Arthur Schnitzler Der Ruf des Lebens Schauspiel in drei Akten Meinem Freunde Hermann Bahr Personen Der alte Moser Marie , seine Tochter Frau Richter , Mosers Schwägerin Katharina , ihre Tochter Doktor Schindler , Arzt Eduard Raine r, Forstadjunkt Der Oberst Irene , seine Frau Max und Albrecht , junge Offiziere Sebastian , Unteroffizier Ein wachthabender Soldat Soldaten , Kinder Spielt etwa in der Mitte des vorigen Jahrhunderts, in Österreich. Der erste und zweite Akt in Wien, der dritte in einem niederösterreichischen Dorfe. Erster Akt Zweiter Akt Dritter Akt Erster Akt Einfaches, beinah ärmliches Zimmer im zweiten Stock eines alten Hauses der inneren Stadt. Blau gemalte Wände, zum Teil schadhaft. Rechts vorn Eingangstüre, eine zweite Türe links hinten. Im Hintergrund zwei Fenster mit ausgebauchtem Glas. Am Fenster rechts ein Sessel. Zwischen den Fenstern Kommode, darüber ein Spiegel in braunem Holzrahmen. Auf der Kommode stehen einige einfach gerahmte Familienbilder. Hinten links in der Ecke Ofen. Links seitlich großer Schrank. Weiter vorne an dir Wand ein länglicher Tisch, darauf einiges Hausgeräte: Kaffeemaschine, Flasche, Lampe usw. Vorne links ein Krankensessel, daneben ein ganz kleines Tischchen. Auf dem Tischchen zwei Medizinflaschen, kleine Zinntasse mit einem Teller, Löffel usw. Vorne rechts alter Tisch mit grünlicher verschlissener Decke. Alter Divan mit schwarzem Leder; ein Fauteuil gleicher Garnitur, zwei Holzsessel. Auf dem Tisch eine Tasse mit Photographieen und zwei Bücher mit schadhaftem Einband. An der Wand rechts neben dem Eingang ein Schlafdivan, darüber eine kleine Etagere mit wenigen Büchern. Weiter hinten rechts ein altes Pianino. An den Wänden hängen einige Familienporträts in alten Rahmen und zwei alte gebräunte Stahlstiche; diese letzteren vorn über dem Tische links. Auf dem Ofen eine Gipsfigur. Neben der Eingangstüre vorne rechts ein Kleiderständer mit einem Mantel, einem weichen Filzhut und einem Umhängtuch. Erste Szene Der Vater , Marie . Der Vater auf dem Krankensessel halb ausgestreckt, in braunem Schlafrock, die Füße mit einem Plaid bedeckt. Er ist hager, hat einen kurzgeschnittenen Vollbart von grünlich-braungrauer Farbe, wie einstmals gefärbt; die dünnen Kopfhaare über den Scheitel gekämmt, das Gesicht böse, faltig, verwüstet. Er scheint zu schlafen. Marie sitzt auf einem der Sessel rechts, den sie etwas näher zum Vater hingerückt hat. Sie ist schlank, hat eine hohe Stirn, dunkelblondes glattes Haar, einfaches, ziemlich helles blaues Kleid. Sie liest laut aus einer Zeitung vor. »Und mit einem Mal lodert im Süden unseres Reichs die Kriegsfackel in dunkelrotem Glanze auf. In der Nähe des Dorfes Feldberg, also auf österreichischem Boden, etwa drei Meilen von der Grenze hat das erste Gefecht stattgefunden, über dessen Verlauf verbürgte Nachrichten noch nicht in die Hauptstadt gelangt sind. Dies aber steht fest: daß gestern zum erstenmal wieder seit mehr als dreißig Jahren der Boden unseres Vaterlands das Blut unserer tapferen Soldaten getrunken hat . . .« Sie hält inne. Der Vater wie aus dem Schlaf. Lies weiter. Marie blättert. »Gestern haben die Infanterieregimenter Nr. 7 und Nr. 24 die Stadt verlassen, um in Eilmärschen die Grenze zu erreichen. Abends ist das Ulanenregiment Fürst von Bologna abgegangen. Heute rückt das Infanterieregiment Nr. 17 Herzog von Anhalt und das Kürassierregiment Nr. 11, die sogenannten »blauen Kürassiere« . . . Sie hält inne. Der Vater schläft. Marie legt die Zeitung auf den Tisch, steht auf, geht zum Fenster rechts, sieht durch die Scheiben hinaus. Man hört das Vorbeimarschieren von Truppen und lautes Rufen, das manchmal beträchtlich anschwillt. Der Vater erwacht. Marie! Wo bist du? Wendet mühselig den Kopf. Marie! Marie auf dem Weg zurück. Hier bin ich. Der Vater . Wo bist du? Marie . Am Fenster stand ich. Der Vater lauscht. Was ist das? Marie . Soldaten ziehen vorbei. Der Vater . Wie lang bist du am Fenster gestanden? Marie . Kaum zwanzig Sekunden. Ich las dir eben erst aus dem Zeitungsblatt vor. Der Vater . Zwanzig Sekunden? . . . Mir war doch, ich hätte geschlafen. Marie . Nicht länger als eine halbe Minute. Der Vater . Mir war, als hätte ich eine Stunde geschlafen. Es wird wohl auch eine Stunde gewesen sein . . . Marie . Nein. Der Vater . Eine halbe . . . Marie . Wie ich sagte: Keine halbe Minute lang. Der Vater . Keine halbe Minute . . . und so tief in die Nacht gesunken. – Wie spät ist's? Marie . Es ist bald sieben Uhr. Der Vater . Daß der Doktor noch nicht hier war . . . Marie . Er muß bald da sein. Der Vater . Was spracht ihr miteinander gestern abend? . . . Nun? . . . Was sagte er über meinen Zustand? . . . Was sagte er überhaupt? Rede! Marie . Der Frühling wird dir wohltun, meint der Doktor. Der Vater . Und sonst sagte er nichts? Marie . Sonst nichts. Der Vater . Es ist nicht wahr! Du standest ja gestern ich weiß nicht wie lange mit ihm im Stiegenhaus – hast ihn wohl mancherlei gefragt! . . . Nun, wie lange wird es noch währen? Wie lange noch wirst du dein junges Dasein vertrauern müssen an deines alten Vaters Krankenbett? Marie . Du sollst bald aufs Land, meint der Doktor. Der Vater . Aufs Land . . . wahrhaftig! . . . So? Marie . Hat er dir's gestern nicht selbst geraten?  . . . Aber nicht wieder so spät wie voriges Jahr, meint der Doktor, nicht im August erst, sondern gleich, – die schönen Tage nützen jetzt im Mai. Der Vater . Aufs Land – in die Grünau – zur Tante Toni wieder? Marie . Ich denke wohl. Der Vater . Weht der Wind daher? . . . Hoho! Zur Tante Toni! Und wieder herumgelaufen im Wald und auf der Wiese mit der Base Katharina und dem Herrn Adjunkten, der uns ja auch zu Weihnachten die Ehre hat erwiesen – oder gar mit dem Adjunkten allein . . . Marie sehr ruhig. Ich dachte nicht an ihn. Lärm draußen wie früher. Der Vater . Dachtest nicht an ihn? . . . Schreibt er dir nicht alle Tage? Marie . Kaum jede Woche einmal. Und ich antworte ihm selten. Der Vater . Verlobt seid ihr! Marie . Nein. Du weißt es doch. – Nein. Der Vater . Nun, was braucht's Verlöbnis! Eines Tages ist man auf und davon, verlobt oder nicht, vermählt oder nicht, und läßt den Vater hier verderben, verkommen, verdursten – ersticken, wie mir's in der Nacht beinahe passiert wäre, in der Febernacht, als sie dich auf den Ball holten, Tante Toni und Base Katharina, und du dort herumflogst mit jungen Offizieren . . . Marie . Was willst du, Vater? Ein einziges Mal in dem ganzen langen Winter. Und du hattest mir's erlaubt. Der Vater . Einmal – o einmal nur! In dem ganzen langen Winter nur einmal! Wie alt bist du denn . . . wie alt? Marie . Sechsundzwanzig. Der Vater . Sechsundzwanzig. Zeit genug . . . Zeit genug. Sechsundzwanzig und jung und schön und ein Frauenzimmer mit weißer Haut und mit runden Armen! . . . Nichts für dich verloren, nur Geduld! Und wenn ich neunzig werde, dann bist du siebenunddreißig – immer noch Zeit genug . . . Zeit genug zu allerlei Kurzweil, nach der dich's gelüstet. Nein, ich bedaure dich nicht! Marie . Hab' ich verlangt, daß du mich bedauerst? Der Vater . Verlangt! Müssen es Worte sein? Du bist wie deine Mutter, ganz wie deine Mutter! Marie . Vier Jahre lang ist sie tot. Laß sie in Frieden ruhn. Nie klagte sie – laß sie ruhn. Der Vater . Nie klagte sie . . . mit Worten nicht . . . mir ins Gesicht nicht . . . ganz wie du. O ihr, ihr . . . Doch wenn ich nach Hause kam und fand euch dort zusammen auf dem Divan sitzen, aneinander gedrängt wie böse Katzen – oder ich wartete eurer am Fenster, abends, bis ihr von eurem Spaziergang auf den Basteien zurückkamt . . . da habt ihr auch nicht geklagt?  . . . Nicht über euer verpfuschtes Leben gesprochen? . . . Nicht über mich, dem ihr die Schuld daran gabt? Verschworen wart ihr gegen mich, stumm verschworen – ich weiß es wohl! Nichts war euch recht: Zu armselig die Wohnung, das Essen schmeckte nicht und ich war euch nicht lustig genug. Was, ich hätte wohl Späße treiben sollen, wenn ich müde von meiner Schreiberei nach Hause kam aus dem Amt, wo ich mich geplagt hatte um die lumpigen paar Gulden für euch  . . . für euch, weil die Pension nicht reichte? Mir hätte sie gereicht – mir allein wohl! Und ihr habt mich verflucht! Meinst du, ich weiß es nicht? Meinst du, ich habe deine Mutter nicht gekannt und ich kenne dich nicht? . . . Stundenlang sitzest du stumm neben mir, sprichst nur, wenn ich dich frage, aber dein Blick . . . dein Blick, wenn du dich fortschleichst von mir, zum Fenster hin . . . Denkst du, ich weiß nicht, was sich da in dir rührt, – was für Wünsche, was für Klagen? Meinst du, ich weiß es nicht? . . . Aber wünsche du und klage, wie du willst, – keine Minute mehr lass' ich dich von meiner Seite. Ich will nicht allein sein! Habe Geduld, habe Geduld! Du bist jung. Vielleicht werde ich nicht neunzig, vielleicht nur fünfundachtzig – oder am Ende dauert's gar nur mehr drei, zwei Jahre, dann bist du frei, kannst deinen Adjunkten haben – oder den Doktor – oder beide und noch andere dazu . . . wenn's dir lieber ist, dich ans Fenster stellen und hübschen jungen Leuten winken. Marie auf. Vater! Vater! Der Vater . Marie! . . . Marie! In plötzlicher Angst. Nimm's mir nicht übel. Ich bin krank . . . ich bin alt . . . und ich hab' Angst – verstehst du? Angst! . . . Nein, du verstehst es nicht! . . . Wer versteht denn das, so lang er jung ist und sich rühren kann, was das heißt, nutzlose Angst und ohnmächtiger Zorn?  . . . Wasser! Mir sind die Lippen trocken! Marie entfernt sich. Der Vater . Wohin gehst du? Marie . Der Krug mit dem frischen Wasser steht in der Küche. Der Vater . Laß die Türe offen. Marie rechts hinaus. Von unten das Geräusch trabender Pferde. Marie bringt das Wasser, bleibt stehen, lauscht. Der Vater . Gib . . . gib! Marie rasch zu ihm, reicht ihm das Wasser, schnell zum Fenster und öffnet es. Entsprechende Verstärkung des Geräusches. Der Vater . Was tust du? Bist du toll? Ich kann den Tod davon haben! Marie . Die Luft ist warm; auch sagt der Doktor immer, daß es zu dumpf hier innen ist. Der Vater . Zu dumpf! Darum reißest du das Fenster auf mit einem Male? Zu dumpf! Meinst du, ich weiß nicht, wonach dir der Sinn steht? Vor sich hin. Ja, da reiten sie, stramm, jung, gesund . . . heut noch gesund und jung! . . . Nun, beklagst du dich, daß die Aussicht von unseren Fenstern nicht schön ist? Ho! Mitten in der Stadt haben wir unsere Wohnung – nur ein Blick um die Ecke – und das Leben treibt vorbei . . . Marie! Marie . Vater? Der Vater . Ich will zum Fenster! Marie . Du willst –? Der Vater . Her zu mir! Führ' mich hin . . . es wird schon gehn . . . Ich will sie auch sehen, die da unten vorüberreiten und vielleicht nicht einmal neunundsiebzig alt werden. Den Mantel her! Marie nimmt den Mantel vom Kleiderständer, breitet ihn um den Vater und führt diesen zum Fenster rechts. Der Vater höhnisch. O es ist eine Plage! Armes Kind! Aber nein, sie klagt nicht! Am Fenster, wo er gleich auf den Sessel sinkt; er hält sich mit beiden Händen ans Fensterbrett und beugt sich vor. Manche von denen . . . alle vielleicht . . . wer weiß – – – und sind nicht einmal neunundsiebzig. Marie etwas mühsam. Vater, man kennt die Farben nicht recht . . . sind es die Schwarzen oder die Blauen? Der Vater . O, mein Töchterchen läßt sich herab zu fragen! Sollt' ich bessere Augen haben als du? . . . Ja, es sind die blauen Kürassiere. Marie . Ist es nicht dein Regiment gewesen, Vater? Der Vater . Was geht's dich an? – Wo ist die Zeit?! . . . Gefallen sie dir?  . . . Was siehst du von ihnen? Doch nichts als ihr Wiegen auf den trabenden Pferden, und der Geruch ihrer Jugend steigt dir von der Straße empor in die Nase. Sollte man denken, daß ich einmal geradeso aussah, geradeso wie die? . . . Mein Regiment – ja. Schöne Jungen, wie? Stramm, stramm! . . . Ho, wird der künftige Gatte sich freuen – ob Adjunkt oder Doktor – daß du dafür so regen Sinn hast! . . . Es klopft leise. Klopft es nicht? Marie . Ich hörte nichts. Es klopft nochmals. Der Vater . Herein   Zweite Szene Der Vater , Marie . Der Forstadjunkt tritt ein. Der Adjunkt im grünen Jagdrock, kaum dreißig, sieht etwas älter aus; er scheint ernster, als es seinen Jahren zukommt. – An der Türe. Guten Abend. Marie leise. Guten Abend. Der Vater . Der Herr Adjunkt! Grüßt mit der Hand. Der Adjunkt zum Fenster. Guten Abend, Fräulein Marie. Marie . Man hat Sie lange nicht gesehen, Herr Adjunkt. Der Adjunkt . Seit Weihnachten war ich nicht hier. – Ich freue mich, Herr Rittmeister, Sie so wohl zu finden. Der Vater . Was geht es Sie an, daß ich Rittmeister war? Moser heiße ich. Der Adjunkt . Sie befinden sich besser? . . . Sie sind auf, und gar am Fenster. Der Vater . Ja, Herr Adjunkt, man will eben auch noch seinen Teil vom Dasein haben. Er fällt beinah vom Sessel. Halte mich doch! Führ' mich zurück. Marie führt ihn. Der Adjunkt ist ihr behilflich. Der Vater . Danke, Herr Adjunkt, danke. Wie muß ich das Schicksal preisen, daß Sie gekommen sind! Ich hätte am Ende dort am Fenster übernachten können – auf dem Fußboden. Der Adjunkt und Marie führen ihn zu seinem Sessel, wo er sich wieder hinstreckt. Marie vermeidet den Blick des Adjunkten. Nehmen Sie Platz, Herr Adjunkt. Der Adjunkt bleibt stehen. Ich mußte einen weiten Umweg nehmen, um hierher zu kommen – Freyung, Hof, Tiefer Graben . . . alles ist voll Menschen. Marie . Wie kommt es nur, Herr Adjunkt, daß es jetzt so stille ist? Der Adjunkt . Stille? Marie . Ja. Ich meine, wie es kommt, daß die Leute nicht rufen. Früher schrieen sie Hurra, als die Soldaten vorüberzogen, und nun hört man nichts als das Traben, immer das Traben. Der Adjunkt . Wahrhaftig, es ist seltsam. Ich weiß den Anlaß nicht, warum sie jetzt nicht Hurra schreien. Vielleicht haben sich schlimme Nachrichten von der Grenze verbreitet. Aber mir ist nichts bekannt; ich kam vor einer Stunde erst in Wien an. Der Vater . Wir dürfen wohl höchlich geschmeichelt sein, daß Ihr erster Besuch uns gilt. Marie . Wie lange bleiben Sie? Der Adjunkt . Kaum länger als bis morgen abend. Ich habe hier kein anderes Geschäft, als mich im kaiserlichen Oberforstamt zu melden. Ich habe nämlich meine Ernennung zum Oberförster in der Steiermark erhalten. Blick auf Marie. Marie . In der Steiermark? Der Adjunkt . Ja. In Tauplitz, zu Füßen der weißen Wand liegt das Forsthaus, in dem ich wohnen werde. Vor drei Jahren erst wurde es aufgebaut, behaglich, licht und geräumig. Seine Majestät selbst haben vorigen Sommer eine Nacht dort geschlafen. Marie . Es ist kaiserliches Revier? Der Adjunkt . Ja. Aber es wird selten von den höchsten Herrschaften aufgesucht. Es liegt an einem dunkelgrünen See, der die trefflichsten Forellen hat. Hinter dem Hause steigen die Tannen an und breiten sich hoch bis zu den Schutthalden des Toten Gebirges. Rings um den See stehen Buchen und Birken. Das nächste Dorf liegt zwei Stunden weit, auf einem schmalen Weg durch Jungholz steigt man hinab. Es ist eine einsam stille schöne Gegend. Ich freue mich hin. Der Vater . Das kommt ja ziemlich unerwartet. Der Adjunkt . Das wohl. Die Stelle ist erst vor kurzem frei worden. Der Förster dort starb plötzlich; er war noch jung, kaum vierzig. Der Vater . Vierzig Jahre! . . . Jawohl, Herr Adjunkt, vierzig Jahr! So treibt's der da oben – und so gleicht er's aus. Leute mit neunundsiebzig leben fort, können sich leidlich erhalten – bis achtzig, fünfundachtzig, neunzig – bei guter Pflege, in