Walter Scott Das Herz von Midlothian oder Der Kerker von Edinburg. Erster Band Erstes Kapitel. In der guten alten Zeit hatte Britannien seinen Tyburn. Dorthin wurden in feierlicher Prozession die der Gerechtigkeit verfallenen armen Teufel geführt, und zwar die jetzt unter dem Namen der Oxford-Road bekannte Straße entlang. In Edinburgh war es der »Graßmarket«, eine breite, offene Straße, oder vielmehr eine Art länglichen, von vielen Häusern gebildeten Platzes, der zu dem gleichen traurigen Zwecke diente. Er war recht gut gewählt, denn er war groß und konnte viel Zuschauer fassen, an denen es bei einem solchen Schauspiele ja niemals fehlt; auch waren schon damals die wenigsten der an dem Platze befindlichen Häuser von besseren Leuten bewohnt, so daß kaum jemand da war, der durch solch widriges Schauspiel in seinen Empfindungen gekränkt oder in seiner Ruhe gestört wurde. Diese Graßmarket-Häuser sind zwar im großen und ganzen nicht besonders stattlich; immerhin macht der Platz selbst keinen üblen Eindruck, weil an seiner Südseite der gewaltige Felsblock überhängt, auf dem sich das Schloß oder die Burg mit ihren bemoosten Zinnen und turmgekrönten Wällen erhebt. Noch bis zum Anfange des verwichenen Jahrhunderts war es Brauch, auf diesem Platze die Verbrecher vom Leben zum Tode zu bringen. Zum Zeichen, daß wieder solch verhängnisvoller Tag sich nahte, wurde am östlichen Ende des Platzes ein großer, schwarzer Galgen aufgeschlagen. Rings um diesen grausigen Apparat herum lief das Schafott, zu dem eine Doppelleiter emporführte, bestimmt für Delinquenten und Henker. Errichtet wurde der Galgen immer vor Tagesanbruch, und so konnte man recht wohl meinen, er sei im Laufe der Nacht aus der Erde herausgewachsen, als Werk irgend eines bösen Geistes. Kann ich mich doch aus meiner Kinderzeit noch recht gut des Grausens erinnern, mit welchem wir Jungen den schrecklichen Vorbereitungen zu solch schrecklichem Tode zuschauten. In der auf die Hinrichtung folgenden Nacht verschwand der Galgen ebenso spurlos wieder in einem düsteren Gewölbe im Erdgeschoß des Parlamentsgebäudes. Um 7. September des Jahres 1786 tauchte auf eben beschriebenem Platze das unheimliche Gerüst wieder auf, und von aller Frühe an drängten sich Menschengruppen an seinem Fuße, begierig auf das Schauspiel, das ihnen winkte. In der Regel vergißt das Volk in seiner Gutmütigkeit die Missetaten, die den Delinquenten zu solcher Richtstatt führen, und gedenkt nur noch seines Jammers und Elends. An jenem Tage aber sah man nur finstere, rachsüchtige Mienen; denn der Delinquent, der heute die steile Leiter hinaufsteigen sollte, um gehenkt zu werden, war eines Verbrechens überführt worden, das jegliche Milde und Schonung ausschloß. Die Geschichte ist, zwar recht bekannt, immerhin wird es gut sein, ihre Hauptmomente hier zu rekapitulieren, selbst auf die Gefahr hin, daß sie ein bißchen viel Zeit in Anspruch nehmen wird; aber ich darf wohl annehmen, daß sie selbst für diejenigen die ihren Ausgang kennen, nicht ohne Interesse sein wird. Jedenfalls läßt sich einige Ausführlichkeit in diesem Falle nicht umgehen, wenn die Ereignisse der hier folgenden Erzählung verständlich sein sollen. Schleichhandel wird, obgleich er Recht und Gesetz untergräbt, indem er die Einkünfte der Regierung schmälert, den rechtschaffenen Kaufmann in seinem Rechte verkürzt und auch die Gemüter derjenigen verdirbt, die ihn treiben, doch nicht für sonderlich strafbar angesehen, weder von den vornehmen Leuten noch vom eigentlichen Volke. Dort, wo er im Schwunge ist, sind nicht bloß gemeinhin die klügsten und, kühnsten Leute damit beschäftigt, sondern sogar nicht selten unter dem versteckten Schutze von Pächtern und niederem Adel. In Schottland zumal war unter der Regierung der ersten beiden George der Schleichhandel allgemeine Regel, denn der Schotte war nicht gewohnt, Zölle zu entrichten, und erblickte in ihnen einen Eingriff in seine alten Freiheiten und Rechte, trug also keinerlei Bedenken, alles, was Zoll hieß, zu umgehen, wenn und wo er es irgend konnte. Eine berüchtigte Schleichhandelsstätte war lange Zeit hindurch die Grafschaft Fife, die im Norden und im Süden von Meerbusen umschlossen ist, im Osten aber an offenes Meer grenzt und eine von zahllosen Häfen zerrissene Küste hat. Dort wohnte viel Seevolk, das in der Jugend dem Seeräuberhandwerk obgelegen hatte; mithin fehlte es nicht an verwegenen Subjekten, den Schleichhandel zu treiben. Unter ihnen war einer, der es besonders verstand, den Zöllnern eine Nase zu drehen: das war Andrew Wilson, ein kräftiger, listiger, mutiger Bursche, von Haus aus Bäcker und in dem Dorfe Pathhead gebürtig, der mit der Küste aufs engste bekannt und so recht der Mensch danach war, das keckste Unternehmen zu wagen. Schon oft hatte er den Zöllnern wertvolle Kontrebande aus den Zähnen gerückt, aber man hatte ihn so scharf aufs Korn genommen, daß er wiederholt abgefaßt und prozessiert wurde. So kam er um all seine Habe und an den Bettelstab. Darob geriet er in Verzweiflung, meinte, es sei ihm schreiendes Unrecht getan worden, er sei vom Staate bestohlen und ausgeplündert worden, und setzte sich in den Kopf, er sei in seinem Rechte, wenn er das Wiedervergeltungsrecht übte, so oft sich ihm irgend eine Gelegenheit dazu böte. Wenn einem Herzen nach Bösem gelüstet, braucht es in der Regel nicht lange zu warten, daß sich eine Gelegenheit dazu bietet. Andrew Wilson kam es eines Tages zu Ohren, der Zöllner von Kirkaldy sei mit einer großen Geldsumme nach Pittenween gekommen. Da dieselbe nun bei weitem nicht deckte, was ihm an Geld und Gut vom Staate genommen worden war, hielt er sich für vollauf berechtigt, sie an sich zu bringen, tat sich mit drei anderen jungen Burschen zusammen, die ebenfalls Schleichhandel trieben und deshalb leicht zu überreden waren, ihm Helfershelferdienste zu leisten. Sie brachen bei hellem Tage in die Wohnung des Zöllners ein; einer von ihnen, ein gewisser Robertson, stand draußen Schmiere und sagte jedem, der sich einfallen ließ, sich nach dem Lärm im Zöllnerhause zu erkundigen, der Zöllner sei mit ein paar Leuten in Streit geraten. Da die Bewohner von Pittenween dem Zöllner ohnedem nicht grün waren, denn er gehörte zu den rücksichtslosesten Steuereintreibern, die es je gegeben haben mag, kümmerten sie sich nicht weiter um die Sache, sondern gingen ihrer Wege. Zuletzt konnte es aber nicht ausbleiben, daß die Zollwache herbeirückte und den Räubern nachsetzte. Es gelang ihr nach einiger Zeit auch, sie zu fassen; Wilson und Robertson wurden zum Tode verurteilt, und zwar auf Grund der Aussagen des dritten Mitschuldigen, der als Kronzeuge wider sie auftrat, um sich der Strafe zu entziehen. Die Meinung, die Strafe für dieses Verbrechen sei mit dem Tode der beiden Schleichhändler zu schwer gesühnt, fand im Lande viel Anhänger, anderseits war freilich die Frechheit, mit der der Einbruch und Raub verübt worden, zu kraß, als daß sich ein strenges Exempel hätte umgehen lassen. Als kein Zweifel mehr bestand, daß die beiden Todesurteile vollstreckt werden würden, gelang es ein paar guten Freunden, den Delinquenten Feilen und Brechstangen zuzuschanzen. Aber ihr Versuch, durch das Fenster ihrer Zelle zu entkommen, schlug fehl; Andrew Wilson, der darauf bestanden hatte, zuerst hindurchzukriechen, blieb im Fenster stecken und konnte weder vorwärts noch rückwärts, sondern mußte es über sich ergehen lassen, daß ihn die Frone am andern Morgen unter Spott und Hohn aus dem Loche wieder herauszogen. Andrew Wilson machte sich nun Vorwürfe, daß er aus diese Weise die Flucht vereitelt hätte, die, wenn er seinen dünneren Kameraden hätte zuerst durch das Fenster kriechen lassen, wenigstens doch diesem gelungen wäre, und richtete nun sein ganzes Sinnen darauf, ihn aus der Patsche zu retten, ohne alle Rücksicht auf sich selbst. Dergleichen energische Geister, wie Andrew Wilson, bewahren sich, auch wenn sie auf Abwegen wandeln, doch oft die Fähigkeit zu großmütigem Denken und Handeln; jedenfalls war der Entschluß, den er faßte, und die Art und Weise, wie er ihn ausführte, auffallend und ungewöhnlich. Unfern dem Edinburger Stockhause stand eine von den drei Kirchen, in welche sich die Kathedrale von Saint-Giles jetzt scheidet. Sie führte nach dem Spottnamen, den das Stockhaus, führte, den Namen »Talbooth«-Kirche. Dorthin wurden, nach altem Brauche, am Sonntage vor ihrer Hinrichtung unter ausreichender Bedeckung die Delinquenten geführt, um ihrem letzten öffentlichen Gottesdienste beizuwohnen. Seit dem Vorfalle, über den wir nun berichten, ist dieser Brauch abgeschafft worden. Der Pfarrer hatte gerade seine Predigt geendigt, die zum nicht geringen Teile auf die beiden Delinquenten gemünzt war, die, jeder zwischen zwei Soldaten der Stadtwache, in dem sogenannten Armensünderstuhle saßen; seine ergreifenden Worte hatten das versammelte Publikum zu Tränen gerührt, und aller Herzen machten sich in einem mitleidigen Geflüster Luft, als plötzlich. Andrew Wilson, der ein außerordentlich kräftiger Mann war, zwei von den Stadtsoldaten, die ihre Bedeckung bildeten, bei den Händen packte, dem dritten die Zähne in den Arm schlug und seinem Kameraden durch Zeichen verständlich machte, er solle auf und davon laufen. Im ersten Moment war dieser so perplex, daß er kein Glied rühren konnte; als aber auch aus den Reihen des Publikums der Ruf, er solle sich retten, ertönte, stieß er plötzlich den vierten Stadtsoldaten mit einem Ruck von sich, schwang sich über die nächsten Kirchenstühle und gewann, da ihn keiner vom Publikum aufhielt, das Portal und die Freiheit. Es gelang auch tatsächlich nicht, sich seiner wieder zu bemächtigen. Wilsons kühner Handstreich steigerte das Mitleid, das man mit seinem Schicksale fühlte, außerordentlich. Darüber, daß wenigstens der eine der beiden Delinquenten dem Galgen entronnen war, herrschte helle Freude, und es entstand das Gerücht, von der Bewohnerschaft der Stadt sei der Plan gefaßt, nun auch Wilson zu befreien. Die Obrigkeit erachtete es zur Wahrung ihres Ansehens für ihre Pflicht, die Stadtmiliz unter dem Kommando ihres Hauptmannes den Richtplatz besetzen zu lassen, um jeder Störung der Hinrichtung beizeiten vorzubeugen. Dieser Hauptmann hieß Porteous, und sein Name ist durch den weiteren Verlauf dieser Handlung so volkstümlich geworden, daß es sicher am Platze ist, ihm an dieser Stelle, ein paar eingehende Worte zu widmen. Zweites Kapitel. John Porteous, der Hauptmann der Stadtgarde, war in Edinburg, wie in den Gerichtsannalen dieser Stadt eine bekannte Persönlichkeit; als Sohn eines Edinburger Bürgers zur Welt gekommen, und vom Vater zum Nachfolger in seinem Handwerk, der Schneiderei, ausersehen und erzogen. Den jungen Menschen hielt es aber nicht zu Hause; sein Hang zu Abenteuern trieb ihn in die Welt hinaus, und so ließ er sich zu dem Kriegskorps werben, das von den Niederlanden lange Zeit unter der Bezeichnung »schottische Hochländer« unterhalten wurde. Hier diente er mehrere Jahre in den Kolonien und wurde ein strammer Soldat. Mit der Zeit aber bekam er dieses Leben satt und kehrte in die Heimat zurück. Da kam das unruhige Jahr 1715, und die Edinburger Stadtobrigkeit mußte sich nach jemand umsehen, den sie über die Bürgergarde als Hauptmann setzte. Die Wahl fiel auf John Porteous, und bald verstand es derselbe, sich bei allen, die die Ruhe seiner Vaterstadt gefährdeten, in Respekt zu setzen. Sonderlich stark war die Stadtgarde ja nicht, denn sie bestand bloß aus hundertundzwanzig Mann, die in drei Kompagnien eingeteilt und uniformiert waren, auch regelmäßige Uebungen abhalten mußten, zum größten Teile aber aus Leuten bestanden, die, sobald sie ihr Dienst nicht in Anspruch nahm, ihrem Handwerk oder Beruf nachgingen. Es gehörte nun in Edinburg für viele Leute zu einer Art Sport, sich mit dieser Bürgergarde zu necken und in Zwist zu setzen, und hierzu wurden in der Regel die Sonn- und Feiertage ausgesucht, eine Sitte, die sich im Grunde genommen bis auf den heutigen Tag erhalten hat, dem schottischen Volke also im Blute zu liegen scheint. Hauptmann Porteous scheint es mit der Ehre seines Korps sehr ängstlich genommen zu haben, denn er faßte gegen Andrew Wilson einen starken Grimm wegen des demselben durch die Befreiung seines Kameraden angetanen Schimpfes und sparte nicht mit Drohungen und Verwünschungen gegen ihn: eine Sache, deren man sich später sehr zu seinem Nachteil erinnern sollte. Feinde hatte er ohnehin genug, weil er sich von seinem hitzigen Temperament oft einmal verleiten ließ, über das ihm gezogene Maß hinauszugehen und zu Gewaltmaßregeln zu greifen. Er war aber von der ganzen Stadtgarde noch immer der verläßlichste und rührigste, und so wurde er mit dem Kommando bei Andrew Wilsons Hinrichtung betraut und bekam Befehl, den Galgen mit aller an dem Tage entbehrlichen Mannschaft, und die betrug etwa achtzig Köpfe – zu bewachen. Die Obrigkeit ließ es aber nicht hierbei bewenden, sondern ließ auch noch Militär auf den Platz rücken, und das verdroß den Hauptmann Porteous, weil er sich hierdurch in seinem Ansehen beinträchtigt fühlte. Bei der Obrigkeit durfte er aber seinen Groll nicht merken lassen, und so ließ er ihn an dem armen Delinquenten aus, unter dem Vorwande, daß er von der Obrigkeit besondere Weisung bekommen hätte, nichts zu verabsäumen, was Fluchtversuche zu hindern vermöchte. Er ließ nun Wilson, als er ihm vom Fron übergeben wurde, um auf den Richtplatz geführt zu werden, Handschellen anlegen, die aber für den kräftigen Mann zu klein waren. Statt nun nach anderen zu schicken, zwängte er selbst die Arme des Unglücklichen mit aller Kraft zusammen, bis die Schrauben ineinander faßten, und kümmerte sich nicht um die furchtbaren Schmerzen, die dem armen Menschen dadurch verursacht wurden. Die Beschwerden desselben über solche unmenschliche Folter wies er mit dem frivolen Worte zurück, seine Qual werde ja ohnehin bald zu Ende sein.»Ihr seid grausam, Porteous,« sagte Andrew Wilson da zu ihm; »wißt Ihr aber auch, ob Ihr nicht am Ende selbst einmal in die Lage kommt, um Gnade zu winseln, die Ihr jetzt einem Mitmenschen weigert? Gott verzeih' Euch, was Ihr an mir sündigt!« Es waren die einzigen Worte, die zwischen dem Delinquenten und dem Hauptmanne gewechselt wurden, aber sie fanden ihren Weg ins Volk und steigerten den Grimm desselben gegen den ohnehin wegen seiner Anmaßung und Strenge verhaßten Hauptmann. Auf dem ganzen Wege zum Richtplatze machte das Volk nicht den geringsten Versuch zu einem Aufstande; nur so viel ließ sich erkennen, daß weit größeres Mitgefühl für den Delinquenten herrschte als sonst bei Hinrichtungen; Wilson schien selbst an schneller Vollstreckung des Urteils zu liegen, denn er kürzte das letzte Gebet mit dem Pfarrer, der ihn begleitete, tunlichst ab. Er hatte schon lange genug am Galgen gebaumelt, um keinen Funken von Leben mehr in sich zu haben, als sich plötzlich unter dem am Fuße des Galgens versammelten Volke ein Tumult erhob. Die Bürgergarde wurde mit Steinen bombardiert, und ein junger Mensch, der eine Fischerkappe aufhatte, schwang sich auf das Schafott und schnitt den Delinquenten los. Rasch sprangen andere hinzu, die Leiche fortzuschleppen, sei es, um ihr zu einem ehrlichen Begräbnisse zu verhelfen, sei es, um Belebungsversuche mit ihr anzustellen. Hauptmann Porteous geriet hierdurch aber in solche Wut, daß er, seinen Instruktionen zuwider, die ihm einschärften, sich nach Vollzug der Hinrichtung nicht in Händel mit dem Volke einzulassen, sondern still abzuziehen, auf das Volk feuern ließ, ja sogar einem Soldaten die Flinte aus der Hand riß und selbst feuerte. Etwa ein halbes Dutzend Menschen wurde dabei erschossen und ein reichliches Dutzend verwundet. Selbstverständlich ließ nun das Volk die Bürgergarde nicht ruhig abziehen, sondern es kam zu einem neuen Handgemenge, wobei es der Toten und Verwundeten noch weit mehr gab und auch verschiedene von der Stadtgarde auf dem Platze blieben. Von dem Bürgermeisteramte zur Verantwortung gezogen, leugnete der Hauptmann, selbst geschossen zu haben, wie auch, Befehl zum Schießen gegeben zu haben; er wurde aber des Gegenteils überführt und nun selbst zum Tode durch den Galgen verurteilt. Alle seine bewegliche Habe verfiel nach schottischem Gesetz dem Staate. Das Urteil sollte am 8. September 1736 auf demselben Richtplatze, wo er Andrew Wilson vom Leben Zum Tode gebracht hatte, an ihm vollstreckt werden. Auf dem Richtplatze standen die Menschen Kopf an Kopf, und alle Fenster, am Platze sowohl als in der steilen, krummen Gasse, »Bow« genannt, durch die sich der traurige Zug von der Highstreet aus bewegte, waren von Zuschauern belagert. In der Mitte des Platzes erhob sich, schwarz und unheimlich, der schreckliche Galgen, von welchem der Strick herniederhing, an welchem der arme Porteous baumeln sollte. Kein Wort verlautete in der Menge, kaum, daß man ein leises Geflüster wagte. Still und ruhig, aber finster und unversöhnlich, harrte sie des Vollzuges der schrecklichen Handlung, die das an so vielen der Ihrigen verübte Unrecht rächen sollte. Die Stunde, da der Delinquent herbeigeführt werden sollte, war bereits vorüber, und noch immer zeigte sich die Spitze des Zuges nicht. Minute auf Minute verstrich, und noch immer stand die Menge und harrte. »Sollte es die Stadt wagen, den Missetäter zu begnadigen?« so ging die Rede nun unter der Menge. – »Nicht doch! das wagt selbst der Bürgermeister nicht!« ward von mehreren Seiten erwidert. Je länger es aber dauerte, ohne daß der Zug mit dem Delinquenten sichtbar wurde, desto höher schwoll die Flutwelle des Zornes: man sagte sich, der Hauptmann sei bei der Stadtbehörde beliebt, und man wolle ihm seinen Amtseifer zugute rechnen; deshalb sei an die Regierung nach London berichtet worden, und dort sei man ja immer der Meinung, um ein paar aufrührerische Schotten sei es ganz gewiß nicht schade. Nun ist aber der Edinburger Pöbel, wenn er gereizt wird, seit jeher einer der wildesten von allen Städten Europas gewesen, und als nun wirklich nach Verlauf einer ganzen Viertelstunde, die Nachricht kam, daß aus der geheimen Staatskanzlei ein Schreiben beim Edinburger Magistrate eingelaufen sei, mit der Weisung, die Vollstreckung des Urteils zu verschieben, und zwar auf die Zeit von sechs Wochen gerechnet von dem für die Hinrichtung festgesetzten Tage, da ging ein dumpfes Brausen über den Platz, und aller Blicke richteten sich grimmig nach dem Galgen. »Der arme Wilson wurde ohne Gnade und Barmherzigkeit hingeschlachtet, bloß weil er einen Beutel voll Gold gemaust hat, und ein Mensch, der so viel Mitmenschen hingemordet hat, darf ruhig weiter leben!« so murrten die Leute. Die Frone begannen das Schafott abzuschlagen, die Fenster wurden leer, die Menge räumte den Platz, aber es blieb nicht unbemerkt, daß sich unterwegs neue Gruppen bildeten, daß gewisse Leute bald von der einen Seite zur andern liefen, bald stehen blieben und lebhaft diskutierten; an ihren Reden merkte man, daß es Freunde und Kameraden Andrew Wilsons waren, und daß sie die Bürgerschaft zur Rache an Porteous aufstachelten. Aber für den Augenblick schien ihre Absicht keinen Erfolg zu haben, denn die Menge verlief sich ruhig; wer aber einen schärferen Blick auf ihre Mienen heftete oder gar von ihren Reden, die sie leise führten, einiges aufschnappte, der mußte sich sagen, daß das Trauerspiel mit dem heutigen Tage noch nicht zu Ende sei. Gesellen wir uns, um dem Leser zu einem richtigen Urteil über die Situation zu verhelfen, zu einer der Gruppen, die sich, auf dem Wege nach ihren am Lawn-Markt gelegenen Wohnungen, den steilen Abhang hinauf bewegen, der nach diesem Teile der Stadt führt. »Man sollte es wirklich nicht für möglich halten, liebe Frau Howden,« sagte der alte Herr Plumdamas zu seiner Nachbarin, die einen Trödel betrieb, und reichte ihr artig den Arm, um sie bei dem beschwerlichen Aufstiege zu stützen, »daß es unter unsern vornehmen Leuten welche geben kann, die einem solchen Kerl wie diesem Porteous erlauben, gegen eine friedliebende Stadtbürgerschaft die Waffen zu erheben. Das heißt doch, sich wider Gesetz und Evangelium in der frivolsten Weise auflehnen!« »Ja, da muß man sich umsonst solchen mühsamen Weg machen,« versetzte Frau Howden, ächzend und stöhnend, »und das Geld für eines der bestgelegenen Fenster hinauswerfen, knapp einen Steinwurf vom Galgen! O, ich hätte jedes Wort hören können, das ihm der Pfarrer gesagt hätte, und nun bin ich mein Geld los, statt was gesehen zu haben!« »Mir scheint,« antwortete Herr Plumdamas, »wenn unser altschottisches Gesetz noch Geltung hätte, wenn wir unser autonomes Königreich noch hätten, dann wäre es mit solchem Königs-Gnadenbriefe nicht weit her gewesen!« »Hm, ich weiß in Gesetzbüchern nicht viel Bescheid,« sagte Frau Howden hierauf, »aber das weiß ich, daß wir, als es noch König, Kanzler und Parlament in Schottland gab, mit Steinen nach ihnen werfen konnten, wenn sie sich nicht manierlich benahmen.« »Soll die Pest über London kommen!« rief die alte Jungfrau Grizell Damahoy, die sich mit Weißnäherei durchs Leben schlug, »und über das ganze Londoner Pack, das uns Parlament und Handel genommen hat! Mit unserm Adel ist's, weiß Gott! schon so weit, daß sie sich in Schottland keine Krause mehr an ein Hemd setzen lassen wollen!« »Das stimmt, Jungfer Damahoy, das stimmt!« erwiderte Herr Plumdamas, »ich kenne Leute, die sich die Rosinen scheffelweise von London kommen lassen! Und nun muß uns gar noch ein Rudel von Zöllnern auf den Hals gehetzt werden? Es kann sich, weiß Gott! kein Mensch mehr sein Fäßchen Branntwein ins Haus legen, ohne Gefahr, daß sie ihm sein bißchen Gut, für das er sein schönes Geld hingegeben hat, mir nichts, Dir nichts wieder abholen! Na, ich will ja schließlich dem Wilson nicht die Stange halten, denn er hat sich auch an fremdem Geld vergriffen; zwischen ihm und diesem Herrgottssackermenter von Porteous ist aber noch immer ein himmelweiter Unterschied, denn er hat ja noch gar nicht einmal so viel genommen, wie er zu fordern hat!« »Ei, wenn wir uns über das unterhalten wollen, was Recht und Gesetz bei uns zu Lande bedeutet,« rief Frau Howden, »da wollen wir doch den Herrn Saddletree heranrufen. Der weiß in unsern Gesetzen besser Bescheid als der beste Advokat.« Es war ein alter Herr, auf den sich diese Worte bezogen, der sehr reputierlich aussah, eine hohe Perücke trug und ganz schwarz angezogen ging, was ohne Frage ein gutes Zeichen für seine behäbigen Verhältnisse war. Er war auch ein artiger Herr, der wußte, was sich schickte, denn er bot der Jungfrau Damahoy sogleich den Arm. Erwähnen wir weiter noch, daß er einen gut eingerichteten Sattlerladen hatte, »zum goldenen Hengst« firmierend, in welchem alles, was Kutscher und Fuhrherren brauchten, zu reellem Preise zu haben war, wie: Peitschen, Zaumzeug, Sättel und Sattelzeug, Kumte und so weiter. Aber Herr Bartel Saddletree – Bartel war sein Vorname – hatte noch eine besondere Passion, das ihm von der Natur verliehene Genie zu betätigen: er war versessen auf die edle Rechtswissenschaft und fehlte bei keiner Gerichtsverhandlung. Das vertrug sich freilich mit seiner Eigenschaft als Ladeninhaber schlecht, und wenn er nicht eine so außerordentlich tüchtige Frau gehabt hätte, die mit seinem Geschäft besseren Bescheid wußte, und mit Gesellen und Lehrjungen zum mindesten ebensogut umzugehen wußte wie er selbst, so hätte er sich wohl anders im Leben umsehen sollen! Frau Saddletree hatte sich mit der Zeit daran gewöhnt, ihren Mann seiner Wege gehen zu lassen und ihm seine Passion für die Rechtswissenschaft nicht zu verkümmern; dagegen bestand sie darauf, daß er ihr in der Hauswirtschaft wie auch im Laden freie Hand ließ. So war denn mit der Zeit ein Witzwort in Umlauf gekommen über besagten Herrn Bartel Saddletree: daß er über seinem Laden einen goldenen Hengst, in seinem Laden aber eine gar störrige Stute habe; und dadurch war wieder im Gemüte des Herrn Saddletree die Neigung geweckt worden, gegen seine brave Frau einen recht stolzen Ton anzuschlagen, der aber keineswegs tragisch von ihr genommen wurde und sie zu offener Widersetzlichkeit nur immer dann reizte, wenn Herr Saddletree wirklich einmal probierte, in seinem Hause das Regiment zu führen. Das kam jedoch nur höchst selten vor. Herr Bartel Saddletree hatte in dieser Hinsicht eine gewisse Aehnlichkeit mit dem biederen König Jakob, der auch lieber von seiner Macht als Landesherrscher viel schöne Worte machte, statt sie energisch zu üben. Mit dieser Denk- und Handlungsweise zog nun Herr Bartel Saddletree durchaus nicht den kürzeren, denn er konnte von sich sagen, daß sich seine Habe, einerseits ohne alles persönliche Zutun, anderseits, ohne daß er sich in seiner Passion für die Rechtswissenschaft Zwang aufzuerlegen brauchte, ständig vermehrte. Während wir dem Leser diese Schilderung des Herrn Bartel Saddletree geben, hatte er seinem Auditorium eine peinliche Vorlesung über den Fall des Hauptmannes Porteous gehalten, und war dabei zu dem Spruche gelangt, daß Porteous, wenn er fünf Minuten früher, als der Delinquent vom Galgen geschnitten worden, gefeuert hätte, » versans in licito « auf dem Boden des Gesetzes gestanden, und nur » propter excessum «, also wegen Ueberschreitens der Amtsgewalt, in gewöhnliche Strafe (Poeva ordinaria) hätte genommen werden können. »Ueberschreitung?« wiederholte Frau Howden, »wann hätte wohl John Porteous jemals den Hals voll bekommen? Ich weiß doch schon von seinem Vater.« »Aber, Frau Howden!« fiel Saddletree ihr ins Wort. »Ja, und ich weiß auch recht gut, wie seine Mutter,« wollte Jungfer Damahoy anfangen, wurde aber von Herrn Saddletree ebenfalls mit einem »Aber, meine Dame!« zur Ruhe verwiesen. »O,« kam nun auch Herr Plumdamas noch, »wenn ich mich darauf besinne, wie seine Frau.