Friedrich von Sallet Kontraste und Paradoxen Kapitel I Es war einmal in einer großen Stadt ein sehr reicher Bankherr, der hieß Herr Habichs, und weil er so reich war und noch alle Tage reicher wurde, so hielt er sich zwölf Schreiber, die immerfort rechnen und ihm seine Bücher vollschreiben mußten. Mit denen saß er jeden Tag zwölf Stunden lang in einem breiten und dicken zwölf eckigen Turme, der mit der einen Ecke an sein Wohnhaus stieß. Der Turm hatte bloß ein einziges Fenster oben in der Kuppel, die zwölf Seitenwände aber gähnten und dehnten sich langweilig, fensterlos und kahl, von der Decke zum Fußboden herab. Und von jeder Ecke des Turmes aus ging eine hohe durchsichtige Wand, von Eisendraht geflochten, nach der Mitte zu, so daß zwölf Zellen abgeteilt waren, in denen saßen die zwölf Schreiber, wie wilde Tiere, die man den Leuten zeigt. Aber wie die Führer solcher Tiere bei jedem einzelnen ausrufen: »Trotz aller möglichen Mühe ist es noch nicht gelungen, dieses wilde Tier zu zähmen«, so hätte man hier bei jedem einzelnen Schreiber im Gegenteil ausrufen können: »Trotz aller möglichen Mühe ist es noch nie gelungen, dieses zahme Tier wild zu machen«. Denn wirklich, die wildesten Tiere im ganzen Turm waren die zwölf ledernen Esel, auf denen die zwölf Schreiber rittlings saßen, wobei übrigens schwer zu bestimmen, wer am ledernsten gewesen, die Reiter oder die Esel. Jeder Schreiber aber hatte vor sich auf einem hohen Pulte ein ungeheures Buch aufgeschlagen, das er vollschreiben mußte. Einer, der sehr klein und etwas bucklig war, mußte sich immer erst zwanzigmal auf dem Lederesel herum und in die Höhe schrauben, so daß er zuletzt oben schwankte, wie ein Rohrsperling auf einem Rohre, ehe er mit dem Kinn über den Rand seines Buches reichte, und dann sah er aus wie ein furchtsam geducktes Kaninchen, das mit der Nase witternd in die Höhe schnoppert und die Ohren nach hinten niederklemmt. Ein anderer, der sehr lang und mager war, hatte, wenn er auf dem Lederesel die Riesenblätter seines Buches umschlug, genau dasselbe Ansehen, wie der sinnreiche und berühmte Junker Don Quixote, wenn solcher, auf seiner Rosinante hängend, mit einer gehenden Windmühle sich herumbalgte. In der Mitte des Turmes aber endeten die Drahtwände alle in einem zwölfeckigen Bauer, auch von Drahtwänden, darin saß, wie die Kreuzspinne im Mittelpunkte ihres Netzes, der Herr Habichs selbst auf dem größten Lederesel und hatte auch das allergrößte Buch vor sich; denn das war so ungeheuer, daß es sich unter den Büchern der Schreiber ausnahm, wie die Muttersau unter ihren Ferkeln, und es hätte recht gut die andern zwölf alle auffressen können, ohne merklich an Korpulenz zuzunehmen. Aus jeder der zwölf Schreiberzellen ging eine Drahtgittertür in das Eulengebauer des Herrn Habichs, so daß die Schreiber keinen andern Ausgang hatten und einer nicht zum andern konnte; der Herr Habichs selber aber mußte, um in sein Wohnhaus zu kommen, aus seiner Zelle durch einen schmalen Drahtgittergang gehen, der den beiden Schreiberzellen, die rechts und links zunächst daran stießen, abgeknapst war, so daß selbige etwas schmaler ausgefallen waren, als die übrigen zehn, weshalb auch immer die beiden jüngsten und schlanksten Schreiber sich in sie hineinklemmen mußten. So saßen nun die dreizehn, immerfort und immerfort, in ungeheurer Stille, die nur selten durch das leise Rauschen beim Umwenden eines Blattes oder durch das Kritzeln und Spritzeln einer schlechtgeschnittenen Feder unterbrochen wurde. Wenn einmal eine Spinne sich eine Fliege gefangen hatte und mordete, und diese, grimmig und jammervoll dröhnend, ihr langgedehntes Todeslied absang, so war dies im stillen Turm nichts anderes, als wenn auf ruhiger See plötzlich ein tobender Orkan losbricht. Und so regungslos saßen sie alle, daß wenn sie abends nach getaner Arbeit aus dem Turm gingen, bei mehreren der Schreiber, welche große Stutzer waren und die sich am Morgen sorgfältig und zierlich behaarkräuselt hatten, jedes Löckchen, ja jedes Härchen ganz genau noch dieselbe Biegung, Schmiegung, Krümmung und Lage hatte, wie solches am frühen Morgen, vor zwölf Stunden, mit kunstreichen, säuberlichen Fingern von ihnen angeordnet, geschlichtet, gerichtet, gelichtet, abgeteilt und abgezielt worden war. Kapitel II In solcher Stille saßen sie einst wieder da, als plötzlich die Tür aufgerissen wurde, und hervor stürzte des Herrn Habichs Stubenmagd ganz atemlos, rauschte auf ihn zu und rief, indem die Hast fast ihre Stimme erstickte: »Herr Habichs, es ist da, es ist da!« »3066 Rtlr. 6 Gr. 3 Pf. – Was da?« sprach Herr Habichs ärgerlich, daß er gestört wurde, ohne sich umzusehen. »Die gnädige Frau ist in diesem Augenblicke glücklich entbunden worden.« »Transport: 8736 Rtlr. 15 Gr. 9 ¼ Pf. – Ist's ein Junge?« sprach Herr Habichs, das Blatt im Buche umwendend. »Ja! Ach! und so ein schöner, munterer, herziger dicker ...« »Ist mir lieb, sehr lieb, unterbrach Herr Habichs, kann einmal das Geschäft fortsetzen. – 150 Rtlr. 6 Gr. ...« die Pfennige aber murmelte er schon wieder leise für sich und fiel ins alte Schweigen zurück. Die Magd stand noch da. Als sie sah, daß der Herr sie nicht mehr bemerkte, hustete sie leise, scharrte mit dem Fuß; aber er blieb bewegungslos. Endlich sprach sie ganz kleinlaut: »Herr Habichs«. – »... 6 ½ Pf. – Schon gut, schon gut. Geh Sie nur!« – »Gnädiger Herr, wollen Sie sich Ihr Kind nicht ansehn kommen?« – »Den 31. Dezember 80 Rtlr. 22 Gr. – Ist Sie noch da? Ansehn? Dummes Zeug! Um acht Uhr, wenn die Bureaustunden aus sind. Geh Sie! Alle Türen gut zugemacht, hört Sie? daß uns das Geschrei hier nicht stört. Wünsche meiner Frau gute Besserung. – Den 1. Januar 388 Rtlr. 4 Pf.« – Die Magd schlich sich ganz verdutzt aus dem Turm, warf aber doch ein bischen malitiös laut die Tür hinter sich zu, so daß vieljähriger Bureaustaub aufgescheucht und umhergefegt wurde und Herrn Habichs, dem er auf die Brust fiel, ein leises Husten ankam. Wie er nun, um nicht ins Buch zu husten, die Finanznase ein wenig in die Höhe richtete – siehe da! zwei seiner Schreiber in der seltsamsten Stellung, wie er sie sonst nie gesehen hatte, Nase und Augen gen Himmel starrend und stierend, Mund weit offen, die Hand mit der Feder schlaff und tatenlos herunterbaumelnd, wie Zweige an der Trauerweide; ganz wie Verzückte oder Verrückte. Erschreckt schraubt sich Herr Habichs auf dem Esel ein wenig herum und sieh! der nächste Schreiber ganz in derselben Stellung. Er schraubt sich weiter und weiter, und in der Drehung vorbeispazieren seinem Auge alle zwölf Schreiber, einer nach dem andern, einer wie der andere, dem gemalten Erstaunen gleich, regungslos, guckend, horchend und maulaufsperrend, so daß gerade zwölf gebratene Tauben, wenn solche wirklich die löbliche Gewohnheit an sich hätten herumzufliegen und offene Mäuler zu suchen, Quartier gefunden hätten. »Was da, was da?!« krächzte Herr Habichs in erstickter, leiser Wut. »Warum nicht gearbeitet?« Die zwölf gemalten Erstaunen erschraken und fuhren leicht zusammen, wie alte, hängende Tapetenbilder vom Zugwind getroffen; aber sie staunten und faulenzten im nächsten Augenblicke unbeweglich fort. »Gleich die Nase ins Buch, meine Herren! Narrheit das, unerhört!« kreischte Herr Habichs sie in der Runde an, indem er sich hastig, fast die Balance verlierend, rings herum schraubte. Da faßte der oberste Schreiber ein Herz und sprach: »Werden gütigst entschuldigen, Herr Prinzipal, aber zweifelsohne vernehmen Dieselben auch jenen überaus lieblichen und ganz wunderbaren Gesang über dem Turme, der uns unwiderstehlich in sotane Verwunderung und Untätigkeit versetzet hat.« – »Unsinn das! Über dem Turme Gesang, und lieblicher Gesang gar! Wer soll da singen? Ist Gesang lieblich? Exaltiertes Wesen! taugt nichts für einen tüchtigen Arbeiter. Gleich aufgehört sich Unsinn einzubilden! Kann das nicht leiden.« – Die Schreiber rissen sich gewaltsam aus ihrer Träumerei. Zwölf Mäuler gingen langsam zu, aber ohne gebratene Tauben drin, zwölf Nasen zeigten wieder jede auf ihr korrespondierendes Buch und schnell war alles regungslos bis auf die zwölf Federn, die, in sittsamer Entfernung voneinander, ihr altes, steifes Menuett forttanzten. Mit dem Gesange aber hatte es doch seine Richtigkeit gehabt, obgleich Herr Habichs nichts davon gewahr wurde; wie er denn überhaupt gar vieles nicht gewahr wurde. In dem Augenblicke nämlich, als der Knabe geboren wurde, schwebte über Habichs Haus hin, langsam, leicht und feierlich, ein lichter, glänzender Schwan, die Schwingen vom rötlichen Kuß der sinkenden Sonne leise angeschimmert, und sang folgende Worte, die aber die Schreiber freilich nicht verstanden: Du holdes Kindlein, sei gegrüßt! Dein Leben wird, wie keines je, Verbittert werden und versüßt Von höchster Wonne, tiefstem Weh. Du Röslein auf des Felsen Stirn, In schwarzer Nacht du zuckender Schein, Du Morgenglut auf eisiger Firn, Ein Fremdling wirst du immer sein. Der Maulwurf schilt den Adler blind, Weil er nichts sieht im Maulwurfsloch: Dich nennt man Tor einst, holdes Kind; Bist weiser als die andern doch. Dein Glück ist nur von dort ein Traum, Der hier ein Weilchen dich entzückt, Wie Regenbogenpracht den Saum Der dunklen Wolke flüchtig schmückt. Du bist erkoren und verdammt, Bis der von Ost verirrte Strahl Zurück in seine Heimat flammt, Und Wonnen aufblühn aus jeder Qual. So sang der Schwan, stieg höher und höher, das Lied verwehte leis, der Sänger schwand im dunklen Blau. Als nachher der Herr Habichs einmal alle seine Bücher durchsah, fand er, daß jeder der zwölf Schreiber an jenem Tage einen Rechenfehler gemacht hatte, was ihm so unerhört war, daß er sie zornig anließ und sie beinahe alle weggejagt hätte, wenn er nur gleich zwölf bessere hätte bekommen können. Kapitel III Am Vorabende des Tages, da des Herrn Habichs erstes Söhnlein getauft werden sollte, gerade am Schluß der Bureaustunden, in demselben Augenblicke, als Herr Habichs eben aus dem Gange in die eine Tür der Stube trat, wo seine Frau am Teetisch auf ihn wartete, klopfte es an der andern Tür derselben Stube! Verdrießlich, weil er glaubte, jetzt noch mit Geschäften behelligt zu werden, rief Herr Habichs sein: Herein! Und herein trat, feierlich und mutwillig, stolz und lustig, gravitätisch und nachlässig, ernst und komisch zugleich, ein stattlicher Mann in hohen, plumpen Stiefeln, grobem Tuchrock, mit langem, dickem, gepudertem Haar, starkbuschigen schwarzen Augenbrauen, unter denen es wie lauteres Geistesleben hervorleuchtete und zwischen denen eine schöne Königsadlernase sich herabwölbte. »Guten Morgen, liebe Schwester, guten Morgen, lieber Schwager!« sprach er ganz ruhig und reichte der Frau Habichs und ihrem Gemahle die Hand, als ob gar nichts los wäre. Diese aber waren höchst befremdet und überrascht, so daß sie erst gar nicht wußten, was sie sagen sollten. Der Mann war nämlich der einzige Bruder der Frau Habichs, der in einer andern Stadt, wohl fünfzig Meilen weit, wohnte und höchstens alle fünf Jahre einmal seine Schwester zu besuchen pflegte. Auch erfuhren sie niemals durch Briefe etwas voneinander, denn Herr Habichs hatte keine Zeit und Holofernes, wie alle großen Geister, keine Lust zum Briefschreiben. Was aber die Frau Habichs betrifft, so hatte sie zwar früher einmal viele schlechte Romane gelesen, das Schreiben aber, bei verwahrloster Erziehung, nur sehr mangelhaft gelernt. Nichtsdestoweniger schrieb sie kurz vor ihrer Verheiratung einmal an ihren Bruder und erhielt auch von ihm folgende Antwort: Geliebte Schwester!!! Mit brüderlicher Freude, doch auch in zahrter Wehmut gepahrt, hat meine innere Simpathie Deinen so liebenswürdigen Zeilen gelauscht; und ich ergreife die Feder. Ja wol hast Du recht, das der Wert des Edleren in den speculativen Berechnungen des Kalten Zeitalters erdrückt wird. In meiner Phantasy mahlt sich ganz die Empfindung eines Leidens, daß Mir die eigne Erfahrung nur Leider ! – zu treu wiederspiegelnd. Alle edlen Sehlen werden – verkant und bleiben nur in dem süßen Troste gestärkt, daß sie sich gegenseitig auch in der Entfernung, über die gemeineren Naturen des Eigennutzes erhaben, verstehen . Bei alleden ist Herr Habichs nach den Angaben Deines Briefes eine gute Parthie, wenn Du ihm auch nicht mit der schwärmerischen Hingebung des weiblichen Gemütes lieben kannst. Und wenn er Dir die Romanlektüre, die Sehlen von unsrem Schlage zum höheren erhebt, ferbothen hat – so ergib Dich der stillen Empfindung in Dir selbst Beruhigung und Beschäftigung zu finden. Das erbetene Recépt für Leberklöse folgt anbei. Lebe wol und vergib Deinem Ewig unvergeßlichen Bruder Holofernes . Diesen Brief hielt Frau Habichs durchaus für Ernst und für erhaben, rührend und »padehdisch« und zeigte ihn deshalb mit Stolz allen ihren Freundinnen, bis eine von ihnen so gescheit und aufrichtig (vielleicht auch boshaft) war, einzusehen und ihr geradezu zu sagen, Holofernes habe darin nur ihren eignen Stil und ihre Rechtschreibung lächerlich machen wollen, und sie möge deshalb den Brief ja nicht weiter herumzeigen; so riete sie ihr wohlwollend als Freundin. Der Erfolg davon war, daß Frau Habichs fortan einen geheimen Haß auf jene Freundin warf, ihren Bruder aber fortan mit unsinnigen Weiberbriefen gänzlich verschonte. Übrigens konnten sich Herr Habichs und Holofernes gegenseitig nicht besonders leiden, und auch Frau Habichs, obgleich innerlich stolz auf das »Schenie« ihres Bruders, hatte vieles an ihm zu tadeln. Herr Holofernes war nämlich gelahrten und geheimen Forschungen und Künsten ganz ergeben, und weihte ihnen seine ganze Zeit, was Herrn Habichs sehr ärgerte, denn er sagte, es käme nichts dabei heraus und die erste Pflicht des Mannes sei eine regelmäßige und nützliche praktische Tätigkeit; die Frau Habichs aber ärgerte es auch, denn sie sagte: die erste Pflicht des Mannes sei, ein fixes Einkommen zu haben und dann, sich eine Frau zu nehmen. Wäre dann einer nebenbei noch ein Genie, so wäre dies ein recht angenehmes, schönes Talent an ihm; aber doch nicht die Hauptsache. Auch in diesem Augenblicke war es Herrn Habichs wieder höchst ärgerlich, daß sein Schwager beim Gruß »Guten Morgen!« sagte, da es doch augenscheinlich Abend war, denn er konnte nun einmal keinen Unsinn leiden. Indem das Ehepaar den Holofernes noch ganz verdutzt anstarrte, unterbrach er die verlegene Stille mit den Worten: »Ei, was wundert ihr euch so? – Es ist doch ganz natürlich, daß ich der Taufe meines kleinen Neffen, die ihr morgen zelebrieren wollt, beizuwohnen komme.« – »Woher weißt du was vom kleinen Neffen und von der Taufe? Wir haben dir ja kein Wort davon geschrieben?« sprach Frau Habichs erstaunt. »Je nun«, sagte Holofernes, »ich komme, wie einer der drei Weisen aus dem Morgenlande. Wozu hat uns denn der Herrgott Lichter am Himmel angezündet, als damit wir bei ihrem Schein mehr sehen sollen, als bei dem von Wachskerzen oder Astral- oder Studier- oder Gaslampen; der gemeinen verächtlich schmierigen Talglichter gar nicht zu gedenken? Aber laßt euch das nicht anfechten. Kurz, ich hab's nun einmal gewußt und bin hier.« Dabei nahm Holofernes eine geheimnisvoll verschlossene Zaubermeisterphysiognomie an; um seinen Mund aber spürte man ein leises Lächeln, so daß man sehen konnte, das Habichssche Ehepaar sah's freilich nicht, wie er im Innern sich über seine eigne Feierlichkeit lustig machte. »Unsinn! Scharlatanerie!« brummte Herr Habichs leise für sich und schüttelte den Kopf. Die Frau Habichs überlief ein leiser Schauer, wie Gespensterfurcht; dann regte sich die Weibereitelkeit, einen so gescheiten Bruder zu haben, dann die Hausfrage, wie er aufzunehmen und zu bewirten sei. »Mit welcher Gelegenheit bist du gekommen? Wo bist du eingekehrt? Willst du nicht bei uns übernachten und deine Sachen herbringen lassen?« So ging's jetzt, denn die Plapperklappermühle begann zu erwachen. »Gekommen bin ich zu Fuß; eingekehrt nirgends; Sachen hab' ich nicht, und übernachten werd' ich nicht. Ich komme heut bloß, um mich für morgen anzumelden und werde in dieser mondhellen Nacht, weil ich gerade in einer schönen Gegend bin, noch eine kleine Fußreise machen.« – »Sonderbares Reisen das!« sagte Herr Habichs. »Gar nicht sonderbar, sondern angenehm, praktisch und vernünftig. Die Leute machen sich immer tausend und abertausend unnütze Weitläufigkeiten. Schwierigkeiten, Unbequemlichkeiten und alle möglichen ›keiten›, wenn sie einmal den fürchterlichen Entschluß gefaßt haben, zu reisen; gerade als ob sie mit aller Gewalt darauf hinarbeiteten, womöglich nicht vom Fleck zu kommen. Ich mach's umgekehrt. Ich gehe eben fort und das weitere findet sich. Was aber meine Nachtmärsche betrifft, so muß ich erklären, daß niemand das Wachen der Natur verstehen kann, der nicht ihren Schlummer belauscht hat. In der Nacht, da träumt sie von Gott und lauscht seinen ewigen Worten, um sie bei Tage zu offenbaren in Sproß und Blüte. Aber jetzt zeigt mir einmal euren kleinen Jungen.« – »Er schläft,« sprach Frau Habichs. »Vor der Hand setz' dich, trink mit uns eine Tasse Tee und iß ein Butterbrot.« – »Sehr gern, wenn ihr Rum zum Tee habt,« sprach Holofernes und ließ sich ganz behaglich in einen Lehnstuhl nieder. Dem Ehepaar war der Besuch peinlich und unheimlich; Holofernes aber schien davon gar nichts zu merken und sprach, heiter und unbefangen, allerlei durcheinander, wovon die beiden kein Wort verstanden. Herr Habichs hielt deshalb alles für baren Unsinn, und Frau Habichs alles für tiefe Weisheit. Als Holofernes sich satt gegessen hatte, fragte er seine Schwester gutmütig spöttisch, ob sie ihm wohl erlaube, eine Pfeife Tabak zu rauchen. Das konnte nun Herr Habichs nicht leiden, weil es unnütz Geld kostet und von ernster Arbeit abhält; Frau Habichs auch nicht, weil es die Gardinen gelb macht und die Kleider durchzieht. Sie konntens aber doch nicht abschlagen und Holofernes zog ein langes Pfeifenrohr aus dem Ärmel, dann aus der Tasche einen türkischen Tonkopf und eine kulpige Bernsteinspitze: er stopfte dann mit echt türkischem Tabak, und, indem er die ersten Züge behaglich einsog und die Stube mit Wohlgeruch füllte, sprach er: »Den ganzen Apparat und diesen edlen Opferweihrauch hab' ich mir unterwegs in einem Kramladen in Konstantinopel selbst gekauft.« Dabei lächelte er, so daß man nicht wußte, ob er bloß spaße oder im Ernst weiß machen wollte, er käme zu Fuß über Konstantinopel. Jetzt fing der kleine Junge an zu schreien. Frau Habichs wollte ihn still machen. »Gib mir ihn, Frau Schwester! ich weiß mit dergleichen umzugehen,« sagte Holofernes. »Ei, wo sollst du das gelernt haben?« sprach Frau Habichs und lächelte, denn sie merkte, daß sie unbewußt eine Neckerei gesagt hatte. »Man kann wissen, ohne gelernt zu haben. Gib den Jungen nur her!« Sie tat es; Holofernes richtete einen hellen, liebevollen, aber durchdringenden Blick in die Augen des Kleinen und sofort wurde der Junge still und sah den Onkel tief nachdenklich an. »Und hast du noch immer nicht an eine Frau gedacht?« fragte Frau Habichs den Bruder, und da er es lächelnd verneinte, fuhr sie fort: »Willst du denn wirklich nie heiraten? und warum denn nicht?« Holofernes nahm eine komisch ernsthafte Miene an. »Aus vielen und wichtigen Gründen, liebe Schwester,« erwiderte er, »hauptsächlich aber, weil ich noch kein Weib gefunden habe, das folgende drei Dinge begriffen hätte, nämlich: Daß ein nasser Fußboden im Zimmer unangenehm und ungesund sei. Daß in einer Arbeitsstube, in der Bücher und Schriften scheinbar wild durcheinander liegen, eine geheime, sehr wohl berechnete Ordnung herrschen könne, und daß eine ungeweihte Hand, die sich vorwitzig vermisst, alles darin recht hübsch zurecht zu legen, damit es, nach dem gemeinen Vorurteil, ordentlich aussehe, nichts anderes anrichten kann als die heilloseste Konfusion. Und hauptsächlich endlich, daß ein Mensch unmöglich zum zweiten Frühstück eine Sardellensemmel essen und ein Glas Rheinwein dazu trinken kann, ohne vom unüberwindlichsten Ekel erfaßt und geschüttelt zu werden, wenn er zufällig in einer Ecke der Stube auf einer Kommode einen Kamm oder gar eine alte abgenutzte Zahnbürste liegen sieht.« »O du böser Mensch!« rief Frau Habichs, die doch ungefähr begriffen hatte, daß ihres Bruders Antwort eine Satire sei; der aber hatte sich wieder in das Anschauen des Kindes versenkt. »Wahrhaftig ein hübscher Junge!« sprach er und küßte ihn, dann fügte er leise für sich hinzu: »Wer sollte dirs ansehn, daß du von einem Geldsack und einer Kaffeekanne abstammst? Welche höhere Hand hat dich hierher geworfen, wie eine Perle unter den Kehricht, du junger Paradiesvogel im Nest des Wiedehopfs?« Dies sprechend fing er an, die Tabakwolken etwas leidenschaftlicher zu blasen, so daß sie sich dunkel verdichteten, dann wieder lichtblau, bald wie langgezogene Schleier, bald wie wallende Morgennebel sich leise verteilten und verzogen. Sie wölkten, ballten, jagten, zogen und bogen, streckten und reckten, zerrten und kräuselten sich, wogten und schwebten, stiegen und gaukelten – ein ewig phantastisches Wechselspiel von halbkenntlichen, flüchtig angedeuteten, rasch zerfließenden Formen und Gestalten, eine stille, wilde Jagd von lieblichen seltsamen kleinen Spukgesichten. Das Kind sah nach dem Tabakwolkenspiel mit größern und größern, erstauntern und erstauntern Augen. Dann belebte sich sein Gesichtlein, es lächelte die zerfließenden Nebelbilder an, es begann zu lallen, als ob es sich mit ihnen unterhielte. »Und ein kluger Junge!« rief Holofernes ganz warm, »ein goldner, gescheiter Junge! Seht doch: er versteht den schönen Hexentanz und würde ihn euch gleich dramatisch erklären, wenn er sprechen könnte. So bleibt's bloß Gelall; aber ein tiefsinniges Gelall, das sage ich euch, denn ich versteh's gar wohl. Aus dem Jungen wird was, denn es kommen ihm Gedanken beim Anblick des Tabakdampfes, wie allen geistreichen Menschen. Deshalb haben wir ja in Deutschland so viel Philosophie und Tiefsinn, weil wir viel Tabakrauch haben, und das französische Gouvernement ist nicht recht klug und rennt selbst in sein Verderben, da es den Tabak immer noch so schwer besteuert. Denn wo viel Tabakrauch, da sind viel Gedanken; wo viel Gedanken, da sind keine Taten, folglich auch keine Revolutionen. Das sollte das französische Gouvernement zu Herzen nehmen. Aber jetzt lebt wohl! Morgen bin ich wieder hier und ich hoffe, ihr werdet mir die Ehre nicht verweigern, bei eurem Kind Pate zu stehen. Adieu, Junge!« – Er küßte ihn und gab ihn der Mutter; dann rauchte er wieder eifrig und immer eifriger, das Wolkenspiel wurde düsterer, schwerer, massenhafter. Herr Habichs hustete, Frau Habichs keuchte und mühte sich vergebens die Worte: »Bist du verrückt, Bruder?« hervorzubringen. Es wirbelte, schwindelte, dunkelte ihnen vor den Augen, der Rauch füllte die Stube und deckte selbst das Licht mit Nacht, das Ehepaar war einer Ohnmacht nahe. Da tönte es aus dem Kern der Finsternis: »Guten Morgen, auf Wiedersehen!« Sogleich teilte sich der Dampf leise, das Licht tauchte wieder hervor, die Wölkchen sonderten sich, verschwebten und verzettelten sich hier und dort, es wurde völlig klar und rein in der Stube; aber wer nicht mehr im Lehnstuhl saß, das war der Herr Holofernes; Tür und Fenster waren fest zu gewesen und geblieben, aber wer fort und verschwunden war, das war der Herr Holofernes. Kapitel IV Der ehrliche Leser wird vielleicht sehr begierig sein, zu erfahren, was das Ehepaar Habichs bei dem höchst wunderbaren und plötzlichen Verschwinden ihres Bruders und respektiven Schwagers sich alles gedacht und wie sie sich darüber den Kopf zerbrochen haben. Aber sie pflegten überhaupt selten über etwas anderes zu denken, als er über Geldgeschäfte und sie über Kaffeeklatschereien, beim Romanlesen nämlich dachte sie gar nichts; und was Kopfbrechen anbetrifft, so war Herr Habichs zwar ein großer Kopfrechner, aber durchaus kein Kopfbrecher, nicht einmal ein Pfeifenkopfbrecher, da er nicht rauchte, und die Frau Habichs hatte einen angeborenen Abscheu gegen alles Zerbrechen, sei es nun das eines Tassen-, Hauben- oder ihres eigenen Kopfes. Sie gingen zwar ganz verwirrt an jenem Abend schlafen, wurden von wilden und wüsten Träumen die ganze Nacht heimgesucht; aber am andern Morgen warfen sie Traum und Wirklichkeit zusammen, glaubten, das Verschwinden des Holofernes habe ihnen auch nur geträumt, und sie hätten es nur vergessen, daß er eigentlich ganz ordentlich und vernünftig, wie es gesetzten und wohlgesinnten Leuten ziemt, zur Tür hinausgegangen wäre. Am andern Tage warteten sie auf ihn, und beschlossen, dass er wirklich Pate des Kindes werden sollte; denn man konnte es mit ihm nicht ganz verderben. Obgleich er leider kein einträgliches und honettes Amt bekleidete, so stand er doch im Rufe, Vermögen zu haben, und das konnte sein Patchen dermaleinst erben. Auch war einmal aus dem Wohnort des Holofernes bis in Habichs Haus ein dunkles Gericht gedrungen, Holofernes treibe unter anderen auch die Goldmacherkunst. Frau Habichs, die, wie alle Frauenzimmer, abergläubisch und geldliebend war, zweifelte hieran gar nicht, und obgleich der Herr Habichs sonst ein viel zu vernünftiger Mann war, um abergläubisch zu sein, so war doch Gold seine Liebhaberei , und in Hinsicht auf Liebhabereien ist jeder Mensch leichtgläubig und töricht; kurz, die Sache war ihm auch ganz plausibel, namentlich da er nicht begreifen konnte, wovon ein Müßiggänger sonst existieren könne. Holofernes trat auch wirklich ganz unvermutet zur Tür hinein, als es eben die höchste Zeit war, und erklärte auf Befragen, der Knabe solle von ihm den Namen Junius erhalten, was dem Herrn Habichs gar nicht recht war. Doch Holofernes bestand darauf und das Kind wurde in dem alten, gotischen Dome der Stadt also getauft. Als der Zug die Kirche verließ, sagte Holofernes zu Habichs, an dessen Seite er ging: »Diese Alfanzereien und Spielereien mit dem Heiligen, wozu ihr Leute die Wertlosigkeit eines unschuldigen, unbewussten Geschöpfes mißbraucht, gefallen mir im ganzen gar nicht; aber etwas ist mir bei der Taufe des kleinen Junius doch lieb, nämlich, daß er sie in einem erhabenen, riesenhaften, wahrhaft groß, fromm und künstlerisch gedachten Spitzbogenschiffe, umweht von kühlen Dämmerungsschauern empfangen hat, und vor allem, daß die Fenster dort alle aus vortrefflichen Glasmalereien bestehen, die das hereinbrechende Licht zugleich erhöhen und dämpfen und jenen eignen, wunderbaren Zusammenguß von brennendster Farbenglut und ehrwürdigster Nacht, von träumerischester Gestaltenbevölkerung und heiligster Einsamkeit erzeugen, der sich, einmal geschaut und empfunden, mit leiser, doch überwältigender Macht in jede Brust versenkt und dort, fort und fort, ein unerschöpflicher, geheimnisvoller Quell großer und hoher Gedanken, heiliger, süßer Empfindungen bleibt. Glaubt mir's, Schwager! der wichtigste Teil der Erziehung des Kleinen ist nun schon vollbracht, dadurch, daß schon so frühe die Gewalt jenes Eindrucks auf seine noch ungeübten und unbewehrten Sinne los und eingebrochen ist, wie ein kriegerisches Heer in eine unbewachte Festung!« – »Kann Euch nicht ganz verstehen und beistimmen, Schwager,« sprach Habichs. »Kann überhaupt das viele Schwatzen über unwichtige Dinge nicht leiden. Die Glasbilder sind recht zierlich und bunt; aber wenn man sie sieht, ist's gut; und kommt man aus der Kirche wieder heraus, so hat man sie gesehen, und es ist auch gut. Weiß nicht, was Ihr mit dem Versenken, und dem unerschöpflichen Quell, und den heiligen Gefühlen usw. wollt, das sind so schnurrige Redensarten in Eurem Geschmack.« – »Nicht doch, Herr Schwager! wenn Ihr dergleichen auch noch nie an Euch erfahren habt, könnt Ihr's denn nicht nachfühlen, wie zum Beispiel ein einziger bedeutungsvoller Blick von einer Geliebten, mag sie auch nachher vergessen oder gestorben oder treulos geworden sein, in einem süßen geweihten Augenblick gespendet und empfangen, ein ganzes künftiges Leben leise und mild vergolden und verherrlichen kann: nicht anders, wie die untergegangene Sonne über einer ganzen Gegend einen befriedenden, beseligenden Erinnerungsschimmer zurückläßt, als ob alle Rebenhügel und Wälder ringsum über die Herrlichkeit der geschiedenen Gottheit still und innig nachsännen?« – »Das mag bei Euch so sein; aber ich habe nie Zeit gehabt, Romane zu lesen, denn ernstere Geschäfte hinderten mich daran. Überhaupt bin ich einmal ganz anders konstituiert, und danke Gott dafür. Aber wenn das alles auch seinen Grund hätte, so könnte doch bei einem ganz unvernünftigen Kinde, das noch nicht sprechen, noch nichts verstehen kann, gewiß keine besondere Wirkung der Art stattfinden, und ich danke Gott dafür; denn mein Junius, wie Ihr ihn leider doch einmal genannt habt, soll ein tüchtiger Geschäftsmann werden und der hat den Henker was mit heiligen Gefühlen, hohen Gedanken und dergleichen belletristischem Plunder zu schaffen.« Da lachte Holofernes schadenfroh, aber aus gutem Herzen und sprach: »Bester Schwager, Eure frommen Wünsche helfen Euch jetzt nichts mehr; das ist verspielt! Wißt Ihr nicht, daß dieser Eindruck, eben weil er der erste bedeutende, auch der entscheidende ist; die erste Schule noch ganz ungeübter und nun plötzlich aufgerüttelter Fähigkeiten? Zehn Jahre lang schlummert er vielleicht in Eurem kleinen Junius, dann aber tritt er mit Macht hervor, in Gedanken und Wort, in Reim oder Farbe, in Gesinnung und Schöpfung und bedingt die ganze Lebensrichtung. Alle herrlichsten Dichtungen sind nur ein Zurückbesinnen in die früheste Kindheit des Dichters hinein; sie ist der eigentliche Fond und gibt den Kern; alle Lebenserfahrung gibt nur das Bei- und Kulissenwerk. Ja eigentlich ist alle Poesie nichts weiter, als ein Zurückerinnern an den Moment des Erzeugtwerdens, wo durch die ewige Urkraft des erobernden Hingebens und hingebenden Eroberns das junge Organon als Keim gestaltet wurde und von nun an das lebendige Gesetz des Wachsens, Aufblühens und geistigen Fortwerdens unwiderruflich in ihm pulsierte. Und je energischer, reiner und edler dieser geheimnisvolle Augenblick gefeiert und genossen wurde, desto reicher und tiefer ist dereinst das Gemüt des Werdenden. Ich könnte füglich noch weiter gehen und das Göttliche im Menschen von Keim zu Keim zurück verfolgen bis zum Urkeim, und dann ist am Ende alle Poesie, im Innern des Poeten betrachtet, nichts, als ein dunkles aber mächtiges Zurückerinnern an jenen ersten, heiligsten und gewaltigsten Augenblick der sich entäußernden Liebe, wo das Donnerwort Gottes: Es werde! das unendliche, wüste Nichts durchzuckte, so daß es, süß und schaurig erbebend, sein Wesen verlor und fortan mit Millionen von Keimen eines freudigen, rüstigen, schwellenden Lebens unwiderruflich schwanger ging. Und in diesen Keimen waren und fühlten wir ja auch schon. Alle Dichtung ist hiernach nichts, als ein leise mahnender, schwacher, stümperhafter Nachhall jenes ersten Schöpfungswortes, aber bei aller Mangelhaftigkeit doch eine sichere Gewähr der Gottähnlichkeit des Menschen, mithin auch der individuellen Unsterblichkeit. Ich deute Euch dies hier nur flüchtig an, behalte mir aber vor, es in meiner herauszugebenden Ästhetik, wenn ich sie je schreiben sollte, gelahrt und gründlichst zu erörtern. Die werdet Ihr aber wahrscheinlich nicht lesen, bester Schwager, denn ich sehe jetzt schon, daß Euch meine Theorie nicht zusagt; ihr seht verdrießlich, ja, wie mir scheint, sogar bleich und entsetzt aus. Also, um auf unser Thema, d. h. auf Junius und die Macht der ersten Eindrücke zurück zu kommen: meint Ihr, daß man brauchbare Mülleresel unter Rosenbüschen erzieht? Hättet Ihr Euren Jungen in Eurem gespenstig nüchternen Turmbureau, das auch einen gewaltigen Eindruck macht, einen gewaltig langweiligen nämlich, taufen lassen, dann hättet Ihr vielleicht hoffen können, einen Kassabuchautomaten aus ihm zu ziehen. Nun aber ist's vorbei und Ihr habt einen Poeten, ein Genie zum Jungen.« – Bei diesen beiden Worten, die dem Herrn Habichs die unleidlichsten in der ganzen Sprache waren, schauerte er zusammen und schwieg, teils aus Schreck, teils, weil er nach seiner Meinung heute überhaupt schon viel zu viel geschwatzt hatte, wobei nichts herauskam. »Also ein Vagabund!« seufzte er nur ganz still in sich hinein, denn dies Wort hielt er für gleichbedeutend mit Poet und Genie. Doch den Eindruck der Prophezeiung kräftig abschüttelnd, dachte er im nächsten Augenblick: »Ach was, dummes Zeug!« Holofernes aber lachte für sich und weidete sich herzinnig an dem Entsetzen seines Schwagers. Kapitel V Unter solcherlei Gesprächen, wobei es Herrn Habichs grün und blau vor den Augen geworden war, kamen sie endlich bei der Wöchnerin an, um die sie, eintretend, einen Kreis von Damen kaffeetrinkend und klatschend versammelt fanden. Da war nun an Herrn Holofernes das Blaßwerden und Erschrecken, denn das Gespräch versammelter Weiber machte auf ihn ganz denselben schauerlichen Eindruck, wie auf manche das Kratzen und Greinen eines gewaltsam rückwärts geführten Griffels auf der Schiefertafel. Er faßte sich jedoch bald und grüßte alle mit leise spöttelnder, linkischer Höflichkeit. Hierauf ging's an's Ueberreichen der Patengeschenke. Da hatte sich nun Frau Habichs eingebildet, ihr Bruder werde mit einem Röllchen Goldstücke aus seiner Ersparnis oder gar seiner Goldmacherfabrik herausrücken. Sie wußte schon genau, in welcher Ecke des Schreibtisches sie selbige verstecken würde, und wie sie sie dem kleinen Junius alle Jahre zu seinem Geburtstage einmal zeigen wollte und ihm dann jedesmal erzählen, daß sie vom Onkel wären und daß er sie einmal haben sollte, was den Jungen freilich nicht satt gemacht hätte; und so wollte sie das Röllchen aufheben, bis Junius heiratete, ein vermögendes Mädchen natürlich, und dann wollte sie ihm für die Goldstücke Hemden, Tischtücher und Servietten kaufen. Alles das war schon genau berechnet, nur die Hauptsache fehlte noch. Nun denke man sich den Ärger und das Erstaunen der Frau Habichs und ihres Gemahls, denn auch der hatte auf etwas Solides und Honettes gerechnet, als Holofernes ein dünnes, buntes, mit grillenhaft grotesken Arabesken auf dem Deckel verziertes Büchlein hervorzog und dies mit den Worten überreichte: »Da euch doch vor allem daran gelegen sein muß, daß euer Junge was lernt, da aber die gewöhnliche Methode verabscheuungswert ist und den Menschen sowohl schlecht, als dumm macht, so schenke ich dem Jungen hiermit dies ABC-Buch, auf das ich wohl stolz sein kann, denn ich habe solches selbst ersonnen, gesetzt, gedruckt, geheftet und eingebunden. Auch habe ich die Bilder darin selbst verfertigt. Diese Bilder werden Ihnen allen, meine Herrschaften, etwas sehr plump vorkommen, ich weiß es, aber Sie werden gewiß begreifen und zugeben, daß zierliche, geleckte Bilderchen die Phantasie des Kindes, deren Erweckung man doch durch Bilderbücher allein bezweckt, nur träge, feige und zahm machen können. Man zeige ihm erst das Ungestaltete, Verzerrte, Verzeichnete, aber in starken kecken Strichen, so daß sich's dem jungen, weichen Hirn einprägt. Dann wird der angestammte Schönheitssinn im Knaben sich dagegen empören, ankämpfen und ringen und so unwillkürlich, durch eigene Kraft, das Schöne zu ersinnen anfangen, bis die dunkle Kraft sich zur Einsicht reinigt und verklärt und das Wohlgefallen an Harmonie und Schönheit dann ein selbsterrungener , unverlierbarer Sieg ist. Dies wird und muß um so mehr geschehen, da in der Fratze schon der geheimnisvolle Schlüssel , die kräftigste Hindeutung der Schönheit, ja die Schönheit selbst enthalten ist, nur verschoben und auseinander gestreut wie ein wohlgebildetes Gesicht im Hohlspiegel, wie das Licht durchs Prisma gebrochen. Sie werden, meine Damen, diese Bemerkung gewiß selbst schon beim Studium der verschiedenen Malerschulen gemacht haben. Da sehen Sie immer aus der steifen, rohen und fratzenhaften Manier die großen Meister hervorgehen, aus den göttlichen Schöpfungen dieser aber, in raschem Abfall, die geleckten, lüsternen, gedankenlosen, affektierten Weichlinge: und ein Erheben erfolgt immer erst dann wieder, wenn das oberflächliche Treiben solcher Akademiker in handgreifliche Abgeschmacktheit und Barbarei ausgeartet ist. Was insbesondere die unverhältnismäßige Größe der Köpfe zum übrigen Körper bei meinen Figuren betrifft, so hat das noch einen anderen Grund. Wenn Sie die sonst so treffliche Technik, namentlich älterer deutscher Meister betrachten, so werden Sie ihnen gewiß nicht den totalen Mangel an Auge zutrauen, daß selbige nicht gewußt hätten, wie ihre Köpfe gar nicht auf die kleinen verkrüppelten Leiber passen, so daß alle Figuren wie Zwerge aussehen. Aber sie hielten das Bild eines Menschen nur für Mittel, einen Charakter, oder, was hier dasselbe ist, eine Idee zu versinnbildlichen. Nun ist Ihnen bekannt, daß das menschliche Antlitz die Effloreszenz, Quintessenz, der Auszug aus dem ganzen innern und äußern Wesen des Menschen ist; alle andern Glieder, obgleich in ihrem lebendig bewegten Einklang mitwirkend zum Siege über das Gemüt des Beschauers, sind doch nur Hilfstruppen. Dies drückten die alten Maler, auf ihre naive Weise, mechanisch durch die großen Köpfe und kleinen Leiber aus. Oder geben Sie nicht zu, meine Damen, daß es Unsinn wäre, ein Porträt zu besitzen, wo unter der Brust alles andere abgeschnitten ist, und doch sich einbilden, man besitze eine Erinnerung an den ganzen Menschen, wenn das Gesagte nicht seine Richtigkeit hätte? Man könnte sonst ebensogut sich von einem werten Freunde eine Hand oder einen Rücken, die in mancher Stellung auch charakteristisch und unverkennbar sein können, malen lassen und zum Andenken aufbewahren. Auf diese hohe Wichtigkeit des menschlichen Angesichts wollte ich auch meinen kleinen Neffen in den Bildern aufmerksam machen. Auch hängt die Erkenntnis davon genau mit dem Geiste des Christentums zusammen und Junius soll kein Heide werden.« – Holofernes hatte seine Rede mit Willen so lang ausgedehnt, um sich an den versammelten Frauenzimmern, die ihm einen solchen Schreck beigebracht hatten, zu rächen. Und in der Tat war diese Rede für ihrer aller Geduld eine länger und länger auszerrende Folterbank, so daß diese Geduld beinahe zerrissen wäre. So lange verurteilt zu sein, anzuhören, ohne ein Wort mitzusprechen, und was noch schrecklicher ist, Gedanken anzuhören! Dabei mußten sie noch süße und aufmerksame Gesichter schneiden, um ihren Mangel an Verständnis nicht merken zu lassen. Sie ließen unterdes, zu einigem Troste, das ABC-Buch im Kreise herumgehen und besahen die Zeichnungen; aber zu ihrer Pein durften sie jetzt nicht einmal über die verzerrten Figuren lächeln oder gar spöttelnd zischeln, da sich Holofernes dieserhalb in unverständlichen, mithin verdammt gescheiten, Ausdrücken gerechtfertigt hatte. »Wirklich höchst interessant!« flüsterte jetzt ein Fräulein, das einmal zwölf italienische Vokabeln auswendig gelernt hatte, mithin eine sehr gebildete Dame war. Dies wollten alle andern wie ein Feldgeschrei hastig aufraffen, und rüsteten sich schnell und einmütig, ihre Zungen wieder aufs rascheste als Mühlräder in Bewegung zu setzen, indem sie die Ströme mannigfacher Reden darüber hinschäumen, rauschen, sprudeln, plätschern und platschern ließen; aber Holofernes war ganz unbarmherzig. Mit höhnischem Lächeln stürzte er sie zurück in den gähnenden Höllenabgrund des Schweigens und Zuhörens, indem er sich so zu Herrn Habichs wandte: »Was den Inhalt des Büchleins betrifft, so müßt Ihr Euch nicht wundern, lieber Schwager, wenn derselbe gänzlich von dem gewöhnlichen abweicht, ja Ihr werdet schwerlich die darin als Leseübung enthaltenen Sätze verstehen; selbst Sie, meine geistreichen Damen, würden sich kaum ganz darein zu finden wissen. Ich könnte als Grund anführen, daß, indem ich aus einer kräftigen und klaren Gedankenreihe einzelne bedeutsame Glieder herausreiße und diese, mit Wegwerfung der Zwischenglieder, rätselhaft hinstelle, dadurch die Denkkraft des von Natur neu- und wißbegierigen Kindes angespornt würde, das Fehlende durch eigene Tat zu ergänzen. Möchte dies nun gelingen oder nicht, so wäre es auf jeden Fall eine Übung der Kraft; und Erweckung der Selbsttätigkeit ist am Ende doch das A und O aller Erziehung. Aber meine Gründe gehen noch tiefer. Man gebe nur ja den Kindern bei ihrem ersten Unterricht Gedanken zu lesen, die gänzlich über ihrem Bereich liegen! Dadurch allein kann das Ahnungsvermögen, und durch dies allein die Sehnsucht nach dem Göttlichen, die Verwandtschaft der Seele dem Drüben, aller Glauben und alle Begeisterung, kurz: die Einheit des Einzelngeistes mit dem Urgeiste erhalten werden. Gebt ihr aber den Kindern nur das, was sie handgreiflich und hausbacken, als erworbenen und fertigen Besitz in die Taschen des Wissens schieben können, so erzieht ihr nüchterne, egoistische, in oberflächlichem Selbstgenügen sich überhebende Materialisten und Atheisten, die auch nicht einmal in ihrer Niedrigkeit glücklich sein können, denn bald wird Überdruß und Ekel sie auch zu irdischem Genuß unfähig machen, denn auch dieser hat seine ewig auffrischende Würze nur in einem tief verborgenen geistigen Kerne, in einem Beischmack vom Höchsten, vom Göttlichen. – Auch habe ich mich wohl vor einer sichtbar werdenden Verbindung und Regelmäßigkeit gehütet, sondern im Gegenteil nach möglichster Konfusion gestrebt, denn wenn sich dem Kinde bei seiner ersten Belehrung gleich ein fertig gebautes, ausgemessenes und abgezirkeltes System auch nur dunkel einprägt, so bleibt es zeitlebens ein Knecht, eine Versteinerung. Es soll aber ein frischer Bach werden, der seine Bahn selbst wählend, Dämme durchbricht und auf eigenem Wege sich das Unendliche sucht.« – Jetzt aber hatte Holofernes seine schadenfrohe Laune gesättigt und es tat ihm nun leid, länger seine Perlen unter die – Hühner zu werfen. Er zog rasch noch eine Kapsel hervor und nahm aus derselben ein kurzes und plumpes hölzernes Rohr, das an dem einen Ende mit einem seltsam geschliffenen Glase geschlossen war. »Dieses Guckglas,« sagte er, »das ich auch selbst geschliffen habe und dessen besondere Eigenschaften sich von selbst offenbaren müssen, ohne daß ich mich darüber auslasse, bitte ich dem kleinen Junius zu geben, wenn er mein ABC-Buch ganz durchstudiert hat und überhaupt lesen und schreiben kann.« Frau Habichs nahm neugierig das Glas und sah hindurch. Erst sah sie nur ein Gewirr von Farben, alle Umrisse verschwommen und verwischt. Sie blickte schärfer, da saßen plötzlich, statt ihrer Klatschschwestern eben so viel Gänse vor ihrem Auge, Herr Habichs als verdrießlich zusammengeduckter Rabe, seltsam schwarz unter den weißen, und Holofernes als ein sonderbar bunter, fremder Vogel. Aber in einem Nu, ehe sie das Bild noch recht erfaßt hatte, war es wieder in gestaltlosem Gewirr verschwunden. Erschreckt und verwirrt nahm sie das Glas vom Auge, gierig griff ihre Nachbarin danach. Der ging es genau ebenso und so machte das Glas die Runde bis zu Herrn Habichs, der es, leise brummend: »Impertinente Sottisen!« seiner Frau zurückgab, die es in die Kapsel steckte und weglegte. Alle Damen machten ein verlegenes, süßliches Gesicht, das eine wilde Augenauskratzbegierde nur halb bemäntelte. Holofernes aber sprach: »Ich entnehme aus Ihrer Verlegenheit, meine Damen, daß Sie nicht wissen, was Sie aus meinem Patengeschenk machen sollen. Ohne Zweifel haben Sie gar nichts durch das Glas gesehen (die Damen machten schweigend Beistimmungsgesichter, obgleich es nicht wahr war); ja! es ist auch nur für ganz besonders konstruierte Augen, wie sie mein kleiner Neffe besitzt, berechnet. Doch nun leben Sie wohl und nehmen Sie meinen herzlichen Dank für die schöne, unvergeßliche Stunde, die Sie mir durch Ihre angenehme Unterhaltung gewährt haben. Hierauf küßte er den kleinen Junius und mit seinem alten Gruß: »Guten Morgen, liebe Schwester! guten Morgen, lieber Schwager!« war er aus der Stube und fort. Alle waren konsterniert und verstimmt. Frau Habichs nur, die erst beinahe des Todes gewesen war, sich durch die magern Geschenke ihres Bruders vor der ganzen Gesellschaft zu blamieren, blickte ihm jetzt stolz nach und einen Blick des Triumphes rings umher werfend, sprach sie: »Es ist doch etwas Schönes und Pathetisches um die wissenschaftliche Gelehrsamkeit, wodurch der Aufschwung der Menschheit zur Würde des Erhabneren bezweckt wird! Wenn er nur geheiratet und eine ordentliche Hauswirtschaft hätte, der liebe Bruder!« Kapitel VI Der kleine Junius wuchs und wurde ein starkes, frisches blondlockiges Kind. Hinter dem Hause seines Vaters lag ein großer, schöner Garten. In diesem brachte er alle schönen Tage zu und wuchs so mit den Blumen auf. Zu merken ist, daß er kaum ein paar Worte sprechen konnte, als er auch schon anfing, in wunderlich wilder Melodie vor sich hinzusingen. Je mehr er sprechen konnte, je schweigsamer wurde er im Reden und je beredter in kleinen, abgerissenen Liedern. Eins derselben hieß: »Die blanke Schüssel rollt hinter den Berg. Auf weichen reichen Wolkenbetten da liegt eine schöne, schöne Riesenfrau in goldne Schleier gewickelt, Die winkt mir immer auf ihren Schoß: Komm her! ich geb' dir zu trinken aus der goldnen Sonnenschüssel und setze dich aufs schwarze Pferd der Nacht, das springt herum unter den Sternlein über den ganzen Himmel, da stolpert's am Mondeshorn und bäumt sich und fällt hinunter in den schwarzen Schlund. 0 weh, du armes Kind! – Als nun Junius so alt geworden war, daß er anfangen sollte, zu lernen, nahm Herr Habichs einen stillen jungen Menschen zum Hauslehrer an, der sollte ihm Alles beibringen vom ABC an, vorzüglich aber ihn gehörig in der edlen Rechenkunst unterweisen. Für den Anfang wurde ein schönes ABC-Buch gekauft, denn das vom Onkel Holofernes wollte Herr Habichs seinem Sohn nicht in die Hand geben, damit er sich nicht tolles Zeug in den Kopf setze. Aber der kleine Junius wollte durchaus nichts begreifen, so sehr sich der Lehrer auch quälte; ja er lachte diesen aus und sprach zu ihm, wenn er mit dem Buche ankam: »Ach geh!« als ob er gar nicht glauben könne, es sei Ernst damit, daß er sich die Schnörkel da behalten solle. Da der Lehrer aber in den Scherz des Knaben durchaus nicht einging und von seiner ernsten Verfolgung nicht abließ, ward es dem Knaben zu arg und er entwischte jedesmal, wenn er merkte, daß die Lehrstunde kam, und versteckte sich in dem großen Garten unter Büsche und Blumen, so daß er erst lange gesucht und dann unter Tränen und Sträuben herbeigeschleppt werden mußte. Da nun gar nichts half, so holte die Mutter einmal, als der Herr Habichs im Turm war, das bunte ABC-Buch vom Onkel hervor, um dem Jungen durch die Bilder und den bemalten Einband Lust am Lernen zu machen. Wenn er nachher im Zuge wäre, dachte sie, könne man das Buch immer wieder vertauschen. Und wirklich, da Junius das Buch erblickte, saß er auf einmal da wie angezaubert, blätterte erst neugierig darin, jauchzte vor Freude auf; auf die Mahnung des Lehrers aber ward er still und fing mit diesem von vorne an, das ABC durchzugehen. Und nun entwickelte der früher ganz unfähig Scheinende mit einemmal eine außerordentlich rasche Fassungsgabe und ein so leichtes und festhaltendes Gedächtnis, daß er schnell lesen lernte und bald das ganze Buch durch hatte. Die Mutter wollte es ihm öfters vertauschen, aber beim Anblick des anderen, ganz liederlosen und sehr modern ledernen Buches, rief er jedesmal gleich aus: »Was soll ich mit der Klappermühle?« und lief davon. Die im Buch des Onkels Holofernes enthaltenen Sprüchlein und Lehrübungen waren aber folgende: Das ABC-Buch des Onkels Holofernes. Im A ist's Z schon hingestellt. Im A, B, C hast Du die Welt. Die Biber bauen früh und spat. Für Bettlerseelen ist der Staat, Der Crösus sammelt Häuf zu Häuf. Du bau zur Welt das Chaos auf. Das Dromedar die Wüst' durchzieht, Weil es da drüben Datteln sieht. Der Esel trägt den Müllersack. Die Elle taugt fürs Schneiderpack. Der Floh saugt nur so lange Blut, Als es dein Finger leiden tut. Gazelle klimmt zur höchsten Höh', Daß sie die tiefsten Gründe seh'! Wo nur ein freier Hirsch erscheint, Sind Hunde gegen ihn vereint. Die Insel liegt so glücklich still, Wie wer sein Ich bewahren will. Der Knutenheld beherrscht die Welt, Der Kaufherr ist ihm zugesellt. Siehst du den Läufer rennen dort? Dahinter her kommt auch der Lord. Die Mandel knack' sonst schmeckt sie nicht; Der Meister weiß, wie er's verflicht. Den Nackten kleidet jeder nun. Im Schiffsraum kann der Neger ruhn. Gibst du nur her zum Ochsen Dich, Ein Ochsentreiber findet sich. Selbstrührung ist des Pastors Kniff; Der Pudel tanzt zu falschem Pfiff. Die Quaker quaken also stark; Warum? sie freuen sich am Quark. Der lange Rechtsweg führt zum Sumpf; Der Rache Schwert ward leider stumpf. Im Kote wälzet sich das Schwein, Und wird durch keine Seife rein. Und wo ein Pfaff nur Tinte schaut, Ihm's gleich, wie vor dem Teufel graut. Der Ur brach einstens durch den Hain; Jetzt wagen Unken kaum zu schrein. Das Volk bleibt still nun immerdar. Vulkane spein nicht jedes Jahr. Den Baum reiß bei der Wurzel aus; In dieser Welt geht's gar zu kraus. Ypsilon ist nicht Deutsch fürwahr; Die Yacht bringt manche fremde War'! Der Sklave baut das Zuckerrohr; Die Zukunft guckt dort hinten vor. Was du denkst, das bist du. Denke rein und edel und du bist rein und edel. Von allem, was du denkst, sprich nur das Trefflichste aus, von allem, was du aussprechen möchtest, schreibe nur das Trefflichste nieder. Dann bleibt der geistige Auszug deines Wesens Genuß und Erhebung für Jahrhunderte. Eine Sprache ist alles, was ein Volk gedacht hat, das vergeistigte Volk selbst. Je edler das, was du von deiner Sprache dir als dein eigen eroberst, je edler stehst du in deinem Volke da. Warum liegt in jeder Sprache ein unerschöpflicher Quell ewig wechselnden und immer treffenden Wohllauts? Weil Gott ein großer Musikant ist und uns alle nach seinem Bilde schuf. – Gott liebt die Lerche mehr, als die Eule. Wenn dein Herz zu voll wird von der Wonne des Seins, überfällt dich unendliche Bangigkeit. Dann weinst du eine Träne oder machst ein Gedicht und die Bangigkeit löst sich zum Frieden. Das Weltall ist eine Träne am Wimper der Gottheit. – Weshalb ist auch die kleine Erde, dieser schwebende Maulwurfshügel, für uns ein herrliches Ganzes von unergründlichen Schönheiten schwanger? Weil die Welt Gottes erhabne Dichtung ist. Eine Dichtung ist unendlich, das heißt: ganz und unendlich im Ganzen und eben so ganz und unendlich im kleinsten Teil. – Wenn du nicht mit dem gleichen Gefühl süßer Befriedigung eine reife Weintraube essen kannst, als wenn du in die Abendröte blickst, so bist du ein Schwächling. Es ist nicht genug, daß du den Ton in dir trägst; soll er wahrhaft da sein, so ist nötig, daß du ihn spielst. Dazu aber gehört eine Geige, die aus Holz gefügt, und Saiten, die aus Schafdarm gedreht sind. Das vergiß nicht! Träume nicht in Orangenhainen und halte es nicht für ein Verdienst, wenn dir eine unwillkürliche Wonneträne im Auge zittert. Die Welt soll nicht auf dir spielen, sondern du auf ihr. Deshalb überwinde und kenne sie. Erklimme den Berg und den Baum mit eigner Kraft und Anstrengung, dann schau hinab und genieße von oben den schönen Frieden des Tales. Kräftige deinen Arm fürs Schwert und zum mächtigen Umfassen eines geliebten Wesens, übe deinen Mund zu Rede und Kuß, trinke keinen Mondschein, sondern Rheinwein. Leute, die sich einbilden, oder der Welt weiß machen, sie schwämmen in der Luft, ganz nahe beim Monde, auf seligen Inseln, voll süßer Seufzerhauche, umher, nennt man wohl zuweilen Dichter. Aber wer jenen Mann erkannt hat, auf dessen Götterstirn das gewaltigste, geistigste Anschaun, auf dessen attisch lächelnder Lippe das vollste, keckste Genießen der ganzen Welt thronte und der dastand mit festen, markigen Knochen auf der wohlbegründeten, dauernden Erde, wer den erkannt hat, den nennt sie Fasler. Vertiefe und verliebe dich nicht ins Blumen- und Früchtepflücken, schau auch einmal wieder auf zu den Sternen. Glaube nicht, daß Reichtum an Gedanken den Menschen groß und weise mache. Wenn auf das unmündige Hirn die unzählige, verworrene Schar der Sinneneindrücke losstürmt, dann zeugt jeder derselben ein Gedänklein und es schwirrt und wirbelt von diesen, wie von Heupferden und Mücken im Sommer. Aber der kräftige Geist vertilgt sie, indem er in vielen nur Eins sieht. So schreitet er fort und wird reich durch immer größere Armut an Gedanken. Er wird göttlich, wenn er bis dahin dringen kann in Allem nur einen einzigen Gedanken zu sehen. Dieser Urgedanke aber weiß und fühlt sich selbst, wirkt ewig lebendig fort und wird Gott genannt. Deshalb heißt es: Selig sind die geistig Armen. – Alle niedere Wissenschaft ist Zusammentragen des Vielfachen; alle höhere: Vereinfachung desselben bis zum ersten Grundgedanken. Keiner der einzelnen Bausteine ist verloren gegangen; aber sie sind nicht mehr in wüsten Haufen verstreut, sondern zu einem Dom geworden, zu einer individuellen Einheit, die mit einem einzigen, erkennenden Blick überschaut und verstanden wird. So nur wird der tote Stoff lebendig. Du siehst Millionen von Gestalten in blendender Erscheinung und in allen Trieb, Leben und Wechsel. Du siehst tausend Sterne kreisend auf- und abgehen und das Vielerlei des Seins, Werdens und Vergehns will deinen Geist erdrücken. Aber alles dies ist und wird nur nach einem einzigen, ewigen Gesetz, und nach einem so einfachen, daß es sich mit einem einzigen Wort erschöpfend aussprechen läßt. Aber das Wort weiß nur der Eine, der es selbst ist. – Gewöhne dich daran, in jedem Ding nicht bloß die Gestalt, sondern in der Gestalt den Gedanken zu sehen. Dann bist du schon hienieden von einem Himmelreich göttlicher Ideen umgeben und erfüllt und brauchst kein mißtönendes Kirchenlied vom irdischen Jammertale abzuwinseln. – Die Pflanze ist ein stilles Leben und gehört dem Allgemeinen an. Kaum träumt sie sich selbst. Das Tier fühlt sich im Einzeldasein und abgetrennter, eigner Bewegung; es hört, sieht und geht auf Raub aus. Deshalb findet man bei den Völkern, die am meisten Fleisch essen, die größte Macht in der Auffassung des Gegenständlichen (Objektivität), wie bei den Engländern; bei denen aber, die meist von Pflanzen leben, das sinnigste und tiefste Versenken in sich selbst (Subjektivität), wie bei den Indern. Iß Beefsteak und fliehe das gedankenlose Brüten! Sei voller Empfindung, so bist du doch leer, wenn sie der Gedanke nicht gestaltet. Das Gefühl ist gut; aber es ist nur Farbenschmelz. Der Gedanke ist die Zeichnung und offenbart allein den Geist des Meisters fest und erkennbar. Du wirst dich nicht in die Göttlichkeit hineinfaulenzen und empfindeln. Versage deinem Geiste die kühnsten Flüge nicht, sollten sie auch an Tollheit grenzen. Welch eine kecke Tollheit wäre für den trockenen Nüchterling das Dasein des Weltalls, wenn er die Shakespearsche Komposition und Unergründlichkeit darin zu sehen verstünde! Bete nicht, sondern denke! das heißt: Bete! Aber dein Denken sei hoch, rein und mutig, daß Gott sich daran freue. Lerne nur die zwei Worte begreifen: Ich bin; dann wirst du an Gott und Unsterblichkeit glauben. Kannst du nicht den kleinen Finger verlieren, ohne daß dein Ich dadurch vermindert werde? Bleibst du nicht geistig ganz und derselbe? – Wähne nicht einen Fetzen Gott in der Hand zu haben, wenn du einen Baumzweig abreißest. Es ist Faulheit und schändliche Wollust, zu glauben, daß wir uns einst in ein großes, allgemeines Meer von Ewigkeit auflösen und darin selig herumschwimmen werden. Wir sind und bleiben Bergstrom, jeder für sich durch eigene Kraft seinen Weg durch Fels, Stämme und Sand bahnend und Gott wird uns Ufer zu setzen wissen bis in alle Ewigkeit, auf daß unsere Kraft und Tat nicht, im allgemeinen Gleichgewicht sich träge wiegend, untergehe. Ein hoher König hatte in seinem Krönungssaale viele kostbare Kleinodien und Edelsteine. Da trat er zu dem schönsten und sprach: »Du leuchtest schön, aber dumm, denn du weißt und willst es nicht.