Felicitas Rose Die jungen Eulenrieds Roman aus Thüringen 1. Die Glocken des kleinen Kirchleins von Ilmenbach, droben im Thüringer Wald, taten ihre letzten Schläge. Man konnte nicht sagen, daß sie »verhallten«, sie riefen um zehn Uhr morgens recht kläglich: »Kommt, kommt!«, und um elfeinhalb ebenso blechern und eilig: »Geht! Geht!«, denn der Küster mußte zu seiner Suppe. Die Frau Pfarrerin fand dies Gehaben gottlos. Deshalb bewilligte sie ihrem Gatten eine volle halbe Stunde Frist bis zur Tischzeit. Und die füllte der Seelsorger gut aus. Er stieg langsam den steilen, steinigen Kirchweg zum Pfarrhaus hinunter, sprach mit den Männern, die jeden Sonntag fast vollzählig erschienen, erklärte einigen Frauen, was sie an seiner Predigt nicht verstanden hatten und verwies den »Frömmsten« ihr Pharisäertum. Bei einigen windschiefen Häusern blieb er stehen, nickte oder sprach auch einige gute Worte in die kleinen Fenster hinein, an denen Bresthafte saßen, die mit dem besten Willen nicht mehr den steilen Kirchweg schafften. »Aber die Glocken waren wieder tröstlich«, sagte mit brüchiger Stimme der Dorfälteste. Das war dem Geistlichen gar nicht recht, denn die »Tröstlichkeit« war schuld daran, daß der Patron keine neue Glocke bewilligte. Die uralte Kalesche des Freiherrn Eulenried fuhr einen Feld- und Wiesenweg in den Wald hinein. Der Patron hatte seinen Pfarrherrn grimmig gegrüßt, denn die Predigt war ihm wieder zu sanft gewesen, weshalb er ihn auch nicht zu Tisch gebeten hatte, denn sie hätten sich doch nur gezankt. Aber den Organisten nahm er mit in den ungeheuren Wagen, in dem nun sechs Personen saßen. Der Pfarrer hätte auch noch bequem hineingekonnt, es war ein Wagen, der sich sehen lassen konnte – es war »die Arche«. »Von Noah selbst erbaut«, pflegte der Freiherr zu sagen. Aber dem widersprach immer heftig, wenn auch vergeblich, ein kleines, dürres Männchen, das auf dem Bock neben dem Kutscher saß. So heftig widersprach er immer seinem Brotherrn, daß das ganze magere Gestellchen ins Wanken kam und beinahe vom Bock fiel. Deshalb hatte der Freiherr schon eine doppelte Bewehrung auf der Seite anbringen lassen, an welcher Dr. Eustachius Senfkorn saß. Dieser war als Hauslehrer der Söhne vor zwanzig Jahren nach Eulenried gekommen, »der Billigkeit halber«, meinte der Schloßherr. Und das konnte man nehmen, wie man wollte. Billig war der Hauslehrer, denn er bekam kein Gehalt. Aber »billig« war es auch gewesen, das »jämmerliche Gestelle« aufs Schloß zu nehmen. Denn die durchgehenden Pferde am Wagen des Barons hatten den Dr. Senfkorn überfahren, als er einst fremd und einsam und arg zerstreut den Thüringer Wald durchwanderte ... Man zog ihn unter dem Wagen hervor, er rief noch herzbeweglich »bitte nicht schlagen!«, als der Kutscher dem Handpferd mit der Peitsche eins überzog, und dann wurde der Dr. Senfkorn bewußtlos. – Aus dem nahen Jena holte man einen tüchtigen Arzt, der flickte ihn zusammen, und bis er wieder laufen konnte, saßen abwechselnd die geweckten Buben oder auch alle drei um sein Bett herum. – Auf diese Art wurde der damals schon Vierzigjährige ihr Hauslehrer, und wenn auch das »Päppeln« der Wirtschaftsmamsell bei ihm nicht anschlug und er auch nach den allsonntäglichen rohen Kartoffelklößen nicht um ein Gran dicker wurde, so war es erstaunlich, wie das kleine Männchen es verstand, sein reiches Wissen an seine Schüler heranzubringen und in ihren Köpfen seßhaft zu machen. Dabei hing der kleine, unscheinbare Mann wie ein graues Spinngewebe auf dem Katheder, denn er trug unentwegt einen grauen Anzug, den er selbst bürstete, reinigte, klopfte und stopfte. Auch zu Beerdigungen erschien er »gräulich«, was im Dorf großen Anstoß erregte, besonders, da ihn zu solchen Gelegenheiten eine leuchtend blaue Krawatte zierte. Aber er dachte sich eben in solchen Farben eine »fröhliche Urständ«, die er jedem wünschte, den er zu Grabe geleitete. – Der einzige Schmuck in seinem Turmstübchen, das er sich extra vom Patron erbeten hatte, waren zwei Bilder: Friedrich der Große und Martin Luther, und ein gemalter Spruch des großen Reformators: »Die Lehrer werden leuchten wie die Sterne des Himmels.« – »Ja, und das finde ich anmaßend«, pflegte die Wirtschafterin zu sagen, wenn sie den Spruch abstäubte. Dafür hieß sie aber auch Frau Demut, und außerdem kümmerte sich Dr. Senfkorn nicht um ihre Ansichten. Als die alte Kalesche alle Insassen hübsch zurechtgestuckert hatte und sie nun wirklich bequem beinander saßen, fiel das erste Wort von den bärtigen Lippen des Freiherrn. »Wo du nicht bist, Herr Organist, da schweigen alle Flöten«, wandte er sich grimmig, was er selbst »leutselig« nannte, an Herrn Friedemann Örglein (von den drei Jungherrn »das Harmonium« genannt). »Wenn Sie aber auf der Orgelbank sitzen, dann bitte ich mir aus, daß Sie mir bekannte Weisen spielen, damit wir alle, einschließlich die halbundhalbtauben Weiblein, die Melodien kennen und mitkrächzen können. ›Singt immer, es dringt euer Lallen empor zu des Ewigen Ohr.‹ Heute hat kein Mensch mitgesungen. Welcher Teufel ritt Sie heute, Örglein?« »Ich bemerke gehorsamst, daß ich keine Beziehungen zu diesen Herren habe, ich sah auch keinen in der Kirche.« Freiherr Eulenried lachte schallend. Er liebte es, wenn man seine Grobheiten parierte. Dann aber grollte es wieder in seiner Stimme: »Ich will meinen Gellert haben, meinen Paul Gerhardt, meinen Luther, meinen Johann Sebastian. Beinahe hätte ich heute in das ohrfremde Gekrächze hineingebrüllt: ›Wie groß ist des Allmächtgen Güte!‹ Und als Sie aufhörten, hätte ich am liebsten gesungen: ›Nun danket alle Gott.‹ Aber als alter Kavallerist ritt ich mich auf Kandare. Aber nächsten Sonntag befehle ich: ›Befiel Du Deine Wege ...‹« Da lachten sie alle. – Die Tannen dufteten stark in der Frühlingssonne. Eine Amsel sang. Ein Fink fiel ein. Der Kuckuck rief in der Ferne. »Wenn es warm wird, ganz warm für unsere Alten«, begann der Freiherr wieder, aber viel gehaltener und leiser als vordem, »dann halten wir wieder Gottesdienst im Walde. Hören Sie, Organiste? Und wenn sich der Pfarrer auf'n Kopp stellt!« »Er stellt sich nicht, Herr Baron. Er hat schon selbst davon angefangen. Die jungen Herren wollte er bitten, ein Terzett zu singen: ›Singet dem Herrn ein hohes Lied.‹ Von Cherubini.« Die jungen Herren nickten freudig. Nur Illo, der Jüngste, meinte nachdenklich: »›Gegen Amsel, Drossel, Fink und Star‹ kommen wir nicht auf.« Sie lauschten wieder. »Nun hört bloß den Finken, – er bringt sich rein um«, lachte Dankwart. »Nur, nur, nur dem lieben Gott vertraut!‹ singt er.« »Seit wann so fromm?« Dankwart wurde knabenhaft rot. Das kleidete ihn gut. »Ich hörte es, Lisel Kreihorstern sagte es.« »Seit wann bist du bei den Kreihorstern zugange? Ich hoffe nicht, daß einer meiner Söhne Mitgiftjäger wird.« Nun lachten alle drei. »Das Terzett von Cherubini wird gut tönen.« Der Organist sagte es leise mit seiner warmen, musikalischen Stimme. Dann fuhren sie schweigend weiter, die Sonne brannte, die Vögel sangen, und der ganze Wald duftete. – Der Weg wurde steiler. Der Kutscher hielt die Zügel schlaff. Die beiden Füchse hatten schwere Arbeit. An Durchgehen dachten sie längst nicht mehr, es waren bedächtige Pferde geworden. Die jungen Barone hatten schon daran gedacht, ihre gewalttätigen Namen »Donner und Doria« in »Amor und Psyche« umzunennen. Aber das litt der mit ihnen vertraute und ergraute Kutscher nicht. »Nä, nä, se sinn nu mal mit dän Fluchnamen bedacht worden. Jäder, dar emol mit däm Wagen umgestürzt war, hat ›Donner un Doria‹ geschrien, aber Schimpfnamen verdienen se denn doch nich.« Bei Kilometerstein 4 sprangen die drei Söhne mit einem Hechtsatz über alle Hindernisse aus der Kalesche, so daß sie arg ins Wanken kam, und Dr. Senfkorn mit kläglichem Gesicht sich an die Bewehrung klammerte. Aber die Gäule zogen nun bedeutend besser an, und die drei Brüder schritten wacker dem Wagen voraus. – An einer Lichtung verhielten sie etwas. »Ein Jammer«, sagte Dankwart grollend. »Nächstens ist überhaupt kein Wald mehr da. Der Förster hat weiße Haare bekommen.« Illo stieß einen hallenden, urwüchsigen Schrei aus. Ein Echo gab ihn wieder. Der Jüngste pflegte sich immer so zu erleichtern. Sein schönes Gesicht war dunkelrot, und die blauen Augen funkelten vor Zorn und verhaltenen Tränen. »Spürt ihr denn nicht, daß wir zuviele sind auf Eulenried?« fragte er leise und heftig und dabei atemlos auf dem steilen Wege. »Schlag uns tot«, grollte Dankwart verbissen. Illo legte den Arm um ihn. Der Wagen war ein gutes Stück zurückgeblieben, die Pferde standen und ruhten sich. Der Kutscher war auch abgesprungen und scheuchte die lästigen Schmeißfliegen. – »Wir müssen fort von Eulenried«, hub Illo wieder an, und seine Stimme bebte so, daß die Brüder stehenblieben. »Was denkst du, Illo?« »Ich denke, daß wir Jungen fort müssen. Wir sind Fresser. Vater bleibt und Mutter auch. Die soll in der frommen Lüge fortleben, als ob alles wäre wie einst. Arme Muusch! Ihr Leiden nimmt ohnehin zu. Kutscher und Mamsell bekommen schon seit Jahren keinen Lohn, aber sie würden ja sterben, wenn sie nicht mehr auf Eulenried leben dürften. Tante Hermine verzehrt ihre Pfründe bei uns und verläßt auch unsere Muusch um keinen Preis der Welt. Für das Senfkorn habe ich eine Stelle als Archivar gefunden. In Jena. Jawohl. Er steckt mit mir unter einer Decke. Sein Wissen ist reich, – und er macht so unglaublich kleine Ansprüche. Aber Fresser ist er, wie wir.« »Illo und du bist besser als wir.« Wildrich schlug ihm auf die Schulter, daß der Bruder taumelte. Aber es war nur Freundschaft und Bewunderung. »Was wird aus dem Verwalter und aus der weiblichen Bevölkerung?« fragte er dann. »Zu verwalten gibt es nichts mehr, also ist der Herr überflüssig. Alle Mitesser müssen fort. Eulenried wird ein mageres Bauerngehöft ... Nur die Mutter – – die Mutter muß gepflegt werden ...« Illo lehnte den Kopf an eine Eiche – – sie war das Wahrzeichen des Eulenberges, auf dem die Burg stand. Die Schultern des Jünglings zuckten, ein schweres Schluchzen hob seine Brust. »Illo hat in vielem, fast in allem recht. Aber ich muß hier bleiben – ich bin doch Landwirt – ich – ich muß noch aus den Äckern und Wiesen was herausholen!« sprach Dankwart. »Äckern und Wiesen!« spottete Wildrich. »Sind sie nicht schon verpfändet? Brach? Vertrocknet oder versumpft? Haben sie je Drainage gekriegt? Oder ordentliche Düngung? Verfluchtes Geld ...« Wildrich war ganz aus den Fugen. Die Vögel sangen weiter, der Kuckuck rief ganz nahe. Illo zog ein mageres Beutelchen aus der Tasche, es klapperte wehmütig darin; er schwenkte es. »Schrei du Kuckuck mitten in meine gespickte Börse hinein! Das muß helfen!« Dann rief er plötzlich hell: »Mutter!« Und die Brüder schauten auf. Da lag Burg Eulenried im hellen Sonnenglanze. Noch nicht allzu nahe, aber an dem großen Bogenfenster des rechten Flügels gewahrte man ein weißes, winkendes Tuch und eine Frauengestalt. Wildrich vergaß seinen Zorn, er stieß einen starken Juhuschrei aus, und dann jodelten alle drei zur Burg hinüber. Auch der Wagen, der den breiten Fahrweg verfolgt hatte, fuhr jetzt aus dem Wald heraus, und die rauhe Kehle des alten Freiherrn versuchte mitzujodeln. Das weiße Tuch winkte und winkte. – Der letzte Aufstieg war bald geschafft von den rüstigen jungen Füßen, auch der Wagen hielt wenig später vor dem riesigen alten Tor mit dem großen Wappen, in dem die Eule auf einem Baumstamm hockte. Ein Spruch umzog, in Stein gemeißelt, das Schild: »Nunquam retrorsum! 1562.« Wildrich zeigte auf den Spruch und rief ihn fast laut. Und deutete dann auf den zusammengestürzten linken Flügel des Schlosses, der ganz von Efeu umzogen war. Lustig wucherten auf ihm Akelei, Kiekübernzaun, wilde Rosen und Orchis in zartlila Farben. Und trotz der Mittagsstunde tönte aus dem grünen Gewirr heraus das volle Singen einer Nachtigall. »Sie schluchzt über Eulenried«, sagte Wildrich bitter. »Fängst du schon wieder an? Wir müssen der Mutter ein frohes Gesicht zeigen.« Illo zog den Bruder mit sich fort. – Über eine schadhafte Freitreppe ging es, dann über hallende Steinstufen, die keine Teppiche mehr über sich hatten. – Auf dem Gang öffnete sich eine Bogentür. »Da sind die Strolche!« sagte eine derbe Frauenstimme, und eine ebenso derbe, aber gut geformte Hand streckte sich aus und wurde ehrerbietig geküßt. »Tante Hermin, wie geht's der Mutter?« Sie riefen es leise alle drei. »Wie immer!« Und sie beugten auch alle drei die Knie vor dem Krankenstuhl, und die Mutter umfaßte mit ihren Armen die blonden Köpfe. »Meine, meine Jungens!« Man würde diesen Mutterlaut nie vergessen draußen in der weiten Welt ... Der Krankentisch wurde fortgerollt, ein gebratenes Täubchen lag fast unberührt auf einer silbernen Schüssel. »Bin völlig satt«, beteuerte die Kranke. »Ihr verwöhnt mich. Die Fleischbrühe in der Tasse war das reinste Gedicht, – ich habe sie ganz leer getrunken. Und was bekommen heute meine Wildlinge?« »Hoffentlich das einzig anständige Gericht, was es auf der Welt gibt: Geräucherte Schweinsrippen und rohe Klöße«, rief Dankwart, und »Tante Hermines« sonore Stimme lachte »ja und amen! Ich krieg sie sonst nicht satt.« – »War die Predigt gut?« fragte die Mutter gespannt. »Dem Vater zu sanft, er schimpft, aber ich habe gut dabei geschlafen«, bemerkte Dankwart trocken. Jetzt schloß die Kranke ermüdet die Augen, die Söhne erhoben sich schweigend und verließen das Zimmer, durch dessen Tür jetzt der Schloßherr eintrat. Etwas später standen sie alle um den großen runden Tisch. Freiherr Eulenried sprach das uralte Gebet: »Herr! Bewahre uns vor Kriegssturm! Schütz Schloß und Turm! Und laß uns halten hoch und wert Unseres Hauses heiligen Herd!« Die alte Wirtschaftsmamsell trug die schneeweißen Klöße mit Siegermiene auf, und doch sah sie den Schloßherrn erwartungsvoll an. Er teilte den ersten Kloß mit zwei Gabeln, ließ diese sinken und rief mit Stentorstimme: »Miserabel!« Ein wehes Aufschluchzen der Wirtschafterin, Stirnrunzeln von »Tante Hermine«, Schweigen der übrigen und dröhnendes Lachen des Schloßherrn. »Sie sind ausgezeichnet«, sagte er dann hochbefriedigt, und Illo, der Jüngste, mußte dann zehn Mark in die Küche bringen, es war sozusagen der Monatslohn der Köchin, und die Szene wiederholte sich allmonatlich. »Warum die Gustel immer noch aufschluchzt, ist mir unerfindlich«, bemerkte der Freiherr und ließ den dritten Kloß verschwinden. »Sie weiß doch, daß sie noch niemals vorbeigekocht hat, und daß sie auch der zehn Märker nicht verlustig geht ...« »Tante Hermine« bekam eine weiße Nasenspitze, was sich seltsam in ihrem roten Antlitz ausnahm. »Daß doch Männer durchaus nicht die Psyche einer Frau ergründen können, auch nicht in dreißig Jahren«, bemerkte sie ernst. »Verzeih, ich wußte nicht, daß Gustel eine Psyche hat, glaubte, sie sei ganz Kochlöffel ...« Es lachte niemand, und eine Ader schwoll an der Stirn des Freiherrn. Er verlangte, daß die Familie seine Witze belachte, denn seine Verdauung bedurfte steter und mannigfacher Anregung. Auch das ernste Gesicht seines Jüngsten, der eben wieder hereintrat, erregte seinen Unwillen. »Na, was sagt die Psyche?« schrie er Illo an. »Nichts, Vater. Sie hat den Schein gar nicht angesehen.« »So! Und um dieser gekränkten Leberwurst willen funkelst du mich an, als wolltest du deinen Erzeuger maßregeln, du Kücken.« »Das stünde mir nicht an.« Illo nahm sich gleich zwei Klöße. – »Aber Kücken bin ich wohl nicht mehr mit zweiundzwanzig Jahren, – sondern ein ausgewachsener Hahn. Heute sogar ein Streithahn, lieber Vater ...« »Was du sagst, – das ist ja direkt erheiternd!« Der Schloßherr trank in einem Zuge das große Glas schweren Rotweins hinunter, was ihm vom Hausarzt streng untersagt war. Und dann flog das schöne, alte Glas durch das geöffnete Bogenfenster unter dem immer noch die Nachtigall schluchzte. »Um Gott Vater!« Illo sprang zu ihm hin. »Ich wollte dich nicht kränken ...« Aber er wurde zurückgestoßen. Der Freiherr stand schwerfällig auf. Ein Jähzornsanfall griff ihn immer an. Die Tür fiel schmetternd hinter ihm ins Schloß. Mit verfinstertem Gesicht sah der Älteste ihm nach. »Das ist nun so. Neulich warf mir der Sturm die Tür aus der Hand. Da hat mich der Vater ausgelümmelt, daß ich keine Rücksicht auf die kranke Mutter nähme, – und heute – – was sag' ich heute – – jeden Tag ist er rücksichtslos – –« Das alte Freifräulein nahm ihn bei den Schultern und schüttelte ihn. »Sowas mag ich nun gar nicht hören. Zu unserer Zeit kritisierte man niemals die Eltern. Das hatte auch sein Gutes. Und wenn du in deinem Leben erst so viel Böses durchgemacht hast, wie dein Vater, – dann ballerst du wohl auch die Türen und verbittest dir jede Kritik deiner Sprößlinge ...« »Sprich nicht von Sprößlingen, Tante Hermine« rief Dankwart. »Es macht mich nervös. Unsere Klitsche ernährt nicht einmal mehr uns ...« »Großer Gott, der Bengel sagt ›Klitsche‹! Burg Eulenried eine Klitsche!« Sie rang die Hände. »Tantchen, du sitzest ja selbst drauf. Und ernährst dich selbst, anstatt – –« Sie hielt ihm den Mund zu. Und brauchte sich gar nicht zu recken, sondern war seiner stattlichen Höhe durchaus gewachsen. Die Eulenrieds hießen im weiten Umkreis »die Hünen«. »Tante Hermine, kannst du uns heute ein privatissimum mit dem Vater verschaffen?« fragte Illo. »Es ist nun doch einmal ein ungemütlicher Sonntag. Sieh, der Organist wandelt da unten allein im Park und fuchtelt mit den Händen. Dem wird alles zu Musik, und der Jähzornsanfall seines Patrons verschafft ihm eine Rhapsodie, mindestens ein Furioso in einer Fantasie.« »Habt Ihr dem Vater Unangenehmes vorzusetzen?« fragte die alte Dame besorgt. »Unabänderliches auf jeden Fall. Und es leidet keinen Aufschub.« »Illo, sind deine Pläne so fest umrissen?« rief Wildrich hastig. Illo nickte. Ihr nennt mich ja schon immer den Sicherheitskommissarius. Ganz stimmt ja der Name nicht, sonst würde ich nicht so viel ›reinfallen‹. Aber mein Zukunftsweg liegt allerdings – ich kann wohl sagen – hell besonnt vor mir. Ich will mir ja darauf das Leben erobern. Ihr fehlt natürlich in keinem meiner Pläne.« Er rüttelte Wildrich liebevoll und fuhr Dankwart ungestüm durch die dichte Haartolle. Es geschah alles augenscheinlich, um Rührung zu verbergen. »Und wir können uns überall in der Welt treffen, falls mir Eulenried vom Vater verschlossen werden sollte ...« »Härr du meines Läbens!« rief Tante Hermine entsetzt, und sie sprach es so thüringisch, wie es eigentlich nur Kutscher und Wirtschafterin fertig brachten. »Willst du Raubmörder oder Devisenschieber werden? Denn ich wüßt nicht, vor was anderem dir der Vater die Heimat verbieten würde ...« Illo hatte sich ans Fenster gestellt und sah »vom Berge zu Tal«. Sah die Heimat vor sich liegen, wahrlich hell besonnt. Würde so sein Weg sein? Die Ilm zog glitzernd im engen Tale ostwärts. Illo meinte, die rotgepunkteten Forellen darin spielen zu sehen. Wie ernste Wächter standen die ragenden Edeltannen vor dem Schlosse der Väter. Sie hatten seinen Verfall nicht aufhalten können, aber sie waren wenigstens von der Axt des Waldmörders verschont geblieben. Wie lange würde dieser siebenreihige dichte Kranz um den Eulenried noch stehenbleiben? »Ja, Dankwart, du mußt hier bleiben«, sagte er laut und heftig, ohne sich zum Bruder herumzudrehen. Du mußt das wahren, hörst?« Der Bruder war zu ihm getreten und nickte ernst. Einen Augenblick lehnte Illo den Kopf an seine Schulter. Wildrich war auch hinzugetreten. Voll Stolz sah die alte, schlichte Edelfrau auf die drei jungen Recken. Aber dann stieg eine unbekannte Angst in ihr hoch. ›Wenn nur die Unterredung mit dem jähzornigen Vater erst vorüber wäre!‹ dachte sie unruhig. Da meldete ihn auch schon das schwere Aufstampfen seines Knotenstockes an. Draußen verhielt er aber noch, ließ den alten Diener vorangehen, der eine lange und drei kurze Pfeifen brachte, sowie einen ledernen Riesentabaksbeutel. Die Wirtschafterin schob sich schwerfällig hinter ihm herein, auf ihrem Arm schwankte das große, silberne Servierbrett mit den buntbemalten Thüringer Tassen und der bauchigen Kanne. Ein derbes Mädchen, das Sonntags vom Dorfe heraufkam und in der Küche mithalf, trug die Thüringer Kräpfel hoch aufgeschichtet auf einer Schüssel. Das sah alles so sonntäglich und friedlich aus, die Gesichter hellten sich auf. »Ob ich jetzt die Mutter hereintrage?« fragte Dankwart. »Die Frau Baronin möchte noch schlafen«, meldete die Wirtschafterin, »um fünf Uhr wünscht sie geweckt zu werden.« Illo zog eine, unscheinbare schwarze Ankeruhr aus der Tasche, – Tante Hermine hatte sie ihm zu seiner Einsegnung geschenkt. Geld zu einer besseren war nie dagewesen. Dafür hatte er einen anderen Schatz. »Mehr wert, als jedes Mädchen der Welt«, pflegte Tante Hermine zu sagen, denn Illo war ihr Liebling, und sie wachte eifersüchtig, daß er keine anderen Liebesgedanken bekam. Aber was Illo jetzt rasch aus einem Nebengemach, seinem eigenen Zimmer holte, ehe der Vater erschien, das war »seines Herzens Trost und sein Teil.« Eine kleine Standuhr. Die er jetzt aus einem altmodischen Lederfutteral holte, das man um die Achsel hängen konnte, wenn man auf Reisen ging. Der Urahn hatte es jedenfalls getan und seinem Erben weiter anempfohlen. »Sie hänget so alleweyl sicher, und kannst noch die Hand darauf halten, schützest zugleych deinen gehäkelten Geldsack, so in der Pantalontasch stecket. Der du düsse Uhr erbest: Sey alleweyl selber ›die gute Stund‹, so wird auch die Uhr dir gute Stunden schlagen. Der Stundenzeyger sagt mit einem leysen Knax: Jetzt kommt's! Just drey Sekunden vor der Vollstund und ebendso vühl vor der Halbstund. Und dann hebt ein Schlagen an. Sollt man es dem Ührleyn ansehen? Mit nichten. Ist eyn Überraschung vor männiglich, Weyblein oder Mannsbild. Hat auch im Reysewagen eitel Freud und Spassettel gemacht, wann sie anhub zu schlagen, was keyn Mensch vermuten war. Ja, es ist eyn hochwert Ding, die alte Bronzenuhr. Zwanzig Centimetre hoch bis zum obersten Griff über dem Fazettenglas, unter dem man die Unruhe an dem Rubin spielen sieht. Der Erbe kann sie auch an dem wundersamen Bronzegriff in der Stuben dahin tragen, so er ein Gusto dazu spüret. Besser schon, sie bleibet an einer Stell. Gut Wärme muß sie haben. Deshalb ist auch das Futteral mit schwerem Sammt ausgeschlagen, wie es die Weyblein wohl als Winterkamisol tragen. Ist nun auf unser Burg eine holde Jungfrau gewachsen, die Elsabe von Eulenried. Und die hat der junge Fürst des Landes gesehen, ist in Liebe entbrannt. Sind allebeid von Gott für einander geschaffen gewesen, haben Menschen sie geschieden. Der Fürst mußte eine Reichsunmittelbare freien. Zu Beginn ihrer Lieb, so kein Unrecht war, denn sie waren Beide frei, – hat der Fürst das Ührlein der holden Jungfrawe zu eigen gegeben. Ein Kleinod, wie sie selbsten war. Aber als der Fürst Hochzeit hielt mit einer Anderen, da ist die bronzene Uhr stehen geblieben, wie wohl ein Herz stehen bleibet, so es verraten ward. – Und die Jungfrawe ist gestorben mit dem Ührlein, und das ›Glück‹ hat nie Heimat gehabt auf dem Eulenried. Zum wenigsten das äußere von Fortuna gespendete. Denn in Lieb, Ehr und Treu sind sich alle Eulenrieds zugetan gewest. Und das Lutherlied ist alleweyl ihr Stützen und Stab gewesen. – Soll eine Sybille, so am Fuße der Wartburg gelebt hat, geweissagt haben: ›Wenn die Bronzene wieder schläget, grünet der Eulenried.‹ Ist aber wohl Teufelsred, wie alles Wahrsagen. – Ich halt's mit unserm Spruch: Nunquam retrorsum und dem Dr. Martinus : Ein feste Burg ist unser Gott! Thassilo von Eulenried.« So lautete der auf Pergament geschriebene Brief, und Illo hatte ihn immer mit heiliger Scheu betrachtet. Sein Erbe war es. Sein Großvater hatte die Uhr der Tante Hermine hinterlassen, die ihn einmal lange Monate aus schwerer Krankheit heraus gepflegt. Und die selbstlose alte Jungfrau hatte wiederum das Kleinod dem Illo vererbt. Aber sie hatte es mit »warmer Hand« gegeben, auf daß er nicht auf ihren Tod zu warten brauche. Und oft, wenn schon alles auf der Burg im Schlafe lag, hatten die Alte und der Junge vor dem Erbstück gesessen und es mit wahrer Andacht bestaunt. »Wer sie heilen könnte!« hatte Illo sinniert. »Mach nicht so ein wissendes Gesicht, Illo, als könntest du mir noch in dieser Nacht das Geheimnis kundtun. So Allgescheite sehen dann immer besonders dämlich aus, wenn nix dahintersteckt.« Illo hatte fröhlich gelacht, – so wie er, konnte kein Mensch lachen, behauptete die alte Dame, und hatte dann doch verträumt gemeint nach einer Weile stummen Nachdenkens: »Es steckt aber sicher was dahinter. Tante Hermine, was gibst mir, wenn ich mich ans Sinnieren begebe?« »Ein paar hinten vor«, sagte sie ruhig. »Von so was Heiligem sollen Lausbuben die Finger lassen. Tu's mir nicht an, mein Illo, das ›Glück von Eulenried‹ leichtsinnig zu zerstören!« »Nein Tante Hermine, – ich möcht' Glück wieder auf unsern abgeholzten Berg heraufholen .« »Da soll doch ein Donnerwetter ...« Die alte Dame fluchte gern einmal, aber Illo hatte ihr den Mund wahrhaftig lachend mit einem Kuß verschlossen. Und daß er sich so gar nicht vor ihrem Schnurrbart gefürchtet, hatte ihr altes Herz vollends erobert. – Es wurde heute ziemlich spät, ehe der Schloßherr zur Kaffeetafel erschien. Er sei wieder zur Frau Baronin hineingegangen, die nach ihm verlangte, hatte der Diener gemeldet. – Aber endlich kam er doch und ließ sich schwer in den geschnitzten Wappenstuhl fallen. Sorgfältig legte Dankwart große und kleine weiche Kissen zwischen das Holz und das Podagra seines alten Herrn. »Warum habt ihr nicht getrunken?«, schalt dieser. »Für den Tod kann ich's nicht ausstehen, wenn auf mich gewartet wird.« Aber die um den Tisch Stehenden wußten, daß sie weise gehandelt hatten. Die Wirtschafterin brachte frisch gebrühten Kaffee nur für den Herrn, Wildrich reichte die gestopfte Pfeife und entzündete den Fidibus, und als der alte Herr die ersten Züge tat, war wohl sein Haupt von Wolken umhüllt, aber die Stirn unbewölkt. »Eure Mutter ist heute gar nicht wohl, der Doktor muß mal her«, sagte er noch, ehe er sich an die Vertilgung der frisch gebackenen Kräpfel begab. »Könntest du nicht den jüngeren Arzt konsultieren«, fragte seine Schwester besorgt, »Doktor Grillenberg ist doch schon reichlich bequem geworden, – er schleicht ja nur so daher ...« »Liebe Hermine, willst du die rechte Beurteilung nicht mir überlassen? Der Doktor hat alle Krankheiten schon selbst durchgemacht, das ist der rechte Mann für mich. Und meinst du, irgendein Arzt könnte Podagra behandeln und verstehen, – dies verfl ... Zwacken und Zwicken, wenn er's nicht am eigenen Leibe schon mal erfuhr?« Tante Hermine warf die Augen gen Himmel, was ihr Bruder durchaus nicht leiden mochte, und die Söhne lachten alle drei. – Der Schloßherr verbat sich alles, und viele Kräpfel verschwanden doppelt schnell durch den Zorn befördert. Besorgt sah ihn die Schwester an, aber sagen durfte man nichts, vielleicht hätte er auch die Schüssel zum Fenster hinausgeworfen. Dankwart beugte sich zu Illo. »Wollen wir's nicht verschieben?« fragte er leise und eindringlich.« »Nein.« Illo hatte eine tiefe Falte zwischen den dunklen Brauen, die seltsam von seinem Blondschopf abstachen. »Ich bin auch für Alexander den Großen«, raunte Wildrich fast unhörbar, aber der Vater war heute durch irgend etwas hellhöriger, als sonst. »Was habt ihr mit Alexander zu tun?« fragte er verdrossen. »Sprecht laut, oder habt ihr keine Lebensart mehr?« »Wir hoffen's, Vater, daß sie noch da ist.« Illo hatte einen roten Kopf. »Alexander schlug den gordischen Knoten durch, und das wollen wir auch tun.« »Herr, dunkel ist der Rede Sinn. Darf ich hören, was ihr vorhabt? Ihr seht aus, als wolltet ihr in geschlossener Phalanx gegen mich kämpfen ...« Jetzt erhob sich der Organist. »Herr Baron werden erlauben, daß ich mich verabschiede ...« »Dageblieben, Bakkalaureus! Was fällt Ihnen ein? Ich werde Hilfe brauchen. Denn Schwester Hermine hängt auf Gedeih und Verderb mit den Jungens zusammen. Übrigens haben Sie meine Buben bis zum zehnten Jahre versohlt, nun wollen wir sehen, ob die schnöde Welt Ihre Methoden zuschanden gemacht hat.« »Davor ist mir nicht bange«, meinte der Lehrer mit einem ernsten, guten Lächeln, was dem schlichten Mann außerordentlich gut zu Gesicht stand. »Es müßte denn nicht viel an meiner Erziehung gewesen sein, denn ich gab mein Bestes.« Er setzte sich zögernd wieder hin. »Dankwart hat das Wort«, gebot der Freiherr, »aber Trina soll zuerst abräumen. Es könnten Späne fliegen und das geblümte Porzellan gefährden.« Das alte Schloßfräulein sah besorgt auf den Bruder. Die Pfeife schien ihm nicht mehr zu schmecken, das schlechteste Zeichen, was es geben konnte. Sie legte beruhigend ihre Hand auf die seine, aber er schüttelte sie rauh ab. »Bist du mit im Komplott?« fragte er mißtrauisch. »Ich bin gerüstet und brauche keine Hilfe.« »Großer Gott, Bruder, Kinder werden ja wohl noch ihre Wünsche äußern dürfen ...« »Ganz gewiß, Hermine. Aber es scheint sich hier nicht um eine Schreckpistole oder ein Schaukelpferd zu handeln.« Nun schwiegen alle. Die Wirtschafterin hatte mit Trina das Abräumen begonnen und beendete es rasch und möglichst geräuschlos. Wenn der alte Freiherr ungeduldig war, konnte es Scherben geben. Die Tür schloß sich hinter Trina, die draußen noch in nachträglicher Beklemmung eine Tasse fallen ließ. »Hoffentlich war es die mit dem Sprung«, meinte Tante Hermine trocken. Sie hatte eine liebe Art, Spannungen zu lockern. Dankwart sprang mit beiden Füßen in die Sachlage. »Vater, ich will morgen bei dem Nachbar Kreihorst meinen Besuch machen. Ich möchte mir Rat von ihm holen, denn er ist ein anerkannter, in allen Sätteln gerechter Landwirt. Es paßt ihm und mir nicht, daß wir uns immer nur stumm über den Grenzacker grüßen. Wir Bauern müssen enger verbunden sein ...« »Willst du die Tochter heiraten?« Dankwart ging über die Frage hinweg. »Ich möchte endlich unserm sogenannten ›Administrator‹ kündigen. Wir können ihn nicht mehr bezahlen, was ich aber nicht drückend empfinde, da der Mann sich anderweitig schadlos hält. Aber wir brauchen ihn überhaupt nicht, – ich werde ihn ersetzen.« »Hast du Worte, Hermine?« fragte der Burgherr heiser. »Mein Herr Sohn scheint sich schon ganz als Majoratsherr zu fühlen und wähnt mich in der Gruft unseres Mausoleums ...« Wieder legte sich die Frauenhand beruhigend auf seine derbe Rechte, die zur Faust geballt auf dem Tische lag. »Ich bitte dich, Vater – du hast mir einmal in guter Stunde gesagt, du habest volles Vertrauen zu mir –« Dankwarts ruhige Stimme schien ihre Wirkung zu tun. Der Alte paffte gewaltig. »Hab ich auch, – hab ich auch, – nur Komplotte bringen mich aus der Kontenance.« »Vater, – es gibt keine Komplotte –« »Schon gut, schon gut. Also weiter im Text. Mit meinem verteufelten Zipperlein kann ich ja nicht hinter dem Schuft von Administrator herrennen. Jag ihn fort.« »Das kann ich nicht, aber kündigen. Morgen schon. Und der alte Kreihorst soll grob, aber gerecht sein, ich habe die Absicht, mich ihm unterzuordnen. Eulenried muß es zugute kommen. Gesellschaftlich will ich nichts, gar nichts von dem Alten.« »Schön! Ich wüßte auch nicht, was er dich gesellschaftlich lehren könnte. Sein Großvater war Schäfer, sein Vater ging nach Amerika, kam mit schwerreicher Frau wieder, die dann hier starb. Er haust mit seiner Schwester weiter, hat das Geld brillant angelegt, verdoppelt und verdreifacht – ich hab ihn nicht sehen wollen.« Dankwart dachte: »Man merkt es an dem Eulenriedschen Gewese, daß hier nie ein gescheiter Nachbar Rat gegeben hat, oder vielmehr, daß immer das Gegenteil davon getan wurde.« Beim alten Freiherrn kam wieder der Zorn hoch. »Es ist doch erheiternd, Hermine, daß der eigene Sohn zum Nachbar läuft, um unser Gut zu halten, weil er den Vater für einen Banausen hält –« »Wenn der Vater ein Banause ist – warum soll der Sohn sich nicht bessern Rat holen«, meinte das alte Fräulein trocken; – »aber ich glaub, du kannst den Großbauern Kreihorst noch manches lehren, – Bruder. Mit deinem Podagra kannst schimpfen, Bruder, mehr noch mit dem schweren Rotspon. Das ist der Halunke, der an allem schuld ist ... ja, und die Mißernten und das Viehsterben ...« »Man gut, daß du dem Herrgott doch auch einige Versehen zuschiebst«, wetterte der Freiherr und war schon wieder krebsrot. – »Was man sich nicht alles gefallen lassen muß, wenn man siech ist –« »Na mit dem Siechtum hat's noch 'ne Weile Zeit, Bruder.« »Wo zum Donnerwetter steckt der Doktor Eusebius Senfkorn?« lenkte der Hausherr ab. »Er soll mitraten. Herholen, Illo!« »Doktor Senfkorn hat vorhin an der Tür gehorcht«, berichtete Illo, »da wußt ich gleich, was los war. Er ist sicher sofort in sein Turmgemach gestiegen. Lieber leidet er Hunger und Durst, als daß er sich Streit mit anhört.« »Also das Gesinde streikt auch schon«, murmelte der Alte. »Um Gott, Bruder, was ist in dich gefahren?« Das alte Fräulein war tief erschrocken. »Du wirft doch Senfkorn nicht zum Gesinde rechnen?« »Bisher zum Gewürz«, lenkte der Freiherr ein. »Der Mann hat Einfälle. Aber wenn er mit seinem Herrn muckscht, dann werde ich ihn Mores lehren.« Tante Hermine beruhigte sich nicht. Sie rüttelte seine Schulter, als wolle sie ihn aufwecken. »Bruder! Er hat deine Kinder umsonst erzogen ... an ihren Krankenbetten hat er gewacht; wenn ich bei deiner Frau war ...« Der Freiherr fuhr sich mit allen zehn Fingern durch das volle, weiße Haar. »Hol den Kerl her«, schrie er Illo an, »mir schmeckt der Kaffee nicht ohne ihn.« Das wußten alle, aber daß der Vater es eingestand, war etwas Außergewöhnliches. Illo warf ein Mundtuch über den Arm, um das »Gesinde« zu markieren, schenkte dem Vater noch Kaffee ein und sauste mit Kellnerschritten durch das große Zimmer und nach oben. »Dem Illo werde ich nächstens kündigen, der wird mir zu frech.« – Aber die Söhne meinten bei sich, daß der Tag noch ruhig verlaufen könne. Dr. Senfkorn stolperte verlegen neben Illo herein. Aber als der Burgherr ihn heischend ansah, die Brauen eng zusammengezogen, reckte sich das kleine Männlein: »Am Himmel ist Sonne«, sagte er mutig, »aber hier im Tale schienen mir Gewitter aufzuziehen, da trat ich auf meinen Turmaltan und atmete mir den Feind aus der Brust.« »Das klingt erhaben!« spottete der Alte. »Und es ist gut, daß Sie den Kram oben abgemacht haben; ich eigne mich so gar nicht zur Poesie.« »Ja, das dachte ich auch.« Sie sahen alle erschrocken und halb belustigt hoch, das alte Fräulein dachte: »Sieh, sieh, das unscheinbare Bündelchen hat sich wirklich Mut geatmet.« Der abgekühlte Mokka des alten Herrn war schon wieder durch frisch gebrühten ersetzt. Man kannte das gar nicht anders, und die Wirtschafterin lebte nur für die Wünsche ihres alten Herrn und Gebieters. Sie mußte Berge von Kräpfeln gebacken haben, denn es wurden ebensoviele wieder auf den Tisch gestellt, als vorher schon vertilgt worden waren. Dr. Senfkorn suchte sich das winzigste Küchlein aus, was sein Auge erspähen konnte und kullerte es auf seinen Teller. – »Ich würde es nochmal teilen, Doktor«, höhnte der Schloßherr. »Gestatten, Herr Baron – ich habe Hunger.« Illo hüpfte vor Freude über diese Antwort auf seinem Stuhl und wurde vom Edelfräulein unter dem Tisch getreten. Dann erhob sich die alte Dame, um nach der kranken Schwägerin zu sehen. »Wenn meine Frau nicht schläft, bringe sie mit«, rief ihr der Bruder nach. Illo öffnete der Tante ritterlich die Tür. »Nicht mitbringen«, raunte er ihr dabei zu. »Es würde die Mutter zu sehr erregen. Es muß heute zum Klappen kommen.« Der Vater war schon wieder heftig und ungeduldig. »Was schmust ihr beiden da noch, wie ein Liebespaar? Schluß! Es zieht verdammt auf meine Potentaten ...« Illo war auch erregt, das Kommende warf seine Schatten voraus. Er schloß die Tür nicht sehr sanft. Aber der große Ahnentisch präsentierte sich dann doch recht gemütlich, – die langen und kurzen Pfeifen dampften, – es war das richtige Tabakskollegium. Im Waldtal lag schon die Abenddämmerung, auf den Spitzen der hohen Tannen glühte noch die Abendsonne. Die drei jungen Stimmen setzten ein, wie jeden Abend: »...Nie kann ohne Wonne deinen Glanz ich sehn.« Das war alte Überlieferung, solange sie auf Ferien daheim waren. »Nun ja – legt's einstweilen dort hin«, gebot der alte Eulenried unrastig. »Wir haben schon viel Zeit versäumt, – brenne darauf, mir den Knoten zu besehen, den meine Sprößlinge durchhauen wollen. Er ist sicher mal sorgfältig von mir geknüpft worden.« »Ganz sicher«, lieber Vater, sagte Wildrich ernst. »So sorgsam, wie die Tradition es erheischte. Der Älteste kriegt das Gut, der Zweite wird Offizier, der Dritte Jurist. Aber mein Wald, mein Thüringer Wald überwältigte die Tradition. Vater, ich dank dir noch heute, daß ich Förster werden durfte.« »Na, – hast brav studiert und deinen Referendar sorgsam in Eberswalde geschafft. Nun wirst du deinen Forstassessor bauen, – die ganze Geschichte ist ja etwas langatmig und teuer. Bis du Oberförster wirst, kannst du graue Haare kriegen. Na – andere sind's auch geworden, und es ist gut, daß die Eulenriedstiftung da ist ...« »Vater, – es ist gut, daß du selbst alle die Schwierigkeiten aufzählst. Die Stiftung ist ja jämmerlich zusammengeschmolzen, wie mir unser braver Syndikus in Berlin sagte ...« »Der Mann hat mit mir zu verhandeln und nicht mit euch«, fuhr der Alte auf. »Ich habe ihn selbst darum dringend gebeten, lieber Vater, – ich weiß, wie Dankwart sich abarbeitet ...« »So so, – und ist dir nun ein neuer, großer Gedanke und Plan aus dem Kopfe gesprungen, wie Pallas Athene aus dem Haupte ihres Vaters?« »Kein großer Plan«, lieber Vater ... Ich will mich verkleinern. Ich will als einfacher Förster bei Oberförster Ehrlich eintreten. Ich habe öfters mit ihm das Revier durchstreift, was sind es für herrliche, weitgedehnte Waldungen! Der Alte kennt jeden Baum, aber er würde sich freuen, wenn er einen Gehilfen kriegte, der so mit Leib und Seele Förster ist, wie ich. Der Fürst kümmert sich um nichts, das heißt er ist mehr Jäger, als Heger und Pfleger.« »Du bist übergeschnappt, Wildrich. Du willst deine Karriere aufgeben, die dich später zu den höchsten Stellungen berechtigt ...« »Ja, Vater, später, – sehr später ...« »Einerlei, – du willst alles vergessen, im Stich lassen, was du gelernt ...« »Nichts will ich vergessen, außer dem Hochmütigen, das mich immer noch stach, wenn ich so mit den Standesgenossen zusammensaß. – Vater, – wir sind arm. Wir müssen bitter sparen. Und alles, was erspart wird, muß der Heimat gehören, muß dem Dankwart gehören, damit er uns allen Burg Eulenried erhält.« Wildrich war aufgesprungen und ans Fenster getreten. Da lag sein Thüringen vor ihm. Das ganze Tal im Frühlingsschmuck, die glitzernde Ilm, der Wald, der sich weithin streckte –»o du Heimatflur ...« »Hast du dich schon verdingt?« fragte der Vater heiser. »Ich habe hier im Umkreise mit niemand gesprochen, außer mit den Brüdern, mußte doch zuerst dich in meine Pläne einweihen ...« »Überaus gütig. – Nachdem ich von dem Unsinn Kenntnis genommen, wird natürlich nichts daraus. Man läßt keine große Laufbahn im Stich, um ein Subalterner zu werden. Steckt vielleicht ein Frauenzimmer dahinter? Hat irgendein Waldwärter eine hübsche Tochter?« »Wie wenig du mich kennst, Vater. Meinst du, ich könnte irgend jemand in meine Misere hineinziehen?« »Schweig!! Es beleidigt mich. Du wirst vor allen Dingen deinen Assessor machen ...« »Nein, Vater. Er hat schon zu viel gekostet, – ich will jetzt verdienen. Ich bitte dich, Vater, gib deine Einwilligung, es ist alles hundertmal gut überlegt. Gewissenhafte Berater stimmen mir zu. Selbst meine Vorgesetzten ...« »So, – also abgekartet. – Ich, als Trumpf sechs, und halber Krüppel – der sein eigen Gut nicht halten konnte ...« »Vater, wir wissen, daß du dein Lebtag geschuftet hast und seit Jahren nicht gesund bist. Dazu die sieche Mutter, – ach Vater, mach mir's nicht so schwer ...« »Du bist mündig.« Die Lippen des Alten schlossen sich fest, aber es arbeitete heftig in seinem Gesicht. Wildrich ging hinaus und verweilte lange auf dem hallenden Korridor. Nunquam retrorsum. Überall trat ihm der Wappenspruch vor die Augen. Nein, er wollte nicht zurück. Sein Entschluß war eisern. Und die neue Laufbahn war kein »Zurück«, die führte ihn aus unerträglicher Enge, aus Schulden, die er nicht umgehen konnte trotz aller Einschränkung, – aus Mangel und Bitternissen in seine Heimat, wo er anfangen konnte wirklich zu leben. Klein leben, groß denken ... Sacht öffnete sich neben ihm eine Flügeltür. Tante Hermine schloß sie leise und schob ihren Arm durch den seinen. »Die Mutter läßt grüßen, sie will ruhen, ich habe sie zur Nacht gebettet. Nur den Vater erwartet sie noch. Dich grüßt sie ganz besonders.« – Sie wollte in das Wohnzimmer treten, aber Wildrich hielt sie zurück. Rasch und leise, in großen Zügen, erzählte er von seinem Entschluß. – Sie drückte seine Hand. »Ich stehe zu dir«, sagte sie ruhig. »Man muß mit der Jugend gehen, sobald man ihren Ernst erkennt.« »Tante Hermine, du bist ein Engel!« »Nein, nur eine alte Jungfer mit einem Herzen auf dem rechten Fleck – will's Gott l« Sie gingen eng umschlungen ins Wohnzimmer. Baron Eulenried lachte bitter, als er die beiden sah. »Wüßt ich's doch! Wenn's gegen den Alten geht, dann hängt alles wie Pech und Schwefel zusammen.« »Pech und Schwefel riecht wie Teufels Großmutter. Ich hoffe, daß mein Duft einwandfreier ist«, lachte Tante Hermine rauh und herzlich. »Ich würde nicht so vor mich hinbrüten, Bruder, was Vernünftiges kommt da nicht zum Vorschein. Komm, setz dich froh zu uns. Deine Jungs sind gut geraten. Und wenn sie wirklich die verfahrene Karre mit der Zeit aus dem Dreck ziehen, wollen wir Hallelujah singen.« »Deine Ausdrucksweise ist einer zarten Jungfrau würdig«, spottete grimmig der Bruder, »aber zum Hallelujah singen muß ich warten, bis mein jüngster Sohn zu Worte gekommen ist. Er sieht nicht aus, als ob er mir Gutes brächte.« »Ich hoffe, es wächst sich zum Guten aus, lieber Vater. Wenn es auch jetzt für dich nicht so ausschaut. Für mich bedeutet es Aufstieg, rechte Arbeit, meinen Herzenswunsch, schlechthin mein Leben.« »Großer Gott, er phantasiert, er ist komplett verrückt geworden! Was wird nun jung?« »Dies da, Vater. Ich habe es mir vorgenommen. Lacht mich alle aus, ich bleibe doch dabei. Das Glück von Eulenried möcht ich wieder in die Burg bringen.« Illo hatte das alte, brüchige Lederfutteral aufgeschnallt. Nun zog er das kleine, schwere, bronzene Kunstwert heraus. Seine jungen, schönen Augen strahlten, als er es seinem Vater hinschob. »Was soll der Firlefanz? Hier ist kein Theater. Was soll dein bombastischer Vortrag, Illo?« »Darauf kann ich nichts sagen, Vater. Denn du würdest mich gar nicht verstehen. Aber vielleicht verstehst du doch äußerlich meine Worte, wenn du auch – mich selbst schmähen wirst. Thüringen hat von jeher große Meister gehabt. Ich will mir einen solchen suchen. Handwerk hat goldenen Boden. Vater, mit diesem Vermächtnis unseres Ahnen und seiner Urkunde gehe ich auf die Walze. Ich will Uhrmacher werden.« Eine Weile war es ganz still. Hochrot von gewaltigem Zorn war das Antlitz des Burgherrn. Dann wechselte wieder die Farbe in erschreckender Weise. Schwer fiel seine geballte Faust auf den Tisch. »So geh in Dreiteufelsnamen!« brüllte er. » Nein ! Zu dem Herren hat unser Illo keine Beziehungen«, rief Tante Hermine, und sie huschte wie eine ganz junge Dirne davon. Man hörte, wie sie rasch die Treppe zu ihrem eigenen Gelaß erstieg, und schon nach kurzer Zeit trat sie atemlos wieder herein. Noch immer war's still im Zimmer. Keiner wagte den Bann zu brechen, der auf allen lag. » Mit Gott soll er gehen!« rief sie laut. »Du, lieber, tapferer Junge! Illo! Meinen Segen gebe ich dir mit. Da steckt er drin.« Und sie reichte ihm ein gewaltiges Felleisen, wie es dem breiten Rücken eines jungen Hünen wohl anstehen konnte. Es stammte auch noch aus uralten Zeiten, wie sie wußte. Es war gut, daß das Prachtstück nicht in der Truhe vermoderte. – »Seid nicht so verdattert, ihr Leute! Bruder, das ist heute ein großer Tag. Sei doch ruhig und froh, Bruder! Früher waren die Eulenrieds Raubritter. War das besser? Haben auch einige ganz schlimme an den Edeltannen gebaumelt. Schöne Edelzapfen ... Bruder, ich bitt' dich! Ein gescheiter, findiger Handwerker ist was Besseres als ein Mann, dem Vettern und Basen helfen müssen, damit er sich durch das Dasein quält. Und der Illo, – der Illo, der schafft's allein! Ich hab's gesagt!« Der Schloßherr erhob sich mühsam, die Söhne sprangen zu, aber er wehrte sie ab. Hochauf richtete sich der Recke, aber mit keinem Blick streifte er seine Söhne. »Schwester, du bist verrückt«, sagte er seltsam ruhig und wollte das Zimmer verlassen. Illo haschte nach seiner Hand. »Vater, – ist es die Erbuhr nicht wert, daß ich sie zum Schlagen bringe? Das Glück von Eulenried soll daran hängen, jedenfalls mein ganzes Herz. Ein Eulenried muß sie heilen. Sag doch ja! Sei doch gut!« Der Baron ging hinaus. – Aber ganz leise schloß er die Tür hinter sich. »Illo!« sagte das alte Schloßfräulein bedächtig. »Wenn dies Euer Vater durchhält, dann kann er noch zwanzig Jahre leben ...« Der Jungbursch strich sacht über das Kleinod, dann versenkte er's in das lederne Gehäuse und legte dieses in das alte Felleisen. – Er war gerüstet. – 2. Am andern Morgen schienen alle Uhren des Thüringer Waldes die vierte Stunde laut zu verkünden, damit der schmucke Wanderbursch beizeiten an sein Ziel käme und sich nicht unnütz versäume. Den Frühkaffee hatte er sich verbeten. Er hatte schon am Abend vorher Abschied von der treuen Tante Hermine genommen, hatte der Mutter ein Brieflein hinterlassen, in dem alle guten Sohneswünsche und auch seine festen, guten Vorsätze enthalten waren. Die Mutter mußte laut ärztlichem Machtwort immer lange der Ruhe pflegen, und Illo wußte, die Leidende hatte ein starkes Herz und würde über die unerwartete Trennung rascher hinwegkommen, wenn sie dem Blondkopf nicht erst in die Augen sah. Waren doch die ihren sicher von Tränen verdunkelt, seit der Vater ihr die Nachricht vom Scheiden des Sohnes überbrachte. Baron Eulenried war auch unsichtbar geblieben, auch nicht so sentimental, um Illo etwa durch die Brüder seinen Vatersegen nachträglich zu übermitteln. Aber ein ganzes Pfund Barinas Mischung Nr. l, seine Spezialmarke und ein blankes Fünfmarkstück fand Illo auf seinem alten tannenen Schreibtisch liegen, auch die großmächtige Visitenkarte des Vaters lag obenauf. Sie enthielt alle Standesbezeichnungen fein lithographiert, und es waren so viele, daß die ganze vordere Seite davon bedeckt war. Dafür stand auf der Rückseite nur eine kurze Widmung, die aber dem Scheidenden die lange Wanderschaft merkwürdig verschönte, nämlich: »Schafskopp!« Illo quittierte mit einem Abschiedsgruß, indem er die braune Wandermütze nach dem Schlafzimmer des Vaters schwenkte. Dr. Senfkorn stand in Nachthemd und Zipfelmütze am Turmzimmer und winkte mit der Hand. Illo wußte, er würde sich darauf wieder in sein schmales Bettchen strecken, das früher ein Kinderbett der Enakssöhne Eulenrieds gewesen war, aber dem kleinen Dr. phil. vollkommen genügte. Illo wußte auch, daß er eine endlos lange Epistel im Laufe der Zeit von seinem alten Hauslehrer erhalten würde, worin dieser über ungeratene Zöglinge wettern und über gebrochene Elternherzen philosophieren würde. Illo besaß schon mehrere solcher Briefe, die aber unendlich feine und treffende Wendungen und Humoristika enthielten und wert waren, gedruckt zu werden. Nur wenige Minuten dachte er über all dieses nach. Er sah nur seine Heimat, seine alte Burg mit den steinernen Zinnen, den hohen Torbogen, die Zugbrücke, die aber festlag und nie mehr aufgezogen werden konnte. Er nahm noch eine ordentliche Nase voll des hier unten sattsam üblen Geruches vom alten Schloßgraben mit, und dann flog er wie ein Pfeil durch das Tor mit dem steinernen Spruch: Nunquam retrorsum! Einmal würde und wollte er zurückkehren, als wohlbestallter Meister, – und man sollte den deutschen Meister ehren ... Einen Jodler stieß er aus, halb lustig, halb von Rührung sich überschlagend, denn auf dem Waldweg standen seine Brüder. Er lief direkt in ihre ausgebreiteten Arme hinein, und sie taumelten alle drei. Da lachten sie überlaut, aber Worte wollten nicht aus den Kehlen kommen. Dankwart faßte sich zurerst. »Schafskopp«, rief er, und Illo lachte: »Ja, ja, weiß schon! Hat mir Vater schon vorhin schriftlich gegeben.« Da war der Bann gelöst. Ernsthaft – fröhlich berieten sie über die Richtung, die Illo nehmen wollte, über seine Pläne, die alle einfach genug waren. Illo bückte sich über die rauschende Ilm, in deren besonntem Spiegel man die Forellen stehen und spielen sah. Er schöpfte seine Mütze voll klaren Heimatwassers und goß es sich über den Kopf. Die Brüder taten es ihm nach. »So, das ist wie ein Gelübde«, sagte Wildrich nachdrücklich. »Und wir sind keine Buben mehr, und werden es halten. Hier wollen wir uns wiedertreffen, an diesem Fleck, wo die Moosbank steht und der verwitterte Pfahl: ›Nach Eisenach‹.« »Recht so! Mir ist, als warte Doktor Martinus auf mich.« »Laß fahren dahin, sie habens kein Gewinn, das Reich muß uns doch bleiben.« »Bruder, leb wohl!« »Auch soviel!« Noch einmal standen sie im Kreis. Wann wären sie je auseinandergegangen ohne Lied? Gottgesegneter Dreiklang! »Drauß ist alles so prächtig« – Die Felsen gaben das Echo wieder. Dann winkten sie, bis sich eine hohe Waldwand zwischen sie und den Scheidenden schob. – Noch verhielten sie eine Weile. »Hör doch, Wildrich – wie Illos Tenor tönt! Sänger hätte er werden müssen, anstatt – Uhrmacher.« »Und im Mai, im schönen Maien hab i viel noch im Sinn.« – Nun wurde das Rauschen der Ilm stärker, sie tanzte über mächtige Steine und übertönte Stimme und Wort. Nach drei verschiedenen Seiten trennten sich die Brüder. – Illo schlug einen Wildpfad ein, der ihn über eine steile Felswand führte, welche die Brüder als Knaben das »Raubschloß« nannten, wenn auch nirgends Türme noch Mauern zu sehen waren. Hier atmete er sich noch einmal ordentlich »den Feind aus der Brust«. Zorn gegen den Vater, Leid über die sieche Mutter, die ganze wehleidige Abschiedsstimmung. Wann würde er sein Eulenried wiedersehen? Und würde er als Sieger kommen? Schwer und unbequem schlenkerte er das wertvolle Erbstück im Felleisen an seiner rechten Seite; schon ein paarmal hatte er es umgewechselt. In welcher Ecke seines lieben Thüringens würde er den Meister finden, der das Kunstwerk wirklich wertete und erkannte? Und der den Besitzer der »Bronzenen« in sein Haus, an seinen Herd aufnahm und das Ührlein mit Liebe studierte? »Mit Liebe«, das war der Spruch einer Ahne gewesen. Ein Kochbuch besaß die Mutter, das war von dieser Ahne geschrieben, und in jedem Rezept war »die Liebe« erwähnt. – Liebe als Untergrund, Liebe als Einlage bei Backwaren, ja bei einem köstlichen Fleischgericht, das den närrischen Namen trug: »Mutter Treuen und ihre Töchter«, stand am Schluß des Rezeptes: »Zieht man den Tiegel aus der Bratröhre, so fahre man noch einmal mit Liebe und einer glühenden Schaufel über die ganze Pastete. Probatum est!« – Das war im Schloß Eulenried zum fliegenden Wort geworden. – Diese Gedanken überdachte Illo noch einmal, während er ringsum seine köstliche Heimat erlebte und ihren Duft in sich hinein trank. Dann fegte er buchstäblich den moosigen Waldweg hinunter, daß ihm die Mütze vom Kopfe flog und er sie erst wieder aufsammeln mußte. Wo mochten seine Brüder jetzt wandern? Dankwart war zum Schlosse zurück geschritten, hatte mit einem uralten Tulapfeifchen seinem Hunde Hasso gepfiffen, der sich beinahe vor Freuden überkugelte, daß er seinen Herrn begleiten durfte. Dankwart schlug jetzt den Weg zu seinen Wiesen und Feldern ein, stutzte, als er an den Acker trat, der an die Gehöfte des Großbauern Kreihorst grenzte. Der Bauer selbst ging vor dem Acker auf und ab, nahm Schollen auf, zerbrach und zerkrümelte sie, roch ergiebig daran und schaute dann immer wieder ringsherum, als wolle er das hundertmal schon Gesehene, noch einmal messen. Langsam schlenderte Dankwart heran. Großbauer Kreihorst tat, als sei er immer dagewesen, und er hätte nur ein angefangenes Gespräch fortzusetzen. – »Ja, das ist nun so, Herr Baron. Hier fehlt etwas, und das ist schade. Denn an sich ist der Boden gut.« »Ich brauche nicht zu fragen, was fehlt«, rief Dankwart rasch, ohne die Tageszeit zu bieten, denn er kannte die Eigenart des Nachbarn vom Hörensagen. Kreihorst pflegte sich nicht mit Nebensächlichkeiten aufzuhalten. »Mist ist die Seele des Landwirtes, Herr Baron, wo Mist fehlt, hat der Kaiser sein Recht verloren.« »Das sind starke, gute Worte, Herr Nachbar, die mir einleuchten.« »Es ist gut, wenn Sie verständig sind.« Dankwart besah sich seinen Nachbar genau. Der alte Bauer sah aus wie »aus dem Schächtelchen«, wie der Thüringer die Sauberkeit und Unverbrauchtheit eines Menschen bezeichnet. Seine Hände waren Pranken, aber gut geformt und merkwürdig gepflegt. Er sollte aber wie seine eigenen Knechte arbeiten, das erzählten diese überall. Das bartlose Gesicht war gut rasiert, die scharfen, klugen Augen unter den buschigen Brauen sahen den Besucher durchdringend an. ›Ich mag den Mann leiden‹, dachte Dankwart, ›und ich wollte, ich hätte mich eher um ihn gekümmert. Oder er sich um mich, – denn er wird in jedem Falle der Gebende sein.‹ »Die Eulenrieds hausen ja schon etwas länger als wir in den Thüringer Bergen, aber immerhin kann ich doch mit dreihundert Jährchen aufwarten.« »Man sieht es Ihnen nicht an, Großbauer«, lachte Dankwart und setzte dann ernst hinzu: »Ich wollte, wir wären mit unsern sechshundert Jahren weiter in der Wirtschaft.« »Sie haben ein gutes Lachen, Herr Baron. Das hat schon seinen Ruf, wissen Sie das? Ich hab schon meinem Großvater sagen hören, wenn er einen guten, gesunden Menschen bezeichnen wollte: ›Er lacht wie'n Eulenried‹.« »Hm. Das ist mir neu. Aber die Eule lacht ja auch. Doch hab ich mir nie was drauf eingebildet.« »Wer die Eule im Wappen hat, muß gescheit sein. Mich dünkt, ich hab so was in der Schule gelernt. – Sie sind gescheit, Herr Baron, sonst würden Sie mir nicht meinen Ehrentitel geben, sondern ›Herr Kreihorst‹' zu mir sagen.« »Um Gott, Großbauer, es würde mir nicht einfallen, Sie je so zu nennen ...« »›Baron‹ ist auch nicht schlecht. Aber, wie gesagt, Mist muß im Acker sein ...« Dankwart dachte: ›Wir kommen heute nicht von dieser »anrüchigen Seele« ab‹, und verabschiedete sich. Er wollte dem Nachbar die Hand reichen, aber der schlug schon wieder Feuer für seine kurze Pfeife und hielt außerdem nichts von städtischen Gewohnheiten. – »Sie können morgen mal auf ein Stündchen zwischen »Dämmern und Siehstmichnicht« kommen, Herr Baron. Da reden wir dann mehr von der Sach'.« Dankwart nickte und kopfschüttelte zugleich. Der Großbauer hatte sich ihm ganz anders gezeigt, als man ihn ringsherum schilderte. Die Eulenrieds hatten keinen Umgang, sie waren zu arm, um irgendwelche Geselligkeit zu pflegen, die Mutter zu leidend und der Vater zu hitzköpfig. Der alte Herr verstand die Nachkommen seiner Standesgenossen nicht mehr. – Sehr langsam und nachdenklich schritt der junge Besitzer durch sein ganzes Gewese und sah heute in der klaren, unnachsichtigen, nichts beschönigenden Helle des Frühlingstages den ganzen Verfall seiner Wirtschaftsgebäude, wie auch der Burg selbst, darin er mit den Seinen hauste. »Die romantischste Burg des Thüringer Waldes ist der Eulenried«, stand in den Reisebüchern. – Die massiven, gut erhaltenen Mauern des Nachbarhofes erwiesen sich nicht als romantisch, aber das Herz konnte einem Landwirt im Leibe lachen beim Anblick des stattlichen Hauses, der prächtigen Stallungen, der gepflegten Kühe, die schon draußen weideten. Am Waldrand saß der alte Schäfer, rauchte seinen selbstgesuchten Tabak aus der kurzen Pfeife und spuckte nach ein paar Zügen immer in großem Bogen über das Land hin. Neben der Pfeife hatte er noch sein Priemchen im Mund. Daheim in seinem Häuschen, dessen zwei Stuben neben dem warmen Stalle seiner Schafherde lagen, durfte er weder priemen noch spucken. Da kam auch die große, lange Pfeife an die Reihe und feinster »Pastertabak«, das Pfund zu fünfundsiebenzig Penning, – damit versorgte ihn »das Lisel«, die einzige Tochter seines Brotherrn. Ein Prachtsmädchen, »das Lisel«, fast zu ernst für ihre zweiundzwanzig Jahre. Aber sie hatte ja auch die Mutter hergegeben und zwei Brüder im Kriege. Und hatte immer schwer arbeiten müssen, trotz ihres Reichtums, und nie zu Tanz gehen und sich freuen können. Es war eine Ehre, auf dem Kreihenhorst dienen zu dürfen. So sprach man in den Nachbardörfern, und mancher angesehene Bauernsohn hatte eine »resche« Magd vom Kreihenhorst geheiratet, und man war gut mit ihr gefahren. Eine Base vom Bauern war auch noch da von gutem Thüringer Schrot und Korn. Die sorgte für die gute Sitte im Hause und rief abends alles Gesinde in die große Stube. Da wurden noch die Spinnräder herzugetragen und die Fäden genetzt, die Räder surrten um die Wette. Auch Stricknadeln klapperten, und die Base erzählte Thüringer Märchen und Sachen »zum Gotterbarmen grauslich schön«. Aber auch »Rudolstädter Bilder und Klänge« vom alten Pastor Sommer wurden vorgelesen, und man konnte sich krumm, schief und bucklig lachen. Die Haustochter saß immer dabei, ernst und herb, und der Name der Landgräfin Elisabeth, die ja später heilig gesprochen wurde, hätte besser zu der »Besonderen« gepaßt, als »das Lisel von Ilmenbach«. Es waren Gedanken dieser Art, die den jungen Baron Dankwart Eulenried auf seinem Weg nach dem Schlosse begleiteten. Er trat hochaufgerichtet und froh in das Zimmer der leidenden Mutter, die ihn jeden Morgen um diese Zeit erwartete. Denn die herben Schmerzen verkürzten ihr die Nachtruhe. – So plauderte sie gern in aller Herrgottsfrühe mit ihrem Ältesten, während der Gatte sein Podagra in der Bettwärme vergaß. »Du siehst frisch aus, mein Dankwart. Wie beneide ich dich! So herumwirtschaften zu können in der jungen Frühlingszeit. Was macht das Gut? Wie steht die Saat? Ist das Vieh schon auf der Weide? Auch des Nachts? Ich bin eine schlechte Gutsfrau geworden, und war doch früher mit dem Gesinde auf und allen voran.