sorglicher Hut – – verstehen Sie mich, Herr Adjunkt? . . . Und ich gratuliere zum Oberforstmeister, Herr Adjunkt, aber die Marie lass' ich nicht fort – verstehen Sie? Marie . Der Herr Adjunkt hat ja nicht – –   Dritte Szene Der Vater , Marie , Der Adjunkt . Doktor Schindler , der Arzt, tritt ein. Der Arzt ist in mittleren Jahren, leicht angegraut. Guten Abend. – Guten Abend, Fräulein Marie. Wie blaß Sie wieder sind. Der Vater wirft einen zornigen Blick auf ihn. Der Arzt . Wie – der Herr Adjunkt? Wahrhaftig! Wie freu' ich mich, Sie wiederzusehen! Er drückt ihm herzlich die Hand. Der Vater . Woher kennen die Herren einander so gut? Der Adjunkt . Zu Weihnachten in eben dieser Stube sah ich den Herrn Doktor zum erstenmal. Der Vater Und gingen zusammen fort –? Der Arzt . Wir erlaubten uns. Ja. Und machten einen wunderschönen Spaziergang durch die Winternacht. Der Adjunkt . Es gibt wenig Stunden, deren ich mich so gern erinnere. Der Vater . Wem, Herr Doktor, gilt Ihr werter Besuch: dem blassen Fräulein Tochter, dem liebenswürdigen Herrn Adjunkten oder mir kranken Manne? Der Arzt . Gott sei Dank, Ihnen. – Es war übrigens keine leichte Sache, in Ihre Gasse zu gelangen. Das Gedränge ist groß. Traben unten. Marie . Wie kommt es nur, Herr Doktor, daß man nur die Hufschläge hört, daß es sonst so stille ist, daß die Leute nicht rufen wie früher? Der Arzt . Es sind die blauen Kürassiere, die jetzt vorbeiziehen. Marie . Nun ja – – Der Arzt . Wissen Sie denn nicht? Die reiten in den Tod. Der Adjunkt . Das tun wohl viele in diesen Tagen. Der Arzt . In den sichern Tod . . . die in den sichern. Zu allen. Wissen Sie denn nichts davon? Der Adjunkt sich erinnernd. Ah, ist dies das todgeweihte Regiment? Der Arzt . Ja. Marie mühsam, aber stark. Das todgeweihte –? Der Arzt . Ja. Das, von dem keiner zurückkommen wird und darf. Der Adjunkt . Ich hörte davon. Ist es denn wahr? Am Fenster. Der Vater . Keiner darf –? Gierig. Keiner darf –? Der Arzt . Es ist nämlich das Regiment, durch dessen Schuld, wie es heißt, vor dreißig Jahren die Schlacht bei Lindach verloren ward. Der Vater . Wer sagt das? Der Arzt . Sie können heut überall davon reden hören. Man sagt, daß dieses Regiment in einem Augenblicke wich, da es hätte standhalten müssen und können, daß diese Flucht die übrigen mitriß und damit Schlacht und Feldzug zu unseres Landes Unglück entschied. All das war beinahe in Vergessenheit geraten – vielleicht ist es auch niemals recht wahr gewesen –, nun aber, da dieser neue Krieg ausbrach, erinnerten sich die Offiziere des Regiments, von denen damals natürlich noch keiner mitgefochten hat, der alten Schmach, und sie haben vom Kaiser die Gnade erbeten, mit dem eigenen Blute zu sühnen, was das Regiment vor dreißig Jahren verschuldet haben soll. Sie haben verlangt, dorthin gestellt zu werden, wo sie wohl den andern von Nutzen sein können, wo aber ihr eigenes Verderben unabwendbar ist, und haben einander zugeschworen, daß keiner von ihnen die Heimat wiedersehen wird. Marie . Woher wissen Sie das? Der Arzt . Wie ich schon sagte: überall hört man heute davon reden. Der Adjunkt kopfschüttelnd. Und dabei steht das Vergehen des Regiments nicht einmal unwidersprechlich fest. Der Arzt . Was liegt daran? Mögen sie auch Betrogene oder Narren sein, ihr Entschluß ist groß, und so wird die Menschheit wahrscheinlich ihren Vorteil davon haben. Der Adjunkt . Darum also ist die Menge so stumm, während die vorüberziehen . . . Der Vater . Und manche sind kaum zwanzig – – Pause. Der Arzt . Nun also, Herr Moser, wie steht's? Ich dachte Sie schon zu Bette zu finden. Es ist acht Uhr, Sie sollten schlafen. Der Vater . Schlafen? . . . Ich bin nicht gelaunt, Vorschüsse an den Tod auszuzahlen. Der Arzt . Jede Stunde Schlafs ist Gewinn für Sie; Sie hätten weniger Schmerzen, wären ruhiger. Nimmt ein Fläschchen zur Hand, das auf dem kleinen Tisch neben dem Krankensessel steht. Und Sie haben nicht einmal Ihre Tropfen genommen . . . wie? . . . Noch nicht einmal das Fläschchen geöffnet! Der Vater . Ich will nicht . . . will nicht schlafen! Der Arzt . Sie müssen. Sie sind dazu verpflichtet. Nicht nur sich selbst gegenüber. Das Fräulein sieht wahrhaftig übel aus. Es geht nicht weiter so. Morgen früh schicke ich Ihnen eine barmherzige Schwester her, die Ihre Pflege übernehmen wird. Der Vater . Wie können Sie sich erlauben, in dieser Weise über mich zu verfügen? Ich habe kein Geld für eine Schwester. Der Arzt . Was das anbelangt, überlassen Sie es – – Der Vater . Sie wollen mir was schenken? Was wagen Sie! Der Arzt . Es handelt sich um kein Geschenk. Sie werden mir das Geld zurückzahlen, sobald – – Der Vater . Und wenn ich Hunderttausende hätte – eine fremde Person kommt mir nicht über die Schwelle! Ich weiß Geschichten von Wärterinnen, die ihren Kranken Gift statt des Heiltranks ins Wasser gießen, nur um rascher anderswohin zu kommen, wo sie ein paar Groschen mehr kriegen . . . Und andere gibt es, die tun, als richteten sie die Polster gerade, als glätteten sie die Linnen – dabei zwicken sie, stechen mit Nadeln und lachen dazu . . . Und die am gutmütigsten sind, die denken auch noch lange nicht, daß da ein Mensch liegt, der einmal jung war, – einer, der sich hat rühren können . . . nichts fühlen sie, wenn er jammert, und wenn er stirbt, gehen sie aus dem einen Haus in das andere. – Nein, nein, ich will nicht! .Ich habe eine Tochter, für die ich mich geplagt habe, dreißig Jahre lang, die es mir verdankt, daß sie auf der Welt ist . . . Wozu zöge man Kinder auf, wenn sie in der schwersten Stunde sich davonstehlen dürften? . . . Sie ist jung, sie kann warten . . . es währt ja nicht ewig; dann ist sie frei, dann mag sie tun, was sie will! Der Adjunkt . Warum sprechen Sie in solcher Weise von Ihrer Tochter, Herr Moser, die sich für Sie aufopfert? Der Vater . Ich danke für die freundliche Zurechtweisung. Haben Sie schon ein Recht? . . . Sie sollte wohl fort mit Ihnen, Herr Adjunkt? . . . Aber warum gerade mit Ihnen? Sind Sie so sicher, daß es sie gerade nach Ihrem grünen Rock verlangt? Marie . Was soll das, Vater? Der Vater . Geben Sie acht, Herr Adjunkt, es ist ein Frauenzimmer! Meinen Sie, ich vergesse daran, weil es meine Tochter ist? . . . Ein Frauenzimmer, jung, heiß und durstig. Der Adjunkt . Was kommt Sie an, Herr Rittmeister? Der Arzt . Stille! Marie . Vater, schweig! Der Vater . Schweigen . . . ich? Ich will nicht! Ich will reden. Was mir durch den Sinn fährt, will ich reden. Denkst du, ich will mir's durch süße Worte erkaufen, daß du an meinem Bett sitzest, mich an- und auskleidest, mir zu trinken und zu essen reichst und deine Kindespflicht erfüllst? Du hast deinen Lohn dahin, du bist jung! Du bleibst bei mir! Der Arzt . Wozu die großen Worte? Es handelt sich doch vorläufig um nichts anderes, als daß das Fräulein manchmal auf ein bis zwei Stunden ins Freie gehen sollte. Und das wird sie. Der Vater . Das wird sie nicht! Geht sie noch einmal von mir fort, so kommt sie nicht mehr zurück. Der Arzt . Was fällt Ihnen denn ein? Der Vater zu Marie. Denkst du, ich weiß nicht? Der Adjunkt blickt mit einer Art von Angst Marie an. Der Vater . Sie wissen ja nichts, Herr Adjunkt – Von dem Ball heuer im Feber, wo sie mit den blauen Kürassieren tanzte, ist sie um sieben Uhr morgens zurückgekommen. Ich bin auf dem Boden gelegen, verdurstet und erstickt beinah . . . Und wie ist sie nach Hause gekommen? Mit glänzenden Augen, durch die Spitzen schimmerte die Brust, die Arme waren nackt . . . gerade so sah sie aus wie ihre Mutter, als ich sie zum erstenmal sah . . . auch auf einem Balle. Marie . Laß die Mutter in Frieden ruhn – laß sie ruhn. Der Arzt . Bitte kommen Sie mit mir auf Ihr Zimmer, Herr Rittmeister. Ich habe nicht mehr viel Zeit und möchte heute eine gründliche Untersuchung vornehmen. Der Adjunkt . Guten Abend, Herr Moser. Der Vater . Leben Sie wohl, Herr Adjunkt. Sie werden sich also gütigst noch gedulden. Der Adjunkt leise zu Marie. Ich muß Sie sprechen, Marie, – ich bin in einer Viertelstunde wieder hier.   Vierte Szene Der Vater , Marie , der Adjunkt , der Arzt . Frau Toni Richter kommt. Tante Toni . Guten Abend. – O, der Herr Adjunkt! Der Adjunkt gibt ihr die Hand und geht ab. Der Vater . Die gute Tante Toni! Der Arzt und Marie stützen ihn, um ihn ins Nebenzimmer zu führen. Die Tante . Wie geht's, Schwager Christian? – Wir sind nur auf zwei Tage in der Stadt, Katharina und ich, kleine Einkäufe zu besorgen . . . Ist Katharina noch nicht da? oder ist sie gar wieder fortgegangen? Marie . Sie war noch nicht hier. Der Vater . Ihr werdet sie mir nicht noch einmal von der Seite reißen. Auch du nicht, alte Kupplerin! Die Tante . Daß der gute Schwager die Scherze nicht lassen kann! . . . Macht nur, ich setze mich indessen stille hier hin, ich habe meine Arbeit mit. Der Vater gestützt auf den Arzt und Marie, ins Nebenzimmer. Auf der Straße Marschieren und Hurrarufe. Die Tante nimmt ihr Häkelzeug und setzt sich ans Fenster. Marie kommt wieder.   Fünfte Szene Die Tante , Marie . Marie . Ich will Licht machen. Sie nimmt die Lampe, zündet sie an, stellt sie auf den Tisch rechts. Die Tante . Nun, er scheint ja wieder in böser Laune? Marie langsam zum Fenster, nickt. Die Tante . Ich will hier für alle Fälle warten, bis Katharina kommt. Sie sollte schon hier sein. Früh morgens fuhr sie in die Stadt, ich schlief noch. Sie konnte sich nicht gedulden – ohne mich fuhr sie davon. Aber ich getraue mich nicht, ihr ein böses Wort zu sagen, seit ich weiß, daß ich sie nicht lange mehr behalten werde. Marie . Ist es denn wahr? Die Tante . Es ist wahr, gute Marie. Es ist wahr. Keine Hilfe. Aber sie ahnt es nicht. Im Winter sind die Rosen auf ihren Wangen aufgeblüht – so wie bei ihren Schwestern. Da gibt es keine Hilfe, gute Marie. Mein seliger Mann, der fuhr auf der See herum und mußte doch sterben, und Brigitte und Anne rührten sich von meiner Seite nicht fort, waren gut und brav, atmeten die reine Luft unseres Tannenwaldes, und liegen nun doch beide draußen unterm Rasen. Wenn es Gott einmal so beschlossen hat . . . Ich habe allerlei besorgt in der Stadt. Sieh, diese Wolle ist nirgends zu bekommen als beim »türkischen Sultan«. Es soll ein Kissen werden für den Divan, der im Gartenzimmer steht, wo wir im Sommer immer den Kaffee tranken. . . .Wer mir's damals prophezeit hätte –! Sah sie nicht aus wie das Leben selbst? . . . Wahrhaftig, Kind, auch du schaust nicht sonderlich aus. Nun ja, du hast genug durchgemacht in diesen letzten Jahren. Ein böser Mensch, mein Schwager, ich muß es selbst sagen. Marie den Knäuel in der Hand. Ja, es fühlt sich fein an. Die Tante . Nicht wahr, wie Seide? Marie . Wie Seide. Pause. Die Tante . Nun Marie, ich denke – warum soll man nicht davon sprechen – – Marie . Was meinst du, Tante? Die Tante . Es wird doch nicht mehr bis zum Sommer währen mit deinem Vater. Seit ich ihn zuletzt sah – wann war es nur? . . . Ja, es war an dem Tag, da wir dich auf den Ball abholten . . . seither hat er sich gar sehr verändert. Auf seiner Stirn sitzt der Tod. Gott verzeih' ihm alles, was er an meiner Schwester und an dir gesündigt. Ihr hattet kein gutes Leben. Zuerst hat er sie gequält, bis sie ihn endlich nahm – hätt' sie's doch lieber nie getan! Ein verabschiedeter Offizier und bald fünfzig –, dann hat er sie gepeinigt, weil sie sich nehmen ließ . . . Wahrhaftig, ihr wart zu gut – beide. Der Vater schreit im Nebenzimmer. Was für ein Mensch! Ich sehe es kommen, daß auch der gute Doktor sich nicht mehr um ihn kümmern wird. – Marie, höre doch! Marie am Fenster. Ich höre. Die Tante . Du mußt dich wahrlich mit wenig genug bescheiden, wenn das der ganze Frühling ist, den du genießen darfst. Da haben wir's auf dem Lande schon besser. Pfirsich und Kirsche sind abgeblüht und nun riecht der Flieder aus allen Gärten. – Höre, Marie, ich denke, wenn es hier vorüber ist, laß alles stehen, wie es steht, und komm nur rasch zu uns in die Grünau. Dein Zimmer ist bereit. Marie . Davon wollen wir heute noch nicht reden. Die Tante . Dein Zimmer ist bereit, Kind. Ich denke ja, gar zu lang wirst du es nicht bewohnen. Aber immerhin, die Trauerzeit muß doch wohl verstreichen, ehe Hochzeit gemacht wird. Marie . Wer macht Hochzeit? Die Tante . Du brauchst mir's nicht Wort zu haben. Jeder nach seiner Weise; – deine Art ist zu schweigen. Der Adjunkt ist ein vortrefflicher Mann; ich achte ihn nicht geringer, weil er seinen Sinn geändert hat, – das ist nun einmal menschlich. Auch hat sich Katharina bald getröstet . . . ach Gott, ich glaube, allzu bald und allzu gut! Mag sie's mit dem lieben Gott ausmachen, der sie so bald zu sich nehmen wird. Ich weiß nichts, ich frage nicht, was sie allwöchentlich in der Stadt treibt, seit wir zusammen auf dem Balle waren, wo ihr mit den Offizieren tanztet. Nachts schlief sie wohl immer hier, denk' ich . . . ? – Nun, du hast jetzt den Sinn nicht darauf. Mag auch sein, daß sie sich früh davonschlich, ohne dich aufzuwecken, und du dachtest, sie sei schon abgereist. Der Vater von drin. Marie!   Sechste Szene Die Tante , Marie , der Arzt . Der Arzt zu Marie, die schon bereit war, hineinzugehen. Ich möchte ein paar Worte mit Ihnen reden. – Wollen Sie etwa so freundlich sein, Frau Richter, und sich für eine Weile hineinbemühen? Die Tante . Freilich. Er wird mich nicht gleich totschlagen. Der Arzt . Er wünschte, daß das Fräulein ihm wieder aus der Zeitung vorliest. Das können Sie wohl auch, Frau Richter? Die Tante . Nun ja, ich will das Blatt nah zur Kerze halten, da wird es schon gehen. Ab links.   