Ein Erbe am Rhein – Zweiter Band Roman in zwei Bänden von René Schickele   Kurt Wolff Verlag München 1.–5. Tausend Gedruckt im Jahre 1925 von der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig Copyright 1925 by Kurt Wolff Verlag A.-G. München   Einbandzeichnung von Emil Preetorius Printed in Germany Zweiter Teil Olivenland Auf einmal wimmelte es im Zug von weißgekleideten Frauen mit roten Hüten, roten Mündern, gleich darauf tauchte das Meer auf. Es war hartblau und blitzte. Was sollte man aber von dem jungen Mann halten, der da plötzlich vom Polster aufsprang und sich mit ausgestreckten Armen ins Fenster legte, als wollte er das Meer oder doch zum mindesten die roten Felsen, an die es rührte, mit den Händen greifen? Sicher zählte er seine einundzwanzig Jahre, eher etwas mehr als weniger, und benahm sich gedankenlos wie ein Knabe. Im Abteil saß noch ein holländisches Ehepaar, seit Stunden blinzelte es schlaftrunken vor sich hin. Als nun der junge Mann sich umdrehte, lachte er es laut an, hahaha! lachte er, völlig grundlos und recht eigentlich erschreckend, und nickte erst Mevrouw, dann Mijnheern ausschweifenden Blickes zu. Sie wischten sich über die Augen und rückten ein wenig das Gesäß, um nach dem Anlaß des plötzlichen Alarms auszuspähen. Da war der junge Mann bereits zwischen ihren Knien auf den Gang des ins Blaue rasenden Zuges hinausgeschlüpft. Ja, das war Claus Breuschheim, der, vom Licht des Südens mächtig berührt, sich wieder einmal in einem D-Zug umsah, was Märchenhaftes darin los sei. Jetzt, wo die Fahrt den offenen Himmel streifte, mußten auch die Menschen sich irgendwie ihrer irdischen Staubhülle entäußert haben, und in der Tat begegnete Claus in den Wagengängen lauter neuen Gestalten von zartestem Körperbau und entschlossenem Ausdruck. »Im Feuer versilbert«, fiel ihm ein, da er die schmalen harten Hälse, die dünnen, aber wie sich bei jeder Bewegung erwies, überaus festen Schulteransätze, Knie und Fesseln betrachtete, und damit meinte er nicht nur die Verbindung von Kraft und Grazie, sondern auch die weit getriebene und anscheinend sprungfeste Politur der Erscheinung. Alle diese Frauen waren weißgekleidet und trugen kleine rote Hüte oder Turbane, und alle hatten einen tollen roten Mund. Ihre Begleiter hüteten sie mit männlichem Gewicht, zuweilen auch mit Musik. Claus mußte achtgeben, daß er nicht auf Schritt und Tritt hahaha! lachte und den aus dem Blauen in den Zug geschneiten Engeln ebenso vertraulich zunickte wie jenen Leuten aus der alten Welt, den Holländern in seinem Abteil. Ja, das war Claus Breuschheim, hochgeschossen in den Jahren, sogar etwas gebückt, ein Mann jetzt und doch noch ein Kind. Ein Mann, immerhin, ein gewesener deutscher Soldat, auch schon verlobt, ein gebrochener Soldat aber, den man mit einem knapp ausgeheilten Lungenspitzenkatarrh in den Süden entlassen hatte, in den welschen Süden, bitte, und als Bräutigam ein Liebhaber, der noch mit keinem ernsten Gedanken der Ehe nahegetreten ... Ja, das war ich, und hoch im Norden, in Köln, träumte ein Mädchen von mir, Doris, meine Braut, Doris von Kieper, wir waren uns in die Arme geflogen, ohne etwas voneinander zu wissen. Ich hatte sie auf einem Offiziersball kennengelernt, in Köln, meiner zweiten Garnison, wir setzten sofort mit einem phantastischen Duett ein, erwählten uns auf der Stelle, nach einer Minute Heimlichkeit traten wir ohne Scheu vor die Welt, selbst in Köln hatte man so etwas noch nicht gesehen – wir waren nicht wenig stolz darauf. Noch während des Balles fuhr ich sie mit ihrer Schwester Pia nach Hause. Als um Mitternacht die Eltern nachfolgten, fanden sie uns bei einem improvisierten Verlobungsessen versammelt: Doris, Pia, mich, sowie Arno von Steinberg und eine Freundin der Mädchen, die telephonisch herbeigerufen worden waren. Und dann ging es sehr lustig her, wir »kämpften« gegen unsre Familien. Die Familien nämlich erklärten mit feierlicher Verschämtheit, wenigstens meine Volljährigkeit abwarten zu wollen, bevor sie sich aussprächen – welch eine sprudelnde Quelle der Heiterkeit für uns drei, Doris, Pia und mich, diese halb erschrockenen, halb entzückten und ganz verwirrten Ahnen, die taten, als ob sie Schicksal spielten! Jedoch bei einer Nachtübung holte ich mir einen Lungenspitzenkatarrh, lag fiebernd und gar nicht mißvergnügt im Bett, Ärzte kamen und gingen, schließlich trat ein berühmter Professor auf, der nickte freundlich und schickte mich in den Süden. »Ihnen fehlt nur noch gute Luft und Sonne,« sagte er, »dann können Sie es leicht bis zum General bringen, das heißt: wenn Sie wollen.« Ich wollte nicht. Ich erbat meine Entlassung und erhielt sie. Zum Soldaten war ich nicht geboren, nein, das gewiß nicht. Schon der Gefreitenknopf hatte mich verlegen gemacht vor Gott und den Menschen. Bald kam ich mir als ein verabscheuungswürdiger Tierbändiger vor, bald als Verräter an meinen Landsleuten wie an Kaiser und Reich. Offen heraus, ich liebte die Uniform nicht, der Soldatenstand schien mir die verzwickteste und bösartigste aller menschlichen Einrichtungen, und der Soldatenstand erriet wohl meine Abneigung, er gab mir voll heraus, auf Heller und Pfennig. Der das vor allen andern besorgte, war der Rittmeister von Stulpnagel, Eskadronchef bei den Straßburger Husaren. Bei denen war ich mit Arno Steinberg zusammen als Einjähriger eingetreten, leichtsinnig, wie es meine Art war, weil nun einmal die Husaren in Straßburg lagen, und ohne zu ahnen, daß in dem Regiment der Teufel kommandierte. Und gerade in seine Eskadron ward ich gesteckt, in des Teufels Eskadron, in keine andre. Der Wachtmeister half mir, wie er konnte, nur fand sich keine Gelegenheit, den Stulpnagel zu ermorden. Dafür, meinte der Wachtmeister, müßten wir erst Krieg haben, aber das könne er mir versprechen, fügte er hinzu: sobald die ersten Kugeln pfiffen, führe der Rittmeister von Stulpnagel in die Hölle zurück, von wo er gekommen. Bob, der zuweilen in seiner Wolke angereist kam, um Frau Camilla Steinberg darin aufzunehmen und für kurze Zeit mit ihr zu verschwinden, kündete mir an, daß dieser Augenblick, der Krieg, sichtlich näherrücke. Einmal stiegen wir zu dritt in Bobs Wolke ein, Maria, Frau Camilla und ich, die Wolke ließ sich in einem Schwarzwaldtal nieder, Bob und Frau Camilla gurrten und schliefen in Büschen, verschwiegenen Winkeln, Maria aber drohte. Wenn Strata es nicht verhindere, versicherte sie, so könnte der Krieg, der große Krieg, jeden Tag ausbrechen. Dann wäre es um mich geschehn. Bei diesem Gedanken lachte sie! Dafür, dachte ich, hätte sie die große Reise nicht zu machen brauchen, darüber hätte sie auch ganz allein in Rom lachen können. Warum dann das Gerede, daß sie es »vor Sehnsucht nach mir nicht mehr ausgehalten« und mit Bobs Hilfe eine »Riesengeschichte aufgemacht« habe, nur, um mich einen halben Tag zu sehn? Strata, fragte ich, ein kleiner italienischer Volksmann, den Krieg verhindern? Strata, erwiderte sie, Strata? Der konnte Minister werden, wenn er wollte! Strata? Der hatte nicht nur die italienischen Arbeiter, sondern die Arbeiter der ganzen Welt in der Hand! Bob kannte ihn, Bob stellte sich gut mit ihm, wegen seiner Automobilfabrik in Mailand – Strata, mußte ich wissen, war von Turin nach Mailand übergesiedelt, und Bobs Fabrik beschäftigte mehrere hundert Arbeiter! Ich erklärte, die Übersiedelung Stratas von Turin nach Mailand ließe mich kalt, was sie herzlos fand. Doch Maria drohte nur mit dem Krieg, ganz wie sie mit einem italienischen General drohte, den sie angeblich heiraten wollte – da war es nun an mir zu lachen. Ein General? Maria! Der mußte doch schon hoch in den Jahren sein, und was war aus ihrem Fürsten geworden? Den meinte ich, der in den Sternen stand! ... Nun, der General entstammte mütterlicherseits einer fürstlichen Familie, und er hatte kaum die fünfzig überschritten. »Der General? Ach, mein armer kleiner Claus, welch ein Mann!« Übrigens wartete er ungeduldig auf ihr Jawort, der Schlaf floh ihn, seitdem er sie gesehn, er war schön wie Herkules. Wie gesagt, sie drohte mit Strata, sie machte sich über Viviane lustig, die ihr vor Jahr und Tag anvertraut hatte, sie werde »mir ewig die Treue halten«, die Arglose, und die jetzt einen französischen Offizier geheiratet hatte; das Lachen verging mir; sie drohte mit ihrem General; seit dem verregneten Wiedersehn in Venedig vor vier Jahren hatten wir uns nicht mehr geküßt; es war das Ende. »Warum lachst du denn so töricht?« fragte ich. Ja, sagte sie ernst, wie sollte sie denn auch nicht lachen, hier säße sie, Maria, und da säße ich, Claus, die Hälfte des halben Tages, der uns gehörte, sei verstrichen, und ich fände nichts Besseres zu tun, als mich von ihr aufziehn zu lassen. »Nein,« sagte ich verstockt, »in der Tat, ich finde nichts Besseres zu tun.« Was konnte das bedeuten? Es bedeutete – mochte es bedeuten, was es wollte, ich treibe hier keine Psychologie! Ich erklärte es mir so: die ungleiche Strömung der Jahre hatte uns auseinandergeführt, unsere immer selteneren Zusammenkünfte waren nur gut gewesen, die wachsende Entfremdung festzustellen, so erklärte ich es mir, in diesem Augenblick glaubte ich sogar klar zu erkennen, in wie »natürlicher, vernünftiger Weise« wir uns von Anbeginn gegeneinander gewehrt hätten. »Maria,« schlug ich vor, »ich meine, es wäre jetzt an der Zeit, daß wir gute Freunde würden –« Weiter kam ich nicht, sie lachte wieder wie außer sich, ja, sie warf sich auf den Rücken ins Gras, dort lag sie und lachte mit ihrem schweren, bebenden Mund in den Himmel. Bob und Frau Camilla traten auf die Waldlichtung. »So oder so,« meinte Maria, indem sie sich erhob und ihrem Rock einige Klapse versetzte, »es kommt Krieg, und der wird schon alles in Ordnung bringen.« Dabei beobachtete sie mich aus den Augenwinkeln, ob ich mich fürchtete, aber ich fürchtete mich nicht im geringsten vor dem Krieg. Er schien mir noch lange nicht das Schlimmste, konnte er mich doch vom höllischen Stulpnagel befreien. Wer konnte sich denn damals vorstellen, was das war: der Krieg! »Maria,« murmelte ich, »denk' daran, ich lebe schlimmer als ein Sklave.« Wahrhaftig, da schossen ihr Tränen in die Augen, es dauerte nur eine Sekunde, doch ich sah es, sah es deutlich, eine Sekunde, da rief sie ihrem Bruder lachend entgegen: »Bob, das Militär hat unserm Jungen den Rest von Verstand geraubt, ich bin unglücklich, er liebt mich gar nicht mehr – und ich ihn auch nicht!« Sie warf sich Frau Camilla in die Arme, es sollte ein scherzhafter Auftritt sein, indes der Heimweg verlief still und traurig, wir saßen alle vier wie hinter Schleiern. Tags darauf verließ Frau Camilla auf immer die eheliche Wohnung. Der Baron reichte die Scheidung ein und ging in Urlaub. Aus dem Urlaub kehrte er heim nach Posen. Ganz Straßburg sprach von dem Skandal, und die Elsässer erklärten sich scheinheilig für neutral, wobei sie zugaben, eine Dame, die das Schicksal vor die Wahl zwischen einem preußischen Staatssekretär und Tyrannen und einem italienischen Marquis und Großindustriellen stelle, dessen Ehrenhaftigkeit die Breuschheim und die Bock gewissermaßen verbürgten, eine solche Dame könne sehr wohl »in letzter Stunde zu einer Verzweiflungstat getrieben werden«. Wilhelm Tell war ein Mann, und er hatte Schlimmeres getan. Außerdem hatte die Baronin als Gattin eines Protestanten und protestantisch getraut, streng gesehn, in keiner kirchlich gültigen Ehe gelebt. Arno verließ die Husaren und trat in ein Kölner Infanterieregiment ein. Natürlich schloß ich mich ihm an, meinem einzigen Freund in der Hölle. Mit viel Mühe gelang der Streich, gemeinsam entflohen wir dem Stulpnagel und seinem Marterreich. Und über Köln, über Köln ging die Erlösungssonne mir auf wahrhaft »Gottes Herz«, über Köln, – mit erhobenen Armen taumelte ich hinein! Als ich Maria meine Verlobung mit Doris mitteilte, erhielt ich erst keine Antwort. Nach etwa drei Wochen, ich lag krank in meiner Wohnung, Doris und Pia pflegten mich, kam eine gedruckte Karte, das Zirkular der Familie Capponi, das Freunde und Bekannte von der kirchlichen Trauung ihrer Tochter Maria mit dem General X. benachrichtigte. Die Adresse war von Marias Hand geschrieben, dafür wenigstens wußte ich ihr Dank ... Die Holländer im Rivieraexpreß sahen beunruhigt den offenbar nervenkranken jungen Mann in das Abteil zurückkehren. Ja, das war ich, der junge Mann, aufgeschossen in den Jahren, ein wenig blaß noch, mit fiebrigen Schläfen, nicht im geringsten nervenkrank, ein wenig gebeugt nur, kein Soldat mehr, ein freier Mann, der mit beiden Armen das Tor des Lebens aufstieß, und sieh nur! da legte ein zärtliches Meer großen, rothäutigen Felsen winzige Schaumkränze vor die Füße, in der Höhe stand, flammende Zuversicht, die Sonne, zwischen Meer und Sonne ging die Fahrt, sie schlitzte den Himmel auf, es schneite weiße Engel, weiße Engel mit einem roten Tupfen im Gesicht und einem roten Helmschein darüber, ja, das war wohl ich, ich, der mit lautem Lachen und heimlichem Jubelruf an der Côte d'Azur, zu deutsch: der himmelfarbenen, der himmelblauen, der himmlischen Küste vorfuhr! Bob hatte geschrieben: »Geh nicht in ein Sanatorium! Es würde dich nur aus deiner provinziellen Enge in eine andre, gefährlichere führen. Komm hierher –«   In Cagnes-sur-mer, einer kleinen Station vor Nizza, wo ich ausstieg, äugte ich vergeblich nach L'Amico, der mich hier erwarten sollte. Als ich mich schließlich hinter zwei Engländern auf die ramponierte Trambahn setzte, brach diese unversehens mit betäubendem Gepolter auf, so daß wir alle erschraken. Aber auch der Schaffner erschrak, denn dicht vor uns bremste ein Auto, in das wir um ein Haar hineingefahren wären. Eine Frau lächelte mir ins Gesicht. »Madam«, flüsterte in ehrfürchtigem Tone der eine Engländer, er sprach das Wort englisch aus, worauf der andre, der sich mit einem farbigen Seidentuch die Stirn trocknete, einen bemerkenswerten Fluch ausstieß. Das Auto war ein starker Wagen, breit und geräumig, mit blauem Polster, worin die Dame in einem narzissenweißen Brokatkleid die Umwelt zur Cour empfing. Ein rundes, nicht sonderlich hübsches Gesicht, hellaschblonde Haare, ein geschwungener Hals, dessen Fülle, sich hemmungslos erweiternd, zu den Schultern abglitt, breit in die Brust verströmte – hütende, brütende Augen. Diese Augen, ich sah sie nicht zum erstenmal. Das im Fleisch geschwungene Lächeln dieses Mundes flog mir, wie mein Blick auf ihm verweilen wollte, in ferne Vergangenheit davon. Da war ein Obstgarten, Hühner pickten, am Kopf, Rücken oder Schwanz von einem Sonnenstrahl, der durch das Laub stach, grell gefärbt, verschlafen schlug die Uhr einer Dorfkirche. Die Kirchenuhr Rheinweilers, die Kirchenuhr Breuschheims? Oder jenes weltentlegenen Dorfes eine Stunde hinter Paris, wo mein Onkel Albert-Léo ein Obstgut besaß? Oder war es in der Touraine? In diesem Falle lag Tante Mary, in wollene Schals gehüllt, fröstelnd auf der Terrasse, während ich mit den Buben zwischen dem Fluß und dem halbverwilderten Garten des Pächters in Badehosen herumstreifte. Hatte man jene mit den hütenden, brütenden Augen nach mir ausgesandt? Oder war es einfach nur eine Fremde, hinter einem Zaun erblickt, wie sie sich auf die Zehen hob, um einen Apfel zu pflücken? Wo hatten diese Augen auf mir geruht, wo meine unklaren Wünsche auf diesem Mund? Aus großer Tiefe in mir kam das Erinnern, doch meine Kindheit war voller Gärten, in denen Frauen gingen. Diese hier fand ich nicht wieder. Und nun fuhr der Zug, barbarisch klappernd, in eine, wie vom Himmel zurückgeworfene, wie fernher gespiegelte, im Traume vielleicht vorhergesehene Landschaft ... Ich aber sprach zu mir: »Wie unerwartet, nie geschaut, nie erdacht« und geriet außer mir, so sprangen meine Gedanken, von den äußeren Eindrücken gejagt, kreuz und quer vor dem Neuen. Bei einer Biegung, wo man auf die Heerstraße der himmlischen Küste zurücksah, stieß ein letzter Mimosenbaum sein »Lobet die Sonne!« aus. Das sinkende Gestirn färbte ihn kupfern. Für die Rosen der Gärten nahte indessen die Stunde, wo sie am schönsten sind, die große Klarheit, die der Dämmerung vorangeht, wenn eine jede von ihnen wie auf einer Geisterhand ruht. Am Ende des weiten, von der Olive bewohnten Tales, rund und fest auf seinem Gipfel schwebte St. Paul. Zu ihm stieg das Tal auf, in Mulden und Hängen, die mit zahllosen Mäuerchen bewehrt waren, auf daß der Regen die kostbare Erde nicht entführte, die all den Reichtum nährte: Orangen, Mandarinen, Rosen, äckerweit niedere Rosen, Levkoien, Spargeln, Artischocken und wiederum Rosen. Kleine Hügel, mit kastellartigen Häusern, die Pinie als Sonnenschirm, die Zypresse als Blitzableiter neben sich, wachten über dem bewegten, in der Tiefe unübersichtlichen Aufmarsch. Seine gewaltigen Mauern in den Abhang gegraben, von Wällen gegürtet, eine Front von Häusern zeigend, von denen jedes eine Festung schien, den viereckigen Kirchturm in den Himmel gereckt, so erwartete St. Paul die dem Meere entstiegenen Vasallenvölker, die früchtebeladen und blumengeschmückt zu ihm emporstrebten. Ein wenig abseits, doch auf gleicher Höhe, hielt eine Gruppe Zypressen die Hauptwache: das Gros der über das Land verteilten Aufseher. Das war der Kirchhof, wie ich von meinem englischen Nachbar erfuhr. Nun, da war also vorgesorgt, daß man in den hundert Mulden und in der Ebene dieses Reiches selbst die Toten St. Pauls nicht vergaß! Plötzlich begannen die Olivenbüsche, die jungen Olivenbäume von einem unsichtbaren Leben zu erzittern, ein Rieseln ging durch ihr Laub, silberne Dämmerung umfloß ihr Dunkel – gewiß doch, die Luftgeister des Tages gingen in ihnen mit den Vögeln zur Ruhe! Die alten Bäume standen auf den Gräbern von Helden. Ein Frohgeläute in der Brust, sprang ich auf. Kindliche Arme breitete ich, kindliche Rufe sprangen mir von den Lippen, ich drehte mich um mich selbst, nur, um das alles zu verlieren und in der nächsten Sekunde wiederzufinden, nur, um mit in dem großen Umzug zu sein, der im Abend angehoben! Da erblickte ich in der Ferne das Meer. Es dämmerte. Ein Leuchtturm flitzte. Den beschmutzten Purpur des Ertrunkenen mit Füßen tretend, kam die Nacht über das Wasser. Jeden dritten Herzschlag flitzte der Leuchtturm, in sinnloser, rundum schweifender Angst. Doch hier oben glühten tiefer die Orangen, meiner Hand erreichbar. Doch goldklare Äcker entsandten Levkoiendüfte. Doch in Filigranlaub musizierten zahllose kleine Rosen, vom Himmel gefallen, auf ihren Drähten gereiht. Der Zug hielt. Dicht über mir thronte die Stadt, in einer Wolke rosigen Wohllauts, und Bob schloß mich in die Arme. Einen weißen Anzug trug er und strahlte. Er warf den Kopf zurück, da erschienen bunte Lichter in seinen Augen, und die Freude hob sich auf den schwarzen Brauen wie auf Flügeln. Nach bittern Mandeln roch er ... Bob, frisch gewaschen, gekämmt und gebügelt, wie du bist, mit einer Nelke im Knopfloch dem Goldhaupt des Tages entsprungen, sei gegrüßt (mitsamt Maria, die dir das Schönste vom Mund gestohlen hat)! Willkommen, Claus, du mit Sidonias Stirn, Sidonias Händen – wir werden mit Orangen Ball spielen, damit etwas von deinen Händen, etwas von deiner Stirn mit den Vögeln um die Wette fliegt!   »Verzeih, daß ich dich nicht drunten abgeholt habe«, sprach der Freund. »Ich mußte einen Brief aufgeben, eine sehr wichtige Arbeit, die erst vor einer Stunde fertig geworden ist ... Also, das da ist Kaspar.« Am Wegrand stand ein Maler vor einer Staffelei, vielmehr er führte aufrecht einen Kampf mit der Leinwand, die unter seinen Schlägen erzitterte. Ich beobachtete ihn neugierig. Aus den Tuben preßte er Farbkleckse in Form gewaltiger Kommata auf die Leinwand, einen unter den andern und immer die dünne Spitze nach unten, sodann ergriff er ein Malmesser und begann seine kriegerische Handlung. Bald machte er einen Satz zurück, bald schoß er nach vorn, er beschrieb mit halb zugekniffenen Augen, wie zögernd, einen Halbkreis, um darauf die Staffelei von neuem zu stürmen. Mit großen Spatelhieben verteilte, mischte er die Farben, doch so, daß die Kommaform des Auftrags erkennbar blieb. Zwischendurch beschrieb sein Arm beschwörende Bewegungen in der Richtung der hoch erblühten Stadt, als wollte er sie durch Zauberei auf seine Leinwand bannen. Bob rief ihn an: »Hallo! Kaspar, hier ist mein Freund Claus Breuschheim. Also, er bewundert Sie fest – kaum, daß er aus dem Zug gestiegen. Der Riesenkerl mit dem kleinen, runden, kurzgeschorenen Kopf schob die Hemdsärmel höher und wandte sich uns erhobenen Hauptes zu. »Der Baron!« Er nickte, kurz, freundlich. »Kunstfreund! Hoffen auch, echter Saufbruder. Marquis Capponi leider nicht. Jetzt leider nicht Zeit, Stimmung gleich futsch.« Er nickte wieder, schon verdüstert, den Blick der rötlichen Augen mörderisch auf St. Paul gerichtet. Ja, da oben schwebte sie, die Rosenrote, im mattblauen Feuer ... und entfärbte sich langsam. Stöhnend warf der Messerheld sich auf die Staffelei. »Der größte Maler Schwedens«, klärte mich Bob im Weitergehn auf. Von hundert Rivierabildern, die in den Salons des nördlichen Königreichs hingen, waren neunzig von Kaspars Hand modelliert. Telegraphische Bestellungen platzten in St. Paul wie Bomben und hielten das Städtchen in Atem – aus Indien sogar kamen sie, aus Australien, ja, aus Polynesien, wo nur immer in der Welt ein Schwede ein nationales Kunstwerk an der Wand vermißte. Niemand wußte, wie er hieß, er nannte sich, zeichnete seine Bilder nur: Kaspar. Er und »Madam« waren die Berühmtheiten des Städtchens. Ich hatte bereits von Madam gehört? Kein Wunder. Von Engländern in der Trambahn? Also, da hatte ich Fürsten aus dem Abendland getroffen, die sich aufgemacht hatten, der Kleopatra des Olivenlandes ihren Tribut zu zollen. Es kamen übrigens auch manche aus dem Morgenland, glitzernd von Ringen und gesalbt, mit Dienern hinter sich, die Geschenke trugen, und Bob hätte nicht gewettet, daß Madams künstlerischer Ruf hinter dem Kaspars zurückstehe. Kaspar hatte sie denn auch als Kleopatra gemalt, mit einer goldenen Schlange und einem chinesischen Sklaven. Madam war aber heute zum Weißen Ball nach Nizza gefahren. Auch Bob sprach das Wort englisch aus. Vor uns erhoben sich zwei ockergelbe Gebäude, »die erst in jüngster Zeit vorgeschobenen Corps de Garde oder Wachen der Stadt«, wie Bob sich ausdrückte. Sie standen einander gegenüber und waren mit feindlichen Mannschaften belegt, die dauernd weit ausgreifende Annäherungsarbeiten zwecks Überrumpelung der gegnerischen Position, sowie an Festtagen Ausfälle mit bewaffneter Hand wider einander ausführten. Das eine prahlte in kindshohen Drucklettern: »Grand-Hotel du Roi René« das andre hing ein altes Herbergsschild aus Schmiedeeisen aus, worauf mit Schwung das einzige Wort »Hostellerie« gemalt war. Unter diesem traten wir in einen Hof. Da war eine niedrige, mit Nelken bestandene Mauer, von wo man in einen andern Teil des Olivenlandes blickte, eine sprödere Erde zweifellos, mit rauheren Tiefen, zerrissen, die Hänge in Winkeln kletternd, und erst in großer Höhe über uns, wie es schien, gewann das Land die schwellenden Kurven, die geruhigen Flächen, das Klingen, Verschweben, die ebenmäßige Bewegtheit des Vorgeländes zurück. Zuhöchst hing ein dunkelbelaubter Garten, groß genug, nicht nur zahlreiche Villen und Gehöfte, sondern gleich eine ganze Stadt mit seinen Hainen und Blumenfeldern zu umgeben. Dahinter jedoch steilte unvermittelt ein Felsengebirge, nackt und rot in den Himmel geschleudert, ohne Beziehung zu der Landschaft – über sie hinaus in Urfeindschaft dem Meere zugewandt: die Luft- und Sonnenklippe des »Baou«. So nannte Bob das Gebilde, und die Stadt zu dessen Füßen hieß Vence. Angesichts seiner wilden Fremdheit zeigten die Siedlungen dort oben einen schier menschlichen Ausdruck, ja, die jähe, nackte Gewalt des Ungetüms bewirkte, daß jenes bewohnte Hochland, von ihm angezogen, sich selbst abstoßend und in dieser Bewegung erstarrt, zu schweben schien. »Dort oben wächst Weizen«, sagte Bob und, als ich immer noch hinaufstarrte: »Schau dich auch mal im Hofe um! Hier rösten vormittags die Damen und Katzen des Hotels in der Sonne. Mir ist der Ort zu öffentlich, ich gehe also nach ›Afrika‹, das ist ein einzigartiges Sonnenbad, niemand kennt es, dir werde ich es zeigen. Große, geschwungene Töpfe, die einen aus roter gebrannter Erde, die andern aus Majolika, standen im Hofe verteilt. Sie trugen Blütensträucher, Mandelbäumchen, Myrten und quollen über von Kapuzinerkresse und wohlriechender Wicke. Drei, vier provenzalische Bauerntische mit ebensolchen Stühlen luden zum abendlichen Tafeln ein. Die Abdrücke der Körper in den Liegestühlen wirkten vertraulich – das konnten nicht Fremde sein, die dort mit der ganzen Last ihres Körpers geruht hatten. »Hier ist es schön!« seufzte ich. »Komm, wir sind eingeladen«, sagte der Freund, und er führte mich dem Hause zu, in dessen Tür jetzt ein kalabresisches Räuberlein mit einem Spitzhut auftauchte. Unter dem Hut blickte mausartig ein braunes Gesicht hervor, die Äuglein fuhren musternd über mich hin. Wohlwollen breitete sich über die Züge, sank langsam tiefer, bis zu den Lackspitzen der Schuhe. Ich mißfiel ihm nicht, ei ja, und eine nervige Hand ergriff die meine, und die andre schwang den Hut. »Unser unvergleichlicher Wirt, Monsieur César-Marie Roux«, stellte Bob vor. Den Hut in der Hand, dessen Rand ihm bis an die Schuhe reichte, geleitete der Edelmann, bei dem ich nunmehr zu Gaste war, uns in mein Zimmer. Dort angelangt, verbeugte er sich wieder, schwang den Hut, schloß hinter uns die Tür. Der Freund klärte mich dahin auf, daß alle wichtigen Persönlichkeiten hier oben Roux, Marie Roux hießen: der Wirt, der Pfarrer, der Stationsvorsteher, der Briefträger und auch der Hotelier gegenüber, der Feind, Monsieur Antoine-Marie Roux – Cäsar und Antonius also, in der schärfsten Form. Inzwischen kleidete ich mich um. Wie wir dann zum Fenster traten, legte Bob den Arm auf meine Schulter ... Schon witterte ein Hauch von Mondschein über die Olivenbäume, die den Raum zwischen dem Orangengarten unter dem Fenster und dem fernen Meer füllten. Der Leuchtturm funkte jetzt taktfest aus dem grauen Dunkel. »Claus,« sagte der Freund, »ich glaube, Maria kommt auch.« Im selben Augenblick schlug eine jähe Hitze über mir zusammen. Aus dem Nacken lief mir ein Zittern in die Schultern, schauerte blitzschnell den Rücken entlang und sammelte sich in den Knien. »Mein Freund!« rief ich außer Atem, ich floh, ich floh, »Freund,« rief ich, »mein Freund, herrlich ist es hier, schau nur«, und ich deutete mit dem Kopf hinüber, wo der Baou im höchsten Abendleuchten aufflammte. »Hier,« antwortete mit zärtlicher Stimme der Freund, indes sein Arm sich fester um mich schloß, »hier, Claus, bin ich eines Morgens aufgewacht, also, da schlotterte ich nur so lose in der Puppenhülle des alten Bob, ich spürte Neues, atmende Flügel, frische Lebensfarben, aber es war schlimm, Claus, ich fühlte mich elend bis ins Herz. Großer Gott, dachte ich, und bangte vor dem Tod. Also, ich dachte allen Ernstes, ich sei im Begriff, gleichsam in der Narkose zu sterben. Ich wehrte mich aus Leibeskräften, und in der drosselnden Angst ... schlüpfte ich aus. So ist es bei den Schmetterlingen, mein Lieber, nur daß die Schmetterlinge vermutlich nicht Todesschweiß vergießen müssen, wenn ihnen das Licht aufgeht. Dann saß ich eine Stunde lang auf der Fensterbank und wiegte die Flügel an der Sonne. Hübsch war's. Sehr angenehm, und ich wünschte, du –« In alledem brauste mir der Name Maria. Es läutete in meinen Ohren: Maria. Nicht, als ob ich den Namen vernommen hätte, nein, es war etwas ungeheuer weit Reichendes, abgründig Stilles, eine alles ansaugende Leere, ein beseligender Lärm, es war sie. Und wie durch olivengrauen Nebel, in dem weit, weit entfernt jemand eine Laterne schwang, in diese entsetzliche Leere fallend, worin es sogleich erlosch, ... blitzte ihr Knie auf, vom herabgestreiften Strumpf entblößt, eine Schulter schmolz, ihr Hals, und glühendrot, ganz nah, brach ihr Mund auf, und gleich darauf, gar nicht sichtbar, aus Luft geschaffen, und doch sprang es mich an wie ein Tier: die Bewegung ihrer Hüften. So blieb ich eine Zeit, mit zitternden Knien, den Rücken krampfhaft gestreckt, hörte Bob sprechen, verstand ihn und verstand ihn nicht. Und dann lachte ich! Wie ein Hahn. Den Kopf zurückgeworfen, die Arme gespreizt, in einem lang ausgehaltenen, schmetternden Ton. »So bist du jetzt ein ... Schmetterling?« rief ich, nach Luft ringend, und konnte oder wollte mich von der überaus komischen Vorstellung, daß Bob ein Schmetterlingsabenteuer gehabt haben wollte, nicht trennen. Schließlich ergriff mich der Freund an den Schultern, drehte mich um, schüttelte mich, lachend auch er, und in dieses so verschiedene, schmerzlose Lachen sank ich aufatmend und ihm an die Brust. »Kindskopf,« flüsterte er, »schnell den Zylinder auf und los zu Lord Berrick!« O ja, gern, schnell zu Lord Berrick. Trug er noch hellgraue Anzüge? Neigte er noch immer ein wenig den Kopf zur Seite, wenn er sprach? Ging er noch oft nach Venedig? Sprach er manchmal von uns? Der Lord, ward mir zur Antwort, kleidete sich noch immer hellgrau, er neigte ein wenig wehmütig den Kopf, wenn er sprach, aber er ging nicht mehr nach Venedig, denn er trennte sich nicht mehr von seiner Frau. Von mir sprach er als von »jenem kleinen Liebling der Götter – wahrhaftig, jetzt, gerade jetzt war ich es wieder geworden, das Zeichen brannte mir auf der Stirn! Und auch von Sidonia sprach er oft, ja, erst kürzlich hatte er einer Liebhaberaufnahme, die er seinerzeit von ihr gemacht, den Kopf für eine Diana entliehn, und das Bild war im Pariser Salon mit einer Medaille ausgezeichnet worden. Damit war Bob bei Peggy angelangt, ich betrat Neuland. Wer war Peggy? Ursprünglich die »parlour-maid« einer Nizzaer Teestube. Doch eines Tages willigte sie ein, für die Diana des Lords Akt zu stehn, da erhob sich hinter ihr das Glück und bekränzte sie mit dem dauerhaften Lorbeer ... Lady Berrick selbst hatte das Girl überredet, sich in den Dienst der Kunst zu stellen, nicht ohne Mühe, das verstand sich von selbst. Weniger dem Akt des Lords als der Gesellschafterin der »society leader« oder, wie man sich beschönigend ausdrückte, der »Freundin« der Führerin eröffnete sich die große Welt: winters im schottischen Schloß, auf dem internationalen Kapitol der Freude vom April bis in den Herbst: Algier, die Riviera, Florenz, Rom, Taormina, Girgenti. Reiselust hatte die kühlhäutige Scham, wie englische Mädchen sie gern als Wettermantel tragen, in einem Windstoß entführt, das reichliche Taschengeld ihrer Sehnsucht Flügel geliehn – mehrmals kam Bob darauf zurück, wie beseelend die Gewohnheit sei, dem jungfräulichen Körper ins Auge zu blicken und ihn vertraulich um die passende Bekleidung zu befragen. Wir überschritten einen Platz, den rundum alte Platanen einfaßten, und der Freund wünschte, daß ich ihn bewundere. Zwischen zwei Bäumen stand immer eine Steinbank. Es war der Markt- und Vorhof, die St. Pauler hatten ihn ihrem Berggipfel abgerungen. Auf der einen Seite lief eine kleine Mauer, auf der die Mädchen saßen und den Männern beim Bocciaspiel zuschauten, während die Alten die Bänke drückten; die beiden andern Seiten nahm die mächtige Stadtmauer ein. Die zwei ockergelben Hotels schlossen den Raum. Zwischen diesen konnten die Wagen auf den Platz fahren, dann aber waren sie für diesmal am Ende der Welt angelangt, denn das Stadttor ließ nur Handkarren durch ... Einige Schritte vor diesem Tor zielte eine Kanone dem Wanderer ungeniert auf die Brust. Ich bemerkte, daß sie im Wall eingemauert war. Unmöglich, sie zu stehlen! Deshalb brauchte St. Paul auch keine Polizei. »Vielleicht ist es ein Automat mit Pfefferminz schachteln,« hörte ich Maria sagen, »Claus, zieh mal! ...« Würde sie wirklich kommen? Ich lachte in mich hinein – ein neuerstandener Liebling der Götter! In scharfem Winkel bogen wir vor der Kanone in das Tor ein. Die Gassen lagen eng, tief unter dem Himmel – wie aus dem Kuchen geschnitten, äußerte ich, was Bob auf allerhand Rosinen brachte, die in dem Kuchen stecken sollten. Es dunkelte schnell, schon erkannte man im Ausschnitt zwischen den Dächern die Sterne, hie und da brannten kleine Lampen: Sternschnuppen, die auf einer Leimrute festsaßen. Die Straßen oder vielmehr die Pfade waren roh gepflastert, mit einem Streifen lehmiger Erde in der Mitte, wo es sich weich genug ging. Die schweren Gebäude verfielen schamlos, einige wenige hatten sich aufgeputzt. Zu unsrer Linken stiegen steile Gäßlein in geräumigen Absätzen, andre steilere, in Treppenstufen empor, zu unsrer Rechten stürzten sie ab, und alle waren sie so schmal, als seien sie im Laufe der Zeit vom Regen ausgewaschen worden, nicht von breitspurigen Menschen angelegt. Zuweilen klemmten sich kleine Torbogen zwischen die Häuser, ohne ersichtlichen Grund. Auf einem Miniatursquare, wo eine Renaissanceurne stolze Wasserstrahlen in ein Marmorbecken spielte, das fast den ganzen Platz einnahm, hämmerte Bob mit dem Klopfer gegen ein frisch gestrichenes Tor. Plötzlich glaubte ich an eine bevorstehende Überraschung: Maria war bereits hier, sie wartete hinter dem Tor – die Knie versagten mir ...   Es war Peggy, die aufschloß und uns über eine schwach erleuchtete Treppe in das Atelier führte, das als Gesellschaftsraum diente. Die Art ihrer Begrüßung und wie sie im Atelier die ersten Worte mit mir wechselte, machten mich auf der Stelle zu ihrem Mitverschworenen. Ich käme in Verlegenheit, wenn ich erklären sollte, wie sie es anstellte. Sie gab mir einfach zu verstehn: »Sie kennen mich, Sie kennen mich gut, trotzdem mögen Sie mich leiden – sehen Sie, ich bin aufrichtig, und ich bin hübsch. Seien wir Freunde!« Sie sprach nichts Derartiges, mit keiner Silbe; beim ersten Blick stand es fest. An der Decke des Ateliers klebte eine Kiste, worin an Stelle des Deckels eine Mattscheibe eingelassen war, dahinter brannten elektrische Birnen und verbreiteten ein angenehmes Licht. Überall hingen Bilder: badende Frauen von Renoir, zwei Landschaften von Cézanne, das große Bildnis eines Jünglings, ich erkannte die Züge des Lords, sowie ein Stilleben von Manet. Um diese Meisterwerke prasselte, gleich Spatzen um adlerhafte Erscheinungen, ein Schwärm von geschmackvoll geschürzten, vielleicht etwas zu bunten Ölskizzen, lauter mehr oder minder entkleidete Frauen, irgendwie reizvoll durch die Art des Vorwurfs, über deren künstlerische Unzulänglichkeit der Maler durch den Schein des Skizzenhaften hinwegtäuschte. Das einzige ausgeführte Bild dieser Art hing über dem Diwan, ein lebensgroßer Akt, der mit Mühe und Not nach Ingres kopiert schien: die Diana, von der mein Freund gesprochen. Ich erkannte sie sofort an der Ähnlichkeit der Gesichtszüge mit denen Sidonias. »Entschuldigen Sie, Claus,« sagte der Lord nach der herzlichen Begrüßung, als ich daran ging, all die Frauenblüten an der Wand zu betrachten, »ich bitte Sie sehr, zu entschuldigen; andre dichten, spielen Klavier«, und er suchte mich wiederholt durch allerhand Vorwände von seinen »shocking toys« wegzuziehn. Auch klagte er sich der Sünde wider den heiligen Geist an, weil er vor »seiner Frau und andern Damen die Libertinage der eigenen Malerei mit dem Namen der benachbarten Meister zuzudecken suche ... Ich sah nur die Diana, das enthüllte Geheimnis jener Peggy, die uns die Tür geöffnet und sich auf der Stelle mit mir verbündet hatte – sicher nur, weil ich Bobs Freund war. Doch machte der Anblick des Aktes diese Vertraulichkeit zu etwas Überwältigendem, ich fürchtete mich vor dem Augenblick, wo sie wiederkäme ... Daß der Akt Donjas Kopf trug, erhöhte meine Verwirrung bis zum Gefühl von Scham über heimliche Sünde, von Schändung. Lady Berrick trat ins Zimmer. Was sie da um Kopf und Hals trug, das war der kühn zurückgeworfene Schleier der befreiten Dame, ich merkte es gleich – dieser Spitzenschleier mit dem Maltakreuz war etwas Besonderes, ein Symbol, das Insignum der Führerschaft; er stand ihr vortrefflich. Ihr maskenhaft gleichmäßiges Gesicht lächelte etwas mühsam. Es leuchtete, stärker als das Lächeln, zartrot mit einem weißen Schein um Nase und Augen, man konnte es schön nennen, weil man es unmöglich häßlich hätte nennen können, von einer traurigen Schönheit war es, ich wußte nicht, warum, aber traurig war dieses schöne Gesicht, traurig wie der Tod ... Mit jedem Schritt setzte sich Mylady ihr eigenes Gesetz, jede ihrer Bewegungen kündete ihre Souveränität, und dies alles ergab ein merkwürdiges, fast allzu vollendetes Bildnis: bunt, wie ein großer Pariser Schneider bunt arbeitet, wenn die Mode es verlangt, scheinbar willkürlich, doch nach einem Plan, hochmütig, mit dem Wissen um das Zweifelhafte des Anspruchs, und sichtlich geadelt durch den Glauben an ihre Berufung ... Sie hielt zwei Mädchen an der Hand, reizende Geschöpfe in Pyjamas und offenen roten Wollmänteln, die Füße noch rosig vom Bad – wie zierten sie ihre Mutter! Es waren Lady Berricks Töchter aus erster Ehe, Betty und Brigitte. Als ihre Mutter sie losließ, eilten sie in Bobs Arme, Betty in den rechten, Brigitte in den linken – von dorther kundschafteten sie mich aus. Leider war ihnen die Zeit karg bemessen, aber beim Abschied hingen sie sich doch ein wenig an meine Hände, Betty, die ältere, an die rechte, Brigitte an die linke. Wie Mylady sodann auf dem Eisbärfell des Diwans die Glieder löste, bewies aufs klarste, daß sie sich weder um ihre Beine noch um ihre Schultern sorgte. Allerdings waren jene bekleidet und die Maße des Ausschnitts durchaus nur tagesüblich. Fiebernd von Belehrungswut, forderte sie mich auf, neben ihr Platz zu nehmen. Sie legte mir gesprächsweise die Hand auf das Knie, sie reichte mir die Rose von ihrer Brust. Kurz, sie behandelte mich, unter geänderten Umständen, wie ein Missionar den ältesten Sohn eines Negerhäuptlings. Jedoch der Moschusduft, den jede ihrer Bewegungen entfesselte, kränkte mich, ich rückte unwillkürlich von ihr ab, und plötzlich stützte sie sich auf dem Ellbogen auf und bekannte sich blitzenden Auges – wozu? Zum Moschus. Parfüme, die Moschus enthielten, seien in der sogenannten guten Gesellschaft verpönt – um so besser für den Moschus! Moschus, das war Atem von Mänaden. »Mänaden?« fragte ich bestürzt. Jawohl, Mänaden. Was waren sie denn anders, die Damen der »outguard,« wie sie, von London bis Kalkutta, über das Parkett hingeschmetterter Clubmen hinwegstürmten, was waren sie anders als die ewigen Mänaden? Die Priesterinnen der fruchtbaren Unruhe! Die Tollen, die nie den Kopf verloren! Möglich, sagte ich, doch schiene mir bei Mylady insofern eine Verwechslung vorzuliegen, als die Mänaden im allgemeinen eher für Freiluftwesen angesehn würden, während es von den Flötenbläserinnen allerdings heiße, sie hätten starke, duftende Salben – Man ließ mich nicht aussprechen. O pfui! So pervers konnte nur ein Mann sein, »schlechtgeborene« Kreaturen, die sich für Geld hingaben, mit den Priesterinnen des leopardenbegleiteten Dionys zu verwechseln. Das war, als ob ich zu Madam ginge, wenn ich bei ihr, Lady Berrick, eingeladen wäre. »Ein gefährlicher Wink«, warf der Lord lächelnd ein. Lady Isabels entflammtes Gesicht büßte alle Poesie ein, ihr Mund verzog sich vollends, aber sie faßte sich und schwang scherzhaft den schönen Arm, als schleuderte sie den Speer gegen den Gatten. »Was für Zweideutigkeiten, Lord Berrick!« Der stellte sich, als finge er das Geschoß im Fluge, um es alsdann freundlich auf dem Kaminsims niederzulegen. Ich begehrte in geheuchelter Unschuld zu erfahren, wer »Madam« sei. Nach einem kurzen, forschenden Blick ließ sich die Lady in die Kissen fallen und schlug die Knie übereinander. Die Fesseln der Füße erwiesen sich als so zart wie die eines ganz jungen Mädchens. »Nun, eine Kreatur«, sagte sie nach einer Pause. Verwirrt blickte ich um mich. Der Lord senkte den Kopf. Bob musterte mit angestrengtem Ernst die Beleuchtungskiste an der Decke. Indes zeigte sich, daß die Lady noch nicht beim tiefsten Ton ihrer Verachtung angelangt war, wie man hätte meinen sollen, denn als sie die Beine abgeworfen, die Arme unter dem Nacken gekreuzt und sich gestreckt hatte, zornbebte sie: »O Ihr Männer! Eure Frauen möchtet Ihr in Knechtschaft halten, mit Fackeln und Dolchen rottet Ihr euch zusammen, wenn sie ihre Fesseln sprengen, aber eine feile Dirne, die scheint euch immer entschuldbar.« »Das muß wohl an den armen Dingern liegen«, sprach der Lord halblaut zu sich selbst. Worauf Bob geradeaus die Bemerkung wagte: das eine schließe das andre nicht aus, Konventionen seien die Kodifizierung jahrhundertealter Erfahrungen, und seit dem grauen Altertum – Weiter kam nun er wieder nicht, im grauen Altertum blieb er stecken, trotzdem er mächtig ausschritt. Lady Isabel saß auf dem Rande des Diwans, ihr Kleid hüllte sie bis zu den Füßen ein ... und verschloß sie. Was man eben noch als weibliche Schwäche hätte ansprechen, worauf ein Mann, der Nachsicht brauchte, unter Umständen noch hätte bauen können, war uns mit eins entzogen. Verbaut jede Ausflucht. Wohin jetzt mit dir, Bob? Die Führerin hob das Kinn ... Und die Tür öffnete sich. Was auch immer folgen mochte, vorerst galt es, die eintretenden Damen zu begrüßen. Schon eilte Bob der perlmutternen Diana entgegen. »Wo in aller Welt bleiben Sie denn, verehrtes Fräulein?« flüsterte er eindringlich. »Wo haben Sie sich die ganze Zeit herumgetrieben? Also, Peggy, es war eine Ewigkeit.« Ich aber küßte schnell einem Mädchen die Hand, das die größte Hornbrille auf der kleinsten Stupsnase zum Nestrand und Auslug des lustigsten Vogelpaars gemacht hatte. Man lachte, wenn man sie nur ansah. »Die Schwester des Lords«, sagte sie selbst. Die weißhaarige Dame, die wartete, daß ich ihr die Hand reichte, überschwemmte mich mit einem wasserblauen Blick, eine schmeichelnde Stimme schlug an, ich lauschte ihr. Unverzüglich vertraute sie mir an, sie glaube an Gott, an die welterlösende Menschenliebe Englands und an die drahtlose Telegraphie. »Die Schwester Lady Berricks«, stellte der Lord vor. Inzwischen hatte sich seine eigene Schwester vor der Lady aufgestellt. Hinter der großen Brille ging es lebhaft zu: der eine Vogel überschlug sich vor Spott, der andre schoß hin und her und haßte. »Der Führerin Heil!« sprach die Hornbrille. Ein Diener trat ehrfürchtig murmelnd zu Peggy, und Peggy teilte der Lady laut mit, die Tafel sei bereitet. Bei jeder Bewegung schimmerte die Diana an ihr durch! »Seit dem grauen Altertum,« scholl es da in das Schweigen, das der Ankündigung gefolgt war, »seit dem grauen Altertum, Marquis Capponi, sind die Männer Heuchler und Wucherer an der Schwäche der Frauen, lautlose Mörder, schreiende Diebe.« Zufrieden lächelnd erhob sich Mylady und nickte mir zu: »Baron, darf ich bitten?« Bob wollte Peggy den Arm reichen, doch scheuchte ein Blick der Lady ihn an die Seite der weißhaarigen Dame, und es war der Lord, der Peggy führte. Am Tisch herrschte erst eine Stille, wie sie ganz der Feierlichkeit der großen, weißen Tafel entsprach, in deren Mitte ein buddhistisches Altärlein voll Blumen und Früchte prangte. Als aber der Diener den Suppenteller vor die Lady hingestellt hatte, beugte sich diese leichthin über den Dampf und schwor, ohne Bitterkeit: »War to the philistines.« »Bis die Raben sie fressen«, ergänzte Peggy, wozu sie eine Faust ballte, die neben der roten Nelke auf dem Tischtuch an eine zusammengerollte kleine Katze aus Porzellan erinnerte. Dem mißtrauischen Blick ihrer Herrin begegnete sie mit spiegelweit geöffneten Augen. So konnte jedermann sehn, mit wem sie es hielt, nämlich, bedingungslos, mit den Mänaden. Gleichzeitig berührte ihr Knie das meine, und, bei Gott, das Knie lachte – es bebte und schlug vor Lachen aus! Krieg den Philistern, – gut, wir zeigten uns alle bereit, Lady Isabel Gefolgschaft zu leisten und wider die Philister zu Felde zu ziehn. In der nächsten halben Stunde setzte es nur Hiebe für sie. Dann artete die Polemik in wahren Kannibalismus aus. Die Opfer wurden geschlachtet, aufgeteilt, warm verzehrt. Jeder von uns bekam sein Teil Philister hingeworfen. Peggy schluckte es, während ihr Knie gegen das meine Karneval trommelte, tief bekümmert und gehorsam würgte der Lord. Bob und ich schoben das uns zugedachte Stück der Priesterin des mit Leoparden Wandelnden höflich wieder zu. Sie drohte den Meuterern neckisch mit dem Finger, ließ es liegen. Bob hatte am Moselwein geschnuppert, darauf am Burgunder, jetzt nahm er, über den Champagner gebeugt, den Bericht seiner Tischdame über ein seelisches Ferngespräch zwischen Glasgow und Neuorleans entgegen. Er trank nicht. Keinen Tropfen. »Es ist auch wahr,« rief Peggy begeistert, »warum soll eine unverheiratete Frau nicht Geld nehmen dürfen? Ich hasse die Philister.« Hier lag auf seiten Peggys ein offenbares Mißverständnis vor, unverheiratete Mänaden nahmen natürlich kein Geld, doch ließ die Führerin es in Anbetracht von Peggys Tapferkeit in dem soeben siegreich beendeten Gefecht mit den abwesenden Philistern bei einer stummen Zurechtweisung bewenden. Mit einem mißbilligenden Blick auf die revoltierende Diana hob sie die Tafel auf. Wiederum schuf, für einen Augenblick, schöne Feierlichkeit zwischen uns einen Abstand, ich reichte Lady Isabel den Arm, Bob eilte, die Hand auf dem Herzen, zu Peggy: »Warum sie kein Geld nehmen darf? Weil sie sonst vielleicht keinen Mann fände«, antwortete er laut. Der Wein, den er nicht getrunken, hatte ihn kühn gemacht. »Abwarten!