« »Aber, meine Herrschaften,« nahm nun Saddletree energisch das Wort, »lassen Sie sich doch, bitte, nur so viel sagen: bei der Sache ist, wie Ratsanwalt Croßmyloof immer zu sagen pflegt, ein Unterschied: Die Exekution war vorbei, mithin Porteous nicht länger in Funktion, denn sowie der Delinquent am Galgen hing, hatte er eben nichts mehr zu überwachen, sondern war, wie jeder andere auf dem Platze, cuivis ex Populo .« » Quivis, quivis , wenn Sie nichts dawider haben, Herr Saddletree, nicht cuivis ,« bemerkte, mit starker Betonung der ersten Silbe, Herr Butler, Unterlehrer an einer Dorfschule, unweit von Edinburg, der gerade zu der Gruppe trat, als Saddletree das lateinische Wort falsch aussprach. »Deshalb brauchen Sie mir doch nicht in die Rede zu fallen, Herr Butler,« verwies nun auch ihm Saddletree das Wort, »immerhin freut es mich recht, Sie zu sehen. Wenn ich cuivis sagte, so berufe ich mich auf den Kriminalrichter Bluefeather, der das Wort nie anders spricht.« »Sollte Bluefeather sich einfallen lassen, vor mir einmal den Dativ statt des Nominativs zu brauchen,« versetzte der Schulmeister, »so würde ich seinem Namen Ehre antun und ihm das Fell verbläuen, mein lieber Saddletree, wie jedem Jungen in meiner Schule, der sich solchen Schnitzer zuschulden kommen ließe.« »Ich spreche Latein nicht wie ein pedantischer Schulmann, Herr Butler, sondern wie es in unsern Gerichtssälen gesprochen wird,« versetzte Saddletree. »Nicht wie ein Schulmann?« sagte Butler, »sagen Sie lieber: nicht einmal wie ein Schuljunge!« »Darauf kommt es ja jetzt gar nicht an,« verwies ihm Bartel wieder das Wort, »ich wollte doch eben nur sagen, daß Porteous niemals die poena extra ordinem , also die Todesstrafe, hätte treffen können, wenn er hätte schießen lassen oder selbst geschossen hätte, solange er in amtlicher Funktion war, statt es erst zu tun oder tun zu lassen, als das Urteil vollzogen, seine Funktion also erloschen war.« »Ihre Meinung geht also dahin, lieber Nachbar,« richtete jetzt Plumdamas das Wort an ihn, »daß es um John Porteous besser stünde, wenn er mit Schießen nicht so lange gewartet hätte, bis mit Steinen nach ihm geworfen wurde?« »Ganz entschieden meine ich das, Nachbar,« versetzte Bartel Saddletree, die schon einmal angeführten Gründe noch einmal erörternd und zu ihrer Verstärkung sich auf die Autorität verschiedener Lords berufend, der von ihm beliebten Gewohnheit gemäß, sich der Bekanntschaft mit hohen Herren zu rühmen. Nun fing die um ihn versammelte Clique wieder an, allerhand Klagelieder über den Verfall von Schottlands Größe und guten Sitten zu singen und allerlei Beschwerden über erlittene Unbill zu erheben. »Nicht bloß vergossenes Blut schreit zu uns,« sagte Frau Howden, »sondern auch Blut, das hätte vergossen werden können! Nehmen Sie zum Beispiel mein Enkelkind, die kleine Eppie Daidle – Sie kennen sie ja, Jungfer Damahoy? – die hatte die Schule geschwänzt, was bei Kindern wohl einmal vorkommt – nicht wahr, Herr Butler?« »Dafür müssen sie aber auch,« erwiderte der pedantische Schulmeister, »von jedem, der ihr Bestes im Auge hat, derb gezüchtigt werden!« »Sie war, neugierig, wie nun Kinder einmal sind, um sich den Galgen anzusehen, dicht unter die Balken gekrochen und hätte, wie die andern Menschen ja auch, ganz leicht erschossen werden können – Jesus! was hätten wir dann bloß alle gemacht? Was würde wohl die Königin Karoline gesagt haben, wenn sie eins von ihren Kindern in solcher Gefahr gewußt hätte?« »Es gibt Leute,« versetzte Butler, »die wissen wollen, daß sich Majestät solchen Fall nicht besonders schwer zu Herzen genommen haben würde!« »Um wieder auf unsern Hammel zu kommen,« nahm jetzt Frau Howden wieder das Wort, »so sollte mir John Porteous, wenn ich ein Mann wäre, dran glauben müssen, und wenn alle Karle und Karolinen zehnmal auf das Gegenteil geschworen hätten!« »Ich müßte ihn auch unter meine Finger bekommen,« rief Jungfer Damahoy, »und wenn ich die Tür zu seinem Kerker mit den Fingernägeln aufkratzen müßte!« – »Meine Damen, Sie mögen ja recht haben und meinetwegen noch drüber,« erwiderte Butler, »aber ich möchte Ihnen doch raten, leiser zu sprechen.« »Was? nicht einmal mehr laut reden sollen wir?« riefen die beiden Damen wie aus einem Munde. »Kein anderes Wort wird fallen vom Hafen bis zum andern Stadtende, bis die Geschichte entweder ihr Ende gefunden oder das Blatt sich gewendet hat!« – Die Weiber verfügten sich nun heim, Herr Plumdamas meinte, im Einklange mit den andern beiden Herren, in einer Butike auf dem Lawn-Markte sich noch ein kleines Stampferl genehmigen zu sollen. Als sie das getan, verfügte Herr Plumadams sich schleunig in seinen Laden, während Herr Butler, der gerade Bedarf, nach einem Ochsenziemer hatte – weshalb, darauf wären seine Jungen sicher nicht um die Antwort verlegen gewesen – mit Herrn Saddletree über den gleichen Markt ging, den die beiden Damen vor ihnen passierten, und während beide fleißig schwatzten: Saddletree über schottisches Recht, Butler über lateinische Aussprache, ohne daß aber einer für des andern Ausführungen ein aufmerksames Ohr hatte. Drittes Kapitel. »John Driver, der Fuhrmann, war da und hat nach seinem Zaume gefragt,« rief Frau Saddletree ihrem Manne entgegen, als er den Fuß über die Schwelle setzte, nicht um ihn in einer Sache, die mehr ihn als sie anging, merken zu lassen, daß sie sich auch darum kümmere, sondern bloß, um damit groß zu tun, was alles in seiner Abwesenheit hätte besorgt werden müssen. »Schön,« antwortete Bartel, ohne weiter etwas zu sagen. »Der Laird von Girdingburst hat auch hergeschickt und fragen lassen, wann er die gestickte Satteldecke für seinen Rotfuchs haben könnte, er ist dann auch selbst dagewesen – ein sehr netter und artiger junger Herr – und hat gesagt, daß er sie zum nächsten Pferderennen in Kelso haben müsse.« »Schön, schön,« sagte Bartel wieder, ebenso lakonisch wie vorher. »Seine Erlaucht Graf von Blazonbury, der ja immer gleich aus der Jacke fährt, hat geschimpft und gewettert, daß die Geschirre für seine sechs flandrischen Stuten noch immer nicht abgeliefert seien; er will sie mit den Federbüschen und Kronen, Satteldecken und Steigbügeln noch heute haben.« »Schön, schön, schön, Frau,« antwortete Saddletree, noch immer die Ruhe wahrend; »wenn er's zu toll macht, so lassen wir ihn ins Tollhaus bringen, alles ganz schön, Frau, alles ganz schön!« »Nur schön, daß Du so denkst, Saddletree,« sagte seine Frau darauf, durch seine Gleichgiltigkeit langsam in Hitze geratend, »mancher sähe es doch für eine Schande an, wenn so viel Kunden in den Laden kämen und immer von einem Frauenzimmer abgefertigt werden müßten. Du verstehst nun einmal nicht, Deine Leute in Zucht und Ordnung zu halten; denn kaum warst Du zum Hause hinaus, so liefen auch alle Gesellen und Jungen zum Galgen hin, den Porteous baumeln zu sehen, und da Du eben nicht zu Hause bleiben konntest.« »Schwatze keinen Unsinn, Weib,« versetzte er mit einer an den Jupiter erinnernden Miene, »Du weißt ja, daß ich anderswo zu tun hatte, non onmia , – wie Ratsanwalt Croßmyloof sagte, wenn zwei Klienten seinen Rat zu gleicher Zeit haben wollten – non omnia possimus – pessimus – possimis – – Unser Rechtslatein würde freilich die Ohren des Herrn Butler wieder unangenehm berühren, was es heißt, wissen wir aber, es kann kein Mensch, und wäre er der Herr Oberrichter in Person – zweierlei auf einmal tun.« »Gescheiter wär's schon, Saddletree,« antwortete seine bessere Hälfte, »Du versuchtest, wenn Du doch einmal von Rechtssachen soviel verstehen willst, für die arme Effie Deans was zu tun, die im Stockhause friert und hungert und alles Trostes ermangelt. Sie hat nämlich bei uns gedient, Herr Butler, und ich hab nie anders von ihr gedacht, als daß sie ein gar unschuldiges Mädelchen sei, und was hat sie mir nicht alles genützt, in der Wirtschaft sowohl als im Laden, sie hat die Kunden immer so höflich bedient und dabei immer die schönste Ordnung im Laden gehalten. Weiß der Herr! es gab in ganz Schottland kein Mädchen, das ihr hätte gleich kommen können, sie konnte mit jedem gut fertig werden, und wenn er sich noch so unwirsch gebärdete; besser als ich, Herr Butler, denn ich bin mit den Jahren hartmäulig geworden und kann nicht mehr so gut mit den Leuten umgehen wie früher, man kriegt's eben auch satt, ewig sich mit soviel Volks auf einmal herumscheren zu müssen. Sie können's mir glauben, die Effie fehlt mir an allen Ecken und Enden.« »Mir ist so,« sagte nach einigem Zögern Herr Butler, »als hätt ich das Mädchen schon einmal in Eurem Laden gesehen, blond, nicht wahr? und von bescheidenem Wesen?« »Ja, ja, blond war sie, die Arme, und bescheiden auch,« antwortete Frau Saddletree; »ob ihr guter Geist von ihr gewichen, oder ob sie die sündige Tat in einem Moment geistiger Umnachtung vollbracht hat, mag unser lieber Herrgott im Himmel wissen, wenn sie aber schuldig ist, dann muß die Versuchung wohl gar schwer gewesen sein, und ich möchte den heiligsten Eid darauf leisten, daß sie in diesem Augenblick nicht bei vollem Bewußtsein gewesen ist.« »Ist's nicht die Tochter vom David Deans, dem Pächter vom Leonarder Park, und hat sie nicht eine Schwester?« fragte jetzt Butler, nachdem er eine Weile im Laden herumgerannt war, so geschwind und erregt, wie es ein so ernster und gesetzter Herr nur irgend sein kann. »Ganz recht, Herr Butler, um zehn Jahre älter ist sie, die arme Jeanie! ist erst vor kurzem noch bei mir im Laden gewesen, um wegen ihrer armen Schwester mit mir zu reden, und konnte ich ihr denn was anders sagen, als daß sie wiederkommen möchte, wenn mein Mann da sei? Es geschah ja nicht in der Meinung, mein Mann könne ihr was nützen oder schaden, denn das wird wohl niemand können – sondern bloß, um sie ein bißchen noch hinzuhalten, denn Kummer läßt ja doch nie lange auf sich warten.« »Da bist Du aber im Irrtum, Frau,« antwortete Saddletree, »denn ich hätte ihr schon Auskunft geben können, die ihr, genützt hätte, ich hätte ihr den Paragraphen 1669 zu lesen gegeben, wonach sich ihre Schwester dadurch, daß sie die Schwangerschaft verheimlicht und es unterlassen hat, das Kind polizeilich anzumelden, des versuchten Kindesmordes.« »Ich hoffe zu dem barmherzigen Gott,« sagte Butler, »daß sich das Mädchen von dieser Schuld losmachen werde!« »Ich auch, Herr Butler, ich auch,« sagte Frau Saddletree, »hätte ich doch für sie gut gesagt, wie für mein eigen Fleisch und Blut, aber Du lieber Gott, Herr Butler, ich bin im vergangenen Sommer ein ganzes Vierteljahr bettlägerig gewesen und kaum ein einziges Mal aus meiner Stube gekommen. Mein Mann aber könnte dreist in einer Entbindungsanstalt sein und wüßte doch nicht, weshalb die vielen armen Weiber dorthin gebracht werden. Daher ist's gekommen, daß ich die arme Effie wenig oder gar nicht zu Gesicht bekommen habe, andernfalls hätte ich schon die Wahrheit aus ihr herausgeholt! Wir denken aber immer, daß ihre Schwester sie wird entlasten können.« »Im Parlament,« sagte Saddletree, »ist so lange von nichts anderm als ihrem Schicksal gesprochen worden, bis der Fall Porteous aufs Tapet kam, und ein brillanter Fall ist's ja auch, so interessant versuchter Kindesmord an sich schon ist, seit dem Falle mit der Hebamme Luckie Smith, die anno 1697 vom Leben zum Tode gebracht wurde, noch nicht wieder dagewesen!« »Aber, Herr Butler,« fragte die wackere Frau, »was ist denn Ihnen? Sie sehen ja käseweiß auf einmal aus, darf ich Ihnen eine Herzstärkung anbieten?« »Danke, danke!« antwortete Butler, dem es aber sichtlich schwer wurde, zu sprechen. »ich bin gestern zu Fuß von Dumfries herübergekommen, und heute haben wir's übermäßig warm.« »Setzen Sie sich doch ein bißchen,« sagte Frau Saddletree, ihm mit der Hand herzlich auf die Schulter klopfend, »wie können Sie sich nur immer soviel zumuten! Sie holen sich noch einmal den Tod, passen Sie auf! Aber werden Sie denn die Anstellung bekommen? Darf man etwa schon gratulieren?« »Ja und nein!« versetzte der junge Mann, nicht ohne Verlegenheit; aber Frau Saddletree ließ nicht locker, halb aus Neugierde, halb aus Anteilnahme. »Was? Sie wissen noch nicht, ob Sie die Schule in Dumfries bekommen werden?« fragte sie weiter; »und haben sich doch den ganzen Sommer schon drum geplackt?« »Nein, Frau Saddletree,« sagte er, doch mit weit mehr Ruhe und Fassung als vordem, »ich bekomme die Stelle nicht! Der Laird von Blackbane hat einen natürlichen Sohn, und den hat er Geistlicher werden lassen. Nun weigert sich aber die Klerisei, ihn zu ordinieren – und deshalb –« »Genug, genug!« sagte die Frau; »wenn so ein Laird einen verarmten Vetter hat oder gar einen unehelichen Jungen, dann wird allemal Rat geschafft für eine anständige Versorgung. Und nun sind Sie wieder in Libberton und warten auf den Tod des Herrn Whackbairn? aber der kann so alt werden wie Sie!« »Das kann wohl sein,« versetzte Butler, seufzend; »und wie käme ich dazu, es anders zu wünschen?« »Freilich, freilich,« sagte Frau Saddletree, »es ist eine garstige Sache, solche abhängige Lage! und Sie verdienten es doch wahrlich besser! Ich kann es gar nicht fassen, wie Sie das alles so ertragen können!« » Quos diligat, castigat ,« erwiderte Butler, »in widrigen Zufällen erblickte schon der Heide Seneca ein Heil. Die Heiden hatten ihre Philosophie, die Juden ihre Offenbarung, meine liebe Frau Saddletree, um sich in den Tagen der Trauer aufzurichten; uns Christen aber ist ein besserer Trost zu teil geworden als allen andern – und trotzdem ...« Er schwieg und seufzte. »Ich weiß schon, was Sie sagen wollen,« versetzte Frau Saddletree, ihren Mann anblickend, »und trotzdem wir Bibel und Gebetbuch haben, fehlt es uns doch zuweilen an Geduld. Aber Sie dürfen mir jetzt nicht fort. Sie sehen ja gar zu angegriffen aus, nein, nein! bleiben Sie nur hübsch bei uns und essen Sie einen Teller Suppe mit!« Herr Saddletree legte sein Lieblingsbuch, Balfours Werk »Ueber Rechtsfragen«, beiseite, um der Einladung seiner Frau Nachdruck zu geben; aber der Lehrer lehnte die Einladung ab und ging auf der Stelle. »Es muß doch seine besondere Bewandtnis mit dem Herrn Butler haben,« meinte Frau Saddletree, indem sie ihm die Straße hinauf nachblickte, »er ist doch gar so betrübt über das Unglück, das Effie Deans betroffen hat, und ich wüßte wirklich nicht, daß sie Bekanntschaft gehabt hätten. Nachbarskinder waren sie ja, als David Deans noch Pächter vom Laird von Dumbiedike war, und daß Herr Butler mit dem Vater oder sonst einem von der Verwandtschaft näher bekannt gewesen, mag ja sein. Aber so steh doch nur auf, Saddletree, Du sitzest ja auf der Halfter, die geflickt werden soll. Da kommt endlich der Willie, unser Lehrbursch, heim. Schlingel, was mußt Du den ganzen Tag hinter Leuten her sein, die gehenkt werden sollen? Wie möchte Dir's zu Mute sein, wenn Du 'mal an die Reihe kämest? und wenn Du Dich nicht gewaltig besserst, kann's Dir eher passieren als nicht. He! was stehst Du noch da und flennst, als ob Dir's gleich ans Leben ginge? Marsch, hinein; und betrage Dich nächstes Mal besser! die Peggy soll Dir einen Teller Suppe geben, wirst wohl tüchtigen Hunger mit heimgebracht haben? Na, das kann man sich denken!« Sich zu ihrem Manne wendend, setzte sie noch hinzu: »Aber rede nicht erst, Saddletree, der Junge hat ja weder Vater mehr noch Mutter, es ist bloß Christenpflicht, daß man sich seiner recht annimmt!« »Freilich, freilich,« sagte Saddletree, »wir befinden uns ihm gegenüber, so lange er nicht minderjährig ist, in loco parentis Habe ja schon im Sinne! gehabt, mich vom Waisenamt, da kein Vormund ernannt worden, loco tutoris stellen zu lassen, fürchte bloß, die Kosten des Verfahrens möchten sich nicht rem versam verhalten, denn ob der Junge was hat, was die Verwaltung lohnen möchte, ist mir nicht bekannt,« Er schloß den Satz mit einem wichtigtuerischen Gehüstel, wie jemand, der eine Rechtsfrage mit apodiktischer Sicherheit gelöst zu haben meint. »Was soll denn der arme Junge im Vermögen haben?« erwiderte Frau Saddletree; »Lumpen hat er gehabt, als ihm die Mutter starb, und die blaue Kutte, die ihm Effie aus einem alten Mantel von mir zurechtgeschneidert hat, war das erste ordentliche Stück, das er auf dem Leibe gehabt hat! Die arme Effie! Mit all Deiner Rechtsweisheit kannst Du mir also nicht reinen Wein darüber schenken, ob Gefahr für ihr Leben vorhanden, sofern ihr der Beweis geliefert wird, daß ein Kind dagewesen ist?« »Nun,« versetzte Saddletree, herzensfroh, daß seine Frau sich endlich einmal mit einer Rechtsfrage an ihn wandte, »es gibt zweierlei Fälle von murdrum oder murdragium oder, wie ihr es vulgariter oder populariter nennt, Mord. Das heißt, ich meine, es gibt davon verschiedene Arten, beispielsweise einen murthrum Frauensmißbrauch.« »Das ist wohl diejenige Weise, die von den Adligen uns Handelsleuten gegenüber verbrochen wird,« meinte die Frau, »das heißt, wenn sie uns indirekt zwingen, unsere Läden zu schließen, aber das ist doch nicht Effies Fall, und ich frage Dich doch danach.« »Bei Effie oder Euphemia Deans,« nahm Saddletree wieder das Wort, »liegt mutmaßlicher Mord vor, das heißt ein solcher, den das Gericht auf gewisse Indizien oder Verdachtsgründe stützt.« »So müßte Effie, wenn sie ihren Zustand nicht jemand mitgeteilt hätte, an den Galgen, auch wenn das Kind tot auf die Welt gekommen wäre oder nur im Augenblick der Geburt gelebt hätte?« fragte die Frau voller Angst. »Entschieden,« erklärte Saddletree, »denn dies Gesetz ist von Ihren königlichen Majestäten erlassen worden, in der Absicht, das abscheuliche Verbrechen der heimlichen Geburt aus der Welt zu schaffen. Mit diesem Mordkapitel befaßt sich das Gericht mit Vorliebe, weil es sich seine Existenz besonders auf den Leib zugeschnitten hat.« »Wenn das der Fall ist,« erwiderte Frau Saddletree, »dann verdienten ja die Gerichte selbst gehängt zu werden, und wenn mal ein Advokat dafür an die Reihe käme, würde auch niemand eine Träne vergießen.« Peggy rief zum Essen, und so hatte die Unterhaltung ein Ende, was vielleicht recht gut war, denn sie hätte sonst wohl einen Abschluß gefunden, der für Recht und Gesetz weniger schmeichelhaft gewesen wäre, als sich Herr Saddletree, beider erklärter Bewunderer, beim Beginne hätte träumen lassen. Viertes Kapitel. Butler lenkte seine Schritte vom »goldnen Hengst« zu einem mit Gerichts- und Rechtssachen bewanderten Bekannten, von dem er über die Lage des armen Mädchens, deren Schicksal ihm, wie der Leser wohl bereits erraten haben mag, aus tieferer Ursache als bloßer Menschlichkeit am Herzen lag, Aufklärung fordern wollte. Aber er traf den Mann nicht zu Hause, und auch bei anderen Leuten, die er für Effie zu interessieren hoffte, war seine Vorfrage umsonst, denn durch den Fall Porteous waren alle Gemüter in solcher Erregung, daß niemand für etwas anderes Sinn hatte als darüber zu diskutieren, ob die Regierung im Recht sei, den Hauptmann der Edinburger Bürgergarde zu begnadigen oder nicht. ... Solche Diskussion macht Durst, und daher kam es, daß die meisten Edinburger Advokaten mitsamt ihren Schreibern – und unter ihnen befanden sich gerade die Bekannten, bei denen sich Butler Rat holen wollte – in Schenken und Kneipen herumsaßen, wo sie bessere Muße hatten zu diskutieren als in ihren Kanzleien. Nach einer höchst mäßigen Schätzung soll an diesem Tage in Edinburg soviel Bier konsumiert worden sein, daß man ein Kriegsschiff damit hätte flott machen können. Butler lief den ganzen Tag umher, bis es Abend wurde; denn er hatte sich vorgenommen, die unglückliche Gefangene, ohne bemerkt zu werden, im Stockhause aufzusuchen. Um nicht an Sadlletrees Laden vorbei zu müssen, der in der Nähe des Stockhauses lag – denn er mochte aus dem Munde seines Inhabers nichts weiter mehr hören – schlug er einen Weg ein, der ihn von anderer Richtung zu dem altersgrauen Baue führte, der aus heute nicht mehr verständlichen Gründen mitten in die eigentliche Hauptstraße von Edinburg eingezwängt worden ist, einen Haufen zusammengedrängter Häuser und Buden bildend, die zusammen die Bezeichnung »Luckenbooths« führen. Dazwischen ist nur nach Norden hin ein schmales Gäßchen offen gelassen worden, das sich zwischen den hohen, dunklen Mauern des Stockhauses hindurchschlängelt, nach Süden hin aber zu einem bloßen krummen Gange wird. Zwischen den gotischen Pfeilern und Vorsprüngen hatten sich allerhand Krämer und Trödler eingenistet, deren Auslagen das düstere Bild, das diese Stätte zeigt, einigermaßen aufheiterten. Als Butler unter das gotische Portal trat, war der Schließer, ein langer, hagerer Greis, gerade damit beschäftigt, die mächtigen Riegel vorzuschieben. Butler sprach ihn an und verlangte, zu der des Kindesmordes angeklagten Effie Deans geführt zu werden. Der silberhaarige Greis griff aus Respekt vor der schwarzen Tracht Butlers und seinem an einen Geistlichen erinnernden Aussehen höflich an den Hut, erklärte aber, es sei heut nicht mehr an der Zeit, jemand in das Gefängnis zu führen. »Ihr schließt heute früher als sonst,« erwiderte Butler, »wohl wegen des Hauptmanns Porteous?« Der Schließer nickte ein paarmal geheimnisvoll, langte einen fast zwei Fuß langen Schlüssel von dem Bunde, das er in der Hand hielt, und schob eine starke Stahlplatte, die mittels einer Stahlfeder und eines Springschlosses in die Falzen einsprang, über das Schlüsselloch. Butler blieb instinktiv stehen, bis der Schließer kein Geräusch mehr machte, warf dann einen Blick auf die Uhr und ging schnellen Schrittes die Straße hinauf, unwillkürlich die Vergil-Verse vor sich her murmelnd: Porta adversa, ingens, solidoque adamente columnas; Vis ut nulla virum, no ipsi excindere ferro Colicolae valeant – stat ferrea turris ad auras. Vorn das gewaltige Tor, aus festem Demant die Säulen, Das nicht Männergewalt, selbst nicht der Unsterblichen Angriff Zu durchbrechen vermag. Hoch strebt ein eiserner Turm auf.                                                       Aeneis, VI. 552. Er versuchte es zum andern Male, den Bekannten aufzusuchen, von dem er sich Rat holen wollte, aber wiederum ohne Erfolg, und so hielt er es endlich an der Zeit, der Stadt den Rücken zu wenden und sich nach dem eine reichliche Stunde entfernten Dörfchen zu begeben, wo er seine bescheidene Wohnung hatte. Edinburg war damals von einer hohen Mauer umzogen, deren, Tore allabendlich geschlossen wurden. Wer später noch herausgelassen werden wollte, mußte dem Pächter einen Obolus entrichten; das vertrug sich aber mit den kargen Verhältnissen, in denen Butler lebte, nicht, so geringfügig der Betrag auch war, den er dafür hätte opfern müssen, und so suchte er das am Marktende gelegene westliche Tor zu gewinnen, wo er noch ohne Obolus durchzuschlüpfen hoffen durfte. Es glückte ihm auch, bis zu der kleinen Vorstadt Portsbourgh auf diesem Wege zu gelangen, die vorzugsweise von Kleinbürgern und Handwerkern bewohnt wird. Hier aber stieß er auf ein unerwartetes Hindernis. Es war schon vor ein paar Minuten der Schall von Trommelwirbeln zu seinen Ohren gelangt, und nun sah er plötzlich einen Zug Menschen sich entgegenkommen, der die ganze Breite der Straße einnahm, und an den sich noch ein langer Schweif von Mitläufern fügte. An der Spitze marschierte ein Tambour, der eine Art Generalmarsch schlug. Während er noch mit sich zu Rate ging, wie er dem Haufen, der sicher nichts Gutes vorhatte, am besten aus dem Wege ginge, hatten ihn die vordersten bereits erreicht und hielten ihn fest. »Ihr seid doch Geistlicher?« fragte der eine, offenbar der Rädelsführer. Butler antwortete, er gehöre wohl dem geistlichen Stand an, sei jedoch kein ordinierter Prediger »Der Butler aus Libberton ist's,« rief eine Stimme aus dem Haufen, »ich kenne ihn gut, der kann die Sache ebenso gut verrichten wie jeder andere Schwarzkittel!« »Ihr müßt mit uns umkehren,« sagte der erste wieder in gebieterischer, aber nicht unhöflicher Weise. »Und weshalb, wenn ich fragen darf?« versetzte Butler; »ich wohne eine reichliche Meile von Edinburg. Die Wege find zur Nachtzeit unsicher. Wenn Ihr mich zu solchem Aufenthalte nötigt, setzt Ihr mich in großen Verdruß.« »Ihr werdet sicher nach Eurem Dorfe hinaus gebracht werden, Herr Butler. Ich stehe dafür ein, daß Euch heute nacht kein Haar gekrümmt werden soll. Aber Ihr müßt jetzt mitkommen, das geht nicht anders.« »Und zu welchem Zwecke, meine Herren?« fragte Butler; »darüber werdet ihr mich hoffentlich nicht im unklaren lassen?« »Wenn es so weit ist, werdet Ihr es auch erfahren,« lautete die Antwort. »Jetzt macht Kehrt und zwingt uns nicht erst, Gewalt zu brauchen. Merkt Euch, daß Ihr weder nach rechts noch nach links ausschaut, auch keinem Menschen ins Gesicht seht, sondern alles hinnehmt, wie es an Euch hertritt und so, als sei es Euch im Traume passiert!« »O, wenn es ein Traum auch wäre!