« Darauf schloß er den Edelstein in eine prächtige Kapsel, diese wiederum in eine minder prächtige und so fort immer in gröbere und unscheinbarere, bis der Edelstein zuletzt in tausend sich umschließenden Kapseln steckte. Die äußerste war roh, dick und plump. Darauf warf er ihn in die schlechteste Rumpelkammer seines Palastes und sprach: »Da liege! Behalte die Kraft zu leuchten, und werde, was du kannst!« Als der Edelstein so in Nacht verschlossen lag, fühlte er zum erstenmal sich selbst, denn er sehnte sich nach dem alten, freien Lichte. Und so stark schossen seine sehnsüchtigen Strahlen durch alle Poren der tausend Verhüllungen, daß die äußerste, aus dem unedelsten Stoffe gebildet, es nicht vertragen mochte. Sie bekam Risse und sprang ab. Da sah der König einmal in die Rumpelkammer und sprach: »Ei! du siehst nun schon schmucker aus in deinem zweiten Kleide; du gehörst in ein besseres Gemach.« Und er brachte ihn in ein solches. Aber des Edelsteins Sehnsucht nach dem Lichte des Krönungssaales wuchs mächtiger und mächtiger, und mit ihr seine Leuchtkraft. Eine Kapsel sprang, doch erst nach langem Mühen, nach der andern ab und jedesmal tat der König ihn in ein prächtigeres Zimmer. In der letzten Kapsel endlich hätte sich wohl mancher Stein ganz behaglich gefühlt, denn sie war herrlich geschmückt und durchsichtig. Aber der Edelstein hatte den Krönungssaal nicht vergessen und hatte nicht Ruh noch Rast und strahlte sein Empfinden von sich, als ob er in Lichtflammen sein ganzes Wesen ausblitzen wollte. Und vor der Riesenkraft reinster Strahlen barst die letzte Kapsel und fiel klirrend zu Boden. Da nahm der König den Stein, trug ihn in den lichten, herrlichen Krönungssaal an seinen alten Platz und sprach: »Nun leuchte fort in Ewigkeit, dir zur Lust, mir zur Verherrlichung! denn du errangst dir jetzt, was erst dir geschenkt war. Es ist dein eigen, du weißt es und willst es.« (Ende des ABC-Buchs.) Der kleine Junius konnte sich an dem ABC-Buch nicht satt lesen. Er mußte freilich nun schon anfangen, auch in andern »Kinderbüchern« zu lesen: aber er tat es nur mit dem größten Ekel und kehrte zu jenem immer wieder, wie zu einer Erfrischung, zurück. Die Geschichtchen vom kleinen, ungezogenen Fritz und vom unvorsichtigen Franz und vom stillen, frommen Lottchen und von Hellmut dem Friedensstörer und dergleichen Plunder mehr, empörten sein junges Herz. Und wirklich, wie kann man so blödsinnig sein, Kindern dergleichen verderbten, süßelnden, sittenrichtelnden, affektierten, zugleich albernen und altklugen Kram aufzuzwingen? Die Kinder sind nicht kindisch, wenn wir sie nicht erst dazu machen. Sie sind nur noch nicht fähig, ihre Gedanken rund und klar auszudrücken. In dieser Unfähigkeit bannen wir sie aber fest, wenn wir in dergleichen Schmierereien ihren Kinderton, der für sie nur schlechter Notbehelf ist, und den sie nur als solchen erkennen und deshalb bekämpfen und überwinden sollen, unnatürlich und geziert nachäffen und ihnen so einbilden, es sei etwas Rechtes dahinter, und man müsse so sprechen und schreiben. Dadurch werden sie künftig in träger Ungeschicklichkeit erhalten, und viele bleiben in fortwährender Unmündigkeit des Geistes. Und das ist noch lange nicht das Schlimmste; denn offenbar gewöhnt solche Unnatur das junge Gemüt an Koketterie und Heuchelei; und wir haben es wirklich schon so weit gebracht, daß kein Wort mehr gesagt wird, wie es empfangen und empfunden ward. Wir sind durch und durch lächerliche Marionetten und kommen uns dabei nicht einmal komisch vor. Daran haben freilich jene sogenannten »Kinderschriften« allein nicht Schuld, und es wäre ein langes Kapitel. Aber ein schlechter Kerl oder ein Dummkopf ist der, der solch ein Buch schreiben kann; ein Tor überhaupt der, der eine eigene Kinderliteratur gelten läßt. – Der Leser hat ohne Zweifel schon einen Holofernesschen Beischmack im Munde, und so will ich denn ohne Umschweif gestehen, daß obige paradoxe und leidenschaftliche Stelle von den Worten: Und wirklich, wie kann man usw. Wort für Wort aus einem Tagebuche des Holofernes entnommen ist, das man in seinem Nachlasse fand. Es werden sich im Verlauf dieser Geschichte vielleicht noch mehr Gelegenheiten ergeben, solche Rhapsodien einzuflechten, und ich werde sie dann jedesmal, um nicht mit falschen Federn zu prunken, mit der Überschrift: A. d. T. d. O. H., das heißt: Aus dem Tagebuch des Onkels Holofernes bezeichnen. Der kleine Junius empfand instinktartig, was sein Onkel oben gesagt hat. Nie las er in seinen Kinderbüchern anders, als in einem parodierenden Tone, wobei er die possierlichsten zimperlich-ehrbaren Gesichter schnitt. Dies machte es ihm allein möglich, das Buch nicht gleich in die Ecke zu schmeißen und fortzulaufen. Nur seinem ABC-Buch widmete er sinnigen Ernst. Seine Mutter wollte ihn oft davon abbringen (ihrem Mann durfte sie's gar nicht sagen)und sprach: »Bist du schon wieder über dem Zeuge? Laß es doch endlich einmal!« – »Ach, Mutter, es stehen so schöne Sachen drin,« sprach dann Junius. »Ach was, schöne Sachen! verstehst du denn etwas davon?« Da sah Junius seine Mutter groß an, denn er verstand nicht, was sie mit dem Verstehn sagen wollte. Wäre aber Holofernes dabei gewesen, so würde er etwa so gesprochen haben: »Liebste Schwester, laß doch den Jungen! Kommt es denn überhaupt darauf an, ob der Mensch etwas versteht ? Nimm alles zusammen, was man so eigentlich versteht, ich meine: so recht einfach und kommißmäßig versteht, und was bleibt von unserm ganzen Reichtum übrig? Du meinst vielleicht, du verstehst, daß man Geld verdienen soll, weil man essen und trinken muß, um zu leben; das kommt dir ganz natürlich und handgreiflich vor. Aber warum mußt du essen? Und wie erhält die Speise dir das Leben? Verstehst du das? Gewiß nicht. Es würde mich aber zu weit führen, dir begreiflich zu machen, daß du eigentlich gar nichts begreifst, denn ihr Frauen nehmt alles so gerade hin, wie es ist, und das Nachdenken richtet euch wahrlich nicht zugrunde. Ich aber sage dir: wir wissen unendlich viel, aber wir verstehen unendlich wenig und das höchste, was wir wissen, ist das, was wir am allerwenigsten verstehen, nämlich: Poesie und Religion.« – Übrigens hatte Frau Habichs das ABC-Buch der Vorsicht wegen selbst durchgelesen und war darüber dreimal eingeschlafen, was sie für einen großen Triumph der Gelehrsamkeit ihres Bruders hielt, denn jedesmal, wenn sie aus dem Schlafe auffuhr, um weiter zu lesen, sprach sie: »Ist doch ein grundgescheiter Mann, mein Bruder.« Da sie nun außerdem merkte, daß das Wort Gott oft darin vorkam und einmal sogar ein Spruch aus der Bibel, so dachte sie: »Das muß doch recht fromm sein.« Und das war ihr lieb, denn sie wünschte, daß Junius dereinst recht fromm würde aus drei Gründen: Weil er, wenn er zu Gott recht inbrünstig um guten Fortgang des Geschäfts betete, gewiß erhört und dadurch ein sehr reicher Mann werden würde. Weil fromme Männer am meisten geneigt sind, sich eine Frau zu nehmen, um einen ehrbaren, gottseligen Haushalt zu führen. Damit Junius nach dem Tode nicht in die Hölle, sondern mit ihr zusammen in den Himmel käme, wo sie dann die Rolle der zärtlichen Mutter recht gemütlich und bequem in alle Ewigkeit mit ihm fortspielen könne. Solche Begriffe habt ihr von Religion! Wenn's hoch kommt, ist sie euch eine Seligkeitsversicherungsanstalt, in die man sich, sollte es einem auch unbequem werden, doch aus Vorsicht durch Gebet und Gottesdienst einkaufen muß. – Nunmehr prahlte sie auch gern mit ihrem Sohne vor ihren Klatschschwestern. Sie rühmte seine Fortschritte und wie schön er schon lesen könne, wußte ihn mit seinem ABC-Buch herbeizulocken und es durch »feine Winke« (durch die plumpsten Sticheleien nämlich) so einzurichten, daß die Klatschschwestern ihn aufforderten, ihnen daraus vorzulesen. »Nun, Kleiner, laß uns doch einmal etwas hören!« Junius schwieg. »Nun, Junius, wirst du nicht artig sein?« sprach dann die Mutter und sah ihn mit einem zurechtweisenden Parolebefehlblicke an. Da mußte er schon dran, so ungern er es tat. »Das Buch hat sein Onkel Holofernes selbst für ihn verfaßt,« warf Frau Habichs, als Junius schon den Mund öffnete, noch flüchtig, aber mit Wichtigkeit hin; die Klatschschwestern stießen mit einer kleinen Kopfbeugung und angenehm überraschtem Lächeln noch ein »So?« und »O!« aus, und Junius las laut und fest. Bei den unverständlichsten Stellen blickte Frau Habichs die Klatschschwestern, die sehr dumm lächelten, mit herausforderndem Selbstbewußtsein an. Nach einigen Sätzen sprach sie: »Es ist genug, lieber Junius! Du kannst jetzt spielen gehen.« Aber erst streichelte und küßte sie ihn, und die Klatschschwestern streichelten und küßten ihn auch in der Reihe herum, so daß ihm angst und bange wurde, und sprachen und schnatterten zu ihm: »Du hast wirklich allerliebst gelesen, lieber Kleiner!« und »Wie alt ist der Kleine jetzt, Frau Habichs?« und »Wirklich alles Mögliche!« Als er endlich aus der Stube geschlüpft war und draußen freier aufatmete, sprach Frau Habichs, indem sie einen preziösen Demutblick gen Himmel warf und mit einem frommen Dankseufzer: »Dem Himmel sei Dank! er hat wirklich außerordentlich viel Talent zum Genie.« – »Außerordentlich!« stimmten die Klatschschwestern bei. Als sie sich aber sechsmal empfohlen hatten (einmal vor dem Sofa stehend, zweitens an der Stubentür, drittens in der geöffneten Stubentür, viertens im Flur vor der Treppe, fünftens am Fuß der Treppe, sechstens und längstens an und vor der Haustür) und zusammen noch auf der Straße gingen, sahen sie sich mit einem leisen Ansatz zu einem noch ungeborenen, spöttischen Lächeln gegenseitig an und wußten schon, was sie dachten, ehe noch eine sprach. Endlich brach eine das Schweigen und sagte mit liebevoller Bosheit: »Die gute, liebe Frau! sie hat ihren Kleinen sehr lieb, und das schätz' ich außerordentlich an ihr. Aber der Himmel wende ihr Herz von Hochmut ab! Es ist wahr, der Knabe ist weit genug für sein Alter –« »Nun, so etwas Besonderes sehe ich eben nicht an ihm,« warf eine zweite, mit schnippischer Nase, hin. »Und wenn ihn die gute Frau nur nicht völlig verdirbt«, sagte die dritte besorgt. »Am Ende zieht sie nichts, als einen Papageien aus ihm.« »Das ist sehr zu befürchten,« stimmten Nr. 1 und 2 bei, und nun trennten sie sich, und jede ging mit befriedigtem Herzen heim. Der Leser wird sich wundern, daß bei der ersten Bildungsgeschichte des kleinen Junius gar nichts von dem nur einmal erwähnten, stillen, jungen Menschen und von Herrn Habichs selbst gesagt wird. Aber das ist ganz natürlich. Der stille, junge Mensch war eben ein stiller, junger Mensch, von dem, vor der Hand, hier gar keine weitere Schilderung entworfen zu werden brauchte, wenn es eine wahrhaft vollständige Zoologie gäbe; denn der Leser könnte dann unter der Rubrik: Einheimische Haustiere, den Artikel: der gemeine, deutsche Hauslehrer nachschlagen. Nicodemus (um ihm doch einen Namen zu geben) war sehr arm, und seine Existenz hing von der Zufriedenheit des Herrn und der Frau Habichs ab; da ersterer aber täglich zwölf Stunden im Turme saß, hauptsächlich von der Frau Habichs. Teils dies, teils ein durch Not von Kindheit anerzogenes Pflichtgefühl ließen ihn sein Lehrgeschäft bei Junius mit unerschütterlich gleichmäßigem Eifer und der gewöhnlichen, das heißt, sehr gewöhnlicher Einsicht ergreifen. Je nachdem Junius rasche oder langsame Fortschritte machte, stand der Lehrer in Gunst oder Ungunst bei der Frau Habichs; ja noch mehr: die raschen Fortschritte schrieb sie lediglich dem Genie ihres Sohnes, die langsamen aber der Ungeschicklichkeit des Lehrers zu. Dieser erschrak bei jeder sauern Miene der Gnädigen, denn gleich fiel ihm durch eine rasche Ideenassoziation, das Wort: »Fortgejagt werden« ein, an das sich unmittelbar ein anderes: »Hungern« anschloß. Es war ein Glück, daß Junius wirklich rasch faßte, sonst wäre die Stellung seines Lehrers die qualvollste von der Welt gewesen. Das ABC-Buch des Onkels Holofernes behagte ihm gar nicht und in einem kühnen Augenblicke wagte er's der Frau Habichs schüchtern vorzustellen, es seien Dinge darin enthalten, die einem Kinde gefährlich werden, oder wenigstens es verwirren könnten. Da blickte die Gnädige ihn vornehm und imponierend an, und sprach: »Sie werden sich doch nicht herausnehmen wollen, von meinem gelehrten und berühmten Bruder Holofernes zu proponieren, daß er so stupend oder so malkontent sein könne, seinem eigenen Neffen ein Buch zu machen, das phantastisches Vermögen zu giftigen Prinzipien insinuieren könne? Wahrscheinlich,« fuhr sie gütiger und fast angenehm lächelnd fort, »sind Sie, junger Mann, in der höheren Wissenschaft noch nicht so weit instigiert, um alle Tendenzen des Buches gehörig zu verstehen; aber ich habe es selbst gelesen und versichere Ihnen, daß es mir nicht gefährlich geworden ist, und weil mein lieber Junius es einmal so will, so behalten Sie es auch ferner zum Unterricht bei, und stören Sie den Knaben nicht in dem Entwickelungsgange, wozu die Fähigkeiten seines Talentes ihn treiben. Nur,« fuhr sie mit einem Drohung andeutenden Seitenblicke fort, »dürfen Sie, wie Sie wohl wissen, meinem Gemahl nichts davon effektuieren, denn er ist in solchen Dingen durch pedantische Borniertheit eigentümlich und versteht den Aufschwung höherer Seelen nicht.« Und Nicodemus machte ein ganz gehorsamstes Kompliment und behielt, gegen seine Überzeugung und anfangs mit stillen Gewissensbissen, das ABC-Buch bei; wie er denn überhaupt die personifizierte Geduld war, gefesselt an den Felsen des Stillschweigens, wenn auch der Geier: Weiberlaune ihm täglich die Leber fraß. Übrigens wurde er, außer dem Stundengeben, von der Frau Habichs auch noch zu allerlei kleinen Nebendiensten gebraucht, als da sind: ihr die Baumwolle mit beiden Händen zu halten, wenn sie solche abwickeln wollte, Stickmuster abzuzeichnen, zu frankierende Briefe auf die Post zu besorgen und das Geld dafür auszulegen (ein paarmal bekam er es gar nicht wieder, weil er zu schüchtern war, es zu fordern), einmal sogar, sagt die Fama, zum Stubenkehren, weil gerade niemand anders bei der Hand war, vor allem und hauptsächlich aber, ihr aus der Lesebibliothek recht schöne (das heißt möglichst schlechte) Romane zu besorgen, und selbige, damit der Herr Habichs es nicht merkte, während dessen Anwesenheit in seiner Stube zu verbergen. Denn durch den romantischen Hang ihres Junius (wie sie es nannte), fühlte sie sich gleichsam verpflichtet, eine ähnliche Richtung einzuschlagen, um ihrem Söhnlein nicht nachzustehen; und so erwachte die lange unterdrückte Lesesucht in ihr mit neuer, verdoppelter Wut. – Alles dies verrichtete Nicodemus auf das devoteste, und war froh, daß ihm nichts Ärgeres angesonnen wurde. Herr Habichs aber bekümmerte sich wenig um seinen Sohn, denn er hatte keine Zeit dazu. Nur selten kontrollierte er nach den Bureaustunden den Stand seiner Fortschritte, indem er ihn etwas lesen ließ. Natürlich mußte dazu eines jener erwähnten, süßlichen Kinderbücher genommen werden. Der travestierende Ton und die ironischen Gebärden des Knaben beim Lesen bemerkte Herr Habichs, der bloß für Zahl und Geschäft Auge und Ohr hatte, nicht, er bemerkte bloß die Geläufigkeit, und da er diese in der Ordnung fand, so nahm er alles ohne Lob und Tadel hin, wie wenn er ein revidiertes Kassabuch richtig befand. Übrigens fand durchaus kein Gemütsverhältnis zwischen ihm und seinem Sohne statt, denn Herr Habichs betrachtete ein Kind nicht als einen Menschen, sondern lediglich als ein Ding, in dem die Menschwerdung erst dann aufdämmere, wenn dasselbe es in der Zinsrechnung zu sicherer Geläufigkeit gebracht habe. Bis dahin war Junius für ihn nur ein unnützes, verdrießlich störendes Hausmöbel. Für die Frau Habichs hingegen war er ein zierendes Spielzeug, das man, etwa wie einen porzellanenen, nickenden Pagoden, den Besuchenden zeigen, Kunststücke vormachen und bewundern lassen kann. Der größte Teil der Bewunderung fiel dann natürlich immer auf die Mutter zurück. Kapitel VII In dieser Zeit, und als Junius schon mit dem Schreibenlernen beschäftigt war, bekam die Frau Habichs zu ihrer großen Freude (denn sie hatte ja nun ein Spielzeug mehr) ein Töchterchen, das Malwina genannt wurde. Des Herrn Habichs Gesicht dabei war weder süß noch sauer. Eine Tochter war ihm nicht recht, weil sie kein Geschäft treiben konnte, und doch konnte er hoffen, einst durch sie eine angesehene und nützliche Verbindung einzugehen. So ließ er es dahingestellt sein. Junius aber hatte in dem lächelnden, schwarzäugigen Kinde das erste Wesen gefunden, das er von ganzer Seele lieben konnte. Sie ward der Morgenstern, der dem hellen Liebestage seines Lebens vorleuchtete. Am schlimmsten hatte es dabei die kleine, häßliche Katze, die bisher, seit Junius nicht mehr zum Püppchen zu brauchen war (denn zu tändeln müssen Weiber immer etwas haben), bei der Frau Habichs Kindesstelle vertreten hatte und demgemäß auf dem Schoß gewiegt, gehätschelt, getätschelt, überfüttert und gegen jede Beleidigung mit edler Entrüstung verteidigt worden war. Natürlich fand Frau Habichs ihr eigenes Töchterlein nun noch viel niedlicher als die kleine, häßliche Katze. Diese wurde vom Schoß geworfen und fortan mit Fußtritten in gehöriger Entfernung gehalten, bekam auch kein Futter mehr. Ein wichtiger Abschnitt in ihrer Ausbildung, denn sie soll seitdem gelernt haben, sich selbst Mäuse zu fangen. Dies letztere steht nur hier, als ein Fingerzeig für denkende Eltern, die ihre Kinder zu einer edlen Unabhängigkeit erziehen wollen. Aber auch für Junius nahte sich eine wichtige Lebensepoche. Er hatte nämlich schnell schreiben gelernt und seinem Vater eines Abends ein schöngeschriebenes Probeblatt überreicht. Dies war nach Herrn Habichs Meinung die erste beachtenswerte Lebensregung des Knaben und er schenkte ihm einen Groschen und ermahnte ihn, nun mit Fleiß ans Rechnen zu gehen, denn dies sei die Hauptsache im Geschäft, folglich auch im menschlichen Leben. Den andern Tag aber, als Junius nach vollbrachter Lehrstunde in den Garten spielen gehen wollte, gab ihm die Mutter, obgleich Herr Habichs es verboten hatte, das Guckglas des Onkels Holofernes mit. Junius nahm es spielend in die Hand, sprang in den parkähnlichen Garten und vertiefte sich in die Irrgänge desselben bis zu seinem Lieblingsplätzchen am äußersten Rande des Gartens. Hier warf er sich, selig froh, unter einem uralten, blühenden Lindenbaum nieder, an dem ein heller Quell leise plätschernd vorbeizog. Blumen neigten und schmiegten sich an seine frische Wange, als wollten sie ihn streicheln, um und über ihm summten emsige Bienen. Da führte er halb träumend das Guckglas zum Auge und richtete den Blick hinauf in die blühenden Zweige. Aber Himmel, wie ward ihm! Wie von tausend Blitzen, bunt und wirr verschlungen, zuckte es mächtig vor seinem rasch geblendeten Auge und dazu rauschte, brauste und sang es auf ihn los in riesiger Klangesmacht, als ob von allen Seiten Donnerschläge über ihn herstürzten. Ein ungeheures Labyrinth von zuckenden Lichtern und, aus seinen Tiefen dringend, ein tausendstimmiger Riesenchor. Überwältigt und betäubt sank Junius zurück und schloß zitternd die Augen. Doch der Schrecken, der ihn danieder warf, war ebenso süß gewesen, als furchtbar. Er konnte nicht widerstehen und, von wonniger Bangigkeit durchschauert, führte er das Glas wieder zum Auge und schaute rund um sich auf Zweige, Blumen, Quell und Himmel. Wieder stürmte es mächtig auf ihn ein, aber er hielt kräftig aus, und wie er immer länger, fester und mutiger um sich blickte – siehe! Da löste sich der Tumult gemach, das Wallen des Lichtmeeres wurde zu leiserem Wogen, das Wogen zu unmerklichem Zittern und schau! nichts waren die Blitze gewesen, als die Fülle der Farben und Gestalten ringsum, wie er sie sonst schon oft geschaut hatte, aber zu einem so unaussprechlichen Lichtglanz erhöht, und doch wieder gemildert, daß der ungewöhnte, bewilderte Sinn so hohe Schönheit auf die ersten Augenblicke nur als Chaos auseinandergerissener, wirrender Glanzstücke und Streifen in sich aufzunehmen und walten zu lassen vermochte. Und auch das vielverschlungene, durcheinander hallende Donnergeroll ließ, so schien es, nach, und wie der Mond befriedigend aus dem Kampf zerrissener Nachtwolken tritt, so tauchte leissäuselnd die Harmonie aus dem Riesengefecht der Klänge und horch! was er für Donner gehalten hatte, war nichts, als das Brausen und Flüstern der Zweige, das Plätschern und Rauschen der Quelle, das Summen und Dröhnen der Bienen, das Girren und Zwitschern der Vögel, wie Junius es sonst gehört, nur daß es ihm mit eins, allmächtig und verständlich, voll und reich bis ins tiefste Herz hinein zitterte und klang. Und was er sonst als ein einziges, dunkelverworrenes Tönen vernommen hatte, darin fühlte er jetzt tausend unterschiedene, deutlich erkennbare Stimmen, und doch umflutete es ihn in einem einigen Wogenschlage des Wohllauts. – A. d. T. d. O. H. Es gibt gar keinen Unterschied von laut und leise. Es ist nur je nachdem man's hört. Wenn wir abends nicht einschlafen können, und eine einsame Mücke uns um das Ohr singt, alles umher still, wenn wir uns dann ganz in diesen zudringlich peinigenden und doch unwiderstehlich fesselnden Singsang vertiefen, so klingt es lauter im Ohre, als ein lebhafter Marsch eines ganzen Musikkorps mit Trommel, Triangel und halbem Monde. Ja, der lauteste Schall, wenn er anhaltend ist, wird nach und nach für unsern Sinn völlig identisch mit der allertiefsten Stille, so wie die gewaltigste Bewegung dann den Eindruck majestätischer Ruhe macht. Dies versteht nur der, der mindestens einen Eisgang des Rheins einmal mit angesehen hat, wo man bald zu der Überzeugung kommt, die Eismassen stünden still, und nur das Ufer fliege an ihnen vorbei, sowie: die Eismassen machten durchaus keinen Lärm, sondern das Ufer, auf dem man sein eigen Wort nicht hören kann, sei stumm geworden. Hören wir doch selbst den donnernden Umschwung unserer eigenen Erde nicht, und der Sonnenuntergang ist für uns ein langsam feierliches Schauspiel, da sich doch die Erde mit der Geschwindigkeit einer abgeschossenen Kugel dreht. Wenn einmal plötzlich die Erde und der ganze sausende Sternenschwung still stünden, dann würde diese ungeheure Stille auf unser Ohr sicherlich ganz denselben Eindruck machen, als ob mit eins ein furchtbares Krachen zermalmend auf uns einbräche. – Immer klarer und heller ward es vor Junius Auge und Ohr, je mehr er seinen Blick durch das Glas übte, und eine neue Wonne durchströmte warm alle seine Glieder, alles um ihn her war so zauberschön, wie sonst nur Träume sind, und doch fühlte er, daß er erst jetzt alles in seiner eigensten Wirklichkeit erkenne. Alle Formen und Gestalten traten in bedeutsameren, kräftigeren, schwungvollen Umrissen hervor und doch weich und mild verschmolzen, wie nie. Er sah nicht bloß, wie die Dinge aussahn, sondern auch, was sie bedeuteten. Die geheimnisvollen Hieroglyphen der Natur hatten für sein Auge unmittelbare Verständlichkeit gewonnen, ohne an süßem Reiz zu verlieren, denn je mehr er forschte und an lebendiger Erkenntnis eroberte, desto mehr blieb zu forschen übrig, desto reicher und geheimnisvoller umschlang ihn das noch nicht Erkannte. Und die tausend Sangweisen um ihn grüßten ihn trauter und trauter, je inniger er lauschte, und wurden zu lobpreisenden Liedern, die ihm alles, was dem Auge noch versiegelt war, aus dem Innersten der Erscheinung heraus schmeichelnd anvertrauten. Sie waren die Seele, das echteste Wesen der Dinge selbst. Er konnte nicht sagen, daß es Worte wären, was er hörte, aber in seinem Innern wurde all das wonnige Geräusch augenblicklich zu lebendigen Gedanken, und die Gedanken zu wohllautendem Wortstrom, der im Drange, hervorzuquellen, ihm fast die Brust zersprengen wollte. So bebte in ihm das Säuseln der Linde nach, freilich unendlich schwächer, als er es vernommen hatte: Zum Schoß des Reinsten, was der Erd' entschwillt: In himmelspiegelnd heilig heitre Flut Versank das Reinste, was vom Himmel quillt: Ein Lichtstrahl, zitternd leis aus heil'ger Glut. Er zuckte Leben in den Keim, den Zwerg, Der aus sich selbst nun schwoll und wuchs und schoß, Bis er gen Himmel ragte, wie ein Berg, Und tausendfach sich teilte, Sproß um Sproß. So ward aus weicher Flut und zartem Licht So Formenpracht, wie Heldenkraft, gewebt; Schau, wie sich Strahl um Strahl zum Blatte flicht, Wie Well' auf Welle bis zum Wipfel strebt! Es nimmt und spendet Licht der Blüte Mund, Gleich deinem Aug', das Himmelsstrahlen sprüht, Und flüsternd tut er dir die Sage kund, Wie Geistigstes am schaffendsten durchglüht. Wie Mildestes sich eint zu höchster Kraft, Zu längster Dauer allerfeinster Stoff, Wie Leben sich an Leben mächtig rafft, Wo reinstes Licht in reinste Erde troff. Und was so irdisch strotzend zu dir spricht, So fest in Erdenbrust zu wurzeln scheint, Ist nichts, als helle Welle, heil'ges Licht, Zu Stamm und Krone wundersam geeint. Die Bienen summten: Ich schweife fort auf irrer Wanderfahrt, Und was mich lockt, erblick' ich hier und dort, Ich küsse tausend Blüten jeder Art; So geht's von einer Lust zur andern fort. Doch was ich schwärmerisch und wirr genoß, Das trag' ich endlich sorgsam sinnend heim, Da bau' ich draus ein wohlgefügtes Schloß, Mit tausend Zellen, voll von süßem Seim. Und starb da draußen schon die Blumenschar, Flieg' ich vergebens aus nach Blütenkuß; Ist all das Süße, was mein eigen war, Daheim erhalten mir aus einem Guß. Und in dem Seim, den ich bereitet still, Fühl' ich die ganze, lichte Frühlingswelt; Nur wer im All das Eins erringen will, Dem glückt's, daß er das All sich froh erhält. Die Vögel sangen: Die Erde, die liegt so weit und groß Und schlummert und träumet leis; Dort Palmen stolz, hier friedliches Moos. Und keins vom andern was weiß. Da formte der fernendurchschweifende Geist Ein Stücklein vom feinsten Ton Und schmückt es, daß es schillert und gleißt; Habe Dank, du Lüftesohn! Und von mutwilliger Winde Hauch Schuf er ihm die Seele bald: »Da fliege du hin von Strauch zu Strauch, Da fliege von Wald zu Wald!« »Da fliege du hin von Land zu Land, Und mach', als Herold recht, Süd, Nord, Ost, West miteinander bekannt, Geschlechter mit Geschlecht.« »Was du von der Palme Träumen geschaut, Das singe den Tannen im Nord, Und was die Tanne dir ernst vertraut, Das bringe den Palmen dort!« »Und wie es im Grünen schlummert und lacht, Das künde den Lüften blau, Und wie es im Äther atmet und wacht, Das singe der träumenden Au!« So fliegen wir leicht von Land zu Land, So streifen wir hin und her, Und flechten singend ein goldenes Band Um Himmel und Erd' und Meer. Und nickend lauschet die volle Welt, Und eins im Traume das andre sieht, Denn unser Sang hat das All gesellt Zu einem einzigen, jauchzenden Lied. Und leis verklingend hallte das Lied der Lerche nach: Die Sternlein dort sing' ich zur Ruh, Die Blümlein weck' ich auf, Und schließen die dort die Äuglein zu, Schaun die verwundert hinauf. Und die Quelle rauschte: In der Erde Busen schwillt es, Heil'ge Kräfte werden wach, Ineinander treibt und quillt es, Strömt zusammen Bach in Bach. Und in silberhellen Bronnen Drängt es wallend sich hervor; Quelle grüßt das Licht der Sonnen, Jauchzt ihm zu im Orgelchor. Was da drinnen tief gewaltet, Plaudert sie dir freundlich aus, Wie's hier draußen sich entfaltet, Geht sie dann auf Kundschaft aus. Einmal ihrer Gruft entriegelt, Weilt sie nie an einem Ort, Doch, was flüchtig sie gespiegelt, Kennt und liebt sie fort und fort. Wie die Bäume schnell entrücken, Hinten bleibet Strauch und Moos; Aber frisches Waldentzücken Nimmt sie mit im hellen Schoß. Tiefster Erdennacht entrissen, Leis' von Himmelslicht erhellt, Faßt sie in lebend'gem Wissen In sich auf die ganze Welt. Himmelsstrahlen müssen wecken, Doch erhalten muß die Flut; Wasser ist das heil'ge Becken, Drin des Lebens Spende ruht. Kapitel VIII Und hundert und hundert andre süße Märchen und Sagen und tiefe Worte drangen aus Blüte, Blatt, Gras und Luft dem Knaben ans Herz; aber sie tönten schöner, reiner, klarer und voller, als er sie in menschlicher Sprache nachzudenken vermochte, und tausend innige Augen lächelten und grüßten dazu. Selig und leicht ging er umher und ging weiter und weiter, und überall neue Gesänge, neue Verkündigungen, neue Offenbarung; und doch war eins im andern schon enthalten, alles nur wie lieblich wechselnde Variationen auf ein einziges, ewiges Thema. Und diese Grundmelodie war ihm so neu zugleich, und doch so altbekannt. Er mußte sie schon einmal in frühster Kindheit, ehe er nachdenken konnte, irgendwo gehört, aber dann lange, lange vergessen haben, meinte er. Sie hatte so lange in ihm geschlummert. Und das hatte sie wirklich, aber nicht seit Jahren her, wie er sich einbildete, sondern seit Jahrtausenden. A. d. T. d. O. H. Ich glaube, es hat's schon längst einer gesagt: daß der Mensch nichts erlernen kann, als das, was er schon weiß. Hätt's noch keiner gesagt, so würde ich jetzt diesen Gedanken, als einen ganz originellen, meiner eignen lieben Eitelkeit wie einen besonderen Leckerbissen vorsetzen. Aber mag's auch ein andrer gesagt haben, so hat's diesmal auch für mich seine Tiefe und Wahrheit. In uns ruht vom Beginn der Dinge her eine eingeschlummerte Allwissenheit. Da sind unzählige Bilder, Gestalten, Worte und Gedanken, gleich den Einwohnern jener Stadt, die durch Zauber versteinert waren; und so werden wir in diese Welt der Erscheinungen und Klänge geworfen, wie blinde Hündlein. »Nun schaff dir selber Rat und finde dich zurecht!« Aber wenn der rechte Ton oder Strahl von außen in unser Inneres hineinfährt, da wird da drinnen das zu ihm gehörende Bild oder Wort aus dem Zauberschlaf geschreckt, erlöst, wird lebendig, wie das Memnonsbild beim Gruß der Sonne. So lebt die ausgestorbene Stadt auf, und da ist ein Volkstrubel und Gewirr, da wogt und webt eine lebendige Ideenwelt, so daß wir schon hier meinen, ein Gedankenall in der Brust zu hegen und es kaum ertragen mögen. Wie wird es uns erst dort werden! Und dies gilt nicht bloß von den Erscheinungen der Natur, ihrer Bedeutung und ihrem Zusammenhange, auch nicht bloß von den allgemeinen innern und äußern Eigenschaften des Menschen, nein! auch von der ganzen Weltgeschichte, ihrem Verlauf und Zusammenhange bis zu den einzelnsten Charakteren, zu den geringsten, scheinbar zufälligen Tatsachen. Es war uns alles schon unbewußterweise bewußt, sonst könnten wir gar nichts davon verstehn. (Ein Beweis übrigens, daß auch das Kleinste wichtig, weil es göttliche Offenbarung ist.) Zumal einen Charakter könnten wir gar nicht begreifen, wenn wir ihn nicht ganz, sein Hassens- und Liebenswertes, sein Hohes und Niederes schon in uns selber trügen, mithin nachfühlen könnten, und so tragen wir wirklich jeden nur möglichen Menschencharakter in uns, das heißt, jeder einzelne Mensch ist zugleich der Inbegriff der ganzen Menschheit . Er weiß es nur in keinem Augenblicke ganz , sondern heut weiß er dies, morgen jenes, und dies weiß er öfter, als jenes. Die Durchschnittssumme derjenigen Eigenschaften, Empfindungen und Gedanken, deren Bewußtsein sich bei ihm am häufigsten wiederholt, nennt er dann: seinen Charakter . Ich aber weiß, daß ich in Augenblicken schon Nero und Caliban gewesen bin, und daß ich alles sein kann . Übrigens entspringt aus dem Satz: jeder Mensch ist zugleich der Inbegriff der Menschheit, die tröstende Überzeugung, daß keiner , von welcher Seite er sich auch eine Spanne Zeit hindurch zeige, für die Ewigkeit verloren gehen kann. Man hat sich, nach allem Gesagten, gar nicht so übermäßig zu verwundern, daß ein Mondsüchtiger Klavier spielen kann. Die ewigen Gesetze der Musik liegen in jedem, und dies ist ein augenblickliches, energisches Zurückbesinnen. Auch die ganze Seherin von Prevorst ist so, ohne stinkige Frömmelei, genügend kommentiert. Es ist eben nichts weiter, als daß wir früher einmal alles gewußt haben, was da war, ist, und sein wird. Unsere Bestimmung hier ist, dies Wissen selbsttätig wieder aus uns heraus zu entwickeln, so weit das begrenzte Lokal es gestattet. Großes Vorgerücktsein in dieser Fähigkeit macht, wenn es formell erstarrt, den Philosophen; wenn es in lebendigem Fluß und Werden bleibt, den Dichter, das heißt die eine Seite des Dichters. Die andre ist, daß er dergestalt bis auf den Grund der Sprache sieht, wie einer, der von der Oberfläche des Meeres mit einem Blick alle seine Tiefen durchschaute, alles Lebendige und Herrliche, was sie hegen, alle Tiere, Korallen, Perlen, alle versunkenen und vergessenen Schätze und Städte. Wie Junius, im Genuß seines neuen Glückes, umherschwärmte, kam er unvermerkt aus seines Vaters Garten heraus in eine schöne, waldige Wildnis, welche die Stadt von einer Seite begrenzte und an den Garten stieß. Da sah er eine duftige, glühende Walderdbeere stehen, und die Zweige darüber säuselten: Wie die ganze Welt sich senket In des Menschen stille Brust, Was er von ihr sinnt und denket. Das nur wird ihr selbst bewußt – Und wer ihm ins Herz geschauet, Nennt die Welt erkennend sein: Also ist herabgetauet, Leis von jedem Zweig im Hain, Aller frischen Einsamkeiten Selig labendes Gefühl, Alles Girren, Liedesstreiten, Rauschen, Wirren, Waldgewühl. Und in jener süßen Beere Ward's ein holdes Angesicht, Das mit Lächeln, was er wäre, Neu zum Walde selber spricht. Denn des Waldes ganze Seele Ist in ihr erst aufgelebt: Schattenlied der Philomele Selber ward in sie verwebt. Schon im Dufte, leis verstäubend, Kündet Waldgeheimnis sich: Koste sie! und übertäubend Kommt Waldwonne über dich. Junius ließ sich das nicht umsonst sagen. Er aß die Beere und wie trunken, und doch kühl und frei um die Stirn, streifte er weiter, denn er hatte im Aroma der Beere das ganze würzig frische Waldleben durchgekostet. In der Fülle seines Herzens begann er zu singen: Welches Wunder! es beginnen Draußen tausend süße Lieder. Welches größre Wunder! drinnen? Tönen tausend süßre wieder. Jeder Klang zum Herzen hüpfend, Findet drinnen den Gesellen; Lächelnd durcheinander schlüpfend, Plätschern sie in Klangeswellen. Singt es draußen, singt es drinnen? Oder singt es allerorten? Bin ich's selber? Oder spinnen Zweig und Blüte sich zu Worten? Nun, so will ich niedertauchen Und nicht weiter danach fragen, Heiß nur in die Frische hauchen Wunderseligstes Behagen. Aber zwischen den süßen Sang fuhr mit einemmal wie ein schartiges, rostiges Schwert, das einen Rosenzweig zerschneidet, eine ängstliche, heisre Stimme: »Junius! Junius!« und heran keuchte Nicodemus, vom Gesange endlich richtig geleitet, atemlos und glühend, mit verwirrten Haaren, an denen einige Waldblätter hängen geblieben waren, die sein philisterhaftes Antlitz mit phantastischer Ironie ausschmückten. »Gott sei dank! da bist du ja. Komm gleich mit zur Mutter! Ach! ich habe deinetwegen viel leiden müssen, unglücklicher Knabe! Wie kannst du dich auch so rücksichtslos bis nach dem Mittagessen herumtreiben und uns alle in Angst setzen? Und du weißt, daß dein armer Lehrer immer das meiste dabei zu leiden hat. O Gott! was muß ein armer Teufel nicht alles herunterschlucken!« – Und herunterschlucken hatte er viel müssen, in der Tat. Die Frau Habichs hatte, als Junius immer und immer nicht nach Hause kam, erst den Garten durchsuchen lassen und dann, in ihrer Seelenangst, das ganze Haus in Bewegung gesetzt. Das kommt davon (fuhr sie den armen Nicodemus an) wenn Hauslehrer sich einbilden, ihre Zeit für sich anwenden und in albernen, gelehrten Büchern kramen zu dürfen. Werden sie von den Büchern bezahlt, mein Herr? Werden Sie von den Büchern gekleidet und satt gemacht, mein Herr? Gehn Sie Ihrer Wege und nehmen Sie die Bücher mit und sehen Sie, wie weit Sie damit kommen, wenn Sie Ihr Pflichtgefühl nicht besser ausfüllen wollen! Wenn Sie Gewissen und Ambition hätten, so würden Sie jeden Tritt und Schritt des lieben, unglücklichen Kindes bewachen. O Gott! wer weiß, ob nicht die Fluten des Baches jetzt über seine dahingeschiedne Seele rauschen! (schluchzte sie und fuhr dann plötzlich auf): »Auf der Stelle fort und suchen Sie, suchen Sie! Wenn Sie ein Mensch von zarteren Sentiments wären, so würden Sie schon längst fort sein, ohne meine Invitation. Und wenn Sie das gute, arme unglückliche Kind nicht mitbringen, so rate ich Ihnen nicht, mir noch vor die Augen zu kommen!« Nicodemus war froh, sich fort machen zu dürfen, und suchte, von dannen eilend, möglichst wenig von dem Gewitter zu hören, das ihm aus der Ferne noch nachgrollte: »Das hat man davon, wenn man einem so stupenden Menschen, einem solchen authentischem begus kambi sein Teuerstes anvertraut usw. usw.« dies und mehr wurde als Monolog gesprochen und Nicodemus hatte wenigstens das Glück, darin nur in der dritten Person zu figurieren. In der Tat war es aber doch deshalb so laut geschrien, damit er's hören sollte. Dies alles geschah, als man sich eben zum Mittagessen anschickte. Herr Habichs war mehr verdrießlich, als unruhig. »Dummes Herumtreiben das! Warum gibt ihm Herr Nicodemus nicht mehr zu arbeiten auf? Hätt' ich den Bengel nur erst auf dem Bureau, dann könnten dergleichen Unordnungen nicht vorkommen.« Als er nach Tisch in den Turm zurückging, hinterließ er aber doch den Auftrag, man sollte es ihm sagen lassen, wenn der Junge wieder gefunden wäre. Nicodemus hatte auf diese Weise nichts zu Mittag gegessen, aber die Angst um sich selbst und um seinen Lehrling ließ ihn gar nicht zum Hunger kommen. Rufend und keuchend war er stundenlang im Walde umhergestrichen und zwar hatte er in der ganzen Zeit, ohne es zu merken, immer und immerfort, wie ein blindes Pferd in der Pulvermühle, nichts, als einen engen Kreis gemacht, immer nur wenige Schritte von Junius entfernt; so sehr hatten Haß und Angst seinen außerdem nicht glänzenden Ortssinn umnebelt und desorientiert. (Man ziehe gefälligst den Hut vor Einbürgerung dieses Fremdwortes!) Junius würde ihn längst gehört haben müssen, hätte er nicht auf andere Dinge zu hören gehabt. Jetzt sah er ihn ganz erstaunt an, denn er hatte nichts davon gemerkt, daß er schon seit Stunden in Wonne schwelgte. Als er aber hörte, daß Nicodemus in seiner Anrede des Mittagessens erwähnte, sprach er ganz heiter: »Ei! ich brauche nichts, ich habe schon gegessen, getrunken, gehört und gesehen. Ich habe Wohllaut in Strömen getrunken und alle Waldwunder in der roten Beere gekostet. O, kosten Sie auch, Herr Nicodemus!« »Mache jetzt keinen Spaß mehr, sondern komm!« sprach Nicodemus. Als er aber die vollen Erdbeerbüsche sah, auf die Junius lächelnd hindeutete, bückte er sich doch, instinktmäßig, um sie im Weggehn noch schnell mitzunehmen und seinen lechzenden Gaumen damit zu laben. »Nun, wie wird Ihnen? (sprach Junius) Hören Sie die tausend süßen Stimmen? Fühlen Sie Waldfrische im Atem Ihrer Brust und Waldeswohllaut im Schlage des Herzens?« – »Mach keinen Spaß, sage ich dir, Junius, sonst reizest du die Mutter noch mehr,« sprach Nicodemus und nahm ihn bei der Hand. Junius ließ sich gutwillig führen, schwebte aber mehr, als er ging, und sang für sich sein voriges Liedchen: Welches Wunder! es beginnen usw. Schon im Garten flog die Mutter ihnen entgegen. Man kann leicht denken, daß von Vorwürfen nicht mehr die Rede war. Junius wurde mit Küssen auf Mund, Wange, Stirn, Kopf, Nase und Hand fast erdrückt: »Wo warst du denn, du armer, armer Junge?« Dies waren die einzigen, oft wiederholten Worte der Frau Habichs. »Wo ich war? Je, Mutter, im Waldesparadiese, wo die tausend Stimmen von holden Wundern sangen.« Das überhörte die Mutter noch. Als sich ihre Ekstase ein wenig gelegt hatte, sprach sie: »Aber jetzt komm und iß! du wirst recht hungrig sein, du armer, armer, armer Junge! – Nun, Herr Nicodemus! (fuhr sie diesen, der ganz verlegen und dumm aussehend, wie immer die dritte Person bei einer rührenden Szene, dem Treiben zugesehen hatte, etwas barsch an), Sie stehn noch hier? Sie hätten auch wohl so diskret sein können, schon längst zur Köchin zu gehn und ihr zu sagen, daß sie das Essen aufträgt für meinen armen, armen Jungen, damit mir das Kind nicht hungert.« Herr Nicodemus eilte im Trabe davon; aber Junius rief: »Nein, liebe Mutter, ich brauche nichts. Bleiben Sie, lieber Herr Nicodemus! ich habe gegessen, ich bin ganz satt von Waldlust und Waldernst, ich habe alle Waldwunder in der roten Beere gekostet.« Bei diesen Worten stutzte Frau Habichs schon einigermaßen. »Komm und iß! (sprach sie) es ist dir nicht gesund, lieber, Junius, wenn dein Magen so lange in Insolenz bleibt; du wirst mir sonst am Ende gar krank, du armes, armes Kind!« (Neues Küssen.) »Nein Mutter! ich mag, ich kann nicht essen, gewiß nicht! Aber erzählen will ich dir, viel, viel erzählen. Denk' dir nur, was die alte Linde mir gesungen hat! Höre!« – und hier wiederholte er den ganzen Gesang des Lindenbaums. Seine Augen funkelten, seine Wangen glühten, seine Stirn bebte; so ergriff ihn die Erinnerung. Die Mutter wollte ihn erst unterbrechen und liebreich schelten, aber, aufmerksam gemacht durch den Rhythmus, horchte sie auf, und horchte weiter und stand mit weit offnem Munde und vom Schreck aufgerissenen Augen da. »Um Gottes Willen! was ist dir, was fehlt dir, Kind? Um Gottes Willen, sprich!« »Nichts fehlt mir, gar nichts; mir ist gar wohl, liebe Mutter, und ich bin sehr fröhlich, denn denke dir nur, was die Vögel im Garten singen!« – Hier folgte das Lied der Vögel. Frau Habichs sah betäubt und befremdet auf Junius, dann fragend auf Nicodemus. Dieser sprach, blaß werdend, mit zitternder Stimme: »Der Kleine sprach vorher von einer roten Beere – – –« Das Wort erstarb ihm auf der Zunge. »Und die hab' ich auch gegessen, und den ganzen Wald hab' ich in mir!« rief Junius freudig. »Im Walde, wo ich den Kleinen fand (stotterte Nicodemus weiter) habe ich früher einmal wahrgenommen, daß daselbst Tollkirsch –« »Ach!!!« (dies soll einen jener bekannten Schreckweiberkreische vorstellen, die sich übrigens durch die im Alphabet üblichen Vokale gar nicht ausdrücken lassen. Der Leser denke sich den richtigen Ton dazu.) »Fort, fort zum Doktor! Gott, Gott! mein Kind vergiftet ! Fort! Was stehn Sie noch? O Gott, o Gott, o Gott!« Nicodemus rannte ohne Hut davon; Frau Habichs warf den Knaben, der gar nicht wußte, wie ihm geschah, auf ihren Arm und lief wild, den großen und kleinen Kamm aus den Haaren verlierend, so daß die Zöpfe und Locken herumflogen, in das Haus. Da setzte sie sich in einen Winkel, den Knaben auf dem Schoß, preßte, küßte und nudelte ihn, winselte, stöhnte, weinte und seufzte über ihn, bis Nicodemus angerannt und mit ihm der dicke Doktor, bei jedem Schritt pustend und sich den Schweiß von der Stirne wischend, angewatschelt kam. Er ging auf den Kleinen zu, sah ihm ins Auge und faßte seinen Puls. Mit einem mißbilligenden, bedenklichen: »Hm, hm!« zählte er die Schläge. »Also keinen Appetit, sagten Sie?« – »Nein (sprach Nicodemus) er will durchaus nichts essen.« »Hm, hm! (fuhr der Doktor fort) Widerwille vor Speise und Trank, fieberischer Puls, vergrößerte Pupille – bedenklich, sehr bedenklich! Und irre redet er schon, sagten Sie?« – »Ja und er sprach auch von einer roten Beere –« – »Was wollt Ihr? (rief Junius, in dem die ganze Szene den Taumel der Lust noch nicht ganz verdrängt hatte). Es war eine Erdbeere, die hab' ich auch gegessen.« Und nun begann er aufs neu vom Kosten der Waldlust und vom Liede der Linde und der Quelle und der Bienen schwärmerisch zu erzählen. »Es ist kein Zweifel (fuhr der Doktor rasch dazwischen) er redet irr. Die Symptome, welche nach den besten Autoren bei Vergiftungen durch die in unserer einheimischen Flora allerdings vorkommende atropa belladonna oder populär: Tollkirsche, auch Wolfskirsche sich zeigen, sind ganz evident. Wir müssen sogleich ein Brechpülverchen anwenden.« »Vergiftet!!!« kreischte Frau Habichs nochmals laut auf und begann von neuem ihr Geheul, das sie nur unterbrochen hatte, um, den Doktor starr anstierend, den Urteilsspruch von seiner Stirn zu lesen. »Also wirklich vergiftet? Ist keine Rettung mehr möglich?« – »Wollen sehn, wollen sehn!« sprach der Doktor geheimnisvoll und hatte schon ein Pülverchen aus der Tasche gezogen; Nicodemus mußte aus der Küche eine mehr als unverschämt große Quantität lauwarmer Milch holen und trotz allen Sträubens, Schreiens und Zappelns (was ihm als Toben der Tollheit ausgelegt wurde und die Sache nur noch dringender machte) mußte Junius das Pulver verschlucken und Milch in fürchterlichen Zügen nachtrinken. »Mein liebes, armes, goldnes Herzenskind! trink', trink', sonst stirbst du!« rief einmal übers andre die Mutter, schmeichelnd und küssend, während Junius von der ihm mit Gewalt in den Hals gegossenen Milch beinah erstickte und sie einigemal in krampfhaftem Sprudeln durch Mund und Nase von sich spritzte. Die Wirkung kam bald; ein trauriger Wechsel auf den Überschwang der Waldwonne, dieses nicht leben und nicht sterben können, dieses erstickende Würgen und ekle Vonsichgeben! Aber der Doktor freute sich über die Todesqual des armen Knaben und sagte schmunzelnd: »Ganz nach Wunsch, ganz nach Wunsch! Werden noch helfen können, denke ich.« – Der selig berauschte Zustand des Knaben war durch die unfreiwilligen Eruptionen natürlich gründlichst vertrieben; trübselig, geduckt und nüchtern blickte er vor sich hin. Der Doktor blieb noch eine Zeitlang da, um zu beobachten. Da er aber sah, daß Junius aufgehört hatte irre zu reden (sie hatten's ihm wohl vergällt!), da er die Pupille nicht mehr erweitert und den Puls ruhig fand (ruhig aus Ohnmacht, so wie er vorher unruhig aus Überfülle des Lebens gewesen war) und da Junius, aller traumgesättigten Begeisterung enthoben, zuletzt, nach der gewaltsamen Ausleerung einen herzhaften Hunger spürte und demütig um Essen bat, so empfahl sich der Doktor mit den Worten: »War ein Glück, daß Sie mich noch zu rechter Zeit in Kenntnis setzten; der Knabe ist jetzt vollkommen gerettet. Hätten Sie mich aber eine einzige Minute (mit Nachdruck) später rufen lassen, so wäre er unwiderbringlich (wieder mit Nachdruck) verloren gewesen. Fahren Sie nur mit der warmen Milch fort. Adieu!« – Die ausgelassene Freude der Frau Habichs äußerte sich nun so übermütig und unsinnig, wie vorher ihre Angst und Verzweiflung. Sie rannte und hopste, nachdem die ersten Liebkosungen ausgestürmt hatten, und während Junius ein derbes Stück Rindfleisch aß, aus einer Stube in die andre und sang dabei: Rinaldo Rinaldini, Er der Räuber allerkühnster usw. Und: Guter Mond, du ziehst so stille usw. Und: Schönste Minka, ich muß scheiden usw. und noch mehrere andere ganz neue Lieder. Dazwischen lachte sie hell auf, warf Türen zu, lief Trepp' auf Trepp' ab, schalt sogar die Magd aus reinem Übermut, sprang dann wieder zu dem kauenden Junius und fragte: »Schmeckt dirs mein Tierchen, mein Äffchen, mein Hundelchen?« schmatzte ihn auf die Backen und lief und trällerte weiter. Jetzt erst fiel's ihr ein, Herrn Habichs, den sie ganz vergessen hatte, von allem in Kenntnis zu setzen. Sie entsandte daher die Magd in den Turm (ihr selbst graute davor), die Sache mit möglichster Weitschweifigkeit, mit dazwischen gestreuten Wiederholungen und Ausrufungen und: »Nein, das hätten Sie sehen müssen!« und unerschöpflichen; »sagt er« und »sagt sie,« zu Herrn Habichs herzlichen Verdruß aus- und abspann. »Gut, geh' Sie!« sagte er kurz und rechnete weiter. Wer aber den eigentlichen Verlauf der Sache gekannt hätte, wie der Leser und ich, der würde ausgerufen haben: Mon Dieu! tant de bruit pour une fraise! Kapitel IX Des andern Tages nach dem Mittagessen ergriff Frau Habichs schnell den Augenblick, ehe Herr Habichs noch in den Turm gegangen war, um vor ihm und dem obersten Schreiber, der auch mit an der Tafel aß, ihr Ermahnungs- und Erziehungstalent ins gehörige Licht zu setzen, was freilich bei beiden ganz verlorne Mühe war, denn Herr Habichs namentlich hielt alles und jedes Reden, das nicht die Abschließung eines Geschäftes herbeiführte, für einen schändlichen und müßiggängerischen Mißbrauch der Sprache. Die Frau Habichs aber ließ sich durch seine Teilnahmlosigkeit nicht stören, denn sie gedachte, durch konsequentes und nachdrückliches Reden dieselbe zu überwinden. Sie nahm Junius an ihr Knie und sprach im Triumph ihres Moralstolzes, preziös-pathetisch und affektiert-liebevoll: »Nicht wahr, mein lieber Sohn, du wirst so was nicht wieder tun? Kinder dürfen sich nicht ohne Erlaubnis so lange von Hause exkusieren. Und das notifiziere dir für dein ganzes periculum vitae (sie wollte sagen: curriculum), mein lieber Sohn: man muß immer vorsichtig sein. Glaube mir, wer sich mutwillig in Gefahr begibt, der besudelt sich, und wer Pech angreift, der kommt darin um, und namentlich dürfen Kinder nie etwas naschen, was ihnen nicht von Erwachsenen gegeben worden ist.« – »Ich werde doch wohl eine Erdbeere im Walde essen können? (sprach Junius, schon verdrossen) für wen wächst sie denn, als für den, der sie findet?« – »Siehst du, mein lieber Sohn? Da hast du den Beweis: Kinder dürfen nie naseweis sein, denn Kinder haben immer unrecht. Du hast keine Erdbeere, sondern eine Belladonna anthropos gegessen; das hat der Herr Doktor, der ein sehr gescheiter Mann ist, gleich rekognosziert.« »Der Herr Doktor weiß auch was Rechts! es war eine schöne rote Erdbeere, weiter nichts. Ich werde wohl wissen, wie eine Erdbeere aussieht.« – »Siehst du, siehst du, mein Kind? Kinder dürfen nie klüger sein wollen, als große, gescheite Leute; Kinder müssen nicht alles besser wissen wollen.« – »Es war aber eine Erdbeere! (rief Junius, den das Gewäsch empörte, mit dem Fuß stampfend) mag der dumme Doktor sagen, was er will!« – »Gleich still, Junius! (fuhr ihn jetzt Frau Habichs an und pappelte dann weiter): Pfui, lieber Sohn! gute Kinder sind nicht so eigensinnig und ungezogen. Der dumme Doktor?! Wie, mein Sohn, er, der dich vom einleuchtendsten Tode gerettet hat und ein tiefgestudierter Mediziner ist? Laß mich so was nicht wieder hören! 0, mein Kind: Undank ist das schwärzeste aller Laster, das notofiziere dir für dein ganzes periculum vitae. Kinder dürfen nicht undankbar sein, sonst sperrt man sie ein und sie bekommen nichts zu essen.« – Aber jetzt war Junius in völliger Wut, nicht über den Verweis und die Drohung selbst so sehr, als über den unsinnigen Wortschwall, aus albernen, abgenutzten Gemeinplätzen ohne Vernunft zusammengestoppelt. Tränen drangen ihm aus den Augen und wie er sein Schnupftuch aus der Tasche hervorzog, um sie zu trocknen, siehe! Da fiel das bisher vergessene Guckglas heraus und rollte auf den Boden. A. d. T. d. O. H. Wenn ich höre, wie man Kinder oft durch allgemeine und althergebrachte Moralsentenzen (die noch dazu manchmal falsch sind), worin sie in der dritten Person Pluralis kollektivisch agieren, zu leiten und zu bessern vermeint, so möchte ich jedesmal aus der Haut fahren. Welche unendliche und unredliche Ziererei liegt schon in solchen Sätzen, als da sind: Kinder müssen artig sein usw. usw.! Und welch unedle Verachtung der Kinder (von ihnen sehr wohl, wenn auch nur dunkel, gefühlt) ist darin ausgedrückt, daß man ihnen so wenig Sprachkenntnis zutraut, als ob sie den kategorischen Imperativ: »das tue du nicht!« nicht zu begreifen vermöchten, daß man ihnen so alle Anlage zu freier Vernunft abspricht, als ob sie nicht, aus dem Gebot oder Verbot für den einzelnen Fall, sich durch eigne Gedankenverbindungen das allgemeine, vernünftige Gesetz für alle Fälle abstrahieren könnten! Ein Moralkodex, aus solchen Gemeinplätzen gebildet, und dem Kinde eingebläut, macht es ebensowenig zum sittlichen Wesen, als ein Papagei, den man das Vaterunser und das Credo geläufig beibrächte, dadurch zum frommen Christen würde. Nichts ist schändlicher, als die innere Kraft des sich entwickelnden Menschen dadurch einzuschläfern und zu lähmen, daß man ihre Tätigkeit ersparen will und ihr gleich von andern erworbene Resultate hingibt, statt daß sie selbst sich die Resultate erarbeiten soll; denn nur das ist des Menschen Eigentum , was er errungen hat. Auch beruht ein solches Verfahren zumeist nur auf eigner Bequemlichkeit und Trägheit derer, die es anwenden. Hierdurch würde schon alles mühelose Abspeisen mit Moralgemeinplätzen, als den abstrakten Resultaten einer langen innern Erfahrung, die das Kind selbst durchmachen sollte, verdammt, sollten diese Gemeinplätze auch weniger schief, nichtssagend und falsch angebracht sein, wie die, welche man den Kindern vorzuplappern und aufzubürden pflegt. Und was für Schaden richtet man nicht durch solches Aufzwingen an! Opponiert sich eine kräftige Kindernatur (was früher oder später immer geschieht) gegen die Zumutung solcher Sentenzen und kommt durch Selbstdenken hinter ihre Hohlheit, dann geht der heranwachsende Mensch später leicht viel zu weit und beargwöhnt von Haus aus alles Positive in Moral, Religion und Staat (denn man hat ihn ja zum Mißtrau'n gezwungen ) anstatt mit gutem Willen, vorläufig anerkennend und mit bescheidnem Forschen daran zu gehn. Wie weit dann diese zersetzende Richtung gehn mag, liegt außer aller Berechnung. Sie kann den Kern des Lebens auffressen, kann zu allen Ausschweifungen und Untaten, ja zum Selbstmord führen. Bringt man aber schwache Kinder dazu, eine noch unverstandne Moral auf guten Glauben und ohne ferner darüber nachzudenken, anzunehmen, so ist das Unheil noch viel größer, denn man raubt ihnen für immer (was bei unsrem elend schematischen Gesellschaftszustande freilich so wenig ins Auge fällt, daß man es als Nebensache betrachtet) alle Selbständigkeit und Selbsttätigkeit des Geistes und Gemütes. Man hört solche Kinder wohl gar mit der ihnen eingeplapperten Sittlichkeit, wie mit auswendig gelernten Sprüchlein, prahlen und sie zur Schau tragen, und sogar, o Tollheit! darüber gelobt werden, z. B. wenn sie sagen: »Gelt, liebe Mutter, Kinder müssen Geduld haben?