilegium auf die Nase gepflanzt haben. * Die besten Apostel der Despotie und Sclaverei sind die Mystiker, meistens gescheiterte, grobe Sinnlinge. Ueber dem Göttlichdummen in sich löschen sie viel Schönmenschliches aus, welches allein unser Antheil der Göttlichkeit in der Welt ist. * Laßt Euch nur einmal eine Offenbarung aufbürden, und man wird Euch bald so viel Unsinn offenbaren, daß Ihr vor Angst in der Nacht den großen Bär und am Tage die Sonne nicht finden könnt. * So lange kein Privilegium ist, findet kein Despotismus statt: mit dem ersten Privilegium hält er seinen Einzug. * Wenn nur erst der zehnte Theil der Menschen leidlich gescheit wäre, so hätte die Vernunft Hoffnung zur Herrschaft. * Wenn man sich über die schurkische Narrheit oder die närrische Schurkerei der Zeitgenossen ärgert, darf man nur in die Geschichte blicken, um sich zu beruhigen und leidlich zu trösten. * Aus dem heiligen Dunkel der religiösen und despotischen Mystik steht man ebenso wenig richtig in die Welt heraus, als man aus der Welt mit offener Geradheit in das Heiligthum hineinsieht. * Borgia, nicht Cäsar Borgia, sondern der gute Alte unserer Zeit, mußte als Siebzigjähriger wider seinen Willen mit zur Frohnfarce nach Paris ziehen. Ihm ward wohl; er kam nicht hin. Der Papst in Notredame zu Paris! Da hat eine Unvernunft sich an der andern gerächt. * Wenn man so ächt deutsch apathisch faul ist, darf man nur hinaus in die freie Luft unter die Menschen gehen, und wenn man dann durch den Aerger nicht etwas wieder zum Leben geweckt wird, so ist man ohne Rettung zum moralischen Tode verdammt. * Als ich hinter jedem preußischen Bataillon fünf oder sechs Hühnerwagen herziehen und den unbärtigen Fähnrich einen Graubart mit Stockprügeln behandeln sahe, ward mir für das deutsche Wesen nicht Wohl zu Muthe. * Von dem Tage der Schlacht bei Jena habe ich mir so ziemlich fest vorgenommen, nicht mehr Deutsch zu schreiben; das heißt, nichts mehr in dieser Sprache der Faulheit und Dummheit und Despotie und Sclaverei drucken zu lassen. Die Sachen müßten sich sonderbar ändern, wenn ich meinen Vorsatz ändern sollte. * Die Franzosen haben bei Jena concentrisch gehandelt und die Preußen excentrisch; das ist das ganze Geheimniß. * Um unter der preußischen Armee einen Ehrenposten zu haben, mußte man Edelmann sein. Es ist ächt adelig gegangen. * Wenn unser Adel nur seine Steuerfreiheit, seine Frohne und seinen Dienstzwang rettet, ist er Jedermanns Sclave, der ihm seinen Unsinn behaupten hilft. * Bonaparte wird sich nun mit den deutschen Fürsten und dem deutschen Adel zusammen amalgamiren: das wird eine herrliche Art neuer Unvernunft werden, die man wieder Gerechtigkeit und gute Ordnung nennt. Tröstlich ist es noch, daß es schwerlich schlimmer werden kann. * Wo wäre denn Vernunft und Recht? Ich sehe nichts als Büttel und als Knecht. Man stürmt und braust und peitscht nach Noten Den Sclaven hier, dort den Heloten. Das alt-meropische Geschlecht Hat jederzeit, wo ihm Gefahren drohten, Sich in die Wette feil geboten. Kaum ruft es: »Dieser ist Tyrann!« So straft's mit Wuth und eilt und wählet dann Den zehnfach schlimmeren Despoten. Bei Ulm und Austerlitz und Jena hat sich unser Stocksystem in seinem ganzen Glänze gezeigt. * In seinem Manuskript hat Seume hier am Rande bemerkt: »Nov. 6« [1806]. – A. d. H. Wenn Oestreich jetzt nichts thut, so wird es das kommende Jahr wahrscheinlich leiden. Vestigia terreant! * Ich nehme jetzt consequent Alle als natürliche Verbündete gegen Frankreich. Wenn sie siegen, so haben sie eben keine große Ehre, aber große Schande, wenn sie nicht siegen. * Wenn Bonaparte unbezweifelter Herr von ganz Europa wird, ist er als Krieger nicht so groß als Friedrich der Zweite und kann es nie werden. * Leider scheint jetzt für Deutschland die einzige Hoffnung in der Zerstörung zu sein. Unsere Leiden kommen nicht von außen, sondern von innen. * Ή μέν ίσότης έν άπαντι καί τό μηδέν πλέον δικαιοσύνης έργα τό δέ άνισον καί πλεονεκτικόν άδικίας. Lucian * Wer die Privilegien tödtete, wäre der Weltheiland. * Man vernichtete die Griechen durch Griechen. Nun zerstört man die Deutschen durch Deutsche. Es finden sich Niederträchtige genug, vorzüglich unter den Fürsten und sogenannten Edeln. Doch vielleicht ist nur in der Zerstörung Hoffnung. * Ich sehe die schöne Palingenesie meiner Nation, wenn nur erst ihre Harpyen todt sind. * Jetzt führen die Franzosen eine schlechte Sache gut und die Deutschen eine gute Sache schlecht. * Attila mit seinen Hunnen ist schwerlich schrecklicher gewesen als Bonaparte's Braven, und alle Gräuel Tilly's hört man wieder hier und da auf dem platten Lande: Raub und Mord und Frauenschändung. Der Despotismus ist ein gräßliches Ungeheuer, und sein Gefolge ist scheußlich. Nur die blinde Volkswuth Despotie brütender Rädler ist vielleicht noch ungeheuerer. * Die Hälfte der Armee und überhaupt die Hälfte der Menschen ist immer leidlich, ehrlich und gut; aber die Bosheit ist meistens energischer im Ganzen als im Einzelnen. * Der Staat sollte die Wohlhabenheit Aller zu befördern suchen, befördert aber nur den Reichthum der Einzelnen. * Ehrhardt und Mahlmann sollen, wie ich höre, sehr französiren und bonapartisiren. Das ist aus ihrem Wesen begreiflich, und unsere deutschen Landsleute helfen ihnen durch ihre Weggeworfenheit treulich. * Wir sind jetzt wirklich auf dem Punkte, wo wir wie Cicero nicht wissen, ob wir unsern Freunden oder unsern Feinden Sieg wünschen sollen. Hier sind Ruthen, und dort sind Skorpionen. * Τò Ίσον πόλεμον ού ποιεί, sagte Plutarch's Solon; und man könnte hinzusetzen: Τò ίσον μόνον. Wo man der Pleonexie oder den Privilegien, meistens in den Händen der Eupatriden, nachzusehen anfängt, sinkt der Staat von Krankheit zu Krankheit, und es bedarf nur eines energischen Stoßes von innen oder von außen zu seiner Zertrümmerung. * Ein Staat von reiner Isonomie, Isotimie und Isogonie mit einiger Energie von zwanzig Millionen Bürgern würde einer Tyrannenwelt rund umher Trotz bieten. * Es ist zu hoffen, daß die jetzige große Gährung den Abschaum auswirft und abwirft und die Selbstständigen zu Tage fördert. * Macon kam nach der Schlacht bei Jena oder vor derselben nach Gera ins Quartier. Das Haus, in welches er einzog, war von den Helden der großen Nation rein ausgeplündert worden. Der Wirth hatte für sich und seine Familie nur noch ein Stückchen Brod, von welchem er dem General eine Suppe kochen wollte. Der General sah die Gesichter der Familie und ging traurig, hungrig zu Bette und ritt den andern Morgen früh nüchtern weg. Voilà un ennemi respectable! * Tout autour de Weimar jusqu´à Leipsic et plus loin le pays fut pillé, saccagé, ruiné, abimé; on cassa, tua, viola, égorgea sans honte et sans la moindre étincelle d'honneur. C'étoient des braves bien méprisables, mais des hommes, des héros comme il faut pour le but. Parmi les tigres et les hygènes il se trouve quelquefois un lion généreux. * Die besten Menschen finden sich oft, wo die schlechtesten sind: der Satz des moralischen Widerspruchs weckt und hebt sie. Um dieses zu sehen, darf man nur in den Krieg schauen. Die Sache der Franzosen ist jetzt gewiß schlecht, aber viele der Einzelnen sind in jeder Rücksicht sehr liebenswürdig. * Wo man anfängt, den Krieger von dem Bürger zu trennen, ist die Sache der Freiheit und Gerechtigkeit schon halb verloren. * Es sind jetzt in Europa nur zwei Männer, Bonaparte und Alexander von Rußland, und nur eine Nation, die Engländer. Eine Nation nenne ich eine große Volksmasse, die durch ihre freien Abgeordneten gesetzlichen Antheil an ihren öffentlichen Verhandlungen hat. Die Franzosen fingen an und haben aufgehört, eine Nation zu sein; Bonaparte schlägt nur mit seinem Geiste und den Manen der seligen französischen Nation. * Wer die Deutschen zur Nation machen könnte, machte sich zum Dictator von Europa. * Meine Zeit fiel in die Schande meines Volks. Alles, was ich Empörendes und Erniedrigendes sehe, halte ich für die Folge der Privilegien. * Gewisse sogenannte Verbrechen sind das Heiligste, was die Natur des Menschen aufzuweisen hat, z. B. Ketzerei, Empörung, Selbstmord. Was die Vernunft und das Göttliche in uns als groß bezeichnet, hat der Despotismus und die Dummheit zu Schande und Tod verurtheilt. Die Menschheit hat sich das wenige Licht, dessen sie genießt, durch Unglauben und Forschergeist errungen. Die Gerechtigkeit wird nur durch kühnen Widerstand gegen die Selbstsüchtler festgesetzt. Wo ich in der Würde meiner Natur, ohne Beeinträchtigung des Heiligsten nicht mehr leben darf, verlasse ich das Gewühl der Verworfenheit, der Sclaverei und Tyrannei. * Wenn nur die deutschen Privilegien zerstört sind, wird schon Deutschland wieder erstehen. Nur in der Zerstörung keimt unsere Palingenesie. * Der Ruhm ist gewöhnlich das Grab der Ehre und die Ehre selten der Weg zum Ruhm. Aber wer den Ruhm und die Macht in Beschlag nimmt, stempelt die Ehre nach Gutdünken und macht Goldmünze aus Glockenspeise. * Die Wörter Herr und herrschen geben keinen vernünftigen Begriff unter vernünftigen Wesen. Man ist nur Herr und herrscht über Sachen und nie über Personen. Nur wer nicht gesetzlich gerecht regieren kann, maßt sich der Herrschaft an und begeht den Hochverrath an der Vernunft. * Bis jetzt ist zur Erziehung des Menschengeschlechts nichts gethan. Die Franzosen fingen an, hörten aber sogleich auf. * Wenn wir unser öffentliches Recht aus den Griechen und Römern schöpfen wollen, sind wir zur ewigen Barbarei verdammt. * Aus Mangel an Ehre haben sich die Franzosen in Ruhm bis zum Taumel berauscht. Ehre entsteht aus philosophischer Würdigung reines Verdiensts; Ruhm ist der Widerhall der Stimme der Menge. Ehre hatte Aristides und vielleicht Miltiades; Ruhm haben Cäsar und Napoleon. Wo nicht Vernunft, Gerechtigkeit und Freiheit ist, kann zwar großer Ruhm sein, aber von Ehre ist nicht die Rede. * Ein Privilegiat kann sich keine Ehre erwerben; denn jedes Privilegium ist Ungerechtigkeit und hebt die Ehre auf. * Wenn Aeschines der bessere Mann gewesen wäre, wäre er wahrscheinlich der größere Redner gewesen. An Heftigkeit und Schadensucht sind sie einander gleich. Philipp hat für Demosthenes entschieden, und die Nachwelt stimmt ihm bei. * Nie ist die Strafe so bald auf die Sünde gefolgt als jetzt bei den Hessen. Es gehört Blindheit dazu, nicht zu sehen, was geschehen würde. Eine Schnecke hätte es mit dem halbtodten Fühlhorne vorher lernen können. * Wir Deutschen sind vorzugsweise das Volk der Privilegien, ein Document unserer Unweisheit! Darum ist es denn auch gegangen – wie wir gesehen haben und sehen. * So lange wir die Privilegien nicht vernichten, können wir die Franzosen vielleicht schlagen, werden sie aber nie besiegen. * Bonaparte wird sich wohl hüten, uns unsere Privilegien zu nehmen; sie machen unsere Schwäche. Er setzt seine Satelliten unter unsere Privilegien, um die Ohnmacht zu erhalten. Unsere Fürsten und Edelleute sind seine treuesten Unterthänlinge. Unsere Privilegien antasten, hieße uns vernünftig machen, uns auf Hirn und Knochen setzen; eine sehr gefährliche Sache. * Wenn sich die jetzige Krise mit Zerstörung löst, ist für die Nation Hoffnung. Aber die Franzosen sind zu feine Kauze, das Volk zum Gefühl seiner Kraft zu bringen. Die Vicekönige mit ihren Satelliten, den Privilegirten, werden uns wol in unserer Ohnmacht zu erhalten wissen. * Dem Beobachter ist das kommende Jahr immer der Commentar des vergangenen. Wer etwas heller sieht, hat ihn oft nicht nöthig. * Alles kehrt jetzt den Rock, und täglich hat eine deutsche Nase mehr eine französische Cocarde aufgepflanzt. Es ist das bloße Bedürfniß, etwas zu sein, Erhardt spricht und schreibt französisch, und Mahlmann und der europäische Aufseher will, höre ich, auch anfangen. * Wir haben Frieden, und unser Fürst wird König bespöttelt und muß thun, was ihm die Fremdlinge vorschreiben. Unsere Kirchen sind der Fremden Strohmagazine und H-enhäuser, und kein Bürger darf eine Kanne Erbsen durch das Thor tragen, ohne von einem Handlanger der fremden Spießgesellen sich den Sack durchsuchen zu lassen. * Wenn ich die ausgezeichnet schlechten bürgerlichen öffentlichen Einrichtungen sehe, muß ich mich wundern, daß die Menschen nicht noch weggeworfener und ehrloser sind. * Das beständige Leben im Zimmer wird bald zur kränkelnden Vegetation. Wer Kraft und Muth und Licht mehren will, gehe hinaus in die Elemente. * In Dresden soll Jemand illuminirt haben: »Vivat Friedrich August Rex; Wer noch Geld hat, der versteck's!« Recht gut! Se non è vero, al men – – Wenn nur nicht der König den Fürsten aufzehrt. In Seume's Manuscript ist hier am Rande bemerkt: »1. Jan. 1807«.– A. d. H. Ich will auch illummiren. Ich habe drei Fenster: 1. Liberitas. Sana ratio. Justia omnibus aequa. Patria 2. Rex, Basileus, Consul, Quodcunque vis Excepto tyranno. 3. Patria. Sana ratio. Justitia omnibus aequa. Libertas. Wenn's nur nicht schlimmer wird :c. :c. * So lange ich noch so viele Menschen ein Privilegium auf der Nase tragen sehe, ist zu einer vernünftigen Regierung keine Hoffnung. * Unser Statistiker Leonhardi ist, wie ich höre, ein Verfechter der Leibeigenschaft. Er verdient also Leibeigener der Unvernunft zu sein. Quod tibi non vis – –. * Es ist kein Gedanke bei der Vernunft unverantwortlicher als die Unverantwortlichkeit; dieses ist das gräßlichste aller Privilegien und führt geradezu zur Unvernunft und Sclaverei. Die Athenischen Gesetze forderten billig sogar Rechenschaft, si quis de suo aliquid in bonum publicum contulerit . Ἀνεύϑυνον καὶ ἀζήτητον καὶ ἀνεξέταστον οὐδέν ἐστιν τῶν ἐν τῇ πόλει. * Was von der Nation für die Nation zu hoffen wäre, zerstören gewiß die Fürsten und Edelleute, um ihre unsinnigen Privilegien zu retten. Bonaparte's beste Trabanten sind von nun an die deutschen Fürsten und Edelleute. * Haltet nur ein Privilegium hin, wenn Ihr sehen wollt, ob Jemand rein vernünftig ist. Wenn er zugreift, hat sich die Unvernunft ausgesprochen. * Ich kann mir nicht helfen, es ist meine tiefste Ueberzeugung: der allgemeine Charakter der Deutschen seit langer Zeit ist Dummheit und Niederträchtigkeit. Das ist die Schöpfung unserer Fürsten und Edelleute, der Ertrag des Privilegienwesens. * »Was ist der Mann?« fragen Andere. »Wer ist sein Herr Vater?« fragt der Deutsche. * »Er hat große Dinge im Kopfe«, sagt man jetzt, um Jemand lächerlich zu machen. Man kann ein kleines, sclavisches, weggeworfenes Geschlecht nicht besser bezeichnen. * Wir sind jetzt die Nation der Titel, des Adels, des Dienstzwangs, der Fröhne, des Unsinns, der Dummheit, kurz, die privilegirte Nation oder die Nation der Privilegien. * * Οί άριστοι κάκιστοι; ηρώων τέκνα πήματα, ατέλειαι και προτερήματα των πόλεων καρκινώματα. * Es ist Schande für die Deutschen, daß ein Fremder sie beeinträchtigen kann; und es ist noch größere Schande für sie, daß ein Fremder ihr Retter sein soll. * Unsere Fürsten und Edelleute sind die Unterthänigstgehorsamsten des fremden Despoten, um ihre ärmliche schändliche Existenz mit dem Unsinn der Privilegien zu retten: so ist das Schicksal des Volks erklärt. * Das goldene Jahrhundert, das silberne, das eherne, das eiserne, das bleierne, das papierne, das dreckige: in dem letzten sind wir jetzt. Wenn wir uns doch wenigstens wieder bis zum eisernen erhöben! * Die Edelleute liefern nichts, wie ich höre, sondern verkaufen ihre Producte Denen, welche liefern müssen; ein herrlicher königlicher Unsinn! Sie sind die Filzläuse des Staats. * Erhardt singt und pfeift und quiekt Lobgesänge in die Wette, heute Alexandern, morgen Bonaparten. Er ist ein wahrer Deutscher des jetzigen Augenblicks. * Alles, was man in dieser Zeit für seinen Charakter thun kann, ist, zu documentiren, daß man nicht zur Zeit gehört. * Wenn meine Mutter nicht wäre, lebte ich wahrscheinlich nicht mehr; denn es gehört eine große Pflicht dazu, um diese allgemeine Weggeworfenheit zu dulden. * Ein Buchhändler wollte mir vor einiger Zeit tausend Thaler geben, ich sollte ihm psychologisch meine Lebensbildung schreiben. Das Buch hätte einige alte Wahrheiten enthalten, die man vergessen hat, und vielleicht einige neue, die man nicht will. Ich fand es also meinem Charakter gemäßer, die tausend Thaler nicht zu nehmen. Wenn ich 88 Jahre alt sein werde, will ich's für die Hälfte etwas besser machen. Sterbe ich unterdessen, so hat die Welt wenig verloren und ich noch weniger. * Wer nur das Mittel ausfindig machen könnte, die Schurken auf Pränumeration zu henken, würde der erste Heiland der Welt werden. * Ich höre, Bonaparte will den Tempel zu Jerusalem wieder aufbauen, um das dritte Hauptschnippchen zu schlagen. Das erste, im Namen des einzigen Gottes, der keinen Sohn hat , in Aegypten; das zweite, die heilige Osterfarce in Paris ; das dritte, der Tempel zu Jerusalem . * Octavian verzieh Demjenigen, der den Dolch gegen ihn geschliffen hatte; Bonaparte ließ Den niederschießen, der einige Satiren gegen ihn in Circulation gesetzt hatte; Octavian in seiner eigenen despotisch wohlerworbenen Gerichtsbarkeit, Bonaparte in einem fremden, freundlich gesinnten Lande. Voilà la différence! Und Octavian war eben nicht der Beste. * Bonaparte wird gerechtfertigt durch die Uebrigen; wenn man nur erst den Gedanken von Vernunft, Freiheit und Gerechtigkeit gehörig cassirt hat! * Die Hessen wollen, wie ich höre, nicht recht folgen, weil sie die Göttlichkeit und Wohlthätigkeit der Sendung und des Wegtreibens nicht mehr so recht begreifen. Da schickt man die Hessen hin und läßt die Hessen todtschießen, nimmt etwas Baiern, Badener, Württemberger und Sachsen mit, und die Oestreicher sehen zu und lassen's halt gehen, wie's geht. Die Westphalen liefern den Franzmännern ihre Schinken, und das Restchen Brandenburger ersäuft in der Weichsel. Eia! über unsere Weisheit! Wir behalten ja unsere Privilegia! * Wer die Privilegia erfunden hat, soll zehntausend Jahre nach dem Aussterben der Hölle von dem letzten raffinirtesten Teufel privilegirt in den Stock gesetzt und mit sublimirtem Höllenstein vom Tode zum Leben und vom Leben zum Tode gebeizt werden. * Die Frau hatte einen schweren Korb dürres Holz, sah sehr kothig aus und gab zähneknirschend einen Ton von sich, der eine Mischung von Weinen, Beten und Fluchen war. »Was fehlt Euch, Mutter?