Wilhelm Heinrich Riehl Durch tausend Jahre – Zweiter Band Fünfzig kulturgeschichtliche Novellen In der vom Dichter selbst gewünschten Anordnung zum ersten Male herausgegeben von Hans Löwe Inhalt Die Lehrjahre eines Humanisten Mein Recht Jörg Muckenhuber Wanda Zaluska Der Fluch der Schönheit Gräfin Ursula Die Werke der Barmherzigkeit Die rechte Mutter Fürst und Kanzler Reiner Wein Die Hochschule der Demut Ungeschriebene Briefe Rheingauer Deutsch Amphion Reformation und Renaissance Die Lehrjahre eines Humanisten 1856 Erstes Kapitel »Melancholie steigt auf aus dickem Geblüt. Was kann ich darfür, daß mein Blut schwarz und dick fließt? Da hilft kein Purgieren und Aderlassen. Alle Kräfte Himmels und der Erden wirken zusammen, um einen einzigen Menschen so zu machen, wie er ist: wie soll ich selber mich anders machen können? Mit eigener Willensstärke soll ich mich erlösen aus meinem Trübsinn. Aber Wille ist ja nur bewußte Lebenskraft. Ich suche die verlorene Lebenskraft wieder: wie kann ich sie durch den Willen gewinnen, der nur aufkeimt aus der Lebenskraft, der in ihr enthalten ist und eins mit ihr? Paracelsus schreibt: des Menschen Wille könne so stark werden, daß einer durch den Geist allein, durch bloßes inbrünstiges Wollen, ohne Schwert einen anderen steche – aber das Rezept zu dieser Willensstärke hat er uns nicht hinterlassen. So bleibe ich preisgegeben der Melancholie, dem dicken Blute, dazu auch der Hypochondrie, die mir das viele Studieren in den Unterleib gehext hat. Überall siehet der Mensch Krankheit vor sich, Elend an Leib und Seele, Not und Tod. Nur im größten Leichtsinn mögen wir fröhlich sein. Die sichere Erkenntnis unserer Schwachheit ohne die sicheren Mittel, ihr zu wehren, das ist der größte Fluch, der auf das Menschengeschlecht geladen ward. Das Tier erkennt nicht einmal seine Gebrechlichkeit: dennoch weiß es sicherer, ihr zu steuern. Die Schlange, wenn sie aus der Höhle kriecht, heilt ihr verdunkeltes Auge mit Fenchel; die Rebhühner und Krähen purgieren sich im Frühjahr, damit sie für den ganzen Sommer gesund bleiben, und der wirkliche vierbeinige Esel weiß mit Hirschzunge sicherere Kuren zu vollbringen als mancher Esel von der medizinischen Fakultät mit einer ganzen Apotheke. Darum sind auch etliche Ärzte der Meinung, die Menschen hätten die Heilkunst eigentlich vom lieben Vieh gelernt. Jetzt, wo ich zum erstenmal im Leben nicht Herr meines Körpers bin und mein schwacher Leib den Geist mit Schwermut schlägt, jetzt begreife ich Calanus, den Gymnosophisten, der, als er die erste Leibesschwachheit verspürte und zum erstenmal im Leben ein wenig krank zu werden anfing, sich selber verbrannte. Freilich war Calanus damals dreiundsiebzig Jahre alt, und ich bin erst dreiundzwanzig. Will darum noch eine Weile zuwarten mit dem Verbrennen.« So schrieb Johannes Piscator, der hypochondrische Philosoph, seine Gedanken nieder als ein Selbstgespräch und setzte auch gleich das Datum darunter: »am ersten März 1561.« Vor zehn Jahren schon war der jetzt dreiundzwanzigjährige junge Mann ein gelehrtes Wunderkind gewesen. Der dreizehnjährige Knabe nahm es mit jedem Professor im Disputieren auf und sprach griechisch und lateinisch wie Wasser; sein Gedächtnis war ganz gespickt mit Historien und Zitaten aus den Alten, und im sechzehnten Jahre schon ward er für würdig erachtet, als Magister der freien Künste lehrend aufzutreten. Sein Ruhm ging durch ganz Schwaben, sein Heimatland, denn keiner machte ja glänzender als der sechzehnjährige Magister den Spruch zuschanden, daß die Schwaben erst mit dem vierzigsten Jahre gescheit werden. Aber nach kurzer Frist geriet Johannes Piscator wieder in Vergessenheit. Aus dem frühreifen Knaben ward wirklich ein tüchtiger Gelehrter. Das war vielleicht ein noch größeres Wunder als seine Frühreife. Wäre er ein recht origineller Lump geworden, so hätten sich wohl Liebhaber gefunden, die ihm von Zeit zu Zeit auf die Strümpfe geholfen und seinen Ruhm neu aufgefrischt hätten. Da er aber nur ein ordentlicher, fleißiger, gelehrter Mann, also etwas ganz Gewöhnliches geworden war, so ließen ihn seine früheren Gönner fallen. So stand denn der dreiundzwanzigjährige Johannes verlassen in der Welt, ein ungefreundeter Mann, ohne Eltern und Verwandte, ohne Geld und Gut, ohne Amt; aller Künste Magister, nur nicht der Kunst, sich selbst zu beherrschen und sich selbst zu helfen. Er war nach Ulm gewandert, um dort mit gelegentlicher gelehrter Fronarbeit ein Stückchen Brot zu gewinnen. Da sich die reichen Herren von Ulm nicht sonderlich beeilten, Freundschaft mit ihm zu schließen, so begnügte er sich einstweilen mit dem Umgang des Platon und Aristoteles, des Cicero und Tacitus. Er fand, diese seien doch seine besten Freunde, denn sie hielten buchstäblich aus als Freunde bei Salz und Brot. Gar oft zog Johannes Piscator an den Sommernachmittagen hinaus in die nahen Wälder, um sich in den Himbeeren und Erdbeeren sein Mittags- und Abendessen zu suchen. Allmählich jedoch verspürte er bei dieser Lebensweise die Wahrheit des Spruches: »Lang gefastet ist kein Brot gespart.« Denn die Kraft seines Körpers nahm sichtlich ab, und Trübsinn lagerte sich über seine Seele. Verlassen und allein, erschrak er plötzlich vor dem Gedanken, daß er krank werden könne. Bis dahin hatte er's nämlich noch gar nicht für möglich gehalten, krank zu werden. Die Bauern sagen: »Es ist nichts ungesunder als krank sein.« Über diesen Spruch grübelte Johannes Piscator so lange, bis er krank war bei gesundem Leibe. Was er nur sah und hörte, erinnerte ihn fortan an Siechtum, Gebrechlichkeit und Tod. Er machte lieber eine Viertelstunde Umweg, als daß er am städtischen Spital vorbeigegangen wäre, und kündigte seinem Flickschneider die magere Kundschaft, weil derselbe Kirchhof hieß. In der Physika des Simon Artopäus hatte der hypochondrische Gelehrte gelesen, daß jene Leute, von denen der achtzigjährige Sohn eines Tages weinend vor der Hütte saß, weil er von seinem Vater Schläge erhalten, darum, daß er seinen Großvater hatte aus dem Bett fallen lassen, – daß jene Leute zu so hohen Jahren gekommen, weil sie neben einer Diät von Milch, Brot und Salz fleißig Holunderbeeren gegessen. Darum begann er auch täglich Holunderbeeren zu schlucken. Eine alte Schwäbin verriet ihm dagegen, die ältesten Leute im Schwabenland würden diejenigen, welche allabendlich eine gebrannte Mehlsuppe verspeisten. Doppelt genäht hält besser. Johannes Piscator suchte darum, sooft es seine Mittel erlaubten, die Holunderbeeren mit der gebrannten Mehlsuppe zu verbinden. Bei dieser braunen Suppe saß er eben auf seinem Kämmerchen und hatte die eingangs gegebenen Betrachtungen niedergeschrieben; allein obgleich er in Wort und Schrift zu dem leidlich mutigen Schluß gekommen war, so blies er doch in Gedanken alsbald wieder Trübsal. Man hätte den krummgesessenen Gelehrten lebenssatt nennen können, wenn er sich nicht täglich krank geängstigt hätte um die Erhaltung seines Lebens. Da kam polternd ein schwerbestiefelter Reiter die Treppe heraufgestiegen zu dem hohen Olymp der Dachstube und öffnete die Tür, ohne anzuklopfen. »Grüß dich Gott, Johannes!« rief er. »Du erkennst mich nicht? Freilich! Der Bart und der Soldatenrock macht einen neuen Mann! Ich bin ja Hunold, der mit dir auf einer Schulbank gesessen. Wir wollten beide Magister werden; du bist's, und ich bin jetzt Dienstmann des Grafen Albrecht von Löwenstein.« Piscator schüttelte ihm herzlich die Hand. »Gäbst du mir deinen Sold, Freund, – ich gebe dir gern meinen Magister dafür.« »Das ist's ja eben, weshalb ich von Heilbronn herübergeritten bin. Ich soll dir Sold bieten, und den Magister sollst du dazu behalten.« Er warf einen schweren Beutel voll Geld auf den Tisch. »Seht her! Hier liegt das Handgeld. Der Sold kommt später. O Freund, Sold ist ein schönes Wort, und lauter Schönes reimt sich darauf: Gold, hold und« – hier strich er sich selbstgefällig den Schnurrbart und pflanzte sich breit in stattlicher Manneshaltung vor den verkümmerten Humanisten – »Hunold.« »Und du willst mich auch für eueren Reiterdienst anwerben?« »Daß Gott verhüte! Reite du fort und fort auf deinen Pergamentbänden; unsere Pferde sind uns zu lieb, als daß wir das geringste derselben dir zwischen die Beine zu geben wagten. Aber fahren sollst du, fahren ins Gelobte Land, nach Jerusalem. Ein venezianisches Schiff wird dich nach Joppe tragen, und höchstens auf Eseln wirst du dann sanft von einer heiligen Stätte zur anderen gewiegt werden. Doch ich muß dir ausführlich und in der Ordnung meines Herrn Begehren kundtun.« Sie setzten sich. »Hast du keinen Trunk Wein, Johannes?« »Wasser! Klares, kühles, köstliches Wasser, Hunold I« »Hinweg damit! Ein Reitersmann muß auch in der Wüste fechten können: ich kann auch mit trockenem Mund meinen Auftrag ausrichten, und doch soll dir der Mund wässern, indem ich spreche.« Hunold berichtete, daß sein Gebieter, Graf Albrecht von Löwenstein, entschlossen sei, mit seinem Bruder Friedrich und vierundzwanzig anderen deutschen Rittern und Herren, zu denen noch zehn vornehme Holländer stoßen würden, eine Wallfahrt nach Jerusalem und dem Berge Sinai anzutreten. Mit Gefolge und Dienerschaft werde man also wohl an hundert Mann stark sein. Große Fährlichkeiten seien zu bestehen; vor Jahr und Tag versehe sich keiner der Rückkehr. Aber auch ewiger Ruhm vor der Welt und ewige Seligkeit sei die Krone der Pilgerfahrt. Der ganze Zug sei nun gerüstet; binnen heute und sechs Tagen würden alle Reisegenossen in Innsbruck versammelt sein, dann gehe es unverweilt über die Berge nach Venedig. Nur ein Mann scheine seinem Herrn noch zu fehlen: nämlich ein Gelehrter, der Lateinisch wohl zu sprechen und zu schreiben wisse, über alle merkwürdigen Orte und Antiquitäten in Italien, auf den griechischen Inseln und im Heiligen Lande Auskunft geben könne und dazu fähig, eine genaue Chronik der Pilgerfahrt, Kindern und Kindeskindern zum Gedächtnis und zur Erbauung, in wohlgesetztem Deutsch oder Latein zu verfassen. »Mein Herr hat von dir gehört, Johannes«, – so schloß Hunold seine Rede, »er glaubt, du seiest tüchtig zu diesem Dienst wie keiner; dazu ledig, kinderlos, freundlos, ein Mann, der jeden Tag sein Bündel schnüren kann. Hier liegt das Handgeld auf dem Tisch, womit du dich reisemäßig ausstatten sollst, wenn du einschlägst und diesen Brief unterschreibest. Schlag ein, Johannes, es ist das beste Teil! Drei Tage hast du Frist, dich von Ulm loszumachen; dann aber mußt du flink auf die Beine, damit du zum Termin am Sammelplatz in Innsbruck bist.« Mit der ganzen Heftigkeit eines Melancholikers, dem die äußersten Affekte sich berühren, sprang Piscator auf, wie verwandelt, schlug ein, unterschrieb den Brief und griff, sonst ein so großer Geldverächter, mit gieriger Hand nach dem Beutel. »Ich ziehe mit, Hunold! nicht um des ewigen Ruhmes und der ewigen Seligkeit willen, die du verheißest, sondern damit mich Hunger und Hypochondrie hier in Ulm nicht totbeißen. Freund, hier habe ich's erfahren, daß der Hunger rohe Bohnen gar kocht! Besser, der Türke schlägt mir den Schädel ein, als daß ich hier krepiere vor Ärger über das Ulmer Krämerpack, das mich nicht kennen, nicht anerkennen wollte, das mich ohne Arbeit und Brot hätte sitzen lassen, bis die Hühner Zähne kriegen! Was werden die stolzen Kaufherren für Augen machen, wenn sie von dieser Berufung des verlumpten Johannes Piscator hören! Ich werde meine drei Tage Frist noch in Ulm aushalten, nicht um meine Angelegenheiten zu ordnen (denn das wäre in einer halben Stunde geschehen), sondern um diese Krämer noch einmal recht zu ärgern, um vor ihnen einherzustolzieren, nun auch meinerseits mit dem Geld in der Tasche zu klimpern, um ihnen ein Schnippchen unter der Nase zu schlagen. Heiliger Erasmus und Melanchthon, heiliger Camerarius und Reuchlinus, in welcher Barbarei sind diese Geldsäcke gefangen! Euklid lief bei Nacht fünf Meilen weit, um den Sokrates zu hören; ich kam ihnen bei Tag ins Haus, und sie hörten mich nicht. Du machst dir kein Bild von dem Ingrimm, der mich in Ulm ergriffen hat über alles Kaufmannsvolk der Welt! Wie Cicero gegen den Catilina donnere ich oft stundenlang einsam auf meiner Stube lateinisch gegen die Krämer. Hinweg aus diesem Krämernest! Das Sprichwort sagt: Ein armer Jud' kann nicht wuchern, aber auch der ärmste Ulmer wuchert doch, über die Tür ihres Kaufhauses sollten sie ihr Motto schreiben: Lügen und Trügen sind so wert, Daß man ihr' zu allen Käufen begehrt. Als der Teufel seine fünf Töchter an die Stände der Menschen verheiratete, gab er dem Adel die älteste Tochter, Arrogantia, die Mutter der Hoffahrt; den Bauern die zweite, Falsitas, die Mutter der Verschmitztheit und des Betrugs; den Handwerkern das Zwillingsschwesterpaar Invidia und Avaritia, von denen der Neid und Geiz ausgegangen; endlich den Geistlichen die Jungfrau Hypokrisis, die Heuchelei. Da nun für die Kaufleute eine sechste Tochter nicht mehr vorhanden war, so erlaubte er ihnen zu buhlen mit allen fünfen, also daß sich sämtliche Teufelei auf Erden: Hoffahrt, Betrug, Neid, Geiz und Heuchelwerk bei den Kaufleuten einträchtig zusammengefunden. Sieh, Hunold, diese Geschichte, die halb in den vitis patrum steht, halb meine eigene Erfindung ist, habe ich in die schönsten lateinischen Verse gebracht, und zum Abschied von Ulm würde ich sie an der Rathaustür anschlagen, wenn die Dummköpfe, die es treffen soll, lateinische Verse lesen könnten!« Hunold sprach: »Das Wasser, das du trinkest, muß Weines Kraft haben, denn so trunken wie heute habe ich dich nüchtern noch niemals donnern hören.« Johannes verkühlte sich aber ebenso rasch wieder, als er heiß geworden, und da er bei weiterer Erkundigung hörte, daß Hunold nicht mitziehe nach Jerusalem, und da es sich gar bei Aufzählung sämtlicher Reisegenossen fand, daß der gelehrte Humanist von allen nicht einen einzigen persönlich kenne, ward es ihm sogar sehr kühl. Denn als echter Stubensitzer fürchtete er sich vor fremden Gesichtern. Doch Wort und Handschlag war gegeben, das Handgeld eingestrichen, die Unterschrift geschrieben: also stand die Sache fest, und die Freunde trennten sich, Hunold vergnügt, seinen Auftrag so gut vollzogen zu haben, Johannes zwischen Freude und Besorgnis schwankend, aber doch voll Hoffnung auf bessere Tage. In großer Aufregung ging Piscator den ganzen Abend in seiner Kammer auf und ab, immer auf der Pilgerfahrt nach Jerusalem begriffen, und als er sich zu Bette legte, war er doch noch nicht weiter gekommen als bis zur Einschiffung in Venedig und einer heiteren Landung an den Ionischen Inseln. Als ihn der Schlaf bewältigte, spann der wirkliche Traum den Faden der wachen Träume weiter. Ein gewaltiger Sturm erhob sich, da sie kaum wieder einige Meilen in See waren. Welch Dröhnen, Pfeifen, Heulen, Krachen! Alle Winde waren aus ihren Schläuchen gelassen, gegeneinander wütend wie in der Aeneide oder nacheinander wie in der Odyssee. »So durch den Meerschwall trieben Orkan' ihn dorthin und dorthin; Bald daß stürmend ihn Notas dem Boreas gab zur Verfolgung, Bald daß wieder ihn Curos des Zephyros Sturme zurückwarf.« Das Schiff flog aus dem Abgrund zum Himmel und vom Himmel zum Abgrund wie in Ovids Klageliedern. Von den Stürmen aus allen Klassikern ward der arme Schläfer im Bett herumgeworfen. So etwas träumt man nur einmal im Leben. Die Matrosen fluchten, und die Pilger lagen betend auf den Knien; die einen riefen die Heilige Jungfrau an, die anderen wandten sich direkt an unseren Herrgott. Da trieb die Todesangst auch unseren Humanisten zum Gebet. Allein es fiel ihm kein anderes ein als das Gebet aus Ovids Seesturm; und neben seinem Bücherschrein kniend, sprach er mit tiefer Inbrunst: »Di maris et coeli – quid enim nisi vota supersunt? – Solvere quassatae parcite membra ratis!« »Heda! Auf die Beine! Gearbeitet statt gebetet!« rief der Schiffspatron mitten in die klassische Andacht hinein und zog den Betenden unsanft am Arme in die Höhe. »Das Schiff muß erleichtert werden! Alle Fracht über Bord! Flugs hier mit Eurem Bücherplunder angefangen!« Und mit Seufzen und Jammern begann der Ärmste seine Heiligtümer in die Flut zu werfen. Auf den Wellen tanzten Cicero und Sallust, Homer, Virgil, Plato und Aristoteles, die er allesamt bequemlichkeitshalber zu einer Reise nach dem Berge Sinai mitgenommen. Und die Bücher, welche Piscator hinauswarf, wurden ihm schwer in den Händen wie Blei, daß er sie kaum über Bord bringen konnte, und wieviel Bücher er auch davontrug, mehrten sie sich doch immer wieder in dem Schrein; zuletzt warf er ganze Stöße von Schriftstellern ins Wasser, deren Namen er in seinem Leben nicht gehört hatte, und zu allerletzt zwanzig Bände seiner eigenen sämtlichen Werke, die noch gar nicht erschienen waren. Als er aber solchergestalt alle seine köstlichen Schätze geopfert, glättete sich das Meer, als hätte man Öl auf die Wogen gegossen, der blaue Himmel brach aus dem zerrissenen Gewölk, und nach langer ruhiger Fahrt liefen die Pilger endlich in einen Hafen der Insel Cypern ein. Da lief auch der Träumer in den Hafen eines eisernen, traumlosen Schlafes, aus dem ihn erst der späte Morgen weckte. Es war kein erquickliches Erwachen. Johannes fühlte seine Glieder kalt und steif, den Kopf schwer, die Nase verschnupft, daß er niesend in die Höhe fuhr. Da schaute er rings um sich greuelvolle Verwüstung. Als er im Sturme die Bücher über Bord warf, hatte er fast sein sämtliches Bettzeug weit in die Stube hinausgeschleudert (darum waren ihm auch die Bücher im Arm so schwer geworden); und nackt und bloß hatte er die ganze kalte Märznacht auf dem Strohsack gelegen! Jammer und Reue überkam ihn, wie er nun in aller Nüchternheit eines schlechten Morgens seiner verbrieften Verpflichtung von gestern gedachte. »Wenn ich bei dem bloßen Traum von einem Seesturm einen solchen Rheumatismus davontrage, was wird erst aus mir werden bei einem wirklichen Sturme! Was mir gestern abend der gescheiteste Streich meines Lebens deuchte, war, wie es scheint, der dümmste. Da wir uns für Weise hielten, sind wir zu Narren geworden, wie Paulus an die Römer schreibt. Aber ein Mann, ein Wort! Was man geladen hat, muß man auch fahren. Und den Ulmern muß ich entrinnen und meinen krankgesessenen Unterleib kurieren! Ja, und jetzt will ich ausgehen und trotz meinem Schnupfen die Ulmer ärgern drei Tage lang. Zum Teufel mit allen Bedenken, wenn man die Rathaustreppe herabsteigt und sein Wort gesprochen hat!« Es ging doch nicht so leicht ab mit den drei Tagen. Piscator ärgerte die Ulmer, aber der Reue über seine Voreiligkeit entrann er darum doch nicht. Als ihn die Rache nicht zerstreuen wollte, suchte er wieder Trost bei seinen Büchern. Er nahm den Philosophen Seneca vor, er las Boethius de consolatione philosophiae . Vergebens. Auch die Philosophie des »letzten Römers« tröstete ihn nicht. So trat er dann am vierten Tage recht trübselig seine Wanderschaft über Augsburg nach Innsbruck an. In seiner Ledertasche trug er ein halbes Dutzend Klassiker und etwas weiße Wäsche. Allein auch die kleine Last drückte den des Tragens und Wanderns Ungewohnten, und er war kaum drei Stunden gegangen, da schlich er bereits so elend dahin, als habe er den härtesten Tagemarsch zurückgelegt, ließ den Kopf hängen und sah zu Boden wie ein Hühnerdieb. Am Rande eines steilen Abhanges, der sich jäh zur Donau niederzog, setzte er sich zur Rast auf einen Stein. Die Gegend ist wild und rauh und kahl und langweilig dazu. Ihr Anblick, selbst im Morgenschein der Märzsonne, vermochte den hypochondrischen Pilger nicht aufzuheitern. Die Donau, hier noch als ein verheerender Bergstrom über die Hochfläche brausend, benagt die felsenlosen Sandhügel, daß sie zu steilen Hängen abstürzen, und breitet auf dem anderen Ufer hundert Arme zu einem verwirrten Knäuel von Bächen und Altwassern in die Ebene, uferlos, um nach jeder Schneeschmelze, jeder Regenwoche sich ein neues Bett zu wühlen und unter neuen Geröllbänken fruchtbares Land zu begraben. Die von den Wasserarmen umschlungenen Auen deckt undurchdringliches Gestrüpp, üppigster Baumwuchs, dem keine Axt naht, eine Urwildnis, deren vom Sturm gefällte, vom Wetter gebleichte Stämme bekunden, daß nie ein Kahn diese tückischen Strudel durchschneidet und keines Menschen Fuß die Inseln betritt. So war es damals. Auf der Landseite schweifte der Blick unseres Wanderers über die endlose kahle Hochfläche und die graugrüne Sumpfniederung des Ulmer Rieses. Wer noch nicht melancholisch ist, der kann es bei diesem Anblick werden. Nur manchmal bei besonderer Gunst von Luft und Licht erhalten die öden Gründe einen prächtigen Abschluß. Es steigen dann, von leisem, blauem Dufte überhaucht, die vielgestaltigen Gipfel und Kämme der Vorarlberger, Allgäuer und bayrischen Alpen am Saume des Himmels auf, ein Traumgebilde der zartesten Farben und Formen. Und mit jener geheimen Macht, womit uns die Dichtung dem gemeinen Leben entrückt, zieht uns dieses verschwimmende Bild des Hochgebirges zu sich hinüber, daß wir uns selbst aus der umliegenden Öde hinwegdichten zu waldbeschatteten Alpenseen, auf lichte Matten, unter die Riesendome des Urgesteines, von deren Kuppen der ewige Schnee seine Quellen, Bäche und Wasserstürze vieltönig ringsum niederbrausen läßt. Johannes Piscator, der jetzt auch die Schneegipfel am Horizont erblickte, dachte nicht an die Landschaftspracht des Gebirgs, sondern an das, was hinter den Bergen lag: – an Innsbruck; an die Straße, die über diese Joche ging – nach Venedig und so weiter. So ward es ihm nicht leicht und frei beim Anblick der Alpenkette, sondern nun gar erst recht schwül und beklommen. Da kam von Augsburg her ein Wanderer des Weges, der schritt anders aus wie vorhin unser unglückseliger Gelehrter! Das ging vorwärts wie der Wind und mit einer Kraft und Leichtigkeit der Bewegung, daß es eine Lust war, dem Burschen nachzuschauen. Der Humanist erschrak über die kraftgedrungene Gestalt, die so recht im griechischen Heroenschritt auf ihn zugestiegen kam; denn keine Menschenseele war sonst weit und breit, und der schnellfüßige Achilles wandelte sich dem furchtsamen Magister rasch in einen Gauner und Straßenräuber. Doch als der stattliche Jüngling dem Rastenden ein treuherziges »Grüß Gott!« entgegenrief, schwand demselben die Furcht, denn es war ihm, als ob einer, der in Gottes Namen grüßt, nicht Raub und Mord sinnen könne. Ein paar Worte wurden hin- und hergewechselt, die sich bald zu einem Gespräch ausspannen, und der neue Ankömmling fand es endlich bequemer, sich gleichfalls niederzusetzen, als stehend die Unterredung weiterzuführen. Er bot dem Magister einen Schluck aus seiner Feldflasche und einen Bissen Fleisch und Brot. Piscator lehnte dankend ab. »Ich frühstücke niemals. Natura paucis contenta. « »Ihr müßt ein Schulmeister sein, Freund«, entgegnete der andere. »Einmal, weil Ihr auf der Reise nicht eßt, wann Ihr etwas kriegt, obgleich Ihr hungrig seid, wie Schulmeister gewöhnlich sind und wie ich's Euch auch jetzt an den Augen ansehe; und dann weil Ihr schon bei dem dritten Wort mit den verfluchten lateinischen Brocken um Euch werft.« Mit gutmütigem Lächeln nickte Piscator bejahend. »Nun seht, da gibt es gleich eine Verwandtschaft zwischen uns«, rief der Fremde. »Mein Vater ist auch ein Schulmeister. Er ist so gelehrt, daß er seinen ehrlichen deutschen Namen Fischer nicht mehr tragen mochte und sich selber in einen Piscator übersetzte. Er wollte mich auch gelehrt machen, aber ich widerstand hartnäckig. Da tat er mich zu einem Küfermeister in die Lehre: dem lief ich davon; darauf zu einem Schlosser: den hätte ich beinahe selbst in einem Streite zu Blech gehämmert. Endlich versuchte man, ob ich nicht durch den als den gröbsten Mann in ganz Franken bekannten Lebzelter Sturm in Nürnberg zu einem brauchbaren Bürger zu erziehen sei. Darüber bin ich dreiundzwanzig Jahre alt geworden, habe wirklich bei dem alten Sturm volle zwölf Monate als Lehrling ausgehalten und will jetzt mein Glück weiter versuchen bei der löblichen Lebzelter- und Wachszieherzunft in Ulm.« »Ihr heißet Piscator«, rief der Gelehrte; »so schreibe ich mich auch – Johannes Piscator aus Beutelsbach, der freien Künste Magister.« »Gerhard Piscator aus Schweinfurt, einjähriger Lebzelterjunge!« fügte der andere hinzu. »Oh, wenn ich doch in Eurer Haut stäke, Vetter Gerhard, wie in Eurem Namen! Die Lebzelterei ist wohl ein recht friedliches, harmloses, ungefährliches Geschäft?« »Das eben ist zum Verzweifeln, Vetter Johannes. Wenn Ihr Euch kein heißes Wachs auf die Finger tropfen laßt, so hat's gar keine Gefahr bei dem Handwerk. Doch wo drückt Euch denn der Schuh so stark, daß Ihr aus der Haut fahren möchtet, Magister?« »Ich habe mich dem Grafen von Löwenstein als Reisebeschreiber verdungen zu einer Fahrt nach Jerusalem –« »Wie? Ihr seid einer dieses berühmten Zuges? Oh, könnte ich mit Euch ziehen über Land und Meer, statt in Ulm Lebkuchenmänner zu backen!« Der Magister sprach trocken: »Ich bin ein ruhiger Mann, den Büchern ergeben, die ich daheim lassen muß, den gelehrten Arbeiten, für die eine deutsche Dachkammer und nicht ein venezianisches Schiff oder ein palästinensischer Reitesel die rechte Werkstatt ist. Fährlichkeiten liebe ich nicht. Mir graust vor der Seefahrt –« »Auf die See möcht' ich ums Leben gern!« rief der Lebzelter begeistert. »Mitten hinein in den ärgsten Sturm! Und einen Schiffbruch möchte ich erleben, wo das Schiff mitten entzweibricht wie ein verbackener Lebkuchen! Alle meine Genossen ertrinken vor meinen Augen; ich allein werde nackt und bloß auf eine Klippe geschleudert–« »O Freund«, rief der Magister hohen Tones, »Ihr würdet anders sprechen, wenn Ihr jemals einen Seesturm miterlebt hättet!« »Ihr habt also einen erlebt, Magister? Ihr seid zur See gewesen?« »Ja! Halb und halb. Nämlich der bloße Traum von einem Seesturm hat mir einen bodenlosen Rheumatismus gebracht; nun denket erst, wie mir's bei einem wirklichen Sturme ergehen mag! Ersaufen wir aber auch nicht, dann wird die Landreise noch gefährlicher wie die Seefahrt. Türkische Raubscharen umschwärmen uns –« »Ha! Bruder Johannes von Beutelsbach, einem Türken den Kopf zu spalten, wäre mir lieber, als wenn ich die größte Wachskerze in der ganzen Christenheit gegossen hätte!« »Wer dem Türken entrinnt, den frißt die Pest.« »Die kriege ich nicht! Ich bin pestfest. In Nürnberg hat sie mir Meister Sturm jeden Tag zwanzigmal auf den Hals gewünscht, und sie ist doch nicht gekommen!« »Ei, zum Teufel, ritterlicher Lebzelter, wenn dir das alles so wohl gefällt, dann gehe du doch nur gleich statt meiner nach Jerusalem. Ein Piscator um den anderen! Ob der Beutelsbacher mit dem Schweinfurter und der Johannes mit dem Gerhard verwechselt ist, wen kümmert das? Wenn die Fische im griechischen Meer nur einen Piscator zu fressen kriegen, so ist meiner Ehre schon genug getan. Es gilt, Gerhard! Ein Magisterdiplom gegen einen Lehrlingsbrief!« Der Lebzelter erwog ernstlich. »Nein!« rief er endlich, »es geht nicht an. Seht, den Magister könnte ich schon machen, nicht aber Ihr den einjährigen Lehrjungen. Wo wollt Ihr dazu Kenntnisse und Geschick hernehmen?« Dennoch ward die Sache weiter durchgesprochen; aus dem Scherz ward Ernst. Keiner der Pilger kannte den erwarteten Gelehrten. Gerhard mochte bis zur Einschiffung in der Tat ganz gut den Magister spielen, und nachher konnte man ihn nicht mehr zurückschicken. Nach Ulm durfte Johannes nun freilich nicht als Lebzelter gehen; allein auch in Augsburg wußte sein neuer Freund einen offenen Platz; dahin wollte er den Humanisten empfehlen. Endlich schlugen sie ein. Der abenteuernde Bursche nahm das Diplom und das Handgeld, der verzagte Philosoph den Brief und des Lehrjungen drei Batzen. Der Lehrling nahm den Hut und Degen des Magisters und der Magister die Mütze und den Stock des Lehrjungen. Nur seine Klassiker gab Johannes nicht heraus. Nähere Verhaltungsmaßregeln wollten sie auf dem gemeinsamen Marsch austauschen; denn beide mußten ja jetzt gegen Augsburg ziehen. Gerhard begann sofort ein Examen mit dem Magister. »Wie wirst du dich nun einführen, wenn du nach Augsburg zu Meister Furtenbacher, dem Lebzelter, kommst?« Johannes wollte demselben schlechtweg guten Tag sagen, sein Schreiben vorzeigen und ihn um die ledige Lehrlingsstelle bitten. Da wäre Gerhard fast geborsten vor Lachen und ließ den gelehrten Mann gar nicht ausreden. »Mit Spott würde man den einjährigen Lehrjungen fortjagen, der so unkundig alles Zunftbrauches! Zuerst mußt du dir in Augsburg einen Bürgen suchen, der gutsteht, daß du alles bezahlst, was du deinem Meister etwa verderben oder veruntreuen könntest.« »Wer aber wird mir bürgen wollen?« Gerhard schaute den Genossen mit der Miene überlegener Pfiffigkeit an. »Ich gebe dir ein Briefchen an die alte Magd deines Meisters. Bevor du ihn besuchst, schleichst du dich abends ungesehen in die Küche und übergibst der Alten den Zettel. Sie wird dich zum nächsten Abend wiederkommen heißen, und, ein schönes, junges Mädchen wird dich dann vermutlich zu dem Manne führen, der für dich bürgen soll.« »Das ist ein abenteuerlicher Eingang«, seufzte Johannes. »Freilich, Vetter! Vielleicht erlebst du bei der Lebzelterei mehr Abenteuer als ich auf meiner Reise nach Jerusalem. Doch weiter. Vorgestellt durch den Bürgen, machst du dann dem Lehrherrn deine Reverenz und einigst dich mit ihm über Aufgeld und Lehrgeld.« »Wie? Ich soll auch noch Lehrgeld zahlen?« Gerhard blieb stehen und rief: »Heiliger Michael, Patron der Lebzelter, erbarme dich dieses Menschen, der Magister ist und noch nicht weiß, daß man für alles, was man auf der Welt lernt, Lehrgeld zahlen muß!« Dann griff er in die Tasche und fuhr fort: »Vetter, du hast allzu gutmütig mir vorhin all deine klingende Habe ausgeliefert: nimm hier zehn Gulden zurück, damit du Aufgeld und Lehrgeld zahlen kannst und deinen Bürgen und das schöne Mädchen nicht zu Schanden bringst. Also, nachdem Vorgedachtes vereinbart ist und dein Meister dich gedungen hat, gehst du anderen Morgens mit dem Meister und dem Bürgen zu dem Führer der Lebzelterhauptlade, damit dich derselbe einschreibe und dir die Handwerksordnung zustelle. Hierauf hast du allen anderen Zunftmeistern einen Respektsbesuch zu machen. Der Führer der Hauptlade wird dich dann auf den nächsten Sonntag berufen, daß du unter seinem und deines Meisters Vortritt in die St. Annakirche gehest, um dort in den Stühlen der Lebzelterinnung den göttlichen Segen auf deine Augsburger Lehrzeit herabzuflehen, und am Abend dieses Sonntags mußt du dann den Gesellen des Hauses ein Traktament geben, so reich, als es dein Beutel erlaubt. Hierbei aber sind wiederum viele besondere Regeln genau zu merken, die ich dir jetzt einzeln aufzählen will.« Dem Magister wirbelte der Kopf schon von den bisherigen Vorschriften. Die ganze Angst eines Stubengelehrten vor dem Eintritt in eine neue, geregelte und doch verwickelte, ganz nüchtern praktische Lebensführung überfiel ihn wie ein Fieber. Jetzt deuchte ihm wieder bequemer, nach Jerusalem zu ziehen, als Lehrjunge bei den Lebzeltern zu werden, und beinahe hätte er den Tausch bereut. Als die Wanderer spät abends nach Zusmarshausen kamen, war Gerhard eben bei den Vorschriften angelangt, wie sich ein Lehrjunge beim Feilhalten von Lebkuchen und Wachsarbeiten auf den Jahrmärkten zu benehmen habe. Er machte nur eine Pause im Dozieren, zuerst um zu essen, dann um den geheimnisvollen Brief an die alte Magd des Meisters Furtenbacher zu schreiben. Er war jetzt in der Tat der Magister und Johannes Piscator der zu seinen Füßen sitzende Lehrjunge geworden. Als sich beide ermüdet auf die Streu gestreckt hatten, sprach Gerhard noch tief bis in die Nacht hinein über die leichteste Art, den Backofen zu heizen, und über die sicherste, die Wachsbleiche zu bewachen und doch dabei zu schlafen. Über der letzten Untersuchung war Johannes ins Schnarchen geraten. Gerhard zog darum nun auch endlich die wollene Decke übers Ohr, und indem er vor sich hinmurmelte: »Ein Glück, daß ich diesen Magister als Lehrjungen zu Furtenbacher schicken kann; er wird im Hause hilfreich und nützlich sein, – meinen Platz in der Werkstatt für mich offenhalten, falls mich die Lust anwandeln sollte, später wieder einmal bei den Honigtöpfen zu sitzen, – und, was das wichtigste, Galanterien sind von ihm nicht zu fürchten: – der gute, dumme Vetter; er ist auch nicht schuld, daß die Frösche keine Schwänze haben!« – indem er solches murmelte, schlief er ein. Zweites Kapitel Als Johannes Piscator in Augsburg angekommen, tat er pflichtlich, wie ihm sein Namensvetter geheißen. Aber er tat es in einer Stimmung, die gar nicht zu beschreiben ist. Da er zur alten Magd des Lebzelters schlich, um ihr den Brief zu übergeben, biß ihn die Reue, daß er ein Gesicht schnitt wie – nach Bauernrede – ein Topf voll Teufel. In die Lechkanäle, die in raschem Gewoge die Stadt durchfluten, hätte er springen mögen trotz seiner Wasserfurcht, so unwürdig erschien er jetzt sich selber. War die Verschreibung zur Pilgerfahrt schon eine große Narrheit gewesen, dann war der Einzug in die Lebzelterwerkstatt eine noch viel größere. Schwer belastete jetzt der Betrug sein Gewissen, mit welchem er den edlen Rittern einen Schweinfurter Lebzelter als Archäologen, Latinisten und Schriftsteller aufgebunden. Der andere Piscator, um den sich Verwandte und Freunde kümmerten, nahm es sorglos hin als einen lustigen Streich, als eine Abenteurerei, die in den Grundrechten der Jugend verbrieft ist, davonzulaufen nach Jerusalem. Auch Trotz und Grimm und Hoffnungslosigkeit machten ihm, wie wir später sehen werden, den Abzug leicht. Johannes dagegen, der einsame, freundlose Mann, der niemand in Sorgen setzte, wenn er jetzt ein einziges Mal in seinen jungen Jahren einen tollen Jugendstreich begann, wollte verzweifeln über seinen eigenen Leichtsinn. Es geschah, wie Gerhard vorgesagt. Nachdem die Magd das Brieflein gelesen – eine Magd, die lesen gelernt, war damals noch eine Rarität – und ein zweites, eingeschlossenes, sorgfältig aufgehoben hatte, hieß sie den Magister morgen zur selben Stunde wiederkommen, und als er wiederkam, stand das verheißene schöne Mädchen schon am Platz, tief in den Mantel gehüllt, bereit, den Fremden zu seinem Handwerksbürgen zu führen. Sie grüßte mit stummer Verbeugung, und auch als Johannes, von dem Mädchen und der Alten begleitet, durch die Straßen schlüpfte, fiel von keiner Seite ein Wort. An einem großen Haus, welches fast wie der Flügel eines Klosters aussah und an eine Kirche angebaut war, pochte die Magd ans Tor und blieb dann auf dem Vorplatz zurück. Durch ein altertümlich überwölbtes Treppenhaus stiegen die beiden hinauf zu den bewohnten Räumen. Piscator, der zu irgendeinem Zunftmeister zu kommen wähnte, erstaunte nicht wenig, als sie in die Stube eines Gelehrten traten. Da waren Bücher die Fülle an den Wänden aufgestellt, daß dem Magister Lebzelter das Herz pochte, und Wohlstand und Behagen schien auch hier einmal die Frucht der Erforschung der Weisheit geworden zu sein. Eine ehrwürdige Gestalt, ein Mann von wohl sechzig Jahren mit langen silbergrauen Locken, erhob sich gegen die Eintretenden. Als Johannes den Gelehrten im weitfaltigen, pelzbesetzten Hausgewand gebieterisch vor sich stehen sah, war es ihm, als steige die Erscheinung eines der humanistischen Wissensfürsten seiner Universitätsjahre vor ihm aus der Erde und er selber müsse versinken vor Scham über die Maske, in der er jetzt einem solchen Manne gegenübertrat. »Vetter«, rief Judith in munterem, fast schalkhaftem Ton, »hier bringe ich Euch den Lehrjungen, dem Ihr Bürge sein wollt. Macht's untereinander ab; ich plaudere derweil mit Eurer Schwester.« Und im Fortgehen warf sie dem Magister die Worte zu: »Es ist mein Vetter, der Herr Scholarch Kaspar Notthaft, der hier vor Euch steht.« Der Scholarch erhob das Licht und musterte seinen Empfohlenen vom Kopf bis zu den Füßen mit einem Blick, als wolle er ihn durch und durch sehen. Da er die struppigen Haare, die unordentliche Kleidung wahrnahm, lächelte er freundlich. Das Lächeln ward noch freundlicher, als er des Lehrjungen Gesichtszüge prüfte: – eine starke Nase, viel zu energisch, um schön zu sein; tiefliegende, blöde graue Augen, aus denen einer bei dem berühmten Gelehrten Piscator das versteckte Funkeln des Geistes herausgelesen hätte, während der Scholarch bei dem Lehrjungen Piscator nur Schüchternheit und Einfalt aus demselben Blicke entzifferte; die von der Arbeit der Gedanken gerunzelte Stirn – der Scholarch sah bei dem Lebzelter nur die Runzeln, nicht die Gedanken –; überhaupt einen reif durchgebildeten Kopf, der aber das Gelehrtenprivilegium der Häßlichkeit etwas stark für sich in Anspruch genommen hatte. Als aber vollends der Scholarch die zusammengesessene Gestalt unseres Johannes wahrnahm und die mageren Beine, deren Linienführung keineswegs dem griechischen Ideal entsprach, drückte er ihm unter freundlichstem Lachen die Hand und sprach: »Ich will Euer Bürge sein, Piscator. Ihr wißt, es ist das bei uns nur noch eine leere Form, und seit Menschengedenken hat kein Handwerksbürge für einen Lehrjungen wirklich mit dem Geldbeutel eingestanden. Aber hier in Augsburg übt der Bürge auch noch eine andere Pflicht. Er soll des Lehrlings Patron werden, der ihn schirmt vor Übervorteilung durch gaunerisches Volk, vor Mißhandlung durch die Mitgesellen (wenn der Meister gegen diese nicht Schutz geben will); er soll sein zweiter Vater, gleichsam sein Handwerkstaufpate sein, und wo der Meister ein gewissenloser Mann wäre, soll der Lehrjunge bei dem Bürgen selbst gegen den Meister Recht finden bei Mißhandlung, Betrug und Überbürdung in der Arbeit.« Da der Scholarch eine Weile einhielt, so nahm Piscator des Augenblicks wahr, um nun doch auch einmal ein Wort zu reden, und sprach: »Wenn sich nämlich der Überbürdete nicht selbst hilft gleich den Ochsen von Su–« (er wollte sagen: Susa, besann sich aber sofort) – »von Sulzbach, die täglich hundert Eimer Wasser führten; als man jedoch den hundertundersten noch zufügen wollte, waren sie nicht mehr von der Stelle zu bringen.« Der Scholarch horchte auf und dachte bei sich: »Wie doch die Geschichten der alten Autoren Gemeingut werden! Es erzählt sich also jetzt der Schweinfurter Pfahlbürger diese Anekdote ganz, wie sie uns in den Klassikern berichtet wird, nur daß er statt Susa die Variante Sulzbach macht!« Dann sprach er laut gegen den verkappten Magister: »Ich zähle Euch meine Pflichten als Bürge nicht auf, damit Ihr etwa meint, Ihr könntet den trefflichen Meister Furtenbacher bei mir verklagen, wenn Ihr liederlich und faul seid. Allein es gibt gewisse Menschen, die sich nun schlechterdings nicht allein forthelfen können, die durch ihre Gutmütigkeit jeden herausfordern, daß er sie rupfe und ausbeute: solche Menschen bedürfen der Vaterschaft eines mannhaften Bürgen. Meister Furtenbacher kann sich nur um die Lebzelterei bekümmern; ich will für das übrige sorgen. Meine menschenfreundliche Base hat mir schon ungefähr gesagt, auf welcher Seite es not tut, Euch eine Krücke unterzustellen. Ihr seid mir ein wildfremder Mensch. Dennoch bürge ich für Euch – die Weiber haben mir wahrlich den ganzen Tag genügend darum im Ohr gelegen«, dachte er im stillen, fuhr aber laut fort: – »damit Ihr seht, daß es doch noch Leute gibt, die einen gutmütigen, der Welt unkundigen Menschen für Gotteslohn beschützen, statt ihn zu rupfen und zu betrügen. – Und hiermit gute Nacht!« So entließ er den verblüfften Johannes, dem nun eine, wenn auch noch sehr schwache Lichtdämmerung auf die seltsame Art und Weise fiel, wie er in Augsburg zu einem Bürgen gekommen war. Auf dem Vorplatz fand er die Magd, die ihm den Heimweg zeigte, da Jungfer Judith die Abendstunden noch mit der Schwester des Scholarchen verplaudern werde. Heldenmütig bestand Piscator in den nächsten Tagen die verwickelten Aufnahmeförmlichkeiten in die Lebzelterwerkstatt. Selbst das Traktament, welches er den Mitgesellen zu geben hatte, lief glatt vom Stapel, und ob der Magister schon über allerlei Unanstelligkeit einen kleinen Spott einstecken mußte, so kam er doch, wie man so sagt, glücklich mit dem blauen Auge davon. Als dieser Sturm überstanden, ward es ihm mit jedem Tage ruhiger zumute. Zum erstenmal begann er den Frieden des Hauses zu schmecken. Der Zwang zur Ordnung, den er gefürchtet, erquickte ihn. Von Handwerksarbeit kam ihm wenig in seine Hände, da der Meister auf den ersten Blick sein Ungeschick erkannte. Er konnte kaum begreifen, wie einer ein ganzes Jahr bei dem gestrengen Meister Sturm in Nürnberg gelernt und doch eigentlich gar nichts gelernt habe, und räsonierte dann über die schlechte neue Zeit, wo man den Lehrjungen zum Hausknecht mache, ihn nur in der Küche, im Feld und unter dem Gesinde arbeiten lasse und darüber die Unterweisung im Handwerk versäume. Da er aber fürchtete, der ungeschickte Bursche möge am Backofen mit dem Feuer Unheil stiften, die Honigtöpfe nicht rein fegen, die irdenen Gefäße zerbrechen, Teig in den Modeln sitzen lassen, daß die Ritter und Frauen auf den nächsten Lebkuchen etwa ohne Hände und Füße zum Vorschein kämen, und wohl gar in Gedanken den Honig selber trinken, statt ihn in den Teig zu gießen: so machte er's geradeso, wie er's bei Meister Sturm tadelnd voraussetzte, und gebrauchte unseren armen Magister fast nur zum Stubenkehren, Stiefelschmieren, Wassertragen, zum Hacken und Graben im Garten und im Acker. Allein Johannes befand sich hierbei wohler als in der Werkstatt, er fühlte den Segen der Handarbeit und lernte im Haus und für das Haus leben. Wenn er so an Sonntagnachmittagen manchmal stundenlang allein in des Meisters Stube sitzen durfte, dann ward es ihm ganz selig im Gemüte. Die Frühlingssonne schien durch die achteckigen Scheiben so lustig in das helle, reinliche Gemach. Crescenz, die alte Magd, die lesen konnte – denn sie war von guter Herkunft und selbst eine entfernte Verwandte des Hauses – sorgte für eine Reinlichkeit, die ein Holländer bewundert hätte. Der Boden war blütenweiß gescheuert und das Täfelwerk am Wandsockel und an der Decke stets so glänzend im nußbraunen Lack gehalten, als sei es gestern erst gefirnißt worden; um tausend Gulden wäre kein Spinngeweb in den Ecken zu finden gewesen, und die metallenen Prunkgeräte auf dem kunstreich ausgeschnitzten Schrein spiegelten das Licht blendend zurück, daß sie leuchteten wie die goldenen Schalen, Schüsseln und Becken im Tempel Salomonis. Judith, des Meisters einziges Kind, verwaltete das Hauswesen gemeinsam mit Crescenz in geteilter Herrschaft; die Mutter war gestorben. Wenn Crescenz rein hielt, dann sorgte Judith für den Schmuck des Hauses, wie sie selber des Hauses schönster Schmuck war. In den Fensternischen hatte sie kleine Wintergärten angelegt, die jetzt im März in voller Blüte standen. Die Distelfinken, Drosseln und Amseln, mit ihren Käfigen eine halbe Wand füllend, waren ihrer besonderen Pflege empfohlen, überall ordnete und schmückte ihre Hand; der Eindruck des Wohlstandes, des Behagens, der sonnigen Heiterkeit, den die Wohnstube wie das ganze Haus machte, war ihr eigenstes Werk. Da war es denn kein Wunder, daß der Meister an Sommer- und Winterabenden am liebsten friedlich in seiner trauten Stube saß, mit seinem Geschwisterkindsvetter, dem Scholarchen, der das tägliche Brot im Hause war, ein Glas Wein leerte und sich, ruhig und nur selten den Mund öffnend, von dem vielerfahrenen Mann über Gott und die Welt unterhalten ließ. »Weit von unserem Haus ist nah' bei unserem Schaden!« pflegte Meister Furtenbacher den Freunden zu erwidern, die ihn manchmal zu einem Gelag hinauslocken wollten. Allein er hatte gut predigen; denn in einem Hause wie dem seinen war es in der Tat heimlicher und bequemer wie in irgendeiner Schenke der Welt. Wenn nun der Meister am Sonntagnachmittag im Festkleid in seinen Garten spaziert war und Johannes so allein in der Stube saß, da befiel ihn wohl eine Ahnung von dem Heiligtum, in welches er hier gekommen, und von der Heiligen, die über diese Räume einen so verklärenden Schein ergoß, – von Judith. Es ward ihm dann ganz fromm ums Herz. Er vergaß den Klassiker, den er sich zur heimlichen Lektüre in die Tasche gesteckt, und gedachte wohl gar der Eindrücke, die er heute morgen aus der Kirche mitgenommen, aus derselben Kirche, wo auch Judith gebetet hatte. Vorher hatte er nicht viel aufs Kirchengehen gehalten; seit er Wunderkind gewesen, hatte er etwa jährlich einmal eine Predigt gehört. Allein die ehrsame Lebzelterzunft war strenge in diesem Stück. Da mußte gebetet werden beim Aufstehen und Schlafengehen, vor Tisch, nach Tisch, beim Schiedläuten und bei der Vaterunserglocke. An allen hohen Festtagen mußten Gesellen und Lehrlinge kommunizieren, und daß sie an jedem Sonntage wenigstens einmal zur Kirche gingen, verstand sich ganz von selber. Anfangs war dieses fromme Wesen dem Humanisten etwas gegen den Strich gegangen, allein allmählich fand er ein Gefallen daran, nicht weil er sofort im Innern davon ergriffen worden wäre, sondern weil ihm die Stetigkeit der religiösen Formen wohltat und die Ordnung, die Würde, welche durch dieselbe in das Haus kam, und weil er sich in diesen religiösen Übungen den anderen Familienmitgliedern näher gebracht fühlte. Seltsame Gedanken überkamen ihn auch manchmal, wenn er so allein in der Stube saß und die einzige bildliche Darstellung betrachtete, die an den Wänden angebracht war. Sie bestand in einem Kunststück der Wachsbildnerei, welches Furtenbacher selbst verfertigt hatte als Meisterstück und zugleich als Brautgeschenk für seine verstorbene Frau; denn Meisterwerden und Heiraten folgten bei ihm Schlag auf Schlag. In einem breiten Rahmen stand ein reicher Blumenstrauß, frei aus buntfarbigem Wachse geformt; ganz versteckt aber hinter den Blumen, dem flüchtigen Beschauer kaum sichtbar, zeigte sich ein Kreuz mit dem Gekreuzigten, und rings um den Rahmen liefen die Verse: »Manch' schöne Blum' dein Auge sicht: Die Blume des Lebens siehst du nicht.« Das deutete sich der Humanist aus in dem allegorisierenden Geschmacke seiner Zeit. Waren nicht seine trauten heidnischen Poeten die schönen Blumen, welche ihm die Blume des Lebens verbargen? Und konnte nicht das Kreuz harmonisch neben der Antike stehen wie der Gekreuzigte neben den Blumen auf diesem Bild? Mußte er – Johannes – die klassischen Heiligtümer seiner Jünglingsjahre daran geben, um die christlichen Heiligtümer seines Knabenalters, da er noch so fromm mit der seligen Mutter betete, wiederzugewinnen? War nicht auch der Scholarch Kaspar Notthaft ein gewaltiger Latinist und Gräzist und doch ein exemplarischer Christ dazu? Ging er nicht jeden Sonntag in die Kirche und sang mit seiner Base Judith aus einem Gesangbuch? »Aber beim Zeus!« fügte Piscator diesen Betrachtungen in lautem Selbstgespräche bei: – »Es wäre mir lieber, der reiche Mann schaffte sich ein eigenes Gesangbuch an; es ärgert mich, die beiden aus einem Buche singen zu sehen, und ich weiß selbst nicht warum!« Der Meister und seine Tochter, der Scholarch und die alte Magd gewannen den stillen, traurigen Lehrjungen täglich lieber, und obgleich er als angehender Zwanziger aussah wie ein angehender Vierziger und in Küche und Werkstatt manches Unheil stiftete, ward er doch das Schoßkind der ganzen Familie. Um so aufsässiger wurden ihm die Gesellen. Der schweigsame Bursche war den lustigen Kameraden unausstehlich. Als sie auf dem Gelag, welches ihnen Piscator bei seinem Einstand gegeben, den Wein maßweise soffen, eingedenk der Regel, daß der Wein der beste ist, welcher nichts kostet, da war es dem hypochondrischen Philosophen im Unmut entfahren, daß er die Zecher als » Epicuri de grege porci « – Schweine von der Herde Epicurs – anrief. Die Gesellen versicherten seitdem, es sei ein Hauptspaß, den Lehrjungen angetrunken zu sehen; denn alsdann spreche er lateinisch. Sie versuchten darum auf alle Weise, ihn ins Wirtshaus zu locken; allein vergebens. Da es in Güte nicht ging, wollten sie ihn mit Drohungen pressen. Ein Lehrjunge hat nach der Zunftordnung den Gesellen mancherlei Dienst zu leisten, ja er ist in vielen Stücken recht eigentlich der Gesellen Knecht, und sie reden ihn mit »du« an, während er ihnen mit »Ihr« antworten muß. Die Gesellen versprachen, unserem Johannes wenigstens die Hälfte seiner Dienstlasten zu schenken, wenn er mit ihnen am Sonntag ins Wirtshaus gehe. »Und etliche Seidel Bier darfst du uns auch setzen für die Ablösung deiner Servitute«, rief einer. »Wer gut schmeert, der gut fährt!« ein anderer. »Freilich«, sagte ein dritter, »wir werden in Zukunft die weitere Verleihung unserer Gnaden nach deiner Freigebigkeit messen: Danach das Geld, danach die Seelmeß!« Piscator aber wich nicht vor den Andringenden, hielt ein kleines Büchlein, betitelt: »Ordnung der wohlehrsamen augsburgischen Lebzelterhauptlade« wie einen Schild entgegen und sprach: »Wollt ihr Gesellen, daß der Lehrjunge euch lehre, was Handwerksrecht ist? Hier steht geschrieben im dreizehnten Hauptstück: Es ist einem Lehrjungen verboten, mit dem Gesellen zu zechen oder zu spielen; auf widriges Betreten ist sowohl der Gesell als Lehrjung strafwürdig.« Mit diesen Worten kehrte er ihnen den Rücken. Die Gesellen aber ärgerten und höhnten ihn von da an, wo sie nur konnten. Die Gelegenheit fand sich bald, wo dem armen Piscator für seine Anwendung des Zunftgesetzes die Hölle recht heiß gemacht wurde. Ein wandernder Gesell aus Franken sprach bei Meister Furtenbacher ein. Er war schon bei allen anderen Zunftmeistern der Stadt gewesen, hatte ihnen den Handwerksgruß geboten, aber bei keinem Arbeit gefunden. Da behielt ihn endlich unser Meister aus Mitleid auf ein paar Wochen probeweise, obgleich er seiner nicht bedurfte. Als der Franke in die Werkstatt trat, den Degen an der Seite und den Mantel über das Felleisen auf beide Schultern zurückgeschlagen, wie es die Zunftordnung will, reichte ihm Piscator freundlich die Hand und sprach: »Seid mir in Gott willkommen von wegen des Handwerks« – genau wie das alles im zwölften Hauptstück der Ordnung der augsburgischen Lebzelterhauptlade vorgeschrieben steht. Dann bat er ihn niederzusitzen und zog ihm die bespritzten Stiefeln aus; denn es war sehr schmutzig. Alle diese Nebenzweige des Lebzelterhandwerks hatte der gelehrte Mann bereits unter den Fußtritten und Rippenstößen der Gesellen vortrefflich erlernt, auch im Stiefelschmieren eine Virtuosität gewonnen, auf die ein Hausknecht hätte reisen können. Der Fremde, dem die Frechheit auf die Stirn geschrieben stand, hatte von Anbeginn den alten Lehrjungen höhnisch angeschaut, und da ihm die anderen Gesellen mittlerweile zugewinkt, daß er denselben ein wenig zum besten haben solle, so setzte er der Bescheidenheit Piscators die ausgesuchteste Unverschämtheit entgegen. Als dieser das Amt des Stiefelausziehens vollendet hatte, forderte der grobe Gesell auch die Abnahme des Mantels. Piscator tat, wie befohlen. Nun setzte sich der Franke noch einmal so breit in den Stuhl und begehrte, daß ihm der Lehrjunge auch Degen und Mütze abnehmen solle. Die anderen Gesellen lachten und kicherten bereits über das Schauspiel. Da hielt der schriftgelehrte Lehrjunge plötzlich ein, richtete sich auf aus seiner Demut und sprach: »Es stehet wohl geschrieben im Zunftbuch, daß ich Euch Mantel und Stiefel abziehen müsse; aber von Degen und Mütze stehet dort nichts geschrieben: seid darum so gut und greift jetzt selber zu.« Die Rede rief einen fürchterlichen Tumult hervor. Der Franke drohte mit Faustschlägen; die anderen Gesellen hielten ihn zwar ab von solchem Friedensbruch der Werkstatt, schrien jedoch den Lehrjungen an wie die Dachmarder. Dieser aber schwieg und stand fest in der Brandung: – »Saevis tranquillus in undis!« sprach er lächelnd bei sich, des Wahlspruchs seines großen Zeitgenossen gedenkend. Allein der Meister war nicht zu Haufe, und Prügel blühten dem gelehrten Dulder jedenfalls im Schlußakt. Da trat Judith in die Werkstatt. Die rohen Gesellen verstummten vor dem lieblichen Mädchen, und selbst der Franke verwandelte seine Raufelstellung fast willenlos in eine tiefe Reverenz. Sie fragte nach der Ursache des Streites. Nun erst kam Piscator zu Wort und erzählte so gewandt und bescheiden den Hergang, daß die anderen nichts zu erwidern wußten. Mit herzbewegender Huld nahm sich das Mädchen des Gekränkten an und hieß ihn mitgehen in den Garten, wo er arbeiten könne bis zu des Vaters Rückkehr. Johannes sah den Goldschein um das Haupt seiner Heiligen heller strahlen als je, aber er hatte nur Blicke des Dankes für sie, nicht Worte. Judith berichtete sofort dem heimkehrenden Alten. Der gestrenge Zunftmeister ließ den fremden Gesellen vorfordern, zahlte ihm aus Gnaden einen Wochenlohn und befahl ihm, sich ohne Säumen marschfertig zu machen; denn solche Flegel und Händelstifter dulde er nicht über Nacht in seinem Hause. Da sprach der Franke in gleisnerischem Ton: »Herr Meister, dieser Lehrjunge, der seinem Alter nach wohl mein Vater sein könnte, dieser ist es, der Händel in Eure Werkstatt bringt, denn alle Gesellen sprechen gegen ihn wie–aus einem Mund. Traut dem Burschen nicht. Er nennt sich Gerhard Piscator aus Schweinfurt« – hier sah der Ankläger den armen Magister mit stechendem Auge an –, »der Name ist gefälscht. Ich habe den Gerhard vor Jahren gekannt; er war ein Teufelskerl, ein flinker, lustiger, schneidiger Bursch, groß gewachsen, ein Eisenfresser, o ein höchst fideles Haus! Wie könnte er ein solcher krüppeliger Duckmäuser geworden sein? Die Jahre ändern viel, aber niemals machen sie eine Nachteule aus einem Adler. Vielleicht« – er sprach leise – »hat dieser Patron meinen Freund Gerhard auf der Landstraße ermordet und sich mit dessen Papieren bei Euch eingeschlichen –« »Schweig, trunkener Bube!« donnerte der Meister dazwischen. »Ich dulde nicht, daß ein hergelaufener Raufbold wie du in meinem eigenen Hause einen Hausgenossen boshaft verleumde, der sich mir längst als fromm und ehrlich ausgewiesen hat. Ich habe mehr als meine Schuldigkeit gegen dich getan und will dich auch noch nach Handwerksbrauch vors Stadttor geleiten lassen. Dann aber siehe zu, daß du in der nächsten Dorfschenke deinen Rausch ausschläfst und mir nicht wieder unter die Augen kommst.« Wenn Meister Furtenbacher donnerte, war noch jeder verstummt. So machte es auch der Franke und schlich ganz still zur Türe hinaus. Der Meister aber befahl dem Lehrjungen, daß er den fremden Gesellen zunftgemäß aus der Stadt geleite und ihm das Felleisen vors Tor trage. Doch nicht dem Raufbold zu Ehren drang der Meister diesmal aufs Geleite, sondern weil er weiteren Skandal abschneiden und das Herumlungern des bösmäuligen Franken in den Herbergen verhüten wollte. Piscator, der wie Butter an der Sonne gestanden, atmete wieder auf, da er seinem Feinde jetzt ebenso demütig das Felleisen durch die Straßen vortrug, wie er ihm vorhin die Stiefel ausgezogen. Als sie vors Tor gekommen waren, verabschiedete sich der Lehrjunge von dem Gesellen mit dem vorgeschriebenen Zunftspruch: »Mein werter Gesell, ich wünsch Euch viel Glück auf die Reise; haltet mir nichts für ungut; habe ich Euch was Leids getan, verzeihet mir's.« Da erwiderte der Gesell: »Und ich will mich hängen lassen, wenn du der Gerhard Piscator von Schweinfurt bist. Glück auf die Reis' in's Dreiteufels Namen!« – und gab dem Magister eine so ungeheure Ohrfeige, daß dieser mit einem ganz roten und einem ganz weißen Backen in die Werkstatt zurückkehrte; der Gesell schritt eilends davon. Piscator gestand nachgehends, als ihn der fränkische Gesell bei seiner Anklage so scharf angeschaut, da sei es ihm wohl gewesen, wie Paracelsus schreibt, als ob einer den anderen durch Willen und Blick allein – ohne Schwert – wirklich erstechen könne. In der Nacht nach diesem bösen Tage hatte der Magister die Wache bei der Wachsbleiche und dem Backofen; denn es ward scharf gearbeitet. Das waren selige Stunden, wenn Johannes abends allein war und ganz heimlich wieder in den Alten lesen konnte, – etwa beim Mondlicht, denn Wachs, Öl oder Talg ward vom Meister nicht gereicht. Oh, wie gar süß und köstlich schmeckte ihm jetzt, was ihm sonst trocken wie das tägliche Brot gewesen! Seit er leben gelernt, begann er auch erst lesen zu lernen. So zog er jetzt bei dem Schein des Feuers verstohlen seinen Homer in der kleinen Herborner Duodezausgabe unter dem Schurze hervor und las die Gesänge, welche den Aufenthalt des Odysseus bei den Phäaken erzählen. So mächtig hatte ihn die Lieblichkeit und die Größe dieser Bilder noch nie ergriffen wie hier in der stillen Nacht bei dem rotglühenden Scheine des Ofens. Der Magister hatte nur den klassischen Autor Homer gelesen; der Lebzelterlehrjunge las jetzt zum erstenmal den Dichter Homer. Da er noch ein menschenscheuer Schulmeister war, ganz besonders aber kein Weib auch nur von weitem ansah, war ihm Nausikaa, »des hohen Alkinoos Tochter«, nur eine Figur, worüber man die Scholiasten vergleichen und Erklärungen aufbauen mußte wie über Eumäos, den Sauhirten, und Melianthos, den Ziegenhirten, und die ganze übrige homerische Gesellschaft. Jetzt hatte er Judith kennengelernt, jetzt ging ihm ein Licht auf über die Frauen, und Judith, das gutmütige, schalkhafte Lebzelterkind, gab ihm den Schlüssel für Nausikaa, das adelige Königskind. Ja, es war ihm, als sei er selber auf seiner Irrfahrt in den seligen Frieden der Phäakeninsel gekommen, nämlich in das Haus des Meisters Furtenbacher, und er vergaß Stiefelschmielen und Wasserholen, die Lebkuchenmänner und Wachskerzen zusamt der Ohrfeige des Gesellen aus Franken, und Judith deuchte ihm die Nausikaa dieser Insel: – »an Wuchs und reizender Bildung Einer Unsterblichen gleich.« – (Nur konnte man von ihrer Magd, der alten Crescenz, nicht sagen, daß sie gleich den zwei Mägden der Fürstentochter geschmückt sei »mit der Chariten Schönheit«.) Dann aber ergriff es ihn wieder gar wehmütig, und es war ihm, als müsse auch er, gleich Odysseus im Schlummer an diese selige Insel getragen, im Schlummer wieder von dannen segeln, Nausikaa zurücklassend, und ein Nebel verhülle ihm wohl das Land, wohin er steuere, aber keine Athene komme vom Olymp herab, um auch ihm endlich ein Ithaka aus dem Nebel heraufzuführen. Schon sah er im Geiste den Tag, wo er die Maske ablegen und seinen Phäaken die Irrfahrten seines Lebens erzählen werde und dann, gleich dem scheidenden Odysseus, scheidend Frieden und Gedeihen herabwünschen auf das gastliche Dach, nicht ohne den heimlichen Gedanken späteren frohen Wiedersehens: – – –»jungkräftig müss' ich den Meister Wiederfinden im Haus' und wohlbewahret die Tochter! Lebt und waltet in Freude, und segnende Götter verleihn Euch Tugend und Heil; und nie sei hier einheimisch das Unglück!« Hier fuhr Piscator in die Höhe, durch einen kräftigen Rippenstoß des Altgesellen aufgeweckt: er war eingenickt über den göttlichen Homer und hatte nun doch die Wachtstunde verschlafen. – So verging unserem Johannes in wunderlich anziehendem Wechsel und doch in friedlicher Stetigkeit ein Monat um den anderen. In der Küche, in der Werkstatt, auf der Straße war er halb Lehrjunge, halb Hausknecht, auf der einsamen Dachkammer der echte deutsche Gelehrte. Auch in Gesicht und Haltung ward er von Tag zu Tag jünger, im Gespräch lebendiger. Manchmal erschrak er über sich selbst, daß er gar nicht mehr an seinen kranken Unterleib, geschweige denn an den Tod dachte. Die Klassiker las der Lehrjunge jetzt mit einer phantasievollen Wärme der Auffassung, daß der gelehrte Humanist manchmal seinem Doppelgänger mit dem kritischen Zeigefinger drohen mußte. So klassisch aber seine Studien waren, so romantisch blieb sein Minnedienst. Er schien hier streng nach dem provençalischen Liebeskodex des dreizehnten Jahrhunderts verfahren und das Noviziat der Liebe nach den dort vorgeschriebenen vier Graden durchmachen zu wollen. Bis jetzt war er freilich immer noch bei dem ersten Grade stehengeblieben, in welchem nur verstattet ist, »daß der Werber in der Stille verehre, ohne seiner Sehnsucht Worte zu geben.« Allein was bedurfte es der Worte? Judith war so gut und freundlich, zeichnete ihn vor allen durch ihre Güte aus, schützte ihn, erfreute ihn, wo sie nur konnte. Manchmal lachte sie ihn auch aus und neckte ihn. Was sich liebt, das neckt sich. Johannes kehrte den Satz flugs um und sprach: Was sich neckt, das liebt sich. Weihnachten nahte heran; neun Monate waren es schon, seit der Magister die Welt und seinen Frieden in den engen Räumen des Lebzelterhauses gefunden, da begab sich eines Tages in diesem Hause eine seltsame Geschichte, die bald Lärm durch ganz Augsburg, ja durch ganz Schwaben machen sollte. Der Altgeselle hatte nämlich dem Meister berichtet, er habe zum öfteren den Lehrjungen belauscht, wie er nächtlicherweile beim Feuer des Backofens oder beim Mondschein in Büchern lese, die mit einem Gewimmel von rätselhaften Zauberzeichen erfüllt seien, und lange unverständliche Zaubersprüche vor sich hinmurmele, bis er zuletzt in der Regel in einen ekstatischen Schlaf voller Traumgebilde, Ausrufungen und Verzückungen verfalle. Der Meister möge sich vorsehen. Dieser Lehrjunge, aus dem niemand klug werde, sei ein Hexenmeister; mit seinen zauberischen Bestrickungen aber scheine er es besonders auf Jungfer Judith abgesehen zu haben. Denn unter den sinnlosen Ausrufungen, die er schlafend von sich gebe, laute je das dritte Wort: »Judith!« Dem Meister lief es nun doch heiß über die Stirn. Das Zeugnis des Altgesellen konnte er doch nicht schlechtweg verwerfen. Etwas Geheimnisvolles, Absonderliches hatte Piscator immer an sich gehabt. Dann fiel dem ehrlichen David Furtenbacher die Anklage des fränkischen Gesellen ein, der steif und fest behauptet hatte, der Lehrjunge sei gar nicht der rechte Schweinfurter Piscator. Auch war es dem Meister nicht entgangen, daß derselbe auf den Dulten stets die Buden der Schweinfurter Handelsleute mied, wie wenn sie die Pest zum Ausverkauf mitgebracht hätten, und daß er unsichtbar wurde, sowie er nur Leute aus Franken im Hause witterte, und die Grüße und Nachrichten nach Hause immer nur mündlich und durch den Donauwörther Boten besorgen ließ, der sie dann an seinen Kollegen von Nürnberg zum Weiterspedieren abgab, so daß diese Mitteilungen, Gott weiß wann und wie! – nach Schweinfurt kommen mochten. Das alles überdachte der Meister jetzt zum erstenmal und beschloß, noch heute abend seinen Staats- und Gewissensrat, den Scholarchen, darüber zu konsultieren. Der gelehrte Vetter legte nicht viel Gewicht auf die Frage, ob dieser Piscator wirklich der echte Schweinfurter Piscator sei oder nicht. Dagegen lockte es ihn, die Zauberbücher kennenzulernen, die Zaubersprüche zu erfahren. Er war mit sich selbst nicht eins, ob er an Zauberei glauben, dürfe. Die erleuchtetsten Geister der Zeit nahmen die Möglichkeit einer teuflischen Magie an; die größten Gesetzgeber der Kirche, der protestantischen wie der katholischen, geboten, daß man die Zauberer töten, daß man die Hexen verbrennen solle. Allein bei dem Scholarchen wie bei anderen Humanisten regte sich doch manchmal das dunkle Gefühl, als ob jemand, der sich mit der lichten Lebensweisheit der Alten gesättigt, der in dem sonnigen Tagesschein römischer und griechischer Dichter gelustwandelt, zuletzt kaum mehr ein Verständnis habe für das Eulengeschrei über die teuflische Magie, wie es aus Nebel und Finsternis klagend herüberhalle. Doch auch die gelehrtesten Schulmeister sind Kinder ihrer Zeit, und der Scholarch Kaspar Notthaft versprach in gespanntester Erwartung, den Lehrjungen vorerst einmal im stillen zu prüfen, um zu sehen, inwieweit jener ein Hexenmeister sei. Des anderen Morgens schon ward Piscator auf die Studierstube des Gelehrten beschieden. In der Doppelwürde eines Pädagogen und eines Richters zugleich saß der Alte in seinem Lehnsessel; Johannes trat unbefangen vor den Hausfreund und Bürgen, der ihm immer treu gesinnt gewesen. Notthaft begann sein Examen rundweg: »Du liesest des Nachts beim Feuer des Ofens oder beim Mondschein manchmal in Büchern, Gerhard? Ist's nicht also?« Piscator schwieg verwirrt. Allein der Scholarch löste ihm die Zunge: »Leugnen hilft nichts! Während du hier vor mir stehest, durchsucht der Meister deine Kammer, und alsbald werden jene Bücher auf diesem Tische liegen. Der Altgeselle hat sie als Zauberbücher erkannt, wimmelnd von fremdartigen zauberischen Zeichen, und Zaubersprüche murmelst du vor dich hin, indes du die Bücher dem Glutschein des Ofens oder den Strahlen des Mondes entgegenhältst. Gesteh es ein; denn der Altgeselle ist ein unverwerflicher Zeuge.« Da riß dem verkappten Magister Geduld und Selbstbeherrschung, und er rief: »Der Altgeselle ist ein Esel, so dumm, – so dumm –, wie ich es auf deutsch gar nicht ausdrücken kann: stultior Melitide! Griechische Verse sind es, die der Obskurant für Zauberzeichen angesehen hat.« »Halt!« rief der Scholarch, »mir schwindelt der Kopf! Das ist wahrhaftige Zauberei! Wie kommst du zu dem lateinischen Spruch? Auf welchem Honigtopf, auf welchem Lebkuchenmodell hast du ihn gelesen? Steckt etwa auch ein magischer Doppelsinn in dem Spruch? Woher weißt du etwas von Melitides?« »Aus dem Plutarch«, erwiderte Johannes ruhig und trocken; »denn dieser erzählt uns seine Schwänke und Dummheiten. Doch würde ich den Melitides schwerlich im Plutarch gefunden haben, wenn ihn nicht lange vorher ein größerer schon unsterblich gemacht hätte.« »Was weißt du Näheres von Melitides?« Mit der gemessenen Würde eines Mannes, der mit dem Degen umgürtet um den Doktorhut disputiert, entgegnete der Lehrjunge: »Melitides war der größte Esel des klassischen Altertums: wenn daher die Alten jemand als übermenschlich dumm bezeichnen wollten, so sagten sie: stultior Melitide , er ist noch dümmer als Melitides. Als Melitides eines Abends, während schon Licht angezündet war, heftig von den Flöhen gestochen war, löschte er rasch das Licht aus, weil er meinte, die Flöhe würden ihn nun im Dunkeln nicht mehr finden. Er wußte nicht, ob ihn sein Vater gezeugt und seine Mutter geboren oder ob ihn seine Mutter gezeugt und sein Vater geboren habe. Soll ich Euch auch die Geschichte von seiner Brautnacht erzählen?« »Nein! Ich kenne sie schon. – Also griechische Verse sind es, die du nachts beim Lebkuchenbacken liesest?« »Allerdings; homerische Verse. Die Bücher, welche man Euch bringen wird, sind eine kleine Auswahl ganz derselben Autoren, die ich hier Euern Schrein schmücken sehe: Homer, Virgil, Tacitus und Sallustius – das sind meine Zauberbücher.« »Und verstehst du diese Bücher?« »Gewiß! sonst würde ich sie nicht lesen.« »Und durch welche teuflische Zauberei hast du Latein und Griechisch gelernt, während du Stiefel schmiertest und die Werkstatt fegtest?« Piscator faßte sich rasch. »Die Lüge erzeugt das Lügen«, dachte er, »doch wenn ich mich nur erst aus meiner einzigen Hauptlüge herausgelogen habe, dann will ich gewiß zur Wahrheit halten mein Leben lang.« Er erzählte: »Ich bin, wie Ihr wißt, eines armen Schweinfurter Schulmeisters Sohn, der mir frühe schon einige lateinische Brocken zuwarf, von denen er selber jedoch nicht satt werden konnte und ich ebensowenig. Ich hatte noch nichts gelernt, als ich schon zu einem Küfermeister in die Lehre gegeben wurde. Doch den Ehrgeiz brachte ich von Hause mit, daß nur in den gelehrten Studien der höchste Ruhm zu gewinnen, daß nur ein lateinischer und griechischer Mann ein ganzer Mann sei. Da fiel mir die Grammatik Melanchthons in die Hände; schier lernte ich sie auswendig. Ich verkaufte meinen Sonntagsrock, um mir dieses kostbare Buch zu kaufen und andere Bücher dazu. Ich studierte so fleißig, daß mich der Küfer aus der Lehre jagte. Drauf tat man mich, wie Ihr wißt, zu einem Schlosser. Träge schwang ich meinen Hammer auf dem Amboß, aber auf die Alten hämmerte ich los wie ein Zyklope. So hatte ich lauter Lehrmeister, bei denen ich nichts lernte, und in dem einzigen Stück, worin ich etwas gelernt, keinen Lehrmeister. Nicht durch die weiße oder schwarze Magie kam mir Latein und Griechisch angeflogen; ich habe mir's sauer errungen, heimlich und ohne Unterweisung, in mondhellen Nächten, beim verglimmenden Lichtstümpfchen, weil ich so tun mußte, weil ich unglücklich gewesen wäre, hätte ich es Nicht getan. Est Deus in nobis, agitante calescimus illo! « Man hatte inzwischen die angeblichen Zauberbücher des Lehrjungen dem Scholarchen übergeben. Während er dieselben durchblätterte und Johannes gleichzeitig erzählte, wuchs des Alten Staunen bald über das, was er hörte, bald über das, was er sah. »Junge!« rief er wie toll: »Von wem sind die schriftlichen Randglossen hier zum Homer?« »Sie sind von mir.« »Und die lateinischen Verse vor dem Titelblatt?« »Es sind meine Verse.« Da ließ er das Buch starr vor Verwunderung auf den Tisch fallen. »Ein Lebzelterjunge, der nichts gelernt hat und von allen Lehrmeistern fortgejagt ist, macht seinen lateinischen Gelegenheitsvers so glatt wie Cobanus Hessus und kommentiert seinen Autor wie Lipsius und Scaliger!« Dann aber faßte den gewiegten Schulmann wieder plötzliches Mißtrauen. Er fuhr jäh auf. »Höre, Bursche! betrügen sollst du mich nicht! Ich will dich ins Gebet nehmen über deine selbsterrungene Weisheit. Setze dich neben mich. Aus dem richterlichen Examen wollen wir ein wenig ins gelehrte übergehen.« Und nun ging es in der Tat an ein scharfes Turnier. Mancher Magister und Doktor wäre von dem Scholarchen aus dem Sattel gehoben worden; allein Johannes saß so fest, daß sein Gegenmann beim Anrennen zuweilen selbst die Bügel verlor. Erschöpft warf sich der alte Herr zuletzt in den Sessel zurück, reichte dem Lehrjungen die Hand und sprach: »Gehe still nach Hause. Sprich zu niemand ein Wort über das, was zwischen uns vorgefallen. Sage übrigens dem Meister, ich hätte weder an deinen Büchern noch an dir etwas Schlimmes erfunden. Ich bin dein Handwerksbürge; ich will auch dein Bürge in der Gelehrtenzunft werden. Laß mich einsam sinnen, was hier zu tun ist.« Und als Johannes das Zimmer verlassen, rief der Scholarch mit erhobenen Händen: »Welch ein Wunder hat Gott an diesem Menschen getan! Ein Lebzelterlehrling, den niemand kennt, der ohne Schule aufgewachsen, ist einer der ersten Sprachgelehrten und Philosophen, einer der größten Humanisten Deutschlands!« Dann sprach er leise vor sich hin, im Zimmer auf und nieder gehend: »Giotto von Vondone war ein Hirtenknabe. Indes er seine Herden werdet, zeichnet er mit dem Stabe ein Agnus Dei in den Sand. Da kommt Cimabue zur Stelle und siehet, daß ein ungelernter Hirtenjunge leichthin in den Sand zeichnet, was ihm, dem größten Meister, kaum in reifer Arbeit gelingen mag. Cimabue aber nimmt den Knaben mit nach Florenz, daß er alle Maler und ihn selbst überflügle. Ein Giotto ist dieser Lebzelterjunge, und bin ich auch nicht Cimabue, so bin ich doch sein Bürge, sein Handwerkstaufpate: – jetzt will ich ihn zum zweitenmal aus der Taufe heben. Der Junge hat mich verzaubert. Bei Gott! er soll mir nicht länger Lebkuchen backen.« Drittes Kapitel »Melancholie steigt auf aus dickem Geblüt. Da hilft kein Purgieren und Aderlassen. Auf ein Jahr bei einem Lebzelter in die Lehre zu gehen, ist ein probateres Mittel. Alle Kräfte Himmels und der Erden wirken zusammen, um einen einzigen Menschen so zu machen, wie er ist; dennoch macht sich ein Magister, der Lehrjunge wird und Stiefel schmiert und Wasser trägt, zu einem anderen Menschen, als er gewesen, trotz Himmel und Erden. Mit eigener Willensstärke soll ich mich erlösen aus meinem Trübsinn. Aber Wille ist ja nur bewußte Lebenskraft. Ich suche die verlorene Lebenskraft wieder; wie kann ich sie durch den Willen gewinnen, der nur aufkeimt aus der Lebenskraft, der in ihr enthalten ist und eins mit ihr. – So schrieb ich vor einem Jahre. Jetzt füge ich hinzu: Als der Meister vor mir stand und drohte, die Gesellen mir zur Seite und mich vexierten, der Scholarch hinter mir und ermahnte, Judith vorüberschwebte und grüßend lächelte, – da machten sie mir die Willensstärke, die ich aus mir selber nicht zu schöpfen vermochte. Das Leben außer uns zeugt die neue Lebenskraft in uns, daß wir dann erst aus uns selber einen neuen Willen gebären können. Paracelsus hat recht, wenn er schreibt, des Menschen Wille könne so stark werden, daß einer durch den Geist allein, durch bloßes inbrünstiges Wollen, ohne Schwert einen anderen steche. Ich habe es vorgeschmeckt, als der Blick des bösen Gesellen aus Franken mein Blut stocken machte. Aber auch durch die bloße Willenlosigkeit können wir uns selber leiblich töten. Ich war krank, weil ich nicht mehr wagte, gesund sein zu wollen. Mein Blut ward dick und träge, weil ich mich nicht ermannen konnte, ihm rascheren Fluß zu gebieten. In Jahresfrist wäre ich gestorben an Willenlosigkeit wie ein anderer am Fieber. Ein fünfzigjähriger Mann, der Leib und Geist schlaff hängen läßt, ist binnen zwei Jahren siebzig alt; ein Siebziger, der immer in Kraft und Arbeit jung hat bleiben wollen, ist ein Mann in seinen besten Jahren. Indem ich aber meinen Leib errettete von dem Siechtum der Willenlosigkeit, ist meine Seele darin gefangen geblieben. Aus Willensschwäche verdingte ich mich zur Pilgerfahrt, bereute den Pakt aus Willensschwäche, brach ihn und betrog die edeln Ritter aus Willensschwäche; ich belog den Lehrherrn, den Bürgen, die Gesellen, die ganze ehrsame Lebzelterzunft; eine Lüge gab die andere; um nicht als Lügner erfunden zu werden, log ich, daß ich, Magister Johannes Piscator, der als Jünger zu den Füßen der größten Gelehrten gesessen, als ein Autochthone des Wissens unterrichtslos in den Werkstätten großgewachsen sei; ich belüge heute noch die ganze Stadt, ganz Schwabenland, da ich mich als ein Wunderspiel der Natur anstaunen lasse, als den echten Lehrjungen, der aus sich selber ein großer Humanist geworden, – alles aus Willensschwäche! Noch kurze Frist, und mir droht bei gesundem Leibe abermals der Tod an dem Fieber der Willenlosigkeit –« So schrieb Johannes Piscator, der hypochondrische Philosoph, am 1. März 1562, das Selbstgespräch parodierend, mit welchem er an demselben entscheidenden Tage vor einem Jahre seine schriftlichen Meditationen abgebrochen hatte. Er führte jedoch, wie wir sehen, diesmal die Betrachtungen nicht zu Ende; denn es war ihm zu qualvoll, seine ganze Beichte schriftlich zu machen. Er warf die Feder weg und versteckte das Papier – aus Willensschwäche. Da trat Judith ins Zimmer. Es war eben an einem der friedlichen Sonntagnachmittage; das ganze Haus war ausgeflogen, die beiden jungen Leute fanden sich allein. Sie grüßte mit besonderer Wärme; Piscator war verlegen. »Ihr seid mir böse«, begann sie, »denn seit vielen Wochen redet Ihr kaum mehr ein Wort mit mir. Das Lebzelterkind ist Euch wohl zu gering geworden und zu einfältig in ihrem Gespräch, jetzt, wo täglich vornehme Leute kommen, um den Lehrjungen zu bewundern, der über Nacht als ein Gelehrter aus dem Boden aufgewachsen ist. Sonst nanntet Ihr mich Eure Beschützerin und gabt mir manchmal ein Wort der Dankbarkeit; jetzt habt Ihr freilich größere Gönner.« »Ihr tut mir schweres Unrecht, Judith«, entgegnete Johannes. »Sonst dachte ich, wenn es einmal offenkundig werde, daß ich doch noch mehr sei und Besseres wisse und könne als ein ungeschickter, verspotteter Lehrjunge, dann wolle ich Euch erst recht gut werden und vor Euch treten in gerechtem Selbstgefühl, Euch danken für alle Güte in begeistertem Wort, Euch sagen, was ich nie bis dahin Euch zu sagen gewagt, – – und jetzt, wo ich Anerkennung über das Maß täglich finde und meinem Ehrgeiz eine stolze Zukunft aufgeht, jetzt stehe ich beschämt vor Euch und kann nicht reden; ich kann Euch nicht mehr ins Auge sehen. Der ungelehrte Lehrjunge war heiter und fand sein Wort, der gelehrte Lehrjunge ist in Trübsinn verstummt.« »Und warum waret Ihr heiter, da es Euch schlecht erging, und seid traurig, da Euer Glück aufgeht?« »Das werde ich seiner Zeit enthüllen – nur jetzt nicht, Judith. Allein warum waret Ihr so still betrübt, als ich ins Haus kam, und wurdet insgeheim immer betrübter – ich merkte es wohl, da es sonst keiner merkte; – und seit einem Monat seid Ihr heiter und werdet immer heiterer?« »Das werde ich Euch seiner Zeit enthüllen, Freund, – nur jetzt nicht.« Meister Furtenbacher trat in die Stube. »Dein Vater ist hier in Augsburg angekommen«, rief er unserem Johannes entgegen. »Die Kunde von der Gelehrsamkeit, welche Vetter Notthaft bei dir aufgedeckt, ist auch nach Schweinfurt gedrungen. Da ließ es dem alten Manne nicht länger Ruhe, und er hat sich auf den weiten Weg gemacht, um die Wunderdinge, die man sich von seinem ohne erzählt, mit eigenen Augen zu schauen. Judith, richte ein gutes Abendessen in der oberen Stube, der Schulmeister von Schweinfurt wird unser Gast sein.« Der Meister hatte kaum seine Freudenbotschaft beendet – dem armen Piscator klang sie fürchterlich ins Ohr, – als die Türe abermals aufging, und der Scholarch eintrat, glühend vor Eifer und in fliegender Hast. »Jetzt habe ich meine Schuldigkeit getan als Bürge und kann mein Patronat in Ehren niederlegen«, rief er. »Seit länger als zwei Monaten kenne ich kein anderes Geschäft, als wegen dieses Burschen« – er deutete auf Piscator – »den Leuten einzuheizen. Wahre Brandsignale habe ich für dich, Freund, über das ganze gelehrte Deutschland hin ertönen lassen, – an drei Universitäten habe ich deine philosophische Abhandlung de fato eingesandt und dein Gedicht Neptunus triumphians. Von der Untersuchung ›über das Schicksal‹ sind die Wittenberger so tief ergriffen worden, daß sie dir hiermit das Ehrendiplom eines Doktors der Philosophie senden. Meister Furtenbacher! einen Lehrjungen, der Doktor ist, habt Ihr doch in Eurer ganzen Zunft noch nicht gehabt. Ihr müßt den Piscator jetzt wahrlich aus der Lehre lassen, sonst heißt er binnen acht Tagen in der ganzen Stadt der Lebkuchendoktor. – Der Neptunus triumphans hat in Heidelberg triumphiert, und besonders hat die Schilderung des Seesturms« – Piscator lächelte – »einen solchen Sturm der Bewunderung erregt, daß Kurfürst Friedrich den Lebzelterjungen einladen läßt, nach Heidelberg zu kommen, um seinem Gelehrtenkreise einen neuen Edelstein einzufügen – einen rotglühenden Rubin vom Backofen, einen Rauchtopas vom Feuerherde der Crescenz. Endlich suchen die Ulmer einen Gelehrten für ihr Gymnasium. Die Proben deiner Leistungen, der Ruhm deines Namens ist auch nach Ulm gedrungen. Hier übergebe ich dir den Bestallungsbrief, den du nur zu unterschreiben brauchst. Es ist diese Berufung freilich die minder glänzende, und die Ulmer mögen wohl geahnt haben, daß auch andere Leute das Licht meines neu entdeckten Sternes über sich leuchten lassen möchten. Es sind daher drei achtbare Bürger persönlich herübergekommen, um dich im Namen des Rates nach Ulm einzuladen und dir die Vorzüge eines gelehrten Amtes in ihrer Vaterstadt mit recht grüner Farbe zu malen. Was nun die Wahl zwischen Heidelberg und Ulm betrifft –« »Die Wahl ist entschieden!« rief Piscator. »Ich gehe nach Ulm. Jetzt will ich den verfluchten Ulmer Geldsäcken erst recht zeigen, wer ich bin! Vor einem Jahre haben sie mich verhungern lassen, jetzt holen sie mich im Triumph zurück! Laßt ihre Deputation nur vorkommen. Zäh soll sie mich finden wie Lappleder, aber zuletzt werde ich dennoch nachgeben und mitgehen nach Ulm.« »Der Junge ist vor Freude übergeschnappt«, rief der Scholarch. »Was phantasierst du von Ulm? Was haben dir die ehrenwerten Ulmer Bürger Leids getan, daß du so auf sie schiltst? Gib mir die Hand, Freund, – sein Puls ist fieberfrei! trinke einen Becher kalten Wassers, und dann laß uns die Sache schrittweise und bedächtig durchsprechen. Als alter Hausfreund und zwanzigjähriger Sonntagsgast, Vetter Furtenbacher, habe ich mir herausgenommen, die Ulmer Deputation auf heute abend in Euer Haus zu laden. Ich hoffe, Ihr werdet ihnen ein Glas Wein nicht versagen.« Der Alte nickte seine Zustimmung. Nun aber erhob sich Johannes Piscator: »Ich will die Stricke des Betruges zerreißen. Ich bin nicht Gerhard Piscator von Schweinfurt: der Gesell aus Franken hat recht gehabt, da er mich der Namensfälschung bezichtigte. Ich bin Johannes Piscator aus Beutelsbach, und Herr Kaspar Notthaft entsinnt sich vielleicht noch, daß ich vor zehn Jahren schon wegen meines frühreifen Wissens bekannt wurde. Man fütterte mich auf mit Schmeicheleien, um mich, da ich ernstlicher Arbeit mich hingab, schier verhungern zu lassen. In dieser Not verschrieb ich mich zur Löwensteinischen Pilgerfahrt, und als mich das Ding gereute, tauschte ich mein Schreiben mit einem abenteuernden Lebzelterjungen, dem echten Gerhard Piscator. Dieser ist nach Jerusalem gegangen, ich ging nach Augsburg. Hier habe ich den Segen des Hauses erkannt, die Heilkraft der strengen Zucht und Ordnung meines werten Meisters. Nicht Lebkuchen backen, aber leben habe ich gelernt. Bei aller Weisheit war ich vordem ein scheuer, geängsteter Mensch gewesen. Hier habe ich erfahren, daß die Ergebung in den Willen Gottes und ein christlicher Wandel uns alle gemeinsam hinaufhebt über irdische Bekümmernis. Ich habe noch nicht ganz ergründet, warum man gerade beten und in die Kirche gehen muß: aber ich sehe, es ist doch gut, zu beten und in die Kirche zu gehen. Mein ehrwürdiger Bürge hat mir gezeigt, wie man ein Humanist und ein Christ zugleich sein kann. Verzeiht mir alle meine Lügen, – ich hatte nichts Böses im Schilde, und in Reue, Scham und Verlegenheit tat ich Buße fort und fort. Doch wer kann immer widerstehen, die Leute anzuführen, wo sie danach dürsten, angeführt zu werden? Da ich noch als Magister lehrte, verschmähten sie meine Gelehrsamkeit; ich bin ein Lebzelterjunge geworden, und nun will man meine Weisheit mit Gold aufwägen. Und die Ulmer gar, die den Magister haben fortlaufen lassen, schicken nun eine Deputation, um den Lebzelterjungen zurückzuholen. Dennoch haben diese Schwernöter nicht unrecht: der Lehrjunge ist mehr wert als der Magister. Nun habe ich mit Euch noch ein Wort zu reden, Judith. Ihr fragtet vorhin, warum ich so ungesellig, so undankbar, so trübsinnig geworden in den letzten glücklichen Wochen. Ich versprach, seiner Zeit darauf zu antworten: diese Zeit ist da. Seht, als ich meinen werten Bürgen durch das Märchen von meiner Selbsterziehung doppelt belogen und betrogen hatte, kam ein solches Bewußtsein meiner eigenen Unwürdigkeit über mich, daß ich nicht mehr wagte, die Augen vor Euch zu erheben. Ich konnte auch nicht mehr mit Euch sprechen und scherzen; ich war krank am Geiste. Jetzt bin ich wieder gesund, denn ich bin wahr geworden und will es bleiben. Jetzt ist mir auch die Zunge gelöst, daß ich sagen kann, was ich bis dahin niemals über die Lippen zu bringen vermochte. Ich liebte Euch schon lange im stillen, Judith; der strenge, sittenreine Geist dieses Hauses schloß mir den Mund, daß ich, der ich als ein Lügner mich eingeschlichen, dir, der Wahrhaftigen und Reinen, meine Liebe nicht gestehen konnte. Jetzt bekenne ich sie wahr und frei, wie ich selber nun wieder wahr und frei bin.« Judith senkte das Haupt. Man sah, sie war bewegt; das Weinen stand ihr nahe. Sie erwiderte: »Ihr habt meine Frage über Euren Trübsinn beantwortet. Ich will nun auch mein Versprechen lösen und Euch Rede stehen, weshalb ich, da Ihr hieher kamet, im stillen traurig war, in den letzten Wochen aber so fröhlich. Denn auch hierauf ist die Antwort jetzt an der Zeit. Vor zwei Jahren besuchte ich in Nürnberg meinen Oheim, den Lebzelter Sturm; dort lernte ich den Gerhard Piscator, den echten Piscator, kennen. Ich fand ein Gefallen an dem wilden Burschen, der lange nicht so weisheitsvoll ist wie Ihr, Johannes, aber doch eine treue, gute, edle Seele. Wir schieden mit dem stillen Gelöbnis der Liebe. Dem ungestümen Gerhard aber war die Werkstatt und fast die Welt zu eng und die vierjährige Lehrzeit nebst den daranhängenden Gesellenjahren eine Hölle in Ewigkeit. So zog er ziellos aus, sein Glück zu versuchen. Es war mir bitterer Kummer, denn ich hielt ihn nun für einen verlorenen Mann. Da traf er auf der Ulmer Landstraße mit Euch zusammen. Aus Trotz und Verzweiflung ging er statt Eurer nach Jerusalem. Der Brief, den Ihr an Crescenz überbrachtet, schloß einen anderen ein, worin Ihr als ein schwacher, gutmütiger Mensch meinem Schutze empfohlen waret. Ich bat den Vetter Notthaft, daß er sich aus Menschenfreundlichkeit Eurer annehme und Bürgschaft leiste. Gerhards Bitte, Euch zu beschützen, habe ich redlich erfüllt. Ich tat es um so eifriger und wärmer, weil es der einzige und letzte Wunsch war, den er mir ans Herz gelegt. So gefahrvoll Gerhards Pilgerfahrt sein konnte, war ich doch anfangs getröstet, denn ziellos, arbeitlos im Reiche auf gut Glück auszuziehen, schien mir für einen Mann von seiner Art noch viel gefahrvoller. In den ersten Wochen kamen Briefe. Die Maske des Gelehrten hatte nur für wenige Tage vorgehalten, allein die Ritter fanden Gefallen an dem lustigen Burschen. Plötzlich versiegte alle Kunde von den Pilgern. Da ward ich so betrübt im stillen. Doch mit dem neuen Jahre kam auch neue Nachricht von Alexandria, von Venedig. Mit furchtbaren Leiden, mit Hunger und Pest hatten die Wanderer zu kämpfen und auf dem Rückweg in Syrien und Ägypten den Angriff räuberischer Horden zu bestehen. Gerhard, der in Nürnberg allemal der letzte am Backofen, war immer der erste im Kampf. Der Bürgermeister von Kairo hatte die beiden Grafen von Löwenstein samt dem Erblandmarschall von Pappenheim festhalten und in den Turm werfen lassen, weil sie einen Kameltreiber geprügelt. Es wütete aber die Pest so gewaltig in der Stadt, daß ein Gefängnis so gut wie ein Grab war. Da gelang allein der Klugheit und Schmeichelkunst meines Gerhard, was vielleicht keinem Doktor und Magister gelungen wäre, daß er den Bürgermeister überredete, die Gefangenen freizulassen. Um solcher Taten willen ward Gerhard den Herren wert wie ein leiblicher Bruder. Die Grafen von Löwenstein nahmen ihn als Feldhauptmann in ihre Dienste, und mit Ehren reich geziert, ist der abenteuernde Lebzelterjunge als ein gestandener Mann zurückgekehrt. Auf der Pilgerfahrt fand er dasselbe, was der gelehrte Johannes Piscator im stillen Lebzelterhause gefunden hat. Um Euch aber die Fahrten und Abenteuer Gerhards vollständig zu erzählen, braucht es einen ganzen langen Abend. Seht, Johannes, seit Gerhard wieder in Venedig gelandet, ward ich heiter und immer heiterer; seit gestern ist er nun gar hier in der Stadt, – und da Ihr, lieber Vater, den Schulmeister von Schweinfurt zum Abendessen geladen habt, damit er seinen Sohn wiederfinde, so wird es doch wohl nötig sein, daß ich auch für Gerhard ein Gedeck in der oberen Stube auflege.« »Der Alte wird ein kurioses Gesicht machen«, meinte Notthaft, »wenn er seinen verlorenen Sohn, der schon einmal Küfer-, Schlosser- und Lebzelterjunge gewesen, als großen Humanisten zu begrüßen glaubt und findet statt dessen einen Löwensteinischen Feldhauptmann, Kreuzfahrer und Türkenbezwinger, der sogar den Bürgermeister von Kairo überlistet hat.« Dem Meister Furtenbacher begann es zu schwindeln. »Betrug überall«, rief er, »in Kairo und in Augsburg! So hat mich also der Lehrjunge mit Reden hintergangen und die Tochter mit Schweigen. Aber dieser ganze Lebkuchen voll bitterer Mandeln ist noch nicht ausgebacken. Judith! Lege immerhin auch für deinen Gerhard ein Gedeck auf. Ist die Gesellschaft beim Weine versammelt, dann sollen alle Parteien reden, und ich will morgen alle Glieder der Familie Furtenbacher einberufen, damit wir eine Entscheidung treffen.« »Da wird wenig mehr zu entscheiden sein, wo zwei solche Helden wie Judith und dieser Pilger schon entschieden haben«, meinte der Scholarch und schlich zur Seite, indes er den Magister bei der Hand nahm. »Wir haben beide Lehrgeld bezahlt, Kollega«, sprach er leise. Piscator lächelte. »Ich verstehe Euch. Als Ihr mich bei meinem ersten Besuch mustertet und so behaglich gelächelt habt über meine Erscheinung –« »Da wollte ich sehen«, nahm ihm der Scholarch das Wort aus dem Munde, »ob Ihr mir niemals Eifersucht schaffen könntet. Denn bei Gott, wäret Ihr nicht so häßlich gewesen, ich hätte niemals Bürgschaft für Euch geleistet. Ich gestehe, ich selbst bin verliebt in das Teufelsmädchen; doch das ist nun vorbei. Wir zwei Schulmeister wollen zum Rückzug blasen vor dem palästinensischen Ritter.« »Und ich blase morgen zu Felde gegen Ulm!« rief laut sich ermannend der Magister. »Jetzt, wo ich wahr geworden und frei und gesund, fühle ich mich erst als den rechten Ritter des Humanismus, der wahren und freien menschlichen Gesittung. Zuerst will ich jedoch heute abend noch einmal beim Wein in der oberen Stube die Ulmer Deputierten ärgern. Aus einem dicken Donaunebel wird mir Ulm als mein Ithaka aufsteigen. In Wehmut verlasse ich dieses Haus, von dem ich einst am Backofen träumte, es sei mir auf meinen Irrfahrten eine Insel der Phäaken. Es ist mir mehr gewesen. Aber ich werde scheiden von diesem gastlichen Dach wie damals im Traume mit dem heimlichen Gedanken des Wiedersehens und mit den Versen des göttlichen Sängers, wie ich sie vor mir hinsprach, als mich ein Rippenstoß des Altgesellen aus dem Schlummer weckte: – – ›jungkräftig müss' ich den Meister Wiederfinden im Haus und wohlbewahret die Tochter! Lebt und waltet in Freude, und segnende Götter verleihn Euch Tugend und Heil; und nie sei hier einheimisch das Unglück!‹« Mein Recht 1875 Erstes Kapitel An einem schwülen Sommernachmittage im Juli des Jahres 1577 saßen sechs langweilige und gelangweilte Männer in der Schenke des holsteinischen Dorfes Radesloe bei Reinbeck, nämlich vier Bauern, ein verlumpter Spielmann und der Wirt. Die Bauern waren ganz nüchtern und tranken sehr schüchtern, denn das Bier war dünn und sauer. Der Wirt saß mit gekreuzten Armen schweigend am Schenktisch und betrachtete die schweigsamen Gäste, und sein schläfriger Blick war so sauer wie sein Bier. Drei von den Bauern waren Brüder: Hennecke, Klaus und Joachim Gülzow, wohlhabende ordentliche junge Leute, drei Prachtbursche an Wuchs und Kraft, mit roten Haaren und einer dem anderen wie aus dem Gesicht geschnitten. Der vierte, Peter Graumann, ihr Ortsnachbar, gleichfalls ein stattlicher Mann, hatte immer gute Freundschaft mit den Gülzows gehalten und teilte sich auch heute brüderlich in ihre Langeweile. Klaus streckte die Beine weit von sich und beobachtete zurückgelehnt zwei Mücken, welche langsam hintereinander am Ofen auf- und abspazierten, Joachim trommelte auf dem Tisch, Hennecke sah unverwandt in den Bierkrug und dachte nach, warum die Welt immer schlechter werde; Peter Graumann stützte beide Ellenbogen auf den Tisch und den Kopf auf beide Hände und dachte gar nichts. Hart neben ihm saß der Spielmann, der »lütte Hans«, der einzige in der schweigenden Gesellschaft, welcher beständig redete, ohne daß ihm jemand zuhörte, und Witze riß, über die er jedesmal ganz allein lachte. Er war auch der einzige, der das saure Bier in vollen Zügen trank und gähnend einen frischen Krug begehrte. Da er aber die Gewohnheit hatte, niemals zu bezahlen, so schob ihm der Wirt den leeren Krug zurück und rief: »Du sündhafter Narr, willst dich am hellen Sonntag vollsaufen auf anderer Leute Kosten und bist diesen Morgen nicht einmal in der Kirche gewesen!« Hans machte eine possenhafte Gebärde der Zerknirschung, kreuzte die Arme über der Brust, beugte den Kopf bis auf den Tisch und verharrte in dieser Büßerstellung. Da reckte sein Nachbar, Peter Graumann, phlegmatisch den rechten Arm aus, indes sein Kopf in der linken Hand gestützt blieb, ergriff seinen Bierkrug und goß das Bier dem zerknirschten Spielmann in den Nacken. Dieser fühlte jedoch kaum das kalte Naß den Rücken hinunterlaufen, so schnellte er empor und stieß den Peter mit der Faust ins Gesicht. Darauf gab Peter dem Hans bedächtig, aber kräftig eine so furchtbare Ohrfeige, daß derselbe durchs halbe Zimmer zurücktaumelte. Nun erhob sich Hennecke Gülzow langsam und gemessen und verwies dem Peter Graumann, daß er den schwachen armen Narren mißhandle; doch Peter behauptete, er habe nur gleicherweise dem Hans wie dem Biere sein Recht getan. Bei diesen Worten mengten sich auch die beiden anderen Brüder samt dem Wirte in den Streit und stellten Peter so deutlich zur Rede, daß in dem fünfstimmigen Chore keiner sein eigen Wort mehr verstand, und zuletzt packte Klaus den Peter um den Leib und warf ihn zu Boden, damit doch endlich wieder Friede werde. Peter, der sich nicht sogleich wieder aufraffen konnte, zog sein langes Messer, streckte es vor sich hin und rief, jetzt solle ihm keiner mehr nahe kommen. Joachim aber schrie: »Willst du graue Ratte dich noch wehren? Hinweg mit dem Messer!« und trat mit dem Fuße danach; doch er schlug das Messer nicht weg, sondern rannte sich's einen Finger tief in den Schenkel. Nun warf er dem Peter noch einen Bierkrug nach dem Kopf, fehlte ihn aber und brach zusammen. Peter, als er das Blut fließen sah und die anderen den Verwundeten einen Augenblick umringten, sprang zum offenen Fenster hinaus und floh ins Weite. So war auf einmal Leben in den langweiligen Sonntagnachmittag gekommen. Die damaligen Bauern trugen Waffen und wußten sie zu führen, sie wußten aber auch einen zerschlagenen Kopf oder ein durchstochenes Bein zu verbinden. Also legten die beiden Brüder dem Joachim einen Notverband an, und der Wirt rief den Barbier. Dieser erklärte die Wunde für ungefährlich. Man trug den Verwundeten nach Hause, wo er drei Wochen im Bette lag, bis er das Bein wieder etwas bewegen konnte. Inzwischen sann der Genesende Rachepläne und beschwor seine Brüder, den Peter Graumann tüchtig durchzuprügeln, das werde seinem kranken Beine wohler tun wie des Barbiers bester Wundbalsam. Klaus, der jüngere Bruder, stimmte ihm zu und suchte sich schon einen trefflichen Prügel aus; Hennecke dagegen, der älteste, ein äußerst ruhiger und besonnener Mann, warf den Prügel in die Ecke und meinte, es sei schon Übels genug geschehen, das Unrecht sei geteilt auf beiden Seiten; und es gelang ihm, Joachim auf versöhnlichere Gedanken und den streitlustigen Klaus zur Ruhe zu bringen. Joachim, der schon alle Gefahr überstanden glaubte, schonte sich aber nicht genug; er sprang einmal im Zorn aus dem Bette, als des Nachts Korn eingefahren wurde und nicht sofort eine Laterne zur Hand war. Da öffnete sich die Wunde aufs neue, es trat eine Entzündung hinzu, und in der fünften Woche nach jenem unglücklichen Sonntage sagte der Barbier, man möge den Pfarrer rufen, daß er dem Kranken das Abendmahl gebe, denn er werde den nächsten Tag nicht überleben. Joachim aber verzieh nun dem Peter Graumann freiwillig und unaufgefordert angesichts des Pfarrers und sagte auch dem Hennecke, der ihn immer zur Versöhnung gemahnt, er hege keinen Groll mehr gegen seinen Mörder. Er starb am 19. August. Mit dem Tode seines Bruders ging eine auffallende Veränderung in Hennecke vor. Sonst der Pünktlichste und Fleißigste im Hause, ließ er jetzt die Arbeit liegen und streifte scheu und unstet durch Feld und Wald; ja er vergaß sogar das Vieh zu füttern. Die Nachbarn und Freunde mied er, und wenn ihm jemand begegnete, sah er in den Boden wie ein Hühnerdieb. Des Nachts schlief er nicht, sondern sprach mit sich selber. Den Klaus erfaßte ein Grauen; denn diese Bauern waren so redefaul, daß man ihnen am hellen Tage die nötigsten Worte aus dem Munde ziehen mußte; da war es doch ganz unheimlich und gegen die Naturgesetze, wenn Hennecke vollends gar die halbe Nacht mit sich selber sprach. Zweites Kapitel Am 21. August wurde Joachim Gülzow begraben, ganz Radesloe folgte dem Sarge; nur Peter Graumann wurde nicht im Geleite gesehen. »Er hat nicht den Mut, eine Schaufel Erde auf den Sarg zu werfen, der Tote würde sich im Grabe umdrehen«, so flüsterten die Leute. Aber Peter war dennoch mit dabeigewesen. Ganz verstohlen schlich er hinter der Kirchhofsmauer herum und spähte aus dem Versteck eines großen Holunderbusches zum Grabe hinüber, und der Wind trug ihm die Worte des Pfarrers ins Ohr: »Richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet!«, und er sang und betete auch ganz leise von fernher mit den anderen und sprang dann rasch davon, bevor das Leichengefolge den Gottesacker wieder verließ. Kein Mensch hätte ihn erblickt, wenn nicht das Auge des jüngeren Bruders des Verstorbenen ins Weite geschweift wäre; es war nur eine Sekunde, da Klaus die flüchtige Gestalt vorüberhuschen sah, aber er hatte sie erkannt. Als darum die Leidtragenden schweigend ins Trauerhaus zurückgingen, flüsterte er dem älteren Bruder zu: »Peter Graumann stand hinter der Mauer; er ist querfeldein zum Walde gelaufen. Wir wollen ihm nachgehen und unseren Joachim von ihm zurückfordern, denn der hat ungerächt keine Ruh' im Grabe.« Hennecke aber erwiderte streng und kalt: »Joachim hat Ruhe; er weiß, daß der Totschläger seinen Richter finden wird, nicht bloß droben, sondern auch hier unten, und zwar bald. Uns ziemt es nicht, zu richten. Wenn wir jetzt mit Peter sprechen, dann gibt es Streit, und wenn wir jetzt mit ihm streiten, dann gibt es Mord und Totschlag. Sollen wir Mörder werden, weil Peter ein Totschläger gewesen ist?« Kaum hatte Hennecke dieses Wort gesprochen, da trat ein fremder alter Mann mit langem Bart zu ihnen heran; er sah matt und elend aus, bestaubt und abgerissen, als komme er von weiter Wanderschaft, und führte ein zartes, bleiches Mädchen an der Hand, ein Kind von zwölf Jahren, welches sich vor Müdigkeit kaum auf den Beinen zu halten vermochte. Bescheiden bat der Alte die beiden Brüder, daß sie ihm und dem Kinde doch auf ein paar Tage Obdach geben möchten und Arbeit bei der Ernte, damit sie wieder einmal satt zu essen bekämen, denn sie seien mittellos und ungefreundet in diesem Lande. Seine Mundart aber klang so fremd, daß ihn die Brüder kaum verstanden. »Woher kommt Ihr?« fragte Klaus. »Vom Oberrhein.« »Und wohin des Weges?« »In die weite Welt.« »Und was willst du danach beginnen, wenn wir dir nur auf so kurze Zeit Arbeit und Obdach geben?« »Genug, daß wir für morgen sorgen. Kann nicht schon übermorgen jene Zeit kommen, da keine Zeit mehr ist?« »Die Ernte ist bald vorüber.« »Kann nicht schon vorher jener größere Erntetag anbrechen, von welchem geschrieben steht: ›Der Tag zu ernten ist gekommen; denn die Ernte der ganzen Welt ist dürre geworden?‹« Hennecke schob den seltsamen Alten rauh zur Seite, dessen Worte er, in seine Gedanken versunken, gar nicht gehört zu haben schien, und sprach ungeduldig zu Klaus: »Laß das Plaudern, wir haben Wichtigeres zu tun!« und zog ihn eilend mit sich hinweg. Der Alte aber blieb schweigend stehen, ohne daß die kalte Abweisung irgendeinen merkbaren Eindruck in seinen Zügen zurückließ; nur dem Mädchen traten die hellen Tränen in die Augen. Hennecke heftete im Fortgehen noch einen festen Blick auf das still weinende Kind; allein es schien, als habe er sie trotzdem gar nicht gesehen. Kaum zu Hause angelangt, ging Hennecke, ohne jemand eine Silbe davon zu sagen, nach Reinbeck aufs Amt und erhob dort Klage gegen Peter Graumann, der seinen Bruder Joachim ums Leben gebracht habe. Er kam erst nach Mitternacht wieder heim und weigerte seinem Bruder jede Auskunft, wo er gewesen sei. Als die Brüder des anderen Morgens sich zu ihrem Tagewerk rüsteten, sagte Hennecke zu Klaus: »Hat sich uns nicht gestern ein fremder Mann mit einem Kinde zur Erntearbeit angeboten? Mir fällt eben ein, daß wir sie brauchen könnten, denn Joachim fehlt uns, und ich tauge nichts zur Arbeit. Und das Kind weinte, als ob es in Not sei, jetzt sehe ich erst die Tränen in seinen großen blauen Augen. Oder sah ich sie nicht auch gestern? Wir wollen den armen Leuten helfen.« Klaus meinte, der Entschluß komme wohl zu spät; wo möge man nun die beiden finden? Hennecke dagegen sprach: »Ich bin freilich langsam von Begriff, und die besten Gedanken kommen mir immer hinterher. Aber man soll sich auch Zeit lassen. Indes will ich ausgehen und den fremden Mann mit dem armen Kinde suchen.« Nachdem er einen halben Tag gesucht, fand er sie auch richtig in der Scheune eines Nachbardorfes, wo sie sich eben an geschenktem Brote sättigten, und redete ihnen freundlich zu und brachte sie am Abend mit nach Hause; dort wies er ihnen die Schlafstätte des verstorbenen Bruders an. Und da sie gar zu elend waren von der Mühsal und Entbehrung langer Wanderschaft, so gönnte er ihnen vorerst einen Tag Ruh' und Pflege, damit sie wieder zu Kräften kämen, und zeigte ihnen dann auf dem Felde, wie sie helfen sollten das Korn einbringen: der Alte bei den Schnittern, das Kind bei den anderen Kindern, welche die Schwaden zu den Garben trugen und die zerstreuten Ähren lasen. Drittes Kapitel Das Amt hatte Henneckes Klage angenommen, Peter Graumann wurde schon am nächsten Morgen eingezogen und die Zeugen vorgefordert. Die Sache nahm rasch ihren geweisten Weg. Während sonst ein solcher Prozeß doch auch den Kläger aufzuregen und aus dem gewohnten Geleise des täglichen Lebens zu drängen pflegt, ging es bei Hennecke umgekehrt. Je öfter er mit den Zeugen vor Amt geladen wurde, je mehr man von dem Prozesse sprach, je näher die Entscheidung rückte, um so frischer griff er wieder die Arbeit an; er schweifte nicht mehr träumend durch Feld und Wald und sah nicht mehr unter sich in den Boden; auch sein gesunder Schlaf kam zurück, und statt nachts mit sich selbst zu sprechen, sprach er wieder bei Tage mit anderen Leuten. So verging eine Woche. Da saß Hennecke eines Abends auf der Bank hinterm Hause und ruhte sich aus; er hatte heute besonders scharf gearbeitet, und der fremde Alte, welcher gleich eifrig mitgetan, saß neben ihm; das Kind spielte seitab mit einem jungen Hunde. Hennecke hatte den rätselhaften Gast noch mit keinem Worte ausgefragt über Herkunft und Schicksal; er wußte nur, daß der Alte Matthias Plattner heiße und daß das Mädchen – Martha – eine Waise sei und seines Bruders Tochter. Wozu brauchte er noch mehr zu wissen? Nach langem Schweigen begann Hennecke ein kleines Gespräch, natürlich von seinem Prozeß; wovon hätte er auch sonst sprechen mögen? Er meinte, Peter Graumann sei schon so gut wie verurteilt, denn vier Zeugen hätten in der Voruntersuchung bereits gegen ihn geschworen. Er hielt inne und sah Matthias fragend an. Aber Matthias schwieg. Darauf rief Hennecke in steigendem Ton: »Ich meine, vier Eide! Das ist ein Wort!« Er machte abermals eine Pause und blickte erwartend auf den Alten. Der aber schwieg wiederum. »Was sagt Ihr zu vier Eiden?« fragte Hennecke aufgebracht. Matthias Plattner erwiderte ganz ruhig: »Ich sage, daß vier Eide vier Sünden sind; denn es steht geschrieben: Ihr sollt aller Dinge nicht schwören, eure Rede sei ja, ja – nein, nein.« Hennecke fuhr auf: »Und wie soll man einen Rechtsstreit führen ohne Eid?« »Ich verstehe nichts von Rechtsstreiten«, entgegnete der Alte. »Haltet Ihr's vielleicht auch für eine Sünde, wenn man sich Recht schafft auf dem Rechtswege?« »Ich halte es für unchristlich, meinen Nächsten zu verklagen.« »Ihr Oberrheiner haltet es wohl für christlicher, durch Fehde und Gewalt den Tod eines Bruders zu rächen?« rief nun Hennecke in zornigem Spott. Schnell, doch immer ruhig antwortete Matthias: »Fehde und Gewalt wie aller Krieg ist noch unchristlicher als ein Prozeß und ein Eid.« Hennecke staunte. »Guter Mann«, sprach er dann nach langem Sinnen, »Euch muß niemals jemand ein Unrecht getan haben, geschweige daß die Rache für den Tod eines Bruders auf Eurer Seele brennte!« Hierauf erwiderte Matthias Plattner: »Glaubet mir, ich hätte den Mord nicht eines Bruders, sondern vieler hundert Brüder zu rächen; allein es steht geschrieben: ›Die Rache ist mein, ich will vergelten, spricht der Herr!‹ Und ob mir selbst kein Unrecht geschehen sei? Blicket her!« Und er entblößte Arm und Schulter und zeigte viele tiefe Narben, wie sie von den Marterwerkzeugen der Folterkammer zurückzubleiben pflegen. Dann sagte er Hennecken leise ins Ohr, daß es Martha nicht höre, die daneben mit dem Hunde spielte: »Für dieses Kind hätte ich einen Vater zu rächen, der mein Bruder war. Das Kind weiß, durch wessen Hand es seinen Vater verloren hat. Es trauert, aber es zürnt nicht und weiß in seinem unschuldigen Herzen noch nichts von Rache. Wir aber sollen werden wie die Kindlein.« Hennecke war durchaus nicht neugierig, sonst hätte er jetzt den Alten wenigstens gefragt, was er mit diesen dunkeln Worten meine. Allein er dachte nur an seinen Prozeß, und mit dem wunderlichen Manne war ja gar nicht von Prozessen zu reden. Doch würde er nach seiner Art vielleicht nächste Woche auf den Gedanken gekommen sein, Matthias zu fragen, wie denn Martha eigentlich ihren Vater verloren habe. Aber am nächsten Morgen überraschte ihn Klaus mit einer Nachricht, die ihn alles andere vergessen ließ. Er erzählte ihm, daß Peter Graumann wieder auf freiem Fuße sei; er habe ihn soeben in seiner Haustür stehen sehen. Hennecke wollte es gar nicht glauben; aber während er noch zweifelnd auf die Straße blickte, ging Peter in eigener Person vorbei und schaute so trotzig zum Fenster herein, als wolle er sagen: »Jetzt fürchte ich euch da drinnen nicht mehr!« Hennecke stand versteinert. Klaus wollte hinaus und Peter befragen, wie er denn frei geworden sei, und griff auch gleich zum Messer, um etwa eine ungehörige Antwort verbessern zu können. Doch Hennecke hielt ihn zurück und rief: »Du bleibst, und ich gehe! Aber nicht hinter dem Mörder drein, sondern aufs Amt nach Reinbeck. Ich muß doch erfahren, ob es noch Recht und Gerechtigkeit in der Welt gibt!« Und er ging nicht, sondern er rannte; in einer Stunde schon war er auf der Amtsstube. Den Amtmann fand er da freilich nicht; denn er war weit über Land geritten zu einer fröhlichen Hirschjagd. (Er fühlte sich überhaupt das ganze Jahr im Freien wohler als in der Amtsstube.) Dagegen saß die Amtmännin, Frau Beate, am Gerichtstisch und kramte in den Akten, während der Amtsschreiber in der Ecke kauerte und ihr Kind wiegte. Nach kurzem Gruß fragte Hennecke den Schreiber, wie es denn mit seiner Klage gegen Peter Graumann stehe und warum Peter wieder auf freiem Fuße sei. Der Schreiber wollte antworten, allein Frau Beate nahm ihm das Wort vom Munde: »Ich will Euch Bescheid geben, Hennecke; über die Woche werdet Ihr ihn ohnedies schwarz auf weiß erhalten. Auf Befehl des Amtes ist Eure Klage abgewiesen und das Verfahren gegen Peter Graumann eingestellt; er befand sich in gerechter Notwehr und hat auch gar nicht nach Joachim gestochen, sondern Euer Bruder hat sich selbst das Messer ins Bein gerannt. Überdies starb dieser erst nach fünf Wochen, die Gefahrtage waren längst vorüber, die Wunde geheilt, und der Verwundete zog sich hinterher den Tod durch seine eigene Unvorsichtigkeit zu. Also ist Peter der Klage ledig – von Rechts wegen.« Hennecke konnte vor Staunen lange kein Wort finden; er mußte sich die kurzen Sätze erst zergliedern, verbinden, sie von vorn nach hinten und von hinten nach vorn wiederholt durchdenken, bis er den Zusammenhang des Urteils begriff, welches so ganz von seinem eigenen Urteil verschieden war. Dann aber rief er rasch, und wilde Leidenschaft durchzitterte seine Stimme: »Und also soll mein erschlagener Bruder ungerächt bleiben?« »Das sage ich nicht«, entgegnete Frau Beate gelassen und blickte ihn lächelnd an mit ihren stechenden grauen Augen. »Das Gericht hat getan, was es tun mußte. Ihr werdet nun ja selber wissen, was Ihr zu tun habt, Ihr und Euer Bruder Klaus.« Ohne ein Wort weiter zu verlieren und ohne Gruß entfernte sich Hennecke. Seine Füße trugen ihn nach Hause; allein er wußte selbst nicht, wie er eigentlich hingekommen war. Seine Gedanken drehten sich unterwegs unablässig im Kreise. Er hatte bis dahin geglaubt, ein Gerichtshaus sei ein Heiligtum so gut wie die Kirche, und jetzt hatte ein vorwitziges Weib am Altar dieses Heiligtums gesessen, und der eine Priester des Rechts war seinem Vergnügen nachgelaufen, während der andere ein Kind wiegte. Konnte aber nicht trotzdem die Abweisung der Klage durch das Amt wohlbegründet sein? Hennecke vermochte dies sich gar nicht vorzustellen, er vermochte es nicht zu fassen, daß etwas anderes Recht sein könne, als was er sich fort und fort so steif und fest als sein Recht gedacht hatte. Sein Bruder Klaus war ihm bis dahin wie ein toller Junge erschienen, da er sich nach roher alter Weise stracks mit Prügel und Messer Recht schaffen wollte; er deuchte sich ihm gegenüber der reifere Mann, der Sohn einer reiferen, besseren Zeit, die das Recht nur noch aus der lauteren Quelle des kundigen, unbestechlichen öffentlichen Gerichts geschöpft wissen wollte, in welchem »fromme Holsten«, echte angesessene Bauern, den Wahrspruch fällten. Und der Amtmann hatte es hintertrieben, daß ihm und dem getöteten Bruder Recht geschaffen werde durch dieses Volks- und Gottesgericht! Nun war am Ende doch der jähe Klaus gescheiter gewesen und brüderlicher gesinnt gegen den erschlagenen Bruder wie er in all seiner lahmen Weisheit! Hatte dies nicht sogar die Amtmännin angedeutet, hatte sie nicht gesagt: Ihr werdet nun ja wohl selber wissen, was Ihr zu tun habt – nämlich um den Bruder zu rächen? Ein salomonischer Spruch des widerlichen Weibes! Er bewunderte sie jetzt fast wegen dieser Worte. Aber dann faßte ihn wieder ein Abscheu vor der Frau, die ihm den Tempel des Rechts entweiht hatte, jenes Amthaus, wo er so gewiß das Recht, sein Recht zu finden gehofft wie die Seligkeit im Himmel. Und so waren seine Gedanken wieder zum Anfang des Kreises gekommen, den sie aufs neue durchliefen. Daheim erwachte er wie aus einem Traum, als plötzlich der alte Matthias Plattner mit dem Mädchen vor ihn trat, unter Dankesworten bittend, daß er sie nun weiterziehen lassen möge; die Ernte sei eingebracht, und sie seien in seinem Hause nichts mehr nütze. Hennecke hatte keinen Grund, die Leute länger zu behalten; doch hieß er sie noch eine Weile warten, weil er ihnen noch ein paar Pfennige und Brot mit auf den Weg geben wollte. Während aber Klaus hineinging, beides zu holen, konnte Hennecke den Blick gar nicht wegwenden von dem Kinde, welches ihn mit seinem guten großen Auge so treuherzig ansah, und ihm war, als streiche ihm ein kühlender Hauch des Friedens über die glühende Stirn. Da entsann er sich, gestern abend im Anschauen dieses Kindes Ähnliches empfunden zu haben, und die seltsamen Worte des Alten dämmerten dunkel in seiner Seele auf. »Habt Ihr nicht gestern gesagt«, so fragte er nun den Mann, »das Mädchen habe auf traurige Weise seinen Vater verloren? Wie ging das zu?