« Hierdurch bildet man also Knechte und Heuchler . Ihre Seele wird am Ende so unterwürfig jedem ihnen mit Wichtigkeit Vorgeplapperten, daß wenn einer heimlich käme und sie in der Religion des mexikanischen Götzen Fizli Puzli unterrichtete, sie getreulich Fizli Puzlianer werden würden. – Und fürs gesellige Leben, welche Tröpfe werden sie! In der Regel findet man, daß alles Gespräch der Durchschnittsmenschen (namentlich aber der Weiber, als derer, die am meisten in der Erziehung verwahrlost und am wenigsten durch spätere Lebensverhältnisse gezwungen sind, aus sich selbst etwas zu machen) aus zwei ganz ungleichen, einander abwechselnden, durchaus unvermittelten und miteinander unverknüpften Elementen besteht, nämlich: 1. aus Sächlichem und Persönlichem , ohne alle Belebung durch Gedanken . Als z. B.: »Wo haben Sie das schöne Band gekauft? Oder: Haben Sie gehört, daß dem und dem eine Gehaltserhöhung bewilligt ist? Oder: Wissen Sie schon, der und der hat sich ja mit der und der verlobt? Darauf: Ist sie hübsch? Darauf: Das nicht gerade, aber sehr gut und liebenswürdig. Oder: Gestern war ich mit meinem Bruder da und da zu Mittag eingeladen. Es sind sehr liebe Leute; wir hatten erst eine sehr schöne Krebssuppe, dann sehr zartes, kräftiges Rindfleisch mit usw. Oder: Der wievielte sind Sie bei Ihrem Regiment, Herr Kamerad? Stehen Sie in einer angenehmen Garnison? Sind Sie mit dem Avancement zufrieden? usw. Und so geht es stundenlang fort und die gedankenbedürftige Seele lechzt vergebens. 2. Das andere dieser beiden entgegengesetzten Elemente nun besteht wirklich aus Gedanken ; aber nicht aus solchen, die die sprechenden Leute selbst gedacht haben, sondern (was freilich viel bequemer ist) aus solchen, die schon vor tausend Jahren von andern Leuten gefunden und seitdem von Millionen nachgesprochen sind, zu Deutsch: eben aus heillosen Gemeinplätzen . Da man aber diese so auf guten Glauben hingenommen hat, ohne ihrer ersten Entstehung nachzuforschen, da man mithin ihren ursprünglichen Zusammenhang mit den Gegenständen, Ereignissen und Persönlichkeiten längst vergessen und auch nicht Lust hat, ihn denkend wieder herzustellen: so werden diese Gemeinplatzgedanken ohne allen Sinn und Verstand von allem Tatsächlichen entkörpert und nun in ihrer Kahlheit toll durcheinander gewürfelt; oder bringt man sie doch mit Tatsächlichem zusammen, so geschieht es in gedankenloser, willkürlicher mechanischer Mengung, so daß sie oft possierlich am unrechten Platze stehn. So geht manchmal ein Frauengespräch wohl eine Viertelstunde lang also fort: (Es ist eine faktische Trauergeschichte erzählt worden, und nun heißt's auf einmal ganz abrupt, wie folgt) A. Ja, ja! der Tod schont weder jung noch alt. B. Sehr wahr! und die Jugend trifft er oft am unerwartetsten. A. Sehr wahr! und wie wenig Menschen sind fromm und fest genug, das Unerwartete mit Ergebung zu tragen. B. Ach ja! wenn man's vorhersieht, so hat man doch Zeit, sich an den Gedanken zu gewöhnen. A. Nun, wie es auch komme; Gott legt uns ja nicht mehr auf, als wir tragen können. B. Ach ja! und die Religion ist doch eine mächtige Tröstung. A. Sehr wahr, meine Liebe. Und oft ist es am allerbesten mit uns gemeint, wenn wir am härtesten getroffen werden. Wie oft nimmt uns Gott das, woran wir unser törichtes Herz allzusehr gehängt haben, aus der väterlich liebevollen Absicht, uns von der Überschätzung des Irdischen zu entwöhnen. B. (Gerührt) Sehr wahr! Schreckliche Salbaderei! Scheinbarer Zusammenhang bei sinnlosester Konfusion! Scheinbare Ergießung edler Seelen und Aufschwung nach oben, bei schwächlichster, trägster, ja ich sage: unsittlichster Oberflächlichkeit! – Wollten die Menschen doch begreifen, daß Gedanken ohne Sachen ebenso wertlos, hohl und wesenlos sind, als Sachen ohne Gedanken. Erst da, wo eins im andern erschaut, eins aus dem andern herausgearbeitet wird, eins mit dem andern in lebendiger Beziehung und Wechselwirkung steht, so daß kein Faktum ohne seine Idee, keine Idee ohne ihre Offenbarung im Faktum bleibt, erst da hat man es mit wahrhaftiger Wirklichkeit und mit wahrhaftigen Gedanken zu tun, und so allein ist der Geist des Menschen auf eine würdige Weise beschäftigt, und jeder Mensch, der kein Vieh sein will, darf nur also denken und also sprechen. Aber (Gott bessre's!) es ist bei uns so weit gekommen, daß diese Art der Anschauung und der Äußerung im Gespräch ein ausschließliches Monopol und Merkzeichen der Geistreichen ist. Ja das Übel hat unser ganzes geselliges Leben so vergiftet und ausgehöhlt, daß ein halbwegs vernünftiger Kerl, dem wesenloses Geschwätz zum Ekel ist, fast gezwungen wird, die Rolle des scheuen Menschenfeindes zu übernehmen, da er sich, mit Ehren, beinah mit keinem Menschen mehr abgeben kann. Also, wie oben gemeldet: das Guckglas des Onkels Holofernes rollte auf den Boden. »Was ist das?« rief Herr Habichs, es rasch erkennend, indem er seiner Frau einen strengen, fragenden Blick zuwarf. Diese, vom Triumphe erzieherischer Wohlredenheit plötzlich herabgestürzt zu verlegner Schuldbewußtheit, sprach, sich gleichgültig stellend: »Ach 's ist das Guckglas des Onkels Holofernes. Ich gab es ihm gestern.« »Gib her!« befahl Habichs dem Knaben, der es schon aufgerafft hatte. »Nein lieber Vater! es ist mein (sprach der); das ist ja das schöne Glas, durch das ich gestern so viel herrliche Wunder sah und das alle die süßen Stimmen weckte, die mir alles zugesungen haben, was ich gestern erzählte und wo der dumme Doktor meinte, ich redete irre. Und was ich gegessen, war doch eine Erdbeere, weiter nichts!« – »Gleich her damit! (rief Habichs und entriß es ihm) da haben wir die Phantastereien Ihres gelehrten Herrn Bruders, des Müßiggängers« (sprach er spottend zu seiner Frau). Wie konnte man dem Kinde das in die Hand geben? Ich selbst erinnre mich, daß ich damals dich durch dies heillose Glas in Gestalt einer Gans vor mir sah.« – »O Gott! (rief Frau Habichs) wenn es gesetzten Leuten solche Albernheiten vorspiegeln kann, so mag es wohl leicht ein armes, unwissendes Kind verrückt machen. Auch ich erinnere mich, daß ich dich, lieber Mann, als einen verdrießlichen Raben vor mir sitzen sah.« – »Tollheit und kein Ende! (rief Habichs im ernstesten Ärger) die Gans ließ ich mir noch gefallen, da liegt doch einiger Sinn drin.« »So mein Herr? (eiferte Frau Habichs aufgebracht), einiger Sinn drin, mein Herr? Ei, mein Herr! wenn das so ist, mein Herr! so scheint mir, mein Herr! daß das Glas eben nicht so sehr zu verzerren brauchte, um Sie, mein Herr! als traurigen, trübseligen, gefühllosen Raben erscheinen zu lassen, mein Herr!« – »Schon gut, schon gut!« brummte Herr Habichs, indem er das Glas ans Auge führte und scharf hindurch sah. Er schüttelte den Kopf. »Ich sehe jetzt gar nichts Besonderes durch das Glas, sondern alles, wie es wirklich ist,« sprach er und reichte es seiner Frau. Auch diese sah durch. »Ich sehe auch jetzt nichts Exegetisches (Exzentrisches meinte sie). Mit der Gans das wird wohl nur eine kalumniöse Konvention (sie meinte: Invention) von Ihnen gewesen sein, mein Herr Gemahl!« – »Und das mit dem Raben eine dumme Weibereinbildung« erwiderte er. In der Tat sahen beide diesmal nichts Außergewöhnliches durch das Glas. Nur damals, in einem Augenblicke besonderer Weihe, war es ihnen vergönnt gewesen, eine Ahnung tieferer Wahrheit flüchtig dadurch zu erschauen. Der oberste Schreiber versuchte auch, und sah nichts. Nikodemus versuchte auch. Dem schwamm es vor den Augen, und einen Moment lang glaubte er wirklich, die Bilder der Gans und des Raben aus dem Gewirr tauchen zu sehn; dann verwischte sich alles wieder. Aus Höflichkeit aber (vielleicht auch aus noch unklarer fernerer Absicht) versicherte auch er, er finde durchaus nichts Besonderes an dem Glase. »O! hier könnt Ihr auch nichts sehn (sprach Junius); aber kommt nur mit mir in den Garten, da müßt Ihr die Blumen und Bäume und den Himmel ansehn, dann werdet Ihr schon Wunder erfahren. Kommt und gebt mir mein Glas!« – »Nein (sprach Herr Habichs), das Glas bekommst du nicht wieder. Mag daran sein, was da will: so viel ist gewiß, daß der Junge auf dem besten Wege ist, darüber verrückt oder doch zum Phantasten zu werden. Es war höchst unvorsichtig, es ihm nur in die Hände zu geben. Von nun an werd' ich es selbst aufbewahren.« So sprechend stand er auf und ging auf die Tür zu, den Knaben, der ihn weinend und schreiend: »Es ist mein Glas!« am Rockschoß gefaßt hatte, von sich losschüttelnd und ihm die Tür vor der Nase zuwerfend. Junius konnte sich über den Verlust des Glases gar nicht zu gute geben; er sah sein junges, kaum gekostetes Glück zertrümmert. Als seine Spielzeit da war, widersetzte er sich förmlich, ohne sein Glas in den Garten zu gehn, anstatt daß man ihn sonst mit Mühe davon zurückhielt, bis es ihm erlaubt war. Nur durch das Schelten und Drohen seiner Mutter ließ er sich endlich aus dem Hause vertreiben. Weinend und schluchzend ging er unter die Linde, setzte sich ins Gras und mochte gar nicht aufschaun. Endlich tat er einen Blick in die Zweige und wie groß war sein freudiger Schreck, als er alles schaute und hörte, wie gestern mit dem Glas vor dem Auge. Er hielt es erst für Einbildung und schaute länger und länger; aber immer herrlicher und lebendiger ward alles umher und von allen Blättern säuselten süße Trostesworte in sein Herz. Die Kraft des Glases war unwiderruflich in sein lebendiges Auge übergegangen. Entzückt sprang er auf: »Aha! (rief er in schadenfroher Wonne) die Augen könnt ihr mir doch nicht ausreißen und den Schreibtisch verschließen!« – Froh trieb er nun sein Wesen fort, aus dem unerschöpflichen Quell in vollen Zügen Weisheit und Seligkeit trinkend. Aber er war vorsichtiger geworden. Er wünschte nicht, daß der Genuß reinster Wonne fürder noch mit dem Einnehmen von Brechmitteln abwechsle. Deshalb trieb er sich immer nur in den festgesetzten Stunden im Garten und der angrenzenden Wildnis umher und teilte die Fülle süßer Gesänge, die aus Wald und Flur ihm zuströmten, seiner Mutter und seinem Lehrer nicht mehr mit. Er würde wohl auch das erstemal geschwiegen haben, wenn ihn der ungewohnte Zustand geistiger Trunkenheit nicht fortgerissen hätte; denn was er in sich fühlte war so heiliger und tiefer Art, wie es echte Gemüter am liebsten schweigend in sich selbst verschließen, um nicht durch mißtönendes Hereinreden von außen im ernsten Sinnen darüber gestört zu werden. A. d. T. d. O. H. Meist findet man das, was man Offenheit nennt, im höchsten Grade just bei den leichtfertigsten und gedankenlosesten Menschen; das, was man Verschlossenheit nennt, hingegen gerade bei den tiefsten, reichsten und treuesten Gemütern. Und wirklich; ich teile mich gern mit und liebe ein volles, freies Ergießen des Gesprächs beim Becherklange; alles, was ich Edles gedacht, sei nicht für mich; es sei, womöglich, für die ganze Welt erobert. Aber dennoch gibt's ein Allerheiligstes im Gemüt. Was dort im innersten Kern, im Verborgenen prangt, das mag ich nicht hervorholen und im allgemeinen Licht des Tages eitel und kindisch glitzern lassen. Es bleibe da in heiliger Nacht! selbst meinem Seelenfreunde, sei er der edelste Mann, selbst meiner Geliebten (wenn ich eine hätte) darf ich in dürren Worten nicht Kunde davon geben. Weshalb? Ich könnte einen einzigen schiefen Ausdruck brauchen, der andre könnte einen einzigen Ausdruck schief fassen, und mein Götterbild, von einem Hohlspiegel reflektiert, würde zur Fratze, entweder gemein und alltäglich oder gar mißgestaltet und lächerlich. Was hätte der Mensch überhaupt am Menschen zu sinnen und zu forschen, wenn jeder sich gleich, bis zum innersten Grund seines Wesens, wie ein Einmaleins, auswendig hersagen könnte? Was hätte der Mensch am Menschen zu lieben , wenn nicht das Unausgesprochene, nie ganz Erforschte? Vom Heiligsten in uns, direkt auseinandersetzend, Bericht zu erstatten, ist eine schamlose Entweihung. Hat der andre ein geistiges Auge, das würdig ist, es zu schauen, so möge er still einen jener seligen Augenblicke erwarten, wo der Wolkenvorhang zerreißt und ein rascher, fassender Blick ins Innerste des Tempels dem Würdigen vergönnt ist. Was er da in mir erschaut und erkennt, das ist sein, so gut als mein, aber mehr geahnt, als hausbacken begriffen, und in solchen Augenblicken wird das hohe Fest der Freundschaft wie der Liebe gefeiert. Ich selbst aber darf in Worten nichts davon offenbaren, außer in der Dichtung . Da darf ich es, denn da geschieht es auf eine mir unbegreifliche, göttliche Weise; und überdies ist die Dichtung kein ums Maul geschmierter Brei, sondern auch wieder nur Hieroglyphe, die nur der Würdigste sich ahnungsvoll zu deuten weiß. Kapitel X Nur seiner kleinen Schwester Malwina, die noch, wie eine Blume, halbbewußt lächelnd in der Wiege lag, vertraute Junius alle seine Wonne an. Oft wenn niemand anders dabei war, saß er da und wiegte sie und sang der noch nichts Verstehenden zu, was ihm Wald und Wildnis anvertraut hatten. So sang er einmal folgendes. (Der vershassende Leser wird gebeten, es zu überschlagen, da es sehr lang und auch etwas langweilig ist.) Wenn von fernen Donnerschlägen Leis des Felsen Stirn erbebet; Dann erwacht ein mächtig Regen, Und ein alt Erinnern lebet: Wie er einst umhergerissen Ward im Riesenkampf der Kräfte, Als in wüsten Finsternissen Zuckten erste Flammenschäfte. Ha! das war ein lustig Ringen, Lebenstobend, ungeheuer, Wie erstickend sich umschlingen Jene Riesen: Meer und Feuer. Ungeformte Bergesmassen, Denen: Halt! noch nicht geboten, Durften mit im Kampf sich fassen? Jetzo ruhn sie, wie die Toten. Welch ein Krachen, Gären, Sieden! Welch ein Zischen, Wühlen, Schäumen! Auch dem Felsen war's beschieden, Lebenstrotzig sich zu bäumen. Doch da fuhr von Gottes Bogen Mildes Licht in Schauern nieder, Und die leichten Pfeile flogen Tötend durch die Riesenglieder. Ein Versöhnen und Verteilen Breitete sich aus gelinde; Fels muß ewig träg' nun weilen, Rings umhöhnt vom flücht'gen Winde. Daß da leben Zwerggeschlechte, Starrt im Tod der Riesen Orden, Kriegern gleich, die im Gefechte Plötzlich sind versteinert worden. Trotzen noch mit wilden Stirnen Himmelauf, des Zorns Bildsäulen, Schwingen noch die zackigen Firnen Sternen zu wie drohnde Keulen. Und hat der Gewalt'ge droben Auch den schönen Kampf erstarret, Mag die Kraft im stillen toben, Die auf neues Chaos harret. Doch des Lichtes süßes Kosen Nie entmark' es uns die Glieder! Erst bei Wetterschlag und Tosen Bricht die alte Fessel wieder. So tönt' es in grollendem Grimme, Tief innen aus felsichtem Kern, Da sangen mit säuselnder Stimme Die Wellen des Meeres von fern. Und weich aus dem Weichen enttauchet, So lieblich, gewaltig und groß, Wie Schäume zusammengehauchet, Entsteigt's aus dem schäumenden Schoß. Es wandelt die Siegerin: Liebe, Die Allesgebärende hin Und wandelt zu schaffendem Triebe Den wüsten titantischen Sinn. Die ewige Schöne, sie streuet Die Keime zu lieblichem Sein; Allleben nun reget und freuet Und zeuget sich friedlich und rein. Welch ein süßes, frisches Hauchen Hat des Felsen Brust getroffen! Muß er ganz in Balsam tauchen Seinen Leib, den harten, schroffen? Junge, schwanke Rosenbüsche Wehn vom Haupt ihm mit Genicke, Schauen auf zu Himmelsfrische, Tausend holde Kindesblicke. Wirre Ranken lächelnd schlüpfen Um die Stirne rings dem Alten, Voller Mutwill' sich verknüpfen, Und ihn süß gefangen halten. Und es rieseln milde Quellen An der Brust des Stolzen nieder, Frische Blumenrasen schwellen, Wecken frohe Lerchenlieder. Ließ ich dennoch mich betören? (Denkt er, schüttelnd leis die Locken) Schlummr' ich nun bei weichen Chören, Ließ die alten Kräfte stocken? Liebe ward aus altem Zorne Durch ein süßes Wellenhauchen, Der, wie einem heil'gen Borne, Goldne Kräfte nun enttauchen. Ward ich bei dem Tausche schwächer? Leben quillt aus meinen Wänden; Als der alte, dunkle Rächer Könnt' ich nicht ein Blümlein spenden. Wie das sprießt und sich entfaltet! Wie das grünt und wächst und schaukelt! Wie das kräftig sich gestaltet? Wie das leicht und lieblich gaukelt! Das ist Tat und Kraft des Lebens, Nicht des Chaos dumpfes Toben; Das ist Preis des Heldenstrebens Von der Liebe Hand gewoben. Nur von deiner Hand, der weichen, Sei mein Tun mir zugemessen; Nichts wird meinem Glücke gleichen, Und das Chaos ist vergessen. Dies und noch vieles andre sang Junius seiner kleinen Schwester Malwina vor, die natürlich nicht das mindeste davon verstehen konnte und die höchstens, wenn der Takt und Gleichlaut des Verses ihr junges, ungeübtes Ohr zauberisch berührte, ein dunkles Gefühl des ersten, kindischen Erstaunens haben mochte, wie etwa die eben aufbrechende Knospe beim Lied der Nachtigall. Junius führte so, unbewußt, die Theorie seines Onkels Holofernes von der Macht der ersten Eindrücke praktisch aus, und, hiernach zu schließen, mußte Malwinas Seele schon früh zu reiner Harmonie gestimmt werden, da die ersten, ihr noch unverständlichen Worte, die sie zu hören bekam, rhythmisch und harmonisch ineinander klangen. Aber für Junius kam jetzt eine schwere Zeit. Er sollte nämlich nun, da er lesen und schreiben konnte, auch rechnen lernen, und zwar, wie der Leser weiß, aufs gründlichste. Man kann leicht denken, daß er jetzt, wo süße Melodien fortwährend sein Haupt durchsäuselten und, ihn von allem andren abziehend, ihn ganz gefangen hielten, noch viel weniger fähig und willig zum Lernen war, als sonst, zumal zum rechnen lernen. Auch zeigte sich schon in der ersten Lehrstunde seine totale Unkapazität. Mit Mühe konnte er nur zur Aufmerksamkeit gebracht werden, und war das auch durch unangenehme Drohungen und Scheltworte gelungen, so stierte er dumm auf sein Blatt und ins Gesicht des Herrn Nicodemus. Dieser demonstrierte sich matt und heiser, und wenn er dann endlich gewiß war, den Knaben unbestreitbar überzeugt und gewonnen zu haben, so fand sich, daß dieser gar nicht wußte, wovon die Rede gewesen war. Er starrte den Lehrer an und benahm sich wie ein Blödsinniger; es war kein Wort aus ihm herauszubringen, so daß Nicodemus und Frau Habichs, ihn für böswillig verstockt hielten. Herr Habichs, dem die Sache endlich nicht mehr vorenthalten werden konnte, ging so weit, ihm ein paar Ohrfeigen zu geben. Das hatte aber keine andre Folge, als daß Junius einen Tag und eine Nacht hindurch bitterlich weinte. Auch Versprechungen und Geschenke fruchteten nichts. Junius versuchte wirklich, sich Mühe zu geben und zu begreifen. Aber so wie sein Lehrer nur von Zahlen sprach, war es ihm ganz so, als höre er irgend ein barbarisches Kauderwelsch, das unmöglich zu enträtseln sei. Die Klänge und Zeichen, die dabei gebraucht wurden, verfolgten ihn wie Gespenster selbst in die schöne Welt, wo er sich sonst heimisch und selig fühlte. Er kam zu keinem frohen Augenblicke mehr. Einmal des Nachts träumte er, er wandle sinnend, mit gesenktem Haupte, in der grünenden, blühenden Wildnis hinter dem Garten. Auf einmal rannte er mit der Stirn hart an einen hohen, graden Pfahl, den er sonst nie da gesehen hatte. Als er ihn aber näher ansah, war es die 1. Er lief voll Angst und Schreck davon, die 1 aber rutschte hinter ihm her, und auf ihn zu watschelte ein großer Vogel, ähnlich einem Schwan, mit langem, gebognen Hals und spitzem, nach unten gerichteten Schnabel; der hackte immerfort nach seinem Auge; das war aber die 2. Entsetzt sprang er seitwärts; da zischte ihm entgegen eine Klapperschlange, die tanzte auf dem Schwanz, erhob sich in großer Krümmung, kringelte sich dann in einer zweiten, kleineren, in die Höh, den Kopf nach unten auf Junius gerichtet; das war die 3. Er wollte fliehen; da stand vor ihm seines Vaters große Nase, auf eine Stange gesteckt, wie einst die irdenen Schlangen in der Wüste, und wehrte ihm den Ausgang; das war die 4. Und unten an der Stange war ein blankes Beil an krummen Stiele, der am Ende beweglich befestigt war, das hackte immerfort maliziös auf die Erde, so daß es ihm die Füße abgehackt hätte, hätte er einen Schritt weiter getan; das war aber die 5, verkehrt liegend. Ein schmaler Ausweg blieb ihm noch, um dem Pfahl, dem Vogel, der Schlange, der Nase, der Axt zu entwischen. Darauf rannte er zu; aber entsetzt stutzte er, denn den Ausgang hielt versperrt ein aufgerichteter Galgen, an dem baumelte ein Strick, zur Schleife gelegt, weit offen, hin und her und schnappte nach Junius Kopf und Hals, um ihn dann herauf zu ziehen und zu hängen. Das war aber die 7, an der die 6 baumelnd hing. Entsetzt prallte er zurück, als die schwankende Schnur schon sein Kinn berührte. Jetzt stand er regungslos, im Kreise um ihn her die höllische Versammlung der spukhaften Zahlenungetüme, die immer näher rückend, ihn bedräuten und ängstigten. Er wollte laut aufschrein, aber das Entsetzen schnürte ihm die Kehle zu. Wie er so wild und verstört im Kreise herumblickte, ob kein Mittel zur Flucht offen sei, fühlte er plötzlich den Fuß ekelhaft berührt. Rasch sah er zu Boden und siehe! ein ungeheurer breitgeplatschter Skorpion war auf ihn zugekrochen und zwackte mit zwei großen, krummen Scheren nach seinem Bein. Das war aber die auf der Erde kriechende 8. Jetzt aber gab der äußerste Schreck ihm Kraft zu einem angstgepreßten Schrei, den er zu lang stöhnendem Gebrüll ausdehnte und sich dadurch selbst erweckte. Er schlug die Augen auf, schnell erfreut, daß es nur ein Traum gewesen sei, da – hu! zum Fenster herein guckte ein großes, rundes, bleiches Gesicht, das sich an einem dünnen, krummen Hals über das Sims des Fensters bog; das war aber die 9. Jetzt schrie er überlaut: »Mutter, Mutter!« versteckte sein Gesicht ins Kissen und schwitzte über und über. Die Frau Habichs war durch das vorige Schreien und durch diesen Ruf völlig wach geworden, kam aus der Nebenstube herzu und fragte besorgt, was ihm wäre. Weinend und verwirrt gab er unzusammenhängenden Bericht »Du hast nur geträumt (sprach sie), schlafe wieder ein und sei still, lieber Junius!« Junius wagte einen Blick nach dem Fenster; da sah er, daß das Gesicht mit dem krummen Halse nichts war, als der Mond, von dem ein gekrümmter Wolkenstreif sich herabzog. Da ließ er die Mutter gehn und schlief wieder ein. Jetzt schwebte er über einem stillen, runden See und schwebte leise hinab und in die Wellen, die leis über ihm zusammenschlugen und ihn in bewußtlosem Selbstvergessen begruben. Der See aber war die o, in der schlief er ruhig, bis zum Morgen. Natürlich hatte ihm dieser Traum eben keine größere Lust zum Rechnen beigebracht. Nicodemus, der seine Existenz bedroht sah (denn die Versuche dauerten bald ein Jahr, und Junius wußte noch gar nichts) wurde ganz gegen seine eigentliche Natur, aus Selbsterhaltungstrieb, streng und hart und peinigte den armen Jungen unaussprechlich. Aber auch das half nichts, und Nicodemus mußte noch obendrein von der Frau Habichs Artigkeiten darüber hören, als: »Aber Herr Nicodemus! Sie mißhandeln das arme Kind. Wenn Sie nicht wissen, wie man mit gebildeten Kindern umzugehen hat, so hätten Sie ganz wegbleiben können.« »Aber der Kleine lernt sonst nichts, Madame; Strenge ist durchaus nötig.« – »So urteilen Sie vielleicht von Sich (sprach sie mit emporgeworfener Nase vornehm verächtlich). Bei den Kindern Ihres Standes mag dieser Prinzipius gelten; aber gutgearteten Kindern aus guter Familie, wie mein Junius ist, bringt man alles mit Liebe und Güte bei, wenn man die rechte Methode hat. Aber freilich: Methode muß man verstehn, sonst bringt man es zu nichts, und es scheint mir fast, daß wir uns von Ihren Talenten als Lehrer zu sanguinäre Hoffnungen gemacht haben.« – Als Nicodemus merkte, daß der Wind daher blies, und daß seine Existenz auf jeden Fall gefährdet sei, er möge nun streng sein, oder mild, ging er plötzlich, nachdem er seines Schülers Verschwiegenheit und Verschmitztheit erst gehörig sondiert hatte, zu einem ganz entgegengesetzten System über. Der Selbsterhaltungstrieb ließ ihn, da seiner Hauslehrerschaft Schiffbruch drohte, alle seine natürliche Redlichkeit als hinderlichen Ballast über Bord werfen, und er stiftete mit Junius ein Komplott, die Eltern beide fortan zu betrügen. Unter dem Vorwand, Junius dürfe während der Lehrstunden durch nichts gestört und zerstreut werden, wenn er etwas fassen solle, was ihm schwer werde, schloß er sich jetzt, was er sonst schon mitunter getan hatte, regelmäßig mit ihm in sein eigenes Zimmer ein. Da ließ er ihn lesen und treiben, was er wollte, und schrieb ihm nur einige kleine Exempel nebst ihrer Lösung auf, die Junius bloß ganz mechanisch abzuschreiben brauchte, und die dann als Ergebnis der Lehrstunden vorgezeigt wurden. Vorsichtig lobte er erst des Junius Fortschritte nur ganz mäßig, ward aber nach und nach dreister darin, so daß Junius, abschreibend, von einer Rechnungsart zur andern überging, ohne die erste je begriffen zu haben. Fiel es Herrn Habichs einmal ein, sich von den Kenntnissen seines Sohnes selbst zu überzeugen, so wußte es Nicodemus immer so einzurichten, daß er selbst den Knaben examinierte, und dann hatte er schon längst vorher ihn mit unsäglicher Mühe etwas auswendig lernen lassen, was grade zu dem jedesmaligen vorgefabelten Standpunkt paßte, und daß Junius dann auf Befragen herplapperte. Herr Habichs aber war des Abends stumpf vom Turmsitzen und mithin leicht zu täuschen. Auf diese Weise hoffte Nicodemus die Sache noch einige Jahre hinzuhalten und so lange noch Unterhalt und Sold zu genießen. Bis dahin aber glaubte er sich einen andern selbständigen Lebenserwerb gesichert zu haben. Denn nicht der Selbsterhaltungstrieb allein hatte ihn zu seinem neuen System vermocht; nein! er gewann auf diese Weise auch Zeit für sich selbst , und die brauchte er vollauf, denn er hatte gar große Dinge vor. Damit hatte es aber folgende Bewandnis. Der Leser erinnert sich, daß Nicodemus, obgleich er es nicht gestand, an dem Guckglas des Onkels Holofernes allerdings etwas ganz Außerordentliches bemerkt hatte. Gar zu gern hätte er das Glas gehabt, um fernere Versuche damit anzustellen, aber er wagte nicht, Herrn Habichs darum zu bitten, denn er wußte wohl, daß man es ihm doch nicht anvertrauen würde. Nun kam es, daß Herr Habichs ihn einmal mit sich in seine Stube nahm, um ihm sein Honorar zu bezahlen. Da sah er, als dieser den Schreibtisch öffnete, das geheimnisvolle Glas, mächtig lockend, in einer Ecke desselben versteckt liegen. Er konnte nicht widerstehn. Sich nonchalant stellend näherte er sich dem Tisch und stützte sich nachlässig drauf, und als Habichs sich einen Augenblick abwandte, wagte er einen raschen Griff, und in der Tasche war das Glas. Er wollte es nicht grade stehlen, aber benutzen, und dann heimlich wieder hinpraktizieren; dennoch glühten seine Wangen und seine Kniee zitterten. Herr Habichs aber merkte die Entwendung nicht Nicodemus nahm nun einen einsamen Augenblick, als er im Garten unherging, wahr, und nachdem er sich scheu umgesehen, ob ihn auch Niemand von den Fenstern des Hauses oder von einer Laube aus beobachten könne, führte er das Glas keck zum Auge und schaute umher. Nun erwachten zwar nicht tausend süße Lieder für ihn, wie damals für Junius; aber doch stand er plötzlich ganz verdutzt da und sperrte den Mund weit auf. Endlich sammelte er sich und guckte noch einmal, und das Staunen trieb ihn zu lautem Selbstgespräch: »Wie ist mir? Was schaue ich da, was ich sonst nie gewußt? Siehe! wie das Monocotyledon (es stand nämlich ein kleiner Palmbaum des Sommers im Freien in einem großen Topfe) jedes Jahr von innen herausschießt in neuem Stengel und wie das Leben im Inwendigen durch die Kanäle steigt! Und schau das Dicotyledon! wie es von Jahr zu Jahr eine neue Schicht von Lebenskanälen von außen rundum ansetzt, und wie die Lebenskraft in der äußersten Schicht, um den erstorbenen Kern herum, auf- und absteigt. Und schau das feine, spiralförmig zu Strängen gedrehte Zellgewebe! Wie der Lebenssaft, von den Wurzelfaserspitzen getrunken, in den feinen Kanälen emporgesogen bis zur äußersten Blattspitze aufsteigt, und wie er, durch das andere System von Kanälen, geläutert und kräftigend zurückfließt bis zur Wurzel! Und schau im weißen Zellgewebe des Blattes die unendlich kleinen, farbigen Kügelchen, die, zusammenschimmernd, es mit jenem frisch grünen Farbenglanz überhauchen! Und was alles sehe ich nicht sonst noch! O ich Glücklicher! wie viel kann mir das einbringen! Das kann mir eine selbständige Existenz verschaffen und ich brauche nicht mehr vor der Frau Habichs zu stehen wie ein bepißter Pudel, wenn sie mir unausstehliche Grobheiten ins Gesicht wirft.« – Nicodemus war außer sich; aber er überwand sich, und ließ sich nichts merken. Von Stund an beschloß er, das Guckglasstudium regelmäßig und fleißig zu betreiben. So oft er konnte, tat er es im Garten und in der Wildnis selbst; sonst aber steckte er allerhand Pflanzen in die Tasche und trug sie auf sein Zimmer, wo er halbe Nächte lang an ihnen schaute und forschte. Und alles wurde ihm klarer und klarer, nicht nur die mechanische und chemische Zusammensetzung der Teile, sondern alle organischen Funktionen sah er deutlich und unwiderlegbar durch das Guckglas; das Keimen, Wachsen, Atmen, Blühen, Begatten der Pflanzen, alles sah und verstand er. Er borgte sich ein ganz neues, berühmtes botanisches Werk und verglich seine Beobachtungen mit den darin niedergelegten. Wo der Schriftsteller mit sich einig war und klar und frisch von der Leber weg sprach, da stimmten die Beobachtungen überein. Wo dieser aber dunkel und verworren wurde und die Unsicherheit und Verlegenheit des Nichterkennens nur schlecht hinter hohem Wortkram und abenteuerlichen Hypothesen verbarg, da sah Nicodemus, lächelnd, wie alles ganz anders und wie oft der ganze Wirrwarr durch ein einziges Wort zu lösen sei. Jetzt kam ein neuer Geist über Nicodemus. Was er erst nur als Existenzmittel, um äußren Vorteils willen ergriffen hatte, das überwältigte ihn jetzt. Es erwachte wirklich ein höherer, wissenschaftlicher Sinn in ihm und mit Begeisterung (so weit er deren fähig war) beschloß er, ein tüchtiges Werk voll neuer Aufschlüsse zu schreiben. So mächtig wirkte das Guckglas selbst auf diesen, von Natur ziemlich nüchternen Menschen. Es schien überhaupt auf jeden nach Maßgabe seiner Geistesfähigkeit zu wirken. Nicodemus hatte doch durch Erziehung und Beschäftigung einen gewissen wissenschaftlichen Beischmack gewonnen und sah daher mehr durch das Glas als die andern, die in den Gänsen und dem Raben nur eine sehr triviale Satire auf ihre eigene Trivialität gesehn hatten. An diesem Werke nun arbeitete Nicodemus Tag und Nacht und dazu benutzte er auch die unterschlagnen Lehrstunden. Und wie sein Manuskript wuchs, bekam er, genau im Verhältnis der Bogenzahl, immer mehr Respekt vor sich selbst. Als er einige Druckbogen daliegen hatte, faßte er den mutigen Entschluß, diesen seinen Selbstrespekt auch gegen seine Umgebung geltend zu machen. Er wurde weniger dienstfertig gegen die Frau Habichs. Diese merkte es und wurde erst empfindlich, dann einmal unangenehm. Aber inzwischen war das Manuskript des Nicodemus und mit ihm seine Courage wieder gewachsen. Er wagte das Unerhörte und wies das Unangenehmwerden der Frau Habichs mit Ernst und Würde zurück. Diese, ganz verblüfft, nicht mehr den demütig apportierenden Pudel vor sich zu sehn, wußte erst gar nicht, was sie sagen sollte. Nicodemus harrte ihrer Antwort, über seinen eignen Mut erbebend. Und siehe! ganz wider Vermuten lenkte sie ein und vertuschte. Das Manuskript wuchs noch mehr; Nicodemus wurde kalt und stolz; Frau Habichs erschrak, ließ es gelten und wurde artig. Das Manuskript wuchs noch mehr; Nicodemus wurde kategorisch und nach Umständen grob; Frau Habichs schwieg, fürchtete sich vor ihm und wurde zuvorkommend. Das Manuskript wuchs noch mehr. Nicodemus wurde impertinent und fordernd und siehe! Frau Habichs war die Geschmeidigkeit und Gefälligkeit selbst und sah ihm alle seine Wünsche von den Augen ab. Nun sah Nicodemus zu spät und seufzend ein, wie er sich schon längst hätte bessere Tage bereiten können, denn er konnte ja auch eben so gut ohne Manuskript (von dem die Frau Habichs gar nichts wußte) von Anfang an sukzessive grob werden, und der Erfolg wäre derselbe gewesen. Diese einfache psychologische Wahrheit war ihm aber früher nie in den Sinn gekommen. Übrigens hätte ihm die wissenschaftliche Selbstachtung allein doch nicht den Mut zu diesem Verfahren gegeben, wenn ihr nicht, als Arrieregarde, die gewisse Hoffnung auf epochemachenden, schriftstellerischen Erfolg, folglich (diesen Schluß zieht nämlich der unpraktische, unbewanderte Nicodemus, nicht Schreiber dieses) auf viele, schwere Geldsäcke den Rücken gedeckt hätte. Denn Nicodemus sah sich nun schon als einen gemachten Mann an, von dem allein es abhinge, sich jeden Augenblick von aller Welt zu emanzipieren und unabhängig hinzustellen. Von dem betrügerischen Treiben des Nicodemus und ihres Sohnes in Hinsicht der Lehrstunden merkte Frau Habichs nicht das mindeste; erstens, weil sie überhaupt nichts davon verstand, und zweitens, weil sie nun sich mit völliger Wut dem Lesen der verrücktesten Romane hingegeben hatte. Diese verschaffte Nicodemus ihr nach wie vor; aber er sah das nun nicht mehr als einen schuldigen Knechtsdienst an, sondern im Gegenteil als ein Mittel, sie zu tyrannisieren. Er durfte nur Miene machen, in seiner Dienstfertigkeit aufzuhören oder gar Herrn Habichs die Lektüre zu verraten, so ließ sich die geängstete Frau um den Finger wickeln. So saß sie nun den ganzen Tag, das hochrote, erhitzte Gesicht mit verschlingenden Augen aufs Buch geneigt, während die Finger ihren gewohnten Ballettanz mit den Stricknadeln blindlings fortsetzten und je kürzer (durchs Ablesen) der Roman wurde, desto länger wurde (durchs Anstricken) der Strumpf, und je bacchantischer sie die Buchstaben vor ihren Augen vorbeitanzen ließ, desto bacchantischer tanzten unten die Stricknadeln dazu. Wenn sie dann so ein Ungeheuer von fratzenhafter Unnatur, Schwulst und unlauterer Glut verschlungen hatte und es ihr im Hirn wüst und wirbelnd durcheinander ging, und sie glühte und schnob, wie ein dirnenhaftes Fräulein, das von heißem Punsch und wildem Tanz erhitzt und trunken ist: dann bildete sie sich noch was recht's auf ihre schöne Seele ein, die allein fähig sei, sich mit dem Dichter in jene höheren Regionen emporzuschwingen, wohin gemeine, prosaische Alltagsmenschen freilich nicht folgen könnten. Und sie gab das Buch dem Nicodemus zurück, ihm für den unaussprechlich schönen Genuß dankend und bittend, er möge ihr mehr solche schöne, moralische Bücher bringen zur Veredlung ihrer Seele und Vergrößerung ihrer allgemeinen Bildung . A. d. T. d. O. H. In rohen Zeiten, bei noch werdenden Gesellschaftseinrichtungen, wo der Mensch noch Mensch ist, und nicht, wie jetzt bei uns, Konvenienzmarionette, da mag jeder sich auf sein Gefühl verlassen, als auf das Rechte. Höchstens führt es ihn zu Gewalttat und zu kräftiger Grausamkeit (die sehr wohl von der weichlich wollüstigen eines überbildeten Nero zu unterscheiden ist). Aber jetzt, wo unser ganzes Leben von Kindheit an nur eine Schule ist, das reine Menschengefühl gut zu verstecken und in den Flitterkram hergebrachter Redensarten seine schöne Nacktheit zu verkleiden, jetzt möchten wir wohl das ursprünglich energische, lautre und echte Gefühl längst eingebüßt haben, und was uns davon übrig blieb, ist eine kränkelnde, schwächliche Abart, die ebensowohl schlecht als gut sein kann und auf jeden Fall immer verdächtig ist. Welcher Unsinn, sich irgend ein Gefühl (wie so oft geschieht) zum Verdienst anzurechnen, und sich auf Grund dessen über andre erhaben zu fühlen! diesen passivsten aller Zustände, der gerade den Schwächling am unwiderstehlichsten überkömmt! Und wäre ein Gefühl wirklich ein echtes und schönes gewesen (was noch immer in Frage steht), so liegt schon in dem bewußten Hervorheben desselben, in diesem sich etwas damit Wissen , ein solcher Mangel an Unschuld, der durchaus Frechheit genannt werden muß. Namentlich ein Weib, das ausdrücklich, im Gespräch oder gar im Briefe, ihres » zarten und tiefen Gefühls « erwähnt und damit prahlt, ist sicherlich und ohne Widerrede eine Buhlerin; wenn auch nicht de facto, doch gewiß mit Sinnen und Gedanken. Unser modernes Gefühl, das doch keine Tat erwecken darf und kann, ist nichts als ein wollüstiges sich Hingeben und Brüten, das meist zu schändlicher, weichlicher Geistesunzucht führt, wenn wir seine dumpfen Schlupfwinkel nicht rasch mit der kaltbrennenden Fackel des Gedankens lichten. Ich rede hier hauptsächlich von dem, was man in der Regel » fromme und heilige Gefühle « nennt. Sie sind gerade die unreinsten und verderblichsten, und ein Pietist, sei er auch kein Heuchler, ist der verfaulteste, schmutzigste aller Menschen, zu allem Schlechten und Ekelhaften fähig. Schon einem, den du rasch und leicht gerührt siehst, traue nicht; er ist mindestens ein leichtsinniger, unzuverlässiger Mensch; der Drang der Verhältnisse kann ihn zum Schuft machen. Unsere Pflicht ist jetzt das Denken . Nur in klaren, durchsichtigen, hellen Gedanken dürfen wir uns erlauben zu fühlen ; sie müssen das Gefühl gestalten , dann mögen wir es gelten lassen und als unser teuerstes Kleinod bewahren. Und es gibt eine Gedankenbegeisterung , die nicht minder energisch, und göttlicher ist, als der Gefühlsenthusiasmus älterer Zeiten. Aber alle formlose Empfindung, die mit dunklen Eindrücken uns umwittert und ein verwirrendes, verfinsterndes Netz uns über die freie, helle Stirn wirft, haben wir kalt und streng abzuweisen, denn wir wissen nicht, bis zu welcher Schandtat sie uns führen kann; am meisten aber seien wir auf der Hut, wenn diese Empfindung uns durch einen Heiligenschein zu imponieren sucht. Das alles sollte schon Kindern bei ihrer Erziehung, soweit sie es fassen können, klar gemacht werden, da Selbsttäuschung bei ungebildeten Geistern hier faßt unvermeidlich ist. Wie manches, von Natur aus edle Gemüt wälzt sich in ekler, lasterhafter Brunst, und bildet sich dabei noch ein, mit Gott dem Herrn selber zu verkehren. Kapitel XI Möge der Leser nicht etwa, durch eine Stelle dieses zufällig hier eingewebten Tagebuchblattes veranlaßt, einen voreiligen Schluß und die eheliche Treue der Frau Habichs in Zweifel ziehn. Die Wahrheit zu gestehen, war sie durch Mangel an Gelegenheit und Liebenswürdigkeit, durch Phlegma und eingebläutes Pflichtgefühl vor jedem Vergehen der Art bewahrt geblieben. Sollte der Leser sich aber wundern, daß er in einem Geschöpfe, das ihm zuerst als durchaus nüchtern, alltäglich und gedankenlos vorgeführt war, nun plötzlich eine exaltierte Romanleserin findet, so mag er darüber vielleicht Aufklärung finden in folgender Stelle. A. d. T. d. O. H. O wie wenige begreifen, was Poesie sei. Oft die gebildetst Scheinenden, am allerwenigsten der Pöbel. Der eine, der es in Deutschland gewußt und durch die Tat gezeigt hat, ist vielfach pfäffisch verketzert und unrein verehrt worden. Alles lebendige Sein in seiner reichen Fülle mit gesunden derben Sinnen und hellem heitern Blick erfassen, so daß jedes Ding nur als Offenbarung und Körper des darin von Anbeginn wohnenden (nicht hinzugefabelnden oder erdachten) göttlichen Gedankens erkannt wird, immer im Zusammenhange mit dem ganzen und einen, und dies Schauen in harmonisch verwebter mild geschaffener Erfindung den Erkennenden symbolisch hingeben – das ungefähr macht den großen Dichter. Aber da meinen viele, der Poet taumle schwebend und nebelnd von einer Wolkeninsel zur andern, und was er spende, habe mit dem wirklichen Sein gar nichts zu schaffen und sei eine angenehm phantastische, willkürliche Spielerei. Diese Leute wundern sich daher, wenn sie einmal einen Dichter zu sehen bekommen, daß derselbe die Nase in die Länge und den Mund in die Quere hat, wie andre Menschen, und wenn er sich gar vor ihren Augen an Kartoffeln und Rindfleisch satt ißt, so scheint ihnen das fast unanständig. Auf der andern Seite sind sie wieder in dem Wahne, ein Dichter schreibe dann am besten und kühnsten, wenn er von Rheinwein oder gar liederlichem Champagner besoffen ist. Von diesem Standpunkt aus betrachten oft ehrbare, gesetzte Berufsmenschen die Poesie als eine erlaubte angenehme Erholung, wenn die ernsten Geschäfte des wirklichen Lebens erst abgetan sind. Sie ahnen nicht, daß Poesie eben nichts andres ist, als die Verkündigung der echten, das heißt: der geistig verklärten Wirklichkeit. Bei solchem gänzlichen Verkennen des innern Wesens hält sich der Krämersinn natürlich ans ganz äußerliche. Wo süßlicher oder ungeberdig tobender Wortschwall ist, das nennen sie Poesie. Solche Philister haben den unausstehlichen und ganz verkehrten Ausdruck: »Schöne Diktion« erfunden. Und noch erst gar die Frauenzimmer, bei denen ein gutherziges, aber ganz falsches Sittlichkeitsgefühl namentlich hinzukommt, um sie vollkommen zu verwirren! Wo sie ihn nur mit einigen schimmernden Tugendsentenzen, wie mit Rosenbuketts bespickt und verhüllt sehn, da nehmen sie einen ganzen Wust des unreinsten Kotes mit frommer Miene hin. Kommt aber einmal in einem dramatischen Dichter etwa der Ausdruck vor: »Geht mir damit vom Leibe, denn ich habe den Henker davon!« da heißt es gleich: Näschen gerümpft und in die Höhe geworfen und zimperlich ausgerufen: »O pfui! wie unzart, wie prosaisch! « – Weil Shakespeare schlechte Menschen charakterisiert hat, so ist er selbst ein schlechter Kerl; weil Goethe die Szene in Auerbachs Keller gedichtet hat, so ist er ein roher Zotenreißer. O Unverstand! Diese sinnlose Trennung der Poesie von der Wirklichkeit macht es auch, daß oft die trivialsten, hausbackensten Naturen, ganz unbeschadet ihrer Stockphilisterei, eine Liebhaberei für schöne Literatur proklamieren, teils, um einen gewissen, prickelnden Kitzel zu befriedigen, den sie fälschlich für Begeisterung für etwas höheres nehmen und ausgeben, da er doch lediglich weichliche Sinnlichkeit ist; teils aus Eitelkeit. Natürlich werden sie nur an denjenigen Werken gefallen finden, wo viel Geschrei und wenig Wolle ist, in denen süßliche oder verwilderte, nie dagewesene Fratzen in affektierten Phrasen, die gar nicht von dieser Welt sind, viel weniger aber von einer höheren, phantasieren. Wo sie aber einmal Fleisch und Leben, echten Kern und echten Geist spüren, da wird ihnen umheimlich und es heißt gleich: »O pfui! wie gewöhnlich, wie platt, wie unpoetisch!« Solche Leute haben auch noch die komische Eigenschaft, oft, und mit einer gewissen bescheiden tuenden Selbstgefälligkeit, wenn sie mit einem Dichter sprechen und ihre flachen Urteile ausgekramt haben, die Redensart zu brauchen: »Ich bin freilich nur ein ganz prosaischer Mensch (oder wenn's ein Frauenzimmer ist: Geschöpf).« Wieder dieser unglückliche Gegensatz. Als ob ein echter Mensch, ein wahrhaft lebendiges Geschöpf je prosaisch sein könnte! Eigentlich aber wollen die Leutchen mit jener Redensart nichts andres gesagt haben, als: »Ich bin ein vernünftiger Mensch und nicht so verrückt, wie du.« Die Frau Habichs also las schlechte Romane, Nicodemus schrieb verarbeitend, bearbeitend, überarbeitend und überüberarbeitend an seiner großen Botanik fort und dem Junius gab er dabei auch Bücher zu lesen. Glücklicherweise war ihm früher der alte, triviale Gemeinplatz eingebläut worden, daß Romane der Jugend schädlich seien, und so tat er, wenn auch aus unrechtem Grunde, das Rechte, indem er den Knaben mit der schlechten Lektüre seiner Frau Mama verschonte. Er verschaffte ihm dafür Reisebeschreibungen und Geschichtswerke, die Junius mit großem Eifer las, denn sein lebendig schaffender Geist gab allem darin Berichteten eine frischere Färbung und ein höheres, bedeutsames Leben. So lernte er in der Zeit der Lehrstunden eigentlich mehr, als ihm der gute Nicodemus beigebracht haben würde, nur freilich die Zinsrechnung blieb ihm ein böhmisches Dorf. Einst hatte ihm Nicodemus zufällig ein Buch mit Gedichten gebracht. Junius erstaunte, als er anfing zu lesen und wußte erst gar nicht, was er davon denken sollte. »Was? (rief er bei sich) hat denn der auch das Guckglas des Onkels Holofernes gehabt?« Bei jeder Zeile mehr überrascht, las und las er weiter, und nun erst fiel ihm ein, was ihm vorher nie in den Sinn gekommen war, daß er ja ebensowohl als jener Dichter, die wunderbaren Worte, die aus Hain und Busch ihm entgegentönten, ordentlich aufschreiben könne. Sogleich machte er den Versuch und schrieb auf: Sang mit wundersüßem Schall Also einst die Nachtigall: Wie so hold und wunderschön, Rose, bist du anzusehn! Blühend, Glühend, Düfte sprühend. Weh! ich muß des Busens Drang Strömen aus in flücht'gem Klang, Der mit Sangesallgewalt Wonnig sich in Lüften wiegt; Aber bald Leis verhallt Und verfliegt. Ach! was flüchtig stets verschallt: Könnt' ich's fassen in Gestalt! Dann entschwänden nicht im Nu Klänge, die der Brust entsprangen; Würden prangen Schön, wie du, Blühend, Glühend, Düfte sprühend. Eine Ros' an Liedes Statt, Jeder Ton ein Rosenblatt, Rose, darum lieb' ich dich Inniglich! Rose gab mit duft'gem Wehn Leise flüsternd zu verstehn: Ach! wie singst du, Nachtigall, Mit so wundersüßem Schall! Innig, Minnig, Süß und sinnig. Was die Brust mir schwillt mit Macht, Was mich hold erglühen macht, Lebt im Duft mit Allgewalt, Der in Lüften wonnig weht; Aber bald Leis entwallt, Und vergeht. Ach! was ohne Klang entwallt, Unerkannt, vergessen bald, Was mit Macht die Brust durchzieht: Innig, Minnig, Süß und sinnig; Düfte – Nachtigallgesang, Jeder Atemzug ein Klang. Nachtigall, ich liebe dich Inniglich. Aber kaum standen, statt der lebendig wechselnden, sich verschlingenden Klänge die starren, schwarzen Buchstaben auf dem Papier, so gähnten und widerten sie Junius an. Sie kamen ihm vor wie Totengräber, die den Wohllaut zu Grabe getragen hatten, und schon wollte er im Unmut das Blatt zerreißen, als Nicodemus es sah, mit den Worten: »Was hast du denn da?« es ihm aus der Hand nahm und las. »Ei, ei! (sagte er schmunzelnd) recht artig, recht hübsch! Woraus hast du das abgeschrieben?« – »Abgeschrieben? wie denn?« fragte Junius. – »Aus welchem Buche, meine ich?« – »Es ist aus gar keinem Buche.« – »Nun woher hast du es denn? Du wirst es doch nicht selbst gemacht haben?« – »Nein, gemacht habe ich es nicht; ich hab' es aus dem Walde.« – »Sonderbar! wer hat's denn da gesungen?« – »Je, das steht ja hier. Die Nachtigall und Rose haben's gesungen und da hab' ich's gehört.« – »Du verschmitzter Junge! (sprach Nicodemus) so hast du es also doch selbst gemacht. Das ist viel, recht viel für dein Alter.« Junius versicherte nochmals, daß er es nicht gemacht habe, aber Nicodemus, kaum darauf achtend, nahm das für kindische Dichterschüchternheit, ließ sich nicht irre machen und las das Liedchen noch einmal mit Wohlgefallen durch. – »Aber woher hast du nur diese Kenntnis des Metrums genommen? (fragte er verwundert). Sollte dir etwa Apels Metrik oder Dillschneiders Verskunde aus meiner Bibliothek in die Hände gekommen sein?« – »Was weiß ich von Metrum und Apel und Dillschneider! (sprach Junius naseweis). Ich hab's einmal so gehört, nur noch viel schöner, wie's dasteht.« – Als die Stunde aus war, brachte Nicodemus den Jungen und das Gedicht zur Frau Habichs, der er letzteres triumphierend überreichte, mit den Worten: »Da sehn Sie, worüber ich Ihren Kleinen überrascht habe. Er hat es selbst gemacht.« Frau Habichs las, und obgleich sie es nicht verstand, klang und klapperte es ihr doch so vor den Ohren, daß sie entzückt ausrief: »Wie, Junius, du hast das gemacht? Hast du schon so romantisch zarte Gefühle gelernt?« – »Ach! was wollt ihr? Wie sollt' ich's denn gemacht haben?« – »Nun, lieber Junius! du brauchst dich darum nicht zu schämen (rief die triumphierende Mutter). Das Exerzitium der Poesie ist ein schönes, genialisches Talent, das du in deinen Freistunden ferner zivilisieren magst. Du kannst dadurch einst die ästhetische Zierde edlerer Geselligkeit werden und manche angenehme Stunde für schönere Seelen verkürzen helfen.« – »Für sein Alter ist es wirklich außerordentlich!« sprach Nicodemus. – »Außerordentlich!« stimmte Frau Habichs jauchzend ein, und nun ging es an ein Lobhudeln, daß es Junius angst und bange wurde. Er dachte in sich: Als ich's euch erzählte, was ich gehört hatte, da hieltet ihr mich für verrückt, und gabt mir ein Brechmittel, und jetzt, wo ich's ledern und langweilig auf einen elenden Fetzen Papier geschmiert habe, da werde ich gelobt, als ob ich wer weiß was für eine gute Tat getan hätte. Frau Habichs konnte kaum erwarten, bis ihr Mann abends aus dem Turm kam. Kaum trat er in die Stube, so lief sie ihm schon mit dem Gedicht entgegen und rief: »Sieh doch, Habichs! was unser lieber Kleiner da gemacht hat.« Herr Habichs glaubte ein schwieriges Rechenexempel zu sehen und nahm das Blatt; aber als er es näher ansah, ward seine Stirn finstrer und finstrer. »Dummheiten! (rief er endlich aus, indem er das Blatt zerknitterte). Das fehlte noch! hat er nichts bess'res zu tun, als dergleichen Unsinn, Mosje Sohn? (und dabei gab er ihm eine derbe Ohrfeige). Ich verbitte mir dergleichen ein für allemal!« – Junius wurde nun ganz irr; erst gelobt, dann geohrfeigt; beides ganz unverdienter Weise. Vor Zorn weinend und schluchzend lief er aus der Stube in den Garten. Frau Habichs sah ihren Herrn Gemahl starr und entgeistert an. Endlich brach sie, empfindlich gekränkt, los: »In der Tat, mein Herr Gemahl, diese Handlungsart war Ihrer rohen, gemeinnützigen Seele ganz würdig! Auf diese Weise haben auch die Sandalen und Hunden und andere kannibalischen Völker die schönen Künste protegiert und befördert. Sie sollten stolz darauf sein, daß Ihr Sohn Ihnen die verdienstlose Ehre antut, ein frühzeitiges Genie zu sein, und dafür mißhandeln Sie das arme unschuldige Kind auf eine so eklatant brutale Manier!« »Schweigen Sie, Frau Gemahlin! (krächzte Habichs). Sie verstehen den Teufel was davon. Wäre ich ein Genie gewesen, wer würde das Geschäft geführt haben, he? Ich und Sie könnten jetzt betteln gehn, das hätten Sie von Ihrem prächtigen Genie.« »Das mag Ihrer einseitigen Gesinnungsweise sich so vorstellen (eiferte Frau Habichs, verächtlich ihn messend), denn armselige Geister vermögen die eminente Kapazität nicht zu begreifen, die im traulichen Verein das ernste Streben der praktischen Weltansicht mit den Rosen der Poesie zu verflechten weiß. Würde es dem Geschäft schaden, und würde es uns nicht Ehre bei der Mit- und Nachwelt bringen, wenn unser Junius einmal die Zeit außer den Büreaustunden von abends 8 Uhr an dazu anwendete, ein großer Dichter zu werden?« – »Ein großer Dichter? ein großer Narr , ja! Was ist von einem Menschen zu erwarten, der das Edelste, was wir haben, und was uns vom Vieh unterscheidet: die Sprache , anstatt sie zu nützlichem, lukrativen Verkehr, wozu sie uns Gott gegeben hat, anzuwenden, dergestalt mißbraucht, daß er sie einer sinn- und zwecklosen Klapperei und Klingelei zuliebe verzerrt, verschiebt, verdreht und zerfetzt, nur um verrückte Dinge in verrückter Form zu Markte zu bringen? Wie kann der je das Nützliche und Wichtige, ich meine: das Geschäft, mit Ernst und Eifer betreiben, der seine ganze Seele ans Unnütze und Kindische hängt? Ein berühmter Dichter, jawohl! – Und wäre er wirklich imstande, dabei das Geschäft zur Not fortzuführen, so würde dieser Ruf allein ihn um allen Kredit bringen und ruinieren. Ein Dichter, ein Fasler, ein Phantast! wer wird mit dem solide Geldgeschäfte eingehen wollen, zu denen durchaus gesunder, ungetrübter Menschenverstand gehört, den er nicht hat. Und von Ihnen, Herr Nicodemus, den ich bisher für einen ernsthaften und verständigen, jungen Mann hielt, muß es mich sehr wundern, daß Sie dem Bengel zu dergleichen Torheit Anleitung geben; denn von selbst könnte er doch nicht darauf gekommen sein.« – Nicodemus dachte an sein Manuskript, warf sich in die Brust und sprach pikiert: »Ich wüßte nicht, Herr Habichs, wie ich dazu gekommen sein sollte, ihm, wie Sie sich auszudrücken beliebten: Anleitung dazu zu geben; denn in unsern Lehrstunden haben wir es allerdings mit wichtigeren, reelleren Dingen zu tun. Der Knabe ist durch sein eignes Ingenium dazu geleitet worden, wie solches bei einem Poeten immer der Fall ist, sintemalen sich die Poesie nicht durch Unterricht erlernen läßt. Nascitur poeta. Ich aber fand nicht nötig, ihn von dergleichen abzuschrecken, denn die Poesie dient dazu, den Menschen angenehm zu unterrichten und durch liebliche Erfindungen seinen Verstand auszubilden und paart so das Süße mit dem Nützlichen, utile dulci, wie solches schon von den Alten anerkannt war.« – »Die Alten gehn mich gar nichts an (erwiderte Herr Habichs) und kurz und gut: ich will es nicht haben und ersuche Sie, in ihm dergleichen Liebhabereien nicht aufkommen zu lassen, sondern im Gegenteil alle seine Zeit durch Arbeit auszufüllen; denn er wird alle Tage älter und es wäre wohl bald an der Zeit, ihn in meinem Bureau zu beschäftigen, damit er den Gang des Geschäftes früh übersehen lerne und ein für allemal keine Zeit zu kindischen Phantastereien übrig habe. Was dich aber anbetrifft, Frau Gemahlin, so bitte ich inständig, dich in die Erziehung des Jungen ganz und gar nicht zu mischen, sondern deine Weisheit für dich zu behalten.