Johannes Schlaf Mutter Lise 1. Mutter Lise, wie sie in Anerkennung ihrer »sonst wirklich guten Eigenschaften« von ihrer Schwiegermutter, der alten Frau Kommerzienrat Körber, genannt wurde, war eine »Mesalliance«. (Damals bedienten sich alte Damen, die ihre Jugend im Biedermeier gelebt hatten, bei solchen Gelegenheiten noch dieses Fremdwortes.) Die Frau Kommerzienrat entstammte einer adligen Familie, die freilich schon lange auf das Gehalt angewiesen war, das ihre männlichen Mitglieder aus Beamtenstellen zogen; außerdem waren viel Geschwister dagewesen. So hatte sie seinerzeit den Antrag des schwerreichen Großkaufmannes Anton Körber angenommen, der später Kommerzienrat geworden war. In solch einen Lebenskreis war Lise hineinversetzt worden; aus dem Hannöverschen gebürtig, Tochter schlichter Handwerkersleute. Aber sie war eine – wenn auch dem Urteil ihrer Schwiegermutter nach »zu unverleugbar bäuerische« – Schönheit. Karl Körber, der dritte Sohn der Frau Kommerzienrat, hatte sie in Hannover kennengelernt, wo sie als Köchin gedient und er das Polytechnikum besucht hatte. Sie hatten miteinander angebändelt, Lise war nur zu vernarrt in ihn gewesen, es hatte Geschichten gegeben. Als das Verhältnis ein Semester gedauert, war Karl, nach Beendigung seines Studiums, heimgereist, um sich mit Hilfe seines Vaters selbständig zu machen. Seine Absicht stand nichts weniger als darauf, Life zu heiraten, doch war ihm der Abschied von ihr auch wieder nicht ganz leicht geworden, denn er hatte sich an sie gewöhnt und entbehrte sie nur ungern, zumal sie sich auch sonst gut miteinander verstanden und er sie ihres gescheiten und soliden Wesens halber, das gut zu seinem eigenen paßte, achtete. Auch Life hätte wohl, so wenig wie er sentimental beanlagt, aus der Trennung kein allzu großes Wesen gemacht, aber da hatte sie sich bald nach seiner Abreise schwanger gefühlt. Als anständiges Mädchen war sie aus Angst vor ihren altväterlich ehrbaren Eltern in Sorge geraten und hatte Karl sofort geschrieben. Darauf hatte sie eine unbestimmt beruhigende Antwort erhalten, dann war die Korrespondenz wieder eingeschlafen. Als ihr Zustand sich dann aber immer ernstlicher gestaltete, hatte sie Karls Versprechungen schließlich doch mißtraut und sich resolut einfach zu ihm aufgemacht. An drittem Ort waren sie zusammengetroffen, Life hatte nicht nachgegeben, Karl geschickt an seiner schwachen Seite zu packen gewußt, die Sache war ihm, der sich ungern aus seinem Behagen bringen ließ, zu schwierig geworden, er hatte ihr sein bindendes Jawort gegeben. Die Körbers waren ein eigenständiger, eigenwilliger Schlag, sie taten und ließen, was ihnen gefiel, und so hatte Karl von seinem Vater, der sowieso in der Stadt für ein halbes Original galt, weiter keine besonderen Schwierigkeiten erfahren; besonders da in der Hauptsache nach den Körberschen Begriffen sonst alles in Ordnung war. Freilich stand der alte Kommerzienrat bis zu einem gewissen Grade aber unter dem unbedingten Einfluß seiner Gattin, der er als einer Dame von adliger Herkunft auf seine Art mit behutsamer Delikatesse begegnete. Mutters Einwilligung zu dieser Heirat zu gewinnen, war aber kaum zu hoffen gewesen. Karl hatte denn auch einen recht schweren Stand gehabt, zumal solche heiklen Auseinandersetzungen seinem phlegmatischen Wesen nicht lagen. Schließlich war ihm aber doch der Umstand, daß er Lise sein Jawort gegeben, ausschlaggebend gewesen, und so hatte sein »Dickkopf«, vielleicht sogar ein wenig seine Jähzornader, den Widerstand der alten Dame gebrochen, und er und Lise hatten in aller Stille Hochzeit gemacht. 2. Im dritten Jahre der Ehe geschah es nun aber, daß Lise ihrem Manne einen dritten Sohn schenkte. Sie gebar das Kind an einem Mittwoch, kurz vor dem Sommersonnwendtag. Wie jeden Morgen war sie gegen sechs Uhr aufgewacht. Sie hatte noch ein Weilchen gelegen, noch einmal, wie's ihre Gewohnheit war, die Wirtschaftsangelegenheiten des Tages überdacht und ihren Zustand geprüft. Sie hatte dabei bedacht, daß sie aller Wahrscheinlichkeit nach heute niederkommen würde; da sie sich vorläufig aber den Umständen nach durchaus wohl fühlte, war sie aufgestanden und hatte sich in die Küche begeben. Beim Aufstehen hatte sie noch einen halben Blick zu ihrem Manne hinübergeschickt, der breitbrüstig und rotbäckig in gesundem Schlafe dalag, und nachdem sie noch mal nach dem zweijährigen Detlevchen und dem einjährigen Karlchen gesehen, leise das Schlafzimmer verlassen. Blinzelnd betrat sie das sie mit grellem Sonnenglanze empfangende Wohnzimmer. Sie bemerkte sofort, daß das eine Fenster gestern abend nicht geöffnet worden war und trat, doch halb und halb um noch ein wenig zu verweilen, hinzu und machte es auf. Die frische Morgenluft einatmend sah sie zum strahlendblauen Himmel hinauf und hinab in den alten Hausgarten, aus dem der Duft der Rosen heraufkam. Diese schöne Morgenstille tat ihr gut. Es war ihr immer der liebste Augenblick des Tages, am frühen Morgen so in die noch stille Wohnung einzutreten. So war ihr auch heute gut und heiter zu Mute. Die Empfindsamkeit ihres Zustandes ließ sie dann, wie sie noch einen Augenblick beim Fenster verweilte, an das Kind denken. Es war das dritte, das sie erwartete, und so war dies Gedenken nur ein ruhigeres, zumal vorauszusehen, daß es wieder eine leichte Entbindung werden würde. Aber sie dachte: »Wenn es heute kommt, dann hat es einen so schönen Tag zum Geburtstag. – Gerade mitten im Jahr. – Und ein Mittwoch. – Der Mittwoch ist ja mein Glückstag.« Sonst aber dachte sie weiter nichts. Sorgen hatte sie nicht, es fehlte ihr an nichts, sie war gesund, das Kind würde ja sicher auch wohl und gesund sein. Sie stand in der Familie zwar so gut wie allein, aber das machte ihr weiter nichts, sie war sogar ganz zufrieden damit; denn im übrigen behandelte sie doch eigentlich niemand schlecht. Mit der Schwiegermutter zwar hatte sie keinen besonders guten Stand, aber schließlich kam die doch nur selten hier hinter ins Gartenhaus. Aber da bekam sie einen heftigen Schluckenanfall. Sie geriet in einige Besorgnis und überlegte; doch dann entschloß sie sich in die Küche zu gehen, damit das Mädchen wenigstens noch die Anweisungen für den Tag bekäme. Nachdem sie in der Küche aber trotzdem noch allerlei gearbeitet und in Ordnung gebracht und dann mit Karl gefrühstückt, hatte sie sich im Wohnzimmer daran gemacht, für jeden Fall alles herzurichten und bereit zu legen, und dabei war sie von den Wehen überrascht worden. Sie hatte sich zu Bett gelegt, und man hatte Frau Sanders, die Hebamme, geholt. Jetzt war es zwischen zwölf und ein Uhr mittags. An einem der drei Fenster, mit dem Rücken gegen die Schlafzimmertür, doch aufmerksam halb zu ihr hingewandt, saß die alte Frau Kommerzienrat, etwas nervös und zerstreut mit einer Häkelarbeit beschäftigt, deren Knäuel in einem zierlich geflochtenen, auf dem Fensterbrett stehenden japanischen Körbchen lag. Sie war eine kleine, zierliche, noch schwarzhaarige Dame von 58 Jahren mit einem bräunlich bleichen Gesicht von sensiblem aber resolutem Ausdruck, der von kleinen, schwarzen, zugleich lebhaften und melancholischen Augen über einer großen, aber feingeformten Nase beherrscht wurde. Sie trug ein kaffeebraunes Seidenkleid mit einer kleinen Schleppe. Ihre Hände waren klein, bleich, noch fest. An der Rechten blitzte unter den Bewegungen der Häkelarbeit distinguiert ein schlichter, aber kostbarer Diamantring. Ab und zu unterbrach sie sich und wandte lauschend ihre Aufmerksamkeit zur Schlafstubentür hin oder sah unter einem kleinen Seufzer melancholisch gedankenvoll durch das weitoffene Fenster zum blauen Himmel hinauf, in dem ein Schwarm weißer Tauben seine Kreise zog. Eine sommerliche Wärme drang herein mit lichter Sonnenflut und dem schweren Ruch der vielen Rosen und bunten Gartenblumen. Im Hintergrunde des alten Gartens sah man zwischen Bäumen, Büschen, Blumen und hochgestengelten Rosensträuchern durch das nach der Straße hinausblickende Vorderhaus, ein stattliches graues, altes Patrizierhaus, das von den alten Kommerzienrats bewohnt wurde, während die jungen Leute hier am anderen Ende ein kleineres Gebäude innehatten, dessen Vorderfront zum Strom hinüberblickte. Es herrschte eine tiefe, lauschend gespannte Mittagsstille. Das Summen der Bienen unten im Garten vertiefte sie noch mehr und gab ihr etwas Feierliches. Würdig und behaglich tackte der kräftige Metallton der Standuhr in sie hinein und »gemahnte ernst an das unaufhaltsame Weiterrücken der Zeit und an die heilige Gegenwart, ach, aller Vergänglichkeit zugleich und der großen Ewigkeit«, wie die alte Dame in ihrem melancholischen und zugleich etwas nervösen Nachdenken dachte. Sonst aber stand zu dieser Stunde auf dem großen vlämischen Tisch in der Mitte des Zimmers in einer alten Delfter Vase ein herrlicher Rosenstrauß und eine bunt glasierte große Tonschüssel gehäuft voll der prächtigsten Knackkirschen. Die Schüssel mit den Kirschen hatte Lise noch mit aus der Küche hereingebracht. Sie waren frisch gepflückt und für den Nachtisch bestimmt. Nun waren sie stehen geblieben, wo Lise sie gerade, von den Wehen überrascht, aus der Hand gesetzt hatte. Auf dem rosalachsfarbenen, mit Goldarabesken verzierten Ofensims aber standen beieinander seltsam und exotisch vier große Tigermuscheln, dunkelscheckig, wie mit schwärzlich gewordenem, geronnenem alten Blut übersprenkelt; ferner ein schwarzbrauner Drache, eine chinesische Bronze, grotesk, mit einem wilden Wirrwarr von geschlängelten dunklen Flammenzungen, und außer einem zierlich geschnitzten Schiff ein Pappschächtelchen mit einem kränklich bleichrosa marmorierten Papier und in arabeskenartigen Figuren geordneten niedlichen Muschelchen beklebt. Ein paarmal hatte vom Strom her das dumpfgrelle Heulen einer Dampfersirene jäh und schreckhaft, seltsam, die tiefe, warme, sonnig in sich hinein wartende Stille zerrissen. Ab und zu ließ sich drinnen im Schlafzimmer das Plätschern von Wasser und die Stimme von Frau Sanders vernehmen. Das gehalten gepreßte Gestöhn der Gebärenden aber machte kaum eine besondere Unruhe. Selbst nicht, wenn es gelegentlich mal mit einem Schrei hervorbrach. Und es nötigte der alten Dame sogar ein kleines belustigtes Lächeln ab, wenn sie hörte, wie Lise Frau Sanders Anordnungen gab oder ganz und gar eine Unterhaltung mit ihr führte. Mutter Lise war ja ein »Dragoner«. Alles in allem waren die Wehen wieder leicht. Es schien eine ungewöhnlich kurze und prachtvolle Entbindung werden zu wollen. Gegen ein Uhr kamen Karl und der Kommerzienrat. »Gut, wie immer«, gab die Frau Kommerzienrat lächelnd und ohne sich in ihrer Arbeit zu unterbrechen, auf die leise Nachfrage der Männer Bescheid. »Sie kommandiert Frau Sanders und erzählt sich was mit ihr. Ich denke, es kann jeden Augenblick so weit sein.« Karl hatte sich leise zur Schlafzimmertür hinbegeben und lauschte. Doch offenbar mehr, weil er nicht recht wußte, was er weiter mit sich anfangen sollte, als aus einem besonderen Interesse oder gar aus Besorgnis. Der Kommerzienrat seinerseits hatte seine kleine, gedrungene, weißhaarige Person seiner Gattin gegenüber niedergelassen und saß da, den Blick mit einem halb behaglichen, halb respektvollen Lächeln auf ihre emsig häkelnden, festen, kleinen, weißen Hände mit dem zierlich blitzenden Diamantring gerichtet. »Dat is in drei Jahren de dritt'«, unterbrach seine Baßstimme mit einem belustigten, seine joviale Kraft unterdrückenden Lachen plötzlich die Stille. »Ob dat woll we'er n' Jong wird?« »Ja, Lise ist eine fruchtbare Mutter«, antwortete die alte Dame ein wenig humorvoll, vielleicht aber auch ironisch pointiert, ohne ihre Aufmerksamkeit von der Arbeit abzuwenden. Karl hatte sich unter diesem kurzen Gespräch von dem Schlafzimmer abgewandt und im Anschluß an Mutters letzte Worte einen Blick zu ihr hingeschickt; dann aber schlenderte er, die Hände in den Jackettaschen, zum Tisch hinüber. Dort stand er und starrte mit einem phlegmatisch nachdenklichen Ausdruck auf die Kirschen nieder. Schließlich zog er langsam die eine Hand aus der Tasche und nahm, halb unbewußt, eine Kirsche. Langsam steckte er sie in den Mund, trat an eines der Fenster heran, spie den Kern hinaus und starrte dann in den Garten hinab. Wieder tackte nur die Uhr in die Stille hinein. Bis es mit einemmal drin im Schlafzimmer lebendig zu werden anfing. Man sah zur Tür hin. Eifrig und mit muntrer Lebhaftigkeit wurde Frau Sanders' Stimme laut. Im selben Augenblick vernahm man im Vorzimmer Schritte und eine wohllautende, lachende Tenorstimme. »Anton!« sagte der Kommerzienrat und ließ ein vergnügtes Lachen hören. Er dachte daran, daß der Ankommende, sein ältester Sohn, an Lise seinen Narren gefressen hatte und mit ihr als der einzige in der Familie, sogar Karl nicht ausgenommen, auf vertrauterem Verkehrsfuße stand. Darum kam er denn jetzt auch um Mittag spornstreichs aus seinem Drogeriekontor am Markt, um zu sehen, was Lise der Familie mal wieder Gutes bescherte. Außerdem war er Junggeselle, ein großer Kindernarr und überhaupt in mehr als einer Hinsicht aus der Körberschen Art geschlagen. Der Vater der Frau Kommerzienrat, der alte Herr Landrat von Harbing, war ein langgewachsener, hagerer Herr gewesen. Auch Anton war, ganz außer dem mehr kurzen und stämmigen Körberschen Schlag, hochgewachsen und hager. Zwar hatte er die blauen Augen und das blonde Haar der Körbers, doch waren es große Augen, denen bei allem Humor, den sie verrieten, ein gewisser Ausdruck von romantischer Gesinnung eignete, und das weiche Haar lag in schön geschweiften, seidig glänzenden Wellen; auch hatte er die lange, aristokratisch feine Nase der Mutter geerbt. Der Kommerzienrat hielt seinen Sohn Anton für ein wenig wunderlich – er nannte ihn »den Poeten« –, und er schrieb das dem Umstand zu, daß Anton als Besitzer eines Drogenengrosgeschäftes so viel mit Chemikalien zu tun hatte, was ja den Drogisten und Apothekern allen einen Stich ins Wunderliche gibt. Doch ließ er sich von seiner herzhaften, munteren und witzigen Gesprächigkeit gern aufheitern. Anton Körber trat ein, den leichten, breitkrempigen Strohhut in der Hand, einen langschößigen, offenen, aschgrauen Gehrock und bequeme, aschgraue Beinkleider an, vorn, aus dem weiten, umgeklappten Hemdkragen vor, nachlässig die langen Enden einer blauen, weißgetüpfelten Künstlerkrawatte. Leise hatte er die Tür geöffnet, während draußen noch das muntere Lachen des Hausmädchens verklang, und stand nun auf den Fußspitzen, den Finger an den bartlosen, rotlippigen Mund gelegt, in der Türöffnung, halb im Ernst, halb im Spaß mit weitaufgerissenen Augen von einem zum anderen blickend und zum Schlafzimmer hinhorchend. Der Kommerzienrat und Karl erwiderten aufgeräumt seinen Blick; als man aber weiter nichts sagte, drückte er behutsam die Tür hinter sich ins Schloß und trat zu den anderen hin, um sie zu begrüßen. Die Uhr verkündete mit ihrem tiefen, schönen Metallton ein halb nach ein Uhr, als sich, und zwar zufällig genau mit dem Schlag, die Schlafzimmertür auftat und Frau Sanders erschien, das Neugeborene auf dem Arm, stolz, ein Lächeln um die von der Anstrengung der letzten Stunden noch festgeschlossenen Lippen, die Augen groß und mit einem Blick, der mit der Freude über eine besonders gut verlaufene Entbindung unwillkürlich eine feierliche Strenge vereinte, auf Karl gerichtet, der ihr am nächsten stand. »Nanu, Herr Baumeister, da hebben wi ihm!« rief sie. »Un' dat is ein Er! Un' wat för'n Bengel!« »Ach, halt!« rief in diesem Augenblick aber Anton. »Versäumen wir doch nicht, den bemerkenswerten Umstand festzuhalten, daß der Neugeborene genau mit dem Schlage der Uhr bei uns eingetreten ist! – Das ist was Besonderes! Er hat seine Ankunft markiert!« Doch es war niemand, der auf seinen Ausruf achtete. Der Kommerzienrat und Karl besaßen keinen Sinn für Omina und hatten ihre Aufmerksamkeit überdies zu ausschließlich bei dem Kinde; die Frau Kommerzienrat aber, bei der der Ausruf allerdings am ersten hätte Beachtung finden können, schenkte diesem Neugeborenen weiter kein besonderes Interesse. Als sie nun aber ihre Häkelarbeit, nicht eben eilig, beiseite getan und sich erhoben hatte, um sich zu den drei Mannsleuten, die Frau Sanders dicht umstanden, hinzubegeben, rief Anton plötzlich: »Aber, Kinder! – Das... Ja, das ist ja... Aber das ist ja doch ein Harbing?« Da horchte sie auf und trat nun auch ihrerseits schnell hinzu, und über den Neugeborenen gebeugt, rief sie mit freudiger Überraschung, zugleich Stolz und eine unwillkürliche kleine Rührung in der Stimme: »Ah, wirklich! Anton hat recht! Ein Harbing! – Mein Gott, was für ein Naturspiel! Ein Harbing! Vollständig ein Harbing!« »Aewer, Kinnings! Nee, dat is wohr?« rief jetzt auch der Kommerzienrat, in ein so herzlich kicherndes Lachen ausbrechend, daß er zu husten anfing und rot anlief. »Nee, kiek doch, Melanie! He hett dien Nees! – Nee, Dunnerslag, ein Harbing! Un' dat is wohr!« Aber da ereignete sich etwas Besonderes. Die alte Dame hatte mit einemmal jäh aufgehorcht und ihre Aufmerksamkeit gegen die Vorzimmertür hin gewandt. Fast in dem gleichen Augenblick aber hatte sie sich auch schon in Bewegung gesetzt und trippelte vorsichtig mit kleinen Schritten zur Tür hin. Dort angekommen, blieb sie einen Moment regungslos stehen, beide Hände leise auf der Klinke; dann aber drückte sie geschwind zu und riß mit einem heftigen Ruck die Tür auf, und schon hörte man ihre erschreckte und entrüstete Stimme: »Na, aber wahrhaftig! Richtig! Nu' seh' doch einer! Die Naumannsche! – J, Sie – Person! Was tun Sie hier! Was haben Sie hier zu schaffen! – Wie? Wie kommen Sie hier ins Zimmer herein und an die Tür? Was?« »Aewerst... Gnä' Fru... Eck hebb' doch man... Min Äten hebb' eck doch man ut de Koek hal't?« vernahm man eine attrapierte, kriecherisch verlegene Stimme. »Was? Ihr Essen? Aus der Küche? – Marsch! Marsch! Marsch!« – ja, die alte Dame rief jetzt sogar vor Angst und Abscheu »Husch! Husch! Husch!« und machte, in das Vorzimmer hinein verschwindend, mit beiden Armen lebhaft scheuchende Bewegungen. »Wie können Sie sich unterstehen, sich hier an die Tür herzustellen! – Sie, Sie ... J, Sie ... Marsch! Fort! Hinaus!« »Eck hebb' doch man dat Mäten säukt, hebb' ehr doch man wat seggen willn«, vernahm man, entfernter, wieder die Stimme. »J, den Kuckuck haben Sie! Auf der Stelle machen Sie, daß Sie 'nauskommen!« Die Anwesenden, die verwundert ihre Aufmerksamkeit dem Vorgang zugewandt hatten, hörten, wie jetzt die äußere Tür des Vorzimmers mit einem lauten Krach zugeschlagen wurde. Frau Sanders aber, die irgendeinen bestimmten Sinn des Verhaltens der Frau Kommerzienrat sofort begriffen zu haben schien, hatte erschrocken die Hand wie schützend über das Gesichtchen des Neugeborenen gehalten, und sagte, unwillkürlich einen Schritt gegen das Schlafzimmer hin zurück tuend: »De Naumannsch'! Dat oll Sliekdeert! Durch't Slätellock hett sie kiekt!« Jetzt aber ließ sich auch drinnen ungeduldig die Stimme Lises vernehmen: »Machen Sie doch, Frau Sanders! So'n Unsinn! Bringen Sie mir das Kind!« Sie glaubte nicht an die Sache. Die Naumannsche war eine Aufwartefrau, die täglich im Hause verkehrte, und an die sie einen gewissen Anschluß genommen, indem sie sie für besondere Angelegenheiten benutzte und sich in der Küche von ihr die Stadtneuigkeiten und alle möglichen sonstigen wissenswerten Dinge berichten ließ, die ihr entweder Vergnügen machten, oder für die sie sich aus sonst einem Grunde interessierte. Sie fand das Verhalten der Schwiegermutter bloß mal wieder lächerlich und exaltiert. Zwar glaubte sie selber daran, daß man einem Neugeborenen etwas durchs Schlüsselloch anhexen könnte, aber von der Naumannschen hielt sie so etwas für ausgeschlossen. Sie verstand sich mit ihr so gut: was für einen Grund hätte die Naumannsche haben sollen? Als daher die alte Dame jetzt, noch immer bis zum äußersten echauffiert, wieder hereingerauscht kam, rief Lise noch einmal, vielleicht sogar etwas unterstrichen: »Aber so bringen Sie mir doch das Kind, Frau Sanders!« Worauf Frau Sanders sich schnell wieder ins Schlafzimmer zurück begab. »Ach, gut so!« rief die Frau Kommerzienrat, über Frau Sanders' Verhalten befriedigt. »Sie war ja übrigens schon wieder halb im Schlafzimmer.« Sie war rot vor Aufregung und wedelte sich, noch immer erschreckt und zornig hin und her gehend, mit dem Taschentuch Kühlung zu. »Nu Mutting, Mutting!« suchte Anton sie zu beruhigen, indem er zu ihr hintrat und sie sanft umfaßte. »Unsere Körberschen Reversseiten haben ja doch, denk' ich, eine ganz anständige Sauvegarde gebildet.« Um der Sache eine Wendung in Scherzhafte zu geben, lachte er. »J ja ja, spottet nur! – So ein – Reptil!« rief sie aber doch offensichtlich beruhigter. »Spaßt nur! – Aber die Welt ist heute viel zu leichtfertig. – O mein Gott, das liebe, kleine Tierchen! – Aber die Person kommt mir aus dem Hause, dafür werd' ich sorgen!« Es blieb ein Schweigen. Es war in den letzten Worten, die ihre Leidenschaftlichkeit noch immer nicht ganz hatten bezwingen können, für die Anwesenden eine gewisse Peinlichkeit gewesen, da sie wohl nicht ganz ohne Absicht drin an Lises Adresse gerichtet waren und damit den Männern die Unstimmigkeiten, die zwischen Schwiegermutter und Schwiegertochter zu herrschen pflegten, selbst bei einer solchen Gelegenheit in Erinnerung bringen mußten. 3. Gleich von Anfang an hatte die Frau Kommerzienrat gerade für dies Kind also eine besondere Vorliebe gefaßt. Doch überließ sie es vorderhand noch ganz seiner Mutter, ohne sich für diesen Fall, wie es sonst wohl ihre Gewohnheit war, in deren Angelegenheiten hineinzumischen. »Alles was recht ist«, äußerte sie gelegentlich zu ihren vertrauteren Freundinnen mit bezug auf Lise, »aber das muß man ihr lassen: So in einem gewissen animalischeren Sinne ist sie ja die ausgezeichnetste Mutter, die man sich vorstellen kann. – Man darf das rein physische Verhältnis des Kindes zur Mutter, und zu einer so gesunden Mutter, doch nicht stören. Es ist ganz gewiß die ganz unerläßliche Grundlage für die spätere, feinere Erziehung. Und, lieber Gott, es ist ja doch noch so etwas ganz anderes als eine noch so gesunde Amme! – Ende des zweiten, im dritten Jahre kann man dann ja aber schon anfangen einzugreifen. Das wird bei diesem Kinde nicht zu früh sein. Denn dieses Kind hab' ich mir unbedingt vorbehalten, keine Macht der Welt soll es mir entziehen«, hatte sie in ihrer leidenschaftlichen Weise hinzugefügt. Zunächst blieb der kleine Tom also Lise überlassen. Für Lise war dieses erste Mutterglück, das ja noch so ganz tiefes organisches Verwachsensein und nur erst leise Loslösung, in Wahrheit wohl das einzige und schönste ihres Lebens. Und sie gab sich ihm hin nicht nur mit der Lust einer gesunden Hunde- oder Katzenmutter, sondern zugleich mit der ganzen umsichtigen Verständigkeit und Solidheit ihres Wesens. Auch die unleugbare, seltsame Harbingsche Familienähnlichkeit, die, je mehr der Kleine sich entwickelte, immer unverkennbarer zutage trat, vermochte, trotz des gespannten Verhältnisses, das zwischen Lise und ihrer Schwiegermutter herrschte, dies Glück nicht zu stören. Wenn sie's aber wirklich mal mit einem etwas kühler nachdenklichen Augenblick hatte, der so etwas wie eine Fremdheit zwischen sie und das Kind setzen wollte, bat sie dies dem »kleinen Tierchen« nur mit um so wärmerer und hingehenderer Fürsorge wieder ab. Im übrigen war sie aber nichts so wenig als eine Mutter, die unter ihren Kindern »Lieblingskinder« und weniger bevorzugte kannte; dazu war ihr ein zu gesund eigenständiger, naturtriebhaft naiv bestimmter Egoismus und zuwenig Sentimentalität eigen. Sonst aber war der kleine Tom so gesund, kräftig und wohlgeraten wie nur eins ihrer beiden ersten, so daß man an ihm nur seine Freude haben konnte. Alle zwei Stunden täglich bekam der Kleine ihre gesunde, ausgiebige Brust. Und nicht allein er, sondern sogar für gewöhnlich auch noch mal Detlevchen und Karlchen. Besonders der kleine, dicke Kerl, das Detlevchen, war, obgleich nun schon zwei Jahre alt, noch so daran gewöhnt, daß er ungebärdig wurde, wenn Mutter ihn mal nicht wollte oder vergessen hatte; und Lise ließ es dann angehen, weil sie's schließlich doch nicht fertig brachte, es ihm zu versagen, und sie wohl auch der Ansicht war, daß es den Kindern dienlich sei, wenn sie, gestatteten es sonst die Umstände – und sie gestatteten es –, so lange wie möglich die Brust bekamen. Sie hatte Detlevchen darum nur angehalten, sich, weil er vom Fußboden aus noch nicht heranreichte und er doch schon zu groß und schwer war, um ihr auf dem Schoß zu liegen, die Hütsche heranzuholen und sich draufzustellen. Nun kam er jedesmal, die Hütsche mit seinen kräftigen Ärmchen gegen sich angedrückt, herbeigelaufen, stellte sich darauf und trank sich nach Herzenslust satt. Wenn er im Eifer aber mal nicht recht aufpaßte und Mutter mit seinen Zähnchen kniff, daß es ihr wehtat, dann schalt sie ihn wohl aus, versetzte ihm einen Klapps und sagte, daß sich so 'n großer Junge nun endlich doch mal bald abgewöhnen müßte, noch wie ein kleines Nuckelbaby Mutters Brust zu nehmen. So sorgte sie für den kleinen Tom wie nur je für eins ihrer Kinder, und sie ließ sich's nicht nehmen, ihn eigenhändig zu baden, seine Wickelungen zu besorgen, auf seine kleinen Beschwerden zu achten und das Aufkeimen seiner ersten kleinen Lebensregungen zu unterstützen, und das Kind gedieh unter solcher Pflege zusehends heran. Jeden Tag wurde er, wie's nur die Witterung gestattete, von dem Kindermädchen, dessen Fürsorge bei dieser Gelegenheit auch Detlevchen und Karlchen anvertraut wurden, unten im Hausgarten spazierengefahren. Bei einer solchen Gelegenheit aber hatte das Tomchen zum erstenmal bei nun schon erschlossenerem Bewußtsein eine ihm noch ungewohnte Gestalt über sich gebeugt gesehen. Ein schwarzhaariges, bräunliches Gesicht mit schwarzen Augen und einer langen, feinen Nase, einem hellen, buntfunkelnden Blitz an einer kleinen, behutsamen Hand; eine Gestalt, die sich wunderlich dunkel gegen eine warme, lichte Flut von tiefem Blau, goldigem Sonnenlicht und eine zahllos leuchtende, wundersame Farbenpracht, lind und wonnig schaukelndem, lichtem Grün und goldig und bläulich webenden Flecken abhob, seltsam umtönt von einer leisen, feierlichen Musik. Aber das Kind hatte sie mit aufgerissenen Augen angestarrt und dann laut zu weinen angefangen. Das Kindermädchen hatte Mühe gehabt, es zu beruhigen, und ein klein wenig verstimmt hatte sich die alte Dame für diesmal wieder zurückgezogen und das Kind in Ruhe gelassen. Doch wie sie jetzt, was sie früher bei Detlevchen und Karlchen nur seltener getan, täglich, sobald die Kinder im Garten waren, sich zeigte, hatte Tomchen sich bald an ihren Anblick gewöhnt, sie angelacht und sogar mit seinen Fingerchen wißbegierig nach ihrem Gesicht und ihrer Nase gegrappst, die sie ihn, überglücklich, hatte haschen lassen. Gelegentlich war es dann zwar geschehen, daß sie den Kleinen noch einmal durch etwas zu heftige Liebkosungen erschreckt hatte, als sie sich dann hierin aber in acht nahm, mochte er sie wirklich ganz gern. Doch es geschah, daß das Kind zuweilen lange unverwandt mit einem ernsten, wie starr forschenden Gesichtchen sie ansah und sich darin auch nicht unterbrechen ließ, wenn sie mit ihm plauderte, schäkerte und ihn zum Lachen zu bringen suchte. Die alte Dame interessierte sich dann für dies Verhalten und beobachtete es mit einem glücklichen, stolzen, aufmerkenden Lächeln. Denn da Tomchen dabei gebärdig blieb und auch nicht zu weinen anfing, war sein Verhalten sicher, wie sie sich sagte, das Anzeichen einer früh erwachenden Intelligenz, werdender Eigenständigkeit und Beobachtungsgabe. Überhaupt glaubte sie, freilich gemäß ihrer zum Phantastischen und wohl gar Mystischen neigenden Art, viele solcher besonderen Wahrnehmungen an dem Kinde zu machen. Das immer häufigere Zusammentreffen mit der Großmutter, das sich allerdings meist auf diese vormittäglichen Gartenstunden beschränkte, da die alte Dame nur selten hinter ins Gartenhaus kam, wurde für das Kind bald eine ganz neue, besondere Welt und ein eigenartiges erstes Erleben. Oft geschah es, daß die Großmutter es aus seinem Wagen auf den Arm nahm und mit ihm langsam, die Wange lind an sein Gesichtchen geschmiegt, liebkosende Worte an ihm hinhauchend und auch wohl allerlei stille, melancholische Selbstgespräche führend, die Gartenwege zwischen den hohen, alten Buchsbaumeinfassungen dahinschritt. Manchmal summte sie auch ein Liedchen. Aber das waren dann andere als die munteren Suseliedchen, mit denen seine Mutter das Kind in Schlaf sang. Sie waren so leis und still, mit einer feinen, wohltönenden Stimme gesungen. Und selbst wenn sie heiter waren, hatte ihre Lieblichkeit etwas Getragenes und Melancholisches. Und als Hintergrund für diese Liedchen bot sich dann die Umgebung dieses großen, alten, sommerlichen Gartens. Die stattliche, vornehm-stille, von einer Überfülle von Kletterrosen überwucherte Fassade des ernsten, altersgrauen Patrizierhauses; das klare, tiefe Himmelsblau oben; die sonnige, bienensummende Stille ringsum; die leuchtende Pracht der vielen Rosen und Sommerblumen, über welche bunte Schmetterlinge dahintaumelten mit ihren samtig leuchtenden Farben. Das traumhafte Rauschen und Plätschern des großen Springbrunnens dazu, der von Aloe- und Musastauden umgeben mitten im Garten stand; die zarte, kleine, vornehme Gestalt im kaffeebraunen Seidenkleid, dessen Schleppe leise auf dem Kies des Gartenweges rauschte; das weiße, feine Spitzenkräuschen um den Hals; der funkelnde Diamantblitz an der kleinen, bleichen Hand, dieser kleinen Hand, die ihn niemals badete und besorgte, diese Brust, die ihn niemals säugte, diese zärtlichen Worte der vornehm mutierenden Stimme und ihre stillen Liedchen. Und das alles senkte die Wunder seines tieferen Zusammenhanges mit Eindrücken und einem Raumgefühl in die kleine, erkeimende Seele, die niemals wieder so gelebt werden und zu verstehen sind, und doch irgendein heimlich tragender und bestimmender Untergrund späteren Schicksals und Erlebens bleiben. 4. Als der kleine Tom zwei Jahre geworden, war die Harbingsche Art schon mit aller Unverkennbarkeit an ihm zutage getreten. Genau wie Anton Körber gelegentlich vorausgesagt, hatte er schwarzes Kraushaar und graue Augen. Auch sein, im übrigen nach dem Körberschen Schlag kräftiger, aber ungewöhnlich wohlgebildeter Körperbau schien zu verraten, daß er sich einst, im Gegensatz zu Detlevchen und Karlchen, die echt stämmige, bedächtig verständige kleine Körbers waren, zu geschmeidiger Schlankheit entwickeln werde. Außerdem aber fiel es auf, daß er ein sehr lebendiges kleines Quecksilber wurde, das mit unglaublicher Betriebsamkeit, übrigens mit echt Körberscher Eigenständigkeit und Eigenwilligkeit, auf eigene Faust in allen Ecken und Winkeln herumlief, kroch, wuselte und seine oft schon gefährlichen Entdeckungsreisen bewerkstelligte, von denen er mit naiver Aufrichtigkeit und Wißbegier eine Unmenge so beharrlicher wie stürmischer Fragen ans Tageslicht brachte. Das wurde seiner Muter, die er mit ihnen bis in ihre Küche hinaus verfolgte und so bei der Arbeit störte, oft recht lästig, so daß sie ihn zuweilen schalt oder kurzerhand hinausschob; ein Verhalten, das er jedoch merkwürdigerweise mehr beachtete und gleichsam beobachtete, als daß er es übel aufnahm oder gar zu heulen anfing, außer wenn es ihm gelegentlich durchaus darauf ankam, eine Antwort zu bekommen. Im allgemeinen war in diesem Wesen aber nichts, was Lise eigentlich befremdet hätte, da sie ja außerdem bei ihrer gesunden Art und ihren prächtigen Nerven über die echte mütterliche Geduld verfügte. Aber es kam doch vor, daß der Kleine Fragen stellte, die sie verwunderten, manchmal auch in Verlegenheit versetzten, weil sie sie von Detlevchen und Karlchen nicht gewohnt, ihre Intelligenz wohl auch nicht immer geschmeidig genug war, sie zu beantworten. Direkt befremdet fühlte sie sich zuweilen wohl auch durch die stilleren und nachdenklicheren Augenblicke des Kleinen; befremdet bis zu einem wirklichen, wunderlichen, kleinen Gefühl von Fremdheit und anderer Art. Der kleine Tom hatte solche Augenblicke aber gar nicht selten. So kam es etwa vor, daß er minutenlang ganz still vor ihr stand oder saß, oder aus einem Winkel von seinem Spielzeug her unverwandt stumm forschend zu ihr hinblickte. Oder er hockte, das Gesicht auf den Fäustchen, auf einem Stuhl am offenen Fenster und beobachtete mit weiten, aufmerksamen Augen irgend etwas unten im Garten; oder auch er hielt die Augen gen Himmel aufgerichtet und vertiefte sich, was er besonders gern zu tun schien, minutenlang ins wolkenlose Blau, oder verfolgte mit dem Blick eine weiße Wolke. Oft fand Lise ihn auch in einer Ecke, wo er mit nachdenklicher Aufmerksamkeit eine Spinne oder sonst etwas beobachtete. Zuweilen aber saß er auch bloß so ganz still und in sich versunken da. Und dann geschah es denn wohl auch, daß er mit einer ganz besonders wunderlichen Frage zum Vorschein kam, die – ja, die sie manchmal direkt erschrecken konnte. So hatte er sie eines Tages aus solch einer Versunkenheit hervor ganz plötzlich mit seiner, besonders wenn er eifrig war, etwas zu schnellen und sich überstürzenden Sprechweise gefragt: »Ma'! Ma'sen! Wo B'itzeding, mach' imma 'ack – 'ack – 'ack – 'ack?« Lise hatte von ihrer Arbeit aufgeblickt und ihn verwundert angesehen, sich Mühe gebend zu erraten, was er meinte. Schließlich war sie auf den Gedanken gekommen, er meine die Standuhr, und hatte gelacht, mit der Hand auf die Uhr gezeigt und gesagt: »Na, du Dummer! Da is sie doch? Die Uhr?« Aber ganz gegen seine gescheite Art hatte er Mutter nur eine ganze Zeit, ohne irgendwelche Aufmerksamkeit zur Uhr hinzuwenden, verwundert und verständnislos angestarrt, bis er sich mit einem Male eifrig zwischen seinem Spielzeug vom Boden in die Höhe gemacht, mit vor Eifer blitzenden Augen und hochroten Pausbäckchen zu ihr hergelaufen gekommen war und, »Tomm, Ma', Ma'sen! Tomm!«, sie so lange am Kleid gezerrt hatte, bis sie sich unter einem neugierigen, halb verwunderten Lächeln erhoben und von ihm hatte ins Schlafzimmer hineinziehen lassen. Hier aber hatte er ihr Kleid losgelassen, war eifrig zu der seinem Bettchen gegenüber befindlichen Wand hingerannt und hatte, an einer freien Stelle neben der Waschtoilette, beide Ärmchen steil weisend nach oben gerichtet, immer dicht an die Wand gedrückt, in die Höhe gehüpft und dabei gerufen: »Ma'sen! Da! – Da! – B'itzeding, mach' imma 'ack – 'ack – 'ack – 'ack! – Wo hin isse, Ma'sen?« Endlich hatte Lise verstanden. Aber zugleich war ihr vor Schreck und Staunen die Antwort in der Kehle stecken geblieben. Sie entsann sich jetzt. Früher war da oben an der Wand ein Konsolchen gewesen mit einer kleinen Bronzeuhr drauf. Die Uhr war aber schon seit fast mehr als einem Jahr nicht mehr da. Gelegentlich war sie infolge einer Erschütterung heruntergefallen und entzweigegangen, und es war dann keine andere wieder hingestellt worden. Gewöhnlich hatte sie nun zwar im Schatten gestanden, so daß man sie nicht besonders auffallend hatte wahrnehmen können, aber gelegentlich mochte es wohl vorgekommen sein, daß vom Fenster her ein Lichtstrahl auf sie gefallen war, der die blanke Bronze hatte blitzen machen. Das mußte er dann ja wohl von seinem Bettchen aus gesehen und beobachtet haben. Doch wie war's möglich, daß er das noch wußte, da er damals doch kaum ein Jahr alt gewesen war, und daß er sich jetzt so ganz mit einem Male daran erinnerte? Förmlich ängstlich hatte sie ihn angestarrt und nicht ein Wort über die Lippen gebracht. Als er sie dann aber eifrig weiter bestürmte, hatte sie endlich, doch ohne ihn, wie er sie mit beiden Ärmchen umfaßt hielt und an ihr hinauffragte, anzurühren, fast mit einer Scheu und mehr zu sich selbst gesagt: »Ja, da hat eine Uhr gestanden; aber sie ist schon lange runtergefallen und entzweigegangen.« Tomchen hatte sie darauf aufmerksam angesehen, dann, sich das merkend, gesagt: »isse 'twei 'tangen«, sich zufrieden gegeben und sich von ihr wieder ins Wohnzimmer zurückführen lassen, wo er dann ganz vergnügt und munter sich weiter mit seinen Spielsachen beschäftigt hatte, als ob weiter gar nichts gewesen wäre. Bei einer anderen Gelegenheit aber hatte Lise mal einen Spaß mit ihm erlebt. Eigentlich war es freilich, von dem Schreck abgesehen, den er ihr gemacht, mehr eine Art von Genugtuung als ein Spaß gewesen. Schon lange hatte Tom oben auf dem Ofensims natürlich das greuliche, alte, übellaunige Scheusal von Bronzedrachen, das sie für den Tod nicht ausstehen konnte, ja vor dem sie sich vielleicht im stillen und wohl gar aus einer kleinen abergläubischen Empfindung heraus ein wenig fürchtete, und die abscheulichen, dunklen, scheckigen Tigermuscheln wahrgenommen und sich förmlich erpicht gezeigt, mal da hinaufzugelangen und ihrer habhaft zu werden. Aber Lise hatte, als er ihr gelegentlich in seiner zähen, quecksilbrigen Weise damit zugesetzt, ihm die »Dinger« herunterzuholen, um vorzubeugen, daß er das irgendmal während ihrer Abwesenheit auf eigene Faust unternähme, halb im Ernst warnend zu ihm gesagt: »Hu, nein, i wohl gar! Daß du den schlimmen alten Hund da oben ja nicht etwa mal runterholst, hörst du? Laß ihn da oben nur schlafen.« »O, Ma', släft Hun'sen?« hatte er, den Finger am Mund, mit um so andächtigerer Begier nach dem Ofensims hinaufblickend, gefragt. »Jaja, er schläft, er schläft! Aber wenn man ihn weckt und anfaßt, wird er bös und beißt einen in die Hand. Du kannst ja sehn, was er für ein gräßliches, großes Maul hat.« »Sa.« Leise, langsam war dies »sa« zum Vorschein gekommen, nicht ohne eine heimliche, begierige Nachdenklichkeit, die, wie es aber schien, doch mit einigem Respekt an dem abscheulichen alten »Spökeding« hing, und so hatte Lise geglaubt, einen Riegel vorgeschoben und Tom die »indische Ecke« vergrault zu haben. Nicht ohne eine stille Spitze gegen die Schwiegermutter und die »Raritäten«, welche die da vorn in dem großen, alten, grauen Kasten von Haus in ihrem Zimmer hatte, war das Ofensims von ihr die »indische Ecke« getauft worden. Allerdings nur ganz für sich. Selbst ihr Mann hatte noch niemals diesen ironischen Spitznamen von ihr zu hören bekommen. Wie sie denn überhaupt so im stillen ihre eigene Welt für sich hatte und hegte, von der niemand in der Familie etwas erfuhr, sogar Anton Körber nicht, den sie gern mochte und mit dem sie sich aufgeschlossener unterhielt. Obgleich Anton wohl noch der einzige war, der in der Familie Vermutung und Verständnis dafür besaß, wieviel Witz, Humor, Munterkeit und überraschend gescheiter Einfall in ihr stak. Aber da war es eines schönen Sommernachmittags geschehen, daß sie vom Wohnzimmer her in ihrer Küche ein ohrenzerreißendes Angstgeschrei vernommen hatte. Und als sie dann entsetzt aus der Küche nach vorn gestürzt war – da sie der Naumannschen gerade beim Aufwaschen geholfen, noch die Küchenschürze vor –, da hatte sie die Bescherung gesehen. Unmißverständlich hatte unterm Ofensims der umgekippte Stuhl gelegen – es war zu verwundern, wie er den großen, schweren Stuhl überhaupt vom Tisch weg hatte zum Ofen hin bredouillen können –, und zwischen den mitherabgerissenen gräulichen alten Muscheln und dem Pappschächtelchen, von dem, in Gottes Namen und ihretwegen, ein paar Muschelchen los- und kaputtgegangen waren, lag Tomchen mit einer gehörigen Beule am Kopf und blutender Nase und heulte aus Leibeskräften, während oben das »olle Deert« mit seinem greulichen Rachen herunterfletschte. Aber als sie sah, daß Tom, gottlob, sonst weiter keinen ernstlichen Schaden genommen hatte, beruhigte sie sich, und nicht ohne einer kleinen, nur ein ganz klein wenig bösen und fremden Schadenfreude Raum zu geben, sagte sie lachend: »Nun? Siehst du's nun? Was hat Mutter dir gesagt? Hat er dich nun gebissen oder nicht?« Tomchen hatte bei diesen Worten für einen Augenblick zu weinen aufgehört und verwunden zu Mutter in die Höhe gestarrt, dann aber hatte er sich erhoben, war zu ihr hingelaufen, hatte sich mit beiden Ärmchen an sie angeklammert und an ihrem Schoß seinen Schrecken ausgeweint. Eine Weile hatte sie ihn so weinen lassen, ohne weiter etwas zu sagen, dann aber hatte sie ihn ins Schlafzimmer geführt, ihm das Näschen gewaschen, die dicke Beule gekühlt, die er an der Stirn hatte, und sie mit dem Schürzenrand niedergedrückt, um ihrem weiteren Anschwellen Einhalt zu tun, und dann hatte sie ihn, um ihn vollends zu beruhigen, mit zu sich hinaus in die Küche genommen. Im geheimen aber hatte sie doch eine ganz bestimmte Genugtuung empfunden über seine »verunglückte Fahrt nach Indien«, wie sie es spöttisch bei sich geheißen hatte. Tom aber hatte von da an, wie sich später seltsamerweise erwies, vor den »Raritäten« der »indischen Ecke« und allen Dingen ihresgleichen ein für allemal den gehörigen Respekt und eine Art von eingewurzelter Abneigung behalten. 5. Lise hatte Tom in die Kinderstube gesteckt, zu den beiden anderen Buben und Rosalie, dem Kindermädchen. Es wurde ihr doch etwas zuviel mit ihm. Außerdem zeigte er, trotz seines manchmal schon überlebendigen Wesens und all seiner sehr selbständigen Entdeckungsreisen im Hause umher, merkwürdigerweise eine Neigung, ihr mehr als sie für gut hielt, an der Schürze zu hängen. Das hatten die beiden anderen Buben nicht an sich. Es kam übrigens hinzu, daß sie wieder in vorgerücktem Stadium schwanger war. Und vielleicht empfand sie jetzt hin und wieder wirklich auch ein unwillkürliches kleines Gefühl von Fremdheit diesem Kinde gegenüber, das so sonderbar mit ihrem Manne und ihr so gar keine Ähnlichkeit besaß. Fürs erste wenigstens fühlte der kleine Tom sich aber in der Kinderstube bei Detlevchen, Karlchen und Rosalie ganz wohl. Er spielte mit Detlevchen und Karlchen, vertrug und prügelte sich mit ihnen. Doch verriet sich sein besonderes Wesen auch hier darin, daß er Augenblicke hatte, wo er sich nicht nur abseits von den Brüderchen ganz für sich beschäftigte, sondern sie auch in einer stumm aufmerksamen Weise beobachtete und jede ihrer Bewegungen verfolgte. In ungewöhnlicher Weise interessierte er sich aber für Rosalie. Rosalie war ein bereits etwas altjüngferliches Mädchen von achtundzwanzig Jahren. Eine kleine, schmächtige, bewegliche Person mit einem überreichen, wuschlig aschblonden Haarwuchs, einer großen, scharf vorspringenden Hakennase, lebendigen, grauen Äugelchen und einem spitzen, zurückweichenden Kinn, blaß und sommersprossig, mit einem hübschen, kleinen, rotlippigen Mund, der eifrig immer halb offen stand. Man sah sie kaum je anders als in einem grellgrün und blau karierten, mit allerlei drollig gekräuseltem Besatz verzierten Kleide. Sie war eine Art von Original. Aber selber noch wie ein Kind, hatte sie die drei kleinen Kerle in ihr Herz geschlossen und ging in der reizendst angepaßten und zugleich sorgsamen Weise mit ihnen um, unerschöpflich an Einfällen, ihnen Spaß zu machen und zugleich sich selbst die Zeit zu vertreiben. Tom hatte sie also sofort zum Gegenstand eines stillen Studiums gemacht und achtete eifrig auf alles, was sie tat. Sie war als vorzügliches Kindermädchen bekannt. Selbst Lise sprach sich lobend über sie aus, obgleich sonst so leicht niemand von ihr gelobt wurde, weil sie damit ihrer Autorität als Hausfrau etwas zu vergeben meinte, und obgleich sie sich, vielleicht wirklich mit etwas bäuerlicher Naivität und nicht gerade besonderem Takt, manchmal über sie lustig machte. Es konnte rings um sie her in der Kinderstube noch so kunterbunt zugehen, so ließ sie sich dadurch nicht im mindesten in ihren Privatbeschäftigungen stören; etwa bei einer schwierigeren Handarbeit oder bei der Lektüre eines Buches – sie las gern, genau und mit gutem Gedächtnis –, oder auch beim Zeichnen und Aquarellieren, das gleichfalls eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen war. Es wurde bewundert, wie sie den Lärm der drei oft bis zur Unbändigkeit lebhaften Buben aushalten konnte. In Wahrheit war das sonderbare kleine, zierliche Wesen freilich beständig mit aller Aufmerksamkeit bei der Sache und achtete unter ihren mannigfachen Beschäftigungen – sie mußte sich immer etwas zu schaffen machen – auf die Kinder mit jeder Fiber. Niemals verlor sie die Geduld. Nie teilte sie Klappse aus, geschweige, daß sie die Kleinen jemals geschlagen hätte. War mal eins von ihnen allzu ungebärdig, oder war der Lärm gar zu groß, oder brachte sich mal eins in Gefahr, sich Schaden zu tun, so huschte sie in ihrer koboldhaften Weise hinzu, half zurecht, plauderte und hatte eine geschwind geschickte, zugleich ruhige und sichere Art, sie anzufassen und mit ihnen zu hantieren, daß es war, als ob sie von einem Zephirchen oder einem Flaumfederchen gestreichelt wurden, während sie selbst sich schon alles von ihnen gefallen ließ, ohne daß sie an Autorität eingebüßt hätte. Ganz besonders war sie der Gegenstand von Toms staunender Bewunderung, wenn sie sich gelegentlich zu einem ihrer Ausgänge rüstete. Sie setzte dann einen ungeheuer großen, giftgrünen Hut mit einer mächtigen karminroten, hinten weit übergebogenen Feder auf, zog ein Paar schwefelgelbe Handschuhe an und ergriff einen grellrot und grün karierten Sonnenschirm, der als Knauf einen in allen Regenbogenfarben schillernden Eulenkopf aus Glas hatte. Eines Vormittags aber saß Rosalie vor dem großen, viereckigen, mitten im Zimmer stehenden Tisch und zeichnete. Sie war auf den Einfall geraten, das Schaukelpferd als Modell zu benutzen, das gerade unbenutzt dastand. Sie hatte »Cid«, wie es von ihr getauft worden war, mit ihren Ärmchen angepackt und nicht ohne Mühe mitten auf den Tisch hinaufgehoben, um ihn besser vor sich zu haben. Er hatte solche schöne, feurig bäumende Bewegung, war auch sonst in seinen Formen nicht übel gearbeitet und hatte zwei schön knallrote, weitgeblähte Nüstern. Sie hatte gar nicht daran gedacht, den Buben eine Sensation zu machen, hatte nur, wie das ihr Wesen war, mit ganz naiver Begeisterung ihrem Einfall nachgegeben, ganz zu ihrem eigenen Vergnügen, aber sofort Aufsehen gemacht. Sowohl Detlevchen wie Karlchen und Tomchen ließen ihr Spielzeug liegen und kamen mit eifrig stummer Neugier von allen Seiten zum Tisch hergelaufen und -gehumpelt, um den herum sie, die Händchen auf die Platte gedrückt, auf den Zehen und mit aufgereckten Hälsen zu »Cid« hinaufstarrend Posto faßten. Rosalie aber machte sich, ohne weiter besonders auf sie zu achten, mit allem Interesse ans Zeichnen. Während Detlevchen und Karlchen nun aber ausschließlich auf das Pferd achteten, kam Tomchen um den Tisch herum zu ihr hin, stellte sich neben sie und sah ihr, sehr aufmerksam jede Bewegung ihres Bleistiftes und das Bild, wie es Strich für Strich entstand, beobachtend, zu. Nachdem er das eine ganze Weile getan, frug er plötzlich: »Was du machen, Sa'sen?« »Ich zeichne, Tomchen! Das Pferdchen, Cidchen zeichne ich ab«, gab Rosalie Bescheid, ihre mächtige, wuschlige Haarfülle mit der großen, scharf vorspringenden Hakennase drunter übers Papier gebeugt, ohne sich stören zu lassen. Eine Weile blieb es wieder still und sah Tomchen ihr zu. Plötzlich aber fragte er noch einmal: »Was du machen, Sa'sen?« »Ich zeichne. Tomchen, zeichne! Das Cidchen, unser schönes Cidchen zeichne ich ab.« Wieder sah er ihr eine Weile zu. Sie hatte just Cids Kopf, den Hals mit der wie eine schwarze Bürste emporstarrenden Mähne fertig und war dabei, den Rumpf in Angriff zu nehmen. Plötzlich aber drängte Tomchen eifrig ganz nah an sie heran, griff mit beiden Händchen nach ihrer Hand und dem Bleistift und rief: »Tomsen auch 'eijen!« »O was! Tomchen will auch zeichnen? Hoppepferdchen zeichnen? Cidchen zeichnen?« Nicht ohne ein ernstlicheres, verwundertes Interesse richtete sie ihre Äugelchen auf Tomchen. »Wirklich? Oh, das ist aber mal schön! – Ei ja! – Laß mal sehen, wie Tomchen zeichnen kann!« Sie holte ein frisches Blatt Papier hervor und wollte Tomchen eben auch den Bleistift in die Hand geben, als sie mit einemmal bemerkte, daß Detlevchen auf den Tisch geklettert war und eben Miene machte, sich auf Cid hinaufzuschwingen und loszuschaukeln. Eilig huschte sie hinüber, und es dauerte nicht lange, so hatte sie mit ihren geschwinden kleinen Bewegungen und Griffen Detlevchen, ohne daß der Kleine, wie in einem Bann dieser sonderbaren, sanften und doch bestimmten Berührungen und von Rosaliens zwitschernden, spaßend schmeichelnden Zureden, Miene gemacht hätte zu schreien und ungebärdig zu werden, heruntergeholt und ihm den Stuhl vom Tisch fortgerückt. Als sie nun aber wieder um den Tisch herum zu Tomchen zurückkam, hatte sie etwas zu staunen. Auf dem Blatt, das sie ihm gegeben, stand ganz hübsch deutlich so etwas wie eine längliche Blase mit zwei Strichen oben darauf, welche die emporstehenden Ohren vorstellen sollten, zwei Pünktchen, die ganz richtig an Augenstelle hingesetzt waren – natürlich beide Augen auf einer Seite –, unten aber, wo das Maul war, gab es was ganz Besonderes anzustaunen: nämlich ganz propper, an der rechten Stelle, allerdings drei Lippen, aber sie sah sofort, daß die oberste die Nüstern sein sollten. »Ach, die Nüstern!« rief sie zu sich selbst mit vor Staunen weit aufgerissenen Äugelchen. »Oh, so'n Jung'! Kiek mol eins an! Hat an die Nüstern gedacht!« Nachdem ihr Erstaunen sich gelegt hatte, bückte sie sich hurtig zu ihm nieder, drückte ihn vor Freude kichernd an die Brust und küßte ihn; dann aber ergriff sie die Zeichnung, nahm ihn bei der Hand und wollte schon mit ihm hinaus hinter zu seiner Mutter in die Küche, um der das Kunstwerk zu zeigen, als sie im letzten Augenblick noch an Cid dachte. Richtig, Detlevchen war eben in aller Stille schon wieder drauf und dran, auf den Tisch zu klettern. Geschwind eilte sie hinzu und nahm, um ein Malheur zu verhüten, erst mal Cid herunter. Doch sie fanden bei Mutter Lise kein Verständnis. Sie sah die Zeichnung kaum an und zeigte sich ungehalten, in einem angelegentlichen Diskurs mit der Naumannschen gestört zu sein. Rosalie bekam einen Verweis und mußte sich mit Tomchen in die Kinderstube zurückziehen. Bei Vater hatten sie nicht viel mehr Glück. Karl nahm die Zeichnung zwar in die Hand, betrachtete sie in seiner phlegmatischen Weise und lächelte ein bißchen, gab sie dann aber Rosalie zurück, ohne weiter etwas zu sagen. Rosalie empfand eine kleine Mißstimmung, tröstete sich dann aber mit Onkel Anton und hob die Zeichnung heilig auf. Anton pflegte öfters mal zu einem kurzen Besuch vorzusprechen und versäumte dabei nie, einen Blick auch in die Kinderstube zu tun, besonders seit Tomchen, für den auch er sich auf diese wunderliche Harbingsche Familienähnlichkeit hin in besonderer Weise interessierte, nun schon in seinem vorgerückteren dritten Jahr stand. Die Kinder mochten ihn sehr gern. Entweder brachte er Bonbons, Obst oder ein Papiersäckchen mit Lederzucker aus seiner Drogerie mit, auf den sie versessen waren, oder wohl auch mal ein Spielzeug. Auch war er immer bei guter Laune und voller Schnurren, spielte mit ihnen, hoppste sogar auf allen vieren im Zimmer umher und ließ sie auf sich reiten. Zu Rosaliens großer Genugtuung wußte er bei seinem nächsten Besuch Tomchens Zeichnung auch wirklich zu schätzen. »Ho, sieh doch mal!« rief er und riß ernstlich und vielleicht sogar nicht ohne eine gewisse Betroffenheit die Augen auf. »Das hat er wirklich gezeichnet? Sie haben ihm nicht die Hand geführt, wie?« »Nein, nein, nein, aber nein!« versicherte Rosalie eifrig und lachte vor Freude. »Ganz allein hat er's gezeichnet! Ich Hab' ihn nicht mal dabei gesehen! – Und gleich zum allerersten Male! Es ist ja so erstaunlich! – Und die Nüstern, die Nüstern!« rief sie und stellte sich in ihrem Eifer dicht an Anton heran, mit ihrem koboldhaften, spitzen Zeigefingerchen auf den Strich pickend, der Cids Nüstern vorstellen sollte. »Die Nüstern! Daß er auch an die gedacht hat! Nicht?« »Hm, hm, hm!« machte Anton, die Hand am Kinn, mit einer kraus ernsten Miene nachdenklich die Zeichnung betrachtend. »Ja, das ist allerdings merkwürdig.« Er erinnerte sich an das, was Lise ihm von der Geschichte mit der Schlafzimmeruhr erzählt hatte, und war nicht ohne eine ernstliche kleine Sorge. Er gab Rosalie die Zeichnung zurück, trat zu Tomchen hin, bückte sich, mit seiner langen Gestalt in die Hocke gehend, zu ihm nieder, faßte ihn behutsam an den Schulterchen und betrachtete ihn eine Zeitlang mit Aufmerksamkeit. Dann aber sagte er vor sich hin: »Hm, nein! Der Blick, die Pausbacken: Das ist alles gut. Das ist guter, solider, gesunder Körberscher Schlag und Brustkasten. Das ist ein Fond, der diesem Gehirnchen da schon die Balance halten wird.« Und mit einem erleichterten, zufriedenen kleinen Lächeln tätschelte er Tomchens Bäckchen und erhob sich wieder. 6. Jetzt, wo Tomchen sein drittes Jahr vollendet hatte, erinnerte sich auch die alte Frau Kommerzienrat wieder ihres Vorhabens, seine Erziehung in die Hand zu nehmen. Sie fand, daß Lise sich, abgesehen freilich von dem Umstand, daß sie wieder einer Entbindung entgegensah, ohnehin nicht mehr viel um den Kleinen kümmere und ihn, wie sie meinte, ebenso wie die beiden ersten, fast nur noch ganz Rosalie überließ. Sie glaubte darin wieder mal eine Bestätigung für ihre Auffassung sehen zu dürfen, daß Lises Muttertrieb ein vorwiegend »animalisch gerichteter« war, der für die feineren Bedürfnisse, vor allem die Gemütsbedürfnisse der Kinderseele, und ganz besonders dieser, kein Verständnis besäße. Vor allem aber argwöhnte sie, daß Lise Tomchen in einer bestimmten Hinsicht fremd gegenüberstehe, und daß der Kleine also um so dringender ihrer Liebe und Fürsorge bedürfe. Sie liebte den Kleinen. Und diese Sympathie hatte sich mit seinem Gedeihen und Heranwachsen, und je deutlicher die Harbingschen Familienzüge an ihm zutage traten, immer entschiedener entwickelt. Sie war seinerzeit mit ihrem Manne nicht gerade eine Neigungsehe eingegangen. Sie achtete den Kommerzienrat, dankte ihm die Rücksichten und Aufmerksamkeiten, die er ihr stets erwiesen hatte, hatte sich aber in der Körberschen Familie im Grunde immer isoliert gefühlt und ein Innenleben geführt, für das ihr Mann und seine Angehörigen nie Verständnis gehabt. Es kam hinzu, daß ihre Familie in den letzten Generationen zu ihrer mißlichen finanziellen Lage hinzu von mannigfachen und recht harten Schicksalsschlägen heimgesucht worden war. Einer ihrer Brüder, ein sehr begabter Offizier, war mitten im Aufstieg zu einer vielleicht ungewöhnlichen Karriere im Duell gefallen; ein anderer war das Herzeleid der Familie durch seine Leidenschaftlichkeit und seine romantischen Exzentrizitäten geworden, in denen sich eine geniale Intelligenz heillos zersplittert hatte; eine ihrer Schwestern war in eine unheilbare Gemütskrankheit gefallen, ihre beiden anderen Schwestern lebten, an Beamte verheiratet, schlecht und recht in eingeschränkten äußeren und auch sonst nicht gerade glücklichen Verhältnissen dahin. Sie selbst hatte zu einer nicht gewöhnlichen Intelligenz und einer starkentwickelten Gemütsanlage den Hang zu mystisch pietistischer Frömmigkeit geerbt, die ihr zwar ihre lange, kindergesegnete Ehe hindurch Halt und Trost gewährt, aber auch die Lust an einer romantisch versetzten Melancholie genährt hatte. Das waren Eigenschaften, die zum Teil vielleicht auch im Zusammenhang standen mit einem Leberleiden, das sich mit den Jahren eingestellt und eine Gereiztheit ihres Wesens zur Folge gehabt, die zwar gegen die vorzüglichen Nerven, die Geduld, das Phlegma, den guten, robusten Humor und die stets rücksichtsvolle Verehrung ihres Gatten nicht ankam, die ihre Schwiegertochter aber manchmal um so gründlicher zu bestehen hatte, als Lise ihnen einen »bäuerisch verstockten« Widerpart zu halten pflegte. Vielleicht würde ihr Leben unter solchen Umständen gleichfalls einer ernstlicheren Krise zugedrängt haben, wenn nicht die gute Zähigkeit ihres sonstigen Wesens, ausgeprägte Willenskraft, ein entschiedener Tätigkeitstrieb und Wirtschaftlichkeit, wahre Gutherzigkeit, ein klarer Verstand, sichrer Instinkt für Form, Stolz und ein unter allen Umständen pietätsvoller Familiensinn gute Vorbeugungen gewesen wären, zu allem auch eine gewisse Anlage zu Munterkeit und gutem Humor. Es kam hinzu, daß sie im Grunde selber an ihrer Neigung zu heftigen Leidenschaftsausbrüchen litt, und daß sie aus ihrer Gutherzigkeit heraus an ihrem Manne und sogar an Lise wieder gutmachte, was sie gelegentlich von ihr auszustehen hatten. Nun aber hatte Gott ihr dies Kind geschenkt. Aus fremdem Boden hatte ihr Name einen neuen Sproß getrieben, als wolle er wunderbarlich aus aller Müdigkeit und all dem Unglück seiner letzten Generationen hervor doch noch einmal eine vielleicht wirklich ungewöhnliche Frucht hervorbringen, eine neue, noch unverbrauchte Kraft offenbaren. Vielleicht eine ganz ungewöhnliche? Sie hatte, seit Tomchen vorhanden war, sogar ein gewisses Verhältnis zu ihrer Schwiegertochter gewonnen; das freilich von seiten Lises nicht ohne Mißtrauen erwidert wurde. Mit sorglicher Anteilnahme hatte sie sich, soweit sie nicht Gelegenheit besaß, ihre direkten Beobachtungen an dem Kinde zu machen, von Lise, neuerdings auch von Rosalie über die Entwicklung Tomchens berichten lassen. Lise hatte ihr bis ins Einzelste die Sache mit der Schlafzimmeruhr erzählen müssen – auch den Vorfall mit der »indischen Ecke« hatte Lise ihr berichtet –; die Zeichnung, die sie sich von Rosalie hatte geben lassen, bewahrte sie sorgsam auf. So verfolgte sie das Heranwachsen des Kindes mit Stolz und Freude. Freilich anfangs auch mit einer gewissen Sorge. Denn so wenig wie Anton und Rosalie und jeder, der hier Verständnis und Interesse hatte, konnte sie sich gegen den oft bis zum Erschrecken seltsamen Eindruck verschließen, den all diese Anzeichen einer wohl aus dem Bereich des Normalen schlagenden Begabung verursachten. Sie hatte an ihren Bruder Edmund gedacht und an sein unseliges, genial zersplittertes Lebensschicksal, das in Elend und Zerrissenheit geendet. Doch hatte ihr Sohn Anton, auf dessen solides Wesen, Kenntnisse und Einsichten sie viel gab und geben durfte, sie in dieser Hinsicht beruhigt. Das Kind war kerngesund, kräftig und gedieh prächtig. Zu allem Überfluß hatte sie veranlaßt, daß das Gutachten eines tüchtigen Arztes eingeholt wurde, und auch von dieser Seite war sie vollkommen beruhigt worden. Und so sollte es denn ja wohl wahr und möglich sein, daß Gott, nach all den Prüfungen, deren Kreuz er ihr auferlegt, ihr für den Abend ihres Lebens noch ein so großes Glück vorbehalten hatte, daß sie doch in aller Welt noch zu etwas und zu einer solchen Aufgabe gut sein sollte. Eines Tages kam Rosalie mit Tomchen und einer neuen Zeichnung, die er angefertigt hatte und die wieder einen ganz erstaunlichen Fortschritt zeigte, in das große, alte Haus, und zum erstenmal eigentlich betrat es der Kleine. In einem Augenblick, wo die Aufmerksamkeit, die er da mit einemmal erregte, wohl schon auf seinen kleinen Ehrgeiz gewirkt und sein allen Eindrücken gegenüber so sein empfängliches Wesen, seine kleine, schon so ungewöhnlich entwickelte Bewußtheitlichkeit noch mehr erschlossen und wohl bereits zu einem neuen Auftrieb gebracht hatte. Haus und Garten boten sich anders als sonst. Denn es war ein tiefverschneiter stiller Wintertag mit graubezogenem Himmel. An Rosaliens Hand tappelte Tomchen den breiten Mittelweg hin, den Adolf, Kommerzienrats Hausdiener, von einem Haus zum anderen freigeschaufelt hatte. Auf jeder Seite war der Schnee zu einem Wall aufgeworfen, so hoch, daß Tomchen an ihm hinaufsah. Er hatte ein gestricktes weißes Wollkäppchen auf, ein warmes, mit weichem, weißem Flaum besetztes Mäntelchen, weiße Gamaschen und warme Schuhchen an und nahm sich sehr schmuck, mobil und niedlich aus. Vor ihnen hob sich mit seiner mächtigen Wand dunkel, ernst, stumm im grauen Winterlicht das alte Gebäude, um den Eingang herum hoch hinauf gespenstisch überkrallt von dem dunklen, kahlen Gerank der Kletterrosen. In der Mitte war der breite, torähnliche, oben runde Eingang, dessen massive Steineinfassung mit altertümlichen, wunderlich verschnörkelten Arabeskengewinden verziert war. Auch die schwere, mit dicken Eisennägeln beschlagene Tür, die im Sommer, von den vielen Rosen umwuchert, immer freundlich offen stand, bot jetzt geschlossen einen finsteren, schwermütig öden Eindruck. Rosalie öffnete, und sie traten in den Hausflur ein. In der guten Jahreszeit, vom Frühling bis in den Herbst, drang mit ihren freundlichen goldigen Spielen ungehindert die Sonne hinein, färbte sich still und lieblich mit den Reflexen von den bunten Glasscheiben über dem nach der Straße hinausführenden Portal, und lichtete das nüchtern ernste, kühle Grau des großen Flures mit einem zart violetten, rötlichen und lila Ton. Jetzt aber war es dunkel, grau und öde, so daß Tomchen ein bißchen ängstlich und nur durch Rosaliens Hand beruhigt das Mäulchen wie zum Weinen verzog und die Augen aufriß. Er fürchtete sich auch vor den beiden großen Steingestalten, die weiter nach vorn starr und stumm an der kahlen Wand standen und leise gespenstisch aus der Dämmerung hervortraten. Auch die alte Wendeltreppe mit dem mächtigen, schwärzlichbraunen, geschnitzten Holzgeländer und der ragende, mit Ornamenten verzierte große Bronzeleuchter unten an dem massiven Pfosten machten ihm bange, und der, weil die Gartentür nicht mehr den ganzen Tag über offen stand, dumpfe Ruch nach Staub und irgendeiner Chemikalie, der solchen alten Hausfluren eigentümlich ist. Zögernd und unlustig klomm er neben Rosalie her, die, um ihn zu zerstreuen, beständig auf ihn einplauderte, die breiten, mit Tuchläufern überdeckten Stufen hinauf. Doch schließlich überwältigten ihn Stille, Dunkel und der sonderbare Widerhall von Rosaliens Stimme an den hohen, kahlen Wänden, er fing aus vollem Halse an zu weinen und wollte nicht weiter. Aber da öffnete sich unweit der Treppenmündung auf dem großen Treppenflur eine Tür, es wurde hell, und mitten in dem weißen Taglichtschein, der auf den Flur herausfiel, stand in ihrem braunen Seidenkleide, ein Spitzenhäubchen auf dem dunklen Haar, die kleine, dunkle Gestalt Großmamas. Um seine Aufmerksamkeit zu erregen und ihn aufzumuntern, hielt sie beide Arme weit ausgebreitet in die Höhe und rief lachend: »Ah, wer kommt denn aber da, O'mama zu besuchen?« Aber ihre Stimme mutierte dabei in solch einer gewissen Weise, und außerdem hatte sie noch das festzusammengeknüllte Taschentuch in der Hand, so daß Rosalie sogleich den Eindruck empfing, sie müsse eben erst geweint haben und freue sich jetzt lebhaft, durch Tomchens Ankunft eine Zerstreuung zu erfahren. Tomchen war sofort still geworden und starrte mit großen Augen zu Großmama hinüber. Ein paarmal stieß ihn noch das Böckchen, aber schon erhellte sich sein Gesichtchen von einem Lächeln, und artig und vergnügt antwortete er: »Tomsen.« »O du meine Güte! Tomchen! Wirklich, wirklich, unser Tom'sen.