« fragte ich. »Ach, der unbarmherzige Zeterhallunke hat mich mit dem Pferde in den Graben geworfen. Er ritt auf dem Fußsteige, und ich wich ihm links aus, so weit ich konnte. Er rührte sich keine Spanne, und das Pferd stieß mich hinunter, und er ritt fort, ohne sich umzusehen. Sein Pferd ist menschlicher als er. Hätte ich ihn nur mit dem großen Stocke auf den Kopf geschlagen!« »Das wäre freilich nicht übel gewesen, wenn Ihr nur den Hirnschädel tüchtig getroffen hättet.« – Dergleichen Dinge geschehen alle Tage zu Dutzenden; weder Gerechtigkeit noch Polizei nimmt Notiz davon. Die Gerechtigkeit hat mehr zu thun; sie muß ihre Chocolade trinken, und die Polizei muß ihren Thorgroschen gehörig einnehmen und das Chausseegeld heben. Keiner der Ordnungsherren kommt heraus; oder kommt er heraus, so reitet er mit einer Hyperbel von Impertinenz selbst auf dem Fußsteige und stößt mit dem Gaule den armen Wanderer in den Graben. Kommt's einmal zur Sprache, so heißt's ganz sanft und glimpflich: »Aber, gnädiger Herr, Sie sollten doch etwas vorsichtiger sein!« Nun reite nur, verdammte Gnade, Und stoß und wirf herab vom Pfade! Daß Dich mit stinkendem Geleite Einst Moloch in die Hölle reite, Wenn Dich entmenschten feilen Büttel Em Bettlertrupp erst mit dem Knüttel Schwer abgebläut und dann im Graben Im tiefsten Koth erdrosselt haben! Wer bei gewissen Anblicken nicht die Vernunft verliert, muß wenig zu verlieren haben. * Die Quintessenz der Impertinenz sind die deutschen Kaufmannsjungen, die mit etwas Pepliers französische Commissäre geworden sind. Sie machen außerdem die Verbindung der Schlechtheit beider Nationen, bleiben aber auch der Auswurf beider. * Beleidigungen, welche mir widerfahren, vergebe und vergesse ich immer eher als Beleidigungen, welche Andern und besonders Solchen geschehen, die leiden müssen. Eben deswegen glaube ich, daß mein Charakter einigen moralischen Werth habe. * Unsere Gazettiers und Pamphletiers sind alle Aechsler und Windfähnler. Mahlmann läßt den 1. Januar 1807 bei der Illumination in Leipzig durch alle Straßen »Es lebe der König« rufen. Ich bin von dreiviertel auf sieben bis acht Uhr in der Stadt herumgewandelt und habe es, bei meiner Wahrhaftigkeit, kein einziges Mal gehört. Daran ist gewiß nicht der Mangel an Liebe und Verehrung gegen den guten Mann, der jetzt unser König ist, Schuld. Aber die Umstände der Zeit und alle Umgebungen wirkten wie Dämpfer, und alle guten Wünsche für ihn und uns Alle reducirten sich auf die alte Formel: »Wenn's nur nicht schlimmer wird!« Es ist aber zu fürchten, seine schöne Zeit hat der Mann als Kurfürst und das Land unter ihm gelebt. * Απολωλετα χοινα, το ισον, η ελευθερια, η ευδαιμονια πανιαχοι χραιουσιν οι πλεονεχτουτεσ, πανια μεσια δορυφορουνιων τοισ τυρννοισ, πανια φοβοσ χαι δειλια χαι αγνωμοσυνη * Wenn man die Menschen um das Erdenleben betrügen will, assignirt man sie gewöhnlich an den Himmel und benebelt sie mit der Dummheit des Afterglaubens, wenn man ihre Vernunft mißhandelt. * Wenn ich die Lage und Kräfte der Feinde Bonaparte's berechne, so finde ich, sie haben doch keinen sonderlich großen Ruhm, wenn sie endlich siegen, aber sehr große Schande, wenn sie besiegt werden. Von Ehre ist nicht die Rede; diese ist nur, wo Vernunft, Freiheit und Gerechtigkeit sind; und diese sind jetzt nirgends. * Man thut alles Mögliche, um Klugheit mit Weisheit, Selbstsucht mit Tugend, Satzung mit Gerechtigkeit, Ruhm mit Ehre zu vermengen; weil die eine Hälfte fühlt, es wäre besser, wenn mehr von den letzteren wäre, und die andere Hälfte eben aus grober Selbstsucht gern Glaukomen macht. * Bonaparte unterdrückt, wie ich höre, den Tacitus; natürlich wol auch den Sueton: von ihm haben wir also den Livius nicht zu erwarten, wenn er auch gefunden würde. Ich finde das sehr begreiflich, ebenso wie Palm's Proceß oder vielmehr Unproceß. * Der jetzige Zustand Deutschlands ist das Product der Privilegien, des Kastenwesens und des Stocksystems, das Werk unserer Fürsten und Edelleute. Die Ursachen werden nicht gehoben, also werden die Wirkungen bleiben. * »Dem Gott Europens Scepter gab« etc. höfelte Mahlmann dem großen Corsen den 1. Januar 1807 zum Königsfeste. Warum nicht lieber gleich: »Dem Gott der Erde Scepter gab«? Nach Mahlmann's Lehre sind also der Kaiser Alexander, der König von Preußen und alle übrigen Verwegenen, die etwas gegen seinen Götzen vornehmen, Empörer, die von Gott selbst gezüchtigt werden müssen. Ist er nicht der verächtlichste der Schmeichler, So ist er der verworfenste der Heuchler. Τουτο τησ ταπεινοτητοσ χαι τησ χολαχιασ το αισχοσ χαι χαιαπιυστοτατον Er sollte billig Bonaparte's Oberkammerherr werden! * Wenn Bonaparte die Stimme der Vernunft und Freiheit und Gerechtigkeit gehört hätte, er wäre die Sonne der Humanität. Er hat in sich selbst das schönste, reinste, höchste Ideal verdorben, das das Schicksal zum Heil der Menschheit aufstellen zu wollen schien. * Die Franzosen schanzen, um den Satelliten ihres Kaisers große Etablissements zu verschaffen: sehr billig, denn Jeder hat Hoffnung, darunter zu kommen. * Wenn man sich einmal über Vernunft, ächte Freiheit und Liberalität weggesetzt hat, kann man mit Klugheit und Kühnheit einen weiten Weg machen. * Wenn ich die Gesichter und vorzüglich die Nasen der Herumwandelnden besehe, so steht fast auf allen: »Ich habe ein Privilegium!« und Alles ist Pleonexie. Sollte mein Aerger darüber auch Pleonexie sein, so wollte ich doch für meinen letzten Groschen Rattenpulver kaufen, um es eiligst zu verschlucken. * Των χολαχων τα υποχορισματα των τε πανουργων χαι ευπαιτριδων τα πλεονεχτηματα παντελωσ τα χοινα χαχωσ διεφθαρχε * Privilegien und Immunitäten sind der Tod der öffentlichen Vernunft; wo Freiheiten sind, ist keine Freiheit, und wo Gerechtigkeiten sind, ist keine Gerechtigkeit. * Die Pleonexie der Einzelnen ist das Palladium der Tyrannen. * Die Franzosen sind von je her die witzigste und lebendigste und geistreichste Nation gewesen; durch Verstand und Vernunft waren sie nie berühmt. In der Revolution schien die Vernunft emportauchen zu wollen, aber es blieb beim Witz. Ihr ganzer Gewinn aus der kaustischen Umgestaltung ist Regung und Richtung der physischen Kraft. Caprara's Katechismus zum Gegensatz der Vernunft und ein neuer blinder Despotismus, eiserner als jeder alte. Möchte wol irgend eine Nation die momentane Energie als einzige Ausbeute der blutigen Experimente kaufen? Doch haben sie immer noch das Gute, daß im Allgemeinen bei den übrigen fast Alles noch unvernünftiger ist. * »Iß Deinen Pudding, Sclav, und halt das Maul!« war die Ordonnanz der alten Tyrannei. Die neue rückt etwas weiter und sagt: »Gieb Deinen Pudding, Sclav, und halt – –« * Solon hatte bekanntlich seinen Atheniensern ein Gesetz gegeben, daß bei Bürgerzwisten jeder Bürger eine Partei ergreifen mußte: das liegt in der Menschennatur, und dadurch wird Vernunft und Freiheitssinn lebendig erhalten. Bei uns ist überall das Gegentheil verordnet, und dadurch wird Indolenz und sclavische Verdumpfung geschaffen. Sehr klug; fast hätte ich gesagt: sehr weise! * Die Gesetze der zwölf Tafeln waren das Werk der Decemvirn; das stempelt schon hinlänglich ihren Charakter. Trotz der Verehrung, die der Schönredner Cicero noch dafür hat, sind sie eines der ersten Monumente barbarischer, eiserner Aristokratie. Was wir noch davon haben, bewährt meinen Ausspruch. Ein einziges, sehr unpsychologisches Gesetz führe ich an, das noch bis heute fortdauert. Dieses ist die tutela legitima , welche die Römer von den Atheniensern nahmen. Die Erbsünde der menschlichen Natur ist Pleonexie. Die Geschichte beweist, wie viele Vormünder ihre Mündel klüglich zu beseitigen wußten, wenn sie Hoffnung hatten, zu erben oder nur der Erbschaft näher zu rücken; vorzüglich in großen Häusern, wo die Verbrechen heimischer sind, eben wegen größerer Pleonexie. Es ist selbst bei den Römern ein Grundsatz: Tutor datur personae praecipue, non bonis . Und gerade gegen diesen Grundsatz ist das Gesetz. Die Güter zu sichern, setzt man die Person in Gefahr. Solon ist hier nicht ganz psychologisch richtig gegangen. Auch sind die Athenischen Redner, vorzüglich Lysias und Isäus, voll von Erbschaftsprocessen, die meistens aus dieser Tutel entsprangen. Die Römer hätten hier den Spartanern folgen sollen, bei denen sie unbekannt war, so viel ich weiß. Ob man gleich heutzutage das Vormundschaftswesen besser geordnet hat, so ist es doch noch keiner Nation eingefallen, über diese Tutel etwas tiefer nachzudenken. * Es ist für Deutschland durchaus keine Rettung zu Sicherheit und Ehre, als durch Zerstörung. Daß diese nicht eintrete und das Volk nicht seinen Vortheil und seine Kraft fühle, dafür werden schon die fremden Despoten und die einheimischen Pleonekten sorgen. * Wenn Polen wieder hergestellt werden sollte, giebt es einen erbärmlichen König, elende Bauern und unvernünftige Magnaten und Edelleute. Das liegt nothwendig in dem dortigen Stocksclavensystem. Man bindet einer Halbnation einen politischen Weichselzopf ein. * Der König von Württemberg ließ sich huldigen, wie man mir aus den Zeitungen erzählt. Es heißt: » Alle bückten sich tief, und der König rückte etwas an dem Hute .« Das ist ausgesprochen! Ein herrliches Surrogat für die persische Proskynese, welche ich etymologisch und psychologisch richtig durch »Zuhundung« übersetze. » Qualss sunt rivi, tales oapiuntur pisces !« sagte mein alter Hauptmann Maas. * Als Cäsar und Pompejus sich in Thessalien schlugen, wußte der gute ehrliche Cicero in Rom nicht, welcher Partei er Glück wünschen sollte, den Freunden oder den Feinden, so viel Unglück sah er von allen Seiten. So geht's uns jetzt mit den Franzosen und Russen; denn von der Dummheit und Niederträchtigkeit der Deutschen ist fast nicht mehr die Rede. Siegen die Franzosen, so haben wir das Caprara-Bonapartische Despoten-Pfaffen-Unwesen mit etwas Vernunftglimmer; siegen die Russen, so haben wir das russisch-deutsch-polnische Adelsgezücht mit den Privilegien und allem alten Unsinn. Ein herrliches Alternativ zum Hohn der Vernunft: Tertium mihi non fit verisimile ! Am Rande von Seume's Manuskript ist hier von ihm bemerkt: »Den ersten Februar bei meiner Mutter. – A. d. H. * Erster Bauer . Michel, Du bist heute nicht in der Kirche gewesen. Ueber acht Tage, den Achten, sollen wir das Friedensfest feiern. Zweiter Bauer . Ach Gott, wenn wir nur Frieden hätten! Erst. B . Warum sollen wir aber das Friedensfest feiern, da wir doch keinen Frieden haben? Zw. B . Hm hm! das ist freilich unbegreiflich, wie Vieles: da muß man seine Vernunft gefangen nehmen, wie in der Bibel. Erst. B . Es soll auch eine Collecte gesammelt werden für die Bedrängten, und die Travalgen gehabt haben. Zw. B . Travalgen haben wir genug, Lieferungen und Fuhren und neue Quatember. Die **** hatten doch Brod und Geld: den **** müssen wir Brod und Geld geben und etwas mehr fahren. Unsere Leute marschiren in den Krieg, und wir haben Travalgen und sammeln Collecten und feiern das Friedensfest; daß Gott erbarme! * Das Privilegium . Die Fürstenknechte peitschen blutig Und zogen kühn und drückten muthig. Bis zu dem tiefsten Unsinn dumm, Und sammeln sich noch jetzt in Heeren, Das Mark des Landes zu verzehren – Das ist das Privilegium. Sie müssen frei das Land besitzen; Das Hundepack mag ziehn und schwitzen, Sie kümmern wenig sich darum – Sie sind geboren, flott zu leben, Die Andern büffeln nur und geben – Das ist das Privilegium. Der Dolch beschützt, was er sich raubet. Und wehe Dem, der anders glaubet, Zieht er den Mund nur etwas krumm! Der Dummkopf wird ein Mann im Staate; Denn sein Herr Vater saß im Rathe – Das ist das Privilegium. Der Städter und der Landmann fahren Dem Feind den Fleiß von vielen Jahren; Die fetten Hechte liegen stumm, Steht im Ruin des Vaterlandes Nur fest das Vorrecht ihres Standes: – Das ist ihr Privilegium. Der Aberglaube hilft mit Lügen Das Volk mit Fug und Recht betrügen Und räuchert dem Palladium; Und Scriblerbuben stehn an Ecken, Despotenspeichel aufzulecken, Und grölen: Privilegium! Nun herrscht denn auch bei uns der Fremde Und fordert blitzend Rock und Hemde Und herrscht gebietrisch rund herum. Daß man den Athem uns erlaube, Flehn wir mit Demuth in dem Staube – Das macht das Privilegium. * Wo Freiheit ist, kann man seine Meinung über einen öffentlichen Mann nie zu früh äußern; man läuft leicht Gefahr, zu spät zu kommen. Thut man ihm durch falschen Argwohn Unrecht, desto besser für ihn und das Vaterland! Wenn er sich für beleidigt hält, hat man ihm nicht ganz Unrecht gethan. * Eine Nation hat immer mehr nöthig, gegen ihre inneren Feinde, die Pleonekten, zu wachen als gegen ihre äußeren. Selten ist eine Nation durch ihre äußeren Feinde zerstört worden. * Selten ist ein Mann so gut als sein Name, aber auch selten so schlecht. * Se promener , sich vorführen, sagt der Franzose; spazieren, den Raum messen, der Deutsche; to walk , wandeln, der Engländer. Drei ganz kleine, aber nicht unbedeutende Züge in den verschiedenen Nationalcharaktern. * »Quodlibet verbum bonum suo loco« , sagt irgend ein Alter sehr richtig. Unsere übel verstandene Euphemie thut unserm moralischen und bürgerlichen Charakter Eintrag; sie wischt das Gepräge ab, wenn sie auch nicht das Metall verderbt. Wenn wir sagen »des Königs Mätresse«, so drückt das zwar ziemlich gut das richtige Verhältniß aus: das Geschöpf wird des Königs Herrscherin; wer vermag zu sagen, ob zum Wohl oder zum Weh des Landes? Auf alle Weise zu seiner und seiner Räthe Schande. Aber der Ausdruck bezeichnet bei Weitem nicht den nothwendigen tiefen moralischen Unwillen darüber. Ich würde gar kein Bedenken tragen, in einer Rede, wo Männerwerth sich rein und laut und kräftig aussprechen sollte, zu sagen: »Des Königs Hure will das Land beherrschen.