« – Diese wegwerfende Behandlung empörte die Frau Habichs. Schnell besann sie sich auf alle Phrasen und Fremdausdrücke, die aus den zuletzt von ihr gelesenen Büchern bei ihr hängen geblieben waren, um durch imposante Geistesüberlegenheit den Gemahl verstummen zu machen, und trug folgendes Ragout aus denselben pathetisch und höhnisch vor: »Ei! nicht in die Erziehung mischen? Nicht wahr, weil ich ein Weib bin, mein Herr Gemahl? Aber der Herr Gemahl täten wohl, einmal aus Ihrem Turm heraus auf das mächtige Fortschreiten der kosmopolitischen Humanität des Zeitgeistes zu horchen, um sich nicht durch engherzige Borniertheitsvorurteile vor dem Tribunale höherer Intelligenz zu blamieren. Der Herr Gemahl würde dann wissen, daß es als eine Lebensfrage des Jahrhunderts angeregt ist, die Zerwürfnisse des sozialen Zeitwirrnis durch Emanzipation der Frauen zu regressieren. Denn die göttlichen Tendenzen der Freiheit und Gleichgültigkeit, verbunden mit einer aufgeklärten Liberalitätsphilosophie müssen alle Hemmnisse einer barbarischen Tradition negativieren, die der Druck verderbter soziabler Institutionen der geistlichen Entfaltung eines eben so edlen und freien Teiles der Menschlichkeit, als Sie, mein Herr Gemahl, aufgebürdet hat. Freilich werden dann Kulturzustände eintreten, mein Herr Gemahl, von denen Sie sich nichts träumen lassen und aus denen ich selber noch nicht gescheit werde, und soziable Revolutionen werden der objektivischen, selbstbewußten Weiblichkeit, die geistlichen, soziellen und staatslichen Funktionen zum Lebensgebiet anweisen, die das stärkere Geschlecht durch Usurpation sich arrogiert hat. Und der Prinzip des Gewährungskampfes wird den Sieg davon tragen in freier Verfügung über Neigung und Perschon, vom dumpfen Joch des kochenden und strickenden sich Hergebens an eine einzelne, unberechtigte Persönlichkeit emanzepiert zur schönen Harmonie abwechselnden, freisinnigen Liebestausches, sowie zum Bücher-Schreiben, Cigarren-Rauchen, Alleininswirtshausgehn und politischer Klubsgemeinheit durch repräsentierende Versammlung. Aber Sie, mein Herr, werden das nie begreifen und ewig die morschen, stagnierenden Exkremente abgetaner und erstorbner Weltauswicklungsperioden mit Stabilitätsanschauungen, materiellen Interessen und retorgarden Impulsen vermengeliert in sich kontensieren.« – Noch einen verachtenden Blick warf sie ihm zu; ihre Augen leuchteten, triumphierend blickte sie um sich, und wirklich: nur in einem Augenblicke fast somnambüler Begeisterung konnte sie sich zum Abdeklamieren eines (verhältnismäßig) noch so zusammenhängenden Unsinns aufraffen. Herrn Habichs war angst und bange geworden. In der Mitte der Rede fing er an, eine verwickelte Münzreduktion im Kopfe zu berechnen, nur um das Zuhören los zu sein. Als er merkte, daß seine Frau fertig war, sprach er: "Um Gottes willen! woher hast du diesen Unsinn? Ist das jetzt Ton in euren ästhetischen Klatschzirkeln? Ihr tätet besser, euch um Kaffee und Strümpfe zu bekümmern, denn ihr seid viel zu einfältig und habt viel zu wenig gelernt, um über irgend etwas Andres zu denken oder gar zu räsonnieren. Was mich betrifft, so bitte ich, mir künftig nicht mehr mit derlei Tollheit die Ohren zu zersprengen." – Aber jetzt war Frau Habichs auch ausgebeutelt und erschöpft. Sie schwieg still und begnügte sich, ihren Gemahl mit verachtenden Blicken zu messen. Eines Sonntag morgens war Junius sehr früh aufgestanden. Leicht, von Morgenfrische umweht und umflattert, schritt er durch den Garten nach der Wildnis zu. Ihm war so voll und bang, als bereite sich seine Seele, erwartungsvoll zitternd, etwas Überirdisches Heiliges zu begrüßen. So mag dem Propheten zu Mut sein, ehe der Geist Gottes über ihn kommt. Junius drang weiter vor durch hohe, majestätische Buchen und Eichen, kühle Waldesschauer umfingen ihn und küßten die Glut von seinen Wangen. Sinnend und langsam, den Blick unter sich, wandelte er hin. Und dichter rückte Stamm an Stamm, und höher schoß Wipfel an Wipfel empor, keck ins ewige Blau greifend, und kühn geschwungner schloß Zweig sich an Zweig in reichem lieblich geschmückten Bogenbau. Und als Junius aufsah, siehe! da stand er in einem riesigen, lebendigen Tempel; drin wallte kein betäubender, hirnumnebelnder Weihrauch, nur frische, freie Walddüfte strichen umher; drin starrte es ihm nicht ringsum steinern entgegen, sondern überall war Saft und Regung, Sprossen und Gedeihn, ein überschwengliches Leben; und das goldne Licht war nicht gezwungen, sich durch steife Fensterumrisse gewaltsam einzudrängen, sondern lachend und mild quoll und schlüpfte es durch Zweig und Blatt an allen Ecken und Enden; keine brennend und dunkel gefärbten Scheiben umdämmerten den Sinn mit einer heiligen Dumpfheit, sondern göttliche Heiterkeit lachte vom Blau des Himmels ins tiefste Herz hinein. Und das leise Summen, Singen und Brausen in den Laubeskronen schwoll und wuchs und durchströmte, ein mächtiger, tönender Strom, läuternd und befruchtend, die Brust des Knaben, und er lauschte ihm die Worte ab, die aber zu ihm in kühnen, erhabnen Rhythmen erklangen, wie sie die Sprache nicht nachzubilden vermag: »Was senkest du nieder den Blick und starrest in die dunklen Tiefen der eignen Brust? Schaue auf und umher, mit hellem Auge in die helle Welt, oder du wirst dir selbst zum Grabe. Wage es, aus dir selbst hinauszugehn und dich hinzugeben der Fülle des Lebendigen ringsum, und je mehr du dich hingibst, je inniger und klarer wirst du dich selbst besitzen. Laß die freundlichen, wechselnden Bilder des Seins in bunten Scharen auf dich eindringen und überwinde sie in heitrem, wühlendem Kampfe. Und siehe! Gestalt um Gestalt und in Allem ein unendliches Werden und Wechseln, ein Erblühen, Erstarken, Vergehen und ein ewig neues Entkeimen aus der Verwesung. Und der Tempel deiner Brust bevölkert sich von tausend und tausend Gebilden, so daß es drinnen lebt und blüht, wie draußen, und alle sind sie in dir zu ewigen Gedanken geworden. Sie Alle, und unendlich mehr, die du noch nicht erschauen und erfassen kannst, hat Gott der Herr also herrlich gedacht und gesprochen im Anbeginn der Tage; und sie wurden. Und auf daß seine blühende Welt verstanden und genossen würde, hauchte er in dich einen Atemzug seines innersten, heiligsten Wesens, und ward Mensch in dir; und in Millionen lebt und wirkt er fort. Schaue den herrlich ragenden, königlich daherwandelnden Menschengestalten ins leuchtende Auge und siehe, wie es um dich her stäubt von Funken der Gottheit, wie es dich mild umspinnt mit Schimmern der Gottheit! Sie alle sind seines Seins teilhaftig. Und Er, so unendlich hingegeben, so millionenfach menschgeworden – ist und bleibt doch der ewig Ganze, Unendliche, Einzige; reicher, je mehr er spendet; immer mehr sein eigen, je mehr er von sich weggibt. Siehe! er hat sich in deine Brust gesenkt in seiner heiligen Ganzheit, kein Teilchen seines Wesens hat er dir vorenthalten; du kannst ihn ausdenken und ausempfinden, wenn du rein, stark und kühn bist. Und doch war, ist und bleibt er der allgewaltige Weltenlenker über und außer dir. Im Manne ward er Mensch, auf daß er sich auch hienieden, tätigdenkend, ewig erneue; aber auf daß die Kraft harmonisch und gezügelt bleibe von der einigenden, versöhnenden und erhaltenden Milde und Liebe, wird er ewig wiedergeboren im Weibe. Ehre die süße, erhabne Gestalt, die, ein Gedanke der Schönheit, sinnend hingeneigt dasitzt und lauscht und träumt; denn in ihrem weichen, unendlich liebenden Busen rauscht fort und fort die leise Quelle schöner Menschlichkeit, in ihrem stillen Schoße schlummern die Keime ewiger Menschwerdung. – Und wie Er sich unendlich hingibt und kräftig sich selbst behält: so sei auch du ganz Liebe und Kraft, Überwundner und Sieger. Opfre dich auf, um dich zu haben!' – Kapitel XII Junius war auf sein Angesicht hingesunken, aber wahrlich nicht aus demütiger Zerknirschung, als seiner unwert, dem freundlichen Himmel ins Auge zu schauen; nein! die Wonne der Gewißheit, daß er groß, rein und gottähnlich sei, warf ihn darnieder. Er riß sich los und rannte heim. Er glaubte zu fliegen, so leis berührte der Rasen des Bodens seine Sohlen, so frei flatterten seine Locken. Da tönte ihm, wie ein Mißklang, die Stimme seiner Mutter entgegen, die ihn aufforderte, sich zurecht zu machen, um mit ihr in die Kirche zu gehn. Mit innerem Verdruß gehorchte er. Nun muß dem Leser vorher berichtet werden, daß sie nicht gern jene gotische Kirche zu besuchen pflegte, in der, wie zu Anfang erzählt, Junius getauft worden war, obgleich sie eigentlich zu jener Pfarrei gehörte. Herr Habichs nämlich konnte den ehrwürdigen Bau nicht leiden, weil er ihm zu phantastisch war. Auch ärgerte er sich jedesmal darüber, wenn er bei sich überschlug, wie viel unnützes Geld auf denselben verschwendet worden sei. Seit Holofernes ihm von dem Eindruck dieses Doms vorphantasiert hatte, hatte er erst gar einen Abscheu davor bekommen. Frau Habichs aber konnte das Gebäude auch nicht leiden, weil sie eine bigotte Protestantin war, und es in der, früher katholischen Kathedrale wie von betäubenden Dünsten des Papismus sie umwitterte. Der Leser wird sich schon wieder wundern, daß ihm hier eine Person plötzlich als bigotte Protestantin aufgebürdet wird, die er kurz vorher als Anhängerin der modernen Weltbewegungsliteratur kennen gelernt hat, die mithin gar keine positive Religion haben sollte. Aber der Leser ist ein schlechter Psycholog und außerdem ein unaufmerksamer Leser, denn in einem Fragmente aus dem Tagebuch des Holofernes ist ihm der Schlüssel schon in die Hand gegeben. Die Sache ist nämlich die: Von jedem Buch, das Frau Habichs las, behielt sie einen Tag lang einen Anflug, eine flüchtige Färbung, die ihr jedoch bloß dazu diente, im Gespräch damit zu prunken und die Geistreiche und Gefühlvolle zu spielen. So war sie in Zeit von wenigen Wochen erst ritterlichmittelalterlich, dann bürgerlichsentimental, dann räuberischheroisch und zuletzt (da Nicodemus, nach verschlungenen Kommisromanen, keinen Rat mehr wußte, was für Bücher er ihr noch bringen solle,) weltbewegerisch und emanzipationssüchtig gewesen; aber wohlgemerkt: nur in äußerlicher Zurschautragung. Denn innerlich, wie in ihren Handlungen, blieb sie bei alledem unverändert und unberückt dieselbe, wie sie war, nämlich eine Gans, das heißt: ein ganz gewöhnliches Weib. So war sie, unter andern, auch bigotte Protestantin, obgleich sie nicht den mindesten wahren Begriff von Protestantismus und seinem Gegensatz zum Katholizismus hatte; nein! sie war das, wovon ihr bei ihrer Erziehung eingebläut worden war, daß sie es wäre und sein müsse, übrigens ohne Überzeugung und Erkenntnis. So war sie, unter andern, auch peinlich geizig in Kleinigkeiten (z. B. dem Verbrauch von Schwefelhölzern) und sinnlos verschwenderisch in größeren Ausgaben (z. B. Anschaffung von Schals und Teearrangements). Ihr Geiz und Herrn Habichs Finanzsinn allein hatten es bewirkt, daß Junius in der gotischen Kirche getauft worden war, weil sonst die Taufgebühren hätten doppelt bezahlt werden müssen. Also aus den obgemeldeten Gründen und weil außerdem der Geistliche der andern Kirche (wie der Leser gleich einsehen wird) ein besonders vortrefflicher Prediger, der der gothischen aber, wie Frau Habichs sich ausdrückte, ein eminenter Nationalgardist (sie meinte: ein evidenter Rationalist) war, ging Frau Habichs in die andere. Sie hatte Junius schon öfters mitgenommen. Er hatte das Tun und Treiben dort mit sehr gleichgültigen Augen betrachtet, ohne viel darüber nachzudenken, was damit eigentlich bewiesen sei, und ohne irgend eine tiefere Bedeutung dahinter zu suchen. Aber nie hatte er einen so entschiedenen Widerwillen dagegen empfunden, als heute, da die frommen Klänge der Wildnis in seiner Brust noch mächtig nachhallten. Erst heute fiel es ihm auf, daß die Kirche von außen aussah, wie eine Kaserne, nur weniger stattlich und lebendig, ein trauriger viereckiger Kasten. Er trat ein und meinte in einen Reitstall zu treten. Eine gähnende, geizige, unendlich nüchterne Leere! Heut erst kam es ihm ungeheuer komisch vor, wie die eintretenden Männer sämtlich den Hut ein paar Augenblicke vor Nase und Mund hielten, als ob sie dahinter heimlich was zu knuspern hätten. Und nun erst gar der Gesang! Dumpfe Grabesklänge der Orgel präludierten; dann riß der grimmig blickende Kantor ein ungeheures Maul schief auf und intonierte, wie mit einem herzzerreißenden Hilfeschrei. Und einstimmten falsche Männerstimmen, schüchtern und undeutlich brummend, und unverschämt quäkendes Altweibergekreische, mit großer Sorgfalt durch enge naseneinquetschende Brillen noch weit quäkender gemacht, als es von Natur schon gewesen wäre. Ihren frommen Eifer suchten diese Weibsbilder dadurch hervorzuheben, daß sie ihr Geschrei jedesmal einen halben Takt früher losbrechen und dann den letzten Ton einen halben Takt länger, inbrünstig und gefühlvoll, nachschnarren und auszittern ließen, als alle andern. So wand und schleppte sich die Melodie modrig, dumpfig und trostlos dahin, wie ein Regenwurm durch den Schlamm. Junius konnte es kaum ertragen. Der Mißlaut beklemmte ihm die Brust wie ein Alp, und schnürte ihm die Gurgel zu. Endlich hörte der vertrackte Hexentanz von Mißtönen auf; die Orgel stieß noch einen malitiösen, schnappenden Nasenton hervor und Stille trat ein. Nun bestieg, in unwürdig gekrümmter, heuchlerisch demütiger, kommißmäßig eingelernter Knechtsstellung ein Mann die Kanzel, in schwarzem Talare, mit zwei weißen Schnippelchen vorn am Halse. Ich kann dem Leser keine treffendere Schilderung von seinem ganzen Wesen geben, als indem ich, mit wenigen sachgemäßen Abänderungen, die Stelle aus dem Shakespeare übersetze, wo Hamlet von den Fehlern schlechter Schauspieler spricht, die dieser Prediger höchst sonderbarer Weise alle an sich hatte. Die Stelle lautet: »Sprecht die Rede, ich bitte euch, leicht von der Zunge fließend. Aber wenn ihr sie so herausmault wie viele unserer Schauspieler tun, so möchte ich sie eben so gern vom Ausrufer sprechen hören. Und durchsägt auch nicht die Luft zu sehr mit euren Händen, sondern behandelt alles gelinde. Denn selbst im Strom, Sturm und (wenn es dazu kommen sollte) Wirbelwinde eures frommen Eifers müßt ihr eine Mäßigung erlangen und erzeugen, die ihm Weichheit gibt. O! es kränkt mich in der Seele, anzuhören, wie ein robuster, perrückendickköpfiger Kerl den heiligen Text in Lappen, in rechte Fetzen zerreißt, um die einfältig frommen Seelen unten zu betäuben, die in der Regel nichts davon begreifen, als Faxen und Spektakel. Ich möchte einen solchen Kerl für sein Sichungeberdigstellen peitschen lassen; er überpharisäert den Pharisäer usw. – – – und achtet vor allem darauf, daß ihr die Bescheidenheit der Natur nicht übertreibt. – – – O! es gibt Prediger, die ich habe predigen und von andern loben hören, und das höchlich, die (ohne sie böswillig verspotten zu wollen) weder den Akzent von Christen, Heiden, oder überhaupt Menschen hatten und so die Kanzel zerprügelten und bellten, daß ich glaubte, irgend ein Handlanger der Natur habe Menschen gemacht und verpfuscht, so abscheulich verzerrt war in ihnen das wahrhaft Menschliche.« In der »herausgemaulten«« und »hervorgebellten« Rede hieß es unter andern: »Ja, meine andächtigen Freunde! haltet fest am reinen Glauben, also, wie er euch gelehrt worden ist; nicht, wie ein verwegenes und frevelhaftes Grübeln und Denken ihn umgestalten und verfälschen mag. Forschet in der heiligen Schrift, aber nur, um ihre goldenen Sprüche euch in Demut einzuprägen; nicht, um sie mit eurer schwachen Vernunft zu begreifen. Denn die menschliche Vernunft führt unabwendbar zum Unglauben; darum lernt sie verachten und verschmähen; sie ist nur dann gut und nützlich, wenn ihr sie dem verkündigten Worte Gottes blindlings unterwerft. Und welches Verdienst auch hättet ihr dabei, meine Freunde, wenn ihr von dem überzeugt wäret, was euer Verstand einsieht? Ihr sollt glauben, ohne einzusehn! Wie erbärmlich und ohnmächtig aber ist all unser Verstand, wie Stückwerk all unser Wissen! Wer heut noch froh und guter Dinge, kann morgen schon im Grabe liegen, und er weiß es nicht. Und wollt ihr die unerforschlichen Geheimnisse Gottes durchschauen, so ihr solches nicht einmal vorher zu wissen fähig seid? Und in den Stunden der Not und Bedrängnis – wer wird euch da aufrichten und nicht verzagen lassen? Eure eignen törichten Gedanken etwa, die sich vermaßen, die Welt zu überfliegen? O nein, meine Andächtigen! wenn dann nicht ein unbegreifliches Gefühl, davon der Verstand nichts weiß und wie es nur dem Gläubigen gegeben ist, von oben tröstend über euch kommt, so werdet ihr winseln und heulen in eurer Pein und wird nicht Menschenrat noch Menschengedanke euch zu helfen vermögen. Und was spreche ich von der traurigen Verlassenheit, womit Gott die Ungläubigen und die, so sich nicht selbst zu verachten und erniedern wissen, sondern sich was rechtes dünken vor dem Herrn, schon in diesem irdischen Jammertal heimzusuchen pflegt? Aber denkt an drüben! denkt an die Stunden des Gerichtes, da der, so sich hienieden als ein nichtswürdiger Wurm im Staube gefühlt hat, wird erhoben und verherrlicht werden und wird eingehen zu ewiger Ruhe und ewigem, unendlichen Ergötzen, der aber, so sich vermessen hat, mit seiner elenden Vernunft hinanzureichen an den Allerhöchsten und, in törichtem Hochmut, seine Herrlichkeit zu verstehen, der wird erniedert werden und hinabgeschleudert in den Abgrund da Heulen und Zähnklappen sein wird ohn' Ende. – O meine Andächtigen! wer wollte doch so unklug sein, seinen eigenwilligen störrischen Sinn nicht für ein Weilchen zu beugen, würde es ihm auch schwer und unbequem, wenn ihm so reicher, herrlicher Lohn dafür verheißen ist? Wer wollte nicht für eine kleine Spanne Zeit sich in Demut als untertäniger Knecht geberden, wenn er dadurch auf ewig zum freien Herrn werden kann in unvergänglichem, süßen Wohlleben? Und wer wollte so töricht und über seinen eigenen Vorteil verblendet sein, um nicht für eine Zeit lang seine stolzen Gedanken zu bezähmen, ihnen zuzurufen: Bis hier hin und nicht weiter! und in demütiger Unwissenheit zu verbleiben, wenn er dadurch entgehen kann den Qualen der ewigen Verdammnis? Ja, meine Andächtigen! selig sind, die da geistlich arm sind, denn ihrer ist das Himmelreich. Amen!« – Junius war in einer eignen Stimmung. Kochender Zorn und hellauflachender Spott jagten sich in ihm wild durcheinander. In der ganzen ersten Hälfte der Predigt mußte er wider Willen (so wie uns oft irgend eine Melodie einen ganzen Tag lang nicht aus dem Kopfe will) sich immerfort folgende Verse wiederholen; die er am vorigen Tage zufällig gelesen hatte: Knurre nicht, Pudel! zu den heiligen Tönen, Die jetzt meine ganze Seele umfassen, Will der tierische Laut nicht passen. Bei jeder Windmühlflügelgestikulation des Predigers war es ihm, als bekäme er eine Ohrfeige. Zuletzt, indem er absichtlich gar nicht zuhörte, aber den Prediger starr ansah, überkam ihm eine tolle Sucht, laut aufzulachen, so daß sein Gesicht hinter dem vorgehaltenen Schnupftuch schwoll und glutrot wurde. Nur mit äußerster Anstrengung hielt er an sich. Erst als er, der puritanischen Armensünderenge der Kirche entflohen, wieder in freier Gottesluft leicht aufatmete, wurde es in ihm still und versöhnt. Der traurige Gottesdienst war, wie ein wüster Spuk im Traum, verschwunden und vergessen und die heiligen Klänge der Wildnis hallten rein und voll durch seine besänftigte Brust. Frau Habichs und Herr Nicodemus aber stimmten, neben einander nach Haus gehend, überein, daß es eine sehr erbauliche und sinnreiche Predigt gewesen sei, wozu sie gleich noch die Bemerkung fügte, sie spüre eine bedeutende Leere im Magen und wünsche den Tisch gedeckt zu finden, wenn sie nach Haus kämen. Auch diesem Wunsche stimmte Nicodemus aus innerster Überzeugung bei. Kapitel XIII Junius verschloß die Eindrücke dieses Vormittags sorgfältig in seiner Brust; denn das hatte er schon gelernt, daß man sich nur vergeblich bemüht, mit gewöhnlichen Menschen von ungewöhnlichen Dingen zu sprechen. Man drücke sich in den schlichtesten Worten darüber aus – sie werden es doch für unklar und für absichtlich neblich und hochtrabend halten. Aber als er des Nachmittags einen ungestörten Augenblick gefunden hatte, nahm er seine kleine Schwester Malwina bei der Hand, führte sie in den Garten und, unter der alten Linde sitzend, erzählte er ihr vom Tempel der Wildnis mit seinen wunderbaren Chorgesange. Das sinnende Kind hörte ihm schweigend zu, und als er auserzählt hatte, bat sie ihn: »Führe mich auch hin, daß ich's selbst sehe und höre!« Das versprach er ihr. Der Leser muß nämlich wissen, daß mehrere Jahre verstrichen sind, während er nur einige Stunden lang gelesen hat. Malwina war der Wiege und dem Gängelband entwachsen, hatte sprechen, denken und fühlen gelernt, ein stilles, blühendes Kind. Sie hatte nicht jenen äußeren Habitus altkluger Verständigkeit, der Mädchen ihres zarten Alters oft so posierlich läßt, sie war durchaus Kind, äußerlich und innerlich, aber ein Kind voll tiefer Ahnungen und heller unschuldiger Gedanken. Zu ihr nahm Junius immer seine Zuflucht, wenn er sich einsam und wie abgesperrt fühlte. Natürlich fiel es ihm nach jener Ohrfeigenszene nicht mehr ein, seine Waldesträume, die reicher und reicher ihm die Stirn umblühten, zu Papier zu bringen. Aber seine kleine Schwester horchte ihm gern und mit stillem Erstaunen, wenn er in melodischen Rhythmen ihr davon erzählte, sie wußte nichts darüber zu ihm zu sagen, aber das beste und tiefste verstand sie, fast ohne es selbst zu wissen. Auch sie mochte gern auf Baum und Blume und in das stille Blau des Himmels blicken und den Klängen umher lauschen, aber sie fühlte, daß es Junius gegeben war, anders zu sehen und zu hören, als sie. »Könnt' ich doch das alles auch hören!« sprach sie erst manchmal; dann aber fügte sie sich still darein und freute sich ihres Bruders, wie eines erfahrenen Lehrers und Dolmetschers. Sie verehrte und liebte in ihm einen Höheren, der das blumenreiche Füllhorn seines geistigen Schatzes gern in ihren Schoß schüttete. Alle Bemühungen der Frau Habichs, sie zu einer zierlichen, knixenden Drahtpuppe zu erziehen, scheiterten an ihrer natürlichen und unerlogenen Anmut und an dem tieferen Inhalt ihres Denkens und Sinnens. Deshalb ereiferte sich Frau Habichs oft darüber, daß sie sich nicht zu benehmen wisse, wie ein anständiges, wohlerzogenes Kind, indem sie jedesmal hinzufügte: »Als ich in deinem Alter war, wußte ich mich besser zu drehn und zu wenden und hätte für meine Mutter die Honneurs beim Tee machen können.« A. d. T. d. O. H. Vielleicht liegt ein Hauptgrund davon, daß die Weiber so oft ganz oberflächlich und inhaltlos bleiben, grade in ihrer ausgezeichneten Fähigkeit, alles äußerliche, schon von frühester Kindheit an rasch und scharf zu fassen und zu kopieren. Man sehe nur, mit welcher komischen Naturwahrheit kleine Mädchen in ihren Spielen Bräute, Frauen, Hausmütter, gesellschaftgebende Damen usw. darstellen, während sich die Knaben dabei immer linkisch und verlegen geberden. So lernt manches Mädchen früh, sich in die Formen der Welt finden und in ihnen sich bewegen, wie eine Alte. Und im Grunde ist dies nicht so sehr zu verwundern, wenn man bedenkt, wie wenig es eigentlich ist, was ein Weib wissen und kennen muß, um grade keinen Verstoß zu begehn. Aber ein Jammer ist es, daß die meisten es auch hierbei bewenden lassen und, wenn ihnen das äußerliche des Lebens einmal geläufig ist und sie sehen, wie leicht sie damit durchkommen, sich um den Kern und die tiefe Bedeutung desselben wenig kümmern. Und leider arbeitet die gewöhnliche Mädchenerziehung, welche in der Tat nichts als menschliche Dressur ist, dieser angeborenen und bequemen Oberflächlichkeit in die Hände. Manches erwachsene Mädchen erlebt Liebesgeschichten und führt sie mit einem meisterhaften Anschein von Wahrheit durch, und es ist doch in der Tat nichts, als eine Wiederholung ihrer Kinderspiele, als sie in ihnen die Braut äußerlich kopierte, nur daß sie jetzt durch die Lebhaftigkeit des Spiels sich selbst täuschen und hinreißen läßt, bis sie zu der Einbildung gelangt, als empfände sie wirklich eine Leidenschaft, von der sie höchstens den Namen kennt, ohne von ihrem innern, tiefen und ernsten Wesen auch nur den mindesten Begriff zu haben. Wird ein solches äußerliches Tun aber erst zum gewohnten Spiel und zum Bedürfnis, dann wird es Koketterie, und manch ein gutherziges Ding ist auf diese Weise nach und nach durch reines Mißverstehn ihrer eignen Handlungsweise, zur trügerischen, abgefeimten Dirne geworden, ehe sie es selbst recht gewahr wurde. Versprochenermaßen führte Junius seine Schwester in den Wald um den Baumtempel zu suchen, voll froher Wonne, daß er auch ihr einmal recht unmittelbar und von der Quelle zu kosten geben könne, worin sein Gemüt schwelgte. Sie folgte ihm schüchtern, fast furchtsam; fast wollte sie sich so hoher Eindrücke unwert halten. Aber Junius suchte und suchte, drang mit ihr da und dort hinein, spähte und horchte – alles umsonst; er konnte den Platz, wo er voll Seligkeit auf seinem Antlitz lag, nicht wiederfinden. Malwina wollte fast weinen; aber sie bezwang sich, schmiegte sich an Junius, küßte ihn und sprach: »Wenn ich's auch nicht selbst hören und sehen darf – hab' ich doch dich, und gelt, du erzählst mir alles?« – »Sei ruhig, Malwina! (sprach Junius) alles erzähl' ich dir, und was ich im Baumtempel im Brausen der Wipfel vernahm, will ich mir behalten und dir es noch recht, recht oft sagen, bis du es auch weißt.« Junius selbst fand die Stelle des Tempels niemals wieder, und wozu hätte es auch gefrommt? Einmal hatte er dem Chorale gelauscht, und das einmal war für ewig. Noch öfter als Gegenwart wäre es am Ende zu süßem, trägen Sinnengenuß herabgesunken; in der Erinnerung blieb er verklärt, geistig und göttlich. Kapitel XIV Einst, als Junius wieder seine Freistunden benutzte, sich in der schönen Wildnis umherzutreiben, sah er von fern eine lang gedehnte Felswand, deren Stirn von Gesträuch und Bäumen schön bekränzt war. Von der Fläche der Wand aber blitzte und prangte es von frischen, bunten Farben. Erstaunt eilte Junius näher; und siehe! Gestalt um Gestalt trat hervor und schien lebend aus der Fläche herauszutreten. Er lief ganz nahe herzu, und vor ihm stand eine Reihe von kräftigen, markigen Bildern. Da waren vielhundert Männer und Frauen, alle in lebendigster Stellung, und alle verschieden – ein unerschöpflicher Reichtum an Ausdruck, Geberde, Gestalt, Verrichtung, Zusammenstellung und Wechselbeziehung; aber alles voll Kraft, Keckheit, Leben und Wahrheit. Die Fülle des Schauens betäubte Junius und ließ ihn nicht zu ordnender Klarheit kommen. Wie träumend schritt er auf und nieder und sah Heldengestalten im Zweikampf mit wilden Tieren und Räubern; dann das wilde Getümmel der Feldschlacht, regungslos und doch unendlich bewegt auf die Fläche hingezaubert; dann den versammelten Rat der Weisen in ernster, ragender Halle, daß er meinte, die gediegnen Sprüche von ihren Lippen wehen zu hören; dann Festspiel und Siegesmahl in heiterster Unbesorgtheit und freudigstem Zusammensein, durch die Reihe kräftiger Männergestalten, süße Frauenbilder geschlungen, wie lachende Rosen im ernstdunklen Eichenkranze. Aber alles verschwand ihm vor den Augen; bald übersah er das Einzelne im blendenden Zusammensein des Ganzen, bald vergaß er das Ganze über dem sinnenden sich Vertiefen ins schöne Einzelne. Da erschollen plötzlich (woher? das wußte er nicht, ob aus dem Fels oder der Luft) kräftige Harfenakkorde, die stürmend anwuchsen, dann leise verrauschten. Wieder begannen sie, und wie der Gesang des Hains das Brausen der Wipfel, übertönte sie die feste, wohllautende Stimme des Mannes. Junius versank horchend in neues Staunen. Aber die Worte dtes unbekannten Sängers litten kein unklares Hinträumen. Fest, bestimmt, alle Verworrenheit schlichtend, erklangen sie, und wie durch Meißelschläge aus dem gestaltlosen Block das Standbild des Gottes hervorgeht: so rang sich aus den Klängen los, bis sie in schärfstem Umriß fertig da stand, die lebendige Tat in ihrer kernigsten Wahrheit, ungeschmückt und unentstellt, in ursprünglich göttlicher Kraft und Einfachheit. Ein rasches Hinhorchen, ein rascher Hinblick zeigten dem Knaben, das der Gesang denselben Inhalt hatte, als das erste der Felsbilder. Überrascht sah er nun, wie dies Leben und Klarheit gewann, so daß er jede Miene, jede Gestalt, jede Regung der Glieder begriff. Das Lied endete und, leise sich verbreitend, überschlich ein grüner Epheuteppich, dichter und dichter verwachsend, das erste der Bilder. Da begann ein zweiter Gesang, und ein zweites Bild belebte sich, ward erschaut und begriffen. Junius hörte zu in trunkenem Taumel, sein Herz pochte an die Rippen, wie Tat fordernd, sein junger Arm straffte sich, seine Faust zuckte, als wolle sie ein Schwert fassen. Endlich verrauschte das letzte Lied und die eben noch so lebendige Felswand stand da, einförmig, von stillem Grün überzogen. Junius stürmte heim. Nicht mochte er mehr auf die süßen Lieder horchen, die ihn geleiteten. All sein Träumen und Singen von Blüte, Wald, Welle und Himmelsblau schien ihm jetzt eine kern- und bedeutungslose Tändelei, deren er sich zu schämen habe. Seine Seele war erfüllt von der Kraft und Hoheit des Menschenwillens und er weinte Tränen der Verehrung. Er sah um sich, wie ein Baum wuchs und Blätter trug wie der andere seiner Gattung, wie eine Blume blühte und zerfiel wie die andere, ein Vogel nistete wie der andere und unverändert das Lied sang, das seiner Gattung unwiderruflich zugeteilt war. Nichts, als ein willenloses Gesamtleben ohne Selbstbestimmung, nach ewig einförmigem Gesetz. Aber der Mensch, vor allen berufen, durch eignen Willen sein Ziel zu stecken, durch eigne Kraft es zu erreichen; jeder auf andre Art und doch jeder dem Göttlichen zuwirkend; göttliche Gedanken, jeder auf seine Weise, als Tat ins Leben stellend; selbst in gewaltsamer Verwirrung noch voll Adel, und Größe! Im Verlauf der Zeiten, welch ein unerschöpflicher Wechsel von Tat, Schöpfung, Idee und Weltgestaltung, welches Riesenspiel kämpfender Seelen- und Willenskräfte; und doch in allem eine Hindeutung, ein Evangelium: die göttliche Natur des Menschen ! Jetzt erinnerte sich Junius an die manchen Geschichtsbücher, die er bei Nicodemus gelesen hatte. Aber sie waren wie ein Schattenspiel an seiner Seele vorbeigegangen; fast hatte er nur die Buchstaben gelesen; jetzt aber erwachten die in den dunklen Schluchten des Gedächtnisses begrabnen Bilder, wie von einem Zauberstabe getroffen, traten hervor riesige Gestalten, lebten und handelten . Junius eilte zu seiner Schwester und goß ihr sein volles Herz aus in rasch strömenden Worten. Sie horchte erstaunt. Als er aber zuletzt anfing, auf die Stimmen, die bisher aus Wald und Flur ihm zutönten, zu schelten, da hielt sie ihm sanft den Mund zu und sprach, wie um Mitleid flehend: »Nicht doch, Junius! wie magst du das nur schelten, was doch dein Alles war? Und es war doch auch so schön und innig. O, ich werd' es nie vergessen.« – »Gewiß würdest du es vergessen, wenn du sähest und hörtest, was ich heut' fand.« – »O so zeige mir's!« rief sie. »Ach liebe Malwina, wenn wir zusammen sind, werden wir es doch nicht finden. Du weißt ja. Aber wir wollen versuchen.« – Als Junius mit seiner Schwester suchen ging, fanden sie die Felswand, aber ohne Bilder. »O wie Schade!« rief Junius. »Laß es gut sein! (sprach sie). Ist es doch auch ohne das so schön hier.« – »Nein, nein! (rief Junius) die Seele schwand, das lebendige Wachen fehlt. Rings um uns ist nur ein weichliches, gestaltloses Träumen.« – Von jetzt an fand Junius jedesmal, wenn er allein in die Wildnis ging, eine neue Bilderreihe am Fels und belebend erscholl dazu die Stimme des Skalden. Aber die Masse verwirrte ihn nicht, die Gruppen verwischten sich nicht in seinem Gehirn, so eisern schmiedete das Lied die Gestalten; und je mehr er sah und vernahm, desto höher stieg seine Begeisterung, desto bewußter und würdiger ward sie, denn aus dem Vielen rang sich los die Ahnung eines geistigen Zusammenhanges, eines lebendigen Ganzen, eines ewig ordnenden und entfaltenden Fortwirkens, und diese Ahnung wurde zur festen, unumstößlichen Erkenntnis; ihm zwang sich die Überzeugung auf, daß die Weltgeschichte ein Kunstwerk Gottes sei. Malwina konnte sich erst nicht in die neue Begeisterung des Bruders finden. Mit Sehnsucht dachte sie zurück an die süßen Lieder der Blüten und Vögel. Aber als Junius ihr immer lebendiger die Taten der Helden pries, so daß sein Auge blitzend leuchtete, und er ihr selbst wie ein junger Held erschien, da küßte sie seine Stirn, voll Liebe und Verehrung ihn anblickend, denn sie glaubte in ihm selbst den Inbegriff alles Trefflichen zu sehen, wovon er ihr verkündet; und, ihm zuliebe, liebte sie seine Helden. Kapitel XV Indes sollte Junius sein Leben nicht so froh und voll fortgenießen. Herr Habichs begann in seinen Nachforschungen über den Zustand seiner Kenntnisse, namentlich in der edlen praktischen Rechenkunst, immer dringender zu werden und den Herrn Nicodemus in die Klemme zu treiben. Zwar wurde er für den Augenblick immer mit Arbeiten, die Nicodemus gerechnet und Junius nur abgeschrieben hatte, abgespeist; aber er fand, es sei nun endlich Zeit, daß der Junge diesem unnützen Lungerleben entsage und in die Mysterien des Bureaus eingeweiht werde, um ein brauchbares, d. h. gelderwerbendes Mitglied der menschlichen Gesellschaft zu werden. Von Zeit zu Zeit warf er hierüber Andeutungen hin, indem er Herrn Nicodemus ermahnte, mit Eifer daran zu gehen und den Jungen nicht so viele Stunden arbeitslos zu lassen. Nicodemus suchte den Feldzug durch ein schlaues Manöver in die Länge zu ziehn, indem er anfing, die Fortschritte seines Zöglings wieder weniger warm zu loben und zuletzt ihm sogar Nachlässigkeit und Mangel an Kopf zur Last legte. Aber Herr Habichs ging darauf nicht im mindesten ein und beschleunigte die Katastrophe, indem er sechs Wochen vor dem vierzehnten Geburtstag des Junius kategorisch erklärte: an diesem Geburtstage müsse Junius ins Bureau eintreten und Herr Nicodemus auf alle Fälle entlassen werden; wenn Junius sich fähig zeige, mit einer namhaften Gratifikation, außer seinem Solde, und mit Empfehlung an andere Häuser; wenn unwissend, ohne Gratifikation und Empfehlung. Hierüber fuhr Herrn Nicodemus ein bedeutender Schreck in alle Glieder. Seine stolze Zuversicht in Hinsicht auf das Manuskript war nämlich seit einiger Zeit, wie der Leser gleich erfahren wird, bedeutend zum Wanken gebracht worden, und der Verlust der Gratifikation und Empfehlung daher sehr empfindlich. Auch hatte er, obgleich nicht übermäßig viel, doch einige Ehre im Leibe, und schämte sich, den Knaben so total unwissend in den zwölfeckigen Turm zu senden, wobei natürlich sein trügerisches Spiel sich entdeckt haben würde. In seiner Seelenangst verfiel er jetzt aufs Unmögliche, das ihm seine von Furcht und Verzweiflung erhitzte Einbildungskraft erst als versuchbar, dann als tunlich, endlich als ganz leicht ausführbar darstellte. Er hatte ja noch sechs Wochen Zeit und entschloß sich kurz und gut, in diesen, da Junius in andern Dingen einen offenen Kopf gezeigt hatte, das Versäumnis von einigen Jahren in bezug auf die edle Rechenkunst nachzuholen. Plötzlich eine ernste, unzugängliche Miene annehmend, als ob er mit Junius nie in unerlaubtem Einverständnis gestanden hätte, machte er diesen ganz kurz, kalt und streng mit dem Entschluß und dessen Notwendigkeit bekannt, und nun sperrte er sich fast den ganzen Tag mit ihm ein und fing an zu demonstrieren und zu examinieren. Aber wie erstaunte und entsetzte er sich, als er den Kopf des Knaben nach dieser Seite hin, so fest und unzugänglich zugebaut fand, wie je! Alles Sichzerarbeiten, alles Tyrannisieren, alles Drehen, Sichungeberdigstellen und Ausderhautfahrenwollen half zu gar nichts; er hatte einen unüberwindlichen Dummkopf vor sich. »Aber Mensch, so begreife doch! sei doch nicht so ungeheuer borniert!« brüllte er ihn oft in herrischer Verzweiflung zu; aber des Schülers Fassungskraft hatte keine Subordination und begriff nicht. »Unseliger Mensch! (winselte dann Nicodemus) du machst mich unglücklich und stürzest mich in Schimpf und Schande, du bringst mich an den Bettelstab! 0 hätte ich nie dieses Haus betreten!« Indem er auf so ungerechte Weise dem Knaben alle Schuld beimaß, die er doch selbst in reichem Maße teilte, wurde dieser, der zuerst aus Mitleid mit dem Lehrer sich wirklich vergebens angestrengt hatte, endlich gar störrig und trotzig, und nun war gar nichts mit ihm anzufangen. Die Lehrstunden wurden lediglich zu Jammer- und Verzweiflungsmonologen des Nicodemus, durch die ganze Tonleiter der Leidenschaft hin durchgeführt. – Aber jetzt muß berichtet werden, wodurch Nicodemus sein Manuskriptsicherheits- und Selbstgefühl so bedeutend eingebüßt hatte. Er hatte sich den nahenden Zeitpunkt seiner Entlassung ziemlich richtig vorausberechnet und sich deshalb mit einer, bei einem deutschen Gelehrten seltenen, Entsagung und Entschlossenheit aus dem ihn erstickend überschüttenden Detailkram seiner Materialien kräftig herausgerissen, alle Bedenklichkeiten und Peinlichkeiten von sich geschüttelt und sein dickes Manuskript wirklich vollendet, obgleich erst nach unzähligen Bearbeitungen. Sein Gefühl in diesem Augenblicke vermag meine Feder nicht zu schildern. Nur wer im Leben selbst schon einmal ein dickes Buch geschrieben hat, kennt den feierlichen Augenblick, der uns sogar vergessen läßt, daß das Buch doch nicht für uns allein geschrieben sei, sondern auch für andere Leute, daß es deshalb gedruckt werden müsse, und daß man dazu (o traurige, eiserne Notwendigkeit!) durchaus einen Verleger brauche. Doch hierüber bekümmerte sich der unerfahrene Nicodemus am wenigsten. Er wußte, daß sein Buch voll der neuesten und interessantesten Aufschlüsse über die darin behandelte Wissenschaft sei und hielt keinen Buchhändler für so total verblendet und von Gott verlassen, daß er nicht mit beiden Händen zugreifen würde. Er sann nur nach, welcher von den zahlreichen und bedeutenden Buchhändlern in jener Stadt der würdigste sei, um ihm die Auszeichnung und den Vorteil des Verlages zu gönnen. Aus alter Freundschaft fiel er zuletzt auf denjenigen, von dem er bisher seinen Bücherbedarf bezogen hatte. Er ließ das Manuskript schön einbinden, schrieb einen sehr gelehrten und, wie er meinte, unüberwindlich überzeugenden Brief, worin er den Standpunkt des Werkes und seine Stellung zu den bisher entwickelten Grundsätzen auseinandersetzte, und schickte das Ganze getrost dem Buchhändler zu. Mit pochendem Herzen wartete er mehrere Tage auf Antwort; in dieser Zeit wagte er es nicht, vor dem Buchhändler vorbeizugehn. Er zählte die Tage: Jetzt hat er es angefangen zu lesen. – Jetzt hat er es durchgelesen (oder durchlesen lassen). – Jetzt nimmt er es, sonst müßte er mir's heut' gewiß zurückgeschickt haben. Aber mehrere Tage nach diesem: Heut' erhielt er auf einmal sein Manuskript zurück mit folgendem Briefe: »Indem ich mich beeile, Ew. Wohlgeboren für den mir so ehrenvollen Verlagsantrag meinen angelegentlichsten Dank abzustatten, sehe ich mich leider genötigt, Ihnen anbei das mir übersandte Manuskript dankend zu remittieren, da meine Pressen bis zu Ostern des nächsten Jahres mehr als überflüssig beschäftigt sind. Wenn mir übrigens unser bisheriges freundschaftliches Verhältnis ein Recht gibt, Ihnen meine Meinung offen zu sagen, so muß ich gestehen, daß die Herausgabe Ihres Werkes wohl immer ein gefährliches und in Hinsicht des Erfolges sehr zweifelhaftes Unternehmen bleiben möchte, da die darin entwickelten Ansichten (wie ein gelehrter Sachkenner mir versichert) sich durchaus keinem der in dieser Wissenschaft jetzt vorherrschenden Systeme anschließen. Sollten Ew. Wohlgeboren sich auf diesen meinen wohlmeinenden Rat vielleicht bewogen fühlen, Ihr Werk, mit Benutzung der für den Augenblick angesehensten Schriftsteller in diesem Fache, umzuarbeiten und dadurch manche vielleicht allzu paradoxe Ansicht zu rektifizieren, so würde ich vielleicht später einmal imstande sein, billigen Wünschen in Hinsicht auf die Verlagsannahme entsprechen zu können. Mit besonderer Hochachtung usw.« Man denke sich des Nicodemus Zorn! Über Jahr und Tag hatte er emsig nur auf oftmalige Durch- und Umarbeitung des schon fertigen Werkes verwandt und nun kommt ein ununterrichteter Buchhändler, nimmt gegen ihn den Ton eines überlegenen, belehrenden Ratgebers an und mutet ihm eine nochmalige Umarbeitung zu, und welche! Das, was seinem Werke in seinen Augen allein Wert gab: die neuen, noch nirgends hingestellten Ansichten und Aufschlüsse, sollte er ausmerzen und dem Modeschlendrian zum Opfer bringen! Dazu hätte er wahrhaftig nicht das Guckglas des Holofernes nötig gehabt. In ungerechtem Unwillen schob Nicodemus alles auf die Unwissenheit des Buchhändlers, den er von nun an herzlich verachtete. Ach! er kannte nicht die mächtige Verkettung des Cliquenwesens und konnte mithin den Brief des Buchhändlers gar nicht verstehn. – Schon denselben Tag wanderte das Manuskript mit dem ersten Briefe, nur Veränderung der Adresse und des Datum kopiert in eine andere, angesehene Buchhandlung. Neues, ängstliches Harren und Hoffen! »Der wird doch wohl nicht eben so vernagelt sein, als der erste!« dachte Nicodemus. Die Antwort blieb länger aus, als die vorige, was Nicodemus schon als ein sicheres Zeichen guten Erfolges ansah. Da kam plötzlich Antwort – und Manuskript. Erstere lautete: »Leider sehe ich mich nicht im Stande, dem mir von Ew. Wohlgeboren gemachten ehrenvollen Verlagsantrage zu entsprechen, da meine Pressen bis zu Ostern des nächsten Jahres mehr als übermäßig beschäftigt sind. Ich beehre mich demgemäß, Ihnen anbei das Manuskript dankend zu remittieren. Sollten Ew. Wohlgeboren sich vielleicht entschließen, das Werk (wozu ich unmaßgeblich raten möchte) auf Ihre eignen Kosten drucken zu lassen, so erbiete ich mich mit dem größten Vergnügen, dasselbe in Kommission zu nehmen. Mit der Versicherung, daß ich mirs zur besonderen Ehre schätzen werde, vielleicht später einmal mit Ew. Wohlgeboren in literarische Verbindung zu treten etc.« – (Der sachkennende, zwischen den Zeilen lesende Leser übersetzt die letzte Stelle also: »Wenn Sie einmal ein recht berühmter Mann werden sollten, so daß bei der Herausgabe Ihrer Werke gar kein Risiko, sondern ein glänzender Profit außer allem Zweifel ist, so bitte ich mir Ihre Kundschaft aus.) Nicodemus war die Sache nun schon einigermaßen gewohnt, deshalb war sein Zorn geringer, sein Kleinmut aber desto größer. »Es ist erstaunlich (sagte er bei sich), wie viel heut zu Tage gedruckt werden muß! Auch der hat seine Pressen übermäßig beschäftigt! Nun, es gibt ja mehr Buchhändler; bei einem wirds doch wohl gelingen.« Und am selben Tage wanderte das Manuskript wieder fort; aber diesmal mit einem neuverfaßten Briefe, der noch eindringlicher war, als der erste, und in dem Nicodemus es nicht verschmäht hatte, ziemlich unverschämt zu prahlen. Der Arme! er bildete sich ein, einem Buchhändler könne man durch Prahlerei imponieren. Antwort des dritten Buchhändlers. So sehr ich mich durch Ew. Wohlgeboren gütigen Verlagsantrag geehrt fühlen muß, so sehe ich mich doch für den Augenblick genötigt, Ihnen anbei das mir zugekommene Manuskript mit besondrem Dank zu remittieren, da meine Pressen bis zu Ostern des nächsten Jahres mehr als übermäßig beschäftigt sind. Dürfte ich, als ein Fremder, es wagen, Ew. Wohlgeboren einen wohlmeinenden Rat unmaßgeblichst zu erteilen, so muß ich Ihnen, als mit dem Geschäft vertraut, bekennen, daß wissenschaftliche Werke jener ernsten und systematischen Art, wie das Ew. Wohlgeboren, da sie hauptsächlich nur für Gelehrte selbst berechnet sind, immer einen sehr unsichern, verhältnismäßig wenig umfangreichen und auf jeden Fall außerordentlich langsamen Erfolg zu haben pflegen. Der leicht fortschreitende Zeitgeist kann sich in seinem unaufhaltsamen Triumphzuge nicht mehr damit befassen, allzuschwere Ware, die ihn nur hemmen würde, in seinen Phaeton zu packen. Auch hat das in unsrer Zeit immer siegreicher hervortretende Prinzip geistiger Verallgemeinerung den Gelehrten längst ihre Existenz, als eine besondere, starr abgeschlossene Kaste negiert. Ihr Werk möchte demnach, so verdienstvoll und gediegen es sein mag, wenig zeitgemäß erscheinen; doch würde es Ew. Wohlgeboren, als einem Mann von Geist, gewiß nicht schwer fallen, das darin enthaltene treffliche Material auf eine zeitgemäßere Weise zu verwenden. Es ist ein erhebender Anblick für den humanen und aufgeklärten Mann zu sehen, wie die geistige Richtung unsres Jahrhunderts ihr Streben immer entschiedner der Volksbildung, im edelsten ausgedehntesten Sinne des Wortes, zuwendet. Auch der Buchhandel hat sich hierin andern erhabnen Institutionen angeschlossen, und es ist manche schöne Anregung von ihm unter alle Klassen des Volkes ausgegangen. Die Hauptbedingnisse sind hierbei große Wohlfeilheit und allgemeinste Faßlichkeit eines Werkes. Sollten Ew. Wohlgeboren es über sich gewinnen können, Ihr Werk dergestalt umzuarbeiten, daß alles gar zu Wissenschaftliche und Schwierige ganz wegfiele, das Übrige in populärer Diktion dargestellt, das Belehrende hier und da mit unterhaltenden, anekdotischen Elementen angenehm verflochten würde, so würde ich mich vielleicht später einmal, wenn Zeit und Mittel sich günstiger gestalten, imstande sehen, das so veränderte Werk in einzelnen Pfennigslieferungen, mit Holzschnitten verziert, nach und nach herauszugeben. Gewiß werden Ew. Wohlgeboren die Gelegenheit nicht versäumen, sich durch tätige Mitwirkung zu einem so erhabnen Zwecke: Erhöhung der allgemeinen Volksbildung den Dank der ganzen Menschheit zu verdienen etc.« Aber diesmal wurde Nicodemus doch wieder wüthend. »O ihr krassen Ignoranten! (rief er) O seichtes Zeitalter, in dem die Wissenschaft zu bunten Läppchen zerrissen wird, damit die Kinder damit spielen! Aber es ist nicht wahr! Der Kerl lügt in den Hals hinein. Nein, Gott sei Dank! die deutsche Gelehrtenrepublik wird die alte gediegne Gründlichkeit gegen alle Angriffe des leichtfertigen, verflüchtigenden Zeitgeistes als ein teures Palladium siegreich verteidigen. – Und auch dieses Menschen Pressen sind wieder übermäßig beschäftigt! Was drucken denn die Kerls eigentlich? Was für Raritäten haben sie denn, die sie in Stand setzen, gediegne, wissenschaftliche Werke von sich abzulehnen? O! ich beginne es zu merken. Solchen unsinnigen, ungesunden Kram, wie ich der Frau Habichs zu lesen bringe, auf den werden sie wohl vor allem andern ausgehn, weil das Zeug an der Mode ist, und weil für einen gescheiten Menschen, der gern ein gutes Buch liest, sich sicherlich immer fünfzig Toren und Liederliche finden, die nichts lesen wollen, als schlechtes Zeug. Und wenn sie von diesem Unrat nichts mehr bekommen können, dann sehen sie zu, ob sie auch für ein einzelnes, besseres Buch noch Platz haben. Das ist unedel, das ist schändlicher Eigennutz! – Dabei vergaß Nicodemus freilich, daß er selbst sein Werk hauptsächlich des Geldes wegen begonnen hatte, und daß ein Buchhändler ein Kaufmann ist, nichts weiter, mithin jeder andre Maßstab, sein Tun zu beurteilen, ungerecht. Das Manuskript marschierte jetzt an einen vierten. Antwort des vierten Buchhändlers. Ew. Wohlgeboren scheinen Sich in der Art meiner Verlagsunternehmungen vollkommen geirrt zu haben. Ich beehre mich daher, Ihnen das mir zugesendete Manuskript anbei zu remittieren, da ich wissenschaftliche Werke der Art nie zu verlegen pflege, und da überdies meine Pressen bis zu Ostern des nächsten Jahres mehr als übermäßig beschäftigt sind. Übrigens ist der Absatz meiner Artikel nicht der Art, daß ich imstande wäre, glänzende Honorare zu zahlen. Ich zahle den jungen Leuten, die ich zum Übersetzen französischer und englischer Romane und zur Anfertigung deutscher Räuber- und Ritterromane angestellt habe, pro Pfund normalmäßiges Manuskript 20 Rthlr., womit Ew. Wohlgeboren sich wohl schwerlich begnügen könnten. Sollte dies wider Erwarten doch der Fall sein, so bin ich bereit, es ausnahmsweise einmal mit dem mir angebotnen wissenschaftlichen Werke zu versuchen, wenn meine Pressen erst die bedeutenden vorliegenden Arbeiten beseitigt haben werden etc.« Antwort des fünften Buchhändlers. Ew. Wohlgeboren mir äußerst ehrenvollem Verlagsantrage kann ich leider nicht entsprechen, da ich mich hauptsächlich nur mit Damenliteratur abgebe, und da außerdem meine Pressen bis zu Ostern des nächsten Jahres mehr als übermäßig beschäftigt sind. Sollten Sich Ew. Wohlgeboren jedoch dazu entschließen können, dem Werke eine andere, der Tendenz meiner Verlagshandlung entsprechende, Gestaltung zu geben, so würde ich mich, wenn der Druck der von mir in Verlag genommenen 6 Damentaschenbücher fürs nächste Jahr erst vollendet sein wird, vielleicht imstande sehn, Ihren Wünschen zu entsprechen. – Unter den vielen neuen Ideen, die die fortschreitende Kultur und Humanität unsres Jahrhunderts angeregt haben, möchte wohl namentlich die Berechtigung des zarteren Geschlechts zu geistiger Gleichstellung mit dem stärkeren zu einer sozialen Lebensfrage geworden sein. Geistreiche Schriftsteller haben sich der ehrenvollen Aufgabe unterzogen, die Früchte ihres Denkens diesem erhabenen Zwecke: der bisher vernachlässigten geistigen Ausbildung des Weibes, opfernd darzubringen. Sollten Ew. Wohlgeboren nicht abgeneigt sein, Sich dieser ehrenwerten Reihe humaner Männer anzuschließen, so hätte ich Ihnen zwei unmaßgebliche Vorschläge zu machen, nämlich: Entweder Ihr Werk umzuarbeiten und in Briefe an eine Dame sachgemäß einzukleiden. Natürlich müßte alles trocken Wissenschaftliche dabei wegbleiben, so wie auch alles etwa Anstößige (als die Begattung der Pflanzen) möglichst zart und verhüllt behandelt werden. Ein blühender Stil wäre zu empfehlen und ein leicht eingeflochtenes Liebesverhältnis zwischen dem Briefsteller und der fiktiven Briefempfängerin würde für das schöne Geschlecht eine angenehme Zugabe sein und heitren Wechsel der Gegenstände bewirken. Oder aber Ew. Wohlgeboren kleiden das Ganze in einen hinzu zu erfindenden Roman ein, und verwenden das Material Ihres Werkes in demselben zu didaktischen Episoden. Für eine elegante und zierliche Ausstattung würde ich Ew. Wohlgeboren bürgen. Doch alles das überlasse ich am besten Ew. Wohlgeboren feinem Takte und bin mit ausgezeichneter Hochachtung etc.« So schickte Nicodemus sein Manuskript von einem Buchhändler zum andern. Er wurde mutloser und mutloser. Zuletzt versank er in eine dumpfgleichgültige Verzweiflung und fuhr mit dem Herumschicken fast mehr aus Gewohnheit, als aus Hoffnung fort. Er hatte bereits 12 abschlägige Antworten erhalten, die, bei sonstiger Verschiedenheit, alle wunderbar in dem Refrain übereinstimmten: Da meine Pressen bis zu Ostern des nächsten Jahres mehr als übermäßig beschäftigt sind. Erstand mit dem 13ten Buchhändler in Verhandlung, als noch vier Wochen an dem verhängnisvollen Termin fehlten, wo Junius, mit Rechenkunst ausgestattet, ins Bureau eintreten sollte. Kapitel XVI Nur wenige Stunden konnte Junius benutzen, um in der Wildnis, bei Bild und Gesang, in der Bewunderung kühner und schöner Taten der Vorzeit zu schwelgen. Einst war er wieder dort vor der durch frische Bilder lebendig gemachten Felswand. Der Sang verhallte; und indem Junius einen letzten Blick auf die Gestalten des Gemäldes warf, trat plötzlich aus einem Felsspalt hervor ein Mann mit gepudertem, dickem Haare, buschigten Augenbrauen, kühnem Blick, hohen Stiefeln und grobem Rock, kurz, der Onkel Holofernes. »Guten Morgen, mein Junge!« sprach er, ging auf Junius zu und drückte ihm die Hand. »Also du hast gesungen, Onkel Holofernes?« rief Junius freudig erstaunt. »Ei! woher kennst du mich denn? (sprach Holofernes) du hast mich ja nur einmal gesehen und damals hättest du noch keine Erinnerung.« – »Wie? bist du nicht der Onkel Holofernes? Ja! du mußt es sein, ich weiß es, aber ich weiß nicht, woher ich's weiß.« – »Ich bin's, mein Junge! und freue mich über dein Gedächtnis. Aber jetzt komm' und führe mich zu deinen Eltern und erzähle mir unterwegs, wie dir's geht. Doch halt! (sprach er, sich noch einmal zurückwendend) die Bilder da sind zwar nur Pfuschereien, aber doch zu gut für jeden gaffenden Esel, der sich etwa von seinen Disteln weg hierher verirren könnte.« Darauf trat er an das eine Ende der Felswand, ergriff einen Busch Epheu, zog daran mit leichter Mühe, und der Epheu dehnte sich aus, seiner Hand folgend, wie ein Vorhang, bis Holofernes ihn über die ganze Felswand gezogen hatte, die nun wieder einförmig grün dastand. »Also gemalt hast du das alles auch?« rief Junius. »Ja (sprach Holofernes) ich halte mich schon seit längerer Zeit hier auf, um dir bessere Lehrstunden zu erteilen, als der Herr Nicodemus. Du warst fast schon zum träumenden Narren geworden mit deinen Blümchen und Sternchen und deinem Waldgesäusel. Du solltest dich nicht immer an Düften betrinken, sondern einmal auch ein derbes Stück Fleisch und einen Trunk echten Feuerweines kosten, damit Nerv und Kern in dich kommen. Deshalb habe ich den Spuk hier veranstaltet, der nun ein für allemal ein Ende hat.« – »Warum das, lieber Onkel? Es waren meine schönsten und höchsten Stunden, mein einziger Trost. Warum willst du mir den entziehn?« – »Aus zwei Gründen (sprach Holofernes). Erstens, weil wir mit der Hauptsache zu Ende sind, das heißt, was an äußerlich sichtbarer und bildlich darstellbarer Tat großes in der Welt geschehen ist, haben wir so ziemlich durchgepinselt und durchgeorgelt. Von da an beginnt die große Periode der allgemeinen Flachheit, wo die Menschen nicht einmal mehr eigne Gesichter , um wie viel weniger eine eigne Handlungsweise haben. Wer will moderne Gesichter malen? Sie sind ohne Zeichnung, ohne Zuschnitt, ohne Ausprägung, eines ungefähr so, wie das andere, ähnlich dem nichtswürdigen, charakterlosen Frack, der, einförmig und albern, von den Gentlemens aller Nationen getragen wird. Wer will die Taten malen , die auf dem Bureau oder auf der Parade oder auf dem Exerzierplatze getan werden, oder im Kabinett des unermüdlich ausgleichenden und friedliche Auskunftmittel ersinnenden, diplomatischen Fuchses, alles: »damit die materiellen Interessen nicht gefährdet werden.