« Unter einem herzlichen Kichern, daß sie zugleich hören ließ, um Tomchen damit Vergnügen zu machen und ihn vollends aufzuheitern, und, wie sie zu tun pflegte, wenn sie sich einmal so recht von Herzensgrunde wohl fühlte, mit einem Ausdruck von Schelmerei und Behagen die Handflächen mit flinken, kleinen Bewegungen aneinander reibend, kam sie zu Tomchen, der über ihr Gebaren jetzt wirklich lachte, hergehüpft, bückte sich hurtig zu ihm nieder und, »unser Tomchen! unser Herzchen! unser Liebling!« umfaßte sie ihn, drückte ihn mit beiden Armen an ihre Brust und küßte sein von der Winterfrische rosiges, lachendes Gesichtchen ab. Aber Rosalie nahm wahr, wie ihre Augen im stillen wirklich von zwei Tränen blinkten und in ihrer Stimme ein leises Weinen bebte. Tomchen hielt diesen Liebkosungen stand, nur ein klein wenig von ihrer Heftigkeit erschreckt das Mäulchen und die Brauen verziehend, heiterte sich aber ganz auf, als Großmama jetzt mit ihm zu plaudern und ihn über seine kleinen Angelegenheiten auszufragen anfing, und gab ihr sogar Bescheid. Sie hatte sich wieder aufgerichtet, ihn bei der Hand genommen und schritt, beständig mit ihm plaudernd, ins Zimmer hinein, das sie mit seiner behaglichen Wärme empfing. Langsam folgte Rosalie ihr nach. Das Zimmer sah auf einen großen Platz, nicht auf den Hausgarten hinaus. Die Wahl dieser Lage verriet vielleicht ein, sogar mit etwas raffinierter Umständlichkeit angebrachter, großer »Spion« an dem einen Fenster, vor dem, auf einem Podium, ein Polsterstuhl und ein Arbeitstischchen standen. Der ziemlich große Raum, mit einem alten Biedermeier-Meublement ausgestattet, wäre, zumal in diesem still traulichen, gleichmäßig weißen Winterlicht, das von dem vielen Schnee draußen hereindrang, sehr gemütlich gewesen, wenn seine sehr hohen Wände, der weißgetünchte Plafond mit seiner schweren Stukkatur und die hohen Fenster ihm nicht eine etwas steife Feierlichkeit gegeben hätten. Außerdem machte die etwas zu lebhafte Freude, mit der die alte Dame Tomchen empfangen hatte, Rosalie befangen. Die Frau Kommerzienrat hatte wirklich mal wieder einen ihrer schlimmen Tage gehabt. Von jeher litt sie an diesen mit dem Schicksal ihrer Familie und ihrer inneren Vereinsamung in Zusammenhang stehenden Gemütsverstimmungen. In früheren Jahren hatten sie sich gelegentlich bis zu Weinkrämpfen steigern können. Sie nahm jetzt endlich aber, Tomchen im übrigen an der Hand behaltend, auch von Rosaliens Anwesenheit Notiz, und Rosalie sprach ihr von Tomchens neuester Zeichnung und überreichte sie ihr. Die alte Dame war beim ersten Blick auf die Zeichnung so überrascht, daß sie Tomchen unwillkürlich losließ und mit beiden Händen nach dem Blatt griff, um es genauer zu betrachten. Der Kleine war seit seiner ersten zeichnerischen Leistung und der Bewunderung, die sie gefunden hatte, förmlich aufs Zeichnen versessen und hatte inzwischen wieder auffallende Fortschritte gemacht. Rosalie hatte ihm gelegentlich ein ganzes Pferd und einen Reiter drauf vorgezeichnet, und nun hatte er ihr das diesmal, zwar in seiner unbeholfenen Weise, aber mit einer so unmittelbaren Empfindung für Gestalt und Bewegung nachgeahmt, daß es wohl wieder einmal fast Betroffenheit erregen konnte. Nachdem die Frau Kommerzienrat die Zeichnung lange Zeit betrachtet hatte, wandte sie sich gegen Tomchen herum. Doch der Kleine war inzwischen auf dem großen Teppich unhörbar zum Trumeau hingelaufen und jetzt gerade dabei, sich über die vielen kostbaren alten Porzellannippes herzumachen, die das Konsol um eine größere chinesische Pagode herum anfüllten. Durch den Anblick auf der Stelle zerstreut und belustigt, zugleich doch nicht ohne eine kleine Besorgnis für diese Sammlung sehr wertvollen Altmeißners, huschte sie, Tomchen unter einem fröhlichen, halb erschreckten, kleinen Lachen anrufend, mit einer hurtigen, elastisch belebten Bewegung hinüber, ging zu ihm nieder in die Hocke und faßte fürsorglich und zugleich sofort auf des Kleinen Spiel eingehend, nach seinen dicken, aufs Geratewohl mitten in die Figuren hineingrapsenden Händchen, während sie zugleich mit ihm zu plaudern begann. »Gehen Sie nur, Rosalie!« rief sie Rosalie lachend zu. »Lassen Sie ihn mir nur da. – Ich lasse ihn nachher schon zur rechten Zeit wieder hinüberbringen.« Sie fühlte sich so grundglücklich, nach dem recht übel verbrachten Tage den kleinen Kerl da mit einem Male so ganz unvermutet bei sich zu haben. Sie schmeichelte ihn, der auf die Nippes ganz versessen war, als Rosalie gegangen, aus seinem Kappchen und Mäntelchen heraus, dann huschte sie, so recht behaglich vor sich hinkichernd, mit ihm wieder zu den Figuren hin. Tomchen hatte sich inzwischen unterm Ausziehen aber auch für den großen Bücherschrank interessiert. Der war ein herrliches Kunstwerk von Möbelstück, über und über mit bunten Intarsien verziert, Arabesken, Blumen, Vögeln, Männchen und Frauchen, Tieren, hinter den Glasscheiben die vielen bunten und vergoldeten Bücherrücken. Einen Augenblick hatte er von Großmamas Hand ab mit verlangend ausgestrecktem Ärmchen zu dem Schranke hingestrebt, doch hatte er schließlich offenbar die Nippes in vorwiegender Erinnerung. Denn er blieb ruhig und gab auch seiner Aufmerksamkeit bald wieder die frühere Richtung. Großmama aber raffte, als sie wieder beim Spiegel waren, mit beiden Händen, doch mit zierlich behutsamer Vorsicht, die Pagode und soviel sie von den Figuren halten konnte, vom Konsol weg und huschte, Tomchen auf solche Weise lockend, mit ihrer zierlichen Gestalt in diesem Augenblick selber einem munteren, hurtigen Mädel gleichend, die vielen Figuren gegen die Brust gedrückt, mitten ins Zimmer hinein, wo der Teppich seine freie Fläche bot. Tomchen lachte sehr vergnügt auf und rannte eifrig hinter ihr her. Sie aber ließ sich geschwind und gelenk auf den Teppich nieder, und nun beschäftigte es Tomchen sofort, wie sie die Figuren eine nach der anderen aufstellte. Sie legte sich jetzt sogar, da ihr das Hocken etwas zu sauer werden wollte, lang und sagte, indem sie die Pagode ergriff und sie an eine besondere Stelle setzte: »Siehst du, das hier ist die Prinzessin, Tomchen! Die Prinzessin!« Als sie aber gar mit einem Male der Pagode an den den Kopf tippte, und die zu nicken anfing, machte er im ersten Moment zwar ein verdutztes Gesicht, gleich darauf aber schrie er vor Vergnügen und strampelte mit den Füßchen. »Mach' ihr ein schön' Dienerchen, Tomchen! Wirf ihr ein Kußhändchen zu! Es ist ja die Prinzessin!« rief Großmama. Das gefiel ihm. Er machte in einemfort drollige Dienerchen und zappelte mit den Händchen zu der Pagode hin. »So! Siehst du?« Und jetzt nickt sie dir auch zu: danke. Tomchen, danke! Und willkommen! – Und nun ... Aber, halt! sie sitzt ja auf einem Thron und muß einen Baldachin haben«, unterbrach sie sich lachend. »Warte!« Unter einem kleinen, lachenden Ächzer erhob sie sich und eilte zum Arbeitstischchen hin, wo an der Wand ein großer japanischer Fächer mit schönen, bunten Blumen auf einem schimmernden Goldgrund befestigt war. Tomchen, der jede ihrer Bewegungen verfolgte, sah, wie sie hurtig den Fächer von der Wand ablöste. Doch bevor sie mit ihm zurückkam, sah sie die Zeichnung, die sie vorhin auf das Tischchen gelegt hatte, noch einmal an, sprach leise etwas vor sich hin und streichelte sie; und dann erst kam sie, den Fächer weit entfaltet und Tomchen mit ihm zuwinkend, zurück, um sich wieder auf den Teppich niederzulassen, wo sie ihn hinter der Pagode aufstellte. »So! Und nun hat die Prinzessin Empfang. – Zuerst kam Tomchen, und nun bekommt sie noch so, so viel Besuch!« rief sie. Hier saß die Prinzessin auf ihrem prächtigen Thron, und nun kam ein Graf mit einer Perücke und einem Zopf hinten, mit einem goldbestickten bunten Schoßrock angetan, mit bunten Kniehosen und Wadenstrümpfen, Schnallenschuhen und einem Galanteriedegen unter dem einen Rockschoß vor, und machte vor der Prinzessin, die in einemfort gnädig mit dem Kopf nickte und lächelte, eine tiefe, zierliche Verbeugung. Und dann sagte er etwas ganz Erstaunliches, Wunderdinge, die Tomchen noch nie gehört hatte, und die er mit weit aufgerissenen Augen, Ohren und offenem Schnäuzchen aufnahm. Und dann kamen noch andere Herren und Damen, und ein Mohr und Schäfer und Schäferinnen und dicke, drollige Figuren, von denen Großmama alle möglichen lustigen und wunderlichen Dinge zu erzählen wußte oder sie die Figuren sagen ließ, wobei jede ihre besondere, manchmal hohe und zierliche, manchmal grobe und tiefe Stimme hatte. Und dann kam auch ein Miezekätzchen, das richtig miaute und schnurrte und sich, wie Großmama sagte, mit einem ganz hohen, krummen Buckel an der Prinzessin rieb und dabei den Schwanz steil in die Höhe richtete. Und dann kam ein scheckiges Hündchen, das wunderliche kleine goldene Blumen auf dem Fell hatte und richtig bellte, und dann ein schneeweißes Schäfchen, das »Bäh! Bäh!« machte. Plötzlich aber lachte Tomchen, der Großmama zuletzt die ganze Zeit über nicht mehr aus den Augen gelassen hatte, laut, fröhlich und schelmisch auf. Es mochte ihm wohl Vergnügen machen und ihn vertraulich berühren, daß Großmama, gerade so wie er selbst oder Detlevchen oder Karlchen manchmal taten, so lang da auf dem Teppich lag und »Miau« und »Wauwau« und »Bäh« machte und mit all den drolligen Stimmen sprach, und mit einem Male kam er ganz ausgelassen zu ihr hingelaufen, fiel mit seinen Ärmchen und seinem ganzen dicken Körperchen über sie her, umklammerte sie und schmiegte sich lachend an sie an. Sie aber drückte ihn an die Brust und küßte ihn unter lachenden Wonnetränen, im Innersten glücklich; denn noch nie war ihr von dem Kinde bisher eine so unmittelbare Bezeugung seiner Neigung geworden. Sie fühlte, daß sie ihn sich von diesem Augenblick an gewonnen hatte. 7. Es war herrlich gewesen. Denn nachher hatte die Prinzessin auch noch ein Gastmahl gegeben, bei dem Kakes, Marzipan und Fondants verabreicht worden waren. Tomchen hatte Rosalie, als er von ihr zu Bett gebracht wurde, von der Prinzessin, den Grafen, Baronen, Gräfinnen, Mohren, Schäfern, Schäferinnen, Hündchen und Kätzchen und schnurrigen Leuten Wunderdinge erzählt. Jedenfalls war das Kind Großmama von diesem Tage an mit Entschiedenheit zugetan, und es verging selten einer, an dem er jetzt nicht von selbst getrieben hätte, zu ihr hinübergebracht zu werden. Zuweilen traf er dann auch mit Großpapa zusammen, der auf seine Weise sein Späßchen mit ihm machte, doch verlangte ihn vor allem nach Großmama und nahm er an ihn weiter keinen besonderen Anschluß. Der Umgang mit dem Kinde hatte sich für die alte Dame nun doch anders gestaltet, als sie sich's anfangs, wo sie ihren Freundinnen gegenüber einen mehr verstandesgemäßen »Erziehungsplan« entwickelt hatte, vorgestellt. Sie fühlte und wußte nichts anderes mehr, als daß sie den kleinen Kerl unaussprechlich lieb hatte, und daß sie an ihm selber die Grundheiterkeit ihres Temperamentes wiedergewann und sich förmlich verjüngte. Doch verwöhnte sie den Kleinen keineswegs, etwa mit zuviel guten Eßdingen. Und es freute sie so unaussprechlich, zu gewahren, daß das Kind nicht der guten Dinge willen, die es bei ihr fand, zu ihr verlangte, sondern daß es einen unmittelbaren Anschluß an dies gleichmäßigere, munter verjüngt unbefangenere Wesen nahm, das sie jetzt zeigte. Und so wurde sie Tomchen tatsächlich zu einer zweiten Mutter. Zu einer Zeit, wo seine leibliche ihm allerdings den wichtigsten Teil ihres Interesses zu entziehen angefangen und ihn zu Rosalie und den beiden älteren in die Kinderstube gesteckt hatte. Doch auch die Erziehung, die Rosalie dem Kleinen zuteil werden ließ, nahm ihren nicht unwichtigen und zugleich erfolgreichen Fortgang. Es sollte aus der Kinderstube über Tomchen bald neue Erstaunlichkeiten im Vorderhause zu berichten geben; denn die Frau Kommerzienrat hatte Rosalie angehalten, ihr alles über ihn auf das genaueste mitzuteilen. Das wunderliche Mädchen, das in gewisser Hinsicht auf sein Leben verzichtet hatte und in der Pflege der drei Kinder mit Leib und Seele aufging, hatte eines Tages, wieder halb zu eigenem Zeitvertreib, zugleich aber mit einer gewissen auf Tomchen gerichteten Neugier, ein Blatt Papier sorgfältig mit »i«s beschrieben. Wie sie vorausgesehen, war er aufmerksam geworden, kleiner »Hans in allen Gassen«, der er war, zu ihr hingelaufen gekommen und hatte ihr mit angespannter Aufmerksamkeit eine Zeitlang zugesehen, was sie denn da mit dem Bleistift so hübsch sorgsam auf das Blatt hinmalte. Und dann hatte er sie gefragt, was sie da mache? »I's schreib' ich. Tomchen! I's! Lauter hübsche kleine I's«, antwortete sie, ohne sich zu unterbrechen. Tomchen hatte den Ausdruck »i«s sofort festgehalten und wollte voller Eifer auch solche »i«s schreiben. Darauf gab Rosalie ihm, ohne weiter etwas Besonderes draus zu machen, den Bleistift und ein Blatt Papier, und er brachte wirklich, wenn auch etwas kreuz und quer die Zeilen von unten nach oben und oben nach unten und unter öfterer Auslassung der Punkte, die »i«s zustande. Es dauerte aber nicht lange, so vergaß er auch die Punkte nicht mehr und hatte verstanden, daß sie mit dazugehörten; und nun war er, wie erst aufs Zeichnen, darauf versessen, Papierblätter voll »i«s zu schreiben; ohne daß er übrigens die Lust auch am Zeichnen darüber verloren hätte Nach dem »i« ist am bequemsten zunächst das »e« zu schreiben und zu behalten, und so malte Rosalie eines Tages ein Blatt voll »e«s und belehrte Tomchen auf seine interessierte Frage, daß das »lauter schöne, kleine e's« seien. Gleich wollte er auch die malen und lernte auf solche Weise zum »i« jetzt auch das »e« hinzu. Dann kam das »u« an die Reihe. Hier machte ihm der Haken sofort Vergnügen, und es hatte gar keine Schwierigkeit, daß er ihn beim Schreiben nicht vergaß. Dann ging's weiter, und er lernte das »o«. Wie er aber erst das schreiben konnte, ging's auch ganz gut mit dem »a«, das ja nur ein »o« mit einem Haken dran ist. Zugleich lernte er von Rosalie auch zählen. Zunächst, allmählich, bis fünfzig. Doch hütete sie sich, ihn mit diesen Dingen allzuviel zu beschäftigen, sondern ließ ihn gewähren, wie er gerade mochte. Aber es zeigte sich, daß es ihm nach wie vor Spaß machte, und wenn er sich bei seinem mobilen, auf alles mögliche gerichteten Wesen auch nicht beständig mit diesen Dingen beschäftigte, so kam er doch immer wieder von selbst darauf zurück und zeigte dabei über die Zwischenzeit hinweg ein scharfes Gedächtnis. Das Phlegma seines Vaters verhielt sich diesen neuen Fortschritten des Kindes gegenüber wie gelegentlich der ersten Zeichenprobe. Er sagte nichts dafür noch dagegen, sondern schmunzelte bloß. Lise aber schalt Rosalie, daß sie den Kleinen schon mit solchen Dingen beschäftigte. Doch ließ sie's schließlich angehen, ohne sich weiter darum zu bekümmern. Onkel Anton und Großmama aber verfolgten die Sache mit liebevollem Interesse, ohne den Kleinen jedoch durch zuviel Lob zu einem allzu großen Eifer anzuspornen. Und so hatte es der kleine Tom, als er wenig über drei Jahre alt war, so weit gebracht, daß er das Alphabet schreiben und bis fünfzig zählen konnte. Nicht viel über vier Jahre alt aber, konnte er bereits schreiben und etwas lesen, auch schon ein wenig rechnen. Was aber seine teilnehmenden Angehörigen anbetraf, so durften sie sich nach wie vor durch den Umstand beruhigt fühlen, daß der Kleine körperlich gut gedieh, kräftig wurde und die lebhafteren Kinderspiele, gelegentlich wohl auch -streiche, nichts weniger als mied, wenn sich auch die beiden älteren Buben in dieser Beziehung einseitiger entwickelten und Tomchen in der Regel überlegen zeigten. Ein halbes Jahr nach seinem vierten Geburtstag geschah es aber, daß er zum ersten Male in ernstliche Lebensgefahr geriet. Durch eine schwere Krankheit, die er sich infolge eines Streiches zugezogen hatte. Und es war Lise, die eingriff und ihn im letzten Augenblick vom schon sicheren Tode rettete. Es kam jetzt häufig vor, daß die drei Buben unter Detlevs Anführung ihre selbständigen Abstecher unternahmen, die sich mit Vorliebe zum Stromufer hinüber erstreckten, das sie mit seinen Dampfern, Frachtkähnen, Schuppen und Lagerstrecken verlockte. Tom hatte an dieser Gegend ein großes Gefallen gefunden, und da er in aller Stille Unternehmungen auf eigene Faust zu lieben anfing, war er eines Tages zum Strom hinab entwischt und hatte sich dort umhergetrieben. Dabei war er aber in einen Wassertümpel gefallen, hatte sich zwar von selbst wieder herausgerappelt, war aber gründlich naß geworden und hatte sich eine Halsbräune zugezogen. Er war, um seine Geschwister, deren Zahl inzwischen auf fünf angewachsen war, vor Ansteckung zu bewahren, in eine besondere Kammer gebracht worden, die nach dem Garten hinaus lag, und Lise wich hier Tag und Nacht nicht von seinem Bett. Die alte Frau Kommerzienrat war außer sich, denn der Arzt hatte durchblicken lassen, daß der Anfall ein ernster wäre. Nur ihr angstüberreizter Zustand bewahrte sie selbst vor einer Krise. Tag und Nacht rang sie vor Gott im heißen Gebet um das Leben ihres Lieblings, die einzige und letzte Möglichkeit, das Leben noch zu ertragen, wie ihr leidenschaftliches, trübsinnig versetztes Temperament immer wieder aus ihr herausschrie in diesen entsetzlichen Stunden und Tagen, wo sie sich den Ihren verschloß, von niemand Trost annahm und oft von verzweifelten Weinanfällen geschüttelt wurde. So war die Krankheit des Kleinen eine sorgenvolle, unruhige Zeit für die ganze Familie, die allen ein wenig den Kopf verdrehte und selbst die phlegmatische Ruhe Karls erschütterte. Soweit das nur anging, war die alte Dame jetzt hinten im Gartenhaus. Doch stellte ihr Lise, die sich von ihren allerdings oft kaum noch zu ertragenden Aufregungen nicht aus der Fassung bringen lassen wollte, ein schließlich sehr entschieden abwehrendes Benehmen entgegen, so daß die alte Dame, um wenigstens in dieser Zeit eine schärfere Auseinandersetzung zu vermeiden, vor allem dann aber im Interesse Tomchens, es dann doch vorzog, sich durch ihre Bedienung Erkundigungen über das Befinden des Kleinen einholen zu lassen. In Lise aber war der natürliche Muttertrieb mit einer solchen Stärke erwacht, daß sie über der Pflege des Kleinen nicht nur ihre anderen Kinder, sondern auch ihren Haushalt hintansetzte. Die Krise war gekommen. Der alte Hausarzt hatte Tomchen lange und mit einer Art von Sorgfalt untersucht, die ihren seinen Instinkt sofort in die äußerste Angst versetzte. Als sie ihn, der ein ernstes Gesicht zeigte und weiter nichts mehr äußerte, dann aber hinausbegleitete, hatte ihre Angst einen Grad erreicht, daß ihr rasend pochender Herzschlag ihr das Wort versagte. Schließlich aber brach sie in ein verzweifeltes Weinen aus, packte den Arm des Arztes und schrie die halb erstickte Frage hervor. Er zuckte die Achseln. »Wenn er über die Abendstunden hinauskommt«, sagte er, »ist er gerettet. Hoffen wir das beste.« Er drückte sich hinaus. In einer Art und Weise, daß Lise deutlich merkte, er wolle sich weiterer Nachfrage entziehen. Halb entseelt brach sie auf einem Stuhl zusammen, wohl auch von der Strapaze der letzten Tage und schlaflos verbrachten Nächte übermannt. Beide Hände aufs Herz gepreßt, saß sie und starrte vor sich hin. Ihre Verzweiflung, ihr angstvoll angespannter Muttertrieb ging in einen fast somnambulen Zustand über. »O Jesus, Erbarmer!« Wie von irgendeinem geheimnisvollen Angstruf getroffen, war sie in die Höhe gefahren und begab sich mit fliegender Eile und doch leise zu dem Kleinen hinein in die gegen die Abendsonne verdunkelte Kammer. Behutsam, mit angehaltenem Atem, den ihr wildes Herzpochen ihr trotzdem mit schnellen, kleinen, fauchenden Stößen hervortrieb, einem Angstschweiß auf der Stirn, beugte sie sich mit weitaufgerissenen, forschenden Augen über Tomchen hin. Er lag mit seinem schwarzen Krausköpfchen gegen die Wand gekehrt. Das Hemdchen war vorn offen und ließ den weißen, schön gewölbten kleinen Brustkasten sehen, der sich von schnellen, mühevoll röchelnden Atemzügen hob und senkte. Vorsichtig, aber schnell, fühlte sie nach seiner Stirn. Sie war von einem feinen, kühlen Schweiß bedeckt. Außer sich vor Angst rief sie, in der fürchterlichen Ahnung, er bekomme schon keine Luft mehr, um seinen Zustand zu erforschen: »Mein Tomchen?« Tomchen warf sich mit einer hastigen, offenbar ängstlichen Bewegung herum und starrte Mutter, wie dieser schien, etwas weinerlich, aber mit einem Blick, der selbst jetzt seinen gescheiten, klaren Ausdruck nicht verloren hatte, an. Sie wollte sich, von ihrer Liebe und Freude, daß er sie hörte und sie, wenn auch ängstlich und offenbar gepeinigt, doch so schön klar ansah, überwältigt, noch näher zu ihm hinbeugen und ihn liebkosen, als sie von einer plötzlichen Wahrnehmung mit einem jähen Schreck durchschauert wurde. Es war ihr, als ob des Kleinen Lippen sich bewegt hätten, als mache er Anstrengungen, ihr etwas zu sagen, konnte aber nicht mehr sprechen. Mit beiden Händen fuhr sie zu, faßte ihn unter den Rücken, ihn etwas hebend, starrte ihn an und rief ihm zu: »Herzchen? – Mein liebes Tomchen? Soll ich dir ein schönes Biskuit geben? Wie? So ein ganz, ganz schönes?« Ja! Jetzt sah sie deutlich, daß er die Lippen bewegte; doch zugleich wurde sein kleiner Oberkörper von einem stummen Weinen geschüttelt. Es war kein Zweifel: er konnte nicht mehr sprechen, fing an zu ersticken. »Tomchen! Mein Herzenssöhnchen! Soll dir Mutter nicht so ein recht, recht schönes, schönes Stückchen Kuchen bringen?« Eine minutenlange starre Stille. Tomchen machte peinvolle Anstrengungen zu sprechen, doch nur zwei stumme, blinkende Tränchen rannen ihm aus den Augen, die fest und angstvoll auf Mutter gerichtet waren. »Kannst du nicht sprechen, mein Liebling?« Er schüttelte den Kopf. Das stumme Weinen verzog ihm jetzt auch den Mund. »O mein Engel! Mein Guter! Mein Herzenstomchen!« Sie beugte sich schnell ganz zu ihm nieder und drückte ihm ein paar Küsse auf die Bäckchen. »Hab keine Angst, hörst du? Warte, Mutter gibt dir jetzt etwas zu trinken, und dann wirst du gleich wieder sprechen können. Nicht?« Seine Augen nahmen einen vertrauensvoll lächelnden Ausdruck an. Lise nickte ihm noch einmal zu und streichelte ihm lind über das Haar und die Stirn, von der sie ihm zugleich den Schweiß abwischte; dann aber nahm sie mit bebenden Fingern das Wasserglas vom Tischchen und flog zum anderen Ende der Kammer hin, wo sie, ohne von Tomchen gesehen zu werden, eine Minute verweilte. Dann aber kam sie zu ihm hingehastet, beugte sich unter zärtlich eindringlicher Zurede über ihn, legte ihm den Arm unter den Rücken, hob ihn und setzte ihm das Glas an die Lippen. »Trink, trink, mein Tomchen! Trink, mein Herzchen! Trink schnell, schnell, trink's leer!« Doch Tomchen verzog weinerlich das Gesicht und wollte nicht. »O ja, mein Liebling? O doch? Hörst du, was Mutter dir sagt? Mein Herzenstomchen muß ja sterben, sterben, wenn er das nicht hübsch austrinkt? Kriegt gar keine Luft mehr und ist tot und wird ins dunkle Grabloch gesteckt und wird nie, nie wieder Vater und Großmama und Onkel Anton und Detlev und Karlchen und Mutter sehen? Wird gar nicht mehr da sein?« Tomchen hatte sie aufmerksam angesehen. Als er Mutter jetzt aber weinen sah, schien er zu verstehen, was ihre Worte bedeuteten, und er trank, halb schüttete Lise ihm den Inhalt des Glases in den Mund. Doch das Glas war noch nicht ganz leer, als er schon, doch, wie sie mit innigster Erleichterung wahrnehmen konnte, vom Magen herauf, alles in das Geschirr, das sie ihm schnell vorhielt, ausbrach. Aber – ihr Herz jauchzte vor unsäglicher Freude – im selben Augenblick hörte sie ihn sagen: »Ma'chen, ich kann sprechen.« Dem himmlischen Vater Dank! Ja, er konnte wieder sprechen, und atmen! »Mein Süßer!« jauchzte sie auf. »Siehst du? Und nun wirst du nicht, nicht sterben, wirst bald wieder ganz gesund und kannst aufstehen und sollst auch den aller-, aller-, allerschönsten Kuchen von Mutter kriegen! Nicht wahr?« Tomchen nickte, von der Aussicht auf den schönen Kuchen aufrichtig erfreut und zugleich beruhigt, weil er wieder ganz richtig atmen konnte, und ließ sich Mutters Küsse gefallen, mit denen sich ihr jubelndes Herz Befreiung schaffte. »Nicht, jetzt hast du Luft, Meiner?« fragte sie, um noch einmal seine Stimme zu hören. »Ja, Ma'chen«, bestätigte er, völlig ruhig. »Und ganz ordentlich?« »Ja.« »So, und möchtest du nun ein schönes Kakes essen und ein Schlückchen Wein trinken? Dann bist du morgen wieder ganz, ganz gesund, und wie wird sich der Doktor wundern, nicht?« Tomchen nickte, lachte und langte mit den Ärmchen noch einmal nach Mutters Hals. Aber sie machte sich gleich wieder frei; denn es war ihr der Einfall gekommen, daß jetzt ein um den Hals gelegter Salzhering das übrige tun könnte. Sie hielt sehr viel von solchen einfachen Hausmitteln, und wär's nach ihr gegangen, so hätte der Arzt mit seinen Pinseleien und Beizereien nicht an des Kleinen Hals gedurft. »Schon längst könnte er wohl gesund sein, wenn ich gleich von Anfang an hätte tun dürfen, was ich wollte. Er hat mit seinem verfluchten neumodischen Gebeize da die Sache erst schlimm gemacht. Dann zieht er 'n Gesicht und zuckt die Achseln«, dachte sie zornig mit Bezug auf den Arzt, und zugleich nicht ohne einen bitteren, innerlichen Vorwurf gegen die Familie und besonders gegen die Schwiegermutter, während sie sich, um den Hering zu holen, in die Küche begab. Bald darauf kam sie zurück und wies ihn Tomchen, den sie mit allerlei kleinen Scherzen zum Lachen brachte. Dann aber riß sie den Hering mit einem geschickten Ruck mitten auseinander und legte ihn auf das Tischchen, während sie beiseite ging, sich niederließ und einen ihrer Strümpfe abstreifte, mit dem sie, damit er möglichst so warm bliebe, wie er vom Bein gekommen, schnell zurückkam, um den Hering auf ihn darauf zu legen. Und dann nahm sie den Strumpf mit dem Hering auf die Hände, legte ihn Tomchen um den Hals und wickelte den langen Strumpf dicht mehrere Male herum. »Es is schön kühl, Ma'chen«, sagte Tom, dem der kühle Hering auf dem fieberheißen Halse wohltat. »Nicht, das tut dir gut?« lachte Mutter und holte noch ein Linnen herbei, mit dem sie den Strumpf und den Hering festband. »So, und nun leg' dich hübsch still hin, Herzenssöhnchen, und warte. Der Hering wird dir jetzt die Nacht über all das böse, garstige Zeug aus deinem Hälschen herausholen, und dann bist du morgen früh wieder gesund und wirst so viel Kuchen essen können wie du willst.« Tomchen nickte und lag still. Sie setzte sich zu ihm und hielt zärtlich sein Händchen. Als sie eine Weile, jetzt selber einer Müdigkeit nachgebend, solcherweise dagesessen hatte, nahm sie wahr, wie ihm die Augen schwer wurden, und gleich darauf war er mit ruhigen, freien Atemzügen eingeschlafen. »O Gott, Gott sei dank!« flüsterte sie mit gefalteten Händen und ein Seufzer erleichterte ihr die Brust. Doch da klopfte es an die Tür. »Lise?« ließ sich eine angstvolle Stimme vernehmen. »O Gott, der Arzt sagt ja ... Um Gotteswillen, wie steht's mit ihm?« Lise antwortete und erhob sich nicht sogleich. Ihre Augen nahmen einen harten, fast bösen Ausdruck an. Schließlich stand sie aber auf, trat zur Tür hin und öffnete sie, doch nur halb und den Eintritt versperrend. »Aber was denn?« Fast herrschte sie die Schwiegermutter an. »Ich muß, muß ihn sehen, es ist ja unmöglich, das zu ertragen!« Die alte Dame machte einen Versuch, in die Kammer einzutreten. »I nein, nein, ich kann Sie jetzt nicht zu ihm lassen«, sagte Lise aber mit Entschiedenheit. »Es ist unmöglich, daß Sie jetzt hereinkommen.« »Aber um Gottes willen, so sag' doch wenigstens ...« Lise stieß ein kurzes Lachen hervor. »Er schläft«, sagte sie. »Es wird gut. – Er hat die Krise überstanden. – Aber er darf jetzt nicht gestört werden.« Sie drückte die Tür ins Schloß. Eine Zeitlang vernahm sie im Nebenraum noch ein leises Geräusch. Dann hörte sie die Schwiegermutter flüstern, bis sich endlich langsam sich entfernende Schritte vernehmen ließen, draußen die Tür ging und alles wieder still war. »Sie hat gebetet«, flüsterte sie vor sich hin. 8. Tom war gerettet. Auch während der Genesung ließ Mutter ihm die fürsorglichste Pflege angedeihen. Seine blassen Bäckchen, seine von der Krankheit und dem Zubettliegen noch müden, noch nicht ganz sicheren Bewegungen erinnerten sie an die Angst, die sie in jener Stunde, wo sein Leben nur noch an einem Haar gehangen, um ihn ausgestanden, und sprachen zu ihrem feinen, so lebhaften Muttertrieb. Jetzt, wo der Kleine wieder gesund wurde, kam die ganze Familie, um ihre Freude zu bezeugen. Großvater, Onkel Anton, sein Vater hatten Liebkosungen und liebreiche Worte für ihn, brachten ihm Spielsachen und Leckereien in solcher Vielzahl, daß er nicht wußte, was er mit allen guten Dingen anfangen sollte, und Detlev und Karlchen davon abgab. Lise ihrerseits war mit diesen Aufmerksamkeiten nicht ganz einverstanden. Sie brummte und spottete im stillen darüber, beunruhigte sich wohl auch ein wenig in Tomchens Interesse, weil sie der Ansicht war, das viele »Zeugs« rege ihn auf und könnte ihm schaden. Gelegentlich hatte die Schwiegermutter ein Gespräch mit ihr gehabt und ihr aus der unsäglichen Freude ihres Herzens heraus für die aufopfernde Pflege gedankt, die sie dem Kinde hatte zuteil werden lassen. »Mein Gott, Lise! Wenn ich denke: Es ist ja ein wahres Wunder! Obgleich es ja der Wille und die Fügung des gnädigen Gottes gewesen ist. – Was bist du für eine wunderbare Mutter!« Es war wohl nicht gerade besonders viel Takt in dieser Art von Anerkennung gewesen, Life hatte ein kurzes, trockenes Lachen hören lassen und gesagt: »Ein Wunder? Ja freilich, die Läppereien und Pinseleien des Doktors hätten ihn wohl sicher nicht gerettet. – Was hat er denn getan? Ein dummes Gesicht geschnitten und die Achseln gezuckt, nachdem er alles gründlich verpfuscht. – Man darf ja gar nicht daran denken. – Ein Wunder? Wenn der vernünftige Einfall, daß ich ihm einen gewöhnlichen Salzhering um den Hals legte, ein Wunder sein soll: meinetwegen.« Von dem Eigentlichen sagte sie nichts, sagte sie niemand etwas, selbst Karl nicht. Einige herzliche Worte ihres Schwagers Anton hatten ihr aber wohlgetan. Es hatte sie von Herzen gefreut, daß er sie ein »prächtiges Weib« und »eine Mutter wie sie im Buche steht« genannt hatte. Man hatte den kleinen Tom für die Zeit seiner Genesung in ein Zimmer getan, das nach dem Strom hinaus lag, und nach dem er aus eigenem Antrieb verlangt hatte. Um einen Rückfall zu vermeiden, ließ man ihn noch nicht ins Freie. Hier aber hatte er zu seiner Zerstreuung den Blick auf den Strom, den er sehr liebte. Am liebsten war er hier allein. Seine Geschwister duldete er nicht, weil sie zu viel Lärm machten, sie wurden auch kaum zu ihm hereingelassen. Doch auch aus anderem Besuche machte er sich noch nicht viel. Selbst Großmama mochte er nicht zu oft. Am liebsten sah er gelegentlich noch Onkel Anton, der ihn gut zu unterhalten wußte. Auch Rosalie sah er gern bei sich. Man hatte Herbst, und sie mußte ihm Sträuße von buntem Laub mitbringen, über das er sich außerordentlich freute, das er zu bunten Figuren zusammenlegte, auf dem Fenstersims, dem Sofa, dem Tisch, dem Fußboden umherliegen hatte. Rosalie brachte ihm wohl auch einen kleinen Strauß von jenen dunkelroten Georginen, deren sauber kristallartig geordnete Trichterchen nach innen so schön warm ins Purpurne sich vertiefen. Er liebte sie sehr und hatte sie in einer kleinen Vase bei sich auf dem Fenstersims stehen. Vor allem aber waren ihm Mutters Besuche die angenehmsten. Sobald sie in der Tür erschien, wo sie in der Regel erst stehen blieb und ihn mit einem freundlichen Blick musterte, lief er zu ihr hin, umklammerte sie mit beiden Ärmchen, rief sie lachend an und hatte es ausnehmend gern, wenn sie ihn streichelte und ein paar liebkosende Worte zu ihm sprach. Überglücklich aber zeigte er sich, wenn Mutter – was sie sonst nie tat – sich bei einem solchen Besuch für seine Spiele, kleinen Einfälle und Beschäftigungen interessierte, sich von ihm etwas vorzeichnen oder aus dem Bilderbuch vorlesen ließ. »Krank sein is hübsch, Ma'chen«, hatte er bei einer solchen Gelegenheit aus der Fülle seines Glückes heraus gesagt. »Oh, dat glöv' ick sülven, Jungchen«, hatte Mutter geantwortet. »All so hövsche Saken!« Der kleine Tom hatte sie einen Augenblick aufmerksam angesehen, dann aber seinen Kopf auf ihrem Schoß verborgen, gezappelt und gelacht. Das Kind wußte genau, was Mutter für ihn ausgestanden hatte, und es wußte, daß er ganz beinahe hätte sterben und ins Grabloch getan werden müssen, aus dem er nie, nie wieder herausgekonnt hätte, über das alles hatte er jetzt hier nachgedacht, und auch über den sonderbaren Augenblick, wo er schon nicht mehr hatte sprechen und keine Luft mehr hatte kriegen können. Mutter hatte ihm zugerufen, daß er sterben müsse, wenn er den Trank, den sie ihm gereicht, nicht austränke. Er hatte in jenem Augenblicke nicht gewußt, was mit ihm war, er hatte nur gesehen, daß Mutter Angst hatte und weinte, und das hatte ihn erschreckt und er hatte getrunken. Es war ihm nur so furchtbar langweilig gewesen und so heiß und unruhig, und als ob er ein bißchen anfinge schwindlig zu werden. Aber daß das so etwas Furchtbares zu bedeuten gehabt, das hatte er nicht gewußt. Jetzt aber dachte er über Mutters Angst nach, rief sich alles ins Gedächtnis zurück und suchte es zu verstehen, suchte auch mit einer wunderlichen Neugier zu verstehen, wie das wohl gewesen wäre, wenn er wirklich gestorben wäre? Vor allem aber erinnerte er sich immer wieder daran, wie Mutter mit einemmal laut geweint hatte, wo er Mutter doch überhaupt noch niemals hatte weinen sehen. Und er begriff, daß Mutter ihn sehr lieb hatte, und zum erstenmal, wie lieb er selber Mutter habe. So hatte sein erwachender Verstand durch das Erlebnis der Krankheit einen neuen Trieb getan. Und das äußerte sich in allem, was er jetzt tat, sogar in seiner Sprechweise. Für alles hatte er eine feinere, bewußtere Wahrnehmung gewonnen. Wenn er etwas zeichnete oder schrieb, wenn er die schönen bunten Herbstblätter zu Figuren zusammenlegte, von den Früchten, dem Kuchen, dem Konfekt aß, die ihm gebracht wurden, wenn er die Bilderbücher besah und drin buchstabierte, oder wenn er an dem großen, hellen Fenster hockte und, das Gesicht zwischen den Fäustchen, zum Strom hinübersah, erwuchsen ihm und webten Gedanken und Wahrnehmungen, die er noch nie gedacht und wahrgenommen und knüpften Beziehungen und Zusammenhänge untereinander in seiner kleinen, erwachenden Seele. Sehr gern hockte er so am Fenster und sah, die Stirn an die Scheibe gedrückt, auf die Straße oder zum Strom hinüber, neben sich auf dem Fensterbrett die kleine Vase mit dem Georginensträußchen. Es war andauernd schönes, sonniges Herbstwetter. Die Straße hatte auf der anderen Seite keine Häuser, so daß man das weite Panorama des Stromes und seines jenseitigen Ufers drüben im Osten und nach links und rechts weit stromauf und stromab alles überschauen konnte. Über eine grüne, von ein paar Büschen bestandene Grasfläche mit Gänseblümchen hinweg, sah man die Lagerstrecken mit ihren Frachtgütern und den zwischen ihnen beschäftigten Streckenarbeitern sich zum Wasser hinabziehen. Der Wagenverkehr unten auf dem Fahrdamm war nur gering und störte nicht, denn die eigentlichen Lastfuhrwerke benutzten einen gepflasterten Weg jenseits des Grasplatzes. So konnte man sehen, wie auf den weiten Strecken die Arbeiter zwischen dunkelbraunen und schwarzen Kohlenhaufen, lichtgelben Holzstapeln, gelben, grauen, braunen und rötlichen Säcken, blauen, roten, schwarzbraunen Fässern, Petroleumballons, die in großen geflochtenen Körben staken und riesige dunkelgrüne Flaschen waren, Tierhäuten, die solch einen unangenehmen, dumpf scharfen Ruch ausströmten, roten und weißlichgelben Mauersteinhaufen hantierten, und wie noch weiter unten die großen, schwarzen Krane mit ihren steifen Riesenarmen, ganz als ob sie lebendig wären und das von selber täten, die Güter von den Zillen und Frachtdampfern auf die Strecken herüberholten. Die grünlichgelben, beständig von dem vielen Schiffsverkehr erregten Wassermassen des Stromes schimmerten und blitzten im Licht der Oktobersonne. Mit scharfem, mißtönigem Geschnarr schleppten die schwarzen Kettendampfer die langen Reihen der Frachtkähne gemächlich hinter sich her. Manche von den Kähnen glitten langsam mit gebauschtem Segel daher; an der Spitze ihrer Masten flatterten und schlängelten sich munter die schmalen, bunten Wimpel. Auch große Raddampfer kamen, wühlten mit ihren mächtigen Schaufelrädern das Wasser auf, daß es schäumte, und grüßten mit dem dumpf heulenden Ton ihrer Sirenen. Und mitten auf dem Strom stand eine große Baggermaschine und arbeitete mit ihrer knarrenden Eimerkette. Bis weit in die südliche und nördliche Ferne hinein erstreckte sich all dieser Verkehr, wo sich die Silhouetten zweier Eisenbrücken mit hohen, gewundenen Bogen gegen die breite, blinkende Wasserfläche und die sonnenschimmernden Ferndünste abhoben. Drüben auf dem anderen Ufer aber zog sich ein gut Teil seiner Länge nach auf ziemlich steil ansteigender Höhe eine Reihe kleiner alter Häuser hin, die mit ihren niederdeutsch hellbunten Farben munter hinter einer Reihe sehr hoher, alter deutscher Pappeln hervorlugten, deren Kronen blaßgrüne und gelbe große Farbenflecken machten und zur Belebung des frischen, buntfarbigen Weitblickes beitrugen. Dicht über ihnen aber fing mit einem weißlichen, von all dem vielen Rauch der Dampfer und Fabriken mit graublauen und violetten Dunststreifen durchzogenen Blau der Himmel an. Je höher hinauf aber, um so reiner und tiefer ward sein Blau, und gerade hoch oben in der Mitte war es am schönsten und tiefsten. Tom liebte das schöne, klare, tiefe Blau, und auf seinem Stuhl kniend sah er zu ihm hinauf und konnte sich, alles andere vergessend, in seinen Anblick verlieren. Manchmal kam er dabei aber auch auf einen Einfall. Dann nahm er eins von den welken Blättern, etwa ein schön tiefkarminrotes von wildem Wein, und hielt es gegen den Himmel. Oder er nahm auch ein großes Blatt mit einem langen, zierlichen Stiel, das mit grünen, gelben, bräunlichen und tiefroten Flecken und Streifen gescheckt war, und hielt es so, daß es mit dem Stiel gerade auf einem von den bunten Häuserchen aufstand; und dann nahm er mit staunender Freude wahr, wie es mit einemmal viel, viel größer als die großen Bäume da drüben war und mächtig, bis ganz oben hoch mitten in den Himmel hineinragte. Manchmal sang er aber wohl auch ein Liedchen vor sich hin, das Rosalie ihm beigebracht hatte, und das er gern mochte. Weißt du, wieviel Sternlein stehen, An dem blauen Himmelszelt? Weißt du, wieviel Wolken gehen, Weit hin über alle Welt?« Er sang es aber, weil vom »blauen Himmelszelt« darin die Rede war und von den Wolken und der weiten Welt; und er hatte ein wunderliches, staunendes Gefühl von einer großen, frischen, freien, lachenden blauen Weite; weit, weit, noch weit über die beiden Brücken und die ganze Stadt hinaus und noch viel, viel weiter und immer, immer weiter mit so vielen, vielen bunten Dingen, Häusern, Bäumen, Bergen, Wassern, Tieren und Menschen darunter. Auch die Vorstellungen, die er aus seinen Bilderbüchern und anderen Büchern gewonnen hatte, woben sich wunderlich und ganz anders als wirkliche Tiere und Dinge sind in diese blaue Weite hinein und in sonderbare tiefe Fernen, die dann noch hinter ihr kamen. Und doch hatte seltsam ein dunkles Geheimnis seine Seele gestreift, und dies klare Innenauge seiner ungewöhnlichen, früh und sein erschlossenen Bewußtheitlichkeit wußte jetzt von ihm und schaute zu ihm hin. Es kam vor, daß er still, eins seiner Bilderbücher auf dem Schoß, in der Sofaecke saß und mit großen, aufmerksamen Augen vor sich hinblickte oder das stille Weben der Sonnenlichter im Zimmer verfolgte. Und er hatte dann Augenblicke, wo er sich durch nichts stören ließ. Wenn gerade mal Rosalie bei ihm war und ihn bei solcher Gelegenheit anredete, so wurde er ungehalten. Er liebte es auch, gleicherweise in der Dunkelheit dazusitzen und die mählich verschwindenden letzten Sonnenlichter zu beobachten und hinzusehen, wie das Dunkel aus den Ecken des Zimmers hervorwuchs. Wenn Rosalie die Lampe anzünden wollte, so wurde er zornig und litt es nicht, und sie mußte ihn schon noch eine Weile gewähren lassen. Hatte er sich von ihr aber zu Bett schmeicheln lassen, dann wurde er gesprächig und erzählte ihr eine Menge Wunderdinge, über die sie sich wunderte und aus denen sie manchmal nicht gescheit werden konnte. Als er endlich wieder ganz hergestellt war und man ihn, ohne noch einen Rückfall befürchten zu müssen, wieder ins Freie lassen durfte, ereignete sich eines Tages etwas, das wohl mit seinem durch die Krankheit veränderten Wesen in Zusammenhang stand. Eines Vormittags war er, wie jetzt öfters geschah, zu Mutter in die Küche gekommen. Lise hatte ihm bei der Gelegenheit gleich sein Frühstücksbrot gegeben und ihn, um ihn loszuwerden, auf die Idee gebracht, es draußen im Freien zu essen. Es hatte am frühen Morgen geregnet, dann war zwar die Sonne zum Durchbruch gekommen und schön Wetter geworden, aber Lise bedachte, daß draußen auf der Straße noch Pfützen standen, und daß Tom, wenn sein Appetit etwa nicht ganz zureichen sollte, das Brot aufzuessen, auf den Einfall kommen könnte, es fortzuwerfen, was ihr bei ihrem haushälterischen Wesen und von ihren vormaligen knappen Familienverhältnissen her ein bis zu abergläubischer Furcht schrecklicher Gedanke war. Es war gelegentlich wohl auch schon mal geschehen, daß der quecksilbrige kleine Kerl, wie er leicht von einem Einfall auf den anderen kommen konnte, sein Brot fortgeworfen hatte. Jetzt aber, wo er nun schon verständiger war, hoffte sie ihm das ein für allemal abgewöhnen zu können. »Daß du mir aber«, mahnte sie ihn, »draußen auf der Straße dein schönes Butterbrot ja nicht etwa fortwirfst, hörst du? Sonst wird der liebe Gott bös und straft dich. Denn das Brot ist eine liebe Gottesgabe, die man in Ehren halten muß.« »Der liebe Gott straft mich, wenn ich das Brot fortschmeiße, Ma'chen?« fragte Tom. »Ja gewiß, er straft dich. Er sieht alles, was man tut. – Achte nur, was Mutter dir sagt! Draußen am Meer, siehst du, hat früher mal eine große, schöne Stadt gestanden, in der lauter furchtbar reiche, aber sehr gottlose Leute gewohnt haben. Die haben so viel Brot und Kuchen gehabt, daß sie dachten, sie könnten ganz arg schlimme Dinge damit machen. Aber da hat der liebe Gott einen Sturm und eine schreckliche Wasserflut geschickt und die Stadt ist tief ins Meer gesunken und all die gottlosen Leute sind ertrunken. Noch nicht mal 'ne Kirchturmspitze kann man heute von der ganzen großen Stadt mehr sehen. Nur manchmal kann man, wenn man dort am Strand geht, noch heutigen Tages die Glocken aus dem Meer herauf läuten hören. Alles, siehst du, weil die bösen Leute sich an dem lieben Brot versündigt haben.« »O Ma'chen, kann man die Glocken hören?« rief Tom und zupfte Mutter vor Eifer an der Schürze. »Vater soll mit mir ans Meer, ich will die Glocken hören.« Aber Lise fürchtete sich vor seinen endlosen Fragereien, auch verdroß es sie, daß er auf die Glocken anstatt auf die Hauptsache geachtet hatte, und so schob sie ihn von sich ab. »I, die Glocken, du Strick! Geh' nur, du störst Mutter! Mutter hat zu tun. – Und daß du mir das Brot ja nicht fortwirfst, hörst du?« Tom, viel zu sehr mit allem, was er zu erfahren bekommen, beschäftigt, nahm es Mutter weiter nicht übel, daß sie ihn so kurzerhand fortschob – wie er überhaupt ihr gegenüber nicht empfindlich war –, und verließ langsam, seinen Gedanken nachhängend und dabei in die schöne Stulle hineinbeißend, die Küche, stieg die Treppe hinab und trat ins Freie. Als er aber auf dem Bürgersteig stand und vor sich auf dem Fahrweg die großen Pfützen sah, in denen die Sonne blitzte, vergaß er zu essen und starrte sie mit großen aufmerksamen Augen an. Eine ganz besonders große hatte sich an die Bordsteine des Bürgersteiges herangestaut. Sie war ganz gelb, wie Milchkaffee und an einer Stelle wirbelte sie unter einem garstigen weißen Schaum. Furchtbar dreckig war sie und Strohhalme, Reiser, welke Blätter und aufgeweichter Pferdemist lag darin. Es mußte wohl sehr schlimm sein, dachte er, wenn man das schöne Butterbrot da in das Stroh und den ekligen Pferdemist hineinschmiß. Aber er starrte trotzdem auf die Pfütze nieder, ließ sie nicht aus den Augen. Mit einemmal aber überlief ihn ein schneller, kleiner Zuck, er verzog den Mund, kniff die Augen zusammen und warf die Stulle mitten in die Pfütze hinein. Als er die Augen aber wieder aufmachte, lag sie drüben am anderen Rand gegen den Fahrdamm hin, gerade mit der Butterseite nach unten in dem ekligen, dreckigen, gelben Wasser. Den Kopf zwischen die Schultern gezogen, stand er, lugte scheu umher und wartete, was der liebe Gott nun tun würde. Doch es geschah nichts. – Langsam ratterte und polterte ein großer, schwerer Lastwagen vorüber. Der Kutscher rief »Hü! Hü!«, aber er meinte ja die Pferde und sah gar nicht zu ihm her. Nach einer Weile kam dann noch ein Spitz. Als er bei der Pfütze angekommen war, blieb er stehen und schnupperte eine Weile an der Stulle herum, nieste dann aber kräftig und lief weiter. Sonst passierte gar nichts weiter. Die Sonne war so schön hell und blitzte und funkelte auf den Pfützen und dem noch nicht ganz wieder getrockneten Pflaster, und der Himmel war so schön blau und mit so lustigen, großen, weißen Wolken drin, und drüben arbeiteten die Leute auf den Strecken, und ein Kettendampfer schnarrte, und auf der einen Strecke klirrten sie mit Eisenstangen, daß es wie eine ordentliche Musik war. Gar nichts war geschehen, der liebe Gott hatte sich gar nicht darum gekümmert, daß er die Stulle weggeschmissen hatte. Trotzdem kam es aber niemals wieder vor, daß Tom sein Brot wegwarf, und für sein Leben behielt er eine unüberwindliche Scheu davor, mit Brot unvorsichtig umzugehen, konnte auch nie ohne eine wunderliche kleine Bangigkeit weggeworfenes Brot sehen. Sonderbar war es auch, daß er zu niemand über die Sache und die Gedanken, die er sich im stillen über sie gemacht, sprach. 9. In der ersten Zeit seiner Wiedergenesung kam er öfter zu Mutter in die Küche. Meist aus dem Bedürfnis, in ihrer Nähe und zärtlich zu ihr zu sein. Es mochte wohl sein, daß ihn Großmama damit etwas verwöhnt hatte, daß sie beständig so liebreich zu ihm war. Aber die Küche bedeutete auch in anderer Hinsicht ein Revier, das ihn anzog. Sie war Lises Stolz und zugleich fast der einzige Raum im Hause, wo sie sich ganz wie in ihren eigenen vier Pfählen fühlte, Sammlung und Behagen fand. Sie war ein großer, heller, nach dem Hausgarten hinaus gelegener, zweifensteriger Raum, mit sauber gefältelten, licht buntgeblümten Gardinen an den Fenstern. Der Fußboden war mit Fliesen ausgelegt. Decke und Wände hell getüncht. Über Manneshöhe waren die Wände mit glasierten Kacheln bedeckt, die blaue Zeichnungen nach Delfter Art zeigten. Die eine Zeichnung stellte eine holländische Mühle dar, auf die ein Bauer ein Eselchen zutrieb, das einen Mehlsack trug; die andere war ein Schiff mit einem geblähten Segel, das auf einem Kanal dahinfuhr; auf der dritten tanzte ein holländischer Schiffer mit einer Frau, er einen Südwester auf und weite Pluderhosen und Wasserstiefeln an, sie in einem kurzen, drallen, runden Rock und eine holländische Haube auf. Schon diese Bilder hatten es Tom angetan. Aber gern mochte er's auch, wenn die ganze lichte Herrlichkeit, all die bunten Töpfe, Kasserollen, Kupfer- und Messingkessel, das Porzellan und die anderen Geräte, dazu die metallenen Stangen, Beschläge und Griffe an dem stattlichen Herdgebäude abends im Schein des elektrischen Lichtes sich darboten. An dem einen Fenster aber, gemütlich gegen die Ecke hin, hatte Mutter ihr Ruheplätzchen. Da stand ein weiß und lichtblau gestrichener, bequemer Korbstuhl mit einem gestickten Sitzkissen und einem mit einer bunten Wollschnur über die Rückenlehne gehängten, halbmondförmigen Kissen, in das gleichfalls mit bunter Wolle Blumen eingestickt waren. Vor dem Stuhle stand ein sauberes, weiß und blaues Fußbänkchen auf einer kleinen, geflochtenen Bastmatte. Auf dem Fensterbrett aber, in der geräumigen Nische, befand sich ein Korb mit Strickzeug und Nähgerät, lag wohl auch ein Buch oder die Nummer eines illustrierten Familienblattes. Und an der einen Wand der Nische, so daß Mutters Blick, wenn sie im Lehnstuhl saß, gerade darauf fiel, hing in einem etwas schadhaften, verblichenen, schmalen Goldrahmen ein Bild, das mit großen, bunten Buchstaben und vergoldeten Initialen einen frommen Spruch zeigte, der mitten in einem nach Neuruppiner Art schön grell und munter kolorierten Blumenkranz stand. Oben drüber aber waren ein rotes Herz, ein Kreuz und ein Anker gemalt. Mutter hatte dies Bild sehr lieb. Es war noch ein Andenken aus ihrer hannoverschen Zeit, wo sie es in ihrer Mädchenkammer über ihrem Bett hängen gehabt hatte. Einen Blumenstrauß sah man in der Fensternische nie. Höchstens, daß mal in einem gläsernen Bierpokal ein großer Strauß Petersilie stand, die bis zum Gebrauch frisch gehalten werden sollte. Lise war Blumen zwar nicht abgeneigt, doch machte sie nicht gerade eine Liebhaberei daraus; wie sie übrigens auch für Hunde, Katzen und Vögel kein Verständnis besaß und Katzen geradezu haßte. In dem geräumigen Arbeitskorb aber befand sich neben allerlei Nähgerät zu gelegentlichem schnellen Handgebrauch stets ein ausgiebiger Vorrat von aufgewickelter Wolle und ein im Werden begriffener Strickstrumpf, an dem sie, niemals müßig, in den Pausen zwischen ihrer sonstigen Arbeit, etwa wenn sie auf ein kochendes Gericht aufzupassen hatte, oder wenn sie sich mal ein Feierstündchen gönnte, strickte. Sie fertigte diese Strümpfe mit einer von ihm anerkannten und geschätzten Kunstfertigkeit für ihren Mann an. Und wenn sie sonst nicht viel Worte und Geschichten miteinander machten, so bedeuteten diese Strümpfe vielleicht ein so solides wie zugleich praktisches Zeichen ihrer Neigung zu Karl. Die beiden Gatten verstanden sich andauernd prächtig miteinander. Obgleich Karl Körber sich um sie kaum viel bekümmerte, wie er übrigens auch nicht viel Zeit für die Kinder übrig hatte. Es konnte wohl sogar auch mal vorkommen, daß er Lise, wenn er den Kopf voll hatte mit seinen Geschäften oder auch sonst mal nicht recht bei Stimmung war, heftiger, freilich nie in eigentlich verletzender Weise, anließ; doch schwieg sie dann und machte nichts weiter draus, geschweige daß sie's ihm nachgetragen hätte. Trotzdem hatte sie ihn unterm Pantoffel und wußte von ihm – allerdings im Grunde stets rechtens – alles zu erreichen, was sie wollte, selbst wenn er der Sache gelegentlich mal den Widerstand seines Körberschen Dickkopfes entgegensetzen wollte. Im Notfalle trumpfte sie wohl auch, und nie ohne Erfolg, gegen ihn auf. Jedenfalls lebten sie im besten Einvernehmen miteinander und wußten, daß sie sich unentbehrlich waren. Es bedeutete auch ein Zeichen dieses Einverständnisses, daß sie gelegentlich wie nur in der ersten Zeit ihrer Ehe mit gutem, wenn manchmal auch etwas derbem Humor ihre Späßchen miteinander machten. Über häusliches Behagen und Pflege hatte sich Karl sicherlich nicht zu beklagen, so selbstverständlich und ohne weiteres Aufhebens sie auch geleistet und entgegengenommen wurden. Daß man sie vielleicht nicht überall gesellschaftlich recht für voll nahm, machte ihm so wenig etwas wie ihr selbst. Sie wußte im übrigen, wie gern man bei ihr zu Mittag oder zu Abend speiste, und daß sie, was für eine niederdeutsche Handelsstadt etwas besagen wollte, im Ruf stand, die beste Köchin der Welt zu sein. Selbst Kommerzienrats vorn pflegten, wenn sie Gesellschaften gaben, ihre Kochkunst gelegentlich in Anspruch zu nehmen. Ein paar gleich ihr wirtschaftlichere jüngere Frauen der Bekanntschaft hatten einen näheren Anschluß an sie gewonnen, wenn Lise ihrer ganzen Charakteranlage nach es freilich auch nicht zu einer allzu »dicken« Freundschaft kommen ließ. Wenn sie gelegentlich mal etwas las, so liebte sie, schlecht und recht nach dem Volksgeschmack, möglichst abenteuerliche und sentimentale Sachen, die schließlich einen glücklichen Ausgang nahmen, ließ sich aber auch gern durch humoristische Lektüre aufheitern. Aus Theater- und Konzertbesuchen machte sie sich nichts, worin sie mit Karl übrigens nur harmonierte. Höchstens, daß sie mit einer ihrer Bekannten, oder wohl auch mal mit Karl, sich eine Operette anhörte oder ein Lustspiel, wohl auch mal »Freischütz«, »Undine«, »Waffenschmied« oder etwas dergleichen. Tom interessierte sich für alles in der Küche. Für Mutters Fensterplatz, die Kachelbilder, Mutters Arbeitskorb, das Geschirr, die Gefäße, die Küchenarbeiten, das Herrichten der Gemüse, des Fleisches, des Geflügels, Wildbrets, die guten Gerüche, die vom Herd aufstiegen, die Geräusche der kochenden, schmorenden, bratenden Speisen; ja, er guckte manchmal sogar in die Töpfe, selbst auf die Gefahr hin, daß ihm, wenn er den Deckel hob, der heiße Brodem ins Gesicht fuhr oder er sich mal ein bißchen die Finger verbrannte. Auch liebte er es, wenn ihm Mutter, war sie mal bei besonders guter Laune, oder das Mädchen, einen guten Happen gleich vom Herd weg gaben. Mutter spottete freilich und nannte ihn »Pottkieker«, doch duldete sie ihn vorderhand in dieser Zeit kurz nach der Genesung noch. Ganz besonders liebte er's, wenn Mutter, war sie mal bei recht sehr guter Stimmung, etwas sang, oder wenn sie ihn dabei gar bei den Händen faßte und mit ihm umhertanzte. Sie sang mit gutem musikalischen Gehör, einer angenehmen, etwas dünnen, mehr für das Zierliche und Muntere angelegten Stimme; und es waren dann, wie sie ihr gerade einfielen, ihre Lieblingslieder. Etwa »Hopp, Karlinchen, tanze – Was kosten deine Schuh? – Laß du mich immer tanzen – Du gibst mir nichts dazu.« Tom schrie, während Mutter mit ihm umhertanzte und ihm dabei ab und zu einen tüchtigen Schwenker gab, vor Vergnügen. Oder: »Traf mein Herz einmal die Wahl – Wollt' ich auf Beute gehen – Mochten Mädchen ohne Zahl – Vergeblich widerstehen.« Tom verstand zwar nicht, was das bedeutete, aber Mutter tanzte mit ihm und er schrie vor Lachen. Oder – wobei Mutter sich aufpustete, drollig die Augen aufriß und in einem ganz tiefen Baß zu singen versuchte –: »Heut' ist der Tag, da du bei uns erschienen – Dideldum, dideldum, dideldum – Es ist schon lange her – Das freut uns um so mehr.« Mutter litt ihn vorderhand aber auch aus dem Grunde noch in der Küche und in ihrer Nähe, weil er neuerlich auf allerlei bedenkliche Streiche verfiel, die vielleicht auch damit in Zusammenhang standen, daß seine Kräfte nach der Krankheit, auch wohl infolge der ausnehmend guten Pflege, die er erfuhr, besonders zugenommen hatten; wie er auch merklich gewachsen war. Er zeigte jetzt zuweilen ein geradezu übermütig verwegenes Wesen. So hatte er sich etwa angewöhnt, sich oben auf dem Treppenflur mit dem Bauch aufs Geländer zu legen und bis zum Hausflur hinuntergleiten zu lassen. Er hatte das gelegentlich von Detlev gesehen, und es hatte ihm gefallen. Niemand hatte bisher etwas davon gewußt. Kürzlich war die Sache aber so übel abgelaufen, daß er vielleicht abermals nur wie durch ein Wunder vom Tode gerettet worden war. Er hatte diesmal am untersten Ende des Geländers das Gleichgewicht verloren und war gerade im Begriff gewesen, mit der ganzen Kraft des Schwunges, in dem er war, steil mit dem Kopf nach unten auf die Fliesen des Hausflures aufzuschlagen, als er sich im äußersten Moment von zwei kräftigen Armen aufgefangen, herumgedreht und auf die Beine gestellt gefühlt hatte. Er hatte an einem vierschrötigen, blondbärtigen Mann mit einem breiten, roten Gesicht, einer zerknüllten Mütze und einem weißen, roll Backsteinstaub geröteten Maureranzug hinaufgesehen. Der Mann, einer von Vaters Maurerpolieren, der zufällig das Haus betreten hatte, um in Vaters Auftrag eine Bestellung auszurichten, hatte ihm, seine kleinen blauen Augen weit und ernst unter den hochgezogenen, buschigen, blonden Brauen aufgerissen, mit seinem dicken, hornigen Finger gedroht und gesagt: »Jongejongejongejonge! Gottsdunnerslag, dau Slüngel! Nu' segg' aewer: Dank ook! Wat da woll ut wor'n wär'?« Tom, der noch gar nicht gewußt hatte, was da plötzlich alles mit ihm geschehen, und wo der blonde Mann mit dem weißrötlichen Anzug mit einemmal hergekommen war, hatte ihn bleich und erschreckt angestarrt. Er hatte nachher zwar geweint, die Sache war ihm aber doch lange im Kopf herumgegangen, und er hatte gedacht, daß, wenn der Mann nicht gekommen wäre, er sich wohl auf den Steinen den Kopf entzweigeschlagen hätte und tot gewesen wäre. Eines Tages aber war er wieder mal in der Küche, als Mutter mit der Naumannschen eines ihrer Gespräche hatte. Die Naumannsche wusch gerade das Geschirr auf und Mutter saß in ihrem Stuhl beim Fenster. Tom hatte es sich hinten in der Ecke hinter Mutters Stuhl bequem gemacht. Sie hatten ihn, in ihre Unterhaltung vertieft, vergessen gehabt. Er aber hörte mäuschenstill alles genau mit an. »Sei schall ook we'r veel bi de Fru Rätin ut un' in gahn«, hatte die Naumannsche, nachdem sie Mutter alle möglichen Stadtneuigkeiten berichtet und dann erst ein kleines Schweigen gewesen war, angefangen. »Wer?« frug Mutter, die gerade beim Strumpfzwickel angelangt war und die Maschen zählen mußte. »De Bruhnsche.« »Oh, de Bruhnsche?« hatte Mutter sich sofort interessiert. »O wat! De Bruhnsche? Wat will sei?« Die Naumannsche ließ ein bedeutungsvolles Lachen vernehmen. »Oh, dat hebbt woll sin' Ursak! Dat glöv' eck sülven! Dat is' wis!« »Nanu? Wat observiert sei all we'r?« »Oh, dat oll Slikdeert! Dat oll Ohrwurm!« fuhr die Naumannsche fort und lachte. »Da is nu' ... Wat ehr Zweeter is, wat nahstens up Ostern Kinfermat'schon hebbt ... Ick meen' man ... Un' dann is da ook ehr Irster, de Schriewer, de is woll ook all we'r mal to Hus.« »Oh, so 'rum!« lachte Lise spöttisch. Dann aber setzte sie, mehr zu sich selbst, unterstrichen hinzu: »Was die wohl dem Jungen durchs Schlüsselloch angepustet hätte!« »Wie? – Hähähä!« Die Naumannsche sah zu Mutter von ihrer großen Emaillewaschwanne auf hinüber, als ob sie nicht verstanden hätte und zu erraten suchte, was sie gesagt hätte. »De gnä' Fru hebbt ja woll ehr Gefallen an ehr'n Jüngschten«, fuhr sie dann fort. »De Bruhnsche is all schon paarmol mit'm bi ehr west, un' de gnä' Fru will ja woll wat för sine Erziehung daun, als eck hürt hebb. Hei is ja woll ein Johr öller as Tomchen.« »Oh, kommt er hier vorn ins Haus? Öfter?« fuhr Mutter gegen die Naumannsche herum. »Oh, eck weit doch nich'?« antwortete die Naumannsche, ein kleines, neugieriges Funkeln im Auge. »Aewer dat kann woll sein. – De Bruhnsche is ja woll mal eene smucke Deern west und sei harr' damals ja ook lang' bi de gnä' Fru utholln.« »Ach so, er kommt also ins Haus«, wiederholte Lise. Aber in diesem Augenblicke wurde von der Ecke her ein bitterliches Weinen laut. Erschrocken und recht unangenehm überrascht fuhren Lise und die Naumannsche auf; sie hatten über ihrer Unterhaltung Toms Anwesenheit ganz vergessen gehabt. Schon lange war Tom hinten in seiner Ecke aus Gründen von dem Bedürfnis geplagt gewesen, seine Anwesenheit in Erinnerung zu bringen, hatte sich das aber nicht getraut. Doch hielt er's jetzt nicht mehr aus und fing in seiner Ratlosigkeit mit einemmal an zu heulen. »Oh, Tomchen!« lachte die Naumannsche und sah Mutter an. Mutter aber fuhr sehr ungehalten um die Stuhllehne gegen ihn herum und sah zu ihm hinunter, wie er in die Ecke gekauert mit tränenüberströmtem Gesicht zu ihr emporsah. »Nanu, was is denn das? Du bist hier? Was tust, du hier, was?« herrschte Mutter ihn an. Doch mochte sie etwas ahnen, denn sie erhob sich, kam um den Stuhl herum und zog ihn in die Höhe. Die Ahnung bestätigte sich; es war ihm da hinten in aller Stille ein Malheur passiert. »Na, so was! Warum hast du nicht gesagt, daß du 'naus mußt?« Sie verabfolgte ihm einen Katzenkopf, zog ihn derb beim Arm aus der Ecke vor und ging mit ihm geschwind auf die Tür zu. Die Naumannsche aber, die die ganze Zeit über geguckt und ihnen bis zur Tür hin nachgesehen hatte, lachte jetzt und sagte: »Nu' wo Tomchen we'r gesund is, geit hei woll all we'r to Grotmama?« Aus irgendeinem Grunde wurde Mutter aber mit einemmal ganz böse, so daß sie Tom sogar ein paar derbe Klappse gab, wobei sie, während sie ihn zur Tür hinaus in den Flurgang schob, rief: »Gah man! Rosalie wird sich freu'n, du Swin!« Die Tür schlug mit einem kurzen Knall zu, Tom aber schob sich bitterlich heulend zum Kinderzimmer hin. Gegen die Naumannsche aber hatte er von diesem Tage an eine unüberwindliche Abneigung. 10. Von da an blieb er der Küche fern. Dafür kam er aber wieder regelmäßig zu Großmama hinüber. Besonders liebte er's, diese Nachmittage, die man jetzt hatte, bei ihr zuzubringen. Es war Mitte November, und ein Witterungsumschlag hatte Nebel gebracht. Die weiß verhüllte, stille Nebelstimmung draußen mit ihren abgedämpften Lauten und Geräuschen, die das warme Zimmer noch gemütlicher in sich abschloß, die Vorweihnachtsstimmung hatten es von selbst mit sich gebracht, daß Großmama ihm Geschichten und Märchen erzählte, und er war versessen darauf, ihr zuzuhören. Ihr eigenes Behagen an diesen Stunden, ihre zum Romantischen und Phantastischen neigende Gemütsart, ihre Liebe zu dem Kleinen und die unsagbare Freude, sein vor Hingabe erglühtes Gesichtchen mit der Unschuld seiner innigst mitlebenden Augen unverwandt zu sich emporgerichtet zu sehen, wie er mit beiden Ärmchen ihr auf dem Schoß lag, machten sie zu einer unermüdlichen Erzählerin. Nie vergessene Seligkeit solcher Kindheitsstunden! Es war das immergleiche. Die unverwüstlichen, lieben alten Volksmärchen der Grimm, die von »Tausendundeiner Nacht«, »Lederstrumpf«, »Robinson«. Doch waren es auch Erzählungen von Reisen in den fremden, tropischen Ländern, Meerfahrten und Kolonisationen. Und es waren besonders die letzteren, die der Kleine mit Vorliebe hörte. Vornehmlich lebte er sich in eine dieser Erzählungen ein, die ihm dann auch mit all ihren Einzelheiten und ganz mit der unbeschreiblich wundersamen Stimmung, mit der das Kind dergleichen in sich aufnimmt, ein für allemal in unvergeßlicher Erinnerung blieb und sich vielleicht dann tiefer in ihm auswirkte. Es handelte sich um das Schicksal eines kleinen Ansiedlertrupps, die Entstehung einer Siedlung im amerikanischen Urwald. Ein erstes Anheben, ein Voran und neues Werden, durch das sich ein Sicheres, Bestimmtes mühevoll Schritt für Schritt aus dem Ungewissen, dem Dunkel von hundert Gefahren und Beschwernissen, aber unbeirrt, hervorringt. Das alte Vaterland hat die kleine Schar nicht mehr geduldet, sie selbst hat es im alten Bereich nicht mehr geduldet, auf eigene Faust suchen sie sich ihre eigene Welt im Rauhen und Unwirtlichen und eine Heimat. Nichts in aller Welt hat sie mehr außer sich selbst, ihrem Trieb und Wagemut. Deutsche Bauern fahren hin im Zwischendeck eines großen Segelschiffes – denn Dampfer gab es damals noch nicht – über den großen wilden Ozean mit seinen Orkanen und grauslichen Wogen, über den schrecklichen Abgrund hin mit seinen Geheimnissen, Wundern, Schrecken, die keines lebenden Menschen Auge je erblicken darf. »Siehst du, in so einem Zwischendeck ist es nicht gerade angenehm, Tom! Nein, gar nicht. – Wenn du erst größer bist, wirst du auch solch groß' Schiff und solch Zwischendeck zu sehen bekommen, und wirst dann verstehen, was die armen Auswanderer da alles auszustehen hatten auf der langen Fahrt über das wilde Weltmeer, wo überall nur Himmel und Wasser ist und die schrecklichen großen Wellen krachen. Denn damals dauerte das ja viel länger nach Amerika hinüber als heute mit den großen Dampfschiffen.