Leopold von Sacher-Masoch Polnische Geschichten Breslau 1887 Inhalt Ezech Elchanan Sapiehas Busse Jakob wo bist du? Die gewaltsame Hochzeit Pan Kaniowski Der Krieg der zwei Marien Die wilden Frauen Drei Hochzeiten Lidwina Im Schlitten Auf der Heimfahrt Ezech Elchanan Es war zur Zeit des Carnevals, wo Spässe auch derberer Art erlaubt waren, als ein betrunkener königlicher Offizier, bei hellem Tage, im Kasimierz, dem Ghetto der alten Jagellonenstadt Krakau, erschien und, obwohl er sich nur mit Mühe auf den Füssen halten konnte, die ganze Bevölkerung in Aufruhr brachte. Laut fluchend und singend bearbeitete er die ihm in den Weg kommenden Hebräer mit der flachen Klinge, und zog jene, die sich ängstlich in ihren kleinen dunklen Gewölben verbargen, bei den langen Bärten hervor, um sie dann durch den Strassenkoth zu schleifen. Wie sein Hass gegen die Juden, die vor Kurzem erst von dem Kosakenhetman Bogdan Chmelnizki zu Tausenden in der Ukraine und Galizien geschlachtet worden waren, so äusserte sich aber auch sein Wohlgefallen an den schönen dunkeläugigen Frauen des Ghetto in brutaler empörender Weise. Im Bemühen, ihnen seine Galanterie zu beweisen, zog er ihnen die Stirnbinden herab und zerriss die seidenen Kaftane, in welche die üppigen Gestalten gehüllt waren, und wenn sich die feuchten Rosenlippen gegen seine branntweinduftenden Küsse wehrten, ergriff er die armen Schönen bei dem der Schere Hymens zum Opfer gefallenen kurzen Haar und traktierte sie mit Ohrfeigen, indem er laut brüllte: »Du bist bleich, Rebekka, ich will Dich schminken, warte nur!« Hin und her schwankend gelangte der tapfere Schlachzitz (kleiner Edelmann) endlich zu dem Hause des reichen Kaufmanns Jonas. Hier hatte man schnell die Thüre des Ladens geschlossen, aber die schöne Lea, des Kaufmanns älteste Tochter, schon zum herrlichsten Weibe erblüht, obwohl sie erst zwölf Jahre zählte, war so unvorsichtig, durch die Glasscheibe zu blicken, und ihre Neugierde sollte jetzt furchtbar bestraft werden. Kaum hatte der Trunkenbold sie entdeckt, verlangte er stürmisch Einlass. »Ich will sie taufen,« schrie er, »sie muss meine Frau werden, bei den Pfeilen des heiligen Sebastians.« Lea verbarg sich zitternd hinter den Waarenballen ihres Vaters, aber schon hatte der Offizier die Scheiben eingeschlagen und begann jetzt wüthend die Thüre einzutreten, welche endlich mit einem lauten Krach nachgab. Er stürzte in den Laden, trat den Kaufmann mit Füssen und schleppte Lea bei ihren langen Zöpfen zu den nahen Brunnen. »Weh! Weh! Gewalt!« schrien die Juden in der Strasse, aus den Fenstern und den Gewölben, da – im Augenblick der höchsten Gefahr – theilte ein junger Mann, kaum zwanzig Jahre alt, die Menge, und entriss das weinende Mädchen den Wütherich. Es war Ezech Elchanan, der Verlobte Leas, ein Bachor, wie man damals die jungen Gelehrten nannte, die ihr ganzes Leben, all’ ihren Geist und Fleiss dem Studium der Thora, des Talmud und der Kabbalah weihten. »Was untersteht Du Dich?« schrie der Betrunkene, »Du Zwiebelfresser, Wucherseele, Christusmörder! das Mädchen her!« »Rühr mich nicht an,« erwiderte Ezech Elchanan, »und komme dieser Jungfrau nicht zu nahe.« »Du drohst noch, Kinderschlächter?« brüllte der Pole und fasste den Jüngling beim Barte. Die Antwort war ein kräftiger Faustschlag. Der Offizier taumelte, stürzte lautlos zu Boden und blieb vor dem Brunnen liegen, ohne sich zu regen. »Weh! ist er todt?« rief es hier und dort. Ezech wendete den Polen um, blickte ihm in das bleiche Antlitz mit den gebrochenen Augen und liess ihn dann liegen. »Er ist todt,« murmelte er, »in der That.« Lautes Wehgeschrei erfüllte die Luft, Alles flüchtete in die Häuser. Während alle Fensterläden, alle Thüren geschlossen wurden und der Kasimierz plötzlich einer durch die Pest verödeten ausgestorbenen Stadt glich, zog die todesbleiche Lea ihren Verlobten in das Haus ihres Vaters und dann die dunkle Treppe empor in ihr Gemach. »Was hast Du gethan?« flüsterte sie, indem sie auf den Polsterdivan in dem kleinen Erker hinsank. »Ich habe Deine Ehre beschützt,« gab Elchanan ruhig und stolz zur Antwort. »Du hast recht gethan,« rief Lea, »Du mein Held, mein Einziger, aber was soll aus uns Allen werden? Finden sie Dich hier, werden sie uns das Dach über dem Kopf anzünden und Dir die schönen Glieder auf das Rad flechten.« »Ich werde fliehen,« sagte der Jüngling. »Aber wie und wohin?« »Hilf mir nur, aus Krakau zu entkommen,« entgegnete Elchanan, »das Übrige macht mir keine Sorge.« Einen Augenblick dachte Lea nach, dann rief die ihren Vater und ihre alte Dienerin. Während Jonas eilig dem Jüngling den Bart abnahm, schor ihm die Geliebte das Haupthaar. Dann gab man ihm ein paar seidene Scheitel und eine alte Stirnbinde, kleidete ihn in ein altes verschossenes Frauengewand und einen langen fadenscheinigen Kaftan, gab ihm einen Korb mit geschlachteten Gänsen unter den Arm und liess ihn durch das Hinterpförtchen hinaus. Es war die höchste Zeit. Kaum hatte er noch einmal Leas rothen Mund geküsst, kaum war das Schloss hinter ihm zugefallen, so pochte schon die Wache vorne an das Hausthor. Während man sie hereinliess, und die Schergen fluchend das Haus bis unter das Dach hinauf und bis in den Keller hinab durchsuchten, kam Elchanan, indem er gleich einem alten Mütterchen gebückt dahinschlich, glücklich durch eine Reihe düsterer Seitengässchen an die Weichsel, liess sich in einem Kahn an das andere Ufer überfahren, fand einen Bauernwagen, den er mietete und gelangte nach mehrtägiger Fahrt ohne jedes weitere Abenteuer nach der Königsstadt Warschau, wo er bei einem seinem Vater befreundeten jüdischen Getreidehändler männliche Kleider anlegte und noch denselben Tag als gemeiner Soldat in die Reihen des königlichen Heeres eintrat. Es war im Jahre 1655, wo König Johann Kasimir von Polen in Folge der kleinrussischen Wirren, des Kosakenkrieges und seiner schwankenden Politik auch noch mit Moskau und Schweden in Krieg geraten war. Schon hatten die Russen mit den Kosaken vereint Smolensk und Wilna erobert und waren im Süden bis Lemberg vorgedrungen. Jetzt erschien auch Karl Gustav von Schweden mit seinem Heere auf dem Kampfplatz und drang über Preussen in Grosspolen ein, von dem unzufriedenen Adel mit offenen Armen empfangen. Als die Schweden sich Warschau näherten, entfloh König Johann Kasimir nach Schlesien. Seine Truppen leisteten in der Hauptstadt noch den letzten schwachen Widerstand. Hier war es, wo Ezech Elchanan sich das erste Mal bemerkbar machte: Ein schwedischer Anführer forderte die Schaar, der er angehörte, auf, die Waffen zu strecken. Während die polnischen Offiziere, die vollständig entmuthigt waren, sich beriethen, sprang Elchanan auf den Schweden los, riss ihn vom Pferde und brachte ihn als Gefangenen zu den Polen herüber. Als Warschau genommen war, gingen auch die letzten polnischen Truppen zu dem Schwedenkönige über. Nur wenige Getreue entkamen unter dem Schutz der Nacht nach dem Kloster Czentstochowa, unter ihnen auch der Krakauer Jude Ezech Elchanan. Während Schweden und Russen das ganze polnische Gebiet überschwemmten und der König in der Ferne weilte, vertheidigte Augustin Kordezki, Prior des Paulinerordens, mit wenigen tapferen Patrioten dieses auf dem Berge Jasnagora gelegene, durch sein wunderthätiges Muttergottesbild berühmte Kloster muthig und erfolgreich gegen die Feinde. Als der letzte blutige Sturm abgeschlagen war und Ezech Elchanan, der wie ein Löwe gefochten, mit Blut übergossen auf einem Steine sass und sich selbst die Wunden, die er davongetragen, verband, trat der edle Mönch zu ihm hin, reichte ihm die Hand und sprach: »Jude! Du bist es werth, ein Pole zu heissen, der Himmel segne Dich!« Das Beispiel von Czentstochowa zündete mächtig im ganzen Reiche, wie wenn die heilige Jungfrau ein neues und unglaubliches Wunder gewirkt hätte. Überall ermannten sich die Freunde des Vaterlandes, berieten und begannen nach kurzem Berathen zu handeln. Elchanan eilte als Bote hin und her. Kurz vor Jahresschluss, am 25. December 1655, schlossen mehrere der vornehmsten Magnaten in Jiszowze eine Conföderation gegen Karl Gustav von Schweden und riefen den rechtmässigen König Johann Kasimir zurück. Die Lanzkoronski und Potocki standen an der Spitze der Bewegung. Stanislaw Lanzkoronski belohnte jetzt Elchanan für seine Tapferkeit und seine Vaterlandsliebe, indem er ihn zum Offizier ernannte und ihm den Namen Krakowski (der aus Krakau) verlieh. Der König eilte durch Schnee und Eis, über Ungarn und die Karpathen nach Galizien und erschien unerwartet in Lemberg, wo man ihn mit Jubel empfing und der Adel sich um ihn schaarte. Bald war ein ansehnliches Heer beisammen, das Johann Kasimir sowie seine Person und sein Reich dem Schutze der heiligen Jungfrau von Czentstochowa empfahl. Schnell kehrten jetzt die polnischen Truppen aller Orten zu der Fahne Johann Kasimirs zurück und zogen unter dem Commando des Kronfeldherrn Lubomirski und des Stephan Czarniecki gegen die Russen und Schweden in das Feld. Zur glücklichen Stunde fand Polen an Dänemark einen werthvollen Bundesgenossen. In dem nun folgenden Feldzuge gegen Karl Gustav zeichnete sich Elchanan Krakowski wiederholt aus, besonders in der blutigen dreitägigen Schlacht bei Praga. Czarniecki war den Schweden unablässig auf den Fersen und führte eine Reihe gelungener Überfälle aus. Als der Krieg endlich durch den Frieden zu Oliva im Jahre 1660 beendet wurde, war Elchanan Oberst geworden und befehligte ein Regiment. Mitten im Feldlager und den wechselnden Abenteuern des Krieges war indess Ezech Elchanan doch immer der bescheidene Weise, der menschenscheue Talmudjünger geblieben, und nie hatte ihn das Bild seiner schönen keuschen Braut verlassen. Er kam nach dem Kriege nach Warschau. Der Adel zog ihn in seine Kreise, und der tapfere Krakauer Jude durfte sogar am Hofe erscheinen. Man ignorirte seinen Glauben, seine Abkunft. Die Königin sogar begann sich für ihn zu interessiren und beschied ihn eines Tages zu sich. Als er in das reich geschmückte Gemach getreten war und sich vor ihr auf ein Knie niedergelassen hatte, fasste ihn die hohe Frau, die in den Polstern eines türkischen Divans halb majestätisch und halb kokett ruhte, erst scharf in das Auge und winkte ihm dann aufzustehen. »Elchanan Krakowski,« begann sie gnädig lächelnd, »Du gefällst unsern Damen. Weisst Du das, oder weisst Du es nicht?« Elchanan erröthete. »Ei! wie unschuldig Du bist, etwas zu unschuldig fast für einen Kriegshelden und königlich polnischen Obersten,« fuhr die Königin fort, »Du hast indess keine Ursache, Dich Deiner Triumphe zu schämen. Ich selbst, ich Deine königliche Herrin, habe Dir meine Gunst geschenkt und will Dich glücklich sehen. Versprich mir zu gehorchen.« »Es wird mir leicht werden, gnädigste Königin, Ihren Befehlen Folge zu leisten,« erwiderte der Oberst. »Gut, dann gieb mir Dein Ehrenwort.« »Sobald ich weiss, dass was Sie mir befehlen, hochmächtige Herrin, nicht gegen mein Gewissen ist.« »Wie vorsichtig Du bist, auf dem Schlachtfelde warst Du es nicht,« fuhr die Königin fort, »also, dies ist mein Wille, Du sollst eine Frau nehmen, die ich Die erwählt habe, Krakowski, das reiche und schöne Fräulein Elisabeth Brzostowska, und deshalb musst Du Dich taufen lassen.« Wieder wurde Elchanan roth, aber diesmal ungleich kräftiger. »Entscheide selbst, hohe Frau,« sprach er nach langem Zögern, »ich habe eine Braut, ein Mädchen meines Volkes, ihretwegen zog ich in den Krieg und sie schwur, mich in Treue und Geduld zu erwarten. Darf ich jetzt, wo mir das Glück, wo mir die Sonne Deiner Huld lächelt, die Geliebte meiner Jugend verrathen und verlassen?« Die Königin sann nach. »Wie lange hast Du nichts von ihr gehört?« fragte sie endlich. »Fünf Jahre.« Die Königin sah Elchanan an, halb verwundert und halb mitleidig, dann lächelte sie fein: »Gieb mir also Dein Ehrenwort,« sagte sie, »wie ich Dir das meine gebe. Du gehst sofort mit Deinem Regiment nach Krakau. Findest Du Deine Braut unvermählt und Dir treu, dann segne ich Euch. Hat sie einen Andern geheiratet, oder in Deiner Abwesenheit ihr Herz an einen Andern verschenkt, dann gehörst Du mir, Krakowski, und ich lasse Dich ohne Gnade taufen.« »Ich bin’s zufrieden, mein Ehrenwort,« gab Elchanan zur Antwort. Die Königin reichte ihm herablassend die Hand, und während er dieselbe küsste, lächelte sie wieder fein und überlegen auf ihn herab. Es war an einem stürmischen Novemberabend, während der Wind in den alten, schwarzen Rauchfängen polterte und dichter Schnee auf die Kirchen, die stolzen Adelspaläste und die kleinen Judenhäuser von Krakau herabfiel, als es kräftig an das Tor des reichen Kaufmanns Jonas klopfte und dieser nicht lange darauf zwei kostbar gekleidete jüdische Männer in das Zimmer seiner Tochter führte. Lea war seither zum Weibe erblüht. Ein wenig bleich, aber dadurch nur um so rührender in ihrer herzbezwingenden Schönheit, sass sie in der Tiefe des Fensters über einen Stickrahmen gebeugt, und wendete ihr reines Profil, von der Lampe sanft erhellt, den Eintretenden zu. Von diesen blieb der Eine an der Thüre, so recht im Schatten stehen, während der Andere mit silberdurchzogenem Haar und Bart, sich ehrerbietig Lea näherte. »Ich bin gesendet von dem reichen Abraham, dem Sohn des Nathan, in Kiew,« begann er mit freundlich leuchtendem Blick, »zu werben um Deine weisse Hand, Du schöne und kluge Tochter des reichen und gerechten Jonas, für Ephraim, des Abraham Sohn, den Enkel des Nathan, der der Weisesten einer war, ein Licht des Glaubens und der Weisheit, als Rabbi von Sandomir.« »Eine grosse Ehre,« erwiderte Lea, die sich erhoben hatte, züchtig und bescheiden, »aber ich muss für dieselbe danken, ich kann keines Mannes Weib werden und wäre er noch so angesehen und trefflich.« »Und warum nicht?« fragte der Werber lächelnd. »Weil ich die Braut des Ezech Elchanan bin,« versetze Lea, »der um meinetwillen einen Elenden erschlug, und deshalb in die Fremde fliehen musste. Diesem werde ich treu bleiben die zum Grabe, und so Gott will, noch über das Grab hinaus, denn ihm gehört mein Herz, und ich könnte niemals einen Andern lieben.« Jetzt war es dem Manne, der, in einen dunklen Mantel gehüllt, im Schatten an der Thüre stand, unmöglich, noch länger der Empfindungen Herr zu werden, die übermenschlich auf ihn einstürmten. Er warf die Verhüllung ab und stürzte zu Leas Füssen nieder. »Elchanan! mein Geliebter!« schrie diese auf, und schloss den verloren Geglaubten mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit an ihre Brust. – Der Greis, der mit Elchanan gekommen war, sein Oheim Eleazar aus Tarnow, und der vor Glück strahlende Jonas verliessen leise die Stube. Die fühlten, dass sie hier überflüssig waren, und während sie jetzt unten in dem Gewölbe des Kaufmanns, unter klugen Reden, eine Flasche herrlichen alten bernsteinfarbigen Tokayers zusammen ausstachen, sassen die treuen Liebenden oben in der Fensternische zusammen, zärtlich umschlungen, und es begann ein herzliches Fragen und Antworten, ein Erzählen, das kein Ende nehmen wollte. Am folgenden Tage aber war der Kasimierz festlich geschmückt. Zu allen Fenstern hingen farbige Teppiche heraus, die Thüren der kleinen dunklen Gewölbe waren mit Tannenreisig geschmückt und der Erdboden allenthalben mit grünem Schilf bestreut. Zur Mittagsstunde ertönte Trompetengeschmetter, ertönten Pauken und Flöten. Ezech Elchanan Krakowski hielt hoch zu Ross an der Spitze seines Regiments seinen Einzug in dem düsteren Judenviertel der Jagellonenstadt. Tausende von Neugierigen füllten die Strassen, die Thüren, die Fenster und Alle jubelten dem Sieger entgegen, ja sogar von den Dächern herab erschallten Zurufe und fielen Blumen zu den Füssen des Helden nieder. Die Rabbiner begrüssten ihn mit der Gesetzesrolle und einer blumenreichen, seine Tugenden preisenden Anrede. Als er sich aber dem Hause des Kaufmanns Jonas näherte, da stand Lea, reich geschmückt, in stolzer triumphierender Schönheit auf dem kleinen Balkon, und warf ihm einen grossen Kranz zu, den er mit seinem Säbel auffing, und dem Pferde, das er ritt, um den Hals legte.   Sapiehas Busse Es war am 3. Mai 1685, zur Zeit König Sobieskis, als eine trefflich berittene und gerüstete Schaar in das den Kamaldulenserinnen von Wilna gehörige reiche Gut Brostowo eindrang und mit bewaffneter Hand Besitz ergriff. Der Kastellan Zaba, der dasselbe Namens der Äbtissin verwaltete, begnügte sich, feierlich zu protestiren, und ergab sich dann ohne weiteren Widerstand in sein Schicksal. Eine halbe Stunde nach dem Überfall sass er bereits in einem Gemach des Erdgeschosses mit dem feindlichen Anführer beim Weinkrug. »Sagt mir nur, edler Herr,« begann er, »was das für eine Welt heute ist, giebt es denn keinen König, kein Gesetz, keinen Kirchenbann mehr, dass Euer Herr, der Palatin, ohne Weiteres ein der Kirche gehöriges Besitztum so zu sagen rauben kann?« »Wer soll ihn hindern?« antwortete der Offizier Sapiehas, Herr Zurawski, und strich seinen langen Schnurrbart, »der König am Wenigsten. Wer hat diese Wirren in Lithauen verschuldet? Niemand als die Pac, die sich zu den wahren Herrschern dieses Landes gemacht und den Adel unterdrückt hatten, diese stolzen Herren, die in ihrem Hochmuth so weit gingen, dem heldenmüthigen Johann Sobieski, als er 1675 zum König von Polen erwählt wurde, zu opponiren. Weiss Gott, ihr Hass hat ihnen schlechte Früchte getragen. Als der Hetman Michael Pac sich nun gar weigerte, mit dem Könige in die Ukraine in den Krieg zu ziehen, beschloss dieser, die Sapiehas gegen die Pac auszuspielen, die Sapiehas, welche ebenso grosse Güter und Reichthümer wie die Pac besassen, sich aber von allen Ehren und Würden ausgeschlossen sahen. Der König gab ihnen hohe Ämter und mit einem Male hatten sie auch eine Armee und Kanonen. Kasimir Sapieha wurde Unterhetman und Kastellan von Wilna, Benedict Grossschatzmeister, Michael Grossstallmeister, und der jüngste, Leon, mein gnädiger Herr, wurde Schatzmeister des Königs und Palatin von Polock, und als im vorigen Jahre Herr Michael Pac starb, ernannte der König an seiner Stelle den hochgeborenen Herrn Kasimir Sapieha zum Hetman.« »Verstehe,« sprach der Kastellan, im seinem Fette schnaubend, »aber was geht das uns an, die wir der Kirche dienen?« »Sehr richtig,« erwiderte Herr Zurawski, »nur ist ein Umstand, den Ihr vergesst. Ist Eure hochwürdige Äbtissin Telimena nicht eine Pac? Grund genug für meinen Herrn, ihr Brostowo wegzunehmen; und wäre es nur, weil die Pac sich damit brüsten, von der Pazzi von Florenz abzustammen, und der selige Hetman, zu Ehren der heiligen Maria Magdalena von Pazzi, seiner angeblichen Verwandten, das Kloster zu Wilna erbaut hat.« »Ja, ja, zwei Millionen hat es uns gekostet,« seufzte der Kastellan, »und dabei ist es noch nicht ganz ausgebaut.« Nicht lange nach dem Zajazd (Besitzergreifung mit bewaffneter Hand nach polnischem Recht) erschien der Palatin Leon Sapieha mit einem kleinen, aber glänzenden Gefolge in Wilna, stieg vor dem Thore des Kamaldulenserinnen-Klosters vom Pferde und begehrte Einlass sowie eine Unterredung mit der Äbtissin, welche ihm diese auf der Stelle gewährte. Der Palatin wurde am Thore von zwei älteren würdigen Nonnen empfangen und in das mit reichem Luxus eingerichtete Empfangszimmer geführt, das ausserhalb der Klausur lag. Hier liess man ihn allein. Es währte nicht lange, so trat die Äbtissin herein. Sapieha starrte dieselbe einige Augenblicke fast unartig an, er war auf Alles gefasst, nur nicht auf diese Erscheinung. Vor ihm stand eine junge Dame von höchstens fünfundzwanzig Jahren, eine mittelgrosse schlanke Gestalt mit jungfräulich stolzen Formen, welche über dem weissen Habit einen langen sich weich anschmiedenden Talar von violetter Seide mit fürstlichem Hermelin gefüttert und besetzt trug. Das runde frische Gesicht mit der feinen eigensinnigen Nase blickte aus schlauen grauen Augen fast muthwillig auf ihn. Unter dem weissen Velum, das ihr Haupt einhüllte, quollen einzelne goldige Härchen hervor und umspielten die schöngebildeten Ohren und den blendenden Nacken gleich Sonnenlichtern. Sapieha kam erst zur Besinnung, als die Äbtissin Telimena sich würdevoll niederliess und ihm einen Platz ihr gegenüber anwies. »Schön, Herr Palatin,« begann sie kampflustig. »Ihr Gewissen schreckt also nicht einmal von der Sünde zurück, sich mit dem Gute der Kirche zu bereichern. Denken Sie denn nicht an die göttlichen und ewigen Strafen, die Sie erwarten?« »Nein,« erwiderte Sapieha laut und lustig, »ich denke an etwas ganz Anderes.« »An was, wenn ich bitten darf?« »Ich denke,« fuhr der junge männlich schöne Palatin, seinen schwarzen Schnurrbart streichend, fort, »wie herrlich das gewesen wäre, wenn Sie, statt eine Braut des Himmels, – meine Frau geworden wären.« »Weshalb schmeicheln Sie mir? Sie bleiben doch mein Feind,« entgegnete Telimena spöttisch, aber sie war trotzdem ein wenig rot geworden. »Ich spreche aufrichtig,« fuhr Sapieha fort, »Sie wären eine Frau für mich gewesen, wie keine Andere, und diese Verbindung hätte die Pac und die Sapiehas geeinigt und Lithauen den Frieden zurückgegeben.« »Das ist nun vorbei.« »Leider.« »Wer weiss, vielleicht könnte auch ich es bedauern,« sprach Telimena und blickte zur Erde, während ihre kleine Hand tändelnd in dem üppigen Pelzwerk, das um sie knisterte, versank, »aber wäre auch unter den jetzigen Verhältnissen der Friede nicht dem Kampfe vorzuziehen?« »Das hängt nun von Ihnen ab.« »Ich bin zu einem Vergleich bereit.« »Also, ich will Brostowo herausgeben, sobald Sie mir gestatten, einige meiner Soldaten für unbestimmte Zeit auf den Klostergütern einzuquartieren.« »Soldaten! auf unbestimmte Zeit!« rief Telimena aufbrausend, »davon kann keine Rede sein.« »Dann behalte ich Brostowo.« »Trotz Ihrer Verehrung für mich?« »Gehen Sie nach Rom, Telimena,« rief Sapieha mit blitzenden Augen, »suchen Sie Dispens zu erlangen, für Geld kann man in Rom Alles haben, und sobald Sie von diesen geistlichen Ketten frei sind, liege ich zu Ihren Füssen.« »Sie werden auch so zu meinen Füssen liegen,« sprach die Äbtissin gelassen, ihren Pelz streichelnd, »Sie kennen die Macht der Kirche nicht.« »Ich kenne dafür Ihre Macht, Telimena, diese macht mir viel mehr bange.« »Dann geben Sie unser Klostergut heraus.« »Sie kennen die Bedingungen.« »Die ich nicht annehmen kann.« Sapieha zuckte die Achseln, während die Äbtissin überlegte. »Sie geben mir Brostowo nicht?« sagte sie endlich. »Nein.« »Sie sollen also durchaus den Krieg?« »Sie zwingen mich dazu, schöne Frau!« »Gut, also Krieg,« schloss Telimena, sich erhebend, »und kein Friede, ehe Sie nicht besiegt zu meinen Füssen liegen.« Der Palatin entfernte sich mit einem Seufzer, er hatte zum ersten Male ein Weib gefunden, das ihm imponirte. Als er sie verlassen hatte, ging die Äbtissin noch einige Zeit mit verschränkten Armen auf und ab, ihre zarte Brust athmete ruhig unter dem schwellenden Hermelin, um ihre schlauen Augen und ihren trotzigen Mund spielte erst ein schelmisches Sinnen, dann ein anmuthig boshaftes Lächeln. Ein feiner Plan war in ihrem Köpfchen gereift. Sie blieb stehen, erhob die sammtne Hand und drohte mit dem Zeigefinger, an dem ein Rubin gleich einem Feuerfunken hing, gegen die Thüre, durch welche der Palatin hinausgeschritten war. Für’s erste kam ihr jedoch dieser zuvor. Schon nach wenigen Tagen erschien ein Trupp seiner Reiter, erzwang sich den Einlass in das Kloster und quartierte sich in diesem ohne Weiteres ein. Die Äbtissin zuckte mit keiner Wimper, sie sass in ihrem Hermelinpelz wie ein lauerndes Kätzchen, das mit geschlossenen Lidern zu schlummern scheint, während die Mäuse um dasselbe spielen. Sie zog den Anführer der Reiter, Herrn Krakowski, Mittags zur Tafel, und dieser war beim Nachtessen bereits so begeistert von den Reizen und der Liebenswürdigkeit der Äbtissin, dass er stürmisch aus deren Schuh zu trinken verlangte (Polnische Sitte der Frauenhuldigung). Telimena gewährte ihm diese Gunst mit lächelndem Munde, nachdem sie der Schwester Lodoiska, welche den Keller verwaltete, einen spitzbübischen Wink gegeben. »Die beste Flasche Tokayer!« befahl sie. Als derselbe zur Stelle war und Herr Krakowski sich vor Telimena auf ein Knie niedergelassen hatte, kam auch schon unter dem schimmernden Hermelinsaum das kleine Füsschen hervor. Mit leuchtenden Augen zog der galante Offizier den niedlichen Sammetpantoffel herab, und kaum hatte ihn Schwester Lodoiska mit Wein gefüllt, leerte er ihn auch schon auf einen Zug, indem er Telimena ein lautes Vivat zurief. Als Krakowski seinen Platz an der Seite Telimenas wieder eingenommen hatte, liess diese ihre schlauen Augen mit heiterer Neugier auf ihm ruhen. Es währte nicht lange, so wurde seine Zunge schwer und er begann sich schlaftrunken die Stirne zu reiben, dann fielen ihn die Augen zu und endlich sank sein Kopf auf die Brust und er schlummerte süss wie ein Kind in der Wiege. Telimena neigte das Haupt und blickte ihm mit fast kindlicher Freude von unten in das Gesicht, dann gab sie den Nonnen ein Zeichen, und alle zugleich begannen in die Hände zu klatschen und laut zu lachen. Die Äbtissin aber nahm den nächsten besten Kork, hielt ihn über die Lampe, und malte dann mit demselben ihrem schlafenden Verehrer eine riesige schwarze Brille in das Gesicht. Schwester Lodoiska fügte ein paar drastische Augenbrauen, eine zweite Nonne einen dicken Strich über die Nase hinzu, und so trieben die frommen Klosterfrauen ihr übermüthiges Spiel mit dem armen Krakowski eine Weile kichernd fort, während zu gleicher Zeit seine Reiter, welche der Kastellan unten im Keller bewirthet hatte, einer nach dem andern vom Stuhle fielen und dann auf Befehl der Äbtissin in einem als Kerker dienenden unterirdischen Gewölbe gleich Holzscheiten aufgeschichtet wurden. Nachdem auch Krakowski in sicheres Gewahrsam gebracht worden war und Telimena selbst alle Schlösser gesperrt und alle Riegel vorgeschoben hatte, begann auf ihr Geheiss die lustigste Maskerade. Die jungen Nonnen verwandelten sich mit der grössten Geschwindigkeit in Soldaten, während Telimena die Stelle des Anführers übernahm. Die Säbel klirrten, die Lanzen blitzten und helles Lachen tönte dazwischen, als sie im Schlosshof die Pferde der Sapieha’schen Reiter bestiegen. Dann ging es im Galopp hinaus in die sternenhelle Nacht und nach dem nahen Städtchen Grodno. Dort, im Judenviertel, hielt die fröhliche Schar vor dem Hause des reichen Kaufmanns Mordochai, dessen schöne Tochter Esther die Geliebte Leon Sapiehas war, wie Telimena in Erfahrung gebracht. Zwei der Amazonen stiegen ab, klopften mit dem Säbelknauf an das Thor und verlangten Einlass. Da Mordochai gerade abwesend war, erschien Esther am Fenster und fragte erschrocken, um was es sich handle. Sie hätten Befehl vom Palatin, die schöne Esther zu entführen, lautete die Antwort. Die schöne Jüdin, rasch entschlossen, raffte ihren Schmuck und noch einige andere Kostbarkeiten zusammen und kam dicht verschleiert heraus. Man hob sie auf ein Pferd und im Sturme ging es wieder zurück nach Wilna. Es währte einige Zeit, ehe der Palatin von dem Raube erfuhr; als er eines Tages nach Grodno kam und das Nest leer fand, wusste er sofort, wo er die kleine schöne Hand zu suchen habe, die hier im Spiel gewesen. Zuerst kam er allein nach Wilna zur Äbtissin und verlangte die Auslieferung Esthers sowie seines Offiziers und seiner Soldaten. Telimena zuckte die Achseln. »Wir sind im Kriege,« sagte sie, »und da sucht ein Jeder Gefangene zu machen.« Sapieha zog unverrichteter Sache ab. Als er aber mit Fussvolk und Reitern zurückkehrte, fand er das Kloster im Vertheidigungszustand, von Kriegsvolk der Pac besetzt. Auf der Mauer standen Geschütze, die Brücke war aufgezogen, der Graben mit Wasser gefüllt und dazwischen flatterte der Hermelinpelz der Äbtissin, vom Winde bewegt, wie eine Fahne. Einen Angriff wagte der Palatin nicht, aber er schloss das Kloster von allen Seiten ein, in der Hoffnung, die Nonnen bald aushungern zu können. Nach acht Tagen war er schon der ganzen Sache müde. Verdriesslich umritt er die kleine geistliche Festung, und da sich die Äbtissin auf dem Walle zeigte, grüsste er sie und fragte, ob ihre Speisekammer noch nicht leer sei. »O, wir essen und trinken vorzüglich,« erwiderte Telimena, »aber ich langweile mich furchtbar; wenn Sie galant wären, kämen Sie zu mir herein, mir die Zeit zu vertreiben.« »Sehr gerne.« »Also gleich heute zum Diner.« Sapieha erschien in der That und das Mahl war ebenso delicat als heiter. »Wo ist nun meine Jüdin?« fragte er endlich leise. »Esther? Ein schönes Mädchen,« erwiderte die Äbtissin, »sie wird in Rom ihr Glück machen.« »Sie scherzen.« »Ich bin stolz, diese Seele gerettet zu haben,« fuhr Telimena fort, »sie hat sich taufen lassen und ist mit Briefen von mir an mehrere Cardinäle auf dem Wege nach der ewigen Stadt.« Sapieha blieb einige Zeit sprachlos. »Und meine Soldaten?« fragte er endlich, »sind die auch nach Rom?« »Ihre Soldaten können Sie haben, sobald Sie mir Ihr Ehrenwort geben, nichts Gewaltsames mehr gegen mich zu unternehmen. Es ist eines Mannes von Geist nicht würdig, eine Dame mit solchen rohen Waffen zu bekämpfen, uns stehen ja feinere und anmuthigere zu Gebote:« »Hier meine Hand.« »Sie ziehen ab und unternehmen nichts Ähnliches mehr gegen mich.« »Mein Ehrenwort!« »Und Brostowo?« »Behalte ich.« »Also wir kämpfen weiter.« Die Äbtissin gab die Gefangenen heraus und Sapieha zog ab. Er hielt Wort, und auch sie verhielt sich während des Sommers ruhig, aber sie setzte den Krieg in ihrer Weise fort, als der Palatin zu Beginn des Herbstes um die Hand der Tochter des Kastellans von Wilna, Jadwiga Oginska, warb. Man sah die Bewerbung gerne, und auch das Fräulein schien ihm hold. Schon wurde an der Aussteuer genäht, als plötzlich Jadwiga aus dem Elternhause verschwunden war. Sapieha zerbrach sich nicht lange den Kopf. Er kam auf prächtig geschirrtem Pferde vor das Kloster und hielt um eine Unterredung mit der Äbtissin an, die ihm sofort gewährt wurde. »Wo ist Jadwiga?« war seine erste Frage. Telimena antwortete mit einem silberhellen Lachen. »Auch in Rom?« »Nein, in Krakau.« »Zu welchem Zweck?« »Sie hat sich entschlossen, den Schleier zu nehmen.« »Welche Sünde! sich lebendig zu begraben!« »O! Ich befinde mich ganz wohl dabei, wie Sie sehen.« »Aber wollen Sie mir denn jede Geliebte entreissen?« »Jede.« »Es ist Ihr Ernst?« »Mein voller Ernst. Ich gebe nicht nach, ehe Sie nicht zu meinen Füssen liegen.« »Und wenn ich, zur Verzweiflung getrieben, Sie selbst entführe?« »Thun Sie es,« spottete Telimena, »das wäre doch einmal ein aufregendes Abenteuer, ich bin noch nie entführt worden.« »Mit Ihnen ist es schwierig zu kämpfen.« »Ergeben Sie sich also.« »Noch nicht.« Der Palatin begann hierauf der schönen jungen Wittwe des Starosten von Siradin, Frau Bonna Bialopiotrowicz, den Hof zu machen, obwohl dieselbe in dem Rufe stand, ihre Anbeter wie die Handschuhe zu wechseln. Es war indess eine der reichsten Partien, und als Bonna sich Leon Sapieha geneigt zeigte, und man von gewissen geheimnissvollen Besuchen im Dunkel der Nacht zu flüstern begann, beneidete mancher verschuldete Magnat den schönen Palatin um das Glück, das er bei den Frauen hatte. Die Hochzeit war bereits anberaumt, als eines Tages, kurz vor Lichtmess, die Äbtissin Telimena, eine Jugendfreundin Bonnas, in Siradin erschien. Sie verstand es, der leicht erregbaren Lebefrau einerseits ihren strafbaren Lebenswandel, anderseits die Qualen des Höllenpfuhles mit so grellen Farben zu malen, dass Bonna mit einem Male ihren ganzen Sinn änderte, an Sapieha einen Absagebrief schrieb und sich in das Kloster der Kamaldulenserinnen zu Wilna zurückzog, um dort in reuiger Demut Vergebung ihrer Sünden von Gott zu erflehen. Als Sapieha diesmal vor der Klosterpforte erschien, wurde ihn diese zwar aufgethan, aber die Äbtissin weigerte sich, ihn zu empfangen. »Ich lasse mich nicht abweisen,« rief er, »ich dringe mit Gewalt zu ihr!« »Die hochwürdige Mutter befindet sich in der Kapelle, wo sie wohl vor Ihnen sicher ist, gnädiger Herr,« erwiderte die Pförtnerin. »Begehe ich denn ein Sacrilegium, wenn ich dort eintrete?« »Gewiss, denn kein Mann darf die Schwelle der Klausur überschreiten.« Sapieha dachte einen Augenblick nach, dann spielte ein Lächeln um seine Lippen. »Ich werde sie nicht überschreiten,« sprach er, »mein Wort als Edelmann, aber die Äbtissin wird mich deshalb doch empfangen müssen.« Rasch entschlossen gab er seinem prächtigen Pferde die Sporen, sprengte durch die Pforte und ritt dann tollkühn die Treppe empor. Erst oben im Vorsaal, jenseits der Klausur, stieg er von dem vertrauten Thiere herab und sprich sich stolz den Schnurrbart. »Das war ein Meisterstück,« sprach Telimena, die ihm mit leuchtenden Augen entgegen eilte. Sie nahm hierauf seinen Arm und führte ihn in ein prächtig eingerichtetes Gemach. »Für dieses Mal bin ich besiegt,« fügte sie, sich auf den weichen Polstern niederlassend, hinzu: »Sie geben Bonna heraus?« »Die arme Bonna, sie wird sehr von Gewissensbissen gepeinigt und ist eben im Begriffe, Busse zu thun, ich fürchte, sie ist für Sie verloren.« »Telimena, Sie sind mit dem Teufel im Bunde.« »Im Gegentheil, ich treibe Teufel aus.« »Wie?« fragte Sapieha, indem er neben ihr Platz nahm. »Mit der Geissel.« »Sie werden Bonna geisseln?« »Gewiss, heute noch.« »Sie könnten so grausam sein, diesen schönen Leib zu zerfleischen?« »Bonna hat dieses Mittel erwählt, um ihre Seele zu retten, sie hat es der heiligen Maria Magdalena von Pazzi gelobt.« »Nie, niemals darf dies geschehen,« rief der Palatin, »verlangen Sie, was Se wollen, triumphiren Sie über mich, aber geben Sie Bonna frei.« »Sie ergeben sich?« Telimena sah ihn ruhig von der Seite an. »Ja!« »Dann lässt sich darüber sprechen.« »Dictiren Sie mir den Frieden.« »Sie bekommen also Bonna sammt ihren Gütern und ihrer reichen Aussteuer und geben dafür Brostowo heraus.« »Angenommen.« Sapieha athmete auf und küsste feurig die Hand, welche ihm Telimena zur Bestätigung des Vertrages geboten hatte, da zog aber plötzlich ein schlaues Lächeln von ihren vollen rothen Lippen zu den schönen grauen Augen empor. »Aber Bonnas Gelöbniss,« sprach sie lauernd, »wenn das Heil ihrer Seele nicht Gefahr laufen soll, muss dasselbe erfüllt werden.« »Unmöglich!« »Es gäbe nur ein Mittel, Bonna zu retten.« »Welches?« »Dass Sie, mein lieber Palatin, die Busse für Bonna auf sich nehmen.« »Ich – ich soll mich geisseln lassen?« »Warum nicht, es würde dem heile ihrer Seele ohne Zweifel sehr dienlich sein.« »Ich bin zu Allem bereit,« sagte Sapieha rasch entschlossen, »welche Busse Sie mir auch auferlegen wollen.« »So spricht ein polnischer Edelmann, ich bin mit Ihnen zufrieden,« gab die Äbtissin zur Antwort und warf, sich erhebend, einen Blick auf Sapieha, den dieser nicht verstand, der ihn jedoch im tiefsten Herzen traf. »Ich werde sofort die nöthigen Befehle ertheilen, erwarten Sie mich.« Eine Viertelstunde später stand Telimena in der von hundert Kerzen strahlenden Kapelle auf den Stufen des Altars, und während die Nonnen im Chor ein Busslied sangen, lag der Palatin vor ihr auf einem Teppich, das Antlitz zur Erde, in Kreuzesform ausgestreckt und erweckte Reue und Leid. Leise kam Telimena die Stufen herab und beugte sich über ihn. »Nun, da sind Sie ja zu meinen Füssen,« flüsterte sie, »auch ohne Dispens aus Rom. Aber stehen Sie jetzt auf, es ist genug.« Sapieha richtete sich halb auf und auf den Knien vor ihr fragte er ebenso leise: »Und die Busse, die Sie mir auferlegen, Telimena?« »Mein Gott,« erwiderte diese mit liebenswürdiger Bosheit, »ich verheirate Sie mit Bonna, ist das nicht genug?« »Sie glauben mich damit zu strafen?« »Allerdings, und noch dazu mit raffinierter Grausamkeit.« »Nein, ich heirate Bonna nicht.« »Ich habe Ihr Wort.« »Sie haben recht.« »Kommen Sie Also.« Telimena nahm seinen Arm. »Wohin?« »Zu Bonna.« Sie führte ihn in das Gemach zurück, in welchem er vor ihr die Waffen gestreckt hatte. »Eigentlich ist es ja ganz gleichgültig, ob ich Bonna heirate oder eine Andere,« sprach Sapieha, sich tröstend, »die einzige, welche eine Frau für mich gewesen wäre, kann ich ja doch niemals mein nennen. Es ist schrecklich, Telimena, dass Sie sich dem Himmel geweiht haben.« »Wer sagt Ihnen das?« erwiderte die Äbtissin schalkhaft, während sie sich in einer reizenden Attitüde in den schwellenden Kissen des türkischen Divans niederliess und das eine Knie heraufzog, so dass unter dem üppigen Pelz ihr kleiner Fuss im sammtnen Pantoffel sichtbar wurde. »Wie soll ich Sie verstehen?« »Sehr einfach. Sie wissen, dass nicht allzu selten Personen aus vornehmen Familien mit geistlicher Würde bekleidet werden, ohne die Weihen empfangen oder ein Gelübde geleistet zu haben. Und ich habe bis heute weder den Schleier genommen, noch mich dem Himmel angetraut.« »Telimena!« Der Palatin rief es jubelnd aus voller Seele und umschlang leidenschaftlich seine junge schöne Feindin, indem er vor ihr in die Knie sank. »Ich glaube, es wird mir nichts übrig bleiben, als wirklich Ihre Frau zu werden,« entgegnete Telimena mit holdem Spott, »aber da sind Sie ja wieder zu meinen Füssen.« »Und diesmal für immer,« rief der Palatin, begeistert von Liebe und Glück.   Jakob wo bist du? In dem kleinen Palais, das die Wittwe des Marktgrafen Ludwig von Brandenburg, die schöne, geistreiche Prinzessin Louise Charlotte Radziwill, in Berlin bewohnte, herrschte noch tiefe Stille, obwohl die rothe Wintersonne schon hoch an dem weissen Himmel stand. Alles schien zu schlummern, die grünen Vorhänge waren niedergelassen, die Bäume des Parkes träumten unter den weissen Perrücken, die ihnen der Schnee aufgesetzt hatte und sogar die beiden steinernen Titanen, welche den Balcon trugen, schienen verdriesslich zu gähnen. Die Prinzessin war spät von einem glänzenden Hoffeste zurückgekehrt und lag noch im dunklen Alkoven auf ihrem üppigen Lager, als die vertraute Kammerzofe, ihre Milchschwester Soschja, leise hereintrat und die hellblauen Seidengardinen zurückzog; zu gleicher Zeit schlug die grosse Uhr auf dem Kamin Mittag und die kleine Gesellschaft auf dem Zifferblatt begann zu geigen, zu flöten und zu trommeln. Während das silberne Glockenspiel eine schwermüthige, polnische Melodie erklingen liess, dehnte die Prinzessin sich halb träge, halb ärgerlich in den weichen Federn und Spitzen. »Was hast Du denn?« fragte sie schmollend, »geht die Welt vielleicht unter, dass Du mich so früh, weckst ?« »Es ist Mittag,« erwiderte Soschja, resolut mit ihren kurzen Röcken rauschend und mit den kleinen Stöckelschuhen klappernd, »und übrigens ist ein Courier aus Warschau da, den Sie empfangen müssen. Er bringt einen Brief. Es betrifft den Prinzen Jakob.« »Also vom König.« »Nein, von der Königin.« »Mischt sich diese Furie auch noch hinein,« sprach die Prinzessin ärgerlich, »nein, wie man mich mit diesem Heirathsprojekt langweilt. Aber ich nehme Jakob nicht, jetzt nehme ich ihn erst recht nicht.« »Der Prinz ist auf dem Wege nach Berlin,« sagte die Zofe, »deshalb macht der Courier die Sache so dringend.« Sie kniete vor der Prinzessin und zog ihr die niedlichen Sammetpantoffeln an, und als diese sich endlich doch bequemte, ihr Lager zu verlassen, half sie ihr rasch in den prächtigen Schlafrock von gelber geblümter Seide, der mit blendendem Hermelin gefüttert und ausgeschlagen war. Die Prinzessin trat an den Spiegel, ordnete ihr Haar, legte etwas Schminke auf und ein Armband um ihren schönen Arm. Dann liess sie den Courier eintreten. Dieser beugte mit echt polnischer Galanterie das Knie vor ihr, küsste ihre kleine Hand und überreichte ihr dann das Schreiben der Königin. »Ich weiss nicht, was man von mir will,« sagte die Prinzessin Louise Charlotte, »es ist offenbar meine Rente von 80’000 Pfund, die das Herz des Prinzen Jakob so sehr für mich entflammt hat; aber man kennt mich nicht in Warschau, ich habe meinen Kopf und ich setze ihn diesmal auf.« »Wollen Hoheit nur allergnädigst das Schreiben meiner königlichen Herrin lesen,« erwiderte der Überbringer. Die Prinzessin erbrach das Siegel und las, was sie im höchsten Grade überraschte. Die Königin unterrichtete sie von der Reise und den Absichten des Prinzen und warnte sie vor demselben. »Es ist also der König Sobieski selbst, der diese Heirath wünscht,« sagte die Prinzessin Louise Charlotte lachend, »er hat also zum ersten Male in seinem Leben einen anderen Willen als seine Frau.« »So ist es, aber die Königin kann den Prinzen nicht leiden und thut Alles, um seine Pläne scheitern zu machen.« »Nun, auf mich kann sich Ihre Majestät verlassen, sagen Sie das der Königin.« Als der Courier fort war, berieth sich die Prinzessin mit Soschja. »Was soll ich nur mit diesem unglückseligen Jakob anfangen?« fragte sie. »Mir gefällt der Fürst Karl von Neuburg viel besser; Jakob sieht auf dem Bilde, das er mir geschickt hat, wie ein Schaf aus.« »Das ist sehr einfach,« erwiderte Soschja pfiffig. »Der Prinz hat Sie nie gesehen. Ich übernehme also Ihre Rolle, empfange ihn und spiele ihm eine Komödie vor, so toll und lustig wie jene von dem französischen Theaterschreiber, die wir neulich sahen.« »Ein allerliebster Einfall!« rief Louise Charlotte und klatschte fröhlich in die Hände. »Du bist doch stets mein Schutzengel, Soschja!« Während die Beiden ihre lustige Berathung fortsetzten, erschien schon der vertraute Kammerdiener Jakobs im Palais. Der Prinz sei incognito in Berlin angekommen, meldete er dem Fräulein Kaminska, dem Gesellschaftsfräulein der Prinzessin, und bitte um die Erlaubnis, sich der Letzteren sogleich vorstellen zu dürfen. »Der Prinz sei jederzeit willkommen,« liess ihm Louise Charlotte sagen und half dann mit kindlicher Freude ihrer Milchschwester, sich in eine vornehme Dame zu verwandeln. Als die Metamorphose unter Scherzen und Kichern beendet war, fuhr Jakob vor. Während er die Vordertreppe heraufkam, echappirte die Prinzessin glücklich auf der Hintertreppe, stieg sie in ihre Sänfte und liess sich zu dem kaiserlichen Gesandten tragen, bei dessen Gemahlin sie den Tag verbrachte und wo sie Abends den vom kaiserlichen Hofe protegirten, männlich schönen Fürsten Karl von Neuburg traf, dem bereit Ihr Herz gehörte. Soschja empfing indess den Sohn Sobieskis. Als er eintrat, sass sie in jener zugleich echt fürstlichen und capriciösen Haltung, welche sie ihrer Herrin abgelauscht hatte, in der Ecke des blauseidenen Sophas. Sie trug den gelben, hermelinbesetzten Schlafrock der Prinzessin, dessen weite Ärmel ihre etwas derben, aber schönen Arme in das richtige Licht setzten, und fädelte sich mit einem grossen Straussenwedel. Ihr rundes, gutgefärbtes Gesicht mit den schelmischen braunen Augen und dem allerliebsten Stumpfnäschen war dem Eintretenden zugewendet, der sich tief vor ihr verneigte und sie dann erfreut musterte. »Gefalle ich Ihnen?« begann Soschja keck. »O – ich bitte – welche Frage, reizende Cousine – ich – ich bin enchantirt,« stammelte Jakob und küsste der falschen Prinzessin zärtlich die Hand. »Aber nehmen Sie doch Platz . . .« »Mein Platz ist zu Ihren Füssen.« »Das kommt später, lieber Vetter; nicht so rasch, Schritt für Schritt.« »Ach! Sie sind allerliebst, Louise, ich hätte mir das niemals so leicht vorgestellt, mit Ihnen zu sprechen. Man gewinnt gleich Vertrauen zu Ihnen.« Er streichelte sie wie ein Kätzchen, erst das Pelzwerk an ihrem Schlafrock, dann ihre Hand und endlich ihr weiches Haar. »Aber Prinz, was fällt Ihnen ein?« rief Soschja und schlug ihn derb auf die Hand. »Tölpel, Dummkopf!« rief der Papagei aus seinem schaukelnden Messingring herab und der kleine Affe, der bisher oben auf einer Gardinenstange gesessen, liess sich blitzschnell herab, sprang dem Prinzen auf die Schulter und begann ihn beim Haar zu reissen. Soschja vertrieb ihn mit ihrem Fächer und wandte sich dann lachend zu Jakob Sobieski. »Sie sehen, ich habe zwei Beschützer, Prinz, also langsam, ohne Übereilung.« »Aber Ihre Reize, liebe Base, machen es unmöglich –« »Nur keine Liebe vor dem Diner,« unterbrach ihn Soschja. »Liebe verdirbt den Appetit, und ich hoffe, Sie speisen mit mir und werden meinem französischen Koch Gerechtigkeit widerfahren lassen.« »Sie sind zu gnädig, Louise Charlotte.« »Nun aber erzählen Sie mir von Warschau.