« rief Peggy leise. Es flog wie ein Pfeil, die Sehne schwirrte. Die Lady, im Schreiten das Abendkleid belebend, wandte ein wenig das Haupt, damit wir es alle hörten: sie war keine spießige Frauenrechtlerin, sie würdigte alle guten Scherze, wie sie über die aristokratische Avantgarde der Frauen fielen, und sooft einer fiel, wünschte sie wie bei einer Sternschnuppe schnell einem Manne das gräßlichste Herzeleid. Denn daß er Kinder gebäre, dieser Wunsch sei leider vergeblich. Ach, nun hatte ich die ganze Zeit nicht an Maria gedacht ... Tritt ein, bestricke sie, alle, wie sie hier sind, schweige, nicke mir zu! ... »Miß Peggy, schauen Sie nicht Lord Berrick an, auf ihn ist nicht gezielt, er gehört zu den Männern, die uns Frauen anbeten, eine Form der Entwürdigung, an der wir ungern Kritik üben«, und die Führerin wandte sich zu Bob: »Sollten Sie je das Haus von Madam betreten, Herr Marquis – es gibt kein Bad, das Ihnen den Geruch nähme.« »Vielleicht Moschus?« fragte Bob. Sie zuckte über den törichten großen Jungen nachsichtig die Achsel .. Gesittetes England! Die Herren zogen sich in das Rauchzimmer im oberen Stockwerk zurück. Hier begannen wir eifrig, Madam zu rehabilitieren. Sie nahm Geld, gut – die Tugendhaften auch. Und von denen gaben die meisten dafür nur magere Kost und Ärger obendrein. Die alten Griechen waren weise ... Die katholische Kirche war weise ... Sie hielten auf saubere Scheidung. Romanschreiber und Politiker, diese geborenen Emporkömmlinge, verdrehten der Frau den von Natur schon unsoliden Kopf. Seit Rousseau wagte kein Autor mehr, ein vernünftiges Wort über die Frauen zu schreiben. Einige hatten geschimpft, von diesen die klügsten – sich gerächt. Jetzt waren wir an der Reihe, Tapferkeit zu beweisen! Keiner von uns hatte bisher ein Wort mit Madam gewechselt. Keinem, weder Bob noch dem Lord war sie bemerkenswert erschienen. Jetzt beschlossen wir, ihre Bekanntschaft zu suchen. »Wie heißt sie denn?« erkundigte ich mich. Sie hieß Giulietta Var, und ich behauptete, ohne zu zögern, daß ich niemals einen klangvolleren Namen gehört hätte. Bob sagte noch: »Der Name ist Konfektion, aber er sitzt wie angemessen.« Die Hornbrille kam und wollte auch rauchen – obwohl das bei den Mänaden für shocking gelte. Der Diener, der ihr auf dem Fuße folgte, bugsierte sie ohne Umstände hinaus. Bald mußten wir denselben Weg gehn, im Atelier war Bobs Mutter in Begleitung des Abbé Roux eingetroffen. Die glatt rasierten Wangen des Dieners, der uns zu Myladys Füßen befahl, waren fiebrig wie bei Schauspielern, wenn der letzte Akt naht. Doch rauchten wir die Zigarre zu Ende, was dem Seelenhirten von St. Paul gestattete, zu uns heraufzusteigen, um ein Wort unter Männern zu reden. Auf dem stämmigen, in den Gelenken knotigen Körper des Mannes war ein Prälatenkopf aufgepfropft, Bauernschläue, zu Weltweisheit veredelt, erhellte die Augen. Nachdem er mich als Neuling in seinem Gesichtskreis mit auszeichnender Höflichkeit in diesem seinem Staat willkommen geheißen, legte er ohne Umschweife dem Lord die Frage vor, warum seine mit allen Tugenden, auch Klugheit und Nächstenliebe ausgezeichnete Gattin gerade Giulietta Var gegenüber jedes Erbarmens, jeder Nachsicht entrate. Er nannte Giulietta einfach beim Namen, ohne vorgesetztes »Madame«, ging gerade aufs Ziel los, man sah, es war ihm ernst. »Ich kenne Giulietta Var,« so hob er, scheinbar stockend, an, »seit zwanzig Jahren. Wir kamen gleichzeitig nach St. Paul, ich als Pfarrer, sie als Kurgast. Wir stießen sofort zusammen. Unter den Frauen meiner Gemeinde hatte sich ein großes Wehklagen erhoben: alle Männer, die noch gesunde Beine hatten, tanzten, sit venia verbo, um das seidige Kühlein. Mit dem Stock fuhr ich dazwischen. Es war eine schlimme Zeit, solang sie sich mit den Eingeborenen abgab ... Sie wollte zwei Wochen bleiben, und sie ist noch immer da. Ich auch. Mit unsern Männern gibt sie sich nicht mehr ab, aber alle grüßen sie, aus Dankbarkeit. Sie gehört zu den Sehenswürdigkeiten der Riviera. Mein Kirchenschatz auch Sie und ich, wir werden beide hier sterben ... St. Paul verdankt ihr seine Wohlhabenheit. Wir haben keine Armen mehr, und die Wohlhabenden geben reichlich für die Kirche. Sie gibt nichts, das ist eine Sache für sich. Pourtant –, wenn ich in den schweren Zeiten der Trennung von Kirche und Staat den weltberühmten Kirchenschatz gerettet habe, so ist das, indirekt, ihr Verdienst. Sie schickte mir reiche Kurgäste, die bezahlten, einzig und allein, um den Schatz bewundern zu dürfen. In den andern Kirchen unsres Landes nahmen sie ihn mit. Wieviel unersetzliche Kostbarkeiten sind auf diese Weise aus unsern Kirchen verschwunden, für immer, messieurs, für ewig und immer! Der Staat gab uns keinen Pfennig mehr, meine Pfarrkinder sind nicht reich. Wir haben gehungert und gefroren. O, diese Freimaurer!« Er kniff den Mund zusammen, forderte tückischen Blickes einen unsichtbaren Feind heraus. »Messieurs, ich kenne einen alten Pfarrer, einen wahren Heiligen, der nährte sich von wilden Spargeln und den halbverfaulten Orangen, die er nachts unter den Bäumen auflas. In einer bitterkalten Nacht begann er das romanische Gestühl seines Chors zu verfeuern. Wir haben kein Holz hier. Es war ein strenger Winter. Im Frühjahr war das Meisterwerk Jacopo della Portas in Rauch aufgegangen. Eh bien, in meiner Kirche fehlt nicht ein Stück. Ich habe gelebt und mich gewärmt. Der hochwürdigste Herr Bischof nennt St. Paul als ruhmreichen Ort und als Vorbild. Wie war das möglich? Hélas, ersparen Sie mir die Wiederholung, ein Wunder war es gerade nicht! Ich bin nicht Giuliettas Richter, ich vermag nicht ihr Herz zu ergründen, obwohl ich es oft versucht habe. Der Pfarrer seufzte, die Falten seines wetterroten Gesichtes standen starr, bei Gott, es war ihm ernst. Wir kamen uns plötzlich wie Schulbuben vor. Da warf der Geistliche den Kopf in den Nacken und blickte dem Lord in die Augen: »Lord Berrick!« sprach er mit bebender Stimme, »wir erwarten Giulietta auf ihrem Sterbebett. Ich oder mein Nachfolger, einer von uns wird zu ihr treten, wenn der Todesengel nach ihr greift. Das ist eine Sache zwischen uns, zwischen ihr und uns, zwischen Giulietta, die einst ein unschuldiges Kind war, und ihrem Gott. Voilà. Ich dulde nicht, daß man sie in der Fremdenkolonie schlecht macht, daß man sie verschreit von St. Raphaël bis Menton, als wäre sie die leibhaftige Tochter der Hölle. Abgesehn davon, daß sie das nicht ist, nie und nimmer, verlange ich im Namen der Nächstenliebe, verlange ich, verstehen Sie mich recht, Lord, verlangt meine Gemeinde, verlangen alle hier bis zur letzten Waschfrau, daß man Giulietta Var unbelästigt, wenn Sie wollen: unbeachtet, ihrer bittern Stunde entgegengehen läßt.« Während wir noch beklommenen Herzens schwiegen, trat Pfarrer Roux an das offene Fenster. Er atmete tief, und jetzt erst bemerkten wir den Duft der Rosen, den Duft der Levkojen, den Duft des Goldlacks, alle die Düfte, die, einzeln wahrnehmbar, in das Zimmer drangen. Die Kirche von St. Paul und eine entferntere im Tal kündeten langsam hintereinander die Stunde, so daß die Klänge der einen nach einer Weile drunten in der Tiefe aufzuschlagen schienen. »Es fehlt den Herren Fremden nichts, und ihre Damen behaupten, in Wonne zu schwimmen«, hörten wir ihn sagen. Die Hände in der Schärpe, näherte er sich freundlich dem Lord, der auf einmal vergnügt, ja schalkhaft vor sich hinlächelte. »Ich sehe es Ihrem Gesicht an, Lord Berrick, ich brauche mich nicht ausführlich wegen meines etwas brüsken Schrittes zu entschuldigen. Gern erlaube ich Ihnen, über uns zu lächeln, nachdem Sie mir gütigst gestattet haben, offen zu Ihnen, zu sprechen – fast hätte ich gesagt: zu drohen. Ich denke, wir sind alle im Bild ... Der Herr Baron, der erst heute abend angekommen ist, hat natürlich längst von unsrer armen Giulietta gehört. Der Herr Marquis – mein Gott, der Herr Marquis! Nicht wahr?! Nun fragt es sich noch, Lord, ob Sie es übernehmen können, einen Appell an die Güte, die Klugheit, die Einsicht der Lady zu richten, der, ich muß hinzufügen, den erwünschten, den unbedingt nötigen, den dauernden Erfolg bringt?« Einen halben Schritt trat Lord Berrick zurück, und das Kinn in seiner bezaubernd sanften Art zur Seite geneigt, erwiderte er: »Monsieur le Curé, ich gehöre nicht Ihrer Religion an. Trotzdem muß ich sagen, ich habe vielleicht noch nie eine so treffliche Predigt gehört, wirklich, ich danke Ihnen, und was Lady Berrick anlangt, so will ich es mit Vergnügen unternehmen, sie aufzuklären. Die Lady, müssen Sie wissen, Herr Pfarrer, bekämpft weniger eine Person als einen Verstoß gegen die Spielregel, verstehn auch Sie mich, bitte, recht: sie meint, derartige Damen kompromittieren die Sache der Frauenbefreiung. Aber natürlich haben die Pläsiers Madam Vars mit einer so ernsten Sache, wie die Lady sie vertritt, nicht das geringste gemein, und da Madam Var nicht bloß Geld nimmt, sondern, wie wir eben gehört haben, auch welches gibt, so glaube ich, den Punkt gefunden zu haben, wo ich ansetzen kann. Er verbeugte sich gegen uns. »Meine Herren, die Damen erwarten uns. Funkelnd von Schminke, die Augen von Belladonna geweitet, den Arm unserm Kuß entgegengehoben, als lockte sie mit verkehrter Hand einen Vogel, so empfing uns die Marchesa Capponi. Neben ihr wirkte Lady Berrick in ihrer künstlichen Frische wie der leibhaftige Frühling. »Herzensjunge!« rief die Marchesa bei meinem Anblick aus, »welch ein Teint, welch eine Haltung! Küssen Sie mich alte Dame auf die Stirn. Sie dürfen es, Sie allein. Warum wohnen Sie nicht bei mir unten in Cap d'Antibes? Ein Breuschheim vom Scheitel bis zur Sohle!« Und zur Lady gewandt: »Sie werden uralt, die Breuschheim, sie sterben nicht, die Breuschheim. Eines Tages befehlen sie: Genug!, und der Tod greift ihnen leicht an den Kopf, oder er drückt ihnen mit dem Daumen ein wenig in die Herzgrube. Und, eia, sind sie im Himmel. Mein Wort, Isabel, eine fabelhafte Rasse! Warum sind Sie eigentlich nicht mein Schwiegersohn geworden, Claus? Nicht böse gucken, Claus! Pscht, ruhig, ich sage nichts mehr.« Der Pfarrer hob mit gestreckten Fingern ein wenig den Stock. »Gnädigste Marquise,« lächelte er, »ich halte es aus gewissen Gründen für meine Pflicht, Ihnen zu versichern: sterben tut weh.« »Ich weiß, darauf bestehn Sie,« eiferte fliegenden Atems die Marchesa, »Sie fürchten, nicht zurecht zu kommen, natürlich. Beruhigen Sie sich! Sie haben neunundneunzig Chancen auf hundert. Wie die Bank in Monte Carlo.« »Leider nicht, Frau Marquise, leider nicht! Ich frage bloß: steht es uns an, einen jungen Mann anzuleiten, oder dürfen wir ihn auch nur ermutigen, den Tod en canaille zu behandeln?« »Ganz gewiß«, antwortete Lady Isabel. »So ehrwürdig das Opfer, so abscheulich der Henker. Der Tod verdient durchaus, en canaille behandelt zu werden.« Der Lord murmelte: »Ich finde, wir sprechen heute abend etwas viel vom Tod,« und die Marchesa war ganz seiner Meinung. Durch die Manie, bei jeder Gelegenheit in unangenehmer Weise an den Tod zu erinnern, büßten die Herren Geistlichen viel von ihren so mannigfachen Reizen ein. Waren sie denn Wucherer, daß sie immerzu den Schuldschein schwenkten? »A propos, Claus, der General hat sich vorgestern nach Abessinien eingeschifft, in einer sehr, sehr wichtigen Mission. Pscht! Bob, deinem Freund wird schlecht, ein Glas Wasser! ... Nicht? Gott sei Dank! ... Ich sage nichts mehr ... Der ausgezeichnete General! Ich gebe zu, er hat etwas von einem Gespenst, erschreckend, sogar in seiner Abwesenheit.« »Warum?« Der Glaubensstreiter schlich sich von neuem an: »Darf ich in aller Ehrerbietung fragen: warum ist der zweifellos hochachtbare, vermutlich sogar bedeutende Mann, den Sie, Frau Marchesa, den General nennen, auf so besondere Weise erschreckend?« »Ein Schwiegersohn, der zehn Jahre älter ist als ich, finden Sie nicht, daß der sozusagen im Hause meiner Tochter ... spukt?« »Also wiederum die Angst vor dem Tod?« griff der Abbé zu. »Ja, wieso denn, Herr Abbé?!« Die Marchesa schüttelte sich vor Ungeduld. »Der Mann lebt doch, ist aktiver General, fährt mit Waffen und Geld nach Abessinien, um Geschäfte zu machen – wo sehn Sie da den Tod?« »Ja, spuken denn in der Familie der Frau Marchesa auch die Lebenden?« Meisterlich bemüht, der also zugespitzten Unterhaltung jetzt eine humoristische Wendung zu geben, kniff der Pfarrer mit komischer Listigkeit ein Auge zu. Seine ganze Gestalt drückte Wohlwollen für das zerzauste Weltkind aus. Die Hornbrille sprang ihm bei. Die Kassiopeia Ihre Scherze entstiegen einem Paternoster-Aufzug, der in einem menschenleeren Hause lief; sobald einer dieser Kobolde drei Schritte gemacht hatte, löste er sich in Luft auf, und der Paternoster-Aufzug warf den folgenden ab. Und seltsam, niemand schien an den grauenhaften Tod von Lady Isabels erstem Mann zu denken, der bekanntlich von einem Nilpferd zertrampelt worden war, am allerwenigsten sie selbst. Oder war es am Ende doch kein Zufall, daß die Hornbrille begann: »Die Männer büßen ihr Leben mit dem Tod – es ist reinste Nächstenliebe, wenn man sie schnell vergißt?« Die Lady lachte mit uns. »Meine Schwägerin«, ging es weiter, »sieht im Tod den Kasperl, der den Gendarm, will sagen: den Mann nach längerer, wenn auch immer noch unzureichender Stäupung endlich erschlägt. Vielleicht ist das zuviel der Gnade für einen Mann.« »Oh! Oh!« machte mißbilligend der Pfarrer. Doch als sie fortfuhr: »Die Frauen sterben nicht, sie entschlafen in eine bessere Sommerfrische«, überließ auch er sich der allgemeinen Heiterkeit. »Einmal war Lady Isabel krank,« erzählte die Hornbrille mit ernstem Gesicht, »todkrank. Statt des Notars ließ sie die Stenotypistin kommen und diktierte einen Aufsatz für die Londoner ›Elegante Welt‹. Der Titel hieß: ›Wie schützen wir uns am besten vor den weißen Kopfjägern? Ratschläge einer Sterbenden!‹ Die weißen Kopfjäger, meine Herren, das sind Sie. Als sie ihren Namen unter dies ihr Testament gesetzt hatte, stand sie auf und war gesund.« Darauf ging die Hornbrille zur Londoner Gesellschaft über, und wir erfuhren, daß Lady Isabels beste Freundin, die Frau des Ministerpräsidenten B., statt seiner das Empire regiere – das verstand sich von selbst. »Aber raten Sie, womit sich inzwischen der Premier beschäftigt? Er beaufsichtigt die Heime für fortgeschrittene junge Mädchen, die seine Frau patroniert!« Die Herzogin von Glasgow umgab sich mit Greisen, die viel geliebt hatten. Sie galt für die frömmste Dame des Reichs. Einer ihrer Vertrauten hatte von ihr gesagt: »Wer unbedingt die Engel pfeifen hören will, der soll ihre Hoheit um eine gemeinsame Andachtsstunde bitten,« und der Herzog von Wight tanzte nur mit Damen, deren Füße genau in die von ihm als Reliquien verwahrten Ballschuhe Lady Hamiltons hineinpaßten. Er nannte den lieben Gott »unsern erhabenen Standesgenossen.« Vor den Stufen des Thrones angelangt, machte die Hornbrille halt. Wir wußten nicht mehr, wohin vor Lachen. Komischer noch als ihre Erzählungen und die unbewegliche Brille, hinter der die Bosheit tollte, war der mürrisch verzogene Mund, der die Anekdoten zutag förderte. Schließlich war es unser eigenes Gelächter, das uns lachen machte. Lady Isabel lag hingestreckt, wie einer jener Clubmen, über die die ewigen Mänaden von London bis Kalkutta hinwegstürmten. Lachend erstickte der Lord in seiner Wehmut, er konnte sie nicht sprengen. Bob jauchzte italienisch, wie in einem Walzer wiegte sich die Marquise, mit erhobenen Armen, von einem Tänzer zum andern gestoßen; Lady Isabels Schwester war ein Brustbild stiller Entzückung, das ein Schluckauf als Uhrwerk bewegte, und ich ... ich blickte auf Peggys Füße. Erst hatte sie sie artig für mich hin und her gedreht, jetzt klammerte ich mich wie mit beiden Händen an die Knöchel und verhinderte sie so, mit den Beinen zu strampeln. Dafür streckte sie, aufrecht sitzend, in einem fort hilfesuchend die Hand aus, bald nach Bob, bald nach dem Lord, bald nach mir. Als sie schließlich fassungslos aufkreischte, trieb dieser Möwenschrei Lady Berrick auf die Kommandobrücke des trunkenen Schiffes. »Genug! Genug!« herrschte die Kapitänin. Und der Sturm faltete die Flügel. »Wie geht es Ihrem Vater?« rief die Marquise nach einer Atempause mir zu. »Meinem Vater?« Eine Lache spritzte über mich weg. »Danke. Meinem Vater geht es gut.« Das glaubte sie! Schnitt und band er nicht einen Teil seines Weinberges selbst? Seit dreißig Jahren? Bob prustete. »Genug, bat die Lady mit einem Gesicht aus Emailleguß. Da platzte Peggy aus. Die Marquise blieb fest. Heute war er sechzig und hackte, schnitt, band, erntete, preßte noch immer seinen Wein – ob Isabel das glauben konnte? »Ein Mann«, sie maß mit den Blicken die Breite des Zimmers, »mit solchen Schultern. Immens.« Nein, so ging es nicht. Alle, mit Ausnahme der Führerin, lachten schallend los. Zum Glück kannte der Abbé den Typ und sprach ihm ernsteste Bedeutung zu: »Ein katholischer Landedelmann, macht seine Ostern, sonst nichts. Kantig, rauh, zuverlässig, ein Stein in der Grundmauer. Vortrefflich!« Vergebens erhob die Marchesa Einspruch: Balthasar Breuschheim sei weder rauh, noch kantig, sondern die rundliche Gentilezza in Person. In Lady Isabel, die den Typ auch kannte, waren Bedenken aufgestiegen. Sie spitzte den Mund: »Und die Baronin?« Suchend blickte die Marquise sich um, lächelte zu der noch immer in stummer Musik versunkenen Weißhaarigen hinüber: »Lady Berricks Schwester in Schön. Ein wenig sportlicher. Aktiv.« Worauf sie schnell hinzufügte, sie kenne keine Frau, der die weißen Haare so wohl zu Gesicht stünden, wie – »Lady Mac Shene«, erklärte der Lord ... Doch die endlich eigen benannte schüttelte das Haupt. Sie brauchte hier für sich keinen Namen. Sie war der Lady weißhaarige Schwester. Berrick beugte sich tief und küßte die auffallend weißen, gefalteten Hände. Da sprang die Führerin, die Beine anziehend, ein Stück über den Diwan, lehnte sich gegen die Wand: »Und jetzt, liebste Marquise,« befahl sie, »jetzt erzählen Sie uns von Missis Dolly Perkins. Was treibt sie? Wen sieht sie? Wann wird bei ihr getanzt?« »Man weiß noch nicht?!« Die Marchesa flüsterte einen Namen. Ein Engel schwebte durchs Zimmer, in erhobenen Händen trug er die Krone Englands ... Lady Berricks Augen, die Augen der Marchesa öffneten sich einem Weltreich, darin ertrank der Diwan mitsamt der »society leader« und der Akt Peggys darüber, der verlegen lächelnde Lord und die Marchesa Capponi und der mit roten Ohren lauschende Pfarrer, wir alle. Die Lady kam als erste zur Besinnung. »Sie sind unterrichtet?« flüsterte sie. »Prinz Albert?« Die Marchesa nickte. Steil aufgerichtet, alle ihre Farben schillerten, fragte die Führerin: »Wann?« »Gestern.« Ich fürchtete, man erwarte von uns, daß wir alle zu Stein erstarrten, der »demokratische Fimmel der Breuschheim«, wie Donja sagte, meldete sich, ich sann auf Flucht. »Komm hierher«, hatte Bob mir nach Köln geschrieben. »Du wirst die große Welt sehn ...« Mich dünkte, ich stände am ersten Abend bereits mitten darin. Die Wahrheit zu sagen, fand ich sie sinnlos anstrengend, verheerend. Bückte ich mich nicht selbst unwillkürlich unter der Peitsche, die diese Menschen über sich und den andern schwangen? War nicht auch der Lord ein ganz andrer als der, den ich in Venedig gekannt? Wozu die verquälte Hast? Warum die Angst? Wohin der Weg? Plötzlich hörten wir Bob stöhnen, und fast gleichzeitig lachte Peggy, als ob sie gekitzelt würde. Bob sprang auf. »Peggy,« sprach Lady Berrick mit mildem Ernst, »Sie gehn am besten zu Bett.« Bob nickte mir zu: »Wir auch ... Diese äußerste Enthüllung, Mama, geht über meine Kraft. Mir fehlt es an Genie, verehrteste Lady Berrick, ich kann nur das Ihre bewundern. Was wie Klatsch aussieht, verwandelt sich vor Ihnen, aber auch nur vor Ihnen, in hohe Politik, in zu hohe für mich.« »Ein wenig plump, Marquis Capponi«, äußerte Mylady. Wir küßten ihr, die trotzdem geschmeichelt mit dem Finger drohte, die Hand, aus der meinen nahm sie der Pfarrer, wobei er den Stock wie einen Degen hielt. »Ich ziehe mich vor den Sünden der Großen zurück«, sagte er mit dem einfachen Lächeln eines Bauern. Peggy stand erschrocken hinter dem Lord. Die Hornbrille aber erklärte in einem Ton, als gäbe sie es zu Protokoll: »Ich bleibe, ich muß dabei sein, wenn unsere Mänaden sich hinlegen, um den ersten jungen Mann des Reichs über sich hinwegstürmen zu lassen – der Länge nach, meine Herrn, von London bis Kalkutta.« In der Küche schnarchte der Chauffeur Ingels. Der ziegelrote Kopf mit den Borstenhaaren lag auf der Stuhllehne. Es roch nach versengtem Leder, des Schotten Stiefel brieten im Kaminfeuer; die fest geschlossene Hand hielt den Hausschlüssel. Er öffnete das Tor, ohne recht zu erwachen. »Schade,« sprach der Pfarrer, als wir uns vor der wasserspeienden Urne verabschiedeten, »jetzt hätten wir gehört, was es in der höchsten Gesellschaft der Riviera Neues gibt. Eigentlich muß ich von Amts wegen auf dem Laufenden bleiben.« Bob schlug ihm vor, im Hotel den Orvieto des Schweden zu versuchen. »Der erzählt Ihnen, was es Neues gibt, mehr noch, als selbst meine Mutter weiß.« Nein, meinte der Pfarrer, so hoch reichte Kaspar nicht hinauf. Er deutete mit dem Stock auf meine Brust. »Herr Baron, Sie sind ein Neuling an der himmlischen Küste, merken Sie sich, bitte, eins: die Königin von England ist eine achtbare Person, knixt nicht vor ihr, wer will, sie wohnt in den Sphären, aber Missis Perkins, Missis Perkins, diese babylonische Hure, gilt mehr.« Auf das Pflaster stampfte er mit dem Knüttel. »Und unsre Giulietta schimpfen sie eine Kreatur! Warum? Sie ist nicht groß, nicht sichtbar genug in ihrer Sünde.« Mit einem Blick auf das bestirnte Streifband, das zwischen den Häusern lief: »Ich will sie sehn, beide, nebeneinander, am Jüngsten Tag. Ja, ich will sie sehn, Messieurs. Ich wünsche Ihnen eine gute Nacht.«   L'Amico und ich beschlossen, uns noch eine Stunde unter den Sternen umzutun. An den laut belebten Hotels vorbei schlugen wir die Straße nach Vence ein, der Stadt auf dem Hochland, das ich vom Hotelhof am Abend erblickt hatte, wie es, emporgerissen, unter dem feurigen Felsen des Baou erblaßt war. Bob erzählte mir von der Stadt. Ein Lieblingsaufenthalt für pensionierte englische Kolonialbeamte, Lungenkranke und Maler, lag sie eine Stunde von St. Paul entfernt, wir konnten sie von der Straße nicht sehn, ebensowenig wie den Baou, wohl aber zahlreiche weiße Villen am Rande der Hochebene. Bob sprach, und aus den Worten, die ich vernahm, machte ich im gleichen Atemzuge Märchen ... Zarte, junge Frauen, die auf der Terrasse der Villen lasen, erhoben sich vom Liegestuhl, beugten sich über das Geländer, griffen mit weißem Arm in das dunkle Laub des Orangenbaums. Die Frucht funkelte in ihrer Hand, sie bissen hinein wie in einen Apfel. Im Garten übte ein kleines Mädchen, den Rücken der Sonne zugewandt, mit Mandarinen das Ballspiel der Gaukler. Vor ihr stand ein weißgekleideter Mann, schmal, ein wenig gebückt, mit müde hängenden Armen, und schaute zu. Sein Schatten lag neben ihm wie ein Bündel Lumpen. Er war unheilbar krank. Aber er lächelte zufrieden ... Gegen Abend befiel sie alle dort droben ein leichtes Fieber. Die Rosen wuchsen in die Fenster. Nachts rief ein mondsüchtiges Meer die Erwachten zu Ufern, die zu fern waren; sie waren zu nah ... In der Stadt selbst gab es Volk, das hatte seine einfachen Gewohnheiten, von der Geburt bis zum Tod – lachte über die Fremden, wenn sie komisch waren, und staunte die erhabenen an. Ein Bischof residierte in Vence. Man war nicht wenig stolz darauf, obwohl man bei den Wahlen für die Freimaurer stimmte. Starb der Bischof, so kamen viele andre Bischöfe zum Begräbnis, und man hätte glauben können, man sei in Rom. Blühende Frauen, man hatte sie soeben mit einem Arm voll Nelken über den Platz kommen sehn – Herren, die noch kürzlich um vier Uhr vor dem Café die Zeitung gelesen hatten, reisten in der Nacht plötzlich ab auf einem schwarzen Wagen. Manchmal lag ein Blumenkranz auf dem Sarg. Neben dem Kutscher saß ein Mann in Gehrock und umflortem Zylinder, er war betrunken und machte im Halbschlaf jeden Sprung des Wagens mit ... Die ansässigen Maler holten an der Kleinbahn schöne Pariserinnen ab. Sie kamen und gingen. Die meisten kamen nicht wieder. Die Kinder hatten Schwärmereien, die einen Frühling dauerten; dann versteckten sie sich in der Umgebung der Hotels, um die Geliebten ungesehn zu erblicken. Die Vergänglichkeit war kein Makel ... Wenn ich bald sterben sollte – so hier! Nicht in Breuschheim, wo mein Sterben zwischen lauter Gesunden so einsam gewesen wäre wie das eines Tieres im Wald. »Bob, meinst du, daß ich lungenkrank bin?« Er blieb stehn, starrte mich an. »Bist du von Sinnen? Weil ich dir von Vence erzähle, wirst du plötzlich lungenkrank?« »Ich habe abends immer ein wenig Fieber.« »So? Ich auch, seitdem ich hier bin. Sogar der Schwede holt abends nach sechsstündiger Arbeit das Thermometer hervor. Ich glaube an eine Koketterie des Klimas. Hör' mal, mein Lieber, als ich von deiner Erkrankung erfuhr, habe ich natürlich einen Schrecken bekommen. Ich habe an deinen Vater geschrieben. Davon weißt du nichts. Aus dir hätte ich nichts Gescheites herausgebracht. Ich habe Arno Steinberg zu deinen Ärzten geschickt. Also, ich gebe dir mein Ehrenwort, alle haben mir versichert, daß von Tuberkulose nicht im entferntesten die Rede sein könne.« Ich ergriff seine Hand: »Sicher nicht?!« »Claus, mein Ehrenwort.« Tief aufatmend lächelte ich in sein Gesicht und hing an seinen Augen, die, mitten in dieser Nacht, wie ein klarer Waldmorgen waren, wenn plötzlich alle Vögel verstummen. Da zeigte mir mein Freund die Sterne. Ich war in der Furcht vor der Nacht aufgewachsen: »La nuit n'a pas d'amis«, das einzige unheimliche Wort, das meine Mutter je zu mir gesprochen! Dafür wurde sie nicht müde, es zu wiederholen. Der Abbé Simon, der mich die kühnsten Allegorien der Alten und alle Sündengeschichten der Götter lehrte, unterschlug mir die Sternkarte. Nicht aus Liebedienerei für die Mutter, er fand es überflüssig und unehrerbietig, den Wert unsres Planeten durch abwegige Betrachtungen eines unerforschlichen Kosmos herabzusetzen. »Fangen wir erst an, uns mit Sonnensystemen zu beschäftigen,« pflegte er zu sagen, »so verlieren wir bald die Lust an unserm irdischen Familienleben. Mir wenigstens ginge es bestimmt so.« Nun, und mich nahm das irdische Familienleben vollauf in Anspruch, so daß ich mich jetzt, wo Bob den Arm hob, gewissermaßen zur Besteigung himmlischer Urgebirge bereitmachte. Als erster war es der Sirius, der mit Namen vor mir aufstieg in seinem Stolz, dann die schmelzend süße Kapella, es folgten Castor und Pollux – »unser Bild, Claus, vergiß es nicht!«, und ich küßte rasch die Hand des Freundes auf meiner Schulter – der herrschende Orion, von dem ich den Jakobsstab kannte, aber Bob zeigte mir sein Herz: die morgenrötliche Riesensonne Beteigeuze. Unter dem Sirius wogte Argo, ein Berg, der in die Himmelstiefe segelte. Wir machten einen Sprung ... Und siehe da, aus der angeblich durch den Weltenraum sausenden Gletscherlandschaft wurde eine strahlende Mythologie, eine Musik, die Menschen sich zu unbegreiflich großen Erscheinungen für ihre kleinen Ohren gesetzt hatten. Ich erkannte sie wieder, meine Brüder! Was da oben hing, erwies sich als eine handliche Registratur, die einige hundert Mathematiker beim Anblick des Unendlichen angelegt hatten, und die sie weiterhin fleißig klarhielten, als Titel von Gedichten, als eine Anzahl figürlicher Kompositionen von Malern, und die Physiker trugen durch Messungen und Entnahme von Gasproben und andern Ingredienzien durch das Fernrohr das ihre dazu bei, daß die Sterne sich bei uns zu Hause fühlten. Da war also der »Wagen«, ja, den kannte ich auch. Daß aber auf seiner Deichsel ein Reiterlein saß, Alkor mit Namen, dies hörte und sah ich zum erstenmal. Und dem Wagen voraus ritt Arktur, der prächtige Pikör, auf seinem gelbrötlichen Frack zitterte der Wind. Manchmal wandte er den Kopf nach rechts, manchmal nach links, dort ritten die Amazonen Spica und Denebola – vergeblich mühte er sich, sie einzuholen. Welch eine Heerstraße zog diese Mail-coach! Die Fahrt schien nach links zu gehn, doch die »Jagdhunde« hielten sich rechts. Nun mußte ich von dien Hinterrädern des Wagens eine gerade Linie in die Höhe ziehn, so erreichte ich durch das lange, gewundene Bild des Drachens den Polarstern. Schön war er, doch bald nur mehr der Ausblick auf die herrliche Kassiopeia. Da hatte ich den Gipfel des Himmels erreicht! Sie habe die Form eines W, behauptete Bob, doch mir hing sie deutlich als ein M in der Höhe, alle andern Sterne überragend, alle überstrahlend – »Maria!« jubelte ich heimlich, »Maria! Maria!« Nur flüchtig blickte ich noch hin, wo Andromeda Sternenhaufen vor Perseus ausschüttete, all ihr Geschmeide, mit vollen Händen geworfen, und hinter ihm auf die wimmelnde: Schar der Plejaden, die Frauen des Großtürken Aldebaran. Ich kehrte schnell zum Sternbild Marias zurück. Und Bob mußte mir recht geben. Die Kassiopeia bildete kein W, sondern, unbestreitbar, ein M – und was für ein M! Ausladend wie ein Gebirge, breit wie das doppelte Delta eines Stromes, schwebend wie der Flug eines Volkes himmlischer Wandervögel, ein solches M. »Sie kommt sicher«, sagte ich plötzlich. »Sie muß kommen, meine Sehnsucht ist zu groß – oh, sie ist sicher schon unterwegs.« »Von wem sprichst du?« fragte Bob, erstaunt über meinen plötzlichen Ausbruch. »Von Maria«, erwiderte ich stolz. Er antwortete nicht. Schweigend schritten wir nebeneinander her. Dann bogen wir von der Straße ab, erkletterten durch Gestrüpp eine kahle Anhöhe. Bob sagte: »Vor zwei Jahren war dies hier ein Pinienwald, der schönste, den ich je gesehn ... Sieh, ein Muster haben sie übriggelassen.« Auf dem Gipfel des Hügels breitete eine uralte Pinie ihre Arme, darunter war es dunkel wie in einem Dom, wir umgingen sie scheu. Bald trafen wir auf ein mondhelles Wässerlein, das, mit hellen Steinen eingefaßt, eilig bergab lief, dem folgten wir. »Nicht wahr, Claus?, man sieht, die Steine haben Frauen aneinandergesetzt. Das Tälchen gehört zum Klostergut.« In der Tat, man sah es. Eine solche Arbeit konnten nur Klosterfrauen verrichtet haben. Männer wären mit dem Wässerlein härter umgegangen, Kinder unaufmerksamer, andre Frauen hätten sich so oft darin gespiegelt, sich soviel umgeschaut, bis ein vorüberziehender Ritter sich erbarmt und sie auf sein Roß gehoben hätte. »Claus, sie kommt bestimmt«, sagte mit eins L'Amico. »Ich freue mich für euch beide und auch für mich.« Das Wässerlein sprang in einen umzäunten Garten, ein großes Haus tauchte auf, wir gelangten auf eine breite, vernachlässigte Straße, und da drängte sich St. Paul mit glänzenden Dächern um seinen Kirchturm. Er glich einem Festungsturm. Und auch die Wehrhaftigkeit der Häuser kam jetzt, in der Nacht, noch stärker zum Ausdruck, als bei Tag, wo die atmenden Hänge immer ein wenig des Gemäuers zu spotten schienen. Ja, diese Stadt war angelegt, um das weite, schluchtenreiche, von Bauern und Fischern bewohnte Land zusammen und in einer Faust zu halten. Zwischen den hellen Lichtern der Häuserfront brannte ein einziges rotes. »Lady Berricks Schlafzimmer«, sagte Bob. Er versicherte, man gewahre das rote Licht aus weiter Entfernung. Und die Fremden, die nachts vorbeikamen, und selbst viele Ansässige glaubten, es sei die Liebesfackel Madams, obwohl deren Haus nach der andern Seite, neben der Kirche lag. War das nicht zum Lachen? So diente die Lady ahnungslos dazu, dem romantischen Ruf ihrer Feindin eine Leuchte aufzusetzen, wie sie nicht tiefer in die Einbildungskraft des Philisters hinein brennen konnte!   Kurz vor dem Hotel begegnete uns eine mit einer Kapuze bedeckte Frau, die englische Brocken unverständlich vor sich hinmurrte – die Hornbrille. »Passa presto«, rief Bob ihr nach, und wahrscheinlich erkannte sie seine Stimme, denn sie gab zurück: »Passo piano – io! Non mi ruba alcuno.« Sie sang es fast, es klang tragisch wie das abgerissene Stück einer Arie. Wohin eilte sie in der Nacht? Sie wohnte im Kloster, in dessen Garten der fraulich eingefaßte Bach geschlüpft war, und das jetzt Schwestern gehörte, die sich mit Geschick der Fremdenindustrie angeschlossen hatten. Früher war das Kloster von Mönchen bewohnt gewesen, offenbar robusten Gesellen, hieß es doch im Lande, daß sie Mädchen und junge Frauen von der Straße weg raubten, weshalb das Kloster bis auf den heutigen Tag den Namen »Passa presto« führte, zu deutsch: »Lauf schnell vorbei!« Sie barmte mich. Einsame, verlassene Hornbrille, sprach ich, die man nicht einmal in der Nacht nach Hause begleitete! Warum auch, die Mönche von Passa presto waren schon lange tot, und arme Mädchen brauchte man hier nicht zu überfallen – sie gar zu rauben, dazu hätte man den ärmsten Orangenhändler nicht einmal mit Stockschlägen gebracht. Lustiger Vogelbauer mit einer Spottdrossel auf dieser, einem Kanarienvogel, dem aber der Schnabel zugebunden, auf der andern Seite! Trauerhaus, worin einzig und allein ein Paternosteraufzug umging, ein Mühlrad der Bosheit – wieviel lieber mahlte es wohl das weiße Mehl der Freude! Sie hatte einen Lord zum Bruder und eine reiche schottische Edeldame zur Schwägerin, schöne Kinder, ihre Nichten, tanzten in ein sorgloses Leben, die manikürten Füße schauten aus seidenen Pyjamas, und zwischen Meisterwerken der Malerei zeigte die Vorkämpferin der Frauen Hundert-Pfund-Toiletten. Die arme Vogelhändlerin aber hauste in einem Klosterzimmer, und wochenlang fragte niemand nach ihr. Man wußte, am ersten Tag des Monats stellte sie sich von selbst ein, um ihr Taschengeld in Empfang zu nehmen ... Wenig fehlte, und ich hätte mich in sie verliebt! Schon malte ich mir aus, was für ein Gesicht sie machen würde, wenn ich sie in meine reiche, fröhliche Heimat, in das Breuschheimer Schloß mit den großen hellen Zimmern heimführte ... Hei, wie würde der Kanarienvogel schmettern, die Spottdrossel verlegen, ergeben tun! Der Anblick des Speisesaals, in den wir traten, unterbrach meine Betrachtungen. Die Tische waren zur Seite geräumt, im üppigen Renaissancekamin brannte ein Scheiterfeuer, provenzalische Kronleuchter an der Decke trugen in gerundeten Armen das Licht. Ein dutzend Paare drehte sich zum Spiel eines arg mißhandelten, aber immer noch angenehm klingenden Klaviers. Am Kamin saßen zwei Herren, der eine, in dem ich meinen Trambahngefährten erkannte, hatte die Beine ausgestreckt und seine Aufmerksamkeit auf das lichterlohe Feuer gesammelt, der andre blickte überlegen auf das Treiben im Saal, wobei er ein Monokel vor seiner Kravattennadel pendeln ließ. Diese Bewegung schuf ein eigenartiges Feuerwerk, denn das Kaminfeuer setzte die dicke Perle der Nadel in Brand, das vorbeischlagende Glas aber verstreute die Farben. Der Feuerwerker selbst war einem alten Modejournal entstiegen, um sich, verwittert und verknittert wie er war, an diesem Kamin niederzulassen und von dorther das junge Geschlecht zu mustern. Sein Eindruck schien nicht ungünstig. Er lächelte in seinen fahlblonden, gesträubten Schnurrbart, neigte wohlgefällig den Kopf, so daß der Feuerschein auf die Glatze übersprang, wo er sich mit dem einer gerupften Hahnenfeder vergleichbaren Scheitel zu schaffen machte. Der richtige »vieux beau«, wie die Franzosen solche überalterten Jünglinge nennen. Seine Blicke folgten einer jungen Frau, deren glattgekämmtes Haar das Oval ihres Gesichtes noch betonte, wie ihr kurzes Mieder die starken, hohen Beine, die schwellenden Schultern hervorhob. Während ihr Tänzer auf sie einredete, hing ihr Blick starr an der feurig atmenden Perle, die der Zauberer am Kaminfeuer mit seinem Monokel künstlich am Leben erhielt. Ihr Tänzer, ein Franzose, vielleicht von einem Amerikaner in Korsika gezeugt, hager, mit einem knochigen, kranken Gesicht, hielt sie, zog sie, als wollte er in die säulenartige Gestalt unauffällig eingehn, während sie, erhärtend, sich ihm entzog. Mit der schmalen, schwarzäugigen Frau des Wirtes kam der Schwede angetanzt, er führte uns zum Kamin. Der Engländer, Hände in den Hosentaschen, das Gesicht von der Hitze verblödet, rührte sich nicht. Der Beau machte mit übertriebener Höflichkeit Platz, wobei er sich bemühte, seinen Vexierspiegel in Gang zu halten. »Hallo! entschuldigte sich Kaspar, hob den Engländer mitsamt seinem Stuhl fürsorglich wie einen Schlafenden und setzte ihn ebenso an der Ecke des Kamins ab. »Ich höflich – wie?« fragte er lachend den Mann. Der schnurrte, ohne seine Haltung zu ändern: »Damned Madam!«, worauf Kaspar sich zu meinem Ohr beugte: »Die zwei hier überzählig«, sagte er. »Madam nicht daheim, weißer Ball Nizza. Ich alten Geck mit Macht aus ihrem Haus fortschaffen hierher, jetzt er Hirschkuh belauern. Rien ne va plus, alter Esel, Hirschkuh mein.« Er ging und kam gleich mit einer Flasche Gin und einem Wasserglas zurück, die er neben die Füße des Engländers stellte. »Hier, Gentleman, für Trost.« Schnell bückte sich der Mann und sicherte Flasche und Glas. »Ice«! herrschte er in den Saal. »Ice«! brüllte er, »ice«! Der Klavierspieler hörte auf zu spielen, die Paare blieben stehn, wo der Schrei sie getroffen hatte, dem Beau riß die Schnur des Monokels, das langsam bis vor die Füße der Schönen rollte. Den Spitzhut in der Hand, eilte der Wirt herbei. »Ice«, wiederholte der Mann, auf die Flasche mit Gin deutend. Nachdem alle im Saal Bescheid wußten, dem Engländer am Kamin sei es um die Erlangung eines Eiskübels zu tun, hoben Klavierspiel und Tanz von neuem an, nur der vermutlich von einem Amerikaner in Korsika gezeugte Franzose zögerte errötend ... Seine Tänzerin hatte sich gebückt und das Einglas in den Ausschnitt des Kleides geschoben. Dem Schweden war es nicht entgangen. »Immer Sparbüchsen«, meinte er, an Bob gewandt. »Ich es ihr heute Nacht in den – stecken.« Da verbeugte sich der Beau: »Mein Herr,« fragte er mit äußerster Höflichkeit, »hätten Sie wohl die große Güte, mir den Namen jener blonden Dame –« »Hirschkuh«, sagte Kaspar. Das Ohr des Beau näherte sich Kaspars Mund: »Wie bitte?« Eine Weile betrachtete Kaspar aufmerksam das Ohr, bevor er, die Hände zum Trichter formend, hineinflüsterte: »Hirschkuh, mein König Midas, Hirschkuh. Auch Agathe genannt, wenn genau wissen wollen.« Wir gingen spät zu Bett. Nachdem Kaspar die beiden überzähligen Besucher Madams, alle, auch die Franzosen sprachen das Wort englisch aus, mit allerhand Spaßen vom Kamin vertrieben und sich statt ihrer sein Modell, die Hirschkuh, zu uns gesetzt hatte, brachte Bob ihn unschwer auf das Geschäft eines Fremdenführers durch St. Paul. Erst aber wollte der Maler von uns erfahren, wie er sein heutiges Bild benennen sollte: »Die Gralsburg im Abendschein« oder »St. Paul rüstet sich auf die Nacht«. Seine Freundin erklärte vorlaut, das erste zu bevorzugen, worauf er sich, ohne unsern Rat abzuwarten, für das zweite entschloß. Sodann riet er ihr, sowohl den Beau wie auch den Americo-Korsen von der Schwelle ihrer Träume zu verweisen: »Agathe, aufpassen! Alter Franzose abgestanden Käse – puh! Schlechter Schneider, nicht viel Geld. Junger Franzose leere Wursthülle – pah! Gar kein Schneider, gar kein Geld.« »Sie, Baron, wissen, ich großer Maler?« fragte er noch, und als ich bejaht hatte, war sein Ruhm, seine Ehre, sein Reichtum, alles, was einem Künstler unter den Menschen Glanz verleiht, abgetan. In Demut bekannte er sich zum Handlanger und Packdiener Giuliettas. Selten hatte er mit ihr am gleichen Tisch gesessen, im Vorzimmer nahm er die Gäste in Empfang, denen er in ihrem Auftrage St. Paul zeigen, die er in den Privathäusern und Hotels einquartieren, denen er helfen mußte, ihren Frauen Körbe mit Orangen und Blumen zu schicken. Nie kaufte einer von ihnen ihm ein Bild ab. Was waren auch diese Bilder im Vergleich mit der in Farbe und Zeichnung vollkommenen Giulietta?! Viel zu teuer, sonst nichts. Ein Luxus für Leute, die Giulietta nicht kannten. Er aber kannte sie, darum: sooft er ein Bild verkaufte, schenkte er ihr ein andres. Agathe starrte traurig in den Kamin, und so, im Feuerschein, erinnerte sie an die alten Madonnen, die auf Goldgrund gemalt sind und dünnhäutige, rote Gesichter haben. Kaspar zog die Uhr. »Vorwärts, Hirschkuh, wechseln in Bett!« Wortlos, mit einem Lächeln, das über uns hinstrich, schwand Agathe aus dem Halbkreis um den Kamin. Dem Schweden wuchs die Erde ins Große. Madam war eine um ihre Krone betrogene Christine von Schweden, eine verhinderte Kleopatra, die große Katharina der himmlischen Küste, eine Lady Hamilton der Provence, nicht weniger bedeutend als sie, aber so schön wie sie alle zusammen. Mit einem Regenschirm und einer Handtasche war sie nach St. Paul gekommen, und jetzt besaß sie »Goldminen« in fünf europäischen Ländern, in Amerika aber stand sie an der Spitze eines Trusts, nicht in Nordamerika, sondern in Argentinien. Dabei lebte sie einfach, viel einfacher, als etwa Lady Berrick, so einfach wie hier Madame Roux. Und Madame Roux, die zwischen uns Platz genommen hatte, bestätigte dies. Inzwischen führte Monsieur Roux seine Flaschen gleich vornehmen Damen an die Tische, wo die Gäste nach dem Tanz versammelt blieben. Kaspar trank einen weißen Orvieto, »un petit vin« sagte Madame Roux, »que la maison réserve pour le maître«, aus einer Zehnliterflasche. Die Damen und ich hielten mit. L'Amico hatte die Erlaubnis erhalten, in einer Zeitschrift für Maschinenbau zu lesen, zuweilen roch er an meinem Glas. Zuweilen trat der Wirt herzu und leerte »mit gütiger Erlaubnis« das Glas seiner Frau. Als die Flasche wiederum zur Neige ging, begann das Bild Madams aus dem Reich der Geschichte in das der nordischen Sage zu treten. Schön und gefährlich lagerte sie als Norne an den Wurzeln der Welteiche, sie wußte die Vergangenheit und weissagte die Zukunft, sie war imstande, von den Augen des Marquis Capponi die katastrophalsten Ereignisse seines Lebens abzulesen, oder sie hörte sie aus seiner Stimme heraus. Nein, sie schlug nicht die Karten, so dummes Zeug trieb sie nicht – sie hörte, sie sah. »Und Orangen?« unterbrach ihn Bob. »Wo kauft man Orangen? Mein Freund möchte Orangen nach Hause schicken.« Ich erfuhr es auf der Stelle. Die saftigsten Orangen, Blutorangen, pflückte man sich selbst im Garten der Mère Barat, und man bezahlte, was man wollte, einen Franken für einen Korb voll. Die zartesten Artischocken wuchsen bei La Colle, auf Spargelzucht verstand sich nur der Hauptlehrer von Vence. Die schönsten Rosen, edle Sorten, auch die neuesten, nicht der Massenartikel für die Parfumfabriken von Grasse, gediehn bei Captain Neil Johnson. Es schmerzte Kaspar, zugeben zu müssen, es verdrehte ihm das Gedärm, jedoch der Teufel in Person hätte es nicht leugnen können: die fabelhaftesten Nelken erstanden in den Glashäusern der Missis Perkins. Jedes Jahr kamen dort neue Wunderkinder zur Welt, Geschöpfe von skandalöser Schönheit, Ungeheuer an Pracht, vor denen die Orchideen sich verkrochen. Oh, so hoch wie jene Missis sollte auch Giulietta steigen. Noch höher! Kaspar wollte nicht ruhen, als bis auch diese einen Palast am Meer bewohnte, an der Seite eines geschmeichelten amerikanischen Milliardärs, der nicht viel anders Figur machte, als ein Kassenschrank in einem sehr großen, mit Blumen überladenem Zimmer. Bereits war allerhand Vorarbeit getan, um für Giulietta den letzten, steilen Teil des Weges freizulegen. Ja, das war bereits getan. Der Präfekt, führende Mitglieder der englischen Kolonie, der große Hotelier, der hier an der himmlischen Küste auserwählte und verwarf, Dichter, Maler und Journalisten stritten offen, noch viel mehr aber geheim für ihre Königin Giulietta. Der Hauptschlag sollte in kurzem geführt werden, bei der Eröffnung von Kaspars Ausstellung in Nizza. Je näher der Maler auf die Einzelheiten der gesponnenen Intrigue einging, um so nüchterner wurde er. Alle hingen mit leidenschaftlicher Aufmerksamkeit an seinen Lippen: »Es geht um die Ehre St. Pauls«, rief der Wirt und schob den Kalabreser in den Nacken. Seine Frau nickte fromm – sie hatte glühende Augen. Mit Giulietta, betonte der Maler, würde endlich einmal nicht einfach die Unzucht siegen, sondern das erdhafte Genie der Frau. Nun äußerte ich auch mein Erstaunen, daß Madam, von der ich bei unserer Begegnung in Cagnes nicht das geringste gewußt, mir gleich so bekannt vorgekommen sei, ja, daß ich in meinem Kinderland nach ihr gesucht hätte ... Der Maler packte triumphierend meinen Arm: »Sie sehn, Baron, Sie sehn! Das vielen so gehn. Sie sein Weib unserer frühesten Begierde, ohne Gesicht fast, nur Glanz – Mutter, von der unmerklich später Geliebte sich ablösen. Ich auch sie als Knabe kennen, alle sie kennen, nicht wissen, woher. Weib, Alleswisserin, mystisch, bitter, erdhaft, Himmelfahrt.« So schwärmte er noch lange weiter. Als er beim Aufbruch schwankte, ergriff er voll Entrüstung den Sektkübel des Engländers und stülpte ihn sich über den Kopf. Prustend und lachend trocknete er sich ab, dann schritt er leichtfüßig vor uns die Treppe hinauf.   In meinem Zimmer ging ich auf und ab. Ich wollte an Doris schreiben, die Ferne ... An Doris, die um mich verweilte wie ein besorgter Wald ... Doris, die Undurchdringliche in ihrer Liebe, die Ruhende, die Stumme ... Nur sie liebte ich! Leben und Tod war in ihr, ich erkannte keine Grenze. Als ein Glied fühlte ich mich in einer langen Kette. Die Eimer, aus denen man den Lebensbaum begießt, gingen von Hand zu Hand, in der Schwebe hing er zwischen ihr und mir, und wir hielten ihn – wie zuversichtlich, wie vertrauenerweckend war ihre Hand! Unsere Liebe war Arbeit an unsrer Einsamkeit wie an der Welt, der wir verpflichtet waren, Treue um des Ewigen willen, werktätige Geduld ... Und so oft ich die Arme öffnete, um Doris entgegenzueilen, trat, mit einem luftigen Schritt, Maria dazwischen und wollte spielen. Mistral Wir lagerten auf dem Südhang hinter dem Kirchhof, in »Afrika«, wie der Ort von Bob benannt war. Hier nahmen wir unsre Sonnenbäder, und zwar, streng gegen ärztliche Vorschrift, gleich nach Tisch. Sooft wir die Augen aufschlugen, gewahrten wir, allerdings hoch über uns, ein bedenkliches Schauspiel. Die Sonne feuerte steil auf die Zypressen herab, die sonst so deutlichen Wappen- und Totenbäume St. Pauls, die jetzt, eine dumpfe Masse, in der Blitzluft schwankten gleich einem Ungeheuern, mit buntgeflammten Banderillas gespickten Stier. Sonst sahen wir sie meilenweit ragen: sprühend, zuckend, mit einem Dunstkreis um sich, dunkles Feuer, höchster Glanz des Olivenlandes – zuvorderst der Stadt, die ein Bergschloß war, als mittägliche Fahne gehißt. Jetzt aber empfingen wir, nackt in der Sonne zwischen der Kirchhofsmauer und dem schütteren Kiefernwald, der dicht an unsern Sohlen in die Tiefe sank, mit den geblendeten Augen die Stöße ihres Kampfes mit dem Gestirn, und wir rochen ihren Schweiß. »Bob,« lallte ich, »paß auf, daß du nebenhinaus in den Schlaf einlenkst! Sonst setzt dir der Tauro da oben die Hufe auf die Brust.