« Aber endlich kamen sie ja an, hatten Sturm und Wogen und Zwischendeck überstanden. Denn sie müssen ja doch hinkommen; wie denn sonst sollten sie den Urwald lichten und eine Ansiedlung gründen können? Mit allen möglichen Dingen und Geräten, die sie brauchen, haben sie sich aber auch Blumensamen aus der alten Heimat mitgebracht. Sie haben dort zwar nachher vielleicht noch viel schönere Blumen, aber sie wollen sich doch zur Erinnerung auch ein Gärtchen mit den lieben, alten deutschen Blumen anlegen. Die Hauptsache ist freilich aber, daß sie sich erst mal noch andere notwendige Dinge einkaufen. Zuerst große Wagen mit Segeltuchplanen drüber und Pferde oder Maultiere dazu. Dann Äxte, Beile, Sägen und was alles. Auch Bowiemesser und Gewehre und viel Pulver und Blei. Sie werden sie zwar hauptsächlich für die Jagd auf die wilden Tiere gebrauchen und damit sie Wildbret bekommen: manchmal werden sie sich nun doch aber auch gegen böse Menschen und die wilden Indianer wehren müssen. Aber da war Großmama plötzlich von Tom unterbrochen worden. Er hatte den Arm zu ihr hinaufgehalten und hatte gerufen: »Großmama, sieh mal: meine Handgelenke werden jetzt anders.« Überrascht hatte sie ihre Erzählung unterbrochen und ihre Aufmerksamkeit seinem bloßen Handgelenk zugewandt. Es war wieder eine von seinen, oft bis zum direkten Erschrecken klugen und unmittelbaren Äußerungen gewesen. Unwillkürlich wandte sie ihre Aufmerksamkeit von seinem Handgelenk auf sein Jäckchen ab. Es war, wie immer, von oben bis unten zugeknöpft. Auch das war eine seltsame Eigenheit von ihm, auf die er ganz von selbst gekommen war. Man hatte es zwar bemerkt und ihn angehalten, das Jäckchen aufgeknöpft zu tragen, doch ohne Erfolg. Ganz unwillkürlich knöpfte er es wieder zu, war davon, obgleich er ja nicht zu Ungehorsam neigte, nicht abzubringen gewesen. Er achtete also auch auf seinen Körper und sein Wachstum; es war ihm aufgefallen, daß mit seinen anfänglich runden, dicken Handgelenken eine Veränderung vor sich gegangen war. »Ja, mein Tomchen«, sagte Großmama, »deine Handgelenke werden ja jetzt magrer, weil du doch kein so dickes, kleines Baby mehr bist, sondern ein großer Junge wirst mit richtigen festen Knochen und kräftigen Muskeln. Du wächst ja jetzt, wirst immer größer, bis du einen Schnurrbart kriegst und Soldat wirst.« Tom nickte. Doch drängte er jetzt eifrig nach der Fortsetzung der Erzählung, und die alte Dame dachte, es sei gar nicht unwahrscheinlich, daß er seine Äußerung aus deren Zusammenhang heraus getan. Wenn die Ansiedler nun aber alle Einkäufe besorgt haben, dann machen sie sich von den großen Städten aus, in deren Häfen sie gelandet sind, auf zur Fahrt nach dem Südwesten mit seinen wilden Gebirgen, Prärien und Urwäldern. Ja, durch rauhe, himmelhohe Gebirge müssen sie, durch große, reißende Ströme und Flüsse, über die endlosen Prärien und durch öde, steinige Wüsten, wo den ganzen Tag die Sonne auf sie niederbrennt, und durch hundert Gefahren. Immer, immer fahren sie mit ihren Wagen so vorwärts, immer weiter und weiter vorwärts. Aber – Großmama lächelte – getrost: sie haben guten Mut und rauchen dabei ihr Pfeifchen. Denn es versteht sich, daß sie sich auch Tabak gekauft haben, weil sie doch unterwegs einen kleinen Zeitvertreib haben wollen. Endlich aber kommen sie an. Eines Tages, so stellte Tom sich's vor, und so behielt er's sein Leben lang in der Erinnerung, kommen sie zwischen zwei langen, sehr hohen, dunkelgrünen Heckenwänden hindurch, die nahe beieinander sind, und es ist Abend und wird schon dunkel. Dann aber kommen sie um die Ecke der einen Heckenwand herum auf eine große Waldlichtung, und ringsum starrt in der Einöde schwarz und schaurig der himmelhohe, fremde Urwald, und die wilden Tiere knurren drin, fauchen, ächzen, brüllen und heulen, und hoch darüber ist der Himmel mit seinen vielen Sternen, so daß in der Dunkelheit doch auch ein bißchen Licht ist. Die einen spannen nun die Pferde aus und rücken die Wagen in einen Kreis zusammen, der die Wagenburg ist, hinter der sie sich gegen die wilden Tiere, Indianer und Räuber verteidigen können, andere aber schlagen in der Wagenburg die Zelte auf, in denen sie die Nacht durch schlafen. So haben sie doch schon einen ersten Schutz und ein Zuhause. Dann brennen sie große Feuer an, an denen sie sich ein Abendessen bereiten können, und vor dem sich auch die wilden Tiere fürchten. Wenn sie aber gegessen haben, legen sie sich in den Zelten schlafen. Zum erstenmal gehen sie in der neuen Heimat, die sie nun haben, schlafen. Welche aber stehen mit ihren geladenen Flinten vor der Wagenburg bei den Feuern, die der wilden Tiere wegen immer brennen bleiben müssen, Wache. Und dann kommt der erste Morgen in der neuen Heimat. Die Wipfel der mächtigen alten Bäume sind hoch oben rot von der Morgensonne. Ihre Stämme aber stehen unten noch in grauem Dämmerlicht, und die Waldtiefe dazwischen ist noch schwarz. Aber das Licht oben sieht so schön und feierlich aus und wird immer heller, und leise braust der Morgenwind in den lichten Baumkronen. Drin im Wald aber, wo das schreckliche Geknurr, Gefauche, Geheul und Gebrüll der wilden Tiere jetzt verstummt ist, singen all die neuen, fremden Vögel ihr Morgenlied. Einer von ihnen aber singt am allerschönsten, so hell, klar, tief wie eine schöne Glocke. Das ist die Nachtigall der neuen Heimat. Sie singt noch viel schöner als die Nachtigall der alten, deutschen. Die Sonne aber steigt immer höher am Himmel herauf, und immer lichter und herrlicher wird der Wald. Lange Schlinggewächse winden sich an den mächtigen Baumstämmen hinauf, bis hoch in die breiten Kronen hinein, und man kann die schönen, großen Blumenkelche mit ihren leuchtend bunten Farben sehen, die daran hängen. Und in den Büschen und im hohen Grase leuchtet es von herrlichen, fremden, bunten Blumen. Auch sieht man schöne, bunte Vögel hin und her fliegen, und allerlei seltsames Getier läuft, hüpft und kriecht zwischen Büschen und Gräsern und springt in den Bäumen umher. Was es alles für neue, sonderbare Bäume gibt! Da sind die riesigen Sandelholzbäume, die so hoch sind wie der Turm eines Domes, und durch die man unten eine Fahrstraße hauen kann. Draußen aber auf der Prärie ragen die mächtigen, unbeschreiblich herrlichen Patriarchenbäume, die mit ihrem bis auf den Erdboden herabreichenden Laubdach sich ausnehmen wie Berge aus gleißendem Silber. Und dann gibt es die großen Baobabs, auf denen Brote wachsen, so daß sie auch Brotbäume genannt werden. Die Ansiedler aber, die frisch und guten Mutes aufgewacht sind, haben nicht viel Zeit, das alles zu bewundern. Denn die Hauptsache ist, daß sie an die Arbeit gehen. Erst machen sie sich aber, um sich zu stärken, ihr Frühstück zurecht. Dann aber müssen sie gleich mit den Arten in den Wald hinein und Holz fällen. Denn sie müssen sich ja so schnell wie möglich Blockhäuser bauen und auch einen festen Wall von Palisaden ringsherum, damit sie ihre Sachen unterbringen können und erst mal eine sichere Wohnung haben, in der sie vor den wilden Tieren und Menschen und auch vor den schrecklichen Unwettern Schutz finden, die's hier gibt. Dann aber sind endlich die ersten Blockhäuser und der Wall fertig. Auch ein Herd ist darin und Feuer drauf; und nun sind sie erst recht zu Hause, und irgendein Seelchen kann sich am warmen Herde sicher und zu Hause fühlen. Noch aber sind an den Türen nicht die Riegel und Schlösser angebracht; wenn Gefahr käme, könnten sie doch noch nicht richtig abschließen. Doch endlich sind auch die da. Und jetzt können die Indianer kommen. Und die kommen denn auch. Aber hinter ihrem Wall brauchen sich die Ansiedler nicht zu fürchten und schießen tapfer auf sie los, und jeder trifft, versteht sich, seinen Mann. Dann gehen und kommen die Tage in harter Arbeit, und es ist ein rauhes, saueres, aber freies, frisches Leben, das ihnen zusagt und das sie bedürfen. Trotz Unwettern, Stürmen, Überschwemmungen entstehen Äcker, Wiesen, Gärten, und der schreckliche Wald lichtet sich immer mehr. Auch gewinnen sie Anschluß an andere Siedler. Und schließlich wird die Ansiedlung immer größer und größer, und sie bauen sich dann auch richtige Steinhäuser und eine Kirche. Auch ihre Freuden und Zerstreuungen machen sie sich. Wie ist es schön, wenn sie zum Feierabend oder Sonntags oder zu den Festen die Ziehharmonika oder auf der Maultrommel spielen und dazu singen und tanzen! Doch sie sprach zu Tom, oder in seiner Gegenwart, auch von anderen Dingen. Sie konnte, wenn sie den Kleinen still ansah und beobachtete, manchmal die fast mystische Empfindung haben, daß er tatsächlich die neue Verkörperung ihrer so vom Unglück verfolgten Familie war. Und es war ihr, nicht bloß so in einem bildlichen Sinne, als ob ihr aus seinen gescheiten, grauen Augen unter dem dunklen Kraushaar vor ein tieferer, geheimnisvoller Lebenswille all derer, die je die Ihren und ihr lieb und teuer gewesen, entgegenblickte, als frage er sie nach ihrem innersten Leid und wolle es zu seiner Erlösung bringen und einer neuen, besonderen, schöneren Lebenserfüllung entgegen fördern. Während der Kleine sich in ihrer Nähe mit einem Spiel beschäftigte oder zeichnete, oder tuschte – auch darauf verstand er sich schon –, oder in einem Buche buchstabierte, das er sich aus dem Bücherschrank hervorgezogen hatte, konnte es geschehen, daß sie, von diesem Anblick überwältigt, still vor sich hin weinte. Sobald der kleine Tom das aber merkte – und er nahm alles wahr –, kam er eilig zu ihr hin, schmiegte sich an sie und fragte dringlich, ob er artig sei? Dann zog sie ihn wohl auf den Schoß, liebkoste und küßte ihn, und das Kind freute sich, erwiderte diese Liebkosungen, sah Großmama aber mit großen, betroffen forschenden Augen an. Bis sie dann mit einemmal heiter und ganz munter wurde, mit ihm scherzte und lachte, spielte, oder plötzlich kichernd und sich behaglich die Hände reibend, aufsprang, durchs Zimmer huschte und ihm und sich etwas Gutes zu essen oder zu trinken holte. Ernster und mit mehr Haltung, ja mit Stolz und einer gewissen Herbheit aber sprach sie zu anderer Zeit zu ihm von hohen Lebenszielen, Mannheit und Opfermut, ganzer Einsetzung des Lebens und Ehrgefühl, von Gott und Göttlichem und hohem, edlem Sinn. Oder sie half ihm bei seinen kleinen Arbeiten, erteilte ihm Unterweisungen, half ihm seine durch erste Lektüre angeregte Gedankenwelt ordnen. Auch hielt sie ernstlich darauf, daß er auf sein Benehmen achtete, und brachte ihm die Erziehung der Lebenskreise bei, denen sie entstammte. Zu dieser Erziehung gehörte es auch, daß sie anfing, mit dem Kleinen Französisch zu sprechen. Sie hatte dabei den Ehrgeiz, daß er's so geläufig wie die Muttersprache sprechen lernen sollte. Sie hatte gewisse Tage und Stunden bestimmt, wo sie ihm diesen Unterricht erteilte und nach Möglichkeit und seinem derzeitigen Vermögen angemessen, nur Französisch mit ihm sprach. Auch hier durfte sie bei ihm, den Umständen nach, leichte Auffassung und gute Fortschritte feststellen. Doch sollten diese Übungen zu einem ersten heftigen Auftritt zwischen dem Kleinen und Lise führen. Tom hatte gelegentlich in der Kinderstube Detlev und Karl gegenüber, die nun schon beide die Schule besuchten, mit seinen neuen Kenntnissen ausgekramt. Sie waren zuerst sehr erstaunt gewesen, hatten ihn dann aber ausgelacht. Nun mochte er wohl gemeint haben, daß, wenn Großmama, auch Mutter mit ihm Französisch sprechen könnte; und so hatte er, als er eines Nachmittags bei ihr im Wohnzimmer war, auch ihr gegenüber mit seinen Kenntnissen ausgelegt. »O sieh, was Kuckuck!« hatte Mutter da aber aufgelacht. »Bist du mit einemmal ein Franzos geworden? Nun wird das freilich die höchste Zeit! Bist ja all über fünf Jahre! Snakst mit Großmutter wohl rein bloß noch Französisch, wie?« Diesmal hatte ihr Verhalten aber eine andere Folge als im Fall von Detlev und Karl; denn Tom hatte aus Mutters Worten gar wohl herausgehört, daß sie auf Großmama bös war. Er hatte mit einemmal aufgeschrien, dann sich aber auf den Fußboden geworfen, geschrien und mit Händen und Füßen um sich geschlagen. Mutter war zuerst ganz entsetzt aufgesprungen, weil sie gemeint hatte, er hätte einen Krampfanfall bekommen; dann aber hatte sie gemerkt, daß es sich um eine bis dahin noch nicht zum Vorschein gekommene Anlage zum Jähzorn handelte, und unter einem gereizten Lachen hatte sie gerufen: »O sieh! Was ist denn das. Söhnchen? – I, du böser Schlingel, du kommst Mutter so? Du – Franzos, du?« Und sie hatte ihn zu fassen gekriegt und ihm eine empfindliche Tracht Prügel verabfolgt. »Nun, wirst du dir das merken, Jungchen? – Noch einmal untersteh' dich so was, dann kannst du was von Vater erfahren! Verstehst du?« Darauf hatte sie das Zimmer verlassen und heftig die Tür hinter sich zugeschlagen. Tom war sofort still geworden. Langsam hatte er sich in sitzende Haltung gebracht und erschrocken nach der Tür hingestarrt, die eben mit einem so entsetzlichen Krach hinter Mutter ins Schloß geschlagen war. Die recht empfindlichen Schläge, die sie ihm versetzt, hatte er kaum gefühlt; sie hatten ihn nur mit einemmal zur Besinnung gebracht, daß er sehr böse gewesen war, und daß er so etwas noch nie getan hatte. Und nun überfiel ihn ein jäher Schreck und eine schreckliche Niedergeschlagenheit. Mit zerzaustem Haar und tränenverquollenem Gesicht, geängstigt, starrte er umher. Das Zimmer war plötzlich so totenstill und öde, wie in einem Schreck erstarrt. Starr, tot und kalt standen die Möbel umher, tackte die Uhr und grinste das greuliche Bronzescheusal vom Ofensims auf ihn herab. Die Nachmittagssonne, die zu den drei Fenstern hereindrang, stach ihm grell, bös, höhnisch in die verschwollenen, geröteten Augen. Von neuem warf er sich, das Gesicht in den Händen, hin und brach vor Scham, Reue, Schreck über sich selbst in ein bitterliches Weinen aus. Dies Weinen aber ging in das Gedenken über, wie gut Mutter immer zu ihm gewesen war, und wie sie ihn gepflegt hatte, als er krank gewesen war, und daß er jetzt im Grab läge und tot wäre, wenn Mutter ihn nicht gepflegt hätte, und er wurde plötzlich still. Obgleich Mutter so böse Worte zu ihm gesprochen hatte, wie er sie noch niemals von ihr gehört, begriff er jetzt, wie sehr er sie betrübt, und daß er das doch gar nicht gewollt hatte, sondern er hatte selbst nicht gewußt, wie ihm mit einemmal geworden war; und eine Sehnsucht überkam ihn, schnell raffte er sich vom Boden auf, rannte zur Tür hin, klinkte auf und lief durch den Flur zur Küche, um Mutter zu bitten, wieder gut zu Ihm zu sein, und ihr zu versprechen, daß er nie, nie wieder so böse sein wollte. Doch als er plötzlich aus der Küche, die, wie er jetzt an dem Lichtschein, der auf den Flur herausfiel, erkannte, offenstand, laute, aufgeregte Worte hörte, blieb er stehen, wurde bleich, zitterte und lauschte, während ihm das Herz bis in die Kehle pochte. Mutter sprach zu jemand. Und jetzt hörte er, daß es die Naumannsche war. Und Mutter erzählte der Naumannschen – der Naumannschen! –, was er für ein »böser Bengel« wäre, um den man sich neuerdings wohl ganz und gar Sorge machen müsse; und dann schalt Mutter auf Großmama und lachte, und sagte, was das für ein dummes Zeug wäre, daß sie den »Jungen«, der noch nicht mal in die Schule ginge und sowieso schon verdreht genug wäre, auch noch Französisch »plappern« lehre. Und es war die Naumannsche, der Mutter das alles sagte, die Naumannsche! Er zitterte am ganzen Leib, vor Schreck und Scham wurde er schwindlig und wäre fast umgefallen. Leise, mit wankenden Knien, schlich er sich zu Rosalie ins Kinderzimmer und drückte sich in eine Ecke. Als Rosalie aber an ihn herantrat und ihn fragte, was ihm fehle, und ihn aufheitern wollte, zog er die Stirn kraus und wandte das Gesicht ab. Am nächsten Tage aber bat er Mutter ab. Und Mutter war wieder gut zu ihm und streichelte ihm sogar übers Haar, und als er vor Reue und Glück darüber in ein Weinen ausbrach und sich, zu ihr hinaufsehend, an sie anschmiegte, gab sie ihm sogar einen Kuß. Trotzdem konnte er aber nachher doch nicht wieder ganz vergessen, daß sie das alles der Naumannschen erzählt hatte, und daß sie überhaupt die Naumannsche, die er jetzt schon förmlich haßte, immer so bei sich in der Küche hatte und so viel mit ihr sprach. Ein paar Tage nach dem Vorfall hatte Lise dann noch, als diese in irgendeiner Angelegenheit hinter ins Gartenhaus kam, eine Auseinandersetzung mit der Schwiegermutter. Sie war von Lise einsilbig und zurückhaltend empfangen worden. »Nun, was liegt denn wieder mal vor?« hatte sich die alte Dame ungehalten erkundigt. Darauf hatte Lise, wohl wissend, daß sie die Schwiegermutter damit reize, zuerst geschwiegen, dann aber kurzhin, aber mit einer gewissen Unterstrichenheit geantwortet: »Oh, doch nichts Neues.« »Wie! ›Nichts Neues?‹ – Nun, was soll das heißen?« »Oh, Sie verstehen ja doch wohl.« »Was soll ich verstehen! Ich verstehe nichts!« brauste die alte Dame auf. »Sprich dich, bitte, deutlicher aus! Ich bin kein Freund von solchen – Andeutungen, das solltest du ja wohl wissen.« »Nu' also, und ich für mein Teil bin kein Freund von solchen Auftritten, wie der Junge sie mir neuerdings mit einemmal zu machen anfängt! Das hab' ich ja doch überhaupt noch nie mit ihm erlebt! Man muß sich ja ernstlich Sorge machen!« trumpfte sie trotzig auf. »Wutanfälle, jawohl, ganz bösartige Wutanfälle kriegt er, als ob er ja wirklich mit einem gar keine Umstände mehr zu machen brauchte?« Sie ließ ein kurzes Lachen hören. »Und Sie sind es, die das Kind mir entfremden! Noch nie, niemals ist das ja vorgekommen, nie hat er auch nur eine Spur von Bösartigkeit und Verzogenheit, ja direkter Ungezogenheit, gezeigt. – Ich dächte, gerade ich hätte es nicht an mir fehlen lassen.« Sie erinnerte mit diesen Worten an den Dank, den die Schwiegermutter ihr damals nach Toms Genesung ausgesprochen hatte. »Es ist nicht recht, daß Sie das Kind das vergessen machen, daß Sie ihn gegen mich einnehmen. – O sagen Sie doch nichts! Ob direkt oder indirekt: Sie nehmen ihn gegen mich ein, er verliert den Respekt vor mir.« »Ah, nu' was denn! Soviel ich weiß, hat er dir das ja abgebeten. Ich habe wenigstens keine Ursache, dächt' ich, anzunehmen, daß er schon so heillos verrucht und ›verdorben‹ wäre, daß er mir etwas vorgelogen hätte. – Wie kann man überhaupt von so etwas so ein Wesens machen! Du lieber Gott: ›Das Menschenherz ist böse von Jugend auf.‹ Dergleichen kann bei jedem Kind vorkommen, zumal wenn es ein lebhaftes Temperament hat. – Genug, er ist ja doch nicht verstockt, hat seine Reue gezeigt, dir abgebeten. Und nichts ist sichrer, als daß er's nicht zum anderen Mal tun wird.« Doch die Gleichgültigkeit, welche die Schwiegermutter ihren Worten untergelegt hatte, empörte Lise jetzt aufs äußerste. »Na, aber gewiß!« lachte sie auf. »Als ob ich Sie nicht verstände! – Ich bin ja nachgerade abgetan, ganz und gar überflüssig! Was wären mit mir noch für Umstände zu machen; denn was könnte dieser Junge wohl jetzt noch von mir lernen! Wozu ich gut bin und war, weiß ich ja wohl: seine Amme gewesen zu sein, und für Plackereien, mit denen andere Leute sich nicht gern die Hände schmutzig machen! Die ›eigentliche‹ Erziehung übernehmen jetzt ja Sie ! Das ist ja ein so ganz besonderes Kind; wie natürlich, daß er solche erstaunliche Anlagen mit auf die Welt gebracht hat! Ihre anderen Enkelchen sind ja nicht weiter für Sie vorhanden; wann hätten Sie sich je um sie bekümmert? Aber wenn der Junge binnen hier und einem Jahr die unerträglichste und verwöhnteste Range geworden ist, dann tragen Sie die Verantwortung! Sie!« »Ah, so.« Die Frau Kommerzienrat wandte sich und verließ ohne noch weiter ein Wort zu sagen das Zimmer. 11. Die Frau Kommerzienrat bekam zum Kaffee oder Tee zuweilen den Besuch von einer Jugendfreundin, einem alten adligen Fräulein, das der Kommerzienrat possierlich fand und nach ihrem Vornamen Susanne »dat Sannchen« nannte. Auch die Beziehungen, die die Frau Kommerzienrätin zu ihr hatte, beruhten im Grunde mehr darauf, daß sie sich durch Sannchen zerstreut fühlte, wohl auch auf einem gewissen Mitleid mit der einsamen alten, in ihren Gefühlübergängen empfindlichen und zum Exzentrischen geneigten Dame. Manchmal, wenn eben bloß Sannchen da war, durfte auch Tom zugegen sein, an dem das alte Fräulein seinen Narren gefressen hatte. So recht mochte Tom sie zwar nicht, doch hatte er mit der Zeit ein gewisses Zutrauen zu ihr gefaßt. Es gab immerhin auch dies und das in ihrem Wesen und Äußeren, das er bewunderte oder für das er sich doch interessierte. Es hieß, daß Sannchen in jungen Jahren ungewöhnlich schön, von einer zärtlich anmutigen, munter beweglichen Schönheit gewesen sei; und sie zeigte auch noch immer, obgleich sie in der Mitte der Sechziger stand, Spuren davon. Sie war nicht viel größer als die Frau Kommerzienrat und von noch immer angenehmer und gutproportionierter Gestalt, an der nur auffiel, daß sie einen ehmals schönen Busen noch heute mit Bedacht hochgeschnürt trug. Über diesem Busen aber und, wie's der hochgeschnürte Zustand mit sich brachte, Schultern von etwas zu gerader Haltung und gezwungenen Bewegungen, befand sich ein kleines, angenehm gerundetes, pergamentbleiches, von vielen feinen Fältchen und Runzelchen durchzogenes Gesicht mit einem schelmisch kurzen Näschen und einem hübschen, in seinen reizenden Fältchen noch rotlippigen Mund, der gern seine blitzeweißen, noch tadellos vollständigen Zähne zeigte. Alles an ihr aber waren ihre Augen. Zwei große, tiefschwarze, naiv lebendige Süßkirschenaugen mit zwei schöngezeichneten, schwarzen Brauen drüber. Der ganze Eindruck ihrer Gestalt einte sich in diesen Augen und wurde von ihnen beherrscht. Und sie war sich dessen auch nicht ganz unbewußt. Denn sie trug stets eine Kleidung, die ein lichtes Graugelb zeigte, das sich mit dem klar pergamentfarbenen Ton ihres Gesichtes ausglich, so daß man, wenn man sie sah, sogleich und ganz unwillkürlich diese großen, tiefschwarzen, überdies sehr beweglichen Augen wahrnahm. Aus einer kleinen, mutwillig und zugleich drollig eigensinnig gewölbten Stirn heraus aber, die dadurch etwas sehr Klares bekam, baute sich breit und hoch ein rokokohaftes, graugelbes Haartoupet auf, das sie seit ihrer Jugend durch alle Haarmoden hindurch, die sie bis daher erlebt, beibehalten hatte. Schon dieser Haartracht wegen galt sie in der Stadt, wo jedermann sie kannte und sie jedermanns Aufsehen erregte, für ein Original. Auf diesem Toupet saß dann aber ein riesiger, breitkrempiger Hut, dessen Farbe mit der ihrer übrigen Kleidung übereinstimmte und über den hin nach hinten übergebogen eine prächtige, breite, in gleicher Farbe gehaltene Straußenfeder lag. Dazu trug sie einen schicken, sehr geräumigen Mantel von gleicher Farbe, der aber so elegant wie auffallend über und über mit Perlenstickereien bedeckt war, die kühn geschwungene Arabesken, Blätter, Blumen, Schmetterlinge und Vögel darstellten. Es war besonders dieser Mantel, den Tom an »Tante Sannchen« bewunderte und der ihm jedesmal, solange sie sich in ihm befand, einen großen Respekt vor ihr mitteilte. Gleich als er sie zum erstenmal hatte eintreten sehen, einen schicken graugelben Schirm im zierlichen Händchen, das in graugelbem schwedischem Leder stak, und diesen Mantel an, hatte er sie nicht aus dem Auge gelassen. Auch ihr Gang hatte ihn interessiert und ihre beweglich temperamentvolle, doch zugleich kultivierte Stimme, die einen wunderlichen Unterton von Leid und Resignation hatte. Ein drolliger, sonderbar vogelartiger Gang mit den Hüften und Schultern, der etwas Hüpfendes hatte. Auch der starke Parfümgeruch, den sie verbreitete, hatte Eindruck auf ihn gemacht. Noch nie hatte er jemand in seiner Nähe gehabt, der nach Parfüm gerochen hätte. Nicht unangenehm war's ihm aber, daß es jedesmal, wenn Tante Sannchen da war, zum Kaffee oder Tee ganz besonders erlesen gute Dinge gab. Feines Königsgebäck, › petits fours ‹, leckere Pastetchen und andere Delikatessen, auch von den feinsten Konfitüren, von denen Tante Sannchen mit ganz offensichtlicher Vorliebe genoß. Auch trank sie immer ein Likörchen, ein Gläschen »Cherry Brandy«, oder eins »Danziger Lachs«, für den Tom sich wegen der seinen, blinkenden Goldblättchen interessierte, die in ihm herumschwammen. Auch brachte Großmama jedesmal ein zierliches Döschen mit Zigaretten. Sie selbst rauchte zwar nie. Tantchen Sannchen aber immer ein paar davon. Es interessierte Tom auch, daß Tante Sannchen manchmal lange nur Französisch mit Großmama sprach. Sie sprach dann aber am meisten und lachte auch sehr viel dabei. Manchmal lachte sie so sehr, daß sie einen hellen, zierlichen Husten davon bekam. Großmama lachte auch manchmal, aber nur wenig. Meist lächelte sie bloß zu dem, was Tante Sannchen sagte. Nachher sprachen sie dann aber wieder ganz ordentlich Deutsch, und manchmal unterhielten sie sich auch mit ihm. Einmal, an einem Herbstnachmittag, kam Tante Sannchen auch gerade zu Besuch bei Großmama, als Tom da war. Es war gemütlich eingeheizt, denn draußen raschelte und sauste ein scharfer, kalter Wind im welken Laub der Linden, die auf dem Platz vorm Haus standen. Großmama saß auf ihrem Fensterplatz bei dem großen »Spion«, in den sie manchmal, während Tante Sannchen erzählte, die Arme unter der Brust übereinandergelegt und in ihrem Sessel zurückgelehnt, lange mit einer Art von zerstreuter Aufmerksamkeit hineinsah. Tom seinerseits hockte vorm Bücherschranke, der offen stand, so daß er zwischen den Büchern herumkramen, sich Bilder ansehen und lesen konnte. »Wie gemütlich und behaglich ist es wieder mal bei dir, meine gute Melanie!« rief Tante Sannchen, die sich eben eine Zigarette ansteckte, mit ihrer lebhaften Stimme, die Tom immer nachdenklich machte, weil er manchmal nicht wußte, ob Tante Sannchen weinte, weil sie wegen irgendwas traurig wäre, oder ihr etwas weh täte, oder ob sie lachte. »Ach nein, ich empfinde es ja immer, immer wieder: Zu dir ist meine Zuflucht! O Gott, ich alte Person, wenn ich dich nicht hätte! – Übrigens, denke: draußen im Werder-Restaurant bekommt man jetzt den Zucker zum Kaffee und Tee in so reizenden, schicken, so ganz allerliebsten kleinen Kartons! Immer zwei Stück schönen, klaren Kristallzucker zu jeder Tasse in solch reizenden, kleinen, buntgedruckten Kartonchens! Es ist so schick und appetitlich! – Aber was hast du da wieder alles für gute Dinge! – Oh, Melanie, Spekulatius! Frische Spekulatius! Und Hoppjes?« Und schon knabberte sie mit ihren weißen Zähnen drauf los. Mit einem kleinen Lächeln hörte die Frau Kommerzienrat dem Geplauder zu. Sie erinnerte sich an die guten Stunden, die sie damals, als sie selber noch ein bis zur Ausgelassenheit fröhliches junges Mädchen gewesen war, gerade mit Sannchen gelebt hatte. Zugleich fielen ihr Sannchens Liebeserlebnisse ein. Die flatternde, damals zum unmittelbarsten Entzücken reizende Singvögelchenschönheit der Freundin, die noch heute, in ihrem 65. Lebensjahr, ein dem Leben gegenüber bis zum Rührenden hilfloses und noch dazu einsames großes Kind war, hatte damals immer einen ganzen Hof von Verehrern um sich gehabt, die sie alle am freilich mehr unbewußten Narrenseil ihrer gedankenlos leichtherzigen Munterkeit herumgezogen hatte. Eigentlich nur auf den Willen ihrer Eltern hin hatte sie dann endlich einem ernsthaften Bewerber Gehör gegeben. Doch hatte sich die Verlobung nachher in letzter Stunde aus dem Grunde zerschlagen, weil Sannchen in ihres Herzens Unschuld bei bestimmter Gelegenheit öffentlich mit ihrem Bewerber in einem dermaßen extravaganten Hut zusammengetroffen war, daß der sehr ehrbare und korrekte Beamte sich daraufhin zurückgezogen hatte. Sannchen hatte sich das nicht weiter zu Herzen genommen; obgleich sie während des Verkehres mit dem Verlobten an dem Gedanken Gefallen gefunden hatte, eine verheiratete Frau zu werden. Nicht lange darauf aber hatte sie seltsamerweise so etwas wie eine ernstlichere Neigung zu einem ganz »einfachen« Menschen gefaßt und war mit ihm durchgegangen. Das war eine romantische und etwas dunkle Sache gewesen, die dann aber damit geendet hatte, daß sie eines Tages in recht gedrückter Stimmung wieder zur Familie zurückgekehrt war. Wie aber hätte man diesem schönen, harmlosen, für seine Handlungen kaum so besonders verantwortlichen Kinde nicht verzeihen sollen. Folgen hatte das Abenteuer übrigens weiter keine gehabt. Sie war dann ein für allemal unverheiratet geblieben. Tom war, während Großmama und Tante Sannchen sich miteinander unterhielten, drüben beim Schranke in seine Bücher und Bilder vertieft gewesen, als mit einemmal seine eifrigen Rufe laut wurden, und er, ein mächtiges, dickes, altmodisches, in rotes Leder gebundenes Buch aufgeschlagen gegen die Brust gepreßt, eiligst zum Teetisch und Tante Sannchen herübergelaufen kam. »Tante Sannchen!« rief er, indem er ihr in seinem Eifer das aufgeschlagene Buch auf den Schoß plumpsen ließ. »Was ist das? Warum springt der Mann mit den nackten Beinen da zum Fenster raus?« Das Buch war ein Exemplar der seltenen ersten Auflage von Hogarths Zeichnungen mit dem Text von Lichtenberg. Tom hatte es mit seinem schönen, roten Ledereinband unter einem Stoß von anderen Büchern und Papieren im untersten Schrankfach entdeckt und nicht eher abgelassen, bis er's herausgezogen hatte. Und dann hatte er sich in diese Zeichnungen vertieft. Es handelte sich um die, in deren Hintergrund ein großes Himmelbett steht, während zur Rechten, dicht neben dem Bett, ein Mann im Hemd und mit nackten Beinen eiligst zum offenen Fenster hinaus entflieht; in der Mitte des Bildes aber steht vor dem Bett eine Dame im Nachtgewand und macht eine abwehrende Gebärde zur Linken und einer Tür hin, zu der ein Herr mit gezücktem Degen hereindringt. »Huch, Jung! O du mein Liebling!« schrie Tante Sannchen, vor Lachen mit Armen und Händen zappelnd, auf, nachdem sie einen Blick auf die Zeichnung getan. »O du mein Gottchen! Nun, nicht wahr? Was wird er für einen Schnupfen kriegen!« Die letzten Worte hatte sie zu Großmama hin gewandt, die erst nicht recht wußte, um was es sich handelte, jetzt aber, wo sie das Buch wahrnahm, erschrak. »Wie? Aber nun bitt' ich, mit bloßen Beinen springt man doch nicht zum Fenster raus!« verbarg sie ihren Schreck unter einem scherzenden Lachen. »Oh, wenn's nun aber brennt, Gro'ma?« fragte Tom, der zuerst nicht recht gewußt hatte, was er daraus machen sollte, daß Tante Sannchen so geschrien hatte und so lachte und mit den Händen zappelte. »I, was ist denn das für ein ganz dummes Buch!« entschied Großmama jedoch, erhob sich, kam und nahm Tante Sannchen das Buch vom Schoß runter. »Komm, wir stecken's wieder in den Schrank, und ich will dir ein viel, viel schöneres geben.« Tom, der mit erstaunten Augen bald Tante Sannchen, die noch immer lachte, bald Großmama angesehen hatte, sah Großmama nach, die mit dem Buch zum Schranke hinging. Er verstand zwar, daß das Bild dumm sei, weil er doch kein Feuer gesehen hatte, aber er wußte nicht, warum Tante Sannchen so lachte. Doch schon hatte die ihn zu fassen gekriegt, nahm ihn, noch immer lachend, sein Gesicht zu sich emporziehend, bei beiden Backen und sah ihm in die Augen. Dann aber rief sie, zwar noch immer lachend, aber eine kleine Rührung in der Stimme: »Oh, die herrlichen, herrlichen Guckaugen!« Und dann beugte sie sich zu ihm nieder und küßte ihn ab. Darauf schenkte sie ihm zwar ein Hoppjes, das sie ihm gleich in den Mund steckte, und das er auch im Mund behielt: doch im stillen wunderte er sich, während er langsam wieder zum Schrank zurückging, warum Tante Sannchen so gelacht, ihn mit einemmal so abgeküßt und das da von seinen Augen gesagt hatte. Großmama aber hatte ihm inzwischen ein großes Buch mit vielen wunderbaren bunten Schmetterlingen und Blumen aus dem Schranke hervorgezogen, in das er sich sofort mit großem Interesse vertiefte. Etwas später in den Herbst hinein empfing Tom einen anderen Eindruck, der für ihn, nach dem, was damals zwischen ihm und Mutter geschehen war, als sie ihn, weil er so bös gewesen war, geprügelt hatte, und nach allem, was er seither über Mutter und Großmama nachgedacht hatte, nicht ohne Wichtigkeit war. Vorn bei Kommerzienrats sollte eines Abends ein Familienball stattfinden, zu welchem auch Vater und Mutter geladen waren, und Lise hatte sich in ihren Gesellschaftsdreß geworfen. Bevor sie sich aber mit Karl zum Vorderhaus begab, betrat sie erst noch mal die Kinderstube, um nach den Kindern zu sehen und ihnen gute Nacht zu sagen. Sie hatte ein lichtseidenes Schleppkleid an, das ihre schöne Gestalt sehr glücklich zur Geltung brachte. Sie zeigte ihre Büste aber nicht völlig dekolletiert – das war etwas, was ihr widerstand –, sondern das Kleid hatte nur einen spitzen, von duftigen Spitzen eingefaßten Ausschnitt von der Art, wie die Damen ihn »freundlichen Blick« zu nennen pflegen. Ihr lichtblondes Haar trug sie in einer anmutig gewellten Frisur, die den heiteren Ausdruck ihres schönen, klaren, von einem feinen, rosigen Schimmer verklärten Gesichtes noch mehr erhöhte und ihm zugleich einen Anflug von Kultur und Apartheit verlieh, der ihrem Wesen für gewöhnlich, wenn sie sich alltags in ihrem Hauskleid bot, nicht eigentümlich war. Noch nie hatte Tom Mutter so gesehen. Er sah sie nur immer groß an und verlor keine ihrer Bewegungen aus dem Auge, bis sich die Tür wieder hinter ihr geschlossen hatte. 12. Nach seinem sechsten Geburtstag bekam Tom, zusammen mit seinem Bruder Karl, Schwimmunterricht. Detlev, der älteste, hatte bereits die rote Badehose, die man von dem Augenblicke an zu tragen berechtigt war, wo man ausgelernt hatte. Da Tom für sein Alter ansehnlich groß, größer als Karl, außerdem gesund und kräftig und auch schon verständig genug dazu war, durfte man es wagen, ihn schon jetzt schwimmen lernen zu lassen. Sein Vater, der im stillen ein wenig der Ansicht war, Mama könnte ihn verweichlichen, und er erfahre auf alle Fälle eine gute Ablenkung von seinen sonstigen Beschäftigungen, hielt es für gut, daß Tom gleich zusammen mit Karl lernte, Lise aber war damit nur einverstanden. Man schickte die beiden Knaben aber, wie vor ihnen schon Detlev, nicht in die städtische, sondern in die Militärschwimmanstalt, wie viele Familien in der Stadt mit ihren Kindern zu tun gewohnt waren. Die Zucht war hier zwar strenger und derber, aber um so solider und erfolgreicher. Zu bestimmter Stunde wanderten Karl und Tom in der schönen Jahreszeit täglich ein gutes Ende am Stromufer hinunter bis gegen das Ende eines großen Werders hinaus, wo die Schwimmanstalt aus einem Weidendickicht hervor in den Strom hineinging. Es war ein derber und oft genug unbändiger Verkehr, in den Tom da hineingeriet. Der erste zahlreichere und regelmäßigere Umgang mit seinen Altersgenossen und auch mit größeren Jungen, mit dem der Knabe in Berührung kam; alles Jungens, die den kernigen Schlag verrieten, dem sie entstammten. Karl Körber zwinkerte jetzt bei Tisch zuweilen in seiner verhalten humorvollen Weise zu Tom hinüber und musterte ihn prüfend. »Hat dich denn der Schwimmeister auch schon mal ordentlich Wasser schlucken lassen?« fragte er ihn eines Tages. Er interessierte sich dafür auch aus dem Grunde, weil der Schuft bis jetzt noch kein Wort hatte verlauten lassen, wie ihm das Schwimmen gefiele, und weil er meinte, das könne einen Haken haben. »Ja«, antwortete Tom gehorsam, sagte aber nichts weiter und wurde rot, weil er gar wohl merkte, daß Vater sich über ihn lustig machte; doch auch, weil er wußte, daß er den Spott verdiente. Denn wirklich hatte ihn der ungewohnte Verkehr mit den wilden Bengels und ihre Neckereien, auch der derbe, kurz angebundene Humor der Soldaten und des Schwimmlehrers anfangs ängstlich gemacht. Ganz besonders hatte er auch Angst vor dem Augenblick gehabt, wo er an die Schwimmleine angeschnallt worden war; denn dabei wurde man allerdings meist erst mal gründlich getaucht und mußte Wasser schlucken. Vaters Erkundigung hatte jetzt aber zur Folge, daß er diese Ängstlichkeit überwand. Außerdem fing er an, sich an den Verkehr in der Schwimmanstalt zu gewöhnen. Er wehrte sich auch gegen Neckereien, balgte sich gelegentlich mit den Jungens. Doch zeigte sich seine Sonderart darin, daß er eigentlich mit keinem von ihnen in einen näheren freundschaftlichen Umgang kam. Er hatte dazu wohl auch zuviel zu beobachten und Neues zu lernen, das ihn dann innerlich beschäftigte. Doch fing er an, ein herzhafter jungenhaftes Wesen zu zeigen, bekam braune Backen und festeres Fleisch. Sehr gern schloß er sich auch dem neunjährigen Detlev an, der nun schon ein handfester Gymnasialsextaner war, und dem achtjährigen Karl, der die oberste Klasse der Vorbereitungsschule besuchte, wenn sie nach der Schwimmstunde mit den anderen manchmal über die Strombrücke noch einen Abstecher nach dem anderen Ufer unternahmen. Hier zog sich stundenlang ein Wiesengelände mit vereinzelten großen Bäumen und Baumgruppen und Gebüsch am Strom hin. Zum Wasser fiel es mit einer kahlen Sandstrecke ab, während es weiter ins Land hinein in Heide überging. Von der Sandstrecke aus aber gingen in gewissen Abständen große Steinmolen ins Wasser hinein, die gegen das Ufer hin mit dichtem Weidengestrüpp bestanden waren. Das war eine neue Welt. Zum erstenmal in seinem Leben kam Tom so weit von Hause fort hinaus in die freie Natur. Der ihm ungewohnte Anblick des Geländes überwältigte ihn so, daß er sich die ersten Male möglichst in Detlevs und Karls Nähe hielt, was freilich seine Schwierigkeit hatte, weil die beiden im Eifer des Spieles bald hier, bald dort waren und sich nicht gerade immer um ihn bekümmerten. Aber er freute sich an den endlosen Wiesenflächen mit ihrem hohen Sommergras und vielen bunten Blumen, den Käfern, Schmetterlingen, Krähen, Elstern, Möwen und Kiebitzen, die's hier draußen gab, und an dem schönen Heideland, in das die Wiesen landeinwärts übergingen, und das in der Ferne von einem dunklen Waldstrich begrenzt wurde. Und noch nie hatte er so viel weiten Himmel gesehen. Er erinnerte sich gleich an Großmamas Erzählungen von den Ansiedlern, von Prärien und Urwäldern, und fand, wenn's auch nur deutsche Pappeln, Eschen und Gruppen hoher Büsche waren, die Patriarchenbäume und Baobabs in der schönen, weiten Freiheit wieder. Sie spielten hier Haschen und Verstecken, auch Ball, Indianer, suchten das Revier nach allen möglichen Raritäten ab, hausten in dem Weidengestrüpp der Molen, wo sie sich freilich vor den Aufsehern in acht zu nehmen hatten, oder führten sonstige Streiche aus. Doch blieb Tom, da er freilich von den anderen auch noch nicht recht für voll genommen wurde, nur Mitläufer. Im Grunde lebte er auch hier seine Welt für sich, vergnügte sich oft abseits von den Spielkameraden auf eigene Faust, machte seine besonderen Entdeckungen, nahm tausend feine, unverwischbare Eindrücke in sich auf, mit denen er sich selbst seinen Angehörigen nicht immer mitteilen konnte. Manchmal unternahm die kleine Genossenschaft auch Streifereien in der Stadt, in den alten Straßen und Winkelgassen beim Strom, über die Werfte und Lagerstrecken hin, von denen sie sich ganz besonders angezogen fühlten; denn hier gab's meist die schönste Gelegenheit, etwas »auszufressen«. Und es war so schön, wenn er jetzt abends mit Detlev und Karl, müde und doch die Seele von all den frischen, neuen Eindrücken erregt, und mit einem gründlichen Appetit nach Haus und in das Behagen des Kinderzimmers zurückkehrte. Und dann hatte er Rosalie jedesmal Wunderdinge zu erzählen. Vater war der letzte, der die drei Jungens nicht gewähren ließ, wenn sie über ihren Abenteuern ihre Schularbeiten nicht gerade allzusehr vernachlässigten oder allzu wilde Streiche verbrachen. Auch Mutter machte kein Aufhebens, wenn sie manchmal auch eines allzu schlimmen Risses in Hose, Jacke und Strumpf wegen schalt oder auch mal ein paar Püffe und Katzenköpfe austeilte, oder gar damit drohte, es Vater zu sagen, wovor sie den größten Respekt hatten. Außer etwa noch zu Rosalie sprach Tom sich nur Großmama über die Erlebnisse aus, die er bei diesen Streifereien hatte. Doch Großmama gegenüber in einer anderen Weise. Er saß dann wohl, meist in den Spätnachmittagsstunden, wie bei den Gelegenheiten, wo sie ihm Geschichten erzählt hatte, vor ihr auf einem hochbeinigen, gepolsterten Schemel und sprach mit entbundenem Eifer drauflos. Zum erstenmal empfand er dabei jetzt bewußter, daß er sich nur Großmama mitteilen konnte, und daß einzig sie seine Vertraute war. Mit Aufmerksamkeit hörte sie ihm zu, ging auf seine Berichte ein, urteilte, leitete hier und da zurecht, knüpfte eine Belehrung an. Es waren für sie die Stunden eines unsagbaren Glückes. Oft aber erlebte sie, jetzt auch unter diesen Erzählungen, wieder jene seltsame Betroffenheit, wenn nicht jenen Schreck wie vor der – oh, gottlob, aber guten, guten! – Dämonie eines ganz anderen, gleichsam alterslosen, seltsam tiefen, reifen Wesens, die in solchen Augenblicken aus der Seele des Knaben hervorbrach. Eine Dämonie von Eigenständigkeit und Einsamkeit, die das Schicksal dieses Kindes von seiner Geburt an zu sein schien. Und doch, gottlob, in einer Weise und glücklichen Schicksalsbestimmung, daß er nicht an ihr krankte, ihr an Leib und Seele gewachsen schien, als sei sie sein eigentlichstes Lebenselement. Mit leuchtend verdunkelten Pupillen, in denen ein Ausdruck von Grauen, Andacht, Aufmerksamkeit, Stolz, Freude, Liebe und Fremdheit zugleich war, sah sie auf ihn nieder, beide Hände aus dem Sessel hervor, mit einem festen, wie schützenden Griff sein festgewordenes, luftgebräuntes Händchen haltend und es zuweilen pressend, und hörte ihm zu. »Weißt du« – vor Eifer sagte er »Gro'ma« anstatt »Großmama« –, »da war doch mit einemmal solch schöner, großer Schmetterling, und ich bin immer hinter ihm hergerannt. Manchmal hatt' ich ihn fast schon, aber dann war er doch immer wieder weg. – Gerade wie ... Onkel Anton hat mir doch mal so'n Quecksilberkügelchen gezeigt. Er hatte 's auf den Tisch gelegt, und ich wollt' es haschen. Aber immer war's wieder weg. Und ich wollt' und wollt' es doch kriegen. Aber immer wieder fort. – Manchmal hatt' ich's schon zwischen den Fingern – ganz glatt und kühl war's –, aber dann war's doch wieder weg und lief über'n Tisch hin. Mal hatt' ich's und hob's in die Höhe und wollt' es Onkel Anton zeigen: aber schlupp! waren mit einemmal drei Kügelchen draus geworden, die wieder über'n Tisch hin liefen.« Er lachte. Das Erlebnis mit dem Quecksilberkügelchen war etwas, das er nicht wieder vergessen hatte, und womit er sich in seinen nachdenklichen Augenblicken immer wieder mal beschäftigte. Es konnte dabei vorkommen, daß er über Methoden nachsann, wie man so ein Ding ganz sicher fangen konnte. Es war auch schon längst geschehen, daß er das Kügelchen auf andere Dinge übertragen hatte, die sich schwer fassen ließen; sogar bereits auf geistige Dinge; z.B. wenn man sich auf ein Wort besann, das einem »auf der Zunge schwebte« und das man trotzdem nicht aussprechen konnte. »Solch schöner Schwalbenschwanz war es, Gro'ma! Gelb, weiß, schwarz! Detlev hat mir gesagt, daß es einer war. – So schön in der Sonne! Oder manchmal in der Luft, im blauen Himmel. – Blau mag ich von allen Farben am liebsten. Himmelblau, Vergißmeinnicht. – Gro'ma, kann man das Kügelchen ...« Er unterbrach sich und lachte über sich selbst. »Ach nein, den Schmetterling nicht doch kriegen? Das nächste Mal will ich ein Netz mitnehmen. – Aber weil ich doch immer hinter ihm hergerannt war, war ich mit einemmal ganz allein. Detlev und Karl und alle waren weg. Und ich war bis in die Heide 'neingelaufen, immer hinter ihm her. Und da hatt' ich mit einemmal solche Angst und wußte gar nicht, wo ich war, und war wie verdreht. – Von der Stadt konnte man gar nichts mehr sehen, weil wir so weit in die Wiesen 'neingelaufen waren. Und dann waren auch Büsche und Kiefern davor. Und nun wußt' ich nicht, wie ich nach Hause kommen sollte. – Aber ich dachte, nach Hause werd' ich doch wieder kommen. Aber ich wußte doch nicht, wann? Und es war auch schon spät. Da hab' ich einen Strauß gepflückt, den wollt' ich Mutter mitbringen, daß sie Vater nichts sagen sollte. Und dann bin ich mit dem Strauß immerzu vorwärts gerannt. Aber mit einemmal kamen um die Kiefern herum Detlev und Karl mit den anderen Jungens. Sie hatten mich gesucht. Da hab' ich den Strauß wieder fortgeschmissen, weil ich'n nun doch nicht mehr brauchte.« Es blieb eine Stille. Großmama streichelte ihn leise über den Kopf hin. »Großmama?« »Was, Liebling?« »Ich will morgen mittag mal zu Onkel Anton gehn. Er hat solche feinen Gläschen. Da ist immer so was Buntes, Gelbes oder Rotes oder Grünes oder Blaues drin, das kocht über einer Spiritusflamme. Manchmal aber, wenn das Feuer dann aus ist, sind solche schönen, weißen Blümchen, Sternchen und Schneeflöckchen drin.« Sie verstand, daß er noch das Quecksilberkügelchen im Sinn hatte, daß er wohl auch draußen unterwegs über das Kügelchen nachgedacht, und daß das wieder mal eine Menge besonderer Gedanken bedeutete, die der eigentliche Hintergrund und die Veranlassung seiner Erzählung waren und die er nur nicht auszusprechen vermochte. Doch sie leuchteten aus seinen Augen, auf seinen geröteten Wangen, hatten aus dieser und jener seltsamen Unterbrechung seiner Rede hervorgesprochen. Sie antwortete nicht. Doch verstand er sofort, daß sie nachdenklich war. Als sie sich aber langsam erhob und dem Klavierflügel zuschritt, freute er sich. Sie öffnete den Flügel wirklich, sogar den Deckel stützte sie in die Höhe. Und dann setzte sie sich und fing an zu spielen. Es war eine freie Phantasie nach Beethovens »Mondscheinsonate«. Tom kannte diese Musik, weil Großmama sie öfters spielte. Leise, um sie nicht zu stören, kam er zum Flügel hin, lehnte sich gegen ihn und hörte zu, mit weiten Augen an Großmamas Gesicht hängend. Er wartete auf eine bestimmte Stelle, die er sich gemerkt hatte und auswendig wußte. Als sie aber kam – ein magisch still stürmendes Schwingen durch endlose, dunkellichte Weiten und Tiefen von Welt und Nacht, mit der sicheren Allmacht eines Dranges und eines Verstehens und Erlebens, das deutlicher als Worte und Begriff – sang er plötzlich leise, vollkommen richtig die Stelle vor sich hin. Die alte Dame unterbrach ihr Spiel und sah ihn an. Dann aber – fast wie beschwörend – wandte sie sich leidenschaftlich zu ihm hin, umfaßte und küßte ihn, und auch er drückte sich an Großmamas Brust und küßte sie. Auf solche Äußerungen auch einer musikalischen Veranlagung hin erhielt er einige Zeit darauf auch seinen ersten Musikunterricht, den Großmama zunächst selbst übernahm, und den sie ihm gelegentlich erteilte. Auch hier zeigte er leichte Auffassung und machte Fortschritte. 13. Aber da sollte er in seinem fast vollendeten achten Lebensjahr die Bruhnsleute kennenlernen. Die Amalie Bruhns war vor Jahren bei der Frau Kommerzienrätin Hausmädchen gewesen. Sie war damals ein angenehmes, bescheidenes, gewissenhaftes und aufmerksames Mädchen gewesen und hatte eine gute Anzahl von Jahren in der Frau Kommerzienrat Diensten gestanden, als sie sich in ein Liebesverhältnis eingelassen hatte, das nicht ohne Folgen geblieben war. Daraufhin war sie nun zwar entlassen worden, doch hatte die Frau Kommerzienrat sich ihrer trotzdem in anderer Weise angenommen und auch später und all die Jahre her Anschluß an sie behalten. Von jeher war der alten Dame die Schwäche eigen gewesen, Schmeicheleien und zutunlichem Wesen zugänglich zu sein und sich durch sie zu Mitleid und Freigebigkeit stimmen zu lassen. Und so hatte sie, obgleich in gewissen Grundsätzen streng und unnachgiebig, auch den verzweifelten Tränen Amaliens nicht widerstehen können und ihr tätige Anteilnahme bewahrt. Und Amalie Bruhns hatte sich, mit den Schwächen ihrer ehemaligen Dienstherrin vertraut, außerdem durch gelegentliche freiwillige Dienstleistungen und sonstige Erkenntlichkeit die wertvolle Unterstützung all die Jahre her zu erhalten gewußt. So hatte die Frau Kommerzienrat es ihr zum Beispiel ermöglicht, sich kaum ein Jahr nach ihrer Entbindung mit einem auf den Werften beschäftigten Maschinenmeister zu verheiraten. Als der später aber durch einen Unglücksfall ums Leben gekommen war, und Amalie mit drei Söhnen wieder mittellos dastand, hatte sie ihr nicht nur selber gelegentlich Arbeit gegeben, sondern ihr auch in ihren Bekanntenkreisen welche verschafft und ihr damit ihre Zukunft sichergestellt. Amalie Bruhns war in ihren jungen Jahren ein anziehendes, bildschönes Mädchen gewesen. Jetzt, wo sie über die Mitte der Vierziger heraus war, bot sie sich als eine mittelgroße Frau mit breiten Hüften, aber äußerlich immer noch einnehmend. Ihr Gesicht war länglich und braun, von einem dichten schwarzen Haarwuchs umrahmt, und sie hatte schöne, schwarze Augen, die einen freundlichen, manchmal aber etwas lauernden, nicht ganz steten Blick hatten. Die Unterlippe ihres sinnlichen Mundes zeigte sich jetzt, wo sie nun schon bei Jahren war, noch mehr vorgeschoben und von den Sorgen, die sie auszustehen gehabt, etwas verwulstet. Auch hatte ihr Kopf eine etwas sonderbar vorgereckte Haltung gewonnen. Eines Tages war sie nun in irgendeiner Angelegenheit zu der Frau Kommerzienrat gekommen, als gerade Tom bei dieser war, und hatte ihren neunjährigen Sohn Oswald bei sich. Oswald Bruhns war ein hochaufgeschossener blasser Junge mit einem reichlichen dunkelaschblonden Haarwuchs, der von einem Mittelscheitel in zwei dick und starr aufgesträubten, dachähnlichen Bogen gegen die Ohren herabgekämmt war. Seine kleinen, blaßblauen Augen, die wohl ein Erbteil seines verstorbenen Vaters, des Werkmeisters waren, hatten einen bescheidenen, zuvorkommenden, gescheiten und doch verschlossen selbstbewußten Ausdruck, und den zeigte auch sein meist halb offenstehender, dicklippiger Mund. Die von der Mutter ererbte aufrecht vorgereckte Haltung des Kopfes verstärkte ihn noch. Ganz von der Mutter hatte er auch den nicht unansprechend adretten Gang und die artige, bescheiden gewandte Sprechweise. Die Frau Kommerzienrat mochte den Knaben gut leiden, zumal er auch in der Schule brave Fortschritte machte und Aussicht hatte, auf der Realschule eine Freistelle zu bekommen. Diese Angelegenheit war der Grund von Amaliens Besuch, denn die Frau Kommerzienrat hatte es übernommen, die Freistelle zu vermitteln. Oswald trug bei dem Besuch einen nicht besonders gut sitzenden, aber sauberen dunkelblauen Jackettanzug, der offenbar sein Sonntagsanzug war, und etwas zu große, ungeschickt gearbeitete, doch blitzeblank geputzte Schuhe. Nachdem er artig der Frau Kommerzienrat die Hand gegeben und ein paar freundliche Worte von ihr bekommen hatte, trat er, um auch ihm die Hand zu geben, zu Tom hin. Tom saß gerade an einem Tischchen, das Großmama ihm für diesen Zweck hatte ins Zimmer stellen lassen, und war mit einer Aquarellarbeit beschäftigt. Er hatte die Bruhns noch nie gesehen. Frau Bruhns mochte er nicht, weil sie ihm mit ihrem schwarzen Haar und ihren schwarzen Augen wie ein Zigeunerweib vorkam; als Oswald aber jetzt so bescheiden und freundlich mit ausgestreckter Hand zu ihm hertrat, lächelte er gleichfalls und gab ihm, wenn auch etwas zurückhaltend, die Hand. Als Oswalds Blick dann aber, wenn auch unwillkürlich und mit Zurückhaltung, auf die Zeichnung fiel, sagte Tom: »Ich male.« »Ja. – Es ist schön«, antwortete Oswald, wobei aber die blasse Farbe seines Gesichtes unverändert blieb. »Kannst du auch malen?« fragte Tom. »Oh, ein bißchen«, antwortete Oswald. »Mal' doch mal!« forderte Tom auf, indem er, neugierig, ihm den Pinsel hinreichte. Nach einem anfänglichen Zögern nahm Oswald den Pinsel und sagte: »Oh, wenn ich soll?« Aber dann wartete er doch unentschlossen, weil er wohl nicht wagte, um den Tisch herum zu Tom hinzugehen. Tom, der sein Zögern nicht verstand, sah ihn an, schob ihm dann aber mit einer etwas unentschiedenen Handbewegung die Zeichnung zu. Darauf fing Oswald, nachdem er die Vorlage ein Weilchen betrachtet hatte, an zu tuschen. Mit Sorgfalt und Geschick wusch er erst den Pinsel aus, feuchtete ihn dann wieder an, nahm ihn voll Farbe und führte ihn sauber und sorgsam über die Zeichnung hin, was Tom alles aufmerksam und verwundert verfolgte. Die Frau Kommerzienrat, die unter ihrem Gespräch mit Frau Bruhns den Vorgang beobachtet hatte, trat zu den beiden Knaben herüber. »Oh, sieh doch!« sagte sie. »Er kann ja wirklich sehr hübsch malen. – Wer hat ihm das beigebracht?« »Oh, eigentlich niemand, gnäd'ge Frau«, gab Frau Bruhns mit glückseligem Lächeln Bescheid, während ihre schwarzen Augen interessiert aufblitzten. »Er bringt sich alles so was von selbst bei. Wer hätte denn bei uns Zeit oder verstände sich drauf? Es ist ja eigentlich auch unnütze, brotlose Kunst für unsereinen.« »Nun, man kann doch nicht wissen«, unterbrach die Frau Kommerzienrat, ohne ihre Aufmerksamkeit von Oswalds Beschäftigung abzuwenden. Frau Bruhns ließ ein kleines, dankendes Lachen hören. »Ja, oh, ich hab' ja auch gedacht; da er doch, mit gütiger Beihilfe, auf die Realschule kommen soll, könnte er's vielleicht später mal zum technischen Zeichnen gebrauchen, dacht' ich. Wie könnte man denn sonst dulden, daß er seine Zeit verliert?« »Ja, ja, ganz recht«, sagte die Frau Kommerzienrat nebenbei, während sie eigentlich Oswald beobachtete. »Jedenfalls, sieh mal! Da bist du ja wohl so 'ne Art von Tausendkünstler, wie?« wandte sie sich an ihn. Oswald sah sie, doch nur für einen Augenblick, an. Er lächelte, und seine kleinen, blaßblauen Augen zeigten dabei unter ihrem stark vorspringenden Stirnknochen und dicken, aschblonden Brauen ein kurzes Blitzen. Doch dann wandte er sich wieder der Zeichnung zu, wollte fortfahren zu malen, schien sich's aber nicht recht mehr zu getrauen. »Nun, mal' doch weiter!« ermutigte die Frau Kommerzienrat, worauf er, nachdem er aber auch jetzt noch einen Augenblick gezögert, fortfuhr. Die Frau Kommerzienrat sah ihm noch eine Minute zu, dann schien ihr Interesse erschöpft und sie begab sich wieder zu Frau Bruhns zurück, um das Gespräch fortzusetzen. »Kannst du auch Musik machen?« interessierte sich Tom, der mitteilsamer geworden war. Er dachte, daß Oswald der erste von allen Jungens war, die er bis jetzt kennengelernt hatte, der Verständnis für so etwas hatte. Oswald sah ihn an. »Klavier nicht«, antwortete er endlich. »Aber Gitarre kann ich spielen. Und Mundharmonika.« »O Gitarre? Was ist das?« erkundigte sich Tom. Oswald hörte auf zu malen, sah Tom an, lächelte, antwortete aber nicht, sondern wandte den Blick langsam zu seiner Mutter hin, die unter einem Lachen, das halb um Entschuldigung zu bitten schien und zugleich verriet, daß sie sich geschmeichelt fühlte, in diesem Augenblick zu der Frau Kommerzienrat sagte: »Ja, er macht ja alles mögliche. Er hat sogar schon Bücher gebunden, klebt recht niedliche Pappschächtelchen und Wandkörbe aus Pappe. – Oh, na Gott, ja! Aber ich glaube ja doch, daß er wenigstens zum Technischen ein ganz brauchbares Talent hat. Vielleicht hat er's von seinem Vater geerbt. Manches, was er jetzt macht, wird ihm dann ja doch mal, so der liebe Gott will, zustatten kommen. – Er hat ja bei uns zu Hause« – wieder ließ sie das Lachen hören – »für den Hauswirt, dem seine Geschicklichkeit Spaß machte, sogar ganz allein eine elektrische Klingelleitung repariert. – Ja, all so was macht er ja woll«, schloß sie. »Ach, so, so! – Nun, das ist sehr gut!« brach die Frau Kommerzienrat mit einem freundlichen Blick zu Oswald hin ab. Aber sie erinnerte sich, vorhin eine Absicht, ihn über den Kopf zu streicheln, im letzten Augenblicke doch nicht ausgeführt zu haben, weil ihr diese beiden starr aufgesträubten dicken Bogen seines Haares denn doch nicht recht sympathisch gewesen waren. Als Oswald dann aber gleich darauf mit seiner Mutter aufbrach, sagte Tom, als er ihm zum Abschied die Hand reichte: »Komm doch wieder. – Bring' doch die Gitarre mit.« Frau Bruhns lachte und sah die Frau Kommerzienrat an, als wollte sie sie um Entschuldigung bitten. »Nun, laß ihn doch gelegentlich mal zu Tom kommen, Amalie«, gestattete diese freundlich. »Oh, wenn gnäd'ge Frau erlauben!« Frau Bruhns knickste mit einem glückseligen Lächeln und beugte sich auf die Hand der Frau Kommerzienrat nieder. »Laß ihn nur kommen. – Sie scheinen ja gute Bekanntschaft miteinander gemacht zu haben.« »Kommst du, Oswald?« rief Tom dann noch mal. »Ja.« »Aber bring' die Gitarre mit, ja?« Oswald nickte, ohne aber weiter etwas zu sagen. 14. Der Erlaubnis der Frau Kommerzienrat entsprechend, kam Oswald von da an manchmal Tom besuchen. Immer in seinem blauen Sonntagsanzug, einem sauberen Hemdkragen und ein braunes Krawattchen vorgebunden. Er enttäuschte Tom jedoch, weil er die Gitarre nicht mitbrachte, da sie, wie er sich entschuldigte, zu groß wäre. Dafür vergaß er aber niemals seine Maultrommel, ein größeres, schönes Instrument mit einem Glockenspiel oben drauf. Wenn er auf ihr spielte, so klangen die blanken Glöckchen sehr lieblich dazwischen, was Tom ausnehmend gefiel. Meist spielte er Volkslieder, Schullieder und Operettenmelodien. Auf Toms Wunsch hatte er auch dessen Lieblingslied »Weißt du, wieviel Sternlein stehen?« gespielt, was er mit großem Geschick und gutem musikalischen Gehör, auch nicht ohne Empfindung getan. Durch den letzteren Umstand fühlte Tom sich sofort berührt. Einmal war's aber geschehen, daß er einen Gassenhauer gespielt hatte. Hätte er selber darüber gelacht oder sich nach anderer Jungen Art ausgelassen dabei benommen, würde Tom vielleicht keinen Anstoß daran genommen haben. So aber fühlte er sich sofort befremdet und hatte flüchtig einen unangenehmen Eindruck von Oswald. »Was war das für ein Lied, das du da gespielt hast?« sagte er. »Weißt du, solch Lied mag ich nicht, spiel' das doch nicht wieder.« Oswald war verlegen geworden, hatte dann aber niemals wieder einen Gassenhauer gespielt. Die beiden Knaben hatten auch ihre Spiele miteinander. Aber sie spielten nur mit Bleisoldaten, mit dem Baukasten oder Lotto, oder sie ließen auf Schienen einen aufgezogenen Eisenbahnzug fahren. Bei körperlichen Spielen jedoch, wie Haschen, Ballspielen, solchen, bei denen man sich tummeln mußte, die Tom manchmal in Anregung brachte, zeigte Oswald sich unlustig und ungeschickt, so daß Tom es damit aufgab. Zuweilen zeichneten oder malten sie auch oder schnitten Zusammenstellbilderbogen aus, deren Stücke sie zusammenklebten, was Tom allerdings fast ganz dem darin sehr geschickten und akkuraten Oswald überließ. In der ersten Zeit hatten sie ein paarmal in Großmamas Zimmer zusammensein dürfen, wobei allerdings die Maultrommel ausgeschlossen gewesen war. Meist spielten sie dann aber unten im Garten in einem kleinen, steinernen Gartenhaus. Manchmal waren sie aber auch im Hinterhaus beieinander. Oswald hatte sich Toms Mutter gegenüber zwar sehr artig und bescheiden benommen, doch mochte Lise, die ein unüberwindliches Vorurteil gegen die Bruhnsleute hatte, ihn nur ungern. Aber sie ließ es dann doch angehen, weil er sich ja ganz nett benahm und so viele Geschicklichkeiten zeigte, von denen sie manchmal Belustigung erfuhr. Auch wollte sie der Sache wegen nicht gerade wieder mal mit der Schwiegermutter in einen offenen Zwist geraten. Auch auf Detlev, der allerdings nun schon im zwölften Jahr stand, und auf Karl und die älteren der jüngeren Geschwister machte Oswald keinen besonderen Eindruck, und wohl auch nicht auf Rosalie. Er war den kräftigen, munteren Buben zu still und zurückhaltend, sie wußten nichts mit ihm anzufangen. Allerdings war ihnen ja aber auch Tom, der schon hübsch geläufig Französisch sprach – woran bei ihnen nicht zu denken war – und schon den ganzen Unterrichtsstoff der Vorbereitungsschule beherrschte, so daß er so gut wie gar nichts für die Schule zu arbeiten brauchte und schon hatte anfangen können, sich von Onkel Anton die Anfänge des Lateinischen beibringen zu lassen, zu »gelehrt«. Eines Tages bereitete Oswald Tom eine Überraschung, die diesem, so gut sie gemeint, keine angenehme war. Es verstand sich, daß er von seinen Besuchen bei Tom mancherlei Vorteil zog. Er bekam Spielsachen geschenkt, welche die Körberskinder nicht mehr mochten, auch dies und jenes abgelegte, aber noch gute Kleidungsstück, und, verstand sich, stets etwas Gutes zu essen und zu trinken, wobei er übrigens in aller Stille und Bescheidenheit einen vielleicht etwas zu guten Appetit entwickelte. Er mochte nun wohl das Bedürfnis empfunden haben, sich erkenntlich zu erweisen: jedenfalls brachte er Tom eines Tages ein zierlich zusammengeklebtes Pappschächtelchen mit, das er selbst angefertigt hatte, und das er Tom bat, als Geschenk von ihm anzunehmen. Tom aber war, als er das Schächtelchen entgegennahm, so unangenehm berührt, daß er zuerst ganz zu danken vergaß. »Das ist ja so'n Schächtelchen wie oben auf dem Ofensims?« sagte er. Noch bis zum heutigen Tage aber erinnerte er sich an seine verunglückte »Fahrt nach Indien« von damals, und bis zum heutigen Tage hatte er gegen die Gegenstände auf dem Ofensims eine Abneigung. Mit der Zeit durfte er auch mitgehen, wenn Oswald kam, ihn zu einem Spaziergang abzuholen. Die Knaben streiften dann entweder in der Stadt umher, oder sie unternahmen, wozu die Anregung von Tom ausging, Abstecher nach den Stromwiesen, und es erwies sich dabei, daß auch Oswald Sinn für Natureindrücke hatte. Es waren diese Abstecher, die eigentlich jetzt erst ihren Umgang zu einem vertrauteren machten. Zum erstenmal hatte Tom einen Freund gefunden, der noch für etwas anderes Sinn hatte, als bloß für wilde Spiele und Streiche und Raufereien, und dem er sich mitteilen konnte. Er machte aber die Wahrnehmung, daß Oswald sich, wenn sie solcherweise außer Hause und mit sich allein waren, anders und ungezwungener gab. Auch geriet er, während er zu Hause stets auf sich achtete und ein richtiges Deutsch sprach, bei diesen Gelegenheiten öfters in die gemeine Sprechweise hinein, wie sie von den Leuten in den Winkelgassen der Stromgegend gesprochen wurde. Auch beobachtete Tom, daß Oswald über die Momente, wo Tom sich ihm an Kenntnissen und Urteilen überlegen zeigte – wobei sich's aber nicht bloß um Französisch und Latein handelte –, hinwegschwieg und zu etwas anderem, meist zu mehr praktischen Dingen und technischen Geschicklichkeiten überging, in denen er Tom weit überlegen war. Es war da aber auch noch ein anderer Umstand. Während Tom nämlich, wie das bei solchen Knabenfreundschaften der Fall ist, Oswald in Augenblicken, wo er besondere Sympathie für ihn empfand, etwa den Arm um die Schultern legte oder seinen Arm einhenkte, erwiderte Oswald solche Zeichen der Freundschaft nicht nur nicht, sondern erwies sie Tom auch nicht aus freien Stücken. Sonst aber hatten sie auf diesen Wanderungen eifrige Gespräche, in denen sie ihre Gedanken austauschten. Es geschah auch, daß Oswald Tom da draußen auf den Wiesen und in der Heide alles mögliche zeigte, Pflanzen, Tiere, Blumen, besonders schöne Flecke. Nicht so recht sagte Tom aber zu, daß er sich so ganz und gar nichts aus körperlichen Übungen machte. »Hast du schwimmen gelernt?