« Jakob begann Soschja die ganze Chronique scandaleuse der polnischen Residenz zu berichten, sie hörte zu, lachte, unterbrach ihn von Zeit zu Zeit mit treffenden Bemerkungen und bezauberte ihn vollständig. So nahte die Stunde des Diners. Soschja verschwand für kurze Zeit, um sich umzukleiden. Der Prinz tröstete sich mit dem Papagei, der ihm zärtlich zuflüsterte: »Krau mir das Köpfchen«, und mit dem Affen, dem er mit dem Fächer der Prinzessin einen Schlag gab und der ihn dafür von dem Ofen herab mit gebratenen Äpfeln bewarf. Die falsche Prinzessin erschien jetzt in einer kostbaren Robe von schwarzem Sammet mit prächtiger Stickerei und bald meldete auch der Kammerdiener, dass das Essen servirt sei. Der Prinz führte Soschja zu Tisch, und da sie allein speisten, war er überzeugt, dass ihm die gewünschte Eroberung bereits geglückt sei. Soschja liess sich vollständig gehen; der Prinz musste sie bedienen, ihr Alles zerlegen, sie mit seiner Gabel füttern und dabei immer wieder die Gläser füllen. Sie stiess mit ihm an, liess Polen leben, den König, die Königin und endlich ihn selbst. Jakob war hingerissen, und da er den verschiedenen Weinen ordentlich zusprach, so kam mehr und mehr auch über ihn jene Heiterkeit, welche die tolle Soschja schon nach dem ersten Glase ergriffen hatte. Sie lachten und neckten sich gleich ausgelassenen Kindern, erst bewarfen sie sich mit Brotkügelchen, dann mit Orangenschalen, endlich mit Servietten. »Ich bin so fröhlich wie schon lange nicht,« rief endlich Soschja, »wissen Sie, Vetter, was wir jetzt machen, ich rufe alle meine Damen zusammen, und wir spielen irgend ein tolles Spiel.« »Ja, Louise, thun wir das.« Soschja flog davon und kehrte mit dem ganzen Schwarm junger Mädchen, welcher in den Diensten der Prinzessin stand, zurück. Die Eine stellte sie Jakob als die Gräfin Buttertopf aus Sachsen, die Andere als die preussische Baronesse Schnipparitz, die Dritte als Fräulein Krentschitschka vor u. s. w. »Was spielen wir also,« fragte dann der Prinz. »Das französische Spiel Jakob und Jakobine.« »Vortrefflich.« Während die Anderen einen Kreis bildeten, liess sich Soschja die Augen verbinden und trat mit zwei Schlüsseln in der Hand in die Mitte. Nachdem der Kreis sich einige Zeit um sie bewegt hatte, warf sie den einen Schlüssel zur Erde und zwar genau dem Prinzen vor die Füsse, denn sie sah nur zu gut, die Spitzbübin. »Ist es ein Jakob oder eine Jakobine?« fragte sie. »Ein Jakob,« antwortete der lustige Chor. Der Prinz hob den Schlüssel auf und näherte sich leise Soschja. »Jakob, wo bist Du?« rief diese. Er schlug mit dem Schlüssel leise auf jenen, den sie in der Hand hatte, und wollte dann entfliehen, Aber sie hatte ihn schon gefangen und riss jubelnd das Tuch herab. Während das Spiel seinen Fortgang nahm, begann Soschja, welche jetzt im Kreise neben dem Prinzen stand, denselben von Neuem zu necken. »Wie kann man sich so leicht fangen lassen, Vetter,« flüsterte sie ihm mit kokettem Muthwillen zu. »Wär es möglich, in Ihre Nähe zu kommen, Louise, und nicht Ihr Sklave zu werden?« erwiderte Jakob ebenso leise. »Wie vielen Damen haben Sie dieses Compliment schon gemacht?« »Ach! Prinzessin, könnte ich nur einmal, einen einziges Mal eine Viertelstunde vertraulich mit Ihnen Plaudern,« begann Jakob zu flehen, »ich habe so viel auf dem Herzen.« »Ist das Ihr Ernst, Vetter?« »Es ist mein voller Ernst, Sie einst zur Königin von Polen zu machen, Louise Charlotte.« »Still Vetter,« sagte Soschja, »kein Wort mehr, aber Sie sollen heute Abend eines meiner Fenster nach dem Garten zu offen finden.« »Ich falle Ihnen zu Füssen.« »Später, Prinz, Sie gehen zu rasch, das kommt Alles noch.« »Also heute Abend.« »Ja, heute Abend.« Der Prinz nahm hierauf bald Abschied und verliess das Palais, um, als es vollständig dunkel geworden war, durch den Park zurückzukehren. Er fand in der That ein Fenster offen, erstieg einen nahen Baum, schwang sich hinein und wurde sofort von einer kleinen Hand ergriffen und durch zwei dunkle Zimmer vorsichtig in das Schlafzimmer der Prinzessin geführt. Beim rothen Licht der Ampel sah er jetzt Soschja, welche über ein duftiges Nachtkleid von weissem Atlas und Spitzen eine mit Hermelin gefütterte und besetzte Kazabaika (polnische Jacke) gezogen hatte. Sie lächelte zärtlich und zog ihn zu sich auf die weichen Polster eines echt türkischen Sitzes. »Also, was haben Sie mir zu sagen, Vetter?« »Dass ich Sie liebe.« »Scherzen Sie nicht?« »Sie wollen mich nur quälen, Louise.« »Würden Sie sich dann hier an meiner Seite befinden?« »Sie haben Recht,« rief Jakob feurig, er war noch immer vom Weine erhitzt. »Und so bitte ich denn um Ihre Hand, Louise Charlotte, und biete Ihnen dafür eine Krone und den königlichen Hermelin.« »Ich will Sie nicht länger im Zweifel lassen, lieber Jakob, wozu auch?« sagte Soschja scheinbar verschämt, aber eigentlich bemüht, das Lachen zu verbergen, »hier ist meine Hand, sie gehört Ihnen.« »Ich danke Dir, mein süsser Engel, meine theure, einzige Louise!« rief der Prinz und sank vor ihr in die Knie. »Siehst Du, Jakob,« erwiderte Soschja, »jetzt ist es an der Zeit, man muss nichts übereilen.« Er drückte hierauf den ersten Kuss auf ihre Lippen und steckte ihr dann einen kostbaren Ring an den Finger, für den sie ihm einen anderen gab, der bisher an ihrer Hand gefunkelt hatte. »Also jetzt ist Alles zwischen uns in Ordnung,« sagte Jakob. »Gewiss, Du hast mein Wort,« erwiderte Soschja, »und wenn ich es nicht halten sollte, will ich lieber alle meine Güter verlieren.« Der Prinz küsste wiederholt Soschjas Hand und nahm dann an ihrer Seite Platz. Sie verstand es, ihn trotz seiner Weinlaune fern zu halten, indem sie in ihrer drolligen Weise zu plaudern begann. Der Prinz hörte einige Zeit zu, dann ward ihm der Kopf schwer und schwerer. Es zeigte sich, dass der Tokayer schliesslich doch noch stärker war als er. Plötzlich ging die Thür und ein Kleid rauschte. Die Prinzessin war zurückgekehrt, Soschja kam ihr kichernd entgegen. »Wo ist Jakob?« fragte Louise Charlotte neugierig. »Jakob wo bist Du?« rief Soschja und schlug den Vorhang des Alkovens zurück. Die Prinzessin blickte hinein und begann gleichfalls leise zu lachen. Der Prinz sass vom Tokayer vollständig bewältigt auf dem Polstersitz neben dem Himmelbett und schlief. Er erwachte nicht, als die Prinzessin ihm mit dem Straussenwedel neckend um die Nase strich, und ebenso wenig als ihre Diener ihn in eine Sänfte hoben und in seine Wohnung brachten. Am nächsten Tage reiste er ab, im Gefühl, einen vollständigen Sieg, die reizendste Frau und die reichste Erbin Polens errungen zu haben. Während er in einer schwerfälligen Kutsche auf der schlechten Landstrasse davonrasselte, empfing die schöne Wittwe zum ersten Male den Fürsten Karl von Neuburg in ihrem kleinen Palais und unterhielt sich mit ihm vortrefflich auf Kosten des armen Jakob Sobieski. Als der Fürst sie verliess, trug er einen Ring am Finger, den ihm die echte Prinzessin als Zeichen ihrer Gunst gegeben hatte. Zwei Tage später vermählte sie sich mit dem geliebten Manne in der Wohnung des kaiserlichen Gesandten. Ahnungslos langte Prinz Jakob in Warschau an und überbrachte seinen Eltern die Nachricht von seinem Siege. Die Königin war zuerst ziemlich erbost auf die Prinzessin, liess sich aber durch die Aussicht auf die reiche Aussteuer derselben bald beruhigen und sendete einen Courier nach Berlin, welcher Louise Charlotte reiche Geschenke an Kleidern, Pelzwerk und Juwelen überreichte. Wie nun aber die überraschende, vollkommen unerwartete Kunde von der plötzlichen Vermählung der Prinzessin kam, änderte sich mit einem Male die ganze Stimmung am polnischen Hofe. Die Königin lachte den Prinzen aus, während der König in Zorn gerieth. Der französische Gesandte, Marquis von Arquien, dessen Regierung den Prinzen Jakob unterstützt hatte und sich durch Österreich besiegt sah, hetzte den Letzteren auf, den Fürsten von Neuburg zum Duell zu fordern. Die Königin lachte Indess auch über diesen Vorschlag und nun beschloss Sobieski, die Sache dem Reichstag vorzulegen und, auf das Versprechen der Prinzessin und die keinem Ausländer im Königreiche das Recht des Grundbesitzes gestattenden Gesetze gestützt, die Confiscation der Güter Louisens zu beantragen. Die von Österreich gewonnenen Sapiehas wussten jedoch auch dies zu hintertreiben. Die Prinzessin, jetzt Fürstin von Neuburg, schrieb aber an den König: Sie habe seinem Sohne keinerlei Versprechen gegeben, es sei im Gegentheil ihre Milchschwester, die das Herz des Prinzen gewonnen und die er zur Königin von Polen zu machen versprochen habe, welche nun ihre Ansprüche geltend machen werde. Der lächerliche Streit endete merkwürdiger Weise damit, dass Prinz Jakob sich schliesslich mit der Prinzessin Elisabeth, der Schwester seines Rivalen, des Fürsten von Neuburg, vermählte.   Die gewaltsame Hochzeit Im Schlosshofe zu Ostrog ging es lebhaft und lustig zu. Graf Zamojski, der reiche Magnat und Würdenträger, hatte den gesammten Landadel der Umgegend zur Bärenjagd geladen. Sie waren Alle gekommen, die Schlachzizen, die Einen in Sammet und Seide mit Silbersporen, die Anderen in geflicktem Kontusch und in Bauernstiefeln. Im Hofe wurde ein ganzer Ochse am riesigen Spiess für sie gebraten und ein Fass Ungarwein, so gross wie die Arche Noah, für sie verzapft. Unter den Gästen wurde vor Allem Herr Mikronowski mit seiner Tochter Constanze bemerkt. Man staunte das junge Mädchen, das sich zur Theilnahme an einer so gefährlichen Jagd entschlossen hatte, ebenso seines Muthes wie seiner Schönheit wegen an. Der junge Graf Stanislaus Zamojski hatte sich sofort zu ihrem Ritter aufgeworfen, und als das Zeichen zum Aufbruch gegeben wurde, die Treiber, Bauern aus des Grafen Dörfern, voran in den Forst zogen, die Jäger mit den fröhlich kläffenden Rüden und die Gäste in offenen Schlitten folgten, hob er das stolze, herrliche Geschöpf zu sich auf den mit Fellen bedeckten Sitz und lenkte selbst das feurige Dreigespann, mit dem sie durch Schnee und Nebel davonflogen. Als man sich zur Jagd aufstellte, nahm der Graf seinen Platz neben Constanze ein, und da es verboten war, ein Wort zu wechseln, tauschte er Blicke mit ihr, welche mehr und mehr ein magisches Netz um sie Beide legten. Das Glück lächelte der muthigen Jägerin. Gleich im ersten Triebe kam ein grosser Bär auf sie zu. Sie erwartete ihn stehenden Fusses, liess ihn kaltblütig auf zehn Schritte herankommen, rief ihn an, und als er aufstand, jagte sie ihm die Kugel mitten in das Herz. Fast zu gleicher Zeit lagen der Bär und der Graf vor ihr im Schnee. Während sie den Fuss stolz auf ihre Beute setzte, schwor ihr Zamojski, von ihren Reizen und ihrem Muthe hingerissen, ewige Liebe und Treue. Der Zauber, den Constanze auf den jungen Magnaten übte, wurde noch mächtiger, als er sie im Hause ihrer Eltern zu Zablokow, von holder Weiblichkeit erfüllt, am Spinnrocken fand. Er kam nun oft und öfter, und während das Rädchen summte und die weissen Hände den Faden drehten, sprachen sich ihre Herzen gegen einander aus und vertrauten einander die süssesten Geheimnisse. Zamojski war überrascht, als er die Entdeckung machte, dass Constanze zu einer Zeit, da die Jesuiten den Frauen und Mädchen Polens ausser dem Gebetbuch kein anderes in die Hand gaben, in den französischen Dichtern und Denkern fast besser zu Hause war als er selbst, und seine Verehrung für dieses seltene Wesen stieg von Tag zu Tag. Volljährig, im Besitze eines eigenen Vermögens, durfte er sich eine Frau nach seinem Geschmacke wählen, und so hielt er, zum Schrecken seiner Eltern, plötzlich, aber nicht unerwartet, um die Hand des armen Edelfräuleins an. Mikronowski gab ihm freudig Handschlag und Segen, während seine Eltern ihm nicht offen entgegenzutreten wagten, aber im Geheimen gegen Constanze zu intriguiren begannen. Sie bestürmten ihn vor Allem, sich noch vor seiner Vermählung um ein Amt zu bewerben und zu diesem Zwecke an den Hof Augusts III., der zugleich König von Polen und Kurfürst von Sachsen war, nach Dresden zu gehen. Hier waren Czartoryski und Poniatowski bereits eingeweiht und boten Alles auf, den jungen, begabten Grafen im Bannkreise ihrer politischen Combinationen zu erhalten; zu diesem Zwecke hatten sie die junge und schöne Wittwe Antoinette Gräfin Oginska ausersehen, zu deren Füssen der mächtige Minister Brühl ebenso lag wie der galante König selbst. Sie sah Zamojski im Ballett und fand Gefallen an ihm. Meisterin der Intrigue und der Koketterie, zog sie ihn sofort in ihre Netze. Vergebens wehrte sich Zamojski, ihr Geist und ihre Reize triumphirten mehr und mehr über ihn, und als sie erst entschlossen war, ihm ihre Hand zu reichen, wurde er auch zur selben Stunde ihr Gefangener. Sie empfing ihn das erste Mal allein in ihrem Boudoir in einem Negligé, das auch einen ungleich Erfahreneren verwirrt und besiegt hätte. Auf schwellenden Kissen hingegossen, in üppigen Wellen weisser Spitzen, geblümter Seide und dunkeln Pelzwerkes sich badend, lächelte sie ihn mit ihren grossen, dunkeln Augen an, die unter dem schneeweiss gepuderten Haar wie ein entzückendes Geheimniss unwiderstehlich lockten. Sie reichte ihm die kleine Hand und er folgte dem magischen Drucke derselben, bis er zu ihren Füssen lag als ihr Sklave und aufstand als ihr – Verlobter. Der König, Brühl, die tonangebenden Magnaten, Alle protegirten diese Heirath und da die siegreiche Wittwe ihr Opfer nicht mehr freigab, erhielt Constanze eines Tages ein Schreiben Zamojskis, in welchem er aus Familienrücksichten und politischen Gründen ihre Verbindung für unmöglich erklärte, sie um Vergebung bat und die Beziehungen zu ihr löste. Constanze weinte ein paar zornige Tränen, dann fasste sie sich und sendete einen vertrauten Juden, der zur Leipziger Messe reiste, nach Dresden, um die Wahrheit zu erfahren, und als sie dieselbe wusste, war das stolze, muthige Mädchen auch schon entschlossen, zu handeln. Zamojski kehrte nach Ostrog zurück, um seine Angelegenheiten zu ordnen. Er vermied es sorgsam, Constanze zu begegnen, und da sie nichts von sich hören liess, wurde er bald sorglos und ahnte nicht, wie klug und böse sie ihn umgarnt hatte. Eines Abends fuhr er zu dem Fürsten Sapieha, der ihn zu einem seiner glänzenden Feste gebeten hatte. Es war Nacht, als er den Heimweg antrat. Im Walde von Grodno fielen plötzlich Schüsse, seine Kosaken, welche betrunken und bestochen waren, ergriffen die Flucht, der Kutscher hieb die Stränge durch, schwang sich auf eines der Schlittenpferde und folgte ihrem Beispiele, während aus dem Dickicht Vermummte hervordrangen, Zamojski nach kurzer Gegenwehr überwältigten, ihn gebunden und geknebelt auf ein Pferd schnallten, und, nachdem sie ihm noch einen Sack über den Kopf gezogen, mit ihrer kostbaren Beute davonjagten. Zamojski glaubte in die Hände von Räubern gefallen zu sein und gab sich verloren. Nach kurzem Ritt fielen die Pferde in Schritt, dann widerhallten ihre Hufe auf einer Brücke und gleich danach wurde Halt gemacht und der Gefangene vom Sattel gehoben. Als ihm der Sack abgenommen wurde, fand er sich in einem runden, düsteren Gemach, in dem sich nur ein kleines, vergittertes Fenster hoch oben an der Decke und ein Strohlager auf der Diele befand. Ein kleines Lämpchen versendete ein trauriges zweifelhaftes Licht, vor ihm standen zwei Männer in Kosakentracht. »Wo bin ich?« fragte er, ohne Antwort zu erhalten, doch im nächsten Augenblicke ging die Thür auf und Constanze, in polnischer Tracht, die grünsammtene Kazabaika mit kostbarem Pelzwerk verbrämt, trat ein. Ihr herrischer Wink entfernte die Diener, dann näherte sie sich, die Arme auf der Brust verschränkt, dem Grafen und mass ihn mit einem bösen, spöttischen Blick. »Sie sind in meiner Gewalt,« sprach sie, »erwarten Sie keine Schonung. Ich lasse Ihnen die Wahl, mir sofort am Altar Ihre Hand zu reichen oder zu sterben.« »Ich kann Sie nicht zur Frau nehmen, Constanze,« erwiderte Zamojski unerschrocken, »nicht das Herz, sondern das Wohl des Vaterlandes hat hier zu entscheiden.« »Sie lügen!« Zamojski wurde purpurroth. »Ja, Sie lügen,« fuhr Constanze fort, »ich kenne Ihren Roman mit der Gräfin Oginska. Also nochmals, wollen Sie mir Ihre Hand reichen?« »Ich kann und darf nicht.« »Dann bereiten Sie sich zum Tode vor,« antwortete die stolze Schöne kalt. »Ich werde Ihnen den Priester senden und erwarte Sie in einer Viertelstunde unter dem Galgen.« Zamojski erbebte, aber kein Wort kam über seine Lippen. Constanze verliess ihn und nicht lange danach erschien der Priester. »Ist es denn Ernst?« fragte der Graf. »Im Hofe steht bereits der Galgen,« erwiderte der Priester. Als Zamojski eine Viertelstunde später in den Hof geführt wurde, sah er beim rothen Glanz der Fackeln Constanze am Fusse des Galgens stehen. Noch war sein Trotz ungebrochen, als er aber auf die Leiter gehoben wurde und den Strick um den Hals fühlte, ergab er sich. »Ich bin bereit,« murmelte er. »Wo ist der Priester? Er soll uns trauen.« Constanze liess ihn von der Leiter heben und seine Fesseln lösen. »Versuchen Sie es nicht, zu entkommen,« sprach sie, »bei der ersten verdächtigen Bewegung schiesse ich Sie nieder.« Sie zog eine Pistole hervor und spannte den Hahn, und so, die Pistole in der Hand, führte sie ihn zur hell erleuchteten Kapelle, wo sie die Ringe wechselten und der Priester sie segnete. Dann trat sie mit Zamojski in ein reich eingerichtetes Gemach, und nachdem sie auf einem türkischen Divan Platz genommen hatte, sprach sie, den Blick streng und verächtlich auf ihn gerichtet: »Weitere Ansprüche mache ich nicht an Sie, weder an Ihre Person noch an Ihr Vermögen. Sie sind jetzt frei und können thun, was Ihnen beliebt. Ich werde bei meinen Eltern bleiben und Ihnen in keiner Richtung zur Last fallen. Leben Sie wohl.« Zamojski sah sie erstaunt an, verneigte sich stumm und ging. Während seine Eltern, die befreundeten Magnaten und die Jesuiten Himmel und Erde in Bewegung setzten, um vom Papst eine Trennung der Ehe zu erlangen, blieb Zamojski in Ostrog. Er schämte sich, nach Dresden zurückzukehren, und vermied es sogar, mit den Nachbarn zusammenzutreffen. Einem Einsiedler gleich vergrub er sich mitten in den Wäldern von Ostrog in einem kleinen Jagdschloss unter Büchern und Karten oder streifte allein in der Gegend umher. So geschah es, dass er einmal seiner Frau begegnete. Er ritt langsam auf der Strasse, in Gedanken versunken, und sah sich plötzlich Constanze gegenüber, welche ihr Pferd gleichfalls im Schritt gehen liess und unerwartet aus dem Dickicht herauskam. Ihre hohe, schlanke Gestalt, in dunklen Sammt und reiches Pelzwerk gekleidet, schaukelte sich anmuthig auf dem Sattel, während ihre schönen Augen ihn überrascht, ja fast fröhlich anschauten. Er grüsste, und sie dankte mit einem freundlichen Nicken. Als sie vorüber war, hielt er sein Pferd an und blickte ihr nach. Ihr blondes Haar leuchtete wie Gold auf dem dunklen Sammt. Zamojski seufzte. »Welche Lächerlichkeit!« dachte er, »eine schöne junge Frau zu besitzen und wie ein Mönch unter alten Folianten zu leben.« Nachdem er in den nächsten Tagen vergeblich gehofft und versucht hatte, Constanze wieder zu begegnen, ritt er eines Abends geradezu nach Zablokow, band sein Pferd in der Nähe des kleinen Edelhofes an einen Baum und schlich dann vorsichtig durch den Garten an das Haus heran. Er fand die Fenster mit hölzernen Laden geschlossen, doch ein Lichtschimmer, der aus dem einen drang, verrieth ihm eine Ritze, an die er sein Auge legen konnte. Er blickte in ein kleines Gemach, in dem ein türkischer Divan stand. Bärenfelle waren über denselben und vor ihm ausgebreitet. Seitwärts befand sich ein Stickrahmen. Auf einem kleinen Schrank war ein Leuchter mit einer brennenden Kerze. Lange Zeit blieb Alles still, dann trat Constanze herein, putzte das Licht mit der Scheere, rückte den Stickrahmen hervor, setzte sich auf den Divan und begann zu arbeiten. Zamojski konnte sich an der stolzen Gestalt, an dem feingeschnittenen, frischen, freundlichen Gesichte und der anmuthig auf und ab schwebenden Hand dieses herrlichen Geschöpfes, das ihm vor Gott und den Menschen gehörte und doch ewig ferne schien, nicht satt sehen. Und wie klopfte ihm nun gar das Herz, als sie einmal innehielt, sich auf den glänzenden Fellen ausstreckte und zugleich der wunderbarste Arm aus dem dunklen Ärmel der Pelzjacke hervortauchte und der niedlichste Fuss im türkischen Pantoffel unter dem Saum des seidenen Kleides sichtbar wurde. Er kam nun Abend für Abend und stand draussen in Frost und Schnee, nicht selten im Wirbel fallenden Flocken oder bei wildem Windesgeheul, belauschte seine Frau am Spinnrocken, vor einem Buche oder während ihre Finger über die Tasten des Spinets glitten, und kehrte dann zufrieden heim. So ging es fort, bis eines Tages ein Schlitten in den Hof fuhr, dem ein hochgewachsener, schöner Mann in polnischer Tracht entstieg. An diesem Abend blieben Spinnrad, Spinet und Stickrahmen verlassen. In Zamojskis Brust regten sich Zweifel und Befürchtungen, eine sonderbare Unruhe trieb ihn ruhelos hin und her, die Folianten im kleinen Jagdschloss bedeckte der Staub, die Tinte trocknete im Tintenfass ein, er lebte nur noch im Walde und in Zablokow. Da er hier nur unter dem Schutze der Dunkelheit erscheinen konnte, so hatte er Spione aufgestellt, welche ihm über Alles zu berichten hatten, was unter Tags im Edelhofe vorging. Ihre Berichte gaben seiner Eifersucht neue Nahrung. Der Eine meldete, dass es Graf Skarbek sei, welcher in Zablokow immer häufiger Besuche mache, der Andere, dass sich der reiche und schöne Magnat um die Gunst Constanzes bewerbe und sie sehr freundlich mit ihm sei, der Dritte, dass Skarbek die Absicht habe, falls Constanzes Ehe gelöst werde, ihr seine Hand zu reichen. Zamojski war ausser sich; durch gekränkten Stolz und Leidenschaft blind gemacht, kehrte er eines Tages nach Ostrog zurück, bewaffnete seine Leute und erwartete seinen Nebenbuhler Nachts auf der Strasse. Skarbek verliess Zablokow zu Pferde, nur von einem Kosaken begleitet, und fand sich am Waldrande unerwartet einer feindlichen Schaar gegenüber. Zamojski nannte ihn einen Verräther und Frauenräuber und forderte ihn zum Zweikampfe. Sofort wurden auf beiden Seiten die Säbel bezogen und die Klingen kreuzten sich beim Sternenlicht und dem Geflimmer des Schnees. Schon waren Beide leicht verwundet, als Constanze, der ein Landmann eilig den Überfall gemeldet hatte, mit ihren Dienern heransprengte und die Kämpfenden trennte. »Was ist der Anlass zu diesem Streite?« fragte sie Zamojski. »Die Werbung Skarbeks um Ihre Hand, Madame,« erwiderte er. Constanze begann laut zu lachen. »Dann reichen Sie sich sofort die Hände,« rief sie, »Graf Skarbek wirbt nicht um mich, sondern um meine Schwester.« Die beiden Magnaten umarmten und küssten einander und folgten hierauf Constanze nach Zablokow, wo sie selbst die Wunden der Beiden verband. Dann führte sie Zamojski in jenes kleine Gemach, in dem er sie oft belauscht hatte, und liess sich auf dem Divan in den glänzenden Bärenfellen nieder. »Was soll ich mit Ihnen beginnen,« sagte sie lächelnd, »damit Sie mir nicht täglich neue Thorheiten begehen?« »Mir vergeben,« antwortete Zamojski und warf sich zu ihren Füssen nieder. »Aber Graf, die politischen Rücksichten,« antwortete sie spöttisch, »das Wohl des Vaterlandes –« »Ich frage nicht danach,« rief Zamojski und schlang seinen Arm um die geliebte, schöne Frau. Drei Tage später zog Constanze Gräfin Zamojski im fürstlichen Hermelin, auf dunkle Bärenfelle im vergoldeten Schlitten gebettet, bei Glockenklang und Kanonendonner im Triumph im Schlosse von Ostrog ein.   Pan Kaniowski Wenn in jenen Tagen, wo die stolze polnische Adelsrepublik mit dem Tode zu ringen begann, der Name Pan Kaniowski genannt wurde, so übte er in den Landen an der Weichsel und am Dnjester beiläufig dieselbe Wirkung, wie jener Albas in den Niederlanden oder Tillys im protestantischen Deutschland. Nur dass man diese beiden überdies hasste, Pan Kaniowski aber zugleich gefürchtet und geliebt wurde, wie etwa Iwan der Schreckliche und Peter der Grosse. Die Tyrannen des Ostens verstanden es immer, sich bei der misera plebs populär zu machen. Eigentlich hiess er Potozki und war Herr auf Kaniow, aber das Volk nannte ihn Pan Kaniowski, und unter diesem Namen lebt er in der Chronik, in der Legende und im Volkslied fort. An einem Sonnabend tanzte man im Städtchen Kamienez in der Schänke des Dominik Szalajski, die in dem Eckhaus nahe der Brücke lag. Jüdische Musikanten spielten; im langen Kaftan, mit Bart und Löckchen, die schwarzen Sammtmützchen auf dem Kopf, spielten sie den Kosak. Wild und keck klang die Weise. Die Geigen jubelten, die Bassgeige brummte fröhlich, nur der Cymbal klagte. Lust und Schmerz wogten melodisch vereint auf und nieder. Wehmuth mischte sich in die Freude, Trauer in die Trunkenheit. Der ganze Raum war mit Staub wie mit einem dichten Nebel erfüllt, und in diesem Nebel sassen die Alten auf den langen Bänken an der Wand und tranken, und die Jugend tanzte mit rothen Wangen und blitzenden Augen. Der Wirth Szalajski stand auf der Schwelle, sein graues schelmisches Auge wanderte unaufhörlich zwischen Schänkstube und Flur hin und her, Alles beobachtend und überwachend, während seine junge, schöne Tochter Zofia Salajska unermüdlich hin und her flog, mit rauschenden Röcken und flatternden blonden Zöpfen, jetzt mit dem Kruge herbeieilte, die Gläser zu füllen, jetzt das Geld in Empfang nahm oder die kreide ergriff, um dann wieder an der Seite eines schmucken Tänzers den lockenden Tönen zu folgen, welche bald Engeln, bald Dämonen gleich zwischen Decke und Diele schwebten. Es war ein prächtiges Mädchen, man pries im Städtchen ihre Reize und im weiten Land umher und sang sogar ein Liedchen ihr zu Ehren, das von Mund zu Munde ging gleich den alten Heldenliedern. Und war sie nicht etwa auch eine Heldin? Wo war der Mann, der ihren blauen Augen widerstehen konnte? Wenn sie mitten in der Stube stand, den einen Arm in die Hüfte gestemmt, gross und schlank, den schönen Kopf mit der kleinen Adlernase und dem trotzigen rothen Mund stolz erhoben, und die lachenden Augen umherschweifen liess, da schlug jedes Männerherz höher, und wie sie sich zu kleiden wusste! Sie äffte nicht gleich anderen Bürgermädchen die adligen Damen nach, die damals ihr Haar puderten und Reifröcke trugen, ihre Tracht war vielmehr jener der Bäuerinnen aus der Ukraine und der Kosakenmädchen nachgeahmt, nur verfeinert, nur kostbarer in Stoff und Aufputz. An diesem Tage trug sie einen kurzen Rock von bunter Seide, ein hochrothes Sammtmieder und eine ärmellose, anschliessende Kosaken-Jacke, aus der das weisse, reichgestickte Hemd wie Schnee hervorquoll. Die kleinen Füsse staken in Halbstiefeln von rothem Saffian, an denen die silbernen Absätze bei jedem Schritte lustig erklangen. Die langen blonden Zöpfe hatte sie mit rothen Bändern geknüpft, während Korallen und Goldmünzen den weissen Hals schmückten und auf die keusche, leise wogende Brust herabfielen. Keiner der jungen Männer, auch der schmuckste und keckste nicht, wagte es, sie scherzend um den Leib zu nehmen oder ein unpassendes Wort an sie zu richten, denn sie war stolz und beherzt, und wehe demjenigen, der ihr zu nahe kam. Die Paare drehten sich im Tanz, die Burschen jauchzten, die Juden fiedelten wie rasend, als plötzlich Jemand den Kopf zur Thüre hereinsteckte und rief: »Pan Kaniowski kommt mit seiner Companie, sie sind eben zum Thor hereingeritten.« Nach diesen Worten entstand ein panischer Schrecken. Ein dichter Knäuel drängte durch die Thüre, Andere rissen die Fenster auf und sprangen auf die Strasse hinaus, während Einzelne wie erstarrt mitten in der Stube stehen geblieben. Der Jude, welcher die Bassgeige spielte, war über sein massives Instrument gestolpert und lag jetzt mitten in der Gasse und schrie Wehe! Doch schon waren die Cavaliere, Ulanen und Kosaken Kaniowskis zur Stelle, hieben mit der flachen Klinge auf die Fliehenden los und trieben sie wieder in die Schänke zurück. Jaroslawski, einer der jungen adeligen Offiziere, rief die Musikanten herbei und hiess sie spielen. »Sind wir denn Türken oder Tataren?« sprach er ruhig, »fürchtet Euch nicht, Ihr guten Leute, tanzt, wir wollen lustig sein. Wein her, braver Schänkwirth, Wein!« Die Burschen und Mädchen stellten sich zögernd zum Tanz auf, die Juden stimmten ihre Instrumente, da entstand eine neue Bewegung und ein ängstliches Flüstern ging von Mund zu Mund. Pan Kaniowski schritt durch die Menge, welche ehrerbietig auswich, und trat in die Schänkstube. Er war nicht eben gross und mehr sehnig und nervig als kräftig, aber die Haltung seines Kopfes, auf dem der Kalpak schief zur Seite lag, und der Blick der grossen, grauen tiefliegenden Augen aus dem wetterbraunen Gesicht heraus imponirte weithin. Ihm folgten seine Leute, sie alle reich gekleidet, in farbigen Stiefeln, weiten Beinkleidern und faltigen Kontuschi von Seide oder Sammet mit Pelz besetzt, manche die blitzenden Panzer umgeschnallt, alle den Kalpak oder die Kosakenmütze auf dem Kopfe, die Karabella, den krummen Säbel an der Seite, die mit Silber eingelegten Pistolen im reich vergoldeten Gürtel, während der Führer dieser wilden Bande, der Herr von Kaniow, ein schlichtes, dunkles Kleid trug. »Guten Tag,« sprach er, indem er mitten in der Stube stehen blieb, die Leute musterte und den schwarzen Schnurrbart strich. »Wir fallen zu Füssen,« erwiderte es im Chor, indess der Wirth Szalajski dem Wütherich fast zärtlich den Zipfel seines verschnürten Überrocks küsste. »Nun, wie geht es, Alter?« fragte Kaniowski den Zitternden und klopfte ihn auf die Wange, »wir haben und lange nicht gesehen, was?« »Leider! Leider! dem Himmel sei’s geklagt.« »Dafür wollen wir heute guter Dinge sein,« rief Kaniowski und warf dem glücklichen Szalajski eine mit Gold gefüllte Börse zu. »Wein und vom besten, hörst Du, die ganze verehrte Gesellschaft ist freundlichst eingeladen.« Er nahm jovial die Mütze ab und verneigte sich tief vor den Anwesenden. »Wenn es nur heute kein Unglück giebt,« sprach der Schänkwirth draussen zu seinem Kellermeister, »er ist gar zu aufgeräumt, die heilige Maria wolle uns beschützen.« Pan Kaniowski näherte sich hierauf den Musikanten, welche sich vor ihm niederwarfen, und streute Geld unter sie. »Spielt, Ihr Spitzbuben, und spielt mit Feuer, ich selbst werde den Tact schlagen, nöthigen Falls auf Euerem Katzenbuckel, vorwärts!« Er gab dem Nächsten einen freundschaftlichen Fusstritt, liess sich an der Wand zwischen den beiden Fenstern auf einer Holzbank nieder und gab den Tact, indem er in die Hände klatschte und mit dem Fusse leicht aufstampfte. Die Juden spielten den Kosak, wild und feurig, wie es Pan Kaniowski liebte, und die Paare drehten sich mit derber Grazie im Kreise. Die Leute des Tyrannen zechten draussen im Flur und vor dem Hause, doch mischte sich auch mancher von den Jüngeren unter die Tanzenden. Die beiden Edelleute Pilatowitsch und Jaroslawski schienen sich produciren zu wollen, denn sie führten in der Mitte der Stube die unglaublichsten Figuren, Sprünge und Wendungen aus, wie sie nur die besten Tänzer beim Kosak zum Besten geben. Pan Kaniowski sass da, nickte mit dem Kopfe und freute sich dieser kräftigen, muthigen Jugend, vielleicht dachte er der Zeiten, wo er selbst noch im Lebensfrühling stand, wo sein starker Arm manches schöne Weib umschlang, wo er noch liebte und geliebt ward. Da zeigte sich Zofia auf der Schwelle, und alle Augen richteten sich auf sie. Die beiden Edelleute hielten im Tanzen inne, und der kecke Jaroslawski, der hübscheste Junge von Allen, die Kaniowskis Fahne folgten, näherte sich der stolzen Schönen, nahm die Mütze ab, verneigte sich und schlug zugleich die Absätze zusammen, dass die Sporen klirrten. »Darf ich das Fräulein bitten zum Kosak?« fragte er artig. Sie nickte ihm freundlich zu und reichte ihm die Hand. Bald standen sie sich mitten in der Stube gegenüber und begannen zu tanzen, Jaroslawski die linke Hand an der Mütze, mit der Rechten den Schnurrbart drehend, Zofia den linken Arm in die Hüfte gestemmt, ein trotziges Lächeln um die vollen Lippen. Pan Kaniowski hatte sofort, als sie sich zeigte, den grossen kühnen Blick auf sie gerichtet und wandte ihn nicht mehr von ihr ab. Jede Andere hätte unter diesem Blick gebebt, Zofia aber hob nur stolz die Oberlippe, so dass die kleinen weissen Zähne sichtbar wurden, und von Zeit zu Zeit heftete sie die schönen blauen Augen furchtlos, fast herausfordernd auf den bösen Gast. Plötzlich stand Pan Kaniowski von seinem Sitze auf und näherte sich langsam Zofia. Sie hielt im Tanze inne, von seinem Blick gebannt, und jetzt schlug ihr das Herz doch ein wenig höher. Er sprach kein Wort, er lächelte nicht, er sah sie immer nur an und legte den Arm um sie und zog sie an sich, um sie zu küssen. Es war ein Scherz, nichts weiter, doch die stolze Zofia verstand keinen Scherz, sie entwand sich blitzschnell den Armen des Magnaten, schlug ihn mit der rechten Hand in’s Gesicht und entfloh. Einen Augenblick blieben Alle wie versteinert stehen, das unglückliche Mädchen hatte gewagt, wozu jedem Mann in Polen, dem Kühnsten der Muth gefehlt hätte, sie hatte ihn geschlagen, vor dessen Blick die Republik zitterte, das Schänkmädchen den Pan Kaniowski, den Tyrannen Kleinrusslands. Er war der Erste, der zu sich kam. »Ihr nach,« befahl er, »verfolgt sie, bringt sie mir zurück!« Sofort eilten zwei Kosaken mit gezogenen Krummsäbeln dem armen Mädchen nach, sie ereilten dasselbe auf der Brücke und brachten es zurück. »Weisst Du, was Du gethan hast?« fragte sie Pan Kaniowski mit seiner eisigen Ruhe. »Meine Ehre vertheidigt,« gab sie unerschrocken zur Antwort. »Du hast mich, den Herrn von Kaniow geschlagen, Mädchen.« »Und ich schlage Dich wieder, sobald Du mich küssen willst.« »Das wollen wir doch sehen.« Wieder schlang Pan Kaniowski den Arm um sie, und zum zweiten Male traf ihn die Hand Zofias, und da seine Leute die Thüre besetzt hielten, sprang sie durch das offene Fenster hinaus. »Bleib,« rief Pan Kaniowski, bis in die Lippen bleich, »wenn Dir Dein Leben lieb.« Schon hatte er die Pistole aus dem Gürtel gerissen, und als sie der Brücke zulief, schoss er dieselbe auf sie ab. Zofia drehte sich nach dem Schuss herum, als ob sie zurückkehren wollte, und stürzte dann zur Erde nieder. Wenige Augenblicke später brachten sie die Soldaten mit Blut überströmt zurück. »Lebt sie?« fragte Pan Kaniowski. »Nein, sie ist todt.« Der Wütherich stand, die abgefeuerte Pistole noch immer in der Hand, entsetzt da, kein Laut kam über seine Lippen. »Das hättest Du nicht thun sollen, Herr,« murmelte Jaroslawski, der bei der Todten kniete. Jetzt stürzte der unglückliche Vater herein und warf sich über die Leiche. »Da,« murmelte endlich Pan Kaniowski, »hier ist Gold, nimm, schweige.« Szalajski richtete sich stolz auf und warf das Gold dem Tyrannen vor die Füsse. »Ich schweige nicht, ehe Du mich nicht auch ermordet hast,« rief er, »Fluch über Dich, Du Hundesohn, die Hölle verschlinge Dich!« Pan Kaniowski winkte mit der Hand, als wolle er sagen: Es ist genug, reizt mich nicht zu sehr. Dann befahl er, die Pferde vorzuführen und die Todte auf sein Schloss zu bringen. Vergebens setzte sich der alte Vater zur Wehre, Freunde, die es gut mit ihm meinten, brachten ihn fort, und das schöne Opfer Kaniowskis wurde auf eine Bahre gelegt, welche vier seiner Leute trugen. Langsam setzte sich der traurige Zug in Bewegung, voran die Kosaken, dann die Edelleute mit dem Banner, Pilatowitsch mit einem Kreuz, hinter ihm die Todte und hinter dieser Pan Kaniowski, von den Ulanen gefolgt. Als sie auf dem Schlosse des Tyrannen anlangten, befahl er, die todte Zofia in der Kirche aufzubahren. Es geschah, und da lag sie nun auf erhabenem Katafalk, die Hände gefaltet, zwischen brennenden Kerzen und Blumen wie eine Fürstin da. Niemand durfte bei ihr wachen, Niemand bei ihr beten. Drei Tage und drei Nächte trauerte Pan Kaniowski um die Todte, im härenen Bussgewand mit einem Stricke umgürtet, barfuss und barhaupt lag er vor ihrem Sarge auf den Knieen, schlug sich die Brust mit den Fäusten und betete. Am vierten Tage liess der Wütherich sein Opfer mit unerhörter Pracht beisetzen, und während alle Glocken geläutet wurden, schritt er wie ein von der Kirche Verfluchter, wie ein Pilger oder Bettelmönch hinter dem Sarge her. Dann, als die Schollen auf den Sarg gefallen waren und er in den Waffensaal zurückgekehrt war, stand er noch lange am Fenster und blickte der scheidenden Sonne nach. Plötzlich fuhr er mit der Hand über die Augen und rief: »Genug!« Schrill tönte die Glocke, die Diener kamen, der Herr befahl den Kontusch, den Kalpak, den Säbel, die Flinte, die Pferde. Im Nu war Alles bereit, und Pan Kaniowski zog an der Spitze seiner Companie zum Thor hinaus und auf der Strasse nach Kamienez dahin. Im Felde trieb ein Hirte seine Schafe und sang ein Lied. Pan Kaniowski hielt sein Pferd an. »Was singt der Bursche?« fragte er. »Ein Lied auf Dich und die schöne Zofia,« antwortete Jaroslawski. (Dieses Volkslied lebt noch heute im Munde des kleinrussischen Volkes.) »Strafgericht des Volkes,« murmelte Pan Kaniowski, »dir entgeht Keiner, der mit Schuld beladen. Herr, vergieb uns unsere Sünden.« Er bekreuzigte sich und ritt weiter. Da nahten zwei mit Leinwand überspannte Wagen, von kleinen mageren Pferden gezogen, Pan Kaniowski liess sie halten. Es waren Juden, die vom Jahrmarkt heimkehrten und bei dem Anblick des Wütherichs, von Todesangst erfasst, jetzt aus den Wagen sprangen und sich ihm zu Füssen warfen. »Gnade! Gnade!« schrieen sie, »erbarme Dich Deiner Knechte!« Pan Kaniowski musterte sie mit einem bösen Lächeln, dann stieg er vom Pferde und verlangte seine Flinte. »Vorwärts!« gebot er den zitternden Juden, »auf die Bäume, Ihr Schurken, und ruft mir Kukuk, wenn Ihr oben seid.« »Herr! verschone uns, nimm unser Geld und Gut und lass uns ziehen,« flehten die Juden. »Wer will euer Geld?« schrie der Tyrann, »vorwärts auf die Bäume!« Die Kosaken trieben die Unglücklichen mit den langen Peitschen vorwärts. An der Strasse standen ein paar Weiden- und Lindenbäume. Die Juden erkletterten dieselben mühsam in ihren langen Kaftanen, und als sie endlich alle oben in den Wipfeln sassen, da rief der erste: Kukuk! Kukuk! Blitz und Knall, und er stürzte todt zur Erde nieder. Wieder wurde die Flinte geladen. »Erbarmen, Herr, Erbarmen!« »Vorwärts!« gebot Pan Kaniowski. Wieder ertönte der ominöse Kukuksruf, wieder fiel ein Schuss, und ein zweites Opfer sank blutend zu den Füssen des Unmenschen nieder. Es war dunkel geworden, langsam zogen die Sterne herauf, aber sie verbreiteten nur ein zweifelhaftes Licht um Wipfel und Stämme. Trotzdem setzte Pan Kaniowski mit wilder Lust die unerhörte Jagd fort. Noch lange tönten durch die Nacht Kukuksruf und Schüsse. (Ebenso historisch wie der Tod Zofias.)   Der Krieg der zwei Marien Am frühen Morgen des fünften December 1771 war die im östlichen Galizien gelegene Stadt Sambor in freudiger Erregung. Die Conföderirten, welche seit mehreren Wochen die Umgegend unsicher gemacht hatten, waren mit einem Male verschwunden und der königliche Oberst Trentowski erschien mit einem kleinen Corps und zwei Kanonen vor der Stadt und lagerte in der Nähe derselben. Der grösste aufrichtigste Jubel herrschte in dem Kloster der Carmeliterinnen, das wiederholt von den Conföderirten gebrandschatzt und mit Plünderung bedroht worden war. Die Äbtissin desselben, Maria Stanislawa, entsendete sofort ihren Castellan, den wohlgenährten Pan Zajontschek, in das Lager. Während eine Deputation des Magistrats in wohlgesetzter lateinischer Rede den Obersten einlud, seine Soldaten in der Stadt einzuquartieren, bat Zajontschek denselben, die Äbtissin mit seinem Besuch zu beehren. Trentowski rückte hierauf mit seinem Corps in die Stadt, liess seine Kanonen auf dem Ring auffahren, an den Thoren und auf den Wällen Wachen und rings um die Stadt die nöthigen Vorposten aufstellen. Während seine Offiziere dann die Leute in den Häusern der Bürger und Juden einquartierten, ritt er selbst in das Kloster, das, einem Schlosse gleich, wohlbefestigt auf einer kleinen Anhöhe lag. Die Soldaten der Äbtissin empfingen ihn im Thore desselben mit kriegerischen Ehren, sie selbst in einem mit seltener Pracht und künstlerischem Geschmack eingerichteten kleinen Saale des Klosters. Maria Stanislawa war so sehr entzückt über die Ankunft befreundeter Truppen, dass sie sich nicht nur von ihrem mit gelbem Damast überzogenen, thronähnlichen Stuhl erhob, um den Oberst zu begrüssen, sondern demselben sogar einige Schritte entgegenging und ihm die Hand reichte. Trentowski war nicht nur ein guter Soldat, sondern auch ein feiner Hofmann und, wie es im Geiste der Zeit lag, sogar ein Schöngeist, aber er war an dieser Stelle so wenig auf eine Erscheinung wie die, die lächelnd auf ihn zuschwebte, gefasst, dass er für einige Augenblicke alle Haltung verlor und dieselbe fast unartig anstarrte. Die Äbtissin war eine junge Dame von nicht mehr als 26 Jahren, mittelgross, schlank gewachsen, aber mit vollen, anmuthigen Körperformen, ihr feines reizendes Gesicht mit den frischen Wangen und Lippen und den geistvollen und lebhaften blauen Augen blickte fast verführerisch aus dem Velum hervor, und der lange Talar von violetter Seide mit blendendem Hermelin gefüttert und ausgeschlagen, den sie über dem weissen Habit trug, verlieh ihr eine sanfte Majestät, welche den Liebreiz der ganzen Erscheinung noch erhöhte. Geblendet stand Trentowski da und fasste sich erst, als die kleine Elfenbeinhand aus dem weiten, hermelingefütterten Ärmel, wie aus duftigem Schnee, hervorkam, ihn zu begrüssen. Er beugte sich über dieselbe und küsste sie zweimal mit galantem Feuer. »Willkommen, Pulkownik,« begann die Äbtissin, ihm einen Sitz neben sich anweisend. »Der Himmel segne Sie, unseren edlen Befreier.« »Mein Verdienst ist gering, hochwürdige Mutter,« entgegnete Trentowski. Er musste unwillkürlich bei dem Titel, den er dem schönen Weibe an seiner Seite gab, lächeln, und die Äbtissin lächelte mit und zeigte ihre prachtvollen Zähne. »In dieser Gegend ist die Conföderation, durch die Nähe der ungarischen Grenze begünstigt, bisher immer besonders stark und im Vortheil gewesen. Wenn es mir trotzdem gelungen ist, verschiedene Banden der Rebellen zu zerstreuen und bis Sambor vorzudringen, so schreibe ich dies vor Allem der Entmuthigung zu, welche in den Reihen der Gegner eingerissen ist, seitdem die Entführung des Königs misslang und alle Mächte gegen die bisher von mancher Seite unterstützte Conföderation aufgebracht hat.« »Wir haben von diesem schändlichen Anschlag auf unseren geliebten Monarchen vernommen,« sprach Maria Stanislawa, »sowie auch davon, dass die Kaiserin die Häupter der Conföderation aus Eperies ausgewiesen hat, aber glauben Sie deshalb nicht, mein Freund, dass damit Alles vorbei ist, am wenigsten hier, wo dieses entartete Weib, die Marschallin von Sambor, an der Spitze eines gut gerüsteten Corps steht, das sie seit dem Tode ihres Mannes befehligt.« »Ich habe von dieser merkwürdigen Frau gehört.« »O, es ist nichts Merkwürdiges an ihr als ihre Frechheit,« rief Maria Stanislawa, »übrigens ist es begreiflich, dass solche Weiber bei einer Partei, die sich mit den Türken verbindet, eine Rolle spielen.« »Der König hat dagegen den Fehler begangen, die Russen zu Hilfe zu rufen.« »Sie haben Recht, Pulkownik. Wann wird unser armes Polen zur Ruhe kommen?« Die Äbtissin seufzte und blickte zum Himmel empor, wie es schien, nur um ihre schönen Augen von einer besonders vorteilhaften Seite zu zeigen. »Aber sprechen wir von etwas Angenehmerem. Ich hoffe, Sie verlassen uns nicht so bald. Es versteht sich, dass sie mein Gast sind. Alles, was das Kloster bietet, steht zu Ihren Diensten und Sie erlauben auch, dass ich heute Ihre Leute bewirthe?« Sie gab ihm wieder beide Hände und schien es gern zu sehen, dass er sie immer wieder küsste, denn es währte geraume Zeit, ehe diese schönen Hände sich wieder in das weiche Pelzwerk der Ärmel zurückzogen. »Und nun sagen Sie mir offen, was Sie zunächst vorhaben.« »Ich habe die Absicht, mich in Sambor festzusetzen –« »Sehr gut.« »Und von hier aus das Land zu durchstreifen und von den Conföderirten zu säubern.« Die Äbtissin schüttelte den Kopf. »Wir haben es hier nicht mit kleinen Banden, sondern mit einer wohlorganisirten Macht zu thun, lieber Pulkownik. Dennoch denke ich, dass wir mit derselben fertig werden, ich sage wir, denn ich sehe mich ohne Weiteres als Ihre Verbündete an.