« Der Freund antwortete nicht, er schlief, und sein Atem zog mich dahin, schon trieb ich in rotgelber Entzückung ... Ein Vogel sang! Und bald nahm mich eine heimatliche Waldlichtung auf, deren Frische meine Haut überzog, ein schräger Strahl der Abendsonne wies mir, vor einem Felsen, zwischen spitzen Gräsern eine Quelle und ihr feuchtes Goldauge. Lord Berricks Dackel, der mir über die Beine kroch, weckte mich, gleichzeitig fuhr Bob mit einem Angstschrei in die Höhe, denn der Hund rutschte, in Verfolgung seines Weges, nunmehr über die andern Beine, die den Paß sperrten: »Madonna! Ich dachte schon: eine Schlange.« Als ich eingeschlafen war, hatte der Dackel neben mir gelegen. Jetzt hielt der Wipfel einer Kiefer einen durchbrochenen Fächer zwischen mich und die Sonne, und der Alte hatte es in dem hauchdünnen Schatten nicht mehr heiß genug gehabt. An seinem neuen Ziele angelangt, streckte er sich gähnend aus. »Sauvieh«, brummte Bob. »Wie kann man sich mit krummbeinigen Hunden abgeben! Vermutlich, weil der Herr ein scheeles Auge hat.« Und da hatte ich von Bob das erste böse Wort über einen Freund vernommen! »Der letzte Satz,« rief ich aufgeregt, »war von deiner Mutter, nicht von dir.« »Ich hasse die Schlangen!« antwortete er ebenso heftig. Ich stützte mich auf, um seinen Blick zu suchen, da schloß er langsam die Augen. Ich wußte, jetzt bat er den Lord heimlich um Entschuldigung, und nun war es an mir, mich meiner Heftigkeit zu schämen ... Um meinen Vorwurf in Vergessenheit zu bringen, sagte ich nach einer Weile: »Wenn Adam wie du gewesen wäre, langweilte er sich heute noch im Paradies.« Er schlug die Augen auf, wie eine schwere Blume hing das Lächeln an seinem Mund ... »Du irrst, mein Lieber. Keinesfalls hätte ich des kupplerischen Zuspruchs einer Schlange bedurft, um auf Evas Körperformen aufmerksam zu werden.« Da löste sich von den Gedanken, die mich in Rufweite umgaben, unversehens ein Schnellläufer, und den Kopf von dem heraneilenden zu Bob wendend, fragte ich: »Bob, was machst du eigentlich in St. Paul?« »Ja, lieber Junge, wie soll ich sagen? ... Ich schäme mich ...« »Weil du nicht mehr trinkst?« »Spotte nicht, Claus ... Ich trinke nicht mehr, weil – ja also, weil ich meinen schottischen Herrensitz Whisky übermütigerweise in Brand gesetzt habe, .. mit zwei Revolverschüssen, die ich meine Frau abgeben ließ. Ja, aber, du darfst nicht meinen ... Es hat wirklich geknallt! Zwei junge Leute aus der besten Mailänder Gesellschaft kränkeln heute noch daran. Der eine spaziert sogar täglich mit der Kugel als Acrochecoeur zwischen den Rippen in der Galerie, vom Domplatz zur Piazza und wieder zurück.« »Camilla hat geschossen?« Ich setzte mich vollends auf, um sein Gesicht besser unter den Augen zu haben. »Gott sei Dank schlecht,« sagte er, »aber, immerhin: geschossen hat sie, zweimal. Mitten in der Nacht. Und wie gesagt, zweimal getroffen ... In die Vorderseite. Ich hätte das vom jungen italienischen Adel gar nicht erwartet, daß er sich von vorn treffen ließe. Du? Allerdings, Camilla hat eine fixe Hand. Warum geschossen, fragst du? Lieber Junge, wie soll ich dir das erklären, ohne ... Natürlich war ich betrunken. Also in der Trunkenheit führte ich meine Freunde, mit denen ich im Garten zechte, in Camillas Schlafzimmer. Ich wollte ihnen meine schöne Frau zeigen – verstehst du? Also, da schoß sie, und was das Merkwürdigste ist, nicht einmal auf mich, sondern auf die andern ... Seitdem hüte ich mich vor jedem Tropfen Alkohol.« An der braunen Hüfte des Freundes blühte ein gelber Krokus, dessen Same der Wind hierher getragen haben mochte, ferner entdeckte ich in dem Gärtchen zwischen unsern beiden Leibern zwei wilde Spargeln, eine Anemone, zwei Levkoien. Ich versuchte, mir den schönen jungen Mann mit den schattenwerfenden Lidern unter der Sonne in jener nächtlichen Szene voll Wüstheit, feurigen Lärms und angstvollen Dunkels vorzustellen, als er sich mit einem Ruck aufrichtete: »Also, Claus, wir wollen uns anziehn ... Es geniert mich, daß wir nackt sind, wenn ich an jene Geschichte denke. Komisch, nicht?« Während wir uns noch ankleideten, griff aus heiterm Himmel ein Windstoß die Zypressen und wirbelte sie herum, ein zweiter brach in die Kiefern, der Wald gab einen stöhnenden Laut von sich, der hinter einem Wimmern her in Abstufungen weiterlief ... Dann hörten wir die Läden im Städtchen gegen die Mauern krachen und in allen Tonlagen Scheiben klirren. Das Waldwimmern hatte sich in die Glocke auf der Schule verkrochen. Von der Höhe erblickten wir das veränderte Land. Bei überklarem Himmel und Horizont hockte eine stumpfe Helligkeit auf der Erde, mit Streifen und Flecken gelben Lichtes behangen, die der Wind hierhin und dorthin trug. Zuweilen wehte solch ein Fetzen auf das hellgraue, starre Meer hinaus. Es erwies sich als unmöglich, zu sprechen, der Wind drückte uns den Atem in den Leib. Unter dem Tor aber packte uns der Luftzug, wir schossen durch die Gassen, zugleich mit allen Katzen der Stadt, und von den Dächern erklang eine tolle Musik: Oboe, Triangel, Cello und Holztrommel. Frauen, Männer und Kinder eilten, dicht an den Wänden entlang, in die Häuser und mit Geschrei durch die Zimmer, wie alarmierte Schiffsmannschaften. Als wir die Kirchgasse schnitten, hörten wir die große Glocke summen. Der Mistral blies.   Da wurden wir angehalten. Aus einem Haustor fuhr ein grobleinener Sonnenschirm und versperrte uns den Weg. Es war der Schwede, der uns zurief: »Hier unterstehn, Ziegel fallen.« Wir traten zu ihm in den Flur. »Staffelei, Farben, Stuhl, alles fort, am Schirm festhalten, fünfzig Meter fliegen, bis Hohlweg. Nicht wehtun. Sanft Fallschirm. Durst.« »Im Hotel gibt es zu trinken, Meister. Vorwärts!« sagte Bob. »Vorwärts, Meister, im Hotel wird getanzt«, sagte ich. Wir nahmen ihn unter den Arm, um ihn ins Freie zu ziehn, aber, unsern Ermutigungen zum Trotz, wehrte er sich hartnäckig. »Furchtbar aufregend draußen«, knurrte er. »Ganz wild auf Weib.« Bob erinnerte an die Hirschkuh, aber er schüttelte verzweifelt den Kopf. »Hier trinken ... Hier wild!« »Also dann«, meinte Bob und wies auf die Innentür. »Hinauf Meister, hinauf zu Madam.« Wir standen, erfuhr ich auf diese Weise, im Hausflur Madams. »Richtig«, nickte der Maler. »Aber nicht solo. Solo Verfolgungsangst.« Bob zog die Uhr und fand, es sei ein bißchen früh für den Tee, was Kaspar mit den Worten zurückwies: »Nie zu früh für kühne Männer.« Alsdann schritten wir, den Maler zwischen uns, lachend und abenteuerselig die breite Treppe hinauf, Kaspar läutete, ein Page öffnete. »Wollen Sie uns, bitte, Madame melden!« sprach der Marquis Capponi. »Was treibst du da, Knirps?« setzte er unwillig dazu. Der Knirps beschrieb grinsend mit dem Finger einen Kreis auf der Stirn. Als einzige Antwort auf Bobs Frage aber öffnete er schnell die Flügeltür. »Ein Herr Marquis,« schrie er, »ein Herr Baron und der Maler aus Schweden.« Madam flog uns mit ausgebreiteten Armen entgegen, ein wehendes Leuchten fiel von den Haaren, ihr Gang war rauschend und duftete nach Jasmin, und als sie vor uns stand, erkannte ich das brokatne Ballkleid, worin ich sie in Cagnes gesehn hatte. Sie faltete die Hände. »Seien Sie gesegnet, meine Herren, daß Sie gekommen sind, einer armen, einsamen Frau beizustehn«, flüsterte sie. »Beachten Sie, ich habe mein schönstes Kleid angezogen, um zu sterben.« Sie glitt um die Schleppe des Kleides, eilte an das Balkonfenster, drohte mit der rundlichen Faust hinaus. »Du Ungeheuer,« – rief sie leise, »du brüchiges! Erschlägst du mich oder nicht?« Kaspar war ihr nachgeeilt und spähte, an ihre bloße Schulter gelehnt, ohne es zu bemerken, ängstlich aus dem Fenster. »Sie wissen, meine Herren,« fuhr Madam mit leiser Stimme fort, »je älter sie sind, um so unberechenbarer.« Kaspar drehte sich um. »Sie meint den Kirchturm«, sagte er. Er bot Madam den Arm und führte sie zur Bergère. »Schrecklich, schrecklich,« seufzte sie, während sie sich, eine weiße Leda, in die blauen Kissen duckte. »Das ist mein Mörder, glauben Sie mir, meine Herren, der bringt mich eines Tages um ... oder eines Nachts ... Sie, Herr Schwede, Sie können doch singen! Kennen Sie das Champagner-Couplet aus ›Don Juan‹? Tatata-tata-titata? Man kann die Matschitsch darauf tanzen. Wohlan! Sie werden es singen.« Leichthin zurückgelehnt, ruhte sie in den blauen Kissen. Ich staunte wieder über den glücklichen Fluß dieser Gestalt, die, in dem runden Kopf ansetzend, ohne Stockung, ohne Kanten und Ecken den schmalen, kurzen Hals entlang auf die fast geraden Schultern abfiel, von dort über das Wehr der gerundeten Achseln in die Brust trat, dann, sich verengend, in die weichen Hüften, den leicht gewölbten Bauch strömte, um erst wieder in den kleinen Füßen aufzutauchen, die gekreuzt unter der Robe hervorsahn. Das Haar lag wie ein ausgebranntes Feuer, tatsächlich wie Asche, flockig und doch zäh um Schläfen und Stirn, es schien voller Leben, ja, unruhig im Gegensatz zu den hütenden, brütenden Augen, die, sie mochten berühren, wen und was sie wollten, niemals ihren Ausdruck änderten. Kaspar war ans Fenster geeilt, um sich zu sammeln, und als der Wein eingeschenkt war, nahm er das Glas aus Madams Hand entgegen und trat zum Flügel. Ich schickte mich an, ihn zu begleiten, indes Bob lässig an der Bergère lehnte und Madam einen Frühlingswind über den klaren Scheitel ihres kribbeligen Haares blies. Seht nur, dachte ich, er ist immer noch ein Gott, obwohl er jetzt ohne Wolke herumgeht. Ich würde mich nicht wundern, wenn er sich plötzlich in einen schwarzen Schwan verwandelte, mit einem roten Schnabel ... Und der Arme hat ein Verbrechen begangen! Aber machten sich nicht auch Götter schuldig? »Jetzt!« rief Madams verhaltene Stimme. Wir begannen – ich zögernd, mit Intervallen wie Liebkosungen, Kaspar ausbrechend, er stampfte aus Protest mit dem Fuß, als wäre das »Jetzt!« Madams das Kommando gewesen, die Kette zu sprengen und loszurasen. Er sang schwedisch, es klang für meine Ohren barbarisch, bums, waren wir fertig. Madam streckte die Beine: »Herrlich«, schnaubte sie. »Meine Herren!« Sie reichte Kaspar die schmelzende Hand zum Kuß. Während er sich darüber beugte, fuhr Bob ihr mit leichtem Mund über den Scheitel, sie zuckte schnurrend zusammen, und Kaspar, überrascht und beglückt, hob ein wenig den Kopf, doch sank er, ohne den Zusammenhang erfaßt zu haben, gleich wieder vornüber und drang, ein Korsar, mit den Lippen bis zu ihrem Handgelenk vor. Mit sanfter Bewegung schüttelte Madam ihn ab. »Beefsteaks«, sprach sie, und schon rauschte sie jasminduftend aus dem Saal. Der Schwede, der sich mit finstrer Energie gefaßt hatte, erklärte: »Beefsteaks! Köchin Perle. Aber Beefsteaks, nein! Nur Madam!« Die Türflügel öffneten sich, und unter Vorantritt Lancelots, den hübschen Namen hatte der Page von Madam erhalten, trugen zwei weißgekleidete Mädchen einen gedeckten Tisch herein. Ohne uns eines Blickes zu würdigen, rückten sie Bestecke und Gläser, verteilten sie Blumen über das Tischtuch, stellten sie Stühle zurecht, während Lancelot, der das Tun der Mädchen überwachte, die Champagnerflasche im Eiskübel rollte. Dann äußerte Lancelot halblaut: »Bien!«, und die Mädchen stellten sich im Hintergrund des Zimmers zu beiden Seiten der Anrichte auf, Lancelot aber entschritt durch die Tür. Er schloß sie nur, um sie gleich wieder vor Madam zu öffnen. Sie war überaus malerisch anzusehn, wie sie, vom Pagen geleitet, mit einer großen silbernen Platte auf den ausgestreckten Händen vor uns erschien! Von der gegenüberliegenden Seite glitten die Mädchen heran, die eine nahm die Platte, die andre die Serviette, die Madams Hände vor der Berührung mit dem Geschirr bewahrt hatte, der Page trat, einem jeden von uns zunickend von Stuhl zu Stuhl, und da saßen wir und bewunderten das Dutzend kleiner goldbrauner Beefsteaks, auf denen eine Messerspitze Butter in der Petersilie zerschmolz, Lancelot schenkte ein. Das alles vollzog sich fast lautlos. Nicht nur Madam bewegte sich und sprach leise, das ganze Haus war auf ihren gedämpften, heimlich spannenden Ton gestimmt. Ich weiß nicht mehr, wie es kam, daß auf einmal alle von Träumen erzählten. Vermutlich hatte Kaspar, lüstern nach sibyllinischen Enthüllungen Madams, das Gespräch darauf hingespielt. Er selbst produzierte, sei es, um uns Mut zu machen, sei es, um die Gastgeberin in Stimmung zu bringen, mit sichtlicher Anstrengung, der leider der Alkohol nicht rasch genug beihalf, angebliche Traumgebilde von geradezu scheußlichem Ausmaß. Schließlich gab auch ich einen Traum zum besten, den ich in der letzten Nacht gehabt hatte und keineswegs zum erstenmal in der letzten Nacht. Vielmehr handelte es sich um einen Traum, der seit Jahren regelmäßig wiederkehrte. Nur der Ort wechselte, die andern Umstände blieben sich immer gleich. Einmal war es ein halberleuchtetes Restaurant oder eine Hotelhalle, das andre Mal eine Kirmes unter freiem Himmel, manchmal aber auch eine Kirche, ein tiefer Wald – die letzte Nacht war es der Saal des Herrn Roux gewesen. Ich betrat ihn in erregter Erwartung, wofür ich indes keinen Grund wußte, und wurde von der Musik dreier Kapellen empfangen, von denen jede ein anderes Stück spielte. Melodie und Takt stellten sich als so ungleich heraus wie die Stücke selbst, doch empfand ich eine besondere, schmerzlich lustvolle Harmonie, die, ohne den drei musikalischen Persönlichkeiten im geringsten Abbruch zu tun, mich beglückt an ein großes, dreifach schlagendes Herz hinaufzog. Und gleich darauf war ich die Kirche, der Wald, der festliche Platz und diesmal der Saal der Hostellerie, war ich also, um von der Zufälligkeit des Ortes abzusehn, der intelligente Raum, worin die drei Melodien in mich als ihre höhere Einheit wesenhaft eingingen. In diesem Augenblick höchsten Lustgefühls pflegte ich dann zu erwachen. So wie hier vermochte ich nun allerdings Madam den Traum, nicht zu schildern, ich blieb bei der Erwähnung des groben, gleichsam stehenden Gerüstes. Trotzdem hatte sie sofort eine Deutung zur Hand, und diese beschämte mich derart, daß ich die Eilfertigkeit, mit der ich Kaspars Verlockungen nachgegeben, aufs ärgste verwünschte. Kaum hatte ich nämlich meine Erzählung beendet, da schaute Madam mit dem im Fleisch geschwungenen Lächeln von mir auf Bob, von Bob auf mich und fragte, zu Bob gewandt, in einem Ton, als stände er in verschwiegenem Einverständnis mit ihr: »Wer sind die beiden andern? Die eine mag Ihre Schwester sein – Sie haben doch eine Schwester, Herr Marquis – aber die dritte, wer mag wohl die dritte sein?« Und, indem sie sich über den Tisch beugte und mit ihrem Blick von unten in die Augen drängte: »Suchen Sie einmal in ihrer Kindheit! ... Nun?« Obwohl ich mich der Eindringlichkeit der Stimme, dem heißen Zwang der Augen, der plötzlichen, irgendwie ergreifenden Aufmerksamkeit der Anwesenden nur mit Mühe erwehrte, hätte ich dennoch die Zumutung mit Entrüstung zurückgewiesen, wäre nicht dem fast ebenso fassungslosen Freund unversehens der Name Sidonia entfahren. Die Überraschung lenkte mich völlig ab, der Neugier Madams war aber für diesmal genug getan. Während das Gespräch neue Wege einschlug, konnte ich mich ungestört den tumultuösen Gedanken über die erfolgte Enthüllung überlassen, deren Folgen mir gefahrkündend und glückverheißend zugleich erschienen ... Sidonia, Bob und Maria – es war so, sie hatte ich am meisten geliebt; und nun fürchtete ich, plötzlich erbebend, die beiden zu verlieren, wie ich Sidonia verloren hatte, und gleichzeitig fühlte ich, wie sie Doris bedrohten, sie wollten nicht weichen vor ihr, sie weigerten sich, mich ihr allein zu überlassen ... Als die Platte zum zweitenmal herumgereicht war, mußten die Dienstboten, unter Vorantritt des Pagen, das bereits von zartfüßig heiteren Geistern wimmelnde Feld räumen. Giulietta, die von Zeit zu Zeit in den Himmel äugte und sich jedesmal bestätigen ließ, daß der Sturm nachgelassen, begann eine lange Geschichte vom Herrn Pfarrer und dem Kirchturm. Die Geschichte war übrigens amüsant genug. Es ging aus ihr hervor, daß sie Pfarrer Roux vorgeschlagen hatte, den schwanken Kirchturm auf ihre Kosten befestigen zu lassen. Worauf der Pfarrer geantwortet: »Wenn es dem lieben Gott gefällt, ihn einstürzen zu lassen, so werden Sie ihn nicht daran hindern. Nehmen Sie ihn, Madam, als das, was er ist: eine ernste Mahnung an den Tod, der auch ein so herrliches Geschöpf wie Sie nicht verschonen wird.« Zu guter Letzt hatte sie sich erboten, den Turm abtragen und neu aufrichten zu lassen, in der Hoffnung, ein so großmütiges, ja ruinöses Angebot werde den Pfarrherrn erweichen. »Madam,« war seine Antwort gewesen, »wenn Sie sich an gewissen Tagen gebrechlich fühlen, ein wenig alt, wenn ich so sagen darf, können Sie da befehlen, daß Giulietta sechzehn Lenze zähle?« Und wie wir, ein wenig geniert, auflachten, schlug Madam vor, wir sollten alle als Siebzigjährige auftreten und eine entsprechende Unterhaltung führen. Der Schwede machte den Anfang. Es stellte sich heraus, daß er als Engel auf einer Wolke segle und sich nach dem Kirchturm von St. Paul umschaute, um da eine Landung zwecks Rekognoszierung des Nachbarhauses vorzunehmen. Denn, so erklärte er: »In dreißig Jahren ich mausetot und schon großer Engel.« Giulietta ließ ihre Rolle, die sich beim Versuch als undankbar erwies, mit eins im Stich, um als Pfarrer Roux von jener längst verstorbenen Giulietta Var zu erzählen, die im Nachbarhaus spuke und bei Mistral sogar an die Fenster des Pfarrhauses klopfe, um den armen, wackeligen, zittrigen Kanonikus zu beschwören, herauszukommen und den Turm seiner Kirche festzuhalten. »Ach, Herr Marquis, war das bei Lebzeiten eine verzwickte Person! Zwar: eine vermögende Dame. Aber: woher der Reichtum? Ich weiß es nicht. Das Christentum kennt keine Götter, die auserwählten Damen in Form eines Goldregens ihre Aufwartung machen, wie ich es sonst bei erwähnter Person anzunehmen geneigt wäre. Ach ja, sie versäumte nie den Gottesdienst, sie gab den Armen, nur mir gab sie nichts, Herr Baron, mir nichts. Und wenn ich ihr bei der Osterbeichte, ungern, muß ich sagen, und nur auf den direktesten Befehl meines Gewissens, wie Sie sich denken können, die bewußten Fragen stellte, so glaubte ich im Dunkel des Beichtstuhls ein Kichern zu vernehmen – es mag aber auch der Teufel gewesen sein. Ob das Genie der Freundschaft eine Sünde sei, wagte die Person mich zu fragen. Denn wenn man sie mit soviel Männern Umgang pflegen sehe, so beweise das nur ihr Genie der Freundschaft – meine Herren! ... Schon wenn ich in unsre gute kleine muffige Kirche trat, roch ich sie, ich schlug die Augen nieder, um sie nicht zu erblicken, und meine Füße waren plötzlich von Blei. Und sobald sie in den Beichtstuhl kniete, schlug das Blut mir lichterloh ins Gesicht, ich erkannte sie an ihrem Parfüm, bevor sie den Mund geöffnet ... Gott, Herr Baron, wieviel Qualen stand ich in jenen fünf Minuten aus, ich war in Schweiß gebadet, so kämpfte ich um die dunkle Blumenseele dieser Frau, und während sie noch ihre Buße betete, eilte ich nach Hause, um das Wollene auf dem Leib zu wechseln, aus Furcht vor einer Lungenentzündung. Gott sei Dank ist nur einmal Ostern im Jahr! Im Freien fürchtete ich sie nicht! ...« »Im Freien, Herr Kanonikus?« unterbrach Bob mit einer fadendünnen Stimme, wobei er versuchte, Lippen und Augen lüstern hervorzukehren, was ihm aber nicht recht gelang, so daß seine Grimasse eher der eines schmollenden Mädchens glich. »Pflegten Sie denn die Dame auf der Gasse anzusprechen?« »Gewiß doch, Herr Marquis. Nicht gerade auf der Gasse, aber draußen, unter Gottes freiem Himmel, auf unsern herrlichen Bergwegen, die kein Menschenhauch verpestet, und wo das Gelispel des Verführers im Quellenlachen und Gesang anbetender Vögel ohnmächtig vergeht, wo –« »Schnell!« krächzte Bob, »was machten Sie da, Herr Abbé?« »Da versuchte ich zu Madam Var zusprechen, wie unser Herr mit Magdalena gesprochen.« Der Engel Kaspar lispelte: »Oh, ich wissen, was Sie sagen.« »Nun, was denn, mein Engel?« Die Stimme aus der Höhe antwortete: »Herr, Erlaubnis, mit Kaspar sündigen, will ich mit niemand anders sündigen!« »Das verstehe ich«, erwiderte im leisen Tonfall Madams der edle Greis. »Der Schwede war ein reizender Kerl.« Da forschte, jählings abstürzend, mit unverkennbar irdischem Laut der Engel: »Sie mit ihm sündigen?« Auch der Kanonikus wich einige beträchtliche Striche von seiner Rolle ab, als er mit weltlicher Ausgelassenheit erwiderte: »Möglicherweise. Aus Genie der Freundschaft.« Nun stellte ich die Frage nach den Umständen ihres Todes. »Der Kirchturm ist eingestürzt und hat sie im Bett erschlagen«, gab der sanfte Greis Bescheid, »und, Herr Baron: keinen Sou für mich in ihrem Testament.« »Im Bett erschlagen, nur weil sie unbeschützt liegen«, eiferte Kaspar, ob seiner Keckheit erblassend, aber das Spiel war aus. Giulietta, bei der die Wirkung des Champagners merkbar wurde, wandte sich »philosophischen Fragen« zu, nämlich den landläufigen Gespenstergeschichten, denen sie aber einen psychologisch merkwürdigen Doppelsinn zu unterlegen verstand. Als sie eine wüste Geschichte vom Palazzo Briamin, so hieß Bobs Haus in Mailand, zu erzählen begann, dessen Besitzer, ein junger Edelmann, seine schöne Frau mit nichtsnutzigen Jünglingen betrog, hob mein Freund langsam herausfordernde Augen zu ihr auf, und da sie, nach kurzem Zögern, unschuldig lächelnd fortfuhr, schüttete er mit eins sein Glas in den Eiskübel und füllte sich ein neues. Madam blieb mitten im Satz stecken. »Sie schütten Champagner fort?« stammelte sie und setzte nach einer Weile sentenziös hinzu: »Man soll nicht auf Brot treten, man soll auch keinen Champagner verschütten.« »Madame,« entschuldigte sich Bob sehr laut, »Sie hätten mir nicht verwehrt, ein zweites Glas zu trinken ...« »Zehn, zwanzig!« rief sie leise. »Warum darf ich nicht ein zweites Glas riechen ? Die Blume vergeht ... Blume, so sagen die Deutschen, ich finde es schön: die Blume des Weines. Nun, auch sie hält nicht ewig, sie verwelkt ...« Diese Bemerkung aber gab Madam Anlaß, nunmehr die Säufer aufmarschieren zu lassen, die sie in ihrem Leben gekannt. Es war ein tobsüchtiger, ein trübseliger Aufzug, Dionyse im Frack, Dionyse in Hundegestalt, Pierrots, fahrende Ritter, Ekstatiker und Affen, von denen sie in der Art eines sanften Kindes erzählte ... Aus zehn Völkern, zwei Weltteilen häufte sich der Schatz ihrer Erfahrung. Bob wandte sich zu mir: »Also komisch – man ist noch empfindlich ...« Um dem Gespräch eine andre Wendung zu geben, bat ich höflich um die Erlaubnis, fragen zu dürfen, welches Volk Madam vorziehe, nicht für den Trunk, sondern in der Liebe ... Sie machte keine Umstände. Am besten bekamen ihr die Deutschen, sie meinte die langen, blonden, ruhigen. Aber? Ihr Schwarm waren? ... Die Chinesen! Die Chinesen? ... Kannte sie auch Chinesen? ... Ein Wunder, stammte sie doch aus Genua! Bob glaubte gehört zu haben, daß sie Pariserin sei. Väterlicherseits, sie gab es zu, auch geboren war sie in Paris, jedoch ihre Mutter, ja, ihre Mutter, die galt zwei Jahrzehnte für die schönste des mit schönen Frauen begnadeten Genua. »Im Hafen,« triumphierte sie, »im Hafen von Genua stolpern Sie über Chinesen!« Ach so, sie trieb sich als Mädchen im Hafenviertel herum! Bob verbeugte sich, was soviel bedeuten sollte wie: »Allen Respekt, daß Sie nicht heute noch dort sind.« Giulietta brauste ein ganz klein wenig auf. Herumtreiben? Ihr Vater besaß das größte Hotel am Hafen, das »Bristol«. Sie flüsterte begeistert, und Bob, die Hände in den Taschen, bummelte gelassen hinter ihren beschwipsten Lügen drein. Das »Bristol«? Das war noch keine fünf Jahre alt! Worauf sie errötend hinwarf, nun ja, viel älter sei sie damals auch nicht gewesen. Gut – da waren also diese Chinesen, Mandarine wohl? Das waren sie, reiche, vornehme Herren, sie machten einen verrückt, und sie selbst kamen nie aus der Ruhe – ja, daran durfte sie gar nicht denken, meine Herren! »Jedoch, bekömmlich waren sie nicht?« »Nein, gar nicht.« Giulietta blickte angestrengt auf ihre fleischigen Arme, die sie auf dem Tisch gekreuzt hielt, und zog ein Gesicht, als verurteilte sie ihre Vergangenheit. »Und geizig sind sie auch. Man kann froh sein, wenn sie einem nicht die Hosen mitnehmen. Jawohl die Hosen, sie spitzten sich auf die Hosen, die Chinesen. Oh, die Nattern! Giftschlangen waren sie, alle ohne Ausnahme. »Erzählen Sie! rief Bob, »erzählen Sie, göttliche Giulietta, von den Mandarinen, wie sie Ihnen die Hosen klauten.« Doch Giulietta schüttelte schmerzlich das Haupt. »Gewiß nicht, Herr Marquis. Ich ziehe mich jetzt zu einem Schläfchen zurück. Kaspar kann bleiben.« Dieser, ein märchenlesender Junge, der plötzlich vor die Königin gerufen wird, schwankte aufgeschreckt auf seinem Stuhl. Er warf uns einen hilfesuchenden Blick zu, dann sprang er auf und stand reglos, die Augen in wilder Demut Giulietta zugewandt. Weder sah er, wie Bob im Vorbeigehn seiner Herrin freundlich über die Hüfte strich, noch, daß ich ihr einen Geldschein in die Hand drückte, mit Dank für das improvisierte kleine Gelage, das sie mit ihrem Geiste so reich gewürzt. Bei diesem Wort sprang ihr eben noch gutmütig dumpfes Gesicht hellauf, Mund und Augen wölbten sich feucht, als sie eindringlich leise sprach: »Improvisiert? O nein! Ich hatte meinen Falken nach Ihnen ausgesandt, Herr Baron. Hätte ich Sie anders in diesem Kleid empfangen? ... Freuen Sie sich, mon petit, morgen kommt Ihre Geliebte!« Mit einem Rätsel entließ uns die Schutzherrin des Olivenlandes im Augenblick, als wir vermeinten, bis auf den Grund ihres Wesens geblickt und dabei nichts Ungewöhnliches entdeckt zu haben. Vor dem Haus blieb ich stehn: »Bob, jetzt das mit dem Falken? Ohne den Überfall durch den Mistral wäre es ja alles nicht so gewesen? Er zuckte die Achsel. »Es dämmert mir, Claus, wieso man darauf verfiel, sie als Hexen zu verbrennen. Aus Unbehagen über ihre Wichtigtuerei. Scheint sie dir übrigens noch immer so bekannt?« »Das nicht – das heißt, ich weiß bestimmt, daß ich sie früher nicht gekannt habe. Trotzdem kommt sie mir schon irgendwie erlebt vor. Ihr leises Wesen hat diesen Eindruck noch verstärkt. Natürlich ist es eine Selbsttäuschung ... Und was sagst du zu ihrer Traumdeutung?« Der Freund streifte mich mit einem forschenden Blick: »Ein gerissenes Frauenzimmer«, antwortete er. »Hände weg! Aber hältst du nicht diese Traumdeutung für baren Unsinn? »Das schon – das heißt ...« »Also, und auf Maria werden wir wohl auch noch warten müssen«, fügte er unwirsch hinzu. Wir hielten uns noch im provenzalischen Hof des Hotels auf, erstaunt über den Ausdruck entzückter Bosheit, den der Baou an den Tag legte, da packte der Schwede unsre Schultern und drehte uns mit einem Griff um. »Messieurs, Sie vielleicht glauben, ich wild sein, Weib rasend? Nicht Spur. Ich sollen in Nizza Bilder verkaufen, die ich ihr in Jahren schenken. Was Sie sagen? Immer wieder mich fragen, warum ich Komma untereinander malen. Madam nicht glauben, Erde sausen mit Kosmos senkrecht durch Raum! Bild auch, Hirschkuh auch, wenn bei mir liegen, alles! Alors, wenn sie nicht glauben, ich auch nicht ihre Bilder verkaufen.« Wir zeigten ihm den Baou, und er betrachtete ihn lange mit bedenklicher Miene. »Er sein wütend auf Madam,« sagte er endlich, ließ uns stehn und machte sich pfeifend daran, die vom Mistral zerzausten Kapuzinerranken in den Tongefäßen zu ordnen. Auf meinem Tisch lag eine Depesche. Ich riß sie auf, daß der Text in Stücke ging, aber die zwei Worte, die mir in die Augen sprangen, ließen mich in lauten Jubel ausbrechen: »Domani ... Maria.« Ich sang es zum Fenster hinaus, in die blankgefegte Welt. Domani ... Maria! Die Stadt voll Kreaturen Und dann kam sie. Lady Isabel stellte Bob das Auto zur Verfügung, um seine Schwester in Nizza abzuholen. Es gab eine rechte Lustfahrt durch die Frühlingsfrühe, in der alle Farben und der Himmel selbst noch frisch im Saft standen, sogar aus dem Straßenstaub der Tau herauszuschmecken war und von den Olivenbäumen eine herbduftende Frische ausging. Von allen Hügeln lachten die Straßen das Meer an. Ingels (sprich: Ingols) durfte drauflosfahren, keine Herrin überwachte argwöhnisch den Schnelligkeitsmesser. In die Straßen Nizzas teilten sich die Milchkarren mit den Spritzwagen, Gardinen blähten sich im Wind, Staubwedel winkten, eine ungekämmte Frau warf zwischen halbgeöffneten Fensterläden einen Blick herab, den ein Polizist verstohlen beantwortete, indem er zugleich breitbrüstig die lustvolle Morgenluft einatmete. Ich entdeckte Maria an einem Fenster des einfahrenden Zuges, und als sie mit einem Sprung ausstieg, fing ich sie, obwohl sie nicht gar so viel kleiner war, als ich, wie eine Puppe auf, so stark fühlte ich mich an diesem Morgen. Während Bob sich entfernte, um das Gepäck zu beaufsichtigen, fragte sie mit scherzhaftem Vorwurf: »Küßt man so eine verheiratete Dame?« Worauf ich nur zurückzufragen brauchte, ob so ein kleines Mädchen küssen dürfe? Ob man ein kleines Mädchen so küssen solle? Was sie natürlich entrüstet verneinte. »Nun so hat ein gewisses kleines Mädchen mich nicht nur geküßt, sondern, es tut mir leid, Maria, daran erinnern zu müssen, mich armen kleinen Jungen ausdrücklich noch küssen gelehrt.« Da geschah neben mir etwas wie das Aufflattern einer Elster und gleichzeitig eine selbst im hellen Sonnenschein des Bahnhofplatzes sichtbare Illumination. Maria lachte! »Ach, damals in Venedig,« sagte sie. Jawohl, damals in Venedig, und ihr Lachen hatte sich nicht im geringsten geändert. »Aber groß bist du jetzt doch geworden«, sagte ich. Wir lachten uns die ganze Zeit töricht an, nicht ohne einander dabei sorgfältig zu mustern. Geradezu herausfordernd aber klang ihr Lachen, als ich die Frage hinwarf, wie lange wir uns eigentlich nicht gesehen hätten. Sie geruhte nicht einmal, der Form halber zu antworten, sie lachte, mit Sordine zwar, gurrend, wie ein lautes Gelächter sich nun einmal in ihrem Halse formte, doch immerhin laut genug, daß zwei vorübergehende Herren lächelnd das Gesicht herwandten, und auch Ingels, ohne aus seiner korrekten Haltung zu fallen, herzhaft mitlächelte. Jetzt erst fiel mir ihre Kleidung auf, ein langer Seidenmantel, der sie fast bis zu den Füßen einhüllte und ihr etwas elegant Nonnenhaftes verlieh, darüber ein kleiner Hut aus dem gleichen Stoff, grau wie auch die winzigen Schuhe darunter, die sie beim Gehen schnell und vorsichtig aufsetzte. Dies hurtig Zögernde des Ganges bemerkte ich zum erstenmal an ihr, es war vorläufig die einzige Neuigkeit, die sie mir verriet. »Du bist nicht mehr so träge, wie früher«, lobte ich sie. »Richtig«, sagte L'Amico, der mit den Gepäckträgern eingetroffen war. »Aber sie ist ja auch eine Exzellenz und muß repräsentieren.« Die Bemerkung machte mich wider Willen verlegen. Ich mußte Maria daraufhin von neuem studieren, auf die Exzellenz hin, was militärisch klang oder doch zum mindesten knifflich, ein wenig streng, in Ehren gealtert ... »Wir müssen uns«, sprach sie spitz, genau so, wie es zu meiner Vorstellung von einer Exzellenz paßte, »wir müssen uns alle daran gewöhnen, daß ich nunmehr verheiratet bin.« Übrigens, bemerkte ich, war es ihr irgendwie ernst, wenn auch nicht mit ihrer scherzhaften Pose, so doch mit etwas anderem, was sich dahinter versteckte, und woraus ich deutlich einen Vorwurf, ja eine Art von Strafe und jedenfalls eine neue Maßgabe für unsere Beziehung herausfühlte. »Oder hast du gemeint, Claus, ich würde bis zu meinem Tode unverehelicht durch deine Träume wandeln, als Angestellte sozusagen? Ja, hast du das wirklich gemeint?« Das war unangenehm, wahrhaft bitter und es half nichts, daß sie ihre seidigen Katzenaugen machte und sich einladend in den Schultern duckte, nein, sie hatte mir wehtun wollen, und es war ihr leicht gelungen. »Aber warum denn gleich Exzellenz?!« entfuhr es mir. Es war echter Schmerz, der sich, komisch genug, in diesem Ruf entlud, und er hatte wohl auch unverkennbar dessen Farbe, denn Maria schlug die Augen nieder und Bob blickte mich mit ernster Freundlichkeit an. »Nämlich« fuhr ich erschrocken fort, »bei uns pflegen die Exzellenzen nicht weit von den Sechzig zu sein.« So, da lächelten wir wenigstens wieder – alle drei. Wozu das Lächeln nicht alles gut war! Außerdem überholten wir gerade die letzten roten Sonnenschirme der Promenade, unter denen ein paar Exemplare jener die weißen Städte der himmlischen Küste durchblühenden Geschöpfe einher gingen, weiß gepudert mit knallrotem Mund, in weißen Kleidern unter knallrotem Hut, weiß von den Schuhen bis über die Augen, und schnell zeigte ich sie Maria. Sie kannte sie, auch in Rom trug man sich so. Ein gleiches Kostüm, aus leichtem Flanell, lag in ihrem Koffer, und von kleinen roten Hüten besaß sie eine sorgfältig getroffene Auswahl. Ob mir die Mode gefiel? O gewiß, entzückend fand ich sie, gab sie doch den Frauen etwas von einer luftigen, nur durch zwei rote Punkte befestigten Erscheinung, einem soeben gerade materialisierten, sommerlichen Liebesgedanken ... Der Frühling hier war ja auch eigentlich schon Sommer und das gerade das Schöne an der Riviera! Ich schwatzte nicht übel. Maria beschloß, weil ich gar so sehr darauf brannte, als erstes ihr weißes Kostüm aus dem Koffer zu holen. Gleich nach Tisch wollte sie es anziehn, wenn wir mit Lady Isabel nach Monte Carlo führen. Es war Bettys Geburtstag, und die Kleine hatte sich gewünscht, »ein Spielchen zu wagen«. Dazu waren wir alle eingeladen. »O, ich spiele auch gern,« sagte Maria, »– besonders diesmal. Ich muß doch erfahren, ob Claus mich noch liebt ...« Das scheinbar gutgelaunte Geschwätz brachte uns ohne weitere Störung bis zur Landstraße nach Cap d'Antibes, in die wir einbogen. Hängende Gärten eilten herbei, Städte aus Treibhäusern. In den Treibhäusern fiel die Sonne, wie durch ein Sieb, auf hunderttausende von Nelken. Unsre Augen haschten das saftige Grün des Laubes und die vielfarbigen Blüten, die gläsern brannten. Die Gärten gingen tief, die Villen wirkten wie Tempel im Grünen ... Maria, hatten wir ausgemacht, sollte ihre Mutter begrüßen und am Nachmittag nachkommen, das Gepäck nahmen wir mit. So folgte gleich nach dem Wiedersehn die Trennung. Wieviel näher war sie mir gestern abend gewesen! Die Tränen stiegen mir in die Augen. Warum? warum? fragte ich mich immer wieder, während der Wagen in rascher Fahrt dem Hügel St. Pauls zustrebte: warum? Was hinderte uns, als die alten zärtlichen Freunde miteinander zu leben? Sie war verheiratet, ich verlobt – hatten wir es uns nicht schon immer gesagt, daß es einmal so käme? Warum aber dann ihre Bosheit? Denn böse war sie gewesen, und mit Überlegung. Ich konnte nicht an Doris denken, ich wollte nicht, es schien mir unrein, peinlich, gefährlich. Ich trauerte über Maria, und dies öffnete einen Abgrund ... Wohin mich wenden? Bei diesem Hilferuf ertappte ich mich. Schämte mich. Seufzte einigemal tief auf, wie als Kind, wenn ich geweint hatte, und hob die Augen zur Landschaft, die viele wehende Arme öffnete, und betrachtete sie verliebt, mit heftig klopfendem Herzen, doch gefaßt.   Am frühen Nachmittag kam sie im Auto ihrer Mutter. Sie trug das weiße Kostüm, einen kleinen, roten Hut, das machte sie mir nun gleich wieder vertraut. Wie hundert andre blühte sie so im weißen Licht der Riviera, wenn auch als die Schönste und zu meiner alleinigen Freude bestimmt. Lady Isabel begrüßte sie herzlich, erkundigte sich nach der Marchesa, die kränkelte, setzte mich zwischen sich und Maria in den Hintergrund des Wagens, und unter ihrem Befehl fuhren wir ab, über Gattières, St. Jeannet, hoch über dem Tal des Var, hinunter nach Monte Carlo. Wir waren fünf, Maria, die Führerin, die Tochter Betty, Kaspar und ich. Bob war mit Lord Berrick zum Golf gefahren. Quer über die Hochebene führte ein Höhenweg, den legten wir zu Fuß zurück. Hurtig zögernden Schrittes liebäugelte Maria mit dem Baou, der hier, mit einem Stoß, aus dem tiefen Stromtal aufschoß und leuchtend von Kraftbewußtsein über uns im Himmel verharrte. »Er trägt einen Stern«, bemerkte sie ruhig und deutete hinauf. Kaspar riß die Augen auf: »Was er tragen?« Es stimmte, in der siedenden Bläue über dem Felsen fütterte ein kleines, außerordentlich grelles Licht. »Der heilige Geist«, sagte ich. »Die Fahnenspitze«, brüllte Kaspar, er schlug sich an die Stirn, daß es klatschte. Sogar Lady Isabel versuchte zu lachen und zog den schönen, gefrorenen Mund in die Breite, ein Versuch, der, so freundlich er gemeint sein mochte, ihr gleichmäßiges Gesicht zu einer geradezu schmerzlichen Fratze verzog. Dort oben also, auf der Spitze des Baou, befand sich eine Fahnenstange, an der man allerdings nie ein Fahnentuch gesehn hatte – wie Kaspar vermutete, aus dem Grund, weil sich niemand hinauf bemühte, um ein solches zu hissen. Doch schwor er sogleich »beim Stern des Baou«, niemand, er wiederholte das Wort, wobei er die Führerin mit einem Blick wie einem Steinwurf streifte, niemand werde ihn hindern, an einem gewissen Tag dort hinaufzusteigen und über dem Land des Var, dem Varland, wiederholte er anzüglich, die Siegesfahne des Schönen und Guten zu entfalten. Gern hätte ich gewußt, was das für ein Tag sein werde, aber das Dunkel seiner kriegerischen Anspielung war so absichtlich, daß eine Nachfrage sich von selbst verbot. Immerhin lag die Vermutung nahe, daß auf etwas gezielt sei, was mit Madam zusammenhing, und Maria bewegte sich offenbar im gleichen Gedankengang, fragte sie doch unvermittelt, ob Giuliettas Familienname, der Name Var, ihr vom Vater überkommen, oder ob er nicht bedeutungsvollerweise dem Fluß, dessen weitläufigen Weg im Tal wir verfolgen konnten, entlehnt und ein Nom de guerre sei. »Taufschein«, protzte der Maler, so schroff, daß ich mich verpflichtet fühlte hinzuzufügen, ich fände es eigentlich imposanter, wenn Madam sich im Vollgefühl des eigenen Wertes den Namen des befruchtenden Stromes selbstherrlich zu eigen gemacht hätte. Zwar schien es erst, als ob das Argument bei Kaspar Anklang fände, er stutzte, spähte zu mir hinüber, doch riß er gleich darauf den Kopf zur Seite: »Taufschein« knurrte er. So setzten wir belustigt unsern Weg fort. Zu unsrer Rechten streckte sich das Meer, schwer wie ein Raubtier, das gefressen hat, zu unsrer Linken wogten, dem Baou untertänig, leichte Höhen, unübersehbar. Der Schwede schüttelte die Faust gegen den Baou: »Ich ihm trotzen, Marchesa, dem Kaiser des Mistrals!« Dabei forschte er in Marias Blicken, und alle seine Muskeln, die Stirnadern schwollen. Wie er so neben ihr her wuchtete, fragte ich mich in der Tat, ob er nicht mit eins einen tierischen Schrei ausstieße und mit Maria auf den Schultern zwischen den Felsen des Abhangs verschwände. Die Straße entlang verrieten verstümmelte Bäume, verkümmertes Gestrüpp, Felsen, vom Wind Verblasen, von der Sonne verbrannt, daß dies die Stelle war, wo der Baou seine luftigen Spießgesellen und Knechte und die Überläufer des Meeres zur Schlacht versammelte in den Nächten, da selbst der Leuchtturm von Antibes wie ein geringes Nachtlicht im Luftzug flackerte und in den Villen die zarten Frauen sich an ihre kranken Männer klammerten und in den Hotels von Vence ein Flüchten war von Zimmer in Zimmer ... Einer einzigen Hütte begegneten wir, vielmehr einem Dach, seitlich eingetreten wie zum Hohn. Ich mußte Betty aufheben und an der Hütte vorbeitragen, sie war, nachdem sie sich schon die ganze Zeit über ängstlich umgeschaut hatte, beim Anblick der Hütte in eine Art Starre verfallen. Erst viel später, im lachenden Monte Carlo, gestand sie, die schottische Nurse habe den Kindern erzählt, hier oben wohnten die armen Seelen von katholischen Irrlehrern und warteten um Erlösung wimmernd, auf das Erscheinen eines schottischen Heilsboten. Nach einer Stunde vereinsamender Wanderung bestiegen wir wieder das Auto, es schaukelte uns surrend durch Schwaden Sonne von Gärten zu Gärten. Sie hingen an den Abhängen, wohin man sah. Viele, in denen Nelken gezogen wurden, glichen Kindergärten mit ihren langen Reihen gleichfarbiger Blumen zwischen Schnüren, andre gab es, wo von tausend Nelken eine jede einzeln an ihren kleinen Stecken gebunden war. Und überall harrten die Orangen der erntenden Frauen. Lady Isabel selbst gestand, sie würfe am liebsten ihr Kleid ab und träte mit nackten Beinen und Armen zwischen die frischen, dunkeln Bäume. Worauf Betty, die noch nie die nackten Beine ihrer Mutter gesehn hatte, erstaunt und ein wenig ungläubig zu den Orangenbäumen hinüber blickte ... Wir überquerten den Var, die alte Grenze zwischen Savoyen und Frankreich. Der breite Strom, in dessen Bett winzige Wässerlein und Tümpel zwischen Kieselfeldern in die Luft sprangen, um ein Stück Himmelsbläue zu schnappen, bildete nicht mehr die Grenze, aber am linken Ufer bot das sonst unbefestigte Nizza den Fremden mit seinem Oktroihäuschen die Stirn. Erfreulicherweise war die Zigaretten rauchende Besatzung gerade unter sich in eine lebhafte Debatte geraten, so daß wir ungeschoren passierten. Der Wagen drehte sich in spitzem Winkel, als schlitterte er auf nassem Asphalt, wir liefen in eine Eukalyptusallee und einem mächtigen, blauen Auge zu. Das also war sie, die Engelsbucht, das war sie, die weiße Stadt, vom blauesten Meer bespült! In einer hinstreifenden Umarmung lehnte ich an Marias Schulter. Langsam rollte der Wagen. Alle Spaziergänger schritten in Adel gekleidet. Auf den nackten Kieseln des Strandes schliefen Männer und ließen sich die zerlumpten Kleider von der Sonne flicken, dazu machte ihnen das Meer überdies noch Musik. Wir streiften lauter glückliche Häuser, wo die Sonne als Hausmeisterin vor dem Tor stand, und wenn ein Kind über die Straße lief, verlangsamten nicht nur die Wagen die Fahrt, auch die Brandung hielt eine Weile den Kopf hoch und paßte auf, daß kein Unglück geschah. Die Frauen blickten prüfend vom Meer in das Gesicht ihrer Begleiter. Die Paare schritten im Himmel. Ein gräßliches Gebäude tauchte auf, ich hörte, es sei das Kasino von Nizza – sogar Ingels deutete achselzuckend mit dem Daumen darauf. Indes: »Schwamm drüber!« sagte die Brandung und: »Ich bin auch da!« der Himmel, die Sonne aber sagte nichts, sondern blendete mich gleich einem Feuerbusch, worin Maria erschien, nackt, wie ich sie einmal vor langer Zeit gesehn, braun und kühl, mit einem flimmernden Hof um die Augen. Ihre Hände waren stark und klar. Von Betty angestiftet, nahm Ingels den weiteren Weg über die Corniche. Bald eröffnete sich uns die herrliche Straße, einsam in ihrer Jugend, und nachdem das weiße Nizza uns himmelwärts Entschwebenden zwei-, dreimal nachgewinkt hatte, wogten wir, uns selbst überlassen, zwischen Meer und Himmel dahin. Das Meer warf eine Fata Morgana an den steilen Abhang: Abgründe, worin Gärten hingen, an einem Haus verankert, und alle diese Gärten und die Häuser schienen Meerfahrer, Küstenfahrer, ein luftiger Spuk. Vom Himmel sanken bleigraue Felsen und saßen in rostbrauner Erde fest. Auf einem von ihnen wehte die Trikolore, und Betty hatte voriges Jahr die Stange mit der Hand berührt. Unterhalb eines steil im Himmel nistenden Häuserhaufens mit Namen Eze packte Ingels den Vesperkorb aus, denn da hinauf, in die Ortschaft, meinten wir, könnten nur Ziegen. Es war sehr heiß, selbst die Telegraphendrähte hatten schlapp gemacht auf dem Weg zu dem blendenden Felsennest und hingen tief herab. Alle übrigen Werke der Zivilisation, Hotels, Benzintanks, Autos und Wagen, ja die Maulesel samt den gröbstbesohlten Ausflüglern hielten hier auf dem sonnigen Platze an und begnügten sich damit, ein wenig den Hals zu verrenken nach jenem Horst. Nur Betty war oben gewesen, das verstand sich von selbst. Maria, bist du da? fragten unablässig meine Augen, während wir vesperten (welch ein Salz, diese Sonne, für die Speise, welch ein Gewürz für das Getränk!), und unermüdlich antworteten die ihren. Ja, da bin ich, sagten sie mit samtenem Laut, schau' mich nur an, das bin ich: Maria ... Und je inniger unsre heimliche Unterhaltung wurde, umso lebhafter widmeten wir uns der Unterhaltung der andern. Sie sollten mithalten, da wir siegreich die Begegnung mit der mächtigen Welt bestanden!   Vom Augenblick an, wo wir das Fürstentum Monako befuhren, warf Maria mit grimmigen, ja meuterischen Ausrufen um sich. Das war ein Wintergarten, ein Kalthaus, Blumenetageren in einem Salon, kein Hauch von Natur. Die Rasenplätze erklärte sie für chemisch gereinigt, die Bäume für aufgebügelt. »Lady Berrick, Sie reden es mir nicht aus,« erklärte sie, »diese Bäume werden jeden Morgen mit dem Vakuumreiniger entstaubt. Dann kommt der Coiffeur.« Im Kasino aber befiel sie die Angst. »Setze du dich, Claus«, bat sie. »Spiel' du!« »Aber, Maria, ich werde doch verlieren!