« fragte er ihn gelegentlich. »Schwimmen? Nein. – Aber sogar die Matrosen können ja doch nicht schwimmen! Wozu braucht man denn das? Wenn sie auf dem Meere ins Wasser müssen, ziehn sie doch einfach 'n Schwimmgürtel über.« »Aber wenn man nun jemand ertrinken sieht? Da ist es doch recht gut, wenn man schwimmen und ihn retten kann.« Oswald schwieg. »Aber du gehst doch in die Badeanstalt baden, nicht?« »Ach nein! Das kostet doch Geld. Mutter kann mir kein Geld dazu geben.« »Ach so!« dachte Tom. »Sie sind ja arme Leute.« Er hatte das Gespräch nicht weiter fortgesetzt. Aber er fand es doch sonderbar, daß Oswald überhaupt keine Lust hatte, ins Wasser zu gehen, und daß er wie das Huhn, das Entchen ausgebrütet hat, dastand, Angst kriegte und Tom zurief, wenn der bei so einer Wanderung sich mal bei einer der Molen auszog, ins Wasser ging und lustig drin umherschwamm. »Komm doch auch!« rief Tom ihm dann wohl zu. »Du kannst doch Schuh' und Strümpfe ausziehn und die Hosen in die Höhe streifen und ein bißchen im Wasser umherlaufen. – Es ist ganz schön warm; du erkältest dich nicht, und am Rande ist's auch gar nicht tief. – Mach' doch! Wenn du ertrinken willst, hol' ich dich raus!« hatte er hinzugefügt und gelacht. Aber Oswald hatte ihm nicht geantwortet. Wenn Tom dann aber nackend aus dem Wasser herauskam und sich bei der Mole, um sich von der Luft und der Sonne trocknen zu lassen, unterm Weidengestrüpp in den Sand setzte, dann stand Oswald gelangweilt da und betrachtete mit einem verlegenen Lächeln Toms nackten Körper, und es war, als ob er sich geniere. Auch wenn Tom da draußen von all dem blauen Himmel, von Luft und Sonne und der schönen, grünen, bunten Weite berauscht in einer Anwandlung übermütiger Fröhlichkeit mal zum Spaß mit ihm raufen wollte, stand er bloß da steif wie ein Pfahl und lächelte blöde. Tom fand das wohl alles etwas langweilig, sonderbar und komisch. Obgleich Oswald Tom bis dahin noch nie einen äußeren Beweis seiner Freundschaft gegeben hatte, überraschte er ihn an einem herrlichen Herbstnachmittag draußen auf den Wiesen mit einem besonderen Einfall. »Tom«, fing er mit einemmal nach einem Schweigen, das offenbar etwas Besonderes eingeleitet hatte, ernst und fast feierlich an. »Ich weiß nicht, ob auch du schon daran gedacht hast, daß wir doch Freunde sind.« »Wie denn? Aber natürlich. Das weiß ich doch.« Tom hatte ihn erstaunt angesehen und dann gelacht. »Na ja, ich meine«, fuhr Oswald etwas irritiert fort. »Ach so! – Ja, ich meinte also: ob ... ob du ... Ich meine also: eigentlich haben wir uns doch das bis jetzt noch nie richtig gesagt und überhaupt noch nicht davon gesprochen.« Tom schwieg. Er war ein wenig verlegen, und sah seitab in die Wolken hinein. »Sieh mal! Ich meine ... Die Natur ist heute so schön, der Himmel ist so schön blau und überall sind so viele schöne Farben, und alles ist so schön und still und weihevoll.« Er sprach mit einer wunderlichen Tonart, als ob er etwas Auswendiggelerntes deklamierte. Tom fand das ein bißchen komisch; doch schämte er sich über den Gedanken, da Oswald ja das alles eigentlich ganz ernst meinte. »Da mein' ich also, das wäre so'n recht schöner Augenblick, daß wir den Beschluß fassen sollten, unserer Freundschaft ein Denkmal zu setzen.« »Wie denn, ein Denkmal?« fragte Tom verwundert. »Ja, sieh mal, ich denke, Tom«, fuhr Oswald immer in derselben steifen, wunderlich feierlichen Weise fort, »weil wir uns doch in allen Dingen so gut miteinander verstehen, und weil wir beide doch anders sind als die anderen Jungen, werden wir doch auch immer zusammenhalten und wird unsere Freundschaft für das ganze Leben dauern. Du weißt ja, daß es viele solche Freundschaften gegeben hat, die nachher sogar berühmt geworden sind.« »Ja, Achill und Patroklus, Damon und Möros, Harmodios und Aristogeiton«, sagte Tom und sah wieder in die Wiesen hinein. »Aber wie denn, ein Denkmal?« »Na ja, siehst du, ich habe also gedacht ...« Seine Kopfhaltung war noch vorgereckter als sonst, außerdem berührte es Tom ein wenig unangenehm, daß seine dicken Lippen manchmal ein sonderbares kleines Schmatzen hören ließen. »Ich habe gedacht, daß unsere Freundschaft doch genau so eine ist, und deshalb mein' ich: wir wollen uns das ausdrücklich bestätigen, indem wir ihr ein Denkmal setzen. – Und ich will dir gleich zeigen, wie ich das meine. – Wir wollen aber erst mal bis an die Mole dort gehen. – Dort ist es.« Oswald bewahrte bis zu der Mole hin ein völliges Schweigen. Am Anfang der Mole stand aber, wer wußte durch welchen Zufall vormals dorthin geraten, dicht vor dem Weidengestrüpp eine prächtige, große, einsame Blutbuche, vor der er stehen blieb. »Hier ist die Stelle«, sagte er, ohne Tom aber anzusehen, wieder in der feierlichen Weise. »Ach, die Blutbuche!« sagte Tom, der sich zu interessieren anfing. »Ja, paß nur auf. – Ich habe gedacht, daß die Blutbuche hier der rechte Ort für unser Freundschaftsdenkmal ist. Und ich habe gedacht, daß wir über unsere Freundschaft etwas Schriftliches aufsetzen, und dann das Datum und unsere Namen drunterschreiben, und dann das Blatt in solch Schächtelchen tun, wie ich dir eins gegeben habe, und daß wir das Schächtelchen dann hier unter der Blutbuche eingraben. Es ist dann doch schön, wenn wir später mal, wenn wir erwachsen sind, zusammen hierher gehen und das Schächtelchen ausgraben. – Es ist nun bloß die Frage, Tom, ob du auch das Gefühl hast, daß wir wirklich auch immer Freunde bleiben?« »Ja, aber natürlich sind wir doch Freunde, Oswald?« sagte Tom. »Na ja! Dann hast du's also ausgesprochen, und nun müssen wir uns die Hand drauf geben.« Tom lachte und gab ihm die Hand. »So, jetzt haben wir unsere Freundschaft ausdrücklich besiegelt.« – Er sagte »besiegelt«. – »Und nun hab' ich gedacht, daß du morgen nachmittag zu uns kommst« – Tom war noch nie bei den Bruhnsleuten gewesen – »und daß wir das Dokument da unterschreiben. – Ich hab' es nämlich schon geschrieben. Und dann tun wir's in das Schächtelchen und tragen's hierher und vergraben's.« »Wenn's nun aber in der Erde naß wird und entzwei geht?« »Oh, daran hab' ich doch schon gedacht. Erst legen wir das Loch mit Steinen und Sand aus, und dann wickeln wir das Schächtelchen noch in Gras ein und tun's zwischen die Steine.« »Ach so! Ja!« 15. Nicht ohne Neugier zu erfahren, wie's bei ihnen aussähe, ging Tom am nächsten Nachmittag zu den Bruhnsleuten. Sie wohnten in der Werftgasse. Oswald hatte ihn gestern noch bis an das Haus geführt, damit er nicht erst zu suchen brauche. Das Haus war solch eine alte, halbzerfallene, hoch aufgeschossene Baracke, wie es hier im Stromviertel viele gab. Drei Stockwerke, drei Fenster Front, eine blättrige, regenverwaschene Tünche zwischen Giftgrün und einem dunkleren Blau. Zu ebener Erde befand sich rechts vom Eingang das halbblinde Schaufensterchen eines kleinen Seilerladens. Halb, weil er sich graute, in die alte Baracke einzutreten, halb auch, weil ihn das Schaufensterchen interessierte, blieb Tom erst noch eine Weile davor stehen. Fischernetze, Wickel von grauem Bindfaden, vom dünnsten bis zum dicksten, Waschleinen, zusammengerolltes dickes Schiffstau, Angelschnuren, Angelhaken und anderes Fischereigerät war zu sehen. Ganz unten befand sich auch eine Reihe von verstaubten Tabakspaketchen mit wunderlichen alten Holzschnittfiguren drauf, schwarze Priemröllchen und eine offene, von der Sonne, da der Laden nach Osten lag und bis zu Mittag hin Sonne bekam, vollständig verbleichte Zigarrenkiste mit irgendwelchen sehr hellbraunen Zigarren, die mit abscheulichen weißlichgelben Flecken übersprenkelt waren. Als Tom sich in seinem schmucken, schicken Anzug aus gutem, marineblauem Tuch an der Ladentür vorbeidrückte, die halb zerfallen hier und da noch Spuren eines rotbraunen Anstriches zeigte, und als er dabei durch die Glasscheibe einen Blick in das Lädchen tat, starrte ihn blind und staubig eine schwarze Finsternis an mit irgendwelchen gespenstigen grauen Umrissen drin. Die Haustür stand offen. Der Flur war eng und niedrig, zeigte eine rissige, verschmutzte graue Tünche und war mit schadhaft gewordenen roten Backsteinen gepflastert. Im staubig düsteren Hintergrunde gewahrte er eine alte, bräunliche Holztreppe. Ein Geruch von Moder und Teer drang ihm in die Nase. Er nahm sich einen Mut und trat ein. Die Bruhns wohnten im dritten Stock, und bis da hinauf mußte er die drei finsteren, engen, steilen Treppen erklimmen. Dann aber befand er sich auf einem niedrigen, dunklen Flurchen, das so ziemlich den gleichen Anblick bot wie unten der Hausflur, soweit man in der Dunkelheit etwas unterscheiden konnte. Mit Mühe erkannte er vor sich die Umrisse einer niedrigen Tür mit einem aufgeklebten weißen Zettelchen drauf. Unlustig und nicht ohne Beklommenheit pochte er endlich an. Sofort polterte drin ein Stuhl, und es kam jemand mit dumpf aufstauchenden Schritten, daß der Fußboden bis auf den Flur heraus schlitterte, auf die Tür zugelaufen, die sich gleich darauf öffnete. »Ach, da bist du ja, Tom! Das ist schön!« Oswald streckte ihm die Hand entgegen. Es fiel Tom auf, daß er vor Freude lachte. Er hatte ihn eigentlich noch nie laut lachen hören, solange sie schon miteinander verkehrten, hatte er nur immer gelächelt. Im übrigen trug er nicht seinen blauen Sonntagsanzug, sondern einen abgetragenen grauen, und außerdem hatte er ein Paar ihm viel zu große, fuchsige, verbogene und an der Seite aufgeplatzte Lederpantoffeln an, in denen er kaum laufen konnte. Doch fühlte Tom sich befreit, daß er ihn endlich vor sich sah, und daß er wieder ins helle Licht kam. Freilich war das ganze Zimmer dick voll Tabaksqualm, der sich in Wolken, Kringeln und langgezogenen Streifen durchs Sonnenlicht zog, und einen abscheulich süßlich beizenden Geruch hatte. So dick war die Stube vollgeraucht, daß Tom erst gar nicht unterscheiden konnte, daß weiter im Hintergrunde zur Linken bei einem alten, schmalen, weißgrauen Kachelofen noch jemand anderes außer Oswald da war, von dem all der gräßliche Qualm ausging. »Guten Tag«, sagte Tom unwillkürlich zurückhaltend, obgleich ihn Oswald voller Freude bei der Hand in die Stube hereingezogen hatte. »Komm nur, komm!« rief Oswald. »Wir sind ganz allein. Mutter is ja auf Arbeit. Nur mein Bruder Bruno ist da. Dort beim Ofen.« Er wies gegen den Ofen hin. »Bruno, hier ist Tom Körber!« »Ah?! Der junge Herr Körber!« ließ sich von der Ofenecke her eine knarrig heisere Baßstimme vernehmen, und Tom sah jetzt einen jungen Mann von zweiundzwanzig Jahren in einem schlottrigen grauen Jackettanzug in einem gänzlich zersessenen, fuchsigen, alten lederbezogenen Lehnstuhl liegen, die dürren Beine mit den schlottrigen Hosen drum herum und den riesigen, grünlichen Filzsocken an den Füßen weit nach vorn geflegelt. Doch sah er, daß Bruno Bruhns einen ordentlichen, weißen Hemdkragen mit einer hübschen bunten Krawatte um hatte. Im übrigen hatte er ein langes, blasses Gesicht mit dickem, starr emporstehendem braunem Kopfhaar, einer langen, dicken Nase und mobilen braunen Äugelchen hinter einer Brille, die aber entzündet waren. Auch er hatte solche dicken Lippen wie Oswald, auf der Oberlippe aber ein dünnes, braunes Schnurrbärtchen mit aufwärtsgedrehten Spitzen. In der einen Hand – es waren große, rote, knochige Hände und dicke, knochige Handgelenke – hielt er ein aufgeschlagenes Buch und in der anderen eine halblange Pfeife. Bruno Bruhns musterte Tom eine Weile mit irgend so einem Schmunzeln, dann aber legte er das Buch aufs Knie und reckte ihm die Hand hin. »Guten Tag, Herr Körber junior!« sagte er dabei. »Es ist mir eine besondere Freude, es ist mir ein Pläsiervergnügen, Ihre Bekanntschaft zu machen. Seien Sie willkommen.« »Bruno!« rief ihm Oswald zu. Unwillkürlich wandte Tom sich nach ihm um. Es hatte so bös geklungen, und Oswald zeigte ein finster verzerrtes Gesicht, Tom hatte ihn noch nie so gesehen. »Nanu, was denn?« frug Bruno Bruhns ganz erstaunt. »Sagen Sie, Herr Körberchen junior: haben Sie mir was übelgenommen?« »Ach nein!« Tom schüttelte den Kopf und lachte. »Na, item! Ergo! – Im übrigen, da ich ja augenblicklich hier Baron bin, kann ich euch weiter nich' gebrauchen. Macht euch nur drüben ans Fenster an euren Tisch und tanzt meinswegen schott'sch kariert, mir soll's egal sein. – Hähähä! Fühlen Sie sich möglichst wie zu Hause, Herr Tomchen Körberchen junior! Ganz wie zu Hause!« Er schob die Pfeife zwischen die dicken Lippen, blies ein paar kolossale Rauchschwaden hervor und versenkte sich wieder in sein Buch. »Bruno!« »Herrgottnochmal, aber was denn?« »Na aber, ekelhaft! – Paff' doch nich' egal so! – So'n Hecht! – Man kann ja kaum Luft kriegen! – Hemhem! Was soll denn Tom von so was denken?« Oswald, der sich unter den letzten Worten bedeutsam geräuspert hatte, sah seinen Bruder an. Im übrigen hatte er ihn wieder förmlich angeschrien. »Ruhe im Glied! Artig!« ließ Bruno Bruhns seine heisere, knarrige Stimme vernehmen und drohte mit der Pfeife herüber. »Na, is doch wahr! – Hemhem! Verstehst du denn nich'? – Tom is doch solchen Qualm nich' gewohnt, du kannst doch derweile mal aufhören mit Rauchen. Wir gehn ja doch gleich. – Du kannst dir doch denken, was Mutter sagen wird, wenn sie erfährt, wie du Tom hier angeräuchert hast.« »He, na was denn!« kam es grob und verdrießlich von der Ofenecke her. Dann hörte Tom ihn noch eine Weile vor sich hinbrummen, aber danach wurde es still. Tom nahm aber wahr, daß er die Pfeife in die Ecke gestellt hatte. Mit einem unbehaglichen Befremden schweiften Toms Blicke, als er jetzt mit Oswald am Tisch beim Fenster stand, in der engen, dumpfen, nach dem häßlichen beizenden Tabaksqualm riechenden Stube umher. Er sehnte sich, so schnell wie möglich wieder fortzukommen. An der Wand neben der Tür stand ein großes, verschieftes Gebäude von altem, dunkelbraunem Schrank, außerdem war eine braune Kommode da, auf der allerlei billige Porzellansachen standen und eine grellbunte Glasvase mit einem großen Papierblumenstrauß. Dann gab's ein großes, altes, braunrotes Sofa mit einem länglich runden Spiegel und ein paar Bildern drüber, vor welchem von der Decke herab ein subtil zusammengesetztes kleines Segelschiff hing. Außerdem befand sich gegen die eine Fensterecke hin neben dem Sofa eine von Fliegenfleckchen gesprenkelte Schwarzwälder Uhr mit einem aufgemalten Blumenstrauß drauf. Dann gab's noch ein paar Rohrstühle. In der anderen Ecke neben dem Sofa aber sah Tom die Gitarre hängen, an der ein dickes Bündel von langen, bunten Bändern befestigt war. Die Gitarre und das Segelschiff versöhnten ihn ein wenig mit dem Aufenthalt. Wenn der greuliche alte Bruno nicht dagewesen wäre und mit seiner gräßlichen Pfeife alles so vollgequalmt hätte, dachte er, so hätt' es angehen mögen. Außerdem war es hier beim Fenster vor dem großen, mit buntgeblümtem Wachstuch überzogenen Tisch schön hell und freundlich, und man hatte einen herrlichen Blick über den ganzen Hafen und den Strom hin. Tom überlegte, daß Bruno Bruhns sicher wieder keine Stellung hatte und deshalb zu Hause wäre. Wenn er wieder eine hatte, dann war er auch nicht mehr zu Hause, und dann wäre er, wenn er wieder mal käme, mit Oswald allein, und das würde dann seinetwegen ja ganz hübsch sein. »Ja, und nun ...« Tom schrak aus seinen Gedanken auf zu Oswald herum. »... lieber Tom, wollen wir also unser Freundschaftsdokument unterschreiben, und dann wollen wir's hier in das Schächtelchen legen. Aber erst mußt du's mal durchlesen.« Tom nahm das Blatt und las es. Oben hatte Oswald mit bunter Farbe ein Sträußchen von Rosen und Vergißmeinnicht draufgemalt. »Ein getreues Herz zu wissen Ist des höchsten Glückes Preis, Der sei selig stets gepriesen, Der ein solches Kleinod weiß. Mir ist wohl im höchsten Schmerz, Denn ich weiß ein treues Herz.« »Diese Verse sollen das Motto sein für die treue Freundschaft, die sich Tom Körber und Oswald Bruhns zugesagt haben, daß sie ihr Leben lang treu zueinander stehen wollen, in Freundschaft. Deshalb haben sie beide ihre Namen hier druntergeschrieben, zum Zeichen dafür und zur Bekräftigung, und haben diese Zeilen in dieses Schächtelchen gelegt und« – folgte das Datum – »hier unter dieser Blutbuche vergraben.« Und unter diesen Zeilen stand, schön sauber geschrieben, Oswalds Name. Als Tom aber schon zur Feder griff, um auch seinerseits zu unterschreiben, horchte er plötzlich auf und fragte Oswald leise: »Du, Oswald! Was ist das? Hör' mal!« Auch Oswald horchte, aber dann lachte er und sagte: »Ach, das sind Brunos Kanarienvögel und Dompfaffen drin in der Kammer. – Na, bist du mit den Zeilen einverstanden?« »Wie? – Ach so, ja, natürlich«, sagte Tom. »Dann setzst du also deinen Namen drunter?« Tom bejahte, im Ohr das Geräusch der Vögel nebenan, tauchte ein und unterschrieb. »So! Und nun drück' ich das Löschblatt drauf«, sagte Oswald mit umständlicher Feierlichkeit und tat, was er sagte. »Und jetzt leg' ich's in das Schächtelchen« – er tat's – »und nun« – er langte einen Holzspan aus einem bereitstehenden Leimtopf – »klebe ich das Schächtelchen zu« – er tat's –, »und jetzt wickl' ich's hier in dies rosa Seidenpapier und binde hier das grüne Bändchen drum. – So! – Ach ja, die Vögel! – Willst du sie mal sehn?« Tom bejahte, schickte aber einen zweifelnden Blick zum Ofen hin. »Ach, komm nur! Er wird sich hüten un' was sagen. Er weiß schon, was ich ihm vorhin zu verstehen gegeben habe. Du siehst ja, daß er die Pfeife weggestellt hat. Solche ollen stinkigen Kirschblätter pafft er ja. Weil er außer Stellung is un' Mutter ihm kein Geld zu richt'gem Tabak geben kann. – Komm nur!« Sie gingen in die Kammer. Sie war ein schmaler, einfenstriger, blaugetünchter Raum. Im Hintergrund stand ein Bett mit einer gestopften weißen Waffeldecke drüber, daneben ein grober Holzstuhl. In der Ecke neben dem Bett hingen allerlei Kleidungsstücke mit einem verschossen grünen Stück Zeug drüber. Dann war noch ein kleiner, schmaler Waschtisch da mit einem halbblinden Spiegelchen drüber. Doch es tat Tom sofort gut, daß hier kein Tabaksqualm war und das Fenster weit offen stand. Nur roch es merkbar nach den zwei großen Käfigen, von denen der eine dicht beim Fenster auf einem alten, roten, dreibeinigen Tisch stand, der andere ihm gegenüber an der Wand hing. Der auf dem Tisch wimmelte von gelben, weißgelben, grauen und graugelben Kanarienvögeln, die durcheinander hüpften, flatterten, sich badeten, Futter pickten, sangen. In dem Käfig an der Wand aber waren Dompfaffen, die Tom, der noch keine gesehen hatte, sehr gefielen. Als sie aber einige Zeit bei den Käfigen zugebracht hatten, fuhr Tom mit einemmal erschreckt herum: Bruno Bruhns stand neben ihm. Lautlos auf seinen Filzsocken war er hereingetreten. »Na, Tom? Gefallen dir die Piepmätze?« Angenehm überrascht von dem verständigen Ton, in welchem Bruno Bruhns gesprochen hatte, bejahte Tom. »So! – Na, dann paß mal auf! – Dann will ich dir auch mal was zeigen.« Er trat an den Dompfaffenkäfig heran und schob dessen Tür in die Höhe. Darauf brachte er das Gesicht dicht an die Öffnung und rief mit sanfter Stimme in den Käfig hinein: »Fritzchen?« Tom sah, wie unter den Tierchen eine Aufmerksamkeit entstand, eines von ihnen von seiner Stange heruntersprang und zu der Öffnung hin kam, wo er mit seinen gescheiten Äugelchen, die wie zwei schwarze, blitzende Perlchen waren, Bruno Bruhns aufmerksam ansah und ein paar kurze, leise Pfiffe hören ließ. »Gut, Fritzchen! – Un' nu' hör' mal zu, Fritzchen, paß mal auf! – Was is das hier?« Er hatte aus der Seitentasche seines Jacketts ein Stückchen Zucker herausgeholt, das er zierlich zwischen Daumen und Zeigefinger Fritzchen hinhielt. »Das is Zucker, he?« Fritzchen ließ einen hellen Pfiff hören. »Woll! – Also hopp!« Husch, saß Fritzchen ihm auf dem Unterarm, den er inzwischen bereitgehalten hatte. »Also, Fritze! Un' nu' pfeif' mal eins! Und das ist: ›Du, du liegst mir am Herzen‹.« Und Fritzchen pfiff das Lied von Anfang bis Ende tadellos herunter. Die Sache gefiel Tom so gut, daß er fröhlich auflachte. Bruno Bruhns aber ließ Fritzchen an dem Zuckerstück knabbern. »Na, was sagst du nun, Tom?« fragte er, während er hinter der Brille in einer possierlichen Weise die Augen ganz ernst weit aufriß. »O, es ist sehr schön!« lachte Tom. Er mochte Bruno Bruhns jetzt ganz gern. »Na ja, siehst du! Un' das war Fritzchen! – Fritzchen, gib ein schön's Busserl!« Er hob den Unterarm zum Mund herauf, und richtig pickte ihm Fritzchen ein zierliches Küßchen auf den Mund. »So! Na also, das war schön«, sagte Bruno Bruhns, ließ Fritzchen wieder in den Käfig hinein und schob die Tür zu. »Nu' werdet ihr ja wohl gehn wollen«, sagte er dann. »Aber erst soll ich euch doch wohl mal was Schönes vorspielen?« »Ach, auf der Gitarre?« fragte Tom. »Was? Auf der Gitarre? – Na, kommt nur.« Sie gingen in die Stube zurück. Bruno Bruhns aber trat zu der einen Sofaecke hin und holte eine riesige, wohl gut einen Meter hohe Ziehharmonika aus ihr hervor, die er mit einiger Mühe zu dem alten Lehnstuhl beim Ofen hinschleppte, wo er sich dann, die Harmonika vor sich auf dem Fußboden, niederließ. »Es ist eine richtige amerikanische Riesenziehharmonika«, belehrte Oswald. »Mein Vater hat sie früher aus Amerika mitgebracht.« Bruno Bruhns begann zu spielen. Es brauste und dröhnte machtvoll wie ein ganzes Orchester, und lieblich, neckisch und fröhlich klang auch noch ein Glockenspiel dazwischen, das bei gewissen Stellen einsetzte. Tom, der vor Freude lachte, konnte zwischen dem Gedröhn hindurch vernehmen, daß Bruno Bruhns dazu sang. Oswald sagte, es sei der Yankee-doodle. Und er sang ihn auf Englisch, wie er ihn von seinem Vater gelernt hatte. Als der Yankee-doodle aber zu Ende war, rief Bruno Bruhns mit lauter, starker Baßstimme: »Das war der Yankee-doodle! Damit's aber die deutsch-amerikanische Verbrüderung wird – Deutschland allzeit Volldampf voraus! – soll jetzt noch folgen: ›Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt!‹« Und nun spielte er auch noch »Deutschland, Deutschland über alles.« »So! Nanu, was sagste nu', Vom? Bistu nu' mit Bruhns senior zufrieden, he? – Na, dann komm her und gib mir die Hand, und nachher macht meinswegen, daß ihr fortkommt, dann wer' ick woll we'r smöken können.« Tom lachte und nickte ihm zu, ging zu ihm hin, gab ihm die Hand und bedankte sich für alles. Darauf ging er mit Oswald, der inzwischen seine Schuhe angezogen hatte, zu der Blutbuche hinaus, wo sie das Schächtelchen so, wie's Oswald gestern nachmittag vorgeschlagen hatte, eingruben. 16. Von da ab und nachdem der bisherige Verkehr mit Oswald etwa ein halbes Jahr gedauert hatte, kam Tom öfters zu den Bruhnsleuten. Es hatte ihm schließlich der Vögel und der Musik wegen dort trotzdem gefallen. Bruno Bruhns hatte inzwischen wieder eine Anstellung bekommen und war den Tag über im Kontor, Frau Bruhns aber fast immer auf Arbeit außer Hause. Ein weiteres halbes Jahr war dann hingegangen, als es Lise mit einemmal anfing aufzufallen, daß Tom jetzt öfter ein launisches, mitunter sogar gereiztes Wesen zeigte; eine Eigenschaft, die sie bisher noch nie an ihm wahrgenommen hatte. Ausschlaggebend war ihr aber, daß er anfing blaß auszusehen, und zu gleicher Zeit bemerkte sie, daß er sich nichts mehr daraus zu machen schien, wenn ihn Oswald Bruhns mal besuchen kam. Sofort wurde sie aufmerksam. Oswald war ihr jetzt geradezu verhaßt. Sein bescheiden artiges Wesen, sein Hochdeutsch waren ihr dermaßen widerwärtig, daß sie eines Tages, als er wieder mal kam, Tom verleugnete und ihm deutlich zu verstehen gab, daß er nicht wiederzukommen brauche. Trotzdem fühlte sie sich durch den Umstand beunruhigt, daß Tom nach wie vor oft außer Hause war. »Sag' mal, Tom!« redete sie ihn eines Tages aufs Gewissen an, »wohin gehst du jetzt eigentlich immer so allein? Etwa noch zu den alten, ekligen Bruhns?« Sie brauchte mit Absicht den Ausdruck »ekligen«, weil sie den Abscheu an den Bruhnsleuten, den sie dem Knaben abgemerkt hatte, noch steigern wollte. Sie sah, wie er, sobald sie die Bruhns erwähnt hatte, rot wurde und beiseite blickte. »Wie der Junge nur schief blickt!« dachte sie. »Niemals hat er das getan.« »Nun, sag' doch?« fragte sie laut noch einmal. »Nein.« »Tom, aber auch wirklich nicht?« »Nein, nein, nein! Ich sage ja doch!« rief Tom gereizt und verzerrte das Gesicht. »Mein Jung'! Tomchen! Sag' mal: Aber auch wirklich und wahrhaftig nicht? – Sieh Mutter doch an! Nun?« Betroffen über ihre angstvoll eindringlichen Worte, sah er ihr mit seinem alten, offnen, treuherzigen Blick ins Auge. »Nein, Ma'! Ich sag' doch! – Wirklich nicht! – Ich mag ja selbst nicht mehr hin!« Seine Stimme stockte von verhaltenen Tränen. Lise seufzte. »Nun, du tust Mutter damit einen Gefallen, Tom! Hörst du?« Tom nickte. Er sah wieder beiseite. Doch merkte sie, daß es aus dem Grunde geschah, weil ihn ein innerliches Weinen überwältigen wollte. Und plötzlich brach er auch wirklich in ein Schluchzen aus, wandte sich gegen Mutter herum und warf sich ihr mit dem Gesicht an die Brust. »Ich – mag – ihn ja – selbst – nicht mehr! – Er – ist – mir ja – so widerwärtig!« stieß er hervor. Im Innersten erfreut, streichelte sie ihn mit sanfter Liebkosung beruhigend über den zuckenden Rücken. Und als er dann, etwas beruhigter, das Gesicht aufrichtete und mit tränenverschwommenen Augen Mutters Auge suchte, konnte sie sich nicht helfen und zog ihn zu sich empor, und »Nun, mein lieber Jung'!« küßte sie ihn ein paarmal. »Oh, das ist recht! – Oh, siehst du, das ist recht!« Im übrigen brummte sie dann aber, mit verfinstertem Gesicht zur Seite blickend, noch etwas vor sich hin, das Tom nicht verstehen konnte; doch beunruhigte es ihn nicht, da er sofort fühlte, daß es nicht ihm galt, was Mutter da vor sich hin sprach. Aber da ereignete sich eine Woche drauf etwas Besonderes. Tom hatte sich schon den ganzen Tag über auf eine Weise im Hause herumgedrückt, die verriet, daß er sich nicht wohlfühlte. Er war blaß und still, aß nicht recht, zeigte sich manchmal gereizt und zuweilen, schien's, geradezu verängstigt. Schon ein paarmal hatte er Lise, die ihm die ganze Zeit über wieder beständig ihre sorgende Aufmerksamkeit zugewandt hatte und möglichst viel in seiner Nähe war, im Laufe des Vormittags aufgesucht, sich an sie geschmiegt und schien einen Zuspruch von ihr zu wünschen. Sie hatte ihn gestreichelt, ein paar gute Worte zu ihm gesprochen, auf ihre Frage aber, was ihm fehle, hatte er nicht recht geantwortet. In Wahrheit fühlte er sich nicht wohl, ohne aber selber zu wissen, was ihm fehlte. Er hatte, wovon er jedoch nichts sagte, die Empfindung einer abscheulichen, unruhigen Langeweile, in der ihm all seine Umgebung fad vorkam, auch das Sonnenlicht beunruhigte ihn. Zu Mittag genoß er so gut wie gar nichts. »Du ißt nicht, Tom?« fragte Vater in seiner etwas spöttischen Weise. »Mir tut der Kopf ein bißchen weh«, antwortete Tom. »So, na da beiß wieder«, sagte Vater und bekümmerte sich nicht mehr um die Sache. Nach dem Mittagessen hatte er dann den Wunsch geäußert, zu Großmama hinüberzugehen, bei der er sich zu zerstreuen hoffte. Es hatte sich getroffen, daß Rosalie, die eine Bestellung hatte, auch mit hinübergegangen war. Als sie dann aber etwa eine Viertelstunde später zurückkam, ging sie sofort zu Lise in die Küche. »Gnäd'ge Frau«, sagte sie, ganz bleich und in offenbarer Unruhe. »Ich glaube, bei Tom kommt eine Krankheit zum Durchbruch.« »Wie denn? Was?« wandte Lise sich erschrocken und zugleich heftig gegen sie um. »Tom ist – krank?« »Oh, es ist wohl noch nicht so schlimm«, beruhigte Rosalie. »Aber schon wie wir drüben die Treppe 'naufgingen, zitterte er und sagte, daß er fröre. Nachher hat er aber drin bei der gnädigen Frau einen Anfall von Wechselfieber bekommen. Er liegt jetzt auf dem Sofa, und gnäd'ge Frau hat ihn tüchtig mit Federbetten zugedeckt.« »Ach was, Wechselfieber?« Lise brach in böses Lachen aus. Sie war von ihrem Lehnstuhl aufgesprungen und riß sich jetzt die Küchenschürze ab, die sie sogar mit einer zornigen Bewegung in den Stuhl warf. »Wechselfieber also! – Hahaha! Ich werde also denn doch wohl mal zusehn gehen müssen!« Damit war sie zur Küche hinausgeeilt, und bald darauf sah Rosalie, die in ihrer koboldhaften Art zum Küchenfenster hingehuscht war, wie Lise den großen Mittelweg unten im Garten auf das Vorderhaus förmlich zurannte, in welchem sie dann ein paar Augenblicke später verschwunden war. »Oh, oh!« flüsterte Rosalie ängstlich vor sich hin. »Der arme Jung'!« Fast ohne die Schwiegermutter zu beachten, war Lise ins Zimmer herein- und aufs Sofa zugestürzt, wo Tom unter einem Berg von Federbetten und Decken lag, der von seinem im Wechselfieber zuckenden Körper auf und nieder bewegt wurde. »Tom! Mein lieber Sohn, was ist dir?« fragte sie, zu Tom, dessen Gesicht zwischen den großen, schweren Kissen kaum zu sehen war, niedergebeugt. »Mich friert so sehr. – Und dann ist mir wieder so heiß«, brachte Tom mühsam zwischen seinen klappernden Zähnen hervor, so daß sie mehr erriet als verstand, was er sagte. Sie fuhr mit der Hand unter die Kissen. Sie fühlte, wie sich sein Leib unter dem Schüttelfrost beutelte. Diese Wahrnehmung steigerte den Grimm, mit dem sie gekommen war. Noch auf der Kante des Sofas sitzend, die Faust zornig vor sich hin in die Kissen gestemmt, fuhr sie gegen die Schwiegermutter herum, die drüben vor ihrem Fenstersitz stand, funkelte sie förmlich an. Das Gesicht der alten Dame gewann einen zornig befremdeten Ausdruck. »Nun, mein Gott, was gibt's denn!« sagte sie, Lises Blick unwillig abwehrend. »Er hat einen Anfall von Wechselfieber. Vermutlich hat er sich erkältet. Das ist doch nicht so schlimm. Zum Überfluß hab' ich nach dem Arzt geschickt.« Lise lachte auf. »Wechselfieber?« rief sie, ohne den Blick von der Schwiegermutter abzuwenden. »Nun, was soll das heißen? Was soll dies – Benehmen?« »Was das heißen soll? – Oh, das kann ich Ihnen wohl schon mal sagen!« »Ich bitte, wähle deine Worte!« begegnete die alte Dame mit zornigem Nachdruck, doch nicht ohne eine gewisse betroffene Unruhe. Lise ihrerseits wandte ihre Aufmerksamkeit, ohne schon zu antworten, noch einmal zu Tom hin. Das fürchterliche, stoßende Zucken, das jetzt auch sein Gesicht entstellte, schnitt ihr ins Herz und steigerte ihren Zorn. Mit behutsamer Eile erhob sie sich und trat mit lautlosen, aber festen, schnellen Schritten, diese nicht aus dem Auge lassend, zu der Schwiegermutter hin, stand ihr, Auge in Auge, gegenüber. »Nun, nun!« wehrte die alte Dame, unwillkürlich etwas irritiert, ab. Doch Lise brach mit gedämpfter, fast zischender Stimme los: »Sie sagen, er hat das Wechselfieber. Ich spreche nicht aus, was er hat, verstehen Sie? oder was erst die Ursache ist, daß er das Wechselfieber hat; aber das will ich Ihnen sagen: Ich hätte Ihnen einen besseren – Geschmack zugetraut, als daß Sie das Kind mit dieser – ekelhaften Bande in Berührung brachten, daß Sie ihn mit diesem – blassen, schiefäugigen Bengel in Umgang brachten! Aber Sie sind es ja wohl, die über das Kind zu verfügen hat! Nicht ich ! Nicht einmal der Mühe haben Sie's für wert gehalten, mir, seiner Mutter, ein Wort von der Sache zu sagen! – Hahaha! – Es ist ja wohl überhaupt bloß der reine Zufall, daß ich das Kind zur Welt gebracht habe! Sie haben ihn getragen, Sie haben ihn geboren, Sie haben ihn gepflegt, vom sicheren Tode errettet! Sie! Nicht wahr? – Aber nun haben Sie's! Nun wissen Sie ja, was Sie mit Ihrer höheren Einsicht getan haben! Denn Sie, Sie, Sie, niemand anderes hat sich die Schuld zuzuschreiben! Sie sind's, die ... Oh, mein Gott, Mutterchen !« Unwillkürlich schrie sie, Toms ganz vergessend, vor Schreck auf. Die alte Dame war todbleich hintüber vor ihrem Sessel umgesunken. Hurtig sprang Lise zu, beugte sich zu ihr nieder, umfaßte sie mit beiden Armen und hob sie, ihren Körper behutsam rüttelnd, halb in die Höhe. »Oh, lieber Gott!« rief sie mit einem verzweifelten, winselnden Weinen. »Mutterchen! – Mutterchen! – Oh, so hören Sie doch! – Seien Sie doch nicht so schrecklich stumm, sagen Sie mir doch nur ein Wörtchen! – Ich habe das ja nicht gewollt! Es ist ja doch unser Kind! Ich habe ja doch so große Sorge um ihn! – So hören, hören Sie mich doch! – Denken Sie doch an Tomchen, Tomchen, unser, Ihr Tomchen !« Dieser letzte Schrei mochte ihr ins Bewußtsein gedrungen sein, denn die alte Dame regte sich jetzt und bewegte aufhorchend mit starr suchenden Augen den Kopf hin und her. Als sie aber Lise gewahrte, rief sie, sich aufraffend und mit vorgerecktem Arm kräftig einen abwehrenden Stoß gegen Lises Brust richtend: »Laß mich!« »Mutterchen!« schmeichelte Lise weinend. »Laß, laß mich!« Sie hatte sich jetzt völlig erhoben. Aber ihre Augen, groß und verstört geöffnet, wichen Lises Blick aus, und ihre leisen Worte waren mehr hastig als zornig gewesen. Sie hatte eine Weile dagestanden, die Arme schlaff an beiden Seiten herabhängend, und mit sonderbar starren Augen an Lise vorbei umhergeblickt, als sie plötzlich mit einer jähen Wendung an ihr vorbei und zur Tür hin war. Von dem Fall, den sie vorhin getan, hatte sich ihr das hinten aufgesteckte Haar etwas gelöst, so daß ihr ein Stück ihres Zopfes auf den Rücken herabhing. Sofort war Lise hinter ihr her, holte sie, als sie bereits zur Tür hinaus wollte, ein und hielt sie fest. »Oh, lieber Gott, erbarmen Sie sich doch meiner, liebes, liebes Mutterchen, ich bitte, beschwöre Sie: Was wollen Sie tun? Wo wollen Sie hin?« Vor Angst und Schreck zitterte sie am ganzen Körper. Ihre Stimme war ein verzweifeltes, winselndes, kaum gedämpftes Weinen. »Liebes, liebstes Mutterchen! Was wollen Sie tun? – Oh, nicht doch, nicht doch! – Nein, nein, nein! Oh, nein doch!« Sie hatte ihre äußerste Kraft aufzubieten gegen das verzweifelt angestrengte, stumme Ringen, mit dem die alte Dame sich ihren sie haltenden Armen zu entwinden suchte. »Oh, sagen Sie doch nur ein, ein, ein einziges Wörtchen! Seien Sie doch nicht so fürchterlich stumm und starr! – Verstehen, hören Sie mich doch! Ich beschwöre Sie: Verstehen Sie mich doch nur ein klein bißchen! – Es ist ja doch unser Kind! Ich habe ja doch so große Sorge um ihn! – Ist denn das nicht die Hauptsache, Mutterchen? Denken Sie doch an Tomchen! – Oh, nicht wahr, Sie hören mich? Oh, Gott sei Dank!! – Oh, kommen, kommen Sie doch! So! – Wo wollen Sie denn in diesem Zustand hin! Sehen Sie, das Haar hat sich Ihnen aufgelöst, wo wollen Sie denn so mit aufgelöstem Haar hin!« Die alte Dame war jetzt ruhiger geworden, hatte ihre verzweifelten, starren Anstrengungen, sich loszuringen, aufgegeben und lag still, fast hingegeben in Lises Armen. Doch verriet der verstörte Ausdruck ihres Blickes, daß diese Haltung keine eigentlich bewußte war. »Oh, Gott sei Dank!« fuhr Lise fort. »Nicht wahr. Mutterchen, Sie sind mir nicht böse? Ich bitte Ihnen ja doch so sehr, so herzlich ab, was ich Ihnen gesagt habe, es war ja doch nur meine große, große Sorge. Wir müssen ja doch beide auf das Kind bedacht sein. – Wer konnte denn wissen, daß es so kommen sollte?« »Ja, ja! – Laß mich!« Die alte Dame hatte sich mit einer langsamen, noch halb unbewußten Bewegung über die Stirn gestrichen, dann aber mit erwachendem Auge umhergeblickt, leise, hastig die letzten Worte hervorgestoßen und sich unter ihnen aus Lises lockerer gewordenen Umklammerung freigemacht. Mit ein klein wenig taumelnden Schritten begab sie sich, hinten die Haarsträhne auf den Rücken herab, wieder zu ihrem Fensterplatz zurück. Hier angelangt, wandte sie sich dem Sessel zu, ließ sich schwach, die eine Hand auf die Seitenlehne gestützt, nieder, worauf sie dann gegen das Fenster hin abgewandt starr und stumm dasaß. Behutsam begab Lise sich gleichfalls zum Fenster hin, blieb etwas abseits von ihr stehen und beobachtete sie schweigend und besorgt. »Mutterchen?« Die Frau Kommerzienrat blieb abgewandt. »Darf ich Ihnen nicht Ihr Haar wieder zurechtmachen? – Wenn ... Wenn der Arzt käme?« Die alte Dame wandte sich vom Fenster ab und sah Lise an. »Darf ich? – Nicht wahr?« Lise war an sie herangetreten und richtete, ohne daß sie unterbrochen wurde, das in Unordnung geratene Haar sorgsam wieder her. Doch kaum war sie damit fertig, als die alte Dame plötzlich mit dem Gesicht nach vorn in beide Hände fiel und in ein stilles, bitterliches Weinen ausbrach. Lise, die ihre Hände behutsam von ihrem Haar wieder entfernt hatte, wartete, bis sie sich ausgeweint, langsam wieder aufgerichtet und ihre vorige, dem Fenster zugewandte Haltung wieder angenommen hatte. »Mutterchen? – Sind Sie mir noch böse?« fragte sie sanft und jetzt auch ihrerseits weinend. »Wie denn?« Die alte Dame wandte das Gesicht gegen sie herum, ihren Blick jedoch vermeidend. »Es ist gut«, sagte sie dann leise, sich wieder abwendend. »Mutterchen, wollen Sie mir nicht die Hand geben?« Die Frau Kommerzienrat machte in ihrem Sessel ein paar unbestimmte, hin- und herrückende Bewegungen, worauf sie dasaß, starr geradeaus irgendwohin vor sich hinblickend, die Hände auf den Seitenlehnen des Sessels. Lise ergriff hurtig, jedoch behutsam, die Hand, die auf der gegen sie hin befindlichen Seitenlehne lag. Sie beugte sich nieder und drückte einen Kuß darauf. Durch den Körper der alten Dame ging ein leiser Ruck, hastig, aber nicht feindselig zog sie die Hand zurück. Auch um ihren Mund ging ein Zucken, doch veränderte sie nicht die Richtung ihres Blickes. »Aber – geh jetzt! – Laß – mich – allein«, stieß sie leise hervor, auch unter diesen Worten die Richtung ihres Blickes nicht verändernd. Mit einem letzten, prüfenden Blick auf sie trat Lise vom Sessel zurück und verließ langsam das Zimmer, die Tür hinter sich leise ins Schloß drückend. 17. Beide hatten sie während des Auftrittes, der sich gelegentlich bis zu lautem Schreien gesteigert hatte, Toms vergessen gehabt. Tom aber hatte alles von Anfang bis zu Ende all seinen Einzelheiten nach mit angehört. Zuweilen hatte er rufen und aufweinen wollen, doch war er das des Fiebers wegen nicht imstande gewesen, auch hatte er den ganzen Verlauf mit zu sehr in Anspruch gehaltener Aufmerksamkeit verfolgt und in sich aufgenommen. Bald nachdem Lise sich entfernt, hatte das Fieber ihn aber verlassen, und er war in einen unruhigen Schlaf gesunken. In diesem Schlaf aber hatte er einen seltsamen, überaus deutlichen und bis in die geringsten Einzelheiten hinein lebendigen Traum. Es träumte ihn, er befände sich an einem Ort, der bald die Wohnung der Eltern, bald Großmamas Zimmer war. Alle, mit denen er täglich verkehrte, Vater, Mutter, Großpapa und Großmama, Onkel Anton, Detlev, Karl, die anderen Geschwister, Rosalie, das Hausmädchen, befanden sich in seiner Nähe; die Erwachsenen ihren Beschäftigungen hingegeben oder miteinander im Gespräch, die Kinder spielend. Im Zimmer war ein freundlicher, lieblicher Sonnenschein, Blumensträuße standen da, und allerlei gute Dinge zu essen und zu trinken gab es und die herrlichsten Spielsachen, Bücher und Bilder. Aller Mienen waren so licht und liebreich, alle sprachen still und freundlich miteinander, Mutter gab Großmama einen Kuß, und sogar die Jungens vertrugen sich, schrien und prügelten sich nicht. Und dann saßen alle bei Tische und waren fröhlich, lachten und plauderten miteinander, und das Essen und Trinken hatte einen so ganz unbeschreiblich wunderbaren Geschmack und Duft, und auch in der sonnigen, himmlisch klaren und reinen Luft, die im Zimmer herrschte, war ein Duft wie von Rosen und lauter schönen Blumen. Und es war ein so unsagbar schönes Gefühl, solch eine Seligkeit, und er wußte mitten im Traum und sagte sich, daß das der Himmel wäre, und fühlte selbst das selige Lächeln, das seinen Mund umhauchte. Plötzlich aber, man wußte gar nicht wie es kam und was die Veranlassung gegeben hatte, war alles ganz anders. Die Sonne, die aus dem Garten zu den offenen Fenstern hereindrang, war grell und stach, und es war so heiß und dumpf im Zimmer, und überall war eine wüste Unordnung. Am Fußboden lagen zerrissene Bücher, zerbrochenes Spielzeug und Eßgerät umher. Auf dem Tisch stand und lag alles durcheinander, Flaschen, Gläser, Schüsseln waren umgeworfen, das schöne weiße Tischtuch zeigte häßliche Flecke von verschütteten Speisen, an einer Stelle aber war sogar eine Gabel hineingestochen, und an einer anderen hing es von einem Messer in Fetzen zerrissen hernieder. Alle waren vom Tisch aufgesprungen, der eine saß auf einem Stuhle, starrte vor sich hin, weinte und klagte; wieder andere standen einander gegenüber, fuchtelten mit den Armen aufeinander los und hatten vor Wut ganz verzerrte Gesichter, schrien einander an und stießen die entsetzlichsten, gemeinsten Schimpfworte hervor. Wieder wer anderes, es war Onkel Anton, der sonst immer so gut und lustig war, rannte in einem fort mit einem bleichen Gesicht und starren Augen im Zimmer hin und her und rang verzweiflungsvoll die Hände vor sich hin. Großmama und Mutter aber fuhren aufeinander los, schrien, weinten und schlugen sich. Detlev und Karl und die anderen Brüderchen und Schwesterchen wälzten sich schreiend und schimpfend zwischen der greulichen Unordnung auf dem Fußboden umher, hieben und kratzten aufeinander los. Und alle waren doch dieselben Menschen, die zuerst so fröhlich und liebreich miteinander gewesen waren und so schön, wie leuchtend vor Freude und Liebe. Dann aber war alles mit einemmal wieder wie zuerst. Die Sonne schien wieder so still und schön und klar, es duftete nach Rosen und den schönen Blumen, alles war wieder in schöner, sauberer Ordnung, und sie saßen zusammen zu Tisch, aßen und tranken die herrlichen Speisen und Getränke und waren fröhlich und liebreich miteinander. Tief befreit atmete Tom auf und lächelte. Es war, als ob er eine unbeschreiblich köstliche Luft einatmete, die seine Brust wohltuend weitete. Vor Freude, Seligkeit und Befreiung weinte und lachte er zugleich und glaubte, daß nun bestimmt alles so bleiben und nie, nie wieder anders und das andere werden würde. Doch mit einemmal – ein unsäglich schwüles, wie klebriges, dumpf drückendes Entsetzen erfaßte Tom – war es wieder das andere. Und dann wurde es wieder wie zuerst. Doch das befreite ihn jetzt nicht mehr, sondern war ihm eine neue Qual, weil er nun nicht mehr glauben konnte, daß es so bliebe, weil er glaubte, daß wieder das andere, so unbeschreiblich Entsetzliche, Abscheuliche kommen würde. Und es kam wirklich. Und dann wieder das andere. Und niemand konnte es ändern und etwas dagegen tun. Es war aber das Merkwürdige des Traumes, daß Tom selber gar nicht mit zwischen den anderen war und an dem Mahl und den entsetzlichen Auftritten mit teilnahm, sondern daß er mitten zwischen all dem ganz allein und für sich war, alles mit ansah und anhörte und es nur so mitlebte. »Ach Gott, ach Gott, niemals wird es nun wieder so werden, wie es erst gewesen ist!« wollte Tom im Traum aufschreien: aber es überkam ihn nur eine entsetzliche Angst, und er erwachte und fuhr unter den Kissen und Betten, unter denen er lag, in die Höhe. Seine umherstarrenden Augen trafen auf Großmamas Gesicht. Großmama saß auf einem Hocker, den sie vom Klavierflügel herübergerückt hatte, bei ihm vor dem Sofa, hatte das Gesicht zu ihm herniedergebeugt und beobachtete ihn. Im Zimmer, das Tom in diesem Augenblick dumpf und unheimlich vorkam, dunkelte es schon. Nur bei den Fenstern war noch ein düsterroter Schein von der Abendsonne. »Bist du wieder wach, mein Liebling?« sagte Großmama mit sanfter Stimme und strich ihm lind mit ihrer Hand, die kühl war und ihm wohltat, über Stirn und Haar. Aber Tom konnte nicht antworten. Er sah Großmama nur ganz verwundert und mit einem Ausdruck von Fremdheit und Angst an. Zum erstenmal in seinem Leben berührten ihn ihre Anrede und ihre Liebkosung nicht, daß er sich hätte an sie schmiegen, sie umfassen und küssen können. Und der Knabe war sich dessen bewußt. Halb ungeduldig, halb weinerlich verzog er das Gesicht und sagte: »Nimm doch die Betten weg! – Es ist so heiß.« »Ach, hast du noch immer das garstige alte Fieber, mein Herzchen?« erkundigte sich Großmama, während sie ihm wieder die kühle Hand auf die heiße Stirn legte. »Nein«, antwortete er. »Ich bin ja ganz wieder gesund. – Nimm doch die Betten weg, Großmama! – Es ist so heiß, ich kann mich nicht bewegen. – Ich möchte aufstehen«, setzte er weinerlich hinzu. Großmama nahm daraufhin die Betten und Kissen fort. Tom atmete, als er jetzt frei auf dem Sofa lag, tief auf und sah, noch immer etwas vom Schlaf und dem entsetzlichen Traum befangen, in dem dunkelnden Zimmer umher und verfolgte Großmamas kleine, dunkle Gestalt, wie sie die dicken Betten beiseite trug, mit den Blicken. Er lag noch eine Weile, sich der Temperatur des Zimmers, die er jetzt als angenehm kühl empfand, hingebend, da und ermunterte sich ganz. Er fühlte sich jetzt wie immer und bei Kräften. Zugleich erfaßte ihn aber eine heftige Sehnsucht, jetzt Großmama und das dunkle Zimmer zu verlassen und drüben bei Mutter zu sein. Er stand auf und trat langsam ins Zimmer hinein, das ihm jetzt schon das äußerste Unbehagen mitteilte. Er war verlegen und weinte fast vor Angst, Großmama könnte meinen, er wäre noch krank und ihn deshalb noch zurückhalten. Er wußte aber nicht, wie er sie bewegen sollte, ihn fortzulassen; zugleich dachte er, er würde sie betrüben, und das wollte er nicht. »Ah, sieh, da bist du ja?« rief Großmama erfreut. »Und du fühlst dich auch wieder ganz wohl, mein Tom?« »Ja.« Tom nickte und lächelte ein bißchen, in der Absicht, Großmama damit am ehsten zu bestimmen, daß sie ihn gleich gehen ließe. »Sag', hast du nicht Appetit? Möchtest du nicht was Gutes essen? Möchtest du vielleicht ein Glas Limonade?« fragte sie liebreich. »Oh, wie schön, wie schön, daß mein lieber Tom wieder wohlauf ist! Wie Großmama das beruhigt!« Sie war zu ihm herangetreten, hatte ihn an sich herangezogen und streichelte ihn. Er ließ es geschehen, ohne aber zu erwidern. »Großmama?« bat er endlich, förmlich flehend zu ihr aufblickend. »Laß mich doch 'nübergehen jetzt, es wird sonst zu dunkel, ich muß dann auch gleich zu Bett.« »Aber möchtest du nicht erst noch bei Großmama bleiben, dich etwas ausruhen und essen und trinken?« »Ach nein! – Ich komme morgen wieder.« »Nun ja, dann geh' nur, mein Herzensjunge.« Artig, aber etwas eilig, küßte er Großmama, gab ihr die Hand, sagte »Gute Nacht!« und verließ schnell das Zimmer. Drüben angekommen aber suchte er sofort, sich förmlich zu ihr flüchtend, Mutter auf. »Mama!« Mit befreit aufstrahlendem Gesicht eilte er auf sie zu, umfaßte sie mit beiden Armen und sah mit Augen, die von Freudentränen blinkten, zu ihr auf. »Nun, mein Tom?« sagte sie, ihn anlächelnd und ihm mit ihrer schönen, warmen, fleischigen Hand übers Haar streichelnd, eine Liebkosung, die ihm in diesem Augenblick unsäglich wohltat. »Bist du wieder munter? Hast du Appetit? Möchtest du was essen?« Er nickte und lachte. Noch immer hielt er Mutter umfaßt und drückte sich schmeichelnd an sie. Sie erriet, daß er geküßt sein wollte. Vor Freude lachte sie, sagte willfährig »Na?«, beugte sich zu ihm nieder und gab ihm ein hübsches Küßchen auf den Mund. 18. Tom hatte weder zu Mutter, noch zu Großmama, noch sonst jemand von dem Traum gesprochen; und schon das war ein Anzeichen, daß dieser eine besondere, nachhaltige Einwirkung auf sein Wesen zu üben angefangen hatte. Denn er behielt diesen Traum von nun an ein für allemal bis in all seine Einzelheiten hinein in der Erinnerung. Im übrigen hatte er, trotz des Verhaltens, das er Großmama gegenüber gezeigt, als er wieder aufgewacht war, weder für Großmama noch für Mutter innerlich Partei genommen. Er hatte gar wohl verstanden, daß ihr Streit sich um ihn gehandelt hatte, und das war auf der Stelle für ihn gleichbedeutend gewesen mit einem Schuldgefühl. In seinen späteren, reiferen Jahren, als er dem Rätsel der menschlichen Seele und seiner eigenen bewußter gegenüberstand, dachte er oft über diesen Umstand nach, ein Nachdenken, das Zeit seines Lebens nie ohne eine besondere Frucht für ihn blieb. Jenes Gefühl von Schuld, das sein empfindende Menschen überhaupt zu haben pflegen, wenn sie Gegenstand eines leidenschaftlichen Gespräches sind, gleichviel, in welchem Sinne es geführt wird. Vor allem hatte er aber sofort ein unmittelbares Verständnis für das gehabt, was Mutter Großmama da, ohne es direkt auszusprechen, über seinen Zustand und eine gewisse Ursache desselben, in einer Weise aber, mit einem zornigen Vorwurf angedeutet hatte, in dem doch so viel Sorge, ja Angst, Angst sich verraten, daß er sofort den lebhaften Widerwillen, den Oswald Bruhns ihm im weiteren Fortgang ihres Verkehrs erregt hatte, nicht nur bekräftigt fühlte, sondern daß ihm auch jetzt erst zum Bewußtsein kam, wie ernst die Folgen seines Umganges mit Oswald für ihn hätten werden können. Nichts hätte dem Knaben nach dieser Richtung einen heftigeren und radikaler heilsamen Schreck mitteilen können, als der Auftritt zwischen den beiden Frauen. Daher kam es dann aber auch, daß er ein so lebhaftes Bedürfnis gefühlt hatte, so schnell wie möglich gerade wieder bei Mutter zu sein und zu ihr seine Zuflucht zu nehmen; nicht nur aus dem unmittelbaren Zusammengehörigkeitsgefühl von Kind und Mutter, sondern auch aus dem Verständnis dafür, daß Mutter ihn schon damals dem Tode entrissen, und daß zwischen ihm und ihr damit eine unlösbare tiefe Verbindung bestand. Doch nur in solchem Sinne hatte er für Mutter »Partei ergriffen«; im übrigen aber wurde etwas anderes für den weiteren Fortgang seiner Entwicklung von Wichtigkeit. Wie in allen Zufällen seines Lebens, selbst in Fällen von lebhafter Freude, Schreck und, selbst äußerster, Gefahr war Tom auch unter jenem Fieberanfall, eine so unerträgliche Glut er auch zu erdulden gehabt und so eisiger Frost ihn auch gebeutelt hatte, keinen Augenblick ohne sein vollstes Bewußtsein und die seltsame, reife Fähigkeit gewesen, wie den eigenen Zustand, so auch das, was in seiner Umgebung vor sich ging, mit einem seinen und eindringlichen Wahrnehmungsvermögen aufzunehmen, zu behalten und zu werten. Hundert Fragen und Beobachtungen hatte der Zwist der beiden Frauen und sein Ausgang in ihm erregt. Warum hatte Mutter sich so dicht vor Großmama hingestellt und so leise zu ihr gesprochen und doch ordentlich auf sie losgezischt, so daß man hatte merken können, wie furchtbar böse sie auf sie war? Und obgleich sie bloß so gezischt hatte, hatte er doch jedes Wort verstehen können. Und warum war Großmama so still geblieben und hatte bloß immer Mutter sprechen lassen? Und warum hatte Mutter, obgleich sie doch so böse war, so laut »Mutterchen!« geschrien und mit einemmal so aufgeweint? Warum hatten sie nicht daran gedacht, daß er doch gar nicht schliefe, sondern alles mit anhörte? Wie kam es überhaupt und war's möglich, daß Mutter und Großmama sich so miteinander zanken konnten? Noch niemals hatte er zu Hause oder gar bei Großmama einen solchen Zank und überhaupt Zank erlebt; nur Detlev und Karl und er, auch manchmal er selber, zankten sich und schrien; aber doch nur weil sie noch klein und zu dumm waren, und außerdem schadete das weiter nicht, weil sie sich nachher ja doch wieder vertrugen und im Grunde einander lieb hatten, weil sie doch Geschwister waren. Und warum hatte Mutter Großmama nachher, wie Großmama umgefallen war – er hatte solch furchtbare Angst gehabt, weil er gedacht hatte, Großmama wäre mit einemmal gestorben –, umarmt und geweint und so zärtliche Worte zu ihr gesprochen, wo sie doch zuerst so bös zu ihr gewesen war? Hatte Mutter vielleicht Angst gehabt, Großpapa oder wer anders könnte hereinkommen, oder Großmama könnte es, wenn sie wieder zu sich kam, Großpapa oder Vater erzählen? Ja, auch der gemeine Gedanke war ihm gekommen. Aber dann war Großmama, als sie wieder zu sich gekommen war, so sonderbar gewesen, so still, hatte gar nichts gesagt und war zur Tür hingerannt. Warum war sie zur Tür hingerannt, und warum wollte sie fortlaufen und wohin, was wollte sie tun? Wollte sie fort und niemals wiederkommen? Oder wollte sie sich gar etwas antun? Und warum wollte sie das? Warum verteidigte sie sich nicht gegen Mutter, warum war sie so sonderbar still? Wo sie doch gar nichts getan hatte, gar nichts dafür konnte, daß er das Wechselfieber hatte? Aber sie hatte damals ja Oswald eingeladen. Und dann war es so sonderbar gewesen, daß Großmama hinten der Zopf heruntergehangen hatte. Noch nie hatte er sie so gesehen. Aber er hatte sich gewundert, daß sie noch so viel schönes Haar hatte, während Tante Sannchen doch schon falsches hatte. Aber zuletzt hatte Großmama Mutter ja ihre Hand nehmen lassen, und Mutter hatte ihre Hand geküßt. Und nachher war Großmama wieder so ruhig gewesen wie immer. Er war darüber so froh gewesen. Nur angegriffen war sie noch. Nachher aber, als er aufgewacht war, hatte sie ja bei ihm gesessen und war so lieb und gut zu ihm gewesen. Und doch hatte er sich fremd zu ihr gefühlt und war ihm so merkwürdig zumute gewesen. Sonderbarerweise hatte ihm Mutter nachher am meisten leid getan. Aber Großmama hatte ihm auch leid getan. Aber als Mutter nachher so still 'nausgegangen war, da hätte er am liebsten weinen und ihr nachrufen mögen, sie sollte ihn mitnehmen. Doch hatte er an Großmama gedacht und wie betrübt sie sein würde, wenn er das getan hätte. Erschreckt hatte es ihn aber, und ganz betroffen hatte es ihn gemacht, als Mutter gesagt hatte, Großmutter dächte wohl, er sei nicht ihr Kind. Er war mit einemmal darüber so betroffen gewesen, daß er ja immer so viel bei Großmama war, während sie sich um Detlev und Karl und die anderen Geschwister gar nicht so viel kümmerte. Er hatte sich nicht nur mit einemmal darüber geschämt, sondern sogar ein wunderliches, fremdes Gefühl gegen Großmama gehabt. Obgleich er sofort überlegt hatte, wie gut Großmama war, und daß nur sie ihn recht verstand, und selbst Onkel Anton ihn nicht so gut verstand wie sie. Und auch an die feineren seelischen Beziehungen, die zwischen Großmama und ihm bestanden, hatte er sich erinnert; wie damals, als sie die Mondscheinsonate gespielt und er seine Lieblingsstelle vor sich hingesungen und Großmama ihn mit einemmal an sich gezogen und ihn geküßt hatte; ein Geschehnis, das sich die Jahre her tief in sein Gedächtnis eingesenkt hatte. Doch dann war das alles ineinandergegangen in die Erschöpfung des Schlafes und in diesen sonderbaren Traum. Ein paar Tage nach diesem für ihn so schrecklichen und zugleich innerlich so folgenreichen Fiebertage hatte Tom sich dann, nach wie vor nicht recht wohlauf, für sich gehalten, war selbst nicht zu Großmama gegangen und hatte sich nur immer mit seinen Gedanken herumgetragen. Dann aber stürzten ihn all die seelischen und auch leiblichen Erregungen, welche die letzten Monate über auf seinen Organismus eingestürmt waren und ihn bis ins innerste Mark seines jungen Lebens erschüttert hatten, in ein schweres Scharlachfieber. Da dies sich nachher aber noch komplizierte, so war er ein volles Vierteljahr lang ans Zimmer und den größeren Teil dieser Zeit ans Bett gebunden. Und zum dritten Male stellte sein Schicksal ihn an den Rand des Todes. 19. Zum dritten Male entschied seines Schicksals Waage für das Leben. Dank wieder der aufopfernden Pflege seiner Mutter, die, besonders wieder in den Tagen der Krise, Tag und Nacht nicht von seinem Bett wich und all ihre robuste Lebenskraft für den kleinen, übrigens diesmal recht ungeduldigen und unruhigen Patienten einsetzte. Doch litt Mutter es diesmal, daß Großmama sich mit ihr in die Pflege teilte, und es war für Tom eine wunderbare Freude, zu gewahren, daß Mutter und Großmama Frieden miteinander geschlossen hatten und sie zum ersten Male einander wirklich rücksichts- und liebevoll begegneten. Nachdem er diese Staupe, dank auch seiner guten, fehlerfreien Konstitution und seiner ungewöhnlich regen, so innig, tief und beständig mit tausend Fäden dem Leben verknüpften Bewußtseinskräfte, die mit gewissen ihrer besonders drastischen Äußerungen selbst dem Arzt, und gerade in der schwersten Zeit der Krankheit, Freude, ja Vergnügen gemacht und seine gute Zuversicht nie ganz hatten sinken lassen, bestanden hatte, kam er bald wieder zu Kräften. Er war wieder ein gut Stück gewachsen, und die Krankheit schien alle Unregelmäßigkeiten, welche die vorhergegangenen bösen Monate und ihre Erschütterungen ihm verursacht, gründlich ausgeworfen und ausgeglichen zu haben. Und doch war eine sehr wichtige Veränderung mit ihm vor sich gegangen. Eine Veränderung, von der seine Angehörigen freilich nichts ahnten, da er sich niemand gegenüber über sie aussprach, ja ihrer ganzen Natur nach auch nicht aussprechen konnte. Zum ersten Male erfuhr er in seinem Leben mit wirklicher Bewußtheit, daß wir unsere wichtigsten Angelegenheiten mit uns selbst auszumachen haben, und zum ersten Male gelangte es ihm zum Bewußtsein, daß er mehr als irgendeines seiner Geschwister oder sonst ein Mensch seiner Umgebung einsam war. Kennzeichnend für diese Veränderung war ein merkwürdiger Einfall, auf den er eines Tages kam. Schon lange war er gewohnt gewesen, gelegentlich kleine Aufsätze zu schreiben, in welchen er schlecht und recht, wie's ihm in die Feder kam, über seine täglichen Erlebnisse oder die Eindrücke, die er auf seinen Jungensstreifereien erfuhr, berichtete. Anregung dazu mochte ihm wohl gegeben haben, wenn er Detlev und Karl ihre Schularbeiten machen sah. Rosalie, auch Großmama und Onkel Anton hatten sich dann auch für diese Übungen interessiert, sie hier und da korrigiert oder mit ihm über den Inhalt gesprochen. Im Anschluß nun wohl an diese Aufsätze hatte er jetzt ein paar Bogen Papier zurechtgeschnitten, sie in einen alten Buchdeckel eingeheftet und sich auf solche Weise ein Tagebuch hergestellt, in das er regelmäßige Eintragungen machte. Das merkwürdige war aber, daß er diese Eintragungen niemand zeigte und auch zu niemand von ihnen sprach. Er hatte das Heft unter einem großen Schrank versteckt, der ausrangiert auf dem Bodenflur stand und um den sich kein Mensch weiter mehr bekümmerte. Von Zeit zu Zeit stahl er sich dort hinauf, zog das Heft hervor und machte, in der dämmerigen, staubigen Ecke hockend, mit einem Bleistift in einer sauberen, steilen Handschrift, die schön klar ausgebildete Haar- und Grundstriche, hier und da wohl auch eine kräftiger übergeworfene Schleife hatte, seine Eintragungen. Es fanden sich in dem Heft Stellen wie folgende: »Die Naumannsche ist nicht gut zu Mutter. Sie will immer nur möglichst viel von Mutter geschenkt kriegen und tut nur so, als ob sie zu Mutter gut wäre. Aber ich habe selber gehört, wie Oswald Bruhns Mutter zu Bruno Bruhns gesagt hat, daß die Naumannsche über Mutter klatscht. Auch über Großmama klatscht sie. Aber das Tollste ist, daß die Naumannsche, die bei Bruhns in der Nähe wohnt, und die Bruhns miteinander über Mutter und Großmama klatschen.« »Ich habe auf dem Markt, als Wochenmarkt war, eine Frau gesehen, die ging im bloßen Kopf und hatte drei dicke, große, nackte Fleischbuckel auf dem Kopfe, die durch solches dünnes, glattes Haar durchsahen. Das sah so eklig aus.« »Wie kann Großmama der Frau Bruhns immer alles glauben? Wo Frau Bruhns doch so falsch ist? Jetzt hat es Großmama aber selber eingesehen, und sie darf nicht mehr zu ihr kommen.« »Mutter sagt, Kinder sollen tun, was die Erwachsenen ihnen sagen, und sie sollen immer gut sein und nichts Schlechtes tun, daß der liebe Gott einen nicht straft. Aber die Erwachsenen tun selber vieles, was nicht richtig ist, und wofür die Kinder Strafe kriegen, wenn sie's tun. Tante Sannchen ißt so viel Kuchen und Bonbons, wenn sie bei Großmama zu Besuch ist, und sie spricht oft auch so viel Komisches, was gar keinen Sinn hat. Wenn Kinder aber so viel Kuchen und Bonbons essen, dann werden sie ausgezankt. Es ist so komisch, daß Tante Sannchen so viel süße Sachen ißt, manchmal aber, wenn Tante Sannchen nicht da ist, macht Großmama sich darüber lustig; wenn sie aber da ist, sagt Großmama nichts und läßt sie so viel essen.« »Es ist so gemein, wie die Jungens in der Schule Herrn Wachsmuth in der Singestunde ärgern. Wenn ein Lied gesungen wird, dann miauen sie auf der letzten Bank wie die Katzen, auf der vorletzten bellen sie wie die Hunde, auf der drittletzten pfeifen sie und in der Mitte wird gebrummt, nur auf den vordersten Bänken singen sie ordentlich. Das tun die Jungens aber, weil Herr Wachsmuth so gut ist und keinen haut und nicht schimpft. Herr Wachsmuth steigt dann jedesmal aufs Katheder 'nauf und steht ganz still da und guckt vor sich hin und ist leichenblaß, und sein Mund wird ganz blau und zuckt. Er sagt aber nichts, weil er doch nicht rauskriegt, wer's gewesen ist. Und dabei wissen die Jungens, daß er auf der Brust krank ist und ihm der Ärger schadet. Wenn dann aber wieder gesungen wird, dann machen sie's doch wieder so, und manchmal platzen sogar welche auf der hintersten Bank los und lachen ihn auch noch aus. Bei anderen Lehrern, die hauen, tun sie nichts, weil sie zu feig sind. Das ist eine Gemeinheit. Die Jungens sind Hunde.« »Großmama hat in ihrem Schrank ein Gedichtbuch, das ist schwarz eingebunden wie ein Gesangbuch und vergoldet und ist von Lenau. Ich lese manchmal drin, aber es ist alles so traurig und dann werde ich traurig. Bei einem Gedicht hat Großmama aber ein schwarzes Seidenband hineingelegt und einen Bleistiftstrich an den Rand gemacht. Das Gedicht heißt: ›Das Begräbnis einer Bettlerin‹. Die ersten Verse kann ich auswendig, weil ich das Gedicht so oft gelesen habe, und sie heißen: ›Vier Männer dort, im schwarzen Kleid, Die tragen auf der Bahre, Lastträger ohne Lust und Leid, Des Todes kalte Ware. Sie eilen mit dem toten Leib Hinaus zum Ort der Ruhe. Schlaf wohl, du armes Bettelweib, In deiner morschen Truhe. Dir folgt kein Mensch zum Glockenklang Mit weinenden Gebärden, Die Not nur blieb dir treu so lang Von dir noch was auf Erden.‹ Ich weiß ganz genau, daß Großmama mit dem armen Bettelweib sich selber meint, weil sie oft traurig ist. Aber warum ist sie traurig, wo ich sie doch so lieb habe, und wo sie doch gar kein Bettelweib ist, ich weiß gar nicht, was sie damit meint; denn auch Großpapa und Vater und Onkel Anton haben sie doch lieb?