« »Ich stelle mich mit Begeisterung unter ihre Befehle,« rief Trentowski. »Nun, wir werden sehen,« sprach Maria Stanislawa geschmeichelt, »ich werde Sie bald auf die Probe stellen. Ich habe einen Anschlag, von dem ich mir viel verspreche. Verlassen Sie sich ganz auf mich und meine Spione. Die Marschallin kann keinen Schritt thun, ohne dass ich davon erfahre. Sie sollen den Ruhm ernten, einen entscheidenden Sieg davonzutragen und ich –« sie lächelte und strich mit der weissen Hand den schwellenden Hermelin an ihrem Talar nieder – »ich begnüge mich mit Maria Kasimira.« »Wie?« »So nennt sich die Marschallin.« Maria Stanislawa neigte sich zu Trentowski hinüber, so nahe, dass die feinen Härchen ihres Pelzes seine Wangen streiften. »Versprechen Sie mir, mein theurer Freund, mir dieses Weib lebendig zu liefern. Es wird dann meine Sache sein, sie angemessen zu strafen.« »Ihr Wunsch ist mir Befehl.« Maria Stanislawa entliess den Obersten mit einer huldvollen Handbewegung, er kniete vor ihr nieder, um ihren Segen zu empfangen, und verliess sporenklirrend das Gemach. Draussen erwartete ihn schon der Castellan Pan Zajontschek und führte ihn, im Auftrage seiner Herrin, in den Klosterkeller, wo ein Tisch für ihn gedeckt war und auf einen gellenden Pfiff des Castellans zwei Diener erschienen und ein herrliches Mahl aufzutragen begannen. Der Pulkownik und Zajontschek nahmen Platz und der Letztere entkorkte eigenhändig eine Flasche Tokayer. »Ich habe absichtlich hier für uns decken lassen,« begann er behaglich schmunzelnd, »weil man da Alles, was das Herz begehrt, in angenehmer Weise so ganz in der Nähe hat.« Er schänkte ein. »Sehen Sie, amice, ich fühle mich so zu sagen hier wie im Schoosse meiner Familie,« er wies auf die umherstehenden Fässer, »und noch viel besser, denn da ist eine Schwiegermutter, die nie keift, eine Frau, die uns nie widerspricht, da sind liebe Kinder, die uns stets nur Freude machen.« Der Pulkownik erhob sein Glas. »Vivat Maria Stanislawa! Eine schöne Dame. Wie kommt es, dass sie den Schleier nahm?« »Das ist so eine Historie.« »Und wie soll ich es verstehen, dass ein solcher Engel eines so glühenden Hasses fähig ist, wie sie ihn gegen die Marschallin zu fühlen scheint?« »Auch so eine Historie.« Das war Alles, was vor der Hand aus dem wohlgenährten Schlachzitz herauszubringen war; erst nachdem er furchtbar unter den Ragouts, dem Wildpret und dem gebratenen Geflügel gewüthet hatte, der Wein ihm in den Kopf gestiegen war, seine rothe Nase glühte und der letzte Knopf an seinem Kontusch aufgemacht war, wurde er gesprächig. »Man hat mir die Marschallin als eine schöne, edle und kluge Frau geschildert,« begann jetzt von Neuem Trentowski, »indess Maria Stanislawa sie wie eine giftige Schlange verabscheut. Wie soll ich das in Einklang bringen?« »In Einklang?« rief Zajontschek, »wer verlangt denn das?« »Ich meine nur –« »Ich habe Ihnen ja so die ganze Historie erzählt,« sprach der Castellan mit lallender Zunge, »oder habe ich sie Ihnen noch nicht erzählt, amice?« »Keineswegs.« »Stoss an Bruderherz!« Die Gläser klirrten. »Ja – also – gewissermassen, was haben Sie gesagt?« »Sie wollten die Geschichte erzählen.« »Ich? wirklich?« staunte Pan Zajontschek, begann zu lachen und drehte seinen Schnurrbart. »Wenn ich mein Wort als Edelmann gegeben habe, muss ich es auch halten. Du zweifelst doch nicht daran, Bruderherz?« »Nicht im mindesten.« »Also die beiden Marien,« begann der Castellan, »waren ursprünglich die besten Freundinnen, wie zwei Täubchen liebten sie sich, nämlich unsere Maria Stanislawa und die andere, Sie wissen – Maria Kasimira, meine ich. Nie bemerkte man eine Eifersucht zwischen ihnen. Sie hatten auch keine Ursache dazu. Beide reich, vornehm und beide schön, und noch dazu wie von der Natur erschaffen – nämlich – eine die andere in ein vorteilhaftes Licht zu setzen, Maria Stanislawa schlank, zart, mit blonden Haaren und blauen Augen, und Maria Kasimira gross und voll, mit dunklen Flechten – Alles dunkel – da – denk’ Dir, Bruderherz – kommt der Marschall von Sambor auf einen Ball, sagt man, erblickt Maria Kasimira und brennt auch schon. Verliebt sich, dass es nur so eine Schande war und Maria Kasimira in ihn. Das ist die Historie.« »Aber das kann doch nicht Alles sein.« »Was soll denn noch folgen?« rief Zajontschek erbost. »Habe ich Ihnen nicht gesagt, Herr Pulkownik, dass auch Maria Stanislawa eine heisse Liebe zu dem Marschall fasste, aber das haben Sie schon wieder vergessen, was? Habe ich Ihnen nicht gesagt, dass sie diese Leidenschaft im innersten Herzen verbarg, und dass Alles erst dann offenbar wurde, als sie den Schleier genommen hatte? Was soll denn da noch etwa folgen? Maria Kasimira wurde nämlich seine Frau und gleich darauf ging Maria Stanislawa in das Kloster und von dieser Stunde an hasste sie die Freundin. Ja, sie hasst sie heute noch wie die Sünde, obwohl der Marschall, es war ein tapferer, ritterlicher Pole, Gott sei ihm gnädig, bereits sozusagen vor zwei Jahren gefallen ist. Bei Starosol ist er gefallen. So ein verdammter Russe hat ihm seine Kugel in den Bauch gejagt und die Marschallin hat damals geschworen, seinen Tod zu rächen, und sie hat ihren Schwur gehalten. Gnade Gott dem Moskowiter oder dem Königlichen, der in ihre Hände fällt.« »Also ist sie doch so, wie die Äbtissin sie schildert,« fiel der Oberst ein. »Wie schildert sie sie denn? Bin sehr neugierig!« rief Pan Zajontschek, eine neue Flasche, die neunte, entkorkend. »Als ein entartetes Weib –« »Bah, das ist die Marschallin nicht.« »Was denn?« »Was denn? ein schönes Weib, jung, geschaffen zur Liebe, aber erfüllt von Hass gegen die Feinde der Republik, der Freiheit, gegen die Mörder ihres Gatten, dabei muthig, kühn, ja unter Umständen auch grausam, aber das bringt der Krieg mit sich. Indess zweifelt doch Niemand an ihrem grossmüthigen Herzen und ihrer strengen Tugend.« »Und die Marschallin führt also jetzt das Commando hier in der Gegend?« »So ist es,« erwiderte Pan Zajontschek, indem er den Kopf auf die mächtige Brust sinken liess und einzunicken begann, »nimm Dich in Acht, Bruderherz – sie – sie wird nur so spielen mit Dir – und plötzlich wird sie Dich in ihren Krallen haben – und dann –« Pan Zajontschek begann zu schnarchen. Ein Kanonenschuss weckte ihn und den Obersten, der in Träume versunken da sass. »Was ist das? ein Gewitter?« staunte Pan Zajontschek. »Der Feind ist da,« rief Trentowski, »ich eile zu sehen, was es giebt.« Er setzte seine Mütze auf und stieg rasch die Stufen empor, die aus dem Keller in den Hof des Klosters hinaufführten. Sein Pferd stand gesattelt da, er schwang sich auf dasselbe und sprengte zum Thore hinaus. Auf dem Ring sammelten sich eben seine Soldaten. Die Vorposten hatten gemeldet, dass starke feindliche Schaaren sich der Stadt näherten. Auf das war der Alarmschuss abgefeuert worden. Jetzt hörte man vereinzelte Flintenschüsse in der Ferne und immer näher. Die Vorposten der Königlichen zogen sich nach Sambor zurück. Die Thore der Stadt wurden geschlossen, die Wälle besetzt und die Geschütze auf denselben aufgepflanzt. Trentowski bestieg jetzt den Thurm der Marienkirche, um zu recognosciren. Von zwei Seiten näherten sich Staubwolken, einzelne Reiter sprengten bis an die Thore heran und feuerten ihre Pistolen ab, ein Trupp mit einer Kanone hielt an dem Rande des nahen Eichenwaldes und jetzt rauchte aus dem Dunkel der hundertjährigen Stämme ein weisses Pferd auf, das auf seinem Rücken eine schwarzgekleidete Dame trug. »Das ist die Marschallin,« sprach Pan Zajontschek, der plötzlich vollkommen nüchtern neben dem Obersten auf dem Thurme stand. Auf dem Walle blitzte es, dann rollte es dumpf durch die Luft dahin. Die Kanone der Conföderirten gab Antwort, dann zogen sich dieselben wieder in den Wald zurück. »Was habe ich Ihnen gesagt?« murmelte der Castellan, »sie spielt nur so mit Ihnen. Danken Sie Gott, dass Sie in Sambor sind. Wenn die Marschallin Sie im freien Felde überrascht hätte, gäbe ich nicht zwei Haselnüsse für Ihren Kopf.« Spät am Abend erschien Pan Zajontschek mit einer wichtigen Miene, die sein feistes rothes Gesicht noch komischer erscheinen liess, bei dem Pulkownik Trentowski und bat ihn, so rasch als nur möglich bei der Äbtissin zu erscheinen. Als Trentowski bei der schönen mächtigen Frau eintrat, sass sie behaglich bei dem flammenden Feuer des grossen Kamins und wärmte ihre kleinen Füsse an demselben. »Nehmen Sie Platz, lieber Pulkownik,« begann Maria Stanislawa, »nahe, recht nahe, ich habe gute Nachrichten für Sie.« Trentowski setzte sich ihr gegenüber und sie neigte, sich auf die Hände stützend, das reizende Gesicht zu ihm. »Ich habe Ihnen von einem Anschlag gesprochen, den ich im Kopfe habe; rascher als ich dachte, ist derselbe geglückt. In meinen Diensten steht ein Jude, Simon genannt, ich bezahle ihn gut und da seine Familie hier in der Stadt, so zu sagen in meiner Gewalt ist, kann ich mich um so mehr auf ihn verlassen. Er hat sich bei den Conföderirten eingeschlichen, schon vor einigen Monaten, und spielt im feindlichen Lager mit Glück den Spion. Ich liess durch ihn wiederholt der Marschallin wichtige Nachrichten zukommen, um sie im entscheidenden Moment um so sicherer verderben zu können. Heute, gleich nach Ihrer Ankunft, entsendete ich ihn zur Marschallin und er hat seine Rolle gut genug gespielt. Simon hat ihr gemeldet, dass Sie mit Ihrem kleinen Corps Sambor besetzt haben, um die Conföderirten hierher zu locken, und dass ein grösseres Corps heranrücke, um denselben in den Rücken zu fallen und im Vereine mit Ihnen einen entscheidenden Schlag auszuführen.« »Sehr gut ausgedacht, mein schöner General,« rief Trentowski. Die Äbtissin gab ihm einen leichten Schlag auf die Wange. »Sie dürfen ja nicht bemerken, dass ich schön bin.« »Es ist sehr schwer, dies nicht zu bemerken,« erwiderte der Pulkownik. Maria Stanislawa drohte ihm mit dem Finger. »Bleiben wir bei unserem Kriegsplan.« »Ich bin ganz Ohr.« »In Folge der falschen Meldung ihres Spions, meines braven Simon,« fuhr Maria Stanislawa fort, »haben sich die Conföderirten von Sambor zurückgezogen. Die Marschallin hat ihre Truppen getheilt.« »Wie stark mag die feindliche Macht hier sein?« »Bei 1000 Mann und 3 Kanonen,« gab die Äbtissin zur Antwort. »Die Marschallin hat die Hälfte hiervon mit 2 Kanonen bei Starosol dem Corps entgegen geschickt, dessen Anrücken von Norden her sie in Folge der Meldung Simons erwartet. Sie selbst steht mit höchstens 300 Mann und einer Kanone bei Staremiasto, um uns zu beobachten, während sie den Rest zurückgeschickt hat, um ihr Schloss Bialigrod an der ungarischen Grenze vor einem Überfall zu sichern.« »Vortrefflich.« »Hören Sie nun weiter, mein Freund. Wir bewaffnen die Bürger und besetzen mit denselben die Thore und Wälle. Meine Reiter verstärken Ihr Corps und Sie verlassen sofort Sambor, folgen der Marschallin und suchen sie, ehe sie Verstärkung an sich ziehen kann, zu überfallen und zu einem Gefecht zu zwingen, das für unsere Waffen siegreich sein muss, da Sie den Conföderirten fast doppelt überlegen sind.« »Ich staune,« rief Trentowski, die Hände der Äbtissin küssend, »schade, dass Sie an der Spitze eines Klosters stehen, hochwürdige Mutter, Sie sollten eine Armee commandiren und Russen und Türken wären bald gezwungen, unser armes Land zu räumen. Ich eile, Ihre Befehle zu vollziehen.« »Ich werde Sie begleiten,« sprach Maria Stanislawa. Sie klingelte, eine Nonne brachte ihr einen Pelz, in den sie sich hüllte, und einen Schleier, in dem sie ihr schönes, stolzes Haupt barg, so bestieg sie eine Sänfte und liess sich durch die Strassen der Stadt tragen, um überall, wo es nöthig war, den Anordnungen Trentowskis zu Hilfe zu kommen. In aller Stille wurden die Soldaten an den Thoren und auf den Wällen von den Bürgern abgelöst, zwei alte, der Stadt gehörige Geschütze geladen und aufgepflanzt. Trentowski befahl seinen Leuten, ihre Füsse sowie jene der Pferde und die Räder der Kanonen mit Stroh zu umwickeln und nachdem noch vierzig Reiter der Äbtissin, von Pan Zajontschek geführt, zu ihm gestossen waren, zog er unter dem Schutze der Nacht aus Sambor und rückte auf der Strasse gen Staremiasto vor. Die Absicht der Äbtissin, die Conföderirten bei Nacht und Nebel zu überraschen, wurde vereitelt. Sie hatte nicht mit Elementen, mit Winter und Schnee gerechnet. Die Geschütze blieben von Zeit zu Zeit stecken und konnten nur mit Mühe vorwärts gebracht werden, die Infanteristen wateten langsam vorwärts. In der Dunkelheit kamen ganze Abtheilungen von der Strasse ab und geriethen in Untiefen, aus welchen sie sich erst wieder herausarbeiten mussten. Ein heftiger Wind trieb den Marschirenden den Schnee ins Gesicht und zum Überflusse herrschte eine grimmige Kälte. Jeder, der zurückblieb oder nur einige Augenblicke rasten wollte, erfror oder fiel den Wölfen zum Opfer, die in grossen Rudeln mit leuchtenden Augen und widrigem Geheul die Colonne begleiteten. Es war Tag geworden, als Trentowski den Thurm von Staremiasto erblickte, ein kalter, aber schöner, heller Wintertag. Die Sonne schien kräftig durch den leichten Nebel, der langsam über die Ebene dahinfloss. Jenseits eines Birkenwäldchens, das von der Strasse durchschnitten wurde, sah man die ersten Posten der Conföderirten. Sofort sammelte der Pulkownik seine Leute und traf rasch alle Anordnungen zum Gefecht. Während Pan Zajontschek an der Spitze seiner Reiter voraussprengte, um den Feind zu recognosciren, rückte die Infanterie in drei Abtheilungen zu etwa hundert Mann auf der Strasse sowie rechts und links derselben vor. Dem Centrum folgten die Geschütze, diesen Trentowski selbst mit hundert Reitern, den Rest seiner Cavallerie entsendete er, unter dem Schutze der sich weit ausdehnenden Fichtenwälder und des Nebels in die rechte Flanke des Feindes, um demselben den Rückzug nach Süden abzuschneiden. Die Vorposten der Conföderirten eröffneten ein lebhaftes Feuer auf Zajontschek und seine Schaar, welche sich sofort wieder zurückzogen. Staremiasto war bereits alarmirt. Man sah die Conföderirten in kleinen Trupps aus dem Orte hervorkommen und die Gärten vor demselben besetzen. Auf einem Hügel seitwärts von Staremiasto stand eine Kanone, welche jetzt auf die anrückende Infanterie der Königlichen zu spielen begann. Zajontschek kehrte mit der Meldung zurück, dass der Feind an Zahl schwach sei, aber doch Stand halten zu wollen scheine. Trentowski befahl ihm, mit den Reitern der Äbtissin abzuschwenken und die linke Flanke der Marschallin anzugreifen. Dass sie selbst befehligte, war kein Zweifel. Man sah eine Amazone auf einem prächtigen Schimmel hin- und hergaloppiren und die Conföderirten haranguiren. Das konnte nur sie sein. Ihr Fussvolk hatte sich in den Gehölzen und Gärten von Staremiasto sowie in den Häusern des Ortes eingenistet und unterhielt von hier aus ein kräftiges Feuer auf die Anrückenden. Trentowskis Geschütze beschossen Staremiasto, seine Infanterie formirte sich in Colonnen und ging dann unter lautem Geschrei zum Sturm vor. Die Conföderirten hielten tapfer Stand, wurden aber nach und nach aus ihrer Position vertrieben und nach Staremiasto zurückgeworfen; hier setzten sie sich in den Häusern neuerdings fest und unterhielten ein wohlgenährtes Feuer. Die Hauptstrasse bestrich ihr Geschütz, das sie mitten auf dem Markte postirt hatten. Hinter demselben hielt die Marschallin Maria Kasimira hoch zu Ross, in schwarzen Männerstiefeln, einem kurzen Kleide von gleicher Farbe und einem anschliessenden dunklen Pelzrock, die viereckige Mütze mit Reiherbusch, das Abzeichen der Conföderirten, auf dem schönen Haupte. Mitten im feindlichen Feuer ertheilte sie kaltblütig ihre Befehle. Da meldete ein Reiter, dass sich im Rücken feindliche Cavallerie zeige. Die Marschallin ritt im scharfen Trab bis an den südlichen Ausgang des Ortes, übersah mit einem Blick ihre gefährliche Lage, befahl dem Fussvolk, Staremiasto bis auf das Äusserste zu vertheidigen, und trat mit ihrer Reiterei und dem Geschütz den Rückzug an. Gleich hinter dem Ort stiess sie auf die Reiterabtheilung Trentowskis, griff sie ungestüm an, warf sie und gewann die Strasse; doch rasch sammelten sich die Königlichen und schon ritt Pan Zajontschek zu ihrer Unterstützung herbei. In diesem entscheidenden Augenblick pflanzte die Marschallin ihr Geschütz auf der Strasse auf, liess es mit gehacktem Blei laden und ihre Reiter vor demselben gegen den überlegenen Feind Halt machen. Als die königliche Cavallerie tapfer zum Angriff vorging, schwenkten plötzlich die Conföderirten zu beiden Seiten ab. Das Geschütz empfing die Angreifer mit seiner mörderischen Ladung, ein wirrer Knäuel von Pferden und Menschen wälzte sich auf der Erde, sperrte den Weg und zwang die Feinde, Halt zu machen, während sie die Marschallin mit ihren Reitern von beiden Seiten in die Flanken fasste. Ein wüthendes Handgemenge entspann sich. Die Königlichen wichen und wurden von den Conföderirten bis in die Strassen von Staremiasto verfolgt, wo dieselben zugleich mit ihnen eindrangen. Kurz vorher hatte die Infanterie Trentowskis die Hauptstrasse erstürmt und jetzt sprengte er selbst mit dem Reste seiner Reiterei um den Ort herum und fiel den Feinden in den Rücken. Beide Parteien waren in Unordnung gerathen. Alles kämpfte in und um Staremiasto ohne Führung, ohne Zusammenhang in einem wilden Durcheinander, Niemand wusste, wer im Vortheil war. Hier gewannen die Königlichen an Terrain, dort die Conföderirten und jeder Augenblick veränderte von Neuem die Sachlage. Trentowski hatte, den Säbel in der Faust, die feindliche Kanone genommen, um sie gleich wieder einem Trupp Conföderirter zu Fuss überlassen zu müssen, der sich in einem niederen Tannengehölz festsetzte und die Reihen seiner Reiter durch ein mörderisches Feuer lichtete. Die Marschallin hatte Zajontschek zu ihrem Gefangenen gemacht. Im Nu eilte ein königlicher Offizier mit seinen Ulanen herbei, befreite ihn und verfolgte die Marschallin bis in eine Seitenstrasse, wo ihn wieder die Kugeln der in den Häusern postirten Conföderirten zur Umkehr zwangen. Endlich liess Trentowski zum Rückzug blasen, jedoch nur in der Absicht, seine Leute ausserhalb des Ortes zu sammeln. Die Reiterei folgte dem Signal und war rasch vor dem Eingange von Staremiasto raillirt. Die Infanterie, in kleine Trupps aufgelöst, mit den Feinden vermischt, konnte nur theilweise Folge leisten. Nicht fünfzig Mann waren es, die sich um die Fahne zusammenfanden und ihre Gewehre auf’s Neue luden, aber diese kleine, geschlossene Truppe genügte, um eine Sturmcolonne zu bilden, und als jetzt neuerdings das Zeichen zum Angriff gegeben wurde, durch die Hauptstrasse von Staremiasto bis auf den Marktplatz vorzudringen, während Trentowski sich mit der ganzen Reiterei auf die Rückzugslinie des Feindes warf. In der Mitte durchbrochen, von allen Seiten umgangen und bedroht, begannen die Conföderirten zu weichen. Ausserhalb Staremiasto artete der Rückzug in Flucht aus. Da Trentowski die Strasse nach dem Süden, nach Turka genommen hatte, wandten sich die Fliehenden, von den Siegern verfolgt, nach Norden. Der Strassenkampf in Staremiasto war beendet. Es fielen nur noch einzelne Schüsse. Viele Conföderirte ergaben sich, die meisten allerdings mehr oder minder schwer verwundet. »Wo ist die Marschallin?« rief Oberst Trentowski dem Pan Zajontschek zu, der ihm die Meldung brachte, dass Staremiasto genommen sei. »Ich dachte, sie ist Ihnen in die Hände gefallen,« erwiderte Zajontschek erstaunt. »Ich sah sie zuletzt durch die Strassen von Staremiasto galoppiren, mit gezücktem Säbel, von wenigen Reitern begleitet, und die Richtung gegen Süden nehmen.« »Ich habe doch die Strasse vor ihr genommen,« erwiderte der Pulkownik, »sie kann mir nicht entkommen sein; das ist einfach unmöglich.« »Die Marschallin ist durch die Felder fortgeritten,« meldete einer von den Reitern der Äbtissin, der eben aus dem Orte herangesprengt war. »Sie sucht offenbar ihr Schloss Warda zu erreichen.« Trentowski wendete sein Pferd und folgte ihr, von Zajontschek und einigen Reitern begleitet. Sie spornten ihre Pferde und jagten in einer Wolke von Schnee, welche die Hufe derselben aufwirbelten, über die ebene dahin. Es währte nicht lange und ein kleiner Reitertrupp kam in Sicht, der sich seitwärts gewendet hatte, offenbar in der Absicht, die Strasse zu gewinnen. »Vorwärts!« schrie Trentowski. »Wir müssen sie einholen um jeden Preis.« Sie trieben die Pferde mit Sporen und Peitsche vorwärts. Ein breiter Graben hemmte ihren Lauf. Trentowski übersetzte denselben, die Ulanen folgten seinem Beispiel, nur Zajontscheks Pferd stürzte und er selbst rollte in den Schnee. Die Anderen sprengten weiter, Trentowski allein weit voraus. Immer näher kamen sie den Feinden, welche Alles aufboten, um zu entkommen, endlich aber Kehrt machten und mit eingelegten Lanzen ihren Verfolgern entgegenkamen. Beim ersten Anprall wurden die Conföderirten geworfen, im Pêle-mêle geriethen Trentowski und die Marschallin einen Augenblick so nahe an einander, dass sie sich hätten küssen können. Sie wechselten einen verwunderten Blick und Beide senkten zugleich, wie von einer fremden Macht getrieben, ihre Säbel. Trentowski fasste sich schnell und fiel dem Schimmel Maria Kasimiras in die Zügel, sie aber zog nicht minder rasch ihre Pistole aus dem Halfter und schoss sein Pferd nieder. Der Oberst stürzte mit demselben. Seine Leute eilten ihm zu Hilfe. Während sie ihn unter dem todten Thiere hervorzogen, entkam die Marschallin mit ihren Reitern in den nahen Wald. Zwei Stunden von Staremiasto lag ein kleines Dorf, Batschisko genannt, hier theilte sich die Strasse, der Hauptweg derselben führte weiter nach Turka, ein Seitenweg nach dem kleinen, der Marschallin gehörigen festen Schloss Warda. Bei der Schänke des Dorfes machten die Flüchtlinge Halt. Schon unterwegs hatte sich ihre Zahl vermehrt und stieg durch jene, die jetzt noch nachkamen, auf 37 Reiter. Das war Alles, was Maria Kasimira von ihrem kleinen Corps übriggeblieben war. Während ihre Begleiter dem Branntwein des Juden zusprachen, überlegte sie. Wenn sie sich nach Turka wandte, konnte sie leicht die ungarische Grenze erreichen, es war dies der sichere Weg. Sie zögerte indess keinen Augenblick, den gefährlicheren nach Warda zu wählen, nachdem sie sich gesagt hatte, dass es ihr von dort aus eher gelingen werde, ihre Truppen zu sammeln und die erlittene Niederlage zu rächen, während nach Ungarn entfliehen Alles preisgeben hiess. »Wohin wenden wir uns, gnädige Frau?« fragte artig Pan Stanioski, ein junger hübscher Schlachzitz aus der Gegend von Tarnow. »Nach Warda,« erwiderte die schöne Frau. »Gott sei gepriesen, dass Sie nicht den Muth verloren haben,« rief Waschko, ein alter Kosak, »wir werden das Nest schon halten, bis die Anderen uns entsetzt haben.« »Wer war jener Offizier, dem ich das Pferd unter dem Leibe erschoss?« fragte plötzlich die Marschallin, wie aus einem Traum erwachend. »Pan Trentowski, der Pulkownik, Niemand Anderer,« versetzte der alte Kosak, »hab ich doch schon zweimal unter ihm gegen die Ungläubigen gekämpft und fünfmal gegen ihn mit den Conföderirten gefochten.« Da Niemand mehr eintraf, gab Maria Kasimira das Zeichen zum Aufbruch. Es war Abend, als sie mit ihrer kleinen Schaar in Warda anlangte. Während sich ihre Leute in Küche und Keller labten, traf sie, kaum vom Pferde gestiegen, noch halb erstarrt von Kälte und todtmüde von dem Tag, den sie ganz im Sattel zugebracht, alle Anstalten, um das Schloss auf das Äusserste zu vertheidigen. Das Thor wurde geschlossen und verrammelt, nur die durch ein Tannengebüsch verdeckte Ausfallthüre blieb noch frei für den Verkehr. Die wenigen Diener, acht an der Zahl, die sich in Warda befanden, wurden bewaffnet und den Vertheidigern beigesellt, die Frauen und Kinder derselben in einem sicheren Gewölbe untergebracht. Vier Geschütze und fünf kleine Kanonen, die man sonst nur bei Freudenfesten gelöst hatte, wurden auf die Wälle gestellt. In dem Keller des Thurmes liess die heroische Frau ein grosses Pulverfass aufpflanzen, um sich nöthigenfalls sammt ihrem Schlosse in die Luft zu sprengen. In derselben Nacht noch wurde der jüdische Pächter der im nahen, der Marschallin gehörigen Dorfe gelegenen Schänke nach Starosol gesendet, um die dort postirten Streitkräfte herbeizurufen, während sein jüdischer Knecht zu demselben Zwecke nach Bialigrod ritt. Drei Abtheilungen von je fünf Reitern verliessen Warda in verschiedenen Richtungen, um Lebensmittel aufzutreiben und herbeizuschaffen, mit denen es, am schlechtesten bestellt war. Der erste dieser Trupps kehrte nach wenigen Stunden mit vier reich befrachteten Bauernwagen zurück, der zweite, weniger glücklich, musste sich begnügen, ein Fuhrwerk mit Branntwein heimzubringen, der dritte, gegen Norden reitend, fand auf seinem Weg keine Ortschaft und sich immer weiter wagend stiess er mit königlichen Ulanen zusammen, jagte sie in die Flucht und kehrte mit einem Gefangenen, aber ohne jeden Proviant bei Tagesanbruch zurück. Maria Kasimira liess den gefangenen Ulanen vorführen und befragte ihn selbst. Sie stand, mit dem Rücken an den grossen Ofen gelehnt, in dem mit alten Rüstungen, türkischen Waffen und Gemälden geschmückten Saal des Schlosses und der arme Teufel, der bereits den Strick um den Hals spürte, fiel vor ihr auf die Knie und flehte um Erbarmen. »Man wird Dir kein Haar krümmen,« sprach die Marschallin, »aber antworte redlich auf meine Fragen.« »Gott soll mich verlassen, wenn ich es nicht thue.« »Was ist aus meinen Soldaten bei Staremiasto geworden?« »So viel ich sah und hörte, ist etwa ein Hundert geblieben oder gefangen worden.« »Wohin haben sich die Andern gewendet?« »Gegen Starosol.« »Wo steht jetzt Dein Oberst?« »Ein Theil von uns ist nach Sambor zurück, ein anderer in Staremiasto geblieben. Der Pulkownik zieht gegen dieses Schloss.« »Mit welchen Kräften?« »Mit höchstens dreihundert Mann und zwei Kanonen.« »Wann kann er hier eintreffen?« »Heute noch, denke ich.« Die Marschallin liess hierauf den Gefangenen einfach laufen. Derselbe hatte so ziemlich die Wahrheit berichtet. Die Conföderirten hatten in dem Treffen von Staremiasto fast die Hälfte ihrer Mannschaft eingebüsst, 62 Todte, 47 Verwundete, 34 Gefangene, 40 Pferde, ein Geschütz und eine Fahne. Trentowski hatte 46 Todte, 32 Verwundete und 20 Pferde eingebüsst, von den Reitern der Äbtissin waren zwei gefallen, neun verwundet. Trentowski hatte durch Pan Zajontschek und seine Leute die Gefangenen und Verwundeten nach Sambor geleiten lassen, dort sollten sie die Wagen mit Proviant laden und wieder zu ihm stossen. Rittmeister Bogarski blieb mit 100 Reitern und der eroberten Kanone bei Staremiasto zurück, während Trentowski selbst mit etwas über 240 Fusssoldaten, 80 Reitern und 2 Geschützen auf Warda losrückte. Seine ringsum streifenden Ulanen fingen den Juden auf, den die Marschallin nach Starosol entsendet hatte. Die dort stehenden Conföderirten blieben also auf die schlimmen Nachrichten beschränke, welche die Flüchtlinge aus dem Treffen von Staremiasto mitbrachten. Mehr als 130 der Conföderirten retteten sich dahin und schilderten übereinstimmend den Feind als an Zahl und Geschützen sehr überlegen, so dass beschlossen wurde, einem Gefechte auszuweichen und sich gegen die ungarische Grenze zu ziehen. An demselben Nachmittage noch erschienen die ersten feindlichen Reiter vor Warda. Die Marschallin erstieg den Thurm wiederholt, um zu recognosciren und sah bei Sonnenuntergang das Corps Trentowskis langsam anrücken. Sie ertheilte sofort die letzten Befehle und Jeder machte sich zum Kampfe bereit. Die Feinde begnügten sich vorläufig, das Schloss von allen Seiten zu umstellen, ihre Hauptmacht lagerte in dem nahen Dorfe Warda. Hie und da, wenn einer der königlichen Ulanen sich zu nahe wagte, fiel ein Schuss vom Walle. Mit Anbruch der Dunkelheit meldete sich ein Parlamentär. Die Marschallin empfing ihn in ihrem Boudoir, nicht als Rebellin und Amazone, sondern als die grosse Dame der Rococozeit. Sie sass mitten in dem niedlichen, angenehm durchwärmten Raum in einem Fauteuil, der mit mattblauem Damast überzogen war. Ihre schlanke Gestalt war in eine Polonaise aus gelber Seide gehüllt, die mit Streifen von dunklem Zobelpelz reich besetzt war, die kleinen Füsse, von zierlichen Pantoffeln warm gehalten, ruhten auf einem Schemel, der auf einem Bärenfelle stand. Die dunklen Augen Maria Kasimiras gewannen durch das weiss gepuderte Haar noch an Glanz und Leben, während ihre Hand nachlässig mit einem Elfenbeinfächer spielte. Der feindliche Offizier wurde mit verbundenen Augen eingeführt; als die Binde fiel, blickte er die schöne Frau, die ihn mit einer vornehmen Bewegung zum Sitzen einlud, mit einer fast kindlichen Verwunderung an und vergass darüber seine Mission. »Was wünscht Ihr Kommandant von mir?« fragte endlich die Marschallin, ihm zu Hilfe kommend. »Er – der Oberst –« »Pulkownik Trentowski?« »Ja, gnädige Frau, derselbe, der so glücklich war, durch einen Pistolenschuss von Ihrer Hand sein Pferd zu verlieren,« sprach der Parlamentär. Die Marschallin musste wider Willen laut lachen. »Wenn dies ein Glück ist,« rief sie, »werde ich mir alle Mühe geben, ihm alle seine Pferde zu erschiessen. Aber was will er von mir?« »Pan Trentowski bietet Ihnen und Allen, die unter Ihrer Fahne fechten, vollkommene Amnestie, sobald Sie die Waffen niederlegen, die festen Schlösser und Geschütze übergeben und dem König Gehorsam und Treue schwören.« »Ich bedaure, Ihnen keine günstige Antwort geben zu können,« erwiderte Maria Kasimira, »ich bin entschlossen, das Schloss zu halten, bis Entsatz kommt, und er wird kommen.« »Sie werden sich doch nicht den Gefahren und Mühseligkeiten einer Belagerung aussetzen, gnädige Frau Marschallin.« »O! Die Mühseligkeiten sind ganz auf Ihrer Seite,« gab Maria Kasimira zur Antwort. »Sie sehen, wie bequem ich es mir eingerichtet habe, wie wenig ernst ich ihren Angriff nehme. Mit Lebensmitteln sind wir auch reichlich versorgt. Wenn ich Ihrem Pulkownik hie und da mit ein paar Flaschen Wein dienen kann, soll es mit Vergnügen geschehen.« »Ist dies Ihr letztes Wort, gnädige Frau?« Die Marschallin nickte. »Pan Trentowski hat mich noch beauftragt, Ihnen zu sagen, gnädige Frau, dass es ihn aufrichtig schmerzen würde, wenn Ihnen ein Unfall zustossen würde.« Maria Kasimira erröthete ein wenig, aber als feine Weltdame hinter dem Fächer, so dass der Parlamentär es nicht bemerkte. »Auch mir täte es leid, wenn Ihrem Obersten ein Unglück widerfahren sollte.« Damit war die Unterredung zu Ende. Trentowskis erste Frage an den heimkehrenden Parlamentär war nicht etwa: »Ergiebt sie sich?« sondern: »Ist sie nicht die schönste Frau des ganzen Königreiches?« »Sie ist es, ohne Zweifel,« sprach der Gefragte, »und doppelt schön so, wie ich sie gesehen habe, nicht als kriegerische Amazone, sondern als anmuthiges, liebenswürdiges Weib.« Trentowski liess sich nun jedes Wort berichten, das Maria Kasimira gesprochen hatte, jede noch so unbedeutende Kleinigkeit, die sich auf sie und ihre Erscheinung bezog, umständlich schildern. »Eine seltene Frau,« sagte er endlich mit einem Seufzer, »ich muss Krieg gegen sie führen, während – während ich gezwungen bin, sie zu lieben,« fügte er in Gedanken hinzu. Noch in derselben Nacht erbauten die Königlichen eine Batterie gegenüber dem Hauptthor des Schlosses und stellten in derselben ihr Geschütze auf. Mit Tagesanbruch begannen sie Warda zu beschiessen. Maria Kasimira erschien unter ihren Leuten und feuerte sie an, sie selbst richtete und brannte das erste Geschütz ab und blieb auf dem Walle, während die feindlichen Kugeln bald zu ihren Füssen einschlugen, bald über ihrem Kopfe wegflogen. Die Belagerten erwiderten das Feuer aus sämmtlichen Geschützen so kräftig, dass den Königlichen gleich in der ersten Stunde eine Kanone demontirt wurde und sie bei zwanzig Mann an Todten und Verwundeten verloren. Trentowski überzeugte sich, dass ihnen die Conföderirten an Artillerie bei Weitem überlegen waren, er stellte daher die Beschiessung ein, zog seine Kanonen und Leute aus dem Bereich der feindlichen Kugeln zurück und begnügte sich, das Schloss zu cerniren, bis Mangel an Lebensmitteln die Marschallin zur Übergabe zwingen würde. Einige Tage verstrichen in gegenseitiger Unthätigkeit. Dann traf Pan Zajontschek ein, er verstärkte Trentowskis Corps durch die Reiter Maria Stanislawas, brachte ihm reiche Zufuhr an Lebensmitteln und zum Überflusse noch eine Reihe guter Nachrichten. Der Sieg von Staremiasto hatte die Äbtissin zu den grössten Opfern für die gemeinsame Sache begeistert, die auf’s Neue ermuthigten Bürger von Sambor hatten ihre Stadt auf das Beste befestigt und in Vertheidigungszustand gesetzt, so dass dieselbe auch ohne Besatzung vor einem Handstreich sicher war. Die Äbtissin rüstete in aller Eile 100 Fusssoldaten aus, die nebst einer Kanone bestimmt waren, das Corps in Staremiasto zu verstärken und auf diese Weise Trentowski im Rücken zu sichern. Wieder vergingen zwei Tage, dann zeigten sich von Süden her die Conföderirten, welche von Bialigrod aufgebrochen waren, um Warda zu entsetzen. Trentowski zog ihnen mit dem grössten Theil seiner Soldaten entgegen. Nach kurzem Gefecht wichen die Conföderirten zurück, da sie sich einer grossen Übermacht gegenüber sahen. Die Marschallin machte an der Spitze von dreissig Reitern mit bestem Erfolge einen Ausfall, trieb die Posten der Belagerer zurück, nahm ihnen fünf Gefangene ab und brachte ihnen einen Verlust von drei Todten und vier Verwundeten bei, während von ihren Leuten nur zwei verwundet wurden, musste aber zuletzt auch den Rückzug antreten. Es herrschte hierauf durch fast zwei Wochen vollkommene Waffenruhe. Täglich stieg die Marschallin zu wiederholten Malen auf den Thurm und spähte vergeblich gegen Norden nach dem Entsatz aus. Die vorhandenen Lebensmittel waren verzehrt, die Besatzung begann die Pferde zu schlachten. Da klopfte es in einer stillen, mondhellen Nacht kräftig an die Ausfallspforte. Die Wache machte sich schussfertig. »Um Gotteswillen,« liess sich eine klägliche Stimme vernehmen. »Ich bin es, Rachel, die Schänkwirthin aus Warda.« Nun wurde mit äusserster Vorsicht die Pforte geöffnet und die Jüdin eingelassen, die mit einem Korbe am Arm geradewegs zur Marschallin eilte. »Wie ist es Dir gelungen, durch die feindlichen Posten hierher zu kommen?« fragte diese zugleich erstaunt und erfreut. »Ohne alle Hexerei,« erwiderte die Jüdin lächelnd, »hat doch der Herr Pulkownik mich selbst hierher gesandt.« »Zu welchem Zweck?« »Weil er hat vernommen, dass Sie Mangel leiden, gnädige Frau,« fuhr die Jüdin fort, indem sie ihren Korb auszupacken begann, »und so hat der gute Herr mir Alles dies übergeben und mir befohlen, es zu bringen der Frau Marschallin.« Maria Kasimira erröthete. Die Jüdin legte geschäftig eine Gans, zwei Enten, doppelt so viel Hühner und ein Fässchen mit Butter zu den Füssen der schönen Frau nieder, die über diese Gaben in ihrer Lage nicht weniger entzückt und gerührt war als unter anderen Verhältnissen über ein wundervolles Bouquet oder ein begeistertes Poem. Maria Kasimira lies hierauf zwölf Flaschen alten kostbaren Tokayer aus dem Keller heraufholen, packte dieselben eigenhändig in den Korb und sprach: »Bringe diesen Wein dem Pulkownik und sage ihm, dass ich ihn herzlich danken lasse.« Jeder Tag steigerte die Noth der Belagerten. Noch war der Keller im Stande, sie für die Mängel der Küche zu entschädigen, aber endlich waren alle Pferde bis auf zwei geschlachtet und noch immer keine Aussicht auf Entsatz. Da erschien die Äbtissin Maria Stanislawa selbst im Lager Trentowskis, um die Belagerer anzufeuern. Als sie in die Schänke trat, in der der Oberst mit den Offizieren bei einem Stümpfchen Talglicht Karten spielte, und die Kapuze des grossen dunklen Pelzes, in den sie gehüllt war, zurückschlug und ihr reizendes, frisches Gesicht plötzlich aus demselben wie aus einem Rembrandt’schen Hintergrunde hervorleuchtete, da war es, als sei ein Engel aus dem Himmel auf die Erde herabgestiegen. »Sie sind es?« rief Trentowski, indem er sich freudig überrascht erhob. Er hätte sie am liebsten gleich in seine Arme geschlossen , nicht in einer Aufwallung seiner Sinne, sondern nur von dem Entzücken hingerissen, welches eine anmuthige, weibliche Erscheinung hervorrufen muss, wenn sie plötzlich an einem Orte und in einer Umgebung auftaucht, wo man eher auf alles Andere gefasst ist als auf ein holdes Frauenantlitz. »Fürchten Sie mich nicht ein wenig?« fragte Maria Stanislawa. »Im Gegentheil, ich bin so glücklich, ich kann mich kaum fassen,« erwiderte Trentowski und küsste ihre Hände. »O! ich komme, um Sie auszuschelten,« versetzte sie mit einem reizenden Lächeln. »Weil ich Warda noch nicht genommen habe?« »So ist es.« »Wozu unsere Leute unnütz opfern?« entgegnete der Oberst. »Die Besatzung muss sich in wenigen Tagen ergeben, weil sie nichts mehr zu essen hat.« »Sie kennen Maria Kasimira nicht, sie wird sich eher sammt dem Schloss in die Luft sprengen.« »Das verhüte Gott!« rief Trentowski erbleichend. »Sie haben Recht,« erwiderte Maria Stanislawa, die seine Aufwallung missverstand, »denn Sie wissen ja, dass ich die Marschallin in meine Hände bekommen muss«. »Ich weiss es,« sprach Trentowski, der seine Fassung wiedergewonnen hatte. »Und so habe ich denn eine List ersonnen,« fuhr Maria Stanislawa fort, »die uns mit geringen Opfern, vielleicht sogar ohne Blutvergiessen, das Schloss und die Marschallin in die Hände liefert.« »Ich bin neugierig, aber nehmen Sie doch Platz, ehrwürdige Mutter.« Die Äbtissin liess sich mitten unter den Offizieren auf einen halbzerbrochenen Holzstuhl nieder. »Ich habe nicht ganz ohne Nutzen meinen Virgil gelesen,« begann sie. »Die Geschichte vom trojanischen Pferde ist es, die ich hier anwenden möchte.« »Bedenken Sie nur, dass wir es nicht mit Männern zu thun haben, sondern mit einer Frau,« erwiderte Trentowski, »die fähig ist, jede List zu durchschauen.« »Ohne zu wagen, kann man nichts erringen,« gab Maria Stanislawa kühn zur Antwort. Sie neigte sich zum Pulkownik und begann ihren Plan auseinanderzusetzen, während er verlegen an seinem Schnurrbart kaute. Es war Nacht geworden, als der Jude Simon bei der Ausfallpforte erschien und heftig Einlass begehrte. Man führte ihn zur Marschallin. »Ich bin gekommen, mir zu verdienen ein gutes Stück Geld,« rief er erregt. »Was für Botschaft! Es kommt Entsatz, die Königlichen ziehen ab.« »Ist dies gewiss?« »Sie sind schon auf dem Marsch,« schwor Simon. »Die Erde soll mich verschlingen, wenn es nicht wahr ist. Nur Einige sind noch im Dorf mit den Wagen, worauf ist geladen der Proviant, weil sie schwer fortbringen die Wagen in dem tiefen Schnee.« »Wie viele sind es?« fragte Maria Kasimira, die aufgeregt auf und ab ging. »Wenn es zehn sind, können Sie mich auf der Stelle hängen lassen, Frau Marschallin.« »Ich lasse Dich auch hängen, wenn Du lügst,« sprach Maria Kasimira. »Senden Sie fünfzehn Leute in das Dorf,« fuhr der Jude fort, »und wenn sie nicht bringen die Wagen, will ich hängen.« Die Marschallin sendete Stanioski und den alten Kosaken mit zehn Mann in das Dorf. Sie selbst bewachte mit den Übrigen die Thore und den Wall. Es währte nicht lange, so fielen rasch hintereinander fünf Schüsse; dann wurde es stille und bald sah man Stanioski und seine Leute, von denen einige brennende Kienfackeln in den Händen hielten, die Wagen herbei führen. Die halbverhungerten Conföderirten auf dem Walle jubelten laut, die von unten Kommenden erwiderten mit gleich freudigem Zuruf. Das Thor wurde geöffnet, die Wagen fuhren in den Hof. Stanioski berichtete stolz, wie er die Königlichen im Dorf überrascht hatte. Zwei derselben waren gefallen, einige entflohen, sieben brachte er als Gefangene mit. Comic rollte rasch ein Fass mit Branntwein von dem einen Wagen herab und öffnete einen Sack, aus dem er Brot und Würste zog. Alle assen und tranken, nur Maria Kasimira nicht. Um Mitternacht schliefen die Belagerten, ein Jeder, wo ihn der kräftige Branntwein niedergestreckt hatte, einen tiefen, lethargischen Schlaf. Nicht einmal die Wachen auf dem Walle konnten sich auf den Füssen halten. Da schlich der Jude Simon leise durch den Hof zu den Wagen und öffnete Fässer und Säcke und jedem derselben entstiegen Soldaten Trentowskis. Sie stiessen die Wache bei der Ausfallpforte nieder und öffneten die letztere. Trentowski drang an der Spitze seiner Leute ein. Der Feind war bereits im Besitz des Thores, als einzelne Conföderirte, durch den Waffenlärm aufgestört, sich aufrafften und auf die Königlichen zu feuern begannen. Es folgte ein kurzes Handgemenge und Trentowski war Herr des Schlosses. Unter den Gefangenen befand sich auch Stanioski. Maria Stanislawa erschien in einer Sänfte, die einige ihrer Soldaten trugen, während andere sie mit Fackeln begleiteten, ihr schönes Gesicht glühte vor Stolz und Freude. »Wo ist Maria Kasimira?« rief sie. »Ich habe sie selbst im ganzen Schlosse gesucht,« sprach Trentowski, der ihr mit gezogenem Säbel entgegenkam. »Es scheint, dieses Weib ist mit dem Teufel im Bunde.« Die Marschallin war mit dem alten Kosaken glücklich entkommen. Nach dem Fall von Warda hielten die Königlichen Kriegsrath. Die Äbtissin stimmte dafür, sofort gegen Bialigrod zu ziehen, wohin die Marschallin sich muthmasslich geflüchtet habe, die Offiziere theilten ihre Ansicht, nur Trentowski erklärte sich entschieden dagegen. Solange die Conföderirten in starker Zahl bei Starosol sowohl Sambor als sein Corps im Rücken bedrohten, sei an ein weiteres Vorgehen nicht zu denken. Man kam zu keinem Entschlusse und blieb einen Tag in Warda stehen. Am zweiten Tage erschien ein Parlamentär der Marschallin aus Bialigrod und begehrte Waffenstillstand. Sie hatte denselben nur in Ansicht gesendet, um ihre Gegner glauben zu machen, dass sie in Bialigrod sei, und sie erreichte in der That ihre Absicht vollständig. Der Waffenstillstand wurde verweigert und nach langer Debatte in einem neuen Kriegsrath beschlossen, dass Maria Stanislawa sofort nach Sambor reiten sollte, um dasselbe vor den Conföderirten zu sichern, während sich Pan Zajontschek mit seinen Reitern nach Staremiasto begeben sollte, um den dortigen Posten zu verstärken und dem Rittmeister Bogarski den Befehl zu überbringen, sich, im Falle der Feind in grosser Zahl anrücke, zurückzuziehen, das Fussvolk nach Sambor zu senden und mit dem Reitern zu Trentowski zu stossen. Der Pulkownik selbst brach mit seinen Corps zur Belagerung von Bialigrod auf. Indess hatte die Marschallin in diesem Schlosse nur die Geschütze und wenige erprobte Leute zurückgelassen und war mit den Übrigen nach Boryna an die ungarische Grenze gezogen. Von hier aus entsandte sie ihre Boten nach allen Richtungen und es gelang ihr, in wenigen Tagen mehrere Banden der Conföderirten, die sich vereinzelt nicht behaupten konnten und deshalb an die Grenze Ungarns zurückgezogen hatten, mit ihrem Corps zu vereinigen, das jetzt über 200 Mann zu Fuss und 300 Reiter mit zwei Geschützen zählte. Während Trentowski vor Bialigrod erschien und, nachdem er das Schloss vergeblich zur Übergabe aufgefordert hatte, dasselbe zu belagern begann, eilte Maria Kasimira von Boryna nach Turka und von hier nach Staremiasto. Zu gleicher Zeit rückten auch die Conföderirten von Starosol auf ihren Befehl gegen Staremiasto an. Rittmeister Bogarski, von den Letzteren mit Ungestüm angegriffen, suchte dennoch dem empfangenen Befehl nachzukommen und liess Zajontschek den Rückzug auf Sambor antreten, während er denselben deckte und sich dann nach Süden wenden wollte. Da fiel ihm aber die Marschallin in die Flanke und zwang ihn, nach kurzem Gefecht gleichfalls die Strasse nach Sambor einzuschlagen. Die Bewohner von Sambor sahen bereits den Feind vor den Thoren; um sie zu ermuthigen, sendete die Äbtissin sofort den Juden Simon an Trentowski ab mit der Bitte, die fast einem Befehl gleich sah, die Belagerung von Bialigrod aufzuheben und der bedrängten Stadt zu Hilfe zu eilen. Die Marschallin dachte indess nicht einmal daran, Bogarskis geschlagene Truppen zu verfolgen, um so weniger an einen Handstreich auf Sambor, sie war nur mit Trentowski beschäftigt. Durch die Vereinigung aller ihrer Truppen zählte sie jetzt wieder über 500 Fusssoldaten, 600 Reiter und vier Geschütze unter ihrer Fahne. Mit dieser Übermacht konnte sie, wenn sie geschickt operirte, das Corps des Pulkownik nicht nur schlagen, sondern vollständig vernichten. Ein Edelmann aus der Gegend von Bialigrod kam in ihr Lager mit der Meldung, dass der Jude Simon dem Pulkownik eine Nachricht überbracht habe, auf die hin er sich anschicke, den Rückzug nach Sambor anzutreten. Die Marschallin sagte sich, dass er seinen Weg nur in gerader Richtung über Warda nehmen könne. Sie warf hierauf ihr ganzes Fussvolk mit sämmtlichen Geschützen nach Mienowize, auf dem halben Wege zwischen Sambor und Warda, wo dasselbe auf einer Reihe von Hügeln eine ziemlich feste Stellung einnahm, und eilte über Batschisko nach Warda. Als sie sich dem Schlosse näherte, hatte Trentowski die Gegend bereits verlassen und war auf dem Marsche nach Mienowize. Sie überfiel Warda bei Nacht, nahm es mit Sturm und liess die Besatzung über die Klinge springen. Vor Mienowize mit Schüssen empfangen, liess sich Trentowski in kein ernstes Gefecht ein, sondern beschloss, den Anbruch des Tages abzuwarten. Inmitten einer im Viereck aufgestellten Wagenburg schlug er sein Lager auf. Ringsum standen seine Posten. Gegen Mienowize war eine starke Reiterabtheilung vorgeschoben und zugleich der Jude Simon entsendet worden, um die Stärke und Stellung des Feindes auszuspioniren. Die Nacht war hell durch den Schnee und das Licht der Sterne, mit denen der winterliche Himmel besäet war. Etwa eine Stunde nach Mitternacht ertönten plötzlich von allen Seiten zugleich Schüsse. Trentowski, der beim Wachtfeuer auf seinem Mantel schlief, sprang auf und schwang sich in den Sattel. Seine Leute folgten seinem Beispiel. Während sie sich formirten, kamen schon die gegen Mienowize aufgestellten Reiter in wilder Flucht mit blutigen Köpfen herbei und durchbrachen die Wagenburg. Mit ihnen zugleich drangen die Conföderirten in dieselbe ein. Wohin Trentowski auch blickte, überall sah er seine Schaar von einem übermächtigen Feind umzingelt. »Jetzt gilt es zu beweisen, dass wir brave Soldaten sind,« rief er seinen Reitern zu, »die Fahnen in die Mitte und so Gott mit uns ist, hauen wir uns durch.