« Sie legte mir die Hand auf die Schulter. »Ich passe auf«, sagte sie verwirrt. Ich setzte mich, und sofort gab der Croupier mir sein Wohlwollen zu erkennen durch ein kurzes ermunterndes Wort, einen Augenwink, ein Kompliment. Einmal wies er höflich lächelnd einen Einsatz zurück, der erst beim »Rien ne va plus« ankam, während er einen andern, gleichzeitig erfolgten stehn ließ. Und siehe da: hätte er meinen Louis angenommen, so wäre er verloren gewesen. Wenn ich gewann, entrichtete ich, wie ich es den andern abgesehn, dem Chef der Croupiers über den Tisch hinweg meinen Obolus. Wofür, konnte ich in der Eile nicht erfahren, aber da sich bei der Darbietung des Opfers die Damen als die Eifrigsten und Gewissenhaftesten zeigten, schloß ich auf die Ausübung eines Aberglaubens. Jedenfalls war dieses Geld das einzige, das nicht, bald verloren, bald wiedergewonnen, auf und ab tanzend, mit einemmal in einem Abgrund verschwand. Nachdem ich genug verloren hatte, erhob ich mich, blieb aber, Marias Atem im Nacken, noch eine Weile auf meinem Platze und schaute zu. »Herrlich!« hörte ich sie flüstern. »Unglück im Spiel –« Ich drehte mich um: »Es hat einige Zeit gedauert, bis es feststand,« sprach ich, »es gab da allerhand Gegenströmungen, jetzt aber wissen es alle mit mir am Tisch: du liebst mich, Maria!« »Und du?« gab sie ernst zurück. »Liebst du mich? Laß sehn!« Sie machte Anstalt, sich auf meinen Stuhl niederzulassen, den ich noch in der Hand hielt. Er wurde mir entrissen, um uns entstand ein leises Beben, das sich durch den menschengefüllten Saal fortpflanzte, es wurde noch stiller, als es schon gewesen, eine Gasse entstand, und durch sie bewegte sich ein rundlicher Herr auf meinen Stuhl zu, den ein Diener ihm unterschieben wollte, aber er trat nur an den Tisch, der rundliche Herr setzte sich nicht. Er stand, jedermann wurde es sichtbar, daß er das Befehlen gewohnt war, und ich erkannte Herrn Charles Hartmann aus Mülhausen im Elsaß. Eingekeilt in der Menge, die sich um den sieghaften Mann geschlossen hatte, flüsterte ich: »Schau', Maria, das ist der Erzeuger von meines Bruders Flamme, wie du siehst, ein Prometheus, der Vater der kleinen Hartmann, und wahrscheinlich mein zukünftiger – ja, wie nennt man ein so unvorhergesehenes Familienmitglied? Gefällt er dir?« Sie meinte, so sähen in Rom die frisch geadelten Kohlenimporteure aus, die zu Hofe gingen, und jetzt werde sie nie erfahren, ob ich sie liebte, der Kohlenimporteur habe sie bestohlen ... Stehlen? dachte ich, nein, das hatte er nicht nötig, ich sah ihn mir an, den demokratischen Höfling. Ja, das war er, ein demokratischer Höfling, in vollendeter Form. Rundlich wie die Kieselsteine eines Stromes, die einen langen Weg gemacht haben. Wo ein Parkett war, brauchte man ihn nur anzustoßen, geradeswegs rollte er bis vor den Thron – ob darauf nun ein Kaiser saß oder der Präsident einer Republik. Ich vermutete, vor dem Kaiser, mit dem er einigemal zusammengetroffen war, fürchtete er sich ein wenig, weil Wilhelm II. einen lahmen Arm besaß, was ihn launisch und bösartig machte, und dann wegen des Firlefanzes, mit dem so ein Monarch sich umgab, und dem ein Biedermann im Grunde seines Herzens in Ewigkeit abgeneigt blieb. Ein Präsident der Republik dagegen wußte, ohne viel Hokuspokus, einen guten Tisch zu schätzen, man stammte gewissermaßen aus benachbarten Dörfern, mit ihm trat man auf festen Grund. Zwar war Charles Hartmann Ritter eines preußischen Ordens, doch rühmte er sich, ihn niemals angelegt zu haben, nicht einmal vor dem Kaiser. Ebenso liebte er den Adel, weil der Adel ihm mit Rücksicht auf seinen Reichtum gestattete, auf mehr oder minder närrische Weise als Republikaner großzutun. Das Volk hieß ihn den »König von Mülhausen«, und er herrschte, eine Art von Louis-Philippe, mit bürgerlichem Anstand von der pfälzischen bis zur lothringischen Grenze. Er machte politische Wahlen, ohne zu erlauben, daß man ihn selbst wählte. Überhaupt schien er in seiner Heimat, außerhalb des Geschäftes, nur mit den Dingen zu spielen, vermutlich weil er sich eines höheren Ruhmes bewußt war, und in der Tat las man seinen Namen auf den meisten Knöpfen der Welt. Doch »drüben«, in Paris, da galt er für einen mondänen Bourgeois mit einem leidenschaftlichen Herzen, das für die schönen Frauen aller Völker, unter den Völkern indes einzig für Frankreich schlug. Kurz, ein großer Mann ... Inzwischen ließ der Professionelle des Rings, der Hartschläger, unter dessen Hieb Goldquellen aufsprangen, und Gladiator der Kalkulation die hellgrauen Rundaugen um den Tisch laufen. Die Croupiers lächelten untertänig vor sich hin, während der Mann, der den Ball warf, diesem eine leichte Verbeugung nachsandte, die Charles Hartmann galt, und das Publikum, wie im Theater beim Auftreten des Stars, sich zusammenriß, um ja nichts zu versäumen. Ein einziger machte eine Ausnahme, ein junger Mann mit dem gramzerfressenen Gesicht eines Charakterspielers, den das Leben plötzlich beim Wort genommen. Er saß Hartmann gegenüber. Nachdem er auf den Monsieur, der mit biederer Artigkeit den angebotenen Stuhl abgelehnt, einen Blick geworfen hatte, der das ganze Wissen Hamlets um die Nichtigkeit der irdischen Dinge enthielt, beugte er sich über den Stapel von Fünffrankenstücken und stierte daran vorbei auf das grüne Tuch. Zitternd glitten die mageren, langen Finger der Rechten an dem kleinen Stapel entlang, und ich fragte mich, ob sie nicht in den Nerven, wie ein Zentimetermaß mit Strichen, in Millimeter geteilt und also imstande wären, durch die bloße Berührung die Anzahl der gehäuften Fünffrankenstücke zu ermitteln. Tagtäglich, ahnte ich, saß er hier, morgens und mittags und briet in der Hölle, um abends mit den zwanzig gewonnenen Franken in die entlegene kleine Pension zu wanken – Gott allein wußte, welchen Monolog eines Menschenanführers oder eines großen Opfers in der vertrockneten Kehle! Hätte er mich beachtet, ich wäre vielleicht sein Freund geworden. Er beachtete mich nicht. Er kannte das Geheimnis, wie man plötzlich mitten unter Menschen in die Ferne reist, unbekannt, wohin ... Charles Hartmann imponierte ihm nicht. Erst jetzt fiel mir auf, daß die älteren Damen, die am Tisch Tabellen führten, um dem Glück hinter die Schliche zu kommen, ein neues Blatt aufgelegt hatten, einzig und allein für Charles Hartmann. Dieser drehte sich, immer noch um sich schauend, gemächlich eine Zigarette, die er aber natürlich nicht anzündete. War er doch im Begriff, das Kasino zu verlassen und hatte nur auf dem Weg von den Bakkaratsälen, galant, wie er war, und Demokrat, Station beim Spieltisch der kleinen Leute, der Roulette, gemacht! So, jetzt war die Zigarette gedreht und geklebt, er klemmte sie in den Mundwinkel und setzte je zweitausend Franken auf zwei Dutzende von den dreien. Gehorsam schlüpfte der Ball in eines der besetzten Felder. Die Bank legte ihm einen Tausendfrankenschein auf seine zwei, die da als doppeltes Leimpflaster für den heranhuschenden Glücksvogel gelegen hatten. »Croupiers«, murmelte er und warf einige Goldstücke, die er seiner Hosentasche entnommen, über den Tisch und vollführte eine Bewegung mit dem Oberkörper, die allen Staatsoberhäuptern eigentümlich ist, wenn sie sich vom herzklopfenden Volke verabschieden, und war verschwunden, wie eine Vision. Die Damen schoben das mit einer einzigen Ziffer beschriebene Blatt unter den Stoß der bekritzelten Tabellen, dieser Schatzgräberakten. Ohne aufzublicken, drehte der arme Spieler mit dem gramgrauen Gesicht den Stapel in den Fingern langsam um, bis das unterste Fünffrankenstück nach oben zu liegen kam, und senkte ihn auf den Tisch, als pflanzte er eine Gedankenblume in mystische Erde. Der Ballwerfer, die zwei Herren der Bank, die sechs Croupiers atmeten dem Gewaltigen nach, das Publikum fieberte, ein Greis, der mit flatternden Händen Goldstücke zählte, stöhnte auf. Da das Glück eine Dirne war, so machten sie sich alle auf, es zu erringen, billig oder teuer, und warfen sich in die Bresche, die Charles Hartmann gelegt. Sie setzten, zögerten, mit Angstschweiß auf der Stirn, verdoppelten, und die Adern ihrer Schläfen glichen Würmern, die sich krümmten. Auf den vier Seiten des Tisches erhob sich eine ekstatische Menschenmauer, rot und blau gefleckt, mit brennenden Augen. Die Luft zitterte von unhörbaren Atemstößen, und einzig ein unruhig dumpfes Rollen war vernehmbar, das die auf der Stelle galoppierenden Herzen hervorriefen. »Rien ne va plus«, da kam der Zusammenbruch – auch das war Lust. »Douze!« Die eine von den hundertfünfzig, die auf die Zwölf verfallen war, wie in ein Loch, weil die Nummer leer gewesen, rannte mit den Händen voll Scheinen in die Arme Lady Isabels, es war Betty. Sie wollte ein Auto kaufen, eins, das ihr allein gehörte, sofort, und stammelnd vor Erregung stopfte sie die Scheine in ihre Strümpfe. Darüber wäre nun Lady Berrick fast in Ohnmacht gefallen, jedoch, da packte Betty sie mit beiden Händen am Arm und zog sie ins Freie .. Bettys Gebärde hatte mich an eine ähnliche Marias erinnert ... Vergeblich suchte ich mir auszumalen, wie Doris Geldscheine oder Orangenblüten in ihren Strümpfen verwahrte. Es war undenkbar. Und von diesem geriet ich auf anderes, was, bei vielen Frauen möglich, erlaubt, ja lockend, da ich es mir jetzt vorstellen wollte, bei Doris unerlaubt, abstoßend, ja beleidigend gewesen wäre ... Welch ein Urwald war doch die Welt! Welch ein Glück, daß sie dennoch umhegte Siedelungen enthielt, mit Häusern, die gegen Unwetter und Überfälle von Grund auf befestigt waren! »Doris,« betete ich voller Angst, »o du meine sichere Doris!« Und zugleich fühlte ich, wie mächtig die flüchtige Erscheinung mir zur Seite mit ihrer Hand die meine streifte ... Kaspar öffnete die Tür des Café de Paris: »Bitte Sie, Baron, Mädchen in Auge fassen«, gebot er. »Reizend. Sprechen alle Weltsprachen mit Hüften. Haufenweise reizend. Lachen und haben Angst vor Zimmerwirtin. Beine wie Rehe. Schultern wie Meerschwein. Prächtig. Keine Menschen.« »Sagen Sie das nicht!« Maria machte kehrt und blieb vor ihm stehen: »Wäre ich ein Künstler, ich malte nur sie, ich würde nicht satt, ich malte nur sie. Und wäre ich ein Mann –« Der Schwede schüttelte heftig den Kopf: »Sein süffig wie Moselwein«, sagte er. »Wenn sie aufwachen – nichts! Gar nichts zu malen. Zu flüssig. Nichts. Höschen. Fast aus Luft mit rotem Band, zu Hut passend. Vielleicht etwas für Lord Berrick, nichts für mich ... Ich meinen, für Malen.« An einem Tisch bei der Musik bildete Frau Hartmann einen dunkeln Fleck, und einen Schritt abseits markierte ein aufmerksamer Kellner die Weite des Kreises, der ihre Wohlanständigkeit umgab. Sie ließ ihr Schnupftuch in der Hand als ein Blinkfeuer spielen, um uns den Weg zu weisen, und neben ihr, aufrecht, den Daumen der Rechten in der Hosentasche, wie Eduard VII. die Großen der Erde zu stehn gelehrt, machte sich mit runden, blanken Augen ihr Gatte bereit, uns zu empfangen. Er trug eine weiße, gefranste Nelke im Knopfloch, in der Entfernung wirkte sie wie ein abgerissenes Stück des Spitzentuchs, das seine Gattin, dem Geist des Ortes nachgebend, neckisch in der Luft hielt. »Au, Missis Perkins«, hörte ich da Lady Isabel ausrufen, gleichzeitig stieß Betty mich an: »My friend, we must part«, rief sie klagend. Ich sah, wie Charles Hartmann sich gehorsam gegen den Tisch verbeugte, auf den Lady Berrick, von der mürrischen Betty zögernd gefolgt, mit eins losstürzte, indes ein leicht ergrauter Sportsmann dort eine entschuldigende Gebärde gleich einer Brieftaube in die Richtung des Ehepaars Hartmann entließ. »Herr Baron von Breuschheim, Claus, sehr erfreut, einen Landsmann zu treffen, und das dort drüben ist der Herzog von Wight«, flüsterte Herr Hartmann mir in zwei verschiedenen Tonlagen, einer höheren und einer tieferen, zu, und Madame, die mich neben sich auf den Stuhl zog: »Lady Perkins ... Die Herrschaften dinieren.« Sie vergaß ganz, mich zu begrüßen, und auch, daß Missis Perkins keine Lady war. Da hatte Charles Hartmann sich wiedergefunden: »Wir auch«, sagte er trocken, Maria und mich mit einem freimütigen Lachen als Verbündete werbend, und er winkte dem Kellner. Nun überließ sich auch Frau Hartmann laut der Freude über das unerwartete Wiedersehn, das übrigens, wenn sie ihrem kleinen Finger hätte glauben wollen, so unerwartet nicht gewesen wäre. »Unsre kleine Anne-Marie hatte mich benachrichtigt«, hauchte sie mir ins Ohr. Leichtfüßig durchwandelten die weißen Mädchen den Raum, die kleinen, roten, in den Kopf gestülpten Hüte riefen zur Schlacht, und die geschminkten Münder zitterten vor Hunger, sanken doch Hunderte von Hors d'œuvres, auf Silberschüsseln geordnet, wie himmlische Speise um die Blumengläser auf den Tischen. Und das alles hing in einer Wolke von Musik. Hier und da thronte eine alternde Schönheit einsam an einem Tisch und fraß. Ich zählte sie: es waren drei. Sie trugen dicke Perlenschnüre um den Hals, die fütternden Hände blitzten von Edelsteinen. Jede hatte neben sich auf dem Sofa einen King-Charles, den sie mit ihrer Gabel speiste, aus ihrem Kelchglas tränkte und zwischendurch mit zärtlichem Gemurmel an einer kostbaren Nelke riechen ließ. Alle drei verfolgten argwöhnischen Blickes den Maître d'hôtel der sie mit den erpreßten Beweisen seiner Hochachtung überschüttete. Musik schwebte herab, der gelockte Primgeiger überschritt aufjubelnd die Schwelle der Wolke, wo die Vergessen spendenden Blumen wuchsen, und trug die beseligende Botschaft an den Tisch des Herzogs von Wight. Maria beugte sich zu mir: »Claus, welcher gäbst du den Vorzug?« fragte sie, das junge Antlitz üppig entfaltet, die Musik in den Gliedern, mit schweren Lippen ... Ich deutete mit dem Kopf nach der Tür ... Dort sang ein von Schnee ein gebröseltes Vögelchen, von niemand beachtet, gegen die heimtückischen Schnabelhiebe eines Geiers an, der sich mit beiden Händen an den Aufschlägen seines schwarzen Rockes festhielt, vermutlich, um das widerstrebende Tierchen nicht einfach zu erwürgen. »Die da, die der Kerl beschimpft!« »Poveretta!« Schnell erhob sich Maria und schritt durch die Tische bis zur Tür, ich sah, wie sie ihre Tasche öffnete, der Geier entfernte sich rücklings unter Verbeugungen, und das Mädchen hielt, ohne Maria weiter zu beachten, ihren Einzug zu den tausend Speisen, wobei sie einem Musiker auf dem Podium blitzschnell mit dem Geldschein zuwinkte. Noch einen Schritt, und sie saß, die Speisekarte in der Hand, und erteilte dem Maître d'hôtel Befehle. Hilflos vor Erstaunen verweilte Maria an der Tür ... Ich erhob mich, um sie zurückzuholen, da sprang der Herzog von seinem Tisch auf, Herr Hartmann überholte ihn, doch mir lief sie entgegen und schier in die Arme, mir! »Hast du das gesehen, Claus?« eiferte sie. »Nicht einmal gedankt. So sind deine Erwählten.« Wir waren beinah aneinandergeprallt, die drei einsamen Damen lachten alle drei laut auf, und Kaspar erklärte: »Essen abgezogen, kriegen große Trommel Hälfte, andre Hälfte junger Mann im Cut.« Der Herzog von Wight stand noch immer und blickte zu Maria hinüber, mit einem Blick, der die Beute festhielt und sie an sich ziehen wollte. »Na, na«, murmelte Hartmann mißbilligend. Da raunte Lady Berrick dem Herzog einige Worte zu, und er setzte sich, wie auf Befehl. »Was?« fragte Maria, »Meister Kaspar! Was erzählten Sie soeben?« Doch die Geigen liefen Hand in Hand über elysäische Felder, der Primgeiger kehrte in die Heimat zurück. Lady Berrick warf Maria eine Kußhand zu, Missis Perkins hob eine Rose und senkte sie wie einen Degen. Der Herzog machte ein auffallend ehrerbietiges Gesicht. »Man entschuldigt sich«, stellte Hartmann fest. Ein Waldhorn rief mit schmeichelnder, ein ganz klein wenig rauher Stimme ... Ich ergriff die Vase, die in der Mitte des Tisches stand, entnahm ihr die Blumen, blindlings, wie Monsieur Hartmann in einem Anfall von Wahnsinn ein Bündel Tausender in seinem Kassenschrank ergriffen hätte, um es wegzuschenken, und reichte sie Maria. Immer noch wandelten weiße Mädchen auf roten Schuhen, den roten Mund in der Luft, das Gesicht geöffnet wie unter einem zurückgeschlagenen Visier, von der Musik in den Hüften bewegt – armselig unter dem meerentstiegenen Unisono des Orchesters, die Augen voll frecher Angst ... Die Kellner setzten bunte Gebirge von Fruchteis auf die Tische, die Platten mit den Likörflaschen klingelten heran, es roch nach Mokka. Der Herzog hatte die Rose der Missis Perkins genommen und neben seinen Teller gelegt. Frau Hartmann, die ihn demütig verschwärmt im Auge behielt, den Kopf wie lauschend geneigt, als wäre er ihr Beichtvater, der ihr zwischen ihren Gedankensünden mit Hilfe eines ausgezeichneten Orchesters von fernen Ländern erzählte, Frau Hartmann berührte den Boden wieder, der die Kraft der Bourgeoisie birgt. Sie seufzte: »Schrecklich, all diese Kreaturen! Mir tut der Herzog leid. Da lachte Charles Hartmann. Er lachte, wie ein Hirsch röhrt, glücklich, daß der Tisch des Herzogs auf seinen zurückgeworfenen, geschwollenen Hals starrte und der ängstlich herbeigeeilte Maître d'Hôtel gerührten Lächelns den Kellermeister heranwinkte. Geduldig verharrten sie hinter dem Mann, der hier so lachen durfte. »Meinen Champagner!« warf er ihnen endlich über die Achsel zu. Betty schlief an der Hüfte der Mutter. Auch der Schwede war nicht mehr von dieser Welt. Er trank und träumte. Zuweilen schaute er sich freundlich um, nickte bald mir, bald Maria zu und schloß wieder die Augen. Er saß wie ein Denkmal. Jetzt stimmte die Kapelle »God save the king« an, zweihundert Nichtsnutze reckten die Hälse, ob der Herzog zur Ehrung seines Blutsverwandten aufstände, aber er blieb sitzen. Von soviel Kühnheit oder Leichtfertigkeit angesteckt, begannen die Mädchen zwischen den Tischen zu tanzen, auch hatte gerade ein geheimnisvoller Befehlshaber, der Herr mit dem übernächtigen Gesicht, der immer gleichsam blitzend aus dem dunkeln Schlamm geschossen kam, umständlich die Tür abgeschlossen und war, den Schlüssel in der Hand, langsam und scharf beobachtend durch den Saal geschritten. Darauf hatte sein Fischblick oberflächlich den Kellermeister gestreift, und einige Minuten darauf begann eine Prozession von Kellnern, die Sektkübel vor sich hertrugen: die »Spende des Hauses«. Ein Freudenschrei scholl durch den Saal. Endlich hatten auch die Chefs der monegassischen Sittenpolizei ihr Teil. Als die beiden Herren, die Charles Hartmann uns als solche bezeichnet, das erste Glas geleert hatten, ließen sich, wie gerufen, Engel mit kleinen, roten Hüten an ihrer Seite nieder, die mit weißen Zähnen abwechselnd in den Spiegel der geöffneten Handtasche und in die scharfen Augen der Polizeikommissäre hineinlachten. Die Kapelle spielte nur mehr Tanzweisen, Musikern und Kellnern rann der Schweiß in den Hemdkragen, immer heftiger strichen die Mädchen, wenn sie zum Tanz antraten oder davon kamen, mit beiden Händen über Lenden und Hüften. Wie heiratsfähige Töchter die Ballmutter, so suchten sie, an ihren Platz zurückkehrend, mit dem Blick einen Spiegel. Frau Hartmann, der bei ihrer Vermählung Amor auf der Tournüre gesessen hatte, erging sich halblaut über »die entblößende Tendenz der Mode«. Die Kreaturen stellten Busen, Hüften, Schenkel, ja die Knie dem Manne zur Schau. Was blieb ihnen darnach zu zeigen noch übrig? »Mein Gott, Madame,« meinte Hartmann, »alles ändert sich, entwickelt sich, auch die Mode, sogar der Teufel.« Madame fuhr ein wenig auf. »Que dites – vous là? Der Teufel?!« Nun hielten wir es alle für gewiß, Herr Hartmann spiele auf die Verführungskünste der Kreaturen an, aber nein, und dies war eben der Scherz, den er sich gestattet, er wollte von richtigen Teufeln sprechen, von den Teufeln im Straßburger Münster. Eines Tages, allerdings war es lange her, hatte er Madame die Teufel im Straßburger Münster gezeigt, zuerst die alten, grobschlächtigen, abstoßenden Teufel, von denen man nicht glauben konnte, daß jemand sich mit ihnen einließe, Teufel für Gesellen mit einem unmäßigen, unsauberen, mit einem elementaren Appetit. Wahrscheinlich hatte soviel unzweideutige Teufelei bei fortschreitender Verfeinerung der Sitten dann keinen rechten Zuspruch mehr erfahren, denn zu Ende des dreizehnten Jahrhunderts tauchte eine neue Generation von Teufeln auf, und diese war mit wahren Liebreizen ausgestattet, wie sie vordem noch nie an Ausgeburten der Finsternis beobachtet worden waren. Erinnerte sich Madame nicht an die zwei Teufelinnen, von denen die eine über das ganze Gesicht lachte und die andre wonnig schlief? Wäre nicht der Pferdefuß oder die Kralle gewesen, man hätte ein Heiliger sein müssen, um ihre Herkunft zu erraten, ihren gesundheitsschädigenden Umgang zu meiden und sein Haus mit dem Zeichen des Kreuzes gegen so anmutig geartete Geschöpfe der Tiefe zu verriegeln. Madame erinnerte sich an die Teufel, aber: »Sie werden mir doch nicht einreden wollen,« sagte sie; »die Bildhauer oder Zeichner oder wer sonst sich damals mit der Darstellung der Teufel abgegeben, habe sich nun beflissen gezeigt, die Kreaturen des Höllenfürsten möglichst ansprechend zu gestalten? »Selbstverständlich«, sagte Herr Hartmann. »Ich habe Sie sogar nur deshalb an unsern Wonnemond und unsern damaligen, so zeitgemäßen Besuch bei den Teufeln in Straßburg erinnert, um Sie davon zu überzeugen.« Es war erstaunlich, welche Fülle von zweideutigen Gedanken er in seinem Gesicht zu sammeln verstand; die glatte runde Fläche funkelte feucht. »Und was haben Ihre Teufel mit diesen Kreaturen hier gemein?« fragte Madame errötend. »Alles.« »Dann hätte nach Ihrer Auffassung die Kirche die Teufel protegiert?« »Selbstverständlich. Die Teufel gehören in die Kirche wie ... wie Ihre Kreaturen hier zur guten Gesellschaft.« Worauf Madame mit einem stolzen Lachen, das leise und doch klangvoll war, und das denn auch am Tisch des Herzogs nicht unbeachtet blieb, ausrief: »Gewiß doch, Hartmann, indem man sie draußen vor der Tür läßt.« Aber auch Herr Hartmann lachte hinüber, als er zur Antwort gab: »Mir scheint, es sind nicht wenige hier drin. Alle natürlich kann man nicht hereinlassen.« Und die Gatten, die ihren Erfolg gerecht geteilt fanden, wechselten einen zärtlichen Blick. »Hätte ich nicht gedacht«, ließ Maria sich vernehmen. »Gar nicht schlecht.« Sie blickte, um über die Spur ihres Gedankenganges zu täuschen, auf den Maître d'Hôtel. »Möchte gern wissen, warum man den Kompagnon bemitleidet.« Der Kompagnon, das war mein Bruder Ernst, und ich sollte keinen Grund haben, ihn wegen seiner Flamme, der jungen Hartmann, und der zukünftigen Anverwandten, die sich gemeinsam ihres Mutterwitzes freuten, zu bemitleiden. Auch ich fand, dieses Ehepaar passe nicht übel in unsre »letzten Salons, wo man plaudert«, wenn auch nicht gerade nach Breuschheim. Beide sprachen die Sprache, die bei gutem wie schlechtem Wetter fleißig zu üben an der Zeit war, und die sich übrigens ebenso leicht aneignen ließ wie das vorgeblich angeborene Talent, die »Schöpfung« eines »großen Schneiders« zu tragen. Schade, dachte ich, daß die neuen Herren, die Industriellen, immer seltener auf Adelstitel Wert legten und auf einen Salon nur dann, wenn ihre Frauen zu schwächlich waren für den Sport. »Claus,« sagte Maria, den Blick immer noch auf den Maître d'Hôtel gerichtet, »ich könnte schwören, der Herzog von Wight selber betrachtet ihn mit Wohlgefallen. Man kann nicht ohne weiteres annehmen, daß Seine Hoheit ihn anpumpen will.« Diese letzten Worte hatten zur Folge, daß Kaspar erwachte und seine ganze Aufmerksamkeit dem Maître d'Hôtel zuwandte, der ahnungslos am Serviertisch in der Saalmitte hielt und das Manövrieren seiner Kellner beaufsichtigte. »Jaja,« rief der Maler mit lauter Stimme, »ihn sehr wohl anpumpen können! Maître d'Hôtel besitzen zwei Hotels und Zuneigung Guiliettas. Ich fürchte, sie ihn noch heiraten, statt groß, ganz groß werden.« Da war drüben auch Betty aufgewacht. Während der Herzog ihr mit genäßter Fingerspitze die Schläfe bestrich, rieb sie sich, unwirsch von ihm abrückend, mit dicken Fäusten die Augen. Lady Isabel nickte uns zu, und wir brachen auf. Von rasenden Autos überholt, von andern heulend im Rücken bedrängt, vor uns die geduckte Gestalt des Chauffeurs, die alle Minuten phantastisch aufleuchtete, um gleich wieder zu erlöschen, in ständiger Furcht vor einem Zusammenstoß, der tödlich gewesen wäre, blendend und geblendet und mit den Wölfen heulend, so gut es mit unsrer Sirene ging, so legten wir die schönste Meerpromenade der Erde zurück. Maria lehnte schwer an meiner Schulter. Zu Hause angelangt, ging Maria sofort in ihr Zimmer. Im Saal wurde noch getanzt, und ich setzte mich mit ausgestreckten Beinen vor das Kaminfeuer, müde und unruhig wie nach der Jagd. Weil dann die Hirschkuh, die auch Agathe hieß, wenn man es genau wissen wollte, immerzu so freundlich an meinem Rücken vorbeischweifte und mir dabei jedesmal mit der Hand über die Haare strich, erhob ich mich und tanzte mit ihr. Noch nie hatte ich so beschwingten Fußes, gleichsam in einen ewig blauen Himmel hinein getanzt. Mit halbgeschlossenen Augen regte ich mich im Farbenatem des vergangenen Tages, dort, wo die Luft lind war, und höher, im bestürzenden Weißlicht über dem Meer, vom Spuk der starr glühenden Felsen, der schwimmenden Gärten, der zitternden Häuser umringt, und höher, noch höher. Dort flog ich, ruckweise oder schwebend auf ausgespannten Flügeln gleich einem großen Vogel, und die namenlose Ferne umgab mich mit ihrem prickelnden Gischt. Manchmal brachen in den lichten Raum die Kreaturen ein, wir tanzten in Getöse, zwischen Spiegeln, in einem Menschenbrodem. Wir tanzten, wir tanzten! Wir sprachen kein Wort miteinander. Der Kaspar war, die Toreroweise aus Carmen auf unwilligen Lippen und von einer Mannschaft gestützt, die der kalabresische Edelmann, Herr César-Marie Roux, anführte, nach einem Umzug im Saal, wobei alle sich vor ihm verneigt hatten, ebenfalls durch die Hintertür abgezogen. Agathe und ich tanzten. Wir allein tanzten noch, und wir tanzten, bis sowohl Herr Roux wie der angelsächsische Korse, die am Kamin die von Kaspar zurückgelassene Korbflasche mit Orvietowein geleert hatten, sich nicht nur weigerten, das Grammophon zu unserm alleinigen Vergnügen aufzuziehn, sondern auch gemeinsam auf das bestimmteste behaupteten, es wäre nun Zeit, die Gäste nicht länger durch Tanz und Musik in ihrem Schlummer zu stören. Auf der dunkeln Treppe huschte eine Gestalt an mir vorbei. Sie verweilte auf dem Treppenabsatz, ich herzklopfend einige Stufen unter ihr. Dann verschwand sie. Im Dunkel blieb ihr hergehauchtes: »Je vous aime« zurück wie ein Duft. Ich schlief schlecht. Einmal übte ich ganz allein auf dem Straßburger Kasernenhof den Paradeschritt. Auf der Bank bei der Wache saß der Rittmeister Stulpnagel und rauchte eine Zigarre. Er winkte Maria ab, die in stolzer Haltung mit der Schildwache verhandelte, ob es ihr nicht möglich wäre, mir eine wichtige Nachricht zu überbringen. Wie ich, immer im Stechschritt vor mich hinstampfend, die Augen zum Fenster meines Wachtmeisters erhob in der Hoffnung, er werde mir behilflich sein und Maria durch eine Hintertür einlassen, erblickte ich Doris. Ihr Kopf stand in einer unteren Ecke des Fensterausschnitts und schwankte zwischen Licht und Schatten, denn der Fensterausschnitt lag nur zur Hälfte in der Sonne – sie stickte, und als ich plötzlich, mit einem stechenden Schmerz in der Brust, stehnblieb, hob sie das Gesicht und nickte mir zu .. Ich sprang aus dem Bett und machte Licht. Es war kalt im Zimmer. Ich entzündete das Feuer im Kamin, was geraume Zeit in Anspruch nahm, setzte mich mit einem Buch hinzu und las. Aber ich konnte nicht ruhig sitzen, schlotternd ging ich im Zimmer spazieren und legte mich schließlich wieder ins Bett, um weiterzulesen. Endlich brach der Tag an, grau und kalt wie das Olivenland vor den Fenstern, über Orangenbäumen, deren Früchte sich im bereiften Laub verkrochen, in einer Stille wie nach dem letzten Atemzug eines Menschen, von nichts als dem ohnmächtigen Ticken des Leuchtturms am Horizont belebt. Da lief ich, auf bloßen Sohlen, unter denen der Gang und die Treppe knarrten, und ich tat es wohl nicht, doch hätte ich geglaubt: ich sang, so lief ich, ein Bote der Sonne, dem noch dumpf brausenden Meere entschlüpft, und ein großer Zug jubelnder Vögel geleitete mich ... Agathe saß aufrecht im Bett, das Gesicht mit einer einzigen dünnen Schicht Rosenrot gemalt – ach, es ruhte in seinem blonden Haar das Madonnenantlitz wie in einem Schrein! »Ich habe die ganze Nacht auf dich gewartet«, sagte sie. »Schau' mich nicht an, ich muß häßlich sein, und gar noch in diesem Licht ...« Sie hatte mich, wie mein Lauf plötzlich weglos vor ihr hielt, in ihre Arme gezogen, jetzt öffnete sie das Bett. »O wie bist du kalt, mein armer Liebling«, murmelte sie, zog die Decke über unsre Köpfe, grub mich in eine Wärme, die mich verschlang. Fand ich irgendwelche Worte? Ich weiß es nicht. Dies war der Urwald, wo große Lianen zwischen den Bäumen schaukeln und unsichtbare Tiere schweifen, und die Pflanzen, die man berührt, einen mit dem Geruch ihrer Säfte betäuben. Einmal hörte ich sie kichern: »Du Kind, du, ach, du Kind, hab' ich mir's doch gedacht!« Als sie das Grab öffnete und mich aufstehn hieß, war es lichter Tag. Ich eilte die Treppe hinauf und, plötzlich wie ein Dieb, an Marias Tür vorbei über den Gang. In meinem Zimmer wohnte säuberlich die Sonne, das weiße Leinen des Bettes blühte. Das aufgeschlagene Buch auf dem Nachttisch begrüßte mich. Ich warf den Schlafanzug ab und betrachtete mich im Spiegel des Kleiderschrankes – erstaunt, daß meine Gestalt dieselbe geblieben war nach meiner ersten Liebesnacht, erstaunt über mein blasses, schmerzlich verklärtes Gesicht. Und ich kniete nieder und sprach: »Nie wieder. Ich danke dir, Agathe, ich küsse dir die Füße. Nie wieder!« Mein Gewissen regte sich nicht. Ich bereute nicht. Freude durchströmte mich, ein lauer Atem. Die Fahrt auf dem Baou Als ich nach dem Frühstück an Marias Tür klopfte, trat sie, fertig zum Ausgehn, auf den Flur. »Guten Morgen, Claus«, sagte sie und blieb vor mir stehn. Langsam zog sie die Handschuhe an, kurze Handschuhe aus weißem, rauhem Leder. Ich sah zu, wie erst die eine Hand hineinschlüpfte, dann die andre: kleine reizende Tiere, mit denen ich unermüdlich hätte spielen mögen. Sie knöpfte die Handschuhe nicht zu. Dann hob sie den Kopf, und es fiel mir auf, wie breit eigentlich das zart gerundete Kinn auslud. »Hast du gut geschlafen?« fragte ich verlegen. »Kein Auge geschlossen. Und du?« »Ich auch nicht«, antwortete ich – und erschrak. Ihre großen Augen, die im halbdunkeln Flur unruhig geflammt hatten, standen mit einem harten Ausdruck, ja geradezu entsetzt auf mich gerichtet. Nein, nein, wollte ich ausrufen, so meinte ich es nicht! Ich wollte nicht frech sein! Überdies, fügte ich gleich hinzu: sie weiß ja nichts. Da verschleierte ein feuchter Glanz die Pupillen, ihre Augen waren nur noch ein einziges Schimmern, eine Wirrnis von Licht, das geheimnisvoll in der Finsternis umgeht, die weit in die Stirn gespannten Brauen fielen in kleinen Sprüngen herab. »Pulcinella!« flüsterte sie lächelnd und senkte den Kopf ... Im provencalischen Hof lagen Herren und Damen, Kinder und Katzen in der Sonne. Kein Blättchen rührte sich unter seinem Sonnenlack, die vielfarbigen Blumen der Majolikatöpfe und des Mäuerchens glühten wie im Feuer geblasenes Glas. Ich ergriff Marias Arm und schritt eilig durch das Tor; der Schatten des kunstvoll geschmiedeten Gasthausschildes zeichnete sich mit allen Feinheiten seiner Arabesken haarscharf im roten Sand ab. Vor uns trugen die Platanen des Marktplatzes mit riesiger Lust die Bürde des Lichts. Wir nahmen ein Schattenbad, kamen an der eingemauerten Kanone vorbei, unter dem Gewölbe des Stadttors lachte ich laut auf, nur um es tönen zu hören, und nun schritten wir auf den alten Wällen – durchleuchtet von Himmel und Meer und der weiten Luft zwischen ihnen, die aus beiden und einem Dritten gemacht war ... Was mochte nur dieses Dritte sein? Es floß mir durch die Finger, durch die Haare, ich schritt darauf. Ich lebte in einer namenlosen Ferne. »Maria,« sagte ich, »mir kommt es vor, als wandelte ich in ganz besonderen X-Strahlen. Und schau nur die Orangen und Mandarinen in den Gärten zu unsern Füßen, wir streifen sie wahrhaftig mit den Füßen, die schlangenglatten, fein geschnittenen Feigenbäume, die wuchtigen Maulbeerbäume, merkst du? denen geht das Licht auch durch und durch, nicht nur durch den Schatten, nein, durch Holz und Frucht. Weißt du auch, daß der Orangenbaum als einziger zugleich Frucht und Blüte trägt? Vielleicht hängt das mit meinen besonderen X-Strahlen zusammen? Jedenfalls gedeiht er ausschließlich in deren Bereich ... Übrigens, wenn ich jetzt so nachdenke, möchte ich gar nicht, daß er am Rhein und an der Breusch gediehe. Jedem das Seine! Was meinst du?« »Ich meine, daß du mir schon wieder untreu warst«, antwortete Maria scherzhaft. »Es geht Schlag um Schlag bei dir, wie beim Pendel einer Uhr. Jetzt zum Beispiel ging es von der Riviera zum Rhein, von Maria zu Doris.« »Du bist habgierig«, gab ich im selben Ton zurück. »Du möchtest alles allein haben. Ich schenke dir doch schon die Olivenbäume samt den besonderen X-Strahlen!« »Und in deren Bereich soll ich verbannt bleiben?« warf sie ein. »Auch ich war am Rhein! Ich war sogar an der Breusch ... vor jeder andern.« Ich setzte die Neckerei fort, indem ich Viviane, wie es sich gehörte, den Vortritt lassen wollte, aber Maria focht die Berechtigung des »Kindes Viviane« an, in diesem fraulichen Wettstreit vor dem Götterliebling Paris aufzutreten. Wobei Paris, betonte sie, sich gründlich täuschen würde, wenn er in seiner männlichen Eitelkeit etwa annähme, es ginge bei dem Wettbewerb um ihn, den Götterliebling. In Wirklichkeit war er nur der zufällige Anlaß für einige Damen, eine gewisse, ganz persönliche Angelegenheit unter sich auszutragen. »So sag' mir doch, mein Sonnenflirt,« rief ich aus, »du weißer Sturmvogel mit schwarzen Flügeln, sag' mir, Exzellenz, wie du dir vorstellst, daß ich dir die Treue halten soll!« Hastig antwortete sie: »Indem du mir nicht völlig mein Leben verdirbst.« Erst staunte ich, dachte angestrengt nach – und dann ... Es war ein seltsamer Zorn, der mich erfaßte, und der damit begann, daß ich ihre Handgelenke packen und mit Gewalt die Handschuhe abstreifen wollte, um meine Zähne in das Innere ihrer Hände zu wühlen, das weich gefurcht und zugleich fest war, ein Zorn voller Verlangen, Selbstvorwürfe und Anklagen, der ausgewachsene Bruder jenes Zornes, der mich bei der ersten Begegnung mit Maria im Gang des Schlafwagens angefallen hatte, der »Zorn auf Maria«, der jetzt alles enthielt, was seit damals unsre Lust und unser Leid gewesen war und, im Grund, unser ganzes Leben bleiben sollte, bis heute. Ja, bis heute – obwohl dies sein letzter Ausbruch war und wir in den folgenden Jahren völlig vergaßen, welch urmächtiger Streitfall unter unsern Umarmungen begraben lag. Ich vermochte kein Wort hervorzubringen, so übermannte mich die Wut, nur in meinen Gedanken raste ich los, und ich zwang meine Füße, mit den ihren Schritt zu halten, und zwang den Kopf, frei auf seinem Halswirbel zu federn, ich blickte um mich, ohne etwas zu sehn ... Du Gauklerin, dachte ich, die du mich immer nur gereizt hast, um dich an meinem hilflosen Kummer ebenso zu befriedigen wie an meinem Entzücken, herzlose Allgewandte, warum hast du mir nie mit einem einfachen, guten Wort geholfen? Du willst nur immer spielen, spielen, spielen! Ich liebe die Orangenblüten, die bei der Frucht stehn, nicht solche armen Zweiglein, wie gewisse kokette Mädchen sie in den Strumpf stecken, verstehst du? Ja, ich durchschaue dich, ich kenne dich – seit heute kenne ich dich genau! Jetzt weiß ich, was das ist, was die Leute Liebe nennen – eine schöne Sache, gewiß, aber siehst du? ich brauche mehr. Herz brauche ich, Herz, das ganze Herz! Man könnte es auch anders nennen, aber im Augenblick weiß ich keinen besseren Ausdruck. Herz also. Und du? Du hast nur Phantasie! Deine Phantasie füttert mich mit Hoffnungen und triumphiert auf meinen Enttäuschungen, wie ein Kannibale auf der Leiche des Erschlagenen. Was wagst du, dich mit Doris zu vergleichen, die Blüte, die mir unversehens in die halb geöffnete Hand fiel, du Equilibristin! Wo findet sich die Treue, die du meinst, wenn nicht auf dem Trapez? Weiß ich, woher du kommst, wenn du wie eine Geliebte vor mich hintrittst? Wohin gehst du, wenn du in einem gurrenden Lachen über mein enttäuschtes Gesicht verschwindest? Habe ich dich nicht mehr geliebt als Viviane, ja selbst als Donja? Ach, vielleicht, wenn ich um dich gekämpft hätte ... Ich war zu dumm, oder ich glaubte, man dürfe nicht um eine Frau kämpfen, die man wirklich liebte, eine solche Liebe, meinte ich, müßte wie ein heller Tag sein, der da ist, wie diese Bäume, diese Früchte, dieses Meer, um die ich auch nicht gekämpft habe ... Warst du jemals mein? Diese Orange da ist mein, die in ihrem dunkeln Laub leuchtet, prachtvoll verschwiegen, oder jene Rose, die erhobenen Hauptes in der Sonne steht, ohne zu taumeln ... Aber du?! ... Und doch war ich um dich still wie diese Luft um den Orangenbaum, war glühend über dir wie diese Sonne – oder nicht? War ich es am Ende nicht? Nein. Nein. Vielmehr war ich es, der dich bedrängte, der dich unterwerfen wollte, ein wahrer Barbar, schon damals im Schlafwagen, ich entsinne mich genau ... An deinen Zöpfen hätte ich dich ergreifen mögen, weil sie so schwarz glänzten, und dich mit mir fortführen als meine Sklavin – die Sklavin eines heimlichen Hohenstaufen, haha! Dafür hätte ich dich dann Herrin genannt, vom kriegerisch tänzelnden Pferd herab, im fröhlichen Wispern des Lorbeers, im Sausen der unsichtbaren Fahnen, auf meinem Triumphzug, ich Narr ... Und eines Tages hatten wir verspielt. So wird es wohl sein ... »Laß nur, Claus«, raunte da eine gleich wieder geliebte Stimme. Der Ton fuhr mir mit der Dringlichkeit einer Hand, von Marias Hand, an die nackte Brust, dorthin, wo das Herz schlug, und griff zu. Es war ein hoher, reiner Ton, wie ich ihn noch nie gehört zu haben meinte, ein Ton aus tief gebeugtem Haupt, der aus der Erde zu kommen schien, aber hell ... und von unergründlicher Kraft. Er löste allen Widerspruch in der Schöpfung, er löschte den Zweifel. Ich blieb stehn, legte den Arm um ihre Hüfte – »Laß nur, Claus«, und es kam nur als eine nachträgliche, recht eigentlich hilflose Erklärung, als sie, den Kopf zurückwerfend, nach einer Weile fortfuhr: »Wir wären ja doch kein gutes Ehepaar geworden!« Und plötzlich, in einem andern, hastigen Ton: »Aber, sag' warum ...« Da sie stockte, mißverstand ich die Frage und antwortete: »Weißt du, Maria, im Traum gefunden, im Traum verloren.« Ich spürte, wie etwas in ihr langsam anzog, aber sie bewegte sich nicht, blieb so an mich geschmiegt, nur die Augen loderten auf, bevor sie in einem wilden Entschluß erstarrten: »Nein«, sagte sie ruhig. »Nicht gefunden und also auch nicht verloren.« »Was dann?« fragte ich. »Maria, was dann?« Sie entzog sich mir, indem sie meine Hände in die ihren nahm und ein wenig zurücktrat. Lächelnd: »Ich wollte etwas anderes fragen.« »Was? Was? So sprich doch!« drängte ich, und zugleich schlug mir das Blut in den Kopf, denn ich erinnerte mich, wie die Arme Agathes sich mit großem Schwunge um mich geschlossen hatten, als ich an ihrem Bett angelangt war ... Da errötete auch Maria, und wir begannen gleichzeitig eiligen Schrittes weiterzugehn. Wir befanden uns jetzt auf der Vence zugekehrten Seite des Städtchens. Eine helle Landstraße blitzte dort oben aus den morgengrünen Gärten. Die Glocken des unsichtbaren Münsters surrten im Himmel. »Unmöglich«, rief sie lachend aus. »Ich brächte es nie und nimmer über mich«, und obwohl ich ihr nunmehr in jeder Weise zusetzte, gelang es mir nicht, in den Besitz dieses unbegreiflich aufregenden Geheimnisses zu gelangen. Wir tummelten uns unter dem Baum der Erkenntnis, nur soviel war mir klar, und über uns blitzte die Schlange. Herrlich! Mit eins hatte eine neue Musik eingesetzt, und sie bewegte nicht nur uns beide, sondern schlug in Baum und Stein – und machte sie sprechend. Auf Millionen weißer Flügel stürzte das Licht des blaugrauen Hochlandes von Vence auf uns herab – ich sprach die Hoffnung aus, daß Maria dort oben, wo es keinen Schatten mehr gab, um irgend etwas oder sich selbst darin zu verstecken, ihr Geheimnis entlassen müßte, »so wie man die Hand öffnet«, sagte ich und zeigte es ihr mit der Hand. Dabei ergriff ich die ihre, wir liefen den Wall hinunter, und das tat gut: als liefen wir mit allen Sinnen, nur die Augen geschlossen, durch uns hindurch, so tat es. »Gelobt sei unsere gute Mutter, die Sonne!« sang ich zu Bobs Zimmer hinauf. »Die Erde ist wohlauf und hängt an ihrer Brust.« Wir blickten mehrmals zurück, ob nicht L'Amico eigens zu unserer Freude in einem Fenster erscheine, der dunkelschöne Gott des Abends im anhebenden Mittag ... Wir sahn uns nach dem gewohnten Verbündeten um, wir suchten einen Zeugen des Tanzes, dem wir uns mit schweren, wie gelähmten Gliedern, doch immer stärker beflügelt überließen. Leider blieb die ersehnte Erscheinung aus, und auch das innere Bild zerstob bei den ersten Schritten auf der Landstraße, die uns nahm und mit zäher Gewalt hinaufhob, dem Himmel entgegen, in dem der unsichtbare Glockenschwarm wogte. Wir begegneten niemand. Zum erstenmal warb ich um eine Frau, listig und vor Übermut sinnlos. »Dein Geheimnis!« bettelte ich und drohte: »Es wäre ein Verdienst, wenn du es mir jetzt sagtest; droben verrät es die Sonne.« Sie warf den großen, schönen Mund in die Luft, den die Sonne wahrhaft küßte, er bebte unter ihrer senkrechten Berührung, und lachte: »Vielleicht!« Die Landstraße schwang und schlang sich um Felsen und kahle Hänge, höher, immer höher, Brücken mit niedrigen Mauern preßten sie über Abgründe, ausladend entlief sie der Gefahr. Wir atmeten Sonne, sprachen Sonne, vergingen und kamen wieder in ihr. Mit eins ruhte die Straße weich an einem Pinienwäldchen. In seinem Schatten küßten wir uns – flüchtig, immer wieder, ohne einander zu berühren, wortlos. Dann nahm sie ein grelles Geröllfeld im Sturm. Ich schrie wie ein Raubvogel, und Maria antwortete ebenso. Unter der hohen Stützmauer eines Orangengartens machte die Straße halt und schaute lange zurück auf das Meer. Der Glockenschwarm hatte sich in der Bläue aufgelöst. Ein dumpfes Sieden war um uns, sonst kein Laut. »Maria! Warum aber ... Warum aber bist du oder hast du – was?« In kühner Haltung stand sie vor mir, am Rande der seitlich ein wenig erhöhten Straße, am Rande des fernen Meers, sie nahm den Hut ab und schüttelte das Haar. »Pulcinella!« rief sie. Sie wirbelte den Hut. »Als ob du meinen Skalp schwängest«, sagte ich demütig. »Vielleicht tu' ich das auch«, rief sie und warf sich mit jubelnd erhobenen Armen an mich. Ich bat: »Sag' es mir doch!« »Warum willst du nicht warten, bis die Sonne es verrät? Wir sind ja gleich oben.« Die Gärten um Vence standen voller Evabäume, es blitzte im Laub. Wir betraten die Stadt, immer noch lachend, voll Sonne auch noch im Schatten der Gassen. »Komm,« befahl Maria, »mitten auf den Marktplatz! So. Jetzt mußt du es sehn.« Wir standen in der Mitte des großen, leeren Platzes, sie hielt die Arme mit geöffneten Händen ein wenig von sich ab, der Kopf lag auf dem Haarknoten im Nacken: »Nun?« fragte sie ernst. »Am Ende«, meinte ich, »ist es gar kein Geheimnis, sondern nur eine tolle Liebeserklärung?« Mit einem Ruck wandte sie sich ab, und während sie mit langsamer Gebärde den Hut überzog, spionierte ein ebenso langer Blick aus den Augenwinkeln zu mir herüber. »Gewiß doch!« bekräftigte ich. Mürrischen Gesichtes antwortete sie: »Vielleicht«, und wir schritten dem Hotel zu. Um unsere Verlegenheit zu zerstreuen, sprach ich: »Siehst du? Die Sonne hier oben! Hatte ich nicht recht?«, aber sie leugnete, daß ich recht gehabt hätte, und schlug ironischen Tones vor, zur weiteren Klärung der Angelegenheit durch die Sonne nach Tisch den Baou zu erklettern, was ich als unnötig ablehnte. Noch während des Essens, drohte ich, würde ich den von ihr angefangenen Satz richtig zu Ende führen. Das hatte zur Folge, daß sie bei der Suppe und auch noch beim Fisch die Unterhaltung mißtrauisch überwachte, und erst als ein mit getrüffelter Farce gefülltes Huhn sie an das gleiche Gericht erinnerte, das wir einmal gemeinsam mit Bob und Frau Camilla in Straßburg gegessen, vergaß die Kluge aufzupassen und vertraute sich begeistert unsern Erinnerungen an. Da, von der lebhaften Unterhaltung angetrieben, wagte ich die Überrumpelung und sprach unversehens in das Gespräch hinein: »Warum aber lieben wir uns nicht trotzdem, als ob –« »Claus!!« Sie hatte Messer und Gabel sinken lassen und versuchte, mich mit ihrem empörten Blick zu bändigen. »Maria?« fragte ich freundlich, und ich erhob das Haupt, bereit, die erstürmte Stellung nun auch kaltblütig zu überschreiten. Es sollte mir nicht gelingen. »Ich bitte dich, Claus!« sagte sie, während sie sich über den Tisch zu mir herüberbeugte, voll ernsten Vorwurfes, und als sie den Blick niederschlug und wieder in ihre frühere Haltung zurückkehrte, vollzog sich damit nichts Geringeres als ein anschaulicher kleiner Zusammenbruch. Sie saß sprachlos, blicklos, vernichtet ... Endlich aber führte sie das Weinglas zum Mund, netzte die Lippen und wandte den Kopf langsam nach rechts, wo ein älteres Paar still mit einem überaus blassen, schmalwangigen Mädchen speiste, dann, wie aus einer flüchtigen Ohnmacht erwachend, nach einem Tische links, der von lärmenden Amerikanern besetzt war. »Niemals habe ich das sagen wollen«, entfiel es ihren Lippen. Dabei schien sie die Champagnerflaschen auf jenem Tisch zu zählen. »Auch nicht dem Sinne nach?