« Scapham scapham , gehört zum Charakter eines ächt ehrlichen Mannes. Die Grazien gehören zu dem Sokratischen Mahl und dürfen im Volksrath höchstens nur Dienerinnen der hehren Dike und Parrhesie sein. * Der Vernünftige hat wenige Freunde, aber der Unvernünftige kann keine haben. Der Letzte hat indessen das Glück, sich besser über den Mangel derselben zu täuschen. * Sich amüsiren heißt etymologisch: die Muße loswerden. Amüsement wäre also das Vergnügen der Plattköpfe. * »Mais vous vous ennuyez«, sagte ein Geck zu dem alten kaustischen Kaunitz, der über ein Geschwätz verdrießlich aussah. »Je ne m'ennuye jamais, mais l'on m'ennuye« , antwortete der Alte. * Wer die Rechtsgiltigkeit der Privilegien nicht erkennt, ist in der Gesellschaft sehr in Verlegenheit; denn er stößt alle Augenblicke auf ein Gesicht, das mit irgend einem Privilegium auftritt, um sich davon zu nähren, oder auch nur um Andere damit zu hudeln. * Viele eifern nur deswegen so heftig gegen die Vorrechte, um die ganze Summe derselben für sich in Beschlag zu nehmen. Das sind die gräßlichsten aller Privilegirten und immer Tyrannen, sie mögen stehen, in welcher Kaste sie wollen. * Plutarch, Sueton, Tacitus und Prokop, mitunter auch Thucydides, sind gute Recepte gegen die Gallsucht. Um gegenwärtige Schurkereien abzuleiten, ist ein Blick auf entferntere nicht übel. Wenn sich die Menschen dann mit ihrer sogenannten Vernunft in Verlegenheit befinden, so schicke man sie in die Kirchengeschichte! * Ich kenne mehrere öffentliche Männer unsers Vaterlandes, und ihr Stempel oder Unstempel und die Meinung, die sie vom Ganzen und von einander haben, macht den jämmerlichen Gang der Geschäfte sehr begreiflich. * Wer will zwischen Marius und Sulla richten? Diese verweise man an den Richter Moloch's und Adramelech's. * Wer keinen Freund hat, verdient keinen; ein halb wahrer Satz. Aber wer keinen Feind hat, verdient keinen Freund; möchte eher zu beweisen sein. * Ich theile die Menschen ein in Narren, Schurken und Vernünftige. Sechs Zehntel sind Narren, drei Schurken und eins vernünftige Leute. Die Eintheilung ist sehr liberal, wenn man allemal den zehnten Mann die Probe halten läßt. Die Narren flattern von dem Vernunftschimmer zur Schurkerei, und wieder hin und wieder her. Die Meisten sind die Instrumente der Bosheit. * De mortuis et absentibus nil nisi bene , ist zwar sehr human, aber nur halb wahr. Die Moral sagt wol weiter nichts, als: man soll das Schlimme von einem Manne am Liebsten geradezu dem Manne selbst sagen, da kann es moralisch am Besten wirken. * Ehrgeiz und ehrgeizig sind Ausdrücke, die keinen reinen philosophischen Sinn geben. Der Geiz hebt die Ehre auf. Wo Ehre ist, ist kein Geiz, und umgekehrt. Es sollte nur heißen ruhmgeizig ; denn hier ist Ehre weiter nichts als Ruhm, sehr oft gerade der Gegensatz von Ehre! Ruhm enthalten die Zeitungsblätter und die ora populi . Ehre ist die reine Würdigung des Wahren und Guten, und ihre feste Beharrlichkeit darin das Große. »Er hat sich Ehre erworben« ist blos ein politischer Ausdruck, der oft sehr unmoralisch ist. Man möchte freilich gern den Ruhm zur Ehre stempeln, und bei dem Volke gelingt's auch wol. * Es ist oft nichts unphilosophischer als die Philosophen und nichts dümmer als die Gelehrten. Daß man sich dumm lernt und närrisch philosophirt, sind ziemlich gewöhnliche Erscheinungen. * Ob die Menschen im Allgemeinen nur Vernunftfähigkeit haben, ist ein Problem, an dem man noch arbeitet. Einzelne scheinen einen Schein von Vernunft zu besitzen. Die Surrogate der Vernunft sind alle schlecht genug. * Ἐλευϑερία μετ᾿ ἰσονομίας ϰαὶ σωφροσύνης ϰαὶ εὐφροσύνης ϰαὶ ἀνδρείας εὐοταϑῆ ϰαὶ πανόλβιον τὴν πόλιν ποιεῖ. * Ein Beweis der schnellen Sittenverderbniß bei den Spartanern. Lysander brachte bekanntlich zuerst Reichthümer nach Sparta; denn vorher lebte nach Lykurg's Gesetzen bei Eisengelde Alles in ehrenvoller Mäßigkeit. Dieses persische und Athenische Gold rächte sich sogleich an dem Einführer selbst. Lysander war einer der ehrlosesten Tyrannen gegen fremde Staaten und sein eigenes Vaterland, aber er starb arm. Als dieses nach seinem Tode die bestimmten Schwiegersöhne erfuhren, wollten sie dessen Töchter nun nicht nehmen. Die Spartaner hatten doch noch so viel alten Sinn, daß sie diese Ehrlosigkeit mit einer Geldsumme straften. Wo Ueppigkeit einzieht, zieht gewöhnlich die Tugend aus. * Lichtenberg hat, glaube ich, unter den lächerlichen Schnurrpfeifereien eines Engländers auch eine Sonnenuhr, welche repetirt. Ein Messer ohne Klinge, dem der Stiel fehlt, ist zwar nicht leicht zu produciren, aber eine Sonnenuhr, die schlüge und also auch repetirte, müßte zu machen sein. Und wenn daran gelegen wäre, so machte ich mich anheischig, sie selbst zu machen. Die Physik muß der Mechanik nachhelfen. * Der wissenschaftliche und moralische Charakter meines Freundes Carus ist erkannt und gewürdiget. Er hatte zwei unerzogene Knaben, die er väterlich liebte und deren Erziehung seine zärtlichste Sorge war. Mit der ganzen Wehmuth heiliger Naturgefühle sprach er mit halb erloschenem Auge: »Es ist doch traurig, traurig, wenn ein Vater sterben muß, ehe er seine Kinder ins Leben führen kann!« und so starb er. Ich besuchte meinen alten Freund, den Hauptmann Blankenburg, noch mehrere Male in seiner letzten Krankheit. Den Tag vor seinem Tode kam ich früh zu ihm und fand ihn ohne Hoffnung. »Wie geht's, Lieber?« fragte ich. »Sehr gut,« antwortete er schwach und kaum hörbar. Ich sah ihn forschend und zweifelnd an. »Sehr gut,« wiederholte er mit Anstrengung und einem ruhigen Lächeln; »der Betteltanz geht zu Ende.« Zwei ziemlich gleiche Charakter im Leben, aber den Unterschied machte der Hausvater und der isolirte Mensch. * Jetzt sind in Europa nur zwei Mächte, Frankreich und Rußland, die übrigen sind subaltern. Daran ist die Albernheit der Deutschen Schuld. Wären sie gescheit, so wäre nur eine, und die übrigen wären subaltern. Fragt sich aber: ist es wahrscheinlich oder nur möglich, daß die Deutschen in Masse gescheit werden? Mihi non fit verisimile, obstant privilegia, sanae rationi sacrilegia. * Die Furcht und die Faulheit bringen den Menschen um alles Vernünftige. * Jetzt habe ich 44 Jahre, gut gezählt, und die Geschlechtsanmuthung ist gewaltig stark, stärker als jemals. Je älter ich werde, desto schöner sind die Mädchen. Soll ich meine Narrheiten in der Periode der Weisheit machen? Ich muß mich auf magere Diät setzen und Anatomie studiren. * Eben werfe ich meinen alten Puderapparat zum Fenster hinaus; denn ich will mich nun durchaus nicht mehr pudern und pudern lassen. Wann werde ich so glücklich sein, den Scherkasten nachwerfen zu können? Die Schererei bin ich auch bis an die Ohren überdrüssig. Vielleicht geht es bald. Wenn Andere geschorene Leute sein wollen, habeant sibi! Ich finde kein Vergnügen im Bartputzen und weder Aesthetik noch Verdienst in einem glatten gebohnten Gesicht. * Wenn sich Jemand über den gesunden Menschenverstand versteigt, so ist er immer in Gefahr, darunter zu sinken. * Wo werden wol Bonaparte's Campi Catalaunii sein? Die Franzosen haben nach der Trommel geplündert, Dörfer auf Commando abgebrannt, gemordet, geschändet. Was fehlt noch zu den Hunnen? Werden die Russen es besser machen? * Die Kriegskunst ist hoch gestiegen: man führt den Krieg ohne Bürger, mit Soldaten ohne Sold – und es geht nicht schlimmer. Das ist doch noch ein Beweis der Milde der Menschennatur! * Es giebt eine doppelte Energie: die Energie der Cultur und des Enthusiasmus der Freiheit und die Energie der Barbarei. Die erste findet man bei Marathon, bei Thermopylä, am Vesuv bei Spartacus und sonst hier und da, seltener bei den Neuern. Die Energie der Barbarei hatte Cyrus, Sesostris, Attila, Peter der Erste und einige Andere. Eine Mischung von beiden hat Bonaparte. Wo keine Vernunft und doch auch keine Barbarei ist, kann schwerlich Energie entstehen, daher die Schwerfälligkeit der Deutschen, die in öffentlichen Verhältnissen zuweilen bis an Dummheit grenzt. * Wir sind mit Privilegien und Unsinn so beglückseligt, daß ich fürchte, wir werden nur durch die Barbarei den Weg zur Vernunft machen können. * Wenn ich nur noch zwei Secunden zu leben habe, will ich noch mit meinem letzten Athemzuge rufen: »Wollt Ihr Euch retten, so rottet die Privilegien aus!« * Das erste Privilegium wurde von der Schurkerei geboren, von der Dummheit gesäugt, von der Habsucht groß gezogen und von der Gaunerei in die Gesellschaft eingeführt. * Der General, welcher seinen Leuten die Plünderung verspricht, stempelt sich dadurch factisch zum Räuberhauptmann. * Es giebt selten eine Schurkerei, die nicht irgend ein sogenannter großer Mann in der Geschichte mit seinem Beispiele so gestempelt hätte, daß sie in einem andern mit Euphemism genannt wird. * Im Allgemeinen sind die Menschen so sehr an Ungerechtigkeiten gewöhnt, daß sie im Ganzen selten auffallen. Nur im Einzelnen empören sie noch, aber auch nur Einzelne. * Rede an die Deutschen. Die Rede war fertig im Geiste, und Du siehst an den vier Bogen Papier dazu, daß die Philippica nicht klein ist. Nicht der Lohn des Griechen und Römers hält mich zurück, sondern der Gedanke der gänzlichen Vergeblichkeit. Also mag es genug sein mit dem Apostel: »Ich hätte Euch wol viel zu sagen, aber Ihr könnt es jetzt nicht tragen.« * »Die Sache ist oft da gewesen, ist eine alte Wahrheit!« schreit man, wenn man etwas nicht hören will. Freilich! Aber hat sie schon gewirkt? Ist sie befolgt? Die Wahrheiten müssen laut alle Tage wiederholt werden, bis ihre allgemeine Befolgung die Wiederholung überflüssig macht. * Ich hatte die Fußgicht und hinkte traurig, und jeder Tritt kostete Ueberlegung. Festen Schrittes klirrte mir auf dem breiten Steine ein Enakssohn in einer Halbuniform entgegen. Sonst weiche ich Jedem aus, jetzt blieb ich stehen: der Fuß machte das Seitwärtstreten schmerzlich. »Nun?« glotzte und schnurrte mich der Held an; »was wird's?« »Verzeihen Sie, ich muß wol weichen; denn es scheint, ich bin noch nicht so lahm als Sie.« Der Mann dachte doch nach, schwieg und ging; und ich hinkte fort. * Ein Journalist in unsern Tagen muß Indifferentist sein oder mit jedem Blatt wenigstens eine Phimose fürchten. * Die Sittenlosigkeit der Völker ist so groß und ihre Euphemismen darüber so zahlreich, daß ein ehrlicher, in der Verderbtheit uneingeweihter Mann fast kein Wort sagen kann, ohne eine Zweideutigkeit zu sprechen. * Wenn sich nur Niemand fürchtete zu sagen, was die Sache ist, so würden alle Sachen besser gehen. * Ehrfurcht und falsche Scham thun mehr Böses als Bosheit und Furcht vor Criminalrichtern, und die bessern Seelen machen sich zuletzt von dieser Schwachheit los. * Auf glattem ebenen Boden merkt man nicht leicht, daß Jemand lahm ist. Ebenso sieht man die Schwachheit der öffentlichen Männer wenig in dem gewöhnlichen Gange der Geschäfte. Aber wenn die Form ausgehoben wird und Geist und Selbstthätigkeit wirken sollen, dann tritt der eigene Werth und die hinkende Jämmerlichkeit hervor. * Muß Bonaparte nicht seine Freude haben, daß die Deutschen die Deutschen so tactmäßig dumm todtschlagen? Das Resultat von dem stolz isolirten Chocoladeleben unserer Fürsten und Edelleute! Sie erhalten ja ihre Vorrechte und Privilegien, schaudern vor dem Gedanken an eine Nation zurück und sind für ihre Erbärmlichkeit gern Satelliten der fremden Abenteurer. * »Ihr seid Souveräne«, sagt Bonaparte zu den deutschen Fürsten, »und sollt meinen Kriegstroß füttern und meinen Adlern folgen.« * »Wo ein Aas ist, da sammeln sich die Adler,« sagt der Hagiograph. Jetzt heißt es: Wo Adler sind, da sammeln sich die Leichen. * Wer sich vor dem Tode fürchtet, thut wol am Besten, sich gleich todtzuschießen; denn diese Furcht quält ihn sonst bei jeder Veranlassung täglich und setzt ihn in Gefahr, Niederträchtigkeiten und Schurkereien zu begehen. * Bonaparte soll sich vorzüglich durch Plutarch gebildet haben. Credat Judaeus Apella! Ist es, so hat er wahrscheinlich vorzugsweise nur den Lysander studirt und sein Wesen in sich amalgamirt und sublimirt. * Wenn uns die meisten Machthaber fragten, wie uns ihr Machwerk gefiele – es brauchten eben nicht Verse zu sein –, so dürften wir mit dem Syracuser Dichter nur kurz gewissenhaft antworten: »In die Steingruben!« – Aber unsere Machthaber sind gescheiter oder blödsinniger als Dionys: sie fragen nicht. * Wann wird man wol einmal wieder mit Ehren deutsch denken, reden und schreiben können? Wer laut vernünftig ist, wird entweder von den Fremden erschlagen oder von den einheimischen Bütteln ins Tollhaus gebracht. * Es fehlt uns ein politischer Luther, der das Unthier Privilegium und das Kastenthum erlegt; aber das wäre die größere Unternehmung, da es die tiefere Erbsünde Pleonexie betrifft. * Glaube und Gnade ist das Schiboleth der Dummköpfe, Vernunft und Menschenwerth die Krücke der Philanthropen. Die Spitzköpfe und Gauner wissen daraus ein herrliches Amalgama zu machen, um das Ganze Pleonektisch zu gängeln. * Der Glaube ist freilich am Ende Alles, nur nicht der Glaube der Decretalen. Ob der Nichtsglaubende stark ist, mag ich nicht entscheiden; aber der Vielglaubende ist gewiß schwach. * Des Glaubens Sonde ist der Zweifel. * Ich saß einmal eine Viertelstunde mit Fernow und Uhden in dem Knopf der Kuppel der Peterskirche in Rom. Wenn es nicht zu heiß ist, wollte ich wol jedem hellen Kopfe rächen, dort zuweilen etwas durch die kleinen Oeffnungen hinaus zu Philosophiren. Es ist materia larga largissima . Dorther kam Brennus, dorther Marius, dorther Sulla, und dort lag Hannibal. Wer von den Vieren war der größte Feind von Rom? Dort stehen die Reste der Palatien, das Product der aristokratischen Pleonexie. Dort unten am Sublicius focht Cocles, und links herüber unter dem Capitol hielt Appius sein Schandgericht. Mich däucht, der heilige Berg am Flusse wimmelt von Flüchtigen, und der Senator erzählt ihnen seine Fabel. Tiefer hinab und höher hinauf blickt die Ruine der Villa Mäcen's am stürzenden Anio, und ich steige im Geiste an ihm weiter bis an Blandusiens Quelle. Wenn Dich nicht der Schlächter Sulla und der Mordbrenner Nero stören, so wandle friedlich fort durch Traubenkränze und Oelbäume und Feigenhaine von Tibur nach Tusculum und Albanum! Was die ehrlichen Heiden baueten, hat des christlichen Dalai Lama Bonzenthum in eine Wüste verwandelt. * In der Angst ihrer Verwirrung nehmen die Menschen gewöhnlich ihre Zuflucht zur Dummheit, nämlich zur Despotie und albernen Deisidämonie. * Man muß immer annehmen, was ein Mann in öffentlichen Verhältnissen Böses thun kann, das wird er thun; und die Geschichte hat immer zehn Beispiele gegen eins, daß er es thut. Eine Staatsverfassung, die dieser Furcht nicht abhilft, ist also schlecht. Ehe wir Bürger sind, müssen wir die Menschen als schlimm annehmen; denn eben deswegen werden wir Bürger, um uns gegen fremde Bosheit zu sichern. Die Erfahrung zeigt oft nur zu deutlich, daß der Gewinn das Opfer nicht werth ist. Denn wo die Ungerechtigkeit aufhören sollte, fängt sie durch Pleonexie und Privilegien und Bedrückung aller Art erst recht an. Man schlägt die Menschen nicht todt, um sie gesetzlich, fast hätte ich gesagt rechtlich , zu peinigen. Zuweilen peinigt man sie erst und schlägt sie dann todt. * Mit dem Degen kann man wol zuweilen beweisen, daß man Muth hat, aber nie, daß man Ehre besitzt; oft geht daraus das Gegentheil hervor. Ehre und Recht werden nur durch Vernunft documentirt, nie durch Waffen. Es ist, als ob man eine Schurkerei mit einer andern umstempeln wollte. Ehre kann man mit den Waffen behaupten , aber nie erwerben ; dadurch erwirbt man nur Ruhm – oft das Gegentheil von Ehre. * Sobald sich nur Jemand verlauten läßt, daß er etwas Vernünftiges und Gutes zu thun gesonnen ist, wird sogleich die ganze Legion der Pleonekten wach (apud quos semper est omnis autoritas et potestas publica) und schlägt ihn von allen Seiten auf die Finger, um ihn in seine Schranken zurückzutreiben. * Ehe der Körper eines großen Mannes Asche ist, kann man selten mit einiger Richtigkeit über seinen Charakter urtheilen. * Wenn die Leute Jemand sehr geflissen aus dem Wege gehen, denkt er wol: »Die haben gewaltigen Respect vor mir;« und es geschieht doch nur aus Vorsicht, weil sie ihn für einen Menschen halten, dem man nicht zu nahe kommen muß. Und das ist nichts Gutes; denn nur vor Narren oder Schurken fürchtet sich der ehrliche Mann. * Als ich die Preußen bei Meißen mit ihren großen Hühnerwagen in den Krieg ziehen sahe, ward mir gleich nicht wohl zu Muthe, und etwas von dem, was gefolgt ist, schwebte mir vor, obgleich nicht in dem ganzen schrecklichen Umfange. * In Dresden im »Engel« waren ein Dutzend preußische Officiere, die eines Abends, wie uns der Marqueux erzählte, ihre Bacchanalien feierten. Sie vergeudeten den Champagner und Burgunder bei Dutzenden, als ob sie das Land, wo er wächst, schon erobert hätten oder doch gewiß übermorgen erobern würden, und blieben dann tapfer unter dem Tische liegen. Nur Einige machten noch einen späten martialischen Ausfall auf ein Haus, wo sie Nymphen witterten, und setzten die Nachbarschaft in Lärm und prügelten die Nachtwächter. Da ward mir wieder nicht wohl zu Muthe, und etwas mehr von der Folge schwebte mir vor. * Ein preußischer Officier, der sich etwas Uebersicht wol nicht ohne Grund zutrauete, übergab kurz vor dem schönen Tage bei Jena seinem Chef einen Aufsatz, worin er die Lage der Sachen vorstellte und seine Meinung darüber sagte. »Mann,« sagte die alte Excellenz, »wozu das viele Raisonniren alle? Wir lassen den Dessauermarsch schlagen, und die Franzosen sind geschlagen.« Nun, sie ließen den Marsch schlagen, und sie waren geschlagen, und wie? Von Hessenhausen bis Königsberg. * Der König von Preußen soll nur jetzt für diesen Krieg den Unterofficieren und Gemeinen das Avancement zugestanden haben. Da muß freilich Holland sehr in Nöthen sein. Aber doch nur für diesen Krieg. Ist diese Krise vorbei, so wird das Adelswesen in seinem crassesten Glanz schon wieder von seinen Privilegien Besitz nehmen und den Glimmer Vernunft vertilgen. Das ist deutsch, ächt altdeutsch, und giebt und erklärt den Zustand der Nation. * Wenn ein Deutscher zu sogenannter Würde oder auch nur zu Geld kommt, bläht er sich dick, blickt breit, spricht grob, setzt sich aufs große Pferd, reitet den Fußsteg und peitscht die Gehenden. Nun ist das ganze Hundspack nur für ihn da, und mit jedem Umschauen nimmt er ein Privilegium in Besitz. Nun müssen Polizei und Gerechtigkeit Respect vor ihm haben; denn er ist mehr als ihr Repräsentant, er ist ihr Inhaber. Nur gegen einen Größeren ist er ebenso weggeworfen kriechend, als dummgrob er gegen Diejenigen ist, die er für Schofel hält. Das ist deutsch und Privilegium: und nun soll es mit der Nation nicht so sein, wie es ist. * In Frankreich sind durch die Revolution die Hefen der Nation abgegohren, und es ist durch die Rührung wenigstens viel Todtes und Faules fortgeschafft worden. Der Himmel behüte uns vor solchen Experimenten! Wir würden, fürchte ich, noch kaum zu so leidlichen Resultaten kommen. * Nach dem Calabresen halte ich den Deutschen in seiner Vornehmheit für den größten Barbaren in Europa, die Finnen und Lappen nicht ausgenommen. * Archenholz' Gedanken am Grabe der preußischen Monarchie enthalten manche traurige Wahrheit; sie sind im Ganzen aber doch nur die Uebereilung eines alten heißen Patrioten. Der König muß nach allen Berechnungen wenigstens noch 50,000 Mann haben, hat noch Festungen in Schlesien, an der Weichsel und an der Ostsee und noch Land von wenigstens vierzig Meilen im Durchschnitt und stützt den Rücken auf 400,000 Mann wackerer Bundesgenossen, deren eigenes Interesse es ist, ihn zu halten. In solchen Umständen ist man politisch nicht todt, wenn man Muth und Sinn hat; und nur die Todten begräbt man. Diese Gedanken sind also weder deutsch noch preußisch; oder vielmehr, sie sind es nur zu sehr in dem jetzigen leidigen Sinne. Sie sind nur halb wahr und nicht männlich. * Gestern, den letzten Februar 1807, kamen auf der Chaussee nach Connewitz auf dem Fußstege nach deutscher Unsitte drei Ysenburger Officiere auf mich losgesprengt. Ich mußte wol an die Pappel treten, um nicht niedergetreten zu werden, konnte aber meinen Unwillen nicht bergen, den ein Kopfschütteln und ein sehr merkliches »Hm, hm« verrieth. »Was ist? Was ist?