« »Die Geschichte wäre zu lang, daß ich sie jetzt erzählen könnte«, entgegnete Matthias. »Und da kommt Euer Bruder zurück mit Euren freundlichen Gaben. Auf Wiedersehen hier oder dort! Ein anderer wird Euch unsere Schuld zahlen, wenn er an jenem Tage sprechen wird: Ich bin hungrig gewesen, und Ihr habt mich gespeiset!« Sie schieden unter Händedruck. Hennecke wollte die Hand des Kindes lange nicht loslassen. Er sah den Wanderern sinnend nach, bis sie an der Straßenecke verschwanden. Viertes Kapitel Matthias Plattner kam nach seinem Abzüge ins Gerede des ganzen Dorfes. Die Bauern meinten, er müsse anderswo wohl schlimme Dinge verübt haben, da er so heimlich und schweigsam getan und gekommen sei wie aus dem Boden gewachsen und wieder verschwunden wie vom Winde verweht, man wisse nicht woher und wohin. Hennecke nahm keinen Teil an diesen Gesprächen, er schien die beiden Wanderer sofort wieder vergessen zu haben. Der Pastor schloß aus einzelnen seltsamen Reden des Matthias, derselbe möge wohl gar ein Wiedertäufer gewesen sein. Wurden doch diese armen Leute, welche längst dem tollen Wesen ihrer Vorfahren Münsterischen Andenkens entsagt hatten, damals allerorten so grausam verfolgt! Allein er behielt seine Gedanken für sich; denn als ein milddenkender Mann wollte er auf diesen bloßen Verdacht hin den Flüchtlingen, die vielleicht noch im Lande weilten, nicht neue Verfolgung bereiten. September und Oktober vergingen, das Laub färbte sich und fiel, der Herbstwind wehte über das kahle Feld; er schien auch die Erinnerung an den ungerächten Tod Joachim Gülzows verweht zu haben; nur wenige sprachen noch davon, Hennecke Gülzow am wenigsten. Er hatte sich in seinem Hof eine hohe Stange aufgestellt und an der Spitze einen toten Raben befestigt, nach diesem Vogel schoß er jeden Abend mit einer Büchse, bis er ihn sicher traf. Als ihm einmal die Nachbarskinder zusahen und ihn fragten, warum er denn nach dem Vogel schieße, der schon lange tot sei, rief er statt der Antwort: sie sollten zu Peter Graumann gehen und ihm erzählen, was sie hier gesehen hätten, der werde wissen, warum er sich übe, nach Galgenvögeln zu schießen. Die Kinder liefen sofort zu Peter und richteten lachend den Auftrag aus. Bald nachher drang Hennecke mit seinem Bruder in das Haus Peters, fand ihn aber nicht daheim. Einem Knechte, der am Herdfeuer saß, befahlen sie, seinem Herrn zu sagen, er solle sich in acht nehmen, daß er ihnen nicht außerhalb des Dorffriedens begegne; denn wo sie ihn dort träfen, würden sie ihn »feinden«. Das sei ihm nun in aller Form angekündigt. Peter getraute sich seitdem nicht mehr ohne Begleitung aus dem Dorfe. Er kaufte sich ein altes Feuergewehr und übte sich auch seinerseits im Schießen. Die holsteinischen Bauern der damaligen unsicheren Zeiten trugen, wenn sie über Land gingen, statt des Stockes einen Spieß. Neuerdings sah man jedoch die Brüder Gülzow sogar im Dorfe niemals ohne den Spieß ausgehen, und demgemäß wagte sich auch Peter Graumann nicht mehr vor die Haustür ohne den Spieß. Hennecke schien sich übrigens Zeit zu lassen mit dem tatsächlichen Beginn der angekündigten Fehde; denn der Winter kam ins Land und Weihnachten und Neujahr, ohne daß etwas Weiteres geschah. Da dachte Peter Graumann, im alten Jahre habe er sich nun genug gesorgt wegen der gedrohten Fehde, und es sei doch gar zu langweilig, auch im neuen Jahr Dorfarrest zu haben und immer nur mit dem Spieße von Haus zu Haus zu gehen, dem Ding müsse ein Ende gemacht werden. Er beschloß, sich um Schutz an das herzogliche Amt in Reinbeck zu wenden. Also brach er am 5. Januar früh vor Tagesanbruch auf, wohlbewaffnet mit Spieß und Messer samt dem Feuergewehr und von einem Vetter, Eilert Behne, begleitet, und ging nach Reinbeck. Die Gülzows mußten aber Wind bekommen haben von seinem Gange, denn als es hell wurde auf der weiten Schneelandschaft, sah Peter, daß die beiden Brüder mit ihren Spießen eilends hinter ihnen dreinkamen; doch gelang es ihm, Reinbeck und das Amthaus noch vor den Verfolgern zu erreichen. Der Amtmann war wieder nicht da, sondern vor einer halben Stunde auf den »Kieler Umschlag« geritten, der am Dreikönigstage eingeläutet wird, die Jahresbörse der holsteinischen Gutsbesitzer, und hatte den Amtsschreiber mitgenommen. Dagegen saß Frau Beate in der Gerichtsstube. Es blieb darum Peter nichts übrig, als der Frau Amtmännin seine Not zu klagen und um ihren Schutz zu bitten. Beate schien anfangs dem Wunsche Peters nicht abgeneigt, der ein reicher Mann war und auch bereits das Geld in der Tasche klingen ließ. Um die Sache recht dringlich zu machen, erwähnte er aber unklugerweise, daß die Gülzows bewaffnet hinter ihm hergelaufen seien und sich bereits in Reinbeck befänden, ja wahrscheinlich vor dem Amthause lauerten. Als Beate dies hörte, ward sie plötzlich ganz anderen Sinnes und rief: »Ich wollte, daß Ihr nicht hierhergekommen wäret! Wie hat Euch denn der Teufel zu mir führen müssen? Ich kann nicht helfen. Kommt in vierzehn Tagen wieder, wann der Kieler Umschlag zu Ende ist; dann wird mein Mann Euch versöhnen mit den Gülzows.« Peter wurde dringender und bat wenigstens für heute um ein Asyl im Amthause; allein nun ward auch Beate ganz wild und sagte, er solle sich aus dem Hause packen. Es blieb ihm keine Wahl; er ging. Als er aus dem Amthause trat, waren die Gülzows verschwunden. Doch weilte er zu mehrerer Sicherheit den ganzen Tag noch in Reinbeck, und da man ihm sagte, die Gülzows seien gegen Hamburg gegangen, so trat er abends in entgegengesetzter Richtung den Heimweg an, immer von seinem Vetter begleitet. Ungefährdet gelangten sie bis nahe bei Radesloe; es war schon dunkel geworden, und sie hatten nur noch ein Wäldchen vor dem Dorfe zu kreuzen. Dort eilten plötzlich die beiden Gülzows zur linken Hand vorüber und boten ihnen einen guten Abend, und Peter erwiderte: »Gott geb' euch einen guten Abend!« Hierauf schritten ihnen die Gülzows vor. Allein nach einer kleinen Weile wandten sie sich wieder um – es war bei einer großen Birke –, vertraten ihnen den Weg und riefen: »Wer seid ihr?« Eilert Behne, dem das Herz in die Schuhe fiel, antwortete zitternd: »Gute Freunde!« Hennecke aber rief: »Da wissen wir besseren Bescheid. Peter Graumann, wehre dich!« Kaum hörte Behne diese Worte, so warf er seinen Spieß weg, lief davon und rief seinem Vetter zu: »Peter, wenn du laufen kannst, so lauf!« Peter versuchte auch zu entfliehen, allein die Gülzows waren hinter ihm her mit eingelegten Spießen und schrien: »Wir fordern das Blut unseres Bruders!« Da kehrte sich Peter um und feuerte sein Gewehr auf die Verfolger, dessen Kugel Hennecke leicht streifte. Nun aber sprangen diese vor und stachen ihn nieder. Eilert Behne hatte im Fliehen noch genug gehört, um den Ausgang zu wissen; er erreichte äußerst geschwind das Dorf und rief die Bauern zusammen, die mit dem Barbier an die nahe Unglücksstätte zogen. Sie fanden Peter bereits tot, von vielen Stichen durchbohrt. Die Gülzows waren verschwunden. Fünftes Kapitel Der Vorfall überraschte keinen Menschen in Radesloe, man hatte dergleichen längst erwartet. Die Meinung der Bauern war geteilt, die meisten aber gaben den Gülzows recht; denn da das Gericht den erschlagenen Bruder nicht gerächt habe, so sei es ihre Pflicht gewesen, die Rache selber zu übernehmen. Hennecke und Klaus gingen ihrer Arbeit ganz ruhig wieder nach, als ob nichts geschehen sei. Die Verwandten Peter Graumanns verklagten die Gülzows beim Amte zu Reinbeck wegen Mord, aber ohne Erfolg. Das öffentliche Gericht erkannte dort, daß diesmal die Gülzows sich in gerechter Notwehr befunden hätten, da Peter zuerst geschossen, ja Hennecke verwundet habe, der ihn doch nur mit Worten bedroht, und sprach die Brüder frei. Die Kläger hätten noch an die »vier Dingbauern« in Neumünster appellieren können; doch ein gewiegter Jurist widerriet es ihnen, da sie dort keinen besseren Entscheid finden würden. Es handle sich hier überhaupt nicht um Mord, sondern um Landfriedensbruch, und der rechte Gerichtshof für ein so hochpolitisches Verbrechen sei das Reichskammergericht in Speyer. Denn ob Fürsten und Herren den Landfrieden brechen, Fehde ansagen und Krieg führen oder ein Bauer, das gelte gleich. Nach Speyer sollten sie sich wenden, dort bei Kaiser und Reich würden sie Recht finden. Die Graumanns waren ebenso reiche und stolze Leute wie die Gülzows, nicht minder steif und fest in der Behauptung ihres Rechts, nicht minder pflichteifrig, den Tod ihres Verwandten zu rächen. Sie befolgten den Rat und erhoben die Klage in Speyer, wo dieselbe auch angenommen wurde. Beide Parteien wählten sich ausgezeichnete Männer zur Führung ihrer Sache bei dem hohen Gerichtshofe, die Graumanns den niedersächsischen Rat Krause in Lauenburg, die Gülzows aber mit noch höherem Trumpfe gar den schleswig-holstein-gottorpischen Kanzler Tratziger. Hennecke war ganz stolz auf »seinen Prozeß«, wie er ihn nannte, ja er freute sich über denselben, daß man hätte meinen sollen, nicht er sei der Beklagte, den im schlimmen Fall die schwerste Strafe erwartete, im besten die bloße Freisprechung, sondern er habe wunder was dabei zu gewinnen. Allein er hoffte in der Tat auf einen hohen Gewinn, nämlich auf sein Recht, und in den öffentlich anerkannten Besitz dieses Rechtes hatte er sich so tief hineingegrübelt, daß er nicht hätte leben mögen und sterben können, außer es wäre ihm vorher von Amts wegen attestiert gewesen, er habe ein Recht gehabt, den Peter Graumann zu fehden und totzustechen. Er schimpfte jetzt auf die miserablen Amtleute der kleinen Landesgerichte, die dem Teufel nichts taugten, aber vom kaiserlichen Gericht erhoffte er das wahre Recht, die Bestätigung seines Fehderechtes. Es verlief freilich Jahr um Jahr, ohne daß der Prozeß in Speyer merkbar vorwärtsrückte; Hennecke bewunderte darob das Reichskammergericht, war es doch noch viel langsamer zu Wort und Tat wie er selber. Da sehe man die echte Gründlichkeit, in Reinbeck habe der Amtmann vordem alles übereilt und verhudelt; wäre der gründlicher und langsamer gewesen, so hätten sie den Peter Graumann gar nicht totzuschlagen gebraucht. Der Prozeß in Speyer kostete beiden Parteien ein sündhaftes Geld; Hennecke arbeitete um so fleißiger, lebte um so sparsamer und zahlte mit Freuden. Er sagte stolz, wenn neue Summen gefordert wurden: »Einen anderen hätte das ewige Bezahlen längst an den Bettelstab gebracht, ich kann mir das Vergnügen gönnen.« Nur konnten es leider die Graumanns ebensogut. Hennecke ließ sich auch genau belehren über den Geschäftsgang des Reichskammergerichts und redete viel von Extrajudizial- und Judizialsenaten, von Rezessen, Rotuln, Narratis, Kompetenz, artikulierter Darstellung, von Sessionen und Audienzen. Besonders die Audienzen imponierten ihm. Er erzählte, bei so einer Audienz in Speyer, wo auch gegen die Gülzows verhandelt werde, sitze der Präsident, vom Kaiser aus dem hohen Adel erwählt, unter einem Thronhimmel gleich einem Könige. Das sei ein Gericht, wovor man Respekt haben müsse. Weiber kämen dort gar nicht hinter die Akten, und Kinder würden noch weniger im Gerichtssaale gewiegt, der so hoch und herrlich sich aufbaue wie das Schiff der Hamburger Petrikirche. Der Kammerrichter habe fünfundzwanzig Beisitzer, wie könne da eine Dummheit vorkommen? Und sein, des Beklagten, Advokat sei, wie allbekannt, der schleswig-holstein-gottorpische Kanzler, da dürfte doch seine Sache nicht zu den schlechtesten zählen. Übrigens sei es an sich schon eine Ehre, wegen Landfriedensbruches verklagt zu werden; denn solch eine Anklage werde nicht den kleinen Spitzbuben zuteil, sondern gewöhnlich nur den großen Herren. Auch der Strafantrag laute auf etwas Großes und Ehrenvolles, auf die Reichsacht. Grafen und Herzöge könnten in der Reichsacht liegen, ohne daß dies ein Stäubchen auf ihre Ehre werfe, ja sogar den Doktor Martin Luther habe man Anno 21 mit dieser Auszeichnung bedacht. Der Prozeß hinderte inzwischen den Klaus Gülzow nicht, sich zu verheiraten. Hennecke blieb ledig; boshafte Leute meinten, er sei ja schon verheiratet, nämlich mit seiner Rechtssache, und jeder Christ müsse sich mit einer Frau begnügen. So verflossen über elf Jahre, und außer den Nächstbeteiligten redete bereits kein Mensch mehr von dem Prozesse Graumann gegen Gülzow, der von einem Jahr ins andere lief und doch nicht von der Stelle kam. Wenn Hennecke unter alten Freunden von Speyer zu erzählen begann, dann hörte ihm niemand mehr zu, man konnte es schon auswendig, was er zu sagen pflegte. Das jüngere Geschlecht wußte kaum mehr etwas von der traurigen Geschichte Joachim Gülzows und Peter Graumanns; waren doch seitdem auch andere Totschläge genug im Lande vorgefallen! Sechstes Kapitel Am schwülsten Augusttage des Jahres 1588 gingen Hennecke und Klaus die Reinbecker Straße durch das Wäldchen hart bei Radesloe. Die einst so frischen Bursche waren jetzt feste, gestandene Männer, Hennecke vierzig, Klaus sechsunddreißig Jahre alt; doch hatten sich beide wenig verändert, nur daß Henneckes Züge starrer und härter geworden, wie in Stein gegraben. Die Brüder kamen von Kiel, wo sie sich mit ihrem Anwalt, dem Kanzler, beraten hatten. Nach achttägiger Abwesenheit eilten sie, nun dem Heimatdorfe so nahe, mit verdoppeltem Schritt. Vom völlig wolkenfreien Himmel warf die Sonne ihre grellsten Lichtblitze durch die Buchenzweige, die Mittagsglocke von Radesloe hatte eben ausgeklungen, es war so still im Walde, daß man den letzten Ton noch lange nachsummen hörte. Kein Vogel sang, kein Blatt rauschte, nur die Tritte der beiden Wanderer hallten durch den schweigenden Forst, und keiner sprach ein Wort zum anderen. Da blieb Hennecke plötzlich stehen, lauschte lange und flüsterte dann seinem Bruder ins Ohr: »Klaus, vernahmst du die Stimme aus dem Busch?« Klaus hatte nichts gehört. Hennecke schüttelte den Kopf. »Die Stimme klang ganz deutlich. Sie sagte: ›Der Bote von Speyer ist schon unterwegs; aber der Prozeß wird erst in der Ewigkeit spruchreif‹. So sagte sie. Ich kenne die heisere Stimme – es war Peter Graumann!« Klaus faßte den Bruder beim Arm und rief laut: »Hennecke, träumst du? Oder sind deine Ohren krank? Am hellen Mittag schlafen die Gespenster, und Peter Graumann spricht schon seit elf Jahren kein Wort mehr.« Doch Hennecke stieß den Bruder zornig hinweg. »Ich bin kein Kind und kein Träumer und habe keine kranken Ohren, in welchen die Furcht Worte anschlägt, die nie gesprochen wurden. Fühle meinen Arm, die Ader klopft wohl stark, aber dennoch ruhiger wie die deinige. Ich sage dir: Peter Graumann spricht von Zeit zu Zeit mit mir, ich könnte seine Unterhaltung nachgehends gewöhnt sein.« Klaus hatte noch nie etwas von dieser Geisterzwiesprach seines Bruders erfahren. Erstaunt fragte er, seit wann er denn Peters Stimme vernehme. »Seit zehn Jahren.« »Und du hast mir nie davon erzählt?« »Ich nahm mir's gleich anfangs vor, allein man muß sich Zeit lassen; nun weißt du's ja!« Ein kalter Schauer überlief Klaus. War sein Bruder am Ende gar verrückt geworden? Hennecke mochte einen solchen Gedanken ahnen. »Ich bin bei klaren Sinnen, Klaus, und fürchte mich nicht, gerade hier an dieser Stätte den ganzen Vorgang aufs klarste vor Augen zu sehen. Hier steht die Birke, hier haben wir am 5. Januar vor elf Jahren den Peter erstochen; damals schatteten die Zweige des Baumes kaum auf den Weg, jetzt überdachen sie ihn ganz. Hier lag er auf dem Schnee. Ich sehe alles so genau vor mir, wie ich's am Jüngsten Tage sehen und bekennen werde. Wir gaben dem Toten ein jeglicher noch drei Stiche, zum Zeichen, daß wir's gemeinsam getan und ein Recht, ja die brüderliche Pflicht hatten, ihn totzuschlagen. Und als der Barbier die Leichenschau vornahm, da rief er: ›Der Mann ist ja zugerichtet wie ein Fisch, den man auf dem Roste braten will!‹ Aber die halbe Gemeinde lobte uns, und das Gericht hat uns freigesprochen. Doch seit die Graumanns in Speyer klagten, regt sich Peter wieder und spricht unsichtbar mit mir. Die vielen Stiche konnte er ertragen, aber so einen Reichskammergerichtsprozeß erträgt selbst ein Gespenst nicht. Es dauert ihm zu lange, er wird ungeduldig wie ich selber. Zwar muß ich's billigen, daß das Kammergericht langsam und gründlich vorgeht, aber ehrlich gesagt, ich wünschte doch auch, daß sie dort jetzt bald zum Schlüsse kämen, weil mir Peters Gerede zuviel wird. Denn ist der Prozeß zu Ende, dann wird auch Peter Graumann Ruhe haben.« »Jawohl«, sagte Klaus, »und bis dahin haben wir alle Ruhe – im Grabe und unsere Kinder und Enkel dazu. Aber wie oft spricht denn Peter mit dir und zu welcher Zeit?« Hennecke antwortete: »Dies geschieht immer nur um Mitternacht oder um Mittag. Sind andere Leute zugegen, dann hören sie seine Stimme nicht. Er benachrichtigt mich, wann der Prozeß einen Ruck vorwärts tut und ein Bote von Speyer abgeht, er wird mir auch das Urteil zuerst verkünden. Peter war bis jetzt immer ganz gut unterrichtet, ein einziges Mal ausgenommen; denn auch die Toten irren sich mitunter.« Nun begann auch Klaus zu glauben, daß die Zwiesprache wirklich vor sich gehe und nicht bloß in Henneckes Einbildung. Allein so sehr er sich um noch genauere Auskunft bemühte, konnte er doch kein weiteres Wort aus Hennecke herausbringen. Dieser redete nun ganz vernünftig von anderen Dingen und sprach auch später niemals wieder von seinen heimlichen Unterhaltungen mit Peter Graumann. Niemand ahnte, welch furchtbare Kämpfe dieser starke und verschlossene Geist seit Jahren, mit sich selbst bestanden hatte und daß er in qualvollen Stunden dennoch öfters irregeworden war an seiner so ehrlich und reif erwogenen Pflicht, den Totschläger seines Bruders totschlagen zu müssen. Siebentes Kapitel Auch nach der Heirat des jüngeren Bruders bewohnten Klaus und Hennecke noch immer gemeinsam das väterliche Haus. Als sie eben von dem Gange nach Kiel heimkehrten, wurden sie von einer fremden Magd begrüßt, welche auf dem Flur arbeitete. Sie bot ihnen so freundlich lächelnd guten Tag, als sähe sie alte Bekannte wieder. Doch weder Hennecke noch Klaus wußten, wer das Mädchen sei. Erst da Klausens Frau herzutrat und berichtete, dies sei eine neue Magd, die sie gestern gedingt habe, sie komme aus Dänemark, behaupte aber, vor Jahren schon einmal hier im Hause gewesen zu sein, faßte Hennecke die Dirne schärfer ins Gesicht und rief, seltsam bewegt: »Das ist Martha!« und gab ihr die Hand. Kein Mensch im Dorfe hatte jenes blasse arme Kind wiedererkannt, das inzwischen zu einer stattlichen, frischen Jungfrau aufgewachsen war, nur Hennecke erkannte sie an ihren großen blauen Augen, die waren unverändert geblieben. Und er hatte diese Augen, welche Frieden sprachen und um Frieden baten, so oft im Geiste gesehen, wenn er irrewurde an seinem Recht! Den alten Matthias Plattner hatte er fast ganz vergessen, nur verwehte Laute aus seinen wunderlichen Reden hafteten noch in seinem Gedächtnis. Er glaubte aber zuletzt, Martha habe dieselben gesprochen, und was ihm aus dem Munde des Alten Torheit gewesen war, das dünkte ihm jetzt Weisheit aus dem Munde des Kindes – nicht häufig, aber doch zuweilen. Dann blickte ihn das Kindesauge so unschuldig an, und jener kühlende Hauch des Friedens strich ihm über die heiße Stirn – wie dazumal! Hennecke aber begrüßte Martha und gab ihr die Hand. Dies war die ganze Szene des Wiedererkennens. Dann ging er in Stall und Scheuer und fragte nicht einmal, wie denn Martha wieder hierhergekommen und wo sie inzwischen gewesen und was aus dem alten Matthias geworden sei. Klaus erzählte es ihm des anderen Tages unaufgefordert; Hennecke schien kaum zuzuhören, hörte aber doch. Matthias und Martha waren vor zwölf Jahren von Radesloe nach Schleswig gegangen, wo der Alte, wohl infolge der erlittenen Mißhandlungen und Entbehrungen, jählings starb. Das verwaiste Mädchen taglöhnerte hierauf von Ort zu Ort, bis es in Dänemark für geraume Zeit einen Dienst auf einem Bauernhofe fand. Jetzt aber wieder brotlos, war sie gegen Süden gewandert, und als sie durch Radesloe kam, entsann sie sich der guten Aufnahme, die sie hier vor Zeiten bei den Gülzows gefunden; sie fragte an und wurde von Klausens Frau gedingt, weil sie so stark und wohl anzusehen war, sich auch am ersten Tage schon als geschickt und fleißig erwies. Hennecke nahm keine Notiz von diesem Berichte und redete gleich darauf von ganz anderen Dingen. Nach einigen Tagen fragte ihn Klaus, ob der Bote von Speyer noch nicht angekommen sei, den ihm Peter Graumann verkündet, und ob Peter inzwischen wieder mit ihm gesprochen habe. Peter hatte sich seitdem nicht mehr vernehmen lassen, auch war kein Bote gekommen. Es verstrichen drei Wochen; Hennecke hörte die Stimme nicht wieder. Sonst zog er mitternachts, wenn Peter unsichtbar zu reden begann, die Bettdecke über den Kopf und hörte doch jedes Wort durch die Bettdecke hindurch; jetzt dagegen richtete er sich, erstaunt über des Gegners langes Schweigen, Schlag zwölf Uhr im Bette auf, blickte hellen Auges in den Mond und wartete mit Aug' und Ohr auf Peter; allein er sah und hörte nichts mehr. »Peter schweigt, seit Martha im Hause ist«, so sprach er dann zu sich selber, »sollte sie ihn von der Schwelle treiben?« Hennecke blickte manchmal verstohlen auf Martha, und seine Gedanken waren öfter bei ihr als in Speyer. Er machte sich Vorwürfe darüber und zwang sich, an den Reichskammergerichtspräsidenten unter seinem Thronhimmel zu denken, wenn er Martha die Kühe melken sah. Allein es gelang ihm durchaus nicht, die Stalldecke in einen Thronhimmel und die Magd in einen Präsidenten zu verwandeln. Übrigens würdigte er sie selten eines Wortes, und das war das wunderbarste: er erzählte ihr nicht einmal von seinem Prozeß, von seinem Rechte; denn wenn er davon hätte erzählen wollen, so hätte er ja zuerst von dem Totschlage erzählen müssen, durch den er den berühmten Prozeß erworben hatte, und er getraute sich nicht, vor Martha von dem Totschlage zu reden, dessen er sich doch sonst vor aller Welt berühmte. Ja, es beruhigte ihn, daß Martha noch gar nichts von demselben wußte; sie kam wenig unter die Leute, und die hatten sich ja auch längst schon satt gesprochen über jene alte Geschichte. An einem Samstag nach dem Feierabend setzte er sich auf die Bank im Hofe, rief die Magd herbei und sprach: »Vor zwölf Jahren stellte ich hier deinem Oheim Matthias eine Frage, die er mir in der Eile nicht beantwortete. Ich möchte jetzt die Antwort haben: Wie und durch wessen Hand verlorst du deinen Vater?« Martha errötete und zögerte, dann aber sagte sie schnell gefaßt: »Durch Henkershand.« Hennecke fuhr auf. Doch war er gleich wieder ruhig. »Erzähle mir, wie das geschah.« Martha sprach: »Mein Vater und sein Bruder Matthias lebten als Weber in Mergenholzen am Oberrhein, welches zur Herrschaft Windsberg gehört. Sie waren mit anderen aus Mähren dorthin eingewandert und bekannten sich in der Stille zur gereinigten Lehre, während der Herr von Windsberg und seine Leute zum römischen Glauben hielten. Der Herr hatte aber einen Amtmann, der meinen Vater ganz besonders haßte, weil er ihm einmal gesagt hatte, es sei nicht recht, daß er seine Bauern zum Prozessieren verhetze und sich von ihrem Hader reich mache. Darum kam der Amtmann eines Nachts mit dem Schreiber und vielen Knechten nach Mergenholzen; sie banden uns an die Pferde, und wir mußten nebenherlaufen aufs Schloß. Dort wurde uns befohlen, von unserem Glauben abzustehen und römisch zu werden. Da sich mein Vater und Oheim dessen weigerten, wurden sie auf die Folter gelegt, und weil ich noch zu zart fürs Foltern war, mußte ich zusehen, wie sie gemartert wurden. Sie blieben ihrem Glauben treu, und nun sprach ihnen der Amtmann das Leben ab und berief sich auf des Kaisers Befehl an seinen gnädigen Herrn. Meinem Vater wurde der Kopf abgeschlagen, dem Oheim Matthias aber gelang es, mit mir aus dem Kerker zu entfliehen, und so kamen wir damals hierher. Der Vater aber hat vor dem Block dem Henker verziehen und dem Amtmann und dem gnädigen Herrn und dem Kaiser und ist freudig gestorben mit dem Gebet, daß Gott seinen Verfolgern die Sünden vergeben möge. So erzählte mir's mein Oheim oft, wie er's von den überall zerstreuten Glaubensgenossen gehört hatte; denn diese waren zahlreich unter den Römischen im Oberland und hätten sich wohl rächen können an dem bösen Amtmann. Aber sie taten's nicht, und auch mein Oheim sann keine Rache, da er doch den Bruder und Hab und Gut verloren hatte und wie ein Bettler in der Fremde schweifen mußte. Und auch mich hat er oft beten heißen für unsre Verfolger; denn die unrecht an uns getan, bedürfen unseres Mitleids und unserer Fürsprache.« Hennecke schwieg lange vor Staunen und Bewegung. Dann sprach er: »Es scheint, das gute Recht ist doch rarer in deutschen Landen und selbst beim Kaiser, als ich dachte. Aber wäret ihr und euer Anhang gleichstark gewesen wie der Herr von Windsberg, so hättet ihr euch dennoch gerächt und Blut mit Blut gesühnt. ›Aug' um Auge, Zahn um Zahn‹, so heißt's in der Bibel.« Darauf entgegnete die Magd: »Der Spruch, den Ihr anführt, steht im Alten Testament, im Neuen aber, welches stärker ist als das Alte, steht geschrieben: ›Die Rache ist mein, ich will vergelten, spricht der Herr‹. Und jener, der der Geißel willig seinen Rücken bot und am Kreuze rief: ›Vater, vergib ihnen!‹, war dennoch der Stärkste, welcher je auf Erden wandelte.« Hennecke erwiderte nichts weiter und ging ins Haus. Achtes Kapitel Nach zwölf Jahren hatte Hennecke nun also doch die Geschichte zu Ende gehört, welche Matthias damals begann und in der Eile nicht vollendete. Man erfährt zuletzt alles, wenn man Geduld hat. So trug Hennecke denn auch die vollendete Geschichte ein Vierteljahr mit sich herum und dachte darüber nach, ohne mit Martha weiter davon zu reden. Er sprach überhaupt nicht mehr viel mit der Magd; fast schien es, als ob er ihr aus dem Wege gehe. Am ersten Weihnachtstag nach der Kirche sagte er seinem Bruder, er wolle ihm etwas Neues mitteilen, und lud ihn auf seine Stube, deren Tür er von innen verriegelte. Dann sprach er: »Klaus, ich will heiraten!« »Und wen denn?« »Martha!« Klaus war starr vor Schreck über diese ungeahnte Neuigkeit. Ein Scherz konnte es nicht sein, denn Hennecke spaßte niemals; aber welche Martha meinte er? Es gab nur eine, die nur allzu nahe zu finden war, und Hennecke meinte eben diese. Vergebens stellte ihm Klaus vor, wie tief er sich herabwürdige durch eine solche Heirat, er, der reichste Bauer, mit einer bettelhaften Magd, er, ein Mann, gegen den das Reichskammergericht wegen Landfriedensbruchs verhandle wie gegen einen kriegführenden großen Herrn, mit diesem hergelaufenen Ding, das vielleicht nicht einmal von ehrlichen Eltern stamme. Alle Gründe verfingen nicht; Hennecke gab sich nicht einmal die Mühe, sie zu widerlegen, er beharrte einfach auf seinem Willen, und Klaus wußte, daß dieser nicht zu beugen sei. Doch schöpfte er einige Hoffnung, als Hennecke ihm zuletzt versicherte, er habe Martha noch kein Wort von seiner Absicht gesagt, sich auch sonst nicht das mindeste gegen sie merken lassen. Denn er halte es für Recht und Pflicht, zuerst seinem einzigen nahen Verwandten, seinem leiblichen Bruder, Kunde zu geben von dieser Familiensache. Übrigens legte er ihm Schweigen auf. So gingen sie voneinander. Klaus hielt das Schweigen keineswegs. Ratlos, wie er war, schüttete er zunächst seiner Frau sein Herz aus über Henneckes tolles Vorhaben, dann auch einigen Freunden, natürlich jedesmal unter dem Siegel der Verschwiegenheit. Was sollte er tun? Etwa Martha sofort entlassen und aus dem Dorfe schaffen, bevor sie den Antrag erhalte? Das wagte er nicht aus Furcht vor dem Bruder. Oder sollte er unterderhand Hennecke eine schlechte Meinung von Martha beibringen und Martha eine schlechte Meinung von Hennecke? Beides würde schwerlich gelungen sein. In genauer Erwägung der Natur seines Bruders kam er zuletzt auf den gescheitesten Einfall: gar nichts zu tun. Hennecke ließ voraussichtlich wiederum Wochen und Monate verstreichen, ehe er Martha ein Wort sagte; inzwischen fand sich vielleicht doch ein unverhoffter Anlaß, das Mädchen zu entfernen oder den Bruder auf bessere Gedanken zu bringen. Hennecke wartete in der Tat von Weihnachten bis Lichtmeß, ohne sich gegen Martha das geringste merken zu lassen. Aber im stillen tat er derweil nicht einen, sondern viele Schritte vorwärts. Er lebte nach alter Gewohnheit in sich selbst und mit sich selbst, er verkehrte mit seinen Gedanken und führte ganze Scharen von Gedanken auf, welche die längsten Gespräche untereinander hielten, sich verklagten und entschuldigten. Dabei rückte ihm Martha innerlich immer näher, sie ward ihm mit jedem Tage unentbehrlicher. Er wußte jetzt auch ganz bestimmt, daß sie allein Peter Graumann zum Schweigen gebracht; denn seit Martha im Hause war, hatte Peter nicht mehr mit ihm gesprochen. Hennecke suchte Martha zunächst nicht zu besitzen, aber er fürchtete sich, sie zu verlieren. Obgleich er Marthas Geist der Versöhnung nicht begriff und ihn keineswegs nachahmen wollte, bewunderte er ihn doch, vornehmlich weil sie ein Mädchen war; denn bei einem Manne wie Matthias hatte ihn dieser Versöhnungsgeist verdrossen. Wir bewundern auch eine Heilige, ohne sie zu begreifen, geschweige daß wir sie nachahmten. Er glaubte nach wie vor, recht gehandelt zu haben; aber Martha erschien ihm besser als er, und er wußte selbst nicht, warum. Alle wahre Liebe gründet darauf, daß wir in dem geliebten Wesen ein besseres Wesen ahnen. Wer sich zu der Geliebten herabläßt, wer ihr gleichzustehen meint, der liebt nicht. Und Hennecke liebte wahrhaftig. Es war nicht Unschlüssigkeit, daß er säumte, Martha seine Liebe zu gestehen, er zögerte mit diesem Bekenntnis bloß, weil er, der eiserne Mann, zu schüchtern war angesichts der armen Magd, die er für besser hielt als sich selber. Aber wenn sich etwa ein anderer gut genug für Martha gehalten haben würde, so hätte er dem gleich den Schädel einschlagen mögen. Das ist wahre Liebe. Inzwischen ahnte Martha nicht das leiseste von dem Sturm, der durch Henneckes Seele brauste; sie merkte auch nicht, daß sie bereits ins Gerede des halben Dorfes gekommen war, daß man Hennecke um ihretwillen mitleidig, sie selbst aber um Henneckes willen neidisch anblickte. Denn Henneckes geheimer Vorsatz war von wenigen bald zu vieler Ohren gewandert. Doch wagte niemand gegen sie ein Wort davon zu äußern, teils aus Neid, teils aus Furcht vor Henneckes Zorn. Da sah sie eines Tages den Gerichtsboten ins Haus gehen. Sie kümmerte sich nicht weiter darum. Allein andere Leute waren um so neugieriger, und eine Nachbarsfrau fragte sie noch selbigen Abends, ob der Bote wohl wieder Geld geholt habe für den großen, berühmten Prozeß in Speyer. Martha wußte von keinem Prozeß. Die Frau lachte sie aus, daß sie allein im Dorf, die seit Monaten unter dem Gülzowschen Dach wohne, von dem Prozeß nichts wissen wolle, von dem das ganze Reich wisse, von der Klage gegen die Gülzows wegen Mord und Totschlag, Krieg und Landfriedensbruch und wie man das Ding sonst heiße! Nun wurde Martha doch neugierig und ließ sich von der Frau erzählen, wie Hennecke und Klaus den Peter Graumann erschlagen hätten und nun deshalb beim kaiserlichen Kammergericht unter Anklage stünden. Martha wollte es gar nicht glauben, sie verteidigte die Brüder, hielt die Frau für eine Verleumderin; aber etwas Wahres mußte doch an der Sache sein. Da trat ihr bei der Heimkehr Hennecke entgegen. Heute hatte er endlich den Entschluß gefaßt, Martha sein Herz zu öffnen und ihr die Heirat anzutragen. Wie die Nachbarsfrau richtig erraten, hatte der Bote zwar nur Geld geholt, allein zugleich in Aussicht gestellt, daß der große Prozeß demnächst wieder einen Ruck vorwärts tun werde. Also drohte Peter Graumann wieder mit einer Unterredung, und Hennecke empfand ein mächtigeres Verlangen nach Marthas Besitz als je zuvor. Jetzt wollte er sprechen. Neuntes Kapitel Er hieß Martha ihn auf seine Stube begleiten. Dort verriegelte er die Tür von innen, genau wie er's gemacht, als er dem Bruder die wichtige Familiennachricht eröffnete, setzte sich nieder, ließ Martha vor sich stehen und erklärte dann dem erschrockenen Mädchen kurz und rund, daß er sie zur Frau begehre. Sie bringe ihm zwar keine Aussteuer mit, allein er bedürfe deren auch nicht und wolle ihr ein so gutes Wittum aussetzen, daß sie nach seinem Tode wie die beste Witwe in ganz Radesloe leben könne. Martha zitterte an allen Gliedern, sie hielt diese Rede für Spott; aber Hennecke war immer so ernst und gut gegen sie gewesen, er konnte nicht so grausam spotten. Sie sagte darum, sie verstehe ihn gar nicht, er möge sich deutlicher aussprechen. Hennecke erwiderte: »Ich will dich heiraten; das ist doch deutlich genug.« Jetzt sah Martha aus seinem Auge, sie hörte aus seinem Tone, daß es ihm heiliger Ernst war; sie brach in Tränen aus und dankte ihm für die große und unverdiente Güte, aber sie konnte nichts weiter herausbringen. Doch Hennecke begehrte, daß sie nun auch ebenso deutlich spreche wie er, nämlich: »Ja oder nein!« Martha sammelte sich, vermochte aber erst nach sichtbaren inneren Kämpfen zu sprechen: »Ihr begehrt Unmögliches. Ich hatte bisher ein Geheimnis vor Euch, das müßt Ihr nun erfahren. Ihr könnt mich nicht heiraten: ich bin eine Wiedertäuferin!« Das Wort traf den starken Mann wie ein Blitzschlag. Er wußte zwar gar nicht, was eigentlich ein Wiedertäufer ist, hatte aber doch gehört, daß diese Leute ihre Kinder zweimal taufen, zuerst wie andere Christen, wann sie eben zur Welt gekommen, dann aber und nun erst recht ordentlich, wann sie groß geworden seien und bei ihrem eigenen Taufschmause mitessen könnten. Das deuchte ihm ein furchtbarer Frevel: war dadurch das Sakrament der Taufe nicht ganz verdorben und auf den Kopf gestellt? Derselbe Schlüssel, welcher, einmal umgedreht, den Himmel öffnet, schien ihm, zweimal umgedreht, noch viel sicherer die Hölle aufzuschließen. Allein wenn er das weinende Mädchen ansah, wie sie ihm gleich einem Engel hilfreich in seinen Kämpfen und schweren Träumen erschienen war, dann konnte er doch nicht glauben, daß sie schon ganz dem Teufel verfallen sei. Darum fragte er endlich: »Und bist du denn wirklich zum zweitenmal getauft?« »Ja und nein!« antwortete Martha. »Ich will Euch bekennen, wie's mit mir steht. Ich bin noch nicht zum zweitenmal getauft; denn als man uns gefangennahm, war ich noch zu jung, und dann irrte ich ja mit Oheim Matthias durch die weite Welt, und der Oheim starb so bald. Aber höret genau: Da man uns nach Schloß Windsberg der Marter und dem Tod entgegenführte, wurde ich von meinem Vater gefragt, ob ich bereit sei, mit ihm für unsern Glauben zu sterben. Und da ich es fest bejahte, legte er mir die Hand auf den Kopf und erklärte mich auch ohne Taufe für ein rechtes Glied der Gemeinde. Und so bin ich dennoch in Todesnöten wiedergetauft, wenn ich gleich die Taufe nicht zum zweitenmal empfangen habe.« Hennecke atmete auf. »Das Handauflegen gilt nichts, und du bist also doch keine rechte Wiedertäuferin! Aber was hat man dich sonst zu glauben gelehrt?« »Man lehrte mich, Gott zu lieben über alles und meinen Nächsten wie mich selbst, keine Rache zu nehmen für erlittenes Unrecht, keinen Streit zu führen, sondern vielmehr zu segnen, die mir fluchen, keinen Eid zu schwören, fleißig zu arbeiten und zu beten und in froher Hoffnung den Jüngsten Tag zu erwarten, der bald kommen wird. Ich war noch ein gar einfältiges Kind, vielleicht hat man mir gar nicht alles gesagt, und mein Oheim hätte mich gewiß noch mehr gelehrt, wenn ich größer gewesen wäre und wenn uns Hunger und Not nicht überall auf den Fersen gesessen hätten. Oheim Matthias war keiner von den Strengen, er trug keine Haften am Rock; mich ließ er zwar ein ganz besonderes schwarzes Häubchen tragen, aber weil mich im fremden Land die Kinder darüber auslachten, verbarg ich's unter der Schürze, und er schalt mich nicht, und jetzt könnt' ich das Häubchen gar nicht mehr aufsetzen, denn es ist mir viel zu klein geworden.« Diese Worte wirkten auf Hennecke wie ein befreiender Zauber. Martha mußte ihm gehören, es koste, was es wolle. Sie war ja noch gar keine Wiedertäuferin. Er erklärte ihr jenen seinen Willen, zwar nicht minder kurz wie vorher, aber in leidenschaftsvollem Ton. Martha blickte betrübt zu Boden. Sie sagte leise: »Ich hatte ein Geheimnis vor Euch und habe es ausgesprochen; doch auch Ihr habt ein Geheimnis vor mir. Ist es wahr, daß Ihr den Peter Graumann mit Vorbedacht erschlugt, um Euren Bruder zu rächen? Ist es wahr, daß Ihr deshalb in Anklage verstrickt seid beim Reichsgericht und stolzer auf den Besitz dieser Anklage als auf Haus und Hof?« »Das ist alles wahr«, entgegnete Hennecke. »Ich habe für meinen erschlagenen Bruder in aller Geduld Recht beim Richter gesucht und nicht gefunden; also mußte ich selber ihn rächen. Das tat ich auch gar nicht übereilt, sondern mit reifem Vorbedacht und mache kein Geheimnis daraus. Ich rühme mich der Anklage und des Prozesses in Speyer; denn derselbe beweist, daß wir, Klaus und ich, wie Männer handelten, und wir werden auch als Männer siegen.« Da erklärte Martha fest: »Beharret Ihr bei diesen Worten, so kann ich niemals Eure Frau werden. Ich muß ja wohl bekennen, daß Euer gütiger Antrag mir das Herz bewegt; und jetzt will es fast brechen. Wie mit Gewalt kommt es plötzlich über mich, daß ich Euch lieb habe, woran ich doch vorher niemals dachte; ja, daß ich Euch lieb habe, den trotzigen, vornehmen Mann, der sich so mild zu einem verstoßenen Mädchen niederbeugt. Aber ich muß fort, ich kann Euch nicht heiraten. Gott weiß, ob unsere Gemeinde noch besteht und ob ich in aller Form zu ihr gehöre und recht glaube; aber im Geiste und Willen folge ich dem Geiste meines Vaters!« Sie ging zur Tür und schob den Riegel zurück. Hennecke ließ es schweigend geschehen. Sie öffnete: allein auf der Schwelle wartete sie wieder und kehrte sich um. »Ich weiß nicht, was ich tun soll. Vielleicht ist's eine schwere Sünde, was ich jetzt sagen will, und dennoch sei's gesagt! Hennecke! Ich will Euch heiraten; aber söhnet Euch vorher aus mit den Graumanns, bereuet Euren Totschlag, sühnet Euer Vergehen, rühmet Euch nicht mehr des Besitzes Eurer Anklage, sondern sorget mit aller Macht, daß sie zurückgezogen werde.« »Das kann ich nicht!« rief Hennecke finster. »Meine Rache war mein Recht!« »Ich gebe Euch drei Tage Bedenkzeit«, sprach Martha und trat noch einmal zu ihm heran und reichte ihm die Hand. »Suchet mich nicht auf, redet nicht mit mir in dieser Frist. Sind wir allein, dann kommen uns die guten Gedanken.« So schieden sie. Zehntes Kapitel Hennecke wußte nicht, wie ihm geschah; eine Magd, eine heimatlose Dirne, gab ihm drei Tage Bedenkzeit, daß er sich ihrem Willen füge, statt seinen Antrag mit beiden Händen zu ergreifen, einen Antrag, um welchen sie die reichsten und schönsten Mädchen im ganzen Dorfe beneiden mußten! Er kämpfte die drei Tage mit sich selbst, daß er hätte von Sinnen kommen mögen; denn er liebte Martha nun noch heftiger als vorher. Aber nach drei Tagen antwortete er ihr dennoch: »Ich will mich allem fügen, was du begehrst, nur dem einen nicht, daß ich bekenne, gegen Peter Graumann unrecht gehandelt zu haben, und bereue und Sühne biete. Ich war und bin in meinem Recht; das behaupte ich vor Kaiser und Reich, das nehm' ich auf meine Seligkeit beim Jüngsten Gericht!« »So müssen wir scheiden!« sprach Martha zitternd. »Vergelt' Euch Gott, was Ihr mir Gutes getan!« Hennecke wollte sie zurückhalten, wollte reden; aber er konnte nicht. Sie ging hinüber zu Klaus und bat ihn um die Gunst, augenblicklich wieder abziehen zu dürfen. Sie fürchtete abschlägigen Bescheid, da sie sich bis Georgi verdingt hatte; allein Klaus war überfroh, die gefährliche Dirne so geschwind loszuwerden; er gab ihr noch den vollen Lohn bis Georgi zur Wegzehrung mit, und sie schnürte ihr kleines Bündel und ging. Das alles geschah in einer halben Stunde. Hennecke sah Martha mit dem Bündel aus dem Hause gehen, er wollte ihr nachrufen, die Stimme versagte ihm; er sah sie um die Ecke biegen, ohne daß sie einen Blick zurückwarf. Jetzt war sie verschwunden. »Gottlob!« sprach Klaus zu seiner Frau. »Martha ist fort, nun wird Hennecke wieder gescheit werden.« Sie wunderten sich, daß Hennecke nicht zum Abendessen kam. Er hatte sich eingeschlossen; als Klaus an der Tür pochte, rief er, man solle ihn allein lassen, er begehre nichts. Des Nachts hörte ihn Klaus aus der anstoßenden Kammer heftig mit Peter Graumann reden. Am anderen Morgen ging er in die nun wieder geöffnete Stube, um zu sehen, wie es mit dem Bruder stehe. Der saß ganz feierlich vor dem Tisch auf einem Lehnstuhl. Auf dem Tisch aber lag die Hausbibel; er hatte sie mitten auseinandergeschnitten, in eine größere und kleinere Hälfte, das Alte und Neue Testament, welche gesondert zur Rechten und Linken geschoben waren. Es war nichts Auffallendes an Hennecke zu bemerken; nur seine Augen rollten unstet. »Um Gottes willen, Hennecke! was treibst du?« fragte Klaus. »Gerichtsdiener!« rief Hennecke. »Heißt den einfältigen Bauern schweigen, der mich unterbricht. Ich heiße nicht Hennecke; jener Hennecke Gülzow steht dort neben Euch an der Armensünderbank. Ich bin der Kammerrichter des höchsten Reichsgerichts, vom Kaiser bestellt. Ihr Beisitzer« – und er blickte im leeren Raum umher, als umringe ihn eine zahlreiche Versammlung –, »helft mir dieses große Buch mit dem kleinen in Einklang bringen. Dort stehet geschrieben: ›Aug' um Auge, Zahn um Zahn!‹ Hier dagegen: ›Die Rache ist mein, ich will vergelten, spricht der Herr!‹ Wie reimt ihr beides? Wir bedürfen dieser Textesstellen in dem weltberühmten Prozesse Graumann contra Gülzow. Das kleine Buch wird dem Hennecke den Hals brechen, wenn es über das große siegt.« Klaus stürzte zur Tür hinaus und rief seine Frau. »O Jammer! Hennecke ist verrückt! Er hält sich für den kaiserlichen Kammerrichter, er hat die Bibel zerschnitten und sitzt über sich selbst zu Gericht!« In der Tat, Hennecke war verrückt. Fruchtlos blieben alle Versuche, ihn zu überzeugen, daß da, wo er den Hennecke sehe, bloße Luft sei und daß er selbst kein Kammerrichter, sondern eben jener Hennecke. Er geriet in Wut über dieses Verbrechen des versuchten Austauschs seiner Person, wie er's nannte, und wollte gleich eine Klage darüber in Speyer anhängig machen; behandelte man ihn aber als Kammerrichter, dann war er ruhig. Wochenlang saß er von früh bis spät vor dem Tisch, die zerschnittene Bibel prüfend und vergleichend; dann verhörte er die beiden Angeklagten, hauptsächlich den Hennecke Gülzow, vernahm Zeugen, beriet mit den Beisitzern, ließ Gutachten abverlangen, Akten ausfertigen und unterschrieb Protokolle. Eines Tages rief er alle Leute im Hause zusammen und befahl ihnen, die Fenster und Türen zu öffnen und sich dann im Kreise an den Wänden des Zimmers aufzustellen; denn um den Tisch – wie er meinte – saßen ja die Beisitzer und rechts und links etwas seitab Kläger und Beklagte. Man tat ihm den Willen. Da nun alle ihn umstanden, erhob er sich mit furchtbarem Ernste und legte das Neue Testament über das Alte, daß es dasselbe ganz zudeckte. Dann sprach er mit weithallender Stimme: »Der weltberühmte Prozeß Graumann gegen Gülzow ist spruchreif. Das kleine Buch hat gesiegt über das große, und zwar mit dessen eigenem Spruche. Denn auch das große Buch, welches mich vorn rechtfertigte, verdammt mich hinterher, und die Stelle Römer 12, 19 ist abgeschrieben aus 5. Mose 32, 25. Bindet mir die Bibel wieder zusammen! Hennecke Gülzow, tritt vor! Dein Recht sollst du jetzt haben. Ich, der kaiserlichen Majestät Kammerrichter, erkenne dich schuldig des vorbedachten Mordes, verübt an Peter Graumann, und des Landfriedensbruchs. Du bist gerichtet!« Bei diesen Worten sank er lautlos in den Lehnstuhl zurück. Er war tot. Der wirkliche Prozeß in Speyer fand niemals ein Ende; er wurde nach Henneckes Tode noch lange gegen dessen Bruder fortgeführt, und die vorhandenen Akten zeigen keinen Abschluß. Aber ein höherer Richter hatte schon längst das Urteil gesprochen. Jörg Muckenhuber 1860 Erstes Kapitel Im Jahre 1594 hatte der Stadtschreiber von Nördlingen einen seltsamen Besuch. Ein etwa zwanzigjähriger, baumstarker fremder Bursche, verwahrlost und zerlumpt, kam eines Morgens auf die Amtsstube, pflanzte sich ohne Gruß dem Schreiber gegenüber und starrte ihn schweigend an. Auf die barsche Frage: »Was willst du?« antwortete er ebenso barsch: »Einen Strick!« Der Stadtschreiber sagte, da sei er fehlgegangen, der Seiler wohne links um die Ecke. Der Bursche aber erwiderte, den Seiler brauche er nicht, sondern den Henker; er wolle gehenkt sein. Dem Stadtschreiber gruselte es, denn er glaubte, der fremde Kerl sei verrückt. Er rief daher einen handfesten Knecht herbei, ehe er das wunderliche Gespräch weiterführte. Der Fremde bekannte sich nun als einen heimatlosen Landstreicher, von seinen Genossen Jörg Muckenhuber geheißen, und da seine Sprache aus ebenso vielen Lappen von allerlei Mundart zusammengeflickt war wie sein Rock aus alten Tuchlappen, so mußte man ihm auch wohl ohne Heimatschein glauben, daß er überall und nirgends zu Hause sei. Er erzählte dann kurz und kalt, daß er vor mehreren Wochen einen reisenden Krämer auf Nördlinger Gebiet ermordet, auch zwischen Augsburg und Kaufbeuren einen welschen Juden umgebracht habe. Der Jude und der Krämer ließen ihm aber nachts keine Ruhe mehr: darum wolle er gehenkt sein, und da er den letzten Mord auf Nördlinger Grund und Boden begangen, so könne sich der Rat dieser Reichsstadt auch nicht weigern, ihn an den Nördlinger Galgen zu hängen. Der Stadtschreiber schimpfte gewaltig und meinte, da könne jeder gelaufen kommen; die Stadt habe ihren Galgen für ihre eigenen Bürger gebaut und nicht für fremdes Gesindel, ließ aber doch den Muckenhuber in Gewahrsam führen und trug den Handel dem Rate vor. Der Rat in corpore konnte zwar anfänglich auch nicht daraus klug werden, ob der Bursche ein Narr sei oder ein verzweifelnder Bösewicht. Da man aber damals Verrückte ohnehin in dasselbe Loch zu werfen pflegte, in welchem Diebe und Mörder saßen, so lag Jörg Muckenhuber einstweilen gut und sicher im Turm, und die Sache war jedenfalls richtig eingefädelt, mochte auch weiter ans Licht kommen, was da wollte. Der Folterknecht, der Pfarrer und der Feldscherer, welche den Gefangenen der Reihe nach besuchten und jeder nach seiner Weise sondierten, erklärten einmütig, daß der Bursche zwar äußerst roh und verwahrlost sei, allein von sehr klarem Verstande und daß er bei seinem Geständnis beharre. Inzwischen durchlief die Neuigkeit natürlich rasch die Stadt, und die guten Bürger stritten heftig darüber, ob man auch einen auf sein bloßes Geständnis und dringendes Begehren hängen könne, selbst wenn sich die Tat, deren er sich anklage, weiter gar nicht erweisen lasse. Denn nirgends war eine Spur von dem angeblich an dem reisenden Krämer verübten Morde aufzufinden. Auch als man den Muckenhuber unter starker Wache und großem Zulauf hinausführte, daß er den Ort bezeichne, wo er den Krämer erschlagen und die Leiche verscharrt, wußte er zwar durch die feinsten Gründe und Ausreden seine Richter zu verwirren und stutzig zu machen, allein eine tatsächliche Urkunde des Frevels entdeckte man nicht. Der Gefangene aber blieb steif und fest bei seinem Satz, daß er den fremden Krämer auf Nördlinger Boden umgebracht habe und also am Nördlinger Galgen gehenkt werden müsse. Obgleich die deutschen Reichskleinstädtler zu jener Zeit an hochgewürzte kriminalistische Dramen gewöhnt waren wie ans tägliche Brot, so wuchs doch die Spannung über diesen unerhörten Fall von Tag zu Tag; namentlich konnte man die Antwort des Augsburger und Kaufbeuerner Magistrates kaum erwarten, denen das Nördlinger Gericht die Akten zugesandt hatte mit dem freundnachbarlichen Ersuchen um genaue Forschung nach dem angeblich zwischen beiden Städten an einem welschen Juden verübten Mord. Allein auch hier hatte man weder von einem welschen Juden noch von einem Morde das mindeste aufgespürt. Weil nun aber im peinlichen Verfahren des sechzehnten Jahrhunderts das eigene Geständnis hoch über jedem anderen Beweise stand, so konnten sich die Richter nicht beruhigen, zumal der Bursche mit immer neuen Gründen den Mangel aller äußeren Anzeichen zu erklären wußte. Man schritt also zum schärfsten Prüfstein der Wahrheit, zur Folter. Hatte man schon so oft bei Leuten, die keine Verbrecher sein wollten, das Geständnis der Schuld herausgefoltert, warum sollte man nicht auch einmal umgekehrt bei einem Manne, der schlechterdings ein Verbrecher sein wollte, das Geständnis der Unschuld herausfoltern können? In der Folterkammer aber kam der Nördlinger Rat erst recht vom Regen in die Traufe. Denn bei den Daumschrauben blieb Jörg Muckenhuber bei seinem alten Lied, und als man ihm zur Steigerung weiter die spanischen Stiefel anlegte, begann er sogar noch eine Liste von Räubereien dazu zu bekennen, von denen jede einzelne für sich schon den Galgen verdient hätte. Der Untersuchungsrichter hatte zwar auch noch einen Ritt auf dem scharfkantigen Esel für den Inquisiten in Aussicht genommen, allein aus Furcht, der unbeugsame Jörg möge da wohl gar noch etliche Brandstiftungen als Zugabe dreinschenken, ließ man's bei den zwei ersten Graden der peinlichen Frage bewenden und führte den triumphierenden Burschen wieder in sein Loch zurück, indes der Rat ratloser war als zuvor. Denn obgleich den Klügeren nun ein ziemlich helles Licht aufging, daß Jörg Muckenhuber die ganze Reichsstadt zum besten habe, so war doch ein solcher Galgenhumor ganz beispiellos. Auch konnte niemand einen Grund ersinnen, weshalb der struppige Gesell mit einem Mut und einer Willenskraft ohnegleichen seinen Hals dem Strick und seine Glieder der Folter darbot. Das war doch selbst für den boshaftesten Spaß zuviel. Dazu kam, daß nicht bloß das angebliche Verbrechen, sondern auch die ganze Person dieses Muckenhuber wie über Nacht aus dem Boden gewachsen erschien. Denn von seiner Herkunft ließ sich ebensowenig eine Spur auffinden wie von seinen Verbrechen. Einige behaupteten kurzweg, es sei der Teufel selber, der sich den Spaß mache, in dieser Maske ganz Nördlingen an der Nase herumzuführen. Allein hiermit war der schwierigste Teil der Frage doch nicht gelöst, nämlich was man denn überhaupt nun mit dem Landstreicher anfangen solle. Die öffentliche Meinung neigte damals so ziemlich zu dem Satze, daß es im Zweifelsfalle besser sei, drei Unschuldige zu hängen, als einen Schuldigen laufen zu lassen. Und überdies war Jörg Muckenhuber unter allen Umständen schuldig. Denn hatte er jene Mordtaten verübt, dann verdiente er den Galgen; hatte er sie aber nicht verübt, dann verdiente er erst recht den Galgen, weil er den ganzen Rat einer Reichsstadt so fabelhaft zum Narren gehalten hatte. Da man sich aber durchaus nicht einigen konnte, auf welche von diesen beiden Arten er den Galgen verdient habe, so ließ man ihn einstweilen ruhig in seinem Loche sitzen. Zweites Kapitel Dort sah es nicht gar freundlich aus. Die Zelle war halb über, halb unter der Erde in einem kleinen Turm, der nach drei Seiten in einem sumpfigen Wassergraben stand; an Licht hatte das Gemach gerade keinen Überfluß, doch fiel durch ein schmales Fensterchen wenigstens so viel Helldunkel herein, daß man an einem sonnigen Mittage einen Tisch von einem Stuhl hätte unterscheiden können, wenn nämlich derlei Luxusgeräte vorhanden gewesen wären. Desto besser war die Nachbarschaft. Unter der Fensterscharte sangen die Frösche im Sumpfgraben sehr mannigfaltig und vollchorig. Zur Seite aber grenzte ein anderes Gefängnis, von einem alten Weibe bewohnt, welches hartnäckig leugnete, daß sie eine Hexe sei. Ihr sogenanntes Fenster ging gleichfalls auf den Graben, und wenn beide Nachbarn zu ihren Fenstern hinaussprachen, so konnten sie sich recht gut unterhalten, doch ohne einander zu sehen, und niemand außer den Fröschen belauschte ihre Zwiesprach. Auf ganz eigene Art hatte dieser Verkehr begonnen. Jörg erhielt nämlich die erste Kunde von seiner Nachbarin, indem er sie laut beten hörte. Es war kein weiches, demütiges Beten, sondern heftig, fast stürmisch, als ob die Alte eher Befehle als Bitten an unseren Herrgott zu schicken habe. Jörg hatte nie beten gelernt, weder laut noch leise, und anfangs deuchte ihm die Andacht der Alten sehr wunderlich; allmählich aber imponierte es ihm, daß ein altes Weib so nachdrücklich mit Gott zu sprechen sich getraue, und er meinte, die daneben müsse wohl baumstark sein und zehn Männer im Zaum halten können. Er gab übrigens seinerseits nicht das erste Wort zum Gespräch, sondern wartete, bis die Nachbarin seine Anwesenheit erlauschte und ihn anredete. Auch heroische Weiber plaudern gern. So brachte eine Rede die andere, und bald waren die beiden Leidensgenossen recht vertraut miteinander, ohne daß sie sich jemals gesehen hatten. Das Ohr mußte zugleich Auge sein. Anfangs warf Jörg der Nachbarin manchen trotzigen und spöttischen Satz in die freundliche Ansprache; allein die Alte antwortete immer so mild und doch so überlegen, daß Jörgs Übermut bald gezähmt war. Die vorher verhöhnte Zwiesprach mit der Unbekannten ward ihm zum süßen Bedürfnis. Drei Dinge begannen ihm das harte Herz zu bewegen: die Stille des Kerkers, in welcher er sich selber fand, die Stimme der Natur tief unten herauf von den Fröschen im Graben, die ihm manchmal wie ein Lockruf zur verlorenen Waldesfreiheit des Landstreichers klang, und die Stimme nebenan aus mitfühlender Menschenbrust. Doch blieb er fest bei seinem Satze, daß er auf Nördlinger Grund und Boden gehenkt werden wolle. Nach etlichen Tagen kannte Jörg schon haarklein die Schicksale seiner Nachbarin, doch schwieg er immer noch hartnäckig über sein eigenes. Die Alte war die reiche, kinderlose Witwe des Kronenwirts, Maria Hollin. Mit sechzig Jahren mußte sie den Jammer erleben, als Hexe angeklagt zu werden. Eine reiche Hexe ist eine Rarität. Man hatte aber in Nördlingen seit fünf Jahren fast alle häßlichen und armen Weiber weggebrannt, und da jede Hexe Mitschuldige angeben mußte und der Eifer der Hexenrichter mit der Zahl der Scheiterhaufen wuchs, so kam die Reihe zuletzt auch an die schönen, jungen und reichen Frauen. Unglückliche Frauen gab es da genug, aber so unglücklich und so heldenhaft zugleich wie Maria Hollin war keine zweite. Sie hatte achtundfünfzigmal auf der Folterbank gelegen und doch nichts gestanden! Wohl hatte Jörg Muckenhuber aus dem Ton ihres Gebetes richtig herausgehört, daß sie zehn Männer im Zaum halten könne. Die Richter waren in Verzweiflung; denn eine achtundfünfzigmal Gefolterte freizusprechen das ging doch nicht an, und sie ohne Geständnis zu verurteilen, ebensowenig. Dazu kam, daß die Kunde von der Sündhaftigkeit der Hollin ins Volk gedrungen war und ihr viele verstohlene Teilnahme erweckt, auch ein leise anwachsendes Murren gegen die gefürchteten Hexenrichter erregt hatte. Bisher war alles so glatt und nett abgelaufen. Zweiunddreißig Weiber waren angeklagt, gefoltert, überführt, verbrannt worden: keine hatte große Umstände gemacht. Höchstens, daß man die eine oder andere einmal mit Fußgewichten so lange am Strick ausgerenkt mußte schweben lassen, bis die Richter gefrühstückt hatten. Kamen sie dann vom Frühstück zurück, so erfolgte allemal das offenste Geständnis. Und nun war durch die Halsstarrigkeit dieser Hollin der ganze schöne Rechtsgang auf einmal ins Stocken geraten! Denn außer ihr war noch eine große Zahl verdächtiger Frauen eingesperrt. Bei dem wachsenden Mißvergnügen des Volkes wagte man aber nicht, neue Prozesse auf den Rocken zu stecken, bevor nicht der alte abgesponnen war. Nun mußte gar noch obendrein der Skandal mit dem Muckenhuber aus blauer Luft herunterfallen! Die eine wollte ihre Schuld nicht bekennen, und man hätte sie doch so gern verurteilt; den anderen hätte man so gern laufen lassen, aber selbst auf der Folter gab er seine Unschuld nicht zu! Der Stadtschreiber meinte, wenn nur der Jörg Muckenhuber auch ein Weibsbild wäre, dann könnte man durch einen kühnen Mißgriff jenen als Hollin verbrennen und diese als Muckenhuber laufen lassen, so hätte ein jedes seinen Willen und das Gericht sein Recht. Das Ärgerlichste drohte aber dem Rat zu alle diesem von fernher. Am südöstlichen Horizont, von Regensburg herüber, stieg nämlich ein schweres diplomatisches Unwetter auf. Maria Hollin war nicht von der Gasse aufgelesen, sondern eines Ulmer Amtmannes Tochter, und ihre angesehene Verwandtschaft in jener Reichsstadt, von der Unschuld der Beklagten überzeugt, hatte den Ulmer Magistrat vermocht, beim Nördlinger Rate Fürsprach einzulegen. Doch das half nicht viel. Denn der Stadtschreiber meinte, es sei gefährlich für die Reputation eines Gerichtes, jemand achtundfünfzigmal zu foltern und ihn schließlich nicht einmal etwas anbraten, geschweige verbrennen zu dürfen. Die Ulmer gaben aber keine Ruhe. Zu Regensburg war im selbigen Jahre ein wichtiger Reichstag und Kaiser Rudolf II. in Person gegenwärtig; der Gesandte von Ulm erhielt von seiner Stadt den Auftrag, bei dem Gesandten von Nördlingen zugunsten der Hollin zu interzedieren, und da er auch hier anfangs abfuhr, so drohte er, Kaiser und Reich gegen die Nördlinger Rechtspflege in Harnisch zu setzen. Kannte die Hollin diesen Stand der Sache auch nicht genau, so wußte sie doch, daß mächtige Freunde für sie tätig waren, und diese Überzeugung machte ihren Mut erst recht stahlhart. Um so genauer kannten dagegen die Richter den Stand der Sache, und weil sie nicht vorwärtsgehen konnten und nicht rückwärtsgehen wollten, so blieben sie stehen, ließen den Prozeß hängen und sämtliche Arrestanten sitzen. Durch ein diagonales Entgegenwirken der verschiedensten Kräfte gab es plötzlich unfreiwillige Rechtsferien in Nördlingen. Auf den Jörg Muckenhuber machte die Geschichte der Hollin einen gewaltigen Eindruck. Vor seinen Richtern hatte er sich bisher einen Helden gedünkt, vor dieser wahren Heldin dagegen kam er sich vor wie ein böser Bube. Aus Trotz und Stolz hatte er vor jenen seine wirkliche Geschichte verschwiegen; vor diesem Weibe schwieg er aus Scham. Doch konnte er der festen, teilnehmenden Stimme der unsichtbaren Genossin auf die Dauer nicht widerstehen. Sie klang ihm manchmal wie eine Stimme vom Himmel, denn es war eine echte Menschenstimme, und die war ihm zur Zeit noch so neu wie der Himmel selber. So ward er endlich zahm und begann der Alten seine wahre Geschichte zu beichten, und ob er wohl wußte, daß die Untersucher gern Gefangene anstiften, um verstockte Mitgefangene auszuhorchen, so wußte er doch auch, die Hollin werde sein Geständnis so treu bei sich behalten wie die Frösche, welche unten im Sumpf lauschten. Nur fand er schwer den rechten Anfang. Zuerst fragte er, ob sie nicht einmal ein paar verbissene Hunde gesehen, die ihre Zähne so fest ineinander geschlagen hätten, daß sie sich immer fester packten, je mehr man sie auseinander prügeln wolle. Er und seine Richter seien ein Paar solcher verbissener Hunde. Der Stadtschreiber allein habe gescheiten Rat erteilt, indem er gleich am ersten Tag auf Daumschrauben angetragen. Dann hätte er wohl gestanden. Als er aber einmal verbissen gewesen sei mit den Richtern, da habe die Folter so wenig genützt wie der Prügel, den man auf einen verbissenen Hund wirft. Doch nein, das sei nicht der rechte Anfang. Nachdem sich Muckenhuber hierauf lange wieder besonnen, erzählte er der Hollin, daß er von Kind auf mit seinen Eltern das frechste Landstreicherleben geführt habe und alle die wilden Freuden eines ruhelos schweifenden Tagediebs ausgenossen, aber auch alle Mühsal, Entbehrung und Schmach. Gemordet habe er nie, auch nie geraubt oder gestohlen, sondern nur mitgenommen, was er gebraucht. Solch ein Treiben werde man bald satt. Er sei zerfallen mit seinen Verwandten und Freunden und mit sich selbst. Herumstreifen wollte er nicht länger, und festsitzen konnte er auch nicht. Das Leben war ihm entleidet, allein sich selber umzubringen, daß man ihn aus dem Wasser gefischt oder im Walde gefunden hätte wie ein krepiertes Vieh, das war auch nicht nach seinem Geschmack. Nun hatte er oft den Tod am Galgen als den schönsten preisen hören, und wenn seine Genossen von den »besten Männern« und »Helden« erzählten, so waren diese Helden immer Leute, welche auf der obersten Sprosse der Galgenleiter die höchste Stufe ihrer Laufbahn erstiegen hatten. Sich hängen lassen hieß bei den Genossen Hochzeit halten; der Delinquent war der Bräutigam, der Galgen die Braut, der Henkersknecht der Kranzelherr und der Henker der Pfarrer, welcher mit der stärksten Kopula, dem Strick, kopulierte: der Tanz in der Luft der Hochzeitstanz. Um dem Leben, welches ihm reizlos geworden, ein glänzendes und ehrenvolles Ende zu machen, ging Jörg nach Nördlingen als einer wegen hurtiger Justiz damals berühmten Stadt und meldete sich. Übrigens, sagte Jörg, er würde selbst dann keinen Menschen, ja nicht einmal einen Juden umgebracht haben, wenn er auch vorher gewußt hätte, daß man hier so viel Umstände mache. Zuletzt schloß er dann wieder mit dem Satze, womit er begonnen: er habe sich nun verbissen mit den Ratsherren und wolle recht behalten; hätte man ihn gleich am ersten Tage peinlich gefragt, so würde man die Wahrheit herausgepreßt haben, ja es hätte damals nur eines Buckels voll Schläge bedurft, aber eines recht tüchtigen Buckels voll. Jetzt möge man ihn mit glühenden Zangen zwicken, und er werde seine gelogenen zwei Mordtaten aufrechthalten. Diese gehörten ihm jetzt eigen, sie seien sein unantastbarer Besitz, den er mit seinen Schmerzen gekauft und bezahlt habe. Die Hollin hielt dem Jörg hierauf eine fürchterliche Bußpredigt. Er glaubte nach dem Ton ihrer Stimme, sie müsse jetzt wie der Engel mit dem feurigen Schwert in ihrer dunklen Zelle stehen. Trotzdem rührte ihn diese Predigt nicht besonders. Viel tiefer zerknirschte es ihn, wenn er in der schweigenden Nacht den Heldenmut der Hollin und ihre Todesverachtung mit seiner eigenen Geschichte verglich, denn sein starrer Trotz dünkte ihm dann nur die Fratze jenes edeln Mutes. Darum gab er auch der Frau Nachbarin in allen Stücken recht, wenn sie, ihm mit derber Hand am Gewissen rüttelte; nur den anderen Leuten konnte er nicht recht geben. Und wenn ihn die Hollin verdammte, so schreckte ihn dies fast, als ob er beim Jüngsten Gericht verdammt werde; allein vor dem Jüngsten Tag wollte er doch erst noch den Nördlingern den Possen spielen und an ihrem Galgen gehenkt sein. Inzwischen verstrichen Monate. Die beiden Nachbarn kamen sich ungesehen immer näher. Jörg hatte nie einen Menschen so lieb gehabt wie Frau Hollin, vor der er sich doch so tief schämte und die ihn so erbärmlich abkanzeln konnte, und die alte Frau entdeckte so manch vergrabene Tugend in dem Gemüt des wilden Naturburschen, daß es ihr fast Gewissensangst machte, sie höre des Guten zuviel aus dem bösen Buben heraus. Zum Trost gelang es ihr, der verstockten Hexe, ihm, dem vor Gericht sich selbst anklagenden Büßer, wenigstens ein klein Stück Christentum beizubringen, so viel nämlich durch zwei schmale vergitterte Kerkerfenster sich hindurchzuzwängen vermag. Jörg nahm alle Glaubensartikel willig an, blieb aber auch bei seinem eigenen Glaubensartikel, daß er auf Nördlinger Grund und Boden gehenkt werden müsse. Drittes Kapitel Jörg hatte sich mit dem Rate verbissen und der Rat mit Jörg: aber der Rat hatte sich auch in sich selbst über den Jörg verbissen. Es bestanden zwei Parteien, die sich dermaßen stritten, daß der Gegenstand des Streites über dem Streit als solchem ganz vergessen ward. Die einen wollten, wie schon oben erwähnt, den Jörg hängen, weil er gemordet, die anderen, weil er nicht gemordet habe. Nur der Stadtschreiber bildete – aber ganz im stillen und für sich allein – eine dritte, vermittelnde Partei. Er wollte den Jörg laufen lassen. »Denn«, so sprach er zu sich selber, »hätte man den Inquisiten gleich am ersten Tage torquiert, so wäre wohl die Wahrheit ans Licht gekommen; jetzt ist es zu spät; warten wir aber ab, bis die beiden Parteien sich geeint haben, aus welchem Grund der Muckenhuber gehenkt werden solle, so kann er inzwischen im Turm an Altersschwäche sterben. Den Schaden aber hat die Stadt, welche dem hergelaufenen Kerl so lange freie Kost und Obdach gibt.« Da nun der Stadtschreiber mit seiner Menschenkenntnis weiter schloß, Jörg möge nach so vielen Wochen wohl mürbe und die schmale Küche des Eisenmeisters satt geworden sein, so deuchte ihm die beste Lösung, dem Burschen so ganz von ungefähr die Tür offen zu lassen, daß er davonlaufen könne. Mit dem Gegenstande des Streites werde dann auch der Streit verschwinden, ja jedermann werde sich wundern, wie man sich über solch einen Halunken so lange habe den Kopf zerbrechen können, die Ehre der Justiz sei gerettet und die Rechtfertigung des nachlässigen Eisenmeisters wolle er, der Stadtschreiber, schon auf sich nehmen. So veranlaßte er es denn, daß die Riegel an Jörgs Kerkertür zum öfteren nicht vorgeschoben wurden. Jörg merkte es wohl, blieb aber doch sitzen; er wollte auf Nördlinger Grund und Boden gehenkt sein. Als er jedoch eines Tages seiner Nachbarin von der wachsenden Nachlässigkeit des Eisenmeisters erzählte, kam die Sache in ein anderes Geleis. Mit dem bloßen Gedanken der offenen Tür (wenn auch nicht des eigenen Gefängnisses) erwachte bei Frau Hollin die ganze mächtige Liebe zur Freiheit. »Wenn ich hinaus könnte!« rief sie, »nicht entfliehen wollte ich; ich wollte fortgehen, um wiederzukommen, um meinen Ulmer Freunden alle die erlittene Schmach zu erzählen, wiederzukommen mit den Zeugnissen und Zeugen meiner Unschuld, – ich will gar nicht einmal die Freiheit, ich will nur meine Ehre und Reputation retten – –!« Sie brachte den Satz nicht recht zu Ende, doch hatte ihn Jörg verstanden. Schon lange arbeitete er daran, die dünne Scheidewand zwischen den beiden Kerkern zu durchbrechen; er war bisher, bloß mit einem kleinen Stückchen Eisen bewehrt, nur langsam vorgeschritten; nach jenem Ausruf der Hollin aber schaffte er Tag und Nacht mit Riesenkraft, und in der dritten Nacht konnte er's versuchen, durch das Loch, welches er im dunkelsten Winkel geöffnet, hindurchzukriechen. Da war keine Zeit zu verlieren. Heute nacht stand Jörgs Tür wieder offen: also gab es kurzen Abschied. Frau Hollin kroch herüber in des Nachbars Zelle. Da umfaßte Jörg, am ganzen Leibe zitternd, des alten Weibes Knie und rief – als wolle er in dieses einzige Wort die ganze Fülle seines Gehorsams und seines Dankes schütten –: »Mutter!« – und sie fuhr ihm mit der Hand übers Gesicht, im schwarzen Dunkel seine Züge befühlend, und rief: »Mein armer, unglücklicher Sohn!« Dann trennten sich die beiden Freunde, die sich nie gesehen und doch so nahegestanden. Die kinderlose Witwe hatte in dieser Stunde zum erstenmal mit der vollen Empfindung einer Mutter den Kindesnamen ausgesprochen, und der Landstreicher, welcher nie seine Mutter gekannt, zum erstenmal den Mutternamen in tiefster kindlicher Ehrfurcht. Frau Hollin verbarg sich in derselben Nacht noch bei treuen Freunden, um mit dem nächsten Tage nach Ulm zu entkommen. Jörg aber schlüpfte hinüber in das leere Hexenkämmerlein, und als am Morgen der Eisenmeister an die Türe kam, um die karge Speise durch einen Schieber hereinzubefördern, kauerte er sich, in den zurückgelassenen Mantel der Frau gehüllt, in die hinterste Ecke, und als der Mann dann weiter zu der Türe seines eigenen Kerkers ging, schlüpfte er geschwind durch das Mauerloch hinüber und nahm nun als Jörg Muckenhuber die andere Portion in Empfang. So trieb er es fast eine Woche mit vielem Geschick und stillem Vergnügen, wenn ihm nicht der Gram über den Verlust der treuen Nachbarin die Freude erstickt hätte. Eines Tages öffnete sich jedoch nicht bloß der Schieber, sondern die ganze Tür, und herein trat der Stadtschreiber mit dem Eisenmeister und forderte die Hollin auf, ihm zur Gerichtsstube zu folgen. Jörg spielte seine Rolle weiter, solange es gehen wollte, drückte sich wie aus höchster Angst in den dunkeln Winkel und wies die Andringenden mit stummer Gebärde zurück. Als aber der Stadtschreiber ermunternd rief: »Weib, folge uns getrost, ich führe dich nicht mehr zur Folter, sondern zur Freiheit!«, da vergaß der Muckenhuber völlig seine Maske, warf den Mantel weg, sprang trotzig hervor und erwiderte, die Fäuste in die Hüften gestemmt, dem erschrockenen Stadtschreiber: »Das werdet ihr wohl bleibenlassen, gehenkt will ich sein, und zwar auf Nördlinger Grund und Boden!« Der Stadtschreiber zerraufte sich das Haar vor Wut und Arger, als er sah, daß die Hexe davongelaufen und der Landstreicher sitzengeblieben war. Er wollte in der Tat die Hollin zur Freiheit führen, aber zur Freiheit unter gewichtigen Bedingungen, und nun war sie ganz bedingungslos verschwunden; Jörg dagegen, der bedingungslos hätte verschwinden sollen, saß dem Rate nun wieder auf dem Nacken. »Kerl, du bist gar nicht umzubringen!« schrie der Stadtschreiber dem Muckenhuber in schäumendem Zorn entgegen. Dieser aber erwiderte ganz kalt: »Das eben ist ja meine Klage, daß Ihr's niemals probieren wollt!« Mit dem Prozeß der Hollin stand es nun aber folgendergestalt. In Regensburg drängte und drohte man so gewaltig, daß die Mehrheit des Rates stutzig wurde und gegen die drei Mitglieder, welche die ganze Hexentragödie aufgebracht und seit fünf Jahren als wahre Schreckensherrscher fortgespielt hatten, Front zu machen begann. Die immer stürmischeren Beschwerden des Volkes, welches wie aus einem Fiebertraum erwachte, ermutigten jene Mehrheit, und die Hexenrichter sahen nur zu klar, daß ihr Regiment zu Ende gehe und daß sie an ihre eigene Sicherheit denken müßten. Sie wollten daher die Hollin freigeben unter der Bedingung, daß selbige eine Urkunde unterschreibe und beschwöre folgenden Inhalts: Sie nehme ihre Freiheit als Gnade für Recht, wolle niemals anderweit Klage erheben gegen ihre Richter noch sich persönlich an ihnen rächen, die Stadt binnen vierundzwanzig Stunden verlassen, dazu gelobe sie über den ganzen Verlauf des Prozesses ewiges Stillschweigen. Von einem geängsteten alten Weib, welches hinter sich die Folter hatte und vor sich den Scheiterhaufen sah, glaubte man, leicht Schwur und Unterschrift zu so billigen Bedingungen erhalten zu können. Groß war daher der Schreck, als man hörte, die Hollin sei entflohen; denn nun konnte sie von außen her Beschwerde führen und das Volk aufhetzen, soviel sie wollte. Der Stadtschreiber stand wie ein begossener Pudel vor seinen Amtsbrüdern, als er ihnen statt der Alten den Jörg Muckenhuber auf die Gerichtsstube brachte. Die Ratsherren machten sich gegenseitig die bittersten Vorwürfe, erst leise, dann lauter, zuletzt wuchs der Sturm, und alle schrien durcheinander wie in der Judenschule. Da schaffte der Stadtschreiber, mit seinem tiefen Baß das ganze Stimmengewirr übertönend, plötzlich Ruhe und einigte die Zänker durch ein Wort wie mit einem Schlag. Er rief: »An alle diesem Unheil ist nur der Muckenhuber schuld. Hängt ihn auf, wenn er nicht augenblicks seine alten Geständnisse widerruft!« Jörg entgegnete: »Ich widerrufe nicht!«, und als ihn der Stadtschreiber zum zweitenmal fragte: »Jetzt widerruf' ich erst recht nicht!« und zum drittenmal – – Da stand, wie aus dem Boden gewachsen, die alte Hollin in der Stube, geführt von zwei der angesehensten Bürger aus Nördlingen und Ulm. Sie sah dem Muckenhuber scharf ins Auge und sagte ihm mit festem Ton: »Jörg, du wirst dein falsches Geständnis widerrufen!« Die Stimme traf den verbissenen Burschen wie ein Donnerstreich. Er schwieg lang und schlug die Augen nieder. Alles schwieg; man hörte nur die leisen Atemzüge – dann sprach er: »Keine andere Macht der Welt hätte mich zum Widerruf bringen können, aber dieser Frau kann ich nicht ins Gesicht lügen; – ich widerrufe!« Inzwischen wuchs von außen das Getümmel der Menge, welche unter den wildesten Drohungen gegen den Rat die augenblickliche Freilassung der Frau Hollin begehrte. Die Herren spürten Gefahr auf dem Verzug. Nach kurzem, geheimem Wortwechsel las daher der Stadtschreiber der Alten im artigsten Ton jene Urkunde vor, welche sie beschwören sollte. Frau Hollin aber erwiderte, sie fordere Recht und keine Gnade, sie habe sich auch nur gestellt, damit man ihren Prozeß in aller Form zu Ende führen könne; diese Schrift beschwöre sie nicht. Die Herren vom Rat machten sehr lange Gesichter und wollten sich aufs Überreden legen, wußten aber schon von früher, daß bei dieser Frau Überreden nicht viel verfange. Da sah die Alte, daß der Eisenmeister dem Muckenhuber schwere Ketten anlege, um ihn in festeren Gewahrsam zurückzubringen, und der gebrochene Blick, mit welchem er zu ihr herüberschaute, fiel ihr schwer aufs Herz. Nach kurzem Besinnen sprach sie zu den Richtern: »Ihr Herren habt euch bei mir aufs Unterhandeln gelegt, ihr seid also gar keine ordentlichen Richter mehr; denn Richter unterhandeln nicht. Seid ihr aber keine Richter, so könnt ihr mir auch kein Recht mehr schaffen. Wohlan, auch ich lege mich aufs Unterhandeln: Gebt mir dort den bösen Buben frei, ich will ihn an Kindes Statt annehmen und mit mir nach Ulm führen und sehen, ob ich ihn besser erziehen kann als ihr. Mein Vermögen hat tot gelegen während der elf Monate, da ich im Turme saß, ihr solltet mir wohl die Zinsen vergüten, die ich inzwischen verloren habe: gebt mir diesen bösen Buben mit, ich will ihn als den Zins nehmen, welchen Gott während meines Leidens meinem Besitztum hat zuwachsen lassen. Unter dieser Bedingung beschwöre und unterzeichne ich eure Schrift.« Schon stürmten drohende Volkshaufen in die Vorhalle des Hauses. Dem Rat wäre keine Wahl geblieben, auch wenn die Hollin ganz andere Dinge begehrt hätte. Als sie die Urkunde unterzeichnete, fand sie noch die Rechnung beigelegt über ihre Verköstigung während der elfmonatlichen Haft. Sie reichte jedoch das Blatt mit artigem Lächeln dem Stadtschreiber zurück, und da die Menge bereits an der Tür pochte, so zerpflückte derselbe die interessante Beilage möglichst geschwind und streute die Stückchen unter den Tisch. Dem Jörg hatte man derweil die Ketten wieder abgenommen; er schaute umher wie im Traum und ließ sich alles schweigend gefallen. Frau Hollin nahm ihn bei der Hand und ging zur Tür, wo beide von der hereindrängenden Menge jubelnd empfangen wurden. Der Stadtschreiber wollte auch jetzt noch zeigen, daß er doch nicht gar aufs Maul geschlagen sei, und rief halblaut den Abgehenden nach: »Nun findet dies edle Pflegkind in Ulm doch wenigstens einen Galgen, an welchem es heimatberechtigt ist.« Frau Hollin hatte ihn wohl verstanden, darum kehrte sie sich in der Tür noch einmal zurück und rief mit erhobenem Ton: »Stadtschreiber, man sollte Euch auch einmal elf Monate einsperren, damit Ihr des Menschen Herz kennenlerntet. Ihr würdet dann vielleicht finden, es gibt Leute, die verachten den Tod und begehren ihn zugleich, so öd und reizlos ist ihr rohes Leben, andere dagegen haben die wahre Herrlichkeit des Lebens so reich geschmeckt und so gewaltigen Lebensmut dadurch gewonnen, daß sie darum den Tod verachten, den sie nicht gesucht. Jene schreckt der Tod nicht, weil sie noch gar nicht leben gelernt haben; diese aber schreckt er noch viel minder, weil sie so ganz zu leben verstehen. Ich will diesen meinen Sohn nun leben lehren, damit er den Tod, welchen er in der ersten, wilden Weise so wohl zu verachten gewußt, auch in der anderen, feinen Weise eines wahren Christen verachten lerne.« Die Alte hielt Wort. Jörg ward in ihrem Hause ein redlicher und tapferer Mann, der seiner neuen Vaterstadt Ulm im ersten Jahrzehnt des Dreißigjährigen Krieges große Dienste leistete, daß man dort seines Namens noch lange in Dank und Ehren gedachte. Die Nördlinger Hexenrichter aber mußten ihr Amt niederlegen, der ganze Magistrat ward gereinigt und erneuert, und auf jene fünf Jahre des Schreckens folgte ein besseres Jahrzehnt, in welchem Recht und Gerechtigkeit wieder herrschten in der altehrwürdigen Reichsstadt. Wanda Zaluska 1874 I. Wanda Zaluska – so hieß das schönste Edelfräulein am Hofe des Polenkönigs Sigismund III. Ihr hoher Wuchs war tadellos, ihr Gesicht edelfein geschnitten, verfeinert noch durch vornehme Blässe, das Auge blitzte Feuer und Geist, und die schwarzen Locken wallten voll und reich auf den weißen Nacken. In der gezierten Hofsprache damaliger Zeit nannte man sie Minerva, Diana, die Vestalin, Lucretia; denn mit stolzer Überlegenheit nahm Wanda die Huldigungen der Männer entgegen, ohne sie zu erwidern, – und ihr huldigten alle, vom alternden König bis zum knabenhaften Pagen. Alle – bis auf einen! Dies war der Herr Georg von Erstein, ein Kurländer, welcher seit einem Jahr am polnischen Hofe verweilte. Der einzige Protestant des hochkatholischen Kreises, stand er gewöhnlich etwas abseits in der Gesellschaft, aber der König schätzte und ehrte ihn als einen tapferen Soldaten, der auf den deutschen Schlachtfeldern des beginnenden Dreißigjährigen Krieges seine Schule gemacht. Georg von Erstein hielt sich gerade so vornehm artig und so vornehm kalt gegen Wanda wie die schöne Polin ihrerseits gegen jedermann. Dies reizte ihre Aufmerksamkeit. Verstohlen beobachtete sie den Deutschen. Sollte er allein den Zauber ihrer Gegenwart nicht empfinden? Ihr Ehrgeiz flammte auf, ihr Zorn entbrannte, ihr Stolz war gekränkt. Aber sie verbarg diese Gefühle. Sie betrachtete den Herrn von Erstein öfter, als sie wollte; sie redete ihn häufiger und huldvoller an, als sie sich's selber eingestand. Wollte sie ihn doch ausspähen! Andererseits bemerkte der Deutsche, daß er bemerkt ward. Seine Freunde neckten ihn mit der versteckten und dennoch unleugbaren Teilnahme, welche die Polin ihm allein zuwandte. Kein Mann bleibt ruhig bei dem Gedanken, daß ein Mädchen ungestandene Liebe für ihn hege, die sie vor sich und ihm verberge und doch eigentlich ihm entgegenbringen möchte. Wir glauben da sofort weit mehr, als glaubwürdig, wir sehen weit mehr, als sichtbar ist, wir erwärmen uns wunderbar schnell für ein bis dahin ganz gleichgültiges Wesen. Besitzt sie doch die hohe Tugend, uns aus eigenem Antrieb zu verehren! Georg von Erstein suchte nun die Blicke Wandas, und sonst so schweigsam, hatte er ihr jetzt so viel zu sagen. In demselben Maß, als er sich näherte, wich jedoch das Fräulein zurück und steigerte die Leidenschaft, welche sie so geschickt durch ihr Zuvorkommen entfacht hatte, noch geschickter durch erheuchelte Kälte. Allein sie konnte dieses Spiel nicht lange treiben; das heiße polnische Blut pulste so stürmisch in ihren Adern. Sie war entrüstet über sich selbst, daß dieser Deutsche, dieser Ketzer sie zu besiegen drohe; sie wollte ihn ja besiegen. »Vielleicht liebe ich ihn gar?« – Sie erschrak über diese Frage, und doch wiederholte sie sich dieselbe täglich, stündlich. Aber wenn sie ihn auch liebte, dann sollte wenigstens ihr Stolz in gleich hohem Genüsse schwelgen wie ihre Liebe. »Ich will mich dem Manne beugen, aber zuerst muß er sich mir gebeugt haben!« Erfüllt von diesen Gedanken, überraschte Wanda den Herrn von Erstein mit der ganzen bezaubernden Huld und Hingabe, die ihr so hinreißend zu Gebote stand, in einem Augenblicke, wo er sich dessen am wenigsten versah. Sie selber entlockte ihm das Bekenntnis seiner Liebe, und er konnte die Antwort in ihren Blicken lesen. Wie berauscht schwelgte er in dem Schaudern des ungehofften Glückes. Wanda aber sprach: »Zwei Menschen wie wir verzehren sich nicht in ziellosem Liebesgetändel. Unsere Leidenschaft ist kein Spiel, sie muß wahr sein. Entweder wir wollen uns ganz gehören. Mann und Weib, fürs ganze Leben, für Zeit und Ewigkeit, – oder wir sind uns von Stund an völlig fremd, fremder wie je zuvor. Ich aber werde niemals einem Ketzer zu eigen sein, einem Manne, der meine Kirche für falsch, meinen Glauben für Irrtum hält, der nicht mit mir die gleiche Seligkeit hofft, sondern der ewigen Verdammnis entgegengeht. Es gibt nur einen Preis meiner Liebe und meiner Hand: – Eure Rückkehr zur alleinseligmachenden Kirche!« II. Erstein mahnte sie ab von ihrem Begehren. Vergebens. Er bat, er bestürmte sie um drei Tage Frist. Sie gewährte diesen Aufschub. Bei kühlerem Blute fand Erstein die Zumutung, katholisch zu werden, halb beleidigend, halb lächerlich; aber er fand es reizend, daß eben Wanda ihn katholisch machen wolle. Es steht schönen Frauen so verführerisch, wenn sie mit Feuer und Geist verkehrt sind. Gegensätze des Denkens und Fühlens, die uns einen Freund entfremden würden, können uns bei einem Weibe fesseln. Im Freunde suchen wir das Verwandte, im Weibe das Fremdartige. Erstein fand wenig Geschmack an den Polen, aber daß diese Wanda eine Polin war, dünkte ihm reizend, und obendrein eine so leidenschaftliche Polin und vollends leidenschaftlich nur für ihn! Wie katholisch sah sie aus, ihre Äugen waren unbestreitbar katholisch, sie mußte ganz und gar katholisch sein. Eine blonde, blauäugige Deutsche mochte zu Luther halten; doch in dieser Slawin kochte die Glut des Südens, die Polen sind die Italiener unter den Slawen, Wanda hätte für eine Römerin gelten können; – sie mußte katholisch sein! Allein daraus folgerte doch noch nicht, daß er selbst, der ganz und gar keinem Römer glich, nun auch hätte katholisch werden müssen. Sie forderte ihn durch ihren kühnen Willen heraus: also wollte auch er ihr seinen kühnen Willen zeigen. War ihr Widerspruch reizend, dann konnte er ihn ja durch neuen Widerspruch noch reizender machen. Nach drei Tagen trat er vor Wanda und erklärte: sie habe recht, Gemeinschaft der Religion sei notwendig in der Ehe. Als seine Gattin würde sie mit ihm in ein lutherisches Land ziehen, sie beide würden gemeinsam über lutherische Untertanen herrschen. Demnach sei nichts natürlicher, als daß sie lutherisch werde. Der Mann gebe der Familie den Namen, dem Hause das dauernde Gepräge, und das überlieferte Bekenntnis des Hauses müsse auch das Bekenntnis der neuen Frau des Hauses sein. Wanda fuhr zornig empor. War das Spott oder Ernst? So hatte man noch nie zu ihr gesprochen. Sie sammelte sich eine Weile, dann sprach sie ruhig: »Der Sohn unseres Königs hätte Zar von Rußland werden können, wenn er seinen katholischen Glauben hätte abschwören wollen. Er verschmähte Rußland. Euer Herz wäre mir mehr als Rußland einem Prinzen, dennoch schlage auch ich es aus um jenen Preis.« Erstein entgegnete: »Dieses Beispiel ist übel gewählt, denn es beweist für mich nicht minder wie für Euch. Auch mir ist Euer Herz ein höherer Besitz als Rußland dem Prinzen Wladislaw, dennoch müßte auch ich es ausschlagen um den Preis des Glaubenswechsels.« Nach solchen Gegenreden gingen sie trotzig auseinander, – jedes die tiefere Liebeswunde im Herzen. III. Wanda zürnte dem starren, vermessenen Mann – und doch mußte sie ihn suchen: seine Starrheit war ja auch ihr so fremd, so neu, so reizend. Sie wußte, daß er an den lauen Frühlingsabenden im Schloßgarten zu spazieren pflegte. Der Sitte trotzend, ging sie in den Garten. Mit klugem Vorbedacht hatte sie das einfachste Gewand angelegt, welches ihr am schönsten stand, ein schwarzes Kleid mit tiefroten Schleifen; ihr dunkles Haar ergoß sich frei, nur durch eine schmale Perlenbinde gehalten, die sich anmutig um die hohe Stirne schlang. So erschien sie reizender als je, da sie aus dem jungfräulichen Knospengrün der Laubgänge trat, und sie war sich ihrer Reize wohl bewußt. Bei einer alten Tanne kreuzten sich zwei Wege. Dort begegnete sie dem Herrn von Erstein. Fast war er erschrocken. Aber ritterlich nahte er sich der Dame und bat sie um Verzeihung, daß er ihr neulich wohl zu schroff geantwortet habe. Er begann Worte seiner dennoch unzerstörbaren Liebe und Verehrung zu stammeln. Sie unterbrach ihn. »Folgt mir mit Eurem Geiste, wenn Ihr Euch aufschwingen könnt, laßt Euren Blick die Welt umspannen! Die römische Kirche ist die Kirche der Welt, die allgemeine; sie wird die ganze Welt erobern, wie Christus verheißen hat, Rom wird aufs neue werden, was es gewesen ist, die Hauptstadt der Welt bis ans Ende der Tage! Den kleinen Bürgern eurer Städte mag Luthers kleinbürgerliches Kirchlein genügen: der römische Glaube ist ein wahrhaft fürstlicher und adeliger. Bürgerskinder sind eure lutherischen Pfaffen und bleiben armselige Bürger, – aber Prinzen fühlen sich geehrt, Prälaten der römischen Kirche zu heißen, und der Kardinalshut adelt den Bauernsohn, daß er sich neben den ältesten Fürsten setzen darf. Doch über allen Fürsten thront der Papst mit der dreifachen Krone, alle Könige beugt der Heilige Vater. Ich würde meinen Adelsbrief zerreißen, gehörte ich nicht zu dieser königlichen Kirche!« Erstein hätte Schlagendes zu erwidern gewußt, aber Sinne und Gedanken vergingen ihm. Sein Auge schwelgte in dem Anblick des hohen Weibes, das gleich einer Seherin unter den dunklen Zweigen der alten Tanne stand, sein Ohr im Glockenton, im Gesang ihrer Rede. Die einzelnen Worte hörte er kaum. Wanda hielt inne. Dann wurde ihr Auge milder, ihre Stimme weich: »Die römische Kirche allein gibt Gewißheit der Gnade, sie überläßt uns nicht den Zweifeln unseres eigenen Denkens und Fühlens; sie bindet und löst mit klarem Spruche, sie tilgt unsere Sünden unwiderruflich, sofern wir uns ihr nur ganz ergeben. Die Schar der Seligen und Heiligen eilt uns zu Hilfe, tröstend, fürbittend; die Kirche, die herrschgewaltige Fürstin, wird zur gnadenreichen Mutter!« Wie in einer Vision blickte Wanda nach oben, Tränen im Auge, lange schweigend. Was kümmerte den deutschen Soldaten die ganze Heerschar der Heiligen! er sah eine Heilige leibhaft vor sich stehen, und die war ihm genug, er sprang empor, sie zu umfangen, – aber er prallte zurück. »Und dennoch«, rief er, »ich kann dir nicht folgen! Ich kann nicht brechen mit meinem ganzen Hause, ich kann meinem alten Vater das Herz nicht brechen!« Da sprach Wanda fest und kalt: »Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert!« Sie erblaßte, als sie das Wort gesagt; es schauderte ihr, als sie auf sich und ihre Leidenschaft anwandte, was der Heiland von sich selbst und seinem Evangelium geredet hat. Auch Erstein erblaßte. War ihm Wanda zuerst wie eine fürstliche Priesterin erschienen, dann wie eine Heilige, so deuchte sie ihm jetzt ein Dämon. Der Priesterin und der Heiligen hätte er widerstehen können, aber der Dämon war schöner noch als beide. Der Frevel der Vermessenheit eines so holdseligen Wesens, die Mischung von Engel und Teufel – dieses ewig Menschliche! – packte ihn mit dämonischer Gewalt. »Ich folge dir!« rief er und streckte ihr die Hand entgegen. Sie ergriff die Hand und flüsterte: »So werde auch ich dir folgen.« IV. Nach wenigen Wochen wurde der Übertritt des Freiherrn Georg von Erstein zum katholischen Glauben mit großem Pompe öffentlich vollzogen. Bei der Zeremonie erfüllte ihn nur ein Gedanke: er hatte das schönste Weib des ganzen Hofes gewonnen, das stolzeste, sprödeste Herz hatte sich selber ihm zum Siege dargeboten. Was kümmerten ihn die Pfaffen hüben und drüben. Georgs Vater daheim auf Schloß Erstein in Kurland erfuhr den drohenden Übertritt des Sohnes erst, als es zu spät war. Heftige Briefe wurden gewechselt. Der Sohn trotzte auf das Recht seines freien Willens. Seine einzige Schwester, Maria, ein mildes, weiches Wesen, die den vereinsamten Vater pflegte, suchte zu versöhnen, zu vermitteln. Aber dem durch des Vaters Härte tief getränkten Georg war keine versöhnliche Zeile abzuringen. Er fühlte sich als ein Soldat, der eine Schanze erstürmt hat; steht er nur siegreich oben, so hat er auch gut gefochten, und niemand soll bekritteln, wie er hinaufgekommen ist. Zuletzt verbannte der Vater den Sohn aus seinem Hause; er wollte ihn in diesem Leben nicht wiedersehen. Georg war erschüttert von dem harten Spruche. Wanda aber sprach zu ihm: »Dein Vater geht auf falschen Wegen, doch geht er seiner Wege fest wie ein Mann; sei auch du ein Mann und erhebe dich!« Und sie küßte ihn mit doppeltem Feuer. In der Tat empfand sie in dem väterlichen Fluche erst den vollen Triumph ihrer Liebe. Georg hatte mit seinem ganzen vergangenen Leben gebrochen; was ihm früher lieb und heilig gewesen, das hatte er von sich gestoßen um ihretwillen. Nur einem solchen Manne konnte sie sich ergeben. Am Johannistage 1628 wurde die Hochzeit gefeiert, die reichste und glänzendste seit Menschengedenken. Der König selber machte den Wirt, der ganze Hof verherrlichte das Fest. Georg ward beneidet von jung und alt. Bescheiden und geneigten Hauptes trat die sonst so stolze Wanda vor den Altar. Ein seiner Beobachter fand ihre Lippen besonders sprechend, denn sie seien leise wie von edlem Trotze aufgeworfen, und was in ihren beredten Augen geschrieben stehe, das könne man nicht lesen; denn sie waren von den tiefgesenkten Lidern verdeckt. Der scharfsinnige Hofmann flüsterte seinem Nachbar ins Ohr: »Sie liebt ihn nur, weil sie ihn bekehrt hat: – seltsame Liebe! und er hat sich bekehrt, weil er glaubte, daß sie ihn liebe: – seltsame Bekehrung!« V. Der Freiherr von Erstein wurde der erklärte Günstling König Sigismunds: die polnischen Edelleute, welche ihn früher beiseitegeschoben, buhlten jetzt um seine Fürsprache, und Wanda sonnte sich mit ihm in dem Goldscheine der Macht, die sie beide vereinigt übten. Nur die Briefe aus der kurländischen Heimat bereiteten dem Glücklichen mitunter schwarze Stunden. Die treue Schwester schrieb ihm ab und zu: zwar hatte ihr der Vater verboten, mit dem abgefallenen Bruder auch nur brieflich zu verkehren, aber schwesterliche Liebe ist milder als väterliche. Wanda hätte jene Briefe gerne unterschlagen. Das zarte, feinfühlige Wesen Mariens war ihr zuwider. Die Schwester machte dem Bruder leise Vorwürfe – das mochte hingehen: aber sie suchte ihn mitunter auch zu entschuldigen – das reizte Wandas höchsten Zorn. Entschuldigungen sind für schwache Geister, für starke Geister gibt es nur Recht oder Unrecht. – Im Jahre 1632 starb der Vater, unversöhnt. Auch König Sigismund war am 30. April desselben Jahres gestorben. Georg von Erstein als einziger Erbe der Familiengüter konnte nicht mehr länger am polnischen Hofe bleiben; seine Pflicht rief ihn nach Kurland zurück. Schweren Herzens willigte Wanda in die Übersiedelung. Hätte sie ihrem Mann zuliebe das Vaterland und die Herrlichkeit des Hofes verlassen sollen, so würde sie aufs äußerste widerstanden haben. Allein sie sagte sich, daß die Macht der äußeren Verhältnisse dieses Opfer fordere. Dem Manne aber rechnete sie dennoch das Opfer hoch auf in dem Schuldbuch seiner Liebe. Schloß Erstein, ein alter burglicher Bau, lag weltverlassen im waldigen Hügellande, geschützt durch tiefe Wassergräben, welche sich in einem großen Teich sammelten. Auf dem jenseitigen Ufer stand die Pfarrkirche, umringt von den elenden Hütten der nächsten Gutsuntertanen. Die innere Ausstattung des Schlosses war veraltet und verwahrlost. Andere Edelsitze, mit denen man Verkehr hätte pflegen können, lagen weit entfernt, und der streng lutherische Adel des Landes verschloß sich ohnedies dem heimkehrenden Abtrünnigen und seiner polnischen Gemahlin. Das war eine neue Welt für Wanda – wie trostlos stach der einsame, verfemte Edelhof ab von dem prächtigen Königshofe! Und dennoch fügte sich die Polin wider Erwarten leicht und sicher in die neue Lage; nur zwei Dinge waren ihr unerträglich: das Zusammenwohnen mit ihrer Schwägerin und das Luthertum der Gutsuntertanen. Die schüchterne, bescheidene Maria drängte sich dem jungen Ehepaare nicht auf; sie bezog ein Stübchen in dem großen Turmbau des Schlosses, möglichst entfernt von den Wohnräumen Georgs und Wandas, und führte ihren eigenen Haushalt. Ohne den Umgang beider zu suchen, begegnete sie ihnen doch allezeit freundlich, liebevoll, keine Silbe des Vorwurfs gegen den Bruder kam über ihre Lippen. Dies rührte ihn tief, wenn er sich's auch kaum merken ließ; für Wanda dagegen war das ganze Wesen Marias durchaus unverständlich, abstoßend; die schweigende Liebe und Demut erschien ihr als Schwäche, als eine sehr gefährliche Schwäche. Sie entdeckte in den Gesichtszügen Georgs und seiner Schwester leise Familienähnlichkeit. Georg galt ihr und anderen für einen vollendet schönen Mann; von nun an konnte sie ihn nicht mehr so schön finden wie vorher: die Ähnlichkeit mit der Schwester entstellte ihn. Hätte sie doch diese leidige Schwester niemals gesehen! überhaupt meinte sie, ein Mann, den sie liebe, solle eigentlich gar keine sichtbaren Verwandten haben, am wenigsten weibliche. Auf Schloß Erstein begann ein ganz neues Leben. Die verfallenen Räume wurden üppig wiederhergestellt, ein kleiner, sehr zeremoniöser Hofhalt eingerichtet. Zwei Mönche, aus Polen verschrieben, sorgten für die geistlichen Bedürfnisse. Wanda hatte gelesen, daß Erstein vor Jahrhunderten von den Deutschherren gegründet worden sei; sie gefiel sich in dem Gedanken, die Mission dieses geistlichen Ritterordens wiederaufzunehmen und die Ketzerei im Lande auszurotten, wie jene das Heidentum ausgerottet hatten. So begannen denn auch die Mönche ihre Vekehrungspredigt bei den Gutsangehörigen. Aber die hartköpfigen Bauern wollten von den römischen Lehren ganz und gar nichts wissen, und die Gutsherrin fand es empörend und höchst unverschämt, daß die Untertanen gescheiter sein wollten wie die Herrschaft, ja daß der Bauer seine von Gott gesetzte Obrigkeit wohl gar des Irrtums zeihe. Und fanden sie dabei nicht einen Rückhalt an der schweigsamen Maria, die im stillen vielleicht den Trotz des Volkes unterstützte? VI. Vier Jahre lang hatte Wanda vergebens auf Mutterfreuden gewartet. Auch dieses Glück sollte ihr endlich werden; sie gebar einen Sohn. Die Stunden der Schmerzen für die Mutter, der Angst für den Vater waren lang und schwer; ihr Leben schwebte in höchster Gefahr; es wurde gnädig behütet, und ein starker Knabe, des Vaters Ebenbild, lag in der Wiege. Verjüngte, verfeinerte, vergeistigte Schönheit umleuchtete das Gesicht der Wöchnerin; noch erinnerte das Leidende des Ausdrucks an die überstandene Gefahr, aber es war weit überwogen von seliger Verklärung. Hatte doch die Mutter neues Leben für sich gewonnen und zugleich einem anderen Wesen gegeben! Georg war nur von dem Wunsche beseelt, fortan ganz seiner Frau zu leben, ihr zu dienen, und wenn er jemals wahre Liebe für sie empfand, dann geschah es in diesen Tagen. Nur langsam hatte sich Wanda erholt und gekräftigt. So saß sie einstmals im Lehnstuhle, den schlummernden Knaben im Arme. Das weiße Morgengewand, die noch immer totenblassen Wangen, die feinen abgemagerten Hände, die gedämpfte Stimme: es war das rührende Bild einer kaum genesenden Kranken. Sie beredete mit Georg ihren ersten Kirchgang. Der Mann freute sich dessen, aber die Frau war tief betrübt. Wie konnte man von einem Kirchgang reden! Eine enge, alte Hauskapelle, eilig hergerichtet, diente zum katholischen Gottesdienste. Man brauchte nur zehn Schritte über den Hausflur zu gehen, so war links die Speisekammer, rechts die Kapelle. Über dem Weiher dagegen stand die lutherische Pfarrkirche mit dem verwaisten herrschaftlichen Stuhle und der Familiengruft; vom Schloßportale führte eine stolze Lindenallee längs des Ufers zur Kirche hinüber. Wanda hat eine Bitte: – sie will ihren ersten Kirchgang festlich, öffentlich vollführen – nach jener Kirche! Georg erschrickt. Aber die Schwache, Leidende bittet so innig, sie ist so kummervoll über die Demütigung, daß sie mit ihrem Erstgeborenen, dem künftigen Gutsherrn, den Segen des Priesters gleichsam verstohlen in der Kapelle empfangen solle. Georg überschaut sofort die ganze Kette der Vorbedingungen und Folgen, welche ungesagt in jener Bitte liegen; allein die Trauer des gebeugten Mutterherzens übermannt ihn. Und doch muß er sich bei dem lieblichen, ergreifenden Anblick des bleichen Weibes der Stunde unter der Tanne erinnern, wo Wanda gebietend wie ein Dämon ihn erfaßte. Er sieht den Engel im lichten Gewande vor sich sitzen und zugleich den Dämon. Die klaren Gedanken schwinden ihm wie damals. Er verspricht, daß er seine Untertanen rasch, und sei es mit Gewalt, zum katholischen Glauben führen wolle; die Kirche solle neu geweiht werden, und dann könne Wanda dort ihren ersten Kirchgang halten, festlich und öffentlich. Wie gesagt, so getan. Kraft des damals geltenden Grundsatzes, daß der Herr des Landes auch Herr des Bekenntnisses sei, wurde den Bauern die Bekehrung befohlen, und die zwei Mönche schritten sofort zum Werk. Selbst die überlieferte Volkstracht mußte mit dem Luthertum abgelegt und gegen eine katholische vertauscht werden; die Männer bekamen Piuskappen und die Weiber römische Hauben geschenkt. Vergebens protestierten die Bauern, klagten beim Herzog Friedrich und suchten Hilfe bei Ritterschaft und Landschaft. Gestützt auf das Fürwort der polnischen Regierung trotzte Erstein. Hatte er auf eigene Verantwortung den Glauben gewechselt, warum konnten's die einfältigen Bauern auf seinen Befehl, auf seine Verantwortung nicht so viel leichter tun? Von Herzen gleichgültig in religiösen Dingen, ward er ein Fanatiker aus Rechthaberei. Nach drei Monaten war alles in Ordnung. Die Bauern mußten sich ducken und das neue Credo lernen, die Ersteiner Pfarrkirche wurde katholisch geweiht. An einem herrlichen, wolkenlosen Junitage hielt Wanda ihren ersten Kirchgang. Festlich und öffentlich, wie sie's begehrt, wallte der Zug reichgeschmückt durch die große Allee; Wanda hochbeglückt, nun wieder in rosiger Frische blühend, Georg selbstzufrieden in kaltem Stolze, die Bauern und Dienstleute innerlich tief gebeugt. Doch durften sie sich's nicht merken lassen. Zur selben Stunde, wo in Erstein alle Glocken zum Hochamt läuteten, hatte sich ostwärts in den Hügeln, nur anderthalb Stunden Wegs vom Schlosse entfernt, eine kleine stille Gemeinde unter einem weitschattenden Lindenbaume versammelt. Es waren die wenigen Gutsleute, welche lieber aus dem Lande fliehen, als den Glauben der Väter abschwören wollten. Dort hielt ihnen der verjagte lutherische Pfarrer die letzte Predigt und reichte ihnen Kelch und Brot zum letztenmal auf heimischem Boden. Der Baum ward fortan beim Volke die »heilige Linde« genannt; man hielt es für Frevel, auch nur ein Blatt von derselben zu brechen; selbst die Neubekehrten flüsterten sich zu, diese Linde habe zauberisches Leben, sie rücke unvermerkt dem Schlosse Erstein immer näher, und wenn sie dereinst vor den Burggraben gekommen sei, dann müsse Erstein wieder lutherisch werden. In der ganzen Herrschaft aber gab es keinen Protestanten mehr, des Freiherrn Schwester und ein altes Weib ausgenommen, die siebzigjährige Anna Roxel. Sie wollte sich nicht bekehren und wollte auch nicht auswandern. Da sie aber fünfzig Jahre als treue Magd in Georgs väterlichem Hause gedient hatte, so befahl dieser trotz Wandas Widerspruch, die Frau in Frieden zu lassen. Unfern der heiligen Linde siedelte sie sich in einem verlassenen Blockhause an, und man nannte sie die Wächterin der Linde. Milder Leute Barmherzigkeit spendete ihr, was sie zur Notdurft brauchte, und jeden Sonntag sah man die Alte über die Grenze zwei Stunden weit zur Kirche gehen. VII. Wanda hätte nichts mehr zu wünschen gehabt, wenn nur noch Georgs Schwester hinweggezogen oder wenigstens katholisch geworden wäre. Da zu dem einen gar keine Aussicht vorhanden war, so versuchte man das andere desto eifriger. Die Mönche bewiesen Marien aufs schlagendste die Richtigkeit der römischen Dogmen; das Mädchen hörte aufmerksam zu und gestand, daß sie als Mönche ganz recht haben möchten. Georg schilderte ihr höchst beredt, welche Vorteile dem Ersteinschen Hause durch seinen Übertritt und die Verbindung mit Wanda für alle Zukunft erwachsen seien; er zeigte klar, wie die politische Macht des deutschen Protestantismus im Erlöschen begriffen, ja seit dem Tode Gustav Adolfs eigentlich bereits erloschen sei. Marie bestritt nicht, daß die Ersteinsche Hauspolitik und die Reichspolitik zur Zeit besser mit dem Papste fahre als mit Luther. Selbst Wanda besiegte ihren persönlichen Widerwillen und besuchte Marien öfters, um ihr bald in süßesten Schmeicheltönen, bald in hoch aufjubelnden Hymnen die Glückseligkeit zu malen, deren sie sich im Schoß der katholischen Kirche hier auf Erden schon teilhaftig fühle. Marie freute sich des Glückes der Schwägerin und bekannte, daß sie wahrscheinlich ebenso fühlen und reden würde, wenn sie Wandas Natur und Gaben nur von ferne besäße und einem polnischen Geschlecht entstammte. Wanda und die Mönche meinten, Marie sei ja schon mehr als halb bekehrt, es versage ihr nur das letzte Wort. Georg dagegen kannte seine Schwester besser und versicherte, dieses letzte Wort werde sie niemals sprechen. Ein Jahr verging. Marie wurde immer stiller, duldsamer bei den Bekehrungsversuchen. In gleichem Maße wuchs die Selbsttäuschung Wandas und der Mönche, und sie zürnte auf die Lässigkeit Georgs, der es nunmehr ja völlig in der Hand habe, die Schwester zum letzten, entscheidenden Worte zu zwingen. Pfingsten war gekommen; ein glänzender Kreis polnischer Herren und Damen, Wandas Verwandte, hatte sich auf Schloß Erstein zu Besuche zusammengefunden, unter ihnen der Bischof von Samogitien. Das hohe Kirchenfest sollte diesmal ganz besonders herrlich begangen werden, der Bischof selber wollte die Messe zelebrieren. Schon rüstete sich die ganze Gesellschaft zum Gange in das Gotteshaus. Da trat Wanda zu ihrem Manne, geschmückt wie eine Königin; aber die unaussprechlich liebreizenden Züge waren von tiefer Wehmut überschattet. Georg fragte, was sie betrübe und ob sie denn wenigstens heute nicht glücklich sei. Glücklich? – einen Hohn nannte Wanda dieses Wort. Sie erklärte sich für das unglücklichste Weib. Heute zum erstenmal seien ihre Verwandten hier in ihrem Hause versammelt, und nun müsse sie vor denselben zuschanden werden durch des eigenen Mannes lieblos säumiges Verhalten. Georg begriff den Sinn dieser Worte nicht. Unter Tränen des Zornes machte Wanda ein Geständnis. Sie hatte den Ihrigen zugeflüstert, daß Ersteins Schwester nach dem Hochamt ihre Rückkehr zum katholischen Glauben erklären werde; der Bischof insbesondere wartete auf diesen dramatischen Moment als die eigentliche Krone des Festes. Aber wie konnte sie solches versprechen? Mit kühnem, treffendem Wort erwiderte sie auf diesen strafenden Einwurf ihres Mannes: »Man muß sich nur einbilden, ja muß den Leuten sagen, daß man bereits erreicht habe, was man erst erreichen will, – dann erreicht man alles!« Vergebens legte sich Georg aufs Bitten und Überreden. Sie blieb dabei, daß Marie genügend vorbereitet, genügend umgestimmt sei, daß es nur der augenblicklichen, stürmischen, zwingenden Gewalt des Familienhauptes bedürfe, um ihr das entscheidende Wort vor dem Altare abzupressen. »Bist du ein Mann, so zeig es jetzt, oder du wirst es niemals zeigen. Hier bleibt keine Wahl: entweder du beugst den Starrsinn deiner Schwester, oder du gibst deine Gemahlin der Schande preis, daß sie heute vor ihrer ganzen Verwandtschaft als Prahlerin und Lügnerin in der Kirche stehen muß!« Georg sah den Dämon wieder vor Augen wie damals unter der Tanne, aber das Weib war noch viel gewaltiger in ihrem Zorne, ihrer Verzweiflung und ihrer Schönheit. Ohne ein Wort zu erwidern, stürzte er fort zu dem Turme, wo die Schwester wohnte. Lange blieb er dort, wohl über eine Stunde. Die Gäste warteten ungeduldig, im Schloßhofe auf und ab wandelnd. Für Wanda ward die Stunde zu einer Ewigkeit. Endlich durchzuckte sie ein Entschluß: man muß den Ereignissen voreilen, dann kommen sie nach! Sie rief einen Diener und befahl, daß man zur Kirche läuten solle. Alle Glocken klangen zusammen. Aber der Hausherr fehlte noch immer und die Schwester. Im Schloßhof ordnete sich einstweilen der Zug, auch Wanda erscheint. Sie war der festen Überzeugung, daß Georg mit Marien erscheinen müsse, noch ehe die Viertelstunde des Läutens zu Ende sei. »Und sie wird doch herabkommen von ihrem Turme!« knirschte sie in sich hinein. Da hörte man laute Rufe vom Turme her. Alles blickt hinüber. Eine weibliche Gestalt schwingt sich oben auf die Fensterbrüstung; – es ist Marie – Georgs Hand sucht sie am Kleide festzuhalten; – sie entreißt sich, – sie stürzt herab. Was während der langen Stunde im Turme vorgegangen war, hat niemand je erfahren. Marie lag mit zerschmettertem Haupte auf dem Pflaster des Schloßhofes. Noch läuteten die Festglocken, noch drängte sich draußen eine bunte Menge, heiter bewegt. Aber nach wenigen Minuten war es stumm und still geworden ringsum; lautlos standen die Leute um die Unglücksstätte. Dort warf sich Georg über den zuckenden Körper, aber die Seele war entflohen. Vom Schmerz versteinert, stand er lange schweigend, auch die Umgebenden standen schweigend wie versteinert. Und die Frühlingslüfte wehten so mild und lind, der Himmel war so wolkenlos rein, die Lerchen sangen, die Blumenbeete des Hofes dufteten so süß, und die Schmetterlinge spielten um die Blumenbeete. Wanda neigte sich tröstend zu ihrem Gemahl, sie legte den Arm um seine Schulter. Er aber stieß sie zurück; er deutete auf Marien. »Diese liebte mich! – Du hast mich nie geliebt!« Er ließ die Leiche in die Halle tragen, welche man mit Laubgewinden so heiter geschmückt hatte. Den Freunden, die ihm zuredeten, gab er kurze Antwort, er wollte allein sein; für Wanda hatte er keine Silbe mehr. Man sah sie bis zum späten Abend in der Kirche, regungslos in einem Betstuhl kniend. Die meisten Gäste reisten hastig ab. Am dritten Tage sollte das Begräbnis sein. Georgs Zimmer war schwarz ausgeschlagen; dort hatte er die Leiche ausstellen lassen. Er selber hielt bis zur letzten Stunde die Wacht am Sarge. Da kam Wanda mit ihrem Kind auf dem Arme. Sie hatte die tiefste, schlichteste Trauer angelegt, nur die schmale Perlenbinde schmückte ihre Stirn. Sie richtete bittende, halb erstickte Worte an den Gemahl, sie hielt ihm sein Kind entgegen, sie bat um ein einziges versöhnendes Wort. Aber Georg fand das Wort nicht. Sie nahm die Perlenbinde aus den Haaren und legte sie um die gebrochene Stirn der Leiche. Georg ließ es geschehen. Aber als ihm dann Wanda weinend ins Auge blickte, rief er: »Hinweg! Ein Blutreif umzieht deine Stirn und Mariens Stirn ein Heiligenschein! Auch im falschen Glauben gibt es Heilige und Teufel in der alleinseligmachenden Kirche!