« sagte Butler bekümmert zu sich selbst und wandte sich, da er einsah, daß ihm eine Weigerung nichts helfen könnte, dem Haufen zu. Von zwei der vordersten gehalten, marschierte er nun dem Tore wieder zu, das er gerade erst hinter sich gebracht hatte. Den dort postierten Wächtern wurden die Schlüssel entwunden. Dann ging es zu dem kleinen Tore, das Butler, um den Obolus nicht zu entrichten, gemieden hatte. Dem vor Angst und Schreck halb ohnmächtigen Wächter wurde befohlen, die Pforte zu verrammeln; da er aber mit seinen zitternden Händen zu lange Zeit dazu brauchte, griffen welche von der Schar zu und verrichteten die Arbeit beim Schein ihrer Fackeln selbst. Butler sah nun unwillkürlich, in welche Hände er geraten war. Unter denen, die den Zug anzuführen schienen, fielen ihm einige auf, die nach Schifferart gekleidet waren; dann sah er Leute in langen Kaftanen und Schlapphüten; wieder andere waren wie Weiber gekleidet, doch stand hiermit weder ihre tiefe, rauhe Stimme noch ihre herkulische Gestalt im Einklange. Die Menge handelte augenscheinlich nach einem vorgefaßten festen Plane. Sie hatte bestimmte Zeichen und Signale vereinbart, man rief einander mit Namen, die sicher nicht den in den bürgerlichen Verhältnissen üblichen entsprachen, sondern nur für die vorstehende Gelegenheit geschaffen waren. Am meisten hörte Butler den Namen: Wildfire, Wildfeuer (Die englische Form muß, späterer Wortspiele halber, beibehalten werden.) und merkte bald, daß er einem der wie Weiber gekleideten Männer gehörte. Als Posten am westlichen Tore war ein kleiner Trupp zurückgelassen worden. Den Torwächtern wurde streng anbefohlen, keinen Fuß aus dem Schilderhause zu setzen und, sofern ihnen ihr Leben lieb sei, jeden Versuch zur Wiedernahme des Tores zu unterlassen. Dann ging es unter Trommelschlag durch die Straßen der Stadt dem Markte zu. Die Menge, die erst nur ein paar hundert Köpfe gezählt hatte, schwoll nun zu Tausenden an. Quer vor dem Ausgange der High-Street liegt das untere Bow-Tor, Edinburgs »Temple-Bar«, wie man es füglich nennen könnte, das die Stadt von Canongate, wie Temple-Bar London von Westminster, scheidet. Diesen Zugang in ihren Besitz zu bringen, war für die aufrührerische Menge von der größten Wichtigkeit, denn in Canongate lag zurzeit unter dem Kommando des Obristen Moyle ein Regiment Infanterie im Quartier, das die Stadt leicht hätte besetzen, mithin die Absicht der Ruhestörer vereiteln können, wenn es auf diesem Wege Zugang zur Stadt gefunden hätte. Es gelang jedoch, sich auch dieses Tores zu bemächtigen, und zwar mit ebensowenig Mühe, wie alle übrigen Tore. Auch hier wurde ein Trupp zurückgelassen, der Wichtigkeit des Platzes angemessen von größerer Stärke als an den übrigen. Nun galt es, das Wachtlokal der Bürgergarde einzunehmen und sich in Besitz der dort befindlichen Waffen zu setzen. Da niemand in der Stadt solchen Aufruhr vermutet hatte, war es ziemlich schwach besetzt. Die davor befindliche Schildwache legte zwar ihre Muskete an und schrie der Menge ein drohendes Halt zu; aber das von Butler bereits mehrmals beobachtete Mannweib war mit einem Sprunge neben dem Soldaten, riß ihm die Muskete aus der Hand und warf ihn zu Boden. Wer sich von der Bürgergarde weiter zur Wehr setzte, erlitt dasselbe Schicksal, und verhältnismäßig leicht hatte der Pöbel die Wache in seinen Besitz gebracht. Die Gardisten wurden entwaffnet und heimgeschickt, und trotzdem sie bei Andrew Wilsons Hinrichtung auf das Volk geschossen hatten, wurde doch keinem einzigen von ihnen ein ernstliches Leid zugefügt; es hatte ganz den Anschein, als wolle das Volk sich an niemand vergreifen als allein an demjenigen, dem es alle ihm angetane Unbill beimessen zu sollen meinte. Was man im Wachtlokale an Waffen vorfand, wurde nun unter die kühnsten der Schar verteilt. Bislang war von seiten der Anführer noch kein Wort gefallen über den eigentlichen Zweck, den die Meuterei verfolgte. Als aber nun alle Vorkehrungen getroffen waren, die ein Gelingen des gefaßten Planes zu verbürgen schienen, erscholl plötzlich der Donnerruf: »Nach dem Kerker! Zu Porteous! Zu Porteous!« Noch immer erachtete es jedoch der eigentliche Anführer für geboten, keine Vorsicht außer acht zu lassen. Er stellte eine starke Abteilung den Buden gegenüber rechts und links der Straße auf, um den weiter vorn geschilderten Durchgang zu sperren, und ließ das ganze Stockhaus umzingeln, damit von keiner Seite etwas gegen die Menge unternommen werden könne. Mittlerweile war aber Kunde von dem Aufruhr zu der Stadtobrigkeit gedrungen, und die Mitglieder derselben hatten sich in einem Gasthof zusammengefunden, um über die zum Schutze der Stadt und des Stockhauses zu ergreifenden Maßregeln zu beraten. Zunächst wandte man sich an die Zunftältesten, die jedoch rundweg erklärten, zur Rettung eines so allgemein verhaßten Menschen wie des Hauptmanns der Bürgergarde nichts tun zu können. Nun wurde auf einem Umwege der Kommandant der in Canongate quartierten Infanterie durch Boten in Kenntnis gesetzt; er weigerte sich aber, ohne eine schriftliche Order den ihm angesonnenen Sturm auf das untere Bowtor zu unternehmen; zu einer solchen wollte sich aber, erschreckt durch das Porteous drohende Schicksal, der Bürgermeister nicht bequemen. Ein weiterer Versuch, Hilfe von der Burg zu requirieren, scheiterte daran, daß die davor postierten Aufrührer niemand den Zugang gestatteten. Wer von den Stadtbewohnern sich auf die Straße hinaus wagte, wurde entweder festgehalten oder gezwungen, wieder in seine Wohnung zurückzukehren. Auf diese Weise geschah es, daß zu manchem »Spielchen« die nötigen Teilnehmer nicht zusammenkamen; denn auch keine Sänfte, damals in Edinburg das Verkehrsgerät der vornehmen Welt, durfte passieren, ungeachtet der glitzernden Lakaien mit leuchtenden Fackeln, von denen jede Sänfte umgeben war. Nunmehr rückte ein auserlesener Trupp gegen das Stockhaus selbst vor und donnerte, Einlaß begehrend, gegen die Tore. Da sich der Schließer aber, sobald der Tumult anhob, mit seinen Schlüsseln aus dem Staube gemacht hatte, rückte und rührte sich nichts an den Toren. Alle Versuche, sie einzuschlagen, blieben fruchtlos, denn gegen die starken Eisenbeschläge der eichenen Flügel richtete kein Schmiedehammer, keine Brechstange etwas aus. Butler, der mit hergeschleppt worden war, verlor von den dröhnenden Schlägen der schweren Hämmer fast das Gehör. Er hoffte aber, die Wut des Volkes werde sich an diesem Hindernisse kühlen, wenn nicht mittlerweile von irgendwelcher Seite Hilfe herannahte. Zeitweilig gewann die Aussicht auf solche an Wahrscheinlichkeit. Die Ratsherren hatten nämlich ihre Dienstmannen und solche der Bürgerschaft zu sich herangezogen, die noch nicht allen Mut verloren hatten, sich gegen das drohende Ungewitter aufzulehnen, und rückten nun von dem Wirtshause, wo sie ihre Beratung gepflogen, gegen das Stockhaus vor. Dienstmannen mit Fackeln in der Hand geleiteten einen Herold vor die aufrührerische Menge, um ihr das Aufruhrgesetz zu Gemüte führen zu lassen. Als sie aber den um den Durchgang herum befindlichen Buden sich näherten, wurden sie mit Steinwürfen zurückgetrieben. Ein Ratsdiener war so mutig, einen aus dem Haufen zu packen und ihm die Muskete aus der Hand zu reißen. Da ihn seine Kameraden jedoch im Stiche ließen, wurde er auf der Stelle zu Boden gerissen und entwaffnet; aber auch gegen ihn unternahm die Menge nichts weiter, sondern ließ ihn laufen. Die Ratsherren machten zwar noch verschiedene Versuche, sich Gehör zu verschaffen, mußten zuletzt aber einsehen, daß hier alles umsonst sei, und daß ihnen, wenn sie ihr Leben nicht gefährden wollten, nichts anderes übrig bliebe, als den Aufrührern das Feld zu lassen. Besser hielt sich noch immer das Stockhaus selbst, denn seine Tore widerstanden allen Versuchen einer gewaltsamen Oeffnung. Das Getöse der schweren Hämmer, die nach wie vor gegen das Portal schmetterten, mußte bis zur Burg hinauf dringen und die Besatzung derselben alarmieren, und nicht lange, so ging unter der Menge das Gerede, es wären Soldaten von dorther im Anmarsche, ja sogar Geschütze würden aufgefahren, sie auseinander zu treiben. Was zunächst durch solches Gerücht bewirkt wurde, war, daß die Menge ihre Angriffe auf die Kerkertore mit verstärktem Eifer ausführte. Aber sie leisteten nach wie vor Widerstand. Da ertönte der Ruf aus der Menge: »Feuer! Feuer!« und nun wurde Teer in Tonnen zur Stelle geschafft. Nicht lange, so schlug die Lohe an dem Tore empor, das Feuer wurde mit allen nur irgend erreichbaren Brennstoffen gespeist, und bald verkündete wildes Geschrei, daß das Tor zu brennen anfange und bald keinen Widerstand mehr leisten werde. Der Flammenschein traf die wilden Gesichter der den Platz füllenden Menge und die bleichen, von Angst verzerrten Gesichter der in den Häuserfenstern liegenden Bürger. Da kam ein anderer Ruf: »Die Tür kracht!« Das Feuer wurde gedämpft, der Brand gelöscht, aber die Rasenden sprangen über die Glut hinweg in das Stockhaus hinein, daß die Funken hochstoben, und nun ward es Butler zur grausen Gewißheit, daß der unglückliche Hauptmann Porteous der Wut des Edinburger Pöbels verfallen sei, und daß keine Macht ihn mehr werde retten können. Fünftes Kapitel. Hauptmann Porteous hatte die verschiedensten Stimmungen an diesem Tage durchlebt: erst hatte er es nicht für möglich gehalten, daß, nachdem das Schwurgericht das Todesurteil über ihn verhängt, die Staatsregierung zu seinen Gunsten intervenieren werde, und weidlich Trübsal geblasen; als ihm aber die Nachricht gebracht wurde, daß dieser Fall doch eingetreten sei, hatte sich wilde Freude seines Herzens bemächtigt und er wiegte sich in der Hoffnung, seiner Begnadigung überhaupt sicher zu sein. Manche aber, die es wirklich gut mit ihm meinten, hatten aus dem eigentümlichen Verhalten des Volkes bei Verkündigung des Urteilsaufschubs auf ganz andere Dinge geschlossen und dem Freunde geraten, ohne Säumen die vorgesetzte Behörde um Ueberführung nach der Burg zu ersuchen. Porteous aber, der niemals eine hohe Meinung von dem Mut und der Energie eines städtischen Pöbels gehabt hatte, hielt jeden Versuch, gegen das feste Stockhaus einen Angriff zu unternehmen, für ein Unding und erklärte, da bleiben zu wollen, wohin man ihn wider Recht und Gesetz gesteckt habe. Er verlebte den für ihn so glücklichen Tag in dulci jubilo , gab seinen guten Bekannten zur Feier desselben einen fulminanten Schmaus und hatte nicht ermangelt, sich hierbei einen tüchtigen Rausch anzutrinken. In diese Fidelitas hinein, an der sich auch der Gefängnisinspektor, ein alter guter Freund des ehemaligen Hauptmanns der Bürgergarde, beteiligte, schallte plötzlich von der Straße herauf das wilde Geschrei der aufrührerischen Menge. Gleich darauf erschien der Schließer mit der Kunde, daß sich der Pöbel aller Stadttore, wie auch des Wachtlokals der Bürgergarde bemächtigt habe und nun das Stockhaustor einzuschlagen versuche. Vielleicht wäre es auch jetzt noch dem unglücklichen Hauptmanne möglich gewesen, sich zu retten, wenn er sich hätte entschließen können, mit seinen Zechkumpanen in einer geschickten Verkleidung zu entfliehen. Aber er konnte sich zu keinem Entschlusse aufraffen, und seine Bekannten und Freunde suchten so schnell wie möglich die eigene Haut in Sicherheit zu bringen. Da war draußen wieder plötzlich Ruhe eingetreten, und Porteous hatte sich ein paar Augenblicke in der Zuversicht gewiegt, daß von irgend einer Seite her Militär gegen den Pöbel im Anrücken befindlich sei und ihn befreien werde. Bald aber belehrte ihn der Feuerschein eines andern, freilich nicht Besseren. Jetzt blieb ihm bloß ein Weg noch zur Flucht, der durch den Kamin. Er zauderte nicht, wurde aber bald inne, daß ihm die eisernen Gitter, die in den Schornsteinen von Gefängnissen eingesetzt werden, den Häftlingen den Ausbruch zu erschweren, das Emporklimmen unmöglich machten. Da aber der Lärm von Schritten auf den Gängen verriet, daß die Menge bereits in das Stockhaus eingedrungen sei, suchte er sich wenigstens an den Gittern festzuhalten und so zu verbergen. Es war der Strohhalm, an den sich der Ertrinkende klammert! Bald erhellte Fackelschein seine Zelle, die durch ein paar Sträflinge den Aufrührern verraten worden war, und nicht lange währte es, so hatten ihn seine Verfolger aus seinem Schlupfwinkel gezerrt und schleppten ihn unter dem Johlen der Menge die Treppe hinunter auf die Straße. Hier richtete sich mehr denn eine Muskete auf ihn; aber der als Mannweib kostümierte Verschworene, der schon mehrfach Butlers Aufmerksamkeit auf sich gelenkt hatte, rief: »Musketen weg! Seid ihr verrückt, Kerle? An dem Orte soll der Wicht vom Leben zum Tode gebracht werden, wo er das Blut sovieler Kameraden von uns freventlich vergossen hat!« Wildes Beifallsgeschrei lohnte dem Redner, und von allen Seiten her erscholl jetzt der Ruf: »Zum Galgen! Zum Galgen! Auf den Grasmarkt mit dem Mörder!« »Daß ihm keiner was antue!« fuhr der Anführer fort; »wenn er kann, soll er seine Rechnung mit dem Himmel machen. Durch uns soll seine Seele nicht mit dem Leibe verderben.« »Hat er besseren Menschen Zeit dazu gelassen?« rief ein anderer aus der Menge; »wozu sollen wir ihm was Besonderes vergönnen?« Aber die Meinung des ersten gewann die Oberhand; dem Hauptmann wurde anbefohlen, seinen letzten Willen aufzusetzen, und ein schuldenhalber im Stockhaus sitzender Kaufmann übernahm das Schriftstück zur Besorgung an die Behörde. Den übrigen Arrestanten wurde erlaubt zu fliehen, und natürlich ließ sich keiner dazu nötigen: manche schlossen sich mit Jubel dem Haufen der Aufrührer an, andere suchten auf Nebenwegen bekannte Schlupfwinkel und Diebshöhlen zu erreichen, wo sie sich besser aufgehoben dünkten; im Stockhause blieben nur zwei zurück: ein Mann von etwa fünfzig und ein Mädchen von etwa achtzehn Jahren. Beide wurden wiederholt aufgefordert, mitzufliehen; der Mann aber sagte, er habe es sich nun einmal in den Kopf gesetzt, das alte Handwerk an den Nagel zu hängen und ein ehrlicher Mensch zu werden. Es half auch nichts, daß ihm einer, der zu seinen engeren Bekannten gehören mochte, sagte: »Bist ein Esel, Willie; wenn Du bleibst, so mußt Du baumeln!« Er blieb bei seinem Vorsatze und ging in die Zelle zurück. Der Herkules in Weiberkleidern gab sich alle erdenkliche Mühe, das Mädchen zur Flucht zu bestimmen. »Komm mit, Effie, komm mit!« rief er ihr zu. Aber sie sah ihn verwundert an; Furcht, Liebe, Tadel, Schmerz sprachen zugleich aus ihrem Blicke. »Komm mit, Effie!« sagte er noch einmal, »bei allem, was Dir lieb und teuer ist, beschwöre ich Dich, komm mit!« Aber sie konnte kein Wort der Erwiderung finden, nur ihr Auge starrte auf den Mann, so lange er vor ihr stand und in sie drang, zu fliehen. Da scholl wilder Lärm von unten herauf, dann der Name: »Madge Wildfire! Madge Wildfire!« – Mit fliegender Hast raunte der, dem der Ruf galt, dem Mädchen nochmals zu: »Effie, komm mit! bei allem, was Dir lieb und teuer ist! um Deinet-, um meinetwillen, komm mit!« Sie schüttelte den Kopf. »Effie!« rief er noch einmal, »sie hängen Dich! sie hängen Dich!« Verwundert, verstört, blickte sie ihm nach. »Besser so,« sprach sie leise vor sich hin, den Kopf auf die Hand stützend, »der gute Name ist doch einmal hin!« Ohne des Lärms zu achten, der noch immer um sie her tobte, blieb sie, bewegungslos wie eine Bildsäule, sitzen. Die Menge zog zum Grasmarkte, mit ihrem unglücklichen Opfer in der Mitte. »Fünfhundert Pfund sollt Ihr haben,« raunte Porteous dem an seiner Seite befindlichen Wildfire zu, »wenn Ihr mich aus der Patsche rettet.« Den krampfhaften Händedruck des Unglücklichen zurückgebend, versetzte Wildfire: »Nicht Zentner geprägten Goldes können Euch lösen, Porteous. Gedenket Andrew Wilsons!« Ein paar Minuten lang war es still zwischen den beiden. Dann setzte Wildfire hinzu: »Macht Eure Rechnung mit dem Himmel, Hauptmann!. Wo ist der Pfaffe?« Butler, bislang unfern dem Kerkertore zwischen Furcht und Entsetzen festgehalten, wurde herbeigeführt. Wildfire gebot ihm, an die Seite des Gefangenen zu treten. Butler richtete die Bitte an die Aufrührer, ihr schlimmes Tun zu bedenken. »Ihr seid nicht Richter dieses Mannes,« sprach er, »nicht bei Euch ist es, über Leben und Tod eines Eurer Mitmenschen zu entscheiden, und mag er den Tod auch zehnmal verdient haben. Im Namen Dessen, der die Gnade in Person ist, tauchet nicht Eure Hände in das Blut dieses Unglücklichen, sondern laßt ihm Gnade widerfahren! Vergeßt nicht, daß Ihr im Begriffe steht, das gleiche Verbrechen zu begehen, das Ihr Euch zu rächen anschickt.« Einer aus dem Haufen schrie: »Macht, daß Ihr mit Euren Wischiwaschi zu Ende kommt! Das könnt Ihr Euch auf der Kanzel leisten, aber nicht hier unter freiem Himmel. Oder wollt Ihr, daß wir Euch zusammen mit dem Hauptmanne aufknüpfen?« »Ruhig!« rief Wildfire; »laßt den Mann reden! was tut er anders, als was sein Gewissen ihm vorschreibt! Mir ist er nicht minder lieb darum.« Darauf wandte er sich an Butler: »Wir haben Euch ruhig angehört, aber das merket Euch: eher könnt Ihr die Steinwände des Stockhauses zum Wanken bringen als uns in unserm Entschlusse. Blut fordert Blut. Und daß Porteous den Tod erleide, haben wir uns mit tausend Eiden geschworen. Verdient hat er ihn reichlich. Darum sparet Eure Worte und bereitet ihn auf das Ende vor! Wir haben nicht viel Zeit mehr.« Der Hauptmann hatte sich, um leichter durch den Schornstein zu entkommen, Rock und Schuhe ausgezogen. Man hatte ihm erlaubt, in den Schlafrock zu fahren, und so wurde er auf die kreuzweis übereinander gelegten Hände zweier Aufrührer gesetzt – »das Kissen des Königs«, wie es in Schottland heißt – Butler wurde von neuem aufgefordert, dem Todeskandidaten den letzten Trost zu spenden: eine durch die seltsamen Umstände, die ihn hierher geführt hatten, für ihn doppelt traurige Obliegenheit. Porteous machte nun selbst einen Versuch, die Gemüter seiner Henker zur Gnade zu stimmen. Als er aber erkannte, daß solches Mühen vergeblich sei, gewann er rasch seine Fassung, denn sein militärischer Sinn sträubte sich gegen jede Schwäche. »Seid Ihr vorbereitet auf solch schreckliches Ende?« fragte ihn Butler mit zitternder Stimme. »O, wendet Euch zu Ihm, der Zeit und Raum nicht kennt, vor Dem eine Minute als Leben, und ein Leben als Minute gilt.« »Was Ihr sagen wollt, weiß ich,« versetzte Porteous, »aber ich bin Soldat und habe als solcher ein Leben hinter mir. Mögen meine Sünden und mein Blut über diejenigen kommen, die mich vor der Zeit vom Leben zum Tode bringen!« »Und wer war es,« fragte mit ernster Stimme Wildfire, »der hier an diesem selben Orte dem unglücklichen Wilson, als er durch die marternden Fesseln am Beten verhindert war, die höhnischen Worte zurief, es lohne sich nicht mehr, denn es würde ja doch bald mit ihm vorüber sein?. Ist es Euch nicht möglich, aus den ermahnenden Worten dieses Herrn Nutzen für Eure Seele zu ziehen, so schleudert wenigstens nicht Vorwürfe wider die, so milder mit Euch verfahren als Ihr mit andern verfuhret!« Man hatte den Richtplatz erreicht. Langsam und ernst, unter dem Geleit von Fackelträgern, bewegte der Zug sich, noch immer mit dem über die Menge ragenden unglücklichen Opfer in der Mitte, der Stelle zu, wo der Galgen zu stehen pflegte. Ihn selbst aus dem Schuppen des Stadthauses zu holen, war nicht rätlich, denn es wäre darüber zuviel Zeit verstrichen. So brach man die Bude eines Seilers auf und raubte ein Tau daraus, ließ aber eine Guinee dafür auf dem Ladentische zurück. Hierauf grub man ein Loch, in das ein Pfahl gerammt wurde. Noch einmal versuchte Butler, uneingedenk der eigenen Sicherheit, das Volk zur Milde zu stimmen und von seinem schrecklichen Beginnen zurückzuhalten. Auch der Hauptmann richtete ein paar Worte an die Menge: »Ich bin kein Mörder,« rief er, »ich handelte nur in dem mir zuerteilten Amte.« – »An den Galgen! an den Galgen!« schrie die rasende Menge. Butler wurde beiseite gestoßen, und ohne sich um die Richtung zu kümmern, die ihm der Zufall wies, floh er wie besessen von dieser Stätte des Grauens. Bald vernahm er ein wildes Johlen, und als er nun voll Entsetzen hinter sich blickte, sah er im grellen Fackelschein, hoch über der Menge, eine menschliche Gestalt baumeln. Wie von Furien gejagt, rannte er die Straße hinunter, in der er sich befand, dem Tore zu. Es war noch verschlossen, denn es gehörte zu denjenigen, die die Aufrührer in ihren Besitz gebracht hatten. Eine Stunde lang rannte er davor hin und her, ehe er sich getraute, die Wächter zu rufen. Wohl waren sie wieder in Freiheit gesetzt, aber es traute sich keiner, seinen Wunsch, das Tor zu öffnen, zu erfüllen. Erst als er sagte, er sei Geistlicher, entschlossen sie sich dazu. »Jawohl, ich kenne ihn,« sagte einer von ihnen: »ich hab ihn in Haddeshole predigen hören und kann mir denken, welch grause Predigt er heut nacht gehalten haben mag. Gott verzeih es ihm!« Zuerst wollte er in sein Dorf zurückkehren. Dann aber kamen ihm allerhand Gedanken anderer Art, die ihn bestimmten, noch in der Nähe der Stadt, in der er heute soviel Schreckliches erlebt, zu bleiben. Er sah viele Menschen an sich vorüberstreichen, während er die letzten Nachtstunden hier zubrachte, und aus ihrer Hast wie ihrem leisen Flüstern ließ sich merken, daß sie bei dem grausen Ereignis beteiligt gewesen waren. Bezeichnend für dasselbe war das schnelle Verlaufen der Menge, als sie ihre Rache gestillt hatte. Bei gewöhnlichen Aufständen pflegt es sich in dieser Hinsicht anders zu verhalten, so lange der Pöbel den Erfolg für sich hat. Hier aber warfen die Leute, als sie sich überzeugt hatten, daß keine Spur von Leben mehr in ihrem Schlachtopfer vorhanden sei, die Waffen auf die Straße und am andern Morgen war außer diesen und dem baumelnden Leichnam von der schrecklichen Szene dieser schrecklichen Nacht nichts mehr zu gewahren. Jetzt trat die Obrigkeit wieder in Funktion, rief Truppen in die Stadt und verhängte eine strenge Untersuchung, trotzdem es ihr noch schwül zu Mute war, wenn sie ihrer Ohnmacht gegen den aufsässigen Pöbel gedachte. Es erwies sich jedoch als unmöglich, auch nur den geringsten Anhalt über den Ursprung des verwegenen Anschlags und die wirklichen Rädelsführer zu finden, so lange und eifrig die Untersuchung auch betrieben wurde. Sechstes Kapitel. Es wird nicht leicht einen zweiten Ort in der Welt geben, wo man ein so herrliches Bild vom Sonnenauf- und untergange hat wie die Salisbury-Felsen bei Edinburg, beziehungsweise der wilde Pfad, der sich an ihnen hinaufwindet. Eine großartige Szenerie, die man von dem Rande des steilen Abhanges aus sieht, der sich zur südwestlichen Seite der Hauptstadt Schottlands niedersenkt! Erst die dicht zusammengedrängte, vieltürmige Stadt, an das Bild eines ruhenden Drachens erinnernd; dann ein weit gedehnter, großartiger Meeresarm mit unzähligen Klippen und Inseln und berggekrönten Ufern, zuletzt ein üppiger Landstrich, reich geschmückt durch Täler und Hügel und gesäumt von der malerischen Kette der Pentland-Berge; und in dem Verhältnis, wie sich der Pfad langsam weiter windet, gewinnt das Bild an Schönheit und Pracht, denn sie wechselt in einem fort, und die erhabenen, reizvollen Partien, die sich bald einen, bald scheiden, ergötzen das Auge des Beschauers auf die mannigfachste Weise; diese auch in den verworrensten Massen herrliche Landschaft macht in der Morgen- und Abendbeleuchtung, wenn sich die glänzenden Lichtstellen von den tiefen Schatten magisch abheben, einen fast zauberartigen Eindruck. Von diesem feenhaften Gipfel aus sah Butler am Morgen nach der Ermordung des Hauptmannes die Sonne aufgehen. Das Haus, wohin er unterwegs war, hätte er auf kürzerem, und auch bequemerem Wege erreichen können. Aber es war ihm darum zu tun, sich zu sammeln und bis zu einer schicklichen Stunde zu warten, um bei der Familie, der er einen Besuch zugedacht hatte, nicht Verwunderung oder gar Unruhe zu wecken. Darum blieb er auch jetzt stehen und starrte in die aufsteigende Sonne, in ernstes Sinnen versunken: in Sinnen über die grausen Ereignisse der Nacht, bei der ihm selbst eine traurige Rolle zugefallen war; in Sinnen über die tieftraurige Kunde, die er aus dem Munde der Frau Saddletree vernommen hatte und die ihm noch tiefer zu Herzen ging. Reuben Butler stammte von englischen Eltern, war aber in Schottland geboren. Sein Großvater, Stephan mit Vornamen, – seiner Belesenheit in der Heiligen Schrift wegen »der Bibel-Butler« genannt – hatte in den Bürgerkriegen um Mitte des siebzehnten Jahrhunderts in den Reihen der Independenten, schwärmerischer Begeisterung voll, gefochten und sich, als wieder Ruhe ins Land gekommen war, von einigen Spargroschen das Gütchen Beersheba beim Dorfe Dalkeith in Schottland, wo er unter General Monks im Quartier gelegen hatte, gekauft und eine Bauerndirne zur Frau genommen, war aber bald darauf gestorben und hatte seiner Witwe außer der Sorge für einen dreijährigen Knaben als einziges Erbteil die feindliche Gesinnung eines Nachbarn vom Hochadel hinterlassen. Damals tobte in Schottland allerhand religiöser und politischer Zwiespalt. Der Laird von Dumbiedike fand bald nach dem Tode von Stephan Butler Ursache zu Klagen wider dessen Witwe. Er war ein enragierter Royalist und Katholik und hatte als solcher immer die gute Meinung für sich, im Gegensatze zu der Witwe, die den Glaubensgrundsätzen ihres seligen Mannes treu blieb. Sie wurde demzufolge häufig zu schweren Bußen verurteilt und mit der Zeit so weit gebracht, daß sie ihr Gütchen nicht mehr halten konnte, und als es zur gerichtlichen Versteigerung kam, erstand der Laird von Dumbiedike – und darauf hatte er es natürlich nur abgesehen – das ihm zur Arrondierung seines Grundbesitzes höchst genehme Besitztum. Sobald ihm dieser Plan gelungen war, änderte er plötzlich seine Gesinnung und zog mildere Saiten auf, ja er erklärte sich bereit, der Witwe gegen mäßigen Zins ihr kleines Häuschen mit einem angrenzenden Stück Land zur weiteren Bewirtschaftung zu überlassen. Die Witwe war darauf eingegangen; aber nun wuchs langsam ihr Junge heran und nahm sich, als er das heiratsfähige Alter erreicht hatte, auch ein Weib, mehrte aber dadurch nur das ohnehin schon große Elend in Beersheba. Dessen Sohn nun war Reuben, mit dem wir den Leser in den letzten Kapiteln unserer Erzählung bekannt gemacht haben. Seine Geburt fiel in das Jahr 1703 oder 1704. War der Laird bis jetzt der Witwe ein ziemlich gnädiger Pachtherr gewesen, so steigerte er seine Ansprüche erheblich, als er sah, daß das Gütchen nicht bloß die Witwe, sondern auch deren Sohn mit Frau und Kind ernährte. Es war überhaupt seine Mode, das Pachtgeld nach der Breite zu bemessen, die die Schultern seiner Kätner aufwiesen. Reubens Vater Benjamin war nun zwar ein wortkarger, ziemlich beschränkter, aber sehr kräftiger Mann, der mit allen Fasern an der väterlichen Scholle hing und gegen die Zumutungen des Lairds weder Einwendungen erhob, noch Versuche machte, seinen Stab anderswohin zu setzen. Um den höheren Zins aufzubringen, arbeitete er, ohne Rücksicht auf die Gesundheit, wie ein Pferd und zwang auch sein Weib, zu arbeiten wie ein Pferd. So lange die Ernte gut ausfiel, ging es noch immer, als aber ein paar schlechte Jahre kamen und zu der schweren Arbeit sich der Hunger gesellte, da erkrankte erst der Mann, dann die Frau an typhösem Fieber, und kurz hintereinander starben beide. Nun hatte die alte Großmutter, wie ehedem für den eigenen Sohn, die Sorge für einen unmündigen Enkel, war aber natürlich nicht imstande, das kleine Bauerngütchen so weiter zu bewirtschaften, wie ihr Sohn mit seiner Frau, und so mußte denn die hochbejahrte Witwe des alten Monkschen Reitersmannes von Tag zu Tag erwarten, mit ihrem unmündigen Enkel von dem harten Laird vor die Tür gesetzt zu werden. Die gleiche Not war über eine andere Pächters-Familie des Lairds hereingebrochen, über einen von den sogenannten »Stillen« im Lande, den zähen, unbeugsamen Presbyterianer David Deans, der dem Laird wegen seiner politischen und kirchlichen Gesinnung ganz ebenso verhaßt war, wie es der alte Butler gewesen war, den er aber immer darum noch gelitten hatte, weil er seine Pacht pünktlich bezahlte. Ein paar dürre Jahre machten aber auch ihn mürbe, und so kräftig er sich gegen das ihn bestürmende Ungemach wehrte, so kam es doch auch bei ihm bald zu Pfändungen, so daß er sich zu ungefähr der gleichen Zeit dem gleichen Schicksale ausgesetzt sah, das der Witwe Butlers drohte. Da sollte ein unvermutetes Ereignis die vielen Leute Lügen strafen, die den beiden Pächterfamilien den Bettelstab prophezeit hatten. An dem ihnen von dem harten Laird gesetzten äußersten Zahlungstermine, als ihre Nachbarsleute sich schon bereiteten, ihnen ein paar Tränen des Mitleids zu weihen, keiner von ihnen aber auch nur ein wenig Lust zeigte, die Hand für sie zu rühren, wurde der Pfarrer des Kirchspiels, wie auch ein Edinburger Arzt, durch einen expressen Boten auf das Schloß des Lairds gerufen. Darob waren die beiden Herren höchlich erstaunt, denn der Laird hatte nie ein Hehl aus seiner Geringschätzung der beiden Fakultäten gemacht, denen die Männer angehörten, die er jetzt, obendrein noch zu gleicher Zeit, zu sich auf sein Schloß lud. Sie fanden sich auch dort zu ziemlich gleicher Zeit ein und merkten bald, daß ein gewichtiger Grund vorlag, sie zu zitieren: denn kaum waren sie in das Vorzimmer der Wohnung des Lairds getreten, als sich noch ein dritter Herr zu ihnen gesellte, ein Rechtsanwalt und Notar, Herr Nichil Novit, der übrigens, obwohl zuletzt gekommen, zuerst zum Laird hineingerufen wurde und erst nach einer Weile die beiden andern. Der Laird ruhte in seinem Staatsbett im vornehmsten seiner Gemächer, das nur bei Hochzeits- oder Todesfällen geöffnet wurde, aber auf dem Schlosse, da es der Todesfälle bekanntlich immer mehr gibt als der Hochzeitsfeste, bekannt war unter dem Namen »Sterbezimmer.