« fragte ich überlegen ... Statt zu antworten, griff sie zu ihrem Glas und trank mir mit einem wehmütigen Blick zu. Nun wußte ich es: ich hatte eine Dame schwer beleidigt, aber, siehe, ihrem alten Spielkameraden verzieh sie mehr, als erlaubt war. Ich lächelte spöttisch zurück, und ich wartete mit dem Trinken, und auch Maria wartete, bis ihr Mund, den ich dabei ansah, sich in den Winkeln zu kräuseln begann. »Ahnst du noch, was Auguren sind? Im Hotel Danieli habe ich es dir erzählt«, sagte ich. »Gewiß, Claus, und glaube mir, zu den allerschlauesten gehörst du gerade nicht.« Und der Ball, der zwischen uns hin und her flog, blitzte wieder wie der Wind im Laub der Evabäume. Als wir aber kurz hernach auf der Terrasse saßen, wo nur der Duft des Kaffees etwas wie Kühle in die Parfüms und die Körperwärme der Männer und Frauen streute und die Liebe gleich einer Flamme im hellen Mittag zwischen den Gruppen umhertanzte (wie Kinder schlugen oder griffen sie darnach), in dieser menschenschwülen Gemeinschaft und Gefangenschaft vor dem lichtwütigen Mittag, der das Olivenland unter uns beschlief, in dieser Licht- und Atemnot dachte ich an nichts mehr, als an das seraphische Morgengeläute des Domes von Vence, wie es hoch über uns im Himmel gehangen, und wie die Landstraße uns lautlos emporgezogen hatte, höher und höher, und daß, kaum, daß wir unter Menschen weilten, wieder alles verspielt und verloren sei und unserer Irrfahrt kein Ende. Meine Augen suchten die Kranken auf der Terrasse, und ich verweilte dienenden Herzens bei ihnen, ja, ich wünschte, ihresgleichen zu sein und einzig und allein unter ihnen zu leben – so, wie sie eben lebten, indem sie, ein wenig matt, doch mit einem heimlichen Jähzorn, ein wenig fiebrig und verantwortungslos, schnell noch nach dem Leben griffen, ihm allerhand abstahlen. Die Mondnachtvision von den Kranken in Vence, die ich in jener Stunde der Kassiopeia gehabt, umgab mich mit ihrem weißen Schauder. Und jetzt war Maria da! Hatte ihre Anwesenheit mich lebendiger gemacht? ... Auch Maria hatte geschwiegen. »Hundert!« sagte sie plötzlich, und als ich sie erstaunt ansah: »Hundert Orangen habe ich jetzt da unten gezählt. Nun, meine ich, ist unsre Zeit hier abgelaufen.« Wir brachen auf. Großer Gott, wie stark und klar verlief unser Heimweg um die abfallenden Olivenwälder, Steinterrassen, goldgrünen Haine und über die Klüfte an diesem Mittag! Das Städtchen Vence, das wir kreuz und quer durchforscht hatten, war der Vision unter der Kassiopeia sehr unähnlich gewesen, auch abgesehen davon, daß es jetzt nicht im Mondschein schwamm, sondern von einer mächtigen Sonne gezeichnet war. Es strotzte von Leben, und dieses Leben zeigte sich sogar recht rücksichtslos in manchen Gassen, wo die Haustüren aufstanden und nur die schmale Schwelle die Gasse von der Stube trennte. Wir sahen Menschen arbeiten, schlafen, zanken, lieben, in einer Schusterstube krähte, als wir vorbeigingen, ein Hahn. Nun schritten Maria und ich Hand in Hand die starke, standhafte Landstraße hinab, die uns so schön beieinander hielt, und ich dachte über den »kranken Punkt« in mir nach, jene morbide Schwäche, die mich zuweilen befiel und aller Lebenskraft beraubte, so daß ich mich nach Krankheit und Behütetsein sehnte, nach einem Liegestuhl am Rande des Todes, und, wenn ich wirklich einmal krank war, die Krankheit mit Wollust genoß. Darüber dachte ich nach, mit festen Schritten und Maria in einem tiefen, ruhigen Gefühl verbunden ... Wieder standen zu Seiten der Straße die Gärten voller Evabäume, doch in einer Stille, die hochgemute Gewißheit atmete, nicht das geringste Zittern war in ihnen, keine Heftigkeit des Lichts brach ihr Laub auf, versonnen hingen die reifen Orangen. Ich fühlte mich stark, ich fühlte mich froh. Mein Anfall von wehleidiger Schwäche war bald vergessen, nur ein Geschmack wie von abgestandenem Weihrauch lag mir noch auf der Zunge, o ich kannte ihn gut, die peinliche Erinnerung daran reichte bis in meine Kindheit zurück, oft hatte ich geglaubt, es sei der Geschmack Venedigs ... Und plötzlich kam mir eine Erleuchtung. Hatte ich nicht erst wieder angefangen, mit Sehnsucht an Maria zu denken, als ich in Köln auf dem Krankenlager gelegen, war nicht die lyrische Wehleidigkeit zuerst wieder unter dem geschwungenen M der Kassiopeia aufgebrochen? Und die Jahre unserer Freundschaft im Geiste zurückschreitend, fand ich jene Trauer überall wieder, wo Maria meinen Weg gekreuzt hatte. Die süßliche Wehmut der Schwäche, sie war der Geschmack meiner Liebe zu Maria, der Nachgeschmack ihrer spärlichen, heftigen Küsse! Von der sich neigenden Sonne umdonnert, blieb ich stehn, ich faßte Maria bei den Schultern und musterte sie: Augen, Mund, Stirne und Kinn, ich versuchte, in ihr zu lesen, doch alles: Augen, Mund, Stirne und Kinn, die edeln Schultern ... und die Hände, die sie fragend zu meinem Gesicht hob, alles stand so klar, so fest in der Welt, deutlicher, als irgend etwas, Baum, Felsen, Strauch, womit ich sie, wegblickend, verglich, und war mir so restlos vertraut, daß ich sie als die allergrößte Gewißheit mit Händen griff. Mitten auf der Straße umarmten wir uns, bis zum Taumel. Sie muß mein sein, schrie es in mir, das ist's , und ich wußte nicht, wollte ich damit eine Qual vernichten oder den Gipfel des Glücks erstürmen, wollte ich sie auslöschen und mich erhöhen, um »frei zu sein«, oder einfach nur meine süße Sklaverei gekrönt sehn. Aber eines ist gewiß: nicht an Maria dachte ich – nur an mich. Die Hände in ihre Schultern geschlagen, hielt ich sie von mir ab und sprach glühend in ihr offenes Gesicht: »Du mußt mein sein ... Je te veux.« Langsam, wie mit Anstrengung, schlug sie die Augen nieder, der große, weiche Mund zuckte, das Kinn hob sich ein wenig, sie schwankte, dann schlug ein Jubel durch ihren Körper, sie warf sich an mich. »Laß nur, Claus«, flüsterte sie. »Laß nur. Seit heute ist alles gut«, und Hand in Hand, die Augen voll Erdenglanz und Himmel, schritten wir weiter, die Straße klang unter unsern Tritten, und das war der einzige Laut, der in der Sonne zu hören war ...   Im Hotel angelangt, übergab man uns einen Brief Bobs, der mitteilte, daß Frau Camilla komme und er es aus verschiedenen Gründen vorziehe, mit ihr in Cap d'Antibes zu wohnen; er war schon vormittags abgereist. »Weißt du was?« sagte Maria ruhig. »Wir lassen gleich packen und fahren auch hinunter.« »Schau mich, bitte, mal an«, gab ich nach einer Pause des Staunens, der Verlegenheit zurück, und das war dumm von mir, denn als sie entschlossen das Kinn hob, konnte sie mit aller Muße beobachten, wie ich gerade bis in die Augen errötete. Ich hatte mich gefragt, ob sie nicht doch am Ende meinen nächtlichen Spaziergang belauscht hätte, und nun erinnerte ich mich mit eins, daß ich ihr während der zwei Minuten, die sie gestern nach der Rückkehr von Monte Carlo hier im Saal verweilt war, »eine hübsche Frau« gezeigt hatte, nämlich die Hirschkuh, die auch Agathe hieß, wenn man es wissen wollte ... »Darum?« fragte ich von ungefähr. »Ja, darum«, erwiderte sie festen Blickes. »Du machst dir unnötigerweise Sorgen.« »Ich mache mir keine Sorgen. Ich bleibe nur keine Stunde länger in diesem Hotel. Und ich bitte dich, Claus, mich nach Cap d'Antibes zu begleiten.« »Unter die durchdringenden Augen deiner Mutter?« »Warum nicht?« fragte sie arglos. »Haben wir etwas zu verbergen?« »Zum Donnerwetter, nein!« rief ich aus und eilte zum Telephon, um die alte Marchesa zu bitten, uns ihren Wagen zu schicken. Er ließ nicht lange auf sich warten. Als wir eine Stunde später, vom kalabresischen Räuberlein mit tiefgesenktem Hut betrauert, den Hof durchschritten, lag Agathe, weich von der Sonne gegossen, in einem Lehnstuhl. Ich glaubte ein leises Beben unter den geschlossenen Lidern zu bemerken und grüßte, wobei ich die Hand ans Herz führte. Sie lächelte reglos, ohne die Augen zu öffnen. Das Hotel stand dicht am Meer, auf der Spitze der Halbinsel. In windigen Nächten war es vom Brausen des Wassers erfüllt, und auch wenn Wind und Wellenschlag sich gelegt hatten, sauste es bis zum Morgen gleich einer großen Muschel. Auf einer Landzunge hinter dem Hotel aber blühte ein einzigartiger Garten. Ein spleeniger Franzose hatte ihn vor vielen Jahren bauen lassen, zugleich mit einer Moschee als Villa und seinem eigenen Marmorgrab. Dieses hatte er früher bezogen als das Haus, dessen innere Einrichtung nie beendet worden war, denn die Erben kümmerten sich nicht um das Paradies eines toten Narren, und der Garten durfte ungehemmt verwildern. Als Maria und ich ihn zum erstenmal betraten, drangen wir nur zögernd, mit weit geöffneten Augen vorwärts, wie man in einem alten, feierlich schönen Münster geht. Der gelbe Ginster blühte massenhaft in großen Büschen, überall reckten sich ganze Lanzenbündel von Aloeblüten aus ihrem Buschwerk, karminrot, rosa angehaucht. In einem klarblauen Tümpel wie ihrem eigenen Duft und Schweiß standen Fackellilien und schossen die Kolben ihrer Purpurblüten in die Sonne, die Felsen waren mit Kakteen übersät. Alle möglichen Arten von Palmen und Schirmpinien standen leicht über den Garten verteilt, so war dafür gesorgt, daß sie sich als Vasallen benahmen und der Sonne den »großen Zutritt« ließen. Am Strand, zwischen den Kieseln, blühten Krokusse. Eine Heine Bucht öffnete sich in der zerklüfteten Riesenmauer der Muschelkalkfelsen, und darin spielten zwei nackte Knaben. Entzückt blieben wir stehn ... Der Küste felsengewaltiges Wehr Macht sich ganz klein und rund: Zwei Kinder spielen mit dem Meer Wie mit einem großen Hund. Die Sonne in ihrem weißglühenden Schuh Stellt als ihre Amme sich dazu. Es war mir nicht bewußt, ein Gedicht gemacht zu haben, als ich, leicht mit den Worten kämpfend, dieses langsam drei-, viermal und immer deutlicher vor mich hingesprochen hatte ... Inzwischen begrüßte Maria die Kinder, ließ sich von ihnen einen Strauß Krokusse pflücken und beschenkte sie. Von den Rufen der Kinder angelockt, tauchte hinter einem Felsen der Bucht ein alter Fischer auf, Hosen und Hemdärmel aufgekrempelt; er winkte uns großartig zu. Dann setzte er mit auffallender Sorgfalt in seinen Bewegungen die Arbeit fort, wobei er die ganze Anmut eines bejahrten, aber rüstigen Südländers entwickelte. Und da er uns also ein Schauspiel gab, verbeugten wir uns lachend und machten es uns auf einem Felsvorsprung bequem. Er fing Seeigel, stachelige Kugeln, die einen braun und noch dunkler, die andern lila. Mit langen Stangen stöberte er im felsigen Boden und löste die Tiere, die sich mit den Stacheln zwischen den Steinen festklammern, mit dem Messer los. Winzige Schaltiere warf er uns herüber, die wir kosten mußten – sie schmeckten besser als Austern. Krabben, Muscheltiere folgten, nicht größer als die Spitze des kleinen Fingers. »Kein richtiger Fischfang,« erklärte er, als er schließlich zu uns trat (das dunkelbraune, bärtige Haupt leuchtete vor uns, aus dem Ausschnitt des roten Hemdes quollen weiße Zotteln), »aber die rechte Arbeit für Alte wie mich.« Darauf entleerte er einen Sack, der neben den Kindern gelegen hatte, und zeigte uns Polypen, Tiere von der Größe eines Teetisches, ein formgewordener Schleim, über dessen Kraft wir uns wunderten, manche weißlichgrau, andre mit dunkleren und rosa Flecken, die Saugnäpfchen wie Backenzähne, wieder andre braunrot, aufglühend im Licht. Der Fischer tötete einen solchen Kopffüßer mit einem Messerstich »neben das Auge«, aber Maria und ich konnten uns in dem komplizierten Organismus nicht zurechtfinden, wir sahn viele Augen, und was das Auge war, hätte geradeso gut etwas andres sein können ... Gleich machte das Tier schlapp. Es öffnete sich wie eine große Blume, die Fangarme glichen langen Blättern – eine Blume, würdig der tollen Sonne! Nachdem wir eine Weile geplaudert hatten, entrollte er Hosen und Hemdsärmel, strich sie sorgfältig glatt und lud »uns und die ganze Familie« zum Essen ein: zum Essen mitten im Wildgarten, unter der Sonne. Es stellte sich heraus, daß er mit seinen beiden Söhnen seit zwanzig Jahren in der Moschee wohnte, ohne Zins zu bezahlen, ohne die Besitzer je gesehn oder von ihnen gehört zu haben, es war sein Reich hier, niemand bestritt ihm die Herrschaft. Als er in edlem Stolz die Arme in die Luft warf, klirrten die geweihten Medaillen auf seiner Brust. »Ich habe auch eine Tochter«, sagte er, und nach einer Pause, die Augen aufreißend: »Giulietta Var!« Sein Arm deutete groß nach Nordosten, in den Himmel, in die Richtung St. Pauls. »Der Schwede Kaspar,« fügte er hinzu, während er bescheiden die Augen niederschlug und die Stimme senkte, »der Schwede Kaspar hat mich als ägyptischen König gemalt.« Das Gartenessen wurde für den nächsten Sonntag verabredet. Wir hatten uns schon einige Schritte entfernt, als er uns anrief und, die Hände in den Hosentaschen, schlendernden Ganges nachkam. Seine Haltung drückte sündhafte Vertraulichkeit aus. »Wenn Sie erlauben, sagte er, »will ich Ihnen unser Felsenbad zeigen. Ein Geheimnis. Ich wäre glücklich, es Ihnen zu schenken. Solange Sie hier wohnen, soll es Ihnen allein gehören. Wir bestiegen einen Nachen, der in der kleinen Bucht hinter einem Felsen versteckt an der Kette gelegen hatte, der Alte ruderte uns ins Meer hinaus, um die dünne Spitze der Halbinsel und dann geradeswegs auf ein gewaltiges Gebilde aus Muschelkalk los, das sich wie eine steinerne Orgel aus der niedrigeren Küste erhob. Das Wasser davor lag fast reglos, was daher rührte, daß sich eine Schicht glatter Felsen, allmählich abfallend, unter dem Wasser bis weit ins Meer erstreckte. Nachdem wir seitlich der Brandung gefolgt waren, landeten wir auf einer breiten Terrasse, die sich am Fuß der Steinorgel entlang zog und gegen das Massiv hin mit einer Reihe von je zwei zusammenstehenden Säulen abschloß. Das Meer hatte sie aus der Felsenmasse gehauen, sie geglättet und mit zahllosen Arabesken geschmückt. Während wir auf der glatten, sonnigen Terrasse an ihnen entlang gingen, bemerkten wir, daß die Säulenpaare ebensoviel Eingänge in graugrüne Höhlen bildeten, in deren Hintergrund hie und da weißes Sonnenlicht platzte. Die Steinorgel erwies sich als von beträchtlicher Tiefe, sie war vom Land aus unzugänglich, viele der Höhlen aber öffneten geräumige Licht- und Luftschächte in den Himmel, und an diesen Stellen wuchs auf dem Boden ein dichtes, grünes Moos, das mit winzigen weißen Sternen bedeckt war. Herrlich! Der Fischer ruderte zurück, übergab uns den Schlüssel des Vorlegeschlosses, und nachdem er wie ein ägyptischer König gegrüßt hatte, der Tochter und Schwiegersohn in die üppigen Gefilde der ihnen verliehenen Provinz entläßt, beeilten wir uns lachend, das dünne Kap zu umschiffen und von unsrer neuen Residenz Besitz zu ergreifen. Wir entkleideten uns, ohne einander anzusehn, und liefen gleichzeitig so schnell wie möglich die Steinböschung ins Meer hinunter. Als wir den Boden unter den Füßen verloren hatten, schwammen wir aufeinander zu und küßten uns. Wir versuchten auch zu tauchen und uns unterm Wasser zu küssen. Nach vieler Mühe gelang es. Da waren wir aber auch schon erschöpft, und wir legten uns, eine Armlänge voneinander entfernt, auf die Terrasse, um zu trocknen. Maria hatte ihr Haar gelöst und es in Form eines großen schwarzen Fächers über den warmen Stein gebreitet – in der Mitte lag das blasse Gesicht mit den geschlossenen Augen, darüber die Brauen, die ein wenig zu schwarz, mit den Lippen, die ein wenig zu rot waren, und so erinnerte sie an eine große, fleischige Blume, Geschöpf und Opfer dieser Sonne ... Fortan verbrachten wir die halben Tage auf der Terrasse und in den Gewölben der Steinorgel; wir wurden rot wie Indianer und mußten uns viel salben, bis unsre Körper die edle Farbe der Nubier annahmen. In der übrigen Zeit fuhren und wanderten wir durch das Land, rund um den Baou, bis an die Alpen, von einem Ende der Riviera zum andern. Nur den Baou hatten wir noch immer nicht bestiegen, und zwar aus dem einzigen Grund, weil angeblich die Fahne noch nicht fertig war, die wir dort oben hissen wollten, und zu der Maria einen weißen, mit Flittersilber bestickten Venezianerschal herrichtete, den sie bei unserm ersten Aufenthalt in jener Stadt gelegentlich getragen hatte. Was inzwischen die andern um uns trieben, das geschah in einer Welt, in der wir nur besuchsweise auftauchten. So wurden in Nizza die Ausstellungen Kaspars und Lord Berricks an ein und demselben Tag eröffnet und beide vom Prinzen Albert in Begleitung des Prinzen von Wight besucht. Dem Prinzen von Wight gefiel das Bildnis Madams als Kleopatra (mit der goldenen Schlange und dem chinesischen Sklaven) über die Maßen, er bedauerte wiederholt, daß es nicht käuflich sei. Darauf wollte der Künstler ihm Giulietta vorstellen, was aber auf Veranlassung der anwesenden Lady Isabel durch den Adjutanten Seiner Hoheit im allerletzten Augenblick verhindert wurde. Madam mußte in die Ecke zurücktreten, aus der sie schon mit dem Schritt der Siegesgöttin gerückt war, und Kaspar, der sofort den Ausstellungsraum verließ, konnte sich nicht enthalten, dem vor der Tür wartenden Ingels (sprich: Ingols) seine abfällige Meinung über die Lady ins Gesicht zu schleudern. Da traten die hohen Herrschaften auf die Straße und wurden Zeugen, wie Ingels den Künstler mit einem kurzen Faustschlag aus dem Weg räumte; zwei Geheimpolizisten fingen ihn auf und führten den vor Rachedurst Verzweifelten um die Ecke in eine Nebenstraße. Als hinter ihnen die Autos tuteten, ließen sie ihn frei ... In Lord Berricks Ausstellung hingegen kaufte Prinz Albert die »Diana« und ließ die anwesende Peggy durch Missis Perkins nach Beaulieu einladen, in der freudig ausgesprochenen Hoffnung, ihr dort wieder und nicht gar so kurz zu begegnen. (Und dort ist sie auch geblieben, bis sie Herzogin von Wight wurde.) Am selben Abend war dieser traurige Sachverhalt in St. Paul verbreitet ... Maria und ich fuhren oft in der Frühe nach Nizza. Hatte der Blumenmarkt uns enttäuscht, so waren wir dafür vom Fischmarkt geradezu überwältigt, und wir versäumten es nie, ihn aufzusuchen, gab es doch auf den Tischen der Händler wahre Wunder an zartester Farbe und kostbarer Zeichnung zu bestaunen. Darauf wogten wir in der weißgekleideten Menge der Spaziergänger, schaukelten auf der Heiterkeit des schönen Vormittags ... Wir aßen in einem Hotel des Quai du Midi und fuhren in unser Bad. Dieses Hotel war hauptsächlich von Engländern besucht, und hier, im Speisezimmer und in den Salons, ging mir allmählich die Bedeutung Lady Isabels, der Führerin, auf. Sie war in der Tat eine Revolutionärin! Angesichts der englischen Herren und Damen, die feierlich wie ungeölte Maschinen beisammenhockten, in einem gequälten Winkel voreinander standen und, genau nach der Uhr, dieselbe Plattitude von Leben täglich von neuem begingen, Höhlenmenschen, Maulwürfe, die merkwürdigerweise die freie Luft liebten und Sport trieben, sehnte ich mich heftig, daß die mit dem Leoparden wandelnde Lady hier einbräche und den Philistern einen panischen Schrecken einjagte, ach ja, mit Wort und Gebärde, mit jedem Wort, mit jeder Gebärde, mit jedem Blick ... Einmal kam sie auch – in Begleitung ihrer Freundin, der deutschen Dichterin Aggie Ruf, einer langgliedrigen, eckigen, jungen Dame, die angstvolle Blicke um sich warf und viele Brotscheiben verkrümelte. Jedoch sie kümmerte sich gar nicht um die Philister, und als sie uns nachher im Salon begrüßte und ihrer tief errötenden Freundin vorstellte, war sie von einer ganz großen, vollendet schönen Einfachheit. »So hat sie uns alle in ihrem Hause als Philister behandelt?« sagte ich auf der Heimfahrt zu Maria. »Oder sie hat geglaubt, uns gleich politisch bearbeiten zu müssen, je stärker, um so besser? Eine nette Art, für ihre Ideen Propaganda zu machen!« Maria vermutete, wohl mit Recht, sie sei einfach schlechter Laune gewesen (Politiker: die launenhaftesten Menschen der Welt!), oder aber es sei vielleicht ihre Art, gleich ihre dickste Visitenkarte abzugeben. Die Wahrheit zu sagen, habe ich das Wesen Lady Isabel Berricks niemals klar erkannt, obwohl ich später noch oft genug von ihr gehört habe. Alle Welt stellt ihr das Zeugnis aus, daß sie wahrhaft eine Vorläuferin, Führerin, ein society leader eigenen Stils gewesen, eine Art Marathonläufer, der in der englischen Gesellschaft der Jahrhundertwende erschien, um einen Sieg auszurufen, von dem die verschlafene Welt noch nichts gewußt hatte. Der Lord sagte mir einmal: »Ich halte nicht viel von der Politik und mag sie auch nicht. Aber ich liebe meine Frau und schätze sie hoch.« Zweifellos gehören bei einer führenden Frau die Manieren noch in viel höherem Maße zur Politik als bei einem Mann, und sicher ist, daß die Lady die Philister verachtete und die Snobs nicht zu fürchten brauchte. Je schlechter sie diese behandelte, um so begeisterter folgten sie ihr, jene hielt sie sich durch ihren Rang und ihre Wildheit vom Leibe. Um so komischer will es mich dünken, daß sie nach ihrem Tode gerade der Abgott der liberalen und sozialen Spießer geworden ist und ihr »Charakterbild« nicht um einen Millimeter »in der Geschichte schwankt«. An diesem Tage, im Hotel am Quai du Midi, habe ich sie zum letztenmal gesehn ... Maria und ich kehrten im Segelboot nach Antibes zurück. Wir blieben die ganze Nacht im Wildgarten, bis die große, dünne Scheibe des Vollmonds aus dem Himmel fortgenommen war. Wir konnten uns nicht voneinander trennen und sagten es uns immer wieder. Während Maria, die dicht neben mir unter einer Schirmpinie lag, von Rom, Verwandten, Bekannten erzählte, von Bob und Camilla, die jetzt, wo sie sich zum erstenmal seit jener Unglücksnacht wiedergesehn, so glücklich miteinander lebten, verfolgte ich den zunehmenden Schatten einer Zypresse, die unter uns im vollen Mondschein stand. Ich dachte an die Wiesen um Breuschheim, auf denen jetzt ein Mondscheinnebel schwamm, während die Vogesen säuberlich ausgeschnitten und flach gegen den dunkelvioletten Himmel lehnten, an den Rhein zwischen seinen Pappeln, von denen jede einen Stern trug, und ich reiste auf ihm zu Tal – eine rasche Reise, schon war ich in Köln. Ob Doris und Pia im grünen Zimmer mit Arno Steinberg musizierten? Nein, dazu war es wohl zu spät – ich hob ein wenig den Kopf: der Schatten meiner Zypresse begann sich an seiner Spitze, wo er einen Felsen berührte, zu krümmen. Wieder war mindestens eine Stunde vergangen. Das Kiepersche Haus lag im Schatten seines Gartens verankert, durch die Gitter des Parktors leuchtete das weiße Mondmeer ... Die Sprache meiner Gedanken war nicht mehr dieselbe, die ich den ganzen Tag und die halbe Nacht gesprochen hatte, nicht deutlich, nicht behend, nicht mehr den Dingen entnommen, so daß man die Maserung noch erkennen konnte, ihren Klang und den Geruch. Nur Maria sprach sie noch ... In rascher Folge wischte das Licht des Leuchtturms über den Mondschein. »Maria, willst du mal zuhören?« fragte ich endlich. »Gern, Claus, gern!« Sie wußte schon, was kommen sollte, und dann sprach sie mir die Sätze des Gedichtes nach, und als es fertig war, begannen wir von vorn und lernten es zusammen auswendig. Antibes! Hängende Gärten ohne Zahl Und weiße Vögel die Villen, auf Pinien – Millionen Blumen tragen des Mondes Mal. Der See entsteigen in melodischen Linien Geliebte, Freunde deiner heimlichen Wahl, Sie kommen und gehn – wie waren sie dein! Du nahmst sie, verlorst sie – wie bliebst du allein, Gebadet in der Sterne entzückendem Wein! Ach fühl': wirst du nicht hold besessen Vom Schönsten, was dir fern und fremd? Die Lust – kein Sterblicher kann sie ermessen! Du ruhst im Hochzeits- und Totenhemd, Stumm bei der Monduhr der Zypressen. Ich habe weder vor, noch nach dieser Zeit in Cap d'Antibes jemals Gedichte gemacht und trotz meines Bemühens, recht scharf aufzupassen, wenn solch ein weißer Hase sein Ohr herausstreckte, es alles in allem nur auf ein Dutzend gebracht. Sie waren für Doris! Die Musik, die sie veranlaßte, kam von ihr, und mein Kommentar über die zwei, drei hohen Geigentöne, die aus dem Norden bis zu mir gedrungen, ging mit der nächsten Post an sie ab ... Erst als wir das Gedicht gut auswendig konnten, wandten wir uns wieder das Gesicht zu und ließen unsre eigene, katzenhafte Sprache sich rollen, sich sonnen, in den Mond blinzeln und springen, wie sie es gewohnt war. Später holten wir im Hotel Mäntel und Decken und streckten uns zum Schlaf unter der Schirmpinie aus. Wir konnten uns nicht trennen. Bei Morgengrauen schlichen wir uns in unsre Zimmer, badeten und gingen in den Nelkenhäusern spazieren, wo die Gärtner bereits an der Arbeit waren und den Blumen aus großen Handspritzen ihr Morgenbad verabreichten. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  Maria wurde mein. Es war ebenso einfach wie damals, als sie eines Nachts zu mir kleinem Jungen gekommen war, weil Boris mit durchschossener Stirn in Donjas Zimmer lag und sie sich fürchtete, allein zu sein: es rieselte in den Wänden des Totenhauses, und die Stille war zu tief für ihr jagendes Herz. Eines Abends trat ich in ihr Schlafzimmer. Sie stand im Nachtkleid vor dem Spiegel, im Begriff, das Haar für die Nacht zu ordnen. Die Türklinke in der Hand blieb ich stehn. Sie wandte den Kopf, ohne die Stellung der Hände, die das Haar gefaßt hielten, zu verändern. Ihre Lippen bewegten sich, aber ich verstand nichts. Ich ging einen Schritt auf sie zu, da schüttelte sie den Kopf, daß der angefangene Zopf auseinander flog, und lief mir in die Arme. Und seltsam: als sie aus meinen Armen gesunken war und reglos neben mir lag, hörte ich jene Stille wieder, in die damals alle Stille der Welt geströmt war. Erschrocken fuhr ich auf: blanke Mondglut lag auf dem Meer. Sie blendete. Einen Augenblick glaubte ich, es sei das Mondsilber der venezianischen Lagune, ich vernahm die mörderische Stimme der Fürstin. Dann aber schwirrte Donjas Lachen über mich hin – in einem dunkelroten Kleid mit, Silberstickerei schwebte sie auf einer Morgenwolke. Marias Arme legten sich kühl um meinen Hals.   »Mio Dio – es ist geschehn!« rief die alte Marchesa aus, als wir, korrekt wie immer, an den Frühstückstisch traten. »Schauen Sie nur, Camilla, sie tragen beide einen Heiligenschein.« Maria überhörte die Bemerkung, sie saß aufrecht und blickte zerstreut ins Frühstückszimmer. Ich hatte sie noch nie so erwachsen gesehn! Indes zog ich eine gelbe, blutrot geäderte Rose aus dem Knopfloch, die ich eben in der Halle gekauft hatte, die Hand der Marchesa lag neben mir auf dem Tisch, ich beugte mich tief und küßte sie, dann überreichte ich der Marchesa die Rose. »Danke«, sagte sie. »Ich lasse sie pressen und in ein Beutelchen einnähen. Es soll gut sein gegen Migräne, und ich glaube auch gegen Gliederreißen. Da kommt der Strata, er kaut schon wieder an seinem Ehrgeiz. Sie wandte sich zu ihrem Sohn: »Bob, du darfst ihn unter keinen Umständen ohrfeigen, selbst wenn er zu Camilla frech wird. Der Schuster wünscht nämlich nichts andres. Er möchte aus dem politischen Teil der Zeitung, den doch nur seinesgleichen liest, in die gesellschaftliche Rubrik springen; die Lackschuhe, siehst du, hat er schon an.« »Nun, Bonaparte Strata, wie haben Sie geruht zu schlafen?« begrüßte sie ihn mit einem gewinnenden Ruck des immer noch hübschen Köpfchens. Wie fühlen Sie sich in diesem immens schicken Hotel?« Der Abgeordnete Strata neigte bitteren Lächelns den Zäsarenkopf und rollte die Augen nach den Nebentischen, von wo man mit unverhohlener Geringschätzung auf ihn herüberblickte. »Ja, jetzt kommen Sie an die Reihe, wie Ihr stiller Gönner, der Lord Berrick, so gern prophezeit«, fuhr die Marchesa fort. »Marquis Capponi«, sagte er leise, während er eine Zeitung neben sich legte. »Unsere Papiere steigen.« Bob, der im Arbeiterfänger von Mailand »ein Finanzgenie« entdeckt hatte, spielte mit ihm an der Börse. Er warf Camilla einen ironischen Blick zu. Diese aber wußte gar nicht, daß sie mit offener Bewunderung an dem mürrisch-selbstzufriedenen Gesicht des Agitators hing; es war so blaß, daß man erschrak, wenn die Lider während des Gesprächs die schweren, gelbschwarzen Augen einmal zudeckten. »In zehn, fünfzehn Jahren, Marchesa,« sprach er, »werden Sie vielleicht meine Visitenkarte brauchen, um aus Rom zu fliehen.« »Das genügt mir, Signor, ich habe nicht die geringste Lust, irgendeine Revolution mit meiner Anwesenheit zu beehren, nicht einmal die italienische. Was aber wird dann aus der Börse?« »Dieser Spaß, Marchesa, wird von selbst aufhören.« »Bis dahin also können wir ein schönes Stück Geld verdient haben, Sie und ich«, meinte Bob beschwichtigend. »Möglich. Jedenfalls wird es mir auch der reinste Adel nicht verübeln, wenn ich mich gelegentlich ebenso tief nach dem schmutzigen Geld bücke wie er selbst. Um so mehr, als ich es viel besser verwende als irgend jemand in diesem Saal.« Langsam ließ er einen drohenden Blick über die Nebentische schweifen – ich habe bei keinem andern Menschen solche rollenden Augen gesehn, sie rollten mit einem gewissen Donner, es lag ein elementares Grollen darin. Er war kein Politiker, sondern ein Soldat und ging mit gesellschaftlich Übergeordneten um wie mit Vorgesetzten, die er in der Laufbahn bald überholt haben würde ... Eine halbe Stunde später fuhren Maria und ich an den Fuß des Baou , um auf ihm die Fahne zu hissen, »die Siegesfahne des Schönen und Guten«, zitierte Maria den Schweden. Wir mußten den Felsen auf einem großen Umweg erklettern. Dabei erzählte sie mir, daß sie schon beim Gang mit Kaspar und den Damen Berrick über das Hochland beschlossen habe, das Heldenstück aus eigenem zu vollbringen, und gleich sei ihr als geeignetes Tuch der venezianische Schal in den Sinn gekommen. Aus alter Anhänglichkeit hatte sie ihn eingepackt. Er, er allein sollte auf dem Baou flattern – wenn der Tag gekommen wäre ... Sie hatte den Kopf nach mir umgewandt. Aus den langen Augenwinkeln blitzte es. Ich lachte. »Der heutige Tag, Claus!« rief sie ernst. »Was gibt es denn da zu lachen?« Sie drehte sich auf dem steinigen Pfad vorsichtig um. »Ich bewundere dich«, sprach ich zu ihr hinauf. »Das kannst du ruhig tun – aber warum lachst du?« »Aus Freude, Maria, aus lauter Freude! Wir werden ein Sonnenbad nehmen, dort oben!« Unwirsch kehrte sie sich ab, und wir kletterten schweigend weiter. Mein Lachen aber blieb mir im Gesicht geschrieben, viel Schweiß rann darüber, ohne es abzuwaschen – o du herrliche Welt! Auf dem Felsen angelangt, packte ich das Tuch aus, und Maria nähte es an das Drahtseil. »Wird denn das schwere Tuch nicht reißen?« fragte ich. »Nicht so schnell! Ich habe es auf dem Dach des Hotels ausprobiert. An der Fahnenstange, verstehst du. Da lacht er schon wieder! Die Fahnenstange unsres Hotels befindet sich doch auf dem Dach, du Dummer.« Als das Tuch mit dem Drahtzug vernäht war, bestand ich darauf, daß wir uns entkleideten, um die feierliche Handlung des Hissens vorzunehmen. Es müßte im schönsten Festgewand geschehn, erklärte ich, so wäre es allgemein üblich, sowohl in Republiken wie in Königreichen, und wir könnten unmöglich schöner sein als in unsrer nackten, nubischen Pracht. Dann zogen wir zu zweit die Fahne hoch, Maria einen Zug, ich einen Zug, und zuletzt mußten wir uns beide an den Draht hängen, um die Fahne bis an die Spitze der Stange hochzubringen. Denn wir hatten es mit dem Winde zu tun! Eifersüchtig zerrte und riß er an dem weißen Seidentuch, das in Wirbeln und Feuerbündeln aus seinem Silberflitter sprühte. Endlich waren wir fertig. Maria rieb umständlich die Hände an meinen Schultern, bis sie plötzlich mit einem Freudenruf zu einem Büschel Thymian lief, der lila zwischen zwei Steinen blühte. Sie streckte sich flach auf den Boden aus und schnupperte abwechselnd an der Pflanze und an ihren Händen, zwischen denen sie sorgsam einzelne Blüten zerdrückte. Endlich schien der Akkord zu stimmen, sie reichte sie mir, die Hände, und wir nahmen die Fahnenstange in die Mitte und umtanzten sie. »Frère Jacques,« sangen wir, »Frère Jacques, dormez-vous, dormez-vous? Sonnez les matines, sonnez les matines!« – ein völlig unangebrachtes Kinderlied, das sich weder mit unseren Tanzschritten, noch mit den Winden des Baou, noch mit der schon beträchtlich hohen Sonne vertrug und auch bald in einem gemeinsamen Gelächter von Maria und mir in die Sprünge ging ... Allmählich begann der Felsen trotz des kühlen Windes unter uns zu glühn. Wir brachen auf. Doch bevor wir den Abstieg antraten, schauten wir noch einmal mit weiten Augen um uns. Ich lehnte gegen die zitternde Fahnenstange und hielt meine Geliebte im Arm. Ihre Hand lag leicht an meiner Hüfte. Über uns im Himmel knatterte und rauschte die Fahne ihrer Wahl, wand sich mit Seufzern und Aufschreien der Lust, in einem ständigen, großen, weißen, überschießenden Blitz. Inbrünstig jubelte sie über dem seligen Land. Zwischen schneebedeckten Alpen und dem Meer spiegelte es in seinen Lebensfarben diesen Himmel, dem wir so nahe waren, wir kannten alle großen Straßen und viele seiner kleinen Wege, viele seiner Gärten, alle weißen Städte am Meer, manches Dorf auch inmitten seiner hängenden Orangen- und Rosengärten, viele der Pfade, die zwischen den Tausenden von kleinen Terrassen herumkletterten. »Danke!« schrie ich in den Wind und die Sonne. »Danke! Danke! Danke! Mein ganzes Leben will ich danken, mein Leben lang danken!« Ich sang es. Und Maria sang es mit mir.   »Nun, Claus, was sagen Sie zu Ihrem Bruder Ernst?« »Was sollte ich wohl sagen, Marchesa?« »Soso. Hat Ihnen Maria nichts erzählt?« »Nein, Marchesa, Maria hat mir nichts erzählt.« »Es scheint, Ihr Bruder ist gar nicht Ihr Bruder, kaum Ihr Neffe! Als zweijährige Waise haben Ihre guten Eltern ihn an Kindesstatt angenommen. Sie waren noch gar nicht auf der Welt, Claus. Ja, geht denn so was im Elsaß, ich meine: gesetzlich?« »Mama, das hättest du für dich behalten können.« »Warum? Der Junge soll das wissen. Er soll seinen großen Bruder kennen. Ich möchte nur wissen, ob das im Elsaß geht, daß man den Kuckuck im Nest zum Kronprinzen macht.« »Ich weiß nicht, Marchesa, was das Gesetz darüber bestimmt. Aber wir sind als Brüder erzogen worden, und ich war schon fast erwachsen, als meine Eltern mich über mein Verwandtschaftsverhältnis zu Ernst aufklärten.« »Soso.« Das Naschen der Marchesa schnüffelte ein geringes in der Luft. »Lieber Claus, da steckt was dahinter.« »Viel Herz, Marchesa, viel Herz! Es geschah auf Veranlassung meiner Mutter.« »So ... Ihrer Mutter ...« »Könnte ich von Ihnen erfahren, Marchesa, warum Ernst es für nötig befunden hat, Sie ungefragt über diesen, für Sie doch ziemlich gleichgültigen Punkt aufzuklären?« »Gleichgültig? Ein sehr interessanter Punkt! Übrigens kannte ich ihn schon, und zwar durch Ihre eigene Mutter.« »Nun also.« »Nun also was? Ihr Bruder war so freundlich, Sie hier zu besuchen; sehr nett von ihm, das will ich glauben – scharmant, wie? Aber warum hat er Sie vom zweiten Tag an geschnitten, um mir am dritten und letzten diese Geschichte zu erzählen?« »Gerade das erlaubte ich mir, Sie zu fragen, Marchesa.« »Ach so. Aber das ist doch klar! Er hat sich Ihretwegen geniert ... Was heißt ›geniert‹? – moralisch empört war er! Bin ich es etwa nicht?« »Verzeihung, Marchesa –« »Was soll ich da verzeihen, junger Freund! Er glaubte einen blassen Rekonvaleszenten anzutreffen, und statt dessen präsentierte sich ihm ein sonnverbrannter Libertiner, der seine Lebensfreude unverschämt zur Schau trägt. Ein Kerl, der ein junges Mädchen aus guter kölnischer Familie betrügt, bevor er sie noch geheiratet hat. So ein Kerl also. Ganz zu schweigen von der Gattin eines hochverdienten Generals, eines zukünftigen Kriegshelden also, die da mit im Spiele sein soll.« »Richtig, Mama, schweigen wir davon.« »Ja, Kinder, fangt Ihr mal damit an zu schweigen! Ihr schreit ja Euer Geheimnis aus, wenn Ihr nur ›Kellner‹ ruft! Daß eine Sünde, und dazu noch so eine, geradezu ein seraphisches Leuchten ausschwitzen könnte – wer hätte das gedacht! Statt Euch zu verstecken, wandelt Ihr nämlich mit einem Heiligenschein herum, es ist nicht zu ertragen!« Wir wandten uns alle drei gleichzeitig ab, um nicht zu lachen. »Da kommen sie endlich«, sagte die Marchesa. Neben der Zypresse im Wildgarten war ein Tisch aufgeschlagen, zwei Böcke und Bretter darüber, und das schöne Linnen, das ihn deckte, schimmerte mit allen seinen Fäden in der Sonne. Giuliettas Vater (Brimbori hieß er, so hatten wir im Hotel erfahren) hielt sich zehn Schritte abseits, um an dieser Stelle, die er nach peinlicher Überlegung als schicklich erwählt, seine Sonntagsgäste zu begrüßen. Als letzte tauchten jetzt zwischen den blühenden Ginsterbüschen Bob und Camilla auf, sie näherten sich im gleichen Gang und mit Bewegungen, die von einem zum andern übergingen, wie man es sonst nur bei berufsmäßigen Tänzerpaaren findet, ja sogar mit dem gleichen Gesichtsausdruck ... Betty und Brigitte spielten mit der Katze. Die Gouvernante hatte im Hotel »vorgegessen« und saß, ein Buch in der Hand, lächelnd unter der Pinie. »Man schaue nur,« flüsterte Maria mir zu, »man schaue und staune, was aus der Baronin Camilla Steinberg geworden ist, geborenen von Trumm«, und sie blies die Backen auf, um Camillas Mädchennamen zu versinnbildlichen. »Erinnert sie nicht an einen verkleideten Jüngling, einen Jüngling, der Bobs Bruder sein könnte? Doch hat kein Jüngling soviel Allüre! Auch atmet alles an ihr die reinste Weiblichkeit. Die langgezogenen, selbstbewußten, die adeligen Hüften! – Kann man das sagen, Claus?« »Gewiß doch, Maria. Und denke nur: die Frucht welcher Arbeit! In langen Jahren hat Bob sie geformt, in Abneigung und Liebe, sogar Revolverschüsse mußten abgefeuert werden, bevor das Werk vollendet war. Seit ihrer Bekanntschaft in Venedig dauert das ... Jetzt sind sie glücklich.« »Claus, er hat sie wirklich aus seiner eigenen Rippe erschaffen.« »Zum einzig möglichen, zu seinem Weib.« »Halleluja! Das kommt nicht alle Tage vor ... Schöne Camilla!« Sie näherte sich, und ihre Hüften schritten vor der Sonne, ganz schmal vor der gewaltigen Sonne, zu der die tausend Ginsterbüsche, die Aloen und die Fackellilien emporglühten, zwischen den phantastischen Formen der Kakteen und den in der Bläue erstarrten Palmen – sie war nicht mehr Europa und doch immer noch oder wiederum eine mythologische Gestalt: eine blonde Jägerin, die taufeucht aus den großen Wäldern trat, in diese Sonne, an dieses Meer ... Als wir an der Tafel Platz genommen, versammelte sich eilends der Hühnerhof um uns. Ein Colleoni von einem Hahn versprühte alle Farben des Regenbogens, er brauchte nur den Kopf zu drehn. »Zuerst eine duftende Bouillabaisse!« meldete der alte Fischer. Er saß an der Spitze der Tafel, der älteste Sohn am andern Ende, der jüngere bediente. Der Weißwein zeichnete große Goldstücke auf das Linnen. Nachdem die Katze die Fischreste vertilgt hatte, legte sie sich pathetisch in die Sonne, und die Mädchen begannen mit mir zu spielen, leise erst, ein wenig unsicher, doch endete es bald damit, daß Betty in ihrer ganzen Länge auf meinen Knien lag, die Glieder gelöst gleich der Katze am Ginsterbusch, und sich in mich hineinduckte, als wäre ich warme Erde. Darauf blieb Brigitte nichts übrig, als sich neben uns auf den Boden zu hocken und den Kopf gegen den Stuhl zu lehnen. Sie kam immer zu spät ... Die andern hörten das Geschwätz des alten Räuberhauptmanns an, der von seiner langen, gewissermaßen militärischen Laufbahn erzählte. Zehnjährig wurde er mit seiner Schmugglerbande von einem Zöllner überrascht und angeschossen, das hatte dem Zöllner kein Glück gebracht. Zwei Jahre später fand man ihn tot in einem Gestrüpp, niemand von der Bevölkerung begleitete den »Kindermörder« (das war der Zöllner) zum Grab. Das »gemordete Kind« aber trat mit siebzehn Jahren in die Reihen der päpstlichen Zuaven ein. »Und Genua? Da gab es doch solche Chinesen?« fragte Bob. »Ja, ich war auch in Genua«, antwortete der Alte ablehnend. »Seit zwanzig Jahren aber bin ich hier.« Über dem Esterel-Gebirge sank schnell die Sonne, in einem verschlungenen Gewölk, durch das sie Konfettiwolken auf die Bucht schmiß. Wir wanderten nach Juan, und Maria und ich eilten voraus, denn die von Sonne, Luft und Bewegung berauschten Kinder vollführten eine Heidenmusik. Plötzlich hörten wir hinter uns einen Kindergalopp – es war Betty, die uns, kurz vor einem Auto, einholte. Sie habe erreicht, was sie gewollt, erklärte sie uns: sie sei vor dem Auto bei uns gewesen. Und wir zogen selbander weiter auf der Landstraße am Meer. Im Piniengehölz von Pins-Juan machten wir halt und warteten auf die andern. Eine fast legendäre Rast in dieser Stunde! Kleine Büsche mit lila Blüten dufteten fein. Die Müdigkeit des Kindes sank wie Tau auf meine Glieder. Es dämmerte. Ein wenig Abendrot horstete in den Wipfeln der Pinien, zwei, drei Paradiesvögel, nicht mehr. Da fiel mir der unbeendete Satz ein, der Evasatz, um den wir auf der Landstraße nach Vence getanzt hatten, und ich rief plötzlich in die Stille: »Warum aber–? Maria! Warum aber –?« »Warum aber,« erwiderte sie sofort im Tonfall eines Rezitativs, »warum aber bist du nicht zu mir gekommen?« »Was?« empörte sich Brigitte. »Ihr steckt den ganzen Tag zusammen. Zu mir sollten Sie kommen, Maria – zu mir kommen Sie aber nie!« Da nahm Maria Betty in die Arme, küßte sie und brachte sie nach St. Paul, brachte sie bis in ihr Bett. Als sie in der Nacht nach Cap d'Antibes heimkam, flüsterte sie heftig: » Claus, ich will ein Kind.« Ein Schleier mütterlicher Zärtlichkeit hing über ihrem Gesicht. »Unbedingt«, fügte sie lächelnd hinzu. Zwei Jahre später ging ihr Wunsch in Erfüllung. Nach den Photographien zu urteilen, ist Marietta die reizendste aller Puppen – ich habe sie nie gesehn, ebensowenig wie ihren Vater, den General.   »Es brennt in St. Paul!« Im Nu war das Hotel belebt wie am Morgen eines Gesellschaftsausfluges. Die Autos wurden aus den Garagen gezogen, man nahm Fremde darin auf, die man kaum dem Namen nach kannte, und wer nicht rechtzeitig Platz gefunden hatte, folgte im Omnibus des Hauses. Die Alten allein blieben in ihren Betten. Sternenklarer Himmel, nicht der leiseste Wind. Es war zwei Uhr morgens, als wir in St. Paul ankamen. Das Haus Madams brannte lichterloh. Niemand versuchte zu löschen, es gab weder eine Wasserleitung hier oben, noch eine Feuerwehr. Einige umherliegende Eimer verrieten, daß man immerhin versucht hatte, Wasser aus den Brunnen zu schöpfen und das Nachbargebäude damit zu bespritzen. Die Bewohner des Städtchens, Männer, Frauen, Greise und Kinder, drängten sich auf dem Platz zwischen der Kirche und dem Wall zusammen, man schrie und gestikulierte und ließ das Feuer sein Werk verrichten. Wir traten unter das Portal der Kirche, wo wir Lord Berrick mit Betty und Brigitte ausfindig gemacht hatten. »Madam ist gerettet«, rief Brigitte uns entgegen. »Aber vielleicht lebt sie nicht mehr.« Vor Aufregung steckte sie den Daumen in den Mund und biß darauf. Der Lord zeigte ein herrisches Gesicht. Erhobenen Hauptes starrte er auf die zusammengedrängten Menschen, deren wimmelnde Köpfe im Feuerschein einen unheimlichen Eindruck machten. »Sind es nicht lauter Köpfe von Wahnsinnigen?« murmelte er. »Ich hätte mich schon lange entfernt, aber ich fürchte, sobald ich ihnen den Rücken kehre, stürzen sie alle über mich her, die Bestien.« Und dann erzählte er uns, was geschehn war. Vor einer Woche hatte Kaspar den Chauffeur Ingels angefallen, um sich für den in Nizza erhaltenen Faustschlag zu rächen. Es war im Garten der Hostellerie. Als die Schlägerei dank der Fertigkeit des Schotten im Boxen zu Kaspars Ungunsten auszugehn drohte, warfen sich die Zuschauer unter Anführung des Wirtes dazwischen, packten Ingels und kippten ihn über die Mauer in die Tiefe. Er stürzte acht Meter tief, ohne sich wunderbarerweise ernstlich zu verletzen. Bei der Untersuchung durch die Gendarmerie beschworen alle, die gefragt wurden, und noch einige dazu, Ingels habe den Schweden angegriffen und sei dann, betrunken wie er gewesen, von einer leichten Abwehrbewegung seines Gegners gegen die niedere Mauer und darüber hinweg in den Abgrund getorkelt. Die vom Schweden und Marie-César Roux geführte Partei der »Einheimischen«, die Partei Madams stand geschlossen gegen die Partei Lady Berricks , die in den Mauern St. Pauls keinen einzigen Verbündeten besaß – ja, der Wirt des »Roi René« selber, der bisher wohlwollende Neutralität bewahrt hatte, stieß mit seinem Häuflein offen zum Heer seines Konkurrenten. Heute nun, wo Ingels aus dem Spital von Cagnes-sur-mer entlassen worden war, erwartete ihn zwischen den beiden Hotels eine feindliche Menge und verwehrte ihm unter Drohungen den Eintritt in das Städtchen. Schließlich machte er kehrt und stieg unter Bewachung der Menge in einen Zug nach Cagnes ein. Keinem Mitglied der Familie Berrick war er zu Gesicht gekommen ... Und jetzt hieß es, Ingels habe sich in der Dunkelheit heimlich über den Kirchhof in die Stadt eingeschlichen und das Haus Madams in Brand gesteckt. »Sie werden sagen, junger Freund, dies sei eine Stammtischangelegenheit«, schloß der Lord. »Nein. Es ist hohe Politik – oder ich bin unfähig, zwischen beiden zu unterscheiden.« Vom Platz unter uns stiegen vereinzelt helle Schreie auf, die Menge wankte geschlossen einen Schritt gegen das Haus, und dann brach ein wildes Geheul bis unter die Sterne. In der Tür des Nebengebäudes erschien ein Mann, der eine halbnackte Frau auf den Armen hielt. Wir erkannten den alten Fischer, Giuliettas Vater. »Wie kommt denn der her?« sprach ich vor mich hin. »Er saß ja in unserm Auto«, antwortete Maria. »Beim Chauffeur. Er hat das Hotel geweckt.« Auf der Treppe blieb der Alte stehn und hob Giulietta bis an die Brust, als wollte er sie der Menge zeigen. »Sie lebt!