« Oder soll ich einen ästhetischen Damentee mit rollenweiser Vorlesung der Emilia Galotti und obligatem Gähnen auf die Felswand klexen? Oder einen Professor, der auf dem Kateder sein ewig unveränderliches Heft zum 36ten Male abliest und um ihn her 30 ungebildete Studenten, die in dem Augenblicke ganz Feder sind? Dergleichen ist so elend, daß es nicht einmal zur Karikatur zu brauchen ist. Gott sei Dank! Hier und da wird noch manchmal eine Schlacht geliefert; aber in Reih und Glied, wo der Mensch bloß Material ist und wobei es gar nicht zum eigentlichen Leben der Schlacht kommt: zum Handgemenge . Die Kraft aber kann keine graden Linien und keine Massen, in denen das einzelne verschwindet, brauchen. Sie will schöne Schwingung, freie Menschenbewegung, kräftige und eigentümliche Einzelnwesenheit. Solch eine Schlacht, wie sie jetzt sind, ist für ein Schachbrett, nicht für ein Bild. Davon wirst du freilich wenig verstehn; aber ich versichere es dir; früher taten die Menschen, jetzt werden sie getan. Dafür denken sie viel und tief, wenigstens die besten, aber Gedanken ohne Körper lassen sich nicht malen und nicht singen, obgleich man letzteres mit großer Kunstsophisterei unternommen hat. Ferner aber fahre ich in meinen malerisch-poetischen Vorstellungen deshalb nicht fort, weil sie bereits angefangen haben, für dich ein fauler Genuß zu werden, nicht mehr eine spannende Geistesarbeit. Nimm jetzt hin, was du hast. Blicke sind dir geschenkt worden; durch sie kannst du zur Einsicht und Übersicht des ganzen Tatengetriebes aller Zeiten gelangen; aber nur durch eigne Arbeit . Alle Belehrung darf nur Andeutung und Anregung sein, sonst heißt es, dem Kinde den Brei ums Maul schmieren, wobei doch das Meiste wieder heruntertrippt und die Zunge nur das Wenigste aufleckt. Überhaupt hast du, wie alle schwärmerischen Enthusiasten, ein vorwiegendes Talent zu schwelgerischer Faulheit, das ich nicht bestärken will. Was deinem Gaumen nicht gleich anfangs zusagt, das wirfst du weg; du willst wohl süße Kerne schmecken, aber nicht vorher harte Schalen aufbeißen. Weshalb hast du z. B. bei Herrn Nicodemus nicht rechnen gelernt?« – »Ach, lieber Onkel! (rief Junius). Kann dies wirklich dein Ernst sein? Wer solche Bilder zu malen, solche Lieder zu singen, solche Gläser zu schleifen versteht, kann der etwas von Rechnung und Zahl halten? Kann ich die Blumen, die Sterne, das Laub der Bäume zählen? Kann ich die Größe des freien, tatenstarken Mannes in Zahlen ausdrücken? Kann ich sagen: Cäsar verhält sich zum Brutus, wie 7 zu 3; folglich ist Brutus gleich 3 mal Gäsar dividiert durch 7?« »Ei, du vorwitziger Junge! (fiel Holofernes eifernd ein) Willst du verspotten, so verspotte, was du kennst. Willst du etwa gar Humor haben, ohne Weltanschau'n? Daraus werden schlechte Witze, weiter nichts. Ehe du den Stein wegwirfst und mit Füßen trittst, klopfe ihn auf und siehe, ob nicht ein Diamant darin steckt. Die Zahl verachtest du? Hast nicht du und jeder andre Mensch grade eine Nase, grade zwei Augen, zwei Ohren, zwei Hände und an jeder fünf Finger? Warum wechselt das nicht in angenehmer Mannigfaltigkeit, so daß einer ebenso gut zwei Nasen oder sieben Finger oder drei Ohren hat? Merkst du noch nichts von der Bedeutsamkeit der Zahl? An jenem Guckglas habe ich sechs Tage lang gerechnet und am siebenten schliff ich's. Aber du willst bloß Resultate; den Weg selbst zu gehn, das wird dem trägen Herrn Weichling zu sauer. Warum hat jenes Blümchen, so oft du es findest, jedesmal grade fünf Blätter, jenes Baumblatt drei Hauptausläufe? Ein schönes Lied hörst du gern, weil es dein Trommelfell streichelt; aber daß es ohne Zahlenverhältnis zum schreienden Mißklang würde, will dir nicht in den Kopf. Die Sterne siehst du gern, weil sie still und feierlich einherwandeln; aber daß sie alle nach Maß und Zahl rollen und kreisen und daß ohne Zahlenverhältnis unter ihnen eine heillose Konfusion losbräche und dir ein Komet noch heute Nachmittag die Nase zerquetschen würde, dafür bist du taub und blind. Ei! wenn dir die Zahl so gleichgiltig ist, so kann dir's auch ganz einerlei sein, ob es einen Gott gibt, oder einige hundert, oder gar keinen. Du verstehst wohl, daß ich dir mit dem allen nicht aufbürden will, die Zinsrechnung sei der Kern des Lebens. Dein Vater will dich zum Geschäftsmann machen: dazu taugst du nichts, Gott sei Dank! und ich werde ihn davon abzubringen suchen, wenn's möglich ist. Es gilt mit dir einen gewagten Wurf; denn entweder wirst du etwas viel Besseres , oder etwas Schlechteres . Aber durch Dufteinsaugen, Bilderbesehen und Liederanhören wirst du nichts Großes. Du bist kein Weib, das sich durch Hingebung erst selbst gewinnt. Hingebung ist für dich Selbstverlust; du sollst erobern und schaffen.« – So sprechend kamen beide zum Hause des Herrn Habichs. Holofernes mußte, als er seinen Eifer sich von der Seele gesprochen hatte, still über sich selbst lächeln. »Ich verstehe es also auch, den Text zu lesen und zu moralisieren, trotz einem Pfaffen! (dachte er bei sich). Was für verborgene Talente man nicht täglich an sich selbst entdeckt! Aber es ist gut, daß der Mensch, trotz aller Bemühung andrer, ihn möglichst zu verpfuschen, sich am Ende doch selbst erzieht, sonst könnte meine philisterhafte Salbaderei dem Jungen zu Gift werden. Und im Grunde hat doch nur die verletzte Eitelkeit aus mir gesprochen, weil der Junge mir mein Steckenpferd angetastet hat. Aber wenn ich mich durch Gleichungen, Logarithmen, Progressionen, Integralen und Differenzialen zur Mumie ausgedorrt habe, warum verlange ich von dem frischen Bengel, mein trauriger Affe zu werden? Ich bin aber ein Narr, wie die andern.« Junius aber dachte im Stillen über das Gesagte nach und das beste davon behielt er sich. Im Hause war alles leer. Herr Habichs saß noch im Turm. Frau Habichs hielt mit der kleinen Malwina einen Morgenumgang bei verschiedenen Klatschschwestern, wobei Malwina, zu ihrer Qual, als Knixmarionette figurieren und gelobt und gehätschelt werden sollte. Nur Nicodemus saß in seiner Studierstube über Büchern und Pflanzen, mit dem Guckglase in der Hand, denn er arbeitete bereits an einem Nachtrage zu seinem Werke, der etwa noch einmal so dick zu werden versprach als das Werk selbst, was sehr viel sagen will. Holofernes ließ sich die Stube von Junius zeigen und befahl ihm, ihn mit Herrn Nicodemus allein zu lassen. Als er eintrat, erschrak Nicodemus und wollte, im Bewußtsein des unredlichen Besitzes, das Guckglas rasch verstecken, obgleich er Holofernes nicht kannte. Der aber sprach sogleich: »Lassen Sie das! und damit Sie künftig nicht wieder erschreckt werden, schenke ich Ihnen hiermit das Glas, obgleich ich es für meinen Neffen Junius verfertigt habe. Sie müssen nämlich wissen, daß ich der Onkel Holofernes bin, mithin ein Recht habe, über mein eignes Machwerk zu verfügen, da es dem Junius doch nichts mehr nützen kann. Sie können dadurch der Wissenschaft nützlich werden, wenn Sie sich entschließen wollten, Ihre elephantenähnlichen Manuskripte sogleich zu verbrennen und ein Buch von höchstens 200 Seiten daraus zu ziehen, in dem doch alles enthalten wäre, aber viel besser.« – »Sie scherzen, Herr Holofernes! (erwiderte Nicodemus ganz verlegen) Meine Manuskripte betragen jetzt gegen 2000 Seiten, die ich mit großer Mühe und mit Hilfe Ihres vortrefflichen Glases zusammengetragen habe; wie sollte ich davon so viele hundert Seiten wegschneiden, ohne daß der Wissenschaft, deren Ideal doch Vollständigkeit ist, dadurch merklicher Schaden erwüchse?« – »Mann, wer spricht denn von Schneiden ? (rief Holofernes) Sie sollen nicht sezieren, sondern destillieren, nicht wegwerfen, sondern vereinfachen. Ihr Neben- und Hintereinander und Vielerlei und Mancherlei in den Manuskripten bildet, so wie es daliegt, nur einen verworrenen Plunder, mit dem doch nichts getan ist, ob auch alles einzelne gut und richtig sein mag. Wozu ist der Steinhaufen, als um einen Tempel daraus zu bauen? Sie haben Stoff, aber noch kein Kunstwerk; Sie haben ein massenhaftes Chaos, ordnen Sie es zum wohlgegliederten Organon; dann haben Sie, statt des riesenhaften Haufens, schöne Gestaltung mit Maß und Leben. Nur einfache aber umfassende Ideen und unter sie das Einzelne verteilt, und Sie sparen mindestens 1000 Seiten.« – »Und wieviel Taler Honorar gehn mir dadurch verloren?!« seufzte Nicodemus in sich. »Doch lassen wir das (fuhr Holofernes fort) und reden wir von Junius. Ich seh' es Ihrem Gesicht an, Sie wollen über ihn klagen. Aber es kommt darauf an, wie Sie's mit ihm angefangen haben. Er will nicht rechnen lernen. Womit haben Sie begonnen, mit der Buchstabenrechnung, oder damit, wieviel 6 Hammel kosten, wenn einer anderthalb Taler kostet?« »0 Gott! (sprach Nicodemus) wie hätte ich bis zur Buchstabenrechnung vorschreiten können, da er das Einfachste nicht begreift?« – »Sie scheinen das Einfachste sehr niedrig zu stellen, da es doch im Gegenteil in jeder Wissenschaft das Beste, die eigentliche Seele ist. Aber warum wollen Sie einem Knaben dadurch das Studium verekeln, daß Sie ihm das Schlechteste der Wissenschaft zum voraus geben, nämlich die Art, wie sie sich zu trivialen und selbstischen Nebenzwecken brauchen läßt, anstatt ihn gleich anfangs die hohe Bedeutung derselben ahnen zu lassen, wodurch Sie ihn dann unvermerkt hinleiten, wohin Sie wollen?« – »Die Ansichten darüber mögen verschieden sein (sprach Nicodemus, endlich seine Verlegenheit bezwingend und sich mit einigem Selbstgefühl in die Brust werfend). Was mich betrifft, so ist es immer meine Methode gewesen, vom Leichteren zum Schwereren nach und nach vorzuschreiten.« »Freilich eine ganz neue, recht originelle Ansicht (sprach Holofernes, leichthin lächelnd) und ein bedeutender Fortschritt in der Pädagogik. Aber was nennen Sie leichter, was schwerer? Einem Dichter wird es leichter, eine Elegie zu schreiben, als einen Geschäftsbrief. Einem Kaufmann umgekehrt. Und bei einem Knaben, bei dem die Phantasie die vorherrschende Tätigkeit ist, hätten Sie nicht mit Hammeln und Groschen, sondern mit Buchstaben anfangen sollen. Die allgemein ausgedrückten Formeln mit ihren sinnreichen Verschlingungen, Entwicklungen und Wechselbeziehungen, mit ihrer, ich möchte fast sagen: mystischen Symmetrie, würden ihn angezogen und gefesselt haben; nachher können Sie immer noch den einfachen Begriff der Größe in den Lumpenrock einer besonderen Benennung stecken und haben dann alles erreicht, auch die Nebenzwecke. Aber das einem so wenig hausbacknen Geiste, wie Junius, der Preis von Hammeln höchst gleichgiltig sein muß, das sehen Sie doch wohl ein! Sie haben noch vier Wochen Zeit, dann wartet Ihrer Schmach oder Gratifikation. Bedenken Sie, was ich sprach, und machen Sie einen Versuch! Für jetzt leben Sie wohl! denn ich höre draußen ein Geräusch, gleich dem Gockeln einer Henne, meine Schwester ist nach Hause gekommen, ich will sie begrüßen gehn,« So ging Holofemes fort und ließ den verblüfften Nicodemus allein. – Kapitel XVII »Guten Morgen, liebe Schwester! ich wünsche dir gute Besserung!« sprach Holofernes. Junius hatte seiner Mutter schon gesagt, daß der Onkel da sei. »Nein, ist's möglich? bist du endlich wieder einmal da, Bruder?« rief sie ganz außer sich. »Nein, ist's möglich?« wiederholte sie wohl noch zwanzigmal, als ob's etwas so Unmögliches wäre, daß ein Mensch den andern besucht. »Jetzt mußt du aber einmal länger dableiben, nicht wahr? das wirst du. Nein! ist's möglich? Ich habe mich schon so lange darauf gefreut. Nein! ist's möglich? du hast dich aber fast gar nicht verändert seit dem letztenmal, du siehst sehr gut aus. Nun setz' dich, Bruder! Nein! ist's möglich?« – »Ob's möglich ist, oder nicht? darüber wollen wir jetzt nicht mehr streiten, liebe Schwester; denn da es doch einmal wirklich geschehn ist, so bliebe das Faktum immer dasselbe. Länger hierbleiben kann und werde ich aber nicht, sondern heut' Abend wieder abmarschieren.« »Nein, das darfst du nicht, lieber Bruder! Da sind so viele von meinen Freundinnen, denen ich von dir und deinem tieferen Gedankenschwunge erzählt habe und die so unsäglich deine persönliche Bekanntschaft wünschen. Da ist das Fräulein von X., die englisch spricht und sehr gefühlvolle Gedichte macht, die hat dein ABC-Buch unglaublich interessant gefunden und sich die romantischen Stellen daraus in ihr Album geschrieben; und da ist die Baronesse von Y., eine äußerst gebildete Dame, die außerordentlich expressiv und intensiv singt und Fortepiano spielt und den ganzen Jean Paul gelesen und verstanden hat, wie sie sagt; die sehnt sich unendlich nach einem gebildeten Ideentauschhandel höherer Natur zur Veredlung der gegenseitigen Gemüter, denn ihr Mann ist ein roher, niederer Mensch von anomalischer Natur, der sie nie begriff und nie begreifen wird und kann, wie sie sagt, denn er hat keinen Aufschwung nach oben. Und da ist Miß Hoppelton aus Nordamerika, eine schöne Seele, die wunderhübsches, gebrochenes Deutsch spricht und sich sehr interessant mit den Studien der deutschen Literatur befaßt hat, die fragte mich erst gestern, ob mein genialer Bruder nicht einmal kommen würde, und noch viele sehr gebildete und veredelte Damen. Nein, du mußt bleiben!« Holofernes sah wohl, daß seine Schwester ihn selbst während seiner Abwesenheit als Paradepferd benutzt und allen ihren Klatschschwestern vorgeritten hatte: der Kobold des Spottes regte sich in ihm kichernd und hüpfend. »Es tut mir unendlich leid (sprach er mit der Miene ernsthafter Besorgnis), so viele schöne und veredelte Damen, die mir das Glück antun, sich um meine Wenigkeit zu bekümmern, ohne daß ich ein Wort davon wußte, in ihrer Hoffnung täuschen zu müssen, denn ich kann durchaus nicht länger bleiben. Aber weißt du was? Heut Nachmittag bin ich noch hier; da kannst du schnell einen Tee arrangieren und diese Damen einladen. Wenn du es dann mit guter Manier einzuleiten weißt, du verstehst mich: recht fein, da kann ich vielleicht die Ehre haben, ihnen etwas von meinen neuesten Geistesprodukten vorzutragen.« »Ach! das ist eine göttliche Idee! (rief Frau Habichs). Sie werden sich alle unendlich freuen, denn die prosaische Gewöhnlichkeit des gemeinen Alltaglebens wird edleren Seelen so selten mit den rührenden Blumen erhabener Dichtung durchflochten. Junius setz' dich gleich an den Sekretär und schreibe mir die Einladungskarten, wie ich sie diktiere!« (Junius oder Nicodemus nämlich dienten in solchen Fällen stets zur Verhüllung der äußerst mangelhaften Frau Habichsschen Orthographie.) Frau Habichs diktierte nun einen konfusen Brei, dessen Quintessenz war: Auf eine Tasse Tee und auf meinen heut angekommenen Bruder Holofernes lade ich ergebenst ein etc. Während der Abfassung der Billete war Holofernes in ein kurzes Nachsinnen versunken. Er nannte dies sein Reflektionsfieber, das ihn überall verfolgte. Bei jedem Vorfall des Lebens, auch dem kleinsten, drängten sich ihm Beobachtungen und Einfälle auf, die sich aus dem hundertsten ins tausendste unauflöslich verwickelten und verzweigten, bis er zuletzt in seinem eigenen Ideenlabyrint, ohne Hoffnung eines Auswegs, sich verfing, gleich einem Wandrer, der sich in einem tiefen, ungangbaren Walde verirrt hat. Daraus wurde dann entweder eine jener langen, buntverwirrten Reden, wie wir ihn einige haben halten hören, oder eine Tagebuchsstelle oder ein langes Schweigen und Versenktsein, während die Gedankenmühle im Innern ihre wilden Takte fortklapperte. »So kommt man (seufzte Holofemes für sich) vor lauter Gedanken gar nicht zum eigentlichen Denken.« – Diesmal aber dachte er folgendes: Es ist doch sonderbar und man sollte einmal ein Buch darüber schreiben, woher es kommt, daß ein einzelnes Weib (womit ich übrigens durchaus nicht auf meine verdrehte Frau Schwester gestichelt haben will) Männern gegenüber edel, liebreich, ungeschwätzig und doch vielsagend, ja geistreich, selbst genial sein kann; so wie aber mehrere Weiber zusammen sind, sei jede einzeln genommen sonst auch trefflich und im echten Sinne liebenswürdig – da hat alles Gute an ihnen ein Ende und geht plötzlich unter in einem allgemeinen, verschlingenden See von nichtswürdiger Sehwatzhaftigkeit, Geziertheit, Bösartigkeit, Unaufrichtigkeit; oder wenn auch das nicht, wenigstens in jenem krankhaften, ungeheuer ernst und wichtig tuenden Interesse an dem läppischsten und allergleichgültigsten Kleinigkeitskram, als da sind: Bänder, Hüte, Kindtaufen und Verlobungen, Bereitung von Kompots und dergleichen Lapalien. Des eigentlich Echten und Hohen im Leben und im Menschen, wird dabei nie mit einer Silbe gedacht und die Gescheitesten sind dann ganz ebenso einfältig und äußerlich wie alle andern, als ob sie verpflichtet wären, sieh gegenseitig ihre einzelnen Trefflichkeiten unter einer allgemein gang und gäben Maske von unendlicher Albernheit zu verbergen. Ein Weib kann verehrungswert sein, eine Versammlung von Weibern ist immer verächtlich und lächerlich und für einen, der nur im mindesten das Bedürfnis des Denkens hat, ungenießbar. – Schon dies allein würde für die Monogamie sprechen, wenn nicht schon tiefere Gründe dafür vorhanden wären, denn es ist doch besser, ein süßes, liebevolles Geschöpf für sich zu haben, als ein Gezücht schnatternder, intriguierender und gedankenloser Puppen um sich. – Hier aber riß Holofernes seine Gedankenkette gewaltsam entzwei, so lange es noch Zeit war, sich loszumachen. Er schüttelte den Kopf und erhob ihn und sein Blick traf den seiner kleinen Nichte Malwina, die sich schnell ans Fenster zu einer Arbeit gesetzt und grade in diesem Augenblick ihre großen schwarzen Augen hell und liebevoll forschend: auf das Antlitz des Onkels, gerichtet hatte. Es war ihr dabei zumute, wie einem, der in einem tiefsinnigen, aber schwer zu verstehenden Buche liest; er vermag den Sinn nicht klar zu entwirren, aber ein unnennbares Gefühl sagt ihm, daß etwas großes und hohes unvermerkt von den Blättern in seine Seele übergegangen ist. Sie hatte vorher bei der ebenso geräuschvollen, als nichtssagenden Begrüßung ihrer Mutter kaum die Zeit gefunden, dem Onkel die Hand zu küssen, der einen hellfreundlichen; Blick auf sie richtete, dann aber vom Geschwätz seiner Schwester gewaltsam abgezogen und übertäubt worden war. Jetzt, da der Blick des Onkels plötzlich ihrem forschenden begegnete, fuhr sie leise zusammen, ein süßes Erröten überflog die Wange des frischen Kindes, die zarte Wimper senkte sich, das Licht des Auges beschattend, und die Finger, die eine Weile, als sie den Onkel ansah, stillgestanden hatten, ergriffen die Arbeit schnell und bewegten sich plötzlich mit ungewöhnlicher Eilfertigkeit. »Ei! (sprach Holofernes bei sich, froh überrascht). Hier haben wir ja Anmut , das heißt: das A und das O des Weibes. Aus der Knospe kann eine schöne, süß duftende Blume werden. Aber halt, du alter Narr! Hast du denn schon vergessen, daß das dümmste Auge durch das gefällige Hineinfallen eines Lichtstrahls unter einem glücklichen Winkel für Augenblicke schön erscheinen kann? Und ein Erröten? Kann es nicht ebenso gut aus tölpelhafter Verlegenheit entspringen, als aus einem schöneren Grande? Aber die Sache ist wenigstens der Prüfung wert.« – Darauf näherte er sich dem Kinde und indem er täuschend jenen einfältigen, befangenen, halbverlegenen und doch überlegen sein wollenden Ton annahm, dessen man sich gewöhnlich gegen Kinder, mit denen man nicht ganz vertraut ist, bedient, sprach er: »Ei sieh doch! So fleißig, meine kleine Malwina?« Dabei besah er die Arbeit mit affektiert ernster Aufmerksamkeit. Malwina wußte wirklich nicht, was sie auf eine solche Anrede sagen sollte, denn sie hatte, zum Ärger ihrer Mutter, es nie gelernt, auf dumme Fragen stets eine klugseinsollende Antwort bereit zu haben. Da sie aber glaubte, der Onkel meine es freundlich und sei bloß ungeschickt, sah sie ihn mit ihren schönen Augen halblächelnd an und blickte dann wieder still auf die Arbeit nieder. Dem Onkel gefiel ihr Schweigen und ihr Blick; aber es steckte ein Quälgeist in ihm. Er fuhr deshalb im vorigen Tone fort: »Wie alt bist du jetzt, liebe Kleine?« Jetzt sah Malwina ihn nicht wieder an, denn sie fühlte sich schon durch diese zweite nichtssagende Frage und durch den impertinent liebkosenden Ton, in dem sie getan war, geängstigt. Sie antwortete bloß halblaut: »Zehn Jahr.« »Zehn Jahr!« spottete Frau Habichs in einem ironisch zimperlichen Tone nach »Zehn Jahr! Sagt man so? Zehn Jahr! Was soll der Onkel von dir denken? Er wird dich für ein Mädchen ohne Erziehung halten. Zehn Jahr, lieber Onkel ! sagt man, wenn der Onkel fragt und nicht (wieder affektiert nachspöttelnd) zehn Jahr.« »Zehn Jahr, lieber Onkel !!« sagte nun Malwina mit bebender Stimme, kleinlaut, aber doch abgemessen und mit leisem Anhauch ironischer Förmlichkeit, doch ohne Impertinenz, wie aus Gehorsam ohne Überzeugung. Dann wandte sie sich ab und zerdrückte mit dem Tuch eine hervorquellende Träne. Holofernes war nun schon vollkommen verliebt in seine kleine Nichte und jauchzte innerlich; aber wie man oft den Tick hat, diejenigen, die man am meisten liebt, durch konsequente, boshafte Quälerei zu extern (wie sie in Schlesien sagen), so er jetzt. »Erst zehn Jahr! (rief er im Kommißton erheuchelter Kinderbewunderung). Ei, ei! und schon so hübsch groß! Und wie hübsch du schon stickst für dein Alter! Laß doch einmal sehen!« So quängelte er fort und ängstete das arme Kind, das endlich ganz lautlos wurde. Frau Habichs bereitete sich schon auf eine recht schöne, moralische Strafrede vor, um mit ihrer Wohlredenheit und Erziehungsweisheit vor ihrem Bruder zu prunken; denn wenn sie mit Malwina allein war, pflegte sie sie bloß mit abgerissen ausgestoßnen, einfachen Grob- und Roheiten abzufertigen. Schon warf sie sich in die Brust, nahm eine liebevoll, zürnende Miene an und wollte eben die erste Sentenz dem Bruder vorreiten, als dieser, es merkend, zu ihrer nicht geringen Kränkung ihr den Faden an der Wurzel abschnitt, indem er sich zu Malwina wandte: »Aber du bist ja so still, liebe Kleine! Bist du immer so? Wie? Sage doch!« Natürlich wurde Malwina hierdurch womöglich noch befangener und mutloser zum Sprechen; nur einen bittenden Blick um Schonung wagte sie dem Onkel flüchtig zuzuwerfen. Der Blick traf tief, aber eben deshalb nahm sich Holofernes zusammen und verhärtete sich nur noch mehr in seiner Malize. »Nun? (fuhr er fort) weißt du mir nichts zu erzählen?« Sie blieb still. »Sag'! erzähle mir was!« sprach er, ihr unter das Kinn fassend, mit peinigender Zudringlichkeit. »Nun?« – Pause. – »Weißt du gar nichts, liebe Kleine?« »Nein!« seufzte sie ganz gepreßt. »Nun, dann werde ich dir wohl was erzählen müssen (fuhr der Ängstiger fort). Soll ich? sage!« – »Ja,« sagte sie ganz kurz; aber das »Ja« kam heraus, halb wie ein pressendes »Ach!« halb wie ein lösendes »Gott sei Dank!« denn sie schöpfte doch Hoffnung, daß sie nun endlich erlöst würde und wenigstens nicht zu sprechen brauchte. Frau Habichs zerplatzte vor Ärger, daß sie nicht zu Wort kam, denn Holofernes wußte geschickt immer den richtigen Moment zu fassen, wo sie eben den Mund auftat. Nur ein intonierendes: »Aber Malwina!!« gelang es ihr loszuschießen; da fuhr er wieder dazwischen: »Nun, – wenn du nichts sagst, so will ich dir doch eine recht schöne Geschichte erzählen, die dir gewiß gefallen wird.« Hierauf begann er, indem er läppisch mit den Händchen und Fingerchen der Kleinen tätschelte und spielte, in einem kränkend persiflierenden Kinderton folgendes Märchen zu erzählen. Robert und Gretchen. (Ein Kindermärchen.) Es war einmal in einer schönen Stadt ein großes, prächtiges Schloß, und in dem Schlosse wohnte der König und seine Frau. Die hatten beide einen Sohn, der hieß Robert, und war gar ein wilder, ungezogener Knabe, denn er lief den ganzen Tag auf der Straße herum, wollte nichts lernen und folgte seinen Eltern nicht. Vor dem Tor aber, nicht weit von dem Schlosse, war eine kleine, schlechte Hütte, in der wohnte ein gar armer Tagelöhner mit seiner Frau und hatten beide ein einziges Kind, das war Gretchen genannt und ein liebes, gutes Kind. Manchmal, wenn sie auf der Wiese vor der Hütte saß, kam Robert und sprach mit ihr und bat sie, mit ihm zu spielen. Das tat sie auch, denn sie war gegen Jedermann freundlich. Einmal aber, wo schönes Wetter war, sprach er zu ihr: Komm Gretchen, wir wollen ein bischen nach den Felsbergen hin in den grünen Wald spazieren gehn. Dein Vater ist zur Arbeit und deine Mutter auf der Bleiche, und bis sie nach Hause kommen, sind wir längst wieder hier. Gretchen ging mit, und als sie im Walde waren, sahen sie am Wege auf einem Steine ein altes, armes Männchen mit weißen Haaren und in zerrissnen Kleidern sitzen, das bat sie mit zitternder Stimme: »Liebe Kinderchen, gebt mir doch etwas zu essen oder etwas Geld, ich bin ein gar armer Mann und habe seit gestern noch kein Brot gehabt.« – Gretchen hatte sich von ihrer Mutter ein Abendbrot schmieren lassen, das hatte sie mitgenommen und wollte es eben essen; als sie aber den armen Mann sah, kamen ihr die Tränen in die Augen und gab's ihm ganz, ohne etwas für sich zu behalten. Der arme Mann nahm's und dankte, aber Robert lachte Gretchen laut aus und sprach: »Du dummes Ding, warum ißt du dein Butterbrod nicht selbst und gibst es dem alten, häßlichen Bettelmann. Ich habe Geld in der Tasche, aber ich will mir dafür lieber Kuchen kaufen und werde ein Narr sein, ihm was zu geben.« Und als er das gesagt hatte, lachte er noch mehr und spottete und schimpfte auf den alten Mann. Der aber stand auf, wurde auf einmal so groß und stark wie ein Riese, packte den bösen Knaben, hob seinen Stock und rief mit grimmiger Stimme: »Weil du so ein Bösewicht bist, will ich dich jetzt strafen, daß du daran gedenken sollst.« – Robert war vor Angst umgesunken und machte die Augen zu; aber Gretchen fiel vor dem Manne nieder und bat und weinte, er möchte es ihm doch noch einmal verzeihn und ihn nicht schlagen, Robert würde so was gewiß nicht wieder tun. Als der Mann das sah, ließ er den Stock sinken und sagte: »Weil du darum bittest, will ich's ihm noch einmal schenken, und dich will ich belohnen, weil du ein so gutes Kind bist.« Und auf einmal wurde der Mann zu einer wunderschönen Fee mit hellgrünen Kleidern, einem Diamantgürtel und einer goldnen Krone. Die sprach zu Gretchen gar freundlich: »Fürchte dich nicht mein Kind, komm mit, ich will dir meine Stuben zeigen und etwas Schönes schenken.« Und sie nahm sie bei der Hand, um fortzugehn. Gretchen aber fragte: »und darf Robert nicht mit?« »Nein,« sagte die Fee, »denn er hat es nicht verdient.« – »Ach bitte, nimm ihn auch mit,« sagte Gretchen, »sonst will ich deine Sachen auch nicht sehn, und er weiß auch nicht den Weg von hier nach Hause, er würde sich verirren, wenn er allein hier bliebe.« – »Weil du darum bittest, soll er mitgehn,« sprach die Fee. Da gingen die drei durch dicke, verworrene Gebüsche und die Zweige wichen vor ihnen aus, so daß sie bequem durchgehen konnten. Endlich blieben sie im tiefen Walde vor einer Felswand stehn. Die Fee klopfte daran mit einem Stäbchen; da tat sich der Felsen auf, und die Fee führte die Kinder an der Hand hinein. Und auf einmal standen sie in einem schönen Saal, da waren keine Fenster und keine Lichter drin und es war doch so hell, als ob zwei Sonnen geschienen hätten. Die Wände des Saals aber waren lauter wunderschöne, bunte Bilder, und auf schön gemalten Tischen lagen viele, viele Bilderbücher. Und die Fee zeigte und erklärte den Kindern alle die herrlichen Bilder, auf denen Städte, Wälder, feuerspeiende Berge, Soldaten, Türken, Vögel, Schmetterlinge und Herden gemalt waren. Als sie sich satt gesehn hatten, führte die Fee sie in einen andern Saal. In dem waren die wunderschönsten Puppen, Soldaten, Reiter, Ställe mit Kühen und Schafen und allerlei andern Spielsachen. Die Fee erlaubte Gretchen und Robert, damit zu spielen. Die Puppen und Soldaten aber konnten reden, sich bewegen und schießen. Gretchen sprach mit der schönsten Puppe, putzte sie und ging mit ihr spazieren. Robert aber kommandierte laut und ließ von den Soldaten eine große Schlacht liefern. Kaum konnten sie sich von den schönen Sachen trennen, die Fee aber führte sie weiter in einen dritten Saal. Dessen Wände waren von Marzipan und er war voll grüner Bäume, an denen wuchsen goldne Nüsse, Pfefferkuchen, Bonbons und Knackmandeln und schöne, grüne, rote, blaue und goldgelbe Vögel flatterten herum, die sangen wunderschöne Lieder, hüpften den Kindern auf Schultern und Hände und ließen sich haschen und streicheln. Die Fee aber gab den Kindern von all den schönen Sachen zu essen und es schmeckte alles so süß, wie sie noch keine Pfefferkuchen, Bonbons und Mandeln sonst gegessen hatten. Als sie satt waren, sagte die Fee: »Das schönste ist noch übrig, kommt.« Und sie kamen in eine kleine Stube, die war von purem, blanken Golde mit bunten Edelsteinen ausgelegt. In der Mitte von der Stube aber stand ein kleiner Tisch, auf dem lag ein kleiner Spiegel, ein Halsband mit einem silbernen Kreuzchen und ein kleiner goldner Ring. Da sprach die Fee zu Gretchen: »Weil du mir Brot gegeben hast, als ich wie ein armer Mann aussah, sollst du dir von diesen drei Dingen eins wählen, das ich dir schenken will. Robert aber hat mir nichts geben wollen und nun will ich ihm auch nichts geben. Der Spiegel hat die Eigenschaft, daß jeder, der täglich einmal hineinsieht, wunderschön wird, wer den Ring am Finger trägt, der wird so reich, wie der reichste Kaiser, und wer das Kreuz am Halse trägt, den haben alle Menschen lieb. Nun wähle.« – Da zupfte Robert Gretchen am Ärmel und winkte ihr, daß sie den Ring wählen möchte; Gretchen aber sagte: »Wenn du so gut sein willst, mir was zu schenken, so bitt' ich schön um das Kreuz, denn ich möchte gern, daß mir alle Menschen gut wären.« Als sie das gesagt hatte, gab die Fee ihr das Kreuz, küßte sie und sagte: »Du hast gut gewählt. Hänge dir das Kreuz unter dein Kleid um den Hals, so daß du es an der Brust versteckt trägst, dann werden dich alle Menschen lieb haben. Du darfst aber niemand etwas von dem Kreuze sagen und es auch niemals weggeben; versprich mir das, Gretchen.« Gretchen versprach's. »Und nun geht wieder nach Hause, Kinder,« sprach die Fee, »eure Eltern warten auf euch.« Als sie die Kinder aber zu einer andern Tür herausführen wollte, sah sie sich um und sah, daß der goldne Ring nicht mehr auf dem Tischchen lag. Da wurde ihr Gesicht finster und sie fragte zornig: »Wo ist der goldne Ring hin?« – »Er wird wohl auf den Fußboden gefallen sein,« sprach Robert und wurde feuerrot. »Hast du den Ring genommen?« sprach die Fee zu Gretchen. »Wie kann ich ihn genommen haben, da er mir nicht gehört?« antwortete sie ruhig. »Hast du ihn?« sprach die Fee zu Robert. »Ich bin eines Königs Sohn, wie kannst du glauben, daß ich einen Ring stehlen werde?« rief er und geberdete sich beleidigt. Die Fee aber ward noch zorniger und rief: »Kleiner Bösewicht, ich weiß es wohl, daß du ihn hast. Du hast ihn genommen, als ich mich eben umdrehte, und ihn in den Mund gesteckt, damit ich ihn nicht bei dir finden möchte. Hättest du mir's gestanden, so wollte ich dir verzeihn, aber weil du mich belogen hast, will ich dich in eine stockfinstre Kammer sperren lassen, da sollst du allein sitzen und nur Wasser und Brot bekommen und nie wieder deine Eltern sehn. Gib den Ring.« – Zitternd gab Robert den Ring her, die Fee aber winkte mit ihrem Stabe. Da hörte man ein fürchterliches Brausen und zwei schreckliche, kohlschwarze Drachen mit feurigen Augen und scharfen Zähnen kamen durch die Luft geflogen, die sollten Robert einschließen und bewachen. Als Gretchen das sah, erschrak sie sehr und es erbarmte sie des armen Robert, so daß sie weinend und schluchzend vor der Fee niederknieete, die Händchen rang und bat: »Ach bitte, bitte, schenk es ihm nur noch ein einzigesmal, es hat ihm zu sehr nach dem Ring gelüstet, weil ich etwas geschenkt bekam und er nichts. Er wird sich gewiß bessern und nie so etwas wieder tun. Verzeih ihm nur noch diesmal.« »Nein,« sprach die Fee, »ich habe ihm schon einmal verziehn, und er hat sich nicht gebessert.« – »So sperre mich mit ein, daß er nicht allein vor Angst umkommt,« schluchzte Gretchen. Da wurde die Fee wieder freundlich und sprach: »Um deiner Güte willen will ich ihm auch diesmal noch verzeihn; aber es ist das letztemal,« rief sie drohend zu Robert, »nimm dich ja in acht!« – Da verschwanden die Drachen wieder, die Fee führte die Kinder zur Tür hinaus, die schloß sich hinter ihnen und sie standen allein im Walde vor der alten Felswand. Robert war noch ganz erschrocken und lief was er nur laufen konnte. Gretchen folgte ihm. Als sie weit weg waren, so daß er sich nicht mehr fürchtete und sie beide wieder langsam gingen, sprach er: »Gretchen, was willst du mit diesem Kreuz? dich haben ja doch alle Menschen lieb, weil du so freundlich bist, schenke mir es lieber.« »Nein,« sagte Gretchen, »ich behalt' es selbst.« – »So will ich dir Geld dafür geben,« sprach Robert. »Weißt du nicht, daß mir die Fee verboten hat, es wegzugeben?« antwortete Gretchen. »Ach was, woher soll es denn die Fee wissen, wenn du es auch weggibst?« sprach Robert. Gretchen aber sagte: »Und wenn sie es auch nicht weiß, so habe ich ihr es versprochen, es nicht wegzugeben, und lügen darf man ja nicht.« »Dummes Ding, gib's nur her!« sprach Robert, und wollte es ihr wegnehmen. Gretchen wehrte sich, aber Robert sagte: »Gib's oder ich schlage dich.« – »Tu' das nicht,« bat Gretchen, »die Fee wird dich sonst strafen.« »Was kann die mir hier tun?« sagte Robert. Gretchen wollte das Kreuz nicht geben, da sie es aber nur in der Hand trug und vergessen hatte, es umzuhängen, wie die Fee es gesagt hatte, so wirkte der Zauber noch nicht, daß ihr alle Menschen gut sein mußten, und Robert schlug sie, daß sie weinte, und weil er stärker war, bezwang er sie, warf sie auf die Erde und wollte ihr eben das Kreuz aus der Hand reißen; da kam auf einmal vom Himmel fürchterlicher Donner und Blitz, daß die ganze Erde mit Bäumen und Bergen zitterte, die Vögel hörten auf zu singen, ringsum wurde rabenschwarze Nacht und ein eiskalter Wind fuhr den Kindern über die Haut. Als es wieder hell und freundlich wurde, war Gretchen allein mit dem Kreuz in der Hand. Sie suchte überall in Büschen und Wiesen, sie rief und schrie und weinte, aber Robert war weg. Endlich als es anfing Abend zu werden, hing sie sich das Kreuz um die Brust und ging sehr betrübt nach Hause. Die Eltern fragten sie, wo sie so spät herkomme. Sie erzählte alles, nur vom Kreuz sagte sie nichts, weil es ihr die Fee verboten hatte. Die Eltern lachten sie aus und sagten: sie würde wohl alles nur geträumt haben. Sie konnten aber nicht böse auf sie werden, weil sie das Kreuz auf der Brust trug. Als sie am andern Nachmittage vor der Hütte im Grünen saß, hörte sie etwas recht kläglich winseln. Und es kam ein ganz kleiner, alter Mann auf sie zu, der war buckelig, lahm, pockennarbig und einäugig und hatte häßliche zerrissene Lumpen auf dem Leibe, eine kahle Platte und ein gar abscheuliches, erschreckliches Gesicht. Er schleppte sich an einem Stabe langsam und mühselig heran. Gretchen erschrak und wollte weglaufen, der Mann bat sie aber so sehr, daß sie blieb. »Kennst du mich nicht?« sprach er zu ihr. »Wie soll ich dich kennen, da ich dich nie gesehen habe?« sagte Gretchen. »Ach, ich bin ja Robert, mit dem du gestern bei der Fee warst,« sagte er, und nun erzählte er ihr, wie ihm die Fee, als der Donnerschlag kam, erschienen, ihn mit ihrem Stabe in diese schreckliche Gestalt verwandelt und gesagt habe: weil er Gretchen habe das Kreuz rauben wollen, das sie bei allen Menschen beliebt mache, sollte er nun sein ganzes Leben lang von allen Menschen gehaßt und mißhandelt werden und sein Brot mühsam erbetteln. »Drauf verschwand sie,« erzählte Robert weiter, »und ließ mich hilflos und allein. Ich fühlte mich an allen Gliedern krank und weh und schleppte mich mühsam ins Königsschloß zu meinen Eltern. Die aber entsetzten sich vor mir und befahlen den Bedienten, daß sie mich zum Schlosse herauswürfen. Als ich sagte, ich wäre ihr Sohn, ihnen, die Geschichte mit der Fee erzählte und bat, sie möchten mir nur wenigstens etwas zu essen geben, sagten sie, ich wäre ein unverschämter Lügner und ließen mich schlagen und stoßen und hungrig und müde vom Schloß wegjagen. Ich hinkte weiter und bat überall um ein Nachtlager oder wenigstens ein Stück Brot, aber die Leute entsetzten sich alle vor mir und stießen mich unbarmherzig weg. Nun habe ich müssen die ganze Nacht auf der Straße liegen ohne zu schlafen, denn mich fror, daß mir die Zähne hart aneinander klapperten und daß ich zu sterben meinte. Auch heut früh habe ich noch nichts zu essen bekommen und werde gewiß verhungern, wenn du mir nichts gibst. Ach, ich hab's wohl nicht um dich verdient, liebes Gretchen, denn ich habe dich ja geschlagen und wie ein Bösewicht an dir gehandelt; aber ich weiß, daß du so gut bist und dich meiner Not erbarmen wirst, darum habe ich mich halbtot hierher geschleppt.« – Da fühlte Gretchen, wie sich ihr das Herz vor Mitleiden und Bekümmernis im Leibe umkehrte. Sie ging in die Hütte, holte ihr Vesperbrot und gab es dem armen Verhungerten, der es gierig aß. Und sie fürchtete sich nicht vor seiner häßlichen Gestalt, setzte sich neben ihn, nahm seine Hand, sprach ihm Hoffnung ein und sagte, die Fee würde sich wohl erbarmen und ihn wieder erlösen. Da weinte Robert bittere Tränen und sprach: »Nein, das wird sie nicht, und sie hat auch ganz recht. an mir getan, denn ich habe dich gekränkt und du bist doch so fromm und freundlich, wie die lieben Englein im HimmeL« Gretchen aber sprach: »Komm mit mir in den Wald. Da will ich die Fee rufen und bitten, daß sie dich wieder erlöst, vielleicht tut sie es doch.« Und sie gingen zusammen weg. Gretchen aber mußte Robert führen und ihn oft ausruhen lassen, denn er war sehr krank und schwach. Sie fanden auch nach langem Suchen die Felswand, aber keine Tür darin»Da fing Gretchen laut an zu rufen: »Liebe Fee, liebe Fee, komm' doch, komm'!« Und siehe da, plötzlich stand die Fee in glänzenden Kleidern da und sprach zu Gretchen: »Warum rufst du, mein Kind, und was suchst du?« Als sie aber Robert sah, ward sie zornig und sprach: »Was will der vor meinem Angesicht?« Da fing Gretchen an, recht herzlich zu bitten, sie möchte dem Robert wieder verzeihen und erzählte, wie schlimm es ihm ergangen wäre, wie er sein Unrecht schon schmerzlich bereut habe und ganz gewiß sich bessern werde. Die Fee aber sprach: »Nein, er hat zu oft Böses getan, als daß ich ihm verzeihen könnte.« Als Robert und Gretchen aber zusammen immer flehender baten, ward die Fee gerührt und sprach: »Und wollte ich ihn auch erlösen, so kann ich's doch nicht; denn um ihn wieder zu entzaubern, muß ich ein Fläschchen vom Wasser der Schönheit holen; daß kann aber nur mit großer Gefahr und nur von einem unschuldigen Kinde geholt werden, das niemals jemandem was zu Leide getan hat.« »Ei, so laß mich es holen, ich bring's gewiß,« sprach Gretchen. »Nein,« rief Robert, »wenn es gefährlich ist, sollst du nicht gehen. Ich will lieber ewig ein alter, häßlicher Bettelmann bleiben. Ich habe dich beleidigt und es ist nicht recht, daß du meinetwegen in Gefahr kommst.« Da sah die Fee ihn erstaunt an und sagte: »Aus diesen Worten seh' ich, daß dich dein Unglück gebessert hat und darum soll Gretchen auch das Wasser holen. Aber hast du auch wirklich niemand etwas zu Leide getan?« sprach sie zu Gretchen. »Nein, in meinem Leben nicht.« »Auch keinem Tiere?« »Nein, wie sollt' ich das, da es Unrecht ist! ein Tier zu quälen?« »Besinn' dich ja recht,« sprach die Fee, denn gehst du hin und es ist nicht wahr, so mußt du sterben.« »Nein gewiß, ich habe nie einem Wesen Leides getan,« sprach Gretchen. »So will ich dir dabei helfen, so viel ich kann,« sagte die Fee. »Geh' diesen Fußsteig nach dem Berge zu, da wirst du eine große, schwarze Höhle finden. Fürchte dich aber nicht und geh' hinein und immer grade aus, dann kommst du in einen schönen Garten, das ist der Garten der großen Schlange. In dessen Mitte ist ein klarer Springbrunnen und in dem ist das Wasser der Schönheit; wen man damit wäscht, der wird wunderschön und wäre er auch noch so häßlich gewesen. Hier hast du ein Fläschchen, das schöpfe mir voll, nimm dich aber in acht, daß du nicht ins Wasser gleitest, du könntest sonst ertrinken. Wenn du unterwegs in Gefahr kommst, so nimm dies Haar und reibe es, dann werd' ich dir zu Hilfe kommen.« So sprach die Fee, gab Gretchen ein Fläschchen und ein goldgelbes Haar aus ihren eigenen Locken und Gretchen machte sich auf den Weg. Auf dem Berge sah sie eine finstre große Höhle. In die ging sie hinein und immer gradeaus. Es war aber so finster darin, daß sie nicht sehen konnte, wo sie war. Und als sie weit, weit gegangen war, hörte sie auf einmal ein fürchterliches Brummen und ein ungeheurer, großer, häßlicher Bär mit Feueraugen und roter Zunge kam auf sie zu und brüllte: »Was willst du hier?« – »Ich will Schönheitswasser holen,« sagte Gretchen zitternd. – »Gut, weil du meiner Königin, der Schlange, das Schönheitswasser stehlen willst, so werde ich dich gleich auffressen.« So heulte der Bär und schon hatte er Gretchen gepackt und wollte sie eben auffressen, da dachte sie an das Haar und rieb es. Da ward es auf einmal so hell ringsum, als ob tausend Lichter gebrannt hätten und die Fee kam auf einem goldenen Wagen durch die Luft, den zwei weiße Schwäne zogen. Sie schlug den Bären mit ihrem Stab auf den Kopf und sprach: »Laß ab, du garstiges Tier. Gretchen hat noch keinem Wesen Leides getan, warum willst du ihr denn Leides tun?« Da kroch der Bär weg und war ruhig. Die Fee aber verschwand und Gretchen ging in der Dunkelheit weiter. Und als sie wieder wohl eine Meile weit gegangen war, wurde es hell, und sie stand vor einem grünen Gartengeländer mit einer Tür von goldnen Stäben. Eben wollte sie hineingehen, da kam auf einmal eine große, große grüne Schlange auf sie zugeschossen und zischte wütend: »Was willst du hier?« »Ich will ein Fläschchen Schönheitswasser holen,« sprach Gretchen. »Gut, weil du mich bestehlen willst, so werde ich dich gleich auffressen,« zischte die Schlange, und wandte sich in Vielen Ringen um Gretchen herum und wollte sie eben mit der spitzigen Zunge totstechen und auffressen; Gretchen aber dachte an das Haar, rieb es und die Fee erschien wie vorhin, schlug die Schlange auf den Kopf und sprach: »Laß ab, Frau Schlange! Gretchen hat noch keinem Wesen Leides getan, warum willst du ihr denn Leides tun?« – Da kroch die Schlange weg und ließ Gretchen in Ruh; die Fee verschwand und Gretchen ging in den Garten. In dem Garten aber war es gar wunderschön. Da waren auf allen Seiten grüne Bäume mit den herrlichsten Früchten, die so tief herunterhingen, als wenn sie gern gepflückt sein wollten; bunte Vögel, die schöne Lieder sangen, und grüne Wiesen mit schönen bunten Blumen, die lieblich dufteten, und an dem Wege flossen klare Kristallbäche, in denen goldne Fischchen plätscherten. Gretchen aber achtete nicht darauf und ging weiter, denn sie dachte nur daran, das Schönheitswasser zu holen, damit der arme Robert entzaubert werden könnte. Und als sie in die Mitte des Gartens kam, sah sie ein großes Marmorbecken; in dessen Mitte war ein schöner, hoher Springbrunnen, dessen Tropfen in der Sonne leuchteten wie Perlen und Diamanten, und darin war das Schönheitswasser. Sie kniete am Rande hin und hielt mit der einen Hand das Fläschchen ins Wasser um zu schöpfen, mit der andern aber hielt sie sich oben an, damit sie nicht herunterfiele. Als das Fläschchen voll war und sie es herausziehen wollte, glitt sie aber aus und fiel ins Wasser. Sie wollte sich am Rande anhalten, aber die Hand glitschte aus und sie versank. Sie verlor den Atem, es wurde ihr schwarz vor den Augen und sie meinte zu ertrinken. Da dachte sie in der größten Todesangst an das Haar, nahm ihre letzte Besinnung zusammen und rieb es. Plötzlich fühlte sie sich durch die Luft getragen, und als sie wieder zu sich kam, war sie trocken und unversehrt im Walde bei der Fee und dem bezauberten Robert. Die Fee aber sprach: »Es ist gut, daß du noch an das Haar gedacht hast, sonst hättest du ertrinken müssen!« Dann nahm sie das Fläschchen und goß Robert ein paar Tropfen auf den Kopf. Da verschwanden auf einmal die alten häßlichen Lumpen und der Buckel und die Runzeln in seinem Gesicht und er ward wieder zum schön gekleideten Knaben und hübscher als er sonst gewesen war. Und auch Gretchen war viel schöner geworden wie früher, denn sie hatte sich im Wasser der Schönheit gebadet. Als Robert seine Erlösung sah, fiel er der Fee zu Füßen, weinte und dankte ihr. Die Fee aber sagte: »Dem guten Gretchen mußt du danken, denn sie hat dich erlöst.« Da küßte Robert Gretchens Händchen und dankte und versprach, nun immer gut und liebreich zu sein. Gretchen aber hob ihn auf und freute sich, daß er wieder entzaubert war. Darauf nahm die Fee Abschied von beiden Kindern und verschwand und sie gingen Hand in Hand nach Hause. Der König und die Königin hatten unterdes sehr getrauert, daß ihr einziger Sohn weg war, hatten ihn überall gesucht und im ganzen Lande ausklingeln und ausrufen lassen: wer ihn wiederbrächte, der sollte viele, viele tausend Taler bekommen. Als nun Gretchen mit Robert im königlichen Schlosse ankamen, da nahmen sie sie freundlich auf und waren erfreut über die Maßen, daß ihr Sohn wieder da war. Und wenn Gretchen auch nicht das Kreuz am Halse getragen hätte, wären sie ihr doch gut gewesen, weil sie ihren Sohn wiederbrachte und so lieb und freundlich war. Da sie hörten, daß Gretchens Vater ein armer Tagelöhner wäre und in einer schlechten Hütte wohnte, ließen sie ihm ein großes schönes Haus bauen und gaben ihm viel Geld, daß er es für Gretchen aufheben sollte, bis sie groß würde. Und als Robert und Gretchen groß geworden waren, wurden sie Mann und Frau und Gretchen war von jedermann geliebt, denn sie trug das Kreuz auf der Brust und war freundlich gegen alle. Als Roberts Vater gestorben war, wurden sie König und Königin und bekamen Kinder und lebten in Reichtum und Freuden, und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie noch heute. Kapitel XVIII Anfangs blickte Malwina mit ganz ehrlicher Aufmerksamkeit zum Onkel empor, denn sie konnte und wollte noch immer nicht glauben, daß er so sei, wie er sich gegeben hatte, und hoffte auf besseres. Da er aber durchaus den angenommenen kindischen Ton nicht änderte, blickte sie gekränkt, von Scham und Unwillen glühend, vor sich nieder. Endlich, gegen Ende der Geschichte, fuhr ihr blitzschnell durch den Sinn, worüber sie sich ärgerte, daß es ihr nicht gleich klar geworden wäre, nämlich: daß der Onkel ein Spottvogel sei. Plötzlich blickte sie wieder zu ihm auf und erhaschte auf den Lippen dessen, der sich im Augenblicke unbeobachtet glaubte, einen leisen, ganz eigen lächelnden Zug, der sie vollends aus aller Ungewißheit riß; obgleich Holofernes keineswegs in seinem Erzählungston karrikierte, sondern nur mit komischer Naturwahrheit die Sprache alberner übermütiger Erwachsener gegen Kinder treu nachahmte. Jetzt ward's dem Mädchen auf einmal ganz leicht ums Herz und mit reizend freundlicher Schlauheit und ungläubigen Lächeln blickte sie bis zum Ende der Geschichte dem Onkel ins Auge, der seine Rolle kaum festzuhalten vermochte. Als er auserzählt hatte, sah er sie mit süßlichem Lächeln fragend an, als ob er Dank oder Urteil von ihr verlange. Sie drehte sich lieblich schmollend, weg. »Nun? (fragte er) gefällt dir die Geschichte nicht?« Mit zögernder Bescheidenheit, doch ohne Furcht, antwortete sie, die Worte lang dehnend: »Die Geschichte könnte wohl ganz hübsch sein, wenn – sie – nur – anders erzählt würde,« kam auf einmal rasch heraus, wobei sie über ihren Mut errötete. »Ei, wie denn, liebe Malwina?« fragte Holofernes schon in natürlicherem Tone. »Das weiß ich nicht grade zu sagen (antwortete sie). Aber sage, lieber Onkel, sprichst du denn immer so – so – wie – ein Kind?« – Jetzt aber hielt es Junius nicht länger aus. Wie zu ritterlicher Verteidigung drängte er sich vor und sprach, beinah erbittert: »Lieber Onkel, ich sehe, daß du meine Schwester nicht kennst; sie ist gar nicht so kindisch, wie du glaubst.« Da erfaßte Malwina mit echt weiblichem Takte den Augenblick, ehe die Sache für alle Teile verdrießlich und verstimmend würde, indem sie des Onkels Hand ergriff, sah sie ihn mit bezauberndster, liebevollster Offenheit und doch wie scharf und pfiffig forschend an und sprach, fest und vertrauensvoll, so daß es kaum wie eine Frage klang: »Gelt Onkel, du spaßest bloß mit mir?« Rasch begegnete sie einem Blick des Onkels, der Antwort genug war; da rief sie bittend: »Sei nicht böse, lieber Onkel, daß ich böse auf dich war!« Dabei neigte sie rasch das Haupt und küßte mit Wärme des Onkels Hand. Der aber konnte sich nicht mehr halten. »Du prächtiges Mädel!« rief er jubelnd aus, faßte sie, zog sie an sich heran und küßte ihr Stirn, Auge und Mund. Obgleich ich nun in Gefahr gerate, für einen sentimentalen Menschen oder für einen Nachahmer Jean Pauls gehalten zu werden, so darf ich doch, aus falscher Scham, dem Leser nicht die Wahrheit vorenthalten, nämlich die, daß bei dieser Versöhnungs- und innigen Verständigungsszene beide, sowohl die kleine Malwina, als der alte Kerl von Onkel so ergriffen waren, daß sie mit Mühe die Tränen zurückhielten, sie aus Freude und weil sie was zu verzeihen hatte, er auch aus Freude und weil er das liebliche Kind so unnütz gequält hatte, das nun so liebenswürdig und fein die Sache umdrehte, als sei sie der beleidigende Teil gewesen. Da schon viele Leser und Leserinnen diese ganze Szene nicht verstehn, so können sie sich denken, was erst gar die Frau Habichs, die hoffentlich viel roher und dümmer ist, als irgend jemand unter ihnen, sich dabei denken mußte; nämlich gar nichts. Sie stand ganz verblüfft da. Noch immer hatte sie auf den Moment gehofft, wo schicklich ein mütterlicher Sermon einzuschieben sei, um so mehr, da der Stoff dazu immer anwuchs; denn daß Malwina die Geschichte des Onkels zu tadeln wagte, die doch (dachte Frau Habichs) ganz für so ein einfältiges Kind geeignet und in der außerdem »sehr viel Moral« war, fand sie unerhört. Sie wollte schon dem Bruder wegen der dummen Impertinenz ihrer Tochter tausend Entschuldigungen machen, um nur die Sache einigermaßen wieder ins Gleis zu bringen, und siehe da! auf einmal beide Parteien feierlich versöhnt und im freundlichsten Einverständnis, und das ohne alle handgreifliche Verbindung, auf eine ihr völlig unverständliche Weise. Zuletzt, da sie gar nicht wußte, was zu denken sei, ergriff sie den sehr bequemen Ausweg, alles für eine geniale Grille ihres außerordentlichen Herrn Bruders zu halten und als solche zu respektieren, wie es einer »gebildeten Frau von höherem Seelenschwunge« ziemte. Sie veränderte demnach für den ganzen Tag ihre Taktik, verschmerzte das Herunterschlucken ihrer schönen Ermahnungssentenzen und behandelte Malwina mit der affektiersten Freundlichkeit, indem sie selbige den ganzen Tag mit dem liebkosenden Verkleinerungsnamen: »Winchen« oder »liebes Winchen« anzureden und dabei geziert ihr zuzulächeln recht beflissen war. Dies tat sie nie, als wenn Gesellschaft zugegen war. Unter vier Augen hieß es immer ganz ordentlich: »Malwina« mit möglichster Hausbackenheit und Härte ausgesprochen. – So kam die Stunde heran, in der Herr Habichs aus dem Turme zum Mittagsessen kam. Nach kurzer, ziemlich kalter Begrüßung begann Holofernes gleich seinen Angriff folgendermaßen: »Lieber Schwager, da ich nicht lange hier bleibe und wir heut vielleicht nicht mehr einen so günstigen Augenblick finden, so wollen wir uns nicht lange mit allgemeinen und gleichgiltigen Lapalien, als da sind: Wetter, Wohlbefinden etc. aufhalten, sondern gleich in medias res das heißt aufs Spezielle und Wichtige lossteuern. Ich tue Euch also kurz und gut den Vorschlag, Euern Junius, der, wie ihr wohl merken könnt, zum Geschäftsmann doch nimmermehr tauglich werden wird, mit mir zu nehmen und ihn die schönen Wissenschaften studieren, zu lassen, damit doch etwas Ganzes und Rechtes aus ihm werde. Nun sagt, was meint ihr dazu? Doch nein, Schwager, sagt lieber nichts, denn die Verlängerung Eurer wohlgeborenen Nase und das gespensterhaft spukende, wenn auch unausgebrummte: »Hm. hm!