« »Das warst du, Mutter. Und hast dich für uns und für das Gut abgerackert.« Dankwart küßte zärtlich den Scheitel der Mutter, der frühzeitig ergraut war, trotzdem ihr alle schweren Sorgen ferngehalten wurden. »Die Insten scheinen nicht mehr so anhänglich zu sein, wie früher«, klagte sie. »Es klopft niemand mehr von ihnen an meine Tür, und ich hatte doch die jungen, frischen Thüringer Meidli so gern... Auch der Administrator läßt sich seit Monaten nicht mehr sehen.« Dankwart scheuchte mit nicht ganz sicherer Stimme ihre Sorgen fort. Er durfte ihr ja nicht sagen, daß das »Gesinde« auf die kleinste Zahl zusammengespart war und durch die Frauen und Mütter der unbedingt notwendigen männlichen Insten ersetzt wurde. – Der Administrator hatte sich dem Trunk ergeben, leistete nichts mehr. – Dankwart wollte ihm heute kündigen. Aber nun mußte er der geliebten Kranken noch die plötzliche Abreise des Jüngsten ganz behutsam beibringen. Abreise? Der jüngste Sproß des stolzen freiherrlichen Geschlechts befand sich auf der »Walze«. Dankwart suchte nach Worten. Er ließ sich vor dem Ruhesessel der Mutter auf die Knie nieder. Das war die beliebte Weise der Söhne, ihrer Mutter nahe zu sein. Da konnte man sie mit beiden Armen umschlingen und »beichten«, wie das früher geschah. Konnte in ihre guten, klugen Augen hinein alles erzählen, was vom Jungsherzen herunter wollte. Und fand bei ihr immer Verständnis, im Gegensatz zum leicht aufbrausenden Vater. – Frau von Eulenried strich mit den feinen Händen über die Stirn des Sohnes. »Da liegt eine Furche, – und da, und da – – viel zu früh für meinen jungen Dankwart.« »Jung? Mutter, ich bin Dreißig.« »Auch für deine Dreißig sind die Falten zu tief. Hat es was gegeben? Mir ist schon bange, als verbergt ihr mir etwas, um mich zu schonen. Schonung kann auch quälen. Weil ich so gefesselt bin, mich nicht rühren kann ... Dankwart, – wir sind so lieb allein – du wirst mir wieder mal ›beichten‹, wie früher, – ja?« Hastig und drängend sprach die Mutter, und wirklich gequält sah sie ihn an. »Ist es etwas mit dem Vater? Wart Ihr ungehorsam? Ist Wildrich durchs Examen gefallen? Und Illo? Mein Gott, wo steckt er? Kommt doch sonst immer gleich nach dir in meine Kemenate gestürmt – – – Und du selbst, Dankwart? Eben warst du noch so frisch, und nun ich all die Zweifel ausspreche, – kannst du sie nicht widerlegen? Was gibt's?« Wildrich sah forschend in ihre heischenden Augen. Und er fühlte, daß man ihrer geistigen Stärke, die so tapfer die körperlichen Schmerzen ertrug, wohl auch Sorgen anvertrauen konnte. Das Versteckspiel vor der Mutter, das der Vater anbefohlen, hatte ihn und seine Brüder immer gequält. Wildrich glaubte auch nicht daran, daß sie zusammenbrechen würde, wenn die Kenntnis von dem Ruin des Hauses über sie kommen würde. »Liebste Mutter, heute ist noch viel zu schaffen, – ich kann dir nicht langatmig beichten, – von mir selbst überhaupt nichts. Bin ein trockner Geselle geworden, Mutter – – – –, nein, unterbrich mich nicht, Mutter ... Wir sind alle sorgenvoll, – weißt du, so wie der alte Schäfer immer sagt: ›Für'n Taler acht Groschen‹ Sorgen. Na, so billig tun es aber die Eulenrieds nicht. Es ist etwas mehr. Aber das soll meine Muusch nicht kümmern, hörst du? Ich werd's schon schaffen. Nur darf sich der Vater gar nicht mehr um die Gutswirtschaft kümmern, das muß er mir versprechen.« »Um Gott – Dankwart ...« Er sah finster und entschlossen aus. Dann aber nahm er die feine, zarte Frau zärtlich in seine Arme und versuchte zu scherzen: »Muusch, wir haben so etwas wie Palastrevolution. Unser Illo ist schon ausgerückt – – aber auf gutem Wege. Nur nicht zittern und bang sein, Mutterle, wir drei Jungs haben alles wohl überlegt.« Aber die schmalen, feinen Hände zitterten doch in den seinen, und sie schmiegte sich eng an ihren starken Ältesten. »Sieh, Mutterle, – der Wildrich will uns sparen helfen, denn das ist nötig. Und er gibt seine teure, langwierige große Karriere auf und wird einfacher Förster. Forstgehilfe beim alten Ehrlich auf der Domäne.« »Was macht ihr für Sachen! Es erschreckt mich. Aber der Illo? Was will er? Dankwart, – er war so sehr Vaters Stolz, – unser aller Zukunftshoffnung, gelle, Dankwart?« So rührend echt thüringisch klang die letzte Frage. »Ja, Mutter – das bleibt er auch. Das weiß ich. Aber nun mußt du dich ganz fest an die Kandare nehmen, – denn der Illo, – der Illo – – ja der tut etwas ganz Ausgefallenes – er will Uhrmacher werden ... Er ist schon fort – Mutterle – ist auf die ›Walze‹ gegangen. – Abertausendmal läßt er dich grüßen.« Frau von Eulenried schmiegte sich noch etwas fester in des Sohnes Arm. Sie schien gar nicht erschrocken zu sein. Es kam Dankwart seltsam vor. – Eine Weile verhielt er sich schweigend. Dann sah er in versonnene Augen und sah einen lächelnden Mund, der sprach leise, rührende Worte. »Dankwart! Das ist etwas unendlich Feines, – das Uhrmacherhandwerk ...« Verträumt und beinahe jung sah die schöne Mutter aus. »Nun will ich einmal dir beichten, mein Junge – hätte das nie geglaubt ... weißt du – ich hab einmal einen Uhrmachergesellen geliebt, – ja, nun darfst du nicht lachen ...« »Ich lache nicht, Mutter ...« »Sechzehn Jahre war ich alt, – ja – und er und ich schrieben uns stürmische und innige Briefe. An meinem achtzehnten Geburtstage kam er zu uns aufs Schloß. Er war ein Künstler, Dankwart, bei allen Höfen wohlgelitten, ja hochangesehen ... Auch bei uns hatte er alle wertvollen Uhren, auch die Turmuhr, neuerstehen lassen, mein Vater schätzte ihn, bewunderte seine Arbeit. – – Aber als er die einzige Tochter forderte, – – wie aus uralten Ritterbüchern klingt es – jetzt darfst du lachen, Dankwart – – da wurde er mit Hunden hinausgehetzt. »Mutter – dies wird immer neu bleiben, glaubst du nicht? Die alte Geschichte. – Und wem sie just passieret, dem bricht das Herz entzwei ..., heißt es nicht so, Mutter?« »Ich glaub es jetzt nicht mehr sicher, Dankwart. Aber damals war doch das vierte Gebot eine strenge Macht, die uns Kinder regierte ... Und die sich ihr Recht nahmen, die haben gehabt weder Glück noch Stern, sie sind gestorben, verdorben. – Ist auch ein Lied, mein Junge ...« »Ja, Mutter. Aber man kann doch auch mit dem Segen der Eltern in eine Verbindung gehen, die nicht die vorschriftsmäßigen Ahnen oder Bedingungen zeigt, aber die Gewähr leistet, daß man eine wahrhaft gute Mutter, oder einen Ehrenmann als Vater der zukünftigen Kinder sich holt. – Meinst nicht, Mutterle?« »Mein Vater hatte mich deinem Großvater als Schwiegertochter versprochen. Und dann hieß es biegen oder brechen. Ich bog mich. War ja so jung, und wir hatten uns nie aussprechen können, nie ein Liebeswort mündlich getauscht, oder gar eine Zärtlichkeit. Aber außer meinem zaghaften Herzen schlugen ja alle hochwerten Uhren für ihn, schlagen heute noch, wenn auch sein Herz längst still steht.« »Hast du ihm nie geschrieben oder ihn wiedergesehn?« »Das wäre gegen alle Sitte gewesen, da ich doch bald deines Vaters Frau war. Ein zaghaft Ding dazu. Aber meinen Lieblingshund, den schönen ›Greif‹, erschoß ich vor meines Vaters Augen, weil er den Liebsten gehetzt hatte.« Dankwart streichelte ihre Hand. Aber die Mutter zog sie hastig fort. »Was tust du, Dankwart? Die Tat hat mich mein Lebtag gereut, es war ein so treues Tier, und es gehorchte nur einem Befehl. Wie ich auch.« »Mutter!« »Du lieber Junge! Wollen die alten Geschichten begraben. Mir wurde nur jetzt wunderlich zumute, weil nun der Enkel des stolzen Großvaters auf die Walze geht und – Uhrmacher wird. Lach doch, Dankwart. Das Leben ist oft so lächerlich, und du hast solch liebes Lachen an dir wie der Illo – Gott segne ihn!« »Mutter, das war schon eine gesegnete Stunde! Wie groß du alles Geschehen aufgefaßt hast. Vater wird es nicht glauben.« »So geh jetzt gleich zu ihm, Dankwart. Sag ihm, daß ich mit lauter herzguten Gedanken dem Illo nachdenke. Davon halte ich viel.« Dankwart trug erst noch die Mutter auf die Liege. Ordnete dann die Kissen des Krankenstuhles und setzte die Leidende wieder sorglich hinein. »Du Braver!« raunte sie leise. »Wenn ich dich nicht hätte. Lauf mir nur ja nicht fort, um etwa Schuster oder Schneider zu werden, ich brauch dich wie das liebe Brot.« Dankwart fand den Vater recht griesgrämig. »Mir war's immer, als hätte ich drei Söhne«, knurrte er. »Wie man so dumm träumen kann! Ich hätte dich gern bei mir gehabt. Knacke noch an der verd ... Nuß von Illos Weglaufen. Wie wird es Mutter ertragen?« »Die Nuß ist schon von ihr geknackt, Vater –, und der bittre Kern bewundernswert vom Mutterle genossen worden. Tante Hermine, ich bitt' dich, geh zu ihr. Ich glaube, dich verträgt sie jetzt am besten als Nachtisch.« »Was für Glossen zu solch schwerer, widerlicher Sache!« schalt der Burgherr. »Wenn ihr Brüder etwa vorhabt, mich jetzt auszuschalten, alias kaltzustellen, so wartet gefälligst, bis ich tot bin.« Dankwart schwieg. Er fürchtete einen Jähzornsanfall, wenn er dem Gekränkten widersprach. »Was hattest du mit deinem ›Schwiegervater‹ zu konferieren?« fuhr er bissig fort. »Wieviel kriegt ›sie‹ mit? Ich hörte was von Fünfzigtausend bar, außer der Ausstattung, wenn sie überhaupt ›ja‹ sagt. Soll ja eine ›Turandotten‹ sein ...« Die schweigende Überlegenheit des Sohnes schien unerträglich, und er steigerte sich in einen kalten Zorn hinein. Aber das wollte Dankwart nicht. Es kam ihm in den Sinn, wieviel Ungutes man dem Vater nach dessen Meinung angetan, wie man ihn Schritt für Schritt beiseite geschoben, der doch einstmals ein strenges Regiment auf Eulenried geführt hatte. Dankwart ergriff seine Hand und umschloß sie mit festem Druck. »Vater, ich habe die Elisabeth Kreihorst gar nicht gesehen, und ich glaube nicht, daß die Erbin gerade auf den armen Schlucker Eulenried wartet. Aber mit dem Alten habe ich ein paar vernünftige Worte gewechselt. Er ist ein ganz vorzüglicher Landwirt ...« »Von dem sich der Großgrundbesitzer Baron Eulenried Rat einholen muß. Daß ich nicht lache ...« »Es gibt nichts mehr zu lachen, Vater. Wir haben keinen Großgrundbesitz mehr. Und was davon übrig ist, ist verlottert. Nicht durch meine Schuld, Vater, weiß Gott nicht ...« Wild fuhr der alte Herr auf. »Will mir der Herr Sohn Vorwürfe machen?« »Ja, Vater. Wenn du nicht im Guten mit dir reden läßt. Der Administrator hat Unterschleife gemacht, du hast ihn trotz meiner und der Nachbarn Warnungen auf seinem Platze belassen. Heute kündige ich ihm, gleich jetzt ...« »Du hast gar nichts zu kündigen. Noch bin ich Herr.« »Vater, du hast dich bei deinem eigenen Leiden und Mutters Krankheit nicht um die Gutswirtschaft kümmern können. Mich hattest du auf Reisen geschickt, – unnütze, kostspielige Reisen, wenn ich mich auch einschränkte. Aber du ließest mich mein Erlebtes und Erlerntes gar nicht für unser Gut verwerten. ›Maul halten, Ordre parieren‹ war dein Befehl für deinen Ältesten. Und während du dann mit schweren Schmerzen zu Bett lagst und ich ›das Maul hielt‹, verkaufte der Administrator die von dir angeschafften Düngemittel an einen anderen verlotterten Landwirt. Ich sah, wie die Wagen vom Hofe fuhren. Habe nur gerade dem Landjäger Bescheid geschickt, daß der Administrator verhaftet wird. Schwer betrunken ist er, wie immer. Aber wenn er nüchtern wird, muß ich mich vor ihm in acht nehmen.« »Daß dich ein Donner! Hast du darüber mit dem Kerl, dem Kreiherhorst, gesprochen?« »Nein. Aber er ist wirklich ein Kerl, ein ganzer Kerl, und ich werde ihn zu meinem Ratgeber machen, das steht fest. Sein Wort: ›Wo kein Mist ist, hat der Kaiser sein Recht verloren‹ ist eine Weisheit.« »Die Weisheit des Bauern Kreihorst geht uns einen Dreck an«, tobte Eulenried, aber dann sank er in sich zusammen und greinte hilflos. Dankwart rief die alte Schwester herbei, verständigte sie rasch und eilte dann auf den Wirtschaftshof, wo ein paar Knechte und mehrere Tagelöhner schimpfend umherstanden. Eine verhärmt aussehende, ältere Frau war bei ihnen, sie weinte. Als sie Dankwart gewahrte, kam sie rasch auf ihn zu: »Sie werden uns nicht unglücklich machen, Herr Baron, – mein Mann schlägt mich tot, wenn Sie ihm kündigen.« »Liebe Frau Danz, es schlägt sich nicht so leicht tot, und ich kann keinen Schritt zurück tun. Ihr Mann hat unsere Vorräte verkauft ...« Die Frau sah mit irren Augen um sich. »Schwer betrunken ist er«, lallte sie und ging mit unsicheren Schritten der eigenen Wohnung zu. – Eben ritt der Landjäger in den Gutshof. – 3. Illo Eulenried lag längelang ausgestreckt am Waldrande und sang mit den Vögeln um die Wette. Seit langer Zeit war ihm nicht so leicht und froh ums Herz gewesen. Rings umher jubelte und sang es in den warmen Frühling hinein. Und immer mehr Vögel flogen herzu, als wüßten sie, daß hier ein echter Musikant lag, dem ein Wettsingen und -pfeifen mit der Vogelwelt das Allerbeste dünkte. Jetzt zog Illo eine Flöte aus dem Felleisen, ein wahres Meisterstück aus Elfenbein, mit silbernen Klappen und einem Mundstück aus wunderfeiner Mosaik. Illo betrachtete seinen Schatz glücklich. Dann stand er auf und zog seinen Wanderrock glatt. Seine leuchtenden, herrischen Augen auf den hohen, umwaldeten Berg gerichtet, stimmte er sein Morgenlied an. »Ein feste Burg ist unser Gott!« Was sollte ihm wohl sonst in den Sinn kommen, da die Wartburg vor ihm lag. Illo ließ keine Strophe des gewaltigen Liedes aus. »Nehmen sie uns den Leib, Gut, Ehr, Kind und Weib, Laß fahren dahin, Sie haben's kein Gewinn, Das Reich muß uns doch bleiben. –« »Ja freilich, freilich. Das Reich bleibt uns allerwegen, und das ist die Hauptsache.« Eine unendlich feine, kleine Stimme sagte die Worte, und es dünkte Illo wie ein Märchen, als ein graues Männlein aus dem Dickicht trat und ihm die zierliche Hand hinstreckte. Es war kein ungestalter Zwerg, aber wohl zwei Köpfe kleiner als der hochgewachsene Illo. »Das nenn' ich eine Andacht!« bemerkte das Männlein wohlgefällig. »So kann kein Pfarrer predigen, wie du auf deiner Flöte. Bist du ein Musikant und suchst Anstellung im Kirchenchor zu Eisenach? Oder ein feines Herrlein, das sich zum Sonntag ein bißchen die Füße ausruht, weil es am Samstag zuviel getanzt hat?« »Keins von beiden, Herr Magister. Denn das sind Sie doch wohl? Sehen so pünktlich aus.« »Was für ein kecker Bursch! Ohne Respekt vor meinen siebzig Jahren. Man muß ›du‹ zu dir sagen, damit man dich beuteln kann.« Illo lachte. »Zum Beuteln bin ich wohl zu alt. Zwoundzwanzig vorbei. Und Ihnen, Herr Magister, sieht man die Siebzig nicht an.« »Fort mit dem Magister. Bin's nicht – Gott Lob und Dank! Zum Stubenhocken taug ich wohl, aber nicht zum Bubenversohlen.« »Und wollten mich doch gleich beuteln«, lachte Illo. »Herr du meines Lebens, was für ein kostbares Lachen du an dir hast! Das möcht man gleich in ein Ührlein einfangen als Schlag und Hall.« Illo stutzte. »Verstehen Sie sich auf Uhren Herr?« Und wieder lachte er klingend. »Da hätt' ich ja am Wegrand gefunden, was ich seit Tagen suche und bis ans Weltende weitersuchen wollte – einen Meister.« »Der Tausend! Auf der Walze bist du? Könntest gut und gern für einen Studenten gelten. Keck wie eine Made im Speck.« »Aber nicht so fett, Meister. Ich schnalle mir jeden Tag den Gürtel um ein Loch enger. Sehen Sie, mein Felleisen an, – leer gebrannt ist die Stätte ...« »Ich nehme dich mit. Kannst die überschlagenen Löcher im Gürtel bei mir wieder ausfüllen. Zum Dank flötest' mir allweil was vor. Scheinst mir über das Bohnenlied musikalisch zu sein, du Lachtäuberich. Und die heilige Cäcilie stand auch bei allen Distelfinks Gevatter, wenn wir auch nur Uhrmacher waren.« Laut vor Entzücken schrie Illo auf. Und jodelte, daß es durchs Waldtal klang und widerhallte von den Bergen. Er schüttelte dem Männlein die Hand, daß es taumelte. »Uhrmachermeister Distelfink heißen Sie? Herrgott, sagen Sie's noch einmal! Ich glaub's nicht, ich glaub's nicht! Da! da!« Illo war wie irre vor Freude, Staunen und Entzücken. Und wie unklug kramte und zerrte er an seinem Felleisen, holte mit bebenden Händen das große Lederfutteral heraus und benahm sich so sonderbar, daß es das Männlein schier mit der Angst bekam. »Musikanten sollen manchmal von heiler Haut einen Raptus bekommen«, sagte es laut. – »Ja, – und den werden Sie auch bekommen, Meister, wenn ich Ihnen mein Mitbringsel zeige. Da! da! Was hab' ich da?« Mit weit aufgerissenen Äuglein starrte Meister Distelfink auf die Bronzeuhr in Illos Händen. Und entriß sie ihm mit einem Jubelschrei, der dem von Illo in nichts nachgab. Er öffnete fast feierlich die Tür der Uhr, – holte eine zierliche Lupe aus seiner Rocktasche und untersuchte mit stark zitternden Händen den Boden der Uhr. »Nimm deine Flöte, Bursch«, sagte er mit hellen Tränen in den Augen, »und stimme an: ›Herrgott, dich loben wir!‹ Es ist die Bronzene! Es ist das Meisterwerk meines Großvaters Eustachius Distelfink ! Wie heißest du, Bursch, woher kommst du, daß du solch Wertstück dein Eigen nennst? Aber erst, Herrgott, dich loben wir!« Illo meisterte die Flöte, das Männlein sang mit einem gut geschulten Bariton, dem man gleichfalls kein Alter anmerkte. Wundergut klang der Choral durch die Sonntagsstille des Thüringer Waldes. Illo ließ die Flöte sinken. Auch er war tief ergriffen. »Ich heiße Illo Eulenried aus Ilmenbach.« »Soso! Es ist schön, daß du den Baron unterschlägst, aber deine Kunst und das, was du mit dir trägst, macht dich zum rechten Freiherrn.« Illo lachte glücklich. Die Vergangenheit einer Laufbahn, die ihn unfroh und unfrei gemacht hatte, versank völlig, er sah in eine helle Zukunft hinein, und das graue Männlein führte ihn zu einem geheimnisvollen, mit Thüringer Edeltannen bestandenen Berg: »Sesam öffne dich!« Sie waren tapfer ausgeschritten. Meister Distelfink machte dreimal soviel Schritte, wie sein junger, stattlicher Gefährte, und zuletzt hing er sich in seinen Arm: »Sachte, sachte, du Stürmer! Wenn du in Eisenach singen willst, darfst du nicht vorher die Puste verlieren.« Der »Berg« Sesam war ein stattliches, zweistöckiges Haus, es überragte alle anderen Häuser in der stillen, schmalen Gasse, und als Meister Distelfink die alte geschnitzte Tür aufklinkte, war ein richtiges Glockenspiel im Gange: »Geh aus, mein Herz und suche Freud In dieser schönen Frühlingszeit.« Wahrlich, Illo hatte sie gefunden. – – Sie traten in eine Halle, die man nimmer vermutet hatte in diesem Hause und dieser Gasse, wenn auch das Gebäude sich preislicher präsentierte als die anderen Häuser. In der Halle stand schöner Urväterhausrat, große, für alle Ewigkeit gezimmerte Truhen, eine kostbare Riesenbank mit hochwertigen Schnitzereien, von Meisterhand gefertigt. Und immer kehrte der Distelstrauch wieder, darin ein Fink sang. Eine einzige mächtige Standuhr nahm eine ganze Ecke ein. Auf dem großen Zifferblatt war das Firmament gemalt. Kunstvoll waren die Zeiger, und durch die offenstehende bauchige Tür sah man das Riesenpendel. Illo trat näher und las laut: »Hebt die Uhren zu schlagen ahn, Sohl auch dein Herze richtig gahn.« In diesem Augenblick »hub« die Uhr wirklich an, und der Hausherr fing beinahe den Gast in seinen kleinen Armen auf, torkelte selbst dabei, und beide sanken in zwei gewaltige Ohrenstühle. Wie eine Turmuhr dröhnte das Werk, die Luft zitterte vor dem Hall und Schall. Das Männlein lachte. Schier wie ein Urenkelkind von der gewaltigen Uhr lachte der Greis, – und das war er auch. Der Meister stellte lachend vor: »Diese Uhr ist das Gesellenstück meines Urgroßvaters. Der Mann maß zwei Meter und drei Zentimeter. Da mußte die Uhr wohl so groß werden. Aber seine menschlichen Nachkommen gerieten immer kleiner, und ich bin gar ein Zwerg. Ist dieser Umstand aber nicht maßgeblich für das Gehirn. Klingt das überheblich? Ich mein alleweil, man muß wissen, was man vorstellt und was man ist und leistet. Früher, da hießen die Distelfinks: ›Schlagetots‹. Jetzt heißt man mich: ›Das graue Zwerglein‹. Tempora mutantur et nos mutamur in illis. « In diesem Augenblick ertönte ein so erschrecklicher Lärm irgendwoher, ein Krachen und Splittern von Holz und Glas, daß Illo glaubte, wirklich in einem Spukhause zu sein. Aber Meister Distelfink sagte gelassen: »Es ist nur das Englein, das tut immer so wüst.« Illo entsann sich nicht, je von einem »wüsten Englein« gehört zu haben, und der Meister meinte geruhig: »Du wirst dich bald an den Radau gewöhnt haben, den Uhr und Englein vollführen.« Damit schloß er die Uhrtür. »Ja, die soll eigentlich nur beim Aufziehen des Werkes geöffnet sein, aber hier ist ein Fürwitz zugange, ein Heinzelmännchen, mit dem es sich aber nicht so bequem leben läßt, wie mit den Heinzelmännchen ehedem in Köln am Rhein. – Und nun komm mit. Ich will dir gleich die Werkstatt zeigen, auch deine Kammer, die darüberliegt.« Sie schritten durch hallende Gänge, an geheimnisvollen, verschlossenen Türen vorbei, die alle dasselbe bräunliche Schnitzwert zeigten. Das ganze Gebäude war wie ein schönes Museum, und Illos Künstlerherz schlug höher. Das Haus besaß eine unerwartete Tiefe und erstreckte sich bis zu einem alten Garten mit hohen, herrlich gerundeten Kastanienbäumen, deren rote und weiße Kerzen Illos neuen Weg zu beleuchten schienen. Ihm fiel ein alter Kindervers ein: »Ich will dir was erzählen Von der Muhme Rählen. Muhme Rählen hat 'n Haus. Hier ein Haus und da ein Haus, Und es war ein rundes Haus.« Muhme Rählen hatte auch noch einen Garten, und das war ein runder Garten, und Bäume, die runde Bäume waren. Ja, das stimmte alles. Wie ein rechtes Märchen mutete alles an. In einem kleinen, runden Haus, schier wie ein Tempel anzusehen, befand sich die Werkstatt, und die runden Kastanienbäume beschatteten sie. Illo hielt den Atem an. So feierlich war ihm zumute, wie als Knabe am Heiligen Abend, wenn er in die Weihnachtsstube treten durfte. Der Meister sah seine tiefe Bewegung, als er die Tür öffnete und Illo voranschreiten ließ. Denn noch war er ja nicht sein Lehrling. Aber Illo griff nach der Hand des alten Herrn, und so gingen sie gemeinsam durch die schmale Tür, an welcher wieder ein Glockenspiel ertönte: »Üb immer Treu und Redlichkeit.« Wie laut die Uhren tickten! So laut wie die Herzen im Märchen vom »kalten Herzen«. Illo stolperte über die Schwelle. »Nur aufgewacht, junges Blut!« ermunterte der Alte, der sich zutiefst freute über Illos Befangenheit. So und gar nicht anders mußte ein Mensch in eine Uhrmacherwerkstatt treten, wenn er Ehrfurcht vor dem Handwerk hatte. »Du bist ja beinahe beswiemelt«, lachte das graue Männlein. »So ist's recht. Dafür bekommst du jetzt einen ›Gottessegen‹.« Das war ein Wein, den holte der Alte aus einer Vertiefung des Stubenbodens. Es war wie eine große Schatulle, und es schien noch mehr Gottessegen darin zu lagern. Auch zwei geschliffene alte Gläser barg eine Uhr in ihrem Innern, und wie Öl floß der schwere Wein in die Gläser. »Stoß an! Handwerk soll leben!« Illo tat Bescheid. »Morgen wirst du mir den Uhrmacherspruch sagen. Das Englein wird ihn dich lehren. Paß auf, daß du guten Merks hast, sonst gibt's einen Katzenkopf. – Damit ist es nicht sparsam.« In diesem Augenblick huben alle Uhren an zu schlagen. Die zwölfte Mittagsstunde. Es war ein Lärm, nicht zu sagen. Am meisten tat sich eine Kuckucksuhr hervor, und der Meister lachte dem Tierchen zu, das da vor dem Zifferblatt im offenen Türchen tanzte und wippte. »Das war einmal mein Gesellenstück«, sagte er mit hellen Augen, aber jetzt ist es entzwei, und der Unhold überschreit mir all meine schönen Uhren.« Illo bewunderte das schöne Stück. Das Türchen blieb aber offen, und der kleine Vogel wippte stumm weiter. »Komm! Es ist Essenszeit«, mahnte der Alte. »Es wäre wohl nicht statthaft, wenn ein Uhrmacher unpünktlich zu Tische käme, und das Englein hebt an zu wettern.« Von diesem Augenblicke an, am 19. Mai mittags 12 Uhr, begann in Illos jungem Herzen ein hohes Interesse für das seltsame Englein, das hier das Regiment zu führen schien. Und er wäre brennend gern zu spät gekommen, um es wettern, rumoren, am Ende gar fluchen zu hören. Aber das Eßstübchen lag gleich neben der Werkstatt, und als man eintrat, zeigte eine besonders wertvolle große Uhr, die an der Wand hing, daß es gerade 4 Minuten nach 12 Uhr war. An den Wänden hing kein Bild weiter, um das wunderbare Kabinettstück nicht zu beeinträchtigen. Aber an der Uhr selbst befand sich eine feine Miniatur, die stellte einen Herrn im blauen Frack mit Perücke und Zopf vor. Es war der Begründer der ganzen Uhrmacherdynastie Distelfink, und diese Uhr sein Meisterstück. Um das Zifferblatt schlangen sich geschnörkelte Buchstaben: »Ich bin ein echter Distelfink, Singe und schlage flink« Illo konnte sich gar nicht sattsehen. Ja, hier war gut sein, hier wollte er der rechte Mann am rechten Ort werden. Die Tür zur Küche öffnete sich, eine kleine, schön geformte, aber, wie es schien, arbeitsgewohnte Hand hielt sie offen für eine ältere Person, die, nach der Kleidung zu urteilen, wohl keine Magd vorstellte. Ihr folgte ein schönes Mädchen mit braunen, um den feinen Kopf geschlungenen Zöpfen und trotzigen blauen Augen. Eine Falte stand zwischen den dunklen Brauen, und es sah den Fremden schier böse an. »Meine Base ...«, sagte Meister Distelfink, und wollte wohl den Namen hinzusetzen, aber das junge Thüringer Kind rief spöttisch: »Konkordia soll ihr Name sein. Zur Eintracht, zum herzinnigen Vereine versammle sie die liebende Gemeine.« »Hat's wieder was gegeben?« fragte der Meister lachend. »Also Base Konkordia und ...« »Das Englein«, rief Illo keck. – Die Augen des Mädchens funkelten fast schwarz. Aber ehe es »wüst« tun konnte, sprach Meister Distelfink das Tischgebet: »Herr schütz Stuben und Dach, Und laß uns halten hoch und wert Unseres Hauses heiligen Herd.« Die Base Konkordia füllte die Suppe auf. Meister Distelfink löffelte sie sogleich etwas geräuschvoll hinunter, aber Illo wartete höflich, bis die Frauen mitessen konnten. Das wurde von der Base mit einem dankenden Nicken quittiert. Angelas schönes Gesichtchen sah gleichgültig drein. »Nun ist mir aber noch nicht gesagt worden, wer der feine Gast ist?« fragte die Base. Der Meister nahm noch den letzten Löffel voll zu sich. »E ja, das hätt' ich balde vergessen.« Illo sah ihn heischend an, und der Alte verstand es sofort. »Der heißt Illo Eulenried und will mein Lehrling sein.« Rasch warf Angela hin: »Hat er den Spruch schon gesagt?« »Nein, er kommt aus anderem Beruf und kennt ihn nicht, aber du wirst ihm Lehrmeister sein.« »Also hör zu«, rief sie spitzbübisch: »Mit Verlaub! Hier kommt ein Geselle von weit weg, Setzt sich zu Tisch und ist gleich – keck.« Die Base lief ärgerlich hinaus, um die anderen Schüsseln zu holen; der Meister sah ernst vor sich hin, und Illo sagte sehr höflich: »Ich dachte, hier würden nur Uhren gemacht, und nun schmiedet man Verse? Und was für welche!« Angela wurde rot. »Wenn sie dir nicht gefallen, mach dir selbst welche.« »Nein, das kann ich leider nicht in ›solcher‹ Güte. Aber will als Antwort einen alten Schludervers von einem Kritiker zitieren: »In Weimar und in Jena macht man Hexameter, wie die da, aber die Pentameter sind noch viel schlechtererer.« Laut auf lachte Meister Distelfink. Er trank sein Gläschen Rotwein dem Illo zu und bis auf die Neige leer. »Englein, der da, der Illo, hält dir Halbpart, – der entlastet mich und die Base. Das freut meine Seel.« Als die Base hereinkam und den Meister lachen sah, schnitt sie desgleichen vergnügt das Fleisch zurecht und gab dem neuen Gast das beste Stück. Er gefiel ihr über die Maßen und erinnerte sie an ihren verstorbenen Schatz. Die hellen Tränen traten ihr in die Augen, aber sie behauptete, das sei vom Meerrettich, der zum Rindfleisch gehöre. »Ja, der Meerrettich gehört zum Rindfleisch«, zwitscherte das Englein, aber nicht der Name Illo zu einem Uhrmachergesellen, der gehört einem Ritter. Von welchem hast du ihn gestohlen?« »Englein!« mahnte der Meister, aber Illo antwortete geruhig: »Von meinem Ururahnen, Urgroßvater, Großvater und Vater. Und nun kann ich ihn nicht wieder los werden, er ist angewachsen.« »Aber er sitzt nicht, schlägt Falten«, trotzte das Mädchen. Man aß nun schweigend weiter, dann hob die Base die Tafel auf, Meister Distelfink gähnte herzhaft und ging dann in seine Werkstatt, um auf dem Kanapee ein wenig zu nicken. Illo ging zur Base und wünschte ihr höflich eine gesegnete Mahlzeit, und sie dankte mit einem kleinen altmodischen Knix, bedeutete ihm auch, daß er zwei Stunden Zeit habe, sich Haus und Garten und seine eigene Kammer anzusehen, womöglich gar etwas die Stadt. Gleich nach dem »Abwasch« würde sie ihm behilflich sein. Illo kam in einen dunklen Flur, um ins Freie zu gelangen. Er tappte sich an der Wand hin, sah eine Leiter im Wege stehn und auf ihr in ziemlicher Höhe jemand hocken. Drinnen rief der Kuckuck. Einmal. Und dann sprang jemand von der Leiter, den er auffing. – Illo lehnte sich an die Wand und lachte, lachte. Er weinte vor Lachen. Da schlug ihn das Mädchen ins Gesicht. Er hielt sie fest, lachte weiter ganz erschüttert, und es war neben dem Ärger eitel Rührung dabei. Denn er ahnte alles. Das Mädchen stellte den Kuckuck vor, gewiß Tag und Nacht, um dem Großvater den Schmerz zu ersparen, daß die Uhr wirklich entzwei sei. Mitten auf den roten Mund küßte Illo das Englein. Da stieß sie ihn zurück und tat sich Gewalt an, daß sie nicht schrie, aber der Großvater lag im ersten »Nickerchen«, niemals würde sie ihn geweckt haben. »Ich hasse dich!« stieß sie hervor. – – Er wachte aus seinem wunderlichen Zustand jäh auf. »Jawohl«, sagte er tief atmend. »Ich kann das verstehen. Du bist gut, du Kratzbürste, und ich war unritterlich. Du mußt es dem Großvater sagen, und er wird mich heimschicken. Leb wohl, Englein!« »Jawohl! Mach, daß du fortkommst. Es hat mich noch nie jemand geküßt, und es ist eine Beleidigung.« Beide Hände schlug sie vor das Gesicht und weinte bitterlich. Da ging Illo still hinaus. Noch nicht einmal seine Kammer hatte er betreten können, dahinein hatte man wohl sein Felleisen getan. Das mußte er sich wieder holen mitsamt seinen Papieren, die noch darin verstreut waren. In der Küche rumorte noch die Base mit der »Abwaschfrau«, dahin ging er erst einmal. »Du liebes Herrgöttchen, was fehlt dir, Illo«, rief die Base erschrocken. »Da ist Tausendgüldenkraut gut, du hast's im Magen. Gleich koch ich dir den Tee.« »Lassen Sie's gut sein, Fräulein Konkordia, – nur mein Felleisen möchte ich holen.« Dann dämpfte er die frische Stimme noch mehr und flüsterte der Base ins Ohr: »Und einen sehr einfachen Gasthof müssen Sie mir nennen, in dem ich herbergen kann.« »Herr du meines Lebens!« Die Base sackte fassungslos auf den Küchenstuhl. »Was soll das? Ist Meister Distelfink Haus eine Destille? Wo jeder neinprascht un wieder rausmacht?« »Ach nur nicht lang reden, Fräulein Konkordia. Ich will den Meister nicht wecken, sonst würd' ich zu ihm beichten gehn.« »Wir sind Lutheraner, und der Vetter ist kein Pfaff«, sagte sie kurz. Aber sie ging doch aus der Tür und kam nach einer Weile mit dem Felleisen wieder. »Da! Musche Illo. Mir steht der Verstand still. Nun kannst die Flöte rausnehmen und blasen: ›Ach du lieber Augustin, alles ist hin.‹« »Es ist aber noch nicht alles hin, Fräulein Konkordia.« »Strapezier dich nicht mit dem ›Fräulein‹, Illo. Jedwerein nennet mich ›Base‹ hier im Haus und auch in der Nachbarschaft. Aber du hast was ausgefressen, ich merk's, und willst wieder auf die Walze, also mußt' freilich ›Fräulein‹ sagen.« »Jawohl, Fräulein Konkordia! Und bitte noch um Bescheid, wo ich bis morgen bleiben kann.« Sie sann nach. »Der ›Gasthof zur dreckigen Gabel‹ kommt nicht in Betracht, ebenso nicht der ›Renkliche Löffel‹. Aber in der ›Goldenen Henne‹ kannst vorgehen, die ist anständig und doch billig. Gestohlen wirst ja nichts haben?« fragte sie zögernd.« – – – Jetzt lachte er sein schönes, frisches Lachen. »Das weiß ich nicht ganz genau.« Spitzbübisch genug sah er aus. »Es kann sein, ich hab was gestohlen. Aber jedenfalls hat man mir was gestohlen.« »Ei du Bösewicht!« Krebsrot war die Base. Aber Illo war schon zur Tür hinaus. Und da sah sie aus dem Küchenfenster, wie er sehr ehrbar nach dem Platz schritt, zu dem die Gasse sich weitete, und wo in der Mitte die »Goldene Henne« lag. Die Aufwaschfrau aber sah mit reichlich blöden Augen auf ihre Hand. In die hatte der junge, schöne Mann ein Geldstück gelegt, ein blankes Markstück. Sie konnt es nicht fassen.« »Ein Lehrling, der Trinkgeld gibt!« kopfschüttelte die Base. »Das kann nur ein Windhund sein.« Wie unklug hantierte sie mit dem Geschirr, das sich sowohl aus Porzellan, als auch aus Blech zusammensetzte. Schließlich schlug sie die Schürze vor das Gesicht. Sie hatte ihr altes Herz an den schönen Burschen verloren, der wie ein Prinz aussah und ein Windhund war. – Inzwischen war Meister Distelfink erwacht, und es war übel getan, daß das Englein just hereinkam, da er noch beim Dehnen und Recken und »gnarren« war, alles Dinge, die nach einem Schläfchen die schlechte Laune vertreiben, wenn man sie ordentlich und ergiebig betreibt. Aber der Meister mußte jäh abbrechen und war nun recht gnittrich. »Warum heulst du?« fragte er kurz das Englein. »Ich heul nicht, ich lach!« »Ja, das sieht man«, rief er grimmig, und als nun auch noch die Base mit vorgehaltener Schürze hereintrudelte, drohte es Gewitter zu geben. Aber Angela hatte blitzgeschwind ein frisch gestopftes, diesmal kurzes Pfeifchen geholt und ihm hingereicht nebst dem Feuerzeug. Das beruhigte sofort den Raucher. »Un nu komm emal her, Englein«, sagte er weich und zog sein Enkelkind nah zu sich heran. »Was hat denn nu die ›Drähnchen‹ verursacht? Raus mit der Sprache! Wenn ich die kurze Piep un den Varinas paff, dann könnt mich kein Ferscht von Rudolstadt stören.« »Nein, der nicht, – aber – dein Lehrling.« »Mein Lehrling? Illo Eulenried? Was hat er getan?« Da kam es plötzlich dem Englein ganz ungeheuerlich vor, daß es petzen wollte. Und es hielt sich beide Hände vor den Mund.« »Ja, bring du was aus diesem ›Undäg‹ heraus, was sie nicht sagen will«, rief die Base zornig.« »Ruich Blut, Andon, so gomm mir nich zum Ziele. Wo is der Addendäder? Ruf'n her.« »Der hat sich fremd gemacht«, berichtete die Base. »Der sitzt in der ›Goldenen Henne‹, der hat uns alle zum Narren gehalten. Wer weiß, ob er nicht schon wieder weitergewalzt ist, falls die Henne keine goldnen Eier für ihn legte ...« Ganz aus den Fugen war die Base. Inzwischen zappelte das Englein vor Ungeduld. » Gar nichts hat er getan. Freilich doch! Aber nichts Schlechtes, daß man über ihn herfällt, wie die Base tut. Hol ihn wieder, Großvater, er soll dirs selbst sagen. Petzen kann ich nicht, schlag mich tot.« Englein schluchzte. »Nur nich so große Worte!« schalt der Meister. »Ja ja, nein nein. Was darüber ist, das ist vom Übel.« »Aber in eigener Person kann ich den Baron nich wiederholen, das geht gegen meine Ehr und Reputatschen als Meister ...« »Welchen Baron?« riefen beide Frauen. »Ach so ! Das ist mir nur so rausgefahren. Weil er so stolz und schmuck aussieht, der Dämelack, – – hab ich ihn bei mir so genannt ...« Der Meister war sehr erbost, es war lange her, daß er mal gelogen hatte. Er rannte im Stübchen hin und her, denn er konnte auch von den Frauen niemand schicken, und die Abwaschfrau wußte nicht einmal mit dem Geschirr umzugehen, geschweige mit einer schwierigen Mission. In diesem bedeutsamen Augenblicke klopfte es stark an die Tür, und polternd fiel ein schlenkriger Jüngling in die Stube. »Ich bin wieder da«, sagte er atemlos. »Das merkt man.« »Wollte auch gehorsamst melden, daß meine Mutter wohlauf ist, und ...« »Deine närrischen Sprüche hebe dir für nachher auf, jetzt brauche ich dich zu was Besonderem. Sperr die Horchlöffel auf. Du läufst sofort 'nüber zur ›Goldenen Henne‹ und fragst nach dem Illo Eulenried, einem Wanderburschen. Der soll seine Beine in die Hand nehmen und sofort zum Meister Distelfink zurückkommen. Hast verstanden, Kaspar?« »Wer Ohren hat zu hören, der höre, ich war so frei. Also er soll ›plängschaß‹ kommen, der Gauner. Wie kann so'n Ausreißer sich Eulenried nennen! Das ist ein Schloß auf'm Berg bei Ilmenbach ...« »Sei so gut, halt jetzt deine Gosche und lauf. Bring ihn her!« »Geht in Ordnung.« Der närrische Geselle stolperte wieder über die Schwelle und fiel in den Flur. »Der ist ebenso zurückgekommen, wie er fortging«, sagte kopfschüttelnd Meister Distelfink. »Aber das macht nichts, ich brauch ihn. Ihr wißt es. Für die ganz feinen Sachen gibt es keinen andern, und die Meister lauern und wollen ihn mir abjagen.« Das Englein seufzte. »Ich mag und mag ihn nicht. Er hat vor niemand Respekt und hält sich für Schiller und Goethe in einer Person. Er ist verrückt.« »Halt den Mund, Englein.« Hast du etwa Respekt vor irgendwem?« Das Mädchen flog ungestüm an seinen Hals. »Ja, Großvater, vor dir!« »Mich umarmt doch auch rein niemand«, dachte Base Konkordia still und ging dann wieder in die Küche, um dort der Dinge zu warten, die da kommen sollten. 4. Während der Schlenkrige den kurzen Weg in der Gasse und dann über den Marktplatz bedächtig und keineswegs eilig schritt, öffneten sich viele Fensterlein und Türen an den kleinen Häusern Alt-Eisenachs. »Grüß Gott, Kaspar! Na? Alleweil wieder da? Dein tausendstes Glück! Meine Uhr steht. Ganz plötzlich. Von heiler Haut!« »Gibt's nich. Wirst sie fallen gelassen haben, du dummes Luder. Grüß Gott!« »Herjeh, der Kaspar ist wieder im Land! Bist wohl nur bis zum Kreuzweg gekommen, he? Grüß Gott!« »Du kannst mir mal schreiben, aber frankiert!« rief Kaspar zurück. Sie lachten alle, und man sah, die Freude war groß über die rasche Rückkehr des unersetzlichen Faktotums von Meister Distelfink. – Der Kaspar hätte wohl längst sein Meisterstück machen können, aber er behauptete, seine eigentliche Berufung liefe auf den »Dichter« hinaus. »Grüß Gott, Kaspar! Komm bald 'nüber, meine Uhren stehen alle.« »So biet ihnen einen Stuhl an! Grüß Gott.« Man nahm diesem Gesellen nichts übel, es war eitel Freude in Eisenach eingezogen mit diesem Till Eulenspiegel, dessen Kunst von allen hochgeachtet war. – Unter lauter »Grüß Gottes« betrat Kaspar die Schankstube der »Goldenen Henne«. Auch hier rief von der Teke her der würdige Wirt: »Grüß Gott! Jessas, der Kaspar. Nur herein! Wenn du nicht da bist, steht die Zeit still.« – »Dann mußt du ins Bett gehen, Wirt. Da braucht man keine Zeit. Nun frag ich: Ist ein gewisser Eulenried bei dir abgestiegen? Besagter ist ein unsicherer Kantoniste, – hat sich den Namen eines feudalen Schlosses beigelegt und walzt also mit falschem Paß.« Das war Kaspars Dichtkunst. »Härr du meines Läbens!« rief erschrocken der Wirt. »Der feine Hund liegt oben auf dem Kanapee und glubscht vor sich hin. Der hat wohl eins mit dem Topflappen abgekriegt?!« »Ich mach 'nauf!« Kaspar erstieg polternd die Treppe. Er klopfte auch nicht an, – bei einem entlaufenen Lehrling hatte man so etwas nicht nötig. Und so fiel er, wie er immer tat, »mit der Tür ins Haus«. Er setzte sich gleich zu Illo auf das Kanapee. Dieser fuhr in die Höhe. »Bist erschrocken, Ausreißer? Mach uns keine Sperenzien. Gib das Geklaute flugs raus, dann komm mit zu Meister Diestelfink. Ob er dir verzeiht, weiß ich nicht.« »Ihnen wird wohl auch mal wieder wohler?« fragte Illo ganz gelassen. Was wollen Sie eigentlich von mir?« »Wäre es dir lieber, der Schandarm stünde vor dir, he?« fragte Kaspar. »Was ich will? Dich selbst und das gestohlene Gut. Höherer Auftrag.« »Sie haben wohl lange keine Backzähne gespuckt?« Illo machte die Bewegung des Boxens. Aber in Kaspar Gärisch war auf einmal eine Freude aufgestiegen. »Hör auf mit deinen Schmeicheleien«, meinte er ruhig. »Ich merk's schon, wir werden Freunde.« Kaspar liebte alle schönen Menschen, wohl weil er selbst so häßlich war. Da saß nun vor ihm ein Muster von Schönheit, rassig und vornehm. Und so ein ausgesuchtes Exemplar nannte ihn, den Kaspar, »Sie«. Ehrte ihn also, während alle anderen gewöhnlichen, häßlichen Menschen ihn duzten, trotzdem er doch seine vierzig Jahre auf dem Buckel hatte, es also mit der »Gescheitheit« aufnehmen konnte. »Komm her, Illo, ich meine es gut mit dir. Ich hoffe, daß du wirklich Illo heißest, wenn auch der Name Eulenried strafbar ist. Straucheln kann jeder Mensch, er darf nur nicht fallen. Und wenn du alles rausgibst, wird der Meister Erbarmen haben. Ich selbst trag dir nichts nach.« So schwafelte und orakelte Kaspar Gärisch, und Illo wunderte sich über nichts mehr. Der heutige Tag hatte ihm zuviel Wunderliches gebracht. Er folgte dem »närrischen Zwickel« ganz gehorsam, und die Freude wuchs übermächtig in ihm, daß er dem Meister, der Base und dem Englein wieder unter die Augen treten durfte. Der Wirt verwunderte sich baß, daß Illo überhaupt seine schmale Rechnung beglich und so herrenmäßig fein für die gute Aufnahme dankte. Herr Balian verstieg sich sogar zu einigen Bücklingen, über die er sich nachher selbst ärgerte. Aber an den falschen Paß glaubte er doch nicht. Der war wohl eine »Dichtung« des Kaspar Gärisch. – Meister Distelfink stand mit der Aufwaschfrau vor der Tür, und beide winkten mit farbigen Taschentüchern. Der Meister mit einem hochroten, in welchem sämtliche Personen des Fürstenhauses eingewirkt waren. Das Winken galt aber nicht dem Kaspar und dem Illo, sondern man winkte einer hübschen Kalesche nach, die von zwei schönen Pferden gezogen wurde. Aus dem Wagen winkten auch zwei Tücher und vier Augen, sie verschwanden aber schon um die Ecke, als die Haustür hinter den drei Männern zufiel. Kaspar begab sich gleich in seine Kammer, nachdem er Illo ins Ohr geraunt hatte: »Sollt es dennoch zum Abführen kommen, – nicht sträuben, – Widerstand gegen die Staatsgewalt.« Bald darauf saß Illo vor seinem Meister, der ihm die Beichte abhörte. – Als Illo zu Ende war, hatte der Beichtvater völlig die Sprache verloren. Er lief aufgeregt im Stübchen auf und ab und fuchtelte mit den Armen und Händen, daß es aussah, als flöge eine große, graue Motte durch den Raum. Illo folgte ihr mit den Augen hin und her, und er fand durchaus keine Komik bei seiner Feststellung, sondern sein junges Herz schlug recht bang und laut. Er meinte, der Meister müsse es hören, und jedenfalls spürte dieser die Not seines Lehrlings, den er bei sich »seinen Spezi« genannt hatte. Lieb hatte er ihn gewonnen, den schönen Jungen – auf den ersten Blick. Es ging ihm wie der Base. Nun lag es an ihm, wenn alles wieder ins Geleise kommen sollte. Innerlich schalt er den Jungen – Baron hin, Baron her – einen verfl ... »Quatschiendolmes« und seine Enkelin eine »dämliche Daute«, – aber dann legte die Motte die Flügel zusammen und blieb dicht vor dem Jungbursch – liegen. Denn Meister Distelfink warf sich in einen sehr kleinen, sehr tiefen Sessel, und Illo stand hoch und stramm aufgerichtet vor ihm. »Den Lehrlingsspruch hat sie dir natürlich nicht beigebracht«, sagte der Meister plötzlich ganz zahm. Illo wurde so rot, wie er eben noch blaß gewesen war. »Nein, das hat sie nicht getan. Sie war ja wild und zornig. Aber wenn Sie mir wirklich verzeihen, Meister, dann kann es ja nachgeholt werden. Oder der Meister ist so gut und schreibt mir den Spruch auf, – ich lern' ihn in wenig Stunden.« Die Motte hub wieder an zu fliegen. »Sag mal, Illo, warum bist du so frech und hast es nicht nötig?« Und als sie wieder bei dem Sünder angekommen war, versuchte sie ihn an seinem mittelsten Westenknopf zu schütteln. Weiter reichte sie nicht, aber der Knopf riß ab, und Illo hatte sich nicht von der Stelle gerührt. – Er trug auch gar keine Frechheit in sich. Er schämte sich nur gewaltig und war außer sich, daß er diesem so ganz besonderen Meister weh getan hatte. »Ich bitte von Herzen um Verzeihung!« stieß er heraus. Da hängte sich das Männlein an seinen Arm. »Setz dich erst mal, Illo, – ich kann nicht so lange in die Höhe schauen, – es wird mir ganz übel. Und es schickt sich auch nicht für mich. – Also hör zu! – Du hast das rechte Wort gefunden. Denn wenn einer »von Herzen« um Verzeihung bittet, dann ist's ihm ernst, und sie muß ihm werden. Sieh, Illo, wenn jeder gestohlene Kuß streng bestraft würde, dann wär's wohl ein unholdes Leben auf der Welt.« Nun lachte Illo ein ganz klein wenig, aber der Meister meinte doch, es sei »verständnisinnig« gewesen und drohte ihm mit dem Finger. »Siehste, Illo, wenn du ein rechter Meister werden willst, dann mußt du erstmal dich selbst in strenge Zucht und in genauste Beobachtung nehmen, ehe du dich an eine hochwerte Uhr getraust. Es nützt nicht das Lernen allein, und wenn du Tag und Nacht studieren solltest, daß der Kopf raucht und die Schwarte knackt. Dein eigenes Werk in dir, dein Herz und dem Sinnen müssen gereinigt sein, eher geht dir auch nicht der wahre Sinn für unser schönes Handwerk auf, notabene das schönste auf der ganzen Welt. Wie überall, so ist auch hier die Liebe die ›Größeste unter ihnen‹. Lieben mußt du dein Handwerk, damit es dich zum Künstler erhebt. – Sieh, als ich dir zum ersten Male angesichts der Wartburg in die braven, guten, verteufelt spitzbübischen Augen sah, – da wußt ich sofort, daß du unserm Gewerbe wohl anstehen würdest. Das braucht nämlich Gutheit, Bravheit, Sauberkeit, Humor und Musik. Und das hast du, Illo, du Galgenstrick.« Illo griff stürmisch nach der Hand des Meisters. »Was kann ich tun, um Fräulein Konkordia und – auch die Angela wieder gut zu stimmen?« »Gar nichts. Die Base kommt morgen wieder, – das Englein ...« – hier versagte die Stimme des Alten etwas – »ja, mein Englein, das soll mir zum mindesten ein Vierteljahr fort bleiben. Jawohl! Es wird mir schwer – –. Desto fleißiger wirst du sein, gelle, Illo, weil du doch so etwas verantwortlich bist, jo gelle? Verstehst mich! Das is recht. Und allewege dran denken, wenn du wirklich nun bei mir dein Studium machen willst – – allweil dran denken, daß du'n Baron bist. Jawohl. Und das Englein ein ganz schlichtes Bürgerkind, das trotzdem vor keinem noch so großen Schloß bettelnd zu stehen braucht. Denn alles an ihr ist golden – – zumal ihr reines Herz. Hörst? Das darf nicht verstört werden von einem fahrenden Gesellen, der – –« »Der nichts ist und nichts hat, und sich noch schuftig benahm«, stieß Illo zornig heraus. »Ich weiß schon, was der Meister sagen wollte.« »Gar nichts weißt du, Zornickel. Es schickt sich auch nicht, daß du mir in die Red' fällst, hörst? Ich wollt' sagen: ›von einem fahrenden Gesellen, der die Schönheit gepachtet hat.‹ Das tut nicht gut. Denn mein Dirnlein ist schönheitsdurstig und so arg jung, es könnt sich betrinken.« »Das Englein? Denkt nicht dran, Meister. Der Schlag, den es mir versetzte, war ganz nüchtern.« »Illo, ich will dir noch was sagen, weil wir so hübsch beisammenstehn – –. Weißt, warum ich dir zu dem nüchteren Schlag nicht noch einen gesalzenen gegeben hab? Weil du zutiefst in Rührung stecktest, du Dämlack, genau wie ich. Meinst, ich hätt' nich von Anfang an gewußt, daß das Englein der Kuckuck in der Uhr war? Sie ist ja ein mageres Rehkitz geworden vor lauter Aufpassen und Klettern, und hat um Mitternacht ebenso gerufen, wie des Mittags um zwölf Uhr. Aber Illo, – hättest die selige Lust gesehen in Engleins Guckäuglein und um ihr rotes Göscherl herum, daß sie ihrem alten Großvater kunnt eine Freud machen! Und daneben den unbändigen Kitzel, die oberste Behörde im Haus hinters Licht zu führen !« – Der Alte war sehr aufgeregt und gestikulierte heftig mit seinen kleinen Armen und den seinen Händen. Er lachte übers ganze, durchfurchte Gesicht, und dabei waren ihm die Tränen locker. Und Illo dachte: Hier will ich bleiben, will studieren, daß die Schwarte wirklich knackt, will die Kuckucksuhr ganz heimlich instand setzen, und meine Erbuhr, die soll einst mein Gesellenstück werden, so wahr Gott helfe. Sein Inneres war aller guten Vorsätze voll. Helle Begeisterung für seinen neuen Beruf war in ihm, aber das Haus dünkte ihn seltsam leer ohne das wüste Englein. Der schlenkrige Geselle besah ihn sich von allen Seiten, als sie zum gemeinsamen Essen zusammenkamen. »Dich hat der Herrgott schmuck zusammengerichtet, Lehrling«, sagte er anerkennend. »Kannst alle Tag einen Baron abgeben. Bist aber halt keiner, sondern hast dich nach mir zu richten. Das wird dich vor Hochmut bewahren. Der Meister hat mich beauftragt, dich zur Polizeiwache zu führen. Brauchst nicht bange zu werden, ich soll dich ›legimieren‹, das heißt ›beglaubigen‹. Daß du wirklich unser Lehrling bist, Illo Eulenried heißt und von armen, aber ehrlichen Eltern stammst.« »Das können Sie ja gar nicht, »legimieren«, Kaspar!« lachte Illo, »woher wollen Sie das wissen?« »Musche Illo, vergiß nie, daß du in meiner Gegenwart nicht lachen darfst, – ich meine, nicht über mich. Und wie steht es mit deinem Lehrlingsspruch? He? Hast du ihn schon vorgebracht?« »Den werden Sie mich lehren.« »Haha!« Kaspar lachte laut, voll Hohn, seine Stimme überschlug sich kullernd. »Man möchte Döskopp zu dir sagen, wenn man nicht in stiller Nacht einen heiligen Schwur getan hätte, nicht grob zu schimpfen, sondern nur zart. Also, du neugeborener Hammel, ich soll dir den Lehrlingsspruch lernen? Bist also so grün, daß du nich mal wissen tust, daß Ihr Lecker gar keinen Spruch noch nich verdient? Daß erst der Geselle ein geborener Mann ist? O du mein Saitenspiel, ist je etwas so Verrücktes jung geworden? Dieser Eulenried, der noch nicht mal Lehrling ist, sondern eitel Kaulquappe? Der sich einen Rittersnamen beilegt und noch nicht mal zum Knappen angenommen wurde? Wenn du noch Schamgefühl hast, setze dich und hör mir zu: Also dein Vater muß einen Brief an den Meister schreiben, sotanen Inhalts, ob er wirklich dich geboren hat. Denn mit unehelichen Sachen gibt sich unsere Zunft nicht ab. Und aus diesem Brief werden wir dann ersehen, ob auch dein Vater es wagt, sich ›Eulenried‹ zu nennen. Ich hoffe es nicht, aber Gott geb's. – Und nun geh vor allen Dingen zu Gottlieb Merseburg, vorn am Tore, gleich links die rechte Tür, und kauf dir ehrliche Lehrlingskluft. Ich hoffe zwar, daß du dir die jetzige Kledasche auch ehrlich erfochten hast, wundre mir aber doch, daß es noch soviel Reiche gibt, die sowas nicht selbst auftragen. Aber dieser Plunder an dir ist hin, wenn du erst dreimal den Estrich vor dem Hause und in Küche und Halle gescheuert hast. Und das muß der Lehrling tun. Oder willst du neue Moden aufbringen, Fremdling?« Illo stöhnte vor Entzücken, er wußte, dieser Kaspar würde sein Freund in alle Ewigkeit sein. Da er aber nicht laut lachte, sondern nur Grimassen schnitt und sich krümmte, rief ihm Kaspar herrisch zu: »Trink einen Bittern, du hast die Kollera.« Dann ging Kaspar sofort zum Meister und erzählte wortgetreu, was er dem »Grünling« gesagt. Da Meister Distelfink aber nur auf die Stirn tippte, setzte er sich still an seinen Platz in der Werkstatt. Dort arbeitete er, ohne aufzusehen. Vergaß Essen und Trinken, erschien nicht zum Nachtbrot, präsentierte aber um 10 Uhr abends eine geheilte Uhr, deren geheimnisvolle Krankheit bis dahin niemand erkannt hatte. Freilich hatte Kaspar sie nie aus den Händen gegeben, das wäre ihm gegen »Ehr und Reputatschon« gewesen. Aber nun lag die feine, schmale, goldene Taschenuhr mitten auf dem Tisch. Ging auf die Sekunde und repetierte einen feinen Gesang, – sie, die solange siech und ohne Stimme gewesen. – Meister Distelfink war krebsrot vor Freude, wie immer, wenn seinem närrischen Gesellen etwas gelungen war. Und Kaspar aß in selbiger Nacht noch fünf rohe Kartoffelklöße mit viel »Titsche«, und alle sahen ehrerbietig zu, wie neue Kraft über ihn kam. – Illo aber schrieb in dieser Nacht nach Ilmenbach, und der alte Briefträger Heins brachte den Brief zu gegebener Zeit auf die Burg Eulenried. Der alte Baron schloß sich mit dem Schreiben ein. Nach einer Stunde brachte er es seiner Frau, die es nach dem Lesen mit stillen, frohen Augen an »Tante Hermine« weitergab. Von dieser empfingen es Dankwart und Wildrich. Verehrter, lieber Vater! Aus tiefer Überzeugung teile ich Dir mit, daß ich hier am rechten Platze bin. Ich grüße die liebe Mutter vor allem mit ehrerbietigem Handkuß. Und winke Tante Hermine und den Brüdern fröhlich zu. Bitte schreibe an Meister Distelfink, daß ich Euer ehelich geborenes Kind bin. – Es ist wohl alter Zunftbrauch. Gott befohlen! Dein getreuer Sohn Thassilo. Darauf erfolgte zwar keine Antwort, aber der Briefträger Heins beförderte nach wenigen Tagen ein weiteres Schriftstück aus Eisenach auf die Burg. Und dann war lange Zeit tiefes Schweigen zwischen Burg und Uhrmacherwerkstatt. Meine teure Mutter! Eisenach im Mai – »Im schönen Maien hab i viel noch im Sinn.« Du siehst mit den tiefgründigen Mutteraugen, du hörst mit den aufgeschlossenen Mutterohren, denen nichts entgeht, was den fernen Jüngsten betrifft, – daß ich »singe und arbeite«. Richtig singen ist beten, gelle, Mutterle? Sitz nieder in meiner Werkstatt, – ich möchte Dir alle Uhren vorstellen mit Namen, damit Du weißt, in welch erlesener Gesellschaft ich mich befinde. Ich möchte es, aber ich muß es mir noch versagen. Es sind zuviele, und Dein Illo ist nicht Schriftsteller, sondern Uhrmacherlehrling. Das darf ich nie vergessen. Und bis ich einmal Meister bin, fließt noch viel Wasser mit der rauschenden Ilm hinunter. Wir wollen einen Pakt schließen, Mutterle. Meine Briefe an Dich gelten auch Tante Hermine, der Treuen, der ich nie vergessen werde, daß sie mir das Felleisen übergab in einer schweren Stunde ... Und niemals werde ich aufhören, euch beiden großdenkenden Frauen zu danken. Aus meiner seelischen Hochstimmung heraus bitte ich Tante Hermine, mir meinen Koffer mit Wäsche zu schicken. Das Felleisen barg ja nur das nötigste. Und in einem soliden Handwerkerhaus wird der Mensch nach der »Wäsche« bewertet, die er mit sich führt, weniger nach den Kleidern. Weshalb ich mir schlichte Lehrlingskluft besorgt habe, aber meinen guten, schwarzen Anzug könnt Ihr mir trotzdem schicken, – man kann nicht wissen ... Ich sitze auf dem Trocknen. Denn ich mochte auf der Walze nicht »fechten«. War noch zu sehr mit Hemmungen behaftet, die wir »Standesherren« wie Krankheiten mit uns herumschleppen. Ein »Nordhäuser« wurde mir wohl öfters angeboten, auch Dietendorfer »Aromatique«, aber ich wollte, da ich nicht ausgepicht bin, nicht torkelnd nach Eisenach kommen, und so ersetzte stramme Haltung das mangelnde Mittagessen. Doch hier pflegt mich Fräulein Konkordia, welche auch sonst die verkörperte Eintracht darstellt. Von den Brüdern möcht ich auch hie und da hören, sie brauchen mir nur kurze Schlagworte zu senden, wir übten uns ja allzeit in solcher Stenographie und klaubten schnell den Kern heraus. Wann Vater mir einmal antworten wird, oder das Senfkorn, oder das Harmonium, – liegt noch im Zeitenschoße. Ich bitte auch nicht darum. Habe zu arbeiten, Mutterle, und all das, was ich heute so umständlich zu Papier bringe, ist nur Kundgebung, Umschreibung und – das Verbergen meiner tiefen Sehnsucht nach Dir, nach Tante Hermine, nach den Brüdern, nach Eulenried, – kurz Heimweh . Ich schreibe Dir dies sentimentale Zeug, weil ich weiß, daß Mütter diesen Ballast gern auf sich nehmen, ja, daß sie vom Herrgott extra dazu geschaffen sind. – Gräme Dich nun ja nicht um mich, weil ich auf dem Trocknen sitze, hörst, Mutterle? Ich habe hier nichts auszugeben, wie in der seligen Studentenzeit, da man noch Schulden obendrein hatte. Eher fürchte ich, schnöder Kapitalist zu werden, denn von morgen ab gebe ich Nachhilfestunden in Latein, Französisch und Englisch. Habe durch den Meister Distelfink eine nicht nur kinderreiche, sondern auch sonst wohlhabende Familie kennengelernt, die den Ehrgeiz hat, ihre Söhne ins Gymnasium zu schicken. Es sind drei aufgeweckte Schlingel, und pro Nase bekomme ich für die Stunde fünfundsiebzig Pfennige. Zwei Stunden wöchentlich für jeden. Macht vierundeinehalbe Mark im ganzen. Tante Hermine und Ihr könnt Euch also seidene Kleider wünschen, und den Brüdern setze ich ein Taschengeld aus. Die Stunden gebe ich am Frühabend, so »zwischen Lichten«, wie man in Ilmenbach sagt, denn tagsüber arbeite ich an einer wertvollen Kuckucksuhr, die hier sehr hoch an der Wand hing, weshalb kaum jemand an sie herankam außer einem törichten Maidli, welches aber das Weite gesucht hat. Nun sind die kleinen Blasebälge ganz verstaubt und voll Spinnweben. Liebste Mutter, das bißchen Öl ist schon lange verharzt und erschwert den Lagerzapfen der Räder den Abfluß und vermehrt die Reibung. Das wird Dir und Tante Hermine natürlich klar sein, während die Brüder mit dummen Gesichtern danebenstehen. Sie haben nicht die angeborene Intelligenz der Uhrmacher. Der Kuckuck soll schon bald wieder unter meinen Händen schreien, wenn auch das Englein fort ist und nicht mehr wüst tun kann. Und wenn erst die Räder gereinigt und richtig zwischen den Messingplattinen gelagert sind, dann werden auch die Messingräder in die Stahltriebe wieder richtig eingreifen. Und die stählerne Tonfeder wird funktionieren, und das Englein kann zurückkommen, braucht nicht mehr Kuckuck zu rufen, und die Ohrfeige werde ich großmütig vergessen. Denn in diesem allen, Du liebes Mutierte, liegt ja mein Heimweh begründet, das wird Euch inzwischen klar geworden sein. Ich grüße Dich als Dein treuer Sohn Illo. Eulenried, 19. Mai. Lieber Neffe Illo! Deine Mutter liegt nach dem Lesen Deines Briefes noch in Betäubung. Aber ich habe mich nie mit Schwindel abgegeben und stehe aufrecht. Wir wußten beide nicht, daß das Uhrmacherhandwerk auf den Neuling gehirnstörend wirken kann, aber in Deinem Kopf scheinen alle Räder der Werkstatt ihr Unwesen zu treiben, und ich flehe Dich an, das Surren bald abzustellen. Deinem Vater sagen wir nichts von dem Brief, er würde unsern alten »Gensdarm«, der von dem neuen Landjäger verachtet wird, mit Handschellen zu Dir schicken und Dich zurücktransportieren lassen. Ich bin aber sicher, daß du noch geheilt werden kannst. Vielleicht mit einer zweiten Ohrfeige, – aber ich sehe in nichts klar. Jedenfalls halte Dich an das Englein, damit Dich der Teufel nicht übermannt. In Trauer Deine Tante Hermine. Nachschrift: Ruhe Dich ein paar Tage, gib keine Nachhilfestunden, sondern Du brauchst sie selbst. Ich schicke Dir für den Ausfall zehn Mark. – Wildrich geht auch seit ein paar Tagen düsig umher. Hoffentlich nimmt er sich mit dem Gewehr in acht. Nur Dankwart ist vergnügt und fleißig, weil er sich ganz auf den Dung geworfen hat. Die Obige. 