« Dann nahm er das Kind und küßte es und wollte es nicht wieder lassen. Die Mutter ging allein hinweg, gebrochenen Herzens. Mit der Perlenbinde, wie sie Wanda um Mariens Stirn gelegt, bestattete man die Leiche. VIII. Am Tage nach der Beisetzung ließ Georg von Erstein seiner Gemahlin eröffnen, daß ihr fortan der entfernteste Flügel des Schlosses zur Wohnung angewiesen sei und daß er das Kind unter seinen Händen in einem milderen und minder herrschsüchtigen Geist als dem mütterlichen erziehen lassen werde. Er sei und bleibe ein guter Katholik und halte ihre Ehe für unlösbar; aber er verschiebe auf unbestimmte Zeit die Stunde, wo er Wanda wiedersehen und -sprechen werde. Diese Stunde kam niemals. Wanda brach ihren Stolz und beugte sich dem harten Willen ihres Mannes, um diesen durch Schweigen und Gehorsam zu beugen. Allein das gelang ihr nicht. Hatte er sie jemals geliebt? Sie begann zu zweifeln. Hatte sie ihn geliebt? Wer wollte dies entscheiden! Aber sie war erfüllt von dem heißen Begehren, den Mann wiederzugewinnen, dessen Fesseln ihr Triumph, dessen Besiegung ihre Liebe gewesen. Sie glaubte, daß dies wirkliche Liebe sei. Es gibt Liebe als eine verzehrende Leidenschaft der Demut und Unterwerfung: gibt es auch Liebe als eine verzehrende Leidenschaft der Herrschsucht? Dazu wurde ihr Herz zerrissen von den Qualen ungestillter Mutterliebe. Sie wollte wenigstens ihr Kind wiedersehen. Sie schrieb Briefe voll erschütternder Bitten, sie flehte um ihr Kind; und zu flehen ward ihr so schwer! Aber der Mann, welcher vordem so weich gewesen, war nun in demselben Maße hart und starr. Er beantwortete die Briefe nicht. Sie suchte ihm unversehens zu begegnen; er wich ihr aus. Sie pochte an seine Tür; er öffnete nicht. Man sah sie um das Schloß schleichen, um den Anblick ihres Sohnes von fernher zu erhaschen; man sah sie nachts stundenlang nach dem Erkerfenster spähen, nach dem matten Lichtchen, welches dort neben dem Bette ihres Kindes flackerte. Zuletzt konnte sie die Qual, den beiden Wesen, die sie suchte, so nahe und doch so ferne zu sein, nicht mehr ertragen. Sie verschwand spurlos. Man argwöhnte Selbstmord. Allein Wanda lebte. Um der Pein der Ferne in der Nähe durch räumliche Entfernung zu entrinnen, hatte sie Zuflucht bei ihren polnischen Verwandten gesucht. Sie hielt es auch dort nicht aus. Ganz allein, zu Fuß durch die dicken Wälder irrend, war sie mitten im Winter wieder zurückgekehrt in die Nachbarschaft des Schlosses. Der Gedanke, daß sie nicht verzichten könne und dürfe auf ein vorgestecktes Ziel, beherrschte sie noch allein mit immer ausschließenderer und darum unwiderstehlicher Gewalt. Halb ohnmächtig vor Müdigkeit, Frost und Hunger, mit zerrissenen Kleidern, war die vornehme Dame von einem alten Weib am Stamm der »heiligen Linde« gefunden worden; sie hatte dort vor dem Schneesturm Schutz gesucht. Das alte Weib war jene Anna Roxel, welche in dem Blockhaus unfern der Linde wohnte. Sie nahm die Gutsherrin mitleidig unter ihr Dach und ließ die Kunde von ihrem Aufenthalte nach Erstein gelangen. Allein obgleich Georg nun mehrere Boten an Wanda schickte, um sie zur Rückkehr ins Schloß zu bewegen, so blieb dieselbe doch in dem Häuschen bei der Linde unter dem Dache der einzigen Ketzerin, die auf ihres Mannes nun durchaus rechtgläubigen Gütern übriggeblieben war. IX. Dort traf sie eines Tages die Nachricht, daß Georg plötzlich gestorben sei. Ob ganz ohne den Wunsch der Versöhnung mit ihr? Ohne die Sehnsucht eines letzten Wiedersehens? Sie konnte es niemals erfahren; denn der Tod hatte den Gatten unversehens überrascht. Diese Ungewißheit machte ihr neue Pein. Das Grab schweigt, und Wanda war empört, daß sie dem Tod die Zunge nicht zu lösen vermochte. Alles mußte sein und gewesen sein, wie sie es forderte: darum bildete sie sich zuletzt aufs festeste ein, der Schmerz um sie, um das zertrümmerte Glück ihres Besitzes habe Georg das Herz gebrochen. Sie hätte Ruhe finden können in dieser Einbildung; – und wer wollte nachweisen, daß es eine bloße Einbildung gewesen sei? Sie hätte durch den gewissen Verlust des Mannes, den sie suchte, sogar noch einen Rest von Glück wiedergewinnen können, wenigstens mehr Glück als durch das ziellose Suchen. Sie kehrte heim ins Schloß, legte standesmäßige Trauerkleider an und betete an Georgs Sarge. Aber sie fand die Ruhe dennoch nicht. Wohl in der Voraussicht eines raschen Endes hatte der Verstorbene mit Beistimmung von Wandas Verwandten verfügt, daß sein Sohn der augenfällig gemütsleidenden Mutter nicht anvertraut, sondern in einem polnischen Kloster erzogen werden solle. Dem Abte war bei schweren Drohungen die Pflicht auferlegt, das Kind der geistig verstörten Mutter nicht zu überliefern. Wanda versuchte den Rechtsweg beim Herzog. Vergebens. Sie bewarb sich dann – wie weiland ihre Bauern – um die Fürsprache der Ritterschaft und Landschaft. Man stellte ihr einigen Erfolg in Aussicht, wofern sie lutherisch würde und die lutherische Erziehung des Kindes verheiße. Das Undenkbare geschah: Wanda warf sich wirklich die Frage auf, ob sie nicht zum Schein lutherisch werden solle. Vorher durchaus nicht geistesgestört, kam sie durch diese Tag und Nacht erwogene Frage in der Tat dem Wahnsinn nahe. Allein sie blieb standhaft, sie blieb katholisch. Sie behielt auch ihren Verstand, aber ihr Herz war von Stund an erstarrt und vertrocknet. Dieser Kampf war ihre härteste Buße gewesen. Wanda ließ sich die Herrschaftszimmer des Schlosses zu ihrem Witwensitze herrichten. Sie schaltete und waltete dort streng und gemessen, fortan äußerlich unempfindlich für Freud und Leid. Es war, als ob sie sich's zur Sühne auflege, in den alten Räumen ihres Glückes zu hausen und dort all die langsam nagende Qual der Verlassenheit auszukosten bis auf den letzten Tropfen. Auch starr und seelenlos waren ihre einst so schönen Züge noch immer schön, auch gebeugt war ihre Haltung noch majestätisch. Die langen Locken fielen reich wie vordem auf den blendend weißen Nacken, aber sie waren schneeweiß geworden. Mit dreißig Jahren hatte Wanda das Haar einer Greisin. Nach erreichter Mündigkeit kehrte der Sohn ins väterliche Schloß zurück und übernahm die Gutsherrschaft. Er hatte seine Mutter nie gekannt; er begrüßte sie jetzt mit aller Ehrfurcht und Schonung kindlicher Pietät. Aber es war zu spät. Das Herz der Mutter war vertrocknet. Nun sie den Sohn hätte besitzen können, vermochte sie keine Liebe mehr zu geben noch zu nehmen. Sie blieb einsam inmitten des neuen Lebens, das sich wieder im Schlosse regte, einsam durch viele Jahre; denn das volle Strafmaß vertrockneter Herzen war ihr vorbehalten: – die Strafe des höchsten Alters. Wanda zählte zweiundneunzig Jahre, als sie starb. Ihr Enkel war längst dem Sohne gefolgt, neue Geschlechter waren heraufgestiegen, ein neues Jahrhundert. Die Greisin erschien den Lebenden wie ein Gespenst; ihre Geschichte war zur Sage geworden. Niemand wußte, was seit Jahrzehnten in dem verhüllten Traumleben ihrer Seele vorgegangen war. X. In der Gruft der Pfarrkirche zu Erstein stehen heute noch drei alte zinnerne Särge. Man hat sie neuerdings geöffnet. Der mittlere umschließt die Gebeine des Freiherrn Georg von Erstein, der Sarg zur Rechten die Überreste seiner Gemahlin, der einst so schönen und so unglücklichen Wanda, der Sarg zur Linken birgt den mumienhaft erhaltenen Körper einer kleineren Frauengestalt: an dem gebrochenen Schädel erkannte man, daß es Georgs Schwester Maria müsse gewesen sein. Die Stirn aber umspannte ein Ring von silberweißem Staub – das ehemalige Perlengeschmeide! Alles vergeht, was aus Lebendigem stammt; so vergeht auch die Perle mit der Zeit, denn in der Muschel entstand sie, das Erzeugnis eines lebendigen Wesens. So ist auch von all der Pracht, womit Wanda einst ihren Leib geschmückt, nichts übriggeblieben als der weiße Staub der Perlenbinde, welche sie ihrem Opfer wie zum eigenen Sühneopfer um die Schläfe legte. Die Bauern, katholisch bis auf diesen Tag, sagten, es sei ein Heiligenschein, der sich am Haupte der Ketzerin gezeigt habe. Darum hat der katholische Pfarrer die Gruft wieder vermauern lassen. Aber lebendig webt die Volkssage noch fort und fort an dem geisterhaften Bilde der schönen Polin, die heilige Linde treibt noch kräftige Sprossen in jedem Frühling, und die Bauern behaupten, sie sei dem Schlosse bereits halbwegs nahegerückt. Die gut katholischen Leute, welche den Heiligenschein ganz deutlich über dem Schädel der Ketzerin gesehen haben, lassen sich's nicht nehmen, daß der Baum dereinst zum Schlosse, daß er bis zum Burggraben kommen werde. Zeit des 30jährigen Krieges Der Fluch der Schönheit 1862 Erstes Kapitel Daß der Schneidermeister Haselborn von Weilburg den schönsten Buben in der ganzen Stadt kriegen würde, ein so bildschönes Kind, wie man seit Menschengedenken keines gesehen, das hätte niemand gedacht. Und doch war es so. Nun hat es freilich mit der Schönheit neugeborener Kinder nicht viel auf sich, denn welch verkümmerte Blüte kann sich nicht rasch aus der lieblichen Knospe entwickeln, und wer fragt überdies bei einem Knaben, und gar bei einem Schneiderssohn, zuerst nach der Schönheit? Allein der kleine Haselborn war so fein und wohlgebildet in allen Gliedern und kam mit einem so vollkommenen Engelsköpfchen zur Welt, daß schon die Hebamme, als sie den Neugeborenen in das erste Bad legte, bewundernd ausrief: »So bildschön muß das Christkind in der Krippe gewesen sein!« Dieses Lob aber war sicher parteilos, denn die Hebamme galt für eine neidische Frau und war der Schneiderin besonders aufsässig. Freilich rief sie dann auch gleich nachher: »Ach, welch ein Unglück, daß das Kind so schön ist!« Die Eltern fragten erstaunt, was das heißen solle, und die Hebamme fand eine Weil' keine Antwort und redete sich dann verlegen aus, es sei ihr eben durch den Sinn gefahren, sie wisse selbst nicht wie, als ob das Kind gar zu schön sei für diese Welt. Auch prophezeie man ja von einem Kinde, welches schon gleich einem fertigen Engel in der ersten Windel liegt, daß es nicht lange bei uns bleiben dürfe. Die Eltern verwünschten im stillen die neidische Kröte, der sie doch für die kaum geleistete Hilfe danken mußten, und hielten nun erst ihr Kind für noch einmal so schön. Doch wachten sie jahrelang mit äußerster Angst über der Gesundheit des Kleinen, damit er ihnen nicht wegen seiner Schönheit hinweggenommen werde, zumal er nicht nur ihr erstes Kind war, sondern auch das einzige blieb. Der schönste Knabe mußte auch den schönsten Namen bekommen. Die Eltern sannen einen ganzen Tag, welches in ihrer Verwandtschaft der schönste Name sei, und erinnerten sich eines weitläufigen Vetters Amos Haselborn. Da den Protestanten damaliger Zeit – es war im Jahre 1610 – die alttestamentlichen Namen besonders fromm und kräftig klangen, unter diesen aber »Amos« als recht auffallend fremdartig hervorleuchtete, so wählte ihn der alte Haselborn; denn was weit her ist, das gefiel den Schneidern zu allen Zeiten. Am dritten Tage ward das Kind in der Stadtkirche auf den Namen des dritten unter den kleinen Propheten getauft. Der Pfarrer hielt die Taufrede über zwei Stellen des biblischen Namenspatrons. Zunächst Amos am achten, Vers eins bis drei: »Der Herr zeigte mir ein Gesichte, und siehe, da stund ein Korb mit Obst. Und er sprach: Was siehest du, Amos? Ich aber antwortete: einen Korb mit Obst. Da sprach der Herr zu mir: Das Ende ist kommen über mein Volk Israel; ich will ihm nichts mehr übersehen. Und die Lieder in den Kirchen sollen in ein Heulen verkehrt werden zur selbigen Zeit, spricht der Herr: Es werden viel toter Leichname liegen an allen Orten, die man heimlich wegtragen wird.« Das Prophetenwort auf die Gegenwart deutend, sprach der Pfarrer von der betrübten Zeit, welcher jetzt alle sichtbar entgegengingen und die kaum geborenen Kinder vielleicht noch mehr als die Alten. Es war nämlich in den beiden Vorjahren die protestantische Union und die katholische Liga abgeschlossen worden; man rüstete, Spinola mit seinen Spaniern lag bereits in Wesel, und die Kunde von der Ermordung des Franzosenkönigs Heinrichs IV. drang eben durch das deutsche Land. Niemand wußte, was da kommen solle, und eine Ahnung schwerer Tage lastete auf allen Gemütern. Der Pfarrer benützte sie zu mahnendem Wort, wandte sich dann aber zu der anderen Stelle seines Textes, den beiden Schlußversen des Propheten Amos: »Aber ich will die Gefängnis meines Volkes Israel wieder wenden, daß sie sollen die wüsten Städte bauen und bewohnen, Weinberge pflanzen und Wein davon trinken, Gärten machen und Früchte daraus essen. Denn ich will sie in ihr Land pflanzen, daß sie nicht mehr aus ihrem Lande gerottet werden, das ich ihnen geben werde, spricht der Herr dein Gott.« Diese glückselige Zeit – so wünschte der Pfarrer – möge wenigstens der Täufling noch mit leiblichen Augen schauen im deutschen Land, und wenn die Alten auch in der Trübsal hinweggenommen würden, so möge ihnen Gott doch noch viel größere Herrlichkeit bereiten im himmlischen Jerusalem. Der Schneider und seine Frau fanden die Rede etwas zu schwarz für eine Taufe, auch meinte er, die Nassau-Weilburger wenigstens könnten doch ganz ruhig dem drohenden Weltkrieg entgegensehen, denn Graf Ludwig habe sich ja neutral erklärt, und die Schneiderin dachte im stillen Sinn, das Wort der leidigen Hebamme, welche den wunderschönen Buben mit dem Christkind in der Krippe verglich, hätte wohl auf einen besseren Text geführt als Amos am achten. Doch wagten sie diese Gedanken nicht gegeneinander auszusprechen; denn sie fürchteten sich der Sünde, auch nur unter vier Augen ihres Kindes Taufpredigt zu bekritteln, und als sie Geburts- und Tauftag des jungen Amos auf das letzte Blatt der Hausbibel eintrugen, setzten sie jene Verse des alten Amos daneben zum ewigen Gedächtnis. Wenn nun die beiden Eheleute den Kleinen, der sich immer schöner auswuchs, so in der Wiege liegen sahen, dann sprach wohl der alte Haselborn: »Der Junge ist viel zu schön, als daß er mir ein Schneider werden dürfte. Geistlich muß er studieren oder Amtmann, oder er kann auch Offizier werden, Feldoberst meinetwegen, General oder etwas dergleichen.« Und die Hausfrau nickte bejahend mit freundlichem Schmunzeln. Der Schneidermeister war nämlich zwar nur ein gewöhnlicher Schneider in einer kleinen Stadt, allein er war reich durch das Geld, welches seine Frau, eine Müllerstochter, ihm zugebracht, und hatte darum allezeit, wie man zu sagen pflegt, große Rosinen im Kopf. Da ihn aber die reiche Müllerstochter vorab um seines schönen Gesichtes willen geheiratet hatte, so meinte er, der kleine Amos, welcher zehnmal schöner sei, müsse auch ein zehnmal größeres Glück machen. Und als der Bube nachgerade zu Verstand kam, hörte er so oft, er müsse Stadtpfarrer, Amtmann oder Feldoberst werden, daß er glaubte, er werde dereinst in all den drei Würden zumal glänzen, und so spielte er denn mit seinen Genossen, wie er heute als Oberst zehn Landesverräter und Friedensbrecher einfing, morgen als Amtmann ihnen den Hals absprach und übermorgen die ganze Gesellschaft mit geistlichem Trost zum Galgen begleitete. Amos war gerade acht Jahre alt, als der gräfliche Hofmaler den Auftrag erhielt, die vier Ecken der inneren Kirchenkuppel mit je zwei schwebenden Engeln al Fresco zu schmücken. Er wußte kein besseres Modell als den wunderschönen Schneidersknaben und malte ihn solchergestalt achtmal nackt und schwebend an die Kirchendecke. Mit leuchtendem Auge sah seitdem der Kleine allsonntäglich nach der Decke, wo er so lustig umherflatterte, und erzählte jedem Fremden mit Stolz, daß er schon einmal als Engel gesessen habe. Bei den Schulknaben hieß er von da an nur der Kirchenengel; er hörte aber diesen Spitznamen gern, und niemand war so fest wie er selber überzeugt, daß er im Grunde der schönste Mensch in der ganzen Welt sei. Der alte Haselborn dachte aber, das schönste Kind, welches den schönsten Namen führe und für einen der drei schönsten Berufe erkoren, zudem bereits als Kirchenengel gemalt sei, müsse auch die schönsten Kleider tragen. Und da er reich war und ein Schneider obendrein, so war es ihm leicht, halb in den Geldbeutel, halb in die »Hölle« zu greifen und seinen Sproß mit einer roten Kappe, grünem Rock und gelben Hosen prächtig auszustaffieren. Das kostete aber dem Jungen viel bittere Tränen; denn die Schulkameraden, welche ihn schon wegen seiner bewunderten Schönheit neideten und neckten, ließen nun den bunten Vogel vollends keinen Tag ungerupft, und er hätte manchmal in den Lumpen eines Bettelkindes gehen mögen, die niemand verspottete. Der Knabe ahnte noch nicht, daß unsere beneidetsten Vorzüge so leicht unser härtester Fluch werden können, und doch weinte er schon bittere Tränen darob. Aber da gab es nicht bloß Spott und Tränen, sondern auch derbe Püffe herüber und hinüber; denn Amos war kein schmächtig schönes Milchgesicht, sondern stark und frisch und ragte allen Altersgenossen über die Köpfe. Nur stand er leider fast immer allein im Streit, die Feinde dagegen rückten ihm in dichten Haufen zu Leibe, und so mußte er wohl trotz Kraft und Mut den kürzeren ziehen. Da freute es ihn denn doppelt, daß ihm öfters ein gleichalteriges Mädchen beisprang, des Schulmeisters Marthe; die führte auch eine kräftige Faust, war wild wie ein Junge und in Wort und Tat allezeit der Anwalt des schönen Kirchenengels. Konnte sie ihm auch nicht den Sieg gewinnen, so teilten doch beide redlich ihre Prügel, die ausgegebenen wie die empfangenen. Amos nahm die tatkräftige Teilnahme hin, als ob sie sich ganz von selbst verstehe, und wenn ihm Marthe zum Trost für Spott und Schaden heimlich ihr Butterbrot schenkte, so aß er es auch, als ob sich's von selbst verstehe. Von Hause war er gewöhnt, jedes Geschenk, jede Schmeichelei ohne ein Wort des Dankes als gebührenden Tribut zu empfangen, und nur wenn man ihm nichts gab, geriet er in tiefere Gemütsbewegung. Die Eltern aber, welche dem lieben Amos aufpaßten wie die Hechelmacher, sahen sehr scheel zu jener einseitigen Freundschaft. Sie hatten dem Wickelkinde schon seinen künftigen Beruf zugesprochen, also lag es ganz in der Zeitfolge, daß sie bei dem zehnjährigen Buben auch an die künftige Heirat dachten. Der Alte meinte, man habe Beispiele, daß Grafentöchter zu schönen Bauernburschen herabgestiegen seien; warum sollte sich nicht wenigstens ein adeliges Fräulein finden für den schönsten Schneiderssohn? Amos hatte bei diesem Gespräch an der Türe gelauscht, und damit er's wisse, auch wenn er nicht gelauscht hätte, sagte ihm die Mutter, er möge sich nicht zu gemein machen mit des Schulmeisters Marthe, er müsse noch einmal eine Prinzessin heiraten. Als ihm darum Marthe wiederum ihr Butterbrot als Pflaster auf empfangene Hiebe legte, sprach Amos herablassend: »Marthe, du bist gar gut, und wenn ich einmal eine Prinzessin heirate, werde ich dich als Kindsmädchen in meine Dienste nehmen.« Es war das erste Wort des Dankes, welches Marthe für so viele Butterbrote erhielt, und doch versteckte sich das arme Kind nachher den halben Tag und weinte bitterlich. Amos wuchs inzwischen heran vom lieblichsten Kinde zum frischesten, kräftigsten Jüngling; er war gewandt, aufgeweckt, heiter, wenn auch etwas selbstgenügsam, und ein klarer Verstand sprach aus dem klaren blauen Auge. Die Blüte hatte erfüllt, was die Knospe versprochen. Aber auch die am Tauftage geweissagte Kriegszeit hatte sich erfüllt, und die Wehen des unseligen Streites lasteten von Jahr zu Jahr schwerer auf dem Nassauer Land. Die beiden Schneiderseheleute erinnerten sich manchmal ängstlich der Verse Amos am achten, die sie bei des Sohnes Tauftag in die Bibel notiert, und fragten sich, ob denn das furchtbare Wort in seiner ganzen Schwere wahr werden solle. Ergriffen von solch ernstem Geiste, bestimmten sie den jungen Amos dem Dienste der Kirche und schickten ihn zuvörderst in die lateinische Schule. Da der schöne Schneiderssohn nun also zum Gelehrten eingeweiht war, so klang ihm sein ehrlicher deutscher Name Haselborn bald zu ungelehrt, unschön und schneiderhaft; er latinisierte ihn nach damaliger Sitte und schrieb sich fortan: Amos Corylofontanus. Mit jedem Schuljahr aber wuchs die Not der Zeit; der alte Haselborn kam merklich zurück, empfand es aber minder tief, weil alle anderen Bürger gleichfalls zurückkamen, und tröstete sich mit der Hoffnung, seinen Sohn in wenigen Jahren als Pfarrer zu sehen, und wenn Amos dann auch gerade keine Gräfin heiratete, so werde er doch gewiß ein adeliges Fräulein als Pfarrfrau heimführen. Da erschien eines Tages der Rektor im Schneiderhause – es war just an Amos siebzehntem Geburtstage – und bat um ruhiges Gehör. Es sei jetzt wohl an der Zeit, meinte er, über den künftigen Beruf des Jungen endgültig zu entscheiden; auch ungebeten halte er sich darum als Lehrer verpflichtet zu einem offenen Wort. Amos sei der wunderlichste Heilige: Geschick habe er zu jedem Dinge, Fleiß zu gar keinem. All sein Lernen sei Laune. Lese er in den Alten von der schönen Helena, von Paris, Achill, Alexander, von Venus oder Apollo, dann spanne er mit allen Sinnen auf den Text; vom häßlichen Sokrates, vom buckligen Aesopus, vom warzigen Cicero und dem kahlköpfigen Cäsar dagegen wolle er gar nichts wissen. Es sei ein Glück, daß der Teufel so garstig aussehe; wäre er hübsch, so verliebe sich der Bursch am Ende gar in den Teufel. Werde eine altlateinische Schulkomödie von Plautus oder Terenz aufgeführt, dann habe Amos zwar nie seine Verse ordentlich gelernt; dennoch aber spiele er die Frauenzimmer und Liebhaber so meisterlich, daß man über der Wahrheit und Anmut seiner Gebärden die halb verschluckten, halb verketzerten Verse vergesse. Der heidnische Amor liege ihm überhaupt viel näher als der biblische Amos. In den letzten Fasten habe er, der Rektor, seinen Primanern eine freientworfene lateinische Meditation über die vier Evangelien aufgegeben; der junge Haselborn aber habe ein gar seltsames Stück Arbeit daraus gemacht; indem er von der »Idee der Schönheit in den Evangelien« gehandelt! Da sei zu lesen gewesen, wie rednerisch schön die Bergpredigt, wie himmlisch schön das Antlitz der Jungfrau Maria, wie göttlich schön die Gestalt des verklärten Heilandes, wie königlich schön der zorneseifrige Apostel Petrus, wie festlich schön der Einzug in Jerusalem, ja selbst an Judas Ischariot habe der schöne Amos etwas Schönes gefunden, nämlich seinen roten Bart. Kurz, alles sei schön gewesen in dem Aufsatze, nur nicht das Latein, denn das sei über die Maßen häßlich. »Wo sitzt da auch nur ein Fünkchen geistlichen Sinnes!« fuhr der Rektor fort. »Alle Mädchen haben ein Auge auf den Jungen, und er hat zwei wenigstens auf alle schönen Mädchen. Weil kein Spiegel in der Schulstube hängt, beschaut er sich in den Fensterscheiben, und wenn er träumend über meinen Vortrag hinaushört, gleitet sein prüfender Blick vom Buche auf seine zierlichen Finger oder seine stattlichen Beine. Laßt euern Amos einen Maler werden – der alte Hofmaler treibt's ohnedies nicht mehr lange; – zum Pfarrer ist er nicht geboren.« Die Schneidersfrau zitterte entrüstet über diesen Vorschlag, denn ein Maler war in ihren Augen nur ein höherer Vagabund. Und es entschlüpfte ihr halblaut das Wort: »Es ist ein Unglück, wenn man so schön ist wie unser Amos; dann finden sich Neider überall.« Der Rektor aber fing das Wort auf und rief: »Ihr habt einen wahren Spruch getan; es ist ein Unglück, daß der Junge so schön ist. Wäre er als ein Frauenzimmer zur Welt gekommen oder als ein Kavalier, so würde es ein Glück sein; wenn aber ein Weilburger Schneiderssohn schöner ist als alle anderen Menschenkinder, so ist das ein Unglück, und wenn dieser Schneiderssohn gar seine Schönheit weiß und fühlt und Theologie dazu studieren will, so möchte man weinen über solchen Fluch der Schönheit.« Sprach's und ließ das Elternpaar allein in Zorn und Staunen über seine Rätselworte. Amos Haselborn oder Corylofontanus aber ward sofort aus der lateinischen Schule genommen; die Mutter meinte, lieber solle er das Studieren lassen, als daß das arme Kind länger dem Neide des häßlichen Rektors preisgegeben sei. Veränderungslustig, wie er war, ließ Amos sich das gern gefallen, nur ärgerte er sich über das einfältige Gerede, welches alsbald in der Stadt umlief; denn die Leute meinten, der schöne Schneiderssohn sei nicht eigentlich fortgegangen, sondern fortgejagt worden von der Schule, und das Gerücht dichtete hinzu wegen einer Liebschaft mit des Schulmeisters Marthe. In der Tat aber hatte Amos das Mädchen seit Jahren kaum mehr angesehen, und wenn sie ihn ansah, so war es nur verschämt und verstohlen. Das Gerücht aber gewann an Kraft. Denn in der ganzen tadelnden Stadt war Marthe neben den Schneidersleuten die einzige Seele, welche den verleumdeten Jüngling offen und eifrig verteidigte. Das kam auch zu Amos' Ohren und tat ihm so wohl, daß er beschloß, der Marthe die längst schon fällige Schuld eines Dankeswortes abzutragen. Als er aber die schüchterne Jungfrau sah, verkühlte sich die warm begonnene Rede allgemach und schloß mit einigen gedankenlos verworrenen Gemeinplätzen. Denn er gewahrte erschreckend deutlich, daß ihre Nase etwas zu dick sei, die Augen zu klein und der Mund zu breit, so daß man das Mädchen trotz des freundlichen Mienenspiels und der stattlichen Gestalt doch eigentlich kaum hübsch, geschweige schön nennen könne. Marthe aber erwiderte, wenn er wahrhaft Dank empfinde, so möge er um Gottes willen ihrem Rate folgen, dem Rektor Abbitte tun, zu seinen Studien umkehren und ehrlich schaffen, daß er ein guter und frommer Pfarrer werde. Das sei er nicht nur sich und den Eltern, sondern auch ihrem eigenen guten Namen schuldig. Sie sprach diese ernsten Worte so bescheiden und so bewegt, daß sie dem Amos das Herz würden gewendet haben, wenn ihre Nase nur ein wenig zierlicher, das Auge um ein kleines größer und der Mund nur etwas feiner gewesen wäre. So aber verhallten sie, weil Amos just im stillen seine eigene Nase mit des Mädchens Nase verglich, und als er ihr nicht mehr Aug' in Auge sah, da meinte er, recht grob geschulmeistert habe ihn denn doch die Schulmeisterstochter. Aber häßliche Frauenzimmer predigten allerwege gern. Gelte dasselbe auch von den Männern, dann sei er freilich zu schön zum Pfarrer. Und sogar die Mutter sprach jetzt mit gleichem Wort: »Der Rektor hat recht, unser Amos ist zu schön zum Pfarrer! Denn wenn man sieht, wie in diesen Kriegsläuften die Pfarrer überall gefangen, geplündert, verjagt werden, daß es fast minder gefährlich ist, Soldat als Pfarrer zu sein; darum war wohl unser Amos zu schön, als daß man ihn in eine Pfarre hätte schlachten dürfen.« Doch wurde sie verlegen um des Sohnes neue Laufbahn. Kanzler oder Rat konnte er nun auch nicht werden, da er das Studieren aufgegeben. Die Zeit schwand, das mütterliche Geld gleichfalls, und bereits seit einem Jahr streckte der müßige Sohn seine langen Beine, die er gerne den Beinen des vatikanischen Apoll verglich, unter seiner Eltern Tisch. Da ward eine Schreiberstelle beim Rentamte frei, und Amos ließ sich herab, sie anzunehmen. Die Mutter tröstete ihn über den Schritt, welchen sie eine Mißheirat nannte, und meinte, beim Finanzwesen gebe es doch noch die besten Geschäfte in dieser räuberischen Kriegszeit, und wenn er nur einmal plötzlich reich geworden wie so viele Rentmeister, dann könne man gar nicht ermessen, was alles weiter geschehen möge. Amos wußte wohl, daß die gute Frau bei letzterem Wort an die bewußte Gräfin oder Prinzessin dachte. Mit überraschendem Geschick und Eifer ergriff er den neuen Beruf und gewann des Rentamtmannes volles Zutrauen. Da aber selbigesmal am Weilburger Hof und in der Umgegend gerade keine Prinzessin zu haben war, so warf der schöne Schreiber sein Auge vorläufig nur auf des Rentamtmanns hübsche Tochter Dorothea. Die schulmeisterte nicht wie des Schulmeisters schüchterne Marthe, auch waren ihre Augen groß und ihre Nase klein genug, und wo Marthe gezögert hätte, den kleinen Finger zu geben, da gab Dorothea gleich die ganze Hand. So spielten die jungen Leute geraume Zeit einen ganz heiteren Roman: Amos glaubte sich geliebt, und Dorothea ergötzte sich daran, daß er's glaubte. Eines Morgens aber trat der Rentamtmann zu Amos und eröffnete ihm, er sei der vortrefflichste Schreiber, den er je besessen, allein er sei ihm zu schön. Weil er so schön sei, verbiete er ihm – er werde wohl den weiteren Grund erraten – sein Haus, und weil die Schreibstube nun einmal im Hause liege, so müsse er ihm leider auch den Dienst künden. Amos stürzte hinweg, betäubt von Scham und Zorn. Doch schlich er nach einer Stunde wieder zurück, um wenigstens Dorothea einen Wink und Worte der Treue und des Trostes zu bringen. Diese aber bedurfte des Trostes nicht. Sie hatte nur das Spiel der Liebe gesucht, nicht Liebe, und da aus dem Spiele durch des Alten groben Querstrich ein ärgerlicher Ernst zu werden drohte, so schob sie die Karten beiseite. Sie sah heute ungewöhnlich schön aus, als sie ihrem Amos verlegen stotternd andeutete, er möge sie vergessen, heiraten könne sie ihn ja doch niemals, die Tochter eines gräflichen Dieners einen Schreiber, der nur ein Schneiderssohn. Und dazu hatte die Hexe noch die schönsten Tränen im Auge! Doppelt geschlagen floh Amos zum zweitenmal aus dem Amthause. Er wußte nicht mehr, was er tat, was er fühlte, wo er sich umhertrieb. Heimzukehren zu den Eltern, schämte er sich; er stürmte den ganzen Tag durch die Wälder und Felder und schlug sich mit der Faust ins Gesicht, als wolle er ihm Ohrfeigen dafür geben, daß es zu schön sei, und als er gegen Abend sich wieder in der Stadt fand, wußte er selber nicht, wie er dahin gekommen und welche Wege er gelaufen war. Er bog um die Ecke des Marktplatzes am Wirtshause zum Ritter. Da klopfte ihm ein fremder Mann auf die Schulter und rief: »Das ist der schönste Kerl, den ich in meinem Leben gesehen! Kamerad, du mußt eine Kanne Wein mit uns trinken!« Amos fuhr auf wie aus einem Traum. Vor dem Wirtshause auf dem Marktplatz saßen fremde Soldaten und zechten, sangen und brüllten; einige Bürgersöhne sahen schüchtern von ferne zu, Bauernbursche aus der Umgegend tranken mit den Soldaten, von der Schwanengasse herüber hörte man Trommelschlag. Es waren Werber von dem Regimente, welches Markgraf Hans Georg von Brandenburg damals in den Nassauischen Landen für den Kaiser Ferdinand zusammenbrachte. »Das ist der erste Mann, dem ich nicht zu schön bin und der mir etwas Gutes bietet wegen meiner Schönheit«, dachte Amos bei sich und maß den fremden Soldaten, welcher ihn zum Weine geladen, vom Kopf bis zu den Füßen. Dieser aber maß seinerseits mit noch viel festerem Blicke den jungen Haselborn, faßte seine Hand und zog ihn zu den Zechern. »Da bringe ich den allerschönsten Kerl, der muß zu unserer Fahne schwören!« rief der Werber den Genossen zu, und ehe sich's Amos versah, war er umringt von den anderen, die ihm schmeichelten, zutranken, Brüderschaft boten. Bebend vor Ingrimm, rief er: »Gefall' ich euch? Hol' mich der Teufel! Ihr seid die ersten, denen ich ganz gefalle und gerade schön genug bin.« »Schön genug und schöner als genug!« schmeichelte einer aus dem Haufen und wollte ihm die Hand reichen. Aber Amos trat wütend zurück, ballte die Faust und schrie: »Sagt das nicht noch einmal! Wer da spricht, ich sei schöner als genug, ich sei zu schön, dem schlage ich den Hirnschädel ein!« In diesem Augenblick drängte sich ein Mädchen durch den wüsten Schwarm. »Komm mit mir, Amos, um Gottes willen! Komm mit mir zu deinen Eltern; sie suchen dich, die Mutter vergeht vor Kummer!« rief sie mit einem Schmerzenstone der Verzweiflung, der einen Stein hätte erbarmen können. Es war des Schulmeisters Marthe. Aus den Fenstern des Schulhauses hatte sie gesehen, wie Amos zu den Werbern gelockt worden war, und während sich sonst die Frauen vor diesem rohen Soldatenvolk in den Wald zu flüchten und in die Keller zu verstecken pflegten, eilte sie, aller Gefahr und Schande vergessend, mitten in die Rotte; denn es war ihr, als sei der undankbare Freund ihrer Jugend an Leib und Seele verloren, wenn sie ihn jetzt nicht rettete. Mit wankenden Knien sah Amos das flehende Mädchen an, die geballte Faust löste sich, und er fuhr sich mit der Hand über Stirn und Gesicht, als wolle er ein wüstes Fiebertraumbild hinwegwischen. »Du hast recht, Marthe!« sprach er gebrochen, »ich will mit dir nach Hause gehen.« Der Werber aber flüsterte ihm ins Ohr: »Ist das dein Schatz? Pfui, schäme dich; ein so schöner Bursch und eine so häßliche Dirne! Ist nicht ihr Gesicht wie aus einer Rübe geschnitzt? Da, schau hinüber nach unseren Mädeln, die den Wein kredenzen! Gelt, das ist feineres Kaliber? Und sie alle sollen deine Schätze sein, wie du willst; – jeden Tag eine andere!« Amos warf einen Blick auf die Troßdirnen und spuckte voll Abscheu aus. »Geht mir mit euren Weibsbildern; ich habe keinen Schatz und will keinen haben!« »Komm mit mir, Amos!« flehte Marthe. »Ich folge dir!« erwiderte er, verwirrter als zuvor. Denn im selben Augenblicke fiel ihm ein, daß man die Schulmeisterstochter mit dem Rübengesicht nun doch für seinen Schatz halten würde, wenn er ihr folge. Hätten die Soldaten nur nicht gleich beim ersten Anblick über das häßliche Gesicht gespottet. Und er folgte ihr nicht. Als er aber sah, daß die Soldaten das geängstete Mädchen beleidigten, ergriff er eine Pike, die am Tisch lehnte, und rief wütend: »Das Mädchen ist nicht mein Schatz, und ich bleibe bei euch, um es euch zu beweisen; aber wer dem Kinde ein Haar krümmt, dem renne ich auf der Stelle den Spieß durch den Leib!« Die Soldaten standen verblüfft und ließen Marthe ziehen. Der Werber aber sprach: »Brav, Bursche! Man sieht, daß du Mut im Leibe hast!« Und einer der eben geworbenen Bauern fügte hinzu: »Der Teufel! Unser Kirchenengel ist wie ein Bär geworden. Wer hätte das von dem schönen Schneiderssohn erwartet!« Da rief Amos: »Nimm dies für den Kirchenengel und dies für den schönen Schneiderssohn!« und schlug ihm mit der Pike auf den Kopf, daß der Bauer zu Boden sank und das Blut ihm übers Gesicht lief. Amos war jetzt seiner Sinne nicht mehr mächtig. Er fühlte nur, wie man ihn entwaffnete, mit Büttel und Henker drohte, wenn er nicht augenblicklich Handgeld nehme, dann ihm wieder schmeichelte, zutrank, seine Schönheit pries: die Eltern, Marthe, Dorothea, der Amtmann, die Soldaten, der blutende Bauer, Büttel und Henker, alles wirbelte in seinem Kopfe durcheinander. Er trank und trank, damit er wieder klarer denke; doch toller nur tanzten alle die Gestalten mitsammen, und aus dem wachen Taumel fiel er zuletzt in den Taumel des wirklichen Schlafes, und als er wieder zu hellen Sinnen kam, stand die Morgensonne am Himmel. Der Werbeoffizier schlug ihm mit derber Faust auf die Schulter und rief: »Aufgewacht, Kamerad! Hörst du denn die Trommel nicht? Jetzt marschieren wir nach Herborn zu unserem Regimentsstab. Wärest du nicht der schönste Kerl, wir hätten's uns nicht so schwere Mühe und doppeltes Handgeld kosten lassen, um dich für des Kaisers Fahne zu werben.« Zweites Kapitel Leichter, als man hätte denken sollen, tröstete sich heute der nüchterne Amos über den verzweifelten Schritt, welchen gestern der trunkene Amos getan. Denn nicht bloß den bösen Leichtsinn hatte er als eine Mitgift seiner Schönheit empfangen, sondern auch den guten leichten Sinn. Er dachte, wer vor Tausenden durch die herrlichste Gottesgabe so sichtbar begnadet sei, dem müßten auch noch einmal große Dinge glücken, und es sei ein innerer Widerspruch der Natur, wenn er tatenlos ganz in Schmach und Elend versinken solle, – er glaubte an den Stern seiner Schönheit. Daß er jetzt inmitten einer Rotte rohen Gesindels diesem Sterne nachzog, störte ihn gar nicht in seinem Glauben. Es erfrischte ihn, lauter ganz fremde Gesichter um sich zu sehen und willenlos auf einen ganz unbekannten Schauplatz geschleudert zu werden. Er fühlte wohl, daß er sich völlig verfahren habe in seiner alten Umgebung und unter neuen Leuten ein neues Leben anfangen müsse. Doch dachte er tiefbetrübt an seine Eltern. Einen Herborner Tuchmacher, der nach Weilburg ging, bat er, dem Vater zu sagen, daß er in dem Regimente, welches großenteils aus Landsleuten bestehe, gut aufgehoben sei und in Jahr und Tag gar wohl als Oberst und gemachter Mann wieder heimkehren werde, der Mutter aber, daß ihr Amos nunmehr ein Pikenier geworden, mit der Pickelhaube auf dem Kopf, dem eisernen Halskragen auf den Schultern, dem Halbküraß auf der Brust und einer achtzehn Fuß langen Pike in der Faust, ferner daß er täglich zwei Pfund Brot erhalte, eine Maß Wein, ein Pfund Fleisch und monatlich vierthalb Reichstaler Servis. Also brauche sie sich nicht um ihn zu sorgen; übrigens möchten ihm die Eltern nicht zürnen und ihren Segen im stillen auf seinen Weg senden. Der große Jammer, welcher sich damals über das weite Land lagerte, verschlang den kleinen Jammer der Eltern um ihren verlorenen Sohn. Wo ein ganzes Volk stumpf wird vor Elend, da trägt auch der einzelne sein besonderes Kreuz leichter. Die Schneidersleute, von Raub, Brand, Pest, Krieg und Hunger geängstet und heimgesucht, erinnerten sich gar manchmal des Verses aus dem Propheten Amos, welcher nun buchstäblich wahr geworden: »Die Lieder in den Kirchen sollen in ein Heulen verkehrt werden zur selbigen Zeit«, spricht der Herr. »Es werden viel toter Leichname liegen an allen Orten, die man heimlich wegtragen wird.« Aber sie gedachten dabei oft kaum mehr des Sohnes, durch dessen Taufe sie diesen Vers sich eingeprägt; denn er war ihnen in den langen Jammerjahren zuletzt auch wie einer von den toten Leichnamen geworden, die man heimlich hinweggetragen. Amos hatte inzwischen im Felde einen harten Stand. Unter der rauhen Zucht von des Exerziermeisters Haselstock legte er den lateinischen »Corylofontanus« wieder ab und kehrte zum ehrlichen deutschen »Haselborn« zurück. Hätte er nur auch den lateinischen Schliff seines Wesens mit ablegen können, so wäre es ihm unter den wilden Soldaten vielleicht besser ergangen. Aber weil er so schön war, hatte man ihn so fein erzogen, und nun war er eben doch wieder zu fein und zu schön für einen Pikenier. Er hatte sich einen ritterlichen Krieg geträumt, wo er sich mit dem Mute seines Ehrgeizes und dem Glanz seiner Erscheinung rasch zum Ritter wollte emporkämpfen, und man führte ihn zum Raufen, Rauben und Mordbrennen, zum Leuteschinden und Landverwüsten. In der Schlacht vielleicht der erste, war er in jenen Heldentaten doch allezeit der letzte unter seinen Kameraden, und obgleich er nach damaliger Art seine Haut zum öfteren einem anderen Kriegsherrn verkaufte, kam er dennoch nie in eine ordentliche Schlacht. Einmal hätte Amos übrigens beinahe Gelegenheit gefunden zu einer auszeichnenden Waffentat. Es war im Jahre 1632. Schon trieb sich der Pikenier vier Jahre in Kriegsdiensten umher und stand jetzt bei den Schweden unter Generalmajor von Baudiß und war doch immer noch gemeiner Soldat. Baudiß wollte sich der Rheinstraße von Koblenz nach Köln bemächtigen, und es galt ihm vorab, die Burgen, welche diese Straße deckten, in seine Gewalt zu bekommen. Eine derselben mußte mit Sturm genommen werden, und das war eine harte Nuß. Der Generalmajor verhieß denen, die sich freiwillig zur ersten Sturmleiter stellten, Avancement auf dem Platze und doppelten Beuteteil. Amos trat vor allen vor die Front, aber es warben noch so viele mit ihm um die größte Gefahr und Ehre, daß der General die Auswahl hatte. Und als sein Auge auf den jungen Haselborn fiel, war es wie geblendet von dessen mannhafter Schönheit. Er dachte bei sich: In einer halben Stunde liegen die zwölf ersten alle zerschmettert im Graben; es wäre doch schade, wenn ich den prächtigsten Burschen im ganzen Regiment zum sicheren Tode schickte. Und er stellte den Haselborn mit anderen Überzähligen zurück. Das Glück aber fügte es, daß die zwölf ersten alle das Leben und die Ehre und den Gewinn davonbrachten; Amos aber ging leer aus, obgleich er tapfer genug kämpfte und Püffe übergenug erhielt. Er war eben zu schön zum gemeinen Pikenier, und doch konnte er nichts Besseres werden, weil er zu schön war. Wäre der Schneiderssohn gleich als Oberst ins Feld gerückt, er würde gewiß wegen seiner Schönheit den ruhmvollsten Weg gemacht haben. So zog er wie ein Fremdling unter seinen gröberen Kameraden weiter, ungefreundet und beneidet und doch wahrlich nicht beneidenswert. Ward aber die Schönheit dem Soldaten zum Fluch, so ward sie dafür wenigstens dem Menschen zu einigem Segen. Denn weil sich Amos so viel feiner und schöner fühlte als die übrigen und an den Stern seiner Schönheit glaubte, versank er doch niemals ganz in den gemeinen Geist und das wüste Treiben der Genossen. In der angeborenen Schönheit sah er einen Adelsbrief, einen echten Geburtsadel, der auch zu adeligem Leben verpflichte, und die Kameraden, welche seine geheimen Gedanken von ungefähr witterten, nannten ihn gerne den adeligen Schneider. Da geschah es, daß Amos Haselborn auf seinen Kreuz- und Querzügen eines Tages in ein Dorf am Rheine kam, woselbst sich die ausgehungerte Mannschaft etwas erfrischen und mit Vorrat auf die nächsten Tage versehen sollte. Das vollführten sie in der einfachsten Art. Sie fragten nicht lange, wo Speise und Trank feil sei, sondern schlugen die Haustüren ein und die Kisten und Schränke und nahmen sich, was sie fanden. Was sie nicht essen konnten, das warfen sie auf den Mist oder in die Brunnen, und hatten sie sich in den Kellern satt getrunken, so ließen sie die Fässer auslaufen. Wir müssen reinen Tisch machen, sprachen sie, damit es morgen schönes Wetter gibt. Und weil sich ein Soldat nicht beschweren kann mit Mundvorrat auf viele Tage, so suchten sie fleißig nach Silber und anderen Kostbarkeiten; das trug sich leichter und half ihnen nachgehends doch wieder zu Brot und Wein. Und da die Leute ihr Geld gern in den Betten verbargen, so schnitten sie alle Betten auf und schütteten die Federn auf die Gasse, daß dieselbe mitten in den Hundstagen fast aussah, als ob es geschneit habe. Dies und noch Schlimmeres dazu nannten die Soldaten ein kleines Gabelfrühstück einnehmen und etwas Proviant für den nächsten Hunger. Wollte Amos nicht von der Luft leben, so mußte er's den Kameraden nachmachen; denn wer sich in solchem Gestürme aufs Bitten und Kaufen legte, der bekam gewiß nichts. Also stieg er durchs Fenster ins verschlossene Pfarrhaus, setzte dem Pfarrer die Pistole auf die Brust, damit er den Kellerschlüssel etwas rascher finde, und zeigte der Pfarrerin die bloße Schwertklinge, damit sie sich klarer entsinne, wohin sie ihre Schinken und nebenbei auch den Geldbeutel versteckt habe. Als er sich dann satt gegessen und getrunken und mit etwas Barschaft für die nächsten Tage vorgesehen, legte er sich auf die Bank in der Wohnstube, um ein wenig zu verschnaufen und seinen Gedanken nachzuhängen. Diese Bank war freilich das einzige unzertrümmerte Stück Hausrat im ganzen Zimmer, denn die etwas ungestümeren Kameraden, welche mit ihm eindrangen, hatten alles übrige bereits kurz und klein geschlagen. Da es nun ganz stille geworden war, als Amos allein noch auf der Bank rastete, so glaubte der Pfarrer wohl, das Kriegsvolk sei abgezogen, und Amos hörte, wie er mit der Pfarrerin im Nebenzimmer wehklagend nachforschte, was ihm die Plünderer von seiner Habe noch gelassen hätten. Die Zwiesprach der geschlagenen Eheleute aber nahm plötzlich eine Wendung, daß sie dem schönen Schneiderssohne an die Seele griff, und er sprang von der Bank auf, als hätte ihn eine Natter gestochen. Der Pfarrer sagte nämlich: »Die Kerle sind lauter eingefleischte Teufel; aber der teuflischste von allen war doch jener bildschöne junge Mann, der zuerst kam und dir das Schwert vor der Nase tanzen ließ.« Die Pfarrerin dagegen meinte, der schöne Junge sei ja gegenteils vielmehr noch der Beste gewesen. Denn er habe sie doch nicht weiter gemartert, sondern nur bedroht, auch nichts zerschlagen und verderbt, sondern nur genommen, was er bedurft habe. Der Pfarrer aber erwiderte: »Frau, das verstehst du nicht! Freilich schädigten und quälten uns die anderen viel ärger. Allein jenen rohen Bösewichtern hat es Gott schon in ihre Galgengesichter geschrieben, daß sie als Geißeln der Menschheit durch die Welt ziehen sollen. Dieser Bursche dagegen sieht aus wie der Herr Christus und übt doch gemeinsame Greuel mit den geborenen Räubern. Und wütet er auch nur halb so arg, so sündigt er doch dreimal schwerer als seine Genossen. Nicht bloß sein Gesicht, auch die Sprache und jede Gebärde verrät, daß er guter Leute Kind ist. Feine und schöne Spitzbuben sind aber allezeit die schlimmsten und meist auch inwendig die grausamsten; denn sie sündigen mit der bewußtesten Bosheit und nicht bloß wider das Gesetz, sondern auch wider ihre eigene Natur. Man tut sehr unrecht, daß man sich den Teufel als die häßlichste Bestie denkt. Er ist nicht so schwarz, wie man ihn malt, und eben darum am allerschwärzesten. Denn sähe er so bestialisch häßlich aus, so würde seine Gestalt ja die Wahrheit sagen. Er ist aber ein Lügner durchweg, und also geht er schön wie ein Gott einher und ist in dieser ungeheueren Lüge erst recht der teuflischste Teufel!« »Nein! das ist zu arg!« rief Amos, in die Türe des Nebenzimmers tretend; und die Pfarrersleute standen versteint, als sähen sie jetzt den allerschönsten Satan leibhaftig. »Zu jedem Beruf und Glück war ich zu schön, nur zum Teufel bin ich also eben schön genug! Seht, Herr Pfarrer, wenn ich nicht so schön wäre, so wäre ich ein frommer Pfarrer geworden wie Ihr, und statt zu plündern, würde ich nunmehr selber geplündert. Ihr meint, die Schönheit sei ein Freibrief zu allem Guten. Aber ich sage Euch, jene Kerls mit den Galgengesichtern haben es zehnmal leichter, auf Erden ihr Glück und im Himmel die Seligkeit zu gewinnen, als ich, dem sein schönes Gesicht alle Tage ein Bein gestellt. Was zittert und wimmert Ihr denn? Ich bin ja ganz gewiß der Teufel nicht und will Euch nicht verschlingen. Aber zur Strafe Eurer Lästerung wünsche ich, daß Ihr nur ein einziges Jahr die Last der verteufelten Schönheit tragen müßtet, an welcher ich nun schon fünfundzwanzig Jahre schleppe: Ihr würdet dann milder über andere Christen urteilen und richtiger über den Teufel. Denn wenn dieser die Maske der schönsten Menschengestalt verschmäht, so tut er's nur deswegen, weil er zu gescheit ist und wohl weiß, daß er mit dem schönsten Gesicht auf ewig ein geradeso armer Teufel bleiben würde wie Euer ergebenster Diener Amos Haselborn.« Mühsam erholte sich der Pfarrer von seinem Schrecken und überzeugte sich allmählich, daß er einen ganz gebildeten und wohlwollenden jungen Mann vor sich habe, den nur die Not und der wüste Brauch des Krieges zur Gewalttat trieb und den er klüglich zu seinem Schutz im Hause müsse zu fesseln suchen. Das ward ihm nicht schwer, denn er durfte den Pikenier nur auf die Geschichte der Rätsel seines Lebensganges bringen, die derselbe ja schon anspielend berührt hatte, und es ergab sich Amos bald behaglichem Erzählen und Plaudern, selber froh, wieder einmal einer seiner gearteten Natur zu begegnen. So saßen sie lange beisammen in der verödeten Stube, und die Pfarrerin brachte eine Kanne des besten, duftenden Firmweins, dessen Versteck die drohende Pistole doch nicht zu erschließen vermocht hatte. Und so erschloß es am Ende wohl gar die Schönheit und feine Sitte des jungen Soldaten. Als aber Amos seine Geschichte beendet und der Pfarrer manches treffende Wort dazugefügt hatte, deuchte es beiden doch fast seltsam, daß sie mitten in all dem Greuel der Verwüstung über den Fluch der Schönheit philosophierten, und der Pfarrer sprach, um die Rede zu beruhigendem Schlusse zu führen, mit einem wehmütig lächelnden Seitenblick auf seinen zertrümmerten Hausrat: »Es ist nicht bloß Euer persönlicher Unstern, sondern der Fluch dieser ganzen Zeit, daß das Schönste und Edelste in uns am härtesten gestraft, ja uns selber zum ärgsten Feinde wird, und wer sich in den Panzer seiner Roheit und Häßlichkeit hüllen kann, der fährt am sichersten in diesen Tagen des Greuels.« »Nun habe ich bald das Leben satt!« rief Amos halb lachend, halb zornig dazwischen. »Ich war zu schön für einen Schneiderssohn, für einen Pfarrer, für einen Schreiber, für einen Pikenier, zu schön fürs Waffenglück, fürs Liebesglück, zu schön für einen Mann und für einen ehrlichen Menschen, nun bin ich gar zu schön für diese ganze Zeit, und nur für den Teufel bin ich gerade schön genug gewesen!« »Ihr habt mich nicht ausreden lassen«, unterbrach ihn der Pfarrer. »Meinem Vordersatz wollte ich hinzufügen: trotzdem gibt es auch jetzt noch Leute, die ein Glück gewonnen haben, wie es der Glanz ihrer Naturgaben verhieß. Und dabei denke ich zunächst an den schwedischen Generalmajor Jakob Ramsay, den Schotten. Er gilt als der schönste und stattlichste Mann im ganzen schwedischen Heere, und wenn ich Euch so ansehe, dünkt mir, Ihr sähet ihm fast wie ein Bruder ähnlich. Dazu ist Ramsay gescheit, fein erzogen, ein Schüler und Freund Gustav Adolfs, ritterlich tapfer und ein Glückskind ohnegleichen, der alles durchschaut und dem alles gelingt. Geld und Güter hat er im Deutschen Reiche schon die Fülle gewonnen, und seit er beim Sturm auf die Würzburger Feste so heldenhaft gekämpft und gesiegt, steht ihm der Weg zu den höchsten Ehren eines großen Feldherrn offen.« »Ist dieser Ramsay auch ein Schneiderssohn?« fiel Amos ein. »Nein! Er stammt aus altem Adelsgeschlecht!« »Ah so!« sagte Amos sehr gelassen. »Wäre ich als ein Kavalier geboren, so würde auch mir meine Schönheit höchst förderlich gewesen sein. Das hat man mir öfters gesagt. Leider ward ich irrtümlich ein Schneiderssohn.« Der Pfarrer aber erwiderte: »Ein Soldat darf niemals an seinem Glücke verzweifeln. Ich kenne Ramsay persönlich, und dieser ist mir zu einigem Danke verpflichtet. Ich will Euretwegen nach Hanau schreiben, wo Ramsay eben das Kommando führt. Er erkennt jeden Mann mit wunderbarem Scharfblick und weiß jeglichen an seinen rechten Platz zu stellen, und vorab hat er den Sinn für Eure feinere Art. Bei Ramsay könntet Ihr Euer Glück machen, und da Ihr ja bei einem schwedischen Regimente steht, so wird es dem Generalmajor leicht sein. Euch gegen einen anderen einzutauschen. Sollen wir beide den Versuch wagen?« Leicht entzündlichen, hoffnungsvollen Gemütes schlug Amos ein. Der Pfarrer schrieb, und nach einem Vierteljahre war der schöne Pikenier bei dem Kriegsvolke Ramsays in Hanau. Der General gefiel ihm wie er dem General. Goldene Träume gaukelten vor seinem erregbaren Geiste. »Gottlob!« rief er aus, »nun ist meine Schönheit doch endlich einmal schön genug und zu irgend etwas Gutem nütze gewesen!« Er rief das aber nur ganz stille; denn der Pfarrer hatte ihm den guten Rat mit auf den Weg gegeben, er möge künftig nicht mehr so viel von seiner eigenen Schönheit reden, das gefalle dem Ramsay so wenig wie allen anderen Menschen. Dieser Heerführer hielt seit der Schlacht von Nördlingen fast vier Jahre lang Hanau besetzt, und die Bürger lobten sein Walten und hatten es damals besser als gar viele Nachbarstädte. Dem umliegenden Lande dagegen war der schottische Schwede mit seinem Kriegsvolk ein Schreck und Greuel. Denn durch seine Ausfälle und fleißiges Scharmützeln mit den kaiserlichen Streifkorps schädigte und plagte er das flache Land unsäglich. Bei einem solchen Ausfall erstürmte Ramsay sogar die kurmainzische Stadt Aschaffenburg und brachte den Vizedom gefangen nach Hanau. Haselborn bewährte sich so tapfer bei dieser Waffentat, daß er endlich zum Fähnrich vorrückte. Und als nachgehends Ramsay unter sehr günstigen Bedingungen mit dem Kurfürsten von Mainz und dem Grafen Philipp Moritz von Hanau wegen der Übergabe Hanaus verhandelte, welches eben doch allmählich ein verlorener Posten ward und keinen Entsatz hoffen durfte, bediente er sich des ebenso federgewandten als klugen Haselborn zu manchem geheimen Kanzleidienste. So sah Amos jetzt allerseits seinen Weizen blühen; die Kameraden weissagten ihm eine glänzende Laufbahn, neideten sein Glück und sprachen: Da sieht man doch, wie ein schöner Kerl immer am raschesten vorwärtskommt. In dieser Zeit des Waffenstillstandes lustwandelte Amos an einem klaren Winterabende vor den Toren der Stadt längs der Kinzig. Auch Ramsay liebte diesen sicheren kurzen Gang, und Amos hoffte fast, heute abend dem General zu begegnen, der sich gerne mit ihm unterhielt. Aber statt des Generals vertraten ihm plötzlich drei zerlumpte Bauern den Weg. Und einer von ihnen rief: »Das ist der Ramsay, der uns zu Bettlern gemacht hat; jetzt sollst du Schuft bezahlt werden für deine Mordbrennereien!« und schlug dem armen Amos mit der Axt über den Kopf, daß ihm Hören und Sehen verging. Die anderen aber hieben gleichfalls auf ihn los, und wie Amos blutend am Boden lag und ihm die Sinne schwanden, hörte er nur noch den einen sagen: »Jetzt ist er tot!« und den anderen: »Seid ihr auch gewiß, daß es der schöne Ramsay war?«, worauf der dritte erwiderte: »Freilich! Im ganzen Heer gibt es eine solche Gestalt und ein solches Gesicht nicht zum zweitenmal.« Leider hatte ihnen Amos nicht rechtzeitig verdeutschen können, daß es nunmehr zwei schönste Männer im schwedischen Heere gebe. Als er unter furchtbaren Schmerzen wieder einen Augenblick zu sich selber kam, fand er sich zu Hanau im Lazarette. Eine Streifwache hatte den Halbtoten entdeckt und heimgetragen. Der Generalmajor stand neben dem Lager und redete ihm freundlich zu. Amos aber sprach: »Mein General, ich habe genug und fühle den Tod nahen. Ich war zu allen Dingen zu schön, darum hat es mir nie und nirgends geglückt; nun bin ich zu guter Letzt gar wegen meiner Schönheit aus Mißverständnis totgeschlagen worden!« Drittes Kapitel Nachdem Amos diese Worte gesprochen, fiel er in das heftigste Wundfieber und schwebte mehrere Tage zwischen Leben und Sterben. Endlich jedoch siegte seine urkräftige Natur, und er begann zu genesen, wenn auch sehr langsam und unter qualvollen Schmerzen und Rückfällen. Lag er nun so auf dem Bette und zählte die langen Stunden, doppelt lang durch Pein und Ungeduld, dann war es oft sein einziges Labsal, an die Vaterstadt zurückzudenken, ja ganze Tage in Weilburg umherzuwandeln und alle alten Freunde zu begrüßen. Nur selten hatte er während seiner Kriegsfahrten Kunde von den Eltern erhalten und in der letzten Zeit gar nicht mehr; denn auf einen Briefwechsel war da nicht zu zählen, sondern nur auf mündliche Nachricht, wie sie von den durchmarschierenden Söldnerscharen herüber- und hinübergebracht wurde. Der friedliche Verkehr hatte in diesen Tagen der äußersten Not und Gewalttat fast gänzlich aufgehört. Nun dichtete sich Amos hinzu, was in jenen dürftigen, oft widersprechenden Botschaften lückenhaft geblieben war, und lebte im Geiste mit innigstem Behagen wiederum im Vaterhause. Dabei deuchte es ihm aber fast seltsam, daß eine neue und doch alte Gestalt sich immer unwiderstehlicher in den Vordergrund drängte: das Bild von Schulmeisters Marthe. Ja, oft machte er sich Vorwürfe und sprach: »Ich besuche, scheint es, nur die Eltern, um die Marthe im Hause zu finden.« Und obgleich zu seiner Zeit Marthe nur selten zu den Schneidersleuten gekommen und aus bekannten Gründen nicht einmal gerne dort gesehen war, so schwebte es ihm doch jetzt vor, als müsse sie allezeit bei seinen Eltern sein, er wußte selbst nicht warum. Dann fuhr er fort in seinem wachen Traum: »Marthens Bild steht ganz deutlich vor mir, wie sie leibte und lebte; die Züge der Eltern sehe ich unbestimmter. Was hat mir nur das Mädchen angetan? Ach, vielleicht sind sie alle drei längst dahingegangen, das ganze Haus ausgestorben, die ganze Stadt ein großer Kirchhof, ein Trümmerhaufen, und es winken und rufen die alten, vertrauten Gestalten mir nur deshalb so freundlich, weil sie in der Tat ganz nahe stehen, hier an meinem Bette, die Geister der Verstorbenen! Man sagt, in der Erweckung solch sehnsüchtiger Bilder bringe oft der Tote seine eigene Todeskunde dem fernen Freund, wenn sich kein lebender Bote findet.« Bald aber schlug er sich die traurigen Gedanken wieder aus dem Sinn und fragte sich, wie Marthe jetzt wohl aussehe. In erster Jugendblüte stand sie freilich nicht mehr; sie war ihm gleichalterig und ging also ins neunundzwanzigste Jahr. Doch fand er, daß sich ihr Gesicht viel schöner ausgewachsen habe. Es gibt ja Mädchen und Jünglinge derberen Schlages, bei denen mit der vollen Körperreife auch erst die Schönheit reift. Zwar waren ihre Augen noch immer etwas zu klein, der Mund hätte feiner sein können und die Nase zierlicher. Aber zu ihrer stattlichen Gestalt paßte das kräftige Gesicht; und der wunderbare Liebreiz einer milden, guten Seele, welcher aus ihren Augen leuchtete, aus ihrem Munde sprach, verklärte alle Mängel der Form. Wie eine geschminkte Puppe hingegen erschien ihm neben diesem Bild des Amtmanns hübsche Dorothea; anfangs hatte er noch manchmal mit dem Groll der Liebe an sie gedacht, jetzt wies er ihr Gedächtnis zurück mit dem vollen Zorne der Verachtung. »Wie war ich doch blind, daß ich Marthen so ganz verkannte!« fuhr er dann fort. »Es gibt Landschaften, die man erst einmal im Dufte der Ferne gesehen haben muß, um dann ihren traulich anheimelnden Reiz auch in der Nähe recht zu empfinden. Gibt es nicht auch solche Menschen?« Und so verwandelte er sich im Geist diese Ferne immer mehr zu einer nächsten Nähe inneren Anschauens und durchlebte noch einmal seine Jugend an der Seite seiner einzigen Jugendfreundin, welcher nun auch er in treuester Freundschaft zugetan war. Noch einmal empfing er aus ihrer Hand alle die tröstenden Butterbrote, allein er dankte ganz anders wie vordem. Er ließ sich noch einmal von Marthen gründlich durchschulmeistern und abkanzeln, und es tat ihm bitter wehe, daß er ihr bloß nachträglich im stillen danken und nicht mehr ihrem treuen Rate folgen konnte. Und wenn vollends gar die Szene mit den Werbern immer wieder durch seine Seele zog, dann hätte er vor dem Mädchen wie vor einer Heiligen auf die Knie fallen und an ihrer Hand nach Hause gehen mögen, da er diese Hand doch nur kalt zurückgewiesen, wie man Heilige gewöhnlich zurückzuweisen pflegt. So schmerzlich ihm aber auch die späte Reue war, so tröstete sie ihn dennoch, und es war ihm, als komme sie immer noch nicht ganz zu spät. Die schwere Krankheit, in welcher er zum erstenmal in seinem Leben gerecht und ruhig in sich hineinschauen lernte, erschien ihm dann zwar als eine Strafe, aber als eine jener göttlichen Strafen, worin sich uns die Gnade und Güte Gottes am tiefsten offenbart. Immer aber durchglühte ihn rasch wieder ein frischer Lebensmut. Dann hielt er's für ganz gewiß, daß er Marthen noch einmal sehen werde. Aber wenn sie sich inzwischen verheiratet hätte? Törichte Frage! Von Liebe und Ehe wollte er ja gar nicht mit ihr reden, sondern nur von guter alter Freundschaft. Und doch würde es ihn schwer geärgert haben, wenn sie sich inzwischen verheiratet hätte! Er mochte nicht daran denken. Aber den Weilburgern wollte er eines Tages zeigen, daß doch was Rechtes aus ihm geworden sei, ein Fähnrich und vielleicht auch mehr, und wollte mit seiner Schulfreundin durch die Straßen spazieren, und er meinte, die stattliche Marthe und er, das gebe schon ein Paar, welches sich sehen lassen könne, – natürlich nur ein Freundespaar. Gerade bei diesem anmutigen Bilde trat der Feldscherer vor des Träumers Bett. Amos hatte ihn gebeten, einen kleinen Spiegel mitzubringen, wenn er das nächste Mal den Verband vom Kopf nehme; denn er wollte doch gerne wissen, wie er selber jetzt dreinschaue. Während der Verband gelöst wurde, sah Amos sich noch im Geiste prächtig neben Märchen einherschreiten; da hielt ihm der Doktor den Spiegel vor. Himmel! war das ein Anblick! Die schönen langen Kopfhaare waren kahl abgeschoren wegen einiger beiläufigen Axthiebe, denen der harte nassau-weilburgische Schädel glücklich Widerstand geleistet; die Hauptstreiche aber saßen im Gesicht. Das linke Auge war ausgelaufen, von dort zog sich dann die schwerste Wunde rot und blau über das Nasenbein quer durch den ganzen rechten Backen bis zum Ohre, und der Feldscher hatte die fingertiefe Furche so roh zusammengeflickt wie ein Bettelmann seine alten Hosen. Amos, der ja doch am besten wußte, welche Hiebe er gekriegt, hatte sich sein Aussehen recht häßlich vorgestellt, aber die nackte Wahrheit überflog gräßlich weit sein kühnstes Phantasiegemälde! Lang und gründlich schaute er in den Spiegel. Er wollte lächeln, allein die leise Muskelbewegung schnitt ihm wie ein Messer durch die Wunde. Mit grimmig verhaltenem Lächeln und einem tiefen Seufzer rief er dann: »Gottlob! Nun bin ich nicht mehr schön!« Da hörte er wie ein Echo seines Seufzers ein gedämpftes Gelächter hinter seinem Kopfkissen. Es war Ramsay, der dem ganzen traurig-komischen Auftritt gelauscht hatte. Er trat vor, schüttelte dem Verwundeten wie einem Freunde die Hand und sprach, er möge sich trösten über den Verlust des schönen Gesichtes, durch welchen er seinem Feldherrn das Leben gerettet. Das Glück solle ihm von nun an günstiger auf diese mannhaften Schrammen lächeln als vordem auf die glatten Züge, und mit dem einen Äuge werde er ruhmreichere Tage sehen als bisher mit zweien. Er versprach ihm dann stete unbegrenzte Gunst, sofortiges Aufrücken im Dienste und ein reiches Schmerzensgeld in gutem Golde, so wahr er Jakob Ramsay heiße. Amos hörte das alles ziemlich gleichgültig an; fast wäre es ihm im Augenblicke tröstlicher gewesen, wenn ihm Ramsay ebenso bestimmt versichert hätte, daß des Schulmeisters Marthe in Weilburg noch nicht verheiratet sei. Das Krankenlager des armen Haselborn zog sich über Erwarten lange hinaus, namentlich wegen einer dritten Hauptwunde in der Hüfte, die er damals nicht hatte im Spiegel zu betrachten brauchen. Schon war es Februar, und er lag noch immer im Spital. Da vernahm er einstmals frühmorgens wilden Lärm auf der Straße, dann Waffengeklirr, Flintenschüsse, fremde Feldrufe und Signale; immer näher wälzte sich ein Getümmel von Kämpfenden. Dann ward es plötzlich still. Ein verwundeter Schwede stürzte in den Krankensaal und rief: »Alles verloren! – der Waffenstillstand gebrochen, – die Stadt überrumpelt, Ramsay totgeschossen!« Verwundete, welche bald nachher von kaiserlichen Soldaten in das Lazarett gebracht wurden, bestätigten die Kunde von Hanaus Fall. Ramsay, der seit Monaten mit dem Kurfürsten von Mainz wegen der Übergabe verhandelte, hielt bei dem förmlich abgeschlossenen Waffenstillstande alle kriegerische Vorsicht für überflüssig, und die Besatzung lebte längst wie im tiefsten Frieden. Da aber der schwedische Kommandant den Grafen von Hanau, der sich in die Stadt begeben, nicht wieder hinausließ, so behaupteten die Kaiserlichen, er habe eigenmächtig die Waffenruhe gebrochen, überrumpelten unter dem Grafen von Nassau-Dillenburg und dem kurmainzischen Obersten von Metternich die kaum bewachte Feste und bewältigten das Häuflein Schweden, welches sich, von Ramsay geführt, in der Neustadt tapfer schlug, nach kurzem Kampf. Der Führer ward umzingelt und von einem Musketier in den Rücken geschossen. Die Sieger erwarteten stündlich den Tod des berühmten Generalmajors; trotzdem genas der Schwerverwundete, wenn man ein langes, elendes Siechtum statt raschen Todes Genesen nennen kann. Die kriegsgefangene Besatzung ward nach damaligem Kriegsbrauch alsbald unter die kaiserlichen Fahnen gesteckt. Amos entging diesem Schicksale nur wegen seiner Wunden. Als der einäugige Mann an der Krücke hinkend das Lager verlassen konnte, befahl man ihm, binnen zweimal vierundzwanzig Stunden die Stadt zu räumen. »Gottlob, daß ich nicht mehr schön bin«, sprach der unverwüstliche Amos, »sonst hätte ich noch einmal wie vor zehn Jahren dem Kaiser Treue schwören müssen.« Bevor er jedoch ging, ward er zu dem gefangenen Ramsay beschieden. Der verwundete General wurde von den Siegern mit allen Ehren behandelt, und sie schlugen ihm den Wunsch nicht ab, seinem Lebensretter, wie er Amos nannte, Lebewohl zu sagen. Tief bewegt trat nun der schöne Amos an das Bett des schönen Ramsay, der, von Schmerz und Gram verzehrt, freilich auch nur noch ein Schattenbild seiner früheren Schönheit war. Die Tränen aber kamen vollends beiden hart geprüften Männern, als Ramsay nichts weiter denn herzliche Worte des Dankes und Abschiedes dem Hinausgestoßenen zu bieten vermochte, und Amos ward von diesem Dank unendlich tiefer gerührt als von alle der Gunst, die ihm der mächtige Ramsay noch unlängst an seinem Schmerzenslager verheißen. Auch die umstehenden Sieger ergriff der Schauer des Mitgefühls, und sie spendeten mehr aus Teilnahme für Ramsays tragisches Geschick als für die Armut des Fähnrichs demselben ein überreiches Reisegeld. Als aber Amos den letzten Händedruck seines Generals und Gönners entgegennahm, fühlte er, daß ihm Ramsay ein kleines Zettelchen in die Hand drückte. Vorsichtig barg er jedes Zeichen des Staunens oder Verständnisses, und da er, von der Wache geführt, die Treppe hinabging, warf er rasch einen heimlichen Blick auf den kaum fingergroßen Papierstreif, steckte ihn dann unbemerkt in den Mund und verschluckte ihn in übergroßer Angst, daß ihm einer den Inhalt entwinden möge. Die Wache hatte nichts gesehen. Auf dem Zettel stand, von Ramsays zierlicher Hand geschrieben: »In dem Haberkasten über meinem Stalle liegt ein Kleid mit Edelsteinen, wohl zwei Rittergüter wert. Die Hälfte gehört dir, wenn du mir die Steine rettest.« Noch in derselben Nacht schlich sich Amos zu dem Stall; unentdeckt kam er auf den Heuboden, wo der alte unbenutzte Haberkasten stand. Des Ortes kundig, war es ihm nicht schwer, den Kasten und das Kleid im Dunkeln zu finden und sämtliche Steine abzutrennen. Mit zitternden Knien gewann er wieder das Freie und seine Schlafstätte. Das Kleid war das große Prunkgewand des Deutschordensmeisters gewesen, ein Beutestück aus Mergentheim, welches Ramsay für sich zurückbehalten und gleich nach dem Überfall von Hanau in den Haberkasten hatte verstecken lassen. Die fünf großen Edelsteine dieses historischen Prachtstückes aber wurden auf zwölftausend Gulden geschätzt, und da in selbiger Zeit ein Morgen guten Ackerlandes für sechs Gulden, ja zuweilen für sechs Laib Brot feil war, so hätte Ramsay wohl auch schreiben dürfen, die Kleinode seien zwölf Rittergüter wert. Frühmorgens bereits hinkte Amos Haselborn mit den Edelsteinen im Beutel zum Tore hinaus, scheu umherblickend wie ein Dieb. In der Angst überspannte er seine noch schwachen Kräfte dermaßen, daß er am nächsten Tage in einem wetterauischen Dorfe krank liegenbleiben mußte und also Muße fand zu bedenken, wohin er eigentlich gehen wolle. Denn gestern war er nur, wie man zu sagen pflegt, seiner Nase nachgegangen; die Nase freilich zeigte wie ein Kompaß nach Norden, und im Norden lag Weilburg. Bei der unfreiwilligen Rast aber brannten ihn die Edelsteine in der Tasche, er hatte Tag und Nacht keine Ruhe, daß man sie entdecken oder stehlen möge, und beschloß, vor allem den Schatz an einen sicheren Ort zu bringen oder noch besser in die Hände Ramsays. In Hanau hatte er nämlich noch erfahren, daß man den verwundeten General demnächst nach Dillenburg schaffen werde auf das Bergschloß des Eroberers von Hanau, des Nassau-Dillenburger Grafen Ludwig Heinrich, der, früher auf Seite Schwedens, jetzt zu des Kaisers Banner hielt. Jedermann erwartete, daß Ramsay dort in leichter Haft auf Ehrenwort bleiben oder bald gegen einen anderen vornehmen Gefangenen ausgewechselt werden würde, und Amos rechnete aus, daß er bei seinem vorsichtigen Schneckengang durch das unsichere, verödete Land wohl nicht rascher an der Krücke nach Dillenburg kommen dürfte als der General in der Sänfte. Allein er rechnete falsch. Denn wochenlang schleppte er sich elend von einem Dorfe zum anderen mit vieltägigen schmerzvollen Rasten, die er seinem zerschlagenen Körper gönnen mußte; die Querzüge der Truppen, denen er ängstlich aus dem Wege ging, trieben ihn immer wieder von der geraden Straße zurück, und so kam der April, und Amos war noch nicht in Dillenburg. In zerlumpten Kleidern, die ihm jetzt sicherer dünkten als ein Panzer, bettelte er im Taunus umher; denn er wagte nicht, die geschenkten Goldgulden auszugeben, aus Furcht, man möge dann auch seine Diamanten aufspüren. Bei dieser heroischen Nachkur gelangte er wenigstens allmählich wieder zum besseren Gebrauche des verwundeten Beines. Nun hörte er in jener Zeit die widersprechendsten Gerüchte über Ramsay. Die einen sagten, er lebe zu Dillenburg frei und geehrt, mehr wie ein Gast denn wie ein Gefangener des Grafen, die anderen, er schmachte dort zwischen Kerkermauern. Beides war richtig, insofern Ramsay durch seinen Eigensinn den Grafen veranlaßt hatte, auf etliche Tage den strengen Kerkermeister statt des freundlichen Wirtes zu zeigen. Amos aber dachte: im einen Falle kann der General die Juwelen jetzt fordern, im anderen Falle braucht er sie ungefordert am nötigsten. Und da er seine Ehre als treuer Soldat in diesen Steinen verpfändet achtete, so beschloß er, nunmehr stracks nach Dillenburg zu gehen, und koste es ihm den Hals. Es lag ihm aber Weilburg mitten im Wege. Dennoch schwur er sich zu, lieber einen halben Tagemarsch abseits zu wandern, als die Vaterstadt zu sehen, bevor er in Dillenburg gewesen. »Die Mücke muß das Licht meiden«, sprach er zu sich selbst, »und wer zuerst bei der Liebe anklopft und dann bei der Ehre, der ist kein braver Soldat. Vorab muß sich's in Dillenburg ausweisen, ob ich ein Rittergut gewinne oder einen Strick. Habe ich das Rittergut, dann gehe ich auf dem Rückweg nach Weilburg und frage bei Marthen an, ob sie das Gut mit mir teilen mag, und bei meinen Eltern, ob sie dort ihre alten Tage in Ruhe verleben wollen.« Von der bloßen Freundschaft redete er jetzt schon gar nicht mehr und meinte, wenn nur erst drei kleine Zweifel gehoben seien, nämlich ob Marthe noch lebe, ob sie inzwischen keinen anderen geheiratet habe und ob sie ihn überhaupt haben wolle, dann stehe ja baldiger Hochzeit nicht das mindeste im Wege. Im Bewußtsein aber, daß er jetzt nicht mehr schön sei, baute er trotz dieser drei Zweifel auf sein Glück. Entschlossen schlug er nun die Straße nach Dillenburg ein, obgleich sie von Streifkorps, Marodeurs und Troßgesindel wimmelte. Als er eben in einer Dorfschenke die Frühsuppe aß, setzte sich ein bewaffneter Mann neben ihn, der halb einem Soldaten, halb einem Landstreicher ähnlich sah. Der Mann kam von der Dill, und Amos suchte deshalb das Gespräch höchst behutsam so zu drehen, daß der Fremde von selber vom General Ramsay zu erzählen begann. Es werde dem General jetzt bald an den Kragen gehen, meinte jener; der Kaiser dränge den Dillenburger Grafen, daß er kurzen Prozeß mache, auch habe man bereits einen Sekretär Ramsays und andere seiner Vertrauten eingefangen und auf kaiserlichen Befehl gefoltert. Man spüre nach Geständnissen über den geheimen Briefwechsel, welchen Ramsay in Hanau geführt, nach Aktenstücken, die wider ihn zeugten, auch nach allerlei Kostbarkeiten, die der schlaue Schotte beiseitegeschafft habe. Amos erschrak nicht wenig und gelobte sich verdoppelte Vorsicht. »Übrigens«, fuhr der Fremde fort, »werden sie dem Ramsay doch nichts antun können; denn er ist ein Zauberer. Als er vor den Toren von Hanau eines Abends einsam spazierenging, fielen die Bauern über ihn her und wollten ihn totschlagen, aber in demselben Augenblicke machte sich Ramsay unsichtbar und schob den Bauern eine andere Gestalt unter die Äxte, und als sie diese gefällt hatten und glaubten, der schöne Schotte liege jetzt tot am Boden, war es nur ein Strohmann mit dem scheußlichsten Affengesicht!« Diese mythische Verklärung seiner selbst war zu stark für den armen Amos. »Wenn es auch ein Strohmann gewesen«, rief er zornig, »so war derselbe doch mindestens ebenso schön wie Ramsay und kein scheußliches Affengesicht!« »So? Wißt Ihr das genau?« fragte der Fremde. »Freilich weiß ich's, denn ich bin doch wohl auch dabeigewesen! – – das heißt bei den Bauern, welche die Hiebe führten.« »Ei, Kamerad«, entgegnete spöttisch der andere und blickte ihm scharf ins zerfetzte Gesicht, »wäret Ihr dabei, dann sehet Ihr aus, als ob Ihr die Hiebe gekriegt, und nicht, als ob Ihr sie ausgeteilt hättet!« Amos hätte sich selber ohrfeigen mögen, und der Schreck über sein unvorsichtiges Wort fuhr ihm durch alle Glieder. So hatte er sich doch wieder durch die Schönheit, welche er gar nicht mehr besaß, zum dümmsten Selbstgeständnis verleiten lassen! Wochenlang hatte er seine Bekanntschaft mit Ramsay überall aufs geschickteste verborgen und dennoch die Leute ausgeforscht über den General, nur das »scheußlichste Affengesicht« lüftete ihm unversehens die Maske. Der Fluch der Schönheit reichte weiter als die Schönheit selber. Er brach das Gespräch kurz ab, machte sich rasch auf den Weg und schlug einen Seitenpfad ein zur Lahn hinüber. Allein er war noch nicht weit gegangen, als er sich auch schon durch eine Schar bewaffneten Gesindels verfolgt sah; er suchte zu entfliehen, doch sein schwaches Bein versagte ihm, und die Verfolger winkten drohend mit Pistolen und Musketen. Es waren Nachzügler der verschiedensten Truppenteile, gemischt aus Freund und Feind, die nun einen Raubkrieg auf eigene Faust führten, und der Fremde aus der Dorfschenke schien der Hauptmann dieser Rotte. Bald hatten sie Amos eingeholt und umringt. Anfangs setzte der Anführer mit sarkastischer Höflichkeit das abgebrochene Gespräch fort und bat zuletzt den leugnenden und abweisenden Amos höchst artig, er möge nur bekennen, daß er ein Anhänger Ramsays sei. Das gereiche ihm bei ihrer Gesellschaft zu keinem Nachteil, denn ihnen sei der Kaiser und der Schwede gleich lieb, viel lieber als beide jedoch ein gutes Stück Geld. Nun stünden aber hohe Preise ausgesetzt auf die umherirrenden Vertrauten Ramsays, die etwa Papiere oder Kostbarkeiten aus der Hanauer Verlassenschaft bei sich trügen, und er sähe ganz nach einem solchen Vogel aus und sei trotz seiner Lumpen und des zerhauenen Gesichtes viel zu fein für einen zunftgerechten Bettler. Sie wollten ihn nicht auf des Kaisers Folterbank liefern, aber ein tüchtiges Lösegeld müsse er zahlen, und zwar auf der Stelle. »Also ist es immer noch mein Fluch, daß ich zu fein bin«, seufzte Amos für sich und beteuerte dann laut, daß man sich in seiner Person irre und daß er ganz außerstand sei, irgendein Lösegeld zu bezahlen. Die Quälgeister ließen ihn noch wohlbewacht ein paar Stunden ruhig in ihrer Mitte fortmarschieren. Als sie aber durch den Wald zur Lahn herabgestiegen waren, da, wo sich das Bett des Flusses eine gute Stunde unter Weilburg am sogenannten »Hexenloch« zwischen steilen Felsen einengt, machten sie halt. Am rechten Ufer sprangen die Wände bis ins Wasser vor, und mächtige abgelöste Trümmerstücke lagen noch weit hinaus in der strudelnden Lahn. Ein ganz schmaler Steig, nur bei niederem Wasserstande gangbar, führte an den Felswänden vorüber; rechts und links tiefste Waldeinsamkeit. Das Hexenloch war das prächtigste Plätzchen zum Rauben und Morden. Hier erklärte nun der Hauptmann dem gefangenen Haselborn, der Spaß sei jetzt zu Ende und seine Gesellschaft beginne ihnen langweilig zu werden, er möge also herausgeben, was er bei sich führe, Papiere oder Geld oder was es immer sei. Und zu gleicher Zeit griffen mehrere handfeste Kerle kräftigst zu, um Amos die Taschen zu leeren und die Kleider vom Leibe zu reißen. Da dieser nun sah, daß kein Verbergen mehr möglich, zog er selber rasch den Beutel voll Gold und Juwelen aus der Tasche und schleuderte ihn weit hinaus in das wirbelnde Wasser. Nun konnten doch wenigstens die Steine nicht mehr wider ihn und Ramsay zeugen. Die Räuber, welche sich solchergestalt ihre sichere Beute entrissen sahen, wollten anfangs den Amos seinem Beutel nachwerfen, ihn erstechen oder erschießen, allein der Hauptmann wehrte das und sprach: »Jetzt wissen wir ganz gewiß, daß dieser Bursche einer von den verdächtigen Freunden Ramsays ist. Bewachet ihn fest, damit wir ihn den Kaiserlichen ausliefern und den Preis, welchen er selber zu zahlen weigerte, von seinen Feinden erhalten; die Folterknechte werden dann schon herauskriegen, was er eben in die Lahn geworfen hat.« Im Zorn mißhandelten sie Amos eine Weile und führten ihn dann mit sich lahnaufwärts gegen Weilburg. Als Amos aber die nächste Todesangst überwunden, dachte er ganz im stillen: »Da versinken zwei Rittergüter und etwas mehr in den Wirbeln der Lahn! Hätte mich mein verfluchter Schönheitsstolz nicht verraten und wäre ich nicht immer noch zu fein für einen Bettler, so hätte ich auf eines der zwei Rittergüter wohl nächsten Monat schon des Schulmeisters Marthe heiraten können.« An einem Hügel etwa eine halbe Stunde vor Weilburg machte die Rotte halt und lagerte sich. Man konnte von da droben die Stadt übersehen, wie sie mit ihren Mauern und Türmen auf einem Felsrücken emporstieg, fast rings von der Lahn umflossen. Tief betrübt blickte Amos auf das schöne, ihm so heimliche und doch jetzt wieder seltsam fremdartige Bild. Denn gar vieles erschien in den Umrissen der Stadt verändert, seit sie der junge Werbesoldat verlassen hatte. Noch in den letzten Jahren erstürmt, geplündert, durch Brand verwüstet, wollte das Weilburg, welches heute vor ihm lag, nicht recht mehr stimmen mit jenem, welches er seit zehn Jahren so treu im Gedächtnis bewahrte. Da fehlte ein Turm, dort waren Häuserlücken, das Schloß, vordem noch neu und schön, schaute alt und verfallen drein. – »Großer Gott!« dachte Amos, »wenn die festesten Mauern also wankten und stürzten, wie mag es den armen, schwachen Menschen ergangen sein!« Und es überkam ihn eine große Bekümmernis, daß die Lieben, mit welchen er nun schon monatelang so innig im Geiste verkehrte, hinweggenommen sein möchten gleich jenen Türmen und Häusern. Dann aber wurde dieser traurige Gedanke durch einen noch viel traurigeren verdrängt. Er sah klar, daß die Räuberbande, welche ihn gefangenhielt, Überfall und Plünderung der Stadt beabsichtigte. Schon nahten sich Zuzüge ähnlicher Art von den benachbarten Höhen wie nach gemeinsamem Plane; es lagen wohl wenige oder gar keine Truppen in Weilburg, und die stündlich wachsende Bande hatte bequemes Spiel mit einer leicht einzuschüchternden Handvoll Bürger. Nun mußte Amos, der wenigstens als ein ehrlicher Soldat von Hause gezogen, als Gefangener dieses Gesindels wieder heimkehren, mußte wehrlos zusehen, wie die Bösewichter wohl gar seiner Eltern und Marthens Haus verwüsteten und ausraubten, die Leute quälten, totschlugen, die Stadt anzündeten, um ihn selber nachgehends zu verkaufen an ein peinliches Gericht! Inzwischen hatte der Führer des Trupps eine Streifwache gegen Weilburg geschickt, daß sie erkundete, ob die Tore besetzt seien. Die Leute kamen rasch zurück, machten lange Gesichter und berichteten, bis zum Tore seien sie nicht vorgedrungen; denn schon im Weilweg unterhalb der Kirchhofsmühle sei die Straße durch Palisaden und ein Falltor gesperrt. Zwar stehe da außen keine Wache, allein an dem Falltor sei eine landesherrliche Proklamation mit großen Buchstaben ganz frisch angeschlagen, des Inhaltes, daß Nachzüglerrotten und freie Banden, welche sich in der Gegend herumzutreiben oder gar an die Stadt heranzuschleichen wagten, als Räuber behandelt würden mit kurzem Prozeß und langem Strick. Solche Sprache war diesem Gesindel aber ganz neu; sie waren vielmehr gewöhnt, daß selbst volkreichere Städte ihnen demütige Deputationen entgegenschickten, um die Plünderung abzukaufen. Der Hauptmann sprach: »Gestern lagen nur wenige schlechte Söldner in der Stadt, denn der Graf ist abwesend und die Hälfte der kleinen Bürgerschaft geflüchtet. Ohne Zweifel aber hat der Graf Wind von unserem Vorhaben bekommen und in vergangener Nacht jene dreihundert Mann in die Stadt geworfen, welche bei Runkel standen. Sonst würden die Weilburger wahrlich die Unverschämtheit nicht haben, eine solche Proklamation vor unserer Nase ans Tor zu heften.« Die Mannschaft teilte des Führers Ansicht, und ohne nur einen Befehl abzuwarten, brach der ganze Schwarm auf und schwenkte rechts in den Wald nach Braunfels hinüber. Sie wollten plündern, nicht kämpfen, und so frech sie gegen den Wehrlosen waren, so feig waren sie gegen den Gewaffneten. Als sie darum nach halbstündigem Marsch einen kleinen Trupp Soldaten, ohne Zweifel einen Vortrab, von Weilburg herüberkommen sahen, löste sich die ganze Rotte in wilder Flucht, und es gelang Amos, seinen Wächtern zu entschlüpfen. Er eilte aus dem Walde gegen die Stadt. Zu seinem Erstaunen aber bemerkte er nun, daß beide Teile flohen. Denn in demselben Augenblicke, wo die Bande die Soldaten bemerkt und sich zur Flucht gekehrt hatte, waren auch diese erst der Gegner ansichtig worden und zurückgeprallt. Die Soldaten, etwa dreißig Mann stark, liefen wie die Hasen vor dem hinkenden Amos her, und es schien fast, als ob er allein sie in die Flucht geschlagen habe, und doch war auch er wiederum auf der Flucht vor den fliehenden Räubern. Freilich bemerkten die Soldaten bald, daß nur ein einzelner Mann hinter ihnen dreinkomme; sie machten darum mannhaft Front, legten selbdreißig die Musketen auf ihn an, forderten ihn auf, sich zu ergeben, und machten ihn mit großem Getümmel zum Gefangenen, sofern man nämlich einen fangen kann, der uns freiwillig nachläuft. Vergebens beteuerte Amos, daß er selber ein Gefangener der Räuber gewesen sei und vielmehr Schutz bei ihnen suche. Die Soldaten – eben jene wenigen schlechten Söldlinge, von welchen der Bandenführer gesprochen, – brauchten einen Gefangenen für sich zum Zeugnis des gelungenen Ausfalles, und wenn ein Mensch wie ein Räuber aussah, so war es jetzt der zerlumpte einäugige Amos. Also fesselten sie ihn und schleppten ihn mit Flüchen und Kolbenstößen nach der Stadt. Vergebens rief Amos, daß er ein Weilburger Bürgerssohn sei und Amos Haselborn heiße und ob denn keiner den alten Schneider Haselborn kenne. Keiner wollte den Namen gehört haben. Das erschreckte Amos heftig. Freilich lagen diese fremden Werbesoldaten erst seit wenigen Monaten in der Gegend. Doch versicherte einer im Vorbeigehen, er habe wohl gehört, daß vor Jahr und Tag ein Schneider Haselborn und seine Frau in derselben Stunde an der Pest gestorben seien. Und als die Soldaten sahen, wie tief diese zweifelhafte Nachricht ihren Gefangenen erschütterte, packten sie ihn aus Mitleid etwas milder an, lockerten seine Stricke ein wenig und sprachen in anderen Worten als in Fußtritten und Kolbenstößen. Amos berief sich auf mehrere Bürger, die ihn wohl noch kennen und für ihn gutstehen würden. Allein jedesmal hieß es, der sei verstorben oder verschollen, und die Soldaten wußten nichts von ihm. Hundertmal brannte es Amos auf der Zunge, nach des Schulmeisters Marthe zu fragen, doch er brachte das Wort nicht über die Lippen; es war ihm, als könne er durch die Verzögerung der schlimmsten Antwort sein letztes, volles Elend selber noch hinauszögern. So verstummte er, und die Stadt, welche immer näher rückte, lag vor seinem schwimmenden Auge wie ein großer Kirchhof. Da kamen sie an die Palisaden mit dem Falltor und der Proklamation. Die Soldaten hielten an, betrachteten lachend die Schrift, und einer rief: »So hat des Schulmeisters Marthe denn doch den Mut gehabt, des Grafen Proklamation anzuschlagen!« Dieser Ausruf löste des Gefangenen Zunge. »Also lebt des Schulmeisters Marthe noch?« fragte er bebend. »Freilich! und ist ein Teufelsmädchen dazu!« Das war zwiefacher Trost für Amos, denn ein Teufelsmädchen konnte unmöglich verheiratet sein. Als er aber fragte, warum sie denn Marthen gerade diesen Beinamen gäben, schwiegen die Kerle, fast als schämten sie sich. Einer der Soldaten jedoch flüsterte Amos ins Ohr: »Diese feigen Schufte« (übrigens war er selber ebenso geschwind davongelaufen wie die anderen) »fürchteten sich vor der Rache der Räuber und wollten des Grafen Proklamation nicht anschlagen. Die Bürger wagten es auch nicht. Da sagte Marthe, wenn kein Mann es wage, seines Landesherrn Verordnung zu verkünden, so müsse es wohl ein Weib tun, und eilte vor das Tor mit dem Schriftstück. Meine Kameraden aber bekamen nun solche Angst über diese Herausforderung, daß sie eilends das Weite suchten und gegen Braunfels davonliefen.« Nun ging Amos ein Licht auf über die ganze Kriegsgeschichte dieses Tages. Die Bande war geflohen wegen der Proklamation und die Besatzung gleichfalls wegen der Proklamation; indem dann beide fliehende Haufen sich begegneten, glaubte ein jeder sich angegriffen, und beide prallten fliehend auseinander. In Weilburg aber war weder der Graf noch eine bessere Mannschaft, sondern Marthe hatte durch das Anschlagen des Mandates die Stadt gerettet und Amos obendrein aus den Händen der Räuber befreit. An ihrer mutigen Tat erkannte dieser seine Marthe wieder, wie sie einst so kühn unter die Werber getreten war, um ihn zu retten, und er meinte, was ihr damals mißlungen, das sei ihr heute endlich geglückt: sie habe ihn den Banden des rohen Kriegsvolkes nun doch und wohl für immer entrissen. In dankbarer Freude vergaß Amos sogar den Verlust der Eltern; trotzdem ward es ihm bleischwer in den Beinen, als er das Weilburger Pflaster betrat, die Stätte so manchen Jammers, der ihm ans Herz griff, und ihm deuchte, er müsse heute noch viel Schlimmes dazu erfahren. Die Bürger begrüßten die heimkehrenden Soldaten gerade nicht als Sieger, gingen ihnen vielmehr mit einem Gemisch von Furcht und Verachtung aus dem Wege. Denn die feigsten Söldlinge waren in der Regel auch die boshaftesten. Nur ein alter Leineweber warf ihnen spottend die Frage entgegen: »Was ist denn das für ein sauberer Gefangener, den ihr heute erbeutet habt?« »Ei, er ist einer von Euren Leuten«, erwiderte der Feldwebel mit gleichem Spott, »ein Weilburger Bürgerskind! Wollt Ihr für ihn gutstehen, oder sollen wir ihn aufhängen laut des gräflichen Mandats? Amos Haselborn schreibt er sich.« Der Leineweber sah dem Gefangenen ins Gesicht und lachte. »Des alten Haselborns bösen Buben habe ich vor Jahren wohl gekannt; aber dieser Kerl da sieht dem schönen Amos so ähnlich wie der Schornsteinfeger dem Müller.« »Gottlob!« dachte Amos, »die Leute merken wenigstens, daß ich mich gründlich verändert habe.« »Wollt ihr übrigens genau erfahren«, sprach der Leineweber weiter, »ob dies der wirkliche Amos Haselborn ist oder nicht, so führet ihn nur zu des Schulmeisters Marthe, die war, soviel ich weiß, der Schatz jenes Amos und wird euch heute abend ebensogut über eure Kriegsbeute Bescheid geben können wie heute morgen über die Proklamation.« Der Leineweber sagte das aber nur zum Spott, denn er meinte, bei dem bloßen Namen Marthens müßten die Soldaten vor Scham rot werden bis über die Ohren. Diese aber hatten das Rotwerden längst verlernt, glaubten ihrerseits sich an Marthen zu rächen, wenn sie ihr den Landstreicher als ehemaligen Geliebten ins Haus führten, und schwenkten also zum Markt hinüber, wo Marthe mit ihrer Mutter wohnte; auch ihr Vater war in den letzten Jahren gestorben. Amos folgte schweigend. Seit er die Straßen der Stadt betreten, schnürte es ihm förmlich die Kehle zu. Im abendlichen Zwielicht saß Marthe in ihrer Kammer, als die Soldaten hereindrangen. Sie richtete sich auf ohne das mindeste Zeichen von Furcht. Der Feldwebel schob den Gefangenen vor und fragte: »Kennt Ihr diesen Mann?« Staunend und forschend blickte das Mädchen lange auf die verlumpte Gestalt und das zerhauene Gesicht und fuhr sich über die Augen, als wolle sie heller sehen. Die Erscheinung war ihr bekannt und bewegte sie tief, und doch wußte sie nicht, wo sie diese Züge hintun solle. Da fragte Amos leis' und bebend: »Marthe! Kennst du mich nicht mehr?« Kaum aber hatte diese den Klang vernommen, so war es, als zucke ein Lichtstrahl über ihr Antlitz, und sie rief, erstarrt zurücktretend, mit jenem innersten Schrei des Herzens, in welchen sich der höchste Schmerz und die höchste Freude gemeinsam teilt: »Amos! Amos! Das ist der Amos Haselborn!« Und ob die rohen Soldaten gleich laut auflachten, fiel sie doch dem armen Gefangenen um den Hals und konnte vor Weinen und Schluchzen kaum zu sich selber kommen. Da verstummten sogar die Söldlinge, und mehrere schlichen sich sachte davon. Amos und Marthe vergaßen ganz, daß noch andere Leute zuhörten, und überschütteten sich mit einer Flut von Fragen und Antworten und konnten des gegenseitigen Erzählens kein Ende finden. Als aber Amos berichtete, wie er in die Hände der Nachzügler gefallen und auf Grund der von ihr angeschlagenen Proklamation wieder frei, dagegen nun von den fliehenden Weilburger Soldaten aufgegriffen worden sei, machte sogar der Feldwebel kehrt, der zuletzt allein noch bei dem Gefangenen ausgehalten, und stieg ganz leise die Treppe hinab; denn von der Proklamation und ihren Folgen hörte er nicht gerne reden, vorab in Marthens Gegenwart. Es war ganz dunkel geworden in der Stube, und die beiden hätten es nicht gemerkt, wenn nicht die Mutter mit Licht gekommen wäre, und nun erst sah auch Amos, daß er noch gebunden war, und Marthe löste ihm die Stricke. So saßen sie nun selbdreie beisammen, und Amos erzählte, wie er zu Hanau im Handumdrehen ganz lind und weich geworden durch die fürchterlichen Hiebe der Bauern und wie ihn dann auf dem Schmerzenslager urplötzlich eine so tiefe Sehnsucht nach Marthen ergriffen und wie er in der höchsten Pein zuerst erkannt habe, daß sie von allen Menschen ihm am uneigennützigsten gut gewesen sei. Und wenn er an sie zurückgedacht, dann sei es ihm gewesen, als blühe ihm die verlorene Jugend und Schönheit, als blühe ihm das verlorene Paradies der Unschuld wieder auf in ihrer treuen Seele. Allein es wundere ihn, wie Marthe auch ihrerseits so feste Liebe ihm bewahrt, die sie doch nie ausgesprochen und nie erwidert gefunden habe. Marthe aber berichtete ihm fast mit den gleichen Worten, daß in all der Not der Schreckensjahre das Andenken an den harten, schönen, leichtmütigen und doch auch wieder so guten Amos ihr wie ein tröstendes Zurückversenken in die selige Jugend gewesen sei und daß sie in derselben ziellos sehnsüchtigen Liebe zu ihm sich hinübergeträumt, in welcher man der unschuldigen Kindheit als eines nie mehr zu gewinnenden und doch unverlorenen Kleinodes gedenke. Darauf aber sagte Amos traurig: »Unserem inneren Glücke stünde demnach fast nichts mehr im Wege, hingegen dem äußeren alles! Es war mein Fluch, daß ich zu schön war, zu stolz auf meine Schönheit und daß ich gar zu oft dachte und sprach, wie schön ich sei. Gottlob! jetzt bin ich nicht mehr schön. Allein ich bin auch nicht mehr schön genug für dich; denn du bist schöner geworden, als ich mir jemals vormalte; die gereifte Kraft der Seele hat die Härte deiner Züge bezwungen und verklärt. Heut morgen noch glaubte ich ein Rittergut mit dir teilen zu können, jetzt bin ich ein Bettler. Ich habe keinen Beruf, kein Vermögen, und wer weiß, ob ich je die volle Kraft meiner Glieder wiederfinde, und so wird unsere Liebe bleiben müssen, was sie war: der Traum eines unverlorenen und doch nie mehr ganz zu gewinnenden Kleinods!« Statt aller Antwort sagte Marthe, sie müsse ihm noch von den letzten Tagen seiner Eltern erzählen. Und sie berichtete dann, daß sie seit Jahren bei jenen wie das Kind im Hause gewesen sei, befreundet durch die schwere Not der Zeit, welche sie mit dem verlassenen Paare zu teilen gesucht. Sie habe geglaubt, die Liebe, welche sie dem Sohne nicht geben könne, wenigstens den Eltern schenken zu müssen. Auch in der letzten Krankheit habe sie die Alten gepflegt, und die sterbende Mutter habe ihr den Rest ihres eingebrachten Vermögens übergeben, damit Marthe das Geld aufbewahren möge für den verschollenen Sohn. »Die Summe«, so schloß sie, »ist zwar kleiner als in den guten Tagen deiner Eltern, allein da inzwischen alle Welt ärmer geworden ist, so gilt sie noch genug, daß du dir zu dem väterlichen Hause Garten und Feldgut kaufen und als ein geachteter Bürger von deiner Hände Arbeit leben kannst.« »Du beschämst mich heute allerwege«, entgegnete Amos. »Am Morgen gedachte ich dir noch ein Rittergut zu schenken, und am Abende schenkst du dem Bettler sein mütterliches Erbe. Aber wenn ich schon das Rittergut nicht ungeteilt hätte genießen mögen, so nehme ich noch viel weniger das Erbe aus deiner Hand, außer du teilest mit mir und gibst mir diese treue Hand dazu.« So löste sich in des Abends stillem Frieden alles Wirrsal des heißbewegten Tages und der sturmvollen Jahre. Und es war den Liebenden, als sei ihnen in diesem Frieden eine Verheißung gegeben, daß sie über die schreckliche Gegenwart hinaus auch den ersehnten Frieden des ganzen Vaterlandes noch erleben würden, wie sie ihn vorhergesagt glaubten in dem Tauftexte des Amos: »Aber ich will die Gefängnis meines Volkes Israel wenden, daß sie sollen die wüsten Städte bauen und bewohnen, Weinberge pflanzen und Wein davon trinken, Gärten machen und Früchte daraus essen. Denn ich will sie in ihr Land pflanzen, daß sie nicht mehr aus ihrem Lande gerottet werden, das ich ihnen geben werde, spricht der Herr, dein Gott.« Fast zur selben Zeit, da Amos und Marthe Hochzeit hielten, kam aus Dillenburg die Kunde vom Tode des Generals Ramsay, und das Gerücht fügte hinzu: der stolze, schöne Schotte habe sich aus Gram zu Tod gehungert. Amos war tief ergriffen von dem traurigen Ende eines so hochbegabten Menschen und erkannte, daß der schönste Mann im Heere, als Schneiderssohn geboren, zuletzt doch noch zu höherem Glück aufsteigen könne als der schönste Mann, als Kavalier geboren. Und zum wenigsten war er froh, daß Ramsay jetzt die Edelsteine nicht mehr brauche, denn die lasteten ihm noch immer etwas auf dem Gewissen. Er widerstand auch später der Versuchung nicht, eines Nachts in Begleitung seiner Frau mit einem großen Netze nach dem Hexenloche zu gehen und dort den Fluß auf und ab zu fischen nach den zwei Rittergütern. Allein sie zogen nichts als Sand, Geröll und einen Teller voll Weißfische ans Ufer. »Schleichen wir stille wieder heim«, sprach endlich Amos, »und backen wir uns die Fische morgen zum Mittagsmahl. Ein Weißfisch ist zwar der geringste Fisch, aber wenn ihn zwei junge Eheleute zusammen verzehren, die einander gerade schön genug sind und lieb übergenug, und gehörig achtgeben auf die vielen Gräten, dann schmeckt er doch besser als ein köstlicher Salm an der Tafel einer Gräfin oder Prinzessin – Gott habe meine Mutter selig!« Und als sie bei diesen Worten, vom Monde hell beleuchtet, einander ins Auge sahen, da meinten beide für sich, die Herzensgüte, welche aus den Zügen sichtbar hervorbreche, mache doch das allerschönste wie ein etwas verunglücktes Gesicht erst wahrhaft schön und kein Maler könne diese allerschönste Schönheit nachbilden, auch wenn er Kirchenengel zu malen verstehe. Aber keines sagte es diesmal dem anderen. Gräfin Ursula 1856 Erstes Kapitel Im Schlosse zu Hadamar saß Frau Gräfin Ursula, des Grafen Johann Ludwig von Nassau-Hadamar Gemahlin, und führte die Nähnadel so emsig, daß die Kammerfrau, gleich ihr mit weiblicher Handarbeit beschäftigt, kaum in die Wette nähen konnte. Der erste Blick ließ in der Gräfin die bedeutende Frau erkennen. Mittelgroß, schwächlich von Statur, etwas vorwärtsgebeugt, obgleich noch in jungen Jahren, zeigte doch ihr Kopf eine Würde und Hoheit, daß man die nach äußerlichem Maße unscheinbare Erscheinung eine wahrhaft königliche nennen mußte. Das Gesicht war bleich; man sah, häufiges Siechtum lastete auf dem jugendlichen Körper; aber die großen schwarzen Augen strahlten das Bild eines mächtigen Geistes aus, der zu herrschen wußte über die Schwäche dieses gebrechlichen Leibes. Die hochgewölbte Stirn, die kräftig hervortretende, doch nicht übergroße Nase verkündeten die männliche Seele, die in diesem unansehnlichen Weibe wohnte; die feingeschnittenen, in den sprechendsten Linien gezeichneten Lippen ließen die reiche Beredsamkeit ahnen, wie sie je nach Umständen weiblich fein und geistreich oder männlich gewaltig diesem Munde entquoll. Und doch spielte bei allem Adel, bei aller Hoheit ein Zug des Wohlwollens um diese Lippen, der herzgewinnend jeden Unbefangenen zu der hohen Dame hinzog, als könne sie nur seine Freundin sein. In einem höchst einfachen Gewand von schwarzem Wollenstoff erschien die Gräfin geschmackvoll zwar gekleidet, doch viel schmuckloser als die Frauen ihres Gefolges und Dienstes. Auch ihr Zimmer bekundete den gleichen Geist strenger Schlichtheit und Sparsamkeit. Wenn sie von ihrem Gemahl, der fürstlichen Glanz und Prunk liebte, zur Rede gestellt wurde wegen des Übermaßes von Schmucklosigkeit, dann pflegte sie zu antworten, in diesen bösen Zeiten, wo der Bürger verhungere und auch die Fürsten nicht fett würden, zieme es wohl den Gewaltigen, voranzugehen in der Entsagung und sich das Beispiel jenes Alfons von Arragonien zu merken, der, bürgerlich gekleidet und wohnend, zu sagen pflegte, er wolle lieber in der wahren Würde der Gewalt und in Tugend und Sittenstrenge als der erste seines Volkes glänzen denn durch das Blitzen des Diadems und das Schimmern des Purpurs. Es war freilich eine böse Zeit, denn es war das Jahr 1629, in welchem Kaiser Ferdinand der deutschen Nation mit dem Restitutionsedikt jenes verhängnisvolle Maigeschenk gemacht hatte, welches den bereits elfjährigen Krieg zu einem dreißigjährigen weiterspinnen sollte. Da mochte das einfache Gewand, das einfache Gemach der Gräfin wohl zu dem Ernste der Zeit passen. Und dennoch, obgleich das Gemach so einfach, erschien es als ein fürstliches wie die Gräfin dem ersten Blick als eine fürstliche Dame, obgleich sie schlichter gekleidet war als ihre Kammerfrauen. Die hohen Wände des Zimmers waren schmucklos; die puritanische Strenge der eifrig reformierten Herrscherin verschmähte sinnenreizendes Bildwerk. Dafür zeichnete sich der mit schöner gotischer Steinmetzarbeit gezierte Erker durch eigentümlichen Schmuck aus. An den schmalen Wänden waren Spruchbänder in abenteuerlicher Verschlingung gemalt, und auf denselben standen Bibelverse, die sich alle mahnend, ermunternd, drohend auf den fürstlichen Beruf bezogen. Die Füllungen zwischen den Gewölbrippen der zierlichen Decke prangten in tiefblauer Farbe, und Sonne, Mond und Sterne, in Gold aufgetragen, wandelten an diesem Firmamente friedlich nebeneinander. Den Schlußstein der Kuppe aber bildeten vereint das nassauische Wappen mit dem aufsteigenden Löwen und das lippesche mit seinen Schwalben, Sternen und Rosen; denn Gräfin Ursula stammte aus dem Geschlecht der Grafen von Lippe. Im Kreise aber um die Wappen stand der Wahlspruch der Gräfin geschrieben: »Im Glauben fest.« Aus den Fenstern des Erkers, unter denen die Elb, ein Nebenflüßchen der Lahn, vorüberrauschte, blickte man auf die Häuser der Stadt Hadamar. Das Schloß, schon keine Burg mehr, erhob sich inmitten der Stadt, die bürgerlichen Wohnungen überragend, und doch als wäre es aus denselben hervorgewachsen wie das neue Fürstentum aus dem neuen Volkstum. Die Gräfin saß mit ihrer Näharbeit an einem kunstreichen Tischchen, in den Niederlanden verfertigt und charakteristisch für die Zeit und für den, der es benutzte. Auf der einen Seite war es ein Nähtisch, auf der anderen ein kleines Klavier von drei Oktaven, entsprechend den bescheidenen Ansprüchen jener Tage. Auf dem Brettchen über der Klaviatur, wo wir jetzt die Firma des Fabrikanten zu suchen gewohnt sind, war der Bibelvers eingelegt: »Lobe den Herrn mit Saitenspiel und Harfen.« Und dieser Mahnung entsprechend lag ein Notenbuch mit Psalmen und geistlichen Liedern aufgeschlagen auf dem Pult. Auf der anderen Seite zeigte das Nähtischchen jene unübersehbare Fülle von kleinen Gefächern, Schublädchen, geheimen Kästchen und ähnlichen Dingen, wie sie unsere Vorfahren liebten. Selbst die mit elfenbeinernem Schnitzwerk zierlich eingelegte Elle, die zur Seite am Tische hing, war nicht ohne ihr biblisches Motto. Warnend stand auf derselben der Spruch des Jesus Sirach eingegraben: »Wie ein Nagel in der Mauer zwischen zweien Steinen stecket, also stecket auch Sünde zwischen Käufer und Verkäufer.« Aber nur ein Halbschied des Nähtisches war für Garn, Seide, Nadeln und Scheren bestimmt, die andere Hälfte diente zur Aufstellung einer kleinen Apotheke. Schon der eingelegte Bibelspruch am Rande zeigte diese Bestimmung an: »Der Herr lässet die Arznei aus der Erde wachsen, und ein Vernünftiger verachtet sie nicht.« Die gebildeteren Frauen hatten in jenen Tagen den ärztlichen Beruf, der ihnen als ein Erbteil aus uralter Zeit zugefallen war, noch keineswegs aufgegeben, und an jedem Morgen fanden sich Kranke von nah und fern in den Vorsälen des hadamarischen Schlosses ein, um von der Gräfin Rat und Hilfe zu erbitten. Freilich in den letzten Jahren waren es nicht bloß Kranke gewesen; Scharen von Notleidenden aller Art drangen in das Schloß, um hier als bei den Leuten, die an Macht und Rang zunächst nach unserem Herrgott kamen, Rettung zu suchen. In den schlimmsten Tagen war das Schloß förmlich belagert worden von Schwärmen halbverhungerter Menschen, die mit dem herzzerreißenden Rufe: »Brot! Brot!« stundenlang unter den Fenstern auf und nieder wogten. Denn wo niemand mehr helfen konnte, da mußte doch der Graf noch Hilfe haben. So meinte das Volk, welches noch den vollen Glauben an die unantastbare höchste Macht und Weisheit des patriarchalischen Fürsten in sich trug. Und der Graf und die Gräfin taten das Menschenmögliche, diesen Glauben nicht zuschanden zu machen. Oft schon hatte man den letzten Brotlaib, der im Schlosse war, den Unglücklichen hinausgegeben. An festen Tagen ward Speise unter alle bedürftigeren Einwohner der Stadt verteilt. Täglich wurden die reichlichen Überreste der herrschaftlichen Tafel aufs Land hinaus zu Kranken und Schwachen geschickt. Ja, die Gräfin ging selber hin, wo die Not groß war, und oft sah man sie, den Korb mit Speisen und Arzneien selbst im Arm tragend, zu den Häusern der Kranken und Armen eilen. Es war noch keine eigentliche Kriegsverwüstung über das hadamarische Land gekommen. Aber die steten Truppendurchmärsche, Einquartierungen, Requisitionen und Kontributionen, die sich seit zehn Jahren ununterbrochen gefolgt, drückten härter als der unmittelbare Krieg. Dazu kamen Mißjahre und ihr natürliches Gefolge, Seuchen. Auch Heuer war alles übel geraten. Das Korn stand meist so licht, daß man zwischen den Halmen spazierengehen konnte. Das Obst war nicht gezeitigt. Hanf und Flachs waren so klein geblieben, daß die Fasern, wie der Bauer pfiffig zu sagen pflegt, nur für Kinderhemden langten, nicht für ein großes Mannshemd. Mastvieh war in der Gegend so rar wie heutzutage ein Hirsch oder Reh und ward, wo sich ein Stück blicken ließ, von den Soldaten nicht minder eifrig gejagt. Unter diesen schwierigen Umständen entfaltete Graf Johann Ludwig eine ebenso bewunderungswürdige Tätigkeit als kluger Fürst wie seine Frau als Mutter der Armen und Kranken. Schlauen Geistes, gewandt in den Formen, glatt, beredt, mit Glanz und Geld imponierend, wo es nötig war, rastlos geschäftig, wußte er mit allen kriegführenden Parteien sein Abkommen zu treffen und, wenn es auch nicht immer gelang, doch in gar vielen Fällen die schwerste Last der Durchmärsche, Einlagerungen und Gelderpressungen von seinem Ländchen abzuwälzen. Sah es trotzdem so schlimm in der beneideten hadamarischen Grafschaft aus, um wieviel schlimmer noch mußte es in den angrenzenden Gebieten stehen! Johann Ludwig erntete für seine Klugheit und seinen Eifer, der ihn oft monatelang nicht aus dem Sattel kommen ließ, das volle Maß der Volksbeliebtheit. Man sagte damals nicht mit Unrecht, der hadamarische Graf könne seine Grafschaft an einem Haar weiter ziehen als andere Fürsten ihr Land an Ketten. Er sollte bald Anlaß haben zu erproben, wie weit er sein Land nach sich ziehen könne. Wir kehren zurück in das Gemach der Gräfin Ursula. Sie hatte auf eine Weile die Arbeit aus der Hand gelegt und den Deckel über das kunstreiche Nähtischchen geworfen. Ein banges Träumen und Sinnen überkam sie. Doch jetzt nicht zum erstenmal; es war ihr schon öfters so ergangen in den letzten Tagen. Ihr Gemahl war nach Wien gereist, um dort die Ungnade des Kaisers von sich und den Grafen von Nassau-Diez und Nassau-Dillenburg abzuwenden; denn man hatte ihnen vor dem Reichshofrat allen Ernstes den Prozeß zu machen begonnen, weil sie dem Kurfürsten von der Pfalz zehn Lehenreiter ins Feld gestellt. Außerdem wollte Johann Ludwig Erleichterung für sein in der letzten Zeit von den Kaiserlichen wieder schwer geplagtes Land unmittelbar am Throne des Kaisers erwirken. Nun war seit vielen Wochen kein Brief des Grafen nach Hadamar gekommen noch sonst eine Kunde von ihm. Dagegen hatten vor vierzehn Tagen die kaiserlichen Offiziere die strengste Order erhalten, das Land tunlichst zu räumen, alle Naturalrequisitionen zu bezahlen und überhaupt die Grafschaft Hadamar in jedem Betracht zu schonen als Freundesland. Also war der Aufenthalt des Grafen in Wien vom glänzendsten Erfolg begleitet, und dennoch ließ er nicht eine Silbe von sich hören. Das mochte die Gräfin wohl nachdenklich machen. Unheimlich fast berührte sie's, daß sie eben jetzt ihren Blick gar nicht abwenden konnte von dem Deckel des Nähtisches, in dessen Mittelschild ihr Wahlspruch geschrieben stand: »Im Glauben fest.« Immer aufs neue mußte sie heute diese Worte lesen und ihnen nachgrübeln, sie wußte selbst nicht warum. Da wurde sie aus ihrem Sinnen durch die Meldung geweckt, daß Pfarrer Niesener aus dem benachbarten Rennerod in wichtigen Dingen um Gehör bitte. Die Gräfin kannte den Pfarrer wohl, denn namentlich an den kleineren protestantischen Höfen bildeten damals die Geistlichen ein Hauptelement der Geselligkeit, und sowohl in den engeren Zirkeln wie bei den großen Gelagen durften sie vor anderen sich erlauben, ein kühnes, freimütiges Wort in die Unterhaltung zu werfen. Der Pfarrer trat ein, artig und untertänig in seinen Manieren und dennoch fest und zuversichtlich wie einer, der des Umganges mit den Großen dieser Welt gewohnt ist. Die Gräfin begrüßte ihn herzlich und hieß ihn niedersitzen. »Ihr wollt von wichtigen Dingen reden? Fast habt Ihr mich erschreckt mit diesem Wort.« »Von den wichtigsten Dingen, meine gnädigste Gräfin, die sich seit Jahr und Tag, seit mir's gedenkt, ereignet haben.« »Ihr habt Kunde vom Grafen! Schlimme Kunde! Oh, sprecht sie aus, ohne Umschweife, ohne Einleitung. Der Herr hat mich stark gemacht in meiner Schwachheit.« »Ich habe Kunde vom Grafen. Er befindet sich gesund und wohl in Wien. Aber so kann ich meinen Bericht nicht anfangen. Erlaubt, gnädige Gräfin, daß ich weit aushole, um der Sache willen wie um Euretwillen, daß ich wie ein geschwätziges altes Bauernweib von dem scheinbar Fernsten und Gleichgültigsten ausgehe. Wenn ich's nicht in der Ordnung erzählen kann, dann bringe ich gar nichts heraus, was ich Euch sagen muß.« Die Gräfin lächelte und winkte zustimmend. »Ich bin schon in Geduld gefaßt. Redet, wie Ihr's Euch ausgedacht, wie es Euch ums Herz ist. Ich will schweigen und folgen wie ein Lamm.« Als sie, innerlich erbebend, daß sie kaum die Fassung behalten konnte, diese Worte gesprochen, blickte sie wieder auf den Tisch und auf den Spruch: »Im Glauben fest.« Aber jetzt war es ihr mit einemmal nicht mehr unheimlich, über denselben zu grübeln; die Worte leuchteten ihr vielmehr entgegen wie ein helles Licht des Trostes und gaben ihr Kraft und Mut zurück, den Pfarrer ruhig anzuhören. Derselbe begann: »Ein Vetter des Pfarrers Textor in Mengerskirchen ist, wie Euer gräfliche Gnaden wohl wissen, mit dem gnädigsten Herrn Grafen als Sekretär nach Wien gegangen. Er ist ein feiner Kopf, ein ausgelernter Jurist, dazu ein wahrhaftiger Mann, auf dessen Wort man Häuser bauen darf. Dieser hat einen Brief, so dick wie ein kleines Buch, nach Mengerskirchen geschrieben voll unerhörter und doch gewiß glaubwürdiger Nachricht über das, was sich im letzten Monat in Wien zugetragen. Der Brief jagte dem Pfarrer Textor einen solchen Schrecken ein, daß er ihn gar nicht für sich allein zu behalten wagte; er berief darum die Geistlichen der ganzen Umgegend zusammen, um ihnen das Schreiben mitzuteilen und zu fragen, wie man dessen Inhalt vor Euer gräfliche Gnaden bringen solle. Aber ich muß noch etwas weiter ausholen.« »Ihr seid grausam gründlich, Niesener! Doch ich habe Geduld gelobt«, sagte die Gräfin, kaum ihrer Sinne mächtig. »Ja, harret aus in der Geduld, Ihr werdet sie brauchen, und wir werden sie brauchen!« rief der Prediger, von seinem Sitze sich erhebend im hohen priesterlichen Ton. »Selig, wer beharret bis ans Ende! Dort steht der Spruch geschrieben, der jetzt der rechte Wahlspruch ist: Im Glauben fest. – Doch ich will ruhig erzählen, höret mich ruhig an. Schon in Koblenz hat sich der gnädige Herr Graf gerne mit den Jesuiten herumgestritten; er ist ein beredter Herr, er disputiert gerne, denn er disputiert keck, den Gegner blendend, siegreich, ehe man die Hand umdreht. Da imponierte ihm die verschmitzte Dialektik der Jesuiten gewaltig, ihre seinen Ausfälle und Finten im Redegefecht, ihre schillernden Scheingründe, ihre bestrickenden Trugschlüsse. Er disputierte mit ihnen, aber er bewunderte und beneidete sie wie ein guter Fechter den besseren. Auf der Reise nach Wien stieß der Herr Graf in Mainz auf den Jesuiten Ziegler, den Beichtvater des Kurfürsten. Da gab es sogleich wieder ein theologisches Turnier und gewaltiges Lanzenbrechen. Der Jesuit spürte schon, daß der streitlustige hohe Herr nicht so ganz fest im zwinglischen Sattel saß, und schrieb flugs an seinen hochberühmten Kollegen in Wien, den Pater Lämmermann, des Kaisers Beichtvater, und empfahl den ritterlichen Herrn den Schlingen seiner Dialektik aufs dringendste. So schob ein Jesuit meinen gnädigsten Grafen dem anderen zu, und Euer Gemahl kam aus bloßer Streitlust dahin, daß er sich zuletzt diesem und jenem katholischen Lehrsatz anbequemte und glaubte, doch ein guter reformierter Christ zu bleiben. Es ist schon lange allerlei Gerede darüber umgelaufen, daß selbst Graf Moritz, Euer Herr Schwager, ausrief: ›Man spricht gar wunderlich von meinem Bruder; der Teufel mag die Akkommodisten holen.‹ Das ist soldatisch roh gesprochen, aber im Grunde hat er doch recht. Nehmt mir's nicht übel, gnädigste Gräfin; ich rede hier rückhaltslos, ohne Menschenfurcht, nur meinem Gott verantwortlich, wie es der Herr fordert von einem Prediger seines Evangeliums.« »Ich sage Euch ja, ich bin geduldig wie ein Lamm«, erwiderte die Gräfin mit erstickter Stimme. »Aber weiter, weiter! Ich weiß ja schon alles, was jetzt kommen wird. Ihr gewinnt einen Gotteslohn, wenn Ihr mich nur um ein kleines rascher foltert.« Der Pfarrer fuhr fort: »In Wien richtete der Herr Graf anfangs nichts aus beim Kaiser mit seinen Mahnungen, Wünschen und Bitten. Er dachte schon an die Heimreise. Da schlug eines Tages der rauhe Nord kaiserlicher Ungnade so plötzlich in den Zephyr der zärtlichsten Gunst um, daß es kein Mensch sich enträtseln konnte. Es hatte aber inzwischen ohne Zweifel Pater Lämmermann die Briefe des Pater Ziegler empfangen und dem Kaiser gemeldet, daß hier eine Seele und obendrein die Seele eines vielberühmten Reichsstandes wiedereinzufangen sei in das papistische Netz. Wo aber Ferdinandus dergleichen wittert, da hat er nicht Ruh' noch Rast; er ist ein Seelenfischer, so eifrig, daß man ihn einen wahren Petrus des Teufels nennen könnte, besonders wenn es große Herren zu fangen gilt, die Geld im Säckel haben und Kriegsvolk in ihren Festen. Der gnädigste Herr Graf ward eingeladen zur feierlichen Grundsteinlegung eines Mönchsklosters auf dem Kahlenberg, die der Kaiser selbst vornahm, und nach der Feierlichkeit speiste er ganz allein mit der Majestät und dem Pater Lämmermann. Es mögen dem Herrn Grafen glänzende Bilder vorgehalten worden sein, als er so mit dem Kaiser allein war, glänzende Bilder der staatsmännischen Laufbahn, auf welche sein Ehrgeiz steht. Der Sonnenschein ist ohnedies jetzt auf des Kaisers Seite. Da ist Ehre zu gewinnen, Reichtum, Land und Volk; und wir Protestanten sind ja dermalen arme, geschlagene Leute. Und mit dem Pater Lämmermann muß bei jener Tafel auch wieder weidlich turniert worden sein in geistlichen Streitfragen, und der mit allen Hunden gehetzte Pater scheint meinen gnädigsten Herrn zuletzt ganz sattel- und bügellos gemacht und ihm das Schwert an den Hals gesetzt zu haben, daß er sich für völlig überwunden erklärte. Sieben Stunden sollen sie disputiert haben in einem Atem. Der Herr Graf ging gar nicht zurück in die Stadt; er quartierte sich vielmehr sogleich ins Profeßhaus der Jesuiten. Dort sind sie, als in des Teufels Hofburg, längst auf hohe Gäste eingerichtet. Sie haben ein eigenes Fürstenzimmer, in welches sich unser gnädigster Herr Graf sieben Tage lang einsperrte. Sieben Tage lang disputierte er ohne Unterlaß mit den Jesuiten, solange nur Kopf und Atem aushielt. Er würde nicht zum Essen gekommen sein, denn auch über Tisch wollte er mit dem ihn bedienenden Bruder disputieren, wenn man ihm nicht die Bedienung ganz entzogen und die Speisen samt und sonders auf die Tafel gestellt hätte, ihn dann ganz sich selbst überlassend, damit er nur auf drei Minuten sich verschnaufe. Obgleich ihn nun die Jesuiten schon fast ganz bekehrt oder richtiger verkehrt hatten, konnte der Graf sich doch der tiefsten Scham nicht erwehren bei dem Gedanken, wie er nun seinen Brüdern und Verwandten gegenübertreten würde als Überläufer zu einer so verhaßten Religion. Darum hat er auch den Mut noch nicht gefunden, an Euch zu schreiben. Da sperrte er sich noch ein paar Tage ein im Fürstenzimmer, mit diesen Gedanken sich quälend. Die Jesuiten boten alle Kunst auf, ihm dagegen den Ruhm und die Ehren auszumalen, welche seiner als eines Katholiken von seiten des Kaisers warteten: ›Des Voglers Pfeif' gar süße sang, Als er täte den Vogelfang.