« kehrte sich einer der Herren mit dem großen Pferde um. »Nichts Gutes, wie ich sehe,« antwortete ich. »Was? was will der Kerl raisonniren?« und jagte, so gut der Gaul laufen wollte, auf mich zu. »Ich raisonnire, daß es wider die Polizei ist, daß Sie hier reiten.« »Was geht mich die Polizei an?« »Leider nichts, wie ich merke.« »Zetersakermenter, will Er's Maul halten!« »Das hätte ich wol anfangs thun sollen, aber nun nicht.« Der junge Mann ward brennend, glühend, fluchte, lärmte, wüthete, schäumte, zog den Säbel, sprach von Kopfspalten und Zusammenhauen, ritt auf mich ein und riß den Säbel immer eine Spanne weiter aus der Scheide. Ich machte ihm begreiflich, daß ich sehr wohl wüßte, was Recht und Ordnung wäre, daß ich, ehe er geboren, unter Kugeln gestanden, daß ich hier keine Waffen habe, und daß weder für mich noch für ihn Ehre zu erwerben sei, und forderte seinen Namen. So viel Besonnenheit hatte er doch noch, ihn nicht sagen zu wollen; aber seine Wuth und der Schaum am Munde nahm zu. Ich will ihm die traurige Ehre anthun, um ihn selbst so viel als möglich zu entschuldigen, zu glauben, daß es das Product des Champagners war. Ich glaube, er hätte mir wirklich heroisch den Hirnschädel gespalten – ich hatte nichts als einen kleinen Knotenstock –, wenn nicht seine etwas vernünftigern Kameraden ihn zurückermahnt hätten. Was war zu thun? Er war wahrscheinlich einer der Herren, die die Machtvollkommenheit der deutschen Privilegien bei Jena, Halle und Prenzlow oder in Magdeburg der Nation documentirt hatten. Seine französische Cocarde, die vor einigen Monaten preußisch gewesen war, bezeichnete auch. Ich war Willens, mit seinem Chef zu sprechen. Aber ein Rathsherr, einer meiner Freunde, hatte mir vor einigen Tagen einige Worte von dessen Anforderungen gesagt, die weder auf Humanität noch Billigkeit schließen ließen; und nur den Tag vorher sollte er mit Bajonnetten in die Justiz gegriffen haben, um einen bankerotten Kaufmann vom Rathhause mit Gewalt zu nehmen, der sich angeblich unter sein Corps hatte anwerben lassen. Ich wollte zum General René gehen, um ihm mit Wärme den Uufug vorzustellen, den die Leute und Herren in und um die Stadt trieben, wo alle junge Pappelbäume in den Pflanzungen von den Säbelhieben der neuen Helden fallen. Es fiel mir aber bei, daß René Palm an Ort und Stelle befördert haben soll. Ich habe wol ebenso viel Todesverdienst als Palm. Es gehört nur eine Kleinigkeit dazu, um ein paar Hähne zu spannen, und mein Tod würde wahrscheinlich weder die ehrlichen Franzosen erbauen noch die Deutschen klüger machen. Ich lasse es also lieber liegen, da es zu vermeiden ist, mit dem ziemlich festen Entschlusse, wo es nicht Pflicht ist, zu stehen, künftig hübsch stille Jedermann aus dem Wege zu gehen. Denn es ist ja sehr leicht möglich, daß er ein Narr ist: wenn er auf dem Fußstege reitet, ist er's gewiß, oder noch etwas mehr. Und überdies läuft man in dergleichen Händeln Gefahr, selbst einer zu werden. * Die Privilegien sind mir einer der stärksten Beweise der Unsterblichkeit der Seele und der ewigen Seligkeit. Denn es ist doch nicht wahrscheinlich, da doch nun einmal so viel Gedanke in der Welt ist, daß unser Herr Gott die Capitaldummheit so ewig fortdulden wird. * Es ist freilich traurig, Satiren zu schreiben; aber was soll man anders thun, wenn man kein Kabliau ist? Alles, was man sieht und hört, ist ja Satire. Wenn man Satire fühlt, muß man Satire schreien. Jeder Blick in die Welt gällt Satire. Vielleicht mache ich nur meine eigene. »Difficile est« – sagt der Alte. * Man darf die meisten Dinge nur sagen, wie sie sind, um eine treffliche Satire zu machen. * Der Deutsche ist meistens Alles nur halb: nur Pedant und Privilegiat ist er ganz, auch Grobian zuweilen. * Da sich wenige Menschen bis zur philosophischen Geduld erheben können, müssen sie wol bei der christlichen stehen bleiben. * Die Monaden des Leibniz und die Atome des Epikur sind einerlei Ding. Man weiß von beiden nichts und sagt von beiden das Nämliche, also – – * Sobald ich das Wort Gnade höre, fahre ich sogleich zurück; denn da hat die Vernunft ein Ende, und es hat nur unter Verbrechern und Dummköpfen Sinn. * »Phryx emendatur plagis« , sagt der Römer. Das trifft aber bei den Deutschen nicht ein; denn wir werden immer blödsinniger geschlagen. * »On ne fait jamais de bons soldats à coups de bâtons« , sagte mir der französische Oberste C. Ein sehr wahrer Satz, der auf dem innern Werth der menschlichen Natur beruhet, und der von der ganzen bessern Geschichte bestätigt wird, den wir aber bei der Unvernunft des allgemeinen Stocksystems, das unsere Privilegien schützt, nicht brauchen können. * Die preußischen Generale haben alles Mögliche gethan, um zu zeigen, daß der excentrische Bülow Recht hatte. Er hatte Recht ex post facto , hätte es aber nicht gehabt, wenn es die Generale anders und besser gemacht hätten. Er mußte also seine Leute leider sehr gut kennen, und darum hatte er Recht. * Je mehr ich die Menschengesichter beantlitze, desto weniger habe ich Hoffnung für Vernunft und Freiheit und Gerechtigkeit; denn auf den meisten sitzt irgend eine häßliche, schmutzige Leidenschaft, und die übrigen sagen doch so gar nichts. Trifft man unter Fünfhunderten einmal auf etwas ächten Stempel, was soll das unter so Viele? * Die Ysenburgischen Officiere machen sich sehr breit; das heißt, sie gehen sechs bis sieben Mann breit in den öffentlichen Spaziergängen, so daß sie sie ganz besetzen und es schwer wird, ihnen auszuweichen. Eine Unschicklichkeit und Unanständigkeit, die ich nie bei den Franzosen oder andern Fremden gesehen habe, und die nur ein Privilegium der Deutschen zu sein scheint. Berührt man von ungefähr einen der Herren, so blickt und spricht er mit einer unsäglichen, altpreußischen Impertinenz, als ob er den Blocksberg zusammentreten wollte, und doch ist's ein Mann von Halle, Magdeburg oder Prenzlow, der eine andere Cocarde aufgepflanzt hat. Die Gemeinen zerhauen die Pflanzungen um die Stadt herum mit einer ächt dummen bestialischen Zerstörungswuth, und wehe der Polizei, wenn sie es wagt, ihre Lindenalleen zu schützen! Das ist nun so deutsch und gehört unter die Privilegia. * Der Lieblingsausdruck der preußischen Officiere war: » das Grobzeug «, und ihr Charakter souveräne Volksverachtung. Was sind sie nun dadurch und damit geworden? Viele sind geworden – Ysenburger, wo sie hübsch von vorn anfangen. * Wenn die Russen und Preußen an der Weichsel klug sind und die Oestreicher nur etwas Verstand haben, so wird Bonaparte zu einem politisch-militärischen Meteor. Aber ob – das ist die große Frage. Die Privilegia und das Stocksystem thun es nicht. * Wo Privilegien gelten, muß man nicht von Gerechtigkeit sprechen. Es ist die Natur derselben, die Gerechtigkeit zu zerstören. * Wer auf dem Fußstege reitet, wird die Barriere brechen, die junge Pflanzung niederhauen, die Saat zerstampfen, die Zäune durchhauen, den Garten berauben, den Hof plündern, den Eigenthümer mißhandeln, die Jungfrauen schänden, den Vater morden, das Land verrathen. Die Steigerung ist ganz natürlich. Wer nur anfängt, Gesetz und Ehre zu verspotten, hat schon den größten Schritt zur letzten Niederträchtigkeit gethan. Der erste Keim ist der dumme Rausch: » Wir haben das Privilegium .« * Das erste Privilegium ist die Thür zur letzten Schandthat. * Die meisten deutschen Gesichter sehen mir aus wie ein Privilegium; also werden wir wol noch lange bleiben, was wir sind. * Man sollte durchaus nicht sagen »Deutschland«, sondern nur »die deutschen Lande«. Wer Deutschland schaffen könnte, würde es auch halten und wäre mehr als Bonaparte. * »Ihr müßt Euch mit den Bürgern hier nicht gemein machen«, sagte ein Preußisch-Ysenburgischer Officier zu seinen Leuten beim Verlesen; »müßt Euch nicht mit ihnen Du nennen; denn Ihr seid doch wol mehr als sie!« – – Das nenne ich deutsch und altpreußisch raisonnirt! Dieser Geist hat gemacht, was wir gesehen haben, bei Jena und Halle und Magdeburg und Prenzlow. * Die unübersetzlichen griechischen Wörter υβρισ und υβρισειν liegen mit ihrer ganzen Insolenz in den deutschen privilegirten Kasten, nur ist ihr Geist bei uns nicht attisch, sondern böotisch. * Die gefährlichsten Feinde des Staats sind immer nur die Inhaber der Privilegien. * Sobald ich von Frohne und Dienstzwang und Immunitäten und Freiheiten und Gerechtigkeiten und Intermediärlasten, überhaupt von Privilegien höre, mag ich mich weiter nicht um das Staatsrecht eines solchen Staates bekümmern. Der Wurm sitzt im Marke. * Der Geist eines Griechen strebte zum Himmel empor bei dem Gedanken von Recht und Freiheit und Vaterland, wir zucken zurück wie die Austern. Unsere Xerxesse messen unsere erbärmliche Existenz mit Quadratellen und peitschen uns mit Molochsglotzen zur hündischen Proskynese, zur Verzichtleistung der Menschenvernunft. * Man wird zum Gotteslästerer und Vernunftleugner beim Blick auf die Welt, und doch ist dieser Gedanke an Gott und Vernunft das einzige Heilige und Große, was wir haben. Der Rest ist Schlamm und Sumpfluft. * Junge Huren, alte Betschwestern; junge Wüstlinge, alte Mystiker. Der Mysticismus liegt meistens in Nervenschwäche und Magenkrampf. * Es ist nur ein Despotismus erträglich: der Despotismus der Vernunft – wenn wir nur erst über die Vernunft einig wären. * Jungen Leuten mit großen Hüten muß man aus dem Wege gehen, zumal wenn sie auf dem Fußstege reiten ; denn ihr Existenztaumel ist meistens sehr convulsivisch unartig. * Wo sich der ehrliche Mann zu fürchten anfängt, hört meistens der Schurke zu fürchten auf, und umgekehrt. * Nur wer mit Wenigem viel thut, ist in seiner Art groß. Mit einigen Strichen eine vortreffliche Zeichnung, mit einigen Tönen eine rührende Musik, mit einigen Worten ein seelenleitendes Gedicht zu geben, das macht den großen Künstler. Also ist Miltiades bei Marathon der größte Feldherr. Die Franzosen haben also Roßbach nicht ausgewetzt; denn sie haben nirgends mit so ungleicher Kraft gesiegt als dort Friedrich. Sie waren überall überlegen oder gleich oder nicht beträchtlich schwächer. * Die Despotie stempelt gewöhnlich die Begriffe wie die Münze, und der gefährlichste Streich, den sie der Vernunft, der Freiheit und Gerechtigkeit schlägt, ist, sie durch Verleumdung zu entstellen. Man läßt den ehrlichen Mann nicht einmal mit Ehren sterben, sondern sucht ihn erst in das Kataster der Schurken zu setzen. Wer also seiner Ehre nicht von innen gewiß ist, mag ja von außen auf nichts rechnen, wenn er nicht den Machthabern fröhnt. * Der alte Inspector Stoppe sähe aus seinem Fenster vor dem Grimmischen Thore einige französisch-Ysenburgische Officiere in den Anlagen der Allee reiten. Der alte Mann hielt auf Recht und Ordnung und sagte den Herren, sie möchten die öffentlichen Anlagen schonen, selbst der französische General habe es befohlen. Die Herren Ysenburger stürmen mit der ganzen Machtwuth angetasteter hoher Privilegiaten, bei denen weder Recht noch Ordnung gilt, auf den guten Alten ein, und Einer droht ihm fürchterlich mit seinem neuen, großen Säbel durch das Fenster den Kopf zu spalten. Nach einigen Tagen starb der Alte, und seine Anverwandten behaupten nicht ohne Grund, daß ihn Schrecken und Aerger über die lieblichen deutschen Landsleute getödtet haben. * Das Böse muß man mehr erzählen als das Gute, aus einem guten psychologischen Grunde. Die Guten handeln gut, weil sie gut sind, ohne Rücksicht, aus tiefem Pflichtgefühl und gewöhnlicher Ehrliebe. Aber die Schlechten müssen durch die Furcht vor der Schande, die sie trifft, zurückgehalten werden. Dessenungeachtet hat ein guter Mann immer mehr Vergnügen, wenn er etwas Gutes erzählen kann , als wenn er etwas Schlimmes erzählen muß . * Es mag wol sehr zahmklug sein, den Schurken und Hybristen aus dem Wege zu gehen, aber es ist männlich besser, sie rechtlich aus dem Wege zu schaffen, wo sie Unfug machen. * Taste nur einen Tyrannen mit der Sonde der Vernunft, so rührt sich das ganze Polypensystem und schreit: »Meuterei, Empörung und Verbrechen!« Noch schlimmer ist es mit den Privilegiaten, weil ihr Eigennutz noch verflochtener und krebsartiger ist als die Netze der Herrschsucht. * Rebellion heißt Widerstand, und Empörung heißt Kraft und Muth, gerade zu gehen; beides können also schöne, männliche Tugenden sein. Nur die Umstände stempeln sie mit Schande. * Es ist nur noch ein Ungeheuer, welches gräßlicher ist als Tyrannenunvernunft: die Volkswuth; und nur die Furcht vor der letzten macht die erste erträglich; auch weiß die erste sehr künstlich mit der letzten zu schrecken und in Schranken zu halten. * Es ist kein besseres Kunstgriffchen der Despotie als die Sprachverwirrung und die Halbbegriffe. Ich halte also den Thurmbau zu Babel für ein Gaunerstückchen irgend eines Nimrod oder Samuel. * Das Wort Herr, von Menschen zu Menschen, ist kein Begriff. Man ist nur Herr, wo man unbedingt zwingen kann, und dieses liegt gar nicht in der menschlichen Natur. * Je mehr die Menschen in Staaten von ihrer ursprünglichen Gleichheit behalten, desto mehr behalten sie von ihrer eigenthümlichen Kraft für den Staat selbst, desto größer ist die Summe des Ganzen für das Gemeine. Jeder Eingriff in die Gerechtigkeit ist eine Schwächung der Nationalkraft, also ist das erste Privilegium der erste Hochverrath. * Das Eigenthum im Staate ist immer durch den Staat bedingt, und es gilt kein Besitz, durch den nicht für den Staat ohne Beeinträchtigung Einzelner der größte Vortheil entstände; also gilt endlich nur reiner und gleichbedingter Besitz für Alle. Also ist jede Realimmunität eine Thorheit und nur insofern rechtlich, als man den Staatsverwesern das Recht zugestehen will, thöricht zu handeln. Man macht es aber kürzer, indem man jede quaestio juris einer res facti entscheidet und das Bajonnett zu Hilfe nimmt. * Sobald im Staate Unterbesitzungen und Intermediärleistungen oder Feudalverbindungen erscheinen, ist Alles auf dem Wege zur Sclaverei. Nur reiner Verkauf der Güter sichert die Gerechtigkeit. Das haben die Franzosen nicht begriffen; also werden sie wieder sehr tief, vielleicht bis zur Leibeigenschaft sinken. * Wo ich in einem Staate gesetzlich von einem Sclaven höre, nehme ich sogleich die Möglichkeit von zehn Millionen an; der Keim dazu ist gelegt. Und wo sich Einer vor dem Andern mit Freiheiten und Rechtsvorzügen brüsten kann, wird Freiheit und Gerechtigkeit noch lange nicht wohnen. * Wer von Freiheit und Gerechtigkeit kein besseres Ideal kennt, als ihm die Geschichte zeigt, ist sehr arm an Trost für die Menschheit. * Es ist nicht so gefährlich, zwanzig allgemeine Wahrheiten kühn zu sagen, als eine einzige Anwendung davon zu machen, und wenn sie auch noch so liquid wäre. Im Gegentheil, je liquider sie ist, desto gefährlicher wird sie. * Die meisten Regenten fürchten sich mehr vor den Bürgern als vor den äußern Feinden: ein Beweis, daß die meisten Staaten schlecht eingerichtet sind. * Der Krieg ist furchtbar und gräßlich; aber noch gräßlicher ist oft, was man Friede nennt, wo Pleonexie und Kastenwesen das Volk in Sclaverei und zur gänzlichen Verdumpfung und Entäußerung alles Menschenwerthes herabstößt. Und es wäre schwer zu bestimmen, ob der Krieg oder dieser Friede mehr Gräuel habe. * »Er ist in Ungnade gefallen«, ist ein Lieblingsausdruck der Deutschen; ein Beweis, daß Diejenigen, die so reden, nicht unter der Aegide der Vernunft stehen. * Wer mehr als gewöhnlichen Respect verlangt , verdient auch den gewöhnlichen nicht. * Die Engländer sprechen in ihren öffentlichen Schriften sehr oft mit Selbstzufriedenheit von ihren Privilegien; ein Beweis, daß es entweder mit ihren Begriffen oder mit ihrer Freiheit noch nicht sonderlich steht. Wo Freiheit ist, sind keine Privilegien. * Es gilt im Staate rechtlich eigentlich kein Zwang als der Zwang, das Vaterland zu vertheidigen und verhältnißmäßig zur Aufrechthaltung der Ordnung beizutragen. Jeder andere Zwang ist Sclaverei, und der Staat ist unweise, wenn er ihn zuläßt, und tyrannisch, wenn er ihn befördert. * Die einzige Sicherung der Freiheit ist die Einschränkung der Besitzungen auf die Reinheit. Wo man mit dauernden Realbelastungen verkaufen kann, geht die Freiheit zu Grunde. * Die anscheinende Liberalität ist die Quelle der schwersten Bedrückungen, so wie die wirkliche die beste Stütze der Gerechtigkeit ist. * So lange der Fürst sich als Edelmann denkt – und leider ist das überall verfassungsmäßig –, ist im Staate kein Civismus möglich; und ohne diesen ist der Staatskörper ohne Seele. * Das Wort Staatskörper ist sehr passend gewählt; denn man hat bis jetzt wenig daran gedacht, auch Seele hineinzubringen. * Gleichheit allein ist die unumstößliche Base des Rechts. Recht, gleich, droit, égal, aequum, aequitas, aequalitas – der ganze Sprachgebrauch hilft beweisen. Der Begriff Krieg setzt die Gleichheit voraus, der Begriff Friede