5. Wildrich Eulenried hatte das Gewehr über die Schulter gehängt, einen schönen schlanken Jagdhund neben sich, der dem Oberförster gehörte, sich aber ganz eng an den neuen, jungen Förster angeschlossen hatte. Wildrich hatte es gut getroffen durch seinen mannhaften Entschluß, die teure Karriere aufzugeben und sich dem fürstlichen Privatoberförster als einfacher Forstgehilfe zu unterstellen. Der ältere Mann hatte wohl zuerst gefürchtet, daß der Herr Forstreferendar, der so dicht vor dem Assessor stand, aufmucken könne, wie Oberförster Ehrlich das bei anderen oft erlebt, aber Wildrich Eulenried hatte das gefunden, was er suchte, eine Stelle, die ihn, den Junggesellen schmal, aber sicher ernährte und endlich mit fünfundzwanzig Jahren selbständig machte. Die Eulenrieder Jungen hatten nie über die Stränge geschlagen, sondern das ihrem Erzeuger überlassen, der aber nun selbst bitter unter seiner Mißwirtschaft litt. – »Der Dankwart wird's schon schaffen«, dachte Wildrich zuversichtlich, während er mit hellen Augen durch eine junge Schonung schritt, die er prüfen sollte. »Was ich schon prüfen soll ...?« Er sagte es lachend zu sich selbst. »Das ist alles so vorbildlich, was der Oberförster geschaffen, aber lernen will ich – praktisch lernen ...« Und dann hub er an zu singen: »Drauß ist alles so prächtig, und es ist mir so wohl, wenn meinem Schätzle bedächtig a Sträußle i hol.« Immer tiefer drang er in den Wald ein, der einstmals in nebelgrauer Vergangenheit den Eulenrieds zugehört hatte. Dann hatte der Fürst des Landes die verlotterten Waldungen übernommen und aufgeforstet, und immer hatte er gute Heger und Pfleger gehabt – – »wie der Herre, so's Gescherre«. Wildrichs Gesicht verfinsterte sich, und sein Singen verstummte. Er hatte ja auch kein Schätzele, dem er ein Sträußle bringen konnte. Wann würden die Brüder überhaupt einmal ans Freien denken können! ... Er war inzwischen höher gekommen. »Die Maschine langsam angehen lassen!« Diesen guten Spruch hatte er sich auf allen Wanderungen und sportlichen Leistungen zum Vorsatz gemacht. Die Thüringer Berge sind steil, und ein Förster im Revier darf niemals aus der »Puste« kommen. Er schaute um sich. Sofort blieb auch sein Hund stehen. Ein Kuckuck rief, ein anderer antwortete. Wildrich zog seine Börse. Schmal genug war sie, klang aber doch lustig zum Kuckuck hin, wenn man sie schüttelte. Finkenschlag setzte ein: »Nur, nur, dem lieben Gott vertraut!« Und nun lachte ein »Spötter« auf der hohen Buche, und Wildrich, der schon als Knabe alle Vogelstimmen in seiner Kehle hatte, machte es dem Vogel nach. Das war ein langes lustiges Duett. Bis ein Edelfasan aufflog. Ein prächtiges Tier, aber ohne weißen Halsring, wie es den chinesischen Fasanen eigen ist. Wildrich sah dem schönen Tiere nach, wie es durch die Luft strich. Man durfte es nur im Fluge abschießen. Aber dieses Edelwild gehörte dem Fürsten. Vielleicht aber durfte er, Wildrich, schon bei der nächsten Treibjagd, sicher bei der nächsten Suche dabei sein. Dazu konnte er seinen guten Vorstehhund brauchen. Wildrich stand still. Aus welchem Treiben mochte das Edelwild hinausgelaufen sein? Ich muß noch höher, dachte er. Wenn ich das Glück hätte, die Jagdhütte des Fasanenhüters und seltsamen alten Jeremias Aldermann zu finden, – das Unikum kennenzulernen, nach dem ich schon als Knabe gesucht, das sich aber vor jedem versteckte. Jetzt war der Mann an die Neunzig und kannte noch jedes Stück Wild in seinem Revier. Das war wahrlich ein Forstwart, Wärter und Heger seines Forstes. Wildrich sah etwas Dunkles zwischen dem jungen Grün von Birken lugen, das schiefe Dach einer ziemlich morschen Jagdhütte, die aber mit neuen weißen Brettern aufgemuntert war. Ein zweites graues Etwas hockte auf einer niedrigen Leiter und hantierte mit einem Teerquast. »Weidmannsheil!« rief Wildrich und war mit wenigen Sätzen vor der Hütte. – »Weidmannsdank!« krächzte es zurück. Es war, als ob ein alter Rabe schrie. »Wer bist du? Ein Förster? Kenne dich nicht. Hast den Stutzen weidgerecht umgehängt und die Uniform. Aber Kreuz, Kringel und Zwieback fehlen. Was bist? Und was willst du bei mir da heroben? Schöne Thüringer Maidli gibt's nicht bei mir, und darauf seid Ihr Jungen ja aus. Hatte mal zwei Schmucke bei mir. Längst weg! All beid verschandelt, – verschandelt.« Der Alte spie aus. – Wildrich dachte, »Ich bin schon richtig. Jeremias Aldermanns armes Gehirn treibt wieder einmal Blasen, wie immer, wenn er was Neues sieht. Das geht vorüber, ich will seine Freundschaft.« »Was ich bin? Gar nichts. Was ich will? Die ganze Welt!« »Das is wenig, 'ne gute Drillingsbüchs is mehr.« Wildrich lachte, und der alte Forstwart krächzte. »Sie haben einen bösen Husten, Herr Aldermann. Ich will es meiner Mutter sagen, die weiß einen Tee, der hilft bestimmt.« »Wie höflich du bist, Forstgehilfe. Hähähä. Die Frau Baronin wird laufen, daß die Hacken fliegen, um dem neunzigjährigen Forstwart Tee zu kochen.« Wildrich sah ihn verdutzt an. »Woher wissen Sie ...« »Warum sagst nicht du zu mir. Sagst ja nicht mal zum Herrgott »Sie«; warum zu mir? Aber einen schönen Hund hast. Wenn ich einen Vorstehhund sehe, denk ich, daß meine Fasanen dran glauben müssen.« – Er neigte sich weit vor und faßte Wildrichs Hand. Fragte ihn leise und drängend: »Lebt der Herrgott noch? Weißt was über ihn? Vor vielen Jahren hab' ich ihn mal angerufen. Mein Jammer war groß. Da hat er nicht gehört. Nun wollt' ich ihn nie wieder molestieren ... meinst – er hört wieder?« »Ja«, sagte Wildrich laut und fest. Der Alte schnellte förmlich in die Höhe. Die irren Augen wurden ruhig. »Das ist gut, das ist gut. Will dir auch sagen, wer mir erzählt hat, daß du 'n Eulenried bist. Der Wilddieb, der Mergel, war's, – ein zuwiderer Kerl, der uns die besten Böcke wegschießt und nicht zu fangen ist. Forstgehilfe, ich frage dich, was hassest du am meisten auf der Welt?« Er sah wieder blöde drein. Wildrich wußte nicht, ob er überhaupt jemand haßte, besann sich nicht lange und rief: » Tellereisen und Schlingen. « »Bruderherz! Ja, du darfst Forstmann bleiben«, krächzte der Alte. Und bekam ein ganz anderes Gesicht. »Ich hab' jeden Förster, der sich in den letzten vierzig Jahren zu mir verirrte, gefragt, was er haßt. Denn ich halt es mit dem Hassen ... Da wurden die Gesichter manchmal grau und braun und rot vor Wut, – und jeder haßte einen Menschen, oder auch zwei und drei, ein ungetreues Weib oder einen verräterischen Freund, – – – kenne ihn nicht. Ich nicht. – – Hasse nur einen und noch zwei Dinge, – just die, die du sagtest, Bruderherz: Tellereisen und Schlingen! Und die legt der Erzhalunke, der Mergel. Aber ich muß ihn leiden, – gebe ihm auch Geld, denn er hilft mir suchen, jawohl, jemand suchen ...« Und dann verstummte der Alte. Sah wieder blöde drein. Wildrich rüttelte ihn. Aber es war, als sähen die alten Augen da vor ihm in Fernen hinein ... Und Wildrich entfernte sich. Immer, mit dem Gesicht zurückgewendet, bis der Weg zu steil bergab ging. Viel Geröll lag im Wege. Einmal drohte er zu stürzen, riß sich aber zusammen und hatte nur noch Gedanken für den gefährlichen Abstieg, den Wald, die neuen Schonungen, die Fährten und die verschiedenartigen Losungen des Wildes, das hier seinen Wechsel hatte. – Ein schwacher Ruf drang durch die Stille. Der Hund stand und horchte. Wie wenn ein Rehkitz klagt oder ein Käutzlein ruft. Er schritt rascher aus, ja zuletzt lief er, denn er hatte eine zweite Jagdhütte entdeckt, die sich aber beim Näherkommen als ein kleines, festes, dunkelgraues Haus erwies, das von wildem Jelängerjelieber umrankt war. Der strömte einen süß-herben Geruch aus, und als Wildrich die Tür aufriß, deren Klinke man unter dem wuchernden Grün kaum entdecken konnte, blieb ein kleiner Zweig an seinem Jägerrock hängen. Wildrich löste ihn rasch von dem Knopf, um den er sich geschlungen, und barg die Ranke in seiner Rocktasche. Er trat in einen ziemlich großen Raum, der mit Urväterhausrat schön ausgestattet war. Auf dem großen Teppich lag eine zarte Mädchengestalt, mit dem Gesicht der Erde zugewendet. Ein fester Stock, mit einer Gummizwinge am Ende, war weit von ihr fortgefallen. »Wie lange bleibst du, Anne«, stöhnte das Mädchen. »Sieh doch, ich bin häßlich gefallen und kann mich nicht allein aufrichten. Wenn nur der Fuß nicht wieder gebrochen ist ... Du antwortest gar nicht, Anne. So hilf mir doch!!!« »Erschrecken Sie nicht«, sagte Wildrich leise. »Die Anne bin ich nicht, aber der neue Forstgehilfe, und ich überlege, wie ich Ihnen aufhelfen kann, ohne Ihnen wehe zu tun.« Er war neben ihr niedergekniet, hatte seinen rechten Arm um ihre Taille geschoben und versuchte den schmalen Körper herumzudrehen. Sie stöhnte leise, und als er ihren Fuß berührte, schrie sie auf. Aber es gelang doch mit Hilfe des Stockes sie auf die niedrige Liege zu schaffen, und da lag nun die Versehrte sehr blaß vor Schmerz und Anstrengung. Sie streckte dem Helfer dankbar die Hand hin. »Schon einmal hab' ich den linken Fuß gebrochen, was wird Vater sagen!« »Er ist aber nicht gebrochen«, tröstete Wildrich, – aber, o weh! bös verstaucht. Erlauben Sie? Ich habe ein Jahr Samariter gespielt, das heißt regelrecht studiert. Und nun müssen Sie ja und amen sagen, ehe ich Hilfe hole, daß ich diesen schönen, weißen Schuh herunterschneide, – der Fuß ist hoch geschwollen ...« Eine scharfe Schere trug er in einem Ledersäckel bei sich, und bald lag der zerschnittene Schuh in seiner Hand. Aber trotz aller Vorsicht beim Ablösen war das Mädchen immer blasser geworden und rang wohl mit einer Ohnmacht. – »Nur Mut, nur Mut, die Sache wird schon schief gehen«, tröstete Wildrich ungeschickt, und bei sich sagte er: Wo zum Teufel mag diese Anna stecken? Er nahm ein einwandfreies, weißes Taschentuch aus seiner Brusttasche, legte es halb auseinander, tauchte es in den Waldquell, der draußen sprudelte, lief wieder zum Lager und legte das Tuch sorgfältig ausgedrückt auf ihre weiße Stirn. Die Kranke zuckte zusammen: »Anne!« sagte sie leise. »Es hilft nichts, – ich muß Sie allein lassen«, sagte Wildrich besorgt, – Ihre pflichtvergessene Jungfer wird sich ja ›bei klein‹ einfinden, aber wo soll ich Hilfe holen?« Er öffnete die Haustür. »Komm her, Hallunk«, rief er, und sein Hund sah dem Herrn aufmerksam ins Gesicht. »Hier legst du dich hin, Hallunk und beschützt diese junge Dame.« Der Hund legte sich gehorsam nieder. »Und gehst nicht fort, Hallunk, bis ich wiederkomme. – Wird Ihnen wieder ungut, liebes Fräulein?« Sie lächelte schwach. »Ich glaube, ich habe Hunger. Aber ich würde nichts genießen können. Doch muß hier im Spind eine Flasche Wein stehen.« »Wein habe ich bei mir«, rief Wildrich und öffnete gleich eine kleine lederbezogene Jagdflasche, die in einem silbernen Becher steckte. Den zog er ab und füllte ihn. »Wermutwein! Das beste, was es gibt. Der hält Leib und Seele zusammen. Nur tapfer getrunken!« »Es ist vielzuviel.« »Macht nichts. Die andere Hälfte trinke ich. Auf gute Kameradschaft! – Halt dich brav, Hallunke l« »Warum schimpfen Sie den guten Hund so?. Es steht Ihnen gar nicht.« »Ich schimpfe nicht, der Hund heißt so.« Da lachten sie beide, und nun besann sich Wildrich und holte noch ein Mundtuch aus dem Spind. Zusammengelegt und in kühles Wasser getaucht, legte er das Linnen auf den kranken Fuß. In eine weiße Strickjacke wickelte er das Füßchen ein. »So wird's gehen, gelle? – Aber ich hab' noch keine Antwort, wo ich Hilfe holen soll. Wo wohnen Sie eigentlich? Ist es weit?« »Nein, ganz nahe.« Sie sah ihn unsicher an. »Im Schloß. Holen Sie mir bitte die Gräfin Wartberg. Wenn Vater da ist, dann ängstigen Sie ihn nicht. Ich habe gar keine Furcht hier zu bleiben, und Hallunke ist ja da ... Guter Hallunke! Ich danke Ihnen, Forstgehilfe.« – Wildrich stürmte hinaus. Seine Gedanken jagten sich. »So was kann auch nur mir passieren, das sollten die Brüder wissen. Es paßte eigentlich viel besser für Illo, als für mich. Auf dem ersten Pürschgang gabelt der Jagdgehilfe eine Prinzessin auf!« ... Sein Lauf wurde unterbrochen. Aus dem dichten Gehölz neben ihm, das einen halb verfallenen Stall barg, traten zwei Leute, die erschrocken vor ihm zurückwichen. Das zierliche schwarze Kleid des Mädchens, die weiße, arg zerdrückte Schürze und das verschobene weiße Häubchen erbosten Wildrich sehr. »Schandewert«, schrie er das Mädchen an. »Die Prinzessin wartet seit einer Stunde auf Sie.« Anne schlug die Hände vor das Gesicht und entfloh eilends. »Und du, Mergel, solltest dich auch lieber nicht hier im Revier sehen lassen. Hörst?« »Ich bin kein Du von Sie!« Mit beiden Händen in den Hosentaschen stand breitbeinig der Wilddieb vor ihm und sah frech in Wildrichs zorniges Gesicht. »Seit mir der Fürst gekündigt hat, bin ich Freiherr wie Sie, verstanden?« »Es war nur eine Mahnung, Mergel, der Landjäger ist gerade auf der Streife. Du weißt, was du auf dem Kerbholz hast.« Mit einem Fluch verschwand der Mann wieder im Dickicht, wo die Zweige hinter ihm zusammenschlugen. Wildrich nahm seine Hatz wieder auf. Es ging bergab, und das »Friedenshaus«, der einfache Landsitz des Fürsten X. war bald erreicht. Es war ein altes, gut erhaltenes, weißes Gebäude. Eine schöne, große Uhr mit allerlei Zierrat war in den Giebel eingebaut und ließ zwölf hallende Schläge ertönen. Die Felsen dem Schlosse gegenüber gaben das Echo wieder. Dann folgte ein wunderliches Glockenspiel, etwas zitternd, aber musikalisch rein: »Nun danket alle Gott!« Wildrich nahm den Jagdhut ab und grüßte mit ihm auch gleich die alte Sonnenuhr vor dem Schlosse, die er schon als Kind gekannt und geliebt hatte. Ein wunderlich aussehender Mann mit seltsam heller und doch heiserer Stimme rief ihn an. Der Mann saß auf einer grüngestrichenen Bank hinter der Sonnenuhr und fuchtelte mit einem derben Knotenstock. »He da, Förster, antreten!« Wildrich kam zögernd näher. Er war verwirrt. Der Mann hatte dichtes, graues Haar, das in dünnen Zöpfen um den ausdrucksvollen Kopf geschlungen war. – »Was suchen Sie hier«, schnurrte die seltsame Stimme weiter, »ich bin die Gräfin Wartberg.« Wildrich bezwang sich mannhaft, sein Erstaunen zu verbergen. Die gamsledernen »Büchsen« der Gräfin machten eine wahrhaft groteske Figur aus ihr. »Setzen Sie die Verwundrungsmütze ab, Forstrat, sie kleidet Sie nicht. – Sie sind wohl nicht von hier?« »Doch, doch, ganz aus der Nähe. Aber das kann ich jetzt nicht erzählen. Meine Sache ist wichtig. Es muß sofort angespannt werden, zur Jagdhütte können wir das Auto nicht gebrauchen. Aber sofort!!! Herrgott, ich habe mich schon versäumt. Aber die Jungfer ist ja nur bei der Prinzessin und wird ihre Schuld wieder gutmachen wollen ...« »Sie faseln! Sie sind nicht bei sich. Haben Sie solche Zustände öfter?« Die Gräfin war sehr ärgerlich. »Ich bitte Sie dringend, Gräfin Wartberg, gleich meiner Bitte zu willfahren. Die Prinzessin ist gefallen und liegt in der Jagdhütte, und wir müssen sie sofort holen.« »Wie sprechen Sie? Als ob Sie das Befehlen gewöhnt sind und nicht das Gehorchen. Aber natürlich haben Sie recht. Das arme Kind! Von Jugend auf ein Schwachmatikus, hat aber Willenskraft wie ein Mann. Nein, wie zwei Männer. – Dort lungert ein Diener herum. Immer, wenn mein Bruder ausgeritten ist, lungern sie.« Die Gräfin pfiff gellend auf zwei Fingern, und der Diener stob heran. Sie gab ihm energisch knappen Befehl: »Sie sind sofort mit dem Gespann hier. Niedriger Viktoriawagen!« »Jawohl, Frau Gräfin.« »Und nun zu Ihnen, Forstgehilfe. Ich weiß nicht, warum ich mich mit Ihnen beschäftige. Sie sehen jemand ähnlich, der, dem, den man schwer vergessen kann. Warum ich Ihnen das sage, weiß ich nicht ... Sie sehen nicht wie ein Forstgehilfe aus.« »Bin es aber. Man hat es mir schon von verschiedenen Seiten gesagt, daß ich jemand ähnlich sähe – ›der, dem, den‹. Mein Vater muß wirklich sehr anziehend gewesen sein und auch viel geliebt haben. Ich bin aber verschwiegen, Frau Gräfin.« »Unverschämt sind Sie. Was geht mich Ihr Vater an? Das ist mir nun noch niemals gesagt worden ... Wie heißen Sie?« »Wildrich Eulenried.« »Natürlich. Ben Akiba hat recht.« Jetzt lachte Wildrich ungeniert. »Ich bin aber damals nicht dagewesen, das war mein Vater.« Gräfin Wartberg gab ihm einen derben Schlag auf die Hand und streichelte sie gleich darauf hastig. »Ich weiß, daß ich lauter unschickliche Dinge tue«, sagte sie rührend ernsthaft. »Aber Sie bringen mir meine ganze Jugend zurück. Also hat doch der da oben noch eine Freude für mich aufgehoben. Aber wie kommen Sie in diese Montur? He?« »Die Eulenrieds sind arm geworden. Ich habe die höhere Forstkarriere aufgegeben und bin Forstgehilfe geworden.« »Einerlei. – Sie werden jeden Tag zu mir kommen und sich mir widmen und mir von Ihrer Familie erzählen.« »Dazu wird mir Oberförster Ehrlich kaum Urlaub geben.« »Ja, das kann stimmen. Er ist ein Grobian. Trotzdem will ich Sie oft sehen und sprechen – – – und da kommt der Wagen.« Wildrich half der alten Dame in den Wagen, und sie deutete gebieterisch, daß er sich ihr gegenübersetze. Wildrich schlugen Herz und Gewissen. Wie mochte es der Prinzessin gehen? War sie noch allein? Er hätte sich niemals aufhalten sollen. Es waren die Hemmungen seiner höfischen Erziehung. Seine Brüder waren andere Kerle, dachte er, sie hatten sich wohl rascher in die veränderte Sachlage gefunden. Ihm war, als drücke ihn die »Montur« an allen Ecken und Enden, – das durfte nicht sein. Er mußte das, was er jetzt war, auch ganz sein. »Sie sind nicht unterhaltlich, Baron«, bemerkte die Gräfin. »Ähneln darin gar nicht Ihrem Vater. Er war chevalier sans peur et sans reproche .« »Gegen uns war er es nicht«, sagte Wildrich kurz. »Aber gegen die Mutter, – freilich – gegen sie war er's.« Wildrich beugte sich über die Hand der alten Dame und küßte sie. »Verzeihung, Gräfin, – – ich bin etwas aus den Fugen durch den heutigen, seltsamen Tag. Ich glaube, ich habe ganz unvernünftiges Heimweh nach meiner Mutter ...« Der Wagen nahm jetzt die letzte Steigung. – Die Gräfin zog etwas die Mundwinkel herunter. Diese Frau, nach welcher ihr Junge jetzt Sehnsucht empfand, hatte ihr einst den Geliebten genommen. Unwissend, jawohl. Der tolle Eulenried nahm ja alles im Sturm, was sich ihm entgegenstellte. Im Kriege und in der Liebe. Aber diese Frau war doch schuld, daß der Eulenried zu ihr gesagt hatte: »Lonny, gib mich frei!« Und bis auf den heutigen Tag hatte sie ihn nicht vergessen können. – Die Gräfin stieß Wildrich an. »Seien Sie nicht schlapp, Baron. Heimweh ist Blödsinn. Und hier sind wir.« Der Wagen hielt. Wildrich sprang hinaus und half der Gräfin. – Prinzessin Sybille lag noch so, wie Wildrich sie verlassen hatte, aber ihr Vater saß neben ihr und schien eben den Umschlag erneuert zu haben. Die Kranke sah zufrieden aus. »Na endlich!« rief der Fürst und zitierte: »›Der Herr, der schickt den Jockel aus, er soll den Hafer schneiden, der Jockel schneid't den Hafer nicht und kommt auch nicht nach Hause.‹ Haben Sie den Jockel wieder mitgebracht, Gräfin? – Und Sie sind der neue Jagdgehilfe?« »Jawohl, Durchlaucht.« »Sie haben meiner Tochter erste Hilfe geleistet, ich danke Ihnen!« Damit wäre nun der Forstgehilfe entlassen gewesen, aber die Gräfin sagte trocken: »Ich habe eine Jugendbekanntschaft erneuert. Dieser junge Mann war meine erste Liebe.« »Sie sind unverbesserlich mit Ihren Scherzen, Gräfin.« Der Fürst lachte mißmutig. »Wollen Sie ins Revier, Forstgehilfe?« »Jawohl, Durchlaucht. Ich war zum alten Forstwart hinaufgestiegen und hatte mich schon etwas bei ihm versäumt, – nun will ich zum Oberförster Ehrlich, er wartet schon lange auf mich.« »Dann gnade Ihnen Gott, Förster. Unpünktlichkeit ist bei Ehrlich das schwerste Verbrechen. Sagen Sie ihm, daß Sie meiner Tochter geholfen haben, – ich danke Ihnen nochmals. Und gehen Sie nur öfters zu Jeremias Aldermann. Bei dem sich verweilen, heißt lernen. Der ersetzt Ihnen die Forstakademie.« Wildrich verbeugte sich stumm und ging hinaus. »Die Forstakademie hat er schon hinter sich«, sagte die Gräfin barsch. »Es ist Baron Wildrich Eulenried.« Prinzessin Sybille schlug die Hände vor das Gesicht. »Was ist dir, Kind?« fragte der Fürst. »Nichts, nichts, es überraschte mich nur so.« »So, so, Baron Eulenried! Ich erwarte ihn jeden Tag zur Meldung. Gewiß hat der eigenmächtige Oberförster ihn nicht zu mir schicken wollen. Na, tut nichts. Jedenfalls ist der junge Mann jetzt Forstgehilfe. Ein mannhafter Entschluß. Gefällt mir. Schon weil der Sohn vom Vater absticht.« Die Gräfin wandte sich schroff zu ihm. »Ich wüßte nicht, daß Baron Thassilo Eulenried unehrenhaft wäre ...« »Ruhe, Ruhe, liebe Gräfin. Ich respektiere: Alte Liebe rostet nicht.« »Vater!« bat Sybille und griff nach der Hand der Gräfin. Diese lenkte ab. »Wie kam's, daß dich der junge Eulenried allein fand, Sybille?« »Weil Anne pflichtvergessen war. Sie hat sich entfernt und ist nicht wiedergekommen. Vater kam auf seinem Ritt hierher und fand mich allein. Er hat mein Mittagessen gekocht.« Sie strich zärtlich über seine Hand. »Wenn man eine unvernünftige Tochter hat, die sich gern die Knochen zerbricht oder verstaucht und den Ehrgeiz besitzt, in einer Spelunke zu hausen, wenn sie ein Schloß zur Verfügung hat, muß man sich auf allerhand Überraschungen gefaßt machen. – Laß gut sein, Kind. Deine Spatzenration zu bereiten, hat mir Spaß gemacht. – – – Also das war ein Sohn von Eulenried, der sein schönes Gewese runtergewirtschaftet hat – – dafür kriegt er nun mal Uhrmacherenkel und dickköpfige Bauernbuben ...« »Immer noch besser, als allein zu sterben«, sagte Gräfin Wartberg. Der Fürst sah sie zornig an, aber sie hatte nur sich selbst gemeint. – – – – – – – – – – Als Wildrich aus der Hütte getreten war, sah er ein Mädchen hinter dem Jelängerjelieberstrauch kauern. Sie weinte. »Was tun Sie hier?« herrschte Wildrich sie an. »Wollen Sie nicht endlich Ihrer Herrin zu Hilfe kommen? Seine Durchlaucht selbst ist drinnen ...« Da rannte das Mädchen davon ohne Antwort und war bald im Walddickicht verschwunden. »Die geht uns noch vor die Hunde, – ich hab's gesagt«, rief der Kutscher. »Schon länger zieht sie mit dem Wilddieb herum, denn daß er einer ist, darauf nehm ichs Sakrament. Wenn ihm auch nichts bewiesen werden konnte.« 6. Am andern Tage erledigte Wildrich erst alle Aufträge, die ihm von seinem Lehrherrn gegeben waren. Dieser hatte es sehr eilig, denn er war zum Fürsten befohlen worden. Und wenn sich der Fürst ganz leutselig als einfacher Gutsherr ihm gegenüber gab, so war doch seine Pünktlichkeit bekannt, wie sein Jähzorn. Der Oberförster nahm Wildrich bei seinem Rockknopf. »Eigentlich wollte ich eine Philippika gegen Sie loslassen, Forstgehilfe Eulenried, aber ich muß sie vertagen. Doch mache ich Sie drauf aufmerksam, daß es dann eine Abreibung wird, nicht von schlechten Eltern. Der gestrige Tag war kein guter Anfang für Ihre mittlere Forstkarriere. Im Walde herumzustromern, anstatt zu lernen, – – – und in 'ner Kutsche spazierenzufahren. – – Sie sind wohl des Deubels. – – – Also – – auf später. Heute haben Sie frei. Aber man kann auch an Ferientagen lernen. Weidmannsheil!« »Weidmannsdank! – Na, wenn das keine Philippika war –«, dachte Wildrich. »Aber wenn ich lernen soll, dann steige ich noch einmal zum Jeremias Aldermann hinauf.« – Er ging durch seinen Wald recht wie ein Glücklicher. Daß er sich an die Kandare genommen und gar nicht aufgemuckt hatte, das tat ihm selbst wohl. Er würde sich wohl noch öfters anfauchen lassen müssen, ob zu Recht oder zu Unrecht, das konnte er noch nicht entscheiden. Basta, er hatte diese Laufbahn gewählt, – nicht um seinetwillen. – Um der Heimat willen. Er sang: »Das ist des deutschen Waldes Kraft, daß er kein Siechtum leidet, und alles, was gebrestenhaft, aus Leib und Seele scheidet.« »Ich meine, ich bin zum Jäger geboren«, so sprach er sich selbst Mut ein. »Ich habe Freude, innige Liebe zu allem Getier, bin nicht zur Mord- und Schießlust veranlagt. Ich habe Freude an allen Bäumen, sie find meine Freunde, ich spreche zu ihnen. Ich glaube gar nicht, daß man Jäger werden kann, – man muß schon als solcher geboren sein. – Ich kann auch meine Lex, die ich auf der Universität gelernt habe – und Eberswalde – hei – mir soll mal einer an den Wagen fahren. Aber jetzt will ich von der Pike auf dienen, und der ›blöde‹ Forstwart soll mich lehren und der gescheite Oberförster. In der Mitte stehe ich: Aber ich weiß, alle beide sind sie mir noch über. Braucht aber nicht so zu bleiben ...« Aus einem Gebüsch, Gestrüpp von Unterholz sprang ein Mann auf Wildrich zu. Böse Augen sahen ihn stechend an. Wildrich faßte das Gewehr fester. Der andere lachte. »Nur nicht übermütig sein, – ich bin auch versorgt.« »Was wollen Sie, Mergel? Ist das eine Art, jemand anzusprechen?« »Ja, das ist so meine Art. Besonders bei dringlichen Fragen. Wie kommen Sie dazu, meine Braut beim Fürsten zu verschergen? Gekündigt hat man ihr, vielmehr, man hat sie verjagt und dann Knall und Fall entlassen. – Und sie hat doch schon Jahr und Tag bei der ewig kranken Sybille ausgehalten – – – Schandewert.« »Vor allen Dingen lassen Sie mich sofort los, Mergel.« Wildrich schüttelte den Burschen ab. »Sie haben wohl wieder mal getrunken?« »Denk nich dran. Saufen tun nur die großen Herrn. Mir fehlts Geld. Aber Antwort will ich haben. Meine Braut kann keine Stelle bekommen, wenn sie verjagt worden ist.« »Sie hat sich selbst verjagt«, sagte Wildrich ruhig. »Hat ihren Dienst gar nicht wieder angetreten, nachdem sie gröblich ihre Pflicht verletzt hatte. Und daran sind Sie schuld, Mergel. Und daß Sie keine anderen Worte für die gütige Prinzessin haben, die Ihre ›Braut‹ und deren ganze Familie ernährt und versorgt hat, – das ist wirklich schandewert.« – Mergel lachte laut. »Warum sind Sie nicht lieber Pfaffe geworden, Forstgehilfe Eulenried? Predigen können Sie. Aber als Sie gestern mit der Sybille ›zugange‹ waren, sind Ihnen ein paar Rehe abgeschossen worden. Von mir beileibe nicht, ich habe mich an Wildpret schon überfressen. Aber Sie dürfen nicht von Pflichtvergessenheit reden – – immer an die eigene Nase fassen.« – Mergel verschwand im Dickicht. Mit heißem, rotem Gesicht stieg Wildrich weiter, kam an der fürstlichen Jagdhütte vorbei, drückte auch die Türklinke nieder und überzeugte sich, daß sie verschlossen und auch die Fenster von innen verriegelt waren. – Weiter stieg er. Er war heute ohne Hund, den hatte die Prinzessin noch behalten. Das sollte wohl eine Ehrung für ihn sein. Und es freute ihn. Er hatte ja sein gutes Gewehr, und jagen wollte er nicht. Zwei Rehböcke gingen ab. Durch seine Schuld. Und mit welch hohen Tönen hatte er noch vor einer halben Stunde von dem ›zum Jäger geboren sein‹ geredet. – Sein Wald war mit einemmal verdunkelt. Oder waren es seine Augen, in denen heiße, unmännliche Tränen brannten. – – – Der alte Jeremias Aldermann saß vor seiner Hütte. Er hatte heute seinen guten Tag. »Weidmannsheil!« krächzte er vergnügt. »Wo hat man seinen schönen Hund? Man sollte nicht ohne Hallunk ausgehen.« »Mir ist schon einer begegnet«, sagte Wildrich düster. »Und es ist ein grauer Tag heute.« »Aber ich hab' dich doch singen hören, – an diesen Felsen ist guter Hall und Schall.« Wildrich wehrte ab. »Ja, das war vorher.« »Zum Rätselraten langt's nicht mehr, wenn man neunzig ist«, sagte der Forstwart. »Sags oder sags nicht, was dich drückt, es ist mir all eins. Die Jugend hat Lachen und Weinen in einem Sack –« »So klein bin ich nicht mehr, Aldermann. – Laßt's gut sein. Es hat mir gestern so gut bei dir gefallen, und der Fürst sagt, ich könnte alles von dir lernen. Er hat dich die Forstakademie genannt.« Der Alte lachte, daß Wildrich ihm beispringen mußte und den Rücken klopfen und einen »Kranewittern« reichen, bis er sich beruhigte. Dann frohlockte der Alte. »Hat er das gesagt, der Fürst? Das ist ein guter Mann. Hat ihm also meine Wissenschaft genützt? Denn bei mir ist er in die Lehr gegangen. – Freilich hab' ich auch ein paar Jahre schweigen müssen. Das war, als der Herrgott mit ihm redete ... Jo, jo. Der ist immer der allerbeste Lehrmeister, auch wenn er prügelt. Und dann erst recht.« – Er verlor sich eine Weile in Gedanken, aber sein altes graues Gesicht war ganz erhellt. Endlich fragte er: »Was willst du lernen vom alten Forstwart, vom Waldschratt, du junges Blut?« » Wie ich ein rechter Weidmann werden kann? « »Mehr nicht? Bist ja einer. Deine zwei Augen sind Jäger, zum Sehen geboren, zum Schauen bestellt.« »Nicht so, nicht so«, Forstwart. Sprich als Lehrer, der einen Dümmling vor sich hat.« »Also gut. Ich mein, – du mußt den Akademiker ganz vergessen, hörst? Mensch sein ist alles. Ist mehr, als alle Titel der Welt es sagen können. Weißt, Junge, die Leut sagen, ich hätte da oben meine Fünf nicht beisammen. Hab sie aber doch. Wenn nicht die schwarzen Vögel kommen ... Und der Herrgott sagt: ›Selig find die Einfältigen.‹ Und der Fürst hat es auch schon zu mir gesagt, eben weil er mehr Mensch als Fürst ist. – Die Leut! – Förster, es ist gut für die Menschen , wenn die Leut denken, man war da oben nicht richtig. Und merken gar nicht, daß sie selbst ganz und gar verbogen sind. – Weißt den Unterschied zwischen Leut und Menschen? Leut gibt's wie Sand am Meer, – Menschen sind rar. Wirst es schon gespürt haben, denn du hast die Augen dazu. Laß sie links liegen, die Leut, halt dich an die Menschen. – Und wenn du mal heiratest, dann nimm dir einen Menschen, damit dein Weib keinen Leut gebiert.– Habe selbst mal einen Menschen geheuert, – – den Himmel auf Erden hatt' ich – – – Alles verschandelt, alles verschandelt, – Jesus... !« Wildrich sah, daß die schwarzen Vögel über den Alten gekommen waren. Sacht verließ er den Raum. – »Hier will ich Wandel schaffen. Der Alte darf nicht allein sein. Aber wer wird hier bleiben wollen? Eine tüchtige Frau muß her, eine Jungdirn fürchtet sich zu Tode hier oben. Bis ich aber eine Hilfe für ihn habe, schaff' ich meine Liege herauf, damit ich des Nachts bei ihm bin und er versorgt ist. Mit dem frühesten bin ich dann wieder im Dienst.« So redete er vor sich hin, der Wildrich, und es war ein großes Freuen in ihm. Diese Freude verdarb ihm sein Lehrherr gründlich. Wildrich trat in die Studierstube, die war ein Museum von seltenen Jagdtrophäen. Der Oberförster lief aufgeregt hin und her, wie ein Raubwild im Zwinger. Das aufgehellte Gesicht seines Jagdgehilfen brachte ihn noch mehr in Harnisch. »Mensch! Forstgehilfe von drei Deubels Gnaden ! Zwei Rehböcke gehen ab. Haben Sie gehört? Und Sie machen ein Gesicht, als wollten Sie mir eine besondere Riesenfreude überbringen. Wenn Sie etwa denken, ich führe Sie jetzt an meinem Arm zur Prinzessin Sybille und drückte Ihnen selbst das Vorlesebuch in die Hand, dann is das 'n Irrtum.« »Ja, das ist wohl ein Irrtum, Herr Oberförster, denn ich verstehe kein Wort von dem, was Sie sagen.« »Sie Neugeborenes! Und ich wollte Ihnen zuerst Abbitte tun, weil ich glaubte, Sie hätten gestern gebummelt, oder gar geschlafen, anstatt ›frei zu haben‹, nämlich zum Lernen . Verstanden? Und nun läßt Seine Durchlaucht eine ›Schwade‹ los, als wären Sie, Gott weiß was, – weil Sie die Sybille betreut hatten, wie eine Mutter. Schöne Mutter ... ! Sie sollen Vater von Rehböcken sein, aber nicht Mutter von Prinzessinnen – – – Herr ...« Der Oberförster hatte sich schier unvernünftig gesteigert. »Ich habe nie den Ehrgeiz gehabt, Mutter zu werden«, wagte Wildrich zu bemerken. Er war siedendheiß vor Zorn, daß er sich zu Recht auslümmeln lassen mußte. Zu Recht!« Der Vorgesetzte war plötzlich unheimlich ruhig geworden. »Ihre Bemerkung, Forstgehilfe Eulenried, ist durchaus ungehörig ...« »Jawohl das ist sie, und ich bitte um Entschuldigung.« »Na, es ist gut, daß Sie nicht die gekränkte Leberwurst spielen. Vorleser von Prinzessin Gnaden ist besser. Jeden Tag nach Feierabend sollen Sie ins Schloß kommen. Mensch, haben Sie schon gehört, daß ein rechter, echter Forstgehilfe Feierabend macht?« »Ich will ja gar keinen Feierabend«, rief Wildrich – ich will nichts als die Scharte auswetzen.« »Das ist sicher das erste vernünftige Wort, was Sie seit Jahr und Tag ausgesprochen, Eulenried.« »Nein, Herr Oberförster. Das war, als ich zu meinem Vater sagte, ich wolle Forstgehilfe beim Oberförster Ehrlich werden ...« Der Vorgesetzte knurrte. Aber Wildrich dachte nach dem Händedruck, den er empfing, seine Rechte müsse auf der Erde liegen ... Aber er hatte sie doch an seinem Arm, wenn auch in veränderter Farbe und Form. »Wollen Sie mir eine Audienz beim Fürsten verschaffen, Herr Oberförster? Ich bringe dann alles in Ordnung.« »Audienz? Gibt es bei ihm nicht. Sprechstunde hat der Fürst. Er ist Kräutersammler und gibt seinen Untertanen Tee. Jeder Leidende darf zu ihm kommen, und in schweren Fällen schickt er ihn auf seine – des Fürsten Kosten – zu Doktor Krück, dem tüchtigsten Arzt in ganz Thüringen. Kleine Piemeleien werden mit Tee geheilt. Kommt ein leidlich gesunder Querulant, bekommt er Rizinus. Augenblicklich ist seine Mitsammlerin, die Serafine Lenz, bei ihm.« Wildrich verzog keine Miene. »Welch poetischer Name!« »Ja. Und trotzdem sie gänzlich zahnlos ist, bekommt sie jedesmal einen harten Taler von Durchlaucht, damit sie etwas zu – beißen hat. Ja, so ist er, unser Oberhaupt. Immer für praktisches Christentum. Aber daß er Sie, den ich mir für meinen Wald anbändigen wollte, für Faxereien in Anspruch nimmt, – für salbadrige Geschichten, wie sie Weiber lieben, das verzeihe ich ihm nicht, wenn auch unsere Prinzessin Sybille ein Engel ist.« »Ich kenne weder Engel noch Weiber, Herr Oberförster, ich kenne nur meine Mutter und die Schwester meines Vaters ...« »Wenn das ein Rüffel sein soll, den Sie Ihrem Vorgesetzten erteilen, so stecke ich ihn ein. Bin ein widerhaariger Krabauter, ich weiß. Aber ich habe Sie gern, Forstgehilfe Wildrich, wenn Sie auch vorläufig nur ein Wildrich und kein Forstgehilfe sind. Das mußte ich Ihnen einmal sagen. Also Hals und Beinbruch.« Wildrich stand jetzt hochaufgerichtet und stramm da. »Ich wünsche mir keinen besseren Vorgesetzten, Herr Oberförster.« »Linksumkehrt – marsch!« kommandierte dieser. – Aber ehe sich noch die Tür hinter ihm schloß, rief er: »Also wir sind jetzt sozusagen Liebesleute.« Es ward Wildrich froh und leicht ums Herz. Er schritt ins Friedenshaus und wurde der Prinzessin gemeldet. Dann stand er vor ihr und sah die tiefen Schatten um ihre Augen und die krankhafte Blässe auf den Wangen. »Es geht Ihnen nicht gut, Prinzessin?« »Nein, nicht sehr. Aber der Fuß wird bald geheilt sein. Ich bin eben ein Schwachmatikus. Alles greift mich an, und ich möchte doch so gern Bäume ausreißen.« »Ach nein, das Bäumefällen überlassen Sie mir. Lieber noch pflanze ich, – die Schonungen, die Kinderstuben unserer deutschen Bäume, sind helle Freude für mich. Und ich muß noch soviel lernen, Prinzessin. Verstehen Sie mich auch recht? Ich kann nicht Vorleser bei Ihnen werden. Man ist unzufrieden mit mir. Ich genüge nicht. Das zu wissen, ist ein erbärmliches Gefühl für einen Mann.« Sybille wurde noch um einen Schein blasser. »Gewiß verstehe ich das. Aber – aber – es war der Wunsch meines Vaters ...« »Und gar nicht auch der Ihre?« Wildrich schämte sich eigentlich seiner Frage, da er ihr ja doch nicht dienen konnte. Es war so lieb, mit ihr zu plaudern. Solange hatte er kein schönes, liebliches Mädchen gesehen, immer nur am Schreibtisch gesessen, gebüffelt und Pandekten gewälzt. – »Doch – ich hatte auch den Wunsch, daß Sie mir manchmal Gesellschaft leisteten. So herrliche Bücher besitze ich, aber das Lesen greift mich an. Mir fehlt eben die Mutter ...« »Und Gräfin Wartberg?« »Ja, die ist gut, aber zu laut. Wenn sie auch ganz ruhig mich etwas fragt, erschrecke ich jedesmal. Und sie hat Bücher aus dem vorigen Jahrhundert, – jedesmal schlafe ich ein. Ich möchte von Nord- und Südpolexpeditionen hören, von Fliegern und Zeppelinen, von Sven Hedin und unsern Kriegsschiffen. Auch bei ernster Politik würde ich nicht einschlafen.« »Das ist allerhand!« meinte Wildrich lachend. »Wir wollen einen Pakt machen, Prinzessin. Einmal in der Woche, vielleicht am Sonntag werde ich Ihnen ein bis zwei Stunden vorlesen. Das muß gehen. Aber nicht zu regelmäßiger Zeit, die Schädlinge des Waldes dürfen nicht in Sicherheit gewiegt werden.« »Ich danke Ihnen. Sie sollen mir vieles erklären, vielleicht alles. Ich bin sehr dumm geblieben durch das viele Kranksein, – und ich hatte einen Hauslehrer, der viel in den Stunden schlief.« Gräfin Wartberg kam herein. Sie hatte laut lachen hören. Und wenn sie auch zuzeiten gamslederne Hosen trug, so durfte doch niemals ein Forstgehilfe in Gegenwart einer Prinzessin laut lachen. Wildrich verbeugte sich stumm und verließ das Zimmer. Er spürte, daß die Gräfin ihn nicht mehr so gern sah wie früher. Vor dem Schlosse führte ein junger Diener einen Hund an der Leine. Und dann wurde Wildrich fast umgerissen. Die Leine entfiel dem Burschen, und Hallunk sprang mit Freudengeheul an Wildrich in die Höhe. »Hallunk – ja ja, ich bin's, alter Gesell, – ruhig, Gott sei Dank, daß ich dich wiederhabe. Aber du mußt dich hoffähig benehmen. So, so – schön und gut. Armer Kerl, hast mich so vermißt?« Er wandte sich zu dem Diener: »Melde es der Prinzessin, daß ich meinen Hund wieder mitgenommen habe ins Revier.« Er stieg aufwärts nach Jagen Vier. Und Hallunk wußte, was Dienst war und wie weit die Wiedersehnsfreude sich kundtun durfte. Ganz dicht hielt er sich an seinen Herrn. Es war dämmrig geworden. Mit Jägeraugen sah Wildrich um sich, über sich und vor sich. Der Hund spitzte die Ohren, gab aber nicht Laut. Wildrich ließ die Leine locker. Der Hund lag mit der Nase auf der Erde, er hatte eine Spur aufgenommen. Lautlos folgte ihm Wildrich. Sein Hund führte ihn zuerst ein Stück auf der breiten Waldstraße, welche die Holzfäller mit ihren Karren benutzten, dann stand er plötzlich still und bog scharf nach links, wo ein echter Jägersteig, ein Pürschweg begann. Die Spur war kaum zu erkennen, aber Hallunk nahm sie sicher auf. Einmal winselte er kaum hörbar und sah seinen Herrn an, dann strebte er weiter. Plötzlich nahm Wildrich die Leine kurz und zog den Hund ganz nahe an sich heran. Er lockerte sein Gewehr und brachte es in Anschlag. Vor ihm, an einer kleinen Böschung, die ihn noch halb verdeckte, kniete ein Mann. Wildrich erkannte ihn sofort an seinen eckigen Bewegungen, die noch mehr hervortraten, weil er an irgendeinem Gegenstand rupfte und zupfte. Es war Mergel. »Hände hoch«, rief Wildrich. Mit einem wilden Fluch warf sich der Wilddieb herum. Er suchte nach seinem Revolver, der etwas weiter fortlag. Augenscheinlich war er völlig überrascht worden. »Hände hoch, Mergel! Machen Sie sich nicht unglücklich ...« Wildrich behielt das Gewehr im Anschlag. »Hallunk, paß auf!« Der Hund war gut dressiert. Er trat leise knurrend dicht neben den Wilddieb. Wildrichs Fuß stieß jetzt an den Revolver. »Hallunk, paß auf!« rief er noch einmal, dann warf er die kleine Waffe mit starkem Schwung weit ins Gebüsch. In diesem Augenblick bekam er einen furchtbaren Faustschlag zwischen die Augen. Aber Hallunk packte zu gleicher Zeit fest zu, und Mergel schrie gellend auf. »Halt fest, Hallunk, braver Hund!« Mergel war in die Knie gebrochen. »Rufen Sie den Hund zurück, – Sie sind ein Schinder, – ich kann nicht mehr.« Wildrich fühlte, wie sein linkes Auge zuschwoll, das Blut aus der Nase ließ sich nicht stillen. Er schluckte es und spie es wieder aus. Ihm wurde ganz elend. Aber jetzt hatte er die Fangschnur aus der Jagdtasche gerissen. »Bestie!« stöhnte Mergel. »Schinder, Herr wie Hund.« »Solange Sie noch schimpfen, sind Sie munter – und Sie haben mich zuerst geschunden. Also geben Sie mal ganz gutwillig die Hände her. Sobald ich Sie richtig gefesselt habe, darf Hallunk loslassen. So! diese Jägerknoten halten fest.« Er zog noch eine Leine durch den Knoten. »Wenn Sie ruhig mitgehen, Mergel, lasse ich Sie beim Oberförster verbinden. Im anderen Fall binde ich Sie an diesen Eichbaum, lasse Hallunk als Wache und hole den Landjäger. – Können Sie gehen? Sie sehen, ich bin halbblind durch Ihren Schlag geworden, aber ich habe ja meinen Hallunk. »Laß los, Hallunk!« Das Tier gehorchte sofort. Dann half Wildrich dem Wilddieb beim Aufrichten. Der Mann sah käseweiß aus, Wildrich gab ihm ein Glas aus seiner Feldflasche. – »Vorwärts!« gebot er. »Sie gehen voraus, wissen ja Weg und Steg. Beim Totenstein dürfen Sie sich mal setzen. Auf dem der vorige Forstgehilfe erschossen wurde ...« Mergel warf ihm einen tückischen Blick zu. »Ist nicht nötig«, knurrte er.– Ehe sie aber gingen, beugte sich Wildrich und hob den toten Fasan auf. »Aasjäger«, sagte er verächtlich. Nicht einmal weidgerecht im Flug konnten Sie ihn abschießen. In einer Schlinge haben Sie die Henne gefangen. Die einzige Freude, vielleicht die letzte, die der alte Forstwart hatte, – pfui Teufel! Mit dem Jagdmesser abgeschlachtet, das wertvolle Tier. Und wo sind die Jungen, die nicht von der Mutter wichen?« Mergel zuckte die Achseln. »Wären ja doch umgekommen«, sagte er gleichgültig. Für die Bratpfanne noch nicht geeignet, besser als Luderlockung für Füchse.« »Aasjäger«, sagte Wildrich noch einmal. Aber er rührte den Verachteten nicht mit einem Finger mehr an, und dieser schwur ihm hundertfältig Rache. »Vorwärts!« Der Verwundete stolperte voraus auf dem steinigen Wege. Aber Wildrich spürte jetzt kein Mitleid in seinem heißen Zorn. »Ausgeruht wird beim Totenkreuz«, gebot er noch einmal hart. Man hatte es in nicht langer Zeit erreicht. Scheu wich der Wilddieb am Stein vorüber. Seine Augen waren zur anderen Seite gewandt. »Hinsetzen!« befahl Wildrich. Mergel zerrte an seinen Fesseln, aber sie hielten fest. – »Ich will nicht«, schrie Mergel. Aber er blieb zitternd an dem Stein mit dem Holzkreuz stehen, und Wildrich las langsam und laut: »Hier wurde Förster Friedrich Brinken von Schurkenhand erschossen.« Mergel zitterte vor Wut. »So lassen Sie uns doch gehen«, schrie er, »ich will nicht ausruhen, ich will, daß ich verbunden werde. Wie können Sie sich unterstehen, mir diese salbadrige Litanei vorzulesen?« » Du warst es «, sagte Wildrich laut. Da bekam Mergel einen Tobsuchtsanfall. Er warf sich auf die Erde und schrie gellend. Wildrich setzte sich auf den Totenstein, ließ den Verbrecher toben und fühlte, daß der große Blutverlust ihn schwach machte. Er zog ein Jägerpfeifchen aus der Tasche und ließ es durch den Wald schrillen. – Sie kamen von allen Seiten. Das Friedenshaus war ja in der Nähe, und den Pfiff: »Wald in Not!« kannte jeder. Der Landjäger war auf Suche nicht gar zu weit gewesen. Der war zuerst zur Stelle. »Mein Gott, Förster, wie sehen Sie aus? Welches Weidmannsunheil ist hier geschehen? Was, Teufel, ist das nicht Mergel? Endlich geschnappt? Hast Schlachtefest gehabt? Schuß?« Wildrich erhob sich etwas schlapp. »Mein Hund hat ihn festgehalten, wohl etwas zu fest. Ich läge auch sonst wohl schon verscharrt.« »So so. Steh auf, Mergel!«, befahl der Landjäger, »ich nehme dich gleich mit.« »Ich gehe nicht, ich will verbunden werden im Schloß.« »Jawohl, verbunden wirst du. Meinst, ich ließ dich verrecken, wie du den da in seiner Not sterben ließest?« Er zeigte auf die Inschrift des Totenkreuzes. »Ich war's nicht! Das ist nun schon so lange her, und niemals laßt ihr mich in Ruhe. Der Teufel soll's euch bezahlen.« Langsam setzte sich der seltsame Zug in Bewegung. Die von unten heraufkamen, redeten laut durcheinander. »Der Mergel, – der Mergel ist geschnappt worden. Nun kann man wieder mal nachts schlafen – Förster, was trägst du da? Das ist ja der Ringfasan? Jesus, was wird der Alte sagen. Der Ringfasan war schier sein Sohn.« – »Der Alte? Der segnet den, der ihm flucht. Und so ein Schuft nimmt ihm die letzte Freude – – –« Der Haß eines ganzen Dorfes folgte dem Wilddieb nach. Der Landjäger holte sich noch einen Gewährsmann und Begleiter aus der Menge, beide führten dann den Gefangenen mit sich fort. – »Wo willst hin, Förster? Siehst miserabel aus.« »Zum Oberförster. Ich habe heute noch nichts gegessen, nur getrunken, – mein eigen Blut. Schmeckt aber nicht.« »Da kommst grad recht. Aus der Küche der Frau Ehrlich riecht es nach Speck und Zwiebeln.« Die Oberförsterin schlug die Hände zusammen. »Da hab' ich ihn nun in Wohnung und Verpflegung, und dann sehe ich ihn niemalen, und wenn man ihn sieht, ist er zum Vergraulen. Du liebes Herrgöttchen, wo ist Ihr schönes Gesicht abgeblieben?« »Wo ist der Oberförster?« fragte Wildrich. »Drinnen sitzt er und ißt wie ein Scheunendrescher. In den Pausen schimpft er. Auf Sie, Forstgehilfe. Aber jetzt müssen Sie essen.« »Ich will nichts als einen Zuber mit Wasser, wer setzt ihn in meine Stube?« Da meldeten sich viele. Er war beliebt, der Eulenried. Der Zuber war bald mit warmem Wasser gefüllt, der zweite Jagdgehilfe schrubbte Wildrich ordentlich ab. Der ließ sich alles gefallen, aber als der Helfer sich entfernte, konnte er nur dem Vorgesetzten berichten, daß der Forstgehilfe Eulenried ihm unter den Händen eingeschlafen sei. »Ja, so ist es, Durchlaucht«, meldete der Oberförster noch am selben Abend. – »Es ist ein Staat mit den Herrn Jagdgehilfen, die vorher auf hohe Schulen gegangen sind und Examina gemacht haben. Und vollends ein Baron. Der Eulenried schläft immer noch. Und was wird aus dem Fasan?« »Den bringe ich selbst hinauf zum alten Jeremias Aldermann. Das Tier war sein alles. Ein toter Freund bleibt auch ein Freund. – Sie dürfen auch nicht vergessen, daß der Eulenried den Wilddieb fing. Den Schädling! War das keine Tat?« »Und was für eine! Ich hab' ja auch den Kerl gern, aber er schläft immer noch, und er wird morgen noch schlafen. Vorläufig ist er blind. Beide Augen zugeschwollen. Ich brauche aber einen sehenden Jagdgehilfen.« »So werde ich ihn erstmal ersetzen«, lachte der Fürst. »Stellen Sie mich nur ein. Die Hauptsache ist der gefangene Mergel.« Es zeigte sich aber, daß der Mergel gar nicht gefangen war. Die Tür des Verschlages, darin die Pritsche stand, auf der er vom Bader verbunden ward, stand weit offen. Die Stricke um seine Hände waren durchschnitten. Nur ein blutiges Tuch fand sich noch. Der Landjäger meldete alles verbittert und blaß vor Wut über die eigene Blamage. 7. Der alte Baron Eulenried erlebte keine große Freude an den Briefen seiner Söhne. Ein Bote brachte ein mit weichem Bleistift bemaltes Papier nach der Burg. »Habe Pech gehabt. Faustschlag zwischen beide Augen. Die sind noch nicht offen. Nicht sorgen. Vielleicht kommt mal ein Bruder. Euer Wildrich.« Darauf traf Dankwart beim Oberförster Ehrlich ein. Er brachte besorgte, liebevolle Briefe von der Mutter und Tante Hermine, die Wildrich aber nicht lesen konnte, verstaute sie aber unter seinem Kopfkissen. »Mußt mir erzählen, Dankwart.« »Du siehst schauderhaft aus, armer Wildrich. Man erkennt dich kaum. Was sagt der Arzt?« »Der sagt dasselbe, was der stoische Türke sagt: ›Budagetscher‹ – ›Es geht alles vorüber‹. Wenn ich nur erst Dienst tun könnte! Na, – junge Hunde bekommen ja erst nach neun Tagen ihr Gesicht. Essen kann ich auch nicht. Mir ist, als wär mein Kopf ein Kürbis. Löffle mir doch mal die Tasse Fleischbrühe dort ein. Sie ist gut, und ich bin elend hungrig. Auch ein weiches Ei werde ich verdrücken können.« Die brüderlichen Hände halfen. »Wie gehts dem Illo?« fragte der Kranke. »Gut. Aber wir hören nur alle vierzehn Tage etwas von ihm. Er will sein Lehrlingsstück machen. Bastelt an unserer Erbuhr. Die ist das Entzücken der ganzen Zunft. Aber sie geht nicht und schlägt nicht. Das will nun das verrückte Huhn, der Illo, allein heraustüfteln. Meister Distelfink schreibt – er sei ein Genie . Hast du gehört, Wildrich?« »Jawohl, ich bin ja nur blind, aber nicht taub. Und ich glaubt gern. In allen Märchen ist der Jüngste immer das Genie.« »Unser Leben ist aber wahrlich kein Märchen, Wildrich. »Und vollends Bauernarbeit. Die ist reiche Wirklichkeit. Aber man ist zu sehr auf den lieben Gott angewiesen.« »Wenn ich einmal der Herrgott wär«, versuchte Wildrich krächzend zu singen. Jeder Muskel tat ihm dabei weh. »Ach, was nützt uns ein großes Faß. Eine neuzeitig regelrecht angelegte Dunggrube ist wichtiger. Der Nachbar hat sie – es ist eine Pracht!« »Wie schade, daß du kein Dichter bist, Dankwart. Ode an die Dunggrube.« »Um Gotteswillen lach nicht, Wildrich. Du siehst dann noch scheußlicher aus.« »Ist es so schlimm?« »Mime war gegen dich ein Götterjüngling.« »Wir hießen immerhin die ›schönen Eulenrieds‹.« »Diesen Eitelkeitszahn mußt du dir ausziehen. Vorbei für ewig.« – So scherzten die Brüder, wenn auch Dankwart nicht wohl dabei war. Wie sollte er es dem Bruder beibringen, daß seine Beute, der er den furchtbaren Schlag verdankte, geflohen war? »Wann wird man den Kerl hängen?« fragte er vorsichtig. »Die Nürnberger hängen keinen, sie hätten ihn denn zuvor ...« Wildrich legte sein Gesicht in beide Hände und stöhnte leise. Dann sagte er: »Ich weiß, daß er fort ist. Als sie mich schlafend glaubten, hörte ich die Mär. Und ich weiß auch, wer ihm geholfen hat, die Anne – – – Sie hatte ein so gutes Leben. Die Prinzessin – ach sie ist ein Engel – hatte das Mädchen wieder zu sich geholt. Sie hat alles im Stich gelassen in derselben Nacht, da Mergel eingelocht wurde. Und hat ihn befreit ...« »Man sollte nicht über Weibertreue spotten«, sagte Dankwart ernst. »Nein, das sollte man nicht. Und nun geht das Pürschen wieder an. Ich krieg ihn, so wahr mir Gott helfe.« »Amen, Bruder. Ich muß wieder fort. Ja – und ich hab' mich verlobt. Es schafft sich besser, wenn man weiß, daß etwas Gutes einem für alle Ewigkeit gehört ...« Ehe noch Wildrich sich von seinem Erstaunen erholt hatte, war Dankwart fort. Aber er öffnete noch einmal die Tür. »Es ist natürlich die Lisel Kreihorst«, sagte er trocken und ging endgültig. 8. Eisenach, den 1. Juli 19.. Mein alter Wildrich! Dein Name, den Dir einst Dein Pate vermachte, scheint nicht mehr zu passen. Dankwart meldet, daß Du sehr zahm geworden seist. Also der sympathische Mergel teilt immer noch neckische Boxerhiebe aus zwischen die Augensterne seiner Nächsten? Kannst Du ihn denn nicht gelegentlich aufs Korn nehmen, diesen Erzschädling? – Von Deiner Schönheit soll nichts übrig sein, als das Urteil Deiner Zeitgenossen darüber. Schade, sie warf ihren Glanz auch auf uns Brüder. – Ich lasse also wichtige Arbeit im Stich, um Dir in blöder Sentimentalität kundzutun, daß ich ganz entzwei bin über Deinen Unfall, der hoffentlich Deinen Augen, diesem wichtigsten Jägerbesitz, nur vorübergehend geschadet hat. Mich dürfte der Mergel jetzt nicht also boxen, denn ich verhelfe einer Kuckucksuhr zu neuem Leben – ganz heimlich, denn es ist eine Überraschung für meinen prächtigen Meister, und auch für seine Enkelin, »das wüste Englein«. Durch Mutter wirst Du über »Es« Bescheid wissen. Selbiges gottsunmöglich schöne Thüringer Maidli, tauchte jetzt auf ein paar Tage wieder auf, nachdem ich es verjagt hatte. Hatte auch Heimweh gehabt, aber leider nur nach dem Großvater. Ich nenne so etwas Gefühlsverirrung, – sprechen wir nicht darüber. Du merkst schon trotz Deines zerrütteten Gehirns, daß ich stark verliebt bin. »Da 's aber nit kann sein«, habe ich mich auf eine hochwerte Kuckucksuhr geworfen, weil sie meines Meisters einzige Freude ist, außer der Enkelin. Die Uhr ist also für mich eine Art Galathee, doch will ich sie nicht zur Frau nehmen. – (Siehe oben.) Und Dankwart war also persönlich bei Dir? Und hat Dir sicher trocken bis ans Herz hinan seine Verlobung versetzt. Er ist solch ein Prachtkerl, aber poesielos, wie ein Wörterbuch. Er hat sicher seine Verlobungsringe unter »Dünger« und »Verschiedenes« gebucht. Aber Dankwart wird es am weitesten bringen von uns Brüdern. Er hat nie eine Nachtigall oder den Mondschein zu bemühen brauchen, wenn er je verliebt war, aber gelle, alter Wildrich, wir zwei brauchen diese Gegenstände notwendig. – Das schöne »Englein« war auf vier Tage hier. Kurz, aber nicht schmerzlos. Denn sie »schnitt« mich. Als Gegenleistung schenkte ich ihr eine wundervolle Ausgabe von Shakespeares »Zähmung der Widerspenstigen«, fand aber das Buch andern Tags im Müllkasten, und Muhme Konkordia lief als lebendes Preisrätsel durch das Haus: »Wer war der Hallodri?« Soll nun der Urheber oder der Verbrecher büßen? Du siehst, mein Wildrich, Uhrmacherzunft schafft besondere Probleme. Nun ist das Englein wieder fortgeflogen, nachdem es auch in die Kuckucksuhr geglupscht, aber nichts von ihrem leeren Inneren gesehen hat, denn Räder, Plattinen, Schrauben und der Kuckuck liegen ja in meiner Truhe. So ahnte die Schöne nichts von meinem Attentat auf die Uhr und rief fröhlich ihr Kuckuck hinein. Bis sie wiederkehrt, ist die Uhr fertig, und der Meister hat seine einstige Freude wieder. Dieser Gedanke spornt mich zu höchster Kräfteentfaltung. Und die Uhr ist wahrhaft das menschliche Herz. Sobald ich nämlich ans Englein denke, spüre ich schmerzhaft das »Pochen«, die treibende Kraft, die Unruh und die Hemmung «. Auf diese Art kann man ein guter Uhrmacher werden. Aber »Englein« und ich? Nein. Unser Räderwerk stimmt nicht zusammen. Und das merke Dir für Deine Wahl später. Im übrigen würde das Mädchen unserer Familie wohl anstehen. Sie hat die beste Schulbildung, spricht tadelloses Deutsch, ohne Dialekt, spricht ein einwandfreies Englisch, das sie mit einem alten, vornehmen Kunden ihres Vaters, Mr. Beresford treibt, und ich weiß, unsere gütige Mutter würde »Es« gleich ans Herz nehmen, unser alter Herr aber immer von Mesalliance sprechen. Und ich ärgere mich über mein Latein und Griechisch. Denn wenn mich die Geliebte mit Englisch anredet, kann ich ihr nicht mit der Odyssee ins Gesicht springen. Du siehst, meine Herzschmerzen sind nicht von Pappe. Werde Du mir nur bald gesund. Denn wir werden uns sehr lange nicht sehen. Meister Distelfink, den ich von Tag zu Tag höher schätze, stellt mir jetzt Aufgaben, aus denen ich ersehe, daß er mir viel zutraut. Bei der Lösung der mannigfachen Schwierigkeiten hilft mir mein Steckenpferd, die Mathematik. Weißt Du, warum alles Räderwerk der Uhren auf die Zahl 18000 abgestimmt sein muß? Nein, Du weißt es natürlich nicht. Du gehst mit Deiner Flinte durch den grünen Wald und schießt den Hirsch im wilden Forst. Nebenbei unterstützt Du den Boxsport. Aber daß die »Unruh« in einer Stunde 18000mal schwingt, das ist Deinen Augen verborgen. – Aber das spürst Du, daß dieser Brief, den ich aus tiefer Arbeit in all Deine Schmerzen hinein richte, lauter Galgenhumor ist. Gelle, Herzbruder? Ich habe lächerliches Heimweh ... Uhrmacher Illo. Wildrich Eulenried schickte sich an, sich als gesund bei seinem Oberförster zu melden. Er war von dessen Frau treulich gepflegt worden, sie hatte die vielen Wunden und die kranken Augen gekühlt und ihn in ihrer mütterlichen Art ein wenig verzogen. Er hatte aber mit Befremden gespürt, daß ihn sein Vorgesetzter nicht ein einziges Mal besucht, trotzdem sein Stübchen gegenüber von der Arbeitsstube des Oberförsters lag. Wildrichs Stolz krümmte sich unter dem Gedanken, in Ungnade gefallen und einfach beiseite geschoben zu sein. Deshalb beschloß er, ehe er sich in die Höhle des Löwen begab, erst einmal seine Bitternis im Wald zu begraben, »der alles, was gebrestenhaft aus Leib und Seele scheidet«. In tiefen Zügen trank er den herben Waldesodem in sich hinein und stieß beim Ausatmen »den Feind aus der Brust«. Ja, es war sein Wald geworden, das spürte er. Und wie ihn das »Försterheimweh« geschüttelt hatte, als er mit schmerzendem Kopf und halbblinden Augen im Bett in dumpfer Stube gelegen hatte, fiebernd, ohne erquickenden Schlaf! Er hatte gehört, daß sowohl der Fürst, als auch die Prinzessin Sybille, sowie Gräfin Wartberg durch einen Jägerburschen nach seinem Ergehen gefragt hatten, hatte auch den kurzen Bescheid des Oberförsters vernommen: »Leidlich!