‹ Da soll eines Tages ein Wunder geschehen sein, fast ein Seitenstück zu der Bekehrung des Saulus, indem dem gnädigen Herrn Grafen, während eben eine Messe für ihn gelesen wurde, plötzlich ein Schauder überlief, daß seine Gebeine wankten und zitterten und ein Lichtstrom sein Inneres durchfloß, daß ihm alle Zweifel schwanden und er den in der katholischen Kirche allein gegenwärtigen Gott gleichsam mit Händen zu greifen glaubte. Er sprang auf, lief zu dem auf dem hohen Chore messelesenden Priester und rief: ›Mein Vater, ich bin katholisch; in diesem Glauben will ich leben und sterben!‹ Die Jesuiten wußten den Augenblick beim Schopf zu fassen; der Pater Lämmermann nahm dem Neubekehrten die Beichte ab, und am Tage Marie Geburt – –« »O haltet ein! Helft meiner gnädigen Frau! Sie sitzt starr und tot in ihrem Stuhle!« rief die Kammerfrau und sprang an die Apotheke des kunstreichen Tisches. Der Pfarrer faßte die Gräfin bei der Hand; er schüttelte sie, er rief sie an. Sie blieb starr, bleich, regungslos. Aber die starken Essenzen führten allmählich das Leben zurück. Nur eine kleine Weile schaute die Gräfin unstet umher, als wolle sie sich zurechtfinden über das Vorgefallene. Dann erhob sie sich langsam, in voller Ruhe und Majestät, heftete ihr großes, durchdringendes Auge fest auf den Pfarrer und sprach: »Der Geist und der geistigste Sinn des Ohres kann noch lebendig sein, wenn auch der ganze Mensch bereits in Erstarrung versunken erscheint. Ich habe alles klar vernommen. Vollendet ohne Scheu, ohne Schonung: ›Und am Tage Mariä Geburt – –‹« »Und am Tage Mariä Geburt«, fuhr der Pfarrer fort, langsam die Worte wägend und mit erhobener Stimme, als müsse der letzte Tropfen des Kelches, der bitterste, am langsamsten getrunken werden, »schwur Graf Johann Ludwig von Nassau-Hadamar den Glauben seiner Väter ab und trat über in die Kirche des Papstes. Ich bin zu Ende; so stehet alles in dem Briefe geschrieben.« Die Gräfin saß schweigend in ihrem Sessel. »Ich bin ein Weib«, rief sie, »und habe doch keine Tränen. Das Unglück, welches Gott über mein Haus und mein Land verhängt, ist zu groß, als daß man darüber weinen könnte.« Da Niesener solches hörte, faßte er sich ein Herz und sprach weihevoll wie ein echter Priester des Herrn: »So weiß ich auch, daß du treu bleiben wirst der reinen Lehre, daß du nicht dulden wirst, daß ein Mensch sich zwischen dir und deinen Gott stelle, und sei es auch dein eigener Eheherr. Auf dir steht unsere Hoffnung; Glück und Unglück des ganzen hadamarischen Landes ist doch zuletzt in deine Hand gelegt. Sei eingedenk des Wortes: Wo du dich zu mir hältst, will ich mich zu dir halten, spricht der Herr!« Die Gräfin deutete auf ihren Wahlspruch und sprach fest: »Dies ist mein Bekenntnis. Mit Gottes Hilfe werde ich ausharren. Wo es aber sein müßte, da wollte ich mich lieber von meinem Eheherrn scheiden, das Land quittieren und als eine Bettlerin wieder heimziehen in die väterliche Burg, denn daß ich abtrünnig würde vom Glauben meines Hauses.« Drauf sagte Niesener treuherzig: »So habe ich denn nur noch eine Bitte, die mich selbst betrifft. Seht, gnädigste Gräfin, als wir Geistlichen versammelt waren und alle einmütig der Ansicht, daß Euch vor allen der Inhalt des traurigen Briefes mitgeteilt werden müsse, da wollte sich unter den vielen beredten Männern dennoch keiner finden, der diese Botschaft übernommen hätte. Jeder fürchtete die natürliche Ungnade, die den Boten einer solchen Hiobspost treffen müsse, und jeder schützte seine Unbehilflichkeit vor, auf dem Boden fürstlicher Zimmer im rechten Schritt zu gehen. So blieb die Sache zuletzt an mir hängen, wie das mit mißlichen Dingen gewöhnlich zu geschehen pflegt. Darum wollte ich nun Euer hochgräfliche Gnaden bitten, mir nicht gram und ungnädig zu werden, weil ich ein so schlimmer und rauher Bote gewesen bin. Es ist doch alles nur meiner gnädigen Gräfin zulieb geschehen und unserem Glauben und unserem Land zum Frommen. Ich selber habe ja nur Herzklopfen und Todesangst von der Sache gehabt und eine schlaflose Nacht.« Die Gräfin faßte lächelnd seine Hand. »Seid im Gegenteil versichert, solange ich lebe, will ich Euch vor anderen in Gnaden gewogen bleiben. Ihr wäret ein rauher Bote, aber ein wahrhaftiger, getreuer, und habt mich getröstet und gestärkt mit wenigen Worten wie nie ein anderer Prediger mit den längsten Reden. Das soll Euch unvergessen sein. Und wenn, wider Vermuten, die reformierten Pfarrer sollten des Dienstes entsetzt und außer Landes gejagt werden, dann will ich im Gedächtnis dieser Stunde alles dafür einsetzen, daß Ihr in den lippeschen Landschaften eine neue Kirche und einen neuen Herd findet.« Mit diesen Worten entließ sie den Geistlichen. Zweites Kapitel Graf Johann Ludwig hatte durch seinen Übertritt in Wien alles erkauft, was er begehrte, und noch viel mehr dazu wurde ihm unerbeten in den Schoß geworfen. Er war der gefeierte Mann, der einflußreichste, der Freund des Kaisers, dem keine Bitte fehlschlug, von allen Großen aufgesucht und mit Schmeicheleien überschüttet, von dem mächtigen Klerus bewundert, vom Legaten des Papstes wie ein Heiliger gepriesen: da waren mit einemmal all seine Träume von Macht, Glanz und Ruhm wirklich geworden, er spielte die ersehnte große Rolle in der großen Welt, und das stille Schloß zu Hadamar mit der bleichen, ernsten, frommen Frau ward ganz vergessen über diesen Herrlichkeiten; und wollte ja die Erinnerung an die Heimat gewaltsam aufsteigen, ein mahnender Geist aus frisch geschlossener Gruft, dann wurde sie ebenso gewaltsam zurückgedrängt im Taumel des bewegten Wiener Lebens. So ging es fort durch mehr als vier Monate bis tief in den Dezember hinein. Der Graf, sonst der liebevollste Gatte, schrieb in dieser ganzen Zeit keine Zeile an seine Gemahlin, halb aus Scham, halb aus Furcht, die Worte seines Weibes möchten ihn an sich selber wieder irremachen. Erst als er gegen Weihnachten die Abreise nicht länger verschieben konnte, meldete er der Gräfin in wenigen Zeilen, daß er zur katholischen Religion übergetreten sei; er wolle sie nicht zwingen, ihm zu folgen, der reformierte Privatgottesdienst in der kleinen Schloßkapelle durch ihren Hofprediger solle ihr unverwehrt bleiben, ja sie könne selbst die Töchter protestantisch erziehen; die Prinzen dagegen müßten gleich dem Vater und dem ganzen Land zurückkehren zur alleinseligmachenden Kirche. Zugleich ging ein Rundschreiben an alle gräflichen Diener nach Hadamar ab, worin ihnen befohlen war, sich bereit zu halten zum Eintritt in den neuen Glauben ihres Fürsten und Herrn oder der Verweisung vom Dienst und aus dem Lande gewärtig zu sein. Der Brief an die Gräfin war in seiner schneidenden Kälte und Kürze noch unendlich verletzender gewesen als das fünfmonatliche Schweigen. Lange ging die entschlossene Frau mit sich selbst zu Rate, ob es nun nicht an der Zeit sei, den bis dahin so glücklichen, jetzt so peinlichen Ehebund aufzulösen. Aber der Blick auf ihre Kinder, der Blick auf ihr Land, welchem sie in den letzten schweren Monaten im vollen Sinne des Wortes Fürstin gewesen, bewog sie auszuharren. Sie ward jetzt erst inne, wie fremd ihr die Kinderheimat an der Lippe geworden war, wie heimatlich dagegen dieses Land, dem die Jahre ihres Wirkens und Strebens und ihres Leidens angehörten. Sie hatte ein Buch, darein sie an jedem Abend ihr Haupttagewerk verzeichnete mit Beifügung eines Verses oder Spruches, meist aus der Bibel oder einem Kirchenlied, der als Motto gleichsam den besonderen Charakter des Tages aussprechen sollte. Heute, wo die Gräfin nichts getan, als mit sich gekämpft, schrieb sie auch nichts in das Buch als zwei Verse, und zwar eines heidnischen Poeten, Verse, die Ovid aus der Verbannung geschrieben: » Nescio qua natale solum dulcedine cunctos Ducit et immemores non sinit esse sui «, und verfaßte dann selber neben den lateinischen Text folgende der Verskunst jener Zeit entsprechende Übersetzung: »Ich weiß nicht, mit was Süßigkeit Des Vaterlands Anmütigkeit Den Menschen zeucht, also daß er Solch's in Vergeß stell nimmermehr.« Der Graf eilte nicht allzusehr auf seiner Rückreise. Wer mit bösem Gewissen heimfährt, dem ist der krummste Weg der nächste und der langsamste Fuhrmann der beste. In München gab es für Johann Ludwig willkommenen Aufenthalt, in Nürnberg nicht minder; allein so langsam er auch reiste, endlich kam er doch in Hadamar an. Das Wiedersehen der Ehegatten war minder hart, als beide es erwartet hatten. Die Gräfin konnte sich der Tränen nicht erwehren, aber sie schwieg. Der Graf war liebevoll wie in den alten glücklichen Tagen; beredt und überzeugend stellte er seinen Glaubenswechsel als einen Akt der reinen politischen Notwendigkeit dar: zur Selbsterhaltung, zur Rettung der übrigen Grafen der nassau-ottonischen Linie, zur Erlösung seines Volkes von aller Bedrückung. Er war, wenn man ihn hörte, das Opferlamm geworden für alle nassauischen Lande und sein Übertritt der höchste Akt patriotischer Selbstentsagung und Selbstverleugnung. Als der gewandte Herr wieder hier und da die Macht seiner Persönlichkeit entfaltete, drang diese Ansicht auch immer mehr im Volke durch, die alte Popularität des Grafen lebte wieder auf, und in wenigen Wochen konnte die vorher aufgeregte Grafschaft wieder für völlig beruhigt gelten. In der Tat, es bewährte sich das Wort: Wo andere Herren ihr Land an Ketten weiterziehen mußten, da zog Graf Johann Ludwig das seinige an einem Haare nach sich. Mit äußerster Klugheit und Vorsicht ward die Bekehrung der Grafschaft eingeleitet. Der Graf hatte nur zwei Jesuiten mitgebracht, die Patres Prack und Ringel. Allein beide reichten vorerst vollkommen aus. Sie gingen ganz sachte voran, wußten hier und dort einen einflußreichen Mann herumzukriegen, predigten dann im volkstümlichsten Ton, mit allem Salz örtlicher und persönlicher Beziehungen die Rede würzend. Bald satirisch, bald humoristisch, niedrig komisch, bald pathetisch und im großen Stil gehalten, erschienen die Predigten dem Volke unendlich kurzweiliger als die gleichförmig ernsten, feierlichen, überall mit Bibelsprüchen durchspickten Kanzelreden der reformierten Pfarrer. Da gab es dann immer ungeheueren Zulauf, wo ein Jesuit auftrat. Aber Schwärme von Zuhörern, die aus bloßer Neugierde gekommen waren, drängten sich am Schluß der Predigt zum Beichtstuhl, so daß binnen wenigen Monaten die zwei Jesuiten allein die halbe Grafschaft wieder katholisch machten. Als nun gar zwischen Hadamar und Elz plötzlich eine Mineralquelle sprudelte, die angeblich durch das Gebet der Jesuiten aus dem Boden gelockt war, und Hunderte von Kranken aller Art, die von dieser Quelle tranken, ihren Rosenkranz beteten, sangen und tagelang auf den Knien lagen, geheilt zurückkehrten: da fehlte es auch nicht länger an einem Mirakel, und die Bevölkerung ging scharenweise zu den Jesuiten über. Der Graf selber hatte in öffentlicher Versammlung der Bürger von Hadamar erklärt, daß das Land wieder katholisch werden müsse. Er ließ überall im Lande durch die Schultheißen auf öffentlichem Markte ausrufen, daß der reformierte Glaube abgeschafft und der katholische wiedereingesetzt sei. Vorerst seien die Untertanen gehalten, den Gregorianischen Kalender zu führen, die katholischen Fest- und Fasttage zu respektieren und, wenn es zum Vaterunser läute, nicht bloß das Vaterunser, sondern auch den englischen Gruß zu beten. Das riefen die Schultheißen aus wie eine Polizeiverordnung, und Weiteres begehrte man noch nicht. Von der Lehre und den Sakramenten, vom Papst, vom Kultus war nicht die Rede. Man wollte sich nach dem Plane der Jesuiten ganz allmählich einschleichen mit dem römischen Glauben, und so gelang es auch ganz vortrefflich. Inzwischen ward den protestantischen Predigern der Dienst gekündigt. Wo sie nicht wollten katholisch werden und eine politische Bestallung annehmen, sollten sie in kürzestem Termin ihre Pfarrhäuser verlassen. Die meisten gingen alsbald außer Landes. Einige wurden noch eine Weile geduldet, darunter auch Johann Jakob Niesener in Rennerod. Am schwersten klagten die Jesuiten über die Gräfin als die wahre Patronin der protestantischen Ketzerei im Lande, die das Bekehrungswerk unendlich erschwere. Allein der Graf duldete einmal und nicht wieder, daß die Patres hierüber ein Wort sprachen. Die Gräfin war immer eifriger geworden in der Ergründung ihres religiösen Bekenntnisses und in der Erfüllung ihrer sittlichen und kirchlichen Pflichten, je mehr der Katholizismus im Lande um sich griff. Die Jesuiten selber mußten ihr nachsagen, daß sie wie eine Heilige lebe. Täglich waren einige Stunden dem Gebet gewidmet und dem Bibellesen, an welchem alle Hofdamen teilnehmen mußten. Die ganze Sittenstrenge, Entsagung und Enthaltsamkeit, wie sie die reformierte Kirchenzucht in ihrer äußersten Härte gebietet, waltete von nun an am Hofe der Gräfin Ursula. Sie zog allmählich das ganze Hofgesinde, auch das katholische, in diese Strenge der christlichen Ehrbarkeit. Sieghaft bewährte es sich hier, daß die unerbittliche Moral und die strenge kirchliche Zucht zwar die rauheste, aber auch die stärkste Seite des reformierten Bekenntnisses sei. Jede Woche genoß die Gräfin das heilige Abendmahl; der Tag, wo dies geschah, war der eifrigsten Gewissensprüfung gewidmet. Kein Sonn- und Festtag durfte durch irgendein weltliches Geschäft entweiht werden. Bei dieser äußersten Strenge in der Durchführung der eigenen religiösen Überzeugungen war jedoch die Gräfin keineswegs schroff gegen Andersgläubige, am wenigsten gegen ihren Gemahl. Hier zeigte sich ihre edle, vermittelnde Weiblichkeit, die Freiheit und Hoheit ihres Geistes in wunderbarem Licht. Der Graf merkte kaum etwas von der fast übertriebenen Strenge ihres religiösen Wandels. An Tagen, wo er fasten mußte, fastete sie mit, ja sie genoß dann nicht einmal auf ihrem Gemache eine Fleischspeise, um den katholischen Dienern keinen Anstoß zu geben. War der Graf verreist, so beobachtete sie dieselbe Rücksicht gegen die im Katholizismus erzogenen Söhne. Nie versuchte sie ihre religiöse Überzeugung dem Manne aufzudrängen, denn sie wußte, daß er, wenn auch aus ganz anderen Gründen als sie, nunmehr ebenso festgewurzelt in seiner Überzeugung stand. Aber nie duldete sie auch den leisesten Angriff auf ihr Bekenntnis. So gelang ihr das unendlich schwere Werk, einträchtig mit ihrem Ehegatten zu leben. Ja, sie gewann ihn dergestalt durch ihre Milde und Sittenreinheit, daß er zum großen Entsetzen des Pater Prack diesem einmal ins Gesicht behauptete, seine Frau werde selig werden, ohne der alleinseligmachenden Kirche anzugehören, denn eine solche Ketzerin wiege vor dem allwissenden Gott wohl manches Dutzend guter Katholiken auf. Es war überhaupt eine seltsame Mischung katholischen und protestantischen Wesens an dem gräflichen Hofe. Dies zeigte sich namentlich bei der Tafel, die früher für gewöhnlich fast nur ein Familientisch gewesen, seit des Grafen Rückkehr von Wien aber sich bedeutend erweitert und eine gewisse politische Bedeutung gewonnen hatte. Zwar war die Familie bis zu den vier- und sechsjährigen Söhnen und Töchtern abwärts nicht verdrängt: dem hatte sich die Gräfin entschieden widersetzt. Allein die Tafel war jetzt eine öffentliche, und die Tischreden, die man dort pflog, oft entscheidender für das Regiment als die längsten Verhandlungen im gräflichen Kabinett. Der Graf lud nämlich alle seine höheren Diener, ja auch die vornehmsten Bürger der Stadt die Reihe um an seinen Tisch, um sich dieser Leute zu versichern, um sie herüberzuziehen zu den Jesuiten, um ihnen den Feuereifer für die Katholisierung des Landes, der ihn selbst beseelte, gleichfalls einzuhauchen. Selbst die hervorragenderen protestantischen Geistlichen wurden zu der Zeit, wo sie bereits ihrer Stellen entsetzt waren, immer noch zur gräflichen Tafel gebeten, weil man es doch noch nicht ganz aufgab, die Seele des einen oder anderen zu gewinnen, oder auch weil der Graf die Pfarrer zur Würze seiner Tischunterhaltung, nämlich zum Disputieren, nicht entbehren konnte. Denn die regelmäßigen Stammgäste des herrschaftlichen Tisches waren andererseits die beiden Jesuiten Prack und Ringel, und da machte es nun dem Grafen eine kindische Freude, die Jesuiten und die reformierten Pfarrer hintereinander zu hetzen. Allein die letzteren waren meist so klug, einen Kampf nicht anzunehmen, bei dem sie mit gefesselten Armen fechten mußten. Ließ sich ja einer fortreißen, dann hatte er jedesmal verlorenes Spiel, da wohl der Gegner, nicht aber er selbst das letzte entscheidende Wort aussprechen durfte und die unbehilflichen Landpfarrer auch ohnedies rasch gefangen waren von den in allen dialektischen Künsten gewiegten Jesuiten. Die Freude aber, die der Graf über einen solchen Kampf und über den Sieg seiner Patres hatte, schrieb er allezeit auch dem armen geschlagenen Pfarrer zugut und wandte den hitzigen, unklugen, streitfertigen Geistlichen, die ihm den Hofnarren ersparten, seine volle Gunst zu, während er die vorsichtigen und schweigsamen nicht ausstehen konnte. Zu den letzteren gehörte der Pfarrer Niesener von Rennerod, der heute mit dem gräflichen Rat Sprenger und den beiden Jesuiten zu der ausnahmsweise kleinen herrschaftlichen Tafel geladen war. Der Graf hätte ums Leben gern gehabt, daß Niesener, den man den gescheitesten und bibelfestesten Pfarrer im ganze Lande nannte, einmal angebunden hätte mit den Jesuiten. Gleich nach dem Tischgebet mußte Pater Prack den Satz zur Verhandlung bringen: Wer Herr über das Land ist, der ist auch Herr über den Glauben des Landes – cuius regio eius et religio . Es war dies ja der Satz, kraft dessen Johann Ludwig eben mit List und Gewalt das Land katholisch zu machen sich berechtigt glaubte, weil er selber katholisch geworden war, ein Satz, den bis dahin im alten Glauben an die von Gott gesetzte Macht der Fürsten nur wenige anzutasten sich erkühnt hatten, während gegenwärtig der Wendepunkt eingetreten war, wo man da und dort Zweifel zu erheben und über den berühmten Satz heftig zu streiten begann. Prack hielt Niesener geradezu dieses politische Dogma vor und fragte den Pfarrer, wie er es denn mit seiner Untertanenpflicht vereinbaren könne, reformiert zu bleiben, da doch sein Fürst und Herr zur katholischen Kirche zurückgekehrt sei. Auch auf den Rat Sprenger, von dem man nicht recht wußte, war er noch reformiert oder war er bereits katholisch, ward dabei ein verdächtiger Seitenblick geworfen. Niesener. erwiderte trocken: »Im Evangelium stehet nirgends geschrieben: cuius regio eius et religio . Wenn die Obrigkeit von uns fordert, daß wir tun sollen wider Gott und unserer Seelen Seligkeit, daß wir das reine Wort nicht hören und bekennen sollen, daß wir das Sakrament nicht nehmen sollen nach Christi Befehl, dann mögen wir kurzweg antworten: Man soll Gott mehr gehorchen als den Menschen. Warum sonst hätten sich die Märtyrer totschlagen lassen? Die Gewaltigen, die Sankt Paulum enthaupteten und Sankt Petrum kreuzigten, hatten auch wohl ungefähr so einen Satz im Sinn wie: cuius regio eius et religio . Hätten darum Paulus und Petrus der Obrigkeit folgen und heidnisch werden sollen?« »So bestreitet Ihr also die Rechtsgültigkeit des Satzes: cuius regio eius religio ?« rief der Jesuit, rot vor Eifer, denn er glaubte schon, der Pfarrer habe jetzt endlich einmal angebissen. »Ich habe gesprochen, um mir nur ein klein wenig Luft zu machen, daß ich meine Suppe zu Ende essen und verdauen kann«, sagte Niesener gelassen. »Jetzt werde ich schweigen.« Der Graf warf Niesener einen zornigen Blick zu und rief: »Seht da, Niesener, Ihr habt, als Ihr Euch Luft machtet, das Salzfaß mit dem Ärmel umgeworfen. Das ist ein schlechtes Zeichen: es bedeutet Streit, Streit des Gastes mit dem Wirt.« »Das wolle Gott verhüten, daß ich mit meinem gnädigen Herrn jemals in Streit geraten könne«, sagte der Pfarrer bescheiden, und die Unterhaltung verstummte. Der Graf wandte sich leise zu dem Pater Ringel und flüsterte mit zornig zusammengezogenen Brauen: »Es ist eine Feindschaft der Natur, des Instinktes zwischen mir und diesem Niesener wie zwischen Kröte und Spinne. Er hat mir nicht mehr zuleid getan als die anderen. Aber ich mag das Gesicht dieses Menschen nicht sehen! Wir müssen ihn heute noch auf den Sand setzen.« Als der mächtige Rindsbraten kam, trank der Graf seinen Gästen die Gesundheit zu. Dem Grafen kam die Lust, Niesener wieder anzuzapfen. »Ich sehe, lieber Pfarrer, auf eine Gesundheit anzustoßen, läuft nicht wider Euern Glauben. Da Ihr nun bloß tut und glaubt, was in der Bibel steht, so möchte ich Euch doch bitten, mir zu sagen, wo es in der Bibel erlaubt wird, eine Gesundheit auszubringen oder darauf anzustoßen.« Der Graf glaubte aber, vom Gesundheittrinken stehe gar nichts in der Bibel. Allein da war er bei Niesener übel angekommen. Derselbe erhob sich und lächelte gar vergnügt in sich hinein und sprach: »Im Propheten Jeremias lesen wir, daß die Juden beim Leichenschmaus sich gegenseitig einen Becher Weins zugetrunken und dabei untereinander getröstet haben. Und zwar haben sie nach der ältesten Ausleger Meinung sich Gesundheit und ein langes Leben gewünscht. Nehemias war Schenke des Artaxerxes, und sooft er dem König den Becher kredenzt, sprach er: ›Gott gebe dir, König, ein langes Leben!‹ Heißt das nicht auch Gesundheit zutrinken? Gott der Herr selber trinket gleichsam allen Frommen die Gesundheit eines geheiligten Lebens zu, wenn er, wie der 75. Psalm sagt, einen Becher in der Hand hat, mit starkem Wein voll eingeschenkt, davon er auch den Frommen zu trinken gibt, während die Gottlosen die Hefen aussaufen müssen. In diesem Sinne will auch David im 116. Psalm den heilsamen Kelch nehmen, aus welchem er sich selber eine geistliche Gesundheit zutrinkt. Und ist nicht, wenn wir das Unheilige mit dem Heiligsten vergleichen dürfen, der Kelch von Christi Nachtmahl selbst ein Gesundbecher gewesen, den er der ganzen sündigen Menschheit zugebracht, daß sie genese?« »Unser Pfarrer weiß die Schriftstellen wohl zu wenden, bis sie sagen, was er wünscht«, rief der Graf lächelnd gegen die Jesuiten. »Doch das muß man gestehen: in seiner Bibel ist er zu Hause.« Dann wandte er sich an den Rat Sprenger, einen gewandten, im Dienste grau gewordenen Hagestolzen, der spöttisch alle Dinge kritisierte und aus dessen Charakter niemand klug werden konnte, einen echten Diplomaten, in politischen und Rechtsgeschäften vielerprobt, den unentbehrlichen Diener seines nach staatsmännischen Ehren geizenden Herrn. »Ihr seid so still, lieber Rat, Ihr denkt wohl, wo die Theologen reden, da müssen die Laien schweigen.« Der Rat antwortete in seinem satirischen Tone: »Freilich schweigen die Laien, wo die Geistlichen reden. Ich will Euch einen Vers darauf sagen: Presbyteri ›labiis orant‹, Laicique ›laborant‹; Plebs, dum pro populo Presbyter ›orat‹, ›arat‹ Dieses Distichon ist geradezu unübersehbar, da seine Spitzen in Wortspielen bestehen, die im Deutschen nicht wiederzugeben sind. Dem Sinn nach besagt es, daß die Laien mit den Händen schaffen, während die Pfaffen ihre Lippen bloß betend exerzieren. « »Ei, lieber Rat, man hat mir immer Eure Kunst gerühmt, lateinische Verse aus dem Stegreif zu machen«, rief der Graf, »aber daß Ihr sie im Augenblick so spitzig und witzig und doch so elegant herausbrachtet, das hätte ich nicht gedacht.« »Diese Verse, gnädigster Herr Graf, sind auch nicht beim köstlichen Wein improvisiert worden. Es ist vielleicht gerade umgekehrt der Hunger gewesen, der sie so spitzig und witzig gemacht hat. Sie gehören nicht mir, sie sind bloß ein Zitat. Ein englischer Schulmeister, der vor ein paar Jahren in Armut und Elend gestorben ist, John Owen, hat sie gemacht, ein Mann so voll Geist und Witz in seinen Epigrammen, daß sie jetzt, nachdem der Dichter jämmerlich verkommen, in allen Ländern gedruckt werden. Hätte der Mann bei Lebzeiten nur die Hälfte von dem gehabt, was jetzt die Buchbinder an seinen Büchern verdienen, er wäre gewiß nicht Hungers gestorben. Aber ob seine Epigramme so ergötzlich beißend geworden wären, wenn seine Zähne mehr zu beißen gehabt, das ist eine andere Frage.« Der Graf hörte den Schluß von des Rates Bemerkungen nicht mehr. Es war ihm ein Brief übergeben worden, der seine ganze Aufmerksamkeit gefangennahm und, wie es schien, nicht in erfreulichster Weise, denn seine Stirne ward gewaltig finster über dem Lesen. Er stampfte mit dem Fuß und warf das Schreiben zornig auf den Tisch, als er zu Ende gekommen. Sein erster Blick begegnete dem Pfarrer Niesener; es war ein Blick wütender Erbitterung und tödlicher Feindschaft. In abgebrochenen Sätzen, in einem Tone des atemlosen Zornes, welchen man sonst an dem durch seine Selbstbeherrschung glänzenden Manne nie gehört hatte, rief der Graf: »Es muß ein Exempel statuiert werden an dem Verräter im eigenen Lande! – Ich bin umgeben von falschen, meineidigen Gesellen. – Der Kopf muß dem Schurken herunter, der diesen Verrat geübt. Ich kenne ihn! Mit meiner Gnade habe ich ihn sicher gemacht! In mein Haus habe ich ihn gezogen, arglos kein Geheimnis vor ihm zugedeckt, und das hat der Judas genützt, um dem Feinde landesverräterischerweise mitzuteilen, was er nur durch mein Vertrauen auskundschaften konnte. – Pfarrer Niesener! Ihr seid mein Gast nicht mehr. Ihr seid arretiert. Schweigt! Antwortet, wenn ich Euch frage! Es geht Euch an den Hals, Niesener! Regt Euch nicht von der Stelle, bis man Euch in den Turm führt!« Eine peinliche Pause folgte. Die Tischgenossen saßen wie versteinert, selbst die beiden Jesuiten sahen sich erstaunt und fragend an. Die Gräfin gewann zuerst die Besinnung und das Wort wieder. Sie wandte sich an den Grafen. »Du redest schrecklich, die Gedanken zerstückend wie ein Fieberkranker. Sammle dich. Was ist vorgefallen? Erzähle uns den Hergang, wofern er kein Geheimnis ist, und indem du ruhig erzählst, wirst du auch noch einmal ruhiger den Zusammenhang prüfen.« Der Graf schaute auf, als sei er bisher mit seinen Gedanken ganz woanders gewesen und erkenne jetzt erst, in welcher Gesellschaft er sich befinde. Völlig gesammelt, mit der Ruhe und Glätte, die ihm sonst stets gleichblieb, doch immer noch mit schwerem Ernste, sprach er: »Du weißt, Ursula, seit Wochen setzen die holländischen Streifkorps, die der Baron von Gent von Soest aus über den Westerwald herüberschickt, unser plattes Land in Schrecken. Wo sie einen katholischen Priester, ja nur einen Mesner, Küster oder Schulmeister wittern, da machen sie Jagd auf denselben, gieriger als der heftigste Jäger auf einen Zwanzigender. Am liebsten möchten sie mir hier meine beiden Patres wegfangen, aber es glückt ihnen nicht, weil ich den frommen Männern allemal zwölf Reiter Bedeckung aufs Land mitgebe. Hölle und Teufel! Ist das eine Zeit! Nicht mehr Herr zu sein im eigenen Hause! Drüben im Braunfelsischen haben's die Ketzer nicht besser gemacht mit der Pfaffenhetze. Sprenger, habt Ihr nichts Neues von drüben gehört?« »Mit Verlaub, gräfliche Gnaden, im Braunfelsischen sind es nicht die Holländer gewesen, sondern eigentlich der kaiserliche Kommandant von Braunfels, der mit der Jagd auf die Pfaffen angefangen hat. Um den Grafen von Diez zu vexieren, ließ er den reformierten Pfarrer von Dauborn am Ostermontag aus dem Bette holen und nach Braunfels führen und forderte neunhundert Reichstaler Lösegeld. Da waren die Holländer auch nicht faul, den ihrem Feldmarschall, dem Grafen von Diez, zugefügten Schimpf zu rächen, brachen ins Kloster Altenburg, nahmen den Prior weg und forderten gleichfalls neunhundert Reichstaler. Was war zu machen? Man verglich sich, und es gab eine kuriose Abrechnung. Jede Partei zahlte der anderen neunhundert Reichstaler und gab der anderen ihren Pfaffen zurück. Da hatten also beide schließlich wieder ganz das gleiche, was sie vorher gehabt. Das war viel Müh' um nichts. Allein der kaiserliche Kommandant hatte nun einmal den Holländern gelehrt, wie bequem und einträglich es sei, Pfaffen zu fangen und dann Lösegeld zu fordern, und jetzt legen sich diese Krämersoldaten auf den Pfaffenfang wie ihre Brüder daheim auf den Heringsfang und sind vor lauter Jagdlust zu gar keinem ordentlichen Kriegsdienst mehr zu bringen, und was das schlimmste ist, ganze Scharen von gaunerischem Gesindel laufen als Wilderer neben jenen Jägern her und ziehen mit Hörnerklang durch den ganzen Westerwald und den Lahngrund, um Jesuiten zu jagen.« »Genug!« rief der Graf, etwas aufgebracht über die allzu humoristische Ausführung des Rates. »Schon haben wir die Schmach auf uns nehmen müssen, die katholischen Weltpriester, die ich zur Vollendung des Werkes dieser frommen Patres unlängst ins Land gerufen, aus den Pfarrhäusern zu quartieren und in Bauernhäuser zu verstecken, damit sie nicht geradezu aufgehoben würden. In Bauerntracht vermummt, gehen sie von einem Dorf zum anderen, um ihres Amtes zu warten. Wo sie öffentlich Kirche halten, muß eine starke Mannschaft vor der Kirchentüre aufgestellt werden. Nun wird mir eben geschrieben, daß trotz aller Vorsicht den Holländern die Verstecke der Priester in den Bauernhäusern dennoch sind verraten und die Priester selbst in ihrer Bauerntracht kenntlich bezeichnet worden, und zwar im ganzen oberen hadamarischen Land – in der ganzen Gegend von Rennerod, Pfarrer Niesener! – Daraufhin sind die Räuber gestern nacht ins Land eingebrochen und haben mir alle meine kaum erst aus Wien verschriebenen Priester aufgehoben und nach Soest abgeführt und fordern ungeheures Lösegeld für die vielen Pfaffen. Sprenger! ist denn an Euch noch gar keine Nachricht eingegangen über den verteufelten Streich?« Der Rat schien sehr zerstreut. »Eine Nachricht? Nein, gnädigster Herr. Über das, was Ihr vom Jesuiten Holthausen erzähltet, habe ich wohl ein Gerücht vernommen –« »Was ist das?« rief der Graf. »Ich weiß nichts von dem Jesuiten Holthausen.« Der Rat erschrak, doch faßte er sich rasch. »Nun, den Jesuiten haben sie auch weggefangen und ihm einen Soldatenrock angetan und weite holländische Hosen und ihm ein Gewehr auf die Schulter gelegt – ach, der dicke Mann soll zum Erbarmen ausgesehen haben in der Maskerade, denn an dem Rock waren alle Nähte geplatzt, weil, glaub' ich, in der ganzen holländischen Armee kein Rock zu finden ist, der ihm paßt. Und als der arme Jesuit gar im Geschwindschritt in der Reihe marschieren mußte, da soll er nach zehn Minuten schier umgesunken sein – kurzum, sie haben ihn unter die Soldaten gesteckt.« »Wie? und das meldet Ihr mir jetzt erst?« rief der Graf zornig. »Verzeihen, gräfliche Gnaden, ich erfuhr es unmittelbar vor Tafel und, wie gesagt, nur vom Hörensagen, nur als ein Gerücht, und da hielt ich's für unerlaubt, Euch das Essen zu verderben mit dem Klatsch, und wollte mit der Meldung warten, bis abgespeist wäre.« »Also Ihr glaubt, zur Beförderung der Verdauung eigne sich eine schlechte Nachricht besser als zur Anregung des Appetits? Doch bei Gott, jetzt ist nicht Zeit zu scherzen! Der Verräter muß bestraft werden. Nur ein Mann, der in allen Stücken volles Vertrauen genossen, kann den Holländern die Priester und ihr Versteck bezeichnet haben, denn nur ganz wenige der sichersten Leute wußten um das Geheimnis. Es kann aber auch nur ein Mann gewesen sein, der in der Gegend von Rennerod, in allen Dörfern und Häusern der Nachbarschaft so bekannt ist wie in seinem eigenen Hause. Pfarrer Niesener, seht Euch für, es geht Euch an den Hals, wenn die Sache auf Euch herauskommt. Augenblicklich muß der Verräter entlarvt, augenblicklich muß er gestraft werden. Da ist nicht Zeit, umständlich den Prozeß zu machen; es gilt ein Exempel zu statuieren. Niesener, Ihr werdet vor ein Kriegsgericht gestellt – noch heute nachmittag –, und wenn Ihr heute abend dem Henker nicht verfallen seid, wenn Ihr wirklich wider Vermuten freigesprochen würdet, dann packt Ihr Euch dennoch morgen aus den hadamarischen Landen; denn nun will ich keinen reformierten Pfaffen mehr sehen, ich will keine Leute mehr hegen, die, wie Ihr vorhin vor meinen Ohren getan, mir das Recht bestreiten, mein Land wieder katholisch zu machen, die sich täglich durch ihr Gewissen können verpflichtet fühlen, an mir zum Verräter zu werden, und, wenn sie mir ungehorsam sind, am Ende noch glauben, sie hätten getan wie Sankt Peter und Paul, die heiligen Apostel und Märtyrer, gegen das heidnische Regiment in Rom.« Niesener erwiderte kein Wort. Sein Auge hing an dem Gesichte der Gräfin, als ob er von ihr allein noch Rettung erwarte. In der Tat nahm nun, da alle verstummten, die Gräfin das Wort. »Du sprichst jetzt recht wie ein Gewaltiger dieser Welt, lieber Mann. Aber vergiß nicht des Wortes, daß einst die Gewaltigen auch gewaltig sollen gerichtet werden von dem Herrn. Es sind heute schon so manche Neuigkeiten hier erzählt worden: erlaube mir, daß ich auch eine höchst merkwürdige Kunde mitteile, die mir in der Frühe von einem Manne von der Weil berichtet ward; und jetzt erscheint es mir als eine rechte Fügung Gottes, daß ich die Erzählung dieses Bauern gerade am heutigen Tage vernommen und in dieser Stunde dir wiedererzählen kann. Es lebte vor ungefähr zehn Jahren ein Edelmann, Henn von Wehrdorf, zu Essershausen an der Weil, ein einsamer Mann ohne Verwandte, ohne Freunde. Der war eines Tages spurlos verschwunden. Niemand wußte, wo er hingekommen. Da wurde vor etwa zwei Monaten dem Gerichte heimlich die Anzeige gemacht, ein gewisser Johannes Schütze aus Kröfftelbach, ein übel berufener Mann, habe jenen Henn von Wehrdorf im Walde nahe bei Essershausen umgebracht. Schütze wird eingezogen. Er leugnet. Aber die Folter preßte ihm doch zuletzt das Geständnis aus. Nun führt man ihn in den Wald, damit er zeige, wohin er den Gemordeten verscharrt. Er kann den Platz nicht finden, aber aus Furcht vor Wiederholung der peinlichen Frage behauptet er, weil es schon so lange her, könne er sich des Platzes nicht mehr entsinnen. Er wird zum Tode verurteilt. Der Gerichtsherr unterschreibt ohne Besinnen das Urteil. Man war seiner Sache so gewiß, daß man keinen Tag Aufschub gab. Alles ward übereilt. Es sollte wohl auch ein Exempel statuiert werden. Vor acht Tagen war es, da stand Hans Schütze auf dem Blutgerüst und der Henker hinter ihm. Da sagte der arme Sünder mit fester Stimme zu allem Volk ringsum: ›Ich muß jetzt sterben, weil ich den Henn von Wehrdorf soll ermordet haben; aber ich will es auf meinen Teil Himmelreichs nehmen, daß ich denselben mein Lebtage nicht gekannt, ja wenn ich ihn Zeit meines Lebens einmal gesehen habe, will ich nimmermehr selig werden.‹ Und als er schon vor dem Block kniete, rief er noch einmal, er hoffe, seine Unschuld solle an den Tag kommen, und der Edelmann werde, so Gott wolle, lebend wiederkehren, noch ehe die Raben seinen Leichnam würden gefressen haben. Drauf legte man ihm den Kopf vor die Füße. Vorgestern ist Henn von Wehrdorf wiedergekommen; er war vor zehn Jahren in den Krieg gegangen, hatte dort sein Glück probiert wie tausend andere und hatte es auch gewonnen wie wenige von den Tausenden. Denn er kehrte als ein reicher, mit Ehren bedeckter Offizier heim. Sieh, der Gerichtsherr und sein Richter haben auch gewaltig und rasch gerichtet als die Gewaltigen dieser Welt. Aber bedenke, wie es ihnen jetzt zumute sein mag! Und doch haben sie nach allen Formen Rechtens verfahren, und Schütze war ein übel berufener Mann. Allein sie wollten ein Exempel statuieren. Sie haben es statuiert, doch nicht an dem armen Sünder, sondern an sich selbst.« Der Graf biß sich in die Lippen und schwieg. »Man führe den Pfarrer Niesener in den Turm!« rief er dann – und die Tafel, wie noch keine im Schlosse gehalten worden, war aufgehoben. Drittes Kapitel Des anderen Morgens in aller Frühe, als noch kaum die erste Dämmerung schwach zu schimmern begann, öffnete der Graf leise die Türe des Kabinettes der Gräfin. Er wußte, sie stand lange vor der Sonne auf, und so fand er sie denn auch völlig angekleidet vor ihrem Betpult knien. Er blieb schweigend im Hintergrunde stehen, bis sie ihr Gebet beendet hatte. Als sie sich erhoben und die Gatten sich den Morgengruß geboten, war die Verwunderung, den Grafen so frühe auf den Beinen zu sehen, auf der Gräfin Seite; denn ihr war gar wohl bekannt, wie sehr er es liebte, des Abends den Tag in die Nacht und des Morgens die Nacht in den Tag zu tragen. »Ich will von nun an«, sagte er scherzend, »dem Beispiele jenes Königs folgen, dessen Namen du als die Gelehrtere besser weißt als ich, jenes Königs, der so pünktlich die Morgenstunden ausnutzte, daß er zu sagen pflegte: Wehe dem Lande, dessen Fürst lange schläft. Doch nein, ich störe dich nicht so frühe, um zu scherzen. Siehe, ich habe die ganze Nacht gar nicht geschlafen, weil mir deine Geschichte von dem Johannes Schütze nicht aus dem Kopf gehen wollte.« »Und was hat das Kriegsgericht gestern über den Pfarrer entschieden?« unterbrach ihn die Gräfin. »Es ist kein Kriegsgericht abgehalten worden. Niesener sitzt im Turm. Ich will mir reifer erwägen, wie die Sache anzufassen ist. Gestern ließen mich deine Worte kalt, aber heute nacht hat mir der Gedanke an die voreiligen Richter keine Ruhe gegeben, daß ich bald bei dem Pfarrer, bald bei dem schuldlos Geköpften war. Wie ist doch der Mensch ein anderer am Tage und in der Nacht; wahrlich, nicht minder als blendendes Sonnenlicht vom tiefsten Dunkel ist derselbe Mann unterschieden nach dem Stand der Gestirne.« »Es ist nicht der Stand der Gestirne, der dich zum Nachdenken gebracht!« rief die Gräfin begeistert. »Gott ist es, der in der Finsternis dein Herz erleuchtet hat. O merke auf dieses Licht!« Der Graf wurde weich, wie er es leicht werden konnte. »Ich habe niemand an diesem Hofe, der mir die Wahrheit sagt, außer dir. So sprich auch jetzt aus, was du denkst. Was würdest du tun an meiner Stelle? Wie wolltest du den Verräter entdecken? Wie ihn bestrafen? Rasch entdecken, rasch bestrafen! Denn wo hier die rächende Gerechtigkeit nicht einschlägt wie ein Blitz, ist alle spätere Strafe ein eitles Spiel.« »Gibt es keine weiteren Verdachtsgründe gegen Niesener, als die du gestern ausgesprochen?« fragte die Gräfin. »Keine!« »So laß ihn frei auf sein Ehrenwort, nach Rennerod zurückzukehren, dort stille zu sitzen und den Ort auf keine Meile Wegs zu verlassen, bis man ihn ruft, sich dem Gericht zu stellen.« »Das geht nicht an!« rief der Graf, fast erzürnt über den Vorschlag. »Und unterdessen sollen wir langsam der Sache nachspüren lassen, während der Fuchs entschlüpfen wird! Niesener wird seine Spießgesellen inzwischen warnen, sie werden sich verabreden, komplottieren –« »Niesener hat keine Spießgesellen«, fiel die Gräfin ein, »er komplottiert auch nicht. Auf sein Wort wird er sich ruhig halten und mit keinem Menschen von der Sache reden. Dafür bürge ich.« »Ei, du scheinst ja diesen Pfarrer sehr genau zu kennen, daß du in einer solchen Kapitalsache so frischweg für ihn Bürge stehst. Hättest du nur die fatale Geschichte von Johannes Schütze nicht erzählt, ich wüßte, was ich täte! Niesener freilassen auf Ehrenwort! Nein, das geht nicht an.« Damit wollte er das Gemach verlassen. »Warum wundert man sich, daß die Mächtigsten am schwersten in den Himmel kommen«, rief die Gräfin aus, »da sie so schwer auf die Stimme eines ehrlichen, ungefärbten Mahners hören?« Der Graf schaute sein Weib fast verwundert an; dann entfernte er sich schweigend. Doch indem er ging, war schon bei ihm beschlossen, den Pfarrer auf Ehrenwort nach Rennerod zu schicken, denn für die nächste Nacht wenigstens wollte er einen gesunden Schlaf haben. Aber wie es bei unselbständigen Menschen gewöhnlich ist: obgleich er tat, wie seine Frau ihm anempfohlen, würde er doch ums Leben nicht ihr dies augenblicklich zugestanden haben. Er wollte sich den Schein geben, als handle er niemals nach fremden Ratschlägen, sondern nur nach eigenem Ermessen. So hatte ihn gestern bei Tafel die Erzählung seiner Frau augenblicklich gepackt, obgleich er es heute leugnete, und die Bemerkung über den Tag- und Nachtmenschen war nur eine glatt gedrehte Phrase, ein Epigramm, womit er die Bewegung seines Herzens maskieren wollte. Niesener verpfändete sein Wort und ging nach Hause. Die furchtbare Bitterkeit, die ihn durchdrang über die unwürdige Behandlung, machte ihn so verschlossen, daß er nirgends ein Wort zu seiner Verteidigung sprach. Ja, nur mit Mühe und stoßweise brachte er es über sich, den Hergang seiner Frau zu erzählen. Sie war ein schlichtes, festes Weib, ohne hervorragende Eigenschaften, auf dem Lande großgewachsen, etwas ungefügig, aber mit praktischem Blicke und rühriger Tatkraft gerüstet. Sie nahm die schlimme Kunde nicht ohne Zittern, doch mit Fassung hin, richtete die Haushaltung, die ohnedies in letzter Zeit schon höchst knapp gehalten war, noch knapper ein, so daß sie noch etwa ein Vierteljahr zusehen konnten. Denn von Einkünften war natürlich längst nicht mehr die Rede, und hätten nicht alte Freunde und gute Nachbarn heimlich bald einen Korb voll Eier, bald Gemüse, ein Säckchen Getreide, einen Schinken und ähnliche Dinge in die Küche der Pfarrerin gestellt, so würde sie auch jetzt schon schwerlich ausgekommen sein. Der Pfarrer hielt sein Wort aufs strengste. Er blieb auf seinem Pathmos, wie er's nannte, und machte sich aus übertriebener Gewissenhaftigkeit sein Haus zu einem Gefängnisse. Er wagte nicht eine halbe Stunde Wegs weit in der Gemarkung des Orts umherzuspazieren. Keine Silbe ging von seinen Lippen über die schwebende Untersuchung. Den letzten kleinen Rest häuslicher Seelsorge bei einigen heimlichen Reformierten, die er vordem noch geübt, gab er ganz auf. Den ganzen Tag saß er über der Bibel und den theologischen Lehr- und Streitschriften, die seine kleine Bibliothek bildeten. Das ging so mehrere Wochen. Da kam eines Tages der gräfliche Rat Sprenger im Sturm angeritten an das ärmliche Bauernhaus, wo Niesener jetzt wohnte. Eilfertig, daß Mann und Frau erschraken, trat er in die Stube, kaum grüßend. »Ich wollte Euch im Vorübergehen nur eine Warnung und einen guten Rat ins Haus werfen. Niesener, macht Euch aus dem Staube! Verlaßt diesen Ort heute noch, säumt keine Stunde, oder es wird Euch übel ergehen.« »Ich habe dem Grafen das Wort gegeben hierzubleiben; ich werde mich dem Gericht stellen.« »Ach, Ihr mißversteht mich, Pfarrer. Um den Grafen und die Untersuchung handelt es sich jetzt gar nicht. Ich darf nicht alles aussprechen, was ich weiß. Aber nur das eine sage ich Euch als Euer wahrer Freund: verlaßt Rennerod zur Stunde und geht an einen sicheren Ort, geht meinetwegen nach Hadamar und stellt Euch unter den Schutz der Herrschaften selber; dann habt Ihr ja Euer Wort dem Sinn und Wesen nach gehalten.« »Und dennoch würde ich es brechen«, rief der unbeugsame Pfarrer, »denn ich habe geschworen, in Rennerod zu bleiben.« Die Pfarrerin drang unter Tränen in den Rat, daß er die drohende Gefahr nur um etwas näher bezeichnen möge. »Habt Ihr nicht gehört, Niesener, wie ich neulich an dem unseligen Tag von der Pfaffenhetze im Braunfelsischen erzählte? Der kaiserliche Kommandant stiehlt den Reformierten ihren Pfarrer aus dem Bett, dafür stehlen ihm die Holländer seinen Prior aus der Klosterzelle – oder vielleicht auch aus dem Klosterkeller, vom Weihrauchfaß oder vom Weinfaß hinweg – gleichviel. Meint Ihr denn, die benachbarten katholischen Herren, die der holländische Oberst in Soest auch bereits mit dem Jesuitenfang zu molestieren beginnt, könnten nicht gleichfalls auf den Gedanken kommen, so ein Dutzend reformierte Pfarrer aus der Nachbarschaft als Repressalie wegzufangen? Und da wäret Ihr der erste, Niesener. Besonders den Kurkölnern sitzet Ihr gar bequem hier in Rennerod; die brauchen nur die Hand auszustrecken, so haben sie Euch. Und da ich mein Geheimnis nun doch so weit ausgeplaudert, so mag es auch ganz heraus; denn wahrlich, die Gelassenheit, womit Ihr das alles anhöret – ein anderer wäre schon davongelaufen, ehe ich nur ausgesprochen, – könnte einen Heiligen zum Fluchen bringen. Ihr stehet auf der Liste, Niesener, obenan auf der Liste der Kölnischen, und wenn Ihr Euch nicht gleich aus dem Staube macht, dann sitzt Ihr in ein paar Tagen in Köln im Turm, und man wird das doppelte Lösegeld für Euch fordern wie für den Pfarrer von Dauborn. Frau Pfarrerin, redet Eurem Manne zu! Es geht Euch hier freilich noch so leidlich wohl«, – der Rat schaute bei diesen Worten mit einem etwas verdächtigen Blick in der kahlen Stube umher – »und wenn Ihr so ins Weite hinauszöget, möchte es Euch mit den Kindern wohl anfangs etwas schlechter gehen. Aber besser Kraut und Rüben in Ruh' als einen gemästeten Ochsen in Unruh'.« »Ach, lieber Herr Rat«, entgegnete die Pfarrerin, »von gemästeten Ochsen haben wir seit Jahr und Tag nichts mehr geschmeckt und essen selbst Kraut und Rüben in Unruh'. Aber wenn mein Mann sich einmal einen Gedanken fest in den Kopf gesetzt hat, den könnt Ihr ihm nicht herausbringen, und den bringe ich ihm auch nicht heraus. Doch seht, er will reden.« »Ich sitze hier, weil ich meinem Herrn das Wort daraufgegeben«, sprach der Pfarrer ruhig und fest. »Halte ich mein Wort, dann ist auch der Graf durch seine Ehre verbunden, mich zu schützen. Denn nur, weil ich ihm und meinem Worte getreu, bestehe ich die Gefahr. Meldet dem Grafen, was Ihr uns eben erzählt, und er wird sich in seinem Gewissen verpflichtet fühlen, mich nach Hadamar unter seinen persönlichen Schutz zu rufen oder mir eine Bedeckung herauszusenden, wie er sie ja auch seinen Jesuiten mitgibt. Sollten mich aber die Kölnischen inzwischen hinwegführen, dann wird der Graf mich, seinen Gefangenen, alsbald zurückfordern, und die eigenen Bundesgenossen werden ihm dies wahrlich nicht abschlagen und kein Lösegeld begehren.« »Oh, Pfarrer, wie seid Ihr ein großer Moralist und ein kleiner Politiker!« rief der Rat. »Habt Ihr denn ganz vergessen, wie oft Ihr den Grafen erzürntet? Kleine Wunden und große Herren muß man nicht gering achten. Wenn Ihr zum Teufel fahrt, gleichviel wie – so oder so – dem Grafen wird's eben recht sein. Doch gesetzt, er sei in dem Punkte Eures Ehrenwortes ein Moralist wie Ihr – es ist möglich; wer kann den wetterwendischen Herrn durchschauen? –, meint Ihr dann, daß er die Macht hätte, Euch zu helfen? Die Kölner und Trierer und die Herren in Wien zweifeln fortwährend an seinem rechten katholischen Eifer. Wenn er nun gar einem ketzerischen Pfarrer seine Reiter zur Bedeckung stellte, das wäre ärger, als wenn er sich von Euch eine Predigt in der Schloßkirche halten ließe, statt zum Pater Prack zur Messe zu gehen. Haben Euch aber die Kölnischen vollends in den Klauen, dann kann der Graf Euch nicht wieder herausreißen. Das hieße abermals Öl in das Feuer des Mißtrauens gießen. Ihr meint wohl, als Günstling des Kaisers sei er mächtig auch neben dem Kurfürsten? Oh, wie irret Ihr Euch. Lauter wohlriechender Dunst ist die kaiserliche Gunst für den Neubekehrten. Freilich, der Graf tut gegenüber den anderen nassauischen Grafen, als ob er gewaltig an Macht gewonnen habe. Ach ja, er ist ein gar kluger Herr. Aber Ihr wißt: wer in den Zähnen stochert, hat darum nicht immer Fleisch gegessen. Ich sage Euch: nicht die Macht hat der Graf, Euch den kurkölnischen Dragonern zu entreißen, außer er löste Euch auf den Heller aus, und zwar aus seinem eigenen Geldbeutel, und das gäbe erst den größten Skandal bei der ganzen katholischen Klerisei. Jetzt habe ich gesprochen. Bedenkt es wohl und rasch. Ich muß fort. Heute noch sehe ich Euch in Hadamar, oder Ihr sitzt übermorgen im Baienturm zu Köln.« Es geschah, was vorauszusehen war. Der Pfarrer blieb in Rennerod und bestellte sein Haus im Laufe des Tages. Am Abend kamen zwölf kurkölnische Dragoner. Der Pfarrer protestierte feierlich gegen jede Hinwegführung, da er bereits auf Ehrenwort Gefangener des Grafen von Hadamar hier in Rennerod sei. Die rohesten unter den Soldaten wollten ihm ins Gesicht lachen, konnten aber doch nicht recht, so würdig erschien ihnen der Mann. Da er nicht gutwillig mitgehen wollte, so machten sie kurzen Prozeß, banden ihm die Hände, trugen ihn aufs Pferd, ein Dragoner schwang sich hinter ihm in den Sattel, und fort ging's im scharfen Trab über den Westerwald auf Köln zu. Des anderen Morgens wanderte Nieseners Frau in aller Frühe nach Hadamar, niedergeschlagen, aber nicht hoffnungslos. Die feste Zuversicht ihres Mannes auf die Hilfe des Grafen hatte sich auch ihr mitgeteilt. Niesener hatte sie am Nachmittag genau unterrichtet, wie sie im schlimmsten Falle, der eben eingetreten war, die Sache vor die Herrschaften bringen solle; er hatte ihr namentlich das Hervorheben aller der Punkte, die er dem Rat Sprenger geltend gemacht, aufs schärfste eingeprägt und ihr anempfohlen, nicht sogleich zum Grafen, sondern zuerst zur Gräfin zu gehen. Die Frau bewahrte jedes Wort, jeden Wink ihres Mannes in treuem Herzen und trat so, beklommen zwar, doch in sicherer Haltung, vor die hohe Dame; denn sie wußte sich wohlgerüstet für die beste Sache. Die Gräfin nahm den Vortrag des armen Weibes mild und gnädig entgegen und versprach, denselben ihrem Gemahl getreulich zu wiederholen und nach Kräften zugunsten des unglücklichen Pfarrers zu wirken. Zugleich lud sie die Pfarrerin ein, bis zur Rückkehr ihres Mannes mit den Kindern nach Hadamar hinüberzuziehen; dann wolle sie mit ihrem Schutz und ihrer Hilfe der verwaisten Familie gerne täglich nahe sein. Getröstet und hoffnungsmutig ging die Pfarrersfrau rascheren Schrittes, als sie gekommen, den beschwerlichen Weg nach Rennerod zurück, entschlossen, der Aufforderung der Gräfin in den nächsten Tagen zu entsprechen und sich mit ihrer kleinen Armut nach Hadamar zu wenden. Unterdessen hatte die Gräfin ihrem Gemahl die Geschichte von dem Raub des Pfarrers Niesener in beweglichen Worten vorgetragen. Allein sie fand ihn gar nicht überrascht von der Nachricht. »Der Pfarrer ist ein Esel«, rief er zum großen Erstaunen der Gräfin, die ihm das Herz tief gerührt zu haben glaubte. »Eine solche starre Buchstabenauslegung des Ehrenwortes kann denn doch auch nur in dem Gehirn eines reformierten Pfaffen wachsen. Habe ich nicht selbst gestern morgen noch den Rat Sprenger im Galopp nach Rennerod gejagt, daß er dem Pfarrer begreiflich mache, er möge nach Hadamar kommen, weil ich wußte, die Kölnischen würden ihn heute nacht aufheben?« »Und hat der Rat in deinem Namen diese Aufforderung dem Pfarrer überbracht?« »Nein, behüte Gott! Nur so von ungefähr und wie aus eigenem Antrieb sollte er den Pfarrer warnen. Gerade darauf hatte Pater Prack am entschiedensten gedrungen«, entgegnete der Graf. Doch kaum war der »Pater Prack« seinen Lippen entschlüpft, so fuhr er zusammen, als habe er sich den Mund verbrannt, und setzte hinzu: »Es war zugleich das Ergebnis meiner reifsten Erwägungen, daß nur eine solche namenlose Warnung, eine Mahnung ohne Unterschrift, nach Rennerod gehen dürfe, wenn ich selber mich nicht den schlimmsten persönlichen Mißdeutungen aussetzen wollte.« »Und wenn nun der Pfarrer auf die Mahnung ohne Unterschrift nach Hadamar gekommen wäre, hätte dann nicht Pater Prack vielleicht weiter geraten, ihn wegen Wortbruchs zur Verantwortung zu ziehen?« Der Graf fuhr zornig auf. »Diese Frage, Ursula, hätte ich nicht von dir erwartet. Ich taste dir deinen Hofprediger nicht an, laß du mir auch meinen Jesuiten ungeschoren.« Die Gräfin erschrak über ihre eigene Unvorsichtigkeit, biß die Lippen zusammen und schwieg. Jede weitere Rede vom Pfarrer Niesener war für heute abgeschnitten. Doch am anderen Morgen wußte die Unermüdliche auch dieses mißliebige Thema ohne Zwang und ganz wie von ungefähr wieder in Anregung zu bringen. Sie besaß in hohem Grade jene nicht zu erlernende natürliche Glücksgabe geistreicher Frauen, das Gespräch zu lenken, ohne daß jemand die leitende Hand sah. Der Graf hatte sich jetzt eine sehr entschiedene Meinung über die Sache des Pfarrers gebildet. Ohne Zweifel hatte er inzwischen mit den Jesuiten Rats darüber gepflogen. Im ganzen Land, sagte er, stehe der Glaube fest, Niesener sei der Mann, der die Priester an die Holländer verraten. Auch in Köln sei man dieser Ansicht und werde dort wohl ganz bestimmte Gründe dafür haben. Lediglich deshalb habe der Kurfürst den Pfarrer aufheben lassen. Wenn Niesener schuldlos, dann werde er sich in Köln reinigen, und alles sei abgemacht. Diese Wegführung sei also gar nichts anderes, als daß der Kurfürst von Köln die nachbarliche Freundschaft gehabt, ihm eine lästige Untersuchung vom Halse zu nehmen. Man müsse nun die Sache ihren Gang gehen lassen und Gott danken, daß jetzt in Köln entschieden werde, was man sonst in Hadamar hätte entscheiden müssen. Die Gräfin war nicht wenig erstaunt über diese Rede. »Bist du denn ein Untertan des Kurfürsten von Köln geworden«, rief sie, »oder ist er dein Gerichtsherr, daß er vor seinen Richterstuhl zieht, was vor den deinigen gehört? Bei Gott! als selbständiger deutscher Reichsfürst würde ich's nicht dulden, daß ein anderer den schlechtesten Strauchdieb aufhinge, der mir gehört und den ich allein aufzuhängen befugt bin. Wie willst du in einem so wichtigen Fall aus bloßer Bequemlichkeit deine köstlichsten Fürstenrechte vergeben? Steht die Sache, wie du sagst, dann fordert deine Fürstenehre, daß du auf augenblickliche Zurückführung des Pfarrers dringst. Er war dein Gefangener. Auf den Schutz bauend, den jeder Eingekerkerte von seinem Kerkermeister fordern muß, blieb er in Rennerod. Um das Wort, das er dir gegeben, nicht zu brechen, hielt er aus, obgleich er die Gefahr kannte; er vertraute auf die Ehre und die Macht seines Grafen und Herrn. Zwiefach gefährdet ist deine Fürstenehre, wenn du ihn dem Kölner überlassest. War er gewissenhaft gegen dich bis zum äußersten, so soll der Fürst nicht zurückstehen an Gewissenhaftigkeit gegen den Untertan!« Der Graf ging unruhig auf und ab. »Dieser Niesener schafft mir Verdruß, wo ich nur mit ihm in Berührung komme. Zum erstenmal in meinem Leben war ich gestern gerührt über des Mannes Unglück. Ich will mein Bestes tun, ihm einmal eine Gnade erweisen; ich lasse ihn warnen, herüberrufen – Sprenger hat mir meinen Hengst beinahe zuschanden geritten –, und nun gerade ist der Kerl ein Narr, bleibt stecken in seiner Zwinglischen Moral, stürzt sich ins Elend und mich in neuen Verdruß!« Da sagte die Gräfin sehr ernst: »Es ist nicht bloß deine Ehre, die hier befleckt wird, sondern auch die meinige. Ich habe dir geraten zu dieser freien Haft in Rennerod, weil ich Nieseners sittliche Strenge kannte. Eben diese seine Strenge hat uns Pflichten aufgeladen, die wir gegen ihn erfüllen müssen, wie er die seinigen gegen uns erfüllt hat. Ich bin mit haftbar dabei. Bleibst du müßig, dann werde ich wenigstens meine Ehre zu retten suchen. Ich werde meinen letzten Schmuck verkaufen, um Lösegeld für Niesener zu gewinnen. Bei Gott, ich werde ihn loskaufen, so wahr ich Gräfin von Hadamar bin, so wahr ich in Ehre und Treue hinter keinem Manne zurückstehe!« »Mache mir nicht zu warm«, rief der Graf, »oder du verdirbst alles. Ich will einen Pakt mit dir schließen. Den Pfarrer darfst du nie und nimmer loskaufen: das ist eine Privateinmischung in Staatsangelegenheiten, die ich auch von meiner Frau nicht dulde. Also, höre den Pakt! Ist Niesener unschuldig, kannst du mir seine Unschuld erweisen und vor allem den wahren Verräter auffinden, dann werde ich den Pfarrer von den Kölnischen zurückfordern – ohne Lösegeld –, und sollte ich selbst darum den Fuß in den Steigbügel setzen. So weit gehe ich und keinen Schritt weiter. Hier meine Hand darauf! Und nun genug von dem Pfarrer. Der Teufelskerl macht mir mehr zu schaffen als meine übrigen Untertanen alle miteinander.« Viertes Kapitel Das Morgenrot ging in tiefem Purpur auf über den flachen Bergen des Elbgrundes. Die Gräfin saß im Erker und schaute in die rote Glut, und wie im Traum rannen ihr die Farbentöne des unheimlich grell leuchtenden Himmels zu allerlei abenteuerlichen Bildern zusammen, daß sie sich die Augen rieb und sich fast schämte, kaum erst erwacht, schon wieder zu träumen. Das Sinnenspiel des Traumes verwandelte sich ihr dann in mystisches Spinnen und Weben, in ein träumendes Grübeln über die Dinge jener Welt, und oftmals blickte sie in den immer goldener glänzenden Lichtschein und sprach dabei vor sich hin Verse von dem himmlischen Morgenrot und dem Sonnenaufgang über dem neuen Jerusalem, wie sie aus den mystischen Dichtern des ersten Jahrhunderts der protestantischen Kirche in Fülle ihr in den Sinn kamen. Schwachen Leibes, aber um so erregter im Gemüte – denn sie hoffte binnen kurzem wieder Mutter zu werden –, ergab sie sich neuerdings immer häufiger solch dämmerigem Dichten und Klingen der religiösen Phantasie. Ein heftiger innerer Kampf erwuchs ihr heute aus ihrem beschaulichen Sinnen. Sie fragte sich, ob denn nicht auch jetzt noch wie in alten heiligen Zeiten Gott mit unmittelbarer Eingebung den brünstig Betenden begnade, wenn er so tief und fest in das göttliche Wesen zu schauen versuche wie sie eben in das schon fast blendende Morgenrot, das ihr ein Sinnbild des göttlichen Lichtes war. Sie spann die Frage weiter und verband dieselbe mit den Gedanken, von denen sie seit gestern, da der Graf den Pakt wegen Nieseners mit ihr geschlossen, unablässig verfolgt war. Sollte Gott nicht hier, wo alle Menschenweisheit zuschanden zu werden drohte, unmittelbar ein Zeichen geben, daß die Unschuld des Verfolgten an den Tag käme? Und wenn sie selber das schwache Werkzeug wäre, das Gott sich zu diesem Gnadenwerk erlesen? Die ersten Strahlen, der oberste schmale, lichtsprühende Rand der Sonne, blitzten über den Bergen auf, als die Gräfin eben am tiefsten in diesen Gedanken versunken war. Und es ward Licht! Von den Bergen ergoß sich der goldene Strom ins Tal, und auch in dem Geiste der Gräfin ging die Sonne auf. Es deuchte ihr plötzlich ein Frevel, daß sie sich ganz besonders würdig gehalten eines unmittelbaren Verkehrs mit Gott, ein Frevel, daß sie da schon die letzte Hilfe eines göttlichen Zeichens fordere, wo der Eifer und Scharfsinn menschlichen Forschens noch lange nicht erschöpft war. Sie blickte hinab auf das rauschende Flüßchen, auf die friedlichen, immer noch leidlich wohlerhaltenen Häuser der Stadt, aus deren Schornsteinen eben der erste Rauch in die reine Luft aufwirbelte; sie gedachte des Segens, den Gott ihrem und ihres Gemahls frommem und klugem Walten geschenkt, daß sie die Stadt und die Grafschaft bis dahin in so erträglichem Zustande hatten erhalten können, während der Krieg schon alle anderen Herrschaften ringsum in Grund und Boden hinein verwüstet hatte; da fand ihr Geist auch vollends den scharfen Blick für die Dinge dieser Welt wieder. Und was ihr vorhin durch unmittelbare göttliche Eingebung nicht gekommen war, das fuhr ihr jetzt bei kurzem, klarem Besinnen mit einem Schlage wie ein Blitz in die Seele. Sie jubelte auf im stillen. Sie hatte einen Haltepunkt gefunden, wo sie sicherlich erfolgreiche Forschungen über den Verräter der katholischen Priester anknüpfen konnte. Kaum konnte die Gräfin die späteren Morgenstunden erwarten, um sogleich ihre Untersuchung zu beginnen. Sie ließ den Rat Sprenger rufen. Der alte Diplomat, der gerade nicht sonderlich in Gunsten bei seiner Herrin stand, war etwas betroffen von dieser Zitation zu so ungewöhnlicher Stunde. Indessen wußte er die scharfen Falten seines spitzen Fuchsgesichtes doch so glatt und freundlich zu machen, daß ihm kein Mensch die innere Beklommenheit angemerkt hätte. Die Gräfin hieß ihn niedersitzen, denn sie wollte viel und gründlich mit ihm reden. Sie begann, dem Rat ganz einfach und ehrlich die gegenwärtige Lage der Niesenerschen Angelegenheit darzulegen. Sprenger wußte bereits alles, was sie ihm sagte; allein die Klarheit und Ordnung, in welcher der wunderbar helle Geist dieser Frau die Tatsachen übersichtlich zusammenfaßte, verglich und in ihren Motiven verknüpfte, machte doch einen sichtlichen Eindruck auf den zähen Graukopf. Jetzt, wo diese Begebenheiten, die er bisher nur vereinzelt kritisiert, in ihrem inneren Zusammenhang vor ihm aufwuchsen, trat ihm auch die sittliche Würde Nieseners so imponierend entgegen, daß es ihn inwendig schüttelte, daß es ihm ward, als müsse er sich vor dem Pfarrer beugen. Als die Gräfin mit ihrem Rückblick auf die Tatsachen zu Ende gekommen, heftete sie plötzlich ihr großes schwarzes Auge durchdringend auf den Rat. »So stehen die Sachen. Ich kenne nur einen Menschen, der noch mehr davon weiß, der namentlich über die Wegführung der Priester genauer unterrichtet ist, und dieser einzige seid Ihr!« Dies sprach sie mit einer Bestimmtheit, daß der Angeredete zusammenfuhr und vor ihrem durchdringenden Blicke die Augen niederschlug, als habe er in die Sonne gesehen. »Ich bin ein Mann der Schreibstube«, sagte er ausweichend. »Mein gnädigster Herr betraut mich mit seinen Geheimnissen, und ich bewahre sie; eigene Geheimnisse habe ich keine. Ich komme wohl viel im Lande umher, aber jedermann verschließt sich vor dem gräflichen Diener –« Die Gräfin unterbrach ihn mit fast drohender Strenge. »Sprenger, in diesem Tone reden wir nicht miteinander. Ihr wißt Näheres über die Wegführung der Priester. Ich weiß es. Ihr selbst habt Euch verraten, als der Graf bei Tafel die erste Nachricht empfing. Kaum hörtet Ihr zu, als er die Tatsache erzählte. Denn Ihr wußtet sie schon. Ihr wußtet mehr, als in dem Briefe stand. Wie hätte sonst unser Rat Sprenger die Ohren gespitzt bei einer solchen Neuigkeit! Ihr wußtet um den Vorgang und habt Euerem Herrn keine Meldung gemacht. Ihr habt Euch damals übel mit einem Witze herausgeholfen. Warum behieltet Ihr ein Geheimnis, was zuerst mitzuteilen Euch Gunst gewonnen hätte? Ich sage ein schweres Wort, Sprenger, aber ich sage es nach redlicher Prüfung vor Gott aus voller Überzeugung: Ihr schwiegt, weil Ihr selber mit verstrickt seid in diese Geschichte! Ihr habt ja überall die Hand im Spiel, warum nicht auch hier? Blickt mich an! Schaut mir offen ins Auge! Seht! Ihr seid ein so gewürfelter Diplomat und könnt es nicht! Es soll Euch kein Leids geschehen, bei meinem fürstlichen Wort! Bekennt offen, damit die Unschuld nicht länger verfolgt werde, damit meine Seele Ruhe gewinne und – Sprenger – auch die Eure.« Der Rat erwiderte gefaßt, kaum merklich erregter als sonst: »Ich habe nichts zu bekennen. Spannt mich auf die Folter: ich kann kein Wort weiter berichten, als was Ihr selber schon erzählt habt.« »Ihr bekennt jetzt nicht zum erstenmal, Sprenger, Ihr habt schon bekannt. Ihr habt Euch schon verraten!« rief die Gräfin, und die schwache Stimme der kranken Frau war furchtbar anzuhören wie des gewaltigsten Richters. »Habt Ihr Euch damals nicht schon als einen Wissenden verraten, da Ihr, aus Eurer Achtlosigkeit erweckt, von dem Raub des Jesuiten Holthausen Kunde gabt, die niemand wußte, die niemand erfragt hatte? Seht, damals hat Euch der Teufel einen Strick gelegt, und trotz all Eurer Schlauheit habt Ihr damals bekannt, was, wie Ihr jetzt sagt, Euch selbst die Folter nicht herauspressen soll.« Ruhig erwiderte Sprenger: »Meine hohe Herrschaft kann meinen Kopf fordern, und ich muß ihn hingeben, aber keine Silbe einer Antwort werdet Ihr mir abzwingen mit einer solchen Inquisition.« Die Gräfin schwieg. Sie fühlte, daß es auf diesem Wege nicht gehe. Mit tiefem innerem Widerwillen schlug sie andere Saiten an. Denn wie sie eben gesprochen, das war der Ton, wie er ihr jetzt so recht von Herzen ging. Sie bezwang sich um der Sache willen. »Ihr seid ein alter Freund Nieseners?« fragte sie ruhiger und milder. »Wir waren Schulgenossen und haben durchs ganze Leben zusammengehalten.« »Und erkennt Ihr es nicht als eine Pflicht der Freundschaft, mit mir gemeine Sache zu machen, daß ich siegreich für Euren Freund aus diesem Kampf wider seine übermächtigen Gegner hervorgehe?« »Nein! gnädigste Gräfin. Ich habe für ihn getan, was Freundespflicht war. Ich habe ihn gewarnt. Nun der phantastische Moralist aus reiner Grille seinen Kopf freiwillig in die Schlinge gesteckt, halte ich mich nicht verpflichtet, aus reiner Freundschaft den meinigen auch noch dazuzustecken.« Die Gräfin überlief es kalt. Es dauerte eine Weile, bis sie das Gespräch fortsetzen konnte. »Irre ich nicht, Sprenger, so seid Ihr Protestant?« »Das ist eine kitzlige Frage. Kein Mensch als Ihr, gestrenge Herrin, würde eine runde und klare Antwort darauf aus mir herausbringen. Es sind wunderliche Zeiten. Die beiden Religionen mengen sich im Lande noch immer stark durcheinander. Nichts als Kraut und Rüben, trotz des katholischen Eifers unseres gnädigsten Herrn. Da mache ich nun das Ding mit, solange es geht. Meine Religion hat sich auch noch nicht recht abgeklärt, gerade wie die des hadamarischen Landes. Verbreitete ich nicht einen starken katholischen Geruch um mich, so hätten mich ja die Patres Jesuiten längst aus dem Kabinett Seiner gräflichen Gnaden hinausgebissen. Aber um nun auch eine runde und klare Antwort zu geben. Euch – und Euch allein: – eigentlich bin ich ein Reformierter. Noch nie habe ich eine Messe besucht. Und vermutlich werde ich auch für die nächste Zeit reformiert bleiben. Man hat doch auch seine Überzeugungen und so eine gewisse Anhänglichkeit an den ererbten Glauben wie an einen alten Sessel, einen alten Tisch aus dem väterlichen Hause. Das Gewohnte ist immer das bequemste, namentlich für ältere Leute.« Die Gräfin hatte den Rat um seine Religion befragt, weil sie voraussetzte, daß er Protestant sei, und ihn beschwören wollte, um des bedrängten Glaubens willen den Glaubensgenossen wenigstens retten zu helfen, wenn er den Freund nicht retten wolle. Allein als sie jenes wunderliche Bekenntnis vernommen, wandte sie sich voll Abscheu hinweg. Nach ihrer strengen Auffassung hätte eine solche Lästerung den Tod verdient, so gut wie Raub und Mord, und sie wußte nicht, was schrecklicher sei, solche Glaubenslosigkeit selber oder der leichtfertig-spöttische Ton, in welchem der Rat sein Bekenntnis abgelegt hatte. Diese Vortragsweise, die oft zur übermütigsten Satire ausartete, war ihm aber ganz zur anderen Natur geworden; denn durch den leichten Spott, den er über alles ausgoß, hatte Sprenger zuerst des Grafen Gunst gewonnen, der vor allen Dingen heiter angeregt sein wollte. Er durfte sich zuletzt auch das Keckste herausnehmen, wenn es nur witzig war und etwas zu lachen gab. Bloß in Sachen der Religion mußte er seinem Spott und Witz den festesten Zaum anlegen. Hier verstand der Graf keinen Spaß, namentlich seit der Bekehrungseifer über ihn gekommen. Darum erschrak der Rat doch ein wenig, als er seine Rede beendet und den üblen Eindruck auf die noch viel strengere Gräfin wahrnahm. Allein die Worte waren einmal heraus, kein Mensch konnte sie wieder einfangen, und Sprenger beruhigte sich nach seiner Weise sehr rasch. Nicht so die Gräfin. Sie konnte das Gespräch nicht weiterführen. Doch trieb sie's, noch ein ernstes Wort dem verlorenen Manne zu sagen. »Ihr habt nicht gestanden um der Wahrheit, nicht um der Gerechtigkeit willen. Ihr wollt Euerem Freunde nicht helfen um der Freundschaft willen, und wenn man bei Euerem Bekenntnis Euch auffordern wollte, dem Glaubensgenossen beizuspringen, so würde das Hohn und Frevel sein. Aber sehet Euch für! Ihr werdet in dieser Verstocktheit nicht beharren. Das Gewissen ist wie das Auge: das kleinste Stäubchen, das hineinfliegt, schmerzt und brennt wie eine große Wunde, und wir gewinnen keine Ruhe, bis die Ursache des Übels wieder entfernt ist. Ihr werdet den großen Staub auf Euerem Gewissen bald fühlen, Sprenger, ja Ihr fühlt ihn vielleicht jetzt schon. Kommt wieder zu mir, wenn Ihr ihn empfindet; obgleich wir jetzt in Groll und Bitterkeit scheiden, will ich Euch doch in Liebe wieder aufnehmen.« Dem Rat zuckte es seltsam um die Lippen. »Ihr seid eine Frau ohnegleichen!« rief er – und es war, als ob nun ein ganz anderer spreche. – »Ich kann Euch heute nichts Weiteres sagen, und wenn Ihr noch so gewaltig an meinem Gewissen pocht. Aber Ihr sollt alles erfahren, wenn die Zeit gekommen ist – in den nächsten Tagen schon. Ich habe schon manchem Widerstand geleistet, der sich dessen nicht versah; Ihr aber biegt und hämmert auch den härtesten Gesellen weich wie der Schmied das feurige Eisen.« »Morgen sehen wir uns wieder!« rief die Gräfin. Der Rat verbeugte sich schweigend und ging. Der nächste Morgen kam. Der Rat ward ängstlich im Gemache der Gräfin erwartet; er kam nicht. Man sandte nach ihm; er war nirgends zu finden. Der Graf vermißte seinen vertrauten Diener bei der Tafel. Man geriet in Unruhe, man ließ nach Sprenger suchen. Alles blieb erfolglos. Die nächsten Tage vergingen. Der gräfliche Rat war spurlos verschwunden. Auf seinem Zimmer fand man alles wohlgeordnet wie gewöhnlich. Er war in früher Morgenstunde ausgeritten in den Wald gegen die westliche Grenze der Grafschaft. Seitdem hatte ihn niemand wiedergesehen. Die schlimmsten Gerüchte kreuzten sich. Der alte Mann sollte da und dort verunglückt sein, erschlagen; am wahrscheinlichsten war es noch, daß er gleich den Priestern weggeführt worden war von einem holländischen Streifkorps. Den größten Schrecken erregte Sprengers Verschwinden bei der Gräfin; sie harrte auf jede Kunde über den Verkommenen, wie wenn er ihr Sohn gewesen wäre. Sprenger war der einzige, der neues Licht in die Niesenersche Angelegenheit bringen konnte; er war mürbe geworden, er hatte es zugesagt – nun war mit einemmal jede Spur von ihm verloren und damit auch für die Gräfin jede Hoffnung, daß sie von ihrem Gemahl die Zurückforderung des geraubten Pfarrers jemals zu Recht begehren könne. Nach fünf in bangem Warten verschwundenen Tagen begann die Gräfin in tiefe Betrübnis zu versinken; nur religiöser Trost vermochte sie noch aufzurichten. Da brachte ein reitender Bote aus Hachenburg einen Brief an Gräfin Ursula von Nassau-Hadamar. Er lautete, wie folgt: »Eure hochgräflichen Gnaden habe ich, da Sie am letzten Mittwoch so heftig in mich drangen, Aufschlüsse versprochen über die Sache des Pfarrer Niesener. Hier gebe ich sie. Der Pfarrer ist ganz unschuldig. Er lebte in seinen Büchern und wußte nichts von dem Versteck und den Verkappungen der katholischen Priester, wie er überhaupt von der Welt nichts weiß. Ich allein im ganzen Lande kannte den Plan, der zum Schutze der Priester entworfen war, im einzelnen so genau wie im ganzen. Denn ich allein habe den Plan gemacht, und Seine hochgräflichen Gnaden, meinen Herrn, ausgenommen, war er vor keines anderen Menschen Auge gekommen. Einzelne vertraute Männer wußten wohl, wo und wie einzelne Priester versteckt waren, von allen wußte ich es allein. So bin ich es denn auch gewesen, der die Pfaffen den Holländern verraten hat. Die Bekehrungsseuche, die statt der Pest, der spanischen Schwachheit und anderer Krankheiten, womit wir in vorigen Jahren heimgesucht waren, jetzt über das Land hereingebrochen ist, ärgerte mich, und zwar um so mehr, als ich als Protestant bei Hof die katholische Maskerade spielen mußte. Um meinem Ärger Luft zu machen, zeigte ich den Holländern das Versteck der Priester an, damit es auch bei uns einmal eine recht lustige Pfaffenhetze gebe, gleichsam ein ganz kunstreich eingestelltes Jagen auf dieses Schwarzwild, so jagdgerecht, wie man's noch nirgends erlebt. Es gelang bewundernswürdig. Dies ist die Wahrheit; ich schwöre es Euch. »Ich sage Euch, gnädigste Frau Gräfin, wie meinem gnädigsten Herrn Grafen meinen untertänigsten Dank für die vielen Gnaden, die ich an Dero Hofe genossen. Nach meinen Kräften bin ich doch wohl eifrig in meinem Dienste und meiner Herrschaft treu ergeben gewesen, wenn ich auch manchmal den Schalksnarren spielte und meinen Humor, den der Herr Graf im Wort so sehr liebte, hinter seinem Rücken auch mitunter in die Tat übersetzte. Ich wäre gewiß noch lange in Hadamar geblieben. Aber wie Ihr mir am Mittwoch so schonungslos den Spiegel vorhieltet, wie Ihr mir so mächtig ins Gewissen hineinredetet, da ergriff mich's, daß ich's für eine Schande hielt, länger als ein zwiegefärbter Mann an Euerem Hofe mein Spiel zu treiben. Und daß ich den Streich mit den Pfaffen eingestehe, auch dies allein habt Ihr zuwege gebracht. Gäb' es einen Pfarrer, der einem das Herz umwenden könnte mit einer langen Predigt wie Ihr mit drei Worten, ich ginge wahrhaftig jeden Sonntag in die Kirche. Sowie ich aber gestand, war natürlich meines Bleibens in Hadamar nicht mehr. Ich beschlief die Sache noch einmal, doch Euere Worte dröhnten mir immer mächtiger in den Ohren, und so ritt ich des anderen Morgens auf und davon. Ich bin hier auf sicherem Boden. Mehrere protestantische Fürsten haben mir Dienste angeboten. »Meinen Dank für Euere Huld und Gnade, Gottes Lohn für Euere Vermahnungen und Gottes Segen auf das ganze gräfliche Haus von Nassau-Hadamar. Ew. hochgräflichen Gnaden untertänigster Diener M. Christoph Sprenger, weiland gräfl. nass. Rat.« Eine nähere Untersuchung bestätigte die Wahrheit von Sprengers Geständnis. Der Graf war so großmütig oder so politisch, seinen ehemaligen Rat, der seit Jahr und Tag um alle seine Geheimnisse wußte, nicht weiter zu verfolgen. Ja, er schickte ihm seinen in Hadamar zurückgelassenen Hausrat mit freier Fuhre nach Hachenburg hinüber, um den Rat Sprenger vollständig, wie er sagte, mit Sack und Pack loszusein. Vierzehn Tage, nachdem Sprengers Brief in Hadamar eingelaufen war, erhielt Niesener in Köln von seinem Kerkermeister die Freiheit angekündigt. Johann Ludwig hielt Wort. Der Kurfürst war anfangs zäh wie Sohlenleder und tat, wie wenn er statt des Pfarrers von Rennerod den höchsten protestantischen Reichsfürsten ausliefern solle. Aber der Hadamarer donnerte so gewaltig, daß der Kurfürst voll Ärger und Verwunderung nachgab. Der Graf fühlte sich nämlich um so freier in der Sache, als er eben ein förmliches Jesuitenkollegium in Hadamar anzulegen begann und bei einem so glänzenden Beweis seines katholischen Eifers einem Kurfürsten von Köln schon auch einmal wegen eines einzelnen reformierten Pfaffen auftrumpfen konnte. Niesener eilte sofort zurück in die Heimat, zu Fuß, ohne Bedeckung, Gottes Schutz vertrauend. Das war ein großes Wagestück in jenen Tagen, aber es ließ dem Pfarrer nicht Ruhe, Tage oder Wochen auf eine sichere Gelegenheit zu warten. Nur sein geistliches Gewand hatte er mit dem Rocke eines Kölner Bürgers vertauscht, sonst wäre er schwerlich eine Meile weit gekommen. Wo ihn im Dickicht oder bei sinkender Nacht die Furcht überfiel, da sprach er vor sich die Worte des Psalms: »Ob ich schon wandere im finstern Tal, fürcht' ich keinen Unfall; denn der Herr ist bei mir« – und ward wieder stark und mutig. So kam er am Abend des dritten Tages nach Hadamar. Mit dem Staub des Weges auf seinen Schuhen eilte er, ungesehen, niemand begrüßend, in das Schloß, um der Gräfin, die ihm allein die Freiheit gewonnen haben konnte, seinen Dank darzubringen und Gottes Segen zu verheißen. Als er die Treppe zu den Gemächern der Gräfin hinaufstieg, war er erstaunt, einen Hellebardierer vor ihrer Türe aufgestellt zu finden. Er rief der Wache zu, die gleichfalls verwundert auf den staubbedeckten Wanderer schaute, daß er zur gnädigen Frau Gräfin geführt zu werden wünsche, und als ihn die Wache noch immer erstaunt und fragend ansah, statt zu antworten, fügte er mit erhobener Stimme bei, er sei der Pfarrer Niesener von Rennerod, man werde ihm gewiß eine Audienz von wenigen Augenblicken nicht versagen. Da öffnete sich eine Seitentüre, der Graf Johann Ludwig trat heraus, faßte den Pfarrer bei der Hand, die er, der stolze Graf, in schwelgender Erwiderung auf Nieseners Begrüßung wie die Hand eines Freundes drückte, und führte ihn selber in das Zimmer der Gräfin. Kerzen flammten in dem dunklen, schwarz ausgeschlagenen Gemach, Blumen hauchten einen betäubenden Duft, ein Sarg stand in der Mitte des Zimmers, und um den Sarg kniete betend der Gräfin Hausgesinde und ihr Hofprediger einträchtig neben den Jesuiten des Grafen. Im Sarge lag der entseelte Leib der Gräfin Ursula, die hohen, adeligen Züge unentstellt, nur friedlicher und versöhnter als im Leben. Niesener brach bei diesem Anblick in Tränen aus, und der Graf weinte mit ihm und stützte sich auf den Arm dessen, den er bis dahin seinen Todfeind genannt, als seien sie ihr Leben lang Todfreunde gewesen. Als beide sich gesammelt hatten, kniete der Pfarrer nieder an dem Sarge und betete lange im stillen, dann sprach er vernehmlich die Worte: »Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben, sie ruhen aus von ihrer Arbeit, und ihre Werke folgen ihnen nach.« Auch die Jesuiten sprachen: »Amen!« Niesener erhob sich, verneigte sich gegen den Grafen und entfernte sich schweigend. Eine verfrühte Niederkunft hatte der Gräfin den jähen Tod gebracht. Noch kurz vor ihrem Ende hatte sie, ihres Versprechens gegen Niesener eingedenk, denselben ihrem Vater zu einer Pfarrei im Lippeschen empfohlen. Der vielgeprüfte Mann fand in der Tat dort Ruhe für den Rest seines Lebens. Als der Zustand der edlen Frau hoffnungslos zu werden begann, begehrte sie die Tröstungen ihres Predigers. Aber statt dessen schickte man ihr drei Jesuiten, die an dem schmerzhaften Sterbelager ihre ganze Beredsamkeit, die vereinte Kunst ihrer Dialektik und Sophistik aufboten, um diese Seele wenigstens noch in der letzten Stunde der katholischen Kirche zuzuführen. Groß im stillen Dulden, ertrug auch Gräfin Ursula die Geistesmarter der dreifachen Bekehrungsversuche neben den körperlichen Leiden. Während die Patres demonstrierten, betete sie leise für sich in den Formen ihres Glaubens, der ihr von Gott zur Stütze ihres ganzen Lebens geschenkt worden war. Das Kind, welches sie gebar, ward, obgleich es nicht eine Stunde gelebt und obgleich eine Prinzessin, doch von den Jesuiten geschwind nach katholischem Ritus getauft und so wenigstens diese eine Seele gerettet. Die Mutter aber starb, wie sie gelebt, getreu ihrem Wahlspruch: »Im Glauben fest.« Die Werke der Barmherzigkeit (1846 und 1856) Erstes Kapitel Der junge Grobschmied Konrad vom Weyher stand vor dem Amboß. »Tummle dich, Gesell! den Takt gehalten!« rief er lachend, indes er den wuchtigen Hammer leicht und sicher durch die Luft schwang, daß die Funkengarben beim Niederschlag den ganzen dämmerigen Raum durchsprühten und erleuchteten. Dem Gesellen ging's nicht so flink ab – denn er trug Mieder und Röckchen und war eine frische Bauerndirne. Aber sie führte ihren Hammer auch nicht schlecht. Da war noch Nerv in dem sonngebräunten Arme der Jungfrau, und doch rundete er sich zugleich in den feinsten Linien. War eine Reihe tüchtiger Streiche geführt, dann stellte der Schmied den Hammer auf den Amboß, stützte den linken Ellbogen auf den Stiel, bog sich mit dem rechten Arm hinüber zu dem Mädchen, küßte sie, und lustig ging's wieder fort in der Arbeit. In den Zweitakt des Hammerschlags sangen Meister und Gesell zuweilen ein zweistimmiges Stücklein. Aber halbwegs brachen sie dann meist die Weise wieder ab, weil sie nicht wußten, was süßer sei: zu singen oder zu reden. »He, Grete! Wir zwei beide, du und ich, sind doch noch die einzigen Männer im Ort! Hielten wir das Nest nicht noch ein wenig zusammen, aus Schrecken vor Schwed und Kroat, vor Hunger und Pest wäre es längst gar auseinandergefallen!« »Freilich, Konrad! Du bist gleichsam der Schultheiß, und ich bin der Pfarrer.« Das durfte Grete in Wahrheit sagen. Der rechte Pfarrer war, nachdem er mehrmals von Freund und Feind ausgeplündert und mißhandelt worden, davongelaufen ins Hessenland. Der Schultheiß aber war nur zu sehr dageblieben. Denn in dieser Zeit der allgemeinen Zuchtlosigkeit des Dreißigjährigen Krieges füllten die Beamten ihre Taschen, wetteiferten im Malträtieren des Volkes mit der hohen Generalität sämtlicher kriegführenden Parteien, schierten sich den Teufel um ihr Amt, und jeder waltete des Rechts nach seinem eigenen corpus juris. Grete aber pflegte die Kranken, tröstete die Bedrängten – ja, sie war jetzt der rechte Pfarrer im Dorfe; und Konrad hielt die Bürger zu mutiger und kluger Tat zusammen, wenn neue Einquartierung kam, neue Plünderung, neue Stall- und Tafelrequisition für das Vieh und die Herren Offiziere, neue Gelderpressungen bald für einen großen Herrn, bald für einen großen Spitzbuben. Denn bei solcher Gelegenheit pflegte der Schultheiß über Land zu reiten, und wenn der Sturm vorbei war, kam er wieder heim. »Wenn der lustige Hammerschlag so ins Ohr klingt, Grete, trapp, trapp! trapp, trapp! dann ist mir's oft, als sei das Rosseshufschlag, und wie der Sturm sause ich auf meinem Rosse übers Feld dahin, als Soldat, Grete! Denn alle sind geschunden in dieser Zeit, nur der Soldat jubiliert! Jeder Soldat ist ein König worden, drum ist auch jeder so grob gegen den Schmied, wenn er sein Pferd beschlagen läßt. Aber mir Prügel zu geben, das hat doch noch kein Schwede und kein Kaiserlicher gewagt, da doch alle Schmiede der Umgegend wenigstens jedes Quartal einmal durchgefuchtelt werden. Ja, mein Schatz, wir wollen auch unter die Soldaten gehen!« »Ach nein!« sprach Grete, nicht ganz so lustig wie vorher, »dann zögen ja die zwei letzten Männer fort aus dem Dorfe und wäre kein Schultheiß und kein Pfarrer mehr da, um die Gemeinde noch leidlich zusammenzuhalten!« Es war dies Dorf aber Löhnberg an der Lahn in der Grafschaft Nassau-Katzenellnbogen. Ehe der Krieg ausbrach, wohnten sechzig Familien innerhalb der Ringmauern – denn das Dorf besaß Stadtprivilegien; – von sechzig Feuerstätten aber rauchten jetzt nur noch zehn. Auf einer Anhöhe vor der Mauer liegt die Schmiedewerkstätte. Das Gebirg beginnt hier steiler das Flußtal einzuengen; in fast senkrecht jähem Fall steigt ein bewaldeter Berg der Schmiede gegenüber zu dem stillen, dunkelgrünen, schilfgesäumten Wasserspiegel nieder, und rechts im Vordergrunde erheben sich auf Felsklippen die Trümmer des Schlosses, welches Herr Graf Georg von Dillenburg nicht lange vor dem Kriege erst neu aufgebaut hatte. Verachtet mir diesen Landstrich nicht, die rauhe Schönheit dieses Gaues, den armen ehrenfesten Menschenschlag! Tretet ein wenig vor aus des Schmiedes Tür, dann blickt ihr links in ein lustiges Wiesental; die wohlgeschützte Mittagseite seiner Berghänge ist von dem letzten, nördlichsten Rebgelände des Lahngrundes bedeckt. Es wächst da der Löhnberger Rote; der war in alter Zeit so berühmt wie sein Nachbar und Vetter, der Runkeler, und noch vor hundert und mehr Jahren soll ein Graf von Braunfels die Herren des Wetzlarer Reichskammergerichts mit einem Weine traktiert haben, den er bei Löhnberg in einem mit besonders heißer Sonne begnadeten Jahre selbst gezogen, und als der gräfliche Wirt nach der Tafel den Gästen zu raten gab, was für Wein sie getrunken, meinten die Herren, es sei ein kostbarer Burgunder gewesen. Doch läßt der Chronist unentschieden, ob der gute Geschmack des Löhnbergers oder der schlechte des Reichskammergerichts dieses Urteil eingegeben habe. Daß aber neben dem firnen Roten auch firne Menschen in guten Jahrgängen in diesen Tälern gewachsen sind, davon soll diese Geschichte Kunde geben. Es war im hohen Sommer frühmorgens gegen drei Uhr, als die beiden in der Schmiede schon so scharf drauflos arbeiteten. Hätte Grete, die Braut des Schmieds, ihm nicht zugleich den Liebesdienst getan, als Geselle einzutreten, so hätte Konrads Ofen wohl kalt müssen stehenbleiben. Denn weit und breit fand sich keine junge, arbeitsfähige Mannschaft mehr fürs Handwerk. Nicht bloß der Krieg, auch seine Gevatterin, die Pest, zog durch das Land. Ganze Dörfer starben aus; die fleißigsten Hände erlahmten und sorgten nur noch für die nächste Notdurft. Verzweiflung fraß das geschlagene Volk, und die Leute in diesen protestantischen Gauen fragten, ob denn unser Herrgott katholisch geworden sei, daß er so das ganze Land verderbe. Ein furchtbarer Wahn hatte sich allmählich der Geister bemächtigt, alles menschliche Mitgefühl ertötend. Wer jäh an der Pest starb, den glaubte man durch Gottes Finger als einen Schuldigen abgeurteilt, durch Gottes Schwert als einen Armensünder gerichtet, und stritt, ob ihm ein ehrlich Begräbnis zu gönnen sei. Ja, man ließ die Pestkranken verschmachten, weil man vorgab, ihnen zu helfen sei nicht besser, als einen Dieb vom Galgen abzuschneiden. Vor drei Wochen noch hatte Konrad seinen verstorbenen Vetter auf einer Leiter selbst aus dem Hause tragen müssen, weil ihm die Gemeinde die Bahre verweigerte. Jetzt aber erging ein geistliches Rundschreiben an alle Gemeinden, worin mit Worten der Schrift bewiesen stand, daß man auch in diesen Sterbensläuften dem Tode freudig sich fügen müsse, und wer an der Pest in dem Herrn sterbe, der werde in Christo wiederauferstehen, so gut wie die anderen. Also sei er nicht in der letzten Not zu verlassen und bei Nacht wie ein Hund zu verscharren. Da erkannte sich die Selbstsucht, welche dem Aberglauben unter den Mantel gekrochen war, in ihrer Blöße, und mancher kehrte um und nahm sich wieder der verlassenen Kranken an. In solchen Zeiten tritt der Mensch dem Menschen näher. Die Schutzhegen des Herkommens fallen; der sittliche Ernst, der in den Tagen allgemeiner Gefahr alles Volk überkommt, kann des Schildes der Sitte entbehren. So hielt sich auch der Schmied und seine Braut in Zucht und Ehren, ob sie gleich in dem halb ausgestorbenen Dorfe so fessellos hätten zusammen leben können wie auf einer einsamen Insel. Nicht mehr Menschenfurcht war es, sondern die größere Nähe Gottes, was jetzt ihren Verkehr auch äußerlich in Maß und Schranken hielt. »Fürchtest du dich nicht mehr, Konrad?« fragte Grete lächelnd und legte den Hammer nieder. »Wenn uns unser Herrgott haben will, dann kann er uns auch ohne Pest kriegen«, antwortete Konrad. »Und so halte ich's denn mit jenem neunzigjährigen Weibchen, das eine schwere Krankheit in sich spürte und also gebetet hat: Herr, wie du willt! Doch wiss' – ich eil' noch nicht.« »An die Pest denke ich nicht«, rief Grete, »sondern an den Schultheißen. Du hast mir viel zulieb getan, da du um meinetwillen schon vor der Morgenglocke die Kohlen einzulegen wagtest und nicht in mich drangst, dir zu sagen, weshalb ich des Nachmittags nicht schmieden kann und wo ich mich zu dieser Zeit umhertreibe. Daran habe ich deine echte Liebe erkannt.« Nun gerade hätte der Schmied erst recht gerne gefragt, wo sie nachmittags hingehe. Aber Grete hielt ihm die Hand vor den Mund. Dann flüsterte sie ganz heimlich: »Als ich vorhin durch die Gäßchen zur Schmiede schlüpfte, hat der Ortsknecht aus dem Fenster geschaut und mir zugerufen: ›Grete, ich will Sie verwarnt haben! Der Schultheiß drückt noch die Augen zu, wenn ihr vor der Morgenglocke die Kohlen einlegt. Will er sie aber nicht mehr zudrücken, dann steckt er euch beide in den Turm!‹« Es war nämlich vor längerer Zeit ein scharfes Mandat ergangen in den Dillenburger Landen, daß kein Schmied seine Esse heizen solle, bevor um vier Uhr das Morgenglöckchen geläutet habe. Denn auf den Dörfern waren wiederholt Feuersbrünste ausgebrochen, denen man bei den strohgedeckten Lehmhütten des Gebirgs kaum wehren konnte, veranlaßt durch das Schmieden in der Frühe, wann die Nachbarn noch im Schlafe lagen. Überdies riß der Unfug, schon um zwei Uhr am Amboß zu stehen, meist doch nur deshalb ein, weil Meister und Gesellen des Nachmittags in den Schenken faulenzen wollten. Aber was galt ein solches Gesetz jetzt, wo alle Ordnung gelöst, wo alles Eigentum verwahrlost war und selbst Wald- und Heidebrände manchmal bis zu den menschenleeren Dörfern drangen, dieselben umloderten und in Asche legten! Konrad erwiderte darum gleichgültig: »Heuer, wo es im Gau wenigstens alle Tag einmal brennt und der Tod stündlich an unserer Tür vorübergeht, fürchtet man sich nicht vor der alten Feuerordnung und dem Schultheißen von Löhnberg.« Zweites Kapitel Als Grete gegen Mittag die Schmiede verließ, schlüpfte sie auf Umwegen, scheu zurückblickend, ob Konrad ihr nicht nachschaue, in den Garten hinter des Schultheißen Haus; der lag wüste in dieser traurigen Zeit, die Beete von Nesseln, Quecken und Nachtschatten überwuchert, die Obstbäume durch Moos und Flechten verderbt. Der zerrissene Zaun ließ das Mädchen ein, neben der verriegelten Pforte. Denn frei und offen von der Straße her hätte Grete nicht zu des Schultheißen Haustür einzugehen gewagt. Sie wollte auch nicht ins Haus, sondern in die Scheuer. Auch hier sah es nicht aus, als erwarte man fröhlichen Erntesegen. Die Räume oben und unten waren verfallen, verunreinigt, alles öde und leer. Nur in dem dunkelsten Winkel lagen noch ein paar Gebund Stroh aufgehäuft und zwischen diesen etwas altes Bettwerk. Grete schlich sacht hinzu. Ein altes, krankes Weib lag in den Strohbündeln und Kissen. »Wie geht es Euch, Frau Base?« sprach das Mädchen mild und herzlich. Da erhob sich die hinfällige Gestalt und erwiderte mit matter Stimme: »Die Menschen haben mich verlassen, darum nimmt der Herr mich auf!« Es war dies aber des Schultheißen Ehefrau. Als die Pest ihre Wangen rötete, ließ der Mann sein Weib aus dem Hause in die Scheuer bringen. Denn ob er gleich äußerlich, ganz wie es einem Schultheißen ziemt, den Mutigen spielte, erbebte er doch insgeheim aus Furcht vor der Ansteckung und verstand den Pestkranken ebenso geschickt aus dem Wege zu gehen wie den fremden Truppen. Und da er sich's eben nicht so gar traurig dachte, wenn die Frau, welche ihm in letzterer Zeit häufig eine lästige Sittenrichterin geworden, unversehens abführe, so wollte er jetzt gerade erst noch recht lange frei und lustig leben und nicht sogleich wieder in jener Welt mit der eben erst quittierten Hälfte aufs neue zusammentreffen. Darum hielt er sich ganz fern von der Scheuer, begann selbst das Wohnhaus zu meiden und schickte nur täglich einmal den Ortsknecht aus, daß er durch das große Loch in der Wand schaue, ob die Kranke sich noch rege, und ihr von außen mit einer langen Hopfenstange einen Topf voll Suppe neben die Kissen schiebe. Hätte sich nun Grete der verlassenen Base nicht angenommen, dann wäre die Frau alsbald elend verschmachtet wie tausend andere. Denn auch der Ortsknecht ging nur bis gegen die Scheuer, wagte aber niemals, durchs große Loch zu schauen, geschweige den Topf hineinzuschieben, und aß die Suppe gemeinhin selber im Garten aus. Vor ihrem Konrad aber machte Grete das strengste Hehl aus ihrer Krankenpflege in den Nachmittagsstunden, die sich nicht auf die Scheuer des Schultheißen allein beschränkte. Denn sie fürchtete, es möge dem Schmied vor ihr grauseln, daß er selber die Pest bekäme, wenn er wisse, wie sie gleich einer Spitalschwester täglich in den Pesthäusern hantiere. Zudem hätte man sie, wofern ihre stille Barmherzigkeit ruchbar geworden, sicherlich gewaltsam von dem Schmied getrennt. Denn die Pfleger der Kranken wurden in den Gemeinden von allem Verkehr abgeschlossen, gleich als seien sie selbst verpestet; am Sonntag durften sie nicht einmal zu den Kirchen eintreten, sondern mußten, vor den Kirchenfenstern stehend, erhaschen, was ihnen draußen etwa von Gottes Wort zu Ohren drang. Grete brachte dem verlassenen Weib einen Teller Suppe. Allein die Base winkte abwehrend. Sie begehrte keine Speise mehr; nur nach geistlicher Tröstung verlangte sie. Darauf erwiderte Grete: »Der Pfarrer ist ins Hessenland geflohen vor dem Kriegsvolk und der Pest; aber weil Ihr's gestern schon gewünscht, habe ich meinen Vater bestellt, der hält in dieser Not die Kirche und reicht die Sakramente.« Es war aber Gretens Vater Veit Kreglinger, der Glöckner und Kirchendiener, der zugleich einen kleinen Kramladen hielt. Vom Volk ward er nur der »Prophet« genannt, und er tat sich selber etwas zugute auf diesen Beinamen. Denn man schrieb ihm Sehergabe zu. Als eines Tages ein Feldgerichtsschöffe gesund und frisch über die Straße ging, hatte der Glöckner plötzlich wie aus höherer Eingebung gerufen: »Dem sieht der Tod zu den Augen heraus; morgen kann der Schreiner ihm den Sarg machen!« Die Bauern schüttelten die Köpfe und glaubten's nicht, und der Schöff, der es gehört, lachte. Aber am anderen Morgen war er tot und kalt. Seit dem Tage glaubten die Löhnberger, daß dem Veit da ein Licht brenne, wo anderen tiefes Dunkel ist, und nannten ihn den Propheten. Zuletzt glaubte er selber, daß er ein Prophet sei, schaute mit seinen scharfen grauen Augen den Leuten die geheimsten Gedanken aus der Seele heraus und tat manchen bewahrten Spruch. Ja, er betrieb die Sache fachmäßig. Als Glöckner konnte er jederzeit auf den Kirchturm steigen, hatte also eine astrologische Warte umsonst. Er schleppte sich allerlei Kram von alten Kalendern, Wappenbüchern, Aspektentafeln und alchimistischen Schriften zusammen, und wann er über diese Scharteken kam, dann saß er den ganzen Tag angenagelt auf seinem dreibeinigen Stuhle wie Pythia auf dem Dreifuß. Seine Weisheit nahm dabei sichtlich zu, und sein Kramladen ging sichtlich zurück, und manchmal läutete er die Morgenglocke am hellen Mittage und die Abendglocke nach Mitternacht. Also der geistliche Trost des Propheten war es, den Grete verheißen hatte. Die Schultheißin zog jetzt aus ihrem Täschchen zwei silberne Armspangen und sprach: »Merk auf, Grete, da ich noch Jungfrau war, schenkte mir der Schultheiß, mein Bräutigam, diese Spangen. Mit Jubel empfing ich sie – unter Kummer und Sorgen habe ich sie wie ein Heiligtum bewahrt während des traurigen Ehestandes. Du allein hast mich getröstet in dieser letzten Not. Nimm die Spangen zu meinem Gedächtnis. Aber du mußt sie nicht alle Tage tragen: nur auf Ostern, Pfingsten und Weihnachten. – Was war mein Leben, daß mir's vor dem Sterben bangen sollte? Einmal muß es ja doch gestorben sein, und da sogar der Kaiser, der König, ja auch unser gnädiger Fürst selber daran muß, dürfen sich gemeine Leute nicht zu hart beklagen. – Nur um meinen Mann tut mir's leid, obgleich er mich so übel traktiert hat. Aber er dauert mich doch, wenn ich dran denke, wer ihm jetzt das Weißzeug instand halten und seine Hafergrütze so kochen soll, wie er sie am liebsten ißt!« Grete nahm die Spangen mit tränendem Auge und wickelte sie in ihre Schürze. Da sprach die Frau: »Es flimmert mir vor dem Gesicht! Grete, du mußt die Spangen nicht alle Tage tragen; nur an hohen Festen – damit du nicht stolz wirst. Du brauchst sie dann auch nicht allzuoft zu putzen – das zehrt am Silber.« Wieder nach einer Weile rief die Frau auffahrend: »Was packst du mich so eiskalt an den Füßen, Grete?« Die Angeredete aber stand weitab. »Das muß der Tod sein, der die Base an den Füßen packt«, dachte sie und starrte nach den Kissen hinüber, als müsse sie den Tod dort leibhaftig erblicken, den Knochenmann mit der Sense, wie er die Base an den Füßen packt. Aber friedlichen Antlitzes sank das arme Weib in das Kissen zurück und sprach im Verscheiden: »Die Menschen haben mich verlassen, darum nimmt mich der Herr zu sich auf.« Das Mädchen blickte schweigend auf die Leiche, die Hände gefaltet. Sie wollte sich eben entfernen, als ihr Vater, der Glöckner, in die Scheuer trat. Er schaute in den dunklen Winkel. »Sie ist tot!« sagte er, und Grete wiederholte: »Sie ist tot!« Da aber packte sie plötzlich der Schauer des Lebens vor dem Tode. Die bis dahin ungekannte Furcht vor der Pest kam über sie; sie schaute entsetzt die Leiche an, wie sie zwischen den Strohbündeln und dem alten Bettzeug tief zurückgesunken lag, und wollte entfliehen. Veit aber griff das Mädchen fest beim Arme: »Bleib, Grete! Graust dir's auch? Was fürchtest du dich? Ich sage dir: der Himmel will es nicht, daß wir beide an dieser Pestilenz sterben sollen. Was verheißen ist, das wird sich erfüllen!« Und das sprach der Glöckner in der Tat wie ein Prophet, und die kleine Gestalt des Vaters deuchte dem Mädchen jetzt größer und ehrwürdiger denn je; das von Not und Arbeit und frühen Kriegsstrapazen tief gefurchte Gesicht leuchtete in Begeisterung wie eines Jünglings Antlitz. Das einzige prophetische Wort nahm den Schauer wieder aus des Kindes Herzen. Doch kaum hatte Veit die Verheißung gesprochen, so rief eine Stimme hinter ihm: »Versündigt Euch nicht! Treibt Euer Spiel der Wahrsagerei im Wirtshaus, aber nicht im Sterbehaus!« Veit schaute ingrimmig um nach dem Redenden, schrak aber zusammen bei seinem Anblick. Denn ein ganz fremder Mann stand vor ihm. Er trug die Kleidung gemeiner Leute, doch sein Gesicht war zu sein, zu bleich, zu vornehm für den groben Linnenkittel. Der Glöckner aber sammelte sich rasch, maß den Unbekannten lange mit dem stechendsten Blick seines grauen Auges und sprach dann mit der vollen Würde des Propheten: »Ich will Euch nachzudenken geben über meine Seherkraft. Zum erstenmal erblicke ich Euch. Dennoch sehe ich Euch an den Augen an, daß Ihr ein katholischer Kreuzkopf seid. Fort von hier! In Weilburg liegt ein schwedischer Kornett, dessen Profoß hat einen Strick für kaiserliche Spione!« »Veit!« erwiderte der Fremde gelassen und ohne eine Miene seines bleichen Gesichts zu verziehen. »Man nennt dich den Propheten. Siehe, ich bin auch bloß ein Prophet, kein Spion. Aber ein Prophet wie du bin ich nicht. Im Namen meines Gottes weissage ich nur den Tod den Sündern, das Leben denen, die Buße tun, den Segen der Kirche allen Gläubigen.« »Das heißt der päpstlichen Kirche! Nicht wahr?« rief der Glöckner. »Der Papst trägt den Schlüssel zu des Himmels Hallen.« »Wo die höllischen Flammen zum Fenster herausschlagen!« vollendete der Glöckner, mit einem Worte Luthers jenen gangbaren katholischen Feldruf parodierend. Denn als Glöckner war er selbst ja ein halber Pfarrer und hatte Polemika und Apologetika studiert. Aber auch der Fremde stellte einen gelehrten Mann im Streit. »Der jenes Wort aufgebracht, war bei Lebzeiten selber der rechte Oberpförtner der Hölle; jetzt aber ist er's nicht mehr, denn er sitzt nun in der Hölle mittendrein.« So war die Flamme des Streits angeblasen, als Grete schreckensbleich dem Vater ins Ohr flüsterte: »Fort von hier, Vater! Der mit uns spricht, ist der Pestmann!« Es ging nämlich damals der Glaube unter dem Volk, die Pest habe einen Boten ausgeschickt durch das Land, ein bleiches, unheimliches Männlein, und wo es sich zeige, da ziehe die Pest ein, und wer den bleichen Mann mit Augen schaue, der sauge mit dem Blick sich die Pest ins Blut, wie man im Anschauen des Basilisken den Tod sich erschaut. Aber der Glöckner war ein alter Soldat und kein Holländer; er hielt stand und flüsterte dem Mädchen zu: »Wende den Blick ab! Ich will's schon erproben, ob er der Pestmann ist.« Und Veit kehrte sich gegen die Leiche und sprach zu dem Fremden: »Lutherisch oder päpstlich, gleichviel! Ihr sollt mir einen Bescheid tun. Im Wirtshaus kündet man sich als Freund, indem man Bescheid tut in einem Trunk; im Sterbehaus sollt Ihr Bescheid tun in einem Gebet. Ich will die Verse sprechen, die man hierzulande spricht an der Stätte, wo eben eine Seele abgerufen wurde, und im stillen möget Ihr nachbeten.« Drauf Hub der Glöckner an, jenes geheimnisvolle Lied zu sprechen, welches so manches Menschenalter als ein schützender Zauber wider Schwert und Pestilenz galt und von so manchem Kriegsmann noch eben vertrauensvoll angestimmt ward, während schon der tödliche Schuß nach seiner Brust eilte. Vor diesem Zauberlied, so meinte der Glöckner, könne der bleiche Fremde nicht standhalten, wenn er wirklich der Pestmann sei. Alle drei knieten nieder. Da hub der Alte feierlich, mit gefalteten Händen an: »Mitten wir im Leben sind Mit dem Tod umfangen: Wen suchen wir, der Hilfe tu, Daß wir Gnad' erlangen? Das bist du, Herr, alleine. Uns reuet unser Missetat, Die dich, Herr, erzürnet hat. Heiliger Herre Gott, Heiliger starker Gott, Heiliger barmherziger Heiland, du ewiger Gott, Laß uns nicht versinken in des bittern Todes Not. Kyrie eleison!« Veit schaute auf zu dem Fremden. Er hatte im stillen mitgebetet. Also war er nicht der Pestmann. Aber ein Katholik war er. Denn mit seinem Luchsauge hatte der Prophet beim ersten Blick einen Rosenkranz wahrgenommen, den der Fremde schlecht verborgen im Schlitze seines Kittels trug. Nun nahm es ihn aber doch wieder wunder, daß der katholische Mann den lutherischen Vers im stillen mitgebetet. Der Unbekannte schien dem Glöckner dieses Bedenken im Gesicht zu lesen, denn er sprach: »Die Worte, die du gesprochen, sind freilich Luthers Worte; das Lied aber ward von einem heiligeren Manne gesungen, und nur verdeutscht hat es euer falscher Prophet. So mochte ich im stillen wohl diese Worte nachbeten, welche Abt Notker von St. Gallen vor vielen hundert Jahren aus bebendem Herzen gedichtet, da ihm in der Wildnis des Martinstobels der Tod urplötzlich zur Seite getreten war.« Der Glöckner sah den Fremden mit großen Augen an über die Worte, welche er nur halb verstand. Der Fremde aber fuhr fort: »Sind wir einig gewesen in unserem Gebet, dann können wir auch noch einig werden im Glauben, und einig wollen wir sein in guten Werken, Veit! Auf Wiedersehen!« Langsamen Schrittes ging der rätselhafte Mann hinweg. Veit blieb noch lange stehen, zerknirscht, ärgerlich, gekränkt in seinem Hochmut, irregemacht an der eigenen Weisheit, dann wieder von heimlichem Grausen durchrieselt, von Staunen erfüllt über den Mann, der ihn niedergeschlagen wie der echte Prophet den falschen. Endlich weckte ihn die Tochter aus seinem Sinnen; sie faßte ihn am Arme und zog ihn leise aus der Scheuer hinweg, indem sie, auf die Pestleiche deutend, unter Tränen flüsterte: »Mitten wir im Leben sind Mit dem Tod umfangen!« Als die beiden durch die öden Straßen nach Hause gingen, begegnete ihnen der Schultheiß. Er schien recht guter Dinge zu sein und hielt seine Base Grete an, indem er sie äußerst zutunlich begrüßte. Das war so seine Gewohnheit, denn er hatte schon lange ein Auge auf das hübsche Kind und schickte nach der Art eines verliebten Bauernburschen die lustigen, oft doppelsinnigen und zweideutigen Grüße gleichsam zum Rekognoszieren aus, damit er aus der Art der Gegenwehr entnehmen könne, ob ein ernstlicherer Angriff zu wagen sei. Aber Grete hatte allezeit mit scharfem Witz die forschenden Epigramme des Schultheißen wider ihn selbst zurückgeworfen. Heute konnte sie ihm keine Silbe erwidern. Schweigend blickte sie in den Boden hinein. Das nahm der Schultheiß für ein gutes Zeichen und sprach: »Du hast rote Augen, Schätzchen. Du sollst nicht länger verweint sein, sondern hell und fröhlich sehen, weil du das schönste Mädchen im Dorfe bist.« Da fand Grete die Sprache wieder, blickte zornig strafend dem Schultheißen ins Auge und rief, auf sein Haus deutend, mit leiser, unheimlicher Stimme: »Herr Schultheiß, in jenem Hause liegt ein Totes! Unser Herrgott spricht nit, aber er richt't!« Während der Schultheiß, von Schreck überlaufen, nach seinem Hause starrte, als wolle er durch die Mauer hindurchsehen, was darinnen vorgegangen, schritt Grete mit ihrem Vater rasch davon. Der alte Veit aber sang laut den Vers eines Volksliedes, daß es dem Schultheißen noch von weither ins Ohr tönte: »Und als mein' Frau gestorben war, Da legt' man sie aufs Stroh, Ich sollte drüber weinen Und war doch gar so froh!« Wie ein Trunkener irrte der Schultheiß hinaus ins Feld, und immer weiter trieb es ihn hinweg von dem Sterbehause. Es war ihm aber, als säße ihm ein kleiner Teufel auf dem Nacken, der ihm unaufhörlich den gottlosen Vers des Glöckners ins Ohr flüstere. Er versuchte zu beten, aber unvermerkt verschwanden ihm wieder die Worte des Gebetes, und statt mit Amen schloß sein Beten mit dem Vers des Glöckners wie mit einer Gotteslästerung. »Das Lumpenpack hat mir den verdammten Vers angehext, doch ich will's ihm heimzahlen!« rief er grimmig. »Ich weiß wohl, warum die Dirne mich verhöhnt! Der Schmied liegt ihr im Sinn. Jetzt soll er mir aber spüren, daß Gerichtssäcke keinen Boden haben!« Und dann packte es ihn wieder, daß er wie ein Wahnsinniger den Vers vor sich hinbrummen mußte: »Und als mein' Frau gestorben war, Da legt' man sie aufs Stroh, Ich sollte drüber weinen Und war doch gar so froh!« Drittes Kapitel Als Konrad und Grete in der Morgenfrühe wieder verbotenerweise am Amboß standen, schaute der Schmied finster darein. Die heimlichen Gänge des Mädchens nach des Schultheißen Haus waren den Nachbarn nicht unbemerkt geblieben, des alten Sünders Neigung zu der schönen Base war längst ortskundig. Böse Zungen, die trotz Krieg und Pestilenz nicht aussterben, hatten sich auf ihre Beobachtungen sogleich einen Vers gemacht. Der Schmied brummte abgerissene Sätze und schlug bei jedem Satz heftiger auf das rote Eisen. »Der Lästerteufel, Grete, kann Halseisen und Schandzettel auch an einen lichten Sonnenstrahl hängen wie Sankt Goar seine Mütze. – Gleich dem Spürhund steht dieser Teufel auf loses Geschwätz. Find't er keins, so macht er eins. – Der Ruf, das Recht, das Auge dulden keinen Spaß, der Ruf besonders bei Weibern; und mit Gewalt kann man eine Fiedel an einem Eichbaume zerschlagen. – Nicht alle Weg' sind Kirchenweg'; man meint oft selber, man gehe in die Kirche und findet sich zuletzt nebenan im Wirtshaus. Und darum sage ich dir, Grete, daß ich dir alles zulieb tun will, aber auch, daß wir heute zum letztenmal vor der Morgenglocke am Amboß stehen.« Das Mädchen, welches den Vorwürfen nur mit einem ruhigen Blick in das Auge des Schmieds geantwortet hatte, erwiderte jetzt: »Es ist auch nicht mehr nötig, Konrad, daß wir so frühe schmieden. Die Base ist tot. Nun brauche ich nicht mehr übertags in des Schultheißen Haus zu gehen.« Konrad sann eine Weile, als könne er den Zusammenhang zwischen dieser Rechtfertigung und seinen Vorwürfen nicht so geschwind begreifen. Endlich fragte er beschämt und erschrocken zugleich: »Also bist du es gewesen, die des Schultheißen Frau gepflegt, da er sie verstoßen?« »Und war es denn so Arges, Christi Gebot zu tun, daß du darüber erschrecken magst?« Der Schmied blickte sie lange schweigend an, dann küßte er sie und sprach: »Du hast recht, mein Mädchen, du mein Herz, meine Krone! Dennoch wird es hart an uns beide kommen. Der Schultheiß ist jetzt unser Todfeind. Denn ein Filou läßt sich alles gefallen, nur nicht, daß andere Leute so unter seiner Nase besser sind als er.« Da rief Grete begeistert: »Es ist ein Gott im Himmel!« Und sie hob den schweren Hammer und begann wieder lustig die Arbeit. Aber schnell ließ sie den Hammer auch wieder sinken, ward sehr nachdenklich und flüsterte: »Doch hab' ich vergessen, daß unser Herrgott nicht Schultheiß von Löhnberg ist.« »Die Herren vom Rat, die den obrigkeitlichen Spieß nicht umsonst tragen, sind gar streng und ängstlich geworden wegen des frühen Feuerns, vornehmlich seit Driedorf niederbrannte«, sagte Konrad. »Das Feuer loderte frühmorgens so reißend schnell in den Strohdächern auf, daß die Leute Löcher in die Stadtmauer brechen mußten, um ihr nacktes Leben zu flüchten, denn eh man sich's versah, sperrte die Flamme die beiden Tore.« Grete schaute träumerisch in die rote Glut der Kohlen, in dieses heiße Leben, das leuchtend und sprühend sich selbst verzehrte. Der rote Abglanz schien ihre Züge zu verdüstern. »Schau auf, Mädchen!« rief plötzlich der Schmied. »Da schlägt ja Rauch und Flamme aus dem Gebälk! Wo kommt der dicke Qualm her und das Feuer? Das kann nicht von der Esse kommen!« Grete tat im ersten Schreck einen hellen Schrei – so weit konnte sie das Weib nicht verleugnen –, dann aber faßte sie sich mannhaft. »Stille, Konrad! lange den Kübel Wasser her! Wir müssen's vertuschen. Es ist ja gleich gelöscht. Wenn's nur keinen Lärm gibt!« Aber schon war's zu spät. Als Konrad vor die Tür trat, sah er die ganze Dachfirste in Brand. »Es geht nicht mit rechten Dingen zu!« rief er verzweifelt. »Dort oben haben unsere Kohlen nicht gezündet.« Die Leute im Dorfe, in den hohen Sommertagen zeitig zur Feldarbeit gerüstet, hatten das Feuer schon bemerkt. Hie und da kam einer herbeigeschlichen, legte die Hände auf den Rücken und schaute sich die Flamme an. Denn Feuersbrünste waren damals wie das tägliche Brot, und außer dem Eigentümer ästimierte niemand mehr den Brand eines einzelstehenden Häuschens. Auch fehlte das Wasser bei der Schmiede. Eine große Lache unten neben dem Backhause war von der Hitze halb ausgetrocknet; ein naher Ziehbrunnen hatte nur einen Eimer. Die ganze Szene ging wie im Fiebertraum an Konrads Sinnen vorüber. Er wachte erst auf, als er den Schultheiß ordnungsmäßig anreiten sah, eine schwere Hiebwaffe zum Zeichen der Amtswürde im Ledergehänge tragend. Und hinter ihm drein keuchten die Ortsknechte und Nachtwächter, vier Männer mit alten Spießen und Hellebarden. Der Schultheiß ritt hart an Konrad und rief scharf und trocken: »Du hast Kohlen eingelegt vor der Morgenglocke, dafür sollst du mir in den Turm, und hast das Feuer nicht ausgeschrien noch um Hilfe gerufen, dafür sollst du nach der Feuerordnung um fünf Gulden gestraft werden.« Dann aber wandte er sich gegen die müßigen Gaffer und trieb das stumpfsinnige Volk mit der flachen Klinge zusammen, und die Scharwächter halfen mit ihren Spießen dazu, daß bald alle Hände aus den Hosentaschen fuhren und zugriffen wider den Brand. Ein paar starke Knechte stiegen auf die Leitern und rissen mit den Haken das brennende Dachgebälk hinweg. Männer und Weiber bildeten flugs doppelte Reihen nach dem Ziehbrunnen und nach der Pfütze am Backhaus; sie brachten Eimer, die eine Hälfte langte die vollen Eimer heraus, die andere reichte die leeren zurück. Die Männer mit den Spießen arretierten inzwischen den Schmied, als eben die Flamme am hellsten über seiner Schmiede zusammenschlug und das Gebälk niederzukrachen begann. Da drängte sich ein Mann aus der Menge vor und rief: »Habt ihr denn nicht gesehen, daß dort in der Schmiede noch ein Weib steckt?« Und gleichzeitig schrie der alte Glöckner: »Mein Kind, mein Kind!