« auf Eurer mißbilligenden Lippe sagen schon genug. Aber hört erst meine Erläuterungen und Sacherklärungen, ehe Ihr aburteilt. Fürs Erste, um nur nebensächliches Gestein und Gestrüpp aus dem Wege zu räumen, gebe ich Euch das Versprechen, daß Euch die ganze Geschichte keinen Kreuzer kosten soll. Ich werde für alles sorgen und der Junge solls gut bei mir haben. Das ist doch schon ein reines Ersparnis; ja, Ihr könnt es ein Geschäft nennen, da es eine aktive Vermehrung Eures Kapitals ist. Fürs Zweite aber komme ich zur Hauptsache. Ihr haltet nämlich dafür: Geschäft sei etwas solides, reelles; schöne Wissenschaften aber eine Seifenblase, die farbig glänzt und zerplatzt und an der nur Kinder Vergnügen haben, d. h. mit andern Worten: gar nichts. Euer bestätigendes Kopfnicken sagt mir, daß ich den Nagel auf den Kopf getroffen habe. Ein Schriftsteller ist für euch ein Mensch, der in anständiger Kleidung langsam verhungert, der selten Geld hat, und wenn er es hat, es an einem Tage totschlägt. Ein Dichter erst gar ist Euch einer in zerrissenen Kleidern, der im fünften Stocke nicht wohnt , sondern sein Lager hat, den ganzen Tag lang träumt und nichts verdient, des Abends in den kalten Mond und des Morgens in die warme Sonne sieht, weil er doch keine andere kalte Küche zum Abendbrod und kein andres warmes Frühstück hat. Ich aber sage Euch, daß Ihr in der Kenntnis literarischer Zustände (wie sies nennen) sehr weit zurück seid, wenn Ihr solchen veralteten Traditionen Glauben beimessen könnt, die einst wohl ihre halbe Wahrheit hatten, jetzt aber keine mehr. Vernehmt denn, daß die Literatur jetzt so gut ein Geschäft ist, wie jedes andere, und je nachdem's einer praktisch anzugreifen versteht, ein ebenso einträgliches . Ihr staunt, aber es ist so. Vor einiger Zeit hat einer der gefeiertsten und langweiligsten der jetzt lebenden Schriftsteller bei einem festlichen Diner (ihr seht daraus beiläufig, daß Schriftsteller auch an Diners teilnehmen) den ewig denkwürdigen Ausspruch getan: »Literature becomes more and more trade« das heißt verdeutscht: »Vom Profit lebt der Mensch,« ein Ausspruch, dessen gesunde, praktische Gemeinnützigkeit Euch, im Munde eines Romanverfertigers, mit Recht in Erstaunen setzt. Aber ich weiß, was Euch beim Literaturgeschäft verdrießt; die Unordnung nämlich. Ihr meint, ein Schriftsteller schreibe bloß, wenn es ihm einfiele , oder wenn er in der rechten Stimmung sei, oder besser, wenn es dem Satanas beliebt, über ihn zu kommen; während Ihr hingegen auf Eurem Bureau einen Tag wie den andern regelmäßig zu arbeiten vermögt. So denkt Ihr, und gegen Unkenntnis läßt sich freilich schwer ankämpfen. Aber wenn ihr irgend dem Wort eines ehrlichen Mannes zu glauben imstande seid, so laßt Euch von mir versichern, daß ein Schriftsteller ebenso gut seine Bureaustunden einhalten kann, wie irgend ein Geschäftsmann, wenn er nur will. Er hat nur nötig, sich vors leere Papier hinzusetzen und die Feder einzutauchen, und dann, immer drauf los! Erst gewaltsam sich zum Anfangen gezwungen. Steht erst eine Zeile da, dann kommt er leicht in den Zug, und es müßte schlecht gehen, wenn ein arbeitsamer Mensch nicht regelmäßig jeden Tag seine zwei bis drei Druckbogen fertig bringen sollte. Und was gehört denn so viel dazu? Ihr müßt mir doch einräumen, daß ein Mensch, der durch Not, Studium, Liebhaberei und Gewohnheit zugleich einmal darauf dressiert ist, was man so nennt: Gedanken zu haben, daß ein solcher doch durchschnittlich jeden Tag einen einzigen Gedanken haben wird. Mit einem Gedanken aber ist viel, alles gewonnen. Der Gedanke wird erst in seltsamen Worten hingeschrieben, so daß er imponiert und neu aussieht, wenn er auch ursprünglich sehr gewöhnlich oder (wozu man im Notfall auch seine Zuflucht nehmen kann) gestohlen sein sollte. So könnt ihr einen abgetragenen, unscheinbaren Rock durch reiche Verbrämung mit falschen Goldtressen in abenteuerlicher Neuheit erscheinen lassen. Darauf sinnt der Schriftsteller auf eine neue, noch seltsamere Wendung für eben denselben Gedanken, die leicht zu finden ist, denn man könnte ein Schema für dieses Verfahren aufstellen. Dies gefunden, setzt er es mit Hilfe irgend einer verbindenden Konjunktion hinter das schon Dastehende. So fährt er fort, den Gedanken zu wenden und zu drehn, ihm bald dies, bald jenes Kleid anzuziehn, bald den Kopf zum Schwanz, bald den Schwanz zum Fuß zu machen, bald diese Seite, bald jene hervorzukehren, alles mit recht viel Saft, Glanz, Blümchen – und vornehmblickenden Fremdausdrücken, so daß der lüsterne Leser immer etwas neues zu schmecken vermeint. Das geht wie in einem Kaleidoskop, wo immer dieselben Steinchen eines Taschenspielers, die eigentlich alle auf ein und derselben ganz einfachen Escamotage beruhn, durch Einkleidung aber mannigfach erscheinen, oder wie eine und dieselbe Fleischspeise mit tausenderlei verschiedenen Saucen und Zubereitungen und Gewürzen immer als ein ganz neues Gericht auftischen könnte. So wird denn von Zeile zu Zeile mit einem einzigen Gedanken Federball gespielt (grade so, wie ich selbst es, um Euch den schlagendsten Beweis zu liefern, in diesem Augenblicke tue) und es müßte mit dem Henker zugehen, wenn sich nicht mit ihm ein ganzer Druckbogen abgrenzen ließe, wie das Reich der Dito mit dem schmalgeschnittenen Riemen des Kuhfells. O! es existieren ganze Bücher von mehr als einem Bande, und die noch dazu eine ernstwissenschaftliche Miene annehmen, die ganz aus diesem angenehmen Gedankengaukelspiele, wie aus dem Nichts, hervorgegangen sind. Sieht man näher zu, so sind nur blutwenig Gedanken drin, und sieht man diesen noch näher ins Auge, so sind es nicht einmal rechte Gedanken, sondern nur Gedankenwechselbälger , zu deutsch: Redensarten . Und dennoch ists ein Buch, und ein gekauftes, gelesenes, gelobtes Buch dazu. Solch ein vereinfachtes Prinzip der Büchermacherkunst bringt dem Publikum grade das Angenehmste und Zuträglichste, so wie es für den Schriftsteller das Leichteste ist. Und hier komme ich auf den zweiten Hauptpunkt, nämlich: daß der industriöse Schriftsteller vor allem darauf bedacht sein muß und bedacht ist, nichts zu schreiben, was nicht zeitgemäß wäre. Das heißt: er soll die jetzt lebende Generation nicht für Atlasse halten, die den Himmel auf den Schultern zu tragen vermöchten, nicht für Prometheusse, denen es nicht zu unbequem wäre, nach Licht zu den Sternen emporzuklimmen; er soll die Leute nehmen, wie sie sind. Vor allem soll er bedenken, an wie viel höchst wichtigen Weltbewegungsideen, Eisenbahnprojekten, modernen Zerwürfnissen und Wirrnissen und politischen Lebensfragen sie ohnehin schon zu schleppen und zu keuchen haben und sie demnach nicht noch mehr belasten. Nur sparsam an Gedanken ! er reicht dann länger aus und das Publikum hält's länger aus. Etwas, das die Verdauung befördert, ohne den Kopf zu beschweren, das angenehm kitzelt, ohne erschüttern zu wollen, das amüsiert, ohne mit Aufforderung zum Nachdenken zu plagen und zu stören, worüber man ein paar Stunden verlesen kann und am Ende doch nichts gelesen hat – dann kommt er in Kurs, Schwager! seine Firma gilt etwas, und wenn er sich erst durch drei bis vier höchst glänzend mittelmäßige Bücher berühmt gemacht und Kredit erworben hat, dann kann er durch zwanzig ganz schlechte und matte hindurch ungestört und behaglich von seinem Ruhme zehren. Kommen dann die Leute doch dahinter (was immer erst sehr spät geschieht), sinken seine Papiere, macht der Verleger ein schwieriges Gesicht; dann gilt's wieder eine einzige Kraftanstrengung; nur ein recht schlechtes (aber sehr glänzendes ) Buch geschrieben, und überall heißt es: »Der P. P. hat sich in diesem seinem neuesten Werke wieder selbst übertroffen,« und sein Kredit ist von neuem auf ein Jahrzehnt gesichert. Sollten einem Schriftsteller aber wirklich einmal alle Gedanken, auch die gewöhnlichsten, ausgehn, dann gibt's ein einfaches und leichtes Auskunftsmiltel. Er reise nur (der Buchhändler schießt das Geld dazu vor) von Danzig nach Stolpe; dann wird er unterwegs doch wohl irgend ein Bauermensch sehn, das Gänse hütet, oder einen alten Kerl, der alte Töpfe flickt, oder der Wagen wird stoßen, oder der Mond wird scheinen, oder der Mond wird nicht scheinen, und dabei muß ihm doch gewiß irgend etwas einfallen. Hat er aber einmal einen Einfall , nun, dann treibt er das vorher beschriebene Spiel. Einige berühmte Männer werden sich auf der Strecke zwischen Danzig und Stolpe mit Gottes Hilfe wohl auch noch auftreiben lassen. Bei ihnen macht er Visite. Ihre Stube, ihr Schlafrock, ihre Nasenspitze sind ausführlich zu beschreiben; ebenso ist alles zu berichten, was sie gesprochen haben, und sollte das zu wenig sein, so kann man es ja beliebig durch Erfindung erweitern. So wird sich die Reise rentieren, und sollte sie bei alledem im Volumen noch zu dünn ausfallen, so ist dem leicht abgeholfen. Der Schriftsteller bemerke und beschreibe nur mit Sorgfalt alles, was er auf jeder Station unterwegs gegessen und getrunken hat, und reicht das noch nicht aus, auch noch alles das, was er nicht gegessen und getrunken hat, was er aber hätte essen und trinken mögen, sollen, können, dürfen oder müssen. In Stolpe angekommen, geht er dann ins Theater (wenn eins da ist) und das wirft allein ein paar Druckbogen ab. Ihr seht demnach, Schwager, daß das Geschäft mit großer Ordnung und dabei doch mit großer Leichtigkeit geführt werden kann. Aber euch bleibt ein Hauptzweifel, das sehe ich euch an, nämlich: ob es nicht ganz auf Zufall und blinden Glückswurf ankäme, daß nach den dargebotenen Artikeln auch gehörige Nachfrage geschieht und demnach sich Absatz und Prozente, gestalten. Aber ich habe euch ja schon gesagt: ein industriöser Schriftsteller schreibt zeitgemäß , d. h. er weiß, was das gebildete Publikum (ich meine damit ästhetische Damen, Teereiter und anderes Gesindel) will und gibt nichts anderes. Dabei aber hat er, wenn er klug, demütig und gewissenlos (ich will sagen praktisch ) ist, noch eine mächtige Hauptstütze, nämlich das Cliquenwesen , eine allgemeine literarische Schadenversicherungsanstalt, von deren gewaltiger und wohltuender Verzweigung ihr euch, als Laie, gar keinen Begriff machen könnt. Der junge Schriftsteller hat sich beim Beginn seiner Laufbahn unter die Protektion eines schon berühmten, in Kredit stehenden, eines etablierten zu begeben; dieser ist sein Prinzipal. Dazu aber hat er einen zu wählen, der an der Spitze, oder doch in den ersten Reihen irgend einer herrschenden Hauptrichtung steht. Alles was er schreibt, hat er dann nach den Ansichten dieser Richtung durchaus zu modeln, was sehr leicht ist, und wobei er noch den Vorteil hat, das, was bei den Stiftern der Richtung erarbeiteter Gedanke war, als für seinen Gebrauch fertigliegende Redensart ohne eignen Aufwand aufzunehmen. Höchstens in unwichtigen Nebendingen darf er hier und dort eine entgegengesetzte Meinung schüchtern hindurchblicken lassen, um einige Selbständigkeit zu affektieren; dann kann es ihm gar nicht fehlen, er wird, sollte er auch ein alberner Bengel sein, in zwanzig Journalen als ein aufkeimender, epochemachender Genius ausposaunt und dem Publikum auf disputiert; er gehört zur Clique. Und wenn er sich auch hier unterordnen muß, so kann er sich dagegen an allen außerhalb der Clique Stehenden, gestützt auf die Macht des Phalanx, durch Arroganz und Grobheit schadlos halten. – Wer dies Verfahren, in eitler Selbstüberschätzung, nicht befolgt, sondern auf eignen Füßen stehn oder gar gegen herrschende Richtungen ankämpfen will, der ist gar übel beraten. Ist sein Talent unbedeutend, so daß er nicht wohl schaden kann, dann wird er in den erwähnten zwanzig Journalen jämmerlich »heruntergerissen« und geschimpft, was ihn allenfalls noch interessant machen könnte. Zeigt er aber einen ehernen Willen und tüchtige Kräfte, so daß er gefährlich werden könnte, dann tritt ein das so sehr beliebte und wirksame Ignoriersystem . Er wird in den besagten zwanzig Journalen! ignoriert, als ob er gar nicht da wäre, damit das Publikum möglichst spät, am besten gar nicht, oder wenn er sich in fruchtlosem Streben aufgerieben hat, etwas von seiner Existenz gewahr werde. Doch zurück zu unsrem praktischen jungen Manne, der unter dem Schild der Clique steht. Hat sich dieser beim Publikum eingerichtet, dann kommt der Zeitpunkt kühner Opposition und edler Selbständigkeit, wo er sich losreißt und seinen Herrn und Meister verläugnet. Nur muß er dabei bedacht sein, ebenso gesinnungslos und seicht zu revolutionieren, als er früher sich untergeordnet hat, sonst möchte es bald um seine Beliebtheit beim gebildeten Publikum geschehen sein. Den Anlaß dazu darf ja kein Prinzip geben (denn welcher Gebildete interessiert sich für kahle Prinzipien ?), sondern irgend eine persönliche Klatscherei. Denn nur die Dinge und Personen sind das Wahrhafte. Alle allgemeine Gesinnung ist bloß Deklamation. Auch eine Hintertür zur Versöhnung muß er offen lassen, denn vielleicht kann er die Leute später wieder einmal brauchen und sie ihn auch, nach dem bekannten Sprichwort: Pack schlägt sich, Pack verträgt sich. Doch ich versteige mich zu weit und werde Euch unklar. Uur das gebe ich Euch noch zu bedenken, daß Ihr bei Eurem Geschäft ein wirklich schon vorhandenes Kapital riskiert , während das Kapital Eures Jungen, wenn er Schriftsteller wird, nur sein Gedankenfonds ist, der, an sich ohne allen reellen Wert , dennoch, wenn er erst einmal am Brett ist, ihm 2 bis 3 Louisdor pro Druckbogen abwirft. Dies alles gebe ich Euch zur Erwägung und frage Euch nun bestimmt, ob Ihr mir den Jungen mitgeben wollt, oder nicht?« Diese lange Rede, von Holofernes durchaus im trocknen, sacherklärendn Geschäftston, bald Zeigefinger an der Nase, bald Zeigefinger an Zeigefinger vorgetragen, machte anfangs wirklich einigen Eindruck auf Habichs, denn er hatte seinen Schwager noch nie so vernünftig sprechen hören (wie er meinte). Aber Holofernes hatte sich im Verlauf allzusehr von der Lust des Spottes hinreissen lassen und war zu handgreiflich satirisch geworden, so daß Habichs mißtrauisch ward, und wie sonst immer, nicht recht wußte, was er aus Holofernes machen solle, und ob Ernst und Verstand oder Übermut und Tollheit aus ihm sprächen. Malwina, die den Onkel; was den Spott anbetrifft, zwar längst weg hatte, aber doch einsah, es sei ihm mit dem Vorschlage wegen Junius Ernst, und den Ausgang fürchtete, hatte sich ängstlich an ihren geliebten Bruder, den sie verlieren sollte, geschmiegt und hielt seine Hand krampfhaft erfaßt. Da sprach Holofernes, indem er sie liebevoll anblickte: »Nun besinnt Euch, Schwager! und sollte es etwa ein Hindernis sein, daß Eure beiden Kinder zu sehr aneinander hängen und daß Eure liebe kleine Tochter da die Trennung von ihrem Bruder nicht ertragen könnte, so bin ich gern bereit, auch sie mit mir zu nehmen, und es soll ihr an nichts fehlen, weder an Lebensunterhalt noch standesmäßiger Erziehung, noch, was wohl die Hauptsache ist, an Liebe«. Jetzt aber stürzte Frau Habichs, wie eine Löwin, der man die Jungen rauben will, auf ihre Kinder los, umschlang sie mit einem Arm, indes sie den andern, mit abwehrender Hand, weit vorstreckte und rief: »Nein, nein, nein! das geb' ich nimmermehr zu, die Kinder bleiben hier!« Denn trotz aller rohen und rücksichtslosen Behandlung derselben liebte sie ihre Kinder doch heftig, aber ohne Vernunft, wie ein Tier seine Jungen. Aber Herr Habichs machte dieser, von sehen der Frau Habichs nicht ganz unbewußt pathetisch theatralischen Situation schnell ein nüchternes Ende, indem er, nun ganz entschlossen, erklärte: »Was Ihr da alles gesagt habt, Herr Schwager, mag, obgleich mit Euren gewöhnlichen Possen durchflochten, nicht so ganz ohne Grund sein. Ich habe demnach auch gar nichts dagegen, wenn jemand, der die Sache kennt und darin zu Hause ist, demgemäß handelt Denn da es doch einmal Leute gibt, die Bücher lesen wollen, so muß es auch Leute geben, die welche schreiben und dafür bezahlt werden, das leuchtet mir ein. Und das mögen immerhin mitunter eben so ordentliche und honette Menschen sein, als andre, wenn sie schon Schriftsteller sind. Was aber mich betrifft, so liegen dergleichen Dinge einmal ganz außerhalb meiner Sphäre, ich müßte mich deshalb ganz auf fremdes Urteil verlassen, was ich nie zu tun pflege. Ich bleibe demnach bei dem, was mir, nach meiner Erfahrung und meinem Bedürfnis, als recht, ersprießlich und notwendig erscheint; und hiergegen wird mir hoffentlich auch niemand etwas einreden. Auch habe ich gehört oder gelesen, daß zu einem Schriftsteller immer ein besondres angebornes Talent gehöre, was man doch bei einem jungen Menschen, der noch keine Proben abgelegt hat, ohne weitres vorauszusetzen nicht berechtigt ist. Die Sache bleibt also immer unsicher . In den Geschäftsgang hingegen (ich rede hier vom eigentlichen, nicht von dem, den Ihr mir eben als existierend erörtert habt) kann sich jeder, auch nur mittelmäßig Begabte, durch Fleiß und guten Willen nach und nach hineinarbeiten. Deshalb sollte man bei allen jungen Leuten damit anfangen, und erst dann, wenn alle Strenge nichts gefruchtet hat und sich wirklich herausstellt, man habe es mit einem Subjekte zu tun, das zu gar nichts Vernünftigen in der Welt zu brauchen sei – dann lasse man solches laufen und sich als Genie oder anderweitiger Vagabund durchs Leben fechten, so gut es gehn will. In Hinsicht auf Junius aber werde ich es ein für allemal durchaus nicht leiden, daß er unbrauchbar oder ein Genie sei; dafür stehe ich Euch und dafür laßt mich nur sorgen. Auf den Kopf gefallen ist er nicht, daß weiß ich, und Trotz und Starrsinn lassen sich schon durch angemessene Maßregeln beseitigen. Hiermit habt Ihr meine unabänderliche Antwort«. – »O ich Tölpel!« rief Holofernes in sich hinein. Darauf sagte er rasch: »Ich könnte Euch hierauf gar vieles erwidern, wenn nicht schon in meiner Anrede alle Eure irrigen Meinungen widerlegt wären. Da aber diese Euch nicht überzeugt hat, so sehe ich, daß ich mit meinem wohlgemeinten Vorschlage abgeblitzt bin, deshalb wollen wir die Sache abgetan sein lassen, und uns durch längeres, zweckloses Hin- und Herreden nicht gegenseitig langweilen und chikanieren. Denn wenn einer einmal weiß , daß und was er will , dann ist ihm weiter nicht beizukommen; und wenn Zwei, die von ganz entgegengesetzten Prinzipien ausgehn, miteinander auch noch so lange streiten, so kommen sie doch zu nichts weiter, als daß jeder immer seinen ersten Ausspruch, nur in etwas andren Worten, wiederholt, bis sie denn gewöhnlich zuletzt auch auf genau dieselben Worte zurückkommen und jeder mit Erstaunen sieht, wie er, trotz alles scheinbaren Nachgebens, Einräumens, Ausgleichens und Verständigens im Gespräch, dem andern doch nicht um ein Haar breit näher gerückt ist Aber ich verfalle in langweilige Sentenzenkrämerei. Also: Basta! Vielleicht ändern die Umstände einmal Euren Entschluß, und dann werde ich bei der Hand sein. – Im Grunde (fügte er für sich selbst hinzu) ist mir verdammt wenig daran gelegen, obgleich ich den Jungen gern um mich hätte. Denn was einer werden soll und will , das wird er doch, trotz allem Bureaustaub, allen Kassabüchern und Aktenstößen der Welt«. – Darauf setzten sie sich zu Tische. Holofernes war jetzt hauptsächlich darauf bedacht, bei seiner kleinen Nichte wieder gut zu machen, was er an ihr verschuldet hatte. Er richtete oft freundliche und ohne Spott scherzhafte Reden an sie, worauf sie mit muntren, geistsprühenden Antworten bereit war. Frau Habichs hätte das für große Naseweisheit gehalten, wenn sie sich nicht diesmal dem Urteil ihres »genialen« Bruders unterworfen hätte, der, ohne es ausdrücklich bemerkbar zu machen, doch augenscheinlich sich daran freute. Deshalb ging Frau Habichs in ihrer lächerlichen Billigung so weit, ihrem Töchterlein hier und da beifällig lächelnde, vielsagenwollende Blicke zuzuwerfen, was sonst nie vorkam: denn sie hielt nun alles, was Malwina sagte, für Witz (was des Holofernes Meinung keineswegs war) und mußte also schon, um sich nichts zu vergeben, durch Nicken und Lächeln ihr Verstehen kund tun. Holofernes fiel ein paarmal, neckend, aber nur leichthin in den vorigen Spotton zurück: aber die Kleine ließ sich jetzt damit nicht mehr beikommen, sondern sagte nur, ihn von der Seite ansehend: »Ach, Onkel!« und lachte ihn aus, daß er sich so komisch geberdete, und sich selbst, daß er sich vorher so plump hatte täuschen lassen. – Nach Tisch nahm Holofernes gleich von Habichs Abschied, indem er sagte, es könne leicht kommen, daß er vor Abschluß der Bureaustunden schon wieder fort wäre. Herrn Habichs war dies gar nicht unlieb, denn er fürchtete, Holofernes möchte dem Junius Tollheiten in den Kopf setzen. Er konnte sich schon über dessen Unvorsichtigkeit nicht zu gut geben, daß er vorher alles in Gegenwart des Junius gesagt hatte. Als nacher Holofernes mit Junius einen Augenblick allein war, sprach er zu ihm: »Du siehst, daß ich versucht habe, was ich konnte. Da aber nichts daraus werden kann, so suche dich hineinzuschicken, wie's gehn will. Mußt du nun einmal ins Bureau, so tue es ab als notwendiges Übel; siehe aber zu, daß du, trotz dem, unabhängig fortbestehest als der, der du bist; laß dich nicht erdrücken und übertäuben; wer stark und wach ist, der hat an wenigen Stunden hellen, ungetrübten Bewußtseins für jeden Tag vollkommen genug, um sein geistiges Vermögen nicht vermodern zu lassen. In den Ländern, wo Frühling und Sommer kurz sind, sind sie desto zeugungskräftiger und treiben in wenig Wochen Sproß, Blüte und Frucht hervor. Die Bureaustunden sind dein langer Winter, in den Nebenstunden mag dein Geist schaffen. Das alles ist freilich Theorie, und ob ein Mensch es wirklich aushalten kann, oder nicht, weiß ich selber nicht; der Versuch ist aber doch zu machen, um so mehr, da es sein muß . Vor allem möchte ich, daß du kräftiger das Leben anbeißest . Dein Gemüt ist bisher ein Guckkasten von lauter träumerischen Märchenbildern gewesen; das taugt nicht und führt zum Vernebeln und Verschwebeln. Vielleicht ist dir deshalb die harte und dürre Schule des Geschäftslebens gar nicht unzuträglich, bis der Himmel sich einmal freundlicher lichtet. Auch meinen historischen Bilderkram hast du mehr als Märchen und Gedicht, wie schlummernd, in dich aufgenommen, denn als Gestalt und Wahrheit . Übrigens hast du meine guten Lehren und Ermahnungen als nichts andres anzusehn, als was sie sind, nämlich als Bemerkungen und Redensarten, die mir grade so einfallen, sie mögen sein wie sie wollen, und von denen ich selbst im Augenblicke kaum weiß, ob sie gescheidt sind oder dumm. Ein andrer könnte dir wieder in derselben Lage etwas ganz Entgegengesetztes sagen, was vielleicht eben so gescheidt oder respektive dumm wäre. Du hast dich also den Teufel drum zu scheren, sondern zu tun, was du für recht hältst und dich ganz auf dich selbst zu verlassen; denn höchst sonderbarer Weise hat die Natur die auffallende Einrichtung getroffen, daß die Neffen ebensowohl mit Vernunft und sittlicher Freiheit begabte Geschöpfe sind, als die Onkels. Darum sei unter uns beiden Freiheit und Gleichheit, und keine philisterhafte Respektspersonenaristokratie. Und damit basta!« – Und so schüttelte er Junius die Hand, der es herzlich erwiderte. Aber jetzt kam der Abend und die Stunde des Tees. Frau Habichs hatte alles arrangiert, sich effektvoll angekleidet und ihre Anstands- und Repräsentiermiene vorgeschnallt. Es rauschte die Treppe herauf und herein schwänzelten zwei Damen. Alsobald begann die Klappermühle der Begrüßungen und des unendlich wiederholten sich » unendlich Freuens «. Holofernes wurde vorgestellt. Man freute sich auch unendlich, ihn kennen zu lernen, man hatte schon viel von ihm gehört usw. usw. Er aber verwandelte sich plötzlich aus einem natürlichen Menschen in eine Drahtpuppe (so schien es nämlich), indem er seinen Gliedmaßen fortan nur eckige und gradlinige Bewegungen gestattete; seinem Gesicht aber hatte er ein unabänderliches Gepräge ungemein schafsmäßiger Verblüfftheit aufgedrückt Also linkisch und marionettenartig machte er seinen Kratzfuß. Auch die auf ihn losströmende Begrüßungssuade erwiderte er mit nichts als fragmentarisch herausgerissenen Stellen aus bekannten und in solchen Fällen gebräuchlichen Höflichkeitsredensarten, die aber der Laie eher für unartikulierte Interjektionen der Angst gehalten hätte. Manchmal brachte er sie sogar komisch falsch an. Man setzte sich. Er wartete damit, mit ängstlicher Förmlichkeit, bis zuletzt, dann ließ er sich mit der mühevollen Knie- und Steißbiegung eines hölzernen Doktor Faust auch nieder, die Arme genau parallel, jede Hand auf ein Knie, den Oberleib senkrecht, die Augen unbeweglich gradaus, weit offen und doch ohne irgend etwas anzusehn. Dies alles tat er teils seiner Schwester zum Trotz, weil sie mit ihm geprahlt hatte, teils aus reiner Lust an Ironie, größtenteil s aber, es ehrlich zu gestehen, um einer ihm drohenden natürlichen Verlegenheit durch eine künstliche vorzubeugen. Denn so sehr er sonst über alles leicht und viel zu sprechen wußte, so stand ihm doch unter Weibern , die er nicht näher kannte, oft kein einziges armes kleines Wörtlein zu Gebot, das er hätte sagen können, und hätte man ihn totschlagen wollen – es wäre ihm keins eingefallen. Um nun diese alberne, unfreiwillige Rolle des Verlegnen nicht vor sich und andern zu spielen, nahm er lieber die freiwillig schalkhafte an und fühlte sich dabei (allerdings mit einiger Selbsttäuschung; doch durchschaute er auch wieder diese Selbsttäuschung und verhöhnte sich selbst darüber) als den Überlegenen. Nach und nach kam die ganze Sippschaft zusammen; immer neue und lautere Klappermühle der Begrüßung; ewig gleicher Marionettenkratzfuß des Holofernes mit angstvollen Höflichkeitsinterjektionen. Sonst war mit ihm nichts anzufangen und nichts aus ihm herauszubringen. Seine Schwester suchte durch einige bedeutend forcierte (sie meinte aber: sehr feine ) Wendungen ihn ins Gespräch zu ziehn. Aber er fertigte sie, nach Umständen, mit einem »Oh!« oder »So?!« oder »Aha!« oder »Ja wohl!« ab. Einmal wagte er es sogar, nach Staberle, ein gänzlich verkehrt angebrachtes »Obschon, obschon!« dazwischen zu werfen, was etwas befremdete. Er beschloß auch, es nicht mehr zu thun, damit man nicht zu rasch hinter ihn käme. Das Gewäsch teilte sich jetzt in einzeln gruppierte Duetts und Terzetts. Da es unmöglich war, den Holofernes auf direkte Weise mit hineinzuziehen, so beschlossen die kecksten der Damen bei sich, es auf in direktem Wege zu bewerkstelligen. Übrigens verzagten sie noch gar nicht an ihm, denn sie hielten alles für geniale Ungeschicklichkeit und trauten, ihrem Geiste und ihrer Liebenswürdigkeit schon zu, ihn noch auftauen zu machen. Einen Sonderling hatte man überhaupt erwartet, und das machte die Sache um so interessanter. Nachdem nun die verschiedenen Duett- und Terzettstimmen sich erst, mit wichtiger Heimlichkeit, eine Viertelstunde lang sehr bedeutungsvolle Notizen über Strickkörbe, Stickmuster, Butterpreise und Dienstmägde zugeflüstert hatten, begannen die einzelnen Gruppen etwas lauter zu werden und wetteiferten schon, wer zuerst auf sich aufmerksam machen würde. Aber die eine Gruppe, der Holofernes zunächst, trug den Sieg davon durch besonders helles und geläufiges Kehlenspiel und durch das hier und da hastige und disputierende Dazwischen werfen der Worte: »Literatur – Genie – erhaben – Spindler – Lord Byron« usw. Die andern, überwältigten Gruppen verstummten nach und nach. Alles horchte und aller Augen wandten sich abwechselnd bald auf die disputierenden gebildeten Damen, bald auf Holofernes, wie auf einen Richter der Unterwelt, von dem man den alles beendenden Urteilsspruch erwartete. Die disputierenden Damen sprachen aber immer noch privatim untereinander, d. h. scheinbar , denn eigentlich war jedes Wort nur für Holofernes berechnet, vor dem man sich als gebildet bewähren mußte und von dem man freiwilliges Eingreifen erwartete. Denn mit welchem feinen Takte (so dachte diejenige Dame, die am meisten sprach) war ihm das Stichwort zu seiner Rolle gegeben; man warf ihm ja den Ball zu, er brauchte ihn bloß zu fangen. Holofernes aber saß, nach wie vor, unerschütterlich, die Augen starr vor sich hin. Endlich wollte das Ding peinlich werden. Da wandte sich die eine der streitenden Damen, welche die entschlossendste war, plötzlich voll Verbindlichkeit zu ihm und attaquierte ihn gradezu mit den Worten: »Nichtwahr, Herr Holofernes, Sie sind auch meiner Meinung? Ich behaupte eben (sie wußte aber recht gut, daß sie hinlänglich laut geschrien hatte, und daß ihm keine Silbe konnte entgangen sein), daß Lord Byron, wenn wir ihn auch als Dichter im kühnen Fluge seiner düstern Phantasie bewundern müssen, doch als Mensch betrachtet, weder Anspruch auf unsere Achtung, noch auf unsere Liebe hat.« – Jetzt aber drangen die Gedanken stürmend auf Holofernes ein. Er konnte sich nicht halten und ließ seine Rolle fahren. Teils wollte er sich für sich selbst aussprechen, weil er wußte, daß beim Sprechen die Ideen, sich fort und fort mehrend, sich um den Kern ansetzen, wie Schneemassen an die im Herabrollen wachsende Lawine; außerdem aber gewährte es ihm noch einen ganz besonderen Spaß, vorauszuwissen, daß das, was er zu sagen hatte, von keiner einzigen der Anwesenden verstanden, und doch von allen zum Schein bewundert werden würde. Er legte daher also los: »Vergeben Sie, meine Gnädige, wenn ich von Haus aus Ihnen scheinbar widersprechen muß, und warten Sie mit Nachsicht das Ende meiner Erörterung ab, wo wir uns dann beide hoffentlich auf einem Punkte befinden werden. Ich muß nämlich gestehen, daß es mir von jeher als total sinnlos und für mich vollkommen unbegreiflich erschienen ist, in ein und demselben, konkret ganzen , Individuum den Dichter von sittlichen Menschen zu trennen, beide zu vergleichen, oder gar einander gegenüber zu stellen. Denn was in aller Welt ist denn ein Dichter anders , als das, wohinein er sein ganzes Fühlen und Denken ausgeströmt, worin er die Quintessenz seines Ich verkörpert oder versinnbildlicht hat, nämlich seine Werke ? Und was in aller Welt sind denn diese seine Werke anders als er selbst ? Woher hat er sie genommen? Etwa aus dem Monde, oder aus der Champagnerflasche? O nein! Sein Sie versichert: was nicht in ihm war, als sein innerster Kern, von Ursprung an, das vermag er auch nicht als Kunstwerk (als Pfuscherei könnte einer es allerdings) außer sich hinstellen. Freilich können Sie hier einwenden: Allerdings muß alles in ihm sein, was er in seinen Werken gibt, es kann aber noch viel anderes und schlechteres in ihm sein, was er in seinen Werken wohlweislich verschweigt und vorenthält, und was doch, bei der Beurteilung seiner sittlichen Persönlichkeit eine große Rolle spielen kann. – Immerhin, meine Gnädige, aber doch nur scheinbar . Einmal ist ein Dichter , seiner Natur nach, die ihn unaufhaltsam zu rücksichtslosem sich Hingeben in der Trunkenheit des Geistes treibt, kein kalter, berechnender Diplomat, der in jedem Augenblicke Herr darüber wäre, was zu sagen und was zu verschweigen sei. Aber gibt es auch wirklich einen solchen, der das reine Erz vor der Welt leuchten läßt, die Schlacken aber zurückbehält (was er übrigens nicht aus Heuchelei oder Weltklugheit, sondern aus Kunstverstand und edler Scham tut), so ist doch nicht zu leugnen, daß das reine Erz, das Gold, wirklich sein war und bleibt. Und was sind Schlacken gegen Gold ? Doch nur Neben- und Beiwerk. Die Hauptsache bleibt das Gold , nicht nur in den Werken , sondern auch in dem schlackenhaltigen sittlichen Menschen . Ich will sagen: Wer imstande ist, uns im Kunstwerk wahrhaft (dies Wörtlein ist wohl zu beachten) Hohes, Edles, Göttliches zu geben, der gibts aus sich, der ist hoch, edel und göttlich selbst ; und was an seiner Natur Niedriges und Schmutziges hängen und verschwiegen bleibt, das mag in einzelnen Lebensmomenten dem oberflächlichen oder hämischen Beobachter als die bestimmende Hauptsache hervorzutreten scheinen; für den, der weiter und tiefer sieht, aber bleibt es so zufällig und untergeordnet, daß es beim Totalbilde des ganzen vollen Menschen gar nicht in Betracht gezogen zu werden verdient. Und erst gar bei Lord Byron, von dem hier insbesondere die Rede ist! Es gibt wohl schwerlich einen Dichter, der, in Bezug auf sich selbst , so unumwunden aufrichtig wäre, als er. Er ist es nicht aus Tugend, sondern aus gewaltiger Leidenschaftlichkeit und aus wegwerfender Verachtung der Menschen. Was kümmerts ihn , was dies Zwerggeschlecht von ihm denkt, ob es ihn liebt oder haßt! Er fühlt sich als ein Wesen andrer Natur, among them, but not of them. Wir können aus diesem Grunde grade Byrons Werke als den vollständigsten, nichts verhehlenden Inbegriff und Spiegel seines ganzen vollen Selbst betrachten und brauchen uns, wenn von seinem Charakter, seiner Gesinnung die Rede ist, nach keinem anderweitigen Kommentar, nach keiner (oft lügenhaften) Biographie umzusehn. Finden wir nun in seinen Werken Göttliches zu bewundern, so müssen wir es durchaus als sein eigen anerkennen und ihn selbst als göttlich. Aber there's the point! d. h. hier liegt der Hase im Pfeffer, und hier, meine Gnädige, lenke ich von meiner Opposition ein und sage: Es ist Göttliches in seinen Werken und in ihm; aber das Göttliche ist verkehrt, abgefallen, es ist negativ göttlich, d. h. teuflisch, und Lord Byron ist das schönste lebendige Modell für einen modernen Dichter, der einen Teufel als dramatische Person darstellen wollte. – Sie werden eingestehn, meine Damen, daß mit Goethes Mephistopheles noch wenig getan ist. Es ist dies nur eine philosophische Vorarbeit zur lebendigen Darstellung eines Teufels, nicht die Darstellung selbst. Mephisto ist ein metaphysischer Begriff, er ist (wie dies schon unendlich abgedroschen worden) das unendlich verneinende Prinzip; er hat keine Persönlichkeit, denn er verneint durch kalt formelle Sophismen alles Glauben, Hoffen, Lieben, Gemüt, alles lebendige Schaffen des Geistes, kurz alles, was eben eine ganze, warme, lebendige Persönlichkeit ausmacht Er ist kein Charakter, denn er statuiert weder Einzelnes noch Ganzes. Sein Sein und Wesen ist nichts, als eine unendlich und konsequent verkettete Reihenfolge von dialektischen Negationen alles dessen, was da ist, lebt und wird. All sein Streben ist das Nichts. Er selbst hat durchaus kein Fühlen und Empfinden, ausgenommen das des Ärgers und der Schadenfreude abwechselnd, weil der Dichter doch etwas Menschliches brauchte, um seinen Gegenstand darstellbar zu machen. Auch diese scheinbaren Gemütszustände des Menschen sind eigentlich nichts, als eine symbolische Einkleidung, abwechselnd bald triumphierend weiterfressender, bald stockender und sich verwickelnder negierender Schlußfolgen. Ich sage Ihnen hier lauter alte Geschichten, aber sie gehören zum Zusammenhange. Aber jetzt zu Byron. Hier haben wir einen schönen, vollen, lebendigen Teufel, keine metaphysische Formel, keine leere Schale, sondern ein heißes, gährendes, wechselndes, wahres Individuum: einen hinreißend entzückenden, einen grauenvoll niederschmetternden Teufel. Mehr aus dunklem Ahnungsgefühl als aus klarer Erkenntnis, ist ähnliches schon oft von andern Leuten gesagt worden. Man hatte ihn ein »mauvais génie« usw. genannt und schon sein Klumpfuß war, auch für das oberflächliche Urteil, ein symbolischer Wink. Aber meines Wissens hat noch keiner die Sache verständig erörtert. Ich sage also: Lord Byron ist ein Teufel (nicht etwa: der Teufel. Unterscheiden Sie das wohl, meine Damen! denn das wäre schon wieder ein Kollektivum, mithin ein Abstraktum). Was aber ist ein Teufel? – Ein gefallener Engel . – Weshalb fielen die Engel? – Aus Hochmut .– Gott schuf die schöne, harmonische, riesige Welt. Sie fühlten Alle diese Herrlichkeit und Schöne, sie fühlten sie tief. Aber ihr Jauchzen ward zum Knirschen, als ihnen klar ward: »Nur Einer, nur Er konnte das tun. Wir sind nichts, gar nichts; wir können nicht einen Stern in seine Sphäre schleudern, nicht ein Blümchen, nicht ein Gräschen, entkeimen lassen. Er gönnt uns aus Gnade , daß wir uns daran freuen mögen; aber nicht unsertwegen , nur zu seiner Verherrlichung. Wir mögen schwelgen in Wonnen, nur sollen wir untertänige Knechte sein. Aber ist das nicht Feigheit und sklavisches Verzagen? Gilt es nicht den Versuch? Wenn Einer das kann, kanns ein Andrer nicht auch, wenn er denselben Willen hat! Rafft euch auf, und wollt etwas! Ihr fühlt ein ewiges, unendliches Leben euch durchpulsen, so gut, wie Jener . Geht befragt ihn um sein Vorrecht über euch! Meßt Kraft an Kraft, begegnet ihm in trotzender Bewunderung, und lieber zertrümmert, voll Grimm und Schmerz, seine schöne, herrlich leuchtende Welt, eh' ihr den Vorsatz aufgebt, eine andre , größere aus euch selbst zu schaffen, in der ihr Herr seid, und keiner über euch! – So ungefähr (nur wahrscheinlich ganz anders) mögen die hochmütigen Engel gesprochen haben. Sie wissen aber, meine Damen, daß sich jene Engel gewaltig irrten. Sie hatten vergessen, daß all ihre Kraft nur in Ihm wurzle, daß, von ihm abgewandt, sich ihr ganzes Wesen verkehren würde, daß, sich in ihnen das Licht in Finsternis verwandeln müsse, wenn sie sich vom Strahl seines Auges abwendeten. Und (nehmen wir einmal das Unmögliche an!) hätten sie auch gesiegt und die Welt zertrümmert – eine zweite hätten sie nicht zu bauen vermocht. Jetzt aber liegen sie unten in ihrer Ohnmacht Sie wollen sich selbst überreden, sie trotzten ; aber die alte Bewunderung und Anbetung kommt gewaltig über sie. Sie wollen sich selbst überreden, sie haßten ; aber die alte, riesige Liebe überfällt sie. Sie zerstören im Kleinen, um nicht aus ihrer Rolle zu fallen; aber sie weinen über die eigne Zerstörung. Sie müssen quälen, um ihren Charakter durchzuführen; aber ihre eigne Qual ist, daß sie nicht wohltun dürfen. Sie müssen verachten ; und tief im Innern verehren sie. Sie leugnen Gott ab und seine Gerechtigkeit, ihm ins Angesicht; und niemand ist tiefer durchdrungen von Gott und seiner Gerechtigkeit, als sie. Sie sind unglücklich , nicht schlecht . Nur einen Augenblick den ungeheuren Stolz abgeworfen – und sie lägen gleich als die reinsten, lichtesten Geister, in seliger Hingebung, am Busen des Vaters. Aber eben diesen Stolz können Sie nicht abwerfen. Weshalb? – Um sich nicht zu blamieren . Sie nennens Kraft, Mut und Beharrlichkeit, daß sie in ihrem Abfall sich verstocken, und es doch nichts als Schwäche , ja, die lächerlichste aller Schwächen, nämlich die Eitelkeit . Sie meinen frei zu sein, weil sie niemand über sich erkennen. Heuchlerisch geben sie Gott die Schuld ihres ungeheuren Falles und schelten ihn einen Tyrannen; aber sie wissen recht gut, daß er die unendliche Güte ist und sie nur im Bann ihres Eigensinns schmachten. O, all ihr fratzenhaftes, koquettes Knirschen und Fäusteballen gen Himmel hilft ihnen nichts; sie täuschen mich nicht, denn ich sehe hindurch bis tief ins Herz und da sehe ich nichts, als ein ungeheures Weh um die verlorne Liebe . – Nun, meine Damen, durchblättern Sie im Gedächtnis Byrons Werke, und Sie werden finden, daß ich nur einen stümperhaften Auszug aus ihnen geliefert habe, weiter nichts. Er ist voll Begeisterung. Alles Schöne, Edle und Große reißt ihn hin in unbewachten Augenblicken. Aber da denkt er an sein Nichts , und gigantischer Spott zuckt um seine Lippe. Er möchte Gott schon lieben, wenn dieser mit ihm unter der Firma: Lord Byron \& Comp. das Weltgeschäft fortführen wollte; aber beherrschen darf er sich nicht lassen, weder von Erdendespoten (und darin hat er auch recht), noch von einem ewigen Herrn dort oben (und darin hat er Unrecht). Ein Wurm zu sein gegen Ihn – da bäumt er sich und schäumt und knirscht und macht dem Ewigen Verbalinjurien, deren Ungerechtigkeit ihm selbst einleuchten muß; ja er bringt im Kain sogar offenbare und absichtliche Lügen von ihm auf. Und das nennt dann der alte, allzubehaglich gewordene Goethe, der vom Übersinnlichen nichts wissen will: »Verhaltene Parlamentsreden.« Daß er ein Engel war, wer könnte das ableugnen, der einmal nur die himmlische Musik seiner Verse gefühlt hat. Oft selbst fällt ein sanfter Strahl versöhnendster, weichster Milde von oben herab in die Nacht und das Chaos seines Gemüts; es gährt und ist, als ob die zertrümmerte Welt darin sich wieder aufbauen wollte – da schüttelt er sich wild und trotzend, und alles stürzt wieder wild übereinander. – Und hier sind wir auf dem Punkte angekommen, auf den ich hin wollte, nämlich, daß Lord Byron, der Mensch , genau eben so gut und schlecht, eben so hoch und niedrig, so groß und klein ist, als Lord Byron, der Dichter .« – Holofernes schwieg, ganz atemlos, nicht vom vielen Sprechen, sondern von der Aufregung, in die er sich selbst hineinphantasiert hatte. Die Damenversammlung hatte sehr aufmerksam zugehört; aber da sie vom ganzen Verlauf der Rede wenig begriffen, so lauerten sie ungeduldig aufs Ende. »Was ist der langen Rede kurzer Sinn?« darauf waren sie alle gespannt, natürlich nicht aus echtem Interesse, sondern aus eitel Neugier. Aber der Schluß befriedigte sie auch wenig, denn sie sahen seine Folgerichtigkeit nicht ein. Frau Habichs hatte nur die ungewöhnlichen Ausdrücke an ihr Ohr rauschen lassen, ohne sonst viel zuzuhören; sie blickte mit Triumph bald auf ihren Bruder, bald im Kreis der Horchenden umher. Nach einer kleinen, verlegnen Pause lief ein Gemurmel von: Äußerst interessant!« und »Sehr originell!« und »Sehr schön gesagt!« usw. durch die Reihen; die entschlossene Dame aber, die Holofernes zum Sprechen aufgefordert hatte, verneigte sich jetzt verbindlich gegen ihn und stattete ihm ihren förmlichen Dank für die Angabe seines Urteils ab. Aber es mußte doch auch etwas Angemessenes auf des Holofernes Rede gesagt werden. Daher nahm sich ein gebildetes, von edlem Selbstvertrauen erfülltes Fräulein zusammen und sprach: »Sehr wahr! Und wie hat er seine unglückliche Frau mißhandelt; mit wie teuflischer Schadenfreude hat er sie gequält!« Das war ein gefundener Bissen für die ganze Weibsversammlung, denn nun waren sie mit einem salto mortale glücklich wieder auf der bequemen und oft betretenen Heerstraße der Lästerung und Klatscherei angelangt und fühlten sich froh in ihrem Element, wie die Fische im See. Holofernes aber seufzte bei sich: »O most lame and impotent conclusion! O umgestürztes Götterbild, angeschnattert von einer Gans!« Und hinfort fiel er in seine vorige Stummheit und Hölzernheit zurück. Auch ward seine Rede jetzt wenig vermißt, denn das Verhältnis Byrons zu seiner Frau gab den schönsten Anknüpfungspunkt, auf näher liegende, ähnliche Fälle zu kommen, und nun gings: »Bibbelbabbel, Wischiwaschi, Gockgockgockräh, Gihkgahk« usw. usw. in freudigstem Erguß. Jetzt aber nahte sich der Moment, wo Frau Habichs besprochnermaßen, durch » feine Winke« eine Vorlesung des Holofernes herbeiführen mußte, ehe es zu spät ward. Es war dies bei dem überall umhersprühenden Gespräch ein schweres Unternehmen, aber sie hieb kurz und gut den gordischen Knoten durch, indem sie erst einer der Anwesenden flüsternd anvertraute, ihr Bruder habe seine neueste Geistesproduktion in der Tasche und würde sich vielleicht erbitten lassen, sie vorzutragen. Die flüsterte es der nächsten weiter, so ging es die Reihe herum. Bald trat eine allgemeine Stille ein und endlich wandte sich diejenige Dame, die wir schon als die vorherrschend entschlossene kennen, an Holofernes und bat ihn, im Namen der ganzen Gesellschaft; »ihnen den hohen Genuß nicht vorzuenthalten.« Alles nahm eine aufmerksame, wichtig erwartende Miene an. Holofernes rückte näher zum Tisch, holte ein (wie mehrere Damen zu ihrer Genugtuung im Fluge bemerkten) dünnes Manuskript aus der Tasche und sprach: »Meine Damen! es möchte vielleicht absichtlich erscheinen, daß ich ein Fragment meines neuesten Erzeugnisses in dieser glänzenden Versammlung gerade in der Tasche habe; man möchte glauben, daß es vorausberechnet sei, um meiner Autoreneitelkeit genug zu tun. Dagegen muß ich Ihnen erwidern, daß selbiges Erzeugnis der Anfang einer heroischen Oper ist, den ich mir auf meiner Fußreise hierher in die Tasche steckte, weil ich gesonnen bin, selbige Oper selbst in Musik zu setzen; denn ein anderer kapiert den Geist und Ton davon doch nicht. Nie aber ist der Geist fruchtbarer an Melodienerfindung als beim Marschieren. Und es sind mir auch unterwegs wirklich schon musikalische Ideen in den Kopf gekommen, an denen ich selbst so große Freude habe, daß Sie, meine Damen, es nicht als Unart und Verletzung des Anstandes aufnehmen müssen, wenn ich beim Vorlesen, vom Eifer fortgerissen, bei den schlagendsten Stellen ins Singen gerate.« Dies kam den Damen etwas sonderbar und unheimlich vor; sie bemühten sich aber, es als einen überraschenden Einfall, der die Sache nur noch interessanter mache, durch ein geziertes Lächeln zu begrüßen, und Holofernes räusperte sich und begann getrost, mit malitiöser Ironie im Hintergrunde, seine Vorlesung also: Ihren Willen will jedes Weib Historisch-romantische Oper Erster Aufzug Schmaus und Fest in König Artus Halle. König Artus, Königin Guenever, mit Krone und Purpur auf erhabenen Sesseln; Gawain, Keffe des Königs, andre Ritter, Damen, Knappen, Herolde usw. Wechselchor Die Ritter Wilde Zwerge, Riesen, Drachen Und dergleichen Ungeheuer Schrecken wir mit Schwerteskrachen; Höchste Lust sind Abenteuer. Die Damen Sind euch Arm und Bein nicht teuer? Ach! was sind uns das für Sachen! Ein verstümmelter Getreuer – Sagt, was wir mit dem noch machen? Die Ritter Ruhig, ruhig, zarte Damen! Wollen uns für euch auch schonen; Wenn wir siegreich wiederkamen, Mag uns euer Lächeln lohnen. Die Damen. Kommt ihr mit gesunden Gliedern Und geschickt zu Tanz und Schmause, Wollen wir den Gruß erwidern: Krüppeln sind wir nicht zu Hause. Tutti. Nach den sauren Heldenzügen, Süßer ist das Spiel der Minne; Nach dem Raufen Tanzverjnüjen, das ist ganz nach unsrem Sinne. (Tom, des Königs Zwerg und Schildknapp, bucklig, häßlich, abenteuerlich und bunt gekleidet, hinkt herein.) Rezitativ. Tom. Herr König Artus, seht, ich nah' Euch schüchtern. Artus. Wie so? Du bist doch sonst nicht furchtbetroffen. Tom. (Molltonart.) Seid Ihr zur Audienz nicht zu besoffen? Artus. Für diesmal bin ich noch so ziemlich nüchtern. Tom. So gönnt mir, Extraordinaria Zu melden Euch in einer großen Aria. Artus. Es sei, es sei! Doch mach' mir nicht zu lang den Brei! Arie. Tom. Da draußen steht ein zart Jungfräulein, O weh! Die flennt und zieht ein schiefes Mäullein, O weh! Denn ihr geschah groß Ungelück, Ein Tölpel hält ihr'n Buhl'n zurück, O weh, o weh! Und ihn gar hart gefangen hält, Sie hofft nur noch auf dich, du Held, O weh, o weh, o weh! Allein da kommt sie selber ja, Und aus ist meine Aria: O weh! (Isolt tritt auf und kniet vor Artus nieder.) Rezitativ. Isolde. Zu deinen Füßen, hoher Held und König! Artus (der ebenfalls vor ihr niederkniet). Auf, Fräulein! Ihr beschämt mich gar nicht wönig; Der Schönheit sind selbst Könige untertönig; Sagt, was Ihr heischt! die kühnsten Wünsche krön' ich. Wechsel-Chor. Die Ritter. Goddam! die ist nicht bitter; Wie gern' wär' ich ihr Ritter! Die Damen. Sie ist nicht übel: doch Hier sitzen andre noch. (Artus und Isolt haben sich indes knieend bekomplimentiert, bis Artus sie aufhebt, selbst aufsteht und sich das Knie mit dem Tuch abklopft.) Arie. Isolt. So hört das Ungeheure! Wie mir durch schlimmen Frevel Entrissen ward der Teure, Mein süßer Lucidevel. Ach! daß in Pech und Schwefel Ich lieber möchte schmoren, Statt daß ich ihn verloren. Duettino. Artus. O laßt das Lamentieren! Müßt Euch nicht alterieren. Isolt. Wenn ich nun aber will! Artus. O Schönste, schweiget still! Da Capo. Artus. Wir haben jetzt genug uns angesungen; Doch ist's bei aller Müh' mir nicht gelungen, Euch zu verstehen, was Ihr eigentlich wollt, Weil das Orchester gar zu greulich tollt; Drum mögt Ihr mirs im Vers verständlich melden. Die Frauen schützen ziemt famosen Helden. (Er streicht sich den Bart.) Isolt Vernimm! mein Lucidevel ist ein Held, Der starke Riesen leicht, wie Füchse, prellt. Ich zog mit ihm en croupe auf irrer Bahn. Als ihn gefangen nahm ein Grobian. Artus Wie? wenn er Riesen kann, gleich Füchsen, prellen – Warum nicht könnt' er prellen den Gesellen? Isolt Das weiß ich wirklich nicht, wenn Hexerei (Wie ich vermuten muß) nicht war dabei. Königin Guenever Du armes, liebes Kind! doch Dank dem Himmel, Daß dich nicht selbst davongeschleppt der Lümmel; Manch andrer packte dich beim ersten Griff. Tom Goddam! der Kerl verstand noch nicht den Pfiff; Es ist gewiß ein schüchtern blöder Bengel. Guenever O sprich, erzähl's! wie sah er aus, mein Engel? Isolt Ach, wild und groß, mit furchtbar dicker Keule, Mit der schlüg' er dem Mond wohl eine Beule; Auch war er ganz so dumm nicht, wie ihr meint: Er griff nach mir. Guenever. Bist eitel, Kind, wie's scheint Isolt. Allein ich lief, er konnte mich nicht fassen. Tom. He, Königin! hättet Ihr Euch fassen lassen? Guenever. Du bist ein unverschämter Kerl; halts Maul! Tom. So heißts zuerst; doch Streicheln kirrt den Gaul. Guenever. Vergleichst du mit dem Gaule zarte Frauen? Tom. Ja, beider Kollrigkeit ist nicht zu trauen; Gehn sie nur durch , dann freun wir uns noch drum. Guenever. Geht deine durch, weiß sie gewiß, warum. Artus. O! hört auf, wie beim Spiel mit Federbällen; Das leichte Witzwort ab und zu zerschnellen; Denn hier, ich merk' es, gilt es Heldentat , Drum bin ich, wie sichs ziemt, schon desperat. – Sag' mir den Weg, betrübte Demoiselle! Sag' mir: wo haust der plumpe Raubgeselle? Daß, der so ungeschlachtet war bisher, Geschlachtet wird von meiner Seitenwehr. (Nachdrucksvolle Pause. Artus wirft sich, witzbewußt und feierlich, in die Brust.) Chor (losbrechend). Habt Ihr's gehört? welch guter Witz! O Held, von Schwert und Sprache spitz, Erprobt in Wort- und Waffenspiel, Gleich stark an Speer und Rede-Stil (Stiel), Des Zunge, wie sein Degen, ficht: Verkenn' unsre Bewundrung nicht! Du wirst so tapfer, als galant, So witzig, als galant, erkannt. Artus (sich tief verneigend). Gerechten Beifall hören wir mit Huld; Doch legt ihm an die Trense der Geduld! Bis wir vom Fräulein hier genau vernommen, Wo wir zu Ruhm und Rache mögen kommen. Isolt (sehr rasch sprechend). Wenn du ausreitest rechts von deinem Schloß, So lenke nach dem großen Wald dein Roß, Dort biegst du um des Waldes linke Ecke, Und reitest fort am Saum auf eine Strecke, Bis sich in 17 Wege teilt der Pfad; Den 6ten dort, von links ab, reite grad; Dann an dem Silbersee halbrechts vorüber, Dann bei dem großen Fuchsloch links hinüber, Von dort ab 199 Schritt Vorbei an eines tollen Bettlers Hütt, Dann 50 rechts, halblinks dann 120, Da liegt ein toter Esel faul und ranzig, Des linkes Ohr zeigt dir den rechten Weg Noch tausend Schritte übem Hügel schräg: Da wirst du sehn ein furchtbar großes Schlößlein, Drin wohnt der Räuber, dort halt an dein Rößlein. Artus. Dank, daß Ihr Euch so deutlich expliziert! Ich bin vollkommen jetzt orientiert. (Beiseit zu Tom.) Kannst du das Kreuz und Quer im Kopf behalten? Tom (zu Artus). Nein! lieber zählt' ich Weiberkleiderfalten. Artus (ebenso). Du lieber Gott! wie finden wir nun hin? Tom . Den toten Esel haltet fest im Sinn! Artus (beiseit) . O Gott! wie ist für einen fahrenden Ritter Das Schicksal so beschwerlich doch und bitter! Nach toten Esels Spuren reit' ich aus Und komm' am Ende selber tot nach Haus. Tom (gemütlich). Dann sind es zwei. Artus (ebenso). Was sagst du, guter Junge? Tom. Dem dummen Ohr tut nichts die kluge Zunge. Artus la ut zu Isolt) Wohlan! Ihr, Fräulein, bleibt an meinem Hof; Ich reit' und bringe heim für Dichter Stoff. Guenever Ihr wolltet selbst Euch in Gefahr begeben? Gawain Schickt mich, Herr Ohm, und schonet Euer Leben! Artus Ich bin der König Artus nun einmal Drum muß ich tapfer sein, beim heil'gen Gral! Isolt Auch hat Euch selbst beleidigt jener Freche; Er sprach – doch ich geniere mich – Artus Ha! spreche! Isolt Als ich als meinen Rächer nannte dich, Sprach er – doch nein, nein! ich geniere mich! Artus O sprich! Isolt Er sprach: »dem Hahnrei sage nur, Bewachen soll er seine Frau, die –« Guenever Fuhr Mir das nicht in die Nerven! Wärs hier Mode, Ich würde mich ohnmachten halb zu Tode. Arie Artus Ha, der Verräter! Er soll mir ziehn vom Leder! – (Trompetenbegleitung im Orchester.) Holt mir mein Schwert Exkalibar, Und sattelt meinen Gaul! Den Tod verdienet er fürwahr, Schon für sein böses Maul. Terzett Artus Holt mir mein Schwert Exkalibar! Guenever Holt ihm sein Schwert Exkalibar! Tom. Nun, so holt doch sein Schwert Exkalibar! Artus Sprich Frau! Darf ich das leiden? Guenever Schlag' tot den frechen Heiden! Tom Indes er auf der Heiden Muß Schimpf und Prügel leiden, Läßt sie in Samt und Seiden Allhier die Cour sich schneiden. Guenever Du gehst und willst dich schlagen, O Angst, o Not, o Pein! Artus O Gattin, laß das Klagen! Es muß nun einmal sein. Tom Sie tut ganz zum Verzagen Wie Krokodile schrein, Doch ist's ihr größt' Behagen, Ihm fern becourt zu sein. Artus Holt mir mein Schwert Exkalibar! Tot schlag' ich ihn schon morgen. Chor Holt ihm sein Schwert Exkalibar! Tot schlägt er ihn schon morgen. Und ist's erfreulich ganz und gar, Wir bleiben hier geborgen. Gar lustig springt die Mäuseschar, Wo nicht der Herr tut sorgen. Die Ritter Wir schneiden hier indes die Cour; Guenever läßt nicht schmachten. Die Damen Sie wird, bekommt sie einen nur, Auf uns so streng nicht achten. Tutti Holt ihm sein Schwert Exkalibar! Tot schlägt er ihn schon morgen Und ist's erfreulich ganz und gar, Wir bleiben hier geborgen. (Während des letzten Chors sind Schwert und Rüstung gebracht und dem Artus von Tom und der Königin mit grotesken Gebärden angelegt worden.) Ende des ersten Aufzugs. Zweiter Aufzug. Wildnis. Im Hindergrunde das Schloß des Ritters Popanz mit einem großen Tor. Chor. (Gefangner Ritter, hinter der Szene.) Ha! er klappt schon mit dem Rachen; Hu! die Menschenfressermiene; Fühle schon die Rippen krachen Unter seiner Freßmaschine. Weh! er naht mit Hungerschritten: Wen von uns wird er zerknacken? Au! er greift in unsre Mitten; Möcht' er mich doch nur nicht packen! Popanz. Her! vermagertes Geschmeiße! Fühle kaum, daß ich was beiße. Drei Stimmen. Au, au, au, au! Ganzer Chor. (Doch um drei Stimmen schwächer. Das: Au! dieser drei klingt immer schwächer durch die Worte des Chors hindurch, bis es zuletzt erstirbt.) Wie er malmt und knirscht, o schau! Gott sei Dank, daß ich's nicht war! Aber ach! ich folge morgen; Sind die drei gefressen zwar, Sind sie nun doch wohlgeborgen. (Popanz tritt auf, mit einer Serviette um den Hals, mit der er sich den Mund wischt.) Bravour-Arie Popanz O kümmerliches Essen! O schlimme Fastenzeit! Erst drei hab' ich gefressen, Mein Magen ist noch weit. Was soll das mit mir werden? Ich nehme täglich ab! Die Hose schlurft zur Erden, Die sonst mir war so knapp. Und fängt auch meine Tatze Mir noch ein Ritterlein; Sind heuer, wie die Spatze, Geraten dünn und klein. O möchte zu mir fallen Das Land, das Artus hat! Von solcher Zahl Vasallen Würd' ich vielleicht noch satt. Jetzt geh' ich in die Kammer Und strecke lang mich aus, Verschlafe Hungerjammer, Und träume fetten Schmaus. (Ab.) Artus und Tom treten auf. Tom Herr Artus, sprich! wie willst du's motivieren, Daß wir per pedes hier einherspazieren, Da doch im ersten Akt Isolt und du Von einem Gaul gefabelt gradezu? Artus Was soll der Spott? Du hast doch nicht vergessen, Daß ich zu Gaule wirklich war gesessen; Doch als der Gaul den toten Esel sah, Halsbrechend Kapriolen macht' er da, Scheu von dem Moderduft, den er gerochen, Bäumt er und fiel und hat den Hals gebrochen. Tom So? von dem Esel ward erzählt nur, um Dies vorzulügen jetzt dem Publikum! So mancher hat gewiß schon nachgesonnen, Ob er nicht allegorisch eingesponnen; Nun kommt's heraus: Man bracht' ihn nur herbei, Daß Gaulabwesenheit entschuldigt sei. Artus Hör' auf mit Ironie und Zungendreschen! Ich will nunmehr die heiße Kampfgier löschen. Tom Daß du nicht längst schon darauf losgerannt – Was hindert dich? ist meine Zung' ein Band? Duett Artus Genug, genug! Drauf los nun ohn' Verzug! – Doch höre, treuer Knappe, Was ich dir sage jetzt: Wenn er mir eine Flappe Bis auf den Tod versetzt – Tom. Ich nehm's auf meine Kappe; Bleibt Ihr auch hier zerfetzt: Glaubt nicht, daß überschnappe Die Herrin, die Ihr schätzt. Artus. Sag' meiner Königinne, Behalt' es wohl im Sinne, Daß ich voll treuer Minne Für sie gestorben bin. Tom. Was sich auch hier entspinne, Sie nimmt's geduldig hin, Glüht doch für sie in Minne Manch feinen Ritters Sinn. Artus. Nun fort zur Tat! Ja, das ist auch mein Rat. (Artus rennt auf das Schloß los; dicht vor dem Tore kehrt er plötzlich um und wendet sich zu Tom zurück.) Artus. Bald hätt' ich eins vergessen, Behalt' es treu im Sinn: Hier ist mein Los gemessen, So sag' der Königin – Tom . Noch hat er was vergessen! So geht doch endlich hin! Er wird Euch ja nicht fressen, So habt doch Heldensinn. Artus. Daß ich als treuer Ritter Für sie gefallen bin. Tom. Ist's Euch nur nicht zu bitter, Die Kön'gin nimmt es hin. Artus. Doch warum plaudr' ich hier? Tom. Ja, warum plaudert, zaudert Ihr? Artus. Zur Tat, zur Tat! Tom. Ja, das ist auch mein ganz unmaßgeblicher Rat. (Artus rennt von neuem aufs Schloß los: dann, wie oben.) Artus. Streckt mich der Grimme nieder, O dann vergiß es nicht! Tom. Er kommt schon wieder wieder! Nein, ich vergeß' es nicht. Artus (aufs Schloß losrennend) . Nun drauf und dran! Mag werden draus was wolle! Tom. Verwegner Mann! Stürmt doch nicht gar so tolle! Terzett. Artus. 