« »Vorwärts!« ertönte es aus einem halben Hundert Kehlen. Trentowski sprengte mit gezücktem Pallasch voraus, mitten in den Feind, seine Ulanen folgten mit eingelegten Lanzen. Beim ersten Angriff wichen die Conföderirten, Trentowski kam glücklich aus der Wagenburg und brach sich immer weiter Bahn. Da kam ein neuer Schwarm zu Pferde heran, an der Spitze desselben ein schönes Weib, in rothen zobelbesetzten Sammet gekleidet, den blitzenden Reiher auf der viereckigen Mütze. Trentowski erkannte Maria Kasimira und ihr Auge entdeckte jetzt auch ihn. Mitten im wüthenden Handgemenge, in das Aneinanderklirren der Säbel, Lanzen, das Schnauben und den dröhnenden Hufschlag der Pferde hinein rief sie ihn an, sich zu ergeben. »Ich suche den Tod,« erwiderte Trentowski, »geben Sie mir ihn, ich werde Ihnen dankbar sein.« Schon riss die der auf- und abwogende Strom der Fechtenden wieder auseinander. Noch einmal kam die Marschallin in seine Nähe, nicht um ihn zu tödten, sondern in der Absicht, ihn zu retten. Da sie wusste, dass er sich nicht gutwillig ergeben werde, löste sie rasch das Seil von ihrem Sattelknopf und warf ihm die Schlinge um den Hals. Schon war sie im Begriffe, dieselbe zuzuziehen, ihn zu ihrem Gefangenen zu machen, da hieb einer der königlichen Reiter das Seil durch und befreite seinen Obersten, während dieser zugleich von einem Kosaken der Marschallin einen Säbelhieb über den Kopf bekam. Trentowski wankte im Sattel, Maria Kasimira stiess einen Schrei aus und warf sich zwischen ihn und ihre Leute, ihn mit ihrem eigenen Leib deckend. Im nächsten Augenblick war er im Gedränge der Pferde und Menschen verschwunden. Die Königlichen, von allen Seiten zusammengedrängt, wehrten sich verzweifelt. Endlich gebot Maria Kasimira dem Gemetzel Einhalt. Was vom Corps Trentowskis nicht nach allen Richtungen der Windrose auseinandergesprengt oder gefallen war, ergab sich der stolzen Siegerin. Die Königlichen hatten in diesem Nachtgefecht über hundert Todte und Verwundete und 132 Gefangene sowie ihr Geschütz und ihre Fahnen verloren. Trentowski befand sich nicht unter den Gefallenen, das tröstete Maria Kasimira dafür, dass es ihr nicht gelungen war, ihn zu ihrem Gefangenen zu machen. Während ein Theil der Reiterei die Fliehenden verfolgte, lagerte das kleine Heer der Conföderirten auf dem Schlachtfelde zwischen Leichen und Trümmern. Die wenigen Verwundeten wurden von den Bauern auf Wagen geladen und nach Mienowize geführt, wo man sie in den Häusern unterbrachte und die Ärzte sie verbanden. Ringsum auf dem weiten Felde waren riesige Feuer angezündet, an denen die vom Marsch und Kampf Ermüdeten auf ihren Mänteln schliefen. Nur in der Nähe der Marschallin herrschte noch reges Leben. Ihre Offiziere lagen um sie auf der Erde ausgestreckt, indess sie selbst sich auf einem aus zwei Trommeln und einem Sattel gebildeten Sitze niedergelassen und auf einem kleinen Fass ihre Karte vor sich ausgebreitet hatte, in der sie sich beim rothen Licht des Wachtfeuers zurecht zu finden suchte. Plötzlich ertönten Hufschläge und Flüche und dazwischen liess sich die jämmerliche Stimme eines Mannes vernehmen, der jetzt in zerrissenen Kleidern und mit verwirrtem Haar und Bart von zwei Reitern, die ihn in die Mitte genommen hatten und mit Lanzenstichen tractirten, mehr todt als lebendig vor die Marschallin geführt wurde. »Wer ist der Mensch?« fragte Maria Kasimira, die grossen schönen Augen streng auf ihn geheftet. »Ein Spion,« gab der eine Reiter zur Antwort, »den wir in einem Gebüsch verborgen fanden.« »Ich bin kein Verräther, ich bin ein treuer Diener der gnädigen Frau Marschallin,« klagte eine bekannte Stimme. »Du bist es, Simon?« »Ich bin ex, Ihr treuer Simon.« »Jude, Du lügst,« fuhr ihn Maria Kasimira an und als sie sich jetzt mit einer marmornen Ruhe in dem schönen Gesicht, die Brauen finster zusammengezogen, erhob und in dem ihre hohe schlanke Gestalt weich umschmiegenden rothsammtnen Zobelpelz majestätisch vor dem Elenden stand, war sie nicht mehr das reizende anmuthige Weib, sondern ganz nur die unerbittliche Richterin. Der Jude erschrak vor ihrem Blick und dem Ton ihrer Stimme und warf sich, am ganzen Leibe bebend, vor ihr auf die Knie nieder. »Ich bin unschuldig,« betheuerte er, »wie soll ich ein Spion sein, ich bin es nicht.« »Ein Verräther bist Du,« fiel ihm Maria Kasimira in das Wort, »der sich von der Äbtissin seine Seele eben so theuer abkaufen liess, wie von mir. Du hast uns das erste Mal bei Staremiasto verrathen, ein zweites Mal in Warda und warst jetzt ohne Zweifel im Begriffe, uns zum dritten Male zu verrathen. Hängt diesen Schuft an den nächsten Baum.« »Gnade, Herrin, Gnade,« flehte Simon, wie ein Hund winselnd, indem er Maria Kasimira nachrutschte und ihre Knie umfasste. »Bete!« rief sie und stiess ihn mit dem Fusse von sich, »bei Gott ist Gnade, nicht bei mir.« »Ich bin unschuldig,« schrie der Jude, während ihn die Soldaten ergriffen, »mein Blut kommt über Euch.« »Bindet ihn,« befahl die Marschallin. Simon wehrte sich wie ein Verzweifelter, aber sie warfen ihn bald nieder und banden ihm die Hände auf den Rücken. »Ich will nicht sterben,« rief er, »ich will nicht.« »Dort an den Baum mit ihm,« befahl Maria Kasimira. »Erbarmen, Erbarmen!« Die Soldaten schleppten ihn zu dem Baum hin, der Eine hob ihn auf sein Pferd, ein Anderer stieg auf den Ast und befestigte den Strick. »So erschiesst mich wenigstens,« flehte der Jude, »oder stecht mich todt, – ich will nicht den Strick um den Hals haben.« »Schnell,« rief Maria Kasimira, »ich will ihn hängen sehen.« Schon hatte er den Strick um den Hals. »Gnade, ich werde Alles bekennen, ich werde Sie nach Sambor führen,« rief der Jude, von Todesangst geschüttelt, »nur schenken Sie mir das Leben, gnädige Frau, Erbarmen!« Die Soldaten blickten auf die Marschallin, diese, welche die Hände in den Ärmeln ihres Pelzes verborgen hatte, nahm sich nicht einmal die Mühe, ihnen zu winken. Sie begnügte sich, ein Zeichen mit dem Kopfe zu geben, und im nächsten Augenblick baumelte der Verräther in der Luft. Fünf Reiter von den Conföderirten, welche, in der Umgegend fouragirend, am nächsten Tage nach Stoka, einem seitwärts der Strasse gelegenen und zwei Stunden von Mienowize entfernten Dorfe, kamen, wurden aus dem Edelhofe mit Schüssen empfangen. Sie kehrten um und meldeten den Vorfall in ihrem Lager. Sofort liess die Marschallin fünfzig Reiter aufsitzen und sprengte mit denselben selbst nach Stoka. Ihr finsteres Gesicht und ihre vor Zorn glühenden Augen verriethen nichts Gutes. Der Besitzer von Stoka lebte am Hofe zu Warschau. Er war einer der eifrigsten Parteigänger Russlands. Sein Gutsverwalter Mandezki unterstützte in seinem Auftrage die königlichen Truppen mit Allem, was sie nöthig hatten, galt als wüthender Feind der Conföderirten und war zugleich einer der grausamsten Dorftyrannen und Bauernschinder. Als die Marschallin mit ihren Leuten, durch einen dichten Nebel begünstigt, unerwartet vor dem Edelhofe in Stoka erschien, fielen keine Schüsse, sondern trat, zu allgemeiner Überraschung, Pan Mandezki barhaupt, den Familienpokal in der Hand, aus der Thüre, um sie willkommen zu heissen. Die Marschallin stiess unwillig den Becher von sich, dass der rothe Wein wie Blut über den Schnee spritzte. »Wer hat hier auf meine Leute gefeuert?« fragte sie streng. Der unglückliche Mandezki senkte vor ihrem strafenden Blick die Augen verwirrt zu Boden. »Versprengte Soldaten des Königs waren es,« erwiderte er furchtsam. »Mensch, Du lügst,« fiel ihm Maria Kasimira in das Wort, »man kennt die Gesinnungen Deines Herrn und die Deinen.« »Er selbst hat geschossen,« rief jetzt eine Stimme aus der Mitte der Bauern, welche neugierig die Conföderirten umstanden. »Gestehe,« herrschte die Marschallin Mandezki an, »nur so kannst Du Dein Leben retten.« »Vergeben Sie, gnädige Frau,« flehte der Verwalter, indem er sich vor Maria Kasimira auf das Antlitz niederwarf, »ich war verblendet, ein Wahnsinniger –« »Ich schenke Dir das Leben,« entgegnete die Marschallin mit einem bösen Lächeln, »aber Du sollst zum Beispiel für Andere exemplarisch bestraft werden.« »Gnade, Herrin, Gnade.« Die Marschallin wendete sich verächtlich von dem Elenden ab. Ihre Leute ergriffen ihn und vollzogen in wenigen Minuten die Befehle ihrer Führerin. Mandezki wurde in ein Bärenfell, das man aus dem Edelhof holte, eingenäht und dann in dieser lächerlichen Maske der Rache seiner Bauern preisgegeben. Männer, Frauen und Kinder ergriffen Steine, ballten Schnee zusammen, rissen Stöcke aus den Zäunen und trieben ihren ehemaligen Tyrannen jauchzend durch das Dorf und wieder zu dem Edelhofe zurück. Diesen hatten die Conföderirten indess geplündert und angezündet. Die rothen Flammen schlugen aller Orten aus Fenstern, Dächern und Thüren und beleuchteten Maria Kasimira, die zu Pferde vor dem Thore hielt, grell und unheimlich. Als Mandezki, von Steinwürfen verfolgt, athemlos zu ihren Füssen Niederstürzte und nochmals um Gnade bat, befahl die Marschallin, Einhalt zu thun. Mandezki wurde hierauf auf ihr Geheiss von dem Bärenfell befreit. Sie liess ihm aber den Kopf scheeren und ihn als gemeinen Soldaten in ihr Corps einreihen. Schon wollte die kühne Frau Stoka verlassen, als ein Bauernmädchen sich ihr näherte und ihr leise mittheilte, dass in einer Hütte des Dorfes ein verwundeter königlicher Offizier verborgen sei. »Sage es Niemandem von meinen Leuten,« sprach Maria Kasimira zu ihr, »und jetzt komm und zeige mir den Weg.« Das Mädchen lief barfuss im Schnee voraus, die Marschallin folgte im Schritt mit ihren Reitern. Am Ausgang des Dorfes blieb die Verrätherin vor einer verfallenen, mit Stroh gedeckten Bauernhütte stehen, legte den Finger auf den Mund und deutete mit den Augen auf die Thüre. Maria Kasimira stieg vom Pferde und gab dem Mädchen ein Goldstück. Dieses warf sich vor ihr nieder, küsste ihr die Füsse, sprang dann über den nächsten Zaun und verschwand. »Ich will hier ein wenig ruhen und mich wärmen,« sagte Maria Kasimira zu ihren Leuten. Sie öffnete die Thür und erblickte Trentowski, der mit verbundenem Kopfe auf Stroh, das auf dem Boden aufgeschüttet war, gebettet dalag. Er erschrak, als er seine schöne Feindin auf der Schwelle erscheinen sah, und hinter ihr die Conföderirten, die zum Theil abgesessen waren, und richtete sich auf in der Absicht, seinen Säbel zu ergreifen, der neben ihm lag. Ein altes Weib, das beim Ofen auf einer Bank sass und spann, stiess einen Schrei aus. Zwei Kinder flüchteten sich über eine Leiter auf den Dachboden hinauf. »Hier ist ein Schwerkranker,« sprach Maria Kasimira, zu ihren Leuten gewendet. »Es ist besser, wenn ihr draussen bleibt und ihn nicht erschreckt.« Auf einen Wink von ihr zogen sich Alle zurück, während sie eintrat und die Thüre hinter sich schloss. »Gnädige Herrin!« rief die Alte, vor Angst am ganzen Leibe zitternd, und warf sich vor der Marschallin auf die Knie. »Verschone uns; aus reiner christlicher Barmherzigkeit und Menschenliebe haben wir Armen ihn aufgenommen, in keiner anderen Absicht.« »Ihr habt recht gethan,« schnitt ihr Maria Kasimira das Wort ab, »fürchte Dich nicht, Alte, steh auf. Weder ihm noch euch wird ein Haar gekrümmt. Ich achte das Unglück und nicht minder das Mitleid.« »Der Himmel segne Dich, Herrin!« rief die Alte und küsste den Saum ihres Gewandes. »Du bist ein Engel in Menschengestalt. Hab ich es doch gleich gedacht, als Du so schön hereintratest: von dieser Dame haben wir nichts zu fürchten.« »Steh auf.« Die Alte gehorchte. »Ist kein Mann im Hause?« »Gleich wird mein Sohn hier sein.« »Wo ist in der Nähe ein Arzt?« fuhr Maria Kasimira fort. »Für wen willst Du einen Arzt, Herrin?« »Für diesen Kranken hier,« erwiderte die Marschallin. Sie vermied es, Trentowski anzusehen; sie wendete sich immer wieder an die Alte. »Nun, es geht besser. Als sie ihn brachten, da schüttelte ihn das Fieber, jetzt ist er ruhiger. Wir haben Alles gethan, was in unseren Kräften stand. Ein Mensch ist wie der andere, Alle hat derselbe Gott erschaffen.« »Ich will unter allen Umständen einen Arzt.« »Fetko, komm herunter,« rief die Alte, »man frisst dich ja nicht, Fetko.« Ein Knabe mit weissblondem Kopf kam langsam die Leiter herab. »Schnell, Fetko, lauf’, was Du kannst,« befahl ihm die Alte, »und hole den Vater.« Der Knabe eilte fort. Maria Kasimira liess sich auf die Bank beim Ofen nieder. »Man hat also uns Conföderirte hier als Räuber und Mörder oder gar noch als etwas Ärgeres geschildert, nicht?« fragte sie lächelnd die Alte; »und Ihr seht jetzt, dass wir besser sind als Euere Herren, die ihre Unterthanen wie das Vieh behandeln und ihr Vaterland an die Moskowiter verkaufen. Wir kämpfen für die Freiheit, für die Rechte unserer Republik, gegen die Anmassung des Königs und seiner Kreaturen und gegen die Russen, welche unter dem Vorwande, die Rechte der Krone zu beschützen und der Unordnung zu steuern, nach Polen gekommen sind, um es in Besitz zu nehmen oder im Vereine mit anderen Mächten zu zerstückeln. Wir kennen keine Rücksichten Jenen gegenüber, welche wir als Verräther kennen, wir strafen die Judasse, an denen unser Land jetzt leider so reich ist; aber dem ritterlichen Feinde gegenüber schweigen alle anderen Gefühle, und wir lassen uns von ihm an Grossmuth nicht beschämen.« »So soll es auch sein,« stimmte die Alte bei, »und Gott wird es Ihnen lohnen.« Trentowski war bleich und erschöpft auf sein elendes Lager zurückgesunken; die Marschallin streifte ihn nur mit einem flüchtigen Blick und ein leiser Seufzer hob ihre Brust, dann zog sie die Börse hervor und gab der Alten mehrere Dukaten. »Jesus Maria!« schrie diese auf. »Das Alles soll uns gehören? Das ist ja gar nicht möglich!« »Es ist euer Lohn,« gab die Marschallin zur Antwort, »den Ihr aber erst verdienen müsst, indem Ihr den Kranken treu und sorgsam pflegt.« »O, wir werden es an Nichts fehlen lassen,« betheuerte die Alte, »gewiss nicht. Wir hätten es auch so gethan, aus Nächstenliebe, man darf ja doch einen Christenmenschen in seiner Noth nicht verlassen.« »Ihr seid brave Leute.« Jetzt trat der Bauer, dem die Hütte gehörte, der Sohn der Alten, demüthig und ängstlich herein, blickte zuerst auf den Verwundeten, dann auf Maria Kasimira und kniete endlich, ohne ein Wort zu sprechen, nieder und begann zu beten. »Fürchte Dich nicht, Iwasch,« flüsterte ihm die Alte zu, »sie hat uns ja noch Geld dafür gegeben, unsere goldene süsse Herrin, damit wir ihn ordentlich pflegen.« Der Bauer starrte die Marschallin mit blödem Erstaunen an. »Steh auf,« befahl diese, »und eile, einen Arzt zu holen.« »Hier ist keiner.« »Wo denn?« »In Staremiasto. Ich habe kein Pferd.« Maria Kasimira erhob sich und trat auf die Schwelle hinaus. »Gebt dem Bauern da eines von den Pferden, die wir im Edelhof erbeutet haben, es soll ihm gehören.« »Mir schenkst Du das Pferd, gnädige Herrin,« fragte der Bauer immer mehr verblüfft. »Ja Dir,« gab Maria Kasimira lächelnd zur Antwort. »Frage nicht lange, nimm es, reite nach Staremiasto und bringe einen Arzt hierher. Hier ist das Geld, ihn zu bezahlen.« Sie gab dem Bauern ein Goldstück, dieser barg es in seiner Brust und ging, den Kopf schüttelnd, hinaus. Wenige Augenblicke später sah man ihn davonreiten. »Ich muss jetzt fort,« sprach die Marschallin, zu der Alten gewendet. »Gott beschütze Euch Alle.« »Seine Engel mögen Sie beschirmen, gnädige Frau,« erwiderte die Alte, warf sich vor ihr nieder und küsste ihre Füsse. Maria Kasimira ging langsam bis zur Thür, die Hand an der Klinke, blieb sie stehen und wendete den Kopf. »Baldige Genesung,« sprach sie mit einem Ton, den man an ihr nicht gewöhnt war, der so sanft, so verschämt klang und wie ein heller Sonnenstrahl in Trentowskis Seele fiel. Einen Augenblick begegneten sich ihre Blicke, dann ging sie hinaus und er neigte den Kopf zur Seite und lauschte dem Hufschlag ihrer Pferde, der sich rasch entfernte und endlich ganz verhallte. Die Alte ging zurück zum Ofen. Plötzlich hob sie ein feines mit Spitzen besetztes Tuch mit zwei Fingern auf und rief: »Das hat sie verloren, die schöne, edle Dame.« »Was? Zeig her!« rief Trentowski. »Dieses Tuch.« »Gieb es mir.« »Warum nicht!« Die Alte reichte es ihm und er führte es rasch an seine im Fieber erglühenden Lippen und verbarg es dann rasch an seiner Brust. In den nächsten Tagen unternahm die Marschallin wiederholt Recognoscirungen gegen Sambor. Es zeigte sich, dass die Königlichen die Umgegend verlassen, sich aber in der Stadt selbst auf das Beste befestigt hatten und in jeder Beziehung zu einer hartnäckigen Vertheidigung vorbereitet waren. Da die Conföderirten sich nicht für stark genug hielten, um eine längere Belagerung wagen zu können, so beschlossen sie in einem Kriegsrath, sich gegen Norden zu wenden und den Versuch zu machen, in die Gegen von Krakau vorzudringen, wo ihre Partei in der letzten Zeit grosse Fortschritte gemacht und in einer Reihe von Gefechten den Sieg davongetragen hatte. Schon wurden alle Anstalten zum Aufbruche getroffen, als ein Abgesandter der Generalität in Eperies, Pan Pulawski, in dem Lager der Marschallin eintraf und ihr den Befehl überbrachte, ihre Kräfte nicht weiter im kleinen Kriege zu verzetteln, sondern sich mit dem im Osten von Sambor stehenden Corps der Conföderirten zu einer gemeinsamen grossen Operation zu vereinigen. Maria Kasimira verschanzte sich in Folge dessen in der sehr vortheilhaften Position bei Mienowize, von der aus sie sowohl Sambor bewachen, als sich im Falle eines feindlichen Angriffes mit überlegenen Kräften auf ihre festen Schlösser Warda und Bialigrod zurückziehen konnte. Sobald Trentowski erfuhr, dass die Conföderirten sich aus der Umgegend von Sambor wieder zurückgezogen hatten, legte er Bauernkleider an und liess sich durch seinen Beschützer auf einem Schlitten dahin bringen. Was von seinem Corps aus den letzten Kämpfen bei Staremiasto und Mienowize glücklich entkommen war, hatte sich in Sambor gesammelt und geordnet. Die Stadt selbst war durch Maria Stanislawa auf das Beste in Vertheidigungszustand gesetzt und verproviantirt, die muthige energische Frau hatte aber noch mehr gethan, sie hatte Briefe an die nächsten königlichen Commandanten gesendet und dringend um Hilfe gebeten. Wirklich war auch bereits Verstärkung in Aussicht. Dies Alles erfuhr der Pulkownik, als er glücklich in der Stadt anlangte, gleich in der ersten Minute. Seine Leute und die Bürger begrüssten ihn mit lauter Freude. Die Äbtissin kam selbst in ihrer Sänfte, um ihn zu begrüssen, und gab es durchaus nicht zu, dass jemand Anderer seine Pflege übernehme als sie selbst. Sie machte Trentowski förmlich zu ihrem Gefangenen, liess ihn sofort in das Kloster bringen und in einem Seitenflügel desselben, der ausserhalb der Klausur lag, in wahrhaft fürstlich eingerichteten Gemächern unterbringen. Hier widmete sie sich jetzt fast ausschliesslich seiner Pflege und Trentowski beobachtete mit wachsendem Erstaunen, wie ihr Auge, das so viel Klugheit und Energie zeigte und in dem das Feuer eines unauslöschlichen Hasses oft geradezu unheimlich glühte, gütig und mitleidig blicken konnte, wie diese kleine Hand, die nur geschaffen schien, zu befehlen, es auch vortrefflich verstand, Schmerzen zu lindern, Wunden zu heilen. Wenn Maria Stanislawa stunden-, tagelang an seinem Lager sass und nicht müde wurde, ihn für die erlittene Niederlage zu trösten, die Trauer, welche auf seiner offenen Stirn lag, durch ihr Geplauder zu verscheuchen, ihn seine Wunde durch feinen Scherz vergessen zu machen, da schien der fürstliche Hermelin, der sich weich an ihre jugendliche Gestalt schmiegte, nur noch dazu bestimmt, ihrem schönen, frischen Gesicht einen Reiz mehr zu verleihen, nicht aber die Macht, die ihr zustand und die ihr im Bereich ihres Krummstabes sogar die Gewalt über Tod und Leben einräumte, zu verkündigen. Die Genesung Trentowskis machte um so raschere Fortschritte, als Maria Stanislawa ihm jetzt fast täglich irgend eine gute Nachricht bringen konnte, die von ihren Lippen doppelt süss klang. Lieutenant Mir führte aus der Gegend von Lemberg 50 Reiter herbei. Hauptmann Soltik traf von Krakau aus mit 120 Infanteristen und zwei Geschützen ein. Aus dem Süden zogen sich bei 70 Mann, von den Conföderirten gedrängt, nach Sambor zurück und stellten sich gleichfalls unter die Befehle Trentowskis. Ein Jude wurde aufgefangen, der einen Brief der Marschallin an Rzewuski, den General der Conföderirten in Podolien, überbringen sollte, in welchem sie ihm die Befehle der Generalität zu Eperies mittheilte und ihn zu einer gemeinsamen Operation gegen Sambor einlud. Ein anderer Bote Maria Kasimiras, der gleichfalls den Versuch wagte, sich durch die Posten der Königlichen durchzuschleichen, wurde von denselben verfolgt und als er bereits einen namhaften Vorsprung gewonnen hatte, durch einen Flintenschuss getödtet. Trentowski brannte vor Begierde, sich wieder an die Spitze seines Corps zu stellen und die Scharte von Mienowize auszuwetzen. Es war ein grosser Tag für ihn, als er das erste Mal sein Lager verlassen konnte und, auf den Arm Maria Stanislawas gestützt, die ersten Schritte durch das Zimmer wagte. Kaum war er so weit, dass er die Treppe hinuntersteigen und einen Spaziergang durch die Stadt machen konnte, wollte er auch schon zu Pferde steigen und seine Truppen zum neuen Kampfe führen. Nur mit vieler Mühe hielt ihn die Äbtissin ab. Noch wenige Tage und er fühlte sich vollkommen hergestellt. Es war Abends und sie sassen allein bei einem grossen funkensprühenden Kamin, als Trentowski der schönen Äbtissin die Absicht aussprach, die Marschallin in ihrem Lager anzugreifen. »Sie sind ungestüm, lieber Pulkownik,« sprach Maria Stanislawa und dabei legte sich ihr voller Arm in dem weichen Pelz fast verführerisch auf den seinen, »wir sind nicht stark genug, um etwas zu unternehmen, wir müssen vor der Hand zufrieden sein, dass wir Sambor behaupten können. Maria Kasimira ist nicht im Stande, uns hier ernstlich zu bedrohen, verzetteln wir aber unsere Kräfte in kleinen Scharmützeln oder erleiden wir gar eine neue Niederlage im freien Felde, dann können wir uns auf das Schlimmste gefasst machen.« »Sollen wir aber ruhig warten, bis Rzewuski anrückt, uns hier einschliesst und zur Übergabe zwingt, oder die Stadt erstürmt,« erwiderte Trentowski. »Auch nicht, gewiss nicht,« antwortete Maria Stanislawa gelassen, »aber Sie haben sich einmal unter mein Commando gestellt, haben Sie das vergessen?« »O nein,« rief der Oberst, indem er ihre Hand feurig küsste, »und ich bin bereit, Ihnen zu gehorchen.« »Also,« fuhr Maria Stanislawa fort, »überlassen Sie es mir, durch List zu erreichen, wozu es uns an Gewalt gebricht. Ich kenne Maria Kasimira, sie ist Leidenschaftlich, sie lässt sich vom Augenblick hinreissen, früher oder später habe ich sie doch in meinem Netz und dann –« Die Äbtissin vollendete nicht, aber die schönen Augen funkelten so grausam und die holden Lippen wölbten sich so böse über den weissen Zähnen, dass Trentowski sie vollkommen verstand und es ihn wider Willen durchschauerte. Niemals durfte er die Marschallin in diese schönen kleinen Hände liefern, die jetzt so behaglich in dem schwellenden Pelzwerk ruhten, das fühlte er in diesem Augenblick und gerade zur rechten Zeit, denn eben erschien Pan Zajontschek und meldete, dass ein verlässlicher Mann die Nachricht gebracht habe, die Marschallin befinde sich in Verkleidung in dem Edelhofe Wenglinka in der Nähe der Stadt. »Wo ist der Mann, ich will ihn selbst sprechen,« rief die Äbtissin, indem sie aufsprang. »Ich kann es nicht glauben,« sagte Trentowski, sich gleichfalls erhebend, »dass die Marschallin ohne Noth sich in dieser Weise preisgiebt.« »Sie ist unvorsichtig, ich habe es ihnen gesagt,« entgegnete die Äbtissin, »offenbar will sie selbst zu Rzewuski, um ihm die Befehle der Generalität zu überbringen.« Zajontschek führte einen Landmann herein, der sich schon in der Nähe der Thüre auf das Gesicht warf und in dieser Stellung vor Maria Stanislawa liegen blieb. »Bist Du gewiss, dass die Marschallin in Wenglinka ist?« fragte die Äbtissin. »Sie selbst, so wahr ich Gott liebe,« sprach der Bauer mehr in die Erde hinein als zu der Herrin über Tod und Leben, vor der er zitternd lag, »mir hat es meine Tochter gesagt, die im Edelhofe arbeitet, und da ich arm bin und elend und auf Belohnung hoffte, so eilte ich hierher –« »Hier,« rief Maria Stanislawa und warf ihm einen Ducaten zu, wie man einem Hunde einen Knochen zuwirft. »Wenn wir die Marschallin fangen, sollst Du mehr haben.« »Der Himmel segne Dich, Mütterchen.« »Ich selbst reite auf der Stelle nach Wenglinka,« sprach Trentowski. »Sie sind noch nicht ganz hergestellt,« fiel ihm die Äbtissin in das Wort, »lassen Sie mich –« »Nein, nein, niemals werde ich zugeben, dass Sie diesen zarten Leib den Winterfroste und der Nacht, wenn nicht gar den feindlichen Kugeln preisgeben,« antwortete er lebhaft, »ich würde vor Angst um Sie vergehen.« »Wirklich?« Die Äbtissin lächelte stolz. »Zweifeln Sie daran?« »Keineswegs,« erwiderte sie, »also eilen Sie mit Gott. Eilen Sie.« Sie nahm rasch das goldene Kreuz von ihrer Brust herab und während er sich ritterlich vor ihr auf die Knie niederliess, hängte sie es ihm um und küsste ihn mütterlich auf die Stirne. Trentowski verliess eine halbe Stunde später die Stadt, an der Spitze von dreissig Reitern, während er Lieutenant Mir mit zwanzig Soldaten nach Stoka entsendete, um die dort aufgestellten Vorposten zu verstärken. Von der Dunkelheit und dem Schneegestöber begünstigt, gelangte der Pulkownik unbemerkt bis nach Wenglinka, umzingelte den Edelhof, drang mit einem halben Dutzend seiner Leute in denselben ein, ohne dass Jemand Widerstand leistete und trat fast zugleich mit dem erschreckten, alten Diener, der den Überfall meldete, in den kleinen Saal, in welchem eine glänzende Gesellschaft adeliger Damen und Herren aus der Umgebung an einer reich gedeckten Tafel versammelt war. Er hatte auf den ersten Blick die Marschallin herausgefunden. Sie war als Mann gekleidet und ihre hohe schlanke Gestalt kam dieser Vermummung sehr zu statten. Für Jeden, der sie nicht genau kannte, konnte sie ganz gut als ein eleganter Cavalier vom Hofe Stanislaus Augusts gelten. Das halb französische, halb polnische Costüm jener Tage liess ihr ungemein gut. Die hohen Reiterstiefel waren nicht im Stande, den kleinen Fuss zu verbergen. Der lange Männerrock von dunkelgrünem Sammt mit Marderpelz gefüttert und verbrämt, mit Goldschnüren aufgeputzt, den sie offen über dem Beinkleid von schwarzer Seide und der langen weissen Weste mit farbigen Bouquets trug, verlieh ihr eine anmuthige Majestät. Die schönen dunklen Augen gewannen durch das schneeweiss gepuderte Haar noch an Feuer und Energie. Im ersten Augenblick waren alle Anwesenden aufgesprungen und die Herrn hatten nach den Säbeln gegriffen, aber auf einen Wink Maria Kasimiras gewannen Alle sofort wieder ihre Fassung und der Hausherr füllte rasch den Familienpokal und trank dem Obersten zu. Dieser leerte den Pokal und nahm dann, vom Hausherrn hierzu eingeladen, an der Tafel Platz. »Meine Damen, meine Herren,« begann er, »ich muss sehr um Vergebung bitten, dass ich Sie in Ihrer Unterhaltung gestört habe, aber mich ruft eine heilige Pflicht hierher.« Die Anwesenden wechselten besorgte Blicke, der Hausherr erbleichte sogar ein wenig, nur Maria Kasimira blieb ruhig und heiter. »Welche Pflicht?« fragte eine der Damen. »Ich habe eine Schuld zu bezahlen.« »An wen?« »An diesen Cavalier hier,« erwiderte Trentowski, auf Maria Kasimira deutend. »Sie kennen Herrn Bogumilski?« fragte die Hausfrau rasch. »Gewiss, und ich bin ihm sehr verpflichtet,« sagte der Pulkownik, »eben deshalb bin ich selbst gekommen, um ihn durch meine Posten zu geleiten.« »Das ist brav!« riefen mehrere Stimmen zugleich. Man unterhielt sich hierauf in der ungezwungensten Weise. Endlich erhob sich Trentowski und mahnte zum Aufbruch. Die Marschallin setzte ihre Pelzmütze auf, hing den krummen Säbel um die Schulter, steckte die Pistolen in den Gürtel und hüllte sich in einen weissen Reitermantel. Man nahm herzlichen Abschied und der Hausherr geleitete den Pulkownik noch bis zu dem Thore seines Herrensitzes. Das Pferd Maria Kasimiras wurde vorgeführt; sie schwang sich leicht in den Sattel, grüsste noch einmal den Hausherrn und ritt mit dem Pulkownik im Schritt davon. Da, wo sich die Wege theilten, hielt die Marschallin ihr Pferd an. »Wohin jetzt?« fragte sie. Es waren die ersten Worte, die sie an den Obersten richtete. »Ich muss die Pflicht der Dankbarkeit mit meiner Soldatenpflicht in Einklang bringen,« erwiderte Trentowski. »Ich kann Sie nur bis zu den Vorposten der Conföderirten vor Mienowize führen. Sie nach Osten zu geleiten, wo Rzewuski steht, würde gleichbedeutend sein mit Hochverrath.« »Sie handeln wie ein Mann von Ehre,« entgegnete Maria Kasimira. »Ich danke Ihnen.« Sie wendeten sich hierauf gegen Westen, passirten das Dorf Stoka und vor demselben die Vorposten der königlichen Truppen und trafen bald darauf das erste Piquet der Conföderirten. »Ich habe mich meiner Aufgabe glücklich entledigt,« sprach Trentowski, seine Mütze lüftend. »Sie sind in Sicherheit. Gott schütze Sie auch ferner.« »Ich werde Ihren Edelmut nie vergessen,« rief die Marschallin und reichte ihm die Hand. »Leben Sie wohl!« »Nicht so,« erwiderte Trentowski mit einem feinen Lächeln, »sondern wie gute Freunde und gute Polen, Pan Bogumilski,« und ehe Maria Kasimira noch verstand, um was es sich handelte, hatte Trentowski den Arm um ihren Hals geschlungen und sie nach polnischer Sitte brüderlich geküsst. Die Marschallin musste Angesichts der in der Nähe haltenden Ulanen, um nicht aus ihrer Rolle zu fallen, gute Miene zum bösen Spiel machen, aber ihre Wangen waren mit Gluth übergossen und zugleich hatte sie Mühe, das Lachen zu verbergen. »Leben Sie wohl!« rief sie noch einmal und sprengte rasch davon in den Nebel hinein, der wie eine graue Wand dastand. Als Trentowski sich Sambor näherte, kam ihm Maria Stanislawa auf der Landstrasse entgegen, so sehr brannte sie vor Ungeduld, ihre Feindin, ihre Nebenbuhlerin in ihrer Gewalt zu sehen. Sie sass in einem langen dunklen Pelz zu Pferde, umgeben von ihren Lanzenreitern, und rief von Weitem schon: »Bringen Sie mir sie?« »Nein, hochwürdige Mutter,« entgegnete Trentowski, seinen Schnurrbart streichend. »Sie sind also zu spät gekommen?« »Durchaus nicht.« »Man hat uns falsch berichtet?« »Auch nicht. Die Marschallin war in Wenglinka, aber sie ist jetzt wieder in Mienowize.« »Sie ist nicht zu Rzewuski?« »Ich habe es verhindert.« Die Äbtissin seufzte. »Immerhin ein Erfolg,« murmelte sie dann, »aber ich gebe mich nicht zufrieden, ehe diese Rebellin nicht in meiner Hand ist.« Am nächsten Tage liess Maria Stanislawa den Obersten zu sich bitten. Als er eintrat, ging sie mit kurzen, aber heftigen Schritten im Gemach auf und ab, die Arme auf der Brust gekreuzt. Jedesmal, wenn sie sich umwandte, flog ihr violetter Hermelinpelz um sie, ihre Nasenflügel bewegten sich rasch, ihre blauen Augen schienen dunkler geworden. Anfangs beachtete sie Trentowski gar nicht. »Schöne Geschichten,« rief sie dann plötzlich, jedoch ohne ihn eines Blickes zu würdigen. »Sie stellen sich unter meine Befehle, mein lieber Pulkownik, und bei der ersten Gelegenheit, wo Sie mir einen Dienst erweisen können, ja mich für das Leben verpflichten,« sie blieb flehen und sah ihn an, »ich wiederhole es, für das Leben verpflichten, handeln Sie wie ein irrender Ritter oder ein verliebter Page. Sehr galant und romantisch, aber nicht klug und noch weniger patriotisch.« »Ich weiss nicht –« »Aber ich weiss,« unterbrach ihn Maria Stanislawa und legte zugleich ihre kleine bebende Hand auf seine Schulter. »Sie selbst haben die Marschallin bis zu den Posten der Conföderirten begleitet.« Trentowski war ein echter Pole, ritterlich, grossmüthig, tapfer, aber er hielt es nicht für Unrecht, unter Umständen seine Gedanken und Absichten zu verbergen. »Bah!« rief er, »einen jungen Menschen!« »Dieser junge Mensch war die Marschallin.« Trentowski zuckte die Achseln und lächelte. Dieses Lächeln machte die Äbtissin irre, ja es entwaffnete sie. »Sie glauben es nicht?« fragte sie ruhiger. Trentowski lächelte wieder. »Ich glaube, dass Sie die schönste Frau sind, welche noch je den Hermelin getragen hat,« sprach er, sich verneigend, »und dass Sie geschaffen sind, über Menschen, ja über ihre Herzen und Geister sogar zu herrschen. Ich staune über mich selbst, wie ruhig ich Ihre Vorwürfe ertrage. Mein König hätte nicht so mit mir reden dürfen, wie Sie es eben gethan haben. Sie schelten mich aus wie einen Knaben und ich habe nur einen Gedanken, den – Sie zu versöhnen.« Er liess sich vor der Äbtissin auf ein Knie nieder und führte mit der Demuth eines leibeigenen Bauers den Zipfel ihres Hermelinpelzes an seine Lippen. »Ich kann Ihnen nicht böse sein,« sagte Maria Stanislawa. »Stehen Sie auf.« Sie wollte ihn aufheben, er aber blieb vor ihr auf den Knien liegen und bedeckte ihre Hände mit Küssen. »Wenn Jemand käme,« fuhr sie mit einem reizenden Erröthen fort, »man könnte glauben, – stehen Sie doch auf.« Trentowski erhob sich und zwar zur rechten Zeit, denn es klopfte kräftig und schnaubend zwängte sich Pan Zajontschek zur Thür herein. »Ein Sacrilegium,« murmelte er Athem schöpfend, »soeben entdecken wir, dass in dieser Nacht in die Silberkammer eingebrochen ist, und eine grosse Suppenvase und zwölf Bestecke geraubt wurden, sowie auch fünf Löffel und ein Tortenmesser. Sacrilegium! Sodom und Gomorra!« »Und der Thäter?« fragte die Äbtissin. »Unbekannt.« »Sollte es einer meiner Soldaten sein?« fragte der Pulkownik. »Ich werde selbst sofort die strengste Visitation vornehmen.« »Nein, nein,« antwortete Maria Stanislawa, »lassen Sie mich nur nachdenken.« Sie liess sich auf einen der gepolsterten Stühle in der Fensternische nieder und kehrte den Beiden, die sich leise besprachen, den Rücken. »Wer war doch dieser Tage bei mir und bettelte um Geld und ich wies ihn ab?« sagte sie auf einmal. »Pajonk, dieser Lump,« sagte Pan Zajontschek. »Wer ist das?« fragte der Oberst. »Ein herabgekommener Schänkwirth.« »Er ist der Räuber,« sprach die Äbtissin , »ich bin meiner Sache vollkommen sicher, es gilt nur, ihn in einer Weise zu überraschen, dass er die geraubten Gegenstände nicht bei Seite schaffen ober gar einschmelzen kann.« »Ja, das ist wahr,« versetzte Zajontschek, die Augenbrauen emporziehend, »aber das ist nicht so leicht.« »Ich hab es,« rief die Äbtissin, »Du gehst auf der Stelle zu ihm und sagst ihm, dass ich ihm Gelegenheit geben will, sich ein gutes Stück Geld zu verdienen. Ich brauche einen verlässlichen Spion. Seitdem sie den armen Simon gehängt haben, ist nicht einmal der ärmste Jude für die grösste Summe zu diesem Zweck zu gewinnen. Ja, wenn ich es recht überlege, so ist es am besten. Ich bekomme mein Silber wieder und einen Menschen dazu, der nöthigenfalls für mich in die Hölle geht.« »Wie wollen Sie das machen, hochwürdige Mutter?« fragte Trentowski erstaunt. »Gedulden Sie sich nur ein wenig,« erwiderte Maria Stanislawa lächelnd. Trentowski und Zajontschek entfernten sich. Nach kurzer Zeit meldete der Letztere, Pajonk warte im Vorzimmer auf die Befehle Maria Stanislawas. Diese lächelte zufrieden, das Wild war in ihrem Netz. Sie traf rasch ihre Anstalten und liess dann Pajonk eintreten. Dieser, ein verschmitzter Städter, nicht gross, aber kräftig gebaut, mit kleinen stechenden Augen, die sich unter den buschigen Brauen zu verstecken schienen, näherte sich in einer Demuth, die mit Frechheit gepaart war, der Äbtissin, die auf einem erhöhten Stuhle sass und küsste den Saum ihres Pelzes. »Ich habe mich besonnen,« begann Maria Stanislawa, »und bin geneigt, etwas für Dich und die Deinen zu thun.« »Das wird Ihnen Gott vergelten, hochwürdige Mutter,« erwiderte Pajonk, »haben wir doch Alle zusammen nichts mehr, unseren Hunger zu stillen.« »Ich will Dich gut bezahlen, Pajonk, wenn Du mir als Spion dienen willst!« »Ein böses Gewerbe,« sprach Pajonk, »hat doch der arme Simon an einem elenden Aste sein Leben beendet. Es wäre mir schon lieber, wenn ich einen Dienst im Kloster bekäme.« »Damit Du bequemer stehlen kannst,« fiel ihm die Äbtissin in das Wort, »nein, nein, den Wolf macht man nicht zum Hirten. Du bist eben gut für einen Spion. Du kennst das Land, bist listig und verwegen, hast nichts zu verlieren.« »Doch – mein Leben.« »Dein Leben? Das hast Du schon verloren,« entgegnete Maria Stanislawa ruhig, »sobald ich nur will.« »Wie soll ich das verstehen, hochwürdige Mutter?« »Hast Du nicht heute Nacht mein Silberzeug geraubt?« »Ich, ich will gleich in der Hölle braten, wenn ich nur eine Nadel genommen habe –« »Glaubst Du, dass ich Zeit habe, mich so lange mit Dir zu beschäftigen?« rief Maria Stanislawa. »Noch einmal, hast Du das Silber geraubt, ja oder nein?« »Nein.« Die Äbtissin klingelte. Pan Zajontschek trat mit vier Klosterknechten ein, welche Pajonk in wenigen Augenblicken zu Boden geworfen und gebunden hatten. Es half ihm nichts, dass er seine Unschuld beteuerte, die Äbtissin liess ihn in den Gerichtssaal bringen und erschien nicht viel später, von zwei Nonnen, deren eine den Krummstab, die andere das entblösste Schwert, die Insignien ihrer Macht, trugen, begleitet in demselben, um ihn selbst zu verhören. Nachdem Maria Stanislawa und Pan Zajontschek an dem Gerichtstisch Platz genommen hatten und der Letztere unter vielem Seufzen glücklich die Feder geschnitten und das Papier entfaltet hatte, wurde der Verbrecher vorgeführt. »Ich ermahne Dich, Pajonk, ohne Weiteres Deine Schuld zu gestehen,« begann die Äbtissin in einem ruhigen, gütigen Ton. »Du weisst, dass wir sonst die Mittel besitzen, Dich zum Reden zu bringen.« »Ich bin unschuldig,« beteuerte Pajonk, »mein Blut kommt über Euch.« »Du hast das Silber nicht geraubt?« »Ich rufe Gott zum Zeugen an –« »Er lästert Gott,« unterbrach ihn Maria Stanislawa, »spannt ihn auf die Folter.« »Nein, nein,« schrie Pajonk und stürzte vor ihr auf die Knie nieder, »erbarmten Sie sich, hochwürdige Mutter. Ich gestehe Alles.« »Hast Du das Silber geraubt?« fragte Maria Stanislawa mit einem bösen Lächeln. »Ja.« »Allein oder mit Hilfe Anderer?« »Allein.« »Wo hast Du das Geraubte verborgen?« »Ich habe es im Garten unter dem Apfelbaum vergraben.« Die Äbtissin befahl Zajontschek, auf der Stelle nachzusuchen, und den Knechten, den Gefangenen zu bewachen. Sie entfernte sich mit ihren Begleiterinnen, um das Mittagsmahl einzunehmen. Während desselben meldete bereits Pan Zajontschek freudestrahlend, dass er Alles bis auf einen Löffel gefunden habe. Als die Äbtissin wieder in dem Gerichtssaal erschien, war Pajonk bereits mehr todt als lebendig, er krümmte sich wie ein Wurm zu ihren Füssen und bat jämmerlich um sein Leben. »Ein Löffel fehlt,« sprach Maria Stanislawa, »wo ist dieser?« »Ich habe ihn dem Juden Moses verkauft.« Es währte nicht lange und auch dieser stand vor seiner Richterin. »Ich habe nichts gekauft, ich weiss nichts,« betheuerte er, noch ehe man ihn ins Verhör nahm. »Auf die Folter mit ihm,« gebot die Äbtissin. Moses gestand erst beim Anblick der entsetzlichen Instrumente, deren sich die damalige Justiz bediente. Maria Stanislawa sprach auf der Stelle das Urtheil. Es lautete: Pajonk soll auf dem Ringplatze gestäubt, dann soll ihm die rechte Hand und hierauf erst der Kopf abgehauen werden. Moses soll mit einer glühenden Zange die Zunge ausgerissen werden und sein Hab und Gut dem Kloster verfallen. Beide warfen sich auf die Knie nieder und baten, vor Todesangst zitternd, um Gnade. Maria Stanislawa liess sie eine Weile verzweifeln, dann begann sie sanft und gelassen: »Ich will euch Beide begnadigen, unter der Bedingung, dass Ihr mir treu und eifrig als Spione in dem Kriege gegen die Conföderirten dient.« »Ich will es,« schrie der Jude. »Auch ich,« betheuerte Pajonk. »Versteht mich wohl,« fuhr die Äbtissin fort, »das Urtheil wider Euch bleibt aufrecht und Euere Frauen, Eure Kinder sowie Dein Vermögen, Moses, bleiben hier in der Stadt in meiner Gewalt. Sobald einer von Euch sich eines Verraths an mir schuldig macht, wird das Urtheil vollstreckt, denn dessen seid gewiss, dass ich den Verräther schliesslich doch in meine Hand bekomme, und ausserdem werden dann noch, zur Verschärfung der Strafe, sein Weib und seine Kinder hingerichtet. Ich werde Euch gut bezahlen, denn ich will eifrige Diener haben, wenn Ihr aber nachlässig seid, unbarmherzig strafen; und jetzt fort mit Euch, Ihr Spitzbuben.« Maria Stanislawa war guter Laune. Pajonk, der als Spion grossen Eifer zeigte und treffliche Dienste leistete, hatte ihr eine Nachricht gebracht, welche ihr Herz höher schlagen machte und sie mit froher Ungeduld erfüllte. Diesmal beeilte sie sich aber nicht, Trentowski einzuweihen, im Gegentheil, während sie ein französisches Liedchen summend in ihrem Zimmer auf und ab ging, brütete sie einen Plan aus, um ihn für einige Zeit von Sambor zu entfernen und freies Spiel zu haben. Als sie mit sich im Reinen war und ihre Massregeln getroffen hatte, liess sie Trentowski einladen, mit ihr zur Nacht zu speisen. Er kam, wurde auf das Herzlichste empfangen und auf das Glänzendste bewirthet. Sie speisten zu zweien. Die Äbtissin war von einer ausgesuchten Liebenswürdigkeit, welche Trentowski geradezu verwirrte. Ohne es zu wissen, führten die zwei Marien, die sich auf dem Schlachtfelde so wüthend bekämpften, auch einen zwar unblutigen, aber nicht minder ernsten Krieg um ihn. Maria Stanislawa hatte ihn im ersten Augenblick vollständig bezaubert, nur ihre Würde und sein religiöses Gefühl hielten ihn ab, um ihre Gunst zu werben. Seit der ersten Begegnung mit Maria Kasimira im Getümmel des Kampfes war indess die Äbtissin mehr und mehr in den Hintergrund getreten, die kühne Amazone beherrschte bei Tag sein ganzes Denken, Fühlen und Wollen und mischte sich Nachts in seine Träume. Er bewunderte, er liebte sie, aber so oft ihm die schlanke Gestalt Maria Stanislawas, von dem üppigen Hermelinpelz umspielt, nahe kam und ihre schönen klugen Augen ihn anlächelten, fühlte er sich wieder sein Blut in Wallung kommen und hatte einen Kampf mit sich zu bestehen, um nicht der Lockung zu folgen und, sich und die Welt vergessend, die schöne Heilige an seine Brust zu schliessen und den rothen Lippen, die bis jetzt nur Gebete gemurmelt, das erste süsse Stammeln der Leidenschaft zu entlocken. So war es jetzt wieder, als die kleine warme Hand der Äbtissin aus dem schwellenden Pelzwerk emportauchte und sich auf die seine legte, als sich ihr schönes Antlitz zu ihm hinüber neigte, ihre frischen Lippen wie rothe Beeren ganz nahe vor ihm standen und die hellen Augen ihn mit verstohlenem Wohlgefallen betrachteten. »Schicken Sie mich fort,« begann er, »Sonst – ich weiss nicht, was ich sonst begehe.