« Hier fanden die beiden Jünger der genannten Fakultäten noch zwei Personen: den Sohn und Erben des Lairds, einen arg in die Länge geschossenen, exemplarisch blöde aussehenden Jungen von 14–15 und eine robuste Wirtschafterin zwischen 40 und 50 Jahren, die seit dem Tode der Lady das Regiment im Lairdschen Haushalte geführt hatte. An diese zurzeit im Sterbezimmer anwesenden Personen richtete der Laird, in dessen ohnehin ziemlich beschränktem Kopfe jetzt allerhand Gedanken, auf diese und jene Welt bezüglich, einander jagten, die folgende, hieraus erwachsende Ansprache: »Das gibt eine harte Nuß für mich, ihr Herren! Weit härter, als die ich anno 89 knacken mußte, als man mir deshalb aufs Fell rückte, weil ich Papist sein sollte. Und dabei habe ich doch – das dürfen Sie mir, weiß Gott! glauben, Pastor – von papistischer Gesinnung mein Lebtag kein Körnchen im Schädel gehabt! Nimm's Dir zum Exempel, John! Solche Schuld, wie ich jetzt müssen wir mal alle berappen; aber für einen, der nie gern im Leben was berappt hat – daß das nicht erlogen ist, kann dir Nichil Novit bestätigen, der Dir dicht vor der Nase sitzt – ist's ein gar schlimmes Ding! – Novit, vergeßt nicht, vom Meier die fällige Pacht zu kassieren! Wer Schulden bezahlen soll, muß auch kassieren, was ihm andre schuldig sind. – Hast Du 'mal nichts zu tun, John, dann pflanze Bäume, denn Bäume wachsen, dieweil Du schläfst, John: das hat mir schon mein Vater ans Herz gelegt, und zwar vor wenigstens vierzig Jahren; es hat mir bloß immer an der Zeit gefehlt, den Rat zu befolgen. Und trink auch keinen Schnaps in der Frühe, John, denn Schnaps ist dem Magen nicht zuträglich, er versäuert; nimm dafür lieber einen Schluck aqua mirabilis , das Zeug versteht Jenny gut zu brauen. Hol's der Teufel, Doktor, mir wird die Luft so knapp wie einem Pfeifer, der einen Tag lang zur Hochzeit aufgespielt hat. Jenny, rück mir das vertrackte Kissen zurecht! Ach, geh! nutzen wird's auch nichts – Pfaff, Ihr könnt mir doch gewiß ein kurzes Stoßgebet vorleiern? Wer weiß, ob's mir nicht gut täte? Wenigstens könnt's mir ein paar Flausen aus dem Kopfe jagen. Also los, Pfaffe, los!« »Ein Gebet herleiern wie ein Wiegenlied, Laird,« versetzte der würdige Pfarrer, »das kann ich nicht, und wenn Ihr Eure Seele freimachen wollt von Bösem, dann müßt Ihr mir zuvor Euern Sinn offenbaren!« »Ich dächte, meinen Sinn müßtet Ihr kennen,« versetzte der Kranke, »hat mich doch Pfarrer und Vikar seit 89 Geld über Geld gekostet! Da soll ich das einzige Mal in meinem Leben, wo es mich danach gelüstet, nicht mal ein Stoßgebet dafür haben können? Schert Euch, wenn es mit Eurer Weisheit so erbärmlich bestellt ist. Kommt Ihr mal her, Doktor! vielleicht könnt Ihr mir aus der Patsche helfen?« Der Doktor hatte sich inzwischen bei der Wirtschafterin nach dem bisherigen Krankheitsverlaufe erkundigt und erwiderte nun dem Laird, daß er mit all seiner Kunst ihm das Leben nicht erhalten könne. »Dann hol euch beide der Teufel!« schrie der Kranke fuchswild; »was wollt ihr denn hier? Von euch nichts weiter zu hören, als daß ihr mir nicht helfen könnt, darauf pfeife ich, versteht ihr?. Jenny, schaff mir die Kerle aus den Augen! Und Du, John, laß Dir's gesagt sein, gibst Du einem von ihnen auch nur sechs Dreier für den Gang, so sollst Du verflucht sein!« Doktor und Pfarrer zogen sich schnell aus dem Zimmer zurück, während der im Sterben liegende Laird sein Gewissen durch Lästerreden zu betäuben suchte. »Jenny, die Schnapsflasche!« schrie er mit einer seinen Grimm wie seine Qual zugleich verratenden Stimme; »was brauche ich die beiden, da ich doch sterben kann, wie ich gelebt habe?. Aber,« setzte er leiser hinzu, »eins drückt mich schwer, recht schwer, und das spült mir kein Schnaps vom Herzen! die Deans und die alte Butlern. Ich hab sie hart geschunden in den dürren Jahren, und wenn sie jetzt aus dem Hause sollen, müssen sie umkommen, ohne Frage, John, wie steht's heut ums Wetter?« »Es schneit, Vater,« antwortete, nach einem Blick zum Fenster hinaus, der langgeschossene Junge mit Seelenruhe. »Erfrieren werden sie,« sagte der Laird, »und ich – ich werde, wenn's zutrifft, was man mir gesagt hat – bald schmoren!« Diese Worte rangen sich so dumpf und hohl aus der geängstigten Brust des Sterbenden herauf, daß es sogar den Advokaten schauderte, und zum ersten Male in seinem Leben versuchte er es, durch einen frommen Rat einem Sterbenden die letzte Stunde zu erleichtern: er legte dem Laird ans Herz, den beiden vom Unglück so schwer heimgesuchten Familien das ihnen auf hinterhältige Weise genommene Gut wieder zurückzugeben. Aber der Geiz, der so lange in diesem Herzen gewohnt hatte, ließ auch jetzt die Reue nicht aufkommen. »Das geht nicht an, Novit, nein, nein!« rief der Laird in verzweifeltem Tone, »Ihr wißt, wie nötig ich Geld brauche, und Beersheba gehört ja schon von Natur zu Dumbiedike, nein, nein! ich müßte sterben, wenn ich das täte!« »Aber sterben müßt Ihr ja doch!« sagte darauf der Advokat, »und tut Ihr,, was ich Euch sage, dann habt Ihr doch vielleicht einen leichteren Tod! Probiert's doch!« »Kein Wort mehr, Novit, kein Wort mehr davon, sonst schmeiß ich Euch die Schnapspulle an den Kopf! John, Du siehst's, wie mich das auf meinem Sterbebette quält! Höre, sei nicht hart gegen die Leute, ich meine die Butlern und die Deans, John, klammre Dich nicht zu fest an irdischen Kram! Du siehst, wie es mir zusetzt! Aber halt Hab und Gut zusammen, hörst Du? und aus den Händen gibst Du Beersheba nicht, denn unser Land soll nicht wieder zerrissen werden, aber laß die Leute billig in der Pacht, damit sie ihr bißchen Brot haben, vielleicht verhilft's Deinem Vater zu einem leichten Tode, John!« Nachdem er durch diese widerspruchsvollen Sätze sich so weit beruhigt hatte, daß er drei große Gläser Schnaps hintereinander hinuntergießen konnte, lallte er: »Der Teufel schickt den Pfaffen aus, er soll den Doktor holen!« aber er kam nicht weiter in dem Liede, sondern schnappte, wie die dicke Haushälterin sagte, zum letzten Male nach Luft. Der Laird war tot, und sein Ableben brachte in der Lage der beiden unglücklichen Familien eine große Veränderung zu stande. John Dumbiedike war zwar auch engherzig und selbstsüchtig, aber doch nicht so unersättlich wie sein Vater, und sein Vormund stimmte mit dem Anwalt Novit darin überein, daß man den letzten mündlichen Willen des Verstorbenen achten und ausführen müsse. Zufolgedessen wurden Deans und Butlers nicht in die kalte Winternacht hinausgetrieben, sondern man vergönnte ihnen, sich nach wie vor Buttermilch und Erbsenbrei im Schweiße ihres Angesichts zu verdienen. Woodend, David Deans' Pachthof, lag nicht weit von dem Butlerschen Beersheba, und doch hatten beide Familien sich früher kaum einmal im Jahre gesehen. Deans war ein starrsinniger Schotte und mochte von England, sei es, was es wolle, nichts wissen. Zudem war er ein ebenso starrer Presbyterianer, der um keines Haares Breite von dem einzig wahren Wege abwich, der seiner Rede nach »gerade zwischen den leidenschaftlichen Uebertreibungen der rechten und den Irrtümern der linken Hand hindurch führte«. Nichtsdestoweniger führte die Lage der beiden Familien mit der Zeit eine Annäherung herbei: sie hatten die gleiche Gefahr durch einen unvorhergesehenen Zufall überstanden und waren, um sich ihr karges Heim zu erhalten, auf die gleichen Mittel und Wege angewiesen, ähnlich wie Menschen, die zusammen durch ein Wasser schwimmen müssen, das für einen zu reißend ist, darauf angewiesen sind, einander unter die Arme zu greifen und sich gegenseitig zu halten, um nicht einzeln von der Flut fortgespült zu werden. Je enger sie bekannt wurden, desto mehr schwanden auch die Vorurteile, die Deans noch immer in Glaubenssachen hatte, denn er erfuhr jetzt erst, daß die alte Butlern keine Englische sei und, wenn auch nicht so recht an dem wahren, die Irrtümer der Zeit bekämpfenden Nonkonformisten-Glauben hing, sich doch auch nicht viel um die sogenannte unabhängige Richtung der Kirche scherte. Es ließ sich also doch vielleicht hoffen, daß ihr Enkel, trotzdem er von einem Dragoner Oliver Cromwells stammte, weder zu dieser noch zu der papistischen Lehre sich zu bekennen, sondern die Glaubensgrundsätze des alten Deans, der ein starrer Nonkonformist war, zu den seinigen machen würde. Es kam noch eins hinzu, das die beiden Pächtersleute einander näher führte: der alte Deans hatte eine schwache Seite, und die bestand darin, daß er es gern hatte, wenn jemand auf seinen Rat etwas gab; das war nun bei der alten Frau Butler in fast allen hauswirtschaftlichen oder ihren Acker betreffenden Fragen der Fall, trotzdem es Deans selten unterließ, bei den Ansichten, die er hierüber verfocht, ein paar respektwidrige Worte gegen die Art, wie es ihr seliger Mann gehalten, dazwischen zu flechten. »Es kann ja sein, daß es die Englischen nicht so machen, aber dafür sind wir doch eben in Schottland und nicht in England; wer auf unsre Kirchenreformen nichts gibt, sondern den Bau Zions niederreißen möchte, den wir so mühsam aufgeführt haben, der wird vielleicht auch dazu raten, Hafer ins Gehege zu säen; aber ich sage: da kommen bloß Erbsen fort, Erbsen und nichts andres!« Die alte Frau Butlern ließ sich, wie gesagt, gern raten und gewöhnte sich mit der Zeit daran, ihren Nachbar als eine Art Orakel zu betrachten, und das schmeichelte ihm nicht wenig. So hatte er auch mit der Zeit nichts dawider, daß sich zwischen Jeanie, der einzigen Tochter aus seiner ersten Ehe, und Reuben, dem Enkel eines Cromwellschen Reitersmannes, ein freundliches Verhältnis zu bilden begann. Damit der Leser hierüber klar sehe, ist es notwendig, sich mit dem Charakter der beiden Kinder ein wenig zu befassen. Siebentes Kapitel. Es war auch nur verständig von der alten Frau Butler, auf den guten Rat ihres alten Nachbarn zu hören, denn wenn sie auch durch den plötzlichen Tod des Lairds Dumbiedike davor bewahrt blieb, den Fuß von ihrem kleinen Gütchen zu setzen, so fiel es ihr doch nach wie vor recht schwer, allen Pflichten, die ihr aus dem kleinen Besitztum erwuchsen, ohne männliche Hilfe gerecht zu werden, ja es hatte lange Zeit den Anschein, als wenn es ihr kaum gelingen würde, den schweren Kampf zu bestehen, während Deans in verhältnismäßig kurzer Zeit wieder über den Berg war. Er war eben doch ein Mann und noch immer, wenn auch nicht in seinen besten, in guten Jahren, die alte Frau Butler hingegen schon eine betagte Greisin. Freilich wuchs zu ihrer Stütze ihr Enkel heran, während Deans, je älter seine Tochter wurde, mit der Sorge für ihre Aussteuer rechnen mußte. Aber Deans war ein Mann, dem die Verhältnisse so leicht nicht über den Kopf wuchsen, sondern der beizeiten vorsorgte. Drum hielt er seine Tochter von Jugend auf zu einer ihrem Alter angemessenen Arbeit an und sparte den Verdienst, der ihr dafür zukam. Hierdurch gewöhnte sich das Mädchen einen ernsten und festen Sinn an, und da sie kerngesund und frei von nervösen Leiden und anderen Schwächen des weiblichen Organismus war, gewöhnte man sich in der Umgegend daran, sie für eine Art weiblichen Musterwesens anzusehen. Der Enkelsohn der Frau Butler dagegen war ein schwächlicher und wenn auch nicht furchtsamer, so doch schüchterner, zaghafter, unsicherer Junge, er hatte etwas von der Mutter an sich, die im Grunde genommen immer gekränkelt hatte; infolge eines Falles in frühester Jugend lahmte er ein bißchen, und die stetige Fürsorge der Großmutter hatte ihn langsam des Vertrauens in die eigene Kraft entwöhnt, ihm aber anderseits die Neigung eingeimpft, sich für besser zu halten, als er war. Trotz dieser Verschiedenheit im Wesen waren die beiden Kinder einander zugetan, nicht bloß aus Gewohnheit, sondern aus wirklicher Zuneigung. Sie trieben zusammen die wenigen Schafe und die paar Kühe, die ihren Eltern gehörten, auf die karge Weide; dort saßen sie dann, nebeneinander unter einer blühenden Dornenhecke, guckten einander in die muntern Augen oder krochen, wenn es zu regnen drohte, unter das gleiche grobe Plaid. Auf dem Wege zur Dorfschule mußte das Mädchen, wenn ein Bach zu durchwaten war oder ein Hund oder Ochse ihnen in den Weg lief, oder sonst eine Gefahr drohte, dem Jungen immer erst durch ihr Beispiel Mut machen. Auf der Schulbank aber suchte Reuben seinen Mann und fand sattsam Gelegenheit, dem Mädchen die kleinen Dienste, die sie ihm in physischer Hinsicht leistete, wett zu machen, indem er ihr bei den Schularbeiten half. Reuben Butler war der beste Schüler im Dorfe und der erklärte Liebling nicht nur des Lehrers, sondern auch, und zwar wegen seiner milden Gemütsart, seiner Mitschüler und Mitschülerinnen, aber zufolge seines schüchternen Wesens schloß er sich an niemand weiter als an die Nachbarstochter, dagegen wuchs mit den Jahren seine Neigung zu den Büchern, und wenn er draußen auf dem Felde über Euklids »Eselsbrücke« grübelte, statt die Augen auf seine Schafe zu richten, die sich dann selten lange besannen, auf die bessere Weide des Lairds hinüber zu laufen, dann war es immer die resolute Jeanie, die ihm mit ihrem kleinen Hunde aus solcher Patsche half, die ihn leicht in Verdruß und seine Großmutter in Schaden hätte setzen können. Je weiter Reuben in der Kenntnis der alten Klassiker fortschritt, desto häufiger stellten sich dergleichen Fälle von Achtlosigkeit bei ihm ein, und während er Vergils berühmte Bücher über Landbau studierte, bis er zuletzt Hafer nicht mehr von Gerste unterschied, wäre es ihm fast passiert, daß er auf dem Felde seiner Großmutter das größte Unheil anrichtete, denn es wandelte ihn mehr denn einmal die Lust an, sie nach den Rezepten Columellas und Catos des Zensors zu bebauen. Das bereitete der alten Großmutter manche trübe Stunde und beeinträchtigte auch den alten Deans lebhaft in der guten Meinung, die er von Reuben gefaßt hatte. »Was wird Euch schließlich übrig bleiben, Butlern,« sagte er zu seiner Nachbarin, »als aus dem unpraktisch veranlagten Jungen einen Pfaffen zu machen? Den einen Trost dabei habt Ihr ja schließlich, daß in unserer schlimmen Zeit, die das menschliche Herz gegen Gottes Wort immer mehr verhärtet, an guten Pfaffen größerer Mangel herrscht als je, und daß es Euer Reuben, wenn er auch grade kein Gesandter des Herrn wird, doch zu einem würdigen Diener unserer Kirche bringen soll, darüber will ich ja die Augen mit offen halten. Wenn er seine Sache macht, wie es sich gehört, dann versprech ich Euch, daß ich bemüht sein will, ihm die Lizenz zu verschaffen.« Reuben wurde nun auf das Kolleg von Saint-Andrew gebracht, wo er mit Eifer seinen Studien oblag, und Jeanie Deans büßte ihren langjährigen treuen Kameraden auf Feld und Wiese ein. Leicht wurde die Trennung beiden nicht, aber sie waren ja jung und mithin reich an Hoffnung, und so schieden sie in der Zuversicht auf ein Wiedersehen unter besseren und glücklicheren Umständen. Die Großmutter sah sich, der Unterstützung ihres Enkels auf diese Weise beraubt, bald außer stände, Beersheba weiter zu bewirtschaften; der junge Laird aber bewies auch jetzt, daß ihm die Worte, die sein Vater auf seinem Sterbebett an ihn gerichtet, heilig seien, und räumte der Witwe das Recht ein, ihre Wohnung in dem Häuschen zu behalten, während er ihr die Arbeiten auf Feld und Wiese abnahm; bloß – und hierin war er wieder der echte Sohn seines Vaters – bedang er sich aus, daß sie ihm niemals mit Ausgaben für die Instandhaltung des Häuschens kommen dürfe. David Deans brachte es dagegen, weil er alle Vorteile wahrnahm, in der gleichen Zeit zu einigem Wohlstande, und die Verbesserungen, die er im Landbau einführte, verliehen ihm im ganzen Lande ein gewisses Ansehen, ja sie trugen, ihm das besondere Wohlwollen des jungen Lairds ein, der sich sogar daran gewöhnte, den täglichen Rundgang durch sein Besitztum mit einem kurzen Besuche beim alten Deans in Woodend zu beschließen. Der Laird war wohl reich an Geld und Gut, aber nicht reich an Geist, konnte auch mit der Sprache nicht recht fort, brauchte deshalb immer geraume Zeit, bis er sich eine Meinung schuf und äußerte. Er liebte große Einfachheit und war nie anders zu sehen als in seines Vaters altem Tressenhute und mit einer leeren Pfeife im Munde. Während er mit dem alten Deans über Viehzucht und Ackergerät sich unterhielt, oder, richtiger gesagt, den Ansichten, die letzterer auskramte, bereitwillig zuhörte, pflegten seine Augen an der fleißigen Tochter des Pächters, Jeanie, zu hängen, die er nur immer »die Dirne« zu nennen liebte. War Deans mit der Landwirtschaft fertig, schwenkte er immer auf religiöse Dinge über, und auch auf diesem Boden blieb ihm der Laird ein williger Hörer, wenngleich schlimme Zungen behaupteten, Deans hätte gerade so gut von Sonne, Mond und Sternen faseln können, denn verstanden hatte der Laird weder dies noch jenes. Das ließ aber Deans, wenn es ihm zu Ohren kam, unter keinen Umständen gelten, hätte es ihm doch im eignen Ansehen zuviel geschadet; der Laird, sagte er immer, sei eben keiner von den adeligen Laffen, die mit Tressenrock und Schleppdegen mal hoch zu Roß in die Hölle fahren, statt barfuß in den Himmel einzugehen, sondern anders wie sein Vater, ginge nicht mit schlechten Subjekten um, fluche und wettere nicht, trinke auch nicht und drücke sich auch nicht in schlechten Kneipen herum, sondern halte strengen Sabbath und lasse seinen Leuten eine anständige Freiheit, und wenn er auch, wie sein Vater, noch immer zu viel am Irdischen hänge, so lasse sich doch nicht verkennen, daß ein leiser Hauch des Geistes auch über ihn gekommen sei. Als kluger Vater konnte sich Deans über die eigentümliche Gepflogenheit des Lairds, während seiner Vorträge keinen Blick von seiner Tochter zu lassen, nicht lange im unklaren sein. Mehr aber noch als ihn, beschäftigte die Sache ein anderes Mitglied seiner Familie, die zweite Frau nämlich, die er sich zehn Jahre nach dem Tode seiner ersten genommen hatte. Sie hieß Rebekka, und vielfach herrschte im Lande die Meinung, Deans habe sich mit seiner zweiten Heirat, trotzdem er zehn Jahre damit gewartet, doch übereilt, und diese Meinung stützte sich zumeist darauf, daß Deans im allgemeinen zu fromm sei, um der Ehe hold sein zu können, sondern sie doch nur als ein der Menschheit in ihrem unfertigen Zustande notwendiges Uebel ansehen könne. Rebekka aber war, wenn solche Meinung über ihren Mann vielleicht zutraf, dem Ehestande nichts weniger als abhold, ja sie neigte sogar dazu, sich mit ein bißchen Kuppelei zu befassen, und gleichwie sie schon manches Mädchen in der Gegend unter die Haube gebracht hatte, wäre ihr solche Absicht hinsichtlich des Lairds und ihrer Stieftochter wohl zuzutrauen gewesen, wenigstens ließ sie es hin und wieder an einer Anspielung darauf nicht fehlen. Der alte Deans zog dann aber immer die Stirn in Falten, und das einzige, was er dazu sagte, war ein geringschätziges »Pah!« – wollte aber die Frau gar einmal davon zu reden anfangen, so nahm er still die Mütze und schritt aus dem Hause, den dämmernden Strahl selbstgefälligen Lächelns zu verbergen, der ihm unwillkürlich über das strenge Antlitz huschte. Der jüngere Leser wird hier sicher fragen, durch welche Vorzüge Jeanie diese Aufmerksamkeit des jungen Lairds erregte? und da muß ich als Erzähler, der es mit der Wahrheit genau nimmt, sagen, daß Jeanie eine hervorragende Schönheit nicht war, denn sie war klein und ihre Figur fast zu stark; ihr Gesicht war zwar von angenehmer Rundung, jedoch durch den ständigen Aufenthalt im Freien stark gebräunt; sie hatte zudem hellbraunes Haar, aber stark ins Graue spielende Augen. Sympathisch aber war ihr Wesen als Abglanz einer unbeschreiblichen Lauterkeit des Gemütes und jener milden Fröhlichkeit, die nur aus einem guten Gewissen und einem zufriedenen Sinne erwächst. Der Leser wird daraufhin zugeben, daß Jeanie Deans, wenn auch eine ganz passable Dirne, so doch keine Schönheit war; nichtsdestoweniger fand sich Laird Dumbiedike, sei es nun aus Gewohnheit, oder aus Unkenntnis seines Gemütszustandes, oder aus Mangel an Willenskraft, einen Tag wie alle Tage, einen Monat nach dem andern und ein Jahr nach dem andern, in Woodend ein, um sich an dem Blick »der Dirne«, wie er sie nannte, zu weiden, kam aber niemals zu einer noch so schwachen Andeutung, daß es seine Absicht sei, die Anspielungen von Jeanies Stiefmutter wahr zu machen. Da nun die liebe Frau Rebekka Deans nach einigen Jahren unfruchtbarer Ehe ihren David ebenfalls mit einem Töchterchen beschenkte, dem in der Taufe der Name Euphemia, abgekürzt Effie, gegeben wurde, läßt es sich erklären, daß ihr über diesem ewigen Zaudern des hochadeligen Werbers die Geduld zu reißen drohte. Rebekka sagte sich nämlich, und wohl mit Recht, daß die ältere Tochter, wenn sie zur Lady Dumbiedike erhoben würde, keine Aussteuer mitzubekommen brauche, sondern daß dann das ganze väterliche und mütterliche Erbteil ihrer eigenen Tochter zufallen müsse; darum wandte sie alle mögliche List an, den Laird zu einer Erklärung zu veranlassen, mußte es aber über sich ergehen lassen, daß sie bei all diesen Versuchen Niederlagen erlitt, bis sie sich zuletzt vorkam wie ein täppischer Angler, der die Forelle, statt fängt, scheucht. Einmal vornehmlich, als sie mit dem Laird über die Notwendigkeit scherzte, dem Schlosse Dumbiedike endlich eine Herrin zu schenken, kam dieser in solche Begriffswirrnis, daß er sich volle vierzehn Tage lang in Woodend mit seinem Tressenhut und seiner leeren Pfeife nicht wieder sehen ließ. Rebekka zog hieraus die Lehre, daß es klüger sei, den Laird bei seinem Schneckentempo zu lassen, gemäß der alten Totengräber-Rede, daß kein Esel, man möge ihm noch so derbe Prügel geben, schneller zu Grabe komme, als er es sich in den Kopf gesetzt habe. Mittlerweile studierte Reuben in Saint-Andrews weiter und verschaffte sich die Mittel zu seinem Unterhalt durch Unterrichtsstunden, die er solchen erteilte, die das erst lernen wollten, was er schon gelernt hatte. Ja, es gelang ihm aus dieser Tätigkeit soviel zu lösen, daß er der alten Großmutter nicht unerhebliche Unterstützungen zuwenden konnte: eine heilige Pflicht, deren Verletzung er sich, wie jeder Schotte, zum Verbrechen angerechnet hätte. Er erwarb sich tüchtige Kenntnisse in allen Wissensfächern, vornehmlich in demjenigen, welches er zu seinem Beruf erwählt hatte, der Theologie; aber sein überbescheidenes Wesen hinderte ihn, sie richtig Zur Geltung zu bringen, und so hätte er, wenn er über Mißgeschick, Ungerechtigkeit und Zurücksetzung hätte klagen wollen, ebensoviel Ursache gehabt wie manch anderer, der vielleicht nicht in so trüben Lebensverhältnissen war wie er. Die Lizenz als Geistlicher bekam er » summa cum laude « ausgestellt, aber kein Amt, in welchem er sie hätte ausüben können, und so blieb ihm nichts weiter übrig, als nach Beendigung seines Studiums sich wieder nach Beersheba in die Hütte der Großmutter zu flüchten; einige Privatstunden in benachbarten Gutshöfen verschafften ihm dort ein kärgliches, zudem unsicheres Einkommen. Einer seiner ersten Besuche galt dem Pachthofe in Woodend. Jeanie hieß ihn mit warmer Freundschaft willkommen, Frau Rebekka bewies ihm wohlwollende Gastfreundschaft und David Deans begrüßte ihn auf seine Weise: das heißt: er rückte ihm sogleich mit allen Möglichen Zeit- und Streitfragen auf den Leib, um zu ermitteln, ob er es verstanden habe, sich von den Irrungen und Wirkungen der Zeit das Herz frei zu halten. Reuben war nun seiner Gesinnung nach strenger Presbyterianer, aber jederzeit bereit, Dinge aus der Diskussion zu lassen, die seinen alten Freund und Gönner hätten kränken können, und so durfte er füglich erwarten, rein wie geläutertes Gold aus diesem Deansschen »Schmelztiegel von Prüfungsfragen« hervorzugehen. Aber vor solch strengem Examinator wie dem Vater Deans war es nicht so leicht, mit Erfolg zu bestehen. Die alte Großmutter hatte es sich nicht nehmen lassen, den Enkel nach Woodend zu begleiten, mußte ihr doch daran liegen, mit anzuhören, wie sich »ihr Reuben« dem Nachbar als Gelehrter offenbaren würde. Da war es ihr nun recht schmerzlich, wahrnehmen zu müssen, daß Nachbar Deans sich ganz anders zeigte, als sie sich gedacht hatte, weder etwas sagte, noch nach etwas fragte, sondern erst, nachdem ihm Frau Buttler wiederholt das Wort vergönnt hatte, sich mürrisch zu einem Gespräche herbeiließ. »Ich hab doch aber gedacht, Nachbar,« sagte die Greisin, »Ihr würdet Euch ein bißchen freuen, den Reuben, meinen lieben Jungen, wieder bei uns zu sehen?