beruht darauf sowie jeder Vertrag. Wenn der Despot sich eine Leibwache setzt, giebt er sein Leben in ihre Hände, erkennt also factisch ihre Gleichheit oder gar ihre Überlegenheit. Wenn doch die Menschen sich so wenig als möglich von der ursprünglichen Gleichheit entfernen wollten, sie würden alle weit sicherer stehen und gehen. Wenn man etwas endlich ausgleichen will, muß man doch immer seine Zuflucht dahin nehmen. * Wer von der Gleichheit des Rechts etwas fürchtet, steht unter den Pleonekten und gehört schon mit zu den Krebsgeschwüren der Gesellschaft. * Der vorige König von Preußen scheint mir die erste Ursache an dem ganzen politischen Wirrwarr in Europa zu sein. Sechs Wochen vor dem Reichenbacher Congresse hätte er mit Hilfe Polens und Schwedens und eigener Energie die Russen zu einem vernünftigen Frieden mit den Türken zwingen können und sollen. Herzberg's ehrliche, vortreffliche Meinung! Dadurch wäre das Intermediärreich Polen geblieben, in Deutschland wäre Ruhe gewesen, die Franzosen wären nicht zu Extremitäten geschritten. Die Pilnitziade schlug dem Fasse den Boden aus; man theilte die Bärenhaut. Man hätte die Franzosen den Franzosen überlassen sollen und sollte es noch jetzt thun. Elektrisirt nur eine Nation, wenn Ihr ihre ganze furchtbare Kraft wecken wollt! Bei den Deutschen ist nur wenig Elektrisirung möglich, weil keine Nationalität da ist; dafür haben die Privilegien gesorgt. * Ich höre, die Engländer wollen eine Landung in Frankreich bei Havre machen. Cui bono? Ich hoffe, sie werden so albern nicht sein. Je mehr hingehen, desto mehr werden erschlagen. Das muß psychologisch nothwendig kommen, wenn nicht alle Franzosen Thersiten und alle Engländer Ajaxe sind. * Mißtrauen kommt nie zu früh, aber oft zu spät. * In einer Gesellschaft, wo ich gegenwärtig war, betrug sich ein Officier gegen alle Regeln des Anstandes beleidigend gegen Andere. Als er mit Ernst zur Rede gesetzt wurde, meinte der naive Herr, er müsse als Officier doch einige Vorrechte haben. Der Grund wurde gefordert; er war natürlich nicht im Stande, ihn zu geben, und hatte noch Bescheidenheit genug, in die Grenzen zu treten; vielleicht nur, weil sein Gegner auch ein Edelmann war. Ein anderer mit etwas mehr altsoldatischer Arroganz hätte vielleicht an den Degen Appell geschlagen. Und wo man an den Degen oder die Traube der Kanone schlägt, hat freilich alle Vernunft ein Ende. * Ein guter dicker Herr gab sich viele Mühe, mir die staatsrechtliche Consequenz der Steuerfreiheit der großen Güter zu beweisen, als nämlich mit geringer Besoldung der Staatsämter, der Gesandtschaftsposten, der Hofdienste, und wie der jämmerliche Firlefanz weiter heißt, den jeder Dorfschulmeister widerlegen kann. Es wollte also nicht ziehen, und ich blieb bei meiner Ketzerei. Das große argumentum ad hominem behielt er bescheiden in petto , und ich erfuhr es erst kurz nachher: der gute dicke Herr besaß drei Rittergüter und war also ein schlimmerer Privilegiat als der eingefleischteste Edelmann. * Wenn man erst die Freiheiten, das heißt die Privilegien, wird getödtet haben, nur dann erst ist etwas für die Freiheit zu thun. Jetzt würde man einen Tyrannen vernichten, und zehn würden aufstehen. * Es ist sehr gut, daß die Regierungen Rebellion und Empörung zu Verbrechen machen, aber es ist sehr schlecht, daß ihre meisten Maßregeln so geeignet sind, um diese Verbrechen zu Tugenden zu stempeln. * Je niederträchtiger der Kriechling sich Macht erschlichen und erschachert hat, desto pleonektischer, glupischer und glotzender übt er sie. * Allgemeine Wahrheiten wirken am Besten in die Länge, und ihre einzelnen kaustischen Anwendungen am Besten und Gefährlichsten für den Moment. * Die Gelehrten haben meistens die abgeschliffenste Gleichgiltigkeit gegen Recht und Unrecht und vermiethen ihr Bißchen erbärmliche Dialektik für den schmutzigsten Gewinn an den Meistbietenden; aber die Staatsverweser und Religionsvorsteher thun auch alles Mögliche, um aus rechtlichen, vernünftigen Leuten Indifferentisten zu machen. * »Gott straf' mich, Herr Bruder«, sagte ein Ysenburger Officier zu seinem Kameraden, indem er die Worte ächt militärisch durch die Nase schnürte; »Gott soll mich strafen, Herr Bruder, wenn ich meinen Wirth nicht täglich zehen Thaler koste!« Das nenne ich Ehre! Der dumme Wirth und der schlechte Officier! * Dem gewöhnlichen Menschen ist das Vaterland, wo ihn sein Vater gezeugt, seine Mutter gesäugt und sein Pastor gefirmelt hat; dem Kaufmann, wo er die höchsten Procente ergaunern kann, ohne von dem Staat gepflückt zu werden; dem Soldaten, wo der Imperator den besten Sold zahlt und die größte Insolenz erlaubt; dem Gelehrten, wo er für seine Schmeicheleien am Meisten Weihrauch oder Gold erntet; dem ehrlichen, vernünftigen Manne, wo am Meisten Freiheit, Gerechtigkeit und Humanität ist. Also findet der Letzte nur selten sein Vaterland. * Es ist nichts Ernsthaftes, das nicht irgend eine Afterphilosophie lächerlich gemacht, und nichts Lächerliches, das sie nicht ernsthaft behandelt hätte. Auf Beides muß man gefaßt sein, sobald man nur die Hausthüre öffnet. * Das Wörtchen Wir der Fürsten ist eine stille philanthropische Anerkennung der eigentlichen ursprünglichen Rechtsverhältnisse: Ich und Ihr, das Volk und ich, oder ich und die im Namen des Volks bei mir sind. Das Ich würde hier weit egoistischer und tyrannischer sein. * Es ist weit schwerer, die Wahrheit von seinen Freunden zu sagen als von seinen Feinden; und es gehört vielleicht mehr reiner Muth dazu, den Fehler eines Freundes freimüthig zu rügen, als dem Dolch eines Feindes entgegenzugehen. * Die Sclaverei der deutschen Sprache ist in den Höflichkeitsformeln bis zum kriechendsten Unsinn gesunken und hat blos dadurch die mehrsten Abstufungen des Knechtsinns gewonnen. Du und ich und ich und Du, sagt der gesunde Verstand; dabei blieben fast ohne Ausnahme die Griechen und Römer und alle alten und neuen besseren Barbaren. Die policirten Unvernünftler setzten aus Respect den Einzelnen in die Mehrheit. Dabei blieben die Engländer, Franzosen, Holländer und übrigen. Nur die Italiener wagten es nicht, aus übergroßer Ehrfurcht, von einer gegenwärtigen Person als gegenwärtiger zu sprechen, und redeten sie als abwesend an: Er, Sie. Die Deutschen aber, die Koryphäen der Knechte in ihrer Sprache, reden zu einer einzigen, gegenwärtigen Person aus Proskynesensucht, als ob sie vervielfacht abwesend wäre. »Ich bin Ihr gehorsamer Diener!« Mit Erlaubniß, da habe ich Dir eine dumme Beleidigung gesagt, wenn Du einigermaßen vernünftig bist. * Ohne Marathon und Salamis wäre Thermopylä eine Donquixoterie, aber in ihrer Mitte ist es das Kleinod der Menschengeschichte. * Der Vorzug des Dichters ist das schöne, warme, heiße, glühende Gefühl für Schönheit und Recht und Tugend und Freiheit. Hat er dieses nicht, so gehört er unter die Blendlinge und Hypokriten, und er und sein Name sind ohne Werth. Der Mann mit hohem Enthusiasmus, als Held und Richter und Märtyrer, kann das Nämliche fühlen, aber dann ist er in dem Momente Dichter. Ein schlechter Dichter ist ein Widerspruch; denn kein Dichter ist schlecht als Dichter, sondern nur insofern er es nicht ist. * Wer wahres Ehrgefühl hat, thut wohl, wenn er sich etwas mit Sinn in der vornehmen Welt umsieht, so lange er sie nicht braucht, und sich lieber todt zu schießen, ehe er sich ihr naht, sobald er sie braucht. * Man darf nur die meisten Menschen bestimmt nöthig haben, um sogleich ihre Bösartigkeit zu wecken. * Das Point d'honneur ist gewöhnlich der Gegensatz der Ehre oder höchstens nur ihr Lückenbüßer. * Man thut meistens den Fürsten Unrecht, wenn man sie beschuldigt, daß sie nicht Wahrheit hören wollen; sie wird ihnen nur selten gesagt. Und geschieht es einmal, so geschieht es nicht mit Ernst und Nachdruck der Würde, sondern sie wird ihnen vorgepoltert. Die Höflinge sind gewöhnlich die goldenen Schmeißfliegen der Gesellschaft, die ihren Glanz aus Unrath und Fliegenpilzen ziehen. * Wenn ich von preußischer Impertinenz spreche, so meine ich die traurige Abartung von der alten humanen energischen Ehre, und Möllendorf und Kalkreuth unterschreiben meine Klage. * Wenn Grundstücke mit Erbpacht, Erbzins, Fröhne und überhaupt mit Unterdienstlasten veräußert werden, sollte man in einem vernünftigen Staate den Geber ins Zuchthaus und den Nehmer ins Narrenhaus sperren. Freilich schreien die Pleonekten Zeter über ein solches Gesetz; aber worüber schreien die Pleonekten nicht? – * Privilegium heißt eine Ausnahme vom Gesetz, und wo man sie macht, taugt das Gesetz nichts, oder die Ausnahme ist schlecht. Man erdichtet so gern Collisionen, um ihre Notwendigkeit oder Wohlthätigkeit zu beweisen. Je mehr ich denke und denke, desto gewisser werde ich, daß das Privilegium und die Immunität das letale Krebsgeschwür der Staaten ist. Hat man nur erst dieses Radicalübel geheilt, die übrigen sind leicht zu heben. Es ist mir lieb, daß man in den alten Griechen und Römern kein ganz bezeichnendes Wort für diese Schändlichkeit findet; Sache und Name sind Ausgeburt der neuen Unvernunft. * Wenn ich jetzt in eine deutsche Gesellschaft komme, so radebrecht man zuerst die Sprache und dann den Menschenverstand. Alles huldigt mit tiefem Gefühl der eigenen Nichtswürdigkeit, der fremden Tyrannei, die allerdings wenigstens das Mäntelchen der Humanität umnimmt. »Was hat's denne kekeben? Se sein ja wol ooch ums Thor herumme kekangen?« Nun wird dann erzählt von den herrlichen schönen Franzosen, von denen alle Weiber, von der Dame bis zur Jungemagd, ganz bezaubert sind. Und was das Tödtlichste ist, die Weiber haben Recht. Wir sind verdammt zur Dummheit und Weggeworfenheit durch das Stocksystem und die Privilegien. * »Warum gehen Sie denn nicht in die Kriegsdienste des Königs von Preußen und dienen Ihrem Vaterlande?« fragte man vor zwei Jahren einen lebhaften, wohlgebildeten, sehr wohl unterrichteten jungen Menschen. »Da bekomme ich ja Prügel von dem adligen Fähnrich,« war seine Antwort, »ich mag es anfangen, wie ich will, und meine Ehrenlaufbahn geht bis zum Feldwebel, wo mich ein adliger Fähnrich zeitlebens hudelt.« So konnte man leider antworten, und so muß man leider antworten überall. Wehe der Vernunft, dem Civismus und dem Vaterlande, so lange es so bleibt! Und es wird so bleiben; dafür werden unsere 365 Königlein und ihre Satelliten sorgen. * Das Beste vom Leben ist, daß man Niemand zwingen kann zu leben. Wer durch eigene Niederträchtigkeit dazu gezwungen wird, ist sein eigener moralischer Büttel und Scharfrichter. Am Rande des Manuscripts ist hier von Seume bemerkt: »Mai 1807«. – A. d. H. * Eben jetzt in diesem Momente möchte ich auf fünf Jahre Erzherzog Karl von Oestreich sein. Oestreich möchte untergehen, aber Deutschland sollte erwachen. Käme ich im Kampfe um, so sollte mein Tod mein Leben schmücken. Zur Belohnung wollte ich sodann lieber Holz hacken als Deutschlands Bonaparte werden. * Προνομίαι παρανομίαι η γαρ ισονομία μόνη ευνομία πάντα προτερήματα των κοινων καρκινώματα. Το ισον μόνον το δίκαιον, κατ Ευριπίδην. * Jeder denkt an sein Haus, Niemand an das Vaterland. Aus selbstsüchtigen Hausvätern entsteht ein schlechter Staat. Wo soll auch Gemeinsinn herkommen in einem Lande, wo Jeder mit Privilegien schachert und auf den Nacken des Andern zu treten sucht? wo man einseitig Pflicht aufbürden will und nach Gesetzen richtet, die nicht bekannt gemacht sind, und deren Seele wieder das Vorrecht zum Tode der Gerechtigkeit ist? * Das Resultat des Privilegienwesens ist: Ihr sollt Alles thun, damit wir Alles haben, und wir bewilligen, daß Ihr geben sollt. * Die Franzosen beherrschen nun die Deutschen durch die Deutschen. Das war bei unserm allgemeinen Blödsinn, unserer Schwerfälligkeit und unserer Privilegiensucht vorauszusehen. * Wenn für das deutsche Vaterland etwas zu thun wäre, so würde ich die Gefahr nicht scheuen, es zu thun. Aber wir sind durch unsere eigenen Krebsgeschwüre zur Verworfenheit verdammt. Nur einige Männer könnten durch ihre Verhältnisse die Nation neu schaffen und gründen und halten; aber diese sind zu fürstlich privilegirt, um die Größe des Vaterlandsgeistes, Bürgersinnes und der höheren allgemeinen Gerechtigkeit zum göttlichen Enthusiasmus zu fühlen. * Ich finde in der Geschichte nur einige Züge in Charaktern, vor denen ich mit Ehrfurcht zurückschauere; das hält mein Selbstgefühl, auch wenn keine Seele je meinen Namen nennen sollte. * Wenn unser Charakter ausgebildet ist, fängt leider unsere Kraft an zusehends abzunehmen. * Cyrus, Miltiades, Alexander, Hannibal, Marius, Cäsar, Johann von Epirus, Cortez, Friedrich der Zweite sind alle größer als Bonaparte, und es ist moralisch unmöglich, daß er je ihre Größe erreiche, auch wenn er die Welt eroberte. Er hätte kleiner sein müssen, um größer zu werden. * Die meisten Menschen beschäftigen sich damit, zu grübeln, wie es die andern besser machen sollten, und sehen sehr scheel, wenn man an ihrer eigenen Unfehlbarkeit zweifelt. * Wer seinen Charakter durchträgt, ist sicher, Anhänger zu haben, auch wenn er liquid Bösewicht wäre; denn auch der zerstückelte Mensch will gern etwas Ganzes haben. * Reißt den Menschen aus seinen Verhältnissen, und was er dann ist, nur das ist er. Zuweilen können die Verhältnisse etwas von seinem Selbst zu Tage fördern. * Friedrich der Zweite ließ bei allen seinen Plänen der Vernunft freien Raum; Bonaparte sucht sie durchaus in die Formen seiner Willkür zu schmieden: mich däucht, eine große Differenz. Hat er es wirklich auch nur zu seinen Absichten nöthig? und was würde Friedrich an seiner Stelle gethan haben? * Ein Glück für die Despoten, daß die eine Hälfte der Menschen nicht denkt und die andere nicht fühlt! * Jedes Privilegium ist eine ausgesprochene Tendenz zur Pleonexie. Pleonexie ist als Thatsache Schurkerei und als Rechtsregel Dummheit oder wenigstens Blödsinn. * Eine Nation, die nicht den Muth und die Kraft hat, sich zur allgemeinen Gerechtigkeit und Freiheit zu erheben, ist der Raub der Nachbarn, die das, wenngleich nicht ursprünglich rein, doch in einem höhern Grade vermögen. * Der erste Fußbreit Landes, der nicht gleich verhältnißmäßig mit den übrigen zu den öffentlichen Lasten beiträgt, ist der erste Schritt zum Privilegium, zur Pleonexie, zur Habsucht, zur Ungleichheit, zur Willkür, zur Unterdrückung, zur Despotie, zur Tyrannie, zur Anarchie, zur Sclaverei. * Herrschen ist Unsinn, aber Regieren ist Weisheit. Man herrscht also, weil man nicht regieren kann. * Nicht wo Einer regiert, ist Despotie, sondern wo Einer herrscht, das heißt, nach eigener Willkür schaltet und die Uebrigen unbedingt als Instrumente zu seinem Zwecke braucht. * Aus dem Pleonekten wird bald ein Rädler, aus dem Rädler ein Despot, aus dem Despoten ein Tyrann, aus dem Tyrannen ein Wütherich, aus dem Wütherich ein Scheusal. Wo das nicht geschieht, fehlt blos Gelegenheit und Versuchung. * Man muß viel gesehen und gedacht haben, ehe man zu Horazens Nil admirari gelangt, oder man ist von der Natur zum Faulthier ursprünglich gemacht. * Dem Eroberer sind die Menschen Schachfiguren und eine verwüstete Provinz ein Kohlenmeiler. Mit wenigen Ausnahmen sind die großen Helden die großen Schandflecken des Menschengeschlechts. Selbst Miltiades hat seinen Charakter problematisch gelassen. * Für den Moment etwas Schönes thun, heißt noch nicht gut sein; das kann auch der Enthusiast. Wessen ganzes Leben nicht die strenge Sonde hält, gehört unter die moralischen Blendlinge. * »Καὶ σὺ, τέϰνον!