« »Sprechen Sie deutlicher,« erwiderte sie lächelnd, »ich verstehe Sie nicht.« »Ich könnte vergessen, dass das schöne Weib, das mich entzückt, eine Braut des Himmels ist.« »Ah! Sie scherzen.« »Ich scherze nicht.« »Sie rechnen auf die Leichtgläubigkeit einer Frau, die ihr Leben in den engen Mauern eines glänzenden Gefängnisses zubringt.« »Nein, Maria Stanislawa. Wenn ich Ihnen mit jener Ehrerbietung begegne, die Sie verdienen, wenn ich stets vor Augen habe, dass Sie Gott allein angehören, so hindert mich dies doch nicht, die Macht ihrer Reize zu fühlen. Ich beherrsche mich, aber ein Blick von Ihnen würde genügen, die Gluth zur heissen Flamme anzufachen. Ein Wink von Ihnen und ich liege zu Ihren Füssen und flehe um Gnade für meine Liebe. Noch liebe ich Sie nicht, aber es fehlt nicht viel, und eben deshalb –« »Nun, so lieben Sie mich,« erwiderte die Äbtissin. »Sie sagen mir dies, Sie?« »Warum nicht,« fuhr Maria Stanislawa fort, sie spielte mit einer der schwarzen Hermelinspitzen am ihrem Ärmel, »wir leben in einer aufgeklärten Zeit. Eine Äbtissin, die Voltaire gelesen hat, kann keine Heilige sein.« »Maria Stanislawa!« rief Trentowski, indem er aufsprang, »Sie machen mich wahnsinnig.« »Ich werde Sie wieder vernünftig machen, verlassen Sie sich darauf,« versetzte die Äbtissin spöttisch, ein sanfter Druck ihrer Hand bannte ihn wieder auf seinen Stuhl, »ich wiederhole es, ich bin keine Heilige, aber ich bin auch keine Heuchlerin. Niemals würde ich mein Gelübde, niemals nur die kleinste meiner Pflichten verletzen. Ich darf nicht lieben, aber ich weiss nichts davon, dass es mir verboten wäre, geliebt zu werden. Wie liesse sich das auch verbieten? Deshalb sage ich Ihnen, lieben Sie mich. Ich bin nie geliebt worden. Ich möchte dieses Glück einmal kennen lernen.« »Und Sie wären der Grausamkeit fähig, den Mann, der Sie liebt, vergöttert, zu Ihren Füssen sterben zu sehen, nur um Ihr Gelübde nicht zu verletzen?« »Ein Mann vor Liebe sterben!« sie lehnte sich zurück und begann laut zu lachen. »Sie spielen mit mir, Maria Stanislawa,« rief Trentowski »ohne zu ahnen, wie gefährlich dies Spiel ist, deshalb bitte ich Sie noch einmal, schicken Sie mich fort.« »Aber ich fürchte mich nicht im Mindesten vor Ihnen,« antwortete sie noch immer lachend. Trentowski, von ihrer Schönheit hingerissen, von ihrem Spotte gereizt, sprang auf und stiess dabei an den Tisch, dass die Gläser klirrten, zugleich klopfte es aber an die Thür, und Pan Zajontschek berichtete, dass der Jude Moses mit wichtiger Botschaft draussen harre. Es war dies die zweite Scene der Komödie, die Maria Stanislawa mit Trentowski spielte. »Was bringst Du?« fragte sie den demüthig eintretenden Juden. »In Smolniga ist angekommen eine Companie,« meldete der Spion, »zu verstärken das Corps vom Herrn Obersten in Sambor, und ist aufgehalten dort von den Feinden. Die Herren Offiziere haben mich gesendet nach Sambor um Hilfe.« »Wie stark sind die Conföderirten dort?« fragte der Pulkownik rasch. »Ich habe sie nicht gezählt,« erwiderte der Jude, »wenn es aber mehr als 200 sind, können Sie mich auf der Stelle hängen lassen.« Ein Wink der Äbtissin entfernte Zajontschek und den Spion. »Ich werde sofort Bogarski nach Smolniga senden,« begann der Pulkownik. Maria Stanislawa neigte den Kopf zur Seite, sah Trentowski an und lächelte. »Sie wollen, dass ich Sie fortschicke. Gut, ich schicke Sie also fort. Sie selbst werden nach Smolniga reiten und die Companie befreien, das wird Ihr heisses Blut etwas abkühlen.« »Maria Stanislawa.« »Wer hat zu befehlen, Sie oder ich?« »Sie und sobald Sie es thun –« »Ich befehle Ihnen, augenblicklich nach Smolniga aufzubrechen,« rief die Äbtissin. Ihre blauen Augen leuchteten im Vorgenuss ihres Triumphes. »Dann muss ich gehorchen,« gab Trentowski zur Antwort. »Natürlich müssen Sie gehorchen.« Sie stand auf und reichte ihm die Hand zum Kusse. »Eilen Sie. Ich will es.« Der Pulkownik seufzte, verneigte sich und verliess spornklirrend die schöne Äbtissin. Als er fort war, begann sie laut zu lachen. »Jetzt habe ich sie Beide in meinem Netz,« dachte sie, »sie und ihn.« Maria Stanislawa leerte rasch ein Glas Wein und begann dann in freudiger Aufregung im Zimmer auf- und abzugehen, so dass die Gläser auf dem Tisch klirrten, ihr Pelz hin und her flog und die Kerzen ängstlich flackerten. Endlich meldete Zajontschek, dass der Oberst mit seinem ganzen Corps abmarschirt sei. Für Maria Stanislawa war der Augenblick gekommen zu handeln und jetzt zeigte sie ihre ganze Energie und die volle Wuth ihres Hasses. Während sie Männerstiefel anzog, sich in einen langen Pelz hüllte und ihr Velum mit einer Pelzmütze vertauschte, von der ein grosser Schleier herabfiel, ertheilte sie Zajontschek ihre Befehle und befragte noch einmal Pajonk: »Sind unsere Reiter aufgesessen?« »Zu Befehl.« »Bist Du Deiner Sache gewiss?« »Wenn ich gelogen habe, lassen Sie mir den Kopf rasiren und die Ohren abschneiden wie einem Hund.« »Sind die Ketten in Bereitschaft.« »Zu Befehl.« »Wer sagt Dir aber, Pajonk, dass das Nest nicht leer sein wird, wenn wir ankommen?« »Bis Mitternacht ist sie dort. Darauf nehme ich Gift. Sie war zu sehr erschöpft, um ihren Weg bei diesem tiefen Schnee zu Fuss fortsetzen zu können.« »Man wird ihr ein Pferd gegeben haben.« »Sie war erstarrt wie ein Eiszapfen. Wie hätte sie sich im Bügel erhalten sollen?« »Ich will hoffen, dass Du Recht behältst,« schloss die Äbtissin, »und jetzt in Gottes Namen vorwärts.« Sie ging rasch voran, Zajontschek und Pajonk folgten. Im Hofe, wo zwanzig Reiter ihrer Gebieterin harrten, setzten sich Alle zu Pferde und wenige Minuten später gallopirten sie auf der Strasse nach Przemisl dahin. In Okna, einem Dörfchen auf halbem Wege zwischen Sambor und Chirew, umringten sie die einsame Judenschänke. Die Äbtissin hielt sich in einiger Entfernung, sie wollte jetzt noch nicht gesehen werden. Pajonk trat mit fünf Reitern, die abgesessen waren, in die grosse Stube, in der sich ausser dem Juden, dessen Frau und Kindern eine Bauernfrau und zwei Landleute befanden. Alle begriffen sofort, um was es sich handle. Teer eine der Bauern flüchtete über die Leiter auf den Dachboden und entkam auf unerklärliche Weise. Der andere versuchte durch das Fenster zu entkommen, wurde aber von den draussen postirten Ulanen erstochen. Die Bäuerin zog eine Pistole hervor und schoss sie auf die Eindringenden ab. Einer der Feinde stürzte todt zu Boden, die Anderen ergriffen sie und entrissen ihr die Waffe. »Ihr Elenden,« sprach sie mit vor Wuth erstickter Stimme, »schämt Ihr Euch nicht, an ein Weib Hand zu legen.« Einer schämte sich wirklich, es war Zajontschek, der nicht fähig war, einer Fliege etwas zu Leid zu thun, und bisher auf bei Schwelle gestanden hatte. Er zog sich zurück und liess die Anderen handeln. »Die Ketten her,« schrie Pajonk. Die Soldaten fesselten die Bäuerin an Händen und Füssen mit schweren Ketten. »So,« sprach Pajonk, »jetzt lass und Dein Gesicht sehen.« Er riss ihr den rothen Kopfschmuck herab. »Die Marschallin,« rief er erfreut, »ich wusste es ja, welch ein Fang!« Maria Kasimira stand in den hohen Stiefeln und dem Schafspelz einer polnischen Bäuerin mitten unter den Soldaten, ihr dunkles Haar war losgegangen und hing ihr bis auf die Schultern herab, ihre Lippen bebten, ihre schönen, stolzen Augen blickten voll Verachtung um such. »Haben wir sie?« fragte zur selben Zeit die Äbtissin. »Zu dienen ,« erwiderte Zajontschek kleinlaut. »Und hat man sie in Ketten gelegt?« »Gewiss, so wie Sie es befohlen haben.« Die Reiter hoben die Gefangene auf das Pferd ihres erschossenen Kameraden, dann ging es im Galopp zurück nach Sambor. Die Äbtissin folgte mit Zajontschek in einiger Entfernung. Als Maria Kasimira im Hofe des Klosters vom Pferde gehoben wurde, blickte sie erstaunt um sich. »Wo bin ich?« fragte sie, »und in wessen Gewalt?« Man gab ihr keine Antwort, sondern führte sie dreissig Stufen hinab in einen finsteren, feuchten, unterirdischen Kerker, kettete sie an einen Steinblock, vor dem ein Strohlager aufgeschüttet war, und überliess sie ihrem Schicksal. Es währte indess nicht lange, so liessen sich Schritte vernehmen, die Thür wurde geöffnet und eine Frau, in einen langen, schwarzen Mantel gehüllt und dicht verschleiert, trat ein. Ein Diener folgte ihr, er befestigte die Fackel, die er in der Hand hielt, an einem eisernen Ring an der Mauer und entfernte sich. Wie die Thür hinter ihm in das Schloss fiel, warf die eingetretene Mantel und Schleier ab und die Äbtissin stand in ihrem weissen Habit und ihrem violetten Hermelinpelz, das grosse, goldene Kreuz auf der Brust, vor der Marschallin. »Kennst Du mich?« fragte sie mit einem höhnischen Lächeln um die vollen, rothen Lippen. »Du bist es, Maria Stanislawa?« »Weisst Du, was Dir bevorsteht,« fuhr die Äbtissin fort, »Du bist in meiner Gewalt, Niemand vermag Dich mir zu entreissen. Ich kann mit Dir machen, was mir beliebt, und Du kannst überzeugt sein, dass ich die Wohllust befriedigter Rache mit vollen Zügen schlürfen werde.« »Ich verstehe Dich nicht,« erwiderte Maria Kasimira ruhig, »was habe ich Dir gethan? Was hättest Du an mir zu rächen?« »Meine Liebe, mein mit Füssen getretenes Herz.« »Kann ich dafür, dass mein Gemahl, der Marschall, nich und nicht Dich geliebt und zum Weibe erwählt hat?« »Wer sonst?« »Ich habe nichts gethan, ihn Dir streitig zu machen.« »Ich weiss es besser.« »Du suchst einen Vorwand –« »Genug, ich hasse Dich,« rief Maria Stanislawa, »und ich denke nicht daran, zu untersuchen, wie weit Du schuldig bist, sondern nur Dich zu richten, zu strafen.« »Du kannst mich morden, Maria Stanislawa, nicht richten,« erwiderte die Marschallin mit edlem Stolz. Die Äbtissin stiess ein kurzes, hässliches Lachen aus. »Du irrst Dich, hier gebiete ich unumschränkt, im Namen Gottes, des Königs und der Republik; mir, mir allein steht auf diesem Grund und Boden das Recht über Tod und Leben zu, und sei gewiss, dass ich dieses kostbare, dieses unbezahlbare Recht zu nützen wissen werde.« »Thue, was Du verantworten kannst.« »Statt mir zu trotzen,« fuhr Maria Stanislawa fort, »würde es Dir besser anstehen, Dich vor mir im Staube niederzuwerfen und mich um Gnade zu bitten.« »Das werde ich nie.« »O! Du wirst zu meinen Füssen liegen,« sprach die Äbtissin, »jetzt auf der Stelle. Ich habe Mittel, Deinen Stolz zu beugen.« »Du hast keines.« »Ich werde Dich auf die Folter spannen lassen.« Maria Kasimira zuckte zusammen. »Ah, zitterst Du jetzt vor mir?« rief die Äbtissin triumphirend. »Ich zittere nicht.« »Du wirst aber,« fuhr Maria Stanislawa fort. »Du kennst mich, ich werde Wort halten. Morgen um diese Zeit wirst Du bebend zu meinen Füssen liegen und um Gnade betteln, ich aber werde kein Erbarmen mit Dir haben, ich werde Qualen für Dich ersinnen und erst wenn alle Martern erschöpft sind, werde ich Dich dem Henker überliefern.« Mit diesen Worten ergriff Maria Stanislawa die Fackel und verliess ihre Gefangene, die in ihr Schicksal ergeben auf das feuchte Stroh hinsank und laut zu beten begann. Nach Mitternacht wurde die Thüre ihres Kerkers leise geöffnet und ein greller Lichtstrahl fiel durch dieselbe. Pan Zajontschek trat leise herein, einen Mantel um die Schulter und eine Blendlaterne in der Hand. »Will man mich noch heute Nacht ermorden?« schrie Maria Kasimira auf. »Nein, nein,« erwiderte Pan Zajontschek leise, »verhalten Sie sich nur ruhig, ich thue keinem Menschen was zu Leide.« Als die Marschallin in sein dickes, rothes Gesicht blickte, musste sie unwillkürlich lächeln. »Wer seid Ihr denn?« fragte sie, »und was wollt Ihr von mir?« »Ich bin Zajontschek, der Castellan des Klosters.« »Was, ein Edelmann? Und ein polnischer Edelmann schämt sich nicht, seine Hand dazu zu bieten, dass man eine Frau, eine adelige Dame, die nichts verbrochen hat, als dass sie ihr Vaterland liebt und die Freiheit vertheidigt, in dieser unmenschlichen Weise behandelt?« »Ich schäme mich ja so,« sprach Pan Zajontschek, »deshalb habe ich Ihnen einen Becher mit Wein und etwas Speise gebracht.« »Ich danke Euch,« sprach die Marschallin, »aber damit ist mir wenig gedient. Wisst Ihr, dass Maria Stanislawa mich schon morgen foltern lassen will?« Pan Zajontschek erschrak. »Sie ist es im Stande, sie schon.« »Wenn Ihr ein Herz habt, so rettet mich,« flüsterte Maria Kasimira. »Ich würde es gerne thun, aber wer rettet denn mich?« »Sie müssen es eben mit aller Vorsicht ins Werk setzen.« »Gnädige Frau,« sagte Zajontschek stöhnend, »es kostet mir den Kopf.« »Wisst Ihr nicht, was ein nobile verbum ist?« »Ich weiss es.« »Ich gebe Euch dasselbe. Sobald die Äbtissin Euch zur Strafe zieht, sobald Ihr in Gefahr seid, stelle ich mich ihr selbst.« »In Gottes Namen also.« Er begann ihr die Ketten abzunehmen. »Wie nur entfernen wir die Wache?« fragte Maria Kasimira. »Der habe ich etwas in den Wein gemischt,« erwiderte Zajontschek mit einem spitzbübischen Lächeln. »Die schläft ohnehin bis zum Morgen.« Die Ketten fielen klirrend zur Erde. Die Marschallin leerte den Becher feurigen Ungarweins auf einen Zug und theilte dann Zajontschek rasch ihren Plan mit. Er hörte nur zu und nickte, manchmal seufzte er auch, aber er ergab sich in sein Schicksal. Als die Äbtissin am nächsten Morgen in den Kerker trat, um sich an der Verzweiflung ihres Opfers zu weiden, war der erste Eindruck, den sie empfing, der, dass dieses Opfer über Nacht bedeutend an Umfang zugenommen hatte. Dieses Räthsel löste im nächsten Augenblick das jämmerliche Geschrei des armen Castellans. »Gottlob, dass Sie endlich kommen,« rief er, »um das zu retten, was die Ratten von dem unglücklichen Zajontschek übrig gelassen haben.« »Du hier,« murmelte die Äbtissin erbleichend, »wo ist Maria Kasimira?« »Die hat der Teufel geholt. Ich werde Alles erzählen. Nehmt mir nur die Ketten ab und gebt mir enen Schluck Wein.« Es geschah und Zajontschek kam in dem Schafspelz und dem Kopftuch der Marschallin unter allgemeinem Gelächter an das Tageslicht. Nur Maria Stanislawa lachte nicht. »Was ist hier vorgegangen?« fragte sie. »Ich weiss es selbst nicht.« »Ohne Zweifel warst Du betrunken.« »Ich möchte es fast mit Bestimmtheit behaupten,« antwortete Zajontschek. »Wie aber kamst Du in den Kerker und in diese Kleider?« forschte Maria Stanislawa. »Das weiss Gott,« sagte Zajontschek, »ich entsinne mich nur, dass ich im Keller vor dem grossen Fass Burgunder einschlief und als ich erwachte, die Ratten gerade auf meinem Gesichte einen Ball abhielten.« »Wie aber kam die Marschallin zum Thor hinaus?« »Das wird so gewesen sein,« erzählte der Pförtner, sich am Kopfe kratzend, »nach Mitternacht pochte es an mein Fenster. Ich stand auf, kam heraus und sah den Pan Zajontschek hoch zu Ross. Ohne lange zu fragen, machte ich auf. Gewiss war es die Marschallin, die davonritt.« »Sie allein, das ist doch nicht gut möglich.« »Es können ihrer auch mehr gewesen sein, ich war so verschlafen –« »Und betrunken,« schrie die Äbtissin, »Alles betrunken, der Castellan, die Wache, der Pförtner. Das sind meine treuen Diener. Aber wartet nur. dem Castellan wird die Nacht im Kerker als ein Theil seiner Strafe angerechnet, trotzdem wird er in einer dunklen Zelle für drei Tage bei Wasser und Brot eingesperrt.« Zajontschek athmete auf. »Der Pförtner wird für 24 Stunden in den Bock gespannt,« fuhr Maria Stanislawa fort, »und der Soldat, der Wache hielt, wird in Ketten gelegt und für acht Tage in den Kerker geworfen, den er so schlecht behütete.« Niemand wagte es, um Gnade zu bitten, sie waren Alle froh, dass die strenge Äbtissin ihnen nicht den Strick um den Hals legen liess. Das Schmerzlichste für Zajontschek war, dass die Äbtissin jetzt selbst die Schlüssel des Kellers in Verwahrung nahm. Maria Kasimira war in der Maske des Castellans glücklich durch das Thor der Stadt in das Freie gelangt. Sie trieb ihr Pferd mit der Peitsche vorwärts und jagte wie im Sturm auf der Strasse nach Wenglinka dahin. Hier weckte sie die Bewohner des Edelhofes und stieg vom Pferde, um kurze Zeit zu ruhen. Dann zog sie ein Kleid der Gutsfrau an, hüllte sich in den Pelz derselben, hing einen Säbel um, steckte zwei Pistolen zu sich und setzte, von dem jungen Edelmann Wisozki und einem Kosaken begleitet, ihren Weg fort. Sie kam vollkommen unbehelligt bis Komeno, wo sie auf einen Trupp Conföderirter vom Corps des General Rzewuski stiess. Diese gaben ihr das Geleit bis in das Hauptquartier. Rzewuski empfing sie mit kriegerischen Ehren. Maria Kasimira überbrachte ihm dem Befehl der Generalität in Eperies und verabredete mit ihm einen gemeinsamen Operationsplan. Sofort entsendete Rzewuski seine Adjutanten nach allen Richtungen, um den ringsum zerstreuten Schaaren der Conföderirten die nöthigen Befehle zu überbringen. Die Marschallin gönnte sich einen Tag Ruhe, nicht mehr, dann trat sie an der Spitze von hundert Reitern, welche Rzewuski galant unter ihre Befehle gestellt hatte, den Rückweg an. In Stoka überfiel sie die Vorposten Trentowskis und führte den Lieutenant Mir und ein Dutzend seiner Ulanen als Gefangene mit sich fort. In Mienowize von ihren Truppen mit lautem Jubel empfangen, traf sie alle Anstalten zum Marsche nach Sambor und sandte dann den gefangenen Lieutenant Mir mit einem Brief an Trentowski. Dieser hatte in jener ereignissreichen Nacht sowohl die Conföderirten als die eingeschlossene königliche Companie vergeblich in Smolniga gesucht und war am nächsten Tage ärgerlich nach Sambor zurückgekehrt. Hier erfuhr er die List der Äbtissin, die Gefangennahme Maria Kasimiras und ihre Flucht und kam bereits sehr gereizt zu Maria Stanislawa. Als ihm diese noch zum Überflusse mit der grössten Kaltblütigkeit erklärte; dass sie die Absicht gehabt habe, die Marschallin zuerst foltern und dann enthaupten zu lassen, konnte er nur mit Mühe seiner Empörung so weit Herr werden, dass er Maria Stanislawas Geschlecht und Würde in ihr schonte, aber er eröffnete ihr ganz trocken, dass fortan er allein in Sambor befehlen werde, und dass er Niemand rathe, sich Eingriffe in seine Rechte zu erlauben, vor Allem aber niemals dulden werde, dass die edle und reine Sache des Königs durch die Rachsucht Einzelner befleckt werde. Maria Stanislawa biss sich auf die Lippen und schwieg. Trentowski verliess sie mit einer kalten Verbeugung und liess sich seither im Kloster nicht mehr blicken. Als Lieutenant Mit ihm den Brief der Marschallin übergab, öffnete er denselben mit fieberhafter Hast. »Sie beklagt sich ohne Zweifel über die Äbtissin,« rief er, die wenigen Zeilen überfliegend. »Nein, die edle Frau erwähnt ihrer mit keinem Worte. Sie wünscht nur eine Unterredung mit mir in Wenglinka.« Trentowski setzte sich an den Tisch, um zu schreiben, warf aber gleich wieder die Feder fort. »Ich kann nicht, ich bin zu aufgeregt,« sprach er, »kehren Sie sofort zurück, Lieutenant Mir, und melden Sie der Marschallin, dass mir ihr Wunsch Befehl ist. Ich werde sie morgen Mittags in Wenglinka erwarten.« Lieutenant Mit kehrte mit der Antwort seines Pulkownik in das Lager der Conföderirten bei Mienowize zurück. Die Marschallin dankte ihm und schenkte ihm die Freiheit, indem sie ihm zugleich sein Pferd und seinen Säbel zurückgab. Trentowski liess sich nicht beschämen. Er schickte ihr alle gefangenen Conföderirten, mit denselben auch den jungen Stanioski zurück, und sie wieder befahl, die königlichen Soldaten, die ihr bei Starowize und Stoka in die Hände gefallen waren, sofort freizulassen. Als Trentowski am nächsten Tage vor dem Edelhofe in Wenglinka vom Pferde sprang, sah er bereits Maria Kasimira auf der Strasse von Stoka heransprengen. Er eilte ihr entgegen, hob sie vom Pferde und geleitete sie in das Herrenhaus. »Ich hoffe, gnädige Frau,« begann er, »dass die letzten mir peinlichen Vorfälle keine schlimmen Folgen für Sie gehabt haben.« »Wie Sie sehen, bin ich Gottlob wohl und guter Dinge.« Maria Kasimira liess sich in dem Saal des Herrenhauses in einen kleinen Lehnstuhl nieder und lächelte Trentowski freundlich an. Er stand vor ihr und verglich sie unwillkürlich mit Maria Stanislawa. Sie erschien in ihrem langen Reitkleide von dunkelrothem Sammt und der mit Marderpelz gefütterten und reich ausgeschlagenen Jacke von demselben Stoff, die prächtig mit Gold verschnürt war, noch um vieles imposanter als die Äbtissin in ihrem violetten Hermelintalar; wenn aber die Letztere vor Allem einen üppigen und reizenden Eindruck machte, der mit ihrer Würde gar seltsam contrastirte, war bei Maria Kasimira die Schönheit mit einem edlen Ausdruck hoher geistiger Eigenschaften gepaart. Die reine Stirn, die dunklen Augen verkündeten einen durchdringenden Verstand und ein warmes, begeistertes Herz, der kleine Mund mit den kräftig gezeichneten Lippen, die feine scharfgeschnittene Nase, das runde Kinn einen unbeugsamen Willen. »Sie haben ohne Zweifel die Absicht, sich zu beklagen« begann der Pulkownik. »Über wen.« »Über Maria Stanislawa.« »Ich denke nicht daran,« erwiderte Maria Kasimira mit Würde. »Maria Stanislawa hat genau so gehandelt, wie es ihrer Natur entsprach. Ich weiss, dass Sie in jener Nacht nicht in Sambor waren, dass Alles ohne Ihr Wissen geschah, und das genügt mir.« »Sie machen mich sehr glücklich.« »Ich bin nur Ihretwegen hierhergekommen,« fuhr die Marschallin fort, »in der Absicht, Sie zu warnen.« »Mich? in wiefern.« »Aber setzen Sie sich doch zu mir.« Maria Kasimira zog ihn auf den Stuhl neben sich nieder und liess seine Hand nicht mehr los. »Sie wissen, dass die Conföderation in der letzten Zeit grosse Fortschritte gemacht hat. Es bereiten sich ernste, entscheidende Ereignisse vor und ich bin gewiss, dass unsere Sache siegen wird. Zunächst stehen uns aber blutige, mörderische Kämpfe bevor und ich zögere keinen Augenblick, es zu gestehen, ich bin besorgt, von ganzem Herzen besorgt um Sie, mein Freund.« »Fechten und einmal auf dem Schlachtfelde sterben, ist das Loos des Soldaten,« erwiderte Trentowski. »Aber in Ihrer Lage ist der Tod fast gewiss,« fiel sie erregt ein. »Sie sind hier der Commandant eines verlorenen Postens, Sie werden geschlagen werden, die Übermacht wird Ihr Corps erdrücken. Ihre Tapferkeit wird Alles aufbieten, die in vorhinein verlorene Sache zu retten und Sie werden das Opfer eines edlen Irrthums sein.« »Ich bin gerührt von Ihrer Güte,« sprach Iren Trentowski, »aber meine Ehre verbietet mir nur um so mehr, einen Posten, wenn derselbe gefährlich ist, zu verlassen.« »Lassen Sie sich gewinnen,« fuhr Maria Kasimira fort, »es ist nicht meine Sache, Ihnen zu beweisen, wie der Krieg wie sein Anfang nicht allein die Freiheiten der Republik, sondern geradezu den Bestand unseres Vaterlandes gefährdet haben. Die Thatsache, dass der Thron Stanislaus Augusts nur noch durch russische Bajonette aufrecht erhalten werden kann, sagt mehr als die glänzendste Rhetorik. Was ist aber das Ziel des grossen Bundes von Patrioten, der sich die polnische Conföderation nennt? Wir wollen die Russen aus unserem Lande vertreiben, Ordnung und Freiheit in demselben auf das Neue begründen. Ist dieses Streben ein verbrecherisches? tadelnswerthes?« »Gewiss nicht,« erwiderte der Pulkownik, »aber es giebt gesetzliche Mittel –« »Die giebt es nicht,« unterbrach ihn die Marschallin lebhaft, »man hat die Freiheit der Landtage und ihrer Berathungen unmöglich gemacht, russische Bajonette bedrohen jeden, der kein Werkzeug des Czaren ist; uns ist nichts geblieben als der Säbel.« Trentowski schwieg. »O! Lassen Sie sich überzeugen,« fuhr Maria Kasimira nach einer kleinen Pause fort, »weihen Sie Ihren Arm der edlen Sache Ihres Vaterlandes, weihen Sie ihn der Freiheit; weihen Sie ihn – mir.« »Maria Kasimira,« rief Trentowski aus, »was haben Sie gesagt, doch nein – ich darf diese holden Lockungen nicht hören. Sie selbst würden mich verachten, wenn ich meiner Pflicht, meinem Eide untreu würde.« »Dann versprechen Sie mir, wenigstens nicht mehr als Ihre Pflicht zu thun,« sprach die Marschallin, »opfern Sie sich nicht für ein Phantom.« »Was verlangen Sie also von mir?« »Dass Sie keine Schlacht wagen.« »Und warum.« »Weil wir Ihr Corps, trotz Verstärkungen, welche Sie, wie ich weiss, erwarten, im freien Felde vernichten würden und ich im Getümmel der Schlacht, im Gewirre der Flucht, für Ihr Leben zittere, während ich – wenn Sie sich in Sambor von uns belagern lassen – Sie retten kann.« »Fürchten Sie nichts,« erwiderte Trentowski, »ich besitze einen Talisman, der mich beschützt.« »Scherzen Sie nicht.« Sie zog unwillig ihre Hand zurück. »Es ist mein voller Ernst.« Er zog das Tuch hervor, das sie in der Bauernhütte zu Stoka verloren hatte, als er dort verwundet lag. Maria Kasimira erröthete. »Ich verspreche Ihnen trotzdem, mich nicht ohne Noth der Gefahr auszusetzen. Sind Sie damit zufrieden?« »Ich muss wohl,« erwiderte Maria Kasimira mit einem Seufzer. Sie erhob sich und reichte ihm die Hand zum Abschied. »Leben Sie wohl.« »Gott beschütze Sie.« Er küsste ihr die Hand, dann führte er sie zu ihrem Pferde und bot ihr seine Hand statt des Steigbügels das. Sie schwang sich leicht in den Sattel, dankte mit einem reizenden Lächeln und sprengte mit ihrem Gefolge davon. Trentowski kehrte, in ernste Gedanken versunken, langsam nach Sambor zurück. In den nächsten Tagen trafen von verschiedenen Seiten namhafte Verstärkungen für ihn ein, zugleich meldeten aber die Spione der Äbtissin, dass sich die Conföderirten bei Mienowize concentrirt hatten und Rzewuskis Vortrab bereits in Wenglinka eingetroffen sei. Da Trentowski sich nicht mehr im Kloster blicken liess, kam Maria Stanislawa eines Tages zu ihm, von einer ihrer Nonnen und dem Castellan Zajontschek begleitet, umgeben von dem ganzen Pomp ihrer Würde und Macht. Gerade waren seine Offiziere um einen grossen Tisch bei ihm zum Kriegsrath versammelt und der Oberst entwickelte ihnen auf einer grossen, mit rothem Wein bespritzten Karte seinen Plan. Beim Anblick der Äbtissin erhoben sich Alle ehrerbietig und Trentowski eilte, selbst einen Stuhl für sie zu bringen; sie nahm indess auf seinem Sitz vor der Karte Platz und liess ihre schönen, klugen Augen fragend im Kreise der Offiziere herumschweifen. »Sie denken doch nicht daran,« fragte sie endlich, »die vereinigten Conföderirten im freien Felde anzugreifen?« »Gewiss nicht,« entgegnete Trentowski, »sondern noch ehe sie sich vereinigen.« »Dazu ist es zu spät,« fiel Maria Stanislawa ein. »Wir können Sambor gegen die überlegene Macht der Marschallin und Rzewuskis nicht halten,« sprach der Pulkownik, »um so weniger als wir nicht genügenden Proviant haben. Es giebt also nur zwei Möglichkeiten, die uns bleiben. Entweder Sambor zu räumen –« »Um Gotteswillen.« »Oder Rzewuski auf dem Marsche anzugreifen und unter für ihn ungünstigen Verhältnissen zu einer Schlacht zu zwingen.« »Dann liefern Sie in Gottes Namen die Schlacht,« sagte Maria Stanislawa seufzend, »obwohl ich gewiss bin, dass wir sie verlieren.« Trentowski entwickelte seinen Plan und ertheilte auf der Stelle die nöthigen Befehle. Während Rittmeister Bogarski die Vorposten der Marschallin bei Stoka zurückwarf und auf Mienowize vordrang, rückte Trentowski mit seiner Hauptmacht und den Soldaten der Äbtissin in aller Stille aus Sambor heraus, überfiel den Vortrag Rzewuskis, durch einen dichten Nebel begünstigt, bei Wenglinka, drängte ihn zurück und verwickelte bei Broda die nach und nach eintreffenden Truppen Rzewuskis in einen mörderischen Kampf, der mehr und mehr eine für die Conföderirten ungünstige Wendung nahm. Indess hatte aber die Marschallin den Plan Trentowskis durchschaut und handelte rasch und mit unwiderstehlicher Energie. Sie setzte sich selbst an die Spitze ihrer ganzen Reiterei, trieb Bogarski nach Stoka zurück, schloss ihn hier durch eine kecke Umgehung ein und zwang ihn, mit dem Reste seiner Leute die Waffen zu strecken. Dann stürmte sie vorwärts und erschien plötzlich im Rücken Trentowskis. In wenigen Augenblicken war die Schlacht zu Gunsten der Conföderirten entschieden und Trentowski schien nur die Wahl zu bleiben, entweder sich der Marschallin zu ergeben, oder wie ein Held zu fallen. Zweimal versuchte er vergeblich, sich durch die Truppen der Marschallin durchzuschlagen. Bei der zweiten Attaque erhielt er im Pêle-mêle einen Lanzenstich in den Arm, blieb aber dennoch im Sattel. Er änderte jetzt blitzschnell seine Taktik, stellte seine ganze Infanterie in einem grossen Viereck auf, die Geschütze an den Ecken und warf sich mit der Reiterei auf Rzewuski. Zum Glück für ihn hielt sein Fussvolk Stand, während er mit seinen Ulanen Rzewuskis Linie durchbrach und, obwohl ein zweites Mal durch einen Schuss in das Bein verwundet und von der Cavallerie hitzig verfolgt, nach Sambor entkam. Die Schlacht hatte sich in eine Reihe Einzelgefechte aufgelöst und Nebel und Nacht kamen den Königlichen zu Hilfe; so gelang es auch noch einem Theil der Infanterie, sich in die Stadt zu retten. Der Sieg, das Schlachtfeld und die Trophäen blieben den Conföderirten, welche vier Geschütze und zwei Fahnen erobert und über 300 Gefangene gemacht hatten. Vor dem Edelhofe von Wenglinka trafen sich Rzewuski und die Marschallin an dem Abende der Schlacht. Der General küsste ihr die Hand und nannte die vor allen seinen Offizieren die polnische Zenobia und die nahm das Compliment mit einem liebenswürdigen Lächeln an. Während Rzewuski sich nach dem Siege von Broda gegen Krakau wandte, übernahm es die Marschallin, das schwach besetzte und schlecht verproviantirte Sambor zu belagern. Sie begann damit, dass sie die Stadt einschloss und derselben alle Zufuhr abschnitt. Dann liess sie alles Geschütz aus Warda und Bialigrod kommen und nachdem die Laufgräben eröffnet waren, vier Batterien errichten. Ehe dieselben demaskirt wurden, liess sie den Pulkownik zur Übergabe auffordern und nachdem er dieselbe artig aber entschieden verweigert hatte, das Feuer auf die alten, an vielen Stellen verfallenen Mauern der Stadt eröffnen. Die Königlichen erwiderten dasselbe mit den wenigen Kanonen, die sie hatten, kräftig genug und sogar mit vielem Glück. Gleich Anfangs flog ein Pulvermagazin der Conföderirten in die Luft und tödtete ihnen viele Leute. Am zweiten Tage wurden ihnen zwei Geschütze demontirt und am dritten die eine Batterie ganz zum Schweigen gebracht. Es war nicht der verwundete und auf seinem Feldbett ausgestreckte Trentowski, sondern Maria Stanislawa, welche jetzt mit Maria Kasimira um den Lorbeer des Sieges rang. Sie schien keine Furcht und keine Ermüdung zu kennen. Tag und Nacht sah man sie auf den Wällen, im feindlichen Feuer, Befehle ertheilen, die Geschütze richten und abschliessen, die Soldaten ermuthigen, Verwundete verbinden, Sterbende trösten. Aber nicht weiblicher Opfermuth und Ausdauer allein, auch Frauenlist und Verstellung kämpften auf beiden Seiten. Eines Tages brachten die in der Gegend herumstreifenden Reiter der Marschallin triumphirend eine Anzahl Schlitten in das Lager, welche sie als gute Beute aufgegriffen hatten und deren Besitzer, ein reich gekleideter Jude, vergebens um Schonung seines Eigenthums bat, indem er bald die Hände zum Himmel erhob, bald vor dem Offizier, der die Schaar befehligte, in die Kniee fiel. Die Schlitten waren mit kräftigen Pferden bespannt und mit verschiedenen Lebensmitteln und grossen Branntweinfässern beladen. Kaum waren sie im Lager angelangt, stürzten die Conföderirten, die auch nicht allzu reich mit Nahrung versehen waren, von allen Seiten auf dieselben los und schickten sich an, sie zu plündern. Da erschien Maria Kasimira zu Pferde unter den Plünderern und gebot Einhalt. »Zu was den jüdischen Schurken schonen?« riefen mehrere Stimmen. »Nicht den Juden, Euch will ich vor Unglück bewahren,« entgegnete die Marschallin, »ich befehle Euch noch einmal, nichts von diesen Dingen zu berühren. Der Erste, der meinem Befehle nicht gehorcht, fällt durch meine Kugel.« Sie zog eine Pistole hervor. Die Conföderirten liessen murrend von den Wagen ab. »Es ist verdächtig,« fuhr Maria Kasimira fort, »dass dieser Jude hier in der Gegend, wo der Krieg tobt, mit solcher Waare herumfährt. Wohin wollte er damit? Nach Sambor, in unser Lager? Hier ist ein Anschlag der Belagerten im Spiel, ich wette, dass dieser Branntwein Gift oder sonst etwas Gefährliches enthält. Wo ist der Jude?« Es war Moses; der Spion Maria Stanislawas war verschwunden. Vergebens sendete die Marschallin Reiter aus, ihn zu fangen, sie fanden ihn weder im Lager noch in der Umgebung. Maria Kasimira liess eines der Fässer anzapfen und von den Branntwein, des es enthielt, einem der Hunde, die sich im Lager herumtrieben, etwas Weniges einflössen. Nun verendete das Thier zwar nicht, aber nach einer Weile streckte es alle Viere von sich und schlief ein und schlief so fest, dass selbst Hiebe nicht im Stande waren, es zu erwecken. »Seht Ihr, dass ich Recht hatte,« sprach Maria Kasimira, liess den Branntwein auslaufen, die Lebensmittel verbrennen und befahl den ausgestellten Posten doppelte Wachsamkeit. Wirklich unternahmen die Königlichen in derselben Nacht, durch Nebel begünstigt, einen kräftigen Ausfall, wurden aber von den Conföderirten übel empfangen und nach kurzem Gefechte mit blutigen Köpfen nach Sambor zurückgejagt. Ein anderes Mal geschah es, dass die auf dem Thurm der Stadt aufgestellten Wachen bei Anbruch des Tages das Lager von den Conföderirten verlassen und dieselben in dunklen Colonnen gegen Norden ziehen sahen. Nur ein kleiner Theil war zurückgeblieben, um Sambor zu bewachen. Sie meldeten es der Äbtissin, welche selbst den Thurm bestieg, um sich von der Sachlage zu unterrichten. Man hörte jetzt in der Ferne Kanonenschüsse und sah von Zeit zu Zeit hinter dem Walde Pulverrauch emporsteigen. Plötzlich sprengte ein Reiter in der Uniform eines königlichen Offiziers heran, schwenkte von Weitem schon ein weisses Tuch und erreichte, obwohl die Conföderirten mehrere Flintenschüsse auf ihn abfeuerten, glücklich das Thor. Man liess ihn ein und führte ihn zu Trentowski. Er meldete hastig, ein russisches Corps, von königlichen Offizieren begleitet, sei im Anmarsch und eben im Kampfe mit den Truppen der Marschallin, und beschwor den Pulkownik, sofort einen Ausfall anzuordnen und die Belagerer im Rücken zu fassen und zu vernichten. Schon ertheilte Trentowski die nöthigen Befehle, da sandte die Äbtissin den Pan Zajontschek und liess den königlichen Offizier, der die Freudenbotschaft gebracht, zu sich bitten. Er kam in das Kloster, wurde von ihr mit lauter Freude begrüsst und theilte ihr mit, was er bereits dem Obersten gemeldet hatte. »Wer befehligt die Russen?« fragte Maria Stanislawa lauernd. »General Apraxin.« »Du lügst,« rief die Äbtissin, sich erhebend, mit einem Blick, der nichts Gutes verhiess. »Apraxin wurde vor zwei Wochen abberufen und ist auf dem Wege nach Moskau.« Der Fremde entfärbte sich. »Es ist doch so,« stammelte er. »Nein,« herrschte ihm die Äbtissin zu, »es ist nicht so und Du bist auch kein königlicher Offizier.« »Welcher Verdacht,« murmelte der Fremde. Maria Stanislawa rief ihre Leute, die hinter der Thür bereit standen, liess den Offizier festnehmen und fesseln und auf der Stelle in die Folterkammer bringen. Hier begann sie ihn in ihrer energischen Weise zu verhören. »Wer bist Du?« »Ein Offizier des Königs.« »Sprich die Wahrheit.« Der Fremde schwieg. Auf einen Wink Maria Stanislawas spannte man ihn in den Bock und legte ihm die Beinschienen an. Sie sass vor ihm, ihr Fuss stand auf dem Bock wie auf einem Schemel und sie blickte ihm mit gespannter Aufmerksamkeit in das von Schmerz verzerrte Gesicht. »Gestehe!« »Ich habe nichts zu gestehen.« »Du bleibst dabei, dass General Apraxin Dich gesendet?« »Ja.« »Wir haben keine Zeit zu verlieren, verstehst Du?« sprach Maria Stanislawa, »legt ihm also noch die Daumenschrauben an.« Es geschah. Der Arme stöhnte und ein Beben ging durch seinen ganzen Leib. »Gestehe!« Keine Antwort. »Macht die Zangen glühend,« gebot die Äbtissin. »Nein, nein,« flehte der Arme. »Sprich also die Wahrheit.« »Erbarmen Sie sich, ich werde Alles gestehen.« »Gestehe,« erwiderte sie kalt, »dann werde ich vielleicht gnädig sein.« Der Unglückliche gestand, dass er ein Edelmann namens Wotnizki und von der Marschallin gesendet sei. Die Äbtissin liess ihm die Daumenschrauben und Beinschienen abnehmen und ihn mit Ketten beladen in den Kerker werfen, dann eilte sie zu Trentowski. Der Ausfall unterblieb. Mit Anbruch der Nacht kehrten die Conföderirten in ihr Lager zurück. Als sie am Morgen erwachten, stand auf dem Walle von Sambor ein Galgen und an demselben hing Wotnizki, der Bote der Marschallin. Einige Zeit nahm nun die Belagerung ihren regelmässigen Gang. Die Conföderirten beschlossen die Wälle und sendeten Nachts, um die Einwohner zu schrecken, glühende Kugeln in die Stadt. In einer stürmischen Nacht erschien plötzlich in der östlichen Batterie der Belagerer ein Gespenst, in weisse Grabtücher gehüllt. Es wuchs vor den Augen der erschreckten Soldaten aus der Erde und wuchs immer höher zur Gestalt eines Riesen empor. Die Conföderirten ergriffen die Flucht. Das ganze Lager wurde alarmirt. Maria Kasimira schwang sich rasch auf ihr Pferd und eilte, von mehreren Offizieren und Reitern begleitet, in die Batterie. Sie kam noch eben recht, um die Kriegslist Maria Stanislawas, die geschickt auf den Aberglauben ihrer Landsleute gerechnet hatte, zu vereiteln. Zu dem ersten Gespenst hatten sich mehrere andere gesellt, und alle zusammen waren eben daran, die Geschütze zu vernageln. Beim Herannahen der Marschallin verschwanden sie rasch, wie wenn die Erde sie verschluckt hätte. Es zeigte sich, dass ein unterirdischer Gang aus der Stadt hierher führte. Maria Kasimira liess denselben auf der Stelle verschütten und fortan streng bewachen. Pan Stanioski, jener junge Edelmann, welcher in Warda in feindliche Gefangenschaft gerathen und später mit den anderen Conföderirten von Trentowski freigelassen war, wurde von Maria Kasimira zu einem lustigen Wagestück ausersehen. Er verrieth in einer heiteren Stunde, im Zelte der Marschallin, durch den Wein und die Scherze der Kameraden erhitzt, dass er mit einer schönen Jüdin in Sambor während seiner Gefangenschaft ein galantes Abenteuer gehabt hatte. Darauf baute nun Maria Kasimira einen Plan zur Überrumpelung der Stadt. Das Haus, in dem die schöne Jüdin wohnte, lag unmittelbar an dem Wall, der hier nur als einfache Mauer fortlief. Es gelang Stanioski mit vieler Mühe und Gefahr, sich mit der Geliebten in’s Einvernehmen zu setzen, und sie versprach ihm, beim nächsten Neumond in der Nacht eine Strickleiter von ihrem Fenster herabzulassen. Ein Zufall führte Varia Stanislawa gerade in dem Augenblicke, wo Stanioski fortschlich, auf den nahe gelegenen Wall. Sie sah eine dunkle Gestalt über den Schnee schreiten und sah die Jüdin, die sich aus dem Fenster herunterneigte. Sofort drang sie mit mehreren Soldaten in das verdächtige Haus und nahm die Jüdin streng in’s Verhör. Diese stürzte vor Schrecken bleich der Äbtissin zu Füssen und gestand Alles. »Dein Fehler ist nicht so arg, als ich dachte,« sagte Maria Stanislawa mit einem verschmitzten Lächeln, »und er kann unter Umständen noch zu einem grossen Verdienst für Dich werden. Vorläufig werde ich mich aber für alle Fälle Deiner versichern.« Die zitternde Jüdin wurde hierauf in das Kloster gebracht, und ihr Haus von den Soldaten besetzt. Wenige Tage später wurde es Neumond. Um Mitternacht ertönte ein leiser Pfiff an dem Fusse der Stadtmauer. Das Fenster oben erklang und ein schönes Weib in kostbarer Pelzjacke, die von Juwelen funkelnde Stirnbinde um das Haupt geschlungen, neigte sich herab. »Sind Sie es?« fragte eine helle Stimme. »Ja.« Die Strickleiter fiel herab. Stanioski kletterte an derselben hinauf und sprang in das Zimmer. Zwei weiche Arme umfingen ihn, zugleich fassten ihn aber kräftige Fäuste von rückwärts und banden ihm Hände und Füsse, während auf ein Trompetensignal an den Fenstern und auf dem nahen Walle die Soldaten der Äbtissin erschienen und auf die Conföderirten, welche sich anschickten, Stanioski zu folgen, ein mörderisches Feuer eröffneten. Der Handstreich war missglückt. Die Feinde flohen, indem sie mehrere Todte und Verwundete zurückliessen. Als jetzt ein Soldat mit brennender Fackel in das Zimmer trat, sah sich Stanioski gebunden zu den Füssen und in der Gewalt Maria Stanislawas, die ihn mit einem spöttischen Lächeln betrachtete. »Gnade!« war das erste Wort, das über seine Lippen kam. Maria Stanislawa lächelte noch immer. »Ich bin guter Laune,« sprach sie, »und so schenke ich Ihnen das Leben.« Sie befahl, seine Fesseln zu lösen und ihn in das Kloster zu führen. Er blieb ihr Gefangener. In den nächsten Tagen richteten die Conföderirten ihr Feuer ausschliesslich gegen die Ostseite der Stadt und es gelang ihnen endlich, Bresche zu schiessen. Am Morgen des 18. Februar 1772 rückten sie in dichten Colonnen zum Sturme vor. Das Feuer der Königlichen war nicht im Stande, sie aufzuhalten, sie begannen schon die Bresche zu ersteigen, da erfolgte ein furchtbarer Knall, ein zweiter, ein dritter. Mine auf Mine ging in die Luft und wie sich der dicke schwarze Rauch verzog, bedeckten Hunderte gefallener Conföderirter den Platz vor der Bresche, während die Anderen in wilder Flucht dem Lager zueilten und Maria Stanislawa in ihrem weissen Habit und schimmernden Hermelinpelz, den goldenen Stab in der Hand, wie der Engel mit dem feurigen Schwert triumphirend auf dem Walle stand. Der Siegesjubel der Belagerten währte indess nur kurze Zeit. Pajonk, der Spion, dem es gelungen war, durch die Posten der Conföderirten hindurchzuschleichen, brachte schlimme Nachrichten. Die Russen hatten auf allen Punkten den Rückzug angetreten und die Conföderirten am 3. Februar 1772 das Schloss von Krakau überrumpelt und genommen. Alle Hoffnung auf Entsatz war geschwunden und es begann zugleich sich der Mangel an Lebensmitteln fühlbar zu machen. Die Besatzung fing an, die Pferde zu schlachten. Trotzdem dachte Niemand an Übergabe, um so weniger, als Trentowski endlich, von seinen Wunden vollkommen genesen, wieder das Commando übernahm und mit eiserner Hand führte. Seine Energie, sein echt patriotischer Muth kannten keine Rücksicht und kein Bedenken, wo es die Ehre galt. Da der Proviant schwand, griff er zu dem spartanischen Mittel, die Besatzung zu decimiren, indem er täglich durch kühne Ausfälle die Belagerer beunruhigte und mehr als einmal in die feindlichen Batterien eindrang. Da er dort, wo die Gefahr am grössten war, wo es Kugeln hagelte, stets der erste, durch seine Schärpe und seine rothe Mütze weithin erkenntlich, auf den Feind eindrang, gab es keine Einwendung gegen seine mörderische Kriegsführung und seine Soldaten folgten ihm willig und schlugen sich mit grosser Tapferkeit. Die Bürger vertheidigten die Wälle, sogar die Juden nahmen muthig an dem Kampfe theil. Auf diese Weise hielt Trentowski Sambor bis Mitte März. Die Conföderirten unternahmen keinen neuen Sturm, sie hatten einen verlässlichen Bundesgenossen, den Hunger. Die Noth in der Stadt wurde täglich grösser, die Leute starben auf der Strasse, der Pöbel begann die Häuser der Reichen zu stürmen und zu berauben und zum Unglück für die Belagerten traf am 17. März zahlreiches Geschütz im Lager der Conföderirten ein, das General Rzewuski der Marschallin gesendet hatte, damit sie Sambor rascher überwältigen könne. Vier neue Batterien wuchsen über Nacht aus der Erde heraus. Die Mauern der Stadt stürzten allerorten, von der furchtbaren Beschiessung erschüttert, in die Gräben herab. Die Stadt schien einem Sturme offen, trotzdem schritten die Conföderirten nicht zu einem Kampfe mit der blanken Waffe, sondern begannen noch in derselben Nacht die unglückliche Stadt mit Bomben zu bewerfen. Die Wirkung war eine entsetzliche, in allen Strassen gab ex Todte und Verwundete, Häuser stürzten ein, an fünf Orten brach zu gleicher Zeit Feuer aus und drohte die ganze Stadt einzuäschern, da Niemand zu löschen wagte. Die verzweifelten Bewohner rotteten sich zusammen und drangen zu gleicher Zeit in das Kloster und in das Haus, in dem Trentowski sein Hauptquartier aufgeschlagen hatte. Hunderte verlangten zu gleicher Zeit mit wüthendem Geschrei die Übergabe der Stadt. Maria Stanislawa erklärte, sie werde sich eher mit dem ganzen Kloster in die Luft sprengen, als sich ergeben. Trentowski versammelte den Rest seiner Soldaten auf dem Ring und legte ihnen die Sachlage dar. »Wem sein Leben lieber ist als die Ehre,« schloss er, »der bleibe in der Stadt, welche sich ergeben kann, sobald ich sie verlassen habe. Wer lieber sterben will als die Waffen strecken, der folge seinem Obersten.