Siebente Szene Der Arzt , Marie . Der Arzt . Nun aber, liebes Fräulein, benützen Sie die Gelegenheit und gehen Sie doch in die frische Luft – auf eine Stunde wenigstens. Marie . Wozu? Was hälfe mir diese eine Stunde? Der Arzt . Und morgen wieder eine, und so jeden Tag. Ihr Vater wird sich daran gewöhnen müssen. Marie . Ach, wozu? Ich habe ja gar keine Lust fortzugehen. Lassen Sie mich nur da. Der Arzt . Es scheint, Sie haben überhaupt nicht mehr die Kraft, etwas Bestimmtes zu wollen. Wenn ich an früher denke –! Wenn ich mir das frische liebe Wesen vorstelle, das ich vor einem Jahre noch – im vergangenen Herbst noch hier zu finden pflegte . . . Es ist ein wahrer Jammer! Das muß anders werden. Versprechen Sie mir, sich heut endlich einmal zu Bett zu legen – ja? Dann wollen wir morgen früh weiterreden. Die Welt wird gleich anders aussehen, wenn Sie nur einmal mit wachen Augen in sie hineinblicken. Marie . Er ruft mich ja doch jede halbe Stunde und schreit in meinen Schlaf hinein. Der Arzt . Er wird seine Tropfen nehmen; – dann wird er nicht rufen können. Marie . Er wird sie nicht nehmen. Der Arzt . So werden Sie sie ihm geben – auch gegen seinen Willen. Es genügt, wenn Sie ihm zehn Tropfen ins Wasser träufeln. Er öffnet das Fläschchen. Dieses Mittel ist unwiderstehlich. In diesem Fläschchen ist der Schlaf von hundert Nächten. Marie . So viel vertrauen Sie mir an? Der Arzt etwas befremdet. Ihnen? . . . Ja, Ihnen und ihm selbst. In der Wohnung von Kranken, die zu retten sind, lasse ich nicht so viel zurück. Marie . Haben Sie ihm je gesagt, daß er nicht zu retten ist? Der Arzt . Ich konnte mir diese grausame Ehrlichkeit ersparen. Seine Krankheit ist von den aufrichtigen. Aber freilich kann es noch Jahre dauern, Marie. Marie . Ich weiß. Der Arzt . Und Sie, Marie, haben die Absicht, all diese Jahre hindurch an seinem Bette zu sitzen, ohne freie Luft zu atmen, ohne die Nächte ordentlich durchzuschlafen, – in dieser Dumpfheit und Enge auszuharren, bis es wirklich zu spät sein wird? Marie . Was soll ich anders? Was kann ich anders? Der Arzt . Zu spät . . . wissen Sie, was das bedeutet? Es liegen mehr Schrecken darin als in dem Worte »niemals«. Und wenn Sie es etwa für Ihre Pflicht halten hierzubleiben, nur weil dieser Mann Ihr Vater ist, so sage ich Ihnen, daß Sie höhere haben gegen sich selbst; – und der Gott, zu dem wir nicht beten, aber an den wir alle glauben müssen, straft es bitter, wenn sie verletzt werden. Marie . Was mir höhere Pflicht ist, darüber habe ich nicht nachgedacht. Daß ich auch andere Wünsche habe, daran erinnern Sie mich in diesem Augenblicke wieder. Der Arzt . So wollt' ich nur, diese Wünsche wachten wieder auf, zu rechter Zeit, mit der rechten Kraft. Marie . Warum haben Sie früher nicht so zu mir gesprochen? Der Arzt . Tat ich es nicht? . . . Wie lange schon und wie oft sag' ich Ihnen, daß ein Dasein, wie Sie es führen, Sie allmählich zugrunde richten wird, – daß Sie sich wehren müssen, daß Ihnen frische Luft und Bewegung dringend not tut. Marie . Das, wozu Sie mich heute ermutigen wollen, scheint mir mehr als ein Spaziergang vors Tor hinaus. Der Arzt . Ja, es mag mehr sein . . . Viel weiter hinaus möcht' ich Sie treiben. Es nagt an mir, wenn ich sehe, wie Sie . . . Sie Ihre Tage und Nächte einem alten bösen Manne hinopfern, der es Ihnen nicht dankt, – der es nicht wert ist. Bange wird mir, wenn ich denke, daß so viel Schönheit, so viel Jugend verdorren, verwelken soll . . . wofür? – Um nichts vielleicht als um ein paar Worte, die in einem alten Buche stehen. Marie . Warum . . . warum haben Sie früher nicht so zu mir gesprochen?! Der Arzt . Wenn Sie mich heute verstehen, ist es noch nicht zu spät gewesen. Marie . Längst hätt' ich Sie verstanden; aber anders sprechen Sie heute zu mir – kühner, wilder beinah. Der Arzt . Wie hätt' ich so reden dürfen noch vor kurzer Zeit? Marie . Nicht dürfen? Sie zu mir? Der Arzt . Es ist noch nicht so lange her, Marie, daß Sie hätten glauben dürfen, ich spräche so nicht allein in dem Gedanken an Ihre Zukunft. Und Sie hätten meinen Worten mißtraut . . . und hätten recht gehabt. Ich traute mir damals selber nicht. Heut aber wissen Sie, weiß ich selbst mich frei von jedem eigennützigen Nebengedanken, heute kann ich als Ihr Freund zu Ihnen reden und Ihnen raten. Marie . Und was raten Sie mir als mein Freund? Der Arzt . Daß Sie von hier fortgehen. Marie . Wohin? Der Arzt . Daß Sie dem Manne, der Ihnen wert ist, folgen, sobald er es verlangt. Marie . Das ist's, was Sie mir raten –? Der Arzt . Ja. Und ich wollte, er nähme Sie rasch von hier fort . . . morgen . . . heute noch. Mir ist angst um Sie. Wie Sie nur aussehn –! Zögern Sie nicht, wenn er das entscheidende Wort spricht. Nicht lang mehr, und ich fürchte, Sie verlieren selbst die Fähigkeit, glücklich zu werden. Marie . Glücklich –? Kennen Sie den Adjunkten so gut? Der Arzt . Ja, ich kenn' ihn. An jenem Winterabend, da ich ihn bei Ihnen kennen lernte, sind wir – Sie erinnern sich noch – von hier miteinander fortgegangen. Lange, in stillen Straßen, auf leuchtendem Schnee sind wir umhergewandert. Von seinen stillen Wäldern, von der Freude seiner Jagden, von seiner Mutter, die ihm eben gestorben war, von einem Mädchen, das er geliebt und verlassen, sprach er viel . . . kein Wort von Ihnen. Und doch redete jedes Wort, das er sprach, nichts anderes als Sie. Von dieser Stunde an dacht' ich mir kein andres Glück für Sie als dies an seiner Seite. Marie . Vielleicht wäre es das Glück gewesen. Aber ich glaube, es ist nicht mehr das Glück, wonach ich mich sehne. Hat das Leben nicht mehr zu verschenken als Glück . . . viel mehr –? Und das, das ist versäumt . . . unwiederbringlich versäumt! Der Arzt etwas befremdet. Das Vergangene – ja. Aber das Zukünftige bringt ein Entschluß Ihnen wieder. Marie . Es gibt keine Zukunft mehr. Der Arzt . Keine Zukunft? Was bedeutet das? Hat er Ihnen denn auf Nimmerwiedersehen Lebewohl gesagt . . . Oder haben Sie selbst ihn fortgeschickt? Marie . Der Adjunkt wird in wenig Minuten wieder da sein. Aber das andere ist vorbei, das kommt nicht wieder. Der Arzt . Es gibt anderes? Marie . Wer weiß, vielleicht wollte der Himmel, daß ich erst heute solche Worte von Ihnen höre – heute, da sie in eine grundlose Tiefe fallen und darin begraben sein müssen, – heute, da es zu spät ist. – – Nein, nicht der Himmel wollte es! Und wär' es der Himmel, ich könnt' es ihm nicht danken . . . Aber wußt' ich denn nicht selbst all das, was Sie heute mir sagen? . . . Wußt' ich nicht, daß ich hätte fort müssen? . . . Und fing die Welt nicht erst mit dem Tage für mich an, da ich's wußte? . . . Und was hielt mich zurück – was? . . . Ich weiß es nicht mehr. Warum haben Sie nicht früher . . . nicht gestern so zu mir gesprochen? Warum nicht? . . . Da hätten Ihre Worte mich hinausgetrieben, denn da wußt' ich wohin . . . da lag das Leben vor mir . . . Und wär' es nur für einen Tag und eine Nacht gewesen, es war das Leben, das mich rief, das Leben, das mich erwartete. Nun ist es davongeflohen, und ich hab' es verschlafen, und Sie wecken mich auf! . . . Der Arzt . Was ist Ihnen, Marie? Haben wirklich meine Worte diesen seltsamen Aufruhr in Ihnen verursacht? Nicht ins Ungewisse wollt' ich Sie treiben . . . Mir war, als läge Ihr Weg klar vor Ihnen.   Achte Szene Der Arzt , Marie , der Adjunkt . Der Arzt . Sie kommen, da ich eben wieder gehen muß. – Leben Sie wohl, Fräulein. Guten Abend, Herr Adjunkt; auf Wiedersehen. Der Adjunkt . Auf Wiedersehen sag' auch ich. Aber nehmen Sie's nicht nur als leeres Wort. Erinnern Sie sich Ihres Versprechens aus diesem Winter und lassen Sie mich die Freude erhoffen, Sie einmal in meinem Revier zu begrüßen. Der Arzt . In der Grünau heißt der Ort, nicht wahr? Der Adjunkt . In weniger als in einem Monat übersiedle ich nach Tauplitz. Ich bin zum Oberförster dort ernannt. Der Arzt . Wahrhaftig? So könnte es sich fügen, daß ich Sie in der Grünau besuche und, wenn Sie Lust zu einer gemeinsamen Fußwanderung haben, Sie übers Gebirge an Ihre neue Wohnstätte begleite Der Adjunkt . Ich nehme Sie beim Wort. Der Arzt . Hoffentlich gestattet mir's diesmal mein Beruf, die Stadt zu verlassen. Denken Sie, mehr als drei Jahre bin ich nicht mehr von hier fortgekommen Der Adjunkt . Wie erträgt man das nur? Der Arzt . Man muß wohl. Der Adjunkt . Ich könnte in einer Stadt überhaupt nicht wohnen. Heute fühl' ich's wieder. Wie ein Grauen überfällt es mich manchmal im Lauf der Straßen. Es liegt wohl daran, daß das Leben der Stadt so geheim tut. Stockwerk baut sich über Stockwerk, die Fenster sind verhängt, die Türen zu, eine Steinwand starrt die andere an – ein beklemmender Ernst lastet über den Dächern, verworren scheint der Tag und die Nacht gefährlich, und Schicksale fallen über die Menschen wie Räuber her. Wäre mir hier eine Mutter gestorben, ich glaube, ich hätte dem Himmel geflucht . . . in meinem Walde verlor ich sie an den Frieden, der mich umgab, und finde sie dort immer wieder, wenn ich allein bin und den Frieden verstehe. Der Arzt . Es muß schön sein, so leben zu dürfen wie Sie. In Ihre Weltabgeschiedenheit klingt manches Wort wahnhaft und machtlos hinein, nur vom Echo seines eigenen Sinns getragen; wir Armen hier, von der Vielheit der Menschen umringt, beugen uns gar oft seinem trügerischen Widerhall aus tausend angsterfüllten Seelen. Der Adjunkt . So will es mir manchmal selber scheinen. Der Arzt . Nun, leben Sie wohl. Sie werden von mir hören. Ich muß nun doch endlich gehen. Das sind meine Wege: Von Irrenden zu Leidenden, von Leidenden zu Sterbenden. – Auf morgen, Fräulein Marie. Rechts ab.   Neunte Szene Der Adjunkt , Marie . Der Adjunkt milde. Wie soll ich es verstehen, Marie, daß seit drei Monaten beinahe kein Brief mehr an mich kam? Marie . Es wird nun wohl keiner mehr kommen. Nehmen Sie es, wie es gesagt ist, Herr Adjunkt. Der Adjunkt . Keiner mehr –? Was soll das bedeuten f Marie . Fühlen Sie nicht, daß alles vorbei ist? Der Adjunkt . Vorbei –? Schmerzlich. Marie! . . . Nein, so dacht' ich Sie nicht wiederzufinden! Was für ein schlimmes Werk beginnt dieses Dasein, zu dem Sie sich verurteilt glauben, an Ihnen zu verrichten! Sehen Sie mich doch an, Marie, ich bin es! Marie . Ich sehe, daß Sie es sind. Der Adjunkt . Was ist denn geschehen, Marie? . . . Ich habe wohl in meiner Einsamkeit gefühlt, daß mein Bild Ihnen zu verblassen anfing, wie es auch vom Herbst bis zu Weihnachten verblaßt war. Aber damals brauchte es nur meinen Eintritt in diese Stube, und ich hatte Sie wieder. Ergreift ihre Hand. Wissen Sie denn gar nichts mehr, Marie? Es ist ja nicht so lange her. Sie können's ja nicht vergessen haben! Sie sitzt am Tisch ihm gegenüber. Heut vor einem Jahre wußt' ich ja noch nicht einmal, daß ein Wesen lebte wie Sie. Aber seit dem vergangenen Sommer weiß ich's. Es waren ja nur wenige Tage, aber sie leuchten wie tausend . . . Erinnern Sie sich denn nicht mehr? . . . Morgens um sechs kam ich vorüber, Sie standen am Fenster und lächelten. Diesen Morgengruß nahm ich mit mir, Waldestau und Himmel schimmerten von ihm wieder. Dann gab es Stunden, in denen Sie mich durch den Forst begleiteten, Sie und Katharina. Sie fragten mich nach allerlei, ich mußte Ihnen Namen von Busch und Blüten nennen, Sie haschten Blätter auf, die von den Zweigen herunterwehten, und ließen sich erklären, warum sie verwitterten und niedersanken. Sie beugten sich herab zu den verästeten Wurzeln überm Weg und wollten das Steigen der Säfte durch Bast und Rinde verstehen . . . Und dann ruhten wir alle auf einer Wiese. Sie, Marie, lagen auf meinem Mantel, die Arme über der Brust verkreuzt, und sahen ins dunkle Blau, und wir schwiegen. Es war eine Stille, die trunken machte . . . Und auf dem Rückweg – noch seh' ich die Sonnenkringel durchs dunkle Laub über Ihr blondes Haar zittern und über den Strohhut in Ihrer Hand – auf dem Rückweg, während Katharina mit den Hunden vorauslief, sagten Sie zu mir, Marie – – – Das wissen Sie doch noch, was Sie mir damals sagten? Marie . Daß ich gern in einem Forsthaus wohnen möchte, mitten im Waldesfrieden. Der Adjunkt . Ja, das sagten Sie. Wahrhaftig, es klang anders als heute! – – Aber Sie wissen es noch. Und Sie wissen auch noch, wie ich an jenem Morgen an der Landstraße stand und wartete, bis Sie mit Ihrem Vater im Wagen vorbeikamen und davonfuhren . . . . Und wissen noch, daß Ihr Blick rückwärtsgewandt lange auf mir ruhte. – Von diesem Morgen an glaubt' ich Sie mein. Und Ihre Briefe kamen. Und jeder Brief wiegte mich tiefer und sicherer in meinen Traum. Wir hatten uns nicht verlobt, Marie, aber es waren die Briefe einer Braut. Steht auf. Im Winter durfte ich zu Ihnen kommen. Sie waren ernster, fremder, als ich gehofft, aber die eine gemeinsame Stunde gab uns einander zurück. Dort an der Tür stand ich beim Abschied und sagte: »Im Frühjahr komm' ich wieder« . . . und damals wußten Sie, was dieses Wiederkommen hätte bedeuten sollen. – Wissen Sie's heute nicht mehr? . . . Das Haus im Waldesfrieden, nach dem Sie sich gesehnt haben, steht bereit, – wollen Sie dort einziehen? Marie . Ich sehne mich nicht mehr danach. Der Adjunkt . Vielleicht noch nicht, Marie. Ich werde warten. Marie . Warten Sie nicht. Es wäre vergebens. Der Adjunkt . Ich kann es nicht verstehen, Marie. Wenn Sie mich auch bisher nicht geliebt haben, Sie waren bereit dazu. Wenn Ihre Augen sich auch nie in die meinen versenkten, Ihr Blick schweifte doch nie an dem meinen vorbei wie heute. Auch in jenen Sommertagen waren Sie still, aber damals lag Ihr Schweigen doch nur auf den Lippen, nicht Ihr ganzes Wesen war davon durchtränkt wie heute. Wahrhaftig, Marie, in jenen Sommertagen lag Ihr Dasein vor mir ausgebreitet, ehe Sie noch ein Wort über sich erzählt hatten. So vertraut war mir, woher Sie kamen, wohin Sie gingen! Ja, mir war, als hätte ich Ihre Mutter gekannt, die ich doch niemals gesehen. Und als ich zu Weihnachten diese Wohnung zum ersten Male betrat, war mir, als wär' ich hier hundertmal aus und eingegangen . . . Und nun mit einem Male so zurückgestoßen! – – Warum? Mit jeder Sekunde, in der ich zu Ihnen rede und vergeblich Ihre Antwort erwarte, weichen Sie weiter von mir ab, und ich weiß nicht, wohin Sie mir entschwinden . . . Marie, warum reden Sie nicht? – Ich bin es ja! Sprechen Sie, sagen Sie mir, was Sie so schwer bedrückt, und alles muß gut werden! Ja, soll ich's Ihnen gestehen? Ich wünschte geradezu, etwas aus Ihrem Leben zu erfahren, das mir bisher fremd war und das ich nicht ahnen durfte. Mir ist, als könnt' ich Ihnen dadurch näher sein, als dürfte ich eher die Arme nach Ihnen ausbreiten. So bin ich vielleicht Ihrer gar nicht wert – ich hatt' es nur vergessen. Marie . Wovon sprechen Sie? Erinnert sich. Daß Sie Katharina verließen um meinetwillen –? Der Adjunkt . Verließen . . . ? Wie milde klingt das Wort. Ich hab' sie . . . hinabgestoßen . . . wer weiß wie tief. Aber da ich's um Ihretwillen getan, Marie, hatt' ich's nicht empfunden – und empfand es bis heute nicht, daß es unrecht war. Und ich wollte, Sie hätten zehnfach Schlimmeres getan, Marie, nur um das Glück zu genießen, Ihnen verzeihen zu dürfen. Marie . Verzeihen – Sie mir? . . . Und wenn ich was immer getan hätte, was hat irgendwer auf der Welt mir zu verzeihen? Ich gehöre zu niemandem mehr und zu Ihnen so wenig als zu einem andern. Der Adjunkt . Marie!? Marie . Ich habe es ja selbst nicht gewußt. Doch als Sie heute durch diese Tür traten, wußt' ich, daß ein Fremder kam. Der Adjunkt . Ihre Wangen glühn! Sie reden im Fieber. Ich will gehen, Marie. Ich will morgen wiederkommen, wenn Sie ruhiger geworden sind. Ich ertrage es nicht, Sie so reden zu hören. Ich will geduldig sein. Nicht morgen – im Herbst erst will ich wiederkommen und Sie fragen, ob Sie mir folgen wollen. Marie . Bleiben Sie und danken Sie Ihrem Schicksal, daß Sie heute gekommen sind und daß ich gewillt bin zu reden. Morgen vielleicht, und Sie hätten nichts mehr von mir gewußt, – so wenig als ich selbst. So wie ich vor einer Stunde kaum was von mir wußte . . . Und in einer Stunde hätt' ich mich selbst wieder belogen, wie ich's bis vor einer Stunde tat. Ja! Meinen schlaflosen Nächten, dem jammervollen Alleinsein mit dem bösen alten Manne da drinnen, der dumpfen Luft in dieser traurigen Stube, dem Frühling, der draußen vor dem Fenster weht und lockt, meinem jungen, gepeinigten Blut hätt' ich die Schuld gegeben an dem, was in mir bebt und tobt, zu Wallungen eines irrgewordenen Leibs hätt' ich das tiefste Walten meiner Seele umgelogen, und wäre Ihnen gefolgt und hätte Sie und mich betrogen ein ganzes Leben lang! Der Adjunkt . Reden Sie nicht weiter! Marie! Marie . Und wenn Sie daran zugrunde gehn, was liegt mir daran? Sie sind mir nichts mehr . . . nichts mehr! O, Sie waren mir viel, sehr viel. Ich habe wirklich davon geträumt, mit Ihnen zu leben, still in einem Forsthaus unter Tannen . . . Aber seit einer gewissen Stunde träum' ich nicht mehr davon. Dort in der Lade liegen Ihre letzten Briefe, sie sind nicht einmal eröffnet. Sie hätten sterben können, ich hätte keine Träne um Sie geweint –! Und seit einer gewissen Stunde ist nicht ein Augenblick gewesen, in dem ich nicht eines Mannes dachte, der nicht Sie sind. Kein Augenblick – hören Sie wohl! – in dem ich nicht in die Arme eines Mannes verlangte, den ich ein einziges Mal gesehen, mit dem ich in einer einzigen Nacht durch einen lichten Saal geschwebt bin und für den ich doch bereit war, Ehre, Leben und Seligkeit hinzuwerfen . . . Und seit einer gewissen Stunde verging keine mehr, in der ich nicht dem alten Manne da drinnen, der mein Vater ist, den Tod erflehte – den Tod erflehte –? Nein! . . . Keine Stunde verging, in der sich nicht meine Finger krampften, ihn zu erwürgen, – um nur endlich frei zu sein, um nur endlich diese Türe hinter mir zuschlagen, die Treppe hinunter, durch die Straßen eilen zu dürfen, dem zu gehören, nach dem alle meine Sinne schmachten! Der Adjunkt . Und was treibt Sie, Marie, mir all dies einzugestehen? Marie . Will Ihnen daraus eine Hoffnung blühn? Wollen Sie sich etwa einbilden, daß ich mich für eine Sünderin nehme, die sich eine Schuld von der Seele beichten will? Sie irren. Keine Reue, nein, meine Verzweiflung schreie ich Ihnen ins Gesicht . . . meine Verzweiflung, daß es zu spät ist . . . zu spät! Daß der, für den ich all das hätte tun wollen, tun müssen, fort ist, ein Todgeweihter . . . daß er fort ist, um nie wieder zurückzukehren . . . daß ich erst heut dazu erwacht bin, mich selber ganz zu verstehen . . . daß ich in dieser Stunde erst zu allen Sünden und Wonnen reif geworden bin, nach denen es mich lockte, und daß es nur nicht mehr der Mühe wert ist, die Sünderin zu werden, – die ich bin! . . . Der Adjunkt . Leben Sie wohl, Marie. Er geht. Marie steht eine Weile regungslos. – Man hört von drinnen, ohne die Worte zu verstehen, wie die Tante aus der Zeitung vorliest. Unten ziehen Soldaten vorbei, Trompeten, Trommeln, Rufe. Es verhallt wieder. Marie geht langsam ans Fenster, ohne hinauszusehen, und setzt sich hin.   