« sagte Cäsar zu Brutus; und diese drei Worte scheinen dem Republikaner auf einige Tage alle Besonnenheit genommen zu haben, nach deren Verlauf fast Alles verloren war. * Wenn man in die Welt und in die Geschichte blickt, muß man es für eine große Thorheit halten, vernünftig sein zu wollen; und wer nicht in sich Kraft fühlt, einen guten Charakter allein gut durchzutragen, fange lieber nicht an; denn auf Menschen und ihren Beifall und ihre Unterstützung darf er nicht rechnen. * Eine gute That, wenn sie wirklich die Probe hält, ist besser als Millionen guter Worte; aber manchmal ist das Wort die That selbst, und dann hat es hohen Werth. * Wenn die Kritiker Kritik schreiben, ist jeder ein Repräsentant der Weisheit und spricht Orakel von seinem Dreifuß und erregt Ehrfurcht in seinem heiligen Nimbus. Dann machen sie selbst Werke, und der Nimbus zerrinnt und zeigt eine Jammergestalt. Gemeiniglich geben sie dann dem Gezüchtigten durch ihre Werke Genugthuung für ihre Kritik. * Προτερήματα ἁμαρτήματα. * Die meisten beträchtlichen Güterbesitzer in allen Staaten sind Leute, die keinen Begriff haben von dem, was der Staat ist, und was er an den Bürger und der Bürger an ihn fordern kann und muß. Sie schreiten also grob pleonektisch einher und nehmen in ihren Anmaßungen den Stock, den Strick und die Bajonnettspitze zu Hilfe und glauben vielleicht gar, Alles, was sie damit können, sei auch Recht. Das nennen sie sehr passend ausübende Gewalt ; denn von Gerechtigkeit ist selten ein Fünkchen dabei. * Historisch kann man einen Rechtsgrundsatz vielleicht erläutern, aber nie begründen. Die Geschichte führt nur Thatsachen auf, und Millionen einseitige Thatsachen machen nie nothwendig ein Recht, und wenn sie von der Sündfluth in ununterbrochener Kette herabgegangen wären. Was die Urbefugnisse des Menschen beleidigt, bleibt ewig Unrecht, und wenn man die Schrift vom Himmel brächte. * Wer die Regel des Rechts nicht in sich trägt, findet von außen wenig Leitung. * An der Grenze dieses und des vorigen Jahrhunderts war der Kampf um philosophisch-politische Vernunft. Die ganze Ausbeute dieses Kampfes hat Bonaparte nicht ganz vertilgen können; aber die besseren Fortschritte hat er vielleicht auf Jahrhunderte gehemmt. Unsere Fürsten sind zu furchtsam und selbstsüchtig und nicht edel stolz genug, um den Grundbegriff der ursprünglichen allgemeinen Gerechtigkeit im Staate aufzustellen. Und doch nur dieses allein kann physisch, mathematisch, psychologisch, moralisch die größte Stärke geben. * Wir sind zu sehr geneigt, in allgemeinen Völkerverhältnissen unsere Neigung und unsern Widerwillen von Allen auf Einen und von Einem auf Alle überzutragen. Wir hassen Alle, weil sie Anhänger eines Einzigen sind; und wir hassen vorzugsweise einen Einzigen, weil wir ihm das Unglück des Ganzen beimessen. * Haß und Neid müssen besseren Seelen fremd sein. Ich habe nie gehaßt und selten geliebt. Etwas Neidähnliches regte sich in mir nur beim Anblick schöner großer Handlungen, also auch nur selten. Das Gefühl war nie schmerzlich niederdrückend, also war es vielleicht mehr Eifer als Neid. * Je mehr ich von den Menschen sehe und höre, desto mehr überzeuge ich mich, daß bei ihnen keine Vernunft ist; und der vermessenste Gedanke scheint mir zu sein, daß man glaubt, der Mensch habe Vernunft im höheren Sinne. Er hat nur Kunsttrieb und Baulust und Zerstörungssucht. * Es ist nirgends mehr Haß als unter den Diminutivnatiönchen der deutschen Horden, und alle geben einander zur großen Freude der Fremden reichliche Ursache. * Wir sind nun wieder zu despotisch-aristokratischem Unsinn verdammt, und es ist schwer zu bestimmen, ob die fremde oder die einheimische Tyrannei die drückendere und unvernünftigere sein wird. Ich fürchte, die letztere ist tödtender, und die erste ist schändlicher. * On a tonjours de bonnes raisons à mal faire , hieß es ehemals im Wiener Cabinet und heißt es jetzt fast überall! * Wo der Fürst gnädig ist, ist er nie gerecht und also immer ein schlechter Fürst. Gnade gehört nur für Verbrecher und ist jedem ehrlichen Mann eine Last zum Tode. Man umnebelt und umgaunert mit dem Gespenst das Fünkchen emporkämpfende Vernunft. Ein Beweis von der tiefen Verworfenheit des Menschengeschlechts ist, daß es sich von dem Begriffe nicht losmachen kann. * »Haben Sie die Gnade!« heißt wörtlich: Ich verdiene zwar das Zuchthaus, aber Sie werden mir schon einen andern guten lucrativen Posten geben, den ich nicht verdiene. * Eine Religion, die des Menschen vorzügliche, fast einzige Hoffnung in ein anderes Leben weist, hat die Präsumtion der Gaunerei in diesem für sich. * Die größten Gegner der wahren Cultur sind die Fürsten, die Edelleute und die Gelehrten, insofern sie zu den Privilegiaten gehören; nächst diesen die meisten Buchhändler als Handlanger der Gaunerei aller Art. * Die Alten hatten die Maxime: Salus populi suprema lex esto. Bei uns heißt es, wo nur die Eupatriden Person zu sein scheinen: Nostra privilegia, et pleonectemata firmentur, stabiliantur; cetera concidant, ruant, pereant funditus. Nostrum nil interest, dummodo nos salvi simus. * Die politische Freiheit des Adels ist die Ausgeburt der Unvernunft und gerade der Gegensatz jedes liberalen Ideenganges. * Vor mehreren Jahren habe ich eine Diatribe über die Nase geschrieben, und es ist noch jetzt eine meiner gewöhnlichen unwillkürlichen Beschäftigungen, die Nasen zu belugen und zu ordnen. Den Familienstoff abgerechnet, bin ich immer noch der Meinung, daß jeder Mensch so ziemlich seine Nase selbst macht. Daher haben die Kinder fast durchaus unbestimmte Nasen. Zu der Nase, als der festen Prominenz, rechne ich zu psychologischem Behufe auch alle angrenzenden Muskelpartien, vorzüglich die Nasenwinkel und Augenwinkel und Mundwinkel, die sich sogar bis zum Kinn herabziehen. Auch die Maler nennen diese ganze Partie, wenn ich nicht irre, die Leidenschaftsmuskeln, und das mit Recht. Aber die Nase scheint vorzugsweise das Aushängeschild des herrschenden Charakters zu sein, woran Jeder ziemlich viel lesen kann, dem die Natur ein ordentliches Rhinoskop gegeben hat. Ich classificire dann mit vieler Gewißheit alle meine Nasen. Da ist die stolze Nase, die ärgerliche Nase, die eingebildete Nase, die vornehme Nase, die impertinente Nase, die tyrannische Nase, die listige Nase, die sclavische Nase, die dumme Nase, die bigotte Nase, die fromme Nase und viele andere Nasen. Zur bessern Bestimmung muß man die oben angeführten Winkel mitnehmen. Ich sehe jedes Gesicht als eine Grenzfestung der Seele an, von welcher die Nase den Cavalier und das Hornwerk macht. Vor andern zeichnen sich noch aus die vorwitzige und die geile Nase. Unschuldige Nasen oder vielmehr Näschen findet man auch; aber ich erinnere mich nie, eine vernünftige Nase gesehen zu haben. Sehr selten sind die rein schönen, ganz charakterlosen Nasen, und wo man sie trifft, gehört viele artistische Beschauung dazu, sie auch reizend zu finden. Die Vernunft scheint mit und auf dem Gesichte wenig zu thun zu haben, wie überhaupt mit dem Menschen. Das Gesicht ist der Tummelplatz der Leidenschaften. Bei Vielen ist es sehr unterhaltend, zu untersuchen, wie kommt der Mensch zu der Nase? Die besten Nasen haben im Allgemeinen die Frauen, ausgenommen die vielen verdrießlichen und spöttischen Nasen, welche den Trägerinnen nicht weniger als den Beschauern zur Last fallen. Die vernünftigsten Nasen haben noch die Lazzaroni in Neapel. Der geizigen Nase thut man zu viel Ehre, wenn man sie eine Nase nennt; sie nähert sich an Gestalt und Bewegung dem Rüssel. * Allemannen hießen wir, jetzt heißen wir füglich Alleweiber. Dafür haben wir aber viel Königlein, mehr Fürstlein und noch mehr Herrlein und das Vaterland voll Privilegia. * Die deutsche Vernunft heißt Privilegium; nun fragt sich, ob Privilegium Vernunft heißen kann. * Fast jeder Deutsche wird mit irgend einem Privilegium geboren; daher unsere Titel Hochgeboren etc. etc. etc., eine herrliche Antiphrase der gesunden Philosophie. Ist das nicht, so sorgt sein Herr Vater, ihm, sobald er aus der Kappe kommt, eins zu erwerben. Das hat er denn titulo onerose zur Last des Staats und des Menschensinnes. * Der Erfinder und Einführer des ersten Privilegiums ist gewiß ein Zwitterding zwischen Schurken und Dummkopf gewesen. * Wenn dem Menschen nicht immer etwas theuerer ist als das Leben, so ist das Leben nicht viel werth. * Die Sittenlosigkeit hat mit ihrer Eutrapelie sich so der Sprache bemächtigt, daß ein ehrlicher, unbefangener, mit den Weltlastern unbekannter Mensch fast kein Wort sprechen kann, ohne eine Zweideutigkeit zu sagen. Die größte Herrschaft usurpirt die Geschlechtsbeziehung. * Wenn in der wirklichen Welt jetzt für mich etwas Vernünftiges zu thun wäre, würde ich mich nicht mit Idealen und Geschichtsgemälden beschäftigen. Wenn ein Marathon und Salamis wäre, würde ich nicht den Herodotus lesen. * Ich habe bemerkt, daß auf den Gütern der reichsten Leute immer die schlechtesten Häuser, die verfallensten Mauern und die meisten Bettler sind. Das giebt mir ein Recht, die reichsten Leute für die seelenlosesten Menschen zu halten. * Sic volo, sic jubeo; stet pro ratione voluntas! sagte der Römer. Je le veux, et cela sera! sagt Bonaparte weit kürzer und ebenso energisch. Ich möchte wol den Weidspruch des Attila wissen. * Ich höre jetzt überall Tanzmusik. Das muß von den fremden Tarantelbissen kommen, wenn es nicht alter Bärentanz ist. Wie ein Deutscher bei dem Jammer und dem Sclavenjoch seiner Nation außer dem Zähneknirschen noch einen Ton finden kann, ist mir unbegreiflich. * Fast werde ich anfangen zu hassen, und zwar die Deutschen. Eine so empörende Weggeworfenheit hat kaum die Geschichte, als man jetzt überall findet; und am Niederträchtigsten unter Allen sind die Gelehrten. Es wäre unbegreifliche Dummheit, wenn sie nicht zu den Privilegienfischern gehörten. Hier macht die Schlechtheit die Verächtlichkeit erklärlich. Ein deutscher Gelehrter ist ein Amphibion zwischen Auster und Polypen: er schläft, langt zu, gähnt, deraisonnirt und schläft wieder ein. * Si ferro possem, facerem caderentque tyranni;       Nam nunquam huic sceleri non inimicus ero. Aurea tum pax, justitia probitasque valerent,       Almaque sanctaque lex omnibus aequa foret. Sed quia non armis, possum contendere verbo,       Vivus donec ero: littera scripta manet. * Wenn der Mensch aufhört, in irgend einem Punkte eine Tinctur von Narrheit zu haben, so ist es mit seiner Weisheit und bald auch mit seiner Existenz zu Ende. Der Himmel behüte mich also vor der absoluten Weisheit, nach der ich strebe! * Der verstorbene Lord Bristol, liederlichen Andenkens, theilte in Rom die Deutschen ein in Weintrinker und Biertrinker, mit der Bemerkung, die Weintrinker seien Schurken und die Biertrinker Dummköpfe. So viel cynische Arroganz auch in dem Urtheil liegt, muß man doch bekennen, der Mann kann durch das Studium unserer öffentlichen Verhältnisse füglich darauf geleitet worden sein. Jetzt haben wir der Weintrinker beträchtlich weniger, aber der Biertrinker beträchtlich mehr und sind also dadurch nichts gebessert. * Nulla fides pietasve viris castra sequuntur – Inter arma silent leges und dergl. sind Weidsprüche, die zwar leider ziemlich wahr, aber eben deswegen auch ein Schandfleck der menschlichen Natur und Vernunft sind. * Der jetzige Modeanzug unserer Damen giebt Ovid's Corinna sehr musterhaft, ohne Fenstergardinen und Mittagsdämmerung, vom Quales ego vidique humeros tetigique lacertos bis zur forma papillarum und dem Cetera quis nescit . * Alle Malversationen und Privilegien beruhen auf irgend einem Schein des Rechts, den die politischen Gauner nur gar zu gern für das Wesen des Rechts selbst ausgeben möchten; und bei der großen Menge von Dummköpfen gelingt es ihnen so wohl, daß die wenigen Hellsehenden nichts dagegen sagen dürfen. * Vor einigen Stunden sprach ich von einer liquiden Schurkerei nur eine Minute mit solcher Heftigkeit, daß mir das Blut schmerzlich wallend zu Kopfe stieg, und ich hätte mich gewiß um den Kopf selbst gesprochen, wenn es der Moment gewesen wäre. Das giebt mir einiges Zutrauen zu meiner moralischen Natur. * Plutarch wäre für seine politischen Vorschriften πολιτιχα παραγγελματα zu Themistokles' Zeiten wahrscheinlich verwiesen worden. Für sein Zeitalter waren sie ordentlich zahmklug sehr gut, wo von griechischer Nationalität ebenso wenig mehr die Rede war als jetzt von der deutschen. Wir für uns brauchen durchaus weiter nichts als leidenden Gehorsam und blinde Resignation in die Allweisheit unserer Machthaber. Jeder andere Gedanke wird zum Verbrechen gestempelt. * Vernünftigerweise sollten alle Staatsbeförderungen von unten auf gehen, das heißt, die Bürger sollten die Magistraturen und die Krieger die Befehlshaber gesetzlich ernennen. Das wäre rechtlich und psychologisch gut. Wo es umgekehrt ist, muß man von Freiheit nicht sprechen. Von oben herab ist man nach gewöhnlicher Menschlichkeit nie weise genug, den Vortheil des Ganzen ohne Pleonexie zu wollen: Von oben herab kommen alle gute Gaben, christlich-moralisch; von oben herab kommen alle schlechten Verordnungen, pfäffisch-despotisch. * Τον δεσποτην ημιν λεγειε χρηστον; ουδεισ δεσποιησ χρηστοσ, ουδεισ χρησιοσ δεσποιησ (Ihr nennt uns den Herrscher edel? Kein Herrscher ist edel, kein Edler ist Herrscher.) * Ich habe in der Geschichte und im Leben immer gefunden, daß die Könige im Kleinen so viel Gerechtigkeit als möglich zeigen, um im Großen so wenig als möglich zu haben. * Wenn man sich nur über Völkerungerechtigkeiten und Nationalschande gehörig weggesetzt hat, so kann man sich schon trösten; denn im Ganzen wird es nicht beträchtlich schlechter und hier und da sogar wol etwas besser. * Die Kriege sind meistens Völkerinfamien, die erst durch die Friedensschlüsse recht liquid werden, oft auf einer Seite, oft auch auf beiden. * Die Menschen sind durch die täglichen Erscheinungen um sich her so an Schändlichkeiten gewöhnt, daß sie alle Augenblicke von einer künftigen Infamie mit aller Unbefangenheit als von einer Sache sprechen, die zu der sogenannten guten Ordnung der Dinge gehöre. * Die Frage des Rechts ist bei einer Königssache – denn Völkersache kann man der Wahrheit nach nicht sagen – die allerletzte, die man thut. Hat man die Möglichkeit und Sicherheit der Ausführung begriffen, so holt man zur Rechtsfrage einige Staatsrabulisten, und sogleich ist ein Haufe schlechter Autoschediasten da, die in allen Formen verworfener Syllogistik beweisen, daß der Wolf die Schafe de jure zerreißt. Richtig von den Wölfen und für die Wölfe; also auch für die Menschen, meint man. Rapinat's System, wobei man die Rechtsfrage besser ganz unerörtert läßt. * Schmeichelei ist immer verdächtiger als Tadel; denn wer sagt nicht lieber etwas Angenehmes auch ohne hinlänglichen Grund, ehe er sich überwindet, wäre es auch mit Recht, beschwerlich zu fallen? * Tadelsucht ist eine häßliche Leidenschaft in der Seele, und doch findet keine mehr Nahrung im wirklichen Leben. Jeder Blick auf die Welt beweist das Difficile est des Juvenal. * Die Philosophen mögen streiten über die Natur der Wahrheit. Für das Gute haben wir nur ein einziges haltbares Kriterion: daß es nütze; nicht zuweilen und einzeln, sondern immer und allgemein. Der Probestein des Guten ist Allgemeinheit und Dauer des Nutzens, nicht Vortheils. Der Vortheil zerstört den Nutzen. Diese Allgemeinheit nannten die Alten Eudämonie; Kant nennt sie allgemeine Harmonie. Dieser Probestein ist auch zugleich der Bestimmungsgrund. Kalte Vernunft kann Regel, aber nie Bestimmungsgrund werden. Wenn das Gute aufhört zu nützen, hört es auf gut zu sein; seine Natur ist, daß es nütze. Eine That kann mir den Tod bringen, aber ihr Beweggrund, allgemein und immer befolgt, würde allgemeinen Segen schaffen; folglich ist die That gut. Nicht die einzelne zufällige Erscheinung, die ganze Folge nothwendiger Wirkung muß beachtet werden. Kleine Seelen ziehen ins Einzelne und werden selbstsüchtig; große tragen mit Aufopferung ins Ganze und helfen die Harmonie reiner stimmen. * Aufklärung ist richtige, volle, bestimmte Einsicht in unsere Natur, unsere Fähigkeiten und Verhältnisse, heller Begriff über unsere Rechte und Pflichten und ihren gegenseitigen Zusammenhang. Wer diese Aufklärung hemmen will, ist ganz sicher ein Gauner oder ein Dummkopf, oft auch Beides; nur zuweilen Eins mehr als das Andere. * Dem Himmel darf man Hohn sprechen, der duldet's; denn er ist groß und seiner Allmacht und Weisheit gewiß. Der Menschen Dünkel und äffische Göttlichkeit antasten, bringt Ketten und Tod; denn sie sind klein und fühlen den Ungrund ihrer Anmaßungen. Sie schützen also Thorheit mit Laster und Laster mit Verbrechen. * Selbstübewindung ist ein falscher Ausdruck, ist Täuschung; was wir in gutem Sinne so nennen, ist Selbstfassung, Selbststärkung. Ebenso ist der Ausdruck Aufopferung . Die genauere Forschung findet keine; ich bekomme immer etwas Besseres für das Geopferte; am Meisten erhält der Harmoniephilosoph für seine anscheinenden Aufopferungen. Ganz reine Aufopferung läßt sich nicht denken, oder sie wäre Thorheit. Schöne Seelen, deren Werth mehr im Empfinden als Denken besteht, sind sich des Lohns ihrer Güte am Wenigsten bewußt und genießen ihn doch noch am Reinsten. * Wenn man gegen die Eudämonie und ihre Anhänger zu Felde zieht, bleibt man immer zu sehr beim Einzelnen und Momentanen stehen, da man doch ins Allgemeine und so viel als möglich ins Ewige gehen sollte. Ist die allgemeine Harmonie etwas Anderes als die Wirkung des Guten und Vernünftigen? Und ist Wirkung und Wesen nach der Nothwendigkeit unseres Denkens nicht Eins? * Wo gemeine, schwache Menschen in Bewunderung ausbrechen und die Huldigung anfangen, da geräth der Mann von Sinn und Stärke in Mißtrauen; und wo kurzsichtige Menschen mit Unzufriedenheit zu tadeln beginnen, fängt sehr oft des Weiseren bessere Billigung an. * »Ihr Bestien wollt glücklich sein?« sagte mir einmal Heidenreich in der Hitze des Streits; »Ihr sollt nicht glücklich sein, Ihr sollt gut sein!