« Die Soldaten nahmen diese Worte lautlos, den Blick zu Boden gesenkt, auf. Trentowski bestieg sein Pferd, das einzige, das noch am Leben war, liess das Thor öffnen und ritt langsam hinaus. Hauptmann Soltik, Lieutenant Mir und fünf Soldaten folgten ihm, die anderen rührten sich nicht. Trentowski hielt sein Pferd an und blickte mit einem schmerzlichen Lächeln auf die kleine Schaar der Treuen. »Nein,« murmelte er, »ich kann euch nicht opfern, euch am wenigsten. Es giebt noch ein anderes Mittel, meine Ehre zu retten.« Er stieg ab, befahl Soltik auf dem Thurm die weisse Fahne aufzuhissen, gab Mir sein Pferd und sandte ihn zu der Marschallin, um ihr die Übergabe der Stadt anzubieten. »Verlangen Sie freien Abzug mit Waffen und Gepäck,« sprach er, »man wird ihn uns nicht bewilligen, versuchen Sie aber das Möglichste, und bleibt die Marschallin unbeugsam, dann übergeben Sie die Stadt ohne allen Vorbehalt.« Schon hatten die Belagerer bei dem grellrothen Lichte der brennenden Stadt die weiss Fahne auf dem Thurm von Sambor entdeckt und stellten das Feuern ein. Die Bewohner beruhigten sich und begannen die brennenden Häuser zu löschen. Maria Stanislawa hatte in aller Eile das Thor des Klosters, das für sich eine kleine Festung bildete, verrammeln, in die Mauern Schiessscharten bohren, alle Schätze des Klosters in den unterirdischen Gewölben verbergen lassen. Sie sendete ihre Nonnen in den Keller hinab und schickte sich an, sich mit einer Hand voll Leute gegen das ganze Heer der Conföderirten zu vertheidigen. Die Marschallin empfing Mir in ihrem Zelte. Ihre erste Frage war: »Lebt Trentowski? Ist er verwundet?« »Er ist unversehrt,« erwiderte Mir, »aber er wollte bei einem letzten Ausfall den Tod suchen und ich bin gewiss, dass er die Übergabe der Stadt nicht überlebt, sobald dieselbe nicht unter ehrenvollen Bedingungen erfolgt.« »Was verlangen Sie also von mir?« »Freien Abzug mit Waffen und Gepäck.« Maria Kasimira schien einen Augenblick nachzusinnen, dann trat sie auf Mir zu und sprach: »Wenn Sie es mit Ihrem Obersten gut meinen, so bestimmen Sie ihn, selbst in unser Lager zu kommen, um mit mir zu unterhandeln. Eilen Sie.« »Sie geben mir also Hoffnung, gnädige Frau?« »Ja und nein. Alles hängt von Trentowski ab.« Mir sprengte in die Stadt zurück. Es währte nicht lange und ein Offizier der Conföderirten meldete der Marschallin, dass der Pulkownik Trentowski bei den Vorposten erschienen sei und eine Unterredung mit ihr wünsche. »Führen Sie ihn zu mir,« sagte Maria Kasimira und kaum hatte sie der Offizier verlassen, regte sich auch schon das Weib in ihr, sie trat vor den Spiegel, der sie auch in das Kriegslager begleitet hatte, rief ihre Kammerfrau und das Kriegszelt verwandelte sich in das Boudoir einer vornehmen Rococodame. Flacons wurden geöffnet, Schachteln und Schächtelchen, Puderstaub flog umher, feiner Parfüm schwebte in der frostigen Luft, das Haar wurde geordnet und in frisch gefallenen Schnee verwandelt und zuletzt der abgetragene Lagerpelz abgeworfen und eine prächtige Kazabaika von hochrothem Sammt, mit Marder gefüttert und ausgeschlagen, angezogen. Noch ein Blick in den Spiegel und der Offizier meldete Trentowski. Die Marschallin ging ihm strahlend von Schönheit und Freude entgegen und bot ihm die Hand, die er feurig küsste. »Willkommen,« rief sie, »von ganzem Herzen willkommen.« Dann trat sie einen Schritt zurück und ihr Gesicht verdüsterte sich. »Aber wie sehen Sie aus? Als wären Sie dem Grabe entstiegen! Was müssen Sie gelitten haben! Und Sie leiden noch. Aber sprechen wir vor Allem von unseren Angelegenheiten. Sie wollen mir Sambor übergeben, unter welchen Bedingungen?« »Gegen freien Abzug mit Waffen und Gepäck.« »Trentowski, was verlangen Sie von mir?« erwiderte die Marschallin, »es wäre ein Verrath von meiner Seite, Ihnen dies zu bewilligen.« »Die Tapferkeit meiner Besatzung scheint mir Rücksicht zu verdienen.« »Gewiss, aber es muss dem Sieger überlassen bleiben, Rücksicht zu üben,« entgegnete Maria Kasimira, indem sie den Pulkownik zu sich auf den türkischen Divan niederzog, der in Ihrem Zelte stand, »sprechen wir als gute Freunde, ohne Hinterlist, offen, wohlmeinend. Können Sie mir zumuthen, nach den Opfern, die unsere Partei gebracht, in dem Augenblicke des Erfolges die Früchte des Sieges preiszugeben? Ich kann Ihre Soldaten nicht frei davon ziehen lassen und am wenigsten Sie, den tapfersten, den kühnsten Führer, den unsere Feinde haben. Ja, Trentowski, Sie müssen mein Gefangener werden,« schloss sie mit einem reizenden Lächeln, indem ihre Hand sich schmeichelnd auf die seine legte. »Die Ehre verbietet es mir, gnädige Frau, die Stadt in dieser Weise –« »Der Ehre ist genug geschehen,« fiel ihm Maria Kasimira in das Wort, ihre Augen leuchteten begeistert, »Sie haben Sambor wie ein Löwe, wie ein zweiter Leonidas vertheidigt.« »Leonidas ist auf seinem Schilde gestorben.« »Dafür bin ich nicht der Perserkönig. Es sind Ihre Landsleute, es sind Polen, denen Sie Ihre Waffen überliefern.« »Die Stadt –« »Es handelt sich nicht um die Stadt, es handelt sich um Sie. Sie will ich zu meinem Gefangenen machen. Erscheint Ihnen denn dieses Loos gar so schrecklich?« »Maria Kasimira, schonen Sie mich,« murmelte Trentowski. »Ich bitte Sie,« fuhr die schöne Frau fort, »ergeben Sie sich.« »Unter welchen Bedingungen?« »Auf Gnade und Ungnade.« »Auf Kriegsgefangenschaft,« sprach Trentowski. »Auf Gnade und Ungnade,« wiederholte die Marschallin. Trentowski blickte zur Erde. »Ich bitte Sie, sagen Sie ja.« »Es sei.« Er erhob sich. »Ich ergebe mich.« »Auf Gnade und Ungnade?« »Auf Gnade und Ungnade. Ich hoffe, Sie werden die Stadt, Sie werden meine braven Offiziere und Soldaten verschonen.« »Und Sie selbst,« sprach Maria Kasimira betroffen, »Sie sprechen nicht von sich.« »Ich danke Ihnen,« gab Trentowski mit einem traurigen Lächeln zur Antwort, »ich brauche nichts mehr.« »Wie ungerecht, mein Freund, ich hoffe, das Leben soll für uns Beide erst beginnen.« »Ein Leben ohne Ehre.« »Sie sind nicht bei Sinnen!« Maria Kasimira kehrte ihm dem Rücken in der Absicht, ihre Offiziere zu rufen, die vor dem Zelte harrten, und die nöthigen Befehle in Bezug auf die Übergabe der Stadt zu ertheilen, da hörte sie einen unheimlichen, wohlbekannten Ton. Der Hahn einer Pistole knackte und jetzt richtete Trentowski die Mündung derselben gegen seine Stirne. Mit einer energischen Bewegung schlug Maria Kasimira den Lauf bei Seite, der Schuss ging in die Luft. »Trentowski – Sie wollten sich tödten –« »Ich kann nicht leben.« »Sie müssen leben,« rief sie mit leidenschaftlicher Majestät, »haben Sie mir nicht Ihr Wort gegeben, sich nicht unnöthig aufzuopfern? Ihr Leben gehört mir, denn – ich liebe Sie.« Sie sank an seine Brust und im nächsten Augenblick lag er, überwältigt von Liebe und Glück, zu ihren Füssen. Sambor hatte sich auf Gnade und Ungnade ergeben, nicht Maria Stanislawa. Die Besatzung und die Einwohner der Stadt hatten die Waffen niedergelegt. Die Conföderirten eilten, nachdem sie die Thore und Wälle besetzt hatten, den Brand zu löschen, den ihre Kugeln entzündet, die Todten zu begraben, die Verwundeten zu verbinden, die Hungrigen brüderlich zu speisen. Die Marschallin hielt über Trümmern und glimmenden Balken ihren Einzug, die unglücklichen Bewohner von Sambor warfen sich vor ihr auf die Knie und riefen Vivat, oder drängten sich an ihr Pferd heran, um ihre rothen Stiefel zu küssen. Sie lächelte gnädig, warf Geld unter die Armen und vertheilte selbst die Lebensmittel, welche von allen Seiten auf ihr Geheiss der Stadt zugeführt wurden. Alles Athmete auf, die Strassen, die Häuser nahmen rasch wieder ihr früheres freundliches Ansehen an, nur das Kloster hielt seine Thore verschlossen. Maria Stanislawa war bereit, heldenmüthig zu sterben, aber Niemand dachte daran, ihr das Leben zu nehmen, Maria Kasimira begnügte sich, das Kloster mit ihren Soldaten einzuschliessen und demselben jede Zufuhr abzuschneiden und sie rechnete ganz richtig. Den Kugeln hätte die Äbtissin getrotzt, aber sie, die gewohnt war, sich an die reichbesetzte Tafel zu setzen und ihre weichen Glieder in schwellendes Pelzwerk zu schmiegen, sie war nicht im Stande, dem Hunger zu widerstehen, nicht einen Monat, nicht eine Woche. Genau sechs Tage währte die lustige Belagerung des Klosters, während der sich Nacht für Nacht die Vertheidiger verminderten, da einer der Soldaten Stanislawas nach dem anderen zu den Feinden überging. Am Morgen des siebenten Tages war sie allein mit ihren Nonnen, ihrem Castellan und ihrem Gefangenen und das Frühstück bestand nur noch aus einer Wassersuppe. Da wurde leise, ganz leise der Riegel zurückgeschoben und aus dem halbgeöffneten Thor traten Pan Zajontschek und der junge Stanioski. Sie begaben sich zu der Marschallin, um für das Kloster günstige Bedingungen zu erwirken. »O, ich denke nicht daran, Maria Stanislawa zu schonen,« rief die Marschallin, »sie muss sich mir auf Gnade und Ungnade ergeben und vor mir im Staube liegend erwarten, was ich über sie beschliesse. Was aber Sie betrifft, mein lieber Pan Zajontschek, so können Sie gewiss sein, dass ich Sie nicht vergessen werde. Undankbarkeit gehört nicht zu meinen Untugenden.« »Dann bitte ich, meine Gebieterin zu schonen,« sprach der brave Mann, »ich kann schon eher etwas aushalten.« »Nun, ich werde sie nicht auffressen,« rief Maria Kasimira lachend, »aber sie muss selbst kommen und – ich will sie zu meinen Füssen sehen.« Pan Zajontschek kehrte in das Kloster zurück und meldete seufzend das Ergebniss seiner Mission. Maria Stanislawa raste wie eine Löwin, die sich plötzlich gefangen, in einen Käfig gesperrt sieht. »Sie ist im Stande und lässt mich foltern, mich köpfen,« rief sie. »Nein, dessen bin ich sicher,« erwiderte Pan Zajontschek, sie besänftigend, »dass sie Ihnen kein Haar krümmen wird, aber Sie müssen sich demüthigen, das müssen Sie.« »Ich soll sie bitten?« »Knieen müssen Sie vor ihr, ja, ja, sie verlangt es und so knien Sie denn in Gottesnamen, Sie sind es ja gewohnt.« »Dummkopf.« »Ich meine nur –« »Nein, ich demüthige mich nicht vor ihr,« murmelte Maria Stanislawa mit vor Zorn und Thränen erstickter Stimme, »lieber will ich sterben.« »Wie das, wenn Niemand Sie tödten will,« sagte der Castellan. »Sie können sich doch nicht selbst das Leben nehmen, das können Sie doch nicht als Braut des Himmels, als Äbtissin. Man wird Sie also endlich doch gefangen nehmen und in diesem Falle stehe ich für nichts.« »Schrecklich, schrecklich.« »Man wird Sie dann erst recht nicht tödten, aber vor der ganzen Stadt züchtigen, das Kloster anzünden, unsere Schätze alle rauben.« »Zu hast Recht – aber nein – ich kann nicht –« »Sie müssen sich demüthigen.« »Ich thue es nicht,« rief Maria Stanislawa und setzte sich wie ein trotziges Kind in den Winkel. »Aber sage mir – hast Du nichts zu essen,« begann sie nach einer kleinen Pause. »Nichts,« entgegnete Pan Zajontschek, »es müsste denn sein, dass Sie eine Ratte verspeisen wollten und diese müsste ich erst erjagen.« Maria Stanislawa begann laut zu weinen. Eine Stunde später versammelte sich das Volk auf dem Ring um eine Art Thron, der auf demselben aufgestellt war. Die Marschallin erschien, von mehreren Damen und ihren Offizieren begleitet, und nahm auf demselben Platz, stolz und schön wie eine junge Herrscherin, vom Kopf bis zum Fuss in veilchenblauen Sammet und goldigen Zobelpelz gekleidet. Sie wartete nicht lange und schon öffnete sich das Thor des Klosters und Maria Stanislawa, tief gebeugt, die Augen vom Weinen geröthet, schritt an der Seite ihrer Nonnen heraus, trotz ihrem pomphaften Hermelinpelz demüthig und zaghaft wie eine Bettlerin, und sie neigte ihr Haupt immer tiefer, je mehr sie sich Maria Kasimira näherte, und jetzt lag sie mit einem Male laut aufschluchzend vor ihr auf den Knien. Einen Augenblick weidete sich die Marschallin mit einem grausamen Lächeln an ihrem Anblick, dann wendete sie sich zu den Damen, die sie umgaben. »Ich könnte sie enthaupten lassen,« sprach sie kalt, »denn sie hat mir nach dem Leben getrachtet.« »Gnade,« murmelte Maria Stanislawa. »Fürchte nichts,« erwiderte Maria Kasimira, »ich bin grossmüthiger als Du, ich räche mich nicht an Dir, obwohl ich Ursache dazu hätte, während Du mich grundlos gehasst und verfolgt hast. Ich schenke Dir das Leben und die Freiheit, verurtheile Dich jedoch, den Conföderirten 10’000 Dukaten als Subsidie zu bezahlen.« »Ich werde sie bezahlen.« Maria Stanislawa wollte sich erheben. »Bleibe knieen!« herrschte ihr Maria Kasimira zu, »ich bin noch nicht zu Ende. Um Deine Rachsucht abzubüssen und sich stets meiner Gnade zu erinnern, wirst Du mich für Deine Klosterkirche als Madonna malen lassen, verstehst Du, und wirst jetzt auf der Stelle ein feierliches Gelübde ablegen, dieses Bild nie und niemals, unter keinen Umständen, zu entfernen und so lange Du lebst, täglich dreimal vor diesem Bilde Deine Andacht zu verrichten.« »Ich werde.« »Schwöre.« »Ich schwöre.« »Ich bin zufrieden,« sprach Maria Kasimira, »steh auf, ich verzeihe Dir.« Maria Stanislawa erhob sich und kehrte, ohne auch nur einen Augenblick die Augen aufzuschlagen, in das Kloster zurück. »Machen Sie sich nichts daraus,« rief Pan Zajontschek, der ihr, mit einer grossen, weissen Schürze angethan, entgegenkam, »dafür werden wir heute ausgezeichnet speisen. Französische Suppe, Hirn in Muscheln, Wildpastete –« Maria Stanislawa lächelte durch einen Schleier von Thränen. Nicht lange nach der Einnahme von Sambor erhielt die Marschallin von Seite der Generalität in Eperies den Befehl, sich aller weiteren Feindseligkeiten zu enthalten. Düstere Gerüchte gingen von Mund zu Mund, ein Theil der Conföderirten legte die Waffen nieder, viele Patrioten gingen in das Ausland. Maria Kasimira begab sich mit Trentowski nach ihrem Schlosse Bialigrod. Dort segnete der alte Schlosskaplan ihren Bund und die Liebe tröstete Beide für die herben Täuschungen, welche ihr Patriotismus erfahren sollte. Am 22. April ging Krakau wieder verloren. Während die Russen immer weiter vorrückten, betraten jetzt auch preussische und österreichische Truppen das polnische Gebiet, um es nicht mehr zu verlassen. Die drei Mächte hatten sich verständigt und das Schicksal der unruhigen Republik besiegelt. Es folgte die erste Theilung Polens. Galizien kam an Österreich. Nach langjährigem Kampfe trat Friede ein und unter dem Einflusse Josef II. begannen sich in dem unglücklichen Lande die ersten Keime der Aufklärung und Humanität zu entwickeln.   Die wilden Frauen In keiner der kleinen Lehmhütten, aus denen das galizische Dorf Rokaw bestand, brannte mehr ein Licht oder Feuer, nur bei Jur Matausch sah man noch einen unstäten Schimmer durch den wurmstichigen Fensterladen dringen, matt und traurig wie der Schein des Lämpchens, das zu Häupten des Todten brennt, und man sah auch noch einen lichten blauen Rauch durch das windschiefe, geschwärzte Strohdach dringen, denn es gab dort ebensowenig einen Schornstein wie eine Fensterscheibe und der Rauch musste sich seinen Ausweg nehmen, wo er ihn fand. Das Haus war ein echtes galizisches Bauernhaus jener Zeit, wo der Landmann noch der Unterthan des Edelmannes und ein halber Sclave war. Man nannte ihn ein Thier, den Sohn einer Hündin, und so wohnte Jur Matausch denn auch nicht viel besser als ein Thier. In einem und demselben Raume befanden sich der Herd, auf dem ein offenes Feuer brannte, ein Schwein mit vier Ferkeln, eine Stange, auf der Hahn und Hühner schliefen, eine rothe, mit Blumen bemalte Truhe, eine mit Stroh gefüllte Lagerstatt, eine zweite, auf der ein Polster und ein grober Kotzen lagen, und ein roh gezimmerter Tisch, an welchem drei Männer und ein junges Mädchen sassen, während zwei andere Mädchen, ein Hund und eine Katze um den Herd herum kauerten und lagen. Auf dem Tisch brannte ein Stümpfchen Unschlittkerze, das in einem ausgehöhlten Erdapfel stak, und neben einem Päckchen groben blaugrauen Papiers stand ein gar kurioses Schreibzeug. Die mit Schimmel überzogene Tinte befand sich in einem Branntweingläschen, dessen abgebrochener Stengel wieder in einer grossen Rübe stak, während ein halber ausgehöhlter Kürbis als Streusandfass diente. Der Bauer, dem die Hütte gehörte, Jur Matausch, war der Einzige, der im ganzen Dorfe lesen und schreiben konnte und zwar deutsch ebenso gut wie kleinrussisch, denn er war 16 Jahre hindurch Soldat gewesen und hatte es bis zum Korporal gebracht. Er sass auch im Gefühle seiner Wichtigkeit mit der Miene eines Gelehrten da und vergass niemals, wenn er sie nicht gerade benützte, die Feder hinter das Ohr zu stecken. Er schnupfte auch von Zeit zu Zeit mit einer gewissen Würde aus einer kleinen Dose, was sein Ansehen beim Landvolke nicht wenig erhöhte. Das Mädchen an seiner Seite war seine älteste Tochter Damaska, aus deren schönen hellen Augen eine seltene Klugheit sprach, während die kräftigen, dunklen Brauen, die kleine Nase, die stolz aufgeworfenen Lippen und das runde Kinn eine nicht gewöhnliche Energie verriethen. Die beiden Bauern, die mit ihnen am Tische sassen und Matausch aufmerksam zuhörten, waren aus einem Nachbardorfe herübergekommen, um sich bei ihm Raths zu erholen. Ihr Grundherr hatte sie bereits seit Jahren in Bezug auf die den Unterthanen vorgeschriebenen Leistungen übervortheilt und, wenn sie eine Einsprache zu erheben wagten, misshandelt. Matausch las ihnen das Robotpatent Kaiser Josefs II. vor, das dem galizischen Landvolke die Erlösung aus der polnischen Sclaverei gebracht hatte, erklärte ihnen die bezüglichen Stellen, unterrichtete sie genau über ihre Pflichten und Rechte und setzte ihnen schliesslich eine kräftige Eingabe an das k. k. Kreisamt in Kolomea auf, in der er mindestens zwanzig Mal Gott, die heilige Jungfrau, die blutenden Wunden des Heilands, alle Heiligen und Märtyrer, den Kaiser, die Kaiserin und sämmtliche Erzherzoge und Erzherzoginnen um Beistand anrief. Eben hatten die beiden Landleute statt ihrer Unterschrift ein jeder drei Kreuze darunter gesetzt und Matausch selbst ihre Namen hinzugefügt, als ein Bauernmädchen hereinkam, das im Edelhofe bedienstet war. »Vetter,« begann sie, »ich bin rasch herübergekommen, Euch zu warnen. Man führt nichts Gutes gegen Euch im Schilde. Der Mandatar (der Bevollmächtigte des Gutsherrn) wird Euch rufen lassen, morgen schon.« »Aus welchem Grunde?« »Weil Ihr die Bauern aufhetzt gegen die Grundherren, hörte ich sagen, und ihnen Klagen schreibt, die sie zum Kreisamt tragen.« »Soll er mich in Gottes Namen anzeigen,« sprach Matausch und nahm bedächtig eine Prise. »Nicht darauf ist es abgesehen.« »Auf was denn?« »Euch prügeln zu lassen.« »Hm! Bist Du dessen gewiss?« »Ich hörte ja selbst den Herrn Mandatar mit dem einäugigen Schreiber darüber sprechen.« »Gott lohne es Dir,« versetzte Matausch, »kehre aber jetzt gleich zurück, sonst merken sie es im Dominikalhof, dass Du in das Dorf gegangen bist, und Du müsstest es schwer büssen.« Matausch stützte seinen Kopf in die Hände und dachte nach. »Du wirst doch nicht hingehen, Vater?« begann Damaska. »Was würde uns das helfen,« gab er zur Antwort, »sie sind die Stärkeren, sie können uns zwingen, wenn sie wollen.« »Sie sind die Stärkeren,« erwiderte Damaska, »weil wir feig sind. Sind wir Bauern nicht in der Mehrzahl?« »Zugegeben,« sagte Matausch, »was wäre aber die Folge, wenn wir uns widersetzen sollten? Jetzt schützen und die Kreisämter im Namen des Kaisers, dann würden sie Soldaten gegen uns senden und uns niederschiessen lassen.« »Aber Ihr werdet Euch doch nicht prügeln lassen,« fiel einer der fremden Bauern ein. »Ich habe 16 Jahre dem Kaiser gedient,« erwiderte Matausch stolz, »ohne nur einen Streich zu erhalten, Gott wird mich auf meine alten Tage nicht ganz verlassen.« »Wenn Ihr Beistand braucht,« sagte der zweite Bauer, »sendet in unser Dorf, wir kommen Alle.« »Ich danke Euch,« antwortete Matausch, »si weit dürfen wir gar nicht denken.« Als die Beiden ihn verlassen hatten, seufzte er tief auf, verlöschte das Licht und sass dann noch lange auf der Bank beim Tische und starrte in die glühende Asche, die auf dem Herde lag. Am nächsten Tage kam, in aller Frühe schon, der herrschaftliche Haiduk und lud Matausch in den Dominikalhof. Der Alte erschien pünktlich in seinem vollen Sonntagsstaate, der darin bestand, dass er Stiefel, über seinem Leinwandanzug einen Schafspelz und auf dem Kopfe eine hohe, schwarze Lammfellmütze trug, aber er erschien nicht allein. Mit ihm erschien das ganze Dorf. Tausend Männer, Greise und Knaben, Frau, Mädchen und Kinder drangen in den Hof des Edelsitzes herein und füllten denselben vollständig. »Die heilige Mutter soll uns schützen, Herr Liewald,« rief der einäugige Schreiber, als er die Kopf an Kopf gedrängte Menge überblickte, »sie sind im Stande und erschlagen uns Alle. Mässigen Sie sich nur dies eine Mal.« Der Mandatar Liewald war ein wüthender Feind der Schwaben (wie man in Galizien jeden Deutschen nennt) und ein Bauernschinder erster Sorte. Ohne dem Schreiber zu antworten, setzte er seine Mütze auf, steckte eine Pistole zu sich und ging mit dem Kantschuk in der Hand hinaus, wo bereits zwei Haiduken, der Kosak und der Bediente ihn mit bekümmerter Miene erwarteten. Der einäugige Schreiber folgte, aber nur bis zur Thürschwelle. »Wo ist Jur Matausch?« begann der Mandatar. »Hier.« »Tritt vor.« Matausch gehorchte. »Was treibst Du denn?« fuhr der Mandatar ihn an. »Von allen Seiten laufen Klagen gegen Dich ein, nicht weniger als siebzehn Grundherrschaften haben Dich bereits angezeigt. Bist Du ein Bauer, ein Winkelschreiber, ein Räuber, oder was bist Du eigentlich?« »Ein ehrlicher Mensch, Herr.« »Schweig und rede, wenn man Dich fragt. Du wiegelst das Volk auf, Du, der Du die Gesetze so gut kennst, weisst Du auch, welche Strafe den Volksaufwiegler erwartet?« »Ich weiss es,« erwiderte Matausch, »aber ich habe Nichts gethan, als was der Kaiser erlaubt hat.« »Wer fragt hier nach dem Kaiser!« »Ich, Herr, der ich ihm 16 Jahre treu gedient habe,« gab Matausch mit fester Haltung zur Antwort, »Finden Sie, dass ich gefehlt habe, so zeigen Sie mich beim Kreisamt an, das ist Ihre Sache.« »Meine Sache ist, Dich zur Ruhe zu bringen,« schrie der Mandatar, »Du elender Schreier, Rebell, und da werden wir es viel kürzer machen, legt ihn auf die Bank und gebt ihm hundert Prügel.« »Sie werden mich nicht prügeln lassen, Herr,« sprach Matausch ruhig, »dazu haben Sie kein Recht.« »Ich frage viel darnach. Vorwärts, ergreift ihn!« Die Haiduken machten Miene, dem Mandatar zu gehorchen, aber die Menge drang mit erhobenen Stöcken auf sie ein, und sie zogen sich sofort wieder zurück. »Keine Gewaltthat,« begann jetzt Matausch, die Bauern beschwichtigend. »Sie haben kein Recht, Herr, mich prügeln zu lassen, und Ihr dürft Euch gegen die Obrigkeit nicht auflehnen.« Während sich die Menge langsam entfernte, ergriff der Mandatar plötzlich Matausch beim Genick und schrie: »Da ist er, der Hundesohn, auf die Bank mit ihm.« Im Nu hatten die Haiduken den Alten überwältigt, aber im nächsten Augenblick sprang Damaska ihrem Vater zu Hilfe. Mit einem grossen Feldstein traf sie den Mandatar am Kopfe, so dass er blutend zu Boden stürzte, und riss Matausch aus den Händen der Haiduken, die erschreckt in das Haus flüchteten. Die Bauern kehrten jetzt mit wildem Geschrei zurück, umringten Matausch und seine Tochter und brachten sie in Sicherheit. Der Mandatar liess sie jetzt unbehelligt, aber Matausch erwartete deshalb doch nichts Gutes. Er sass vor seiner Hütte und dachte nach. Die Nachbarn kamen und gingen, der Alte hörte die Rathschläge an, die sie ihm ertheilten, aber keiner von allen gefiel ihm sonderlich. Nachmittags brachte der herrschaftliche Schafhirte die Nachricht, dass der Mandatar einen Bericht in die Kreisstadt gesendet und Soldaten gegen die rebellischen Bauern verlangt habe. Matausch nickte traurig mit dem Kopfe und rief dann seine Tochter zu sich in die Stube. »Ich mache Dir keinen Vorwurf daraus, Damaska,« sprach er, »dass Du den Mandatar mit dem Steine getroffen hast, Du hast Deinen alten Vater vor der Schande gerettet, die er gewiss nicht überlebt hätte, aber jetzt haben sie uns in der Hand, wir haben uns gegen die Obrigkeit aufgelehnt und den Stellvertreter unseres Gutsherrn verwundet. Wenn die Soldaten kommen, dürfen wir nicht an Widerstand denken, sie würden uns sonst einfach niederschiessen. Man wird uns also Alle einziehen, in den Kerker werfen und ohne Zweifel zu schweren Strafen verurtheilen.« »Wie wäre das möglich,« rief Damaska, »da wir doch im Rechte sind?« »Wir waren im Rechte,« erwiderte ihr Vater, »jetzt sind wir es nicht mehr.« »Sollen wir uns gutwillig strafen lassen, dafür, dass der Mandatar uns Gewalt anthun wollte?« fragte die zweite Tochter des alten Matausch, die blonde Nikola. »Wir haben hier nichts mehr zu suchen,« fuhr der Alte fort, »hier im Dorfe erwartet uns nur Gefängniss und Strafe, überdies wird uns die Herrschaft so wie so unser Haus und unseren Grund wegnehmen, sobald man uns einmal gefangen genommen und weggeführt hat, deshalb will ich mit Euch in die Berge gehen, dorthin, wo die Zufluchtsstätte aller Unglücklichen und Verfolgten ist. Gott wird uns nicht verlassen.« »Willst Du ein Hajdamak (Rebellischer Bauer, Räuber) werden, Vater?« sprach seine jüngste Tochter Maruschka. »Nein, gewiss nicht,« erwiderte er, »wir werden auch so finden, was wir brauchen, und jetzt macht Euch fertig. Mit Anbruch der Nacht machen wir uns auf den Weg.« Und so geschah es. Als es vollkommen dunkel geworden war und sich nur hie und da ein Stern an dem mit Wolken bedeckten Himmel sehen liess, zogen Matausch und seine beiden jüngeren Töchter mit ihrem Hab und Gut davon, sie trieben das Pferd und die einzige Kuh, die sie hatten, sowie das Schwein mit den Ferkeln langsam vor sich her. Das Wenige, was sie sonst besassen sowie die Hühner trugen sie in Körben auf dem Rücken. Der Hund ging mit ihnen, die Katze, welche Maruschka auf dem Arme trug, machte sich los und setzte in grossen Sätzen in die Hütte zurück. Nachdem sie einen Vorsprung gewonnen, zündete Damaska, die noch zurückgeblieben war, das Stroh und Reisig an, mit dem sie ihre Hütte angefüllt hatten, und folgte den Vorausgegangenen dann eilig. Als sie sich bei dem Kreuze, das auf dem Berge hoch über dem Dorfe Stand, zusammenfanden, schlugen die Flammen bereits aus Thür und Fenster sowie aus dem Strohdach ihrer verlassenen Hütte empor. Matausch blickte lange seufzend, Thränen in den Augen, hinab, dann schritt er mit seinen Kindern weiter, in die Karpathen, in die Wildniss. Es war die Zeit, wo die Huzulen, die kühnen Bewohner der Karpathen, die selbst zur Zeit der Sclaverei und des Robot (der Fronarbeit) ihre Freiheit behaupteten und keinem Herrn gehorchten, noch mit ihrem Vieh auf den hoch im Gebirge gelegenen Weiden waren, auf denen sie heute noch den ganzen Sommer zuzubringen pflegen. Matausch zog es daher vor, mit seinen Töchtern eine Gegend aufzusuchen, die selten oder nie der Fuss eines Menschen betrat. Er fürchtete zwar nicht, dass die Bergbewohner ihn ausliefern würden, aber er wusste, dass der Arm der Gerichte weiter reichte als der eines Dominiums, und da er in sich einen Verbrecher und in seiner Tochter Damaska eine Verbrecherin sah, mied er die Wege, welche die Menschen gingen. Nach einer beschwerlichen, zum Theil sogar lebensgefährlichen Wanderung durch den Urwald, über hohe Felsenberge und tiefe Abgründe, in denen wilde Sturzbäche brausten, liess der Alte sich in einer von zwei hohen Granitwänden gebildeten Schlucht nieder, deren nördlicher Eingang sich hinter Steingerölle und vom Sturm gebrochenen, halbverfaulten Bäumen verbarg, während der gegen Süden gelegene durch einen kleinen See vollkommen von der Aussenwelt abgesperrt war. Hier, wo hohe, schwarze Tannen und höher oben nur isländisches Moos und kleine Kiefern wuchsen, wo der Adler in den Lüften kreiste und in den mit Moos bewachsenen Klüften Bär und Wolf hausten, bauten sich die Flüchtlinge eine Hütte aus den Stämmen junger Tannen, die sie mit Reisig deckten und in der sie sich aus Steinen einen Herd errichteten. In kürzester Zeit stellten sie sich mit Hacke und Nägeln die nothwendigste Einrichtung her, und da es ihnen, solange die Kuh Milch gab und die Hühner Eier legten, auch nicht an Nahrung fehlte, versöhnten sie sich bald mit ihrem Schicksal. Während die Mädchen essbare Schwämme und verschiedene Beeren suchten, die Kuh und die Schweine auf die Weide führten, das Haus in Ordnung hielten und kochten, durchstreifte der Alte von seinem Hunde begleitet die Gegend, zu keinem andern Zwecke, als um einem Thiere gleich für sich und seine Jungen Nahrung zu finden. Er stellte den Drosseln Schlingen und es gab keinen Tag, wo er nicht mehrere heimbrachte, er entdeckte, dass es in dem kleinen, krystallklaren See prächtige Forellen gab, und bald war ein wenn auch nur rohgearbeitetes Netz fertig, mit dem er mehr als eine derselben hervorholte. Zweimal beschädigte der Regen ihre Wohnung in erheblicher Weise, das dritte Mal zerstörte ein Wolkenbruch dieselbe fast ganz und brachte sie Alle in ernste Gefahr. Nur mit der grössten Anstrengung gelang es ihnen, ihr Hab und Gut, ihr Vieh und sich selbst auf eine erhöhte Felsplatte zu retten, aber auch hier wurden zwei der kleinen Schweine herabgeschwemmt und ertranken, und das Wasser, das immer höher stieg und fast die ganze Schlucht füllte, drohte Alle, Menschen und Thiere, in dem feuchten Abgrund zu begraben. In dem Augenblick der höchsten Noth brachen sich indess die Wellen einen Ausweg in den natürlichen Wall, der den Eingang zur Schlucht sperrte, zugleich hörte der Regen auf und si begann das Wasser wieder zu sinken. Es währte indess zwei Tage, ehe das Erdreich wieder soweit trocken war, dass die Flüchtlinge an den Wiederaufbau ihrer Hütte denken konnten, sie mussten daher ebenso viele Nächte unter freiem Himmel zubringen. Dann erst kamen sie von ihrem Felsen und die Hühner von ihrem Baume, auf den sie sich geflüchtet hatten, herab, und nach kurzer, aber angestrengter Arbeit war der Schaden wieder gut gemacht, und sie konnten wieder unter dem schützenden Dache ruhen. Auf einem seiner nicht selten mehrtägigen Streifzüge gelangte Jur Matausch bis an die Grenze des Dominiums von Rokaw. Während er an einer Quelle im Gebüsch verborgen rastete, hörte er auf den knisternden Tannennadeln, die den Boden bedeckten, Schritte nahen und erblickte den Mandatar Liewald, der, eine einläufige Flinte auf der Schulter, die Waidtasche umgehängt, offenbar auf die Jagd ging. Ehe Matausch es hindern konnte, sprang sein Hund mit lautem Gebell auf den Mandatar los. Dieser warf einen Stein nach ihm, aber das Thier drang nur um so wüthender auf ihn ein, so dass der Mandatar ungeduldig die Finte herabriss und sie auf das Thier abfeuerte. Der Schuss ging fehl und in demselben Augenblicke, wo der grosse Wolfshund den Mandatar bei der Brust fasste und zu Boden riss, trat Matausch aus dem Gebüsch hervor. »Gott hat gerichtet,« sprach er, »und hat Ihr Leben in meine Hand gegeben.« »Was willst Du?« fragte der Mandatar bebend und bleich vor Todesangst, »willst Du mich tödten?« Matausch nahm die Flinte, die neben seinem Feinde lag, rief seinen Hund und hiess den Mandatar aufstehen. »Geben Sie mir auch noch Ihre Jagdtasche,« sagte er dann, »ich kann sie gut brauchen.« Der Mandatar that, wie ihm geheissen. Der Alte hing die Tasche um und lud das Gewehr. »Hast Du die Absicht, mich zu erschiessen?« fragte der Mandatar, »hier ist Geld, verschone mich.« »Ich brauche Ihr Geld nicht,« erwiderte Matausch, »gehen Sie, entfernen Sie sich rasch, denn wenn meine Leute kommen, sind Sie verloren. Gehen Sie und der Himmel verzeihe Ihnen, was Sie an mir gethan.« Der Mandatar floh rasch den Abhang hinab und Matausch kehrte guter Dinge mit der prächtigen Beute, die er gemacht hatte, nach Hause zurück. Damaska billigte nicht, dass er das Leben des Mandatars geschont hatte. »Wenn ich ihn einmal treffen sollte,« sprach sie, »dann werde ich Alle, die er elend gemacht hat, an ihm rächen!« »Das wäre nicht gut, mein Kind,« entgegnete der Alte, »uns ziemt Vergebung und Geduld, Gott allein steht die Rache zu.« Während der letzten Sommerzeit und zu Anfang des Herbstes blieben die Flüchtlinge in ihrem sicheren Asyl. Matausch ging jetzt manchmal mit der Flinte aus, und da er seine Schüsse sparte, brachte er jedesmal, wenn er sein Rohr abfeuerte, irgend ein Wild mit, wenn nicht einen Rehbock oder eine Gemse, so doch mindestens einen Tüchtigen Hasen. Dann gab es jedesmal einen Festtag oder auch mehrere. Als sich aber der Winter anzumelden begann, da erklärte der Alte, es sei nicht nur gefährlich, sondern geradezu unmöglich, länger in ihrer Hütte auszuharren, wo sie jede Stunde von einem starken Schneefall begraben werden könnten. Er hatte sich überzeugt, dass die Hirten längst die Weiden verlassen hatten und dass die Blockhäuser, die auf den letzteren erbaut waren, leer standen. In einem solchen beschloss er zu überwintern, und so traten die Heimatlosen von Neuem die Wanderung an, mit Allem, was ihnen gehörte. Sie zogen diesmal nicht weit. Bald zeigte sich ein ausgedehntes Plateau und auf demselben, umgeben von einem starken Zaune, ein geräumiges Blockhaus. Hier richteten sie sich für den Winter ein. Die Mädchen sammelten Wachholderbeeren, aus denen sie einen gesunden Branntwein bereiteten, und der Alte suchte einen Hirsch zu erlegen, dessen Fleisch geräuchert einen Vorrath für den Winter abgeben konnte. Es war gerade der erste Schnee gefallen, als Matausch bei einem solchen Ausflug auf einen grossen Bären stiess und, nachdem er denselben durch einen Schuss verwundet hatte, von dem furchtbaren Thiere umarmt und getödtet wurde. Es geschah nicht weit von dem Blockhaus. Seine Töchter hörten den Schuss und des Vaters Hilferuf, sie eilten herbei, aber sie kamen zu spät. Alles, was ihnen gelang, war, den Bären zu verscheuchen und die Leiche ihres Vaters zu retten. Während Damaska sich der Flinte bemächtigte, trugen die beiden Anderen den Todten in das Haus. Hier lag er zwei Tage, am dritten begruben sie ihn und pflanzten ein hölzernes Kreuz auf seinem Grabe auf. In dem Augenblicke, wo dies geschehen war, erklärte Damaska ihren Schwestern, dass eine von ihnen fortan das Haupt der Familie sein müsse und die Anderen derselben zu gehorchen hätten. Nikola und Maruschka erwiderten in einem Athem, dass nur Damaska ihr Oberhaupt sein könne, und stellten sich willig unter ihre Befehle. Damaska trat neben das Kreuz und liess die beiden Anderen die Hände auf dasselbe legen und Treue und Gehorsam schwören. Als dies geschehen war, gingen sie zusammen in das Haus und hielten ein stilles Todtenmahl ab, bei dem sie nach uralter slavischer Sitte des Verstorbenen und seiner guten Eigenschaften und Thaten gedachten. Am Schlusse desselben erhob sich Damaska und schwur, den Vater zu rächen, sie schwur, sie wolle entweder das Leben verlieren oder den Bären tödten, der den Vater umgebracht hatte, auch den Mandatar bestrafen, der sie Alle von Haus und Feld in die Wildniss getrieben hatte. Die Mädchen hatten bei ihrer Flucht auch einen mit dem Bilde des Gekreuzigten geschmückten Weihkessel mitgenommen, der jetzt an der Thürpfoste hing. Noch an demselben Abend schnitt Damaska in eine Flintenkugel ein Kreuz ein und legte dieselbe, während sie ein Gebet sprach, in das Weihwasser. Am folgenden Tage bekreuzte sie sich, nahm die Kugel aus dem Weihkessel, lug sie in das Gewehr, hing dasselbe um die Schulter, steckte ein langes, scharfes Messer zu sich, wickelte ein Stück groben Tuches um ihren linken Arm und ging so davon. Sie kehrte erst gegen Abend zurück, müde und ernst, aber guten Muthes. Nach langem Umherirren hatte sie die Spuren des Bären entdeckt und bis zu dem Felsen verfolgt, dessen Kluft ihm als Wohnung diente und zugleich eine natürliche Festung bildete. Hier war sie entschlossen, das Thier aufzusuchen, und wie sie sich entschloss, so that sie auch. Am nächsten Tage stand sie vor Sonnenaufgang auf, rüstete sich genau so wie das erste Mal und verliess, nachdem sie noch von ihren Schwestern Abschied genommen, das Blockhaus. Hundert Schritte von der Kluft entfernt, in der das furchtbare Thier hauste, standen drei grosse Tannenbäume von dichtem, jungem Holz umgeben. Hier erwartete sie den Bären. Er liess nicht lange auf sich warten. Als die Sonne über den schwarzen Wipfeln der Bäume, die die starren Felsen krönten, sichtbar wurde und den Schnee mit einem röthlichen Schimmer übergoss, kam er hervor und näherte sich langsam. Als er nur noch zehn Schritt entfernt war, sprang Damaska aus dem Gebüsch und schrie ihn an. Der Bär spitzte die Ohren und setzte sich auf. Das kühne Mädchen feuerte rasch entschlossen die Flinte auf ihn ab und traf ihn auch, aber nicht tödtlich. Der Bär stand jetzt aufrecht in seiner ganzen Grösse vor ihr und ging mit offenem Rachen auf sie zu. Damaska warf die Flinte zur Erde und erwartete ihn stehenden Fusses. Als er nur noch einen Schritt weit von ihr entfernt war, sprang sie auf ihn zu, stiess ihm den mit dem Tuche umwickelten linken Arm in den Rachen und mit der Rechten das Messer in das Herz. Lautlos sank das Unthier um. Die furchtbaren Tatzen, mit denen er Damaska umarmen wollte, rissen ihr zu beiden Seiten den kurzen Schafspelz auf, den sie an hatte, sie selbst trug aber nicht die geringste Verletzung davon. Auf den Schuss, den das Echo der Felsenberge dreifach zurückgab, kamen ihre Schwestern herbei. Sie starrten zuerst sprachlos das erlegte riesige Thier an, dann priesen sie Damaskas Muth und halfen ihr, aus Tannenästen einen kleinen Schlitten herzustellen, auf dem sie Alle zusammen die herrliche Beute im Triumph in das Blockhaus führten. Hier zerlegten sie den Bären auf der Stelle. Seine Tatzen gaben ein leckeres Gericht, die Schinken wurden in den Rauchfang gehängt, das prächtige Fell wurde aufgespannt, damit es langsam trockne, und das übrige Fleisch des Bären gab die beste Lockspeise für die Wolfsgruben, welche Damaska, um sich vor den zahlreichen Raubthieren zu sichern, rings um die Einfassung des Blockhauses gegraben und mit Reisig gedeckt hatte. Sie fingen in kurzer Zeit zwei Wölfe, fünf Füchse und einen Luchs in denselben und tödteten sie, um das Pulver zu sparen, mit Beilhieben. Da die Kleider und Schafspelze, die sie aus dem Dorfe mitgenommen hatten, bereits sehr schadhaft waren, beeilten sich die drei Mädchen, sich aus den Fellen der erlegten Thiere neue Anzüge für den Winter herzustellen. Sie sahen in denselben wild, aber schön und prächtig, wie skythische Amazonen aus, es fehlte nur Bogen und Köcher, um das Bild derselben vollständig zu machen. Damaska trug Bundschuhe aus Rehleder, die geschnürt waren und bis zu den Knieen reichten, einen kurzen Rock, eine Jacke und Mütze aus Bärenpelz, mit den Haaren nach auswärts. Nikola war auf gleiche Weise in Wolfsfelle und Maruschka in Fuchspelz gekleidet. Damaska ging jetzt auf die Jagd, aber nie schoss sie ihre Flinte auf geringes Wild ab, und wenn sie mit vom Pulver geschwärztem Rohr heimkehrte, so lag gewiss irgendwo ein Hirsch, oder doch mindestens ein starker Rehbock auf dem Schnee, und sie kam nur, ihre Schwestern zu holen, die dann die Jagdbeute auf dem kleinen Schlitten heimführten. Nikola und Maruschka beschäftigten sich mehr im Hause oder doch in der Nähe desselben, sie fegten und scheuerten, kochten und nähten, sie fällten junge Bäume und zerhackten sie in Scheite, sie fütterten die Thiere und melkten die Kuh. So flossen ihre Tage einförmig, aber in keiner Weise unangenehm dahin. Es begann ihnen aber endlich an diesem und jenem zu fehlen, das, so geringfügig es auch war, unentbehrlich schien, und sie begannen, vorsichtig zwar, aber mit nicht geringer Kühnheit, Ausflüge in die benachbarten Dörfer zu unternehmen. Sie gingen dann in mondhellen Nächten, alle drei zusammen, Damaska mit Flinte und Messer, Nikola mit dem Beil und Maruschka mit der Knute bewaffnet. Gelangten sie in ein Dorf, so schlichen sie von Haus zu Haus, um zu entdecken, wo etwa die Bewohner, wie es an den langen Winterabenden üblich, zu den sogenannten Wetschernizi versammelt waren, die Frauen und Mädchen, um zu spinnen und Erbsen und Bohnen zu lesen, die Männer, um Kienspäne zu machen und Löffel und Pfeifen aus Holz zu schnitzen. Hatten sie eine Hütte entdeckt, in der die Nachbarn beisammen sassen, so waren sie gewiss, dass in der Nähe Niemand zu Hause war. Die Thüren waren offen. Ehe das Gebell der Hunde sie verrieth und die Bewohner herbeirief, hatten sie sich jedesmal rasch dessen, was sie gerade benöthigten, eines Stückes Leinwand, einiger Strähne groben Zwirnes, mehrerer Laibe Brodes oder auch eines Schafes, dem sie schnell die Füsse banden, bemächtigt und, da sie das Angedenken ihres Vaters nicht einmal durch den geringsten Fehltritt verunehren wollten, ein Stück Geldes für das Mitgenommene auf dem Tische hinterlassen. Dies erweckte bei den abergläubischen Bergbewohnern den Glauben, dass es die wilden Frauen (Wahrscheinlich ein Rest der bekanntlich unter den Slaven, namentlich den Tschechen, verbreiteten Amazonensage) seien, die ihnen von Zeit zu Zeit Besuche abstatteten. Diese, welche von dem Volke auch Göttinnen genannt werden, hausen der Sage nach in den Felsenhöhlen der Karpathen und streifen, in Thierfelle gekleidet, Wölfen gleich, in Rudeln in den Bergen umher. Wehe dem Manne, der in ihre Hände fällt, sie erwürgen ihn mit ihrem langen Haar. Sie kommen auch in die Dörfer, holen sich allerhand Dinge und lassen dafür Geschenke zurück, manchmal nehmen sie aber auch ein Kind mit und lassen dafür einen ihrer Wechselbälge in der Wiege zurück. Dieser Aberglaube wurde den Leuten zur Gewissheit, als eines Abends ein Bauernweib, das in seine Hütte zurückkehren wollte, fremde Menschenstimmen in derselben hörte und als sie, zu Tode erschrocken, durch das Fenster in die erleuchtete Stube blickte, drei schöne, in Thierfelle gekleidete junge Weiber um die Wiege ihres Kindes stehen sah. Sie wagte nicht einzutreten, aber sie machte das Kreuz und begann zu beten, und nur ihrem Gebete schrieb sie es zu, dass die wilden Frauen ihr Kind nicht raubten, sondern nur mit Küssen bedeckten und, als sie sich leise und vorsichtig entfernten, sogar noch Geschenke in der Wiege desselben zurückliessen. Als der Frühling kam, der geschmolzene Schnee in wilden Sturzbächen von den Bergen strömte und ringsum Alles zu grünen und zu knospen begann, geschah es, dass ein Jäger eines Tages den drei Mädchen begegnete. Auch er hielt sie für wilde Frauen. Er machte das Zeichen des Kreuzes und ergriff die Flucht. Sie erriethen, weshalb sie dem Manne einen so furchtbaren Schrecken einflössten, und begannen eine wilde, lustige Jagd hinter ihm her. Der arme Mensch lief wie ein gehetztes Wild über Stock und Stein, und die schönen muthwilligen Mädchen verfolgten ihn mit einem Eifer, als gälte es in der That, ihn zu fangen und zu morden. Todesangst befeuerte die Schritte des Unglücklichen, der jetzt Flinte und Jagdtasche, Pulverhorn und Schotbeutel wegwarf, um besser laufen zu können. Schon hatte er einen bedeutenden Vorsprung gewonnen, aber noch immer verfolgte ihn das helle Lachen der schönen, wildfremden Weiber, die ihn gleich Erynien oder Bacchantinnen jagten. Er fühlte sich erst sicher, als er die ersten Häuser des nächsten Dorfes erreicht hatte. Die Mädchen waren längst unter übermüthigen Scherzen auf dem Rückwege begriffen und mehr als Alle lachte Nikola und jauchzte um die Wette mit den Adlern, die über den Tannenwipfeln kreisten, denn sie hatte die Flinte und Jagdtasche des Jägers als erwünschte Beute behalten, während sich Damaska mit dem Pulverhorn und Schrotbeutel begnügte. Es nahte die Zeit, wo die Hirten wieder auf die Karpathenweiden zogen. Die drei Mädchen beschlossen daher, das Blockhaus, in dem sie den Winter zugebracht, zu verlassen und wieder in derselben Felsenschlucht, in der sie Anfangs gewohnt, ihre Hütte aufzuschlagen. Auf dem Wege dahin trafen sie in einem Walde mit einer Schaar Männer zusammen, die das Costüm der Bergbewohner trugen und sämmtlich bis an die Zähne bewaffnet waren. Trotzdem ergriff dieselben beim Anblick der drei in Thierfelle gekleideten Weiber ein an das Lächerliche streifender Schrecken. Ein Theil der Männer kehrte den Rücken und floh. Einzelne kletterten rasch auf die nächsten Bäume, Andere, die hierzu keine Zeit mehr hatten, warfen sich zur Erde, auf das Gesicht, und baten um Gnade. Die Mädchen begannen laut zu lachen. »Für was haltet ihr uns?