Zehnte Szene Marie . Katharina kommt. Katharina jung, schön, mit großen leuchtenden Augen, gelösten Haaren. Sie tritt vorsichtig herein, schaut sich um, gewahrt Marie zuerst nicht. Marie aufblickend. Wer ist's? Katharina . Marie! . . . Guten Abend. Ist meine Mutter schon hier? Marie steht auf. Ich will ihr sagen, daß du da bist. Katharina . O laß, das eilt nicht. – Der Herr Adjunkt ist auf der Stiege an mir vorüber . . . sah er mich nicht? Nun, was tut's! . . . Hilf mir doch, die Haare aufstecken, Marie, – rasch, ehe die Mutter hereinkommt. Marie . Bist du so durch die Straßen? Katharina . Wer kümmert sich heute drum! Es ist auch schon dunkel. Marie ist ihr behilflich. Was ist das? Katharina . Ah, hab' ich noch Blüten im Haar? Sie gleiten herunter. – Warum so still, Marie? Wann wird Hochzeit sein? Marie . Es denkt niemand an Hochzeit. Katharina . O, sagst du das um meinetwillen? Keine Ursache! Er ist frei wie ich. Marie . Wonach duftest du so seltsam? Katharina . Hatt' ich nicht Blüten im Haar? Die werden's wohl gewesen sein. Marie . Woher kommst du, Katharina? Katharina . Woher ich komme? . . . Von weit. Marie . Von weit? . . . Katharina . Es liegt so weit wie ein Ufer, das man nie mehr betritt. Marie . Woher? Katharina . Frag' nicht woher, – ich wende mich nicht um. Hinab, ihr Blüten! Nicht traurig. Vorbei ist vorbei! Marie . Warum ein Ufer, das du nicht mehr betrittst? Katharina . Abschied hab' ich genommen. Marie . Abschied? . . . Deine Augen glühen, aber nicht von Tränen. Blühen die Wangen so frisch, wenn man Abschied nimmt? Katharina . Abschiednehmen ist süß. Wenn man erst weiß, wie kurz das Leben ist, duftet jeder Abschied von einem neuen Morgen . . . Einmal hab' ich auch geweint – einmal nur, Marie. Als dir einer auf einer Wiese seinen Mantel unterbreitete und ich fühlte, wie sein Herz mit einem Male von mir zu dir überflog. Damals dacht' ich noch, dies sei zu weinen. Wie war ich jung! Marie . Ist das so lange her – vom Herbst bis zum Frühling . . . ist das so lang? Katharina . O, es ist lang! Jede Stunde ist lang. So viele Leben leben wir! Marie . Hast du den Adjunkten geliebt? Katharina . Ja. Geliebt wie einen, der die Tore aufreißt zu einem wunderbaren Garten mit verschlungenen Wegen . . . so wie ich nur einen mehr lieben werde: den, der mich am Ausgang erwartet. Marie . Gibt es Menschen, die nur so an den Toren stehn? Katharina . Was kümmern sie mich? . . . Nun lauf ich die verschlungenen Wege hin. – Bist du fertig? Marie mit Katharinas Haaren beschäftigt. Sie rinnen mir so durch die Finger. – Wie du seltsam sprichst! Was ist dir? Katharina . Höre, Marie, du sollst es wissen! Ich will fort von der Mutter. Marie . Von der Mutter? . . . Katharina . Von dir wohl auch, – von euch allen. Marie . Was geht dir durch den Sinn? Katharina . Mit zweiundzwanzig lieg' ich im Grab, heut bin ich neunzehn. Ich will nicht bei der Mutter bleiben diese drei Jahre. Wenn ich so still dahinlebe, wird mir bang. Nur die sich an viel zu erinnern haben, schlafen ruhig in der Erde, – die andern . . . weißt du's nicht? . . . . flattern und klagen über der Erde umher. Oft schon bei Nacht hab' ich meine toten Schwestern gesehen. Ich will ruhig schlafen. Marie . Woher kommst du, Katharina? Katharina . Von einem komm' ich, der geradenwegs in den Tod reitet. Marie . Wie? . . . Katharina . Verstehst du nicht, Marie? Meine Küsse brennen auf seiner Brust, kein Weib mehr küßt sie weg! Er war jung vor einer Stunde, uralt ist er mit einem Male. Ich bin jung, ich denke seiner nicht mehr. Und er reitet in den Tod. Marie . Der in den Tod reitet, ist er's? Katharina . Ich hab' auch dir einen Gruß zu bringen, schlürf ihn ein: letzte Grüße schmecken gut, wie Flammen rinnen sie durch den Leib und bringen Glück, sagen die Leute. Marie . Mir einen Gruß? . . . Wer ist's, der mir einen Gruß schickt? Katharina . Ist es so schwer zu raten? Marie . Sahst du den andern auch? Katharina . Seinen braunen Kameraden sah ich auch. Sie saßen zusammen und tranken Ungarwein. Meinem war weh ums Herz; hätte ich gewollt, Kaiser und Vaterland hätte er um mich verraten. Der andere war fröhlich und kühn. Marie . Und er sagte –? Katharina . »Grüßen Sie Ihre Base Marie,« sagte er. »Sie hätte mich nicht sollen warten lassen.« Marie . Das sagte er? Katharina . Und er sagte noch mehr: »Es ist nicht gut, daß sie nicht gekommen ist,« sagte er. »Vor Bösem hätte sie mich bewahren können.« Marie . Vor Bösem ihn bewahren –? Katharina . Warum ließest du ihn warten? Marie . Ich versprach ihm nie – Katharina . Eine ganze Nacht schwebtest du in seinen Armen dahin durch einen weiten Saal mit tausend Lichtern. Das ist auch ein Versprechen. Marie . Und nun reitet er in den Tod –? Katharina . Nun reut es dich doch! Marie . Reut mich – ja. Katharina . Ich glaub' dir's nicht, du Stille! Wer hielt dich! Kanntest du den Weg nicht? Marie . Ich kannte den Weg. Katharina . Warum bist du ihn nicht gegangen? Marie . Konnt' ich ihn gehn? Katharina . Konntest du nicht, dann zog es dich nicht so mächtig. Marie . Zerbrochen hat mich der da drinnen, – mir ist, als könnt' ich kein Glied mehr rühren! Katharina . Trag dein Los. Wen die andern kümmern, der darf nicht glücklich sein. Trag dein Los. Marie . Und ihn nicht einmal mehr gesehen! Da am Fenster lehnt' ich, die Augen schaut' ich mir aus, aber dämmrig war's, daß man kein Antlitz kennen konnte. Katharina . Wovon redst du? Marie . Da ritten sie vorbei, die blauen Kürassiere, vor einer Stunde der letzte . . . da ritten sie vorbei! Katharina . Was redst du, Marie? Sie ritten vorbei? . . . Du sahst ihn nicht! Du hättest ihn nicht gesehn, auch wenn hellichter Tag gewesen wäre. Marie . Warum nicht? Katharina . Weil er hier nicht vorbeiritt. Marie . Ich sah sie doch! Und auch der Vater und der Doktor und der Adjunkt – wir alle sahen die blauen Kürassiere! Katharina . Mag sein, mag sein! Aber nicht die letzte Schwadron; die reitet erst morgen früh um viere. Marie . Woher weißt du –? Du lügst! Du wärst nicht hier, wenn er noch da wäre! Du spottest meiner! Katharina . Ich mußte doch fort. Sie waren alle beim Oberst geladen zu einem Abschiedsmahl. Der Oberst hat eine schöne Frau; die wollte wohl die jungen Leute alle noch einmal sehn. Oder war's der eine nur, den sie sehen wollte? Marie . Der eine nur? Katharina . Morgen um vier reiten sie in den Tod. Marie . Er ist noch da! . . . Er ist noch da! Katharina . Er war lange da. »Sie hätte mich nicht sollen warten lassen,« das waren seine Worte. Vor bösen Dingen hätt' sie mich bewahrt. Nun ist's wohl zu spät.   Elfte Szene Marie , Katharina . Die Tante von links. Die Tante . So – nun, scheint es, ist er eingeschlafen. – Katharina! Bist du endlich da – Katharina! Wir wollen nun gehen. Marie . Er schläft? Die Tante . Ja. – Leb' wohl, Marie. Morgen früh wollen wir noch einmal herschauen, ehe wir nach Hause fahren. – Dein Zimmer ist bereit, Marie. Der Vater von drinnen. Marie! Wo bist du? Marie zuckt zusammen. Die Tante . Komm, Katharina, komm! Katharina . Leb' wohl, Marie. Die Tante und Katharina ab.   Zwölfte Szene Marie und der Vater . Der Vater schreit von drin. Marie! Wo bist du? Wollt ihr mich – – Marie ergreift das Fläschchen, leert den Inhalt ins Glas. Der Vater . Marie! Er erscheint an der Türe und sinkt dort beinahe in die Knie. Marie zu ihm bin. Warum bleibst du nicht im Bett? Der Vater . Her zu mir! Ich ersticke drin! . . . Hier will ich bleiben! . . . Führe mich dorthin ans Fenster! Sie führt ihn hin; er setzt sich auf den Stuhl am Fenster. Marie steht hinter ihm. Vater! – Der Vater durch den Ton getroffen, wendet sich um, sieht sie an. Marie . Ist es wahr, Vater, was der Doktor heut erzählte? – Daß die blauen Kürassiere vor dreißig Jahren geflohen sind? Der Vater . Das ist wahr. Es sind nicht die einzigen gewesen. Marie . Aber die ersten waren es. Der Vater . Ja. Die ersten waren es. Was fragst du? Marie . Warst du nicht Rittmeister bei den blauen Kürassieren? Der Vater . Das war ich. – Tut es dir leid um die jungen Leute – oder um den einen nur? Mit dem wirst du nimmer tanzen! Und was den betrifft, kann der Herr Adjunkt ruhig sein. Schade! Der eine sollte davonkommen! Lacht. Marie . Bist du von allen, die damals entflohn, der einzige, der lebt? Der Vater . Ich denke wohl. Ich bin der einzige, und ich lebe noch. Seltsam! Wie vor sich. Und ich – ich bin schuld, daß die alle sterben müssen, vor mir. Marie . Du? . . . Nicht du allein! Der Vater . Wer weiß – vielleicht ich allein. Marie . Es ist auch möglich, daß die ganze Sache nicht wahr ist, sagt der Doktor. Niemand sprach davon dreißig Jahre lang. Der Vater . Und niemand wußte es, glaub' ich. Das ist das Seltsame. Die Verwirrung war groß. Damals gab es mehr als ein Regiment, dem man die Schuld gab. – Gib mir die Hand! Er packt sie beim Arm. Du willst fort! Wie vor sich. Wer mag es aufbewahrt haben? . . . Nun weiß es mit einem Male die ganze Welt. Aber, daß ich es bin, der sie alle in den Tod schickt, das weiß keiner! Marie . Du? . . . Der Vater . Ja – ich . . . alle die – und lebe und bin neunundsiebzig. Marie . Warum denkst du, daß du allein – – gerade du es gewesen bist? Der Vater . Warum? . . . Ich weiß es . . . Ich führte die dritte Eskadron. Am Fuß des Hügels von Lindach standen wir und warteten. Seit vier Uhr morgens saßen wir zu Pferd und warteten. Nichts andres hatten wir zu tun, als zu warten . . . Irgendwo in der Nähe war es wohl schon losgegangen, es knatterte, es donnerte – aber wir sahen nichts . . . Was lag mir daran? Schon manches der Art hatt' ich mitgemacht. – Bis dahin war ich einer gewesen, der an den Tod nicht dachte . . . ein Held war ich – ein Held . . . Hinter uns der Wald, aus dem wir herausgeritten waren, zur Linken stiegen die Hügel auf, rechts standen andere Regimenter, regungslos wie wir. Vor uns nichts als die weite Ebene, still und furchtbar. Seit vier Uhr morgens saßen wir zu Pferd. Stunde um Stunde verging. Keiner redete mehr. Es war, wie wenn man unser vergessen hätte. Wir sehnten uns alle nach einem Befehl zum Vorwärtsgehen . . . nur vorwärts, und wenn wir gewußt hätten, daß uns der Tod so gut wie gewiß war . . . Sich bewegen, sich rühren. Aber nicht das war unser Los – wir mußten warten. Warten. Wann es kommen würde, das wußte keiner, – aber es mußte kommen, das war gewiß. Dazu waren wir bestimmt. Seit vier Uhr morgens wußten wir's. Stunde um Stunde verging. Die Sonne brannte über uns. Wir wußten nicht, was in der Runde geschah. Und vor uns lag die Ebene, still und furchtbar. Daher mußte es kommen. Aber wann? wann? . . . Wir warteten. Eine Ewigkeit . . . hundert Ewigkeiten . . . Es nahm kein Ende . . . Fern – sehr fern klang es her, Donnern und Heulen . . . aber wir wußten nicht, was geschah . . . Wir warteten . . . Und da mit einem Male packte es mich . . . packt mich mit einem Male, was ich nie gekannt . . . zum ersten Male in meinem Leben packt mich Angst . . . Angst . . . entsetzliche Angst! . . . Und ich schreie, und weiß nicht mehr, was . . . als hätt' mich was an der Gurgel und ließ mich nicht los . . . ich schreie, daß es lauter klingt als das Heulen und Donnern . . . Und noch wer neben mir schreit . . . oder hundert . . . oder war ich's allein . . . ich weiß nicht . . . und mein Pferd bäumt sich, und ich reiß' es herum . . . ich war nicht der einzige . . . nein, der einzige war ich nicht! . . . Aber hätt' ich mich besonnen, Kehrt gemacht noch einmal, dann wär' alles anders gekommen . . . alles . . . ich weiß es, denn sie folgten mir in Tod und Hölle, wenn ich wollte . . . Aber ich wandte mich nicht. Denn in diesem Augenblick wußt' ich mit einem Male, daß sie uns all das, was uns auf den Fleck gebannt hielt hundert Ewigkeiten lang, nur vorlügen . . . Ehre und Vaterland nur vorlügen, um uns sicher zu haben! . . . Wer lohnt mir's? Wer dankt mir's? . . . Mit den tausend andern hätten sie mich in die Grube geworfen und Erde darauf, und aus war's gewesen! Und ich wollt' es nicht! Leben wollt' ich, leben, wie andre dürfen . . . eine Frau wollt' ich haben und Kinder und leben! . . . Und so rast' ich davon, die andern mit mir, mir nach . . . vor mir . . . überall . . . davon . . . davon . . . Und so ist es geschehen, daß ich heil zurückgekommen bin aus der Schlacht und ein Weib geheiratet hab', das mich verachtet, und ein Kind gekriegt, das mich haßt . . . und so ist es gekommen, daß heut die jungen Leute in den Tod ziehen, die ich nicht kenne, und daß ich noch lebe mit neunundsiebzig und sie alle überleben werde – alle – alle . . . Gib mir zu trinken! . . . Nein, nicht so! Du willst fort! Er hält sie am Arm. Führ' mich hin zu der Tür erst. – Er geht zur Türe und sperrt sie ab; hält den Schlüssel in der Linken und lacht höhnisch. Zurück – dorthin! Marie führt ihn zum Krankensessel, er setzt sich hin, den Schlüssel in der Hand. Jetzt schenk' mir ein. Sie gießt das Wasser in das Glas, in das sie früher das Gift hineingegossen, reicht es ihm. Er trinkt es aus, atmet auf. Dann erhebt er sich, sieht um sich, starrt, läßt das Glas fallen, starrt Marie an, reißt den Mund weit auf, als wollte er sprechen, macht zwei Schritte nach vorne, dann sinkt er mit einem Male hin, der Schlüssel fällt ihm aus der Hand. Marie nimmt den Schlüssel, sperrt auf; dann nimmt sie das Tuch, wirft es um sich, stürzt davon. Vorhang. Zweiter Akt Das Zimmer des Offiziers Max. Ziemlich klein. Rechts vorn Eingangstür. Links hinten ein einfacher Vorhang, geschlossen, der zu einem Alkoven führt. Hinten rechts ein Schrank. Vorn rechts ein Tisch, vor dem ein Sessel steht. Hinten ein Fenster, das auf den Kasernenhof hinausgeht. Über dem Hof liegt Mondschein. Der Hof ist sehr