« rief der Alte. Da entlud sich das beängstigende Gebrüll zum zweitenmal und noch viel stärker in die Nacht, und plötzlich glaubte ich zu fühlen, wie um diesen Platz voll Flammen und Menschen, diesen Fetzen wild gewordenen Lebens, den der Feuerschein allein der Finsternis entriß, still und unsichtbar Mörder schlichen, Mörder, Henker, und auf ihren Augenblick warteten ... Mir graute. In diesem Augenblick stieg Strata, der bisher in der Menge gestanden hatte, gemächlich die Stufen des Kirchenportals herauf. Die Hände auf dem Rücken, sprach er ruhig: »Wenn Sie Lord Berrick sind, so sollten Sie sich zurückziehn. Am besten da durch die Kirche. Ich bleibe hier. Sobald die Türe hinter Ihnen zuschlägt, beginne ich eine französische Ansprache. Da öffnete sich diese Tür wie von selbst – und ließ den Pfarrer durch. »Ah, der Herr Pfarrer«, sagte Strata lächelnd. »Sehr gut. Ich bin der italienische Abgeordnete Strata. Bitte, stellen Sie sich hier vorn neben mich, ich will zu den Leuten sprechen.« Der Pfarrer hielt noch die Kirchentür in der Hand, er sprach schnell. »Lord Berrick, ich stand am Fenster meines Hauses. Ich konnte nicht sehen, wer sich hier unter dem Portal aufhielt. Aber schließlich erriet ich es an den haßerfüllten Mienen der Leute. Wenn Sie erlauben, bleibe ich bei Ihnen, bis Sie mit Ihrer Familie St. Paul verlassen haben. Ich bitte: durch die Sakristei!« »Bitte«, wiederholte er, als er bemerkte, wie der Lord zwar die Mädchen durch die Türe schob, selbst aber offenbar auf seinem Posten verbleiben wollte. »Sie auch. Alle. Wir haben keine Gendarmerie in St. Paul. Und wenn sie endlich von unten herauffindet, sind sie zwei gegen fünfhundert.« In der Kirche hörten wir noch, wie Strata zu reden begann. »Schnell,« bat Maria, »schnell, Claus, mir zittern die Knie ...« Aber auch Lord Berricks Haus stand in Flammen! Das Feuer peitschte aus dem offenen Haustor, und kein Mensch war in der Gasse und in den anliegenden Häusern zu sehn. Der Pfarrer und ich mußten uns an den Lord hängen, der in das Feuer hineinlaufen wollte, er hatte kein Wort gesprochen, nur, die Hände in die Luft werfend, zweimal heiser aufgestöhnt. Die Mädels waren weiß und steif vor Schrecken. Nun rannten wir die Gasse hinab, erstiegen den Wall, um zu versuchen, durch die Hintertür in das brennende Haus zu gelangen. »Mama hat Schlafmittel genommen«, schrie Betty plötzlich im Laufen. Auf dem Wall stand Kaspar. Er hatte die Hände als Schalltrichter an den Mund gelegt und rief zum Dach hinauf, wo eine Gestalt, die Beine auf den Ziegeln, in der Öffnung einer Dachluke hockte. »Vorwärts, Sie Teufel«, rief er. »Zeigen, wie Sie können springen!« Die schwarze Öffnung hinter der kauernden Gestalt erhellte sich, als ob jemand mit einem Licht in den Speicher getreten wäre. Die Gestalt wandte ängstlich den Kopf, und dann kletterte sie vorsichtig auf allen vieren das Dach hinauf. Der Lord war in das Gärtchen gesprungen und rüttelte an der verschlossenen Pforte. »Ich erwarte dich mit den Kindern im Hotel«, flüsterte hastig Maria – Brigitte schluchzte an ihrem Arm, und Betty starrte abwechselnd in das Gärtchen, wo der Lord sich unaufhörlich mit aller Wucht gegen die Tür warf, ohne sie aus dem Schloß zu sprengen, und auf die vorsichtig kletternde Gestalt, die, droben angelangt, sich rittlings auf den First setzte und wütende Fäuste in den Himmel schüttelte. Die Mädchen ließen sich wortlos fortführen. Schmal ragte das Haus vor mir auf, mit roten Fenstern in den beiden obersten Stockwerken, still und festlich; nur ein leises Sausen verriet die Arbeit des Feuers. Die beiden Nachbargebäude überragten das Dach mit hohen, weißen Giebelwänden. Kein Fenster, keine Öffnung darin. Aus der Ferne konnte man den schwachen Laut einer Stimme, manchmal einen Schrei und Gemurmel vernehmen. »Hallo, Mister Ingels,« schrillte Kaspars Stimme, »Sie bemerken? Benzin bei Ihnen ebenso gut brennen wie bei Madam, aber viel schneller zünden. Donnerwetter – was? Das liegen an alte Baracke. Hallo, Mister Ingels! Was Sie können, ich auch können. Jetzt ich freundlich warten. Sie schon springen werden, wenn Flammen am A –!« Die Fäuste auf dem Dachfirst fuchtelten im bestirnten Himmel, rauhe Schreie und Flüche prasselten herab: »Hund!« verstand ich, »blutiger Hund. Warte nur, wenn ich dich in der Hölle treffe!« Da legte der Pfarrer die Hand auf Kaspars Schulter. »Herr Kaspar,« sagte er, »Giulietta lebt.« Der Maler senkte den Kopf und stierte den Pfarrer aus roten Augen an. »Giulietta leben?« Er schlenkerte mit den Armen und wiederholte noch zweimal die Frage. Und dann brach er in ein dröhnendes Gelächter aus. »Hallo, Mister Ingels!« schrie er hinauf. »Sie hören? Madam leben! Jetzt ich Sie Dummkopf retten. Hallo! Sie hören? Sitzenbleiben!« Mit großen Schritten eilte er über den Wall davon. Nachdenklich folgte der Pfarrer. Da auch Lady Isabels Haus flammte, brauchte er sich über die persönliche Sicherheit des Lords keine Sorgen mehr zu machen. Bereits sammelten sich die St. Pauliner, die vom Kirchplatz auf den Wall gelaufen kamen, still und in achtungsvollem Abstand, wie das Gefolge bei einem Begräbnis. Die Gestalt auf dem Dachfirst hatte nicht geantwortet. Als Kaspar verschwunden war, lehnte sie sich ein wenig vor und spähte unter sich in die Tiefe, hob den Kopf und sah an der nackten Giebelwand neben sich empor ... Im Gärtchen, in das ich mich, gleichsam erwachend, nunmehr hinabließ, stolperte ich über ein Holzscheit, ich hob es auf, und mit seiner Hilfe gelang es dem Lord und mir, die Tür zu erbrechen. Es war vergebliche Mühe. Denn die Kellertreppe führte in den Hausflur, und kaum hatte der Lord die schwere Treppentür aufgestoßen, als im durchreißenden Luftzug gleich eine ganze Garbe von Stichflammen ausschlug und uns zurücktrieb. Der Lord, dessen Gesicht bis zur völligen Ausdruckslosigkeit verhärtet war, konnte nichts andres tun, als die Nacht über in seinem hellgrauen Anzug auf dem Wall zu stehn und die brennenden Augen auf die Fenster des obersten Stockwerks gerichtet zu halten, hinter denen seine Frau im Bette lag. Im Morgengrauen rückte die Feuerwehr von Cagnes mit Leitern an und begann, die paar glimmenden Sparren einzureißen, die als einzige Überreste des eingestürzten Daches in der Rauchwolke geisterten. So wurde der Scheiterhaufen, auf dem Lady Isabel verbrannte, noch einmal geschürt, als schon hinter den zersprungenen Fenstern nur mehr einzelne Funken gelebt hatten. Jedesmal, wenn einer der Dachbalken zusammenkrachte, lief ein weißer Schauer über Lord Berricks versteinertes Gesicht. Dann war es vorbei. Was aber hatte er noch den ganzen folgenden Tag auf dem Wall zu tun? Nichts gab es da zu sehn als einen Haufen Schutt und Qualm auf dem durchsichtig blauen Grund eines strahlend schönen Tages! ... Kaspar, das muß ich noch sagen, hatte Wort gehalten. Er tauchte, ein Seil in der Art der Bergsteiger um den Leib gebunden, auf dem Dach des Nebenhauses hoch über Ingels auf, deckte einige Ziegel ab, die er scherzhafterweise am Kopf des Schotten vorbeisausen ließ, klemmte sich zwischen die Dachlatten – worauf Ingels das Ende des Seils ergreifen und bequem hinaufklettern konnte. Im Speicher reichte Ingels dem Maler die Hand und sagte: »Thank you, Mister Kaspar.« Kaspar antwortete lachend: »Don't mention it«, und sie begaben sich Arm in Arm und von den erschütterten und längst versöhnten St. Paulinern mit Händeklatschen begrüßt in die Hostellerie, wo sie zu Seiten einer Korbflasche Orvietoweines das Eintreffen der Gendarmerie abwarteten. Sie leugneten nicht. Sie verteidigten sich nicht einmal. Trotzdem erwiesen sich das neuerwachte Selbstbewußtsein und die Einigkeit der St. Pauliner als so stark, daß Kaspar mit einer wesentlich geringeren Strafe davonkam als Ingels. Bei Ausbruch des Krieges meldeten auch sie sich als Freiwillige für die Fremdenlegion, und fünf Monate danach waren sie tot.   Lebe wohl, Olivenland mit der himmlischen Küste, lebe wohl! Gestern abend war Maria abgereist, wir hatten die Nacht hier im Hotel des Quai du Midi verbracht – in einer Stunde fuhr auch ich. Ich öffnete das Fenster. Himmel und Meer! Und dort drüben, am Ende der Engelsbucht, schimmerte Cap d'Antibes, und von ihm bis zu mir rundete sich die Bucht wie eine Sichel. Ich brauchte mich nur zu bücken, um sie am Griff zu fassen, und konnte mit einem einzigen Streich das blaue Feld des Meeres ernten mitsamt den zahllosen, glitzernden Disteln. Dann fiel mein Blick auf die Stadt, auf Nizza zurück, das sich in gelben, bläulichen, lila Tönen verfinsterte, je mehr es von den Häusern der Promenade zurücktrat, denn diese, die elegante Front der Stadt, glänzte schon in der Sonne, weiß und gepflegt. Es war, als ob eine Frauenhand zwischen den Vorhängen eines Bettes erschiene, das noch voller Nacht. Und ich hielt das ganze Olivenland, das der Bäume und das der Hotels in meinem Blick ... Ich fand sogar, die beiden vertrügen sich nicht schlecht, zumal in dieser Stunde, wo die Promenade noch leer war und die Stadt erst anfing, sich zu rühren ... Die nächste Stunde schon öffnete eine Kluft, die jede weitere vergrößerte ... Jetzt aber war es der Morgen, die Kindheit, die Einheit. In diesem Augenblick liebte ich die Snobs, für die in den Hotels das Wasser in die Badewanne lief, während ein schurkischer Kellner das Tablett mit dem Frühstück auf ihrem Nachttisch abstellte. Auch ihnen war ich dankbar, jawohl, auch ihnen. Ohne sie wäre L'Amico vielleicht nicht darauf verfallen, mich hierher zu rufen, um mir »die große Gesellschaft« zu zeigen, und ich hätte vielleicht nie die Stelle gesehn, wo einmal ein Stück Himmel auf die Erde gefallen ... Mein Herz brannte nicht; es hatte die Wärme der Bäume unter meinem Fenster und war von der Farbe der großen Nelken angehaucht, die Maria mir zurückgelassen. Mein Geist war zart und kühl, wie die Helligkeit in den Schalen der beiden Hände, wenn man sie geschlossen in die Sonne hielt. So ging ich im stummen Freudenschrei der Welt ... Es war ein Gebet, ein großes Dankgebet am Morgen, wie damals, als Maria und ich unter der Fahne auf dem Baou lehnten! Ohne zu halten, flog der Zug durch Cagnes, ich grüßte St. Paul, das über seinem silbergrauen Garten schwebte – von allen Hügeln lachten die Straßen das Meer an. Ein weißes Irrlicht im Himmel darüber – unsre Fahne winkte! In Antibes reichten sie mir alle nacheinander Blumen durch das Fenster des Abteils: Camilla und Bob und die schwarzgekleideten Mädchen Anemonen und Nelken, Lord Berrick, in schwarzem Anzug, einen Strauß weißer Rosen. »Es ist die Farbe Ihrer Jahre, Claus«, sagte er lächelnd. »Bis wir uns wiedersehn, sind sie vielleicht rot geworden.« Ja, die Jahre waren rot, als wir einander wiedersahn, blutrot. Der Krieg ging in seinen vierten Sommer. Bob war am Isonzo gefallen, Arno Steinberg vor Verdun, General X., Marias Gatte, als Armeeführer in seinem Bett. Wenn der Lord und ich uns überhaupt noch wiedersahn, so lag das allein daran, daß wir, ohne voneinander zu wissen, eines Morgens im gleichen Monat Mai zu dem von Geschützfeuer beleidigten Himmel, auf die von Gasgranaten verpestete Erde geblickt hatten und darauf entschlossen davongegangen waren. Der Frühling erschien uns lebenswerter als dessen Vernichtung ... Wir ließen uns zu »diplomatischen Missionen« in die Schweiz abkommandieren; dort also sahen wir einander wieder. Betty, die als Krankenschwester hinter die Front geeilt war, heiratete in Frankreich einen Schlosser. Brigitte blieb zu Hause in England und heiratete einen Lord. Einen Tag nach dem Waffenstillstand überschritt ich die elsässische Grenze. Doris und Jacquot holten mich in Weil-Leopoldshöhe ab – wir waren sehr glücklich, denn wir glaubten, nun käme der Frieden. Dritter Teil Sie kommen. Wir gehn Als die deutschen Soldaten, schmutzig und die Brust voll widerstreitender Gefühle, aufatmend immerhin, daß die greuliche Arbeit von vier Jahren endlich ein Ende haben sollte, über den Rhein abgezogen waren, schob der liebe Gott ein paar Ruhetage ein, um den Elsässern Zeit zu lassen, ihre Städte und Dörfer fleißig zu putzen, zu scheuern, zu wichsen und sich selbst für den Empfang ihrer Befreier bereit zuhalten (wobei einige wenige eingeborene Vögte und Knechte des Kaisers mit der Uniform gleichzeitig ihre bisherigen Erinnerungen und Überzeugungen ablegten). Und dann, als man im französischen Hauptquartier vernommen hatte, das große Reinemachen zwischen Vogesen und Rhein sei beendet, dann zog die Armee ein. Sie war prächtig, funkelnd neu, wie aus dem Ei geschlüpft und bereits von allen Resten der Schale gesäubert. Ein großer Schneider hatte dem Mars gleichsam über Nacht einen Streich gespielt, und nun belustigte er sich damit, dem gasstinkenden, von Blut und Kot bedeckten Heidengott über das ganze Land hin eine Nase zu drehn – eine schöne, eine sonntägliche Nase, daß die Kinder in die Hände klatschten und die Frauen lächelnd sich streckten. Um dieses Augenblicks willen lohnte es sich, jahrelang alle Teufel auf den Fersen gehabt zu haben, von ihnen qualvoll gekitzelt, gezwickt und gespießt worden zu sein, wie man dies auf der von Meister Grünewald dargestellten Versuchung des heiligen Antonius hatte beobachten können, bevor das Bild, bekanntlich ein Hausschatz der Elsässer, von den mißgünstigen Deutschen außer Landes geschafft worden war. Jetzt aber kamen die Franzosen, sie kamen! Meine Mutter wachte aus ihren Gebeten auf, um an ihrem Kleid eine Stelle ausfindig zu machen, wo eine Kokarde in der Lage wäre, unauffällig Freude auszudrücken. Sie brauchte Stunden, bevor sie sie entdeckt hatte, und mein Vater rief mich als Zeugen herbei, daß die Kokarde am Gürtel die Mutter unglaublich verjünge. Er selbst überwachte ungeduldig den Tisch, der für den Sohn seines welschen Bruders gedeckt wurde. Er hatte einigen Grund zur Ungeduld, denn alle Mägde standen mit ihren Kopfschlupfen vor den Spiegeln, und die Diener stritten, ob sie die blauweißroten Schleifen als Leibbinde oder als Schärpen über die Schulter anlegen sollten. Meine Schwägerin, die kleine Hartmann, war seit der Frühe als Niederbronner Bäuerin verkleidet und wartete, ein Fläschchen mit Riechsalz in der Schürze, auf das Telegramm, das die Ankunft meines im Auto durch Deutschland heranrasenden Bruders Ernst vermelden sollte. Vergeblich suchte ich sie vom Grund ihrer furchtbaren Unruhe abzulenken. An mir vorbei starrte ihr Blick auf ein angeschwärztes, ganz und gar undeutlich gewordenes Deutschland, auf dessen riesiger Fläche bald hier, bald da, doch immer näher einer Schlangenlinie, die den Rhein bezeichnete, etwas wie ein Johanniskäferchen auftauchte: das Auto, worin Ernst aus der Hölle entfloh. Meine Bemühungen um sie waren schon vierzehn Tage alt. Bald hatte ich ihr die Angst vor den »roten Soldaten« ausreden müssen, denn Waffenstillstand und Revolution hatten meinen Bruder auf dem Kasernenhofe überrascht, wie er, nun schon im dritten Jahr, Rekruten drillte oder, vielmehr, den Drill der armen Teufel überwachte ... Er war Rittmeister bei den Pasewalker Kürassieren. Beim ersten Ansturm durch Belgien nach Nordfrankreich hinein hatte er sich zu einer beinahe sagenhaften Heldengestalt emporgereckt, sein Name war in den Kriegsberichten genannt worden. Dann hatte er eine Nacht und einen Tag im Stacheldraht gehangen und war mit einer schweren Nervenerschütterung in ein Sanatorium verbracht worden. Hier langweilte er sich – er setzte es durch, daß er in die Garnison geschickt wurde. Es schien, als ob er geheilt wäre ... Nachdem auf Grund sicherster Nachrichten von ihm feststand, daß keinem Offizier im Innern ein Haar gekrümmt worden sei, bemächtigte sich Anne-Maries eine andre Sorge: was wohl Ernst auf seinem Kasernenhof zurückhalte, von dem die Rekruten längst weggelaufen seien, statt daß er spornstreichs in ihre Arme und zum bevorstehenden Einzug der Franzosen herbeieilte – statt »herbeizufliegen, wohin er gehört, wenn die Franzosen kommen«, wie sie sich immer wieder wörtlich genau ausdrückte. Ich tröstete sie mit der Behauptung, kein gewissenhafter Angestellter desertiere, wenn in der Hinterstube des Ladens ein Brand ausbräche, vielmehr warte er vor der Tür das Eintreffen der Feuerwehr ab. »Und wenn Vetter Léo plötzlich dasteht, und Ernst ist nicht da?!!« Sie fand Leute, die sie nach Kehl schickte, um zu telegraphieren. Vielleicht wäre sie ruhiger gewesen, hätte sich nicht unser Vetter Léo angesagt gehabt. Indes konnten wir ihn nicht bitten, seinen Besuch zu verschieben, er kam mit der Armee. Zuweilen ärgerte es mich zu beobachten, wie sie es Doris, der Deutschen, mißgönnte, bei dem bedeutsamen Familienereignis anwesend zu sein, während der »älteste Sohn«, der »Stammhalter der Breuschheim«, in dem plötzlich verfeindeten, dem verlorenen Deutschland zappelte, wie Mars in dem Netze Vulkans. Doris und Anne-Marie waren einander immer steif gegenübergestanden, Doris, weil ihre Schwägerin sie mit einem Mißtrauen umgab, das an Abneigung grenzte, Anne-Marie, weil Doris auch eine Industriellentochter war, jedoch eine Deutsche und überdies von Adel, und weil ihr eine ungezogene Art eignete, bei jeder Gelegenheit zu lachen. Seitdem es hieß, die Franzosen würden den Krieg gewinnen, fühlte sie sich zwar als Mühlhauser Patrizierin und Tochter eines weithin bekannten Franzosenfreundes Doris reichlich überlegen, und im Grunde ihres Herzens hatte sie sie auch schon ausgetilgt: es war nur mehr Dorisens Schatten, der im Morgendämmer des französischen Elsasses umging. Um so mehr peinigte es sie, daß Doris noch immer bei jeder Gelegenheit lachte und gar nicht gespenstisch, vielmehr mit blühendem Mund und mit Augen, die alles zu sehen schienen, nur nicht das nahe Ende ... Ich würde lügen, wenn ich jetzt glauben wollte, ich hätte Anne-Marie ihre kleinen Schönheitsfehler ernstlich verübelt. Ich habe immer Puppen geliebt. Ihr Blick starrte, wie gesagt, an mir vorbei, und manchmal sah ich es ihm an, wie das Johanniskäferchen aus dem fernen Dunkel der Landkarte schlüpfte, dann lächelte die Puppe, manchmal blieb es auch unsichtbar, dann traten ihr die Tränen in die Augen, und sie entlief in ein anderes Zimmer, um dort »etwas zu suchen«. Das ganze Stockwerk roch nach Baldrian. Inzwischen fütterte meine Frau die Hühner, die Gänse, die Hunde und bestach den Oberschweizer, damit er sich um die paar armseligen Kühe kümmerte, die vergessen im Stall muhten. Kamen sie bald, die Franzosen? Einige Autos waren durchgefahren, mit pelzvermummten Gestalten besetzt, und eins hatte angehalten, um das Schloß zu filmen. Unter den Brillen waren die Gesichter blau vor Kälte. Die Jungen durften mitfahren bis vor das Dorf. Unterwegs lernten sie zwei Brocken Englisch und kamen mit ebensoviel unbekannten Geldstücken in den gefrorenen Händen zurück ... Ein französischer Diplomat, ein hervorragender Diplomat, denn er war ein Dichter, mit dem ich mich unerlaubterweise in der Schweiz angefreundet, besaß eine unfehlbare Methode festzustellen, ob die Konstellation der Gestirne ihm gebiete, die Einladung zu einem politischen Tee anzunehmen, der Frau seines Chefs Blumen zu schicken, ein neues Buch zu lesen, entweder sein Bett oder aber die Bar des Hotels aufzusuchen, und nun tat ich wie er. Ich trat alle Stunde an den Spiegel und hob an den Wimpern die Lider hoch, streckte die Zunge heraus, schlug mit der flachen Hand gegen die Kniescheibe, um zu sehen, ob ich wirklich und wahrhaftig Franzose sei. Hatte ich mich vor dem Krieg oft für einen verhinderten Gallier gehalten, so stutzte ich jetzt bei dem Kommando, nicht länger verhindert zu sein, ja (so wunderbar erschien mir die Geschichte) auf einmal als eine Art Moses dazustehn, den die Prinzessin völlig erwachsen im Schilf des Rheins gefunden ... Plötzlich läuteten in der Ferne Kirchenglocken ... Ich zweifelte nicht länger. Wie am Ende der Karwoche von der Reise nach Rom, kamen sie näher und näher. Jetzt ließen sie sich auf Breuschheim nieder! Unter ihren Fittichen, die maßlos bebten, betrat der erste Zug Franzosen das Dorf. Was folgte, das waren weniger Bataillone, Regimenter, Batterien, Eskadrone, als vielmehr ein fließender Abgrund voll blitzenden Lichtes und betäubender Finsternis. Die Mägde reichten sich den Arm, um nicht kopfüber in die plötzlich vor ihnen aufgerissene Männlichkeit der Schöpfung zu stürzen ... Niemals, solange die Welt steht, haben Menschen einen solchen Einzug erlebt. Niemals, sie mag noch so lange dauern, wird die Welt wieder einen Krieg mit solch einem Festzug enden sehn! Wahrlich – ich, der ich dies schreibe, ich bin zwei Jahre an der Front gewesen, aber das glückhafte Ende der Laufbahn, das die Gelbkreuzgranaten, Flugzeuge und Tankgeschwader genommen, ihr Versinken in einem Blumenmeer, ihre Schmelze in einem singenden Himmel erscheint mir wunderbarer, als daß ein andrer Prophet, der Prophet Elias, im feurigen Wagen zum Himmel gefahren! Blaue Soldaten marschierten, unabsehbar, durch die Dorfstraße. Alle lachten über das ganze Gesicht in den kalten Tag und dazwischen noch besonders das Schloß an, als brennte hier ein Feuer, das die Vorbeimarschierenden erwärmte. Man unterschied die Familienväter von den Unverheirateten. Jene fingen glückseligen Ganges die Kinder, die sofort zu ihnen fanden, diese suchten sich unter den Dorfmädchen eine Liebste aus, um sie in ihren Augen bis zum nächsten Dorfe mitzunehmen – gespannt, welch endgültige Gestalt sie in Straßburg annähme. Eine ganze Division marschierte durch Breuschheim, das sich mit Trikoloren verhängt hatte, damit die Herzen, gefangenen Singvögeln gleich, nicht zu laut schlügen. Die Bauern winkten schwerfällig, riefen »Vive la France«, und der weißhaarige Bürgermeister, der die »Mexiko«-Medaille auf dem Rock trug, war froh, daß die Herren nur grüßten, ohne bei ihm anzuhalten, denn er hätte ihnen unweigerlich von seinem Sohn erzählt, der es bei den Deutschen zum Feldwebelleutnant gebracht hatte. Und ein Auto, an dem ein Fähnlein flatterte, lenkte in den Hof. Einen Augenblick schien die Heeressäule zu stocken. Ein Offizier schrie ein Kommando, dann schritt Vetter Léo durch das Spalier der Mägde, die er alle der Reihe nach auf beide Wangen küßte. So waren diese Franzosen! Ihre Generäle küßten Mägde der Reihe nach auf die Backen! Die älteren kannten ihn, hörten sich errötend von ihm bei Namen nennen. Er hob Jacquot auf den Arm und trat ins Haus. Da war er. Sein Bäuchlein und das meines Vaters liebkosten einander. Er küßte uns alle auf beide Wangen. Dann setzte der General sich zu Tisch. Als wäre er von einem Spaziergang heimgekehrt, ohne Umstände, hauchte er in seine langfingrigen Schreiberhände und sprach: »Kinder, ich habe Hunger.« Die Kirchenglocken waren weiter geflogen – wahrscheinlich hatten sich die Jungen, die sie im Nest festhielten, auf und davongemacht, um auch die Franzosen zu sehn. Die Musikkapellen spektakelten weiter. Wenn sie für einen Augenblick innehielten, vernahm man Kommandorufe: Offiziere, Korporale, die sich im eisigen Wind Luft machten. Anne-Marie begann sogleich von ihrem Gatten zu sprechen. »Ernest?« meinte Vetter Léo. »Er ist Elsässer, Franzose«, und erst als er mit dem Fasan fertig war, fügte er, scheinbar zu mir gewandt, hinzu: »Nur kein Politikergeschwätz! Ich wäre auch für den König von Frankreich in den Krieg gezogen, auch wenn wir es gewesen, die angegriffen hätten ... Und dann! Wenn der Krieg einmal da ist, kennt er nur mehr sein eigenes Gesetz ... Unsere Soldaten denken in der Mehrzahl ebenso vernünftig – bis sie demobilisiert sind ... Dann, ja, dann leben wir wieder in einer Demokratie, worin alle Wähler Heilige sind und der liebe Gott, so wie die Freimaurer ihn sich zurechtgelegt haben, der Onkel des Staatsoberhauptes. Dann fängt der Krieg der Zivilisten an ...« Er stach in den Braten. »Ich pfeife darauf. Claus, mein Junge, du warst zwei Jahre draußen ... in der Infanterie. Haben wir dir hart zugesetzt?« Hart zugesetzt? In der Infanterie? Fragend blickte ich meine Frau an. Saß ich nicht verliebt neben ihr? War sie nicht schön? Hatten wir es nicht längst überstanden? »Nun ja, lieber Vetter, gewiß, gewiß ... Aber mit deiner gütigen Erlaubnis, um die ich bitte, erzähle ich dir lieber nichts von den zwei Jahren, oder doch nur so viel, als daß ich immer vorn war, und daß ich eines schönen Abends meinen Freund, den kleinen Baron Steinberg (seine Batterie war in unsrer Ruhestellung eingegraben) dreimal in einer Blutwelle aus seiner Grube in die Luft springen sah. Es war eine schöne Grube mit dicken Eichenbohlen ausgelegt – du verstehst? Gleich darauf wurden wir ein bißchen verschüttet, nicht schlimm, die Hälfte von uns kam mit dem Leben davon. Statt für den Rest des Krieges im Hinterland Soldat zu spielen, ließ ich mich lieber gleich in die Schweiz abkommandieren. Und denke nur, Léo, wie abscheulich, wie unmenschlich: in Bern, da speisten wir Samstagabends im Louis XVI.-Salon eines alten guten Restaurants: Lord Berrick von der englischen Gesandtschaft, der deutsche Graf Schmal, Professor Valtin von der französischen Botschaft, ein Amerikaner namens Walter, der schon nach der Suppe betrunken war, der italienische Journalist Sta, dazwischen ein halbes Dutzend andrer Aufpasser, die gelegentlich von Genf und Zürich herüberkamen – nun, lieber Vetter, und da besprachen wir eure Todessprünge, fachmännisch. Wir wetteten nicht, nein, das nicht, aber wir griffen eure Muskeln ab, eure Nerven, euer Portemonnaie, ermittelten den Grad der Bestechlichkeit eurer Munitionsarbeiter. Ich wage es, dir zu gestehn: wir alle behandelten euch ein wenig von oben herab! Ohne falsche Scham besprachen wir die Form unsrer Mannschaften, die hinter den Bergen lagen und in jedem Nerv, mit jeder Muskel eines jeden einzelnen erlitten, was unsere Zeitungen schrieben ... oder auch nicht schrieben, wie man es nun gerade nimmt. Und als die Schwarzweißroten aufgaben, gingen wir auseinander, nicht ohne daß ihren Vertretern die Hand gedrückt worden wäre.« »Pfui, Claus«, rief Anne-Marie aus, und ich sah, die grauen Ringe um ihre Augen hatten sich vertieft. »Pfui«, rief sie, »während die andern starben, soupiertet ihr.« Alle schauten erstaunt auf. Mein Vater schüttelte unmerklich den Kopf. Es lag mir auf der Zunge zu antworten: »Meine kleine Puppe, das ist eine prächtige Ohrfeige für die, die sie verdient haben, nur hast du falsch gezielt. Ich gehöre nicht dazu.« Da aber Anne-Marie mich doch nicht verstanden hätte, schwieg ich. Über den Igel aus Schokolade, den man gerade vor ihn hingestellt, schielte mich Vetter Léo eine ganze Weile an. Er schien bitter traurig. »Valtin«, brach er endlich das Schweigen, »der gute Valtin ist leider vorige Woche an seiner alten Zuckerkrankheit gestorben. Er konnte, er wollte nicht Diät halten.« Mein Vater klärte seinen Neffen auf – nebenbei und indem er gleichzeitig die Kleine Verzeihung heischend anlächelte: »Anne-Marie hat wenig Sinn für Ironie.« Da wurde sie ans Telephon gerufen. Wir hörten ihre Stimme sich überschlagen, singen, ersterben ... Als sie sich wieder unter uns niederließ, trug sie die Schwingen einer Siegesgöttin. Ernst war in Straßburg, und er berichtete, es sei ihm nach vieler Mühe gelungen, sich über die Kehler Brücke durchzuschlagen. Vetter Léo ließ die Gabel sinken, um höflich zu gratulieren. Doris sprang vom Tisch auf und umarmte ihre Schwägerin. Die Freude der Kleinen war so groß, daß sie Doris herzhaft wiederküßte. »Eure Birnen sind wirklich ausgezeichnet«, meinte Léo und nickte meinem Vater respektvoll zu. »Sie schlürfen sich wie Fruchteis. Machst du einen Sommerschnitt?« Indessen verweilte Anne-Marie bei der Musterung von Dorisens leichtsinnigen Locken. Sie hatte sich gefaßt. In ihren schmalen Lippen, die sie jetzt seltsam breitzog, zeichneten sich, wie die Lettern einer noch nicht entzündeten Lichtreklame, die Worte ab: »Dehors les boches!« Ich war der einzige, der sie las. Unsere Blicke begegneten einander. Errötend, während schon der Trotz ein Ausrufungszeichen auf ihre Nasenwurzel setzte, schlug sie die Augen nieder. Draußen marschierten noch immer die Soldaten.   Dem sinnbetörenden Laut des Franzosenschwarms, der sich auf das Elsaß niedergelassen, folgten die Liebenden wie in schönen Sommernächten dem Gesang der Zikaden. Uns hatte er entzückende Vettern und Kusinen ins Land gebracht, denen ich bisher nur flüchtig, dazu noch in fremder Umgebung begegnet war, während sie jetzt als wahre Weihnachtsengel und Nikolasse zu uns ins Haus kamen. Sie machten es sich bequem, sie verweilten wie der beglückende Frieden selber, um den ich als Kind vor dem Einschlafen gebetet. Da war nicht ein einziger Franzose (im Grunde doch für uns alle, die wir für den Kaiser marschiert waren, ein Sieger, ein Kerl also, wie geschaffen, uns den gestiefelten Fuß auf den Nacken zu setzen), der uns nicht freundlich entgegengekommen wäre. Nicht ein einziger fragte, ob er sich die Uniform der Pasewalker Kürassiere anschauen dürfte, die unsern Ernst so gut gekleidet hatte. Jeder küßte meiner deutschen Frau die Hand, und wenn er nur drei Worte deutsch konnte, so bestand er darauf, sie mit ihrer Hilfe zu üben. Ja, sie lachten heimlich über die allzu offensichtliche Eifersucht meiner Schwägerin, der kleinen, ein wenig provinziellen Tochter des großen, durchaus weltmännischen Hartmann, deren deutsche Sprachkenntnisse gleichsam über dem Reif einer einzigen Nacht erfroren waren. Zu ihrer Entschuldigung muß ich hinzufügen, daß es die Nacht nach Ernstens Heimkehr war. Wahrlich, unsre Sieger waren scharmant. Welch eine Wohltat für uns, wenn sie in den Salon traten, ohne daß gleich unter ihrem Schritt der Erdball erdröhnt wäre! Wie dankte man es ihnen, saßen sie anspruchslos heiter in einem Restaurant, in das man ging, um zu essen, nicht aber, um die sich zum Knock-out rüstenden Champione unsers Erdteils zu bestaunen oder von den nicht immer wohlerzogenen, weil zu absichtlich auffallenden Söhnen von Großgrundbesitzern, Fabrikanten und Oberlandesgerichtsräten auf Reichtum und Herkunft abgeschätzt zu werden! Die Sieger zeigten sich zurückhaltend und vergnügt. Ihr Übermut selbst war leichtfüßig. Anders verhielt es sich mit meinen Landsleuten. Wir hörten, sie rotteten sich in den Städten zusammen, zögen gröhlend durch die Straßen, anerkennten oder verwürfen den Patriotismus der Einwohner (der nunmehr französischen, versteht sich), rissen hier Fahnen ab, schrien dort »Vive«. Ja, sie versammelten sich zur Feme, vor der angesehene Bürger wie Schulbuben erschienen, um über sich und ihre Familie auszusagen und einem Narrenrat die heimlichsten Türen ihres Gewissens zu öffnen. Auf der Kehler Rheinbrücke sollten Gelehrte von namenlosem Lumpenvolk verhöhnt, arme Teufel von minderen Intellektuellen mit Roßäpfeln beworfen worden sein. Erst lachte ich, wenn Ernst, zwischen Furcht und Begeisterung bangend, Einzelheiten dieser Volksbelustigungen zum besten gab. In meinen Augen war das – die elsässische Revolution, ein von einem wohlbewaffneten Heer und ein paar hundert eilig zugereisten Verwaltungsbeamten gehätschelter Aufstand, der den steinernen Tyrannen die Köpfe abschlug und die lebenden außer Landes, über den Rhein trieb, ohne daß ein einziger dieser Sansculotten sich selbst dabei im geringsten aufs Spiel gesetzt hätte, nicht einmal bis zu einem Nasenbluten, das Revolutionstribunal in Krähwinkel, Jakobinersprünge in Volkstrachten und »historischen Kostümen«, die Karrenzüge zur Rheinbrücke statt zur Guillotine, ein von den Veranstaltern wie von den Teilnehmern völlig mißverstandener Rumor im Elsässer Ländle, das sich, o Ironie!, dadurch als die Diaspora des soeben geborenen deutschen Freistaates erwies. Doch verging mir das Lachen angesichts der Verwüstungen, die diese andauernde und immer weiter um sich greifende geistige Pest in unserm Volk anrichtete. Inzwischen tanzten bei uns in Breuschheim die Fliegeroffiziere und die Kavalleristen, die bereits wieder die Köpfe über die Infanterie erhoben, lauter junge Leute, die sich tadellos hielten, und die zu ihrem freudigen Erstaunen ihren guten alten Namen durch die Kothölle eines schon halb vergessenen Krieges gerettet hatten. Wenn wir Verwandten nach dem Tanz noch ein halbes Stündchen am Kamin beisammensaßen, versäumte Ernst nie zu versichern, wie er sein Leben lang auf die Franzosen gewartet habe, und daß es nicht seine Schuld sei, wenn sie nicht schon früher eingetroffen wären. »Hast du auch in Pasewalk gewartet?« fragte ich einmal leise, als er es zu bunt trieb, ein andermal: »Und als jener Assessor, der davon träumte, hoppehop Unterstaatssekretär zu werden?« »Auch dann,« antwortete er jedesmal mit erhobener Stimme, »gerade dann. Ich wollte meinem Lande dienen, bis eben die Franzosen kämen«, und jedesmal rief er seine Frau zum Zeugen an. Auf diesen Augenblick hatte Anne-Marie den ganzen Tag gewartet. Sie hob beschwörende Augen zur Decke: »Ils ne t'auraient jamais fait ministre,« sagte sie, »crois-moi, mon ami, jamais.« Das glaubte ich auch, und ich sprach schnell von unsern Kühen, die die Milch aufhielten, wogegen man endlich etwas unternehmen müsse. Die französischen Verwandten, die unser kurzer, in freundlichem Ton gehaltener Wortwechsel in Verlegenheit zu bringen pflegte, interessierten sich dann immer auf das lebhafteste für die Kühe, und der eine oder andre Herr küßte Doris die Hand, während die jüngeren Damen einen wahrhaft mütterlichen Blick auf Ernstens ereiferten Stirne ruhen ließen. Und mein Vater schüttelte den Kopf ... über die Kühe. Meine Mutter aber, mein Gott, sie konnte nicht anders: sie streichelte Ernst flüchtig die Hand. So taten die Kühe, die keine Milch gaben, in jenen Tagen immerhin ihren Dienst. Eines Nachmittags jedoch fuhr ein Auto vor, und ihm entstiegen sechs, nicht besonders gut gekleidete Zivilisten, die, nachdem sie einen behördlichen Ausweis vorgezeigt hatten, in den weißen Salon geführt wurden, eine Räuberbande, aus dem Busch gebrochen in der Absicht, die nationale Gesinnung der Familie Breuschheim nachzuprüfen. Ein säbelbeiniger Drogist aus der Langestraße in Straßburg, bei dem wir zu unsrer Räuberzeit Pulver gekauft hatten, empfing mich, freundschaftlich, an der Spitze seiner Bande ... Was mich und meinen Vater angehe, sagte er, wobei er mich wiederholt zum Sitzen einlud, so habe die Kommission nur die Frage an uns zu richten, was uns veranlaßt habe, deutsche Frauen zu heiraten. Mit meinem Bruder Ernst dagegen werde sich eine ausführliche Auseinandersetzung nicht vermeiden lassen. Er bediente sich eines Französisch, das durch seine hitzige Eile zu einem schier unverständlichen Kauderwelsch verkochte. Jedoch, die Kommission blickte mit Stolz auf ihren Wortführer, ohne sich übrigens an die altseidenen Bezüge der Louis-XV.-Stühle heranzuwagen. Ich antwortete sehr höflich, erklärte entschuldigend die Abwesenheit meines Vaters, der in Paris sei, was mir einen rätselhaften Seitenblick des Drogisten, dagegen die sichtliche Billigung der Kommission eintrug, worauf ich mich mit dem Versprechen entfernte, meinen Bruder zu benachrichtigen. An der Tür holte mich der Drogist ein: »Halt, Herr Baron, Sie haben uns noch nicht gesagt, warum Sie eine deutsche Frau –« »Das ist auch nicht nötig«, unterbrach ich ihn. »Schauen Sie mal, Herr ..., ich weiß nicht einmal, ob Sie verheiratet sind.« Einige Minuten danach erschien im Salon mein Bruder Ernst, bleich und steif, zwischen mir und Vetter Léo, der sofort mit seinem Bäuchlein als wie mit einem Tank auf den Drogisten losfuhr. Vetter Léo trug seine Generalsuniform. Er warf die Kommission aus dem Haus. Er sagte: »Messieurs, je vous prie de sortir«, und es wäre ihm außerordentlich peinlich, so fügte er hinzu, wenn er die Wache im Gemeindehaus herbeirufen müsse, um den Herrn beim Einsteigen in ihr Auto behilflich zu sein. Léo und ich geleiteten die Herren die Treppe hinunter bis zur Tür. Der Drogist wahrte das Gesicht, indem er »eine Beschwerde an höherer Stelle« in Aussicht stellte. Da stand er aber bereits im Wagen. »Faites, Monsieur,« nickte Vetter Léo, »faites toujours, allez, soignez vos relations!« Vergnügt schaute er zu, wie die zusammengepferchte Kommission in rascher Fahrt durch die Dorfstraße entfloh. »Ah, les braves Alsaciens«, wandte er sich zu mir. »Il n'y a que nous pour avoir du courage! Mais où est Ernest?« Wir bekamen ihn erst abends nach dem Tanz zu Gesicht, wo er mich am Kamin sichtlich auszeichnete, indem er mir das Mißgeschick mit unsern Kühen auf das gewissenhafteste auseinandersetzte. Damit verhielt es sich, wie folgt: Unsre Kühe waren fast alle während des Krieges requiriert worden, und mit dem Ersatz, nach dem mein Vater sich umgetan, haperte es. Die neuen Kühe trotzten, sie hielten die Milch zurück. Warum? ... Nein, die Politik war da nicht im Spiel, obwohl in unserm armen Elsaßland (»zagend zwischen Krieg und Brand«) wohl wenig Schlupfwinkel ausfindig zu machen wären, wo nicht das Spitzohr eines politischen Teufelchens herausguckte. Zu diesen seltenen Schlupfwinkeln gehörte indes ohne Zweifel das Euter einer Kuh. Die Damen sollten entschuldigen ... Die Damen fanden die Geschichte amüsant? Um so besser! Ernst lehrte mit Würde, wobei er sich an mich wie an einen Lieblingsschüler wandte. Zwar enthielt, was er da scheinbar mir erzählte, nicht die geringste Neuigkeit für mich, doch wußte ich ihm Dank für die Bemühung um den verwilderten und seiner Meinung in allen ernsten Lebensfragen unbewanderten Bruder. Also, die Kühe! Die Handgriffe beim Melken der Kühe waren bekanntlich verschieden, die eine Magd melkte mit voller Hand, sie »fäustelte«, in andern Ställen wiederum wurde »gestrippt«: zog man die Zitzen und kitzelte gleichsam die Milch aus dem Euter. Kam nun eine Kuh in andern Besitz, so hielt sie unter der Praktik der ungewohnten Hand erst mit Staunen, dann mit Entrüstung die Milch an. Natürlich konnten auch andre Ursachen vorliegen, Euter- und Zitzenkrankheiten, in diesem Fall ergab sich die Beseitigung des Übels von selbst. Unsern Kühen aber fehlte nichts! Unser Vater hatte durch die Viehhändler die Gewohnheiten einer jeden einzelnen in den früheren Ställen ermitteln lassen. Und sie beharrten auf ihrer Weigerung! Was tun? »Man gebe der Kuh beim Melken Futter oder Saufen vor,« sprach ich gelassen, »rede ihr gütlich zu und klopfe sie mit einem Schlüssel sacht an die Hörner.« So hatte ich's gelernt. Während alle lachten, zog mich mein Vater zur Seite und flüsterte: »Dein Bruder weiß so gut wie ich, daß der Oberschweizer die Milch hinter unserm Rücken an das Militär verkauft.« »Die Tiere sind unschuldig«, sprach er laut zum Kamin hinüber. »Die Gretel ist schuld.« Wiederum lachten alle hellauf, und keiner versuchte zu verstehn, allein schon aus dem Grund, weil eine Frage, wie sie jetzt zur Lösung des Rätsels nötig gewesen wäre, ganz und gar gegen die Regeln einer muntern Konversation verstoßen hätte. Und nur meine Frau nahm den von Humorlichtern umspielten Grimm meines Vaters beim Wort. »Schicke die Gretel fort«, riet sie mir am andern Morgen. »Ob es nun dem Ernst paßt oder nicht. Sie ist schon zu lange bei euch. Durch den Schweizer beherrscht sie den Hof. Das kränkt den Vater.« Ich hatte Doris nie verraten, daß ich als Knabe meinen Bruder dabei betroffen hatte, wie er mit der Gretel über die Streu gerollt war – und mit welch einem Ausdruck unsäglicher Gefräßigkeit im Gesicht, mit wie bleckenden Zähnen, die Augen von Gier und Haß wie geweitet, sie dabei seinen Kopf mit beiden Händen von sich abgehalten hatte, um ihm, während er sie besaß, in die Augen zu sehn! ... Jahrelang beherrschte mich dieses Bild, finster. Meine Jugend lang, bis zu jenem plötzlichen Aufbruch bei Morgengrauen in St. Paul habe ich geglaubt, das Weib liebe den Mann, indem es ihn verschlinge ... Es war keine leichte Sache, Gretel vom Hof zu verweisen. Sie verlangte Geld. »Gib ihr, was sie fordert«, rief Ernst aufatmend aus. »Dieses Bauernmädel, es würde mich für meine Jugendsünden verfolgen bis ins dritte und vierte Glied.« Der Schweizer ging mit ihr, nicht aber, ohne vorher das Geld, das Gretel grinsend angenommen, unter zornigen Reden über den Boden der Gesindestube verstreut zu haben. »Boches!« schrie Gretel, als sie vor dem Tor auf der Dorfstraße stand, zu den Fenstern des Schlosses hinauf, und der Schweizer, der aus dem bayerischen Allgäu stammte, legte die Hände an den Mund, um zu gröhlen: »Boches, Boches, Boches, dreckete Boches ihr!« Am Abend wurde wieder im weißgoldenen Saal getanzt.   So verging mehr als ein Jahr. Doris und ich blieben in Breuschheim. Das Zusammenleben mit Ernst und Anne-Marie gestaltete sich immer schwieriger, und am meisten drückte es uns zu sehn, wie die Eltern darunter litten. Die Mutter kam nie zu uns herauf, ohne Doris oder mir auf die eine oder andre Weise zu sagen: »Vergeßt nicht, daß Ernst krank ist, ich schwöre es, er ist wirklich krank, wenn es auch fast niemand merkt. War er je böse vor dem Krieg? Böse? Nie. Er wird sich bald erholt haben, und wir werden es wieder haben wie zuvor. Geduld, liebe Kinder, Geduld. Zu Jacquot ist er ja immer gut.« Ich rührte schon lange keine Zeitung mehr an, aber Ernst machte sich eine Aufgabe daraus, besonders gehässige Artikel bei Tisch vorzulesen – in der Tat, nie hätte er sich früher eine solche Taktlosigkeit erlaubt. Er wütete, mit einem nach innen gekehrten Fanatismus, oft dachte ich: als ob er sich selbst bestrafen und quälen wollte! So leidvoll war sein Gesicht, wenn er sich in politische Betrachtungen stürzte. Die wenigen Freunde, die der Krieg mir gelassen hatte, waren vollauf beschäftigt, sich eine neue Existenz zu schaffen in dieser Gründerzeit, die der Abzug der Deutschen, der Umtausch der Mark gegen den Franken und die Möglichkeit, Deutschland billig auszukaufen, herbeigeführt hatten. Jedesmal, wenn ich in Straßburg war, bekam ich Streit; in einem Nachtlokal, wohin ich mich nach einer Soiree bei den Bock geflüchtet hatte, kam es zu einer regelrechten Boxerei mit drei Franzosen, die meine Landsleute am Nebentisch gegen mich aufgehetzt hatten. Dem einen zerschlug ich eine Champagnerflasche auf dem Kopf; natürlich wurde ich zu einer Geldstrafe verurteilt. Ich (nicht etwa Ernst) bildete eine ständige Rubrik in den Zeitungen, deren Geschäft noch immer in der Deutschenverfolgung bestand. Ein andrer als ich wäre darüber zum deutschen Patrioten geworden ... Nur Viviane von Bock, die wir oft besuchten, hielt sich wacker. Vielleicht weil sie eine Kriegswitwe war – doch die Witwe eines bereits im August 1914 gefallenen französischen Offiziers, worauf sie die höchsten Ansprüche auf patriotische Dummheit hätte gründen können. Bei ihr durfte ich mich aussprechen, eine Feigheit eine Feigheit nennen und meine pazifistische »Idee« entwickeln, von der ich behauptete, daß jetzt, jetzt erst ihre Zeit gekommen sei. Wie verstand sie es, dem aufgeregten Menschen zuzuhören! Wahrlich, es galt mir mehr als Liebe ... Nur wenn ich übertrieb, hielt sie mich an und rief mit dunkel strahlendem Vorwurf: »Pulcinella!« Ich reiste nach dem Lido – mit dem Erfolg, daß ich Maria verlor, und kaum war ich zurückgekehrt, ging die Hetze von neuem an. Hubert Adam, der seit dem Waffenstillstand ein »grand médecin« geworden war, mit einer Privatklinik von einer modernen Fasson, einer Fülle sowohl wissenschaftlicher wie ästhetischer Einrichtungen, wie man sie in Paris vergeblich gesucht hätte, kam zuweilen abends spät nach Breuschheim hinausgefahren, um mir stillen Zuspruch zu spenden. »Warte nur,« sagte er pfiffig, während er mit gesenktem Kopf an seinem Kneifer rückte, »warte nur drei Jährchen oder vier, da werden allerhand Leute ihr blaues Wunder erleben.« François Kern aber unternahm es, mir in seiner Zeitung beizuspringen, aber da diese Zeitung eine der ganz wenigen (wenn nicht die einzige) war, die das Elsaß tatsächlich verteidigte, galt sie bei den Gutgesinnten für ein Radaublatt, und er schadete mir mehr als meine ärgsten Feinde. Was blieb mir da noch? Meine »Idee«. Sie war alt und zäh, meine Idee, mit sechzehn Jahren hatte ich sie gefunden, und wer mit sechzehn Jahren eine »Idee« findet, der ruht nicht eher, als bis er sie sich einverleibt hat, der umhegt und pflegt sie und bewehrt sie mit Türmen, in die er Musikspiele einbaut und eine Sturmglocke für die Stunden der Gefahr. Als die Verkörperung und leibhaftige Predigt meiner Idee hatte ich Straßburg, das Land und zuletzt meine Familie aufgestellt, und dies war der Grund, warum ich ihrer Geschichte so leidenschaftlich nachspürte: der Geschichte Straßburgs, des Landes, der Geschichte meiner Familie, die sich schon tausend Jahre hier umtat, lebhaft, deutlich, unverkennbar, als sei sie nur immer ein und derselbe Mensch. Ein ermüdeter Läufer warf sich in den Jungbrunnen und sprang, kaum, daß er untergetaucht, mit einem Knabenlachen auf den grünen Rasen, das waren die Breuschheim, und von den sich reckenden Armen deutete der eine auf die Vogesen, der andre zum Rhein ... Das waren die Breuschheim, das war Straßburg, das war das Elsaß. Das Reich Karls des Großen, hier lebte seine Seele weiter, während die Trümmer seiner Gestalt über Europa verstreut lagen – o du kleine, an der Grenze zweier großer Nationen, zwischen den beiden unermüdlichen Ringern um die verlorengegangene Krone in wieviel Karnevalen und Ostern ausharrende Provinz der einigen Christenheit: Elsaß! ... Was half mir aber nun meine Idee? Hubert Adam, der in der Obersekunda an sie geglaubt hatte, warf den Kopf zurück, wenn ich darauf anspielte, und schmetterte guttural: »Ach was, heute gibt es nur zwei lebendige Ideen, die des Besitzes und die des Nichtbesitzes! Schauen wir zu, daß wir das Leben genießen, bevor die Bolschewiki über uns kommen. Was kostet euer neuer Wagen?« Dagegen verfolgte Francois Kern, der sie früher bekämpft hatte, jetzt eine Politik, die manche Beziehung zu meiner Idee aufwies ... Wer weiß, sagte ich mir, wer weiß: in drei Jährchen oder vier ... Eines Tages fand zwischen Ernst und mir eine Unterredung statt. Sie war kurz und schlicht. »Doris und ich,« sagte ich, »wir fahren morgen in den Schwarzwald für sechs Monate. Wir lassen Jacquot hier. Visa haben wir nicht. Wir benutzen Léos Brigadeauto, damit kommen wir nach Offenburg.