« und sprang hinein in die brennende Schmiede. Aber ein solcher Strom von Glut und Rauch fuhr ihm unter der Türe entgegen, daß er besinnungslos zurücktaumelte und zu Boden stürzte. Alle standen starr vor Entsetzen, ein schauerliches Schweigen ging durch den eben noch so laut geschäftigen Kreis. Noch einen Augenblick, und die glühenden Mauern und Balken mußten zusammenstürzen, und das junge Leben da drinnen war gleich eines zähen Ketzers oder einer alten Hexe Gebein in einem qualmenden Aschenhaufen begraben. Keiner wagte mehr ein Glied zu rühren; atemlos harrten alle. Plötzlich trat ein Mann aus dem brennenden Hause hervor – niemand hatte ihn hineingehen sehen, und viele behaupteten nachgehends, die Flammen hätten sich vor ihm auseinandergetan wie zwei Torflügel, – und auf seinen Armen trug er die Tochter des Glöckners aus den Flammen. In lautem Freudenrufe brach sich das angstvolle Harren der Umstehenden. Doch als der Fremde das bewußtlose Mädchen zu den Füßen des Vaters niedergelegt hatte und die Bauern dem Retter näher ins Gesicht schauten, wichen alle zurück. »Es ist der Pestmann!« flüsterten sie, und selbst her Schultheiß wandte rasch sein Pferd, um den tödlichen Anblick zu vermeiden. Lächelnd schritt der Fremde mit dem blassen Gesicht durch das zur Seite weichende Volk. Kein Wort des Dankes ward ihm nachgerufen. Als der Glöckner mit seinem Kinde wieder zu Sinnen kam, war der Retter längst verschwunden. »Der Pestmann selber«, rief man ihm zu, »hat Eure Grete aus dem Feuer getragen.« Der Glöckner legte einen Augenblick sinnend die Hand an die Stirn; dann war es, als gehe plötzlich ein Helles Licht seinem Geiste auf. »Der Mann war nicht der Pestmann! Er ist ein Mann Gottes und doch keiner. Er ist – Ich sah es wohl, wie ihm der Rauch nichts antat, der mich zu Boden warf. Und wie er die Grete auf den Armen heraustrug! Kniet nieder und betet, ihr Heidenvolk! Die Pest hat ein Ende, das Feuer hat die Pest verzehrt, und der Mann, der die Pest nicht des Leibes, sondern der Seelen im Lande umherträgt, ist zu einem Boten des Herrn geworden. O mein Kind, wie ist dein Vater alt und schwach, daß er's diesem Manne gönnen mußte, dich zu retten! Als wir Anno zweiunddreißig das Schloß Braunfels petardierten und mitten im Brande stürmten, focht ich mit drei braven Kerls an die zwei Stunden im dicksten Rauche, bis wir den Sturmhaspel zerstört hatten. Und jetzt muß mich's niederwerfen, wo mich die Flamme nur einen Augenblick mit ihrem glühenden Odem anbläst! Aber warum habt ihr den blassen fremden Mann nicht zurückgehalten, bis ich ihm danken konnte? Doch nein – es ist besser, daß ihr ihn ziehen ließet. Ich weiß, wo ich ihn wiedertreffe. Wo ein Kranker liegt ungepflegt, ein Toter unbegraben, wo eine gemarterte Seele nach Hilfe schreit, wo die Pest wütet, daß ihr alle feig davonlauft, dort finde ich den Mann wieder, den ihr den Pestmann nennet. Ist es nicht, als sei die Wiederkunft des Herrn nahe? Der Pestmann besiegt uns in guten Werken, indes die Prediger des reinen Wortes ihre Schanze verlassen und die Obrigkeit nur noch darauf schaut, wie ein jeder von ihnen seinen Mammon salviere. Der arme Bauer aber betet vergeblich zu Gott, und all seine Plage ist eitel. Wo er sich schindet und martert, gibt es doch nur aus, als ob er einen Bock melke oder von einem Esel Wolle schere oder einem Pferd die Knochen zum Abnagen vorwerfe, daß es fett werde, oder einer Sau die Leier lehren wolle. Zum Pestmann will ich gehen, der ist noch der rechte Mann; – und hat er kein Blut in den Wangen, so hat er auch keine Furcht im Leibe, und wär's gleich eine Sünde, so rufe ich doch laut: Gott segne ihn!« Viertes Kapitel Der Kirchhof zu Löhnberg liegt in einem Tälchen hinter dem Dorfe, mitten im Ackerland. Zwischen den hölzernen Kreuzen steht die alte Totenkirche, ein kahler, trauriger Bau; aber der Platz rundum ist recht freundlich. Es zieht sich ein weiter Wiesengrund zur Lahn hinab; der ist frisch und saftig grün, selbst jetzt im hohen Sommer, und die Wälder seitab sind stolz, hohen, üppigen Wuchses. Eine Glocke hallt von Löhnberg in jenen stillen Gründen wieder. Die Totenglocke war es, die man zur Warnglocke gemacht; sie ward gezogen vor den beiden Begräbnisstunden (um sieben Uhr morgens und genau im Mittag), damit ängstliche Leute, denen es grauste, einer Pestleiche zu begegnen, zu Hause bleiben möchten. Der Himmel war wolkenleer, die Luft schwül, daß sie im Sonnenlichte über die Fläche des Bodens hinzitterte; kaum daß ein Gräschen nickte oder daß unhörbar fast die Halme und Ähren in den Kornfeldern geknarrt hätten, so bleischwer lag die Todesruhe auf allen Lebendigen. Nur eine Leiche ward heute vom Dorfe herübergetragen. Es war verordnet, daß in diesen Sterbensläuften das Trauergefolge allezeit dem Sarg vorausgehe. Dieser Vorsicht bedurfte es heute nicht. Die beiden Träger bildeten zugleich das ganze Gefolge, und hätten sie nicht der verstorbenen Frau des Schultheißen die letzte Ehre als einen freiwilligen Liebesdienst erwiesen, so würde die Leiche wie tausend andere in einem ungeweihten Loche verwest sein gleich dem Aas eines gefallenen Viehes. Als sich die beiden Männer mit dem roh gefugten Kasten, der als Sarg dienen mußte, dem Kirchhoftore näherten, fanden sie eine grausige Schildwacht vor demselben. Zwei große abgemagerte Hunde, in denen der Hunger die Wolfsnatur wieder geweckt, daß sie auf Schlachtfeldern und Kirchhöfen ihre Speise suchten, schauten die Männer knurrend, mit gefletschtem Gebisse an. Doch als diese herzhaft gegen sie herantraten, flohen die Bestien ganz wie ein Raubwild, so entwöhnt waren sie des Anblickes lebender Menschen. Am Chor der Kirchhofskapelle setzten die Träger den Sarg nieder und begannen eilfertig den Boden zu einer flachen Grube aufzuschaufeln. Nach einer Weile sah der eine – es war der Glöckner –, indes er ein wenig verschnaufte, den anderen mit großen Augen an und sprach: »Kamerad, wir sind ein Paar Totengräber, wie sich's selten zusammenfindet. Aber so schmächtig und blaß Ihr aussehet, scheint Ihr doch das harte Geschäft aus dem Fundament zu verstehen. Unser Herrgott hat allerlei Kostgänger von allerlei Geschmack, doch ein Geschmack wie der Eurige ist mir noch nicht vorgekommen. In dem Pesthaus kneipt Ihr Euch ein wie in der Schenke, unter dem Galgen tummelt Ihr Euch wie unter einem Kirmesbaum, und wenn Ihr einmal extrafrische Luft schöpfen wollt, dann spaziert Ihr auf den Kirchhof und pfuscht dem Totengräber ins Handwerk.« »Sagt lieber, es gibt allerlei Soldaten«, erwiderte der bleiche Fremde. »Es gibt Soldaten, die im Dienste ihres irdischen Herrn und zur Sättigung ihrer eigenen Lüste morden, plündern und verwüsten. Ich bin ein Soldat, der, im Dienste seines himmlischen Herrn und daß ich meiner Seelen Seligkeit gewinne, zu heilen sucht, zu retten, zu erquicken, zu beschützen. Wenn Ihr begreift, daß sich der weltliche Kriegsmann lustig in die Schlacht stürzen mag, warum könnt Ihr nicht fassen, daß ein Streiter des Herrn in stiller Freudigkeit durch alle leibliche Gefahr hindurchgehe, um da und dort eine Seele aus des Satans Händen zu retten?« Schweigend hörte der Glöckner zu, und ohne daß beide ein Wort weiter wechselten, vollendeten sie die Grube und senkten die Leiche ein. Der Fremde erhob sich, als wolle er ein Gebet sprechen; der Glöckner aber rief ihn scharf an: »Halt, Freund, den Segen spreche ich!« Danach warfen sie rasch die Schollen auf den Sarg, gleich als fürchteten sie sich, je länger je mehr, auf dem Kirchhof zu bleiben. Der Glöckner murmelte bei jedem Wurf: »So leicht der Schultheißin, so schwer dem Schultheiß!« Da fragte ihn der andere, was dieser Spruch bedeute. Veit fuhr anfangs fort, als ob er nichts gehört habe; endlich brummte er aber doch zur Antwort, ohne aufzublicken: »Dem Schultheißen soll jede Scholle, die ich auf dieses Grab werfe, wie ein Fels auf die Brust fallen; der guten Frau Katharine aber soll die Erde leicht sein. Seht! während ich allein aus ganz Löhnberg der Schultheißin die letzte Ehre erweise, beschimpft und ruiniert der Schultheiß mein Kind.« »Und warum übt Ihr denn den gefährlichen Liebesdienst?« »Wie?« rief Veit, scharf aufblickend. »War Frau Katharine nicht meine Base? Soll ein Glied meiner Freundschaft unbegraben bleiben? War sie nicht eine gute Frau, die ich mit eigenen Händen begraben hätte, auch wenn sie mich gar nichts anginge? Und muß ich's nicht meiner Grete zulieb tun, die der Base in der letzten Not beigestanden hat und die nun um ihrer Barmherzigkeit willen leiden muß? Aber so leicht der Schultheißin, so schwer dem Schultheiß!« »Seht, Veit«, sprach nun der Fremde lächelnd, »wenn Ihr um deswillen Euch nicht scheuet, auf dem Kirchhof frische Luft zu schöpfen, wie konntet Ihr Euch wundern, daß ich aus so viel beweglicheren Gründen das gleiche tue?« Der Glöckner ließ die Schaufel stehen, als versage ihm die Kraft, und blickte lange traurig in die halbgefüllte Grube. Da ging ihm endlich das Herz auf, und er vertraute dem Genossen, was ihn schon den ganzen Morgen so trübsinnig gemacht, daß er fast kein Wort reden, sondern viel eher habe heulen mögen. Der Schultheiß hatte auch die Grete einstecken lassen. Die silbernen Armspangen, die man bei ihr gesehen, konnten den Verdacht eines Diebstahles rechtfertigen. »Man kann allerlei Geschrei machen«, sagte Veit, »denn es ist vorgekommen, daß diebische Hexen, welche der Pestkranken warten sollten, denselben die Kehle voll Heidekraut stopften, damit sie nicht schreien konnten und erstickten. Inzwischen plünderten dann die verfluchten Weibsbilder das Haus aus.« »Und glaubt Ihr, daß der Schultheiß Eure Grete wirklich solcher Frevel bezichtige?« »O nein, so weit wird er nicht gehen. Aber zwicken und ängstigen und verderben wird er uns alle, mich und die Grete und den Schmied, und wird nicht ruhen, bis er uns aus Löhnberg vertrieben hat. Denn Ihr wißt, wie es die großen Herren samt ihren Amtleuten und Dienern in dieser betrübten Zeit treiben, überall machen sie Halbpart mit den plündernden und pressenden Soldaten; darum können sie's nicht ertragen, wenn ein paar gescheite und ehrliche Leute daneben stehen und das Ding mit anschauen. Außer uns dreien sind aber alle gescheite Leute in Löhnberg gestorben und verdorben, die anderen sind nur noch eine Gemeinde von Eseln. Auch trägt's ein Schelm nicht gern, wenn sein Nachbar besser ist wie er; und daß die Grete von des alten Sünders Liebesanträgen nichts hat wissen wollen, hat ihn erst recht teufelswild gemacht. Kurzum, einer muß weichen aus dem Dorf, wir oder der Schultheiß. Aber dies sage ich, und es wird sich erfüllen: von dem Tage an, wo ich diese Schollen auf dieses Grab geworfen, wird der Schultheiß auch keine frohe und gesunde Stunde mehr haben!« »Ihr frevelt, Veit!« rief der Fremde. »Wie wollt Ihr wissen, was Gott über dieses Mannes Zukunft verhängt hat?« Da erhub der alte Veit seine Stimme mächtig und sprach, indes er das letzte Rasenstück zu Häupten des vollendeten Grabes legte: »Es gibt allerlei Erkenntnis. Ich bin ein ungelehrter Mann, und die Erkenntnis, die Euer ist, hab' ich nicht. Aber es gibt auch noch eine andere Erkenntnis, die den Menschen bei Nacht überschleicht wie der Tau die Wiese, eine Erkenntnis, die in allen Wesen steckt, in Blumen, Gras und Bäumen, im Tiere und auch im Menschen, aber lauterer meist im Ungelehrten als im Gelehrten. Das ist jene Erkenntnis, welche den Blättern des Linden- und Weidenbaumes sagt, daß sie auf St. Veitstag sich wenden sollen zur Weissagung, daß nun in wenig Tagen auch die Sonne, wenn sie am höchsten kommt, sich wenden wird; das ist jene Erkenntnis, welche es dem Wunderborn zu Glonach eingibt, daß sein Wasser bei nahender Friedenszeit der Menschen Herz erfreut wie ein guter Wein, bei drohendem Krieg aber Blut und Asche führt; jene Erkenntnis, welche der Sonne gebietet, daß sie am Osterabend tanze nach den Worten des Psalms, und zwar tanzt sie – das sage ich Euch von wegen des Rosenkranzes, den Ihr tragt, – nicht auf den Ostertag des Gregorianischen, sondern des Julianischen Kalenders. Ruft der Kuckuck nicht mit heiserer Stimme, wenn im Mai noch Frost kommen soll, verkündet er nicht teure Zeit, wenn er nach Johanni ruft? Heult nicht der Hund dumpf und schaurig, wo ein Mensch in kurzem sterben wird? Ahnt nicht das Käuzlein, welches sich wochenlang vor des Kranken Fenster setzt und klagend ruft: ›Komm mit‹, bis dem Sterbenden der letzte Atem ausgegangen ist, wann und wo der Tod über die Schwelle schreiten wird? Warum sollte dies nicht gleicherweise der Mensch vorahnen können?« »Auch ein gescheites Huhn, Veit, läuft manchmal in die Brennesseln. Wißt Ihr denn, ob Eure eingebildete Weisheit nicht ein Spiel des Teufels mit Eurer armen Seele ist? Tier und Pflanze mögen uns dunkle Vorzeichen geben; der Mensch aber soll sich nicht vermessen, mehr wissen zu wollen, als was ihm Gott durch die Kirche offenbart und durch den klaren, allen gemeinen Verstand.« Da wurde der Glöckner noch stolzer als zuvor und sprach: »Ihr sollt mich nicht für einen Hexenmeister, Gaukler oder Narren halten. Was ich noch keinem Menschen erzählt, will ich Euch erzählen. Vor fünfzehn Jahren lag ich todkrank. Es war ein großer Jammer: denkt Euch meine Frau mit den kleinen Kindern. Ich wußte ganz deutlich, daß man mich verloren gab; in einer hellen Stunde, wo mich der Fiebertraum verließ, hörte ich, wie meine Frau zu den Kindern sagte: ›Gehet hinauf auf die Kammer und betet, daß euer Vater nicht sterbe; denn jetzt ist bald alles verloren. Aber wenn gar kein Heulen und Flehen mehr hilft, dann hat doch oft noch das Gebet eines kleinen Kindes geholfen; denn der Bitte eines unschuldigen Kindes vermag der liebe Gott am schwersten zu widerstehen.‹ Diese Worte hörte ich, wußte nun, wie es mit mir stand, und dachte: ›Jetzt muß es also gestorben sein.‹ Da kam es mir aber gar grausam vor, daß ich jetzt schon fortgehen solle und Weib und Kind so hilflos zurücklassen, und ich bat den Herrn Christus, er möge mir ein Zeichen geben, ob ich denn nicht noch eine kleine Frist länger leben dürfe, und fiel in eine tiefe Ohnmacht. Wie ich aber wieder zu Sinnen kam, da hörte ich eine Stimme – ob ich gleich keinen Menschen sah –, die sagte mir klar und vernehmlich, fünfundsiebzig Jahre müsse ich erst überdauern, dann sei es Zeit, mich zur Abfahrt zu rüsten. So ist's verheißen, und so wird's geschehen. Von der Stunde an war meinem inneren Gesicht eine helle Leuchte aufgesteckt. Ich las fleißiger als zuvor in der Bibel, ich trug mir alte Kalender und Aspektentafeln zusammen, man nannte mich einen Propheten.« »Und glauben die anderen an Eure Prophetenkraft?« »Sie bauen Häuser darauf!« entgegnete Veit fast trotzig fest. »Und baut Ihr selber Häuser darauf?« Da stutzte der Prophet. »Ich werde wohl manchmal irre an mir selbst. Das sage ich Euch, Euch allein! Aber das glaubet mir, auf jene Verheißung, die meines eigenen Lebens Länge betrifft, baue ich Häuser. Ich kenne seitdem keine Todesfurcht mehr; mit dem fünfundsiebzigsten Jahre mag sie kommen. In der Schlacht wie in der Pest bin ich so sorglos mitten hindurchgegangen, als sei das alles nur ein Kinderspiel. Und wenn die anderen sehen, daß einer so an sich glaubt, dann glauben sie auch an ihn. – Aber mir deucht. Ihr müsset wohl auch eine solche Verheißung haben, da Ihr den Tod so gar nicht fürchtet. Und sehet, die Leute glauben darum, Ihr seiet zum wenigsten ein Gespenst oder der Ehegemahl der Pest oder ein Stück vom leibhaftigen Teufel. Und wenn Ihr nun innewerdet, wie Ihr mit Eurem Verständnis und Eurer Kraft dieses einfältige Volk überragt, kommt Euch da nicht auch manchmal der Gedanke, den Leuten etwas zu prophezeien?« »Ich prophezeie niemals«, erwiderte der Fremde würdevoll. »Ich verkünde nur, was allen geoffenbart ist, nicht ein Geheimwissen, das mir allein enthüllet wäre. Aber so verdunkelt ist das Gedächtnis dieser Offenbarung, daß in diesen Zeiten als ein Prophet erscheint, wer doch nur ein Prediger ist.« Die zwei wunderlichen Totengräber gingen vom Kirchhof ins Dorf zurück. Dort hatte sich inzwischen ein seltsames Schauspiel gerüstet. Der Schultheiß hatte kurze Justiz geübt. Eine Trommel ging durch die Gassen und lockte in den wenigen bewohnten Häusern halb furchtsame, halb neugierige Gesichter ans Fenster. Aber jeden überlief es, als er den Aufzug erblickte und dessen Sinn erriet. Der Ausrufer zog mit dem Trommler voran, und hinterdrein schritt, von den zwei Ortsknechten begleitet, mit einem Strohkranz um den Kopf – Grete, als sei sie des Diebstahls überwiesen. Über der Stirn waren die silbernen Spangen im Kranze befestigt, damit jedermann sehen möge, was die Delinquentin gestohlen habe. In gemessenen Zeiträumen schwieg die Trommel, und dann verkündete der Ausrufer Vergehen und Urteil der Bestraften. Es war dies die gelindeste Strafe und doch die beschimpfendste; einem Dieb, der noch nicht reif war für den Turm oder den Galgen, gab man gleichsam die erste Verwarnung, das consilium abeundi , durch Austrommeln. In einer harten und rohen Zeit wird auch der einzelne härter und männlicher oder stumpfer in seinen Empfindungen. Wir ertrügen's nicht, was unsere Vorfahren ertragen haben, die in dreißigjährigem Elend groß gewachsen. Grete war blaß, ihre Knie zitterten wohl auch, und die Lippen zuckten und zwinkerten manchmal, wie wenn das Weinen hervorbrechen wolle. Doch in diesen Zügen voll tiefer Scham und mächtigen Schmerzes war zugleich das Bewußtsein des Stolzes der gekränkten Unschuld ausgesprochen. Die Braut im Strohkranze erschien nicht wie eine Verbrecherin; sie erinnerte an die Bräute aus der alten Zeit, die einen Distelkranz zum hochzeitlichen Kirchgang aufsetzten, einen Kranz aus Kreuzdisteln, daß sie auch in der Freude des Hochzeitstages eingedenk seien des künftigen Kreuzes der Ehe. »Man sieht ihr die Betrübnis nicht sonderlich an«, meinte ein Weib aus der kleinen Schar der Gaffer. Aber ein alter Mann antwortete darauf mit dem alten Spruch: »Das Hemd bedeckt alle Herzenspein! Und keiner weiß, wie's in des Mädchens Herzen aussieht.« Der Schultheiß hörte die Trommel von fern in der Ratsstube. Er hatte nämlich dort seither sein Quartier aufgeschlagen, da er noch nicht wagte, in sein eigenes Haus zurückzukehren. Der Aufzug mußte bald um die Ecke biegen und aus den Fenstern des Rathauses sichtbar werden. Da ging die Tür auf, und Veit, der Glöckner, trat herein und mit ihm der fremde Mann. Des Glöckners Gesicht war von wilder Zornesglut übergossen. Wie hätte er jetzt noch an sich halten können! Er ballte die Faust, er rollte die Augen; hätte ihn der Fremde nicht gleich einem Zauberer in der wildesten Wut gebannt, er würde den Schultheißen auf der Stelle erwürgt haben. »Herr Vetter«, rief er, »ich will Euch nur eine kleine Geschichte erzählen. Seht, da Ihr Eure Frau freventlich verstoßen und in der Scheuer elend hattet umkommen lassen, ward sie von dem Mädchen, das man eben austrommelt, getreu verpflegt. Das wißt Ihr. Das letzte Andenken, was die Base der Grete sterbend vermachte, waren die Armspangen. Ihr wollt mein Zeugnis nicht gelten lassen. Gut! Die Wahrheit wird schon noch an den Tag kommen. Da Eure Frau noch nicht kalt geworden war, begegneten wir einander; wir dachten an die tote Base, Ihr aber wolltet schön tun mit der Grete. Wißt Ihr noch, wie sie da aufs Sterbehaus zeigte und sprach: Herr Schultheiß, es liegt ein Totes drinnen! Unser Herrgott spricht nit, aber er richt't! – Ihr wißt das noch. Kommt her ans Fenster« – und er riß den Widerstrebenden mit starkem Arm dorthin, – »seht hier, Herr Vetter: die Trommel voran – das blasse Kind mit dem Strohkranz in den Haaren – auch ein kleines Häuflein gaffenden Lumpenvolkes stumm hinterdrein, – Herr Schultheiß, unser Herrgott spricht nit, aber er richt't!« In diesem Augenblicke erschaute der Schultheiß den fremden Mann, den Pestmann, der bis dahin unbemerkt im Hintergrund gestanden hatte. Entsetzt fuhr er zurück, als sei der Eindruck der Worte des Glöckners nichts gegen den Schrecken dieses Anblicks, und stotterte: »Was wollt Ihr hier?« In ganz ruhigem, kaltem Ton, der seltsam abstach gegen die Wut des Glöckners und das Entsetzen des Schultheißen, erwiderte der Angeredete: »Ich habe nur meinem Freunde, Veit Kreglinger, das Geleit hierher gegeben, und wir beide kommen soeben von dem Begräbnis Eurer verstorbenen Frau. Auch ich hoffe, die Wahrheit wird an den Tag kommen. Binnen heute und vierzehn Tagen, Herr Schultheiß, werdet Ihr Rechenschaft geben müssen über Euer Richteramt. Gedenkt an mich!« Mit diesen Worten zog er den Glöckner hinweg aus der Ratsstube. Der Schultheiß aber stand wie eine Bildsäule. Auf die Straße konnte er nicht blicken: dort ging der Zug mit dem Mädchen, und in das Zimmer noch weniger: dort war der Pestmann. So stand er als ein armer Sünder mitteninne zwischen dem Anblick seines Verbrechens und der rächenden Gerechtigkeit. Als aber der Glöckner und der Fremde die Treppe hinabstiegen, konnte sich Veit trotz seines Zornes und Schmerzes doch nicht enthalten, dem Begleiter zuzuflüstern: »Vorhin habt Ihr gesagt, Ihr prophezeitet niemals; seht, eben habt Ihr doch prophezeit!« Fünftes Kapitel Der Schultheiß war nicht ganz so schlimm, wie er aussah. In ruhigen Zeiten wäre er ein polizeimäßig rechtschaffener Mann gewesen, der nichts Schlimmes getan hätte, damit ihm nichts Schlimmes widerführe. Aber für die Zügellosigkeit der Kriegsjahre langte seine Sittlichkeit nicht. Er ließ sich gehen und fiel so aus einer Lumperei in die andere. Dennoch wußte er seine Haltung als gestrenger Dorfregent lange zu bewahren. Indem er anderen imponierte, schaffte er sich Mut, und indem er andere abstrafte, machte er sich selber warm für Tugend und Gerechtigkeit. Als der Glöckner mit seinem Genossen hinweggegangen war, fand der Schultheiß bald die Fassung wieder. Es ward ihm ganz lächerlich, daß er sich von den beiden Burschen so hatte erschrecken lassen. Ein verwünschtes Ding war es nur, daß ihm der liederliche Vers fortwährend im Kopf summte, den ihm der Glöckner zu Ohren gesungen, als selbiger von der Leiche seiner Frau kam: »Und als mein' Frau gestorben war, Da legt' man sie aufs Stroh, Ich sollte drüber weinen Und war doch gar so froh!« Da sich der Schultheiß ins Bett legte, war es ihm, als sei ein wahrer Hexenspruch in dem Vers. Hundert- und tausendmal mußte er ihn in verzweifelter Lustigkeit vor sich hinsingen und konnte nicht einschlafen. Er wollte sich auf ernstere Gedanken bringen, aber die waren so unheimlich wie die lustigen. Binnen vierzehn Tagen sollte er zur Rechenschaft gefordert werden über sein Richteramt. So hatte der Pestmann prophezeit. Damit hatte er ihm doch wohl auf diese Frist den Tod verheißen, und der Pestmann mußte sicherlich kompetent sein in diesem Stück. »Aber wenn ich auch demnächst zum Teufel fahren müßte, in den nächsten vierzehn Tagen tue ich es nun erst gerade nicht, dem Pestmann zum Trotz!« So sprach der Schultheiß zu sich selbst. Dann ward er aber plötzlich wieder sehr nachdenklich. Wenn diese Hitze, die ihn durchglühte, schon das Fieber der Krankheit wäre? Er hielt gar oft die Hand an die Stirn und den Puls – der ging zwar etwas rascher, doch nicht so rasch, wie ihn das Fieber, sondern nur wie ihn das böse Gewissen zu treiben pflegt, – und fragte sich, ob er denn wirklich schon von der Pest befallen sei; und dazwischen sangen ihm unheimliche Stimmen aus jeder Ecke der Kammer in hundertfachem Chor den Vers entgegen: »Und als mein' Frau gestorben war, Da legt' man sie aufs Stroh –« Doch der Schultheiß war kein Schwachkopf, der vor Angst krank wird. Er kämpfte sich tapfer durch die wüste Nacht, und als er sich des anderen Morgens nicht den Schlaf, sondern bloß die Ermattung aus den Augen wusch, wusch er auch die bösen Träume aus seiner Seele. Er wollte auf andere Gedanken kommen und ging darum in die große Ratsstube, die zuzeiten auch als Gerichtsstube diente, um dort zu arbeiten. Über der Tür stand nach der Sitte der Zeit ein alttestamentlicher Spruch; der war dem Schultheißen seit den Kindertagen wohlbekannt, doch gar lange hatte er die Steinschrift nicht wieder gelesen. Jetzt blieb er stehen und las: »Sehet zu, was ihr tuet: denn ihr haltet das Gericht nicht den Menschen, sondern dem Herrn, und er sitzt mit euch im Gericht.« 2. Chron. 199, 6. Da fuhr dem Schultheißen ein Schreck durch die Glieder, denn mit dem Spruch ging ihm der andere Spruch durch den Sinn, den ihm Grete vor dem Sterbehause und gestern der Glöckner zugerufen: »Unser Herrgott spricht nit, aber er richt't.« Und nun war auch der Spuk der Nacht für den ganzen Tag wieder losgelassen im Kopfe des Schultheißen. Der leichtfertige Vers, der ihn gestern im wachen Traum gequält, und der bedenksame Spruch klangen ihm fort und fort im Ohr zusammen wie Glockengeläute, das nicht stimmen will. Am Abend sagte der gemarterte Mann zum Ortsknecht, seinem einzigen Vertrauten: »Es läutet mir im Kopf mit zwei Glocken, die wollen nicht rein miteinander klingen; es ist ein Geläut, das mich in des Teufels Kirche ruft!« Als die Abendglocke vom Löhnberger Kirchturme in das friedliche Tal hinaustönte, wollte es dem Schultheißen fast den Kopf zersprengen, so daß er die Ohren in ein Kissen steckte. Denn der alte Veit war es ja, der die Glocke zog, und es war dem Schultheißen, als riefe ihm der Glöckner fortwährend durch den Gesang der Glocke zu: »Unser Herrgott spricht nit, aber er richt't.« Und da die Abendglocke längst verstummt war, mußte der Schultheiß den Spruch doch noch lange nach dem Taktmaß und Tonfall des Geläutes vor sich hinsingen. Am folgenden Morgen bemerkte der Ortsknecht dem Schultheißen: der Herr sehe sehr blaß und hohläugig aus. Da flog es dem Schultheißen rot wie Scharlach über das überwachte Gesicht, und er gab dem Ortsknecht eine Ohrfeige dafür, daß derselbe rot und weiß nicht unterscheiden könne. Nach einer Weile zog er den Knecht ans Fenster, deutete auf einen Tannenbaum, worauf ein Rabe saß, und fragte, wie ihm das Geschrei klinge, das der schwarze Vogel rastlos ausstoße. Der Ortsknecht sprach: »Der Vogel ruft seinen eigenen Namen: – Rab! Rab!« »Nein«, entgegnete zornig der Schultheiß, »wärest du nicht ein tauber Esel, so würdest du hören, daß dieser Vogel: Grab! Grab! ruft. Grab! Grab! schreit er mir schon seit zwei Stunden ins Ohr. Seit zwei Stunden mühe ich mich, ihn zu verjagen; aber je mehr ich scheuche und lärme, um so fester bleibt er sitzen, und um so lauter und deutlicher ruft er mir zu: Grab! Grab! Laufe, was du kannst; bringe mir den alten Glöckner hierher und seinen Spießgesellen, den Mann, dessen Namen man nicht nennen darf, den fremden Mann, der mit seinem weißen Käsegesicht dreinschaut wie der Tod von Ypern. Sie sollen den Zauber lösen, den sie auf diesen Vogel gelegt haben; sie sollen mir den Vogel verscheuchen, sie allein können das, oder ich liefere sie an den Brandpfahl als überwiesene Hexenmeister. Ah, der Rabe schreit immer stärker! Ich merke schon, man muß etwas sanftere Saiten aufziehen gegen seine Gebieter. Ich verspreche ihnen sicheres Geleit – hörst du! –, nur den Raben sollen sie mir zur Ruhe bringen. Alle Gunst und Freundlichkeit sei ihnen gewährt – den verfluchten Spitzbuben, – allein es ist besser, in die Suppe geblasen, als das Maul verbrannt, – nur den schwarzen Vogel sollen sie fortjagen. Oder vielleicht hat es gar dem Pestmann gefallen, sich selber in diesen Raben zu verwandeln? Dann würde ich Euch raten, hochansehnlicher Herr im schwarzen Rock, Euch mit mir gütlich auszugleichen, zu schweigen und abzuziehen. Obgleich ein großer Zauberer, könntet Ihr doch über kurz oder lang einmal in meine richterlichen Hände fallen – auch die besten Schwimmer ersaufen zuweilen, – und da wäre dann ein Dienst des anderen wert!« So sprach der Schultheiß nicht im Fieber, nicht übergeschnappt, sondern bei klaren Sinnen; nur das böse Gewissen ließ jetzt auch die Pulse seines Geistes etwas rascher gehen wie schon seit vorgestern abend die Pulse seines Leibes. Der Ortsknecht kam mit der Meldung zurück, daß der Glöckner samt seiner Tochter und dem Pestmann spurlos verschwunden seien. Von der ganzen Sippschaft sei nur noch Konrad, der Schmied, zu haben, der fest im Turme sitze. Ob er den Schmied nicht bringen solle, damit er als künftiger Schwiegersohn des alten Hexenmeisters den Raben verscheuche. Der Schultheiß erwiderte aber rasch und fest: »Nein; der Schmied bleibt sitzen. Um seinetwillen schreit der Rabe nicht. Er hat das Feuer vor der Morgenglocke angezündet: er büßt seine gerechte Strafe.« Noch am selben Tage sprachen die Löhnberger Bauern von nichts anderem, als daß der alte Veit und der Pestmann dem Schultheißen prophezeit haben, binnen vierzehn Tagen müsse er um seiner Sünden willen an der Pest sterben. Allein so scharf man auch von Stund' an des Schultheißen Mienen und Reden bewachte, – er schien so sorglos zu leben wie einer. Nur der Ortsknecht konnte von anderen Dingen berichten, und die kranke Gesichtsfarbe, die eingefallenen Wangen mochten erraten lassen, wie es dem Schultheißen in einsamen, unbewachten Stunden und in den schlaflosen Nächten zumute sei. Im Amte begann der Mann strenger, gerechter, exemplarischer zu werden als je vorher; und die Löhnberger meinten: hätte man ihrem Schultheißen nur von Anfang an die Pest verheißen, dann würden sie das beste Regiment im ganzen Land gehabt haben. Je mehr die Frist der vierzehn Tage ablief, um so größer ward die Selbstquälerei des Schultheißen. Vor dem letzten Tag fürchtete er sich am meisten. Denn obgleich mit jedem glücklich überstandenen Tage die Wahrscheinlichkeit größer ward, daß die ganze Prophezeiung Trug gewesen, so wurde doch auf der anderen Seite die Möglichkeit der Erfüllung auf einen immer kleineren und bestimmteren Zeitraum zusammengedrängt. Wir sind alle zur Todesstrafe verurteilt, aber für die höchste Seelenqual, die wir dem gröbsten Verbrecher diktieren, halten wir es dennoch, die Todesstunde bestimmt vorauszuwissen. Der Schultheiß zweifelte zuletzt gar nicht mehr, daß ihn in der Nacht vom dreizehnten zum vierzehnten Tag die Pest befallen werde. Er beschloß darum, sich für diese Nacht wenigstens in die festeste Zitadelle vor der gefürchteten Feindin zurückzuziehen. Die Zitadelle glaubte er in dem Gemeindebackofen gefunden zu haben. Schwitzen ist ein Universalmittel des Bauern, besonders hielt man es für ein gutes Präservativ wider die Pest. Mit dem Angstschweiß hatte es der Schultheiß schon seit dreizehn Nächten genügend versucht; er wollte jetzt zur eigentlich medizinischen Schwitzkur schreiten. Den Tag über – es war Montag – hatten die Ortsbürger ihr Brot für die Woche gebacken, so daß der Ofen die Nacht hindurch noch eine gewaltige Wärme hielt. Aber ganz allein die Nacht im Backhause zu verbringen, wagte der Schultheiß schon nicht mehr. Er weihte daher seinen letzten Freund, den Ortsknecht, in das Geheimnis ein, befahl ihm, Mantel und Hellebarde zu nehmen und die Nacht im Backhause Schildwacht zu stehen. Das Gemeindebackhaus von Löhnberg lag aber – und liegt noch – außer der Ringmauer am Fuße des Schloßberges neben dem kleinen Weiher, oberhalb dessen die abgebrannte Schmiede gestanden hatte. Der Türbalken zeigte den Hausspruch: »Hier wird gebacken Brot und Kuchen – Den tun die Weibsleut gern versuchen –; Versuch uns Herr mit keiner Not Und segne unser täglich Brot.« Zuerst trat man in eine kleine Backstube, deren Hintergrund dann mit dem Ofen abschloß. Als es dunkelte und stille geworden war, schlich der Schultheiß mit seinem Begleiter zu diesem einsamen Häuschen. Eine mehr als südländische Hitze glühte noch nach in dem Ofen, denn damals sparte man noch kein Holz; dazu roch der Ofen gar köstlich nach frisch gebackenem Brot. Nachdem der Schultheiß die verglommenen Kohlen gehörig untersucht hatte, damit er nicht am Ende selber über Nacht gebacken werde, kroch er in den Ofen und schloß die Tür so, daß er nur durch einen kleinen Ritz in die Backstube sehen und notdürftig frische Luft einziehen konnte. Dem Ortsknecht befahl er, nicht vor der Tür, sondern in der Backstube Wache zu halten, auf daß ihn niemand vom Wege aus erspähe. Damit der arme Teufel nicht gleichfalls wenigstens eine Schwitzkur zweiten Grades mitmachen müsse, war ihm erlaubt, die Tür ins Freie offenzulassen. Der Mann im Ofen hatte alsbald eine unsägliche Hitze auszuhalten; er schwitzte im voraus zur Präservierung für mindestens zwei ganze Pestepidemien. Dennoch ertrug er diese äußere Hitze leicht. Inwendig dagegen verzehrte ihn eine weit schrecklichere Glut. »Wenn es schon so heiß ist in diesem ausgebrannten Backofen«, sprach er zu sich selbst, »wieviel heißer muß es dann noch in der Hölle sein!« Der anfangs so süße Brotgeruch deuchte ihm nach einer Stunde schon unerträglich, aber wieviel unerträglicher möge der Geruch erst in des Teufels Backofen werden, wo man tausendmal tausend Jahre nichts als Pech und Schwefel zu riechen bekomme! Zuletzt befiel ihn ein solcher Abscheu vor dem Geruch des Brotes, daß es ihm war, als könne er niemals mehr mit Genuß ein Stück Brot essen, als sei der Segen, der in dem Hausspruch des Backhauses erbeten war, von nun an von seinem Brote genommen. Und er gedachte dabei zum erstenmal so manchen Mannes, der in den letzten Jahren in seiner Gemeinde Hungers gestorben, ohne daß er sein Stück Brot mit ihm hatte brechen mögen. Der arme Sünder im Backofen versuchte zu beten. Da kam ihm der Gedanke, sein Gebet sei wohl zu vergleichen dem Gesang der drei Männer im Feuerofen, so daß er selber anhub zu singen. Aber der Teufel mußte ihn reiten, daß sein Gesang immer wieder in den Vers überging: »Und als mein' Frau gestorben war, Da legt' man sie aufs Stroh –«, und sein Gebet und Gesang erschienen ihm wie ein Spott auf die Schrift, denn solche Verse hatten Sadrach, Mesach und Abednego nicht gesungen, da sie im glühenden Ofen Nebukadnezars saßen. Der Schultheiß schaute, als es mit dem Beten nicht glücken wollte, durch den Ritz hinaus, und durch die offene Tür konnte er sogleich ins Freie sehen. Aber da lagen auch die Trümmer von der Brandstätte des Schmiedes vor seinen Augen, und der leichtfertige Vers des Glöckners samt dem Drohspruch seiner Tochter erschütterten ihm wieder das Gehirn. In der Verzweiflung wollte er ein Gespräch mit seinem Wächter, dem Ortsknecht, anknüpfen, der wider die Wand der Backstube gelehnt regungslos dastand, als sei er eingeschlafen. Der Schultheiß sagte ihm freundliche Worte und suchte recht zutunlich aus seinem Backofen heraus zu plaudern. Aber der Kerl gab keine Antwort. Der Schultheiß erhob seine Stimme immer lauter, rief ihn bei Namen – keine Antwort erfolgte. Da sprang er endlich in heller Wut aus seinem Backofen hervor, doch auch nicht ohne Angst, der Teufel möge seinem Spießgesellen bereits zum Vorspiel den Hals umgedreht haben. Doch als er ihn am Mantel faßte und aufrütteln wollte, blieb der Mantel in seiner Hand, und der Stock, daran der Mantel gehangen, fiel um, und der Hut, der auf dem Stock gesessen, rollte zur Erde, und nur der Spieß blieb fest stehen, denn der Ortsknecht hatte ihn tief in den Boden eingestochen, als er sich davonschlich, um sich zu Hause ins gute Bett zu legen und dem unheimlichen Schultheißen nur Hut, Mantel und Spieß zur Schildwacht zurückzulassen. Der Schultheiß aber kroch ganz gebrochen in seinen Backofen zurück und schloß die Tür so fest, daß er schier hätte ersticken mögen, und schaute auch nicht mehr zum Ritz hinaus. Der Ortsknecht war der einzige gewesen, dem er sich stets huldvoll erwiesen, vordem ein Bettler, der ihm nun sein ganzes Wohlergehen zu danken hatte. Und dieser einzige schlich sich feige davon, wo sein Gönner die erste kleine Aufopferung von ihm forderte, und ließ ihm eine Vogelscheuche statt eines hilfreichen Freundes zurück! Da schaute der Schultheiß zum erstenmal seine eigene Herzlosigkeit wie im Spiegel, denn sein eiskalter Egoismus war die Quelle seiner schwersten Sünden gewesen. Er hätte weinen mögen darüber, daß ihm ein so lumpiger Gesell wie der Ortsknecht die Freundschaft gekündigt, und es war ihm, als stehe er jetzt schon vor dem Gericht, welches ihm der Pestmann verheißen hatte. Jetzt fühlte er erst, wie es seiner Frau mochte gewesen sein, da er sie in ihrer letzten Not verlassen. »Aber soll ich denn dafür«, so dachte er dann wieder, »sogleich mit dem Leben daran? Laufen doch so viele größere Spitzbuben im Lande herum, die keineswegs mit der Pest gestraft werden, die alt werden wie Methusalem! Ist Gottes Gerechtigkeit wie der Menschen Gerechtigkeit, die den kleinen Dieben eiserne Ketten anlegt, den großen goldene? Nein, an mir ist noch lange nicht die Reihe, daß ich für meine Sünden den Tod erleiden müßte! Weil Gott gerecht ist, darum kann er mich jetzt noch nicht vor sein Gericht fordern.« So appellierte der Schacher an Gottes Gerechtigkeit, um der Gerechtigkeit Gottes zu entrinnen, und mit diesem tröstlichen Gedanken über seine noch zurückstehende Anciennität unter den mitlebenden bösen Subjekten versank der in seinem Backofen fast bis zur Ohnmacht erschlaffte Mann endlich in tiefen Schlaf. Die Sonne stand schon hoch, als der Ortsknecht atemlos zurückgelaufen kam ins Backhaus, die Ofentür aufriß und ein über das andere Mal schrie: »Herr Schultheiß! Die Herren aus der Stadt sind gekommen, um wieder einmal einen Rugtag in Löhnberg abzuhalten. Binnen einer halben Stunde sollt Ihr auf dem Rathaus erscheinen, auch die Gemeinde schnell zusammenrufen lassen zum Ruggericht.« Der Schultheiß, der eben noch vom Jüngsten Gerichte geträumt, wachte auf wie zum neuen Leben, da er nur vom Ruggericht hörte. Wäre der treulose Ortsknecht mit einer anderen Botschaft gekommen, so hätte er ihm den Schädel eingeschlagen; jetzt mochte er ihm fast um den Hals fallen vor Freude. Die Nacht war vorüber, er war nicht pestkrank, die Weissagung des Pestmannes erfüllt: er war vor sein Gericht gefordert. Er lachte über sich selbst, obgleich der sonst so starke Mann vor Schwäche kaum aus dem Backofen kriechen konnte. War nicht heute St. Bartholomäi, wo alljährlich das Ruggericht in Löhnberg abgehalten zu werden pflegte? Das konnte man auch ohne Prophetengabe wissen. Aber das Herkommen war durch Krieg und Pest in den letzten Jahren in Vergessenheit geraten, und der Schultheiß hatte am wenigsten an den Bartholomäustag gedacht. Vor einem Gericht von irdischen Richtern fürchtete er sich aber nicht; die Richter, dachte er, sind alle nicht besser wie ich, und keine Krähe hackt der anderen ein Auge aus. Darum freute er sich des Rugtages, als sei derselbe ein Blitzableiter für den Donnerschlag des geweissagten himmlischen Gerichts. Die Männer vom Ruggericht, Amtleute, Schultheißen, Heimberger und Geschworene, saßen bereits im Ratszimmer, als der Schultheiß von Löhnberg eintrat, verstört in Gesicht und Kleidung und die ganze Stube mit frischem Brotgeruch erfüllend. Die wenigen Gemeindemitglieder, welche die Schrecknisse der letzten Jahre überlebt hatten, fanden bequem Platz in dem kleinen Raum. Das Ruggericht hatte vor versammelter Gemeinde die Tätigkeit der Ortspolizei zu prüfen und sowohl regelmäßig in bestimmten Terminen als auch unversehens solche Visitationen anzustellen, dann aber auch Vergehen, die über die Zuständigkeit der Schultheißen hinausgingen, zur Aburteilung zu bringen. Während der Pest hatte man das Rügen und Aburteilen unserem Herrgott allein überlassen, drum sah es das Volk als ein Zeichen der verschwindenden Krankheit an, daß jetzt auch die Amtleute sich wieder herauswagten zum Rügen. So elend der Schultheiß aussah, stand er doch fest an seinem Platze und stellte seinen Mann mit gewohnter Gravität. Der geschworene Schreiber verlas die sechzehn Rugartikel, in welchen gefragt wurde, ob einer in der Gemeinde sei, der gestohlen oder betrogen oder Gottes Wort verachtet habe und was sonst überhaupt zu den Polizeivergehen gehörte. Auf jeden Artikel mußte der Schultheiß Antwort geben, und der Schreiber nahm sie zu Protokoll. Schon war der sechzehnte und letzte Artikel verlesen, der die selbigesmal für die Löhnberger sehr unverfängliche Frage enthielt, ob jemand in der Gemeinde sei, der verbotene, ehrenrührige Bücher verbreitet habe, und die Gemeinde wollte auseinandergehen, indem man die Schlußformel der Rugartikel für einen leeren Schnörkel anzusehen gewohnt war, als der Amtmann Stille gebot und dem Schreiber befahl, auch den Schlußparagraphen langsam und vernehmlich vorzulesen. Derselbe lautete: »Würde sich aber bei Unseren Schultheißen und Heimbergern einige Parteilichkeit befinden oder daß sie jemand mit Wissen fälschlich in Recht und Ehren gekränkt, so wollen Wir selbige mit sonderlichem Ernst hierumb ansehen und zur Rechenschaft ziehen lassen.« Als der Schreiber diese Worte verlesen, öffnete der Amtsdiener einen Weg durch die versammelten Bauern und führte den Schmied in die Ratsstube und den Glöckner mit seinem Kind, der Grete. Der alte Veit trat gegen den Protokolltisch vor und sprach: »Mit Verlaub! Ich klage unseren Schultheißen an, daß er mein Kind mit Wissen falsch verurteilt und in seinen Ehren gekränkt hat.« Der Schultheiß fuhr vom Stuhl auf und rief: »Man lasse diesen Menschen nicht zur Klage, der ein verfluchter Wahrsager und Hexenmeister ist, reif zum Verbrennen!« Veit aber trat keck ganz nahe vor den Wütenden und sprach kalt: »Herr Schultheiß, ich will Euch einen Spruch sagen, den führen sonst die Hexenmeister nicht im Munde: Unser Herrgott spricht nit, aber er richt't!« Da brach mit einem Schlage die Selbstbeherrschung des Schultheißen zusammen, und das Geheimnis seines gemarterten Geistes lag offen am Tage. »Schafft mir diese drei Gesichter fort!« rief er, wie im Fieber erglühend und zitternd. »Schon seit vierzehn Tagen verfolgen mich diese Fratzen und das vierte bleiche Totengesicht dazu, und wo ich mich hinwende, da steht der alte Veit, der Hexenmeister, und ruft mir seinen verruchten Spruch ins Ohr!« Die Geschworenen sahen sich bei diesem Auftritte staunend an. Da aber der Schultheiß, wie von einem Wutanfalle übermannt, nicht nachließ mit Schreien und Toben wider den Glöckner, so hieß ihn der Amtmann in ein Seitenstübchen führen, bis er wieder zur Ruhe gekommen sei. Dann befahl er dem Glöckner, wahrhaftig, daß er's beschwören könne, zu erzählen, was er wisse. Veit berichtete in schlichten Worten, wie der Schultheiß so schändlich die kranke Frau von sich gestoßen, Grete aber aus freier Christenpflicht der verlassenen Base sich angenommen und deshalb den Konrad dahin vermocht habe, die Esse vor der Zeit zu heizen. Er berichtete dann die Wahrheit wegen der silbernen Armspangen, sprach von des Schultheißen unehrenhafter Neigung und seiner Rachsucht und stellte den ganzen Vortrag mit so beweglicher Treuherzigkeit, daß er auch noch andere Leute als die Geschworenen dieses Ruggerichts hätte überzeugen müssen. Dann aber wandte er sich gegen die Bauern und sagte mit erhobener Stimme, ihnen habe er noch etwas ganz besonderes Neues zu berichten. Ihm selber würde es niemals gelungen sein, die Schliche des Schultheißen vor dieses Gericht zu bringen; ein Besserer habe ihm dazu geholfen, das sei der Mann, den sie den Pestmann genannt. Der sei sein und Gretens bester Zeuge gewesen, der habe nach Dillenburg Kunde gelangen lassen von dem Wesen, welches der Schultheiß in Löhnberg treibe; auf das Betreiben von des Pestmanns hohen Gönnern und Freunden habe sich das Gericht zum erstenmal wieder aufgemacht gen Löhnberg. Keiner in dieser Stube, auch die Herren Amtleute nicht, wisse genau, wer der Pestmann eigentlich sei; er selber allein wisse es, freilich erst seit gestern. Und dann erhub der Alte seine Stimme immer mächtiger und fing an zu reden wie ein Prediger: »Viele Kranke, Gefangene, Hungernde, Verlassene lagen in diesen Zeiten an den Straßen; die Priester kamen und gingen vorüber, die Leviten und gingen vorüber, wie im Evangelio. Nur dieser einzige Mann kam aus fremdem Land in unsere Gegend, und da er all das Elend sah, jammerte ihn dessen, und er verband unsere Wunden, goß Öl und Wein darein; er heilte die Kranken, tröstete die Sterbenden und begrub die Toten. Wo die Pest war, da war auch er, darum nanntet ihr ihn den Pestmann. Aber nicht gebracht hat er die Pest, sondern bekämpft hat er sie und hat sein Leben eingesetzt bei diesen Werken der Barmherzigkeit. Und dieser einzige, der uns alle zuschanden machte, war kein Priester und kein Levit, er war ein Samariter. Der Pestmann war ein – Jesuit; er schrieb sich Rutgerus Hesselmann. Aus Westfalen ins Hadamarische berufen zur Bekehrung treuer protestantischer Christen, wußte er ein besseres Amt zu üben, indem er, Buße predigend und Hilfe spendend, auf dem Westerwald und im Lahngrund umherzog, und wo er einen Verlassenen fand, da fragte er nicht, ob derselbe lutherisch sei oder päpstlich. Wo er eine Leiche am Wege liegen sah, lutherisch oder päpstlich, da lud er sie ganz allein auf seine Schultern und grub ihr eine Ruhestatt in geweihter Erde. Einen Jesuiten wie diesen gibt es in der Welt nicht wieder. Statt den Haß zu predigen, wirkte er Werke der Liebe. Wider die Pest und den Hunger und die Verzweiflung führte er sein Schwert gewaltiger, als je ein anderer Jesuit das seinige wider Luther, Zwingli und Calvin geführt. Zum Lohn für sein Rittertum holte er sich zuletzt selber die Pest. Gestern ist der, den ihr den Pestmann nanntet, droben in Rennerod an der Pest gestorben. Lutherische und Katholiken standen an seinem Bett, und treue protestantische Pfarrer klagten um den Jesuiten. Das ist die Geschichte vom barmherzigen Samariter, wie sie im Evangelio geschrieben steht, und hier wie dort ruft euch Jesus am Schlüsse zu: So gehet hin und tuet desgleichen!« Als der Glöckner geendet, war es still in der Ratsstube wie in der Kirche. Es war, als beteten sie alle für den verstorbenen Jesuiten. Endlich befahl der Vorsitzende Amtmann, nun den Schultheißen wieder vorzuführen. Als man die Tür des Seitenstübchens öffnete, fand man ihn regungslos am Boden liegen. Er war vom Schlage getroffen. Nicht an der Pest hatte er sterben sollen. Seine eigene Leidenschaft und sein böses Gewissen hatte ihn erwürgt, da der hartherzige Mann eben an der Tür auf die begeisterten Worte des Glöckners vom barmherzigen Samariter horchte. Der Zufall hatte es gefügt, daß das Gemach, wohin man ihn in der Eile gebracht, das Armensünderstübchen gewesen, und die Bauern behaupteten, dort als in des Teufels Hauptquartier habe der Teufel selber dem Schultheißen den Hals umgedreht. Der Glöckner prophezeite von Stund' an nicht mehr, aber als der weise Patriarch von Löhnberg war er von da immer höher geachtet in der Gemeinde und brachte sein Alter noch weit über fünfundsiebzig Jahre. Nur eine seiner Prophezeiungen ging noch in Erfüllung: das Feuer bei dem Brande des Schmieds hatte in der Tat die Pest verzehrt. Nach der Schultheißin starb niemand mehr in Löhnberg an der Pest. Bessere Zeiten kamen wieder, Friede, Gesundheit und Gedeihen. Die Überlebenden waren geläutert durch das Feuer der Trübsal; der Tod der zugrunde Gegangenen war für sie ein Opfertod gewesen, daraus ein neues Leben sproß. Am schönsten Maientage standen Konrad und Grete vor dem Altar. Da rief der Pfarrer warnend und ermutigend allen Versammelten das Wort ins Gedächtnis: »Unser Herrgott spricht nit, aber er richt't!«, und eingedenk der Werke der Barmherzigkeit, die der Schmied und seine Braut in den Tagen der schwersten Bedrängnis geübt, predigte er nachgehends über den Text vom barmherzigen Samariter. Da ward auch des Rutgerus Hesselmann nicht vergessen. Der alte Veit aber zog an diesem Tage mit seinem nervigen Arme gar mächtig die Kirchenglocken, und niemals sollen sie wieder so voll und schön in das stille Lahntal hinausgeklungen haben. Die rechte Mutter 1863 Neben dem alten Grafenschlosse lag die Schloßmühle. Sie galt eine Goldgrube, obgleich sie nicht freies Eigentum des Müllers war, sondern dem regierenden Grafen gehörte, dessen Vorfahr dieselbe vor grauer Zeit an einen Vorfahren des Müllers als Erblehen übertragen hatte. Das Lehen ging aber nur auf die Söhne über nach dem Rechte der Erstgeburt, und wenn einmal keine männliche Nachkommenschaft mehr vorhanden war, so fiel die fette Mühle wieder an den Grafen heim. Die Gülten und Fronden, welche auf dieser Erbleihmühle ruhten, waren klein, die Rechte und Nutzungen groß. Vor allem besaß sie ein weitgestecktes Bannrecht; alle Bauern der Umgegend mußten ihr Korn gerade auf diese Mühle bringen und durften es bei schwerer Strafe nicht zu einem anderen Müller verschleppen. Das Werkholz zum Mühlwerke durfte sich der Erbleihmüller unentgeltlich aus den gräflichen Wäldern holen, und wenn an Haus oder Stall ein Bauschaden entstand, dessen Reparatur über drei Gulden kostete, so mußte der Graf denselben flicken lassen; kleinere Schäden fielen dem Müller zu. Derlei kleine Schäden kamen aber gar nicht vor, denn wo sich ja ein solcher zeigte, da ließ man ihn stehen, bis er recht ausgewachsen war, oder man gab ihm auch einen kräftigen Puff aus freier Hand, daß er augenblicklich über drei Gulden groß wurde. Kein Wunder, daß die Müllersfamilie ein so vortreffliches Erblehen gern in alle Ewigkeit behalten hätte und daß der Schloßmüller sich allezeit frühe verheiratete und so besorgt der Geburt eines Sohnes entgegensah wie nur irgendein adliger Herr. Dem Müller Kurt, welcher sich im Jahre 1634 verheiratet hatte, ward freilich diese Zeit des Wartens etwas lang gemacht, denn er lebte zwölf Jahre in kinderloser Ehe. Endlich wurde ihm aber doch ein Sohn geboren, und zwar am 9. Oktober 1646. Der Jubel würde hellaut gewesen sein, wäre die Zeit nicht so schlecht gewesen. Die großen Plagen, Krieg, Hungersnot und Pestilenz, zogen selbdreie Arm in Arm durchs Land, und bei dem Ruin des gegenwärtigen Geschlechtes dachte man wenig an Erblehen für das künftige. Vierzehn Tage nach der Geburt des Kindes belagerten die Kaiserlichen das Städtchen, und die Mutter, ohnedies gar schwach und elend, starb vor Schrecken in einer Nacht, wo die Belagerer Stall und Scheune der Schloßmühle in Brand schossen. Da man einen Sturm befürchtete, so wurde in den nächsten Tagen alles wehrlose Volk, Greise, Weiber und Kinder, aus der Stadt geschafft; denn noch war Flucht möglich. Der Müller mußte sich von seinem Kinde trennen. Es bildeten nämlich die sämtlichen waffenfähigen Männer der Stadt eine Schützengilde, die aber damals nicht zum Paradieren und Scheibenschießen, sondern zum wirklichen Kampf die Büchse trug und mithelfen mußte, die Mauern zu verteidigen. So blieb denn auch der Müller als Schütze zurück und übergab das Kind in Gottes Namen einer altbefreundeten Nachbarsfrau, der Sibylle Beck, die gleichfalls ein Büblein von nur drei Wochen hatte, aber als junge, starke Person schon wieder reisefähig war. Ihr Mann, der Krämer, mußte ebenfalls unter den Waffen zu Hause bleiben. Was man befürchtet hatte, geschah: die Stadt ward im Sturme genommen und nach damaligem Kriegsrecht drei Stunden lang geplündert. Der Krämer wurde bei der Plünderung niedergehauen, der Müller entkam. Er irrte wochenlang in der Gegend umher und wagte sich erst wieder zu seiner Mühle zurück, als der Feind abgezogen und der Kriegslärm fernhin verhallt war. Die Stadt sollte in diesem Kriege keinen Kampf mehr sehen, und so baute denn der Müller Stall und Scheune auf des Lehnsherren Kosten wieder auf und war wieder zu leidlichem Behagen gekommen, als die Glocken der Stadtkirche im Spätherbst 1648, genau zwei Jahre nach jenen Schreckenstagen, zum Dankgottesdienste für den Westfälischen Frieden läuteten. Von Frau Sibylle Beck hatte man lange Zeit nichts gehört, und der Müller gab sich vergebens alle Mühe, Nachricht von dem Schicksale seines Kindes zu erhalten. Die Schar der Flüchtlinge war nämlich zwar den Belagerern glücklich entronnen, aber schon etliche Stunden vor der Stadt fiel sie unter räuberische Nachzüglerbanden, ward ausgeplündert und zersprengt. Ein Teil der hilflosen Leute ging zugrunde, andere kehrten bald wieder heim in die verödete Stadt, nicht wenige aber wurden von den Strudeln des Krieges immer weiter fortgetrieben. Zu den letzteren gehörte auch die Krämersfrau mit den zwei Kindern; sie galt bald für völlig verschollen. Nach Ablauf des Trauerjahres heiratete der Müller wieder, und zwar eine junge Witwe. Da er seinen Sohn schon für verloren gab, so war er zu dieser Heirat geschritten, um wieder einen Sohn zu erzielen und so jedenfalls das Erblehen bei der Familie zu erhalten, und er nahm gerade deshalb die Witwe, welche schon einen Buben hatte, weil er's für wahrscheinlich hielt, daß sie nun auch noch einen kriegen könne. Allein dem vorsichtigsten Manne spielt das Schicksal am liebsten einen Possen: die neue Müllerin kam zweimal mit Zwillingen nieder, und beide Male waren es zwei Mädchen. Inzwischen verbreitete sich in der Stadt das Gerücht, die Sibylle Beck sei da und dort im Sächsischen gesehen worden und ernähre sich mit ihrem Kinde durch einen Hausierhandel. Und einige wollten wissen, dieses Kind sei das Söhnlein des Müllers, das Kind der Krämerin sei gestorben; andere behaupteten das Umgekehrte. Der Müller erneuerte hierauf seine Nachforschungen; da erschien unerwartet die Sibylle Beck selber wieder in der Stadt. Sie hatte den Tod ihres Mannes und den Verlust all ihrer Habe durch die Plünderung bald nach jenen Vorfällen erfahren; wie sie aber immer für eine ehrgeizige Frau galt, so wollte sie jetzt auch nicht als Bettlerin zurückkehren, sondern ging nicht eher heim, als bis sie durch einen kleinen Hausierhandel die bescheidene Grundlage selbständigen Erwerbes neu gewonnen hatte. Mit dem wenigen Gelde, welches sie bei der Flucht mitgenommen und den Augen der raubenden Nachzügler glücklich zu verbergen gewußt, begann sie diesen Handel. Sibyllens erster Gang war zu dem Nachbarn, dem Schloßmüller. Sie erstaunte gewaltig, als dieser nach seinem Kinde fragte, und erzählte dann, das Kind sei schon kurze Zeit nach der Flucht auf einem kaum zwölf Stunden entfernten Dorfe gestorben; der arme Wurm sei zu elend gewesen für alle die Last von Hunger, Nässe und Kälte, welche er in jenen Greueltagen zu tragen gehabt. Übrigens habe sie ja den Wirt jenes Dorfes gebeten, daß er die Nachricht von dem Tode des Kindes dem Müller zur Stadt hinübersagen lasse. Allein der Wirt wurde bald darauf gleichfalls verjagt, und so unterblieb diese Botschaft. Wer kümmerte sich damals auch viel um den Tod eines dreiwöchigen Kindes! Sibyllens Kind war am Leben geblieben. Der Müller hörte diesen Bericht gelassen an und zweifelte nicht, daß er wahr sei. Sibylle wohnte nun in der Stadt und fristete sich mit großem Fleiße ein ehrliches, aber kümmerliches Dasein. Milde Gaben, die man ihr anfangs wohl gereicht hätte, verschmähte sie, und da sie für ein stolzes, in sich verschlossenes, ehrgeiziges Weib galt, so verlor sie bald die wenigen Freunde wieder, welche ihr anfangs das unverschuldete Unglück gewonnen hatte. Einem ehrgeizigen Menschen bereitet es schon Scham, daß er überhaupt ins Unglück gekommen ist, wenn auch ganz ohne Schuld; er will eben, daß sein Glücksstern geradeso hell und heller leuchte wie anderer Leute. So schämte sich auch Sibylle, daß ihr Mann erschlagen und ihr Haus geplündert worden war, während sie sich der dadurch bedingten Armut und niedrigen Arbeit gar nicht schämte. Ihr einziger Stolz aber war, daß ihr Bube am Leben geblieben, und ihr höchster Ehrgeiz, denselben zu einem recht prächtigen Burschen großzuziehen. Obgleich sie nun jene Gedanken nicht klar aussprach, ja vielleicht nicht einmal ganz klar dachte, so sprangen dieselben doch überall aus ihren Reden und Handlungen merkbar hervor, und der große Haufe, dem alles Ungewöhnliche verdächtig ist, flüsterte sich zu, das angebliche Kind der Krämerin sei eigentlich des Müllers Kind. Die Frau habe es für sich behalten, weil es ihr Stolz nicht eingestehen könne, daß sie alles verloren habe, den Mann und das Vermögen und das einzige Kind obendrein. Dem Müller kamen diese Gerüchte natürlich auch zu Ohren, und er setzte Sibyllen wiederholt und hart zu, daß sie ihm die Wahrheit bekenne. Allein Sibylle war höchst entrüstet über den Verdacht; sie schwur bei Gott und ihrer Seelen Seligkeit, der Bube sei ihr leibliches Kind, und ging dem Müller wie den anderen Leuten von nun an um so trotziger und mißtrauischer aus dem Wege. Der Müller hatte zwar kein weiteres Zeugnis als das allgemeine Gerede, allein er sprach doch schon manchmal zu seiner Frau: »Mit dem angeblichen Kinde der Krämerin ist es nicht ganz richtig!« Die Frau hingegen, die immer noch auf einen eigenen Sohn hoffte, schlug ihm dann die Skrupel wieder aus dem Sinn und war vielleicht die einzige Seele in der Stadt, die für Sibylle entschieden Partei nahm. Nun traf aber die arme Sibylle ein neues schweres Unglück. Ihr Sohn, zu einem stattlichen fünfjährigen Knaben herangewachsen, bekam entzündete Augen, die immer röter wurden und immer schmerzhafter brannten, und zuletzt zog sich dem Jungen ein Schleier vor den Blick, daß er die Gegenstände nur noch wie im trübsten Nebel zu erkennen vermochte. Auch diese schwache Sehkraft schwand dann mehr und mehr; es drohte in kurzem völlige Erblindung. Ein Blinder war aber damals ein ausgestoßener Mann, für den es in der Jugend keine Schule gab, keinen Beruf im reiferen Alter, und hatte der arme Verlassene vollends kein Vermögen, so blieb ihm gar nichts übrig, als betteln zu gehen. Mit Entsetzen erkannte Sibylle diese unabwendbare Zukunft ihres Sohnes. Sie betete nächtelang inbrünstig zu Gott, daß er ihr das Kind wieder sehend machen möge, aber es half nichts: dem Knaben ward's immer schwärzer vor den Augen. Da hörte sie in ihrer höchsten Not, daß ein Arzt die Frankfurter Messe bezogen habe, der wunderbare Kuren an kranken Augen vollbringe, der hochberühmte Doktor Strambelius von Gunzenheim. Sie raffte all ihre kleine Barschaft zusammen, verkaufte ihren Patenlöffel und ihren Ehering als die einzigen Wertgegenstände, die sie noch besaß, und machte sich mit dem Kinde auf den weiten Weg nach Frankfurt. Dort angekommen, fand sie leicht die Bretterbude des berühmten Doktors in der zweiten Reihe neben den Waffelbäckern auf dem Römerberg; es hielt ihr aber schwer, sich durch den Knäuel hilfesuchender Menschen zu drängen, welche den Eingang belagerten. Doch gelangte sie auch hier mit Geduld zuletzt ans Ziel. Der Doktor besichtigte die Augen und erklärte, es habe sich ein dünnes Fell über dieselben gezogen, das müsse er durchschneiden, dann werde der Knabe wieder geradeso gut sehen wie je zuvor. Der Erfolg sei ganz gewiß. Er habe die Operation schon hundertmal vorgenommen, sie sei aber sehr mühselig; darum könne er sie nicht machen, wenn ihm die Frau nicht vorher fünfundzwanzig Gulden auf den Tisch lege; nach der Operation gebührten ihm dann noch einmal fünfundzwanzig. Sibylle wurde totenblaß im Gesichte und dann wieder hochrot und gestand dem Doktor unter Tränen, daß all ihr Hab und Gut zur Zeit nur in vierzehn Gulden bestehe und auch die habe sie nur mit größter Not zusammengebracht. Doktor Strambelius tröstete sie aufs freundlichste und sprach, er sei allezeit mild gegen Arme und richte sich mit dem Honorar gerne um Gottes willen nach den Umständen seiner Patienten. Wenn sie ihm daher gleich bar sieben Gulden auf den Tisch lege und morgen nach vollbrachtem Werk die anderen sieben, so wolle er den Knaben ganz ebensogut operieren, als ob er die gebührenden zweimal fünfundzwanzig erhalten habe. Sibylle bezahlte die sieben Gulden. Am folgenden Tage griff der Doktor nach manchen qualvollen Vorbereitungen wohlgemut zum Messer, sagte mit höchster Zuversicht: »In acht Tagen wird der Junge kuriert sein« und vollführte dann den Schnitt. Die Schmerzen des Kindes waren groß, aber die Schmerzen der Mutter noch viel größer. Als nun die Augen verbunden waren und Sibylle den Doktor zitternd fragte, ob alles wohl gelungen sei, erwiderte derselbe salbungsvoll: »Das stehet in Gottes Hand!« Sie legte die anderen sieben Gulden auf den Tisch und trug das Kind in ihren Armen zur Herberge zurück. Dort, aus der ersten Betäubung wieder erwachend, dachte sie über die beiden Worte des Doktors nach und erschrak darüber. Die Worte schienen ihr nicht richtig gestellt, und sie meinte in ihrem einfältigen Sinne, wenn der Doktor umgekehrt vor dem Schnitt die Sache in Gottes Hand empfohlen, nach demselben aber die rasche Heilung zuversichtlich verkündet hätte, dann sei es besser gewesen. In der Herberge mußte Sibylle noch acht Tage bleiben und den Knaben ruhig im Dunkeln halten, so hatte es Doktor Strambelius verordnet. Sie lebte inzwischen von des Herbergsvaters und einiger Mitgäste Barmherzigkeit, die ihr auch einen kleinen Reisepfennig zusammenschossen. Aber es ward dem armen Weib schwerer, dieses Almosen anzunehmen, als vorher dem Doktor all ihr Vermögen auf den Tisch zu legen. Am achten Tage nahm der Doktor dem Knaben die Binde herab: er sah jetzt gar nichts mehr. Der Doktor tröstete die verzweifelnde Mutter und sagte ihr, sie solle die Augen gut verbinden und möglichst langsam und schonend wieder nach Hause fahren; in mindestens ein paar Wochen werde das Gesicht wiederkommen, der langsame Verlauf sei eigentlich der allerbeste. Ein mit Waren heimziehender Meßfuhrmann des Städtleins nahm die beiden auf seinem Wagen mit. Sibylle harrte noch ein paar Wochen, allein der Junge war und blieb nun stockblind. Da faßte sie sich endlich ein Herz und führte ihn zu dem Leibarzte des Grafen, einem geschickten, aber groben Manne, der darum bei den Bürgern wenig beliebt war. Dieser untersuchte die Augen lange und sorgsam und sagte dann der Krämerin derb heraus, sie sei eine eigensinnige, verblendete Frau, die jetzt für ihren Eigensinn in dem Kinde gestraft werde. Das Augenübel sei gar nicht so schlimm und von einem tüchtigen Arzte recht wohl zu heben gewesen; der Doktor Strambelius aber sei ein niederträchtiger Pfuscher, der dem Knaben geradezu die Augen ausgestochen habe, und jetzt müsse dieser freilich stockblind bleiben sein Leben lang. Die Witwe brach bei diesen harten Worten besinnungslos zusammen und wußte später selber nicht mehr, wie und wo sie wieder zu klarem Verstande gekommen war. Als sie sich mit dem Knaben allein zu Hause befand, fluchte sie in lautloser Verzweiflung dem Wunderdoktor und fluchte sich selbst und bedeckte dann wieder das Kind mit Liebkosungen und betete zu Gott, daß er sie mit aller ersinnlichen Qual strafen möge, nur möge er ein Wunder wirken und dem unschuldigen Kinde die Augen wiedergeben. Aber es geschah kein Wunder, und der Knabe blieb blind. Der ganze Vorgang samt dem Ausspruche des Leibarztes wurde bald stadtbekannt, und man tadelte einmütig die unvernünftige Frau, obgleich die meisten, welche also den Stab über Sibylle brachen, im ähnlichen Falle gewiß nicht weiser gewesen und gleichfalls eher zehn Meilen weit zu einem Quacksalber gelaufen wären als zehn Schritt zu einem ordentlichen Arzte. Besonders heftig aber wirkte die Geschichte auf den Schloßmüller. Das allgemeine Mitleid, welches sich dem blinden Knaben zuwandte, fachte in ihm wieder den hellen Glauben auf, daß der Unglückliche dennoch sein Kind sei, daß er sich des Knaben annehmen, daß er ihn dem törichten Weibe entreißen und nach Menschenkraft als der rechte Vater wiedergutmachen müsse, was die unrechte Mutter verdorben habe. Und oftmals sprach er sich vor: das sei die Sündenstrafe für die Frau, daß sie das Kind, welches sie mit dämonischem Wahnsinn liebe, in ihrer Liebe habe zugrunde richten müssen, das sei ein Gottesurteil, durch welches der Herr selber rede, weil jeder menschliche Zeuge verstumme, und also den Diebstahl des Kindes ans Licht bringe. Der Müller vergaß, von rein menschlichen Gefühlen überwältigt, diesmal sogar ganz die Erbleihfrage, die ihm sonst bei dem Streite über den Sohn immer im Vordergrund gestanden. Allein als die Gemüter wieder etwas kühler geworden waren und die erneuten Bedenken des Müllers über des Kindes Herkunft nun auch wieder ihren Lauf durch die Stadt machten, verband man sogar den Fall wegen der Erbleihe mit dem Unglücksfall der Erblindung. Einige behaupteten, selbst wenn jetzt erwiesen werde, daß der Blinde des Müllers Sohn sei, so könne das Lehen doch nicht auf ihn übergehen. Denn ein blinder Knabe sei zwar ganz gewiß ein Sohn, aber ebenso gewiß könne er niemals ein Müller werden, und beides werde zur Vererbung des Lehens erfordert. Andere hingegen erwiderten, wenn der Blinde auch selber keinen Müller abgebe, so vermöge er doch vielleicht einmal noch ein halbes Dutzend sehender Müller zu erzeugen, und sowenig das Recht für die Familie erlösche, wenn etwa bloß ein minderjähriger Erbe vorhanden sei, der ja auch auf Jahre hinaus nicht selber mahlen könne, sowenig erlösche es für die Nachkommen, wenn einmal ein Blinder mit unterlaufe. Der Streit war einfältig genug; allein er würde die Leute ja nicht ergötzt und wahlverwandt gefesselt haben, wenn er nicht einfältig gewesen wäre, und jedenfalls wirkte er bedeutend mit, den Müller in dem Glauben zu bestärken, daß der Blinde sein Sohn sei und daß er keine Mühe und kein Opfer scheuen dürfe, das gestohlene Kind in aller Form wiederzubekommen. Er ging zur Krämerin, bat, schmeichelte, beschwor sie, bot ihr schweres Geld; allein das verfing alles nicht. Dann drohte er, geriet in Zorn und Wut und beschuldigte das Weib in viel stärkeren Worten als der Leibarzt, daß sie mitschuldig sei an des Knaben Blindheit, ja daß hier recht eigentlich ein Gottesurteil an ihr offenbar geworden wegen des gestohlenen Kindes. Sibylle, die bei den Worten des Arztes zusammengebrochen, hörte die viel härtere Rede des Müllers mit eisiger Ruhe, sagte, was sie an dem Kinde verschuldet, das habe sie vor sich und unserem Herrgott allein zu verantworten, und ließ sich darauf keine Silbe mehr herauspressen. Weil ihr aber der Aufenthalt in der Stadt täglich unerträglicher wurde und sie zudem fürchtete, der Müller möge ihr, wie er gedroht, den Knaben mit Gewalt wegnehmen, so zog sie zu einem Vetter, der ein zwei Stunden entferntes, höchst einsam gelegenes kleines Bauerngut besaß. Sie verdingte sich hier als Magd, um kein geschenktes Brot zu essen, und erklärte sich zu jeder härtesten Arbeit bereit, wenn der Vetter mit ihr das Abendmahl auf den Schwur nehmen wolle, den blinden Knaben gegen jeden etwaigen Raubversuch des Müllers zu verteidigen. Der Bauer, welcher ohnedies als Vetter zu seiner Base hielt und den Müller von alters her haßte, tat den Schwur, und er war ein Mann, dessen Mut und Faust man wohl fürchten durfte. Auf dem abgelegenen Hof hatte Sibylle eine Zeitlang Ruhe und wurde von den Bauersleuten gut gehalten, nicht wie eine Magd, sondern wie eine Verwandte. Da sie sich schwer auch nur auf wenige Stunden von dem Knaben trennte, so vertraute ihr der Bauer im Sommer die Hut des Weideviehs. Wenn sie dann so im Schatten einer Eiche am Saume der sonnigen Grasmatte saß und der Knabe neben ihr, vergaß sie das vergangene Unglück und erfreute sich still des heimlichen Friedens der Gegenwart. Es war aber kein müßiges Träumen, sondern eine Arbeit ganz eigener Art, was ihr dann solch süße Selbstvergessenheit bot: sie unterrichtete das blinde Kind in allerlei nützlicher Kenntnis und prägte ihm tief ins Herz, was sie von Gott und seinem Worte wußte. Sibylle war nämlich lutherisch und also, wie sich's damals fast von selbst verstand, gehörig bibelfest. In die Schule konnte sie den Knaben nicht schicken, er hätte mit seinen blinden Augen dort wohl wenig genug gelernt; auch fürchtete sie, der Müller möge das Kind, wenn es zur Stadt komme, aufgreifen. Also machte sie selber den Schulmeister, während sie das Vieh hütete, und tat damit eigentlich nur nebeneinander, was der damalige Schulmeister des Städtchens nacheinander getan; denn er war vor seinem Eintritt ins Schulamt jahrelang Schweinehirt gewesen. So verflossen still und friedlich drei Sommer und drei Winter, und über dem Streit um das Kind schien Gras gewachsen zu sein. Allein der Schein trog. Dem Müller rückte der Gedanke an den gestohlenen Knaben wieder näher, je ferner sich für ihn die Aussicht verlor, aus der zweiten Ehe noch einen Sohn zu erhalten, und als er wieder einmal von Freunden recht heftig aufgehetzt worden war gegen die Krämerfrau, zog er, gefolgt von mehreren handfesten Müllerknechten, mit Büchsen und Prügeln wohl bewehrt, nach dem einsamen Hofe, um den Knaben mit Gewalt zurückzuführen. Der Bauer aber und seine Knechte leisteten verzweifelten Widerstand, es kam vom Streite zur Schlägerei, und als der Müller seine Büchse auf den Bauern anlegte, schoß ihm dieser mit einem alten Reiterpistol in den Unterleib. Die Müllerknechte flohen und schleppten den Verwundeten für tot hinweg. Dieses Ereignis, welches Sibyllen von ihrem bittersten Feinde zu befreien schien, brachte sie aber vielmehr wieder in die tiefste Not. Der Bauer, in der Angst, wegen Mord und Totschlag vorgefordert zu werden, ging sofort zur Stadt, berichtete dem Amtmanne den ganzen Hergang und wies nach, daß er nur aus äußerster Notwehr auf den Müller geschossen habe. Dieser aber genas wider Erwarten, obgleich ihm die Folgen der Wunde sein Leben lang nachhingen. Als er sich nämlich zu dem Auszug nach dem Hofe entschloß, war er so aufgeregt gewesen über sein Vorhaben, daß er den ganzen Tag nichts hatte essen können. Der Feldscherer erklärte dies für die Ursache der Rettung: die leeren, schlaffen Eingeweide waren der Kugel widerstandslos ausgewichen, und so hatte dieselbe keine edleren Teile verletzt. Sobald er sich nun wieder erholte, tat er möglichst rasch einen Gegenzug wider die von dem Bauern gegen ihn angeregte Klage auf Friedensbruch, indem er die Sibylle Beck wegen Unterschlagung seines Kindes gerichtlich belangte. Führte er den Beweis, daß sie ihm wirklich sein Kind genommen und trotz aller gütlichen Mittel dauernd vorenthalten habe, so war der verzweifelte letzte Versuch, den Knaben gewaltsam zurückzuholen, wenn auch nicht gerechtfertigt, so doch wenigstens in hohem Grade entschuldigt. Hiermit war nun der alte Streit dann doch endlich den Advokaten in die Hand gegeben, was beide Teile bis dahin schon gar oft gedroht, aber auch immer wieder gefürchtet und vermieden hatten. Vor allen Dingen lag es dem Müller ob, seine Ansprüche auf das Kind durch Beweise zu stützen. In Romanen werden diese Beweise gewöhnlich durch eine alte Narbe auf der Brust des Kindes oder durch ein Muttermal auf dem Rücken geliefert oder durch ein Amulett, welches die Mutter dem Neugeborenen um den Hals hängte und welches selbst nach dreißig Jahren immer noch am Halse hängt. Allein von alledem gab es bei dieser wirklichen Geschichte nichts. Die Freunde des Müllers behaupteten zwar, der Junge sei ja dem Müller aus dem Gesichte geschnitten und das sei auch ein Beweis, allein die Freunde der Krämerin sagten, nein, der Knabe sei vielmehr der Sibylle aus dem Gesichte geschnitten. Im Grunde sagt man das ja von jedem Kinde, und wenn die Eltern auch schön sind wie ein Bild und das Kind sieht aus wie ein kleiner Pavian. In dem Dorfe, wo der angebliche Sohn des Müllers gestorben war, lebten aber noch Leute, die ein entscheidendes Zeugnis ablegen konnten. Ihre gerichtliche Aussage bestand wesentlich in folgendem: Sibylle war allein mit den beiden Kindern, als das eine in der Scheune starb, wo sie Unterschlupf gefunden. Bald darauf aber kamen mehrere Frauen zu ihr und fanden sie in hellen Tränen bei der Leiche. Da sprach eine der Frauen tröstend: »Es sterben ja so viele Kinder, sie sind gut aufgehoben; ich habe sieben, die ich nicht ernähren kann, aber von mir will unser Herrgott niemals eines zu sich nehmen.« Hierauf fuhr die Krämerin zürnend in die Höhe, verwies ihr das Wort und sagte, wenn sie erst einmal ein Kind verloren habe, dann werde sie nicht mehr so sprechen, und rief dann zum öfteren: »O mein Kind, mein Kind! O hätte ich nur mein Kind wieder!« Die Umstehenden, lauter fremde Leute (denn die Mitbürgerinnen der Sibylle waren ja auf der Flucht zerstreut worden), glaubten darum nicht anders, als das tote Kind gehöre ihr. Auch andere versicherten, damals vernommen zu haben, wie die Krämerin den verstorbenen Knaben »ihr« Kind nannte. Überhaupt sei sie in einer Trauer und Verzweiflung über den Todesfall gewesen, die bei einem fremden Kinde unnatürlich und undenkbar sei. Erst mehrere Tage später bezeichnete sie das gestorbene Kind ausdrücklich als das anvertraute des Schloßmüllers. Sibylle gestand zu, daß sie ungefähr so gesprochen haben möge, wie die Zeugen aussagten. Allein das anvertraute Kind sei zur Zeit doch auch »ihr« Kind gewesen, obgleich nicht ihr leibliches; selbst gemietete Ammen nennten ja oft genug das Kind, welches sie stillen, »ihr« Kind. Sie habe nun einmal um Gottes willen Mutterstelle an dem fremden Knaben übernommen gehabt, also habe sie ihn auch mit Mutterliebe gepflegt und mit Mutterschmerz beklagt. Diese zarte und edle Auffassung war den Richtern, den Söhnen einer rohen, stumpfen, verkommenen Zeit, geradezu unverständlich und unwahr. Zudem galt Sibylle allgemein als eine harte, kalte, männlich trotzige Frau, der man zwar die heftigste kalte Leidenschaft zutraute, nicht aber eine so überaus warme Empfindung. Die Waage neigte sich schon stark zuungunsten der Beklagten, da entdeckte man ein schriftliches Zeugnis, welches ihr vollends den Hals zu brechen drohte. Der Müller hatte schon gleich bei seinen ersten Zweifeln an den Pfarrer jenes Dorfes geschrieben, weil der Name und Todestag des Kindes im Kirchenbuch mußte eingetragen sein. Allein das Kirchenbuch war in den letzten Kriegswirren versteckt und später nicht wiedergefunden worden. Jetzt aber, wo man auf amtlichen Befehl wiederholt und genauestens nachforschte, fand sich das Buch. Es enthielt auf den 6. November 1646 wörtlich folgenden Eintrag: » item : starb auch ein kleyn Kind, gehört einer frembden Kramersfrauen.« Durch diese Worte glaubte der Müller den Prozeß bereits gewonnen zu haben, und die Richter dachten kaum anders. Vergebens deutete Sibylle das Wort »gehört« jetzt wieder in dem uneigentlichen Sinne wie früher das Wort »mein Kind«, vergebens beteuerte sie, die Angabe sei nicht von ihr für das Kirchenbuch gemacht worden, der arme Kleine habe in dem allgemeinen Durcheinander ja nicht einmal ein christliches Begräbnis gehabt und kein Pfarrer habe sie über den Namen und Vater desselben gefragt. Sibylle würde verloren haben, wenn sich nicht ihr Advokat das Kirchenbuch zu genauerer Einsicht ausgebeten hätte. Und nun ergab sich folgendes. Das Dorf hatte in jenen Schreckenstagen gar keinen Pfarrer mehr, der Schulmeister versah zur Not die laufenden Amtsgeschäfte. Aber auch dieser Mann war inzwischen längst gestorben. Der Eintrag war wie bei den anderen Sterbefällen von seiner Hand, allein er stand nicht in der fortlaufenden Zeile, sondern quer an den Rand geschrieben, und zwar mit einer anderen Tinte. Dazu war gegen alle Vorschrift nicht einmal der Name des Kindes beigefügt. Der Advokat folgerte nun hieraus, der Eintrag sei vom Schulmeister später und aus ungefährer Erinnerung gemacht, wahrscheinlich zu einer Zeit, wo Sibylle das Dorf schon wieder verlassen hatte, und so beweise er auch nichts weiter, als daß der Glaube damals im Dorfe verbreitet gewesen sei, das verstorbene Kind sei ein Sohn der fremden Krämersfrau. Kaum hatte der Advokat solchergestalt den gefährlichen Schlag leidlich abgewehrt, so trat auch schon wieder ein anderer Zeuge gegen Sibylle auf: der Wirt jenes Dorfes. Sie hatte diesen nicht gleich anfangs, sondern erst acht Tage nach dem Tode des Kindes gebeten, die Nachricht an den Vater desselben, den Müller, durch Fuhrleute oder Reisende gelangen zu lassen. Es schien also auch hier wiederum bestätigt, daß sie anfangs ihr eigenes Kind beklagt, erst mehrere Tage nachher aber auf den Gedanken gekommen sei, das überlebende Kind des Müllers für ihr eigenes auszugeben und jenes totzusagen. Sie entgegnete: anfangs habe sie gehofft, alsbald zur Stadt heimkehren und dem Müller den genauesten Bericht mit eigenem Munde bringen zu können; erst als ihr die Rückkehr vereitelt und sie aus ihrer Zufluchtsstätte weiter in die Fremde getrieben worden sei, habe sie dem Wirte den ausdrücklichen Auftrag gegeben. Allein aus welchem Grunde nahm sie denn überhaupt die Last auf sich, zu all ihrer Not und Armut auch noch ein fremdes Kind mit durchs Leben zu schleppen? Wollte sie's unserem Herrgott selber abdisputieren, daß er ihr Kind habe sterben lassen? Hatte sie sich im brennenden Schmerz über den Tod des eigenen Kindes so verzweifelt an das fremde geklammert, daß sie es lieber wider Recht behalten, als diesen letzten Trost und Ersatz von sich geben mochte? Freilich war auch damals ein Kind nicht in dem vollen Sinne eine Last für eine arme Witwe wie heutzutage. Ein Kind und namentlich ein Sohn war ein Kapital in dem entvölkerten Lande, und schon im kräftigeren Knabenalter konnte er Hilfe und Stütze der Mutter sein. Kinderraub war darum viel häufiger als heutzutage, Kindesmord viel seltener. Sibylle mochte den fremden Knaben immerhin aus Eigennutz behalten haben; als er erblindete, ward er ihr wohl schlechthin zur Last, doch nun verbot ihr Furcht, Trotz und Stolz zugleich, den begonnenen Frevel einzugestehen. Allein wenn man auch jedweden Tadel über Sibylle ausgoß, so konnte man ihr doch wenigstens Eigennutz nicht vorwerfen. Daher nahmen einige Männer milderen Urteiles endlich gar an, sie lebe wirklich des guten Glaubens, die rechte Mutter des fremden Kindes zu sein. Das gehäufte Elend hatte in dem fürchterlichen Kriege vielen Menschen derart die Sinne verwirrt, daß gar manchmal die Mutter ihr Kind, der Mann seine Frau weder mit dem Auge noch mit dem Herzen mehr zu erkennen vermochte. Die niedergeschmetterte Frau hatte die Kinder ausgetauscht, nicht in Wirklichkeit, sondern in der Einbildung ihres gestörten Gemütes, und diese fixe Idee hatte allmählich, wie es schien, in den nächsten Tagen nach dem Todesfall Wurzel gefaßt, dann aber ungebrochen und mit furchtbarer Widerstandskraft das Feld behauptet. Wie man aber auch das Rätsel deuten mochte: die ganze Stadt sprach der unheimlichen Frau jedenfalls das Kind ab, und die Richter waren sehr geneigt, das gleiche zu tun, konnten aber zu keinem Schlusse kommen, da alle scheinbaren juristischen Beweise, welche man beiderseits vorgebracht, doch immer wieder, näher betrachtet, in bloße psychologische und moralische Wahrscheinlichkeitsgründe zerrannen. So vergingen mehrere Jahre. Die arme Sibylle aber fühlte sich derart gefoltert von der rastlos neu herandrängenden Seelenpein des Prozesses, daß sie um einen jähen Tod würde zu Gott gefleht haben, wenn sie sich nicht für den blinden Knaben hätte erhalten wollen. Sie sah zuletzt in der Tat unheimlich aus, blaß und hager wie ein Gespenst, mit starren Augen, in welchen man lesen konnte, daß ihre Seele woanders war als ihr Blick. Sie mied alle Menschen, ging nur zur Stadt, wenn sie des Prozesses wegen mußte, und hielt den Knaben sorgsamer versteckt als je zuvor. Inzwischen hatte derselbe sein dreizehntes Lebensjahr zurückgelegt. Ostern nahte heran. Da erschien eines Tages die Sibylle Beck beim Stadtpfarrer und wollte ihm den Knaben zur Konfirmation anmelden. Der Pfarrer erklärte, so geschwind gehe das nicht; der Knabe müsse zuvor einen ordentlichen Religionsunterricht erhalten, daß er die Prüfung vor der Gemeinde bestehen könne; sie möge ihn darum nur im Herbste wiederbringen und während des Winters pünktlich zur Konfirmandenstunde führen lassen, dann könne er übers Jahr zur Konfirmation reif sein. Sibylle aber bat den Pfarrer inständigst, daß er ihren Sohn doch nur sogleich prüfe und ausfrage, er könne den Katechismus und alles übrige wie Wasser. Aus Neugierde tat ihr der Pfarrer den Willen, und die Prüfung mußte wohl besonders gut ausgefallen sein, denn nachdem er stundenlang den Knaben vorgenommen, erklärte er ihn vollkommen befähigt zur Konfirmation. Doch schwieg er von der Sache gegen andere Leute, ging aber häufig hinaus auf den Bauernhof, um den Blinden noch insbesondere vorzubereiten. Die Witwe würde das Kind ja nur mit Todesangst so oft nach der Stadt geschickt haben. So kam erst wenige Tage vor der feierlichen Handlung das Gerücht in Umlauf, der streitige Knabe solle konfirmiert werden. Es erregte großen Lärm bei der Bürgerschaft; viele meinten, man dürfe den Knaben gar nicht zur Konfirmation lassen, bevor das Gericht entschieden, als wessen Kind er zu konfirmieren sei. Der Pfarrer entgegnete, er konfirmiere den Knaben ja nicht auf sein Erblehen an der Schloßmühle, sondern auf sein Erblehen am Reiche Christi; was aber die irdischen Elternrechte betreffe, so halte er sich an den gegenwärtigen Bestand und greife dem späteren Urteile des Gerichtes in keiner Weise vor. Am Tage der öffentlichen Prüfung, die eine Woche vor der Konfirmation abgehalten wird, waren alle Kirchenbänke dicht besetzt; der regierende Graf saß mit seiner ganzen Familie im herrschaftlichen Stuhle, und sogar der Schloßmüller, obgleich er wieder stark kränkelte, hatte sich zur Kirche führen lassen. Er müsse doch sehen, sagte er, wie sein Kind konfirmiert werde. Der blinde Knabe stand als der letzte in der Reihe der Konfirmanden; die Mutter hätte gern in seiner Nähe gesessen, aber man hatte sie hinweggedrängt bis hinter den fernsten Pfeiler. Der Pfarrer begann seine Prüfung bei den obersten Schülern der Reihe nach. Da geschah es mitunter, daß einer oder der andere steckenblieb; aber der Pfarrer rief dann nur den untersten, den Blinden, auf, der wußte sogleich Bescheid und half den Sehenden wieder auf die rechten Wege. Als aber die Reihe an jenen kam, griff der Geistliche recht weit aus und fragte viel länger, schärfer und verfänglicher als bei allen anderen, ja er nahm noch einmal alle sechs Hauptstücke des lutherischen Katechismus vor, von den zehn Geboten bis zum Amt der Schlüssel und der Beichte. Der blinde Knabe hatte nicht bloß alle die vielen Sprüche und vorgeschriebenen Antworten bis aufs Tüpfelchen auswendig gelernt, sondern er wußte auch in so treuherziger Einfalt und so kindlich frommen Sinnes ganz frei von Gott und göttlichen Dingen zu reden, daß ein wahrer Aufruhr des Staunens und der Teilnahme durch alle Gemüter ging. Da sagte der Pfarrer, nun müsse die Gemeinde auch wissen, wer den Knaben so fein unterwiesen habe; das sei kein anderer gewesen als dessen arme Mutter. Und er erzählte darauf von all den schweren Opfern, welche die Frau ihr Leben lang freudig dargebracht für das Kind, namentlich aber seit es blind geworden. Als sie aber fast verzweifelt sei darüber, daß der Knabe vielleicht durch ihre Mitschuld das Augenlicht ganz verloren, und vergebens zu Gott gefleht habe, daß er's ihm wiederschenken möge, da habe sie plötzlich wunderbaren Trost in dem Gedanken geschöpft, sie müsse nun das innere Auge des Kindes um so eifriger sehend machen, je dunkler die Nacht sei, welche das äußere bedecke. So habe denn Sibylle mitten unter Arbeit, Entbehrung und Herzeleid das blinde Kind sorgsamer erzogen als die meisten reichen Leute ihre sehenden Kinder und habe es zu gar mancherlei nützlicher Kenntnis geführt, vor allem aber zum Worte Gottes und zu einem christlichen Wandel. Und in dieser Pflichterfüllung echter Mutterliebe habe sie allein die Kraft gefunden, die ungeheure Seelenpein der letztvergangenen Jahre zu ertragen. Weil sie verzweifelt sei, sich vor den Menschen als des Kindes rechte Mutter auszuweisen, so habe sie wenigstens vor Gott sich ausweisen wollen als die rechte Mutter. Die härtesten Herzen in der Gemeinde schmolzen bei diesen Worten; die Frauen weinten. Nur Sibylle stand regungslos wie eine Bildsäule im hintersten Winkel der Kirche an dem Pfeiler und blickte unter sich in das aufgeschlagene Gesangbuch; ein leises Zittern der Lippen verriet allein den Sturm der Gefühle, der durch ihre Seele ging. Als nach dem Vaterunser das Schlußlied angestimmt wurde, ließ der Graf seinen Geheimerat aus dem adligen Stuhle in den herrschaftlichen heraufrufen und sagte zu ihm: »Ich will einen Machtspruch tun. Sibylle Beckin ist die rechte Mutter!« Der Geheimerat aber erwiderte: »Gnädiger Herr, das geht nicht an; der Prozeß schwebt noch, und das Recht muß seinen Lauf haben.« Der Graf blickte ungeduldig hin und her und sann und schwieg lange. Endlich sprach er: »Nun gut! Wenn ich den Prozeß nicht zerreißen darf, so kann ich doch so gut wie irgendeiner meiner Untertanen den streitenden Parteien einen Vergleich vorschlagen.« – »Das kann der gnädige Herr ohne Zweifel«, entgegnete der Geheimerat, »und wie mir scheint, wird der Vergleich jetzt leichter zu stiften sein als vor einer Stunde.« Bei diesen Worten deutete er gegen den Pfeiler hinüber: da stand der Müller neben der Witwe und hatte ihr die Hand gegeben. Der Graf ließ die beiden nach dem Schlusse des Gottesdienstes in die Sakristei rufen. Dort sprach er zu ihnen: »Euer Prozeß wird in Ewigkeit nicht ausgefochten werden; ich möchte darum einen Vergleich stiften. Ein jedes von euch beiden soll erhalten, was es begehrt hat: Er, Meister Müller, begehrt einen Träger des Erblehens für seine Familie; Sie, Frau Beckin, begehrt ihren Sohn. Ich verspreche dem Schloßmüller mit Brief und Siegel, daß ich als Lehensherr das Erblehen auf den ersten Schwiegersohn übertragen will, welchen ihm eine seiner vier Töchter ins Haus bringen wird, doch nur unter der Bedingung, daß die Frau Sibylle Beckin von nun an auch unangefochten ihren blinden Knaben behalte. Da aber ein vaterloses Kind schon schlimm genug daran ist, wenn es seine beiden Augen hat, wieviel mehr, wenn es blind durch die Welt laufen muß, so bitte ich mir aus, von nun an Vaterstelle an dem Blinden vertreten zu dürfen. Ich hoffe, die Mutter wird sich nicht auch vor meinen väterlichen Ansprüchen fürchten, denn der Himmel hat uns bekanntlich schon längst mit einem Erbgrafen gesegnet.« Beide Parteien sagten nicht nein, aber es dauerte auch lange, bis sie die Sprache finden konnten, um ja zu sagen und unter Tränen zu danken. Beim Heimgehen zupfte der Geheimerat den Pfarrer am Rock und fragte ihn leise, ob er denn wirklich glaube, daß Sibylle des Kindes leibliche Mutter sei. Der Pfarrer erwiderte: »Herr Geheimerat, das ist ein sonderbares Ding. Mit der Selbstgewißheit der rein leiblichen Mutterschaft steht es bei den Menschen im Grunde nicht besser als bei den Hunden und Katzen und anderem Vieh. Wenn wir nicht zufällig auch mit dem Herzen Vater und Mutter sein könnten, so würden unsere Mütter wohl auch nur gerade so lange ihre leiblichen Kinder kennen wie die Katze ihre Jungen. Indem wir aber das Kind in unsere Seele als Eigentum aufnehmen, bleibt es unser Kind fürs ganze Leben, ja übers Grab hinaus. Wie es mit dem Mutterrechte dieser Frau im impertinent natürlichen Sinne des Wortes steht, das müsset Ihr unsere Advokaten fragen, die haben ja schon jahrelang darüber nachgeforscht, ich weiß es nicht. Dies aber weiß ich, daß sie das Kind mit wahrer Heldenkraft in ihre Seele als Eigentum aufgenommen hat, und also lebe und sterbe ich auch des festen Glaubens, daß sie die rechte Mutter sei.« Rokokozeit Fürst und Kanzler 1879 I. Vormittags halb zwölf Uhr pflegte Markgraf Philipp Mittagstafel zu halten nach gut altbürgerlicher Sitte. Aber wenn die Tafel früh anfing, dann dauerte sie dafür auch um so länger. »Meine Gäste sollen satt werden, und dazu braucht man Zeit. Ich verachte jene neumodischen französischen Diners, bei welchen so geschwind aufgetragen wird, daß der kluge Gast sich vorher zu Hause satt ißt, damit er Kraft gewinnt, um sich hinterdrein an seines gnädigen Herrn Tische satt hungern zu können.« So dachte und sagte der Fürst. Vielerlei Schüsseln wurden nicht gegeben, aber auf denselben lag ungeheuer viel, lauter nahrhafte Kraftspeisen. Die Gänge folgten sich nach langen Pausen, die Pausen füllte man dann durch Trinken aus. Jeder Wochentag besaß sein regelmäßig wiederkehrendes Menü, welches nur zu Lichtmeß, Georgi, Michaeli und Martini wechselte, nach der Jahreszeit. Heute, am 1. Dezember 1660, hatte die Hoftafel mit einer Erbsensuppe mit Leberklößen und Speck begonnen und mit einem Dessert von Wildschweinbraten und Sauerkraut, welches mit Äpfeln und Birnen garniert war, geschlossen. Die Tafel dauerte übrigens diesmal nicht so lange wie gewöhnlich, kaum vierthalb Stunden. Denn der Markgraf brannte darauf, ein Schauspiel zu sehen, das er, zur Beförderung der Verdauung, auf drei Uhr befohlen hatte. Im Binnenhofe des Schlosses sollte ein Kampf zwischen vier Wölfen und einem riesigen Bären stattfinden. Man brauchte diese Bestien nicht weit herzuholen; sie hausten noch rings um die Residenz in dem vom Dreißigjährigen Kriege entvölkerten Lande. Nicht nur der ganze Hof bis zum Hundejungen abwärts war zum Zuschauen geladen, sondern auch viele Bürger und Bauern mit ihren Frauen und Töchtern. »Wenn ich eine Freude habe, dann sollen auch meine Untertanen vergnügt sein«, pflegte der Fürst zu sagen, und man nannte ihn einen leutseligen Herrn. Doch genossen die Untertanen seine Leutseligkeit lieber aus einiger Entfernung und fürchteten den gnädigen Herrn ebensosehr, als sie den gestrengen Herrn liebten. Der Binnenhof war im Viereck von Gebäuden umschlossen, deren Fronten nach alter Art durch alle Stockwerke mit säulengetragenen Umgängen und Loggien geziert waren. Schlag drei Uhr erschien der Markgraf mit Gemahlin und Gefolge unter Trompetengeschmetter und Paukenwirbel in der Mittelloge des ersten Stockes und überblickte vergnügt grüßend die bunte, wimmelnde Menge der schaulustigen Gäste. Zu gleicher Zeit wurde der Bär und dann die Wölfe in den fest abgeschlossenen Hof gejagt. In der Mitte des Hofes aber stand ein großer, dicht vergitterter eiserner Käfig, an Gestalt einer aufrechtstehenden Tonne ähnlich, und in demselben saß der Hofnarr. Da er das Narrenvorrecht hatte, den Fürsten »Euer Liebden« und »Herr Vetter« zu nennen, so war ihm dieser beste Platz, die »grillierte Hofloge«, wie der Fürst bemerkte, angewiesen worden. Der Bär blickte anfangs ganz ruhig ringsum, als gehöre er zu den Zuschauern; auch die Wölfe wollten nicht anpacken und wären augenscheinlich lieber feig davongelaufen. Der Narr verhöhnte sie mit schlechten Witzen, die von den Galerien bejubelt wurden. Endlich aber kam dem größten Wolfe doch der Zorn; in gewaltigen Sätzen sprang er vor, nicht gegen den Bären, sondern gegen den Käfig, stieß ihn um und warf sich in schäumender Wut darüber, vergebens bemüht, seine Krallen durch die Lücken zu schlagen und die Eisenstäbe zu durchbeißen. Im Nu waren nun auch die drei anderen Wölfe zur Hand und fielen gleich grimmig über den Käfig her, den sie bald ganz bedeckten, bald weit von sich stießen, daß er ins Rollen kam. Da erhob sich auch der Bär. Er schritt gemessen herzu, packte einen Wolf, hob sich auf die Hinterbeine und umarmte denselben so fest und innig, daß ihm alle Rippen krachten; dann warf er ihn auf den Käfig, wo das Tier in wenigen Minuten verendete. Aber der größte der Wölfe war inzwischen an dem Bären hinangesprungen und hatte sich in seinem rechten Ohre festgebissen; der Bär konnte ihn nicht abwerfen und wälzte sich mit ihm über den Käfig, wo dann auch die beiden anderen Wölfe über den gemeinsamen Feind herfielen, so daß sich alle zu einem Knäuel zusammenballten. Und inmitten dieses Knäuels wurde der arme Narr hin- und hergewälzt und hatte die Krallen und Zähne und den heißen Atem der Bestien fort und fort vor dem Gesicht und schrie markdurchschneidend: »Herr Vetter! Ich will aussteigen!« und heulte vor Angst ärger als die Wölfe. Aber die Zuschauer antworteten nur mit donnerndem Gelächter, und der Mann in der grillierten Loge mußte standhalten, bis der Bär auch noch einen zweiten Wolf vor seinen Augen erdrückt und die beiden letzten mit wuchtiger Tatze blutig in die Flucht geschlagen hatte, daß sie sich wimmernd in den Ecken verkrochen, übrigens hatte auch Petz ein Ohr verloren und blutete aus vielen Wunden. Unter dem erneuten Angstgeschrei des Narren schoß dann ein Jägerbursch die geschlagenen Wölfe nieder, und der siegreiche Bär wurde mit vieler Mühe und Gefahr in seinen Zwinger zurückgejagt, wo er – gleich anderen Siegern – im Gefühle seines Triumphes schwelgen konnte, während er seine brennenden Wunden leckte und seinen Kopf vergebens nach dem verlorenen Ohre schüttelte. Nun erst gelang es, auch den armen Narren aus der Loge zu befreien. Unverletzt, aber mit Staub bedeckt und vom Blut der Tiere besudelt, taumelte er gegen den Platz des Markgrafen. Er wollte sich verbeugen, fiel jedoch der Länge nach zu Boden und rief dann, sich aufraffend, mit veratmender Stimme: »Euer Liebden! Es geht nichts über einen gesunden Schrecken. Aber, Herr Vetter, der Spaß war doch zu grob!« »So wollen wir ihn feiner machen, Herr Vetter!« entgegnete der Markgraf. »Holt Euch nachher zehn Gulden Schmerzensgeld bei unserem Schatullrechner.« »Noch etwas feiner!« bat der Narr. »Und fünf Maß Wein beim Kellermeister wider den Staub, den die fünf Bestien Euch in die Kehle gejagt haben.« »Immer feiner! immer feiner!« drängte der Narr, der wieder ganz Narr geworden war. Der Fürst blickte eine Welle im Kreise umher; jetzt hatte sein Auge das gesuchte Ziel gefunden, und er rief mit erhobener Stimme: »Jenes alte Weib dort an der dritten Säule, die Annemarie, kann sich gleichfalls zehn – nein! – kann sich zwanzig Gulden holen! Und damit Punktum! Jetzt ist der Spaß fein genug.« Die armselig gekleidete Bauernfrau war wie vom Donner gerührt und wurde kreideweiß vor Schrecken über die unverhoffte Gnade, und die anderen Leute sahen sich verwundert an und steckten flüsternd die Köpfe zusammen. Denn niemand kannte das Weib. Nach einigen Minuten drängte sie sich gegen den Sitz des Fürsten und sprach: »Verzeihung, gnädiger Herr! Ich habe nicht gewußt, daß jener arme Wandersmann unser Herr Markgraf selber sei, der vorige Woche in meinem Häuschen einsprach.« »Annemarie! Das Wasser und Brot, womit Sie mich gelabt hat, schmeckt mir heute noch. Darum nehme Sie das kleine Geschenk für die freundliche Bewirtung.« So sprach der Fürst. Dann wandte er sich zu seiner Gemahlin: »Hungrig und durstig bat ich diese Frau um eine Milchsuppe, aber sie konnte mir nur Wasser geben und ein Stück Brot, weil ihr die Wölfe die einzige Kuh zerrissen hatten. Ich ließ sie darum heute zur Hetze einladen, damit sie sehe, wie man's den Wölfen macht. Sie hat mir auch von zweibeinigen Wölfen erzählt«, fügte er leise hinzu, »und das habe ich mir hinters Ohr geschrieben.« Der ganze Hof, die Dienerschaft, die Bürger, ja sogar die Bauern waren gerührt von dem volksfreundlichen Wesen des Fürsten; am gerührtesten aber war doch die schöne Eleonore, des Kanzlers Tochter. »Unser gnädiger Herr«, sprach sie zu ihrem Vater, »ist der Kalif des morgenländischen Märchens, der verkleidet die Sorgen und Wünsche seines Volkes erlauscht.« »Wenn er nur auch anderswo, wenn er nur immer und überall Kalif wäre!« brummte der Kanzler in den Bart. Sehr erbaut und vergnügt verließ die bunte Menschenschar den Schloßhof, vergnügt über den groben Anfang und erbaut vom feinen Schluß des herrlichen Spaßes, der ihr obendrein kein Geld gekostet hatte. II. Am Abend des 3. Dezember sollte im Hause des Kanzlers eine französische Komödie gespielt werden: Sganarelle oder der Hahnrei in der Einbildung, verdeutscht von M. Christoph Holzbauer. Die Darsteller waren sämtlich Herren und Damen des Hofes, und der Markgraf hatte trotz seiner Abneigung gegen alles Französische zu erscheinen versprochen, um die unerhörte Neuerung eines Liebhabertheaters anzusehen. Vielleicht fand er denn doch Geschmack daran, und der Kanzler hätte seinen Herrn so gern zu etwas besserem Geschmack emporgehoben. Es gab keine größeren Gegensätze als den Fürsten und seinen ersten Diener, den Kanzler Jakob von Staffel. Aber gerade deshalb bedurfte der Herr dieses Dieners, der ihm alles bot, was ihm selber fehlte. Der Markgraf war ein derber Haudegen und Weidmann, der viel erlebt und wenig gelernt hatte. Stolz auf seine Fürstenwürde von Gottes Gnaden, verschmähte er Prunk und Glanz, weil er dergleichen Flitter gar nicht nötig zu haben glaubte. Er lobte die schlichten, guten alten Zeiten; kein Bürger war ihm bürgerlich, kein Bauer bäuerlich genug, und um mit gutem Beispiel voranzugehen, trug er Sonntags einen Rock, den ein Schuster nur am Werktag getragen haben würde. In der Regel geizig, verschwendete er, wenn ihn einmal die Laune ankam, über alles Maß. Sein Schloß war noch eine Burg des sechzehnten Jahrhunderts, die auf steilen Felsen über der Residenzstadt thronte. Herr von Staffel dagegen, der Kanzler, hatte sich ein neues Haus im italienischen Stil unten am Flusse gebaut und mit aller modischen Eleganz ausgestattet. Vornehm in seinem ganzen Wesen, besaß er Geld genug, um vornehm sein zu können, und er mußte recht vornehm sein, denn er war eben doch nur ein Parvenü. Während des Dreißigjährigen Krieges verkamen und versanken die reichsten Geschlechter; aber es stiegen auch geringe Leute aus der Tiefe empor. Zu diesen gehörte der Vater des Kanzlers; er war reich geworden und hatte vom Kaiser den Adel und das Ritterlehen Staffel erhalten, nach welchem er sich fortan nannte, seinen bürgerlichen Namen der Vergessenheit übergebend. Der Sohn hatte nicht nur viel ererbt und das Erbe gewahrt und gemehrt, sondern auch viel gelernt. Er war ein gründlicher Kenner des Römischen Rechts und ein gewiegter Diplomat, weit gereist, schön und stattlich von Gestalt, gewandt in ritterlichen Künsten. Lebte der Fürst wie ein Bürger, dann lebte der Kanzler wie ein kleiner Fürst – doch mit Maß und Vorsicht! Denn er berechnete genau, wie weit er gehen dürfe, um den Zorn seines Herrn nicht zu reizen. Die Menschen begannen damals wieder fröhlich zu werden nach den langen Jahren des Blutes und Jammers. Zwar wucherte noch immer Gras auf so mancher Stätte, wo früher ein Haus gestanden, und Buschwerk und Gestrüpp, wo früher Reben geblüht und Ähren gewogt hatten. Allein ein neues Geschlecht wuchs heran, das wieder frisch und tapfer zu leben und zu genießen sich ermannte; die Erinnerung der entsetzlichen Kriegszeit zerrann wie die Nebel der Nacht in der Morgensonne. Menschen und Völker lernen so leicht vergessen. Es ist eine der gnädigsten Gaben Gottes, daß wir so leicht vergessen können, und je älter wir werden, desto geschwinder lernen wir diese tröstliche Kunst, und haben wir sie ausgelernt, dann werden wir selber vergessen. Die Menschen begannen wieder fröhlich zu werden, und also freuten sich auch die Residenzstädter, daß sie jetzt eigentlich zwei Schlösser in dem neu aufblühenden Städtchen hatten: das turmreiche alte Fürstenschloß oben auf dem Felsen und das neumodisch zierliche Schlößchen des Kanzlers unten am Flusse, und daß oben Bären gehetzt und unten Komödien gespielt wurden. Aber bei den Komödien durften nur Standespersonen zuschauen, wie Standespersonen spielten, während das gemeine Volk höchstens das Haus von außen umwogte und – bei zehn Grad Kälte – stundenlang zu den geschlossenen Fensterläden aufblickte, wobei man zwar nicht viel sah, aber sich um so mehr denken konnte. III. Die Bühne war im großen Saale des Mittelbaues aufgeschlagen. Zur Rechten und Linken vor dem Podium saßen die geladenen Herren und Damen; in der Mitte standen zwei Sessel für den Markgrafen und seine Gemahlin, die Frau von Leuwarden; denn sie war ihm nur zur linken Hand angetraut. Ein kleines Orchester, des Kanzlers Hauskapelle, hatte seinen Platz im Hintergrunde. Es bestand aus einem Cembalo, einer Laute, drei Geigen und einem Kontrabaß; der Cembalist, welcher das Ganze dirigierte, war zugleich Schreiber, der Lautenist Gärtner, die drei Geiger Bedienten und der Kontrabassist Hausknecht. Der Markgraf hätte den Kanzler beneiden können um sein Orchester; denn die ganze fürstliche Hofmusik bestand nur aus drei Trompetern und einem Pauker, die zugleich auf der Jagd und im Stalle dienten. Allein der Fürst sah vielmehr mitleidig auf den schlechten Geschmack des Kanzlers herab und hielt eine Fanfare und ein Jagdsignal für die einzige wahrhaft herrschaftliche Musik. Die Ankunft des hohen Herrn war auf sieben Uhr angesagt. Es wurde halb acht, es wurde acht Uhr, und er kam nicht. Die ganze Gesellschaft schwebte in wachsender Spannung. Es mußte etwas ganz Unerhörtes vorgefallen sein: denn der Fürst war so pünktlich, ja oft pünktlicher wie die große Schloßuhr. Endlich meldete ein Diener, daß die Durchlaucht komme. Der Kanzler eilte, von zwei Fackelträgern gefolgt, die Treppe hinab, den Herrn zu empfangen: – doch dieser kam allein, im Werktagsrock, nur von einem Geheimschreiber begleitet. Als ihn der Kanzler mit tiefen Verbeugungen begrüßen wollte, faßte er denselben sehr unsanft mit der rechten Hand und führte ihn wortlos, aber mit zornfunkelnden Augen im Sturmschritt die Treppe hinauf. Das Orchester stimmte im Momente des Eintritts die Ouvertüre an. Doch der Fürst rief mit Donnerstimme: »Stille sein!«, und die armen Musikanten brachen erschreckt mit einem Quintsextenakkorde ab, der nun unaufgelöst in der Luft hängenblieb und -bleiben wird bis zum Jüngsten Tag, wo sich alle Dissonanzen auflösen. Der Fürst hielt den Kanzler noch immer fest am Arm, als fürchte er, daß ihm der Mann entrinnen möge. »Jakob von Staffel!« rief er und sah ihm scharf ins Auge, »Ihr seid mein Kanzler nicht mehr. Ihr seid von Stund an abgesetzt!« Ruhig entgegnete jener: »Wenn Eure Durchlaucht meiner Dienste nicht mehr bedürfen, so gehe ich gern. Doch hätte ein alter, treuer Diener die Entlassung wohl in etwas gnädigerer Form erwarten dürfen.« »Ein treuer Diener?« wiederholte der Markgraf. »Seit einer Stunde kenne ich Eure Treue! – Habt Ihr diese Briefe geschrieben?«, und er rief den Geheimschreiber herbei, der eine Mappe überreichte. Der Kanzler musterte den Inhalt mit raschem Blick und erblaßte. »Ich habe sie geschrieben!« sprach er gebrochenen Tones. »Nun! dann habt Ihr insgeheim Verrat gesponnen gegen mich, der ich Euch mit höchster Huld fortwährend überschüttete. Und öffentlich verkünde ich selbst Euch darum hier in Eurem eigenen Hause den Lohn dieses Verrats. Ihr seid abgesetzt, Ihr sollt all Eurer Ehren, Ihr sollt Eures Adels verlustig werden. Jakob Staffel! Auf offenem Markte wird der Henker Euch den Degen zerbrechen und die Stücke vor die Füße werfen!« »Amen!« rief eine Stimme im Hintergrund. Eine lange Pause folgte, – tiefste Stille. Alle blickten staunend umher. »Wer sprach das Wort?« fragte endlich der Fürst langsam und leise. – Keiner antwortete. – »Wer sprach das Wort?« wiederholte er, nun ganz heftig und überlaut. Da trat einer der Musikanten vor, die Geige in der Hand, und antwortete: »Ich habe es gesprochen. Ich betete im stillen ein Vaterunser, wie man's beim Gewitter tun soll, und da fuhren mir die Worte – vergib uns unsre Schuld – und – Amen – wider Willen etwas laut heraus.« Des Markgrafen Auge maß den Verwegenen von Kopf bis zu Fuß. Er wollte seine Frechheit züchtigen und fühlte sich doch ergriffen von seinen Worten. »Du spielst Komödie mit mir! Du bist nicht so dumm, wie du aussiehst!« rief er und dann – fragend im Kreise umblickend –: »Wer ist der Mann?« Der Cembalist und Kapellmeister antwortete: »Durchlaucht, es ist unser Kalikant, auch Geiger bei der dritten Violine; er schreibt sich Martin Schwarz.« »Weiter! weiter! Ich will Genaueres von dem Manne wissen.« »Wann er spielt, dann greift er nicht rein, und wann er pausiert, verzählt er sich in der Regel. Darum ist er nur im Forte zu gebrauchen bei den großartigen und erhabenen Stellen, übrigens steht er erst seit vierzehn Tagen in unseren Diensten.« Als der Markgraf den schlechten Geiger, der eine schlechtere Livree trug wie seine Kameraden und doch feiner aussah als alle miteinander, noch etwas genauer musterte, blitzte ihm der Gedanke auf, daß er dieses Gesicht schon einmal gesehen habe, aber ganz woanders, in ganz anderer Maske. Er sann und sann und konnte sich doch des genaueren nicht entsinnen. »Ich will noch mehr von diesem Martin Schwarz wissen!« rief er dann nach langer Pause. Der Cembalist fuhr fort: »Wir nennen ihn den Philosophen, weil er so gar viel schwatzt. Könnte man mit dem Mund geigen, dann wäre er der Orpheus der Violine. Ich widersprach seiner Anstellung, und er wurde auch nur als Kalikant und unterster Bedienter auf wöchentliche Kündigung genommen, weil er etwas von der Geigenmacherei versteht und bei Veit Eberwein zu Augsburg in die Lehre gegangen ist. Und was das Notenauflegen, Lichterputzen und Saitenaufziehen betrifft, so kann er in diesen Stücken wohl für einen tüchtigen Musiker gelten. Bei Tafel serviert er schlecht und wird also auch da nur im großen Tutti verwendet.« Der Fürst wandte sich zum Kanzler. »Ihr kennt diesen Mann genauer. Wer ist er? Warum nahmt Ihr ihn in Dienst?« Allein der Angeredete gab keine Antwort. Er hatte die Frage gar nicht vernommen und starrte schweigend vor sich hin, geistesabwesend. »Herr von Staffel hat niemals ein Wort mit mir gesprochen und kennt mich gar nicht«, erläuterte der Kalikant. »Sein Haushofmeister nahm mich in Dienst. Herr von Staffel–« »Jakob Staffel wird bald genug kein ›Herr von‹ mehr sein –«, unterbrach ihn der Fürst. »Nun, dann wird er vielleicht einmal Freiherr«, brummte der Kalikant ganz leise in den Bart. Doch hatte ihn des Fürsten scharfes Ohr verstanden. »Was willst du Unverschämter mit diesem Worte sagen?« Schwarz erschrak, faßte sich aber augenblicklich und entgegnete mit einer gewissen schalkhaften Anmut: »Meine Zunge, ist wieder einmal mit meinen Gedanken durchgegangen wie eine zu geschwind gespielte Triolenpassage. Durchlaucht! es steckt nicht viel hinter diesen Gedanken. Wenn es mir gut geht, dann denke ich immer, es geht mir doch viel besser, als ich verdient habe. Geht es mir schlecht, dann denke ich, es ist doch besser, als ob's noch einmal so schlecht wäre. Geht es mir aber ganz schlecht, dann bilde ich mir das Allerbeste ein, was nur jemals in Zukunft kommen könnte, und vergnüge mich in diesem Traumbild und suche es zu erjagen, ja ich rede mir vor, daß ich's schon erjagt hätte. Und obgleich ich dieses vorausgegriffene Ziel niemals ganz erreiche, so erreiche ich doch immer etwas Gutes und bleibe in mir selbst vergnügt. Wenn man mir also den ›Herrn von‹ nähme, so würde ich mir zum Troste einbilden, daß ich demnächst Baron würde, ja daß ich bereits Graf geworden sei. Das ist meine ganze Weisheit, die ich immer predige, und darum nennen mich meine Kameraden den Philosophen.« »Diese Weisheit hat dich aber – nach allem Anscheine – bis jetzt noch nicht besonders weit gebracht«, erwiderte der Markgraf, »und zunächst bringt sie dich in Arrest. Man führe diesen Mann auf die Wache!« Zugleich kündigte er dem Kanzler an, daß auch er sich aufs Schloß in Haft zu begeben habe. »Ich gehorche«, sprach der unglückliche Mann. »Aber Eure Durchlaucht werden mich nicht ungehört verdammen. Der Schein spricht gegen mich; ich mag zu unrechten Mitteln gegriffen haben, doch der Zweck war gut, und wenn ich fehlte, dann habe ich aus Treue und Hingebung für meinen gnädigen Herrn gefehlt.« Der Fürst, welcher beim Gespräch mit dem Kalikanten ruhiger geworden war und bereits klarer zu prüfen, milder zu empfinden begonnen hatte, geriet bei diesen Worten wieder in volle Wut. »Treue und Hingebung! Euch mit meinen Feinden verschwören, die auf meinen Tod lauern, – heißt das Treue? Die Aufträge, die ich Euch, meinem vertrautesten Diener, gab, unterschlagen, meinen Wunsch und Willen hintertreiben, – heißt das Hingebung?« Eleonore, die Tochter des Kanzlers, fiel dem Fürsten zu Füßen. Ihre Jugend und Schönheit mußte ihn ja rühren. Sie trug das phantastisch reiche Kleid, in welchem sie hatte Komödie spielen sollen, und die festlichen Kerzen blitzten so hell in die Tränen ihres bleichen Angesichts. Der ungeheure Gegensatz von Glück und Ehre und Festesjubel und Jammer und Schmach und Schande, vom Trauerspiel, welches ins Lustspiel hereingebrochen war, – das alles lag ja ausgesprochen in diesem dahinsinkenden Mädchenbilde, so herzbrechend, weil es so anmutvoll, so schaurig, weil es so lieblich war. Sie konnte nicht sprechen und flehte doch um Gnade, daß kein anderer hätte widerstehen können. Der Fürst hob sie sanft empor, führte sie einer nahe stehenden Dame in die Arme und sprach: »Frau von Gronau, ich vertraue Euch dieses mutterlose Mädchen an, dem heute auch der Vater verlorengeht. Denn der falsche und ungetreue Knecht muß seinen verdienten Lohn empfangen.« Dem armen Kinde ward es dunkel vor den Augen. Da hörte sie dicht hinter sich in wundersam ergreifendem, leisem Tone die Worte: »Seid getrost! Es wird sich alles wenden.« Sie blickte auf, wie neu belebt. Doch als sie erkannte, wer das Wort gesprochen, brach sie ohnmächtig zusammen. Es war ja nur der Bediente, der Kalikant gewesen, den man eben auf die Wache führte. IV. Ein Fürst kann tun, was er will; aber er soll nur wollen, was recht und gut ist. In diesen zwei Sätzen bestand Markgraf Philipps ganzes Staatsrecht, Völkerrecht und Politik. Hätte ihm einer die jeweilige Anwendung des zweiten Satzes kritisieren wollen, so würde er das sehr impertinent gefunden haben. Dergleichen wollte er nur mit sich und seinem Herrgott allein abmachen. Die Geschicke der Menschen und seines Volkes gingen ihm überall viel zu lahm und methodisch, sofern er nicht selber hineingriff wie ein Zauberer, wie ein Gott, der plötzlich Freud in Leid und Leid in Freud wandelt. Und das tat er oft genug. Doch einmal vor Jahren war er mit dieser Göttermacht unversehens einer noch mächtigeren Gewalt verfallen, die selbst Fürsten beugt und inwendig umkehrt, – der Liebe. Wir müssen zu dieser Geschichte zurückgreifen. Im Frühling 1653 hatte der Markgraf die damals beliebte Fürstentour nach Holland gemacht unter dem Inkognito eines Generals von Wildenrott und befand sich am Ostertage im Haag. Die Stadt prangte im Festschmuck, die Straßen wimmelten von fröhlichen Menschen, und brausender Jubel durchwogte nachmittags die Luft, Gesang und Musik, Kanonendonner und Glockengeläute. Admiral Tromp war heimgekehrt nach dem großen Siegeszug des Winters gegen die englische Flotte. Als er ausfuhr, hatte er einen Besen an seinen Hauptmast genagelt, zum Zeichen, daß er den Kanal rein fegen wolle von Engländern, und er hatte ihn rein gefegt. Dem Markgrafen ward es zu bunt in der ausgelassenen Stadt, und er ging ganz allein hinaus nach Scheveningen auf die einsamen Dünen und schaute auf das leis heranrauschende unendliche Meer. Der Wind wuchs und trieb zerrissene Regenwolken herüber, und durch die Wolken brach dann wieder wechselnd heller Sonnenschein. Die braune Flut wogte stärker heran über das Watt, und ganz ferne, wo Meer und Himmel sich verband, glänzte ein langer weißer Lichtstreif; vorn schwarze Wolkenschatten und hinten, unabsehbar weit, die blaue Luft und der leuchtende Silberschein. Gespenstisch, grau und formlos zogen Schiffe, pfeilschnell segelnd, dort vorbei. Die Möwen strichen kreischend vorn durch Regen und Wogenschaum; aber rückwärts übers Land strahlte wiederum die Sonne, und die Wiesen glänzten goldig-grün, und zahllose Lerchen jubelten so laut und vollchörig in der Luft, wie es der Markgraf nie gehört, und übersangen das weither hallende Glockengeläute. Es war Ostern überall, Ostern auf dem Meer, auf dem Lande, in der Luft und in den Herzen der Menschen. Da sah der Markgraf ein Mädchen in Trauerkleidern ganz einsam seitab an der Düne sitzen. Er trat unvermerkt hinzu. Sie starrte weinend und schluchzend auf das Meer. »Was betrübt dich so sehr?