« rief Damaska, »ohne Zweifel für wilde Frauen. Fürchtet nichts, wir sind nur arme, ausgestossene, verfolgte Menschenkinder wie Ihr selbst, denn wie es mir scheint, seid Ihr Hajdamaken.« »Das sind wir auch,« erwiderte der Anführer der Schaar, ein schlanker, kräftiger Mann mit grauem Haar und Schnurrbart, der Einzige von Allen, der aufrecht stehen geblieben war und der Gefahr muthig entgegengesehen hatte, »und Ihr? Wie kommt Ihr hierher?« »Wir sind die Töchter eines Bauern aus Rokaw, der vor der Ungerechtigkeit des Mandatars hierher in die freien Berge floh,« gab Damaska zur Antwort. Der Wataschko (Hauptmann) setzte das Trembit (eine Art Jagdhorn), das er an einer rothen Schnur um die Schultern trug, an den Mund und rief durch den weithin dringenden Ton desselben die zerstreuten Gefährten zurück. Es währte nicht lange, si waren sie Alle wieder um ihn versammelt, ein Jeder betrachtete erstaunt und wohlgefällig zugleich die schönen wildaussehenden, muthigen Mädchen, dann lagerten sich Alle zusammen auf dem sammetgrünen Moose des Waldes um den alten Wataschko und Damaska, die auf zwei abgehauenen grossen Tannen wie auf erhabenen Thronsesseln einander gegenübersassen und sich gegenseitig ihre Schicksale und ihr unstätes abenteuerliches Leben in den Bergen erzählten. »Und Ihr wollt nicht mehr in euer Dorf zurückkehren?« fragte der alte Wataschko, als Damaska zu Ende war. »Wir können nicht,« gab sie zur Antwort, »bin ich doch nach den Begriffen der Richter eine grosse Verbrecherin. Man würde mich aufgreifen und in das Gefängnis werfen.« »Was wollt Ihr denn allein in den unwirthlichen Bergen, in der Wildniss, Euch den Gefahren, die Ihr kaum kennt, preisgeben?« fuhr der Alte fort. »Ihr müsstet hier trotz Eures Muthes in kurzer Zeit zu Grunde gehen. Hört also meinen Vorschlag: Ihr zieht mit uns. Mein Wort bürgt Euch dafür, dass Ihr unter uns so sicher seid wie in dem Hause Eures Vaters.« »Ich danke Euch,« sprach Damaska, »aber unser seliger Vater würde es uns niemals vergeben, wenn wir mit Euch gemeinsame Sache machen würden.« »Weil Ihr uns für Räuber haltet,« versetzte der Wataschko würdevoll. »Wir sind Hajdamaken, weder Mörder noch Räuber oder Diebe, sondern Rebellen. Wir führen Krieg gegen die Bedrücker des Volkes, vor Allem gegen die Edelleute, wir rächen an ihnen ihre bösen Thaten und strafen, so Gott will, ihre Sünden. Dagegen haben wir noch nie einem Gerechten oder einem Armen ein Haar gekrümmt. Zu und in die Berge kommen die Unglücklichen, die Verfolgten, die Misshandelten und tragen uns unter Gottes freiem Himmel das Unrecht, das sie erlitten, und bei uns finden sie Hilfe und Schutz. Noch einmal, kommt mit uns, ein drittes Mal werde ich Euch nicht auffordern.« »Ich nehme euer Anerbieten an,« sagte Damaska, »Wir wollen Mühen und Gefahren mit Euch theilen, doch unter einer Bedingung!« »Sprecht sie aus,« antwortete der Wataschko. »Sobald Ihr mir versprecht, meinen Vater an seinem Feinde, der ihn in den Tod getrieben hat, zu rächen, so zu rächen, wie ich es will.« »Hier meine Hand,« erwiderte der Alte, »ehe der Mond wieder abnimmt, soll Dein Vater gerächt sein.« »Und Ihr versprecht, den Elenden in meine Hände zu überliefern,« rief Damaska, »damit ich ihn bestrafen kann, wie es mir gut dünkt?« »Sobald wir ihn lebendig bekommen,« sagte der Wataschko. Damit war das Bündniss geschlossen. Die Hajdamaken schossen jubelnd Alle zugleich ihre Flinten in die Luft ab, dann bildeten sie einen grossen Kreis um die drei Mädchen und tanzten den Argan (eine Art Waffentanz der Huzulen). Als das Trembit des Wataschko das Zeichen zum Aufbruch gab, ordneten sich Alle rasch, so wie er es befahl, und der Zug setzte sich in Bewegung. Voran gingen zwei Männer, die im Falle eines Überfalles oder beim Nahen irgend einer Gefahr durch Pfiffe oder Schüsse die übrigen zu warnen hatten, ebenso wurden je zwei Mann links und rechts zur Seite entsendet. In einer Entfernung von fünfhundert Schritten folgte die eigentliche Schaar. Zuerst dreissig Bewaffnete, dann der Wataschko mit den Mädchen, deren Vieh und Gepäck, dann wieder mehr als zwanzig Hajdamaken. Führ Männer blieben zurück, sie schlossen den Zug und deckten den Anderen den Rücken. So ging es durch mehrere Stunden vorwärts, durch Schluchten und Engpässe, auf schwindelnder Höhe nur fussbreiter Gebirgspfade, über vom Sturme niedergeworfene Riesentannen hinüber, welche Abgründe und wildschäumende Sturzbäche überbrückten, durch Urwald und blumenbedeckte Matten. nachdem sie eine Stunde bei einer Quelle gerastet, zogen sie wieder weiter und kamen gerade bei Sonnenuntergang auf einem kleinen Plateau an, das, zwischen den Felsenzinnen gelegen und nur von einer Seite auf einem engen Pfade zugänglich, den Hajdamaken zugleich als Schlupfwinkel, Wohnung und unbezwingbare Veste diente. Sie hatten sich hier aus riesigen Baumstämmen ein geräumiges Blockhaus errichtet, dessen hölzernes Dach mit grossen Steinen beschwert war, um es vor Sturm und Schnee zu schützen, und hatten sich auch mehrere Wohnungen, Schatzkammern und unterirdische Gänge tief in die Felsen hineingegraben. Nicht mehr als vier Hajdamaken waren zur Bewachung hier zurückgeblieben, sie begrüssten den Wataschko mit Flintenschüssen und Trembitblasen wie einen heimkehrenden Feldherrn. Dieser überliess den Mädchen für den Anfang das Blockhaus, ordnete aber auf der Stelle an, dass für dieselben ein eigenes Haus erbaut werden solle, und ehe eine Woche verging, stand dem ersteren gegenüber ein hübsches kleines Häuschen, an den Felsen gelehnt. In dem letzteren war ein geräumiger Keller ausgehöhlt worden, in den man unmittelbar aus der Küche gelangte. Neben dem Häuschen war ein Stall und vor demselben ein Gärtchen. Hübscher und bequemer konnte man sechstausend Fuss über dem Meeresspiegel, zwischen unwirthlichen, kahlen Felsen und unter Räubern nicht wohnen. Die drei Mädchen hatten sich rasch in die neuen Verhältnisse gefunden und jede von ihnen ihrem Wesen und Geschmack entsprechend eine andere Beschäftigung ergriffen. Maruschka kochte für die ganze Bande und nähte und hielt Haus und Keller und Stall in Ordnung, Nikola ging auf die Jagd und Damaska nahm an den Kriegszügen der Hajdamaken Theil. Schon zwei Mal hatte sie Gelegenheit gehabt, List und Muth zu beweisen. Einmal ging sie allein, ohne Waffen, einen jungen Tannenbaum in der Hand, einem Streifcorps entgegen. Die Soldaten riefen: »Eine wilde Frau!« machten Kehrt und geriethen, als sie durch einen Hohlweg liefen, in ein mörderisches Kreuzfeuer der Hajdamaken, welche zu beiden Seiten hinter Bäumen und Felsen versteckt waren. Ein anderes Mal drang sie, Allen voran, in einen Edelhof ein. Während die Hajdamaken die Diener, die Frau und die Kinder überfielen und knebelten, trat Damaska in das Zimmer, in welchem der Gutsherr bei einer langen Pfeife die Zeitung las. Er sprang zu Tode erschrocken auf und griff nach der Pistole, die an der Wand hing. »Wollen Sie auf ein Weib schiessen?« rief Damaska. Der Pole hielt inne und im nächsten Augenblicke war er ihr Gefangener. Früher, als es Damaska zu hoffen gewagt hatte, kam der Tag, an dem der alte Wataschko sein Wort einlöste. Einer der Zahlreichen Kundschafter, welche die Hajdamaken unter den misshandelten, unzufriedenen Bauern der Ebene hatten, meldete denselben, dass der Mandatar Liewald, um die Chintzes zu beaufsichtigen, jeden Nachmittag auf das Feld reite und hier die beste Gelegenheit sei, sich seiner zu bemächtigen, da nicht einer der Dorfleute die Hand zur Vertheidigung des Verhassten erheben werde. Die Hajdamaken pflegten ähnliche kühne und gefährliche Züge in die dichter bevölkerte Ebene hinab zu Pferde zu unternehmen. Sie hatten einige jener kleinen, aber feurigen, kräftigen und verlässlichen Gebirgspferde, welche ohne Hufeisen bei Tag und Nacht mit der gleichen wunderbaren Sicherheit, ohne dass man die Zügel zu führen braucht, auf den gefährlichsten Pfaden dahinreiten. Der Wataschko fiel sie alle satteln. Er selbst, Damaska, die vor Begierde brannte, ihren Vater zu rächen, und noch fünfzehn Hajdamaken schwangen sich auf den Rücken der kleinen kohlschwarzen Thiere, und dann ging es hinab, auf einsamen, gefährlichen Pfaden. Die Sonne stand bereits ganz nieder über den einem weiten Zeltlager gleichenden aufgerichteten Garben, an dem Rande der Ebene, als sie in Rokaw anlangten. Sie ritten durch das Dorf, um dem Mandatar den Weg zu verlegen, und während der Wataschko mit zehn seiner Leute die Eingänge zu demselben und dem Dominikalhofe besetzt hielt, jagte Damaska mit den anderen durch die Felder dahin. Der Mandatar Liewald liess eben einem Bauer, der ihm darüber Vorstellungen machte, dass er in dieser Woche statt an zwei Tagen, an denen er verpflichtet war, bereits an fünf Tagen hatte Robot leisten müssen, Stockprügel geben, als die Rächerin heransprengte und, ehe Liewald sich dessen versah, ihm die Schlinge, deren Ende an ihrem Sattelknopf befestigt war, mit der Geschicklichkeit eines Kosaken um den Hals warf. »Jesus! Maria!« rief der Dorftyrann. »Barmherzigkeit!« Es waren die letzten Worte, die er sprach. Niemand erbarmte sich seiner, am wenigsten Damaska. »Seht, die Hajdamaken, sie haben ihn gefangen, Gott hat gerichtet!« riefen die Bauern durcheinander, ohne dass nur einer daran dachte, dem Elenden zu Hilfe zu kommen. Dieser griff vergeblich mit beiden Händen nach dem Halse. Damaska sprengte davon, riss den Mandatar hierdurch von seinem Pferde herab und schleifte den Mann über Stock und Stein mit sich fort. Als sie bei der Stelle vor dem Walde ankam, wo ihr Vater von dem heimatlichen Dorfe Abschied genommen hatte, war der Mandatar nur nich ein aus hundert Wunden blutender, lebloser Körper. Zufällig waren im Edelhofe zu Rokaw zwei Landsdragoner anwesend, welche eben von einem Streifzuge zurückgekehrt waren. Als man den Überfall meldete, forderten sie die Diener auf, sich zu bewaffnen, ausser diesen gesellten sich noch die Haiduken und der Förster zu ihnen. Alle zusammen zogen durch das Dorf den Hajdamaken entgegen. Beim Ausgange des Ortes kam es zu einem Gefechte, in welchem ein Haiduk und der Förster verwundet wurden, dafür aber der alte Wataschko durch die Kugel eines Landsdragoners fiel. Die Hajdamaken, durch den Tod ihres Führers erschreckt, ergriffen die Flucht, von den Gegnern hitzig verfolgt. Da sprengte Damaska mit den übrigen Hajdamaken heran. Ihr Zuruf brachte die Fliehenden zum Stehen und feuerte sie zu neuen Kampfe an. Ohne dass Jemand sie dazu aufforderte, übernahm sie den Befehl und Alle gehorchten ihr, ohne nur einen Augenblick zu überlegen, auf den Wink. Damaska schoss den einen Landsdragoner vom Pferde herab, verwundete den zweiten mit ihrem Topor (Beilstock) und trieb die Übrigen vor sich her in das Dorf zurück, wo sie Alle die Waffen wegwarfen und um Gnade baten. Damaska machte indess kurzen Prozess mit ihnen. »Würden die grausamen Herren keine willfährigen Diener finden,« rief sie, »würde es bald kein Elend und keine Verzweiflung unter dem armen Volke geben.« Wenige Minuten später waren alle Gefangenen auf den Ästen der grossen Linden, die den Edelhof umstanden, aufgeknüpft. Nachdem aus dem letzteren das Werthvollste durch die Hajdamaken geraubt und auf die eingefangenen Pferde der gefallenen Feinde gepackt worden war und hierauf die Bauern das Wohnhaus und die Scheunen geplündert hatten, liess Damaska den Edelhof anzünden, die Leiche des Wataschko auf dem Sattel seines Pferdes festbinden und trat mit ihren Leuten den Rückzug in die Berge an. Hoch oben auf dem erhabenen Felsenkatafalk lag der todte Hajdamakenführer zwei Tage unter freiem Himmel aufgebahrt, zwei seiner Leute hielten Wache bei ihm, über ihm kreisten die Adler und unten in den Klüften ertönte wie eine Todtenklage das heisere Geheul der Wölfe. Am dritten Tage begruben sie ihn in einem Felsengrab, auf das eine Pyramide von Steinen geschichtet und ein roh gezimmertes Kreuz gepflanzt wurde. Dann versammelten sie sich zu einem stillen Todtenmahl und nach diesem schritten sie zur Wahl eines neuen Wataschko. Die Stimmen schwankten lange hin und her, da stand ein alter Hajdamak mit schneeweissem Haar auf. »Ich denke, wir haben unsern Anführer bereits gefunden,« sprach er, »Gott selbst hat ihn uns gesendet in der Stunde, wo unser Wataschko fiel und wir von den Feinden bedrängt waren. Damaska kann befehlen wie Niemand sonst unter uns, sie soll uns fortan führen.« Viele stimmten ihm bei, doch waren wieder mehrere da, die sich keinem Weibe unterordnen wollten. »Es ist doch besser, einem Weibe zu gehorchen als einem Manne,« sprach wieder der Alte, »mir wenigstens wird es nicht leicht, einen Herrn über mir anzuerkennen, der nichts Besseres ist als ich selbst. Dagegen ist das Weib aus feinerem Stoff erschaffen als ich, und ich sehe keine Schande darin, ihrer Stimme zu folgen.« Von verschiedenen Seiten wurde lebhafter Widerspruch laut. »Hört mich doch zu Ende,« fuhr der Alte fort, »hat Gott etwa das Bessere zuerst erschaffen und dann das Schlechtere oder umgekehrt? Gott hat zuerst Himmel und Erde erschaffen, Sonne, Mond und Sterne, die Steine und die anderen leblosen Dinge, dann die Pflanzen, die Thiere, den Mann und zuletzt erst das Weib, und er hat den Mann aus Erde erschaffen, das Weib aber aus der Rippe des Mannes, somit ist das Weib aus edlerem Stoffe wie der Mann.« Ringsum ertönte Zustimmung und Gelächter. »Somit stimme ich noch einmal dafür, dass Damaska unsere Führerin sei,« schloss der Alte. Diesmal widersprach Keiner und so wurde Damaska zur Anführerin erwählt und ihr auf der Stelle als Zeichen ihrer Macht der mit Gold eingelegte Topor des gefallenen Wataschko übergeben. Sie versprach, gerecht und zum Besten Aller ihres Amtes zu walten, und hierauf schworen ihr Alle Treue und Gehorsam. Damaska führte jetzt die Hajdamaken bei allen ihren Kriegszügen an, und da die Jugend kühner und unternehmungslustiger macht als das Alter und dem Kühnen das Glück lacht, so gelangen ihr Anschläge, deren Erfolg Niemand für möglich gehalten hätte, und Streiche, die der alte Wataschko niemals gewagt hätte, und ihre Schaar war bald in den Karpathengegenden gefürchtet wie keine zweite. Wenn Damaska nach der Art der Huzulenweiber gekleidet, in gelben Stiefeln, rothen, türkischen Pantalons, einem kurzen Rock von blauer Farbe und einer Jacke aus weissem Tuch, die mit Marderpelz belegt war und auf der Brust offen das reichgestickte Hemd und zehn Reihen rother, mit Goldmünzen gemischter Korallen sehen liess, ein blutrothes Tuch turbanartig um das dunkle Haar gebunden, an der Spitze ihrer Leute ritt, glich sie viel mehr einer Semiramis, die einen Heereszug in das Land am Indus führt, als der Führerin galizischer Bauernrebellen, und alle Blicke hingen dann mit Stolz und Bewunderung an ihr. Ein schönes Weib, geschaffen, Liebe zu empfinden und zu erwecken, schien sie nur von einem Gefühl beseelt, dem, an den Peinigern des armen Volkes, dem sie selbst angehörte, Rache zu nehmen. Keiner von allen Männern, die ihr nahten, wagte sein Auge zu ihr zu erheben, ein Jeder beugte sich ehrerbietig vor ihr und der Macht ihres starken Geistes und Willens. Sie selbst eilte, ihr Geschlecht vollkommen vergessend, von einer Unternehmung zu der anderen. Wo eine Klage laut wurde, der Wehruf eines Unglücklichen an ihr Ohr drang, da flog sie hin wie ein Adler, der sich mit einem kühnen Stoss seine Beute holt. Am übelsten erging es einem Getreidehändler in der nächsten Kreisstadt, dessen Wucher zahlreiche Familien zu Grunde gerichtet hatte und der, indem er den leichtfertigen Gutsbesitzern die Ernte zu Spottpreisen noch im Halm abkaufte und das Getreide aufspeicherte, in der Karpathengegend eine Hungersnoth veranlasste. Die Hajdamaken fingen ihn auf offener Heerstrasse, während rechts und links die Husaren streiften, nahmen ihm zweitausend Gulden ab und gossen ihm zur Strafe für seine Geldgier geschmolzenes Silber in den Hals, bis er unter entsetzlichen Qualen seinen Geist aufgab. Das immer mehr zunehmende Hajdamakenunwesen zwang die Dominien, sich zu verständigen und gemeinschaftlich gegen die Banden, welche die Karpathengegenden beunruhigten und plünderten, zu operiren. Man wählte den Sommer, die Zeit, wo die Huzulen sich mit ihrem Vieh und ihren Schafheerden auf den Karpathenweiden befanden, zu dem Zwecke, um eine grosse allgemeine Streifung zu veranstalten, da man an den Hirten allerorten verlässliche Kundschafter zu haben hoffte, und traf allenthalben Anstalten wie zu einem Feldzuge. Ausser den herrschaftlichen Haiduken, Förstern und Hegern wurde noch ein grosser Theil der Dienstleute mit Feuerwaffen und Patronen versehen, die Unterthanen mussten jeden zehnten Mann stellen und zwar mit aufwärts genagelter Sense oder einem Dreschflegel bewaffnet. Es kam aber ganz anders, als man erwartet hatte. Das Landvolk machte gemeinsame Sache mit den Rebellen. Die Kunde von der beabsichtigten Landesstreifung ging wie ein Lauffeuer hin und her und drang, von den in den Bergen ihre Thiere weidenden Hirten weitergetragen, bis in die einzelnen Lager und Schlupfwinkel der Hajdamaken. Anfangs waren die Hajdamaken rathlos, die Meisten stimmten dafür, der Gefahr aus dem Wege zu gehen und über die Grenze nach Ungarn zu flüchten, wohin ihnen ihre Verfolger nicht nachsetzen durften, bald wurde jedoch bekannt, dass auch die benachbarten ungarischen Comitate im Einverständnis mit den galizischen Kreisämtern ihre Panduren und Bauern aufgeboten hatten, um einen Cordon zu ziehen und den Hajdamaken den Übertritt auf ungarisches Gebiet unmöglich zu machen. Da, in der allgemeinen Noth und Verzweiflung, stand Damaska auf und durcheilte das Gebiet, um alle in demselben zerstreuten Banden unter gemeinsamen Oberbefehl zu bringen, zu gemeinsamem, kräftigem Handeln, zur muthigen, energischen Vertheidigung gegen den Feind, der sie Alle in gleichem Masse bedrohte, zu vereinigen. Schon hatte sie die Meisten gewonnen, aber es galt vor Allem, einen Befehlshaber zu finden, dem sich Alle gern unterordneten und der fähig war, die natürliche Felsenfestung der Karpathen mit Umsicht und Erfolg zu vertheidigen. Immer wieder wurde bei den Berathungen, denen Damaska beiwohnte, von den klügsten und erfahrensten Männern der Name eines Wataschko genannt, der im Stanislauer Kreise mit einer kleinen, aber trefflich bewaffneten und verwegenen Schaar zahlreiche kühne Streiche ausgeführt und weithin von sich reden gemacht hatte. Zu ihm ritt also Damaska, von einigen ihrer Leute und mehreren Anführern anderer Schaaren begleitet. Solomon Bojdak, so hiess der Wataschko, empfing sie in seinem Lager, das von einem Erdwall umgeben mitten im Urwalde lag, wie etwa vor Zeiten ein asiatischer Fürst die kriegerische Despotin eines Nachbarreiches empfangen haben mag. Er kam ihr mit einem berittenen Gefolge entgegen, das gleich ihm festlich gekleidet war. Alle trugen die malerische Huzulentracht, ein mit Blumen bunt ausgenähtes Hemd, das nur bis zu dem mit Messingknöpfen besetzten Gürtel reichte, weite blaue, grüne oder gelbe Tuchhosen, die unten über den rothen Strümpfen zusammengeschnürt waren, Bundschuhe von rohem Leder, über der braunen Jacke den rothen oder weissen, mit blauen Schnüren besetzten Sardak (Dolman) um die Schultern fliegend. Im Gürtel hatten sie Pistolen und Messer stecken, während an demselben die Pfeife, der Feuerstein und die mit ungarischem Tabak gefüllte Schweinsblase hingen und das Pulverhorn von der Schulter herabfiel. Auf dem Kopfe sass der breite, mit Schnüren, Messingknöpfen und Federn verzierte Hut. Alle hatten Finten umgehängt und den Topor in der Hand. Der Wataschko trug einen rothen mit Marderpelz besetzten Sardak, der reich mit Gold verschnürt war, und einen Kalpak auf dem schönen, von langen, schwarzen, fettglänzenden Locken umwallten Kopf, während Damaska in einer hellgrünen, mit Luchspelz ausgeschlagenen Jacke, den Kantschuk in der Hand, heransprengte und ihr breiter, mit Dukaten benähter Zopf gleich einer funkelnden Krone auf ihrem Haupte lag. Als sie sich trafen und nach treuherziger Huzulensitte die Hände schüttelten, wechselten sie zugleich einen langen Blick voll naiver Verwunderung und aufrichtigen Wohlgefallens. Dann ritten sie neben einander dem Lager zu. An dem Eingange desselben begrüssten Flintenschüsse, Trembittöne und wild jubelnder Zuruf das schöne, tapfere Weib. In einer grossen, luftigen Laubhütte wurde ein reiches und gutes Mahl aufgetragen. Es fehlte weder an Forellen noch an Wild und der feurige Ungarwein wurde in keiner Weise gespart. Nach dem festlichen Gelage kam der bevorstehende Kampf zur Sprache. Damaska führte das Wort und Solomon hörte aufmerksam zu und jedes ihrer klugen, muthigen Worte stahl sich in sein Herz und machte es mehr und mehr dem schönen Weibe mit den grossen verständigen Augen und dem rothen, vollen Mund, der in gleicher Weise dazu erschaffen schien, Küsse zu spenden und Befehle zu ertheilen, unterthan. Der Wataschko stimmte Damaska in Allem bei, nur weigerte er sich Anfangs aus Bescheidenheit, den Oberbefehl zu übernehmen, viel lieber hätte er sich unter ihr Commando gestellt. Er gab aber zuletzt doch nach und versprach, mit ihr zugleich aufzubrechen, um sich mit den anderen Banden auf der Tschorna Hora (der schwarze Berg) zu vereinigen, gegen welche zu die Streifung beginnen sollte. Ein Ritter der Troubadourzeit, ein polnischer Magnat vom Hofe des Königs Stanislaus August konnte seiner Dame keine treueren und galanteren Dienste leisten, als sie der Wataschko der schönen Damaska auf dem Wege von seinem Lager zu dem gemeinsamen Sammelplatz weihte. Niemand durfte ihr nahe kommen, Niemand für sie sorgen, Niemand ihren Wünschen, die wie Befehle klangen, gehorchen als er. Er hob sie auf das Pferd und von demselben herab; wenn sie rasteten, eilte er, einen grünen Baldachin von Zweigen über ihrem Scheitel zu bilden, um sie vor der Sonne zu schützen, er lief zur Quelle, ihr einen frischen Trunk zu holen, er tischte ihr den Inhalt seiner Torba (Tasche, welche die Bergbewohner um die Schulter tragen) auf dem nächsten abgehauenen Baumstamm auf, dessen zahlreiche Jahresringe weisende Platte als bequemer Tisch diente, und wenn Damaska schlief, lag er zu ihren Füssen und bewachte jeden ihrer Athemzüge. Unterwegs stiessen mehrere Hajdamakenbanden zu ihnen. So war die Schaar des Wataschko bereits über 500 Mann stark, als sie sich nach einer Reihe beschwerlicher Tagmärsche der Tschorna Hora näherten. Hier fanden sie in einem weiten Gebirgsthal, in dem mehrere Quellen und ein mit Fischen gefüllter kleiner See dazu einluden, bereits an tausend Hajdamaken gelagert, von denen sie mit lautem Jubel empfangen wurden. Solomon Bojdak übernahm in der ersten Stunde den Oberbefehl und es war die höchste Zeit, denn von allen Seiten meldeten Bauern, Hirten, wandernde Zigeuner das Heranrücken der Feinde. Solomon wählte den östlichen Abhang der Tschorna Hora zum Kampfplatz. Er stellte ringsum reitende Vorposten auf, und als dieselben am zweiten Abende mit den Landsdragonern und Haiduken Schüsse wechselnd sich zurückzogen und mit Anbruch der Dunkelheit in einem weiten Halbkreise die Wachtfeuer des gegen die Hajdamaken aufgebotenen kleinen Heeres sichtbar wurden, besetzte er noch in derselben Nacht mit seinen Banden die Felsen, die Plateaus und die bewaldeten Ränder der Schluchten, die von Sonnenaufgang her zu Tschorna Hora führten. Die Gegner hatten keine Ahnung von der Macht, die ihnen gegenüber stand, sie glaubten, es mit einer starken, aber vereinzelten Bande zu thun zu haben, die sich hier aus Verzweiflung mit dem Rücken gegen die nahe Grenze zur Wehre setzen wollte, und rückten deshalb im Morgengrauen ziemlich sorglos heran. Als sie aber aus Wald und Dickicht von allen Höhen und Felsen herab mit einem heftigen, wohlgenährten Feuer empfangen wurden, erkannten sie zu spät den Ernst der Sachlage. Statt vorzudringen, mussten sie sich in bessere Stellungen zurückziehen und in denselben gegen die von allen Seiten anstürmenden Hajdamaken sich vertheidigen. Das Gefecht war bald auf der ganzen Linie entbrannt. Es war eine förmliche Schlacht, die hier gekämpft wurde. Von Stunde zu Stunde wurde die Lage der Angreifer trotz ihrer Übermacht eine ungünstigere und bedenklichere. Rückwärts standen zweitausend Bauern vollkommen unthätig. Sie weigerten sich, mit Sensen und Dreschflegeln gegen die mit Feuerwaffen versehenen Hajdamaken auf diesem Terrain vorzugehen, wo von Schritt zu Schritt natürliche Brustwehren und Pallisaden zu finden waren. Sie waren nur gezwungen mitgezogen, und als später die übrigen mit Flinten Bewaffneten vollständig in das Gefecht eingetreten waren, benutzten sie die erste beste Gelegenheit, um auszureissen. Es war Mittag, als die Führer der Landesstreifung, Beamte, Grundherren und Mandatare, eine Art Kriegsrath hielten. Ehe sie jedoch zu einem Entschlusse kamen, wurden sie von Damaska an der Spitze von zweihundert berittenen Hajdamaken, die aus einem Seitenthal hervorsprengten, im Rücken gefasst. Ein panischer Schrecken ergriff die Überfallenen, ein Jeder suchte sich auf eigene Faust zu retten. Auf der Flucht wurden noch viele von ihnen getödtet und gefangen. Während die Hajdamaken nur siebzehn Todte und etwas über sechzig an Verwundeten verloren, blieben von den Feinden mehr als zweihundert am Platz, da den Verwundeten und Gefangenen kein Pardon gegeben wurde. Ein Grundherr, zwei Mandatare und bei dreissig Andere, die in Damaskas Hände fielen, wurden von den Hajdamaken noch an demselben Abend unter grausamen Qualen getödtet. Zwei Tage und zwei Nächte blieben die Banden noch unter den Befehlen des Wataschko Solomon Bojdak beisammen. Am dritten trennten sie sich mit dem feierlichen Versprechen, einander in Noth und Gefahr beizustehen und den Krieg gegen ihre Tyrannen bis auf den letzten Mann fortzuführen. Es war kaum eine Woche seit der Schlacht auf der Tschorna Hora verflossen, als zwei festlich gekleidete Hajdamaken in dem Lager Damaskas erschienen, um für den Wataschko Solomon Bojdak um ihre Hand zu werben. Damaska empfing sie mit grossen Ehren und bewirthete sie auf das Beste, aber sie lehnte den Antrag Solomons ab. »Wenn ich überhaupt heirathen wollte,« erklärte sie stolz, »würde ich Keinen wählen als Euern Wataschko, aber ich denke nicht daran, einem Mann meine Freiheit zu opfern. Wozu soll ich mich zur Sklavin machen, solange ich Herrin sein kann?« Solomon lächelte, als er die Botschaft empfing. »Wenn es bei uns Kleinrussen üblich ist, vor der Hochzeit die Braut ihren Eltern zu rauben,« sprach er, »so ist dies nicht etwa ein Scherz, den man ausführt, sondern ein alter Brauch, der sich erhalten hat. Vor Zeiten war es ohne Zweifel gang und gäbe, die Braut mit Gewalt zu entführen. So wollen wir denn das Gleiche thun.« Als eines Tages Damaska mit ihren Schwestern hinausging, um in den nahen See zu fischen, sprang Solomon in den Augenblick, wo die erstere sich auf einem bemoosten Felsstück an den Ufer niedergelassen hatte, mit Zweien seiner kühnen Burschen aus den Gebüsch hervor, schlang seinen kräftigen Arm um das schöne, stolze Mädchen, hob dasselbe zu sich auf das Pferd und sprengte mit ihr davon. Im Nu waren Damaskas Schwestern und ihre Leute im Sattel und verfolgten den kühnen Räuber in der Absicht, ihm die schöne Beute zu entreissen, aber Solomon hatte einen bedeutenden Vorsprung gewonnen und er ritt, wie kein Anderer zu reiten wagte. Unter den wilden Halloh der Nachsetzenden gelangte er aber plötzlich an einen Abgrund, in den ein wilder Bach schäumte und tobte. Er hielt einen Augenblick inne, aber nicht länger, schon nahte Nikola auf schwarzem Pferde, bereit, ihm die verderbliche Schlinge um den Hals zu werfen. Ein ermunternder Zuruf Solomons, ein Satz seines Pferdes, ein Aufschrei der Verfolger und der glückliche Räuber war mit seiner Beute in Sicherheit, denn Keiner wagte ihn über den Abgrund hinaus zu verfolgen. Bewundernd und zärtlich zugleich hing Damaskas Blick an ihm und mit einem Male schlang sie die Arme um seinen Hals und küsste ihn. Solomon brachte sie glücklich in sein Lager, wo ein Priester, den die Hajdamaken aus einem benachbarten Dorfe zu diesem Zwecke entführt hatten, ihrer bereits harrte und auf der Stelle nach griechisch-katholischem Ritus die kirchliche Trauung vollzog. Dieser folgte ein festliches Mahl und dem Mahle ein Tanz. Es waren jüdische Musikanten und schöne Huzulenweiber und Mädchen aus den nächsten Orten zur Hochzeit gekommen, sie tanzten mit den Hajdamaken die Kolomijka, die Mädchen in rothen Miedern mit fliegenden Zöpfen, die Frauen in kurzen Pelzjacken ohne Ärmel, Keptars genannt, die Brust mit Goldmünzen bedeckt, rothe Tücher um den Kopf. Am Tage nach ihrer Hochzeit kehrte Damaska zu ihren Schwestern und ihren Leuten zurück, und es bedurfte keiner besonderen Beredtsamkeit von ihrer Seite, um die letzteren zu bewegen, sich gleichfalls unter den Befehl ihres Gatten zu stellen. So vereinigten sich wenige Tage später die beiden Banden und schlugen gemeinschaftlich ihr Lager in der Felsenfestung auf, in der Damaska bisher mit ihrer Schaar gehaust hatte. Es verging kein Jahr, so beschenkte Damaska Solomon mit einem Kinde, einem Knaben. Die Sorge für denselben nahm sie jetzt in Anspruch, sie begleitete ihren Mann nicht mehr bei seinen Unternehmungen, ihre Flinte rostete in irgend einem Winkel des Blockhauses. Wenn Solomon heimkehrte, schmückte sich Damaska für ihn wie eine Braut mit funkelndem Gold und üppigem Pelzwerk, und wenn sie dann dasass, das Kind auf den Knieen, und er zu ihren Füssen lag, da kehrte das Glück bei ihnen ein, so still und so freundlich wie nur irgendwo in einem freundlichen behaglichen Bürgerhause, auf dessen rostigen Wahrzeichen bei Tag die Schwalben zwitschern und vor dem Nachts auf der vom Regen ausgehöhlten Steinbank der Nachtwächter mit seinem grossen Spiesse schläft. Aber diesem Glück war nur kurze Dauer beschieden. Wer Richter in seiner eigenen Sache ist, der ladet, mag er auch noch so sehr im Rechte sein, stets Schuld auf sich, und diese fordert früher oder später ihre Sühne. Um sich der Hajdamaken zu erwehren, denen die Kreisämter mit ihren halbinvaliden Landsdragonern ebensowenig gewachsen waren wie die Grundherrschaften, errichtete die Regierung eines Tages das Corps der sogenannten Gebirgsschützen, dessen Aufgabe einzig und allein der Kampf gegen die Hajdamaken war. Es begann nun ein erbitterter Krieg, in dem weder Pardon gegeben, noch genommen wurde, von Schlucht zu Schlucht, von Fels zu Fels. In den Karpathengegenden war das Standrecht permanent und mehr als ein Hajdamakenführer endete nach kurzem Prozess sein bewegtes, heroisches Legen an dem Galgen. Immer mehr und mehr wurden die Hajdamaken in dem Riesengebirge gleich Wölfen, die man jagt, zusammengetrieben, und so kam auch der Tag, wo die Bande Solomons sich nach einer Reihe blutiger Gefechte in ihr festes Lager zurückziehen musste und hier von den Gebirgsschützen förmlich belagert wurde. Es gelang indess den letzteren ebensowenig, in das Felsennest einzudringen, wie den Hajdamaken, dasselbe zu verlassen und sich durchzuschlagen. Die Gebirgsschützen begnügten sich daher, alle Zugänge besetzt zu halten und jede Zufuhr von Lebensmitteln abzuschneiden. Der Hunger sollte die Helden der Berge bezwingen, und er that wirtlich das Beste, sie zur Ergebung zu bringen, aber sie ergaben sich dennoch nicht. Als die Vorräthe fast aufgezehrt waren, beschlossen sie, lieber mit den Waffen in der Hand, als an dem Galgen zu sterben. Nach zwei Seiten hin versuchten sie sich zu retten. Ein Theil mit Damaska, ihrem Kinde und ihren Schwestern stieg durch den unterirdischen Gang, den sie sich gegraben hatten, hinab, während die Übrigen zu Pferde mit ihrem Wataschko Solomon Bojdak an der Spitze den Feind angriffen. Auf beiden Punkten gelang es ihnen, die Gebirgsschützen zu überraschen und zurückzuwerfen. Ein Theil der Reiter kam glücklich durch und wendete sich nach Ungarn, die übrigen geriethen in ein Kreuzfeuer, und nachdem Solomon schwer verwundet aus dem Sattel gesunken war und Mehrere gefallen waren, zog sich der Rest, der den verwundeten Führer nicht verlassen wollte, wieder in das Felsennest zurück. Die Anderen, die durch den unterirdischen Gang an einer Stelle, wo man es gar nicht erwartete, in das Freie gelangt waren, entkamen bis auf Wenige, die den Kugeln der Gebirgsschützen zum Opfer fielen, über Felsen, die nur den Ziegen und Gemsen zugänglich schienen, mit ihnen die beiden Schwestern Damaskas, Nikola und Maruschka. Damaska selbst hatte, als sie ihren Mann vom Pferde sinken sah, die Flucht aufgegeben und war zu ihm zurückgekehrt. Sie verband jetzt seine Wunden und brachte ihn durch in die Felsen gehauene Gänge und über verborgene Stufen in eine Höhle, welche hoch oben auf der Spitze eines Felsens lag, und verrammelte den Eingang zu derselben. Die Hajdamaken, deren Zahl bis auf Wenige geschmolzen war, vertheidigten ihr Felsennest bis auf das Äusserste. Erst als das letzte Pferd geschlachtet und der letzte Mann gefallen war, konnten die Gebirgsschützen eindringen, aber auch jetzt noch forderten sie Solomon und sein Weib vergebens auf, sich zu ergeben. Schuss auf Schuss fiel von der Spitze des uneinnehmbaren Felsens herab auf sie und fast jeder forderte ein Opfer. Da erinnerte sich ein alter Gebirgsschütze der grauenhaften Geschichten aus den Tatarenkämpfen, und wie einst die Tataren die in den Felsenhöhlen versteckten Flüchtlinge durch Feuer getödtet hatten, si umgaben jetzt die Gebirgsschützen den Felsen, der dem Hajdamaken und seinem Weibe die letzte Zuflucht bot, mit Holz und Reisig und zündeten dasselbe an. Als die Flammen höher und höher emporstiegen, der Rauch in die Felsengänge und in die Höhle eindrang, der letzte Tropfen Wasser getrunken und alle Patronen bis auf eine verschossen waren, da erst gab Solomon jede Hoffnung auf Rettung auf. »Tödte mich,« sprach er zu seinem Weibe, »und dann ergieb Dich. Sie werden Dich und das Kind verschonen.« »Nein, wir werden mit Dir sterben,« erwiderte sie ruhig. Er küsste das Kind, dann sie und reichte ihr die geladene Pistole. Sie setzte sie auf seine Brust. Die Gebirgsschützen unten hörten einen Schuss fallen, dann sahen sie plötzlich auf der Spitze des Felsens ein schönes, wildaussehendes Weib erscheinen, ein Kind auf dem Arme, und jetzt, nachdem sie sich bekreuzt, in die Flammen hinabspringen, die über ihr und dem Kinde zusammenschlugen. Noch manches Jahr währte der erbitterte Kampf in den Karpathen und er nahm erst dann sein Ende, als im Jahre 1848 die Unterthänigkeit und die Robot aufgehoben wurden. Der freie Bauer warf die Flinte bei Seite und kehrte zum Pfluge zurück. Seitdem giebt es keine Hajdamaken mehr.   Drei Hochzeiten Es herrschte grosse Freude in Bronkowka, denn sie war wirklich gekommen, die alte Frau, die Marschallin, wie sie Jedermann nannte, die Grossmutter der Braut. Mittags war eine grosse Karosse, eine Arche Noah auf Rädern, in den Hof des Herrensitzes eingefahren und derselben entstieg, noch immer frisch und rüstig, in majestätischer Haltung eine hochgewachsene Matrone von mehr als achtzig Jahren. Nachdem man die zahlreichen Koffer und Schachteln, mit denen der Wagen gefüllt war, in das Haus gebracht, und die Marschallin sich in demselben umgesehen hatte, fragte sie erstaunt: »Was soll denn das wieder bedeuten? Ich sehe keine Art von Zurüstungen.« »Ach, gute Mutter,« erwiderte Frau Wistewska, die Tochter der Marschallin, »das ist nicht mehr Mode.« »Leider, leider, an allem ist diese Eisenbahn schuld, man heirathet jetzt, glaube ich, auch mit Dampf.« Die alte Frau seufzte, aber es blieb dabei und ohne alle Zurüstungen, so einfach wie nur möglich, fand am folgenden Vormittag die Trauung ihrer Enkelin Magda mit dem Gutsbesitzer Herrn Pistozki statt: Die Marschallin zog sich zu derselben genau drei Stunden an, während ihre Tochter nicht ganz drei Viertelstunden gebraucht hatte und die Braut selbst in fünfzehn Minuten fertig war. Jetzt sass die kleine Hochzeitsgesellschaft heiter bei einem kleinen Déjeuner à la fourchette, und nur die alte Frau blickte ernst und ein wenig missgelaunt auf den kleinen Kreis, der sie umgab. »Ach! wie sich die Zeiten ändern,« sagte sie endlich, »wie simpel das Alles heut zu Tage ist. Vordem war es anders. Ach wie die Herrlichkeit dahingegangen ist! aber Eure Amour, war sie auch si sans façons? Erzählt mir doch, meine Kinder, wie Ihr Euch gefunden habt?« »Nein, Grossmama,« rief die Braut lebhaft, »Du sollst uns einmal erzählen, wie Du den Grosspapa geheirathet hast.« »Deine Mutter soll erzählen,« erwiderte die Marschallin, »als sie Hochzeit machte, war es ja gottlob auch noch anders als jetzt?« »Nein, nein, Du, Grossmama,« fiel die Enkelin wieder ein, »Du wirst den Anfang machen, ich bitte Dich, und nach Dir wird die Mutter erzählen und zuletzt will ich das Meine thun.« Der ganze Kreis stimmte freudig bei. »Es sei,« sagte die Marschallin, indem sie sich stolz aufrichtete. Sie thronte in einer kostbaren Sammtrobe mit langer Schleppe, ein mit Federn geschmücktes Barett auf dem Kopfe und einen alten Familienschmuck von ungeheurem Werth um Hals und Arme, in ihrem Fauteuil, während ihre Tochter über einem einfachen Seidenrock eine vornehme, mit Pelz besetzte Hausjacke trug und ihre Enkelin im Reisekleid dasass. »Zu meiner Zeit,« begann die alte Frau, »da geschah Alles noch mit Würde und Pomp. Die romantischen Abenteuer waren noch nicht üblich. Man schloss Bündnisse ab zwischen den Familien, wie es jetzt etwa nich unter Monarchen Brauch. Zuerst wurde die ältere Schwester an Mann gebracht, dann kan ich an die Reihe, so war es damals, nicht anders. Ich war erst sechzehn Jahre alt, als mein Vater, der Starost, mir sagte: ‘Fräulein, Du wirst den Obersten Krasizki heirathen.’ Ich verneigte mich, und damit war die Sache abgemacht. Ich ah meinen seligen Mann erst am Tage der Verlobung und da nicht recht, denn ich fürchtete mich zu sehr. Wie ich ihn aber so von der Seite musterte, entdeckte ich eine Narbe auf seiner Stirne und diese gefiel mir. Die Hochzeit selbst wurde mit unerhörter Pracht gefeiert, von weit und breit kamen die Gäste, über zweihundert an der Zahl, die mein Vater vor dem Schloss empfing, und ausserdem wurde Jeder bewirthet, der zufällig des Weges kam. Da es an Unterkunft fehlte, erbaute man rasch ein hölzernes Haus, in dem die jungen Herren nicht viel besser als auf Stroh schliefen. Immerfort hörte man Musik und Schiessen. Der Oberst kam als Bräutigam in einem mit sechs Pferden bespannten Wagen, er trug ein polnisches Kleid von persischem Stoff mit Zobel, an seiner Mütze und seinem Säbel blitzten kostbare Edelsteine. Seinen Wagen begleiteten vielleicht fünfzig Kosaken, Hajduken und andere Diener zu Pferde. Mit ihm kamen viele seiner Freunde, alle in grosser Gala, die Wagen mit vier Pferden bespannt. Die Hochzeit begann damit, dass meine selige Mutter mich anzog. Ich hatte ein schönes Kleid von weisser Seide mit langer Schleppe, wie eine Königin, aber keinen Schmuck an mir, denn dieser, war damals der Glaube, bringe Thränen. Nun gottlob, ich war bei vierzig Jahre verheirathet und habe nur zweimal geweint. Das erste Mal vor Freude, als mein einziges süsses Kind zur Welt kam, und dann an dem Tage, wo ich meinem Mann die Augen schloss. Wer dachte damals daran? Meine Mutter befestigte mir ein kleines Sträusschen aus Rosmarin an der Seite, in dem sich ein Dukaten, ein Stückchen Brot und Salz befand. Das hatte die Bedeutung, dass es mir in dem neuen Hausstand an diesen dreien niemals fehlen sollte, und ganz zuletzt flüsterte sie mir noch zu, die Gute: ‘Wenn Du Deinen Mann beherrschen willst, so setz den Fuss zuerst auf den Teppich vor dem Altar oder Trachte, dass Deine Hand bei der Copulation auf die seine zu liegen kommt.’ Indess hatte sich die ganze Hochzeitsgesellschaft im Saale versammelt und die Mädchen hatten die Sträusschen vertheilt. Ich war mehr todt als lebendig, als man mich hereinführte, auf einen Teppich setzte und mir den mit einem geweihten Zweig durchwundenen Rosmarinkranz auf das Haupt drückte. Ich fand keine Worte, als der Oberst mich zu den Eltern führte, die auf einem Divan Platz genommen hatten, er aber sprach für mich, schön und gewandt, dann knieten wir nieder und empfingen den Segen. In Thränen aufgelöst ging ich mit meinem Bräutigam durch den Saal und empfing die feierlichen Glückwünsche und zahlreiche prachtvolle Geschenke; wir brauchten fürwahr einen Wagen, um sie dann fortzubringen. Endlich ging es im stolzen Zuge zur Kapelle. Ich versäumte es nicht, zuerst den Fuss auf den Teppich zu setzen, trotzdem legte ich aber auch noch bei der Copulation meine Hand auf die des Obersten, denn, dachte ich, besser mehr als nöthig thun als zu wenig, und die Folge hat es gelehrt, der tapfere Löwe, er liess sich von mir an einem Seidenfädchen führen. In dem Moment, wo wir die Ringe wechselten, wurden auf den Wällen des Schlosses die Kanonen gelöst, ja, im Ernste, hatte ja doch mein Vater vier wirkliche grosse Kanonen, die donnerten Euch, dass es eine Freude war, während wir in den Saal zurückkehrten. Man setzte sich hierauf zur Tafel, die mir zu Ehren den Anfangsbuchstaben meines Namens, ein riesiges W, darstellte. Ich heisse nämlich Wanda, wenn es die Herren nicht wissen sollten. Die Mitte derselben nahm eine Torte ein, Hymens Tempel, vor dem Amoretten Wache hielten, ein wahrer Feenpalast aus Zucker. Während des Mahles wurde ein ganzes Fass Ungarwein getrunken, das mein Vater an meinem Geburtstage gekauft und für meine Hochzeit aufbewahrt hatte – auch eine alte Sitte, die nicht mehr geachtet wird – und nach jedem Toast wurden die Flaschen zerbrochen. Trotz der Lustigkeit, welche herrschte, trat sofort tiefe Stille ein, als man den Familienpokal brachte. Während mein Vater denselben füllte, hätte man eine Fliege summen hören können, wenn eine dagewesen wäre, aber es war ja Winter. Also gut, was wollte ich sagen? Mein seliger Vater erhob sich und trank auf das Brautpaar, Alles rief Vivat, die Musik spielte, die Kanonen donnerten und der grosse Becher ging von Hand zu Hand, von Mund zu Mund. Es kamen aber noch ganz andere, minder feierliche und rührende Dinge vor. Der junge Kochanowski kroch unter den Tisch und was that er? Er raubte Euch meinen Schuh und während alle Welt jubelte, goss er Wein hinein und die Herren alle, auch die mit weissen Schnauzbärten, tranken aus meinem Schuh. Ja, damals ehrte man die Frauen und huldigte Ihnen. Nachdem man sich von den Freuden und Anstrengungen der Tafel erholt hatte, begann der Ball. Damals tanzte man noch gerne, es galt noch nicht für nobel, dass man sich, wo man auch ist, langweilen muss, man begann mit der Polonaise. Da blieben nicht einmal die Alten sitzen, paarweise zog man dahin und Herr Holonizki verstand es, uns gleich einer Riesenschlange, die sich hin und her windet, durch die Flucht der Zimmer und Corridore, ja sogar Treppen auf und ab zu führen, wie kein Zweiter. Dann folgten Menuette und Quadrille, Mazur und Krakowiak. Beim letzteren sang Herr Holonizki eine hübsche Strophe auf mich, die sehr schmeichelhaft war, er verglich mich mit einer Rosenknopse. Zuletzt wurde mir der Kranz abgenommen und die Haube aufgesetzt; nachdem ich so geschmückt, gewissermassen schon als junge Frau, noch mit jedem Herrn eine Tour getanzt hatte, führte man uns mit grossem Pomp, mit Windlichtern und Musik in das Brautgemach. Am folgenden Tage nahmen wir Abschied. Der Oberst, mein seliger Mann, hüllte mich selbst in den prachtvollen Zobelpelz, den ich mit meinem reichen Trousseau von den Eltern erhalten hatte, das war kein Pelzchen für einen Sperling, wie man es heut zu Tage trägt, diesen Pelz hätte jede Monarchin tragen können, er reichte bis zur Erde und war schwer wie ein Sack Dukaten. Man geleitete uns bis zum nächsten Dorfe, dort wurden noch Vivats ausgebracht, Thränen flossen, dann fuhren wir davon, nur von unseren Leuten zu Pferde begleitet. An der Grenze unserer Güter empfingen uns die Bauern mit Brot und Salz und riefen: Vivat! Hundert Jahre sollen Sie leben! Nachdem ich eine Nacht unter seinem Dache geschlafen, überreichte mir mein Mann den grossen Schlüsselbund. So wurde ich verheirathet, meine lieben Kinder, und als Herrin installirt.