« Aber der Strauß Wiesenblumen, den die Frauen liebreich gepflückt und gebunden hatten, war ihm nicht gebracht worden. Doch jetzt war er gesund und genoß den Wald mit all seinen Sinnen. Einmal stand er still. Er hatte einen jungen Buchenstamm entdeckt, an dem Fegestellen zu sehen waren. Vielleicht hatte der prächtige Bock, auf den ihn der Oberförster aufmerksam gemacht, sein zweites Gehörn geschoben, höhere Spieße angesetzt und in diesem Frühjahr gefegt. Er würde noch mehrere solche Stellen finden, und vielleicht auch endlich einen Bock zu Gesicht bekommen. Jetzt, da er wieder klar denken konnte, brannte die Scham tief in ihm, daß er sich die beiden Böcke von Mergel hatte abschießen lassen. – Schußbereit das Gewehr vor sich tragend, stieg er weiter bergan. Er wollte keinen Finger krumm machen, trotzdem er in der Ferne einen Bock äsen sah, die Ricke daneben. Aber gerade diesen Bock hatte sich der Oberförster aufgehoben. Er trug ein prächtiges, gabelförmiges Gehörn, also wohl sein drittes. – Hatte er dieses gefegt und im Herbst abgeworfen, würde die Sechserstufe kommen. Wildrich schätzte den Bock auf fünf Jahre. Um sein Alter genau zu bestimmen, hätte er aber das Gebiß des Bockes in Händen halten müssen. Wildrich würde noch heute seinem Vorgesetzten darüber berichten, wenn es ihn auch stark gelüstete, sich an das schöne Tier heranzupirschen und es selbst zu schießen. Aber nicht eher wollte er der Weidmannslust fröhnen, ehe er nicht den Mergel gefangen oder erlegt hatte. Mit diesen Gedanken und immer mit den Augen sichernd, stieg er höher in den Bergwald, bis er die Jagdhütte seines alten Gönners Jeremias Aldermann entdeckt hatte. Der Greis saß tief gebückt auf einem Stein und starrte auf die Erde vor sich. Dort lag irgend etwas Seltsames, das einen ekelhaften Geruch ausströmte. Der alte Forstwart rührte sich nicht, bis Wildrich dicht vor ihm stand. Als er den Alten sanft rüttelte, richteten sich zwei fast erloschene Augen auf den jungen Förster. Die standen in einem gramvollen Gesicht. »Alles verschandelt! Alles verschandelt!« krächzte er heiser. »Meinen Ringfasan, meinen Sohn hat man mir so zugerichtet und heraufgeschickt mit einem giftigen Gruß. Ich habe Tag und Nacht Wache gehalten und die Füchse verscheucht, die ihn sich holen wollten. Eine Nacht hat der Mergel mit mir gewacht. Er holte sich eine Salbe von mir für einen bösen Biß, den er am Bein hatte. Ich habe ihn zurechtgepflegt, ist doch ein braver Kerl, der Mergel. Hat mit mir geschimpft auf den Mörder meines Sohnes, des Ringfasans. Alles verschandelt, alles verschandelt.« Wildrich führte den Halbirren in die Jagdhütte und bettete ihn auf die armselige Pritsche. Gab ihm auch einen Schluck Kranebittern aus der eigenen Jagdflasche und nahm selbst einen tüchtigen Schluck, denn das verweste Tier draußen machte Übelkeit. »Hier bleibst liegen, Waldwart, ich komme gleich wieder, hab noch etwas Arbeit draußen.« Der Alte hörte nicht, er war sogleich eingeschlafen nach vielen Nächten des Wachens. Auf einen derben Tannenast hob Wildrich den Fasan mit einer großen Schaufel, zog dann den Ast bis zu einer kleinen Waldblöße, grub ein tiefes Loch, warf Ast und Fasan hinein, übergoß alles mit dem starken Kranebittern, der noch die halbe Flasche füllte. Dann schaufelte er zu und belegte das der Erde gleich gestampfte Grab mit vielen großen Steinen, die an den Felsen umherlagen. Es war harte Arbeit, und sie ermüdete den kaum Genesenen. Am stürzenden Wasser, das vom Felsen herniederkam, wusch er sich die Hände. Der Alte schlief noch fest. Wildrich legte sein Frühstück wohlverpackt neben das Bett auf einen Stuhl, rief dem Schlafenden leise Weidmannsheil und Weidmannsdank zu gleicher Zeit zu und ging wieder hinaus. Einen Eimer Wasser holte er sich noch vom Felsenquell, goß ihn über die Stelle, wo der Fasan gelegen und belegte sie mit vielen Tannenzweigen. So sah alles sauber und friedlich aus. Wildrich ging mit weitausholenden Schritten, nachdem er bergunter geklettert war, nach der Oberförsterei. »Er ist ganz aus der Kuntenanze«, jammerte Frau Ehrlich und zeigte nach der Arbeitsstube. »Was machen Sie aber auch, Forstgehilfe! Ohne Erlaubnis fortzulaufen, nachdem man Sie aus der Krankheit herausgepäppelt hat. Und zum Vergraulen sehen Sie aus! Krebsrot mit blauen Flecken. Ich braue Ihnen rasch einen guten Kaffee.« »Lassen Sie das, Frau Ehrlich. So gut, wie Sie selbst sind, kann der Kaffee ja doch nicht werden. Ich muß gleich zum Gestrengen hinein.« Da klopfte er auch schon an, der Unbesonnene, und stürzte sich in die Höhle des Löwen, als wolle er sich auf Großwildjagd vorbereiten. »Ich wollte mich gehorsamst gesund melden, Herr Oberförster. Ihrer Gattin habe ich schon für alle Mühe gedankt, die sie auf mich verwendete.« »Das geht mich nichts an«, schnurrte der Vorgesetzte. Frauen sind für Gerechte und Ungerechte voll Mitleid. Ich bin nur für Gerechtigkeit. Der Mergel hat Sie elend zugerichtet, ich seh's. Schönheit vergeht, Schweinsleder besteht. Den Boxhieb hatten Sie verdient um der Rehböcke willen, die Sie sich vor der Nase haben fortschießen lassen.« »Jawohl, Herr Oberförster.« »Daran ändert auch nichts, daß Sie in der bösen Stunde, um die der Halunke Mergel wußte, der Prinzessin eine Hilfe geleistet haben. Ich habe Sie zum Forstdienst angenommen und nicht zum Minnedienst.« »Jawohl, Herr Oberförster.« »Wenn Sie den Schuft, den Mergel, als Sie ihn endlich hatten, hier bei uns abgeliefert hätten, dann stünden Sie jetzt fest in meiner Achtung und ich hätte Ihnen die Böcke dreimal verziehen. So aber haben Sie ihn auf den Landjäger abgeschoben ...« »Herr Oberförster, ich dachte ...« »Herrrrr! Gänse denken, Menschen denken nach. Der Landjäger hat den guten Fang, trotzdem er unschuldig dran war, mit guten Freunden gefeiert, sein Rausch ließ ihn das verdächtige Geräusch am Schloß des Zwingers überhören, ergo ... Auch ist nicht der Landjäger Ihr Vorgesetzter, sondern ich. Der Mann ist strafversetzt worden. Wenn ich nun bloß noch den Kerl hätte, der die Stricke durchgeschnitten hat. Der Landjäger hat mir noch gesagt, daß der Jägerknoten prima gewesen sei, und kein Mensch ihn hätte lösen können.« »Jawohl, Herr Oberförster.« »Also das ist bis jetzt das einzige, was Sie von Ihrer neuen Karriere verstehen. Den Jägerknoten. – Wenig, aber mit Liebe. Und was wollten Sie mir jetzt melden von Ihrem eigenmächtigen Reviergang? Ungehorsam dulde ich nicht.« »Ich wollte melden, daß der Forstwart Jeremias nicht mehr allein wohnen darf. Ich habe ihn erbarmungswürdig bei dem bereits verwesten Ringfasan gefunden, den er Tag und Nacht bewacht hat, um ihn nicht den Füchsen zu überlassen. Ich habe den armen Kerl auf seine Pritsche gebettet und den toten Vogel eingescharrt und Tannenzweige darüber gebreitet.« »Menschenkind wie poetisch! Es wundert mich, daß Sie nicht sagen, ich habe die ›teure Leiche beerdigt‹. Na und der Forstwart? Der wird wohl inzwischen verhungert sein. He?« »Ich habe ihm mein Frühstück zurückgelassen.« »Na ja, – ganz vernünftig. Meine Frau wird für eine Hilfe da oben sorgen. Und nun lassen Sie sich eine Tasse Fleischbrühe geben. Sie sehen verboten aus. Dann melden Sie sich beim Fürsten. Aber lassen Sie sich nicht vor der Prinzessin sehen, die stirbt Ihnen sonst unter den Händen.« Wildrich ging. – Voll Zorn bis obenhin über sich selbst und die ganze Welt. Eine Tasse Kraftbrühe holte er sich nicht und empfand bei seinem großen Hunger diese Entsagung selbst als knabenhaften Trotz. – Für sein erbärmliches Aussehen, das immer noch mit großen Schmerzen verbunden war, schien jedermann nur Hohn und Spott zu haben. – Seine Durchlaucht lachte grimmig, als er ihn sah: »Mit einem weißen Laken angetan könnten Sie gut und gern unser Schloßgespenst vorstellen. Ich warne Neugierige. Vielleicht ist die Gräfin Ihrem Anblick gewachsen, aber vor meiner Tochter dürfen Sie sich nicht blicken lassen.« »Die Prinzessin lassen den Herrn Baron zu sich hinüber bitten«, meldete ein Diener. Herzlich lachte der Fürst: » Ce que femme veut, Dieu le veut .« Ein großer Widerwille stieg in Wildrich auf. Seine Wunde brannte wieder. »Man spielt Schindluder mit mir«, dachte er grimmig. Eine Tür wurde aufgetan und schloß sich hinter ihm. Die Prinzessin war allein. Er trat rasch auf sie zu. »Erschrecken Sie nicht«, sagte er bitter. »Wir sollen das Märchen aufführen: › La belle et la bête ‹ – ›Die Schöne und das Untier‹. Sollen wir ihnen dies Vergnügen gönnen? Oder darf ich Sie lieber bitten, mich sofort zu entlassen? Ich kann's nicht ertragen, Ihnen Grauen zu bereiten.« »Grauen? Ich verstehe Sie nicht. Einsamkeit bringt manchmal Grauen. Bleiben Sie, Eulenried! Sprechen Sie! Ich höre Ihre Stimme so gern.« »Prinzessin, Sie beschämen mich.« »Denken Sie, Eulenried, ich möchte so gern einmal aus der höfischen Rolle fallen. Möchte Ernstes und Frohes durcheinander schwatzen, sogar Unschickliches. Zum Beispiel, daß ich richtiges Heimweh nach Ihnen hatte. Das schickt sich doch sicher nicht für ein Mädchen. Aber mir ist, – als hätte ich gar keine Zeit mehr, auch nur das kürzeste Leben zu leben ... Und Sie sind so ritterlich. Gelt, ich darf Ihnen alles sagen ...?« »Das dürfen Sie. Und was soll höfische Sitte zwischen uns? Ich will auch aus der Rolle fallen, will Ihnen sagen, daß ich wie ein Huhn ohne Kopf herumstolperte, seit ich Sie nicht mehr sah. Ist das nicht ein ganz unmögliches Geständnis?« »Oh – es beglückt. – Es ist so neu. – Mir ist's, als seien wir Spießgesellen und könnten lauter schöne Abenteuer bestehen. Gräfin Wartberg will keine Abenteuer für mich. Jungmädchenfreundschaft kenne ich nicht. Meine Standesgenossinnen hatten immer andere Interessen als ich. Kavaliere und Pferde. Was sollen sie mir. Seit mir der Arzt meinen edlen Renner ›Ajax‹ verboten hat – –, oh, ich hatte ihn sehr lieb!« »Darf ich ihn ersetzen?« rief Wildrich ungestüm und unbesonnen. – In die Stille, die diesen Worten folgte und in der sich zwei junge Menschenhände und Herzen fanden, trat Gräfin Wartberg herein. Ihre schwarzen Beerenaugen wanderten zwischen beiden hin und her. »Was erzählen Sie der Prinzessin für Geschichten, Eulenried?« fragte sie etwas scharf. »Nebenbei bemerkt, Sie sehen schauderhaft aus.« »Das haben mir schon allzu viele gesagt. Nur die Prinzessin nicht. Das Feingefühl tut so wohl.« »Ich bemerke, daß Sie während Ihres Boxkampfes unhöflich geworden sind, junger Mann. Hat der Wilddieb Ihre guten Manieren getroffen?« »Ich weiß nicht, ob diese zwischen meinen beiden, jetzt schwer versehrten Augen saßen. Aber Gräfin, – ich bin Forstmann und kenne es nicht anders, als daß es aus dem Wald herausschallt, wie es hineingerufen wird.« »Ich glaube, Sie vergessen sich, Forstgehilfe.« Die Prinzessin hob beide Hände. »Gräfin, – in meinem Zimmer ist kein Forstgehilfe, sondern nur mein Freund Baron Eulenried.« Sie war streitbar geworden, die liebe, junge Sybille. Wildrich empfand es mit hoher Freude. »Ich darf mich verabschieden, Prinzessin«, sagte er. »Und ich werde mir die Erlaubnis Seiner Durchlaucht holen, daß ich wiederkommen darf, wenn ich menschlich aussehe. – Es bleibt bei unserer Verabredung. Ich ersetze den ›Ajax‹.« Sie nickte ihm strahlend zu. Er verbeugte sich vor der Gräfin und ging. Sie folgte ihm auf dem Fuße. Da mußte Wildrich freilich an ihre linke Seite treten und ihr willfahren, als sie auf eine etwas entfernte Bank lossteuerte. »Was sind das für Faxen?« fragte sie mit verhaltener Stimme, denn es arbeiteten Gärtner in der Nähe. »Was haben Sie für Geheimnisse mit unserer kleinen Gnädigen?« »Schweigepflicht«, entgegnete Wildrich ernsthaft. »Aber es würde Frau Gräfin auch nicht interessieren.« »Mich bewegt alles , was Sybille angeht«, sagte sie weicher, als man es je von ihr gehört. »Wir erzählten uns Märchen aus Heriditasufuturanien. Sie kennen den Ort nicht, Gräfin?« »Nein. Nicht mehr. Aber ich habe Sie gekannt, Wildrich, als Sie noch so klein waren.« Die Gräfin gab mit Daumen und Zeigefinger eine ganz unmögliche Kleinheit an. »Damals traf ich im fürstlichen Park zwei dienstbare Geister, die Sie wohl bewachen sollten. Sie lagen in einem derben Bauernwägelchen, wie es Ihr Vater liebte. Die beiden pflichtvergessenen Mädchen scharmuzierten damals im Walde mit zwei Jägerburschen, und ich konnte, unbeobachtet von ihnen, den Kinderwagen mit Inhalt – (Wildrich verneigte sich) nach dem Schlosse des Fürsten schieben. Ihre Eltern konnten wir sofort durch Eilboten beruhigen. Bis der kleine Wildrich dann abgeholt wurde, habe ich mit ihm gespielt ... und jetzt wird er unartig gegen mich –« »Gräfin, ich wußte nichts von dieser feinen, lieben Geschichte, und weiß nicht, warum man mir dies Kabinettstückchen vorenthielt. Aber ich danke Ihnen verspätet von ganzem Herzen ... Doch ich weiß auch nicht, weshalb Sie mir zürnen, Gräfin. Sie waren doch anfangs gütig zu dem Forstgehilfen, und ich war Ihnen zugetan. Aber seit – seit – ich glaube, seit Sie die Falbelkleider tragen – – –« »Jetzt muß ich Ihnen wieder den Mund verbieten, kleiner Wildrich. Man darf die Zügel nie bei Ihnen locker lassen. – Am liebsten würde ich Sie › Du ‹ nennen, – man sagt bekanntlich eher ›Du Schafskopp‹, als ›Sie Schafskopp‹« Wildrich lachte laut. »Gräfin, tun Sie es doch! Aber wir haben keinen Sekt zum Anstoßen.« »Wo kaufen Sie Ihre Frechheit, Eulenried. Das Geschäft muß glänzend an Ihnen verdienen.« Nun wurde er ganz ernst. »Ich bin mit so gutem, ernstem Willen hierher gekommen, Gräfin, und habe nur Fehlschläge zu verzeichnen. Die Anschnauzer ringsum haben mich etwas rabiat gemacht. Ich bitte um Verzeihung, und zugleich um das angekündigte ›trauliche Du‹, da Sie mich ja von ›sooo klein‹ auf kennen.« »Genehmigt. Aber wie willst du mich nennen, Wildrich? ›Tante‹ ist ein unmögliches Wort zwischen uns beiden.« »Das ist es. Und da ich eine feste Burg brauche, in deren Schutz ich mich manchmal flüchten kann, werde ich sagen, wie der weiland Fürst dieses Landes: ›Wart Berg, du sollst mir eine Burg werden.‹« »Du abscheulicher Junge! Aber ich nehme es an. Wann kommst du wieder zur Prinzessin?« »Sobald sie mich ruft, denn sie braucht mich . Und wenn ich in meinem Beruf eine Scharte ausgewetzt habe, dann komme ich auch ungerufen. Denn ich brauche Sybille .« Die alte Dame sah ihn an mit bittendem, mütterlich liebem, mahnendem Ausdruck. » Nicht zu oft !« bat sie. Er küßte ihre Hand. »Weidmannsheil, Wartberg!« Mit ungestümen Schritten eilte er davon, und die Ratgeberin sah ihm wehmütig nach. 9. Wildrich erhielt zwei Briefe zu gleicher Zeit mit der Weisung, sie an Illo weiterzugeben. Er öffnete den zuerst, den ein Bauernknecht brachte. Der andere von seinem Vater war mit der Post gekommen. Dankwart schrieb: »Am nächsten Sonntag will ich mit Lisel Kreihorst Hochzeit feiern. – In aller Stille. Wir halten das für das richtigste. Wir – das sind der Vater meiner Braut, sie selbst und ich. Ich weiß, daß die Wünsche und Gedanken unserer guten Mutter und der Tante Hermine, dieses guten Engels unserer Burg, in Treuen bei uns sind, und Ihr Brüder werdet desgleichen tun. Ich lade Euch nicht ein. Wir werden still zum Gemeindevorsteher und zur kleinen Kirche wandern und ohne Trara den Tag beschließen. Die Ernte ist im Gang, ein rechter Bauer hat keine Zeit für Gefühlsduseleien. – Macht Euch auch keine Ausgaben! Schenkt uns Eure dauernde Liebe, das ist das Wichtigste. Vater Kreihorst ist ein guter Hausvater und mir wahrhaft ein rechter Vater geworden. Er hat mir ohne viel Worte geholfen, weil er weiß, daß das Glück seiner Einzigen bei mir gute Heimstatt gefunden hat. – Unser Erzieher, das Senfkorn, ist ganz zu uns gezogen, weil wir sahen, daß er immer weniger geworden war, seit er die Speisekammer von Tante Hermine verlassen hatte. Bei uns wird er aufgepäppelt, aber einen Bauch wird er wohl nie bekommen. Wenn er mal seine melancholischen Zustände hat, weil er meint, er könnt nie gleich machen, was er bei uns empfinge, dann sagt Vater, er solle später unsere Jungs umsonst unterrichten. – Mein Lisel darf freilich so was nicht hören. Sie ist nicht für voreilige Scherze. Ich mag es gern, wie sie so schämig ist. – Ihr haltet mich ja für einen trocknen Kerl, ich weiß, aber eben deshalb will ich Euch melden, daß ich glücklich bin. – Illo würde wahrscheinlich in die Lüfte fahren und auf dem Schornstein sitzen. Das ist nicht meine Art. – Aber ich grüße Euch von Vater und Braut und hoffe auf ein Wiedersehn nach der Ernte. Euer Bruder Dankwart.« Nachschrift: As, c, es: »Nun fangen die Weiden zu blühen an. – Wir haben 32 Grad im Schatten.« Der Brief vom alten Baron war entschieden temperamentvoller. Meine Söhne! Der Teufel soll dreinschlagen, wenn einer von Euch auf die Bauernhochzeit geht, die vom Nachbar Kreihorst wahrscheinlich mit Hussah und Peitschenknall eingeläutet wird. – Keiner aus meiner Sippe soll daran teilnehmen, habt Ihr mich verstanden? Ihr könnt natürlich lachen über den kollernden Truthahn, denn Ihr seid alle mündig, aber Eure Mutter, dieser geborene Engel, meint, Ihr werdet es nicht tun, sondern mir gehorchen. Weil sie gesehen hat, daß mir Dankwarts Unbotmäßigkeit beinahe den Rest gegeben hat. Gleichwohl weint Eure Mutter viel, und ich will nicht ergründen, ob über meinen Befehl an die Sippe, oder über die bäuerliche Braut. Frauen und Mütter werden nie den rechten Stolz für einen reinen Stammbaum aufbringen, die unvernünftige sentimentale Liebe zu ihrer Brut wird sie immer über alle Vernunft beherrschen. Meine leibliche Schwester, Eure Tante Hermine, mimt die Niobe. Sie spricht gar nicht mit mir ... Das alte Mädchen hatte sich doch, weiß Gott, ein neues Schwarzseidenes gekauft, das in einer Ecke von allein steht, wenn man es hinstellte. Sie gab zu, daß sie in dem Gebäude würdig die Baronie Eulenried hatte vertreten wollen. Euer ehemaliger Hauslehrer, der undankbare Schuft, wird als erstes Gewürz diese Ehe schmackhaft machen. Hol der Teufel dieses Senfkorn! Ihr seht, ich bin schon viel ruhiger geworden. Aber wenn ich so sehe, wie das Gut des Nachbarn aufblüht und er fortgesetzt in unser Gewese, das heißt in meins oder auch in Dankwarts, Werte hineinbuttert, weil der Kerl eben Geld wie Mist, und Mist wie Geld hat, dann wird mich schon mal der Schlag rühren. – Und laßt erst mal den Dankwart 'n Jungen kriegen, oder auch seine Frau, dann können wir Eulenrieds uns 'n weißen Stecken kaufen. Ich hab's gesagt, Thassilo von Eulenried. – Nach dem Lesen dieser Epistel rief Illo erst ein paarmal den Namen seines Gottes an, aber nicht »unnützlich«, sondern als Gebet. Dann ging er mit dem Meister durch die Werkstatt und alle anderen Räume des großen Hauses, in dem soviel wertvolle Uhren hingen; und sie suchten eine reich geschnitzte Kuckucksuhr heraus, die wurde ins Hochzeitshaus geschickt. Kaspar Gärisch verfaßte das Hochzeitscarmen, und es war gar nicht so schlecht, wie dem feinfühligen Illo beim Lesen wurde. Illo verpflichtete sich dem Meister, die Uhr treulich in Raten abzuzahlen, genau wie der Wildrich von ihrem beiderseitigen Gehalt oder Lohn, den sie aber noch nicht empfangen hatten. »Schon gut, schon gut«, rief Meister Distelfink. »Ihr beiden seid mir bar Geld. Und bar Geld habe ich seit Jahren nicht gesehen. Glaubt's oder glaubt's nicht, – die Kunden betrachten das Handwerk als eine große Pumpstation . Das wird aber auch nochmal anders. Und wenn dieser Kuckuck dem Ehepaar Dankwart Eulenried lauter gute Stunden ruft, dann ist die Uhr schon so gut wie bezahlt.« Illo Eulenried stürzte sich wieder in sein Handwerk mit all seinen Gedanken, seinem Wollen und seiner Arbeitskraft. – Die Worte von Bruder und Vater traten freilich oft in seinen Gedankenkreis. Aber er ließ sie nicht das Räderwerk der zu bessernden Uhren stören. Er litt nur an Heimweh nach der Mutter. Wildrich aber bat zum erstenmal seinen Oberförster um einen kurzen Urlaub, um nach Vater und Mutter zu sehen. »Den können Sie haben, Forstgehilfe.« So stieg denn Wildrich an einem Vollmondabend hinunter ins ehemals Eulenriedsche Revier, das aber längst wieder dem Fürsten gehört und nun mit seinen prächtigen Schonungen und Altbeständen ein herrlicher Wildpark war. Stieg dann wieder hinauf bis zur Burg seiner Väter, »Nunquam retrorsum« grüßte ihn das uralte Tor, und Wildrich nahm den Jägerhut ab. »Weidmannsdank.« Er sah im hohen, verhüllten Fenster des Raumes, darin die Mutter lag, ein mattes Licht schimmern und wußte, daß sie wohl in viel Schmerzen wachte. – Die »Beschließerin« der Burg, – ach sie hatte wenig zu »beschließen«, tat einen Freudenschrei, als sie den späten Gast einließ. »Die beiden Damen sind noch wach, aber der Herr Baron schlafen schon.« Erleichtert atmete Wildrich auf. Dann saß er am Lager der Gütigen, und sie war gar nicht erschrocken. Welche Mutter wäre es wohl, die sich Tag und Nacht nach den fernen Kindern sehnt ... Tante Hermine hatte sich gleich dazu gesetzt und man war bald flüsternd bei dem Thema Dankwart angelangt. »Ich will nur eins wissen, Mutter«, sagte Wildrich und bettete sie recht an seine Schulter, damit sie sein versehrtes Gesicht nicht deutlich sehen konnte. »Was sagst du zu Lisel Kreihorst?« »Alles Gute sag ich, und Gott Lob und Dank! Keine Bessere hätte er haben können. Aber er hätte wohl von selbst nie etwas gesagt, aus Sorge als Mitgiftjäger zu gelten. Es ist sehr reich, das liebe Mädchen ...« Tante Hermine nahm das Wort: »Die Lise sah, was ihn quälte und sagte ganz unerschrocken: ›Dankwart, soll das elende Geld zwischen uns stehen? Vater ist dir gut, und ich hab' dich lieb.‹ So hat sie gesprochen und es uns selbst erzählt.« »Und Bruder Dankwart?« »Ja, das hat er uns nun wieder erzählt. Er war wie erlöst, daß sie ihm das Geständnis abnahm. Er hat auch gar nichts gesagt, hat nur geküßt. Das muß ja ganz schön sein, ich hab's nie erlebt«, meinte Tante Hermine seufzend. »Also über unsere Gefühle kannst du dich völlig beruhigen, mein alter Wildrich. Das Mädchen ist ein Prachtsgeschöpf und weit über unser Dorf hinaus durch ihre Hilfsbereitschaft bei Frauen und Kindern bekannt. Man heißt sie die ›Fürsorge‹. Das ist ein schöner Titel für eine Frau. Warten wollen sie natürlich auch nicht. Wozu auch. Kommt die Erntezeit, haben sie anderes zu tun, als sich zu schnäbeln. Wir werden bald 'ne Einladung kriegen. Ich werde dabei ein neues Staatsgewand tragen. Das alte ist ein Trümmerhaufen.« – »Das Lisel ist mir lieb wie eine eigene Tochter«, hörte Wildrich die Mutter noch schlaftrunken sagen, und dann schlief sie in seinen Armen ein. Er ließ sie ruhen, bis der Morgen dämmerte. Dann löste er sich sacht von ihr, und Tante Hermine brachte ihn selbst an das Tor der Burg. »Wenn deine Pflicht dich ruft, Wildrich, halt ich dich nicht. Geh mit Gott! Noch einen Augenblick. Man sagte uns, du seist zuschanden geschlagen von einem Wilddieb. Ich finde, du bist schöner als je.« Erschrocken preßte sie ihre Hand auf seinen Mund. »Um Gotteswillen, nicht laut lachen. Denk an den Vater ...« »Tante Hermine«, sagte Wildrich, tief Atem holend und umfaßte sie ritterlich zärtlich. »Bei dir sind die Flügel nur noch Frage der Zeit. Jeder fühlte sich verpflichtet mir zu sagen, daß ich schauderhaft aussehe, ein Kinderschreck sei und sonst noch etwas. Aber deine Verklärungskraft – Tantchen – sieh, ich bin neugeboren ...« Er war bald in der Dunkelheit verschwunden, aber das alte Jüngferchen konnte nie mehr behaupten, daß sie noch nicht geküßt worden sei. 10. Es war der siebzigste Geburtstag des Meisters Distelfink. Freilich sah man dem behenden Männlein nicht seine Jahre an, und immer, wenn man ihn gefragt hatte, wie alt er sei, zirpte er mit seinem jungen Stimmlein: »Der Teufel ist alt, und seine Großmutter noch viel älter.« Das ist echt thüringische Redensart, aber er setzte auch noch freundlich hinzu: »Sie wollten gewiß fragen, wie jung ich bin.« Das wollte denn der Fragende auch. Denn Meister Distelfink hatte noch nie »auf die Postille gebückt zur Seite des wärmenden Ofens« gesessen. Er lief noch bis in den November hinein in einem Pelerinchen umher, »mit Essig gefüttert«, sagten die Eisenacher. Und der Meister freute sich, wenn man ihn für einen Kurrendeknaben hielt. – Heute waren schon in aller Gottesfrühe die Stadtmusikanten dagewesen und hatten unerhört schön auf ihren Posaunen geblasen. Zuerst sein Lieblingslied: »Wie groß ist des Allmächtgen Güte.« Dann durfte das Lutherlied nicht fehlen: »Ein feste Burg ist unser Gott!« Dann unterbrach die feierliche Deputation der Handwerksmeister das Ständchen. Auch etliche Honoratioren stellten sich ein, um dem hochgeschätzten Mitbürger Distelfink ihre Freude und Verehrung zu bringen. Das Stadtoberhaupt sprach gute Worte, der Postdirektor folgte, und der Stadtarzt sprach seine uneigennützige Freude aus, daß man an Meister Distelfink auch rein gar nichts verdienen könne und wünschte weiter Frische, Gesundheit und Wohlergehen. Jeder nahm Platz im großen Grasgarten unter früchtereichen Bäumen und trank den Frühschoppen aus hohen, alten künstlerischen Gläsern, von denen jedes eine andere Farbe hatte, in der sich die Sommersonne spiegelte. Base Konkordia reichte mit zwei raschen Dirnen aus der Nachbarschaft belegte Schnitten mit der berühmten Hausmacherleberwurst, Späterkommende behaupteten lachend, man röche den Majoran schon auf der Straße. Hinterher kam etwas »Schnackerdatsches«, denn Meister Distelfink war ja ein fröhliches Gemüt, und außerdem hielt der »Dirichente« auf Tradition. »Das ganze ›Läben‹ ist ernst«, sagte der Musikus, »aber heiter ist die ›Gunst‹, und jedes ernste ›Läben‹ sollte heiter schließen.« Base Konkordia aber fand es nicht schicklich zu blasen: »Wenn der Pudel in der Wut sich'n Been rausreißt«, sondern setzte sich nach dem Abgesang an das Spinett und sang mit bewegter Stimme: »An der Saale hellem Strande stehen Burgen stolz und kühn«, und Illo mit dem schönen Tenor, und Kaspar Gärisch mit dem tiefen Baß fielen sangesfreudig ein. Meister Distelfink aber ging still auf den Söller, um einen Augenblick mit seinem Herrgott allein zu sein. – Ihm folgten später die anderen zum einladend gedeckten und geschmückten Kaffeetisch auf den Altan. Nun läuteten die Glocken den Sonntag ein. – »Man möchte dichten«, sagte Illo versonnen. Einen weiten Rundblick hatten sie auf den Wald und die Wiesen und die Häuser mit den roten Ziegeldächern. »Ja, das tu du man«, meinte Kaspar Gärisch. »Der Doktor Martin Luther hat auch an so'n ähnlichen Sommersonntag gedichtet und hat gesagt: ›Die Thüringer Dörfer liegen da, wie Spinat und Eier.‹« »Das ist nahrhafte Dichtung«, meinte der Meister geruhig, »aber ich bin doch froh, daß wir nebenbei seine Lieder haben, gelle?« Die Base schenkte wieder ein, und die mannigfachen duftenden Apfel-, Mohn-, Speck- und Käsekuchen wurden schier noch heiß gegessen. Bäcker Sagetiel hatte sie eben erst aus dem Backofen gezogen, aber sie waren doch eigenstes Produkt von Base Konkordia und schon vor Tau und Tag ins Backhaus geschickt. »Man könnte dichten«, sagte Kaspar, mit vollen Backen kauend, aber auf dieses Plagiat bekam er keine Antwort. Wenn er verlegen war, wie eben jetzt, dann redete Kaspar gern dummes Zeug. »Es ist alles da, was ein Geburtstag haben muß«, meinte er bedächtig. »Aber das muß'ch sagen, Zwibbelkuchen fehlt. Is vielleicht ganz gut, denn wenn man beispielsweise kissen mißte, – dann riecht's.« »Kaspar, sieh zu deinen Worten! Mein Geburtstag darf dir nicht zu Kopf steigen. Und du weißt, meine Enkelin kommt nun bald wieder, und dann darf kein ungeschaffenes Wort fallen. Kenne dich auch gar nicht so Kaspar, – bist sonst immer der Anständigst gewesen.« »Freilich, freilich, Meister!« beeilte sich Kaspar mit hochrotem Kopf zu versichern. »Aber so im Frihling und erschten Sommer, da entgleise ich leicht ä linschen.« »So was hör ich nicht gern, Kaspar. Du weißt, ich bin 'n alter Marine, kennst ja meinen Spruch: ›Rein Schiff, klar Kimming!‹« »Weiß ich, weiß ich, Meister, das braucht mir nicht eingeremst zu werden. Aber kommt das Fräulein Angela wirklich bald wieder???« Jäh sprang der Meister auf. »Es ist schon da! Es ist schon da!« jubelte er, und die Tränen rieselten über seine gefurchten Wangen. Er horchte gespannt nach draußen, nachdem er die Tür aufgestoßen hatte. »Kuckuck! Kuckuck«, rief drunten der Vogel aus der alten Uhr. Illo faßte des erregten Meisters Hand; fest, ganz fest, auch den Arm, und hielt ihn zurück. »Oh, wie leid tut es mir, Sie so zu enttäuschen!« rief er fast demütig bittend. Ich wollte den Meister nach der Kaffeestunde zur alten Uhr führen. Meister, – ich habe, sie ist –« Kaspar stand nun auch neben ihnen. Immer noch lauschte der Meister – – obwohl die Uhr längst verhallte. Dann richteten sich seine Augen verständnislos auf die beiden. Warum wollten sie ihn hindern, seine schmerzlich entbehrte Enkelin zu begrüßen? »Meister Distelfink«, sagte Kaspar feierlich, »das Englein ist nicht in der Uhr, – aber die Uhr ist das Lehrlingsstück des dasigen ehrenwerten Illo Eulenried, der sich aus dem unbewußten Zustand einer juristischen Null, einem sogenannten eventuellen Dolus zu einem bewußten, gesunden Uhrmacherlehrling herauf entwickelt hat. Daß er meine Anleitung verschmähte, – Meister – der Illo hat dies schwierige Stück allein, allein fertig gebracht. – Also ich verzeihe ihm ... Illo, du stehst in höchster Achtung.« »Ich verstehe kein Wort!« rief der Meister und hielt sich eine Weile beide Ohren zu. Dann lauschte er wieder nach draußen. Es regte sich nichts. Base Konkordia war in der Küche, briet und kochte lauter gute Sachen für den Abend. »Kaspar, du kannst den ruhigsten Menschen verrückt machen mit deinem ›Gär‹. Trägst wahrlich deinen Namen ›Gärisch‹ mit Recht. Immer wenn du von Weimar kommst, bist du so geschwollen.« » Klassisch , will der Meister sagen.« Die richtige Feststellung mußte vertagt werden, denn die Base rief zu Tisch. Einen ganzen Mohnkuchen hatte sie schon vom großen Backblech zerteilt und in einer Riesenschüssel auf die Tafel gestellt. Das sollte der Nachtisch werden. »Aber vorher gibt es doch hoffentlich Schweinsrippchen und rohe Klöße?« fragte der Meister und rieb sich die Hände. »Hattest du etwa Rindsbraten mit selbstgemachten Nudeln zum siebzigsten Geburtstag erwartet?« fragte die Base spitz. »Nein, nein«, rief der Meister. »An solchen Frevel denk ich nicht. Ich will keinen Weltuntergang.« Es erschien alles planmäßig. Der riesige Rippenbraten und die hochgetürmte Kloßschüssel. »Merkst du, Lehrling, in welch gediegenes Haus wir gekommen sind?« raunte Kaspar Gärisch. »Die Base sitzt auf der Tradition wie auf einem Thron. Vierundzwanzig Klöße und fünf Pfund Schweinsrippen für fünf Personen; das nenne ich praktisches Christentum.« Illo winkte ihm Schweigen zu, denn der Meister hatte sich erhoben und sprach das Tischgebet. Danach aber widmete sich jeder den dargebotenen Gaben, wobei Kaspar sich mit wahrer Andacht dem praktischen Christentum hingab. Es war erstaunlich, wie der Reichtum verschwand. Und als der letzte Kloß vertilgt war, weil ja der Aufwaschfrau auch ihre vier Stück in die Küche gebracht wurden, nahm Kaspar Gärisch den Mohnkuchen in Angriff. »Ist noch einer da?« fragte er bescheiden die Base, und als sie beruhigend nickte, nahm er Bullrichsalz. Das trug er immer bei sich. – Danach rauchten alle gemeinsam ein Pfeifchen mit Varinasmischung, der kleine Meister aus einer langen Pfeife mit schöner Troddel und einem handgemalten Kopf, der das Uhrmacherzeichen trug. Geselle und Lehrling durften sich die »Kurze« anstecken, so war es Sitte bei Distelfinks. »Nur bei einer Pfeife«, so meinte der Meister, »könne ein wahrhaft tiefgründiges Gespräch zustande kommen.« Sie saßen nun alle auf dem Altan in der warmen Abendluft, und schon traten ein paar flimmernde Sterne über den Zinnen der Wartburg hervor. »Sag, Illo«, begann der Meister bedächtig. »Ich kann noch immer nicht über dein Lehrlingsstück hinwegkommen. Wie, wo und wann hast du es fertig gebracht? Neben der Arbeit, die ich dir gab? Ist das der Grund von deinem schlechten Aussehen, daß du etwa die Nacht zur Hilfe nahmst? Und trieb dich das Gelüst, mein Englein als Kuckuck auszuschalten, zu der knifflichen, anstrengenden Sache? Oder bist du tatsächlich ein Leib- und Seeluhrmacher, wie ich das nenne?« »Es wird wohl das letzte sein, Meister, – ich kam halt nicht davon ab. Und ich hab an den Meister und seine Freude gedacht, nicht an Fräulein Angela und ihren Zorn.« »Du bist grundbrav, Lehrling. Aber wenn's das wüste Englein erfährt, – leicht kannst die zweite ›Horbel‹ besehen.« »Die besehe ich niemals«, sagte Illo ernst. »Dazu ist Ihre Enkelin zu feinfühlig, sie müßt sich zum zweitenmal schämen, denn sie weiß ja, daß ich nicht wiederschlagen darf.« »Da hast mir eine Lehr gegeben, Illo. Jawohl, wie könnt ein gebildeter Mann eine Frau schlagen! Doch solls wohl auch solche Ehen geben.« »Du lieber Gott«, mischte sich Kaspar ein, »Feinfühlig!!! – wie der Lehrling Worte zu finden weiß! Ich bin nicht mehr ›feinfühlig‹. Ich habe eheliche Prügel genug un' satt gekriegt. Vater und Mutter schlugen mich umschichtig. Im übrigen sagt ein großer Mann: ›Wenn ein Weib nicht zu Gott will, muß sie zu ihm hin geschlagen werden.‹« »Hör auf mit deinem großen Mann und seiner kleinen Gesinnung.« Der Meister paffte gewaltig. »Kaspar Gärisch, ich sage dir, – soviel Räder du in deinem Kopf hast, und alleweil heimlich sortierst, – meinst, ich wüßt das nicht? – soviel Schnozeln herbergst du gleichfalls. Halt doch um Gotteswillen das Maul zu, wenn so was raus will.« »Dann so platz ich, Meister. Und wer bringt dann die Bescherung weg??« »So gib's meinswegen von dich, ›Mattheschen‹, wie wir alten Thüringer sagen. Sixt, Kaspar, ich würd' dich gar nicht berufen, weil du so'n ganzer Meister in deinem Fach bist. – Ein Berufener, wie der Illo, aber natürlich noch weit erfahrener. Eins aber kann dich verpfuschen und zu Falle bringen, deine lose Gosche –« »Ich falle nicht, Meister. Dieses Handwerk ist ja nur Zwischenstation. Und sollte ich am Boden liegen – Kalliope und Polyhymnia heben mich auf.« »Kaspar, komm zu dir!«, rief Illo und schenkte ihm ein Glas Wasser ein. Der Meister sprang auf: »Sollst dich was schämen, Kaspar. Ein preisgekrönter Uhrmachergeselle, weit und breit bekannt, berühmt, und nennt sein heiliges Handwerk Zwischenstation ... Bleib bei deinem Leisten, Schuster, und du bei deinen Rädern!« Da erhob sich auch Kaspar: »Meister, Meister, sehen Sie zu Ihren Worten. Der mit Recht so verstorbene Bürgermeister jener Stadt, die meine Mutter gebar, hat mir geweissagt: ›Kaspar, du bist zu etwas Höherem geboren.‹« »So sorge, daß du nicht an den Galgen kommst!« Also Base Konkordia. – Und dieses Wort scheuchte den Gesellen hinaus. Er fühlte sich unverstanden. Illo war zu seiner Erbuhr gegangen. Dem Meister schmeckte die Pfeife nicht mehr. Er stellte sie fort und schritt zu seinem Kuckuck. Er hob die Uhr, das schönste Stück seines Urväterhausrates, von dem gewichtigen Nagel. Illo hatte sie fürsorglich niedriggehängt und auch noch die kleine Leiter daneben stehenlassen, damit der Meister immer zu dem Kleinod gelangen konnte. Der hatte noch nie einem Menschen so tief ins Herz geschaut wie dieser Uhr. Nur das »Englein« ließ sich mit ihr vergleichen. Und hatte doch bei beiden nicht die rechten Fehler entdecken können. Nun aber war ihm durch den genialen feinen Jungen ganz unerwartet ein Helfer entstanden. Der brachte ihm als Lernender noch das Wertstück in Ordnung. Und das rührende Enkelkind hatte ihm den Kuckuck durch ihre liebevolle Täuschung noch nähergebracht. Ach diese liebe, närrische Jugend, die ihn, den alten Meister, umgab. Er trug die Uhr, nachdem er die Gewichte abgelöst, vorsichtig zum Tisch. Dann setzte er sich. »Mußt mir helfen, Kaspar«, rief er leise hinter sich, denn er hatte wohl gemerkt, daß dieser am Uhrenschrank stand. Der barg die uralten Taschenuhren, die Sonnenuhr mit Kanonenschlag, die Stöcke mit den winzigen Ührchen im Knopf, vor allen Dingen die feinen goldenen, schmalen Repetieruhren. Ganz zu schweigen von den Bronzeuhren, deren kostbarstes Stück im Deutschen Reich ihm der junge Eulenried gebracht hatte, – das Meisterstück des Großvaters Distelfink. – Kaspar stand längst neben dem Meister, aber seine Augen hafteten immer noch auf dem Glasschrank, in dem er die Nürnberger Eier sah, von Peter Henlein, der sie im sechzehnten Jahrhundert werkte. Die wurden an einer Halskette getragen. Auch die Sonnenuhr, die man in die Tasche stecken konnte ... »Was sinnierst, Kaspar? Hast es oft genug studieren können und hast es nicht getan. Hat mich gewundert. Der Illo war am ersten Tag drüber her.« »Weiß schon. Der Illo, Meister, das ist ein Besonderer. Bin nicht neidig. Auf Besonderes darf man niemalen neidig sein. Kehr die Hand um, ist er auch dem Meister über. Der hat's mit dem Grips alles weg. Mit dem ›Kapito‹, was wir uns mit dem Gegenpol der Vernunft abgesessen haben. Meister Distelfink, da beißt die Maus keinen Faden ab.« »Kaspar, es ist viel Wahrheit in deinen Gedanken, aber vor deinen Worten kann einem angst und bange werden.« »Das ist nur die dichterische Begabung. Die schreckt alle Laien zurück. Meister, dieses Jungvieh hat gearbeitet wie ein ausgewachsener Ochse, – wenn ich mich dieser Blumensprache bedienen darf. Tag und Nacht ist er zu Gange gewesen. Einmal bin ich Glocken zwei Uhr nachts der Fräulein Base über die Kaffeebüchse gegangen und habe Illo 'n einen zur Stärkung gekocht, der sich gewaschen hatte. Das bestätigte der Lehrling auch, indem er sagte, der sogenannte Kaffee sei zu schlecht, um ihn einer alten Kuh nachzugießen. Meister, solch einem Genius muß man alles verzeihen. Und jetzt will ich leise sprechen, denn ich sehe, der Meister hat die Uhr auseinandergenommen.« »Möchtest du nicht lieber ganz hinausgehen?« zirpte des Meisters feines Stimmlein. »Nicht, ehe ich die Intelligenzen erklärt habe, mit denen dieser Grünling geschuftet hat. Meister, Meister, man gerät außer sich.« Kaspar holte aus seiner Westentasche ein winziges Instrument und tippte auf die verschiedensten Werkzeuge. »Schauens hierher und daher! Merkens was? – Ja jetzt. – Freilich, – jetzt kanns auch ein Dummer – – –« Distelfink zuckte zusammen, aber er rührte sich nicht. Er war überwältigt. Kaspar sprach jedoch fort: »So oft wie diese Uhr auseinandergenommen und wieder ›repariert‹ worden ist, ohne daß sie ging, – das läßt sich nicht schildern. – Ich bin auch mal nachts drüber gewesen, ohne Erfolg. Und der Meister auch desgleichen, – ich hab ihn ja belauscht, und das ist noch meine reinste Freude ...« »Scher dich zum – Hörselberg, Kaspar – – ich will dich los sein. In einer halben Stunde bringst mir den Eulenried.« Der Meister saß und sann. Er prüfte die Arbeit genau. Ihm entging nichts, und was er sah, war gut. – Nach einer halben Stunde erschien Illo. Er sah mit leicht erblaßtem Gesicht auf das Werk, das vor seinen Augen in einzelnen Teilen lag. »Du wirst es wieder zusammensetzen, Illo, – denn du sollst das versehrte Werk selbst neu geschaffen haben, und es wird dich üben. Die Kundenarbeit übernehmen ich und der Kaspar. Aber wie du diese letzten Fehler fandest, – schau her, diese letzten zwei, – das mußt du mir sagen, hörst?« »Und wenn ich's nicht sage?« getraute sich Illo fast schelmisch zu fragen. – »Nichts für ungut, Meister Distelfink, diese zwei letzten Fehler sollen mir zu meinem Meisterstück verhelfen. Ich will sie in das Geheimnis meiner bronzenen Erbuhr hineinnehmen.« »Komm her, Illo, – will dir was ins Ohr sagen. Und dann tu, was ich dir sagte. Wir wollen fröhlich sein. Ich komme bald nach.« Mit frohen Augen ging Illo hinaus und stieg in den Keller. »Was tust, Illo?« fragte Kaspar an der Treppe. »Mäuse fangen.« Zwei brachte er mit. Eine gute Rheinweinflasche und eine Aßmannshäuser. Die stellte er beide kalt. Dann rief er die Base Konkordia und den Kaspar, sagte auch der braven Abwaschfrau Bescheid, die beide Hände zur Abwehr hob, aber doch zugleich nickte. Der Meister blieb lange aus. Illo mußte ihn suchen. Immer noch saß Meister Distelfink über die Uhr geneigt, die er fest umklammert hielt. Als die Tür knarrte, hob er erschrocken den Kopf. Aber Illo zog sich still zurück, denn er sah, daß der alte Meister geweint hatte. Es war schon sehr spät, als man den frohen Tag beendete. Kaspar Gärisch hatte beim Aßmannshäuser noch eine Rede geschwungen, die wirklich Hand und Fuß hatte und dem Meister nicht ein einziges Mal Gelegenheit bot, ihm »die Gosche« zu verbieten. Er stieß seinen Lehrling an. »Bist so still, Illo. Freut dich dein Leben nicht?« Mit versonnenen Augen sah Illo auf. Aber dann waren alle Lichter in seinem Gesicht angesteckt. »Meister! Ich glaub, ich bin wieder einem Fehler auf der Spur. Herrgott, wie bin ich glücklich!« Er war wie trunken, aber sein Glas mit dem roten Schaumwein stand noch unberührt. »Lehrling Illo, – ich versteh dich! Echt bist du. Echt! Ich habe Freude an dir.« Meister Distelfink hob sein Glas und trank es dem Lehrling zu. Kaspar, der längst ausgetrunken hatte, nahm Illos Glas und trank es leer. Illo merkte es gar nicht. »Darf ich diese Nacht aufbleiben, Meister? Ich möchte mehr finden, möchte arbeiten!« »Das muß ich dir verbieten, Lehrling. Du siehst jetzt schon durchsichtig aus. Sei vernünftig, gelle? Und hast in deinem Sinnieren gar nicht die Rede gehört vom Kaspar?« »Hat er geredet?« fragte Illo erschrocken. Kaspar betrachtete sein leeres Glas. – »Illo, ich verzeihe dir! Ich habe sie halten können, meine Rede. Das genügt. Ob einer zuhört, darauf kommt's nicht an. Ich bin glücklich wie du. »Gute Nacht!« sagte die Base Konkordia. Aber in diesem Augenblick hub die Kuckucksuhr an zu schlagen. Zehnmal rief der Vogel, und dann fiel irgendein großer Gegenstand polternd zur Erde. »Was ist das für ein Unfug?« tönte eine helle Mädchenstimme. »Die Angela!« rief die Base schreckensbleich. »Das Englein!« jauchzte der Meister. »Jesus, Maria und Josef«, sagte Kaspar Gärisch, obwohl er streng lutherisch war. Illo allein war ganz still. Er sah nur das lichte Bild, das da im Türrahmen stand mit den blitzenden Augen und dem flimmernden Blondhaar. »Was ist mit der Kuckucksuhr? Warum hängt sie so niedrig? Warum schlägt sie?« »Richtige Kuckucksuhren müssen schlagen und rufen«, sagte Kaspar mit großer Ruhe. » Dösbartel !« ward ihm heftig zur Antwort. In diesem Augenblick starb seine große Liebe. Angela trat ungeduldig von einem Fuß auf den andern. »Großvater, – so hör doch!« »Erst sagt man ›Guten Abend‹, wenn man nach Monaten heimkehrt in ein ehrsames Handwerkshaus. Und warum so spät? Hast alle gute Sitte draußen gelassen?« »Der Schmied von Ruhla hat mich mitgenommen«, stammelte das Mädchen, »die gute Gelegenheit wollt ich nicht verpassen. – Den Großvater läßt er grüßen.« »So so, – der Schmied von Ruhla. Der Gruß will mir passen. ›Landgraf werde hart!‹ hat mal sein Ahn jemand ins Ohr gehämmert, der allzu gutmütig war. – Also jetzt sagst schön ›guten Abend‹ und machst einen Knix.« Das Mädchen rührte sich nicht. Schneeweiß war sein Gesicht. – »Die Uhr ist wieder heil und gesund. Der Lehrling Illo Eulenried wollte eine Schuld abtragen und hat dabei sein Lehrlingsstück gemacht. Das schon einem Gesellen gut anstünde.« »Sieht ihm ähnlich, – dem – dem –. Mir zum Schur hat er's getan. Damit ich nicht mehr rufen könnt' ...« And Englein warf sich an den Hals des Großvaters und weinte bitterlich. Er tröstete ungeschickt an ihr herum. Da lief sie hinaus. »Meister, ich bitte Sie um meine Entlassung. In dies schöne alte Haus soll durch mich kein Unfrieden kommen.« »Als ob der nicht schon lang bei mir wohnte. Ist halt ein wüst Englein, hab dir's gleich gesagt. Und kreuzbrav dazu. Will's gar nicht anders haben. Bringt Kurzweil. – Und du, Illo, sollst dich was schämen. Bist aus ritterlichem Geschlecht und willst einem ehrlichen Handwerksmeister zeigen, wie man fahnenflüchtig wird?? He? Willst wieder auf die Walze? Ich sag dir: Wo viel Freiheit ist, ist viel Schatten. Sonne bringt nur die Pflicht. Hast verstanden?« »Ja, Meister!« – Illo straffte sich. Dann ging auch er aus dem Zimmer, und man hörte ihn die Treppe hinaufsteigen in seine Kammer. – Meister Distelfink nahm am andern Morgen sein Enkelkind bei der Hand und machte einen Rundgang mit ihm durch sein schönes, stilles Haus, das einmal diesem Kinde gehören sollte. Und die Ruhe der Räume und des schönen Gartens legte sich wohltuend auf sein altes Herz. »Das ist deine Heimat, Englein«, sagte er feierlich. Darin haben lauter stille, ehrsame Frawen geschaltet, und ich sinniere, wie es kommt, daß in dir der helle Unfried steckt. Es ist große Schuld von mir, daß ich dir keinen Zügel angelegt habe. Du wirst von jetzt ab denen nacheifern, die vor dir hier waren, hörst? Und ich werd besser aufpassen. Auch wirst den Kaspar Gärisch um Verzeihung bitten, darauf besteh ich.« »Ist nicht nötig«, sagte der Geselle, von dem man schon gewohnt war, daß er irgendwie als deus ex machina erschien, wo man ihn nicht vermutete. – »Ich muß mich selbst entschuldigen, daß ich schon lange hinter dem Meister herging. Dem Fräulein wollt ich sagen, daß es ganz recht gehabt hat. Ich bin ein Dösbartel. Jawohl! denn ich hab' sie lieb gehabt, die Fräulein Angela. Und nun kann sie abseits gehen, denn ich hab' noch eine sehr wichtige Frage an den Meister zu richten.« Angela war schon entflohen. Der Meister seufzte tief und hörbar. »Was hast, Geselle Kaspar?« »Der Meister sprach gestern von ›ritterlichem Geschlecht ‹ und meinte unsern Lehrling. Wie ist das zu verstehen? Ich hab die ganze Nacht schwer geträumt, als hätt' ich eine Rüstung an und das Visier wär' geschlossen.« »Kaspar, Kaspar! Wenn es nur auch am Tage so wäre!« stöhnte Meister Distelfink. »Will dir aber verraten, was ich gemeint hab, gibst ja doch sonst keine Ruh. Unser schlichter Lehrling Illo ist der jüngste Freiherr von Eulenried aus Ilmenbach. War Referendarius und hat umgesattelt. Bist nun zufrieden?« Kaspar Gärisch ließ sich in Gegenwart des Meisters auf einen Stuhl fallen, und Distelfink setzte sich auch rasch, um seinen Gesellen nicht zu sehr entgleist zu wissen. »Großer Gott! Ob mir's nicht immer so vorgekommen ist? Ich bin blamiert. Meister, ich dachte bei Ihnen in Frieden zu sterben, aber ich muß mich wo anders niederlassen.« »Leg dich ins Bett. Vorher einen Kübel eiskaltes Wasser über den Schädel, nachher bist wieder wohlauf.« Aber Kaspar schlich vor dieser Radikalkur zum Lehrling. Diesmal fiel er nicht zur Tür hinein, er klopfte. »Herein!« rief eine ärgerliche Stimme. Denn Illo war mitten in seiner schönen Arbeit. Er glaubte auch, daß es ein dummer Scherz sei, denn beim Lehrling klopfte man nicht an. »Ich wollte mich gehorsamst beim Herrn Freiherrn melden.« Illo fuhr herum. – »Sind Sie verrückt?« »Ich war es, Herr Freiherr. Aber jetzt habe ich mich zurückgefunden. Seit man zu mir Dösbartel sagte.« »Ja, das war häßlich. So häßlich, wie dies Mädchen schön ist.« »Ich danke Ihnen, Herr Freiherr. Es tut wohl.« Illo legte erst alle Schrauben und Schräubchen, Stifte, Räder beiseite, bis die Samtplatte recht wie ein Schmuckkästchen aussah. Dann sprang er auf und holte für Kaspar einen Stuhl, auf den er noch ein Kissen legte, von Tante Hermine eigenhändig für Illo gestickt und mit Daunen gestopft. »So! Darauf setzen Sie sich; Geselle. ›Sitzt du gut, so sitze feste, alter Sitz, das ist der Beste.‹ Aber sagen Sie nicht ›Herr Freiherr‹. Woher wissen Sie überhaupt irgend etwas?« »Dem Meister fuhr es heraus, und ich bohrte nach.« »Ihre Ausdrucksweise kann einen Hund jammern, Kaspar. Ich bin derselbe, der ich gestern war.« »Allerdings. Aber für mich nicht. Da sind Sie in was neingetreten, in den Hochadel. Sind hochgeboren.« »Ja, auf einer Burg. Auf dem Eulenried hoch droben bei Ilmenbach.« »Also wahr, wahr!« Kaspar sprang auf. Er schien aus den Fugen zu sein. Das Kissen fiel zu Erde. Er hob es auf, pustete es sorgfältig ab und setzte sich wieder drauf. »Sie stammen von jener hehren Burg, unter deren Fenstern meine Mutter geboren wurde und mich selbst gebar?« »Sie lieber närrischer Geselle! Mit allem Respekt natürlich! Und nun nennen Sie mich wieder ›Du‹, wie es die Zunft erheischt. Und Sie sind mein unmittelbarer Vorgesetzter, Geselle Gärisch. Das ist ja gerade das Herrliche, daß ich hier nichts bin als ein Mensch unter Menschen.« »Jawohl! Und ich werde nie wieder Dämlack sagen, oder ›du Neugebornes!‹, wenn du unwissend bist, wie ein junger Hund.« »Und ich werde nie wieder fragen, wann Sie die letzten Backzähne gespuckt haben.« »Sprechen wir nicht davon. Damals wußten wir nicht, wen wir vor uns hatten.« 11. Der Stallbursche vom Kreihorsthof führte zwei prächtige Braune in den Stall. Gleich darauf trat Dankwart aus dem stattlichen Wohnhaus und ging auf die weiße Hausbank zu, auf der sein junges Weib saß. Er trug eine graue Joppe mit grünen Paspeln und kniefreie Hosen, dazu feste Bundschuhe. Elisabeth war noch im städtischen Reisekleid und sah ihn etwas erstaunt an. – Doch lachte sie fröhlich auf, was ihr ernstes Gesicht verschönte. »Hast du dich aber rasch in den Bauer verwandelt! Hast es so eilig?« »Bauer war ich immer«, sagte Dankwart ernst. »Oder meinst du, mein verlottertes Rittergut hätte standesherrlich ausgesehen?« »Ach, sprich doch nicht so! Wie ein Knecht hast du gearbeitet. Der Vater ist des Lobes voll. Und mich macht es glücklich. Aber ich dachte, wir könnten noch ein klein wenig feiern.« »Erntemonat, Elisabeth. Und wir haben vierzehn Tage gefeiert. Das tut kein Landwirt im Sommer.« Bauer Kreihorst trat aus der Scheune. »Da freut mich mein Leben«, rief er fröhlich. »Aus der Hochzeitsreisekalesche heraus in den Bauernfrack. Die kurze Wichs und die Bundschuh. So lob ich's mir. Koch Kaffee, Elisabeth, heut ist der letzte Feierabend.« »Das steht schon alles drinnen gerüstet«, lachte sie, »hast es ja selbst angeordnet, du Fürsorglicher. Aber vor dem Trinken kleide ich mich selbst um.« »Ist recht, daß sie uns noch allein läßt.« Bauer Kreihorst paffte heftig wie immer, wenn er etwas verlegen war. »Ich möcht mit dir reden, Dankwart. Und ich red' mich hart. Wie ist's mit deinem Vater? Wird er meine Tochter empfangen? Oder soll's so weitergehen, daß er fortschaut, wenn sie ihm über den Weg läuft?« »Sie ist jetzt meine Frau, – und er wird sie grüßen!« »Meinst, Dankwart? Und ist die Elisabeth was Besseres geworden, seit sie deine Frau ist? Ich leg die Hand ins Feuer, daß sie nie auf den Baron geschaut hat ...« »Und ich lege meine Hand dazu, Vater ...« »Ist recht. Braten sie zusammen. Wie denkst du dir nun euer zukünftiges Wohnen? Bin begierig.« »Die Tante Hermine, meine Patin, hat uns ein gutes Nest in der Burg bereitet, Vater. Zwei hohe, schöne Zimmer gehören Elisabeth und mir. Und mit Urväterhausrat sind sie eingerichtet. – Mutter und Tante wollen Lisel damit überraschen. Es ist ihr Hochzeitsgeschenk für uns. Besser als Bargeld, gelle, Vater? Das ohnehin knapp bei den Eulenrieds ist. Ich habe nur die eine Sorge, daß ich dem Einsamen seine Freude nehme. Aber du kannst sie täglich sehen ...« »Jawohl, – wenn du sie überhast, dann schick sie mir zu.« Dankwarts Augen sahen versonnen aus. »Die Lisel überhaben – – Vater, wie fängt man das an?« Jetzt lachte der Bauer derb auf. » Gar nicht fängst es an. Gelingt ja doch nicht. – Was Feines geb ich dir, Dankwart, gib acht, daß sie der Herr Baron droben nicht zerbricht. Übrigens ist's ein rechter Gedanke, daß du dein Weib ins Schloß holst ... Die Nachbarn könnten sticheln ...« »Die Nachbarn kümmern mich nicht. Es war mein Entschluß von Anfang an, daß die Freifrau Eulenried in ihres Mannes Haus wohnt.« »Ist recht. Und ehe die Lisel mit dem Kaffee kommt, – wo bleibt sie nur? – sag ich dir noch was Schönes. Solang mein Weichmut anhält. Morgen geht's in die Sielen, da bin ich wieder der grobe Bauer Kreihorst ...« »Mir bist du recht, Vater.« »Als ihr vom Standesamt kamt, vor vierzehn Tagen, da fragt ich sie: ›Warum hast nicht ›Freifrau‹ unterschrieben, genau wie er seinen Baron hinsetzte? Ist dein gutes Recht.‹ Was spricht sie?: ›Bin ja keine Freifrau. Bin ja so gebunden – an ihn.‹ Na, was sagst, Schwiegersohn?« »Ich sag wie du, – sie ist ein feines Seelchen. Aber daß du mir's bringst, diese schöne Geschichte, das ist das Feinste.« »Nun hören wir auf. Das war ja was Neues. Liebserklärungen zwischen zwei Bauern! Und da kommt's Lisel. Was hast? Tränen? Hat die Base Schaffnerin wüst getan, weil die Herrin wiedergekommen ist?« Elisabeth schüttelte den Kopf. Sah ihren Mann bittend an. Da ging der Vater hinaus. »Wenn du auch noch in meinem Hause bist, deine Geheimnisse gehören deinem Mann«, rief er noch in der Tür. Sie nickte ihm zu. Dankwart nahm sie in seine Arme» »Tränen am ersten Tage daheim? Das tut mir leid.« »Ich will dir's rasch sagen, mein Dankwart. Und dann wollen wir meinem Vater fröhliche Gesichter zeigen. – Der alte Herr Baron ritt vorbei – dicht an unserm Hause. Er hat mich nicht gegrüßt, Dankwart, – wendete den Kopf fort, rief euern Diener an, – als sei niemand da ... außer ihnen ...« Aber als sie sah, wie blaß ihr Mann geworden war und wie das Blut ihm gleich wieder ins Gesicht schoß und er zornig an der Lippe nagte, – rief sie leise: »Es ist schon vorbei. Du bist ja bei mir. Ich habe keine Angst.« »Die sollst du auch nie haben, mein Lisel, – ruf den Vater!« Auch die Base Schaffnerin erschien und wollte sich bescheiden beiseite setzen, weil ja die Haustochter nun Frau und Gast des Hauses geworden war. »Nichts da«, gebot Kreihorst. »Wir Bauern ehren immer noch das Alter. Base, du sitzt obenan. Denkst anders, Schwiegersohn?« »Nein, Vater.« Die Base schenkte ein, sie blühte ordentlich auf in dem Gedanken, daß der »Herr Baron« mit den bäuerlichen Sitten einverstanden sei. – Und der Vater sah sein Kind an und die tiefe Falte auf der Stirn des Schwiegersohnes, aber er fragte nicht mit Blick, noch Wort, was die Ursache war. So recht wollte kein Gespräch in Gang kommen. Hastig trank Dankwart seine Tasse aus. Dann sagte er bittend: »Darf ich einen Knecht zur Burg hinauf schicken mit einem Brief an die Mutter? Möchte ihr meinen Gruß entbieten. Und dich will ich bitten, lieber Vater, ob wir zwei Eulenrieds, die Lisel und ich, heute nacht noch Gastfreundschaft hier genießen können. Tätest mir einen Gefallen –« »Und du mir.« Lisel sah still vor sich hin. Wie sie ihren Mann liebte, der feinfühlig immer das Rechte traf. – Die Base Schaffnerin stand auf. »Will alles richten derweile. Die Tochter bleibt beim Vater. Nachher kann sie kommen«, und noch sagen, »ob es der Herr Baron anders wünscht.« »Sixt, Lisel, das wird so bleiben. Du wirst immer für sie die ›Tochter‹ bleiben und dein Mann immer ›der Baron‹. Sie würde sich lieber die Zunge abbeißen, als ihm die Ehre antun, ihn zum ›Neffen‹ zu nehmen ... und er? He? Und er?« »Wir wollen sie nicht zwingen, Vater«, meinte sie still. Und gleich darauf: »Oh, was ist das für eine närrische Welt!« Dann lachten sie beide. »Es ist lieb von Dankwart, daß er diese erste Nacht hier bleiben will ...« Lisel sagte es stolz und zärtlich zugleich. »Jawohl, – und da ich nicht aus Dummsdorf bin, sondern aus Merkshausen, so reim ich mir den Kram zusammen. – Aber dein Mann wird alles schaffen, – ich hab' gutes Zutrauen.« Ein schmales zusammengefaltetes Zettelchen kam von Dankwarts Mutter als Antwort auf seinen guten Brief. »Seid Gott befohlen!« schrieb sie. Und Tante Hermine hatte darunter gesetzt: » Mannsleute sind Mannsleute .« Wie schön verlief der Abend. – Die Männer rauchten ihre Pfeife, die Base hantierte in der Küche, und Elisabeth »hörte gern, wenn kluge Männer reden«. »Willst du morgen erst deinen Kram droben einräumen, Schwiegersohn? Die Deinen begrüßen? Da wird manches zu tun sein.« »Dafür habe ich jetzt meine Hausehre, Vater. Das wird meine Frau besser machen als ich. Und Mutter und Tante Hermine werden sie beraten, wo es nottut. Ich führe sie nur ein, damit die ganze Burg weiß, daß eine junge Herrin da ist.« Das letzte wurde so betont gesagt, daß Elisabeth begütigt ihre Hand auf die seine legte. Er fuhr ruhig fort. »Ich möchte gleich in die Sielen gehn. Muß vor allen Dingen sehen, daß mein Gespann in Ordnung ist und kein Werkzeug fehlt. Aber ich denke, der Oberknecht wird auf dem Posten gewesen sein, während wir – feierten. Wäre der Rhein nicht so unsagbar schön, es könnte mir grauen, in der heißesten Arbeitszeit fahnenflüchtig gewesen zu sein.« Wieder stahl sich eine liebe, wenn auch gar nicht weiche Hand in die seine. Eine Hand, die wußte, was Bauernarbeit ist. »Will auch sehen, noch Arbeitskräfte zu bekommen.« »Das wird schwer halten, wir werden alle schuften müssen.« Also der Bauer. »Alle nötige Arbeit, die vor der Ernte gemacht werden kann, muß geschafft werden. Nur keine Störung bei der Ernte.« »Mein unfähiger Administrator hat im vorigen Sommer den Roggen und Weizen zu reif werden lassen. Ich darf gar nicht an all den Schaden denken, der uns daraus entstand. Auch die Wintergerste wurde zu spät gemäht. Korn und Stroh verloren ja an Wert.