« fragte er endlich, nachdem er sie lange schweigend betrachtet hatte. Das Mädchen fuhr auf; doch faßte es sich bald und erzählte: »Mein Vater, Kapitän Cornelius van Leuwarden, ist vergangenen Herbst ausgefahren mit Admiral Tromp. Die Flotte kehrte siegreich heim, aber der Vater ist nicht wiedergekommen; vor der Themse, auf der Höhe des Sieges, ist er gefallen.« Die junge Holländerin war so schön, der letzte Wolkenschatten schwand eben vor der Sonne, die Welt ward wieder so schön, Ostern war überall, und das arme Mädchen sah nur das unendliche, unbarmherzige Meer, welches kommt und geht, rastlos verschwindet und dennoch bleibt, wie die Zeit in der Ewigkeit, und nicht wiedergibt, was es sich genommen hat. Der Fürst sprach Worte des Trostes und wußte selbst nicht, was er sprach. Des anderen Morgens besuchte er die reizende Waise. Sie wohnte im Haag; sie stand so ganz allein in der Welt, vater- und mutterlos. Er führte sich als General von Wildenrott ein und rührte das Mädchen durch seine warme Teilnahme, die wirklich von Herzen kam. Sie mußte ihm so viel von ihren Schicksalen erzählen, daß er notwendig am nächsten Tage wiederkommen mußte; denn er war mit Fragen noch lange nicht fertig geworden. So kam er denn auch wieder Tag für Tag, immer fragend und tröstend, und tröstete so lange, bis sein Mitleid zur Leidenschaft wurde, seine Tröstung zur Liebe. Bei dem Mädchen aber wurde der Dank zur Liebe und dann die Liebe zur Leidenschaft. Da endlich gestand der Markgraf, wer er sei. Es kam zu schweren Kämpfen. Aber der Fürst war fest entschlossen. Konnte er nicht tun, was er wollte? und wollte er nicht, was gut und recht war? Er wollte Johanna zu sich emporheben, er wollte sie heiraten, – sofort hier im Haag. Und er tat es. Freilich, sein Reiseaufenthalt verlängerte sich über den Vorbereitungen um Monate. Allein durch Vermittelung seines Kanzlers, des Herrn von Staffel, den er allein ins Vertrauen zog, ließ er die nötigen Dokumente beschaffen und ward am Adventssonntage 1653 mit Johanna als Frau von Leuwarden vor Zeugen zur linken Hand getraut und kehrte mit seiner jungen Frau und einem ordnungsmäßigen Trauschein zu seinen überraschten Untertanen zurück. Ob die Untertanen beglückt waren durch seine Heirat, danach fragte er nicht. Wer fragt auch viel, ob andere Leute beglückt sind, wenn wir uns verheiraten? Die Ehegatten liebten sich wahrhaft und dauernd. Aber gerade deshalb fehlte dem Markgrafen doch eines zum vollen Glücke: er wollte seine Frau zur Ebenbürtigkeit erheben und von Kaiser und Reich als Markgräfin Johanna anerkannt sehen. Er wollte es um so mehr, da sie feinfühlend genug war, ihn durchaus nicht dazu zu drängen. Sollte er gerade diesmal nicht können, was er wollte? Nach zwei Jahren gebar Johanna einen Sohn. Nun wuchs der Wunsch des Markgrafen zum festen Entschluß: dieser Sohn mußte sein Nachfolger auf dem Throne werden als Philipp II. Mit der ganzen Kraft seines eisernen Willens suchte er fortan die Standeserhöhung von Mutter und Kind zu erzwingen, um so mehr, da sonst mit seinem Tode die ältere markgräfliche Linie ausgestorben und sein Vetter Konrad von der jüngeren, bloß gräflichen Linie zur Erbfolge gelangt wäre. Dieser Konrad war ihm ohnedies von Grund der Seele zuwider, so zuwider wie die ganze höchst fruchtbare jüngere Linie. Er wußte, daß der angenehme Vetter bereits auf seinen Tod warte, und haßte ihn darum so gründlich, wie man nur einen Vetter hassen kann, dem man zu lange lebt. Auf Anraten des Kanzlers ließ er durch einen Leydener Professor eine Denkschrift ausarbeiten, worin bewiesen war, daß Johanna von den alten Dynasten von Leuwarden abstamme und also von Haus aus den hohen Adel besitze, der nur etliche Jahrhunderte geruht habe. Die Schrift war fünfhundert Folioseiten stark, lateinisch geschrieben, mit vielen Zitaten und wenig gesundem Menschenverstand ausgestattet, durch zahlreiche Urkunden bekräftigt, die alle echt waren, aber alle nicht hierher paßten, und konnte also für sehr gelehrt gelten. Sie hatte dreitausend holländische Gulden gekostet; denn der Holländer arbeitete gut, aber etwas teuer. Vetter Konrad ließ gegen den wuchtigen Folianten ein jämmerlich dünnes Heftchen ausgehen, welches in elegantem Französisch mit vielem Scharfsinn und zwischendurch mit seinem Witze bewies, daß Johanna van Leuwarden nicht einmal zum niederen Adel gehöre, sondern einfach die Tochter eines bürgerlichen Herrn Cornelius aus der bekannten Stadt Leuwarden in Friesland sei. Niemand konnte den Verfasser des unbequemen Pamphlets erraten; allein er mußte mit dem markgräflichen Hofe genau bekannt sein. Das zeigten allerlei satirische Anspielungen. Der Kanzler wurde nach Wien geschickt, um Kaiser Ferdinand III. die Sache klarzumachen. Der Kaiser sprach aber nur spanisch, welches Herr von Staffel nur mäßig verstand, weshalb er nicht viel ausrichtete. Als dann der alte Ferdinand gestorben war, reiste der Markgraf persönlich zu dem jungen Leopold I. Da aber dieser Kaiser bei Hofe nur lateinisch sprach, welches der Markgraf gar nicht verstand, so richtete er noch weniger aus wie sein Kanzler. Von befreundeter Seite war dem Markgrafen geraten worden, das Gutachten einer deutschen Juristenfakultät einzuholen, da diese doch vielleicht die Deduktion des Leydener Professors bestätigen könne. Der Kanzler widerriet den Schritt als nutzlos. Gegen seinen Willen ließ der Fürst dennoch ein solches Gutachten auf der Universität Leipzig fordern. Leider war es wieder lateinisch, und so konnte sich der Markgraf nur vom Kanzler über den Inhalt berichten lassen, ohne das Aktenstück selber zu lesen. Der erste Teil widerlegte die Ansprüche Johannens auf dynastische Vorfahren noch weit schärfer, als es der französische Pamphletist getan. Der Kanzler gab diese Kritik schonungslos und sehr ausführlich, und der Fürst geriet darüber in so hellen Zorn, daß er gar nicht weiter hören wollte. Vergebens versuchte Herr von Staffel mehrmals auch zu einem kurzen Referat über den zweiten Teil anzusetzen, aber der Fürst hieß ihn jedesmal schweigen, schimpfte über die Leipziger und sämtliche deutsche Professoren und befahl, daß das miserable Gutachten in den hintersten Winkel des Archivs gelegt werde, damit es ihm niemals wieder vor Augen komme. Der Kanzler schien diesem Befehl nicht ungern zu folgen und gewann noch obendrein das Lob seines Herrn, daß er von Anbeginn die Befragung einer Fakultät widerraten habe. Mitunter beschlichen freilich den Markgrafen leise Zweifel, ob der Kanzler denn wirklich den rechten Eifer für diese wichtige Sache besitze, ja ob er ganz ehrlich dabei verfahre. Allein ebenso eigensinnig heftig in Gunst und Vertrauen wie gegenteils in Ungunst und Mißtrauen, unterdrückte er diese Zweifel. Jakob von Staffel stand noch in seiner vollen Gunst. Er hätte aber doch gerechten Grund zum Mißtrauen gehabt. Seit längerer Zeit war eine große Wandlung in der Seele des Kanzlers vorgegangen. Anfangs hatte er Frau von Leuwarden verehrt, ja er hatte geschwärmt für die treffliche, liebenswerte Frau. Das Volk nannte Johanna den guten Geist des Fürsten, und sie war es auch. Sie milderte sein rauhes, gewalttätiges Wesen; und wenn er fortan in seltsamer Mischung zugleich Despot und Freund seines Volkes ward, wenn man seine stille Gutherzigkeit in gleichem Maße rühmte, als man seinen lauten Zorn fürchtete, so gebührte wenigstens die Hälfte jenes Ruhmes dem adelnden Einfluß der bürgerlichen Johanna. Und bürgerlich blieb sie durch und durch, selbst als sie mit Gewalt zur Fürstin erhoben werden sollte. Sie nährte die Neigung ihres Gemahls, ganz schlicht einherzugehen und unbemerkt oder unerkannt da und dort in den Häusern oder im Volksgewühl zu erscheinen, um zu sehen, was großen Herren sonst nicht sichtbar wird. Dies mißfiel dem Kanzler aufs äußerste. Nach seinem Geschmack sollte der Fürst immer Majestät sein, abgeschlossen von den gewöhnlichen Menschen durch Zeremonie und Etikette, unnahbar der bürgerlichen Kanaille, aber von fernher strahlend und bezaubernd durch all die Fülle von Reichtum und Schönheit, welche nur einen erlesen hocharistokratischen Hof zu schmücken vermag. Diese Ideale waren durch Johanna vernichtet. Ohne daß sie's wußte und wollte, war sie seine Gegnerin, seine stille Gegnerin, und gerade deshalb um so gefährlicher. Er fürchtete, daß das Ansehen des Hofes vollends zugrunde gehe, wenn die Seemannstochter von Leuwarden nun gar zur Markgräfin erhoben würde, er fürchtete für die Machtstellung des Staates, dem er diente. Er versuchte in diesem Sinne leise Andeutungen bei seinem Herrn, die derselbe aber nicht einmal verstand, so fern lagen sie seinem ganzen Denken. Nur merkte der Kanzler, daß es sofort aus gewesen wäre mit seiner Kanzlerschaft, wenn der Markgraf die leisen Andeutungen auch nur leise verstanden hätte. Auf diesem Wege war nichts zu machen. Es erübrigte also nur, die gefürchtete Standeserhöhung amtlich zu fördern, heimlich aber zu hintertreiben. Der Kanzler verglich sich mit Penelope, welche nachts das Gewebe wieder auflöste, das sie am Tage gewoben hatte, und hielt sich dazu geradeso berechtigt im eigensten Interesse seines unklugen Herrn wie Penelope im Interesse des klugen Odysseus. Graf Konrad von der jüngeren Linie, der täglich erwartete, daß sein regierender Herr Vetter bei seinem tollen Reiten und Jagen den Hals brechen werde, damit er ihm sukzedieren könne, hatte einen unzertrennlichen Herzensfreund, den Freiherrn von Sewenich, einen äußerst gewandten und gescheiten Kavalier vom ältesten Adel. Mit diesem Manne trat der Kanzler in Briefwechsel und heimlichen Verkehr. Sewenich war der Verfasser des geistreichen französischen Pamphlets, hätte es aber mit so überraschenden Enthüllungen nicht würzen können ohne die Mitteilungen des Kanzlers. Die beiden Männer fanden Gefallen aneinander, noch größeres Gefallen aber fand Sewenich an des Kanzlers schöner Tochter Eleonore, vielleicht auch an ihrem schönen Gelde. Er warb beim Vater um ihre Hand. Im tiefsten Geheimnis versprach der Kanzler dieselbe. Eleonore wollte zunächst noch nichts von dem Freiherrn wissen. Allein nach dem Geiste der Zeit lag die Entscheidung doch zuletzt bei der väterlichen Gewalt, und überdies mußte ja vorher entweder der Markgraf den Hals brechen oder der Standeserhöhung seiner Gemahlin entsagen, bevor man mit dem Verlöbnis öffentlich hervortreten konnte. Es lag aber noch ein drittes näher: der Kanzler konnte seine Stelle aufgeben und an den kurpfälzischen Hof gehen, wo für ein politisches Talent gerade damals ein so günstiger Boden war und wo Sewenich durch seine Familienverbindungen ihm eine ganz neue, größere Laufbahn eröffnen konnte. Diese Familienverbindungen bestachen den Kanzler am meisten. Zum vornehmen Manne fehlte ihm nichts als eine vornehme Verwandtschaft; diese bot sich ihm jetzt dar, und durch seine Opposition gegen die bürgerliche Heirat hatte er sich erst recht tief in die Überzeugung verrannt, daß es doch das höchste sei, einem alten edeln Hause anzugehören. Graf Konrad und Sewenich hatten ihn ganz gefangen. Wenn er ein Schreiben seines Herrn nach Wien zu senden hatte, dann schickte er vorher einen Kurier mit der Abschrift an die Widersacher seines Herrn, damit sie ihm mit Gegenschritten zuvorkommen konnten. Jeder Plan des Markgrafen wurde seinen Gegnern bekannt, ehe er nur ausgereift war. Neben seinem amtlichen Agenten in Wien hielt der Kanzler dort einen privaten Gegenagenten und besoldete denselben aus eigenen Mitteln. Hatte er fünfhundert Gulden aus der markgräflichen Schatulle zu irgendeiner kleinen Bestechung anzuweisen, dann wies er zu gleicher Zeit sechshundert aus seiner eigenen Schatulle an zur Gegenbestechung. Aber der Verräter hatte zuletzt auch wiederum seinen Verräter gefunden. Ein fortgejagter Diener Sewenichs hatte die ganze Korrespondenz des Kanzlers mit seinem Herrn gestohlen und aus Rachsucht dem Markgrafen überliefert. Das waren die Papiere in jener Mappe, bei deren Anblick Herr von Staffel erblaßte und verstummte. Aus ihnen konnte der Markgraf das ganze falsche Spiel erraten; er erriet noch mehr, als darin stand. Und war die Schuld an sich schon groß genug, so wuchs sie doch noch viel größer auf in der wütend erhitzten Phantasie des Betrogenen, dessen Verdacht nun ebenso schrankenlos war wie früher sein Vertrauen. V. An dem verhängnisvollen Abend hatte der Markgraf den Kalikanten einsperren lassen, weil er sein besonderes Wohlgefallen, und den Kanzler in Arrest geschickt, weil er sein besonderes Mißfallen erregt hatte. Der eine wurde dingfest gemacht, weil ein Geheimnis hinter seiner Person zu stecken schien; der andere, weil sein Geheimnis vollkommen entschleiert war. Mit diesem gekreuzten Doppelresultat hätte sich der hohe Herr für den Abend füglich begnügen und die Sache bis morgen beschlafen können. Allein aufs Schloß zurückgekehrt, fand er keine Ruhe. Gleich Wasserwogen hoben und verschlangen sich die widersprechendsten Eindrücke in seiner Seele, um sich wieder zu erheben und wieder zu verschlingen. Der Kalikant hatte ihn mit seinem »Amen« zur Besinnung gerufen, er hatte ihn vielleicht vor augenblicklicher Gewalttat behütet. Und die Weisheit des seltsamen Philosophen mutete ihn so vertraut an. Griff er selber nicht in ähnlicher Weise den Ereignissen vor, ohne daß er sich's je so klar gestanden hatte? Just als er den Mann einen Unverschämten nannte, fand er das größte Wohlgefallen an ihm. Aber war derselbe nicht trotzdem vielleicht der größte Spitzbube von der ganzen Gesellschaft? Eleonore hatte ihn tief gerührt, obgleich er sie trostlos gehen ließ und seine Rührung verbarg. Ein Fürst darf nicht gerührt erscheinen. Ihr Jammer inmitten der zerstörten Festesherrlichkeit gemahnte ihn an das Bild seiner Johanna, da er sie zum erstenmal auf den Dünen von Scheveningen erblickte. Er wurde milder gestimmt; er hätte sich zunächst beruhigen können. Da fuhr ihm wieder der ganze Verrat des Kanzlers wie ein Blitz durchs Gehirn, und alles andere war vergessen: er mußte heute noch klarer sehen; der Verräter mußte sich ihm heute noch – vollständig entlarvt –, heute nacht noch zu Füßen winden. Augenblicklich begab er sich zum Haftlokale. Auf dem Vorplatz hemmte er indessen doch noch einmal seine Schritte und besann sich. Sollte er nicht vielmehr die ganze Sache den Richtern überlassen? Doch nein! Die ganze Rechtspflege war ihm immer und überall zu langweilig. Er wollte selbst untersuchen, selbst richten, ungelehrt, aber prompt; im Notfall konnten's dann die Richter in ihrer gelehrten Weise hinterdrein noch einmal tun. Der Kanzler war von dem Besuche nicht überrascht. Als genauer Kenner seines Herrn hatte er den ärgsten Sturm noch für heute nacht erwartet. Und er wußte, was er zu tun hatte. Die erste Flut von Vorwürfen ließ er ruhig über sich hinbrausen. Dann erhob er sich und legte ein volles und ganz unumwundenes Geständnis ab. Dies allein rettete ihn; jede Beschönigung, jede neue Täuschung oder Ausflucht würde ihn verdorben haben. So konnte er nun auch wirklich den übertriebenen Verdacht des Fürsten widerlegen. Er bewies ihm, daß nicht, wie der Fürst glaubte, er selbst, sondern Baron Sewenich der Verfasser des französischen Pamphlets sei, daß er sich nicht habe bestechen lassen, sondern vielmehr selbst bestochen habe. »Das eine ist so schlecht wie das andere!« rief der Fürst dazwischen. »Doch das letztere ist wenigstens kavaliermäßiger!« Dann zeigte er klar, daß ihm Mordpläne gegen Frau von Leuwarden oder deren Sohn niemals auch nur im Traume eingefallen seien; – denn auch dies hatte der Markgraf in seiner Wut geglaubt und behauptet. »Aber was in aller Welt konnte Euch zum heimtückischen Feinde meiner Frau machen, die Euch nur wohlwollte, zum Feinde dieses guten, sanften Geschöpfes, die vorher keinen Feind auf Erden hatte?« Mit einer Kühnheit, die dem Markgrafen imponierte, gestand der Kanzler, daß er kein Gegner Johannens, sondern nur ihrer Standeserhöhung gewesen; doch nein! er sei wirklich auch gegen die gute, sanfte Frau immer feindseliger geworden, weil sie seinen gnädigen Herrn zu bürgerlichen Gewohnheiten verleitet habe, die sich für Fürsten nicht schickten. »Die alten Zeiten sind vorbei! Die Fürsten müssen sich zu höherer Majestät erheben, sonst erhebt sich das Volk zur höchsten Majestät! Familienbande festigen den Thron in schwerster Not; das hat uns der letzte Krieg gar oft gelehrt. Ich habe schlechte Mittel gewählt, aber ich wählte sie zum besten Zwecke. Ich haßte Eure Gemahlin aus Liebe zu Euch. Ich wurde ein ungetreuer Knecht, weil ich Eurer Durchlaucht getreuester Diener war. Ich wollte Euch zwingen – –« »Wer will mich zwingen?« unterbrach ihn der Markgraf. – – »Euch selbst zu bezwingen«, vollendete der Kanzler und schwieg. Eine lange Pause erfolgte. Hätte der Kanzler gestern, da er noch im vollen Vertrauen seines Herrn stand, solche Worte gesagt, so würde ihn derselbe sofort aufs demütigendste verungnadet haben. Heute, wo er sich als Verräter bekannte, milderten dieselben kühnen Worte den Zorn seines Herrn und ließen den ersten Schimmer von Gnade in ihm aufleuchten. Er ging mit dröhnenden Schritten im Zimmer auf und ab und rief in lautem Selbstgespräche: »Ihr verachtet die gute alte Zeit? – Ihr sollt die alte Zeit kennenlernen! Ihr sollt zurück, über Euern Vater hinaus zu Euerm Großvater, der ein Schneider war, zurück in die alte Zeit! – – Mein getreuester Diener wollt Ihr gewesen sein? – – Ihr könnt gar nicht dienen, Ihr habt es niemals ordentlich gelernt! Aber ich will es Euch lehren. Ihr habt nicht von der Pike auf gedient. Ihr sollt es nachlernen. Staffel: – Er muß verschwinden!« Der Unglückliche schrak zusammen. Was bedeutete das schauerliche Wort? »Verschwinden!« wiederholte der Markgraf mit Donnerstimme. »Verschwinden«, fügte er ganz leise hinzu, »um nachzulernen von unten auf. – – Ihr schätzet hohen Stand so hoch, daß Ihr Eurer Tochter die Freifrauenkrone mit dem Unglück ihres Lebens erkaufen wollt; aber Unserer Ehefrau gönnet Ihr die Fürstenkrone nicht, die ich Johannen aufs Haupt setzen werde zum Danke, daß sie das Glück meines Lebens geschaffen hat. – – Johanna wird Markgräfin werden, und Ihr sollt so lange – im Dunkeln bleiben, bis sie's geworden ist. Im Dunkeln – was erschreckt Ihr wieder vor dem Wort? –, damit Ihr dienen lernt von unten herauf.« Er schwieg lange, tief nachsinnend, und schritt rastlos im Zimmer auf und ab. Dann fuhr er wieder fort, als widerlege er Gegenreden, die der Kanzler gar nicht machte; denn dieser verharrte lautlos. »Ich soll Euch nicht zu so tiefer Schande hinabstoßen? – ich soll lieber Euern Kopf nehmen? – Ist es eine Schande, mein unterster Diener zu sein? – Hat Euch nicht Euer unterster Bedienter heute abend vor dem Schlimmsten bewahrt? Denn hätte jener Mann, der Eure Geigen und Lichter putzt, nicht gesprochen, – ich weiß nicht, was ich getan hätte. Der Mann hat sogar philosophieren gelernt im Bedientenrock, und das sollt Ihr auch lernen!« Bei diesen Worten entfernte sich der Fürst. In dumpfem Brüten blieb der unglückliche Kanzler zurück und brütete die ganze Nacht über den rätselhaften Drohworten, die sein Schicksal bargen, und konnte sie nicht enträtseln. VI. Um sechs Uhr pflegte Markgraf Philipp aufzustehen und sich ohne alle Beihilfe anzukleiden. Er nannte dies das »kleine Lever«. Dann begab er sich mit seiner Frau ins Nebenzimmer, wo schon alle seine Jagdhunde versammelt waren, vom riesigen Fanghund bis zu den Dächseln und Saufindern abwärts. Dies nannte er das »Lever im großen Zirkel«. Die beiden Herrschaften frühstückten – Milchsuppe mit Schwarzbrot – und fütterten nebenbei die Hunde. Zu diesem zweiten Lever wurde heute früh der Kalikant entboten. Hatte der Markgraf in der Nacht den Herrn vernommen, so wollte er zum Frühstück nun auch den Diener vernehmen. Frau von Leuwarden entfernte sich, bevor derselbe eintrat. Die Hunde knurrten verdächtig gegen den Philosophen. Denn der Mensch zwar sucht Gesellschaft beim Mahle; aber der Hund will alles allein fressen, und manchmal scheitert seine zärtlichste Freundschaft an einem elenden Kalbsknochen. Mit einigem Bangen näherte sich darum der Philosoph dem Zirkel, obgleich er nicht wußte, vor wem er sich zumeist zu fürchten habe, vor dem Fürsten oder vor seinen zwanzig Hunden. Doch die Hunde zeigten wenigstens klar, was sie wollten und daß sie den Eindringling am liebsten an der Kehle oder an den Waden gepackt hätten; das Gesicht des Markgrafen dagegen war glatt und kalt, ein verschlossenes Buch. Er fragte: »Ihr heißet Martin Schwarz? seid gebürtig aus Donauwörth? – sechsundzwanzig Jahre alt? – habt die Geigenmacherei bei Veit Eberwein in Augsburg erlernt? – Ist dies Euer Lehrbrief?« Schwarz bejahte die Fragen und erklärte den Lehrbrief, welchen der Fürst schon gestern abend dem Cembalisten hatte abfordern lassen, für echt. »Und wo erlerntet Ihr denn die Philosophie?« »Einesteils bei den Geigen – denn zwischen Decke, Boden und Zargen sind da gar viele Gedanken eingeleimt und noch viel mehr Rätsel, die kein Denken löst; – anderenteils im Wald. Die Geigen lehrten mich zweifeln, der Wald lehrte mich vertrauen, und das ist meine ganze Philosophie.« »Ich habe Zweifel genug auch ohne Geigen«, bemerkte der Fürst. »Aber wenn uns der Wald philosophieren lehrt, müßte ich ein großer Philosoph sein; denn ich lebe das halbe Jahr im Walde. Wie fing Er's denn an, diese Weltweisheit oder Waldweisheit zu erhaschen, die mir nun wiederum ein ebenso großes Rätsel ist wie Ihm seine Geigen?« »Ich lief zu jeder freien Stunde in den Wald. War ich in der Werkstatt ein Knecht, so war ich im Walde ein freier Mann. Da tat ich, was ich wollte. Und wenngleich auf der weiten Welt sonst nichts mein eigen war, so gehörte mir doch der ganze große Augsburger Stadtwald.« »Wie? Hast du gewildert und Holz gestohlen?« »Behüte Gott! Nicht eine Gerte schnitt ich ab. Und eben darum gehörte mir der Wald so ganz und gar. Ich konnte auf die Bäume steigen, durchs Dickicht dringen, den Wald von oben und unten betrachten, ganz allein und frei, den Duft der Tannen atmen, soviel ich nur wollte. Und hat der Herr des Waldes etwas Schöneres und Besseres von seinem Wald? Und da ich immer weiter im Wald umherlief und immer tiefer durch die Büsche drang, so wurde mein Waldbesitz immer größer, und ich fand mich zuletzt erstaunlich reich. Herr Fürst, nehmt dem armen Manne seine Waldfreiheit, nehmt ihm seinen Wald nicht: er vergißt sonst, daß er reich ist, und glaubt, er sei ganz arm.« Im Eifer der Rede hatte Martin bei diesen Worten einige Schritte vorwärts getan und war einem alten Jagdhunde, der quer im Wege lag, auf den Schwanz getreten. Das Tier fuhr heulend auf und wollte den Redner packen; aber der Markgraf rief sein: »Kusch!« dazwischen. Dann sprach er zu dem Philosophen: »Ich will nichts von Euerm eingebildeten Waldbesitz hören. Sagt mir vielmehr, wie Ihr im Walde lerntet, daß man sich seine Ziele in Gedanken vorwegnehmen müsse als bereits erreicht, damit man sie hierdurch um so sicherer auch wirklich erreiche?« »Ich lebte mit dem Wald wie mit dem besten Freunde, und der Wald dankte mir's, indem er mich glücklich und zufrieden machte. Der heitere Sinn – darin liegt das ganze Geheimnis – läßt uns das Ziel erreicht sehen, damit wir's erreichen. Beim trüben Sinne, den die Stubenluft eingibt, haben wir's vielleicht erreicht und glauben nicht einmal daran. Wer ist glücklicher, der Arme, der sich reich glaubt, oder der Reiche, der sich arm wähnt? Und im Walde kommt immer etwas Besseres nach. Im Frühling freuen wir uns auf den Sommer und im Sommer auf den Herbst, wo die bunten Bäume am allerschönsten sind.« »Und dann kommt der Winter, und die ganze Herrlichkeit ist vorbei!« rief der Markgraf. »Damit wir uns desto mehr wieder auf den Frühling freuen können«, ergänzte Schwarz. »Denn nur weil die Bäume kahl waren, sind sie so gar schön im neuen Grün.« »Der Mann spricht eher wie ein Buch als wie ein Bedienter«, dachte der Markgraf und sah ihn lächelnd an; »der Philosoph geht mit dem Bedienten durch.« – »Aber suchtet Ihr niemals das schönste vertraute Waldplätzchen wieder und fandet die Stelle kahl, die Stämme am Boden liegen? Die Axt kommt am liebsten, wenn der Baum am höchsten steht.« »Die Tanne fällt!« antwortete Martin. »Doch wir Geigenmacher haben einen Spruch, den schreiben wir in den Boden der Geige, wenn wir die feinsten Brettchen zusammenleimen, einen Spruch von der Tanne: Im Leben schwieg ich. Im Tode singe ich. Im Tode kommt das sterbliche Holz erst recht zum unsterblichen Leben. Das ist die letzte Weisheit, die mich der Wald und die Geige gelehrt, und der Pfarrer hat mir nichts Besseres sagen können.« »Zum unsterblichen Leben? – Und wenn nun die Geige eine alte Schachtel wird und zerbricht oder verbrennt? was dann?« fragte der Markgraf. »Fürstliche Gnaden! Wenn der Himmel einfällt, dann sind alle Spatzen gefangen. Dieser Fall liegt aber außerhalb der Philosophie.« Der Fürst lachte herzlich. »In der Tat, Martin Schwarz, vom Walde habt Ihr mehr gelernt als mancher gelernte Jäger. Aber nun sagt mir noch eines: von wem habt Ihr denn das Lügen gelernt? Hat Euch dies auch der Wald gelehrt?« »Das Lügen?« wiederholte Martin, stark betroffen mehr noch durch den stechenden Blick des Fragers als durch die Frage. »Das Lügen lernt jedermann von selbst, das ist eine freie Kunst, zu welcher kein Mensch einen Lehrmeister braucht. Aber warum das Lügen?« »Warum? Seht diesen Lehrbrief! Er ist echt. Aber Ihr seid nicht echt und gehört nicht zu dem Lehrbrief. Herr – Marquard Behaim, von wem habt Ihr das Lügen gelernt? Ich kenne Euch und Euer Haus, stolze alte Patrizier, diese Behaim, und Ihr lauft in diesem Bedientenrock umher und seid Doktor der Rechte dazu! Lügt nicht weiter! Warum habt Ihr Euch als Geigenmacher bei meinem Kanzler eingeschlichen?« Marquard Behaim schwieg eine Weile. »Ich will aufrichtig sein: das Lügen lehrte mich – – die Liebe, die Euch, gnädiger Herr, das Regieren lehrte.« VII. Im Tone eines Untersuchungsrichters fuhr der Markgraf fort zu fragen: »In wen seid Ihr verliebt?« »In des Kanzlers Tochter Eleonore. Ach, ihre feuchten schwarzen Augen leuchten wie Sterne – –« »Haltet ein! Ich will von keinen schwarzen Sternen hören. Und Ihr gefallt der eiteln Jungfer in diesem Bedientenrock?« »Sie kennt mich gar nicht.« »Oder warum hat Euch Eleonorens Vater in diesen Rock gesteckt?« »Er tat es nicht und kennt mich noch weniger, als seine Tochter mich kennt.« »So! die Tochter kennt Euch gar nicht, und der Vater kennt Euch noch weniger. Was ist weniger als gar nicht?« »Das will ich Eurer Durchlaucht erklären, wenn Ihr mir ruhig zu erzählen gestattet.« Und nun erzählte Doktor Behaim, wie er Eleonore vergangene Fastnacht zum erstenmal gesehen habe in Nürnberg bei einem glänzenden Mummenschanz der Patrizier. Er selber sei als der Hirte Paris verkleidet gewesen und habe es gewagt, im Geiste seiner Maske die fremde Jungfrau anzureden, die auch bezaubernd liebenswürdig geantwortet habe, als wäre sie Pallas, Juno und Venus in einer Person, obgleich sie nicht gewußt, welcher Paris eigentlich vor ihr stehe. Hierauf erhob er sich zu einer rechten Glutrede über die Holdseligkeit dieser Eleonore. Der Markgraf unterbrach ihn lächelnd. »Genug, Herr Doktor! Jetzt glaube ich schon, daß Ihr verliebt seid und kein Schuft. Beliebt es Euch, Platz zu nehmen?« – er wies mit der Hand auf den Stuhl. Behaim setzte sich und erzählte weiter. »Seit jenem Maskenfeste sprach ich Tag und Nacht mit dem reizenden Mädchen; – ich gestand meine Liebe, warb um ihre Hand: mit welch beseligendem Lächeln hat sie verschämt ›ja‹ gesagt! Wir schwelgten in der Seligkeit des Brautstandes. Endlich kam der Hochzeitstag. Ich stand auf dem Gipfel des Glücks, als ich Eleonore in mein väterliches Haus zu Nürnberg einführte, nun meine Frau! Die Wonne dieses Augenblicks ist gar nicht zu beschreiben.« »Wacht oder träumt Ihr?« rief der Markgraf. »Behaim! Ist Er toll? – verlobt – verheiratet –« »Nur im Vorausbesitz der Einbildung, Durchlaucht, im Vorauswerfen des Loses, im Vorgreifen der Zeit. In Wirklichkeit sah und hörte ich seit jenem Tage nichts mehr von Eleonoren. Sie war am nächsten Morgen schon wieder abgereist. Ich wollte ihr nachreisen, allein das ging nicht; viel weniger aber vermochte ich sie zu vergessen. Mein Unglück in all dem vorgedachten Glück war gar nicht auszusprechen. Ich schrieb Eleonoren einen Brief mit dem vollen, glühenden Geständnis meiner Liebe. Sie antwortete nicht. Ich schrieb einen zweiten noch glühenderen und bot ihr meine Hand an. Sie antwortete wieder nicht. Mich schreckte dies wenig: ich dachte, sie will wohl schreiben, aber man wehrt es ihr; oder – sie hat mir so viel Schönes zu schreiben, daß sie gar keinen Anfang finden kann. Darum wandte ich mich nunmehr brieflich an ihren Vater. Die Briefe an die Tochter waren ganz Poesie gewesen, der Brief an den Alten war ganz Prosa. Ich schrieb ihm, wer ich sei (was ich in den Briefen an Eleonore ganz vergessen hatte) – sechsundzwanzig Jahre alt, von gutem Hause, wohlhabend, ein graduierter Doktor, gesund und von angenehmer Gestalt; ich schrieb einen Brief von zwanzig Seiten und schloß mit der formvoll korrektesten Werbung, wie sie der kaiserliche Notar Alhart Moller für solche Fälle in seiner Prascis epistolica vorschreibt. Hierauf erhielt ich eine Antwort von zehn Zeilen, in welchen mir der Kanzler mit der impertinentesten Artigkeit erklärte, daß seine Tochter bereits einem anderen – ›bestimmt‹ sei. Ich war glückselig: – einem anderen bestimmt! – also hatte sie ihn nicht selber erwählt, sie war ihm noch nicht verlobt, sie wollte ihn ohne Zweifel gar nicht. Ich durfte wieder hoffen und vorausleben, was ich wollte.« »Wie lange habt Ihr die Jungfrau gesehen?« fragte der Markgraf. »Drei Stunden.« »Und wie lange mit ihr gesprochen?« »Zehn Minuten.« »Und darauf verliebt, verlobt, verheiratet Ihr Euch, alles in der Einbildung! Zehn Minuten – und eine Kette fürs ganze Leben!« »Gnädigster Fürst, wie lange haben Eure Durchlaucht das schöne Fräulein von Leuwarden in Scheveningen gesehen und gesprochen, bis Ihr Euch verliebtet?« »Ganze drei Tage!« »Und sind drei Tage mehr als drei Stunden? Ein Mädchenherz ergründet man entweder im Augenblick, oder man ergründet es nicht in fünfzig Jahren, und man verliebt sich entweder in einem Augenblick, oder man verliebt sich gar nicht.« »Ihr seid ein Meister in der Weltweisheit!« rief der Fürst, behaglich lachend. »Doch erzählt weiter, wie Ihr in den Bedientenrock gekommen seid.« Marquard Behaim fuhr fort: »Ich suchte durch einen Freund in hiesiger Stadt zu erfahren, wem denn eigentlich Eleonore bestimmt sei. Niemand wußte es.« »Ich aber weiß es!« rief der Markgraf. »Wie heißt der Mann?« fiel Behaim ein, jäh aufspringend. »Ich muß es wissen, ich muß – Durchlaucht! ich bitte untertänigst um den Namen, – damit ich dem Kerl den Hals brechen kann!« »Ruhig, Freund! Heute sage ich Euch den Namen nicht; vielleicht später einmal, wenn Ihr brav seid. Fahret fort!« »Da ich mit meiner Liebe von fernher nichts ausrichtete, so reiste ich insgeheim hierher. Ich konnte das Haus nicht offen betreten, wo man mich so schnöde abgewiesen hatte, aber ich schlich mich verstohlen um dasselbe herum. Ich suchte Eleonore auf der Straße, in der Küche wenigstens von weitem zu erspähen. Vergebens. Acht Tage trieb ich's so und sah und hörte gar nichts. Da erfuhr ich, daß man für des Kanzlers Hauskapelle einen Kalikanten suche; ich verstehe ein wenig von den Geigen; ich verschaffte mir den Lehrbrief, dessen rechtmäßiger Inhaber voriges Jahr gestorben ist und mich also nicht mehr in Verlegenheit bringen konnte; ich bewarb mich um die Stelle und erhielt sie als der Mindestfordernde. Niemand kennt mich hier. Und nun durfte ich Eleonore doch sehen, ich konnte ihr Auge unterderhand auf mich ziehen –« »Wie? In dieser gemeinen Maske will der Paris von Nürnberg das Herz der stolzen Helena erobern?« »Allerdings, Durchlaucht! Eleonore hat eine zweifache Natur – und gerade durch diese Doppelnatur ist sie ein so unvergleichliches Wesen. Sie versteht meisterhaft Figuren, ganze Bilder in schwarzem Papier auszuschneiden. Sie trägt in Gesellschaft immer eine kleine Schere bei sich, beobachtet die Menschen, welche ringsum sitzen, nimmt lebhaftesten Teil am Gespräche und schneidet mit ihren feinen Händchen unterm Tisch ganz unvermerkt die Gesichter der Anwesenden aus – in allerliebsten Karikaturen. Sie hat Witz und Geist. Der Witz sitzt ihr in der Schere, was man nicht von jedem Mädchen sagen kann. Wir spielten jüngst eine Serenade beim Sonntagszirkel des Kanzlers; da verlor sie ein solches Bildchen, es fiel zu Boden, ich haschte es auf und trage es in dieser Kapsel auf dem Herzen.« Behaim überreichte die Silhouette. »Das seid Ihr ja selbst mit der Geige!« rief der Fürst. »Gut getroffen, aber nicht geschmeichelt! eine groteske Fratze – und etwas buckelig obendrein!« »Durchlaucht, ich machte den krummen Buckel, weil ich fortwährend ums Pult herum nach ihr schielte, wodurch ich öfters aus dem Takte kam. Aber sie hat mich doch ausgeschnitten! – und das ist die erste Vorstufe der Liebe. Geist und Witz sitzt ihr in der Schere; doch das ist nur die eine Hälfte: aus ihrer Kehle spricht Gefühl und Leidenschaft, und hiermit vollendet sich die Doppelnatur. Ihr Adagio affettuoso –« »Ich kenne ihren Gesang – keine Schilderung!« wehrte der Fürst. »Nun dachte ich«, fuhr Behaim fort, »ein Mädchen, welches so viel Geist und Witz im Charakterschneiden besitzt, wird mir's auch verzeihen, wenn ich mir selber ihr zuliebe diesen Charakter eines Kalikanten zurechtgeschnitten habe – und doch wohl auch nicht ohne Witz. Wenn sie aber ihre Kantaten und Arien zum Klaviere singt mit Begleitung der Laute und der Geigen, dann spricht sich ihre zartbesaitete Empfindung aus – und ich hatte ganz von fernher mitgeigen und die Lichter putzen dürfen –« »Genug! Und sie hat Euch nicht erkannt?« »Ich wiederhole mein früheres Wort, und Ihr werdet es jetzt verstehen: sie kennt mich gar nicht, und ihr Vater kennt mich noch weniger. Denn sie hat mich wenigstens ausgeschnitten, und das hat der Alte nicht getan.« »Jetzt werdet Ihr aber wohl von Eurer Liebe lassen; denn der Kanzler ist fortan kein Kanzler mehr.« »Dann werde ich um so leichter seine Tochter als Frau gewinnen. Gerade der Kanzler stand mir im Wege.« Der Markgraf starrte ihm ins Gesicht und rief: »Behaim, Er ist verrückt!« »Verliebt!« verbesserte der Unverbesserliche, »und das scheint allen Leuten verrückt, die nichts von Liebe wissen.« »Ob ich nichts von Liebe weiß?« fragte der Fürst. »Hat mich nicht mein Vetter Konrad eben darum für verrückt erklärt?« Dann ließ er den Doktor wohl eine Viertelstunde sitzen und blickte sinnend zum Fenster hinaus. Endlich schien der erleuchtende Gedanke gekommen zu sein, welchen er so lange suchte. Er rief: »Höret mich an und folget mir blind! Ich will Eure Liebe prüfen, ich will den falschen Kanzler prüfen. Und besteht Ihr die Probe, dann sollt Ihr das Mädchen haben, vorausgesetzt, daß sie Euch will. Aber wehe Euch, wenn Ihr falsch seid!« In dem Maße, als der Fürst heiß wurde, ward Behaim nun kalt. »Und worin besteht diese Prüfung?« fragte er sehr gelassen. »Das ist und bleibt mein Geheimnis. Vorerst fordere ich nur, daß Ihr in meine Dienste tretet, und zwar im Walde, den Ihr so sehr liebt. Draußen im Wildpark habe ich ein halb verfallenes Jagdhaus; es soll neu eingerichtet werden. Ich brauche einen Aufseher über das Haus während der Arbeit, der sollt Ihr sein, so etwas wie – – Hausknecht. Ich habe nichts Besseres an Titel und Lohn zu vergeben.« Dem Doktor Behaim schien nunmehr der Markgraf verrückt, ohne verliebt zu sein, und er dankte entschieden für diese neue Beförderung. Aber der Fürst faßte ihn am Arm und führte ihn in ein kleines Seitenkabinett, als fürchte er, daß in dem großen Raum die Wände größere Ohren haben oder die zwanzig Hunde seine vertrauliche Mitteilung weiterplaudern möchten. Dort sprach er lang und leise mit dem jungen Mann. In Jahr und Tag hatte er nicht so leise gesprochen, weil ihn dies immer große Überwindung kostete und er sonst selbst Geheimnisse den Leuten so laut ins Ohr zu rufen pflegte, als ob sie in einer Mühle wären. An einem großen Herrn muß alles schneidig sein, sogar die Stimme, – so dachte der Markgraf und hatte recht in seiner Art. Diesmal aber wirkte ein leises Geflüster doch mehr, als sonst oft die Donnerstimme. Denn nach einer Stunde empfahl sich Doktor Marquard Behaim unter tiefen Verbeugungen mit den Worten: »So bin ich denn im Jagdhause Eurer Durchlaucht Hausknecht. Mein Avancement geht rasch: vom Doktor der Rechte zum Geigenmacher, zum Kalikanten und nun zum Hausknecht.« »Und Er wird rasch noch weiter avancieren«, rief ihm der Markgraf nach, »wenn Er gescheit ist und treu; ist Er aber falsch, dann holt Ihn der Henker!« VIII. Das Haus des Kanzlers stand verwaist und verödet; die glänzende Dienerschar war zerstoben, Türen und Fensterläden geschlossen. Eleonore wohnte bei Frau von Gronau, jener Dame, deren Schutze sie der Markgraf in der fürchterlichen Stunde übergeben hatte, da das Glück ihres Hauses zusammenbrach. Von dem Verrat des Kanzlers waren verworrene Gerüchte im Umlauf, die im ganzen das Wahre trafen, im einzelnen das Tollste und Ungeheuerlichste hinzufügten. Niemand wußte jedoch, was aus ihm geworden sei. Einige behaupteten, er sitze im Schloßturm; andere erzählten, man habe ihn im Bauernwams Steine klopfen sehen bei dem neuen Wegbau, den der Markgraf drei Meilen von der Residenz durch Leibeigene und Sträflinge ausführen ließ. Gewiß war nur eines: – der unglückliche Mann war »verschwunden«! Tag für Tag bat Eleonore ihre Schützerin, Frau von Gronau, daß sie den Markgrafen fragen, daß sie ein Fürwort für ihren Vater einlegen möge. Allein die sonst so teilnahmvolle Frau lehnte beides ganz entschieden ab. Sie kannte den Markgrafen. Man mußte warten, bis die Zeit seinen Zorn abgeschwächt hatte; es war noch viel zu frühe. Das Herz der Tochter konnte nicht warten. Sie mußte wissen, wo ihr Vater war und was ihm geschah. Ob man ihn vor ein Gericht stellen werde? War es doch in jener Zeit nicht unerhört, daß ein verungnadeter Beamter jahrelang eingesperrt wurde ohne Urteil und Recht, ja ohne daß er überhaupt nur erfuhr, warum er eigentlich eingesperrt war. Und dem Hochgestellten drohte dieses Schicksal eher als dem Niedrigen. Eleonore gedachte, sich unmittelbar an den Kaiser zu wenden. Allein dazu war es in der Tat noch zu frühe, und überdies wußte sie nicht, wie man ein solches Gesuch formgemäß abfaßt und auf den richtigen Weg leitet. Sie war so hilflos, so ganz verlassen und allein! Mit schwerem Herzen entschloß sie sich zu dem einzigen Schritte, der Aussicht auf Erfolg verhieß: sie schrieb an Herrn von Sewenich und bat um seinen Beistand zugunsten ihres Vaters, seines Freundes, für dessen Unschuld er das beste Zeugnis leisten könne. Da kam sie aber an den unrechten Mann. Graf Konrad und seine Freunde waren sehr verstimmt, daß sich der Kanzler hatte fangen lassen, obgleich dies doch nur durch Sewenichs eigene Unvorsichtigkeit geschehen war. Das Interesse Sewenichs an der Person des Kanzlers war zu Ende, und das Beste bei der schlimmen Geschichte schien ihm zunächst, daß der gestürzte Freund spurlos verschwunden sei. Blieb er in ewigem Gefängnis und wurde vergessen, so war der ärgste Skandal vermieden, der kommen mußte, wenn die Sache vor einem Gerichtshofe verhandelt wurde oder wenn gar der Kaiser einschritt. Zudem verbreitete sich auch das Gerücht, daß das Vermögen des Kanzlers ruiniert sei, daß seine Güter mit Beschlag belegt würden. Hatte Eleonore vordem Sewenichs Wünsche auf die Zukunft vertröstet, so konnte er ihr jetzt ja wohl auch mit gleichem Troste antworten. Das tat er denn auch in einem Briefe voll glatter, kalter Artigkeit, der unendliches Bedauern aussprach und ganz stilles Abwarten fürs beste erklärte. Während Sewenich früher die Briefe an seine vorbestimmte Braut im feinsten Geschmacke der Zeit mit der Anrede zu beginnen pflegte: »Herzinnigstgeliebte Jungfer! schönste und hochtugendselige Nymphe!« – so stand über diesem Briefe die »Salutatio« : »Wohledelgeborene, hochehr- und großtugendreiche, in Gebühr hochwertgeehrte Jungfer!« Eleonore wußte nun, woran sie war mit diesem Manne, der die Tochter des glücklichen Vaters so zärtlich und des unglücklichen so ehrfurchtsvoll zu begrüßen verstand. Von den Freunden des Vaters kalt und achselzuckend abgewiesen, beschloß die Verzweifelnde endlich, sich jener Frau in die Arme zu werfen, die von ihrem Vater am schwersten gekränkt worden war, sie beschloß, das menschliche Mitgefühl der Frau von Leuwarden anzuflehen. Und ihr Vertrauen auf Johannens gutes Herz täuschte sie nicht. Sie fand teilnahmvollen Empfang. Versprechen konnte die edle Frau zunächst noch nichts. Aber schon nach einigen Tagen verkündete sie Eleonore, daß ihr der Markgraf gestatte, demnächst den Vater zu sehen und zu sprechen, wofern sie Verschwiegenheit gelobe. Nicht ohne schwere Bedenken leistete sie dieses Gelöbnis. Aber waren auch damit zunächst ihre Schritte für des Vaters Rechtfertigung und Befreiung gehemmt, so durfte sie ihn doch sehen und trösten; sie gewann den ersten Schimmer von Klarheit über sein Schicksal. Fiebernd vor Angst und Spannung, bald in Hoffnung hoch aufschwebend, bald in zermalmender Furcht niedergedrückt, zählte sie Tage und Stunden bis zu diesem Wiedersehen. Welch entsetzliches Bild konnte ihrer harren? IX Der Wildpark lag mitten im Walde, tief einsam, über eine Stunde Wegs vom Schlosse entfernt. Von hohen Mauern umschlossen, durfte er von keinem Unberechtigten betreten werden. Am Haupteingange stand das Häuschen des Aufsehers, eines alten halbinvaliden Jägers, und nur etwa fünfhundert Schritt davon entfernt das fürstliche Jagdhaus. Dort war Doktor Marquard Behaim, der nun wieder Martin Schwarz geworden ist, als Hausknecht eingezogen und hatte zunächst die Aufgabe vorgefunden, das sämtliche, mehrenteils etwas wurmstichige Mobiliar aus den Zimmern zu räumen und in den angrenzenden Stall zu tragen, damit die für nächste Woche erwarteten Handwerksleute die Innenwände ausflicken und neu tünchen könnten. Trotz seiner juristischen Kenntnisse hätte er dies allein nicht fertiggebracht, denn die alten Truhen und Schränke waren sehr schwer. Allein schon am folgenden Tag in frühester Morgenstunde war ihm ein Mann zur Hilfe geschickt worden, über welchen er als seinen Untergebenen verfügen konnte. (Bei den alten Höfen war es zwar leicht zu sagen, wer der Allerhöchste, aber schwer, wer der Unterste sei; glaubte man sich auch ganz unten angelangt, so kamen unter dem Untersten doch immer noch einige Allerunterste, und so erschien der Hof einer Linie vergleichbar, die oben zwar einen Anfang, aber unten kein Ende hatte.) Der neue Ankömmling im Forsthause war also der Hausknecht des Hausknechts. Er begrüßte seinen Vorgesetzten herablassend; dieser dankte dafür um so ergebener. Behaim erkannte sofort den ehemaligen Kanzler trotz seines schlechten Rockes. Auch Staffel wußte, daß er fortan seinem ehemaligen Kalikanten dienend zu helfen habe. Daß dieser Kalikant selbst dann wieder die Maske einer Maske sei und etwas Besseres als ein Bedienter und Geigenmachergesell, war ihm freilich unbekannt. Zur Strafe sollte er von unten auf dienen als Diener seines eigenen Dieners. Er erklärte, das strengste Gericht solcher Demütigung vorzuziehen. Aber da der Markgraf sagte, daß der Dienst nur bei jenem Kalikanten zu leisten sei, der ihn durch sein mutiges Wort vor öffentlicher Beschimpfung bewahrt hatte, da sprach er: »Ja! diesem Manne, den ich nicht kenne, obgleich er mein Brot aß, diesem allein will ich dienen.« Der Markgraf nahm ihm das Ehrenwort ab, daß er sich niemand entdecken und nicht entfliehen wolle. Er gab das Wort und fügte hinzu: »Ich werde willig dienen; denn da Eure Durchlaucht mein Wort fordern, haltet Ihr mich auch für einen Mann von Ehre und für keinen Schuft und werdet mich nicht öffentlich beschimpfen.« »Ihr sollt ja nur verschwinden«, beruhigte der Fürst. »Aber fallt mir nicht aus der Rolle des Dieners! Unsichtbare Augen bewachen Euch auf Schritt und Tritt!« Der Markgraf war in der Tat der Kalif aus »Tausendundeiner Nacht«, der mit einem Winke Diener in Herren und Herren in die Diener ihrer Diener verwandelt. Damals konnten deutsche Fürsten noch solche Kalifen sein. Kehren wir zurück zum Jägerhause. »Ich heiße Martin«, sprach Doktor Behaim, »und Ihr heißet, soviel ich weiß, Jakob?« Herr von Staffel nickte bejahend. »Wohlan, Jakob! helft mir diese Truhe hinabtragen; sie ist schwer.« Die beiden Männer wurden kaum fertig mit der ungewohnten Arbeit. Auf der Treppe rannten sie sich fest und mußten eine Weile ruhen und sinnen, wie sie den alten Kasten richtig wenden sollten. »Zu welchem Zwecke wird das Haus neu gerichtet?« fragte Jakob. »Für Frau von Leuwarden. Und darum soll alles hier holländisch gemacht werden. Die Wassergräben vor dem Haus werden in einen achteckigen Teich verwandelt, der Bach in einen geradlinigen Kanal, und in den Buchenwald werden fächerförmig Gänge gehauen. Hebt wieder auf!« Herr von Staffel ächzte. »Ihr habt mir die Truhe auf die große Zeh' gesetzt! – holländisch – für Frau von Leuwarden! Es ist eine raffinierte Marter, daß ich dieser Frau das Haus herrichten soll!« So sprach er in sich hinein. Martin fuhr fort: »Die Ausstattung wird echt, aber sehr einfach werden, so recht gediegen holländisch bürgerlich. Die gnädige Frau will während des Herbstes hier noch einfacher leben als im Schlosse – etwa wie eine Förstersfrau.« »Ihr habt mir die scharfe Kante wider den Ellenbogen gestoßen!« schrie der Gehilfe laut auf und brummte wieder in sich: »Welche Demütigung, daß ich da mithelfen muß! – Doch da wird unsere Arbeit wohl nicht lange dauern?« »Oh, wir haben Zeit! viel Zeit! Haus und Garten braucht nicht früher fertig zu werden, als bis Frau Johanna vom Kaiser als Markgräfin anerkannt ist. Dann erst wollen die Herrschaften hier einziehen. Der Wildpark gehört zum Hausfideikommiß, und das Haus soll später einmal der Witwensitz der Frau Markgräfin werden.« Jetzt faßte Jakob von Staffel die Kiste mit wütender Faust und brachte sie unglaublich rasch in den Stall und ein halb Dutzend Stühle dazu. Als die beiden Männer endlich rasteten, um Brot und Käse zu frühstücken, da dachte der ehemalige Kanzler bei sich: »Ich möchte wünschen, daß Frau Johanna gleich morgen hier einzöge, dann wäre ich doch mit dieser unwürdigen Arbeit fertig; und ich möchte wünschen, in Ewigkeit mit dieser Arbeit nicht fertig zu werden, wenn ihr Ziel nur mit der Anerkennung Johannas zusammenfallen soll.« X. Am anderen Morgen hatten die beiden Hausknechte schon vollständig ausgeräumt. »Nun müssen wir auch reinen Boden machen, Jakob!« rief Martin und brachte zwei gewaltige Besen, und sie begannen sehr eifrig zu kehren und fanden die heutige Arbeit schon weit leichter und angenehmer als die gestrige. Sie waren gerade im besten Zuge, da öffnete sich leise die Türe; eine junge Dame, tief verhüllt in einen schwarzen Mantel, trat ein, blieb aber spähend auf der Schwelle stehen. Sie betrachtete die beiden Männer, von ihnen unbemerkt, als suche sie jemand, glaube sich getäuscht und suche wieder. Doch plötzlich stürzte sie vor. Sie hatte des Vaters Stimme erkannt: – es war Eleonore. Sie fiel dem unglücklichen Manne um den Hals, der fast zusammengebrochen wäre, als er seiner Tochter in die verweinten Augen sah, und lange hielten sie schluchzend sich umfangen. Marquard Behaim hätte mitweinen mögen. Aber er trat zurück. Und als die beiden wieder Worte fanden, ging er in die fernste Ecke des Zimmers und begann wieder zu kehren und kehrte mit wütendem Eifer zwanzigmal dieselbe Stelle und kehrte zuletzt die Wand ab und die Fenster, wo sich eigentlich gar nichts zu kehren fand. Denn er war von Natur sehr zartfühlend. Vater und Tochter waren in eine andere Fensternische getreten und hatten wohl eine halbe Stunde sich ausgetauscht in Kummer und wiederauflebender Hoffnung. Dann schritt Herr von Staffel mit Eleonoren vor, führte sie zu Martin und sagte: »Danke diesem Manne, der mein Diener war und für mich sprach, als alle schwiegen. Jetzt ist er mein Herr.« »Erkennt Ihr mich wieder, holdselige Jungfer?« fragte Martin. – »Ihr habt mich ja ausgeschnitten!« »Das habe ich vergessen«, erwiderte Eleonore lächelnd, »aber etwas anderes vergaß ich nicht – die Worte, welche Ihr mir zuflüstertet: ›Seid getrost; es wird sich alles wenden!‹ Ihr seid selbst ein armer Mann, aber Ihr habt mir in diesen Worten einen reichen Schatz gegeben.« Und sie drückte ihm die Hand. Als Doktor Behaim so dastand, im groben Linnenkittel, mit Staub bedeckt, den großen Besen in der Linken und Eleonorens Hand in seiner Rechten, hätte er mit keinem König tauschen mögen. Es lief ihm bald heiß, bald kalt über den Rücken. Wie lange hatte er sich diesen Händedruck ersehnt, wie oft ihn vorgenossen! Was hatte er da alles gesagt in der Einbildung! und jetzt wußte er gar nichts zu sagen und stand so steif wie sein Besen. Eleonore entfernte sich mit dem Versprechen wiederzukommen. Im Fortgehen erzählte sie dem Vater noch, daß sie die Vergunst, ihn zu sehen, allein der Güte Johannens danke. Er war tief erschüttert von diesen Worten. Nur zwei Menschen hatten sich seiner angenommen in der höchsten Not: ein armer Diener, den er gar nicht gekannt, und die Frau, gegen welche er Verrat gesponnen und die ihn am meisten hätte hassen dürfen. Er begann ihr im stillen abzubitten und wünschte schon fast – weniger sich selbst als ihr zuliebe –, daß das Jagdhaus bald fertig und recht holländisch werden möge. XI Sechs Personen wußten um das Geheimnis von des Kanzlers Dienstbarkeit: der Fürst, Johanna, Behaim, der Parkaufseher, Eleonore und Frau von Gronau, welche das Mädchen jedesmal zum Wildpark fuhr und dann im Hause des Aufsehers wartete, daß Eleonore ungestört den Vater sprechen konnte. Trotz so vieler Mitwisser blieb die Sache geheim, und Behaim wußte seinen Gehilfen jederzeit derart zu beschäftigen, daß ihn die Handwerker, welche nun zahlreich zur Arbeit einrückten, nicht zu Gesicht bekamen. Das Nachtlager hatten die beiden Hausknechte in zwei Dachkammern des sonst unbewohnten Jagdhauses, wo für jeden ein mit Laub gefüllter Sack und eine wollene Pferdedecke als Bett diente. Nun bemerkte Herr von Staffel nach einiger Zeit, daß sein Genosse in der Nebenkammer häufig bis Mitternacht Licht brannte, daß er aber auch öfters mit der Dunkelheit aus dem Hause schlich und erst spät wiederkam. Als er ihm einmal nachspähte, sah er ihn zum Hause des Aufsehers schlüpfen, während eben ein Mann zum Parktore einritt und gleichfalls in jenem Hause verschwand. Dies wiederholte sich nach wenigen Tagen. Er ahnte neue Intrigen. Als er aber bei Martin auf den nächtlichen Reiter anspielte, gab ihm dieser keine Antwort. Schon hatte Eleonore vier Besuche gemacht, drei Wochen waren verstrichen, und Behaim hatte noch nichts weiter von ihr erhascht als dann und wann ein freundliches Wort. Er stellte ihr jederzeit einen Sessel an das schönste Plätzchen, wo sie ungestört mit dem Vater sprechen konnte, der aber keinen Sessel kriegte; er hatte sie hundertmal mit den zärtlichsten Augen angeblickt, – – sie nahm das so hin, als ob sich's von selbst verstehe. Da er seinem Glück so gerne in Gedanken vorgriff, so wollte er's nun auch in der Tat ergreifen; dieses Abwarten und Zusehen ohne Ende war ihm unerträglich. Als Eleonore wieder erwartet wurde, hatte Behaim den Kanzler bei den Kanalarbeiten im entlegensten Teile des Parkes beschäftigt. Eleonore kam dorthin und unterhielt sich lange, nun schon in traulich heiterer Weise mit dem Vater, und als endlich die Abschiedsstunde schlug, hieß Behaim den Alten bei der Arbeit bleiben, weil ihn vorn am Hause die Maurer gesehen haben würden, während er die Jungfer zu Frau von Gronau zurückbegleiten wolle. Der ziemlich weite Weg führte durchs Dickicht. Im Gehen begann Behaim Eleonoren etwas verworren von der unbegrenzten Hingebung zu sprechen, die er für sie hege, und als er ihre Hand ergriff, um ihr über einen kleinen Graben zu helfen, hielt er dieselbe unmäßig fest und ließ sie nicht wieder los, bevor er einen heißen Kuß darauf gedrückt hatte. Eleonore wehrte sanft ab und meinte, das sei zu kräftige Hilfe und zu viel Verehrung. »Es ist die Verehrung der tiefsten, reinsten Liebe!« rief jetzt ihr Führer. »Ich bin der unglücklichste Mensch, wenn Ihr mich wegstoßet, der glückseligste, wenn Ihr mich auch nur ein klein wenig wiederlieben könnt!« und fiel ihr mitten im nassen Grase zu Füßen, daß das erschrockene arme Ding laut aufschrie und zurücklaufen wollte zu ihrem Vater. Allein er holte sie bald wieder ein und rief: »Fürchtet nichts! Es ist ganz ernst gemeint. Lauft doch nicht davon, bevor Ihr wenigstens erfahren habt, wer ich bin. Ich bin ja sowenig ein echter Hausknecht, wie Euer Vater ein echter Hausknecht ist. Ich bin auch kein echter Geigenmacher, kein Kalikant – ich bin Doktor beider Rechte!« Bei dieser tollen Anrede schrie Eleonore noch lauter auf und versuchte in steigender Angst abermals davonzulaufen; denn sie hielt den armen Martin jetzt ganz gewiß für verrückt und hatte auch neulich bereits dergleichen geahnt, weil er sie immer mit so seltsamen Augen anstarrte. Aber Behaim blickte ihr jetzt so treuherzig und ruhig ins Gesicht mit seinen hellen, klaren Augen und fragte lächelnd: »Kennt Ihr mich denn gar nicht mehr?« Das war nicht Blick und Ton eines Verrückten. Sie besann sich, wußte aber keine Antwort auf die Frage. »Erinnert Ihr Euch nicht mehr der Briefe, die ich Euch schrieb?« Nun hielt sie ihn doch wieder für verrückt. Wie sollte sie mit dem Geigen- und Lichterputzer jemals korrespondiert haben? Sie schüttelte verneinend den Kopf. – –»Der Briefe, in welchen ich vorigen Winter um Eure Liebe warb? – Vielleicht laset Ihr auch meinen Brief an Euern Vater; er wies meine Werbung zurück, weil Ihr einem anderen vorbestimmt seiet. Nicht wahr. Ihr seid jetzt niemand mehr vorbestimmt?« Nun erst dämmerte die rechte Erinnerung im Geiste Eleonorens. »Ich bin der Paris von Nürnberg! Zehn Minuten habt Ihr bei dem Maskenzug auf dem Rathaus mit mir gesprochen – –« Jetzt erkannte Eleonore die Züge wieder trotz des Linnenkittels und entschloß sich, mit dem wunderlichen Bewerber wieder vorwärtszugehen, und nun erzählte er ihr alle Abenteuer seiner Minnefahrt, die wir kennen, und als sie vors Jagdhaus gekommen waren, gingen sie – nun ganz ruhig – wieder eine Strecke in den Wald zurück und noch einmal vorwärts und noch einmal zurück. Dann wußte Eleonore endlich alles. Sie war tief ergriffen. Wenn irgend jemand in der Welt liebte, dann mußte dieser Mann lieben, der Kalikant geworden war, nur um in ihrer Nähe atmen zu dürfen. Bedienter um ihretwillen und Hausknecht um ihres Vaters willen. Solche Liebesopfer werden selten gebracht. Zwar erschien ihr jetzt sein Auftreten an dem Unglücksabende nicht mehr so ganz uneigennützig wie bisher. Allein sein Eigennutz war doch nur das Streben nach ihrem Besitze, und diese Art des Eigennutzes ist allemal selbstlose Tugend in eines Mädchens Augen. Sie beruhigte sehr gütig das Ungestüm des Liebenden; sie fürchtete nicht mehr und zürnte nicht mehr. Allein sie sprach: »Ich darf jetzt nur an meinen Vater denken, nur an seine Erlösung und Befreiung. Nicht daß er sein Wort brechen und entfliehen sollte. Der Fürst selbst muß ihm sein Wort zurückgeben und ihn entheben von dieser niederen Dienstbarkeit. Aber wie ist dies zu erreichen? Helft mir und denkt vorerst nicht an meine arme Person. Ich bin Euch gut; ich will Euch noch einmal so gut sein, wofern Ihr mir helfet.« »Es gibt nur einen Weg«, entgegnete Behaim. »Der Fürst will und wird nicht eher Gnade gewähren, bis Johanna als ebenbürtig vom Kaiser anerkannt ist. Geschieht dies nicht, so bleibt Euer Vater Hausknecht bis zu seinem seligen Ende: das hat sich der Markgraf zugeschworen. Neue Verhandlungen mit Wien sind übrigens wieder im Gange, und ich weiß einiges davon. Es soll ein entscheidendes Aktenstück existieren, dessen sich der Fürst nicht mehr genau entsinnt und welches er nicht finden kann. Ich weiß noch weniger davon. Aber Euer Vater muß es wissen. Andeutend fragte ich ihn schon danach, soweit es meine Rolle zuließ. Er hielt die Frage für einen Fallstrick, den ich nicht aus eigenem Kopfe, sondern auf Antrieb anderer ihm legen wolle. Er ist mißtrauisch, weil er entdeckt hat, daß ich nächtlicherweile mit einem Fremden verkehre. Er wich der Antwort aus. Ihr habt so kluge Augen und führt eine so witzige Schere: entlockt Euerm Vater das Geheimnis, und es kann alles gut werden.« So schieden sie. Nach vierzehn Tagen erst fand Behaim Gelegenheit, Eleonoren auf einen Augenblick wieder allein zu sprechen, nur auf wenige Worte – aber sie waren entscheidend. »Das Aktenstück«, flüsterte sie, »ist ein dem Markgrafen nur halb bekanntes Gutachten der Leipziger Fakultät. Es liegt versteckt im Archive zwischen den Akten über das Kopfgeld der Judenschaft. Daneben aber befindet sich noch ein anderes Fakultätsvotum von Helmstedt, welches mein Vater für sich einholte ohne Vorwissen des Fürsten. Es soll das wichtigere sein.« XII. Monatelang ging im Wildpark alles im gemessenen Geleise fort. Schon begann der Herbst die Blätter zu röten. Das Gleichmaß der geistlosen Handarbeit lastete zuletzt schwer auf dem ehemaligen Kanzler; doch gewöhnte er sich daran und gewöhnte sich an die Komödie der Dienstbarkeit, die er spielen mußte, ohne zu ahnen, daß Martin diese Komödie doppelt spielte. Sein Haß gegen Frau von Leuwarden hatte sich in stille Verehrung ihrer Person verwandelt, obgleich er ihre Ansprüche nach wie vor als verkehrt und unheilvoll ansah; sein Urteil über des Markgrafen kuriose Lebens- und Regierungsweise war duldsamer geworden. Merkte er doch, daß er dieser kurlosen Herrscherpraxis eine mildere Strafe zu danken hatte, als sie ihm anderswo von einem standes- und stilgemäßeren Fürsten im gleichen Falle wahrscheinlich zuteil geworden wäre. Übrigens hatte sich bei den beiden Hausknechten allmählich eine gewisse Trägheit im Tagewerke eingeschlichen. Martin insbesondere legte bei Tag gar häufig die Hände in den Schoß und träumte, während seine Lampe nachts viel länger brannte als vorher. Eleonore kam sehr oft, blieb aber meist nur kurze Zeit beim Vater, um dann auf großen Umwegen durch den Park nach dem Hause des Aufsehers zurückzukehren. Die geduldige Frau von Gronau mußte oft entsetzlich lange warten. So häufige Spaziergänge in der Waldluft konnten dem Mädchen nur gesund sein, und doch sah sie bleicher aus als je zuvor. Auch bemerkte Herr von Staffel den immer regelmäßigeren Besuch des nächtlichen Reiters beim Parkaufseher. In einer hellen Mondnacht hatte er ihn erkannt und seine längst gehegte Ahnung bestätigt gefunden: es war der Markgraf selber. Da schlug eines Tages ein gewaltiger Donnerstreich aus blauer Luft in den langweiligen Frieden dieses Daseins. Die beiden Hausknechte hatten am Kanal im Walde gearbeitet und saßen unter einer Eiche, ihr mitgebrachtes kaltes Mittagsbrot auf dem Rasen ausbreitend, da ergriff Behaim das Wort und sprach: »Freund Jakob! Ich habe eine große Bitte an Euch und will rundheraus reden ohne Umschweife. Ich liebe Eure Tochter, und Eure Tochter liebt mich. Der Dienst hier ist so einsam. Zu dreien würde sich's besser hier leben als zu zweien. Ich bitte recht herzlich: sprecht Ja und Amen und gebt uns Euern väterlichen Segen!« Herr von Staffel glaubte anfangs, der Mensch erlaube sich einen schlechten Witz, weil Eleonore so gar häufig komme, und verbat sich solche Kindereien; denn wenn es seine Tochter betreffe, verstehe er keinen Spaß. Allein jener versicherte so ernsthaft, daß es ihm Ernst sei, daß er's wohl glauben mußte. Da brach ihm aber der helle Zorn aus; er wurde auf einmal wieder ganz Kanzler und kanzelte den armen Martin wahrhaft vernichtend ab. Er machte ihm begreiflich, daß, wenn er, der Vater, auch gezwungen niedere Dienste leiste, seine Tochter doch immer ein adeliges Fräulein bleibe, die nie und nimmer einen Hausknecht heiraten könne. »Und doch liebt Eure Tochter diesen Hausknecht und will ihn heiraten«, antwortete Behaim fest, und im selben Augenblicke trat Eleonore hinter der Eiche hervor und fiel ihrem Vater schluchzend um den Hals. »Du hast gehört, was hier vorging?« fragte dieser. »Sei ruhig, Kind, ich werde dich schützen vor der Frechheit dieses wahnsinnigen Menschen!« Aber zu seinem Entsetzen sprach Eleonore mit erstickter Stimme: »Ich – – liebe – – ihn! Vater – o vergib! – ich kann nicht anders!« Der Alte war wie vom Donner gerührt. Er stieß sie hinweg – sie faßte Behaims Hand. Da ging dem Vater ein Licht auf, – freilich ein Irrlicht. »Jetzt durchschaue ich das Spiel!« rief er bebend, kaum der Sprache mächtig. »Dies ist die tiefste, die unmenschlichste Demütigung, welche der Markgraf mir auferlegt, grausamer in seiner Gnade als andere in ihrem Zorn! Weil ich seine Ehe eine Mißheirat nannte, darum soll meine Tochter eine noch viel ärgere Mißheirat schließen, und ich selbst soll den Segen dazu geben! Mit welchen Drohungen und Schreckbildern mag man dich gezwungen haben, armes Kind! Aber widerstehe standhaft gleich mir! Schickt mich ins Zuchthaus, Herr Markgraf, aber laßt meine Tochter frei, die Euch nichts zuleide getan!« Dann wandte er sich bittend zu Behaim: »Ihr seid ein ehrlicher Mensch, Martin, ein guter Mensch. Ich bin Euch Dank schuldig: ich gebe Euch die Hälfte meines Vermögens – alles! – nur nicht die Hand meiner Tochter!« – und zu Eleonoren: »Sei aufrichtig! Diese Werbung ist nicht, was sie scheint, dein Wille ist nicht frei: enthülle mir das Geheimnis!« »Ich darf nicht sprechen. Jetzt nicht.« »So redet Ihr, Martin!« »Ich will nicht sprechen und darf nicht sprechen von dem, was ein Geheimnis ist. Der freie Bund unserer Liebe aber ist so wahr und klar wie die Sonne dort oben am Himmel.« »Nun gut!« rief der Vater. »So ist im Augenblick nichts Weiteres zu machen. Eleonore, geh nach Hause und bleibe fern, ich befehle es dir – oder ich bitte dich, wenn ich nicht befehlen darf.« Unter Tränen gehorchte Eleonore. Hätte die furchtbare Aufregung des Alten Auge nicht verdunkelt, so würde er aus den Blicken, mit welchen sie von Martin Abschied nahm, doch vielleicht den wahren Schlüssel des Rätsels erraten haben. Als sie gegangen, griff er wieder zur Schaufel und arbeitete mit so grimmigem Eifer weiter, als wolle er heute noch den ganzen Kanal allein ausgraben. Auch Martin ließ das Essen stehen und nahm die Schaufel zur Hand. So standen sie beide nebeneinander und gruben den ganzen Nachmittag, ohne sich einen Blick zu gönnen oder ein Wort zu reden. XIII In der folgenden Nacht lauerte Herr von Staffel am Kammerfenster, ob der Reiter heute nicht wieder komme. Er kam – und es war der Markgraf. Behaim war schon vorher zum Parkaufseher gegangen. Staffel eilte nun gleichfalls dorthin. An der Türe wollte ihm der alte Jäger den Eintritt wehren. Es kam zum lauten Wortwechsel. Da rief eine Stimme von innen: »Laßt den Mann herein!« – es war des Markgrafen Stimme. Staffel trat in das kleine Zimmer. Zu seinem Staunen sah er da Martin neben dem Fürsten an einem Tische sitzen, der mit Briefen und Pergamenten bedeckt war. Er bat um Verzeihung, daß er sich hier eingedrängt: aber das Herz des Vaters gebe ihm den Mut. Dann erzählte er die Geschichte von Martins Werbung und beschwor den Fürsten, daß er diese äußerste Strafe und Demütigung von ihm nehmen, daß er den Fehltritt des Vaters nicht durch das Unglück der schuldlosen Tochter strafen möge. Der Markgraf fragte Behaim, ob er aus eigenem Antrieb oder auf fremden Befehl um die Hand Eleonorens geworben habe, und dieser berichtete, daß niemand ihn dazu getrieben als sein eigen Herz und daß Eleonore das gleiche bekennen würde. »Da hört Ihr, Staffel, daß meine Strafjustiz mit dieser Liebesgeschichte nichts zu schaffen hat!« rief der Fürst. »Und warum wollet Ihr nun diesem braven Manne, dem Ihr Dank schuldet, die Hand Eurer Tochter verweigern?« Herr von Staffel meinte, Martin sei freilich ein braver Mann gewesen bis auf diese seine letzte Schlechtigkeit. Denn er hätte den Unterschied des Standes bedenken müssen und das Mädchen nicht berücken dürfen. »Wie?« fuhr der Markgraf auf, »Ihr seid ein simpler ›Herr von‹ – meines Wissens etwas neuen Ursprungs –, und dieser Martin ist ein gelernter Handwerker von der ehrsamen Zunft der Geigenmacher; – ich bin Reichsfürst, und meine Gemahlin ist die Tochter eines bürgerlichen Kapitäns. Ich glaube fast, der Sprung war größer bei mir, als er da bei Euch wäre.« »Verzeiht, gnädiger Fürst«, entgegnete Staffel. »Mann und Frau ist zweierlei, und der Mann macht das Haus. Ihr würdet eine Prinzessin auch nicht an einen bürgerlichen Kapitän verheiraten.« »Da habt Ihr recht, Staffel. Ich muß schon anderswie Hilfe schaffen. Meine Kanzlerstelle ist vakant. So wollen wir denn diesen Hausknecht zu unserem Kanzler machen. Genügt Euch das?« »Durchlauchtigster Herr! Ihr könnt alles; allein einen Hausknecht zum Kanzler machen, das könnt Ihr doch nicht, – um des eigenen Landes willen nicht. Es wäre ein Skandal vor dem ganzen Reich und allen Fürsten. Ein Kanzler muß ein rechtskundiger Mann sein, und wer eine Geige zusammenleimen kann, der kann darum noch lange keine Markgrafschaft zusammenleimen.« So sprach der ehemalige Kanzler mit wachsendem Mute. Der Markgraf wandte sich an seinen Schützling: »Hat Er die Rechte studiert, Martin?« »Jawohl, gnädigster Herr, in Leipzig.« »In Leipzig«, wiederholte der Markgraf, »wo sich eine treffliche Juristenfakultät findet – keine Esel, wie ich früher einmal irrtümlich sagte; und die Leipziger Juristen haben mir das schätzbare Gutachten geschrieben, welches mich dieser Martin erst richtig verstehen lehrte. Denn Ihr, Staffel, laset nur die erste Hälfte, in der zweiten Hälfte aber steht bewiesen, daß, obgleich Johanna nicht von den Grafen von Leuwarden stamme, unsere Ehe dennoch ebenbürtig sei, da ihr als der vornehm bürgerlichen Tochter eines Offiziers zur See Nobilitätsrechte zuständen nach den Reichstagsabschieden wie nach allen gemeinen Rechten. Die Helmstedter Fakultät aber hat auf Euer geheimes Befragen diesen Standpunkt noch viel schlagender erwiesen und gezeigt, daß sich ›die deutschen Könige und Fürsten in der guten alten Zeit bei ihrer ehelichen Liebe niemals die Hände hätten binden lassen‹. Das nenne ich eine gute Fakultät und eine gute Zeit! Sie droht zu verschwinden; ich aber halte sie fest – für mich. Und auf Grund dieser Gutachten, die Ihr unterschlugt, hat Martin von hier aus die Sache in Wien eingefädelt, und wir haben beim Kaiser gewonnen! Bei Tag arbeitete dieser Martin wie ein Hausknecht, bei Nacht widmete er sich der Wissenschaft, was sicherem Vernehmen nach auch andere deutsche Gelehrte tun sollen. Und nun wollte ich, Martin Schwarz wäre wirklich nichts weiter wie ein Geigenmacher; ich hätte dann eine rechte Freude, Euch sagen zu können, daß ehrlicher Mutterwitz mehr erreicht als alle Gelehrsamkeit und staatskünstlerische Spitzbubenpraktiken. Aber leider ist dieser Martin, der Marquard heißt, gar kein Geigenmacher, schreibt sich auch nicht Schwarz, sondern Behaim, aus dem alten Nürnberger Hause, ist Doktor der beiden Rechte. Wollt Ihr den Mann zu Eurem Schwiegersohne?« Mit etwas gemischten Gefühlen gab Jakob von Staffel dem jungen Behaim die Hand und sprach: »In Gottes Namen – ja!« Der Markgraf rief fröhlich: »Morgen fahren wir mit unserer Ehefrau, der Markgräfin, heraus und mit unserem Sohn, dem Erbprinzen, und mit Eurer Tochter und etlichen Zeugen. Dann wollen wir drüben im Jagdhaus Verlöbnis halten. Aber ihr beiden müßt dann fort aus diesem Hause; ihr habt zu langsam gearbeitet, andere müssen schleunigst nachhelfen, daß wir vor dem ersten Schnee noch des jungen Kanzlers Hochzeit feiern können. Sie soll hier gefeiert werden, Herr von Staffel, damit die neugierige Stadt das Schauspiel nicht zu sehen kriegt. Und dann kann Euer Schwiegersohn in das schöne Kanzlerhaus ziehen. Ihr aber wählet vielleicht eines Eurer entfernteren Güter zum Ruhesitz. Doch wollt Ihr mich und die Frau Markgräfin in Jahr und Tag einmal besuchen, dann sollt Ihr willkommen sein.« Im Übermaß des Glückes sagte Marquard Behaim dem Fürsten seinen Dank. Dieser aber unterbrach ihn: »Ich weiß alles, was Ihr sagen wollt, Herr Kanzler. Übrigens habt Ihr auch diesmal wirklich wieder das Gescheiteste im Wald getan. Ihr habt mir hier im Walde den schönsten Prozeß gewonnen und Euch selbst die schönste Frau. Nun freue ich mich recht darauf, Eure Waldweisheit weiter zu benützen. Könntet Ihr dann nur auch Eure philosophische Geheimkunst auf mich übertragen, kraft deren Ihr erreicht, was Ihr wollt, weil Ihr Euch einbildet, das Erwünschte bereits erreicht zu haben!« Marquard Behaim erwiderte: »Übertragen läßt sich diese Kunst nicht, weder durch eine magische Weihe noch durch überzeugende Belehrung. Das Talent dazu muß angeboren sein, mehr noch wie beladen übrigen freien Künsten. Allein mancher besitzt ein solches Talent und weiß es selber nicht: der schlummernde Genius muß dann geweckt werden, und dies geschieht durch die ansteckende Kraft des erfolggekrönten Beispiels. Scharlach und Blattern sind nicht halb so ansteckend wie das siegesgewisse Streben nach Erfolg. Der Kanzler will sich alle Mühe geben, seinen durchlauchtigsten Fürsten mit diesem Beispiele anzustecken. Mehr kann ich nicht versprechen. Scharlach und Blattern sind Kinderkrankheiten: vielleicht nennt es mancher Griesgram auch eine Kinderkrankheit, daß ich mir einbilde, bereits zu besitzen, was ich erst erringen will, damit ich's desto sicherer erringe. Ich bestreite aber, daß dies eine Krankheit sei; es ist vielmehr die Folge überströmender Gesundheitsfülle der Jugend. Darum müssen sich Eure Durchlaucht beeilen, Ihr schlummerndes Talent zu wecken. Denn man sagt, mit dem Alter versiege Talent und Kunst hier wie anderswo, und während der Jüngling wettet und wagt, weil er die köstlichsten Güter im Geiste vorwegnimmt, verzagt im Gegenteil der müde alte Mann, weil er gar nicht mehr zu fassen vermag, welche längst erworbenen Schätze in der Tat sein eigen sind.« Reiner Wein 1865 Erstes Kapitel Es ist eine ganz eigene Empfindung, vom Pferde zu fallen, so eigen, daß sie sich gar nicht genau beschreiben läßt: man muß sie einmal erlebt haben oder noch besser mehrmals. Es fällt sich so überraschend geschwind! Ich meine, wenn wir eben erst Sitz und Bügel verloren haben, so ist die Spanne Zeit, bis wir uns selbst am Boden wiederfinden, verzweifelt kurz; in all der Geschwindigkeit aber können wir gar viel uns denken und vorstellen; denn ein Pferd ist schnell und ein Fall noch schneller, aber die Gedanken sind doch alleweil am schnellsten. Das erfuhr Franz Hertorf vom Roßmarkt in Frankfurt, als er beim Stückschießen von 1664 über die Festwiese ritt. Er lenkte den stolzen Schimmelhengst Cyrus recht straff und keck, und wie er des alten Schöffen Lippold Silberborn mit seiner schönen Tochter ansichtig wurde, ließ er das Pferd majestätisch im kurzen Galopp ansprengen. Da krachte unversehens unter der Nase des Reiters ein Böller los, das Feuer schlug ihm fast ins Gesicht, daß er jäh zusammenfuhr, und weil der Reiter erschrak, so erschrak das Pferd doppelt, tat einen Seitensprung in den Graben, welcher die kanonierenden Bürger von den Zuschauern trennte, brach in die Vorderbeine, warf sich aber im Nu mit wütender Schnellkraft wieder empor, schleuderte den Reiter weit ab und jagte mitten in die Schußlinie der Geschütze. Fast im selben Augenblicke stand aber auch der Reiter schon wieder auf den Füßen, sprang dem Tiere nach, das plötzlich wie eingewurzelt stehengeblieben war, faßte es fest mit der Linken am Zügel, klopfte ihm ohne eine Miene des Zornes oder der Strafe gutmütig lächelnd mit der Rechten auf den Hals und sagte: »Cyrus, Cyrus! warum hast du mir das getan?« Dann schwang er sich leicht wieder in den Sattel und lenkte das immer noch zitternde und scheuende Roß mit sicherer Führung über den Graben zurück. Handumgekehrt, wie man drei zählt, war die Geschichte verlaufen. Aber was dachte der Reiter nicht alles in der Geschwindigkeit! Ein ganzer Liebesroman war mit ihm durchgegangen und vom Pferde gefallen. Er wußte wohl, welch gefährliches Tier er ritt, allein Cyrus war der stolzeste Hengst, drum hatte er ihn eigens für heute gewählt. Und war er, Franz Hertorf, gleich nur ein neu eingebürgerter Weinhändler, so wollte er sich doch der Jungfrau Susanna Silberborn, die aus den edlen Geschlechtern des Hauses Limpurg stammte, als einen leibhaften Ritter zeigen. Mit diesen Gedanken galoppierte er an dem Schöffen und seiner Tochter vorbei. Und als er den aufbäumenden Hengst nicht mehr halten konnte und instinktmäßig nach der Mähne griff, da dachte er: »Nein! Susanne schaut auf dich: lieber ritterlich herunterfallen, als unritterlich oben bleiben!« und hielt sich, getreu diesem schönen Gedanken, am Zügel statt an der Mähne, wodurch er dem Cyrus das Maul blutig riß, daß ihn derselbe nun erst ganz unfehlbar abgeworfen hätte, auch wenn er kein Weinhändler gewesen wäre. Indem er dann aber auf die Wiese hinausflog, sah er einen Stein und dachte: »Dort wirst du dir den Schädel zerschmettern; das ist nun ein ganz besonderes Erlebnis und wird der Jungfrau Herz erweichen!« Allein er hatte den Satz noch gar nicht recht ausgedacht, so stand er auch schon wieder ganz heil auf den Beinen und wußte weniger, wie er jetzt so geschwind in die Höhe, als wie er vorhin so geschwind heruntergekommen war. Und da er nun dem verteufelten Cyrus nachlief, quer durch die Schußlinie, meinte er, eine Stückkugel werde ihm den Kopf vom Rumpfe reißen; aber dann sterbe er für Susanna. Dies war nun eigentlich ein Unsinn, denn Jungfer Susanne ahnte nicht das mindeste von seiner Liebesschwärmerei: was hätte es ihr also für Nutzen gebracht, wenn ein Weinhändler vor ihren Augen zwiefach den Kopf verloren hätte, figürlich und natürlich? Dennoch gab ihm gerade jener gedankenlose Gedanke so stolzen Mut, daß er sich kühn wieder auf den scheuen Hengst schwang und geschlossenen Sitzes wie ein Stallmeister unter die staunende Menge zurückritt. Sowie er sich aber hier wieder auf sicherem Boden und in sicherem Gange fühlte, brach alle seine Spannkraft mit einem Male. Es überfiel ihn eine Scham und ein Schreck über das eben Erlebte, daß die zitternden Knie kaum mehr Schluß zu halten vermochten, und so trabte er barhäuptig (der Hut war auf der Wiese geblieben) und geduckt nach Hause, und als das Pferd endlich von selbst vor dem Stalle stehenblieb, rutschte er im Absteigen herunter, als ob er das Fallen noch einmal probieren wolle. Allein der Schreck kam nicht bloß nach, sondern nach dem Schrecken auch der Trost. Ein Augenblick war wie ein Lichtstrahl in seine Seele gefallen und leuchtete jetzt wieder hell auf. Als ihn das Pferd abwarf, hatten alle Umstehenden gelacht; nur Susanne lachte nicht, sie wurde leichenblaß und schrie und zitterte. Das hatte er bemerkt, ja hätte er's nicht so scharf bemerkt, so wäre er vielleicht fester im Sattel geblieben. Jener Schrei wurde ihm zu Hause am einsamen Abend zum beglückenden Wahrzeichen: war es nicht der erste Laut der Teilnahme für ihn, welcher der vornehmen Jungfrau über die Lippen gekommen? Freilich kannte er den ganzen Verlauf dieser Teilnahme nicht. Genau besehen erging es nämlich folgendermaßen: Als Susanne den Reiter so hochgemut heransprengen sah, sagte sie zu ihrem Vater: »Da kommt der junge Hertorf und sitzt wie ein rechter Geck auf dem großen Gaule.« Im Anblick des Sturzes erblaßte sie dann freilich und schrie, wie Frauenzimmer pflegen, und war eine ganze Weile versteinert vor Schrecken. Doch erholte sie sich bald und sagte lächelnd: »Für einen Weinhändler ist der junge Mensch nicht übel vom Pferde gefallen.« Wie seltsam aber streiten oft eines Mädchens Worte und Gefühle! Es klang dennoch ein warmer Ton bewegend aus der Stimme, welche diesen kalten Spott so leichtsinnig hinwarf. Zweites Kapitel »Unsere erste Begegnung«, – so nannte Franz Hertorf bald nur seinen Sturz auf der Festwiese, natürlich ganz still für sich, denn über derlei Dinge plaudert man nicht. Und er entsann sich dabei, daß schon einmal ein solcher Fall berühmt geworden war in der Geschichte der Geschlechter des Hauses Limpurg. Als nämlich Ambrosius Glauburger im Jahre 1498 mit einem Herzog von Braunschweig turnierte und denselben aus dem Sattel hob, ließ er sich zu Ehren des Herzogs mit herunterfallen. Die Geschichte war abgemalt am Tanzhause zum ewigen Gedächtnis, wie vornehm ein Frankfurter Patrizier sei, daß er mit einem Herzog seine Lanze gebrochen, und wie artig, daß er den Herzog nicht allein habe vom Pferde fallen lassen. Franz meinte, die beiden Fälle seien nahe verwandt: was Ambrosius Glauburger aus Höflichkeit, das habe er aus Liebe getan. Denn es deuchte ihm nachgerade fast, er sei auch mit Absicht nur so ein wenig herabgeglitten, bloß um das Auge der spröden Jungfrau desto sicherer auf sich zu ziehen, und man könne nicht wissen, ob diese erste Begegnung dereinst nicht auch einmal irgendwo abgemalt werde. Der Vergleich mahnte ihn dann aber auch mit Schrecken daran, welch große Kluft bestehe zwischen jenen alten Geschlechtern, die mit Fürsten turniert hatten, jeden bürgerlichen Erwerb verschmähend, nur der Wissenschaft, dem Kriegsdienste oder ihrer freien Muße lebten, vornehmlich aber »sehr difficile im Heiraten« waren, – und ihm, dem neu eingewanderten Kaufmanne. Allein, wer noch jung und schön ist und dazu ein erlesenes Weinlager am Roßmarkte hat, der sieht auch weingrünen Mutes in die Welt, und also dachte Franz Hertorf, es gebe zweierlei Edelleute, solche, die adelig geboren sind, und solche, die adelig leben und handeln, und wenn er nur diesen zweiten Adelsbrief in den Augen der Jungfer Susanne gewinne, so werde sie den Mangel des ersten wohl vergessen. Also fuhr er nun recht hoch hinaus. Er wollte Unerhörtes tun, Taten, wie man sie einem gewöhnlichen Weinhändler gar nicht zutraut. Weil es aber nicht mehr wie in der Ritterzeit Riesen und Drachen zu erschlagen gab, so begann er damit, daß er ein Fuder Hochheimer Zweiundfünfziger zu zweihundert Reichstalern ersteigerte. Es war ein köstlicher Wein, und man nannte den Jahrgang damals nur »das Wunderjahr«; aber zweihundert Reichstaler war auch ein Preis, den selbst für dieses edelste Gewächs kein Mensch noch gezahlt hatte. Die reichsten Käufer boten bis zu hundertfünfzig Talern; doch Franz Hertorf rief: »Zweihundert!«, und alle verstummten und fragten sich staunend, wie denn der Weinhändler so überteuren Wein wieder an den Mann bringen wolle. Das war aber bald geschehen; denn schon des anderen Tages schenkte Hertorf das ganze Fuder dem Heiligen-Geist-Spital zum Labetrunk für Genesende mit der einzigen Bedingung, daß die Spittelleute an jedem hohen Festtage seine Gesundheit in einem Becher dieses Weines trinken sollten. Und den Becher schenkte er auch dazu. Das hieß doch adelig gehandelt! Die Sache hatte aber zudem noch ihre besondere Feinheit. Denn der alte Schöff Silberborn zählte zu den magistratischen Pflegern des Spitals. Natürlich ging Hertorf gerade zu diesem Pfleger und keinem anderen, um das Geschenk anzumelden, und hoffte bei dem Anlaß doch auch die schöne Tochter zu sehen. Und in der Tat blühte ihm auch dieses Glück; denn als er zum Haustore eintrat, ging sie eben hinaus und sagte deutlich: »Guten Morgen.« Der Alte nahm das überraschende Geschenk mit zögerndem Danke entgegen und belästigte seinen Besuch nicht mit allzu langem Gespräche. Das war freilich wenig für zweihundert Reichstaler; allein es war doch der zweite Anknüpfungspunkt. Am Abende schalt Lippold Silberborn bei seiner Tochter die Hoffart dieser verderbten neuen Zeit, wo Kaufleute mit fürstlichen Geschenken prahlten. Susanne entgegnete: »Hätte der junge Hertorf das schlechteste Faß aus seinem Keller geschenkt, so würdet Ihr ihn einen rechten Christen nennen; soll er nun darum ein schlechterer sein, weil er das beste geschenkt hat?« Zur selben Zeit regte es sich in Hertorfs Hause am Roßmarkt von allerlei Künstlern und Handwerkern. Obgleich der stattliche Bau erst vor wenigen Jahren neu aufgeführt worden, so dünkte er dem Besitzer jetzt doch viel zu schmucklos, darum ließ er an der Vorderseite Festons in Stukko über den Fenstergewandungen anbringen und ein neues Prachtportal mit steinernen Säulen und grimmig züngelnden Löwenköpfen. Denn wo können wir den Leuten unser Geld und unseren Geschmack greifbarer zeigen als an der Straßenfronte unseres Hauses? Mit genügender Neugierde beobachteten dann auch die Frankfurter, wie sich das Bürgerhaus in ein Herrenhaus verwandelte; ein jeder wußte zu loben und zu tadeln, und allen stand es fest, daß der junge Weinhändler viel reicher sein müsse, als man bisher geglaubt; auch verbreitete sich bald die Sage, er habe unlängst eine große Erbschaft getan. Gelockt durch das viele Gerede, ging nun auch einmal der Schöff mit seiner Tochter über den Roßmarkt, um die neue Herrlichkeit zu betrachten. Sie fanden den Hausherrn vor der Türe, mit zwei Handwerksmeistern sich beratend, und begrüßten ihn recht gnädig, fast schon wie einen alten Bekannten. Franz Hertorf hätte vor Freude gestrahlt, wenn er vor Verlegenheit zum Strahlen hätte kommen können, und erläuterte beredten Mundes das begonnene Werk. Über dem Portal stand eine kahle Wandfläche, für welche noch kein passender Schmuck gefunden war. Da meinte Susanne, Herr Hertorf könne ja einen Bacchus hinaufmalen lassen, der auf einem Weinfasse reite. Es zuckte auf des jungen Mannes Gesicht, wie wenn er eine Ohrfeige erhalten hätte. Denn solch eine plumpe Figur war damals ein bräuchliches Schild der Weinhändler. Jungfer Susanne konnte bei seinem und seines schönen Hauses Anblick an so vieles andere denken, warum gerade daran, daß er ein Weinhändler sei? Doch faßte er sich rasch und sagte mit artigstem Lächeln, der Vorschlag der Jungfrau solle ausgeführt werden. Und nach drei Monaten lud er den Schöffen mit seiner Tochter ein, daß sie das nunmehr vollendete Bacchusbild betrachteten. Wie staunten da die beiden! Dieser Bacchus war kein pausbackiger Bube, der trunken auf einem Fasse reitet, die Flasche am Mund, sondern ein edler Jüngling, auf antikem Wagen von zwei Panthern gezogen, und auf den gefleckten Raubtieren ritten zwei Genien und bändigten mit der Leier und Flöte der weinverklärten Kunst die wilde Wut des Gespannes. Als Rahmen um das farbenleuchtende Mittelbild aber schlang sich ein Arabeskenkranz, grau in grau, mit reizenden kleinen Gruppen aus der Bacchussage. Das war kein Kaufmannsschild, sondern ein Kunstwerk. Johannes Sandrart, der Bruder des berühmten Joachim, hatte das Ganze entworfen und ausgeführt, und Johann Heinrich Roos die Panther auf dem Karton noch einmal insbesondere durchgebildet. Mit Stolz blickte Hertorf jetzt bald auf das schöne Bild, bald auf die schöne Susanne; kein Edelmann hätte ja feineren Geschmack zeigen und bessere Kunstgönnerschaft üben können. Endlich brach der alte Schöff das Schweigen, klopfte dem träumenden Mäzen vertraulich auf die Schulter und sprach: »Die Panther sind gut; man kann sie auf der Messe nicht besser sehen.« Susanne aber fügte teilnehmend hinzu: »Das Bild ist ein rechter Schmuck für ganz Frankfurt. Ihr beschämet den Rat dieser Stadt: der wußte an dem Brückentor nichts Gescheiteres malen zu lassen als einen Juden, welcher auf einem Schweine reitet.« Beim Heimgehen zankte der Vater die Tochter, daß sie so gesprochen: man müsse der neumodischen Hoffart, die über den Stand hinauswolle, nicht schmeicheln. Die Tochter aber erwiderte: »Dieser Hertorf ist entweder der größte Schwindler oder der feinste Weinhändler, welcher jemals gelebt hat. Das wird sich schon entscheiden. Dürfen wir ihn aber bis dahin tadeln, bloß weil er des Guten und Schönen zuviel tut?« Drittes Kapitel Franz hatte den Vormittag geglüht im Feuer der Erwartung, und als Susanne mit ihrem Vater wieder hinweggegangen war, fror es ihn den ganzen Nachmittag. Susanne war ein eigenes Mädchen. Groß, stattlich, voll in den Formen und von frischester Farbe, erschien sie aus der Ferne wunderschön; trat man ihr aber nahe, so waren die Züge um ein Haar zu scharf und männlich, die Farbe um einen Ton zu derb; die Schönheit stieg mit jedem Schritte, den man zurücktrat, und fiel mit jedem Schritte, den man herankam. Die Schwaben sagen von einem solchen Frauenbilde: »es fernelet«. Nur der geistige Ausdruck des Auges wuchs in der Nähe. Alles dieses hatte Franz schon oft bemerkt und meinte, das sei gerade nicht die schönste Schönheit, aber die gediegenste. Nun fand er heute, daß die Jungfrau auch noch in einem anderen Sinne »fernele«. Wenn er sie nämlich gar nicht sah, tage- und wochenlang, so neigte sie sich ihm im Geiste immer liebevoller und huldreicher entgegen; hatte er sie vollends während eines ganzen Monates nicht einmal auf der Straße erblickt, so verkehrte er wunderbar innig mit ihr und sie mit ihm, und es hätte nur noch des letzten Wortes bedurft, so wären sie Braut und Bräutigam gewesen; – allein er brauchte dann nur wieder ein wirkliches Wort mit ihr zu reden, und der ganze Rausch verflog; es überlief ihn kalt, und er erkannte mit entsetzlicher Klarheit, daß Susanne gar nichts ahne von seinem vertrauten geisterweisen Verkehre, nichts ahne, daß er ihr zuliebe den Cyrus geritten und den Wein so teuer gekauft und das Haus so kostbar habe schmücken lassen. So war es in der Tat. Dennoch hatte das Mädchen gleichfalls eine gewisse Empfindung für den jungen Schwärmer, nur in einer der seinigen ganz entgegengesetzten Weise. Sie ärgerte sich über den Großtuer und zürnte dem Verschwender, ja sie war unter Freundinnen immer seine strengste Anklägerin. Trat er ihr aber einmal persönlich gegenüber, so zerrann der Unmut, und sie konnte seine wenigen bewegten Worte niemals ohne herzliches Mitleid hören. Der junge Mensch, welcher so sichtbar in sein Verderben lief, dauerte sie dann gar zu sehr. Er träumte sich am glücklichsten, wenn er sie nicht sah, und mußte sie doch suchen; sie suchte ihn gar nicht, fühlte aber doch eine gewisse Befriedigung, wenn sie ihm ungesucht begegnete. Und warum soll es uns nicht wohltun, wenn wir gewahren, daß ein zweifelhafter Charakter aus der Nähe doch nicht halb so schlecht aussieht als aus der Ferne? Franz Hertorf verfolgte inzwischen unbeirrt die eingeschlagene Bahn im festen Glauben, sie werde ihn zum Ziele führen. Sein Geldbeutel hielt noch eine Weile vor, und war er nur erst einmal ein recht vornehmer und berühmter Bürger geworden, so mußte sich das übrige schon finden. Vom Weine allezeit nüchtern, im Geiste aber ewig trunken, war er jetzt schon ohne Zweifel der originellste Weinhändler. Auch drang er wirklich mehr und mehr in das Haus des Schöffen, und die Gespräche mit Susannen wurden ausgiebiger. Allein der Gegenzug ihrer Naturen verschliff sich dadurch keineswegs, sondern steigerte sich nun erst recht. Denn stand Susanne dem jungen Hertorf gegenüber, so gab sie ihm zwar manches freundliche Wort, las ihm aber auch recht mütterlich den Text und dachte: wenn ich ihn nur immer unter den Augen hätte, so bliebe er vor tausend Torheiten bewahrt und könnte späterhin irgendein braves Bürgermädchen noch recht glücklich machen. Franz dagegen meinte manchmal, verzweifelnd, wenn es ihm nur gelänge, bloß von fernher und in der Einbildung mit Susannen zu leben, das gäbe die seligste Liebe und Ehe, die je im Himmel geträumt worden sei. Trotzdem ging jedoch seltsamerweise wieder all sein Sinnen dahin, der von fernher so reizenden Susanne seine Liebe einmal ganz aus der Nähe zu erklären. Vor diesem entscheidenden Schritt hatte er sich aber noch ein zwiefaches Ziel gesteckt, auf daß auch die letzten Vorurteile des Schöffen gegen seinen geringen Stand zerstreut würden, ein Doppelziel, mit welchem er freilich zunächst nur das doppelt gesteigerte Mißfallen Susannens gewann. Allein da er ihr bisher überhaupt ja nur im Mißfallen einiges Wohlgefallen abgerungen hatte, so erschreckte ihn das gar nicht. Erstlich trachtete er nach einem Sitz im Rathause, und zwar auf der zweiten Bank, auf welche neben viel vornehmeren Leuten nur einige vornehme Kaufleute kommen konnten. Als Susanne davon hörte, fand sie dieses Vorhaben sehr anmaßlich; denn ein Mann wie dieser Weinhändler gehöre höchstens auf die dritte Bank. Doch da ihr Franz demnächst wieder zu Gesicht kam, dachte sie ganz still: für die dritte Bank ist er doch zu fein, und warum soll denn ein so reichbegabter Mann seinen Ehrgeiz nicht eine Bank höher spannen? Um aber jener zweiten Bank sicher zu sein, veränderte er sein ganzes Geschäft von Grund aus und wollte sich demnächst als wirklicher Großhändler entpuppen. Dies war das andere Ziel. Er mied von Stund an den Weinmarkt vor dem Leonhardstor, wo man am Mainufer unter schattigen Bäumen täglich Wein probierte und ausschenkte und die kleineren Käufe abschloß, und schickte statt seiner einen Geschäftsführer auf den Markt, der jedoch für sich bessere Geschäfte machte als für seinen Herrn. Allein das tat nichts. Der Kleinverkauf – bisher freilich die beste Einnahmequelle – sollte ohnedies allmählich ganz eingehen; dagegen nahm Hertorf den Rest seines Vermögens zusammen, um große Vorräte einzukaufen und neue Verbindungen zu knüpfen. Die Leute redeten viel über diesen kühnen Aufschwung, und Susanne fand das Verschmähen des bisherigen sicheren Erwerbes äußerst unklug und spottete über den großen Handelsherrn, der für den Platz am Weinfaß zu gut geworden sei und nur noch vom Triumphwagen herab (wie der Bacchus am Roßmarkt) seine Panther, das heißt seine zwei Handlungsdiener, lenke. Als sie ihm jedoch ihre Meinung recht hart sagen wollte, schmolz diese Härte in den Ton des Mitleids, und der leichtsinnige Franz ließ sich den Übergang recht wohl gefallen und meinte, Mitleid sei schon oft die Maske der Liebe gewesen. Der Tag, wo sich's mit der zweiten Bank entscheiden mußte, stand vor der Tür. Hertorfs Hoffnung wuchs und wurzelte zuletzt so fest, daß er im Geiste die Bank schon ganz warm gesessen hatte, und als ihn gar nur vierundzwanzig Stunden noch von dem Termine der Ratswahl trennten, war seine Brust so übervoll des frohesten Mutes, daß ihm die Mauern der Stadt zu eng wurden. Er sprengte auf dem Cyrus hinaus ins weite Land, um bis zum sinkenden Abend den stolzesten, glückseligsten Zukunftsbildern nachzujagen, und fand des Nachts vor lauter Träumen keinen Schlaf. Am hellen Tage träumte er dann weiter. War nach dem Vorschlage des Schultheißen die Wahl vollzogen, so mußte alsbald ein Kanzleischreiber bei ihm, dem Neugewählten, erscheinen und ihn auf den Römer entbieten. Dort schwur er den sogenannten »Korruptionseid« und empfing an der Tür die Glückwünsche seiner neuen Amtsbrüder. Alsdann aber wollte er stracks zu Jungfer Susanne eilen, um mit noch ganz anderen Schwüren als dem Korruptionseid den Tag zu besiegeln. Er spähte recht oft durchs Fenster nach dem Kanzleiboten. Endlich klopfte es an die Türe; Hertorf setzte sich in würdige magistratische Haltung, bevor er: »Herein!« rief. Es kam aber kein Kanzleibote, sondern ein Handlungsdiener, welcher atemlos meldete, der Geschäftsführer am Weinmarkt sei gestern durchgegangen. Das Wort schnitt dem unglücklichen Kandidaten der zweiten Bank bis ins Mark; er hatte dem Geschäftsführer unbegrenztes Vertrauen geschenkt, er hatte ihn den Kaufmann spielen lassen, damit er selber Zeit gewönne, den Edelmann zu spielen, hatte Wechsel und Verträge unterzeichnet, welche jener ihm vorgelegt, ohne daß er nur genau den Inhalt gelesen: das fuhr ihm jetzt alles wie ein Wetterstrahl durch die Seele. Da klopfte es schon wieder. Jetzt kam wirklich ein Bote vom Römer. Allein es war der rechte nicht, sondern ein Gerichtsdiener, der dem Weinhändler Hausarrest ankündigte auf gestern bereits erfolgtes Andringen der Gläubiger, welche den durch des Geschäftsführers Flucht verstärkten Verdacht leichtsinnigen und betrügerischen Bankerottes nachgewiesen hätten. Bei dem Worte »betrügerisch« gewann Franz Hertorf seine ganze Fassung und ratsherrliche Würde wieder. Er erhob feierlich den großen Rohrstock mit dem goldenen Knopfe, welchen er sich schon vor einer Stunde für den Gang auf den Römer zur Hand gestellt hatte, und sprach zum Gerichtsboten: »Lieber Freund, verbessere Er seinen Vortrag! Ist mein Bankerott leichtsinnig, so kann er nicht betrügerisch sein, sondern höchstens ein betrogener Bankerott. Ehre mag noch bestehen neben dem Leichtsinn, und in Ehren kann man auch betrogen werden, ja man kann sogar aus lauter Ehre Bankerott machen, aber betrügen aus Ehre kann kein Mensch!« Und so fand Franz den ersten Trost in dem Gedanken, daß er zwar Geld und Freiheit möge verloren haben, aber seine Ehre nicht. Viertes Kapitel Der feinste Weinhändler, welcher in den Augen seiner Mitbürger nun doch plötzlich zum gröbsten Schwindler herabgesunken war, bekam einen harten Stand. Die Überschuldung rechnete sich auf zehntausendachthundert rheinische Gulden, und Franz Hertorf selber, dem doch so vieles Großartige über Erwarten gelang, hätte seiner Lebtage nicht gedacht, daß er so großartige Schulden machen könne. Vergebens rang er, den Richtern seine Unschuld und Unwissenheit darzutun und den bodenlosen Abgrund seines romantischen Leichtsinnes zu veranschaulichen. Sie hatten kein Verständnis dafür. Kein Mensch wollte ihm glauben, daß er seit Jahresfrist den schlechten Stand seines Vermögens selber nicht gekannt und dem Geschäftsführer schriftliche und mündliche Vollmachten gegeben, deren Inhalt er gar nicht beachtet habe. Mußte er doch den letzten, einzig überzeugenden Grund, der in der Tiefe seines Seelenlebens lag, verschweigen. Die Richter sprachen von einem leichtsinnigen, ja von einem schelmischen Bankerott, und er hatte doch nur aus bitterer Not Bankerott gemacht, aus Liebesnot. Er schimpfte inwendig auf die erbärmliche Rechtspflege, welche gar keine Rubrik besitze für einen Bankerott aus Liebe, hätte sich jedoch eher die Zunge abgebissen, als daß er von dieser Ursache seiner Verschwendung und seines adeligen Abscheues gegen gemeine Rechnungsbücher, Wechsel, Quittungen und dergleichen bürgerliche Papiere gesprochen hätte. Sein geheimes Lieben war ihm heilig, er hatte es über alle Wolken hochgehalten, sollte er's in einen ganz ordinären Gantprozeß herunterziehen? Und sollte er wohl gar zu den Akten geben, daß er so ungeheuer viel Geld und Mühe verschwendet für ein Mädchen, welches dann ihrerseits am Ende vielleicht zu Protokoll erklärte, daß sie von seiner Liebe niemals etwas gewußt habe noch habe wissen wollen? Er hatte für den höchsten Besitz, für den Besitz des edelsten, echtesten Menschenherzens schnöde Erdengüter eingesetzt, und wenn er diese nun verlor, war das ein leichtsinniger Bankerott? Und konnten seine Richter und Gläubiger denn überhaupt entscheiden, daß er in diesem Handel Bankerott gemacht habe? Das konnte nur Susanne und er selbst. Mit solchen Gründen erhitzte und kühlte er zugleich seinen brausenden Zorn. Freilich würden sie ihm, wenn er sie ausgesprochen, nicht viel genützt haben; wie viel weniger also, da er sie steif und fest für sich behielt? Kein Wunder, daß der Prozeß einen schlimmen Ausgang nahm. Das leichtsinnige Bankerottieren war seit einiger Zeit zu Frankfurt stark in Mode gekommen; man mußte ein Exempel statuieren und tat es vielleicht doppelt gern bei einem Manne, der vornehmer, feiner und besser hatte sein wollen als seine Mitbürger. Also erkannte der Rat zu Recht, daß Franz Hertorf »einen schelmischen Bankerott gespielet«, zumal er noch nicht zwei Jahre Haus gehalten. Man ließ ihm aber aus besonderer Huld die Wahl zwischen drei Strafen: entweder er solle dreimal je zwei Stunden am Halseisen stehen oder lebenslang einen gelben Hut tragen oder auf ewig im Schuldturm sitzen. Die Wahl schien nicht gar zu schwer und der gelbe Hut sicherlich das kleinste von den drei Übeln. Doch Franz Hertorf wollte diesmal nicht wieder leichtsinnig sein und bat um Bedenkzeit, daß er sich mit seinem Advokaten berate. Dieser empfahl das Halseisen; es sei zwar nicht die angenehmste, aber doch die kürzeste Strafe, sechs Stunden seien geschwind vorbei, auch fehle es hier nicht an achtbaren Vorgängern, denn erst um Weihnachten habe ein wirklicher Edelmann wegen Diebstahls an demselben Eisen gestanden. Franz fuhr den wohlmeinenden Ratgeber fast zornig an und rief, solche Schande wolle er nimmer erleben, und fragte dann, ob der gelbe Hut nicht vorzuziehen sei. Man könne ja Winters und Sommers etwa einen Strohhut tragen. Als ihm aber der Advokat erklärte, was es mit dem gelben Hut für genauere Bewandtnis habe, da fiel ihm das Herz in die Schuhe. Wer nämlich als Bankerottierer zum gelben Hute verurteilt war, der mußte, laut eines Ratsschlusses von 1581, samt seiner Familie geringer gekleidet gehen als die übrigen Bürger und jedes öffentlichen Verkehres mit ehrlichen Leuten sich enthalten bei Gefängnisstrafe; auch war er unfähig zu städtischen Ämtern, also ausgestoßen aus der Gesellschaft und politisch tot. Da hatte der Advokat also doch mit gutem Grunde das Halseisen als bequemer empfohlen: gleiche Schande lastete auf der eisernen Halsbinde wie auf dem gelben Hute, allein das Sinnbild der Schande trug man dort doch nur sechs Stunden, hier aber sein Leben lang. Hertorf wollte verzweifeln über der Qual der Wahl. War hier am Ende gar die härteste Strafe die mildeste? Sollte er ewiges Gefängnis, welches im ersten Augenblicke kein Mensch vorgezogen hätte, nicht doch zuletzt als Frucht reiflicher Erwägung begehren? In den Schuldturm nahm er seine Ehre mit und konnte sie auch unverletzt wieder heraustragen, aber leider nur, wann er selber im Sarge herausgetragen wurde. »Ewig« spricht sich so kurz und ist doch ein gar langes Wort. Mit dem Halseisen oder dem gelben Hute war er tot für seine Mitbürger, tot für die Gemeinde; in ewiger Schuldhaft war die ganze Welt tot für ihn. Am liebsten hätte er sich gleich den Hals abgeschnitten, um der Wahl zwischen jenen zweierlei Arten von Tod durch eine dritte, noch tödlichere Todesart enthoben zu sein, allein fürs Leben würde er dadurch wenig gewonnen haben und für die Ehre auch nicht viel. Nach langem Hin- und Widerreden erklärte endlich der Advokat, so ein wählerischer Mensch sei ihm in seiner ganzen Praxis noch nicht vorgekommen, und überließ den überkritischen Weinhändler, dem nicht zu raten und nicht zu helfen sei, dem eigenen einsamen Nachsinnen. Kaum aber sah sich Franz Hertorf allein und ohne Rechtsbeistand, so fand er auch einen erleuchteten Gedanken: Susanne sollte entscheiden! Und kaum gedacht, so schrieb er auch schon einen Brief an die Tochter des Schöffen, und erst beim letzten Punktum erschrak er über seine eigene Kühnheit. Allein der Brief war geschrieben und ward augenblicklich gesiegelt und fortgeschickt. Es war sein erster Brief an Susannen: wenige trockene Zeilen mit einer kurzen Schilderung der Sachlage und der schweren Frage, welche von den drei Strafen zu wählen sei. Franz empfand viel zu stolz und dachte viel zu gescheit, als daß er auch nur die leiseste Ahnung von jener Leidenschaft hätte durchschimmern lassen, welche in diesem Augenblicke qualvoller als je zuvor sein Herz zerriß. Er hätte an seine Richter nicht gedrängter und gegenständlicher schreiben können wie jetzt an die Jungfrau, und sie stand in der Tat als der Hauptrichter vor seiner bangenden Seele. Dennoch sagte er, da er das karge Blatt abgesendet, zu sich selbst: »Das ist nun mein erster Liebesbrief!« – nicht als ein Brief, in welchem er seine Liebe erklärt, sondern durch welchen er vielmehr die Liebe Susannens, wenn sie auch nur in einem Fünklein geglommen hatte, zur Aussprache bringen mußte. Darum hoffte er auch, sie werde sich für gar keine von den drei Strafen entscheiden, sondern mit ihres Vaters Einfluß Aufschub, Gnade für Recht oder wenigstens Abwendung der äußersten Schande herbeiführen. Der Schöff hatte freilich während des Prozesses nicht die mindeste Gunst für den Angeklagten gezeigt; allein was vermochte die geliebte Tochter nicht allezeit über den Vater! Hertorfs Hoffnungsträume schwangen sich sogar noch kühner auf. Niemals hatte er auf das Geld der Jungfrau gerechnet: da sie aber nun doch einen steinreichen Vater besaß, so konnte sie immerhin den Alten zu einer Bürgschaft bewegen, zu einem Vorschuß, zur Einleitung eines Vergleiches mit den Gläubigern. Als er den Brief schrieb, hatte Franz nicht an dergleichen gedacht, es fiel ihm nur so nachträglich ein; doch wies er den Gedanken alsbald wieder von sich wie einen teuflischen Versucher. Nein, er wollte nicht losgekauft sein, er wollte kein Almosen aus eben der Hand, welche vielmehr von ihm den höchsten Reichtum des Lebensglückes hatte empfangen sollen. Er begehrte nur sein Urteil. Es kam in zwei Worten ohne Anrede und Unterschrift, aber sie waren von Susannens Hand und in ihrem Geiste. Sie lauteten: »Ewiges Gefängnis.« Franz Hertorf meldete sich zum Schuldturm auf Lebenszeit. Und es geschah ihm sein Recht, wie er's gewollt. Fünftes Kapitel Tief entrüstet hatte Susanne von fernher gesehen, welches schlechte Ende Franz Hertorf selbstverschuldet nahm. Doch konnte sie sich der alten Teilnahme nicht erwehren, als er ihr in dem Briefe noch einmal nahetrat. Urkunde dieser Teilnahme war die sechssilbige Antwort; denn hätte sie ihn nach Empfang des Briefes noch gerade so schwer verdammt wie vor demselben, so würde sie ihm gar keine Silbe geschrieben haben. Als Hertorf das ewige Gefängnis vorzog, empfand sie eine stille Beruhigung, oder sollte man's Freude nennen? Er hatte doch Ehre im Leibe. Sie ward sehr nachdenklich wegen dieser Ehrenprobe. Wie dann so Woche um Woche verstrich und das Stadtgespräch über den leichtsinnigen Menschen verklang und der Gefangene rascher, als man's hätte denken sollen, in Vergessenheit sank, da wuchs ihre verschwiegene Teilnahme gar seltsam. Sie blickte zurück auf seinen abenteuerlichen Lebenswandel und fand jetzt überall Züge edeln Ehrgeizes, wo sie früher nur den Hochmutsteufel wahrgenommen. In der Tat, hier waltete ein gewisses adeliges Wesen. Und das Schuldenmachen war ja auch adelig. Und doch begriff sie bei alledem nicht ganz, warum Franz gerade von ihr sein Urteil gefordert habe. Sie, die Tochter des vornehmen Hauses, mußte natürlich den Ehrenpunkt allein entscheiden lassen, während Hertorf, der bürgerliche Weinhändler, doch ganz leicht einen Ausweg hätte finden können zwischen höchster Schande und schwerster Strafe, den sie ihm nicht anraten gedurft. Er konnte ja den gelben Hut wählen, bei nächstem Anlaß aber aus der Stadt entweichen und anderswo sein Glück suchen. War er nur einmal vor dem Tor, so warf er den Hut in den Main, und kein Mensch sah es seinem Kopfe nachgehends an, ob einmal ein gelber Hut darauf gesessen. Was fesselte ihn denn so unlösbar an Frankfurt? Beim Nachsinnen über diese Frage gingen der schönen Susanne, deren schwarze Augen etwas kurzsichtig waren, plötzlich einige kleine Lichter auf. Sie entdeckte einen gewissen Zusammenhang zwischen der Hoffart, welche den jungen Mann zu Fall gebracht, und seinen Besuchen in ihrem Hause, zwischen seinen tausend abenteuerlichen Plänen und der bewegten Stimme, womit er sie immer angeredet. Dienstfertige Freundinnen hatten ihr dergleichen mehrmals vordem zu Ohren gesagt, aber sie hatte es nicht hören wollen. Sie prüfte nochmals Hertorfs Brief, sie wog Zeile für Zeile: er las sich wirklich gar nicht wie ein Liebesbrief, und dennoch konnte er von der höchsten Liebesverzweiflung diktiert sein. Also war sie wohl gar die unschuldige Mitschuldige an des jungen Mannes Ruin? Schuldlos, weil sie ja nicht geahnt, daß er ihr zuliebe Bankerott gemacht, und dennoch schuldig, weil sie nicht viel entschiedener die Liebe und den Bankerott zurückgescheucht hatte. Sie fühlte scharfe Gewissensbisse, und obgleich es ihr feststand, daß sie nicht hart und kalt genug gegen Franz gewesen sei, so fand sie ihn doch jetzt aus der fernsten Ferne weit besser und liebenswerter, als er ihr sonst jemals aus der Nähe vorgekommen war. Es schien aber, als seien diese beiden Naturen bestimmt, sich nur zu nähern, um sich desto gewisser zu fliehen. Denn dem Gefangenen erging es gerade umgekehrt. Während er vordem das Mädchen von fernher so wunderschön gefunden und von fernher am glühendsten für sie geschwärmt, erkannte er jetzt aus der Fernsicht des Schuldturmes, wie toll und lächerlich er gehandelt und wie hart er zurückgestoßen worden war; er verschloß seine Augen gewaltsam dem verlockenden Bild, welches ihn bis dahin so oft in die Irre geleitet, und indes Susanne nunmehr mit wachsend erregter Phantasie aus der Ferne seiner gedachte, prüfte er aus der Ferne seinen traumhaften Liebeswahn mit immer wacherem Verstande. Inzwischen peinigte sich des Schöffen Tochter dergestalt mit ihren Selbstanklagen und anderen rätselhaften Qualen, daß sie bleich und vergeistert aussah, als habe sie selber im Turme gesessen. Das mußte ein Ende nehmen. Und wie sie denn allzeit ein etwas heroisches Frauenzimmer war, furchtlos und geradeheraus, so sagte sie eines Tages ihrem Vater, mit welchem sie am Mainufer spazierte, der junge Hertorf im Schuldturm lasse ihr keine Ruhe, er sei gewiß zu hart bestraft worden, sie selbst aber habe sicher beigetragen, daß er die härteste Strafe gewählt, – und erzählte von ihrem seltsamen Briefwechsel, der den Ausschlag gegeben. Von der geheimen Ahnung, daß Franz ihr zuliebe ein Bankerottierer geworden, erzählte sie freilich nichts. Der Alte wies sie barsch zurück; er wollte gar nichts mehr hören von dem leidigen Prozeß. Auch als Susanne hinzufügte, ein Betrüger sei Hertorf doch unmöglich, sonst würde er ein freies Leben in Schande einer ewigen Haft in Ehren vorgezogen haben, machte sie keinen besonderen Eindruck. Mit so subtilen Gründen richtete man nichts aus bei dem Schöffen. Da kreuzte zufällig ein seltsamer Aufzug den Weg. Unter großem Volkszulauf fuhr man sechs Fässer herbei, und auf einem jeden steckte ein rotes Fähnlein mit der Aufschrift: »Stummer Wein« (so hieß damals der gefälschte Wein, weil er keine Ansprache hat an Auge, Zunge und Herz); vor den Fässern aber ging der Stöcker, des Henkers nächster Vetter, und als sie zum Fluß gekommen waren, schlug er den Fässern den Boden ein und ließ die trübe Brühe ins Wasser laufen. Schöff Silberborn blieb nachdenklich bei dem Schauspiele stehen und sprach zu seiner Tochter: »Das ist doch ein rechter Schuft von einem Weinhändler, der die Leute mit dieser elenden Weinschmiererei hat betrügen wollen. Und wie milde straft man ihn durch das Ausgießen der Fässer, welche kaum die sechs roten Fähnlein wert sind! Solchen Betrug hat Franz Hertorf nie verübt; er hat allezeit reinen Wein geschenkt. Du sprachst von Ehre, Susanne: – sieh! ein allezeit reiner Wein, das ist die höchste Ehre eines Weinhändlers. Und mir scheint, den Milderungsgrund dieser Ehre hat man in der Tat beim Urteil des jungen Hertorf vergessen.« Durch fremde Gründe und die feinen Gedanken Susannens wollte der Schöff sich nicht bekehren lassen, aber die Gründe, welche er aus sich selbst entwickelte im Anblick eines so lehrreichen Exempels, wirkten sichtbar. Doch sprach er nichts weiter. Er hielt es auch geheim vor seiner Tochter, daß er desselben Tages noch in den Schuldturm ging, um Franz Hertorf zu besuchen und ihm einmal kräftig auf den Zahn zu fühlen. Der Gefangene saß vor einem Stoß Rechnungsbücher, welche er für ein großes Handelshaus verglich und auszog: denn in der Buchführung war er Meister. »Ihr habt da eine etwas trockene Unterhaltung«, bemerkte der Schöff nach dem Wechsel der ersten Grüße. »Es ist gar keine Unterhaltung, sondern eine Arbeit, und zwar fürs Geld«, erwiderte Hertorf kurz und ohne sich stören zu lassen. Ein langes Schweigen folgte. Endlich nahm der Schöff wiederum das Wort. »Seid Ihr zufrieden mit Eurem Arrest?« – »Nein!« entgegnete Franz, »das bin ich ganz und gar nicht. Durch ein Trugbild von Ehre habe ich mich hierher locken lassen und bereue jetzt bitter, daß ich den gelben Hut nicht vorgezogen.« »Oh, hätte doch Susanne dieses Wort gehört«, dachte der Schöff, »sie könnte dann ihre Einbildungen von der Kavaliersehre eines Weinhändlers ein wenig aufklären!« Dann sprach er laut: »Und warum gefällt Euch denn der gelbe Hut jetzt besser als vordem?« »Einen Augenblick Geduld, Herr Schöff!« murmelte der andere, »ich verliere sonst den Faden meiner Addition.