« »Na, ich freue mich ja,« versetzte der Nachbar kurz angebunden. »Der arme Junge hat doch, seit er den Großvater und den Vater verlor, keinen Menschen mehr in der Welt gehabt, der sich seiner so brav und ehrlich angenommen hätte, wie Ihr, Nachbar!« »Der einzige wahrhafte Vater der Waisen ist Gott im Himmel,« erwiderte, den Blick aufwärts richtend, Vater Deans. »Gebt also die Ehre auch Ihm, nicht einem seiner unwürdigen Werkzeuge!« »Ja doch, Nachbar, so beliebt Ihr immer die Dinge zu drehen, und am besten wißt Ihr ja auch sicher, was recht und in Ordnung ist, aber ich vergesse es Euch trotzdem nicht, wie Ihr, obgleich in Eurer Mühle selbst kein Stein mehr auf dem andern war, nach Beersheba einen Scheffel Mehl schicktet.« »Frau Butlern, laßt das,« fiel Deans ihr ins Wort, »dergleichen Aufhebens um solche Kleinigkeit dient bloß dazu, unsern innern Menschen eitel und hoffärtig zu machen.« »Nachbar, was wahr ist, muß auch wahr bleiben!« antwortete die Greisin, »Ihr wißt es doch selber, daß Ihr noch mehr getan habt! Und daß Ihr Euch über meinen Jungen freut, des bin ich sicher, auch wenn Ihr's nicht frei heraus sagt. Na, seht, mit seinem Fuße geht's auch besser; er kann meilenweit laufen, ohne müde zu werden, und besser im Gesicht sieht er auch aus, er hat ja richtig schon rote Backen, und das, Nachbar, tut meinen alten Augen wohl. Auch einen ordentlichen Rock hat er auf dem Leibe, Nachbar sieht er nicht ganz aus wie ein Geistlicher?« »Freilich, Butlern, freilich, und daß er so gesund und ordentlich daher kommt, na, das ist mir lieb, sehr lieb, das muß ich sagen,« erwiderte David Deans, aber mit solch gemessenem Tone, daß jeder, bloß nicht eine alte Frau, die sich einmal was vorgenommen hat, gemerkt hätte, daß er die Unterhaltung abbrechen möchte. »Und auf jede Kanzel kann er treten, Nachbar,« fuhr die alte Frau fort, »und wenn ich ihn mir vorstelle, wie er predigt und wie alles mit offnem Munde dasitzt und seinen Reden lauscht, als wäre er der Papst in Person.« »Was sind das für Reden, Frau?« rief Deans in strengem Tone. »Ach, lieber Himmel!« rief die Frau, »da ist mir ja ganz aus den Gedanken gekommen, wie ungehalten Ihr grade über den Papst seid, wie ja mein seliger Mann auch, der Stephan, der von früh bis abends am Tische saß und ein Zeugnis aufsetzte wider die römische Herrschaft und wider die Wiedertaufe, und was nicht alles noch.« »Frau, redet, was Ihr verantworten könnt, sonst haltet lieber den Mund!« rief Deans; »ich sage Euch, was sich bei uns zu Lande als unabhängige Richtung ausgibt, ist lauter Ketzerei, und das Widertaufen gar erst ein verderblicher, betrügerischer Irrtum, der mit allem Feuer des Geistes aus den Herzen und mit dem Schwert des Gesetzes aus dem Lande gerissen werden sollte!« »Ja doch, ja doch, Nachbar,« erwiderte die Frau, »Ihr habt ja ganz gewiß recht, denn wer so klug in allen Wirtschaftsdingen ist, der muß ja auch in kirchlichen Fragen beschlagen sein, aber was meinen Reuben angeht, so ...« »Liebe Butlern,« antwortete Deans, »der Reuben ist ein junger Mensch, dem ich von Herzen wohl will, wie meinem eignen Sohne, aber ich befürchte, sein Geist wird sich übernehmen, wird bis rechte Gnade nicht finden; denn er hat der weltlichen Gelehrsamkeit zuviel und sinnt zu sehr, wie er den streitigen Satz darstellen soll in blumenreicher Rede, als daß er den Grund des Heils in seiner Seele fände, er ist zu stolz darauf, daß er die Gabe hat, was er gelernt im Flitterstaate schöner Worte wiederzugeben; indessen,« lenkte er ein, als er sah, welche Kümmernis sich auf dem Gesichte der Greisin malte, »Trübsal kann ihn ja von diesen Schlacken läutern, Trübsal wird ihn demütiger machen, und dann, dann werdet Ihr noch Eure helle Freude an dem Jungen haben, denn er wird ein Licht der Kirche werden!« Wenn auch die alte Frau nicht alles richtig verstand, was Deans vorbrachte, so beunruhigte sie doch manches Wort aus dem Munde des alten Freundes, so daß die Freude, die sie erst über die Wiederkunft ihres Enkels empfunden, einen starken Dämpfer erhielt. So ganz unrecht hatte Deans zudem nicht, denn Reuben litt halb und halb an der Schwäche, mehr Wissen auszukramen, als sich bei mancher Gelegenheit für nötig erwiesen hätte; und daß es den alten Mann, der sich in geistlichen Streitfragen für ein Orakel dünkte, unangenehm berührte, hin und wieder bei dem jungen Menschen auf begründeten Widerspruch zu stoßen, ist auch begreiflich. Dagegen fand Jeanie Deans weniger Ursache, Reuben wegen dieser ihrem Vater anstößigen Schwäche zu grollen, im Gegenteil freute sie sich darüber, vielleicht aus dem gleichen Grunde, wie sich Weiber über Mut bei Männern freuen: weil ihnen selbst nämlich diese Eigenschaft abgeht. Da die Verhältnisse sich auf beiden Pachtgütern während Reubens Abwesenheit wenig verändert hatten, die Beziehungen also dieselben waren wie früher, kamen die beiden jungen Leute auch wie früher oft zusammen, und das alte Verhältnis zwischen ihnen lebte wieder auf; jedoch in einer ihrem fortgeschrittnen Alter gemäßen Weise; sie gewannen nicht bloß wieder Zuneigung zueinander, sondern versprachen sich sogar, ein Paar zu werden, sobald es Reuben geglückt sei, ein sicheres, wenn auch nur mäßiges Einkommen zu erlangen. Das war indessen keine so leichte und einfache Sache, wenn auch mancher Plan dazu geschmiedet wurde. Jeanies Wangen verloren ihre erste Frische, und auf Reubens Stirn zeigten sich die ersten Falten, aber noch immer schien die Möglichkeit zu einem Bunde ausgeschlossen. Zum Glück waren beide nüchterne Naturen, denen ihr Pflichtgefühl vorschrieb, die Zeit mit Geduld abzuwarten, bis ihre Hoffnungen sich erfüllen würden. Aber, wie immer, führte nun auch in ihren Verhältnissen die Zeit Veränderungen herbei. Stephan Butlers Witwe wurde von hinnen gerufen, und ihr bald hinterher auch Rebekka, David Deans' fürsorgliche Hausfrau. Am Morgen nach Rebekkas Ableben begab sich Reuben zu dem alten Freunde und Wohltäter, um ihm ein paar Worte des Trostes zu sagen. Da sollte er nun Zeuge eines wunderlichen Kampfes werden zwischen menschlichen Regungen und religiösem Starrsinn, alles Irdische dem Ausblick auf Gott und Ewigkeit unterzuordnen. Kaum war er in das kleine Pachthäuschen getreten, so wies ihn Jeanie in den Gemüsegarten, »wo Vater,« wie sie mit gebrochener Stimme sagte, »sich seit dem schrecklichen Unglücke aufhielte, das über ihn hereingebrochen sei.« Reuben ging erschreckt in den Garten. Sein alter Freund saß in einer Laube, in tiefen Schmerz versunken. Als er des jungen Mannes ansichtig wurde, verfinsterte sich sein Gesicht, wie wenn ihm die Störung zuwider sei; als aber Reuben unschlüssig wurde, ob er weiter auf Deans zugehen oder sich wieder entfernen solle, erhob sich Deans und trat ihm mit Selbstbeherrschung und Würde entgegen. »Junger Mann, wir sollen es uns nicht zu Herzen gehen lassen, wenn Gerechte von hinnen gerufen werden. Besser, zu sagen: Siehe! sie sind den Mühsalen dieses Lebens enthoben. Wehe über mich, wenn ich eine Träne über meines Herzens Weib vergösse, da ich Ströme weinen sollte über den Verfall der Kirche, die immer tiefer in den Pfuhl der Sünde sinkt.« »Es ist mir eine Freude, lieber Herr Deans, zu hören,« erwiderte Butler, »daß die Sorge für das Wohl der Kirche Euch den eignen Kummer vergessen läßt.« »Vergessen, Reuben?« wiederholte der Arme, sich die Augen wischend, »o, vergessen kann ich sie nimmer; Er aber, der die Wunden schlägt, kann auch den Balsam spenden, sie zu heilen, und so bekenne ich, daß ich während der Nacht in so tiefe Betrachtungen versunken war, daß ich meines schweren Verlustes nicht mehr gedachte. An den Ufern des Ulai habe ich in meinen Gedanken geweilt, die köstlichsten Früchte pflückend.« Und doch ging ihm der Tod seines geliebten Weibes so tief zu Herzen, daß ihm Woodend ganz verhaßt wurde und er sich vornahm, anderswohin zu ziehen. So tat er auch und mietete sich bei den Sankt Leonard-Felsen, zwischen Edinburg und dem als »Sitz Arturs« bekannten Berge, ein einsames Häuschen mit weiten. Wiesengründen, knapp eine Meile von der Stadt, um dort Viehzucht zu treiben. Reuben Butler kam infolgedessen weniger oft mit seiner Jeanie zusammen, die dem Vater wacker an die Hand ging. Er hatte nach mancherlei Enttäuschungen in einem von Edinburg etwas ferner gelegenen Dorfe eine Stelle als Hilfslehrer angenommen, hatte dort eine segensreiche Wirksamkeit entfaltet und die Schule bald in einen so guten Ruf gebracht, daß verschiedene Bürger sich entschlossen hatten, ihre Söhne dorthin in Erziehung zu geben. Seine Lebensaussichten schienen sich auf diese Weise günstiger gestalten zu wollen, und jedesmal, wenn er nach Sankt-Leonard kam, ließ er es sich nicht nehmen, seiner Jeanie ein paar hoffnungsreiche Worte zuzuraunen. Aber da ihn sein Beruf jetzt mehr in Anspruch nahm, wurden seine Besuche dort immer seltener; zumal er sich nicht entschließen konnte, alle freie Zeit, die ihm blieb, dort zu verbringen, denn so freundlich ihn auch Deans immer willkommen hieß, so war es ihm doch zumute, als ob derselbe das Geheimnis seines Herzens ahnte, und sprechen darüber wollte er noch nicht, aus Furcht, eine Abweisung zu erhalten. Darum schien es ihm klüger, nur so oft dort vorzusprechen, wie es ihm alte Bekanntschaft und ehemalige Nachbarschaft erlaubte. Dagegen stellte sich in Sankt-Leonard ein anderer Gast weit öfter ein, und das war kein anderer als der junge Laird Dumbiedike. Als David Deans dem Laird von seiner Absicht, Woodend aufzugeben, Kenntnis gab, hatte dieser ihn wortlos angegafft, war aber, ohne des Falles mit einem Worte zu erwähnen, wie immer zur gewohnten Zeit und Stunde gekommen. Als aber der Tag da war, den Deans für den Auszug bestimmt hatte, und als der große Heuwagen aus dem Schuppen geschafft wurde, um das Hausgerät aufzunehmen, da hatte der Laird, ärger als bisher gegafft und schließlich sogar den Mund aufgemacht und die Worte: »Ei, Leute, ei! ei!« hervorgestoßen. Und als Deans den Pachthof geräumt hatte, da war der Laird noch immer zur gewohnten Zeit und Stunde wieder dort erschienen und war verdutzt vor der versperrten Tür stehen geblieben, als wisse er nicht im geringsten, was das zu bedeuten habe. »Ach, Gott!« hatte er dann gerufen, und darüber hatte sich alles gewundert, denn jedermann wußte, daß er diesen Ausruf nur tat, wenn er sich in ganz besonders starker Gemütserregung befand. Seitdem hatte sich sein Wesen vollständig verändert, er war aus seiner gewohnten Regelmäßigkeit herausgekommen, etwa wie ein Uhrwerk, dessen Gang plötzlich gehemmt worden. In alle Hütten lief er, und alle Dirnen gaffte er an. Aber ob es auch bessere Pachthöfe gab als Woodend, und niedlichere Dirnen als Jeanie Deans, war es doch, als wenn sich für die Lücke, die in dem Tageslaufe des Lebens seiner Lairdschaft entstanden war, kein Ersatz, als wenn sich kein Plätzchen finden wolle, wo es sich so nett und bequem und behaglich hätte sitzen lassen wie auf der Fensterbank in Woodend, als wenn es kein Mädchengesicht gäbe, das sich so wohlig angaffen ließe wie das der Jeanie Deans. Endlich, nachdem er eine ganze Woche lang sich gleichsam um sein eigen Werk gedreht und dann eine ganze Weile, als wäre sein eigen Werk abgelaufen, noch stillgestanden hatte, war ihm der Gedanke gekommen, daß er es doch nicht nötig habe, sich ständig auf der gleichen Angel zu drehen wie der Zeiger einer Uhr, sondern seine Kreisbahn auch einmal verändern und erweitern könne. Um von diesem, wie er endlich begriff, ihm gehörigen Rechte den rechten Gebrauch zu machen, erstand er von einem Viehtreiber aus dem Hochlande einen Klepper, und auf ihm ritt oder vielmehr stolperte er nach Sankt-Leonard hinauf. Jeanie Deans hatte sich an das Gaffen des Lords freilich schon so gewöhnt, daß sie kaum noch wußte, ob er da sei oder nicht, und doch befiel sie zuweilen Unruhe, daß sich seine Blicke einmal in Worte übersetzen könnten, denn in solchem Falle hätte es geheißen, ade Hoffen und Sehnen nach Reuben! denn so kernfest auch ihr Vater in religiösen und bürgerlichen Dingen war, so wohnte ihm doch, wie damals allen schottischen Pächtern, ein gewisses Untertänigkeitsgefühl gegen seinen Laird im Herzen, während er Reuben noch immer seinen weltlichen Wissenskram, wie er sich ausdrückte, nicht ganz vergessen hatte. Ein bißchen Eitelkeit auf solche Standeserhebung seines Kindes kam auch mit in Betracht bei diesem Eiferer, der sich so oft so bitter beklagte, daß er sich trotz allem manchmal von irdischem Tand angezogen fühle. Aus alledem ergab sich, daß dem Mädchen die täglichen Besuche des Lairds recht unangenehm geworden waren, und daß sie sich verhältnismäßig leicht darüber hinweghob, den Fuß von der Stätte setzen zu müssen, wo sie ihre ganze Jugendzeit verlebt hatte; nahm sie doch den Trost mit hinweg, den Laird mit seinem Tressenhut und seiner Pfeife zum letzten Male vor Augen gehabt zu haben, denn eher hätte sie geglaubt, die Obstbäume und Kohlstrünke aus dem Woodender Gärtchen würden ihr hinterher ziehen, als den Laird solches Entschlusses für fähig zu halten. Daß sie sich also vorkam, als müsse sie in die Erde sinken, wie sie nach vierzehn Tagen den Laird mit Tressenhut und Pfeife wieder, wie ehedem in Woodend, jetzt in Sankt-Leonard einziehen, sich mit dem gleichen Gruße und der gleichen Frage: »Na, Dirne, wie geht's? wo ist denn Vater Deans?« wie dort jetzt hier auf die Fensterbank pflanzen und seine regelmäßige Zeit absitzen sah, das wird der Leser dem wahrhaften Erzähler dieser wahrhaften Geschichte gewiß ohne weitere Beteuerung glauben. Aber am zweiten Tage hatte der Laird sich kaum auf die Fensterbank niedergelassen, als er eine ganz ungewohnte Redseligkeit entfaltete. »Jeanie; Du, Jeanie! Dirne Du!« sagte er, mit einer Richtung auf ihre Schulter hin die Finger spreizend, wie wenn er sie dorthin legen wollte, aber die Hand wie eine Vogelklaue steif in der Luft haltend, als Jeanie vor den Fingern schnell zurückwich. »Jeanie,« sagte er wieder, schwärmerisch angehaucht wie ein verliebter Schäfer, »heut ist's gar schön draußen, und auch mit den Wegen geht's, wenn man Stiefel anhat.« »In den langweiligen Tobies muß der Böse gefahren sein!« sagte Jeanie in sich hinein, »wer hätte glauben mögen, daß er sich so weit von seinem Dorfe wagen würde?« Ja, sie tat heute recht brummig und ärgerlich, denn Vater Deans war gerade nicht da, und der Laird kam ihr heute so unternehmend vor, daß sie Angst hatte, er möchte es heute mit einer Erklärung versuchen. Ihre Brummigkeit wirkte auch niederschlagend, wie sie gerechnet hatte. Der Laird verfiel gleich wieder in seine gewohnte Ebenmäßigkeit, kam drei-, viermal in der Woche nach Sankt-Leonard, wie es die Witterung erlaubte, setzte sich wieder, wie ehedem, auf die Fensterbank, gaffte wieder, wie ehedem, Jeanie an und ließ sich wieder, wie ehedem, von Vater Deans Vortrag über die religiösen Streitfragen vom Tage halten. Achtes Kapitel. Mittlerweile war Effie Deans unter der zärtlichen Fürsorge ihrer Schwester Jeanie zu einem schönen blühenden Mädchen herangewachsen. Hellbraune Locken, von einem blauseidnen Netze mühsam gehalten, wallten von dem schönen Haupte, das an griechische Formen erinnerte, auf ein jugendlich lachendes Antlitz, das Bild der Gesundheit und Freude, nieder, und ihre ländliche, eng anschließende Kleidung von dunklem Braun zeichnete die Konturen der lieblichen Gestalt, die mit der Zeit wohl versprach, in den gewöhnlichen Fehler schottischer Schönheiten, die Fülle, zu verfallen, jetzt aber noch das herrlichste Ebenmaß der Formen zeigte. Den Laird Dumbiedike ausgenommen, den ihr Jugendglanz nicht bewog, seine Blicke von Jeanie zu heben, gehörte ihr die allgemeine Bewunderung: kein Auge konnte das frische, blühende Mädchen betrachten, ohne die innigste Freude im Herzen zu fühlen; wen der Weg an Sankt-Leonard vorbeiführte, hielt in seiner Wanderung inne, wenn er ihr begegnete, und schaute ihr nach; die Jünglinge, die abends aus der Stadt ins Freie hinaus kamen, um sich mit frohem Spiel zu erlustigen, neideten einander jeden Blick von ihr; sie hieß die Lilie von Sankt-Leonard, und nicht bloß um ihrer Schönheit und Lieblichkeit, sondern auch der Unschuld willen, die über ihrer ganzen Erscheinung lag. In ihrem Charakter lag aber doch manches, was bei dem greisen Vater, mit seinen starren Anschauungen über Leben und Glauben, Besorgnis, bei der nachsichtigen ältern Schwester Unruhe weckte. Effie war nämlich als die spätgeborene Tochter Vaters Nesthäkchen und infolgedessen ein wenig verzogen. Sie galt immer noch als »Effiechen« im Hause, als sie schon das mannbare Alter erreicht hatte, durfte, abgesehen an Sonntagen und zu den Betstunden, ausgehen, wann und wohin sie wollte, und brauchte über ihr Tun und Lassen so gut wie keine Rechenschaft abzulegen. Die ältere Schwester hatte bei aller Liebe und Sorgfalt, die sie ihr widmete, doch keine mütterliche Gewalt über sie, ja, je älter Effie wurde, desto mehr Recht meinte sie zu haben, nach ihrem eignen Köpfchen zu handeln, war sie doch, bei aller Unschuld und Gutherzigkeit, nicht frei von Dünkel und Eigensinn; auch konnte sie leicht aufbrausen, besaß sie doch von Natur ein hitziges Temperament, zu dessen Milderung die Freiheit, die ihr in der Kindheit gelassen worden, nichts beigetragen hatte. Wir werden sie dem Leser am besten kenntlich machen, wenn wir sie ihm in einer Szene vorführen, die sich eines Abends in der kleinen Heimstätte zutrug, die sie mit Vater und Schwester bewohnte. Der Vater war draußen bei den Kühen, von deren Ertrag er das Leben fristete. Der sommerliche Abend war schon weit vorgerückt, und Effie war noch nicht wieder daheim. Sie war schon mehrere Abende zur selben Stunde verschwunden, erst kurze, dann immer längere Zeit ausgeblieben und schien heute gar nicht mehr ans Vaterhaus zu denken. Jeanie ängstigte sich, daß der Vater vor ihr zur abendlichen Hausandacht kommen und dann über ihr Ausbleiben schelten möchte. Sie trat vor die Tür hinaus und suchte, die Augen durch die erhobene Hand vor den Sonnenstrahlen schützend, mit ihrem besorgten Blicke die zur Hütte emporführenden Wege ab, doch lange umsonst. Ein Stück zum Tale hinunter lag eine Hecke, von der Landstraße durch einen Bretterzaun getrennt. Wiederholt hatte sie die Augen dorthin gerichtet; da sah sie auf einmal zu dem Gattertore des Zaunes zwei Menschen hinaustreten, einen Mann und ein Weib. Der Mann verschwand schnell wieder hinter dem Zaune, wo sie beide, um nicht bemerkt zu werden, gestanden haben mochten; die weibliche Gestalt aber ging am Zaune hin in der Richtung auf Sankt-Leonard zu. Sie kam bald näher, und Jeanie erkannte in ihr die Schwester Lustig kam sie auf sie zugesprungen, nach der Art von Frauen, denen darum zu tun ist, eine Verwirrung oder Verlegenheit zu verbergen, und trällerte ein damals beliebtes Lied: Hast Du am Hügel den Elf geschaut Im Heidekraut? Als fröhliches Kind zogst Du hinaus, Doch als Dirndl meide, Lieb Kind, die Heide Und bleib hübsch artig bei Muttern zu Haus! »Pst, Effie,« rief ihr die Schwester leise zu, »Vater wird gleich da sein. Aber wo bist Du so spät gewesen, Effie?« »Spät?« fragte Effie wieder, »es ist doch noch nicht spät, Schwesterchen!« »An allen Uhren hat's schon acht geschlagen, und die Sonne ist auch schon hinter den Bergen. Wo magst Du so spät gewesen sein?« »Nirgends,« antwortete Effie. ^ »Und wer war der Mann, der mit Dir am Zaune stand?« »Niemand!« antwortete Effie. »Nirgends, Effie? Niemand, Effie? O, daß Du auf rechtem Wege und daß es ein rechtlicher Mann gewesen sein möchte, mit dem Du dort standest, Effie!« »Mußt Du mir denn immer nachspüren, Jeanie?« fragte Effie; »tue ich es denn bei Dir? Kannst ja fragen! Daß ich Dich nicht belüge, weißt Du ja. Aber ich frag Dich doch auch nicht, warum Laird Dumbiedike täglich herkommt, um wie eine Wildkatze zu glotzen, daß man sich vor langer Weile totgähnen möchte?« »Weil Du recht gut weißt,« antwortete Jeanie, »daß er zum Vater kommt, und nicht zu uns!« »Und Butler, der Schulmeister? kommt der auch bloß zum Vater, der sich um seine lateinischen Floskeln so wenig reißt?« fragte Effie, herzensfroh, daß es ihr gelungen war, den Krieg ins feindliche Lager zu verlegen, und nun maß sie die ältere Schwester mit einem ironischen Blicke und trällerte wieder: »Wen traf ich dort An der Friedhofspfort'? Den Lord! Doch geschwind war er fort Und tat mir nichts – doch, ach! Bald kam sein Schreiberlein nach...« Aber sie hörte jäh zu trällern auf, denn sie hatte in den Augen der Schwester Tränen gesehen, sprang hin zu ihr, schlang die Arme um ihren Hals und küßte ihr die Tränen von den Wimpern; Jeanie aber, so gekränkt sie sich fühlte, wehrte dem herzigen Naturkinde nicht, wußte sie ja, daß solche Launen bei Effie nur die Folge von augenblicklichen Regungen waren und nicht aus schlechter Veranlagung entsprangen. Sie erwiderte die Küsse der Schwester, konnte ihr aber den sanften Vorwurf nicht ersparen: »Effie, Effie! woher hast Du die losen Lieder? Kennst Du sie, solltest Du sie doch für andere Gelegenheit aufsparen!« »Ja doch, Schwesterchen,« antwortete Effie, den Arm um Jeanies Hals legend, »mir wäre schon lieber, ich hätt' sie nie gelernt, und lieber hätt' ich mir die Zunge verbrannt, statt Dich damit geärgert!« »Lassen's wir gut sein, Effie,« sagte Jeanie, »mich kränken die Reden ja nicht; aber dem Vater tue nicht weh damit!« »Nein, nein, Schwester,« rief Effie, »ich will den Vater nicht kränken! und sollte es morgen dort soviel Tänze geben, wie sich Sterne zur Mitternacht am Himmel drehen, so will ich doch keinen Fuß wieder dorthin setzen.« »Zu Tanze gehen, Effie?« rief Jeanie erstaunt; »o, wie kannst Du von so etwas sprechen?« Effie war ganz in der Stimmung, der Schwester ihr Herz zu offenbaren, und hätte es gewiß getan und mir den Kummer, diese traurige Mär zu erzählen, erspart, aber in diesem Augenblicke war Vater Deans hinter dem Hause vorgetreten und hatte das Wort Tanz aufgefangen. »Was sprecht ihr da?« rief er finster, »Tanz? und das sagt ihr auf meiner Schwelle? Laßt solchen unheiligen Zeitvertreib! Ich rat's euch im guten: wer hat je getanzt als die in Götzendienst versunkenen Israeliten vor dem güldenen Kalbe, und jene schreckliche Herodias, die dem Täufer den Kopf vom Rumpfe tanzte? Höre ich noch einmal solches Wort aus eurem Munde, oder laßt ihr's euch gar beikommen, euch wie jene Königstochter nach den Klängen der Fidel zu drehen, so seid ihr meine Kinder nicht mehr, so gewiß die Seele meines Vaters bei den Gerechten wohnt. So, und nun geht hinein, Kinder,« setzte er in milderem Tone hinzu, denn beide Mädchen, und Effie nicht am wenigsten, weinten bitterlich – »und lasset uns Gott bitten, uns vor aller Torheit zu bewahren, die uns zur Sünde führt, die Hölle bereichert und wider das Reich des Lichtes streitet!« Die Mahnungen waren recht gut gemeint, aber recht zur Unzeit erteilt; denn in Effies Brust erregten sie einen Zwiespalt der Gefühle und hielten sie ab, der Schwester das Herz zu erschließen. »Was möchte sie von mir denken,« sprach Effie bei sich, »wenn ich's ihr sagte, daß ich auf der Wiese viermal, und bei Maggie Macqueen einmal mit ihm getanzt hab? Verabscheuen möchte sie mich, und drohen würde sie mir, es dem Vater zu sagen, und mich ganz unter ihr Regiment ziehen. Nein, nein! ich will kein Wort reden; aber hingehen will ich erst recht nicht mehr, gewiß nicht mehr: in meine Bibel will ich ein Blatt legen, was mir ebensoviel gilt wie ein Eid!