« So war mit ihm eine Veränderung vor sich gegangen, die für seine Entwicklung wohl die Gefahr einer frühzeitigen Zerrissenheit hätte einschließen können. Doch war es auffallend, daß er sich in dieser Zeit wieder mit Vorliebe in der Nähe seiner Mutter aufhielt. Wenn Mutter, wie es vorkam, nachmittags mit einer Handarbeit im Wohnzimmer oder auf ihrem Lieblingsplatz in der Küche saß, so konnte es geschehen, daß er sich still abseits ihr gegenübersetzte und sie nicht aus dem Auge ließ. Mit ernst versonnenem Ausdruck haftete sein Blick dann an ihrer Gestalt und den Bewegungen ihrer Hände, an der Aufmerksamkeit, die sie, ohne sich in ihrer Arbeit zu unterbrechen, in den Garten hinaus richtete, und er sagte dabei kein Wort, beobachtete sie nur immer. Es geschah dann wohl, daß sie auf ihn aufmerksam wurde und mit einem kleinen Humor, vielleicht auch einer kleinen Verachtung, halb mit Unwillen und Sorge, halb aus Neugier fragte: »Nun, du Kauz, was hockst du da so stumm? Schickt sich das für einen Jungen, so zu dösen?« Aber dann sagte er mit einem sonderbaren Lächeln: »Ach, nichts! Nur so! – Ich hab' meine Schularbeiten für morgen fertig.« »Nun, wenn du nichts zu arbeiten hast, dann lauf' doch 'naus, tummle dich mit Detlev und Karl!« Aber er merkte schon, daß sie nicht gerade drauf bestand, lachte und sagte: »Ach, ich mag jetzt nicht.« Sie schwieg dann und schenkte ihm, nachdem sie sich über seine Stimmung unterrichtet hatte, weiter keine Beachtung. Sie verstand wohl, daß es ihm gut tat, ein wenig bei ihr zu sitzen, und ließ es gut sein. Aber dann konnte es plötzlich geschehen, daß er aufsprang und lachend oder singend nach echter Jungensart hinauslief und zu den Brüdern ins Freie ging, um mit ihnen zu spielen. Zu Großmama kam er in dieser Zeit seltener. Freilich nahm der tägliche Schulbesuch, der Aufenthalt in der Schwimmanstalt, sein Umgang mit den Schulkameraden seine Zeit in Anspruch. Doch es kam hinzu, daß seine Empfindung für Großmama jetzt eine nicht ganz sichere war, zwischen Liebe und einer Nachdenklichkeit schwankte, deren Ergebnis wurde, daß seine Neigung eine weniger kindlich vertrauliche und dafür eine mehr respektvolle wurde. Als Großmama ihn aber eines Tages, als er bei ihr war, fragte: »Hast du denn Großmama nicht mehr lieb, daß du so selten zu ihr kommst, mein Tom?«, da hatte er sie leidenschaftlich umarmt und ihr beteuert, daß er sie sehr, sehr lieb habe. Doch auch an den gemeinsamen Streifereien und Streichen mit den Kameraden beteiligte er sich jetzt seltener. Dafür trieb er sich oft allein umher, und zwar mit Vorliebe beim Strom und Hafen und in der Stadt. 20. Unermüdlich und ohne im geringsten Langeweile zu fühlen, konnte er sich bei den Lagerstrecken, von denen einige überdies Großpapa gehörten, aufhalten und, von einer Stelle aus, wo er ungestört liegen oder sitzen konnte, das hier herrschende Treiben beobachten. In aller Stille schlang er sich förmlich voll von den vielen, bunten, immer bewegten Eindrücken, um sie in einem Feingedächtnis aufzubewahren, das man hätte mit einem Film vergleichen können. Er interessierte sich für die Bewegungen der Streckenarbeiter, wie sie über Bretter hinweg, die von den Frachtkähnen zum Ufer hinüberführten, auf Karren die Güter, Mauersteine, Petroleumballons, Braun- und Steinkohlen, Säcke mit künstlichen Düngemitteln und andere Güter auf die Strecken fuhren, wo sie dann von anderen Arbeitern in Empfang genommen und aufgestapelt wurden. Ihrer ganzen Ausdehnung nach war der Erdboden der Strecken von dem Staub der herüberbeförderten Güter gefärbt. Der Boden der Mauersteinstrecken war grellrot gefärbt, der der Kohlenstrecken schwarz oder braun, wieder andere Stellen für Farbstoffe oder Düngemittel zeigten einen gelben, rotgelben, lichtbraunen oder blauen Ton, und je nach den betreffenden Gütern war auch die Kleidung der Arbeiter gefärbt. Die regelmäßig sich vollziehende Bewegungsrichtung von den Dampfern und Kähnen aufs Land, vom Land auf sie zurück, oder von den Strecken nach den Güterzügen hin, in welche die Güter weiter verladen wurden. Die Lokomotive wartete geduldig wie ein eigenlebendiges, schwarzes Riesentier. Wenn es aber so weit war, pfiff sie lang und gellend oder stieß einen heiser heulenden Ton hervor und ließ mit ohrenbetäubendem Gezisch Dampf, stieß eine mächtige, dunkle, krausgewölbte Wolke aus ihrem Schlot, und dann setzte sich der Zug in Bewegung. Das war dann aber eine Bewegung, welche alle diese Bewegungen der Strecken weiter und in die Ferne führte. Tom bedachte, daß die Züge von hier nach dem Hauptbahnhof gingen und von dort dann nach allen Richtungen ins Land hineinfuhren. Auch war es schön, zu denken, wie all die Dampfer, Kähne, Zillen stromaufwärts hierherkamen, vor allem aber stromabwärts zum Meer und dem großen Meerhafen, der gar nicht mehr so weit von der Stadt entfernt war, hingingen. Oder er hielt sich auch bei den Holzstrecken auf. Da legten außer den Holzkähnen die großen Flöße an mit ihren langen, dicken, rötlichen Kiefern- oder Fichtenstämmen, die den weiten Weg vom Gebirge her gemacht hatten, von dem der Strom entsprang, oder von anderen Gebirgen her, durch die er hindurchfloß. All das Holz, das hier behauen oder unbehauen oder auch in den Sägemühlen der Gebirge zu Brettern zugeschnitten abgeladen wurde, brachten dann die Arbeiter im Freien oder in langen Schuppen unter, welche mit schwarzer Teerpappe bedeckte Dächer hatten. Hier arbeiteten die Zimmerleute mit ihren Sägen und Äxten. Den ganzen Tag über schallten, daß es manchmal wie eine Musik war, im Takt die großen Äxte, schnarchten und kreischten die Sägen. Tom hatte vor diesen Zimmerleuten eigentlich ein wenig Scheu. Ihre schwarzen Kalabreser mit den riesig breiten, schwarzen Krempen, ihre schwarzsamtenen Beinkleider, die oben eng und unten übermäßig weit waren, ihre bunten Wollhemden erinnerten ihn daran, daß er gelegentlich gehört hatte, sie wären Sozialdemokraten oder gar Anarchisten. Trotzdem pirschte er sich gelegentlich aber mal nahe an sie heran, weil ihn die sonderbaren blauen und roten Zeichnungen interessierten, die sie auf ihren braunen, muskulösen Armen oder auf ihrer nackten Brust hatten. Manchmal waren es Blumensträuße oder -kränze, oder Herzen mit einem Pfeil durch und einer Flamme oben drauf, oder ineinander verschränkte Hände mit Buchstaben oder Namen, oder einem Spruch drunter, oder es war eine Ballettänzerin oder ein Mädchengesicht, oder eine Sonne mit Strahlen, oder Arabesken, Ranken, Zweige, oder ein Schiff mit Segeln. Oder der Hafen! Bei der großen, alten, vom Wetter ganz schwarzgrün gewordenen Sandsteinbrücke, die aus einer mächtigen, schwarzgrünen Mauer und einem Torgang hervorkam und zum anderen Ufer hinüberführte, lagen auf beiden Seiten – auf der anderen fing der Hafen an – die Dampfer und Frachtkähne dicht beieinander, und dann drüben füllten sie den ganzen Hafen. Oben auf dem Gewirr der vielen Masten, über den dicken, schwarz und rot gefärbten Schloten flatterten lustig in der Luft all die vielen langen, schmalen, bunten Wimpel. Auch die Kähne waren bunt gestrichen: rot, braun, rotbraun, schön lichtblau, gelb, grün. Tom verglich sie, wenn ihre Masten niedergelegt waren, mit riesigen Maikäfern, denen die Beine und Flügel ausgerissen waren. Wo aber in der Mitte des Hafens oder zwischen den Kähnen das Wasser frei war, da war es ganz dunkel, bis zum Schwarzen oder Schwarzgrünen. Beständig schaukelte es und war in Bewegung, und das gab dann zahllose dunkelolivige oder schwärzlich graue, bleigraue, flaschengrüne oder auch lila oder violett bläuliche Lichter, die wie bunte Schuppen oder Platten waren. Auch schwamm auf dem Wasser immer alles mögliche umher: Korken, alte Flaschen, verfaulte Orangen oder anderes Obst, Gemüseüberreste und allerlei Abfall aus den kleinen Kajüten der Kähne, aus welchen ein kleiner Rauchschlot aus schwarzem Eisenblech hervorragte, der anzeigte, daß die Schiffer sich drin ihr Essen kochten; oder Holzstücke, Papier, Kartons, Stroh und andere Dinge. Bis dicht an die Brücke heran lagen die Kähne und dann noch über sie hinaus eine Reihe stromab an der langen, alten Steinmauer hin, die hoch aus dem Wasser emporstieg. Hier konnte man sich nicht langweilen. Immer gab es was zu sehen und zu hören. Manchmal heulte eine Dampfersirene, oder die Lokomotiven der Güterzüge pfiffen. Auch Möwen gab es, die vom Meer her so weit stromaufwärts kamen. Sie kreisten über den vielen Fahrzeugen, über den bunten Wimpeln in der Luft. Zuweilen schossen sie auf das Wasser nieder, stippten mit dem Schnabel schnell was auf und waren im nächsten Augenblick wieder in der Luft und schrien mit ihren hellen Stimmen. Die Brücke führte Tom zur anderen Seite des Hafens hinüber. Wenn er dann noch ein Stück über diesen hinaus wanderte, gelangte er zu einer Uferstelle, wo die Schiffsbaustrecken waren. Da standen zwischen Balkengerüsten die im Bau befindlichen Rümpfe der Kähne, mächtige Balkenrückgrate mit emporstarrenden krummen Rippen, zwischen denen die Schiffszimmerleute hantierten. Hier schallte es den ganzen Tag. Manchmal sah er auch zu, wie die Leute ihre Mahlzeiten hielten. Einmal hatte er einen Arbeiter auf einem Balken sitzen sehen. Er hatte mit seinem Taschenmesser sich was aus der Innenfläche der Hand herausgeschnitten. Tom hatte begriffen, daß seine Hände von der Arbeit schwielig und hornig waren, und daß der Arbeiter sich das Horn von der Hand abschnitt, damit es ihn bei der Arbeit nicht drücke. Noch ein Stückchen über die Schiffsbaustrecken hinaus, da wo der Hafen in eine stille, dunkle Bucht endete, gab's dann aber noch eine ganz einsame, wilde, öde Stelle, die er manchmal gleichfalls aufsuchte. Das Ufer zeigte hier weithin ein von großen Wassertümpeln bedecktes Wiesenland. Um diese Tümpel herum starrten hohes Schilf und Binsen, und die Wiesen hatten fettes, aber von wildem, garstig hochgeschossenem Unkraut durchwachsenes Gras, so daß sie mehr wüst und öde als freundlich aussahen. Überall sah man mächtige Ballen von fettem Weidengestrüpp, zwischen dem dann einsam Pappeln, Riesenweiden und Eschen emporstarrten. Kein Tier und kein Mensch war hier zu sehen, außer daß manchmal Krähen und Elstern ihr Wesen hatten oder ein paar wilde Enten. Dicht am Uferrand aber befand sich ein mächtiges Bollwerk aus dicken, in den Boden eingerammten, runden Baumstämmen und dicken Planken und Bohlen, das Ganze fast unheimlich mit seinem schwarzen Teeranstrich. Unter dem Bollwerk ging dann das Ufer noch eine Strecke mit kahlem, ödem Stein- und Kieselgeröll zu dem starren, schwarzen Wasser hinab, auf dem immer eine abscheulich trübgraue, von leisen Regenbogenfarben schillernde Haut stand. Auf dieser wüsten Stelle lag dann immer eine Menge von allem möglichen Gerümpel und Unrat. Tom klomm wohl einmal auf das Bollwerk und sah auf diese Wüstenei hinab. Da waren zerbröckelte Mauersteine, alte Konserven, zertrümmerte Figuren oder Ornamente aus Gips, Topfscherben, verfaulte Holztrümmer. Es kam aber auch vor, daß ein ertrunkenes oder ersäuftes Tier da unten zwischen all dem wüsten Zeug lag. Einmal hatte ein toter Hund dagelegen. Sein Leib war furchtbar aufgequollen gewesen, so daß die Eingeweide hervorgesehen hatten. Starr, mit verdrehten weißlichen Augen und steif abgereckten Pfoten hatte der Kadaver dagelegen. Tom war hier in der einsamen Ödenei von einem Grauen vor dem halbverwesten Vieh ergriffen worden, aber er hatte sich trotzdem gezwungen, es eine Weile zu betrachten und dabei alle möglichen Gedanken gehabt. Außerdem war es aber solch ein silbergrauer Rattler gewesen, und er mochte die Rattler gern. Und so hatte es ihm leid getan, daß das Tier nun hier in all dem Unrat dalag und verweste. Doch auch auf alle möglichen unscheinbaren Kleinigkeiten konnte er gelegentlich dieser Streifen achten. So war auf dem Bollwerk an manchen Stellen allerlei vertrockneter Vogelkot. Tom warf einen Blick auf ihn und dachte, er sähe schön aus mit seinen zarten rötlichen, bläulichen, violetten oder lila Farbentönen, die sich in ein feines Weiß hineinspielten; so schön, als hätte es ein Maler mit Bedacht und Absicht hier auf den schwarzgeteerten Untergrund aufgemalt. Ein andermal war er aber zur Herbstzeit in der Stadt durch eine stille, einsame Seitenstraße gegangen. Die Straße hatte sauber asphaltierte Bürgersteige gehabt, die von Bäumen flankiert gewesen waren. Es war aber ein leichter Wind gegangen. Nicht gleichmäßig, sondern mit solchen gelegentlichen Stößen. Mit einemmal aber hatte er, als er gerade seinen Gedanken hingegeben vor sich niederblickte, ein ganz winziges, ganz dünnes Papierscheibchen gesehen, noch nicht mal so groß wie ein Linsenkorn war es gewesen. Und dies Scheibchen war genau auf seinem Rand schnell eine ganze Strecke über den Bürgersteig hin vorwärts gelaufen. Plötzlich aber war es gegen einen Haufen welken Laubes angerannt, und im selben Augenblick war der ganze Haufen wie toll vor ihm her über den Bürgersteig hin vorwärts gelaufen. Zuerst war er ganz betroffen gewesen, denn es hatte genau so gewirkt, als hätte das winzige, dünne Scheibchen durch seinen Anprall den ganzen großen Laubhaufen in diese tolle Bewegung versetzt. Er hatte sich dann zwar gesagt, daß der Windstoß, der das Scheibchen getrieben, erst in dem Moment, wo das Scheibchen gegen den Haufen angerannt war, auch diesen erreicht und in Bewegung gesetzt hatte, aber es war doch täuschend so gewesen, als hätte ihn das Scheibchen in Bewegung gesetzt. Jedenfalls hatte er die Sache nie wieder vergessen, und sogar noch in späteren, reiferen Jahren knüpfte er bestimmte Erwägungen an den sonderbaren kleinen Vorfall. Sehr viel trieb er sich auch in der Stadt umher, sowohl in den Straßen und Gassen beim Strom, wie in der inneren Stadt. Und was er hier alles bemerkte und aufnahm war unglaublich. Er sah schon geradezu alles. Einmal hatte er einen Bettler beobachtet. Er hatte ihn vor sich her auf dem Bürgersteig gehen sehen und war ihm in einer gewissen Entfernung gefolgt. Es war ein Mann mit einem struppigen, schon angegrauten dunklen Vollbart, mit schrecklich zerrissenen Schuhen, einem alten zerlumpten, erdfarbigen Anzug, einem zerbeulten, verschossenen Filzhut und einem kaffeebraun verbrannten Hals mit Rissen und Furchen drin, die von schwarzem Schmutz ausgefüllt waren. Mit einem x -beinigen Gang, den Kopf, als ob er fröre, vornüber zwischen den hochgezogenen Schultern, hatte er sich an den Häusern hingedrückt. Ehe er in ein Haus hineinging, um zu betteln, war er erst stehen geblieben und hatte sich unauffällig umgesehen, ob kein Polizist in der Nähe wäre. Als er in das eine Haus hineingegangen war, hatte Tom erst eine Weile gewartet, und war dann langsam, vorsichtig nachgegangen, um zu sehen, wie er bettelte. Und dann war er ihm nach behutsam die Treppen hinaufgestiegen. Auf dem ersten Treppenflur hatte der Bettler haltgemacht. Tom hatte gehört, wie er im Halbdunkel mit verschleimter Brust geröchelt und gepustet und halblaut was vor sich hin geblubbert hatte. Dann aber hatte er sich gewundert, daß der Bettler nicht klingelte, sondern weiter hinaufstieg, und dann auch noch die anderen Treppen bis zum obersten Flur. Dort hatte er eine Minute gewartet, war dann leise auch noch die Bodentreppe hinaufgestiegen und hatte dort behutsam auf die Klinke der Bodentür gedrückt. Aber sie war verschlossen gewesen, und der Bettler hatte etwas vor sich hin gebrummt. Er war dann leise wieder herabgestiegen und hatte jetzt erst in der dritten Etage geklingelt. Es war jemand erschienen, der Bettler hatte eine jämmerliche Verbeugung gemacht und mit einer kläglichen, halb weinenden Stimme was gesagt, und dann hatte er auch was bekommen. Als er dann aber zum zweiten Flur herabgestiegen war, hatte Tom beobachtet, wie er das Geldstück in seinen dreckigen, verrunzelten Händen umhergeworfen und verdrießlich vor sich hin geschimpft hatte. Dann hatte er im zweiten Flur geklingelt. Aber hier war die Tür gleich wieder zugeschlagen worden. Der Bettler hatte geschimpft und gegen die Tür hin eine Faust gemacht. Auf dem ersten Flur hatte er wieder Geld bekommen und außerdem ein Stück Brot. Aber das Brot hatte er nachher einfach auf den Flur geworfen. Auch unten im Parterre hatte er auf sein klägliches Bitten hin Geld bekommen. Dann hatte er sich wieder auf die Straße hinausgeschoben. Tom hatte sich gleich gewundert, warum der Bettler anstatt gleich unten, oben zu betteln angefangen hatte. Aber er hatte dann überlegt, daß sie ihn ja, wenn er unten angefangen hätte, gleich hätten aus dem Hause werfen können. Wenn sie ihn aber hinauswarfen, nachdem er schon im ganzen Hause gebettelt, so konnte es ihm ja einerlei sein. Er hatte ihm nachher auf der Straße noch einen Fünfer geben wollen, doch er hatte daran gedacht, daß er das schöne Brot weggeworfen, und so hatte er's gelassen. Dann waren da die öffentlichen städtischen Arbeiten: die Kanalisationsarbeiten, die Straßenpflasterungen, die Asphaltierungsarbeiten, das Hochspannen der Telegraphen- und Telephondrähte, das Einsenken der Kabel. Die Postarbeiter, die hoch oben auf den Dächern schwindelfrei auf den großen Eisengerüsten standen, um die Drähte in den kleinen, weißen Porzellannäpfchen zu befestigen, die Drähte, die wie lange, steife Nebelstreifen kreuz und quer über- und untereinander hin sich über die Straßen und Dächer zogen, in der hellen Sonne wie rotgoldene Pfeile blitzten, und mit denen man unzählig über die ganze Stadt, über Land, schließlich gar über die ganze Erde hin miteinander sprechen konnte. Ähnlich war es mit den unterirdischen Kabeln und den Wasserleitungen: wie ein riesiges unterirdisches Netz zogen sie sich unter der ganzen Stadt hin und in das Land und in die Welt hinaus. Er bewunderte die Arbeiter, welche die langen, tiefen Gräben aufwarfen, um die dicken eisernen und tönernen Rohre hineinzubringen und da unten in schlammiger Erde und dicker, dumpfer Luft zusammenzufügen. Manchmal konnten sie dabei auch verunglücken. Oder die Straßenpflasterungen. Er mochte es gern, wenn die großen, schweren, eisernen Pflasterrammen auf die Pflastersteine niederkrachten. Jede hatte ihren eigenen Ton, und wie sie alle zusammen eine nach der anderen niederkrachten, war das wie eine vielstimmige Musik. Er bewunderte die Kraft und die mächtigen Muskeln an den von Sonne und Luft gebräunten nackten Armen der Pflasterer, ihre breiten Rücken und Brustkasten, die sich durch die bunten Wollhemden durchzeichneten. Er beobachtete auch, daß sie nicht hastig drauflos arbeiteten und sich überstürzten, sondern sich Zeit nahmen und ihre Kraft sparten. Gern hielt er sich in ihrer Nähe auf, wenn sie aßen und sich ausruhten. Sie tranken zu ihren mächtigen, dicken Butterbroten, zu denen sie Fleisch oder Wurst aßen, Bier aus Bierflaschen oder kalten Kaffee aus blauen Blechkruken. Dabei lachten sie, machten Späße oder erzählten sich was, oder sie saßen auch still da und sahen vor sich hin, oder lagen lang hingestreckt, den Rock oder einen Sack oder einen Lederranzen unterm Kopf und schliefen. Obgleich sie sich manchmal schimpften und zankten und das recht grob und roh klang, hatte Tom sie doch gern. Aber er liebte es auch, sich in den Hauptstraßen aufzuhalten und den Verkehr zu beobachten, der sie anfüllte. Das Hin und Her, Gedröhn und Gerassel der elektrischen Trambahnwagen, die immer dick voll von Passagieren waren, die Kutschen, Droschken, Automobile, Radfahrer, die Lastwagen und Reklamewagen, die Wagen der Straßenverkäufer. Oder die Droschken- und Autodroschkenstände beim Bahnhof. Das Hin und Her des Bahnhofverkehrs. Das Donnern und Rasseln und Klirren der ein- und auslaufenden Züge, das gelle Pfeifen oder dumpfe Heulen der Lokomotiven. Der Steinkohlendunst, den er gern mochte, denn er machte ihn reiselustig oder führte doch seine Gedanken in die weite Welt hinein. Oder die vielen schönen Schaufenster in der Hauptstraße. Die vielen gut gekleideten Menschen, die an ihnen hin promenierten, besonders gegen Mittag und abends. Auch die düsteren, engen, winkligen Gassen, wo die geringeren Leute oder die ganz Armen wohnten, interessierten ihn, und er beobachtete auch hier alles, was es zu sehen und zu hören gab. Oder die Anlagen vor dem städtischen Museum. Hier saßen immer Leute auf den Bänken umher. So hatte er da eine alte Frau entdeckt, die immer auf derselben Bank saß. Um zwölf Uhr aß sie da ihr Mittagessen. Sie hatte ein über und über von großen und kleinen, scharfen Runzeln bedecktes, ganz verknittertes, lederfarbenes Gesicht mit einem großen, wulstigen, blaulippigen Mund, aus dem ein paar Zähne hervorstanden. Die vielen Runzeln gaben ihren wasserblauen, nässenden Augen etwas Mürrisches. Sie trug ein schwarzes, gestricktes Wolltuch über ihr weißes Haar geknüpft, hatte eine alte, fleckige, olivig verschossene Plüschjacke an, unter der sie eine verwaschene, geflickte blaue Leinenschürze trug. Unter der Schürze sah dann noch, knittrig und verschossen, ein altes gelbbraunes Kleid hervor. An den Füßen hatte sie große, alte, dicke schwarze Tuchschuhe mit Kappen von Leder und Ledersohlen. Tom dachte, daß sie wenigstens warm hielten. Sie war eine ganz, ganz arme Frau. Mittags hatte sie immer einen braunirdenen, drahtumflochtenen Henkeltopf, aus dem sie mit einem alten Blechlöffel aß. Er erriet, daß sie sich in dem Topf ihr Essen aus der Suppenanstalt des städtischen Frauenvereins holte. Großmama gehörte auch zum Frauenverein. Mutter aber nicht. Mutter sagte, sie hätte zu so was keine Zeit, sie hätte zu Hause schon genug zu tun. Es sah ganz und gar nicht schön aus, wenn die Frau aß. Ihre alten, lederfarbenen, verknurzelten Hände, die dicke, welke Adern und an den Gelenken Knoten hatten, zitterten, und dann lief ihr immer wieder etwas von der Suppe zum Löffel und zum Mund heraus und kleckte manchmal auf die alte Plüschjacke. Aber er sah ihr trotzdem zu, denn er schämte sich über den Ekel, den es ihm verursachte, weil ihm die alte Frau, die gewiß niemand mehr auf der Welt hatte, leid tat. Einmal hatte er sich nah zu ihr hingeschlichen, um zu sehen, was sie äße. Es war eine Linsensuppe gewesen, und in ihr waren so ein paar dünne Scheibchen von ganz fettem Schweinefleisch. Diese Scheibchen nahm die Alte mit ihren zittrigen Fingern aus dem Topf und aß sie aus den Fingern, was so unappetitlich aussah, daß Tom beiseitesehen mußte. Er dachte aber: »Na, es sind zwar nur solche dünnen Linsen und solch altes, fettes Schweinefleisch, aber sie hat doch wenigstens zu Mittag immer was zu essen.« Einmal aber hatte er gesehen, wie sie einen schönen, purpurgeflammten Apfel in der Hand hielt und aß. »Oh«, hatte er erfreut gedacht, »das ist doch sehr schön, sie hat doch manchmal wenigstens solch schönen Apfel zu essen.« Nie aber redete er sie an, wie er überhaupt bei solchen Streifereien niemand anredete. Nur im Notfalle, wenn er durchaus mal fragen mußte, tat er das. Er hatte einmal versucht, ein Gespräch anzuknüpfen, doch die Leute verstanden seine Sprechweise nicht, und so ließ er's. Es geschah aber auch, daß er manchmal bei solchen Stadtstreifereien die komischen Eigenschaften an den Gestalten und dem Benehmen der Menschen wahrnahm, und daß er dann wohl auch aus seiner halb unbewußten feineren Hingegebenheit heraus alle möglichen sonderbaren Bezeichnungen für sie fand. Manchmal hingen ihm solche Ausdrücke und Begriffskarikaturen an; er war genötigt, sich ihrer zu erinnern; und das konnte ihm oft lästig werden, weil er sich eigentlich seinem ganzen Wesen nach nichts draus machte. Doch es bedeutete überhaupt einen merkwürdigen Umstand, daß er seit seiner Genesung angefangen hatte, Karikaturen zu zeichnen. Früher hatte er das nie getan. Er hatte immer gern und viel aus freier Phantasie gezeichnet. Ganze Bogen voll. Immer mit dem Bleistift. Meist liebte er's, Gruppen, und möglichst zusammengesetzte, zu zeichnen, die in lebhafterer Bewegung standen. Etwa Schlachtenbilder oder auch große Landschaften, auf denen immer eine Stadt mit Wällen und Türmen, Dörfer, Felder, Wälder, Wiesen, eine Burg auf einer Berghöhe, ein Fluß mit einer Brücke und Fahrzeugen sein mußten. Auch Leute in vielerlei Beschäftigungen: Hirten, Mäher, Floßknechte mit ihren Ruderstangen. Nach der Krankheit aber, und wohl infolge der tief in sein Wesen eingreifenden voraufgegangenen Erlebnisse, war er eines Tages, als er gerade keinen Bleistift zur Hand hatte, darauf gekommen, mit der Feder zu zeichnen; und seitdem benutzte er mit Vorliebe die Feder. Aber es wurden Karikaturen. Und von da an zeichnete er bewußt Karikaturen. Doch nicht ausschließlich. Und außerdem war es seltsam, daß er sich nichts daraus machte, daß er's nie mit einer eigentlichen Lust an der Schadenfreude tat. 21. Bald nach seinem zwölften Geburtstag gewann Tom bei besonderer Gelegenheit einen noch näheren Anschluß an Onkel Anton. Onkel Anton war von einer zweijährigen Weltreise zurückgekehrt, die von jeher seines Lebens Lieblingswunsch gewesen, und die er seit Jahren mit Umsicht vorbereitet hatte. Halb und halb waren auch seine naturwissenschaftlichen Neigungen mit im Spiel gewesen. Von Hamburg aus war er nach Nordamerika gefahren, hatte dort die großen Städte kennengelernt und die Union dann nach verschiedenen Richtungen hin bereist, hier und da zu Studienzwecken auch längeren Aufenthalt genommen. Gleicherweise hatte er dann auch Südamerika bereist. Dann war er nach Asien, Japan, China, Insulindien und Indien gefahren, hatte sich danach in Kleinasien und Nordafrika umgesehen, um schließlich über Griechenland, den Balkan, Österreich wieder heimzukehren. »Laß doch sehen, was inzwischen aus unserem Tom geworden ist!« hatte er gerufen, als er zum erstenmal bei der Mutter wieder mit Tom zusammengetroffen war. Und er hatte ihn bei den Schultern genommen und zu sich herangezogen. Nun, Tom war ein für sein Alter recht großer Junge geworden. Detlev und Karl, wenn auch stämmiger als er, waren im Wachstum hinter ihm zurückgeblieben. Schlank war er und gut gewachsen, dabei kräftig und gewandt, nicht bloß so in die Höhe geschossen. Seine grauen Augen zeigten einen offenen, treuherzigen Blick, der aber ein wenig von unten herauf kam, was vielleicht auf Hintergründe schließen ließ, aber doch einen Ausdruck von klug in sich hineinnehmender Aufmerksamkeit und zugleich angenehmer Bescheidenheit gab. Seine Stirn war nicht besonders hoch, aber breit und schön gewölbt, von schwarzem Kraushaar umrahmt, seine Schläfen deuteten auf musikalischen Sinn. Die Nasenwurzel war kräftig, die Nase nicht ganz so lang, wie's Harbingsche Eigenschaft war. Das Gesicht zeigte ein gutes Oval und eine anmutige, doch feste Kinnpartie. Sein Mund hatte frische Lippen und einen klugen, etwas weichen, noch kindlichen Ernst. Zwischen den Brauen aber war's wie die Neigung zu einem Fältchen in die Stirn hinein. Nur nicht ganz so frischrote Backen hatte er mehr, wenn seine Gesichtsfarbe sonst auch nichts zu wünschen übrig ließ. Auch war Onkel Anton mit dem Druck seiner kleinen, doch festen und breiten Hand zufrieden. Sie hatte gut geformte, nicht zu lange und nicht zu kurze Finger mit angenehm gerundeten aber nicht zu breiten Kuppen, die nach innen kleine Buckelchen besaßen. Wie Onkel Anton sagte, deuteten diese Buckelchen auf Gutmütigkeit, Phantasie und Schönheitssinn. Tom seinerseits war von Onkel Antons Anblick ein wenig benommen gewesen. Seine hellen, lichtblauen Augen blickten aus einem fremdländisch gebräunten Gesicht hervor. Auch hatte er solch einen exotischen Strohhut mitgebracht, den auch hier in der Heimat zu tragen, gemäß seines eigenständigen, nichts weniger als philiströsen und nach Körberscher Art eher etwas originellen Wesens, er sich nicht scheute. »Und bist du inzwischen tüchtig vorangekommen?« fragte Onkel Anton. »Oh, das ist er ja«, ergriff Großmama, die in ihrer besten Stimmung war, das Wort. »Er will ja nun zu Ostern nach der Tertia versetzt werden. Und ich denke, das wird er. Nicht, Tom? Und so schöne Bilder hat er gemalt. Er porträtiert uns sogar. Auch in der Musik hat er gute Fortschritte gemacht, phantasiert sogar manchmal auf dem Klavier. Auch parliert er mit Großmama recht hübsch geläufig Französisch. Aber auch beim Turnen steht er nicht zurück.« »Hm! So vielseitig?« Onkel Anton gab Tom frei, der sich abseits niederließ und mit Aufmerksamkeit verfolgte, was Onkel Anton Großmama erzählte. »Ja, es wäre nichts für dich, das Land der Dollarjagd und der Wolkenkratzer, Mutter«, begann er. »Ich glaube auch«, lachte Großmama herzlich. Tom merkte, wie groß ihre Freude war, nach so langer Abwesenheit, die vielleicht sogar nicht ohne Gefahren für ihn gewesen war, ihren Lieblingssohn wieder bei sich zu sehen. »Ich für mein Teil möchte meinetwegen auch nicht gerade für die Dauer in einer Stadt wie Newyork leben und da alles mitmachen. Dazu fühl' ich mich zu unverwüstlich und unabänderlich als Deutscher und – dein Sohn. – Aber ich muß doch sagen, daß ich gerade in Newyork sehr viel und sehr Wichtiges zugelernt habe über die Union. Es liegt doch eine ganz enorme Großzügigkeit und, mein' ich, vor allem Bedeutung in diesem amerikanischen Leben und Getriebe. Und gerade in seinen bei uns so verachteten Schattenseiten. Man muß das alles mal selber sehen, mitgelebt haben, muß sich mal so ein Vierteljahr gründlich in einer Stadt wie Newyork umgetan haben, um das zu verstehen. – Man sagt ja: die Union habe keine Kultur. Aber wie soll ein Volk, das kaum hundert Jahre alt ist, schon eine Kultur haben? Es fragt sich also nur, ob es eine bekommen wird. Aber wie haben die europäischen Völker seit der Antike angefangen, und wie hat das junge, kaum hundertjährige Amerika angefangen? Man kann, muß vielleicht sogar Art, Stand, Grenze einer Kultur nach ihrer Zivilisation, dem Maßstab ihrer erreichten technischen Ausbildung beurteilen. Aber wenn man das tut, dann besteht der so außerordentlich auffallende Umstand, daß die Union ja gerade da angefangen hat, wo Europa aufhörte, und daß sie den äußersten erreichten technischen Fortschritt Europas gleich zu einem so überwältigenden, gar nicht mehr zu überbietenden Ausbau gebracht hat. Zu einem Ausbau, von dem wir ja überhaupt erst noch wieder profitiert haben, so daß man sagen kann: Europa vollendet sich jetzt erst von der Union her selbst. Das ist beispiellos, seinem rapiden Tempo nach und auch sonst in jeder Hinsicht. Und es hat etwas ganz Besonderes zu bedeuten! – Es hat seinen tiefen Sinn, daß Europa dort drüben, in der ›Neuen Welt‹, mit einem bestimmten Auszug seiner Nationen und Rassen diesen Ausbau bewirkt hat. Und daß zu den europäischen Rassen auch noch Chinesen und Japaner sich gesellten, und, mit einem bestimmten Auszug wieder, die afrikanischen Negerrassen, die, wenn man so will, den noch vorhandenen ältesten Menschheitsbestand repräsentieren. So daß man sagen kann: Es ist in der Union« – er legte auf das Wort einen besonderen Nachdruck – »ein Auszug der ganzen Menschheit zusammengekommen, um dies seltsame neuweltliche Staatengebilde zustandezubringen. Wirklich um jetzt noch einmal das zu erreichen, was man eine ganz neue, noch niemals dagewesene, ›geistige Kultur‹ nennt? Ich glaube das nicht, es scheint mir ganz ausgeschlossen. Mit einem solchen Ausbau fängt keine neue Kultur an, mit ihm endet sie, endet jetzt alle Kultur, um in etwas ganz anderes, noch niemals Dagewesenes, überzugehen, von dem wir uns heute überhaupt noch gar keine Vorstellung machen können. Ja, man muß mal so ein Vierteljahr lang in Newyork gelebt haben, um zu dieser Einsicht zu kommen. Eine derartige technische Hochzivilisation kann keine neue eigenständige Hochkultur, kann keine neue Wissenschaft, Kunst, Dichtung, Religion mehr aufkommen, sie kann nur noch alle bisherige Kultur sich bis aufs Letzte aufbrauchen lassen. – Man muß dies erbarmungslose, jede Fiber in Anspruch nehmende Getriebe am eigenen Leibe erlebt haben, um die sogenannte amerikanische ›Barbarei‹ zu begreifen, ihrem tieferen Sinne nach zu erfassen. Wo sollte hier noch die Sammlung möglich sein, aus der je und je die geistigen Hochkulturen Europas erwuchsen? Weder in der amerikanischen Stadt, noch auf dem Lande. Es fehlt da jede Möglichkeit und jeder Ansatz. Und es fehlt vor allem ja die Resonanz, fehlt das notwendige Volk für eine solche Kultur. Nein, es steht mir fest: dieser unerhört nervenfressende, oder vielmehr: auf das unerhörteste und fundamentalste das Nervensystem umkrempelnde Kommerz kann da drüben nur noch auf eine organische Umbildung, Neubildung, auf eine aus allen Völkern und Rassen der Erde entstehende Einheitsrasse hinaus sein, von deren Typus wir uns noch keine Vorstellung machen können, weil all unsere bis daher erworbenen Begriffe keinen Maßstab mehr für sie geben können. Nur das kann einzig noch die künftige große Kulturtat, das treibende Kulturziel der Union sein. Die Tat, das Ziel einer Kultur nicht mehr im geistig intellektuellen Sinne, sondern im biologischen. Nichts halte ich für selbstverständlicher, als daß die Technik der Union vielleicht schon im Laufe des nächsten Jahrhunderts ihre wesentlichste Möglichkeit erreicht haben wird, und daß damit die äußerste Möglichkeit aller menschheitlichen Technik erreicht sein wird. Der Ausbau wird dann aber wohl nicht nur die Natur Amerikas, wird das Aussehen des Erdballs umgestalten, um damit für die neue Rasse, den biologischen Überstieg eine ganz neue Umgebung zu schaffen. Dann aber wird es mit aller Zivilisation und aller bisherigen Geisteskultur zu Ende sein, sie werden das ihrige geleistet haben, werden entbehrlich geworden sein.« Tom hatte das meiste von dem, was Onkel Anton gesprochen, nicht verstanden: aber nicht nur die bedeutungsvoll nachdenkliche, manchmal fast seherische Art, wie er das alles vorgetragen hatte, das Feuer seiner blauen Augen in dem fremdartig gebräunten Gesicht hatten auf ihn einen unauslöschlichen Eindruck gemacht, sondern er hatte auch begriffen, daß sich mit Amerika und den Menschen, die dort lebten, und die, wie er schon selber wußte, sich aus allen Völkern und Rassen der Erde zusammensetzten, in irgendeiner Zukunft etwas Neues und noch nicht Dagewesenes ereignen würde. Onkel Anton hatte das Gespräch nachher auf seine unterhaltsameren, mehr anekdotischen Reiseabenteuer gebracht, aber das hatte Tom nur um so begieriger gemacht, ihn recht bald in seinem großen, alten Haus am Markt aufzusuchen, ihn nach all diesen neuen Dingen zu fragen und all die sonderbaren Sachen zu sehen, die er in was alles für Koffern, Kisten, Säcken, Körben und Tierhäuten teils mitgebracht, teils schon von unterwegs nach Hause geschickt hatte. Das Haus war eine der Sehenswürdigkeiten der Stadt. Es stammte aus dem 16. Jahrhundert und hatte bis zu dem mächtigen Giebel hinauf außer dem Parterre drei Stockwerke zu je acht, nach damaliger Bauart ziemlich weit auseinanderstehenden Fenstern Front. Außerdem hatte der Giebel oben noch vier Stockwerke. Zu ebener Erde befand sich rechts von der portalähnlichen Haustür ein großer Laden mit einem geräumigen, den Forderungen der Neuzeit entsprechenden Schaufenster, in welchem sich das Detailgeschäft befand. Über der Haustür aber war, dick von altertümlichen Ornamenten umrahmt, ein steinernes Medaillon angebracht, das in einer ringförmig zusammengebogenen Schlange einen nackten Knaben zeigte. Einige Zeit vor Toms Geburt hatte Onkel Anton das ganze Haus frisch mit Ölfarbe streichen lassen, und bei dieser Gelegenheit war auch dieses alte Wahrzeichen des Hauses aufgefrischt worden. Die Schlange hatte einen Anstrich von dunkelgrüner Ölfarbe bekommen, den Knaben hatte Onkel Anton vergolden lassen, der Grund in der zusammengebogenen Schlange und hinter dem Knaben aber hatte eine himmelblaue Farbe bekommen, während die Sterne auf dem Grunde gleichfalls vergoldet worden waren. Tom liebte den großen Laden mit seinen Drogen, Gewürzen, Produkten, Ölen, Früchten, und das chemische Laboratorium, das Onkel für seinen wissenschaftlichen Privatbedarf in einem Nebenraum eingerichtet hatte. Und er liebte die mehrere Stockwerke hohen Speicher für den Engroshandel hinten auf dem alten Hofe, der zur Hälfte asphaltiert war, während er zur anderen noch ein altmodisch holpriges Steinpflaster hatte, zwischen dem Moos und Gras wuchs. Es herrschte hier ein Ruch von den Lagerräumen und nach Gewürzen, den Tom gern mochte. Und er liebte das ganze große, altertümliche Haus mit seinen breitstufigen, bequemen Wendeltreppen und seinen altfränkisch geräumigen, hohen, kühlen, dämmerigen Haus- und Treppenfluren. Jetzt aber, wo Onkel Anton wieder von seiner Weltreise zurück war, kam er doppelt gern. Nicht nur, weil ihn die vielen seltenen Dinge anzogen, sondern es war auch die Art, wie Onkel Anton sich mit ihm beschäftigte. Anton Körber war unverheiratet und gedachte es zu bleiben. Er ging in seinen wissenschaftlichen Privatstudien auf, die er schon seit seinen Jünglingsjahren trieb. Er war der Mann dazu, sich mit Tom zu beschäftigen, sich liebevoll in das Erkennen einer jungen, reich veranlagten Menschenseele zu versenken. Er hatte nach seiner Rückkehr mit seiner Mutter, aber auch mit seiner Schwägerin und Rosalie Rücksprache genommen, und war über die Krise, die dann in das Scharlachfieber ausgeartet war, jetzt durchaus beruhigt, wie er auch selber Gelegenheit gehabt hatte, sich über das gute Befinden des Knaben zu freuen. Außerdem hatte er aber so viel über Toms seitherige geistige Entwicklung gehört, daß er zu dem Entschluß gelangt war, ihn, um sein ferneres Fortschreiten zu beobachten und wohl auch zu leiten, so viel wie möglich und angängig in seiner Nähe zu haben. Und er hatte es gern, wenn der Knabe wohl auch unerwartet und außer Zeit zu ihm kam und ihm auf solche Weise seinen Eifer und seine Anhänglichkeit bekundete. 22. »Ach, du, Tom?« sagte Onkel Anton, als Tom wieder einmal eines Tages unerwartet in das Laboratorium eintrat, wo er gerade mit einem Experiment beschäftigt war. »Eigentlich kann ich dich jetzt freilich nicht recht gebrauchen; wenigstens wirst du dich langweilen. Oder kommst du wegen etwas Besonderem? – Aber was hast du denn da?« Es gab allerdings etwas Ungewöhnliches, denn Tom hatte eine Blume im Knopfloch. »Eine Studentenblume«, gab Tom, etwas verlegen und mit einem Erröten Bescheid. »Ah was? Eine Studentenblume? – Wo hast du denn die her? – Na, komm doch näher, du kannst meinetwegen schon dableiben.« »Aus unserem Garten.« Tom war an den Experimentiertisch herangetreten und begrüßte Onkel Anton. »Aha, du hast dich also erst noch im Garten verweilt, eh' du herkamst, hast dir 'ne Blume gepflückt. – Aber, he, warum? Und warum gerade eine Studentenblume?« »Ach, nur so. – Sie ... Ich dachte, daß sie gut zu meinem Anzug paßte.« »Hm! Na, o ja«, ging Onkel Anton, ohne sich aber weiter in seinem Experiment unterbrechen zu lassen, weiter auf die Sache ein. »Safranfarben! Das nimmt sich zu Marineblau allerdings ganz gut aus. Aber auch eine lichtblaue Aster hätte ganz gut gepaßt, würde sich auf dem Dunkelblau ganz apart ausgenommen haben. – Doch also bon : eine Studentenblume! – Aber wie bist du eigentlich darauf gekommen?« »Ach, nur so!« wiederholte Tom. »Meines Wissens hast du das nämlich noch nie getan und hast dir 'ne Blume ins Knopfloch gesteckt. Oder inzwischen doch? Ich bin ja zwei Jahre lang nicht zu Hause gewesen, und in zwei Jahren kann sich vieles ändern, besonders bei solchem jungen Manne wie du. – Du scheinst mir einer zu sein, der gerne Überraschungen bereitet? Wie? Sage!« »Ich weiß doch nicht?« Es war, als zögere Tom etwas auszusprechen, er hatte ein ganz merkwürdiges Lachen. »Ja, doch!« sagte er endlich. »Aber ich will es nicht. – Ich wundere mich selber darüber.« Anton sah ihn mit großen Augen an. Es war wieder mal eine von Toms seltsamen Bemerkungen. Anton glaubte etwas aus ihr herausgehört zu haben, was ihm nicht gefiel, ihn mit einer Sorge erfüllte. »So so!« machte er trocken, sich wieder seiner Arbeit zuwendend. »Aber, sag' mal: Wie war dir zumut, als du mit der Studentenblume im Knopfloch durch die Stadt gingst?« »Ich habe nachher nicht mehr daran gedacht«, antwortete Tom ausweichend, er war sehr rot geworden. Mit einemmal aber zog er die Blume aus dem Knopfloch und schob sie ungesehen beiseit auf den Tisch. Aber Anton hatte den kleinen Vorgang doch bemerkt, tat aber als wär's nicht der Fall und sagte weiter nichts. Er löschte jetzt die Flamme und führte nach einer Weile den Inhalt der Retorte in eine Reihe von Reagenzgläschen über. »Ich bin aber doch wegen etwas gekommen«, unterbrach Tom plötzlich das Schweigen. »Ein Auftrag von Mutter oder Großmama?« Tom wurde rot. »Nein.« »Na, dann hat's wohl Zeit bis nachher. – Ich bin jetzt vorläufig fertig. – Komm, wir wollen 'naufgehen, ich will meinen Hut holen, und dann können wir mal einen Spaziergang machen. – Du hast doch Zeit?« »Ja«, stimmte Tom zu. Es fiel Anton auf, daß er sich mit einer gewissen Hast erhob und nach seiner Mütze griff. »Willst du deine Blume nicht mitnehmen?« Zögernd ergriff Tom die Blume, steckte sie aber nicht wieder ins Knopfloch, sondern behielt sie in der Hand. Da es sich fand, daß Onkel Anton seinen Hut dort hatte liegen lassen, begaben sie sich in sein Arbeitszimmer. Das war ein nach dem Hof hinaus gelegener hoher, großer, dreifenstriger Raum. Alle Räume in dem alten Haus waren hoch. Die Ausstattung zeigte eine etwas strenge, solide Schlichtheit. Ein paar größere verdunkelte Ölgemälde hingen an den Wänden. Die letzteren waren mit einer weißen, glänzigen, mit winzigen mattgoldenen Sternchen bedeckten und mit schmalen vergoldeten Leisten versehenen Tapete beklebt. Auch ein paar Ölbilder der impressionistischen Schule, für die Anton eine Vorliebe hatte, waren vorhanden, außer ihnen eine Anzahl von wissenschaftlichen Bildern, Kartons und Karten. Große, solid gearbeitete, schlichte Schränke gab es mit wissenschaftlichen Sammlungen, einen großen Globus und andere wissenschaftliche Apparate. In der Mitte des Zimmers stand ein mächtiger, massiver Eichentisch. Eine von einer dunkelbraunen Portiere verhangene Tür führte in einen Nebenraum, in dem sich die Bibliothek befand. Tom hatte, während Onkel Anton sich noch dies und jenes zu schaffen machte, das Zimmer durchschritten, als er mit einemmal am anderen Ende, neben dem Eingang zur Bibliothek stehen blieb, von einem ihm sofort so schrecklichen wie zugleich anziehenden Eindruck getroffen. Bis hoch hinauf waren auf freier Wandfläche eine Menge wildgrotesker chinesischer, japanischer, birmanischer Masken angebracht, außerdem Kriegsmasken kannibalischer Völker des indischen Archipels, die Onkel Anton von seiner Reise mitgebracht hatte. Sie waren erst jüngst ausgepackt und an der Wand befestigt worden, so daß Tom sie zum erstenmal sah. »Was ist das?« fragte er, all die vielen dunklen Fratzen anstarrend. »Was denn? – Ah so! – Gefallen sie dir nicht?« »Nein, gar nicht. – Sie sind scheußlich«, antwortete Tom, der sich bemühte unbefangen zu sein. »Sie sehen aus wie abgeschnittene Köpfe. Und sie riechen so sonderbar.« »Ah, was denn! Sie riechen? – Na, aber kann sein, daß sie etwas riechen. Bei dem warmen Wetter wird vielleicht der Lack etwas riechen; auch das Holz und der Bast von den Kriegsmasken ... – Nu um Gottes willen: Masken sind's, Masken, aber keine abgeschnittenen Köpfe«, sagte er, während er sich zu Tom hin begab. »Hm! – Aber sie riechen ja gar nicht!« – Im stillen wunderte er sich. Die Dinger schienen dem Jungen ja eine förmliche Idiosynkrasie, womöglich gar eine Geruchshalluzination zu verursachen. »Masken! – Chinesische, japanische, javanische, malaiische, birmanische. Und das da sind Papua- und Maori-Kriegsmasken, das da Negermasken.« »Wozu sind sie aber?« fragte Tom, offenbar nach wie vor bis zum physischen Leiden peinlich berührt. »Nu, was gibt's denn! Bist du ein Kerl?« polterte Onkel Anton. »Ja, die Kriegsmasken mein' ich auch nicht, da sieht man gleich, daß es Masken sind; aber die anderen; die Haare und Augen sind so eklig.« Er wandte sich ab und tat einen Schritt fort, um Onkel Anton aufmerksam zu machen, daß sie ja spazieren gehen wollten. »Na gut, komm! Wir wollen gehn; es ist etwas nach fünf. – Sie wissen doch zu Hause, daß du bei mir bist?« Tom bejahte. »Na, dann können wir bei dem schönen Wetter ja mal einen Marsch machen. – Also los!« Sie durchschritten den der Stromgegend entgegengesetzten westlichen Stadtteil, alsdann die westliche Vorstadt und gelangten dann nach etwas über einer Viertelstunde ins Freie. Solange sie sich im Stadtgebiete befanden, sprachen sie nur wenig miteinander. Besonders verhielt sich Tom so gut wie völlig schweigend, obgleich Anton ihm anmerkte, daß er den Marsch sehr gern mitmachte. »Was mag er haben? Irgend etwas stimmt nicht«, dachte er. Als sie dann aber im Freien waren, schien Toms Stimmung sich zu ändern. »Ach sieh, Onkel Anton, der Roggen ist schon gemacht!« rief er, und wies zu den zusammengestellten Garben eines abgemähten Feldes hinüber. »Ja, sieh mal! – Kannst du auch die übrigen Getreidearten unterscheiden?« Tom bejahte. Sie wanderten einen Weg zwischen Feldern. Er hatte gegen seine Ränder hin einen üppigen Graswuchs, aus dem blauer Wiesensalbei, rote und blaue Glockenblumen, gelbe Klee- und würzig duftende Thymianpolster hervorleuchteten, während der Saum der Getreidefelder von Klatschrosen, Zyanen, Raden, Rittersporn, Winden und roten Erdnußblüten durchwirkt war. Da der Weg einen scharfen Bogen machte und das vor Reife knisternde Getreide das Jahr übermannshoch stand, waren sie eine ganze Strecke hin wie eingeschlossen in die goldigen, von einem leisen, warmen Spätnachmittagswind rauschenden Mauern, deren köstliche Würze sie mit Wohlbehagen atmeten. Doch war der heimisch eingeschlossene Gang überreich an Eindrücken. Der bronzebraune Buchweizen, wie ein Wall zahlloser starrer Lanzen, atmete Kraft und gab mit seinen in herzhaft krißlig-rauhstarre und doch zierliche Form gefaßten, kurzgrannigen Ähren eine Empfindung von Frische und Stärke. Der rötliche Hafer – unten waren seine Halme und Blätter satt kupferfarben – und das lustig zarte, tüpflige Gewirr seiner Dolden machten einen förmlich lachen vor Freude. Wohl am schönsten aber wirkte die lichtgelbgoldige Gerste mit ihren langen, zarten Grannen. Sie schienen Rückstrahlungen eines überirdisch paradiesischen Schimmers. Es war, als bewegten sich unsichtbar himmlische Lichtgestalten über diese Weite unbeschreiblich feiner, goldlichter Zartheit hin, als sei sie der Abglanz ihrer Gewänder. Und ging mit einem feinen Schauer der warme, lichtgesättigte Wind drüber hin, so war's einem, als ob man Gesänge hörte, die nicht von dieser Welt sind. Dann kam ein Kartoffelfeld, mit der festen, prallen und doch weichen Form seiner Stauden, die in diesem Jahr so üppig waren, daß man das braune Erdreich mit seinen sauber gezogenen Furchen drunter kaum hier und da noch ein wenig wahrnahm; und das Auge freute sich und ruhte in dem glänzigen Dunkelgrün der runden Blätter, zwischen denen die weißen und rötlichen Blütensterne mit ihrer lichtgelben Mitte hervorsahen. Das Feld hauchte einen warm herzhaften, angenehm ein klein wenig beizenden Ruch. Und dann kam ein großes Stück Brachland, das seiner ganzen Ausdehnung nach von unzähligen wilden Stiefmütterchen überwuchert war. Auf den Roggenbreiten standen die hohen Garbenpuppen weit ins Gelände hinein, wo sie in fernen Sonnendunst und flirrende Sommerluft hineintauchten. Zwischen den Stoppeln wuchsen kleine Kräuter und Blümchen und zogen sich weithin kriechende Brombeerranken, deren Blätter sich hier und da schon zu verfärben anfingen. Dann aber hörte das Feldgelände auf, und sie bogen in einen Wiesenweg ein. Die Wiesen, nicht mehr so hoch und bunt wie im Frühsommer, boten sich, der Grummeternte entgegenwachsend, niedriger und krauser, und der letztere Eindruck wurde hervorgebracht von den vielen Storchschnabelstauden. Doch um so schöner kam die freie Weite mit dem blitzenden Netz ihrer Wassergräben, ihren Erlenbüschen, den in Gruppen oder einzeln stehenden Eschen und deutschen Pappeln zur Geltung. Bunte Rinder weideten nah und fern, und Pferde, einzeln und in Rudeln. Sie sahen den Kiebitz kreisen und vernahmen seinen klagenden Ruf. Staarschwärme hatten ihr metallisch zwitscherndes Wesen, und aus den in den blauen Himmel hinein gereckten Wipfeln der Pappeln schallte das grelle Geschwätz der Elstern, von denen ab und zu eine mit flatterndem Fluge schwarz und weiß gescheckt und mit langem, steilem Schwanz wiesenein sich bewegte. Am Horizont zeigten sich zwischen einem krausen, grünen Wall von Obstbäumen hervor der gedrungene Kirchturm, die hohen Strohdächer und niedrigen bolusroten, blauen, weißen Hauswände eines Dorfes. Nach einer Weile bog Onkel Anton zu einem der Wassergräben ab, an dem hin sie ihre Wanderung jetzt fortsetzten. »Onkel Anton?« »Und, Tom?« »Du sagtest damals bei Großmama, in Nordamerika entstände eine neue Rasse, die ... die, ich weiß nicht, aber du sagtest wohl, ganz anders sein würde als die Menschenrassen heute sind?« »Das hast du dir gemerkt. – Ja, ungefähr das sagte ich«, bestätigte Onkel Anton, auf irgendeinen Unterton aufmerksam, der sich unter Toms Worten bemerkbar gemacht hatte. »Aber es versteht sich natürlich, weißt du, daß es damit noch keine Eile hat.« »Ach, du denkst, es dauert noch lange?« »Gut Ding will Weile haben, Tom! Das Sprichwort kennst du ja.« »Ach! – Ja! – Natürlich! – Wie kann das denn so schnell gehen, da ja doch so viele Völker, die Völker und Rassen der ganzen Welt erst ... Ich meine, erst eins geworden sein müssen, daß die neue Rasse draus entstehen kann. – Aber entstehen wird sie doch sicher?« »Nun, das hat schon seine Richtigkeit. – Das kann sogar gar nicht anders sein. – Und das gefällt dir, he?« »O ja! – Es ist doch so merkwürdig, und was Wunderbares, daß aus allen Völkern der Erde etwas ganz Neues entstehen wird. Die Rasse ist doch dann ganz anders als alle Völker, und hat doch von allen etwas.« »Ja.« »Aber was wird dann aus den anderen Völkern, wenn das erst da ist?« »Was wird aus dem Getreidekorn, Tom, wenn der Halm und die Ähre draus geworden ist? Es vergeht und ist nicht mehr. Und eines Tages werden alle die Völker, aus denen die neue Rasse zustandegekommen ist, nicht mehr sein.« »Ja, sie werden nicht mehr sein!« wiederholte Tom und seine Augen blitzten. »Aber – dauert es noch sehr lange, bis es soweit ist?« »Unbesorgt, Tom!« lachte Onkel Anton. »Wir alle brauchen uns darum noch keine grauen Haare wachsen zu lassen. Und all die vielen Völker, die heute noch leben und erst mal ihre Vollkommenheit erreichen wollen, auch nicht. Auch nicht die, die überm großen Teiche heute in der Union beisammen sind.« Es blieb ein Schweigen. »Dann dauert es noch sehr lange«, sagte Tom und seine Worte verrieten eine Erregung, über die Anton sich nicht klar war. Doch sagte er weiter nichts, sondern wartete ab, was Tom zum Vorschein bringen würde. Aber da geschah etwas Unerwartetes. Tom rannte plötzlich von ihm fort eine ziemliche Strecke weit vorwärts bis zu einer Stelle, wo dicht am Graben ein einsamer Erlenbusch stand, von dem er sich mit einem gewissen Ungestüm eine Gerte abbrach. Als er das aber getan hatte, schickte er, bei dem Busch stehenbleibend, ein sonderbares Lächeln um den Mund, einen kurzen Blick von unten herauf zu Anton hin, der, noch in einiger Ferne, ohne seinen gemächlichen Schlenderschritt beschleunigt zu haben, allmählich herankam; worauf Tom, während seine Augen in neuem unbestimmten Übermut funkelten und seine Backen sehr rot waren, mit hastigen Bewegungen die Blätter von der Gerte abriß. »Nanu, was machst du denn da mit einemmal? Hatte das nicht Zeit, bis wir an den Busch heran waren?« sagte Anton, als er herangekommen war, und blieb vor Tom stehen, ihm zusehend, wie er die Blätter vollends abriß. Tom lachte und hob, doch nur für einen Moment, sein hochrotes Gesicht mit den funkelnden Augen von der Gerte zu ihm auf. »Ach!« antwortete er dann, zu laut. »Es ist so hübsch, wenn man beim Gehen eine Gerte hat! – Wenn ich zusammen mit Klaus Wolfram« – Klaus Wolfram war ein Schulkamerad von ihm, an den er näheren Anschluß genommen hatte – »einen Marsch mache, dann knicken wir uns immer Gerten ab.« »So! – Na ja.« Sie waren schweigend ein Ende weitergegangen. Tom ließ seine Blicke über die Wiesen hin schweifen, pfiff vor sich hin und hieb nach dem Takt dessen, was er pfiff, mit der Gerte gegen sein Bein. »Du, Onkel Anton! – Es darf im Kriege heute doch nicht mehr gebrandschatzt und geplündert werden, nicht?« Anton sah ihn an. »Nein, darf unter gesitteten Völkern nicht mehr vorkommen«, antwortete er dann. »Ja, aber ... Und ... Aber die Offiziere, gerade die Offiziere müssen doch darauf achten, daß die gemeinen Soldaten so was nicht tun und müssen sie zurückhalten, wenn sie's tun wollen, nicht wahr?« »Ja, müssen sie, Tom.« »Na ja! – Natürlich! – Das müssen, müssen sie!« stieß Tom, hochrot, mit vor Eifer sich überstürzender Stimme hervor. »Aber sie tun's nicht! Ich habe ja gelesen: es ist in den Kriegen, ich meine: den modernen, vorgekommen, daß gerade die Offiziere, die doch gebildete Menschen sind, und das meiste Ehrgefühl haben« – er legte auf das Wort einen besonderen Nachdruck – »und die sich doch auch am meisten beherrschen müssen, die gemeinen Soldaten sogar erst noch zu so was angetrieben haben. Sie haben sie sogar angetrieben, ganz wehrlose alte Leute und Weiber und Kinder, die sich noch nicht mal was haben zuschulden kommen lassen, abzuschlachten, ja sogar zu Tode hat man den Feind martern lassen, was doch noch viel, viel schlimmer, als wenn Indianer so was tun. – Nämlich rein aus Wut haben sie's getan, weil sie mal eine Schlacht verloren hatten und wie sie auf der Flucht durch die Ortschaften durchkamen. – Es kommen also auch heute im Kriege noch Greueltaten vor. – Und noch andere, noch schlimmere Dinge sind vorgekommen. Sie haben aus reiner Wut die Gefangenen, die doch ganz wehrlos waren, ans Kreuz geschlagen und haben armen Verwundeten mit dem Daumen die Augen ausgequetscht und sie dann lebendig ins Feuer geworfen und sie verbrennen lassen. Und gerade Offiziere, Offiziere haben dabei mitgetan und die gemeinen Soldaten erst dazu angestiftet. – Solche Scheußlichkeiten machen nicht mal die Tiere, das tun nur die Menschen, die Menschen miteinander. – Aus widerlicher, gemeiner Wut tun sie das. – Und dabei soll ein Offizier doch so viel Ehrgefühl haben, daß er, wenn er sich im Frieden was hat zuschulden kommen lassen, was noch nicht mal so was Besonderes zu sein braucht, sofort aus dem Offizierstand ausgestoßen wird. – Aus gemeiner Wut machen sie solche Scheußlichkeiten, und weil sie sich nicht beherrschen können!« Anton Körber hatte dem Knaben, ohne ihn zu unterbrechen, zugehört. Er mußte sich vor Schreck und Betroffenheit erst sammeln, als er jetzt fragte: »Sag' mal, Tom, mein Junge! Wo hast du denn das alles her?« »Oh, ich hab's doch in Zeitschriften gelesen. Und auch in Büchern. In ganz ernsthaften, nicht in solchen Schmökern!« rief Tom. »So! – Und wo hast du die Bücher her?« Tom schwieg einen Augenblick. Es war nicht recht deutlich, ob aus Verwirrung oder aus Trotz. »Oh, ganz richtige Geschichtsbücher«, wich er aus. »Aber wie kamen die Bücher in deine Hände?« Wieder schwieg Tom. Dann aber sagte er, diesmal mit deutlichem Trotz: »Aber die Bücher sind doch da? Sie können doch nicht verbrannt und fortgeschlossen werden? Es kann sie doch jeder lesen? Man kann sie dann doch woanders herkriegen?« Doch kaum hatte er ausgesprochen, als er erschrak und vor Schreck und Verwirrung einen Moment erbleichte. Wie durch eine unsichtbare Gewalt förmlich von ihm fort zur Seite weggewirbelt, war Onkel Anton unter einem lauten Ausruf des Entzückens zum Graben hingerannt, mit einer jähen Bewegung in die Hocke niedergegangen, und jetzt rief er, ganz naiv und munter wie ein Junge: »Tom! Tom! – Komm! Komm doch mal her! – Sieh doch! – Sieh mal!« Zögernd und in vollkommener Verwirrung leistete Tom Folge und trat an seine Seite. »He? – Wie? – Nicht?« Er sah aus seiner hockenden Stellung mit hochrotem, in diesem Augenblick förmlich verklärt schönem Gesicht unter dem Sombrero und seinem schön gewellten lichtblonden Haar in die Höhe, wobei seine blauen Augen Tom, der seinen Blick verwirrt gleich wieder senkte, strahlend anlachten. Er hatte beide Arme gerade vor sich hin niedergestreckt, und seine Hände waren tief in einem ungeheuren, breiten, dicken, im köstlichsten Himmelblau leuchtenden Polster von Wasservergißmeinnicht vergraben. Das Polster überwucherte aber weithin den Rand des Grabens die ganze abfallende Böschung bis zu dem stillen, bernsteinbraun klaren, von Sonnenlichtern friedlich schimmernden Wasserspiegel hinab. Es war allerdings seltsam, dachte Tom, daß an dem ganzen Grabenrand bisher und bis zu diesem Augenblick kein so ganz ungewöhnlich großes und schönes Polster von Vergißmeinnicht zu sehen gewesen war. »Wie? – Was? – Nun? – Ist das nicht herrlich?« lachte Anton zu ihm empor. »Ja«, antwortete Tom leise. Langsam ließ er hinter seinem Rücken die Gerte zu Boden gleiten. Im gleichen Moment wandte sich Onkel Anton aber wieder den Vergißmeinnicht zu, aus denen er mit einem schnellen, aber sicheren und überlegten Griff ein Büschel herausriß, worauf er ebenso schnell seinen Hut abnahm und das Büschel an ihm befestigte. Dann aber ging er mit einer elastischen Bewegung aus der Hocke wieder in die Höhe, und Tom sah, daß er noch ein einziges Vergißmeinnicht in der Hand hielt. Er wandte sich mit ihm zu Tom hin, faßte ihn – warm fühlte Tom seine großen, schöngeformten, schlanken und doch muskelkräftigen Hände – zugleich scherzend und liebevoll vorn an der Brust und hielt ihm das Vergißmeinnicht vors Gesicht. »He, sieh mal, Tom! Wie klein, winzig klein und zierlich es ist! Nicht? – Ein so liebes, kleines, zierliches Dingchen! – So, laß es dir ins Knopfloch stecken!« Und mit behutsamer und, schien's, bedachter Umständlichkeit steckte er Tom das Blümchen ins Knopfloch. »Sagte ich, lichtblaue Aster paßte gut zu deinem marineblauen Jackett? Ich muß wohl dies Dingchen hier gemeint haben. – Na! So! Die Studentenblume hast du übrigens, wie's scheint, inzwischen wohl schon irgendwohin fortgeworfen. Aber warte, warte, noch was!« Seine Augen hatten sich unter den letzten Worten schon wieder dem Graben zugewandt, zu dem er noch einmal hin eilte. Wieder ging er in die Hocke, beugte sich diesmal aber gegen den Wasserspiegel vor. »Komm mal her! Noch was!« Langsam, wie zuvor, leistete Tom Folge und nahm die Richtung von Onkel Antons ausgestrecktem Arm, der mitten aufs Wasser zeigte. Seine stille, braune, bis auf den Grund klar durchsichtige Fläche war an der Stelle, auf die Onkel Antons Arm hindeutete, über und über mit weißen und blaßrosafarbenen Bitterkleesternchen bedeckt, was ein köstlicher Anblick war. Doch schon ließ Onkel Anton sich vernehmen. Seine Stimme kam jetzt sonderbar humorvoll gepreßt und ganz tief, mit einer herzhaften, fast etwas grobschlächtigen Tonart aus der Magengegend herauf. »Hohoho! – Menyanthes! Oder: Bitterklee! – Gehört unter die Gentianaceen, kommt nur in zwei Arten in der nördlich gemäßigten Zone vor. Notabene: in England muß es sehr viele geben, denn dort ist ja der Spleen zu Hause –, wächst in Wassergräben, auf Sümpfen, Mooren und feuchten Wiesen. Ein fingerdicker Stengel kriecht im Sumpfgrund, du siehst! Er treibt einem dreiblättrigen Kleeblatt ähnliche Blätter und Trauben von zehn bis zwölf fünfgespaltenen, weißen und blaßrosa Blütensternchen. Die Blätter sind die Folia trifolii fibrini , aus denen man den Bitterkleeextrakt gewinnt. Man gebraucht diesen Extrakt mit gutem Erfolg gegen Trägheit der Verdauungsorgane. – Na also!« Er hatte unter den letzten Worten die Hand nach einem der dicken Stengel ausgereckt, an welchem eine besonders schöne Dolde saß, und riß ihn heraus. Dann erhob er sich und ging mit einem »Na, komm!«, das er aber erst rief, als er schon, ohne sich weiter um Tom zu kümmern, einige Schritte vorwärts getan hatte, weiter, wobei er den Stengel mit der Dolde in der Hand behielt. Tom leistete der Aufforderung nicht sogleich Folge, blieb noch stehen und sah ihm nach. Onkel Anton schritt mit seinen langen Beinen schneller vorwärts. Er hatte seinen gewohnten mausgrauen Anzug an, dessen Schoßrock er immer weit offen trug. Tom hatte ihn fast nie anders als in einem solchen Anzug gesehen, und er hatte diesen Anzug förmlich lieb. Er atmete heftig, etwas wie ein Weinen wollte ihm die Kehle in die Höhe, doch das ging in ein wunderliches Lachen über; und von einer heftig aufwallenden Liebe und zugleich Verlegenheit und Reue getrieben, setzte er sich jetzt in Bewegung und rannte Onkel Anton in fliegender Eile nach. Als er ihn aber eingeholt hatte und wieder an seiner Seite war, sah er zu ihm auf, lachte, rief mit einer Stimme, in der es wie eine Bitte war: »Onkel Anton?« und faßte mit einem zugleich unsicheren und festen Griff nach Onkel Antons Hand. »Na, jawohl!« Mit einem kurzen Druck erwiderte er Toms Handdruck; dann aber begann er, während sie miteinander weiterschritten: »Ja, Tom! all solche Greuel kommen auch noch heutigen Tages im Kriege vor. Die Berichte, die du gelesen hast, sind wirklich nicht unauthentisch. – Aber du erkundigtest dich ja anfangs nach der neuen Rasse, die eines Tages in Amerika aus allen Völkern der Erde entstehen wird. Ich wies darauf hin, daß, wenn sie da sein wird, die bisherigen Völker und Rassen eingehen werden. Ich glaube, du hast fragen wollen, ob auch dann, wenn die neue Rasse und eine neue Menschheit da sein wird, noch Kriege und solche Scheußlichkeiten vorkommen werden. Nicht, das wolltest du fragen?« Tom bejahte leise. Er war aber nicht mehr ganz bei der Sache. Ganz seiner Neigung zu Onkel Anton hingegeben und im Innersten glücklich, und in einer warm dankbaren Nachdenklichkeit über seinen Handdruck, dachte er kaum noch an etwas anderes und hatte nur ein beständiges Bedürfnis seiner wiedergewonnenen Unbefangenheit Ausdruck zu geben. Zugleich aber hörte er mit Spannung zu, was Onkel Anton sagte. »Na ja«, fuhr der fort. »Und du hast ja wohl auch schon dein Bedauern ausgesprochen, daß es noch so lange dauern wird, bis die neue Rasse und Menschheit da sein wird. – Aber wir müssen ja bedenken, daß sie sich vorbereitet, und daß sie von dem Augenblick an schon sich vorbereitet hat, wo die Union in Nordamerika zustande kam. Das kann aber nur bedeuten, daß von dem Augenblicke an auch die Einsicht zu erwachen anfing, und von nun an sich immer mehr festigen wird, daß schon unter den heutigen großen Völkern Kriege nicht mehr stattfinden dürfen, weil ja die immer schneller zunehmende Ausbreitung der Technik und des internationalen Verkehres zwischen den Völkern die Völker immer mehr zusammenschließt. Und ebensowenig wie es denkbar ist, daß die Staaten der Union noch untereinander Krieg führen, wird es denkbar sein, daß die großen europäischen Völker noch Kriege miteinander führen. Und das wird wohl schon in einer verhältnismäßig nicht mehr fernen Zeit so sein. – So siehst du also, und das wollen wir festhalten, daß die Menschheit mit der Zeit immer vollkommener wird, und die Menschen untereinander sich immer mehr als Brüder fühlen werden. – Und nun vorläufig genug davon, Sohnemann. – Du kannst jetzt übrigens mal öfter zu mir kommen. Ich glaube, du hast ein ganz gutes Interesse an den Naturwissenschaften. Wenn man aber erst mal eine Ahnung bekommen hat, wo's mit der Menschheit hinaus will, so wird es sich auch lohnen, zu wissen, wie und woher sie gekommen ist. Und das will ich dir von jetzt an mal genauer erzählen. – Jetzt aber Schluß.