« »Vortrefflich«, sagte Ernst. »Und dann?« »Dort finden wir schon ein andres Auto, das uns bis vor unser Waldhaus bringt.« »Zweifellos. Und dann? Wie denkst du dir das übrige?« »Welches übrige?« »Hör' zu, Claus, ich wünsche nicht, daß du mit dem Vater über Geldangelegenheiten sprichst. Er gäbe für dich sein letztes Paar Hosen her ... Ich muß dir sagen, das Gut ist nicht die Kravattennadel wert, die du da im Schlips trägst. Unser Großvater hat, wie du weißt, sämtliche Reben ausgerissen, jahrelang ganze Wagenzüge burgundischer Erde hergeschafft. Bei seinem Tod lag derselbe Wein im Keller, wie der Urgroßvater ihn ohne burgundische Hilfe gezogen hatte! Unser Vater ... Aber nein, davon wollen wir lieber nicht reden. Er ist stark in der Theorie, man könnte ihn geradezu einen Gelehrten nennen, einen Nationalökonomen, sozusagen den Erfinder der vergleichenden Wirtschaftsgeschichte ... Dann, im Krieg haben wir viel verdient, wie alle Bauern. Es war unvermeidlich. Aber Vater hat das Geld in deutschen Papieren angelegt. Warum? Dein Schwiegervater Kieper erzählte, schrieb, telephonierte ihm dauernd Märchen von der gewaltigen Zukunft der deutschen Industrie. Und als Praktiker überragte er ihn, das hatte Vater immer zugegeben. Die Papiere, mein Junge, werden täglich weniger, ich fürchte, Privatleute wie du können demnächst Feuer damit anzünden oder darin für ihre Jacquots Figuren ausschneiden, ohne sich einem Vermögensverlust auszusetzen. Kieper selbst – ja, mein lieber Junge, das ist eine andre Sache! Kieper ist groß geworden, riesengroß! Wenn er will, kann er sich ein früheres Großherzogtum kaufen oder den Montblanc. Eine Kleinigkeit für ihn. Drum, was ich sagen wollte: hier in Breuschheim schließt deine Rechnung mit einem Passivum, in Köln jedoch liegt das Geld – bergehoch! Halte dich an deinen Schwiegervater. Richte deinen Blick auf Köln. Nimm deine liebe Frau an die Hand und ... und ... Hör' zu, Claus. Ich habe keine Kinder, und wir werden auch nie welche haben. Unter uns gesagt. Drum ... Wenn nicht bis dahin unsre Welt völlig zusammengekracht ist, so wird Jacquot, euer Jacquot, heute oder morgen ein kleines Königreich sein eigen nennen. Denn die Kieperschen Söhne sind tot.« Ich muß gestehn, ich war überrascht. Es war das erstemal, daß ich die tatsächliche Überlegenheit meines Bruders erkannte. Bis zu diesem Augenblick hatte ich ihn für einen geschäftehungrigen, auf seine feudale Abstammung erpichten Landjunker gehalten, wie sie in den letzten dreißig Jahren zahlreich aufgetreten waren. Er liebte Automobile, viel weniger Frauen und von diesen nur solche, die einen heftigen Hautgeruch ausströmten. Er plauderte ebenso geläufig über die Großen der Höfe, die er zu bespötteln vorgab, wie über die Prominenten der Weltbörsen, von denen er mit echter, wenn auch herablassender Hochachtung sprach. Ein Gedicht Goethes von einer Schillerschen Ballade zu unterscheiden, wäre er nicht imstande gewesen, wenn er auch mit viel Geschick in jedes Buch hineinsah, von dem »man sprach«. Soweit war alles in Ordnung. Dumm war er nicht, o nein, im Gegenteil, klug war er, sehr klug, und seine Konversation galt nicht nur in Pasewalk und Charleroi für blendend. Wenn er gut aufgelegt war, fiel es ihm leicht, ein Französisch hinzuplaudern, das blühte, duftete, ja von Tau funkelte, und manchmal, vom ergriffenen Schweigen ebenbürtiger Damen oder sehr vermögender Herren ermuntert, konnten seinem Talent Schwingen wachsen, daß sich seine Sprache fugenartig zu schwindelhaften Höhen erhob. Auf diesem Gipfel angelangt, prophezeite er. So hatte er in Paris wiederholt den Weltkrieg vorausgesagt, den Sieg Deutschlands einbegriffen. Deshalb und weil Frankreich schließlich doch nicht geschlagen worden war, verzieh man ihm, daß er zur Erfüllung der Prophezeiung auf deutscher Seite tatkräftig mitgeholfen. Auf den Schreibtischen schöner Pariserinnen stand heute schon wieder sein Bild, wenn auch in der neuen französischen Uniform. Auch das war in der Ordnung. Jetzt aber ... »Und da wäre ja dann noch die Autofabrik«, sagte ich und blickte durch das Fenster. Hinter dem Park, von einem guten Gärtner an ihn angeschlossen, ja, in das grüne Reich einbezogen, murrte Tag und Nacht eine kleine Fabrik, ein wahres Muster, das Vater Kieper in den Mußestunden seiner kurzen Ferien dort angelegt hatte. Früher hatten die Kraftwagen unter der Marke »Alsatia« ihren Weg in die Welt genommen, jetzt lieferte das Werk »Nouvelle-Frances«, die sich bei den automobilkundigen Franzosen rasch beliebt gemacht hatten. »Welche Autofabrik?« fragte mein Bruder mit erstaunten Augen. »Wie kannst du nur so dumm fragen, Ernst! Vater Kiepers Ideal, die Freude seines Alters, das Bijou von einer Fabrik, das er uns zu Dorisens dreißigstem Geburtstag geschenkt hat.« Ich zeigte durch das Fenster. Ernst erhob sich langsam, sah, die Hände an den Bügelfalten der Hose, mit immer noch wachsendem Staunen auf mich herab, und es dauerte geraume Zeit, bis er die Sprache wiederfand. Dann setzte er sich. »Ja, mein lieber Junge, die gehört doch mir! Die habt ihr mir doch alle feierlich überschrieben – weil ich unter euch allen der einzige Geschäftsmann bin!« Richtig. Die Fabrik gehörte ihm. Feierlich hatten wir sie ihm überschrieben, damals, als er aus dem Sanatorium auf Urlaub heimgekommen war, niedergeschlagen wie nur einer und alle Welt seines Bedürfnisses nach Trost versichernd. Annemarie hatte mich telegraphisch herbeigerufen. Seine fassungslosen Hände waren dauernd aus denen seiner Frau in die Dorisens, manchmal sogar in die meinen gewandert. Er hatte nicht mehr gewußt, was in der kunterbunt durcheinandergewürfelten Welt anzufangen. Da hatten wir ihn in die Mitte genommen und waren alle zum Notar gezogen. Kein Zweifel, die Fabrik gehörte ihm. Und wir andern Breuschheim waren arm wie Kesselflicker! Jedoch, was konnte das bedeuten, tröstete mich Ernst, wo der alte Kieper so groß geworden war, riesengroß, und wo unsre eigenen Eltern kaum Bedürfnisse hatten und nicht einmal die bescheidensten Anforderungen ans Leben stellten, wie sie mein Vater mit Kopfschütteln an meinem früheren Erzieher, dem Kanonikus Simon, bemerkt hatte, der, kaum daß er den Marschall Foch im Münster empfangen hatte, plötzlich nach Jerusalem gereist war?! Gewiß doch, es blieb mir nur übrig, mich wegen meines unangebrachten Hinweises auf die Fabrik zu entschuldigen. Die Schornsteine hatten mich dazu verleitet, die eine Handbreit über den Parkbäumen hervorsahn. Natürlich gehörte die Fabrik Ernst, nur ihm, ihm allein ... Auch der Wagen war sein, der Doris und mich wie auf Händen nach Straßburg trug. Ein ganz prachtvoller Wagen!   Als wir Viviane aufsuchten, um uns von ihr zu verabschieden, trafen wir große Gesellschaft, Männer, Frauen und Kinder. Der Präsident der Republik beehrte an diesem Tage Straßburg mit seinem Besuch, die Stadt war von Fremden überfüllt. Auch im Hause Bock wehte festliche Luft. Für die Bock und Dürckheim, die in den Salons versammelt waren, um ihnen bekannte oder empfohlene ortsfremde Offiziere und deren Damen zu empfangen und sie mit den rechten Anweisungen für den Besuch der Stadt und des Landes zu versehen, war das Elsaß, ihre Heimat, wahrhaft befreit. Demaskiert, von allen Wolfsgruben des Eroberers gesäubert, lag es klar unter dem Himmel, als ihre Heimat, ihr Elsaß, wie es vor 1870, dem »großen Verrat«, wie die einen sagten, dem »Gottesgericht«, wie es die andern hießen, immer gewesen ... Immer? Unwillkürlich dachte ich an die alten, schon im Boden versinkenden Steine an der Kirchhofsmauer des Glöckelsberges, auf denen die Grabschriften auch dieser Familien in deutscher Sprache weiterklangen, auch diejenigen von Männern und Frauen, die dem Bourbonenhaus in der Kammer oder im Felde gedient hatten.. Doris lachte mit den gleichaltrigen Müttern, nahm die väterlichen Komplimente des Barons entgegen und sprach Jacquot Mut zu, mit dem die Mädels, von ihrer koketten, alle Gäste entzückenden »Landestracht« berauscht, immerfort »Einzug in Straßburg« spielten. Schließlich empfingen sie ihn so stürmisch, daß er sich nicht mehr zu ihnen hineintraute und lieber ein Gespräch mit einem andern Jungen anknüpfte, der im Nebenzimmer einsam auf einem Stuhl saß und verschüchtert zum Sofa hinüberträumte, wo seine Eltern in ehrfürchtiger Haltung einen Hymnus auf den Odilienberg anhörten. Es war Viviane, die ihn auswendig hersagte. Als wir aufbrachen, folgte sie uns in die Halle, um mir zuzuflüstern: »Mein lieber Claus, ich bin zufrieden, aber – von allen Landsleuten hier, wissen Sie: von den richtigen, den alten, gefällt mir doch am besten der François Kern. Sie haben den Mut gehabt zu sagen, daß Sie sein Freund sind – bitte, grüßen Sie ihn von mir.« »Eine hübsche Geste, Viviane!« » ...alter Kameradschaft, Claus. Also, Punkt 6 Uhr bringe ich Ihren Jacquot nach Breuschheim zurück, und da ich leider selbst keine Kinder habe, will ich ihn oft besuchen, als wäre er mein Junge und bei Ihren Eltern in Pension.« Die Kastanien der Kellermannstaden trugen auf ihren gelbbelaubten Ästen das Licht wie auf Lüstern. Im Wasser des Kanals floß ein dunkles Feuer, schwebend verweilte der Tag, von lauter frohen Menschen straßenbelebt, und es war nicht nur die Fülle der Rosen in den Gärten, die Dorisens Blick verwirrte und entzückte, noch das milde und doch so starke Blau eines Rittersporns, der mit seinen kleinen blauen Flammen einen Rasenplatz erhellte, wenigstens war es nicht das allein – nicht die Schaustücke dieses herrlichen Tages allein in den Straßen, durch die wir zogen. Es war Lust und Klage Dorisens über all. das, was sie hier zurückließ, und etwas wie trotzige Treue, so daß sie sich mit ihrer ganzen Gestalt aufhob gegen jenes Andre, das in der allgemeinen Helle und Weltlust, die der Tag über Straßburg ausgeschüttet, sie bedrohte wie eine ungewisse Nacht: jenes Etwas, was plötzlich für sie die Fremde war, drüben über dem Rhein ... Sie hatte Heimweh, bevor sie noch das Land verlassen. Sie schritt neben mir, ließ die Augen schweifen, ließ alle Freude, die sich ihnen bot, wahllos in sie ein, ließ sich von diesem wahrhaft wunderbaren Sommerwind in einer Wolke federleichter Musik dahintragen, schier gewichtlos Arme und Beine, den Kopf fast leer, und war, ich sah es ihr an, hauptsächlich auf irgendeine Art von Tanz bedacht. Ohne das Lächeln über ihren Augen, das Lächeln unter ihrem Mund mir zuzuwenden (ach, wie ich es kannte, dieses Visier!), sprach sie unvermittelt: »Claus, in meinem Herzen gehe ich nicht fort. In Wirklichkeit bleibe ich hier.« Und sie blickte trotzig-selig an den Häusern der Langestraße hinauf. Wir waren nach Durchquerung der Stadt beim Schlachthausstaden angelangt, von wo man mit der Elektrischen nach Breuschheim fährt. »Wie wär's –?« fragte Doris übermütig, indem sie tat, als wollte sie zur Haltestelle hinüberlenken. Aber schon ergriff sie meinen Arm und zog mich lockenschüttelnd weiter. Da bemerkten wir die alten Stadttürme, deren einen wir als Studenten gegen Zahlung einer geringen Summe von der Stadt »auf Lebenszeit« gemietet hatten. Er gehörte uns noch immer, und Hubert Adam behielt ein Auge darauf. Man stieg auf Leitern ins Dunkel, dann öffnete sich ein einziger großer Raum, den wir mit Möbeln, Bildern, Büchern hübsch wohnlich gemacht hatten. Durch die Schießscharten schien der Himmel herein, Mittag, Abendlicht, Sternenhimmel, Morgengrauen. »Ja, willst du wirklich weggehn?« rief Doris lachend aus, als spotte sie unser und aller Welt, und ihre Hand griff nach der meinen, und sie wandte mir ein Antlitz zu, auf dem im Augenblick, da unsere Blicke sich berührten, mädchenhafter Übermut fiebernd in frauliche Verheißung umschlug ... »Was meinst du, Claus? Klettern wir in den Turm?« Wir drehten uns die enge Stiege hinauf, und in der Dunkelheit war es, als ob Doris vor mir flöhe und ich sie verfolgte. Der Turm erdröhnte von unserm Tumult. Sooft der Lichtstreifen einer Guckscharte durch die Finsternis geisterte, hob ich die Augen, um nicht den Anblick der Turnerin zu versäumen, wie sie sich von Trapez zu Trapez durch das Dunkel emporschwang. Dann kam die Leiter. Wir tasteten nach dem versteckten Schlüssel, hurra, wir fanden ihn. Der Raum war unverändert, der mächtige Diwan stand wie nie berührt. »Noch eine ›Stunde‹ gewonnen!« stammelte sie an meinem Hals, und später schlug sie allen Ernstes vor, wir sollten uns die paar Monate im Turm versteckt halten, das wäre ebenso gut wie über die Grenze abzuziehn; niemand brauchte es zu wissen, mit Ausnahme der treuen Viviane, die uns manchmal den Jacquot brächte. »Mein Claus, ein Spirituskocher! Denk mal! Das ist alles, was wir brauchen. Mein Ehrenwort! Was soll ich im Schwarzwald? ...und es ist gar nicht wahr, daß ich die Schweiz liebe, mit ihren langweiligen Gletschern! Dieses Turmzimmer liebe ich. Großartig wird es, und endlich habe ich dich einmal für mich allein!« »Doris, in acht Tagen stände es in den Zeitungen«. »So bleiben wir wenigstens diese acht Tage«, trotzte sie. »Wir würden uns lächerlich machen.« »Uns lächerlich machen? Was ist das?« So ging es noch eine Weile hin und her, bis sie auf einmal schwieg und vor sich ins Leere starrte ... »Doch,« sprach sie dann entschlossen, »doch! Ich freue mich auf unser Waldhaus. Und Hochgebirgstouren liebe ich über alles. Wirklich!« ... In früher Nacht trafen wir in Römerbad ein. Guter Mond Ich lege die Feder nieder und trete auf die Terrasse meines Waldhauses. O, ich wohne schön hier oben. Und still – mein Gott, wie wunderlich still nach soviel Lärm! Vom Gebirg wandert der Hochwald herab. Hinter dem Haus macht er halt und steht in gerader Linie: Eichen, Lärchen, hochgeschossene Akazien, Buchen und ein paar Edelkastanien, die in ihrer Üppigkeit wie gedrungene Eichen wirken – lauter alte Kerle, wie sie anderswo auf einem Platz, den man eigens gerodet, als Schaustücke gezeigt würden. Wir könnten Gedächtnis – und Weihebäume für ganze Fürstengeschlechter, für Generationen von Dichtern bereitstellen. Unten, von den Wiesen, sieht der Streifen aus wie ein hellerer Saum am aufsteigenden Wald. An dieser Waldseite hängt von morgens bis abends alles Licht des Himmels. Durch den Wald kommt der Tag marschiert, er braucht lange, bis er bei uns anlangt, denn der Wald ist groß, man müßte gewiß zwei Wochen dransetzen, um ihn zu durchqueren. Dafür verweilt er dann an der Waldseite wie vor seinem Spiegel bis zum Abend, wo er zum Abschiedsruf, der die Erde überglutet, die Brust aufreißt und Flammenarme öffnet. Wir aber, hinterm Haus, sehn ihn dann nur in seinem himmlischen Purpur stehn, der langsam zu Asche verfällt. Durch den Wald folgt ihm die Nacht auf dem Fuß. Eine Leere, weglos, eine Angst, eine Kluft ohne Brücke tut sich auf, indes die Sterne einer nach dem andern in den abgründigen Himmel rollen. Dann erhebt sich der Mond. Ich fühle ihn, ich atme ihn, noch bleibt er verborgen. Von der Terrasse blicke ich auf die Ebene, die unter derselben Ahnung schauert. Der Himmel ist von einem beunruhigenden Blau, das immer die Farbe wechselt, als schaukelte er in einem Becken mit einem roten und einem gelben Band; bald ist er lila, bald grün. Eine Nacht, die Herzklopfen macht, mir und den Sternen. Mein Herzklopfen spüre ich mit der Hand, das der Sterne mit den Augen. Suchend biege ich ums Haus. Hinterm Wald steigt der Vollmond empor, man sieht ihn noch immer nicht, aber er hat den knospenden Wipfel einer Rieseneiche zum Blühen gebracht, der Baum ragt in goldgelber Pracht aus der Finsternis, der Himmel darüber ist wie ein Duft.   Komm, Barry, mein Hund, gehn wir ihm entgegen! Ich werfe einen Blick zurück auf Haus und Hof. Still liegt die Arche da, im Schatten des Waldrands, nur vorn in der Küche brennt hinter den Läden Licht. Jacquot schläft schon; unbesorgt, daß vielleicht der große, wilde Wald in sein Zimmer einbräche, hat er, wie immer, der Nacht das Fenster geöffnet. Im Wald ist es noch dunkel, aber ich weiß die Lichtung, wo wir dem Gestirn begegnen ... Was für ein Menschenfreund ist doch der Mond! Kaum ist er zu einem verkehrten Komma eingeschrumpft und scheint vom grausigen Rachen des Himmels verschlungen, da kehrt er schon wieder zurück. Eines Abends kommt er unansehnlich den Wald herauf und hängt seine Angel aus, tief genug, daß wir anbeißen können. Von diesem Augenblick an sind wir der Bedrohung durch die Raubtiergestirne entzogen, die jenseits durch die Urnacht schweifen. Es ist nicht mehr unsre Nacht – da hinten! Sie verschlägt uns nichts. Das irdische Reich hat einen Hag erhalten, wir sind eingefriedet. Und der Hag beginnt zu blühn. Da springt der brave Angler auf die Beine, die Botschaft an Heinrich den Vogler hat ihn erreicht, im Osten, hinter dem Wald ist ein Lichtgebäude entstanden von kunstvollster Arbeit. In Parade fährt er bald darauf aus dem schwach erleuchteten Hof seines Palastes. Ein Vivat dem neuen König! Die Erde tritt in hellen Traum. So schwach und flüchtig wir sind und trunken im Begehren, der Mond schenkt jedem von uns seinen angemessenen Traum. Unser Traum wächst mit ihm, es ist eine richtige Ernte, die da gedeiht, und wenn sie reif ist, so schneiden wir sie mit der silbernen Sichel, und die Frucht des Bösen lesen wir aus und beladen ihn damit und schicken das menschliche Gestirn hinaus in den barbarischen Himmel, der plötzlich wiederum von Feinden leuchtet ...   Barry saust mit einem Satz davon, ich höre ihn anschlagen, dann steht er vor mir und legt mir einen Igel zu Füßen. Daraus ersehe ich, daß die Lichtung nahe ist, denn dort tummeln sich im Mondschein die Igel. Ich muß die stachelige Kugel in das Taschentuch rollen und aufheben, Barry wiche sonst nicht von der Stelle. Wiederholt versuche ich, mich unauffällig des stachligen Gesellen zu entledigen. Jedesmal bringt Barry ihn zurück. Er weiß, das Tier gehört in die Scheune. Sobald es einmal dort untergebracht ist, kümmert er sich nicht mehr darum. Aber welcher Jäger wirft denn seine Beute weg?! Die Schnauze blutet, er läßt nicht locker. Der Mond hält mitten über der Lichtung. Jetzt erst wird mir bewußt: der Wald rieselt in einem unfühlbaren Wind. Doch kein Grashalm rührt sich, auch die Äste, die in die Helligkeit hineinragen, und ihr Schatten am Boden bleiben reglos. Vielleicht, denke ich, sind jetzt zahllose Tierchen in Anbetung des Gestirnes befangen, vielleicht leben andre erbebend ihren hohen Tag ... Ich blicke der weißen Majestät voll ins Gesicht, der Glanz des Hauptes fließt über, bildet einen Schein, der lange, spitze Strahlen schießt – ich spüre den erhobenen Kopf des Hundes an meinem Knie. Erst erkenne ich noch Streifen, wie vom Reif, an den Stämmen, an den Ästen, darauf ist der Wald versunken, ich sehe nur noch den Mond, das Rieseln in den unsichtbaren Wipfeln schwillt an, ich höre die Stimme des Meeres ...   Bei unsrer Heimkehr steht der Mond bereits hinter dem Haus. Ich muß auf die Terrasse gehn, um seiner ansichtig zu werden. Und da fällt mir ein Abend ein, wo Maria uns hier besuchte. Zum erstenmal seit Kriegsbeginn war ich daheim Ich wurde gefeiert ... Aus Breuschheim, Straßburg, Köln hatten sich Verwandte eingestellt. Mein Schwiegervater, der Fabrikant Kurt von Kieper, war mit dem Eisernen Kreuz des Feldzuges von 1870 bei uns erschienen, hatte es aber wortlos abgelegt, als er bemerkte, daß mein Vater, der damals auf französischer Seite gefochten, wohlweislich kein Abzeichen seiner Orden trug. Beim Frühstück unterhielt er sich über den Krieg von 1914 mit der Sachlichkeit eines pensionierten Feldherrn, abends nicht ganz so selbstsicher und deshalb ein wenig zu eifrig über den rheinischen Adel. Die Standeserhöhung der Kieper datierte vom Vater. Kurt hatte ganz den Kopf der Deutschen von 1870: rosige Gesichtsfarbe, kurzen Vollbart, starke Augenbrauen, den Blick des rechtschaffenen Mannes, hinter dem der Humor gern seine Lichter aufzog. Die beiden Söhne waren gefallen, die Frau an einem Herzschlag gestorben, ungebeugt trug er den ersten großen Schmerz seines Lebens, den ihm Gott also aufgehäuft auf die breiten Schultern gelegt. Frau und Söhne erwarteten ihn auf einer jener Morgenwolken, wie er sie zärtlich liebte, hunderte von Malen gezeichnet und darnach zu Hause koloriert hatte. Sein Reichtum war gewaltig gewachsen, auch dies nach Gottes Ratschluß, der die Deutschen ausersehen hatte, die Rolle seines Weltvolks zu übernehmen. Deshalb machte er Riesen aus ihnen – natürlich ging es nicht ohne persönliches Leid ab. An dieser wachsenden Bedeutung der Deutschen zweifelte mein Vater nicht, wenn er sich auch weigerte, Gottes Hand im Spiele zu sehn. Nur, meinte er, habe der Krieg die Deutschen auf ihrer Sonnenbahn um fünfzig Jahre zurückgeworfen, was immerhin soviel gewonnen sei für die andern. Seine Gedankengänge waren betontermaßen wirtschaftlicher Art, statt von den Armeen Soldaten sprach er vom Aufmarsch der Getreide- und Baumwollernten, von Eisen, Kupfer, Stahl, Kohlen, Petroleum und den Arbeitskräften, die die großen Industrieverbände mobilisieren könnten. Die Generäle hielt er, ohne Unterschied der Rassen, für alte Esel, die, ohne Einblick in die wirtschaftlichen Verhältnisse, blutige Manöver nach untauglichen Vorlagen abhielten. »Da sie auf beiden Seiten so sind, wird zum Schluß einfach die intensivere Fabrikation siegen.« »Ganz recht,« pflichtete Kurt von Kieper bei, »und die haben wir .« Durch seinen gütigen, fast sentimentalen Blick glitt eine listige Bosheit, verlegen schlug mein Vater die Augen nieder. Nach einer Pause begann Kurt Erlebnisse aus dem siebziger Krieg aufzufrischen, oder er wandte sich an meine Mutter, um ihr von den deutschen Künstlern vorzuschwärmen, unter denen er die Nazarener besonders hochschätzte. Von den abendlichen Gesprächen wurde mein Vater nur gefesselt, wenn in der Erzählung Frauen auftauchten, die unstandesgemäße Dinge anstellten. Von vornherein ergriff er die Partei der Sünderin, und nur die Anwesenheit der Damen hinderte ihn, seine Gedanken noch lebhafter auszudrücken. Seitdem es diesen Krieg gab, trotzte er. Vielleicht im geheimen sogar Gott, jedenfalls aber unbändig den Menschen. Auch Tante Sidonia sprach einmal vor, um mich als »Feldgrauen« zu begrüßen. Sie hatte das Rheinweilener Schlößchen als Lazarett für Seuchenkranke eingerichtet und pflegte selbst; sie hatte wenig freie Zeit, ich war stolz auf ihren Besuch. Jedoch sie schloß sich sofort mit meiner Mutter ein, und als ich endlich nach ihr fragte, war sie schon wieder fortgefahren. Mein Vater war ihr im Garten begegnet, ohne sie zu erkennen. »Wer war der lebende Leichnam?« erkundigte er sich, und wurde aschfahl, als man ihm erwiderte: »Sidonia ...« Er sprang auf und schritt erregt über den Teppich. »Was haben sie aus dieser Frau gemacht? Seit Jahren läßt sie sich nicht mehr blicken – was um Himmels willen ist mit ihr geschehn?!« Er machte vor meiner Mutter halt, als erwartete er eine Antwort. Sie hob nur die Schultern. Plötzlich sagte er: »Ich weiß Bescheid, auch wenn ihr euch ausschweigt, und verließ das Zimmer.«   An jenem Abend nun (Maria war am Spätnachmittag eingetroffen) saß Doris am Flügel und spielte Brahms. Langsam vergaß ich, auf Blicke und Gedanken Marias zu antworten, die den verhaltenen, ein wenig rauhen Ton ihrer Stimme hatten. Langsam wurde sie zu einem Bildnis von Bronzino, das man in einem deutschen Museum betrachtet, wenn durch die offenen Fenster die Vögel singen und im Grünen helle Frauenkleider segeln. Wie wir, erst jeder allein, dann alle zusammen und mit dem ganzen Salon, der sich in seinen üppig entfalteten Farben weitete, hinter dem schwarzen Schwan des Instrumentes davonflogen, blickte ich einmal zur Seite. Da stand in der offenen Tür der Mond und hörte zu. Wir waren also richtig im Himmel! Nach der Beendigung des Musikstückes öffnete sich die andre Tür, und meine Schwägerin Pia trat herein. Weil sie gekommen war, als Doris gerade zu spielen begann, hatte sie im Gang gewartet. Sie trug eine silbergraue Robe und eine lange, goldene Kette von Mondsteinen, die, paarmal um den Hals geschlungen, ihr bis unters Herz reichte. Ich hatte sie ihr aus Ceylon mitgebracht. Ich trat hinzu und hob die Kette mit der hohlen Hand auf, denn das in die Hand rieselnde Wasser der Steine schmeichelte Haut und Augen, und ich konnte die Kette nicht sehn, ohne sie so in die Hand zu nehmen. Durch Doris hatte ich erfahren, daß ich dabei ein verliebtes Gesicht machte, aber sie wußte, daß es mehr der Kette galt als dem verspielten Knaben von einer Schwägerin. Sechzehn Jahre war sie alt, hieß Pia und war dreimal so gewitzigt wie ihre Schwester Doris. »Frechdachs«, sagte ich leise, als sie mich über die Kette hinweg erwartungsvoll und zugleich spöttisch anblinzelte. Wir traten alle auf die Terrasse hinaus, da stand der Mond in gleicher Höhe mit uns über der Ebene. Es war eine große Sichel, aber man erkannte deutlich den beschatteten Teil des Balles. »Wo haben Sie Ihr Messingputzzeug?« fragte ich Maria. Es antwortete Pia mit Eifer: »Ja, denke, ich war gerade beim Putzen des Buddha dort oben (morgen ist doch Feiertag), da hörte ich Klavierspielen. Ich spitzte die Ohren. Das muß Doris sein, sagte ich mir, und fort war ich und bei euch im Zimmer. Er blickt noch immer erstaunt hinter mir her, das merkst du doch deutlich?« Doris rief: »Tatsächlich! Er erinnert an Papa, wenn wir das Spiel trieben, ihm einen Knopf festzunähn, um nach einigen Stichen davonzulaufen.« Maria dagegen behauptete, den runden Messingteller des Barbierladens an der Piazza Vittore Emanuele wiederzuerkennen, auf den das Hinterteil von Vittore Emanueles Roß einen Schatten warf. Wir stritten eine Weile unter Lachen hin und her, ich hielt mich zu Pia, vielleicht nur, um Maria zu necken. Einmal meinte Doris, es sei eine Auseinandersetzung zwischen zwei Rassen ... Da war ich wiederum mit Maria einig, die Bemerkung, die weit hätte führen können, zu überhören. Wir hielten im ersten Kriegsjahr, Maria war Italienerin, und ich mußte in drei Tagen wieder an die Front. Als die Gesellschaft zu Tisch gebeten wurde, verabschiedete sich Maria. Niemand wußte, wie man den unerwarteten Aufbruch erklären sollte. Während Doris sich im Verein mit den andern laut wunderte, führte Pia die Mondsteinkette an den Mund, unsere Blicke begegneten sich, sie nickte mir spöttisch zu. Und da schüttelte ich, wie vor einer erwachsenen Person, die völlig im Bilde gewesen wäre, bedeutungsvoll den Kopf. »Nein, kleine Tedesca,« wollte ich sagen, »du irrst. Maria Capponi kennt keine Eifersucht.« Sie aber nickte heftig. »Doch, Monsieur, doch!« Dann wandten wir uns gleichzeitig unsern Tischnachbarn zu. Am andern Tag holte ich Maria in ihrem Hotel ab. Ich fragte sie, warum sie nicht den Abend mit uns verbracht habe: »Die Bemerkung über die feindlichen Rassen?« Sie dachte nach. Ach so? Du lieber Himmel! Ob ich je bemerkt hätte, daß ihre gute Laune über diesen oder jenen Purzelbaum einer Unterhaltung zu Fall gekommen wäre? »Vergiß doch, bitte, nicht, daß ich eine zwanzigstündige Eisenbahnfahrt hinter mir hatte. Ich gebe zu, wenn ihr allein gewesen wäret, so hätte ich den Wagen warten lassen und wäre geblieben. Ich hätte ja nicht zu schwatzen brauchen. So aber schien es mir billig, euch en famille zu lassen.« Der Mond war mein Zeuge, daß ich mir genau das gestern selbst gesagt hatte! ... Während ihr Wagen langsam die Schleifen der Landstraße hinauffuhr, strichen wir durch Wiesen und die kleinen Wälder, die vereinzelt gleich Naturparken am Hang zwischen Hochwald und Ebene liegen – von meinem Tisch hier sehe ich auf sie. Es war Frühling, Buchen und Birken klangen von Vogelsang, wir wandelten in einer Helligkeit, als leuchteten die Stämme und das Laub aus ihrem Saft, oder als wäre der Wald eine Wolke, die sich auf die Erde niedergelassen. Und die Blumen schienen blühend der Erde entsprungen. Ein Wasser spielte seine kleine Tonleiter ab, und hundert Schritte weiter ein andres, und wo ein Sonnenstrahl das Moos traf, schien es ein Beet von Edelsteinen, und die Himmelblaue fiel als ein dünner Regen in den Wonnehain, wo die Freude in endlosem Überschwänge und wie bis zur Selbstvernichtung sang. Und keines wußte vom Tod. Taumelnd, der Erde halb entrissen und doch köstlich an sie gefesselt, in göttlicher Heimatlosigkeit betraten wir die Landstraße, an der letzten Kehre wartete der Wagen. Maria fuhr nach Römerbad zurück. »Nun, hat sie gestanden?« empfing mich Pia im Hausflur. Ich tat erstaunt. »Wer?« »Die Marchesa.« Ich wollte, ohne zu antworten, an ihr vorbeigehn, sie hielt mich am Ärmel fest. »Wer A gesagt hat; muß auch B sagen. Ich habe gestern genickt, und du hast den Kopf geschüttelt. Wer von uns beiden hat recht?« Ich machte mich groß und sie sehr klein: »Bedenke, Kind, daß Maria zwanzig Stunden auf der Eisenbahn gesessen hatte.« »Die?! Sie sitzt doch auch zehn Stunden im Sattel und geht dann noch zum Ball. Doris hat mir's erzählt.« Sie trat zwei Schritte zurück: »Eifersüchtig ist sie! Ich hatte recht!« Sie sprach mit solch einem fiebernden Ernst, daß ich laut hinauslachte, und damit hatte ich auch das einzige Mittel gefunden, sie loszuwerden. Im Nu war sie die Treppe hinauf. Ich schloß mich in mein Zimmer ein und entschlief.   Nachts gingen Doris und ich in den Mond bis zu einer Bank, von der man über ein kleines, vielfach bewegtes und in sich geschlossenes Tal schaut. Sie steht neben einem niedrigen Steinkreuz am Waldrand gen Rheinweiler. Es ist ein wunderbarer Platz zum Alleinsein, Schauen, Horchen, Lieben. Wir sahn den Mond nicht, er stand hinter dem Wald und beschien das Tal. Zwei Käuzchen riefen einander, das eine schluchzend: »Huhuhu!« das andre aufstachelnd: »Kiwitt, kiwitt!« Das Tal war braun und violett, ohne ein einziges helles Lichtchen, tief um die Bäume gesammelt hingen die Wiesen. Wir wanderten weiter durch den Wald, der mit langen, mondweißen Stämmen enteilte, dem Himmel, dem Mond zu – in einem Sturm von Farben, die aufleuchteten und erloschen. Ja, es war ein Sturm, doch einer, den der Mondstab in seiner rasenden Bewegung gebannt hatte. Die Lautlosigkeit erhöhte noch den Ausdruck der Gewalt. Welch ein Jubel! Drunten in der Ebene pickten die Lichter der Dörfer, scharf und hastig, wie die Hühner. Im Hof kam der Hund uns entgegen und geleitete uns stumm wedelnd bis zur Haustür. Wir schlichen die Treppe hinauf. Der kleine Jacquot schlief in meinem Zimmer. Es war mondweiß. Durch die offene Balkontür schlug manchmal eine schwere Duftwelle von den Fliederbüschen, das andre Mal waren es Rosen, die uns mit ihrem Duft wie mit einem feinen Gewebe überzogen ... Zweimal noch, bevor ich wieder in die tollste aller Höllen tauchte, fuhr über die Ebene zwischen Schwarzwald und Vogesen (sie gehörte mir, sie war mein Garten, meine ewige Kindheit) einer berauschenden Sonne ein nicht minder mächtiger Mond nach und folgten einander Tag und Nacht wie zwei Schwestern, deren jede nur die Verwandlung der andern war ... Ich glaubte nicht an den Tod.   Ich höre die Kirche in Rheinweiler Mitternacht schlagen. Der Wind hat nach Südwesten gedreht. Morgen gibt es Regen. Merkwürdig, Barry kommt und geht. Was ist los? Schließlich folge ich ihm. In der Vorküche brennt noch immer Licht, das ist allerdings ungewöhnlich. Ich öffne mit einigem Geräusch die Tür, und im Flur tritt mir Kathrin entgegen. Sie hat einen wichtigen Auftrag, sie hat versprochen, nicht schlafen zu gehn, bevor sie ihn ausgerichtet, sie bittet vielmals um Entschuldigung: Jacquot läßt dem Herrn Baron sagen – Ich bitte sie ins Zimmer, und nachdem ich damit die Wichtigkeit ihrer Mission anerkannt, bringt sie die Angelegenheit vor, in einer Haltung, als hielte sie den Zweispitz des Diplomaten unterm Arm. Grether Fritz ist heute nach Rheinweiler gegangen, um an einem Begräbnis teilzunehmen, und Jacquot hat ihn begleitet ... Das weiß ich. Jacquot ist nachdenklich, aber fröhlich heimgekehrt ... Ja, beim Abendessen ist mir sein stiller Übermut aufgefallen, und beim Gutenacht hat er mich umarmt und geküßt, wo wir einander sonst nur wie Kameraden die Hand drücken. Im Bett aber, Kathrin hatte schon das Licht gelöscht und das Zimmer verlassen, hat er sie zurückgerufen und sie beauftragt, mir auszurichten, er wisse jetzt, wie die Mutter in Breuschheim begraben worden sei, gerade so gut, als ob er dabei gewesen. Die Mutter habe Ruhe und er jetzt auch. Und Kathrin solle mir sagen, daß er mich so lieb habe, wie wenn ich außer dem Vater auch noch die Mutter wäre ... Kathrin, die als Mädchen ein Kind gehabt hat, das an ihrer Armut gestorben ist, spricht als jemand, der Bescheid weiß. Großmächtig blickt sie mich aus ihren dicken, runden Augen an. O gewiß, das war ein wichtiger Auftrag! Ich danke ihr, danke ihr sehr. Wie eine Standesperson führe ich sie bis in die Vorküche zurück, wo auf dem blankgescheuerten Tisch das Gebetbuch aufgeschlagen liegt.   Wieder schweife ich durch den mondhellen Garten. Überall stoßen und sprudeln die Stauden aus dem Boden, ich nenne sie bei Namen: Fliegendes Herz, Akelei, Lupinen, die frühen Flammenblumen, Nelkenwurz, Gartenwolfsmilch, Fingerkraut, Venusschuh, Frühlingsmargerite, Rittersporn, brennender Busch – ich weiß von allen, wo sie stehn. Diesen gebe ich ein Stelldichein zum Neumond, diesen zum nächsten Vollmond, jenen zum übernächsten, und da, zwischen den Buschrosen, knospen die Tulpen. Wenn sie blühen, soll Maria bei mir sein! Ich nehme den Brief an sie aus der Schublade, gehe durch den Wald bis zum ersten Briefkasten des Kurorts und werfe ihn ein. Die Tulpen Fünfzehn Tage sind vergangen, ohne eine andre Nachricht von Maria, als daß ich in einer Zeitung gelesen habe, bei einer musikalischen Soiree des Finanzministers Strata in Rom seien die Marquisen Maria und Camilla Capponi durch ihre »wahrhaft italienische Schönheit und vollendete Anmut« aufgefallen. Die Zeitung war selbst vierzehn Tage alt, der Krämer in Römerbad hatte seine Ware darin eingewickelt, und Jacquot brachte sie aus der Küche mit den Worten: »Da steht etwas über Tante Maria.« (Dabei hat er sie vier Jahre nicht gesehn und in dieser Zeit kaum ihren Namen gehört.) Ich bin gleich zur Post gegangen und habe telegraphiert. Ja oder nein, ich will eine Antwort haben, ich ertrage es nicht länger. Der Föhn bläst. Ich kann nicht schlafen, ich kann nicht wachen. Die Angst arbeitet in mir wie ein Gift. Es war nie Marias Art, eine Antwort zu verzögern ... Dieser Strata! Ein eiserner Hohlkopf, ganz der falsche Bonaparte, wie ihn Berrick vor zwanzig Jahren in der Trattoria all' Ombra di Goldoni angekündigt hatte! Sollte er dennoch jener »Fürst« sein, der für sie »in den Sternen gestanden«? ... Wie alt diese Drohung ist! ... Wo bin ich? Im Schlaf bin ich, den ich nachts nicht gefunden habe, hinter dem ich hergerannt bin wie hinter einem Pferd, das mich abgeworfen. Als der Morgen graute, hatte ich es eingeholt, hatte ich es mit den Händen an der Mähne ergriffen und das Gesicht hineingeschlagen. Da stürzte es und begrub mich unter sich. Da bin ich. Da liege ich – unter dem taghellen Alb einer schlaflosen Nacht ... Ich halte mich an die Tulpen. Ja, die Tulpen sind da. Ich besuche sie schon vor Sonnenaufgang, wenn sie vorsichtig das Tageslicht anschlagen. Am Mittag können sie das Licht nicht halten, so daß sie mit ihren übermäßig geweiteten Kelchen wie taumelnd dastehn, außer Rand und Band, schon dreiviertel verschlissen, zerrissen, mit einem Ausdruck schmerzlicher Verworfenheit ... Doch wie artig lauschen sie in ihrer enggeschlossenen Mantille den Serenaden des Mondlichts, eine jede auf ihrem eigenen kleinen Balkon! Sie blühn wild durcheinander auf allen Beeten des Gartens, von den Mauern mit den Steinpflanzen, aus den Rabatten davor, über die Vierecke mit den Buschrosen, bis in den Spaliergang und darüber hinaus, in versprengten Trupps, auf der Wiese, wo sie als kleine rote, gelbe, weiße Laternen im Grase hängen. Ganz hingerissen aber war ich, als ich sie im Schein einer Gewittersonne erblickte. Ein feiner Regen fiel, es war wahrhaftig Sonne, die regnete, eine Verklärung, die man bis tief in den Boden eindringen fühlte, versetzte den Garten in Ekstase. Die gestutzte Hainbuchenhecke am Sitzplatz erklang wie eine Glasorgel, die Triebe der Sommerstauden quollen in Büscheln, in Strähnen, und das erste Blattwerk des Rittersporns stand wie Helmbüsche da, und dann rührten sie sich, die Helmbüsche, und es war, als wüchsen sie vor meinen Augen aus dem Boden, als begännen Ritter aus dem Boden zu steigen! Die Kuckucke, ganz nahe, läuteten wie toll zum Turnier. Die Tulpen aber – Gott, was waren das für feine, zarte Geschöpfe! Lauter verzückte Heilige, von dieser Erde nicht mehr, nur noch die geringe Blutlache, die auf Märtyrerschaft und Seligkeit ein sanft glühendes Siegel gesetzt. Tulpen? Waren das Tulpen? Sie hatten ihren Namen verloren, sie hatten sich verloren, sie hatten die Welt verloren. »Blume Aufunddavon« nannte ich sie, weil die Menschen doch jedem Ding einen Namen geben müssen – der immer ihr eigener ist. Man braucht ja auch gar nicht von dieser Welt zu sein, sagte ich mir, zumal, wenn diese Welt einen nicht mehr festhält, und lachte befreit in den Honigregen und wusch die Hände in der Unschuld des seraphischen Lichtes, das auf mich und meinen Garten niederhing. Der Honigregen verfiel, und den glücklichen Abend fraß wolfshungrig die Nacht, in deren Gewölk der Mond voll umhertorkelte. Ich sah ihm zu, bis er hinter den Vogesen ins Bett ging, dann tat ich wie er, ich ging ins Bett, aber ich schlief schlecht. Ich hatte Träume wie zwischen zwei Tunneln, und wenn ich aufwachte, war es Nacht. So träumte mir vom großen Speisesaal eines Hotels. Das schloßartige Gebäude war von blauem Meer umringt. Die Terrasse führte mit wenigen Granitstufen, die in der Sonne flimmerten, auf einen rosa Sandstrand, und dort wimmelte es von Kindern, die sich in farbigen Badeanzügen zwischen Baracken und Strohhütten herumtrieben. Manche hielten sich an der Hand ihrer Mütter oder Bonnen fest und neckten mit der großen Zehe das Meer. Die Wellen der Brandung rollten sich wie Katzen vor ihre Füße, und die Kleinen sprangen, als würden sie gekitzelt. Andre stiegen mit der Zuversicht alter Seebären in die Fluten. Frauen und Kinder spielten mit dem Meer, soweit der Blick reichte, prunkend in Farben, auf dem rosa Strand vor dem blauen Meer, das seine weißen und gelben Fransen über den Sand hin und her zog, was an ein andres Kinderspiel erinnerte, wo der Reifen so geworfen wird, daß er nach heftigem Anlauf wie gerufen auf den Werfenden zurückkommt. Im Speisesaal aber stand auf jedem der vielen Tische, in einem schmalen Glas, eine Tulpe. Es gab gelbe, rote, rosa Tulpen, perlmutterne, weiße, so weiß wie Porzellan. Jede stand, wie gesagt, in einem Glas auf einem weißgedeckten Tisch, der Saal war ein einziges Tulpenbeet. Ich saß und erfreute mich an seinem Anblick. Plötzlich ertönte ein Trompetensignal. Die Tür sprang auf, und herein trat ein Paar, das mir bekannt vorkam. Der Direktor eilte ihm entgegen, geleitete es an einen Tisch neben dem meinen. Es war unversehens Abend geworden. Die Kronleuchter brannten, der Saal war gefüllt mit schwarzen Herren und bunten Damen, zwischen den Tischen schössen die Kellner, daß ich dachte: das sind tanzende Hechte – ein Dressurakt! Das Streichorchester begann eine Tanzweise, ich sah die Dame am Tisch gegenüber an und, als hätte die Musik sie aufmerksam gemacht, blickte sie gleichzeitig auf, wir erkannten einander ... Dann hatte ich einen Augenblick der Bewußtlosigkeit. Als ich aus dem Chaos von Tönen und Lichtern wieder zu mir kam, war ich glücklich. Denn über den Kopf des Herrn hinweg, der sich auf seine Suppe niederbeugte, lächelte, nickte sie mir zu. Die Musik schluchzte vor Wonne auf, und mein Herz blühte. Nun aber geschah etwas Merkwürdiges. Der Herr ließ den Löffel sinken, wandte sich um, stieß einen Laut freudigen Erstaunens aus, wischte sich hastig mit der Serviette den Mund, erhob sich, augenscheinlich, um mich zu begrüßen. Doch da glitt eine Wolke zwischen uns, eine herrliche Sommerabend wölke, weiß mit rötlichem Flaum, ich erwachte, aber ich wußte: das waren Murillotulpen im Himmel ... Ich warf mich auf die andre Seite und sehnte mich nach einem Hotel am Meer, nach einem Strand voller Kinder und Mütter, die mit dem Meer spielten, und ich lächelte über die Zurückhaltung der Mütter, die sich weismachten, sie selbst seien keine Kinder mehr ... Ich sehnte mich nach großen Hotels, die gegen die Grausamkeit des Lebens bis in die Kellerlöcher mit Matratzen gepolstert sind, und nach einer Frau, die mir über den Kopf ihres suppelöffelnden Gatten, hinweg zunickte, indes die Geigen uns zu einem Leben erweckten, das schon der Tod gewesen ... Darauf erging es mir offenbar schlecht, denn als ich das nächstemal erwachte, hörte ich gerade noch, wie ich aufstöhnte. Ich machte Licht. Ein Feind war im Zimmer. Ich fand ihn nicht. Der Engel der Verkündigung des Münsters in Reims, der hinter meiner Nachttischlampe steht, lächelte mich ironisch an ... Von allen meinen Träumen war dieser der einzige, dessen ich mich deutlich entsann. Die andern blieben Archipele, die auftauchten oder versanken, ohne daß ich mehr von ihnen erkannt hätte als ein paar Farben, einen Umriß. Und wie nachts hinter den bunten Stücken Schlafs, so war ich tags hinter allerlei Geschichten her, die sich von ungefähr einstellten, um ebenso plötzlich zu verschwinden oder sich mit Neuankömmlingen zu vermischen, so daß ich eingekeilt stand in der Menge meiner Gesichte, gedrückt und geschoben und ohne zu erfahren, warum, wohin. Nur, daß ich immer an Venedig denken mußte! Es kam so weit, daß ich beschloß: die Tulpe ist die Blume Venedigs. Sie schien mir bezeichnend für Venedig, ihm eingewoben, eingestickt in allem, im Wasser der Lagune, in seinen Stoffen, eingelassen in die Steine der Paläste, das Wasser- und Feuerzeichen in jedem Blatt ... Bald glaubte ich, das Venezianische der Tulpe, das ich doch eben erst entdeckt, sei der Grund gewesen, warum ich all die Tage an diese Stadt hatte denken müssen. Und nachdem ich diese Erklärung einmal gefunden, wunderte ich mich zuerst nicht weiter, daß von den fahrigen Geschichten, die den Tagschlaf enden umgaben, mich eine besonders behelligte. Da fuhr einmal in Venedig ein Paar auf dem Dampfschiffchen mit, ein Liebespaar, versteht sich. Der Vaporetto, von der Lichterkette der Riva degli Schiavoni verjagt, eilte mottengleich den Lichtern des Lido zu. Niemand sprach, als das Wasser und – sie, la signora. Sie machte ihm Vorwürfe, denen man es anhörte, daß sie mit dem Hotelzimmer, von dem die Rede war, nichts gemein hatten, und die auch unverzüglich, der Lüge des Vorwandes entrinnend, mit einem Sprung unter die Sterne setzten. Da konnte keiner mehr mit und etwa erraten, was eigentlich los sei! Er, il signor, stand, ein wenig abgewandt, neben ihr und schwieg. Er schwieg zu lange. Plötzlich, nach einer Schicksalsfrage, die bis in mein Ohr zischte, und die unbeantwortet blieb, verstummte sie. In diesem Schweigen erinnerten mich die beiden, wie sie in einem scharfen Winkel auseinanderstanden und doch zusammengewachsen, an Adam und Eva am Eckpfeiler des Dogenpalastes, denen ich vor dem Betreten des Vaporetto eine gute Nacht gewünscht hatte – Eva hält fragend die, Hand hin, mit einem Ausdruck, der fast verschlafen wirkt vor Spannung ... Indessen erriet ich in seinem Gesicht ein Lächeln, das, nicht ohne Mühe, seine Selbstbeherrschung verwahrte. »Addio!« Sie lag über der Rampe. Doch schon war er über ihr und hielt sie fest, »Ich flehe dich an!« knirschte er. Sie stöhnte; »Oh!«, ein »Oh!«, von dem jemand, einen Schritt entfernt, nicht hätte unterscheiden können, ob Lust, ob Leid es gesprochen ... Dann saßen sie nebeneinander. Er hatte seinen Arm um sie gelegt. In seinem Arm lag sie, la signora, aber beide Arme wären nicht groß genug gewesen, sie zu fassen. Sie brauchte den ganzen Mann. Langsam öffnete sie ihn und begann, in ihm zu verschwinden. Bald war sie nur mehr halb so groß. Er aber wuchs, wuchs ... Nun stand er da, der mächtige Baum unter den Sternen, in dem die Schlange sich wiegte! Die Cafés von San Niccolo lärmten auf, als spendeten sie mit Tusch und Hurrah Beifall den mutigen Forestieri, die sich bis hierher gewagt, und das Volk eilte herbei, um zu sehn und zu betasten. Adam und Eva schritten über den Landungssteg, Arm in Arm blickten sie auf das strahlende Venedig zurück. Dazwischen lag die dunkle Lagune. Da erst erkannte ich in ihnen Gäste des Badhotels. Eine Weile, nachdem er festen Boden unter den Füßen hatte, sagte Adam: »Ich habe keinen Augenblick geglaubt, daß du dich töten wolltest, wohl aber habe ich gefürchtet, daß du, über die Schiffsrampe gebeugt, plötzlich verrückt würdest – oder auch nur schwindlig.« Solche klangvoll geschwungenen Brücken wirft die italienische Sprache über das tiefe Wasser der Gefühle! Sie, la signora, wußte kaum noch, wovon er sprach. Sie lächelte, sie nickte, die Hand an seiner Hüfte, den Blick in den Sternen, mit rotem Mund. Und ich – ich muß heute noch deutlich hören, genau wie eingeteilt vom Schlag des Metrometers: »Wohl aber habe ich gefürchtet, daß du, über die Schiffsrampe gebeugt ...!