« »Ich weiß Bescheid«, rief Elisabeth lebhafter als sonst je. »Vater hat immer in der Gelbreife gemäht, und so wollen wir's auch tun. Gelle, Dankwart? Und ich werde sorgen, daß die Strohseile zur Hand sind.« »Jawohl, du Klugschnacker.« Der Bauer lachte so laut, daß er sich verschluckte und von der Base geklopft werden mußte. »Mit meiner Lisel zur Seite wirst du sämtliche landwirtschaftlichen Preise bekommen, das sehe ich schon«, rief er. »Hast auch genug Kalk und Mergel für die Herbstbestellung, Dankwart? Ich kann dir abgeben.« »Dank, Vater, daß du mir hilfst. Von keinem andern könnt ich's annehmen, aber deine Art macht es mir so leicht – Vater!« »Ja, Vater deiner Frau. Und ihr beide seid eins. Solche Verspruchszeit und Ehe, wie ihr sie hattet und jetzt führt, hatten auch mein gutes Weib und ich. Mein Kind wird dich nicht enttäuschen. Was die Leut heutzutag ›Liebe‹ nennen, das kennt sie nicht, und du wirst sie es auch nicht lehren. ›Schmetterlingsleut‹ nenn ich die, – sind keine Menschen. So, und ich bilde mich zum Waschweib aus, Dankwart, hab in meinem Leben nicht soviel geredt. Das macht, weil ich solange Einspänner war. Und jetzt hab' ich einen verläßlichen Kumpan ...« Dankwart fühlte eine Rührung in sich, die ihn schier übermannte. Dieses festgefügte, liebe Haus, dieser als grob, wortkarg und eigensüchtig verschriene Bauer, der sich nun dem Schwiegersohn aufschloß, wie er wirklich war. Dankwart dachte herzlich an seine Brüder, und ob sie wohl denselben graden, ruhigen Weg gehen könnten wie er ... Elisabeth war in der Tür stehengeblieben. »Ihr seid so ernst? Habt ihr was miteinander?« »Freilich, freilich. Gerauft haben wir miteinander. Siehst nicht, wie die Haare fliegen? – So ein bißchen Alarmsignal war sie immer, die dort, das hat sie von ihrer Mutter. So recht! Nimm sie in die Arme, Dankwart. Und nun ist höchste Schlafenszeit. Wir gehen sonst um achteinhalb pünktlich. Jetzt ist's zehn vorbei. Was hat der Hund? Und was soll das Geklopfe? Ja, ja – ich komm schon.« Aber Dankwart war ihm vorausgeeilt. Wütend riß der Hund an der Kette. »Ruhig, Kerl! Und wen haben wir da?« »Lassen Sie sich nicht durch die Gamsledernen beirren, Mann, Administrator oder Oberknecht, ich kann Sie nicht erkennen. Rufen Sie mir mal fix den Erbhofbauer, den kenn ich.« Bauer Kreihorst trat vor. »Ist was passiert, daß die Frau Gräfin mein Haus aufsucht?« »Sehr richtig. Ich bin noch nie so spät ›fensterln‹ gegangen. Hab' mich verlaufen. Das Kamel von Diener wußte in seinem eigenen Revier nicht Bescheid.« »So hätten Sie es am Halfterband führen müssen«, sagte Dankwart rasch. »Wen haben wir denn da? Alle Hagel! Darf ich eintreten? Ich bin müde und möchte sitzen.« »Wir sind unhöflich«, sagte Elisabeth, schob die Männer beiseite und führte den späten Gast an der Hand in die Stube. Die alte Dame machte große Augen. Es war ein so ungewöhnlich großer Raum, den sie betrat. Er sah mehr einem Herrenzimmer gleich mit seinen Jagdtrophäen, schweren Möbeln, Sesseln und Truhen. Dankwart verbeugte sich. »Ich bin Eulenried, und dies ist meine Frau.« »Bauer Kreihorst, zu dienen, Frau Gräfin.« Gräfin Wartberg sah unverwandt den Jüngeren an. »Daß mir der Teufel doch allerwegen die Eulenrieds in den Weg karrt ...« »Kennen Sie den Herrn näher?« fragte Dankwart und bekam einen roten Kopf. »Sie sind genau so respektlos, wie ihr Bruder, der Wildrich. Dabei wären Sie meine Söhne, wenn's mit rechten Dingen zuging.« »Danke.« »Was wollen Sie?« fragte der Bauer kurz. »Na, endlich eine vernünftige Frage. Konnten Sie nicht eher drauf kommen? Sie sind so erfrischend grob, Bauer Kreihorst. Ich will Sie fragen, ob ich eine Hilfe haben könnte. Ja. Eine Gefährtin für die Prinzessin, die ihr kleine Dienste tut und auch vorliest ... ja ...« »Frau Gräfin, soviel ich weiß, ist jetzt nicht Fastnacht«, polterte der Bauer. »Auch nicht der erste April. Aber es macht mich lachen. Da kommen Sie nachts dahergestiegen zu wildfremden Menschen und wollen in der hildesten Erntezeit eine Hilfe – für was? Fürs Vorlesen ... Da steigt mir die Galle auf ...« »Lassen Sie sie wieder runtersteigen. Ich seh' schon, ich bin fehl am Ort. Weiß selbst nicht, wie mir der Gedanke kam, daß man in einem Bauernhause noch am ehesten gute Herzen findet. Meine Standesgenossen haben mich im Stich gelassen.« »Sie fahren schweres Geschütz auf, Frau Gräfin«, sagte Dankwart hastig ... Sie sehen, daß meine Frau hinausgegangen ist. – Wie ich sie kenne, holt sie Hilfe für Sie, wo sie sie auch finden mag ...« Da stand Elisabeth schon in der Tür, fertig angetan zu einem weiteren Gang. »Für alle Fälle gehe ich erst einmal mit, gelle, du erlaubst es mir«, sagte sie bittend. »Und ihr geht gleich zu Bett, wenn ihr morgen früh um vier Uhr frisch sein wollt.« Sie lachte leise über Dankwarts verdutztes Gesicht. »Sollen wir die Gräfin so allein und ohne freundlichen Bescheid nach Hause schicken?« raunte sie. »Ich komme morgen ganz früh zurück, will nur sehen, was gebraucht wird. Wir wollen gehen, Frau Gräfin.« Diese ging auf Dankwart zu. »Sie haben einen guten Fang getan, Baron. Die Eulenrieds haben immer Glück. Ob sie's verdienen, ist eine andere Frage.« »Meine Frau verdiene ich jedenfalls nicht.« Dankwart drückte abschiednehmend Elisabeths Hand. »Aber schließlich verdient ja auch unser lieber Fürst nicht, daß er für sein Majorat nur eine kränkliche Tochter hat.« Die beiden Frauen verschwanden im Dunkel. Der Diener trottete hinterher. Die Gräfin hängte sich in Elisabeths Arm. »Die Eulenrieds sind allzu schnabelfertig, junge Frau, Sie werden Ihren Gatten kurz halten müssen. Immer bekommt man was auf die Mütze, wenn man sich mit ihnen einläßt ...« »Mir sind sie recht!« sagte Elisabeth still. »Ich habe das große Los gezogen.« »Und ich eine Niete«, seufzte die Gräfin. »Es läuft sich schwer als Einspänner, wenn man Lasten zu ziehen hat ...« Elisabeth drückte ihren Arm an sich. »Will mir die Frau Gräfin sagen, an welchem Ende ich schieben soll?« »Es handelt sich um die Prinzessin Sybille. Sie ist körperlich und seelisch herunter. Ich fürchte, sie bleibt uns nicht. Ach, ich bin zu derb für Mimosenzucht. Das beste ist, Sie bleiben gleich selbst bei uns. Sie gefallen mir ...« »Und mein Mann?« rief Elisabeth erschrocken. »Je weniger Sie sich sehen, um so länger wird Ihre Ehe dauern, – ich kenne den Rummel«, erklärte die Gräfin. »Und da liegt das Friedenshaus. – Wir gehen gleich zur Prinzessin. Es setzten plötzlich bei ihr heftige Schmerzen ein, da verloren wir alle den Kopf.« »Ich habe viel Kranke gepflegt«, meinte Elisabeth schlicht, »vielleicht finde ich Rat für diese Nacht.« »Sie gefallen mir ausnehmend, Frau von Eulenried, – gerade so etwas braucht die Prinzessin. Sie hätten Ihre Hochzeit verschieben sollen. Ich möchte Ihnen viel sagen. Doktor Krück macht immer ein so banges Gesicht. Der arme Vater! Ich glaube, er ist ahnungslos ...« Elisabeth bat, allein zu der Kranken gehen zu dürfen. Erstaunt willfahrte die Gräfin. »Wer kommt so spät?« fragte eine ruhige, wenn auch etwas matte Stimme. »Elisabeth Eulenried bin ich, – des Bauern Kreihorst Tochter. Ich möchte Sie fragen, Prinzessin, ob es in meiner Macht liegt, Ihnen zu helfen. Heute ist es spät, aber ich kann diese Nacht bei Ihnen bleiben und wachen.« »Wie eigen ist das, Elisabeth Eulenried. Ich hatte solches Heimweh nach einer jungen Menschenseele.« »So schickt mich ein guter Geist. Und Sie werden jetzt schlafen, ja? Draußen zieht ein Gewitter auf. – Fürchten Sie sich nicht, Prinzessin?.« »Nein. Ich fürchte mich nie vor den Naturgewalten. Nur – nur – –« »Schlafen Sie, liebe Prinzessin, ich weiß schon, wovor man sich fürchten kann. Und was mit Natur gar nichts zu schaffen hat, gelle? Aber was für närrische Gespräche führen wir! Ist es Ihnen recht, wenn ich hier auf der Liege schlafe? Oder ist nebenan eine Bleibe für mich?« »Das auch. Aber da hat meine Jungfer früher geschlafen. Die Anne ... Bitte, bleiben Sie hier!« »Ja, bis morgen früh. Und mittags sehe ich nach Ihnen, lese auch vor. Und für die Nacht komme ich auch. Ist es Ihnen recht?« »Ach, Sie sind so erquickend. Jedes Wort ein Trost. Und man spürt so gar nicht, daß Sie es eilig haben, und daß Sie doch ein Opfer bringen. Und was wird Ihr Mann sagen?« »Oh, der sagt nichts. Es ist ja Erntezeit. Da sagt kein Bauer etwas.« »Erquickend!« rief die Prinzessin leise. »Klingeln Sie doch, bat sie. »Das Stubenmädchen soll Ihnen alles zurechtmachen.« »Nein, nein. Nur ein paar Weisungen von Ihnen und ich schaffe alles herbei. Eine Pflegerin, die noch extra Hilfe braucht, das wäre ja noch schöner!« Elisabeth hantierte rasch und geräuschlos. Ehe sie das Licht ausdrehte, trat sie noch einmal an das Bett der Prinzessin. Ja, sie war wohl recht leidend und erschöpft. Elisabeth streichelte sacht die blasse Hand auf der Bettdecke. Da schlug Sybille die Augen auf. »Denken Sie, ich fürchte mich auch gar nicht vor dem Sterben ...« »Nein, davor sollen wir uns ja auch nicht verstecken ...« »Ach wie schön, daß Sie mir so ruhig beistimmen. Alle anderen Menschen waren immer so entsetzt, – deshalb habe ich es nie mehr gesagt ... Es ist lieb, daß Sie gekommen sind, Elisabeth – und Sie müssen es auch später recht meinem Vater sagen.« Das Gewitter war nähergekommen und grollte unheimlich in den Thüringer Bergen. Die Kranke fieberte, aber sie schlief doch ein. Auch als Elisabeth ihre Hand fortnahm, wachte sie nicht auf. Schon um sechs Uhr telephonierte der Fürst an seinen Arzt und besonderen Freund in die Kreisstadt. Und es dauerte nur einundeinehalbe Stunde, bis der Wagen in das Schloßtor einfuhr. »Ja, – was macht denn mein Prinzeßchen für Sachen? Fieber und bösen Husten? Und so matt?« »Ach nein, es geht mir ja viel, viel besser. Ich habe prächtig geschlafen. Väterchen! Schon auf? Ängstige dich doch nicht! Sieh, das ist Frau von Eulenried, sie hat bei mir gewacht ... Sie muß eigentlich nach Hause, es ist Erntezeit ... aber – – o gut ist sie ...« Sybille war schon wieder eingeschlafen. Die beiden Herren reichten Elisabeth die Hand. Der Fürst drückte sie fest. Dr. Krück zog beide ins Nebengemach. »Es steht freilich nicht gut«, sagte er, seine rauhe Stimme dämpfend. »Die Kräfte scheinen aufgezehrt. Hat die Prinzessin außer ihrem Leiden einen Kummer?« Der Fürst schüttelte den Kopf. »Ich weiß es nicht. Und mein Kind hat mir immer vertraut.« »Können Sie bei ihr bleiben, Baronin«, fragte Dr. Krück. »Sind Sie Pflegerin?« »Ich bin die Tochter des Bauern Kreihorst und habe viel gepflegt, Sie können sich auf mich verlassen. Nur muß meinem Vater Bescheid geschickt werden. Im Kreihorst ist auch mein Mann.« Der Fürst sah sie durchdringend an. »Ich werde selbst hinreiten. Die Eulenrieds sind mir immer wert gewesen, besonders die beiden Frauen da oben standen meiner Frau nahe. Und der Bauer Kreihorst ist der vorbildlichste Landwirt ringsum. Ich freue mich, daß zwei alte Geschlechter wieder zusammengekommen sind. Seien Sie meinem armen Kind eine gute Freundin. Ich komme bald zurück.« Der Fürst verabschiedete sich. Der Arzt blieb im Schloß. Elisabeth setzte sich still neben das Bett der Kranken in einen Sessel. Dr. Krück stand neben ihr. »Sie müssen etwas genießen, Frau von Eulenried.« Sie erhob sich sofort. »Ja, das will ich. Ich habe Hunger. Und ich darf auch gleich ein ordentliches Frühbrot für Sie mit bestellen, Herr Doktor? Wir brauchen ja alle unsere Kräfte.« Sie ging hinaus, leise gab sie einem herbeieilenden Diener freundliche Weisung. Sie hatte ja immer selbständig dem großen Erbhofe vorgestanden, war bekannt als gütige Herrin, und man gehorchte ihr sofort. Ein Tisch wurde hereingerollt, heißer Kaffee mit Schwarzbrot, Butter und Honig gehörte zum ersten Frühstück. »Ich bin kein Spartaner«, bemerkte der Arzt etwas grimmig. »Muß nachher gleich auf die Walze, und da wären mir ein paar Eier lieber als das Honigbrot.« »So muß es gleich bestellt werden«, sagte eine matte Stimme vom Bett her. »Und ich selbst möchte meine Schokolade trinken.« »Was für vernünftige Lebewesen auf einem Fleck!« sagte der Arzt, und Elisabeth ging hinaus, um alles zu veranlassen. »Wie geht's, Prinzeßchen«, sagte er, an das Bett tretend, mit frischer Stimme. »Sie haben gut, wenn auch nicht lange genug geschlafen. Wir müssen ja dem Herrn Vater mit frohen Gesichtern entgegenkommen. Also angepackt und ein paar Pfund Schokolade angesetzt.« Sie sah ihn aus so traurigen Augen an, daß er ganz ernst und nachdrücklich sagte: »Sie haben einen Kummer, Prinzeßchen, der Ihnen hart zusetzt. Wir sind aber dazu da, Ihnen viel Freude zu bringen. Kann ich Ihnen helfen? Sprechen Sie. Es ist Beichtgeheimnis, wie Sie wissen ...« »Ja, Onkel Doktor. Ich beichte Ihnen gern – – Ich möchte jemand sehen, – ja. Der lange nicht bei mir war.« Die Prinzessin sprach stockend und leise, die schönen, fiebrig glänzenden Augen auf den alten Freund gerichtet. Dr. Krück hatte ein Glas Rotwein eingeschenkt und führte es an ihre Lippen. »Er ist so ein lieber Geselle, der Wildrich ... und wir verstehen uns gut. Ich möchte ihn nicht nur sehen, ich möchte lange mit ihm zusammen sein, – bis, bis – –« »Greift Sie das Sprechen nicht zu sehr an? Ich will gern jede Mission übernehmen ...« »Ach – das ist nicht so einfach, wie Sie meinen. Wir sind ja in dem ›Höfischen‹ so eingeengt ... nein, lachen Sie nicht, hier ist jedes Küchenmädchen ›fürstlich‹. Und für mich schickt sich beinahe nichts.« »So so, nun verstehe ich schon. Ich werde Ihnen also den ›lieben Gesellen‹ ärztlich verordnen.« »Ja, so ungefähr. Ich möchte ihn bei mir haben – – wenn – – Onkel Doktor – – ich weiß ja, wie krank ich bin ...« » Liebes Prinzeßchen – – – «, er drückte ergriffen ihre Hand. * Dr. Krück holte Elisabeth, und er ging rasch zum Fürsten, der ihn besorgt anblickte. »Doktorfreund, – ich bin ein Feigling. Ich konnte längst bei meinem kleinen Mädchen sein. Aber – – Herrgott, Sie sind jetzt die bessere Arznei für sie. Ich bin ganz fassungslos, – ich ahnte, ich wußte nicht, daß das Leiden so furchtbar rasche Fortschritte macht. – Wie geht es ihr jetzt? Ich horchte an ihrer Tür und hörte Sie väterlich mit ihr sprechen. Da habe ich mich wieder entfernt. – Doktor, es ist das Einzige, was ich auf der Welt habe.« Der Fürst sah mit einemmal alt und verfallen aus. »Wenn Sie meinen, Durchlaucht, daß ich eine bessere Arznei bin, als der Vater, so weiß ich das beste Heilmittel, – wenigstens den besten Trost für Ihr liebes Kind. Nur muß das rasch verabreicht werden, damit das Prinzeßchen noch eine Freude hat. Vielleicht treibt die Freude das Uhrwerk noch ein wenig weiter.« Dr. Krück erzählte kurz. »Wildrich Eulenried???« »Den Namen hat sie nicht genannt.« »Es ist Wildrich Eulenried! – Und es ist seltsam ... Doktorfreund! Man geht als Vater mit verbundenen Augen. Man sieht nur die Krankheit des armen Kindes und achtet nicht auf das junge Herz, das nicht ausgeschlossen sein will von jeglicher Freude ...« »Sie hat wenig gehabt, unsere junge Prinzessin. Und deshalb muß sofort ihr Wunsch erfüllt werden. Ist das möglich? Was kann ich tun?« »Eilen Sie zum Oberförster. Sie werden ihn aufklären, weshalb er sofort beurlaubt werden muß, Doktorfreund. Wie kann ich je Ihre Freundschaft lohnen, Ihre Aufopferung! Was sagen Ihre Patienten?« »Ich habe keine Schwerkranken. In der Erntezeit ist der Bauer gesund, oder er läßt sich wenigstens nicht anmerken, wenn der alte Adam streikt. Eulenried heißt der junge Förster? Verwandt mit der Burg?« »Ja. Er gehört zu den drei Brüdern, die ausgingen nicht das Glück, aber die Pflicht zu suchen.« 12. Wildrich saß im Sessel neben dem Lager der Kranken. Er war der Gräfin Wartberg gefolgt, die ihn anmeldete. Aber der Fürst, der lange bei seinem Kinde geweilt, nahm die Gräfin gleich wieder mit fort. »Wir müssen heute menschlich, nicht höfisch denken, liebe Wartberg.« Dann schloß sich die Tür hinter ihnen. »Sybille!« »Wildrich!« »Was sprechen zwei junge Menschen zusammen, die sich lieb haben und sich scheiden müssen? »Mein armes Lieb!« »Ich bin nicht arm, du bist bei mir. Aber du siehst nicht gut aus, Wildrich, bist du krank?« »Nur etwas verjagt und überanstrengt. – Aber du, meine Sybille?« Wildrich war erschüttert von dem Verfall des süßen Geschöpfes vor ihm. Und die Gewißheit, von der Dr. Krück gesprochen, raubte ihm alle Fassung. »Nicht doch, Wildrich. Denk, ich habe noch nie einen Mann weinen sehen. Im Schloß da darf man nicht weinen, wie in einer Hütte. Wie gern hätte ich's manchmal getan. Aber jetzt habe ich keine Ursache. Ich bin so glücklich, habe gar keine Schmerzen. Nur meine Gedanken quälen mich. Wildrich, ich habe nichts geschafft im Leben. Hatte so wenig Pflichten. Jede Magd habe ich beneidet. Und als ich es durchgesetzt hatte, – vor zwei Jahren, – oh, wie schwer hat man es mir gemacht, – da spürte ich, daß die Krankheit einsetzte, an der meine Mutter so rasch siechte – Wildrich – da nahm man mir die Arbeit wieder fort ... Es ist so hart, so beschämend – Drohne zu sein.« »Sybille, – sie segnen dich alle. Glaub es mir! Ich komme in soviele Hütten, spreche mit Waldarbeitern, – und überall höre ich deinen Namen. Du hast soviel Liebe gesät in dem einen Jahr. Nichts geht verloren im Weltall, glaub es mir.« Die Kranke lauschte. Ihre Augen sahen in Fernen. »Ich habe deine Stimme so lieb, Wildrich. Wie gut, daß man dich zu mir gelassen hat. Ich habe soviel Aufträge für dich. Ja, – du mußt eine Menge Päckchen forttragen zu meinen Schützlingen – – – ich grüße sie alle.« Ein Weilchen schlummerte sie. »Alles will ich tun, Sybille. Man nennt dich den ›guten Engel von Ilmenbach‹. Willst du mehr? Sybille, ein Kind, die kleine Pauline vom Häusler Balian, hat mir eine Puppe für dich gegeben. Das Kind ist krank wie du, – die sehr häßliche Puppe soll dich trösten. Ich blöder Geselle hab alles vergessen über meinem Haß gegen den Mergel ...« Sybille lächelte matt. »Bring mir die Puppe. Das gute Paulinchen! Wildrich, wir hassen zuviel. Du mußt auch dem Fürsten sagen, daß er die Anne nicht verkommen läßt, – Mergels Braut. Und wenn das Kind da ist, soll es in gute Pflege kommen. Hörst du, Wildrich? Du bist kein Pharisäer. Die Anne hat ja nur geliebt. Ich habe drüber nachgedacht, daß ihr viel vergeben werden muß. – Wildrich, ich bin sehr müde ...« »Sybille! Geh nicht von mir! Ich habe dich so lieb. Bleib bei mir!« Er bettete ihren Kopf an seine Brust. Mit leidgeschärften Sinnen sah er, wie die Schatten sich senkten. – Nach einer Stunde kam Elisabeth Eulenried herein. Sie hatte treulich vor der Tür des Krankenzimmers geharrt. Hie und da war ein dienstbarer Geist zu ihr geschlichen und hatte weinend gefragt, wie es stünde. Und dem Fürsten hatte sie Bericht erstattet. Er saß gebückt in seinem Schreibstuhl, die gefalteten Hände auf der Tischplatte ausgestreckt. Elisabeth hatte Sybille aus Wildrichs Arm gehoben und wieder in die Kissen gebettet. Wie ein schlafendes Kind sah das Prinzeßchen aus. Wildrich sprang auf und straffte sich. Fahl war sein Gesicht und erstarrt in Leid. Er warf keinen Blick zurück, ging mit leeren Augen durch das Zimmer in die große Halle und durch das Spalier der Dienerschaft. Eine junge Magd weinte jäh auf. An der Gräfin Wartberg ging er vorüber, sie sah ihm entsetzt nach und ging schwankenden Schrittes in das Totenzimmer. Ein alter, im fürstlichen Hause ergrauter Diener klopfte an das Zimmer seines Herrn, den er herausbat. Alle grüßten den Fürsten schweigend. Er war immer der Vater seiner Leute gewesen, und so waren sie heute eine Familie. Vor dem Portal des Schlosses hielt ein Wagen. Der Arzt war zu einer Frau gerufen worden, die in Kindesnöten lag. Jetzt wollte er Wildrich anreden, sah aber, daß dieser aus den Fugen war. Er eilte ins Schloß. – Wildrich ging in seinen Wald. Die Tannen dufteten betäubend stark. Ein Käutzchen klagte. Wildrich empfand alles wie einen ungeheuren Schmerz. Er nahm die Richtung nach der Waldhütte des Jeremias Aldermann. Dann fiel ihm ein, daß dieser ja nicht mehr droben hauste, sondern vom Pastor in das freundliche Altenteilerhaus geholt war, wo er ruhig dahinlebte und einstweilen nicht von schwarzen Vögeln heimgesucht wurde. Wildrichs treuer »Hallunk« kam von der Oberförsterei angejagt, um mit Freudengeheul an ihm emporzuspringen. »Sei brav, Hallunk. Komm her! Siehst du nicht, daß unser Wald trauert? Hallunk, unsere Herrin ist gestorben – –« Der Hund winselte leise. »Komm, Hallunk! Du bist ja der einzige von allen Menschen, der wußte, wie es um mich stand, gelle, Hallunk? Und nun haben wir an nichts mehr zu denken, als daß wir den Mergel jagen. Und zur Strecke bringen. Hörst?« Der Hund heulte auf. Wildrich wußte, daß er verstanden wurde. »Ich habe keinen Urlaub jetzt, Hallunk deshalb müssen wir zur Oberförsterei zurück. Urlaub hatte ich nur, um mein Lieb sterben zu sehen ... Wir wollen immer unsere Pflicht tun gelle, Hallunk?« – – – »Mensch, Jagdgehilfe«, rief der Oberförster, »Sie steigen im Wald umher und melden sich nicht vom Urlaub zurück? Wie geht es der Kranken? Warum sind Sie nicht dortgeblieben? Ich hatte es dem Fürsten versprochen ...« Plötzlich packte er Wildrichs Arm. »Eulenried wie sehen Sie aus? Herrgott, ich bin ja kein Unmensch. Setzen Sie sich!« »Nein, ich kann wohl noch stehen. Wollte mich gehorsamst zurückmelden vom Totenbett der Prinzessin Sybille. Komm, Hallunk, wir wollen den Mergel jagen –« »Hiergeblieben!« donnerte der Oberförster. »Meinen Sie, ich lasse Sie mit hohem Fieber auf den Pürschgang? Der Mergel ist in ein anderes Revier geflüchtet.« »So will ich ihn suchen gehen. – Ich bitte Sie, Herr Oberförster! Helfen Sie mir! Auf diesem Pirschgang werde ich viel lernen, weil ich viel verarbeiten muß. Die verlassene Jagdhütte vom alten Jeremias Aldermann ist die beste Schulstube für einen Förster. Ich möchte sehen, wie sich Rehe und Füchse ›Gutenacht‹ sagen.« »Soviel Not hat mir noch kein Gehilfe gemacht, wie Sie, Eulenried. Und sehen aus so hohlen Augen heraus, als hätten Sie nichts mehr zu verlieren. Das ist aber Unsinn. Im übrigen haben Sie mir in den letzten Wochen so viel Freude gemacht, daß ich nicht anstehe, Ihnen zu sagen, daß Sie doch noch einmal ein tüchtiger Jäger werden können. Aber in dem heutigen Zustande nicht! Und der wird wohl etwas andauern. Es ist alles übersteigert bei Ihnen, Eulenried. Sie sind Schwärmer. Für die heutige Zeit taugt das nichts. Wir trauern alle um unsere Prinzessin, weil Engel nicht alle Tage geboren werden.« »Ich traure nicht um die Prinzessin, – ich traure um meine Braut.« »Das ist etwas anderes, Eulenried. Ich hatte keine Ahnung. – – Wohl, – ich gebe Ihnen drei Tage Urlaub. Ich sehe Sie vor Dienstantritt bei der Beisetzung der Toten.« »Ich bleibe im Walde, bis sie vorüber ist. Der Fürst wird mich verstehen ... Weidmannsheil!« Den Weidmannsdank vernahm er nicht mehr. Wildrich war fortgestürmt, und der Oberförster sah ihm kopfschüttelnd nach. – Die Jagdhütte des Jeremias Aldermann lag friedlich da. Aber Wildrich wunderte sich, daß ein schwacher Rauchfaden durch den kleinen Schornstein zog und stieg rascher dem Gipfel zu. Der Vorplatz war sauber aufgeräumt und gefegt. Auf einem kleinen Schemel im Schutze einer Tanne kauerte Jeremias Aldermann. Und eben tat sich die Tür der Hütte auf, und vorsichtig umherlugend trat ein junges Weib auf die Schwelle. Heftig erschrocken blieb sie stehen. Die Tasse in ihrer Hand klirrte, sie hatte wohl dem Greise Atzung bringen wollen. »Was tust du hier, Anne?« herrschte Wildrich sie zornig an. »Will er dir was?« krächzte der Forstwart. »Gib es ihm tüchtig! Man soll uns in Ruhe lassen. Ich will in meinem Walde sterben, nicht bei den Leuten im Dorf.« Er trank gierig die warme Brühe, die ihm das Mädchen mit der Tasse zum Munde führte. »Der Alte war uns ausgerückt«, sagte Anne trotzig, »und ich bekam Weisung, zu ihm zu kommen und ihn zu pflegen.« »Wo ist Mergel???« Wildrich hatte ihr Handgelenk umklammert. »Was weiß ich? Hab ihn seit Wochen nicht gesehen.« »Du lügst. Der Mergel hat dir die Nachricht vom Alten gebracht.« »Sie lügt«, krächzte der Greis. »Wir lügen alle. Es ist Jägerlatein. Und die, so es nicht kennen, lügen desgleichen. Lustig ist es. Der Mergel – –« Anne preßte ihre Hand auf seinen Mund. Wildrich kam ihm zuhilfe, und der Alte lachte blöde: »Der Mergel ist ein braver Mann. Hat meinen Sohn beerdigt. Den Ringfasan. Dort ist sein Grab. Steine sind drauf gegen die Füchse. Und Tannen. Mein Sohn starb im Wald. Der Ringfasan. Seine Brut ist verludert. Ich will hier oben hundert Jahre alt werden. Im Dorfe sterben sie früh.« »Ja!« sagte Wildrich laut. »Heute ist die Prinzessin gestorben.« Gellend schrie Anne auf. »Sie lügen! Ja, jetzt lügen Sie. Man hat mich nicht zu ihr gelassen, – ich mußte sie sprechen. Herrgott, ich wollte sie um etwas bitten, – bitten – ich will sie sehen, will sie sehen ...« Kopflos stürzte Anne davon. »Warum tut sie so laut?« fragte der Greis ruhig. »Immer wenn Leute in den Wald kommen, dann wird er laut. Und sie lassen Lärm zurück, wo Stille war.« Er ließ sich vom Schemel hinuntergleiten. Wildrich half ihm, sich auf den warmen Waldboden zu legen. Ging in die Hütte, die sauber aufgeräumt war, holte ein Kissen, dessen blauweißer Überzug reingewaschen war und schob es unter den Kopf des Alten. Der schlief gleich ein. Wildrich setzte sich zur Wache neben ihn. Das Gewehr schußbereit und auch den Revolver in Reichweite. Nach einer Weile empfand er brennenden Fieberdurst. Er sah Heidelbeeren in der Nähe, streifte sie ab, sie kühlten gut seinen Gaumen und den heißen Mund. Nicht weit hatte er zum Waldquell, der aus dem Felsen sprang. Mit der hohlen Hand fing er das eiskalte Wasser auf und goß es sich über den Kopf. Badete sein Gesicht darin. Dann setzte er sich wieder auf den alten Platz und sah Aldermanns Augen. Seine Sinne schienen wach zu werden. »Da bist du ja, Forstgehilfe. Hast dich lang nicht sehen lassen.« »Wo ist Mergel?« fragte Wildrich. »Immer hast du es doch mit dem Mergel. Der ist Wildprethändler geworden.« »Schuft!« knirschte Eulenried. »Sieh, es steht überall Wild, das niemand abschießt. Meine Augen sind trübe, weißt du. Und dann bin ich altmodisch, sagt Mergel« – Weil doch das Wild dem Fürsten gehört, – das scheniert mich, weißt du, bin doch sechzig Jahr in seinen Diensten. Aber den Mergel scheniert es nicht, nein, den nicht.« »Schuft!!!« Die Fieberhitze war gewichen, aber die Schamröte stieg Wildrich ins Gesicht. Er hätte wohl den Rehbock finden und abschießen müssen, aber er hatte nur an den menschlichen Feind gedacht. – Hatte um der einen Pflicht die andere versäumt. Träumer! Pfui Teufel! »Wann kommt Mergel wieder?« Der Alte lachte. »Das weiß wohl nicht mal der da oben.« »Doch, der weiß es.« »Mergel sagte, – was sagte er doch? – Wenn jemand fragt oder mich sucht, dann weißt du nichts. Vor dem dritten Tag bin ich nicht da. Heute morgen ging er fort.« »Also ist er hier, vielleicht ganz in der Nähe«, dachte Wildrich. Anne kam wieder heraufgestiegen. Trotz des anstrengenden Weges war sie blaß, und wie es schien, fror sie in der Julisonne. »Ja, sie ist tot!« sagte sie tonlos. »Die Fahne hängt halbmast, und die Leute binden Kränze. Man hat mich nicht an den Sarg gelassen, – – – und ich wollte sie doch bitten, – bitten – – – sie ist tot!« Sie rang die Hände in bitterer Verzweiflung. »Wer ist tot?« schrie der Alte. »Mein Weib ist tot, meine Tochter ist tot. Alles verschandelt, alles verschandelt – – – « »Die schwarzen Vögel«, sagte Anne und wollte in die Hütte gehen. »Bleib!« rief Wildrich. »Ich muß noch ins Revier. Aber ich komme wieder. Ich bleibe in der Nähe. Du wirst mich nicht verraten. Warst ja einmal anständig, ehe du den Mergel kennenlerntest.« »Ich bin es noch!« »Die Tote hatte dich lieb, Anne, ich weiß es. Und sie hat für dich gesorgt über ihr Leiden und ihren Tod hinaus. Es wird für dich gesorgt.« »Für mich? Was liegt an mir? Für das Kind sollte sie sorgen, – daß es ein ehrlicher Mensch wird ...« »Ja, das wird der Fürst tun, dieser Vater aller Witwen und Waisen in Ilmenbach.« Und Wildrich schoß es durch den Kopf, daß er ja dieses junge Geschöpf zur Witwe, das ungeborene Kind zur Waise machen wollte. »Warum hast du den alten Jeremias am Reden gehindert? Du hieltest ihm den Mund zu, daß er beinahe erstickte. »Wir haben beide Angst vor Mergel. Er droht dem Alten, und mich schlägt er. Ein paarmal hätte ich ihn schon verschergen können. Meinst, ich könnt's vertragen, daß er ein Aasjäger ist? Meine Leute vordem waren Forstwarte.« Sie schlug sich die Hände vor das Gesicht. »Aber das Petzen war mir so gemein. Und ich hatte ihn gern, und er wollt mich heiraten und besser werden. Es sind schon mehr Wilddiebe brave Förster geworden. Aber nun weiß ich, daß er mir untreu ist. Die schwarze Bertha läuft ihm nach, und er kriegt Weisung von ihrem Bruder, wo in den fremden Revieren das Wild wechselt. Jetzt sind sie auf den Rotbock aus, der jeden Abend auf der Buchenwiese heraustritt ...« Der Haß der verratenen Liebsten stand in ihren Augen, in dem blassen Gesicht. – »Das weiß ich alles, was du mir da sagst.« »Nein, Sie wissen gar nichts. Und vor Sonnabend kommt er nicht zurück, hat zu tun ...« »Bring jetzt den Alten zu Bett, Anne ... Wenn's auch nur wenig geregnet hat vorhin, er könnte sich erkälten auf dem feuchten Boden.« Anne tat, wie ihr befohlen, sah aber dem Jäger mit seltsamen Blicken nach, wie er rasch und vorsichtig einen schmalen Pirschsteig verfolgte. Über Wildrich kam wieder das Fieber. Die Abendnebel waren heute ausgeblieben. Als Wildrich die Kanzel erreichte, hatte er freie Sicht auf die Wiese. Drei Rehe waren schon herausgetreten. Wildrich wartete geduldig. Und da kam der Bock langsam äsend aus der Dickung heraus. Im Licht des aufgehenden Vollmondes sah der Jäger das starke Wild ganz deutlich. Als er die Entfernung auf hundert Schritt schätzte, hob er langsam die Büchse hoch, ging mit dem Korn mitten ins Blatt und schaute scharf durch die Kimme. Dann krümmte er den Finger, und der Schuß hallte über die Wiese. Wildrich sah, daß das Wild »gut zeichnete«, als es nach dem Blattschuß in hoher Flucht davonraste. Wildrichs Hand hatte nicht gezittert, trotz allem, was auf ihn eingestürmt war. Er hatte den roten Bock weidgerecht erlegt, und der Oberförster würde endlich zufrieden sein. Nun hieß es, sich vorsichtig in die Oberförsterei zu schleichen, damit ihn niemand in der Nähe des Schlosses gewahren konnte. Er wollte sich einen Jägerburschen sichern, der mit ihm den Bock suchte. In der Zeit, bis er den Weg gemacht und den Helfer gefunden, würde das Wild verendet sein. Es war alles in kurzer Zeit geschehen. Die Freude über seinen schönen Bock hatte sein Herz leichter gemacht und seine Schritte beflügelt. Er fand auch gleich einen stämmigen Jägerburschen, der mit ihm zurückstieg auf die Höhe. Unter einer jungen Fichte lag der verendete Bock. Wildrich nahm den Hut ab. Feierlich war ihm zu Sinn. Sein erster starker Bock. Holte sich von der Fichte den Bruch und zog ihn durch den frischen Schweiß des Wildes, steckte ihn dann an den Hut. »Das sieht lustig aus«, meinte der Jägerbursch. »Sie können stolz sein. Aber es paßt gar nicht zu unserer großen Traurigkeit. Die Prinzessin war arg gut ...« »Weinst du um sie, Bursche?« »Sie hat meine Mutter unterstützt, sie hat auch alles für mich getan seit Jahren. Die kannte ja nichts anderes, als abgeben, – abgeben. Die Leute sagen: Was wird aus uns ohne den guten Engel von Ilmenbach?« »Du hast ihr einen schönen Nachruf geschenkt, Bursche, dafür bringst du diesen Taler deiner Mutter. Sag ihr, er käme im Namen des guten Engels von Ilmenbach. Dann glaub mir, Junge, die Prinzessin würde sich ebenso über den Bock gefreut haben wie ich.« Das fand zwar der Bursche etwas anmaßend gedacht, aber er nahm freudig das große Geldstück. Beide trugen nun das schwere Wild an Vorder- und Hinterläufen bis an den Waldrand, und hier brach Wildrich den Bock auf. Er tat es nach altem Brauch in seinem Jägerkleid, denn er kannte den schönen Spruch: »Der Jäger bleibt im Schmuck gekleidet, Wenn er des Waldes Wild entkleidet.« »Eine vornehme Arbeit wird nicht in Hemdärmeln getan.« Das waren Sprüche, die ihn ein echter Jäger gelehrt. Der Bursche horchte mit großen Augen. »Sie müßten Forstlehrer werden«, sagte er bewundernd. »Ich habe heute viel bei Ihnen gelernt. Der Herr Oberförster weiß auch 'ne Menge, aber er gibt nichts ab. Er schimpft zuviel.« Das Wild war entkleidet. Wildrich nahm noch ein vom Regen durchtränktes Moospolster und wischte das Innere des Bockes damit sauber. – Es war nun spät geworden. Der Bursche half den Bock in den großen Jägerrucksack zu verstauen. Der Kopf schaute oben heraus. Wildrich würde das prächtige Gehörn zu Hause absägen. Es sollte später ein Schmuck seines Zimmers werden. »Wir müssen eilen«, sagte Wildrich. »Du wirst den Rucksack dem Oberförster überbringen mit Weidmannsheil von seinem Jagdgehilfen. Ich hole mir aus meiner Stube einen zweiten. Ich will auch Herrn Ehrlich nicht stören, aber seine Frau will ich um etwas Dringliches bitten. Halte dich bereit, Konrad, nachher mit mir noch einmal zu Aldermanns Jagdhütte hinaufzusteigen. Du sollst mir Decken tragen.« Die Oberförsterin sah schier entsetzt auf Wildrichs Hände, die vom Wildschweiß gerötet waren. »Ich bitte Sie um eine Schüssel mit heißem Wasser, Frau Ehrlich«, sagte Wildrich leise. »Ich will mich waschen, aber es soll niemand wissen, daß ich hier bin. Ich habe meinen ersten Bock erlegt.« »Das ist doch gar nicht möglich«, sagte die gute Frau sehr befremdet. »War das der Schuß, der in den Feierabend rollte? Mein Mann war beim Fürsten. Im Schloß konnte sich niemand denken, wer von den fürstlichen Jägern auf Jagd ginge, wenn gerade die Fahne halbmast aufgezogen ist. Und nun waren Sie der Schütze? Da hab' ich mich recht in Ihnen getäuscht ... Wir alle. Sie hatten doch vorher wahrlich genug Zeit ...« »Sprechen Sie nicht weiter, Frau Ehrlich. Die Prinzessin wollte mich zur Jagd auf den roten Bock begleiten – – hat es sich immer gewünscht. Den Schuß hab' ich ihr zu Ehren abgegeben. Und nun hab' ich noch eine Bitte. Ich muß droben beim Aldermann bleiben, solange ich Urlaub habe. Kann die Anne, die ich oben traf, und die sich vor dem Mergel fürchtet, ein paar Nächte bei Ihnen bleiben? Das Mädchen ist nicht schlecht, nur verführt, und wie von Sinnen, daß Prinzessin Sybille gestorben ist, ehe sie für Annes Kind sorgen konnte – – –« »Was für Sachen, was für häßliche Sachen«, jammert Frau Ehrlich. »Ich bin eine altmodische Frau und muß nun so etwas mit einem jungen Mann besprechen ...« »Ob alte Frau, ob junger Mann, wir sind doch Menschen. Und Sie, gute Frau Oberförster, bekannt als Mutter der Bedrängten.« »Ja, und nun bedrängen Sie mich auch. Aber – schicken Sie nur die Anne. Allein da droben bei dem Irren – – wie ist der nur dem Pfarrer entwischt? – – Das kann ich nicht verantworten. Gehen Sie nur, Herr von Eulenried, – gehen Sie, man zu, machen Sie hin – – es ist schon dämmrig.« »Den Konrad nehme ich mit, Frau Ehrlich, er soll die Anne gleich herunterbringen, damit sie nicht fällt, wissen Sie, der Weg ist steinig, sie könnt' sich Schaden tun.« »Was für Sachen, was für Sachen«, brummelte die Frau, – – so was muß ich mit jungen Leuten besprechen ...« Aber dann hatten die »jungen Leute« schon den Bergsteig eingeschlagen, nachdem sie Rucksack und Decken aufgeladen. Nach einer kleinen Weile riß Wildrich plötzlich die Tür wieder auf. »Frau Ehrlich, haben Sie Hallunk nicht gesehen? Er geht mir ab. Hatte geglaubt, er würde mir hier entgegenspringen, denn ich hatte ihm geboten heimzugehen.« »Ich hab' ihn niemalen gesehen. Es ist heikel, wenn man seinen Hund Hallunk ruft. Es könnt ein anderer auf sich beziehen. – Soviel Halunken gibt's.« Wildrich stürmte davon. Anne kam ihnen schon entgegen. Sie war sehr verstört. »Ich habe so Angst!« stammelte sie hilflos. »Der alte Jeremias ist in den Wald gegangen. Er hätte Töne gehört, wie wenn ein Kind weint. Wie soll ein Kind hierher kommen?« »Ich werde ihn suchen gehen, komm, Anne! Hol dir rasch Nachtzeug und sonst nötigen Kram für zwei Tage. Der Konrad bringt dich zur Oberförsterin. Red nicht dagegen. Ich muß hier oben bleiben. Rasch, rasch! Es wird spät. Noch eine Frage: Hast du Hallunk gesehen? Er ist nicht im Tal, wohin ich ihn schickte.« Sie lief ins Haus, kam schnell wieder, mit einem Korb, der an ihrem Arm hing. Konrad nahm ihn ihr ab. Im Fortschreiten sagte sie: »Hallunk? Nein. Es kann nicht Hallunk gewesen sein.« »Was meinst du, Anne?« Wildrich rief es ihr nach, sie war schon ein Stück weitergelaufen. Kaum verständlich hallte es zurück: ›Das Weinen hebt an im Walde ...‹ Wildrich lief in den Wald hinter dem Felsen. Er hatte den Jeremias Aldermann krächzen hören. Der Alte kam ihm schon entgegen. Mühsam humpelte er, auf seinen Stock gestützt, er taumelte hin und her. »Alles verschandelt, alles verschandelt. Jagdgehilfe, du hast unrecht. Wirst sehen, der da oben lebt nicht mehr. Die Totenglocke läutet oftmals. Wer kann's sein? Wer hat's getan?« »Komm, Jeremias, du mußt ins Bett. Den Tod kannst du dir holen in der Nässe und dem Nebel.« »Den Tod? Der ist schon da. Dort liegt er im Dickicht. Alles verschandelt. Und nicht weidgerecht. Der Mergel ist Wildprethändler. Aber ein braver Mann, – er hilft suchen ...« Wildrich trug den Alten mehr, als er ihn führte, legte ihn ins Bett, wickelte ihn warm ein. »Ich bleibe die Nacht bei dir«, sagte Wildrich – aber der Alte war schon eingeschlafen. Da hing Wildrich den Rucksack wieder um, den er schon abgelegt und sah sein Gewehr nach. Dann stieg er wieder hinter die Felsen, suchte das Gebüsch und bog die Zweige auseinander. – Er schrie auf in Zorn und Schmerz. Wahrlich, nicht weidgerecht war sein schöner Hund erschossen worden. Mit einer Schlinge erdrosselt lag Hallunk zu seinen Füßen. – Wildrich hob ihn auf seine Arme. Noch nicht lange konnte der Tod eingetreten sein. »Guter Hallunk! Braver Hallunk!« Die Worte, die Prinzessin Sybille damals in der Jagdhütte gesagt hatte, wobei sie den Kopf des Hundes streichelte, die wiederholte er jetzt unablässig. Guter Hallunk, braver Hallunk! Mit schweren Schritten trug er den toten Freund durch den Wald, an den Felsen und der Hütte vorbei und legte ihn auf den Waldboden auf denselben Fleck, da er den Ringfasan eingegraben hatte. Dann holte er sich Hacke und Spaten und grub wieder ein tiefes Grab, in das er den toten Kumpan legte. Saß dann wohl eine Stunde lang auf derselben Stelle. Dachte nicht an Sybille, Vater, Mutter oder die Brüder, dachte nur an den Tod des Mergel. – Die Nacht war schwer und schwül. Das Graben der Grube, aus der viel Steine gefördert werden mußten, hatte Wildrich ermüdet. Er schlief gleich ein, als er die Glieder streckte. In der Nacht wütete ein Gewitter, wie man es eben nur in den Bergen erleben kann. Dazu ein Sturm, der die Bäume und gerade die hochragenden knickte und die schwanken zur Erde bog. Ein Krachen und Bersten füllte den Wald und die Luft. Wildrich schlief, aber der Greis auf dem Lager wachte, fieberte und schrie zu Gott. »Du lebst nicht mehr, aber du könntest es Engeln gesagt haben, daß sie Sühne auf die Erde bringen. Recht soll Recht sein, Unrecht – Unrecht. Es hebt ein Sterben an von Mensch und Tier. Aber was tat die zarte Prinzessin Böses? Ich trug sie auf meinen Armen, und sie streichelte mein zernarbtes Gesicht mit den weichen Händlein. Was tat der Fürst? Er beschützte die Armen, die Kranken, die Notleidenden. Er gab uns von seinem Gelde und lebte einfach dahin. Warum mußte das Sybillchen sterben? Wie mein Weib, meine Tochter, die verschandelt wurden. Mergel wird ihn finden, den ...« Er krächzte, er rang mit den schwarzen Vögeln. – Wildrich spürte einen Biß in seinem Arm. »Was tust du, Jeremias? Was fehlt dir? Herrgott!« – Er machte sich frei ... Da schlief der Greis schon wieder, aber seine Stirn war mit eiskaltem Schweiß bedeckt. Wildrich deckte ihn wieder zu, führte ihm ein Glas kühlen Wassers an den trocknen Mund, in das er etwas Kranewitter gegossen. Das Wasser floß aber wieder fort, und Wildrich mußte es mit einem Tuch fortwischen. – Draußen klangen Schritte, derbe, nägelbeschlagene Schuhe. Es war sechs Uhr früh. »Mergel!« dachte Wildrich und griff nach dem Gewehr, das in der Ecke stand. Aber er ließ es stehen und nahm den Revolver vom Holzstuhl, der an seinem Bette stand. Er lugte durch einen Spalt der Tür, an die jemand geklopft hatte. Draußen stand Hermann, der langjährige Diener, Haushofmeister, Gärtner und Kutscher seines Vaters. Was war er nicht, der brave Hermann? Den er für seinen Todfeind gehalten hatte. – Dieser Mergel war wie eine Krankheit in seinem Körper und seinem Gemüt. Er öffnete den Riegel des Ladens und dann die Tür. »Es ist doch nichts geschehen, daß du so früh kommst, Hermann?« »Scheenen guten Morjen«, lautete die fröhliche Antwort. »Geschehen is nichts, als daß Frau Baronin Mutter Angsttraum hatte. Das haben die vornehmen Damens öfters. Und ich sollt einen Brief an den jungen Herrn Baron bringen, derzeit zum Spaß Jagdgehilfe beim Oberförster Ehrlich.« »Das ist kein Spaß, guter Hermann, sondern bitterer Ernst. Gib her!« Während er den Brief öffnete, fragte er: »Also alles munter? Vater, Mutter und Tante Hermine wohlauf?« Wildrich kannte die langatmige Art des Berichtens dieses alten, treuen Dieners und wollte deshalb gleich Vorspann geben. »Alles wohlauf. Nur der alte Herr krank, die Frau Mutter hat Herzbeschwerden und viel Schmerzen, das gnädige Fräulein ihre schwere Migräne, wie öfters. Zu dienen, alles wohl!« Wildrich las: Wir hörten solange nichts von Dir. Aber Du sollst Dich deshalb nicht um uns sorgen. Der Tod unserer Prinzessin geht uns allen nahe. Der Fürst soll sehr gealtert sein. Vater ist krank. Das unsichere Herz, der Jähzorn und der schwere Rotwein. Drei schlechte Weggesellen. Gott schütze Dich, lieber Junge und Deine Brüder! Ich selbst – habe freilich viele Schmerzen, aber ich vergesse sie oft. Hab andere Sorgen, aber auch Freuden am jungen Paar, den Dankwarts. – Der biedere Vater Kreihorst ist des Lobes voll, wie Dankwart die Ernte angepackt hat, wie umsichtig er ist. Seit der ungetreue Administrator das Gut verließ, arbeiten alle Insten rascher und besser, und die scharfen Augen »unseres Schwiegervaters«, wie Tante Hermine sagt, – ich fürchte, um ihren Bruder, Deinen lieben Vater, zu ärgern – – diese Augen sehen alles, und noch etwas mehr: Gutes und Schlechtes. Der Himmel hat auch die Ernte gesegnet, was seit Jahren nicht der Fall war. Alles geht, wie bestellt. Und Deine liebe Schwägerin Elisabeth ist eine vorbildliche Landwirtsfrau. Mein Schmerz ist, daß Dein lieber Vater sie nicht anerkennt. Aber sie hat eine feine Art, es zu ignorieren. Mir ist sie recht eine Tochter. Und gesund! Ach das gute, reine Bauernblut, Wildrich, – es geht doch nichts darüber. Gelle? Wir sind da einer Meinung. Und doch geht die Elisabeth daher, als hätte sie immer ein Krönchen getragen, noch bevor ihr Dankwart das siebenzinkige aufsetzte. Trägt sie erst die Krone der Mutterschaft – – Gott mög's mich erleben lassen! Nun hab' ich mir etwas meine Angst von der Seele geschrieben ... Jawohl Angst um Dich. Es mag wohl das Gewitter sein. Und Du wirst dem Hermann Bericht mitgeben, daß Du wohlauf bist. Hermine geht zur Beisetzung unseres teueren Engels von Ilmenbach. Dort wird sie Dich sehen. Aber ich will nicht so lange warten. Morgen kommt sie in die düstere Fürstengruft, dies holde Kind des Waldes. Ich möchte sie wo anders wissen. Aber sie wird überall gut schlafen. – Dieser Liebling Gottes und aller Menschen. Gib mir bald durch Hermann Nachricht. Deine Mutter in Tränen. Nachschrift: Ich, der Backfisch von sechzig Jahren, Hermine, tätige sie, wie nochmal ein Pensionsmädchen. Wir sind hier eine unnützige, langweilige Gesellschaft und würden besser in die modrige Fürstengruft passen als das Sonnenseelchen Sybillchen. – Ihr drei Staatsbuben fehlt uns. Aber seit Du mich geküßt hast, Du unbotmäßiger Neffe, mag ich Dich gar nicht mehr sehen aus Angst vor dem Rotwerden. Deine Mutter aber sehnt sich halbtot nach Dir und sieht scheint's Gespenster. Das tue ich nicht, bin mehr für Fleisch und Bein. Deine bodenständige Tante Hermine. Wildrich strich liebkosend über den Mutterbrief und dachte eine Weile versonnen nach. »Mein guter Hermann, Feder und Papier habe ich nicht zur Hand. Bring du meinen Lieben gute Nachricht. Ich bin gesund, wenn auch etwas aus den Fugen. Aber die Mutter soll sich nicht sorgen. In ein paar Tagen, wenn wieder Ruhe in Schloß und Hütte eingetreten ist, kann ich vielleicht die Burg aufsuchen. Jetzt liegt meine Pflicht hier. Der alte Jeremias ist mir krank geworden. Er ist fertig mit seinen Kräften. Möchte ihn nicht so allein sterben lassen ...« Wildrich zeigte auf die Hütte, und der alte Diener lief behende hinein und kam nach kurzer Zeit wieder. »Der ist sozusagen allein gestorben«, meinte er ruhig. »So ein Waldschrat macht das am liebsten allein ab. Werde es in Ilmenbach melden, und wenn der Herr Baron mich braucht, komme ich wieder rauf. So eigentlich Diener bin ich nicht mehr, wir bedienen uns alle selbst. Und die Tante Hermine, Verzeihung, das gnädige Fräulein, hat neulich sogar mich bedient, als ich den Hexenschuß hatte. – Und wenn sie so aus meinem Zimmer ging, dachte ich, wie sehr ich doch volksverbunden bin.« Ein klein wenig nur lächelte Wildrich. »Mein guter Hermann, bring meine Grüße nach der Burg. Gelle? Sag der Mutter, – rechtschaffen Heimweh hätte ich, – ja – – sag es recht eindringlich – – –« Er drückte dem treuen Boten kräftig die Hand. Es sah aus, als wollte er ihn dringlich forthaben, und Hermann hastete davon, schüttelte aber besorgt den alten Kopf. – Wildrich ging in die Hütte, stand lange vor dem Häuflein kümmerlicher Menschlichkeit, das ihn beinahe wie erstaunt aus den toten, halboffenen Augen ansah, als ob es sich wundere, daß der Sensenmann auch den Waldwart zur Erntezeit gefunden habe. – Wildrich deckte ein weißes Tuch über den Toten, räumte die Kammer gut auf und bestreute den Boden mit weißen Sand, den er in einem Holzkübel fand. Legte auch kurze Tannenzweiglein drauf, die er mit seinem Jagdmesser von dem Baum herabholte, unter dem der Freund und Heger des Waldes in gesunden Zeiten immer gesessen und sein Pfeifchen geraucht hatte. – Friedlich sah das Stübchen aus. Und er wußte, der alte Diener würde nicht versäumt haben, die Totenfrau zu bestellen, die dann alles Nötige veranlaßte. – Im Tal läuteten die Glocken. Sie galten wohl noch der Prinzessin, aber es konnte sein, daß sich schon Hall und Schall für den treuen Diener seines Fürsten, den Waldphilosophen Jeremias Aldermann, hineinmischte. Den Berg hinauf kam Anne. Der Weg fiel ihr schwer, sie blieb oft stehen, unglücklich und gehetzt sah sie aus. »Die Leute sind garschtig mit mir«, begann sie, ohne die Tageszeit zu bieten. »Keiner gönnt mir ein Wort, überall jagen sie mich fort ...« »Guten Morgen, Anne«, entgegnete Wildrich ruhig. »Jeder Mensch sucht zuerst die Schuld beim andern. Aber da tust du groß Unrecht. Du hast dem Erzhalunken Mergel zur Flucht verholfen, jetzt jagt man dich, weil niemand vor ihm sicher ist. Meinen Hund hat er mir erdrosselt ... gestern hab' ich das treue Tier eingescharrt. – Bist dem Diener Hermann begegnet? Er sollte mir die Totenfrau schicken.« »Für den Hund oder für den Mergel?« fragte sie wild. Sie schien wie von Sinnen. »Für den Jeremias Aldermann. Es stirbt alles, was mir lieb ist ringsum.« »Versündigen Sie sich nicht! Ihnen leben Vater, Mutter, Brüder. Mich haben die Meinen über die Schwelle gestoßen. ›Geh hin, Dirn‹ hat der Vater gesagt, und die Mutter hat keinen Finger gerührt ... sind das auch Eltern? Und wenn der Jeremias tot ist, dann wird seine Hütte beschlagnahmt. Ich hab dann kein Obdach mehr und muß ins Wasser gehen –« »Dazu hast du kein Recht mehr. Dein Leben gehört deinem Kinde. Aber meine Braut hat für dich gesprochen, wir werden alle für dich sorgen, – sagte dir's schon.« »Ihre Braut???« »Ja, das war die Prinzessin.« Anne wankte in die Hütte. Es wurde ein Tag voll Unrast. Wildrich empfing gebetene und ungebetene Gäste. Die Totenfrau waltete ihres Amtes und berichtete wortreich, daß Jeremias Aldermann seinen Sarg bereits seit Jahren in dem Bodenverschlag der Hütte verwahre, und es sei nur natürlich, daß aus solch unheimlichem Verschlag die schwarzen Vögel über ihn gekommen wären, von denen er immer gefaselt habe. Der Sarg wurde gefunden, ein Sterbehemd lag darin, etwas vergilbt, aber sonst ohne Fehler. »In der Ewigkeit werden wir alle zu weißgewaschenen Jungfrauen«, orakelte sie. Und die Umstehenden nickten beistimmend, obgleich sich niemand von ihnen weder den alten Waldschrat noch die Totenfrau als weißwaschene Jungfrawe denken könnt. Endlich schwankte der leichte Tannensarg auf den Schultern von sechs Männern, die ausgelost waren, den Berg hinunter auf den Friedhof des Dörfleins, wo er in das Beinhaus kommen sollte, bis die dreitägige Frist vorbei sei. Aber der Fürst empfing den Sarg an der Wegscheide zwischen Dorf und Schloß, und der schlichte Tannenschrein wurde in die Schloßkapelle gestellt, dicht neben den prunkvollen Sarg der jungen Prinzessin. Und der gütige Schloßherr sprach laut eine Predigt, der selbst der ordinierte Pastor von Ilmenbach gespannt zuhörte. Es war aber nur ein Spruch, denn die Stimme versagte dem Fürsten: »Ei du frommer und getreuer Knecht, du bist über wenigem getreu gewesen, ich will dich über vieles setzen. Gehe ein zu deines Herren Frieden.« 13. Am dritten Tage redeten die Glocken der Thüringer Dorfkirchen eine ernste, hallende Sprache über die Vergänglichkeit alles Irdischen bis hinauf in die einsame Jagdhütte. Wildrich nahm den Jägerhut ab. Drunten im Tal stellte man jetzt den schweren, prunkvollen Schrein der Prinzessin in die dunkle Gruft ihrer Ahnen, und er selbst durfte sich hier oben in Sonne und Waldluft baden. Grausam erschien ihm die Ungerechtigkeit des Geschehens. So wenig hatte er der Welt geben und in ihr leisten können, während der Name der Dahingeschiedenen als Wohltäterin in allen Herzen der Thüringer Waldleute lebte. Jetzt hätte er wohl hinabsteigen mögen, sich neben ihr letztes Bette stellen mögen: »Wir gehören zusammen.« Aber hier war es schöner. Und hier hätte sie schlafen müssen in der reinen Höhenluft, das sonnige Kind. Er stand und schaute, während die Glocken verhallten. Es hatte leicht geregnet, und die Sonne schien hinein in die Tropfen, daß der ganze Wald smaragden glänzte. Nun spannte sich ein Regenbogen über den Thüringer Wald. Man hätte wohl auf ihm hinaufsteigen können nach Walhall. Wildrichs Waldandacht war beendet. Er ging in die Jagdhütte, reinigte Gewehr und Revolver und warf sich hinterher in seine beste Montur. Dann wollte er zum Fürsten gehen, die Gräfin Wartberg begrüßen und sich beim Oberförster melden. Als er wieder aus der Hütte trat, kam ihm der Fürst entgegen. Sybilles schöner Hund ging ihm zur Seite. Man sah es dem Fürsten an, daß ein Sturm über ihn hingegangen war. Es zuckte in seinem Gesicht, als er Wildrich die Hand reichte. »Weidmannsheil, Eulenried! Sie waren ungesellig und haben mich allein gelassen. Allein unter hundert Menschen. Ich bin aber nicht nachträglich, – deshalb habe ich Ihnen ein Andenken mitgebracht. Grüße deinen Herrn, Waldo. Sybille hat Sie mir sozusagen vererbt. Man findet bei Frauen viel häufiger »nachgelassene« Briefe als bei Männern. – Mein Kind hat Sie sehr lieb gehabt, Eulenried.« Wildrich vermochte nicht zu sprechen. Der Hund stand neben ihm und wedelte. Da kraute ihm Wildrich den Kopf, die Freundschaft war geschlossen. »Ich hätte öfters hier heraufkommen sollen«, begann der Fürst wieder, »hier oben ist man wahrlich dem Weltgeist näher noch als sonst. Diese Tannenschonung ist wie ein trauliches Wohnzimmer. Wie einladend die grüne Bank dort steht!« Er schritt darauf zu, um sich auszuruhen, blieb aber wieder stehen, denn der Blick über das liebliche Gebirge und das Tal zu seinen Füßen war überwältigend schön. Hoch atmete seine Brust in starkem Heimatgefühl. Dann setzte er sich. In diesem Augenblick sah Wildrich etwas Entsetzliches. Ein Gewehrlauf blitzte im Gebüsch. Zwei haßerfüllte Augen sahen durch die Stämme, auf den Fürsten ... Was nun kam, geschah in einer Minute. Wildrich deckte mit dem Rücken den Fürsten. Er hob den Revolver. Zwei Schüsse krachten zu gleicher Zeit. Im Gebüsch knackten Zweige – – Wildrich fiel zu Boden. – »Steh auf Junge, – mein Junge !!!« Der Fürst beugte sich über ihn. Wildrichs Mundwinkel füllten sich langsam mit Blut ... Ein Pfeifchen gellte auf: »Wald in Not.« – Schwer ließ sich der Fürst neben Wildrich nieder. »Herrgott, warum?« stöhnte er. »Wildrich, mein Junge, – dein junges Leben – warum? Man braucht dich!« Wildrichs Worte erstickten im neu hervorquellenden Blute. So fanden die herbeieilenden Dörfler ihren Fürsten und seinen Retter. Wildrich war tot. Der Fürst hatte ihm die Augen zugedrückt und sein eigenes Halstuch über das junge Gesicht gebreitet. Er hob es jetzt fort, und die Männer zogen die Hüte. »Er war mein Sohn«, sagte laut der Fürst. »Der Verlobte meiner Tochter Sybille. Tragt ihn in mein Haus! Er hat sein Leben für meins gegeben. Ich muß erst die traurige Nachricht nach dem Eulenried bringen.« So nahe war der Gutsherr noch nie seinen Leuten gewesen. Sie kamen alle zu ihm heran und getrauten sich, ihn mit guten Worten zu trösten. »Der Jagdgehilfe ist nicht umsonst gestorben«, sagte bedächtig ein alter Kätner. »Was sollten mir denn ohne Ihnen anfangen, Dorchlaucht?« Nur der Landjäger hatte sich nicht an den Vorgängen beteiligt. Der hatte mit einem Bauern das Gebüsch ringsum durchsucht. Bauer Kern war nicht der Gescheiteste, aber der Landjäger hatte ihn gern um sich, weil er verschwiegen war gegen andere, wenn er auch gern schwatzte, wo es nichts schadete. – Nach kurzer Suche fanden auch sie einen toten Mann. Mergels Gesicht war häßlich verzerrt. Als der Landjäger sich zum Gehen anschickte, weil der Bauer sich erbot, Wache bei der Leiche zu halten, sahen sie, daß sie nicht allein waren. Anne hatte sich zu ihnen gesellt: Sie hob das Tuch nicht von dem entstellten Gesicht. »Dem Kind bin ich's schuldig, daß ich mich nicht verseh! Trag schwer genug dran, daß mein Kind einen Mörder zum Vater hat. Einmal hätt' man ihn ja doch von mir fortgeholt; schon wegen dem Steinkreuz an der Wegscheide.« Der Landjäger faßte hart ihr Handgelenk. »So weißt du, daß er's war?« fragte er dringend. »Lassen Sie mich, Landjäger! Ich weiß nichts. Ich will mein Kind in Ruhe tragen ... wie man ein Kind trägt, so wird es.« Der Landjäger ging. »Ich schicke sofort Leute«, rief er zurück. »Nante Kern«, sagte Anne, ich lasse dich nicht allein Wache halten. Und ich will treuer sein als der Tote und bei ihm bleiben, bis sie ihn holen.« Bauer Kern zündete sich eine kurze Pfeife an und paffte behaglich. »Das ist auch das erstemal, daß der Mergel still ist«, sagte er. »Und eigentlich ist's schade. Wenn er noch lebte, könnte er uns die Stunden verkürzen mit seinen Schnozeln, bis der Sarg kommt.« Anne erschrak über diese Logik. »Bist nicht recht gescheit, Nante Kern. Wenn der Mergel lebte, käme ja kein Sarg.« »Da hast du sehr recht, Maidli, du warst aber auch immer die Gescheitest' in der Schul im Rechnen.« Anne verstaunte sich wieder, aber Nante Kern, der sich ein wenig vor Toten fürchtete, wenn sie nicht im Bett lagen und man sich bei einem Glas Kranewittern in der Stube was erzählen konnte, was allemal Gespenster verscheucht, hub wieder an. »Es ist schlimm mit uns dreien hier ... Ich kann nicht zur Roggenernte, du kannst nicht zu Tanz, und der Mergel kann keinen Bock schießen. Hör auf, Kern. Sprich lieber ein Vaterunser. Ich würd' es gern sagen, aber mir verschlägt's die Stimme. Bang ist mir.« »Zum Vaterunser brauch ich meine Brille und den Katechismus.« »Kannst es nicht auswendig?« »Nein, der Pfarrer hat gesagt, es wär besser, man hätt's inwendig, als auswendig.– Aber Geschichten kann ich dir erzählen. Zum Vergraulen. Man erlebt manches, wenn man mit dem Landjäger auf Streife geht.« Anne erhob abwehrend beide Hände, und dann ging sie davon, weil sie in der Ferne mehrere Dörfler herankommen sah, die etwas Dunkles auf ihren Schultern trugen. 14. Der Fürst sprang vom Pferde. Er stand vor dem Torbogen der Burg Eulenried. » Nunquam retrorsum! « sagte er mit verhaltener Stimme zu seinem alten Diener, der ihn begleitete. »Man möchte aber wohl rückwärts gehen, wenn man einem alten Vater anzeigen soll, daß der Sohn von Bubenhand erschossen wurde.« Der alte Diener ging durch den Burghof in die Halle und meldete den Fürsten an. Da wurde die Burg lebendig. Aber nur ein altes Dämchen erschien auf der Schwelle. »Eure Durchlaucht selbst?« fragte Tante Hermine erstaunt und knixte tief wie in jungen Jahren. Bewegt zog der Fürst ihre Hand an seine Lippen. »Grüß Gott, Baroneß Hermine. Ist Ihr Bruder wohl genug, mich und eine ernste Botschaft zu empfangen?« »Wenn er nicht darniederläge, Durchlaucht, wäre mein Bruder zum Empfang gekommen. Er ist seit Tagen schwer krank.« »Und die Frau Baronin? Ich rede mich hart. Soll ich Ihnen alles anheimgeben? Wollen Sie das Unfaßliche den Eltern bringen? Wildrich Eulenried ist tot. Von dem Wilddieb erschossen.« Für einen Augenblick legte die alte Dame die Hand über die Augen. – »Ich bitte Durchlaucht mit heraufzukommen. Meine kranke Schwägerin ist stark, meinem Bruder könnte es das Leben kosten.« Der Fürst saß geraume Zeit am Fahrstuhl der Leidenden. Sie weinte nicht laut, es war nur, als sei sie plötzlich verfallen. »Warum?