'raus Kerl vor meine Blicke, Daß dich mein Hauch zerknicke! Popanz. (mit einer großen Keule auftretend) . Was willst du, kleines Herrlein? Wer bist du, magres Närrlein? Tom. Das ist ein wahrer Büffel, Der frißt ihn, wie 'ne Trüffel. Artus. Der König Artus bin ich Und dein Verderben sinn' ich. Popanz. Das freut mich wirklich innig; Dein Land und Leut' gewinn' ich. Artus. Damit hat's keine Not, Viel lieber bleib' ich tot. Popanz Die Keule rührt dich an; Was sagst du nun noch, Mann? (Er berührt ihn mit der Keule. Ohrenzerreißendes Fortissimo des vollen Orchesters. Das Schwert des Artus fällt ihm aus der Hand und klirrend zu Boden, er selbst knickt in seiner ganzen Stellung zusammen, wie ein invalides Federmesser. Die Musik schließt mit Donnergepolter. Das Folgende wird ohne Musikbegleitung, im Genre des musiklosen Terzetts im Sargines gesungen.) Artus Höchst merkwürdig und entsetzlich! Zauberkraft raubt mir die Kräfte. Popanz Höchst erfreulich und ergötzlich! Ein profitliches Geschäfte. Tom Faßt das Zipperlein ihn plötzlich? Wie er bebt, der schlimm Geäffte! Popanz Du stehst vor mir jetzt wie ein dummer Junge, Tot schlug' ich dich mit einem leichten Schwunge, Doch sorg' ich lieber für die Zukunft weis', Statt daß ich solchen magren Bissen beiß'; Willst du, daß ich dein liebes Leben schone, So tritt mir ab hier Scepter, Land und Krone. Artus Tät' ichs! blamiert' ich mich doch gar zu sehr. Nein, friß mich, oder ändre dein Begehr! Popanz. Hier gilt es Rechtsform leider, nicht Bezwingung; Drum stell' ich dir, voll Großmut , die Bedingung: Wenn du zu Neujahr hier zurückekehrst, Und mir die große Frage recht erklärst: » Welch Ding wohl will ein jedes Weib am meisten ?« Dann will ich dir Vasallendienste leisten; Doch sagst du nicht die rechte Antwort hier, Verfällst du, samt dem ganzen Lande, mir. Tom. Ach, lieber Herr! laß lieber tot dich schlagen! Was will ein Weib zumeist? – Wer kann das sagen? Wie sie die Laune wechselt just, geschichts, Daß sie bald alles will, bald wieder nichts . Artus. Schweig'! die Bedingung hör' ich ohne Grauen: Du solltest meiner Klugheit mehr vertrauen. Denk' ich erst nach, dann wird's auch was Gescheits. Popanz. So schwöre hier zu sein aufs Schwerteskreuz! Artus. Ich schwör's und schwöre, meinen Schwur zu halten, Er ist 'ne Demantfessel, nicht zu spalten. Tom. O Ehrlichkeit, die fast an Dummheit streicht! Noch hat die Politik dich nicht verscheucht. Popanz. Nun scher' dich fort! Ich wünsche guten Morgen! Artus. Ju'n Morjen! Tom. Juten Morgen. Popanz. Juten Morjen! (Alle ab.) Holofernes hatte nicht lange gelesen, als schon die Begeisterung des Unsinns über ihn kam und er, vorausgesagtermaßen, ins Singen fiel. Aber fing dies schon auf eine alle Grenzen durchbrechende Weise an, wie es die Damen denn doch von einem wohlerzognen Menschen nicht erwartet hatten, so ward es, wie die Begeisterung wuchs, immer kecker, toller und wilder. Die unerwartetsten, burleskesten, musikalischen Witzsprünge jagten und überkegelten sich, mit rasch gewaltsamen, und doch kunstgerechten Übergängen, deren Übermut an Verrücktheit grenzte. Dabei entwickelte Holofernes eine fast übernatürliche Stärke und Gelenkigkeit der Stimme. Alle weiblichen Partien sang er im hellsten, reinsten, und doch travestierenden Sopran, und bei den Duetten und Terzetten ließ er zwei oder drei Sangweisen sich so durchkreuzen und verschlingen, daß es auf Augenblicke wirklich schien, als sänge er mit zwei oder drei Stimmen zugleich. Natürlich konnten Arme, Hände und Gesicht dabei unmöglich untätig bleiben. Der ganze Holofernes wurde zur lebendigen Groteske! namentlich nahmen die Gesichtszüge jedesmal mit unverschämt treffender Nachahmungsgabe den Charakter der grade im Singen begriffenen Person an, immer einfältig und albern; aber die Albernheit bewundernswert scharf und charakteristisch variiert; und kam eine andere Person des Stückes ans Singen – schnapp! ein kecker Gesichtsschneiderübergang – und starr und festgeprägt, als wäre er immer dagewesen, stand der andere entsprechende Gesichtsausdruck in steinerner Bestimmtheit und holzschnittlich komischer Kraft da. Aber ein wahres Gaudium erst wäre es gewesen, das wechselnde Mienenspiel der zuhörenden Damen zu beobachten, und ein wahres Gaudium wäre es für mich und für den Leser, wenn ich dasselbe, rasch und lebendig, vor sein geistiges Auge zu stellen vermöchte. Aber ach! hier gehen mir, wie oft schon, die schlagenden Worte aus. Wie sie erst dasaßen mit erzwungenem ästhetischen Erwartungslächeln; wie dies bald überging in Befremden; wie dies Befremden rasch, doch mühevoll, versteckt wurde unter die vornehme Miene eines tieferen Verstehens (denn sie dachten immer: nun kommts, nun kommts! und konnten nicht glauben, daß Holofernes eine ganz einfache Albernheit auftischen könne; es mußte etwas Tieferes dahinter stecken – das war klar); wie sie dann, merkend, daß sie es mit Witz zu tun hätten, sich zum lunteriechenden Lächeln, so Gott wollte, zum, in den Grenzen des Anstandes bleibenden Lachen zwingen wollten und doch nur ein verlegnes, furchtsames Schafsgesicht mit kaum verzognen Mundwinkeln zu stande brachten, denn sie waren schon in Angst, der Mensch würde ihnen unter den Augen verrückt; wie sie dann, in dieser Angst immer mehr bestärkt, auf den Stühlen leise und doch ruckweise hin und her rutschten, denn sie saßen schon auf dem Sprunge und waren drauf und dran, laut aufzujuchzen und in Wildgansflucht davon zu laufen; wie namentlich die beiden, zwischen denen er saß, jach erschreckt durch ein gewaltsam gestikulierendes Armschlenkern, plötzlich laut mit dem Stuhl rechts und links von ihm abrückten (so daß die andern alle ringsum sympathetisch zusammenfuhren) und doch gleich, sich schämend, wieder eine gesetzte und ungestörte Miene anzunehmen kämpften; wie endlich, bei den mehr Gewitzigten, die Furcht dem Unwillen und einer, hier hochfahrenden, dort sentimentalen, Verletztheit Raum machte; wie die Näschen sich nun, stolz teilnahmslos und halbausgesprochen verächtlich, sukzessive in die Höh' warfen; wie das Bewußtsein: er habe sie alle zum Narren , nach und nach auftauchte und sich in leisem, boshaftem Zucken ankündigte; wie endlich, während einige noch suchten, gute Miene zum bösen Spiel zu machen, und einen urban spaßverstehenden Ausdruck, jedoch sehr ungeschickt, annahmen, unter den andern der hervorbrechende Unwille gegenseitiges Gemeingut wurde und dadurch wuchs, indem durch befremdetes Sichansehn, angedeutetes Sichzunicken und endlich gar Kopfschütteln eine die andre immer noch wütender machte – ach! Das alles beschreibe ein andrer! denn ich habe es soeben sehr schlecht beschrieben. Endlich, als Holofernes grade an der obigen Schlußstelle war, empörte das so mal à propros angebrachte und wiederholte: »Juten Morjen!« die, dem Leser schon bekannte, entschlossne Dame dermaßen, daß es ihr zu toll wurde. Rasch und geräuschvoll stand sie auf, sprudelte, glühend im ganzen Gesicht, einige Worte von Unwohlsein hervor, bat, man solle sich doch ja nicht stören lassen, bedauerte es unendlich, zu Holofernes gewandt, diesen seltnen Genuß (sie betonte das Wort boshaft) nicht abwarten zu können, und mit Johanna d'Arc-Schritten war sie aus der Stube und die Treppe hinab. – Allgemeiner Aufruhr und Aufstand. Lautes Erstaunen und Erschrecken, endlich Zischeln und befremdliches Blicken auf Holofernes. Frau Habichs war vernichtet. Die Prahlerei mit ihres Bruders Genie war ihr bitter vergällt worden. Statt eines Triumphs, eine schmachvolle Niederlage! Auch hat sie später in Gesellschaft nie ihres Bruders mit einer Silbe erwähnt, und fing eine andre einmal an, von ihm zu sprechen, so hielt sie's für eine beleidigende Stichelei und ward empfindlich und ausfallend. Holofernes aber sah ein, daß der Moment gekommen sei, sich mit guter Art zu drücken. Er zog seine Uhr hervor und tat, als ob er über sein schon zu langes Verweilen erschräke. »Es tut mir leid, meine Damen (rief er ins Getümmel), daß ich dies, mein bestes Werk, noch nicht weiter ausgearbeitet habe, und daß außerdem meine Zeit gemessen ist. Vielleicht habe ich ein andermal das Vergnügen, Ihnen den Schluß vorzutragen. Nehmen Sie inzwischen meinen verbindlichsten Dank für ihre gütige Aufmerksamkeit und Nachsicht.« Hier machte er seinen Kratzfuß, der ihm mit höhnisch abgemessenen, satirisch tiefen Knixen erwidert wurde und im nächsten Augenblicke schöpfte er außerhalb der Tür freier Atem. Auf der Treppe küßte er noch Junius und die kleine Malwina, die ihm nachgeeilt waren, herzlich zum Abschiede und – fort war er. Als nachher der Mond aufging, sah er ein kreuzfideles, in Spottlust schwelgendes Gesicht über die Landstraße hinfliegen. Kapitel XIX Schon am andern Morgen, nachdem Holofernes fort war, begann Herr Nicodemus, dem die Worte desselben schwer aufs Herz gefallen waren, seine Lehrstunden mit Junius mit erneutem Eifer und fing sogleich an, ihm Algebra vorzutragen, wobei er (was man ihm kaum zutrauen sollte) wohlweislich verschwieg, daß es eigentlich nur aufs Erlernen des praktischen Rechnens abgesehen sei. Er tat, als finge er etwas ganz Neues an, und Junius hieß es, als solches, mit Lebhaftigkeit willkommen. Wie erstaunte Nicodemus, als er den von ihm nur halb und dunkel begriffnen Fingerzeig des Holofernes glänzend bewährt fand! Junius begriff und behielt, und bei Lehrsätzen, mit denen Nicodemus als Knabe tagelang sich gequält zu haben sich erinnerte, sah Junius ihn, wenn er mit Eifer und Weitläuftigkeit demonstrierte, ganz verwundert an, denn er hatte, in rascher Kombination, längst alles übersehn, und wunderte sich, was da noch viel zu beweisen wäre. So durchflog er den Kursus mehr, als daß er ihn durcharbeitete , und wußte schon mit unglaublich rasch ordnender Geschicklichkeit des Geistes die verwickeltsten Buchstabenrechnungen, freudig im Gelingen, zu lösen, als Nicodemus es immer noch nicht wagte, ihm alle die praktischen Rechnungsarten in ihrer hausbacknen, nüchternen Nützlichkeitsgestalt unterzuschieben, deren allgemeine Formeln ihm längst geläufig waren. Er fürchtete immer noch einen Rückfall in das alte, an Blödsinn grenzende Nichtbegreifen, sobald wieder bestimmte und benannte Zahlen in des Junius Hirn ihren schwindlig machenden Marionettentanz beginnen würden. Endlich wagte er den Versuch. Junius staunte; aber die Umrisse waren zu fest in ihm, als daß er noch hätte konfus werden können. Schweigend folgte er einige Tage dem Verfahren des Nicodemus, statt des Allgemeinen Besondres in die Formeln zu schmuggeln, bis er endlich den ganzen Zusammenhang und den schlauen Plan des Lehrers begriff. Da sah er diesen an, lachte und rief: »Nun, Herr Nicodemus! Sie haben mich schön angeführt! Ja, stutzen Sie nicht! ich habe Sie jetzt. Aber ich dank' Ihnen herzlich. Am Ende bin ich nun gar noch, ohne es zu wollen und zu wissen, wie mein Vater sagt: zum brauchbaren Menschen geworden und das haben Sie zu stande gebracht. Hätten Sie's nur gleich so angefangen! Aber freilich: aus einem konfusen Jungen, wie ich bin, ist schwer gescheit zu werden, und man muß doch erst den richtigen Weg versuchen, ehe man dahinter kommt, daß der verkehrte grad einmal zum Ziel führe.« Dabei schüttelte er dem Lehrer treuherzig die Hand, und der war ganz erstaunt über den scharfen Blick eines so jungen Menschen. Von nun an ging alles gut. Am Vorabend von Junius' vierzehntem Geburtstage examinierte Herr Habichs seinen Sohn selbst und fand, daß er wenigstens zur Not tauglich sein würde, und daß mithin der Lehrer, wenn auch nicht besonders zu loben, doch auch nicht grade zu tadeln sei. Nach einigen Debatten mit seiner Frau ließ er sich endlich bewegen, den Geburtstag selbst dem Junius noch als Feiertag gelten zu lassen, Herrn Nicodemus aber versprach er auf den Morgen desselben die festgesetzte Gratifikation und, wenn er es begehrte, weitere Empfehlung. Nicodemus war seelensfroh, als am andern Morgen seine Freude noch unerwartet vermehrt wurde. Er bekam nämlich eine Antwort vom Buchhändler Nr. 13 und – o frohe Vorbedeutung! – ohne Manuskript. Zitternd brach er den Brief auf und richtig: der Verlag wurde angenommen, wenn er sich mit einem Louisd'or pro Druckbogen begnügen wolle. Der Verleger könne vor der Hand unmöglich mehr tun, da er sich eben erst etabliert habe und ihm kein bedeutendes Kapital zu Gebot stehe; doch hoffe er bei späteren Unternehmungen den Anforderungen des Nicodemus besser entsprechen zu können. Nicodemus war überfroh und genoß nun ein schon fast ganz aufgegebnes Glück doppelt, obgleich er eigentlich zu Anfang mindestens aufs doppelte Honorar gerechnet hatte. Aber jetzt schlug er ohne Säumen ein und tat sehr klug daran. »Was tut's? (dachte er) bei der zweiten Auflage bringst du alles wieder ein.« Der Unkundige! – Wenn aber der Leser wissen will, warum grade dieser dreizehnte Buchhändler das von zwölfen zurückgewiesene Manuskript annahm, so sei seine Neugierde hiermit befriedigt. Dieser Buchhändler war, wie schon gesagt, eben ein frischer Anfängling. Solche Leute brauchen Manuskript und haben außerdem noch keine traurige Erfahrung gemacht; es ist also etwas mit ihnen anzufangen, wie jeder Schriftsteller weiß. Demgemäß hatten sich auch schon einige 30 Manuskripte bei ihm eingefunden. Da er sich nicht ganz auf sich selbst verlassen wollte, lud er einen kleinen, blassen, magern, achselzuckenden Kerl von seiner Bekanntschaft, dessen Gesicht Bedenklichkeit, dessen Schritt und Tritt Vorsicht ausdrückte, und der wegen einiger Bildung und noch mehr Routine als Sachkenner angesehen wurde, zu sich zum zweiten Frühstück, um bei einer Flasche Rheinwein die Manuskripte vorläufig und oberflächlich durchzugehn und zu besprechen, welche davon sich wohl dem Stoffe nach am füglichsten annehmen ließen. Aber der kleine Kerl brachte bei einem nach dem andern immer mehr Schwierigkeiten, Besorgnisse und allgemeine Erfahrungssätze vor, indem er immer das Kind mit dem Bade ausschüttete und gleich von einer ganzen Literaturgattung, je nachdem ein Manuskript dazu gehörte, behauptete: es sei nichts damit zu machen; dergleichen gehe schlecht, habe ein zu enges Publikum usw. usw. Bei jedem solchen Ausspruch trank er dann regelmäßig sein Glas aus. Da ward der junge Buchhändler endlich ungeduldig und rief: »Aber Herr, etwas muß ich doch einmal drucken, mit etwas muß ich's doch riskieren! Und Sie mögen mir jetzt sagen, was Sie wollen, das da nehme ich vorläufig.« Dies sagend, schlug er blindlings auf das Manuskript des Nicodemus, nahm es auf und legte es beiseite. – Den andern Tag nahm Nicodemus Abschied von Herrn Habichs Hause und bezog sein eignes Stübchen. Da er in meiner Geschichte nicht mehr vorkommt, so sei folgendes kurz von ihm bemerkt. Die Wonnen des ersten Korrekturbogens, die des letzten, die des fertigen Buches, die der Annoncen und des Aussteilens am Buchhändlerladen zu schildern, kann hier nicht meine Absicht sein. Natürlich las Nicodemus mit fieberhafter Spannung von nun an alle wissenschaftlich kritischen Blätter, um sich respektiert zu lesen. Er war immer noch in bester Überzeugung, sein Werk müsse Epoche in der Wissenschaft machen. Endlich fand er die erste Rezension. Sie war weder warm noch kalt; gnädig anerkennend und vornehm tadelnd, ohne im mindesten auf den eigentlichen Punkt zu kommen. »Der Esel hat mich nicht begriffen!« rief Nicodemus und schob das Blatt weg. Er lauerte auf die nächste Rezension; da wurde er schrecklich »heruntergerissen«, daß er, als ein noch ganz unbekannter Mensch, nachdem der berühmte Hans und der allgemein anerkannte Peter längst diese und jene Wahrheit in ihren unsterblichen Werken außer allen Zweifel gesetzt hätten, es wage, plötzlich mit ganz entgegengesetzten Ansichten hervorzutreten. Aber (hieß es, liebreich begütigend, am Schluß) er sei wahrscheinlich noch jung und alles Talent sei ihm nicht gradezu abzusprechen. Vielleicht könne er später, nach reifen Studien über den jetzigen Standpunkt der Wissenschaft, Erträgliches leisten. – »Ist das Dummheit , oder Neid ?« grollte Nicodemus und lauerte, immer noch nicht die Hoffnung aufgebend, auf die nächste Rezension. Er lauerte und lauerte – aber es kam gar keine mehr. Da hüllte er sich schweigend in das Bewußtsein seines Wertes und ward ein zahmer Menschenhasser. Er vergaß, daß, hätten sie ihn auch mehr anerkannt, diese Anerkennung doch lediglich dem Guckglase des Holofernes würde gegolten haben, von dem er wohlweislich in der Vorrede nichts erwähnt hatte. Indessen ging sein Buch, wenn auch langsam, ab. Es folgte ein andres, und sein Verleger blieb ihm treu. Auf Ruhm rechnete Nicodemus nicht mehr und zum Leben brauchte er, als nüchterner Gelehrter, sehr wenig. Dazu wußte er sich, durch konsequente Bemühung, Zutritt zu naturwissenschaftlichen und kritischen Zeitschriften zu verschaffen, und ließ dort seine Galle in beißender Polemik aus. So lebte er einsam und arbeitsam fort und starb, nachdem er eine Zoologie herausgegeben hatte und eben Materialien zu einer Mineralogie sammelte, als ein dunkler Ehrenmann, Der über die Natur und ihre heil'gen Kreise, Mit Redlichkeit, jedoch auf seine Weise Mit grillenhafter Mühe sann. Das in seinem Nachlaß vorgefundne Guckglas des Onkels Holofernes befindet sich gegenwärtig, durch Erbschaft, im Besitz des Verfassers dieser Geschichte, allwo es der portofrei ankommende Leser selbst in Augenschein nehmen kann. Einige Jahre nach seinem Tode trat ein Gelehrter, der sich bedeutender Cliquenverbindungen erfreute, mit einem naturgeschichtlichen Werke hervor, das mit einem allgemeinen Hallo begrüßt und als neues, alles Frühere umstoßendes System ausposaunt wurde. Das Werk war aber weiter nichts, als ein ordnender und besser stilisierter Auszug aus denen des Nicodemus. Es ist gut für ihn, daß er dies nicht erlebte. Ruhe seiner Asche! – Kapitel XX Junius sah dem Tage seines Bureaueintritts mit ganz andrer Stimmung entgegen, als der Leser es sich einbildet. Das rasche Gelingen im Erlernen der edlen Rechenkunst, die an Spaß und Ernst so reiche Anwesenheit des Onkels, das Lesen der von diesem ihm gegebnen humoristischen Märchen, endlich der Abschluß eines ganzen Lebensabschnittes – alles kam zusammen, ihn zu erheitern und über sich selbst zu erheben. So oft er auch früher, wenn er seinem Vater einmal ein paar flüchtige Worte in den zwölfeckigen Turm zu bringen hatte, von dumpfem Grauen betäubt aus demselben zurückgekehrt war – das war jetzt plötzlich vergessen. Alles schien ihm leicht und überwindlich und frischen Mutes faßte er an seinem Geburtstage den festen Vorsatz , sich als ein tüchtiger Mensch in das neue Leben und Wirken zu finden. Denn im Übermut seiner Jugend hatte er noch nie erfahren, was es mit einem sogenannten guten Vorsatz für eine Bewandtnis hat: nämlich gar keine.   A. d. T. d. O. H. Ein guter Vorsatz ist weiter nichts, als ein moralischer Fieberanfall (dem grade die schwächsten Naturen am häufigsten ausgesetzt sind), ein flüchtiges, unbewußtes Kokettieren mit Kraft und Tugend und führt zu gar nichts. Wie oft faßt ein Kind, das aus Lebhaftigkeit ungezogen ist, nach einer eindringlichen Ermahnung den guten Vorsatz, anders zu werden. Einen halben Tag lang hält dann die erzwungne Rolle aus, dann bricht das Naturell mit doppeltem Übermut wieder hervor. Man lasse es doch ruhig unartig sein! Nur die Zeit, d. h. das Leben , kann das ändern. – Ein Trunkenbold, der seine Frau geprügelt hat, faßt am andern Morgen den guten und festen Vorsatz, nie mehr zu trinken, allenfals gibt er auch sein Ehrenwort drauf; und an demselben Abend liegt er besoffen unterm Tisch. Der Dämon des Trunkes ist viel zu gewaltig, um einem bloßen guten Vorsatz zu weichen. Nur einem tieferschütternden Lebensereignis gelingt es vielleicht, ihn zu bannen, und auch das höchst selten und meist nur periodisch. – Der rasch fassende, geniale Kopf, der aber nie mit Beharrlichkeit etwas Positives gelernt hat, dem, was er weiß, nur so in den Schoß gefallen ist, wie Blütenflocken, faßt plötzlich den guten Vorsatz, ein solides, anhaltendes Studium zu beginnen. Einen halben Tag lang, und wenn er sehr starr und eigensinnig ist, einen ganzen, sitzt er brütend über Folianten. Da wird ihm schon klar, daß er Gefahr läuft, bei solchem Leben das einzubüßen, was er schon hat , und daß er sich damit zufrieden zu geben habe. – Der lächerlichste gute Vorsatz ist es aber, wenn einer sich entschließt, einen Stand und eine Lebenstätigkeit, die seiner innersten Natur ganz fremd und zuwider sind, mit Neigung und Beharrlichkeit zu ergreifen und durchzusetzen. Es ist dies ein rascher, rauschartiger Anflug, der bald verbraust, um dem bittersten Unmut und dem trägsten Verzagen Platz zu machen. – Zur einzelnen Tat kann sich der Mensch durch einen raschen, festen Entschluß stählen und tüchtig machen; aber nimmer durch einen guten Vorsatz zu einer langen regelmäßigen Reihenfolge von Selbstbekämpfungen und Anstrengungen, sich in einen Schnürleib zu zwängen, in den er nun einmal nicht paßt. Er lasse also dieses ganze, unersprießliche Heuchelspiel sein. Oder, wer hat's je erlebt, daß ein Mensch durch einen guten Vorsatz (wohlgemerkt: ohne Mitwirkung zwingender Umstände) dauernd ein andrer geworden wäre? Er wende sich portofrei an mich und ich will diese Stelle des Tagebuchs modifizieren. Es kommt alles darauf an, von Haus aus keine Richtung einzuschlagen, die auf Holzwege und in die Pechhütte führt; denn wer einmal da hinein geraten ist, kommt in diesem Leben nicht mehr auf den rechten Weg. Darum seid wachsam! So schritt also Junius am folgenden Morgen, an inch taller, in den Turm. Er sollte vorerst noch als Hilfsarbeiter neben seinem Vater im Mittelgebauer sitzen, um diesen immer gleich um Rat und Erklärung fragen zu können. Den ersten Eindruck überwand Junius noch; das innere Aufkochen und das halb glühende, halb zitternde Gefühl einer neuen Würde und Wichtigkeit, die er nun auf den Schultern zu tragen hatte, trieb die Betäubung der ungeheuren Leere und Langweiligkeit von seinem Haupte zurück, und als er sich auf den für ihn angefertigten Ledersessel schwang und sich darauf in die Höhe schraubte – da fühlte er einen ordentlichen, selbstgenügsamen Triumph und war in dem Augenblick nicht besser, als ein eitler Geck. Aber er ist zu entschuldigen; denn wie oft geschieht es auch ernsten und reifen Männern, daß sie sich auf Dinge was Rechts einbilden, obgleich sie sonst Vernunft und Urteil genug haben, dieselben verächtlich und läppisch zu finden. Hängt dem witzigsten Kopfe, der von den beißendsten Witzworten über die heut gebräuchliche Verteilung von Ehrenzeichen sprudelt, selbst einen Orden ins Knopfloch, und zwar den allergemeinsten und nichtssagendsten, und, wenn es euch Spaß macht, einen ausgemachten, eingebildeten Narren zu sehn, so lauert ihm auf, wie er zum erstenmal mit der neuen Zierde über die Straße mehr tänzelt, als geht. Wenn ihr ihm dann begegnet, wird er euch genau ebenso süßlich und es verbergen wollend anlächeln, wie ein albernes, zwischen Prüderie und Leichtfertigkeit schwankendes Mädchen, das ernst bleiben möchte, und es nicht fertig bringt (Unterzeichnet Holofernes). Junius stürzte sich nun mit einem ungeheuren Anlauf auf die Arbeit los. Eine Viertelstunde lang hielt sein Eifer mit der Windsbraut gleichen Schritt; dann aber fiel er aus dem Fanfare in den Galopp, dann in Trab, dann in Schritt, der Schritt ward fauler und fauler, zuletzt blieb die Mähre stehn, ohne daß der Reiter am Zügel geruckt hätte. Aber das entmutigte Junius noch nicht. »Du hast nun eine gehörige Zeit gearbeitet (dachte er), fürs erstemal ist es gewiß viel ; künftig wird's noch besser gehn. Jetzt kannst du mit gutem Gewissen einen Augenblick verschnaufen.« – Dies denkend richtete er das Haupt empor und blickte rings auf die Mitarbeiter, die noch lange nicht ans Verschnaufen dachten. Aber Himmel, wie ward ihm da; aller Ernst war weggeblasen und der Kobold des Übermutes tollte in seinem Hirnkasten herum. Die dicht an seiner Wange vorbeistreichende, im Arbeitseifer auf und ab nickende, beträchtliche Nase seines Vaters erinnerte ihn lebhaft an ein Märchen von einer Prinzessin mit der langen Nase, das er in diesen Tagen gelesen hatte. Wenn die jetzt wüchse (dachte er), sich durch alle Drahtgitter durchbohrte und allen zwölf Schreibern hintereinander langsam und regenwurmähnlich übers Buch wegkröche! Dann dachte er an den Teufel Fanfarello aus Gozzis Märchen von den drei Pomeranzen, der mit einem Blasebalg die Leute vor sich herjagt, damit sie in einem Tage tausend Meilen machen, und was diese zwölf ewig seßhaften, hinternangewurzelten Halbmenschen für heillose Gesichter machen müßten, wenn besagter Teufel plötzlich mit Sturmeseile, in unfreiwillig gewaltsamem Rennen, über die Heide hin zerstiebte. Das Bild wurde so lebhaft, der Kontrast der ruhig rechnenden, stabilen, ewig ungestörten Gesichter mit den entsetzten, atemlosen, vom Winde gepeitschten, wurde in seiner Einbildungskraft so plastisch, daß ein wütendes Lachen in ihm emporstieg. Er besann sich aber noch zur rechten Zeit, preßte sein Schnupftuch gewaltsam vor das aufschwellende, sich rötende Gesicht und erstickte so im Kampf den Lachteufel, der sich jedoch nicht lautlos töten ließ, sondern im Todeskrampfe ein kurzes, verzweiflungsvolles Mittelding von Krähen und Wiehern ausstieß. Die Schreiber sahen sich plötzlich um, der Vater blickte ihn streng befremdet an. Aber Junius nahm sich zusammen und schnell ein ernsthaftes Geschäftsgesicht an. Der unnatürliche Laut wurde für ein, aus übertrieben schüchterner Pietät vor den heiligen Hallen des Bureaus, halb unterdrücktes Niesen hingenommen und alles war wieder in Ordnung. Der Vater schob Junius eine Arbeit nach der andern zu; aber diesem wurde es in dem Turme, trotz aller guten Vorsätze, nach und nach immer lederner und unleidlicher, zuletzt aber so quälend, drückend und bewältigend, daß es an körperlichen Schmerz grenzte. Nach seiner Berechnung mußten die Bureaustunden längst vorüber sein; er lauerte schon von Sekunde zu Sekunde auf den Schlag der Stadtuhren und glaubte zuletzt, sie gingen heute alle falsch. Da zog Herr Habichs einmal seine Uhr hervor, Junius warf einen raschen Seitenblick darauf, und o Jammer! noch eine ganze Stunde fehlte an der Zeit. Diese brachte er in dumpfer Betäubung hin, nur mechanisch die Feder bewegend; auch machte er dabei einige nicht unbedeutende Konfusionen, für die er später vom Vater einige bedeutende Grobheiten anhören mußte. Als die Stunde (die wegen zu großer Langeweile rasch verstrichen war) wirklich schlug, wollte er sich noch gar nicht stören lassen, denn: »er glaubte keine Siege mehr«. Nur da er alle aufstehn und gehen sah, schlich er ihnen zögernd und wie zerschlagen nach. Malwina trat ihm zu Haus entgegen und, indem sie ihm das Haar aus der Stirn strich und ihn liebevoll fragend, doch fest, ansah, sprach sie besorgt und wie mitleidig: »Nun, Junius, wie geht's?« Er nahm rasch eine schlecht nachgeahmte Heiterkeit an und erwiderte mit einem halben Seufzer: »O, recht gut, ganz gut!« Denn er wollte sich immer noch weismachen, bloß der Anfang falle schwer und es werde alles noch gut gehn. Malwina aber küßte ihn und wandte sich mit einer stillgeweinten Träne von ihm ab, denn sie verstand das verstörte Antlitz ihres Bruders und fühlte die ganze Last einer peinigenden, trostlosen Zukunft für ihn. – Der Leser sieht schon jetzt den ganzen Fortgang ein, ohne daß ich ihn weitläuftig entwickle. Die Selbsttäuschung des Junius war bald zerstört, der Turm ward ihm mehr und mehr zur Folterkammer und bald war er so weit, sich mit vollstem Bewußtsein unaussprechlich unglücklich zu fühlen. Dies hatte zur Folge, daß er gegen seine Schwester anfing stolz und verschlossen zu werden, denn er wollte seinen ungeheuren Irrtum, als er versprach, seiner Bestimmung gewachsen zu sein, nicht eingestehn. Aber Liebe ist ein treuer Pudel; je mehr du ihn mit Füßen von dir stoßest, je schmeichelnder und beharrlicher kehrt er wieder, dich zu liebkosen; und Malwina liebte ihren Bruder. Sie durchschaute ihn ganz, und ließ nicht ab, bis er sich ihr ganz gegeben hatte. In einem weichen Augenblicke ließ er sich unter Streicheln und Tränen das Geheimnis seines Unglücks ablocken, und nun, da die Sache einmal im Zuge war, wurde sein ganzes Leben eine abwechselnde Verkettung von Bureaustunden und Jeremiaden. Wie alle schwachen und zu weichen Charaktere verwandte er das Teilchen Zeit, das noch sein war, dazu, sich über den für ihn verlornen Teil in nie endende und sich ewig wiederholende Lamentationen zu ergießen; und so hatte er gar nichts mehr für sich. Hätte er, mit Heldenfaust, die Viertelstunde beim Schopf zu fassen gewußt, dann hätten alle Bureaustunden der Welt nicht vermocht, das bessere Leben, Denken und Schaffen in ihm zu ersticken. Malwina, die erst in zu weicher, mitleidiger Liebe wie zerflossen war, begriff dies bald und raffte sich zusammen. Sie wußte sehr wohl (woher? aus Lebenserfahrung gewiß nicht, aber sie wußte es), daß leichter, mutwilliger Scherz die schwärzesten Wolken des Gemüts verjagen kann, und daß, wenn der Himmel nur erst hell ist, gar bald ein heitres, saftvolles, kräftiges Sprossen, Blühen und Reifen auflebt. Deshalb tat sie sich Gewalt an und war heiter, ja übermütig gegen den Bruder. Aber nur ein flüchtiges Aufflackern konnte sie in ihm anregen und bald sank er wieder zurück in Dumpfheit und Lebensüberdruß. Malwina für sich selbst litt nicht weniger als Junius, denn sie war nun in langen Stunden nur der rohen, kränkenden Gegenwart ihrer Mutter ausgesetzt, ohne von einem hellen Liebesblick des Bruders erquickt zu werden. Dazu das bittre Gefühl, das, was sie lieben und ehren sollte , nicht lieben und verehren zu können ! (denn in der Brust des reinen Weibes sitzt das Gefühl der Pflicht auf dem Throne). Aber alles das trug und verschmerzte sie still für sich und verwandte das Wenige, was ihr an Heiterkeit blieb, aufopfernd zur Erleichterung ihres Bruders. Dazu kam noch die unaussprechliche Nichtigkeit und Sinnlosigkeit der ihr zugemuteten Beschäftigungen. Da sollte sie nun, Zahl für Zahl, auf einem steifen, fratzenhaften Muster die Stiche nachzählen und mit ängstlicher Genauigkeit dieselben einem quadratisch gestreiften Stück Zeug wieder aufnähen; und war nichts dabei verzählt , so war es schön, mochten auch Gesichter, aus den unaussprechlichsten Dreckfarben zusammengekleckst, darauf prangen. Pfui, pfui! Eine nichtswürdige, wahrhaft schändliche Beschäftigung, von irgend einem Weiberhasser recht ausdrücklich ersonnen, alles Bessere und Echte, alles Denken und Empfinden zu verstumpfen und zu begraben. (Unterzeichnet Holofernes.) Aber davon wußte sich Malwina frei zu machen. Sie warf die Muster weg und begann für sich, nach eigner Empfindung, zu sticken. Und siehe! es gelang. Jetzt hatte sie einen Ausdruck für ihre süßesten Erinnerungen gefunden. Sie stickte bald reich erfundne, lieblich verschlungne Arabesken von Laub, Blumen und Vögeln, bald kecke Felsgruppen mit Wasserstürzen, bald die holde Dämmernacht des Haines und in der Mitte, auf weiches Moos geschmiegt, einen blondlockigen, frischen Knaben, wie ihr Bruder war, da er den ersten Blick durch das Guckglas des Onkels Holofernes tat. Frau Habichs wollte dergleichen »Hallotria« (wie sie's nannte) anfangs nicht dulden, hauptsächlich deshalb, weil sie's selbst nicht machen konnte; als sie aber sah, daß die Sache sich gut ausnahm, erlaubte sie es ihrer Tochter, um, nach ihrer alten Gewohnheit, vor andern mit der Geschicklichkeit des Kindes zu prunken. Mit Junius kam es unterdes so weit, daß seine einzige Wonne, sein einziger Genuß der Schlaf war. Den ganzen Tag hindurch sehnte er sich von Minute zu Minute auf den Augenblick, wo sich sein Geist, gemartert und angeekelt von den ewig einförmigen Eindrücken des Lebens, entfesselt ins Nichts des Vergessens tauchen könne, und sein Erwachen war ein Zusammenfahren und Erschrecken: daß er nun wieder zurückkehren müsse zum Bewußtsein des unerträglichen Seins. Da geschah es, daß ihn des Nachts verschwommene Träume überschlichen von süßem Herumirren unter nickenden Blütenzweigen, vom Kuß der Morgenröte und fernem, abgebrochnen Herüberklingen süßer Sangeslaute. Aber ehe der Traum Gestalt gewann, war er verwischt und beim Erwachen vergessen. Nur ein Gefühl des Wohlseins, wie linder Balsam über alle Glieder ausgeströmt, und ein geheimes, leises Nachklingen im Innern blieb zurück und half die Last des Tages tragen. Aber von Nacht zu Nacht ward der Traum deutlicher, die Formen lichter und dauernder, das Singen näher und zusammenhängender, und die Erinnerung vermochte alles, beim halben Erwachen, einen Augenblick festzuhalten. Dann entschlüpfte es dem Denken und verschwand, wie eine entgaukelnde Libelle am jenseitigen Ufer des Baches. Und wieder ward das Träumen deutlicher und Junius wandelte, in hellbewußtem, seligem Schwelgen, in einem Lande des Leuchtens und Blühens, umsungen und umrauscht von tiefen, wonnigen Liedern. Er sah sich in seine Kindheit zurückversetzt, als er in der Wildnis sich vollsog an Licht und Ton. Aber um ihn waltete ein tieferes Geheimnis, als damals. Die Lieder klangen wie ahnungsvolle, noch unerfüllte Prophezeiungen, die Blütenaugen winkten ihm, wie unerforschte Rätsel. Es war so schön, als habe er alles, und doch krankte er an unaussprechlichem Sehnen, als fehle ihm alles. Und in einer andern Nacht, als er im Traum wieder sein Zauberreich durchstreifte, sieh! da schwebte um die fernsten Stämme, unter rötlich angeschimmerten Blütenzweigen, eine hohe wonnige Frauengestalt; ein leuchtender Blick traf ihn von fern aus holderstaunten Augen und verschwunden war sie im Dickicht und Junius erwacht. Aber sein Herz war voll und wachend träumte er weiter. Die Wände des zwölfeckigen Turms sah er heut nicht; sie waren wie übergrünt und überrankt, im Ohre summten ihm süße Klänge und immer und überall fühlte er sich, ins Herz des Herzens, getroffen von einem holden Blicke. Aber statt im Bureau Arbeiten abzufertigen, hatte er heimlich ein Blättchen Papier aufs Buch gelegt und schrieb darauf: Es hat der Tag sich matt gemüht; Die stille Blume: Nacht erblüht; Hin stirbt des Ruders träger Takt, Schlaff sinkt die Hand, die es gepackt. Nun, Seele, dich nicht länger härm'! Vergiß der Reede Schrein und Lärm, Und strecke weich dich in den Kahn, Und überlaß' ihn seiner Bahn! Er wiegt sich auf den Wellen weit, Willkommen sel'ge Dunkelheit! Die Haupt und Brust mir kühl umwebt, Drin alles Leben sich begräbt. Leis durch die Nacht der Nachen zieht, Ich weiß es nicht, wie weit er flieht. Weh mir! hart stößt es auf einmal – Weckt mich der Meister schon zur Qual? – O nein! O schau das süße Licht, Das zitternd mir die Stirn umflicht! Wie winkt vom grünen Inselland Mir aus den Zweigen Hand um Hand! O Labyrinth von Lied und Blüt', Das mich umsprüht, umrankt, umglüht! Blickt denn kein lieber Stern daher, Mich leitend aus dem Wundermeer? – Woher, du süßes Angesicht, Du Augenstrahl, wie Weltenlicht? Aus Blüte, Stern und Edelstein Sogst du in dich, was hell und rein. Ich fühl' es mir ins Herze gehn, Wie lebendes Erschaffungswehn; In meines Busens wilder Nacht, Da regt es sich, wie Weltenpracht. Wohin dein süßes Lächeln traf, Da zucket Leben durch den Schlaf; Schon reiht sich selig Stern an Stern; Horch! wie es tönt so wunderfern. Und immer heller wird der Drang, Und immer voller wird der Klang, Es kreist und wandelt ab und auf Im wonnigsten Gedankenlauf. Wer bist du, also groß und mild, Daß solch ein Leben dir entquillt? Du gössest aus des Auges Glanz Ins Herz mir einen Himmel ganz. Du wendest dich? – Es dröhnt und klirrt; Und Stern um Stern zerstiebt, verschwirrt. Im Herzen ist es wieder Nacht Und harret bang, ob's noch erwacht. Am Abend suchte Junius seine Schwester auf, denn er wußte sein Glück nicht allein zu tragen. Schweigend zeigte er ihr sein Gedicht, denn es schien ihm schon Entweihung und unzarte Dreistigkeit, es selbst vorzulesen. Aber er rechnete drauf, seine Schwester würde weiter in ihn dringen. So senden wir oft, vor der Mitteilung eines süßen Geheimnisses, die wir bangend wünschen, schüchtern eine Avantgarde voraus, die erkunden muß, ob das Terrain rein und zur Aufnahme des Hauptkorps bereit sei. Malwina verstand den Wink und das Gedicht. Als sie es las, überflog ein schönes Erröten ihre Wange, ein süßes Staunen lächelte um ihren Mund. »Woher hast du das, Junius?« sprach sie, seine Hand ergreifend und ihn, Zutraun fordernd, anblickend. Da strömte Junius die Erzählung seines Traums mit leuchtendem Blick und glühenden Wangen hin. Malwina hörte erst mit inniger Freude zu über die Freude des Bruders, und daß er endlich in seinem verödeten Leben eine frische Oase der Erquickung gefunden habe. Aber nach und nach zog sich eine leise, kummervolle Besorgnis bewölkend über ihre helle Stirn, die ein halbschmerzliches Lächeln der Lippen vergebens wegzuleugnen suchte. Junius bemerkte es und fragte besorgt: »Was ist dir?« Da faßte sie sich rasch und sprach heiter und wie erstaunt: »Mir? Warum?« – »Du hast etwas, Malwina! (sprach Junius) Sag' es nur!« – »Nein doch! (sprach sie jetzt) Was willst du auch? Ich sinne über dein Glück und freue mich.« – Dabei küßte sie ihn scherzhaft und neckend und er ließ sich (wie in ähnlichen Fällen immer der Mann vom Weibe) täuschen und erzählte weiter. Dem Leser aber brauche ich wohl nicht erst zu sagen, daß ein ahnender Schmerz über sie gekommen war, sie werde von nun an nicht mehr des Bruders ganze und einzige Liebe haben, daß sie aber, gleich gefaßt und entsagend, dachte: »Nun, wenn er dich nicht mehr ganz und einzig liebt – was tut's? du kannst ihn immer ganz und einzig fortlieben, er wehrt dir's ja nicht.« Dies brauche ich, wie gesagt, dem Leser nicht erst mitzuteilen; denn der Leser ist ein intelligenter Mensch, und auf sein Selbstdenken und Hieroglyphenentziffern kann ich mich überall verlassen. Aber über die törichten Kinder, die einen bloßen Traum , ohne es zu merken, ganz ernst als Wirklichkeit und Lebenssache behandeln, wird sich der Leser gewiß wundern: und ich wundre mich auch über sie. Und des Junius Traum kehrte wieder. Er wandelte in Blütenhainen und durch all das Gewirr von seliger Musik hindurch hörte er, erst fern, dann näher und näher, einen wundersam bekannten Sang. Er drang weiter; da sah er, an einem lebendigen Springquell, dessen blitzende Tropfen mit träumerischem Gesäusel ins helle Becken zurückfielen und im tiefen Blau der stillen Flut verschwanden, auf Blumenrasen wonnig hingeschmiegt, das hohe Frauenbild, das ihm einmal nur von fern erschienen war. Aber auf einem Blütenzweige über ihrem Haupte wiegte sich ein goldner Vogel und sang, so daß Musik, wie ein goldner Schauer, auf sie hinab, ihr über Stirn und Brust rieselte. Aber wie erglühte Junius und schrak wonnig zusammen, als er Ton um Ton, Gedanken um Gedanken, im Liede des Vogels sein eignes Lied von gestern wieder erkannte, nur lebendig gemacht durch reineren, innigeren Wohllaut. Und die Fee lauschte in süßem Sinnen dem Liede, mit klaren träumerischen Augen dem Spiele des Springquells zuschauend; die aufgelösten, goldlichten Flechten stahlen sich mutwillig und weich liebkosend, in Locken und Löckchen, über Schultern und Brust und unbewußt spielte die linke Hand mit dem äußersten Ende derselben; auf die rechte war das schöne Haupt gelehnt. Junius stand wie angezaubert. Heiß drängte es ihn, sich zu nahen, und doch trieb ein ehrfurchtsvolles Verzagen ihn zurück. Endlich, trunken von den Klängen seines eignen Liedes und von dem seligen Lächeln, mit dem die Fee ihnen lauschte, wagte er es, sich leise, leise näher zu schleichen, Blütenzweige schlugen ihm, Duft und Tau versprühend, neckend ins Gesicht, und je leiser er sich durchwinden wollte, je lauter rauschte jeder berührte Blütenbaum bis zum Wipfel hinauf. Da erwachte die Fee mit eins aus süßem Selbstvergessen; ihre Blicke trafen Junius, sie erschrak, erglühte und wollte aus der lieblichen Hinschmiegung sich zusammenraffen und die üppige Lockenfülle schlichtend verbergen; aber in reizender Verwirrung machte sie es nur ärger und ärger, bis sie lächelnd ihr vergebliches Mühen aufgab. Welch Empfinden für Junius! Die, der er voll heiliger Scheu kaum gewagt hätte den Saum des Gewandes zu küssen, bebte vor ihm, wie ein furchtsames Kind. Bald aber hatte sie sich gefaßt und sprach, in muntrer, unbefangner Heiterkeit: »Bist du es, Junius? Sei willkommen!« Dabei winkte sie ihn neben sich. Ehe er recht wußte, wie ihm geschah, saß er, halb hingeschmiegt, an ihrer Seite. »Du weißt schöne Lieder zu dichten (flüsterte sie und nahm seine Hand). Eben hörte ich zu. Gelt, morgen bekomme ich wieder eins zu hören?« –Aber Junius war immer noch sprachlos. Da faßte sie ihn, ohne weitres, mit beiden, weichen Händen beim Haupte und, indem sie lachend sprach: »Ei du Träumer! ist denn nichts aus dir herauszubringen?« nahte sie sich ihm und küßte ihm Stirn, Auge und Mund, indes die Wellen ihres Haares streichelnd über seinem Haupte zusammenschlugen. Aber das war wahrhaftig nicht die Art, ihn gesprächig zu machen. In ihm wogte ein gewaltig klingendes Meer von stürmischer Lust. Fest und warm umschlang sein Arm den Leib der Fee, Schläfe an Schläfe gedrückt, schmiegte er sich an sie und zog sie, in leisem Nicken, vor und rückwärts zum Takte des singenden Vogels und des säuselnden Springquells. Endlich sank er, weich an sie gelehnt, mit ihr zurück an die Blumenlehne, schloß die Augen, und, wie Veilchenduft, kam süß betäubender Schlaf über ihn. Und im Traum flog er fern über goldne Wolkensäume, von Morgenröte zu Morgenröte, um, unter und über ihm tanzende Welten. Da fühlte er plötzlich einen brennenden Biß in der Fußsohle und siehe! an ihm hing festgebissen ein schwarzes, klumpiges, unförmliches Ungetüm, das mit plumper Wucht ihn herabzog aus dem Äther. Anfangs kämpfte er, es loszuschütteln, oder mit ihm aufzuschweben: aber der Schmerz raubte ihm die Kraft, sein Sturz wurde schwindelnder und rascher, bis er pfeilschnell durch die pfeifende Luft dahinfuhr. Mit hartem Krach stürzte er auf den zwölfeckigen Turm seines Vaters, und siehe da! – er war erwacht und lag in seinem Bette, um ihn sein Vater mit etwas weniger gleichgültigem Gesicht, als gewöhnlich, seine Mutter, lamentierend und händeringend, dahinter die Magd, ihre Frau grotesk kopierend, seine Schwester, still in Tränen gebadet, und endlich der dicke Doktor, an den sich der Leser erinnert, in der Hand einen hölzernen Stiel, an dem sich unten ein am Ende glühend gemachtes Eisen befand. »Sehen Sie? (rief der Doktor). Er kommt zu sich; das Brennen hat den Starrkrampf vertrieben. Ein höchst interessanter Fall, in der Tat!« Jetzt wandten sich aller Blicke freudig auf Junius. Herr Habichs nur sah mürrisch, und nachdem er sich überzeugt hatte, daß Junius wirklich aufgelebt sei, ging er fort, um nicht die ganze Bureauzeit zu versäumen, sagend: »Wenn was vorfällt, laßt mich rufen.« Dabei brummte er noch für sich: »Nichts als Ungelegenheit und Versäumnis hat man mit dem Bengel!« – Frau Habichs aber stürzte auf Junius los und drohte ihn mit fast grimmigen Küssen aufs neue zu ersticken, während Malwina, still bescheiden, sich ans Bett setzte und nur, unter Freudentränen, seine Hand, die sie ergriffen hielt, oftmals küßte. Der Doktor aber verkleisterte und verband die Fußwunde, die er ihm eben gebrannt hatte. Mit Erstaunen erfuhr Junius nun erst, daß er von des Morgens bis gegen Mittag scheintot dagelegen habe und durch nichts zu sich gebracht werden konnte, bis der Doktor auf das eben so angenehme, als wirksame Mittel kam, ihm mit glühendem Eisen ein wenig auf der Fußsohle herumzukitzeln. Aber jetzt hub der Doktor an, eine lange und gelehrte Rede zu halten, wie noch lange nicht alles vorbei sei, und wie man mit der höchsten Vorsicht zu verfahren habe, um üble und dauernde Folgen zu verhüten; denn ... Was auf dieses »denn« folgte, war aber Rotwelsch, mit wenig deutschen Worten vermengt, weshalb es füglich hier wegbleibt. Nach dieser Rede setzte er sich an den Schreibtisch und schrieb ein gewaltig langes Rezept, gab dann noch einige allgemeine Verhaltungsmaßregeln, namentlich, daß Junius fürs erste im Bett bleiben müsse, und empfahl sich. Auf der Treppe sagte er noch einmal: »Ein höchst interessanter Fall! in der Tat, höchst interessant.« Junius hatte jetzt Zeit und Muße genug, darüber nachzusinnen, wie er sich im Traum bei der Fee benommen hatte, nämlich: wie ein Einfaltspinsel. Er schämte und ärgerte sich so, daß er selbst seiner Schwester, die liebevoll den ganzen Tag um ihn war, nichts anvertrauen mochte. Im Geist aber arbeitete er tausend Dinge aus, die er, wenn er die Fee wiedersehen würde, sagen und fragen wolle. Da schwirrte und wirrte es in seinem Hirn, ein Labyrinth von Gedanken, schmeichlerisch kosenden Wendungen und Worten der Innigkeit und des Entzückens, so daß er meinte, er müsse für ein Jahrhundert lang genug zu sprechen haben. Und doch hatte er das vorige Mal nicht eine einzige, arme Silbe hervorgebracht. – Eine unangenehme Störung und ein ironischer Kontrast gegen diese schöpferische Trunkenheit war für ihn das regelmäßig wiederkehrende, ekelhafte Medizineinnehmen, gegen das er sich vergebens sträubte, und die geräuschvolle und ungeschickte Besorglichkeit seiner Mutter. Endlich kam der Abend. Noch nicht lange war er entschlafen, als er sich leise und süß angehaucht fühlte. Noch ehe er die Augen auftat, erschrak er über das helle Licht, das durch seine Augenlider zuckte. Er öffnete sie und lag am Springquell, über ihn hingebeugt das lächelnde Antlitz der Fee. »Ei! du mußt mir auch nicht immer tändeln und träumen! (sprach sie, mit liebreichem Vorwurf). Sieh! ein Skorpion hat dir darüber den Fuß verwundet Aber wasch' ihn nur im Quell!« – Sie bot, sich aufrichtend, dem Junius die Hand. Er folgte ihr zum silberhellen Quellbecken und kaum hatte er mit der Sohle leicht die frische Oberfläche der Flut berührt – da schwand der Schmerz und sein Fuß war heil. »Nun komm und folge mir!« sprach sie und zog ihn an der Hand mit fort Da sah er die wandelnde Göttergestalt mit bewundernder Ehrfurcht an und sprach: »O sage, wer bist du, die du mich Armen so entzückst und tröstest über die traurige Leere meiner Tage?« – »Ich heiße Tausendblüt (sagte sie); doch falle nicht wieder ins Tändeln! Denk' an den Skorpion und folge mir frisch!« Und sie gingen durch den Hain und traten in eine Höhle. Das Licht des Tages verglimmte, aber aus den Wänden, aus weitklaffenden Schluchten und unter ihren Füßen aus tiefsten Gründen hinauf, flimmerten, sanftes Licht ausgießend, Metalladern in riesiger Verzweigung, wie ungeheure Weihnachtsbäume, und wie reife Beeren blitzten Edelsteine an ihren Ästen. Und das geschäftige Zwerggeschlecht der Kobolde tummelte sich um die Stämme und pflückte die Edelsteine und ward nicht müde. So gingen sie lange hin, da endete der Gang und sie standen draußen in der Nacht auf schroffem, schwindelnden Abhang. Im matten Lichte, das von Mond und Sternen durch wild zerrissenes, schwarzes Nachtgewölk niederbebte, bäumten sich dunkle Steinmassen empor, ein zerklüftetes Riesenmauerwerk. Da flog der goldne Vogel von Tausendblüts Schultern, wo er sich während des ganzen Weges träumend gewiegt hatte, empor, flatterte gegen die Nachtwolken an und sang hell in die dunkle Nacht sein schmetterndes Erweckungslied. Und siehe! im Osten rötete sich der Himmel, die Sonne stieg, lichtdonnernd, empor, die Wolken flohen, eine dunkle Riesenschar, von ihren goldnen Pfeilen verjagt, und leises Murmeln des Erwachens rollte überall umher, bis es wuchs zum Getöse des kräftigen Lebens. Und drüben auf schwarzer Klippe kämpfte eine hochragende, eisenumschiente Rittergestalt, mit schleudernder Gewandtheit und malmender Kraft, wild ringend gegen einen blauschuppigen, ungestalten Linddrachen. Das Haupt, vom sausenden Schwerthieb getrennt, flog herab, der unförmliche Leichnam wälzte sich donnernd und jäh abstürzend nach, und unten warf der Sieger klirrend das Rüstzeug ab, bis er nackt aus ihm hervorging, wie Tag aus Nacht, und er badete den blendenden Heldenleib im gährenden Blute des Drachen. Jetzt lagerte sich, daher schwebend, goldnes Gewölk um die Klippe, darauf Junius mit Tausendblüt stand. Sie trat mit dem Furchtsamen keck an den Rand und betrat die Wolke. Er folgte schwankend. Da faßte sie mit weichem Arme fest seinen Leib, er umschlang den ihren, und die Goldwolke trug, langsam ziehend, die Umschlungnen fort; vor ihnen flog schmetternd der goldne Vogel. Und überall ward hinter ihnen Nacht, vor ihnen Morgenröte und Tag, und unten bewegte und tummelte sich's von Helden-, Liebes- und Zauberleben. Hier stand ein gläserner Sarg, in ihm ruhte ein schönes, blasses Kind, und langnäsiges Zwerggezücht kauerte umher und jammerte. – Ein königlicher Strom zog in hellgrünen Wogen zwischen rebengeschmückten Bergen, Waldabhängen und schwarzen Felsabstürzen hindurch. Und wo das Tal sich weitete, prangten Städte mit ehrwürdigen Münstern und auf den Höhen ragten Burgen in kühnem Bau ins Blau des Himmels. Vom Söller schaute ein holdes Frauenbild und errötete; denn unten ging der erzumschiente Drachentöter vorüber, daß die Feste von seinem Tritt erdröhnte. Auf der weißen Stirn der Maid aber lauerte, durch alle Lieblichkeit hindurch, ein grimmes Dräuen. So jagten sich tausend und tausend Bilder. Sie schwebten über die Länder hinweg zum Meere. Auf den Wellen des Meeres saß, wie der Großtürk auf schwellenden Polstern, ein kleiner, nackter Junge mit blühendem Antlitz und blonden Locken, auf die ein scharlachrotes Spitzmützchen schief gedrückt war. Der hatte eine goldne Harfe und spielte und sang wundersame Lieder vom Frieden der Tiefe, und rings tauchten, bald hier, bald dort, silberlockige Wellengesichter empor, horchten und zerflossen wieder. Tief unten in goldnen Gründen aber schimmerten versunkne Städte und dumpf dröhnender Glockenklang wand sich von ihren Türmen empor, bis er oben das Wasser in stillen Kreisen bewegte und leis auf der Fläche verscholl. – Und drüben auf schwarzer Felswand des riesig aufragenden, wild zerklüfteten Hochgebirgs lag ein gefesselter Titane und ein Geier fraß ihm an der Leber. Aber er knirschte nicht, er stöhnte nicht, die erhabne Stirn nur trotzte in finstrem Ernste. Er hatte göttliches Licht von den Sternen geraubt und den Menschen eingeblasen. Deshalb zürnte ihm der hohe Gott, der, ebenso heiter als unbarmherzig, auf hohem Throne saß, und hatte ihn in ewige Fesseln geschlagen. Aber das göttliche Licht flammte und wehte fort durch das Erdengeschlecht und blickte aus tausend und tausend leuchtenden Menschenaugen hinauf zum Olymp, das düstre, irre Lichtzucken seiner Gewaltblitze durch reineren Glanz beschämend. Der Gott schüttelte, leis unwillig, die Locken, und der Himmel bebte und donnerte, aber das göttliche Licht im Menschen konnte er nicht zum Verflackern und Verlöschen zwingen. – Dort aber, aus würzigen Hainen, schoß eine Felssäule zum Himmel empor und oben saß in flammendem Neste, das weithin duftete, ein ergrauter Wundervogel und ließ sich still vom Feuer aufzehren. Und aus der Asche rang sich erneuertes jugendliches Leben, und in frischer Schwingenpracht stürmte der neu erstandene Phönix den Sternen zu. – Endlich lag unten, unabsehbar ausgedehnt, trocknes, brennendes, gelbrotes Wüstenland, daraus hoben sich breite Riesenbauten empor, nach oben in abenteuerlicher Spitze auslaufend. Ein ungeheures Steinbild saß da, hoch über einzeln zerstreute Palmen emporragend und stemmte die erstarrten Hände auf die Knie. Und als der goldne Vogel den Morgen emporsang und ein zitternder Schimmer der Morgenröte die kalte Stirn des Steinbildes traf, da tönte es aus der Brust der starren Gestalt fern und dumpf hervor, wie ein Akkord eines dunkel gefühlten, halbträumenden Hymnus. Aber das Bild war nicht lebendig. – Unten aber sank ein Wald von Zelten nieder, und kleine, braune, feurige Männer wickelten die Zelte zusammen, schwangen sich auf schlanke Rosse und jagten, ihre Behausungen auf dem Sattelknopf mit forttragend, von dannen mit Windeseile. – Tausendblüt senkte sich mit Junius herab und sie traten in die Dunkelheit einer ragenden Pyramide. Jahrtausend alte Gesichter grinsten, reihenweis und steif aufgestellt, braun und verzerrt aus der unheimlichen Dämmerung. Endlich ward es Nacht, der Vogel schwieg und stumm gingen sie weiter. Mattes Licht dämmerte wirr vor ihnen auf, dann leuchtete es mild durch grünes Gelaub, sie traten, die Zweige wegbiegend, aus einer Höhlenöffnung hervor und standen in Tausendblüts seligem Zauberhaine. Tausendblüt setzte sich mit Junius wieder an den Springquell, zog eine goldne Harfe unter Blumen hervor, reichte sie ihm dar und sprach: »Nun sing' auch etwas zum Dank!« Junius griff schnell eins aus den geschauten Bildern heraus und sang: Es sitzt auf dunkler Klippe Die lichte, gewaltige Fei; Sang strömt von süßer Lippe Der süßen Lorelei. Wohl alle können's hören, Doch viele fassen's nicht. »Laß, Knabe, dich nicht betören!« Die graue Klugheit spricht. Dort unten auf den Wellen, Arbeitend, rudern viel': Daß sie nur nicht zerschellen, Das ist ihr höchstes Ziel. Sie schließen den Sangeswonnen Verstockt die störrige Brust, Und meinen viel gewonnen, Entrannen sie der Lust. Das Lied von süßem Tone Vernehmen sie nimmermehr; Ihr Los ist ewige Frone Und Ruderarbeit schwer. Wem aber warmes Leben Und Mut im Busen wallt, Der hat sich ganz ergeben Der hohen Sangesgewalt. Der läßt das Ruder fallen, Und achtet's nicht für Not, Wenn von des Wirbels Wallen Verschlungen wird sein Boot. Nun ruht er, weich umkoset, Tief unten in süßem Traum; Des Lebens Müh' vertoset Im stillen Kristallenraum. Und in die Träume mengt sich Das Lied der Lorelei, Und Märchenwonne drängt sich In süßem Gewirr herbei. Wohl mir, daß mich mit Schäumen Der heilige Strom verschlang, Ich liege schon lang in Träumen Und horche dem Wundergesang. Kapitel XXI Junius hatte nie sonst eine Harfe zur Hand gehabt und doch fühlte er sich ihrer Klangeswelt Meister. Als er mit kräftigem Akkord geschlossen hatte, umschlang ihn Tausendblüt, küßte ihn und sprach: »Mein Vogel hat zugehört, der soll es mir den ganzen Tag vorsingen, bis du wiederkommst.