« Eine volle, Woche lang hielt sie das Gelübde, war aber die ganze Zeit über mürrisch und unwirsch, was man sonst nie, oder doch nur, wenn ihr was nicht recht war, an ihr bemerkt hatte. Für die Schwester waren all diese Dinge Grund genug, sich zu beunruhigen, und zwar um so mehr, als sie es Effie nicht antun wollte, mit dem Vater über den Verdacht, der sich in ihr regte, der aber vielleicht noch unbegründet war, zu sprechen. Die Ehrfurcht, die sie vor dem Vater im Herzen trug, ließ sie doch nicht verkennen, daß er die Abneigung gegen Jugendfreunde in seinem Starrsinn zu weit treibe, weiter als es sich mit Vernunft vereinbaren ließe und als es Frömmigkeit geböte. Ebenso sagte sie sich, daß es nicht gut bei Effie tun würde, wenn ihr die bisherige Freiheit auf einmal verkürzt würde, ja daß ihr vielleicht gerade dadurch die Möglichkeit gegeben würde, die starre Strenge des Vaters als Entschuldigung dafür anzusehen, daß sie sich zu anderen Lebensanschauungen bekenne. In den höheren Ständen sind junge Mädchen, wenn sie zum Leichtsinn neigen, noch immer mehr unter der elterlichen Kontrolle als auf dem Lande, wo sich zu Hause kaum eine Gelegenheit zur Zerstreuung für sie bietet, sondern nur an Orten, die der Gefahren übergenug für sie bergen. Das alles beschäftigte Jeanies Gemüt, und sie überdachte ängstlich die Folgen, die sich daraus ergeben könnten, als ein Umstand eintrat, der angetan zu sein schien, sie all dieser Sorgen zu entheben. Frau Saddletree, die dem Leser bereits vorgestellt worden ist, war mit David Deans weitläufig verwandt, und da sie immer auf guten Ruf gehalten, es auch zu einigem Vermögen gebracht hatte, war zwischen den beiden Familien immer ein gewisser Verkehr aufrecht erhalten worden. Nun traf es sich, daß die Frau etwa anderthalb Jahre vor dem Beginn dieser Erzählung Ursache hatte, sich nach einer Hilfe in ihrem Laden umzusehen, und da war sie auf den Gedanken gekommen, mit David Deans dieserhalb zu sprechen, weil sie der Meinung war, daß sich ihre Muhme Effie für solche Stellung doch ganz gut eigne. Deans hatte gegen solchen Gedanken nichts einzuwenden, da Frau Saddletree einen guten Lohn bei freier Beköstigung in Aussicht stellte, auch versprach, immer ein wachsames Auge auf das Mädchen zu haben, sie auch zu fleißigem Kirchgang anzuhalten, was um so leichter für sie war, als sich ihr Laden in unmittelbarer Nähe der sogenannten Zöllnerkirche am Zollhaustore befand, wo noch solche Prediger ihres frommen Amtes walteten, die, wie Deans sich ausdrückte, »ihr Knie noch nicht vor Baal zu beugen gelernt hatten.« Das einzige, worin er sich nicht so leicht finden wollte, war der Umstand, daß seine Tochter unter einem Dache mit einem so weltklugen Manne hausen sollte, wie es seiner Meinung nach Herr Saddletree war, dessen juristische Brocken er nämlich für bare Münze nahm in der Meinung, der Mann sei wirklich ein rechtsgelehrter Herr und nicht das, wofür ihn andere hielten, ein eingebildeter Dummkopf. Da aber alle rechtsgelehrten Herren in seinen Augen Rechtsverdreher waren, so mußte ihm Frau Saddletree versprechen, sich seiner Tochter auch nach dieser Richtung hin fleißig anzunehmen, und die letztere verwarnte er, sich nicht zu den Grundsätzen dieses weltlich gesinnten Mannes zu bekennen. Jeanie sah die Schwester mit sehr geteilten Empfindungen aus dem väterlichen Hause ziehen: sie hatte zu Effies Einsicht nicht die gleiche Zuversicht wie ihr Vater, denn sie hatte sie genauer beobachtet und konnte die Gefahren, denen sie in der großen Stadt ausgesetzt sein mußte, auch besser würdigen als er; anderseits erschien ihr Frau Saddletree als eine achtbare und kluge Frau, die es vielleicht recht gut verstehen würde, Effie mit Ernst und Liehe in Zucht zu halten. Auch daß Effie durch diesen Aufenthaltswechsel von gewissen Bekanntschaften abgezogen wurde, mit denen sie sie im Verdacht hatte, betrachtete sie für günstig, und so gewann sie schließlich die Ansicht, daß bei der Sache die Vorteile doch die Nachteile überwögen, und fand sich darein, die Schwester ziehen zu sehen. Als aber der Augenblick der Trennung da war, schlug ihr doch das Herz wieder in recht banger Schwestersorge, und während sie einander umarmten und küßten, unterließ sie es nicht, Effie in allen Dingen die größte Achtsamkeit und Vorsicht ans Herz zu legen. Effie hörte ihr still und andächtig zu, ohne ein einziges Mal die langen dunklen Wimpern aufzuschlagen, von denen die Tropfen wie aus einem Springquell herniederrannen. Tief aufseufzend, gelobte sie der Schwester, sich treu an ihren Rat zu halten, dann noch eine Umarmung, noch ein Paar innige Küsse, und dann schieden sie von einander. In den ersten Wochen erfüllte Effie alle Hoffnungen, die von Frau Saddletree in sie gesetzt worden waren, ja sie übertraf dieselben zuweilen; es kam aber bald anders, und Effie ließ in ihrem Eifer merklich nach; Frau Saddletree bekam immer öfter Anlaß, nicht bloß zu Verdruß, sondern zu offnem Tadel; wenn sie mal wohin geschickt wurde, blieb sie allemal über Gebühr lange weg, und wenn sich Frau Saddletree darüber beschwerte, wurde das Mädchen trotzig und unwillig; immerhin meinte die brave Frau, solches Betragen entschuldigen zu müssen, da dem Mädchen noch alles neu in der Stadt sei, und sich Aufmerksamkeit und Gehorsam nicht im Nu lernen ließen; »Holyrood,« sagte sie, »sei auch nicht in einem Tage gebaut, worden, und ohne Zeit und Weile gäb's nun einmal keine Vollkommenheit.« Es schien, als ob Frau Saddletree mit diesen Ansichten recht behalten solle, denn nach ein paar Monaten zeigte Effie wieder ihren früheren Eifer, nur verrichtete sie ihre Arbeiten nicht mehr mit der frohen Miene und dem leichten Wesen wie früher; sie weinte oft, wenn aber Frau Saddletree fragte, weshalb, dann war nichts aus ihr herauszubringen; indessen würde die Veränderung, die mit ihr vorging, daß ihr Schritt schwerer, ihr Gesicht bleicher wurde, dem Auge der klugen Frau nicht verborgen geblieben sein, hätte sie um diese Zeit herum nicht selbst eine schwere Krankheit befallen, die sie monatelang ans Bett fesselte. Das waren bange Tage für Effie, und oft drohte Verzweiflung sie zu übermannen, denn so sehr sie sich anstrengte, die Schmerzen und Zufälle zu verbergen, denen sie sich jetzt unterworfen sah, so ließ sie sich doch soviel Versehen im Dienste zu schulden kommen, daß Bartel Saddletree, der sich infolge der Krankheit seiner Frau mehr um den Laden kümmern mußte als früher und sich deshalb in seiner Liebhaberei für den edlen Rechtsberuf arg verkümmert sah, oft recht unwillig wurde. Die Nachbarn und anderen Dienstboten merkten aber recht gut, wie es um das Mädchen stand, maßen sie mit halb neugierigen, bald mitleidigen Blicken, verfolgten mit Schadenfreude die Wandlung, die sich mit ihrer Gestalt vollzog, die Veränderung ihrer Gesichtszüge, das Zu-enge-Werden ihrer Kleider, und so weiter. Aber sie würdigte niemand ihres Vertrauens, erwiderte spöttische mit verbitterten Bemerkungen und setzte allen ernstlichen Fragen hartnäckiges Leugnen entgegen oder lief weg, um bitterlich zu weinen. Inzwischen hatte sich Frau Saddletree wieder erholt; es ließ sich voraussehen, daß sie bald wieder ihrem Hauswesen vorstehen werde, da fing Effie an, noch unruhiger und aufgeregter zu werden als sie bisher gewesen war, und eines Tages, als wieder davon gesprochen worden war, daß sie nun bald nicht mehr allein im Laden sein würde, bat Effie Herrn Saddletree um die Erlaubnis, ein paar Wochen zu den Ihrigen zurückzukehren, da ihr ein bißchen Erholung auf, dem Lande not täte. Saddletree, in den alltäglichen Dingen des Lebens der unwissendste Mensch, der sich denken ließ, hatte nichts dawider, daß Effie sein Haus verließ, schöpfte aber nicht den geringsten Verdacht, daß etwas nicht in Ordnung mit ihr sei. Später freilich stellte sich heraus, daß zwischen dem Tage, an welchem sie Saddletrees Haus verlassen hatte, und dem Tage, an welchem sie zu den Ihrigen nach Sankt-Leonard zurückgekehrt war eine Zeit von vollen acht Tagen lang In Sankt-Leonard war man über ihr Aussehen förmlich erschrocken. Als blühendes Mädchen war sie von dort nach der Stadt gegangen, und mehr einem Gespenst als einem lebendigen Wesen ähnlich kehrte sie nun von dort wieder. Die Schwestern hatten einander in den letzten Wochen nicht gesehen: Wie hatte die Krankheit ihrer Herrin zum Vorwande genommen, nicht nach Sankt-Leonard hinaus zu kommen, Jeanie dagegen war mit häuslichen Arbeiten derart überhäuft, daß sie an einen Weg in die Stadt nicht hatte denken können. Bis nach Sankt-Leonard hinaus war aber das Gerede, in welches Effie sich gebracht hatte, noch nicht gedrungen. Jeanie, auf den Tod erschrocken über das Aussehen ihrer Schwester, bestürmte sie mit Fragen; Effie aber gab erst wilde, zusammenhanglose Antworten, saß dann eine Weile, wie in sich gekehrt, um zuletzt in eine schwere Ohnmacht zu sinken. Nun wußte Jeanie, wie es um die Schwester stand, und sah sich vor die grausame Wahl gestellt, ihrem alten Vater entweder alles zu offenbaren oder kein Mittel unversucht zu lassen, ihm alles zu verheimlichen. Als Effie wieder zu sich gekommen war, versuchte Jeanie von neuem, sie zu fragen, aber Effie blieb stumm; sie gab der Schwester weder Auskunft über den Mann, der sie verführt hatte, noch darüber, was aus dem Kinde geworden, dem sie das Leben gegeben, sie blieb stumm, stumm wie ein Grab, das sich ihr öffnete. Jeanie, in Angst und Verzweiflung, daß Effie, als sie nochmals eindringlich nach dem Kinde fragte, schier von Wahnsinn befallen zu werden schien, wollte schon nach der Stadt rennen, um sich bei Frau Saddletree Rat oder Auskunft zu holen, als ein neuer Schicksalsschlag, ihr Unglück auf die höchste Stufe jagend, sie dieser Mühe überhob. ... Es war ihr gelungen, den Vater, der über das Aussehen seines jüngsten Kindes nicht minder erschrocken war als sie, von allen eindringlicheren Fragen zurückzuhalten. Nun traf es den Greis wie ein Donnerschlag, als zu der Stunde, die wie immer den Laird von Dumbiedike zu ihm ins Haus führte, noch andere Gäste, schreckliche und unvermutete Gäste, bei ihm erschienen, Diener der Gerechtigkeit mit einem Haftbefehl, lautend auf Euphemia Deans, wegen Kindesmords. Der Schlag schmetterte den Greis zu Boden, er kam zu plötzlich, zu betäubend, neben dem Herde schlug er in voller Länge auf die Dielen, der Greis, der in seinen Mannsjahren starr an seinen Grundsätzen festgehalten hatte, ob ihm auch Schwert und Kugel, Marter und Galgen drohten, und die Schergen, froh seines Zustandes, der ihnen ihr Amt um vieles erleichterte, und besorgt darum, schon fern von dem Hause zu sein, ehe er das Bewußtsein wieder fände, rissen das Mädchen rauh von ihrem Lager und schoben sie in den Verbrecherwagen, den sie zu dem Zwecke mit nach Sankt-Leonard gebracht hatten. Kaum war es Jeanie gelungen, den Vater wieder halbwegs zu sich zu bringen, als ihre Aufmerksamkeit durch Wagengerassel abgelenkt wurde, sie brachten sie fort, ihr armes, unglückliches Schwesterchen! Mit wildem Schrei rannte sie dem Wagen nach, aber ein paar freundliche Nachbarinnen, herbeigeführt durch den ungewohnten Anblick eines Polizeiwagens an dem einsamen Orte, zogen sie, fast mit Gewalt, ins Haus zurück. Die kleine Familie stand in der ganzen Gegend in gutem Ansehen, und alles fühlte aufrichtige Teilnahme mit ihr; die Nachbarinnen erfüllten die kleinen Räume mit ihrem Wehgeschrei; selbst Laird Dumbiedike wurde aus seiner Lethargie gerissen und trat zu Jeanie, griff in die Tasche, nach seiner Börse suchend, und sagte: »Jeanie, Jeanie, weine nicht! es ist ein gar schweres Ding, Dirne, aber, Geld kann helfen, Geld wird helfen.« Inzwischen hatte der Greis sich aufgerichtet und blickte sich um, wie wenn er jemand suche, den er vermisse; nur langsam schien er sich seines Elends und Jammers bewußt zu werden, und als er es geworden, da schrie er mit einer Stimme, daß die Wände dröhnten: »Wo ist sie, die Buhlerin, die das Blut eines rechtlichen Mannes geschändet? wo ist sie, die keinen Platz unter uns mehr hat, aber uns noch befleckt mit ihrer Sünde wie die Brut Satans die Kinder Gottes? Jeanie, wo ist sie? Jeanie, bring sie mir, daß ich sie töte mit Blick und Wort!« Alle scharten sich um ihn, und jeder suchte ihm Trost zu bringen auf seine Weise: der Laird hielt ihm die goldgefüllte Börse hin, Jeanie nahte ihm mit stärkendem Wasser, und die Nachbarinnen mit beschwichtigenden Worten. »David,« sagte der Laird, noch immer die grüne volle Börse ihm vor die Augen haltend, »soll Gold nicht helfen?« »Dumbiedikes,« versetzte Deans, »meine ganze Habe hätt ich geopfert, sie vor diesem Fallstrick der Hölle zu bewahren. Nackt und bloß hätte ich hinausziehen wollen und mich doch glücklich gepriesen. Aber nicht den zehnten Teil eines Hellers könnte ich opfern, um sie von der öffentlichen Strafe ihres öffentlichen Fehltritts zu lösen. Nein! Auge um Auge, Zahn um Zahn, Blut um Blut, wie es geschrieben stehet im Gesetze des Herrn! Laßt mich allein, ihr lieben Leute, daß ich auf meinen Knien nach Kraft ringe, die schwere Prüfung zu tragen.« Jeanie vereinigte ihre Bitten mit denen des Vaters zu dem gleichen Zwecke, und der andere Tag fand Vater und Tochter noch in tiefer Zerknirschtheit; aber der Vater ertrug das Unglück als wahrer Christ und mit finstrer Ruhe, die Tochter bannte den eignen Schmerz, um nicht den seinen rege zu machen. So stand es um die unglückliche Familie, am Morgen nach der Ermordung, des Hauptmanns Porteous, dem Zeitpunkte, zu welchem wir in unsrer Erzählung nun wieder zurückkehren. Neuntes Kapitel. Es hat geraume Zeit gekostet, bis wir den Hilfslehrer Butler vor die Tür von Sankt-Leonard führten; aber es kostete ihn selbst kaum geringere Zeit, bis er den Entschluß, bei der Familie vorzusprechen, gefaßt hatte. Bis zur achten Stunde, zur Frühstückszeit, wollte er auf alle Fälle warten und hatte dazu triftige Gründe persönlicher Art. Er brauchte Zeit, die schlimme Kunde von Effies Lage zu überdenken; er brauchte auch Zeit, sich von der Aufregung zu erholen, in die ihn das grause Ereignis der Nacht, die Ermordung des Hauptmanns Porteous, versetzt hatte; das eigentümliche Verhältnis, in welchem er zu Jeanie stand, nötigte ihm eine gewisse Sammlung oder Vorbereitung seines Gemüts auf. Aber nie waren ihm die Stunden so langsam hingeschlichen. Er blieb nicht auf der gleichen Stelle, sondern schritt in ziemlich weitem Kreise hin und her und zählte einen Stundenschlag nach dem andern mit ängstlicher Spannung. Endlich verkündete die große Glocke vom Giles-Turme die siebente Stunde. Bis Sankt-Leonard war es noch immer eine knappe Stunde Wegs, und so meinte er, sich nun der Hütte langsam nähern zu dürfen. Er stieg von der Höhe des Salisbury-Felsens in den Talgrund hinunter, der mit Felsblöcken und Gestein, das hin und wieder von den steilen Klippen im Osten niedergeht, übersäet ist. Dieser abgeschiedene Ort wurde in jenen Tagen gern von Edelleuten aufgesucht, wenn es galt, Ehrenhändel mit dem Schwert auszufechten, die unter dem damals rauhen und stolzen Adel von Schottland an der Tagesordnung waren; ohne Degen an der Seite war deshalb kein Edelmann damals zu denken. Als jetzt Butler nun in kurzem Abstande von sich einen jungen Menschen bemerkte, der sich, wie in der Absicht, ungesehen zu bleiben, vom Fußpfade weg nach den Felsen zu schlich, glaubte er nicht anders, als daß derselbe, um eines Duells halber, die Salisbury-Felsen aufgesucht habe, und hielt es, vielleicht der eigenen trüben Stimmung uneingedenk oder gerade durch sie dazu bestimmt, für Pflicht, das Wort an den Unbekannten zu richten. »Ein guter Rat zur rechten Zeit,« dachte er bei sich, »schafft manchmal schlimmes Unheil aus der Welt, und Kummer, durch Pflichterfüllung abgelenkt, wird leichter getragen, als wenn man ihn in sich verschließt.« Von diesen Gedanken bestimmt, verließ Reuben den Fußpfad in der Richtung, in welcher der junge Mensch zwischen den Felsen zu verschwinden suchte. Zuerst schien es von demselben darauf abgesehen, das Weite zu suchen, denn er schlug den zu den Bergen führenden Weg ein; als er indessen sah, daß ihm Reuben auch dorthin nachging, drückte er trotzig den Hut in die Stirn, machte kehrt und stellte sich, als sei er willens, jedem weitern Versuch, ihm zu folgen, Widerstand entgegenzusetzen. Sie näherten sich nun einander, und bald konnte Reuben die Züge des Fremden unterscheiden. Er schien ein mittlerer Zwanziger zu sein. Die Tracht, die er trug, war nicht unsauber, aber auch nicht besonders vornehm, und ließ auf den Stand schließen, dem er angehörte; es kam aber Reuben so vor, als sei sie minder gewählt, als es dem Aussehen ihres Trägers entsprochen hätte. Er zeigte ein keckes, ja etwas befehlshaberisches Wesen, war wohlgebaut, von mehr als Mittelgröße und hatte ein auffallend schönes Gesicht, doch mit jenem, Wüstlingen eigenen Zuge von Ungezwungenheit, der gemeinhin so abstoßend wirkt, daß er die Schönheit aufhebt. Sie traten einander jetzt gegenüber und sahen einander in die Augen; der Unbekannte wollte, leicht an den Hut fassend, vorbeigehen, Butler aber vertrat ihm, den Gruß erwidernd, den Weg. »Ein herrlicher Morgen, Herr,« sagte er, »Sie sind recht früh in den Bergen?« »Ich habe was vor,« antwortete der junge Mann barsch, und sein Ton verriet, daß er weitere Fragen abschneiden wollte. »Daran zweifle ich nicht, Herr,« sagte Butler, »ich will nur hoffen, daß es sich auch mit Recht und Gesetz verträgt, was Sie vorhaben.« »Mit welchem Recht, Herr,« rief der andere verdutzt, »kümmern Sie sich um Dinge, die Sie nichts angehen? Ich gehöre nicht zu denen, die sich Ungezogenheiten bieten lassen.« »Ich bin ein Kriegsmann, Herr,« versetzte Reuben ernst, »und als solcher verpflichtet, Leute, die ich auf unrechten Wegen finde, im Auftrage meines Herrn und Meisters anzuhalten,« »Kriegsmann?« wiederholte der andere, einen Schritt zurückweichend, um im andern Augenblicke die Hand an den Degen zu legen, »Kriegsmann, und mich anhalten? Haben Sie, als Sie den Auftrag übernahmen, auch bedacht, was Ihr Leben gilt?« »Sie mißdeuten meine Rede,« sagte Butler mit dem gleichen Ernste wie vorhin, »mein Dienst und meine Sendung sind nicht von dieser Welt; ich bin ein Verkündiger des Evangeliums, dem die Pflicht obliegt, auf Erden Frieden zu gebieten nach dem Worte der Schrift: »Liebet Euch untereinander!« »Also Pfaffe?« versetzte geringschätzig der andere; »in Schottland scheint's Euresgleichen freilich erlaubt, sich in fremder Leute Angelegenheiten zu mischen; aber ich habe auch in anderen Ländern gelebt und weiß, wie man Pfaffen die Wege weisen muß.« »Mischt sich ein Mann meines Standes in anderer Leute Dinge aus Neugierde oder Gründen, die noch tadelnswerter sind,« erwiderte Reuben, »so war's gut für Sie, Herr, im Auslande zu lernen, wie man sich dessen erwehrt. Zum Werke des Herrn muß ich aber immer bereit sein, und da ich mir bewußt bin, in durchaus reiner Absicht zu Ihnen zu sprechen, so will ich lieber Ihren Hohn hinnehmen, als mein Gewissen dadurch beschweren, daß ich schweige.« »So sprecht, ins Teufels Namen,« rief der junge Mann ungeduldig, »was Ihr von mir wollt, denn daß ich's Euch an der Nase absehen soll, könnt Ihr nicht verlangen.« »Sie tragen sich mit der Absicht,« erwiderte Butler, »eins der weisesten Gesetze Ihres Vaterlandes zu übertreten, ja was noch schwerer wider Sie spricht, ein Gesetz, das die Gottheit selbst uns einpflanzte so tief, daß es in jedem unserer Nerven erzittert.« »Und was für ein Gesetz soll das sein?« fragte der Fremde dumpf und unsicher. »Du sollst nicht töten!« antwortete Butler mit tiefer, feierlicher Stimme. Der junge Mann zuckte sichtlich zusammen und wurde blaß. Butler erkannte, daß seine Worte nicht ohne Eindruck geblieben waren, und wollte diese Stimmung nicht ungenützt vorbeigehen lassen; drum fuhr er fort, ihm freundlich die Hand auf die Schultern legend: »Bedenket, junger Mann, vor welche Alternative Ihr Euch stellen wollt: Einem andern wollt Ihr das Leben nehmen oder Euer Leben einem andern geben? Bedenket, was es heißt, ungerufen vor das Angesicht Eures beleidigten Gottes zu treten, mit einem Herzen, noch glühend von Leidenschaft, mit einer Hand, noch zuckend vom Stoße des Degens, den Ihr wider die Brust des Gegners zücktet! Vergeßt auch des Elenden nicht, den Ihr als andern Kain zurücklasset, mit einem Brandmal im Herzen und einem Brandmal auf der Stirn! Bedenket.« Der Fremde hatte sich langsam der Hand des Mahners entwunden und fiel ihm jetzt, während er den Hut noch tiefer in die Stirn drückte, ungestüm ins Wort: »Ihr meint's ja sicher recht gut, Herr, seid aber mit Eurem Rat im Irrtum, ich bin nicht hier, jemand zu schaden, weiß waschen will ich mich nicht, – Ihr Pfaffen meint ja ohnedem, alle Menschen seien sündig – aber ich bin hier, bloß um jemand das Leben zu retten! Beliebt's Euch, Eure Zeit zu etwas Gutem zu verwenden, statt über Dinge zu reden, die Ihr nicht beurteilen könnt, dann kann ich Euch Gelegenheit dazu geben. Blickt dorthin rechts, zu der Höhe hinauf, hinter der das Dach eines einsamen Hauses hervorschaut! Fragt dort nach der Pächterstochter Jeanie. Jeanie Deans! Sagt ihr, daß derjenige, von dem sie wisse, was er wolle, seit Tagesanbruch bis jetzt hier auf sie gewartet habe, aber länger nicht mehr hier bleiben könne. Sagt ihr, sie müsse nun heut nacht, bei Mondesaufgang, ins Jägermoor hinterm Sankt-Antonshügel kommen, wenn sie mich nicht in Raserei und Verzweiflung stürzen wolle.« Butler, aufs unangenehmste berührt durch Worte und Wesen des Fremden, erwiderte: »Aber wer sind Sie, mir solche Botschaft aufzutragen?« »Der Teufel bin ich!« versetzte rauh und hastig der junge Mann. Butler prallte unwillkürlich zurück, sich im stillen dem Schutze des Himmels empfehlend, denn, obwohl ein verständiger, strenggläubiger Mann, hielt er doch, seiner Zeit und seiner Lage gemäß, Zweifel an Zauberei und Gespenstern fast gleichbedeutend mit Gotteslästerung. Der Fremde schien jedoch seine Betroffenheit nicht zu bemerken, sondern fuhr fort: »Ja, der Teufel! oder Apollyon, Abaddon, oder wie Ihr sonst wollt. Einen Namen zu finden, der dem, der ihn führt, so schauderhaft wäre, wie mir der meine, ist's Euch doch nicht möglich, und wenn Ihr zehnmal Pfaffe seid und als solcher die niedern und höhern Kreise der Geister namhaft zu machen wißt.« Er hatte das gesagt mit aller Bitterkeit der Selbstverachtung, und sein Gesicht hatte sich dabei satanisch verzogen; Butler aber, so festen Sinnes er auch war, fühlte sich tief erschüttert; denn alles Uebermaß seelischer Schmerzen wirkt bannend auf die Menschheit, vor allem auf teilnahmsvolle, ernste Gemüter. Der Fremde, der sich nach diesen Worten jäh von Reuben abgewandt hatte, trat ebenso jäh wieder auf ihn zu und rief derb und stolz: »Ich habe Ihnen gesagt, wer und was ich bin... Wer sind Sie?... was sind Sie?« »Butler, Pfarrer Butler,« antwortete dieser, durch die Kürze und Grobheit der Fragen sich außerstand gesetzt fühlend, anders als kurz zu antworten. Der Fremde aber, den Hut, den er vorhin trotzig höher gerückt, jetzt wieder über die Stirn ziehend, wiederholte: »Butler?« und setzte hinzu: »Der Hilfslehrer von Libberton?« »Ja, derselbe,« erwiderte Reuben mit Ruhe. Der Fremde hielt sich, wie wenn ihm etwas auffiele, die Hand vors Gesicht, wandte sich jedoch gleich darauf ab und ging, blieb nach einigen Schritten, als er sah, daß Butler ihm nachblickte, stehen und rief in scharfem, aber so streng bemessenem Tone, daß es Butler den Eindruck machte, als sollten die Worte nicht weiter dringen als bis zu der Stelle, wo er stand: »Gehen Sie und bestellen Sie, was ich gesagt, dem Mädchen; aber sehen Sie mir nicht nach! Ich versinke weder in den Felsenpfuhl, noch verschwinde ich in einem Flammenmeer, und doch, wehe dem Auge, das mein Tun zu erspähen, trachtet! Dem Mädchen sagen Sie noch, daß ich sie hinter der Sankt-Antons-Kapelle, bei dem Muschat-Felsen, erwarte und zwar gleich nach Mondaufgang!« Darauf machte er kehrt und verschwand zwischen den Felsen. Reuben eilte, halb verstört, dem Häuschen zu: es drängte ihn, zu erfahren, mit welchem Rechte dieser fremde Mann von Jeanie Deans, der ihm halbverlobten Braut, etwas fordere, was wohl kein sittsames Mädchen ihm bewilligen würde. War er von Natur auch nicht eifersüchtig oder abergläubisch, so schlummerten doch in seinem Gemüte, als Anteil an dem gemeinsamen Erbe der Menschheit, Empfindungen, die zu diesen seelischen Krankheiten führen. Der Gedanke, ein Wüstling, wie es der fremde Mensch, seinem ganzen Aussehen und Wesen nach, unstreitig war, besitze die Macht über seine Jeanie, sie zu so unziemlicher Zeit an einen so unpassenden Ort zu bestellen, und mit einem Tone, der keine Widerrede litt, drohte ihn um den Verstand zu bringen. Und doch hatte der Fremde nicht im Tone eines Verliebten gesprochen: das konnte er sich nicht verhehlen; nein! sein Ton war ungestüm, drohend gewesen. Regungen anderer Art stiegen nun in Butlers wilderregtem Herzen auf: eine unwillkürliche Scheu befiel ihn, wenn er sich die seltsame Begegnung vor Augen führte. Wäre er es, fragte er sich, vom dem geschrieben stehet: er gehet umher wie ein brüllender Löwe und suchet, den er verschlinge? Der trotzige Blick, das ruhelose Wesen, der rauhe, zuweilen absichtlich gemilderte Ton, das schöne, vom Stolz wild entflammte Gesicht mit den rollenden Augen, die bald trübe Schwermut, bald finstern Hohn, bald Verachtung, bald Wut gezeigt hatten; waren es Leidenschaften eines sterblichen Menschen oder Merkmale des Bösen, der es versucht, wenn auch vergeblich, teuflische Absicht unter der geliehenen Maske männlicher Schönheit zu bergen? Gewiß! Die Erscheinung hatte in allem an den gefallenen Erzengel erinnert, und so mangelhaft die Schilderung sein mag, die wir hier von ihr gegeben haben, so dürfen wir doch nicht verhehlen, daß ihr Eindruck auf Butler infolge seines durch die schrecklichen Ereignisse erschütterten Nervenapparats stärker war als es Verstand und Mannesstolz zugeben mochten. Doch auch der Ort, wo er dem seltsamen Wesen begegnet war, war auffällig, war eine verrufene, gewissermaßen entweihte Stätte, denn es waren schon viele hier, sowohl im Duell als durch Selbstmord, umgekommen. Auch die andere einsame Statte, die er für die nächtliche Zusammenkunft mit seiner Jeanie bestimmte, galt als entweiht; und zwar durch einen dort verübten schrecklichen Mord, der sogar nach dem, der ihn verübt hatte, benannt war! Sein eigenes Eheweib hatte der Mörder hier erschlagen! Und zu einer Zeit, wo die Gesetze gegen Zauberei noch in voller Kraft standen, maß man gerade solchen Stätten die Macht bei, böse Geister den Menschen sichtbar zu machen. So zwischen Eifersucht und Aberglauben kämpfend, schleppte sich Reuben Butler, von Müdigkeit erschöpft, von finsteren Erinnerungen verfolgt und von Sorge gebeugt, den steilen Pfad zu dem Sankt-Leonard-Felsen hinauf und gelangte vor die Tür des Pachthauses mit Empfindungen, die an bitterm Weh denjenigen seiner unglücklichen Bewohner kaum nachstanden. Zehntes Kapitel. »Kommt herein!