« fragte sie. »Er war so gut. Und fröhlich konnte er sein, wenn ihn Schweres drückte. Damit wir anderen nicht darunter litten. Ach, ich habe ihn geboren, hatte ihn so lieb – und er ist ohne Abschied von mir gegangen.« »Von uns allen«, sagte der Fürst. »Sie wissen wohl nicht, daß er meine Sybille lieb hatte und sie ihn. Es war eine so reine gute Liebe. Sie hat meinem Kinde die erste und letzte Freude gegeben.« Jetzt weinte die Mutter auf. »Wie geht man so unwissend neben den Kindern einher und hängt doch so eng mit ihnen zusammen.« »Darf ich für seine Bestattung sorgen, Frau Schwester?« fragte unvermittelt der Fürst. »Die tapfere Tat unseres Wildrich wird ja durch alle Zeitungen gehn ...« Er stand auf. »Ich kann noch nicht ruhig darüber sprechen. Solch junges Leben. Und ich? Ich hätte viel eher abtreten können ...« Hermine Eulenried wehrte ihm hastig. Die Mutter schwieg. Wer ist für ein Mutterherz wertvoll genug, einen guten Sohn zu ersetzen? Der Fürst ging erregt auf und ab. Dann setzte er sich wieder. »Ich bitte um Verzeihung, daß ich aus den Fugen bin. Frauen können sich oft besser beherrschen ... Ich dachte daran, unsern Wildrich neben Sybille in unserer Gruft beizusetzen, bis eine schönere Stätte bereitet ist. Diese Kinder gehören in den Wald. Ihr Sohn Dankwart wird mit helfen, einen Platz zu suchen. Vielleicht hat auch Wildrich einmal einen Wunsch geäußert ...« Die Tür wurde aufgerissen. Dankwart, – der ernste, besinnliche, Dankwart stürzte ins Zimmer. Er sah nichts außer dem Liegestuhl der kranken Mutter. Vor den warf er sich hin. »Mutter! Mutter! Ich habe es eben erst gehört.« Er schluchzte. »Unser Wildrich! Der Beste von uns!« »Ihr seid alle meine geliebten Jungen ... Aber Dankwart, dort steht der Fürst.« Dankwart erhob sich mühsam. Straffte sich dann. »Verzeihung, Durchlaucht. Ich wußte nicht ... Und ich dachte nur an die Mutter – – –« »Die Treue der Brüder Eulenried zueinander ist sprichwörtlich«, sagte der Fürst bewegt. »Und ich bin die unschuldige Ursache dieses Geschickes Ihrer Familie – – –« »Das einzige, was mich mit dem Tod des Bruders versöhnt: Dem Wohltäter vieler Menschen hat er das Leben gerettet ...« Der Fürst trat an den Stuhl der Kranken. »Entlassen Sie mich verehrte Baronin. Ich will an Ihren Thassilo telegraphieren, habe so viele Leute zur Verfügung. Will ihm auch schreiben. Wir Nachbarn gehören eng zusammen.« Er winkte mit der Hand zurück. Dankwart begleitete ihn stumm bis zur Burgpforte. Auch oben im Zimmer der Mutter saßen sie ohne erneuten Schmerzausbruch still beisammen. »Ich brauche alle meine Kräfte für Euren Vater«, sagte still die alte Dame. »Und ich fürchte mich ein wenig vor ihm. Aber nur ich kann ihm die Botschaft überbringen.« »Schick mich hin, Mutter. Ich will ganz gute, demütige Worte sagen, wenn er aufbraust. Für dich ist das ja alles zuviel.« »Und mich laßt ihr sitzen wie Trumpf Sechs«, grollte Tante Hermine. »Er ist mein Bruder. Aber ich will gar nicht zu ihm, laßt ihn jetzt schlafen. Wir wollen alles Traurige in Ruhe erst besprechen.« »Weißt du Näheres, mein Junge? Und wo ist deine liebe Frau?« Er lächelte ein wenig. »Sie ist echtes Bauernblut, Mutter, und sie ist praktisch. Sie sagte: ich braue Euch einen guten Kaffee, das ist jetzt das Nötigste. – Haltet sie nicht für teilnahmlos, sie ist für praktisches Christentum. Nachher will sie euch alles bringen, und ihr Frauen werdet euch gegenseitig trösten, gelle, Mutterle?« »Willst du schon gehen, Dankwart?« Denn er hatte sich erhoben und abschiednehmend ihre Hand gedrückt. »Ja, Mutter! Ich brauche Arbeit. Und es ist Erntezeit. Vater Kreihorst hat mir versprochen, keine Rücksicht auf mich zu nehmen. Sie arbeiten alle wie treue Knechte, Vater an der Spitze ...« »Geh, Dankwart. Wir trauern alle am besten in der Arbeit.« »Dank dir, Mutterle!« Einen kurzen Aufschub schien er draußen zu haben, dann öffnete seine Hand ritterlich die Tür, und Elisabeth Eulenried brachte ruhig und geschäftig zugleich die belebende Atzung herein. »Braves Kind«, sagte Tante Hermine anerkennend und schenkte gleich ihre Tasse voll. »Du bist der Tischler, der uns leimt.« Nun klopfte es mehrmals an die Tür. Die Mamsell erschien zuerst, wortreich und doch trostbedürftig. Dann kamen die Knechte, die Frauen, – – sie hatten alle den »freundlichen jungen Herrn« geliebt auf ihre Art. Als sie anfingen auf den Mörder zu schimpfen mit harten Augen und derben Worten, schob Tante Hermine sie energisch hinaus. »Erntezeit! Tut eure Pflicht, wie es unser Wildrich tat. Einem guten Vorbild nachzueifern ist das beste, was einer tun kann. Wir danken euch herzlich für die Teilnahme. Aber randaliert wird hier nicht. Schert euch hinaus!« »Das gnädige Fräulein weiß immer gute Worte«, der Oberknecht. Und schönen Dank, daß Sie draußen nach Feierabend ein so scheenes Abendbrot haben auffahre lassen. Das hält Leib und Seele zusammen. – Hatje für heute!« »Warst du nicht zu hart, Hermine?« »Hart? Denk nicht dran. – Ich wollte nur nicht heulen. Hast ja gehört, wie der Oberknecht mich versteht. Vierzig Jahre ist der Andres bei uns. Der ›kennet mich und meine Schwächen, und weiß, was Gutes in mir lebt und glimmt.‹ – Kind, der Kaffee ist gut!« Brief von Illo Eulenried! Meine Lieben auf der Burg, ich höre immer Eure guten Stimmen: »Wie mag es im Illo aussehen, der seinen besten Freund verlor?« Ja, das war mein Wildrich. Und ich finde nicht das geringste Trostwort, weder für Euch, noch für mich. Wildrich tot. Wie das brennt! Unerträglich. Das Brieftelegramm des Fürsten – so väterlich gut ... Mutter – ich kann jetzt nicht zu Euch kommen. Hörst Du, Mutter? Wenn mein Wildrich zu Grabe getragen wird, kann ich ihm nicht die letzte Ehre geben. Mutter, hörst Du? Und verstehst Du mich? Ich kann den Meister nicht verlassen. Das ganze Haus ist krank, außer der Muhme Konkordia und mir. Der Meister in hohem Fieber, das Englein desgleichen, der Kaspar schon im Krankenhaus. Diese unersetzliche Kraft. Mutterle, lieber Vater, meine Pflicht ist hier. – Was heißt das viel: »Die letzte Ehr antun?« Mancher hat seinem lebendigen Bruder niemals eine Ehr angetan, aber zum Toten läuft er. Wir Eulenriedbrüder aber haben allzeit füreinander eingestanden. Eine Handvoll Erde wirf ihm, mein Dankwart, auf den Sarg und sagt still: »Vom Illo!« Wie oft haben wir uns als »Jungs« mit Steinen geworfen, – – aber die Erde ist leicht, wenn auch unser Thüringen schweren, fruchtbaren Boden hat, – sie wird ihm nicht weh tun. – – – Herrgott, der Wildrich!!! Meister Distelfink ist auf den Tod krank. Aber er lacht über das ganze Gesicht und verzerrt es zum Bangewerden, wenn er mich sieht. Das heißt soviel wie: »Das ist ja mein Illolehrling, der verläßt mich nicht!« Angina hat er, und die Grippe, die sich in Eisenach als »Frau Epidemie« niedergelassen hat. – Und das »Englein« – so erzählt mir Muhme Konkordia, hat im Fieber phantasiert: »Illo, geh nicht fort, bleib bei mir!« Die Muhme setzte tröstlich hinzu: »Da, das hat nichts auf sich, weil sie nicht bei Verstand ist.« Meine liebe Burg Eulenried mit allen geliebten Eulen drin, ich grüße Euch zu tausendmalen. Und setze mich zu meiner Erbuhr, deren einzelne Teile vor mir liegen. Nunquam retrorsum steht an unserm Tor. Ihr wißt, was ich damit meine. Gott befohlen! Euer Illo. Da war ein wunderguter Platz im Thüringer Walde, nahe der fürstlichen Waldkapelle. Ein Granit-Kreuz erhob sich. »Ich will Dich segnen, und du sollst ein Segen sein.« Hohe Tannen standen rings im Kreise. Zwei zusammengewachsene Birken schirmten mit tief herniederhängenden Zweigen zwei frisch ausgehobene Gräber. – Viele Menschen wallfahrten vorüber. Neugierige Menschen und tieftraurige. Manche saßen auch auf der grünen Bank und weinten schwer. Nur die aberhundert Vögel in den Zweigen ringsum jubilierten und sangen aus voller Kehle. Weil sie wissen, wie gut es sich im Thüringer Walde ruht. 15. Die Roggenernte war eingebracht. Eine außergewöhnlich gute Ernte, und Bauer Kreihorst macht ein fröhlich Gesicht und dankte beim Erntebier vor allen Nachbarn seinem Schwiegersohn, so daß alle mit Dankwart anstießen. Und dieser trank ihnen und dem Schwiegervater schier unwirsch zu, denn es war ihm greulich, Gegenstand der allgemeinen Aufmerksamkeit zu sein. Wie hatte ihm doch sein Schwiegervater beigestanden mit Rat und Tat. Und war sein eigener Fleiß gesegnet worden, so daß er die große Summe, die ihm sein liebes Weib in das verfallene Vatergut eingebuttert, zum großen Teil hatte zurückzahlen können. War aber nicht angenommen worden, sondern für den Erben zurückgelegt. Der meldete sich schon, aber Elisabeth arbeitete rüstig dabei und blühte in Jugendfrische. – Auch unverhofftes Glück brachte dem Gut Gedeihen. Der Fürst hatte seinerzeit eine hohe Prämie auf den Kopf des Wilddiebes gesetzt. Die Waldbesitzer ringsum taten das gleiche. Und Wildrich Eulenrieds Erben erhielten die Summe. Illo gab seinen Teil sofort an Dankwart ab, der es ins väterliche Gut eingrub, damit es Weizen wuchere. Die wenigen Stunden nach der Abendmahlzeit, die ganz einfach war, damit man mit unbeschwertem Magen die Nachtruhe genießen konnte, – sie brachten stille Freuden, die der Stadtmensch nicht kennt. Bauer Kreihorst verlangte nicht, daß seine Kinder immer um ihn waren, aber Dankwart wußte gut, was ihm die Wechselgespräche mit dem erfahrenen Landwirt für ein Segen waren. Sie kamen niemals als herrische, überhebliche Befehle, sondern wurden gleichsam als Nachtisch aufgetragen. Der Jüngere mochte sich nach Gefallen ihrer bedienen, was denn auch der wissenshungrige Dankwart mit heißem Verlangen tat. Die Schaffnerin streute alle Bauernregeln ein, die sie in einem hundertjährigen Schweinslederbüchlein verwahrte und denen auch der Bauer mit Anteilnahme zuhörte. »Ist Punktum Wahrheit, Bas', was du da auskramst.« Und sie las mit der großen Hornbrille auf der Nase: »Wenn's im August stark tauen tut, bleibt ganz gewiß das Wetter gut. Und wenn's im August viel Gewitter hat, wird auch der Winter barbarisch natt.« »Die Jungen lachen mich aus«, meinte sie vorwurfsvoll. Aber sie lachten nur über den Eifer der alten Jungfrau, die unermüdlich bedacht war, dem jungen Bauer die alte Weisheit der Vorfahren nahezubringen. »Sixt, Herr Baron«, – sie schwelgte gern in dieser Anrede, »Ihr habt vorhin klugen ›Gäricht‹ gemacht, was Ihr alles tun wollt den August durch. Ohne auch nur ein einziges Mal hinzuzusetzen ›wenn Gott will‹. Aber der Urahn schreibt hier auf das Pergamentene im Schweinsledernen: ›Vom 1. bis 9. Tag Rähjen, drauf folget 1 schöner Täg, darauf allwidder Räjen bis zum fuffzehnten. Welcher Tag widder scheen is. Nach dissen folgen guts Wetter bis zum 25. Un denn rächnets bis zu End.‹ Und nun sitzt du da mit deine Kenntnisse, Herr Baron.« »Die Bas' hat allemal recht«, stand ihr der Bauer bei. »So war's schon bei Adam und Eva.« »Da möcht ich doch bitten, daß mir der Bauer mit den beiden vom Leibe bleibt. Hab mich nie mit derer Dummheiten abgegeben. Und lese auch mein heiliges Büchlein nicht zum Gaudi vor, sondern zur Lehr.« »Schon gut, Schaffnerin. Und nun denken wir an den Buchweizen. Sollte viel mehr angebaut werden. Ist das beste für den Bauern mit Weib, Kind, Knecht, Magd, Vieh und alles, was sein ist.« »Jawoll«, bestätigte Dankwart. »Wollen hoffen, daß es ein rechtes Schlundjahr wird.« »Wo hast den Namen her?« »Aus der Lüneburger Heide. Weißt ja, Vater, daß ich dort in der Lehre war beim Großbauern Westermann. Hätt ich alles gelernt, was der gewußt hat, könntest du dich zur Ruh setzen, guter Vater.« »Jawoll. Mit fünfzig Jahren zieh ich noch keine Pampuschen an und ruh auch nicht hinterm Ofen aus. Aber hast noch Fragen, Schwiegersohn? Ist ja noch manches zu tun, – ›August – Bauer, du mußt ...‹ über den Winterroggen, den ich im November und Dezember vorigen Jahres säete und den bei dir der vermaledeite Administrator so schmählich vernachlässigte, – wir wollen uns gemeinsam freuen. Der liegt ja schön geruhig in der Scheune und wartet aufs Dreschen. Aber du weißt ehestens, daß wir von jetzt bis Oktober keine Motten in unsern Arbeitsrock kriegen.« »Es ist ein Jammer«, seufzte Elisabeth, »daß ich nicht beim Grummet und bei den Kartoffeln so helfen kann wie im vorigen Jahr ...« Sie schmiegte sich an den Gatten, und Dankwart raunte ihr ins Ohr: »Denk an unser Prinzchen, – ausruhn soll es.« Die Base las eifrig, ohne zu wissen, was sie las. – Sie konnte alles »vornehme Getue« nicht »verknusen«, und echte Bauern taten nun mal nicht verliebt in der Erntezeit. So scheuchte sie die beiden mit den prosaischen Worten jäh auseinander: »Vergessens nicht, Herr Baron, die Stoppel zu stützen. Und denken's ans Säen der Wasserrüben!« »Werde nur nicht obsternatsch, Base, mit all deiner Wissenschaft«, lachte der Bauer. »Und mir liegt ohnehin Spörgel, Ölrettich und Senf im Magen«, seufzte Dankwart. »Das vergißt sich nicht so leicht. Und wer sein Vieh liebt, denkt auch an Spergula.« – »Und jetzt müßt ihr in die Falle«, gebot der Bauer. »Die Base schnappt schon all lang nach dem Bettzipfel. Grüß mir die Frau Mutter Dankwart. Es ist hart, wenn man mit Schmerzen in die Nacht geht. Gib mir auch morgen Bescheid, ob dein Vater Besserung spürt.« Bauer Kreihorst stand auf, beugte den grauen Kopf, faltete die Hände und sprach den Abendsegen: »Herr, schütze Haus und Dach, Verscheuch all's Ungemach, Und laß uns halten hoch und wert Unseres Hauses heiligen Herd.« Am nächsten Tage brannte die Sonne heiß. Sie stach. Die Leute auf dem Gute arbeiteten sich hart. Man sah es an den müden Bewegungen, daß die Körper unlustig waren zu frohnen. Erst als rings in den Bergen und Felsen der Donner leise grollte, riß es die tief gebückten Körper nach oben. »So haben wir es, dünkt mich, noch nie gehabt«, meinte der älteste Knecht. »Man vertreibt aber den Teufel am besten mit dem Beelzebub. Nur weiter geschafft! Das Schwitzen geht in einem hin.« »Bis man liegen bleibt«, knurrte eine aufsässige Magd. »War gestern droben in der Burg. Die haben's gut. Die Halle wie ein Eiskeller und jede Stube kühl.« »Wenn du alleweil auf die schaust, die es besser haben als du, lebst ein ungutes Leben, Bertha. Möcht die Sorgen nicht haben, wie der alte Herr Baron. Ich könnte sie nicht erdämmeln. Aber der junge Baron ist ein Kerl, der schafft's!« »Ich mein auch nur«, brummelte die Magd. »Wenn man schwitzt für seinen Herrn, meint man, er könnt was zum Durstlöschen schicken.« »Gierschlunk!« Also der Knecht. Und gerade in diesem Augenblick kam der alte Diener vom Schloßberg herunter mit schwerem Korb, und »die Fräulein Baronin« trug einen großen Rucksack, da waren wohleingepackte Gläser darin und Schmalz und Wurstbrote. Bauer Kreihorst spendierte eigen gebrautes Braunbier. Das bat sich sogar der Herr Landrat aus, wenn er mal »vorbei« kam und mit dem angesehenen Landwirt ein Viertelstündchen plauderte. Als die meckernde Magd ein leckeres Butterbrot und einen duftenden Stangenkäse zum Munde führen wollte, nahm der alte Knecht es ihr seelenruhig fort und aß es selbst. »Bist wohl von Gott verlassen?« schrie sie, hochrot vor Zorn. »Nee, der hat mir eben beigestanden, daß ich's dir kunnt abjagen. Hast es etwan verdient?« »Wenn mer emol ä Scherzchen macht ...«, jammerte sie. »Du hast wohl noch nie ä Scherzchen gemacht?« »Oftens genug«, gestand er, mit vollen Backen kauend, »aber nich über die Herrschaft. Das is neue Mode, die kommt bei mir erst, wenn man die Ochsen beim Schwanz aufzäumt.« Denn der alte Knecht konnte auch witzig werden, wenn er gereizt war. Es wurde eine lustige Vesper, aber nur für die lachenden Umstehenden, denn immer wieder, wenn die Magd sich etwas holte, wurde es ihr vom Mund gerissen, bis die Baronin zu Hilfe kam und mit freundlichen Worten die Magd betreute. Da schämte sich diese und lief ins Haus. Dort begegnete sie Dankwart, der sehr schnell gevespert hatte und nur einen raschen Bericht von Tante Hermine entgegennahm. Der Vater sei eigensinnig und wolle aufstehen, sie müsse gleich zu ihm. »Sieh, wie der Himmel aussieht!« rief sie noch im Forteilen. »Was suchst du«, herrschte Dankwart die Magd an, »gibt es nichts zu tun draußen?« »Sie hänseln mich draußen«, klagte sie wehleidig, »da möcht ein anderer arbeiten.« »Bist du von Marzipan? Da soll doch ein Donnerwetter dreinschlagen. Marsch, an die Arbeit. Der Vorknecht wird dich weisen, ich muß zum Vieh.« Aber das Donnerwetter schlug wirklich drein, ein Blitzschlag züngelte herab mit elementarer Gewalt. Die Magd schrie gellend auf. Sie kauerte sich in einer Ecke auf die Erde und hielt sich die Augen zu. Dankwart eilte in die Ställe. Das Vieh war unruhig, und die Pferde hatten über die Stränge geschlagen. Eben brachten Knechte noch einen letzten Wagen mit Roggen in den Hof und schoben ihn rasch in die Scheune, ohne abzuladen. Dankwart führte die zitternden Pferde in den Stall. Sie bäumten hoch auf bei Blitz- und Donnerschlagen. »Wo nur meine Lisel bleibt?« dachte er bang und sorgte dafür, daß Seile und Fesseln zur Stelle waren, um den Stier zu allererst herauszubringen, falls etwa ein Blitz zündete. Der wehrte sich ja immer mit unheimlicher Kraft, so daß man ihn gefesselt hinausziehen mußte. »Das wüßt ich doch«, lobte Bauer Kreihorst, »daß ich dich bei den Wertstücken finden würde. Wart, ich helf dir. Eine Arbeit hast mir schon abgenommen, sah ich draußen. Hast der großen Scheune mit dem Schlauch ein ordentliches Bad gegeben. Unser Wohnhaus kommt später dran. »Wo ist Lisel?« fragte Dankwart mit so bangen Augen, daß der Bauer hell auflachte. »Solltest du doch kein rechter Bauer werden? Auch mal rücksichtslos zu rechter Zeit, wenn es das Vieh gilt?« »Nein, Vater, in dieser Weise nie. Da mußt du mir schon meine Art lassen.« »Schade.« Der Bauer zuckte die Achseln. »Meine Lisel ist weder von Zucker, noch von Salz, also wird ihr auch ein Regen nichts anhaben.« »Aber sie trägt unsern Erben, Vater ...« Zn diesem Augenblick zuckte wieder ein Blitz, der den ganzen Hof hellte, und ein Krachen dröhnte, als stürze der ganze Wald um. Da kam Elisabeth über den Hof gegangen. Dankwart lief zu ihr und umfing sie mit seinen Armen. – Er fragte nicht: »Wo warst du?« Er hielt sie ja fest an sich gedrückt. »Komm«, sagte er dringend, »im Stall ist das Melkeckchen, da kannst du sitzen. Wir gehen nachher ins Haus. Sie folgte ihm gehorsam. »Bei deiner Mutter war ich, sie sorgte sich. Dein Vater wollte aufstehen, aber er mochte mich nicht bei sich haben.« Dankwart biß sich auf die Lippen. Der Zorn stand in seinen Augen. »Mein Armes!« sagte er zärtlich. »Seid ihr fertig?« fragte der Bauer barsch. Die Stalltür wurde aufgerissen ... »Feuerjo!« schrie der Hütejunge Kaspar. Ein lediges, viel herumgestoßenes Kind war er frech und aufsässig, aber Dankwart hatte ihn aufgenommen, weil er spürte, daß der Junge seine übermächtige Liebe zu den Tieren hinter dieser Frechheit versteckte. »Feuerjo! Euer Haus brennt, Bauer. Im Haus ist niemand, aber die Scheune ist angesengert, der Großknecht beim Löschen.« »Lisel, um Gotteswillen, ich bitt dich, lauf ins Altenteil. Dort bist du sicher. Ich muß dem Vater nach.« Denn der Bauer war schon in rasender Eile nach seinem Hause gerannt. Schwarze Rauchschwaden kamen ihm entgegen, als er die Tür aufriß. Er stürzte zum Fernsprecher, riß den Hörer herunter. »Neunhundertneunundneunzig«, schrie er hinein. Dann kam sofort Antwort. »Man wird bald hier sein.« Dankwart wollte die Fenster aufstoßen, um den erstickenden Qualm hinauszulassen. Der Bauer schickte ihn zurück. »Im Stall bist du am nötigsten, Dankwart. Ich helf mir hier allein, will den Brandherd suchen.« Dann stieg er in jede Stube und rief laut: »Ist jemand im Haus?« Aber es kam keine Antwort. Dankwart stürzte zum großen Stall, während Bauer Kreihorst noch einmal auf den Boden kletterte. Hier in einem Koffer- und Kistenverschlag sah er sich einer Flamme gegenüber, die nur durch Kurzschluß entstanden sein konnte. – Sie war schon nach außen geschlagen, und ihre Funken hatten die Scheune versehrt. Von der Scheune her gab der Oberknecht unermüdlich Wasser auf das Dach des Wohnhauses. Im Viehstall hatten die Leute wacker gearbeitet. Das »Ziehkind« Kaspar immer voran. – Denn der Stall war durch die Funken von der Scheune her schwer bedroht. Er mußte geräumt werden. Die größte Mühseligkeit – der störrische Bulle war noch nicht überwältigt. Alle Kräfte mühten sich, den Wilden, der vornan stand, hinauszutreiben. Er stemmte die Füße gegen den Boden, brüllte und schnob. Die Kühe liefen an ihm vorbei hinaus auf die nahe Weide. Leute aus dem Dorf kamen herbeigelaufen und halfen. Der Bulle wollte sich nicht geben. Er hatte schon einen Jungknecht arg verwundet. Dankwart zog rasch entschlossen einen Revolver und erschoß das wertvolle Tier. Mit ungeheurer Wucht stürzte es zu Boden. Der Kutscher hatte inzwischen die Pferde in Sicherheit gebracht. Der Himmel war jetzt völlig grauschwarz geworden. Diese Nacht erhellten die Blitze, denen krachender Donner folgte, daß die Mägde gellend aufschrien. Dankwart griff den Hütejungen auf. »Mußt ins Altenteil springen, Kaspar, aber wie gefegt mußt laufen. Die Jungbäuerin sitzt drin. Nur fix grüßen sollst sie, und ruhig möcht sie sein. Gib Bescheid, wie es geht.« Der Junge schoß wie ein Pfeil dahin. Dankwart lief zum Wohnhaus zurück. Warum kam der Vater nicht? Die Sorge um ihn jagte ihn über alle Hindernisse. Er riß die Tür auf und kämpfte sich durch den bereits dichter gewordenen Qualm hindurch. Er sah nichts. Sein Fuß stieß plötzlich an einen Körper. »Herrgott, was ist hier?« stöhnte er. Seine Arme hoben eine leichte Last, – er trug sie ins Freie, erkannte die Magd Bertha und legte sie auf den Boden. Er schrie zu einigen Leuten hinüber, daß sie sich ihrer annehmen sollten. Dann stürmte er wieder ins Haus. »Vater! Vater Kreihorst!« rief er laut, und da keine Antwort kam, kämpfte er sich die Stiege empor. Auf der obersten Stufe lag der Bauer, die schwelende Flamme in dem Verschlag erhellte matt das blasse Gesicht. Dankwart hob ihn auf seine Schultern. Langsam nahm er Stufe um Stufe beim Niedergang. Drunten halfen ihm jetzt viele Hände die schwere Last sacht auf Decken zu legen. Da rasselten auch schon die Wagen der Feuerwehr herbei. Die Mannschaften sprangen ab. Ein Sanitäter mühte sich sofort um den Bewußtlosen. – Er war schon etwas zu sich gekommen, fiel aber wieder in Lethargie. Dankwart schickte einige Träger nach dem Altenteil, er selbst trug den Kranken mit. Vor dem Hause mußte ihn jemand ablösen, damit er rasch sein junges Weib vorbereiten konnte, daß sie nicht zu großen Schreck erlitte. – Er lebte ja, der Vater, und Dankwart hatte ihn gefunden. Aber die junge Magd war tot. Aus dem brennenden Wohnhaus hatte man die Möbel getragen. Das wuchtige Bett des Bauern schaffte man ins Altenteil, damit er darin seine Genesung abwarten konnte. Glückselig und doch unter Tränen betreute Elisabeth den Schwerversehrten wie in früheren Zeiten. – Dankwart sah beim Heraustreten mit Entsetzen, wie die vollgefüllte Scheune in Flammen aufging. Die große Spritze konnte nur verhindern, daß die Funken noch auf andere Gebäude übersprangen. Die Feuerwehr hatte den Saugkorb in den Dorfteich gelegt, der an Kreihorsts Garten grenzte. Die Leute arbeiteten fieberhaft. Der Kommandeur trat auf ihn zu. »Die Scheune mußten wir aufgeben, Herr von Eulenried. Es ist ein schwerer Verlust. Dafür ist das Wohnhaus nur im Bodenraum ausgebrannt. Ich habe Feuerwache dazu gestellt. Es ist gut, daß das Gewitter abgezogen ist. Ich fürchtete, für Ihr schönes Vieh auf der Weide ...« »Sie kamen reichlich spät«, sagte Dankwart finster. »Der Vorwurf trifft uns nicht. Wir wurden unterwegs zweimal angerufen. Menschen und Pferde waren in Gefahr. Darf ich nachher noch einmal nach Ihrem Schwiegervater sehen?« Dankwart nickte und wies ihm den Weg. Die Pumpen standen still. Die Feuerwache handhabte noch eine große Spritze, um die rauchenden Trümmer der Scheune unter Wasser zu halten. Der Landjäger sprengte heran. Dankwart nahm ihn beiseite und berichtete über den tragischen Tod der jungen Magd. Die Leiche lag am nahen Waldrand auf grauer Plane, die auch um sie herumgeschlagen war. Flüsternd standen eine Reihe Mägde davor. Der Hütejunge Kaspar hielt grinsend Wache. »Wißt ihr näheres, wie das Mädchen den Tod fand. Warum war sie ganz allein im leeren Hause?« »Wir hatten sie gefoppt«, gestanden scheu die Dirnen, »da riß sie uns aus. Aber wir wußten nicht, daß sie dringeblieben war.« »Ja,« sagte Kaspar, »und nun ist sie an dem Stangenkäse erstickt, den sie haben wollte und nicht kriegte.« Dafür erntete er eine schallende Ohrfeige von seinem Herrn, die ihn baß verstörte, denn er war bisher immer von ihm beschützt worden. »Schluderworte gibt es nicht bei uns, – hast du mich verstanden?« »Verstanden nicht, aber gefühlt.« Der Fürst kam vorbeigeritten. Er hielt und ließ sich vom Pferd herunterhelfen. Seine Kriegswunde machte ihm immer noch zu schaffen. »Es tut mir leid, lieber Eulenried. Haben Sie Vieh zu beklagen?« »Nicht ein Stück, Durchlaucht. Aber doch weit Schwereres. Ein Menschenleben. Ich trug eine Magd aus dem mit Rauch erfüllten Hause, aber zu spät. Nun hat man sie schon in die Halle getragen. Sie unterstützte ihre Mutter, die erblindet ist.« »Ich werde mich erkundigen und Rat schaffen. Wo ist Ihr Schwiegervater?« »Im Altenteil. Ich fand ihn halb erstickt im brennenden Bodenverschlag. Aber er kommt durch – Gott sei gelobt!« Der Fürst drückte Dankwart die Hand. »Ihr Eulenriede betreibt das Retten als Sport. Es ist nicht der schlechteste. Aber ich sage jetzt aus vollem Herzen: Gott sei's gedankt, daß diesmal der Retter gesund blieb! Eulenried, ich trage schwer am Verlust Ihres Bruders ...« Nachdem Dankwart alles noch einmal besichtigt und gefunden, daß sein Oberknecht vorbildlich selbständig gearbeitet hatte, ging er sogleich an das Wiedereintreiben des Viehes in den unversehrten Stall. Wieder halfen die Leute aus dem Dorf treulich. Der Hütejunge zählte gewissenhaft. »Alles im Lot«, sagte er dann altklug. »Wir können Feierabend machen.« Aber während wirklich alle Beteiligten sich stärkten, holte Kaspar unermüdlich die verlaufenen Hühner, Gänse und Enten zusammen. Es waren ja die Lieblinge und Pflegebefohlenen der Haustochter Elisabeth, die jetzt eine Baronin war, weil sie nicht hatte warten wollen, bis der Hütejunge Kaspar Administrator war. – Und als er sah, daß drei schöne Legehennen ertrunken waren, weil sie sich unbeaufsichtigt zu weit verlaufen hatten, – legte er die drei toten Tiere in die Diele des Altenteils mit dem Vermerk auf grobem Papier: » Verlustkonto .« Als Dankwart am Abend dieses ereignisreichen Tages rechtschaffen müde in das Altenteil ging, fand er in der spärlich erhellten Diele zuerst das lächerliche Papier mit den toten Hühnern. Nebenan hörte er leise sprechen. Er öffnete sacht die Tür und erschrak. Trotzdem der Anblick friedlich war, der sich ihm bot. Der Bauer Kreihorst lag zwar noch im Bett, aber doch mit dem Gesicht der grünbeschirmten Lampe zugewendet. Und auf dem alten, breitausladenden Kanapee saß sein junges Weib Hand in Hand mit einem Manne, der wahrhaftig sein eigener Vater war. »Guten Abend, Vater!« Seine eigene Stimme schien zu versagen. Der alte Baron gab ihm den Gruß auch nicht zurück und hielt mit seiner großen Hand Elisabeth auf dem Sofa fest, die dem Gatten entgegengehen wollte. »Warum hast du mir nicht gesagt, daß du ein so schönes, starkes Weib hast? Das mir in diesen eineinhalb Stunden lieber geworden ist als ihr drei Jungens in dreißig Jahren? He? Hintergangen hast du mich, Dankwart. Betrogen.« »Ja, Vater, und du mich auch. Nie hätte ich gedacht, daß du halbkrank heruntergestiegen bist von unserem Nest, um mir gutes zu sagen.« »Das nennt der Bengel ›gutes‹, Liese!. Hast du's gehört? Und warum stört er uns? Ich habe so lange nicht mit einem schönen jungen Weibchen auf dem Sofa gesessen.« Dankwart bückte sich schnell zu seiner Elisabeth hin und küßte sie. »Nun ja, das darfst du«, knurrte der Alte. »Sie hat mir auch schon so was verabreicht, oder vielmehr ich ihr.« Nun ging Dankwart an das Bett des Kranken. »Du bist ja wach, Schwiegervater. Hast leidlich helle Augen, stört dich das Sprechen nicht? Willst du schlafen?« »Warum soll er schlafen, wenn der ›Herr Bruder‹ zu ihm kommt und ihm Grüße von der neuen ›Frau Schwester‹ bringt?« Bauer Kreihorst lächelte etwas schattenhaft. Dankwart beugte sich tiefer zu ihm und hörte ihn leise sagen: »Ich denk, wie sehr sich der Baron angestrengt hat, um zum Bauern zu kommen. Das ist auch von mir aus etwas Anstrengung wert.« Und dann schlief der Kranke wieder. Der Baron verabschiedete sich polternd und wortreich. Dankwart spannte seine Pferde in einen niedrigen Korbwagen ein, half seinem Vater beim Einsteigen und fuhr ihn langsam durch das schwiegerväterliche und das eigene Gut zur Burg hinauf. Er saß beim Kutschieren neben seinem Vater und wunderte sich, daß er mit einem Male so schweigsam war. »Geht es dir nicht gut, Vater?« »Über Verdienst gut«, war die überraschende Antwort. Und dann kamen langsam die Worte hinterher, die, wenn sie nicht sein Vater gesprochen hätte, eine tiefe Rührung vermuten ließen. »Junge, – es sieht bei euch alles so wohlhabend aus. Und auch bei mir. Ihr habt euch wechselseitig geholfen. Ist die beste Kameradschaft ...« »Mein Schwiegervater hat mir geholfen, und ich habe ihm gedient als dem vorbildlichsten Bauern im ganzen Kreise.« »Hm. Und was glaubst wohl? Genau dasselbe sagte Kreihorst über dich, als er so in halber Ohnmacht lag.« Da lachte Dankwart. »Ja, Vater, eben weil er ohne Besinnung war.« »Dankwart, es ist ein wunderliches Gefühl für mich, zu wissen, daß es mit den Eulenrieds vorwärts geht ... ohne mein Zutun, Dankwart ... durch die Hilfe eines Mannes, den ich früher gern hatte, gern mit ihm sprach, – aber sobald er sich anmaßte, meine Kreise zu stören, – in seine Schranken zurückwies.« »Wir wollen nicht mehr darüber sprechen, Vater. Wollen nur von Herzen hoffen, daß dieser zuverlässige Helfer wieder gesund wird und daß ich ihm weiter dienen kann.« »Mir ist dies Wort unbehaglich in deinem Munde ... wir gehören zum Hochadel ...« »Vater, wer ist adlig? Ich habe mir längst die Antwort selbst gegeben. Adlig ist der, der den Bauern liebt und seine schwere Arbeit ehrt.« Der Wagen fuhr ganz langsam den steilen Weg zur Höhe. »Ich danke dir noch einmal, daß du gekommen bist, Vater, und daß du bekannt hast, wie herzlich du meine Wahl billigst. Wie sehr hat Elisabeth unter deiner Nichtachtung gelitten und ich auch.« »Dankwart, du hast die Gefühlsduselei von deiner lieben Mutter geerbt. Sie reizt mich. Aber deine Lisel ist famos, und du kannst sie überall aufzeigen.« Dankwart schwieg. Als sie in das Tor eingefahren waren, gab er die Zügel dem alten Kutscher, half dem Vater und wollte noch die Mutter begrüßen. »Sie schläft schon«, berichtete Tante Hermine. »Du mußt schon noch ein Weilchen mit mir vor der Tür stehen. Es scheint mein Verhängnis zu sein, immer mit einem Neffen scharmutzieren zu müssen.« »Ich bin sehr müde, verehrte Tante, und muß noch Lisel beim Vater ablösen.« »Schade, daß du eilig bist. Meine Sache würde wohl Zeit vertragen und auch verdienen ...« »Also, Tantchen ...?« Er bot ihr seinen Arm, und sie wanderten selbander im Burggarten umher. »Ich möchte dir etwas schenken, Dankwart.« »Du mir? Eigentlich müßte ich solch liebes Tantchen ganz und gar erhalten und es auf Händen tragen.« »Gottlob, daß ich noch laufen kann. Aber du bist mir zu hager geworden, mein Junge. Dein Schwiegervater kam neulich abends mal zu mir – sagen wir ruhig: ›fensterln‹. Denn ich sah aus dem netten Stübchen zu ebener Erde heraus, das in glanzvollen Zeiten ein Burgwart bewohnte. Jetzt ist es Hühnerstall. Kurz und gut, der brave Kreihorst erzählte mir von dir. Lobte dich über das Bohnenlied. Aber du müßtest noch einen tüchtigen Oberknecht annehmen, und unser ganzes Gewese müsse von Grund auf in Ordnung gebracht werden. Du wärest aber halsstarrig im Annehmen von ›Pinkepinke‹. So gewählt drückte er sich aus. Nun hast du aber eigenes Vermögen, Junge, denn Illo und du seid allein meine Erben. Ich hab' mein Habchen und Babchen auf die hohe Kante gelegt, Zins auf Zinseszins und will es doch lieber mit warmer Hand in unser Gut buttern als auf meine Auferstehung warten. Denn daß ich jemals auch nur eine Woche lang im Grabe faulenze, das glaubst du ja selbst nicht. Ich werde vom Tage meiner Beerdigung an spuken. Dafür habe ich dich ja lieb, Junge, gelle? Ich werde immer sehen wollen, was du machst ...« »Warum sprichst du eigentlich so tolles Zeug, Tantchen? Wir brauchen dich ja alle wie das liebe Brot und wollen dich weder tot noch herumgeistern sehen. Aber daß du ein Engel bist und Flügel nur noch Frage der Zeit, das weiß ich seit langem. Und wie du hast sparen können, Tante Hermine, dies geht über meinen Horizont. Du hast doch Mutter immer noch bar Geld für die Wirtschaft gegeben ...« »Hat sie gepetzt, die gute Seele? Sieh, mein Junge, das war und ist eigener Verdienst. Es ahnt kein Mensch, wie meine Klöppelspitzen gesucht und hoch bezahlt werden. Doch, – der Kreihorst weiß es, denn durch dessen Hände gehen sie in die Großstädte. – Setz' die Verwunderungsmütze ab, Junge, ich freue mich, daß der alte Bär reinen Mund gehalten hat. All mein Lebtag hab' ich die Männer für besser gehalten als uns Weibsen, aber es hat mich doch kein Mann dafür belohnt, indem er mir etwa seinen Namen schenkte und mich auf das Schloß seiner Väter führte. Einerlei, sie sind nach meiner Ansicht besser als wir, größer im Denken, klüger, freigebiger ...« »Hör' auf, Tantchen, ich erglühe wie eine Päonie ...« »Dante Gott, daß du noch rot werden kannst, Dankwart, ohne den Atem anzuhalten. ... Also, es sind fünfzehntausend Mark. Dafür mußt du mich aber heute abend in die Burg zurückbringen, wir sind bereits über das Weichbild hinausgewandert, und ich will meinen guten Namen nicht aufs Spiel setzen ...« Dankwart lachte. »Wie ein Eulenried!« »Dummheit lacht. Ich bin nur fünfunddreißig Jahre älter als du, und es sind schon Nachtwächter am hellen Tage gestorben. Unterstehe dich nicht, mich zu küssen, das Stubenmädchen sieht oben aus dem Fenster.« Dankwart tat es aber doch, und Tante Hermine stellte bei sich fest, daß auf Männer, alt oder jung, kein Verlaß sei. Als sie sich von dem Schreck erholt hatte und Dankwart schon die Zügel nahm, fragte sie hastig: »Wohin soll ich das Geld überweisen? Im Strumpf habe ich's nicht. Meine Strümpfe stopfe ich mit Twist.« »Engeltantchen, überweise es an Vater Kreihorst. Die Freude gönn' ich ihm, daß er sieht, daß ich kein Schnorrer bin und daß Engel für mich sorgen.« Länger wollten die Pferde nicht mehr stehen. »Hals- und Beinbruch!« rief die alte Dame ihm noch nach. Das hätte sie diesmal nicht nötig gehabt, denn der Weg war steil, und der Wagen polterte gefährlich bergab. Kopfschüttelnd erwartete ihn der Oberknecht. »Ich dachte schon, es käme Nimsi, der Sohn Jehu«, sagte er dann lachend. – Da sein Vater einmal hatte Theologie studieren »wollen«, was er des öfteren nach Feierabend den Insten erzählte, wußte er gut in der Bibel Bescheid. Dankwart fand sein Lisel noch am Krankenbett. Sie sah sehr müde aus, und er nahm sie zärtlich in die Arme. »Für dein langes Warten bekommst du eine Freude«, tröstete er und erzählte von der großmutigen Erbspende der lieben Tante Hermine. »Ach«, meinte sein junges Weib glücklich, »es ist ja ganz schön, aber schöner ist's, wenn ich dich bei mir hab'.« Das leuchtete ihm auch ein, und er wollte ihr in seinem Übermut grad noch ein Thüringer Schnaderhüpfl singen, das recht auf ihre Worte Bezug nahm, aber sie hielt ihm den Mund zu. »Sing' nur, Schwiegersohn!« rief Bauer Kreihorst mit leidlich gesunder Stimme ihm zu. »Der Thüringer sagt, nach jedem Unglück müsse man laut und fröhlich einen Choral singen oder sonst ein lustig Liedel, dann schwirrten im Nu die bösen Geister fort, die das Unglück verschuldet hätten.« »Ein Choral war's aber nicht«, meinte Lisel, und Dankwart küßte sie auf die vorwurfsvollen Augen. Nun bekam der Vater auch die überwältigende Neuigkeit zu hören. »So ist's recht«, meinte er und streckte sich in neuerwachter Gesundheit wohlig aus. »Was glaubst, Schwiegersohn? Man muß nicht immer knurren: ›Ein Leid kommt selten allein‹, man muß nicht gleich auf dies Leid lauern. Eine Freude kommt auch selten allein. Vorhin hat hier der Landrat gesessen, – du, der wollte dir was. Es tat ihm leid, sehr leid, daß er dich nicht antraf. Ist ein kommoder Mann. Hatte sich scheint's auf eine Rede präpariert, und eine Rede, die man nicht halten kann, zehrt am Leben.« »Der Landrat wollte sicher nur den Brandschaden besehn ...« »Hat er auch getan, und der Oberknecht führte ihn. Aber, liebster Mann, der hat ihm so viel von dir erzählt, was du für ein Landwirt bist und – ein Mensch. Wie du für die verunglückte Magd so heimlich gesorgt hast und alles aus deiner Tasche bezahlst. Weil nur unmündige Geschwister nachgeblieben sind, – – das weiß ich nicht einmal, Das hat mir alles der Landrat erzählt ... Wohin läufst du, Dankwart?« »Am liebsten weit fort, um das nicht alles anhören zu müssen. Außerdem rüttelt jemand am Haustor.« Es war die Base, die ziemlich unwirsch berichtete, daß sie mit dem Oberknecht das Altenteil für das junge Paar eingerichtet habe, denn im Wohnhaus röche es nach Rauch und auch sehr übel von der Scheune her. Aber von ihrer Sorge und ihrem Brandschaden hätte kein Mensch etwas gemerkt oder sie getröstet, und sie wäre wohl nur dazu da, um zu arbeiten, bis sie liegen bliebe.« »Aber, Base, wer wird so wüten!« sagte Dankwart gemütlich. »Seien Sie doch froh, daß Sie noch so rüstig schaffen können. Für andere zu sorgen, ist wohl das Beste im ganzen Leben und das edelste Frauenrecht.« »Ja, wenn der Baron das so scheene ›ausläd‹, dann wird mer widder ä Linsgen besser im Gemit. Un nu Gut Nacht. Heit schlafen mer alle ins Altenteil, un doch gehör ich alleine 'nein.« »Wer so jung ist wie Sie, Frau Bas' ...« Sie lief kichernd und hüstelnd davon, und man hörte sie ihre Kammer hinter sich abschließen. Elisabeth und Dankwart besorgten noch den Vater, der ihnen versprach, morgen gesund aufzuwachen. Eisenach im September 19.. Mein alter Dankwart! Wie seltsam ist unser Leben geworden, seit wir an jenem denkwürdigen Tage mit tausend Masten hinaussegelten. Ich blättere jetzt oft nach getaner heißer Arbeit in den Briefen unseres Wildrichs und besonders in seinem schönen, inhaltreichen Tagebuche, das mir der Fürst schickte. Wildrich hatte es der Prinzessin übergeben zu treuen Händen. Da sind auch viele Seiten mit Erinnerungen an unsere Kinderzeit gefüllt. Trotz aller Prügel, die wir in überreicher Fülle »besahen« und wohl auch verdienten, können wir doch getrost sagen: »unsere selige Kinderzeit!« Wie sein, humorvoll und hie und da drastisch das alles von ihm geschildert wird! Was steckten doch in diesem Träumer für Werte! Ich glaube, nur Mutter hat so recht sie erkannt und sich mit Tante Hermine darüber unterhalten. Er ist auch oft noch spät abends bei der Mutter gewesen, hat ihr durch sein Plaudern die Schmerzen vertrieben. Und dann hat er ein reiches aber einsames Innenleben geführt, in das nur die Prinzessin einen Einblick gewann. Auch wir Brüder waren mehr oder weniger davon ausgeschlossen. Die beiden gingen in ihr Königreich und schlossen die Tür hinter sich zu, wie es so einzig schön im Märchen heißt. Die Gedichte: »An Sybille« in seinem Tagebuch sind in Form und Inhalt vollendet. Ein großer Friede geht von den Worten aus, – ich habe manche von den Liedern gesungen, – singe sie noch, weil sie zu unirdisch zum Sprechen sind. Wo schläft unser Bruder eigentlich? Immer noch in der Fürstengruft? Ich wundre mich, daß unser alter Herr das leidet, obgleich ich mir selbst auch einen andern Aufenthalt für meinen Leib denken möchte, als das Eulenriedsche Burgverließ. – Da lebt und wächst man auf in Waldesluft und Sonne, um nachher in Moderduft und eiskaltem Schatten hinter klafterdicken Mauern eingekellert zu werden – – – Denke nicht, daß ich leberkrank geworden bin. Diese düsteren Reflektionen passen schlecht zu Deinem wildfröhlichen Illo, und noch weniger zu der sonnigen Kunst der Uhrmacher, in der ich ganz aufgehe. Aber hinterlassene Briefe und Tagebücher von einem jungen Toten haben immer etwas ansteckend Melancholisches, – eben weil das Leben, das diese Schriften atmen, nicht zu Ende gelebt worden ist. Was macht Ihr dort in Ilmenbach für traurige Geschichten? Da doch Hausierer, Wandergesellen und Sommerfrischler die beglückende Kunde bis hierher tragen, daß Burg Eulenried wieder neu erblüht und mit ihrem Gut und angrenzendem schönen Bauernhof recht wie ein Schmuckkasten daliegt. Mir schlägt immer das Herz höher, wenn ich so etwas im Laden höre, und ich freue mich auch über die furchtbar dummen Gesichter der Erzählenden, wenn der Geselle mich in die kurzen Rippen mit dem Ellbogen stößt und grinst: »Du, Illo, da meinen sie Dir mit.« Sie schütteln dann immer nur den Kopf und geben sich nicht mit der Lösung des Rätsels ab, denken wohl: Uhrmacher sind nun mal »rrr«, das kommt von den vielen Rädern. Laß sie! – Aber ich fiel beinahe um vor Schreck, als neulich jemand fabelte: »Burg Eulenried brennt!« Bis schon der Nächsteintretende berichtigte: Nur die Scheune und ein Haus. Bis ich dann langsam herausbrachte, daß es nur Kreihorsts Scheune war, die etwas aufs Nachbarhaus übergegriffen hatte. Aber dann kam doch so allerhand hinterher, von einer toten Magd, dem der »rauchvergiftete Bauer« folgte. So ein Reporter kann einem schon bange machen. Wie gern hätte ich Schusters Rappen gesattelt und wäre zu meinem einzigen Bruder gelaufen. Dankwart, – ist es auszudenken, daß jeder von uns beiden für den andern ein einziger Bruder ist? Wildrich tot? Meine Erbuhr hielt mich fest. Wenn einmal ganz Thüringen von ihr spricht, daß sie genesen ist, auferstanden mit surrenden Rädern und klingendem Schlag – – dann komme ich in die Heimat. Sag mal, hat Tante Hermine ihre »Fünf« plötzlich nicht beisammen? Sie fragt an, ob ich es krumm nehme, wenn sie Dir 15000 Mark mit warmer Hand gibt? Mit kalten Füßen kann sie es sicher nicht, sondern nur mit dem Herzen, das auf dem rechten Fleck sitzt. Mir könnten jetzt 15000 Mark gar nicht helfen. Nur mein Grips, der von der Liebe getrieben wird. Von der Liebe komme ich auf das »Englein« und auf die Gräfin Wartberg, was keineswegs dasselbe ist. – Aber die Liebe ist immer dieselbe. Die »Größeste«, die Unruhe, die Hemmung, die treibende Kraft, ob sie nun in einer lebfrischen Dirn steckt, oder in einer alten Dame mit gamsledernen Büxen. Gräfin Wartberg hat unsern Vater geliebt, und nun will sie auch seine Frau, unser gutes Mutting, an ihr altjüngferliches Herz nehmen. Der Wildrich ist dran schuld. Gott schenke ihm dafür fröhliche Urständ ! Er muß eng befreundet mit der wunderlichen Dame gewesen sein, denn er hat ihr mein Geheimnis anvertraut – daß alle Uhren der Welt, zu denen mein eigen Herz gehört, nur für Angela Distelfink schlagen, daß ich aber keine Macht habe, diese Widerspenstige zu zähmen und keinen Weg finde, ihr näherzukommen. Und wenn ich sie gefesselt mit einem Tuch über Kopf und Kragen auf unsere Burg schleppte, wie es unser Ahn Thassilo der Erste getan hat im Lutherjahr 1483, so würde es mir sicher nichts nützen. Übrigens ist dieser Ahn sehr glücklich und die Ahnin sehr zahm geworden, nachdem sie achtzehn Eulenrieds geboren hatte. »Und es sohl ein glühkselliger Ehstand gewehsen seyn«, wie die Urkunde behauptet. – Ich eile zum Schlusse dieses umfangreichen Schreibens. Also die Gräfin kam hier an, und zwar in gamsledernen Buxen, – damit es nicht so auffallen sollte, sagte sie. Halb Eisenach lief hinter ihr drein. Zuerst sprach sie mit Meister Distelfink, der ganz entzückt von ihr ist, und erbat sich das Mädchen zur Pflegerin und Gesellschaft – hast Du Worte? – für unsere Mutter. Und der Meister gewährte den Wunsch sofort, nur aus Liebe zu seinem Lehrling, der Gute, noch ehe der Unbesonnene seine Enkelin gefragt hatte. Dann wurde das Englein zitiert. – Natürlich bezauberte sie die Gräfin im Nu durch ihre Schönheit und gab sofort ihre Zustimmung, »nur um meinen Anblick nicht mehr zu haben«. Auch dieser schnöde Ausspruch entzückte die Gräfin, wie sie mir später sagte. Denn sie klopfte an meine Kammertür, lachte klingend über meine Zimmereinrichtung, schloß die Tür hinter sich ab und erklärte mir mit schöner Offenheit, daß sie mich für den Schönsten von uns Brüdern halte. Du kannst Dir denken, wie das mein Herz stärkte. – Dann eröffnete sie mir, daß sie das »Englein« binnen zwei Tagen nach Burg Eulenried brächte, um fortan ihre beste Freundin zu sein. Im Verein mit Mutter und Tante Hermine wolle sie das Kind erziehen. Für wen? »Schweig still, mein Herze!« – Sie bat mich, ihr das Haus des Schmiedes von Ruhla und dann die Wartburg zu zeigen, aber schon durch Erwähnung des Schmiedes wurde ich hart und blieb bei meiner Erbuhr. Es wäre ja auch das erstemal gewesen, daß ich sie im Stich gelassen hätte. Mein Ziel, das Meisterstück leuchtet am Zukunftshimmel. Dankwart, – die Gräfin blieb in den Gamsledernen. Dagegen machte sich Kaspar Gärisch, um mich zu vertreten, so unmöglich fein, daß die Gräfin einen Landauer mietete. In diesem vorsintflutlichen Vehikel sind sie abgefahren. Angela blieb daheim. Nach dem Abendbrot, das sie trotzig und stumm verzehrte, ließ uns der Meister einen Augenblick allein. Ich dankte ihr überaus herzlich für ihre Einwilligung, meine Mutter zu pflegen, und sie sprudelte unglaubhaft zornig ihre Ansicht heraus, daß sie ja nur auf diese Art von mir erlöst würde, und ich dürfe nie die Burg betreten, solange sie dort sei. So entzückend sah sie aus, daß mir die Liebe über Kopf und Kragen schlug, und ich küßte den roten Mund zum zweiten Male. Empfing auch den zweiten Schlag und bin überzeugt, daß ich den dritten womöglich vor dem Altar bekomme, aber dann sind wir ja vorher schon standesamtlich verbunden. – Nachschrift: Und nun ist sie fort, und vielleicht schon in Ilmenbach. Sei ihr ein treuer Beschützer und bitte auch Dein Frauchen, daß sie das Englein oft besucht. Gebt mir Bericht. Zum Abschied mußte sie mir die Hand geben auf Befehl des Meisters Distelfink. Bitterlich weinte sie. »Sehen Sie sich nur meine Burg ordentlich an«, so raunte ich ihr zu, »sie wird Ihnen schon gefallen.« Was antwortete sie? »Ja, ja, ich will sehen, ob sich eine Uhrmacherwerkstatt drin einrichten läßt.« Dein froher Bruder Illo. 16. Die mit »warmer Hand« überwiesen« große Spende der treuen Verwandten besaß Zauberkraft. Und die einfache Lebensführung des jungen Paares, der eiserne Fleiß des Gutsherrn Dankwart, auf den sich die wohlbedachten Ratschläge des alten bewährten Bauern stützten, waren aufbauende Kräfte für das ehemals so vernachlässigte Gewese. Man diente plötzlich gern auf diesem Gut, das von einem ernst-frohen Mann bewirtschaftet wurde, der niemals mit barschen Worten den Herrn herauskehrte. Dankwart arbeitete so selbstverständlich Schulter an Schulter mit seinen Leuten, hörte auch gern einmal auf den Rat des braven Oberknechtes seines Schwiegervaters. Und dann verglichen die beiden Jüngeren ihre Meinungen mit der des Bauern Kreihorst, die dann fast immer die ausschlaggebende war. Und wie man ehemals heimlich und öffentlich, jedenfalls selbstverständlich vom »untergehenden«, ja »verlotterten« Gut gesprochen hatte, so hieß »der Eulenried« jetzt nur noch das »fröhliche Gut«. Denn man hörte singen, allein und im Chor, immer, wie es die Arbeit mit sich brachte. Das hatte der musikalische Dankwart angeregt. Und seine Frau Elisabeth hatte eine Strickstube eingerichtet, lehrte auch das Flicken, das nicht nur im raschen Zusammenziehen eines Loches oder einer Naht bestand. Und im Winter sollten die Thüringer Spinnstuben wieder ihr Recht bekommen. Wenn dann die Bürschchen sich dazu gesellten, dann verlor freilich das Wirtshaus an diesem Sonnabend seine Gäste. Dafür war aber auch in der Dorfstraße kein »Gröhlen« zu hören, sondern zwei- und dreistimmige Volkslieder. Auch Bauer Kreihorst war ganz froh geworden. Die Aussicht auf einen Enkel und zugleich Stammhalter der Eulenrieds ließ ihn noch einmal so beschwingt arbeiten und auch die Gewißheit, daß der alte Löwe da oben im Schloß sein Brüllen eingestellt hatte und sich auf alte Ritterlichkeit besann, die Tochter Elisabeth beglückte. Am Tage, da die große Versicherungssumme im Hause Kreihorst einlief, die dem Bauern Kreihorst gleich zum neuen Haus- und Scheunenbau verhalf, sah Dankwart mit Schrecken in den Büchern, daß sein gottverlassener ehemaliger Administrator in Schulden bei der Versicherung stand. Blind war der alte Baron an diesem Schlendrian vorübergegangen. Und in den Herzen des jungen Ehepaares wuchs immer fester die Dankbarkeit für das alte, sorgende Jüngferchen Hermine, das die Mittel zu neuer Versicherung herbeigeschafft hatte. Dankwart ging wie auf Federn. Die Disteln blühten reich und voll und sagten einen schönen, warmen Herbst voraus. Dann würden auch die Zugvögel sich nicht vor Michaelis verabschieden und gutes Wetter gar bis Weihnachten gewährleisten. Und kämen Herbstgewitter mit Schnee, so würden sie doch dem nächsten Jahre nicht schaden. Dankwart schaffte neues Saatgut an und merkte, daß durch die frühere schlechte Bewirtschaftung sein eigener Boden nicht genug lieferte. So nahm er Saatwechsel vor. Sein Schwiegervater beobachtete all dies gute Mühen und freute sich innerlich, ohne darüber zu sprechen. Das sparte er sich für die kargen Stündchen auf, da er zu Tante Hermine »fensterln« ging und das noch starke, frohe Mitempfinden der lebendigen alten Dame genoß. Er wußte auch, wie warm sie seine anerkennenden Worte oben im Schloß der kranken Mutter wiederholen würde, damit sie endlich einmal wieder eine geruhige Nacht verbrachte. Und dabei machte es dem Alten Freude, Dankwarts Eifer zu beobachten. Er und Dankwart hatten heiße Zeit. – Dieser hatte Kunstdünger gekauft; es machte dem alten Landwirt Freude zu sehen, wie bedächtig sein Schwiegersohn darauf sah, daß mit Maß gestreut wurde. Auch hatte er nur von gewissenhaften Händlern gekauft, die ihre Ware unter Kontrolle der Versuchsstation stellten. Es ging nichts bei Dankwart verloren, was der Ältere ihm anriet; das machte dem Alten den Jüngeren so wert. Beide Landwirte bestellten jetzt Wintergerste, und von der Mitte des Septembers an sollte Roggensaat »in alte Furche« kommen. Kreihorst hatte seinem Schwiegersohn eine Drillmaschine geschenkt, weil er Drillkultur für besser als Handsaat hielt, schon weil man Saatgut dabei sparen konnte. Der verabschiedete Administrator hatte unverantwortlich in allen Beständen gewirtschaftet. – »Selbst ist der Mann«, war Dankwarts Parole, und er würde alles wieder einbringen. Wie Elisabeth aufblühte! Ihre derben, strengen Züge waren merkwürdig weich und zart geworden. Das hatte alles die Liebe getan, das Vertrauen und die Zuversicht des Geborgenseins bei diesem gütigen, starken Mann, der sie auf Händen trug. Und nicht zuletzt die beglückende Gewißheit, daß sie dem uralten Geschlecht, dem edlen Namen, der herrlichen Thüringer Burg als schlichte Bauernfrau den Erben schenken würde. – Sie war viel allein, die junge Frau. Deshalb stieg sie jeden Tag hinauf zur Burg, um nach der Mutter zu sehen, die sie tief ins Herz geschlossen hatte. Gut und lieb wurde sie immer von allen empfangen, wenn sie Grüße von Dankwart brachte. Der Beginn der Kartoffel- und Rübenernte hielt ihn auf dem Gute fest. Ebenso das Einbringen des Grummet und die Bewässerung der Wiesen. Die junge Angela Distelfink, die glücklich gelandet war, hatte sich rasch mit den ganz veränderten Verhältnissen vertraut gemacht, und als muntere Thüringer Forelle schwamm sie auch in fremdem Gewässer herum. Sie betrachtete mit schier andächtiger Scheu die junge werdende Mutter. Elisabeth aber war als Dankwarts Frau sicher und unbefangen geworden. Und das Englein schämte sich solcher Freundlichkeit und Güte gegenüber, daß es jemals »wüst« getan. Ilmenbach, im September 19. Mein geliebter Illo! Vergiß, daß mir das Schreiben mit meinen verkrümmten Händen schwerfällt, und schick' mir, bitte, als Antwort nicht nur eine kurze Notiz. Denn das Heimweh nach Dir ist viel zu groß für eine jämmerliche Postkarte. Kannst Du mein Geschreibsel lesen? Gelle ja?! Was hat mir der liebe Meister Distelfink für ein schönes Paketel geschickt ! Und ich eigensüchtige Frau habe es mit Freuden angenommen. Das Englein! Trägt wirklich seinen Namen mit Recht. – Manchmal freilich, wenn es eine böse Geschichte hört, oder gar erlebt, etwa so etwas von Tierquälerei, dann blitzt es in den schönen Augen auf, als wollt' ein Teufelchen herausspringen, – kommt aber doch nur ein Englein herfür. Sie kann sich fabelhaft auf Kandare reiten, die kleine Angela. Nun hat sie uns bereits alle am Bändel, von Deinem Vater an bis zum Hütejungen aus dem Instenhaus des Bauern Kreihorst, »unseres Schwiegervaters«, wie wir alle sagen. Als »Fräulein Distelfink« dem Vater vom Diener gemeldet wurde, ist er gar nicht nett gewesen. Er hat, wie er mir später polternd sagte, gefürchtet, die ganze Uhrmacherzunft wolle nach Burg Eulenried übersiedeln. Deinen Berufswechsel hat er Dir ja immer noch nicht verziehen. – Aber Dein lieber Vater ist ja leider oder in diesem Falle Gott sei Dank der letzte, der einem so einzig schönen Geschöpf widerstehen könnte. Er hat aber keineswegs ihren Namen »Englein« aufgenommen, sondern nennt sie das »Ührchen«, zieht sie auch mindestens dreimal am Tage gehörig auf, weil dann das Teufelchen in den Augen erscheint, wie der Kuckuck in einer Schwarzwälder Uhr. Ihre schnabelfertigen Antworten entzücken ihn, während Dankwart und Tante Hermine sie ducken. Ich selbst bleibe neutral. Denn Angela betreut mich rührend, scheut keine Arbeit und entlastet Tante Hermine. Gestern aber hat ihre Art Deinen Vater sehr verschnupft. Er rang sich nach langem Kampf die Anregung ab: »Erzählen Sie doch mal von meinem Sohn, dem Baron Illo ...« Und da sagt das Ding mit langgezogenem verächtlichen »Aaaach: Unser Lehrling??? Von dem weiß ich gaaar nichts!« Das war nicht böse von ihr, aber recht urwüchsig und durfte nicht sein. Vater hat es sehr übelgenommen und spricht nun viel von kleinbürgerlichen, schlechten Manieren. Diese hat sie aber durchaus nicht, und als ich sie freundlich zur Rede stellte, klagte sie sich selbst an. Erzählte, daß sie Dich eben durchaus nicht leiden könne, und bat deshalb herzlich um Verzeihung. Denn Du seist so gut und lieb und klug wie kein Mensch sonst auf der Welt, und fein und ritterlich auch gegen die einfache Base Konkordia. Und sie wisse nicht, wie es komme, daß Du ihr, der Angela, so widerwärtig seist. Bitterlich weinte das arme Ding, und ich erzähle Dir alles treulich als Deine mit Dir fühlende Mutter. Armer Illo, es muß schwer zu ertragen sein, wenn man so »gehaßt« wird ... Eines aber weiß das Englein ganz genau und beichtete es mir mit rührender Offenheit, nämlich daß ihr Großvater ein sehr reicher Mann ist und sie seine einzige Erbin. – »Aber was soll ich mit dem vielen Gelde, wenn ich doch meinen Großvater dann nicht mehr habe?« – Auch daß sie außergewöhnlich hübsch ist, weiß sie und leidet darunter. »Alles sieht mich an«, klagte sie, »und das ist kaum zu ertragen. Ich wollte, ich sähe aus wie Muhme Konkordia.« Da gab ich dem Schafköppchen recht und meinte, Du würdest sie dann auch abscheulich finden, und ihr wäre geholfen. Nun ist sie nachdenklich geworden, geht versonnen ihres Weges, und das kleidet sie erst recht gut. Du siehst, wir Frauenzimmer haben andere Nöte als Bauern und Uhrmacher. Und ein gütiges Geschick mag geben, daß Du in absehbarer Zeit das Räderwerk des »Ührchens« in Ordnung bringen kannst. – – Dies ist der aufrichtige Wunsch Deiner treuen Mutter. P. S. Daß wir Eulenrieds allesamt uns die Nachschriften nicht abgewöhnen können. Ihr Jungens müßt es von mir geerbt haben, denn euer Vater schreibt ja gar nicht. Aber er bangt sich nach Dir, wenn er Dich auch nicht grüßen läßt. – Der Fürst hat mir geschrieben, daß am nächsten Sonntag die Überführung unseres lieben Wildrichs und seiner Braut Sybille in das Waldgrab stattfinden soll. Es ist neben der uralten fürstlichen Waldkapelle ausgeschaufelt worden. Du kennst den Platz, mein Illo, und weißt, wie einzig schön er ist. Viel dummes Zeug habe ich Dir geschrieben, ehe ich diese ernste Sache zu Papier brachte. So wunderlich sind Mutterherzen ... Es reißt mich immer noch um, wenn ich an unseren Wildrich denke. Kannst Du es nicht möglich machen, zu dem feierlichen Tage herzukommen? Du darfst nicht daran denken, daß Dein Vater Dich damals »zum Teufel« geschickt hat, gelle, Illo? Seitdem ist ja so viel Wasser die Ilm hinuntergelaufen. Sei gut, Illo! Um meinetwillen komm' zur Ruhestätte Deines Bruders und an das Herz Deiner alten Mutter. – Illo sah recht wie ein fahrender Gesell aus, als er am Sonnabend vor Michaelis in aller Herrgottsfrühe von seinem Meister für drei Tage Abschied nahm. Nebenbei sah er mißmutig aus, denn er grübelte über einen Fehler in seiner Erbuhr und hatte ihn in diesen Tagen finden wollen. Aber der Meister hatte es ihm verwiesen. »Sieh in den Spiegel, Junge, und dann sag' mir ehrlich, ob du noch derselbe frische Kerl bist, der im Mai, im schönen Maien, viel noch im Sinn hatte. Hohläugig bist du geworden und schmal. Die Nachbarn reden schon drüber, und die Base Konkordia jammert, daß man Schlüsse auf ihre Kochkunst zieht. Was an mir liegt, so glaub' ich, du hast Heimweh, und das ist nichts Unrechtes, und wird am besten durch ein Wiedersehen geheilt. Wiedersehen mit der Mutter. Das ist's. Denn die Heimat, dein Thüringen, hast auch hier, und die hohen Tannen und die hohen Berge. Und »Hochland ist überall, wo ungeschreckt die Seele sich aus Bitternissen reckt«. Hast Bitternisse? Glaub's nicht. Bist verliebt? Schaust ja kein Dirnlein an. Trotzdem du in Eisenach an der Quelle sitzt. So was Schönes wie dahier an Meidlis findst nimmer. Weiß Bescheid. Hab' mir auch einmal mein schönes Weib aus Eisenach geholt. Aber Schönheit vergeht, Schweinsleder besteht! sagt Krischan Anderson. Kannst glauben, daß Muhme Konkordia einmal das schönste Mädchen landauf, landab war, nach der sich Fürsten und Prinzen herumdrehten?