« »Und Sie haben also den Grossvater ohne Liebe genommen?« fragte die Braut. »Ohne Liebe, nun ja,« gab die Marschallin zur Antwort, »aber die Liebe kam nach und nach und dauerte dafür bis über das Grab hinaus. Als mein Mann das erste Mal aus dem Kriege heimkehrte, in dem er mit grossen Ehren für das Vaterland gekämpft hatte, da wusste ich, dass ich ihn liebte, und wie stolz war ich auf ihn. Ach, schöne gute Zeit, wie bist Du rasch dahingeschwunden, wie ein Augenblick, wie ein Sonnenstrahl. Man wird alt und lebt nur noch von Erinnerungen.« Nach einer kleinen Pause begann die Braut: »Und Du, Mama, wie hast Du Hochzeit gehalten?« »Ich?« sagte Frau Wistewska seufzend, »was soll ich Euch erzählen? Damals, als ich Deinen Vater kennen lernte, war es mit der alten Herrlichkeit vorbei. Auch schwiegen in jenen Tagen die Waffen, die Denker und Dichter waren zu Wort gekommen. Man lebte einfacher, aber ich glaube herzlicher und glücklicher und vor Allem mehr für sich und die Seinen. Wie ich Deinen Vater kennen lernte? In einer schönen Mondnacht. Er kam von der Jagd und ich ruderte in meinem kleinen Kahn durch die silbernen Wellen des Teiches und sang ein wehmüthiges Lied. Wir trafen uns dann oft, im Walde, zwischen den goldenen Ähren des Kornes oder auf einem grünen Hügel, auf dem ein Kreuz stand und viele Blumen blühten, und stets war der Mond unser Freund und Vertrauter. Ich wand Kränze und er sagte mir Gedichte, die er auswendig konnte. Die Eltern hatten mir einen anderen Gatten erwählt und so – so entführte mich denn Dein Vater mitten im Winter, bei Sturm und Schnee. Das war Alles sehr romantisch, wie Du siehst, wir haben aber trotzdem stets glücklich zusammen gelebt. Bei unserer Hochzeit waren etwa fünfzig Personen geladen. Dein Vater kam mit zwei Reitknechten und ebensoviel Kosaken ohne allen Prunk an. Bei der Trauung trug er ein polnisches Costüm von rothem Sammet und weissem Atlas. Es gab wenig Geschenke, nur meine guten Eltern überhäuften mich mit Allem, was das Herz einer jungen Frau verlangen kann. Nach dem Diner, bei dem hundert Flaschen Champagner ausgestochen wurden, tanzte man bis zum Morgen. Dann nahm mir die theure Mutter in alter Stille den Kranz herab, unter heissen Thränen und Segenswünschen, und ich entfloh mit meinem Mann im gedeckten Schlitten allen weiteren Ceremonien.« »Es war doch noch immer der Rede wert, so eine Hochzeit damals,« sagte die Marschallin; »aber jetzt –« »Jetzt lässt man sich in Reisekleidern trauen,« fiel die reizende kleine Braut ein, »statt zweihundert Personen sind hier nur eine böse Grossmama, eine gute Mutter, zwei alte treue Freunde als Zeugen, ein junger Freund und eine junge Freundin als Brautführer und Kranzmädchen anwesend und statt der Kanonen knallten nur zwei armselige Champagnerflaschen.« »Und Niemand wird uns empfangen,« sagte der Bräutigam lächelnd. »Wozu wäre das gut,« sagte die Mutter, »Ihr fahrt ja doch nach Wien und Paris und kommt erst Gott weiss wenn nach Hause.« »Ja, ist denn eine Hochzeit kein Fest mehr, frage ich,« rief die alte Frau aus, »liebt man sich denn heut zu Tage nicht mehr, nicht vor und auch nicht nach der Hochzeit, was sind das für Zeiten?« »Man liebt sich, theure Grossmama,« erwiderte die Braut, »aber anders wie zu Ihrer Zeit und anders als damals, wo die gute Mutter im Mondschein schwärmte. Man wird nicht verheirathet und hat deshalb keinen Grund, sich bei Nacht und Nebel entführen zu lassen. Man wählt sich – ich möchte sagen – aus Geschmack. Nicht die Leidenschaft reisst uns zu einem vielleicht übereilten Bündnis hin und nicht die Convenienz entscheidet über Glück und Leben. Alles wird praktisch. Man weiss aber, dass es ebenso unpraktisch ist, ohne gegenseitige Achtung und Neigung zu heirathen, wie ohne Geld. Weisst Du auch, wie ich das Herz meines Mannes erobert habe? Indem er zufällig dazukam, wie ich die Bauernkinder unterrichtete. Ich glaube, die Zeiten ändern sich, Grossmama, aber die Herzen nicht, und solange die Welt besteht und Menschen auf der Erde athmen, wird auch die Liebe ihre Herzen regieren. Und deshalb zum Schlusse einen Toast aus Deiner Zeit, Grossmama. Vivat, lieben wir uns!«   Lidwina Das war ein trauriger Tag in Okna, als der alte Herr Glubowski die Augen geschlossen hatte, um sie nicht wieder zu öffnen, und doch war es so natürlich, dass ein alter Mann von nahe an neunzig Jahren eines Nachmittags, die Meerschaumpfeife in der Hand, in seinem Lehnstuhl einschlief, um nicht wieder zu erwachen. Trotzdem weinte der alte Woschni gleich einem Kinde. Er war mit Glubowski aufgewachsen, er hatte ihn 1831 in den Krieg gegen die Russen über die Weichsel begleitet, und war ihm sechzig Jahre lang ein treuer Diener gewesen. Der brave Glubowski hatte zeitlebens keine Pfeife geraucht, die ihm Woschni nicht gestopft hatte und kein Gewehr abgeschossen, das ihm dieser nicht beladen hatte, und jetzt lag er still da, die Hände gefaltet, und der treue Diener kniete bei ihn und weinte und er weinte auch, als die Schollen auf seinen Sarg fielen, ja da weinte er am meisten. Aber es kam auch wieder ein heiterer Tag für den alten Woschni, an dem er von ganzem Herzen lachte, das war, als eines Morgens eine Britschka rasch in den Hof hineinfuhr und ein junger Mann von dreissig Jahren leicht und anmuthig aus derselben sprang und den alten Diener, der ihm die Hand küssen wollte, in seine Arme schloss. Dieser hübsche junge Mann war Wladislaw, der Sohn Glubowskis, der bisher Offizier gewesen war und jetzt heimkehrte, um die Wirthschaft in Okna selbst zu übernehmen. Woschni hatte ihn auf seinen Armen herumgetragen und auf seinen Knien geschaukelt, er war es, der ihn zuerst auf ein Pferd gesetzt und ihn das wehmüthige Lied vom verlorenen Vaterlande gelehrt hatte, das jedes polnische Herz si tief bewegt, und jetzt war er da, der kleine Wladislaw, als ein grosser Offizier und der Alte setzte ihn sorgsam in einen Stuhl und betrachtete und bewunderte ihn und sorgte für ihn, wie es nur eine Mutter thun kann, deren Kind nach Jahren zurückkehrt. Und doch geschah es, und noch dazu gleich am ersten Abend, dass der alte Woschni in den Keller hinabstieg, für seinen jungen Herrn den besten Wein heraufzubringen, und das dieser die Glocke zog, und er nicht da war. Wladislaw, der bei dem Waschtisch stand mit eingeseiften Händen, bemerkte es indess nicht, und als die Thüre ging, rief er, ohne den Kopf zu wenden: »Komm und schütte mir Wasser über die Hände,« und erst als dies geschah, sah er, nicht wenig überrascht, dass nicht der Alte mit der Kanne neben ihm stand, sondern ein junges und sehr hübsches Mädchen. »Wie kommst Du hierher?« fragte Wladislaw. »Sie haben doch geklingelt,« erwiderte das Mädchen artig, aber ohne jedes Zeichen von Scheu. »Du bist also hier im Hause,« fuhr Wladislaw fort, während er sich die Hände trocknete, »und wer sind Deine Eltern?« »Ich bin die Tochter des alten Woschni,« sagte das Mädchen, »und halte die Zimmer in Ordnung, wozu sollten wir etwa ein Stubenmädchen haben, solange ich da bin?« »Bist Du so brav wie Dein Vater?« »Ich weiss es nicht, gnädiger Herr, ich werde mir alle Mühe geben, damit Sie mit mir zufrieden sind.« »Und wie nennst Du Dich?« »Lidwina.« Sie wollte ihm die Hand küssen, aber Wladislaw gab es nicht zu. Während sie das Lavoir hinaustrug und wieder brachte, den Krug mit Wasser füllte und ein frisches Handtuch aus dem Kasten holte, hatte Wladislaw, der sich indess mit seinen Nägeln beschäftigte, Zeit, sie zu betrachten. Lidwina machte ihm den pikanten Eindruck einer hübschen Schauspielerin, welche auf der Bühne eine Bäuerin spielt. Sie war bäuerisch gekleidet, aber mit einer gewissen Koketterie, und ihre Erscheinung, ja ihr ganzes Wesen, trug eine anmuthige Feinheit an sich, welche mit ihrem Anzug und ihrer Stellung in Widerspruch stand; vor Allem sprach aber aus ihren hellen Augen eine nicht gewöhnliche Intelligenz. Nachdem sie noch ein Glas gebracht hatte, verliess sie das Zimmer und liess sich nicht wieder blicken, weder an diesem Abend noch in den nächsten Tagen. Wladislaw nahm sich sofort ernstlich um sein ziemlich ausgedehntes Gut an, aber trotzdem er den ganzen Tag auf dem Felde war und keine Zeit hatte, sich zu langweilen, fühlte er dich etwas wie Heimweh nach der grossen Stadt, in der er zuletzt in Garnison gewesen war, nach den hübschen galanten Frauen, bei denen er sehr in Gunst gestanden war, und seinen Kameraden, vielleicht auch nach dem Tabaksqualm des Kaffeehauses, den Karten und dem Billardqueue, und in Folge dessen war er stets verdriesslich und Niemand war im Stande, ihm etwas recht zu machen, weder die Schnitter auf dem Felde, noch die Hirten, noch der alte Woschni. Am meisten ärgerte er sich aber über Lidwina. Er ärgerte sich, wenn er sie den ganzen Tag nicht sah, und wenn sie ihm das Frühstück brachte oder Abends, wenn er die Zeitung las, in sein Zimmer kam, um das Bett abzudecken, ärgerte er sich auch. Sobald sie nur einmal ein- und ausging, sich in den Hüften wiegend, und er ihre Zöpfe hin- und herschaukeln sah oder sie ein Lied singen hörte, befand er sich bereits in einer gereizten Stimmung. Es geschah einmal, dass Lidwina ihm die Pfeife anzünden wollte und das Zündhölzchen verlöschte. »Nimm doch ein Stück Papier,« schrie sie Wladislaw an. Lidwina machte einen Fidibus, aber auch dieser wollte nicht brennen. »Der Teufel soll Dich holen!« rief er zornig. »Sobald Sie es befehlen, wird er mich auf der Stelle holen,« entgegnete Lidwina und wollte zur Thür hinaus. »Wirst Du da bleiben.« Sie blieb, die Klinke in der Hand, stehen. »Was stehst Du denn wieder dort, Du dumme Gans, zünde mir doch die Pfeife an.« »Wenn ich eine Gans bin,« antwortete Lidwina, »kann ich auch keine Pfeife anzünden. Gute Nacht.« »Ich glaube, Du willst Schläge haben?« Lidwina war blutroth geworden, sie ging rasch auf ihren Herrn zu und blieb, den linken Arm in die Hüfte gestemmt, vor ihm stehen. »Mich hat noch Niemand geschlagen,« rief sie, »nicht einmal mein Vater, der doch ein Recht dazu hätte, Sie aber haben kein Recht, nur davon zu sprechen; es ist eine Rohheit, ein Weib zu schlagen, es ist genug, dass Sie mir damit gedroht haben, aber warten Sie nur, ich werde mich schon an Ihnen rächen.« Drei Tage später stand Lidwina im Thore, als Wladislaw Abends zu Pferde vom Felde heimkehrte. Sie hatte sich besonders hübsch gemacht, oder schien es ihm nur so, Alles leuchtete an ihr, die blutrothen Stiefel an den kleinen Füssen, die weisse Schürze über dem kurzen bunten Rock, das weisse reichgestickte Hemd, das aus dem hellblauen Mieder hervorquoll, die Korallen, die von ihrem Halse bis auf die Brust herabfielen, und mehr als Alles leuchtete ihr hübsches weiss und rothes Gesicht aus dem hellbraunen Haar hervor und in ihren grossen schönen hellen Augen leuchtete es wie Triumph. »Bist Du noch böse auf mich?« fragte Wladislaw. »Wozu sollte ich böse auf Sie sein,« erwiderte das Mädchen mit einem mitleidigen Lächeln, »Sie sind ja jetzt genug gestraft.« »Ich? wieso?« »Ich habe einen Liebeszauber gemacht,« gab Lidwina ernst und ruhig zur Antwort, »Sie werden sich in mich verlieben und ich werde Sie auslachen. Das ist meine Rache.« Wladislaw begann laut zu lachen, lachend stieg er vom Pferde und er lachte noch, während ihm der Kosak die hohen Stiefel von den Füssen zog. Aber er lachte nicht mehr lange. Die fatalistische Ruhe und Bestimmtheit, mit der ihm Lidwina sein Schicksal, wie einen Orakelspruch, angekündigt hatte, hatte auf ihn wider Willen einen tiefen Eindruck gemacht, der mindestens ebenso räthselhaft war wie das Gebahren des schönen Mädchens. Wladislaw träumte Nachts von ihr, er musste an sie denken, wo er auch war, und wenn sie in seine Nähe kam, war er unfähig, die Augen von ihr zu wenden, und doch that sie nichts, auch nicht das Mindeste, um seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, ja sie ging ihm sogar auffallend aus dem Wege; wenn sie ihm aber doch im Hofe oder im Hause begegnete, da konnte er es ihr an dem reizenden schmollenden Gesichtchen ablesen, wie sicher sie ihrer Sache war, wie niemals auch nur der leiseste Zweifel in ihr aufkam, dass er sterblich in sie verliebt sei. Einmal rief sie Wladislaw und verlangte von ihr, sie möge ihm den Knopf an den Handschuh nähen. Sie ging in die Backstube und kam nicht wieder. Er rief sie wieder, einmal, zweimal, endlich ging er ihr nach, mit dem Handschuh in der Hand. »Weshalb kommst Du nicht, wenn ich Dich rufe?« fragte er ärgerlich. »Wozu sollte ich denn Ihnen nachlaufen,« gab sie zur Antwort, »da Sie mir nachlaufen, sobald ich nur will.« »Ich glaube, Du bist verrückt,« rief Wladislaw. Lidwina zuckte verächtlich die Achseln. »Ich werde meinen Verstand nicht so bald verlieren,« entgegnete sie, »aber Sie werden bald ganz von Sinnen sein, aus Liebe zu mir.« Den nächsten Tag klagte Wladislaw, er habe schlecht geschlafen. Lidwina warf ihm nur einen Blick zu, aber er verstand den Blick und kehrte ihr ärgerlich den Rücken. Ein anderes Mal fand er das Essen schlecht und als der alte Woschni alle Heiligen des Himmels, zum Schutze der Köchin anrief, gab er zu, dass er vielleicht nicht bei Appetit sei. Kaum hatte ihr Vater das Zimmer verlassen, sagte Lidwina: »So ergeht es allen Verliebten, sie können weder schlafen noch essen, aber warten Sie nur, jetzt werde ich Ihnen etwas kochen und Sie werden sehen, wie Ihnen das schmecken wird.« »Meinetwegen,« sprach Wladislaw, »aber bilde Dir nur nicht ein, dass Du mir gefällst, ich habe schon Hübschere gesehen.« Sie sagte kein Wort, Jobbern ging hinaus in die Küche und brachte nach kurzer Zeit eine Eierspeise und eine Flasche Wein und wie durch ein Wunder ass und trank jetzt Wladislaw mit dem besten Appetit, obwohl die Eierspeise angeraucht und der Wein bereits sauer war. Während sonst nur der alte Woschni seinen jungen Herrn bedient hatte, konnte ihm derselbe jetzt nichts mehr recht machen und er verlangte jedesmal nach seiner Tochter. Er hatte, sobald er zu Hause war, hundert Aufträge auf einmal für Lidwina und verlor sofort die Geduld, wenn sie aus irgend einem Grunde hinausging und nicht bald zurückkehrte. Kam er vom Felde zurück, war die erste Frage: wo ist Lidwina, ritt er davon, so suchte er sie vorher im ganzen Hause, Niemandem sonst wollte er seine Befehle ertheilen. Ein- oder zweimal blieb er Nachts draussen bei den Arbeitern und schlief unter freiem Himmel. Wahrscheinlich fiel ein starker Thau und er holte sich eine Erkältung. Er erwachte einmal mitten in der Nacht, von einem Frost geschüttelt, und das Fieber wollte auch in den nächsten Tagen nicht weichen. Wladislaw wurde bleich und mager, er ass nicht, er schief nicht, endlich befahl er Lidwina, den Kosaken nach dem Städtchen um den Arzt zu senden. »Sie können das Geld ersparen,« sagte Lidwina, »Ihnen kann kein Arzt helfen, ich allein könnte Ihnen helfen, aber ich will nicht.« Wladislaw versank in Gedanken. »Sollte sie mich wirklich bezaubert haben?« sagte er zu sich. »Kein vernünftiger Mensch wird daran glauben, und doch giebt es geheimnisvolle Kräfte in der Natur und es ist gewiss, dass es Frauen giebt unter unserem Volke, die dieselben kennen. Bin ich denn aber wirklich in Lidwina verliebt? Ja, ich bin es, bis über die Ohren bin ich in sie verliebt, was ist da zu machen?« Als das Fieber nicht nachliess, sagte eines Tages Lidwina zu ihm: »Wenn Sie mich schön darum bitten, werde ich Sie kuriren.« »Ich bitte Dich darum,« sprach Wladislaw, »ich gehe sonst wirklich zu Grunde.« Lidwina ging hierauf in den Wald, kehrte mit verschiedenen Kräutern zurück und kochte unter allerhand räthselhaften Handlungen und Sprüchen einen Trank. Als sie Wladislaw denselben brachte, fragte er: »Hilft das gegen die Liebe?« »Nicht gegen die Liebe,« sprach sie, »aber gegen das Fieber.« Und es half wirklich. Es wurde Herbst. Wladislaw blieb viel zu Hause und da Lidwina doch nicht immer in den Zimmern zu thun hatte, kam er oft in die Küche oder Backstube, rauchte seine Cigarre und sah ihr bei der Arbeit zu. »Gehen Sie mir doch nicht auf Schritt und Tritt nach,« sagte Lidwina, als sie einmal allein waren, »das schickt sich ja nicht.« »Schickt es sich vielleicht, dass ich in Dich verliebt bin, wie Du behauptest?« gab er zur Antwort. »Das ist etwas Anderes, das macht mir Vergnügen,« sagte Lidwina, »aber ich will nicht, dass die Leute sich über Sie lustig machen. Sie dürfen nicht mehr in die Küche kommen, aber Sie können mir ein Paar Ohrgehänge kaufen, wenn Sie wollen.« Richtig fuhr Wladislaw in die Stadt und brachte Lidwina ein Paar schöne Ohrgehänge und überdies noch einen bunten Seidenstoff zu einem Rock und Bänder. Sie bedankte sich nicht einmal, aber sie lächelte zufrieden und als der erste Schnee fiel, ging sie eines Tages in ihren rothen Stiefeln, dem seidenen Rock und einem neuen Schafspelz zur Kirche. »Zu dem seidenen Rock,« sagte Wladislaw, »passt der Schafspelz ganz und gar nicht, auch verbreitet er einen fatalen Geruch.« »So kaufen Sie mir einen anderen,« gab Lidwina ruhig zur Antwort. Wladislaw liess auf der Stelle einen jüdischen Schneider aus dem Städtchen kommen und ehe acht Tage vergingen, bekam Lidwina zwei Pelze, eine lange Sukmana von weissem Tuch mit Fuchspelz zum Ausgehen und eine kurze Kazabaika von grünem Sammt mit Fehrücken besetzt und gefüttert für das Haus, die sie jetzt immer trug, und mit der Kazabaika bekam sie auch das Gefühl der Herrin. Sie liess sich jetzt von Wladislaw bedienen wie eine echte Dame. Sie war es, die ihn jetzt rief, wenn sie etwas benöthigte. Er musste ihr die Tiegel mit dem Eingesottenen vom Kasten herabreichen, seine Sache war es, Späne zu machen, wenn sie die Öfen heizte, und als sie zu Weihnachten allerhand Backwerk machte und er zu ihr in die Küche kam, musste er ihr die Rosinen aussuchen, die Mandeln schälen und den Schnee schlagen. Am Christtage kam einer seiner Nachbarn, ein junger Graf, zum Diner. Lidwina gefiel ihm, er begann damit, ihr Schmeicheleien zu sagen, und endete damit, dass er sie im Corridor draussen küsste. Als er fort war, gab Wladislaw ihr hierüber einen ernsten Verweis. »Sie sind eifersüchtig,« sagte sie mit einem grausamen Lachen, »wenn Sie nur wüssten, wie mich das freut.« »Ja, ich bin eifersüchtig,« rief Wladislaw, »denn ich bin rasend in Dich verliebt, und ich ermorde Dich, wenn Du Dich noch einmal von einem Anderen küssen lässt.« Lidwina zuckte die Achseln. »Hast Du denn kein Mitleid mit mir?« Sie setzte sich auf einen Stuhl und strich lächelnd über den Pelz ihrer Kazabaika, langsam erhob sie die schönen, verständigen Augen zu ihm und lächelte wieder: »Was soll ich also thun, falls ich Mitleid mit Ihnen habe?« »Mich lieben.« »Und dann?« »Was weiss ich.« »Aber ich weiss es,« gab sie ruhig zur Antwort, »Sie heirathen.« Wladislaw sah sie überrascht an. »Besinnen Sie sich nur nicht lange,« fuhr sie fort, »weil ich etwa ein armes Mädchen bin, Sie werden mich am Ende doch heirathen, denn Sie sind ja wie ein Narr in mich verliebt, und dann wird es Ihnen nur um si ärger ergehen. Sie haben mich schlagen wollen, dafür werden Sie mich jetzt heirathen. Das wird Ihre Strafe sein.« Wladislaw warf sich vor ihr auf die Knie nieder und schlang seine Arme leidenschaftlich um ihren schlanken jungfräulichen Leib. »Du hast mich bezaubert,« murmelte er, »und so kannst Du mit mir machen, was Du willst.« Vier Wochen später war Lidwina seine Frau und Wladislaw ebenso süss als grausam bestraft, denn das schöne junge Weib mir den hellen verständigen Augen, in eine purpursammtene Hermelinkazabaika geschmiegt, regierte ihn und das ganze Haus so despotisch, wie es nur eine echte Sarmatin vermag.   Im Schlitten Der Mond scheint hell und die Fenster des Edelhofes von Wolkow erglänzen im Kerzenschimmer. Die Stimmen der Diener, welche die Kutscher herbeirufen, mischen sich gellend in das Gespräch und die Scherze der Damen und Herren, welche, in kostbare Pelze gehüllt, zwischen den Säulen des Vorbaues, auf denen der von Schnee, Eis und Mondlicht versilberte grosse Balkon ruht, ihre Gefährte erwarten. Der Herr des Hauses, Baron Hudetz, in seinem Zobelpelz und seiner Mütze von Zobelfell, das wetterbraune Gesicht von einem schwarzen Bart umrahmt, an einen mächtigen Starosten der einstigen Polenrepublik mahnend, sendet dem ersten Schlitten, der sich in Bewegung gesetzt hat, den letzten freundlichen Gruss nach, doch vergebens. Die schöne Frau Ludmilla Augustinowitsch hat sich auffallend beeilt, sein gastliches Dach zu verlassen, und während ihr Gatte dem alten Heger, der mit zwei Hunden an der Schnur sich ehrerbietig vor dem wohlbekannten Nimrod verneigt, herzlich zunickt, hat sie nicht einmal einen Blick für den galanten Magnaten. Ihr war auf dem Parket zu Wolkow zu Muthe wie jener bösen Königin des Volksmärchens, die in glühenden Pantoffeln tanzen muss; sie fühlte sich erst wieder frei und wohl, als sie, in ihren weichen, warmen Pelz geschmiegt, in den Bärenfellen sass, mit denen ihr Schlitten gefüllt war, die Peitsche knallte und das Dreigespann muthig davonflog. Ludmilla war schön und geistreich, alle Welt huldigte ihr, aber dies befriedigte ihren Ehrgeiz nicht, sie wollte als echte galizische Dame ihre Rolle auf der politischen Bühne spielen und begann damit, dass sie ihren Mann à tout prix zum Deputirten machen wollte. Sie war aber gleich bei ihrem ersten Versuch in dem Edelhofe zu Wolkow, wo sich der Adel der Umgegend bei Gelegenheit des Namensfestes der Baronin Hudetz versammelt hatte, in einer Weise gescheitert, welche sie beleidigte und ihre ganze Thatkraft herausforderte. Sie sass auch jetzt noch, während ihr Mann behaglich seine Meerschaumpfeife rauchte, in sich gekehrt, brütend da und ihr reizendes Gesicht blickte gar finster und trotzig aus dem weissen Baschlik hervor. Vor ihr lag die weite Ebene, vom schimmernden Schnee bedeckt, bis zum fernen Horizonte war nichts zu sehen als hie und da ein Ziehbrunnen, ein paar verkrüppelte Weidenbäume oder ein hölzernes Kreuz, nichts hemmte ihren Blick und nichts den Flug ihrer Gedanken. Je nachdem Wolken an dem Monde vorüberzogen oder er voll und rein an dem blassblauen Himmel zu sehen war, strömten Glanzwellen über den Schnee oder spielten unheimliche Schatten auf demselben. Ein verlorener Glockenton wurde vom Winde, der sich plötzlich erhob, durch die Stille der Nacht getragen, er schien ein Signal zu sein, denn mehr und mehr blies es von Osten her über die Fläche, schon stand jedes Härchen an dem Marderpelz der schönen, sinnenden Frau empor, und jetzt begann sich auch der Schnee zu kräuseln, in kleinen Säulen aus dunkelnden Sternchen ringsum emporzusteigen und endlich grosse Wellen zu schlagen wie ein stürmisches Meer. Der Kutscher hielt die Pferde an. »Gnädige Frau,« sprach er, »Gott soll und beschützen, wir fahren geradeaus in einen Schneewirbel hinein.« »Was ist da zu machen?« »Wenn wir uns bei dem Teiche rechts wenden, sind wir bald in Granadka, wo wir eher Schutz finden.« »Also nach Granadka.« Der Teich war bald erreicht. In dem Augenblick, wo der Schlitten die Richtung nach dem Dorfe nahm, kamen aber aus dem Gebüsche Wölfe hervor. Sofort begannen die Pferde zu schnauben und mächtig auszugreifen; aber bis zu den ersten Häusern des Dorfes waren die grimmigen Verfolger immer hinterdrein, man sah sie zwar nicht, denn der Sturm hatte dichte weisse Schneevorhänge um den Schlitten gezogen, aber man hörte von Zeit zu Zeit ihr heiseres Gebell. Erst vor der Schänke in Granadka hielt der Kutscher die wie rasend dahineilenden Pferde an. Herr Augustinowitsch hob seine Gemahlin aus dem Schlitten, und beide traten, von dem Branntweinpächter Aaron Malkes mit den drolligsten Complimenten empfangen, in die grosse Schänkstube, die mit Bauern und Bäuerinnen in schweren Stiefeln und Schafspelzen, Tabaksqualm und wirbelndem Staub angefüllt war und in der fünf jüdische Musikanten eben eine Mazur spielten. Frau Augustinowitsch liess sich auf einer Bank an der Wand nieder und sah halb neugierig, halb verdriesslich dem ungewohnten Treiben der Leute zu, welche bereits sämmtlich durch den Branntwein des wackern Malkes lustig geworden waren, während ihr Mann sich einen Slivovitz einschänken liess und mit der hübschen, gluthäugigen Jüdin scherzte. Da näherte sich der schönen Edelfrau eine bekannte Gestalt, Tomasch Kintzki, der greise Richter von Granadka, mit einem Branntweingläschen in der Hand. »Der Himmel soll es Ihnen lohnen,« begann er, »dass Sie sich einmal unter uns Bauern blicken lassen, wenn die Herren ein Herz für uns hätten, es wäre Vieles anders. Bleiben Sie gesund.« Er nippte von dem Branntwein und reichte dann das Gläschen Ludmilla, welche, einer plötzlichen Regung folgend, aufstand und dasselbe auf einen Zug leerte. »Viele Jahre! Viele Jahre!« rief der alte Richter und die Anderen fielen laut ein. Frau Augustinowitsch näherte sich indess rasch ihrem Mann und nahm ihn beim Ohrläppchen. »Höre, Alter,« flüsterte sie ihm zu, »ich habe eine grosse Idee.« »Du hast immer grosse Ideen, meine Geliebte.« »Erinnern wir und doch, dass wir Abkömmlinge der alten Bojaren sind, die in Halitsch den Thron des Zaren umgaben,« fuhr sie fort, »wozu sich mit den polnischen Edelleuten verbrüdern, die und doch nie als ihresgleichen ansehen; kehren wir zu unserem Volk zurück, ich bin gewiss, dass Dich die Bauern zum Deputirten wählen« »Wie Du glaubst.« »Versuch Dich populär zu machen, Alter. Sieh mich nur an, ich werde Dir mit gutem Beispiel vorangehen.« Und wirklich warf sie rasch ihren prächtigen Pelz und den Baschlik ab, schürzte ihre Pariser Robe auf und trat mit dem Sohne des Richters, Tarass Kintzki, dem schönsten und verwegensten Burschen von Granadka, der bereits vier Bären erlegt hatte und mit der Tapferkeitsmedaille aus dem letzten Krieg heimgekehrt war, in die Reihen der Tanzenden. Alle machten Platz und bald tanzte das schöne Paar allein mitten in der grossen Schänkstube, während die Anderen nach dem wilden Tacte der Musik eine kecke ausgelassene Kolomijka sangen: »Steh’ ich auf dem Berg, dem hohen, Scheint der andere nieder, Ist ein Liebchen mir entflohen, Kommt die Zweite wieder.« Wenn Tarass mit der stolzen Würde eines Bojaren die schöne, schlanke Frau umkreiste, so wiegte sich diese wieder mit der ganzen Grazie und Elasticität einer vornehmen Dame nach den feurigen Rhythmen der diabolischen Musik in den üppigen Hüften. Bald folgte ihr Mann ihrem Beispiel und nahm eine hübsche, frische Bäuerin um den Leib. Er sprang zwar wie ein Gaisbock herum und ersetzte durch kräftiges Stampfen mit den Füssen, was ihm an Anmuth abging, aber nichts wäre mehr im Stande gewesen, die Begeisterung der Bauern zu dämpfen, welche ihrem Entzücken durch lautes Mitsingen der Melodie, durch Zusammenschlagen der Hände über dem Kopfe und wüthendes Treten des Fussbodens Ausdruck gaben. Kaum hielten die Tanzenden inne, rief der alte Richter: »Kosak! Kosak! Tanzen Sie Kosak, wir bitten darum.« »Von Herzen gern,« antwortete Ludmilla, »aber so geht es nicht.« Sie war im Nu verschwunden und zog mit Hilfe der Jüdin im Nebenzimmer den Sonntagsanzug ihrer Magd an; als die dann unerwartet in rothen Stiefeln, an denen kleine Hufeisen von Stahl gleich Sporen erklangen, einem kurzen bunten Rock und rothen Mieder, den Kopf mit einem weissen Tuch umwunden, die Brust mit Korallen bedeckt, hereintrat, wollte der Jubel kein Ende nehmen, und als sie erst, den linken Arm kokett eingestemmt, den Kosak zu tanzen begann, hatte sie alle Herzen gewonnen. Plötzlich entstand Lärm im Hofe. »Wölfe! Wölfe!« rief der Jude und stürzte todtenbleich herein. Die jungen Burschen eilten mit Stecken und Peitschen hinaus. Eine wilde Jagd begann und während der allgemeinen Verwirrung flüchtete ein Wolf durch die offene Thür in die Schänkstube und stand jetzt, die Zähne fletschend, mitten unter den Frauen und Mädchen, welche schreiend auseinander stoben. Da sprang Frau Augustinowitsch auf ihren Pelz zu, zog aus der Tasche desselben einen Revolver und schoss den Wolf nieder. Dies Alles war das Werk eines Augenblicks, im nächsten hoben die Bauern die schöne Frau auf ihre Schultern und trugen sie im Triumphe herum. Als der Schneesturm sich gelegt hatte und Augustinowitsch mit seiner Frau die Heimfahrt antrat, gab ihnen ein halbes Hundert Bauern zu Pferde mit Kienfackeln das Geleite. In den nächsten Tagen fand in dem Edelhofe des Ehepaares Augustinowitsch zu Koschowize eine förmliche Umwälzung statt. Die Bilder, welche bisher die Wände geziert: König Sobieski, Marschall Poniatowski, Bem, die Gräfin Plater, Miczkiewicz wanderten in die Rumpelkammer, ihre Stelle nahmen die Portraits des Zaren Wladimir des Grossen, der Grossfürstin Olga von Kiew, des Fürsten Leo von Halitsch, des Erzbischofs Litwinowitsch und der kleinrussischen Dichter Gogol und Schewtschenko ein. Die Schlachten bei Wien, Somma Siera, Ostrolenka, Grochow wurden durch Darstellungen der Siege der Kosaken über die Polen verdrängt. Auf dem Tische im Salon lagen nicht mehr »Konrad Wallenrood« und »Jermola der Töpfer«, sondern der »Heldensang von Igor« und die »Todten Seelen«. Ludmilla spielte auf dem Piano nur noch kleinrussische Lieder, Dumkas und Kolomijkas, und Alles ging im Hause im Kosakenanzug umher, die Diener, welche bisher das Krakusencostüm getragen hatten, Herr Augustinowitsch, die Kinder, vor Allem aber Ludmilla selbst, der die rothen Stiefel mit klingenden silbernen Absätzen, der kurze seidene Rock, die sammtene, mit Pelz besetzte, ärmellose Kosakenjacke, welche ihre schönen, vollen Arme sehen liess, und die langen fliegenden Zöpfe einen neuen Reiz verliehen. Statt der polnischen Edelleute waren jetzt kleinrussische Pfarrer, Kirchensänger, Lehrer und Bauern die täglichen Gäste in Koschowize. Ludmilla lebte durch ein paar Wochen nur noch im Schlitten; in ihren prächtigen Marderpelz gehüllt, mit Bärenfellen zugedeckt, flog sie von Dorf zu Dorf, von Pfarrhof zu Pfarrhof, überall, wo sie sich nur blicken liess, die Leute bezaubernd und für ihren Mann erobernd. Als Augustinowitsch schliesslich noch die Schule in Koschowize auf seine Kosten herstellen liess und dem Nationalhause in Lemberg eine namhafte Schenkung machte, war seine Wahl entschieden, und vierzehn Tage später ging er als Deputirter des Wahlbezirkes Wolkow, Koschowize, Granadka aus der Urne hervor. Es gab an diesem Tage ein grosses Fest in Koschowize. Die Bauern kamen von weit und breit, zu Pferde, mit farbigen Bändern geschmückt, einige mit blau und gelben Fähnchen, andere mit kleinen Tannenbäumen in den Händen, welche mit vergoldeten Nüssen und Äpfeln behangen waren. Sie brachten ihrem Deputirten ein dreimaliges Hurrah und wurden dann in der grossen Scheuer bewirthet. Augustinowitsch trank ihnen zu, und als die Musikanten zu spielen begannen, tanzte Ludmilla unermüdlich mit den Burschen Kolomijka und Kosak. Heute hat die schöne, ehrgeizige Frau ihr Ziel vollständig erreicht und spielt genau jene Rolle, von welcher sie so lange vergeblich geträumt hat. Sie hat in Lemberg einen politischen Salon, welcher einen Brennpunkt des kleinrussischen Parteilebens bildet, alle Welt huldigt ihrer Schönheit und ihrem Geiste. Durch ihre kleinen weissen Hände laufen die unsichtbaren Fäden so mancher politischen Intrigue, die versteht es, mit kluger Berechnung heimlich und sicher Minen zu legen, welche dann plötzlich in Wien oder Prag, Kiew oder St. Petersburg explodiren, sie dictirt den Redacteuren Artikel über die Lage des Landes und die europäische Politik, und die Reden, welche Augustinowitsch im Landtag hält, sind so sehr ihr Eigenthum, dass der Landesmarschall jedesmal, wenn sich ihr Mann zum Worte meldet, mit Fug und Recht ausrufen könnte: »Frau Augustinowitsch hat das Wort!«   Auf der Heimfahrt Trotz der drei kräftigen Pferde, die vorgespannt waren, kam der Wagen nur langsam vorwärts. Es war Nacht, aber es fehlte nicht an Licht, einzelne Sterne standen am Himmel, die Wagenlaternen brannten und überdies ritt ein Diener mit einer Pechpfanne, die an einer langen Stange schaukelte, voran; aber die Räder versanken in dem durchweichten Erdreich und sangen ein gar klägliches Lied. Der wettergebräunte Mann mit dem schönen blonden Barte, der in der Tiefe des Wagens sass, blickte verdriesslich, nicht einmal die Cigarre wollte ihm schmecken, er warf sie weg und unterhielt sich damit, mit seinem Kutscher zu zanken, der ihm jedesmal bei allen Heiligen der römischen und griechischen Kirche schwor, dass es unmöglich sei, besser zu fahren. Doch war es nicht die langweilige Fahrt allein, die dem Herrn des Gefährts, Marin Bilinski, die gute Laune raubte. Er hatte bei guten Nachbarn im Edelhofe zu Kiernica ein reizendes junges Mädchen, Fräulein Afra Drohojewska, kennen gelernt, das ihm ausnehmend gut gefiel, ja, das ihn geradezu bezaubert hatte, das aber unerwartet eine fatale Eigenschaft, in seinen Augen wenigstens, geoffenbart hatte. Afra war nämlich emancipirt, nicht in dem Sinne jener amerikanischen Prophetin der Frauenbefreiung, welche für sich das Commando eines Cavallerieregimentes beansprucht hat, sondern mehr in der Weise jener russischen Mädchen, welche Medizin studiren, um dann unter den Kalmücken oder Kirgisen das aufopfernde, freudenlose Leben einer barmherzigen Schwester zu führen, aber immerhin war sie keines jener süssen Geschöpfe, welche die Augen stets zur Erde niederschlagen oder zum Himmel emporheben – sie blickte Jedem gerade ins Gesicht, frei und ruhig, und sie sprach auch muthig und sogar ziemlich energisch, wenn es galt, ihren Standpunkt zu vertheidigen. So waren denn auch Marin Bilinski und Afra hart aneinander gerathen und der Erstere hatte eine Niederlage erlitten, welche ihm doppelt schmerzlich war, da er keine Möglichkeit sah, sich der jungen Dame, die ihn wie noch kein anderes Mädchen entzückt hatte, wieder zu nähern. So mussten denn Strasse und Kutscher den Unwillen Marins über sich ergehen lassen, und die erstere verdiente die Flüche, die er ihr reichlich spendete, in der That. An einem prächtigen Herbstnachmittag waren die Nachbarn nach Kiernica zu Besuch gekommen, während man aber Whist spielte, tanzte und plauderte, war unerwartet der erste Schnee gefallen und hatte die ohnehin elenden Landwege fast vollends unfahrbar gemacht. Als Marin die Heimfahrt antrat, hatte das Gestöber aufgehört; dafür blies jetzt ein scharfer, eisiger Nordwind über die weite Ebene, so dass sogar der Vorreiter die Kapuze seiner Bunda über den Kopf gezogen hatte und sein Herr sich fröstelnd in den grossen Mantel hüllte. Immer wieder liess er seinen Blick durch die Landschaft streifen, deren Umrisse beim Lichte des emporsteigenden Vollmondes immer deutlicher hervortraten und deren tiefe Melancholie so gut mit seiner Stimmung harmonirte. Zu beiden Seiten war nichts zu sehen als flaches Land, Schnee, einzelne kahle Bäume oder Sträucher, die im Winde bebten, hie und da ein Wald, der gleich einer schwarzen Mauer dastand, und am Horizonte der düstere Zug der dunklen Wolken. Wieder begann Marin seinem Kutscher ins Gewissen zu reden, diesmal blieb aber dieser die Antwort schuldig; er hatte sich zwar auf dem Kutschbock umgewendet, blickte aber in demselben Augenblick nach rückwärts und begann den Kopf erstaunt hin und her zu wiegen. »Was giebt es?« fragte Marin, »Wölfe?« »Keine Wölfe, Herr,« erwiderte der Kutscher, »obwohl sie der Teufel auch noch herführen wird, sondern einen Wagen, Herr, der hinter uns fährt, dem geht es noch ärger, er schwankt wie ein Kahn auf dem wilden Dniester hin und her, wenn der nicht umwirft, will ich meinetwegen Abraham und nicht Barnabasch heissen.« »Wer kann das sein, der hinter uns fährt?« »Niemand sonst als Fräulein Drohojewska,« antwortete der Kutscher und begann im nächsten Augenblick laut zu lachen, »was habe ich gesagt, Herr Wohlthäter, da liegt er schon auf der Seite wie eine angeschossene Wildente.« »Halte an, Barnabasch, wir müssen ihnen zu Hilfe kommen,« rief Marin, und kaum stand der Wagen, sprang er auch schon aus demselben hinaus, liess den Vorreiter absteigen, schwang sich auf sein Pferd und sprengte zurück. Wirklich war an dem Wagen Afras ein Rad gebrochen, und als Marin sein Pferd parirte, fand er sie damit beschäftigt, dasselbe mit Hilfe ihres Kutschers mit Stricken zusammenzubinden. Er stieg ab und bot dem Fräulein seinen Wagen an. Ein anderes Mädchen hätte tausend Umstände gemacht, aber Afra, die in hohen Saffianstiefeln, einem kurzen Rock und einer mit Pelz besetzten Herrenjacke, eine kleine runde Pelzmütze auf dem Kopf, schlank und schön vor ihm stand, bot ihm herzlich die Hand und nahm ohne Weiteres an. Sie schwang sich auf das Pferd, das er am Zügel hielt, und nachdem sie ihrem Kutscher befohlen hatte, langsam nachzufahren, ritt sie im Schritte auf der Strasse dahin, während Marin neben ihr ging und das Pferd lenkte. Als Afra in den Wagen ihres ritterlichen Gegners gestiegen war, setzte dieser den Fuss in den Bügel, den sie eben verlassen hatte. »Was thun Sie denn?« fragte sie rasch. »Ich werde neben dem Wagen reiten, wenn Sie erlauben.« »Ah, welche romantische Galanterie!« rief Afra lachend, »steigen Sie nur ganz ruhig zu mir in den Wagen, ich weiss, dass Sie mir nichts Böses zufügen werden, und die Altweiberbegriffe von Schicklichkeit, hinter denen sich nur zu häufig eine sehr defecte Moral verbirgt, sind nicht die meinen.« Nachdem Bilinski an ihrer Seite Platz genommen und die Wolfsfelle, die im Wagen lagen, über ihre Füsse gebreitet hatte, zog Afra ein kleines Etui hervor, zündete sich eine Cigarrette an und bot eine zweite Marin an. »Nun sehen Sie, Herr Bilinski,« begann Afra, während der Wagen sich langsam in Bewegung setzte, »wie gut es ist, wenn die Frauen ein wenig emancipirt sind, jede unserer prüden polnischen Damen hätte Sie, um ja keinen Verstoss gegen die strenge polnische Etikette zu begehen, neben sich her reiten und frieren lassen. Und wie gemüthlich sitzen wir da beisammen und rauchen und plaudern, wie es uns gefällt.« »Verzeihen Sie, verehrtes Fräulein, aber ich glaube, Sie haben mich nicht verstanden.« »O, ich habe Sie nur zu gut verstanden,« fuhr Afra fort, »Sie finden, dass sich die Emancipation nicht mit der Weiblichkeit in Einklang bringen lässt, Bon, ich bin wieder anderer Ansicht, deshalb brauchen wir aber durchaus nicht böse auf einander zu sein.« »Sie haben mir also verziehen?« »Ja denn, wenn Sie meine Verzeihung so nöthig haben.« »Ich bin sehr glücklich –.« »Genug davon. Ich möchte Sie nur noch fragen, wie sich bei uns in Galizien, wo die polnischen Mädchen echt weiblich nach Ihrer Ansicht erzogen werden, das schönste Verhältniss zwischen Mann und Weib, die Ehe, gestaltet hat. Wie kommt es, dass es in keinem Lande der Welt so viel Ehescheidungen giebt als in Polen? Und können Sie leugnen, dass bei uns die Frau nur die Wahl hat, den Mann zu ihrem Sclaven zu machen oder in ihm ihren rücksichtslosen Tyrannen zu finden? Nach meiner Ansicht soll aber das Weib weder die Sclavin noch die Despotin des Mannes sein, sondern seine treue, muthige Gefährtin, und um dies sein zu können, muss sie ihren Geist befreien und bilden, ihr Herz einfach und ehrlich erhalten und vor Allem ihren Charakter stählen.« Als wollte eine höhere Macht ihr auf der Stelle Gelegenheit geben, ihre Worte zu erweisen, ertönten in diesem Augenblick verdächtige Pfiffe, und rechts und links zeigten sich in den Gebüschen dunkle Gestalten. »Was ist das?« fragte Afra. »Räuber,« rief der Kutscher, sich bekreuzend. »Bah! Es giebt keine ehrlichen Räuber mehr,« rief Marin aus, indem er seinen Revolver bereit machte, »das sind gemeine Strolche, die auf schwache Nerven rechnen, höchstens ein paar desperate Deserteure. Ich bitte um Gotteswillen, nur ruhig zu bleiben.« »Ich fürchte mich nicht,« sprach Afra. Sie warf ihre Cigarrette weg und zog gleichfalls einen kleinen Revolver aus der Tasche ihrer Pelzjacke hervor. »Halt! Halt!« schrie es jetzt rechts und links, und während ein paar zerlumpte Gesellen den Pferden in die Zügel fielen, stürzten die Anderen auf den Wagen los. »Hinweg, ihr Hundesöhne,« schrie Marin, »oder ich schiesse!« Die Wegelagerer wichen zurück, aber ihr Anführer, der auf einem elenden Klepper sass, erhob seine Pistole in der Absicht, Marin in den Rücken zu schiessen. Zum Glück versagte die Kapsel und zu gleicher Zeit feuerte Afra ihren Revolver auf ihn ab. Er rief: »Jesus Maria!« und wankte im Sattel. Die Anderen brachten ihn fort, schossen aber, während sie sich zurückzogen, noch wiederholt auf den Wagen. Marin und Afra erwiderten tapfer aus ihren Revolvern, bis die Bande in dem nahen Gehölze verschwunden war. Dann hieb der Kutscher in die Pferde und der Wagen rollte wieder vorwärts. »Gottlob, dass Niemand getroffen wurde,« sagte Afra. »Das ist nur Ihr Verdienst, mein Fräulein,« erwiderte Marin, »ohne Sie hätte mir dieser Schurke sein Blei ohne Zweifel in den Leib gejagt.« »Sie geben also zu, dass ich ein guter Kamerad bin,« versetzte Afra. »Sie sind ein Engel.« »Nein, das gewiss nicht.« Afra begann zu lachen. »Und wenn Sie auch ein Teufel sind,« fuhr Marin fort, »wie schön müsste es sein, so wie jetzt vereint mit Ihnen durch das Leben zu ziehen!« »Wollen Sie mir eine Liebeserklärung machen?« »Nein, einen Heirathsantrag.« »Das lässt sich hören,« sagte Afra, »darüber kann man reden.« »Sie nehmen mir also nicht jede Hoffnung ?« »Bitte, hören Sie mich an.« »Wie Sie befehlen.« »Ich gestehe Ihnen offen, dass mir das gefällt,« begann Afra, »dass Sie, in Ihren Alter, schon daran denken, eine Frau zu nehmen. Unsere Herren leben, was sie so nennen, so lange es nur geht, sie kümmern sich um Nichts Vernünftiges, sie spielen, reiten, kutschiren, jagen, liebeln, machen Schulden, bis sie blasirt sind und sich – dies ist die Hauptsache – kein Jude mehr findet, der ihnen borgt. Dann heirathen sie, um sich zu rangiren. Ist es so?« »Allerdings.« »Was Sie betrifft, Herr Bilinski, so sind Sie noch fähig zu lieben –« »Mit aller Gluth.« »Das ist schon etwas. Dann sind Sie ohne Zweifel zwar ein schlechter Wirth, aber Sie sind noch zu jung, um grosse Schulden zu haben. Dass Sie Schulden haben, steht indess fest.« »Ja, das steht fest.« »Auch das genirt mich nicht,« fuhr Afra fort, »dafür bin ich eine gute Wirthin; seit drei Jahren selbstständige Herrin meines Vermögens, habe ich meine Güter in jeder Beziehung gehoben und zahlreiche Verbesserungen durchgeführt, dabei noch eine Schule, ein Spital, ein Armenhaus erbaut und bedeutende Ersparnisse gemacht. Ich würde also auch bei Ihnen in Kurzem Ordnung machen. Es handelt sich also nur darum, ob Sie es ertragen würden, eine Frau an der Seite zu haben, welche sich nicht damit begnügt, sich um ihre Toilette zu kümmern, sondern an Allem theilnehmen will, was ihren Mann erfüllt und beschäftigt oder bedrängt, an seinen Arbeiten, seinen Kämpfen, seinen Sorgen und Leiden.« »Eine solche Frau wäre ja ein Ideal und ich würde sie auf den Händen tragen!« rief Marin. »Hier haben Sie dieses Ideal,« gab Afra lächelnd zur Antwort, »aber ich bitte, mich nicht auf den Händen zu tragen, ich bin zufrieden, wenn Sie mich nur ruhig an Ihrer Seite durch das Leben gehen lassen als Ihren guten Kameraden.« »Sie nehmen mich also?« fragte Marin entzückt. »Gewiss, hier ist meine Hand.« Marin Bilinski hat es nicht bereut, die Emancipirte als Herrin in das Haus geführt zu haben, in dem einst seine geliebte Mutter waltete. Sie ist im vollsten Sinne des Wortes seine Gefährtin geworden, die Freude und Schmerz, Kämpfe und Mühen, Glück und Unglück redlich mit ihm theilt und seine Kinder zu edlen, freien, arbeitsamen Menschen erzieht, und er selbst gilt heute im ganzen Kreise als der beste Wirth und Ehemann.