geräumig und rückwärts durch eine Mauer geschlossen. Das Zimmer ist parterre gedacht. Links in der Ecke ein eiserner Ofen. Neben dem Fenster links eine Etagere, einige Bücher, oben Flasche und Trinkgläser. An der Wand links vorne Waffen. Neben der Türe rechts ein Kleiderrechen, an dem ein Mantel hängt. Erste Szene Wenn der Vorhang aufgeht, sitzt Max vor dem Tisch, auf dem eine Kerze brennt, und ordnet Papiere und Briefe. Er steht auf und verbrennt einige von den Briefen in dem Ofen. – Zwei Soldaten gehen am Fenster vorbei, zwanglos plaudernd. Dann eine Patrouille, aus vier Soldaten bestehend. – In der Ferne ein Trompetensignal; dann wieder Stille. Max geht an den Tisch zurück. Der Unteroffizier tritt von rechts ein. Max . Du bist's? . . . Was gibt's? Der Unteroffizier . Melde gehorsamst, alles in Ordnung. Max . Also auch die zwei Mann wieder eingerückt? Der Unteroffizier . Jawohl. Vor einer Viertelstunde gekommen. Habe sie für morgen zum Rapport bestimmt. Max . Für morgen –? . . . Es sei ihnen geschenkt! Der Herr Oberst weiß noch gar nicht, daß sie abgängig waren. Jetzt ist keine Zeit mehr zu strafen, guter Freund. – Was denkst du, Sebastian, wollten sie sich wirklich aus dem Staube machen? Der Unteroffizier . Melde gehorsamst, sie sind wieder da. Max . Ich hab' es gewußt, daß sie wieder da sein werden zu rechter Zeit. In unserer Schwadron gibt's keine Feiglinge. Im übrigen komm' ich vorm Schlafengehen noch einmal ins Mannschaftszimmer und werde selber mit den zwei Leuten sprechen. – Nun, und du? Hast du den Deinen Lebewohl gesagt? Der Unteroffizier . Jawohl, Herr Leutnant. Meiner Mutter, meinem Vater und meiner Braut. Max . Auch eine Braut –? Schon lange versprochen? Der Unteroffizier . Ein Jahr lang, Herr Leutnant. Max . O, so eine ernste Sache! Ich dachte, du seist ein lustiger Bursche –? Der Unteroffizier . Zu Befehl, auch lustig bin ich. Aber dann sag' ich nicht »Braut«. Es gab manche, die nicht meine Bräute waren. Max . Die aber, der du heute Lebewohl sagtest, die wolltest du heiraten? Der Unteroffizier . Zu Befehl, Herr Leutnant. Zu Neujahr wollt' ich meinen Abschied nehmen, Herr Leutnant. Max . So. Du hast wohl vergessen, was der Oberst sagte: er nehme es auf sich, jeden Mann nach Hause zu entlassen, der danach verlangte. Der Unteroffizier . Herr Leutnant, es hat mancher ein junges Weib wie der Herr Oberst und mancher eine Braut wie ich – und es hat keiner um Entlassung angesucht. Max . Nun, wer weiß – du kommst am Ende zurück. Der Unteroffizier . Von uns kommt keiner zurück. Es ist uns bekannt, Herr Leutnant. Max . Was ist dir bekannt? . . . Unsinn! Ihr seid nicht zum Tode verurteilt. Es gibt immer ein paar, die davonkommen, die ganz heil bleiben oder von ihren Wunden genesen. Der Unteroffizier . Herr Leutnant, auch wir haben einander zugeschworen, daß keiner zurückkommt, so wie die Herren Offiziere. Wir sind alle blaue Kürassiere. Max . Es ist gut. Auf morgen. Er will ihm die Hand reichen. Der Unteroffizier nimmt sie nicht. Wir haben wohl noch einige Tage vor uns, Herr Leutnant –? Wer weiß, wann wir vor dem Feind stehen werden; es kann auch eine Woche dauern. Max . Ah, hältst du die Ehre meines Händedrucks für so groß, daß du sie nur vor der letzten Nacht annehmen möchtest? Der Unteroffizier . Herr Leutnant – Max . Und woher weißt du so bestimmt, daß nicht einen von uns schon heute der Teufel holt? Der Unteroffizier . Wir stehen alle in Gottes Hand. Ab. Max allein, nimmt wieder einige Briefe und wirft sie in den Ofen. Es geben einige Soldaten am Fenster vorbei, einer lacht auf; dann ist es wieder still. Max zum Tisch hin, schreibt etwas auf ein Blatt.   Zweite Szene Max . Der Oberst erscheint am Fenster, im Mantel. Der Oberst bleibt stehen und blickt herein. Erst nach zwei Sekunden sagt er. Guten Abend, Max. Max wendet sich, steht auf. Guten Abend, Herr Oberst. Der Oberst . Noch nicht zu Bette gegangen, Herr Leutnant . . . gar noch bei der Arbeit? Testament gemacht am Ende? Max . Meine Uniform nehme ich mit, Herr Oberst, meine Gage kann ich niemandem vererben. Der Oberst . Hat Sie gefroren, Herr Leutnant? Max . Mich? . . . Der Oberst . Dort in der Ecke glimmt es noch. Max . Ich habe alte Papiere verbrannt, Herr Oberst. Der Oberst . Da sehen Sie nur zu, Herr Leutnant, daß nichts Halbverbranntes im Ofen zurückbleibt, unter der Asche, angefangene Worte etwa. Max . Es läge nichts weiter daran, Herr Oberst. Der Oberst . Da irren Sie. Ist Ihnen denn nicht bekannt, daß in diesem Falle derjenige, der nach Ihnen diese Kammer bewohnen wird, Ihr Schicksal weiterleben müßte, genau dort, wo es unterbrochen wurde? Max . Das hab' ich noch nie sagen hören. Der Oberst . Es mag auch sein, daß mir das eben nur durch den Sinn fährt, – aber es könnte trotzdem wahr sein. Max . Wie soll ich das verstehen? Der Oberst . Ist Ihnen das noch nie begegnet? . . . Sie erinnern sich einer Landschaft, Sie wissen nicht: haben Sie sie geträumt oder wirklich einmal gesehen. Endlich kommen Sie in irgend eine Gegend, wo Sie niemals früher waren und finden Ihre Traumlandschaft wieder . . . Max . Ähnliches glaub' ich schon erlebt zu haben. Der Oberst . Oder nehmen Sie zum Beispiel die Geschichte von der Flucht unseres Regimentes vor dreißig Jahren. Daß das Regiment geflohen ist, daran ist natürlich kein Zweifel möglich, – aber daß gerade die blauen Kürassiere die Schuld an jener Niederlage tragen, das ist möglicherweise nur erfunden, um unserem Ausmarsch einen Reiz mehr zu geben. Max . Von wem könnte das erfunden sein? Der Oberst . Von wem immer. Aber daß es nachträglich auch erfunden wurde, spricht das dagegen, daß es zugleich wahr sein könnte? Zwei Kürassiere vorbei. Der Oberst . Noch wach? . . . Wir haben morgen einen langen Ritt vor, geht schlafen. Gute Nacht. Die beiden Kürassiere . Gute Nacht, Herr Oberst. Ab. Der Oberst zu Max. Ihre zwei Mann sind wieder zurückgekehrt? Max . Jawohl; sie sind zurückgekehrt. Herr Oberst wußten –? Der Oberst . Ja, ich wußte. Pause. – Sie waren sehr still heut an der Tafel, Herr Leutnant. Max . Nicht stiller als sonst meine Art ist, Herr Oberst. Der Oberst . Die andern alle waren etwas lauter als sonst, – als hätten sie etwas zu überschreien gehabt in ihrer Seele. – Nun, Max, Hand aufs Herz: Tut es Ihnen nicht ein wenig leid? Max . Herr Oberst –! Der Oberst . Ich meine, daß Sie nur eine einzige Schlacht mitmachen werden. Max . Ich denke, Herr Oberst, es läßt sich zur Not auch in einer Stunde so viel erleben, daß einem zu erleben nichts mehr übrig bleibt. Der Oberst . Das sagt sich so, Max. Überlegen Sie doch einmal. Vergessen Sie einen Moment, daß ich Ihr Oberst bin, vergessen Sie, daß wir beide Soldaten sind, – bedenken Sie auch, daß dieses Gespräch wahrscheinlich in weniger als sieben Tagen für alle Zeit verweht sein wird . . . Hören Sie, Max: Ich werde, bevor es ernst wird, eine sehr verläßliche Ordonnanz nach Wien an den Kaiser schicken müssen – wären Sie bereit, diese Mission zu übernehmen? Max . Herr Oberst, was soll das –? Der Oberst . Verstehen Sie mich nur recht, ich frage Sie. Auch wenn Sie am Leben bleiben, werden Sie in der Lage sein, dem Vaterlande Dienste zu leisten, . . . vielleicht sogar bessere, als wenn Sie – einer mehr gewesen sind. Max . Bin ich nicht ein Leutnant von den blauen Kürassieren, Herr Oberst? Der Oberst . Max, prüfen Sie sich doch, ob es Ihnen ganz ernst ist mit dieser Lust zu sterben. Max . Herr Oberst fragen mich . . .? Der Oberst . Lieber, ich bin neunundvierzig, und Sie – – Max . Siebenundzwanzig, Herr Oberst. Der Oberst . Wer weiß, wie ich heut an Ihrer Stelle dächte! Max . Herr Oberst? Der Oberst . Als ich in die Armee trat, war ich neunzehn, ich hatte Dienste genommen, um zu kämpfen, und an dem Tag, da ich ins Feld rücken sollte, wurde der Friede geschlossen. Da war mir natürlich zumute wie einem, dem man die Türe vor der Nase zuschlägt. Und vor der Türe stand ich zehn, zwanzig, dreißig Jahre – bis heute. Man tut da allerlei, um sich die Zeit zu vertreiben. Keinem andern kann ja so was passieren wie unsereinem. Es gibt keinen Doktor, dem sie dreißig Jahre lang Puppen für Kranke in die Betten legen, – keine Advokaten, die an gemalten Verbrechern ihre Kunst probieren, – und sogar die Pfaffen predigen öfters vor Leuten, die wirklich an Himmel und Hölle glauben. Ich aber war gezwungen, meinen Beruf zur Spielerei zu machen. Bei Gott, ich weiß nicht, was ich am Ende noch angestellt hätte, Max, wenn's nicht endlich doch dazu gekommen wäre! . . . Aber ich traue dem Schicksal nicht, und da es Regimenter gibt, die nicht ins Feuer kommen, hab' ich für alle Fälle Vorsorge getroffen, daß es am Ende nicht wieder nur Spaß gewesen ist. Max . Ich bin stolz, Herr Oberst, daß Sie mich Ihres Vertrauens würdigen. Der Oberst . Nun, da wir als Freunde zueinander sprechen, frage ich Sie nochmals, ob Sie meine Botschaft an den Kaiser überbringen wollen. Max . Wenn es ein Befehl ist, werd' ich es tun, Herr Oberst. Aber es wird der letzte Dienst sein, den ich meinem Vaterland erweise. Der Oberst nach Pause. Max, Ihr Zug wird der erste sein. Sie werden an meiner Seite fechten. Max . Ich danke, Herr Oberst. Der Oberst . Sie danken –? Max . Was denn erwarteten Herr Oberst? Der Oberst . Und Sie lassen nichts zurück? Max . Nichts. Der Oberst . Und sind siebenundzwanzig . . . . Max . Ich habe keine Eltern mehr, Herr Oberst, und habe nie Geschwister gehabt. Der Oberst . Auch ich habe keine Eltern und keine Geschwister. Max . Ich habe auch keine Frau, Herr Oberst. Der Oberst . Keine Frau! Geben Sie so viel auf den kirchlichen Segen? Max . Herr Oberst fragten mich, ob ich nichts zurücklasse . . . Läßt man zurück, was man schon vergessen haben wird, wenn man am Zollhaus vorbeireitet? . . . Ich habe auch noch ein paar Flaschen Burgunder im Schranke stehen und sage doch nicht, daß ich was zurücklasse. Der Oberst . Es gäbe Leute, die sie lieber zum Fenster hinausgössen. Max . Es ist eine Frage, ob man dazu das Recht hätte. Der Oberst . Warum nicht? Wenn sie nicht zufällig in einem fremden Keller liegen und ein anderer die Schlüssel hat. Max . Ein lustiger Vergleich, Herr Oberst. Der Oberst . Warum Vergleich? . . . Ich sprach von Ihrem Burgunder, Herr Leutnant. Eine Patrouille geht vorbei, salutiert, der Oberst dankt. Der Oberst hart. Max. Max . Herr Oberst? Der Oberst . Ich habe keine Zeit mehr, einen Zufall abzuwarten, der mir Beweise in die Hand spielte, und käm' einer in dieser Sekunde selbst, er hälfe nichts mehr. Denn wir hätten kein Recht mehr, um unser Leben zu spielen, da es ja nicht mehr uns gehört, sondern dem Kaiser, dem Vaterland – oder einem Wahn . . . Wie immer – wir dürften den Einsatz nicht zurückziehen, selbst wenn wir das Spiel mit einem Male abgeschmackt fänden. Max . Ich weiß es, Herr Oberst. Doch versteh' ich nicht, was diese Worte mir gegenüber zu bedeuten haben. Der Oberst . In jedem andern Augenblick vor meine Frage hingestellt, hätten Sie das Recht, die Antwort zu verweigern. In keinem andern Augenblick hätte ich Sie gefragt, sondern hätte mir die Antwort selbst verschafft, ohne Sie zu bemühen. Aber in diesem Augenblick nicht zu antworten, wäre niedriger als Feigheit, denn Sie haben nichts zu fürchten als mein Verstehen. Max . Ich erwarte die Frage, Herr Oberst. Der Oberst . Brauche ich mit Worten zu fragen, oder soll mir Ihr Zögern Antwort sein? Max . Ich darf an Ihrer Seite fechten, Herr Oberst. Der Oberst sieht ihn lang an. Gute Nacht, Max. Er geht. Max allein, bleibt eine Weile am Fenster.   Dritte Szene Max . Albrecht von rechts ins Zimmer. Albrecht . Mit wem sprachst du eben, Max? Max . Der Oberst blieb an meinem Fenster stehen; wir haben geplaudert. Albrecht . Er liebt dich sehr. Man sah es auch an der Tafel heute. Wie er dich anblickte! Als tät's ihm leid um dich. Max . Er fühlt, wie ich ihn verehre. Albrecht . Nun, was sagte er? Wann stehen wir dem Feind gegenüber? Max . Davon war nicht die Rede. Albrecht . Wär' es nur bald – in drei Tagen – morgen früh . . . alles ist besser als die Frist, die uns geschenkt ist. Max . Ich erwartete dich nicht mehr, Albrecht. Albrecht . Ich kann nicht schlafen. Es trieb mich hin und her. Verzeih. Nun, ich will dich nicht länger stören. Max . Du störst mich nicht. Ich habe nur mehr ein paar Minuten im Mannschaftszimmer zu tun, sonst bin ich fertig. Albrecht . Bist du dessen ganz gewiß? . . . Du würdest staunen, Max, wie viel du plötzlich zu tun hättest, wenn nur all das, was uns bevorsteht, hinschwände wie ein Traum, und du morgen früh aufwachtest – mit einem Leben vor dir. Max , Bist du's, der so spricht, Albrecht? Mir scheint, dich hat das Frauenzimmer schlaff gemacht. Es gab wohl Tränen am Ende? Albrecht . Tränen? . . . Die ist nicht von der Art. Max . Ist sie wieder heim in ihr Dorf? Albrecht . Nein, noch nicht. Ich hab' sie bis vor das Haus ihrer Base geleitet. Sie wird deine Grüße bestellen . . . . Was fiel dir nur plötzlich ein? Du hast des Mädchens doch seit dem Balle kaum gedacht. Max . Kaum – du hast recht. Und doch ist mir heut, als wäre dies, gerade dies das einzige, was ich versäumt habe . . . Warum ist sie nicht gekommen? Warum nicht? Wie vor sich. Vieles wäre anders geworden. Albrecht . Ihr Vater liegt auf den Tod, du hörtest es doch von Katharina, und läßt die Tochter nicht von seiner Seite. Max . Wenn sie wirklich gewollt hätte – – Albrecht . Überdies soll sie verlobt sein. Max . Wenn sie gewollt hätte, Freund – – –! Albrecht . Und zu allerletzt hat sie deiner wohl gerade so wenig gedacht als du ihrer. Max . Heut denk' ich ihrer . . . Ach, ich wollte, sie wäre dagewesen zu rechter Zeit! Was mir sonst noch geblüht hätte, das weiß ich nicht, und um das kann ich nicht klagen, – dies aber ist ein versäumtes Glück, und vielleicht das beste, das mir bestimmt war . . . und ihr. Wahrhaftig, mir ist, als ging' ich um ihretwillen nicht so freudig, als ich sollte! Albrecht . Solltest du gar freudig –? Ich glaube, das ist zu viel verlangt . . . von dir und von uns allen. Freudig meinethalben in Abenteuer, in Gefahren, aber doch freudig nicht in den sichern Tod! Max . Warum nicht? Wenn man eine Schuld damit bezahlt, und wenn es die einzige Art ist, sie zu bezahlen –? Albrecht . Schuld . . .! Wenn's noch die eigene wäre, wenn wir selber einmal in unserem Leben vor einem Feinde davongelaufen wären! Max . Es ist die gleiche Fahne, mein Lieber. Wir sind haftbar. Man muß die Zusammenhänge begreifen. Albrecht . Mir will die Sache nicht ein. – Unter uns: Der Oberst ist ein gar zu witziger Kopf, darum müssen wir sterben. Das ist bitter! Max . Nichts über ihn. Ihr versteht ihn alle nicht! Albrecht lacht. Max . Warum lachst du? Albrecht . Ich überlege, Max, ob du nicht eine persönliche Schuld in der allgemeinen willst aufgehen lassen und dafür deine Bewunderung noch mit in den Kauf gibst. Max . Ihr kennt ihn nicht, sag' ich! Albrecht . Es klingt ja herrlich und in den Geschichtsbüchern wird sich's wunderbar lesen: »Die blauen Kürassiere luden vor dreißig Jahren eine Schmach auf sich, dann kam ein Held, um sie wieder abzuwaschen.