« »Nein, das glaub' ich nicht!« sagte Illo störrisch. »War aber doch so. Aber herb wie eine Schlehe gegen alle Mannsleute. Blieb sitzen. Will als Jungfrau sterben.« »Geschmacksache!« warf Kaspar Gärisch dazwischen, der sich im Hintergrund zwischen Riesenschränken befand. »Bist auch da, Kaspar?« Der Meister war unwirsch. »Immer kommst du mit Schluderworten dazwischen. Und nun, Illo, übergib mir de ne Erbuhr zu treuen Händen. Wenn du wiederkommst – drei Tage sind bald verflogen –, wirst den Fehler schon finden. Dein Gehirn braucht Ruhe.« »Und daß mir niemand an die Uhr kommt!« »Schäm' dich, Illo. Meinst, ich, der Uhrmachermeister Distelfink, könnt' einem Genie in den Kram pfuschen? Und ihm seine Herzenssache fortnehmen? Eine Erbuhr, wie ich sie noch nie in Händen hatte? Von meinem eigenen Ahn gefertigt?« »Meister, ich bitt' Euch, – ich hab's nicht bös gemeint l« rief Illo, denn das graue Männlein war ganz aus dem Häuschen. Illo rannte in seine Kammer und holte die auseinandergenommene Uhr, alle Räder und Schräubchen und Plattinen, streng und sauber geordnet, und der Meister schloß alles mit zitternden Händen in seinen festen Geldschrank. »Hast Vertrauen, Illo? Da, nimm diesen Schlüssel mit. Kein Mensch kann an den Schrank ohne deinen Schlüssel und du nicht ohne den meinen, den ich um den Hals trage. Am Montag abend bist wieder da. Und mein Englein grüß' mir, sie soll brav tun. Und sag' ihr nicht, daß es mir das Herz abstößt, sie bei fremden Leuten zu wissen.« »Das Englein ist nicht bei fremden Leuten. Meine Mutter und Tante Hermine, das sind auch zwei Engel, so ist Ihr Kind unter seinesgleichen ... Der Meister beruhigte sich. »Brav bist, Illo, und sorg', daß das Englein mir schreibt. Du lieber Gott, wie ist mir das Dinglein ans Herz gewachsen.« »Wenn du wüßtest, daß sie niemand mehr aus meinem Herzen losreißen kann«, dachte Illo. Und dann versprach er dem Meister alles und auch seine eigene pünktliche Rückkehr. Kaspar Gärisch gab ihm ein Stück das Geleit. »Ein ›Schenie‹ hat der Meister dich genannt. Wenn er das mal in der Handwerkskammer sagt, bist du ein gemachter Mann. Illo, ich nenn' dich ›Sie‹, wenn du wiederkommst. Will mich diese drei Tage üben. Werde es an einem Besenstiel üben, der ist auch so lang und mager wie du. Es ist gut, Illo, daß du mal fortgehst. Du verwirrst mich. Bist ein Baron. Hättest eine lebendige Prinzessin zur Schwägerin gehabt, wenn sie nicht tot wäre. Sowas habe ich sonst nur in Märchen gelesen, und die lügen doch wie gedruckt. Jetzt gehst du los in deiner Lehrlingskluft, aber inwendig bist du ein Baron und bist von unserem Fürsten eingeladen, damit du deinen Bruder und seine Tochter beerdigst. Illo, sowas kann der stärkste Mensch nicht verdauen. Sieh mal, wenn ich dich nicht so liebte, würde ich dich verhauen ob deiner großen Anmaßung, aber so nenne ich dich lieber ›Sie‹. Grüß mir auch das Englein. Es ist mir eine Beruhigung, daß es dich ebensowenig leiden mag wie mich. So werden wir ewig Freunde bleiben. Geh' mit Gott und allen Heiligen!« »Du bist närrisch, Kaspar. Ich wollte, ich könnte dich mitnehmen, meine Leute würden unsagbaren Spaß an dir haben.« »Nein, Till Eulenspiegel kann ich nicht spielen. Und drei Tag lang mit Fürsten umzugehen, da würde ich mir was vergeben. Ich bin ein Uhrmachergeselle und bitte mir Respekt aus.« »Leb wohl, Kaspar. Hier trennen sich unsere Wege.« »Das ist gut, Illo. Denn du hast, ohne es zu wissen, mich geduzt. Rasche Trennung ist das beste. Leb wohl, Lehrling.« Er stelzte steif davon. – Illo war ganz fröhlich geworden. Heimat, Heimat l Er durfte die Mutter ans Herz nehmen, die treue Tante Hermine, durfte Wildrich die letzte Ehre geben und seinem Dankwart die Hand schütteln. Ja, – und das Englein wiedersehen... Lautauf jauchzte er und jodelte in den Wald hinein. Menschen, die ihm begegneten, drehten sich lächelnd nach ihm um. – Der herbe Duft der Tannen berauschte ihn. Nach zwei Stunden Weges warf er sich längelang auf den Heimatboden und küßte ihn. – Er pflückte Preißelbeeren, und Brombeeren, die in warmer Septembersonne die Nachreife bekommen hatten. Dann sprang er wieder auf und wanderte weiter. Glückselig lachte und sang er vor sich hin. Einen mächtigen Hunger fühlte er, wie er ihn in seinen Stubenhockerwochen nie gespürt. Wieder hielt er kurze Rast. Die Butter-, Wurst- und Schinkenbrote der Base Konkordia verschwanden hinter seinen festen Zähnen. Heißen Kaffee barg die Thermosflasche, und in den tiefen Taschen des Rucksackes lagen noch leckere Schmalzsemmeln und harte Eier. Oh, die Welt war doch eine schöne Einrichtung! Zuletzt nahm er einen prallen, festverschnürten Beutel aus dem Rucksack, schnürte ihn auf und schüttete das Geld aus, nachdem er seine Joppe über den Schoß gebreitet hatte. Fünfzig Taler! Einhundertfünfzig Mark! Selbstverdient! Durch die unfaßbare Güte des Meisters Distelfink, der sowohl dem Gesellen, als auch dem Lehrling selbst verdienen ließ, weil er ihre Kraft über Gebühr einschätzte. Lernen sollten sie, unablässig durch die vielen Kunden, die Kurgäste, die Sommerfrischler, die mit seltsamen alten Uhren, aber auch mit neuen schönen Taschenuhren ankamen, Uhren, die stehenblieben, und Uhren, die über das Maß vorwärtsstrebten. Und die beiden fixen Kerle fanden die Schäden, und der Meister rieb sich die kleinen Hände vor Freuden. Und ließ seinen tüchtigen Mitarbeitern die Freude am klingenden Lohn. Er selbst hatte ja genug von seinen Eltern und diese wiederum von den ihren geerbt. Meister Distelfink hatte vorbildlich für sein Enkelkind gesorgt und gespart und auch seine Vaterstadt im Falle seines Ablebens reichlich bedacht. So brauchte er sich nicht am Verdienst seiner genialen jungen Helfer zu bereichern. Kaspar Gärisch und Illo Eulenried wurden oft von reichen Honoratioren herangezogen, um kniffliche Reparaturen an alten Uhren vorzunehmen. Und wenn sie gelangen, dann war nicht geknausert worden mit klingendem Lohn und ehrenvollen Worten. Illo brauchte nichts für sich. Seine guten Gesellschaftskleider waren daheimgeblieben, er war stolz auf seine Lehrlingskluft. Nahrung und Wohnung bekam er im gastlichen Distelfinkhause, er ging nicht zu Tanz und Lustbarkeit, sondern dachte nur an den Schwur, den sich die Brüder gegeben, Dankwart zu helfen, das Gut wieder flottzumachen und hie und da der Mutter eine besondere Freude zu bereiten. Diese Freude steckte in dem schweinsledernen Beutelchen, das er heute am Spätabend der Mutter auf den Schoß legen wollte. In knabenhaftem Eifer hatte er die Taler in heißem Seifenwasser gewaschen, mit Lederlappen sie trockengerieben, bis sie hell glänzten als das, was sie waren, blankes Silber. – Jetzt packte er seinen Schatz wieder fein säuberlich zusammen, grub das Papier, in das seine Butterbrote gewickelt waren, tief in den Boden ein, damit sein Wald sauber zurückblieb, wo er getafelt hatte. Und dann ging's unter Singen und Flöten wieder talab und bergauf. – Die Abendglocke tönte feierlich vom Kirchturm in Ilmenbach. Der Eulenried folgte etwas später, sein Turm war ja viel älter als die Ilmenbacher Kirche, viel schwerer drehten sich die schon etwas müden Räder seiner Uhr. Aber wuchtig und hallend klang noch der Schall. Illo nahm den Hut ab und senkte den blonden Kopf. Dann hob er ihn wieder und grüßte die Heimat, seine Burg, die so trutzig da oben ragte. – Einen Juhuschrei stieß er aus und lief einem Reh nach, das er aufgescheucht hatte, und das vor ihm herjagte, und das er doch bald einholte, weil es sich auf den moosigen Waldboden fallen ließ und trotzig zu ihm aufblickte. Es atmete hastig von dem raschen Lauf. »Englein«, rief er glücklich, »hast du mich erwartet ?« »Was du denkst, Lehrling. – Luft wollt ich schnappen.« »Hast nicht genug und satt droben auf unserer Burg? Mußt ins Tal laufen?« »Fängst schon wieder an, mich zu frozzeln, Lehrling? Soll das immer so bleiben? Hab erst vor ein paar Tagen deiner Mutter gesagt, – ja, – daß ich dich hasse, hab' ich gesagt.« Englein weinte. »O ich weiß, ich weiß, aber gelle, nun tut es dir leid, und du willst mir heute sagen, daß du mich lieb hast, ist es so, Englein?« Sie nickte still. Das war so seltsam bei dem störrischen Kind, so beglückend. Illo umfaßte sie und zog sie mit sich bis zu einem Holzstoß, den hatten Holzfäller am Stamm einer hohen Buche aufgerichtet und zwischen dem Holz und der Buche noch ein Eckchen freigelassen, daß man recht wie in einem Hüttchen sitzen konnte. »Wirst mich wieder schlagen, Englein?« fragte er leise, ehe er sie küßte. Da schlang sie die Arme um seinen Hals. Nach einer Weile hob sie den Kopf und schob Illo von sich. »Ich muß dir beichten, du, sei nur nicht so gut mit mir. Ich hab deine Mutter belogen, – ich hasse dich gar nicht.« »Ist die Möglichkeit! Und ich hatte geglaubt, man könne sich auf dein Wort verlassen!« »Ich hab' dich lieb, Lehrling, – darauf kannst du dich verlassen.« »Du närrisches Dinglein, mit Deinem ›Lehrling‹. Wenn ich auch noch kein Meister in der Zunft bin, der deinige bin ich auf jeden Fall, hörst?« »Ja, ich höre, und ich hab' es schrecklich gern, wenn du so herrisch tust.« Er küßte sie wieder, und sie lag still an seiner Schulter. Dann standen sie auf, und er sah ihr ernst in die Augen und strich sanft über ihr schimmerndes Haar. »Sieh', Englein, es ist nicht ganz recht, was ich eben tat. Du bist die Enkelin vom reichen Distelfink, und ich bin gar nichts.« »Du bist der Illo!« sagte sie strahlend. »Ja, aber das ist nichts Rechtes und nicht genug. Ich habe erst heute gehört, von der Muhme Konkordia, daß dich schon junge Meister begehrt haben, die ganz große Werkstätten führen – – wirst du denn auf mich warten, bis ich auch so weit bin?« Sie sah ihn erstaunt an. »Sagst doch selbst, daß Großvater reich ist. ... Ich brauch ihm nur zu schreiben, daß ich dich will, und er baut uns ein Haus.« »Du eingebildetes Närrlein! Ich hab' ja ein Schloß, wozu brauch' ich ein Haus? Und meinst du, ich will abhängig sein von irgendeinem Menschen auf der Welt? Und wenn's der liebste wäre? Du wolltest ja nachsehen, ob sich eine Werkstatt einrichten läßt in der Burg. – Nun? Wird es gehen?« Sie sah ihn unsicher an. »Ich weiß es nicht«, sagte sie zaghaft. »Du mein Liebes, es muß gehen. Und die Uhrmacherwerkstatt soll ein Schmuck für die Burg sein, – das ist mein Wort. Überleg' es dir recht oft, recht fest, ob du auf deinen Illo warten willst. Aber nicht zu lange ...« Er sah ihr tief und gut in die Augen. »Ich weiß schon, was ich will«, sagte sie fest. » Nunquam retrorsum ! Deine Mutter hat es mir übersetzt.« Dies liebe, feste, sichere Wort war wohl noch einen Kuß wert. Fest aneinandergeschmiegt schritten sie durch den tiefen Heimatwald. Am Fuße des Burgberges trennten sie sich. Angela lief wie ein Wiesel den Berg hinauf. Lachend, mit strahlenden Augen sah ihr Illo nach und dann begann sein bedächtiger Aufstieg. Denn er war ja nun Bräutigam, ein zielbewußter Mann, der eine Verantwortung übernommen hatte für ein anderes Menschenkind. Aber doch als er in der Burg angekommen war, versank für ein paar Minuten seine Liebesseligkeit in einem anderen, tiefwurzelnden Glücksbewußtsein, das keine Bedenken, keine Zweifel kannte. Er riß die Tür auf: »Mutter! Mutter!« Er lag auf den Knien vor ihrem Krankenstuhl, zwei Arme umschlossen ihn fest. – 17. Als das erste Abenddunkel den fürstlichen Wald schattete, ertönten Jagdhörner. Es war aber kein fröhliches Jagen, sondern ein ernster Gruß der Jäger für den toten Jägersmann und seine fürstliche Braut. In der schlichten, uralten Kapelle, die von den Kameraden mit Tannengrün und Stechpalmen geschmückt war, standen die Särge. Die Beeren des Ilex leuchteten blutrot, und der Fürst dachte an das junge Blut, das sich ihm geopfert hatte. Die Söhne hatten die sieche Mutter in ihrem schweren, bequemen Stuhl den Berg hinauf gefahren. Droben angekommen, hielt sie an jeder Hand einen Sohn, den ältesten und den jüngsten, und dachte mit nie gestillter Muttersehnsucht an den ernsten, geliebten zweiten. Auch die beiden offenen Gräber waren mit Tannen und Ilex ausgeschlagen. In hohen Trägern standen Fackeln und beleuchteten die ernsten Gesichter der Menschen ringsum. Der Pfarrer des Dorfes sprach nur ein kurzes Gebet. Er hatte den Wildrich von seinem Taufgang an bis zur Konfirmation immer liebgehabt. Die Stimme des Geistlichen versagte beinahe den Dienst. Er sah, wie der Fürst seinen Arm in den des alten Barons geschoben hatte, der sich nur schwer aufrecht erhielt. Als nun die beiden Särge hintereinander von je sechs Jägern aus der Kapelle getragen wurden, bliesen Fanfaren eine ernste Weise. Dankwart hatte Elisabeth an seine Seite gezogen, die Väter der beiden Toten standen zusammen, und die kranke Mutter bildete mit Illo die dritte Gruppe. Gräfin Wartberg hatte sich zu Hermine Eulenried gesellt. Nur das Englein stand ganz allein, lehnte sich an das halbverfallene Kapellchen und fand sich unsäglich verlassen. Sie hatte ihr Konfirmationskleid angetan, und ihr schönes, helles Gesicht hob sich lieblich von dem tiefen Schwarz ab. Angela sah, wie Illo von seiner Mutter festgehalten wurde, da nahm sie sich ein Herz und schritt auf ihn zu. Er war ja der einzige, den sie als Beschützer ansprechen konnte, vor dem Fürsten und dem alten Baron fürchtete sie sich unsäglich. Illo wurde sehr blaß, als das Englein vor allen Leuten plötzlich seine Hand nahm und an sich drückte. Aber dann ging ein gutes Lächeln über sein Gesicht. Er nahm das arbeitsfeste Händchen, wechselte den Platz und legte es in die Hand der Mutter. Dann stellte er sich an Engleins linke Seite und sah, wie seiner Mutter Hand die des Mädchens fest umschloß. Es war niemand, dem dieser kleine Zwischenfall entgangen wäre. In dem Gesicht des alten Barons wetterleuchtete es gefährlich, aber das Englein stand ruhig und geborgen unter der Eulenriedsippe und sah mit großen, bangen Kinderaugen auf die Särge, die nun herabgelassen wurden in ihr letztes Bett. Der Fürst trat herzu, er stützte den Vater Wildrichs, und beide warfen je eine Handvoll Erde hinab. Dankwart und sein junges Weib folgten. Dankwart nahm die zweite Handvoll und rief vernehmlich: »Für die Mutter!« Und dann ging Illo Hand in Hand mit dem Englein an die Gruft, und so sahen alle Leute, daß sie zusammengehörten. Nach dem Segen des Pfarrers über der noch offenen Gruft verabschiedete sich der Fürst ehrerbietig von den Frauen des Hauses Eulenried. Sein gütiger Blick streifte lächelnd das schöne Mädchen an Illos Seite, und es antwortete mit einer vortrefflich geschulten Verneigung, wie die Gräfin Wartberg beifällig bemerkte. Dann schritt er mit dem alten Baron zum Wagen des Fürsten, und die beiden Herren fuhren zur Burg hinauf. Sie sprachen nicht während der Fahrt, nur vor dem Burgtor, als Baron Eulenried von dem alten Hausmeister in Empfang genommen wurde, faßte der Fürst seine Hand. »Sie haben noch zwei prächtige Söhne und – zwei gesunde, schöne Schwiegertöchter, Baron, – mir ist nichts geblieben.« Dankwart und Illo fuhren die Mutter heim wie vorher. Elisabeth und Angela folgten schweigend. Die Gräfin ging Arm in Arm mit Tante Hermine. Gemeinsames Leid hatte sie zusammengeschlossen. »Dies Fleckchen Erde wird uns nun oft sehen, dünkt mich«, sagte Tante Hermine bewegt, »und es wird immer eine gute Predigt für uns haben, nicht wahr, Gräfin?« »Jawohl. Und ich habe heute mehr an geistigen Werten profitiert als sonst in zwölf Sonntagen eines Jahres.« »Oh, ich meine, unser guter Pastor vermag uns doch allerhand zu geben«, verteidigte Tante Hermine ihren alten Seelsorger.« »So? Vermag er?« spottete die Gräfin. »Dann ist er geizig, oder ich habe nie aufgepaßt.« »Das letztere wird es sein«, stimmte Tante Hermine ruhig bei, und das verdroß die Gräfin. »Aber heute hab' ich aufgepaßt, meine Gute«, rief sie triumphierend. »Die jungen Eulenrieds geben ihrem Erzeuger manche Nuß zu knacken. Wetter nochmal! Erst die Bauerntochter und nun pfuscht noch das Handwerk in die stolze Sippe ... sahen Sie das Gesicht Ihres Bruders, als das hübsche Bürgerkind sich den Illo kaperte?« »Ich sah es.« Tante Hermine war sehr ruhig. »Die Nüsse werden meinem Bruder gut bekommen. Er hat noch leidlich feste Zähne, und Rohkost ist besser als zuviel Fleisch. »Haha«, lachte die Gräfin laut, als käme sie von einer Hochzeit und nicht von einer Beerdigung, »ich habe ja das Maidli selbst auf die feudale Burg gebracht, weil der Dankwart ja versorgt war, aber ich glaubte nicht, daß der schöne Illo hinterherlaufen würde.« »Gräfin, Sie sind boshaft. Und trotz Ihrer Klugheit nicht fortgeschritten. Ich bin der Meinung, daß unserm alten Geschlecht diese Blutauffrischung sehr wohltun wird.« »Hermine Eulenried, ich bewundere Sie«, sagte die Gräfin aufrichtig. »And wir sollten öfters zusammenkommen – – meinen Sie nicht? ›Einschichtige‹ Ansichten können oft wertvoller sein als verheiratete.« Tante Hermine schlug in die Hand ein. »Ich profitiere gern von einem Original«, meinte sie fein. »Und unser Wildrich hatte Sie lieb, ich weiß es.« »Hatte er wirklich? Guter Gott, bei mir kommt immer alles zu spät. Warum mußte der Wildrich noch in der Wiege liegen, als ich schon aus dem Schneider war!« Die Gräfin ging nachdenklich dem »Friedenshause« zu, ihr Falbelkleid erschwerte sehr den Waldweg. »Die Hermine ist hundertmal mehr wert als ich«, dachte sie in schmerzlicher Selbsterkenntnis. »Da habe ich doch weiß Gott bis heutigen Tags dem vermorschten Eulenried nachgetrauert, und sie hätte einmal einen Reichsunmittelbaren haben können und hat ihn abgelehnt, weil er unsauber war ... Wartberg, schäm dich!« Auf der Burg herrschte Gewitterstimmung. Und die Söhne hatten mit ihrer Mutter doch so sehr gehofft, die wenigen Stunden von Illos Urlaub so recht in stiller Eintracht zu verbringen. Angela Distelfink ging ganz auf im Betreuen der gütigen Baronin. Illos Mutter! Einmal auch ihre Mutter! Das Englein war so sicher im Besitz des Geliebten, und alles, was sie in Eulenried umgab und erfuhr, machte sie reifer und reicher. Die Gelegenheit zum Jähzorn und »Wüsttun« war ihr gänzlich genommen. Aller guten Vorsätze voll erfüllte sie ihre Pflichten, und die Mutter meinte, ihre Schmerzen würden linder, wenn die starken und doch zarten Hände des lieblichen Kindes sie bedienten. Freilich fürchtete sie noch das Strafgericht ihres Mannes, wenn er den Illo zu Gesicht bekäme. Das blieb nicht aus. Gleich nach dem späten Nachtmahl wurde der Sohn in das Herrenzimmer gerufen. Das Gewitter brach los, kaum daß Illo die Tür hinter sich geschlossen hatte. »Was ist das für eine Komödie? Soll hier Schindluder mit mir gespielt werden? Die kranke Mutter schiebst du vor, um dein Handwerkerliebchen hier ins warme Nest einzuschmuggeln?« »Du vergißt dich, Vater. Das Nest des Meisters Distelfink ist wärmer als die verfallene Burg Eulenried!« »So? Und warum bliebst du nicht dort? Samt dem kleinen berückenden Teufel?« »Ich kam auf Einladung des Fürsten und dringenden Ruf der Mutter zur Beisetzung meines Bruders. Das Englein hat die Gräfin Wartberg hergeholt. – Es war ein Opfer des verwöhnten Kindes, – sie hat es wohl meinetwegen gebracht.« »Wie gütig! Und was weiter?« »Angela und ich sind einig. Ich werde sie heiraten, wenn ich Meister bin.« »Und ich werde dich enterben!« schrie der Baron. »Das kannst du nicht. Denn es gibt nichts zu erben von dir. Und von den Verpflichtungen, unser verkommenes Heim und verlottertes Gut wieder aufzubauen, lasse ich mich niemals entbinden, Vater... Du hast ja auch Elisabeth Kreihorst in Gnaden aufgenommen ...« »Erinnere mich nicht dran. Aber sie ist reines Bauernblut. Seit vierhundert Jahren sitzen sie auf eigener Scholle.« »Das tun die Distelfinks auch. Vater, sei doch gut! Man sagt mir eine große Zukunft voraus. Viel zu spät habe ich entdeckt, daß ich ein geborener Uhrmacher bin. Sonst wäre ich jetzt weiter.« »So! Und was wird werden, wenn du am weitesten bist?« »Dann will ich meine Meisterwerkstatt in den Eulenried bauen und eine Uhrmacherschule einrichten. Ganz Ilmenbach, unser verarmtes Dorf, will ich zur Blüte bringen, so wahr mir Gott helfe.« »Du bist wahnsinnig!« keuchte der alte Baron. »Und wer hat dir den ganzen Schwindel von Uranfang in den Kopf gesetzt, du verlorener Sohn?« »Das wird wohl ein Ahn gewesen sein. Es muß sich unter unseren Vorfahren ein genialer Uhrmacher befunden haben, nicht nur laut Urkunde nur tapfere Offiziere, Raubritter und Schnapphähne ...« Die Augen traten dem alten Baron aus dem Kopfe. »Hinaus!« schrie er, sinnlos vor Zorn. »Ich hab' dich schon einmal zum Teufel gejagt ...« »Jawohl, Vater, – und ich will nicht Gleiches mit Gleichem vergelten, – ich lasse dir das Englein hier. Sei ritterlich zu ihm.« Ganz leise schloß er die Tür. Und bat Dankwart, der draußen mit Sorge in das todblasse Gesicht des Bruders blickte, nach dem Vater zu sehen, der wohl krank sei. – Illo ging zu seiner Mutter. Sie war ganz Sorge um ihn, man hatte die Stimme des aufgeregten Vaters bis in das Zimmer der Leidenden schallen hören. Aber ihr Herz war stark und zuversichtlich. Illo würde sich niemals eine Unziemlichkeit gegen den Vater erlauben. Angela und Tante Hermine saßen stumm daneben. Fräulein von Eulenried nicht ganz so stumm, denn sie hatte eben mit erleichtertem Seufzer gesagt: »Wie bin ich doch froh, daß ich nicht geheiratet habe!« »Und ich denke es mir so schön l« rief das Englein gerade, als Illo hereintrat. Alle sahen erschreckt auf sein düsteres Gesicht. »Mutterle, – ich bitte dich, segne uns beide, meine junge Braut und mich. Sie soll nicht in schiefer Stellung bei uns sein, – das bin ich dem Meister schuldig. Gelle, Englein, unserem Großvater?« »Um Gott, Illo!« rief seine Mutter, hast du mit Vater darüber gesprochen? Was sagt er?« »Er hat mich zum Teufel gejagt, Mutter, – zum zweitenmal.« »Dann gehe ich auch!« rief das Englein jähzornig, »ich will lieber beim Teufel sein als bei deinem Vater!« »Angela!!!« Ein Ruf aus drei Kehlen. Das Mädchen bebte vor Aufregung. »Komm her, Zornnickel, du!« Tante Hermine führte es ganz nahe an den Krankenstuhl. »Meinst, Illos Mutter könnte euch ihren Segen geben, wenn du zum ›Hörnermann‹ strebst?« »Ich strebe nicht, – er hat ihn hingejagt, meinen Illo ...« »Will dir was sagen, Maidli, du hast selbst den Teufel im Leibe; hat dir das noch niemand gesagt?« »Doch. Der Großvater, und Muhme Konkordia, und der Kaspar Gärisch, und zwei Lehrer ...« »Das genügt für ein Schaltjahr«, seufzte Tante Hermine. Aber Illo umfaßte sein streitbares Mädchen und kniete mit ihr ganz selbstverständlich und ganz altmodisch vor dem Liegestuhl nieder, denn sie waren beide hochgewachsene, gesunde Menschenkinder, und die Mutter lag klein und gekrümmt vor ihnen und war doch größer als alle beide. – Auf die blonden, schönen Köpfe legten sich die Mutterhände. »Ich habe euch beide lieb, und dein Mädchen ist mir recht«, sagte sie schlicht, und das war wahrlich ein guter Segen. Angela küßte die Hand der Mutter. »Ich will gut werden«, sagte sie ernst. »Es ist schön, eine Mutter zu haben, besser als eine Base Konkordia.« »Oh, – ›Konkordia‹ ist immer schön«, meinte Tante Hermine. »Und ich bin auch nicht von Pappe. Gute Muhmen sind überhaupt immer ein Segen in der Familie, daß du's weißt, du Dummerjan.« »Gib ihn her, den Segen!« rief Illo fröhlich. »Tantchen, was wären wir ohne dich!?« Da nahm sie beide an ihr Herz. »Vater geht es nicht gut«, sagte Dankwart im Hereintreten, »ich fürchte, er hat wieder mal zu gach seinen schweren Rotwein getrunken. Ich habe ihn zu Bett gebracht. Es soll ihn niemand stören. »Komm, Englein, wenn es die Mutter erlaubt, zeige ich dir die ganze Burg einmal richtig. Vierzehnhundertundzehn ist sie erbaut und fünfzehnhundertsechsunddreißig haben wir Eulenrieds sie erobert.« »Du hast mich erobert«, sagte Englein. »Jawohl, so ähnlich. Aber dann bist du mir im Walde entgegengekommen und hast dich freiwillig ergeben. Sieh' unser schönes Burgtor. Seinen tapferen Spruch kennst du ja. Und immer wenn du einen guten Vorsatz gefaßt hast, dann sage: › Nun Quam retrorsum ‹.« »Du bist mein guter Vorsatz, Illo. Und ich sage: ‹ Nun Quam retrorsum ‹.« Er lachte: »Närrchen, du hast Humor. Und wenn man sich einen ganz armen Schatz erkiest, dann braucht man Humor.« »Ich möchte noch fragen, warum du solch hohen Namen und eine Burg hast und doch arm bist?« Er sah sie erstaunt und ernst an. Aber er fand es wunderschön, daß sie so weltfremd war. Wie konnte er ihr auch sagen, daß in seiner großen Sippe sich immer ein Lüderjan, ein Trinker oder Verschwender befunden habe, der zugrunde richtete, was er hätte stützen oder neu aufbauen sollen. »Du wirst noch manch Trauriges von mir hören, kleines Lieb, wenn wir erst Mann und Frau sind. Aber jetzt, gelle, jetzt wollen wir fröhlich sein. Bis morgen sind auch nur noch wenig Stunden, denn ich muß in aller Herrgottsfrühe fort.« »Ja, und ich möchte mit. Ich habe solche Angst vor deinem Vater, – dann habe ich deine Mutter so lieb und möchte bei ihr bleiben. Ob sie wirklich erlaubt, daß ich sie Mutter nenne? Denk' nur, ich habe ja das Wort noch nie gesagt. Es ist wie das schönste Hochzeitsgeschenk!« Er küßte den roten Plaudermund, und dann schritten sie in das zweite und dritte Stockwerk hinauf durch hallende Säle mit prachtvollen Barock- und Renaissancemöbeln, deren Überzüge verschlissen und verblichen waren. »Oh, Illo, es ist alles kaputt, – warum habt ihr 's nicht ganzmachen lassen? Muhme Konkordia kann gut polstern, sie hilft unserem Sattler, wenn bei uns ein Sofa hilfsbedürftig ist. Wenn wir verheiratet sind, muß sie her.« Zuletzt öffnete Illo noch ein riesiges, mit flämischen Möbeln ausgestattetes Herrenzimmer; er besann sich nicht, jemals darin gewesen zu sein, obgleich es seinem Vater gehört hatte. Die Wände waren von kleinen Kugeln durchlöchert, auch die kostbare Einrichtung hatte als Zielscheibe unzähliger Geschosse gedient. »War dies eine Schießbude?« fragte Englein entsetzt. »Ich habe auch gern geschossen auf dem Jahrmarkt, aber nie in einem so schönen Saal. Oh, da würde Base Konkordia aber schimpfen. War denn niemand da, der die Kerle ausschalt?« Illo dachte an seine Mutter, die schon in jungen Jahren von dieser schweren Gicht befallen wurde, und an ihre Sanftmut und Güte dem wilden, unbotmäßigen Gatten gegenüber. »Wirst du auch mit deinen Freunden schießen, wenn wir erst hier wohnen?« fragte das Mädchen lebhaft. »Wo denkst du hin? Wir werden dann mit lauter ehrsamen Handwerkern verkehren.« »Ach sooo!« Sie war nicht sehr erbaut. »Diese Schützengilde muß lustig gewesen sein. Vielleicht könnte man ihnen auch einige Möbel vorsetzen, die bereits zerschossen sind.« Illo wechselte das Thema, das seiner Braut zu behagen schien. Ein kostbarer riesengroßer Schreibtisch fesselte seine Aufmerksamkeit. Der hatte seinem Vater gehört, und alle wichtigen Papiere mußten darin verschlossen sein. Das Schloß am Schreibtisch war ein altertümliches Kunstschloß, welches kein Unbefugter, kein Nichtkenner öffnen konnte. Der Schlüssel hatte acht Zuhaltungen. Außerdem war noch ein Mechanismus angeschlossen, – es durfte beim Aufschließen nur einhalbmal herumgedreht werden. Illo hatte diese Seltsamkeit, die ein Schmiedemeister auf Wunsch des alten Barons gefertigt, immer mit Bewunderung betrachtet und war auch von seinem Vater eingehend darüber belehrt worden. Auch dieser Tisch trug Schußwunden, aber Illo wollte die Mutter bitten, daß er das schöne Stück zum Geschenk erhalten könne. Der Vater benutzte Zimmer und Schreibtisch ja doch nicht mehr. Das Paar ging noch zum Kreihof, wo Illo seine Braut vorstellte. Wie gut seine Geschwister zu ihr waren! Das Englein vergaß schier die baldige Trennung von ihrem Liebsten in dem Gedanken, wirklich eine zweite Heimat gefunden zu haben. Sie wollte die Mutter bitten, daß auch der Großvater hierherkommen dürfe, – vielleicht an den schönen Herbsttagen des Oktobers, wenn die Laubwälder sich verfärbten und die gelben Birkenblätter auf dem Moosboden lagen, daß es beim Scheine der Wagenlaternen aussah, als fahre man durch die »Stadt der goldenen Gassen«. »Man weiß nicht, wenn Englein schöner ist: wenn sie sinnend dasitzt, oder wenn sie mit den blauen Augen funkt, ohne zu wissen, daß sie es tut?« And diese Frage warf nicht etwa Dankwart oder Illo auf, sondern der alte Bauer Kreihorst. »Ich danke Ihnen, Illo, daß Sie uns dies Gotteswunder gezeigt haben. Schöne Bilder müssen nicht in dunkeln Stuben hängen, sondern gezeigt werden. Man geht noch einmal so frisch an die Arbeit, wenn ein junges, schönes Maidli den Morgengruß sagt. Ein Jäger trifft nichts, wenn ihm ein altes Weib begegnet.« 18. Burg Eulenried, den 15. September 19.. Mein alter Illobruder! Der Vater hat uns verlassen. Herzschlag. Er erlag ihm in der Nacht, gleich nach deiner Abreise. Du brauchst dir keine Vorwürfe zu machen. Der geschwächte Körper vertrug nicht mehr die kleinste Aufregung. Ich drücke dir still die Hand. Eins müssen wir auf Vaters »Haben« buchen: sein ritterliches Gebahren zu unserer geliebten Mutter. Sie hat ihn ja auch nie in sinnloser Trunkenheit gesehen, hat nur schmerzlich gelitten, wenn wir Jungen verprügelt und verbittert anklagend zu ihr kamen. Wie lieb hat sie uns da getröstet und immer wieder zum Respekt gegen den Vater ermahnt. Als ich sie an sein Totenbett fuhr, strich sie in ihrer lieben Art – wir kennen sie, Illo – über seine Hände und sein merkwürdig friedliches Antlitz. »Du warst immer gut zu mir!« sagte sie sehr laut, als ob wir Umstehenden es uns einprägen sollten. Tante Hermine stand am Kopfende seines Lagers, stumm, fast bewegungslos, und ich erschrak über den harten Ausdruck ihres Gesichtes. Bruder Illo, wir haben ihn nachts bei Fackelschein in die Eulenriedgruft getragen. Der Oberförster, sein neuer Jagdgehilfe, Vater Kreihorst und ich, zwei Oberknechte und unser alter Diener faßten die anderen Handhaben des Sarges. In der Gruftkapelle wartete der Fürst, der immer bereite, und unser Pfarrer. Ein kurzes Gebet und dann verschloß ich die schwere Tür der Gruft. Wir haben keine Anzeigen versendet. Die Standesgenossen des Vaters sind alle alt und wären wohl kaum hergekommen. Nur in der Kreiszeitung habe ich in unser aller Namen den Tod bekanntgegeben. Requiescat in pace. Dein liebes Mädchen scheint wie gewachsen in diesen schweren Tagen. Sie ist ganz Sorge um unsere Mutter. Elisabeth und Tante Hermine sind dem Englein rechte Freundinnen geworden. Leb' wohl, lieber Illobruder! Dein Dankwart. Ilmenbach, am 1. Oktober 19.. Lieber Illo! Rasch folgt dieses zweite Schreiben. Dein Bruderbrief hat mir wohlgetan. Nun bin ich beim Ordnen des Nachlasses. Zieh nicht spöttisch die Mundwinkel herunter, gib mir lieber die Bruderhand. » De mortius nil nisi bene «. Es ist mir klargeworden bei den Niederschriften, die ich fand, daß man doch sein Urteil den Eltern gegenüber lieber dreimal durchsieben soll, ehe man es sich und anderen dauernd einverleibt. Schon daß Vater einer solchen Gefühlsregung fähig war, eine Art Tagebuch zu führen, ist fast unverständlich. Ich sage auch nur: eine Art. Denn es sind einzelne Notizen. Ihre Zusammenstellung wird längere Zeit erfordern. Folgende Notiz liegt 20 Jahre zurück. Sie gibt tief zu denken. »Herrgott, segne meine Frawe! Sie soll mir ja bald den Erben geben. Du wirst sie mir nicht sterben lassen, hörst du? Das darfst du einem alten, braven Soldaten nicht antun, dem nichts übrigblieb, als eben dieser Schutzengel. Rede Dich nicht drauf raus, daß Du oben Engel nötig hast. Dieser bleibt jedenfalls bei mir. Basta, Und wirst mir einen Buben geben, gelle? Für Frauenzimmer bin ich zu grob. Es sind ja auch nur halbe Wesen, weil sie nie zum Militär können. Also aufgepaßt! Und ich verspreche Dir, alter Herrgott da oben, daß ich den Jungen lieb haben werde. Notabene , wenn er meinen Engel nicht schädigt. Thassilo, Freiherr Eulenried.« Illo, bringst Du das mit Vaters Wesen in Einklang? Und so gibt es noch mindestens fünfzig solcher Zettel, gerichtet an eine höhere Macht. – Auch ein anderer seltsamer Nachlaß fand sich. Ein Päckchen, – ja was glaubst Du? Wo fand ich's? In einem riesenhaften Strumpf, wie Großmutter sie trug. Und Vater war doch wahrlich kein altes Weib. Für unsere Mutter drei Hundertmarkscheine: »Zu einer Badekur! Für Tante Hermine 20 M. Zu einem schwarzen Trauerkamisol. Denn Herminchen verkneift es sich ja doch nicht, um ihren verrückten Bruder zu trauern.« Für Dankwart 10 M. »Man soll nicht sagen, ich hätte niemals was für das Gut getan. Kaufe Mist!« Für Illo 6 M. »Das gibt einen Brautstrauß. Denn Du nimmst sie ja doch.« – Bruder Illo, – wenn selbst unser Vater solch närrisch weiche Regungen hatte, darf ich wohl jetzt auch ein bißchen heulen, ohne mich zu schämen. Es war also doch ein »Nachlaß« da, und wir hatten unrecht. Manche Flasche Rotspon hat er sich versagt. – – Und dann der Brief, an uns gerichtet. Illo, lies ihn in Deiner Werkstatt. Dein Dankwart. Illo las. Sein Herz schlug heftig. Er meinte, es müsse sämtliche Uhren der Wertstatt übertönen. Liebe Söhne! Mir ist schnurrig zumute. Ehe der Sensenmann kommt, will ich dies niederlegen. Ich mein', ich hätt' in meinem ganzen Leben nie solchen Spaß gehabt, als in Gedanken an Eure dummen Gesichter, wenn Ihr die Trikotagenfabrik aufstöbert. »Hat der alte Herr doch was hinterlassen?! Ich bin überzeugt, die Hermine gibt ihr Teil sofort Eurer Mutter noch obendrauf. Und Dankwart tut desgleichen. Illo verbiete ich's. Ne, ne, den Brautstrauß kriegt der kleine Distelfink!!! Ich nenn' ihn nicht »Englein«. Das ist nur Eure Mutter. – Jetzt öffne ich die letzte Flasche Rotspon, die ich im Keller hatte. Pontet canet . Ahhhh! Aufs Wohl meiner Frawe, Eurer Mutter! Klirr! Da liegt das Glas! Niemand soll mehr daraus trinken! Lebt wohl, Lausbuben! Bleibt gesund! Thassilo, Freiherr Eulenried. Illo stand auf. Er reckte sich hoch und trat an das Fenster. Er grüßte still die Wartburg. Der Vollmond stand hell darüber. Schlaf wohl, Vater! Illo legte erschüttert den Brief fort, und erst nach Stunden las er den Wirtschaftsbericht. Es war eine Entspannung, und es war ja auch sein Gut und seine Heimat. Die Roggensaat ist beendet; heute ist der bestellte Winterweizen gekommen, den wir mit Kupfervitriol in genügend Wasser gebeizt haben. Zuviel Brandsporen waren am Saatgut. Kartoffeln und Rüben sind in die Mieten eingebracht; wir haben sie leicht bedeckt, denn es ist schon manche Nacht empfindlich kalt gewesen. Ihr Stadtleute merkt davon noch nichts. Pferde habe ich mir vom guten Schwiegervater geliehen, denn ich muß vierspännig pflügen für Zucker- und Futterrüben. Und ebenso tief für das Sommerkorn, damit die Furche ordentlich durchlüftet und durchfriert im Winter. All diese Sachen sind in den Vorjahren so jämmerlich versäumt worden. Verzeih, daß ich in Deine feine Uhrmacherkunst mit meinen derben Bauernfäusten hineintappe, aber auch Du bist ja Miterbe dieses Gutes, und es ist Dir ans Herz gewachsen. Mit tiefer Freude habe ich vom Englein gehört, daß Du die Absicht hast, Deine Werkstatt einst in unsere Burg zu legen. Vater Kreihorst läßt sein vierhundertjähriges Stammhaus erweitern. Der Brand ist eine Verjüngungskur für das schöne Gebäude geworden. Ein kluger Architekt hat seine Wirkungen herausgeholt, auch eine große Gerümpelkammer entdeckt, in der Spreu lagerte. Alles umschlossen vier Wände, die mit alten, feingemalten Kacheln belegt waren: Thüringer Porzellankacheln von den »Greiners«. Das war ein herrlicher Fund, und die Gerümpelkammer wird ein Staatszimmer. Alter Illo, ich wollte, Du kämst mit Deiner Erbuhr so weit und immer weiter, wie ich mit unserem Gut. Es schafft sich als Bauer wahrhaft gut, wenn der Himmel Gedeihen durch gutes Wetter, das heißt Regen und Sonnenschein in gerechter Abwechslung schickt. – Arbeit kann es gar nicht zuviel geben. Manchmal brummt mir ja der Schädel, wenn ich z. B. an Wasserfurchen und Vorflut für Gräben denke. Es bricht im Oktober gar so viel auf einen Landwirt herein. Aber glaube mir, wenn ich etwas geschafft und gut geschafft habe, dann lohnt mir das der feine Schwiegervater mit einem so frohen Lachen, daß die eigene Tochter den herben Mann gar nicht wiedererkennt. Und wenn er zart noch hinzusetzt: »Brav, brav, Schwiegersohn!«, dann bin ich stolzer als ein ... Du, Illo, ich finde gar keinen Vergleich, wie stolz und froh ich bin. Alte Rittergutsbesitzer schätzen Bauer Kreihorst als einen genialen Kopf. Und Vater tut, als wäre ich der eigentliche Mann an der Spritze. Vor Größenwahn bewahrt mich nur mein eigener Gerechtigkeitssinn und Lisels ruhige Besonnenheit. Den Höhenflug meiner Zukunftspläne hemmen die Mäuse, die mir Klee und junge Saat zerstört haben. Verd ... Schädlinge. Aber sie lernen mich jetzt kennen. Heute habe ich wieder mal auf dem Speicher geschuftet. Die Getreidevorräte um und um gearbeitet mit einem Jungknecht. – Du siehst, mein Ruhm läßt mich nicht schlafen, ich versetze Dir alles, guter Illo, denn augenblicklich ist Feierabend. – Der richtige Bauer schreibt aber nicht vor Feierabend, wenn er gerade nicht notwendig Rechnungen aufstellen muß. Aber die Berechnung der Erntevorräte kommt erst nach beendeter Ernte. Ich teile aber schon in Gedanken das Futter ein, habe ordentlich Kraftfutter gegeben für meine tragenden Tiere. Heute war schon ein Käufer für Korn da, er machte auch das Geschäft. Dafür nahm ich Ölkuchen und Kleie. – Futtermöhren und Weizenkleie will ich den Pferden geben, damit sie mir ja nicht die Druse bekommen. Mit phosphorsaurem Kalk hatte man mich angeschmiert, man muß höllisch aufpassen. Ich habe mir nun Rat bei Vater geholt, der die Quellen weiß, wo man ihn am besten für seine tragenden Tiere bezieht. Der verfl... offene Administrator hatte immer Freßpulver gegeben, dies teure Zeugs, das nichts nützt, sondern unserm Vater nur das Geld aus der Tasche holte. Heute sagte der Hütejunge Kaspar tiefsinnig: »Ich brauch kein Freßpulver, mein Appetit ist prima.« Da hat er recht. – Er erkundigte sich auch schon bei der Mamsell nach seiner »Winterfütterung«. Ewig hat dieser Bengel Hunger. Aber ich beginne ja auch damit beim lieben Vieh. – Zum Schluß bekommst Du auch noch ein paar gute Bauernlehren: »Bringt der Oktober viel Frost und Wind, sind Januar und Hornung gelind. Und wandert die Feldmaus bald nach Haus, bleibt der Winter nicht lange aus.« Illo, ich bin wolkenlos glücklich. Der Tag war voll heiliger Arbeit, und nun tritt mein schönes, starkes Weib herein, die unsern Erben unter dem Herzen trägt. Wir grüßen Dich beide. Dankwart und Elisabeth. * Inzwischen hatte Meister Distelfink eine große Reise gemacht. Hatte seltene Uhren eingekauft und fremden Meistern das Lob seines Lehrlings gesungen, der ihm nun mal ans Herz gewachsen war. Base Konkordia und Kaspar Gärisch waren als Wächter des Hauses zurückgeblieben. Illo hatte sich gleich nach seiner Ankunft wieder an die Erbuhr gesetzt. Nun war auch der Meister heimgekehrt. Er stand vor Illo, hielt einen Brief in der Hand und sah seinen Lehrling an, als wollte er ihn mit den scharfen Uhrmacheraugen – immer noch scharf für seine siebzig Jahre – durch und durch ergründen. Huschte dann plötzlich in eine Ecke, warf sich in den uralten Ohrenstuhl seiner Vorfahren, sprang wieder auf, rannte, ja flog durch die Werkstatt, so daß Illo wieder der Vergleich mit einer Riesenmotte aufstieg. Dann stellte er sich vor seinen Lehrling hin. Dies närrische Spiel wiederholte sich ein paarmal, und Illos Kopf konnte kaum so schnell sich rechts und links drehen, wie der behende Meister lief. »Guten Abend, Meister«, sagte er endlich unbehaglich. »Guten Abend? Wünscht mir dieser Musjeh einen guten Abend und bringt mir Aufregung und Unfrieden ins Haus???« »Der Meister muß sich irren«, stammelte Illo. »O gewiß! Ein Meister kann sich auch irren«, zirpte das graue Männlein und nahm seinen Stubenflug wieder auf. »Aber ich hätte nimmer gedacht, daß ich mich in Eulenried irren würde.« »Niemals wird sich der Meister in mir täuschen«, sagte Illo ruhig und fest, »es sei denn, daß mein Können ihm nicht genüge.« »Davon ist keine Rede.« Meister Distelfinks Stimme versagte, und er ließ sich wieder in den Ohrenstuhl fallen. »Was habe ich ihm gesagt, Musjeh Eulenried? Beim Eintritt in mein Geschäft und mein ehrliches Handwerkerhaus?« Illos Gesicht war jäh erblaßt. »Ehe Sie weitersprechen, Meister Distelfink, ersuche ich Sie, mich nicht so verächtlich mit ›Musjeh‹ in der dritten Person anzureden. Was habe ich getan, um das ›Du‹ zu verlieren, mit dem Sie den Lehrling ehrten?« Zornrot und heftig schrie das graue Männlein: »Er hat mir versprochen, allstunds dran zu denken, daß Er ein Baron ist und mein Enkelkind ein schlichtes Bürgermädchen, – und Er gab mir das Versprechen und – hat's nicht gehalten!!!« Die Stimme des Männleins überschlug sich, und dann versagte sie. »Meister Distelfink, Sie sind auch einmal jung gewesen, – können Sie gar kein Verständnis für mich aufbringen? Und wie kommen Sie auf einmal auf dies Thema? Ich hätte Ihnen heute noch selbst davon gesprochen.« »Hätten Sie? Es ist die Möglichkeit. Aber meine Enkelin hat es mir selbst geschrieben ...« »Darf ich fragen, was? Das Englein ist jung, – es weiß wohl nicht, daß man in diesem Fall das erste Wort dem Brautwerber überläßt.« »Wem?« fragte Meister Distelfink erschrocken. »Dem Brautwerber. – Ich weiß, daß ich nichts bin und nichts habe, Meister. Nicht einmal eine richtiggehende Erbuhr. Aber Englein ist noch so jung, – und ich auch kein Greis. Und wir beide haben uns lieb – lieb – Meister – reißen Sie uns nicht auseinander!!!« Ganz langsam stand Meister Distelfink auf. Es war, als wollten seine Füße ihn nicht tragen. Er tappte sich zu Illo hin und faßte dessen Hand. »Jungvolk liebt sich leicht. Illo, deine Eltern – –!« »Die Mutter hat mein Englein und mich schon gesegnet, – der Vater. .. er ist gestorben ... Komm, Vater Distelfink, – setz dich auf das alte Kanapee und laß dir erzählen –« Der Alte ließ sich willig führen, zog aber Illo neben sich auf das Sofa, seinen Lehrling! Illo wußte, daß dies eine unerhörte Tat von ihm war. »Erst mußt du aber Engleins Geschreibsel lesen, Illo, – es hat mir beinahe den Verstand genommen.« Er drückte Illo ein nicht einwandfreies Papier in die Hand, das sehr zerknüllt und wohl auf dem Küchentisch geschrieben war. Viele Fettflecke zierten es, und es war mit Blei-, Rot- und Blaustift zu je einer Drittelseite bemalt. Aber energisch und pünktlich waren die Buchstaben gesetzt, einwandfreie Orthographie und Interpunktion: »Großvater, sei gut zu ihm! Großvater, wir haben uns lieb, so lieb! Großvater, besprich nichts mit Base Konkordia! Sage auch nichts zu Kaspar Gärisch! Sag nur dreimal ja zum Illo. Großvater, und wenn er der Hütejunge in Ilmenbach wäre, ich würde ihn nehmen l Der liebt mich auch und wird bald zu dir kommen. Er sagt, wenn er sein anderes Vieh von der Weide weg hätte. Großvater, sei gut mit dem Illo. Ich bin Deine liebe Enkelin Angela.« Illo küßte den Brief und steckte ihn in die Brusttasche. »Mir gehört der Brief!« mahnte der Großvater wehmütig. »Ach«, bat Illo herzlich, »laß ihn mir! Bis ich die Erbuhr geschafft habe. Großvater, ich will mir alle Kraft dazu aus diesem goldenen Brief holen.« »Ist gut, ist gut! Herrgott, man wird wieder jung, wenn man dich und den Liebesbrief sieht!!« Darauf tranken beide still und besinnlich eine Flasche »Erbschmiede«, den besten Wein, den der Meister in seinem Keller hatte. Base Konkordia räumte die gebrauchten Gläser fort und fragte steif und förmlich: »Ist ein Jubiläum zugange? Früher war es im Distelfinkhause Sitte, daß man die ältesten Hausbewohner, die noch dazu zur nächsten Verwandtschaft gehören, davon benachrichtete. Man nahm dann teil an der Freude, jawohl!« »Bist du fertig, Base?« zirpte das graue Männlein. »Es gibt auch Sachen, wo man nicht die Hausbewohner benachrichtigt, weil sonst ganz Eisenach von einer Sache erfährt, die noch nicht spruchreif ist.« »Habt Ihr mich je als Schwatzbase erkannt, Vetter?« Die Stimme schwankte bedenklich, und Base Konkordia zog ein Taschentuch hervor, in welches in Thüringer Landesfarben die fürstliche Familie eingewebt war. »Nur keine Heulerei, gute Base«, flehte der Meister. »Du weißt, ich weine leicht mit. Ich weiß, daß du verschwiegen bist. Aber es ist alles noch nicht zum Veröffentlichen reif. Ist es an der Zeit, darfst du mit der Trommel auf den Marktplatz gehen.« Und nun weinte die Vase doch. Ganz jammervoll. Da strich Illo ihr begütigend über den grauen Scheitel. – »Ehrenwort, Fräulein Konkordia? Daß es noch niemand weiter erfährt? Ich will Ihr Neffe werden. Habe ich Ihre Einwilligung?« »Großer Gott! Bei sowas kann man den Tod kriegen!« Sie sackte fassungslos in den Ohrenstuhl. »Ich will keinen Baron zum Neffen. Das bringt nur Verwirrung. Vetter, du solltest dich was schämen, darauf auch noch ›Erbschmiede‹ zu trinken. Die ist nur für Hochzeiten und Kindtaufen.« »Kommt Zeit, kommt Rat«, lachte Illo und wurde »ganz niedlich« rot dabei, wie die Base feststellte. Und wenn ein Mann noch rot wird, ist er unverdorben, heißt es in Thüringen. »Sagen Sie ›warrraftchen Gott‹, Herr Baron l« »Fräulein Konkordia, ich spreche die Wahrheit!« Da vergaß die Base ihr Versprechen und ihre ganze Vorrede. Weinend riß sie die Tür auf und rief: »Kaspar Gärisch, schnell, schnell, der Lehrling will das Englein heiraten.« Freilich rang nun der Meister die Hände, und Illo sah bitterböse aus. Die Base kam zur Besinnung. »Ich hab's ja gesagt, den Tod kann man bei so 'ner Neuigkeit kriegen!« »Den Tod nicht, aber das ›Gären un Mähren‹«, schalt der Meister. »Wenn du nicht bald stirbst, Base, weiß es morgen ganz Eisenach.« Sie wimmerte laut. »Ich bitt um Entschuldigung«, klang es aus ihrem weißroten Taschentuch. »Illo«, sagte Kaspar Gärisch streng, »ich hatte dich für einen Verlaßfreund und Ehrenmann gehalten. Die Enttäuschung ist groß. Meister, ich mache mich fremd und bitte um mein Zeugnis.« »Darum hast du mich schon siebenmal gebeten. Man wird dich ja doch nicht los. Deshalb gebe ich dir auch kein Zeugnis, – hast schon drei Stück überher, du Dummbartel!« »Dank schön für die gute Meinung, Meister. Aber wie soll ich's ertragen, daß Fräulein Angela eine Baronin von, auf und zu wird, und nicht Frau Gärisch???« »Geh schlafen, Geselle! Und wir trinken noch eine ›Erbschmiede‹ mit der Base, nachdem sie uns leckere Brötchen zurechtgemacht hat.« »Mit Verlaub, ich gehe mitnichten schlafen, – das Vermögen dazu würde ja fehlen bei dem Gram. Und es würde sich wohl nicht schicken, wenn der Meister mit einem simplen Lehrling Wein trinkt, während der verständige Geselle im Bett liegt. Dafür werde ich die ›Erbschmiede‹ heraufholen. Wieviel pro Nase?« »Eine für alle, sagte der Meister bestimmt. »Einer für alle! Alle für einen! Hab' ich mal wo gelesen. Fräulein Konkordia, ich bitte um die Kellerschlüssel.« Base Konkordia begleitete ihn in den tiefen, burgverliesartigen Raum. Sie wollte verhindern, daß der Geselle in seinem Weltschmerz etwa noch mehr Flaschen heraufbrachte. Aber als die beiden das Zimmer wieder betraten, die verstaubte Flasche feierlich auf einem zinnernen Teller postiert und vier Gläser aufgestellt hatten, da fehlten sowohl Meister als Lehrling. Diese hatten sich eingeschlossen, der Meister in seiner Stube, der Lehrling in der Werkstatt. Beide hatten Schreibpapier mitgenommen, der Meister einen Bogen mit goldenem und silbernem Aufdruck, in den sich grüne Myrthenzweige rankten. Auch eine neue spitze Feder steckte er in den Halter, eine hohe Kerze brannte während des ganzen Abends, und mit einem großen Petschaft, in dessen Metall ein Distelstrauch mit einem Fink eingeschnitten war, siegelte er feierlich den großen Briefumschlag. Mit feinen, wahrhaft »güldenen« Worten hatte er dem geliebten Enkelkinde seinen Segen erteilt, nachdem er es ermahnt, der hohen Pflichten eingedenk zu sein, die ihrer warteten, wenn sie die Stammmutter eines neuen Geschlechtes sein würde. Und wie sie dem Gatten, der sie dieser Ehre für würdig halte, treu dienen sollte bis an den Tod. – Und Illo wiederum beugte sich vor Engleins reiner Mädchenehre und vor der langen Reihe ihrer hochwerten und untadeligen Handwerkervorfahren. Dankte ihr auch für den närrischen, wunderguten Brief, der nun auf seinem Herzen ruhte. Und er gelobte der Angela Distelfink, daß er in die Fußtapfen ihrer Vorfahren treten wolle, damit die Uhrmacherkunst auch auf Burg Eulenried Wurzel schlage, wachse, blühe und gedeihe. So wahr ihm Gott helfe. – Es war kein eigentlicher Liebesbrief, der da aus der Werkstatt zur Burg hinaufzog, aber Illo wollte dem Englein erst die ernste Seite seines Charakters zeigen. Alles andere konnte ja noch hundertfältig nachgeholt werden, dachte er glückselig. Die anderen beiden leerten allein die kostbare Flasche. Die Base nippte, Kaspar Gärisch trank und philosophierte ohne Punkt und Komma. Bis ihn ein lautes Schnarchen seiner Partnerin wissen ließ, daß sie von seiner ganzen Weisheit unberührt geblieben war. Illo Eulenried arbeitete. Seine Arbeit war bewußter geworden. Er hatte ein hohes Ziel vor Augen. Die Meisterwerkstatt auf Burg Eulenried. Der Name des »schönen Jungburschen«, wie die Eisenacher sagten, hatte schon einen feinen Klang bei den Kunden des Meisters Distelfink. Man brachte ihm immer wieder ganz verzwickte Reparaturen, die sonst Meister und Geselle abwiesen, weil sie nichts einbrachten und gänzlich vergeudete Zeit forderten; aber für Illo war nichts gering, er tiftelte und spintisierte und hatte schon oft aus uralten Gehäusen einen Fingerzeig für seine eigene Erbuhr gefunden. Es kramte auch manch schönes und wohlhabendes Bürgertöchterlein irgendeine alte Uhr aus einer Erbschaftsmasse und schickte Vater oder Bruder zum Illo, der die Reliquie heil machen sollte, ja es kamen auch die Mägdlein selbst, brachten ernsthaft und gesetzt oder auch kichernd und verschmitzt ihre Anliegen vor; aber der schöne Lehrling tat gottlos gleichgültig und hatte nur »Uhrenaugen« und keine »Schönjungferguckerln«. Gegen seinen Meister tat Illo arg geheimnisvoll. Dieser lächelte nachsichtig. Es war ja auch sein Wunsch, daß »Meistergedanken« still ausreifen sollten. Er wußte aus seinen eigenen Lehrlings- und Gesellentagen, wie sich das »Meisterliche« Schritt für Schritt entwickelt hatte. Das unglaublich stürmende Vorwärtskommen seines Lehrlings, der doch auf ganz anderem Grund und Boden gewurzelt hatte, erregte sein höchstes Staunen. So verging die Zeit. Das Englein hatte noch nicht wieder die Flügel gehoben, um heimzufliegen, sei es auch nur als Gast. Die Mutter ihres Illo beanspruchte das Maidli immer mehr, und es war Angela, als könne sie sich überhaupt nicht mehr von der Feinen, der Gütigen trennen. Das Englein war auch überall beliebt und gern gesehen, konnte auch, wenn Tante Hermine bei der leidenden Mutter ihre Stelle vertrat, der allzu fleißigen Elisabeth etwas schwere Arbeit abnehmen. Freilich bekam Angela einmal einen heftigen Jähzornsanfall, der sich durchaus nicht mit dem Engleinnamen vereinigen wollte, aber nachdem sie dem Hütejungen eine schallende Ohrfeige verabreicht hatte, die er ohne Heulen, nur mit Zähneknirschen quittierte, kam alles in schönste Ordnung. Der Hütejunge wurde zum »Weiberfeind«, wie er sagte, was auch die Stallmägde mit Freude begrüßten, und Dankwart, der »hintenherum« von der Geschichte erfuhr, freute sich über seine junge Schwägerin, die wohl als Schnellrichter aufgetreten war, aber nicht gepetzt hatte. Englein aber fand hier und da Sträußchen von Wiesenblumen, gepreßt vom Sommer her, auf einem Briefbogen mit Unterschriften wie: »An die Ehwige!« oder auch »Du Krausahme!«. Aber Angela lachte nicht einmal über die »krausahme« Rechtschreibung, sie schickte diese Zettelchen alle gewissenhaft an Illo, weil sie es für ehrenhaft hielt, ihren Verlobten in das Seelenleben des Hütejungen einzuweihen. Darauf schickte Illo den Hütejungen wütend »zum Teufel«, freilich nur sozusagen innerlich. Illo hatte jetzt überhaupt viel mit dem »Pferdefußmann« zu tun, denn er war meist Gift und Galle. Die schwierigsten, kniffligsten Uhren von Eisenach und Umgegend brachte er wieder in Gang, und der Ruf des blonden Jungburschen stieg ins ungemessene; aber seine eigene Erbuhr versagte ihm den Gehorsam. »Schandewert!« knirschte er. »Mein Herzensjunge«, zirpte das graue Männlein, »paß auf, das kommt über Nacht. Leg' das Gehäuse nur mal unter dein Kopfkissen. Wirst freilich unbequem liegen, aber schläfst ja ohnehin wenig durch dein ewiges Sinnieren. Aber ich sag' dir als alter Thüringer: ›Sympathie hilft.‹ Kannst auch mal auf den Hörselberg steigen. In dem einen Sandsteinfelsen ist ein Türlein. Grad' so groß, daß ein kleiner dünner Mensch sich durchdrücken kann. Bist ja ein Sonntagskind, wie du mir sagtest, – wohl, – so klopf' an einem Freitag ›zwischen Lichten‹. Dreimal klopfst an. Rufst: ›Tannhäuser im grünen Thüringer Wald, bist viele hundert Jahre alt, kennst alle Land, wo Tannen stehn, läßt dich nur Sonntagskindern sehn.‹ Hast Glück, kommt der Tannhäuser oder gar die Frau Venus. Da kannst fragen, wo der Fehler in deiner Erbuhr steckt, und die beiden antworten, daß nur alles so kracht. Denn solche Sachen sind immer mit Gewitter verbunden.« Illo hatte verdutzt auf seinen Meister geschaut, der solch ein kluger und in seiner Kunst einzig dastehender Mann war und dabei doch mit tiefem Ernst von diesem Aberglauben sprach. So ließ sich denn Illo Urlaub geben, kletterte an einem Novemberfreitag »zwischen Lichten« auf den Hörselberg, nahm die Mütze ab vor der hehren Wartburg, die im Sonnenuntergang schier leuchtete wie der Mont Salvat, und klopfte an das Felsentürlein. Es erschien auch sofort jemand. Zwar weder Tannhäuser noch Venus, dafür aber eine alte, verhutzelte Kräutersammlerin, die mit roten Triefaugen und zahnlosem Mund glücklich lachte und krächzte: »Ein schöner, junger Mann! Hihi, hab' ich doch noch einen abgekriegt!« Da entfloh Illo freilich so eilig, wie es der steile Berg gestattete, und konnte abends noch mit Herzklopfen seinem Englein melden, daß er unversehrt den Lockungen des Hörselberges entronnen sei. Der Meister ließ sich nicht von ihm berichten. Der Zauber hat keine Wirkung, wenn man darüber ausgefragt wird. – Vom Englein kamen halb frohe, halb wehmütige Briefe; es litt wohl sehr an Heimweh, das es dem Großvater und auch dem Schatz nicht kundtun wollte, um sie nicht zu betrüben. Da lag aber einmal ein feines Kärtchen in solch einem Engleinbrief, und die feinen Schriftzüge der Mutter Illos fragten an: »Will der liebe Großvater sich nicht einmal auf der Burg vorstellen? Sich alles ansehen, was einmal seinem Enkelkind zur Heimat werden soll?« Und Meister Distelfink übergab alle Uhren den beiden bewährten Vertretern Kaspar Gärisch und Illo Eulenried, schnürte sein Ränzel, das wirklich nur einem Kinderrucksack glich, und fuhr ins Gebirge hinein. Dort wurde er freilich mit Jubel vom Englein und mit allen Ehren von Schloß und Gut und Bauernhof empfangen. Er ruhte sich recht von allen Rädern aus, mußte viel von Illo erzählen und konnte nicht genug des Lobes sagen von diesem Fleißigen. Hatte er den Vormittag bei den Frauen im Schlosse verbracht, so gehörte der Nachmittag der Landwirtschaft, und Bauer Kreihorst, Dankwart und Dr. Senfkorn führten ihn unermüdlich herum, der sich ja für das Kleinste interessierte. Man war gerade bei Beendigung der Weizenaussaat, und die Pflugarbeit für die Frühjahrsbestellung wurde fortgeführt. Das war freilich alles Neuland für den gewerbetreibenden Uhrenkünstler in der Stadt. Und er wußte nicht, der doch sonst alles verwertete, wie er die Wissenschaft unterbringen sollte, den Mist gleich hinter dem Wagen zu streuen, damit der Wind nicht die wertvollsten Bestandteile davontrüge. Aber er sah doch mit verständnisvollen Augen, wie Dankwart den Dung gleich unterpflügte. Der tüchtige, junge Gutsherr, der wie sein eigener Knecht arbeitete, erklärte ihm auch, daß die Jauche nicht in die Dorfstraße laufen dürfe, wo sie nur schade, sondern auf das Feld geführt werden müsse, wo es nütze. Er sah auch einer Jagd auf Feldmäuse zu, und half dann mit Dr. Senfkorn bei den Rüben und Kartoffeln, die sie trocken an ihren Lagerort brachten. Das war eine rechte »Gaudi« für alle Insten, die beiden kleinen, übereifrigen Männchen bei ungewohnter Arbeit herumschuften zu sehen. Meister Distelfink und Dr. Senfkorn ahnten aber nicht, weshalb so gelacht, gekichert und gescherzt wurde, sondern hielten die ganze Landwirtschaft für eitel Fröhlichkeit. Sie erlebten aber auch einen Ehrentag mit. Der Landrat des Kreises erschien mit mehreren Herren, worunter sich auch einige Bauern aus benachbarten großen Dörfern befanden. Sie wollten den Musterhof des Großbauern Kreihorst besichtigen und zugleich auskundschaften, ob es Wahrheit sei, was ringsum behauptet werde, daß das arg verkommene Gut der Barone Eulenried plötzlich ein zweites Mustergut werden wolle oder bereits geworden sei. Nun konnten sie freilich eine schöne Wahrheit mit heimbringen. Mit warmen Worten lobte der Landrat alles, was er gesehen hatte. Erst seit kurzer Zeit führte er mit kraftvoller Hand die Zügel in seinem Kreise. Er hatte es nicht glauben wollen, was man ihm berichtete: den raschen Aufstieg eines vernachlässigten Grundbesitzes aus Schulden, Verlotterung und Sünden eines diebischen Verwalters. Aus Gleichgültigkeit des alten Besitzers, der den Oberbefehl schließlich in die Hände seines kraftvollen Sohnes legen mußte. Immer wieder wurden Dankwarts Hände vom Landrat geschüttelt. »Sie und Ihr ermordeter Bruder haben sich auch als Lebensretter erwiesen, ich danke Ihnen im Namen des ganzen Kreises. Habe auch ein Ehrendiplom bei mir. Aber was ist ein Stück Papier gegen das, was Sie leisteten und was Ihnen das Frohgefühl getaner Pflicht sagt.