« Darauf hielt sie ihm, wie scherzend, die weichen Hände über beide Augen. Als der leise Druck schwand, und er die Augen wieder öffnete – lag er in seinem Bett. Es war Tag und vor ihm stand seine Mutter mit Medizinflasche und Löffel. Junius fühlte sich ganz wohl und frisch, selbst sein gesengter Fuß war heil. Aber das versicherte er vergebens, er mußte im Bett bleiben und das ekle Gebräu einnehmen. Sein Zustand war ihm jedoch erleichtert durch das bedeutungsvolle Schattenspiel der Gestalten und Ereignisse der letzten Nacht, die nun vor seinem Gedächtnis vorbeizogen. Jetzt vertraute er seiner Schwester all sein Träumen an und schrieb ihr dies Lied auf, das er vor Tausendblüt gesungen hatte. Sie horchte und las mit sinnigem Ernst und begann noch denselben Tag einen seidnen Teppich zu sticken. Da saß auf rauher Klippe die lichte, grauenvoll reizende Feengestalt und unten, in leichtem Kahn, horchte ein Jüngling empor und hatte schon, von dem überwältigenden Bann ihres Liedes umsponnen, das Ruder sinken lassen; leichte Strudelwellen spielten schon mit dem Kahne und spülten ihn hin zum verschlingenden Trichter. Der Jüngling aber war; als die Stickerei fertig wurde, ihr Bruder Junius, wie er leibte und lebte. Und als sie ihr fertiges Werk beschaute, stahl sich eine Träne durch ihre Wimper und sank auf das Bild herab. Junius schwelgte nun, Nacht für Nacht, im lebendigen Anschaun der heiligen Ursagenwelt; sein Gemüt ward reicher und tiefer, sein Schaffen kühner und bedeutungsvoller. Für manche tiefe Ahnung, die in den geheimsten Gründen seiner Brust geschlummert hatte, fand er nun mit eins den Schlüssel und zugleich die schlagende Bezeichnung. A. d. T. d. O. H. Was für ein handgreifliches und doch von so wenigen bemerktes Wunder umgibt uns in der Sagenwelt . Schaut in die ältesten Bücher der voneinander entlegensten Volksstämme, die, seit es Überlieferung gibt, getrennt waren, horcht auf die dumpfe Erzählung der Großmutter zu ihren Enkeln in den Eisregionen Kamtschatkas und unter dem Äquator – und in allen findet ihr einen überraschenden, aber unabweisbaren Zusammenhang , eine geheimnisvolle Symmetrie, Übereinstimmung und Einheit, Alles verwebt und verschlingt sich und alles wird zuletzt ein Ganzes , das erhabenste, tiefste, gedankenreichste Gedicht , zu dem Gott selbst die Begeisterung einblies und an dem die ganze Menschheit, von Geschlecht zu Geschlecht, nach ewigen Urtypen fortgedichtet hat, – Denselben neckenden und wohltuenden Hauskobold, dem der Irländer täglich seinen Milchnapf hinstellt, damit er nicht grolle und Unglück ins Haus bringe, findet ihr unter den Volksstämmen Afrikas wieder, und auch dort bekommt er täglich seinen Milchtopf. Rostem aus Iran kämpft mit seinem Sohne, wie Hildebrand. Und in den heiligen Mythen der Mexikaner weht ein Hauch altindischen Gottahnens, blitzt uns ein Strahl des Evangeliums der ewigen, menschwerdenden, sich hinopfernden Liebe entgegen. – Was ist das? – Laßt die Toren sich abmühn, es auf dürrem, historischen Wege als erklärbar herauszugrübeln. Bei aller Gewaltsamkeit ungereimter Voraussetzungen gelangen sie doch zu keiner Lösung. Nein! denkt an jene heilige Umacht, in deren dämmerndem Schoß schlummernd, die Menschheit Kraft und Mark einatmete und vom Kind zum Jüngling erstarkte. Da wanderten tausend ewige, leuchtende Sterne auf und ab, das waren alles ewige, ursprüngliche, unverschleierte Gottgedanken . Als die Sterne schon bleicher wurden, ihr Schimmer aber noch frisch im Gedächtnis war, da wollte die Menschheit ihr Sein und Bedeuten im Lallen der ersten Sprachlaute festhalten und wiedergeben. Aber sie konnte für das Unaussprechliche nur Bild und Symbol finden, denn es gab noch keinen Aristoteles und Hegel, um für den lebendigen Leib des Gottgedankens ein kunstreiches, mehr oder weniger anatomisch genaues Totengeripp zusammenzubauen. Und die Menschheit kam zu sich, erwachte und ward sich ihrer bewußt bis zum Ekel, bis ins kleinste Zucken der Fingerspitze hinein. Da ward es unerquicklicher, werkeltätiger Tag und die heiligen Sterne waren verschwunden. Sie stehn noch am Himmel; aber man sieht sie nicht beim prahlenden Lichte des Tages. Aber jenes erste Gelall ist nicht ganz verloren gegangen. Es ward, freilich verzerrt und verwischt, fortgepflanzt von Buch zu Buch, von Mund zu Mund. Und die Sage liegt jetzt vor dir da, von der Menge vergessen und unverstanden, vereinsamt und verödet unter altem, zertrümmertem Gemäuer, wie ein stiller, tiefer, dunkler Brunnen. Nahe dich dem Brunnen und schaue mit Ernst und Beharrlichkeit hinab in seinen schwarzen Schoß, alles bunte Leben umher vergessend. Und sieh'! aus der engen Nacht blicken zu dir, aus tiefster Tiefe, empor die vergeßnen heiligen Sterne, die das Tageslicht oben an der Wölbung überschreit und verhüllt, die aber die schwarze Tiefe treu widerspiegelt. Einen Augenblick lang schaust du die uralten, ersten Gottgedanken und denkst sie nach. Nun gehe hin und siehe, ob du ins Gewebe der Sprache des Tages, das zu nichts mehr dient, als tausendfach verrwirrtes Bei-, Neben- und Tändelwerk zu verbildlichen, einen Faden zu wirken verstehst, der ein lebendiger Lichtstrahl ist aus jener heiligen Urnacht der Menschheit, da Gott selbst noch zu ihr sprach. Kapitel XXII Endlich erklärte der Arzt selbst, da es zu augenscheinlich war, den Junius für wiederhergestellt. Aber wie ward ihm, als er das erstemal wieder in den zwölfeckigen Turm trat, um an der Seite seines Vaters Posten einzubuchen! Was ihm vor kurzem noch lächerlich erschienen war – das Automatentreiben der zwölf Federmaschinen, erfüllte ihn jetzt mit unheimlichem Entsetzen. Zu arbeiten vermochte er gar nicht; ihm blieb das einzige Rettungsmittel, sich träumerisch der Zauberwelt seiner Nächte an die Brust zu werfen. Sein beschäftigter Vater merkte erst nichts; plötzlich aber fühlte sich Junius hart gerüttelt und allmählich kam er aus seiner Vertiefung zu sicfc. Eine derbe Ohrfeige brachte sein Selbstbewußtsein in noch rascheren Galopp, und vor sich sah er den dürren Zeigefinger seines Vaters auf sein Buch weisend und vernahm dessen schneidende Stimme: »Was ist das, Schlingel?« Jetzt erst fiel ihm ein, was für einen dummen Streich er gemacht hatte. Er hatte nämlich (o unerhört! denke dir's, praktischer Leser! denke es ganz aus in all seiner Furchtbarkeit!) ins Kassabuch, schreibe: Kassabuch , folgendes geschrieben: »Ich bin oft wohl geritten Zur Jagd und zum Turnei; Geritten und gestritten: Ob das was Rechts auch sei?« »Jungfrauen zart, gar vielen, Sang ich von Liebestausch; Es war ein eitles Spielen, Ein schnellvergeßner Rausch.« »Wo ist die ew'ge Quelle, Die allen Durst mir stillt? Wo ist die heil'ge Welle, Draus junges Leben schwillt?« – So spricht er von Tannhausen, Gibt seinem Pferd den Sporn, Da, durch der Wipfel Brausen, Ertönt ein sanftes Horn. Da springt er aus dem Bügel Und horcht und sinnt dazu, Da läßt er gehn die Zügel: »Hier ruh' und grase du?« Leis zieht das Horn ihn weiter In grünen Berges Schacht; Da drinnen wölbt sich heiter Ein Himmel aus der Nacht. Da weht's von Blütenzweigen Wie süßer Harfenton; Goldwölkchen düftig steigen Rings um den Sonnenthron. Da droben schlummert wonnig Ein Weib, so sah er's nie; Goldflechten fallen sonnig Herunter bis zum Knie. Er hat sich aufgeschwungen, Trinkt süßen Odem ein; Da hat ihn warm durchdrungen Ein volles, frohes Sein. Frau Venus lächelt milde, Schlägt auf die Augen leis; Der Ritter faßt sie wilde: »Wohl mir! daß ich es weiß!« »Du bist es, Schaumgeborne! Dein leiser Odem rührt Das Erdentraumverlorne, Daß es sich göttlich spürt.« »Du bist die ew'ge Schöne, Drin alles Leben ruht; Hörst du auf meine Töne, Dann ist mein Singen gut.« – Er hat sie süß umfangen, Sie duldet Kuß auf Kuß; Wie alles da erprangen Und rings erklingen muß! Schau! Schwäne ziehn zur Ferne, Sterbend in Liedestreu, Und tauchen dann als Sterne Empor am Himmel neu. Und holde Nymphen baden Sich ewig frisch und jung, Begeisterte Mänaden In wildem Gliederschwung. Mit Schall und Zymbelschlagen Folgen dem Sieger keck; Zwei Pardel ziehn den Wagen, Den Feigen ist's ein Schreck. Es blitzt, vom Lichte trunken, Des Gottes Auge weit, Daß tot ist hingesunken, Was nicht von Kraft gefeit. Nichts Halbes darf es geben; Auf was sein Blick gedroht, Wacht auf zu Götterleben, Oder sinkt hin in Tod. Wo freie Geistesflammen Verschüttet sind vom Wust – Er brennt den Wust zusammen, Die Flamme loht mit Lust. Auf daß ein göttlich Feuer Befreit die ganze Welt, Die fürder mehr kein scheuer Tyrann gebunden hält. – Tannhäuser schaut hernieder, Da wächst ihm Geist und Sinn; Er schmiegt sich an die Glieder Der süßen Königin. Doch kann er nicht bezwingen Des Glückes Überdrang – Er hört Betglocken klingen Und heis'ren Pfaffensang. »Christ, dich hab' ich vergessen Und deinen bittren Tod! Mein Maß ist vollgemessen Und die Verdammnis droht.« »Hier schwelgt' ich ohne Scheuen In eitel Lust und Scherz; Jetzt will ich's heiß bereuen Und opfern dir mein Herz.« – Er ließ von dem Umfangen; Frau Venus hat geweint. Er ist hervorgegangen Und hat sich frei gemeint. Knieend vorm heil'gen Vater, Ein niedrer Pilgersmann, Um Trost und Lösung bat er Der sieht ihn finster an. »So lange, bis dein Stecken Nicht frische Sprossen treibt, Muß dessen Fluch dich decken, Den sie für dich entleibt.« »So schwer ist dein Verschulden, Bei mir ist kein Verzeihn; Durch alle Himmelshulden Wirst du nicht wieder rein.« – Tannhäuser zieht in Buße Weithin, bergab, bergauf, An jedes Berges Fuße Pflanzt er den Stecken auf. Am heil'gen Grab er endet, Der Stecken sprosset nicht, Bis er zur Heimat wendet Sein kummervoll Gesicht. Er ruht im alten Walde Und sinnt so wehmutvoll, Als lockend ihm gar balde Des Hornes Ruf erscholl. Da zieht es ihn gewaltsam Fort in den Berg hinein, Da folgt er unaufhaltsam Bis in den goldnen Schein. Dort schläft die Schaumgeborne Hoch auf dem Sonnenthron; Auf schwingt sich der Verlorne Und er umschlingt sie schon. »Hab' ich Euch wieder funden? (Er pflanzt den Stecken hin) Hier werd' ich noch gesunden Und fühlen, daß ich bin.« – In seligstem Umschließen, Er küßt und kost sie wach; Da muß der Stecken sprießen, Dran manche Knospe brach. Da hat er sich verzweiget Als Baum zum Himmel gar, Und seine Krone neiget Sich übers sel'ge Paar. Es schaut die ew'ge Liebe Mild durch das Laub daher. Wo der Tännhäuser bliebe, Erfuhr man nimmermehr. Kapitel XXIII. Nach der erwähnten derben Ohrfeige befahl Herr Habichs dem Junius streng und kurz, sogleich das Bureau zu verlassen. Er gehorchte noch ganz verdutzt. Als sein Vater zur gewöhnlichen Zeit aus dem Turme kam, erwartete Junius ein neues Ungewitter und war darauf ganz gefaßt. Aber er irrte sich, und war darum um so weniger gefaßt auf das, was wirklich erfolgte. Herr Habichs nämlich nahm ihn ruhig beiseit und entwickelte ihm, in wohlgesetzter, von seinem Standpunkt aus höchst verständiger Rede, die Torheit seines Tuns, oder vielmehr seines Nichtstuns. Wo das mit ihm hinaussolle? Was er im Leben zu leisten gedenke, wenn er nicht endlich anfange ? Er könne sich bei solchem Treiben unmöglich selbst achten und noch weniger auf die Achtung anderer Anspruch machen. Arbeit sei der Kern des Lebens, und die freiwillig sich selbst auferlegte, mit Beharrlichkeit und Verstand durchgesetzte Arbeit unterscheide den Menschen vom Vieh. Ohne Mühe und Entsagung komme kein Mensch durch und müßige Liebhabereien müsse jeder in seiner Jugend aufopfern. So habe er (Habichs) selbst in der Jugend die Leidenschaft gehabt, allerlei zierliche Papparbeit zu verfertigen, und nur mit äußerster Aufopferung und Anstrengung sie niedergekämpft, einsehend, daß nichts daraus erwüchse, als Vertändelung der besser anzuwendenden Zeit. So gut, wie er das Pappen gelassen hätte, könne Junius auch die Poesie lassen. Ein sogenannter großer Dichter würde er doch nicht, denn dazu müsse man Lateinisch und Griechisch können; und damit noch anzufangen, sei für ihn schon zu spät. Ob er nun ewig ohne Schwerpunkt zwischen zwei Gegensätzen schwanken wolle, zu keinem von beiden recht kommend? Denn als Steckenpferd auch könne er die Poesie nicht forttreiben, er müsse ja selbst aus dem heutigen Vorfall einsehen, daß sie ihn befinge und zu ernstem Tun untauglich mache. Es gelte endlich einmal, sich als werdenden Mann zu fühlen und einen Entschluß zu fassen. Er müsse, koste es ihm, was es wolle, die Poesie ein für allemal von sich werfen, um das ganz zu sein, wozu ihn das Geschick nun einmal bestimmt habe, nämlich ein Geschäftsmann.– Und in Junius wallten bei diesen trivalen Sätzen Trotz, Spott, edler Unwille und das Gefühl geistiger und sittlicher Überlegenheit siedend auf? – Nein, lieber psychologischer Leser! Junius ließ sich verblüffen und übertölpeln. Daß sein Vater sich selbst in der Rede die Rolle des Geschicks anmaßte, indem es ja nur von ihm abhing, ihn studieren zu lassen, wenn seine eigensinnige Beschränktheit es geduldet hätte, daß es plump lächerlich sei, die Poesie mit Papparbeit mit feierlichstem Ernste zu vergleichen – das und noch viel mehr fiel dem Junius durchaus nicht ein. Er räumte erst ein: der Vater habe, in seiner Art, so ganz uhrecht nicht; zuletzt: er habe ganz und gar recht . Demut, Scham, fast Selbstverachtung kam über ihn. Er versprach und beschloß ehrlich, sich zu bessern . So geht es jedem, der, auch aufs höchste Streben sinnend, nicht sattelfest ist. Stellt ihm einen beschränkten Mann gegenüber, den er in jeder Hinsicht sonst übersieht und unter sich sieht, aber einen Mann, das heißt: einen, der da weiß, was er will, und es borniert, aber fest und sicher, ihm vor- und einzureden weiß – und vor den flachsten Alltagsgründen wird sich der herabgezupfte Halbgott beugen, sich schwach und im Unrecht fühlen; und dies um so mehr, wenn der andre (wie hier von Habichs geschah) mit der Schlauheit, die der Dummheit so sehr zu Gebote steht, auf den Standpunkt des Genialen (den er nie begriffen hat) verstehend einzugehn sich anstellt, doch so, als sei er längst darüber hinaus und stehe nun durch Lebenserfahrung über demselben. Natürlich dauert die Täuschung und das sich stumme Unterwerfen nur so lange, bis der schaffende Geist aus den engherzigen Schranken wieder hervorbricht und in kühnem Fluge eine Gegenrede ersinnt, von der jede einzelne Silbe das ganze Gebäude der philisterhaften Anrede zu zerschmettern vermöchte. Aber dann ist der Moment in der Regel verpaßt und das Genie schämt und ärgert sich, wie es so klein vor dem Krämer dagestanden hat. – Bei Junius kam die Jugend und das väterliche Übergewicht noch dazu, so daß seine Selbsttäuschung länger dauerte. Die reiche schwellende Welt seiner tiefsten Anschauungen war aus ihm herausgepredigt und die Erinnerung daran widerte ihn an. Es war eine unaussprechliche Leere in ihm, wie nach einem wüsten Rausch – kurz (um mich einmal burschikos auszudrücken) er hatte den moralischen Katzenjammer. Daß sein Streben, obwohl er bisher nicht vermocht hatte, sich aus wollüstigen Träumen zu gediegener Tatkraft emporzuraffen, dennoch, auch im Zustande des müßigen Schlummers, immer noch unendlich reiner und edler sei, als das kahle, selbstsüchtige Rechnungstreiben seines Vaters, daß er den Zumutungen desselben mit höherer Berechtigung dreist entgegentreten durfte – das hatte er rein vergessen. Junius ging also in sich und beschloß, sich im Traum mit seiner Geliebten Tausendblüt nicht mehr einzulassen; denn von ihr, das wußte er, stammte seine ganze Verirrung. Aber der Traum nahte ihm doch in der Nacht. Er wandelte in den bekannten Blütenhainen, nur der rosige Schimmer des schönen ewigen Morgens war gedämpft zu einem bleigrauen Zwielicht, das, wie mit fühlbarem Gewicht, auf allen, sonst so freien Wipfeln ruhte. Von den Blättern tropften kalte Tautränen, die dem unten Wandelnden das Mark durchschauerten. Hier und da schlüpfte ein klagender Ton hervor und konnte nicht zur Melodie werden. Und fern am traurig murmelnden Springquell lag Tausendblüt, die Gestalt halb unkenntlich in grauender Dämmerung, und weinte. Einen Blick warf sie nach ihm – da schien hie und da ein goldner Strahl sich durchs Laub zu stehlen und das klagende Rauschen der Wipfel wollte zu Musik werden. Junius aber wandte sich, stark , wie er wähnte, rasch ab und floh vor der Verlockung. Da zerflossen rings die Bäume und Stauden, kräuselten sich dampfähnlich empor, und jagten oben als schwarze Nachtwolken über den Himmel. Hervor brach ein grelles, glutrotes Licht und trieb fegend die Wolken hinweg; ein reiner, starrer, heißer Himmel, wie aus dunkelblau schimmerndem Stahl gegossen, baute sich wolkenlos auf, und ringsum, das ängstlich suchende Auge bis ins Unendliche hinfolternd, dehnte sich dunkelgelbe Sandwüste, ohne Baum, ohne Strauch, ohne Hälmchen, in furchtbarer Einförmigkeit. Und Junius war von unsichtbarer Gewalt getrieben, im sengenden Sande fortzuwaten, gewaltig arbeitend, heiß atmend, ohne Ziel und Zweck und ohne Labung. So ging er hin, von bleierner Mattigkeit wie zerquetscht, und doch vorwärts gepeitscht; so ging er Stunden, tagelang, und ringsum blieb es, wie's war. Kein Hügelchen, kein abgemorschter Stamm war da, zum Merkzeichen, daß er den Ort verändre; so daß er zuletzt in den Wahn verfiel, immerfort, obgleich gewaltig schreitend, auf ein und demselben Punkte zu bleiben. Da kam ihm entgegen, mit unheimlich langen Schritten, eine verschrumpfte, kümmerliche, grinsende Judengestalt, ein schwerkeuchendes, hochbeladnes Kamel vor sich hintreibend. Der rief ihm, krächzend wie in Schadenfreude, im fliegenden Vorbeischreiten zu: »Gelt? Ist ein angenehmer Spaziergang, das! So geh' ich schon seit achtzehnhundert Jahren. Hab' auch das Göttliche von mir gestoßen, wie du; nun soll ich mich dafür ennuyieren.« Damit war der Jude schon vorbei; aber von fern wandte er sich um, deutete mit der Peitsche aufs Kamel und schrie: »Das ist dein Vater; dem wird's auch sauer! Aber er kriegt das Gold, das er schleppt, doch nicht zu fressen. – Vielleicht treffen wir uns wieder; dann wird das Vieh hier wohl zu Tode gehetzt sein und ich lege dir den Zaum an.« – Dabei lachte er gellend auf, gab dem Kamel einen wütenden Peitschenhieb und war in gespenstigen Riesenschritten verschwunden. Und der Peitschenhieb durchzuckte Junius, daß er wild zusammenfuhr. Er erwachte in seinem Bett und sprang auf. Eine Stunde hernach saß er im zwölfeckigen Turm und arbeitete mit Eifer. So ging es jetzt Tag für Tag und Nacht für Nacht in einförmiger Qual fort. Der Blütenhain und Tausendblüts Bild wurden im Traum ferner und dunkler; endlich verschwanden sie ganz; nur die Wüstenwanderung blieb ewig dieselbe, immer kam der Jude mit dem Kamel wieder vorbei und schrie dieselben Worte, immer fuhr Junius auf, vom gellenden Peitschenhiebe geweckt. Eine Zeitlang setzte er dem Gewicht seines Elends sträubenden Eigensinn entgegen, den er für Charakterstärke hielt. Aber es glückte ihm nicht lange, sich selbst zu betrügen, und eines Abends, da das Gefühl seiner Verlassenheit, des Verscherzens alles Echten und Schönen überwältigend über ihn kam, schrieb er unter Tränen folgende Verse: Aus eines hohen Königs Krön' Fiel in den Kot ein Edelstein; Er hat es längst vergessen schon, Daß er einst gab so lichten Schein. – Ich weiß: ich hört' einst einen Sang, Und nach dem tanzte Welt und Herz; Jetzt sinn' ich lang' und dumpf und bang, Und find' es nicht. Das ist mein Schmerz. Ich wüßt' einmal ein hohes Wort, Das Gott beim Welterschaffen sprach; Jetzt forsch' ich in der Sprache Hort Und such' umsonst dem Worte nach. Ich war einmal ein heller Stern. Durch Sonnen schlang sich meine Bahn; Das war ein Traum; doch träumt' ich gern. Nun will er nimmer mich umfahn. Jetzt geh' ich auf zwei Beinen hin, Könnt' eben auch auf vieren gehn; Auf Futter richt' ich meinen Sinn Und bin wie andre anzusehn. Ich wollt' ich wär' ein weißer Schwan Und schwämm hinein ins Abendrot, Und sänge leis' auf meiner Bahn, Und sänge laut und säng' mich tot. Vielleicht, wenn ich mich selbst verlor, Dann fänd' ich wieder, was mir fehlt; Vielleicht taucht dort ein Stern empor, Wenn hier ein Herz sich totgequält. Malwina überraschte ihn dabei. Sie hatte längst gesehen, wie sich Junius vor ihr in eigensinnigem, unzugänglichen Schmerz verschloß. Jetzt drang sie mit rührenden Bitten in ihn, ihr alles zu sagen, und er tat es. Da bat sie ihn innigst, von seinem unfruchtbaren Treiben abzulassen und sich ganz der beseligenden Fülle seiner Träume wieder hinzugeben. »Was können sie dir anhaben? (sprach sie) du bist einmal so und hast recht. – Und bitte noch morgen früh den Vater, daß er dich gehn lasse, den Onkel Holofernes aufzusuchen und bei ihm zu bleiben. Sag' dem Vater nur klar und eindringlich, wie es dir ganz unmöglich ist, nach seinem Sinne zu leben und zu wirken und wie du dabei zugrunde gehen mußt. Ich werde mit für dich bitten und der Vater wird sich erweichen lassen.« – (Es war sonderbar, daß das Bild des Onkels Holofernes, obgleich er in Malwinas Gegenwart fast nichts getan hatte, als den Narren spielen, in ihrer Erinnerung dennoch immer in ernster Ehrfurcht und Vertrauen erzwingender Gestalt dastand. Daher hoffte sie alles von ihm, wenn Junius bei ihm leben dürfe.) Junius schüttelte stumm verneinend das Haupt, denn er hoffte nicht, seinen Vater bewegen zu können. »Doch will ich es versuchen (sagte er mutlos). Aber du, Malwina, – was wirst du hier tun ohne mich?« – Junius fühlte das Zentnergewicht dieser Frage nicht, denn er wußte nicht, wie unendlich ihn seine Schwester liebte, wie all ihr bestes Sinnen und Denken nur eine stille Blume war, die im Sonnenlicht seines Geistes wuchs, erblühte und sich entfaltete, die ohne ihn verkommen müsse. Alles das fühlte Malwina tief und schmerzlich; sie hatte es vorher schon gefühlt, und doch, ihm zu Lieb', den Vorschlag seiner Entfernung gemacht. Jetzt nahm sie sich zusammen und sagte mit hastiger Heiterkeit: »Was denkst du an mich? Hier gilt es, daß du dich selbst wiederfindest. Und ich kann ja hier an dich denken den ganzen Tag, und wenn ich nur weiß, daß dir es gut geht, dann ist ja alles gut!« – »Ich will's versuchen (sagte Junius wieder), vielleicht läßt sich der Vater bewegen. (Denn er begann lebhafter und lebhafter zu wünschen , mithin die Sache immer möglicher zu finden.) Aber Tausendblüt finde ich doch niemals wieder (fuhr er trübe fort). Ich habe ihr den Rücken gewandt und sie für immer verloren.« – Da lächelte Malwina und sprach: »Wie? Sie hat dich lieb , und du meinst sie verloren zu haben? Weißt du denn gar nichts, Junius? Willst du denn gar nichts verstehn? Meinst du: Liebe ließe sich abweisen? O du Tor! Tausendblüt wird sich wieder finden lassen, oder ich kenne mich selbst nicht.« – »Ob sie auch wirklich ist? (fuhr Junius sinnend fort). Ob sie mit ihrem Zauberhaine wirklich mehr ist, als ein ganz gewöhnlicher Traum, den jeder andre auch träumen könnte?« – »Und ist das bloßer Traum , das ein neues frisches Leben zu schenken weiß? (sprach Malwina) Ihr Kleingläubigen! müßt ihr immer Wunder und Zeichen sehn? Wohlan! weil du doch schwach genug bist, es zu bedürfen, so bitte deine holde Fee, wenn du sie wiedersiehst, sie möge dir irgend ein geringes, süßes Angedenken mitgeben aus ihrem Zauberreiche, auf daß es dich in diesem armen Tagesleben tröste und – überzeuge.« – »O! warum dachte ich daran nicht früher? (rief Junius überrascht) Ja gewiß, das will ich, und dir bring' ich auch ein Zeichen mit. Sei's nur ein einzig Blütenblatt von dort – und Friede wird in deine Seele kommen, wenn du es anschaust.« – Junius entschlief am Abend in schönen Empfindungen. Aber der Wüstentraum kam hartnäckig wieder. Junius aber wanderte nicht weit, da übermannte ihn Mattigkeit und Sehnsucht; er warf sich nieder, drückte das Antlitz in den heißen Sand und weinte. Plötzlich fühlte er ein kühleres Wehen ums Haupt, und eine bekannte Stimme flüsterte: »Weine doch nicht! es ist ja alles wieder gut!« Rasch blickte er auf und lag in Tausendblüts Armen am hellen Springquell. Heute hatte für ihn alles, nach so langer Entbehrung, noch eine mildere, unaussprechlichere Herrlichkeit. Und er wandelte wieder mit Tausendblüt im Zauberlabyrinth der Sage. Ehe er von ihr schied, bat er sie um ein Zeichen, es mitzunehmen hinab in das Leben. »Das hättest du früher bitten sollen (sprach sie); jetzt wird's vielleicht nur Unheil bringen, denn es ist zu spät. Doch nimm hin!« – Si« brach einen Rosenzweig mit zwei halbaufgeblühten Knospen ab und reichte ihn dem Junius. Als er erwachte, wie süß war sein Staunen! Er hielt den Rosenzweig wirklich in der Hand. Bald suchte er seine Schwester auf, zeigte ihr das Zeichen in freudigem Triumphe, brach sogleich schweigend den einen Stengel mit der Knospe ab und steckte ihn ihr an die Brust. Aber noch vor Anfang der Bureauzeit mußte heut der Versuch gemacht werden, Herrn Habichs zu bewegen, daß er Junius gehn lasse. Junius, in seinem wiedergefundenen Glücke froh, hatte schon große Lust, die Sache noch länger aufzuschieben, weil er, gerade heut, sich vor einer unangenehmen endlichen Entscheidung fürchtete. Die festere Malwina aber bestand darauf. Den Erfolg weiß der Leser voraus, nämlich: daß Habichs, trotz aller Bitten, Vorstellungen, Bestürmungen und Tränen des Bruders und der Schwester durchaus nichts davon wissen wollte. Die letztere namentlich nannte er, mit ungemeiner Verachtung, ein dummes Ding, das von dergleichen gar nichts verstehe, und sich um ihren Stickrahmen kümmern solle. Zu Junius aber sagte er: er habe gemeint, er sei auf der Besserung begriffen und habe Vernunft angenommen, und es werde nun alles gut gehn; er sehe aber jetzt, daß er sich geirrt habe und müsse nun zu ernsteren Maßregeln schreiten. Es gebe schon noch Mittel, den Trotz eines solchen Herrchens zu brechen, und sei es, wenn nichts andres mehr fruchte, durch Hunger und einsamen Arrest. Dabei packte er ihn heftig und klemmend beim Arme und zerrte ihn mit sich in den zwölfeckigen Turm, und Junius saß wieder auf seinem ledernen Esel, die Feder in der Hand. Er hatte den einen Rosenstengel mitgenommen, und steckte ihn, um die Hand frei zu haben, in die Drahtgitterwand ihm zur Seite. Dann richtete er den Blick ins Buch und suchte durch eifriges Arbeiten seinen Schmerz zu betäuben. Durch einen krähenden Ruf seines Vaters: »Was zum Henker ist das?!« wurde er aus der Betäubung geweckt, sah auf, und siehe da! – die zwölf Schreiber, ganz aus ihrer regulären Schlachtordnung gerissen, saßen da in den verschiedensten Stellungen des Erschreckens und stierten, mit wildem und wirrem Entsetzen, an den Drahtgitterwänden umher, bald hierhin, bald dorthin. Der Grund aber war folgender. Kaum hatte Junius den Rosenstengel in die Drahtgitterwand gesteckt, als er langsam begann, frische Sprossen zu treiben nach allen Seiten. Die wuchsen und verzweigten sich hierhin und dorthin, und leise sich verbreitend, umrankten und durchwebten Sie, in sichtlichem Wachsen, nach und nach alle Gitterwände des Turms, bis alle von frischem, üppigen Grün, süßduftenden, glühend aufgequollnen Rosen und lauschenden Knospen ganz überdeckt waren. Man denke sich die zwölf nüchternen Schreiberpergamentgesichter, jedes von einer Rosenzelle überwölbt, von der aus ein leiser Rosenschimmer über die blassen und aschgrauen Wangen floß. Welch ein frisches, schwellendes Leben, welch lebendige Frühlingspracht plötzlich statt der ungeheuren öden Leere des Turms! Endlich machte bei Herrn Habichs der Schreck dem Zorne Raum. »Was ist das? Was sind das für Narrheiten?« rief er. Er erinnerte sich jetzt an den, am Morgen zufällig von ihm bemerkten, Rosenzweig in der Hand des Junius. »Treibt Er auch schon Taschenspielerstreiche? (schnauzte er Junius an) Der treffliche Herr Onkel Holofernes hat Ihm wohl dergleichen Narrheiten beigebracht? Gleich mein Bureau wieder gesäubert von dem Unrat! Auf der Stelle! Dumme Störung, das!« – Aber Junius begann jetzt, von Begeisterung hingerissen: »Es möchte wohl weder in meiner, noch in Ihrer Macht stehen, diesen Unrat, wie Sie es zu nennen belieben, wegzuschaffen, denn ....« Und hier erzählte er ihm die ganze Geschichte von der Fee Tausendblüt, und daß der Sproß aus ihrem Zauberhaine mitgebracht sei. Habichs hörte, mit weit offnem Munde, zu; ebenso die Schreiber. Als Junius aber geendet hatte und nun meinte, alle Heiden bekehrt zu haben – hatte er plötzlich wieder eine tüchtige, im Ohr lang nachklingende Maulschelle weg. »Unsinn und kein Ende! Wenn Er selbst verrückt ist, braucht Er wenigstens nicht noch andre verrückt machen zu wollen. – Angepackt, meine Herren! (krähte er dann den Schreibern zu) Reißen Sie das Unkraut ab, daß wir's hinauswerfen und wieder Ordnung ins Bureau bringen!« – Da fuhren alle zwölf, und Herr Habichs selbst an der Spitze, auf, wie von einem Dämon gepeitscht, und rannten mit Wut an die Drahtwände, und sprangen daran herum und daran hinauf, wie tückische Affen, und zerrten und rissen und rauften. Aber es half nichts, kein Blättchen fiel zur Erde; und, wo sie wild hineingepackt hatten, da sproßte, keimte, blühte und glühte es in neuer doppelter Fülle. Die Dornen aber taten ihre Pflicht. Alle ihre Hände waren wild zerrissen und zerfetzt; aber der grimme Schmerz machte sie toller und toller. Aus ihren Augen zuckte, unheimlich, dunkel glühend, die Begeisterung des Wahnsinns, und drauf und dran ging's, in verstärkter nutzloser Wut. So rasten und rauften sie fort, daß es Junius angst und bange ward, bis die Raserei der kraftlosesten Erschöpfung wich, und alle, tiefatmend und zusammengeknickt, mit blutrünstigen Händen und Gesichtern, auf ihren Ledereseln mehr hingen als saßen. Aber die Rosenpracht war schwellend gewachsen und hatte den alten Turm zu einem kleinen Paradiese umgeschmückt. »Mein Gott! (sprach jetzt Junius lächelnd) Was tun Euch denn die stillen sanften Rosen? Läßt sich's zwischen ihnen nicht ebensogut arbeiten, wie zwischen kahlen, schwarzen Drahtgittern?« – Herr Habichs hätte dem Junius für diese Worte gern wieder eine plötzliche Ohrfeige verabreicht; aber er war zu matt und die Hand schmerzte ihn selbst zu sehr. Er lachte bloß, in heisrer Krähe, boshaft und bitter vor sich hin. Am Nachmittage ließ Habichs seine Schreiber ruhen, damit sie ihre Hände bis zu morgen ausheilten, und bestellte dafür Arbeiter mit Sägen, Beilen und Gartenscheren, um den Turm zu reinigen, damit es wieder »ordentlich und vernünftig« darin aussehe. Aber wo sie sägten, hieben und schnitten – da fiel nichts herab, sondern neue Sprossen schössen hervor, rankten sich hinüber und herüber, und neue Rosenpracht quoll auf. Nachdem sie sich so einige Stunden abgearbeitet und geäschert hatten und das Rosenlabyrinth nur immer dichter, voller und wirrer wurde, gebot ihnen Habichs, der scheltend und aufmunternd, knirschend und schäumend die Arbeit leitete, endlich Halt, zahlte ihnen, mit zitternder Hand, ihren Arbeitslohn, und ließ sie nach Hause gehn, wo ihnen ihr Schoppen Wein, bei dem sie über des Alten Narrheit lachten, ebensogut mundete, als wenn das Abhauen und Wegräumen wirklich gelungen wäre. Herr Habichs war nun ernst, bleich und stumm. Ein ungeheurer Kummer lag, wie ein Alp, pressend auf seiner Brust. Seinen Sohn mied er mit furchtsamer Scheu. Malwina aber nahm ihr Rosenzweiglein mit in ihr Schlafgemach und steckte es, zu ihren Häupten, ans Bett. Und es wuchs, sproßte und verschlang sich, und tausend Rosen blühten daran auf. Träumerisch schaute sie Blüt' und Blatt über ihrem Haupte nicken und entschlief. Und alle Rosen wurden im Traum zu süßen Engelsgesichtem, die sangen ihr selige Lieder ins Ohr und ins Herz. Aber wenn sie tiefer horchte, waren es alles Lieder ihres Bruders Junius. Sie schwebte leicht und frei über wonnige Zaubergefilde hin, vom singenden Engelchor begleitet, bis sie am Morgen unter der schimmernden Dämmerung der Rosenlaube lächelnd erwachte. – Junius aber lag in der Nacht am Springquell, ihm zur Seite Tausendblüt. Und er erzählte ihr alles, wie es geschehen war. Als er den Namen seines Onkels Holofernes nannte, lächelte Tausendblüt und sprach: »O ich kenne ihn! ich hatte ihn einst lieb und wollte ihn in meinen Zauberhain führen. Aber der Bücherstaub und der Puder in seinem Haar belasteten ihn, er konnte dem schwebenden Fluge nicht folgen. Und durch das kalte Lächeln seines Spottes wären alle Blüten von meinen Bäumen gefallen. Darum ließ ich ihn unten.« – »Wie? (fragte Junius erstaunt) Mein Onkel ist ja alt, wie würde er sich zu dir passen?« – »Damals war er jung,« sagte Tausendblüt lächelnd. – »Wie er jung war, warst du ja noch nicht geboren.« – O du Tor! (erwiderte Tausendblüt) Meinst du, ich sei ein Weib von dort unten? Wie ich jetzt bin, so war und bleibe ich.« Als Junius auserzählt hatte, bat er: »O gib mir nur für einen Tag deinen goldnen Vogel mit! Mein Vater ist schon erschüttert durch das Wunder des Rosenzweiges. Hört er den Vogel nur einmal singen, so wird er bezwungen und läßt mich ziehn in Frieden.« – »Nimm ihn!« sprach Tausendblüt, und der Vogel hüpfte auf Junius Schulter. »Aber du ahnst nicht, wie das enden wird.« Als Junius erwachte, sah der Vogel ihn von seiner Schulter mit hellen Augen an. Herr Habichs mußte sich fürs Erste ins Unerträgliche finden. Er ließ ein großes Zimmer seines Hauses zum Bureau einrichten; dann wollte er versuchen, ob das Rosenunkraut im Turm nicht durch Feuer auszurotten sei. Den ersten Vormittag aber mußte er sich schon entschließen, mit seinen zwölf Schreibern unter nickenden Rosen zu arbeiten, denn das Geschäft durfte ja nicht stocken. Mit äußerstem Widerwillen ging er daher in den Turm und nahm seinen alten Platz ein. Junius folgte ihm mit Absicht, obgleich er heut recht gut hätte wegbleiben können, ohne daß Habichs seiner mit einer Silbe erwähnt haben würde. Der goldne Vogel hatte sich still an seine Brust geduckt. Als sie nun verdrießlich und gestört durch die ungewohnte Rosenpracht, alle dasaßen, da ließ Junius den Vogel hervorschlüpfen. Der flog in die Rosenhecke, wiegte sich, neugierig um sich schauend, auf einem schwanken Reise und begann mit eins sein schmetterndes Lied. Und er sang wundersame Worte von Lust und Leben und vom Vergessen irdischer Qual. Herr Habichs und die Schreiber fuhren zusammen, blickten und horchten, dumm und betäubt. Und siehe! welch verwirrender Spuk! – Die Ziffern und Buchstaben in ihren Büchern wurden bunt und lebendig; die gekräuselten Schriftzüge schwangen und schlangen sich vom Blatt auf, verlängerten sich in üppigem Gaukeln und wurden zu lachenden Blumengewinden, die von den Rosenwänden hinüber und herüberhängend sich wiegten. Und die Ziffern flatterten fort als heitre, seltsam gezeichnete, wunderlich gestaltete Schmetterlinge und suchten Blüten, sich darauf zu wiegen. Das schmetternde Lied des goldnen Vogels aber ward lauter und jauchzender. Und Habichs und seine zwölf Schreiber standen auf, packten ihre großen, nun buchstaben- und ziffernleeren Bücher mit beiden Händen und warfen sie im Grimm der Verzweiflung auf den Vogel, um ihn zu zerquetschen. Aber die Bücher wurden zurückgeschleudert, wie abprallend von diamantner Wand, flogen mit Macht auf die Werfenden los und schlugen ihnen, rechts und links hart aufklopfend, mit gespenstig tückischer Beharrlichkeit polternd um die Ohren. Da sprang Habichs und die Schreiber in wildem, sich überstürzenden Gedräng, die Haare gesträubt, in atemloser Flucht aus dem Turm, polternd die Treppe hinab, aus dem Hause durch den Garten. Junius, den singenden Goldvogel auf der Hand, folgte ihnen und rief: »So bleibt dochl So kommt doch zurück! Was ist denn hier so Entsetzliches?« Aber sie rannten, in wilden Sätzen, fort in die Wildnis und schwanden, weit ab, hierhin und dorthin versprengt, hinter Felsklippen. – Hinten aber krachte der zwölfeckige Turm in einen Trümmerhaufen donnernd zusammen. Und der Goldvogel sang schmetternder und schmetternder und strebte auf nach oben, daß ihn Junius kaum mehr halten und bändigen konnte. Denn im Singen wuchsen ihm mächtig Leib und Schwingen bis zur Größe des riesigsten Königsadlers. Mit Gewalt sich sträubend wollte er der Faust des Jünglings entstürmen, – da packte der ihn herzhaft und schwang sich auf ihn, ein kecker Luftreiter, und der Vogel flog in jauchzendem Hymnus sausend mit Junius empor in die reineren Lüfte, und weit, weit hin, über die Reiche der Welt weg, bis zu dem Zaubergarten. Da schaute von unten Tausendblüt lächelnd und winkend empor, und der Vogel senkte sich mit Junius nieder zu ihr, und Junius lag in ihrer Umarmung. Kapitel XXIV. Malwina hatte am andern Morgen, in unbesonnener Freude, ihrer Mutter erzählt, wie wonnig sie die Nacht geträumt habe, wie über ihrem Haupte eine Rosenlaube emporgewachsen sei, und daß Junius ihr den Sproß dazu aus einem Zauberhaine mitgebracht habe, und die ganze Geschichte. Frau Habichs sah sie erstaunt an und sprach: »Ei Malwina! wer hätte es dir dummem Gänschen zugetraut, daß du so zartfühlende, romantische Phantasien in dir trägst; und du wolltest doch nie zur Bildung einer schönen Seele in den sympathetischen Schriften erhabner Schwärmer lesen.« – Da sagte Malwina, halb gereizt: »Nein, liebe Mutter! ich rede hier nicht von Phantasien und von Dingen, die in Büchern stehn, sondern von dem, was wirklich wahr ist. Komm' in meine Schlafstube und sieh!« – Frau Habichs folgte mit ungläubiger Neugier; als sie aber das Zimmer betrat, ihr Rosendüfte schon entgegenwehten und sie die, durch Zauber so schnell gewachsene, Laube gewahrte – da ward ihr plötzlich unheimlich; denn sie mochte das Zauberische wohl in Büchern leiden, aber in der Wirklichkeit es zu vertragen, das war ihr zu stark. Erschreckt und verstört rannte sie mit einem Schrei davon und hinunter in die Küche. Dort vernahm sie plötzlich das Gelärm und Gepolter aus dem Turm und sah ihren Mann und die zwölf Schreiber wild und gespenstig vorbeirennen. Da sank sie bewußtlos am Herde hin. – Später, als die in dem verödeten, ausgestorbnen Hause des Herrn Habichs vorgefundnen Gerätschaften öffentlich versteigert wurden, hatte man in der Küche, am Herde umgefallen, auch eine stattliche, große Teekanne von ganz besondrem Ansehn gefunden. Der Versteigerer rief, als er sie ausbot: »Sehen Sie, meine Herren und Damen! eine Teekanne von ganz eigentümlicher, auffallender Physiognomie. Sieht sie nicht aus, als wenn sie sprechen wollte? Stemmt sie nicht den Henkel an die Seite, wie einen trotzenden Arm? Einen Taler zum ersten! Wer bietet mehr?« – Die Kanne wurde versteigert, und bei einem eleganten Tee zum erstenmal in Gebrauch genommen. Aber als das Wasser in ihr zu kochen begann, erhob sie einen so ungebührlichen, sprudelnden, plappernden Lärm, daß sie den ganzen, lebhaft sprechenden Damenkreis umher übertoste und eine allgemeine, furchtsame Verwirrung hervorbrachte. Die Erschrecktesten schwuren sogar darauf, im Aufbrausen einzelne Worte bestimmt und deutlich gehört zu haben. Da die Kanne den Spuk noch öfter wiederholte, ward der Hausherr einst zornig und warf sie zerschmetternd zu Boden. Und sie zersprang mit einem wildgellenden Ton, ähnlich einem Weiberschrei. Malwina hatte den Lärm auch gehört und sah ihren Bruder mit dem singenden Vogel in den Garten eilen. Sie eilte ihm fliegend nach, aber schon sah sie ihn von fern in die Luft steigen. Sie rannte herzu; aber er stieg höher und höher und vernahm nichts von ihrem Rufen, Weinen und Händeringen; endlich verschwand er ganz aus ihren Blicken. Aber der Sang des Vogels blieb ihr im Ohr und sie folgte dem Klange, der sie leise fortzog, und wanderte weiter und weiter, durch die Wildnis fort, immer wähnend, sie komme dem Liede näher und doch immer fern davon. In dem Liede des Vogels aber vernahm sie nichts, als das Denken und Singen ihres Bruders Junius. Es wehte um sie, so traut und fremd zugleich, wie Geistesgruß. So hingelockt trat sie in eine dämmernde Schlucht unter hundertjährige Bäume. Das Lied lockte, näherklingend, sie immer tiefer hinein. Da stand in der Mitte des Dickichts auf einem stillen, lichten Plätzchen ein zierlicher, säulengetragner Tempel. Und an den schlanken Säulen hingen Harfen, in denen säuselte es leise und wie aus weiten Femen; das Gesäusel aber war das Lied des Goldvogels, oder der Sang ihres Bruders, sie wußte nicht, welches von beiden. In der Mitte des Tempels aber stand ein alabasterner Sarkophag ohne Bedeckung, mit weichen Kissen darinnen. Eine selige Müdigkeit kam über Malwina, sie legte sich zur Ruhe auf den Sarkophag und schloß die Augen. Ringsum rauschten die Quellen und flüsterten Zweige, zusammenklingend und rauschend mit der Musik der von unsichtbaren Händen berührten Harfen. Dazwischen klangen nun ganz deutlich die goldnen Töne des Vogels, innig und klar, doch unterbrochen, auftauchend und verhallend. Es war, wie hergehauchte Küsse ihres Bruders. So umsungen und umklungen entschlummerte sie leise und lächelnd. Und der Tempel mit dem Sarkophage versank langsam ins grünende, blühende Erdreich, bis an die Kuppel. Und ringsherum sproßten Rosen und Lilien empor, wuchsen und wucherten darüber hin, eine üppige hügelförmige Blumenwildnis. Wer aber die Schlucht zu finden und das Lied des goldnen Vogels zu singen weiß, bei dessen Sang wird der Tempel langsam wieder aufsteigen, das lange schlummernde Mädchen wird die Augen aufschlagen und ihn als Bräutigam begrüßen. Der Onkel Holofernes saß fern in seiner Stube. Die war voll von Büchern, Instrumenten und Gemälden. Rings um die Wand aber zog sich eine eigne Zierde. Es war dies nämlich eine Reihe festzusammengefügter, echter Weichselröhre, in die seltsamsten Figuren gezogen, bald Sterne, bald Rad, bald Sonnenblume. Diese Röhre, das Zimmer mit Wohlgeruch füllend, endeten an der einen Wand in einem großen, ganz schwarzbraun angerauchten Meerschaumkopfe, in Gestalt eines Totenschädels, in dem echt türkischer Tabak dampfte. An der entgegengesetzten Wand saß Holofernes, und von dem letzten Weichselrohre ging, von unten auf, ein langer, geschmeidiger Schlauch, in einer schönen Bernsteinspitze endend, zu seinem Munde. So bekam er den Tabaksdampf, durch den langen Weg, den er durchziehen mußte, kühl und geläutert auf die Zunge. Neben ihm, und zwar soeben in unwilligem Verzagen beiseit geschoben, lag ein Packet unordentlich durcheinander beschriebener Papiere, mit vielen Ausstreichungen, Ausreißungen und Einflickungen. Auf dem Deckelbogen dieser Papiere aber stand mit großen, keckgezognen Schriftzügen deutlich zu lesen: Hanswurst, eine Tragödie von Holofernes. Vor Holofernes selbst aber lag die alte Folioausgabe Shakespeares vom Jahre 1623, in der er mit ernstem, sinnendem Lächeln las. Da schwebte hoch über seinem Haupte Junius auf dem singenden Vogel vorbei. Die andern Leute in der Gegend hörten und gewahrten nichts davon; aber Holofernes vernahm deutlich das schmetternde Lied. Er blickte vom Buch auf und horchte. »Aha! ziehst du schon ab, Junius? Nun! glückliche Verschwebelung und viel Vergnügen! Und hol' alles der Henker!« So sprechend, klappte er den Folianten zu, stand auf, ließ die Pfeifenspitze an der Wand niederhängen, steckte sich rasch eine Zigarre an und ging mit heftigen Schritten, den Dampf wild und regellos von sich blasend, in der Stube auf und ab. »Also auch du bist verpfuscht! (sprach er) Und ich alter Esel meinte es, wer weiß wie klug, mit dir anzufangen. Aber gerade ich habe alles verdorben. Wozu das Guckglas schenken? Wozu die Felswand bemalen und dazu Balladen absingen, dir zum bequemen Genuß? Und doch salbaderte ich so klug und eiferte gegen das Brei ums Maul schmieren, und hab' es auf so plumpe Weise selbst getan. Wußte ich nicht, daß einmal Geschaffnes nicht wieder geschaffen werden kann? Wußte ich nicht, daß das Genie nur an rohem Stoffe sich stark ringen kann, und am Fertigen, Harmonischen untergeht? Wußte ich nicht, daß ein Feuerstein keine Funken gibt, wenn man ihn ins Sonnenlicht hält, sondern nur, wenn man mit hartem, dunklen Stahl unbarmherzig auf ihn losprügelt? O! ich wollte einen Adler aus dir erziehn, und du bist eine Nachtigall geworden! Und was die Liebschaft mit deiner süßen Fee anbetrifft, so wollte ich lieber, du hättest dich in das erste beste tüchtige, derbe Mensch vergafft, dann wärst du nicht in Zauberhainen willenlos spazieren geführt worden; du hättest das Leben überwunden und dir erobert; und wärst du stark genug gewesen, dir das Leben zum Zauberreich zu verwandeln, so war das Zauberreich deine Schöpfung . Ja leben, leben ! Das ist die Hauptsache, das macht den Kerl; das hat den hier gemacht (hier schlug er mit der Hand auf den Deckel der Folioausgabe Shakespeares). Er hat den Sommernachtstraum geschaffen ; hätte er ihn aber selbst träumen wollen, dann wär' er ein Duckmäuser geworden, eine Mondscheinpastete, und nicht der größte Held, der je Kühnes ersonnen. Ich wüßt' es; schrieb dir's ins ABC-Buch. Darin steht: Iß Beefsteak und trinke Rheinwein ! O Junius! warum verstandest du das nicht? Muß man denn von jedem Menschen voraussetzen, daß er ein Dummkopf sei? Muß man Kernsprüche für jeden erläutern, umschreiben, zu Brei machen, damit er sie begreife? Muß man alles aus dem Lapidarstil in der Frau Muhme Salbaderdeutsch übersetzen? – Lebe, lebe ! das wollt' ich sagen. Lebe echt und derb und tüchtig! – Nun ist's vorbei. – Schwelge du fort in seligstem Faullenzen! Dein alter Onkel ist des Lebens satt, denn er hat weder aus dir, noch aus sich selbst was machen können. O ja! Alles gleich von tausend Seiten besehen, über alles Bücher zusammenschwatzen, in unendlicher Objektivität alles, auch jede Lumperei, zu würdigen und in unendlicher Ironie alles, auch das Göttliche, zu belächeln – das hab' ich los! Allen gesunden, festen Kern habe ich zu einem breiten Reflektionsbrei zerrieben und zermalmt. O Gott! warum hast du mich nicht mit Einseitigkeit , mit Beschränktheit gesegnet? Ich hätte Großes getan als Feldherr, Staatsmann oder Dichter. Aber die Viel- und Allseitigkeit, die Sinn und Gedanken auseinanderstäubt, wie das zerstreuende Glas das Licht der Sonne, die ließ mich im Zentrum nichts übrig behalten, nichts, das ich hätte zusammenraffen und verdichten können zu zeugendem Strahl. Du verdammtes Selbstbewußtsein ! Um alles gesunde Gefühl hast du mich betrogen! Wollt' ich zum Fühlen kommen – da sprang immer der Kobold auf und lachte drüber und zeigte mit seinem knöchernen Finger drauf und schrie mir zu: »Da sieh' hin! das ist dein Gemüt. Sieh' doch recht genau zu, wie ungeheuer komisch es da drin rumort und schreib' ein Lustspiel drüber!« Und fühlt ' ich einmal wirklich, da fuhr ich rasch zusammen, denn der Kobold schrie: »Kuck! halt fest, halt fest! Halt die Katz' beim Schwanz! Das kann ein Gedicht geben oder eine pathetische Stelle für ein Drama!« Und sah ich andre, in ernster, erhabner Unbefangenheit, über ungeheuren Lebensschmerz weinen oder kämpfend schweigen – da wollte mich tiefes Erbarmen und mildes Mitgefühl überwältigen; aber ich Schändlicher riß mich los, schaute mit dem kalten Anatomenlächeln der Beobachtung ins zerrißne, zuckende Herz, und der Kobold in mir kreischte: »Sieh'! das kannst du wieder brauchen. Das gibt ein Novellchen, 2 Louisdor per Druckbogen.« Und ward ich dann unwillig und zornig über mich selbst und rief: »Ich Elender! das Heiligtum des Grams durch überlegte Frechheit zu schänden und zu beflecken!« da schrie der Kobold wieder: »Schau, schau! dies dein schönes Entrüsten gegen dich selbst kannst du eben auch wieder brauchen; es gibt einen vortrefflichen, originellen Monolog; – nur mit der gehörigen Ironie behandelt! nur drüber stehn geblieben!« O! hätt' ich mich hineingestürzt ins Leben ! hätt' ich mich versenkt in Lust und Weh! ich wäre gekräftigt hervorgegangen aus dem Gewühl, ein ganzer, voller, einiger Mensch , ohne den Doppelgänger von Kobold, diese schlechte eine Hälfte, die der andern allen Genuß des Daseins wegspottet. Ist das Humor ? Ja, das ist Humors Affe . Ein schöner Humor, der die Begeisterung erwürgt! – Aber jetzt ist es zu spät – aus mir wird nichts mehr. Die einsame Natur soll mich desennuyieren und mich meine und der Menschen Erbärmlichkeit vergessen machen. Ich geh' heut noch zu Fuß weg und wandre in die Abyssinischen Hochalpen. Da wird noch eine kräftige, unentweihte, riesige Natur sein und hoffentlich stoße ich wochenlang auf keine menschliche Spur. Dort mag irgend eine Bestie mich verschlingen; es ist den Teufel was dran gelegen!« Er trat zum Tisch, um zur Reise seine Zigarrentasche aus der Schublade zu nehmen. Da fiel ihm sein Manuskript der Tragödie »Hanswurst« ins Auge. Unwillig packte und zerknitterte er es und rief: »Ha! bist du auch da und verhöhnst mich? Du solltest der Triumph, das Resultat meines ganzen Lebens, Sinnens und Denkens werden. Aber kam ich wohl dazu, keck drauf los zu schreiben, daß was dagestanden hätte, groß und gewaltig, wie mit Schwerthieben aus dem Fels gehauen? Narrte ich mich nicht selbst fort und fort mit ewigem Beginnen, Verwerfen, Umschmelzen und Wiederergreifen? Morgen willst du wirklich anfangen ! so log ich mir immer noch vor, nachdem ich längst viele hundert Bogen vollgeschmiert und zerrissen hatte. Und jedes Folgende wurde noch schlechter, als das eben Verworfne; alles Umschreibung , nicht Tat; Sentenz , nicht Schicksal; Selbstanatomie , nicht Gestalt . O Hanswurst! Dein Schicksal sollte mir zur erhabnen Tragödie werden; aber ich selbst ward das Opfer. Der ewige Gottsched (denn er existiert , so gut wie der ewige Jude) hat mich umgebracht. Ich Narr! einen wunderschönen Chor der Stockphilister im Hades zu dichten, wobei Gottsched als Musikdirektor den Takt schlägt, und gar nicht zu merken, daß mir selbst eine der ersten Stimmen im Chore zukommt!« Und er warf das Manuskript in den Ofen, schlug Feuer an und verbrannte die seit zwanzig Jahren zusammengetragenen und gesichteten Fragmente – seine einzige Hoffnung, daß sein Name nicht spurlos vorübergehn werde, wie der aller Durchschnittsmenschen. Darauf steckte er in die eine Rocktasche ein reines Hemde, in die andre zwei Paar Strümpfe und einige Schnupftücher, in die Brusttasche eine Landkarte nebst Zigarrentasche, in die Hosentasche einen Beutel voll Goldstücke, nahm Hut und Stock, schloß die Stube ab, steckte den Schlüssel ein und ging fort. Auf den nächsten Übernachtungsplätzen schrieb er ins Fremdenbuch, unter die Rubrik: »Veranlassung der Reise,« wohin andre: Geschäfte oder Erholung oder zum Vergnügen usw. geschrieben hatten, ganz einfach: »Aus Verdruß.« – Von Italien schiffte er nach Alexandria über und ging zu Fuß den Nil aufwärts nach Abyssinien. Dort ist er verschollen. Aus der Brieftasche eines reisenden Engländers. Es gibt mehr Ding' im Himmel und auf Erden, teurer William Kernsley, als eure Philosophen sich träumen lassen. – Du weißt, daß ich Altengland nicht verlassen habe, um Menschen zu sehn; denn die sind auswärts womöglich noch elender, als daheim. Ich reise nur, um mein ermattetes Herz am Busen der großen, freien, wilden Natur von den Wunden zu heilen, die ein entarteter, verderbter, aller Ursprünglichkeit barer Gesellschaftszustand ihm schlug. In allen Ländern suche ich die Gegenden auf, wo es öde, majestätisch und dräuend aussieht, und dort fühle ich mich erleichtert. So war ich hier in der großen Stadt X angelangt und, ohne mich um ihre Lumpenmerkwürdigkeiten zu bekümmern, machte ich mich gleich am ersten Morgen allein auf in eine angrenzende, wuchernde Wald- und Klippenwildnis. Ich war noch nicht lange auf unwegsamen Stegen auf und ab gestiegen, als ich plötzlich unter mir einen tiefen Felskessel sah, durch hervorspringende Klippenwände im Umkreis sonderbar regelmäßig in zwölf zellenähnliche Schluchten auslaufend. Auf dem freien Platz der Mitte aber, genau im Zentrum, ragte eine seltsame, graue Felsbildung auf, überraschend ähnlich der Gestalt eines sitzenden Mannes. Das Gesicht war unverkennbar; die Nase ragte weit hervor und trug ein entschiednes Gepräge von Finanzsinn an sich; doch nicht des großartigen Finanzgenies, das alle weitläufigen Weltverhältnisse mit hellem Blick überschauend, über die ganze Erde hin spekuliert, sondern des niederen Grades – ein dumpfer, peinlicher Kontorausdruck . Geheimnisvoll angezogen und doch von Grauen gefesselt, schaute ich auf das natürliche Standbild, als ich plötzlich, nahe bei mir, rufen hörte: »Sechsmal sechs ist vierunddreißig.« – Und siehe! in einer der zwölf Schluchten saß eine Elster, die also geschrien hatte. Kaum von meinem Erstaunen erholt, schallt mir plötzlich aus der entgegengesetzten Schlucht zu: »Viermal fünf ist siebenundzwanzig.« – Aber um kurz zu sein: in jeder der zwölf Schluchten saß eine Elster, und alle zwölf schwatzten und schrien immerfort ein falsches Einmaleins durcheinander. Und bei jedem verkehrten Ausruf ging ein leises, aber sichtbares Zittern durch die graue, steinerne Mannesgestalt, und die Nase weitete sich aus, wie vor Zorn. – Solch eine wahrhafte Merkwürdigkeit war mir noch nicht vorgekommen. Ich überwand mein Grauen und suchte wenigstens eine der wunderbaren Elstern zu fangen. Aber ich mühte mich vergebens ab. In welche der Schluchten ich auch dringen mochte, jede Elster hüpfte in träger, sorgloser Flucht, immer nur zwei Schritt vor mir, immer mir ihr falsches Einmaleins zuschwatzend, bis sie zuletzt auf unzugänglichem Felsvorsprung vor mir sicher war. Ich eilte in die Stadt zurück. Den andern Tag mietete ich Leute, mit Vogelnetzen, Käfigen, Strickleitern, auch mit Steinhauen und Beilen versehen, und einen festen Wagen, um die Elstern zu fangen und mindestens den sonderbaren Kopf des Felsmannes mit fortzubringen. Es war ein heißer Tag. Ich und meine Leute krochen und klommen Fels auf, Fels ab, hierhin und dorthin, in jede Schlucht, auf jeden Gipfel. So mühten wir uns länger als sechs Stunden, bis wir vor Ermattung rasten mußten. Und doch war ich gestern in weniger als einer Stunde an jenen Ort gelangt, und die Richtung war, nach dem Stand der Sonne und nach entfernteren Umgebungen, genau dieselbe. Den andern Tag begann ich von neuem, mit noch größerem Eifer, aber vergebens. Als ich mich, durch zweckloses Suchen, am Abend des dritten Tages endlich überzeugt hatte, daß mein Unternehmen fruchtlos sei, bezahlte ich die Leute reichlich und ließ sie gehn. Da ich mich schon anfangs nicht für verpflichtet gehalten hatte, sie mit dem Zweck und Anlaß unsrer Arbeit bekannt zu machen, und dies jetzt, da es mißlungen war, für noch überflüssiger hielt, so hielten sie mich für verrückt und sprengten es in der Stadt aus, was mir natürlich so gleichgültig war, daß es mich nicht einmal belustigen konnte. Das, lieber Kernsley, wollte ich dir als das bedeutendste Abenteuer meiner Reise vorläufig melden. Ein andermal mehr.