« Max! Keiner von allen, die damals kämpften und flohen ist mehr da, – gegen einen andern Feind ziehen wir aus und für einen andern Herrn, – die Fahne selber weiß nicht mehr, wer sie trug . . . der Teufel soll mich holen, wenn ich weiß, wofür ich mich niederschlagen lasse! Max . Warum sagst du das mir? Geh doch zum Obersten. Er wird auf die traurige Kameradschaft gern verzichten. Albrecht . Das glaub' ich. Er fände auch ein sublimes Wort, um mich heimzuschicken. Aber ich hab' keine Lust, ihm Gelegenheit zu geben, den großen Mann vor mir zu spielen. Ich werde schweigen und größer sein als er. Von mir wird kein Heldenbuch berichten, und ich werde doch zu sterben wissen wie er. Max . Und es nicht einmal verdienen. Albrecht . Der Oberst hat's dir angetan. Glaub' ich nicht, ihn zu hören? . . . Ach, es sind Worte, Max, Worte! . . . Nie mehr übers Feld sprengen in lichter Frühe, den Himmel überm Haupt, – nie mehr an blühenden Lippen hängen, vom Dufte zitternder Brüste umweht, – kein Laut lebendiger Stimmen mehr für uns, kein Schimmer mehr für uns von Sonne und Sternen . . . hinsinken, bluten, verenden, eingegraben werden für alle Zeit – – wenn dir davor nicht graut, Freund, verstehst du weder Tod noch Leben! Max . Geh schlafen, Albrecht; ich verspreche dir, mich morgen nicht mehr zu erinnern, was du heute sagtest. Albrecht . Du weißt, Max, mein Leben stand schon mehr als einmal auf eines Säbels Spitze, wiegte sich auf dem Hals eines wilden Pferdes oder sprang mit den Würfeln aus dem Becher, und ich glaube, in jedes Bahrtuch, das eigene Narrheit webte, hätt' ich mich lustig wie zu einem Mummenschanz gehüllt . . . aber diesmal – diesmal . . . Und wär's auch nicht für den Witz unseres Obersten, wär's auch für Kaiser und Vaterland, mir schien' es doch, als trüg' man uns für die Fahne eine wehende Narrenkappe voran, als sängen uns die Pfeifen ein Spottlied, als wirbelte die Trommel: warum? . . . warum? . . . Max . Auf die, die nach uns sein werden, kommt es an, nicht auf uns. Sind wir nichts anderes, so sind wir ein Beispiel. Albrecht . Nach uns –? Es kommt nichts nach uns. Wenn die Sonne herunterstürzt in Millionen Jahren, klingt's uns gerade so laut wie die Nachrede des Feldvikars an unserer Gruft. Nichts kommt nach uns. Alles stirbt mit uns. Unser eigener Mörder, während er uns den Dolch ins Herz gräbt, stirbt mit uns. Max . Ich beklage dich, Albrecht. Wer nur an sich denkt, stirbt in jedem Augenblick; wer die Zusammenhänge begreift, lebt ewig. Albrecht . Leb' wohl, Max. Max . Ich begleite dich über den Hof; ich muß noch zur Mannschaft. Nimmt den Mantel. Sie gehen beide ab. Man sieht sie über den Hof gehen, einer Wache begegnen, die nach der anderen Seite verschwindet. – Pause.   Vierte Szene Marie kommt rasch von rechts herein, als würde sie verfolgt. Sie kommt in die Mitte des Zimmers, atmet tief auf; dann sieht sie durch das Fenster in den Hof und weicht wieder zurück, als wollte sie sich verbergen. Plötzlich hört sie Schritte; sie bleibt abwartend mit leuchtenden Augen stehen, sie lauscht; man hört Stimmen draußen auf dem Gang, die Stimmen kommen näher, bis an die Türe. Marie eilt nach rückwärts, verbirgt sich hinter dem Vorhang.   Fünfte Szene Marie hinter dem Vorhang. – Max tritt ein, im Mantel, den er dann über den Stuhl am Tische fallen läßt, mit Irene . Max . Was fällt dir ein?! Irene . Nun bin ich eben da. Max . Wie wagtest du dich fort? Irene . Er ist noch nicht daheim. Max . Vor einer Viertelstunde war er hier. Irene . Bei dir? Max . Hier am Fenster stand er und sprach mit mir. Irene . Sprach mit dir –? Weiß er – –? Max . Er ahnt. Irene . Mag er. Jetzt ist alles gleichgültig. Max schließt das Fenster und zieht die Vorhänge vor. Irene . Höre, ich muß mit dir reden! Max . Nahmen wir nicht schon Abschied? Was soll es? Irene . Wie? Hat mein Held am Ende Angst? Max . Angst . . .? Ich wollte lieber – was ich ja nicht mehr zu wollen brauche, als vor ihm gestanden sein, wie ich stehen mußte! Irene . Wahrhaftig, es ist etwas geschehen, was im Weltenlauf noch nicht erhört war: Ein junger Mann hat einem Graukopf die Frau gestohlen! Max . Wie zu einem Freunde sprach er zu mir – wie zu einem Sohne . . . und ich habe ihn belogen! Irene . Wie zu einem Freunde . . . Und doch bist du so wenig sein Freund gewesen, wie ich jemals seine Frau war. Nie ist ihm irgend ein Mensch etwas gewesen. Du denkst, wir leben mit ihm unter Sonne und Sternen, und wir sind ihm nichts als Partner an einem Spieltisch. Max . Das Spiel heut hätte ich gewonnen, wenn ich die Wahrheit gesprochen hätte. Er hätte mir verziehen, und ich stand stumm, ich fürchtete sein Verstehen. Irene . Willst du? Ich bringe ihn her, wenn's dich danach verlangt. Max . Nun wäre es zu spät – alles ist vorbei. Irene . Nichts ist vorbei . . . für mich nichts! Ich liebe dich! Max . Warum wirfst du mir's ins Gesicht wie einen Fluch? Irene . Es bedeutet nichts anderes, wenn du mir nichts besseres zu erwidern weißt. Max . Was willst du von mir? Sagten wir uns nicht Lebewohl auf ewig? . . . Dort in der Asche glimmen deine Briefe, deine Rosen. Drei Tage noch, und meine Schuld war beglichen! Warum kommst du noch einmal? . . . Glühen deine Augen mich wieder an, . . . hauchst du mir deinen rasenden Atem über die Wangen, so fühl' ich, was ich nicht mehr fühlen darf. Ich habe nicht mehr zu geben als mich . . . zu Ende war's, Irene, – zu Ende unser Abenteuer, unsere Lüge, unsere Lust – – warum kommst du noch einmal? Irene . Lust, Lüge, Abenteuer sind vorbei – ja. Nun will ich besseres erleben! Max . Keiner kehrt zurück. Wenn die Sonne morgen aufgeht, gehört dir die Welt. Irene . Und dir, wenn du Mut hast! Max . Du bist nicht bei Sinnen! Irene . Hast du mich so rasch verstanden? Max . Ich hasse dich, Irene! Irene . Liebst du mich so sehr? Max . Wonach verlangt dich? Hast du mein Leben noch nicht mit Schmach genug erfüllt? . . . Willst du ergründen, wie weit du einen zu treiben vermagst, der zu lügen begonnen? Irene . Und weißt du, welche deine nächste Lüge wäre? . . . Einen Weg zu gehen, auf den es dich in Wahrheit doch nicht lockt. Max . So wäre sie doch die letzte und machte alle früheren und sich selber gut. Irene . Glaubst du, wenn es eine Sühne gäbe, dies wäre eine? Meinst du, aller hohe Sinn wäre darin beschlossen, daß man sterben will und kann? Max . Und hätt' ich nichts zu sühnen, ging' ich dann nicht von hier? Ist dies denn nur ein Handel zwischen mir und deinem Gatten? . . . Hätte ich dich niemals gesehen, ging' ich dann nicht den gleichen Weg wie die andern? Irene . Hätt' ich doch Kraft, sie alle zurückzuhalten! Wie viel Jugend schwindet sinnlos aus der Welt! Max . Warum hängst du dich an mich? Gibt es nicht Hunderte, die williger und erbärmlicher wären als ich? . . . Und gibt es nicht Hunderte, mit denen du glücklich sein könntest, ohne von ihnen zu verlangen, daß sie Schurken werden? Irene . Aber gäb's ein tolleres Glück, als von einem geliebt zu werden, der für mich zum Schurken zu werden glaubt, und ihn zum Bewußtsein erwachen zu sehen, daß er nur klug gewesen ist? – Höre, Max, ich bringe dir einen fertigen Plan. Mit den andern allen reitest du morgen früh davon. In Wiener-Neustadt ist eure erste Rast; dort läßt du dich vom Pferd sinken, man kennt dich als den Bravsten von allen, niemand wird zweifeln, daß du ernstlich krank bist. Die andern ziehen weiter, du bleibst zurück. Ich aber warte – nicht hier in der Stadt; – zwei Stunden weit von dir, an der ungarischen Grenze, in Eisenstadt unter fremdem Namen wart' ich dein. Sobald es möglich – nicht zu früh, du wirst vorsichtig sein – eilst du zu mir. Für Wagen und Pferde wird gesorgt sein. Kommst du, so sind wir gleich auf der Fahrt, auf der keiner uns sucht, keiner uns einholt – wir fahren weit fort, wohin du willst – nach dem Süden, dem Osten, nach Griechenland, nach Sizilien – weiter noch, übers Meer, in ein Land, wo niemand uns kennt, niemand uns kümmert. Ich bin reich, Max, wir können bleiben, wo es uns gefällt. Ein neues Leben hebt an . . . alles vergangene – Schatten, eingetrunken von der nächtigen Ferne, die keine Macht mehr hat über uns. Nicht hingemordet wirst du für ein Vaterland, das dir's nicht dankt . . . nicht namenlos eingescharrt mit andern Namenlosen, vergessen wie die! . . . Du wirst atmen, lachen, leben! Aber nicht mir verfallen in gemeinsamer Schuld, wie du fürchten magst – nein, frei wie ich und dem Dasein zurückgegeben, dem lockend unerbittlichen, das dich nicht wieder aufnimmt, wenn du ihm einmal den Dienst leichthin gekündigt . . . Sag' ja . . . Nein, antworte nichts, und es soll mir ein Ja bedeuten! Ich eile nach Hause – morgen früh schon verlass' ich die Stadt, in drei Tagen hab' ich dich wieder. Max . Genug. Ich will dich nicht hören! . . . Klingt ihr heut aus allen Ecken hervor, lockende, erbärmliche Stimmen des Lebens? . . . Ich verachte euch! verachte euch! . . . Verschwendet sind deine Worte, Irene. Geh . . . geh rasch! Du hättest zu viel gewagt um nichts, Irene. Geh! In diesem Augenblick klirrt das Fenster.   Sechste Szene Die Vorigen , der Oberst . Der Oberst springt durchs Fenster herein, reißt die Vorhänge auseinander, steht plötzlich da. Pause. Max . Man hätte Ihnen die Türe geöffnet, Herr Oberst. Der Oberst . Dieser Weg schien mir sicherer Max . Herr Oberst, ich beschwor Irene, mich noch einmal zu sehen. Irene . Es ist nicht wahr! Ich hab' ihn angefleht, daß er dir nicht folge, und es war vergeblich. Der Oberst . Es zeigt sich, daß Lüge und Wahrheit zuweilen gleich abgeschmackt klingen. Vielleicht hättet ihr schweigen sollen. Pause. Irene . Nun! Was soll wieder das? Was hast du vor? . . . Du siehst, daß ich nicht zu fliehen versuche und nicht schreie . . . Juckt es dich, den Großmütigen zu spielen? . . . Ich glaub' dir's so wenig wie alles andere. Auch in diesem Augenblick empfindest du nichts, nichts – nichts! Du willst deine Rolle gut zu Ende spielen, das ist alles . . . Ja sieh mich nur an. Ich, deine Gattin, spreche so zu dir, denn ich kenne dich. Nun ja, was starrst du mich so an? Ich bin es! Der Oberst . Bist du's? Schade, daß deine Wahrheiten beinah so kurzen Atem haben als deine Lügen. – Du warst es, Irene. Erschießt sie. Irene fällt tot zu Boden. Max zu ihr nieder. Nun an mich, Herr Oberst! Der Oberst schüttelt den Kopf. Nein. Pause. – Es klopft. Eine Wache von draußen. Herr Leutnant! Max . Was gibt's? Was willst du? Die Wache . Herr Leutnant – Max . Ich liege schon zu Bett, ich kann nicht öffnen. Die Wache . Ein Schuß ist gefallen, Herr Leutnant. Max . Ja – ich bin wohl davon erwacht . . . Nun? Weißt du nichts Näheres? Die Wache . Nein. Der Herr Unteroffizier befahl mir, die Meldung zu erstatten. Er selbst inspiziert die Mannschaftszimmer. Max . Es ist gut. Wenn was geschehen und noch zu helfen ist, so wecke man den Arzt. Mich laßt schlafen bis morgen. Die Wache . Zu Befehl, Herr Leutnant. Seine Schritte verhallen auf dem Gang. Pause. Max zum Oberst. Was beschließen Herr Oberst mit mir? Der Oberst . Nichts, Herr Leutnant. – Nur bitte ich Sie, dafür zu sorgen, daß dieser Mord morgen nicht vor unserem Abmarsch entdeckt werde – und – da ich noch etwas zu tun habe und Sie wahrscheinlich nichts mehr – ihn für alle Fälle auf sich zu nehmen. Es wird Ihnen nicht schwer werden . . . Sie sind ja das Lügen gewohnt. Max . Herr Oberst, es wäre menschlicher gewesen, es in einem abzutun. Der Oberst . Menschlicher – ja. Aber das lag nicht in meiner Absicht. Er geht.   Siebente Szene Max , Marie . Max bleibt regungslos stehen, dann beugt er sich wieder zur Leiche herab. Dann steht er auf, geht zu dem Tisch hin und nimmt den Revolver zur Hand. In diesem Augenblick tritt Marie hinter dem Vorhang hervor, totenblaß und ruhig. Was ist das? – Marie bleibt stehen mit halbgeöffneten Lippen. Max . Bist du's? . . . Du warst hier? Marie nickt. Max stellt ihr durch eine Handbewegung anheim fortzugehen. Marie bleibt stehen. Max . Du bleibst? Marie nickt. Max . Und weißt du, daß ich ein Ende machen muß, ehe die Sonne aufgeht? Marie . Ich weiß. Max . Und bleibst –? Marie . Ich bin gekommen. Max . Fort . . . fort! Er nimmt sie mit einem Arm und mit dem andern den Mantel, der über dem Stuhle hängt, hüllt sich und sie darein, eilt mit ihr davon. Hinter sich versperrt er die Türe. Die Szene ist nun leer; nur die tote Irene liegt auf dem Fußboden . . . Draußen Ruf einer Patrouille . . . Ferne Trompetenstößs. Vorhang. Dritter Akt Kleiner Garten. Links ein einfaches, weißes, längliches Parterrehäuschen, die Fenster von Blumen umrankt. Neben der Tür, ans Haus gerückt, eine Bank. Vorne rechts im Garten, unter einem Nußbaum, ein weißer Tisch und weiße Sessel. In der Mitte des Gartens Blumenbeete und blühende Rosensträuche. Der Garten ist hinten durch einen nicht zu niedern Zaun abgeschlossen. In der Mitte des Zauns eine Türe. Längs dieses Zauns läuft ein schmaler Weg. An den Weg grenzt eine weite Wiese, die allmählich ansteigt. Hinten Wald, Hügellandschaft. Auf dem bewaldeten Hügel im Hintergrund eine Lichtung, die den Blick auf hohe Berge frei läßt. Rechts hinten rückt der Wald nahe an den Garten. Maimorgen. Stiller blauer Himmel, Sonne. Zuweilen laufen Kinder über die Wiese, spielen wohl auch eine Weile am Waldesrand. Erste Szene Der Arzt und der Adjunkt treten aus dem Hause in den Garten. Der Adjunkt . Weder Frau Richter noch Marie sind daheim, wie Sie sehn. Ich dachte mir's. Frau Richter wird wohl in der Kirche sein. Der Arzt . Sie glauben? Der Adjunkt . Seit Katharina verschwunden ist, soll sie halbe Tage dort verbringen, wie ich höre. Der Arzt . Und betet wohl zum Himmel um ihrer Tochter Wiederkehr. Der Adjunkt . Ob sie das wünschen sollte . . .? Sie sind beide tiefer in den Garten getreten. Der Arzt . Diese Gegend hier ist schön. Welch ein Frieden über der Landschaft. Wie reich die Felder stehn. Der Adjunkt . Es ist ein gesegneter Strich Landes. Der Arzt . Dort, wo Sie jetzt hinkommen, sieht es wohl wilder aus? Der Adjunkt . Düsterer gewiß. Höhere Berge, ragende Felsen, die Wälder schwärzer als hier. Pause Der Arzt setzt sich nieder. Glauben Sie, daß Marie mit ihrer Tante in der Kirche ist? Der Adjunkt . Möglich. Ich weiß übrigens gar nichts von ihr. Ich habe sie nicht gesehn, seit sie mit Frau Richter zurückgekommen ist. Der Arzt . Nicht einmal gesehn? Nur nicht gesprochen, dacht' ich. Der Adjunkt . Auch nicht gesehn. Ich bin heute das erste Mal seit meiner Rückkehr aus der Einsamkeit meines Forsthauses ins Dorf herabgestiegen. Der Arzt . Sie sprachen aber schon mit Frau Richter? Der Adjunkt . Ja. Frau Richter hat mich nämlich noch am Tage ihrer Ankunft aufgesucht. Der Arzt . Sie war bei Ihnen? Der Adjunkt hat sich auch gesetzt. Ja. Ich sollte ihr sagen, wo Katharina wäre. Sie bildete sich mit einem Male ein, ich müßte es wissen . . . Aber seither habe ich sie nicht wieder gesehn. Der Arzt . Das sind nun beinahe drei Wochen her. Der Adjunkt . Ja. Sie sprach damals auch von Ihnen und zwar mit vieler Dankbarkeit. Sie seien ihr so hilfreich zur Seite gestanden in jenen schweren Tagen. Der Arzt . Hilfreich –! Es war nicht sonderlich viel, was ich für sie tun konnte. Der Adjunkt . Sie sind mit ihr dem Sarge des alten Moser gefolgt . . . ? Der Arzt . Ja. Das hab' ich getan. Der Adjunkt . Nur Sie und Frau Richter nahmen an dem Begräbnis teil? Der Arzt . Ja. Er hatte keine Freunde, die seinen Tod beweinten. Nur wir beide standen an seinem Grabe. Der Adjunkt . Und Marie? Der Arzt . Marie hatte ich es geradezu verbieten müssen, auf den Friedhof mitzugehn. Sie war vollkommen darnieder. Ich fand sie morgens am Totenbett ihres Vaters sitzen, der in der Nacht gestorben war, wie eine . . . ja wahrlich, als hätten sie nicht allein ihres Körpers Kräfte verlassen. Bedenken Sie nur, Herr Adjunkt, die