« Und nachdem er die Summe ausgezählt und eingeschrieben, stand er auf und sprach: »Weil ich den gelben Hut für ehrenvoller halte! – Ihr staunt? – Ich ging allerdings hierher, daß ich meine Ehre rette um den Preis der Freiheit. Aber ist es nicht die größte Schande, daß ich mich hier füttern lasse, indes nicht wenige geringe Leute darben, welche durch den Leichtsinn meines Bankerottes ihr Geld verloren haben? Seht, wenn ich den gelben Hut gewählt hätte, so könnte ich jetzt als freier armer Teufel in Frankfurt oder anderswo weit mehr Geld verdienen als zwischen diesen Mauern; ich könnte in fünfzehn Jahren meine Schulden tilgen, indes ich hier, günstig gerechnet, hundert Jahre brauche, und das ist mir doch etwas zu lang und meinen Gläubigern vermutlich auch. Äußerlich gewönne ich wohl Schande bei dem gelben Hut, aber innerlich stets wachsende Ehre. Ein Gespenst der Ehre hat mich ruiniert. Allein Ihr müßt nicht meinen, ich habe die Ehre zu hoch gegriffen, nein! ich griff sie zu tief. Da ich nicht adelig geboren war, wollte ich wenigstens adelig leben; ich flog über meinen Stand hinaus, aber ich flog nicht hoch genug, denn ich blieb an der Ehre Eures Standes hängen, über welche ich mich kraft der innerlichsten Ehre noch hoch hätte erheben sollen. Um wie ein Edelmann zu leben, vertat ich Hab und Gut, um wie ein Edelmann zu leben, zog ich diesen Turm einer beschimpften Freiheit vor, aber der echteste Edelmann wäre ich dennoch gewesen, wenn ich zum gelben Hute gegriffen hätte, um möglichst rasch meine Schulden abzuarbeiten. Wo das Unrecht, welches ich anderen zugefügt, am sichersten getilgt werden kann, da ist für mich die Ehre wiederzugewinnen, nicht hier, wo ich bloß dem Zeichen der Schande entflohen bin.« Der Schöff hätte dem Manne nach diesen Worten die Hand drücken mögen. Allein er tat es nicht, sondern schwieg und sann nur eine Weile und verabschiedete sich dann so trocken, wie er gekommen war. Er tat aber etwas anderes. Er berief die Gläubiger zusammen, streckte eine stattliche Summe für Franz Hertorf vor und verbürgte sich für Ablösung und Verzinsung der Schuldenmassen in geregelten Fristen. Dann bewirkte er im Rat auf Grund dieser Verständigung und durch seine Fürsprache, die um so kräftiger durchschlug, weil sie so kurz war, daß man Gnade für Recht ergehen und den Gefangenen des Turmes wieder ledig ließ, nachdem er gerade ein Jahr darin gesessen. Er behauptete, dieser Franz Hertorf habe zwar echt adelige Schulden gemacht, sei aber jetzt zu so echt bürgerlicher Anschauung vom Schuldenzahlen gekommen, daß man dieselbe nicht hinter vier Mauern dem Gemeinwesen dürfe verlorengehen lassen. Da sich nun aber der Schöff geschäftlich so enge verbunden hatte mit dem wiederausgelösten Franz Hertorf, so war es kein Wunder, daß der junge Mann jetzt täglich aus und ein ging im Hause des Schöffen. Doch sah er die Tochter anfangs nur selten, und beide hielten sich kühl und verschlossen gegeneinander. Keines gestand dem anderen ein Wort von früheren Empfindungen, nur gewahrte Franz, daß Susanne in der Nähe jetzt viel liebenswürdiger geworden sei als vorher, und Susanne, daß man den Franz jetzt auch aus der Ferne mit rechtem Wohlgefallen betrachten könne. Zwei Jahre lebten sie so in wachsender Freundschaft. Da gestanden sie sich endlich doch einige Worte, welche etwas über die Freundschaft hinauszielten. Sie sagten aber dem alten Schöffen noch keine Silbe davon. Erst als Hertorf wieder selbständig festen Fuß in seinem neugegründeten Geschäft gefaßt hatte, wagte er, um die Hand der Tochter bei dem staunenden Alten zu werben. Der Schöff kämpfte lange mit sich selbst. Da sagte Franz: »Bei der ersten Begegnung bin ich vom Pferde gefallen, zum ersten großen Liebeszeichen habe ich Bankerott gemacht, den ersten Liebesbrief schrieb ich, um zu erfahren, ob der Schuldturm dem Halseisen oder dem gelben Hute vorzuziehen sei, Susannens erste Liebe wandte sich mir zu, weil ich in ewigem Gefängnisse saß; dann gestanden wir uns lange unsere Liebe dennoch nicht, um eine zweijährige Freundschaft, die wir vor der ersten ungestandenen Liebe verabsäumt, vor der zweiten gestandenen Liebe nachzuholen – –« Franz konnte nicht weiterreden. Lippold Silberborn fand auch kein Wort; endlich fand er Tränen, und da löste sich dem harten alten Mann mit dem Herzen dann auch die Zunge. Er sprach: »Da du deine Liebe durch jene innerlichste Ehre gewannest, für welche selbst der gelbe Hut keine Schande mehr ist, so bist du auch der Tochter aus einem edeln Hause nicht unwert, und ich sehe nicht ein, weshalb ich die Hand meines einzigen Kindes einem so einzigen Manne versagen soll, der den Most seiner Jugend so brausend hat vergären lassen wie nur irgendein Kavalier und doch als Mensch und bürgerlicher Weinhändler allezeit reinen Wein geführt hat.« Im zweiten Bande von Lersners Frankfurter Chronik steht zu lesen: »1666. Machte ein junger Kauffmann ein Banquerot von 10800 Rheinischen Gulden. Weil dieses ein schelmischer Banquerot ware, denn er noch nicht zwei Jahr Hauß gehalten hatte, wurde ihm von E. E. Rath aus folgenden dreyen Straffen eine zu erwählen aufferlegt: 1) Ob er drey Freytag nach einander jedesmahl 2 Stund am Halseisen stehen wolte? 2) Ob er Zeit seines Lebens einen gelben Hut wolte tragen? Oder ob er in ewiger Gefängnuß sein Leben wollte zubringen? Das letzte erwählet er, wird den 26. Martii in das Pantzerloch gesetzt. 1667 wiederumb erlediget worden.« Der Chronist, welcher selbst zu den Geschlechtern des Hauses Limpurg gehörte, verschweigt den Namen des Kaufmannes wie die ganze Beziehung zum Schöffen Silberborn und seiner Tochter aus naheliegenden Gründen. Und die Welt würde den inneren Zusammenhang jenes wunderlichen Urteils und der so rasch erfolgten Begnadigung wohl niemals erfahren haben, wenn der Novellist den Chronisten nicht ergänzt und die ganze Kette der Tatsachen aus völlig verschütteten Quellen hier zum ersten Male ans Licht gestellt hätte. Die Hochschule der Demut 1866 Im Jahre 1683 zog ein junger Franziskaner, der Pater Bonaventura, terminierend durch die sogenannte Pfaffengasse, das kurmainzische und kurtrierische Rheintal, und predigte dabei sehr erbaulich unter ungeheurem Volkszulauf. Seine Reden waren kurz, frisch, derb, voll Mutterwitz und handgreiflicher Lebensklugheit. Die berühmteste derselben, eine Ehestandspredigt, gefiel seinen Zuhörern so gut und ihm selbst noch so viel besser, daß er sie gar nicht oft genug wiederholen konnte. Er zeigte in dieser Predigt klar, wie Ehegatten durch Milde und Demut einander tragen und bessern müßten, und erzählte dann zum Schlusse allemal eine altbekannte Geschichte, welche doch immer wieder aufs neue rührte und ergriff. Meine Leser werden diese Geschichte in jungen Jahren vermutlich auch schon einmal gelesen haben in irgendwelchem moralischen Anekdotenbuche. Allein ich kann's ihnen nicht schenken, daß sie dieselbe hier vorerst noch einmal lesen; sie ist ganz kurz, und aus der alten kurzen Geschichte wächst dann eine neue lange hervor wie Halm und Ähre aus dem Saatkorn. Der Franziskaner also beschloß seine Ehestandspredigt jederzeit mit folgenden Worten: »Ein leichtsinniger Maurermeister«, so erzählte er, »ein Trunkenbold, hatte ein frommes, junges Weib; sie konnte ihn aber nicht vom Trunke bekehren, und böse Gesellen rissen ihn immer tiefer hinab in den Schlamm der wüstesten Schlemmerei, et dissipavit substantiam suam, vivens profuse: und er brachte sein Gut um mit Prassen. Einstmals hatte der Meister bis Mitternacht im Adler gezecht, und als ihn der Knecht des Wirtes vor die Türe geworfen, zog er mit all den trunkenen Genossen in sein Haus und befahl der Frau, die ihn schon lange in Gram und Kummer erwartete, daß sie Wein heraufhole und die Gläser fülle und wieder fülle als das flinkste Schenkmädchen, und wehe ihr, wenn je ein Glas leer bleibe. Der Frau wollte das Herz brechen; dennoch tat sie, wie der Mann befohlen – mulieres propiis viris subditae estote : ihr Weiber seid Untertan euren Männern! –, holte den letzten Krug, den sie schon lange aufgespart, füllte die Gläser und verbiß die Tränen, so daß nicht ein Tropfen in das Glas fiel, welches sie zitternd dem Manne darreichte. Als dieser aber sah, wie die Frau pünktlich tat, was er geboten, und nicht einmal in einer Miene die Höllenqual solchen Dienstes sich merken ließ, da erwachte er und erkannte in dem demütigen Gehorsam ihre Liebe und den Adel ihrer Seele, und zugleich schüttelte ihn tiefes Grausen vor seiner eigenen Herzenshärtigkeit, und die Frau mit dem Weinkruge und dem kummervollen sanften Auge erschien ihm wie der dritte Engel des Gerichtes, welcher spricht: bibes de vino irae Dei, mixto mero in calice irae ipsius – du wirst von dem Weine des Zornes Gottes trinken, der beigemischet ist dem lauteren Wein im Kelche seines Zornes! Er ward plötzlich stille, trank nicht mehr und bot den staunenden Genossen einen kalten Abschied. Als sie gegangen, fiel er der Frau um den Hals, bat sie um Verzeihung – peccavi in coelum et coram te : ich habe gesündiget in dem Himmel und vor dir – und gelobte ein neues Leben. So geschah es auch; er ward von Stund an ein besserer Mann. Durch Demut soll ein Gatte den anderen besiegen und durch Liebe und Milde des anderen Sünden richten: Beati mites, quoniam ipsi haereditabunt terram – selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich ererben.« Nach diesen Worten hielt der Franziskaner jedesmal einen Augenblick stille, schaute sich im Kreise seiner Hörer um und fuhr dann fort: »Ich habe euch diese Geschichte schon oft erzählt, und ihr fraget wohl, warum ich sie immer wieder erzähle. Einfach deshalb, weil ich keine bessere weiß. Erlebt einer von euch aber selber eine bessere Geschichte, daß ein Ehegatte noch Härteres beim anderen in Liebe getragen und durch Demut besiegt habe, so erzählet sie mir: ich werde euch dann mit der neuen Geschichte erbauen statt mit dieser alten. Amen.« Es kam aber keine bessere, und der Franziskaner blieb immer bei der alten Geschichte. Erstes Kapitel Als der Franziskaner wieder einmal in Lorch am Rhein seine Ehestandspredigt hielt und die bekannte Geschichte vortrug, hörte ihm der Fuhrmann Peter Rambold aus Bacharach besonders achtsam zu; denn er wollte nächster Tage Hochzeit halten in Lorch mit der achtzehnjährigen Kätchen Rehm, »des verstorbenen Bürgers und Schultheißen Johannes Evangelist Rehm ehelich lediger Tochter«, wie es im Aufgebot hieß. Für diese Ehe hätte es aber eigentlich gar keiner Predigt bedurft, so zwei erlesene Leute fanden sich hier zusammen. Rambold war ein gottesfürchtiger, gutgearteter Mann, rührig und treu in seinem Geschäft, daß ihm die Kaufherren tausend Gulden so sorglos anvertrauten wie einen Heller, dazu wohlhabend; er nannte ein Haus mit schönen Weinbergen und zehn Pferden sein freies Eigentum. Kätchen Rehm war noch viel reicherer Leute einziges Kind, und da ihre Eltern frühe starben, so hatte man sie in einem benachbarten Klarissinnenkloster erzogen; denn Lorch war kein gemeines Bauerndorf, sondern ein »Flecken«, und die Lorcher Bürger ließen ihre Kinder nicht nach der Überhöher Bauern Art unter Schweinen und Gänsen aufwachsen. Im Kloster war Kätchen gar fein und fromm geworden, konnte lesen, schreiben und sticken wie eine Nonne, auch allerlei bunte Spielereien von Pappendeckel und Goldpapier machen, was man Klosterarbeit nennt, wußte nichts von der Welt und ihrer Schlechtigkeit und hatte ein Gesicht bekommen so zart und weiß und Finger so spitz und zierlich wie ein Fräulein, fast zu zart und zierlich für eine künftige Fuhrmannsfrau. Die Eltern hatten schon frühzeitig vorbestimmt, daß Kätchen einmal den Peter Rambold, seinen »Andergeschwisterkindsvetter« – kein ehehindernder Verwandtschaftsgrad – heiraten solle, und sterbend dem dereinstigen Bunde ihren Segen hinterlassen. So war Kätchen schon Braut, als sie aus dem Kloster kam, und es dünkte ihr damals fast sündlich, eine Braut zu sein; denn sie konnte sich ein gerechtes Leben nur denken innerhalb des zweiten Ordens des heiligen Franziskus und der heiligen Klara von Assisi und geleitet von Konventualen des ersten Ordens jenes Heiligen, welche in dem Klarissinnenkloster die geistliche Oberaufsicht geführt hatten. Daß sie sich statt solcher Konventualen nun von einem Fuhrmann solle leiten lassen, kam ihr anfangs ganz entsetzlich vor. Allein sie war kaum einige Wochen wieder in Lorch, so wurden ihre blassen Wangen zusehends wieder so rot wie bei den übrigen Lorcher Mädchen, und der bekannte frische Wind, welcher dort vom Wispertale zum Rhein herausbläst, fegte ihr viele Klostergedanken aus dem Kopf, und da man ihr von allen Seiten Glück wünschte, so ward sie doch nachgerade recht neugierig auf den Ehestand, und es kam ihr zuletzt ganz natürlich vor, daß sie sich auf die Hochzeit freue wie andere Bräute. Am 15. Oktober 1683 wurden die beiden in der Lorcher Pfarrkirche vom Priester verbunden. Jedermann pries das schöne, tugendsame Paar; die jungen Männer beneideten den Bräutigam und die Mädchen die Braut; Peter und Kätchen aber hätten heute den römischen Kaiser selbst nicht beneidet, geschweige denn einen Menschen aus Lorch oder der Umgegend. Nach der Trauung ging der Zug der Gäste von der Kirche zum Wirtshause, wo das Hochzeitsmahl gerüstet ward; nur die beiden Brautleute blieben nach einem schönen alten Brauche allein auf dem Kirchhofe zurück und schritten Arm in Arm hinter dem Chor der Kirche zu den Gräbern von Kätchens Eltern, die heute mit den schönsten Herbstblumen frisch geschmückt waren. Denn weil man die Verstorbenen nicht zur Hochzeit laden kann, so besucht das Kind die toten Eltern auf seinen Ehrentag am Grabe, und weil es ihnen an diesem Tage sonst nichts Liebes und Gutes mehr zu erweisen vermag, so betete es, mit dem eben angetrauten Manne vereint, etliche Vaterunser als ebenso viele Tropfen kühlenden Wassers, welche es den noch etwa im Fegefeuer dürstenden armen Seelen hinabsendet. Kätchen betete ungewöhnlich lange und stand, nachdem sie geendet, noch eine Weile in tiefen Gedanken, deren Kampf man leise durch ihre lieblichen Züge zucken sah. Dann ward sie, bis dahin leichenblaß, plötzlich von glühendem Rot übergossen, faßte den Peter bei der Hand und sprach: »Ich kann in dieser Stunde nicht vom Grabe meiner Eltern gehen, ohne dir ein Geständnis zu machen. Der Wunsch meines seligen Vaters ist nun erfüllt: ich habe dich geheiratet, und das war auch mein Wunsch, nämlich sofern ich niemals gedacht habe, daß ich einen anderen heiraten könne als dich, und habe dich auch immer liebgehabt, wie man seinen vom Vater vorbestimmten Bräutigam liebhaben soll. Allein was eigentlich heiraten heißt, das ist mir doch erst heute am Hochzeitsmorgen ganz klar geworden, und indem mir's drinnen am Altar und hier am Grabe immer schwerer aufs Herz fiel, wie kettenfest das Sakrament der heiligen Ehe bindet, entdeckte ich auch, daß ich dich bis daher doch nicht so ausschließend liebgehabt habe, als es von Gottes und Rechts wegen sein soll. Ich trage da etwas ganz Besonderes im Herzen und habe mich geschämt, dir's zu gestehen, weil mir's zu einfältig, und aber auch gefürchtet, weil mir's zu ernsthaft dünkte. Jetzt muß es heraus!« Sie stockte, doch ein freundlicher Blick Peters gab ihr neuen Mut. Also flüsterte sie ganz leise: »Während ich dich immer liebte als meinen künftigen Mann, hatte ich noch einen anderen gern in seltsam anderer Art: das war der junge Christoph Keller, welcher jetzt Pater Bonaventura heißt und so schön vom Ehestand predigt. Er ist nur vier Jahre älter als ich. Schon als Kind, da er noch an gar kein Kloster dachte, zitterte ich vor Freude, wenn ich ihn sah, und da er ins Kloster ging, wurde diese Freude an ihm zwar recht schwermütig, aber ich zitterte um so tiefer inwendig. Dich hatte ich lieb, weil ich dich einmal heiraten sollte, ihn hingegen, ohne je ans Heiraten zu denken. Du liebtest mich wieder, und das gefiel mir; er hingegen merkte gar niemals, wie gut ich ihm war, und erwiderte also auch nichts, und das gefiel mir fast noch besser. Diese stille Qual kam mir genau vor wie die Liebe zum heiligen Franziskus, wovon die Nonnen immer redeten; man merkt da auch nicht, ob der Heilige sie erwidert. Er und du: es war ganz zweierlei Art, und ist eine Sünde dabei gewesen, so habe ich's selber nicht gewußt, und die guten Klosterschwestern haben mich auch niemals aufgeklärt über eine Liebe mit oder ohne Heiratsgedanken.« Kätchen sprach diese Worte so kindlich unschuldvoll, daß ein Türke davon hätte gerührt werden müssen, geschweige ein christlicher Fuhrmann. Es ward ihm auch fast noch feierlicher zumute als selbst vorhin in der Kirche. Und dennoch war er zugleich etwas unangenehm überrascht von dieser Beichte, die er zwanzig Minuten nach der Trauung gerade nicht erwartet hatte. Allein zwanzig Minuten nach der Trauung ist man auch hoffnungskühner und leichtmütiger als zu anderen Zeiten, und also dachte Peter, jetzt habe er sein Kätchen einmal fest und werde sie auch festhalten und ihr in Jahr und Tag schon gründlich lehren, was eigentlich Liebe mit Heiratsgedanken sei, trotz allen Franziskanern der rheinischen Kirchenprovinz. Also beschwichtigte er ihre Gewissenszweifel und meinte, da sie ja den Bruder Bonaventura nichts habe merken lassen und im neuen Haushalt mit zwei Mägden und drei Fuhrknechten ohne Zweifel weniger Zeit habe, an eine Liebe ohne Heiratsgedanken zu denken, wie im Klarissinnenkloster, so werde sich die Sache schon geben. Diese milde Auffassung hielt aber bei Peter nicht lange Stich. Schon während des Hochzeitsschmauses fuhr es ihm plötzlich durch den Sinn, daß Kätchen vorhin von dem Christoph oder Bonaventura immer nur als von »ihm« gesprochen habe, ohne mehr als ein einziges Mal dessen Namen zu nennen. So machen's alle Liebende, sie reden von »ihm« oder von »ihr«, sind aber gegen Dritte äußerst sparsam mit dem Namen des geliebten Wesens, vermutlich weil sie für sich im stillen Selbstgespräche um so verschwenderischer damit sind. Das überdachte Peter. Aber zugleich ertappte er sich auf ähnlicher Fährte: wenn er jetzt so über den Pater Bonaventura grübelte, dann war es auch immer nur »er« oder »jener«, von welchem er mit sich selber sprach, den Namen mochte er nicht einmal in Gedanken sagen. Und dabei fiel ihm ein, daß man von zum Tode Verurteilten erzählt, sie scheuten sich aufs äußerste, den Namen des Henkers in den Mund zu nehmen, und sprächen immer nur von »ihm«. Das würde dann so beiläufig auf seinen überschüssigen Gebrauch des Fürwortes passen. Was man liebt und wovor man sich fürchtet, das nennt man nicht: den Schatz und den Henker. Abscheuliche Hochzeitsgedanken eines Bräutigams! Er brauchte drei Gläser Wein, um sie hinwegzuschwemmen. Als es nachher zum Tanze ging, deuchte es ihm fort und fort, der Franziskaner müsse zur Türe hereinkommen oder irgendwo aus dem Boden des Saales aufsteigen. Wie unrecht tat er doch seiner unschuldigen Braut und dem noch unschuldigeren Mönche. Er fühlte es und konnte doch nicht davon abstehen. Mochte man so gut und rein von der Sache denken, wie sie wirklich vorlag, eines blieb doch gewiß: Wenn es keine elterlichen Verlobungen und vorbestimmte Heiraten auf der Welt gäbe und keine Klöster und Mönche dazu und sein Kätchen wäre mit ihm und dem anderen »ihm« aufgewachsen, sie hätte ohne Zweifel den anderen geliebt und frei erwählt. Den Christoph hätte sie gesucht, den Peter hatte sie bekommen. Dies war und blieb ein bitterer Tropfen im Freudenkelche der Hochzeit. Allein Peter nahm sein festes und doch mildes Fuhrmannsherz zusammen und ließ die Braut nichts ahnen von allen den trüben Gedanken, mit welchen er im Geiste rang. Und so tat er es auch nach der Hochzeit im neuen Ehestande. Die Bacharacher merkten wohl, daß Peter nicht mehr pfeife und lustig mit der Peitsche knalle, wenn er durchs Städtchen fahre, auch daß ihm der Wein nicht recht schmecke und daß er 's Singen fast verlernt habe. Nur die junge Frau merkte nicht das mindeste von seinem Kummer; alle Güte und Freundlichkeit sparte er für sie allein auf, und sie war auch ihrerseits die reine Liebe und Güte gegen ihn. Zweites Kapitel So verstrichen sechs Wochen. Da geschah es, daß Peter Rambold einmal unversehens mit Pater Bonaventura in dem benachbarten Oberwesel zusammentraf. Es kostete ihm einige Mühe, seine Fassung zu behaupten; denn obgleich er vordem des Paters Predigt so achtsam angehört, hatte es ihn als einen Bacharacher doch damals schon geärgert, daß ein Franziskaner so schön predigen könne. Die Bacharacher waren nämlich den Franziskanern todfeind und hielten es mit deren bittersten Widersachern, mit den Kapuzinern, aus Gründen, die ich nachher genauer berichten will. Dann aber wurmte es ihn, wie wir wissen, daß gerade ein solcher Franziskaner vorzeiten Christoph Keller geheißen und seinem Kätchen so ganz besonders hatte gefallen müssen. Doch tat er dem Mönche sehr freundlich und kam, da dieser ihn gar treuherzig ansprach, auf den erleuchteten Einfall, in versteckter Weise den Pater selber zu befragen über Kätchens Geständnis und ihm dabei auf den Zahn zu fühlen, ob er denn wirklich von der geheimen Neigung seiner Frau niemals etwas gemerkt habe. Also berichtete er im Laufe des Gesprächs so pfiffig, wie es nur dem biedersten Fuhrmanne möglich ist, daß sein Kätchen, die der Mönch als Nachbarstochter von Kind an ja recht genau kenne, ihn in seltsame Beklemmung versetze und daß er und sie schon längst einen geistlichen Gewissensrat darüber hätten hören mögen. Er erzählte dann genau, was ihm Kätchen am Hochzeitstage auf dem Kirchhof gestanden, nur mit dem einzigen Unterschiede, daß er statt des leibhaftig vor ihm stehenden Franziskaners wiederum von einem »er« redete (er wolle ihn nicht nennen), dem eine so unerhörte Liebe ohne Heiratsgedanken neben dem vorbestimmten Bräutigam gegolten habe. Der Pater, mit Leib und Seele ein geborener Mönch, hatte sein Gesicht schon in priesterliche Falten gelegt; dennoch überwältigte ihn die Neugier, und er hätte gar zu gerne wissen mögen, wer denn jener »er« gewesen sei, allein Peter wich aus und meinte, darauf komme es nicht an, auch sei der junge Mann bereits gestorben. »Und jenes Geständnis hat Euch gequält, erzürnt?« fragte der Franziskaner nun in sehr ernstem Tone. »Ehrlich gestanden, ja!« erwiderte der Fuhrmann. »Ich hatte gemeint, am Hochzeitstage schicke sich's besser für eine frisch verheiratete Braut, dem Bräutigam zu sagen, daß sie ihn liebhabe, als daß sie einen anderen vordem viel lieber gehabt.« »O törichter MannI« rief der Mönch. »Ihr habt eine rechte Perle von einer Frau und solltet jubeln, daß sie Euch so beunruhigt. Spricht nicht das zarteste Gewissen daraus, daß sie ihre Seelenangst Euch offenbarte eben in dem Augenblicke, da dieselbe in ihr erwacht war, unbekümmert zwar, ob sie Euch dadurch den Hochzeitstag trübe, aber auch unbekümmert, ob sie auf sich selbst einen Schatten werfe in einer Stunde, wo jede Frau dem Manne nur im schönsten Lichte leuchten will? Andere hätten geschwiegen bis zu gelegenerer Zeit oder für immer. Euer Kätchen aber machte sich zur Sünderin aus lauter Herzensreinheit. Eine Braut, die im Brautkleide an ihre Sünden denkt, ist schon gar selten, aber vollends eine Braut, die zwischen dem Altar und der Hochzeitstafel dem Bräutigam ihre Sünden beichtet, ist, glaube ich, in ganz Lorch noch nicht dagewesen, seit der Ort besteht. Daß sie Euch so grausam gequält, das war die beste Gabe, die sie Euch überhaupt am Hochzeitstage schenken konnte; – – übrigens ist es immerhin gut, daß jener Freund bereits gestorben ist.« Peter ging etwas beschämt, aber auch beruhigter hinweg; nur verkehrte er, als er sich die Worte des Mönches wiederholte, den letzten Satz und sprach: »Daß jener Freund ein Franziskaner geworden, ist das allerbeste; übrigens ist es wirklich gut, daß Kätchen mich so tief bekümmert hat.« Allein manchmal kamen ihm auch wieder andere Gedanken, und er meinte, ein allzu feines Gewissen könne ebensogut krank sein wie ein allzu grobes, und es sei doch neu, daß er nun gerade darum jubeln solle, weil ihn seine junge Frau so ausgesucht gequält habe, übrigens ließ er sich gegen Kätchen nichts davon merken, sondern ertrug ihr nonnenhaft ängstliches, selbstquälerisches Wesen, eingedenk des Spruches aus der Predigt: »Selig sind die Sanftmütigen!« Kätchen waltete inzwischen als eine recht wackere Ehefrau, fleißig die Ordnung des Klosters ins Haus übertragend. Ihre Schlafstube nannte sie mitunter das Dormitorium und die große Wohnstube je nach Umständen das Refektorium oder den Kapitelsaal, auch redete sie von ihren zwei Mägden und drei Knechten öfters als von »dienenden Schwestern und Brüdern«, worüber sie von diesen hinterm Rücken ausgelacht wurde. Peter meinte zwar, seine Frau täte besser, nach klösterlichem Vorbild eine »Geißelkammer« für das zuchtlose Gesinde einzurichten, statt es mit so zarten Namen vollends zu verderben; allein er sagte das nicht laut, denn vor ihrer Liebe und Herzensgüte erstarb ihm jeder Vorwurf im Munde. Sie schien in der Tat den Mann, welchen sie früher nicht gesucht, nunmehr über die Maßen gern zu haben. Nur an seinem Fuhrmannsberufe fand sie keinen Gefallen und quälte ihn oft mit der Bitte, er möge doch die Peitsche ganz an den Nagel hängen und bloß als Bauer und Winzer leben. Die größten Patriarchen und Klosterheiligen hatten den Acker gebaut, hingegen suchte Kätchen im Heiligenlexikon vergebens nach einem Heiligen, der Fuhrmann gewesen war. Das Frachtgewerbe brachte so viel Unruhe ins Haus und ließ die Klosterstille gar nicht aufkommen, welche sie in ihren vier Mauern anstrebte. Vorab aber war ihr das Kaufmännische an dem Geschäfte zuwider; der Fuhrmann diente dem Handel, bei den Klarissinnen aber hatte sie gelernt, im Handel nur den Wucher und die Förderung der Genußsucht und Eitelkeit zu sehen. Dazu schauderte es ihr vor den rohen Fuhrknechten mit ihren von Landstraßen und Herbergen heimgebrachten groben Sitten und gottlosen Flüchen und den gellenden Peitschenhieben, welche sie auf die unschuldigen Pferde führten, wenn dieselben mitunter lieber im Hofe stehenbleiben als einen siebzig Zentner schweren Wagen hinausziehen wollten. Kätchen war ein gar zartes, weiches Gemüt. Sie konnte nicht einmal die vielen Fliegen töten, welche durch die Nähe des Pferdestalles zu Tausenden ins Wohnzimmer gelockt wurden, sondern jagte sie höchstens zum einen Fenster hinaus, daß sie zum anderen wieder hereinflogen, – außer es regnete, dann ließ sie die Mücken ganz in der Stube, weil sie draußen naß geworden wären. Denn sie sagte, die Oberin bei den Klarissinnen habe ihr oft erklärt, wie das greuliche Morden der schuldlosen Tiere recht eigentlich den Verlust des Paradieses anzeige, wo Mensch und Tier in Friede und Freundschaft gelebt; je selbstloser wir daher wieder Freundschaft schlössen mit jedem Tiere, um so näher kämen wir auch zum paradiesischen Zustande zurück. Der Fuhrmann half ihr zwar die Mücken möglichst rücksichtsvoll in die freie Luft befördern, meinte aber doch, jene Lehre sei im allgemeinen zu fein, und er halte es mit dem heiligen Ulrich, welcher auch kein schlechter Heiliger gewesen; der habe nicht nur bei Lebzeiten die Ratten und Mäuse vertilgt, sondern rotte sogar nach dem Tode noch durch die Kraft seiner Reliquien dieses Ungeziefer aus, und wenn er – Peter Rambold – darum eine Bremse an seinen Pferden sitzen sehe, so schlage er sie tot; denn lieber solle doch das tückische Insekt leiden als sein ehrlicher Gaul. Übrigens würde ihn die Teilnahme Kätchens für das Schicksal der Mücken wenig gegrämt haben, wenn sie ihm nur den Fuhrmannsstand nicht so tief herabgesetzt hätte. Alle seine Vorfahren waren Fuhrleute gewesen, und er selber war im Doppelsinne ein geborener Fuhrmann, während der Pater Bonaventura doch nur im einfachen Sinne ein geborener Franziskaner war. Er fuhr seinen Wein redlich übern Hunsrück, ohne kleine Löchlein ins Faß zu bohren und etliche Flaschen unterwegs mit Strohhalmen herauszuzapfen, und wenn der Verkäufer mit dem Weine gewuchert hatte oder der Käufer sich daran betrank – war das seine Sünde? Nun geschah es, daß Peter wieder einmal mit dem Mönche zusammentraf, etliche Monate nach jenem Gespräche in Oberwesel. Als ihn der Franziskaner fragte, wie es denn jetzt im Ehestand gehe, rühmte er recht herzlich seine gute Frau, klagte aber auch, daß sie ihm die Fuhrknechte verderbe, indem sie dieselben dienende Brüder nenne, und daß sie das Fuhrwesen überhaupt verachte, und erzählte dann weiter genau, wie sie so gar feingebacken sei, daß sie nicht eine Mücke totschlagen könne. »Törichter Mann!« rief Pater Bonaventura. »Ihr beklaget, was Ihr bejubeln solltet. Welch unverdienten Schatz von einem Weibe besitzet Ihr doch! Zwar denkt sie strenge von Handel und Wandel, und ein frommer Fuhrmann kommt durch des heiligen Franziskus oder sonst eines ordentlichen Heiligen Fürbitte gewiß ebensogut in den Himmel wie ein anderer katholischer Christ. Insofern quält Euch Eure liebe Frau ohne Not. Aber würde sie Euch quälen, wenn sie nicht gescheiter, bedenksamer, strenger, reiner und feiner wäre als alle die anderen Frauen ringsum? Bloß weil sie gar so tief sinnet, verwirrt sie Euch den Kopf, und Ihr solltet stolz sein auf eine Frau, die Euch aus lauter Verstand und lauter Herzensgüte das Leben sauer macht und die beim Fuhrwesen gleich an den Weg zur Hölle denkt und bei den Mücken ans Paradies!« Der Fuhrmann bedankte sich für den Trost und zog seine Straße weiter. Bei sich selbst aber dachte er: »Der Mönch hat in seiner Art ganz recht, obgleich es freilich besser wäre, wenn dem Kätchen umgekehrt das Fuhrwesen etwas paradiesischer vorkäme und die Mücken etwas höllischer. Soll ich also nicht auch in meiner Art recht haben und der Frau die Klostergrillen mit Gewalt aus dem Kopfe treiben dürfen, die nun einmal in kein Fuhrmannshaus passen?« Doch nein! Er beschloß, auch weiterfort geduldig zu sein, den inneren Widerstreit ganz stille zu verschlucken und durch lauter Demut und Milde das Herz der guten bösen Frau dergestalt zu rühren, daß sie zuletzt doch noch den Fuhrmann ebenso hoch über den Bauer und Winzer setze wie den Peter über den Pater. Er stutzte, als er diesen Entschluß gefaßt, und grübelte nun über seine eigenen Gründe. Wie kam er denn dazu, sich fort und fort Geduld und Demut aufzuzwingen? »Einmal«, sprach er zu sich selbst, »bin ich ein so guter Kerl, daß ich gegen eine so feine und fromme Frau gar nicht ordentlich grob sein kann. Übrigens kann man alles, was man will, und darum könnte ich's doch. Allein mir steckt die Geschichte im Kopf, welche der verwünschte Franziskaner am Schluß seiner Ehestandspredigt erzählte. Also will ich Kätchen bessern durch Milde und Geduld? Und also wäre ich hier vergleichbar der guten Frau, die gehorsam den Wein einschenkte, und Kätchen dem betrunkenen Maurermeister? Niederträchtiger Vergleich! Es ist eine Sünde, auch nur daran zu denken. Die Frau ist ja viel besser als ich – wenn sie nur nicht gar zu gut wäre!« Drittes Kapitel Der Zwiespalt in Natur und Art unseres jungen Ehepaars hatte sich bisher nur auf ihr häusliches Zusammenleben beschränkt. Aber bitterer noch sollte der Fuhrmann denselben nachgehends empfinden im Verkehr mit seinen Mitbürgern. Bacharach war eine weit vorgeschobene Grenzstadt der Kurpfalz (Lorch, auf dem rechten Ufer, gehörte zum kurmainzischen Rheingau); das Jahr 1685 aber brachte dem Pfälzer Land eine ganz neue Ordnung der Dinge. Am 16. Mai starb Kurfürst Karl; mit ihm erlosch die reformierte Simmerische Linie, und es kamen mit dem neuen Kurfürsten Philipp Wilhelm die katholischen Neuburger ans Regiment. Die Pfälzer Protestanten blickten besorgt in die Zukunft, die Katholiken atmeten auf: durch ein Dekret vom 11. Oktober 1685 wurde ihnen freie Religionsübung zugesagt, und die Mönche, welche bisher nur so an den Grenzen ein wenig ins Land hineingeschaut, rüsteten sich zum Wiedereinzug in die seit vierzig Jahren verlassenen Klöster. Waren nun schon überall im Lande die Gemüter erregt durch diese neuen Tatsachen, um wieviel mehr in einem Städtchen wie Bacharach, welches gen Süd und Nord von streng katholischem, mainzischem und trierischem Gebiete ganz nahe eingeschlossen lag und wo sich also die Katholiken bisher mehr als ihre anderen Pfälzer Glaubensgenossen beengt gefühlt und darum doppelt strenge an katholischer Art und Sitte gehangen hatten. Kätchen hielt sich in diesen aufgeregten Tagen geradeso stille wie vorher. Sie wirtschaftete rührig und treu, allein die häusliche Arbeit gedieh doch nur, wenn sie ihr Haus einmal ausnahmsweise nicht wie ein kleines Kloster ansah. Zwar schrie seit einem halben Jahre ein gesunder kleiner Bube äußerst kräftig im »Dormitorium«, was nicht gerade klösterlich klang; die Seligkeit der Mutter blieb es aber darum nur desto mehr, mit dem Manne, dem Kinde und sich selbst allein in ihren vier Wänden abgeschlossen zu leben. Diese Vereinsamung wurde ihr in ganz Bacharach übel vermerkt. Vor dem 16. Mai 1685 sagten die Reformierten: da sieht man die kreuzkatholische mainzische Rheingauerin, die sich in ihrem Hause ein Stück Kloster über den Rhein getragen hat, wie sie in Bacharach keines findet; und seit dem 16. Mai sagten die Katholiken: die ganze katholische Gemeinde, Mann und Weib, steht jetzt zusammen und rührt sich und freut sich, nur die Ramboldin bleibt trübselig in ihren Mauern und hält auch ihren Mann daheim, sie ist eben eine Fremde, eine Hergelaufene vom Überrhein und hat keinen Bacharacher Gemeinsinn. Oder ist sie etwa kalvinisch geworden? Dem Peter lief das schwer über die Leber, allein er schwieg. Ein echtes Kind seiner Vaterstadt, war er überall bekannt und vordem auch gerne gesehen. Er hätte mit der schönen, feinen, braven, reichen Frau so rechten Staat machen mögen, sie hätte sich vor allen hervortun, ihr Lob hätte in aller Munde sein sollen. Nun aber lobte gar niemand seine Frau, ausgenommen der einzige Unglücksmensch, der Franziskaner. Und doch war Kätchen so traulich, sinnig, friedsam und so fleißig im Hause, das anmutigste Frauenbild, erfüllt von einer stillen Liebe, welcher selbst eines Fuhrmanns Herz nicht widerstehen konnte. Er wußte manchmal nicht, ob er vor Rührung weinen möge oder vor Zorn. Schade, daß dann der Pater Bonaventura nicht zur Hand war; der hätte ihm vielleicht gesagt, daß dies ja eben die höchste Freude sei, wenn man vor Zorn weine. Und wenn die junge Frau dann gar so rührend ihren Mann bat, er solle doch nicht mehr auf die Trinkstube gehen, und es ihm daheim zum Ersatz so schön und freundlich machte, konnte er da widerstehen? Dennoch sprach er dann wieder zu sich: ein Fuhrmann gehört auch ins Wirtshaus, schon von Geschäfts wegen. Und seine alten Zechfreunde zürnten ihm doppelt, daß er sie gerade jetzt mied, wo es beim Weinglase so viel Wichtiges zu raten und zu reden gab wegen der neuen Zeit und des neuen Kurfürsten. Freute er sich auch zuletzt des Sieges, den er über sich selbst gewonnen, indem er seiner Frau gefolgt, so schämte er sich hinterdrein wieder vor den Genossen, daß ihn die Frau besiegt habe; und doch wollte er's durchsetzen und durch Sanftmut und Nachgiebigkeit ihr beweisen, daß sie gerade in ihrem unbezweifelten Rechte am meisten unrecht habe und alles verderbe, weil sie es gar zu gut mache. In dieser Zeit kam Pater Bonaventura öfters zum Besuch; seit dem neuen Religionsdekret durfte er sich ungescheut nach Bacharach wagen, würde aber in anderen Häusern nicht besonders gastlich empfangen worden sein. Kätchen forderte ihn nicht zum Besuche auf, freute sich aber, wenn er kam; Peter gab sich sauere Mühe, dem Mönche so artig zu sein wie dem besten Freunde. Er forschte dann öfters im Gesichte seiner Frau, ob sie's auch merke und ob so viel Vertrauen ihr Herz nicht bewege; allein sie nahm das alles hin, als verstehe sich's ganz von selbst. Der Pater Bonaventura kam übrigens weder als neuer Hausfreund des Mannes noch als alter Jugendfreund der Frau, sondern schlechthin als Mönch, das heißt im Interesse seines Ordens. Kaum hatten nämlich die Bacharacher Katholiken ihre volle Religionsfreiheit wiedererhalten, so spalteten sie sich als echte Deutsche sofort in zwei Parteien. Das alte Kloster sollte wiederhergestellt werden, und die ganze katholische Gemeinde war einig in dem Wunsche, daß es recht bald geschehe; denn die Winzer meinten, wenn im vergangenen Sommer auch nur ein ganz kleines Klösterchen in der Stadt bestanden hätte, so würde der Hagel die Weinberge gewiß nicht so grausam zerschlagen haben. Allein ob Mönche mit oder ohne Kapuzen das Kloster beziehen sollten, das war die schwere Streitfrage. Die große Mehrheit des Volkes begehrte Kapuziner; nur wenige waren im stillen den Franziskanern zugeneigt. Nun sind zwar Kapuziner und Franziskaner sozusagen leibliche Brüder; denn sie nennen sich gleicherweise Söhne des hl. Franz von Assisi; allein sie waren von langeher feindliche Brüder, und die streiten bekanntlich am bittersten. Der giftige Haß aber, in welchem sich Franziskaner und Kapuziner schon so oft befehdeten, ging diesmal auch auf die beiden Parteien ihrer Anhänger in Bacharach über. – Es hatte der Mönchshandel für diese Stadt allerdings ein ganz besonderes Gesicht. Die Kapuziner waren 1621 nach Bacharach gekommen und hatten sich in den Notjahren des Krieges bei den Bürgern sehr beliebt gemacht. Später mußten sie aber den Franziskanern weichen, die von einem in der Stadt kommandierenden General begünstigt wurden. Auf Beschwerde der Bürgerschaft brachte dann der Erzbischof von Trier die Kapuziner wieder zurück und empfahl sie als buccinatores S. Spiritus, als die Trompeter des Heiligen Geistes, bis diese Trompeter auf Andringen des Kardinalinfanten in Brüssel abermals den Franziskanern das Feld räumen mußten. Zuletzt kam dann der reformierte Kurfürst Karl Ludwig von der Pfalz und jagte die Franziskaner samt den Kapuzinern zum Lande hinaus. Die Kapuziner aber waren hier wie anderwärts volksbeliebt gewesen, die Erkorenen der Bürgerschaft; die vornehmeren Franziskaner dagegen galten als aufgedrungene, als die Günstlinge fremder hoher Herren. Nun wollten aber beide Orden wieder nach Bacharach zurück, beide stützten sich auf alte Besitzansprüche, und war doch nur ein Kloster vorhanden. Bruder Bonaventura untersuchte den Boden für die Franziskaner, und das war der wahre Grund, weshalb er so fleißig bei den Fuhrmannsleuten einsprach. Er forderte sie auf, unter Freunden für das gute Recht der Franziskaner zu wirken. Der Fuhrmann schwieg, die Frau verhieß ihr eifrigstes Fürwort. Als der Pater hinweggegangen, sagte Peter zu der Frau mit leisem Spotte: »Wir beide werden den ehrwürdigen Vätern kaum zu ihrem Kloster verhelfen können, weil wir nach deinem Wunsche selber bereits, der Welt abgestorben, wie im Kloster leben. Ginge ich noch auf die Trinkstube, so könnte ich reden und werben.« Kätchen erwiderte mit glühender Heftigkeit, wie man sie noch gar nicht an ihr erlebt hatte: »Für mein Heil und unser Glück floh ich die Welt; wenn es aber das Glück und Heil der Gemeinde gilt, so entsage ich dem Frieden dieses Hauses und gehe wieder unter die Leute, und sollte ich sie abends am Marktbrunnen aufsuchen.« »Ich bin ein langsamer Fuhrmann«, sprach Peter gelassen, »und kann so geschwind den Wagen nicht wenden. Du magst tun, was dir recht dünkt. Aber warum muß denn gerade von den Franziskanern Glück und Heil für die Stadt kommen? Die Kapuziner sind doch auch ein guter Orden, ja von Kindesbeinen an habe ich sie stets als den allerbesten preisen hören. Woher willst du denn, klüger als ganz Bacharach und der Erzbischof von Trier, wissen, daß die Franziskaner mehr wert sind?« Kätchen, in welcher jetzt alle die Eindrücke, welche sie in dem Franziskanernonnenkloster der Klarissinnen empfangen, wie ein helles Feuer wieder aufloderten, war ganz verändert, sie glühte und bebte, sie war nicht mehr die stille, leidenschaftslose Frau. »Wollte Gott«, rief sie, »der Christoph Keller wäre ein Kapuziner geworden und kein Franziskaner, daß du nicht meinest, ich verteidige die Franziskaner, weil Christoph ihren Rock trägt. Aber Recht muß doch Recht bleiben!« Und nun schilderte sie mit all der genauen Kenntnis, welche sie bei den Klarissinnen gewonnen, die unvergleichlichen Vorzüge der Franziskaner. »Sie sind der große Stammorden, verzweigt in so viele echte Äste der Cölestiner, Spiritualen, Clareniner, Soccolaner, Coletaner, Amadeisten, Capreolaner, Reformaten, Recollecten und wie sie alle heißen, daß selbst die Äbtissin von St. Klara sie nicht in einem Atem herzusagen vermocht; die Kapuziner aber sind ein einziger falscher, dürrer Zweig abgefallener Franziskaner und nichts weiter. Der hl. Franziskus hat niemals eine Kapuze getragen, höchstens ein ganz kleines Kapüzchen wie die Kapuziolaner, die auch echt sind, aber keinen ellenlangen Sack wie die Kapuziner. Solch eine spitze Kapuze paßt dem Teufel über seine Hörner, aber keinem Heiligen über seinen runden Kopf. Hat der Erzbischof von Trier die Kapuziner Trompeter des Heiligen Geistes genannt, so besagt das gar nichts, wenn man erwägt, daß die Franziskaner von einem Papste die seraphischen Brüder genannt worden sind; denn ein Papst ist mehr als ein Erzbischof und ein Seraph mehr als ein Trompeter, auch wenn er die heiligsten Noten bläst. Ohne Zweifel aber sind die Franziskaner der nützlichste Orden; denn die Kapuziner mögen viele gute Werke tun, die Franziskaner aber sind ihnen und allen andern überlegen in der Kraft der Sündenvergebung; sie besitzen den stärksten Ablaß, den Portiunkelablaß, der wäscht alle Sünden am reinsten hinweg. Ja, der Bruder Bonaventura hat mir einmal gesagt, eine Ehefrau könne den Portiunkelablaß nicht bloß für sich gewinnen, sondern durch ihr gläubiges Reu' und Leid zugleich sogar mit für ihren Mann: so durchdringend wirkt dieser Ablaß, und so untrennbar eins achten die Franziskaner zwei durch das Sakrament der heiligen Ehe verbundene Gatten.« Eine solche Rede hatte der Fuhrmann von seiner Frau noch nie gehört. Er stutzte, besann sich eine Weile und sprach: »Dein letzter Grund war der beste, und ich habe wirklich gefunden, daß unser Franziskaner nicht bloß im Worte, sondern auch in der Tat Respekt hat vor der Ehe. Tue du also bei diesem Mönchshandel, was dir gut dünkt.« Diese milden Worte wirkten tief bewegend auf die Frau; Tränen traten ihr ins Auge, und sie sagte: »Lieber Mann, ich habe unrecht an dir gehandelt!« Dann schwieg sie wieder. Dem Manne lauteten diese Worte wie eine Erlösungsbotschaft: genau so hatte ja auch der Maurermeister zu seiner Frau gesprochen in der Geschichte des Franziskaners, welche ihm je mehr und mehr das auf den Kopf gestellte Spiegelbild seiner eigenen Ehestandsgeschichte zu sein schien. »Jetzt endlich«, dachte er, »habe ich sie durch meine Güte besiegt, jetzt endlich wird sie erkennen, daß ihr Klostergeist für mein Haus nicht paßt, daß sie etwas minder gut werden muß und doch nicht schlechter.« Kätchen fuhr fort: »Lieber Peter, du hast den Bruder Bonaventura belogen, du hast ihm erzählt, ich habe einen verstorbenen Freund vordem geradeso liebgehabt wie dich, da er selber doch dieser Freund war und noch sehr lebendig ist. Er fragte mich nach jenem Verstorbenen, ich aber konnte die Lüge nicht auf dir und mir haften lassen und sagte ihm alles der Wahrheit gemäß. Da strafte er mich hart und legte mir schwere Bußen auf und spricht mich seitdem nie mehr, außer in deiner Gegenwart. Ich aber war so schwach, dir die ganze Unterredung bis heute zu verschweigen.« Dem Fuhrmann rann bei diesen Worten ein ganzer Eimer kalten Wassers über den Rücken: das klang noch nicht nach Erlösungsbotschaft. Im Grunde hatte Kätchen ganz recht getan. Aber warum mußte sie diese alte Geschichte nun eben dem Franziskaner erzählen, und zwar diesmal nicht aus Gewissenhaftigkeit für sich, sondern aus Gewissenhaftigkeit für ihn, ihren Mann! Muß bei den Franziskanern die Frau etwa auch für ihren Mann beichten, wie eins für das andere Ablaß gewinnen kann? Nicht sie, sondern er hatte ja gelogen. Und warum mußte sie gerade jetzt ihm wieder beichten, was sie dem Franziskaner gebeichtet habe, in dem Augenblicke, wo er für die Franziskaner ihr zulieb ins Feuer gehen sollte! Menschen sind wir doch alle, auch die Fuhrleute und Franziskaner. Doch schalt Peter seine Frau nicht, daß sie so meisterhaft die Kunst verstehe, ihrem Mann aus lauter Liebe und Unschuld das Leben so schwer zu machen. Kätchen ging in ihrem kochenden Eifer jetzt fleißig unter die Leute und warb für die Franziskaner. Hatte man sie früher getadelt, daß sie daheim geblieben, so tadelte man sie jetzt, daß sie so umgangsbedürftig geworden war. Denn man merkte bald die Absicht. Nur eine Überrheinerin konnte so gut von den Franziskanern sprechen. Man warf einen bitteren Haß auf den Fuhrmann, der in Bacharach wohl auch ein besseres Mädchen hätte finden können als diese durch und durch Fremde aus Lorch. Peter war froh, daß ihn sein Geschäft auf mehrere Wochen an den Niederrhein führte. Er dachte wohl auch oft nach Hause zurück, und es ging ihm heiß durch den Kopf, daß seine gute Frau ihn so elend mache, daß sie ihn aus lauter Gewissenhaftigkeit zur Eifersucht treibe, ihm aus Frömmigkeit das Haus umkehre, die Knechte und Mägde verderbe, das Fuhrwesen und die Kapuziner verleide, ihn mit den Mitbürgern entzweie und durch alle Milde doch nicht zu bessern sei. Nun sollte er gar noch den Franziskanern helfen, welche ihm, als Mensch und Bacharacher, der widrigste von allen Orden waren. Kätchens Tugend dünkte ihm wie eine schleichende Krankheit, welche man nicht sieht und nicht fassen kann und die doch den Körper aufreibt. Wenn sie nur einmal ein rechtes Unrecht täte, statt immer unrecht das Rechte zu tun, dann wollte Peter das Übel wohl kräftig anpacken und heilen. Viertes Kapitel Von solchen Gedanken gemartert, zog der Fuhrmann im November 1685 wieder rheinaufwärts nach Hause. Auf der letzten Strecke war er die Nacht hindurch gefahren, und je heller der Morgen aufdämmerte und je näher die Heimat rückte, um so größere unerklärliche Angst befiel ihn, als ob irgendein großer Jammer ihn zu Hause erwarte. Als er darum hinter Oberwesel gegen die pfälzische Grenze kam, wo eine Kapelle mit einem wundertätigen Marienbilde stand, dachte er, es tue wohl not, daß die Muttergottes, die hier schon so manchem geholfen, auch ihn erleichtere und erleuchte. An der Tür der Kapelle sah man aber mancherlei beschriebene Zettel, angeklebt von Bedrängten, welche sich zu Gebeten in dem Kirchlein verlobt hatten und die Vorübergehenden baten, sie durch Beisteuer eines Vaterunsers in ihrem Verlöbnis zu unterstützen. Der Fuhrmann, der als frommer Katholik jedesmal im Vorbeifahren ein solches Vaterunser zu spenden pflegte, je nach Auswahl bald für einen gichtbrüchigen Alten, bald für eine Wöchnerin oder für ein krankes Kind, wohl auch für eine kranke Kuh, wurde heute durch einen besonders geheimnisvollen Zettel gefesselt. Derselbe lautete, mit sichtbar verstellter Hand geschrieben: »Eine gewisse Person, welche in einer gewissen Angelegenheit von schweren Zweifeln gequält ist, bittet jeden vorbeiziehenden Christen, daß er für ihre Erleuchtung ein Vaterunser bete.« »Solch einen Zettel könnte ich auch für mich schreiben«, dachte Peter, »und da ich selber so sehnlich in meinen Zweifeln erleuchtet sein möchte, so steht es mir wohl an, diesem unbekannten Leidensgenossen zu helfen.« Also betete er nicht ein, sondern viele Vaterunser für die unbekannten Zweifel des Unbekannten und fuhr getrösteter zur Vaterstadt. Schon vor dem Hause kam ihm die Frau entgegen, als ob sie ihn gar nicht habe erwarten können, und begrüßte ihn freudig aufgeregt, fast verklärten Gesichtes. Dem Mann war diese Verklärung etwas unheimlich; er fürchtete, da möge wieder ein rechtes erbauliches Unheil heranziehen. Kätchen aber ließ ihn gar nicht ins Haus treten, sondern sagte, er solle flugs vier frische Pferde vor den leichten Leiterwagen spannen, er müsse auf der Stelle gegen Oberwesel zurückfahren. Peter entgegnete, da komme er eben her, und bevor er nicht tüchtig gefrühstückt und dann einen langen Schlaf getan, spanne er um keinen Preis wieder ein. Allein die Frau nahm ihn beiseite und sprach: »In Bacharach brennt's in allen Köpfen: heute entscheidet sich's, ob wir die Kapuziner kriegen oder die Franziskaner! Leider ist der Anhang der Kapuziner von Tag zu Tag größer geworden, denn sogar der reformierte Pfarrer wirbt für diese falschen Mönche, und die Bürgerschaft hat einen Deputierten an den Kurfürsten gesandt, daß er uns doch um Gottes willen die Kapuziner zukommen lasse. Es stünde schlecht mit unseren Freunden, wenn sie nicht klüger und flinker wären als ihre Gegner und wenn wir ihnen nicht Hilfe brächten.« Peter fuhr spöttisch dazwischen: »Sollen wir beide etwa gegen den Kurfürsten und den Erzbischof und die ganze Gemeinde die Franziskaner in Bacharach einsetzen und die Kapuziner vertreiben?« »Ja, das sollen und können wir beide«, entgegnete Kätchen fest und gelassen. Dann erzählte sie, daß Bruder Bonaventura in den letzten Wochen öfters herübergekommen sei und sie beschworen habe, den Franziskanern zu helfen, und daß sie keine Gefahr, Spott oder Ungemach scheuen solle an dem entscheidenden Tage. Der Plan, wie die Söhne des heiligen Franziskus ihr rechtmäßiges altes Besitztum wiedergewinnen wollten, sei noch tiefes Geheimnis. So der Pater. Sie habe sich schwer geängstigt über derlei Reden und nicht gewußt, was sie dazu denken und sagen solle, und sei, Erleuchtung suchend, zur Marienkapelle gewallfahrtet und habe dort auch einen Zettel um Fürbitte angeschlagen. Nach unendlicher Seelenpein sei es ihr aber heute in frühester Morgenstunde urplötzlich ganz leicht geworden, und sie habe erkannt, daß sie um jeden Preis den Franziskanern helfen müsse. Nun aber sei sie ganz glückselig, seit ihr die Eingebung dieses Entschlusses geworden. Peter unterbrach sie mit der Frage, um wieviel Uhr denn das gewesen sei, und als nun die Frau im Verfolg dieser Frage gar erfuhr, daß ihr Mann zur selben Stunde und ohne es zu wissen für sie gebetet habe, da war sie gar nicht mehr zu halten und behauptete, nun sei ein offenbares Zeichen gegeben, daß sie beide die Franziskaner nach Bacharach bringen müßten. Vergebens stellte ihr Peter vor, daß er ja ihr Anliegen gar nicht gekannt und gegenteils Trost in dem Gedanken gefunden, sich von nun an diesen Verwickelungen zu entreißen und als ein fleißiger Fuhrmann, unbekümmert um alle Mönchshändel, ein ehrsames Leben in der Welt und mit der Welt zu führen. Das half nichts. Er hatte nun einmal seine Frau noch tiefer in ihre Meinung hineingebetet, obgleich er gern jetzt barfuß nach Trier gewallfahrtet wäre, um sie wieder herauszubeten. So mußte ihm alles, was er dachte und tat, bei dieser unseligen guten Frau ins Gegenteil umschlagen. Doch die Zeit drängte. Also fuhr Kätchen fort: »Kaum war ich zu dem festen Entschlusse gelangt, so kam ein Brief des Paters, folgenden Inhaltes: »Die Kapuziner werden heute noch nach Bacharach ziehen; es gilt, ihnen zuvorzukommen. Sendet darum einen Wagen mit vier Pferden um acht Uhr früh an die pfälzische Grenze. Wir haben kein Fuhrwerk, das verführte Volk dieser Gegend wird uns keines geben, und gewinnt die Schnelligkeit Eurer Pferde nicht den Sieg, so ist das unglückliche Bacharach für immer in den Händen der Kapuziner.'« Kätchen beschwor ihren Mann, dem Brief Folge zu leisten; es ging auf acht Uhr, noch war es Zeit, aber höchste Zeit. Peter widerstrebte. Endlich drehte er sich rasch auf dem Absatze um und rief dem Knecht, daß er die vier Pferde einspanne, und sagte zur Frau: »Ich fahre an die Grenze, vorher aber mußt du mir ein heiliges Versprechen geben.« Kätchen erschrak und zögerte. Peter aber sprach: »Du lässest zwar die Leute beten für ein Anliegen, welches sie nicht kennen; dennoch sollst du mir nichts versprechen, was du nicht vorher genau kennst. Also begehre ich nur, daß du, während ich fortfahre, an nichts anderes denkest, als wie ich jetzt, gleich als brenne es, im Sturm mit meinen vier Füchsen zur Grenze jage und dann einen ganzen Wagen voll Franziskaner im Galopp heimfahre und wie ich als ein rechter Fuhrmann auf dem Sattelpferd sitze und mit der Peitsche knalle, daß es rechts und links zehnfach von den Felsen widerhallt, und daß ein Fuhrmann doch kein ganz gottloses Geschäft treibe, denn er kann nicht bloß ein Faß Wein fahren, sondern auch ein ganzes Franziskanerkloster, namentlich seiner Frau zuliebe. Das sollst du bedenken und nichts anderes, bis wir zum Tore herein sind, und sollst selber mir ans Tor entgegengehen, daß du siehest, wie stolz ich die Rosse führe und alle die Mönche samt den Laienbrüdern.« Kätchen hatte viel Härteres erwartet und versprach ihm darum alles leicht und freudig in die Hand. Beide hielten ihr Wort. Schlag neun Uhr jagte der Fuhrmann mit den Franziskanern durchs Tor, und Kätchen hatte während der ganzen Stunde an nichts anderes gedacht, als was ihr Peter doch für ein guter Fuhrmann und für ein guter Ehemann sei, daß er ihr zuliebe die Franziskaner, welche er nicht leiden konnte, nun gar selber in die Stadt fahre. Sie hatte sich freudestrahlend am Tore aufgestellt und winkte dem Manne und den Mönchen den ersten Gruß entgegen. Die Bürger, welche dem seltsamen Fuhrwerk begegneten, grüßten freilich in etwas anderer Art: sie warfen dem Fuhrmann Schimpfworte an den Kopf und sahen die Mönche ingrimmig an, ohne die Mütze zu rücken. Diese aber ließen sich den kalten Empfang nicht anfechten, sondern liefen flugs zur Klosterkirche und lasen dort eine Messe, wodurch sie tatsächlich Besitz vom Kloster ergriffen zu haben behaupteten. Die Gemeinde bei diesem merkwürdigen Gottesdienste, welcher die Messe zu einem juristischen Akte machte, war äußerst klein; denn außer den Fuhrmannseheleuten war nur ein Häuflein Neugieriger den Franziskanern in die Kirche gefolgt. Als die beiden Gatten aber wieder heraus auf die Straße kamen, wälzte sich ihnen ein großer Menschenschwarm entgegen: gefolgt von der ganzen Bürgerschaft, kamen jetzt die Kapuziner. Gerufen von der Gemeinde und anerkannt vom Landesherrn und vom Bischofe, waren dieselben im Vollbewußtsein ihres Rechtes ganz gemächlich zu Fuß gen Bacharach gezogen und erfuhren jetzt mit Schrecken, daß ihnen die Franziskaner vorgefahren und bereits im Besitze des Klosters waren. Die Menge tobte vor Wut. Peter und seine Frau wären schwerer Mißhandlung wohl kaum entgangen, wenn nicht ein alter Bekannter den Fuhrmann rechtzeitig aufgegriffen und ihn samt der Frau durch das Innere seines Hauses in ein stilles Seitengäßchen gebracht hätte, von wo sie auf großen Umwegen zu ihrer Wohnung schlichen. Dort aber sah es übel aus. Während sie in der Kirche der Besitzergreifung der Franziskaner beiwohnten, hatte eine Rotte großer und kleiner Gassenbuben von ihrem Hause Besitz ergriffen, die Fenster eingeschlagen, viel Geräte zertrümmert und auf die Straße geworfen, und erst nach hartem Prügelkampfe waren sie selbst dann wieder von des Fuhrmanns Knechten hinausgeworfen worden. Kätchen, welche bis dahin wahren Mannesmut gezeigt, brach bei diesem Anblick in Tränen aus und setzte sich sprachlos, gebrochen, zitternd auf die Treppe ihres einst so friedlichen Hauses. Sie weinte nicht über den erlittenen Schaden, sondern weil sie jetzt erst erkannte, daß sie ihrem duldsamen Manne den Haß seiner ganzen Vaterstadt auf den Hals gezogen. Der Mann aber blieb so gelassen wie immer und sprach: »Die bösen Buben haben uns das Ausziehen erleichtert. Heute abend hätten wir ohnedies das Haus und die Stadt verlassen; nun geht es etwas geschwinder und tut uns auch nicht mehr halb so leid.« Die Frau blickte ihn erschrocken, fragend an. Er fuhr fort: »Ich habe das Haus an die Franziskaner vermietet; denn da das Kloster noch wüste liegt, müssen sie doch vorerst ein anderweites Obdach haben, bis sie dort wieder eingerichtet sind, und kein anderer Mensch in der Stadt würde ihnen jetzt Quartier geben. Also habe ich, da wir hereinfuhren, die Miete bereits mit dem Pater Guardian abgeschlossen, und du weißt, Bettelmönchen schenkt ein guter Christ die Miete um Gottes willen.« Händeringend flehte Kätchen, daß er den Vertrag wieder rückgängig mache; sie könne ja niemals wieder Frieden gewinnen, wenn sie ihren Mann so von Haus und Hof vertrieben habe. Der Mann aber entgegnete: »Die Miete ist fest. Die Bacharacher Luft taugt für uns beide nichts mehr; bis hierher bin ich dir gefolgt, jetzt folge du mir: umgekehrt ist auch gefahren! Wir ziehen nach Lorch in deine Heimat und bauen dort den Wein, welchen deine Väter getrunken; er ist ohnedies besser als der Bacharacher.« Da sprach Kätchen: »Lieber Peter, es kann nicht sein; in Lorch wärest du kein Fuhrmann mehr, und siehe, ich werde nicht wieder glücklich, wenn du nicht wieder ein Fuhrmann wirst. Ich versprach dir ja heute morgen, eine Stunde lang über das Fuhrwesen nachzudenken, und habe es redlich getan, und als du so stolz zum Tore hereinfuhrst, hätte ich dir um den Hals fallen und sagen mögen, du sollest doch dein Leben lang ein rechter Fuhrmann bleiben.« Peter hob sie lächelnd von der Treppe auf und rief: »Jetzt sprichst du endlich gescheit, weil du nicht mehr so gar grausam gescheit sprichst wie vordem. Es wird sich auch überm Rhein schon wieder machen mit dem Fuhrwerk, und hier hätten mir die Kaufleute doch kein Faß Wein mehr zu fahren gegeben, seit ich die Franziskaner gefahren.« Und er küßte sie, und sie waren friedevoller miteinander in dem verwüsteten Hause als je zuvor, da noch so klösterlicher Friede auf demselben geruht. Am Abende zog der Fuhrmann aus, und die Franziskaner zogen ein. Ihre Feinde, die Kapuziner, hatten vorläufig das Volk beschwichtigt, denn sie waren so klug, der Gewalttat nicht Gewalt entgegenzusetzen, sondern ließen die Franziskaner gewähren, schickten aber Eilboten nach Heidelberg zum Kurfürsten und nach Trier zum Erzbischof, daß man ihnen zu ihrem Rechte verhelfe. So ließen die Bürger denn auch den Fuhrmann mit den Seinigen ungehindert abziehen. Als Peter Rambold nach einiger Zeit mit dem Nachen von Lorch herübergekommen war, um den Rest seiner Habe abzuholen, fand er im Bacharacher Hafen ein Schiff mit den sämtlichen Franziskanern befrachtet, zum Abstoßen bereit. Er rief den Pater Bonaventura an und fragte, wohin denn die Reise gehe. Etwas niedergeschlagen antwortete dieser: »Rheinabwärts! Gott weiß, wohin. Der Kurfürst hat uns verraten und der Bischof uns verlassen.« Der Fuhrmann wünschte Glück auf den Weg, legte aber ein wenig bei neben den Mönchen und sagte dem Pater ganz heimlich: »Wenn Ihr wieder einmal die Ehestandspredigt haltet, so dürft Ihr fortan jene alte Geschichte nicht mehr erzählen von der Frau, die durch so große Demut und Gehorsam ihren trunkenen Mann bekehrte, denn ich weiß eine bessere, die ich selbst erlebt habe, und Ihr wißt sie auch. Seht, einen recht groben Sünder durch Demut zu bekehren, das ist in der Ehe nicht so gar schwer, aber eine halbe Heilige, die aus lauter Liebe und Güte und Tugend alles verschraubt und verderbt, in Demut und Gehorsam zur Umkehr zu bringen, daß sie schlecht und gerecht lebt wie andere Menschenkinder und nicht wie eine verheiratete Nonne, das ist das allerschwerste. Namentlich für einen Fuhrmann. Es wäre mir armem Sünder auch gar nicht gelungen, wenn nicht unser Herrgott ein Einsehen gehabt und mir euch Franziskaner zur Hilfe geschickt hätte. Denn wäret ihr nicht vierspännig in euer Unglück gefahren, so säße ich heute nicht so selig in meinem Glücke.« Pater Bonaventura kam später in ein Kloster auf dem Westerwalde und soll in dortiger Gegend seine berühmte Ehestandspredigt noch öfters gehalten haben. Nur mit etwas verändertem Schlusse. Er sprach nämlich jetzt nach der alten Geschichte vom bekehrten Säufer: »Ich habe euch diese Geschichte schon oft erzählt, und ihr fraget wohl, warum ich sie immer wieder erzähle. Einfach deshalb, weil ich keine bessere für euch weiß. Ich habe zwar einmal erlebt, daß ein Fuhrmann durch noch viel schwerere Dulderproben seine Frau bekehrte, aber die Geschichte erzähle ich euch nicht: sie ist zu subtil, denn sie hat sich droben am Rhein bei den feinen Pfälzern zugetragen, und ihr groben Westerwälder würdet sie doch nicht verstehen.« Ungeschriebene Briefe 1863 Erstes Kapitel Der Burggraf Georg Ludwig aus dem alten thüringischen Hause Kirchberg war zweimal verheiratet. Mit dreiundzwanzig Jahren führte er seine erste Gemahlin heim, eine Gräfin von Hohenlohe-Langenburg, welche bereits zweiunddreißig zählte. Schon rückte die silberne Hochzeit nahe, da starb diese erste Frau – um 1670 –, und der rüstige Witwer verlobte sich im achtundvierzigsten Lebensjahre zum zweitenmal mit der Erbgräfin Magdalene Christine von Manderscheid-Sayn, einem kaum sechzehnjährigen Mädchen. Schreitet ein Witwer zur zweiten Ehe, so rechtfertigt er diesen Schritt vor der Welt gewöhnlich mit dem Worte; er müsse seinen verlassenen Kindern eine neue Mutter geben, und doch sind die armen Kinder oft sehr unschuldig an den Heiratsgedanken ihres Herrn Vaters. Der Burggraf von Kirchberg aber war ein seltener Mann: obgleich er vier Kinder mitbrachte, gestand er doch ohne Umschweif, daß er wieder heirate, weil er wieder heiraten wolle, und schob nirgends die Stiefmutter vor, um die Braut zu decken. Da er aber niemandem etwas vorheuchelte über den Beweggrund, der ihn überhaupt zur zweiten Ehe trieb, so kam er auch nicht weiter in Verlegenheit wegen des allzu jugendlichen Alters der Braut. Denn eine Heuchelei hätte hier notwendig die andere bedingt. Also bekannte er offen, daß ihm's die mädchenhafte Jungfrau ganz besonders darum angetan habe, weil sie so jung sei und dazu so schön und kindlich einfältig. Die erste Frau war neun Jahre älter gewesen als er selbst; nun deuchte es ihm ganz natürlich, daß er sich zum zweitenmal eine jüngere gewählt, obgleich es ihm nicht entging, daß zweiunddreißig Jahre jünger ein bißchen viel sei. Die erste Ehe hatte den Jüngling zum Manne gebildet, durch die zweite wollte er wieder jung werden; denn so nahe den Fünfzigen, nahm er mit Schrecken wahr, daß er eigentlich niemals recht jung gewesen. Sehr frühe schon war ihm nämlich die Last des väterlichen Erbes zugefallen, frühe schon hatte er dazu bei mehreren deutschen Höfen wichtige Staatsgeschäfte geführt, und wäre er mit zweiundzwanzig Jahren nicht schon ein Reichsfürst gewesen, so hätte er wohl auch einen Professor des Staatsrechts vorstellen können. Damals nun hatte man ihm fast mit dem Antritte der burggräflichen Herrschaft die erste Gemahlin zur Seite gegeben, im Interesse der beiden Häuser mehr als eine welterfahrene treue Freundin, die ihn taktvoll an unsichtbaren Fäden leite, denn als eine Geliebte, welche er selber mit starker Hand ins Leben einführen solle. Die Ehe war dauernd glücklich, aber es war eine Ehe ohne allen Taumel von Schwärmerei, Poesie und Narrheit gewesen, eine überaus gesetzte und gediegene Freundschaftsehe. Schwere häusliche Prüfungen kamen hinzu und machten den beiden Gatten das Herz schwer, wenn sie ihnen auch den stillen Frieden eines getreuen Zusammenlebens nicht rauben konnten. Die Knaben zwar, welche ihnen der Himmel geschenkt, gediehen, die Töchter dagegen starben frühe hinweg. Es war, als solle bei dieser Ehe die zarte Poesie eines heiteren Mädchenlebens nicht einmal der Kinderstube gegönnt sein. Die einzige Tochter, welche dem Kindesalter entwuchs, Dorothea Luise, war so überfeinen Körpers und so fieberhaft erregten Geistes, daß die bekümmerten Eltern nur mit heiliger Scheu auf die bleiche Gestalt blickten, als sähen sie ein überirdisches Wesen. Die junge Gräfin selber aber lebte fast nur in Todesgedanken, bezeichnete schon im vierzehnten Jahre den Text für ihre Leichenpredigt und die Lieder, welche bei ihrem Begräbnis gesungen werden sollten, und starb dann auch bald, fast gleichzeitig mit ihrer Mutter. In den verwandten hochadeligen Familien regte sich damals die fromme Gefühlsseligkeit des eben aufblühenden Spenerschen Pietismus, und man verehrte das verstorbene Mädchen wie eine halbe Heilige. Ja, der Burggraf selber neigte trotz seines weltmännischen Geistes eine Weile zu gleicher Frömmelei und brütete oft stundenlang über der mystischen Grabschrift seines Vorfahren, des fuldaischen Abtes Hartmann von Kirchberg, wie sie neben dem als leise schlummernd dargestellten Marmorbilde des Entschlummerten im Mainzer Dome geschrieben stand: Quid mortui viventium Legitis epitaphia? »Was leset ihr Toten der Lebendigen Grabschrift?« Und es war ihm, als müsse auch er inwendig diesem Leben absterben, um, rings vom Tode umfangen, in Todesgedanken erst recht lebendig zu werden. Aber Todesgedanken passen auf die Dauer nicht für einen Diplomaten und regierenden Herrn. Was aber hätte ihn rascher und anmutiger wieder auf diese schöne Erde zurückführen können als eine sechzehnjährige Braut, die noch harmlos wie ein Kind zum sonnig blauen Himmel blickte? Neben der Schwüle des häuslichen Kummers, die so drückend über der frühen Ehe des Burggrafen lag, hatte derselbe aber auch noch einen anderen Druck schwer empfunden: seine erste Frau redete gar zu gerne mit in politischen Geschäften. Da war kein Aktenstück, das sie nicht zu lesen begehrte, kein Geheimnis, welches sie nicht ergründete, kein Zweifelsfall, den sie nicht mit weisem Rate klarzulegen verstand. Meisterhaft waren die politischen Kabinettsreden, womit sie gar oft ihres Mannes festen Plan und Willen beugte. Anfangs nahm der unerfahrene junge Mann diese eheliche Hilfe der weltklugen älteren Gattin dankbar hin; als er sich aber nachgerade sattelfest genug fühlte, um sein Roß auf eigene Faust zu lenken, belästigte ihn das stete Eingreifen der Frauenhand in seine Zügel. Ja, der stille Unmut brach zuletzt nicht selten zum offenen Streite durch. Burggraf Georg Ludwig nämlich war zwar gut kaiserlich und deutsch gesinnt, aber trotzdem bewunderte er die persönliche Majestät und die meisterhafte Staatskunst Ludwigs XIV. Er erkannte in dem Franzosenkönige den ärgsten Reichsfeind, und dennoch hatte es ihm dieser Fürst wie mit einem Zauber angetan, daß er für ihn wie für ein Idealbild königlicher Hoheit schwärmen mußte. Die Burggräfin dagegen haßte jenen Ludwig und seinen Hof und glaubte, daß der unheimliche Mann durch die bezaubernde Poesie seines Wesens den deutschen Fürsten weit gefährlicher sei als durch seine reichsfeindliche Politik. Scheinbar stritt man also bloß über eine Person, und doch barg dieser Streit den tiefsten Zwiespalt der Grundsätze. Der Graf wollte seinen Hof nur ein klein wenig nach dem Muster von Versailles umbilden, die Gräfin widerstand; der Graf wollte die große Kavalierstour nach Paris machen, um seiner staatsmännischen Kunst die letzte Weihe zu geben, die Gräfin hintertrieb es. Ja, zuletzt konnte der Graf im eigenen Hause nicht einmal mehr frisch von der Leber weg über die Welthändel reden und mußte seinen Ludwig insgeheim bewundern: wurden doch die Züge der Gräfin beim bloßen Namen des Königs alsbald so starr und eingefroren, daß auch dem Grafen das begeisterte Wort stracks auf der Zunge einfror. Im Widerstreit schärften sich die Gegensätze, so daß die Gräfin den fatalen Ludwig bei dem Grafen noch um einen Fuß höher hob, indem sie ihn verkleinerte, während der Graf ihn bei der Gräfin noch um das gleiche Maß herunterrückte, indem er ihn lobte. Der Graf meinte – natürlich wiederum insgeheim –, durch die Frauen Politik zu machen, sei höchst weise, wie ja eben Ludwig gezeigt, da er dem König Karl von England statt diplomatischer Noten eine schöne Hofdame geschickt habe, aber mit und unter den Frauen Politik zu machen, das sei schwach und töricht. Und doch konnte er sich – natürlich wiederum ganz insgeheim – nicht verhehlen, daß er dem letzteren Falle näherstehe als dem ersteren. Nun war aber die neue Braut in der Politik ein reines Kind. Der Burggraf atmete hoch auf bei dieser Wahrnehmung. Sie redete kein Wort von Staatshändeln, und erzählte der Bräutigam von dergleichen, so gab sie nicht acht. Er jubelte im stillen über diese liebenswürdige Unachtsamkeit. Als in einer Gesellschaft die Schwächung der holländischen Statthalterwürde durch das »ewige Edikt« besprochen wurde, lockte sie ihren Mops zum Spiele herbei, weil sie von »Theologie« nichts verstehe! Der Graf war glückselig, daß seine Braut so anmutig unwissend sei und beim ewigen Edikt wohl gar ans ewige Leben denke. Zeichnete er ihr das glänzende Charakterbild seines Ludwig, so lauschte sie zwar gespannt, leuchtenden Auges, aber sie sprach weder ja noch nein, und der Graf meinte, dies sei in der Tat der rechte urteilslose Standpunkt, wie er Frauen zieme; denn wenn sie ja sagten, so könnten sie auch leicht einmal nein sagen und hätten immerhin noch ihre eigene Meinung; seine Braut aber habe gar keine Meinung, und das sei alleweil am besten. Zweites Kapitel Auf den Herbst hatte der Burggraf die zweite Hochzeit anberaumt, vorher aber wollte er den alten Lieblingswunsch noch erfüllen und Paris und Versailles sehen. Im Frühling verweilte er als zum Abschied vor der großen Reise mehrere Wochen zu Hachenburg, dem väterlichen Schlosse seiner jungen Braut. Es sollten dies, so wünschte er, Maientage innigster Liebesverständigung werden; die Braut sollte jetzt erst recht erkennen, welch einen Schatz sie an ihm gewonnen habe. Allein mit geheimem Schauer gewahrte er, daß diese Maientage etwas frostig seien. Magdalene war höchst freundlich, voll unbewußten Liebreizes, dabei aber so töchterlich respektvoll gegen den Bräutigam, daß dieser mitunter sich selbst erinnern mußte, er sei ja nicht der Vater, sondern der Verlobte des guten Kindes. Sonst forderte der stolze Herr von aller Welt Respekt, und jetzt entsetzte er sich zum erstenmal, daß man so gar viel Respekt vor ihm haben könne. Er wollte die Sache gut machen, legte in Magdalenens Gegenwart den Burggrafen und Staatsmann ganz beiseite und suchte mit ihr zu schwärmen und zu tändeln wie ein zwanzigjähriger Jüngling. Allein nun ging es erst recht nicht; Magdalene wurde sichtbar noch kühler. Und was das schlimmste war: indem der Bräutigam den Respekt seiner Braut etwas mildern wollte, verlor er beinahe den Respekt vor sich selbst; wenn er sich im Spiegel sah, so meinte er, aus dem Glase schaue ein Geck hervor. Also kehrte er rasch zu seiner natürlichen Art zurück und wahrte den Ernst, wenn er heiter, die Würde, wenn er zärtlich, und die Vernunft, wenn er leidenschaftlich war, wie sich's bei einem achtundvierzigjährigen Burggrafen im Grunde von selbst versteht. Doch gerade weil sich's von selbst versteht, genügte es ihm wieder nicht; denn einer Braut zeigt man sich eben auch gern in Vorzügen, die sich nicht von selbst verstehen. Der Burggraf besaß solche Vorzüge, – allein für diese hatte ja das sechzehnjährige Mädchen keinen Sinn und sollte keinen haben; der Bräutigam freute sich kindisch, daß sie ihn nicht hatte, daß sie gähnte, wenn man nur von Politik sprach, und dennoch sollte sie für den Bräutigam als für einen großen Staatsmann schwärmen, aber beileibe nicht respektvoll, sondern in glühender, hingebender Liebe! Das waren verdammte Widersprüche! Der Burggraf machte zuzeiten ein recht böses Gesicht, und als die Braut in aller Unschuld gar nicht merkte, was das böse Gesicht bedeute, sagte er's eines Tages deutsch heraus und meinte, vor der Verlobung habe sich ihm ihre Liebe sonnenklar kundgegeben, nach der Verlobung hülle sie sich in ein Rätsel. Statt aller Antwort auf die deutsche Frage öffnete Magdalene ein französisches Buch, in welchem sie abends gemeinsam zu lesen pflegten, und bezeichnete schweigend eine Stelle mit dem Bleistift. Sie lautete: »Une passion naissante et combattue éclate; un amour satisfait sait se cacher.« Der Burggraf, überrascht von dem feinen Kunstgriff, mit welchem das Mädchen ihm entschlüpfte und in einem witzigen Zitat antwortete, damit sie nicht mit dem Herzen zu antworten brauche, wollte ihr sofort beweisen, daß die Liebe zweier Verlobten eben auch noch eine aufkeimende Leidenschaft und keine vollbefriedigte Liebe sei, als sich die Türe öffnete und ein unerwarteter Gast ins Zimmer trat – des Burggrafen Sohn aus erster Ehe, Georg Wolfgang, ein stattlicher achtzehnjähriger Bursche. Es ist wohl immer etwas verdrießlich, wenn einem Witwer, der eben wieder Bräutigam geworden, die großen Kinder der ersten Frau so um den Weg laufen. Tappt aber solch ein unvernünftiges Kind nun gerade in eine recht zarte Liebesszene seines Vaters, so muß das vollends unerträglich sein. Der Burggraf hatte seine zwei ältesten Söhne auf Reisen geschickt, und Georg Wolfgang sollte eben an den Hof des Pfalzgrafen von Birkenfeld gehen, um dort seine ersten Militärstudien zu beginnen, während der Vater sich seinen zweiten Liebesstudien widmete. Da fiel's dem tollen Jungen ein, er wolle, ehe er beim Pfalzgrafen anklopfe, den Umweg nicht scheuen und zuvor doch auch einmal der künftigen Stiefmutter guten Tag sagen. So kam er unerwartet in dem geschilderten Augenblick. Der Vater empfing den Sohn mit furchtbar herzlichem Händedruck; er schüttelte ihm die Hand, als ob er sie zerquetschen wolle: das war das einzige mehr fühlbare als sichtbare Zeichen des jähen Zornes, der in ihm aufbrauste über den ungebetenen Gast. Magdalene aber war vergnügt wie ein Kind, daß sie auch einmal einen Sohn ihres Bräutigams sehen dürfe, begrüßte ihn aufs anmutigste und hatte ihre besondere Freude daran, daß der Bursche einen halben Kopf größer sei als sie selbst. Die Liebenswürdigkeit des Mädchens rührte und erquickte dann auch wiederum den Burggrafen, und nach einer Stunde war er seinem Sohne schon nicht mehr gram, ja er schaute mit einem gewissen väterlichen Behagen aus dem Lehnstuhle im Kaminwinkel den jungen Leuten zu, wie sie so rasch sich zu verständigen und gleich den besten alten Freunden miteinander zu plaudern wußten. Wäre Magdalene doch nur auch gegen ihn so unbefangen und zutunlich gewesen! Am nächsten Tage bemerkte er die beiden öfters in langer, tiefer Zwiesprach versunken. »Was habt ihr denn gar so Wichtiges zu verhandeln?« fragte er den Sohn im nächsten einsamen Augenblick. Der Junge erwiderte: »Meine künftige Mutter redet wie ein Buch. Sie sagt, wenn ich jetzt Soldat werde, so geschehe das zu einer ernsten Stunde; denn obgleich wir mitten im Frieden lebten, so rieche man doch schon wieder Pulverdampf in der Luft, wie man auch wohl den Regen rieche, lange bevor die Wolke über unseren Köpfen sich entlädt. König Ludwig, so sagt sie, sinne auf einen Eroberungskrieg gegen die Holländer, und in Paris meine man, die Generalstaaten müßten sich recht darauf freuen, von dem großen Ludwig erobert zu werden. Denn die Franzosen hegten von alters her die bescheidene Ansicht, daß fremde Eroberungen zwar völkerverderbend, ihre eigenen aber völkerbeglückend seien. Nur wüßten sie noch nicht genau, wie sie's eben jetzt anfangen müßten, um Holland erobern und beglücken zu können.« »So spricht Magdalene zu dir?« fragte der Burggraf erstaunt. »So spricht sie! Und sie fügte hinzu, der Kurfürst von Köln sei ein schlechter Reichsfürst und seine Räte seien Spitzbuben und der Erzbischof von Münster sei um kein Haar besser; denn sie spielten allesamt unter einer Decke mit den Franzosen.« Der Burggraf, anfangs ganz verblüfft, lachte jetzt laut auf über die kräftige Charakteristik. Dann sprach er in lehrhaftem Tone: »Es ist ein besonderer Liebreiz der Frauen, daß sie alle Dinge der Welt nach ihren persönlichen Neigungen und Gefühlen messen. Magdalene ist ein reines Kind in der Politik; dennoch schleudert sie solche Gewaltsworte wider den Kurfürsten, weil Köln in dem großen Prozesse gegen Sayn die Grafschaft als eröffnetes Mannlehen für heimgefallen erklärt und vor Jahren gar Stadt und Amt Hachenburg okkupiert hat. Der Kurfürst ist ein Rechtsfeind ihres Hauses, folglich muß er auch ein Reichsfeind sein, und zuletzt baut sich Magdalene gar ein eigenes System der europäischen Politik auf den Prozeß Köln kontra Sayn.« Während aber der Alte kalt und spöttisch also sprach, wünschte er doch im stillen, Magdalene möge diesen Liebreiz persönlicher Neigungspolitik nicht weiterentwickeln, und er dachte dazu, sein Sohn, ihr gelehriger Schüler, wäre jetzt am besten, wo der Pfeffer wächst, und sorgte dann auch, daß Georg des anderen Morgens zum pfalzgräflichen Hofe abreiste. Allein auch für ihn nahte die Scheidestunde. Er hatte viel süße Hoffnung auf dieses Herannahen des bitteren Augenblickes gesetzt. Sollte die Braut nicht jetzt endlich wärmer empfinden und leidenschaftlicher ihr Herz ausschütten? Das wäre so natürlich gewesen! Allein sie ward umgekehrt immer verschlossener. Doch auch dies kann wieder natürlich sein, dachte der unglückliche Burggraf; der drohende Abschied schnürt dem schüchternen Kinde das Herz zusammen! Hätte er nicht fest gewußt, daß sie ihn liebe, daß sie aus wahrer Neigung und früher auch beredteren Mundes ihr Ja und Amen zu seiner Liebeswerbung gesprochen, er würde entweder gar nicht gegangen oder für immer gegangen sein. Endlich hoffte er nur noch auf die eigentliche Stunde des Lebewohls: da wird ihr Gefühl plötzlich wie ein verhaltener Strom alle Dämme durchbrechen. Die Stunde kam. Magdalene blieb, wie sie gewesen, gut, freundlich, still und kühl. »Du wirst mir jede Woche schreiben!« bat der Burggraf, als er schon den linken Fuß im Bügel hatte. – »Oder lieber alle vierzehn Tage!« flehte die kleine Hexe höchst anmutig. »Das Schreiben ward mir allezeit gar sauer, und mein Lehrer hat mir stets gesagt, ich werde es nie zu einer schönen Hand, nie zu einer ordentlichen Rechtschrift bringen.« Der Burggraf sprengte den Schloßberg hinab, daß die Funken stoben, er sah gar nicht mehr, wie zärtlich ihm Magdalene mit dem Tuche nachwinkte; er hätte am liebsten gleich den Hals gebrochen und war wütend über sein Pferd, welches nun gerade nicht stürzen wollte. Als Magdalene nach diesem seltsamen Abschiede in ihr Zimmer zurückgekehrt war, zeigte sie ein ganz neues Gesicht: sie löste sich förmlich auf in Schluchzen und Weinen. Wenn der Burggraf nur auch etwas davon hätte hören können! Die Mutter tröstete sie, meinte, sie solle sich den Trennungsschmerz doch nicht so gar unmäßig zu Herzen nehmen, der Bräutigam verreise ja nur auf etliche Monate, und inzwischen könnten sie denn doch von Brief zu Brief sich sagen, was ihnen von Mund zu Munde zu sprechen verwehrt sei. »Das ist ja gerade das Unglück!« jammerte Magdalene. »Ums Sagen handelt es sich zunächst gar nicht, sondern ums Schweigen. Von Mund zu Mund schweigen ist leicht, aber von Brief zu Brief schweigen, das ist entsetzlich. Ich darf ihm nicht schreiben, höchstens jeden Monat, und dann darf ich's erst recht nicht. Er hat mir's verboten, obgleich er mich eigentlich darum bat. Es gilt jetzt keine halbe Trennung, sondern eine ganze; er muß mich verlieren, damit er sich findet; hat er sich erst einmal gefunden, dann finden wir uns auch beide wieder zusammen. Ich habe von Kind an keinen kleinen Zorn gehabt auf den Franzosenkönig, aber daß er mir jetzt gar die rechten Briefe an meinen Bräutigam unterschlägt, das werde ich ihm mein Leben lang gedenken!« Der Mutter kamen diese widersprechenden Schmerzensrufe zwar etwas verrückt vor, allein welche liebende Braut ist nicht mitunter etwas verrückt, zumal nach einer solchen Abschiedsstunde. Drittes Kapitel Paris war damals ganz der Ort, wo ein Mann wie der Burggraf von Kirchberg den Gram unerwiderter Liebe vergessen konnte. Der holländische Krieg bereitete sich vor, welcher von 1672 bis 1679 das mittlere Europa erschütterte. Die Soldaten lagen zur Zeit zwar noch ruhig in ihren Garnisonen, die Diplomaten aber behaupteten, der Krieg spiele schon längst in den geheimen Schachzügen der Kabinette, ja die entscheidende Schlacht sei vielleicht bereits geschlagen, obgleich kein Mensch vorerst den Plan und Erfolg kenne als Ludwig und seine Minister. Denn nicht im Felde war dieser Fürst der unwiderstehliche Taktiker, sondern auf dem verhüllten Kampfplatze politischer Überlistung, welcher vollständig gewonnen sein mußte vor dem ersten Kanonenschuß. Für solchen Krieg im Frieden aber gelten ganz ähnliche Kunstregeln wie für den wirklichen Krieg: wer das Geheimnis seiner Macht und seiner Stellungen dem Feinde als ein unlösbares Rätsel aufgeben kann, dabei aber alle Rätsel von des Feindes Macht und Planen durchschaut, dem blüht der Sieg. Holland, England und Schweden hatten, zum Dreimächtebund vereint, im Jahre 1668 den beschleunigten Abschluß des Aachener Friedens herbeigeführt, und solange sie fest zusammenhielten, war der Einbruch der französischen Heere in Holland eine Tollkühnheit. Ludwig XIV. aber war kein Freund von tollkühnen Streichen. Darum sorgte er, daß jener Bund wie ein Schatten in Luft zerrann, bevor die Lärmtrommel gerührt wurde zum Eroberungszuge über den Rhein. Die politischen Köpfe in Paris lächelten schon lange über die »unheilige Dreieinigkeit«, wie sie die Trippelallianz nannten, und sagten, die Dreieinigkeit der Kirche sei leicht zu behaupten und schwer zu verstehen, jene Dreieinigkeit dagegen verstehe man leicht, werde sie aber schwer behaupten können. Wie es jedoch Ludwig angefangen habe, den Bund der Gegner zu unterwühlen, das wußte zur Zeit nur eine kleine Schar von Eingeweihten; und ob es ihm gelungen sei, sich neue Verbündete zu gewinnen und zweifelhafte Mächte zur Neutralität zu bewegen, ob namentlich Kaiser Leopold und der große Kurfürst von Brandenburg Freund oder Feind der Franzosen in dem drohenden Kriege sein würden, das war eine dunkle Frage, über welche sich die gescheitesten Leute vergebens den Kopf zerbrachen. Der Burggraf, in all seinem Denken gefesselt von dem versteckten Intrigenspiel, welches sich verwirrend vor seinen Augen spann, ohne daß er erraten konnte, wie die Fäden zusammenliefen, dazu in allen Sinnen geblendet von neuen Eindrücken, vergaß anfangs die Seelenpein über das unbräutliche Wesen seiner briefscheuen Braut. Er beobachtete in Paris ein strenges Inkognito; denn da er nicht einmal genau wußte, wie in dieser kritischen Zeit der Kaiser zum Könige stand, so wollte er sich als ein gefürsteter Burggraf des Reiches nichts vergeben, ja er überließ es ganz dem Zufall, ob er überhaupt Versailles und die Person Ludwigs sehen werde. Bot ihm doch das politische Treiben in den Salons der Hauptstadt schon ein Schauspiel so neu und spannend, daß es reichlich der weiten Reise wert war. Inkognito heißt aber bei vornehmen Herren bloß: sie wollen erkannt und gesehen sein, wollen es aber nicht hören, daß man sie erkannt und gesehen hat. Und da der Burggraf nun so manchen alten Freund aus der höfischen Welt begrüßte, so verfolgten ihn gar bald Späheraugen genug, und ehe er sich's versah, stand er mit Hofleuten, Gesandten und Ministern in lebhaftem geselligem Verkehr. Zwar wunderte er sich über sich selbst, daß ihm diese Leute jetzt viel gleichgültiger waren als vordem und daß ihm ihre Gespräche oft ungebührlich lang schienen, weil er lieber allein mit seinen Gedanken nach Hachenburg zu der spröden, schweigenden Braut hinübergesprochen hätte. Allein er faßte seine fünf Sinne zusammen und zeigte sich unter stillen Schmerzen als den heitersten, liebenswürdigsten Mann, und in den engeren Kreisen des Königs wurde bald von dem deutschen Burggrafen gesprochen, der so ganz im Verborgenen durch Geist, Takt und vollendete Form glänze und sich wohl nur darum hinter den Kulissen halte, damit er die Bühne um so besser ausforschen könne. Andererseits war der arglose Burggraf in all seiner Qual denn doch wieder entzückt von den artigen französischen Kavalieren, die ihm so auffallend schöntaten, weil sie es ihm gleichsam an der Nase ansahen, daß er eine geheime politische Mission in der Tasche tragen müsse. Und jeder hätte das Geheimnis ums Leben gern zuerst ergründet und seinem Souverän entdeckt! Er mochte sich so klein machen, wie er wollte, die scharfblickenden Franzosen erkannten in ihm doch den gewichtigen Mann. Das war höchst schmeichelhaft, und es ist ganz natürlich, daß die Begeisterung des armen Burggrafen für die Franzosen, für ihren König und seine Minister und Kavaliere in eben dem Maße wuchs, als man ihn wie einen Spion ersten Ranges ausforschte. Hätte er seine Triumphe nur wenigstens einer mitschwärmenden Seele, hätte er sie nur seiner Braut verkünden können! Wie ein Fieberkranker von Hitze und Kälte, so wurde er von einem steten Wechsel des Behagens und Mißbehagens geschüttelt. Ach, es drückte ihn nachgerade recht grausam, daß gar kein Brief von Hachenburg eintreffen wollte! Vierzehn Tage waren vergangen und noch vierzehn Tage dazu: Magdalene mußte sich wohl entsetzlich schwer mit dem Stil und der Rechtschrift abkämpfen. Doch wenn sie nicht schreiben konnte, so verstand er es ja um so besser. Er legt ihr in einem offenen Tagebuche all seine Erlebnisse dar, er schildert die Menschen, mit welchen er verkehrt, und wird durch diese Charakterskizzen ganz von selbst ins volle Fahrwasser der Tagespolitik – getrieben. Im Schreiben geht ihm das Licht auf, daß Magdalene doch nur dann recht warm wird für ihn empfinden können, wenn sie mit teilnimmt an seinem eigensten Beruf, und er beschließt, von Paris aus sie ganz sachte einzuweihen in die Geheimnisse der Staatsweisheit. Da kommt endlich ein Brief; unter Herzklopfen wird er mit zitternder Hand erbrochen. Die Braut entschuldigt sich nicht einmal, daß sie so lange hat warten lassen, sie seufzt nicht über die Trennung, sie sehnt sich nicht nach dem Wiedersehen, – sie erzählt von ihren Spazierritten und Stickereien, von ihren Andachtsübungen und von ihrem Mops und wirft diese und ein Dutzend anderer Dinge in leichtester Anmut durcheinander; auch ist die Schön- und Rechtschrift gar nicht so schlecht, sondern könnte vielmehr trotz mancher reizenden Schnitzer den meisten deutschen Prinzessinnen damaliger Zeit zum Muster dienen. Dem Bräutigam schnürt der Brief vollends das Herz zusammen. Fast sehnt er sich zurück nach dem politischen Widerspruch, womit ihn seine erste Frau so oft geärgert; denn aus heißer Liebe können sich ja zwei Menschen fürchterlich zanken und ärgern, aber so glatt aneinander vorbeischlüpfen können sie nicht. Der Burggraf legt das so eifrig begonnene Tagebuch für Magdalene beiseite; er weiß selber nicht mehr, was er ihr schreiben soll. Aber er muß sich Luft machen. Darum schildert er seinem Sohne Georg Wolfgang die Macht der französischen Diplomatie und die Tüchtigkeit des französischen Heeres und schließt mit dem Wunsch, Georg möge, wenn der Krieg mit den Generalstaaten zum Ausbruch komme, ein Jahr als Freiwilliger unter Ludwigs Fahnen dienen; denn bei Turenne, Condé und Vauban lerne man jetzt allein die wahre Kriegskunst. Nicht wenige Söhne edler deutscher Häuser hätten schon bei den großen französischen Marschällen Schule gemacht, und viel mehrere würden sich auch in dem bevorstehenden Kriege wieder zur Ehre eines solchen Dienstes drängen. Während die Briefe der Braut so furchtbar lange auf sich warten ließen, kam die Antwort des Sohnes äußerst rasch. Sie klang aus einem Tone, den der Burggraf bei dem Jungen nie gehört, und schloß mit dem Satze: Unter Ludwigs Banner zu dienen, schicke sich doch wohl schlecht für den Sohn eines deutschen Reichsfürsten, und die künftige Mutter habe es ihm in Hachenburg recht klargemacht, daß es »räsonabler« sei, für als gegen das Vaterland die Waffen zu tragen, und wenn wir auch keine Holländer seien – habe die Gräfin Magdalene in Hachenburg gesagt –, so hätte das Deutsche Reich doch den sicheren Mit- und Nachgenuß aller Schläge, welche die Generalstaaten etwa von den Franzosen kriegen würden. »So machen's die Frauenzimmer und alle anderen Ignoranten!« rief der Burggraf, gewaltig aufgebracht. »Vor dem Kindskopfe Georg predigt Magdalene über Krieg und Frieden wie ein wirklicher Geheimerat, und mir, dem gewiegten Staatsmanne, erzählt sie ihre Kindereien!« Dann aber schrieb er einen Brief an seinen Sohn, in welchem er genau so verfuhr wie die Franzosen, wenn sie die Holländer schlagen, zugleich aber und mehr noch das Deutsche Reich treffen wollen: er las dem Sohne tüchtig den Text über seine unklaren, unreifen Gedanken, dachte aber dabei viel mehr, daß er Magdalenen den Text lese, obgleich er ihrer mit keiner Silbe erwähnte. Übrigens kamen ihm jetzt gewichtige Zweifel, ob seine Braut denn wirklich das politische Kind sei, wofür er sie gehalten. Er entschloß sich rasch zur Probe und schickte ihr das abgebrochene Tagebuch; bei Durchlesung desselben mußte Magdalene hundertfachen Anlaß zu Beifall oder Widerspruch finden, wenn nur ein Funke politischen Geistes in ihr lebte. Die erwartete Antwort blieb wiederum entsetzlich lange ungeschrieben, und als sie kam, stand neben allerlei artigen Geschichten nur der richtige Empfang des Tagebuches angezeigt, so trocken, wie ein Kaufmann den Einlauf eines Warenballens meldet. Der Burggraf war tief beschämt. Seine Person strahlte so bedeutsam beleuchtet aus dem Berichte seiner Pariser Erlebnisse hervor, und die Braut fand keine Silbe der Bewunderung oder auch nur der Kritik; sie hatte augenfällig gar kein Verständnis für die politische Rolle, welche ihr Bräutigam in der großen Welt spielte! Um diese Zeit speiste der Burggraf einmal bei dem Marquis d'Argenson, dem vertrauten Freunde des Ministers Pomponne. Ein auserlesener Kreis durch Stellung und Geist hervorragender Männer war geladen; der liebenswürdige Humor des Wirtes und das Feuer seiner Weine entzündete bald verwandten Humor und verwandtes Feuer in allen Köpfen. Nur der Burggraf blieb auffallend still und trocken. Wenn er so hineinhorchte in die verwirrend rechts und links sich kreuzenden Reden, dann kam ihm diese Gesellschaft so fremd vor und er sich selber so fremd, daß er sich fragen mußte, wer und wo er eigentlich sei, und dann fragte er sich wieder, ob er denn wirklich verlobt sei mit Magdalenen, und er dachte, sie könne ihr Wort doch nimmermehr zurücknehmen, da sie ihn ja so gern habe und die Verlobung als ein politisches Ereignis sogar schon im Reichspostreiter gedruckt zu lesen stehe. Aus diesen Träumen ward der Burggraf plötzlich geweckt durch eine Bemerkung des Marquis, der mit den Tischnachbarn in Wortspielen und Epigrammen über das in aller Stille aufgelöste englisch-holländische Bündnis spöttelte. »Es gibt Verlöbnisse«, sprach er lächelnd zum Burggrafen, »die in aller Form und Feier öffentlich erklärt und in den Pariser Zeitungen wie im Reichspostreiter verkündet sind, Verlöbnisse, die mit allem Scheine vor der Welt aufrechterhalten werden und dennoch unterderhand in nichts zerrinnen; denn das Paar ist zu ungleich, der fürstliche Bräutigam zu alt und ehrwürdig und die republikanische Braut zu jugendlich naiv.« Der Burggraf, dessen Gedanken im Augenblick in Hachenburg und nicht in England und Holland weilten, fuhr auf, verbiß die Lippen und sprach kein Wort, während die Blicke aller an ihm hafteten. Doch faßte er sich rasch wieder, lenkte das Gespräch in jähem Sprung auf andere Dinge und warf im inneren Unmute den Tischgenossen so bittere Worte hin, daß niemand klug werden konnte aus dem bis dahin so gemessenen deutschen Fürsten. Der Marquis aber legte sich, als er wieder allein war, den Vorfall folgendergestalt zurecht: »Der Burggraf ist vermutlich ein geheimer Sendbote des Kaisers Leopold. Der Wiener Hof ist zwar durch den Minister Lobkowitz für Frankreich gewonnen, aber der Kaiser ist ein politisch unselbständiger und eben darum unberechenbarer Mann. Wie, wenn er hinter seines Ministers Rücken wieder schwankend geworden wäre? Wenn er nun auch einmal doppeltes Spiel mit Ludwig triebe? Tatsache ist, daß der Burggraf unseren Spott über die aufgelöste Allianz Englands und der Holländer mit still kochendem Zorne angehört und dann mit Seitenhieben des tiefsten Ärgers erwidert hat. Das Feuer des Burgunders entlockte ihm diesmal seine wahre Gesinnung, die er sonst so geschickt zu verhüllen weiß. Wie, wenn dieses nicht bloß die persönliche Gesinnung des Burggrafen, sondern auch seines hohen Auftraggebers gewesen wäre, wenn der Kaiser die Freundschaft Frankreichs zwar im stillen angenommen hätte und warm hielte, zugleich aber auch im stillen für die Stärkung Hollands tätig wäre, um je nach Zeit oder Umständen bei dieser oder jener Partei seinen Vorteil zu suchen?« Der Marquis eilte zu seinem Freunde, dem Minister Pomponne, um ihm die Vermutungen mitzuteilen. Pomponne fand die Hypothese des Marquis zwar nicht stichhaltig, allein das Schweigen und Grollen des durch den Wein entlarvten Burggrafen gab allerdings zu tieferem Nachdenken Anlaß. »Wie, wenn der Graf vielmehr in geheimer Sendung des Kurfürsten von Brandenburg nach Paris gekommen wäre?« rief der Minister und sprang vom Sessel, als gehe ihm ein helles Licht auf. Der Kurfürst Friedrich Wilhelm war von Kurköln bearbeitet worden zugunsten der französischen Angriffspolitik auf Holland, doch ohne Erfolg. Man erwartete Georg Lorenz Crocow als brandenburgischen Abgesandten in Paris, der, wie man wußte, sich von der Sachlage genauer unterrichten und auf Abwendung des drohenden Krieges hinwirken sollte. Konnte aber der Kurfürst von Brandenburg diesmal nicht dieselbe List anwenden, die Ludwig schon so oft gebraucht hatte, und jenen Crocow als ostensiblen Bevollmächtigten schicken, welchem der Burggraf mit viel größerem geheimem Vertrauen vorausgegangen war, daß er, als bloßer Privatmann beobachtend, dem Crocow erst auf die rechten Wege helfe, je nach Befund aber auch in seiner Maske eine andere Politik vertrete als jener beglaubigte Sendling öffentlich? Stand doch für den Kurfürsten Vorteil und Nachteil gleicherweise in Aussicht, mochte sich das Blatt drehen, wie es wollte. Denn als brandenburgischem Territorialherrn konnte ihm die Niederlage der Holländer nur erwünscht sein, weil die Generalstaaten seinen cleveschen und westfälischen Besitzungen stets gefährliche Nachbarn waren; als Kurfürst des Reiches dagegen mußte er den Sieg der Holländer wünschen, denn ihr Land war ein Vorwerk des Reiches gegen die Franzosen. War es da nicht klug, wenn er zwei Agenten in Paris hatte, den einen für brandenburgische Sonderpolitik, den anderen für kurfürstliche Reichspolitik? So dachte der Minister und beschloß, das Geheimnis des Burggrafen um jeden Preis zu ergründen. Eine persönliche Begegnung wurde – wenn auch etwas mühsam – vermittelt; denn der gemarterte Bräutigam begann nachgerade leutscheu zu werden. Was liegt uns an all den fremden Menschen, die uns suchen, wenn das einzige Wesen, welches wir mit ganzem Herzen gesucht, uns so bequem entbehren kann? Die Pariser Pasteten schmeckten dem Burggrafen nicht mehr und die Pariser Diplomaten auch nicht; er sehnte sich nach einem Stück deutschen Hausbrotes und nach einem empfundenen Briefe seines deutschen Mädchens. Und dann wußte er, verzweifelnd, wieder nicht, ob er sich überhaupt noch nach diesem Mädchen und nach irgend etwas in der Welt sehnen solle. Wäre Magdalene seine erste Liebe gewesen und er selbst erst dreiundzwanzig Jahre alt, so würde er seine fünf Sinne beisammenbehalten und Kälte mit Kälte vergolten haben; allein da sie seine letzte Liebe sein sollte, so war es natürlich, daß der achtundvierzigjährige Witwer ganz und gar den Kopf verlor. Arg zerstreut empfing er den Minister. Dieser zog, um sich recht verbindlich einzuführen, eine eben eingelaufene Depesche aus der Tasche und versicherte, daß der Burggraf der erste Mensch in Paris sei, welcher die ganz warme Neuigkeit erfahre: der schwedische Reichsrat hatte die alte Allianz mit Frankreich wieder erneuert. Der Burggraf aber sah die Depesche so gleichgültig an, als ob es der Wäschezettel seines Bedienten sei. Zum Teufel, dachte er, mit aller Korrespondenz, wenn es nicht gute Briefe von Hachenburg sind! Pomponne staunte. Dieser Fremde, sprach er zu sich selbst, muß die trefflichsten Kundschafter besitzen; er hat das längst gewußt, womit ich ihn überraschen wollte. Als der Minister danach die Rede auf den Kurfürsten von Brandenburg lenkte, gab der Burggraf recht verkehrte Antworten, halb aus Zerstreuung, halb aus Ärger; denn das Gespräch begann ihn bereits grausam zu langweilen. Aber gerade weil die Antworten so verkehrt waren, hielt sie der Minister für ganz besonders treffend: bald glaubte er nämlich, daß ihn der verkappte Sendling absichtlich auf falsche Fährten leite, bald, daß er noch eine ganz andere kurbrandenburgische Politik in der Tasche habe als die dem Minister amtlich bekannte. Pomponne zitterte dann aber inwendig vor Ärger, daß aus dem Burggrafen durchaus nichts Weiteres herauszubringen war. Allein je mehr er inwendig sich ärgerte, um so artiger ward er auswendig. Er stellte dem Burggrafen alle seine Dienste zur Verfügung, er forschte höchst teilnehmend, was und wen derselbe in der Hauptstadt bereits gesehen habe und noch sehen möge, und hoffte durch das unverfänglichste Examen von der Welt solchergestalt doch irgendein mittelbares Geständnis zu entlocken. Er ließ sich's dabei recht sauer werden. Aber da das französische Kabinett zur selbigen Zeit eine ganze Schar mit schweren Beuteln Goldes und noch vollwichtigeren Wechselbriefen ausgestatteter Sendlinge an große und kleine deutsche Höfe geschickt hatte, um Potentaten und Minister von allerlei Größe in Ludwigs Netze einzufangen, so schien es doch ein billiger Handel, hier bloß Worte zu verschwenden statt klingender Münze. Bei jenem Examen voller Fallen und Fußangeln gestand denn auch der Burggraf ganz arglos seinen lebhaften Wunsch, den großen König Ludwig einmal von Angesicht zu sehen, obgleich er sich's aus naheliegenden Gründen versagen müsse, in aller Form seine Aufwartung zu machen. Der Minister horchte auf. Gewöhnt, mit Hintergedanken zu reden, suchte er sie auch in diesem einfachen Wunsche. Frankreich selber hatte erst vor wenigen Jahren zum Staunen der diplomatischen Welt das Beispiel gegeben, wie man durch ein ganz unvorbereitetes Gespräch unter vier Augen in den wichtigsten Staatshandeln plötzlich das Eis brechen könne, welches nach herkömmlichem Geschäftsgange in Jahr und Tag nicht zu schmelzen gewesen wäre. Der französische Gesandte in Wien, Ritter Gremonville, war am Silvesterabend 1667 zu Fuß und allein, in einen großen Mantel gehüllt, beim ersten Minister des Kaisers eingetreten und hatte demselben so glatt vom Zaune weg die Vorschläge Ludwigs über die Teilung der spanischen Monarchie vorgelegt. Konnte ein gefürsteter Burggraf sich nicht in denselben Mantel der Formlosigkeit hüllen und dem Könige in drei Worten die brandenburgischen Pläne klarer entwickeln – absichtlich oder absichtslos –, als es der breiteste Notenwechsel vermocht hätte? Der Minister stellte dem Burggrafen ein zufälliges Zusammentreffen mit dem Könige in Aussicht; der Burggraf nahm das Anerbieten äußerst lebhaft an, seine gleichgültige Miene war wie weggeblasen. Er legte sichtbar großes Gewicht auf den Vorschlag solch einer improvisierten Unterredung. Pomponne hatte eine schlaflose Nacht über dem kühnen Plane und spann ihn so lange im Geiste weiter, bis er sich in den festen Glauben eingesponnen hatte, die Zwiesprach des Burggrafen mit dem Könige müsse ein überraschendes Geheimnis zutage fördern. Er wußte dann auch Ludwigs Neugierde so gründlich zu reizen, daß der sonst so unnahbare Herrscher zugab, der rätselhafte Burggraf dürfe ihm zu einer bestimmten Stunde im Garten von Versailles begegnen als ein Fremder, der von ungefähr des Weges gekommen sei. Viertes Kapitel Der Minister fuhr mit dem Burggrafen nach Versailles und zeigte ihm den neuen Prachtbau. In einer Allee, wo sich eine besonders lockende Ansicht bietet, verweilen die beiden längere Zeit; da kreuzt ein einsamer Spaziergänger den Weg, – es ist der König. Er redet den Minister an. Dieser bittet um die Erlaubnis, den Herrn Georg Ludwig, des Reiches gefürsteten Burggrafen zu Kirchberg und Herrn zu Farnrode, Sr. Majestät vorstellen zu dürfen, und während der König ein artiges Gespräch mit dem Grafen anknüpft, zieht sich der Minister unvermerkt in den Hintergrund zurück. Das nennt man in der Hofsprache eine »zufällige Begegnung«: ein jeder weiß, daß er dem anderen begegnen werde und daß der andere auch ihm zu begegnen beabsichtigt, beide aber stellen sich höchst überrascht, daß sie einander begegnet sind. Keinem gelang jedoch diesmal diese Komödie der Überraschung natürlicher als dem Burggrafen; denn da er wieder drei Wochen lang vergebens auf Hachenburger Briefe gelauert, so dachte er im Augenblick gar nicht an den allerchristlichsten König, der pünktlich zur Stelle eintraf, sondern an die unchristliche Magdalene, deren Briefe niemals pünktlich eintreffen wollten. Fast zur selben Minute aber gewann er auch wieder seine volle Geistesgegenwart und stand als fertiger Hofmann jenem Musterfürsten höfischen Wesens gegenüber. Seine Haltung war korrekt, nichts weiter, und zwar wiederum aus dem geheimen Grunde, weil Magdalenens Briefe bloß korrekt waren und nichts weiter. Ich meine, der Burggraf war nun nicht mehr zerstreut, er tat nichts Ungeschicktes, wie wenn er bei der Verbeugung über seinen eigenen Degen gestolpert wäre oder mit dem Hut auch die Perücke vom Kopf gezogen hätte, allein es fehlte die geniale Spannkraft, jenes Feuer, welches im Auge glänzt, im Worte schimmert, welches uns den Meister der geselligen Form auch im zeremoniös gefesselten, gleichgültigsten Gespräche anziehend erscheinen läßt. Ludwigs Adlerblick erkannte sofort diesen Mangel: man hatte ihm den deutschen Grafen als einen bezaubernd feinen und geistvollen Menschen geschildert, und vor ihm stand ein gewöhnlicher schnurgerechter Kavalier. Fast unbewußt stimmte darum der König den herzgewinnenden Ton, in welchem er begonnen, ein wenig herab, und da ihm bald der Geduldfaden riß, mit einem gleichgültigen Menschen über gleichgültige Dinge zu reden, so hielt er eine Weile an, als erwarte er eine Eröffnung aus dem Munde des Burggrafen. Dieser aber harrte gleichfalls schweigend. So sprach denn Ludwig zuletzt in kaum merklich heftigem, aber raschem, halblautem Tone: »Zur Sache, Herr Burggraf! Was habt Ihr mir mitzuteilen?« Der Angeredete schaute fragend auf, sich betroffen besinnend. »Ihr kommt von Berlin?« fuhr der König drängend fort. Der Burggraf sammelte sich und erwiderte mit großer Ruhe auf die hastig herausgestoßene Frage: »Sire! ich habe Berlin niemals gesehen und kam vor Monaten von Hachenburg und Farnrode.« Ludwig lächelte verächtlich über die beiden obskuren Namen, von denen er den ersten nicht nachsprechen konnte und den anderen heute zum erstenmal hörte. »Aber Ihr seid ein Freund des Kurfürsten von Brandenburg? Ihr habt Briefe von ihm?« »Hier waltet ein Irrtum, Sire!« entgegnete der Burggraf gemessen. »Der Kurfürst von Brandenburg hat mich nie mit seiner Freundschaft oder mit Briefen beehrt.« »Aber was sucht Ihr denn hier? Was bringt Ihr uns? Was habt Ihr uns unter vier Augen zu melden?« fragte Ludwig, in steigender Ungeduld die Situation vergessend. »Sire! Wir sind uns zufällig begegnet!« erwiderte der Burggraf kalt und nachdrucksvoll. Mit diesem kurzen Worte war der König geschlagen; er stand da wie ein Fechter, der im unruhigen Ausfallen sich zu decken vergessen hat, der Klinge des Gegners preisgegeben. Der Burggraf aber fand jetzt völlig sich selbst wieder, und als ob keine Magdalene und keine ungeschriebenen Briefe auf der Welt seien, sprach er stolz und fest: »Hätte ich eine Botschaft an Eure Majestät, so könnte ich sie meinem Range gemäß nur in förmlicher Audienz mitteilen. Ein deutscher Reichsfürst gibt sich nicht zum verkappten Zwischenträger her. Ich weile in niemandes Auftrage zu Paris, sondern lediglich als ein unabhängiger Privatmann, dem es allerdings zum belehrenden Genusse gereicht, das glorreiche Walten Eurer Majestät aus solch unmittelbarer Nähe schauen und bewundern zu können.« Jetzt wußte Ludwig genug: diese Worte sprachen reine Wahrheit, er hatte es mit keiner Maske zu tun. Er warf einen bitterbösen Blick rückwärts, aber Pomponne war verschwunden. Pomponne hatte sich getäuscht – das erkannte der König auf der Stelle –, und wie beschämend für den erhabenen Herrscher würde diese Szene geendet haben, wenn er ebenso unvorsichtig vorgegangen wäre wie sein Minister! Die kleinen deutschen Reichsfürsten achtete Ludwig ohnehin gering und hätschelte sie nur, wenn er sie brauchen konnte; er hätte diesen Burggrafen zertreten mögen, um deswillen er sich für nichts und wieder nichts zu dieser Begegnung herabgelassen hatte. Der Burggraf hingegen beobachtete während der langen Pause peinlichen Schweigens gleichfalls gar wohl, welche innere Aufregung hinter den würdevoll kalten Zügen des Königs spielte; er vergaß im Augenblicke seine Magdalene ganz und gar und war also auch wieder ganz der scharfblickende Weltmann, welcher er vor dieser unseligen Pariser Reise immer gewesen. Wie eine erleuchtende Ohrfeige fuhr ihm der Gedanke durch den Kopf, daß der König ihm wahrlich doch nicht darum in der Allee entgegengegangen sei, damit der Burggraf von Kirchberg Ludwig XIV. und Ludwig den Burggrafen von vorn und hinten ansehen und einer mit dem anderen vom Wetter sprechen könne. Er zitterte vor Scham über seine eitle Einbildung und vor noch größerer Scham darüber, daß man ihm augenfällig eine Rolle zugetraut, über welche er sich nach seiner sittlichen und gesellschaftlichen Würde hoch erhaben fühlte. Ludwig XIV. war aber nicht bloß der durchtriebene Despot neuen Stiles, er war zugleich der letzte Ritter aus einer vergangenen Zeit. Als Ritter deckte er darum jetzt die Blöße, welche sich der lauernde Despot gegeben. »Wir sind uns zufällig begegnet, Herr Burggraf!« wiederholte er mit gesteigertem Nachdruck und ironischem Lächeln, »und was ich gesucht bei diesem erwarteten Zufalle, das habe ich gefunden. Es war mir ein Rätsel, wodurch Ihr, ein bereits von der Anekdote und Sage der Gesellschaft reich verherrlichter Held, meinen Hof seit Wochen in Entzücken, mein Kabinett in Zweifel und Verwirrung setzen konntet. Ich habe es jetzt gelöst: weil Ihr ein so vollkommener Edelmann seid und doch zugleich noch mehr als dies, ein so vollkommener Mann! Andere verblenden durch die Lüge ihrer Natur, Ihr habt durch die Wahrheit Eurer Natur meine Leute verblendet. Wir sind uns heute zufällig begegnet: doppelt wünsche ich nun, Euch an meinem Hofe öffentlich empfangen zu können.« Mit diesen Worten entfernte sich der König. Der Burggraf hätte sich geschmeichelt gefühlt, wäre er nicht zu verblüfft darüber gewesen, daß der König so schön und ritterlich zu lügen verstand. Dem Minister ging er aus dem Wege und fuhr in einer Mietkutsche zur Stadt zurück. Pomponne aber hatte keinen guten Tag nach dieser »zufälligen Begegnung«; er mußte den ganzen Zorn des getäuschten Fürsten auf seinen Rücken nehmen und war herzlich froh, daß sich der deutsche Graf auf französisch empfohlen hatte. Im Grunde aber war es schwer zu entscheiden, wer sich an diesem Tage am tiefsten beschämt gefühlt und über sich und die anderen geärgert habe, ob der König oder der Burggraf oder der Minister. Zur klarsten Selbsterkenntnis gelangte freilich unser Burggraf. Mit Schrecken gingen ihm die Augen auf über die klägliche und zweideutige Rolle, welche er unbewußt bisher in Paris gespielt. Allein wie es menschlicherweise zu gehen pflegt: auf die beiden Hauptunheilstifter, auf Magdalene und sich selbst, warf er den kleineren Zorn, den größten dagegen auf die Franzosen, ihren König und Premierminister an der Spitze. Denn am unleidlichsten sind uns immer diejenigen Leute, vor welchen wir uns schämen müssen. Pomponne befand sich aber in gleicher Lage angesichts des Burggrafen, und also war es kein Wunder, daß er nunmehr den rätselhaften Fremden als einen ungeschickten, verdächtigen, dem Könige mißliebigen Menschen in den Hofkreisen darzustellen wußte, was um so leichter gelang, da der König trotz seiner ritterlichen Einladung keine weitere Notiz von dem Burggrafen nahm wie auch der Burggraf vom Könige: beide wiederum aus dem gleichen menschlichen Grunde der gegenseitigen Beschämung. So sah sich der Burggraf mit einemmal aufs trockene gesetzt, von seinen früheren Freunden und Schmeichlern verlassen, und wo er ihnen ja begegnete, da war er selber so kurz angebunden, daß keiner mit ihm etwas länger anzubinden sich verpflichtet fand. Ganz Paris und Frankreich war dem Burggrafen versalzen, und er wäre am liebsten gleich nach Hachenburg zurückgereist, um sofort zu erfahren, ob seine Rolle als Bräutigam nicht ein gleich beschämendes Ende nehmen müsse wie seine Rolle als beobachtender Politiker. Allein andererseits schämte er sich auch, so gar geschwind wieder heimzukommen und den wahren Grund der verfrühten Heimkehr zu bekennen. Und also blieb er grollend vorderhand noch, wo er war. Da berichtete ihm eines Tages sein Bedienter, er habe Verdacht, daß die Hachenburger Briefe des gnädigen Herrn einen Mitleser an der Pariser Polizei gefunden hätten. Der Burggraf begehrte die Gründe dieses Verdachtes; der Bediente aber wollte nicht weiter heraus mit der Sprache, denn er fürchtete Prügel zu bekommen für seine Gründe. Als ihm jedoch sein Herr versicherte, daß er durchaus nicht böse werden, ja ihm einen Louisdor schenken wolle, wenn er alles frischweg, lückenlos und wahrheitsgetreu erzähle, so begann der Diener: »Ich komme an freien Abenden öfters mit anderen Bedienten von Distinktion zusammen; ein Lakai des Polizeiministers, ein Kutscher Pomponnes, ein Küchenjunge des Erzbischofs, ja sogar ein königlicher Frottierer sind mit von der Gesellschaft. Diese Leute reden von Euer gräflichen Gnaden, als ob Sie geradezu vom Könige verungnadet seien und als sage Ihnen der Hof nur noch mit dem Rücken guten Tag. Meine Widerrede hilft nichts; der Küchenjunge schlug mich mit Tatsachen, wofür ich ihm aber eine Ohrfeige gab, welches auch eine Tatsache ist. Über den letzten Grund der Ungnade herrschten anfangs geteilte Stimmen. Der Lakai des Polizeiministers jedoch hat zuletzt den Hergang so klargelegt, daß die ganze Gesellschaft überzeugt war, sogar der Frottierer, der den Boden wichst, über welchen die Füße Seiner allerchristlichsten Majestät schreiten, daher er immer alles am besten wissen will. Es ist die Liebe, sagte der Lakai, die den Burggrafen gestürzt hat. So ein Deutscher, sagte er, liebt nämlich ganz anders wie ein Franzose; ist er verliebt, so ist er's überall, im Essen und Trinken, in Rock und Kamisol, ja sogar in der Politik. Ein Franzose dagegen ist bloß verliebt bei seinem Mädchen, bei allen anderen Dingen merkt ihm kein Mensch weiter die Liebe an. Nun hat der Burggraf eine Braut im Reich, die ihm mitunter einen Brief schreibt, er selbst aber schreibt ihr sechse für einen. Das mag auch so deutsche Art sein. Die Liebe zu dieser Braut aber ist ihm in die Politik hineingewachsen, und das bewirkte seinen Fall. Die Familie der Braut nämlich liegt in einem alten Rechtsstreite mit Kurköln, und mein Herr sagt darum, das Mädchen sei eine persönlich ebenso anmutige als lehensrechtlich interessante Partie. Folgerecht haßt dann weiter die Braut den Kurfürsten von Köln, Seiner Majestät getreusten Alliierten, und wiederum folgerecht konspiriert der Bräutigam gegen den Kölner, erforscht dessen geheime Schliche und verrät sie in den dicken Briefen nach Hachenburg an die Gegner des Königs und des Kölners im Reiche. Wäre der Burggraf der Politik des Vorteils gefolgt wie ein Franzose statt der Politik der Liebe wie ein Deutscher, so hätte er in Paris Gold und Macht gewonnen, daß er zehn alte Prozesse am Reichskammergericht hätte auskaufen können. Nun aber haben ihn die Hachenburger Briefe gestürzt, und der König zeigte ihm im Garten zu Versailles eine Visitenkarte, die sah aus wie ein Verhaftsbefehl. So sprach der Lakai des Polizeiministers.