« Dankwart waren alle diese Worte schon viel zuviel. In seinem schlichten Sinne hatte er über all die angeführten »Taten« noch gar nicht nachgedacht. Es war Pflicht, was er getan, und Pflichten erfüllt man eben, ohne darüber zu reden. Als die Herren gegangen waren, faßte Dankwart seinen Schwiegervater an den Schultern und schüttelte ihn: »Du mußt furchtbar gepetzt haben, Vater, – es ist nicht die Hälfte davon wahr.« »Nun seh' mir mal einer den Kerl an! Rebelliert gegen seinen Schwiegervater«, lachte der alte Kreihorst. »Wenn das mein zukünftiger Enkel hört, macht er's nach, sobald er geboren wird. Böse Beispiele verderben gute Sitten.« Draußen am Walde hatte der Landrat den Hütejungen Kaspar aufgegriffen: »Junge, hast du Zeit?« »Ich habe nie Zeit.« »So? Ich bin der Landrat.« »Angenehm. Ich heiße Kaspar.« Die Herren verbissen sich das Lachen. Man konnte ja nicht wissen, ob es Dummheit oder Frechheit war. »Du sollst uns den Weg zu den Waldgräbern zeigen.« Kaspar sprang in Riesensätzen voraus. »Ein fixer Bengel«, lobte der Landrat. »Es war also doch nur Dummheit, – seine Vorstellung. Er soll ein gutes Trinkgeld bekommen.« An der mit Waldkränzen und Kreuzen stimmungsvoll geschmückten Ruhestätte stand man eine lange Zeit barhäuptig in stiller Andacht. Dann wandte man sich zum Gehen. »Du wirst uns noch den nächsten Weg zur Burg Eulenried zeigen«, wandte sich der Landrat an Kaspar. Und zu den anderen Herren gewendet: »Es muß ein herrlicher Weg zur Burg sein, ich habe den Wagen dorthin dirigiert, will noch der Frau Baronin meinen Kondolenzbesuch machen. Komm, Kaspar. Geh' voran!« »Wird sich nicht machen lassen, Herr Landrat. Die Obermagd hat mich zum Melken befohlen.« Er war schon fortgesprungen. »Halt, halt!« rief der Landrat lachend. »Hier ist dein verdientes Trinkgeld, du Original.« »Schimpfen lasse ich mich nicht!« rief der Hütejunge zurück. »Auch nicht für Geld. Außerdem bin ich selbständig.« Die Herren schritten rasch aus. »Also, das wären die Eulenrieds und ihre Insten«, bemerkte einer der Begleiter. »Es sind sture, unruhige Köpfe. ›Und wie der Herre, so's Gescherre‹.« »Das mag wohl sein«, meinte der Landrat, seinen Schritt etwas verhaltend, »aber wie sich die drei Brüder gezeigt haben, – – ich wollte, wir hätten mehr solche Köpfe in unserem Kreis.« »Wie mag's dem Uhrmacher gehen?« fragte ein dritter. »Es war ein befähigter Jurist, nur ging er nicht im Geleise. Ob seine Uhren richtiger gehen?« In diesem Augenblick traten sie aus dem dichten Wald heraus, und der Eulenried lag vor ihnen. »Herrlich!« riefen sie alle wie aus einem Munde. »Wer das da oben einst gebaut hat und das Nunquam retrorsum als Unterschrift setzte, muß ein ganzer Mann und ein prächtiger Ahnherr gewesen sein!« »Thassilo I. von Ilmenbach-Eulenried 1540«, sagte der Landrat ernst. »Der junge Uhrmacher heißt nach ihm.« Die Baronin von Eulenried nahm den Besuch des Landrats an. Die alte Dame hatte sich weigern wollen, aber Angela redete eifrig zu. »Du mußt mehr Leute sehen, liebe Mutter, nicht immer nur Tante Hermine und das langweilige Englein.« »Langweilig ist besser als wüst!« rief Tante Hermine etwas scharf. »Aber Illo sagt das Gegenteil«, meinte Angela kriegerisch. »Ist Illo denn immer ausschlaggebend?« »Aber gewiß! Er ist doch so klug! Und mein Oberhaupt!« Wunderschön sah das Mädchen aus in seiner Begeisterung. Der Landrat begrüßte die drei Damen. Tante Hermine streckte ihm die Hand entgegen. »Wir sprachen eben von Oberhäuptern. Sie, Herr Landrat, sind ja das unserige.« »Wenn Sie es so meinen«, lachte er herzlich. »Mein Töchterchen!« stellte die alte Dame Angela vor. »Ich wußte nicht, daß eine Prinzessin auf der Burg thront«, meinte der Landrat galant. »Ach nein«, wehrte das Englein. »Ich bin Illos Braut. Er ist Uhrmacher. Und arbeitet beim Großvater. Ich bin ein ›Distelfink‹ ...« »Ahhh! Dieser Name hat einen stolzen Klang in Thüringen, ja wohl weit darüber hinaus ...« Der Landrat verneigte sich. »Ich grüße den Namen und die liebliche Braut!« sagte er. »Englein, sorge uns für Wein!« gebot Tante Hermine. Und der Landrat erinnerte sich nicht, jemals von Engeln bedient worden zu sein. Deshalb nahm er aus Angelas Hand ein Glas voll des köstlichen Weins entgegen und vergaß beinahe, daß »drunten vor dem Tore« ungeduldig vier Herren auf ihn warteten. Er hätte am liebsten den Spruch des Hauses Eulenried auf sein eigenes Panier geschrieben. Als er sich von den Damen verabschiedet hatte, traf er unten am Wagen den Dr. Senfkorn und Meister Distelfink, dem er noch eine Menge Komplimente über das »zauberschöne Englein« sagte, das dem Meister aus der Seele gesprochen war. Dafür bekam der Landrat eine Schilderung von Illos Fähigkeiten zu hören, die dem Uhrmacherlehrling gezeigt hätten, wie hoch er in seines Meisters Gunst stand. Noch an demselben Abend fuhr der Meister wieder nach Eisenach, und den Präzeptor Senfkorn nahm er mit sich als schöne Überraschung für Illo, da er wußte, wie herzlich auch dieser an dem Lehrer hing. Vorher aber bat Meister Distelfink seine Enkelin, brav und treu bei der kranken Baronin auszuharren, damit sie eine rechte nutzbringende Beschäftigung habe, da ja Base Konkordia zu Hause voll ihren Platz ausfülle. »Und liebes Englein«, setzte er ernst hinzu, »hab' du immer im Sinn, daß der Illo zu etwas Besonderem ausersehen ist. ›Europa braucht Ruhe‹ heißt ein schönes Lied, und dein Illo braucht sie auch. Hörst, Englein? Schreib' ihm immer mal einen kurzen Brief, gut und froh, – mehr braucht's nicht. Nur keine Ablenkung von seiner Erbuhr, – die soll seinen Namen in die Welt tragen, hörst? Und sein Name wird ja auch der deine sein, so Gott will.« Das war gewiß eine schöne und auch wahrhafte Rede gewesen, aber das Englein fand viele Gegenreden, hätte gar zu gern ein paar schöne Fahrten nach Eisenach unternommen und nebenbei den Illo aus seiner Tiftelei hervorgestöbert aus abertausend Rädern, Mühe und Arbeit. Aber der Meister blieb fest und das Englein weinte sehr und behauptete kühn, er habe den Illo lieber als sein Enkelkind. Da fuhr er die Enkelin tüchtig an und dämpfte gar nicht seine Stimme, denn ihre törichten Worte hatten ihn hart getroffen. »Tumme Daute!« rief er so thüringisch wie nur möglich. Und Fräulein Hermine von Eulenried freute sich gar ein wenig, daß das arg verwöhnte Englein endlich einmal von berufener Seite geduckt wurde. Dann ward es nun ganz still auf der Burg. Aber Englein spürte in einem der Säle einen alten, kostbaren Flügel aus einer Weimarer Firma auf, der gut erhalten, nicht durchschossen und nur fürchterlich verstimmt war. Das musikalische Englein weinte fast, als sie den ersten Akkord anschlug. Aber dafür gab es ja Hilfe, und die Firma erbot sich, einen Mann zu schicken, und Meister Distelfink war glücklich, dem Englein etwas »Gleichwertiges«, wie er töricht meinte, für den Bräutigam zu schenken. Der Flügel wurde in einem gutheizbaren Zimmer aufgestellt, das neben dem von Illos Mutter lag, und nun konnte das Englein nach Herzenslust musizieren und ganz regelmäßig üben, was, da es mit gutem künstlerischen Verständnis geschah, alle auf der Burg und auf dem Gut sehr beglückte. Und dann spann die Einsamkeit immer mehr das große Gewese ein, und der Winter sandte seine ersten weißen Flocken. Die vergingen auch wieder, es ward mild draußen, und Dankwart ließ für die Frühjahrsbestellung fleißig weiter pflügen. Mit Leib und Seele war er Bauer, und da er wußte, daß ihm der Frühling seinen Erben schenken würde, ging er mit federndem Schritt durch sein jetzt so schmuckes Gewese, wurde mit hellen Augen von seinen Insten gegrüßt, und er wußte, das waren alle seine treuen Mitarbeiter durch Not und Gefahr, Feuer, Hagelschlag und Mißernten. Das Wort »Der Eulenried schafft's« war nun schon zum Sprichwort geworden. Bauer Kreihorst, der manches Gute aus der alten Schule übernommen hatte, ließ sich auch das Neue vortragen, und Dankwart konnte sich's nun schon leisten, verschiedenes auszuprobieren und das beste zu behalten. Elisabeth hörte an diesen Abenden, da schon Holz und Torf in dem gut gefütterten Ofen prasselten, mit großer Freude zu, wie die beiden Freunde, ihre besten, miteinander ratschlagten, beredeten, verwarfen. Ja, auch wenn die Geister aufeinanderplatzten, konnte sie herzlich dazu lachen, denn es ging ja doch alles immer friedlich aus, und jeder nahm immer Werte aus des anderen Worten und Handlungen. Und wenn es wirklich wieder einmal vorkam, wie schon geschehen, daß Bauer Kreihorst ärgerlich über die vielen Neuerungen war, die der Schwiegersohn einführte, und Elisabeth ein wenig bange wurde, weil der Vater mit gerunzelter Stirn ohne Gutenachtgruß die Stube verlassen wollte, dann brauchte Dankwart nur eine Frage zu tun, die eine Bitte in sich schloß, weil er sich allein nicht zu helfen wußte; dann setzte sich sofort der Bauer wieder friedlich hin in dem Gedanken, die Jungen brauchen dich, sie werden nicht ohne dich fertig. »Vater, was mach' ich mit der moorigen Wiese?« »Sofort Sand drauf fahren, Junge, aber sofort. Hast du Kompost gesetzt? Nicht? Tu's gleich! Allen Unrat aus Hof und Garten kannst sammeln, misch' Staubkalk drein, – Vorsicht bei der Verteilung. Junge, so frag' doch! Hast du die Mieten zum Winter recht geschützt? Ist gut, ist gut. Kann mich ja auf dich verlassen.« »Das kannst du, Vater. Setz' dich man wieder her. Du, ich hab' heute früh den Kühen das Futter angewärmt, hab' auch Eiweiß, Stärkemehl und Fett dazugegeben, die Bleß ist heikel mit ihrer Verdauung.« »So ist's recht, Dankwart. Auf's Vieh achthaben ist ein erstes Gebot. Die Dreschmaschine steht wieder zu deiner Verfügung, ich bin bald mit allem durch.« »Morgen will ich meine Futterberechnung nachprüfen lassen.« »Freilich, freilich. Hast immer fleißig Buch geführt? Bin selbst etwas im Rückstand noch vom Brand her.« »Ich helf' dir, Vater.« »Gut' Nacht, allzusammen!« So schön und friedlich war auch dieser Tag verlaufen. Eng aneinandergeschmiegt stieg langsam das junge Ehepaar zur Burg hinauf. Ehe sie sich zur Ruhe legten, wollte Elisabeth noch der Mutter erzählen, wie der Dankwart geehrt worden war. Sie sah strahlend auf den Gatten. Dann wurde sie nachdenklich. »Ich verdiene dich nicht«, sagte sie leise in sein Ohr. »Du!« Er drückte sie zärtlich an sich. »Was du mir geben willst – – alle Erdenschätze wiegt es auf.« An einem trüben Dezembertage klingelte ein Schlitten vor das Haus des Meisters Distelfink. Heraus flog das Englein, und Vater Kreihorst kletterte etwas schwerfällig hinterher. Das Mädchen mußte sich schon eine Weile vorher aus all den Pelzen und Decken erlöst haben. Kaspar Gärisch stand am Fenster zu ebener Erde und fand vor Schreck keine andere Anmeldung bei Base Konkordia, als diese: »Wenn mich nicht der Affe laust, so hat der Deubel das Englein hergekarrt.« »Schämen Sie sich, Geselle! Selbst im Fieber darf man nicht so gottlose Reden führen!« »Ich reiße aus. Das fehlt mir noch. Den Doktor nehme ich mit, der ist auch verliebt in das Kind.« Inzwischen läutete Angela Sturm! Zitternd öffnete die Base die Tür, an der melodisch ein Dreiklang ertönt: as – c – es . Das Englein stürmte an ihr vorbei. »Grüß Gott, Base!« grüßte es eilig. »Wo ist Illo?« Da hatte es auch schon die Tür zur Werkstatt aufgerissen. »Ich will dich auch gar nicht stören. Illo, aber sehen mußte ich dich. Wir sind nur auf ein paar Stunden hier, Vater Kreihorst und ich, Illo ...« Sie hielten sich umfaßt. Sagten nichts als »du – du!« Erst nach einer geraumen Weile löste sie sich aus seinen Armen. »Illo, bist du krank? Du siehst erbärmlich aus.« »Nein, – nicht mehr. Du bist bei mir. Herrgott, Englein!!!« Meister Distelfink lief mit Kreihorst herzu. Er streichelte hilflos mit seinen feinen, zierlichen Händen seine beiden liebsten Menschenkinder. – »Englein, – ich hab' ihn gepflegt, und die gute Base hat wie eine Mutter für ihn gesorgt: Er aß und trank fast nichts, er saß auch nicht an seiner Uhr, die schon die Uhr der ganzen Stadt geworden ist. Hundertmal hab' ich mich schon verzweifelt gefragt, was fehlt der Uhr und was fehlt dem Illo? »Der Uhr fehlte der rechte Illo und dem Illo fehlte ich!« rief Englein stürmisch. »Und Vater Kreihorst fühlte alles, jawohl, wenn er auch ein Bauer ist.« »Du Racker!« rief Kreihorst. »Warum soll ein Bauer nicht genau so fein fühlen wie die Stadtleute?« Englein hing schon an seinem Halse. »Verzeih, – ich hab' dich so lieb. Du hast mich hergebracht. Du hast es durchgesetzt, daß man mich losließ.« »Ja, das hab' ich. Der ›Bauer‹ ist auch mal jung gewesen.« Illo hielt schon wieder sein Englein umfangen. »Und die Mutter? Geht es ihr gut?« »Ja. Und sie grüßt dich. Hat Heimweh nach dir, so sehr. Aber sie will tapfer sein, sie will warten. – Tapferer als ich!« setzte Englein demütig hinzu. In Illo ging etwas Seltsames vor. Es war, als sähe er ein helles Licht vor sich leuchten. Sein ganzes Gesicht war überstrahlt. »Weihnachten!« sagte er leise. »Weihnachten komme ich.« Wer hatte je den Illo Eulenried träumerisch gesehen. Die Brüder hatten das immer dem Wildrich überlassen. Sacht ging Illo aus dem Zimmer. Man hörte ihn nebenan in der Werkstatt hantieren. »Geh' ihm nach, Englein, ehe er anfängt zu arbeiten!« Meister Distelfink drängte. »Gib ihm Wegzehrung bis Weihnachten! – Guter Gott, der Illo will wieder arbeiten!!! – Geh', Englein, rasch, – der Kaspar Gärisch ist bei der Kundschaft, sag' dem Illo ein gut's Wörtlein und noch so was Extraes!« Es war schon draußen und klopfte zaghaft. Nichts rührte sich drinnen. Da klinkte sie die Tür auf. Illo stand vor seinem Arbeitstisch, die Hände gefaltet, die Augen in Fernen gerichtet. Die Erbuhr stand auf dem Tisch. Angela sah, daß ihr Werk herausgenommen war, – zum wievielten Male? Räder, winzige Schräubchen, Plattinen, eine kleine Holzwalze, – Angela übersah alles mit einem Blick. Illo atmete tief auf. Er schien jetzt erst das Mädchen zu sehen. »Ich wollte dir ›Ade‹ sagen, du. – Großvater hat mich hergeschickt. – Aber ganz von selbst will ich dir sagen, daß ich jetzt erst weiß, was du bist. – Illo, wir fahren gleich wieder heim. Heim , – das ist Eulenried und Ilmenbach, gelt Illo, – unsere Heimat! ... Still, still, Illo, ich will alles rasch sagen. – Sieh, du sollst ganz ruhig arbeiten. – Und doch weiß ich, daß mein Kommen dir genügt hat. Weiß überhaupt alles . Und werde spüren, wenn ich dir einen Brief schreiben muß oder nicht. Und wenn du Weihnachten nicht kommst, – und nicht Ostern, so kommst Pfingsten – Illo, dann jährt sich unser Kennenlernen. – Und den Fehler in der Uhr, den findest du und machst dein Meisterstück! Sieh, darauf brauche ich gar nicht zu warten, das weiß ich. Du kannst alles, was du willst.« Illo schaute ihr tief in die Augen. Darin leuchtete das Herz, das er brauchte. Da war keine Unruhe, keine Hemmung, wie in seiner Erbuhr und rings in allen Uhren der Werkstatt. – In Engleins Augen war nur Vertrauen und eine Sicherheit, die ihn tief beglückte. »Woher kommt dir diese Stärke, mein Kleines?« fragte er ernst-froh. » Ich hab' dich lieb! Ade, Illo« Mit diesem Wort im Ohr ging der Uhrmacher an seine Arbeit. Das Traumselige war vorbei, das bewußte Denken trat an seine Stelle. – Angela lief zur Base Konkordia. »Muß dich um Verzeihung bitten, Muhme. Bin vorhin an dir vorbeigelaufen ohne Sinn und Verstand, nichts für ungut.« »Hast nie viel von diesen beiden Sachen bei dir gehabt«, sagte die Base trocken. »Wo soll bei verliebten Leuten Sinn und Verstand herkommen? Aber du bist ein gutes Kind, daß du abbitten kommst.« Sie strich ungeschickt über Angelas Wange. »Hab' dir noch nicht zum Brautstand gratuliert, – es war ja solche Hast dabei; in meiner Jugend war das alles feierlicher, – und hielt auch länger.« »Bei uns hält es für die Ewigkeit!« sagte Englein fest. »Geb's Gott! – Drüben auf meiner Truhe liegt ein Nastüchlein von meiner Mutter selig. Feinste Thüringer Spitzen sind drumrum genäht. Benutzt hat es noch keiner jemalen. Du sollst es an deinem Hochzeitstag auf dein Gesangbuch legen.« »Schon gut, Muhme Konkordia. Aber ich denk' noch nicht an Hochzeit.« »Wahrhaft warst immer, Angela, aber dies ist die erste Lug, die du aussprichst. – Laß gut sein. Der Baron Illo, – ich mag schon gar nicht mehr ›Lehrling‹ sagen, denn sie meinen in Eisenach, er wäre schon beinahe Meister, – ja, der Baron denkt stark an Hochzeit. Würde er sonst nur arbeiten? Und hungern? Und vom Fleisch fallen, daß er wie ein Zaunstecken ausschaut? Englein, – auf den mußt achthaben! Mein Vetter Distelfink ist schier verzweifelt gewesen. Ist bei allem Geist doch nur so ein Haulemännerchen und verzweifelt leicht. Ich aber sagte ihm: ein Mittel kenn' ich als alte Thüringer Bas': rohe Kartoffelklöße mit Schweinsrippchen und viel Titsche. – Hab's dem Herrn Baron Uhrmacher vorgesetzt – – hat er's nicht angerührt. – Angela, gib acht! Wenn ein geborener Thüringer nicht mehr rohe Kartoffelklöße mit viel Titsche anrührt, muß man zum Arzt schicken, und der läßt ihn meistens begraben.« »Hör' auf, Base Konkordia! Ich will meinen lebendigen Illo haben.« »Jugend, Jugend! Man kann den Tod davon haben!« Der Base war nicht zu helfen. Angela verabschiedete sich herzlich von ihr und bekam auch noch einen guten Blick und das Nastüchlein. »Wo bleibst so ewig?« fragte Meister Distelfink ziemlich unlogisch. »Soll ich gar nichts von dir haben? Gleich wird der Bauer wiederkommen und dich mitnehmen.« Da trat er auch schon in die Tür. Draußen scharrten die ungeduldigen Pferde und klingelten mit ihren Schellen. »Hast dem Schatz eine gute Wegzehrung gegeben?« fragte er herzlich. Das Englein war ganz fröhlich. »Hab' ihm gesagt: Ich hab' dich lieb! Er war's zufrieden.« Wie das schöne Kind so dastand, jung und glücklich, schön und gesund, – ging vielleicht durch Kopf und Herz der beiden Alten der ähnliche Gedanke: »Wenn sich doch alle Menschen zu diesem einen Wort erziehen könnten: Ich hab' dich lieb!« Schlittengeklingel, – das Englein flog davon. Aber es ließ eine feierlich-frohe Stimmung zurück. – Kurz darauf traten Dr. Senfkorn und Kaspar Gärisch wieder ein. Sie brachten schöne Winterluft mit. Dr. Senfkorn war müde und sah ziemlich »mitgenommen« aus. Kaspar Gärisch hatte so viel philosophiert, daß der gelehrte Bakkalaureus schachmatt davon geworden war. Er hatte nicht folgen können. »War Kundschaft da?« fragte Kaspar unschuldig, während Dr. Senfkorn sich gleich erschöpft niederließ. »Die beste, die ich habe«, zirpte Meister Distelfink in einem Anflug von Humor, den man eigentlich nicht an ihm kannte. »Und wer wäre das?« forschte Kaspar in überlegenem Ton. »Das Englein und Vater Kreihorst!« Triumphierend wurde es verkündigt. Kaspar erschrak nicht so, wie es der Meister erwartet. »Wo sind sie? Ich werde meine Arbeit vernachlässigen und in die Weite gehen, bis – bis –« »Bis du vernünftig geworden bist? Das würde mir zu lange dauern.« Meister Distelfink war sehr aufgebracht. »Man hat wirklich seine liebe Not, bis man Urgroßvater wird.« »So werde ich bleiben, weil ich sehe, der Meister grämt sich. Ich werde also die Jungfrau geziemend empfangen.« »Geht nicht. Ist schon fort. Konntest ja längst wieder da sein. Aber es läßt dich grüßen, – das Englein.« Die Stimme des Meisters versagte. – Und dieser Gruß des spröden Mädchens war zuviel für Kaspar Gärisch. Er zerbrach seine Philosophie, sein Selbstbewußtsein, seinen eingebildeten Zorn. Und so zerbrach er zum erstenmal in seinem langen Uhrmacherleben eine Taschenuhr, ein wertvolles Stück. Sie schmetterte zur Erde, und Glas und Feder zersprangen. Es war seine eigene Uhr. Stumm winkte er dem Meister mit der Hand. Dann ging er tiefsinnig in seine Kammer und machte sich an die Reparatur. Dort fand er alles Nötige. An der Werkstatt, wo Illo saß, schlich er auf den Zehenspitzen vorbei. Von nun an brachte Muhme Konkordia dem Lehrling Illo das Essen, ob Kaffee, Frühstück, Mittagessen, Vesper oder Abendessen, in die Werkstatt. Sie tat es aus freien Stücken, und der Meister sagte nichts dagegen. Ja, er würde es selbst angeordnet haben, aber er wollte der guten Seele nicht die Freude verderben. Gewöhnlich trug die Muhme das Essen unberührt wieder heraus, aber als sie ihre kriegerische Haltung aufgab und mit wahrhaft mütterlicher Güte den Lehrling ermahnte, für Erhaltung seiner Kräfte zu sorgen, überwand sich Illo der Alten zuliebe. Ihm selbst war sein Tifteln und Suchen, sein unentwegtes Auseinandernehmen und Wiederzusammensetzen seines Werkes wichtiger als alle die guten Sachen, die ihm die treue Seele bereitete. »Nicht so viel, liebste Muhme«, bat er. »Das sind ja Einquartierungsportionen. Ich bin für ›wenig, aber mit Liebe‹.« So bildete sich die Muhme aus Liebe zum Lehrling-Baron zur Kochkünstlerin aus und schuf Eintopfgerichte, die den höchsten Ansprüchen genügten und in denen alles enthalten war, was einem angestrengten geistigen Arbeiter zum Aufbau dienen konnte. Von der Außenwelt merkte Illo nicht viel. Die aufgegangene Sonne sah ihn schon am Werktisch sitzen, der dicht ans Fenster gerückt war. Und ehe er abends die grünbeschirmte Lampe entzündete, wanderte er in der Dämmerung zur Wartburg. Sie war ihm symbolisch. Vorwärts und hinauf! war seine Losung. Es hatte einige Tage hindurch geschneit, und der Mond beleuchtete seinen einsamen Weg. Er wußte nicht zu sagen, was schöner sei, die stark duftenden Tannen in der Sommersonne, der herbe Erdgeruch des Thüringer Waldes im Herbst oder diese winterlichen Gänge im mondbeschienenen Schnee. Er turnte, er machte Atemgymnastik, atmete sich »den Feind aus der Brust«, der von dem anhaltenden Sitzen sich eingeschlichen hatte. Er rieb sich Gesicht, Brust, Arme, Füße und Hände mit Schnee und lief dann im Dauerlauf wieder den Berg hinunter, bis er »buddelwarm«, wie der Thüringer sagt, im schönen, festgefügten Uhrmacherhause landete. Beinahe immer schweißbedeckt. Nach rascher Abreibung und Wechseln der Wäsche und Kleidung saß er dann wieder am Arbeitstisch, das Eintopfgericht schmeckte köstlich zu dem Glase Buttermilch, und eine Scheibe des duftenden, echten Thüringer Schwarzbrotes machte den Beschluß der leckeren Mahlzeit. Dann wurde rasch das Geschirr vom Nebentisch herausgeschafft, wobei er ritterlich der Base half. Der Arbeitstisch war unberührt geblieben, er konnte sich sofort wieder heransetzen. Niemals aber vergaß er den Kopf zu neigen: »Mit Gott!« Es war drei Tage vor Weihnachten. Illo hatte mit halb freudigem, halb bangem Herzen eine Kiste für die Lieben daheim gepackt und besonders die Mutter reich bedacht. Sein Englein bekam eine Armbanduhr, zu der der Großvater alle teuren Zutaten, er selbst seiner Hände Arbeit schenkte. Von dem Fürsten als Besteller einer Kuckucksuhr hatte er auch eine wahrhaft fürstliche Entschädigung erhalten, wie auch Kaspar Gärisch von »seinen Kunden« reich belohnt worden war. So konnte Illo nach seinen einfachen Begriffen »schwelgen« im Wohltun und auch außer Bruder und Schwägerin wie der sorgenden Tante Hermine die treuen Hausangestellten und Insten der Burg und des Gutes mit Geldgeschenken erfreuen. Wenn er heimkam! Das war noch sein banger Zweifel, und deshalb stand die Kiste gepackt, um erst einmal durch die Post und den Landbriefträger befördert zu werden. – Weihnachten auf der Burg! Weihnachten mit dem Englein zusammen! Es war nicht auszudenken und wollte doch ausgedacht werden in besinnlichen Stunden, die voll Heimweh waren. 19. Vier Uhr am Morgen. Die Straßen Eisenachs lagen dunkel, nur der Schnee leuchtete an einigen Ecken auf, auch vor dem Distelfinkhause, vor dem eine Nachtlaterne brannte. Die gleichmäßigen Schritte des Nachtwächters schallten gedämpft vom weichen Schnee herein. Einmal blieb auch die »Ablösung« vor dem Fenster stehen, und zwei Männer unterhielten sich leise. Illo glaubte seinen Namen zu hören. – Sein großes Geheimnis lag vor ihm, das er wie seinen Augapfel hütete: die fertige Erbuhr, die mit wunderbar vollem Klang trotz ihres Alters die Stunden schlug. Illo durchschauerte es andächtig, wenn er sie hörte. Nur einige Male ließ er sie anschlagen, denn er hielt sie streng verborgen vor fremden Augen. Eingewickelt in seidene Tücher, lag sie geborgen in dem alten, schwarzen Lederfutteral mit dem langen Riemen, gefüttert mit schwerem kobaltblauen Samt. Jetzt stand sie in ihrer einfachen Bronzetracht mit den facettierten Gläsern ringsum vor dem jungen Meister. Er war nicht eingebildet auf sein Werk, denn die Fehler waren nicht überragend gewesen in dem kostbaren, von erster Meisterhand geschaffenen Werke. Er hatte sie, wie er meinte, verhältnismäßig leicht gefunden. Aber das wußte niemand. Und je mehr Illo wuchs in seiner Kunst, um so bescheidener war er geworden. Nicht ein, nein zwei Geheimnisse hütete seit Monaten der glückliche Mensch und Künstler. Die Erbuhr wollte er seiner Mutter auf die Burg bringen, sie sollten ihr nun viel gute Stunden schlagen, jeder Hall ein Gruß des fernen Sohnes sein. Was Illo jetzt vor sich hatte, das waren die Teile einer Spieluhr, die er selbst in vielen Tagen und schlaflosen Nächten gebaut hatte. Die wollte er seinem alten Meister und Lehrer Distelfink auf den Weihnachtstisch setzen. Deshalb sollte der Heilige Abend dem Meister und seinem Hause gehören, dem er die Entfaltung seines Talentes verdankte. Und hatte der Meister sein Englein der Mutter geliehen, so gab die gütige Mutter ihren Illo dafür. Mit seinen wehmütigen Gedanken allein sollte der treue Meisterfreund nicht sitzen am heiligsten, geheimnisvollsten Abend des ganzen Jahres. Illo straffte sich. Er nahm jeden der einzelnen Teile auf, die er so liebevoll und mühselig gebaut hatte, angeregt durch viele starke Bücher über die Uhrmacherkunst und geleitet vom umfassenden Wissen seines alten Meisters. Da war das Laufwerk, das durch ein Gewicht angetrieben wurde. Dies Laufwerk sollte durch Krummzapfen und Pleuelstange zwei Blasebälge in Bewegung setzen, die in einen Windkessel die Luft auf Vorrat pumpten. Illo erlebte noch einmal im Geiste die geheimnisvollen Stunden, in denen er dies Material zusammengestellt, durchgedacht und durchgegrübelt hatte. Das schwerste am ganzen Werk war die Holzwalze gewesen. Wie mühselig war die Geduldsprobe, die Stiftchen in die Walze einzubauen; sieben Stifte hatte er dazu gebraucht. Nun sollte die Walze durch das Laufwerk in langsame Bewegung gesetzt werden. Jeder Stift entsprach einem Ton, und sieben Töne brauchte Illo zu dem Anfang eines alten Thüringer Liedchens, ein Anfang, der alles enthielt, was er dem Englein und auch dem Meister sagen wollte. Immer weiter hatte er gearbeitet. Die Stifte der Walze betätigten sieben kleine Hebelchen, und jedes Hebelchen öffnete und schloß die ihm zugehörende kleine Holzpfeife. Aus dem Windkessel ließ sie den Luftstrom in die Pfeife strömen, wodurch der Ton erzeugt werden sollte. Ja, werden sollte . Da lag Anfang und Schluß seines Könnens. Fünf Pfeifchen versagten noch ihren Dienst. Nur die Anfangstöne g und e kamen klar und deutlich heraus. Illo übersetzte sie mit »Du, du!« Aber die folgenden Töne e, d, e, g, f wollten nicht erklingen. Woran lag es? Nach seiner Meinung konnte sich die Walze in ihrer Längsrichtung nur verschieben, wenn mehrere Tonstücke auf ihr lasteten. Dieser Umstand konnte wohl Ursache einer groben Störung sein. Aber nicht die Kleinigkeit von sieben Tönen. Wieder setzte Illo das Werk zusammen. Stunden vergingen. Base Konkordia erschien mit dem Kaffeebrett, die Uhren der Stadt und alle Uhren in der Stube rasselten, riefen und schlugen. Sieben Uhr! Illo winkte der Base ab. Er konnte jetzt nichts genießen. »Liebe Base, – ich bitte Sie, rufen Sie mir den Kaspar Gärisch.« Sie eilte kopfschüttelnd davon. »Wo brennt's?« rief der Geselle und stellte sich heischend vor Illo hin. Der hatte ein Tuch über beide Uhren gebreitet. Verblüfft schaute Kaspar auf das sonderbare Tun und den aufgeregten Lehrling. »Kaspar, Sie werden mir einen Liebesdienst tun.« »So, werde ich? Seit wann befiehlt ein Lehrling einem Gesellen?« »Ich befehle nicht, Kaspar, ich bitte um tausend Gotteswillen, halten Sie mir den Meister, die Base und alle Kundschaft vom Leibe, bis ich Ihnen Bescheid gebe. Es ist ein Geheimnis, Kaspar, Sie erfahren es später einmal. Gehen Sie, rennen Sie, eilen Sie, verlassen Sie mich! Ich will's Ihnen lohnen mein ganzes Leben lang. Fort mit Ihnen, Kaspar!« Der setzte sich langsam in Bewegung. Rückwärts ging er, wie ein Tierbändiger aus dem Käfig, wenn er sieht, daß der Tiger den Respekt verliert. Er rief noch: »Wenn einer verrückt wird, fängt's zuerst im Kopf an!« und dann schmetterte er die Tür zu. Er konnte sie nicht rasch genug zwischen sich und den Lehrling legen. Draußen berichtete er dem Meister und der schaudernd lauschenden Muhme von dem Gebahren und dem Auftrag des Lehrlings. »Meister, mir schwant, er ist unter die Goldmacher gegangen. Passen Sie Achtung, Meister, er hatte ein seidenes Tuch, welcher Lehrling auf Gottes Welt hat große, seidene Tücher – – über seine Schätze gebreitet, und darunter gleißte es wie eitel Gold.« »Du bist total verrückt, Geselle Gärisch«, sagte das graue Männlein ruhig und gefaßt. »So hat er mich angesteckt.« Und Kaspar ging mit schweren Schritten davon. »Base Konkordia, – heute wird der Illo mit nichts behelligt, was ihn stören könnte. Hörst du, liebe Konkordia? – Vielleicht wird es ein großer Tag im Distelfinkhause. Vielleicht wird ein Meister geboren.« Da weinte die alte Muhme. Es war gut, daß Frauen immer Tränen in Bereitschaft haben. Sonst hätte sie »den Tod von so was« gehabt. Illo hatte sich eingeschlossen. Er setzte das Werk von neuem ein. Er prüfte, sondierte, nahm die Lupe zu jeder Handhabung. Eine Stimmgabel brauchte er nicht. Er hatte das A im Ohr und dadurch alle Tonleitern. »Du, du liegst mir im Herzen« sang er leise vor sich hin. In der alten Fassung, wie sie ihm schon die Großmutter, die gesunde, bodenständige Thüringer Eulenriedin, gesungen. Die war nicht im Bett gestorben, war von einem Unglücksfall jäh hinweggerafft worden. Seine bis in die Fingerspitzen musikalische Großmutter, von der alle drei Enkel ihren Singsang erbten. ... Du, du liegst mir im Herzen. g, e, e, d, e, g, f ! Nein, es blieb bei den zwei Tönen g, e ! Als wenn ein Kuckuck riefe, ein kleiner zarter Kuckuck. Und es sollte doch der Anfang seines liebsten Liedes sein. Eine immerwährende Liebeserklärung für sein Englein. Und paßte auch auf den Meister, dem Illo in tiefer Dankbarkeit ergeben war. – – Nun war es Nachmittag. Base Konkordia hatte nun doch schon mehrmals an die verschlossene Tür geklopft, ohne Antwort zu erhalten. Erst als ihre flehende Stimme bat: »Lehrling, ich vergehe vor Angst!« schloß Illo die Tür auf, öffnete sie aber nur um Handbreite und rief hindurch: »Bitte ein Glas Milch und zwei trockene Semmeln!« »Es sind Klöße da!« hauchte sie zurück. Aber da schloß Illo wieder ab. »Ich hole die Semmeln! Auch die Milch! Um Jesuwillen, nur etwas essen!« Illo reckte sich. Er öffnete auch die Fenster, vor dem die Vorhänge zugezogen waren, und machte Tiefatmung. Auf das erneute zaghafte Klopfen öffnete er wieder um einen Spalt die Tür und nahm Semmeln und Milch mit Dank entgegen. Das zarte Stimmlein des Meisters zirpte ihm entgegen: »Bist du munter, Illo? Es ist Palastrevolution deinetwegen.« Illo lachte. »Jawohl. Ich bin am Ende und werde bald erlöst sein.« Eine Redeweise, die den Meister frohlocken ließ, aber die Base schreckhaft auf den nahen Tod des Lehrlings vorbereitete. Stunden vergingen. Illo merkte nichts davon. Zuerst hatte er noch durstig die frische Milch getrunken und mit seinen festen weißen Zähnen die Semmeln zermalmt. Er spürte, daß es dieser Atzung bedurft hatte, um sich mit besserer Kraft an die Arbeit zu setzen. Die Abendsonne lugte schon in sein Fenster, als er etwas mutlos den Kopf in die Hand stützte. Sechs Töne hatte er erobert, der siebente wollte sich nicht hören lassen. Immer wieder ließ er das Werk spielen: »Du, du liegst – im Herzen.« Das d blieb aus. Von neuem hob er die Lupe ans Auge. Eine schärfere. Jäh zuckte er zusammen. »Heureka!« rief er leise, beglückt – und faltete die Hände. Eine unmännliche Träne stahl sich in seine Augen. Mit zitternden Fingern hob er ein winziges Hebelchen, das sich eingeklemmt hatte. Illo war außer sich vor Freude. Wieder spielte das Werk. Ja, es war Wahrheit. Alle sieben Töne waren beieinander. »Du, du liegst mir im Herzen.« Sein Werk! Sein liebes, schönes Werk! Nun war er Geselle, ganz sicher, wenn auch noch ohne Brief. Er sprang zur Tür, riß sie auf, klopfte leise an die zweite Werkstatt. Nebenan verhandelt laut und wortreich Kaspar Gärisch mit Muhme Konkordia. Stimmen, die der Kundschaft gehörten, mischten sich dazwischen. Als der Meister seinen Illo sah, sein blasses und doch strahlendes Antlitz, packte er ihn mit beiden Ärmchen. »Komm, komm!« drängte er. »Du hast mir was zu sagen. Das brauchen die beiden anderen nicht zu wissen. Wie zwei Knaben sprangen Meister und Lehrling in Illos Werkstatt. »Meister! Lieber Meister! Ja, ja!!!« Weiter brachte Illo nichts heraus. – »Wo ist die Erbuhr?« rief atemlos der alte Herr. Rasch deckte Illo das seidene Tuch über die Spieluhr, und just schlug es sieben Uhr auf allen Kirchen, und Illos Erbuhr tönte mit. »Herzensjunge! Wie hast du dein Gesellenstück fein zusammengebracht. Siehst du, wie der Distelfink da lacht? Als ob der Vogel wüßt', daß es meines Großvaters Meisterstück war, diese Uhr. Bis ins kleinste besah sich der Meister das Werk. »Wer es vorher gesehen hat, verstaubt und verdorben, überdreht und elend behandelt, gerade als ob eine Uhr kein Herz hätte, das lebendig schlägt in Freud und Leid, ein treuer Kamerad, der oft noch verzeiht, wenn man ihn niederwirft; – wer sie vor Monaten sah und sie jetzt so schmuck dastehen sieht, der möcht' es fast nicht glauben, daß es dieselbe ist. – Ich hab' ja auch so hundertjährige Kameraden. Sixt, Illo, manche Uhren sind gar nicht totzukriegen. Die überleben hundert Jahre und mehr den Meister, der sie schuf.« Ganz aus den Fugen war das graue Männlein. »Hab' freilich noch nicht viel erlebt, Meister, – aber es hört sich gut an, und ich höre gern zu, wenn Ihr so frisch erzählt.« »Ei, jetzt müßt' ich wohl rot werden, Illo. Aber ich freu' mich, daß mit diesem Werk, mit dieser großartigen, feinen Instandsetzung etwas Feierliches dich überkommen hat. Sixt, Illo, du nennst mich auf einmal ›Ihr‹ und ›Meister‹ und hast mich vordem schon ›Großvater‹ und ›du‹ genannt. Schad't nix, schad't gar nix. Können all' beid' hin und wieder zurückkehren zum ›Ihr‹ und zum ›Meister‹. Und bei ›Meister‹ fällt mir ein, – – gleich nach Weihnachten geht's an dein Meisterstück. Schade, daß das noch wieder Jahr und Tag braucht, auch bei dir. Andere brauchen viele Jahre. Jetzt, – am großen Innungstage hätte ich gern noch was Anderes von dir vorgelegt, – was Selbsterdachtes, Illo – aber kommt Zeit, kommt Rat. Und dein Gesellenstück hast weiß Gott früh genug gemacht! – Stolz bin ich auf dich – Schwiegerenkel.« »Ich dank' Euch, Meister. – Lieber, lieber Großvater!« »Schon recht. Wo soll's stehen, das Ührlein?« »In Eulenried. Der Mutter schenk' ich's zu Weihnachten.« »Weihnachten!« Ganz nachdenklich wurde der Meister, und eine Wolke ging über das offene Gesicht. »Ich werd' recht einsam sein am Heiligabend, aber ich kann nicht fort von der guten Muhm, und der närrisch Kaspar hat auch niemand auf der Welt wie mich alten Krabauter.« 20. Als Weihnachten hereinbrach, war auch im Distelfinkhaus viel festliche Vorbereitung, was Kuchen, Braten, Tannenbäume und Lichter anbetraf. Und am 23. Dezember war Illo mitten in der Packerei seines Rucksackes, nachdem die Geschenke vorausgeschickt waren. Der Meister sah etwas scheel drein und gönnte doch so herzlich dem jungen Freund das Fest bei seinem Englein. Aber er hatte am Vorheiligabend sich ein Fest für den Illo ausgedacht, zu dem wohl auch das Englein gepaßt hätte. Doch die Mutter Eulenried auf der Burg war eben erst von einer Krankheit genesen und brauchte das Mädchen noch nötiger als sonst. – Distelfink hatte auch ein Weihnachtsgeschenk für Illo, den Gesellenbrief. Und viele Meister und Gesellen der Stadt hatte er in den großen Saal des Distelfinkhauses eingeladen, darinnen früher reiche Feste gefeiert worden waren. Die Seele des Festes war aber Kaspar Gärisch, der sich nicht genug tun konnte, dem »Gesellen« Illo liebes anzutun. Denn mit der hoffnungslosen Liebe zur schönen Meistertochter im Herzen fühlte er sich dem Illo gegenüber schuldig. Das wollte er gutmachen. So lief er sich beinahe die Füße ab, wie weiland die Hündin von Münchhausen. Ein Karmen hatte er verfaßt, das er vorsichtigerweise dem Meister vorlas, ehe er es »aufsagte«. Und Meister Distelfink lehnte es rundweg als »schwülstig« ab. Grollend legte Kaspar es zu seinen anderen Gedichten, die desgleichen von jeder Druckerei zurückgewiesen waren, hoffte aber, es doch einmal dem Illo versetzen zu können, sei es auch dereinst an seinem Sterbetag. Der »Gesellentag« verging in aller Feierlichkeit. Die Meister beglückwünschten den Gesellen und besichtigten die Erbuhr mit uneingeschränkter Bewunderung. Es war wohl nicht einer unter diesen wackeren Bürgern, der dem strebenden Handwerker-Baron seinen raschen Aufstieg neidete. »In knapp einem Jahr die Lehrlingszeit beendet. Alle Achtung! Glückauf weiterhin!« Das waren die Trinksprüche. Am 24. Dezember war Illo voll Unrast. Er hatte einen Kasten in Arbeit gegeben, in den er die Spieluhr legen wollte, eine würdige Umrahmung und ein angemessener Aufenthalt für das Meisterstück. Schmied Westermann, der sich für alles interessierte, was es zwischen Himmel und Erde gab, hatte die Arbeit mit Freuden übernommen und hämmerte und feilte nun schon wochenlang an dem schönen Stück herum. Nun war die schwere Kassette fertig, und es brauchte nur noch der überaus fein geschmiedete, kleine Distelstrauch mit dem singenden Finken aufmontiert zu werden. Illo hatte sich schon von jedem arbeitsreichen Tage, in dessen Verlauf ihn der Meister zur Erholung in den Wald jagte, ein Viertelstündchen abgerungen, um in der Westermannschmiede einzukehren. Dort verfolgte er mit Staunen und Bewunderung die arbeitende Künstlerhand des Schmiedemeisters. Wie dieser mit Ballhammer und Spitzhammer arbeitete! Mit den Dörnern den Distelstrauch mit dem Finken darauf austrieb, dessen Reliefbild sich rings um die Truhe wiederholte. Liebevoll betrachtete Illo die Werkzeuge, betrachtete sich den Flachhammer und die Platte aus Blei, die als Unterlage diente, und kam aus dem Staunen nicht heraus, mit welch sicherer Hand die Ornamente vom Schmiedekünstler hineingetrieben wurden. Bräuniert sollte die Kassette erst später werden, wenn Illo von seiner Burg zurückkehrte. Auch der Zaponlack wartete ihrer, um den Rost zu verhindern. Illo schüttelte dem Meister dankbar die Hand. Wie froh war er, daß er ihn für seine mühsame Arbeit auch angemessen und gleich auf der Stelle entlohnen konnte. Durch eigenen Verdienst, der auch den Geschenken an die Seinen einen höheren Wert verlieh. Und das nahm er sich vor, allezeit dafür zu werben, auf daß jedermann den Handwerker in dem Augenblicke bezahlte, da er die fertige Arbeit aus des Meisters Hand empfing. Dann trug er den fertigen Schatz wohlverwahrt auf seinen Armen in das Uhrmacherhaus. Auf der Straße grüßten ihn festliche Gesichter, und aus den niedrigen Bürgerhäusern duftete es nach »Weihnachtsschittchen«. »Grüß Gott, Herr Geselle!« rief man ihm zu. »Gelle, das geht sich jetzt leichter, denn als Lehrling?!« Da Illo aber die schwere Truhe schleppte, konnte er die Wahrheit dieser Worte nicht recht spüren. Die Base empfing ihn scheltend, und Meister Distelfink sah ernst drein. »Das ganze Mittagessen versäumt«, rief sie. »Und ich hatte extra ›Hutzeln und kalte Nanscherle‹ für den Herrn Gesellen gemacht. Jetzt schlägt's ein Uhr, und Sie müssen nun ohne Warmes im Leib auf die kalte Wanderschaft gehen, wenn Sie noch vor Dunkelheit bis Ilmenbach kommen wollen.« »Und das nennst du ›erholen‹?« warf der Meister ein. »Kommst heiß und rot vom Spaziergang und schleppst gar Steine ins Haus?« Aber Illo lachte recht wie der »Spötter« auf dem Tannenbaum, oder auch wie ein echter Eulenried mitten in den Jammer der Base hinein: »Man kann den Tod von solcher Unpünktlichkeit kriegen!« »Am Heiligabend stirbt man nicht, Base Konkordia, da würde man ja seine Geschenke einbüßen. Hunger hab' ich nicht, hab' den ganzen Bauch voll Freude!« »Du liebe Zeit! Und hat nicht mal'n Bauch. Ist so lang und dünn als ›Lewerenzen sein Kind‹.« Illo nahm die schwere Truhe noch einmal auf und schleppte sie in die Werkstatt. Der Meister selbst hielt ihm die Tür offen. »Niemand darf hereinkommen, bevor das Christkind geklingelt hat«, rief er den beiden zu. »Das Christkind wird wohl gar nicht hier sein«, nörgelte der Meister, »ist ja auf Burg Eulenried ...« Illo trat wieder zu ihnen. »Das Christkind ist überall«, sagte er fast feierlich. »Wir wollen alle recht weihnachtlich gestimmt sein, gelle?« Liebevoll umfaßte er den Meister. »Ich bleibe heute bei Euch, Großvater, ist dir's recht?« Ganz wild wurde da das graue Männchen, und die Motte flog wieder in der Stube herum. »Das soll mir doch niemand nachsagen, daß ich ein doppelter, elender Selbstsüchtling bin. Und was soll mein Englein sagen?« »Kein doppelter und kein einfacher«, entschied Illo. »Und das Englein erwartet mich erst morgen. Ist schon alles abgemacht.« Da ward freilich der Meister eitel Freude, aber die Base aufs neue erschrocken. »Den Tod kann man haben von diesen Überraschungen. Und nun hab' ich kein Geschenk für den Herrn Gesellenbaron. Hatte mir gedacht: Braucht er uns nicht, brauch' ich mich auch nicht für ihn zu sorgen. Aber ich weiß was, ich weiß was.« Und als dann am Abend das Tannenbäumchen brannte, da holte sie aus ihrer Truhe ein geheimnisvolles Paket, das sie Illo feierlich überreichte. »War auch einmal Braut«, sagte sie verschämt. »Sind jetzt fünfundvierzig Jahre her, da hab' ich diese Strümpfe dem Bräutigam gestrickt. Er ist gestorben, und nun weiß ich keinen Würdigeren, als den Herrn Gesellenbaron. Nehme Er's freundlich an!« Illo dankte geziemend. Und wenn es sich auch in der Folgezeit erwies, daß von den derben Strümpfen nur noch ein Häuflein mottenzerfressener Wolle übrig war, so erfuhr doch die Base niemals von diesem traurigen Umstand und konnte nicht »den Tod davon haben«. Illo spielte auf dem gut erhaltenen Spinett, auf dem das Englein seine Studien gemacht hatte, einen Choral: »Kommet ihr Hirten, ihr Männer und Frauen, kommet das lieblichste Kindlein zu schau'n. Fürchtet euch nicht.« Da öffneten sich die Türen der Nachbarhäuser, und die Leute kamen in das Distelfinkgewese, traten in die Vorhalle und lauschten andächtig. Fielen auch mit ein bei den folgenden Strophen, und Illo sang hell mit seinem schönen, geschulten Tenor. Ein Weihnachtslied folgte dem andern, bis Illo endlich sacht das Spinett schloß. – Still entfernten sich die Nachbarn, ohne zu stören, und die Zurückbleibenden reichten sich beglückt die Hände. Die Truhe mit dem Distelbusch und dem Finken, der den Schnabel zum Singen geöffnet hatte, stand auf des Meisters Tisch. Der war weiß behangen mit einer Decke, die mit alter wertvoller Klöppelspitze umsäumt war. Tannen und Stechpalmzweige mit roten, leuchtenden Beeren gaben den grünen Untergrund, auf dem die Truhe ruhte. Ein Kunstschlüssel öffnete das Kunstschloß. Der Schlüssel zitterte in des Meisters Hand. »Was soll das? Was soll das?« fragte er hilflos. »Es ist ein Weihnachtsgeschenk für Euch, Meister«, sagte Illo Eulenried mit bebenden Lippen. »Nehmt es an, ich bitt' Euch. Prüft es genau! Ich bin Euer Lehrling, durch Eure Güte seit gestern Geselle. Richtet über mein Werk.« Lange war es still im Weihnachtszimmer. Die Lichter brannten ruhig und die Tanne duftete, als sei es Frühling, oder die Julisonne brenne auf sie herab. Längst hatte Distelfink die Spieluhr aus der Truhe gehoben, hatte sich davor gesetzt und mit scharfen, gesegneten Uhrmacheraugen das Werk geprüft. Jetzt berührte seine Hand einen Hebel und drückte ihn nieder. Da klang es zart und melodisch in die tiefe Weihnachtsstille hinein: »Du, du liegst mir im Herzen!« Wie ein Schluchzen kam es aus der Brust des grauen Männleins: »Meister! Junger Meister!« Dann straffte er sich und faßte Illos Hand, Feierlich stand er vor seinem Lehrling. »Ich segne den Tag, da ich dich im Thüringer Walde fand. Dies ist ein Meisterwerk. Und in meinem Hause wurde es geboren. Gebt ihm die Hand, Base Konkordia und du, Geselle Kaspar Gärisch.« Nach und nach verlöschten die Wachslichtchen, aber sie dufteten stärker im Vergehen. Draußen sangen die Glocken das uralte Lied der Heiligen Nacht. * In Ilmenbach wie in aller Welt hatte man das neue Jahr angetreten. Nur daß es im kleinen Dorf und Gut und auf der einsamen hohen Burg stiller geschah als in Groß- und Kleinstadt. Dankwart Eulenried hatte im Januar ebenso fleißig und stetig mit seinen alten Insten gearbeitet wie im Dezember. Aber es hatte längere geruhsame Abende gegeben, an denen die Frauen spinnen und stricken, die Männer gute Bücher lesen konnten. Bei allem, was förderte, war der junge Gutsherr immer voran. Man gehorchte gern dem fleißigen, bedächtigen Führer, der Hand in Hand mit dem bekannten und bewährten Bauer Kreihorst ging. Dankwart hatte seine saubere, richtig gehandhabte Buchführung abgeschlossen und seinen Reingewinn geprüft. Er war gut gewesen. Dankwart konnte hoch aufatmen, und Bauer Kreihorst klopfte ihm auf die Schulter. »Dein Junge kann sich freuen!« bemerkte er trocken. Gemeinsam machten sie ihre Bestellungspläne und brachten ihr Inventar in Ordnung. Es kamen Bauern und Gutsbesitzer aus der Umgegend, um seine Ställe zu sehen, und es sprach sich herum, wie genau es Dankwart mit der Pflege seiner Tiere nahm. Wie er sie fütterte und putzte, seinen Insten ständig auf die Finger sah, daß sie immer verschlagenes Wasser reichten und die Ställe stets warm und doch gut gelüftet waren. Keller und Mieten waren bei ihm wohlverwahrt. Auch hatte er keinen Verlust an Pferden und Kühen, wie manche Bauern, und seine vor dem Kalben stehenden Kühe bekamen kein Milchfieber, weil er aufpaßte, daß ihnen beizeiten das Kraftfutter entzogen wurde. So kam es, daß ältere Bauern und Oberknechte den jungen Landwirt um Rat fragten und Dankwart ringsum geachtet und von seinen Insten geliebt war. Elisabeth Eulenried war glücklich und stolz und trug ihr Glück und ihren Stolz hinauf zur Burg, wo die Mutter und Tante Hermine sich mit ihr freuten. Das Englein aber lernte von allen und hütete das Ührlein, das Illo gebaut hatte und das an ihrem Arm tickte. Der kurze Februar verging im Fluge. Er hatte schon Mehrarbeit gebracht. Anfang März; es war der sonnigste Frühlingstag, den man sich denken konnte, traf ein Brief von Dankwart an Illo ein. Ein Jubelbrief. Die übermächtigste Freude lohte aus dem Schreiben. Illo wurde davon so angesteckt, daß er wie unklug in der Werkstatt herumtanzte und seine »tausend Räder und Rädchen« in Gefahr brachte. Ein Junge! Ein Erbe! Aus gutem Adel und bewährtem Bauernblut. Damit schloß der Brief, auf wunderlichem, rasch hervorgekramtem Papier geschrieben. Ohne Unterschrift. Aber es war doch Dankwarts Hand zu erkennen. Nach einer halben Stunde kam ein Bote mit hängender Zunge herangeprescht mit einem zweiten, diesmal sehr dicken Schreiben. Fortsetzung: Der Junge wiegt sieben Pfund. Aber noch ein kleines Mädchen sechseinviertel kam hinterher. Lach' nicht, dummer Illo. Es ist ganz richtig so für mich. Als Uhrmacher kannst Du so etwas nicht verstehen. Ich muß doch ein Maidli zum Einheiraten in mein Gut haben. Hörst? Der Junge hat es seiner Mutter schwer gemacht. Unter Hagel und Sturm, Blitz und Donnerschlag ist er endlich erschienen. So ein Bengel! Wißbegierig, wie alle Eulenrieds sind, hat er sehen wollen, wo es brennt. Es brannte auch wirklich, denn ein kleines, unbedeutendes Schlägelchen war in die Kammer des Hütejungen eingedrungen und war bald gelöscht. Kaspar ist übrigens herausgestürzt mit »Hurra, ich bin gerettet! Meldet es nur gleich dem Fräulein Angela, die sorgt sich um mich!« Hast Du Worte, Illo? Der Hütejunge wird täglich verrückter. Aber so lange es dem Vieh nicht schadet, lasse ich ihn gewähren. Es soll Martin heißen.« – Wer? Das Vieh? Der Hütejunge? Nein, wahrscheinlich das Kind! Das Erstgeborene. Illo faßte sich an den Kopf. Können schwere Geburten auch dem Vater schaden? Aber Dankwarts Brief ging weiter: »Ich bin von der Hebamme hinausgewiesen worden und habe deshalb Zeit, an meinen einzigen Bruder zu schreiben. Das Maidli (sechseinviertel) soll Angela heißen. Warum sollen wir nicht zwei Engel auf der Burg haben? Man kann von so was nicht genug kriegen. Ist dir's recht?« Ja, es war ihm recht. Auch der Name seines Patenjungen. Alles, was im Bereich der Wartburg geboren wird, müßte Martin heißen. »Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Gott helfe mir! Amen!« Illo rief die Lutherworte so laut, ja schallend heraus, daß Muhme Konkordia erschrocken aus der Küche hereinpolterte. »Was machen Sie für Sachen? Sind Sie unklug geworden, Geselle? Herr Baron?« »Ich arbeite«, sagte Illo seelenruhig und hob mit der Pinzette ein winziges Plättchen vor das Auge. »Man kann den Tod haben von solchem Gebaren«, murmelte die Base. »Wie kann man rufen, daß vor Schreck die Hühner auffliegen: ›Hier stehe ich, ich kann nicht anders!‹ Und gleich drauf sitzen und arbeiten?« Sie schlurfte verzagt in ihre Küche. 21. Dankwart fuhr in einem riesigen Kinderwagen, der fortan die »Bombe« genannt wurde, die beiden Neugeborenen zur Mutter hinauf in die Burg. Tante Hermine hatte die Kleinen schon besichtigt, etwas erschrocken, daß es mehr waren, als man erwartete. Zwillinge waren bei den Eulenrieds nicht Mode. Aber auch ihr wurde klargemacht, daß auf jedem vernünftigen Hof ein Dirnlein zum »Einheiraten« sein müsse. Der Hütejunge hatte die Bombe zuerst glückselig über seine Berufung mitgeschoben, war aber so rasch und übermütig in seiner Freude, daß der Wagen ein paarmal stieß und die Kleinen anfingen zu meckern. Darauf übernahm der junge Vater das Kutschieren allein. »Warum meckert ›sowas‹?« fragte Kaspar grollend. »Wenn es Ziegen wären, dann könnten sie den Berg schon 'nauflaufen.« Dankwart überhörte die Beleidigungen. »Gib acht auf den Weg!« gebot er rauh. Oben in der Burg wartete schon Tante Hermine vor dem Schloßtor und übernahm das Maidli, während der stolze Vater den Erben trug. Kaspar verstaute auf Befehl die leere Bombe in der großen Halle und gab ihr aus irgendeiner Bosheit, die ihm aufstieg, einen leichten Tritt, so daß sie ein ganzes Stück in die Halle allein hineinfuhr. Dann trottete er hinter den anderen die breite Treppe hinauf. »Was willst du denn oben?« fragte ihn Dankwart. Aber Kaspar war ja nicht gekommen, um nur zu helfen und dann das »ahle Frölen« zu sehen, und so fand er es richtiger, die Frage unbeantwortet zu lassen. Oben an der steinernen Balustrade stand das Englein. Es begrüßte mit lieblichem Lachen die kleine Karawane, und der Hütejunge meinte bei sich, sie gliche auf ein Haar der »Prinzessin auf der Erbse«, deren Bild er einmal in der Schule in einem Märchenbuch gesehen hatte. Als der Herr Baron und das »Freilein« vorangegangen waren, sprang er rasch auf Angela zu und drückte etwas in ihre Hand. Aber sie schrie: »Igitt!« und das kleine Tütchen fiel zu Erde. In diesem Augenblick starb seine Liebe. Er hatte drunten auf dem Jahrmarkt für einen sauer ersparten Groschen diese Bonbons getauft und sie nachher alle »angelutscht«, ob sie auch gut schmeckten. Nun wischte sich die »Prinzessin« die klebrigen Finger verächtlich ab. »Das darfst du nie wieder tun«, sagte sie freilich ganz freundlich, »komm', ich hole dir ein großes Stück Torte!« Aber er rief laut und wütend: »Ich bin satt!« und lief klappernd mit seinen Holzschuhen die steinerne Treppe hinunter. Drunten heulte er. Über seine verlorene Liebe und über die verlorene Torte. Er hatte gelogen. Er war in seinem ganzen vierzehnjährigen Leben noch niemals satt gewesen. Das hätten aber Dankwart und Elisabeth nicht hören dürfen, sie hätten Kaspar sofort einer Mastkur unterworfen wie schon oft. Das klebrige Tütchen blieb an der Balustrade liegen, bis die Schloßkatze es holte. Sie war nicht so heikel wie das Englein. Während noch Tante Hermine, die Mutter und Dankwart über den Köpfchen der Kleinen hundert Pläne schmiedeten, fiel wie ein Deus ex machina der Dr. Senfkorn in die Versammlung. Er hatte es in Eisenach nicht mehr ausgehalten, sondern war heimgekehrt, um bei den Zwillingen Hauslehrer zu werden. Zwölf Lebensjahre traute er sich noch zu, dann mußte der Junge ja doch aufs Gymnasium und das Mädchen ins Lyzeum. Vorläufig konnte er allerdings dem Säugling nicht die unregelmäßigen Verba auf mi beibringen, der würde ihnen denselben Widerstand entgegensetzen, wie es sein Vater Dankwart sein Lebelang getan hatte. Dr. Senfkorn bezog auf Bitten der alten Baronin wieder die Turmstube und nahm den Titel Schloßhauptmann an. Hatte das kleine Männchen auch keine »Kompanie«, so führte er doch ein gutes »Regiment«. Die gesunde, stattliche Elisabeth stillte beide Kinder. Das war die größte Freude von Vater Kreihorst, daß sein Fleisch und Blut auf die rechte altväterische Art ernährt wurde. Und Elisabeth blühte auf. Sie verließ am neunten Tage zum erstenmal das Bett und ging nach vierzehn Tagen am Arm des Gatten durch Hof und Park. Und wenn es Dankwart vielleicht lieber gewesen wäre, wenn sein Hoferbe auf Burg Eulenried das Licht der Welt erblickt hätte, so freute er sich doch, daß das freudige Ereignis sein junges Weib in ihres Vaters Hause überrascht hatte. So konnte er viel rascher vom eigenen Gut, das so eng an das Bauernhaus grenzte, hinüberlaufen. Und Vater Kreihorst genoß alle Freuden des Großvaters. Man konnte nach sechs Wochen, wie es üblich in Burg Eulenried war, eine ernstfrohe Tauffeier veranstalten. Dankwart hatte die kleine Schloßkapelle neu herrichten lassen. Bei den Instandsetzungsarbeiten legte man ein wertvolles Freskogemälde frei. Das zog später viele Besucher und gelehrte Herren nach Ilmenbach. Der Fürst, als Pate des Täuflings, stiftete das Kruzifix aus Marmor und Silber. Tante Hermine legte eine alte Familienbibel auf den Altar. Großvater Kreihorst ließ ein neues Harmonium aufstellen. Hinter vergoldeten Gittern lagen die Trümmer einer uralten Orgel. Requiescat in pace! Illo gab seinem Paten einen Wechsel auf lange Sicht. Sobald die letzten Schulden der Burg und des Gutes Eulenried getilgt seien, würde er beide Kinder reich bedenken, so wahr ihm Gott helfe. Der Taufzug ging vom Schloß hinunter in die Kapelle durch das Burgtor, von dem der Spruch des Eulenried-Ahnen beredte Sprache sprach. Die liebliche Angela Distelfink trug ihr Patenkind, das im alten Taufkleid seiner Ahnen steckte. Zn der Taufschleppe waren alle Namen der je vorhergegangenen Täuflinge eingestickt. Eine lange Geschlechterreihe. Als Dankwart durch das Tor und das Spalier, das die Dorfbewohner bildeten, schritt, begegnete ihm Illos Blick. Vier Augen leuchteten auf. Sie hatten beide zugleich an den Spruch gedacht, der von oben zu ihnen sprach. »Niemals zurück von der Pflicht gegen die Heimat«, dachte Dankwart. »Niemals von der Scholle weichen, die heiliges Erbgut trägt! Niemals vergessen, daß es höchste Ehre bedeutet, für das Vaterland zu arbeiten! Mein Blut, meinen Schweiß, meine Kraft will ich in den Acker versenken, der mir zugewiesen ist. Mit Gott! Niemals zurück von dem, was ich mir vorgenommen! gelobte sich Illo. Ich will noch heute zu Meister Distelfink gehen, ihm bei der Arbeit helfen und Dankschuld abtragen. Dabei still warten, was die Uhrmachermeister über mich und mein selbsterbautes Werk sagen werden. Aber dann, wenn sie mich zum Meister gemacht, zurück in die »Eulenriedwerkstatt«. Mir schwebt Neues, Großes vor, ein Wert, das Vielen Brot gibt. Verachtet mir die Meister nicht! Diesen Spruch trug Illo in Herz und Sinn, und er sollte zum Wahlspruch eines neuen Geschlechtes werden. Ende!