« Das letzte Verhalten des Knaben hatte Anton zwar beruhigt, aber er hatte trotzdem den Schreck, den ihm seine mit einem so förmlich verbissenen Trotz hervorgestoßene, in gewissem Betracht furchtbare Äußerung verursacht hatte, noch nicht völlig überwunden. Die Äußerung hatte verraten, daß Toms innere Entwicklung denn doch infolge jenes schlimmen Erlebnisses und der Krise, die es zur Folge gehabt, eine Wendung genommen hatte, die noch immer eine ernstlichere Gefahr für den Knaben bedeutete. Er mußte auf ihn achten. Doch nach einer Weile – sie waren nicht mehr weit von dem Dorfe, das sie hatten liegen sehen, ab – wandte er sich Tom zu und fragte ihn mit burschikos kameradschaftlicher Unbefangenheit: »Sag' mal, Tom, du bist ja wohl auch schon ziemlich lange von zu Hause fort: Hast auch du Appetit? Ich, ja.« Tom sah mit erhellten Augen zu ihm auf und bejahte. »Na natürlich! Gut! – Also, weißt du? Dann schlag' ich vor, wir gehen ins Dorf, lassen uns im Kruggarten erst mal häuslich nieder und legen was vor, wie?« 23. Selber ein Liebhaber von Wanderungen, machte Anton Körber den Knaben, solange die Jahreszeit noch günstig war, die nächste Zeit über auf ausgedehnteren Wanderungen in der Umgebung der Stadt mit der Entfaltung der organischen Wesensreihen vertraut. Mit Freude und innerlicher Erleichterung gewahrte er dabei die Zuneigung, die Tom ihm entgegenbrachte, und die hingegebene Aufmerksamkeit, mit der er auf den Gegenstand einging. In seinem marineblauen, von oben bis unten zugeknöpften Anzug, den niedrigen Strohhut mit der schmalen, steifen Krempe eher nach vorn als nach hinten auf den Wirbel gerückt, wanderte der Knabe, mit dem Ausdruck aufmerkender Versunkenheit vor sich hin blickend, die Hände in den Jackettaschen, neben Anton her. »Dies bis zum Schicken Korrekte in seiner Kleidung und äußeren Haltung«, dachte Anton zuweilen. »Sollten seine angeborenen Anlagen wirklich je zu einer bedeutenderen Entfaltung gelangen, so wird er sie ja wohl sicherlich nicht versaloppen und verstrudeln. Ganz gewiß wird er aber niemals ein Poseur, ein Mätzchenmacher, ein in sich selbst verliebter Narziß sein. Gottlob, es steckt Körbersche Solidheit in ihm.« An seinen gelegentlichen Zwischenäußerungen aber konnte Anton wieder einmal sein spielend leichtes, richtiger war wohl aber zu sagen: das mit erstaunlicher Unmittelbarkeit dem Wesentlichsten des Gegenstandes angepaßte Verständnis des Knaben feststellen. Er selbst aber trug den Gegenstand nicht bloß so mit » in usum Delphini « zurechtgestutzt dozierender Weise vor, etwa auch mit jener Art von rationalistischem »Freisinn« des heutigen sogenannten »Monismus«, sondern belebte ihn mit einer eigensten Empfindung und Religiosität. Er durfte aber wahrnehmen, wie der Knabe gerade dieser Auffassung mit einer innig verwandten Anlage entgegenkam. Anton Körber dachte an jene Äußerung, die Tom damals beim Wiesengraben getan, und es bedeutete ihm eine so schöne Freude, zu gewahren, wie jener dunkle Dämon, der die Seele des Knaben und seine fein bewegliche, zugleich mit so intensivem Erraffen allem Leben zugewandte Sensibilität mit seinen vom Ekel Dumpftrüben aufgepeitschten wilden, reißenden Lebensängsten verwirren wollte, sich aus der besten Rasse des Knaben heraus stillte und einfügte in die heilig sichere Gelassenheit der großen Zusammenhänge, die ihm hier erschlossen und in die Seele gesenkt wurden. »Einfügte«, sagte sich Anton Körber nicht ohne eine ernste Nachdenklichkeit. »Denn wie sollte die Wirkung jener trüben Wende, die in diese so ungewöhnlich angelegte Seele einmal hineingefallen war, jemals ungeschehen gemacht werden können? Wie denn wäre dem bösen, dunklen Dämon überhaupt auszuweichen? Er trifft uns alle, direkt oder indirekt. Wen verschonte er? Aber er will wohl seine Erlösung, seinen Ausgleich.« So aber fügte er sich ein und stillte seine wirren, trüben Ängste: Das überbegriffliche Eine wurde allweite Ausweitung von Raum und begann von Punkt und Mitte aus zu kreisen. Urstarre Weite und Ausdehnung aber solcherweise in Erschütterung gesetzt, hub an zu erwimmeln und wurde milliardenfältig kraftbewegter Urstoff. In runden Schichten auch wird Stoff um aller Ausdehnung Mittelpunkt herum zusammengezogen zu einem großen, sich um sich selbst drehenden Ball. Je mehr dieser sich aber verdichtet, um so mehr härtet sich seine Oberfläche und wird zu einer dichten, dem feurigen Inneren des Balles aufliegenden Kruste. Auf dieser Kruste vollzieht sich vorschreitend eine feinste Ausbildung der Grundstoffe. Es scheidet sich festes Land vom Wasser, und ein Urmeer bildet sich. Die Urstufe des organischen Lebens, der Urschleim, aus dem wunderbarlich die vielen, unter sich verschiedenen Wesensreihen des organischen Lebens sich hervorbilden. Empor bis zum geistig bewußtheitlichen Menschen. Anfangs all dies Leben noch unter- oder nur erst dumpf und dunkel bewußt und weiß noch nichts vom Leid. Klarer erwacht es zu seiner Bewußtheitlichkeit, bis die des Menschen erreicht ist. Auch die Tiere, und selbst die höheren, wissen noch nichts vom Leid. Das weiß und erfährt erst der Mensch und das höchste, intellektuelle Bewußtsein. Doch steht es so, daß selbst er es erst von einem noch jungen Zeitpunkt ab weiß. Und es kann nicht anders sein, als daß dies Wissen und Leidempfinden zu einer äußersten Höhe gelangt, um dann an seiner äußersten Klarheit sich selbst aufzuheben und wieder in selige Leidunbewußtheit überzugehen. Doch wie äußerstes Leid ward dem Menschen auch höchstes geistiges Allumfassen beschieden und höchstes Heldentum um den Preis des Leides. Aber dies alles ist ohne Eines nicht zu verstehen, ist ohne dies Eine dumm und tot, ohne Sicherheit und Gewißheit seiner selbst. Noch hat es nicht gesagt, wer es ist, der sich entfaltet. Aber aus der Urmitte löste sich das Eine aus sich selbst als ein feinster Keim mit einer diesem angeschlossenen, heilig bestimmten Anzahl von Keimen. Zuerst unstofflich reinster Zustand bipolar in sich gesammelter Kraft und Wesenheit, wird dieser Keim von der kreisenden Bewegung der Urmitte aus deren Bereich ausgestoßen in eine nächste Schicht des großen, in seiner Ausgestaltung stehenden Allmittelkörpers, bringt sie, sie ausgestaltend, in eine Unruhe, wird hier mit seiner ihm angeschlossenen Auslese, mächtig angewachsen, zu einer ersten, besonderen Stofflichkeit, um alsdann abermals auch aus diesem Bereich ausgestoßen zu werden und in eine höhere Schicht einzudringen. Wieder formt er auch diese bis zu einer äußersten Grenze ihrer Möglichkeiten aus, sich unter solcher Ausformung abermals selber um- und weiter auszugestalten und alsdann, immer mächtiger anwachsend, in eine noch höhere Schicht ausgestoßen zu werden. In ihr vollbringt er das Gleiche und verläßt sie, gleicherweise, abermals in eine höhere hinein. Keim und sein Auslesebestand, Sinn und erwachendes Bewußtsein, empordringendes göttliches Leben, gelangt endlich in die oberste Schicht des Allmittelkörpers und beginnt deren Ausformung zu vollziehen. Durch eine Stufenfolge anorganisch-grundstofflicher Umgestaltungen schreitet er beständig vor, immer neuen Bereich zur äußersten Möglichkeit der ihm einbeschlossenen Entfaltung gebracht und in ihr abgeschlossen, einen neuen auswirkend. Bis er jene Grenze erreicht hat, wo er eine äußerste anorganisch-vororganische Möglichkeit über sie hinaus ins Organische überwandelt. Und nun ist Er mit seinem Auslesebestand an einer bestimmten Stelle im Urmeer (aus dem wahrlich hervor sich das Leben geboren hat) ein erstes Wesen und ein allererster kleiner Anfang von Urschleim und aller in sich beschlossenen und möglichen Entfaltung organischer Existenz. Wiederum schreitet Er mit seinem Auslesebestand, beständig sich weiter auswandelnd, vorwärts durch die verschiedenen gestaltlichen Möglichkeiten des Protoplasmabereiches, jedesmal einen Unterbereich, nachdem dieser seine äußerste gestaltliche Entfaltungsmöglichkeit erreicht hat, in sich abgeschlossen hinter sich zurücklassend. Bis Er mit seinem Auslesebestand die Urwurmform erreicht hat und mit ihr erste Sinneswerkzeuge und ein erstes Rückgrat, an welchem Er sich aufzurichten beginnt, um dann immer vorschreitend zum hohen bewußtheitlichen Gefühl und Erfassen seiner selbst und Allumfanges vorzudringen. Und so lief alles auf Ihn, den aus der überbegrifflichen Tiefe der göttlichen Ureinheit Kommenden, und die Seinen hinaus. Auf Ihn, der, allen Lebens Leben, alles Sinnes Sinn, aller Inbegriff und alle Seele, sein eigener und aller Wesen Hort, nach wie vor und ewig, und der Trost aller Religion und christlicher. Vom Kreuz leuchtete sein Trost und seine ewige Zuversicht über die dunkelbrausende Welt; Wahrheit, Weg, Licht zu höchstem Ziel und, schon verheißener und verbürgter, Vollendung. Hohn seiner Feinde hatte ihn damals aufgefordert, herabzusteigen vom Kreuz, wenn Er Gottes Sohn wäre: doch ihre Blindheit hatte nicht erkannt, wie er mehr und mehr, näher und immer näher und offenbarer den Verlauf dieser letzten zwei Jahrtausende her herabgestiegen ist vom Holz der Schmach und des Sieges erhabenster Überwindung, seiner Wiederkunft nahend in der Kraft und Herrlichkeit einer neuen, übermenschlich entrückten Person. Und mit ihm haben sich gleicherweise erhoben die Seinen aus den tausend und abertausend Qualen ihrer voreinstigen Martyrien, um wiederzukommen, teilhaftig mit Ihm eines neuen verklärten und übermenschlich entrückten Leibes, um mit Ihm einst am Tage der letzten Klarheit und Erfüllung einzugehen in das Reich des Himmels und der letzten Vollendung und es mit Ihm zu leben. Solcherweise führte Anton Körber, in einer dessen Auffassungsvermögen angemessenen Weise den Knaben bei diesen Wanderungen in den näheren Gegenstand der Biologie und der großen allgemeinen Weltentfaltung ein; und solcherweise beschwichtigte er den Dämon dunkler, unheilvoller Verwirrung und Zwiespältigkeit, der seinen Schatten über Toms Seele zu breiten angefangen hatte, ließ er ihn eingehen in die Klarheit und Kraft ewiger Religion. 24. Gerade in dieser Zeit aber sollte noch ein anderes Erlebnis hinzukommen, die guten Mächte und Anlagen in Toms Wesen zu einem reicheren, entschiedeneren Auftrieb zu bringen. Tom erlebte seine erste Liebe. Und das war so gekommen. Ein halbes Jahr nach seiner Versetzung in die Untertertia hatte er einen Freund gewonnen, einen Klassenkameraden, der Klaus Wolfram hieß. Klaus war, obgleich er noch in der Untertertia saß, zwei Jahre älter als Tom und stand in seinem fünfzehnten. Er war kleiner, untersetzter als Tom, hatte schlichtgescheiteltes, glattes, aschblondes Haar über einer breiten, eigensinnigen Stirn. Seine grauen Augen hatten für gewöhnlich einen ruhig skeptischen Ausdruck, in dem sich aber auch eine verhaltene Gutherzigkeit ausprägte. Im Innersten zur Sentimentalität geneigt, besaß er eine auf Zergliederung gestellte klare Verstandesanlage. In der Klasse hatte er wenig Anschluß, galt als Sonderling. Dem Schulplan gegenüber verhielt er sich gemäß seinem Eigensinn und seiner skeptischen Veranlagung ablehnend. Vermahnungen und Strafen, selbst empfindlichere, ließ er an sich abgleiten. An seinem sonstigen Betragen aber wußten seine Lehrer nichts auszusetzen. Doch in solcher Hinsicht verhielt sich's so, daß er überhaupt nicht da zu sein schien. Er galt für einen faulen Schüler, und wohl nicht mit Unrecht. Doch war er keineswegs unbegabt. Mit Hingabe und Erfolg pflegte er die Naturwissenschaften und verwandte auf sie ausdauernden Fleiß. Aber auch nach anderer Richtung besaß er eine ungewöhnliche Frühreife und eine Fähigkeit zu sachlichem Nachdenken und klarer Begriffsformulierung. Er war den Umständen nach ein guter psychologischer Beobachter, dachte auch in seiner Weise über religiöse Dinge nach, bekümmerte sich sogar um politische Fragen. Die Gabe aber, seine Gedanken auf eine klare Form zu bringen, verlieh ihm ein Selbstbewußtsein, das auf seine Mitschüler mit einer Art von gutmütig behaglichem Spott herabsah, und eine Sicherheit, die auch auf den jüngeren Tom ihre Wirkung getan hatte. Und so waren sie Freunde geworden. Erst hatten sie nur auf gemeinsamen Spaziergängen und in der Schule ihren Gedankenaustausch gepflegt. Zuweilen hatte Tom Klaus auch auf dessen ausgedehnteren botanischen Wanderungen begleitet. Dann aber war ihre Freundschaft in ein Stadium gekommen, wo sie sich gegenseitig auch zu Hause besuchten. Auf Mutter, auch Vater, hatte Klaus sofort einen guten Eindruck gemacht, und besonders Mutter freute sich, daß Tom einen so herzhaften und verständigen Jungen zum Freund gewonnen hatte. Auch Großmama war mit ihm zufrieden gewesen, obgleich ihr sein skeptisches Wesen – innerlich freilich war Klaus der vornehmen alten Dame gegenüber sehr schüchtern – nicht recht zusagte. Dann hatte auch Tom Klaus besucht. Und es hatte ihm bei den Wolframs ganz ausnehmend gefallen. Klausens Vater war Arzt und besaß in der westlichen Vorstadt eine Villa von schlichtem, aber einladend ländlichem Aussehen, die in einem großen, gutgepflegten Garten lag. Auch Klausens Eltern hatten Tom sehr gefallen. Doktor Wolfram war ein robust untersetzter kleiner Herr anfangs der Fünfziger mit einem von Gesundheit und Frohsinn strotzenden Gesicht. Er trug eine goldene Brille und einen bequemen grauen Schoßrockanzug von etwas altmodischem Schnitt. Er verkehrte mit Klaus und dessen drei Brüdern und beiden Schwestern und jetzt auch mit Tom, den er dann ohne weiteres mit hinzurechnete, ganz wie ihresgleichen. Daß Klaus in der Schule faul war, schlechte Zeugnisse mit nach Hause brachte, und zum zweitenmal sitzen geblieben war, schien ihm weiter nichts zu machen. »Ein Faultier! Ein Ai!« hatte er gelegentlich mal mit bezug auf Klaus lachend ausgerufen. »Ein Ai! He? Das sich mit allen Vieren und zähen Krallen ein für allemal an den dürren Ast der Untertertia angeklammert hat! He? Wie, Tom?« Tom hatte gelacht, obschon er sich über Doktor Wolframs Gleichmut gewundert hatte. Klaus aber hatte nur sein Lächeln gehabt. »Nu? He, min Jong? Wann gedenkst du zu geruhen, zur Abwechslung doch mal auch in die Obertertia hinüberzupurzeln? An dem Tag wird die Welt untergehen. – Aber, wie? Wirst du?« »Oh, no ... Doch wohl? Ich werde«, hatte Klaus schmunzelnd erwidert. »Na, wirklich? – Aber im Ernst! Eigentlich sag' mal, du: Parole d'honneur ? – Wie?« Er hatte Klaus groß angesehen. »Nu« – Klaus erwiderte den Blick Vaters mit gemütlich gekniffenen Augen – »ja, Papa! Ich werde! – Diesmal!« »Und dann weiter?« »Ja.« »Na also, ein Mann, ein Wort?« »Ja, ein Mann, ein Wort.« Tom wußte sofort, daß Klaus es auch wirklich konnte, wenn er nur wollte; und dann mußte und wollte er ja doch der Naturwissenschaften wegen auf die Universität. So waren Klaus und sein Vater. Die Frau Doktor Wolfram aber war eine immer muntere, gut aufgeräumte, rundliche, proppere, gesunde, kleine Frau mit glattgescheiteltenl nußbraunem Haar, eine geborene Hamburgerin, tüchtige Hausfrau und vorzügliche Köchin. Die Wolframs waren sehr gastlich und gesellig. Besonders hatten sie's gern, ihre Kinder und deren Freunde um sich zu sehen. Und dann gab es immer allerlei fröhliche kleine Familienfeste mit Pfänder- und Reigenspielen, im Garten oder im Wohnzimmer, mit reichlichem, gutem, wenn auch einfachem Essen, Musikvorträgen und anderer Unterhaltung und Munterkeit. Eines Tages aber, Mitte September, zu einer Zeit, wo Onkel Anton gerade mitten in seinen biologischen Vorträgen war, hatte Tom in diesem Kreise ein Mädchen kennengelernt, das vor kurzem zu einem längeren Besuch bei den Wolframs eingetroffen war. Sie hieß Sibylle Maaß, und war ein Schwesterkind von Frau Doktor Wolfram. Ihre Eltern wohnten in Flensburg, wo Sibylle auch geboren war. Sie sollte in eine Weimarer Pension getan werden, vorher aber erst einige Zeit bei Wolframs zubringen. Sie stand mit Tom in gleichem Alter. Gleich auf den ersten Blick hatte Sibylles Erscheinung Tom berührt. Sie war etwas kleiner als er. Einen besonderen Eindruck machte der Umstand, daß sie reiches, licht-, fast weißblondes, in linden Wellen nach den Seiten über die Ohren gescheiteltes Haar hatte, das ein Gesicht von einem sehr reinen Oval umrahmte. Zu diesem Haar aber hatte sie unter hohen, anmutig gezeichneten dunklen Brauen ein Paar dunkelbraune Augen mit langen, samtigen, dunklen Wimpern und einem weißen Bogen vom Augapfel unter den Pupillen. Sie trug das Haar nicht wie ihre Altersgenossinnen in Zöpfen, sondern mit einer hohen, dicken Flechtenkrone oben auf den Scheitel gesteckt, so daß ein schön gebildeter Hinterkopf hervortrat, von dem feine, lichte Lockenringel auf den schlanken weißen Hals sich herniederkräuselten. Sie sprach nicht viel, zeigte fast nie ein ausgelassenes Wesen. Doch war, wenn sie sprach, in ihrer wohlklingenden, ruhigen Stimme keine Schüchternheit. Wenn sie fröhlich war, hatte sie ein angenehmes Lachen und konnte einen sicheren Mutterwitz entwickeln. Gleich als Tom sie zum erstenmal gesehen, hatten ihre Augen ihm ein wunderbar wonniges Gefühl mitgeteilt und in ihm das heftige Verlangen erregt, sie sobald als möglich wiederzusehen und in ihrer Nähe zu sein. Und so ging er von da ab, so oft es nur angehen wollte, zu den Wolframs. 25. An einem Nachmittage Ende September nach vier Uhr befand er sich mit Klaus auf dem Weg zu Wolframs hinaus. Sie schritten miteinander die Vorstadtstraßen hin an den Gittern, Staketen und Hecken der Vorgärten entlang, Klaus in seinem gewohnten behaglichen Bummelgang. Innerlich war Tom, der es, um Sibylle zu sehen, eilig hatte, über dies Bummeltempo außer sich, und das diesem zur zweiten Natur gewordene Lächeln von Klaus verdroß ihn vollends. Doch wußte er, daß es keinen Zweck hatte, ihn aufzufordern schneller zu gehen. Schließlich wurde er dann selber ruhiger und gab sich nur seinen auf Sibylle gerichteten Gedanken hin. Der Tag war ein verhangener, doch trocken grauer Herbsttag. Tom liebte solche Tage. Und heute war ihm diese Witterung, die seinen Gedanken Vorschub leistete, ganz besonders angenehm. Außerdem war aber seit einer Stunde Nebel eingetreten, der in der Ferne schon ziemlich dicht und auch schon in der Nähe bemerkbar war und anfing, alles in seinen Schleier zu hüllen. Doch verbarg er die Gegenstände nicht völlig. Aus den weißlichen Dünsten traten die lichtgelben, bräunlichen und rötlichen Massen der Büsche und Baumwipfel hervor, das satt karminrote Blattwerk des wilden Weines auf einer Hauswand oder auf einer Laube; Dahlien, Georginen, Astern, die zum Teil schon welk aussahen; eine Bretterlaube, die einen lebhaft weißlich-grünen Anstrich hatte. »Fein lächl' ich einer dunkelroten Rose zu.« Der Ausspruch, in einem deklamierenden Tonfall getan, hatte sich selbst parodiert, und Toms Stimme war nicht ganz sicher gewesen. Er war rot und in seinen Augen war ein blitzendes, etwas kälbriges Jungenslachen. Klaus hatte ihm, doch nicht besonders eilig, seine Aufmerksamkeit zugewandt. »Hübsch!« kritisierte er dann. »Wirklich hübsch! Übrigens war das ein Vers?« Tom ließ ein etwas zu lautes Lachen hören und rief mit forcierter Verwunderung: »Ach, sieh mal, wahrhaftig! Und es sollte gar keiner sein, ist von selber einer geworden.« Doch er vermied Klausens Auge. Seine Aufmerksamkeit war noch immer an Klaus hin in einen der Gärten hineingerichtet, dem sie sich langsam näherten. Als Klaus jetzt aber, neugierig geworden, der Richtung folgte, gewahrte er aus den immer dichter werdenden weißlichen Dünsten hervor eine einzige, verspätete, schöne, große dunkelrote Rose. »Aha! – Ah, so!« sagte er mit bezug auf sie. »Sieht allerdings nicht übel aus. – Aber warum sagtest du ›fein‹? Warum lächelst du der Rose ›fein‹ zu?« erkundigte er sich dann in einer Anwandlung seines psychologischen Interesses. Von dem Verhältnis Toms zu Sibylle wußte er nichts, da Tom mit ihm darüber nicht sprach. »Ach, wieso denn? – Nichts weiter! Ich weiß nicht! Nur so!« wich Tom aus. Hätte Klaus aber nicht noch nach der Rose hingeblickt, würde er bemerkt haben, daß Tom rot geworden war. »Man schämt sich, wenn man Verse gemacht hat, und du auch, denn du weichst mir aus. – Wie kann man übrigens auch Verse machen. – Nee, aber sag' doch mal: wieso ›fein‹?« »Ach, aber ich weiß doch nicht, laß doch!« wehrte Tom ab. »Na, lassen wir das Rätsel also auf sich beruhen. – Kann übrigens sein: man weiß manchmal selber nicht, wie man auf so was kommt. – Vielleicht hat's der, allerdings aparte, Eindruck bloß so aus dir rausgeholt.« Tom schwieg. Auch Klaus verhielt sich jetzt still. Doch verriet sein etwas schurkisches Vorsichhinlächeln, daß er sich innerlich noch mit der Sache beschäftigte und Tom gern noch ein wenig mit ihr aufgezogen hätte. Endlich bogen sie in die Straße ein, in der Wolframs Villa lag. Verhalten spähte Tom aus, ob Sibylle vielleicht zufällig gerade im Garten wäre, oder ob er sie an einem der Fenster erblicken könnte. Einen Augenblick hatte er so starkes Herzklopfen, daß er in seiner Scham darüber fast davongelaufen wäre. Aber nun waren sie angelangt, standen vor der eisernen Gittertür. Klaus drückte auf die Klinke, die einen kurzen, scharfen Ton gab, die Tür ging auf, sie traten ein, und Klaus ließ sie mit einem Krach ins Schloß fallen. Heimlich spähte Tom noch einmal nach allen Fenstern. Aber Sibylle war nicht zu sehen, nur für einen Augenblick Frau Wolfram, die ihnen zunickte und dann gleich wieder verschwand. Sie durchschritten den Hausflur und betraten das in dessen Hintergrund gelegene Wohnzimmer. Es war gemütlich warm und bot sich in einem stillen, gleichmäßigen Spätnachmittagslicht. Die Standuhr tackte, durch die beiden großen Fenster und die Scheiben der auf die Veranda hinausführenden Glastür sah man gegen den Hintergrund des weißen Nebels die friedlich von der Lattenüberdachung der Veranda herabhängenden roten Ranken des wilden Weines. Sie fanden niemand vor. Doktor Wolfram war mit seinem kleinen Automobil auf Krankenbesuchen unterwegs, Klausens beide ältere Brüder waren in ihrem Zimmer im Oberstock mit ihren Schularbeiten beschäftigt, die beiden Schwestern aber, wie Klaus sich erinnerte, wohl in der Stadt auf Besuch oder um Einkäufe zu besorgen. Klaus sprach die Vermutung aus, daß Sibylle sich ihnen angeschlossen haben werde. Während Tom auf diese Vermutung hin, die Mütze in der herabhängenden Hand, nun enttäuscht in der Mitte des Zimmers stehen blieb und zu den Weinranken hinsah, reckte Klaus, nachdem er seine ziemlich abgenutzte Schülermütze aufs Geratewohl irgendwohin geworfen hatte, aus Leibeskräften die Arme und gähnte. Dann aber schob er sich ins Zimmer hinein, sah mit behaglich träg gekniffenen Äugelchen hierhin und dorthin, um endlich an das Klavier heranzutreten, von dem er etwas herabnahm, womit er an den großen, mit einer buntgeblümten Wachstuchdecke überdeckten Tisch herantrat, der vor einem mächtigen, mit schwarzem Glanzleder bezogenen Familiensofa stand. »Komm mal her«, lud er, ohne zu ihm hinzusehen, Tom ein. Unlustig trat Tom hinzu. »Sieh mal!« Auf dem Tisch stand ein winziges, schneeweißes, ziemlich sauber präpariertes, auf einem schwarzen Brettchen befestigtes Tiergerippe. »Was ist das?« fragte Tom. Im stillen dachte er: »Ob sie vielleicht doch zu Hause ist?« Er hatte ein sonderbar sicheres Gefühl, daß sie da wäre, daß er sie noch sehen werde. »Ein Mausgerippe«, gab Klaus Bescheid, während er das Skelettchen jetzt dicht an seine etwas kurzsichtigen Augen hielt und es auf irgend etwas hin untersuchte. »Ich hab' es selber präpariert. Es fehlt kein Stückchen, es ist ganz vollständig. Erst vergräbt man die tote Maus in die Erde, und wenn sie da eine Zeitlang gelegen hat und alles Fleisch abgefault ist und die Ameisen und andere Feinschmecker – hehehe! – das Skelett sauber abgefressen haben, dann nimmt man's raus. – Hm! Na! Dann wird es noch mit so 'ner Chemikalie behandelt und jedes Knöchelchen ordentlich zurechtgerückt – muß man dabei aufpassen –, na, und dann macht man's auf so 'nem Brettchen fest, und die Sache ist fertig. – Hübsche Nippessache, nicht?« Tom sagte nichts. Er sah das Ding, das ihm eigentlich ein wenig eklig war, nur so mechanisch an, innerlich beständig ins Haus hineinlauschend. Auch Klaus sagte jetzt nichts weiter. Er trug das Skelettchen wieder zum Klavier zurück, wo er's genau wieder an seine Stelle hinsetzte, dann bückte er sich zu dem Notenfach nieder und zog unten zwischen zwei schweren, dicken Partituren eine Mappe vor, mit der er, diesmal angelegentlicher, wieder zum Tische zurückkam. Ohne weiter auf Tom zu achten, schob er sich mit der Mappe um die Tischecke herum aufs Sofa und ließ sich behaglich nieder, während er die Mappe vor sich hin auf den Tisch legte, um sie dann mit den schlanken Fingern seiner großen, weißen, fleischigen Hand sorgsam aufzuschlagen. »Du, setz' dich doch! Schmeiß doch deine Mütze irgendwohin und setz' dich«, lud er ein, ohne seine Aufmerksamkeit aber von der Mappe abzuwenden. »Mutter wird uns gleich Kaffee und was zu essen bringen, sie hat uns ja kommen sehen.« Er schmunzelte. Wohl im Gedanken an die in Aussicht stehende Vespermahlzeit. Tom leistete Folge und setzte sich an den Tisch. »Was besiehst du da?« erkundigte er sich, nur um etwas zu sagen. Ohne es zu wollen, stieß er einen Seufzer hervor. »Nanu, was ist dir?« Klaus sah ihn durch die Brille, die er inzwischen aufgesetzt hatte, an. »Ach, nichts! Was soll mir denn sein?« wehrte Tom erschrocken ab, denn er dachte nicht anders, als daß Klaus ihm etwas anmerke. »Sag' doch, was besiehst du da?« »Du! Die Blumen, die wir neulich von den Silberbergen geholt haben. – Sie sind famos geworden, tadellos.« Sie hatten vor vierzehn Tagen eine dreistündige Wanderung nach einem bewaldeten Höhenzug unternommen, wo Blumen wuchsen, die sonst in der Gegend nur selten vorkamen. »Ach so! – Ja, sie sind sehr schön geworden«, lobte Tom halbhin. Eine Weile blieb ein Schweigen. Aber da wurden – Tom horchte sofort auf – draußen vom Garten her auf dem Estrich der Veranda leichte Schritte laut. Dann wurden sie näher, auf den Steinfliesen des Hausflures, vernehmbar. Und jetzt tat sich die Tür auf und es erschien in ihr, einen Strauß vor sich hinhaltend, der fast so groß war wie sie selbst, Sibylle. Tom fuhr sofort, ihr zugewandt, von seinem Stuhl in die Höhe. Sibylle blieb unentschlossen in der Türöffnung stehen. Offenbar war sie im Begriff, weil sie die beiden sah, wieder umzukehren. »Sibylle? Ach, du bist zu Hause? Ich dachte, du wärst mit Else und Martha in der Stadt!« rief Klaus, der, beide Ellbogen breit auf den Tisch gelegt, über seiner Mappe hockte, ohne seine Haltung zu verändern, gegen Sibylle hin, nur das Gesicht ein wenig aufgerichtet, das er bis dahin dicht auf der Mappe gehabt hatte. »Oh, was hast du denn da für einen wunderbaren Strauß? Komm doch mal her! Zeig' doch mal! – Nanu, warum willst du denn wieder fort? Du störst uns doch nicht etwa?« Mit einem ungewissen, lächelnden Blick auf Tom, trat Sibylle an den Tisch heran. Erst gab sie Klaus die Hand, der ihr zunächst saß, dann kam sie um den Tisch herum zu Tom hin und gab auch ihm die Hand, die Tom unter einer artigen Verbeugung nahm. Dann ging Sibylle wieder zu Klaus hin und blieb bei ihm stehen, um ihm den Strauß zu zeigen. Klaus krabbelte mit den Fingern zwischen den raschelnden großen, bunten Herbstblättern, den Georginen, Dahlien, Astern und den bis zum Schwärzlichen purpurdunklen Skabiosen mit ihren seinen, weißen Staubfädenköpfchen umher, konnte als Blumenfreund seine Freude nicht verhehlen und sagte: »Er ist wirklich famos, Sibylle! – Aber warum wolltest du denn wieder gehen? Bleib' doch! Wir beißen dich doch nicht? Hehehe!« Sibylle schickte einen Blick zu Tom herüber, zauderte noch ein Augenblickchen, sagte dann aber: »Na ja! Hier auf dem Tisch kann ich den Strauß gerade gut ordnen. – Tu' doch, bitte, mal deine Mappe weg.« Sie legte den Strauß mit beiden Armen auf den Tisch, daß nun ein mächtiger bunter Haufe von welken Blättern und Blumen dalag; dann ließ sie sich in Klausens Nähe auf einem Stuhl nieder. »Kommt ihr aus der Turnstunde?« fragte sie, zu Klaus gewandt. »Ja«, machte Klaus, der ihr aus dem »Mecklenburger Wappen« hervor behaglich schmunzelnd zuschaute. »Du! Sibylle! Rat' doch mal! Wer turnt besser: Tom oder ich?« Was er bezweckte, erreichte er, Sibylle geriet in Verlegenheit. »Ich weiß doch nicht? Wie kann ich denn das wissen?« sagte sie. Freilich wußte sie aber, daß Klaus nur ein mittelmäßiger Turner war, und verstand ganz gut: Er hatte beabsichtigt, sie solle Tom nennen. Aber in diesem Augenblick tat sich die Tür auf und hereintrat Frau Doktor Wolframs kleine, holländisch schmucke, rotwangig freundliche Gestalt mit einem Präsentierbrett in den Händen, auf dem eine weiße Kaffeekanne, zwei Tassen standen und zwei mächtige Brotschnitten lagen. Sie waren rundum von einem großen Bauernroggenbrot abgeschnitten, nicht zu dünn überdies und dick mit schönem, rotem Apfelgelee bestrichen. »Na, Jungs?« rief sie, während sie herzutrat. »Ich denke, ihr werdet aus eurer Turnstunde einen rechtschaffenen Appetit mitgebracht haben, wie? Oder ist Tom schon zu Hause gewesen?« Tom, der sich erhoben hatte, verneinte. Er war rot geworden und starrte auf die Kaffeekanne nieder, besonders aber fühlte er sich durch die Geleestullen aus der Fassung gebracht. »Nu', dann macht euch drüberher!« lachte Frau Doktor Wolfram. Sie hatte das Brett, von dem Klaus, seit Mutter eingetreten war, zwischen seinem »Mecklenburger« keinen Blick verwandt hatte, auf den Tisch gesetzt und wandte sich nun, beide Arme nach Hausfrauenart unter dem Busen verschränkt, Tom zu, der in seiner Verwirrung noch dastand. »Nu', Tom?« Sie hielt ihm ihre pralle, kleine Hand hin, die sich rauh anfühlte von der Küchenarbeit, bei der sie dem Mädchen gehörig mit half. Tom ergriff sie unter einer Verbeugung. »Sieh, was du für ein stattlicher Bursche wirst! Nächstens wirst du uns allen über den Kopf gewachsen sein. Bist ja jetzt schon fast größer als ich. – Na, greift zu! Laßt's euch schmecken! – Und was hat Sibylle für einen herrlichen Strauß gepflückt!« Sie nickte Tom freundlich zu, streichelte ihn, schon wieder im Gehen, leicht übers Haar und ging zur Tür hin. Aber als sie schon geöffnet hatte, blieb sie nochmal stehen. »Es ist ja jetzt wohl noch hell genug. Wenn ihr nicht mehr sehen könnt, steckst du die Hängelampe wohl mal selber an, Klaus!« Klaus ließ irgendein unverständliches Gebrumm vernehmen. Er hockte mit einem unbeschreiblich behaglichen Buckel über den Tisch hergebeugt auf seinem Platz und hatte sich bereits ein Stück in eine der beiden Brotschnitten hineingegessen. Sie war so lang, daß er den einen Arm, um sie in mundgerecht wagrechter Lage zu halten, ein gutes Ende vorgereckt hatte, wobei er sie teils aus Behagen, teils zum Spaß von unten mit weitgespreizter Hand stützte. Die Tür wurde geräuschlos ins Schloß gedrückt, und die drei waren wieder allein. Es blieb zunächst ein Schweigen. Sibylles Hände raschelten zwischen dem Blattwerk und den Blumen, Klaus war mit seiner Brotschnitte beschäftigt. Tom hatte noch nichts angerührt. Er fühlte sich in einem verzweifelten Zustand. Es schien ihm unmöglich, in Sibylles Gegenwart diese mächtige Schnitte in die Hand zu nehmen und sie zu essen. Überhaupt hatte er ja, seit sie eingetreten, obgleich er die Schnitte sonst sicher nicht verschmäht hätte, jeden Gedanken an Essen und Trinken verloren. Und dabei war es ganz undenkbar, daß er die Schnitte liegen ließ. Was würde Frau Doktor Wolfram wohl für Augen gemacht haben! »Nanu?« machte endlich Klaus, ohne sich aber im Weiteressen zu unterbrechen, der Situation ein Ende. »Tom! Schenk' dir ein! Iß doch!« »Oh, ich... Ja! – Natürlich!« stotterte Tom und sah zu Sibylle hinüber. »Wart'! Ich will einschenken!« Sie hatte sich erhoben, kam zu ihm herüber, stellte die Tasse vor ihn hin, ergriff die Kanne und goß die Tasse voll schönen Milchkaffee. »Oh«, rief Tom errötend. »Ich danke recht schön!« »Ist's gut so?« sagte Sibylle lachend und sah ihn an. »Oh, ich danke! Sehr!« antwortete er. Sie ging wieder zu ihrem Stuhl zurück, setzte sich und fuhr in ihrer Beschäftigung fort. Klaus hockte über seiner Tasse, in der er fast die Nase hatte, und man hörte sein behagliches Schlürfen. Auch Tom tat jetzt einen Schluck. Dann aber wandte sich sein Blick verzweifelt der Schnitte zu. Essen mußte er sie. Schließlich kam ihm der Gedanke, daß er sie mit dem Taschenmesser in kleine Querstreifen schneiden und dann einen Streifen nach dem anderen still wegessen wollte. Nur hatte er Angst, daß Klaus, wenn er ihn die Schnitte zerteilen sähe, ihn auslachen werde. Doch holte er endlich, aber so verstohlen wie möglich, das Taschenmesser hervor, nahm die Schnitte heran und zerteilte sie. Er lugte dabei zu Sibylle und Klaus hinüber, die aber nicht auf ihn achteten. »Sibylle?« »Was denn?« Klaus, der mit seiner Schnitte zu Rande gekommen war und sich nun zu einem kleinen Gespräch auf seine Art aufgelegt fühlte, grinste und fuhr, nachdem er das »Mecklenburger« wieder aufgenommen hatte, fort: »Sibylle, sag' mal: Wenn du erst mal groß bist, möchtest du mich dann wohl heiraten?« Tom, der eben verstohlen wieder einen frischen Streifen in Angriff genommen hatte, sah, den Bissen im Halse, auf. »Wie denn? Wenn ich erst mal groß bin? Ich kann doch jetzt nicht schon wissen, was ich dann tun werde?« Sibylle lachte und sah zu Tom hinüber, als wollte sie ihn auffordern, mit ihr über Klaus zu lachen. »Nein, aber sag' doch mal, Sibylle! Sag' doch! Wie?« beharrte dieser. »Ach, du!« kicherte sie. »Wenn sie dich nun von der Schule fortjagen, was dann?« »So! Sie werden mich von der Schule fortjagen! Das denkst du! – Hahaha! Aber da irrst du dich! – Soll ich dir sagen, was ich vorhabe? Und das ist wahr , hörst du? Ostern werd' ich nach Obertertia versetzt, und dann sollt ihr mal sehen! In fünf Jahren hab' ich das Examen gemacht. Und glänzend!! Vom Mündlichen dispensiert! Wette? – Na? – Also?« »Das wollen wir doch erst abwarten«, lachte Sibylle. »Du! Aber warte doch mal! Aber um Gottes willen, die roten Weinblätter müssen doch hier, hierher! Hier vorn! Zwischen die gelben, bernsteinfarbenen! Und welche hier zwischen die Ahornblätter!« Er hatte sich hurtig vorgebeugt, ergriff eine Handvoll Weinblätter und schob sie zwischen ein Büschel von rostbraunen Blättern. »Ach ja, richtig!« lachte Sibylle. »Ja, es sieht so sehr schön aus.« »Na aber natürlich! Etwa nicht?« Klaus brachte sich wieder in seine vorige Haltung zurück. Die Wendung, die das Gespräch genommen hatte, verriet so unmittelbar ein gutes Einvernehmen zwischen den beiden, daß Tom plötzlich auf den Gedanken kam, Sibylle werde wirklich später mal Klausens Frau werden. Und mit einemmal erhob er sich und ging zum Fenster hinüber, wo er, ihnen den Rücken zugewandt, stehenblieb und in den Garten hineinstarrte. Sowohl Sibylle wie Klaus hatten aufgesehen. »Nanu, Tom, was hast du denn?« rief Klaus, doch selbst in diesem Augenblick zu bequem, um sich ganz aus dem Behagen seiner Sofaecke aufstören zu lassen. »Wie?« Tom fuhr zusammen. »Ach, nichts! – Es ist so hübsch... Ich meine: der Nebel draußen wird jetzt immer schöner.« »Ach so, der Nebel! – Der Dichter hat sich in dir geregt! – Er kann nämlich Gedichte machen, Sibylle! Hahaha! – Na meinswegen, o ja, hat was! Die roten Ranken gegen die milchweiße Wand: gar nicht übel.« Es blieb ein Schweigen. »Klaus!« sagte endlich Sibylle. »Es wird dunkel. Du könntest wohl die Lampe anstecken.« Ihre Worte bewirkten, daß Tom sich zusammennahm und wieder zu seinem Stuhl zurückkehrte. »Och nee, warum denn?« ließ Klaus sich faul vernehmen. »Is doch so gemütlich. – Du müßtest uns jetzt, weißt du, was auf'm Klavier vorspielen.« Doch Sibylle antwortete nicht, sondern ging zum Fenster hin, wo sie aus Frau Doktor Wolframs Arbeitstischchen eine Rolle Garn holte, mit der sie zurückkam. Sie ließ sich wieder nieder, biß mit ihren festen, weißen Zähnen geschickt ein Ende von dem Garn ab und wand es unten um den fertiggewordenen Strauß. »So, jetzt ist er fertig!« sagte sie dann, während sie befriedigt den Strauß mit beiden Händen vor sich hin hielt. »Er ist schön, ein richtiges Kunstwerk!« rief Tom, der mit einemmal lebhaft geworden war. »Nicht?« dankte Sibylle mit einem lachenden, zugleich verwunderten Blick zu ihm hinüber. Doch jetzt kam Bewegung in Klaus. »Warte, Sibylle!« Mit ungewohnter Behendigkeit war er aus der Sofaecke auf und lief zum Klavier hinüber, von dem er eine große, weitgebauchte, roh rote Tonvase herbeiholte. Dann nahm er Sibylle den Strauß ab, steckte ihn hinein und stellte die Vase mitten auf den Tisch. Dann aber kletterte er auf den Tisch und steckte die Lampe an, so daß man den Strauß ordentlich bewundern konnte. Bald darauf stellten sich, da die Zeit zum Abendessen nahe war, die beiden älteren Brüder, danach auch die Schwestern ein. Und es dauerte nicht lange, so kam auch Doktor Wolfram. Und dann schallte das Zimmer von Lachen und Fröhlichkeit, wie es immer war, wenn Vater abends ungestört unter ihnen weilen konnte. Tom mußte zum Abendessen bleiben. Nach dem Essen aber veranstalteten sie um Sibylles schönen Strauß herum Pfänderspiele. Dabei geschah es, daß Tom von Sibylle einen Kuß bekam. Es überwältigte ihn so, daß ihn ein Schwindelanfall überkam. 26. Während Sibylle Klaus, auch von all ihren Vettern und Basen, am liebsten leiden mochte, konnte sie für Tom kein rechtes Verständnis gewinnen. Tom kam zwar, je häufiger er jetzt bei Wolframs war, aus seiner anfänglichen Befangenheit ihr gegenüber heraus, doch blieb sein Verhalten zu ihr ein ungleichmäßiges. Aber es konnte geschehen, daß er bei den gemeinsamen Spielen und Unterhaltungen eine Munterkeit zeigte, die alle für ihn einnahm. Es war dann, als ob mit einemmal der Knabe die belebende Seele des Zusammenseins geworden wäre. Sibylle saß dann still auf ihrem Platz und sah mit großen Augen zu ihm hin. Sie war dann ganz ungewöhnlich schön. Manchmal, oder wohl immer, gewahrte Tom das, und dann hätte er, wie magnetisch von ihr angezogen, zu ihr hineilen und ihre Hand ergreifen mögen. Doch Sibylle hatte selbst in solchen Augenblicken kein eigentliches Gefühl für ihn, vielmehr empfand sie ihren inneren Abstand zu ihm nur um so stärker. Es geschah auch kaum, daß sich ihre Gedanken mit ihm beschäftigten; obschon sie ihn sonst ganz gern mochte und auch ganz unbefangen mit ihm verkehrte. Aber sie hatte doch eher eine Art von Scheu vor ihm. Eines Nachmittags gegen Ende November saß Tom mit ihr allein auf einer Gartenbank draußen auf der Veranda. Die Möbel waren schon entfernt, es stand nur noch die eine Bank da. Auf dem Estrich lagen mit ihrem lebhaften Karminrot noch ein paar letzte Blätter vom wilden Wein umher, dessen Ranken jetzt kahl von der Lattenüberdachung herniederhingen. Auf der breiten, weißgetünchten Brüstung aber lag, gerade vor Tom und Sibylle, ein großes Bündel Stiefmütterchen, die Wurzeln mit den braunen Erdklumpen dran nach außen, die Blüten, die sich mit ihrem samtig weichen, dunklen Violett von der weißen Tünche abhoben, nach innen. Der Garten bot sich in einem stillen, warmen Sonnenschein. Der Himmel zeigte ein aufgefrischtes, oben leuchtend tiefes Blau. Von Nordwest bewegten sich langsam weiße, rundgeballte Wolken über ihn hin. Die größeren hatten lichtgraue, die größten dunkler bläulichgraue Bäuche. In einiger Entfernung zog sich gegen die Windrichtung ein großer schwarzer Krähenschwarm ziemlich tief über die Gärten hin. Sein Gekrächz war deutlich zu vernehmen. Es klang munter erregt, wie es im Vorfrühling zu sein pflegt. Und einen ganz frühlingsmäßigen Eindruck bot auch das Treiben der Drosseln, die unter metallisch schrillen Trillerlauten mit ihren schwarzen Leibern und hurtig schlanken Bewegungen über die braune, umgegrabene Gartenerde und den kurzen, aber frisch wirkenden Rasen, durch Buschreisig und kahle Baumwipfel hinhuschten. Hier und da lachte noch der Farbfleck einer verspäteten Blume herüber. Vom Nachbargarten her ließ sich das unruhige Gegackel der Hühner vernehmen. Manchmal kreischte eins mit jenem mißtönigen Gekrächz auf, das einen Umschlag der Witterung zu verkünden pflegt. Vom anderen Nachbargarten her kam das Jauchzen von spielenden Kindern herüber, die sich an dem milden, sonnigen Wetter erfreuten. Tom saß neben Sibylle, doch so, daß ein ziemlicher Zwischenraum zwischen ihnen war, ganz dem sonderbar wonnigen, ruhig wunschlosen Gefühl hingegeben, das ihre Nähe ihm mitteilte. Aber es fiel ihm auf, wie sie dasaß. Aufrecht saß sie, fast die ganze Zeit ohne ihre Haltung zu verändern, etwas zu gerade hinten an die Bank gelehnt, beide Arme steif am Körper herunter, die Hände mit gespreizten Fingern nach außen gerichtet auf die Bank gestemmt, den schlanken, weißen Hals etwas nach vorn geneigt, und sah mit großen Augen vor sich hin in den Garten hinein. Die Beine hielt sie mit zierlich übereinandergelegten Füßen vor sich hingestreckt. Die ganze Haltung schien zu verraten, daß sie, wenn nicht gern fortgegangen wäre, doch in diesem Augenblicke ebensogut wo anders hätte sein mögen, und daß sie weniger aus einem vertrauteren Gefühl als aus Höflichkeit neben Tom saß und sich mit ihm unterhielt. Tom empfand das. In Klausens Nähe war sie nie so. Sie konnte dann bequem und munter vorgebeugt dasitzen, die Hände um das übergeschlagene Knie gefaltet, oder gar mit den Füßen zappelnd. Auch lachte sie dann öfters und sprach und gab es Klaus schlagfertig zurück, wenn der sie neckte. Tom fühlte freilich, daß er sich mit ihr nicht über alles unterhalten konnte, daß er seine Worte und Gedanken auf ein Gebiet beschränken mußte, dem sie gewachsen und das meist etwas nüchtern war, aber das stimmte ihn niemals kritisch gegen sie. »Sonderbares Wetter, nicht?« sagte er. Sibylle sah ihn an. Sie nickte. »Richtiges Frühlingswetter! – Wieviel Grad haben wir eigentlich?« Mit einem halben Lachen wandte er sich, während er sich etwas von der Bank aufrichtete, dem Thermometer zu, das dicht neben dem Bankende über ihm an der Hauswand hing. »Fünfzehn Grad Réaumur über Null!« las er ab. »Hast du gesehen?« fuhr er fort, während er sich wieder setzte und zu ihr hinsah; »die Haselbüsche hinten und die Springen haben Kätzchen und neue Knospen. Die von den Springen sind ganz dick und grün, als wollten sie jeden Augenblick aufbrechen!« »Ja! Die Zwetschenbäume auch«, sagte Sibylle, ohne den Blick vom Garten abzuwenden. »Wenn's so weiter geht, kriegen wir dies Jahr keinen Winter. – Das ist ein merkwürdiges Gefühl, gar nicht recht natürlich. – Ende November noch so warm, ordentlich sommerlich, Knospen an Büschen und Bäumen. – Es wäre schade, wenn's so bliebe. Wegen Weihnachten, nicht? Es ist sonst keine Weihnachtsstimmung. – Tüchtig eingeschneit muß die Welt sein, alles bretthart gefroren, Eiszapfen von den Dächern, der Schnee so hoch.« Er lachte und machte mit dem Arm eine Bewegung, um anzudeuten, wie hoch der Schnee liegen müsse, deren Richtung Sibylle fast ein klein wenig erschreckt verfolgte. »Ich möchte auch mal wieder so recht tüchtig Schlittschuh laufen. Die ganze Elbe müßte zufrieren. Und dann so stundenlang immer geradeaus den Strom 'nunter, drüben an den Wiesen hin, abends nachher im Mondschein. – Kannst du Schlittschuh laufen?« »O ja. – Auf der Föhrde doch!« sagte Sibylle. Tom sah sie nachdenklich an. »Ach ja!« rief er dann. »Auf der Flensburger Föhrde. – Das ist natürlich noch schöner als hier auf der Elbe, die überhaupt nur selten mal ganz zufriert. – Nicht, es wär' schade, wenn wir keinen ordentlichen Winter bekämen?« »Ach, er wird schon noch kommen. – Weihnachten vielleicht noch nicht. Aber Januar wird's schon Frost und Schnee geben. Vielleicht aber auch schon zu Weihnachten. Man kann ja nicht wissen, es kann mit einemmal kommen.« »Vielleicht können wir dann alle zusammen Schlittschuh laufen«, sagte Tom, während ihm bei dem Gedanken das Herz klopfte. Sibylle sah ihn an und lächelte verlegen. Aber dann sagte sie so halbhin: »Ja.« Es blieb ein Schweigen. »Nachher, im Januar, willst du ja aber nach Weimar«, nahm Tom die Unterhaltung wieder auf. »Freust du dich auf Weimar?« »Ach – na ja. – Aber ich werde zuerst wohl Heimweh bekommen.« »Ich möchte auch gern mal nach Weimar. – Goethe und Schiller haben ja dort gelebt. Man kann sich noch die Häuser besehen, wo sie gewohnt haben, und es soll drin noch alles so sein, wie's war, als sie lebten. – Wen magst du lieber: Schiller oder Goethe?« »Ach, ich weiß doch nicht? – ›Freude, schöner Götterfunken‹, das ist schön.« »Ich Goethe«, sagte Tom. »Goethe ist so ...« Aber er unterbrach sich und schwieg. Es blieb wieder ein Schweigen. »Da bin ich!« Sie schraken beide gegen die Tür herum. Denn natürlich hatte Klaus wieder mal seine Stimme verstellt, um sie zu erschrecken. Er stand dicht neben Toms Bankende. Unhörbar war er aus dem Zimmer hervorgetreten. Er war oben im Arbeitszimmer der Brüder mit einer seiner naturwissenschaftlichen Arbeiten beschäftigt gewesen, hatte sie gerade fertig und war nun da. »Hahaha! – Ich störe doch nicht?« sagte er, während er langsam nach vorn geschritten kam. »Na, wie denn, stören?« lachte Sibylle. »Weiß ich doch nicht?« schmunzelte er, ohne aber zu den beiden hinzusehen. Er war zu dem Stiefmütterchenbündel hingetreten, in dessen Betrachtung er jetzt versunken schien. Er wandte Tom und Sibylle dabei den Rücken zu und hatte beide Hände tief in den Jackettaschen. Die eine bauschte sich dicker als die andere. Plötzlich aber wandte er sich um, hatte im Nu die Hand aus der Tasche und im nächsten Augenblick Sibylle etwas auf den Schoß geworfen. Sibylle schrie laut auf, die Augen entsetzt auf ihren Schoß gerichtet, und fuhr in die Höhe. Es war ein Frosch gewesen. Klaus hatte oben magnetische Experimente mit ihm gemacht, deren Ergebnisse er mit seiner gewohnten peinlichen Genauigkeit beobachtet und mit seiner winzigen, kalligraphisch deutlichen Handschrift in ein Heft eingetragen hatte. »O pfui, das ist gemein!« rief Sibylle. »Nein, aber so was! Ein Frosch! – Pfui, wie eklig!« Aber Tom nahm wahr, daß sie Klaus gar nicht im Ernst bös war, daß sie nur aus ihrem Schreck heraus auf ihn schalt. Klaus seinerseits hatte gar nichts weiter gesagt, hatte sie auch nicht, wie sonst, ausgelacht, er stand nur ruhig da und sah sie mit einem gutmütigen Lächeln an. Wie selten empfand Tom in diesem Augenblick, daß man Klaus gut sein müsse; und zugleich wie kaum bis daher, daß Klaus der ältere war. Er sprang plötzlich auf und ging von den beiden fort mit schnellen Schritten in den Garten hinein bis zum vordersten Grasrundteil. Hier war ein frisch umgegrabenes Beet, halb schon mit Stiefmütterchen bepflanzt, während noch einige weitere Bündelchen von ihnen, die eingepflanzt werden sollten, und ein Pflanzstock daneben lagen. Er hockte nieder, ergriff den Pflanzstock, nahm eins von den Stiefmütterchen und setzte es ein. »Sogar den Frosch hat sie ihm nicht übelgenommen«, dachte er. »Ich kann nicht so witzig sein wie er, das ist mir nicht gegeben. Aber er hat solche Gabe. Das hat sie gern. Man muß ihm ja auch gut sein. – Mit ihm ist sie vertraulich, wenn ich aber fröhlich zu ihr bin, so versteht sie's nicht und bleibt fremd zu mir. – Weil sie eben anders ist als ich, und weil er besser zu ihr paßt. – Was das ist!« Aber wie oft er auch von seiner Sehnsucht, in Sibylles Nähe zu sein, zu den Wolframs getrieben wurde, hatte er doch nicht gerade immer das Bedürfnis, sie zu sehen. Obgleich in dieser Sehnsucht eine Art von Schmerz war, so bedeutete selbst dieser Schmerz noch ein wunderliches Wohlgefühl, über das der Knabe nachdachte. Es war ein so schönes, ruhiges Gefühl, das die in ihm sich regenden Kräfte und Anlagen jetzt zu einer Entfaltung brachte, die wieder nicht nur seine Angehörigen, sondern ihn selbst überraschte. Und es war gerade dieser Umstand, der ihm Sibylles Nähe auch wieder entbehrlich machen konnte. Großmama hatte sich zu wundern, wie gewandt und mit welcher Munterkeit er seine gelegentlichen französischen Konversationen mit ihr übte. Doch es gelangen ihm wichtigere Dinge. So kam es vor, daß er, wenn er gelegentlich mal in der Schummerstunde bei Großmama war, sich mit einemmal an den Flügel setzte und mit einem Ausdruck und einer Empfindung zu phantasieren anfing, daß Großmama sich förmlich betroffen fühlte. »Es ist doch ganz merkwürdig«, sagte sie gelegentlich zu Anton. »Ich werde nicht daraus gescheit, was mit ihm vorgeht.« Es kam auch vor, daß er spät abends noch in einer Ecke seiner Stube bei abgedämpfter Lampe saß und Gedichte schrieb oder Aufzeichnungen in sein Tagebuch machte. Die auffallendste dieser Überraschungen ereignete sich aber, als er eines Tages bei Anton war. »Du, Onkel Anton!« hatte er plötzlich, über den Atlas und eine Projektionskarte des Erdglobus gebeugt, gerufen. »Das ist doch sonderbar! Es gibt eigentlich gar nicht so viele Menschen auf der Erde! Eigentlich sogar weniger, als wirklich leben.« Er lachte. »Ich lache, aber ich mein' es ganz im Ernst.« »So! Sieh mal! – Und wie meinst du das?« »Ach, erstens gibt es ja viel mehr Wasser als Land. Außerdem kann aber das wenigste Land bewohnt werden. Denn da sind doch überall die großen Gebirge, dann Wüsten und Steppen und Seen. Und dann muß man doch auch bedenken, daß die Erdteile durch Wanderungen besiedelt worden sind, daß die Menschen doch nicht überall von selber entstanden. Und dann: durch Wanderung von einer bestimmten Stelle aus.« »Von Norden, ja«, bestätigte Anton, Tom mit einer besonderen Nachdenklichkeit zuhörend. »Ja, von Norden, wie du mir ja selber gesagt hast. – Also von der Nordpolrichtung her immer nach Süden.« Er hatte unter seiner Rede weder seine Haltung verändert, noch den Blick von der Karte abgewandt und setzte die Fingerspitze jedesmal auf die Stelle, von der er sprach. »Und dann wanderten sie«, fuhr er eifrig fort, »mit der Zeit südlich nach allen möglichen Richtungen hin, je nachdem sie sich festgesetzt und vermehrt hatten und sich dann weiter, nach den Seiten, hauptsächlich nach Osten, Asien, hin ausbreiteten. – Nun wart' mal!« zähmte er seinen Eifer und suchte die ihm zuströmenden Gedanken zu sammeln. »Nun hatten sie in Asien zwar sehr viel Platz, daß sie sich vermehren und dort weiter ausbreiten konnten und dort auch große Kulturen entstehen konnten; aber, sieh mal! sie konnten doch von dort dann nicht recht wieder in Europa eindringen. Sie brauchten's doch auch nicht, weil sie nachher in Südasien so viel Land hatten. Wenn sie dann später aber, wie die Mongolen, in Europa eindrangen, so wurden sie immer wieder zurückgeworfen und konnten sich nicht festsetzen. So blieben sie, weil sie's selber so wollten, und dann, weil sie nicht anders konnten, in Asien und konnten sich nicht immer weiter entwickeln als bis zu einer gewissen Stufe, wie die Inder und Chinesen. Wenn sie aber nicht in Europa eindringen und sich hier festsetzen konnten, so war der Grund davon, weil die Völker, die sich hier und um das Mittelmeer herum festgesetzt hatten, die edelsten Rassen waren. Erstens weil Europa doch nicht so viel rauhe Gebirge und Wüsten hat wie Asien, auch nicht so heiß war wie das tropische Asien, und weil sie sich deshalb besser entwickeln konnten. – Warte! Nun konnten aber die europäischen Völker die wertvollsten Kulturen entwickeln und außerdem auch von Europa aus überall vordringen, wohin sie wollten. So daß die Römer ja den ganzen damals bekannten Erdkreis erobern konnten. Nun konnten die Römer zwar noch nicht bis ganz nach Asien hinein und die Völker dort unterwerfen: aber sie waren ja doch auch noch nicht ganz so weit in der Kultur vorgeschritten. Aber dann kamen ja die Germanen, die die römische Kultur und vor allem das Christentum übernahmen. Und nun konnte sich die größte Kultur der Welt entfalten. Es wurde dann Amerika entdeckt, die Engländer bekamen Indien und gründeten ihr Weltreich, und jetzt wurde der ganze Erdkreis umspannt. – Wenn du nun aber sagtest, daß sich aus allen Völkern der Erde in Amerika eine neue Rasse entwickelt, dann ist doch die Rasse die Hauptsache. Die Rassen aber, aus denen sie entsteht, gelten dann nicht mehr. Und so gelten doch auch die asiatischen, afrikanischen und ganz und gar die wilden Völker nicht mehr, sondern nur die europäischen und christlichen. Die anderen sind ja natürlich auch Menschen; aber so mein' ich's: Es gibt also gar nicht so sehr viel Menschen auf der Erde.« Es blieb ein Schweigen. »Wo hast du das denn gelesen?« frug Anton endlich. Er hatte, ganz in seinen Gedanken, Tom unwillkürlich die Hand auf den Kopf gelegt. Tom sah zu ihm auf und lachte. »Wo ich's gelesen habe? Ach, doch gar nicht! Es ist mir bloß so eingefallen, wenn ich die Karte besah.« »So! – Na, manches davon ist gar nicht so übel«, sagte Anton, während er seine Hand langsam wieder von Toms Kopf entfernte. Tom war jetzt auch oft auf ausgedehnteren, einsamen Wanderungen unterwegs, von denen er oft erst am späten Abend zurückkehrte. Sibylle hatte mit ihrer Prophezeiung recht behalten: Anfang Dezember war erst ein starker Schneefall und nachher auch Frost eingetreten. Es hatte Gelegenheit zum Schlittschuhlaufen gegeben. Zwar hatte der Frost nicht hingereicht, den Strom zum Gefrieren zu bringen, aber da war ein tauber Arm, den er eine gute halbe Stunde in den Werder hineinschob, und der war zugefroren und bot eine prächtige Eisbahn zwischen alten Bäumen, Buschwerk und verschneiten Wiesen hin. Tom war schon, weil er hoffte, Sibylle anzutreffen, einige Male dorthin Schlittschuhlaufen gegangen – ein paarmal mit Detlev und Karl und ein paar von seinen jüngeren Geschwistern –, hatte aber weder Sibylle noch Klaus angetroffen, die eine nähere Gelegenheit in der westlichen Vorstadt benutzten. Ganz besonders aber liebte er jene ausgedehnteren Wanderungen, die ihm jetzt eine Fülle von neuen Eindrücken und Gedanken boten und bei denen ihn Sibylles unsichtbare Gegenwart begleitete. Meist lenkte er sich nach dem ihm schon vertrauten Wiesengelände des jenseitigen Stromufers hinaus. Es waren klare Frostwettertage bei blauem Himmel. Die schräge Sonne warf lange, zart orangefarbene Reflexe, die in lichtbläuliche und violette übergingen, auf das makellos reine Weiß der endlosen Schneefläche. Die scharfe, aber reine Luft beizte ihm anfänglich Gesicht und Ohren, doch machte gerade das ihm Freude; auch wußte er, daß diese Unannehmlichkeit sich nachher verliert und daß man dann ein ganz angenehmes Gefühl in den Ohren hat. Auch das Vorwärtsstapfen durch den tiefen, knirschenden und quietschenden Schnee und die Anstrengung, die es erforderte, freuten ihn. Oder wenn er auf Strecken hin über dünne Eiskrusten mußte, die unter seinen Schuhen mit einem hellen, glasklaren Klirren zerbrachen. Er hielt sich auf einem Wege, der dicht am Ufer hinführte und der in der guten Jahreszeit als Promenadenweg benutzt wurde. Einerseits war die Wanderung hier am bequemsten, vor allem aber hatte er den Blick über den Strom hin. Er war dabei auch an der Mole vorbeigekommen, wo die Blutbuche stand, unter der vor Jahren Oswald Bruhns mit ihm das Pappschächtelchen vergraben hatte. Es mochte von ihm wohl nicht mehr viel übrig sein. Die flüchtige Verstimmung, welche die Erinnerung ihm verursachte, hielt den herrlichen, frischen Eindrücken nicht stand, die sich ihm ringsum boten. Und sie hielten der wundersamen, staunenden Empfindung nicht stand, daß sie innigst diesem tiefen, seltsamen Gefühl geeint waren und aus ihm sich entfalteten, das Sibylle ihm gab. Die mächtige Fläche des Stromes war ihrer ganzen Ausdehnung nach mit großen, treibenden Eisschollen bedeckt, die in der Mitte unter zahllosen kleinen und kleinsten weißgrauen Schneebuckelchen ihre grünlichgelbe, von einem kristallig aufstarrenden weißgrauen Schneerand umgebene Oberfläche zeigten. In der Ferne, wo sie in eine Einheit übergingen, hoben sich all die zahllosen Schollen aus dicken, gelbbraunen Horizontdünsten mit einem weißlich phosphoreszierenden Grau ab und aus ihnen hervor, daß es ein angenehm grauslicher Anblick war in der weiten, winteröden Einsamkeit. Noch nie aber hatte Tom eine solche Empfindung für die ruhig machtvolle Kraft dieser allweiten, großen, gleitenden Bewegung gehabt. Noch nie war sie ihm so ganz ein starkes, freudevolles Kraftbewußtsein, ein so ruhig in sich gefaßtes Innengefühl gewesen. Er war sich in den Momenten, wo diese Empfindung am stärksten war, Sibylles ganz unbewußt. Zugleich aber spürte der Knabe wohl auch die wunderliche Traurigkeit, die auf dem Grund dieses Erlebnisses war, und die doch Kraft und schöpferisch sich entfaltende Wonne. Manchmal, wenn er an solch eine große, weit in den Strom hineingehende Steinmole kam, blieb er stehen und gab sich ihrem Anblick hin. Das Weidengestrüpp, mit dem sie dort, wo sie in das Ufer überging, bestanden war, war durch einen Sturm, der in den letzten Tagen getobt hatte, vom Schnee befreit und starrte mit der roten und lichtgelben Wirrnis seiner Gerten aus dem weiten, dicken Weiß hervor. Hier und da konnte er auch die großen, scharfkantigen Steine und Blöcke wahrnehmen, an Stellen, die, dem Sturm besonders ausgesetzt, schneefrei waren. Der Schnee lag dann nur noch mit einer dünnen Wehe darüber, oder es hatte sich auch eine glatte Eiskruste drüberweg gebildet. Herrlich aber war die rauhe Wirrnis der durch- und übereinandergeschobenen Schollen, welche die Strömung gegen die Mole an und zum Teil auf sie hinaufgestaut hatte. Man konnte hier ordentlich erkennen, wie mächtig sie waren. Manche hatten fast einen halben Meter dicke Ränder, deren glasgrüne, von kristallig hartangefrorenem, schmutzigweißem Schneestaube eingerahmte Fläche die Nachmittagssonne funkeln und glitzern machte. Und was für eine Stille hier war! Nur die gluckenden und plätschernden Geräusche des Wassers unter den Schollen an das Steinwerk der Mole heran, zwischen den Schollen, das Knirschen, Scheuern und ruhige Rauschen, wenn sie im Vorwärtsgleiten sich aneinander rieben, die still mechanischen Änderungen in ihren Bewegungen, die sie sich gegenseitig verursachten. Manchmal wurde eine herumgedreht, oder sie schien stehenzubleiben, oder bekam einen Ruck nach rückwärts. Das sah in der Einsamkeit so seltsam lebendig aus. Oder das jähe Krachen, wenn eine neue Scholle auf die Mole aufgestaut wurde und andere, kleinere unter ihrer Wucht zerbarsten. Tom war so gefesselt, daß er manchmal mit angehaltenem Atem, als könnte er hier in der Einsamkeit irgendein unsichtbar vorhandenes Wesen stören, oder als wollte er es beschleichen und belauschen, sich zwischen dem Weidengestrüpp hindurchwand und auf die Mole hinaustrat. Und dann konnte er zwischen den beiden, wild starren, grünlichgelben und weißgrauen Wällen, welche die aufgestauten Schollen machten, vorsichtig über die glattgefrorenen Steine und Blöcke hin bis zum äußersten Ende der Mole, das von Schollen ganz verdeckt war, vordringen, so daß er nun mitten im großen, endlosen Gleiten des Eisganges stand. Die machtvolle Eintönigkeit dieser Bewegung mit all ihren knirschenden, rieselnden, scheuernden, krachenden Lauten nahm ihn bis zu einem Grade und einer Grenze hin, wo er mit einem jähen kleinen Schreck aus der wunderlichen Empfindung erwachte, gänzlich in sie aufgegangen und sie selbst geworden zu sein. Er begab sich wieder aufs Ufer zurück und stapfte weiter, noch tiefer in die weiße Öde hinein. Es war ein Gefühl von Bangigkeit und Stolz zugleich, daß er jetzt hier draußen die einzige lebendige Seele war. Denn es ereignete sich selbst nur selten, daß mal oben auf einem einsam emporstarrenden Zweig lautlos und wie in Betäubung die schwarze Gestalt einer Krähe hockte. Doch dann der Augenblick, wo die freundlich zarten, orangefarbenen, bläulichen und violetten Töne auf der Schneefläche ausloschen. Sie wurde stumpf, der Himmel oben verblich, und es hatte den Anschein, als ob die gelblichbraunen Dünste, die rings den Horizont trübten, dichter wurden und sich näherten. Drüben aber über dem langhingezogenen, dunkel gewordenen Strich der Stadt lag eine grelle Abendröte, in die sich die Dächer, Giebel, Zinnen der Häuser und die Kirchtürme hineinzeichneten. In der hereinbrechenden Abenddämmerung trat er dann den Heimweg an. Nach einer Weile konnte er, wenn er genau darauf achtete, schon ein paar größere Sterne unterscheiden. Sie waren in ihrer Höhe wie seine, diamantene Pünktchen. In der Gegend aber, wo in der Ferne der Hafen war, stand in einiger Höhe fein und licht der zunehmende Mond, und ein Stück über ihm ein schöner, großer, lichter Funkelstern, der sich fast selber wie ein kleiner Mond ausnahm. Obgleich er gehörig müde war, war Tom gut zumute. Die Dunkelheit und der gespenstische Schimmer des Schnees machten ihm nicht bang. Er war wie hineingewühlt in ein wunderliches Heimgefühl. Es geschah aber, daß er, wenn er zu Hause angelangt war und gegessen und getrunken und sich ausgeruht hatte, sich hinsetzte und noch schrieb. Niemand wußte, was. Nachdem Sibylle im Januar nach Weimar abgereist war, traf er nur noch ein einziges Mal mit ihr zusammen. Und zwar unter merkwürdigen Umständen. Da er viel zu tun hatte und seine Arbeiten gewissenhaft zu erledigen pflegte, war er, als er an jenem Tage bei der Arbeit saß, zuerst wie immer ganz bei der Sache gewesen. Mit einemmal aber hatte er es mit einer sonderbaren Unruhe bekommen. Er verwunderte sich, dachte nach, konnte aber keinen Grund für sie finden. Er setzte die Arbeit fort. Doch die Störung kam wieder, er war nicht mehr imstande, weiterzuarbeiten und gab einem unwiderstehlichen Trieb nach, nach seiner Mütze zu greifen und ins Freie zu laufen. Sobald er aber im Freien war, wurde er ruhig, schlenderte, jedoch gänzlich ziellos, durch die Straßen und gelangte zum Bahnhof. Hier stand er eine Weile und sah den Fahrgästen zu, die gerade in dichter Schar aus der Halle hervorströmten. Und plötzlich trat ihm Sibylle entgegen. »Sibylle!