« Der Burggraf bemerkte dem Bedienten, er habe ihm nun für einen Louisdor Grobheiten genug gesagt, gab ihm das Gold und befahl, ohne Verzug die Koffer zu packen. Nicht, daß er vor der Pariser Polizei geflohen wäre, weil sie so genau gezählt hatte, wieviel Briefe er nach Hachenburg schrieb und wie wenige er von dort empfing: er floh vielmehr vor der Abendgesellschaft distinguierter Bedienten. Denn im Nachplaudern und Nachäffen der Gespräche, welche diese Gesellen bei ihren Herren erlauscht, trat ihm eine so vernichtende Parodie des Klatsches und des Intrigenspieles der französischen Hofkreise entgegen, daß er nun erst, wo er seine Person in dieses Zerrbild verwebt sah, klar erkannte, welch eine häßliche Fratze jene feine Gesellschaft auch bereits im Urbilde sei. Es war ihm geradezu ein Ideal seines bisherigen Lebens vernichtet. Dazu kam noch etwas anderes: die Beweisführung des Lakaien hatte ihn tief getroffen. Sie war ja an sich ganz falsch, denn die Familieninteressen der Braut dienten ihm keineswegs zur politischen Richtschnur. Aber der Vordersatz war impertinent richtig: wenn ein Deutscher einmal verliebt ist, so ist er's gleich überall. Die Liebe hatte ihn blind und stumpf gemacht für alle Menschen und Dinge, welche ihn umgaben; er ahnte, daß er als Staatsmann nicht wieder sehend würde, bevor er nicht von Grund aus erforscht, wie es um seine Liebe stehe; und nicht durch die Briefe, welche er geschrieben, wie die französischen Späher meinten, sondern durch die ungeschriebenen Briefe seiner Braut war er bei den Pariser Höflingen in Acht und Bann geraten. Darum ließ er jetzt so geschwind die Koffer packen und eilte zur Heimat, beschämt, erzürnt, atemlos gespannt, in bangester Erwartung. Fünftes Kapitel Der Weg von Paris nach Hachenburg war damals noch weit, also hatte der Burggraf Zeit genug nachzudenken, wie er seine Braut begrüßen und wie er's erproben solle, ob sie denn wirklich noch seine Braut sei – nicht bloß vor Zeugen und laut dem Artikel des Reichspostreiters, sondern auch im Herzen ihm verlobt. Da er aber in der letzten Zeit seines Pariser Aufenthaltes wieder völlig zu Verstand gekommen war, so fand er leicht das rechte Gesicht und den rechten Ton, womit er Magdalenen frei und sicher gegenübertrat. Unangemeldet, dabei so ruhig und unbefangen, als komme er von einem kleinen Spaziergange, stand er eines Abends im Hachenburger Schloßgarten vor der Braut und ihrer Mutter, die dort in einer Laube beisammen saßen. Er grüßte recht artig, und Mutter und Tochter hätten den Willkomm, welchen sie erhielten, miteinander auswechseln können, so hätte eine jede nachher ebensoviel gehabt als vorher. Magdalene war überrascht, erschreckt, erfreut, sie zitterte, ward rot, ihr Auge glänzte und schwamm; es war, als ob sie sich entsetze beim Anblick des aus dem Boden gewachsenen Bräutigams und als falle ihr doch zugleich auch wieder ein rechter Stein vom Herzen. Der Burggraf machte keine Umstände, nahm Platz bei den Frauen und begann zu erzählen wie einer, der eine große Reise getan, von sich und seinen Erlebnissen. Er erklärte kurzweg, daß er so früh wiederkomme, weil es ihm in Paris gar nicht mehr gefalle, schilderte den Wirrwarr der politischen Intrigen, in welchem für einen ehrlichen deutschen Burggrafen gar kein schicklicher Platz mehr sei, und gab ein ergötzliches Bild seiner zufälligen Begegnung mit dem Könige, der den großen König so trefflich spiele, daß man fast glauben könne, er sei es wirklich. Das alles aber berichtete er so fein durchdacht und gegenständlich, als ob er's in einem Abendzirkel von geistreichen Damen und Herren vortrage, denen er sich selbst als der geistreichste zu zeigen beflissen sei. Magdalene, die mit Aug' und Ohr an dem Erzähler hing, mußte sich wiederholt besinnen, der geistvolle Herr sei ja ihr Bräutigam, den sie kaum nach langer Trennung wieder begrüßt; sie aber glühte innerlich und im Gesichte wie im Fieber bei den schönen kühlen Worten, ihre Hände waren eiskalt, und die Tränen liefen ihr mitunter aus den Wimpern, obgleich da doch eigentlich gar nichts zu weinen, sondern vielmehr zu lachen gewesen wäre; denn der Burggraf sparte auch den Humor nicht und den Spott gegen sich und andere, was man an dem würdevoll gesetzten Herrn sonst kaum gewohnt war. Kurzum, die Rollen schienen stracks vertauscht: die frühere Liebesglut des Bräutigams war in die Braut, die frühere Kühle der Braut in den Bräutigam gefahren. Als aber der Burggraf mit so ätzender Kritik den französischen König und das Getreibe seines Hofes und Kabinettes dargestellt, konnte sich Magdalene nicht zurückhalten und drückte ihm warm die Hand, und als er geendet, fiel sie ihm weinend um den Hals, und der Mann hätte von Stein sein müssen, wenn er jetzt nicht sein diplomatisches Gesicht vergessen und feuchten Auges gefragt hätte, warum sie denn in solchen Sturm der Empfindung ausbreche. »Ich kann es ja nicht sagen!« rief Magdalene. »Es sind die vielen ungesprochenen Worte, die vielen ungeschriebenen Briefe, die sich alle jetzt mit Gewalt hervordrängen. Gottlob, daß du mir heute die Sprache zurückgegeben hast; jetzt kann ich wieder reden und schreiben, soviel du nur willst.« Und nachdem sie etwas ruhiger geworden, erzählte dann Magdalene, wie sie ihn allezeit gleich warm und treu geliebt, aber sie habe in einem Starrkrampfe des Gemütes gelegen, daß sie kein Zeichen ihres innersten Lebens habe von sich geben können. Das mache die leidige Politik. »Ich verstehe nichts von Staatshändeln«, fuhr sie fort, »und muß schweigen, wo du von solchen Dingen redest. Aber ich fühle doch wenigstens die Schmach, welche unserem Lande droht, und die Ehren, welche es gewinnen könnte. Mir schauderte vor deiner Bewunderung des Franzosenkönigs, und doch fürchtete ich mich, dir's zu sagen. Ich schwieg von aller Politik, wo ich im Wortgefechte doch sofort von dir geschlagen worden wäre. Als du aber vollends nach Paris gehen wolltest, da war es mir, als eiltest du in einen offenen Abgrund. Ich hätte dich zurückhalten mögen und konnte doch nicht; ich wußte, daß Widerspruch dich nur um so starrköpfiger machen würde. Ich war hilflos. Ich hätte dir Paris entleiden mögen, als sei es Sodom und Gomorra. Da dachte ich: liebt er mich so heiß, wie ich dessen gewiß bin, so muß ihm dieses Paris in den Tod zuwider werden, wenn es ihn von mir und meiner Liebe trennt. Er hält es nicht lange aus unter den Franzosen, wofern ich nicht täglich in meinen Briefen bei ihm bin; der blaue Himmel wird ihm grau erscheinen und die bezauberndsten Männer und Frauen langweilig und der gewaltige König Ludwig selbst ein ganz gewöhnlicher schwacher Mensch, wenn er nur aschgraue, langweilige und gewöhnliche Briefe von Hachenburg erhält. Das war wohl recht anmaßlich gedacht, allein ich wußte ja, daß es auch mir im gleichen Falle geradeso ergangen sei. Oft fragte ich mich auch, ob ich da nicht ein durchdachtes Spiel treibe, unwürdig einer Braut. Allein dann sagte mir mein Gewissen, dieses Spiel sei Wahrheit, und wenn ich dir fort und fort Liebe vorgeschwärmt hätte, so sei dies vielmehr ein Spiel gewesen. Ich tröstete mich, daß ich die ungeschriebenen Briefe schon zur rechten Zeit nachsenden würde: jetzt sollst du sie alle haben! Ich setzte das Glück meines Lebens ein: dieser höchste Einsatz zeigt, daß das Spiel mehr als Spiel war. Jetzt wirst du meine Verzweiflung begreifen, ob meine Briefe auch in stichhaltiger Rechtschrift abgefaßt seien: ich dachte dabei ja nicht an die geschriebenen, sondern an die ungeschriebenen Briefe! Mit Georg Wolfgang konnte ich über Krieg und Frieden reden, wie mir ums Herz war; denn der Jüngling erfaßte die Politik mit dem Herzen, ganz wie unsereins. Nicht weil der Feind unseres Hauses mit dem Franzosen geht, bin ich dem Franzosen feind, sondern weil des Franzosenkönigs Treiben meiner mädchenhaften Empfindung unrein deucht und verderblich fürs Deutsche Reich. Ich kann das nicht näher erklären, sowenig, als warum ich Ludwigs jungem Gegner zujauchze, dem Prinzen Wilhelm von Oranien. Die kunstreich verstrickten Querzüge von Ludwigs Politik versteht ein Mädchen nicht. Aber wenn Wilhelm, verlassen von allen Verbündeten, erklärt, er werde, wann er den letzten Fuß seines Landes gegen Ludwig vergebens verteidigt habe, mit dem Volk sich auf die Schiffe werfen, um jenseits des Weltmeers in einem neuen Amsterdam, einem neuen Holland, einer neuen Freistatt der Freiheit frei noch leben und sterben zu können, so versteht das auch ein Mädchen, und doppelt wird die deutsche Fürstentochter solche Worte eines deutschen Prinzen heilig halten!« Dies war der erste der ungeschriebenen Briefe, welchen Magdalene ihrem Bräutigam mitteilte. Glückselig, daß er seine Braut wiedergewonnen, die er schon fast verloren geglaubt, drückte dieser die begeisterte Jungfrau an sein Herz. Wie ein Blitz durchzuckte ihn aber zugleich die Ahnung, daß es eine Staatsweisheit gebe, die nicht bloß aus dem Verstande, sondern auch aus der Begeisterung des Herzens geboren werde, geweihet von der Liebe zum Vaterlande, welche Frauen und Jünglinge wohl gewaltiger empfinden möchten als der gewiegteste Diplomat. Er ahnte es im Rausch dieser Liebesstunde, denn dem nüchternen Geiste seiner Zeit und Schule lagen solche Gedanken noch zu fern, als daß er sie anders denn eine Weissagung hätte ahnen können. Von einer so schönen Prophetin aber wie Magdalene läßt man sich gerne weissagen, und während die wohlgemeinten Predigten der verständigen ersten Frau den Burggrafen nur starrer gemacht im Widerspruch, weckten und nährten die ungeschriebenen Briefe dieses »politischen Kindes« dauernd seinen deutschen Geist. Es verdient wohl der Vergessenheit entrissen zu werden, daß in einer Zeit, wo verderbte Frauen so viel Unheil in der Politik stifteten, jene edle Erbgräfin von Sayn so tapfer für eine patriotische Politik gekämpft hat, und zwar mit der schärfsten Waffe eines liebenswürdigen Weibes: – indem sie unter Schmerzen zu schweigen wußte. Rheingauer Deutsch 1874 Erstes Kapitel Von 1708 auf 1709 war der kalte Winter, der kälteste des Jahrhunderts. Tausend Menschen gingen elend zugrunde, die Vögel fielen tot aus der Luft, das Wild erfror im Walde, durch lange Wochen konnte man bei Mainz mit vierspännigen Frachtwagen über den Rhein fahren. Dann brachte plötzliches Tauwetter den verwüstenden Eisgang, ein voreiliger Frühling lockte die Knospen und Blätter aus den Bäumen, allein der laue Südwest wurde im Mai wieder durch eisigen Nordsturm zurückgeschlagen, das grünende Laubholz erfror, und noch im Juni und Juli sah man auf weite Strecken den Buchenwald braun mit verdorrten Blättern, zwischen denen sich kümmerlich die neuen Keime hervordrängten. Armut und Elend herrschten überall in Deutschland und Frankreich. Dennoch waren viele Leute dieses Jammers im stillen froh; denn sie dachten, wenn Gott die Menschen so schwer züchtige, dann würden sie wenigstens für dieses Jahr Vernunft annehmen und nicht fortfahren, sich freventlich untereinander totzuschlagen, die kargen Saaten zu zertreten und Dörfer und Städte niederzubrennen. Man hoffte, die Not werde Frieden gebieten, nach welchem vorab die deutschen Reichslande seufzten. So dachten die Bauern, aber die Könige dachten nicht so. Ludwig XIV. konnte die Niederlagen nicht verschmerzen, welche ihm Eugen und Marlborough in den letzten Jahren beigebracht, und die Friedensbedingungen seiner verbündeten Gegner trieben ihn zur Verzweiflung. Im Haag verhandelten die Diplomaten den Frieden, aber von Versailles aus rüstete man den Krieg, und ehe die Deutschen sich's versahen, rückten 45000 Franzosen an den Oberrhein. Dies geschah im Juni: der deutsche Reichstag war damals gerade bis zu dem Beschluß gekommen, daß die älteren Reichsbeschlüsse betreffs der Kriegsanstalten erneuert werden sollten. Im Juli ging der französische Marschall Harcourt über den Rhein und plünderte das Kinzigtal. Die Reichsstände berieten noch immer. Anfangs August stand endlich eine schwache Reichsarmee in der Pfalz »mit einigen Kriegsbedürfnissen ausgerüstet«, allein der Oberbefehlshaber ließ noch etliche Tage auf sich warten, so daß die Deutschen genau zwei Monate nach dem Aufmarsch der Franzosen denselben schlagfertig – aber um ein Drittel schwächer! – gegenübertraten. Für die meisten deutschen Reichsstände lag ja die Kampfbühne des Oberrheins so viele Meilen entfernt, da konnten sie also einstweilen ruhig zusehen, ob sich die »Kriegsvölker« an den Weißenburger Linien schlagen würden oder vielleicht erst bei Mainz oder Koblenz oder sonstwo dort hinten. »Erschallt in der Nachbarschaft Feuerruf, dann dreht man sich im Bette um und fühlt mit der Hand, ob die Wand schon warm wird; ist sie noch kalt, dann schläft man ruhig weiter«, – so sagte der Schultheiß Anton Kayser von Rauenthal und dachte dabei an die Fürsten und Herren, welche im Anfang Juli des Jahres 1709 in dem benachbarten Schlangenbad noch ganz vergnüglich badeten, schwelgten und schwärmten. Schlangenbad und Rauenthal liegen an den Pforten des Rheingaues, und also war der Krieg noch volle dreißig Stunden Wegs von dort entfernt. Dieser Schultheiß, ein merkwürdiger Mann und weit und breit bekannt, weil er gleich schlagfertig war mit dem Worte wie mit der Faust, ging am Nachmittage des 12. Juli in die Weinberge seiner Gemarkung. Da sah er einen fremden Menschen, welcher in einen Wingert stieg und sich dort von einem Kirschbäumchen eine Gerte schnitt, um seinen kleinen Hund zu strafen, der offenbar schlechten Appell gezeigt hatte. Der Schultheiß schlich sich ganz sachte seitwärts heran, bis er so nahe gekommen war, daß ihm der Baumfrevler nicht mehr entwischen konnte; dann trat er mit rascher Wendung vor denselben und rief: »Heda! Landsmann!« »Ich bin Euer Landsmann nicht«, entgegnete kaltblütig der Fremde. »Es ist auch nur so eine Redensart. Wäret Ihr kein Fremder, sondern ein Hiesiger, so wüßtet Ihr, daß ich Euch pfänden müßte.« Statt aller Antwort prüfte der Fremde die Gerte, und sie schien ihm zu dünn, denn er schnitt sich stracks einen zweiten stärkeren Zweig herunter. Der Schultheiß legte ihm die Hand auf die Schulter und rief: »Jetzt pfände ich Euch wirklich. Ihr geht mit mir nach Rauenthal!« »Die Hand hinweg!« gebot der Fremde. »Ich bin der Deutschmeister!« »Bei diesem Meister habe ich noch nicht arbeiten lassen. Ihr folgt mir!« »Ich bin Pfalzgraf von Neuburg.« »Da werdet Ihr wohl so ein Graf sein wie mein Gevatter dort unten im Bade, der verwaltet das kurfürstliche Badehaus, drum heißt er der Burggraf von Schlangenbad.« »Hütet Euch, mich anzutasten: ich bin ein Reichsfürst!« »Hütet Euch, mir Widerstand zu leisten: ich bin der Schultheiß von Rauenthal!« Der Fremde lachte und brummte etwas von dummem Bauernkerl. Da schlug der Schultheiß, in seiner Ehre als gebildeter Rheingauer gekränkt, plötzlich einen ganz andern Ton an und sprudelte mit ungeheurer Geläufigkeit die Sätze heraus: »Es gibt auch Leute, die keine Bauern und doch so dumm sind, daß sie nicht einmal Spott verstehen. Ich bin nicht hinter der Kuhherde aufgewachsen. Meint Ihr, ich wisse nicht, was quousque tandem Catilina heißt? Meint Ihr, ich wisse nicht, daß Seine hochfürstliche Durchlaucht der Herr Hoch- und Deutschmeister, zur Zeit aus dem pfalzgräflichen Hause Neuburg, in Mergentheim residiert und nach den drei geistlichen Kurfürsten der vornehmste geistliche Fürst des Reiches ist? – Unterbrecht mich nicht! – Ich weiß auch recht gut, daß der hohe Herr gegenwärtig da drunten im Bärstadter Bade sitzt, welches man neumodischerweise das Schlangenbad nennt. Ich habe ihn ausfahren sehen, vierspännig, einen Läufer voran, Lakaien vorn und hinten und seinen Oberststallmeister zur linken Seite, der selbst von Adel ist. So ein Herr sieht ganz anders aus wie Ihr und läuft nicht allein in den Weinbergen herum.« Der Fremde lächelte über diese ungeahnte Weisheit. »Und was würdet Ihr sagen, wenn ich nun dennoch der Deutschmeister wäre?« »Was ich sagen würde? Ich spräche in aller Höflichkeit: Hochfürstliche Durchlaucht! Statt im Schlangenwasser zu baden, um eine weiße Haut zu kriegen wie die Frauenzimmer, tätet Ihr gescheiter, zu Pferde zu steigen und all Eure Ritter aufsitzen zu lassen, falls sie vor Fett noch ordentlich reiten können, und nach den Weißenburger Linien zu reiten oder nach Ettlingen oder Kehl, wo es jetzt etwas Ritterliches zu tun gibt; oder noch besser. Durchlauchtiger Herr, Ihr ginget zum Kurfürsten von Hannover, dem Generalissimus, und ersuchtet ihn, seinen Abzug ins Hauptquartier zu beschleunigen; oder am besten, gnädigster Herr Pfalzgraf!« – er machte bei diesen Anreden jedesmal einen spöttischen Diener gegen den Fremden – »Ihr griffet in Euern Ordensschatz, den andern Fürsten und Ritterschaften zum Exempel und verhülfet der Reichskriegskasse ein wenig zu Geld, denn das fehlt dem Reich am meisten, wie wir singen: Es schickt Soldaten in das Feld Ohne Brot und ohne Geld. Dies und vieles andere würde ich ungefähr dem Deutschmeister sagen, aber ohne alle Grobheit.« Der Fremde rümpfte die Nase und rief: »Will das Bauernvolk heutzutage hoch hinaus! Wißt Ihr gar schon, daß wir Krieg haben und kein Geld in der Reichsoperationskasse, und rechnet den Fürsten vor, wie sie ihre Zeit verwenden sollen!« »Weil wir den badenden Durchlauchten das Bad bezahlen müssen, wenn der Franzose hierher kommt. Übrigens sind wir Rheingauer keine Bauern, sondern Winzer, wir sind freie Leute, wenn auch Kurmainz Untertan, und haben unser Bürgerrecht so gut wie die Frankfurter und Kölner. Und wir Rauenthaler sind nicht die Schlechtesten im Rheingau, und ich bin der Schultheiß von Rauenthal!« Sie waren inzwischen aus dem Weinberg getreten. Der Fremde, ein großer Mann, ging langsamen Schrittes, der Schultheiß, klein, doch stark gebaut, eilte vorwärts, hielt aber dann immer wieder zurück, damit ihm der Baumfrevler nicht auskomme. »Wie lange wollt Ihr noch mit mir gehen?« fragte dieser endlich. »Ihr gehet ja mit mir!« entgegnete der Schultheiß. »Wollt Ihr mich etwa zwingen?« rief der andere finster und schlug an seinen Hirschfänger. Der Schultheiß erhob seinen Stock. »Rühret das Messer nicht an! Ein Pfiff, und ich habe Hilfe genug; die Weinberge stecken voll Rauenthaler« – »wenn's wahr wäre!« ergänzte er leise. Denn er mußte seine Gedanken immer aussprechen, sei es nach außen oder nach innen. Jetzt gelangten sie ins freie Feld, wo der Weg links nach Schlangenbad, geradeaus nach Rauenthal abzweigte. Der Fremde wandte sich links, aber der Schultheiß fiel ihm in den Arm und zog ihn derb auf den Rauenthaler Weg. Entrüstet griff jener nach seiner Waffe, doch im Nu sprang der Schultheiß drei Schritte zurück, holte mit seinem Stocke weit aus, hieb dem Fremden über den Arm und entwand ihm den Hirschfänger. »Infamer Kerl!« rief dieser. »Gib mir die Waffe wieder! Es war nur Spaß, nur etwas flache Klinge für deine Unverschämtheit.« »Ich habe auch nur im Spaß geschlagen: wenn ich scharf dreinfahre, dann sitzt der Hieb ganz anders. Es war auch nur für die Unverschämtheit. Ihr folgt mir nach Rauenthal.« Der Fremde wußte nicht, ob er sich schämen, ob er zürnen oder lachen solle, widerstreben oder folgen. Wie ein paar Kampfhähne standen sich beide eine Weile beobachtend gegenüber; der kleine Hund mitteninne, knurrend und bellend, fuhr dem Schultheiß gegen die Waden. Da sah sich die seltsame Gruppe mit einemmal von einer zahlreichen Gesellschaft von Herren und Damen umringt; sie waren unbemerkt den Schlangenbader Weg heraufgekommen und begrüßten den Arrestanten des Schultheißen staunend und lächelnd mit tiefen Bücklingen, sie redeten ihn mit »Durchlaucht« an, und bei den weiteren Begrüßungen und Anreden flogen die »Prinzen«, »Grafen« und »Gräfinnen« nur so herüber und hinüber, und der unterste von der Gesellschaft schien ein Baron zu sein. Dem Schultheiß schlug das Wort »Durchlaucht« wie ein Blitzstrahl durch den ganzen Leib: also war das doch der Deutschmeister, den er hatte pfänden wollen! Er stand, wie er nachher sagte, ganz »verdattert« und vermochte es gar nicht zu fassen, daß ein Mensch im Wagen und mit Bedienten so ganz anders aussehen könne als zu Fuß und ohne Dienerschaft. Die Freunde, welche den Deutschmeister aus seiner wunderlichen Lage befreiten, waren lauter Badegäste: der junge Fürst von Taxis, Prinz Friedrich von Mecklenburg, Graf Bernhard von Solms-Braunfels mit Damen und Gefolge, der Geringeren gar nicht zu gedenken. Von öfterem herzlichem Lachen unterbrochen, erzählte ihnen der entwaffnete Pfalzgraf sein Abenteuer mit dem Schultheißen, während zwei Lakaien den armen Teufel beiseite schoben und ihm die blanke Waffe wieder abnahmen. Er ließ aber alles willenlos geschehen, denn Hören und Sehen war ihm vergangen, und es war ihm die ganze Zeit, als träume er und ringe mit dem Aufwachen. Da vernahm er plötzlich, wie der Deutschmeister die Worte »Flegel« und »Lümmel« im Text seiner Erzählung kraftvoll betonte, und er wachte auf, wie ein Nachtwandler, der sich beim Namen rufen hört, und als er nun gar noch das Wort »Bauernübermut« deutlich verstand, da kam er wieder ganz zu sich selber, und gleich als wolle er den Deutschmeister zum zweitenmal packen, sprang er auf; aber die Bedienten rissen ihn zurück. »Ich muß mich aussprechen!« rief er. »Ich bin grob gewesen, aber ich habe doch recht gehabt und bin leider nur an den Unrechten gekommen. Ich bin der Schultheiß von Rauenthal.« Allein er ward von festen Armen zurückgehalten, und die Herrschaften gingen lachend ihres Weges, ohne sich weiter um ihn zu kümmern. So blieb denn zuletzt auch ihm nichts übrig, als dem Bedeuten der beiden Diener zu folgen und gleichfalls seines Weges zu gehen, fast erstickend an der verhaltenen Aussprache. Da winkte ihm aber einer dieser Leute, welcher geflissentlich ein wenig zurückgeblieben war, – der Leiblakai des Deutschmeisters. »Herr Schultheiß«, sprach er leise, scheu umherblickend, »Ihr habt Euch eine schöne Suppe eingebrockt!« »Und was werde ich denn kriegen?« flüsterte der sonst so laute Mann. »Das will ich Euch sagen: mein gnädiger Herr wird sofort eine reitende Stafette an Euern Kurfürsten nach Mainz schicken, und dann werdet Ihr abgesetzt und eingesperrt und könnt das Weitere abwarten.« »Das wird nicht geschehen!« rief der Schultheiß mit mächtiger Stimme, und er war wieder ganz der Alte. »Heute abend noch geh ich hinunter ins Bad und nehme eine Audienz bei Euerm Herrn. Recht muß Recht bleiben! Wenn ich mich nur erst einmal gründlich aussprechen kann, dann wird ihm alles klarwerden. Er ist ein Fremder und hat vorhin mein Rheingauer Deutsch nicht verstanden.« »Man wird Euch nicht vorlassen«, entgegnete der Lakai sehr kaltblütig. Der Schultheiß schlug sich vor die Stirn. Hatten ihn hier oben zwei handfeste Bediente vom Aussprechen abgehalten, so konnten ihn da unten allerdings sechs vor die Türe werfen. »Aber es ginge doch wohl«, flüsterte dann der Leiblakai, nachdem er ihn eine Weile hatte zappeln lassen. »Ich könnte vielleicht eine Audienz einfädeln, nur müßte ich vorher die Sache genauer mit Euch beraten. Um acht Uhr bin ich dienstfrei, da komme ich in Euer Haus.« Der Schultheiß war ganz glücklich über diese Aussicht; konnte er sich dann doch wenigstens zunächst gegen den Lakaien aussprechen! Und er verhieß ihm einen Tropfen Rauenthaler Sechsundneunziger, wie er seiner Lebtage noch keinen getrunken haben werde. Der Bediente eilte zu den Herrschaften zurück; der Schultheiß aber ging einigermaßen getröstet nach Hause und sprach, seinem Tröster nachblickend: »Heilige Mutter Gottes von Kiederich! Was doch die Herren für böse Leute sind, und was für gute Menschen sind die Bedienten!« Zweites Kapitel Wenn ein Rheingauer seinem Gast die höchste Ehre erweisen will, so führt er ihn nicht obenhinaus in die Staatsstube, sondern hinunter in den Keller. So machte es auch der Schultheiß mit dem Leiblakaien. In dem Keller lagen 60 Stückfaß Wein aus den besten Rheingauer Lagen, denn Rauenthal war damals ein Hauptplatz des Weinhandels und der Schultheiß nicht bloß ein Winzer, sondern auch ein Weinhändler. Hätte er die 60 Stückfaß auf den Rücken packen können, so würde er vielleicht für einige Zeit außer Landes gegangen sein, bis die Geschichte mit dem Deutschmeister verraucht gewesen wäre; allein so vielen und guten Wein kann man doch nicht im Stich lassen. Er nahm eine Laterne mit in den Keller und einen Pack Lichtstümpfchen, falls die Sitzung länger dauern sollte, dazu einen Stechheber und einen Teller mit Schwarzbrot und Handkäse. Essen und Trinken ist zweierlei, und wer kunstgerecht trinken will, der darf nicht viel essen. Unten angekommen, fragte er zunächst den Gast um seinen Namen. »Ich schreibe mich Ulrich Mottinger. Allein mein gnädiger Herr kam einmal auf den Einfall, mich Kastor zu rufen, und so heißt mich denn auch alle Welt Herr Kastor. Das ist eigentlich ein Hundename. Ihr wißt vielleicht noch nicht, daß es vornehm ist, solche unsinnige Einfälle zu haben; man nennt dergleichen une fantaisie.« Der Schultheiß füllte zwei Gläser mit Erbacher Siebener, einem jungen Mittelwein, – so bloß zur Einleitung – und wollte wissen, was der Deutschmeister heute noch über ihn gesprochen habe. Kastor machte ihm die Hölle heiß; der Fürst sei bei Tafel immer noch vor Zorn ganz außer sich gewesen. »Der Erbacher ist zu herb und hitzig«, unterbrach ihn sein Wirt und hob zwei Gläser Markobrunner 1700er mit dem Heber aus dem Fasse, der war schon recht firn und trank sich beruhigender. »Und jetzt sagt mir Euren Plan, Herr Kastor, wie ich vor dem gnädigen Herren zu einer Aussprache kommen soll.« Der Leiblakai berichtete nun, er habe das Ohr des Mundschenken, der Mundschenk das Ohr des Leibjägers, der Leibjäger das Ohr des Oberststallmeisters und dieser das Ohr des Fürsten. Morgen früh wolle er ihn beim Mundschenken einführen, dann könne er sich durch diesen hinaufsprechen zum Leibjäger, durch diesen zum Oberststallmeister und endlich durch den Oberststallmeister zum Fürsten. »Allein das ist des Aussprechens zuviel«, meinte der Schultheiß, »denn bis ich mich zum Deutschmeister hinaufgesprochen habe, der sich dann auch noch gegen meinen Kurfürsten wird aussprechen müssen, sitze ich längst im Loch. Könnte man den Umweg nicht etwas abkürzen?« »Umwege, lieber Freund«, erwiderte Herr Kastor lehrhaft, »führen in dieser Welt mehrenteils am kürzesten und sichersten zum Ziele. Ich nehme ein Beispiel aus dem Bereiche Eurer Anschauung. Wenn ich etwa von Schlangenbad zum Rheine gehen wollte und nähme meinen Weg nordwestwärts hinter dem Rabenkopf und Hirschsprung her nach Kiederich und von dort südwestlich querfeldein nach Erbach, so wäre das wohl ein großer Umweg?« »Ein ganz unsinniger Umweg«, bejahte der Schultheiß. »Aber ich sehe nicht ab, wo Ihr da hinauswollt betreffs meiner Aussprache?« »Das wird sich ganz zuletzt zeigen. Betrachten wir aber zunächst diesen Umweg noch etwas genauer.« Und nun begann der Lakai seinen Wirt über allerlei Stellen dieses Weges auszufragen, der ihm obenhin bekannt zu sein schien, doch nicht vollkommen. Der Schultheiß gab ehrlich Bescheid. Da sich aber der Frager ganz in seinem Gleichnis des Umwegs nach Erbach verlor und gar nicht mehr auf den rechten Weg zu bringen war, nämlich auf den Weg zum Deutschmeister, so lupfte der ungeduldige Wirt den Spund eines neuen Fasses. »Winkler Neunundneunziger!« rief er, »vom Fuße des Johannisbergs, geht im Handel für Johannisberger; man muß ihn mit Verstand trinken!« Der neue Wein brachte auch ein neues Gespräch. Der Leiblakai ließ sich vom Schultheißen mit dem Weine einheizen, heizte diesem dafür nun aber um so stärker wiederum ein mit Schreckbildern von Zorn, Ungnade und Strafe seines Kurfürsten. »Der Kurfürst darf auch nicht alles, was er will«, entgegnete der Schultheiß trotzig. »Wir Rheingauer sind gefreite Leute und haben unser eigenes Landrecht. Aber freilich steht das mehr nur noch in der Chronik, und das Herrenrecht gilt in der Wirklichkeit.« »Wenn Ihr ein so gutes Recht habt«, sagte der Lakai mit lauerndem Blicke, »dann solltet Ihr Euch auch darauf steifen; behandeln Euch die Fürsten schlecht, so zahlt ihnen mit gleicher Münze!« »Oho!« rief der Schultheiß staunend. »Aus welchem Tone sprecht Ihr da? Mir scheint, mein Wein ist Euch zu stark.« »In der Tat zu stark!« lallte der Diener und stellte sich angetrunkener, als er war. Das durchschaute der Schultheiß gar wohl, denn er hatte nicht bloß eine Kennerzunge für die Weine, sondern auch einen Kennerblick für die Räusche. »Sollte der Bursche mich vielmehr ausspionieren und ins Verderben stürzen wollen, statt mir zu helfen und zu raten?« Aber es schien ihm dann doch unmöglich, daß einer so falsch sein könne zum Dank für so echten Wein. »Euer Wein ist zu stark! Kehren wir lieber zum Wasser zurück, das heißt in Gedanken, ich meine zum Rheine bei Erbach und zu unserm Umweg.« Und nun fragte Kastor den Schultheiß aus, ob wohl Kähne genug in Erbach lägen, um die ganze vornehme Badegesellschaft, so etwa fünfzig Personen, ans linke Ufer überzusetzen. Der Schultheiß bemerkte, daß die Erbacher nur elende Dreiborde hätten, sogenannte Seelenverkäufer, ganz ungeeignet, fürstliche Personen zu tragen, während eine kurze Strecke rheinaufwärts in Eltville zwei prächtige große Schiffe des Kurfürsten den Herren ohne Zweifel zur Verfügung ständen. Allein der Lakai kam immer wieder auf die Erbacher Dreiborde und ihre Zahl und meinte, es sei wohl ein unsinniger Einfall, wenn die Herrschaften dort überführen, das sei übrigens nun einmal gerade wie mit dem Namen Kastor – une fantaisie. »Stellst du dich dumm«, dachte der Schultheiß, »dann will ich dich gescheit machen, und spiegelst du mir einen Rausch vor, dann sollst du auch einen wirklichen Rausch kriegen!« Mit diesem Vorsatze schritt er zu seinem Hauptfasse, dem Rauenthaler Sechsundneunziger, und füllte zwei Gläser. »Dies ist der edelste Wein!« sprach er feierlich und hielt das Glas gegen das Licht. »Er hat Blume, Feuer, Kraft und ist doch so mild und zart, ein Lebenswecker und Erhalter, die wahre Muttermilch für Erwachsene, lac maternum , wie der Lateiner sagt, denn Ihr müßt wissen, ich habe drei Jahre in Mainz Lateinisch gelernt. Es ist eine sehr schöne Sprache.« » Lait maternel , sagt der Franzose, und ich glaube, Französisch ist noch viel schöner«, so prahlte der Lakai. »Könnt Ihr Französisch?« fragte der Schultheiß. »Perfekt! Jeder höhere Lakai kann Französisch, aber die Herrschaften dürfen's nicht wissen; denn wenn sie sich etwas sagen wollen, was wir nicht verstehen sollen, so reden sie untereinander französisch, und wir verstehen's dennoch. Aber nur nicht merken lassen!« »Die Bedienten sind doch nicht immer ganz so gute Menschen, wie ich vor einigen Stunden geglaubt habe«, brummte der Schultheiß in den Bart. Der Lakai fuhr fort, die französische Sprache und die Franzosen zu rühmen. »Was seid Ihr denn eigentlich für ein Landsmann?« warf der Schultheiß zwischen diese Lobrede ein. »Ich bin Weltbürger, obgleich aus Schwabach gebürtig. Aber ich habe schon in der halben Welt gedient, und vor einem Jahre nahm mich der Deutschmeister als Leiblakai in Dienst wegen meiner Talente.« Der Schultheiß nötigte zu immer stärkerem Trinken, und Kastor entwickelte auch nach dieser Seite in der Tat ein staunenswertes Talent. Beide sprachen dabei fortwährend übers Kreuz; denn jeder wollte von dem andern etwas anderes wissen. Kein Wunder, daß es dem Lakaien zuletzt schwindelte. »Das kommt daher, weil Ihr auf dem Estrich des Kellerbodens steht«, belehrte der Schultheiß und schob Kastor ein Brett unter die Füße. »Es ist eine alte Küferregel, daß man sich beim Trinken im Keller stets auf ein Brett stellen soll, dann wirft einen der stärkste Wein nicht um. Wir nennen es das Rettungsboot der Schiffbrüchigen.« »Und jetzt stehe ich wieder fest wie ein Grenadier!« rief der andere, sich auf dem Brette balancierend. »Aber Freund! Du brauchst den Deutschmeister gar nicht so um Gottes willen zu bitten. Morgen um diese Zeit wird er von selbst sehr mild und freundlich sein, sehr höflich! Laß mich nur machen! Sacrebleu! « und er lachte hell auf, verlor aber das Gleichgewicht und zog es nun vor, auf dem Rettungsbrette zu sitzen. Sein gläserner Blick belehrte den Schultheißen, daß der Mann nunmehr im Ernste betrunken sei. Er fragte nach der Uhr: – es war Mitternacht. Aber der Schultheiß redete ihm ein, daß die Glocke eben erst neun geschlagen habe. Dann zählte der Trunkene an den Fingern von neun bis drei Uhr. »Nur noch sechs Stunden!« rief er. »Eine kurze Frist! Ich muß fort.« Sein Wirt aber behauptete, sie hätten sich ja noch gar nicht recht ausgesprochen, und brachte einen neuen Wein, einen ganz jungen feurigen Rauenthaler aus der besten Lage. Nach etlichen tiefen Zügen erkannte Kastor den Schultheißen nicht mehr und begann französisch zu reden, untermischt mit abgebrochenen deutschen Sätzen. »Die Hintertüre steht offen – ich werde Euch führen – jetzt zur Türe links – da schläft der Oberststallmeister – und dann rechts der Fürst – er hat nur einen Jäger im Vorzimmer – leise, daß er nicht aufwacht! – die Pistolen an der Wand sind geladen.« Dann kamen wieder französische Sätze. Der Schultheiß lauschte bestürzt. Er hätte hundert Gulden draufgezahlt, wenn er sein Latein jetzt geschwind gegen Französisch hätte vertauschen können. Zwischen den französischen Worten verstand er nur noch die deutschen: »Rabenkopf, Hirschsprung, Kiederich, Erbach; doch nein! das ist ja der falsche Weg!« Dann redete aber der Lakai mit sich selbst etwas leiser und nun wiederum in deutscher Sprache: »Fünfhundert Livres! – ein Lumpengeld, wenn man den Galgen riskiert!« Jetzt hatte der Schultheiß seinen Entschluß gefaßt. Wenn der Lakai auch ihn nicht zur Aussprache hatte kommen lassen, so hatte er sich selber doch nunmehr genügend ausgesprochen. »Ihr seid etwas betrunken, Freund!« schrie er ihm laut ins Ohr und rüttelte ihn, »Ihr müßt wieder nüchtern werden! Nehmt noch ein Glas von diesem Wallufer, es ist ein ganz leichter Kutscherwein, ein bloßer Groschenburger, – der kühlt und erweckt! Alle Küfer trinken sich zuletzt wieder nüchtern daran. Allein Ihr müßt das ganze Glas auf einen Zug leeren.« Und nun füllte er ein großes Wasserglas, aber nicht mit dem Groschenburger, sondern mit seinem stärksten Weine, dem Sechsundneunziger. Er betrachtete schwermütig die Fülle des edlen Getränkes und sagte leise für sich: »Dieses Opfer bringe ich dem Deutschmeister, der mich verfolgt und nicht einmal anhören will!« und reichte das Glas dem Lakaien, der es auf einen Zug austrank. Die Wirkung war blitzartig: lautlos brach der starke Mann zusammen, fiel der Länge nach auf den Estrich und blieb steif wie ein Toter liegen. Nun packte ihn der Schultheiß auf, rief seinen Knecht und ließ den Trunkenen ins Gemeindegefängnis schleppen, welches gleich hinterm Hause mit den Schweineställen unter ein Dach gebaut war. Dort konnte er wohlverwahrt seinen Rausch ausschlafen; den Schlüssel aber steckte der Schultheiß selber in die Tasche und sprach zum Knecht, denn er mußte immer sprechen: »Michel! den Kerl habe ich besiegt! Im Keller bleibt der Rheingauer alleweil Meister; wäre ich mit dem Weltbürger über der Erde zusammengetroffen, so würde er wahrscheinlich umgekehrt mich über den Löffel barbiert haben.« Dann lief er zum Staunen des Knechtes stracks hinunter nach Schlangenbad. Im Laufen aber legte er sich aus dem eben Erlebten folgende Geschichte zurecht: Man wollte ohne Zweifel noch vor Tagesanbruch den Deutschmeister berauben oder gar ermorden, und der Lakai spielte dabei den Kundschafter und Verräter. Er hatte ihn ausforschen und durch das Gerede von dem Umweg über Kiederich auf eine falsche Fährte locken wollen; vermutlich beabsichtigten die Räuber ihre Flucht in entgegengesetzter Richtung in die Taunuswälder zu nehmen. Aber der Streich mußte verhindert werden; bei so dringender Gefahr mußte ihm der Deutschmeister augenblicklich Audienz geben, zur Not im Bette, und als Anhang konnte er sich dann auch gleich über seine eigene Sache aussprechen. Durchdrungen von der Wucht des Momentes, erreichte er Schlangenbad, welches damals nur aus wenigen, einsam im Walde gelegenen Häusern bestand, und klopfte seinem Gevatter, dem Burggrafen, so stark ans Fenster, daß die Scheibe klirrend in die Stube fiel und der erschrockene Mann im Hemde herbeisprang und rief: »Wo brennt's?« Der Schultheiß beschwichtigte ihn und sagte, er begehre nur ganz stillen Einlaß, er habe dem Deutschmeister höchst Wichtiges mitzuteilen. Der Burggraf glaubte, sein Gevatter habe aus Angst den Verstand verloren, und belehrte ihn, daß die Herrschaften mitternachts keine Audienzen erteilten. Im übrigen möge er sich aus dem Staube machen; denn die Fürstlichkeiten hätten beim Billard höchst erzürnt von dem Bauernpack gesprochen, welches das Regiment kritisiere und über Krieg und Frieden, Kaiser und Reich räsoniere, und vom bösen Geiste der Zeit, welcher unterdrückt werden müsse, auch sei eine reitende Stafette nach Mainz gegangen – – »Über diese alten Geschichten will ich mich zunächst gar nicht aussprechen, sondern erst hinterdrein«, unterbrach ihn der ungeduldige Schultheiß. »Aber es ist ein Komplott im Werke gegen den Pfalzgrafen: der Leiblakai hat mir's vorhin verraten –« »Der Leiblakai? Wo steckt der? Wir suchten ihn den ganzen Abend.« »Ich habe ihn arretiert.« »Unglücksmensch!« rief der Burggraf, »was hast du da wieder angerichtet! Am Morgen arretierst du den Fürsten und am Abend seinen Leiblakaien –« »Und wenn die Raubgesellen nicht gleichfalls arretiert werden, und zwar vor Tagesanbruch«, fiel der Schultheiß ein, »dann gibt's ein großes Unglück. Aber wir müssen erst wissen, wer sie sind.« »Jetzt arretiert er gar im voraus Leute, die er noch gar nicht kennt!« rief der Burggraf. »Ich fürchte, ich fürchte, Gevatter, der Nächste, welcher arretiert werden wird, bist du selber. Wieviel Flaschen hast du denn heute nacht getrunken?« Der Schultheiß versicherte, daß er in seinem Keller nur ein Dutzend Fässer geprobt habe mit dem Leiblakai und noch ganz nüchtern sei; zur Bekräftigung aber fuhr er so heftig mit dem Arme aus, daß er das Gleichgewicht verlor und sich an der Mauer halten mußte. Da schlug der Burggraf das Fenster zu und schickte ihn unter Scheltworten nach Hause, daß er seinen Rausch ausschlafe. Trotz allen Protestierens blieb dem ehrlichen Schultheißen zuletzt nichts übrig, als sich einstweilen zu gedulden. Laut mit sich selber redend und leidenschaftlich gestikulierend, ging er das Schlangenbader Tal hinab und setzte sich in eine verlassene Wächterhütte am Wege, von wo er die Badehäuser im Auge behalten wollte. Allein die Müdigkeit und der geprobte Wein übermannten ihn, und er fiel in tiefen Schlaf. Drittes Kapitel Gegen drei Uhr morgens schlief endlich die ganze Gesellschaft: der Leiblakai hinter Schloß und Riegel, der Burggraf hinter der zerbrochenen Scheibe, der Schultheiß im Wächterhäuschen, der Deutschmeister und die Prinzen und Grafen in ihren Betten. Der Deutschmeister träumte eben, er sei am kaiserlichen Hofe zu Wien in überaus glänzendem Kreise und führe die schöne Erzherzogin Klementine zur Tafel. Die Trompeten schmetterten, die Pauken wirbelten lauter und immer lauter, zuletzt taten die Pauker drei Schläge, als wollten sie das Fell ihrer Instrumente entzweischlagen, und die schöne Erzherzogin, welche bisher in den zartesten Tönen deutsch geflüstert, begann plötzlich im tiefsten Baß französisch zu reden und zu fluchen, und die Hofdamen schrien und fluchten auch mit tiefen Männerstimmen. Da erwachte der Deutschmeister. Die schönen Damen waren verschwunden, aber das französische Schreien und Fluchen dauerte fort, es schallte aus dem Vorzimmer herein; die Paukenschläge waren Pistolenschüsse gewesen, denen noch mehrere folgten – französische Dragoner drangen ins Schlafgemach und forderten den Fürsten auf, sich zu ergeben. Er sprang aus dem Bett und flüchtete ins nächste Zimmer, wo seine Waffen hingen, und da von hier kein weiterer Rückzug möglich war, ergriff er ein Pistol, schoß den Hauptmann der Dragoner nieder und versuchte dann mit dem Degen sich durchzuschlagen. Sein Oberststallmeister, ein Herr von Westernach, der ihm von außen zu Hilfe kommen wollte, ward durch den Kopf geschossen und sein Mundschenk in der Türe zusammengehauen. Nach wenigen Minuten verzweifelter Gegenwehr wurde sodann auch der Deutschmeister von der Überzahl bewältigt und entwaffnet. Die Franzosen gestatteten ihm kaum, daß er sich halbwegs ankleidete, banden ihm die Hände auf den Rücken, raubten in Hast, was ihnen von Wertsachen ins Auge fiel, und führten dann ihren Gefangenen vor das Haus, wo der Graf von Solms und der Prinz von Mecklenburg nebst drei andern vornehmen Badegästen, gleichfalls halbnackt und gefesselt, bereits von einer größeren Dragonerschar bewacht und vorwärtsgetrieben wurden. Dieses war der »Überfall im Schlangenbad«, welcher damals so ungeheures Aufsehen durch ganz Europa machte, ein überaus kecker Reiterstreich. Von Weißenburg herüber waren sechzig Dragoner dreißig Stunden Wegs weit mitten durch Feindesland bis Budenheim gejagt; dort hatten sie ihre Pferde unter Bedeckung von fünfzehn Mann im Walde zurückgelassen, und die übrigen fünfundvierzig waren auf drei Kähnen über den Rhein nach Walluf gefahren, um in den anderthalb Stunden talaufwärts gelegenen Badehäusern die Fürsten aufzuheben. Der Hauptmann der Franzosen, ein sogenannter »Parteigänger« namens Kleinholz, hatte des Landes kundig die Truppe so rasch und sicher geführt und die Vorkehrungen zu gleich schleunigem Rückzuge auf andern Wegen so geschickt getroffen, daß am vollkommenen Gelingen nicht zu zweifeln war. Die schwache Reichsarmee stand zur Zeit bei Graben, Philippsburg und Germersheim, wartete auf »grobes Geschütz« und hatte das ganze rückwärts gelegene Land unbesetzt gelassen. Die Bewohner der unteren Pfalz und des Kurmainzischen aber lebten wie im tiefsten Frieden, und so war der Ritt der sechzig Dragoner von Weißenburg nach Budenheim in der Tat nur ein scharfer Spazierritt gewesen. Durch den Tod des Hauptmanns Kleinholz ergriff jedoch die Truppe sofort nach gelungener Tat Ratlosigkeit und Verwirrung. Sie durften nicht geradenwegs nach Walluf zurückmarschieren, wo die Einwohner wohl inzwischen durch die Schiffer, welche man zur Überfahrt gezwungen, alarmiert worden waren. Und keiner wußte jenen andern Weg, den Kleinholz beabsichtigt hatte. Der Verräter aus des Deutschmeisters eigenem Hause, der Leiblakai Kastor, konnte allein noch helfen: man fand ihn nirgends! Er hatte den Franzosen vorher die Zimmer der Fürsten brieflich genau beschrieben und die Türen leise zu öffnen versprochen. Wäre er von Anbeginn zur Stelle gewesen, so würde die ganze Gesellschaft ohne Widerstand in den Betten überrumpelt worden sein. Durch seine Abwesenheit war schon Zeit- und Menschenverlust genug entstanden, und jetzt hätte man seiner als Wegweiser so dringend bedurft! Vergebens suchten und riefen die Franzosen nach ihm: sie mußten sich zuletzt auf eigene Faust aus dem Staube machen und wandten sich mit ihrer Beute nordwestwärts in die Waldberge, um von dort die Straße über Kiederich zum Rhein zu gewinnen. Es war dies die verkehrteste Richtung, welche sie nur einschlagen konnten, genau dieselbe, wovon Kastor so geflissentlich mit dem Schultheiß geredet, um ihn für den Fall eines Alarms auf die falsche Spur zu führen. Mühselig klomm die schon halb entmutigte Schar die steilen Höhen hinan, ihre Gefangenen mit flacher Klinge und unter steter Todesbedrohung vorwärtstreibend. Dem Deutschmeister, welcher in der Eile nur einen Schuh angezogen hatte, sollen die steinigten Bergpfade im Geschwindmarsch besonders sauer geworden sein. Es war aber einem Jäger dieses Fürsten geglückt, vor dem Abmarsch der Dragoner zu entwischen. Spornstreichs lief er in entgegengesetzter Richtung das Tal hinab und war kaum um die erste Felsenecke gebogen, als ihm der Schultheiß von Rauenthal entgegentrat, den der ferne Lärm aus seinem kurzen Schlafe geweckt und vor die Wächterhütte gelockt hatte. In wenigen verworrenen Worten rief ihm der Jäger die Schreckenskunde zu. »Das kommt davon, wenn man die Leute nicht reden läßt!« schrie der Schultheiß. »Hätte mich mein Gevatter aussprechen lassen, hätte der Deutschmeister mich hören mögen, dann wäre das ganze Unglück nicht geschehen!« Doch es war wiederum keine Zeit zum Ausreden; und der Schultheiß war auch im Augenblicke ganz ein Mann der Tat. Wie ein Feldherr faßte er seinen Plan im Handumdrehen, hieß den Jäger seitwärts über den Berg laufen, um den Marsch der Franzosen von ferne zu beobachten, und bezeichnete ihm einen Platz, wo er binnen einer halben Stunde wieder zu ihm stoßen solle. Dann flog er selber nach Rauenthal, schrie durch die Gassen: »Raub! Mord! Feuer! Bürgerrecht!«, ließ Sturm läuten und rief alle Männer zu den Waffen. Der Rheingauer Landsturm war seit alter Zeit berühmt und bewährt. Es dauerte auch keine halbe Stunde, so zog eine stattliche Schar kräftiger Männer, mit Flinten, Schlüsselbüchsen, alten Spießen und Säbeln, Sensen und Dreschflegeln bewaffnet, gegen Kiederich hinauf, und die größeren Schulbuben mußten in die nächsten Dörfer laufen, wohin sie mitunter wohl abenteuerlich verdrehte Botschaft brachten, aber die Sturmglocken antworteten einander doch bald von einem Kirchturm zum andern, und bewaffnete Bauern strömten von allen Seiten zum Sammelplatze. Geraume Zeit verfloß, bis endlich der Jäger die Fährte der Franzosen meldete: sie hatten sich derart in den Waldschluchten verlaufen, daß sie anfangs gar nicht wieder aufzufinden waren. An einem steilen, engen Hohlweg, unweit Kiederich, der sogenannten »Viehtriftshohl«, postierte nun der Schultheiß seine Mannschaft folgendergestalt: ein Teil mußte sich hinter den Schlehen- und Brombeerbüschen verstecken, welche rechts und links die Ränder des Hohlwegs krönten, während er selbst sich mit den Mutigsten und Bestbewaffneten am Ausgange des Weges verborgen hielt. Er ließ die Franzosen ganz ruhig durch den Engpaß ziehen, bis sie alle darin und die vordersten schon dem Ausgang nahe waren. Dann aber rief er zur Losung die Worte, welche ihm gestern aus dem Munde des Deutschmeisters so erweckend ans Ohr geschlagen waren: »Lümmel und Flegel!« – und die Männer oben hinter den Hecken antworteten: »Bauernübermut!« und feuerten zugleich von beiden Seiten und von hinten in den Menschenknäuel. Neun Franzosen stürzten zusammen, und es war ein rechtes Wunder, daß kein erlauchter Badegast mitgetroffen wurde. Nun erst brach der Schultheiß mit seinen Kernleuten, den Ausweg vertretend, von vorn zum Angriff los; mit einem Schwedensäbel aus dem Dreißigjährigen Krieg bewehrt, schreckte er die Vordersten durch gewaltige Hiebe zurück, und die Nebenmänner streckten ihre Spieße vor. Der Führer der Dragoner, ein junger Kornett, sah, daß alles verloren sei. In gebrochenem Deutsch rief er um Waffenstillstand und begehrte, den Hauptmann der Angreifenden zu sprechen. »Der bin ich! Anton Kayser! Ich bin der Schultheiß von Rauenthal!« Hierauf sprach der Franzose sehr höflich: »Liebe Leute! Wir sind hier auf kurmainzischem Boden? und ihr seid Untertanen des Kurfürsten?« – der Schultheiß antwortete jedesmal: »oui!« , denn er wollte zeigen, daß er doch auch etwas Französisch könne – »also«, fuhr der Kornett fort, »sind wir Landsleute, ihr lieben Freunde, und ihr tatet sehr unrecht, uns hier anzugreifen; denn euer Kurfürst ist ein Vasall unseres Königs, und wo das Land mainzisch ist, da sind wir so gut wie zu Hause, da ist Frankreich.« »Den Grund möcht' ich doch genauer wissen, Landsmann!« rief der Schultheiß. Etwas mühsam, doch klar genug trug ihm der Kornett vor, daß der Kurfürst von Mainz seit zwei Jahren eine Abgabe an Frankreich zahle, und wem man steuere, dem sei man auch untertan. Es hatte sich aber der Kurfürst allerdings seit 1707 zu einer Abgabe an den König von Frankreich herbeigelassen, doch nur um sich von den französischen Brandschatzungen loszukaufen. Dieses schimpfliche Lösegeld hatte den braven Schultheißen schon oft gewurmt; da er nun aber hörte, daß der Franzose gar Vasallenschaft, ja ein Untertanenverhältnis daraus folgerte, brach er in eine wahre Hochflut von Donnerwettern aus und rief: »Wenn ihr Schwerenöter auch gar nichts Übles getan hättet, so hauen wir euch jetzt schon wegen dieser bloßen Impertinenz zusammen, sofern ihr nicht augenblicklich die Waffen streckt!« Der Deutschmeister, welcher vor Wut, Schmerz und Freude zugleich am ganzen Leibe zitterte, rief, da er dies hörte, grimmig lachend zu seinen Mitgefangenen hinüber: »Helf mir Gott! Jetzt legt sich der Bauer gar noch aufs Völkerrecht und verdeutscht dem Franzosen den Grotius und Pusendorf!« Der Kornett aber, erkennend, daß hier das Parlamentieren ebenso nutzlos sei wie die Gegenwehr, zerbrach seinen Degen und warf dem Schultheiß die Stücke vor die Füße. »Das war grob!« rief derselbe. »Doch ist mir diese Grobheit lieber als vorhin Eure Höflichkeit.« Nun mußten die Franzosen ihre Gefangenen freigeben, ihre Waffen abliefern und, von den Flintenläufen bedroht, so lange im Hohlweg bleiben, bis sich die Bauern durch die zuströmende Menge noch verstärkt und geordnet hatten. Dann nahmen sie die neuen Gefangenen samt den Verwundeten in ihre Mitte, um dieselben in langsamem Zuge nach der kurfürstlichen Amtsstadt, nach Eltville, abzuführen. Dem halb barfüßigen Deutschmeister gab man ein Paar Bauernschuhe, die ihm wie Holzschuhe um die wundgelaufenen Füße schlotterten, und so schritt er denn, nachdem er seinen Befreiern herzlich gedankt hatte, mit dem Schultheißen eine ziemliche Strecke voraus. Denn dieser konnte gar nicht langsam gehen, und der Fürst hielt jetzt aus lauter Dankbarkeit Schritt mit ihm trotz aller Schmerzen, und der Rauenthaler merkte gar nichts von dieser seinen Courtoisie. Er war glückselig, daß er sich nun doch wenigstens in aller Breite aussprechen durfte, hatte aber so viel zu sagen, daß er kaum den Anfang fand. Endlich begann er: »Wenn Eurer hochfürstlichen Durchlaucht Leiblakai, Herr Kastor, demnächst gehängt und gevierteilt wird, so bitte ich, lasset ihn vorher wieder auf den Ulrich Mottinger zurücktaufen und nehmet ihm den Kastor ab: der Kerl ist zu schlecht für einen ehrlichen Hundenamen.« An diesen Knoten knüpfte er dann seine weitere Geschichte, sie von hinten nach vorn spinnend, so daß er durch die Verräterei und die Weinprobe der Nacht hindurch schrittweise bis zu der Pfändung des gestrigen Tages vordringen wollte. Doch kaum war er bei dem großen Wasserglas voll Sechsundneunziger angelangt, so donnerte ihm ein: »Halt!« links aus dem Busche entgegen, und hervor sprangen Bewaffnete und ergriffen ihn. Es war der Vizedom (der Landhauptmann) von Eltville mit seinen Häschern. »Schließt den Schultheiß krumm!« rief er und wandte sich dann gegen den Deutschmeister, welchen er in seinem jämmerlichen Aufzuge kaum wiedererkannte, von Beteuerungen der Teilnahme überfließend, und versicherte demselben bei allen Heiligen, daß dieser Schurke von Schultheiß dem Galgen nicht entgehen werde. Der Fürst, nicht minder verblüfft wie der Schultheiß, suchte vergebens seinen Retter zu rechtfertigen; der Vizedom wollte kein begütigendes Wort hören. Widerspruch schien ihm hier offenbar höflicher als Zustimmung. Auch der Schultheiß wollte reden, allein der Vizedom drohte, ihm den Mund mit einem Knebel zu stopfen. »Herr!« rief jener, »wenn Ihr wüßtet, welches Unheil unterdrückte Aussprache heute schon angerichtet hat, so würdet Ihr den Knebel nicht einmal in Euren Mund nehmen, geschweige daß Ihr ihn in den meinigen stopfen möchtet!« Mitten in dieser Verwirrung kamen die andern Bauern herbei und brachten die gefangenen Franzosen. Nun war der Vizedom sprachlos vor Erstaunen. Er hatte bis zum Augenblicke gar nicht gewußt, daß Franzosen, und vollends reguläre Truppen, in das Land seines kurfürstlichen Herrn eingedrungen seien; Kurmainz lag ja noch ganz außerhalb des Kriegsschauplatzes! Dagegen wußte man in Mainz bereits seit gestern abend, daß der Schultheiß von Rauenthal den Deutschmeister gepfändet und rebellische Reden verführt habe, und hatte in dieser dringenden Sache mitten in der Nacht bereits Befehle an den Vizedom geschickt, welcher bei Tagesgrauen sofort aufgebrochen war, um den Frevler zu verhaften und nach Mainz zu führen. Wie hurtig war da alles gegangen! Dieses rasch schlagfertige Exekutionskommando war nun also in der Frühe gen Rauenthal gezogen. Da hörte der Vizedom unterwegs die Sturmglocken und griff einen von den Schulbuben auf, welche ausgesandt waren, in den andern Dörfern Sturmläuten und bewaffneten Zuzug zu erbitten im Namen des Schultheißen von Rauenthal. Der arme Junge aber erzählte, was ihm die Leute unterwegs erzählt hatten, und es war bereits von Mund zu Mund eine echte Volkssage geworden: die Bauern, so hieß es, seien aufgebrochen, den Schultheiß von Rauenthal an der Spitze, und führten den Deutschmeister gefangen nach Kiederich, weil der gnädige Herr gestern dem Schultheißen mit dem Hirschfänger ein Ohr abgehauen habe. Ein solches Übermaß des Frevels hatte der Vizedom dem Anton Kayser gar nicht zugetraut, obwohl er ihn als einen rechthaberischen und jähzornigen Mann kannte. Rasch entschlossen, zog er nun aber mit seinen Bewaffneten gegen Kiederich, und es war kein Wunder, daß er bei der plötzlichen Begegnung glaubte, der Fürst sei der Arrestant des rebellischen Schultheißen und seiner Bauern, welche ihn in solch kläglicher Verfassung durch die Wälder schleppten. Der Knäuel dieses Mißverständnisses war in der Tat nicht leicht zu entwirren. Endlich gelang es jedoch dem Deutschmeister, sich Gehör zu verschaffen; alle schwiegen, nur der Schultheiß räsonierte noch inwendig, halblaut, weil seine Aussprache gegen den Fürsten nun doch unterbrochen war und er gegen den Vizedom vollends gar nicht zu Worte kommen konnte. Der Fürst klärte den Landhauptmann vollständig auf über die unerhörten Dinge, welche geschehen waren, pries den Schultheiß über die Maßen und verzieh ihm alle Schuld von gestern. Zum Schlüsse sprach er: »Welch ein Glück, daß wenigstens diese Bauern – oder Winzer! – wußten, daß Krieg im Reiche ist, und daß sie rascher zur Hand waren wie droben bei Weißenburg die Reichsarmee und daß der Schultheiß von der französischen Lesart des Völkerrechtes nichts hören wollte! Ich glaube, wenn einmal alle Bauern Soldaten würden, dann bekämen wir Straßburg wieder« – »Jawohl! und wenn die Fürsten mit ihnen zusammengingen, wie wir beide gegenwärtig!« unterbrach der Schultheiß. »Will Er Sein böses Maul halten!« rief der Vizedom und wandte sich dann entschuldigend gegen den Deutschmeister: »Die Rheingauer, hochfürstliche Durchlaucht, müssen immer räsonieren; sie tun das schon seit tausend Jahren, aber sie meinen's nicht böse.« Inzwischen waren zwei Leiterwagen gekommen, und die Fürstlichkeiten fuhren, von zahlreicher Schutzmannschaft begleitet, ins Schlangenbad zurück, um dort zunächst ihre unterbrochene Toilette zu vervollständigen und zu Hemd und Strümpfen nunmehr auch Rock und Hosen anzuziehen. Die Rauenthaler aber und die andern Rheingauer marschierten nach Mainz, wo der Schultheiß nun mit seinen Gefangenen einen Triumpheinzug hielt, während er vor wenigen Stunden noch gefürchtet hatte, selber als Gefangener eingebracht zu werden. Ein Gefangener freilich fehlte in der Gesellschaft – der Leiblakai Kastor. Sein böses Gewissen mußte ihm selbst im schwersten Rausche keinen festen Schlaf gegönnt haben: er war beim Sturmläuten aufgewacht und ausgebrochen, und man fand nirgends mehr eine Spur von ihm. Sachkundige behaupteten, die Fenstergitter des Gemeindegefängnisses seien so schlecht verbleit gewesen, daß schon seit Jahren die Gefangenen überhaupt nur aus Unwissenheit oder gutem Willen darin sitzengeblieben seien. Der Schultheiß dagegen erklärte dies für Verleumdung und schwur, daß nur sein Sechsundneunziger dem Schuft die Riesenstärke gegeben habe, so feste Gitter auszuheben. In Mainz wurde Anton Kayser vom Kurfürsten in besonderer Audienz empfangen; man verhieß ihm und seinen Bauern die glänzendste Belohnung. Daß er hinterdrein nichts kriegte, kümmerte den Schultheiß wenig. Er hatte auf eigene Faust als braver deutscher Mann gehandelt und nicht um Lohnes willen. Nur eines verdroß ihn: die Audienz war sehr kurz gewesen! Und noch lange nachher klagte er: »Es ist eine eigene Sache mit großen Herren! Wenn man ihnen so feierlich gegenübersteht und eben zu reden anfängt, dann ist man auch gleich am Ende; – und sie selbst sind noch viel geschwinder fertig. Und ich hätte mich doch so gern einmal ausgesprochen! Im allgemeinen verstehen auch die Herrschaften das Rheingauer Deutsch nicht; aber die Franzosen haben's verstanden.« Amphion 1856 Erstes Kapitel In der weltberühmten Schenke zur »Sirene« in Jena sah es traurig aus. Der Besitzer war gestorben; statt der vermuteten Reichtümer hatte er Schulden hinterlassen. Freilich Schulden in dem kleinen Maßstab der alten Zeit, etliche hundert Gulden, womit das Haus überlastet war. Aber es war auch in der Art der alten Zeit, daß die einzige Erbin der »Sirene«, Eva, die zwanzigjährige Tochter des verstorbenen Schenkwirts, fast ihr Herz abgedrückt wähnte durch den Gedanken an diese kleine Verschuldung, die ihres Vaters Gedächtnis verunehrte, den guten Ruf der »Sirene« auf lange Jahre befleckte und sie selbst – Eva – vielleicht hinausstieß, daß sie ihr Lebtag Gesindebrot essen mußte. Im Hause wohnte noch die alte Großmutter, aber an ihr hatte Eva keinen Trost. Taub, stumpfen Geistes, der Welt abgestorben, saß sie in ihrem Winkel und spann, sie hatte kein Auge mehr für das Gegenwärtige; sie war nur noch ein Schattenbild vergangener Tage, das gespenstisch seelenlos unter den Lebenden umging. Da konnte die arme Eva keine andere teilnehmende Seele finden als den zeitweiligen Reichsverweser der »Sirene«, den jungen Küfermeister Friedrich Ritter. Er hatte schon lange bei des Vaters Lebzeiten in den Kellern gewirtschaftet und dann auch über der Erde die Schenke so leidlich in Rand und Band gehalten. Er war ein frischer Bursche, rührig, heiter, voll Selbstvertrauen, und unvermerkt war er mit Eva zu einer Herzlichkeit und Zärtlichkeit gekommen, daß es beiden zuletzt vorkam, als hätten sie von Kindesbeinen an zusammengelebt – da sie sich doch erst seit ein paar Jahren kannten – und müßten auch zusammenbleiben bis ans Ende. Das ging aber alles so in der Stille; der Vater merkte nichts davon und die taube Großmutter noch viel weniger. Es war an einem Oktobernachmittag; die Sonne schien mild durch die achteckigen Scheiben in die stille Schenkstube. Nur die Großmutter spann in der Ecke, die Katze saß neben ihr auf dem Schemel und schnurrte, und die Mücken, die jetzt das Freie flohen, summten zahllos an Decke und Wänden umher. Gäste hatten sich noch keine eingefunden; denn vor Feierabend gingen meist nur verlumpte Trunkenbolde ins Wirtshaus. Vorn auf einer Bank saßen Eva und Friedrich. »Ich bin eine Bettlerin seit des Vaters Tod«, sprach die Trauernde, »jetzt werden unsere Hände in Ewigkeit nicht ineinander gelegt werden.« »Ei, Eva, was verloren ist, muß man wiedererobern. Nur Geduld! Es läutet so lang, bis es endlich Kirmes wird. Ich will mich zusammentun, schaffen und raffinieren, daß man mich für einen Goldmacher und Hexenmeister halten soll, und eh du dich's versiehst, sind die leidigen fünfhundert Gulden getilgt, und wir haben unseren eigenen, freien Besitz!« »Ja, wenn uns die Gläubiger so lange warten lassen!« sagte Eva kleinlaut. »Meinst du, man könne nicht auch rasch zu einem schönen Stück Geld kommen? Hast du nicht gehört von dem Lautenschläger Baronius, der eben in Jena verweilt? Ein wahrer Teufel von einem Musikanten. Er gab gestern abend ein Konzert in der Aula der Universität und nimmt einen gestrichenen Säckel von fünfhundert Gulden mit nach Haus. Fünfhundert Gulden in zwei Stunden, ich glaube, so viel verdient der römische König nicht! Freilich, ich werde es auch nicht, denn nur wo Würste sind, kommen Würste hin. Schau aber auch, was der Teufelskerl alles spielen kann; hier habe ich den Anschlagzettel. Der lautet so: Laus Deo. Jena, am 15. Octobris 1720. Mit hoher obrigkeitlicher Bewilligung wird Ernst Gottlieb Baronius Cand. juris , königl. preußischer Cammermusicus, berühmtester Lautenspieler und wahrer Amphion dieser Zeit ein musicalisches Divertimento auf der Laute zu geben die Ehre haben. Es werden executiret Das Allererschröcklichste ( Allegro furioso ). Das Allererfreulichste ( Andante amoroso ). Ein Gegenspiel für die Laute. Die zwölf Ebenteuer des Herculis , für die Laute eingerichtet. Diana und Endymion , ein Zwiespiel für die Laute. Furientanz. Die Belagerung Trojae, Sinfonia in drei Sätzen für die Laute. » Haud ignarus in harmoniis aliquid inesse ad rempublicam conservandam utilitatis.» Plut. de Mus. »Musicae ignoratio Scripturae intellectum impedit.« S. August, de doctr. Christi.« »Wohl weiß ich, daß in den musikalischen Harmonien etwas sitzt, was förderlich ist, den Staat zu erhalten.« Plutarch über die Musik. »Die Unkenntnis der Musik hindert das Verständnis der Heiligen Schrift.« Der heilige Augustinus über die Lehre Christi. »Ach, das ist ein gelehrter Zettel«, sagte Eva, »und mag auch eine gar gelehrte Musik sein! Wenn doch der kunstreiche Mann unser Leid wüßte und ein rechter Christ wäre, dann würde er uns die fünfhundert Gulden schenken, die er auf diesen Zettel hin in zwei Stunden verdient; er würde uns glücklich machen, und in anderen zwei Stunden hätte er sich wieder andere fünfhundert Gulden zusammengespielt.« »Liebe Eva, so großgemutet ist gar selten ein Musikant. Je größer der Künstler, je kleiner der Christ. Die's am weitesten gebracht, haben sich zuletzt alle dem Teufel verschrieben. Die Musici stimmen die Saiten auf ihren Instrumenten, sagt man, aber die Saiten ihres Gemüts lassen sie übelgestimmt.« Nun erhob sich die taube Großmutter von ihrem Spinnrad, wo sie einiges von dem Inhalte des Gesprächs erlauscht hatte. Überlaut nach tauber Leute Weise, rief sie: »Hexengold und Musikantensold verfliegt über Nacht. Zu meiner Zeit kam auch ein gewaltiger Geigenvirtuos hierher, man nannte ihn nur Damian von Gußbach nach seinem Geburtsort, denn seinen rechten Namen wußte er selber nicht. Der spielte die Geige bald unter dem Kinn, bald auf dem Kopf, bald auf seinem Rücken, bald zwischen den Beinen wie ein Bassettchen. Er spielte mit dem Fiedelbogen über den Saiten und unter den Saiten, auf den Haaren und dem Holz, kurzum er spielte, wie man wollte, und doch kam immer etwas wie eine schöne Musik heraus, daß es ein wahres Mirakel war. Wer zwei Weißpfennige zahlte, der konnte ihn den ganzen Abend hören. Anfangs war es ein Zulauf, daß er seinen Hut gestrichen voll Weißpfennige bekam, und die ganze Stadt sprach von Damian von Gußbach, wie sie jetzt von Baronius sprechen. Aber als er öfter wiederkam, wurden der Weißpfennige immer weniger, und eines Morgens ist er meinem seligen Manne plötzlich durchgegangen mit Hinterlassung beträchtlicher Zehr- und Logisschulden und ist nicht wieder gesehen worden. So geht es mit all der Flitterherrlichkeit von Musikanten und Komödianten.« Eva und Friedrich schraken zusammen, denn sie sahen plötzlich, daß sie nicht mehr allein in der Stube waren. Die stattliche Gestalt eines fremden jungen Mannes stand mitten im Zimmer, eine auffallende, anziehende Erscheinung. Das Gesicht war fast wie eines Mohren geformt und von merkwürdig bräunlicher Färbung, aber aus den großen, glänzenden Augen blitzte Geist und Selbstvertrauen. Eine mächtige Perücke schloß die Stirne ein, zu beiden Seiten mit großen hörnerartigen Wulsten, die den Kopf fast viereckig machten. Ein roter Sammetrock, feine Spitzenmanschetten und Jabot, schwarze Sammethosen, ein zierlicher Degen, große Schuhschnallen, mit funkelnden Edelsteinen besetzt, bildeten die einfache, aber höchst gewählte Kleidung, welche den vornehmen Mann verkündete. »Ich habe Euch schon mehrmals angeredet«, sprach er lächelnd zu Friedrich, »aber zuerst waret Ihr so vertieft in den Konzertzettel und dann in Eure Glossen über den Lautenspieler, daß Ihr gar kein Ohr für mich hattet. Ich erwarte Freunde hier. Bringt mir darum eine Kanne Wein, nicht vom schlechten und nicht vom besten, sondern von jenem guten, womit man das rechte Fundament legt, daß man weiter vom besseren und vom besten noch mit Lust trinken mag.« Als Friedrich den Wein brachte, klopfte ihm der vornehme Gast auf die Schultern und sprach: »Über die großen Musici seid Ihr schlecht berichtet. Sie verdienen ihr Geld nicht so leicht, als Ihr glaubt. Musikantensold ist auch kein Hexengold. Freilich ein glücklicher Abend bringt rasch reichen Lohn. Aber von den durcharbeiteten Nächten, von den Wochen und Monaten, im wahren verzehrenden Fieber des Studiums hingebracht, von all der martervollen Arbeit, die es heischt, bis einer so weit gekommen ist wie dieser Baronius, davon lasset Ihr Euch in Eurem kühlen Keller nichts träumen. Und wenn's der Musikus dann so weit gebracht hat, wie muß er schaffen, um sich über dem Wasser zu halten! Das geht nicht mehr wie beim Damian von Gußbach. Wer jetzt ein gerechter Virtuos will heißen, der muß auch ein Komponist sein, im reinen Satz so sattelfest wie der erste Kapellmeister. Auch ein Gelehrter muß er sein, in der Geschichte seines Instruments und seiner Kunst wohlbewandert, in den alten heiligen und Profanskribenten wohlbelesen. Denn ein großer Musikus muß heutzutage seine Bücher schreiben so gut wie seine Noten, mit Gelehrsamkeit wohlausstaffierte Bücher, schneidig voll Feuer, Witz und Grobheit, sonst wird er totgeschrieben von den Kollegen. Es ärgert einen Hund, wenn er einen anderen in die Küche gehen sieht; so geht es auch mit den Künstlern und dem Kunsttempel. Aber versteht Ihr mich auch, Freund, denn Ihr sehet mich gar wunderlich an?« »Freilich, freilich!« rief Friedrich eilfertig. »Das klingt ja alles so schön und gelehrt, fast gerade wie der Konzertzettel des Herrn Baronius.« Dann ging er auf die Seite zu seiner Eva und flüsterte: »Wenn der Rotrock nicht der Teufel ist, dann muß es der Baronius in eigener Person sein.« Zweites Kapitel Nach einer Weile trat ein mächtig großer, breitschulteriger junger Mann in die Schenkstube, wohl ein angehender Dreißiger und seiner Kleidung nach doch noch ein Student. Denn eine Schar wohlgesetzter Männer, darunter auch verheiratete Leute, bildete damals noch immer wie in alten Zeiten den Adel der bemoosten Häupter, und von halbreifen Jünglingen, wie sie jetzt die Hörsäle füllen, war noch wenig zu sehen auf deutschen Hochschulen. Der Student trug sein natürliches Haar bis auf die Schultern niederwallend, dazu einen stattlichen Schnurrbart und Kinnbart, und wie er so stolz hereinschritt, die linke Hand auf das Gefäß des Stoßdegens gestemmt, sah man's ihm gleich an, daß er kein gewöhnlicher Student und Obskurant sein könne, sondern ein Mann von burschikosen Ehren und Würden. Er war in der Tat Senior des Faßbinderordens, der herrschergewaltigste Student der ganzen Hochschule. Als er den feinen Mann im roten Sammetrock erblickte, eilte er auf ihn zu, umarmte ihn, küßte ihn, schrie laut auf vor Freuden und wollte ihn kaum wieder loslassen. »Ich gratuliere, Freund Baronius! Das war ein Sieg, ein Triumph! Wie mich jeder Beifallruf freute, als gälte er mir, jeder Lorbeerkranz, als sei er mir hingeworfen! Aber ich habe auch redlich mitgearbeitet, Freund! Sämtliche Mitglieder des Faßbinderordens hatte ich ins Konzert geschafft; da standen wir im geschlossenen Treffen, und nach jeder Nummer schlugen wir frisch zuerst an mit einem wahren Rottenfeuer des Klatschens und Jubelns; und uns gegenüber in der anderen Ecke des Saales war der ganze Lilienorden aufgepflanzt, den habe ich auch halb in der Tasche, und sowie ich nickend das Signal gab, fuhren die braven Burschen von den Lilien gleichfalls drein wie wütend. Zuletzt, nimm mir's nicht übel, hatten meine Leute fast mehr Freude daran, sich selber klatschen als dich spielen zu hören. Ach, du bist ein gemachter Mann, überschüttet mit Geld und Ehren, berühmt durchs ganze Reich, – ich habe mit dir meine Studien begonnen, ich bin nichts und werde nichts, ich bleibe der ewige Student!« »Beneide mich nicht allzusehr«, erwiderte Baronius, den Arm auf die Schulter des Freundes legend. »Du bist wohl glücklicher als ich. Der Erfolg in der Kunst macht unersättlich. Das nagt an mir, das verzehrt mich, daß ich weiter, weiter, immer weiter will. Ich genieße meine Triumphe nicht, denn für mich sind es längst keine Triumphe mehr. Es gab Meister, die Größeres leisteten, unendlich Größeres; es martert mich zu Tode, daß ich's ihnen nicht nachmachen kann. Ich schreibe eben an einer Geschichte des Lautenspiels. Jedes Blatt, welches ich in den Geschichtsbüchern umwende, verstimmt mich, daß ich heulen möchte vor ungesättigtem Ehrgeiz. Amphion bewegte Steine mit seinem Lautenspiel, er bezauberte Bäume und Felsen. Jetzt mag sich einer die Finger abspielen, er wird darum noch keinen Stein um einen Zoll von seiner Stelle rücken. Doch das mögen Fabeln sein, und die Geschichte ist auch schon sehr lange her. Orpheus hielt gar den Wind auf mit den Tönen seiner Laute. Auch diese Kunst will ich gern verloren geben; man könnte durch sie leicht als Wettermacher und Hexenmeister zu bösen Geschichten kommen. Aber daß beide, Amphion und Orpheus, durch ihr Spiel die wilden Tiere gebändigt und gezähmt haben, das ist doch wohl keine Fabel. Wie erbärmliche Stümper sind wir da gegen diese Meister. Nicht einen Hund, nicht eine Katze mag unser Lautenspiel noch fesseln, geschweige denn einen Hirsch, Wolf oder Bären. Hund und Katze laufen davon, wenn ich nur drei Akkorde anschlage, und zwingt man die Bestien zu bleiben, dann heulen sie immer höher, je schöner und heftiger man spielt. Was ist unsere ganze gepriesene Malerkunst, bevor es nicht wieder gelingt, jene Traube zu malen, nach denen die Spatzen geflogen sind? Doch die Wunderwerke der klassischen Zeit will ich alle noch verschmerzen; wer will überhaupt in Wettkampf treten mit Griechenland und Rom? Aber auch in den finsteren mittleren Zeiten, ja in ganz naheliegenden Jahrhunderten sind Wunderdinge auf der Laute geleistet worden, für uns so unerreichbar, daß wir uns beschämt verkriechen, daß wir unsere Lauten an der Wand zerschlagen müssen angesichts jener obskuren Meister, deren Namen man nicht einmal recht kennt. Sieh, Freund, das frißt an mir, das macht mir schlaflose Nächte, das läßt mich in Zorn und Wut die Laute üben in ihren höchsten Schwierigkeiten, bis mir das Instrument aus der Hand gleitet vor Ermattung. Nicht eher gewinne ich Ruhe und Zufriedenheit, bis ich diese namenlosen Zauberer besiegt habe.« »Und worin bestand denn deren Kunst?« unterbrach der Senior. »Aber halt! Rede nicht weiter, bevor wir uns gesetzt haben, bevor Eva mir eine Kanne Rheinwein kredenzt und bevor wir angestoßen und einen guten Trunk getan. Denn deine Rede tönt süß wie deine Laute, aber sie baut sich breit und groß wie deine Musik, wenn du das Jüngste Gericht spielst, und ist so festgefugt, daß man nirgends ein Loch hineinbrechen kann. Nichts für ungut, Freund! Glück auf! Also auf die Überwindung des Orpheus und Amphion und aller namenlosen mittelalterlichen Lautenspieler!« Da stießen sie an und tranken. Dann fuhr Baronius also fort: »Es wird uns von glaubwürdigen Chronisten berichtet, daß am Hofe König Erichs von Dänemark ein Lautenspieler gewesen von so großer Kraft des Ausdrucks, daß er durch sein Spiel die Zuhörer zu jeder Leidenschaft stimmen und hinreißen konnte. Der König, der davon vernommen, wollte diesen Triumph der Kunst mit Augen sehen und befahl darum dem Musiker, vor seinen Rittern und Hofleuten kriegerische Weisen so zu spielen, daß alle zum Kampf entflammt würden. Der Lautenspieler war seiner Sache dermaßen gewiß, daß er bat, alle Waffen fortzuschaffen und Wächter vor dem Saale aufzustellen, welche die Streitenden sofort auseinanderreißen könnten. Damit die Wache aber nicht auch in den allgemeinen Taumel hineingezogen würde, sollte sie rechtzeitig dem Meister die Laute wegnehmen und so der bestrickenden Musik ein Ende machen. Der Lautenspieler begann ein weiches Adagio; da wurden alle Zuhörer tief betrübt, daß ihnen fast das Weinen ankam. Dann ging er über in ein fröhlich bewegtes Allegro; da glänzte Heiterkeit auf allen Gesichtern, und kaum konnten sich die Jüngeren des Tanzes enthalten. Nun erschallte ein kriegerischer Marsch, der sich allmählich zu einer so heftigen, stürmischen, wildaufregenden Kriegsmusik erweiterte, daß alle wie von Sinnen kamen. Zorn und Wut erfüllte die sonst freundlichen Gemüter. Vergebens suchte man, rief man nach den Waffen. Da begann in der äußersten Wut der ganze Hof mit Fäusten sich zu schlagen, bis die Wachen mit Schwertern und Hellebarden hereindrangen, um Frieden zu schaffen. Aber beim Anblick des ungeheuren Tumultes vergaßen sie, dem selbst wie wahnsinnig rasenden Musiker die Laute hinwegzunehmen. König Erich riß einem der Wächter das Schwert von der Seite, rannte damit ins Getümmel hinein und stieß vier seiner Getreuen nieder. Nun erst schlug einer der Wächter dem Lautenisten mit der Hellebarde sein Instrument in Stücke, und plötzlich, da es still geworden, beruhigten sich die Gemüter. Der König wollte verzweifeln vor Reue und Kummer über den vierfachen Mord. Zur Sühne unternahm er eine Wallfahrt nach Jerusalem; auf der Rückreise ereilte ihn der Tod auf Zypern. Sieh, Freund, das war ein Triumph der Kunst; und solange ich nicht vermag, was jener Lautenspieler vermocht, bin ich ein Stümper.« Der Senior erwiderte trocken: »Also du meinst, wenn man eine so verzweifelte Musik macht, daß sich die Leute darüber totschlagen, dann hat man den Gipfel der Kunst erreicht? Nein, lieber Baronius, rechtfertige dich nicht; verstehe Scherz, ich will jetzt auch im Ernste reden. Sieh, du hast mir diese Geschichte von König Erich und seinem Lautenspieler früher schon öfters erzählt und immer das gleiche Leid geklagt. Ich habe inzwischen fleißig darüber nachgedacht und möchte dir nur eine Frage vorlegen: Hast du denn schon den Versuch gemacht, ob du nicht auch so unmittelbar die Leidenschaften der Menschen erregen könntest durch dein Spiel, und ist dir der Versuch mißglückt?« Baronius gestand, daß er's noch nicht versucht habe. Zugleich begann sein Auge zu leuchten und zu blitzen, seine Wangen röteten sich, sein ganzes Gesicht ward von Begeisterung überstrahlt. »Ja, daran liegt's«, rief er, »daß ich's noch nicht versucht habe; wenn ich's versuchte, es würde mir gelingen. Das fühle ich auf einmal mit einer inneren Gewißheit, die nicht trügt! Wahrlich, Freund, du hast mir den rechten Weg gezeigt.« »So laß deine Laute holen«, rief der Senior in einem seltsam sarkastischen Ton, der aber dem schwärmerisch begeisterten Musiker ganz entging. »Flugs an die Probe!« »An die Probe? Aber vor wem? Mit wem? Vor dir, Freund, ja, vor dir allein, das ist genug. Gleich jenem Tragiker, der nur einen Zuhörer zum Vorlesen seines Trauerspieles fand und ausrief: dieser einzige sei ihm eine glänzendere Hörerschaft als das ganze Volk von Athen, denn es war Plato – gleich jenem Tragiker will ich in dir allein das entscheidende Auditorium finden, denn du warst es, der mir mit seiner Klugheit das rechte Licht angezündet in dieser Angstfrage meines Ehrgeizes, wo ich schon so lang im Dunklen tappte.« »Ich bin nicht Plato, Freund«, erwiderte der Senior, »und für unsere Probe würde doch auch ein einzelner kaum genügen, und wäre er selbst Plato in eigener Person. Sieh, da kommen Zuhörer. Der ganze Orden der Faßbinder wird hier aufziehen, fünfundzwanzig auserlesene Studenten, zu jeder Leidenschaft meist über das Maß aufgelegt, da kannst du erproben, wie weit der Zauber deiner Laute reicht.« Drittes Kapitel Der Senior machte sich los von seinem Freunde Baronius und ging zu den Studenten. Er mußte ihnen etwas Lustiges mitzuteilen haben, denn wo er mit einem gesprochen, lächelte ein jeder seltsam in sich hinein, und einer schien's dann dem anderen weiterzusagen, so daß sich zuletzt allgemeine Heiterkeit über das ganze Völkchen verbreitete. Ja, einige der Erregtesten bissen die Lippen zusammen oder schlichen zur Tür hinaus, daß sie nicht herausplatzten mit lautem Lachen. Inzwischen nahm der Senior auch Eva beiseite und sprach lange mit ihr. Das sah Friedrich gar nicht gerne. Er wollte hinübergehen, um dem vertraulichen Diskurs ein Ende zu machen: da ward er von Baronius zum Gespräch gestellt, und bei dem Respekt, den er einmal vor diesem Herrn hatte, wagte er es nun nicht, zu Eva hinüber zu entschlüpfen. »Ihr seid wohl kein sonderlicher Liebhaber und Kenner der Musik?« fragte der berühmte Virtuose. »Oh, ein lustiges Liedchen hör' ich schon gern und einen lustigen Tanz noch viel lieber. Von aller anderen Musik verstehe ich nichts. Und warum müßte ich just etwas davon verstehen? Versteht Ihr doch wohl auch nichts von der edlen Kunst der Küferei. Zudem ist ja der Geschmack überhaupt verschieden. Der eine zieht eine gute Musik, der andere ein gutes Glas Wein vor. Wer will entscheiden, wessen Geschmack der bessere sei?« Baronius lächelte. »Du sprichst genau wie König Archidamus von Sparta, der, als ihm ein gefeierter Musiker gerühmt wurde, auf seinen Koch deutete und rief: Dieser ist mir der gefeiertste Meister, denn er kocht die besten Suppen. Wenn du aber die Musik mit der Küferei zusammenstellst, so wisse, Freund, daß schon Plutarch sagt, die Götter hätten die Musik erfunden. Darum soll Freude an der Musik und Verständnis der Musik allen Menschen als etwas Göttliches gemein sein; die Küferei dagegen –« »Küferei, ja, Herr, das ist das rechte Wort!« rief Friedrich, wie aus einem Traum auffahrend. »Und die Kellnerei dazu! Ein jeder schau auf seine Schanz! Eva plaudert, ich höre Euch zu; indessen warten dort fünfundzwanzig Gäste auf den Wein.« Mit diesen Worten lief er davon, allen Respektes vor dem großen Künstler vergessend. Aber es war nicht bloß das plötzlich erwachte Pflichtgefühl, was den jungen Küfermeister mit einemmal das Netz der schönen Worte des Musikers zerreißen hieß. Er hatte gesehen, wie Eva mit dem Senior lächelte, fortwährend lächelte, ja sogar lachte: das hatte ihn gepackt. Er rannte fast ein paar Studenten um, bevor er an den Schenktisch kam. Der Senior und Eva winkten ihn zu sich hinüber, aber Friedrich sah es nicht oder wollte es nicht sehen. Er schenkte Wein aus mit einem wütenden Eifer, blind für alles andere, als ob das Heil der Welt daran hänge, daß binnen fünf Minuten die fünfundzwanzig Kannen gefüllt seien. Inzwischen begrüßte Baronius die Studenten höchst freundlich. Es war ein seltsames Gemisch von Wohlwollen, Aufgeblasenheit, Pedanterie und Genialität in dem jungen Manne, aber wenn man ihn näher beobachtete, mußte man ihm doch zuletzt herzlich gut sein; denn nie ist es einem Künstler ein heiligerer Ernst gewesen um seine Kunst, und die komische Pedanterie samt dem tollen Ehrgeiz quoll doch zuletzt hervor aus der glühenden und reinen Begeisterung, für die es nichts Höheres auf der Welt gab als ein ganz vollendetes Lautenspiel. Die Studenten fühlten wohl diese wahre Natur heraus, die in dem Virtuosen steckte. Sie grüßten ihn herzlich und ganz wie ihresgleichen, und das ist ja die höchste Ehre, die der Student dem Philister erweisen mag. Man brachte die Laute des Künstlers. Eine atemlose Stille ging durch die Stube, als er zu stimmen und ein wenig zu präludieren begann. Da erhob sich der Senior. »Erst einen Becher Weins! Ein Hoch auf die Musik! Dann singen wir einen lustigen Liedervers – denn wir wollen nicht stumme Fische sein, wo die Musik ihr Höchstes und Herrlichstes zeigen soll. Ein Studentenlied gehört auch zum Höchsten und Herrlichsten – rümpfe nur die Nase, Freund Baronius, es ist doch also. Haben wir nach herkömmlicher Art unseren Vers gesungen, dann magst du dein Lautenspiel beginnen und uns bestricken und bezaubern als der größte Hexenmeister.« So geschah es, wie der Senior vorgesagt. Hell erklangen die Becher, mächtig donnerte das Hoch auf die »edle Sing- und Klingkunst«, und ein kräftiges, lustiges Lied brauste, von den frischen, jugendlichen Kehlen angestimmt, wie ein klarer, gewaltig hervorbrechender Strom durch die hallenden Räume. Als der Chor geendet, hielt Baronius auf seiner Laute das Thema des Liedes fest, aber er spielte es in Moll, er verlangsamte das Zeitmaß, er wandelte die lustige Weise in eine gar traurige. Da lagerte sich nach und nach Schwermut auf allen Gesichtern, jeder schien in sich selber versunken, den düstersten Gedanken nachhängend. Einige Studenten, die dem Weinglase besonders heftig zusprachen, begannen zu wehklagen, daß man hätte denken mögen, es sei schon in dieser frühen Stunde jene wunderliche Stimmung über sie gekommen, die der Bursch das »besoffene Elend« nennt. Eva selber hatte sich in die Ecke auf einen Stuhl geworfen, verhüllte ihr Gesichtchen mit dem Schnupftuch und schluchzte so vernehmlich, daß man's über das Lautenspiel hinaus hören konnte. Das Gesicht des Virtuosen strahlte vor Begeisterung. Nur zwei Zuhörer blieben stumpf, er mochte so kläglich spielen, wie er wollte: die taube Großmutter und Friedrich. Der junge Küfermeister schaute darein mit aufgerissenen Augen und weitgeöffnetem Mund wie einer, den man mit plötzlichem Wasserguß aus dem tiefsten Schlafe weckt. »Entweder ist die ganze Gesellschaft zu Eseln geworden, oder ich bin allein der Esel!« rief er, doch nur mit halber Stimme aus Furcht vor den Studenten. Aber der Lautenspieler, der eben sein Pianissimo säuselte, hatte den Ausdruck wohl verstanden. »Freund«, rief er dem Küfer zu, »du allein bist verstockt und fühllos. Ein Barbar bist du, barbarischer noch als jener Skythenkönig, der, da er den trefflichsten Sänger gehört, ausrief, lieber wolle er doch sein Pferd schreien hören.« Da lief dem Friedrich dann doch die Galle über; aller Respekt vor dem roten Sammetrock, der großen Perücke und den Brillantschnallen auf den Schuhen, der ihn bisher gefangengehalten, war wie weggeblasen, und er rief überlaut, daß man gar nichts mehr hören konnte von dem Adagio lamentoso der Laute: »Ihr vergleicht mich heute abend mit lauter Königen, aber mit Königen, die nach Eurer Meinung rechte Dummköpfe gewesen sind. Ich will nicht so hoch hinaus! Ich halte es mit ehrlichen, geringen Leuten, die Grütze im Kopfe haben, auch wenn sie nichts von Eurem Geklimper verstehen. Ein jedes Schwein bleib bei seinem Trog, und ein Donnerwetter soll dreinschlagen, wenn ich mir länger Grobheiten hier in meiner Stube sagen lasse!« Der Virtuos hatte während der ganzen Rede Friedrichs das zarteste Adagio durchgeführt mit wunderbarer Delikatesse und einschmeichelndem Wohlklang; denn so gedachte er zu siegen über den Schreier und ihn doch zuletzt zu zähmen wie Orpheus und Amphion die wilden Bestien. Aber das alles prallte ab wie an einem Schuppenpanzer, oder vielmehr Friedrich hatte gar nichts gehört von den zähmenden und besänftigenden Melodien. Als er seine mannhafte Rede geendet und noch zornglühender dastand wie vorher, da schloß auch Baronius, tief ergrimmt über die Niederlage, sein Adagio mit einem so gewalttätigen Akkord, als ob er die Laute zusammenreißen wolle, und rief: »Nein! Ein so von allen Musen verlassener Mensch ist mir in meinem Leben noch nicht vorgekommen!« Dann griff er wieder zu dem Instrument. Jetzt aber erklangen ganz andere Weisen. Selbst vom Zorn ergriffen, flog der Künstler mit wahrer Wut durch die Saiten; die kecksten Übergänge, die grellsten Läufe reihten sich aneinander: das Tempo stürmte, daß auch dem phlegmatischen Zuschauer die Pulse heftiger zu schlagen begannen; es war in der Tat eine wild aufregende, unstete, unheimliche Musik. Das sah man den Studenten an; sie erwachten aus ihrem melancholischen Sinnen, sie wurden sichtlich unruhiger. Baronius selber schnitt schon ein gar grimmiges Gesicht. Es schien anzustecken. Denn bald schauten sich die Studenten zornmutig an; der eine ballte die Faust, der andere schlug auf den Tisch, der dritte stampfte mit dem Fuß. Als der Lautenspieler des inneward, war bei ihm nun geradezu der Teufel los. Er suchte sich zu steigern über alles Maß, er raste in den Saiten, daß man meinte, sie sollten alle vom Griffbrett wegspringen. Es gab keine verrückte, teufelmäßige Harmonie mehr, die er nicht anschlug; der Rhythmus wirbelte, als ob der Spieler von der Tarantel gestochen sei. Tartinis Teufelssonate war Volksharfengesäusel gegen diese Höllenmusik. Da mußte man aber auch die Wirkung auf die Zuhörer sehen! Hier prügelten sich ein paar, dort lagen sich zwei in den Haaren, andere hatten die Degen gezogen und fochten auf Leben und Tod. Der Senior, an den sich aus Instinkt der Autorität doch keiner seiner Leute wagte, warf, um dem Zorne Luft zu machen, alle Gläser und Krüge, deren er habhaft werden konnte, wider die Wand, so daß man vor dieser Musik des Tumults und Skandals zuletzt von der dämonischen Laute fast gar nichts mehr hören konnte. Friedrich rief ein über das andere Mal, ob denn nun alle Welt verrückt geworden oder ob er allein der Narr sei, kreidete aber dazwischen mit großer Pünktlichkeit jedes Glas und jeden Krug an, den der Senior an der Wand zerschmetterte. Als aber gar Eva auf ihn zustürzte, zornglühend wie alle die übrigen, ihm ein Fäustchen unter die Nase machte, ihn mit Vorwürfen, mit giftigen Spott- und Scheltworten überschüttete, da war es ihm, als ob er selber ganz von Sinnen komme. Die ganze Stube ging im Wirbel mit ihm herum, er ward irr an seinen eigenen Augen und Ohren, zuletzt auch an seinem Gehirn. Verzweifelnd setzte er sich abgewandten Gesichts in einen Winkel, und ein furchtbarer Trübsinn kam über ihn über die Tollheit dieser Menschen, daß er hätte heulen mögen. Inzwischen war der Lärm so arg geworden, daß der Senior aufsprang und den Degen zog, um seinem Freunde Baronius die Laute in Stücke zu schlagen. Dieser rettete sein Instrument kaum durch den kühnsten Seitensprung und lief dann in den sicheren Winkel, wo eben Friedrich saß, nun flugs die friedlichsten, beruhigendsten Akkorde anstimmend. Da heiterte sich der Himmel der Schenkstube sichtlich wieder auf. Die Raufenden ließen einander los, die Fechtenden steckten ihre Degen ein, und ein allgemeines Gelächter erscholl, wie man sich so für nichts und wieder nichts habe erhitzen können. Baronius schwamm in Seligkeit, als ihm plötzlich die taube Großmutter ganz nahe vors Gesicht trat. Sie hatte schon lange von ihrem Spinnrad aus in den Lärm hineingerufen, aber niemand hatte sie gehört. »Wie setzt Ihr dieses friedliche Haus in Unruhe! Zu meiner Zeit hat man kurzen Prozeß gemacht mit Leuten, wie Ihr seid, und sie des Henkers Knecht überliefert, daß er mit seinen Pfriemen untersuche, ob ihr Blut wie das eines Teufelsgenossen oder wie eines Christenmenschen fließe. Ihr verblendet unsere Gäste durch Zauberei, daß sie sich untereinander die Hälse abschneiden. Ihr anderen, trauet doch dem nicht, was ihr sehet und höret von diesem Mann; es ist lauter Blendwerk mit seinem Lautenspiel. So verblendete zu meiner Zeit eine Hexe die ganze Stadt, indem sie auf dem Marktplatz ein Seil aufs höchste Dach spannte und uns allen darauf zu tanzen schien wie auf ebener Erde. In der Tat jedoch tanzte sie nur auf etlichen Strohhalmen, die sie aufs Pflaster gelegt hatte.« Die Studenten lachten; die Alte, die gesprochen wie eine Seherin, schritt würdevoll zu ihrem Spinnrad zurück. Der Senior rief dem Freunde zu: »Siehe, selbst die taube Großmutter hast du in Zorn gespielt, und Friedrich sitzt dort in Melancholie versunken, gleich als ob jetzt erst dein Adagio lamentoso bei ihm zu wirken beginne. Wie es scheint, bedarf es immer erst einer Viertelstunde, bis seine Nerven umgestimmt sind, denn er ist langsamen Geistes und hart von Begriff.« »Lassen wir noch eine Weile den Scherz«, sprach Baronius, körperlich erschöpft und doch noch voll Glut und Drang im Geiste. Und indes er seine beim letzten Sturme so stark verschobene Perücke ordnete und dann seine Laute aufs neue stimmte, bat er die Studenten, sich nur auf wenige Minuten noch einmal ruhig niederzusetzen, damit ein würdiger Schluß sein heutiges Tagewerk kröne, das ihm selber wie ein Traum, wie ein Wunder vor den Sinnen auf- und niedergehe. Alle saßen wieder friedlich beieinander. Da stimmte der Virtuos die zärtlichste, süßeste Liebesweise an. Eine Weile schauten die Zuhörer nur vergnüglich, dann selig lächelnd drein, dann aber entfaltete sich zusehends eine wunderbare Wirkung dieser Musik. Die noch vor wenigen Minuten auf Tod und Leben gekämpft, umschlangen sich jetzt mit den Armen, drückten sich die Hände, daß man's knacken hörte, schwuren sich ewige Freundschaft, küßten sich: es war ein Bild der allgemeinen Zärtlichkeit, Liebe und Hingebung, daß man hätte meinen sollen, auch die Tische, Stühle und Bänke müßten sich gerührt umarmen und die Krüge und Kannen zum Kuß gegeneinanderrücken. Die zärtlichste Gruppe aber erstand im Vordergrunde. Eva kam bei den liebetrunkenen Klängen des Andante amoroso ganz schüchtern und verschämt von der Seite hergeschlichen. Man sah, das natürliche Gefühl der Weiblichkeit hielt sie zurück; aber andererseits war es die unwiderstehliche magische Gewalt in den Akkorden der Laute, die sie vorwärtszog. Da half kein Widerstand. Sie mußte näher, immer näher zu dem Zauberer. Auf einem Stuhle neben dem seinigen sank sie nieder und schaute ihm in die begeisterten Augen so freundlich, so liebevoll, daß Baronius fast seine Laute weggeworfen hätte, um das schöne Kind zu umarmen. Aber nein, er mußte sein Spiel steigern: noch zärtlicher, noch rührender mußte es erklingen, noch glühender mußte die Liebe in Eva entfacht werden. Er überbot sich selber an Zartheit, Tiefe und Fülle des Ausdrucks; man mußte gestehen, so süße, reizend dahinschwebende und doch so tief empfundene Musik hatte noch keiner auf der Laute gehört. Und doch spielte der Künstler selber fast bewußtlos. Sein Auge hing an Evas Auge. Ja, das war Liebe, wahre Liebe, die er entzündet hatte durch die göttliche Musik, Liebe für ihn, wachsend mit jedem Akkord. Wog dieser höchste Sieg der Kunst über ein Menschenherz nicht unendlich schwerer als die Kunststücke des Orpheus, Amphion und Arion, Steine zu bewegen, Bäume zu bezaubern, Bestien zu bändigen, Fische zu dressieren? Und hatte er's nicht sogar sich selber angetan? Ja, sich selber spielte er hinein in die wahrste Liebe zu Eva. In ihre klaren Augen hatte er auch vorhin schon geblickt und war kalt geblieben; jetzt, wo die Musik hinzukam, schaute er hinein wie in einen tiefen, stillen, klaren See, aus dessen dunklem Grunde ihm die Glückseligkeit seines ganzen künftigen Lebens entgegenschimmerte. »Halt! es ist genug mit der Gaukelei!« rief plötzlich Friedrich, zornglühend zwischen Baronius und Eva tretend. »Still! bis das Stück ausgespielt ist!« flüsterte ihm der Senior zu, mit so drohender Gebärde, daß Friedrich erschrocken und verstummt auf einen Augenblick zurücktrat. Baronius spielte lächelnd und mit großem Selbstgefühl weiter; er war jetzt zu gewiß, daß seine Liebes- und Freundschaftsmusik alsbald den Zorn des Küfers niederschlagen werde. »Du siehst«, sagte der Senior seinem Freunde ins Ohr, »bei diesem Burschen wirkt alles erst eine Viertelstunde später. Vorhin packte ihn die Melancholie, als wir bereits beim Zorn waren; jetzt packt ihn der Zorn, da wir bei der Liebe sind. Gib acht: nachher wird auch noch die Liebe bei ihm hervorbrechen, wenn wir längst mit derselben fertig geworden.« Da stand von der anderen Seite eine viel schlimmere Gegnerin als Friedlich wider den Lautenspieler auf, die taube Großmutter; die konnte Baronius mit keiner Musik mehr fangen. »Schäme dich ins Herz hinein, Eva!« rief sie. »Wie kannst du mit diesem verruchten Musikanten liebäugeln! Ein Musikant! Ei, wie doch die Welt anders geworden ist! Zu Damian von Gußbachs Zeiten sahen die Musikanten anders aus. Ist der Lautenschläger geputzt wie ein Graf! Staatsperücke, Sammetrock, Schuhschnallen mit Edelsteinen! Ja, ja, das will immer höher hinaus, jawohl, wenn Dreck Mist wird, dann will er gefahren sein!« Weiter kam die Alte nicht. Der Senior hatte ein paar handfesten Studenten gewinkt, die faßten die Großmutter ganz artig unter beiden Armen und zogen sie zu ihrem Spinnrad zurück, mit dem Bedeuten, wenn sie sich hier nicht ruhig verhalte, so werde man sie auf ihre Kammer abführen. Sie saß nun auch fest wie eine Bildsäule und murmelte nur fortwährend unverständliche Worte heftig in sich hinein. Jetzt aber ermannte sich Friedrich wieder. »Die alte Frau hat doch recht! Eva, ins Herz hinein sollst du dich schämen! Meine Augen aber sollen den Skandal nicht weiter mit ansehen.« Damit ging er zur Tür hinaus und warf dieselbe so wütend ins Schloß, daß man hätte denken sollen, sie müsse aus allen Fugen fahren. Die Stimmung war nun doch gestört. Eva schaute nicht mehr dem Lautenspieler ins Auge; sie blickte beschämt vor sich nieder, als wollte sie ein Loch in den Boden sehen. Die Studenten waren aus ihren freundschaftlichen Verschlingungen auch etwas herausgekommen, flüsterten dies und jenes miteinander und sprachen zur Kurzweil der Weinkanne fleißiger zu, als es sich mit dem Geist der reinen Liebe und Zärtlichkeit vertrug. Man sah, sie waren fast ärgerlich, als Baronius sein Andante amoroso in neuen Variationen wieder anhub, um die vorige Stimmung wiederzugewinnen. Allein es wollte auch dem Virtuosen nicht so glücken wie vorher. Er spielte viel kunstreicher, doch viel weniger das Herz ergreifend. Zu endlosen Perioden spann er jetzt sein Thema aus; aller Schmuck der Läufe und Harpeggien, der Kadenzen und Fiorituren ward aufgeboten. Es half alles nichts. Eva sah in den Boden hinein, die Studenten blieben unruhig. Baronius wollte sich selbst überbieten, in wahrer Verzweiflung spielte er immer bunter, immer überladener. Es war zuletzt nicht mehr zum Anhören. Da winkte der Senior seinen Burschen vom Faßbinderorden. Und mitten in das zopfige Geklimper hinein erscholl plötzlich urkräftig und den ganzen Kunstkram des Lautenspielers vor sich niederschmetternd ein lustiges, neckisches Studentenlied. Das Herz mußte einem aufgehen bei diesen echten, ursprünglichen Klängen; nur dem Virtuosen schnürten sie die Brust zusammen, und er versuchte anfangs noch, wie eine Pause nach einem Vers eintrat, mit seinem Andante amoroso durchzubrechen. Aber eher hätten die Musensöhne die ganze Nacht in einem Stück fortgesungen, als daß sie das Andante amoroso in seiner letzten Fassung noch einmal hätten schmecken mögen. Zuletzt packte der Gesang selbst den Lautenspieler; er legte sein Instrument beiseite und stimmte ein in den Chorus zum großen Jubel der Studenten. Begeistert tranken diese ihm zu, nachdem der Gesang beendet war. Doch als sich der Virtuos etwas verkühlt und von seiner Überrumpelung erholt hatte und flugs wieder zur Laute griff, da stimmten die Studenten auch flugs wieder einen neuen Chor an, denn nun wollten sie den Musiker niedersingen um jeden Preis. Es war ein Lied in klaren, hellen Durtönen und klang doch ganz herzergreifend wehmütig, je nachdem man's sang, je nachdem man den Text verstand und ihn mit der einfachen Weise in Einklang zu setzen wußte. Denn dies gerade sind die rührendsten Volkslieder, die nicht wimmern und klagen in ihrer Melodie, sondern ruhig dahinschweben, fast wie ein heiterer Sang, und doch in Verbindung mit dem schwermütigen Text so ganz von ferne her leise traurig anklingen, daß es unser tiefstes Gemüt erbeben macht. Das Lied der Studenten aber lautete: »Gedenke, o wie weit, wie weit Liegt bald die goldne Burschenzeit. Zerstiebt ist dann der Freunde Schar, Die wie mit Erz verkettet war. Vergebens schauest du zurück: Ein kurzer Traum war Burschenglück. Vergebens spähest du umher: Einmal Bursch und nimmermehr. Drum halte, Bursch, die Stunde fest: Für dein Lebtag bist du selig gewest. Gedenke, o wie weit, wie weit Liegt bald die goldne Burschenzeit.« Baronius hatte anfangs geschwiegen, dann hatte er leise mitgesungen, dann hatte er zur Laute gegriffen und den im Pianissimo dahinschwebenden Chorgesang wunderbar schön in einfachen Akkorden begleitet. Als das Lied verklang, saß er schweigend da, in sich versunken; Tränen standen ihm in den Augen. Er gedachte seiner eigenen harmlosen Burschenzeit und seines jetzigen unsteten, überreizten, friedlosen Lebens. Der Gesang hatte ihn mächtig gepackt. Endlich fuhr er auf wie aus einem Traum, sah den Senior mit großen Augen an und rief: »Was war das?« »Das war Musik!« erwiderte der Freund. »Das war Musik!« wiederholte der Virtuose leise und nachdenklich. »Ja, Freund, wahrhaftige Musik, denn sie hat selbst dir das Wasser in die Augen getrieben.« »Und was ich vorhin auf der Laute gespielt, war das nicht auch Musik, wahrhaftige Musik?« »Zum Teil – gewiß.« »Wie, nur zum Teil? Und habe ich euch nicht mit den Akkorden meiner Laute in tiefe Melancholie eingesponnen, zu Zorn und Wut erregt, zu Liebe und Freundschaft begeistert?« »Verzeihe«, erwiderte der Senior lächelnd, »daß wir ein wenig Komödie mit dir gespielt haben. Du hast mir so oft erzählt von Amphion, Orpheus und Arlon, denen du es gleichtun möchtest, und dann vollends von König Erich mit seinem Lautenspieler, daß mir's ordentlich bange wurde um deinen Verstand. Da dachte ich, die schmerzhafteste Kur sei hier der beste Freundschaftsdienst. Sieh, ich bin sehr grausam gegen dich, weil ich dir von Herzen gut bin. Aber es muß heraus. Du hast heute gespielt wie ein Gott, tausendmal besser wie Amphion und Orpheus und der verfluchte Däne, namentlich bei dem ersten Andante amoroso; das war wahrhaftige Musik. Aber wir haben auch gespielt. Brave Schauspieler sind meine Ordensbrüder und Schwester Eva dazu. Sie haben die Schwermütigen vortrefflich dargestellt, gewütet, getobt und gerauft, als ob sie in der Tat alle des Teufels wären, und sich umschlungen und geherzt wie die Seligen im Elysium. Allein du siehst, bester Freund, es war doch alles nur Lug und Trug, alles verabredet. Als du so zornig durch die Saiten rastest, hätten wir deine Phantasie und deine Finger bewundert, aber keinem von uns wäre es eingefallen, den anderen an der Kehle zu packen, wenn's nicht vorher so ausgemacht gewesen wäre. Nur einen hatte ich vergessen ins Geheimnis zu ziehen, und der war auch dein einziger aufrichtiger Zuhörer: Friedrich! Der klagte nicht mit, der wütete nicht mit, der seufzte nicht mit. Du hältst ihn für einen musikalischen Esel. Du tust ihm unrecht. Er ist ein natürlicher, gesunder Mensch, mit seinen Fässern freilich besser vertraut als mit der Laute, aber doch nicht ganz, wie du meintest, von den Musen verlassen. Sieh, er hat sich wieder herbeigeschlichen, als wir zu singen begannen, unstreitig, weil er aus dem Gesang herauszuhören glaubte, jetzt seien wir wieder vernünftige Menschen geworden, wie er fortgelaufen, weil er uns alle für Narren hielt, als du's mit deinem Lautenspiel immer ärger triebst.« Der Wechsel der Leidenschaften auf dem Gesichte des Baronius war während dieser Anrede noch viel rascher und greller gewesen als vorhin die Übergänge auf der Laute. Doch zum Schlusse biß er die Lippen zusammen, faßte sich und schwieg. Nach langer Pause fuhr er wieder auf. »Also die Lieder, die ihr gesungen, waren Musik?« »Ja, wahrhaftige Musik!« erwiderte der Senior so fest und ernst, als ob er vor seinem Richter stünde und eine Aussage beteure, daran Freiheit und Leben hinge. »Und mein Andante amoroso war auch wahrhaftige Musik?« »Ja, das erste, aber beileibe nicht das zweite. Das erste ergriff uns alle, ergriff dich selber, so tief wie nur immer eines unserer schönsten Lieder. Das zweite war zum Verzweifeln langweilig. Bedenke doch, du berühmter Künstler, daß die wahre Musik uns nicht zu kaltem Staunen verzaubern, daß sie uns erquicken, erheitern, erwärmen soll, ja, und auch die Leidenschaft soll sie in allen ihren Tiefen aufregen» sie soll uns schütteln, daß es uns eiskalt den Rücken hinabrieselt. Aber wenn solche Bursche wie du und deine Genossen uns nach Belieben willenlos hinreißen könnten zu jeder Tat der Leidenschaft, so wäre die Musik wahrlich nicht mehr die göttliche Kunst, sie wäre das gefährlichste Werkzeug des Teufels, das je einem Menschen in die Hand gegeben worden. Heftiger als Scipio und Cato müßte man dann eifern für die Verbannung der Musik aus dem Staate – – doch du hörst mich nicht!« »Freilich höre ich dich«, rief der Lautenspieler aufspringend, und seine Wange glühte wieder, sein großes Auge glänzte und blitzte wieder wie vorhin, als er glaubte, er habe den Lautenspieler des Königs Erich erreicht. »Ich gebe dir recht in allem, ich bin ein Narr gewesen, ich danke dir für deine Kur mit Feuer und Eisen. Aber das erste Andante amoroso war also doch wahrhaftige Musik, nicht wahr? Ich bin geschlagen auf allen Seiten, und doch habe ich mit diesem Andante einen Sieg erfochten, der mich alle die Niederlagen für nichts ansehen läßt.« Er wandte sich gegen Eva, die schon lange mit Friedrich ganz nahe getreten war, dem merkwürdigen Gespräch lauschend. Er sprach zu dem Mädchen: »Als ich das Andante spielte und du mir in die Augen schautest, nicht wahr, da spieltest du keine Komödie? Nein, dieser Blick sprach wahrhaftige Liebe, wie mein Andante wahrhaftige Musik war. Dieser Blick gehört mein, er ist das Beste, was ich heute gewonnen, wie das Thema des Andantes der beste musikalische Gewinn des heutigen Tages. Du schweigst, Eva? Sei versichert: auch mir drang die Liebe ins Herz; oh, ich hätte niemals so spielen können, hätte ich nicht aus der vollen Seligkeit der ersten erwachenden Liebe heraus gespielt. Dies ist mein Sieg, dies mein Gewinn des Wettkampfs von heute. Sei mein, Eva, für immer, wie du mein warst in jenem schönsten Augenblick.« Eva schwieg eine lange Weile und blickte zu Boden. Dann aber erhob sie plötzlich das Köpfchen; sie hatte sich gesammelt. Mit der weichsten, einschmeichelndsten Stimme sagte sie: »Eure Kunst hat in der Tat mich besiegt. Ich wollte anfangs die Liebende spielen, dann aber kam bei der schönen Musik das wahrhaftige Gefühl der Liebe über mich. Aber merket wohl: Eure Kunst, sage ich, hat mich besiegt, nicht Eure Person. Meine Blicke mögen wohl wahrhaftige Liebe gesprochen haben, aber ob sie gleich zeitweilig zu Euch aufschauten, waren doch meine Gedanken nicht bei Euch. Sie waren hier bei Friedrich; nach ihm schielte ich hinüber, sooft Ihr auf das Griffbrett Eurer Laute blicktet, aber er hat's nicht gemerkt und den Scherz für Ernst ersehen und ist plump und grob dareingefahren, wie's eben die Männer machen. Doch das tut nichts«, schloß sie, schelmisch Friedrichs Hand fassend, – »weiß ich doch, was ich an ihm habe, und man hat ihm heute auch gar arg mitgespielt.« Friedrich, dem es beim Anfang von Evas Rede etwas schwül geworden war, hatte nachgehends immer heller und lustiger dreingeschaut, daß sein Gesicht fast aussah wie die aufgehende und endlich wie die mit allen Strahlen leuchtende Sonne. »Habe ich's nicht gesagt?« rief der Senior dem Lautenspieler zu. »Friedrich, der hart von Begriff, kommt immer eine Viertelstunde hinterdrein. Jetzt ist er erst bei der Liebe angelangt, und wir sind schon wieder weit von der Liebe hinweg.« Baronius tat, als ob er den unzeitigen Scherz nicht höre. Er setzte sich in eine einsame Ecke. Es war ein tiefes Weh, das ihm durch die Seele ging. Er klimperte fast unhörbar auf der Laute das Thema, welches jenen seligen Augenblick hervorgezaubert, gleich als wolle er sich noch einmal an der süß-schmerzlichen Erinnerung erquicken. Dann legte er die Laute weg, sprang auf, ging mit starken Schritten in der Stube oftmals auf und ab; endlich trat er wieder zu den Genossen. Seine Mienen waren ernst, nahezu traurig. Aber er hatte sich gefaßt mit der Selbstbeherrschung eines echten Mannes. Er rief Eva und Friedrich zu sich. »Seht«, sprach er in mildem Ton, der gegen seine sonstige herrische Redeweise auffallend abstach, »dieser musikalische Kampf hat mich in einen solchen Taumel gerissen, daß ich ganz vergessen, was ich erst unmittelbar vorher gehört. Habe ich nicht hinter euch gestanden, als ihr meinen Konzertzettel laset und von eurer Liebe und eurer Aussicht zur Heirat spracht? Das hatte ich alles rein vergessen, Friedrich; wie hätte ich sonst an deine Eva denken können? Und sagte Eva nicht damals: wenn der Lautenspieler unser Leid wüßte und ein rechter Christ wäre, dann würde er, der in zwei Stunden fünfhundert Gulden verdient, uns die fünfhundert Gulden schenken, womit die ›Sirene‹ überschuldet ist, und in zwei anderen Stunden sich flugs andere fünfhundert Gulden zusammenspielen und uns glücklich machen, daß wir heiraten könnten? Sagtest du das nicht ungefähr so, Eva? Und Friedrich meinte, so großgemutet sei gar selten ein Musikant. Nun wohl, Eva, ich bin ein rechter Christ. Zudem heiße ich Baronius; darum will ich einmal handeln wie ein Baron. Die fünfhundert Gulden, welche ich gestern abend erspielt, sind kein Hexengold gewesen, sie sind nicht davongeflogen, sie liegen alle noch wohlgezählt in der Kasse. Da sie euch glücklich machen, so schenke ich sie euch – stille! keine Einwendung! Wenn ihr sie nicht nehmt, dann schenke ich sie der ›Sirene‹ als dem Hause, worin ich kuriert worden bin, damit auch die ›Sirene‹ wieder kuriert und frei werde. Und nun gebt euch die Hände und seid glücklich und denkt nicht mehr so schlecht von den Musikanten!« Die Studenten brachten ein donnerndes Hoch zuerst diesem echten Baron, wenn auch ohne Helm und Schild, dann dem Brautpaar. Friedrich und Eva vermochten kaum ihren Dank in Worte zu fassen, besonders kam es Friedrich hart an. Aber sein Respekt war jetzt wieder grenzenlos geworden, und zwar galt er jetzt nicht mehr der Perücke, dem Sammetrock und den Schuhschnallen: er galt dem Mann. »Bringt vom besten Wein!« rief der Senior. »Weg mit diesem ordinären Trank in so feierlicher Stunde. Bringt Bacharacher von dem bewußten Jahrgang, den besten Tropfen, der im Keller liegt. Jetzt hat uns dieser verfluchte Musikant doch noch besiegt, total besiegt. Freund Baronius, deine letzte Rede war Musik, wahrhaftige Musik, die schönste Musik, die wir heute noch gehört. Wer sich darauf keinen Spieß trinkt, der ist ein erbärmlicher Philister. Bei Gott, das hätte ich dem Musikanten nicht zugetraut; der kann mehr als Lautenschlagen und Brot essen!« »Ich bin ein geschlagener Mann«, rief der Virtuos, »aber ich bitte euch, wenn ihr mich liebhabt, gebt mir wenigstens das Zeugnis, daß ich heute die Laute gespielt, wie keiner von euch es je gehört, wie kein Lebender mir es nachmachen wird. Und nicht wahr, Kinder, das Andante amoroso war doch wenigstens wahrhaftige Musik?« »Freilich, freilich!« riefen die Studenten. »Lauter wahrhaftige Musik! Wer daran zweifelt, der ist gefordert auf zahllose Gänge ohne Binden und Bandagen. Baronius hoch! Unser Amphion hoch! Der größte Lautenspieler aller Zeiten hoch!« »Jetzt das Gaudeamus igitur! « rief der Senior mit Donnerstimme, »der Bacharacher steht auf dem Tisch; solch festlicher Wein heischt festlichen Gesang!« Der Chor brauste durch die Stube. Baronius sang nicht mit. Nachdenklich saß er da, die Stirne in die Hand gestützt. »Warum singst du nicht mit?« fragte der Senior, als die Pause nach dem ersten Vers eintrat und die Becher zusammenklangen. »Ich denke nach über das, was wahrhaftige Musik ist. Das wird mir noch lange zu schaffen machen. Ich spüre eine Umwälzung in meinem ganzen musikalischen Menschen. Laß mich in Ruhe, Freund. Ich gehe jetzt nach Hause und schließe mich drei Tage ein, um zu ergründen, wo die wahrhaftige Musik anfängt; komme ich dann aus meiner Höhle, so bin ich wieder auf Leben und Tod dein alter lustiger Baronius!« »Heiliger Gott«, rief der Senior, »sucht der Mensch drei Tage lang mit der Laterne nach der wahrhaftigen Musik, indes wir sie haben und festhalten und wissen gar nicht, wie wir dazu gekommen sind. Freilich sind wir auch keine Musikanten.« Dann ging er zurück zu den Ordensbrüdern. »Weiter, weiter: Pereat tristitia!« Während der Vers gesungen wurde, schlich sich Baronius davon. Der Senior sah es. »Ein guter Kerl, ein teufelmäßig geschickter Kerl, ein nobles Haus wie wenige«, dachte er im stillen Sinne, mit gewaltigem Baß weitersingend. »Aber einen Sparren zuviel hat er doch – wie alle Musikanten.«