« rief auf sein Klopfen die sanfte Stimme, die sein Ohr so gern hörte. Er klinkte, und stand im Hause der Trauer. Jeanie konnte dem Geliebten, den sie jetzt wiedersah unter Umständen, wie sie demütigender für ihren Mädchenstolz nicht denkbar waren, kaum einen Blick weihen. Viele Vorzüge, aber auch viele Mängel des schottischen Nationalcharakters entspringen, wie bekannt, aus dem engen Familienzusammenhange. Gleichwie der Adel sich mit Stolz rühmt, aus einem alten Geschlechte zu stammen, so legt der Schotte niedern Standes den höchsten Wert darauf, ehrlicher Leute Kind zu sein, an deren Rufe kein Makel haftet. Zeichnet sich ein einzelnes Mitglied in einer Familie aus, so gilt das in den Augen der übrigen Angehörigen als eine Bürgschaft für gemeinsames Wohlverhalten, während andererseits eine schlechte Handlung auf alle Mitglieder zurückfällt. So glaubte sich auch Jeanie durch die Schande, die ihre Schwester betroffen, nicht bloß in den eigenen Augen erniedrigt, sondern auch in denen des Freundes; vergeblich suchte sie dieses Gefühl zu unterdrücken, vergeblich sagte sie sich, daß sie solcherweise nur in Versuchung käme, das eigne Unglück über das größere der Schwester zu stellen: es half nichts, die Natur behauptete ihr Recht, und während sie herbe Tränen vergoß über das Schicksal der Schwester, mischten sich Tropfen, die dem eignen Jammer galten, darunter. Als Reuben den Fuß über die Schwelle setzte, hockte der Greis neben dem Herde, die zerlesene Taschenbibel in der Hand, die ihm anno 1686 von einem, der für seinen Glauben das Schafott bestiegen hatte, geschenkt worden und seitdem nicht von seiner Seite gewichen war. Die Sonne warf einen hellen Schein zu dem kleinen Fenster herein, der die grauen Locken des Greises und die heiligen Worte traf, die er eben las. Ueber seinen starren Zügen lag trotz dem finstern Ernste, der sie erfüllte, ein gewisser Ausdruck stoischer Ruhe. Fest im Kampfe und zähe im Dulden, war sein Spruch gewesen im Leben, und ihm blieb er auch in dieser schwersten Prüfung seines Lebens treu. Er blickte auf, als Reuben eintrat, aber, wie wenn ihm die Begegnung unvermutet und schmerzlich käme, gleich wieder auf seine Bibel. Dann hob er sie mit der Linken hoch, verdeckte das Gesicht damit und streckte die Rechte weit aus gegen Reuben, wie wenn er ihm den Schmerz, der sein Gesicht zerriß, verbergen wollte. Es mußte ja auch seinem Unglück gleichsam die Krone aufsetzen, sich in solcher Erniedrigung dem Manne zu zeigen, gegen den er sich bislang immer mit Stolz auf solch sittlicher Höhe zu halten gewußt hatte. Aber Butler ergriff die Hand des wackern Greises, der ihm in seiner Kindheit eine so treue Stütze gewesen, bedeckte sie mit Tränen und sprach, doch tief erschüttert und mit bebender Stimme, nichts als die Worte: »Daß Gott Euch tröste, Vater Deans! daß Gott Euch tröste!« »Er wird's, Freund,« antwortete, sich ermannend, Vater Deans, durch die tiefe Bewegung, die der junge Mann zeigte, ergriffen, »und er tut's, Freund! O, und er wird mehr tun zu seiner Zeit! Reuben, ich war zu stolz auf das wenige, was ich für die gute Sache gelitten, und darum werde ich geprüft mit einer, die meinen Stolz in Spott, meinen Ruhm in Schmach wandelt. O Reuben, wie stolz war ich, Engeln und Menschen ein Zeugnis zu sein und schon in meinem fünfzehnten Jahre für die gute Sache am Pranger zu stehen, und nun, Reuben, nun ...« Er konnte nicht weiter sprechen. Butler war zwar mit den Ansichten des wackeren Greises nicht in allen Punkten einverstanden, achtete ihn aber zu hoch, um ihn jetzt, da er mit so stolzem Selbstbewußtsein seinen Schmerz zu bekämpfen suchte, durch Einwendungen zu kränken, und nahm im Gegenteil den Augenblick wahr, ihn durch erhebende Worte zu trösten: »O Vater Deans, Ihr waret freilich immer ein wahrer und treuer Anhänger des Kreuzes, einer der, nach Hieronymus, per infamiam et famam grassari ad immortalitatem , das heißt, trotz bösem oder gutem Leumund das ewige Leben gewinnen muß, waret einer der Starken, zu denen die furchtsamen und bangen Seelen in den Schauern der Mitternacht rufen: Treuer Wächter, wie tief ist die Nacht? Und gewiß! diese schwere Prüfung, da sie Euch nicht treffen konnte ohne Gottes Zulassung, muß ihren besonderen Zweck und heiligen Nutzen haben.« »So empfange ich sie in Demut,« erwiderte Deans, den Händedruck des jungen Freundes erwidernd, »und wenn ich auch die Heilige Schrift nur auf schottisch zu lesen verstehe« – denn selbst im Schmerz ließ er Butlers lateinische Zitate nicht still an sich vorübergehen – »so habe ich doch aus ihr gelernt, diesen harten Schlag mit Ergebung zu tragen. Aber, Reuben Butler, was soll der Erleuchtete wie der weltlich Gesinnte denken von einem Führer, der die eigene Familie nicht bewahren konnte vorm Straucheln? wie werden sie Lehren hinnehmen, wenn der Lehrer seine Kinder so tief wie Belials Abkömmlinge sinken ließ? Aber ich will es mir immer ins Herz schreiben, daß alles, was ich bei mir oder den Meinen gut nannte, nur ein Licht gewesen ist, ähnlich demjenigen kriechender Insekten, die nur leuchten, wenn alles umher in finstrer Nacht ruht, und die, wenn der Morgen über den Bergen dämmert, arme elende Würmer sind ... und so soll Demut mir mein Kreuz tragen helfen.« Kaum hatte er ausgesprochen, so ging die Tür zum andern Male auf, und Herr Bartel Saddletree zeigte sich auf der Schwelle, mit dem Dreispitz auf dem Hinterkopfe und dem seidnen Schnupftuch darunter, das ihn kühl halten sollte; und mit dem Stock mit goldner Spitze in der Hand, ganz in der Haltung eines wohlhabenden Bürgers, der sich mit dem Gedanken trägt, ein Amt beim Magistrat, wenn nicht gar Sitz und Stimme darin, zu erhalten. Ein französischer Philosoph, Larochefoucauld, der in manche Tiefe des menschlichen Herzens hinein geleuchtet hat, sagt irgendwo: »In Unglücksfällen, auch unsrer besten Freunde, liegt immer etwas, das uns nicht ganz zuwider ist.« Das traf auf Herrn Saddletree zu, der es freilich sehr krumm genommen hätte, wenn ihm jemand gesagt hätte, die jetzige Trübsal der Familie Deans freue ihn; und doch hätte es sich sehr gefragt, ob es ihm nicht bitter angekommen wäre, die heimliche Befriedigung zu missen, die es ihm bereitete, mit seinen Rechtsfloskeln in einem so ernsten Falle, wie er hier vorlag, um sich zu werfen und den gelehrten Juristen zu spielen. Das war doch einmal ein Fall wirklicher Not, wo er nicht, wie sonst, seinen Rat unnützerweise aufdrang, sondern wo Rat gebraucht wurde und gern gehört werden mußte – und er fühlte sich glücklich darüber, wie ein Knabe, der die erste wirklich gehende Uhr, mit richtigen Zeigern und richtigem Zifferblatt, erhält. Zudem kribbelte ihm noch der Fall Porteous im Kopfe, mit dem gewaltsamen Tode des Hauptmanns und allen Folgen, die daraus für Stadt und Bürgerschaft erwachsen konnten: so daß er also sozusagen »in Materie schwamm«. Kein Wunder, daß er, getragen von dem Bewußtsein seiner Würde, mit der Absicht in die Stube trat, das Füllhorn seiner juristischen Weisheit über die unglückliche Familie auszuschütten. »Wünsche guten Morgen, Herr Deans! Ei, guten Morgen, Herr Butler! Hab keine Ahnung davon gehabt, daß Sie hier im Hause bekannt sind.« Reuben gab nur flüchtige Antwort, denn es konnte ihm begreiflicherweise nicht beikommen, einem ihm so gleichgültigen Menschen wie Saddletree in seine ihm heiligen Beziehungen zu Deans und seiner Tochter Einblick zu geben. Der ehrsame Bürger und Sattlermeister ließ sich würdevoll auf einen Stuhl nieder, wischte sich den Schweiß von der Stirn, schöpfte tief Atem und hub mit einem schweren Seufzer an: »Eine schreckliche Zeit, in der wir leben, Nachbar, wirklich eine schreckliche Zeit!« »Eine sündhafte, schmachvolle, gottlose Zeit!« versetzte leise der tiefgebeugte Pächter.« Saddletree, die Backen aufblasend, nahm auf der Stelle wieder, das Wort: »Mit mir ist's jetzt wirklich zu arg, ich weiß kaum noch, um was ich mich zuerst und zuletzt kümmern soll, ob um die Not meiner Freunde oder; um die Not meines Vaterlandes. Aller Witz, den die Leute sonst an mir rühmten, geht mir noch verloren, so daß ich mir nachgerade vorkomme, als lebte ich nicht unter gebildeten Menschen, sondern inter rusticos et asinos . Stehe ich da heute in aller Herrgottsfrühe auf, mit den klarsten Ideen darüber, was sich zur Verteidigung der armen Effie unternehmen ließe; und kommt mir nicht, wie vom Himmel geschneit, die Geschichte mit dem Porteous-Krawall dazwischen, daß mir alle guten Gedanken wie Splint in Rauch aufgingen?« Trotz des schweren Leides, das auf seinem Herzen lastete, erregte die Mitteilung, den Hauptmann betreffend, die Aufmerksamkeit des greisen Pächters. Saddletree war sogleich bei der Hand, eine ausführliche Schilderung des Vorfalles und der wahrscheinlich mit ihm verknüpften Folgen zu geben. Butler hielt die Gelegenheit für günstig zu einer Rücksprache mit Jeanie, und das Mädchen schien einen ähnlichen Gedanken zu haben, denn sie verließ, als habe sie draußen zu tun, die Stube. Butler folgte ihr, und Deans wurde durch Saddletree so in Anspruch genommen, daß er seine, wie auch Jeanies Abwesenheit nicht merkte. Butler fand sie in der Milchkammer, still, niedergeschlagen, mit Mühe die Tränen zurückhaltend. Sonst ließ sie, auch während der Unterhaltung, die Hände nie ruhen; heute aber war sie von ihren Gedanken so niedergedrückt, daß sie wie blöde in einem Winkel hockte. Aber als Butler sich zeigte, wischte sie sich die Tränen aus den Augen und richtete mit der ihr eigentümlichen Schlichtheit das Wort an ihn. »Es ist mir recht lieb, daß Sie kommen, Herr Butler,« sagte sie, »weil ... weil ich Ihnen doch sagen muß, daß nun alles zwischen uns aus ist, aus sein muß, und Reuben, es ist so am besten für uns beide.« »Aus?« fragte Butler erstaunt, »und warum, Jeanie? Es ist wohl eine schwere Prüfung über uns gekommen, aber nicht Sie, Jeanie, haben Sie verschuldet. Unglück, das uns Gott sendet, müssen wir tragen, aber gelobte Treue braucht deshalb nicht gebrochen zu werden, kann deshalb nicht gebrochen werden, solange sie beiden Teilen heilig ist.« Jeanie richtete einen zärtlichen Blick auf ihn. »Ich weiß schon, Reuben,« sagte sie, »daß Sie mehr für mich sorgen als für sich! und eben darum kann ich Ihnen meinen Dank jetzt dadurch erstatten, daß ich Ihr Glück ins Auge fasse gleich meinem eignen. Sie sind unbescholten, Reuben, gehören dem geistlichen Stande an und werden es, wenn auch Armut Sie zurzeit niederdrückt, dereinst sicher zu Ansehen in der Kirche bringen. Armut ist freilich ein schlimmer Freund, Reuben, das wissen Sie recht gut; aber übler Ruf ist ein schlimmerer Feind, und durch mich sollen Sie diese Wahrheit nie kennen lernen, Reuben!« »Was meinen Sie mit diesen Worten?« fragte Butler mit Ungeduld; »in welchem Zusammenhange steht die Schuld Ihrer Schwester, wenn sie in der Tat schuldig ist, mit unserm Verlöbnis? Wie kann sie uns, wie Ihnen oder mir, von Schaden sein?« »Wie können Sie so fragen, Butler? Wird die Schmach, so lange wir diesseits des Grabes weilen, jemals vergessen werden? Wird sie nicht uns und unsern Kindern und Kindeskindern anhängen? Die Tochter eines rechtlichen Mannes zu sein, konnte mir zur Ehre gereichen, aber die Schwester einer... o Gott! o Gott!« Die mühsam aufrecht gehaltene Fassung verließ sie, und Tränen schossen aus ihren Augen. Reuben gab sich alle Mühe, ihren Schmerz zu stillen, und es gelang ihm auch; aber sie gewann die Fassung nur wieder, um die eben geäußerte Meinung auf das bestimmteste zu wiederholen. »Nein, Reuben, ich mag keinem Manne Schande ins Haus bringen. Das eigne Elend kann ich tragen, muß ich tragen; aber es einem andern aufbürden, nein, Reuben, nein! das kann ich nicht, das werde ich nicht, nun und nimmer!« Wer liebt, neigt immer zu Argwohn, und Jeanies Wille, mit ihm zu brechen, unter dem Vorwande der Rücksicht auf sein Wohl und seinen Frieden, schien ihm in schrecklichem Zusammenhange mit dem Auftrage zu stehen, den ihm jener Unbekannte draußen bei den Salisbury-Felsen gegeben hatte. Zitternd, mit stockender Stimme, fragte er sie, ob wirklich nichts anderes als das Unglück der Schwester sie zu solchen Worten bewege? – »Was sonst?« fragte sie schlicht, »was sonst als dies? Sind wir uns nicht seit zehn Jahren schon im Worte?« »Zehn Jahre?« wiederholte Butler; »eine lange Zeit, Jeanie, eine, so lange Zeit, daß es ein Mädchen wohl satt bekommen kann!« »Satt bekommen, Reuben?« wiederholte sie, »ja, ein Kleid wohl, wenn sie Lust am Putze hat; aber nicht einen Freund, Reuben. Nach Abwechslung mag sich das Auge sehnen, das Herz kann es nie!« »Nie, Jeanie?« wiederholte Butler, und setzte nach kurzer Pause hinzu: »Ein kühnes Versprechen, Jeanie, ein sehr kühnes Versprechen!« »Nicht kühner, Reuben, als wahr,« antwortete sie mit jener Ruhe und Ehrlichkeit, die nie von ihr wich, weder in bösen noch in guten Stunden, weder in Augenblicken der Erregung noch in dem Einerlei des Lebens. Butler gab keine Antwort, richtete aber den Blick fest auf sie, und nach einer Weile sagte er:»Jeanie, ich habe was an Sie auszurichten.« »Was an mich auszurichten? und von wem?« fragte sie; »was kann mir jemand mitzuteilen haben?« »Ein Fremder hat's mir aufgetragen,« versetzte Butler, bemüht, ruhig zu sprechen; aber das Zittern in seiner Stimme strafte ihn Lügen: »ein junger Mensch, den ich heute morgen zwischen den Salisbury-Felsen getroffen habe.« »O Himmel!« rief Jeanie eifrig, »und was sagte er? Reuben! was sagte er?« »Daß er dort, wo er gedacht, nicht länger auf Sie warten könne, daß er aber verlange, von Ihnen verlange, Jeanie, daß Sie ihn heute nacht, nach Mondesaufgang, bei den Muschatfelsen erwarten.« »O, sagen Sie ihm,« antwortete Jeanie nicht minder eifrig, »daß ich dort sein werde, gewiß dort sein werde!« Reubens Argwohn mehrte sich zufolge des Eifers, mit dem Jeanie ihm antwortete, und er erwiderte mit auffälliger Kälte: »Ich darf wohl fragen, wer der Mann ist, dem Sie zu so ungewohnter Zeit und an solchem Orte eine Zusammenkunft gewähren?« »Man muß manches tun,« antwortete sie, »was man nicht gern tut.« »Zugegeben,« antwortete ihr Geliebter, »aber was zwingt Sie jetzt zu solchem Schritte? Und wer ist der Mann? Was ich von ihm gesehen, sprach nicht zu seinen Gunsten, wer ist der Mann, Jeanie, und was ist der Mann?« »Ich weiß es nicht« antwortete sie. »Sie wissen es nicht?« fragte Butler, ungeduldig in der Kammer hin und her gehend; »und doch wollen Sie ihm, einem jungen Menschen, nächtlicherweile an diesen einsamen Ort folgen? folgen auf seinen Befehl? Wie kann jemand, den Sie nicht kennen, solche Gewalt über Sie haben? Jeanie, was soll ich davon denken?« »Nichts Reuben, als daß ich Wahrheit rede, als stünde ich vor dem jüngsten Gericht! Ich kenne den Mann nicht – weiß nicht, ob ich ihn je gesehen, und doch muß ich ihm die Zusammenkunft, die er fordert, gewähren, ich muß, Reuben, denn es gilt Leben und Tod!« »Wollen Sie es dem Vater nicht sagen?« fragte Reuben, »oder ihn mitnehmen?« »Ich kann nicht,« versetzte Jeanie, »mir fehlt die Erlaubnis dazu.« »Darf ich mitgehen? Ich will mich bis zur Nacht bei den Felsen aufhalten und Euch dort treffen.« »Es kann nicht sein,« erwiderte sie, »denn es darf niemand hören, was der Mann mit mir spricht.« »Haben Sie auch bedacht, was Sie tun wollen, Jeanie? Ort und Zeit, und den verdächtigen Eindruck, den der Mensch macht? Sie hätten's ihm, wenn er's hier, in Rufnähe des Vaters, von Ihnen verlangt hätte, weigern müssen, mit ihm allein zu sein!« »Reuben, ich muß mein Wort halten«, antwortete sie. »Mein Leben steht in Gottes Hand und meine Sicherheit nicht minder; aber beides zu wagen bei dieser Zusammenkunft, darf ich mich nicht besinnen.« »Dann müssen wir,« sagte er fest, »miteinander brechen, Jeanie, kurz und bündig, und Abschied voneinander nehmen für immer, denn kann zwischen einem Mann und der ihm verlobten Braut in einem so wichtigen Punkte kein Vertrauen bestehen, so muß er dies als Beweis dafür ansehen, daß sie ihm nicht mehr jene Achtung entgegenbringt, die für ein dauerndes Verhältnis schicklich und notwendig ist.« Jeanie sah ihn an, ein schwerer Seufzer entrang sich ihrer Brust, und sie sagte: »Ich hatte gemeint, die Trennung überwinden zu können, bin aber nicht darauf gefaßt gewesen, daß es im Unfrieden sein werde. Nun, ich bin Weib, und Sie sind Mann: bei Ihnen mag das anders sein. Gewährt es Ihrem Gemüt Erleichterung, Schlimmes von mir zu denken, so mag ich Ihnen nicht zumuten, Ihre Meinung zu ändern,« »Sie sind, wie immer, Jeanie, besser und weiser als ich,« sagte Butler, »aus angeborenem Gefühle, und darum auch weniger egoistisch, als ich, trotz aller Hilfe, die ein Christ aus der Philosophie zu schöpfen vermag. Aber trotzdem frage ich: warum – warum wollen Sie auf einem so verzweifelten Unternehmen beharren? warum soll ich Ihnen nicht als Begleiter oder Beschützer oder doch wenigstens Berater dienen dürfen?« »Aus keiner andern Ursache, als weil ich nicht die Erlaubnis habe, jemand mitzubringen,« antwortete schlicht und ehrlich das Mädchen, fuhr aber, plötzlich erschreckt auf. »Still! Was war das? Vater wird doch nicht krank geworden sein?« In dem Raume nebenan wurden Stimmen laut. Als Jeanie und Butler die Stube verlassen hatten, war Saddletree von dem Thema Porteous rasch auf das andere übergegangen, das dem unglücklichen Greise näher lag. Deans hatte, niedergedrückt durch das Unglück, das auf ihm lastete, ohne Widerspruch angehört, was ihm Saddletree vorgeschwatzt hatte über die Gefahr, die über seiner Tochter schwebte, über die Gattung des Verbrechens, unter dessen Anklage sie stand, und über die Schritte, die zu ihrer Verteidigung eingeleitet werden müßten. Bei jeder Pause, die Saddletree in seinem Vortrage machte, hatte Deans gesagt, er bezweifle nicht, daß es Saddletree gut mit ihm meine, sei doch seine Frau weitläufig mit ihnen verwandt. Erst als Saddletree den Wortlaut der Anklageschrift gegen seine Tochter, von der er sich eine Kopie zu verschaffen gewußt hatte, rekapitulierte, war Deans aufgesprungen und hatte ihn gebeten, einzuhalten. »Nicht weiter, nicht weiter!« hatte er gerufen, »lieber stoßt mir ein Schwert in die Brust, als daß Ihr noch eine Silbe hinzufügt.« »Es möchte Euch aber zum Troste gereichen, Deans,« sagte Saddletree, der sich so leicht nicht werfen ließ, »wenn Ihr alles gut übersähet. Aber, wie Ihr wollt. Wir kämen also zu der Frage, was in solchem Falle am besten zu tun bleibt.« »Nichts, nichts, Nachbar,« versetzte Deans heftig, »als zu dulden, was der Herr über uns ergehen läßt. O, wenn Er es doch gefügt hatte, daß dieses graue Haupt vor dieser schrecklichen Heimsuchung in die Grube gefahren wäre! Aber Sein Wille geschehe! Sein Wille geschehe!« Als ihm Saddletree darauf riet, für seine Tochter einen Anwalt zu nehmen, war er über dem Für und Wider in den heftigsten Zorn geraten. »Bleibt mir vom Leibe damit!« hatte er gerufen; »ich tue es nicht, und wenn Ihr noch soviel redet. Ich stehe auf den heiligen Worten der Bibelschrift: Auge um Auge, Zahn um Zahn, Blut um Blut! und wenn das Leben meines unglücklichen Kindes, wenn Jeanies Leben und mein eignes davon abhinge, daß ich solchen Sklaven Satans aufforderte, sich mit einer Silbe für uns zu verwenden, so mögen wir alle lieber untergehen!« Die leidenschaftliche Art, wie er diese Worte geschrien, war es gewesen, die Jeanie so erschreckte, daß sie das Gespräch mit Butler abbrach und, von ihm gefolgt, in die Stube stürzte. Hier fanden sie den Greis in der stärksten Erregung, schier außer sich vor Gram und Aerger; sein Gesicht glühte, seine Stimme war heiser, er hielt die Faust geballt, und Tränen standen ihm in den Augen: Butler, von solcher heftigen Erschütterung die schlimmsten Folgen für den hochbejahrten Mann fürchtend, trat zu ihm, nahm seine Hand und wagte es, ihn zu Geduld und Ruhe zu mahnen. »Ich bin geduldig – ich bin ruhig,« versetzte der Greis bitter, »ruhiger als irgend einer, der den schmerzlichen Verfall dieser Zeiten mit durchlebt, es sein sollte! und brauche wahrlich niemand, am wenigsten aber Söhne von Cromwellschen Reitern, mein graues Haupt zu lehren, wie es sein Kreuz tragen soll.« Butler nahm den herben Ausfall gegen seinen längst im Grabe ruhenden Großvater mit Ruhe hin, ihn der Erregtheit des unglücklichen Greises zu gute haltend, und bemühte sich, ihn milder zu stimmen. Aber es war alles vergeblich. Deans erhob sich mühsam von dem Stuhle, auf den er wieder niedergesunken war, richtete sich zu voller Höhe auf, streckte, wie wenn er der Reden und Anwesenheit der beiden Männer müde sei, abwehrend die Hand aus, schüttelte den Kopf und verließ die Stube, um sich in seine Schlafkammer zu flüchten. »Das heißt doch, das Leben eines Kindes geradezu wegwerfen,« rief Saddletree, als er mit Butler und Jeanie allein in der Stube stand; »wer hätte je, etwas davon gehört, daß man in solchem schweren Falle keinen Anwalt nimmt?« Da trat ein neuer Gast ein: Lord Dumbiedike, der den Zaum seines Kleppers um den gewohnten Haken schlang und sich auf seinen gewohnten Platz, begab. Seine Augen aber hatten einen ungewohnten Glanz und wanderten unruhig vom einen zum andern, bis ihm durch Saddletrees letzte Worte der traurige Sinn der schon draußen gehörten Worte des alten Pächters klar wurde. Er blieb auf dem Wege zu seinem gewohnten Platze stehen, trat langsam auf Saddletree zu, näherte die Lippen dem Ohre desselben und fragte mit unsichrer ängstlicher Stimme: »Kann ... kann Geld nicht helfen?« Saddletree legte das Gesicht in ernste Falten. »Hm,« sagte er mit Wichtigkeit, »Geld kann freilich helfen, kann mehr im Parlamentshause helfen als irgend sonst etwas. Aber woher soll Geld kommen? Sie haben ja doch gehört, daß Herr Deans von nichts wissen will. Meine Frau ist freilich weitläufig mit der Familie verwandt; aber allein wird sie ein so großes Opfer auch nicht bringen. Ja, wenn sich jeder Freund der Familie zu etwas verstehen wollte, dann ließe sich schon reden. Ich möchte gewiß am allerwenigsten, daß die Sache zum Schlimmsten käme, ohne verfochten zu werden. Es wäre ja auch gar nicht mit der Ehre verträglich, mag der eigensinnige Mann reden, soviel er will.« »Ich, ich, will«, sagte Dumbiedike, all seinen Mut aufbietend, »ich will gutsagen für zwanzig Pfund,« Doch kaum waren, die Worte aus seinem Munde, so stand er wie starr vor Staunen über die von ihm bekundete Entschlossenheit zu einer großmütigen Handlung. »Gott möge es Ihnen lohnen, Laird!« rief Jeanie dankerfüllten Herzens. Laird Dumbiedike, schüchtern von ihr weg auf Saddletree blickend, sagte noch einmal: »Ja, zwanzig Pfund, wenn's nicht anders geht, meinetwegen auch dreißig.« »O, da wird es gehen, gut gehen!« rief Saddletree, sich die Hände reibend, »und an mir soll es nicht liegen, wenn es nicht geht, ich will mein bestes Wissen und Können dran setzen, dem Gelde volles Gewicht zu geben. Lassen Sie mich nur machen! Nenn jemand versteht mit diesen Habichten umzugehen, so bin ich es. Knapp halten muß man sie, knapp halten, und immer vorreden, daß man sie zu noch anderen und besseren Prozessen im Auge habe. Dann legen sie sich ins Zeug! Dann machen sie es gnädig mit der Berechnung, weil sie sich für die Zukunft mehr versprechen.« »Und ich?« fragte Butler, »kann ich gar nichts tun? Freilich besitze ich kaum mehr als den Rock, den ich auf dem Leibe trage: aber ich bin jung und rüstig, bin der Familie vielen Dank schuldig, kann ich wirklich nichts tun?« »Sie können freilich was tun, Herr,« erwiderte Saddletree, »indem Sie Zeugen herbeischaffen; und wenn wir bloß einen auftreiben, der unter seinem Eide aussagt, sie habe ihm einen Wink über ihren Zustand gegeben, so ist ihr durchgeholfen. Herr Croßmyloof hat's mir gesagt, daß die Anklage durch den Beweis des Verteidigers widerlegt werden müsse, aber anders ginge es nicht, und Herr Croßmyloof versteht's, darauf können Sie sich, verlassen!« »Aber die Tatsache, mein Herr,« wandte Butler ein, »daß das Mädchen einem Kinde das Leben gegeben hat, müssen die Ankläger doch erst beweisen?« Während Lord Dumbiedikes Gesicht, das sich die ganze Zeit über wie auf einer Angel von einem zum andern gedreht, sich aufzuklären anfing, erwiderte Saddletree nach einigem Besinnen: »Das wohl, das wohl! bloß wird's in diesem Falle insofern nicht vonnöten sein, als das Mädchen die Schuld ja doch gestanden hat.« »Den Mord gestanden?« rief mit erschütterndem Aufschrei die Schwester. »Das habe ich nicht gesagt,« versetzte Saddletree, »aber daß sie einem Kinde das Leben gegeben, hat sie gestanden.« »Und was ist aus dem Kinde geworden?« fragte Jeanie weiter voll Angst, »sie hat mir nichts gesagt, bloß geweint und geseufzt.« »Sie sagt, das Weib, bei dem sie das Kind geboren und die ihr Beistand in ihrer schwerer Stunde geleistet, habe es ihr genommen.« »Und was für ein Weib war das?« fragte Butler, »durch sie kann die Wahrheit doch ans Tageslicht gebracht werden. Wer ist's? Und wo wohnt sie? Ich will auf der Stelle zu ihr.« »Schade, daß ich nicht so jung bin wie Sie und mich nicht so schnell bewegen kann wie Sie, und die Worte nicht so gut setzen kann wie Sie,« sagte Dumbiedike. »Wo finde ich dieses Weib?