« Er war freilich nicht glücklich; das schien mir aber daher zu kommen, weil er auch nicht sonderlich gut war. Wer stets der Ball grober abwechselnder Leidenschaften ist, kann im strengern Sinne doch wol schwerlich für gut gelten und muß zufrieden sein, wenn man ihn nur unter die Gutmüthigen zählt. * Ich höre überall von heißpatriotischen Preußen, Oestreichern, Baiern, Sachsen u. s. w., die einander in die Wette hassen; nur höre ich von keinem Deutschen. Wehe also meinem Vaterlande! In hundert Jahren sind wir wahrscheinlich, wenn das Glück sich nicht unserer Dummheit erbarmt, die erbärmliche Zwitterbrut der Elsasser, Lothringer und Kurländer und Livländer, die ihre alte Nationalität verloren haben und keine neue finden können. * Unser Zeitalter ist eine Kette von öffentlichen Infamien, die Niemand empören. Ein Beweis, daß das Zeitalter die Infamie selbst ist. * Sachsens Acquisition in Polen betrachte ich politisch als den Gewinn eines jungen Spielers. Er kann ihn leicht zum Verderben führen. * Rußland hat von seinem Bundesgenossen gewonnen. Wenn kein Geheimniß, wie ich hoffe, darunter ist, so bezeichnet dieses hinlänglich seine Schändlichkeit oder seine dienstbare Ohnmacht. * Wer mit einem guten Gedanken stirbt, ist immer glücklicher, als wer als Sieger über ein Schlachtfeld zieht. * Hätte man Cajeta gehalten, von Cajeta aus hätte das Heil für Italien kommen können. Hält man Stralsund, von Stralsund aus kann das Heil für Deutschland wiederkehren. (Ich spreche nur politisch.) * So lange die Engländer einen Fußbreit Landes auf dem Continent von Europa haben, ist keine Hoffnung zu einem leidlich dauerhaften Frieden. * Nun sind endlich die Deutschen politisch aus ihrer zwitterhaften Existenz heraus in die entschiedene Nullität gekommen. * Die gefühllosesten Klötze für Nationalehre und Nationalschande sind die deutschen Gelehrten; davon überzeuge ich mich täglich mehr. * Die Griechen waren immer nur Spartaner, Athenienser u. s. w. Was sind sie nun? Die Deutschen scheinen blos den griechischen Buchstaben zu studiren. Sie sind Partikelkrämer; darüber geht das Ganze zu Grunde. * Für den besten griechischen Politiker halte ich den Aristophanes. Er mußte aber frivol sein, und so ging er in der Frivolität der Nation verloren. * Wer nicht seines guten Gedankenganges sehr gewiß ist, der wird bei dem Anblick auf die öffentliche Welt gleichgiltig, nicht allein gegen Leben und Tod, sondern auch gegen Tugend und Laster. * Unsere Zeit ist ein blutig praktischer Commentar über die Erbärmlichkeit des Fürstenwesens; aber die Erbärmlichkeit des Fürstenwesens kann ihn nicht begreifen. * In Leipzig in den alten Substructionen der alten Pleißenburg, auf welcher die Sternwarte steht, hausen eine große Menge Nachteulen, die links und rechts bis an meine Fenster eine gräulich schöne Musik machen. Ausgezeichnet lärmend war ihr Gekrächz auf und ab durch die Allee an den Abenden, wo Ehrhardt und Comp. Bonaparte in den Orion hineinflickten. Ob wol Minervens Vögel die politischen, martialischen und literarischen Heldenthaten feierten oder mit Angst von den Erscheinungen wegflatterten? * Es sind jetzt zwei große Räubernationen, die Franzosen zu Lande, die Engländer zur See; und die eine giebt immer der andern ihr Verfahren Schuld, das heißt, sie braucht es zum Deckmantel ihrer Rechtsverachtung. Diese Nationen haben doch wenigstens das Gute, daß sie ihre Kräfte brauchen. Bei den übrigen ist von Klugheit ebenso wenig die Rede als von Vernunft; und höchst wahrscheinlich wären sie noch schlimmer, wenn sie die Kraft hätten. * Die Dänen haben sich einrangirt in die Reihe der Nichtdenkenden. Denn so etwas wie die englische Expedition mußte durchaus vorauszusehen sein. Und ihre nachdrückliche Erklärung vor zehn Monaten für die Engländer oder die Alliirten hätte die Katastrophe ändern können, oder für die Franzosen hätte sie auf eine andere Art wenigstens eine Zeit lang sichergestellt. Sie haben das Schlimmste gethan und sind nun auf beiden Seiten verloren, entweder von dieser oder von jener. Deutschland ist durch seine alte und neue Schwachheit ganz Nullität. * Wer frei und wahr denken will, sei allein, oder er hoffe nichts und fürchte nichts; denn für ihn sind der Dolch, der Giftbecher, die Bastille in hundert Gestalten, alten und neuen, von Potosi bis nach Kolivan. * Den Ruhm soll der Weise verachten, aber nicht die Ehre. Nur selten ist Ehre, wo Ruhm ist, und fast noch seltener Ruhm, wo Ehre ist. * Die schöne Stunde der griechischen Dichtung . In Salamis zum hohen Feste kränzte Der Sieger Aeschylus im Chore sich das Haar, Und Sophokles, der Opferknabe, glänzte In dem Triumphtanz am Altar; Da brachte froh die freundlichste der Horen Die schöne Kunde noch mit vollem Flügelschlag, Euripides, der Liebling, sei geboren: Dies war der Dichter Strahlentag. Der ganze Unterschied zwischen einem reinen Republikaner und einem reinen Despoten ist, daß der Erste die Menschen als weise und gut, der Andere aber sie als schlecht und dumm annimmt. Die Erfahrung giebt dem Letztern öfter Recht als dem Ersten. Was nicht ist, sucht Jeder in seinem Sinne zu machen; und es glückt wieder dem Letzten besser. * Gewisse Dinge glaube ich sogleich, wenn ich sie höre, so sehr haben sie den Stempel der Wahrheit; gewisse Dinge, wenn ich sie sehe; gewisse Dinge muß ich sehen und hören, um sie zu glauben; und gewisse Dinge glaube ich nicht, wenn ich sie auch sehe und höre. * Die Privilegienkrämer müssen ein Privilegium vom Himmel haben, dumm oder schlecht zu sein: zuweilen sind sie Beides sine clausula . * Daß die deutschen Fürsten zu regieren aufhören, ist eben kein Unglück für die Nation; aber daß die französischen anfangen, kann eins werden, wenn sich die Nation nicht furchtbar auf Schildwache setzt, welches sie, wie ich fürchte,– – nicht thun wird. * Wer zwei Pferde vor dem Wagen lenken kann, kann nicht auch viere lenken, und ein guter Bürgermeister in Harburg ist deswegen nicht auch ein guter Bürgermeister in der Stadt jenseits des Flusses, et sic porro . * Die meisten Leidenschaften scheuen den Tag und sind schon gefährlich genug; aber furchtbar verheerend sind die, die in der Finsterniß geboren werden und sich am Sonnenlicht nähren: Ruhmsucht und Herrschsucht. * Es ist eine gewöhnliche Narrheit der sogenannten bessern Gesellschaft, das Gemeine für schlecht zu halten. Wo das Gemeine verachtet wird, wird das Gute nie gemein werden, welches doch der Endzweck jeder bessern Cultur ist. Bei dieser Gesinnung findet kein Gemeingeist statt; die Folge davon fühlen wir bis zur gemeinen Schändlichkeit der Nation. Blos der gemeine Mann hat noch etwas richtigen Tact der Sache. Wenn er einen wackern Patrioten bezeichnen will, sagt er wol: »Der Herr ist sehr gemein.« * Die Pfaffen haben die Erbsünde geschaffen, und der Adel verewigt sie; die Despotie verewigt Alles zusammen. * Der Staat sollte vorzüglich nur für die Aermeren sorgen, die Reichen sorgen leider nur zu sehr für sich selbst. * Die Deutschen sind immer nur Barbaren und Halbbarbaren gewesen, haben sich nie zu allgemeiner Gerechtigkeit und Freiheit, nie zur Einheit des Vaterlandes erhoben. Die Kaiser haben die Verbrechen begangen, die Heiligthümer der Nation an Einzelne zu vergeuden und dadurch die Spaltung zu verewigen. Die größten Thoren sind die deutschen Weisheitskrämer, die Publicisten, welche die Documente unseres Nationalunsinns, die Goldene Bulle, den Westphälischen Frieden, die Wahlcapitulation etc. etc., lobpreisend posaunen. Alles dieses hat endlich die Nation in die jetzige Schande gestürzt. * Deutschland wäre zu retten durch eine verbesserte Lykurgische Legislative, wenn nur die deutschen Fürsten sich zur Vernunft erheben könnten. Jeder hütet nur die Jämmerlichkeit seines ohnmächtigen Firlefanzes von Hoheit. Sie sind alle zu klein, um Bürgersinn zu haben. * Die Bedingung der Vaterlandsliebe ist Freiheit und Gerechtigkeit. Von beiden ist in unfern europäischen Staaten nur das Minimum; die Vaterlandsliebe kann also leicht berechnet werden. Die Vaterlandsliebe der Privilegiaten ist der kochende Grimm wilder Thiere, mit welchem sie über ihren Raub wachen. * Die Deutschen haben bei jeder Gelegenheit einen sehr gewöhnlichen Ausdruck: »Das kann ich gar nicht leiden!« und doch ist nichts Schlechtes, Vernunftwidriges, Dummes und Niederträchtiges, was seit fünfhundert Jahren und besonders in der letzten Zeit die Deutschen von innen und außen nicht gelitten hätten. * Abendlied . (Nach einer alten bekannten Melodie.) Was quäl' ich mich, wie es dort draußen steht, Wenn's leidlich nur von innen geht? Und was kümmert's mich, was man am Jaik befiehlt? Stehlen wird man immer, gleichviel, wie man stiehlt! Rechtlich und vernünftig Bleiben ewig künftig, Und man würfelt mit dem Augenblicke. Als Jüngling war ich plötzlich Flamm' und Gluth; Doch legt sich nach und nach das Blut. Wen bei jeder Schurkerei ein Aerger trifft, Wird umsonst am Ende lauter Gall' und Gift; Und die Gauner glotzen Hämischer und trotzen Zähnefletschend nur mit Hohngelächter. Was will denn ich Ephemeridending, Da mancher Staat zu Grunde ging? Daß man mir zuweilen Lieb' und Freundschaft log. Nimmt mich's Wunder, da wo man so viel betrog? Wo uns nur Harpyen Um den Schädel ziehen, Von dem Indus bis zum Oronoco? Wer wagt es hier und will vernünftig sein? Der wag' es auch und steh' allein! Wem der Göttin milder Himmelsblick gefällt, Suchet sie umsonst bei uns auf dieser Welt; Denn vor jedem Fenster Lauern Spottgespenster, Die am Mittag wie im Finstern schleichen. Wer hoffnungsvoll noch in das Leben tritt. Der firlefanze blindlings mit! Maß er sich auf seiner ebnen Bahn ein Ziel, Denk' er lieber stets zu wenig als zu viel, Helfe zu dem Reigen Dideldumdum geigen; Und es dreht sich Alles in der Schnurre. Mein Lauf ist bald barock genug vollbracht. Bald schlägt's vielleicht mir Gute Nacht; Um die Schläfe wird auch schon das Haar mir weiß, Gar nicht lange dauert's mehr, so bin ich Greis; Dann kommt mit der Sichel Hain und mäht den Michel Und bugsirt ihn hinter die Gardine. Bruchstück einer Predigt, gehalten in Knauthain. – – – – Unserm Gedächtnisse stellen sich die Jahre unserer Kindheit mit doppeltem Vergnügen dar. Gedenken wir nicht der Stunde mit neuer Freude, wo wir als Knaben lernbegierig in die Schule wandelten und da die ersten Grundsätze der Rechtschaffenheit, der Religion und der christlichen Wahrheiten hörten? Jede Stufe des Lebens bringt mit jeder Veränderung des Jahres dem Tugendhaften nur Gelegenheit, sich zu freuen und die Vaterliebe seines Schöpfers zu preisen. Das Spiel des Knaben und die ernstvolle Versammlung der Alten sind gleich große Wohlthaten für beide. Der blumenreiche Frühling und der beeiste Winter laden Jünglinge und Greise, jeden zu ihren besondern Geschenken ein, und Sommer und Herbst, mit Früchten und Segen beladen, rufen mit lauter Stimme zu ihrem Vorrath. Arbeit ist Wohlthat, und Schweiß ist Segen, und unglücklich und bedauernswürdig wäre Der, welcher wünschen könnte, ohne Geschäfte zu sein. Ihn würden gesunde Speisen ekeln, und die balsamische Ruhe würde von seinen Augenlidern entfliehen. Wenn des Landmanns nerviger Arm die Mühe des Tages besiegt, wenn seine Arbeit verrichtet, sein Werk vollendet ist und seine Erholungsstunde sich nahet, fühlt gewiß kein Fürst im Palaste so angenehm, so süß, was Ruhe und Schlummer ist, als er auf seiner Rasenbank. Dann genießet er sein ländliches Mahl mit mehr Heiterkeit und Geschmack als Jener seine herrlichen, köstlichen Gerichte und fremden Getränke. Ein Jeder frage in seiner Lage seine Seele und sein Gewissen: waren nicht der Freuden viel, unendlich viel, die er in jedem Zeitpunkte seines Lebens genossen? Und ein Jeder wird freiwillig gestehen: »Deine Gnade reicht, so weit der Himmel ist, und Deine Barmherzigkeit, soweit die Wolken gehen.« Und diese Wohlthaten, diese Freuden, waren sie unser? War's unsere eigene Macht, die sie uns verschaffte? Waren sie unser Verdienst? Oder hatten wir selbst nur die Kraft, die Fähigkeit, sie zu schmecken und zu empfinden? Kühner, verwegener Gedanke eines Menschen, der Erde und Staub und ein Wurm vor dem Schöpfer ist! Gottes Hand überschüttet uns mit Gütern wie mit einem Strom; seine Milde streute über unsre Fluren Segen und Wohlthat; sie gab uns Stärke, diese Geschenke als Geschenke zu genießen; sie schuf uns alle Vortheile des geselligen Lebens, die Glückseligkeit der Freundschaft und jeder angenehmen Verbindung. Durch sie leben und weben und sind wir; und wo ist der Undankbare, den dieses nicht mit frohem Entzücken erfüllen, nicht zu einer lebhaften, gerührten Ergebung zu Gott, zu einer tiefen Erkenntlichkeit gegen die belebende Güte des Allvaters auffordern sollte? Meine Freunde, laßt uns das genossene Glück durch die wiederholte dankbare Erinnerung noch einmal genießen! Laßt uns in herrlichen Lobgesängen die Größe des Gebers, seine Erhabenheit, seine Gnade und Vorsehung preisen und fest hoffen, daß Der, dessen Zärtlichkeit für seine Kinder bisher die Pfade unsers Lebens hoch, liebreich mit Blumen bestreute, auch in Zukunft Freuden die Fülle und reiche Güter in seinem Schooß für uns haben werde! Dies ist unsere Pflicht, dies ist unser Vortheil. Aber nicht immer schien die Sonne, nicht immer wandelten wir im Frühlinge, und nicht immer schwebten Ruhe und Zufriedenheit und stille Glückseligkeit um unser Haupt. Oft thürmte sich ein Wetter um unsern Scheitel und drohte einen fürchterlichen Ausbruch. Wir standen voll Angst und banger Erwartung; niedergeschlagen und muthlos sah unser Blick, nach Rettung gerichtet. Trauer und Betrübniß bemächtigte sich unserer Seele. Die Hand des Schicksals lag schwer auf uns, und fast erlag unser zagendes Herz unter seiner harten Last, fast erdrückte uns die Schwere. Ein Strahl der Hoffnung hielt uns noch aufrecht; nur noch das anhaltende Vertrauen auf die Vorsehung und ihre weise Schickung schützte uns vor Murren und Verzweiflung. Unsere Augen sahen keine Aussicht, unsere Klugheit keine Mittel, unsere Sündhaftigkeit keine Stütze. Wir glaubten verloren zu sein, als nach Furcht und Beben, gleich der Morgenröte nach einer Gewitternacht, der Vorsicht Wege sich öffneten. Wer von uns hat nicht schon sein Theil Leiden getragen? Diesen warf eine harte Krankheit auf sein Lager; er seufzte trostlos nach Arznei und Rettung; kraftlos hingen seine matten Glieder wie eine Last an seinem Körper; langwieriger Schmerz schlich sich durch seine innersten Adern; Todtenblässe umzog sein Antlitz, und das Grab öffnete schon seinen gierigen Schlund, seine gehoffte Beute zu verzehren. Da kam die Hand des Herrn und heilete den Geschlagenen, zog ihn zurück aus den Armen des Todes. Jenen drückte der Mangel, und Armuth hatte sich um seine zerfallene Hütte gelagert, Hunger und Blöße schienen ihm und seiner Familie zu drohen; aber die Huld des ewigen Erbarmers schüttete aus ihrem Reichthum Segen und Sättigung über ihn und machte ihn froh, da seine Seele nicht hoffte. Diesen verfolgten seine Feinde und suchten mit Macht und Unterdrückung, mit List und Ränken ihn zu Boden zu stoßen; aber Gottes Rechte hielt ihn fest, stellte ihn wie auf einen Fels und schützte seine Unschuld zum Spott seiner Verfolger. Wer von uns mußte nicht bei mannichfaltigen Fällen bekennen: »Herr, Deine Hand errettete mein Leben,« und dann ausrufen: »darum danket Dir meine Seele«? Gott bleibt immer Vater, gleich gütig und weise, wenn er seine Kinder erfreut, und wenn er sie durch die Proben der Leiden prüft. Er weiß unser Bestes und wünscht unser Glück, und mit Gelassenheit müssen wir uns unter seinen Willen beugen und ihn dankbar verehren. Aber waren nicht viele Leiden, viele Trübsale eine unfehlbare Folge unserer Fehler und unserer Unachtsamkeit? Stürzten nicht oft Leichtsinn und Leidenschaft uns in Umstände, die die gefährlichsten Wirkungen für unser ganzes Glück haben konnten? Manche, sehr Viele wird ihr Gewissen zwingen, ein ähnliches Bekenntniß abzulegen. Waren dies nicht Leiden, die wir verdient hatten? Wenn es also unsere Pflicht ist, der Vorsicht den reinsten Dank zu opfern, die uns aus dieser Angst befreite, so ist es auch unsere Pflicht, unser jetziges Verhalten genau zu untersuchen, von vergangenen Fehlern Klugheit und von ehemaliger Thorheit Weisheit zu lernen, die uns fähig machen, künftige Irrwege zu vermeiden und vielen Gefahren, die dieselbe begleiten, zu entgehen. Wenn wir aber das Schicksal verflossener Tage mit dankbarer Segnung der Seele wieder darstellen; wenn wir darin allezeit die Weisheit entdecken; wenn wir bei jeder Gelegenheit bekennen müssen, der Herr hat Alles wohl gemacht: so wird uns diese Betrachtung zu einem desto festern Vertrauen auf die Zukunft erheben und uns der Ungewißheit unsers Glücks oder Unglücks mit ruhigem Herzen entgegensehen lassen. Der Gott, denkt dann der Geist, der die Tage des Menschen nach seinem Wohlgefallen abzählt, dessen Hand mich bisher beständig die besten Wege nach seiner Weisheit geführt hat, der mein Vater noch war, auch wenn ich fehlte, der mich zurückzog, wenn der Betrug meiner Leidenschaft mich tief auf die Pfade des Irrthums geführt hatte, der Gott wird auch ferner mit seiner Weisheit mein Loos mir bestimmen und als Vater für das Glück seines Kindes sorgen. – Und mit welcher Empfindung stehe ich heute hier an dieser heiligen Stelle, vor der Versammlung des Herrn, vor dem Angesicht seiner Majestät! Meine Gefühle drängen sich in diesem Augenblicke zusammen und füllen meine Seele mit gerührtem Dank. Meine Kindheit, meine Knabenjahre, meine grüne Jugend, jeder Auftritt derselben schwebt mit neuer, lebhafter Erinnerung vor meinem Geiste. Jenes Schulhaus, wo ich die ersten Begriffe von Tugend und Religion hörte und anfing, mich zum künftigen Menschen und Christen zu bilden; jenes Chor, wo meine schwache Zunge mit in die Lobgesänge der Gemeine, dem Herrn ein angenehmes Opfer, stammelte; diese Stelle, auf welcher ich als Knabe die eingesammelten Lehren in öffentlichen Prüfungen bekannte, von der aus reiner Quelle der Offenbarung heilsame Schätze in mein junges Herz sich ergossen; jener Altar, an dem ich den Bund der Bruderliebe schwor; die ganze Gegend, wo meine Jugend in unschuldigen Freuden hinschwand; Alles, Alles, die ganze Vergangenheit steht vor mir und fordert mich auf, mit dankdurchdrungener Seele das Bekenntniß zu thun: Herr, Deine Wohlthaten sind ohne Maß. Dieser Ort ist mir heilig, diese Versammlung ehrwürdig. Ich sehe hier die Gefährten meiner frühesten Jahre, meine ersten Schulfreunde, die ganze Gemeine, vor der ich als Knabe stand, die Lehrer meiner Jugend, und auch ihn, den großmüthigen Menschenfreund, von dessen Güte Viele, von dessen Gnade besonders auch ich die ersten Aufmunterungen eines jugendlichen Fleißes erhalten habe, dessen wohlthätige, dessen edelmüthige Theilnehmung meinem Loose eine Wendung gab, die mich der angenehmsten Zukunft entgegensehen ließ. Freude, Ehrfurcht und Dankbarkeit durchströmen heute feierlich meine Brust und erheben sie zum Throne des Allmächtigen. Vereiniget Euern Dank mit dem meinigen, meine Theuren, und singt Lob dem Höchsten, dessen allweise und unveränderte Regierung die Begebenheiten der Welt und eines jeden ihrer Bürger ordnet und lenket, der mit tausendfältigem Segen das Leben seiner geliebten Kinder beglückt, und der auch dann noch Wohlthäter ist, wenn die Rathschlüsse seiner Allwissenheit erfordern, sie durch Widerwärtigkeiten und Leiden zu prüfen! Vereiniget Euer Lob, Euer Gebet mit dem meinigen! O Gott, vor dem sich Erd' und Himmel beugt, Dem sich in seiner Majestät Der Cherub mit verdecktem Antlitz neigt Und tief anbetend vor Dir steht, O Gott, auch wir Geschöpfe Deiner Hand, Von Staube, Staub vor Dir, ein Nichts, Sehn hoffnungsvoll nach unserm Vaterland, Nach Deinen Wohnungen des Lichts. Du wiegst nach Deiner Weisheit festem Rath Das Schicksal Deiner Kinder ab Und blickst auf sie, o Vater, früh und spat Voll Treu' und Zärtlichkeit herab. Laß uns den weisen Schlüssen Deiner Huld Voll Gottergebenheit vertraun, Im Glück mit Dank, im Unglück mit Geduld Und mit Anbetung auf Dich schaun! Amen ! Die Impertinenzen. Dieser Aufsatz wurde zuerst veröffentlicht in der Zeitung für die elegante Welt, 1804, Nr. 151 u. 152. Das Wort Impertinenz ist wie viele andere bei Weitem nicht so schlimm, als es aussieht und als es der Schnack des sogenannten guten Tons gemacht hat; es heißt etymologisch weiter nichts als eine Sache, die nicht an ihrem rechten Orte steht; so wie das noch härtere Wort Insolenz weiter nichts bedeutet als eine Sache, die gewöhnlich nicht zu geschehen Pflegt. Wenn Jemand zu einem Andern sagt: » Vous êtes un impertinent !