« rief er, und das Herz pochte ihm bis in die Kehle. Auch Sibylle zeigte sich überrascht. Sie freute sich nach der ersten Verwunderung und reichte ihm die Hand. Sie war in den anderthalb Jahren merklich gewachsen, und das ruhige, selbstsichere Wesen, das sie immer gezeigt, ließ sie und ihre Gestalt reifer erscheinen als sie war. Tom sagte ihr nichts davon, welch seltsamer Zufall ihn ins Freie getrieben und gerade hierher, nach dem Bahnhof, geleitet hatte. Er begleitete sie noch ein Stück bis zur Haltestelle der Elektrischen, mit der sie zur Vorstadt hinaus und zu Wolframs fahren wollte. Sie erzählte, daß sie auf der Durchreise in die Flensburger Ferien Wolframs für einen Tag besuchen wolle. Tom verabschiedete sich dann von ihr, und sie sagte ihm ein freundliches »Lebewohl!«. Dann sah er sie niemals wieder. Nur kurz vor seinem Abiturientenexamen erfuhr er später, als er mal gerade bei Wolframs draußen war, daß sie sich kürzlich mit einem Marineoffizier verheiratet hatte, und daß das junge Ehepaar in Kiel lebte. Sie zeigten ihm die Photographie der beiden. Er war ein kleiner, untersetzter Mann mit einem biederen, breiten, niederdeutschen Gesicht und trug seine Uniform. Toms Empfindung für Sibylle war seit dem Anblick des Bildes vollkommen geschwunden, nie aber vergaß er die seltsame Begegnung beim Bahnhof. 27. Zwei Jahre waren seit jenem Verkehr mit Sibylle Maaß hingegangen. Tom war sechzehn Jahre alt und saß in der Untersekunda. In dieser Zeit geschah es, daß sich in der Familie einige wichtige Veränderungen ereigneten. Der Kommerzienrat erlitt einen Schlaganfall, zog sich noch ein halbes Jahr hin, erlitt dann noch einen zweiten, an dem er kurz vor vollendetem 77. Lebensjahre verstarb. Doch die Gattin blieb in dem großen, alten Haus nicht lange allein. Bald nach dem Begräbnis zog ihr ältester Sohn Eugen mit seiner Frau und seinen drei Kindern ein, der bislang eine Sägemühle und eine Zuckerfabrik geleitet hatte, die, im Havelgebiet gelegen, der Firma gehörten. Jetzt übernahm er nach dem Tode des alten Herrn deren Leitung. Er war ein kleiner, forscher, eleganter und weltmännischer, dunkelhaariger Herr Mitte der Vierziger, der Geselligkeit liebte, so daß bald Leben in das stille alte Haus kam. Tom gewann zu Onkel Eugen, seinen Vettern und der Base keinen besonderen Anschluß. Er kam überhaupt, von einem regelmäßigeren Verkehr bei Großmama abgesehen, deren Freude und einziger Trost er jetzt erst recht geworden war, nur selten in das Vorderhaus; zumal sich seine Interessen und sein Umgang sehr erweitert hatten. Außerdem gedachte sein Vater in nächster Zeit umzuziehen. Die Familie war inzwischen auf zwölf Kinder angewachsen – es waren nachträglich zu den Jungens auch noch ein paar Mädchen hinzugekommen; Rosalie, die nachgerade mit zur Familie gehörte, hatte noch immer genug zu tun –, das Gartenhaus war zu eng geworden, und so hatte Karl Körber, da das Baugeschäft die Jahre her gut vorangekommen war, sich in der westlichen Vorstadt ein Gartengrundstück gekauft und eine Villa hineingebaut, die jetzt fertig war, so daß der Umzug stattfinden konnte. »Tom wird nun wohl seine alte Großmama ganz vergessen, wenn er erst da draußen wohnt«, sagte Großmama eines Tages nicht ohne wehmütige Nachdenklichkeit zu Tom, als er kurz vor dem Umzug bei ihr war. Sie hatte merklich gealtert. Ihr Haar, das damals bei Toms Geburt noch schwarz gewesen war, war grau geworden, auch ihre Bewegungen waren nicht mehr so rüstig und geschmeidig, und sie kränkelte hin und wieder. »Man merkt es ihr doch an, daß sie nun vierundsiebzig Jahre hat«, dachte Tom, und der Gedanke stimmte ihn ernst, teilte ihm selbst etwas von der Wehmut mit, die sich in ihren Worten geäußert hatte. »Wer weiß, wie lange ich sie noch haben werde?« »Oh, wie kannst du das sagen, Großmama!« sagte er und beugte sich, um seine feucht gewordenen Augen zu verbergen, auf ihre Hand nieder, auf die er einen zärtlichen Kuß drückte. »Bist du noch mein guter Junge?« sagte sie, ein Lachen heller Freude in der Stimme, und ihre braunen Augen, die ihre geistige Regsamkeit bewahrt hatten, leuchteten, als sie Tom, der vor ihr stand, mehreremal sanft über den Kopf streichelte. »Immer, Großmama!« erwiderte er. »Nun, ›immer‹! Nun, ›immer‹!« wiederholte sie etwas sonderbar vor sich hin und wandte das Gesicht gegen das Fenster herum, wo sie in ihrem altgewohnten Sessel saß; und solcherweise abgewandt verharrte sie stumm eine Weile. »Was meint sie damit?« dachte Tom. Aber er senkte unwillkürlich den Blick. Denn es fuhr ihm plötzlich durch den Sinn, wie er in all den letzten Jahren eigentlich mit Mutter vertrauter verkehrt hatte als mit Großmama; und er erschrak und gelangte, vielleicht zum ersten Male, zum vollen Bewußtsein, wie er selbst ein Älterer geworden war und sich verändert hatte. »Wirklich«, dachte er, »alles hat sich fast umgekehrt. Ich habe mit Mutter vertraut, mit ihr mehr respektvoll verkehrt. – Fast sitzt sie da vor mir wie die Seele meiner Vergangenheit, wie meine Kindheit. – Wie lange werd' ich sie noch haben? Und wer weiß, was dann kommt?« Es blieb ein Schweigen. »Nein, Tom, was denn?« wandte sich Großmama plötzlich wieder zu ihm hin, mit einem Anflug ihrer alten, behaglich gutherzigen Munterkeit. »Das ist nicht anders und kann nicht anders sein. – Du sollst nicht denken, daß deine alte Großmama das nicht einsähe und daß sie der Ansicht wäre, du müßtest und könntest nur immer ihr, ihr alter, noch ganz kleiner Tom sein und bleiben. – Nein, sie hofft und erwartet rechtschaffene Dinge von dir. Ihr Tom soll ein rechter Kerl werden und hinein ins Leben und zeigen, wer er ist und was er kann. Und das ist die Hauptsache. – Für dich und – für mich. – Und immer habe ich vor allem diese Erwartung auf dich gesetzt, und gerade auf dich. – Sag', Tom, verstehst du das und wirst du Großmamas Zuversicht erfüllen? Tom, wenn du nicht treu bliebest dem Treusten, wenn jemals das geschehen könnte, wenn du dich an diesen neuen, ›modernen‹ Geist des Zweifels mit seinen eitlen, gleißenden Verführungen und Hochmüten, seinen Blasphemien – Tom, die Blasphemie ist immer gemein, plebejisch, schlecht gewordene Rasse; Tom, was für Pfauenräder sie auch spreizen mag! –, ja, wenn du dich je an sie verlieren könntest – dann; Tom!« – sie hob mit einem Lächeln, über dem ihre Augen starr, streng, fast böse ihn anfunkelten, drohend den Zeigefinger – »kommt mein Geist aus dem Jenseits, und – glaube mir, daß er dich dann zausen wird! Ja, Tom, das tut er!« Es blieb ein kleines Schweigen, unter welchem Tom noch immer diesen Blick Großmamas zu bestehen hatte. »Aber sag' mal, mein Jung'«, fuhr sie dann mit verändertem Wesen fort. »Was möchtest du nun wohl mal so am liebsten werden? Vielleicht Offizier? Wie? – Du hast ja die Jahre her recht ausgelegt, bist ein stattlicher, strammer Bursch geworden, eigentlich schon jetzt militärreif; bist, wie ich erfahren habe, der beste Turner, kannst brav schwimmen, lernst jetzt reiten und fechten, hast auch schon tanzen gelernt«, setzte sie mit einem kleinen Humor hinzu. »Nun, möchtest du also? Wie?« »Ich habe noch nicht darüber nachgedacht, Großmama«, antwortete er. Er wollte ihr nicht sagen, daß er keine Neigung habe, Offizier zu werden. »Oder Beamter, wie?« »Ich weiß nicht?« »Vielleicht Gelehrter?« »Studieren werd' ich ja sicher, und die Naturwissenschaften interessieren mich eigentlich sehr«, ließ er sich, jetzt ernstlich in Verwirrung, vernehmen. »Nun, gottbefohlen! Was red' ich da auch alles auf dich ein, mein Jung'!« Sie lachte munter und herzlich. »Was sollst du dir schon jetzt den Kopf darüber zerbrechen. – Aber geh, geh jetzt! Ich glaube, ich habe ein wenig Kopfdrücken und möchte mich etwas aufs Ohr legen. – Deine Großmama wird alt, Tom.« Als Tom ihr aber die Hand gab, zog sie ihn zu sich her und hauchte ihm einen Kuß auf die Stirn, der ein paar Sekunden verweilte; und als sie dann aufblickte, gewahrte Tom in ihren Augen zwei lachende Tränchen. Das war eine Woche vor dem Umzug gewesen. Ernst und nachdenklich hatte Tom sich durch den alten Hausgarten, der still und sonnig in seinem Herbstflor stand, wieder ins Gartenhaus zurückbegeben. Hier aber hatte er Mutter aufgesucht, die im Wohnzimmer mit dem Abzählen der Wäsche beschäftigt war, hatte sich abseits still niedergelassen und ihr zugesehen. Sie hatte nun auch zu altern angefangen, stand in ihrem sechsundvierzigsten Jahre. Rundlich war sie geworden, aber ihre gewohnte, gesund aufrechte, resolute Haltung war ihr geblieben. Doch zogen sich von den Nasenflügeln zwei Fältchen zum Mund herab, der etwas breiter und schmallippiger geworden war. Auch um ihre schönen klaren Augen waren kleine Fältchen gezogen, die da, wo sie in die Schläfen hineingingen, ihren guten Mutterwitz verrieten; und ihr Gesicht war ein wenig länger geworden, und eine Unterkehle hatte sie bekommen. Ihrem noch immer reichen, lichtblonden Haar aber, das sie nach wie vor in hübschen, neckischen Wellenlinien vom Mittelscheitel nach beiden Seiten gekämmt trug, merkte man noch kein Altern an. Obgleich sie vor kurzem ihrem Mann frühmorgens vorm Aufstehen ein langes weißes Haar hinübergereicht hatte. »Da sieh, Mann!« hatte sie lachend zu Karl gesagt. »Das erste! Es werden wohl bald noch mehr kommen. Mit der Jugend hat es nun aufgehört.« Karl hatte für ein paar Sekunden einen Blick auf das Haar getan, das ihm ihr prächtiger, noch immer voller weißer Arm hinhielt, und hatte in seiner Weise geschmunzelt, aber weiter nichts gesagt. »›Die gerechtfertigte Mutter des Menschen‹«, dachte Tom, wie er so dasaß und sie beobachtete, indem er sich an das Wort eines großen Dichters erinnerte, das er kürzlich gelesen hatte. Kaum je hatte er mit solcher Entschiedenheit empfunden, wie gern er in Mutters Nähe weilte und welch gute Macht von ihr zu ihm überströmte, als in diesem Augenblicke. Denn das letzte Gespräch mit Großmama hatte ihn eigentlich mehr unruhig und traurig gestimmt. »Als ob sie für immer von mir Abschied hätte nehmen wollen, so etwas seltsam Abschließendes war in ihrer Rede«, dachte er mit Bezug auf Großmama. »Als ob sie mit sich und mir hätte abschließen wollen.« Auch hatte es ihn ein wenig unruhig gemacht, daß Großmama sich immerhin nicht ohne eine gewisse Angelegenheit nach der Wahl seines Lebensberufes erkundigt hatte. »Mutter«, dachte er, »erkundigt und beunruhigt sich nie, was aus mir werden wird. Und doch weiß ich, daß das nichts weniger als Gleichgültigkeit von ihr ist. Ich weiß genau: Wenn sie irgend etwas in meinem Wesen nicht verstände, würde sie sofort unruhig werden; und es steht fest, daß ich dann was Gehöriges von ihr auszustehen haben würde. Nicht einen Augenblick würde sie mir Ruhe geben. – Es ist so was Herrliches an ihr, daß sie so ganz nach ihrer Fasson lebt. Ihr Winkel draußen in der Küche, beim Fenster! Das Neuruppiner Bildchen mit dem alten, abgeblätterten Goldrahmen! Aber sie läßt auch andere selig werden wie sie wollen und können. Wie sonderbar das doch ist, daß ich Großmama, die doch meine zweite, geistige Mutter ist, heute und nun schon seit Jahren nicht mehr die alte Vertraulichkeit entgegenbringe, daß ich eine Distanz zwischen ihr und mir empfinde – o Gott, und doch: wie hab' ich sie lieb, werd' ich sie stets, stets haben!–, während ich mich Mutter ganz vertrauen und ihr alles, alles sagen kann, das sagen und anvertrauen kann, was ja wohl wichtiger ist als aller geistiger Austausch.« »Na, was ›philosophierst‹ du denn da wieder?« Tom erschrak ein wenig, so ganz war er seinen Gedanken hingegeben. Aber dann lachte er. »Nichts, Mama!« Der Blick von Mutter und Sohn begegnete einander für ein paar Sekunden und ging ineinander ein. Plötzlich aber sprang Tom auf, eilte zu Mutter hin, umfaßte sie lachend und küßte sie, die sich, überrumpelt und vielleicht sogar ein wenig ärgerlich, in ihrer Arbeit gestört zu sein, sträubte, herzhaft. »Ich dachte nur, daß ich dich lieb habe, Ma'!« sagte er. »So! – Na, du närrischer Kerl!« Auch sie lachte jetzt, und in dem Blick, mit dem sie ihn ansah, war ein kleines, stolzes, erfreutes Blitzen. Innerlich erwiderte sie jedoch nicht gerade in einer besonderen Weise. Denn nach wie vor stand ihr Tom nicht näher und nicht ferner als irgendein anderes von ihren Kindern; vielleicht eher sogar ein wenig ferner. 28. Es war den Seinen aufgefallen, daß Tom auch in allen körperlichen Übungen Leistungen aufwies, die über den Durchschnitt hinausgingen. Wie er ein tüchtiger Turner und Schwimmer war, so machte er jetzt auch im Reit- und Fechtunterricht gute Fortschritte. Eigentlich war er physisch nicht ganz so kräftig wie seine beiden älteren Brüder, von denen namentlich Detlev ein wahrer Athlet zu werden versprach; seine Kraft war sensibler, und daher vielleicht nicht ganz so gleichmäßig; doch sobald er bei solchen Gelegenheiten erst mal Lehrgeld bezahlt hatte, erwachte sein Ehrgeiz. Sie hatten z. B. im Turnen eine Übung, bei der sich zwei Gegner zwischen zwei Stäben gegenüberstanden, wobei jeder die Stäbe bei einem Ende fest anpackte und dann dergestalt mit dem anderen rang, daß der eine möglichst weit zurückgedrängt oder zum Straucheln gebracht und niedergeworfen wurde. Es war aber jener Ehrgeiz gewesen, der Tom angespornt hatte, sich gelegentlich einer solchen Übung mit einem Gegner zu messen, der ihm an robuster Kraft nicht unbedeutend überlegen war. Er hatte einen recht schweren Stand gehabt, bis plötzlich der entschiedene Wille in ihm erwacht war, den anderen zu besiegen. Und zu aller Erstaunen hatte der schlankere Tom den massiveren Gegner zum Straucheln gebracht und geworfen. Es war für ihn eine ziemlich sauere Anstrengung gewesen. Er hatte nach dem Kampf für ein paar Sekunden, von einem Schwindelanfall befallen, dagestanden und erst wieder zu sich kommen müssen; doch war ihm davon nichts anzumerken gewesen. Durch den Reit- und Fechtunterricht kam er jetzt in einen ausgedehnteren und recht munteren Verkehr mit jungen Leuten, von denen viele schon jetzt den Ehrgeiz hatten, später mal tüchtige Sportsleute zu werden, die aber ihrer Kraft und ihrer Munterkeit auch mit allerlei ausgelassenen Streichen Luft machten. Tom führte in dieser Zeit eine Art von Doppelleben. Er machte diesen Verkehr, und zwar nicht ohne eine wirklich interessiertere Anteilnahme, mit, zugleich aber hielt er sich nach wie vor mit seinem eigentlichsten Innenleben für sich. Noch immer liebte er seine einsamen Märsche, auf denen er sich seinem Gedankenleben hingab. In Geldangelegenheiten – Vater gab ihm kein besonders großes, aber doch ganz anständiges Taschengeld, zu dem auch Großmama ihr Teil hinzufügte – war er nicht peinlich, verschwendete gelegentlich sogar, so daß er mit seinen »Mitteln« in Verlegenheit kommen konnte, doch niemals die Selbstkontrolle verlor. Im allgemeinen hatte er, wohl von Mutter ererbt, einen Hang zum Haushälterischen, zum mindesten zur Ordnung in seinen Angelegenheiten. Zu einem seiner Fechtbodenkameraden war er in eine nähere, freundschaftlichere Beziehung gekommen. Er hieß Ralph Sorau und saß noch immer, obgleich schon achtzehn Jahre alt, in der Untersekunda des städtischen Realgymnasiums. Er war der Sohn eines Großkaufmannes. Ralph Sorau war über seine Jahre hinaus entwickelt. Von gleicher Größe wie Tom, hoch von Statur, besaß er Bärenkräfte und einen wahren Herkuleskörper, dessen mächtige Muskulatur sich durch einen dunkelblauen, mit lichtblauen Längsstreifen durchschossenen Jackettanzug hindurchzeichnete. Der Anzug war aus bestem englischen Tuch, wirkte aber nach so etwas wie schäbiger Eleganz, weil Ralph mit ihm gelegentlich seiner oft schon arg verwegenen Streiche durch Dick und Dünn ging. Aber gerade deshalb liebte er seinen »alten Jottfried«, wie er ihn nannte; auch nahm er sich mit seiner prächtigen Gestalt in ihm stets nach etwas Besonderem aus. Auf einem eher kurzen Hals hatte er einen wohlgeformten Kopf sitzen, der aber auf seinem Riesenkörper zu klein wirkte. Er hatte reiches, schlicht von einem Mittelscheitel nach beiden Seiten gekämmtes schwarzes Haar, kleine, gut geformte Ohren und unter niedriger, breiter Stirn eine ebenmäßige, schmalrückige Adlernase und unternehmungslustige, sehr lebhafte, braune Blitzeaugen. Sie zeigten einen fast mandelförmigen Schnitt und gaben im Verein mit den schwarzen, scharfgezeichneten Brauen, die erst regelmäßig wagrecht gingen, um dann gegen die Schläfen hin sich aufwärts zu biegen, seinem gesund gebräunten Gesicht einen tigermäßigen Ausdruck, der aber durch einen Schalk um den kleinen Mund, der pralle, gesund rote Lippen hatte, und um das breite, feste Grübchenkinn herum gemildert wurde. Seine Füße waren klein, fest, wohlgeformt; auch seine muskelharten, gebräunten, haarigen Hände, die verhältnismäßig feine Gelenke hatten, waren klein. Seine nähere Bekanntschaft hatte Tom bei einer Gelegenheit gemacht, die insofern eine ungewöhnliche war, als sie eine große Gefahr für Tom bedeutet hatte. Sie waren auf dem Paukboden beim Rapierfechten gewesen. Es hatte eine Pause stattgefunden. Man hatte beieinandergestanden und eine so angeregte Unterhaltung geführt, daß Tom, als man wieder antrat, im Eifer vergessen hatte, den Paukkorb aufzusetzen, und das auch niemand bemerkt hatte. Auch seinem Partner, der diesmal Ralph Sorau war, und der seinerseits den Paukkorb aufhatte, war es nicht aufgefallen. Sie hatten dann zu pauken angefangen, und Tom hatte sich einige Gänge hindurch gegen Ralph, einen der vorzüglichsten und kräftigsten Fechter, so gut gehalten, daß der ihm nicht angekommen war. Beim nächsten Gang aber hatte sich's dann ereignet, daß er Ralph angekommen war und ihm eine Hochterz übergezogen hatte. Dabei hatte sich nun die Spitze seines Rapieres hinten in dem Drahtgeflecht von Ralphs Korb verfangen, und der Korb war Ralph mit einem so kräftigen Schwung vom Kopf geflogen, daß er auf Terzseite eine ganze Strecke über die Holzdielen des Fußbodens hingerasselt war. Ralph hatte zuerst gelacht; als er dann aber wahrgenommen, daß Tom ohne Korb war, war er ernst geworden. »Donnerwetter! Sie haben ja ohne Korb gefochten. Körber? Haben Sie das mit Absicht getan? Na, à la bonne heure ! Aber eigentlich 'ne etwas riskante Chose gewesen!« »Mit Absicht? – Wie denn? Ich habe keinen Korb?« hatte Tom gerufen und sich nach dem Kopf gefaßt. »Wahrhaftig! Ich bin ja ohne Korb! – Nein, ich hab's nicht gewußt.« »Na, dann gratulier' ich!« hatte Ralph gelacht. »Wirklich, alles Mögliche! – Aber doch ein Zufall! Denn es hätte sicher gut sein können, daß ich Ihnen angekommen wäre, und dann hätte die Sache für Sie eklig ablaufen können.« Tom war ernst geworden und erbleicht. Freilich hätte es, und zwar sehr, schlimm ablaufen können. Denn die vorn stumpfen und übrigens meist mit Staub und Rost bedeckten Paukbodenrapiere machen viel bösere Wunden als die scharfgeschliffenen, tadellos sauberen Mensurklingen, so daß eine Blutvergiftung nichts weniger als unwahrscheinlich gewesen wäre; und außerdem hätte es auch ohnedies bei Ralphs ungeheuerer Kraft eine sehr schlimme Sache werden können. Für einen Moment war Tom ein kalter Schauer den Rücken hinabgelaufen. Vielleicht hatte er wieder mal dicht vor einer Todesgefahr gestanden. Aber das Seltsame, daß er Ralph gerade den Korb hatte vom Kopf herunterholen müssen. Sie hatten dann einen Händedruck gewechselt und waren nachher auf dem Nachhauseweg in ein interessierteres Gespräch miteinander gekommen, dessen weitere Folge ein häufigerer Verkehr und der Abschluß einer Duzfreundschaft gewesen war. Allerdings hatte der Verkehr noch dadurch eine besondere Gelegenheit bekommen sich zu entwickeln, daß eine Anzahl der Paukbodenkameraden sich zu einer Art von Klub zusammengetan hatten, der hinter der Schule herum im Hinterzimmer einer kleinen Kneipe der Innenstadt an bestimmten Abenden zusammenkam, und dem auch Ralph und Tom angehörten. Es wurde geraucht, gezecht und Skat gespielt. Ralph Sorau hatte keinerlei »geistige Interessen«, doch seine Kraft, seine Gesundheit, sein ganz und gar eigenständiges und mutterwitziges Wesen, seine »Anständigkeit« und unternehmungslustige Unruhe, eine Art von abenteuerlichem Wandertrieb, der sich in der »Zwangsjacke der Schule« und des elterlichen Hauses herzhaft unglücklich fühlte, hatten es Tom angetan. Dieser wunderte sich, verwandte Eigenschaften seines eigenen Wesens erwachen zu fühlen, die ihm bisher noch kaum je so zum Bewußtsein gelangt waren. Es kam vor, daß Ralph gelegentlich mal für eine ganze Zeit aus der Schule und seiner Familie irgendwohin verschwand. Er hatte sogar schon Abstecher auf eigene Faust nach Amsterdam, Kopenhagen und Christiania gemacht. Wenn er zurückkam, setzte es zu Hause natürlich eine gehörige Szene, die er aber von sich abprallen ließ. Es stand fest, daß er auf dem Ansprung war, eines Tages überhaupt für immer zu verschwinden. Solche Geschichten machte Tom nun zwar nicht mit, aber eines Tages war er mit Ralph übereingekommen, daß sie in den Pfingstferien eine mehrtägige Fußwanderung unternehmen wollten, die von vornherein als ein Abenteuer gedacht war. Ralph, der am entgegengesetzten Ende der Stadt in der Stromgegend wohnte, sollte am bestimmten Tage früh acht Uhr Tom abholen kommen, da die Villa Körber am Wege lag. Zur rechten Zeit stellte er sich denn auch ein. Und zwar, ganz nach seiner Gewohnheit, ›ohne weiteren Apparat‹, in seinem dunkelblauen Anzug, ein formloses, rehfarbenes Lodenhütchen auf. Tom sah ihn durch den Vorgarten »dahergetölpelt« kommen – ein Ausdruck aus Ralphs »Lexikon« –, die eine Hand in der Hosentasche, während die andere mit nicht allzu großer Eile eine halbaufgerauchte Zigarette beiseite warf. Tom nahm ihn in Empfang und führte ihn in das zu ebener Erde gelegene Wohnzimmer, wo sich gerade Mutter befand. Ralph begrüßte sie mit ein paar etwas originellen Bücklingen, die ebensogut Selbstpersiflage, Befangenheit oder freches Selbstbewußtsein besagen konnten. Mutter erwiderte den Gruß nicht gerade unfreundlich, jedoch mit etwas mißtrauischer, zugleich belustigter Zurückhaltung. »Einen Marsch wollen Sie miteinander machen?« sagte sie. »Aber Sie sind nicht gerade marschmäßig ausgestattet?« »Wohl, gnäd'ge Frau!« Ralph machte abermals eine kurze Verbeugung, wobei er aber rot geworden war und mit der Hand auf eine sonderbare Art irgendwohin hieb. »Wie der Wandsbecker Bote: ›Omnia sua secum portans‹ .« »Aber das ist Latein, das versteh' ich nicht«, lachte Mutter. »Oh, auf deutsch also« – er beschrieb abermals die sonderbare Handbewegung – »›alles da‹, wie jener Berliner Schusterjunge sagte.« »So! – Na ja!« lachte Mutter. »Du kommst wohl noch mal in die Küche, Tom, und holst dir deine Sachen. – Also, ich wünsche viel Vergnügen!« wandte sie sich im Hinausgehen noch einmal zu Ralph. »Oh, ich danke, gnäd'ge Frau!« antwortete der und machte für den Abschied noch eine Verbeugung. »Hoffentlich behalten Sie aber gutes Wetter«, sagte Mutter dann noch. »Es ist warm. – Möglich, daß es, vielleicht sogar heute noch, ein gehöriges Gewitter gibt.« Sie nickte ihm noch einmal, nicht unfreundlich, zu und begab sich mit Tom in die Küche. Tom war mit seinem Lodenanzug angetan und hatte auch einen gutgefüllten Tabaksbeutel in der Tasche und eine gute Shagpfeife mit Büffelhornmundstück und Silberbeschlag, die ihm Vater zu seinem letzten Geburtstag geschenkt hatte. »Was hast du denn da für ein Büffelkalb mitgebracht?« erkundigte sich Mutter, als sie in der Küche waren, mit Humor, doch nicht ganz ohne Mißtrauen, während sie ihm Rotwein in die Umhängeflasche goß. »Rau!« Tom lachte. »Wie? Rauh?« »Nein ›Rau‹, ohne h, Mama! Ralph Sorau heißt er ja. – Aber ich nenne ihn so, und er nennt mich schlechtweg ›Korb‹, für Körber ›Korb‹.« »Ach so. – Du hast ihn wohl beim Fechten kennengelernt?« »Ja.« »So, na! – Ich würde mich an deiner Stelle aber nicht zuviel mit ihm einlassen; ich glaube, er taugt nicht gerade viel.« »Wie denn? Meinst du, daß er falsch ist zu mir?« »Nein, aber ich traue ihm zu, daß er Streiche macht, bei denen du am Ende doch lieber nicht mittust.« »O ja, das trau' ich ihm auch zu«, lachte Tom. »Na, hast du alles?« erkundigte sich Mutter pressiert. »Noch einen ordentlichen dicken Block Schokolade könntest du mir mitgeben, Ma', dann ist alles in Ordnung.« Mutter gab ihm das Gewünschte, und er steckte es in die Tasche. »Adieu, Mama!« Da er für ein paar Tage fortzubleiben gedachte, tauschte er mit Mutter noch einen Abschiedskuß. »Also, macht keine Streiche!« »Nein, nein! Aber doch sicher nicht, Ma'!« rief Tom, halb schon draußen, lachend nochmal zurück. Im Hausflur nahm er dann seine Sportmütze von der Garderobe, ergriff seinen Wanderstock, rief Ralph in das Wohnzimmer hinein zu, daß er bereit sei, und sie brachen auf. 29. »Wat för 'ne Montürung, Korb! Hast du eine Nordpolfahrt vor?« sagte Ralph, als sie Haus und Garten verlassen hatten und selbander die Straße hinaufschritten. »Kann man bei dir ja nie wissen, ob nicht wirklich eine draus wird, Rau«, gab Tom lachend zurück. »Nee, aber sag' mal! Möchtest du wirklich eine mitmachen, Korb?« »Hast also doch was vor?« »Ich? Nix – Ich habe nie was vor.« »Ne wirkliche also? Oh, vielleicht? – Aber dann müßt' ich erst doch schon etwas Geographie und andere gute Dinge intus haben. Denn als gemeiner Matrose, weißt du, möcht' ich nun doch schon nicht mittun. Ich möchte sie machen, aber nicht mitmachen.« Tom lachte. Es war ein kleiner freundschaftlicher Stich für Ralph in seiner Rede gewesen. Ralph wandte das Gesicht zur Seite, kniff die Augen, beschrieb mit dem Arm eine weit ausgreifende, gleichsam etwas forthauende Geste, sagte aber nichts weiter. Der Weg führte sie durch die Vorstadt zu dem Wiesengelände hinaus, wo Tom damals vor einigen Jahren mit Onkel Anton gewandert war und dieser ihm das Vergißmeinnicht ins Knopfloch gesteckt hatte, das Tom zur Erinnerung an jene Stunde aufbewahrte. Von hier aus gedachten sie, über das Dorf, wo er damals mit Onkel Anton zu Abend gegessen, einen großen Eichenforst, die Heinrichshorst, zu erreichen, der sich am Stromufer hinzog, um landeinwärts dann in einen meilenweit sich in das Land hineinziehenden alten Kiefernwald überzugehen. Der Eichenforst wuchs auf Schwemmland, das dann mit dem Kiefernwald in Sand- und Heideboden überging. Sie brauchten, obgleich geübte Fußgänger, drei tüchtige Stunden Weges, um die Heinrichshorst zu erreichen. Als sie die Stadt hinter sich hatten und auf den Wiesen marschierten, zündeten sie sich die Pfeifen an und kamen jetzt erst ordentlich in Zug. Es herrschte eine für die Jahreszeit ungewöhnliche, stechende Hitze. Große, starr gewölbte weiße Wolkenballen standen um den Horizont herum. Mutter schien recht zu haben: es konnte im Laufe des Tages wohl noch ein tüchtiges Gewitter geben. Die Pfeifen nützten ihnen gegen die Mücken und Stechfliegen, die sich wie toll benahmen. Hin und wieder nahmen sie aus Toms geräumiger Flasche einen Schluck Wein. Es wurde nicht viel geredet, jeder hing seinen Gedanken nach, wer »welche hatte«. Die Belästigung durch die Hitze, die um so empfindlicher war, als es hier auf den freien Wiesenflächen so gut wie keinen Schatten gab, wurde als selbstverständlich schweigend hingenommen. Ralph hatte jedoch seinen »Jottfried« so weit wie möglich offen, auch Kragen und Krawatte abgeknöpft und in die Hosentasche gestopft und sich vorn über der Brust auch noch das Hemd aufgeknöpft. Er fühlte sich für sein Teil »ganz auf seinem Jroschen«. Tom seinerseits war selbst jetzt seiner wunderlichen Eigenart nicht untreu geworden und trug seine Joppe von oben bis unten zugeknöpft. Trotz der Hitze erreichten sie die Horst in weniger als drei Stunden, weil sie einen besonderen Ehrgeiz dareingesetzt hatten. Es war dreiviertel nach elf Uhr, als sie in dem am Rand der Horst gelegenen Dorfe Godendiek anlangten. Tom, der schon ahnte, was kommen würde, und für sein Teil auch damit einverstanden war, machte immerhin den Vorschlag, sie wollten im »Krug« erst eine tüchtige Mahlzeit nehmen, was sie dann auch taten. Er riß dabei das Zwanzigmarkstück an, das Vater ihm für die Partie zur Verfügung gestellt hatte. Nachdem sie gegessen und noch eine halbe Stunde gerastet hatten, brachen sie aber los. Sie hatten bis zur eigentlichen Horst noch eine Viertelstunde Weges. Als sie das Dorf eine gute Strecke hinter sich hatten, gelangten sie auf ein Terrain mit vielen, ziemlich großen, von Schilf und hohen Binsen eingefaßten Wasserkolken. Der zwischen diesen befindliche Boden zeigte einen üppig hohen Graswuchs und war von einer Buschwildnis bestanden. Dieses Terrain zog sich bis ziemlich dicht an die Horst heran und folgte ihr auf der einen Seite landeinwärts, auf der anderen bis gegen das Stromufer hin, wo es um eine Ecke herum die Horst noch weiter begleitete; doch so, daß zwischen ihm und dem Ufer noch ein Streif kahlen Sandes blieb. Tom fühlte sich inmitten dieser weltfernen, üppig wilden Einsamkeit mit ihrem dumpfscharfen Ruch von all dem stehenden, sumpfigen Wasser und der zahllosen jungen Vegetation, angesichts der feierlich starren Eichenwand drüben, sogleich so glücklich außer aller gewohnten Ordnung seines Alltages, daß er sich an einer von Schilf und Binsen freien Stelle des nächsten Kolkes der Länge nach ins Gras warf und von dem Anblick der stillen, tiefen, braundunkelklaren Wasserfläche und ihres hundertfältigen Kleinlebens gefangennehmen ließ. Rau warf sich, mit dem Bauch nach unten, wortlos neben ihm gleichfalls ins Gras und starrte, das Gesicht zwischen den aufgestemmten Fäusten, ins Wasser. Die tiefe, sommerheiße Stille schwirrte über dem Wasserspiegel, über Binsen, Schilf und Gräsern, und zwischen dem regungslosen, glänzig grünen, jungen Laub der Büsche bis in den blauen Azur hinauf im monotonen Rhythmus ihrer rastlosen, in sich selbst verharrenden Schwingungen, üppig und berauschend durchwürzt von den Duftungen des Chlorophylls all der wasserstrotzenden Vegetation. Eine Unke ließ ihr geheimnisvoll dumpfes Geläut vernehmen. Eine stille, wilde, friedliche Schauerlichkeit lag darin. Ab und zu stieß aus der tiefsten Tiefe seines Behagens hervor einer der großen, dicken, braunen, lichtgelbgestreiften Wasserfrösche in seiner Verborgenheit einen kurzen Quorrlaut aus, der in der hitzeschwirrenden Stille sofort wieder erstarb. Oder in einiger Entfernung stießen aus dem dichten Schilfwuchs mit lautem Gequak und kräftig schnurrendem Flügelschlag ein paar Wildenten auf, daß es einen lustigen kleinen Schreck gab. Hoch im blauen Himmel aber näherte sich drüben von der Eichenwand her mit schöngeschwungenen, ruhigen, großen Kreisen ein Bussard. Auf dem Wasserspiegel huschte eine größere Insektenart mit flinken, dünnen Beinen, die winzige Grübchen in die Wasserfläche drückten, und Wasserspinnen hin und her, und mit wunderlich launig munterem Zickzack und unberechenbaren Kurven, oder plötzlich pfeilschnell geradlinig, kleine, glänzig schwarze Käfer. Von einer Stelle des Grundes stieg zwischen einer fetten, frischgrünen, kressigen Vegetation und seinen, schilfigen Gräsern steilgerade eine köstlich blinkende Schnur von silbernen Perlchen zur Oberfläche empor. Sie mochten von irgendwelchen Bewegungen eines unsichtbaren Getiers herrühren, das da unten unter der Vegetation des Grundes sein Wesen hatte. Große traubige Gebilde von feinster, rauchgrauer Färbung, deren weinbeerrunde Kugeln in der Mitte einen tiefebenholzschwarzen Kern hatten, waren an dem Rand des Kolkes hin zu sehen. An dem unteren, weißlichgrünen Teil eines Binsenschaftes hafteten kleine, schwarze, tritonartig gewundene Schnecken. Ab und zu gewahrte man einen der großen, braunen, hellgestreiften Frösche, der träg seine Stelle wechselte und damit für eine Sekunde Leben in die tiefe, traumhafte Starre da unten brachte. Metallisch blauglänzende Libellen, einzeln oder ein sich umspielendes Paar, oder ein im Liebesrausch innig ineinandergekrampftes, zogen ihre schnellen, zierlichen, unberechenbaren Zickzacklinien über den Kolkspiegel hin. Zuweilen fuhren sie bis dicht auf den Spiegel nieder, ihn für einen flüchtigen Moment streifend, um sich dann wieder hoch aufzuschwingen und hoch im zitternden Azur selig schimmernd zu verschwinden. Manchmal hörte man, wenn ein Paar sich umspielte, das leise, aber kräftige Schwirren ihrer florzart starren Flügel. »Korb, hast du die Absicht, ewig hier zu liegen? Wenn ich hier noch lange 'neinglupe, wer' ich breejenklieterig un' versaufe. – Uf! Ich wer' mich lieber in die Elbe schmeißen. Du auch?« »Wie?« Tom fuhr auf. »Ach so! – Natürlich!« Sie sprangen in die Höhe und schritten zwischen den Kolken hin, wobei sie sich oft durch die Wildnis des Buschwerkes hindurchzwängen mußten, in schräger Linie auf die Ecke der Horst und das Ufer zu. Hier angelangt, verließen sie das Gebiet der Kolke und entledigten sich auf dem weißen Ufersand ihrer Kleidung. Sie freuten sich für ein paar Augenblicke ihrer Nacktheit, die unter dem blauen Himmel und den feierlich starr aufgetürmten weißen Wolkengebilden in der Verklärung all dieser Überfülle von gleißender, schwirrender Sonne in bläulichen, rosigen und silbrigen Lichtern schimmerte, und trieben unter munterem Gelächter miteinander ihren Scherz, bis sie einen Anlauf nahmen und mit lauten, jauchzenden Schreien weit in die groß gleitende, im hohen Mittag glastende, endlos gebreitete Wasserfläche hineinstürmten, bis sie den Boden unter den Füßen verloren und losschwimmen konnten. »Fein!« rief Tom, der sich, auf dem Rücken liegend, an einer Stelle hielt. Ralph sah mit zwinkernden Augen zu ihm hinüber, sagte aber nichts, sondern ließ nur ein kurzes Lachen hören. Sein Verhalten machte Tom nachdenklich. Es hätte, fand er, nicht drastischer den Unterschied ihrer Naturen kennzeichnen können. »Gewiß, eigentlich hat er nicht unrecht«, dachte er. »Denn weshalb mach' ich ein Wesens davon? Warum sprech' ich's aus, daß es schön ist, hier im Wasser zu liegen? Sicher ist das hier nicht so mein Element wie das seine. – Aber doch: es spricht sich in seinem Verhalten immerhin ein gewisser Stumpfsinn aus. Ich glaube überhaupt, daß er weniger sein ›Element‹ als seine Kraft, seine Robustheit, seine Brutalität liebt. Es ist was auf dem Grund seines Wesens, das vielleicht gar etwas Taubes, Totes ist, etwas, was mich vielleicht, wenn ich daran denke, beunruhigt. – Sicher wird er ja mal eines Tages auf und davon gehen. Aber ich glaube, mehr von dieser tauben, toten Unruhe getrieben, die er schließlich selber nicht versteht. Ich glaube nicht, daß er den sicheren, lebendigen Trieb hat, etwas zu werden. Es ist immerhin möglich, daß er mal auf irgendeine Weise zugrunde geht.« Heimlich betrachtete er Ralphs herrlichen athletischen Körper und den schon etwas allzu früh männlichreifen Ausdruck seines sonderbar regelmäßig schönen Gesichtes. Ein flüchtiges Unbehagen überkam ihn wie über etwas Unnatürliches. Um es abzuschütteln, wechselte er seine Lage und trieb mit schnellen, kräftigen Bewegungen unwillkürlich eine gute Strecke von Ralph ab. Als sie sich sattgeschwommen hatten, legten sie sich ans höhere Ufer unter ein Gebüsch, um sich von Luft und Sonne trocknen zu lassen. »Sag' mal, Korb! bist du übrigens schon mal bei einem Weibe gewesen?« fragte Ralph. »Nein. – Warum?« »Ach, nur so! – Dacht' ich! – Du hast so was, wirkst so nach Jungfer.« »So. – Na, ich denke, es hat auch noch Zeit. – Zu was für einem Weibe sollt' ich gehen? In die Häuschen des ›Krummen Ellbogen‹? – Ich danke, mach' mir nichts draus. – Na, aber du? Nicht wahr?« Ralph antwortete nicht sogleich. »Natürlich!« sagte er endlich. »Dort« – er meinte die von Tom bezeichnete Gasse –, »und auch bei anderen Gelegenheiten. – Es fehlt mir nicht.« »Und du benutzst es«, sagte Tom, ohne weiteres Interesse. »I wo!« Tom schwieg, brachte die Unterhaltung dann auf einen anderen Gegenstand. Sobald sie trocken waren, sprang er, mitten aus dem Gespräch heraus, es ohne weiteres abbrechend, auf und kleidete sich an. Wieder hatte Ralph ihm das sonderbare Unbehagen verursacht. Sie brachen auf. Beide Hände leger in den Hosentaschen gehängt, rannte Ralph unter einem lauten Jauchzen, dessen Echo von den Eichen her zurückhallte, zwischen den Kolken hin in die Horst hinein. Tom, der ihm eine Weile nachgeblickt hatte, rannte ihm nach. Und nun nahm die Wanderung tatsächlich ihre beabsichtigte abenteuerliche Wendung, und es ging, ohne jede Rücksichtnahme auf Weg und Steg, aufs Geratewohl mitten in die Horst hinein. Selbst der Umstand, daß die Wolkengebirge sich am Horizont mittlerweile zu einer dunklen Wand zusammengeschoben hatten, die am Himmel heraufmollte, und daß das Sonnenlicht eine weißlichbleiche Schattierung bekam und die Schwüle nachgerade schon sehr unbehaglich stockte, machte ihnen keine weitere Sorge. Das glänzige Unterholz, aus dem hier und da ein junger Eichensprößling emporgewachsen war – schon der Anblick erregte die Illusion des herb würzigen Duftes, den man genoß, wenn man solch lenzjunges Blatt zwischen den Fingern zerrieb –, bot sich als eine einzige zarte Masse von weißglänzenden Licht- und hauchfein bläulichen Schattenflecken, ganz aufgelöst seine Konturen in gleißendes Licht und zarte Farbe. Die Horst bestand aus hohen, alten Eichen, die ihre knorrige, von dem Eindruck des jungen, noch bräunlich glänzigen Laubes freundlich verklärte Kraft in freien Abständen darboten, die breit ausgreifenden Kronen mit ruhig hingegebener Starrheit in die blauen, schwirrenden Lüfte hineingereckt. Zuweilen traf man auf einen besonders alten Baum, der seine Einsamkeit in weitem Umkreis gewahrt hatte und seinen monumentalen Anblick nach allen Seiten hin darbot. Sein Junglaub umgab wie mit einem Gürtel den obersten Wipfel, der erstorben seine noch mannsdicken, in herrlich kraftvoller Krümmung gewundenen Äste mit gigantischer Krausheit und majestätisch würdiger Todesstarre seltsam ins blaue Gleißen des Himmels hineinschob. Der grelle Schrei eines Hähers ließ sich vernehmen, um in der drückend schwülen Stille sogleich wieder zu ersticken. Ein einzelner, kurzer Schrei. Das Tier mochte das in der Ferne sich auftürmende Gewitter fühlen. Tom sah nach der Uhr. Es ging auf drei. Das Schwemmland, auf dem die Horst stand, zog sich, wie er sich zu Hause auf der Karte vergewissert hatte, seiner Tiefe nach eine Wegstunde vom Ufer landeinwärts, bis es in den Sandboden und den Kiefernforst überging. Sie durchquerten zwar die Horst so ziemlich in dieser Richtung, hatten aber, wie Tom überlegte, wenn sie in ganz gerader Richtung vorwärtsschritten, noch gut dreiviertel Stunde, bevor sie zu den Kiefern gelangten. Es war nicht gerade ein behaglicher Gedanke, von dem heraufziehenden Gewitter hier in der Horst überrascht zu werden. Um so weniger, als es sich sicher hierher und zum Strom heranziehen würde. Dann würde sich's aber über der Horst stauen und konnte recht lang andauern und schwer werden. »Etwas schneller könnten wir schon zuschreiten, Rau!« mahnte er. »Und auch direkter durch. Ich glaube, es dauert keine halbe Stunde, dann geht's los. Dreiviertel Stunde haben wir noch bis zu den Kiefern. – Ich denke, wir lassen's uns lieber nicht hier in der Horst auf den Kopf kommen.« »Hast du Angst, Korb?« »Nicht gerade. – Aber es ist doch schon besser.« »Ich möcht' es schon mal gerade so über mir losknallen lassen«, lachte Ralph und fuchtelte mit seinen weitausgreifenden Armbewegungen in der Luft herum. »Hast schon mal so was im Freien erlebt, Korb?« Tom verneinte. »Na also! – Aber wie du willst.« »Es ist doch besser«, sagte Tom. »Zwischen den Kiefern wird sich's, denk' ich, ebensogut anhören. Wir werden dort höchstwahrscheinlich sowieso übernachten müssen. Denn wenn wir in der Richtung, die wir hier eingeschlagen haben, noch auf irgendeine Behausung oder gar auf ein Dorf liefen, wär's der reine Zufall. – Hoffentlich regnet sich das Gewitter nicht ein. – Sonst wär's mir überhaupt recht und würd' ich sowieso vorschlagen, im Wald zu übernachten. Wir haben ja Vollmond. Das wär' ganz schön.« Sie nahmen ein Tempo, das Ralph, in militärischen Dingen gut beschlagen, »schärfstes Eilmarschtempo« nannte, und sie kamen dementsprechend vorwärts. Als sie solcherweise aber eine Viertelstunde zurückgelegt hatten, bekam das Licht der Sonne eine bleiern stumpfe Schattierung. Zwei Krähen hasteten lautlos in der Richtung zum Strom über die Wipfel der Eichen hin an ihnen vorbei. Der Umstand, daß es nur die zwei waren, vertiefte die bange Starre des Waldes noch mehr. Einzig das leise sickernd kluckende Geräusch eines unsichtbaren Wässerleins, das in der Nähe seinen Weg zum Strom hin nehmen mochte, unterbrach die stockende Stille, und ab und zu das jähe Krachen dürren Reisigs, das ihre Schuhs zertraten, oder das Rauschen und Rascheln des Unterholzes, durch das sie sich, um die möglichst direkte Richtung einzuhalten, hindurchwinden mußten. Sie waren aber kaum zehn Minuten weitergekommen, als in der Ferne leise der erste einzelne Donner aufgrollte. Es hörte sich an wie das Geräusch einer sich in sehr weiter Ferne ereignenden kurzen Explosion. In Abständen wiederholte sich dies Geräusch, fing an schärfer und deutlicher zu werden, länger anzuhalten. Sie kamen mit einemmal zum Bewußtsein, daß das Sonnenlicht erloschen war und der Himmel sich bezogen hatte. Die alten Eichen ragten starr und düster, noch lautlos in fahler Trübnis, in der es doch noch wie eine leise Ahnung des verschwundenen Sonnenlichtes war. Eine Strecke hin hielten die höchsten Wipfel sogar noch einen letzten gelben Glanz, der in der Trübnis etwas Grelles, Stechendes hatte. Plötzlich aber verschwand, wie fortgewischt, auch der. Noch immer fern rollte jetzt mit kräftigem Getöse ein diesmal länger anhaltender Donner. Dann blieb es für noch ein paar bangste, drückendste Minuten still. Dann aber erhob sich ein fernes, monotones Brausen. Das Brausen kam näher und näher, und schon war pfeifend ein straffes, wirbelndes Sausen um sie und umbrüllte sie ohrenbetäubend rings in aller Nähe und Ferne das Donnergetöse der Horst. »Na ja, da geht's los!« rief Tom. »Du kommst auf deine Rechnung!« Die tosende Einöde umgab sie mit einem trüben Spätnachmittagsdunkel, aus dem die jetzt schwarzen alten Baumriesen und das sturmübergebogene, gespenstisch fahle Untergehölz, das ein ununterbrochenes Schallen, Rasseln, Zischen, Pfeifen und Heulen war, sich hervorhoben. Schwarze Stücke, große und kleine, von morschem Reisig, sausten über sie hin und um sie her und wirbelnd emporgefegtes vorjähriges Laub. Manchmal brach mit einem lauten Krach ein schwerer Ast hernieder. Und jetzt tauchte der erste Blitz den Wald in sein grelles Licht. Kaum ein paar Sekunden drauf schmetterte ein furchtbarer, anhaltender Donner. Sein greller Laut verriet, daß es ein Schlag war. Unwillkürlich zwinkerte Tom mit den Augen. »Wir haben noch gut zehn Minuten bis zu den Kiefern; wenn wir überhaupt wirklich ganz direkte Richtung haben«, überlegte er. »Schön, Korb! Schön! Was?« jauchzte Ralph in das fürchterliche, sinnenverwirrende Getöse hinein und hieb in seiner Ekstase vor sich hin. Tom antwortete nicht. Aber er dachte im stillen, daß Ralph ihm so gefiele, und daß er doch nicht ohne Grund Freundschaft mit ihm geschlossen hatte. Doch jetzt war es schier Nacht um sie her geworden. Ein fürchterlicher, wolkenbruchartiger Regen toste auf sie nieder. Und nun folgte Blitz auf Blitz, und das Gedröhn des Forstes ging über in das fast ununterbrochene Getös und Schmettern des Donners. Sie konnten jetzt auch deutlich das schreckliche, blendende Zickzack der Blitze sehen, das die ganze Weite vom dunklen Himmel bis zur Erde her überspannte. Und mehr als einmal kündete ein grelles Schmettern, daß es irgendwo eingeschlagen hatte. Obschon er seine Haltung bewahrte, war Tom doch bleich geworden. »Nur gut, daß es so regnet, daß es kein trockenes Gewitter geworden ist«, dachte er. Freilich waren sie naß bis auf die Haut. Ralphs »Jottfried« war tiefschwarz, und Tom fühlte, wie ihm selbst trotz seiner Lodenjoppe das Wasser am bloßen Leibe herunterlief. Sie mochten sich noch fünf Minuten weiter vorwärtsgearbeitet haben – Tom drängte zu möglichster Eile –, als Tom beim Glast eines Blitzes in einiger Entfernung vor sich zwischen den weit auseinanderstehenden Eichen hindurch eine dunkle Wand mit fahlen, graurötlichen Längsstreifen drin wahrnahm. »Gott sei Dank!« dachte er. »Die Kiefern!« Zwei Minuten später rannten sie über eine breite Schneise in den Kiefernforst hinein. Tom atmete denn doch auf, daß sie aus dem gefährlichen Revier der Eichen heraus waren. Eine warme, kienduftdurchwürzte Luft empfing sie. Da die dichtstehenden Kiefern mit ihren breiten Pinienkronen oben die gröbste Gewalt des Regengusses abhielten, hatten sie es hier doch ein wenig besser. Ihre Eile hemmend, schritten sie, zunächst noch weiter aufs Geratewohl, in das nächtige Dunkel des Forstes hinein, über sich das monotone, vom schmetternden Krachen des Donners zerrissene Gedröhn der Kronen. Noch immer in ziemlich rascher Aufeinanderfolge erhellte sich die Nacht vom grellen Glast der Blitze. Doch bedachte Tom, daß sich das Gewitter nun doch schon beim Strom gestaut haben müßte, und daß sie seine gröbste Gewalt hier nicht mehr auszustehen hatten. Unwillkürlich benutzten sie das Licht der Blitze, um nach irgendeinem Unterschlupf gegen den Regen auszuspähen. Als sie aber eine gute Strecke zugeschritten waren und in eine Art von Mulde hinabkamen, fanden sie einen. Gelegentlich vom Sturm gefällt, lag eine riesige alte Kiefer am Hange, die, mit den Wurzeln losgerissen, ein umfangreiches Schutzdach von Erde bot, das eine Art von Höhle überragte, in der es trockenen Boden gab. »Thalatta, Rau!« rief Tom erfreut, sprang in die Höhle und richtete sich in ihr ein, während Ralph ihm nachfolgte. Sie hatten ihre Munterkeit wiedergewonnen. Nachdem sie einen ordentlichen Schluck aus der Flasche genommen, setzten sie ihre Pfeifen in Brand, rauchten, plauderten und sahen dem Gewitter zu und in die blitzerhellten Waldtiefen hinein. Es war gekommen, wie Tom vermutet: Das Unwetter hatte sich am Strom gestaut und hielt, wenn auch nachher sich merkbar abschwächend, ein paar Stunden an. Als Tom beim Schein eines Zündhölzchens nach der Zeit sah, war es gegen sieben Uhr. Der Regen fiel noch immer, aber nur noch schwach. Es stand wohl zu erwarten, daß das Wetter sich später noch aufhellen werde und daß sie Mondschein haben würden. Aber sie durften feststellen, daß die Partie nun doch eine »Nordpolfahrt« geworden war. Da sie naß bis auf die Haut waren und es ihnen mit der Zeit hier in ihrer Erdhöhle ungemütlich wurde, machten sie sich, sobald der Regen nachgelassen hatte, wieder auf den Weg. »Wir kommen hier immer weiter vom Strom ab in den Wald hinein«, sagte Tom nach einiger Zeit und blieb stehen. »Daß wir uns gründlich verlaufen, ist klar. Das Beste wär' vielleicht, wir suchten nach Godendiek zurückzukommen.« »Magst du nicht mehr, Korb?« lachte Ralph. So entschlossen sie sich also, die »Nordpolfahrt« fortzusetzen. Die Dunkelheit war hereingebrochen, als sie auf eine breite, grasbewachsene Schneise gelangten. Sie konnten hier erkennen, daß der Himmel sich aufklärte. Zwischen weißen, ziehenden Wolkendünsten zeigten sich weite, klare Strecken, in denen Sterne flimmerten. Sie verrieten, daß hinter dem Gewölk der Mond schien und daß man, sobald die Dünste sich noch mehr verzogen, den herrlichsten Mondschein haben würde. Es war nach dem überstandenen Graus des Unwetters ein so wohltuender Eindruck, diese mondklaren, freien Himmelsstellen zu sehen, daß auch Tom jetzt erst recht Lust bekam, eine Nacht im Walde zu verleben. Sie kamen überein, gar nicht erst nach einer Wegverbindung zu suchen, sondern im Wald zu übernachten und alles weitere dem nächsten Morgen zu überlassen. 30. Gegen neun Uhr hatte sich der Himmel geklärt, und sie wanderten im Mondschein. Jenseits der Schneise gingen sie aufs Geratewohl in den Wald hinein. Und dann gelangten sie nach einiger Zeit auf eine mit jungen Föhren bestandene Schonung, hinter der ein Stand dreißigjähriger Föhren sich erhob. Am Saum des Kiefernforstes hin zog sich mit ihren weißen Stämmen eine Reihe alter Birken. Auf der breiten, grasbewachsenen Schneise aber, welche die Kiefern von der Schonung schied, hatten sie das Glück, einen rohen, aus Föhrenstämmchen hergestellten und mit Föhrenzweigen überdachten Verschlag zu finden, der nach der Wetterseite hin eine Schutzwand hatte. In der Mitte des Verschlages zeigten sich zwischen einigen großen, schwarzgeräucherten Steinen noch die Überreste eines Reisigfeuers. Waldarbeiter mochten sich hier ihren Kaffee oder eine Mahlzeit gekocht haben. Auch eine Schütte von Gras und Föhrenzweigen fanden sie. Sie entschlossen sich, hier zu übernachten. »Schade, daß wir kein trockenes Reisig haben, sonst könnten wir uns ein Feuer machen«, sagte Tom. »Korb, Nordpolfahrt!« lachte Ralph, während er sich auf die Schütte niederwarf. Sie spürten, was sie jetzt für einen rechtschaffenen Appetit hatten. Doch Tom hieb auf einem der Steine eine Stange von seiner dicken Blockschokolade ab und zerteilte sie mit Hilfe eines kleineren in Stücke, die sie aßen. Dann nahmen sie noch ein paar Schlucke Wein, steckten sich, auf der Schütte liegend, die Pfeifen an und gaben sich dem Anblick der Umgebung hin. Die Schneise und die Schonung lagen im Mondglast. Der Vollmond mochte wohl irgendwo über dem Kiefernforst stehen. An der hohen Wand der Kiefern hin hob sich das grelle Weiß der Birken vom dunklen Hintergrunde ab, in dessen Tiefe stille Mondreflexe lagen. Die hohen Kronen standen in einem feierlich monotonen Brausen. In den zwerghaften Föhren der Schonung erregte der Wind, wie er mit zupfenden Stößen daherfuhr, wunderlich verlorene Laute. Manchmal sausten sie auf, oder sie ließen ein scharfes Zischen und Wispern hören, oder pfeifende Laute. Die Föhrenwand drüben war vom Mond so grell beleuchtet, daß man ihr Grün unterscheiden konnte. Gegen den hellen Glast hob sich das schwarze Dunkel der Waldtiefen ab. Mit lautlos weichem Flug bewegte sich eine Eule am mondklaren Himmel hin über die Schonung weg. Hinten aus dem Kiefernforst ließen sich die hellen, von verschiedener Richtung her sich antwortenden Stimmen eines Eulenpärchens vernehmen. Ein Getier huschte über die Schneise hin. Aber zu schnell, als daß man hätte wahrnehmen können, was es für eines war. Tom fand am Himmel die Kassiopeia, den Cepheus und die schöne, große, diamantklare Vega in der Leier. »Wir haben hier gerade, da wir doch schon mal auf einer Nordpolfahrt sind, auch wirklich die Zirkumpolarsterne«, lachte er, indem er zum Himmel hinauf wies. »Dort ist der Polarstem selber.« »Lat em, Korb!« brummte Ralph gemütlich, der sich hinter seiner Pfeife nicht aus seinem vor sich hindösenden Behagen bringen lassen wollte. Aber Tom, der in seine Gedankengänge hineingeraten war, fuhr, ohne sich durch Ralphs abweisende Bemerkung stören zu lassen, fort: »Warum sind eigentlich seit ein paar Jahrhunderten so viele Menschenleben geopfert worden, um den Nordpol zu finden? Ich habe gelesen, daß die rein wissenschaftlichen Vorteile, die dabei herauskommen würden, gar nicht so besonders bedeutend sein sollen. Die Sache aber bloß zum Sport zu betreiben, wäre, find' ich, doch schon frevelhaft. Und dabei steht es sicher fest, daß man die Bemühungen so lange fortsetzen wird, bis der Pol entdeckt ist. Und ich bin überzeugt, das wird gar nicht mehr so lange dauern. Jeden Tag kann mal die Nachricht eintreffen. Aber warum diese angestrengten Bemühungen, bei denen nicht Geld und Menschenopfer gespart werden? Irgendeine tiefere Ursache, irgendein notwendiger Trieb muß doch zugrunde liegen. Aber welcher?« Er schwieg und dachte nach. »Ob's mit dem Erdmagnetismus zusammenhängt? Da ich doch der magnetische Pol. Boothia Felix. – Vielleicht zieht er nicht bloß die Magnetnadel an? Es gibt ja eine wissenschaftliche Hypothese, die einen Zug der organischen Wesen von Nord nach Süd und einen von Süd nach Nord feststellt. Warum soll der Trieb nach dem Nordpolpunkt nicht damit in Zusammenhang stehen? Ob vielleicht die schließliche Entdeckung des Pols ein ganz bestimmtes Merkzeichen für eine höchste Kultur des organischen Lebens bedeuten könnte? Einen Wendepunkt, von dem aus eine ganz neue Richtung in der weiteren Entwicklung, also schließlich der ganzen Erde, sich ergeben würde? Warum sollte das absurd sein?« »Na, Korb, mir jedenfalls schnuppe!« ließ Ralph sich unter einem endlosen Gähner vernehmen. Er schien müde zu werden. Aber nach einer Weile fing er seltsamerweise doch noch einmal an. »Du, sag' mal, hast du Nansens ›In Nacht und Eis‹ gelesen?« »Wie? – Ach so! Nansen! – Ja! Natürlich! – Mein Onkel Anton hat das Buch, hat's mir zu lesen gegeben. – Du! Die Treibholz-Drift! – Das Treibholz an der Küste von Grönland! – Das ist doch furchtbar merkwürdig! – Sie muß ja, Nansen hat ganz recht, mit einer Strömung unterm Eis ziemlich dicht am Pol vorbeigehen. – Du! Daß er die Drift gerade jetzt, ich meine: gerade innerhalb der Gesamtkonstellation der heutigen europäischen Kultur entdecken mußte! Und daß er mit der ›Fram‹ wirklich so weit gegen den Pol hin treiben mußte, wie vor ihm noch keiner! – Als ob's so hätte sein müssen, und als ob da ein gewisser Zeitpunkt nahe herbeigerückt wäre! – Ich glaube ganz sicher, daß der Pol in spätestens fünfzehn Jahren entdeckt sein wird.« »Na, möglich, Korb! Gestehe, bin in dieser ›Funktion‹ Trottel. – Aber, du! So bei so 'ner Schlittenexpedition«, zwang Ralph sich stückweise unter einem abermaligen Gähner hervor ab, »das Zelt auf so 'ner großen Scholle haben, die jeden Augenblick gerade durch's Zelt durch mitten entzweikrachen kann, daß die ganze Pastete mit Mann und Maus und Pemmikan mit einemmal zu den Robben 'nunterschurrt: Wetter, das muß es in sich haben! Auch so 'nem halbwegen Burschen von Eisbär möcht' ich wohl schon mal eins aufbrummen. – Im übrigen weißt du doch, warum die Eskimos keine blauen Brillen tragen? – So! Und nun rutsch' mir den Buckel runter!« Er wälzte sich auf die andere Seite, drehte Tom seinen enormen Rücken zu, und bald darauf vernahm Tom sein Schnarchen. Auch er gähnte jetzt, streckte sich lang und schlief ein. Als er aber aus einem längeren Halbschlummer erwachte, gewahrte er, daß der Mond die Kiefern überschritten hatte und über der Schonung stand, die in taghellem Glast lag. Die Birkenstämme gleisten förmlich, und die der Kiefern hoben sich mit einem gelichteten Kupferrot von der schwarzen Forsttiefe ab. In schräger Linie unterm Mond stand ein schöner, großer, heller Stern. Es war Jupiter. Der Anblick des Himmels und der Schonung war so herrlich, daß er sich aufrichtete, um ihn noch zu genießen. Seine Kleidung war jetzt so gut wie trocken. Aber sie war hart und spröd geworden und scheuerte ihm hier und da den bloßen Körper. Neben ihm ließ Ralph, im tiefsten Schlaf, ein dröhnendes Schnarchen hören. »Wie fest er schläft!« dachte Tom. »Eigentlich zu fest. – Wenn man in einem wirklich tieferen Zusammenhange mit der Natur steht, müssen doch selbst im Schlaf die Sinne für die Umgebung noch offen sein. – Ich weiß nicht, ob ich gerade eine solche tiefere Beziehung zur Natur habe, aber einen leisen Schlaf hab' ich. Ich würde im Schlaf jedes auffallendere Geräusch hören. Das weiß ich bestimmt.« Dann kam ihm das Nordpolgespräch wieder in Erinnerung, und er dachte mit Bezug auf Ralph: »Es ist doch eigentümlich, daß ich eine notwendigere Beziehung zu ihm unbedingt habe. Es ist, denk' ich, kein Zufall, daß ich mit ihm in Verkehr gekommen bin. Worin könnte und sollte ich ihn wohl auch ausnützen? Am allerletzten ist Eigensucht dabei im Spiel gewesen. Eigentlich ist es ja auch er gewesen, der den Verkehr angefangen hat. Interessiert hat er mich zwar schon lange, das hat er; aber ich wäre wohl nicht so leicht darauf gekommen, mit ihm Duzbrüderschaft zu schließen. – Aber das Merkwürdige: Wie ist er darauf gekommen, da er doch so gar kein Interesse für geistige Dinge hat und ich im übrigen für gewisse seiner Streiche ganz und gar keinen Sinn habe? – Aber es ist ganz gewiß so: Er hat irgend etwas in meinem Wesen gefunden, was ihm zusagt, und ich ja ganz gewiß auch in seinem. Aber ich habe doch von Anfang an auch wieder in einer gewissen Reserve zu ihm gestanden. – Aber ja nicht bloß zu ihm. Sondern zu jedem, mit dem ich seither in einen näheren Verkehr gekommen bin. Sogar zu Klaus. – Übrigens ist es auffallend, daß ich keine eigentlichen Freunde habe. – Ich glaube, diese Reserve und diesen Mangel an Bedürfnis nach einem eigentlichen freundschaftlichen Verkehr hab' ich von Mutter geerbt. Wen hat sie denn eigentlich? Außer etwa Onkel Anton? – Sonderbar: Onkel Anton ist auch mein einziger wirklicher Freund! Der, von dem ich sagen kann und weiß, daß ich ihn wirklich lieb, lieb habe. Was bedeutet das? Bin ich etwa Egoist? Oder bin ich kalt? Aber das ist es ganz gewiß nicht. Ich habe vielmehr zu jedem, mit dem ich näher verkehre, auch eine entschiedene Gemütsbeziehung. Es geht mir z. B. direkt ans Herz, wenn ich denke, daß es mit Ralph womöglich doch mal kippen könnte, daß er eines Tages in irgendeinem tollkühnen Abenteuer enden könnte, ohne daß er damit einem Menschen oder der Menschheit etwas genützt hätte, was in Bettacht käme. – Ich weiß auch, daß ich im Falle der Gefahr, einerlei welcher, keinen meiner Bekannten im Stich lassen würde. Und zwar nicht bloß aus ›Ehrgefühl‹ oder ›Anstandsrücksicht‹, sondern aus Sympathie. – Und doch: jedem gegenüber fühl' ich mich in Reserve, kann ihn mit einer gewissen Kühle kritisieren. Aber doch nicht ironisch, skeptisch, pessimistisch, auch nicht gerade mit Humor, sondern im Grunde eigentlich ernsthaft, positiv, konstatierend. – Aber ganz bestimmt: Auch das hab' ich von Mutter. So ist sie! Ganz und gar! – Aber ich denke, das ist nichts Schlimmes. Ich stehe dieser Eigenschaft Mutters übrigens mit einem gewissen Humor gegenüber. Aber gerade darum auch fühl' ich mich zu Mutter so hingezogen. – Alles ist bei ihr immer instinktiv, ganz unwillkürlich so. Ich bin ›geistiger‹, bewußter, neige zur Reflexion dabei. – Jedenfalls: ich denke, es mag im Leben einerlei was an mich herantreten: ich werde stets wie die Katze auf meine vier Beine fallen.« Er lachte. »Ja, ich liebe seinen Wagemut«, dachte er weiter mit Bezug auf Ralph. »Ich liebe seine bärenmäßige Kraft. Auch, daß ihm in gewisser Hinsicht alles egal ist. Vielleicht zieht mich gerade das an; wenigstens beschäftigt es mich immer wieder. – Wie er manchmal so sonderbar sagt: ›Dieweil es leben gilt!‹ Denn er kann seine sonderbaren Augenblicke haben, die einen dann so überraschen. Ich glaube überhaupt, daß jeder Mensch von irgendwelcher wirklich hervorstechenden Eigenart, mag er sonst auch noch so dumm sein, solche Momente hat. – Aber was besagt das nun eigentlich mit Bezug auf mich selbst? Sicher doch so viel, daß ich mit Ralph irgend etwas gemeinsam habe. Und das verhält sich auch wirklich so. Ich habe Augenblicke und Stimmungen, wo auch ich solche tollkühnen Anwandlungen habe. Gerade auch in physischer Hinsicht. Aber – und das ist der Unterschied –: vor allem in geistiger. Es gibt nichts, geradezu nichts, was mich hier nicht auf der Stelle in Anspruch nähme und worauf ich nicht – ja, bis zu einer ganz unwillkürlichen Tollkühnheit – losginge. Aber doch auch wieder mit dem Unterschied, daß ich es unwillkürlich in einen Zusammenhang zu bringen suche, der ein guter ist. – Wahrhaftig, wie sollte er kein guter sein?« Es überkam ihn eine Rührung; denn er dachte an alles, was Onkel Anton in ihm geweckt und gepflegt hatte. »Ich weiß nicht«, setzte er seine Gedanken fort, »ob ich jemals etwa ein wissenschaftlicher Weltreisender und Entdecker werde: aber soviel ist sicher, daß ich schon öfter solche Antriebe hatte. Und ich glaube sogar, daß es nicht bloß so oberflächliche sind. Körperlich bin ich ja gesund. Ich weiß auch, daß ich Ausdauer hätte und durch nichts von einer Sache, für die ich mich einmal eingesetzt hätte, abzubringen wäre. Aber es zieht mich doch wohl eigentlich mehr zum Seelischen hin; gerade in das Allertiefste und Feinste, am schwersten Zugängliche hinein. – Und hier hab' ich es immer wieder mit einer so besonderen Unruhe, einem so merkwürdigen Drang und Trieb; der dann doch also in mir auch irgendein innerliches Objekt haben muß? Ich versteh' es natürlich selber noch nicht, kann's auf keine Formel bringen: aber da ist es und will sicher auf was hinaus. – Aber, Gott! es hat ja noch Zeit! Erst mal die Welt, das Leben kennenlernen, dann sehen, was herauswill! – Aber soviel weiß ich: es muß irgendeinmal damit zu einer Entscheidung kommen; und« – er lachte – »es ist mein Ein und Alles!« Er war zu einer gewissen Abrundung dieser Gedankengänge gelangt, seine Gedanken fingen an, eine andere Wendung zu nehmen. Eine gewisse Stelle aus Beethovens »Ruinen von Korinth« fiel ihm ein, und unverwandt den Blick auf das schöne, große, ruhige Gestirn gerichtet, sang er sie leise vor sich hin, sie immer wiederholend und hin und wieder variierend. Sie war eine seiner Lieblingsstellen und seinem innersten Empfinden identisch geworden mit einem bestimmten Eindruck. Er lebte sie als einen ionischen Tempel, der auf einer Anhöhe über einem Olivenhain emporragt; und Tempel und Hain stehen ganz im Glast des hellenisch südlichen Vollmondes. In einiger Entfernung aber erblickte man das mondgleißende Meer und hörte beständig traumhaft groß das Donnergetöse seiner Brandung. Und unverwandt das schöne Gestirn im Auge, das selig freundlich und einsam mit göttlichem Selbstgenüge da oben in seiner fernen, lichten Höhe ging, schien es ihm, als ob die göttlichen Töne, die er da vor sich hin sang, von ihm selbst da oben herniedertönten, ganz ein Lied der Seligkeit und Freiheit und göttlich stark in sich selbst ruhender Kraft. Aus der Tiefe des Kiefernforstes wurden wieder die hellen, sich rufenden und antwortenden Rufe des Eulenpärchens vernehmbar. So hell und schön, daß er vor Freude vor sich hin lachte. »Das schöne Wort ›ligüs‹, wie der Ton einer angezupften Harfensaite: hat es irgendeinmal ein Urathener nach dem Frühlingsruf der Eulen von Athen, Pallas Athenes heiligen Vögeln, erfunden?« Er wurde müde. Es war ihm so gut zumute. Er fiel in einen festen Schlaf. 31. Ein halbes Jahr nach dieser Wanderung war Ralph eines Tages verschwunden, Tom aber erhielt einen aus Plymouth datierenden Brief folgenden Inhaltes: »Lieber Korb, da es ein unabweisliches Bedürfnis meines sogenannten Herzens zu sein scheint. Dir zur Mitteilung, daß ich definitiv unterwegs bin. Aber der Teufel schlag' Dir den Schädel ein, wenn Du jemand ein Wort sagst und dieses Breve nicht auf der Stelle verbrennst! Übrigens schreib' ich Dir ja nicht, wohin die Tour geht. Also basta! – Ich habe meinem Alten 5000 Mark geklemmt. Kann ihm doch egal sein, was? Ich denke, sie werden für den Anfang reichen. Zurückkommen gibt's diesmal nicht. – Rutsch' mir den Buckel runter! – Rau.