« Als hätte ich mit diesen Worten eine Offenbarung erfahren! Ich lache mich aus. Das also ist die ganze Ausbeute meiner Träume! »Ihm fehlt der Geschäftsblick« hätte Ulricus Rheinweilerius gesagt, und es wäre ein mildes Urteil gewesen ... Die einzigen Wesen, die sich immer, Tag und Nacht, für mich bereithalten, sind die Tulpen. Kein Wunder, daß ich mich immer mehr an sie anschließe. Ich wandle zwischen ihnen, und es ist ein ernsthafter Abschied, wenn ich mich von ihnen trenne, um ins Haus zurückzukehren. Es geht nicht, ohne daß ich mich einige Male nach ihnen umsehe. Ich verlasse nicht ihren eigenen Zauber allein, etwas andres lebt da verborgen, und ich höre es atmen, das mich beglücken will ... Seitdem ich auf der Welt bin, so lange ich denken kann, habe ich beglückt sein wollen! Alle Menschen und ihre Werke habe ich immer so angesehn, als ob sie gekommen seien (auf einer Reise, die selbst tausende von Jahren gedauert haben mochte), um mich zu beglücken! Vor den Pyramiden tat es mir leid, daß die Pharaonen sich meinetwegen soviel Mühe gemacht hatten – da ich doch die Schönheit der Zahl nur bei Hausnummern, Eisenbahnbillets und Geburtstagen empfand, sonst aber von der Mathematik nichts begriff ... Wenn ich mich in der Türe ein letztes Mal umdrehe, sucht mein Blick in den Tulpen zu lesen, was es sein könnte, das mich an der Schwelle des Gartens erwartet hat, an der Schwelle des großen Tulpenbeetes, das jetzt mein Garten ist. Chè?? Es war da, es wartete auf mich, aber ich habe es beim Eintritt übersehn, nun ist es fort. Auch wenn ich über den Zaun in den Wald springe, geschieht es nur, um das Gesicht zu wechseln und mit frischen Sinnen von neuem bei den Tulpen mein Glück zu versuchen. Der Wald bäumt sich im Saft seines Frühlings. Er quillt rechts und links auf die Straße über, die also geschmückt steht für eine Prozession. In der laubgrünen Tiefe der Buchen und Eichen zu beiden Seiten lichtert das helldunkle Schuppenkleid der Tannen. Das kommt von den saftigen Spitzen und Zäpfchen, die jeder ihrer alten Zweige angesetzt hat, genau das Maß, um das sie gewachsen sind. Die ältesten Tanten sind überrieselt davon, sie haben wohl ihr Mädchenkleid hervorgeholt, es in lauter Flecken zerschnitten und sich diese von Kopf bis zu Füßen angesteckt, weil das die einzige Möglichkeit war, das Kleid noch zu tragen! Die Straße, breit, ein wenig gewölbt, erhebt zum König jeden, der sie betritt. Sie führt festen Ganges durch die triebhafte Fülle des Waldes, niemals steil, immer bergan. Geschaffen, um es vergessen zu lassen, vergißt sie nicht einen Schritt lang zu steigen. Sie steigt empor und über den Wald, der sie erst unter sich begraben wollte, er rinnt an ihr herunter, von der Straße geöffnet breitet sich die Ferne, die Zwiesprache zwischen Himmel und Ebene wird laut. »Wohl aber habe ich gefürchtet, daß du, über die Schiffsrampe gebeugt, plötzlich ...« Das erste Wort, auf das ich hier oben stoße! Es foppt mich. Sollte es mich etwa »beglücken« wollen? Kaum, daß Himmel und Erde wieder freien Spielraum haben, da stellt Venedig, das Venedig der Tulpen, sich ein. Allerdings mit der recht alltäglichen Geschichte vom Liebespaar auf dem Vaporetto, die außerdem die Tulpen gar nichts angeht. Eine verflixte Geschichte! Gut, es ist ein Gassenhauer, ein Gassenhauer aus der Grammatik, der mich bis auf die Berge verfolgt, so was kommt vor, auch wenn kein Föhn bläst und keine Schlaflosigkeit Tage und Nächte vermengt. Es gibt anderes zu sehn, als lackierte Satzteile, die sich auseinandernehmen und wieder zusammensetzen lassen. Schaut, meine Augen, schaut! Das Herz klopft mir in der Kehle, und ihr habt noch nicht gesehn! Schaut meine Augen, schaut diese Parklandschaft von Berggipfeln und Tälern, und wie sie, ohne jede Hoffart, auf sich hält, in ihren Adel gekleidet! Wieviel zarte Ordnung waltet in dem Neben- und Übereinander der Höhen! Der kleine Gärtner in mir erkennt den großen und spricht ihm Dank. Selbst ihr Untertan, verfolge ich die Hand, die große Wälder betreut und den Apfelbaum auf dem Acker, die Berge in den Himmel steigen und, wo er zu hoch wird, gehorsam niederknien läßt auf die Erde, die flüchtigen Hänge rafft und entfaltet, mit einem Finger in den Boden drückt und ein Stück, das kloßig dalag, vermehrt und beflügelt. Und wie gibt sie acht, daß der große Auslauf der Berge, der wuchtigen Gewichtes ankommt, sich rechtzeitig, teilt und schließlich in Anmut vergeht, wo die Menschen wohnen. O Heimat! Westen Europas! Dieser Garten bist du, so bist du, wenn du zeigen darfst, wie du bist. Du zeigst dich jedem so, der das Herz hat, dich zu sehn. Jede Linie, alle Nerven der Erde beben in dir, du trägst alle ihre Farben, und über deinem kleinen Garten schwebt der Geist, weither geweht und so klar, wie auf den alten Tafeln die Taube der Verkündigung in der winzigen Kammer Mariä ... Und plötzlich wußte ich alles. Fröhlich knisternd, wickelte die Rolle sich ab, ich las, wie die Hebräer, von unten nach oben. Der Saal, von dem ich geträumt hatte, war der Speisesaal des Badhotels auf dem Lido in Venedig. Die Frau, die mich angelächelt, mir zugenickt hatte, als die Geigen auf höheren Wink angehoben, uns von uns Totgeglaubten zu erzählen am blauen Meer, mit dem Frauen und Kinder spielten in bunten Kostümen, war sie, Maria Capponi, und der suppelöffelnde Herr, über dessen Kopf hinweg sie mich aufnahm in ihr Herz, den heimgekehrten Geliebten, der war ich. Über meinen Kopf hinweg lächelte, nickte sie mir zu. O glückhafter Traum! Wir hatten uns also doch wiedergefunden! Jener Aufenthalt in Venedig, vor drei Jahren, war nicht, wie wir beide geglaubt hatten, unser letztes Zusammensein gewesen. Man braucht nur glücklich zu sein, um alles zu entziffern, selbst die Hieroglyphen des Traumes! Wie sie, untadeligen Anstands, mich auf den Berg getragen, so trug die Straße mich zu Tal. »Maria,« rief ich, »Maria Capponi!« Mit ihrem Namen setzte ich mir einen Helm auf, ein Ritter wuchs aus dem Boden, im kleinen Ritterspornbeet, das die Tulpen mit ihren Lichtern umstellt hielten. Von der Straße fällt ein Weg ab, mit rotem Sand bestreut, der führt zum Tor meines Gartens. Als ich in ihn einbog, hingen die Buchen ihre Zweige so tief, daß mein Fuß stockte. »Gib acht«, sagten sie, »gib acht! Renne nicht gedankenlos daher, du wirst erwartet. Nimm dich, nimm dich,« und die Geigen des Badhotels in Venedig fielen ein, »nimm dich in acht!« Tränen traten mir in die Augen ... Ich sterbe noch nicht, alles rings um meine kindlichen Sprünge sorgt für mich, hütet mich, auch du bist mir noch nicht verloren – ich werde dich bitten, mein Frau zu werden, Maria, wir werden nach Breuschheim gehn, mit Jacquot und Marietta, wir werden neue Kinder haben und ewig dort bleiben .   Als ich das Gartentor öffnete, sprang Barry mir entgegen, Jacquot in Hut und Mantel lief hinterdrein. Ah, dachte ich, sie wollten sich gerade auf die Suche nach mir begeben, und ich rief jubelnd: »Ist sie gekommen?« »Es ist niemand gekommen,« antwortete Jacquot erstaunt. (Als ob wir hier oben je Besuch bekämen!) Und er bat um die Erlaubnis, dem ersten Konzert im Kurpark beiwohnen zu dürfen – die Saison hatte begonnen! »Allein?« fragte ich zerstreut. Nein, mit Barry. Vielleicht begegnete er auch Anna Graeßlin. Er sprach das Wort so wohllautend wie möglich aus. »Aber Barry ist ja bei mir,« wiederholte er, als ich ihn schweigend ansah. »Natürlich,« sagte ich, »geh nur. Barry ist ja bei dir!« ... Das ist nun das drittemal, daß »die Saison beginnt«, seitdem ich (auflebend? entschlafend?) hier oben allein bin. Ende des Idylls Wie kam es nur, dachte ich zwischen den Tulpen im Garten nach, wie kam es nur, daß wir »unsichtbar Unzertrennlichen«, wie wir uns nannten, nach so vielen Jahren Verbundenseins plötzlich auseinander fielen? ... Am Tage vor jenem Abend, wo ich mit dem Liebespaar nach dem Lido fuhr, war ich ohne Maria in Venedig gewesen. Es tat mir weh, Maria, die auf dem Liegestuhl schlief, während ich rasch noch einige Briefe schrieb, so zu verlassen, mich gleichsam von ihr fortzustehlen. Sie zu wecken, fehlte mir erst recht der Mut. Aber – was war das für ein Aufatmen, als ich die Tür hinter mir geschlossen hatte, ohne daß sie erwacht war? Schon lief ich Korridor und Treppe hinunter, von der glitzernden Freitreppe grüßte ich lachend das Meer, das freie, das mich einlud – wozu? Ich wollte nicht reisen. Mir fehlte nichts. Die herrliche Welt, ich besaß sie schmerzlos, geruhig. Schön war Maria, tapfer, gut! Und doch eilte ich geflügelt von meinem Glück davon? Ich schlug die bösen Gedanken in den Seewind, der mich über die Allee zur Lagune trug ... Rosige Meerstadt! Obwohl ich Venedig seit meiner Kindheit kannte und fast jedes Jahr einige Wochen, sogar Monate hier zugebracht hatte, vermeinte ich mit eins, die Schöne mit der tulpenfarbenen Halbmaske nie berührt zu haben, immer nur über ihr Spiegelbild hinweggeglitten zu sein. Ich schaute mich um, und mein Erstaunen, daß ich in Venedig war, in Venedig lebte, konnte sich nicht genug tun. Kreuz und quer durch die Stadt suchte ich altvertraute Orte auf, pomphafte und unscheinbare – ich hatte noch nicht angeklopft, da ward schon geöffnet. Still, fast flüchtig war die Begrüßung, so ging es von den einen zu den andern. Die Pomphaften verloren Rang und Geschichte, die Unscheinbaren aber, ruhmlos, ohne Geschichte, hatten in ihrer Verborgenheit einen Vorsprung gewonnen, der ward jetzt offenbar. Dabei dachte ich die ganze Zeit an meine kleine, grüne, schwellende Heimat, an Doris, an meine Mutter, wie sie am offenen Fenster saß und auf die Dorfstraße hinabsah, ob ich nicht unerwartet heimkäme, an den steinernen Breuschheim und seine Gattin, die seit fünfhundert Jahren am Eingang des hellen Schlosses knieten, und die ebenfalls auf mich zu warten schienen ... Ich trat in eine unscheinbare Kirche, die mir bisher entgangen war. Der Sakristan enthüllte seine Schätze mit dem zarten Lächeln eines verliebten alten Mannes, er hatte eine Art, einen Gegenstand mit den Fingerspitzen zu streicheln oder den Blick des Beschauers auf eine Stelle in einem Bilde zu lenken, die edelste Beredsamkeit war. Ich sagte ihm; daß einem Manne wie ihm, der sich draußen im Licht zweifellos tüchtiger Kinder und blühender Enkel erfreue, kein Amt besser anstünde, als im matteren Schein hier drinnen, wie dem des eigenen Alters, solche Schätze zu hüten. Während er mich bis zur Kirchentür zurückgeleitete, dankte er mir mit höflichen Fragen nach den Umständen meines Lebens und nahm die Antworten mit einem Nicken entgegen, als legte er eine jede behutsam zwischen die Seiten eines Buches, um sie aufzubewahren. Als er mir zum Abschied die Hand drückte, errötete er bis in die Stirne, so wenig war er gefaßt, ein Geldstück in ihr vorzufinden. Kinder zogen mit mir, die gleichen, die ich gestern mit meiner hochmütig verträumten Miene verscheucht hatte, beim Denkmal des Colleoni schloß sich eine Katze an, und der Colleoni selbst machte mit dem Arm eine Bewegung, als wollte er vom Pferde steigen. »Sitzenbleiben!« rief ich. Alle lachten, die Kinder, ich, der Colleoni. Niemals hatte ich ihn so lebendig gesehn, den Teufelskerl und Vater von vierhundert Kindern. Er war keineswegs da, auf daß Touristen ihn angafften und Kunstgelehrte ihm das Maß nahmen, er war da, weil er, der Sohn einer Stadt ohne Pferde, zu Roß seinen weiten Weg gemacht hatte und so erfolgreich, daß die begeisterten Venezianer den Heimgekehrten nicht mehr vom Pferde steigen ließen. Und da stand er nun seit 450 Jahren ... In den engen Gassen um den Markusplatz, die ich zu meiden pflegte, wie eine unverdorbene Herzogin den Fischmarkt, entdeckte ich nicht nur Kostbarkeiten aus Glas, Stroh und Strickwolle, die ich für Maria kaufte, ich schloß wahre Freundschaften, die ersten in Venedig, und eine Trödlerin mit einem Gesicht wie ein hundertjähriger Kaktus wußte mir Geistergeschichten vom Markusplatz zu erzählen, die ich aufs Wort glaubte. Denn sie waren nicht unwahrscheinlicher als sie selbst. Mit der Heimfahrt sollte es keine Eile haben. So ließ ich mich im Luftbad der Piazzetta nieder, vom doppelten Rosenschein des Campanile und des Dogenpalastes umflügelt, den Blick auf den Markuskanal, wo alle Viertelstunden ein Vaporetto auftauchte, der nach dem Lido fuhr, und ein andrer, der daher kam. Dies Kommen und Gehn zwischen Maria und mir schuf ein Gleichgewicht und wirkte wie die Verlängerung einer Gnadenfrist. Sie war mir nah – näher, als wenn sie mir hier am Eisentischchen gegenüber gesessen hätte. Schöne, gute, tapfere Maria! Als es dunkelte, brach ich auf. In der Vorfreude, auf dem Lido das Idyll der Leidenschaft wiederzufinden, bestieg ich den Vaporetto. Das Liebespaar bemerkte ich, als die geschilderte Szene begann. Wir waren gerade an einem verankerten Kriegsschilf vorbeigefahren. Das Signal: »Löscht die Lichter!« wehte uns nach. Das Paar, das neben mir in der Dunkelheit wie unter einer Decke zu ringen begann, war mir unbekannt. Ich konnte keinen Zug in den Gesichtern unterscheiden, kannte nicht ihre Stimmen. Sie waren Fremde für mich durch und durch, und die Gewöhnlichkeit des Auftritts hätte dazu beitragen sollen, das Gefühl der, Fremdheit in mir noch zu verstärken, wenn nicht bis zum Widerwillen zu steigern. Statt dessen fühlte ich mich bei der ersten Bewegung, die ihren Kampf verriet, ergriffen, und gleich, kaum, daß ich ein Wort verstanden hatte, vom eigenen Schicksal überschattet. Ich wollte nach Backbord hinübergehn, mich auf die Bank beim Heck setzen, es gab kein Entrinnen. Ich mußte alles anhören, auch was nicht bis an mein Ohr drang, und mit ansehen, wovon meine Augen nur das wenigste erblickten. Für die beiden Tragöden mochte die Aufführung alltäglich sein, und ich hätte, aus gewissen Anzeichen, fast mit Bestimmtheit darauf schließen können. Was half es mir? Mein Kampf ward da gekämpft, unser aller Liebenden Krieg, in einer so krassen Verkürzung, daß er schier komisch wirkte. Gerade dies aber gab ihm den Stich heftiger, nackter Menschlichkeit. Vielleicht führten wir andern den Krieg unter uns geschmeidiger oder proprer, in Spitzen womöglich, aber solange man liebte, kämpfte man, bis an den Rand des Wassers, des Todes. Es gab kein Entrinnen. Und ich litt in meinem Fleische, blutig, nicht um mich, so meinte ich wenigstens, nicht um eine Frau – um die Liebe. Und in meiner Angst, im dunkeln Tumult meiner selbst, sehnte ich mich nach Doris ... Ja, ich sehnte mich nach Doris, das war es, nicht mehr, nicht weniger ... Ach, es war ein heißer, wilder Hunger, er zerrte in meinen Eingeweiden und machte mich blind! Es war ein quälendes Ringen der Hände. Es war ein Krampf in den Füßen, die hätten laufen wollen. Es war ein Durst, der Mund und Augen aushöhlte. Meine Lippen zitterten, und ich fühlte mich einer Ohnmacht nahe ... Ich sehnte mich nach Dorisens Gegenwart und sonst nach nichts ... Der Anfall war ebenso kurz wie heftig. In Marias Umarmung, die mich im Halbdunkeln vor dem Hotel erwartete, verlor ich selbst die Erinnerung daran. Das Liebespaar und wir bekamen das Abendessen nachserviert, wir vier waren die einzigen im Saal, und unsre Tische standen nahe beieinander. Ich konnte Maria nur im Flüsterton erzählen – möglich auch, daß ihr, als ich bei der Schilderung der Szene auf dem Vaporetto angelangt war, ein forschender oder erstaunter Blick auf den Nebentisch entschlüpfte. »Siehst du«, sagte sie, und ich unterschied nicht, war es Ironie oder Neid – »siehst du, Claus, die lieben!« Indessen stand für das Liebespaar auf einmal fest, daß ich den Auftritt nicht nur mit angesehn, sondern ihn auch soeben meiner Dame erzählt hatte. Die Gesichter, mit denen sie es uns zu verstehn gaben, waren unfreundlich, ohne Wohlwollen die Blicke, womit er, il signor, mich mit Recht, sie, la signora, mit Unrecht Maria strafte. Bald aber merkten sie, und wir sahn ihr Erstaunen zunehmen wie einen Mond, daß Maria und ich mit dem Gedanken an ihren Streit nur angenehme Gefühle verbanden, und es entstand, ohne daß wir einander persönlich nähertraten, ein Freundschaftsverhältnis zwischen uns, das mit jedem Tag inniger wurde. Bald kamen sie wie auf Flügelschuhen gelaufen, bald schlichen sie trüb daher, sie quälten und trösteten und beglückten sich, sie liebten: selig und hoffnungslos. Wir grüßten einander nicht einmal. Soviel Zurückhaltung entwickelte, fast ohne daß wir darauf achteten, Ausdrucksformen für unsre Sympathie, die sich ebenso durch ihre Ungewöhnlichkeit wie durch ihre Unscheinbarkeit auszeichneten. Eilig um die Ecke eines Ganges biegend, man wäre um ein Haar aufeinandergeprallt, stürzte man zur Seite und stellte ein lebendes Bild des sonst so beiläufigen »Scusi«, wie es pathetischer nicht gedacht werden konnte. Im Lesesaal aber, im Restaurant, auf der Terrasse, kurz, überall, wo man im selben Raum verweilte, blieb deutlich erkennbar, daß man sich zwar gelegentlich aus den Augen, nicht aber aus den Gedanken verlor. Es war eine Sympathie wie ein besonderes Licht im Zimmer. Wir aber (Maria und ich sagten es mit herausforderndem Lachen, wir Toren) fühlten uns vor jeder Enttäuschung geborgen. Die andern spielten für uns das tragische Theater ... Die andern! Wir saßen im Parkett ... Wir saßen bei weitem nicht so ruhig, wie jeder von uns den andern gern hätte glauben lassen. Zuerst war ich es, der Zeichen von Unruhe gab. Ich schickte Telegramme ab und erhielt welche. »Wie geht es Doris?« fragte Maria freundlich. »Danke, gut. Es scheint, man braucht mich zu Hause.« Ich sah, wie sie unter ihrer braunen Haut erblaßte. In der folgenden Nacht fiel mir das Gedicht auf Cap d'Antibes ein: »Antibes! Hängende Gärten ohne Zahl Und weiße Vögel die Villen, auf Pinien, Millionen Blumen tragen des Mondes Mal ...« Enthüllte sich der gereiften Frau mit eins, daß diese schwärmerische Sprache nicht diejenige unsrer Liebe war? Oder schmerzte sie die Erinnerung an unser erstes Sinnenglück, wo sie mich mit Haut und Haaren und tiefer besessen hatte, als es mir damals menschenmöglich erschienen wäre? Mit abgewandtem Gesicht bat sie: »Still! Ich will es nie mehr hören ...« »O, wie ich bereue«, stieß sie hervor. Ich erschrak derart, daß ich mit einem Satz mitten im Zimmer stand. Maria, weinend – in einer aufs deutlichste der Liebe zugewandten Lage, wie der unsern ...? »Um Gottes willen, was bereust du?« Es dauerte eine Weile, bis sie, immer lauter schluchzend, fortfuhr: »Daß ich dich damals nicht für mich behalten habe. Ich hätte mich scheiden lassen sollen, ich hätte dich behalten. sollen, für mich allein, Claus!« Mehr hörte ich nicht, denn ich befand mich schon im Baderaum zwischen unsern Zimmern und hatte die Tür hinter mir geschlossen. Ich fühlte mich betrogen und bedroht. Betrogen um die heitere Harmonie unserer bisherigen Beziehungen, bedroht von einem dramatischen Szenenwechsel, der durchaus gegen meinen Geschmack war. Der Bruch des stillen Gelöbnisses, einander nichts als Wohltaten zu erweisen, das das blaue Siegel des Rivierahimmels trug, erfüllte mich mit Zorn und Enttäuschung. Kein hintergangener Liebhaber hätte beleidigter sein können, als ich hinterlistiger Narr es zu sein mich noch ausdrücklich bemühte. Ich kleidete mich hastig an, als gelte es diesmal wirklich die Flucht, und fuhr nach Venedig. Beim Anblick des Hotels Danieli, wo die Gondel anlegte, dachte ich: »Natürlich, wie konnte ich nur vergessen, was sie von Geburt ist: eine große Katze, die ebenso klug wie musikalisch sein kann, und die sich aus unbekannten Gründen von mir hat zähmen lassen – oder vielmehr sich so angestellt hat, daß ich mir einbildete, sie habe sich zähmen lassen.« Als ich am frühen Morgen heimkehrte, erwartete Maria mich in einem Morgenkleid auf unserm gemeinsamen Balkon: frisch gewaschen und unfrisiert, kaum merklich geschminkt: ein wenig in den Augenbrauen, an Schläfen und Mundwinkeln, aber mit blassem Mund, über den die Zunge, ein rotes Wiesel, erst sprunghaft, dann, als sie meiner sicher war, gleichsam auf dem Bauche rutschend gemächlich hinstrich. Das mantelartige Kleid umfaßte ihre Gestalt und hatte die Farbe eines hellen Opals. Und wie beim Opal verwandelten sich die Töne mit dem Licht, während die Gestalt fest und glatt blieb gleich einer menschgewordenen Säule, und erneuerten sich aus ihrem irisierenden Abgrund. Hatte sie sich da nicht in ein Stück Seide gehüllt, das aus dem Meer geschnitten war, und das, sie also schmückend, fortfuhr, mit dem Meere zu leben? »Seit wann?« fragte ich erstaunt, denn ich sah das Kleid zum erstenmal. »Eine Überraschung«, erwiderte sie lächelnd. Sie hatte selbst Tee bereitet. Als ich ihn einschenkte, stieg der Dampf in die Morgenluft wie der Rauch eines kleinen Opferfeuers – eines Opferfeuers engherzig Liebender, aus einer kleinen, durchsichtig zarten Porzellantasse. Maria duftete nach dem englischen Salz ihres Bades, und dieser Geruch vermischte sich aufquellend mit dem härteren Geruch des Meeres, wenn der Wind sie anhauchte. Und Maria lachte und winkte der Sonne, und als diese mit der Gewichtigkeit eines Haremsherrn erschien, drehte Maria sich leise, mit kleinen, artigen Sätzen vor ihr, wie niemals eine Maus vor der Katze, aber vielleicht einmal die Katze vor einem verliebten Tiger getanzt hat. Der Strand begann, sich mit Pfadfindern und Pfadfinderinnen zu beleben, die im kalten Wasser ihre Muskeln für Strata und das Vaterland stählten, dann kamen die sieben alten Herren. Maria kannte sie mit Namen. Es waren gute, alte Namen. Die »Wächter des Kapitols«, so nannten sie sich, ermunterten den Nachwuchs abwechselnd mit kurzen Bocksprüngen und langen Reden, aber bei den Sprüngen in die Sonne schien ihnen die Haut um die Knochen zu flattern, und ihre Worte verschlang das Meer. »Schau mal, Maria,« sagte ich, »da unten verrichten sie ihre Morgenandacht an deinen Strata.« »An den Strata Camillas, willst du sagen.« »Nein, an deinen.« »O Claus, er liebt mich wahnsinnig, das ist wahr.« »Siehst du!« »Aber ich glaube, Camilla liebt ihn mehr als ich.« Sie legte eine vogelleichte Hand auf meine Schulter. »Ich meine, wir sollten jetzt schlafen gehn ... Der eine von den Zentauern betrachtet uns seit fünf Minuten durch das Fernglas.« »Nein,« sagte ich, »wir gehn baden.« Maria schrie »Maraviglia!« und sie lief, wie sie war, den Trikot in der Hand schlenkernd, die Treppe hinunter. Nebeneinander, mit großen Zügen, die wie die Zeilen eines gemeinsamen Gesanges waren, schwammen wir ins Meer hinaus ... Jedoch, nach Tisch, wenn sie ruhte, saß ich nur noch selten bei ihr, meistens unternahm ich Spaziergänge, von denen ich verwirrt oder abgespannt heimkehrte. Zuweilen traf ich sie dann in der Halle, wo sie auf die telephonische Verbindung mit Rom wartete. »Wie geht es zu Hause?« fragte ich das erstemal. »Danke – Marietta ist gefallen und hat sich am Knie verletzt. Nicht schlimm. Eine Schramme.« Als ich sie zum zweitenmal in der Nähe der Telephonzelle fand, fragte ich nicht mehr. Tapfer taten wir, als ob wir keine Veränderung zwischen uns bemerkt hätten, aber einmal überraschte ich einen eigentümlich finsteren Gesichtsausdruck an ihr, das leidvoll böse Kleinmädchengesicht von früher, das mir ganz aus dem Gedächtnis geschwunden war. Ich erschrak ordentlich, als ich es erkannte, dann stieg der Zorn in mir auf, und ich wandte heftig den Kopf ab. Gleichzeitig fühlte ich, wie Marias forschender Blick sich auf mich legte. Es gelang mir nicht rasch genug, meine Miene zu meistern. Als unsre Blicke einander begegneten, lächelten wir – erbarmend. »Fahren wir gleich!« sagte sie leise. Ein wenig vorgebeugt, sah sie mich voll an, mein Gesicht schwankte im Licht ihrer Augen, und der Atem stockte mir, weil sie so schön war. Ich schüttelte den Kopf, beugte mich vor, ich küßte sie, mitten in der Halle, auf den Mund. Sie hielt mit geschlossenen Augen still, erwiderte aber den Kuß nicht. Ich vermeinte zu spüren, wie sie zitterte ... Als ich indessen aufblickte, lächelte sie ruhig. Wir hörten ein Geräusch und drehten uns, ertappt, um. Da saß das Liebespaar an einem Spieltisch und schlug, allerdings fast lautlos, die Hände gegeneinander. Sie applaudierten! Dann steckten sie mit gespieltem Schuldbewußtsein die Köpfe in die Karten und bedachten uns aus dem Hinterhalt mit komplizenhaften Blicken. »Ich muß gestehn, ich schäme mich«, murmelte ich. »Warum, Claus? Es sind gute Menschen ...« In der Folge sprachen wir nicht mehr so freundlich von unsern Komödianten und ihrem Liebesstück, bald verschwanden sie aus unserer Unterhaltung, und wir vermieden es, ihnen zu begegnen. Der Tag unsrer Abreise kam. Wir standen in der Halle und warteten auf den Hotelwagen, der uns nach San Niccolo bringen sollte. Unsere Freunde hielten sich ebenfalls in der Halle auf, an einer halbdunkeln Stelle, um sich auf ihre stumme Art zu verabschieden. So war es zweifellos gedacht, aber es kam ein wenig anders. Der Wagen fuhr vor, wir wandten uns um, warfen noch einen Blick in die Halle, diesen einen für die andern Gäste, den zweiten aber, wie es sich trotz allem gehörte, für unser Paar. Da sprang sie, la signora, in kleinen Schritten wie in einem Triller herbei, umarmte Maria und küßte sie auf beide Wangen. Gleichzeitig machte er, il signor, mir von seinem Platze aus eine tiefe Verbeugung – die Hand auf dem Herzen.   Ich habe Maria seitdem nicht wiedergesehn. In den paar Stunden, die uns noch blieben, zwischen Venedig und Mailand, fanden wir erst lange nicht den Mut, uns die Gewißheit des Endes einzugestehn. Es war quälend heiß. Wir hielten unsere Gesichter aus den Fenstern in den Luftzug, Marias dunkler Katzenkopf mit den überhellen Augen hing verschwimmend neben mir, und sammelten Andenken und reichten sie einander, indem wir sie bei Namen nannten, wie eilige Geschenke, im Laufen gerafft und gegeben: die Reben, die in Girlanden hingen, eine weiße Landstraße in der unendlich grünen Ebene, von grell gefleckten Platanen geleitet, kleine Gehöfte, hellgelb, rosa, weiß, einen überschlanken Campanile, der aus einem Garten ragte, einen venezianischen Palazzo in einem verfallenen Dorf, Maisfelder, deren rote Erde durchschien, und in denen die Reben an ebenmäßigen Bäumen entlang in die Ferne wanderten, die ersten Berge. Sie spielten mit der Form der Pyramide, diese Berge, und einem von ihnen gelang es, Pyramide zu sein, und diesen nahmen wir und setzten ihn uns als Grenzstein. Von da an gaben wir selbst den Schein unserer Gemeinschaft auf. Schweigend saßen wir in das Polster zurückgelehnt, traurig vor Hitze und Müdigkeit. Einmal sagte Maria – unbeweglich, den Blick aus dem Fenster, zögernd, als suchte sie dort draußen die Worte: »Nur damit es gesagt sei, Claus, und ohne jemand zu nahe zu treten ... Es war all die Jahre ein ungleiches Spiel. Du hast meine Liebe nicht erwidert. Vielleicht liebst du Doris so, wie ich dich liebe, aber mich – mißversteh mich nicht, Claus, du hast mich beglückt, entzückt, nein, nein, du warst immer gut zu mir, du hast mir Opfer gebracht, und damals, an der Riviera, waren wir ja beide nicht mehr frei ... Ich habe die Rolle der kleinen, immer bereiten, immer munteren Geliebten gespielt, weil du es nicht anders haben wolltest, und diese Rolle hast du geliebt, nicht mich. Im Grunde habe ich dich die ganze Zeit betrogen ... Während du mich blank und fröhlich sahst in meiner Rolle, habe ich in diesem Freilichtgefängnis geschrien und getobt, vor Sehnsucht, vor Eifersucht, vor Scham, o wie habe ich Doris gehaßt, der dein Herz dennoch und in jeder Stunde gehörte, Doris und auch dich, Claus. Ich bekenne es ... Du hast immer nur eine geschminkte Lüge im Arm gehalten ... Du wenigstens hast nicht gelogen. Du warst wirklich der artige Leichtsinn, der mir zwei-, dreimal im Jahr hier und dort in der Welt ein Stelldichein gab.« Ich beugte mich und küßte ihre Hände. »Verzeih mir«, bat ich, aber ihre Worte riefen in mir kein anderes Verlangen hervor, als den flüchtigen Abglanz der Leidenschaft, der unsre Liebe gewesen, jetzt, wo er für immer zu schwinden drohte, womöglich in eine andre Art von Beziehung, in Freundschaft hinüberzuretten ... Sie sagte noch: »Auch das sollst du wissen, Claus ... Ich habe nie einen andern Geliebten gehabt.« Es schmeichelte mir nicht ... In Mailand trennten wir uns. Maria empfahl mich, indem sie meine Lippen bekreuzte, dem Schutze der Madonna. Ich strich ihr mit dem Handrücken über die Augen und fragte: »Wann wieder?« Sie sah mich freundlich an, aber sie antwortete nicht, und ich wiederholte nicht meine Frage.   Und trotzdem habe ich sie gerufen, und trotzdem kommt sie. Mein Leben liegt im Licht und Schatten des einen Wunsches: daß sie mich wieder in ihr Herz aufnähme, wie ich es im Traume gesehn ... Manchmal wird meine Hoffnung zur Gewißheit, oft verzage ich – so wechseln drunten in der Rheinebene Licht und Schatten, und die Nächte hindurch stürmt es. Wunderbares Vorgefühl! Sie kommt, sie kommt gewiß. Maria, wir haben zu tun! Seit Wochen, nein, seit Monaten spreche ich zu dir. Ich habe dir die Briefe gezeigt, die mich drängen, nach Hause zu kommen. Den Brief meiner Mutter, die fürchtet, daß ich mich hier oben langsam vergifte. Die Briefe meines Vaters, worin er über das abwechselnd hochfahrende und niedergeschlagene Wesen jenes Ernst Breuschheim klagt, der nie mein Bruder hat sein wollen, obwohl er an Kindes Statt und sogar als Erstgeborener angenommen wurde. Den Brief meines Freundes Hubert Adam voll romantischer Grobheit und List: »Sie haben uns unser Leben gestohlen, dicht vor der Ernte, sie haben unsre Eltern, Brüder, Freunde gemordet, verkrüppelt, verdorben. Gut, ich verstehe, wenn einer sich rächt, auch den, der die Schande nicht überleben will und lieber abkratzt, als zuzusehn, wie die ›Confrérie des animaux supérieurs‹ (so sagt doch dein Vetter General?) sich auf den nächsten Ausbruch von Massensadismus vorbereitet. Aber ein blöder Tölpel allein setzt sich an den Rand des Schwarzwalds mit dem einzigen Lebenszweck, elegisch in das Elsaß hineinzustieren und sich Gott weiß was anzutun, nur, weil sich daheim etliche Leute nicht ganz so scharmant betragen haben, wie man es nach einem so scharmanten Krieg hätte erwarten sollen. Mach, daß du heimkommst! Alles verkracht bei euch, von den Nerven deines Bruders Ernst bis in Stall und Kontor. Vielleicht glaubst du es erst, wenn es in den Zeitungen steht. Sie schimpfen schon lange nicht mehr auf dich (der François Kern war ein Simpel, daß er deine Abreise aus dem Gefilde der Commissions de triage in seinem Radaublatt als eine ›Demonstration‹ hinstellte!), die Stimmung hat umgeschlagen, und wir, d. h. wir, die wir hier daheim sind, wir in unserm Land finden mit Recht, Breuschheim, die Sache Breuschheim, die mehr als ein Prinzip, nämlich altes, elsässisches Leben ist, das, o Wunder, noch immer blüht, sei letzten Endes und gerade in diesem Zeitpunkt wichtiger als eure verdammten Familienangelegenheiten. Verbrenne alle lyrischen Papiere, Krankengeschichte und Fieberkurven eingeschlossen, packe deinen Sohn auf und marschiere über den Rhein. Salü!« Und auch die originellste dieser Botschaften habe ich dir wiedererzählt, den Brief unsres Diener-Diplomaten Joseph: »Lieber, verehrter kleiner Herr Baron! Es wäre halt jetzt an der Zeit, daß Sie sich nach Ihrem Sach umsehn ...« Lustig, gelt? Aber es ist Ernst. Wir haben zu tun. Wir haben uns aus den Trümmern einer Welt herauszuarbeiten, uns und unsre Kinder. Was gewesen ist, liegt in Massenwahnsinn, in blutiger Unschuld begraben. Es war nicht ich, es war nicht du, die jenes gelebt haben, sondern unsre Schatten, eine Vorahnung nur dessen, was wir eines Tages sein sollten, du und ich, Heimat, Welt – – Komm! Schluß Diese Nacht werde ich sobald nicht vergessen. Am Sonntag war Nebel. Zwischen Feuer und Licht fiel Schnee. Tags darauf taute es. Gegen Abend trat leichter Frost ein. Ich war am Nachmittag ein Stück Weges die Waldstraße hinaufgewandert und hatte den Schneepelz der Bäume bewundert. Sie hatten viel mehr Schnee geladen, als sonst je während des verflossenen Winters, sie waren richtig vollgestopft mit Schnee. Ich sah, daß trotz des Tauwetters kein Tropfen von den Bäumen fiel. Aber der Schnee war mit Licht gesättigt, es herrschte eine vollkommene Stille, und als ich in der Dämmerung die Straße nach Hause hinabging, glich der Wald einem weißen Abgrund. Dann setzte mit der zunehmenden Kälte ein leises Knistern ein. Ich dachte noch: »Der Wald spinnt Glas ...« Jeder Zweig, jedes Blatt war über und über besetzt mit Kristallen, der Schnee auf den breiteren Ästen in Klumpen gefroren – eine ungeheure Last, die ständig wuchs. In der Nacht wurde das Dach meines Hauses durch einen Stoß erschüttert, gleichzeitig zuckte das elektrische Licht, erlosch, brannte wieder, so, als wenn jemand am Kontakt schnell ein paarmal herumgeknipst hätte. Ich nahm an, daß es draußen wieder taute, daß unversehens Schnee vom Dach gerutscht und der Lichtmast auf dem First darob erschrocken aus dem Schlafe gefahren sei. Und plötzlich fiel hinterm Haus ein Schuß. Und gleich darauf noch einer. Ich eilte aus dem Zimmer, stand einen Augenblick starr unter der Haustür, stürzte, wie von einer fremden Gewalt gezogen, über den Hof an das Gartentor. Ich wollte, ich mußte in den Wald. Es war wie ein Hilferuf, dem ich folgen, wie eine Drohung, der ich mich stellen mußte. Es war, wie wenn im Bereiche meiner Arme ein Mord geschähe ... Als ich die Hand nach der Klinke des Gartentors ausstreckte, krachte es über mir, ein Stoß warf mich in die Buschrosen, und Schnee rauschte hinterher. Naß und kalt erhob ich mich. Neben mir lag ein mannsdicker Ast, der war von der hundertjährigen Eiche gebrochen. »Claus!« hörte ich rufen. Ja, ich glaubte zu hören, wie jemand meinen Namen rief. Weiter krachte der Wald, und die jungen Obstbäume im Garten brachen, als erreichte der Befehl zu sterben durch das Dunkel nun auch sie. Wieder unter der Haustüre, lauschend, sah ich hochstämmige Rosen in der Mitte durchbrechen, ein letztes, zartes Echo, dicht am Hause, der tönenden Brüche im Wald. Es war der Tod wie eines Singvogels in meiner Hand ... Das alles geschah schattenhaft, in einem Dunkel, das vom Licht der Hauslaterne schwach überhaucht war. Ich hörte viel mehr, als ich sah, aber Gesicht und Gehör vermischten sich, weil ich jede Stelle des Gartens im Dunkel kannte. Ein leiser Laut zeigte mir den Schatten des jungen Obstbaumes, den eine unsichtbare Hand brach, ich sah in einem Streifen Lichts die völlig kristallisierte Krone eines Rosenstocks – plötzlich war sie nicht mehr da. Hinter dem Gartentor aber stand der Hochwald starr und schwarz wie eine Mauer. Was hinter der Mauer vorging, türmte Schlag um Schlag das Entsetzen vor dem Unbekannten, dem Überlebensgroßen, dem Unmenschlichen, bis zum panischen Schrecken. In diesem Augenblick erhellte sich die Nacht. Die Sirene eines Autos schrillte. Und wie ich zögerte, noch einmal in das Unwetter hinauszutreten, ging die Gartentür auf, und eine Dame in langem Pelzmantel, den Kopf in einen Schleier gehüllt, trat auf den Weg: »Wer wohnt hier?« rief sie. Viviane! Hinaus stürzte ich, sie lief mir entgegen, und in der Mitte des Weges begegneten wir einander. Wir standen und drückten uns die Hände. »Ihre Mutter schickt mich,« sagte sie schwer atmend, »ich soll Sie sofort heim bringen.« »Ich komme bald, Viviane. Sicher.« »Sofort, Claus! Ihre Mutter war heute nachmittag bei mir. Sie stirbt vor Angst.« »Ich erwarte nur noch eine Nachricht aus Rom ...« Sie antwortete nicht, aber mir schien es, als hätte sie, während wir nebeneinander zum Haus gingen, erschrocken einen zu kurzen Schritt getan. »Was wissen Sie von Strata?« fragte ich schnell. »Ich habe etwas in der Zeitung gelesen.« »Natürlich. Er hat sich mit Camilla Capponi verlobt.« »Und Maria?« »Von Maria,« sagte sie zögernd, »von Maria weiß ich eigentlich nichts.« »Ich habe ihr telegraphiert. Ich habe sie gebeten zu kommen.« »Ach?« sagte sie ... Ich schloß die Türe, komische Vorsicht, wie vor einem Bergrutsch. Da krachte es wieder, daß das Haus erbebte, und alle Lichter erloschen. Kaum hatte ich die zitternde Viviane in mein Zimmer geführt und auf die Ofenbank gebettet, als Jacquot hereinstürmte. »Vater!« schrie er. Da wurde es wieder hell, und ich sah ihn zwischen Viviane und mir auf dem Teppich sitzen, schlotternd vor Angst in seinem weißen Nachtkleid. »Was ist denn los?« rief er mürrisch und blinzelte erst zu mir, dann zur Ofenbank hinüber. Und dann, nachdem er eine kurze Weile gestutzt hatte, warf er sich stumm über Viviane, die im Schatten lag. Es war ein Sturz wie von einem Turm. Auch sie sagte nichts, sondern drückte ihn an sich und streifte mit kurzen Küssen über sein Haar. Aber schon saß er wieder auf dem Boden zwischen ihr und mir, der ich bangen Herzens gewartet hatte, weinte und strampelte mit den Beinen. »Was ist denn los?« wiederholte er. Doch der Schmerzenslaut war diesmal viel stärker, und ich wußte, warum. Viviane war von ähnlicher Gestalt wie Doris, nur schwarz, und Jacquot hatte seine Mutter oft so nachts im aufflammenden Lichte gesehn, wenn sie, spät heimgekehrt, noch in Pelz und Schleier an sein Bett getreten war. Nun war es ihm durch den Kopf gefahren, daß sie am Ende vielleicht doch noch lebte, und um dem grausamen Spaß ein Ende zu machen, war er auf sie losgestürzt, um sie festzuhalten, und hatte im nächsten Augenblick seinen Irrtum erkannt. »Vielleicht stürzt die Welt ein?« rief er unter Tränen. »Mir soll es recht sein!« Während ich ihn noch aufklärte, ging zum drittenmal das Licht aus, und Grether Fritz, der bald darauf Kerzen brachte, wußte zu berichten, daß eine der alten Riesenlärchen unsres Waldrandes entwurzelt worden sei und die Lichtleitung zerschlagen habe. Viviane begleitete Jacquot in sein Bett, Grether Fritz setzte sich zu ihm. »Claus,« sagte Viviane, »ich bitte Sie, gehn wir. Das Auto wartet vorn auf der untern Straße, wo der Wald beginnt. Wir haben nicht gewagt weiterzufahren. Jacquot und die andern kommen nach, sobald sie Pässe haben. Sie, Claus, brauchen keinen Paß, ich habe einen Brief Léo Breuschheims, und die Deutschen lassen Sie natürlich hinaus. Bitte, nehmen Sie Mantel und Hut, sagen Sie Ihrem Diener ein Wort und – fort!« »Hat es da nicht geklingelt?« fragte ich aufspringend. Ich stand lange Minuten und lauschte unbeweglich in die krachende Nacht. Das Licht der Kerzen brannte ganz ruhig. Endlich klopfte es. Grether Fritz überreichte mir ein Telegramm. Ich wartete, bis er das Zimmer verlassen hatte, und sagte unterdessen mit lauter Stimme, die zuversichtlich klingen sollte: »Da sehn Sie, Viviane, was für ein leistungsfähiger Kurort dieses Römerbad ist! Elf Uhr nachts, die Welt stürzt ein, wie Jacquot sagt, von der Post zu mir ist ein weiter Weg, und trotzdem–« Und ich öffnete langsam das Telegramm. »Roma« las ich auf dem ersten Streifen. »Der Bote wird unten über die Wiesen gekommen sein«, sagte ich aufblickend – und starrte in Vivianes Gesicht. » No .« Ich schlug den dritten Streifen auf. Kein Name, nichts. »No«, das war alles. Als ich Viviane das Papier reichen wollte, warf sie einen Blick darauf, ohne es zu nehmen. »Ich wußte es«, hauchte sie. Wie wir einander reglos ansahn, kam es mir vor, als blickten wir mit genau den gleichen vier Augen in eine sich dröhnend vertiefende Leere ... Darauf saß sie mit lauschend geneigtem Kopf, die Hände im Schoß. »Also: Nein«, sprach ich und schüttelte heftig den Kopf. Ohne sich zu rühren, hob Viviane die Augen, ein Lächeln lief über die Lippen in die Mundwinkel, sie sagte mit wehmütiger Neckerei: »Siehst du, Pulcinella, nun ist es zu Ende.« Ich schlug die Hände vors Gesicht und sank in den Sessel. Fertig. Und: auch ich, so sprach es weiter in mir, auch ich habe es gewußt! Im tiefsten Innern habe ich es die ganze Zeit gewußt. Einmal mußte diese Antwort erfolgen: genug, fertig, Schluß. Auch diese einmal in meinem Leben. Gerade die – und natürlich im bittersten Augenblick der Geschichte. Das notwendige, das unvermeidliche Schlußwort: » Nein .« Draußen krachte es unaufhörlich weiter. Ich hob den Kopf, suchte mit den Augen – Maria ... Still, rosenfarbig brannten die Kerzen auf den drei Tischen. »Claus!« flüsterte die Frau, indem sie sich heftig vorbeugte und eine Hand nach mir ausstreckte, – »was machen Sie für ein Gesicht?!« ... »Wenn ich Sie bitten darf, Viviane,« sagte ich, »so lassen Sie sich jetzt von mir zu Ihrem Auto begleiten – wir gehn über die Wiesen. Und wenn ich Sie um ein weiteres bitten darf, so übernachten Sie heute im Hotel und fahren morgen früh mit Jacquot und den Dienstboten hinüber. Der Hotelier, Herr Muser, besorgt die nötigen Papiere telephonisch. Ich liquidiere hier und komme spätestens in drei Tagen nach.« Sofort erhob sie sich. »Ihre Hand darauf, Claus?« »Aber gewiß doch, wenn ich dafür die Ihrige küssen darf!« Ich begleitete sie bis zu ihrem Wagen, wartete, bis die Scheinwerfer hinter der Kurve verschwunden waren, und folgte dann langsam der Straße hinauf in den Wald. Es war eine feuchte, dunkle Nacht. Ich erschrak bis ins Mark, als es plötzlich dicht über mir, dicht neben mir zu krachen und an mir zu zerren begann. Immerfort schlug mir Schneestaub ins Gesicht. Ich verließ die Straße und ging in die Finsternis des Waldes ein ... In spätestens drei Tagen, dachte ich – ja, in drei Tagen kann ich gut daheim sein. Es dauerte lange, bis ich getroffen wurde. Die Finsternis begann mich an der Kehle zu würgen, mir die Augen einzudrücken. Zuletzt ergriff mich eine wilde Angst, ich rannte, fiel, rannte weiter. Nach einer Ewigkeit tobsüchtigen Laufens, während dessen ich ebenso viel Stürze wie Schritte gemacht hatte, glaubte ich den Umriß meines geduckten Hauses zu erkennen. Im selben Augenblick sauste ich von einem Schlag gegen den Kopf – weit hin zur Seite ... Barry hatte meinen Schrei gehört, er hatte mich gefunden, ein Stück Weges bis an das abgeschlossene Gartentor gezerrt, dann war er über den Zaun gesprungen und hatte das Haus geweckt. Ich blieb lange bewußtlos, aber das war wohl eine Folge meiner großen Erschöpfung, denn die Kopfwunde erwies sich als ungefährlich.   Am Nachmittag reisten Jacquot, Kathrin und Grether Fritz nach Kehl mit der Anweisung, sich dort mit Hilfe Vetter Léos über die Grenze schaffen zu lassen. Ich schloß das Haus ab und machte mich mit Barry auf den Weg zum »Hotel Vogesenblick«. Es war gegen Abend. Im Garten sah es traurig aus. Alle größeren Obstbäume hatten einige ihrer schönsten Äste verloren, viele der jungen und auch die hochstämmigen Rosen waren oberhalb des Baumbandes glatt abgebrochen. Die Tulpen lagen ausgelöscht am Boden. Durch den erstarrten Wald ging ein Schauer. Die Luft zitterte von einem lauen Atem. Während ich noch draußen im Hofe stand und überlegte, ob ich zwei große Lärchen, die mit ihrer Eislast bedrohlich über dem Stallgebäude hingen, nicht schleunigst sollte fällen lassen – richteten sich die beiden Riesen tropfend und prustend vor meinen Augen auf. Es taute! Ein Regen von Eisstücken fiel von den Bäumen. Der Wald klirrte und sang, so weit das Ohr reichte. Als der erste Stoß des jetzt plötzlich eintreffenden Südwindes die Bäume traf, waren die vereisten Zweige schon halb geschmolzen, der Rest ihrer tödlichen Last ging in Lawinen von Eis und Staubschnee nieder. Nur einige besonders verhärtete Exemplare empfingen vom Wind den Gnadenstoß und weckten mit ihrem Sturz die Erinnerung an den Schrecken der vergangenen Nacht. In der nächsten Umgebung des Hauses lagen die großen Bäume zu Dutzenden umher, sie versperrten die mit Schnee und Eis bedeckten Straßen. Wir kamen nicht weit. Der Wald, sonst sauber gehalten, fast wie ein Park, war undurchdringlich geworden. Von den Telegraphenstangen war nicht eine einzige stehn geblieben. Die Last der Drähte, von denen jeder eine dreifingerdicke Hülse aus vereistem Schnee trug, hatte sie gebrochen oder zur Erde gebogen. Den Masten der Lichtleitung war es nicht besser ergangen. An manchen Stellen bildeten die auf der Straße liegenden Drähte dicke Knäuel, von denen wir uns fernhielten, als wären es Nester giftiger Schlangen, gleichzeitig mit einem Urwald hierher gezaubert. Aber schon dröhnte es von Axthieben wie von stockenden Schlägen einer Uhr, die man versucht, wieder in Gang zu bringen. Man sah Männer in Gruppen sich an die Drähte hängen und schreiend im Takte ziehen, während an den aufgerichteten Masten Solisten emporkletterten und, oben angelangt, zu den andern hinuntersangen. Axt und Säge arbeiteten, es roch durchdringend nach frischem Holz. Ein köstlicher Geruch! Erfrischender Weihrauch! Dann wusch ein richtiger Regen den Wald vollends ab. In der Halle des Hotels »Vogesenblick« stand Herr John Muser, ein vollendeter Edelmann, und empfing die liebsten, die ersten Gäste. Ich war erstaunt, so viel junge Frauen versammelt zu sehn – sie trugen kleine Hüte, kurze Röcke und einen roten Mund. Im Kurpark spielte die Musik. Ein junges, sehr hübsches Mädchen knixte, mit einem, erschrockenen Blick auf meinen Kopfverband. Ach, das war Jacquots Freundin, die kleine Anna Graeßlin, und fünf Schritte weiter stieß ich auf den Baron Breisach, der mich mit überschwenglichem Mitgefühl begrüßte. Ich fand ihn gar nicht so übel, wie die Leute hier ihn haben wollten, ich nahm seine Einladung zum Abendessen mit Freude an und hatte es nicht zu bereuen. Er unterhielt mich vortrefflich, ich erfuhr eine Menge wichtiger Dinge, die ich völlig vergessen hatte – zum Beispiel, daß Lord Berrick meine Schwägerin Pia geheiratet habe und ein glänzendes Haus in Paris führe, daß die deutschen Aktien wackelten, die Bayern darum aber doch ihren König wiederhaben wollten, daß der Adel sich »rücksichtslos« modernisieren müsse, sollte er nicht vor die Hunde gehn – und der Baron verschaffte mir geeignete Leute, die tags darauf in den Dachstock des Waldhauses einzogen. Am nächsten Morgen fuhr ich mit Barry über die Schiffbrücke bei Rheinweiler. Ich sah mich um, ob ich nicht irgendwo an einem Fenster oder im Garten Donja entdeckte. Das Weiße, das meine Aufmerksamkeit fesselte, stellte sich jedoch als der Marmor von Liesel Rheinweilers Grab heraus, das verträumt durch das Parkgitter auf den breit und einsam strömenden Rhein hinabblinzelte. Das geraniumrote Dach des Schlößchens blühte an der Sonne, und seine Hüter, die Pappeln, standen in frischem Laub.   Ende