Monate, die Jahre, die sie als Krankenwärterin dieses alten, bösen Mannes durchzumachen hatte! Der Adjunkt hat ihn aufmerksam betrachtet. Ja die mögen furchtbar genug gewesen sein. Pause. Und auch wegen der verschwundenen Katharina haben Sie sich bemüht, sagte mir Frau Richter. Der Arzt . Bemüht? Ich habe die Anzeige erstattet, das war alles. Was konnt' ich andres tun? Der Adjunkt . Die Anzeige? Will man sie durch die Polizei zurückholen? Der Arzt . Das könnten Sie der Mutter nicht verdenken. Aber natürlich hat die Behörde in diesen Zeitläuften wichtigeres zu tun, als sich um ein verschwundenes Mädchen zu kümmern . . . Der Adjunkt . Das glaub' ich. Es kommen schlimme Nachrichten von der Grenze. Der Arzt . Die Erregung bei uns in der Stadt wächst ins Ungeheure, zugleich Teilnahme und Opfermut. Erst auf dem Weg hierher sah ich einen Zug von freiwilligen barmherzigen Pflegerinnen, der sich zum Heere begibt. Der Adjunkt . Der Feind soll tiefer ins Land gerückt sein. Und Gefechte gibt's Tag für Tag, die keine Entscheidung bringen. Der Arzt . Es hat sich viel ereignet in der Welt, seit wir die blauen Kürassiere von jenem Fenster aus vorbeireiten sahen. Der Adjunkt . Ob ihnen schon Gelegenheit geboten war, ihren Todesschwur zu halten –? Der Arzt . Wenn es geschehen ist, so wird man bald davon hören. Glockenschläge vom Kirchturm. Der Arzt . Wann müssen wir aufbrechen? Der Adjunkt . Es eilt nicht eben. Unser Gepäck hab' ich nach Hasbach voraussenden lassen, das kaum drei Stunden von hier entfernt ist. Dies hier ist das letzte Haus im Dorfe. Gleich von hier aus können wir unsere Wanderung antreten. Der Arzt nach einer kleinen Pause, herzlich. Nun will ich Ihnen doch sagen, lieber Freund, daß Sie mein Herkommen nicht etwa als . . . Zwang auffassen dürfen. Der Adjunkt . Warum sollt' ich? Der Arzt . Es hat sich manches verändert, auch in unserer kleinen Welt, seit dem Tag, da wir unsere gemeinschaftliche Wanderung verabredet haben. Der Adjunkt . Und wenn auch . . . Der Arzt . Sie werden vielleicht doch vorziehn, hierzubleiben. Der Adjunkt . Hierzubleiben? Der Arzt . Solange es Ihnen eben möglich ist – und dann auf dem kürzesten Weg in Ihr neues Revier abzureisen. Der Adjunkt . Hierbleiben? Was sollt' ich hier? Der Arzt . Vielleicht, daß doch von Katharina irgend eine Nachricht eintrifft, oder daß sie selbst . . . Der Adjunkt . Und wenn sie wieder käme . . . ich glaub' es ja nicht . . . aber wenn sie wirklich wiederkäme . . . heute, morgen, irgendwann – was könnte das mir bedeuten? Menschen, die man einmal verloren hat, mit oder ohne Schuld, kehren doch nur als Gespenster wieder; wenn auch ihre Wangen von Leben glühn. Der Arzt . Das mag wahr sein. Der Adjunkt . Nein, lieber Freund, mich hält hier nichts zurück. Sie können mir's glauben. Nichts hält mich hier. Es treibt mich eher fort. Auch wenn es nicht mein Amt wäre, das mich anderswohin riefe, diesen Ort verließe ich auf jeden Fall. Ich will es Ihnen gestehen, kaum hielt es mich noch Ihre Ankunft abzuwarten. Als Sie heute morgens das Forsthaus betraten, das ich nun nie mehr wiedersehen werde, war ich sehr froh. Wie dank' ich Ihnen, daß Sie Ihr Wort gehalten haben, daß Sie mit mir über die Berge wandern wollen in meine neue Heimat. Wie lange währt Ihr Urlaub? Der Arzt . Nicht länger als unsere Wanderung dauern wird. Aber auch ich kehre nicht wieder in die Stadt zurück, wenigstens in der nächsten Zeit. Und sobald ich Sie verlassen habe, setze ich meine Reise an die Grenze fort. Ich habe Dienste in der Armee genommen. Der Adjunkt . Wie? Der Arzt . Ja, ich rücke ein, als Arzt selbstverständlich. Aber auch in dieser Eigenschaft denk' ich, kann man allerlei erleben. Ja, sehen Sie, auf meine alten Tage überfällt mich eine ganz seltsame Sehnsucht nach Abenteuern. Der Adjunkt . Das wär' es –? Der Arzt . Und solch eine Gelegenheit kommt nicht so bald wieder. Glauben Sie nicht, daß es für mich die höchste Zeit ist, jung zu werden? Ich bin es nie gewesen. Man soll doch das auch einmal versuchen, eh' es zu spät ist. Glauben Sie nicht? Der Adjunkt sieht ihn lange an. Sie haben Marie geliebt? Der Arzt . Geliebt? Wir haben immer nur die paar Worte. Zugedacht von jener höhern Macht, die wir vielleicht auch nicht gerade mit Namen nennen müssen, war sie doch wohl Ihnen. Der Adjunkt . Das hab' ich auch einmal geglaubt. Nun aber ist sie mir entrückter als irgend ein andres Wesen in der Welt. Fremder als Menschen, die ich nie gekannt habe, als Menschen, die ich niemals kennen werde. Vergeblich horch' ich in meine eigne Seele, einmal noch den Wohllaut ihrer Stimme zu vernehmen, wie er früher mir so milde entgegenklang. Vergeblich müh' ich mich, ihre Gestalt so wiederzusehn, wie sie einst im Frieden dieser Landschaft mir entgegentrat, Ernst und Reinheit auf der Stirn, Helle und Sicherheit in den Augen. Wenn ich jetzt ihrer denke, erscheint mir ihr Antlitz von der Qual wilder Wünsche jammervoll verzerrt, und ihre Stimme gellt mir in der Erinnerung wie die einer Wahnsinnigen im Ohr.   Zweite Szene Der Arzt , der Adjunkt . Die Tante kommt auf dem Weg längs des Zaunes. Die Tante noch draußen. Wer ist's denn? Sie, Herr Doktor, Sie? Herein, sehr erregt. Von der Kath'rin! . . . Bringen Sie mir eine Nachricht von der Kath'rin? Der Arzt . Von Katharina habe ich leider nichts in Erfahrung gebracht, Frau Richter. Die Tante . Nichts! Nichts!! Sie wollen mir's nur nicht sagen. Sie wissen was! . . . Herr Doktor, reden Sie . . . Sie können mir alles sagen . . . Der Arzt . Ich versichere Sie, Frau Richter daß ich nicht mehr weiß als Sie. Die Tante . So . . . So . . . Ja warum sind Sie denn hergekommen? Der Arzt . Erinnern Sie sich denn nicht, liebe Frau Richter? Ich hab' Ihnen ja schon in der Stadt gesagt, daß ich den Herrn Adjunkten hier abholen und bei dieser Gelegenheit Sie und Fräulein Marie besuchen würde. Kinder auf der Wiese, die nach einiger Zeit wieder verschwinden. Die Tante sich erinnernd. Ja, ja . . . sein Sie mir nicht bös', Herr Doktor. Freilich, freilich . . . Sie haben's mir ja versprochen. Das ist ja sehr schön von Ihnen, daß Sie Ihr Wort halten. Die Marie wird sich sehr freuen . . . Sie wird wohl bald da sein. Sie ist spazieren gegangen. Wollen Sie sich nicht niedersetzen, Herr Doktor? Und auch Sie, Herr Adjunkt? Setzt sich. Der Arzt setzt sich. Wie schön Ihr Haus hier im Grünen liegt, Frau Richter. So abgeschieden und frei. Die Tante . Im Markt drin könnt ich nicht wohnen, es ist mir zu laut. Immer gibt's was, an Sonntagen gar, wenn sie aus den Dörfern hereinkommen zu uns. Jetzt, wie ich von der Kirche über den Platz gegangen bin, sind die Leute wieder zusammen gestanden und haben Neuigkeiten vom Krieg erzählt. Der Arzt . So? Haben Sie etwas näheres gehört, Frau Richter? Die Tante . Bei Haindorf hat's was gegeben; und viele hundert oder gar tausend sollen gefallen sein. Die Wahrheit zu sagen, ich hab' nicht recht zugehört. Bin auch nicht lang genug dort stehen geblieben. Der Adjunkt ist stehn geblieben. Da will ich doch noch, eh' wir fortgehn, mich selbst erkundigen. Wenn Sie erlauben, Frau Richter, komm' ich hierher zurück, um den Doktor abzuholen und mich von Ihnen zu verabschieden. Die Tante ihn ansehend. Also fort, Herr Adjunkt? Auf immer? Der Adjunkt . Es wird wohl so werden. Die Tante . Wie lang mag's denn nun her sein, daß Sie in unsere Gegend gekommen sind, Herr Adjunkt? Der Adjunkt . Im Herbst . . . wären es dreizehn Jahre geworden. Die Tante . Dreizehn Jahre – ja – wird schon stimmen. Dreizehn Jahre! Die Katharina war ein ganz kleines Kind, wie Sie ins Forsthaus gezogen sind . . . die Brigitte und die Anna haben noch gelebt und waren frisch und gesund beide . . . Dreizehn Jahre! Und jetzt sind sie alle fort. Drei Mädeln – eine nach der andern. Also ich wünsch' Ihnen glückliche Reise, Herr Adjunkt, und ein glückliches Leben, wenn's möglich ist. Es war wohl Gottes Wille, daß alles so gekommen ist mit der Katharina. Aber verstehn tu ich's nicht. Nein, wahrhaftig . . . Mein Hirn zermarter' ich mir, aber ich kann's nicht verstehn! . . . Daß sie fort ist . . . ach Gott, das begreif ich ja . . . Aber warum denn nicht einmal von der Mutter Abschied nehmen . . . warum nicht? Sie hätt' ja von mir aus hin dürfen, wohin sie will – nur wissen, wissen hätt' ich was von ihr mögen . . . Alles, alles könnt' ich ihr verzeihn . . . sicherlich alles! Nur eins nicht: wenn sie draußen wo sterben müßt', ohne daß ich sie noch einmal gesehen habe. Pause. Der Adjunkt zum Arzt. Sehen Sie den Weg, der jenseits der Wiese den Hügel hinabsteigt? Das ist der unsre. Auf Wiedersehn. Ab.   Dritte Szene Der Arzt , die Tante . Die Tante , die dem Adjunkten nachgesehen hat. Aus unserm Markt stehen auch sieben oder acht junge Burschen im Feld. Was geht's mich an. Wenn man seine eigenen Schmerzen hat, was kümmern einen dann die von den andern!? Hätt' ich die eine nur da, Herr Doktor, nur für eine Stunde die eine, für ihre letzte Stunde die Eine – tausend, hunderttausend, das Land und der Kaiser, alles könnt' meinethalben zugrunde gehn. Sie schaun mich an, Herr Doktor . . . Ja, das Unglück macht schlecht. Der Arzt . Schlecht? Auf Sie trifft das doch nicht zu, Frau Richter. Sie tragen ja mit Ergebung, was über Sie verhängt ist . . . gehn wohl auch zur Kirche, wie früher. Die Tante . In die Kirche geh' ich wohl, und manchmal sitz' ich stundenlang dort . . . ja, ja . . . aber glauben Sie, daß ich beten kann – oder will? O nein. Da red' ich ganz andre Worte, als im Betbüchl stehn . . . Ganz andre . . . So still für mich hin red' ich gar mancherlei . . . ganz still. Und wenn er's auch hört . . . der da droben. Er soll's hören, er soll's – ich fürcht' mich nicht. Der Arzt ergriffen. Ich glaube sogar, – er würde Ihnen verzeihen . . . Und doch, Frau Richter, erscheint's Ihnen nicht in all dem Unglück beinahe wie eine Fügung . . . als eine höhere Fügung, wie man zu sagen pflegt, daß Sie nicht ganz allein geblieben sind? Daß gerade in diesen Tagen ein junges Wesen bei Ihnen im Hause weilt . . . und Ihnen Gesellschaft leistet? Die Tante . Meinen Sie die Marie? Von der hab ich meiner Seel' nicht viel. In aller Früh', wenn ich aufsteh', ist sie schon fort, geht im Wald herum oder weiß Gott wo. Und reden tut sie beinah kein Wort den ganzen Tag. Und wenn sie dasitzt bei mir und hinausschaut über die Felder und Wiesen, und redt kein Wort, da könnt' einem schier Angst werden. Ich versteh's ja gar nicht, daß sie so ist. Gott verzeih' mir die Sund' – aber es war doch eher eine Erlösung für sie, daß . . . der Vater gestorben ist. Der Arzt . Das darf man wohl sagen. Die Tante . Ich denk' mir sogar manchmal, es muß einen andern Grund haben, daß sie so sonderbar ist. Der Arzt . Was vermuten Sie, Frau Richter? Die Tante . Vielleicht ist es was mit dem Adjunkten. Die ganze Zeit hat er sich nicht hier blicken lassen. Heut das erste Mal. Vielleicht hat's zwischen ihnen was gegeben, wie das so zwischen jungen Leuten vorkommt. Der Arzt nickt. Die Tante . Wissen Sie, Herr Doktor, was ich mir oft denk' . . . ob das Jungsein nicht überhaupt eine Art von Krankheit ist. Der Arzt . Da hätt' man jedenfalls nicht viel Anlaß, sich aufs Gesundwerden zu freun. Pause. Die Tante . Da kommt sie. Der Arzt steht auf. Ja. Die Tante . Ich werde Sie mit ihr allein lassen, Herr Doktor. Es ist gescheiter, glauben Sie nicht? Vielleicht spricht sie sich zu Ihnen aus. Der Arzt . Das wäre möglich . . . Marie war seit einigen Sekunden sichtbar, kommt langsam vom Walde her, ohne Hut, sehr blaß, mit Feldblumen in der Hand. Der Arzt und die Tante erwarten sie schweigend. Die Tante ihr entgegen zur Tür. Schau', Marie, wer da ist. Der Doktor. Er wartet schon eine ganze Weile auf dich. Sie geht über den Feldweg ab. Marie tritt in den Garten.   Vierte Szene Der Arzt , Marie . Sie sehen einander lange an. Der Arzt . Guten Tag, Marie. Er reicht ihr die Hand hin. Pause. Marie ruhig und einfach. Sind Sie gekommen, sich Ihren Dank zu holen? Der Arzt . Meinen Dank zu holen? Ich versteh' Sie nicht, Marie. Marie . Den Dank für Ihr Geschenk. Der Arzt . Für mein Geschenk? Marie . Ja. Meine Freiheit, mein Dasein in dieser schönen Welt. Es ist ja doch nichts andres als Ihr Geschenk. Aber ich dank' Ihnen nicht. Ich kann Ihnen nicht danken. Verzeihen Sie . . . aber ich weiß mit Ihrem Geschenk nichts anzufangen. Der Arzt . Haben Sie mich wirklich so seltsam mißverstanden? Das kann ich nicht glauben, Marie. Ich wollt' Ihnen doch nichts schenken, was Sie wegwerfen konnten, sobald es Ihnen beliebte. Nur Unsinniges wollt' ich verhüten – Marie . Unsinniges? Der Arzt . Ja. Unsinnig wäre es gewesen, wenn Sie sich vor Gericht hätten verantworten, Rechenschaft ablegen müssen, dort, wo für tausendfältig verschiedene Tat doch immer nur ein Wort gilt. Unsinnig, wenn Buße über Sie verhängt worden wäre, die niemandem nützt, nicht Toten und nicht Lebendigen. Davor wollt' ich Sie bewahren. Blieb das Verlangen nach Sühne in Ihnen wach, so konnte in ruhigerer Stunde Gelegenheit zu klügerer und edlerer sich bieten. Darum hab' ich an jenem Morgen in Ihrem Hause gewartet, an der Leiche Ihres Vaters, bis Sie gekommen sind – darum Sie davor zurückgehalten, sich selbst dem Gericht zu stellen. Darum hab' ich den Leuten erzählt, daß ich mit eigenen Augen den alten Mann sterben sah; die andern hätten sich ja doch nicht darum gekümmert, daß der, dem Sie den Tod gaben, ein Verlorener war und Erlösung fand, wenn auch gegen seinen Willen. Marie . Und hätten die andern nicht recht gehabt? Sie wissen, Herr Doktor, daß ich's nicht tat, um ihn zu erlösen. Nur für mich, für mich allein hab' ich's getan. Auch wenn er zu retten gewesen wäre, in jener Nacht hätt' ich's getan. Der Arzt . Sind Sie dessen ganz sicher –? – Marie . Ja, ich hätt's getan. Bitter. Denn mir war, als hörte ich draußen vor der Türe das Leben selbst, das ersehnte, das herrliche nach mir rufen. Und als wartete es nur in dieser einen Nacht und niemals wieder. Der Arzt . Wenn Sie's gefunden haben, das Leben, das Sie rief, dann wird es wohl auch seinen Preis wert gewesen sein. Marie . Ob ich's gefunden . . .? Ich weiß es nicht mehr! Doch hab' ich in dieser einen Nacht erfahren, was andre Frauen nicht in tausend Tagen und Nächten. Ich habe gesehn, wie Frauen betrügen, locken, ehrlich sind und sterben, habe gesehn, wie Männer zittern, spielen, höhnen und töten. Und was ich sah, war nur ein armes Vorspiel zu meinem Schicksal. Dann erst erlebte ich eigene Seligkeit, wie ich sie nie erträumt, eigne Verzweiflung, wie kein Mensch sie fassen kann. Was hab' ich auf Erden noch zu tun –? Warum ließen Sie mich meinen Weg nicht zu Ende gehn, damals, als ich bereit war? Der Arzt . Damals, als Sie bereit waren! Sie sagen es selbst. Heute sind Sie's nicht mehr. Heut pflücken Sie Blumen am Waldesrand und geben Ihre Stirn den Sommerlüften hin . . . Marie . Damals aber war ich bereit . . . Gemordet hatt' ich für einen – und er wollte nicht mit mir leben – nicht einmal sterben mit mir! Und wie fleht' ich ihn darum an! – Aus meinen Armen ist er wieder fort – nicht ins Dasein hinaus – nicht in einen edeln Tod – – nein, er ist gegangen, sich umbringen, kläglich, für eine andre, die ihm so wenig bedeutet hat als ich. – Und in den Auen, wo er mich verlassen hatte, bin ich umhergeirrt und habe den Mut nicht gefunden, hinabzutauchen, wo die ewige Stille ist. Aber dann, als die Sonne aufstieg, hat es mich nach Hause gejagt – denn war ich auch zu feig, selbst es zu enden – so war ich doch bereit, auf mich zu nehmen, was mir von den Menschen bestimmt war, gegen deren Gesetze ich mich versündigt. Und da fand ich Sie an meines Vaters Leichnam – die Zeichen meiner Tat waren verwischt, – und was mir nichts mehr nützen konnte, was freiwillig hinwegzuwerfen ich zu elend war – das Recht, frei unter Lebendigen weiterzuwandeln, aus Ihren Händen, eine Ohnmächtige, nahm ich's entgegen! . . . Der Arzt . Und heute morgen pflückten Sie Blumen am Waldesrand . . .   