« muß dieser Andere ihn etwas durch die Lunge schießen oder stechen, oder er kann keine Uniform wieder anziehen und ad interim nicht sicher in einer Gesellschaft comme il faut erscheinen. Obgleich beide Wörter, Impertinenz und Insolenz , ursprünglich eben weiter nichts Schlechtes und höchstens nur einen Solöcismus des Lebens bezeichnen, so hat sie doch der Euphemismus der Gesellschaft schwer verpönt, und vielen feinen Leuten ist eine Impertinenz activ und Passiv weit schrecklicher als ein entschieden schlechter Streich. Auch wäre es leicht psychologisch zu bestimmen, warum eine Impertinenz mehr schmerzt als eine größere wirkliche Beleidigung, gegen die das Gesetz Genugthuung giebt. Man kann beide im Leben füglich als gleichbedeutend annehmen; beide beruhen auf Anmaßung und Geltendmachung falscher Vorzüge, die in den Augen der Vernünftigen durchaus kein gesellschaftliches Vorrecht geben können. Ueberhaupt ist ein gesellschaftliches Vorrecht in dem seinen Ton ein ebenso nichtiges Unding als ein politisches in dem gesunden Staatsrecht. Alles ist indessen nicht Impertinenz, was so aussieht; und es ist schon eine sehr große, Vieles ohne Fug dafür auszuschreien. Alles, was seinen vernünftigen Grund in den jedesmaligen Verhältnissen der Dinge hat, ist sehr pertinent, also gar keine Impertinenz. Die Impertinenz ist eine feinere übermüthige Beeinträchtigung des moralischen Menschen, ohne daß der rechtliche deswegen in den Gesetzen der bürgerlichen Gesellschaft eine Sicherstellung hätte. Eine Impertinenz ist also mehr und weniger als eine wirkliche Beleidigung, die eine Injurienklage rechtlich macht: weniger vor den Gerichtsschranken, da die Absicht nicht liquid gemacht werden kann; mehr als boshafte Verachtung des moralischen Menschenwerths. Impertinenz ist meistens der schlimme Charakter aufschäumender junger Leute aller Stände oder solcher Männer, deren Geist nicht aus der Jugendgährung herauskommt. Hohnneckerei und Einschneiden, um sein Uebergewicht in irgend einem Punkt zum Verdruß Anderer fühlen zu lassen, ist das Wesen der Impertinenz. Es ist also nichts ärgerlicher als diese Aeußerung und zugleich zu allen Zeiten nichts gewöhnlicher, feiner und gröber. Es ist die Pleonexie in der Gesellschaft, die im Recht so viel Zerrüttung anrichtet. Jede Lage des Lebens und jeder sogenannte Vorzug haben eine eigene Impertinenz, die in der täglichen Gesellschaft manchen vernünftigen Genuß stört. Zu meiner eigenen Epanorthose und vielleicht zum Behuf Anderer, die mit mir zu epanorthosiren Lust haben, will ich mir die Freiheit nehmen, einige dieser Impertinenzen aufzuzählen, zu untersuchen und dadurch vielleicht etwas zur Abstellung derselben beizutragen. Eine der gewöhnlichsten Impertinenzen ist wie bekannt die Impertinenz des Geldes . Diese ist eine der erträglichsten, weil sie meistens eine der gröbsten und dümmsten ist; denn Grobheit und Dummheit verschmerzt man immer an Andern am Ersten. Diese Impertinenz ist indessen nicht übel auf die fast allgemeine Feilheit der Menschen für Geld berechnet und kann, wenn sie nur etwas mit Schonung betrieben wird, sehr weit gehen, ohne ihr eigenthümliches Angesicht zu zeigen. Sie hat zuweilen sogar noch den Blick der Gutmüthigkeit, und man vergiebt es noch allenfalls einem reichen Manne, wenn er geschmacklos prächtig bewirthet und einem armen Teufel empfindlich bemerklich macht, daß man nur bei ihm so köstliche Weine, so gute Capern und so herrlichen Caviar finden könne, er solle sich also ohne Umstände gütlich thun. Freilich zieht sich ein etwas feinerer Mann sehr bald von einem solchen Tische zurück, wo er dergleichen Bemerkungen geflissentlich wiederholt hört, und sollte er auch zu Hause sich seine Kartoffeln selbst kochen. Aber sehr ärgerlich kann diese Impertinenz werden, wenn sie mit einem aufgeschossenen Glückspilz oder einem reichen Erben auf dem Fußstege der Chaussee reitet oder im prächtigen Wagen um die Ecken der Stadtstraßen jagt. Da die Polizei gewöhnlich sehr wenig gehörige Notiz von dieser Ungebühr zu nehmen Pflegt, so ist das Pertinenteste, immer einen tüchtigen Knotenstock oder eine wichtige Knotenpeitsche zu führen, um sein einfaches Knochensystem gegen das zusammengesetzte dieser Impertinenz zu sichern. Virginitate rapta Praetor non potest dare restitutionem in integrum ; Man rechnet darauf, daß der Gemahl oder Hausfreund diese Worte der wißbegierigen Dame verständlich machen wird. das gilt auch, wenn ein Bein entzwei gefahren ist. Die Fußgänger verdienen ans dem sehr einfachen rechtlichen Grunde mehr Beachtung, weil sie sich verhalten wie 100 zu 1, und weil, wenn man es gründlich untersucht, eigentlich meistens die Fußgänger den Wagen ziehen und auf dem Gaule sitzen helfen. Die traurigsten Opfer dieser Geldimpertinenz sind die armen Handwerksleute, die man für die Kundschaft von einigen Goldstücken das ganze Jahr mit der gewissenlosesten Herabwürdigung behandelt. Weit empfindlicher ist die Impertinenz des feinen Tons und des vornehmen Wesens . Diese sitzt für den geübten Bemerker meistens auf der Nase, am Mundwinkel, auf der Hutstülpe, in dem in die Halskrause begrabenen Kinne und in hundert andern Schattirungen der Personalität. Oft trifft man sie mit der vorigen zusammen sublimirt, und dann wird sie ein eignes Gemisch hervortretender anmaßlicher Geckerei. Sie füttert sich mit Modejournalen, weiß die Galatage, die neuen Schnitte, die geheimen Anekdoten, die Theatergeschichten, die feinern und geübtern Scandale und jeden Artikel des comme il faut an der Seine, der Themse, der Newa, der Spree und der Wien und macht daraus ein kleinstädtisches lächerliches Gemengsel. Dazu gehört nicht selten, daß die Muttersprache absichtlich geradbrecht und der halbfremde Schnack recht schnarrend vornehm durch die Nasengänge hervorgeschnürt wird. Wer den letzten Ball nicht kennt, keinen neuen Frack trägt, das letzte Vaudeville nicht weiß, keine Charade dreht und nicht mit der Schönheit des Tages getanzt oder doch wenigstens gesprochen hat, ist bei den Herren dieser Gilde ein jämmerlicher Wicht und wenig mehr als ein Hurone, der sehr zufrieden sein muß, wenn man ihn nur gar nicht bemerkt. Weniger beleidigend, aber etwas abgeschmackter und lächerlicher ist die Impertinenz der Gelehrsamkeit . Es ist wol sehr ausgemacht, daß viele Gelehrte weit gescheiter sein würden, wenn sie nicht so viel Schule hätten; und Gelehrsamkeit ist oft gerade das Gegentheil von Verstand und Vernunft. Gelehrte Impertinenz ist etwas mehr als Pedanterei. Letztere ist meistens sehr gutmüthig, erstere fast immer nur ein frivoler Ausbruch des innern Juckens in einem halbgebildeten Gehirn, das übelgesammelte Galimathias aus Plato, Aristoteles und Consorten Leuten aufzutischen, die es entweder nicht brauchen können oder es besser wissen. Diese Impertinenz ist nicht selten sehr spruchreich aus den Alten und schleudert den classischen Donner anathematisch um sich her. Carcioma et stipes et fungus et si quid vilius istis , sind die Floskeln, mit denen sie einen Mann überstreuen, der sich vermessen hat, hie und da einige Midasohren mehr zu sehen, als in der Fabel stehen. Besonders ist einer Classe Philosophen Jeder ein hebes et obtussum ingenium , ein gemeiner Flachkopf, der die schibolethische Weisheit ihrer Quidditäten nicht ehrfurchtsvoll anstaunt und es wol gar wagt, sie in die kleine Dose Menschenverstandes durch die Sprache des gewöhnlichen Lebens aufzulösen. Zum Glück bekümmert sich um diese Art Impertinenz selten ein Mann, der den Schulstaub etwas abgeschüttelt hat, und sie findet sich jetzt auch in Journalen nur noch selten, da sie der einen Hälfte zu viel Aufwand kostet und die andere sie nur selten versteht. Eine bittrere Impertinenz aber ist die Impertinenz des Witzes . Wenn Geld und hoher Ton, etwas Kenntnisse und vieler Witz ohne Gutmütigkeit zusammentreffen, welches wol zuweilen der Fall ist, entsteht daraus die impertinenteste Mischung zu einer wahren Seelenpest. Nichts ist schneidender als der Witz aus dem Kopfe eines lieblosen Spötters, wo er nicht selten wohnt. Je boshafter der Witz ist, desto ächter ist er meistens; denn desto entfernter und auffallender sind die Aehnlichkeiten, die er zusammenbringt. Nichts ist bekanntlich angenehmer und gefährlicher für alle Parteien als Witz; und es ist sehr schwer, daß ein Witzbold nicht bald impertinent oder gar unverschämt werden sollte. Hierher gehört aber keineswegs, wenn ein scharfsinniger Kopf sich mit sarkastischen Lakonismen für feinere boshafte Mißhandlungen rächt, gegen welche das geschriebene Gesetz keine Züchtigung hat bestimmen können. Die französischen Spießbürger hatten Piron etwas abderitisch beleidigt; er ging also in ihrer Gegend umher und schlug mit seinem Rohr allen Disteln die Köpfe herunter: » Je Leur coupe les vivres «, sagte er skeptisch, als man ihn um die Meinung seiner Beschäftigung fragte. Als allgemeine Strafe ist die Sentenz freilich nicht ganz ohne alle ungerechte Anmaßlichkeit; aber sie ging mit gerechtem Unwillen aus der Seele des Dichters hervor, wenn man anders Piron dafür gelten lassen will. Die Krankheit des Witzes ist der Kitzel; auf diesen folgt das Lachen, erst in der Seele des Urhebers selbst, dann bei den Hörern, wenn der Witz Sterling war. Aber eben dieser Kitzel bleibt selten in den Schranken schöner moralischer Schonung und kennt keinen Zügel mehr, wenn er einmal wie Phaëthon's Rosse den Sprung gewonnen hat. Er thut desto weher, da er meistens nur kleine Menschlichkeiten und Lieblingsschwachheiten trifft, die selten großen Einfluß auf das Leben haben. Verbrechen und Laster können nie blutig genug gegeißelt werden und fordern etwas mehr als Witz; für sie gehört Juvenalischer Zorn mit ewig tief brennender Beize. Eine vorzüglich bösartige Impertinenz ist die Impertinenz der Würde , oder vielmehr des Amts. Man möchte freilich mit dem Amte sogleich auch gern Würde geben; es gelingt aber selten, und man hat dadurch das Wort nur mehrdeutig gemacht. Die Römer müssen bei aller ihrer Verworfenheit nie so frivol gewesen sein; denn ihr dignitas ist nie in einem zweideutigen Sinne gebraucht worden. Shakespeare's Hamlet zählt in seinem Selbstgespräch die Mißhandlungen von Leuten in der Würde ( the insults of office ) zu den Qualen des Lebens, in denen nur die Ungewißheit der Zukunft die ausgestreckte Hand von dem spitzigen Instrument zurückzieht. Es ist leicht zu begreifen, daß ein Mann durch wiederholte Verdrießlichkeiten vielleicht ein sogenanntes Amtsgesicht erhält, das etwas Murrsinn auf der Stirne trägt; aber nur Halbbildung und Rohheit in den ersten Rechtsbegriffen kann das Unangenehme der Unterordnung härter machen, als es nach der Nothwendigkeit der Sache ist. Mit ihr verwandt und in sie verschmolzen ist die Impertinenz der Macht ; die sich oft weiter nicht viel um alten rechtlichen Anstand bekümmert, dictatorisch auf Büttel, Stock und Bajonnettspitze hinweist und die hirnlose Willkür jeder liberalen Rechtserörterung unterschiebt und noch glaubt, viel gethan zu haben, wenn sie das Ordnung nennt. Zur Ehre der bessern Menschheit muß man indessen doch bekennen, daß man diese letzten beiden Impertinenzen mehr bei Subalternen im Civil und Militär als bei Höheren antrifft. Der Corporal ist meistens willkürlicher als der General, und der Kanzelist schneidender und absprechender als der Minister. Das mag seine psychologischen Gründe haben, die man leicht auffinden könnte. Doch will ich nicht sagen, daß nicht zuweilen das Gegentheil eintrete. »Warum haben Sie das Schmähgedicht gemacht?« fragte der französische Großvezier den armen Wicht von Dichter. »Ich muß doch leben,« erwiderte der Schuldige »Je n'en vois pas la nécessité«, war die gräßliche Antwort. So schlecht auch die Rechtfertigung des Beleidigers war, so bin ich doch schon durch diesen einzigen Ausspruch des Ministers geneigt zu glauben, er konnte nicht genug mit beißiger Lauge begossen werden. Ein treffenderes Beispiel der Impertinenz des Amts und der Macht hat vielleicht die Geschichte nicht aufzuweisen; denn der Hirschtransport und die Verordnung »Hier soll das Volk rufen: Es lebe!« sind schöne Mäßigung dagegen. Blos die römische Geschichte hat einige noch empörendere Vorfälle unter den Kaisern; aber in Allem, was in Recht und Vernunft widersprechend ist, sind nun einmal Römer und Römlinge Koryphäen. Hiermit schließe ich meine Impertinenzen; nicht als ob es nicht viel mehrere, feinere und gröbere gäbe, die man in hundert Färbungen alle Tage im Leben sieht, auf Börsen und in Rathshallen, in Vorzimmern und auf Exercirplätzen, auf Bällen und auf Marktplätzen. Durch Impertinenz des Witzes und des sogenannten guten Tons zeichnen sich vorzüglich die Franzosen aus; jetzt kommt noch die Macht hinzu. Die Russen stehen ihnen in beiden nicht sehr nach. Versteht sich, daß dieses nur viele Individuen trifft und die Nation nur insofern, als ein solches Individuum in wichtigen Geschäften einen Theil derselben mit sich zieht. Die Engländer sind das Prototyp der Impertinenz des Geldes und der Macht in Allem, was Seewesen und Handel betrifft; sonst sind sie leidlich bescheiden. Wir Deutsche haben zu wenig Feuer, um uns durch irgend eine Art Impertinenz vorzüglich auszuzeichnen, ausgenommen vielleicht in der schwerfälligen Impertinenz des Geldes und der Gelehrsamkeit. Die Periode der Adelsimpertinenz ist ziemlich vorbei, doch vielleicht nicht ohne Rückkehr. Verstand, Gerechtigkeit und Vernunft, oder mit einem Worte, Weisheit, können nicht als impertinent gedacht werden, sondern es ist ihre Natur, daß sie überall an ihrem Orte stehen; oder sie widersprechen sich selbst und sind also nicht mehr, wofür man sie gelten lassen will. Eben aus ihrer Entstellung entsteht nach und nach die Impertinenz. Gerechtigkeit muß erscheinen als Gesetz; das Gesetz ist oft einseitig oder wol gar falsch; also erzeugt seine Anwendung und Handhabung Druck der Einzelnen zum Vortheil der Einzelnen. Dieser, mit Uebermuth verfolgt, giebt die furchtbarste Höhnung der Gerechtigkeit selbst. Die übrigen Arten Impertinenzen wird jeder Verständige in seinem Gesichtskreise leicht auffinden, und wir wollen wünschen und hoffen, daß er sie seinerseits mit bekämpfen und entfernen helfen wird. Eine der vorzüglichsten Ursachen, warum wir wol immer mit vielen Impertinenzen heimgesucht bleiben dürften, ist, weil sie den Weibern und Mädchen fast ohne Ausnahme gefallen, wenn sie selbst nur nicht zu sehr darunter leiden. Der Grund davon ist wol, weil jede Impertinenz einen hohen Grad von physisch üppiger Lebendigkeit und von Geistesübermuth voraussetzt; zwei Dinge, wodurch man, nach den wesentlichen Vorzügen des Geldes und der rhythmischen Nase nebst Zubehör, immer am Sichersten Credit bei dem Geschlecht gewinnt. Freilich hält das nicht sonderlich lange, aber auf Dauer wird hier nicht gerechnet. Schon ein ziemlich alter Engländer sagt psychologisch: »Every woman loves at heart a rake.« Ich habe mich also vielleicht unwillkürlich bei den Damen verwahrt, wenn ich – auch mit einer ziemlich wahren Impertinenz aufhöre.