« Wieder ein halbes Jahr später, als Tom Obersekundaner war, zu einer Zeit, wo er nun bereits der Schwelle, über die er in die großen, neuzeitlichen Lebensverhältnisse eintreten sollte, nicht mehr fern war, sollte noch einmal eine Bekanntschaft an ihn herantreten, die sein Innenleben in eine ernste und tiefer einschneidende Unruhe versetzte. Auch Harry Silvercron war der Sohn eines Großkaufmannes, eines naturalisierten Dänen. Er saß bereits ein Semester in Obersekunda, war also ein »Alter«, und im übrigen ein Mensch, der an niemand in der Klasse Anschluß hatte. Er war kleiner als mittelgroß, von schmächtiger, schwächlicher Gestalt. Er hatte ein bleiches Dantegesicht mit einem schmallippigen, festgeschlossenen Mund, zu dem sich von der scharfen Nase herab zwei frühzeitige Falten zogen, was ihm den Ausdruck eines unbestimmten Alters gab. In diesem Gesicht saßen unter dem scharfen Rand einer hohen Stirn zwei runde, brauenlose Grauaugen, die zugleich verstandeskühl und wie in einer Verzweiflung erstarrt wirkten. Diesem scharf geprägten Schädel legte sich, peinlich sauber von einem auf der linken Seite nahe bei der scharfen seitlichen Schädelkante gezogenen Scheitel nach der anderen Seite gekämmtes dünnes, rötlichblondes Haar glatt an; in einer Weise, daß es sich ausnahm, als trüge Harry Silvercron eine Perücke, und als müßte wenn man ihm diese Perücke abnähme, ein völlig kahler Schädel zum Vorschein kommen, der sein Haar irgendeinmal infolge eines schweren Nervenfiebers verloren hätte. Dies glatt angekämmte Haar gab einen Ausdruck von nüchterner Korrektheit, Pedanterie und Eigensinn, der noch betont wurde durch einen schicken mausgrauen Sakko-Jackettanzug, dessen Tuch einen seidigen Schimmer hatte, und durch den Umstand, daß er zu diesem schicken Anzug einen zwar gleichfalls peinlich sauberen, aber ganz aus der Mode gekommenen weißen Klappkragen trug, aus dem vorn ein nüchtern glattes, schwarzes Krawattchen hervorsah, während das steifgeplättete Hemd vorn auf der platten Brustfläche zwei schwarze Knöpfchen zeigte; und solche Knöpfe hatten auch die steifen, weißen Manschetten, die immer aus den Ärmeln heraus auf seine langen, bleichen, hageren Hände fielen, die scharfe Knöchel und nervös hervortretende Adern hatten. In der rauhen Jahreszeit trug er einen gleichfalls mausgrauen Ulsterüberrock. Auch sah man ihn nie anders als mit einem runden, steifen, niedrigen, schwarzen Filzhütchen, das eine breite, steife, doch am äußersten Rand etwas aufgebogene Krempe hatte. Am Mittelfinger der linken Hand trug er einen goldenen Ring mit einem blaßgrünen Edelstein. Dieser Harry Silvercron hatte an einem Junitage, kurz vor Toms Geburtstag, in der großen Pause des Vormittagsunterrichtes mit dem Rücken gegen das eine der drei Klassenfenster gelehnt gestanden und unverwandt zu Tom hinübergeblickt, der drüben, wo die »Neuen« saßen, in seinen Thucydides vertieft, auf seinem Platze gesessen hatte, ohne eine Ahnung zu haben, daß er von Silvercron, mit dem er bisher weder ein Wort gesprochen noch auch einen Gruß gewechselt hatte, beobachtet wurde. Als er dann aber zufällig mal von dem Buch aufgeblickt, hatte sich sein Blick mit dem Silvercrons begegnet. Er wollte seine Aufmerksamkeit gleichgültig schon wieder ablenken, als ihm mit einemmal vorkam, als ob Silvercron, der da drüben nach wie vor regungslos dastand, ihn fixiere. Teils weil er sich dessen vergewissern wollte, teils aus einem plötzlich erwachten Interesse, ließ er seinen Blick verweilen, und so geschah es, daß sie einander etwa eine Minute ansahen. Dann aber kam ein Moment, wo Silvercron, ohne aber seine Aufmerksamkeit von ihm abzuwenden, sich von seinem Standort entfernte und mit seinem lässig trottenden, hängeschulterigen Gang durch die Klasse her auf Tom zukam. Er trat heran und sagte mit seiner farblos dünnen, nüchternen Stimme, die aus irgendeinem Grunde aller Augenblicke eine Pause machte: »Körber, kennst du ›Les Aveugles‹ ?« Tom starrte ihn an, dann aber lachte er und sagte: » ›Les Aveugles?‹ – Wie denn?« Silvercrons Gesicht nahm einen bis zum Verzweifeln ängstlichen Ausdruck an, wobei seine grauen, brauenlosen Augen Tom jedoch unablässig ansahen. »Entschuldige ... Ich – komm' dir sonderbar vor.« Er sah einen Moment auf seinen langen, bleichen, hageren Zeigefinger nieder, dessen peinlich gepflegter Nagel auf die schwarze Subsellienplatte tippte. »Aber ... Ich meine ... ›Les Aveugles‹ . Ja, von Maeterlinck, Maurice Maeterlinck – Ein Drama. – Ein Einakter. – Entschuldige: kennst du Maeterlinck?« »Nein.« Tom, der noch immer nicht wußte, was er aus der Sache machen sollte, lachte abermals. »Ach, du hast ... Aber doch wohl dem Namen nach?« »Kann sein. – Ja.« »Ja ... Nein ... Verzeih' doch.« Silvercron ließ ein sonderbares kleines Ächzen hören, zog sein Taschentuch hervor, wischte sich die Stirn und sah hilflos umher. »Verzeih'! – Ich ... Die Pause ist ja gleich zu Ende ... Ich muß zu meinem Platz 'nüber.« Aber da hatte er schon mit einem hastig entschlossenen Griff in seine linke innere Brusttasche gegriffen, aus der seine Hand jetzt mit einem sauberen, gelbbroschierten Heftchen zum Vorschein kam, das er schnell vor Tom hin auf die Subsellie legte. »Ich bitte, ich bitte dich recht sehr. Körber: Lies es! Lies es doch mal! – Nimm es mit nach Hause und lies es.« Er hatte kaum zu Ende gesprochen, als er auch schon ein Ende von Tom fort war, so daß dieser ihn nur noch in fliegender Hast mit seinen dünnen, wadenlosen Beinen durch die Klasse sich auf seinen Platz zubewegen sah. Als der Unterricht nachher aber zu Ende war, konnte er wahrnehmen, wie Silvercron drüben eilig seine Bücher zusammenraffte, den Hut von der Knagge nahm und aus der Klasse förmlich hinausrannte. »Er denkt, ich gebe ihm das Buch zurück«, dachte Tom, der ihm nachsah. Er hatte das Buch also, und so las er es denn auch; aus psychologischem Interesse an Silvercron. Schon am nächsten Tage wollte er es ihm dann zurückgeben. Doch Silvercron fehlte. Und er fehlte eine ganze Woche lang. Er war zwar kränklich und blieb öfters für längere Zeit aus der Schule; doch zweifelte Tom, daß er diesmal aus einem anderen Grunde fehlte, als weil er durchaus wollte, daß er das Buch für längere Zeit behielte. Das Drama selber – es war also die französische Originalausgabe – hatte auf Tom mit seiner stammelnden, angstgepeinigten Sprache und seiner furchtbaren Situation einen peinlichen Eindruck gemacht; obgleich er es, als er darüber näher nachdachte, in einer gewissen Hauptpointe, die es haben sollte, für verfehlt halten mußte. Er hatte also für diese » Aveugles « gar nichts übrig. Doch hatten sie ihn mit Bezug auf Silvercron selbst interessiert. So was las er? Und im Originaltext, nicht in Übersetzung? Und er war auf den Einfall gekommen, es ihm zu lesen zu geben? Was hatte er damit gemeint? Suchte er näheren Verkehr mit ihm, oder was sollte es sonst heißen? Wollte er sich interessant machen, posieren? Halb war die Geschichte wirklich unheimlich, dachte er, so komisch sie ihm sonst auch erschien. Immerhin gehörte doch aber eine gewisse Reife dazu, daß er solche Sachen las. Alles in allem erwartete er also Silvercrons Wiedererscheinen in der Klasse nicht ohne Spannung. Nach Ablauf der Woche war Silvercron denn auch eines Tages wieder vorhanden. Tom war an diesem Tage etwas zu früh in die Schule gekommen, doch Silvercron war schon da. Der Umstand belustigte Tom. »Hier bring' ich dir, mit Dank, das Drama wieder, Silvercron«, sagte er, wahrend er an ihn herantrat. »Ich hab' es gelesen. – Es ist ja ganz interessant. – Aber verstanden Hab' ich, muß ich gestehen, nicht viel davon.« Silvercron hatte das Heftchen entgegengenommen und es unbewußt leicht durchblättert. »Ich danke dir, daß du's gelesen hast, Körber!« sagte er dann, Tom mit seinen grauen Augen ansehend. »Warum hast du's mir eigentlich aber gegeben?« fragte dieser. Silvercron bewegte für einen Augenblick seine Hängeschultern auf und nieder, dann aber sagte er: »Ich danke dir, ich danke dir sehr. – Nämlich ... Ich versteh' es vielleicht auch nicht. – Das heißt: Ich möchte ... So in einer gewissen Hinsicht möcht' ich es erst verstehen lernen, mein' ich. – Ist es ... Ich meine ... Also: ist es dir vielleicht recht ... Wenn es dich nicht stört, natürlich ... Würdest du mir den großen Gefallen tun? Gerade mit dir, Körber, möcht' ich so gern mal über das Drama sprechen ... Ich meine nicht jetzt ... Ausführlicher! Bei einer Gelegenheit, wo wir uns dafür Zeit nehmen können.« »Ja, aber ... Wie kommst du eigentlich gerade auf mich?« »Ja! – Doch! – Gerade mit dir! – Darf ich dir ... Wir haben jetzt ja keine Zeit dazu ... Aber: darf ich dir einen Vorschlag machen? Spielst du Billard?« »Spielst du denn Billard?« konnte Tom sich nicht enthalten zu fragen. »Ja, ja. – Spielst du?« »O ja.« »Boule oder Karambolage?« »Karambolage natürlich am liebsten«, lachte Tom. »Oh, sehr gut! Ich ja auch«, antwortete Silvercron. »Gut! – Also, hättest du Lust? Heute abend zwischen neun und zehn Uhr, sagen wir: pünktlich einhalb neun Uhr, im oberen Billardsaal von Café Voth? – Du tätest mir einen so großen Gefallen, ich würde mich so freuen!« Tom hatte in diesem Augenblick den Eindruck, als ob Silvercrons Backen eine seine Röte angenommen hätten; jedenfalls zeigten sich seine Augen von einer freudigen Erregung belebt. »Gut, ja! Ich werde kommen«, sagte er. »Oh, ich danke, danke dir! Wie sehr ich dir dankbar bin!« Tom fühlte sich betroffen. Silvercron hatte mit einemmal so ein sonderbares, schluchzendes Lachen hören lassen; fast nahm es sich aus, wie das ein- und ausgezogene Geschrei eines Esels. Außerdem hatte Silvercron aber seine Hand ergriffen, die er mit einem so kräftigen Druck preßte, daß Tom sich wunderte. Nie hätte er dem kleinen, schwächlichen, kränklichen Menschen solche Kraft zugetraut. »Du kommst, Körber! Du kommst also! – Es freut mich so sehr, so sehr! – Übrigens – das Wetter ist ja heute so herrlich! Die Rosen blühen! Wir werden Vollmond haben!« 32. Als Tom am Abend zu verabredeter Zeit den oberen Billardsaal des Café Voth, eines kleineren Cafés zweiten Ranges betrat, das in einer der von der Hauptstraße sich abzweigenden Nebenstraßen gelegen war, fand er Silvercron bereits vor. Er saß an einem der Marmortischchen, die an den Wänden des mäßig großen Raumes hin standen, einem der drei Billards gegenüber, welche die Mitte des Saales einnahmen. »Was trinkst du da, Silvercron?« fragte er, nachdem er ihn begrüßt und ihm die Hand gereicht hatte, mit Bezug auf das Getränk, das Silvercron vor sich stehen hatte. Tom hatte unter seiner Rede angefangen, sich die Glacés abzustreifen. Silvercron verfolgte das, vorgebeugt, mit einem starren, förmlich ängstlichen Ausdruck. »Schwedischen Punsch«, gab er im übrigen Bescheid. Tom kannte schwedischen Punsch nicht, aber er hatte sich sofort gewundert, als er das kleine, runde, fußlose Glas mit der rumähnlichen Flüssigkeit, in der zwischen obenauf schwimmenden Eisstückchen ein Strohhalm stak, gesehen hatte. Auch erstaunte es ihn, daß Silvercron eine lange, schwarzbraune, brennende Virginia, die er in diesem Augenblick allerdings zwischen den Fingern hielt, im Mund gehabt hatte. Im Fechtklub pflegten sie diese schweren Virginia »Rattenschwänze« oder auch »Friedhofsspargel« zu nennen. »Du rauchst auch? Sogar starken Tabak?« »Ja. – Im Café.« »Kommst du öfters hierher?« »Manchmal. – Ich spiele mit ein paar Freunden hier Billard.« »Bringen Sie mir einen schwedischen Punsch«, bestellte Tom, aus Neugier auf das Getränk, beim Kellner. »Sind deine Freunde auch Schüler? Aber doch wohl nicht von unserem Gymnasium?« »Nein. – Überhaupt keine Schüler. – Zwei ältere Leute. – Ich stehe ja selber schon im einundzwanzigsten Jahr. – Leute, mit denen ich gemeinsame Interessen habe.« Tom steckte sich eine Zigarette an. »Wie kommt es dann aber, daß du noch in der Obersekunda sitzst?« Offenbar mit irgend etwas innerlich beschäftigt gewesen, antwortete Silvercron, der wieder mit dem starr ängstlichen Blick zugesehen hatte, wie Tom sich die Zigarette anzündete, endlich: »Ich bin wegen Kränklichkeit erst spät auf die Schule gekommen. Nachher bin ich auch ein paarmal sitzengeblieben. – Ich hatte auch immer meine eigenen Interessen.« »Der Punsch ist recht kräftig«, stellte Tom fest, der, nachdem er sein Glas bekommen, gekostet hatte. »Verträgst du ihn denn?« »O ja.« Es blieb ein Schweigen. Tom ließ, um sich zu orientieren, den Blick über den Saal hin gehen. Die beiden anderen Billards waren besetzt. Acht Gäste spielten. Einige andere saßen an den Marmortischchen und sahen zu. Es wurde gelacht, geplaudert, auf dem entferntesten Billard wurde Boule gespielt, die Kugeln rollten und klapperten. Tabaksqualm zog sich um die elektrischen Lampen herum. »Ist dir's recht, wenn wir anfangen?« »Ja, natürlich. – Ach, du meinst – Billard zu spielen?« »Ja. – Ich habe dies Billard hier reservieren lassen.« »Gut, ja.« Tom erhob sich. »Es ist zwar schon das Verständigste«, dachte er, während er das Queue kreidete. »Aber was soll es eigentlich heißen, da wir doch was anderes vorhatten?« Silvercron war inzwischen an die Wandtafel herangetreten, sah nach der Uhr, sagte Tom die Zeit an und notierte sie zugleich mit den Anfangsbuchstaben der beiden Namen auf die Tafel. Dann trat er zu Tom hin und maß sein Queue mit dem Toms. Er hatte das längere und fing an. Er stand aber, bevor das geschah, erst noch eine Weile, sah irgendwohin und sog mit einem halben Dutzend schnellen knappen Zügen an der Virginia; dann erst trat er an das Billard heran, stellte die Bälle zurecht und begann. Aber Tom hatte wieder zu staunen. Silvercron hatte die Virginia sorgsam auf die Billardkante gelegt und machte nun mit einem ruhigen, sehr akkuraten Spiel eine Serie von fünfzehn Points. »Oh, du spielst famos!« Silvercron starrte ihn an, sagte aber weiter nichts, sondern ging zur Tafel hin, wo er mit sorgsam geraden, genau parallelen, aber spinndünnen Strichen – immer vier nebeneinander und den fünften durchgezogen – seine Points notierte. Tom brachte es bloß auf vier Points, die er zerstreut, mit dicken Strichen, auf die Tafel unter seinen Buchstaben hinhieb. Silvercron machte dann wieder eine Serie. Diesmal waren's sogar achtzehn Points. »Wetter! Du bist ja ein Künstler!« rief Tom. »Noch siebzehn, und du hast das Spiel.« Silvercron antwortete auch diesmal nichts. Tom fing an, sich zusammenzunehmen, brachte es aber auch diesmal auf nicht mehr als acht Points. Darauf brachte Silvercron das Spiel zu Ende. Zugleich fiel es Tom aber auf, daß er sich ein zweites Glas Punsch bestellte, nachdem er den Rest des ersten gierig durch den Strohhalm eingesogen hatte. Tom selbst mochte von dem schweren Zeug nichts mehr trinken, er steckte sich eine frische Zigarette an. Sie hatten bis halb elf Uhr gespielt, als Silvercron vorschlug, aufzuhören und das Café zu verlassen. Tom hatte alle Spiele verloren, Silvercron hatte ihm nicht mal eines aus Höflichkeit gewinnen lassen. Gesprochen hatten sie nicht viel, Silvercron hatte sich jeder Äußerung über Tome Spiel enthalten. »Wo willst du hin?« fragte Tom, als sie aufbrachen. »Ist es dir recht, wenn wir noch einen Spaziergang machen?« fragte Silvercron, ohne ihn anzusehen. »Das Wetter ist so schön. Es ist warm. Wir haben Mondschein. Hast du noch Lust und Zeit?« »O doch!« lachte Tom nach einem kleinen Überlegen. 33. Tom wurde von Silvercron durch ein Kreuz und Quer von Straßen und Gassen geführt. Er schritt so eilig zu, daß es Tom, der zum Laufen nicht aufgelegt war, fast unbequem wurde, zu folgen. Die ganze Situation war ihm teils unbehaglich, teils komisch. Es wurde außerdem noch immer so gut wie nichts gesprochen. Etwa eine halbe Stunde war das so gegangen, als sie aus der Stadt heraus auf ein weites, freies, flaches Terrain gerieten. Es war ein wüstes, unsäglich nüchternes, unbehagliches Gebiet, das in der Ferne, von dunklen Häuserblocks mit vielen, hellen Fensterpunkten begrenzt, sich im Glast des Vollmondes breitete. Offenbar war es bestimmt, bebaut zu werden. Denn zwischen öden, von Gras und Unkraut überwucherten Strecken zog sich ein Netz von geraden, gepflasterten, auch schon mit Bordsteinen von Granit eingefaßten Wegen hin, die bestimmt waren, die Fahrdämme neuer Straßen zu werden. Hier und da standen regelmäßig aufgeschichtete Haufen von Pflastersteinen aus Grauwacke da und starrte ein wildes Durcheinander von zerbrochenen Ziegeln und Mauersteinen, zerbröckeltem Gipsstuck und anderem Gerumpel, das eine Hohle des Geländes ausfüllen sollte. An anderen Stellen waren am Rande der Ausschachtung zu einem Neubau Haufen roher Mauersteine, Leitern, Bretter, abgeschälte Tannenstämme und sonstige Baurüstung zu sehen. Ein paar dürftige Bäume hier und da in der Weite, ein Gestrüpp, eine weite Wüstenei von sehr hohem, gebüschartig aufgeschossenem Unkraut, das einen üblen, modrigen Geruch hauchte. Ab und zu auch ein Stück Kartoffelacker, ein paar kümmerliche Gemüsebeete. Am Himmel eilten große, weiße Wolken hin, die der Mond zuweilen mit silberbläulichen, rötlichen und krokusfarbenen Tönen färbte. Ein scharfer, kühler Wind pfiff daher. Auf einem der gepflasterten Wege schritten sie dann weiter vorwärts. »Es ist schön hier«, äußerte Silvercron plötzlich. »Na, kann ich nicht gerade sagen«, lachte Tom auf. »Ich finde es schauderhaft. – Was wollen wir eigentlich hier?« »O doch, es ist schön. – Der Mond, die Wolken, der schöne, frische Wind.« »Ja, wo wollen wir eigentlich aber hin?« Doch Silvercron ließ die Frage unbeantwortet. »Ich wollte also so gern deine Ansicht über ›Les Aveugles‹ erfahren. – Ich wollte mir ja selbst erst eine feste Meinung bilden. – Es liegt mir so viel daran.« »Ja, na aber, lieber Silvercron«, lachte Tom. »Ich Hab dir ja schon heut morgen gesagt, daß ich selber gar nicht verstehe, was das Drama will. – Ich finde überhaupt, daß es gar keins ist. Höchstens eine Stimmung, eine tragische Situation, wenn man so will.« »Kein Drama? O doch, ja! – Aber das ist ja auch egal. Es ist doch so tragisch, daß alle die Blinden da um den toten Führer herum am Meer sitzen – und wissen nicht, was sie anfangen sollen, dem Untergang preisgegeben.« Tom schwieg. Irgendein Unterton von Silvercrons Rede machte ihn jetzt immerhin aufmerksam. Silvercron bog jetzt in einen Seitenweg ein, der zur westlichen Vorstadt hinüberführte. »Wenn ich, zum Teufel, nur wüßte, wo er eigentlich hin will?« dachte Tom mit einem halb neugierigen, halb belustigten heimlichen Lachen. Der Wind trug das ferne Brausen der Stadt herüber. Man hörte das dumpf knatternde Rollen eines fernen Eisenbahnzuges, sein Helles, langanhaltendes Pfeifen. »Kennst du Hartmanns ›Philosophie des Unbewußten‹ und Mainländers ›Philosophie der Erlösung‹?« »Was? – Hartmanns ... Nein!« antwortete Tom. »Nur aus einem Referat, das ich gelegentlich mal las. – Und Mainländer? Der hat ja wohl das nahe bevorstehende Ende der Menschheit gelehrt? Und er hat sich ja wohl das Leben genommen?« »Du kennst schon viel, ich weiß«, sagte Silvercron aus irgendeiner Ideenverbindung heraus. »Na, ich habe dies und das mal gelesen, oder davon gelesen, ja; sonst wüßt' ich nicht«, lachte Tom. »Den ›Zarathustra‹ hab' ich mal durchgelesen, auch sonst dies und das von Nietzsche. – Aber ich mache mir ganz und gar nichts aus Nietzsche. Das ist mir alles so konfus. Es ist ja glänzend geschrieben, aber eigentlich ist es innerlich konfus. Wenigstens habe ich den Eindruck. Ich werde nicht draus gescheit. Es ist, als wollte er einen an der Nase herumführen. Oder, ich weiß nicht.« »So! – Ach, das ist sehr interessant, sehr! – Ja, ja, ich weiß ...« Silvercron war lebhaft geworden. »Ich weiß: nicht reaktionär, und trotzdem machst du dir nichts aus Nietzsche. Er stößt dich ab. Ganz instinktiv stößt er dich ab. – Sehr interessant ist das! – Du beruhigst dich nicht bei der überkommenen Schablone, sondern gehst vorwärts. – Eben! Ich weiß! – Aber – Nietzsche stößt dich ab! – Aber Nietzsche will vielleicht auch abstoßen. – Von sich abstoßen.« Er versank wieder in Schweigen. Es schien Tom, als ob er jetzt schneller ginge, ganz merkwürdig schnell, als ob er nur so über den Boden hinschwebte. »Nie hätt' ich seinen dünnen Beinchen zugetraut, daß sie solche Kraft und Ausdauer hätten«, dachte Tom. »Und man hört nicht mal seinen Atem dabei.« Aber jetzt bog Silvercron plötzlich vom gepflasterten Wege ab und fing an, ein gepflügtes Brachfeld zu überschreiten. Als Tom aber verwundert aufblickte, nahm er am anderen Ende der breiten, sehr ausgedehnten Ackerfläche, durch deren große, aufgeworfene Schollen sie sich jetzt vorwärtsmühten, langhingedehnt im bleichen Mondglast die Mauer des großen städtischen Westfriedhofes wahr, der zwischen der Stadt und der westlichen Vorstadt lag. »Was ist denn das? Warum will er auf diesem unbequemen Wege auf den Westfriedhof los?« dachte Tom. 34. Nach Ablauf von fünf Minuten waren sie bei der Mauer des Friedhofes angelangt, die hier fast unmittelbar, nur durch einen schmalen, von Gekräut überwucherten, nichts weniger als sauberen und angenehmen Grasstreif von ihm getrennt, an den Acker angrenzte. Silvercron war auf diesen Streif hinaufgestiegen, hatte sich nach rechts gewandt und schritt nun an der Mauer hin. Tom war stehengeblieben, um sich der ungemütlichen Situation wegen eine Zigarette anzuzünden; aber als er Silvercron dann folgte, zog er es, anstatt auch seinerseits den Grasstreif zu betreten, vor, in der obschon unbequemen Ackerfurche zu bleiben. Er wunderte sich im stillen, wie der peinlich saubere Silvercron diesen Weg da beschreiten konnte. Sie waren wieder gut fünf Minuten weitergegangen, als sie die Ecke der Mauer erreichten und auf ein noch nicht fertiggestelltes, mit grobem Kies beworfenes Trottoir gelangten. Eine erst im rohen angelegte neue Straße, die am Friedhof hinführte, verlängerte hier ihren Fahrdamm in das unbekannte Gelände hinein. Dicht an der Mauer hin führte das kiesbeworfene Trottoir weiter die sehr lange Straße hinauf. Sie war noch ganz kahl. Doch auf der anderen Seite befanden sich in Abständen voneinander, aber auch ihrerseits ein beträchtliches Stück weiter oben in der Straße, einige fertige Rohbauten. In noch weiterer Entfernung gewahrte man die gelben Lichtpunkte von zwei Laternenreihen, die den bereits bebauten und bewohnten Teil der Straße bezeichneten. Hier aber, wo Silvercron und Tom sich befanden, war alles kahl, öd und dunkel. Nur der Mondglast lag auf dem hellen Kalkbewurf der Mauer und auf den überragenden schwarzen Lebensbäumen, in denen der Wind ein scharfes, pfeifendes und winselndes Sausen erregte. Ganz von fern vernahm man das gedämpfte Rauschen des Stadtverkehrs. Keine lebende Seele war weit und breit wahrzunehmen. »Aha!« dachte Tom. »Aber glaubt er, mir damit imponieren zu können? Offenbar will er mich gespannt machen. – Na, nur zu!« Die Wanderung ging jetzt auf dem gräßlichen, groben Kies, den man durch die Schuhsohlen hindurchfühlte, weiter. Als sie aber etwa hundert Schritte getan hatten, sahen sie sich vor einem nicht zu hohen, eisernen Gittertor, vor welchem Silvercron stehenblieb und sich nach Tom, der ein Stück zurück mit dem rotglühenden Pünktchen seiner Zigarette dahergeschlendert kam, umsah. Er bot in der vom Mond taghell gelichteten öden Straße, die nur von den pfeifenden, winselnd sausenden Windstößen und den scharfen, mißtönigen Lauten der Lebensbäume belebt war, da vor dem alten, rostigen, toteinsamen Gittertor einen Anblick, der Tom unwillkürlich traf. Die kleine, hängeschulterige, schmächtige Gestalt, ganz in Grau, mit dem bleich phosphoreszierenden Dantegesicht und dem steifen, breitkrämpigen, niedrigen, schwarzen Hütchen bot eine fast groteske Karikatur und machte doch einen undefinierbar übernatürlichen, geisterhaften Eindruck. »Was bleibst du denn hier stehen?« fragte Tom, unwillkürlich irritiert. »Wir wollen auf den Friedhof.« »Ja, wie denn? Er ist doch verschlossen?« »Wir steigen über.« Und schon hatte er beide Arme in die Höhe gereckt und zwei der Eisenstäbe oben umklammert. Die weiten Jackettärmel, die ihm samt den Manschetten zurückgerutscht waren, entblößten weit seine fast erschreckend dünnen Handgelenke, deren Knochen sich scharf durch die anämisch weiße Haut hindurchmarkierten. Jetzt hatte er den einen Fuß auf das Schloß gesetzt, war mit einem wunderlich behenden Schwung oben, hob mit der gleichen Behendigkeit, jedoch der Spitzen wegen, welche die Stäbe oben hatten, vorsichtig, ein Bein über, zog dann das andere mit gleicher Vorsicht nach, und gleich darauf sprang er ab und stand auf dem breiten, mondlichten Kiesweg, der innen auf das Tor zu führte. Tom lachte, schwang sich gleichfalls über und sprang zu Silvercron herunter ab. Er schickte einen Blick über das Friedhofsgelände hin. Unwillkürlich sagte er: »Sag' mal, kommst du öfters nachts hierher?« Silvercron bejahte. »Allein natürlich. – Und du fühlst dich hier wohl?« Silvercron bejahte abermals. »Wetter!« stieß Tom hervor. Es war das vor einigen Jahren neu hinzugekommene Terrain des erweiterten Westfriedhofes, auf dem sie sich befanden. Man erkannte das an dem Umstände, daß eine weite Strecke an der an das Ackerstück, das sie vorhin überschritten, angrenzenden Mauer hin bis gegen den großen Mittelweg heran noch frei von Gräbern war, und daß auf der anderen Seite des Weges frische Gräberreihen sich hinzogen, auf denen zum Teil noch die frischen Beerdigungskränze lagen; auch ein paar ganz frisch aufgeworfene Gräber waren da, welche auf ihre Särge warteten. Etwas weiter in den Friedhof hinein und weit bis zur jenseitigen Mauer hinüber erstreckten sich lange Gräberreihen. Sie waren gleichfalls noch nicht so besonders alt, doch hatten die meisten schon Leichensteine, waren in Ordnung gebracht, auch hatten viele bereits Gitter, und es waren Lebensbäume, andere Bäume und Buschwerk angepflanzt. Der Friedhof lag im taghellen Mondlicht. Hier und da funkelten und flinkerten Kränze aus Glasperlen oder Goldbuchstaben auf einer weißen Schleife. Das grelle Weiß von Leichensteinen, das sich gegen die schwarzen, im Wind heulenden und sausenden, nach Nordost übergebogenen Lebensbäume gespenstisch abhob. Ein Ruch von Buchsbaum und Tannenreisig oder von Lack, vom Wind dahergetragen. Von drüben, in ihrer Entfernung, beinfahl die getünchte Mauer. »Ah so!« Tom hatte, etwas unruhig, die Lippen gekniffen und die Zigarette, die er anfangs noch weitergeraucht hatte, beiseitegeworfen. Der Wind fuhr in ihren Brand hinein und trieb die roten Funken mit gespenstischer Hast über den Weg hinaus in die Gräberreihen hinein. Fröstelnd verfolgte Tom diesen wunderlich lebendigen Tanz. »Wie die Personifikation des leibhaften Freund Hein steht er da, starrt mich an und sagt nichts«, dachte er mit Bezug auf Silvercron, der ihn jetzt für einen Moment direkt unwirklich und unheimlich berührte. »Komm, bitte!« Tom schrak ein wenig zusammen, als er die leise, ausdruckslose, kühle Stimme vernahm. »Hier ist es nicht, wir müssen zum alten Friedhof hin, zum ältesten Teil.« Silvercron hatte sich wieder in Bewegung gesetzt und schritt mit diesen geschwinden Schrittchen, die den Anschein gaben, als ob er schwebe, weiter den Weg hinauf. Tom folgte, unwillkürlich zunächst in einiger Entfernung. »Es ist einhalb nach elf«, dachte er. Nach einer Weile gesellte er sich zu Silvercron. »Du gehst wirklich nachts öfters hierher?« »Ja, ja.« »Und hältst dich längere Zeit hier auf?« »Ja.« »Und das gefällt dir?« »Ja, o ja.« »Auch bei schlechtem Wetter?« »Auch mal! Ja! – Ich kenne den Friedhof in verschiedenen Stimmungen. – Aber, das heißt, ich komme doch nur selten her. – Nur bei bestimmten inneren Angelegenheiten.« Tom schwieg. Er beobachtete ihn. Silvercron machte den Eindruck vollkommenster Ruhe. Als sie die Mitte des Weges erreicht hatten, bog er nach rechts ab in einen anderen Hauptweg ein, der den bisherigen schnitt und in das Gebiet des älteren Friedhofteiles hineinführte. Sie waren einige Zeit vorwärtsgeschritten, durch das Gesaus des Windes hindurch, der jetzt auf beiden Seiten des Weges sein Wesen hatte, weil viel große Bäume und Buschwerk da waren, als Silvercron sagte: »Das ist der Wind, der saust. – Das sind die Mondlichter, die weißen Flecken, die da hin und her huschen.« »Abgeschmackt!« dachte Tom, ohne aber weiter etwas zu antworten. Er blieb, hier und da verweilend, um ein Grab und einen Grabstein, Blumen, einen in voller Blüte stehenden Rosenbusch zu betrachten, wieder zurück. Auf einem Grabstein aus schwarzem Marmor erblickte er zwei vergoldete, verschränkte Hände. Darunter stand in Goldbuchstaben im taghellen Mondglast deutlich zu lesen: »Hebet eure Augen auf zu den Bergen, von denen euch Hilfe kommt.« In all der windsausenden Gräberöde, die ihn mit den Gedankenverbindungen, welche sie ihm mitteilte, etwas nervös machte, und in dem Unmut, den ihm der, wie er meinte, offenbar posierende Silvercron mit dieser ganzen, halb verrückten, halb komischen, zwecklosen Friedhofsexpedition verursachte, tat ihm der schöne Spruch wohl und lenkte seine etwas krausen Gedankengänge ab. Er ging weiter, Silvercron nach, der ein gut Stück mit seinem eiligen Gang vor ihm mitten auf dem Wege gleichsam vorwärtsschwebte. Seine hängeschulterige, schmächtige Gestalt mit den dünnen Beinchen war in ihrem grauen Anzug vom Mondglast in ihrer Kontur wunderlich verwischt, schwebte dahin wie ein seltsames, rauchartiges Schemen. Der Umstand, daß er sich so gar nicht mal umwandte, verstärkte den Eindruck bis zu einer seltsamen momentanen Illusion, die Tom, der mit einemmal das Gefühl hatte, er sei auf dem großen, nachtöden Friedhof allein, wieder geradezu unheimlich berührte. Doch plötzlich mußte er lachen. Denn es war ja doch wahrhaftig Silvercron, der vor ihm herschritt. Die dünnen, trippelnd schwebenden Beinchen, das sonderbare, steife, niedrige, schwarze Hütchen: Er erschien ihm plötzlich wieder komisch. Sie waren wieder ein gut Stück vorwärtsgekommen. Der Friedhof wurde immer dichter und schöner, als Silvercron abermals, diesmal nach links, in einen schmalen, mit hohem, altem, dunklem Buchsbaum eingefaßten Weg einbog. Dieser Weg führte auf die Mauer zu, die den Friedhof gegen die westliche Vorstadt abgrenzte. Eine Gräberstätte nach der anderen reihte sich an ihr hin, mit schönen alten Tannen, Linden, Lebensbäumen, Taxusbüschen, Trauerweiden, Trauereschen und Blutbuchen. Sie verfolgten den Weg hier nach rechts noch tiefer in den Friedhof hinein. Als sie ein Stück weitergekommen waren, führte er um eine Ecke herum, welche die Mauer machte, und als sie etwa noch zwei Minuten zurückgelegt hatten, befanden sie sich in dem ältesten, schon seit Jahrzehnten unbenutzten Teil des Friedhofes. Er bot sich als ein ziemlich ausgedehntes, gänzlich verwildertes, von hohen, alten Bäumen und dichtem Buschwerk bestandenes Revier. Der Boden war von schönem, hohem Gras üppig überwuchert, mit Blumen, auch Brennnesseln und sonstigem Unkraut dazwischen. Hier und da war ein grünübermoostes Stück Weg, auf dem einzelne, dicke Grasbüschel wuchsen, zu erkennen. Die verfallenen alten Gräber ragten aus dieser Wildnis kaum hervor. Verschiefte, rostzerfressene Grabkreuze standen umher, und alte, von Moos und Flechten überzogene, verwitterte Grabsteine und Maler. Dicht neben einer herrlich gewachsenen, breitausgreifenden alten Rottanne stand still in einem Stück silbrig gelichteten Nachtblaues am Himmel die gleißend helle Scheibe des Vollmondes, wie mit ihren zartgrauen Schattenflecken auf dem goldenen Grund stumm und traumhaft magisch fernferne Welten und Länder sagend und verbürgend. Der Nachtwind setzte die alten Wipfel in ein friedlich feierliches Brausen. In dem taghellen Licht wirkte das herrlich wie die groß erwachenden Stimmen des ersten mystischen Morgenlichtes irgendeiner geheimnisvoll überirdischen Welt. Gelegentliche, länger anhaltende Windstöße in den hohen Büschen hatten etwas von dem Rauschen feierlicher, unsichtbar gegenwärtiger Gewänder. Langsam schritt Tom hinter Silvercron her in dies Revier hinein. »Nicht wahr, es ist schön hier?« Silvercron war stehengeblieben und hatte sich mit einemmal gegen Tom herumgewandt. Seine grauen, brauenlosen Augen sahen Tom aus dem förmlich weißen, wunderlichen Dantegesicht an. Es war aber sonst ohne einen bestimmteren Ausdruck. »Ja, hier ist's wirklich schön«, bestätigte Tom. Silvercron wandte sich wieder ab, schritt langsam auf einen niedrigen, von Moos und Flechten formlos gewordenen, niedrigen Grabstein zu und ließ sich in eine üppige Wildnis von Efeu und Immergrün hinein nieder. Tom seinerseits trat an ein hohes, altes Grabmal heran, das ein altrömisches nachahmte und zwei nach unten gekehrte, gekreuzte Fackeln und eine Schlange zeigte, die sich in den Schwanz biß. Über die eine Ecke hing starr ein grünübermooster steinerner Mantel herab. An der anderen Ecke stand ein großer, verwilderter Rosenbusch, über und über voller Blüten und an das Mal angeschmiegt. Leise, mit einem seinen Violett hob der Mondglast die vielen Rosen aus dem dunklen Grün hervor. Gegen das Mal gelehnt, sah Tom zu der kleinen, grauen Gestalt hinüber, die, vor sich niederblickend, unbeweglich dahockte. » Vinca minor , kleines Immergrün«, sagte er halblaut vor sich hin. »Schade, daß es nicht blüht; die anderen Arten haben so schöne blaue Blüten.« Silvercron hob für einen Moment das Gesicht und sah zu Tom herüber, senkte es dann aber wieder, ohne etwas zu sagen. Es blieb eine Stille. »Das ist es, was ich dich also fragen wollte, Körber«, sagte er endlich. »Wie sollen sie sich nach Hause finden?« »Wer?« frug Tom, aus seiner Stimmung aufgeschreckt. »Die Blinden, die Blinden. – Les Aveugles . – Wer sie sind, das wissen wir ja. – Es ist ja ein symbolistisches Drama.« Nachdem Tom einen kleinen Unmut überwunden hatte, sagte er: »Das ist ja doch aber der Unsinn, das Gemachte an dem Drama! Daß die Blinden nicht nach Hause finden sollen. Wie soll man das denn glauben? Es ist doch nicht anzunehmen, daß der Führer sie einen Weg spazierengeführt hat – denn es handelt sich doch nur um einen täglichen Spaziergang, nicht um eine Wanderung in eine Gegend, die ihnen ganz unbekannt wäre –, einen Weg geführt hat also, der ihnen gänzlich unbekannt wäre? Hat sie der Führer aber wirklich einen Weg geführt, den sie bis dahin noch nicht gemacht haben, so ist doch auf jeden Fall nichts selbstverständlicher, als daß die Blinden sich, wenn auch mit Müh' und Not, allein zum Hospiz zurückfinden. – Übrigens: ›Blinde!‹ Er hat sie so lange und treu immer geführt, und sie sollten wirklich noch ›blind‹ sein? Sollte um die, die da noch blind sind, wirklich so schade sein, wenn sie umkommen? – Aber sie wissen also ganz genau, daß sie bloß landeinwärts zu gehen brauchen, und ihre feinen Sinne haben sicherlich dabei tausend Gefühlsunterscheidungen, daß sie die ungefähre Richtung zum Hospiz zurückfinden und einhalten. – Außerdem ist doch auch der Hund gekommen. Und dann ist doch nichts selbstverständlicher, als daß vom Hospiz her sie wer suchen kommt, ihnen entgegengeht. Als ob, wenn der Führer tot ist, nicht sofort ein neuer da wäre! Und als ob der Führer, der Führer, selbst wenn er tot wäre, nicht immer bei ihnen wäre! Wofür wäre er denn dagewesen? – Na also was noch? Das Drama ist, genau zugesehen, ein Unsinn, eine Schiefheit, ein schlappes Gemachte. Es hat seine Pointe verfehlt.« Silvercron hatte, ohne den Blick von Tom zu lassen, ihm zugehört. Als Tom aber geendet hatte, sagte er, zu Toms äußerster Verwunderung, mit einem direkt blöden, fast trottelhaft verlegenen kleinen Lachen: »Ja, aber das Drama hat doch so wunderbar feine Einzelheiten.« »Wie? – Ach so! – Na, mag sein! Sie werden die Hauptsache nicht retten«, wehrte Tom, jetzt direkt ärgerlich, ab. Es blieb ein Schweigen. Mit einemmal aber sagte Silvercron vor sich hin: »Bis hierher hat der Führer die Blinden geführt, wo alles zu Ende ist. – Wohin aber kann sie der Führer denn überhaupt führen als bis dahin, wo alles zu Ende ist? Und nun gibt es kein Weiter und Drüberhinaus mehr! Es ist zu Ende.« Er erhob sich. »Wollen wir jetzt gehen?« »Ja, aber wie denn?« Tom lachte geradeheraus auf. »Bloß um mich das zu fragen, hast du mich hierhergeführt? Und noch dazu bist du nachträglich trotzdem bei deiner Auffassung geblieben? – Na, immerhin: der Fleck hier war ja meinetwegen ganz – romantisch. Aber ...« Tom zuckte die Achseln. »Ja«, sagte Silvercron, vor sich niederblickend. »Aber – nicht wahr, wir gehen also?« »Na, hoffentlich nicht noch mal denselben Weg zurück«, lachte Tom. »Nein. – Gleich hier über die Mauer.« »Na, ganz gut! Dann bin ich doch wenigstens gleich zu Hause«, sagte Tom. 35. Obgleich von dem Abenteuer mit Silvercron in mancher Hinsicht tiefer berührt, hatte es Tom doch im ganzen für eine Abgeschmacktheit angesehen und war der Auffassung geblieben, Silvercron habe posiert und sich interessant machen wollen. Er hatte sich darin nur bestärkt gefühlt, als Silvercron am nächsten Tag in der Schule seinen Gruß nicht erwidert und sich überhaupt von da an ihm gegenüber in einer Weise fremd benommen hatte, als hätten sie nie etwas miteinander zu tun gehabt. Tom war das im Grunde recht, und er hätte die Sache vielleicht vollständig vergessen gehabt, wenn sich nach Ablauf von vier Wochen nicht etwas höchst Seltsames ereignet hätte. Am Vormittag hatte Silvercron in der Klasse gefehlt. Das war Tom weiter nicht auffällig gewesen, da er krankheitshalber ja öfters fehlte. Als Tom dann aber am Nachmittag in die Klasse eintrat, kam man ihm sofort mit der entsetzlichen Nachricht entgegen, daß man heut früh Silvercron im alten Westfriedhof vor einem alten Grabmal neben einem großen Rosenbusch erschossen aufgefunden hätte. Den Revolver hatte er noch in der Hand gehabt. Er hatte sich von dieser furchtbaren Mitteilung sofort aufs tiefste erschüttert gefühlt. Mit einem Schlage erschien ihm sein damaliges nächtliches Abenteuer in einem ganz anderen Licht. Nun konnte ja kein Zweifel mehr sein, daß Silvercron alles nur zu ernst gewesen war. In der ersten Zeit litt er in einer geradezu entsetzlichen Weise. Fast wurde er selber krank und fiel zu Hause durch sein verstörtes Wesen auf. Es war ja so ein ganz merkwürdiger Umstand, daß Silvercron sich gerade vor dem Grabmal und unter dem Rosenbusch, wo er damals gestanden, erschossen hatte. Gerade, als habe er ihm damit etwas Besonderes sagen wollen! Und so peinigte er sich wochenlang mit dem fürchterlichen Gedanken, daß er die Ursache von Silvercrons Selbstmord sei. Der Umstand, daß Silvercron am Morgen nach dem Friedhofsgang seinen Gruß nicht erwidert und jede Begegnung mit ihm von da an vermieden hatte, erschien ihm nunmehr in einem ganz anderen Licht. Er fühlte, daß sich's dabei um kein bloßes, abgeschmacktes Übelnehmen gehandelt, sondern daß Silvercron sich in seiner sonderbaren, menschenscheuen Weise nur ganz wieder in sich selbst und seine inneren Angelegenheiten hinein zurückgezogen hatte. Und weiter fühlte er, daß Silvercron gerade gehofft, in diesen sicherlich sehr unglücklichen und trostlosen inneren Angelegenheiten von ihm, Tom, eine Klärung und den Trost eines sicheren, festen Standpunktes zu gewinnen. Offenbar war er nämlich über Nietzsche, Hartmann und Mainländer her zu der Überzeugung gelangt, der »Führer« der Menschheit sei tot, und gleich jener Schar von Blinden in Maeterlincks Drama sei sie nun rettungslos ihrem Untergange preisgegeben. Zugleich verstand er aber, daß diese Überzeugung, ganz abgesehen von der Anregung, die Silvercron von Nietzsche, Hartmann und Mainländer erfahren, durch sein eigenes Wesen gleich von vornherein genährt worden war, und daß Silvercron selbst sie mit konkreteren Einzelheiten und seelischen Erfahrungen und Eigenerlebnissen ausgebaut hatte, von denen er sich zwar keine näheren Vorstellungen machen konnte, aber doch so viel begriff, daß sie für ihn tödlich werden mußten, wenn er sich nicht aus ihrer Wirrung herauszufinden vermochte. Diesen Versuch hatte er nun aber machen wollen. »Offenbar hatte er mich«, sagte sich Tom, »schon längst immer beobachtet, vielleicht auch Erkundigungen über mich eingezogen, mein Wesen war ihm besonders sympathisch gewesen, er hatte Zutrauen zu mir gefaßt, und dies Zutrauen hatte sich zu der Hoffnung gesteigert, ich könnte ihn von seinem seelischen Zustand erlösen.« Diese Erwägung hatte für ihn etwas Rührendes und Tieferschütterndes. »Aber wie denn, hätte ich denn seine Hoffnung erfüllen können?« fragte er sich weiter. »Ich, der ich ja doch selbst noch gar nichts weiß, mich selber erst umtun muß? Aber er ist ja viel zu klug gewesen, als daß er sich das nicht selber gesagt hätte. – Nein, es liegt so, daß er von mir weniger eine bestimmte, sicher in sich geschlossene Weltauffassung erwartete, als rein so eine Äußerung meines ihm sympathischen, immer von vornherein sicherer und positiver gerichteten, alles in allem wohl gesund im Leben stehenden, synthetischer veranlagten Wesens; also einen näheren Umgang, von dem er sich dann etwas für sich erhofft hat. Freilich, dann hat es ihm ja nicht viel bedeuten können, daß ich, allerdings, oh, leider, leider! in ungehaltener und gelangweilter Stimmung – aber weshalb mußte er seine erste Annäherung auch in solch einer Weise in Szene setzen? –, in abweisender Stimmung also, einen Gedanken mitteilte, der ihm ja immerhin eine Handhabe gegen seine Konflikte bieten konnte, indem ich ihn auf den geradezu schlappen Grundfehler dieses ganzen dummen Dramas aufmerksam machte. Aber dann repetierte er ja trotzdem, ohne sich auch nur auf eine nähere Erörterung einzulassen, einfach wieder seine Auffassung von der Sache. So merkwürdig endgültig, abgeschlossen, schicksalshaft, daß es mich ja mit einem so merkwürdigen innerlichen Schauer traf, trotz meines Verdrusses und meiner Langeweile. Die Sache ist also doch auch wieder gar nicht zu verstehen. Hier ist etwas Sonderbares, geradezu Mystisches, dem ich nicht beikommen kann. Vielleicht etwas, was außer uns beiden, auch außer ihm selber, in der ganzen Situation lag. Man kann nur sagen: sein eigenes, unabänderliches Schicksal. Als ob er es mir, und gerade mir, vielleicht halb unbewußt, hätte vor Augen rücken wollen; in Wirklichkeit bereits gar schon den Entschluß gefaßt hätte, sich zu töten? – Ich mag's aber wenden wie ich will: Was ich habe tun können, hab' ich ja immerhin getan; denn erstens bin ich ja doch auf seine Annäherung eingegangen, und dann hab' ich ihm mit bestem Wissen und Gewissen das Wort gesagt, das einzig zu sagen war, jedenfalls: das ich ihm einzig zu sagen vermochte. – Also war ihm nicht zu helfen. Und fast ist es mir jetzt vollkommen klar, daß er schon, als er damals zum ersten Male in der Klasse an mich herantrat, innerlich den Entschluß gefaßt hatte, sich zu töten. – Aber was ist er dann für ein seltsamer, eigenartiger Mensch gewesen!« Es war diese letzte Erwägung, die in Tom, auch als er sich über den ersten, peinlichsten Eindruck des traurigen Ereignisses und seine selbstquälerischen Anwandlungen hinweggebracht hatte, ein für allemal haften blieb. Niemals in seinem Leben sollte er je wieder diesen seltsamen Silvercron und sein Ende vergessen. »Aber wie war das nun«, überlegte er. Dieser Silvercron war sicher nicht der erste, beste Dummkopf, der sich bloß wichtig machen, schwätzen, posieren wollte, er hatte es bitter ernst genommen, in seiner Weise Rasse gehabt. Wie also war es nun, wenn solche Menschen heute vorhanden sind, und wenn die Nietzsche, Hartmann, Mainländer vorhanden waren und mit ihren Ideen auf Tausende und aber Tausende einwirkten? Hatten sie dann nicht in irgendeinem Sinne recht? Er wußte wohl, daß sie mit ihrem Pessimismus in die Irre gingen, daß er sogar das Allertörichtste und Konfuseste war, daß kein gesunder, sicherer Verstand in ihm war, sondern ein heillos in tausend flinkernde Stücke zerbrochener, und die Antwort, die er Silvercron auf seine Frage gegeben hatte, war der innersten, unerschütterlichsten, unwandelbarsten Anlage und Überzeugung seines Wesens entsprungen gewesen: Aber in irgendeinem Sinne mußten sie ja doch recht haben, wie sonst hätten sie so viel Aufmerksamkeit und Widerhall finden können? Und aus dieser Erwägung erwuchsen ihm jetzt tausend Fragen und neue Interessen und zum ersten Male der Trieb, sich mit den Schriften von Nietzsche und der anderen, vor allem aber mit den großen Vorgängen und Zuständen im europäischen Gemeinwesen näher vertraut zu machen. Davon aber abgesehen war es ein eigentümlicher Zug von ihm, daß er zugleich immer wieder Versuche machte, einen Charakter von der Art Silvercrons bis tief unter seine Oberflächen hinein auszuholen. Und ferner war es für sein Wesen kennzeichnend, daß er zu niemand, auch nicht zu Onkel Anton, über diese neuen Vorgänge seines Innenlebens sprach. Zu Onkel Anton wollte er sich aber aus dem Grunde nicht äußern, weil er von vornherein fühlte, daß dieser dann sofort versuchen würde, ihn wieder als einen »akuten Patienten« zu behandeln, der in Gefahr stünde, ein »chronischer« zu werden, während er selbst doch mit Sicherheit fühlte, daß sich's hier um eine Angelegenheit handelte, die ihm nur selbst etwas anging und die er unter allen Umständen mit sich selbst innerlich auszumachen hatte. Und gerade dies Gefühl war dann wohl das Anzeichen, daß er endgültig in das Stadium einer ersten in sich abgeschlosseneren Reife und Selbständigkeit eingetreten war. Es geschah in dieser Zeit, daß sein Verkehr mit Klaus Wolfram zwar nicht aufhörte, aber ein weniger häufiger wurde. Er hatte jetzt von Klaus den Eindruck, daß er sich auf ein und demselben Fleck um sich selbst drehe und dies niemals anders sein werde. Er hatte die Überzeugung, daß Klaus mal ein sehr tüchtiger naturwissenschaftlicher Spezialist werden würde, darüber hinaus wohl aber nichts. »Er ist doch ein eigentümlicher Junge«, äußerte Anton Körber eines Tages seiner Mutter gegenüber mit Bezug auf Tom. »Ich getraue mir doch eigentlich nicht mit Bestimmtheit zu sagen, wo's mit ihm hinaus will.« »Na, was für ein Unsinn! Willst du damit etwa sagen, daß nichts aus ihm wird?« Die alte Dame war fast in ihr altes, aufbrausendes Temperament hineingeraten, so hatte sie empört, daß aus ihrem Tom nichts werden sollte. »Nein, nein, nicht doch, Mama!« Anton lachte. »Das ist's doch wahrhaftig nicht, was ich sagen will.« »Na gottlob! Ich dächte doch wohl auch gar«, schloß Mama ab. »Ganz selbstverständlich, daß etwas im bürgerlichen Sinne Anständiges aus ihm wird, das ebenso selbstverständlich über das gute Mittelmaß hinausragt. Sowohl sein Ordnungssinn, sein Ehrgeiz, vor allem sein, Gott sei Dank, so gut und stark entwickeltes Familiengefühl, garantieren das. Aber das bedürfte ja gar nicht weiter der Rede, es wäre nichts Besonderes, würde mich, wie soll ich sagen? enttäuschen. Denn es wäre nicht das, was er zu versprechen scheint.« »Nun ja!« sagte Mama leise. Sie hatte sich in ihrem Sessel zurückgelehnt und sah beiseite, zum Fenster hin. Sie trommelte dabei leise mit den Fingernägeln auf dem Fensterbrett, womit sich vielleicht noch die letzte Spur ihrer vorigen Aufgeregtheit verriet. Nicht ohne eine kleine ernste Nachdenklichkeit verfolgte Anton diese Bewegung ihrer kleinen, welker gewordenen Hand. Sie verriet noch immer die angeborene, temperamentvolle Resolutheit ihres Charakters, ließ Anton zugleich aber daran denken, wie kränklich reizbar und in ihren Stimmungen wechselnd sie seit Papas Tode geworden, und wie sie außerdem durch die fremde, ungewohnte Umgebung, die ihr ältester Sohn Eugen mit seinen weltmännischen Neigungen und zugleich das neumodisch kühle, egoistisch anspruchsvolle Wesen von Eugens Gattin in das alte Haus gebracht hatte, litt. Der letztere Umstand hatte sogar einen wärmeren Anschluß an Lise zur Folge gehabt. Die beiden Frauen hatten sich vollkommen ausgesöhnt und verstanden sich jetzt sogar sehr gut miteinander. »Er malt und zeichnet«, fuhr Anton fort, seine letzte Stimmung unterdrückend und wieder auf Tom zurückkommend. »Er ist musikalisch, dichtet. Das alles – und zwar alles! – mit so sonderbar gleichmäßiger Begabung, und sogar über das bloß gut Dilettantische hinaus.« »O Gott, Anton! Wenn ihm diese Gaben später mal zur Verschönerung seines Lebens und zur Zerstreuung dienen, so erfüllen sie, sollt' ich meinen, ihren Zweck vollständig. Der Gedanke, daß er heute, in unseren so unruhigen und zerfahrenen Zeiten, wo alles auf der widerwärtigsten und oberflächlichsten Reklame beruht, etwa ein Künstler werden sollte: er würde mich wahrlich mehr beunruhigen als erfreuen.« »Ich verstehe dich, Mama. Mir geht es genau so. Aber das ist es auch gar nicht, was ich meine. Alle diese Fähigkeiten sind mir ja bloß Merkmale für eine ganz andere Hauptsache. – Ich glaube auch nicht im Ernst daran, daß Tom den Trieb hat oder jemals haben wird, ein bedeutender Maler, Dichter oder Musiker zu werden. Ganz abgesehen davon, daß unsere Zeiten gar nicht und von Tag zu Tag immer weniger für eine solche Entfaltung eines wirklich charaktervoll bedeutend angelegten Menschen günstig sind, ist es ja eben das Seltsame, daß seine Anlagen hier so durchaus gleichmäßig, und jede bedeutend, entwickelt sind, daß eine nicht den Trieb hat, die andere in den Hintergrund zu drängen. – Ja, und gerade das ist es, was ich meine, ist die merkwürdige Hauptsache, auf die ich anspiele. Nun, und mit seinen naturwissenschaftlichen und philosophischen Anlagen und Beschäftigungen steht's genau so. Es handelt sich ja hier, wie in allem übrigen, selbstverständlich nur um Anfänge: Aber was hat er für Intuitionen und Einfälle! Was für auf ein größeres Umfassen eingestellte Überblicke! Und was für ein enormes Gedächtnis! Gerade auch Feingedächtnis! Und was für einen bei allem immer auf das Wesentliche eingestellten Blick! Ich gebe ihm z. B. ein wissenschaftliches Werk. Mit Absicht etwa eins, das sein augenblickliches Verständnis noch übersteigt. Aber er liest es trotzdem durch. Und zwar erstaunlich schnell. Es ist dabei selbstverständlich, daß er dreiviertel davon entweder noch gar nicht, noch nicht mal seiner Terminologie nach, versteht, daß er über viele Seiten bloß so hinwegfliegt: Aber dann, wenn er das Buch durchgelesen hat und ich ihn frage, gibt er mir nicht nur ein brauchbares Resumé, sondern hat sogar mit einer unmittelbaren Auffassung, die mich manchmal direkt erschrecken kann, das Problem, um das sich's handelt, an der Wurzel gepackt, hat es in sein eigenes Nachdenken aufgenommen, verarbeitet, und stellt mir dann Ansichten und Konsequenzen hin, die manchmal zum Erstaunen wertvolle sind, jedenfalls aus der Gesamtlogik des Werkes herausgeholt und ihr eingefügt sind, als hätte er das Buch bis ins Einzelnste gelesen, durchgearbeitet, verstanden. Und ich weiß nicht, du magst mich meinetwegen einen unverbesserlichen alten Phantasten nennen: aber es klingt für mein inneres Ohr in all diesen Äußerungen seiner seltsamen Beanlagung so ein tiefst aus seinem ganzen Wesen heraus notwendiger, bedingter, so voller, rein und stark gestimmter Ton für alles Menschliche, für irgendeine große, menschliche Hauptsache! – Und da ist es! Hier liegt unbedingt etwas in seinem Wesen, drängt und arbeitet etwas in ihm, will aus ihm hervor, das meiner festen Überzeugung nach eines Tages aus ihm hervorbrechen muß ! Aber – was? Und wie wird es sich äußern? Ich weiß es nicht, bin nicht imstande, es zu sehen. – Denn daß er etwa einmal Naturwissenschaften studieren und dann in diesem Fache etwas Ungewöhnliches leisten wird, auch daran glaub' ich nicht, halt' es für ganz unwahrscheinlich. Aber weiter. – Er ist gut gewachsen, schlank, kräftig, gesund. Über mittelgroß. Er hat die gesund robuste Körbersche Art, und doch ist sie in ihm sensibel und verfeinert, elastisch, geschmeidig geworden. Bis zu einer gelegentlichen, feinen Nervosität allerdings, in der vielleicht die Gefahr tiefeingreifender, komplizierter« – Anton war im Begriff hinzuzusetzen »peinvoller«, hielt es aber zurück – »seelischer und geistiger Konflikte und Staupen liegt, die aber, trösten wir uns hierin unbedingt, der gute Körbersche Schlag, vor allem aber auch die Natur seiner guten, braven Mutter, in ihm sicher bestens durchbalancieren wird. Ich glaube, wenn irgendwer, so versteht sich die gute Lise darauf, ›gordische Knoten‹ zu durchhauen!« Anton lachte. »Jedenfalls, ich will sagen: Er hat auch eine gute, wertvolle physische Rasse, zeigt auch in allen körperlichen Übungen Leistungen, die über's Mittelmaß hinausgehen. Steckt vielleicht die Anlage zu einem Tatmenschen in ihm? Ja, also: Was wird aus unserem guten Tom mal so werden? Irgend etwas treibt, arbeitet, tönt – oft so seltsam faßbar! – in ihm, das muß wohl eines Tages zum Durchbruch kommen. Aber wie?« Es blieb ein nachdenkliches Schweigen. »Ach, lieber Gott, Anton! Ich gehe ja mit solcher Ruhe in mein Grab, wenn ich weiß, daß er ein tüchtiger, brauchbarer Mann wird, der dem Leben und einer braven Aufgabe gewachsen ist, sich in der Welt rechtschaffen und solid glücklich fühlt, und einen Nachwuchs in die Welt setzt, der nicht schlechter ist als er«, sagte Mama leise vor sich hin, mit einem Seufzer, der dem Andenken ihrer unglücklichen Familie galt. »Das alles ist nur das, wofür ich mich jede Garantie zu leisten getraue«, bekräftigte Anton. 36. Und wieder war ein Jahr hin, und Tom war Unterprimaner. In diesem Jahr nahm Onkel Anton ihn für die Zeit der großen Ferien mit auf eine Reise nach Norwegen. Sie waren zum Nordkap hinaufgefahren, hatten sich dann im Hochgebirge aufgehalten und waren dann an der Küste entlang nach Bergen gefahren, wo sie den Rest der Ferien zu verbringen gedachten. Hier erhielten sie aber von Eugen ein Telegramm des Inhaltes, Mama sei bedenklich erkrankt, sie möchten unverzüglich kommen. Darauf waren sie mit der Bahn nach Christiania gefahren, hatten am Tage darauf den Postdampfer nach Stettin genommen und waren am dritten Tage zu Hause angelangt. Sie trafen im Vorzimmer zu Mamas Schlafgemach Toms Vater an, der, als er sich mit ihnen begrüßte, sich abwandte und in ein lautes Weinen ausbrach. Im tiefsten überrascht und erschüttert, sah Tom diesen mächtigen, vom Schluchzen zuckenden Rücken. Noch nie hatte er Vater jemals in einer Gemütserschütterung oder gar weinend gesehen. Eugen aber, der jetzt aus dem Schlafzimmer heraustrat, teilte ihnen mit, daß, wenn sie zwei Stunden eher eingetroffen wären, sie Mama noch lebend angetroffen haben würden. Er führte sie hinein. Kaum vor einer Stunde gestorben, lag die Tote noch da, wie der Todeskampf sie überwältigt hatte. Die kleine Gestalt war erschreckend abgemagert. Der nackte Hals wirkte übermäßig lang und preßte den Schlund empor, der Kopf war hintüber in die Kissen gedrückt. Es war zu erkennen, wie schwer ihr bis Zum letzten Augenblick reger Geist mit dem Tode gerungen haben mußte. Es war für Tom ein furchtbarer Eindruck. Er erinnerte sich mit einemmal jenes Lenauschen Gedichtes von dem Begräbnis des »armen Bettelweibes«, dessen erste Strophen sie in ihrem Buch mit Bleistift angestrichen hatte, und die er damals als Kind gelesen und auswendig gekonnt hatte. Von einem bitterlichen Weinen überwältigt, barg er das Gesicht in die Hände und wandte sich ab. Großmama hatte, wie sie von Eugen erfahren, an einem gastrischen Fieber darniedergelegen, dem sie dann auch erlegen war. Sie war eine recht schwierige, peinigend unruhige Patientin gewesen. Aber Mutter hatte sich mit der Krankenschwester in die Pflege geteilt und sie mit all der Geduld, Umsicht und guten Nervenkraft, die ihr eigentümlich war, gewartet. Großmama hatte sie auch sehr gern in ihrer Nähe gehabt, und nur Mutter war es gewesen, die sie wirklich zu beruhigen vermocht hatte. Später erhielt Tom noch ein Schächtelchen ausgehändigt. Als er es öffnete, fand er drin Großmamas Diamantring und ein Zettelchen, auf dem mit zittrigen Buchstaben geschrieben stand: »Am kleinen Finger wenigstens wird er dir passen, mein Tom, und du vergißt dann nie deinen kleinen Finger und deine alte Großmama, die dich sehr, sehr lieb gehabt hat.« Großmama hatte noch zwei Tage vor ihrem Tode darauf bestanden, Tom den Ring selbst in das Schächtelchen zu tun und die Zeilen zu schreiben. Mutter hatte ihr dabei die Hand führen müssen. Da der Ring viel zu kostbar war, als daß Tom ihn sich immer zu tragen getraut hätte – außerdem war es eine Eigenheit von ihm, daß er keinen Ring an der Hand litt –, da er zugleich aber Großmamas Andenken ehren wollte, so bat er Vater, ihm einen schlichten Ring anfertigen zu lassen, den er dann beständig, für den Diamantring, den er sorgsam bewahrte, am kleinen Finger der linken Hand trug. Anderthalb Jahre darauf bestand er seine Maturitätsprüfung. Mit Nummer »Eins« und unter Dispensierung vom Mündlichen. Dieser schöne Erfolg wurde nur von dem Gedanken getrübt, wie sehr es Großmamas Lieblingswunsch gewesen wäre, ihn noch zu erleben. In den letzten Jahren war Tom die Schule verleidet gewesen. Er hatte sich so weit über den Schulplan und ein gewisses geistiges Durchschnittsniveau hinausgefühlt, das zu überragen verpönt war. Mit innerer Belustigung erinnerte er sich jetzt, wo er endlich frei und im Begriff war, zur Universität zu gehen und ins Leben einzutreten, wie ihm sein Lehrer im Deutschen einmal gelegentlich eines Aufsatzes die Bemerkung unter die Arbeit geschrieben hatte: »Körber muß sich vor altklugen und allzu originellen Urteilen hüten. Er sollte es vermeiden, über Dinge zu urteilen, denen seine Intelligenz unmöglich schon gewachsen sein kann.« Einige Wochen nach dem Examen hatten ihn Onkel Anton dann gelegentlich nach seinen Absichten für die Zukunft gefragt. »Was ich studieren will?« hatte Tom geantwortet. »Eigentlich wollte ich gerade jetzt anfangen, darüber nachzudenken. Medizin? Die studiert ja Karl schon.« – Detlev, der, wie Vater, Architekt und Baumeister werden wollte, besuchte in Hannover das Polytechnikum. – »Philologie ist ausgeschlossen. Bleibt also ja doch wohl nur noch Jura übrig.« »Die Hauptsache, daß du Neigung dazu hast, Tom«, suchte Onkel Anton ihm noch ein wenig auf den Zahn zu fühlen. »Aber möchtest du nicht die Dozentenkarriere einschlagen?« »Ich weiß nicht. Nein! – Ich glaube, ich habe kein Sitzfleisch dazu. Ich kann mir eigentlich nicht recht vorstellen, daß ich Professor werden könnte. – Ich weiß nicht: aber eigentlich hab' ich zu Jura wirklich Lust. Man bleibt ja doch eigentlich immer in einer unmittelbaren Beziehung zum Leben, zur Praxis, zum Menschen dabei. – Auch rein psychologisch ist es sehr interessant. Man kann ja auch, geht's Glück gut, in die höhere Beamtenkarriere, womöglich in die Politik hineinkommen. Das könnte mir wohl gefallen. – Großmama hat ja übrigens Verwandte in Berlin; Minister Harbing mit seinen gewiß besten Verbindungen. Denn unbedingt geh' ich nach Berlin. Mit dem ›Couleurwesen‹ an irgend so einer süd- oder mitteldeutschen Universität gedenk' ich mich nicht weiter aufzuhalten.« »Na, du hast nicht unrecht, mein Junge«, schloß Onkel Anton, nicht ganz unbefriedigt, das Gespräch ab. »Jura in diesem Sinne wäre ja gar nicht übel.« Zwei Monate nach diesem Gespräch reiste Tom nach Berlin, um sich immatrikulieren zu lassen. Vor der Abreise aber hatte er noch ein Gespräch mit Mutter. Es war gegen Mittag. Langsam trat er in das Wohnzimmer ein. Doch er begab sich noch nicht sogleich zu Mutter hin. Sie saß drüben an dem einen Fenster nach der Zimmerecke zu. Sie hatte sich im neuen Hause diesen Sitz zu ihrem Lieblingsplatz erwählt. Sie hatte hier ihren geflochtenen, weiß und blau gestrichenen Lehnstuhl, das altgewohnte Fußbänkchen und das Arbeitstischchen stehen, und in der Fensternische hing zutraulich auch das alte Neuruppiner Bildchen. Da er absichtlich – die Tür hatte offengestanden – möglichst geräuschlos eingetreten war, so hatte Mutter ihn über ihrer Arbeit nicht gleich kommen hören. Doch war es nicht bloß so das Bedürfnis gewesen, Mutter noch einmal da auf ihrem Lieblingsplatz sitzen zu sehen, was ihn zögern ließ, gleich zu ihr hinzugehen, sondern ein wunderliches kleines Gefühl von Bangigkeit. Denn er hatte für ihre instinktiven Urteile ein fast abergläubisches Zutrauen und gedachte sich und sein innerstes Wesen in dem Augenblick, wo er den Fuß über die Schwelle des Lebens setzte, auf die Probe von Mutters Gefühl zu stellen. »Stör' ich dich, Mama?« sagte er, endlich zu ihr hintretend. »Ich möchte dir Lebewohl sagen.« Mutter, die von ihrer Arbeit aufblickte, sah, von seiner plötzlichen Anwesenheit überrascht, mit noch von der Arbeit ein wenig angestrengten Augen zu ihm auf. »Ach, du bist's, Tom! – Du willst also fort.« »Ja, Mama! Zum mindesten vorläufig auf ein halbes Jahr. – Vielleicht aber für noch länger.« »Na, wie denn? Du wirst doch, wie Detlev und Karl, für die Ferien ordentlich nach Haus kommen? Kannst ja dann wieder mal mit Onkel Anton eine Reise machen.« »Ja, Mama. – Aber ich weiß nicht: vielleicht hab' ich auch in den Ferien noch in Berlin zu tun.« »Na, wirst schon kommen. – Du hast doch alles? Hab' ich vielleicht was vergessen? Aber ich dächte, ich hätte an alles gedacht?« »Freilich«, lachte Tom. »Nein, ich komme nicht deshalb. – Nur so.« »Ach so. – Na ja.« Ein kleiner Schatten von Zerstreutheit ging über ihre Stirn, mechanisch machte sie eine Bewegung, als wollte sie ihre Arbeit wieder aufnehmen. Dann aber besann sie sich, daß Tom ja noch mal Lebewohl sagen wollte, und sah ihn, doch mehr der Sache stillhaltend, damit sie so schnell wie möglich abgetan würde, an. »Na, dann laß dir's gut gehen, Jung'«, lachte sie und hielt ihm die Hand hin. »Er hat ja doch schon Abschied genommen, Detlev und Karl machen nicht so viel Geschichten, wenn sie abreisen«, dachte sie. Tom ergriff ihre Hand und hielt sie. »Ich danke dir, Ma'!« Fast ohne es zu wollen, redete er sie in diesem Augenblick an, wie er es als Kind gewohnt gewesen war. »Aber – eigentlich sollst du mir noch was sagen.« Um die innere Spannung zu beherrschen, mit der er es hatte, lachte er munter. »Na, was soll ich dir sagen, Jung'?« fragte sie, freundlich lachend, aber seinen Blick doch nicht recht orientiert und vielleicht ein wenig pressiert, erwidernd. »Na, was er schon für brave Augen hat!« dachte sie im stillen. »Was meinst du, Ma' ... Was meinst du, sag', was nun mal so aus mir werden wird?« Er war rot bis in die Haare hinein. »Nanu, du bist und bleibst ein närrischer Kerl! Wie soll ich das wissen? Ich denke, du mußt mit dir selber doch am besten Bescheid wissen?« Zufällig fiel ihr Blick für einen Moment auf seine Hand. Ihr Lächeln verschwand und gab einem ernsten, nachdenklichen Ausdruck Raum. Sie hatte an Toms kleinem Finger den Ring bemerkt. »Nein, aber trotzdem! Sag' mir das doch, Ma'! Bitte, sag' mir's, ich möcht' es so gern wissen. – Ich meine, du sollst sagen, was du für ein Gefühl in dieser Beziehung hast.« Er lachte, aber im stillen schlug ihm das Herz. Er hatte die Empfindung, glaubte, daß Mutter ihm, wie sie ihn jetzt ansah, durch und durch bis in die tiefste Seele sähe, und mit Andacht und nicht ohne ein wunderliches, leises Bangen bot er sich ihrem Blick dar. Mutter jedoch langweilte die Sache, sie fand sie etwas komisch und verdreht, da sie merkte, daß der »närrische Junge« sie wirklich ernst nahm. Dann aber sagte sie, im Grunde nur, um ihn endlich mit seiner Fragerei loszuwerden: »Na, du wirst ja etwas Tüchtiges werden, Tom, denk' ich. – Aber nimm dich nur hübsch in acht, daß du auf keine närrischen Einfälle kommst.«