Fünfte Szene Der Arzt , Marie . Der Adjunkt rasch durch die Gartentür. Der Adjunkt bleibt, wie er Marie erblickt, stehn, neigt sich leicht. Marie neigt sich unmerklich und setzt sich dann. Der Arzt . Sie kommen zum Aufbruch mahnen? Der Adjunkt . Es wird bald Zeit sein. Der Arzt . Also was haben Sie im Markt gehört? Der Adjunkt . Es hat seine Richtigkeit: Vor drei Tagen hat bei Haindorf eine große Schlacht stattgefunden. Viele hunderte der Unsern sind gefallen und noch mehr sind gefangen . . . die blauen Kürassiere sind auch dabei gewesen. Von ihnen ist keiner mit dem Leben davongekommen. Der Arzt . Sie haben ihren Schwur gehalten! Der Adjunkt . Ja. Nur daß all das Heldentum vergeblich war. Die Schlacht ist verloren. Der Arzt . Vielleicht ist es nicht gerade das, worauf es ankommt. Es ist doch ein herrlicher Geist, der sich in solchen Menschen wirksam zeigt. Der Adjunkt . Aber all die Helden, die vor dem Feind gefallen sind, erscheinen mir nicht so bewundernswert als ein junger Offizier, der als einziger, man weiß nicht durch welchen Zufall, dem Gemetzel entging und sich abends nach der Schlacht, in einer Scheune glaub' ich, erschossen hat. Man nannte mir seinen Namen: Albrecht von Holzwarth. Der Arzt . Er wird vielleicht der einzige von allen sein, dessen Name bleiben wird, weil er nicht nur ein Held, sondern auch eine Art von Narr gewesen ist. Solche Launen hat der Ruhm. Und dabei wäre es wohl möglich, daß auch diese Geschichte nichts ist als eine Legende von der wunderlichen Art, wie sie in solchen Zeiten sich zu bilden pflegen. Der Adjunkt . Warum sollte das eine Legende sein? Der Arzt . Wie manches andre vielleicht. Der Adjunkt . Woran denken Sie? Der Arzt . Sie haben doch gewiß auch davon gehört, daß in der Nacht vor dem Abmarsch des Regiments ein junger Offizier die Frau des Obersten und dann sich selbst erschoß. Der Adjunkt . Davon hab' ich gehört. Der Arzt . Nun wird diese Geschichte schon in einer seltsam romanhaften Weise gedeutet und herumgetragen. Dem Obersten, der sein eheliches Unglück längst geahnt – so sagen die Leute – wäre es keineswegs darauf angekommen, die Fahne des Regiments zu entsühnen, sondern aus Verzweiflung über die Untreue seiner Frau hätte er den Schwur getan, sich und die Seinen in den Tod zu führen. Der Adjunkt . Und die alte Schuld der blauen Kürassiere . . . auch das wäre nur eine Fabel? Der Arzt . Damit hat's jedenfalls eine besondere Bewandtnis. Sicher ist, daß von dieser Schuld in keiner Geschichte des damaligen Krieges ein Wort zu lesen steht. Der Adjunkt . Seltsam. Marie . Und doch bestand diese Schuld! Der Arzt . Wie –? Der Adjunkt . Woher wissen Sie, Marie? Marie . Von meinem Vater selbst. Der Adjunkt . Von Ihrem Vater –? Der Arzt . Wann hat er's Ihnen erzählt? Marie . In der Stunde . . . Der Arzt . In der Stunde . . .? Marie . Eh' . . . er . . . starb.   Sechste Szene Der Adjunkt , der Arzt , Marie . Katharina über die Wiese her. Der Adjunkt sieht sie selbst. Katharina! Marie . Katharina! Katharina im lichten Kleid, ohne Hut mit aufgelöstem Haar, am Zaun, lächelnd. Ist die Mutter daheim? Der Adjunkt . Katharina – Katharina . Nun ja, ich bin's. Wundert ihr euch? – Ist die Mutter daheim? Der Adjunkt . Katharina! Katharina sieht ihn an; wie sich erinnernd. Eduard – lächelnd. Marie . Komm doch herein! Wie siehst du denn aus? Katharina herein. Ich bin nur für ein Stündchen hier. – Wie, der Doktor auch? Marie und der Arzt bei ihr. Katharina . Ihr dürft nicht glauben, daß ich bleibe. Nur ein Stündchen will ich ausruhn, dann geht es weiter. Sie sinkt beinah. Marie und der Arzt stützen sie, führen sie zur Bank am Hause. Der Adjunkt . Katharina, was ist Ihnen? Marie . Was ist dir, Katharina? Katharina . O, mir geht es wohl. So wohl ist mir nie gewesen. – Ist die Mutter daheim? Ich komm' nur auf ein Stündchen, ihr sagen, sie soll sich um mich nicht sorgen. Ich führe ein vergnügtes, ein prächtiges Leben. Mein Wagen steht außer dem Dorf; ich wollte kein Aufsehn machen, drum ging ich lieber den Feldweg . . . Die Leute haben gleich was zu reden, und das war' der Mutter nicht recht. Der Wagen wartet draußen auf der Straße am Muttergottesbild. Er wartet eine Stunde – Zeit genug, der Mutter, der Base und den guten Freunden von einst guten Tag zu wünschen . . . Der Adjunkt zum Arzt. Was ist ihr? Der Arzt . Suchen Sie die Mutter . . . und bringen sie so rasch als möglich her. Der Adjunkt ab.   Siebente Szene Katharina , Marie , der Arzt . Marie . Woher kommst du denn, Katharina? Katharina . Das darf ich nicht sagen . . . Und wenn ihr den Kutscher fragen wollt, der wird euch auch nichts verraten . . . Der ist stumm und hat einen roten Hut und rote Gamaschen und fährt wie der Teufel . . . Sind auch sechs Schimmel vorgespannt. Zieht Marie zu sich. – Weißt du noch, Marie, was ich dir von dem Garten erzählt hab' . . . dem Garten mit den verschlungenen Wegen? . . . Weißt du noch . . . damals, als mein Haar von Blüten duftete . . . Wann kommt denn die Mutter? . . . Ich hab' nicht lange Zeit . . . Das Leben ist so kurz. Marie . Du bist ja ganz bestaubt . . . Deine Schuhe sind zerrissen, Katharina. Katharina . Wie schön die Sonne bei euch scheint! Und wie stille die Wiesen ruhn! – Was macht denn der Wirt vom goldenen Löwen, der immer so lustig war? . . . Und die Walpurga, die dumme? . . . O, wenn ich mehr Zeit hätte, ging ich hin und besuchte den Wirt, die Walpurga . . . und auch den Pfarrer besucht' ich . . . Und in den Wald ging ich auch. Und auf die Wiese . . . Ja, auf die Wiese . . . weißt du, Marie, wo ich einmal geweint hab' . . . weil dir jemand seinen Mantel unterbreitete . . . Aber dazu ist heute nicht Zeit, das lass' ich auf ein andermal! – – Wenn die Mutter nur bald da wär'! Wißt ihr, sie soll mir nur einen Kuß auf die Stirn geben, dann will ich wieder fort . . . Du bist schön worden, Marie! Aber warum trägst du denn schwarz? Marie . Der Vater ist tot. Katharina . Sieh, ich geh' immer ganz weiß – und manchmal hab' ich rote Schleifen im Haar, manchmal blaue. Wenn man jung ist, soll man sich nicht schwarz kleiden, auch wenn Vater, Mutter und Bräutigam sterben. Legt man sich nicht selber ins Grab, so ist doch alle Trauer Lüge . . . Ach, Marie, warum kannst du nicht fröhlich sein wie ich? . . . Gib acht, gib acht, daß es nicht zu spät wird. Sieh, ich könnt' es mir nicht verzeihn, wenn ich hier länger bliebe als eine Stunde. Zieht Marie zu sich. Es wartet einer auf mich . . . sie dürfen's nicht wissen, Marie! . . . Einer mit dunkelrotem Mund und zornigen Augen und einer leuchtenden Stirn . . . Und ein andrer hat mich im Wagen hergeleitet. Aber dem hab' ich auf der Landstraße gesagt: »Fort, ich hab' dich satt! Was willst du? Sieben Nächte bist du bei mir gewesen, ist das nicht genug?« Und da küßte er mir die Hand: »Danke, schönstes Fräulein,« und sprang aus dem Wagen und lief übers Feld. – Aber der mit den zornigen Augen reitet mir nach.   Achte Szene Der Arzt , Marie , Katharina , die Tante und der Adjunkt . Die Tante . Katharina? Katharina! Mein Kind! . . . Jetzt bleibst du aber da! Katharina . Mutter! Will aufstehn, kann aber nicht. Eine Stunde . . . du sollst mich nur einmal auf die Stirne küssen, dann muß ich wieder fort. Die Tante . Um Himmels willen, wie siehst du denn aus! Was ist dir denn? . . . Im weißen Kleide, wie vom Ball, kommst du gelaufen . . . Und wie deine Wangen brennen! . . . Katharina! Katharina! Komm doch, komm! Katharina . Was wollt ihr denn? Ich muß ja gleich wieder fort. Der Arzt . Sie sollen sich nur mit der Mutter für ein Weilchen zu Tische setzen, etwas essen und trinken. Unbewirtet wird Ihre Mutter Sie doch nicht wieder ziehn lassen. Katharina sieht sich um. Wieder zu Hause . . . Ja Mutter, Mutter . . . Wie schön die Sonne bei euch scheint . . . Es ist doch schade, daß ich so bald wieder fort muß. Aber das Leben ist kurz. Die Tante und Katharina ab. Der Adjunkt . Was ist ihr? Was bedeutet das? Der Arzt . Muß ich's Ihnen sagen, lieber Freund? Es geht zu Ende. Er geht ins Haus. Marie will ihm folgen. Der Adjunkt hält sie an der Tür zurück.   Neunte Szene Der Adjunkt , Marie . Der Adjunkt . Marie, eh' wir zusammen an das Bett dieser Sterbenden treten – Marie . Was . . . wollen Sie? Der Adjunkt . Lassen Sie mich endlich wissen . . . wer Sie sind. Marie . Ich hätte Ihnen auch zu anderer Stunde die Antwort nicht geweigert. Der Adjunkt . So sprechen Sie. Die Wahrheit, Marie! Die Wahrheit! Marie . Ahnen Sie sie nicht längst, Herr Adjunkt? Der Adjunkt . Marie . . . Mit steigender Angst. Marie . . . Sie haben Ihren Vater . . . Marie . Ja. Ich habe meinem Vater einen Schlaftrunk gegeben, der für tausend Nächte reichte. Der Adjunkt . Marie!   Zehnte Szene Marie , der Adjunkt . Der Arzt aus dem Hause. Marie fragend auf den Arzt zu. Der Arzt hält sie durch eine Handbewegung zurück. Sie schlummert ein wenig. Marie . Sie werden uns jetzt nicht verlassen, Herr Doktor. Der Arzt . Nein. Aber Sie, Herr Adjunkt, Sie werden gut tun, nicht länger hier zu bleiben. Der Adjunkt . Wie? Der Arzt . Um der Mutter willen, Herr Adjunkt, bitte ich Sie darum. Sie redet harte Worte über Sie. Ihnen gibt sie nun alle Schuld. Der Adjunkt . Mir – alle Schuld? Der Arzt . Ja. Alte Frauen sind nun einmal so. Andre Menschen wohl auch. Der Adjunkt in tiefer Bewegung. Ja, es ist meine Schuld. Meine . . . meine Schuld. Und diese war jung. Und ich hab' sie einmal geliebt. Und das hab' ich aus ihr gemacht. Der Arzt . Nicht Sie, Herr Adjunkt, haben das aus ihr gemacht. Ist denn je ein Mensch eines andern Schicksal? Er ist immer nur das Mittel, dessen das Schicksal sich bedient. Katharina war bestimmt, zu werden, was sie ward. Sie waren zur Hand, das ist alles. Aber nun verweilen Sie hier nicht länger, lieber Freund. Wandern Sie mir voraus, ich folge Ihnen bald. Der Adjunkt . Bald . . .? Der Arzt . Heute abend noch. Der Adjunkt versteht. Auf Wiedersehn . . . Heut Abend . . .! – Reicht ihm die Hand. Marie, – leben Sie wohl. Da sie ihn befremdet ansieht. Ihre Stimme klingt mir wieder – wie vor langer Zeit . . . Und Ihre Stirn ist licht, wie sie einstmals war . . . Wie eine, die von sehr weit wieder heimgekehrt ist, erscheinen Sie mir, nun ich von Ihren eigenen Lippen weiß, was Sie getan. Marie . Doch wenn Sie alles wüßten . . . Der Adjunkt . Was kann nach solcher Tat andres bedeuten, das jene Nacht noch in sich bergen mochte. Auch bin ich nicht bestellt, über Sie zu richten. Leben Sie wohl, Marie, in Frieden scheid' ich von Ihnen. Er geht.   Elfte Szene Der Arzt , Marie . Marie . In Frieden . . . er von mir . . .?! Der Arzt . Sie dürfen's glauben, Marie! Vor einer, deren Seele in wilden Wünschen dahinträumte, ist er einst geflohn, nun ist alles durchlebt – und die Schauer verwehn. Marie . Verwehn . . .? Andern mögen sie verwehn. Mir nicht. Wie mein eigenes Gespenst schleich' ich durch die Welt und mir graut vor mir selbst. Wie darf ich denn . . . wie darf ich unter andern Menschen herumgehen, einsaugen den Duft des Waldes, auf blühender Wiese liegen und in den Himmel schaun? . . . Wie darf ich denn? . . . Leben und nicht darandenken, woher ich komme, vergessen, ja vergessen, das Ungeheure, als wär' es nie gewesen . . . auf Minuten nur, aber vergessen doch, wie darf ich?! . . Und steigt es dann wieder empor – wie Schatten zuerst – wie wankende Bilder toller Träume, – gewinnt allmählich Umriß und Gestalt – starrt mich an mit lebendigen Augen – ist wieder da mit des Gelebten, des unwider-bringlich Gelebten klammernder Macht, da schreit's mir in die Seele: Wenn du's vermagst, empor zum Himmel zu schaun, gleich andern, ohne daß er sich dir verfinstert – wenn du den Duft der Wiesen und Wälder eintrinkst und er fault dir nicht auf den Lippen – wenn du dich in den Frieden von Himmel und Erde stiehlst, die dich nicht mehr haben wollen – wenn du es wagst, weiter zu leben, gleich Menschen, die ohne Schuld sich wissen, – was war denn dies alles?! – Was bist du für ein Wesen, das aus einem solchen Schicksal wieder emportaucht wie aus einem wilden Traum? – Und wacht – und lebt? und wie vor sich selbst staunend – sich sehnt zu leben –? Der Arzt . Sie leben, Marie . . . und es war . . . Auch seit jener Nacht und seit jenem Morgen fließen die Tage und Nächte weiter für Sie hin. Auch daß Sie über Feld und Wiesen spazieren, daß Sie Blumen pflücken, daß einer versöhnt von Ihnen Abschied nahm, daß hinter diesem Fenster eine Freundin Ihnen für ewig entschwindet, daß Sie hier mit mir reden unter dem leuchtenden Mittagshimmel, ist Leben. Nicht minder als es jene Nacht gewesen ist, da es Sie aus verstörter Jugend nach dunkeln Abenteuern lockte, die Ihnen heute noch als Ihres Daseins letzter Sinn erscheinen. Und wer weiß, ob Ihnen nicht später – viel später einmal – aus einem Tag wie der heutige der Ruf des Lebens viel reiner und tiefer in der Seele klingen wird als an jenem andern, an dem Sie Dinge erlebt haben, die so furchtbare und glühende Namen tragen wie Mord und Liebe. Marie sieht ihn lange an. Ihre Züge, ihre Haltung beginnen siel zu lösen.   Zwölfte Szene Der Arzt , Marie , die Tante . Die Tante aus dem Haus. Mir ist so angst! . . . Ich bitte Sie, bester Herr Doktor! Sie ist vom Divan aufgestanden, läßt sich nicht halten, weint und lacht. Zu Marie. Ich will nur rasch zum Pfarrer laufen, eh' es zu spät ist! Rasch ab.   Dreizehnte Szene Der Arzt , Marie . Katharina aus der Tür. Katharina . Ins Freie! . . . Drin ist's so dumpf! . . . Weiter! Weiter . . . Marie . Wohin denn, Katharina? Wohin denn? Katharina . Dorthin! . . . Ich weiß eine Wiese . . . Laßt mich, laßt mich doch! . . . Sieh, dort, Marie! Er geht mir ja voraus. Der Adjunkt erscheint sehr fern in der Waldlichtung auf dem Hügel und verschwindet bald wieder. Katharina . Ja, was ist denn? . . . Wo ist denn die Sonne hin? . . . Sie sinkt neben dem Gitter nieder. Der Arzt beugt sich zu ihr hinab, zu Marie. Wo ist die Mutter? Marie . Sie ist um den Pfarrer gegangen. Der Arzt . So. – Nun, immerhin. Er wird zu spät kommen. Marie sehr bewegt, kniet neben ihr. Katharina! . . . Der Arzt . Stille . . . Marie . . . In schönen Träumen geht sie hinüber. Marie . Und ich . . . bin da –! – Warum? Wofür? . . . Der Arzt nach kurzem Besinnen. Heute morgens erst sah ich einen Zug weltlicher Schwestern, der eben Rast hielt auf dem Weg an die Grenze, zu unserm Heer. Mühen und Gefahren mancher Art stehen ihnen bevor. Und nicht alle werden wiederkehren. Marie erhebt sich mit der Geste des Entschlusses, dann reicht sie ihm die Hand. Sie sind gut. Der Arzt . Gut? . . . Ich? – Ja! So wie Sie eine Verbrecherin sind. Und wie diese Entschwundene eine Sünderin gewesen . . . Worte! – – Ihnen scheint die Sonne noch, und mir – und denen . . . Weist auf die Kinder, die eben über die Wiese laufen. Der da nicht mehr. Ich weiß nichts andres auf Erden, das gewiß wäre. Kinder lachen, laufen und verschwinden im Wald. Vorhang,