« fragte Butler ungeduldig, »was ist es für ein Weib?« »Ja, wer kann das wissen,« sagte Saddletree, »als Effie selbst? aber sie hat sich geweigert, im Verhör auf dergleichen Fragen Antwort zu geben.« »So will ich auf der Stelle selbst zu ihr gehen,« sagte Butler; »leben Sie Wohl, Jeanie, aber,«– und dabei trat er zu ihr heran – »keinen übereilten Schritt, bis Sie von mir hören! – Adieu!« »Ich ginge ja auch gern,« sagte Laird Dumbiedike, und aus seiner Stimme klang es wie Verdruß, wenn nicht Eifersucht, »aber ich brächte meinen Klepper auf keinen andern Weg als von Dumbiedike hierher und wieder zurück, um alles in der Welt nicht!« »Besser wird's ihr nützen,« meinte Saddletree, mit ihm das Haus verlassend, »wenn Sie mir die dreißig Pfund für sie schicken.« »Dreißig Pfund?« stammelte der Laird, jetzt außer dem Bereiche der Augen, die ihn zu solcher Großmut begeistert hatten, »ich ... habe doch nur ... von zwanzig gesprochen?« »Zuerst ja,« erwiderte Saddletree, »aber nachher haben Sie dreißig Pfund genannt.« »Wirklich? Wirklich? Mir ist's nicht mehr in Gedanken,« antwortete Dumbiedike, »aber was ich gesagt, werde ich halten. Haben Sie wohl gesehen, Herr Saddletree, wie ihre Augen glänzten? ganz wie Karfunkelsteine!« »Auf Weiberaugen, Laird,« erwiderte Saddletree, der nicht zu den empfindsamen Herren gehörtes »verstehe ich mich nicht besonders, mache mir auch nicht viel draus, und wünschte nur, ich wäre vor ihren Zungen ebenso gefeit; obwohl ich sagen darf,« setzte er rasch hinzu, indem ihm auf einmal klar zu werden schien, daß es Pflicht für ihn sei, sein Ansehen als Hausherr zu wahren, »daß schwerlich ein Frauenzimmer in schärferer Räson gehalten wird als meines, denn bei mir gibt's nichts von Rebellion oder laesae majestatis wider meine Ober-Eheherrlichkeit.« Der Laird erblickte in dieser Antwort Herrn Saddletrees nichts, was Antwort erheischt hätte; und so gingen sie, nach einem stummen Gruße, auseinander, jeder seines Weges. Elftes Kapitel. Butler hatte die ganze Nacht kein Auge zugetan, und doch empfand er weder Müdigkeit noch das Bedürfnis nach einer Erfrischung. Ueber dem Eifer, zu Jeanies Schwester zu gelangen, vergaß er beides. Er eilte schnellen Schrittes den Pfad entlang, der zur Stadt hin führte, als er mit einem Male zu seiner nicht geringen Verwunderung hinter sich schnaufen und husten und den schweren Tritt eines hochländischen Kleppers hörte. Jetzt wurde auch sein Name gerufen, und als er sich umsah, erblickte er den Laird von Dumbiedike, der hinter ihm her kam, so schnell sein Klepper trotten wollte. Zum Glück hatte er eine Strecke lang den gleichen Weg nach Dumbiedike, wie Butler nach der Stadt, denn sonst hätte er wohl darauf verzichten müssen, diesen noch einmal zu sehen. Im Herzen den Klepper mitsamt seinem Reiter verwünschend, blieb Butler stehen. »Uf! Uf! Uf!« ächzte Dumbiedike, während er sich alle Mühe gab, sein störrisches Tier neben Butler zum Stehen zu bringen; »uf! uf! das Biest, ist wahrhaftig ein dickköpfiges Biest!« In der Tat hatte er Butler knapp vor der Stelle eingeholt, wo sich die Straße nach Dumbiedike von der nach Edinburg schied, und darüber hinaus hätte kein Mittel und keine Macht Rory Beans – so hieß nämlich der Klepper – bewegen können, auch nur eine Elle über den Pfad hinaus zu trotten, der ihn seinem Stalle zuführte. Sobald der Laird das Quantum Atem wiedergefunden hatte, um das er durch den raschen Ritt gebracht worden war, – denn an ein solches Tempo war weder er noch sein Klepper gewöhnt – versuchte er den Grund seiner Umkehr zu sagen, konnte aber noch immer kein Wort zur Kehle herauf bringen, so daß drei ganze Minuten verstrichen, ehe Butler ein zweites »Uf! Uf!« hörte; und erst nach weiteren drei Minuten und mehrmaligem Ansatze fing der Laird an zu stammeln: »Ich ... ich ... es ist ... Herr Butler heute wirklich ein Herbsttag, der sich sehen lassen kann.« »Ja, Sir,« antwortete Butler verdrießlich, »ein schöner Tag! ich wünsche guten Morgen, Sir!«, und wollte gehen. »Aber so bleiben Sie doch noch,« antwortete Dumbiedike, der nun schneller sprechen konnte, »ich möchte Ihnen noch was andres sagen,« »Dann machen Sie es, bitte, kurz ab und nehmen Sie Rücksicht drauf, daß ich es eilig habe. Sie kennen doch das Sprichwort: tempus nemini .« Dumbiedike kannte weder das lateinische Wort, noch suchte er, wie vielleicht andere an seiner Stelle getan hätten, sich den Schein davon zu geben; er hatte all seine Fähigkeiten zu einer einzigen Hauptfrage gesammelt und konnte kein einziges Wort davon früher aussprechen, als bis er alles dazu in sich verarbeitet hatte. »Ich wollte bloß fragen, Herr Butler,« stieß er nun hervor, »ob Sie wissen, ob Herr Saddletree wirklich ein großer Rechtsgelehrter ist?« »Ich weiß darüber nichts, als was er selbst spricht,« versetzte Butler trocken, »bin indessen der Meinung, daß er doch am besten wissen muß, was er wert ist.« »Ich verstehe, Herr Butler,« antwortete der wortkarge Laird, »und meine daraufhin, daß es wohl besser sein wird, meinen eignen Anwalt, Nichil Novit, den Sohn vom alten Nichil, der seinem Vater wohl kaum viel nachsteht, mit der Sache zu betrauen.« Darauf legte er die Hand höflich an den goldverbrämten Tressenhut und gab seinem Klepper einen Hieb mit der Peitsche, den dieser, da er seinem Drange nach dem Stalle entgegenkam, sofort richtig auffaßte und befolgte, indem er Kehrt machte. Auch Butler, der von dem gesunden Verstande des Lairds mit einem Male eine recht gute Meinung gewann, setzte nun rüstig seinen Weg fort. Hatte sich auch der schon längere Zeit genährte Argwohn gegen den ehrlichen Laird, daß seine Anhänglichkeit an die Familie Deans nicht bloß auf Freundschaft mit dem greisen Vater beruhen möchte, nach den Erfahrungen des heutigen Tages nicht verringert, sondern im Gegenteil verstärkt, so war er doch viel zu rechtlichen Sinnes, selbstsüchtige Gedanken aufkommen zu lassen. »Der Laird hat Ueberfluß an dem, was mir fehlt,« sagte er bei sich, »und unbillig wäre es von mir, darüber zu schmähen, daß er ein paar Pfund von seinem Reichtum zum Wohle der armen Leute opfern will, zumal ich mich doch nur auf den guten Willen, ihnen zu helfen, beschränken muß. Tue jeder, was in seinen Kräften steht, sie wieder glücklich zu machen und vor dem Jammer, vor der Schande zu bewahren, die ihr drohen. Wenn mir der Herr nur dazu verhälfe, Jeanie vor dem Schrecklichen zu behüten, das sie vorhat! Ich will ja, und wenn mir auch das Herz darüber bricht, auf alle Hoffnung fassungsvoll verzichten.« Er beschleunigte seine Schritte und hatte bald das Edinburger Gefängnis erreicht. Seine nächtliche Begegnung mit dem seltsamen Fremden, dessen Auftrag an Jeanie, die darauf folgende, ihm so schmerzliche Unterredung mit ihr und dann die Szene zwischen dem Vater und Saddletree hatten seine Sinne so vollständig eingenommen, daß ihm die tragische Begebenheit der Nacht, deren Teilnahme ihm aufgezwungen worden, ganz aus der Erinnerung gekommen war; ja weder die vielen Gruppen, die flüsternd in den Straßen herumstanden, noch die überall herumspionierenden Schergen und Häscher, noch das im Bewußtsein der Schuld scheu und ängstlich herumschleichende gemeine Volk und die verstärkten Stadt- und Torwachen konnten seine Gedanken darauf zurückführen. Erst als er vor dem Portale stand, vor dem eine Doppelreihe von Grenadieren aufmarschiert war, die ihm ein wiederholtes »Halt!« zuschrieen, und die Spuren von Feuer und Rauch an den Steinmauern und Torflügeln sah, traten ihm die grausen Vorgänge nacheinander wieder ins Gedächtnis. Der gleiche lange, hagere Schließer mit dem Silberhaar, den er am verwichenen Abend gesehen, trat ihm, als er nach Effie Deans fragte, entgegen. »Ihr seid wohl derselbe,« fragte der Schließer, Butlers Wunsch, zu der Gefangenen geführt zu werden, auf echte Schottenmanier mit einer Gegenfrage umgehend, »der schon gestern nach der Dirne gefragt hat?« Butler räumte ein, daß er dieselbe Person sei. »Sie haben wohl auch gefragt,« examinierte ihn der Schließer weiter, »wann wir schlössen, oder ob wir des Porteous-Krawalls wegen früher schlössen als sonst?« »Kann sein,« antwortete Butler; »ich frage doch aber jetzt, ob ich Effie Deans sprechen kann?« »Darüber steht mir kein Entscheid zu,« antwortete der Schließer, »gehen Sie hier die Treppe hinauf, und dann in die erste Tür links, dort fragen Sie wieder!« Butler stieg die Treppe hinauf, gefolgt von dem Schließer, in dessen Hand das Schlüsselbund unheimlich rasselte. Kaum war Butler in den ihm bezeichneten Raum getreten, als der Schließer, mit geübter Hand den richtigen Schlüssel fassend, die Tür von außen zuschloß. Im ersten Augenblick meinte Butler, hierin nur eine übliche Vorsichtsmaßregel erblicken zu sollen; als der Schließer jetzt aber nach der Wache rief und gleich darauf Waffenklirren an sein Ohr schlug, rief Butler: »Aber, mein Lieber, ich muß auf der Stelle mit Effie Deans reden; bringen Sie mich also bald in ihre Zelle!« Keine Antwort. »Geht es wider Ihre Instruktion, mich zu der Gefangenen zu führen,« rief Butler wieder, »so sagen Sie es, bitte, und lassen Sie mich meinen Geschäften wieder nachgehen.« – In sich hinein aber murmelte er den lateinischen Vers: » Fugit irreparible tempus «. »Wenn Sie in der Stadt noch was zu besorgen hatten,« antwortete von draußen der Schließer, »so wär's gescheiter gewesen, Sie hätten das vorher abgemacht; denn es wird Ihnen wohl gehen wie manchem andern, der auch schneller hinein als heraus war.« »Was sollen solche Reden?« fragte Butler; »Sie scheinen mich für einen andern zu halten? Ich bin Geistlicher, Reuben Butler aus Libberton.« »Ich weiß, ich weiß,« versetzte der Schließer, ohne aus seiner Ruhe zu kommen. »Nun, wenn Sie wissen, wer ich bin,« rief Butler, »so verlange ich zu wissen, auf Grund welcher Vollmacht Sie mich zurückhalten, als Recht, das jedem britischen Untertan zusteht.« »Vollmacht?« wiederholte der Schließer; »es sind zwei Frone nach Libberton unterwegs, Sie zu holen. Hätten Sie, nach ehrlicher Leute Art, die Nacht zu Hause verlebt, so wäre Ihnen solcher Besuch wohl erspart geblieben; wenn Sie sich nun aber gar selbst herbemühen, sich einsperren zu lassen, so kann ich Ihnen am allerwenigsten dabei helfen, mein Lieber!« »Also kann ich Effie Deans nicht sprechen?« rief Butler; »und frei lassen wollen Sie mich auch nicht?« »Allerdings nicht,« erwiderte der grämliche Alte; »statt um Effie Deans, bekümmern Sie sich wohl besser um Ihre eigenen Sachen? Und hinausgelassen werden Sie kaum früher werden, als das Gericht es anordnet. Einstweilen machen Sie es sich also hier bequem! Ich muß den Zimmerleuten auf die Finger sehen, die uns die Türen wieder einsetzen sollen, die Ihre feinen Kameraden uns gestern nacht zertrümmert haben.« Butler war es im ersten Augenblick, als sei er nicht recht bei Verstand. Sich hinter Schloß und Riegel zu wissen, wenn auch zufolge falscher Anklage, hat immer, selbst für starke Menschen, etwas Schreckliches; nun war aber heute Butlers Nervenapparat in der größten Aufregung, und wenn ihm auch die Festigkeit nicht fehlte, die uns Pflichtgefühl und guter Wille verleihen, so fehlte ihm bei seiner schwachen Konstitution und lebendigen Einbildungskraft doch jener Gleichmut gegen Gefahren, die das glückliche Erbteil von Menschen mit starker Gesundheit und schwachem Empfindungsvermögen sind. Wie ein Nebel schwamm ihm die unklare Vorstellung dessen, was ihm drohte, vor den Augen; und in der Hoffnung, daß sich ihm Mittel und Wege zeigen würden, seine Anwesenheit unter dem Pöbelhaufen zu rechtfertigen oder wenigstens zu erklären, – denn nur darin, sagte er sich, war der Grund zu seiner Verhaftung zu suchen – rief er sich die Vorgänge der Nacht wieder in das Gedächtnis. Daß ihm kein Zeuge zur Seite stand, auszusagen, wie sehr er sich umsonst bemüht habe, der aufrührerischen Menge den Rücken oder doch ihren Sinn zum Bessern zu kehren, milderte die bange Stimmung, die ihn jetzt beschlich, so wenig, wie der Gedanke an die Not der Familie Deans und an die gefährliche Zusammenkunft Jeanies mit dem seltsamen Fremden, die er nun nicht mehr verhindern konnte. Eine Stünde mochte so verronnen sein, als ein Fron in seine Zelle trat, um ihn vor den Magistrat zu führen. So sehr es ihn verlangte, Klarheit über seine Verhaftung zu erlangen, ergriff ihn doch, als er die starke Bedeckung sah, unter der er nach dem Verhandlungszimmer geführt wurde, ein Beben, das ihm nichts Gutes zu bedeuten schien. An einem langen, grünen Tische saßen die Ratsherren versammelt. Am untern Ende desselben stand ein Mann, den sie verhörten. Als Butler vom Frone herbeigeführt wurde, fragte einer der Räte, ob das der Geistliche aus Libberton sei. Als der Fron mit Ja antwortete, sagte der Ratsherr, es werde nicht mehr lange dauern, das Verhör vielmehr bald zu Ende sein, Butler solle sich setzen. Einer der Beisitzer fragte, ob Butler nicht besser so lange wieder abgeführt werde? Der Ratsherr verneinte. Butler mußte sich, während ein Soldat von der Wache neben ihm Posten faßte, am entgegengesetzten Ende des Zimmers auf eine Bank setzen. Es war ein sehr großer Raum, aber eigentümlich beleuchtet. Alles Licht von dem einzigen Fenster, das er hatte, fiel, ob nun zufällig oder vom Baumeister so eingerichtet, auf den untern Teil der Tafel, wo sich die angeklagten Personen aufstellen mußten, während der obere Teil, wo die Richter ihre Plätze hatten, in tiefem Schatten lag. In der Erwartung, in dem Gefangenen, mit dessen Verhöre sich die Ratsherren befaßten, einen der Aufrührer der gestrigen Nacht zu erkennen, richtete Butler die Blicke auf ihn. Aber so auffallend auch das Gesicht des Mannes war, so konnte Butler sich doch nicht entsinnen, ihn je vorher im Leben gesehen zu haben. Er war von dunkler Farbe und schon im vorgerückten Alter. Das tiefschwarze, doch schon grau gesprenkelte Haar trug er kurz geschoren und glatt über die Stirn gekämmt. Sein Gesichtsausdruck war eher verschmitzt als gewalttätig, und die grellen schwarzen Augen, die scharfen Züge, das hämische, gemeine Lächeln mit dem frechen Zug um seine Lippen gaben ihm ganz das Aussehen eines verschlagenen Halunken, den man, wenn man ihm auf einem Jahrmarkte begegnet wäre, aus den ersten Blick für einen Pferdehändler gehalten hätte. Auch die Kleidung, die er trug, die lange bis an den Hals zugeknöpfte Reitjacke, die spitzen Metallknöpfe daran, die groben blauen Drillichhosen mit den daran festgemachten Wadenstrümpfen und der heruntergeklappte Hut, ließ auf diesen Stand schließen. Nur eins fehlte, den Eindruck vollständig zu machen: die Peitsche unterm Arme und die Sporen am Fuße. »Euer Name ist Ratcliffe, James Ratcliffe?« fragte der Ratsherr. »Mit Verlaub, Euer Gnaden, ja.« »Das heißt: falls mir der Name nicht genehm wäre, würdet Ihr Ja auch zu einem andern Namen sagen?« »Mit Verlaub, Euer Gnaden, bei etwa zwei Dutzend Namen könnte das zutreffen, Euer Gnaden,« erwiderte der Mann. »Aber Euer gegenwärtiger Name ist Ratcliffe?« Der Mann nickte. »Und welches Gewerbe betreibt Ihr?« fragte der Ratsherr weiter. »Gewerbe wäre wohl kaum der richtige Name für das, was ich treibe, Euer Gnaden,« sagte der Mann. »Nun, dann wollen wir die Frage so stellen: wovon lebt Ihr?« fragte der Ratsherr. »Je nun, Euer Gnaden, ich meine, das wissen Eure Gnaden doch gerade so gut wie ich.« »Mag sein. Aber Ihr müßt Euch darüber hier deutlich aussprechen.« »Ich, Euer Gnaden? Hier, Euer Gnaden? Solches sei ferne von James Ratcliffe!« »Keine solchen Ausflüchte, Mann! Ihr habt hier klare und bestimmte Antwort auf jede Frage zu geben.« »Richtig, Euer Gnaden,« antwortete der Mann, wem's drum zu tun ist, pardonniert zu werden, der soll von der Leber weg reden. Euer Gnaden verlangen, daß ich aussage, was ich treibe? wovon ich lebe? Ein nicht sonderlich günstiger Ort, auf solche Fragen klippklar zu antworten, Euer Gnaden, wenigstens für mich nicht. Aber, Euer Gnaden, wie heißt das siebente Gebot?« »Du sollst nicht stehlen,« antwortete der Richter. »Wirklich? heißt's so?« fragte der Mann; »dann steht meine Arbeit freilich im krassen Widerspruche zu dem Gebot, denn ich hab den Text immer gelesen: Du sollst stehlen! Wenn's auch bloß ein kleines Wörtchen ist, das fehlt, so macht's doch einen argen Unterschied aus.« »Kurz also, Ratcliffe, Ihr seid ein berüchtigter Dieb?« fragte der Ratsherr. »Hoch- und Unterland können's bezeugen, und England und Holland dazu, Euer Gnaden,« versetzte der Angeklagte mit maßloser Frechheit. »Auf welches Ende habt Ihr mithin zu rechnen?« fragte der Ratsherr. »Gestern hätte ich's aufs Haar prophezeit, aber heute bin ich meiner Sachen nicht mehr sicher.« »Und welches Ende hättet Ihr Euch gestern prophezeit, Ratcliffe?« »Den Galgen, Euer Gnaden,« erwiderte Ratcliffe mit Seelenruhe. »Ihr seid ein gar frecher Kujon, Ratcliffe! Und wie kommt Ihr dazu, für Euch etwas Besseres zu erhoffen?« »Ich meine, Euer Gnaden, es sei doch ein himmelweiter Unterschied, ob einer im Loche sitzt, weil er muß, oder weil er gutwillig drin bleibt. Was hätte mich gestern, als die Menge mit Kapitän Porteous abzog, am Verduften gehindert? Und daß ich expreß geblieben sei, um Hanf zu riechen, das werden doch Euer Gnaden nicht glauben?« »Weshalb Ihr da geblieben seid, weiß ich nicht; weshalb Euch das Gericht aber eingesteckt hat, weiß ich, Ratcliffe! um Euch nächsten Mittwoch über acht Tage hängen zu lassen!« »Nicht doch, Euer Gnaden,« erwiderte Ratcliffe zuversichtlich, »mit Verlaub, Euer Gnaden; aber das glaube ich erst, wenn ich unterm Galgen stehe. Mit den Gerichten bin ich doch jahrelang auf Verkehrsfuß, habe auch schon manchen Tanz mit ihnen gedreht; aber so schlimm wie ihr Ruf, sind sie nicht, bei weitem nicht. Ich hab im Gegenteil immer gefunden, daß sie mehr bellen als beißen.« »Ratcliffe, meines Wissens seid Ihr schon zum vierten Male zum Galgen verurteilt,« sagte der Ratsherr, »wenn Ihr nun nicht darauf rechnet, gehängt zu werden, als Ihr vorzogt dazubleiben, statt wie die andern auszubrechen, worauf habt Ihr dann gerechnet?« »Auf ein Pöstchen in dem alten Kasten, an dem ich nun mal Geschmack gefunden habe,« sagte Ratcliffe. »Auf ein Pöstchen am Pranger, meint Ihr?« rief der Richter. »Nicht doch, Euer Gnaden, an den Pranger hab ich nicht gedacht, denn wer viermal zum Galgen verurteilt worden, der ist über Pranger und Stockhiebe doch längst hinaus.« »Dann sagt mir aber, auf was für einen Posten könnt Ihr zu rechnen meinen?« »Auf den eines Beifrons, Euer Gnaden,« erwiderte Ratcliffe mit maßloser Ruhe; »ich habe gehört, es sei einer vakant. Um den des Scharfrichters will ich mich nicht bewerben, denn der paßte nicht so gut für mich wie für andere, ich wenigstens hab in meinem ganzen Leben kein Tier umbringen können, geschweige einen Menschen.« »Das spricht wenigstens nicht zu Euren Ungunsten,« sagte der Richter, den Ratcliffe, so schlau er seine Absicht zu bemänteln wußte, wirklich zur Milde gegen sich stimmte. »Aber,« fragte der Richter, »wie könnt Ihr Euch auf einen Posten als Beifron spitzen, nachdem Ihr doch aus nahezu allen Gefängnissen Schottlands ausgebrochen seid?« »Mit Verlaub, Euer Gnaden,« versetzte Ratcliffe, »wenn ich es gut verstanden habe, zu entwischen, so werde ich es wohl besser noch verstehen, Leute am Entwischen zu verhindern. Wer mich halten will, wenn ich fort will, muß früh aufstehen, Euer Gnaden; aber noch früher müßte der aufstehen, der fort will, wenn ich mir vorsetze, ihn zu halten.« – Dem Richter schien das einzuleuchten; er gab Ratcliffe keinen Bescheid, sondern ließ ihn abführen, beugte sich aber, sobald der verwegene Wicht verschwunden war, zu dem Stadtschreiber und fragte ihn, was er zu solcher Frechheit sage. »Es steht mir nicht zu, ein Urteil zu fällen,« antwortete dieser, »soviel aber meine ich, sagen zu dürfen, daß es, falls es Ratcliffe wirklich darum geht, gut zu tun, keinen zweiten in der Stadt gibt, der ihr im Diebesfache soviel nützen könnte wie er.« Nun wurde Butler zum untern Ende der Tafel geführt. Der Ratsherr begann das Verhör, höflich, aber doch in einem Tone, der nicht verkennen ließ, daß er starken Verdacht gegen Butler habe. Dieser räumte mit der seinem Stand und Charakter angemessenen Ehrlichkeit seine ihm aufgezwungene Gegenwart bei der Ermordung des Hauptmanns Porteous ein, legte auch, auf Verlangen des Ratsherrn, einen ausführlichen Bericht der schrecklichen Begebenheit ab, der vom Schreiber zu Protokoll genommen wurde. Sobald er geendigt hatte, nahm ihn der Richter ins Kreuzverhör, dem auch der Unschuldigste leicht erliegt, auch wenn sich ein Fall nicht so schwierig gestaltet wie gerade der Butlers nach einer mit so ergreifenden Umständen verknüpften Schilderung, die unmöglich so klar vorgetragen werden konnte, daß nicht Zweifel und Widersprüche hätten wachgerufen werden sollen. Der Ratsherr begann mit der Bemerkung, Butler habe sich nach Libberton begeben wollen und wolle doch am Westtor vom Pöbel gestellt worden sein. »Ist das Ihr gewöhnlicher Weg nach Libberton?« fragte er, nicht ohne Ironie; »durch das Westtor?« Von Eifer erfüllt, seine Unschuld darzutun, versetzte Butler schnell: »Nein, freilich nicht, aber ich befand mich zufällig dem Westtore am nächsten, und der Torschluß stand unmittelbar bevor.« »Allerdings ein recht unglücklicher Zufall!« bemerkte der Ratsherr trocken; »aber als Diener der Kirche, zumal Sie zur Teilnahme an dem gesetzlosen Tun gezwungen wurden, haben Sie doch Widerstand und Flucht versucht?« Die große Zahl der Meuterer, erwiderte Butler, habe seine Widerstands- und Fluchtversuche unmöglich gemacht, »Abermals ein recht verdrießlicher Zufall!« sagte ebenso trocken wie vorhin der Ratsherr, worauf er noch eine Reihe von Fragen über das Verhalten des Pöbels und die Kleidung, die die Rädelsführer getragen hätten, stellte und dann unvermittelt zu andern Punkten des von Butler gegebenen Berichts übersprang, immer bemüht, durch hinterlistige Fragen ihm Fallen zu legen. Indessen ertappte er Butler auf keinem Widerspruche, der auch nur einigen Halt gegeben hätte, den gegen ihn bestehenden Argwohn tiefer zu begründen. Endlich fiel in dem Verhöre der Name Madge Wildfire, und hierbei wechselten Ratsherr und Stadtschreiber einen vielsagenden Blick. Es folgte nun eine peinliche Befragung Butlers über Gesicht und Kleidung dieser Person, aber über das erstere viel zu sagen, war Butlern insofern nicht möglich, als es durch Schminke und Ruß völlig unkenntlich gemacht und obendrein durch eine über die Stirn gezogene Weiberhaube verdunkelt worden war. Auf Befragung erklärte er sich außer stande, besagte Madge Wildfire, wenn sie ihm in andrer Kleidung vorgeführt würde, anders als an ihrer Stimme wiederzuerkennen. Der Ratsherr stellte ihm nun die Frage, zu welchem Tore er am Morgen nach der Begebenheit zur Stadt hinausgegangen sei. Butler nannte das Cowgate-Tor. »Und war dieses der nächste Weg nach Libberton?« fragte der Richter. Butler erwiderte, abermals nicht ohne Verlegenheit: »Das freilich nicht; aber es wäre mir keiner näher gewesen, mich aus der Nähe des Pöbels zu entfernen.« Ratsherr und Stadtschreiber sahen einander wieder an. »Ist es vom Grasmarkt nach Libberton näher als durch das Cowgater oder Bristoler Tor?« fragte der Ratsherr. »Das nicht,« entgegnete Butler; »aber ich wollte zu einem Freunde mit herangehen.« »So?« fragte der Ratsherr, »es war Ihnen also wohl darum zu tun, die Kunde von dem Vorfalle unter die Leute zu bringen?« »Nein, gewiß, nicht. Ich habe mit keiner Silbe von den Ereignissen der Nacht gesprochen, so lange ich in Sankt-Leonard war.« »Auf welchem Wege begaben Sie sich nach Sankt-Leonard?« »Ueber die Salisbury-Felsen,« erwiderte Butler. »So? über die Salisbury-Felsen? Nun, nehmen Sie mir das nicht übel, aber Sie scheinen ein recht großer Freund von Umwegen zu sein, und wen haben Sie gesehen, seit Sie der Stadt den Rücken wandten?« Butler schilderte all die verschiedenen Gruppen und Haufen, an denen er im Laufe des Morgens vorbeigekommen war, ihre Anzahl, ihr Aussehen, ihr Verhalten. Endlich tat er des geheimnisvollen Fremden Erwähnung, den er zwischen den Felsen getroffen hatte, und über den er gern rasch hinweggegangen wäre. Aber kaum hatte er ein Wort über ihn geäußert, als ihm vom Ratsherrn die eingehendsten Fragen gestellt wurden, mit der Ermahnung, sich aufs strengste an die Wahrheit zu halten und nichts unerwähnt zu lassen, so geringfügig es ihm auch erscheine. »Sie stehen ja in gutem Rufe,« fügte der Ratsherr, »wie ich durchaus nicht verhehlen will; aber es ist uns recht gut bekannt, daß sich Männer aus Ihrem Stande, sonst von untadelhaftem Charakter, von Unternehmungen nicht fern gehalten haben, die sich wider Ruhe und Wohlfahrt des Staats richteten. Ich will ganz offen gegen Sie sein. Daß Sie hier sagen, Sie hätten sich auf zwei verschiedenen und recht großen Umwegen nach Ihrem Heimatsdorfe begeben wollen, gefällt mir ganz und gar nicht, zumal kein bis jetzt von uns vernommener Zeuge ausgesagt hat, es sei ihm so vorgekommen, als hätten Sie sich irgendwie gezwungen bei der Affäre gefühlt. Die Wächter am Cowgate-Tor wollen im Gegenteil bemerkt haben, Ihr Benehmen hätte einen ängstlichen Eindruck gemacht, wie wenn Sie sich von Schuld bedrückt gefühlt hätten, ja einer von ihnen hat ausgesagt, Sie hätten ganz so befohlen das Tor zu öffnen, als hätten Sie gemeint, noch an der Spitze der Aufrührer zu stehen.« »Gott verzeih es den Leuten!« erwiderte Butler, »ich habe nichts weiter begehrt, als frei durch das Tor zu passieren. Wollen mir die Leute nicht wissentlich zu Schaden sein, so müssen sie zugeben, sich in solcher Meinung geirrt zu haben.« »Ich will gern das Beste annehmen, Herr Butler,« versetzte der Ratsherr, »aber wenn Sie Ihre Situation nicht verschlimmern wollen, dann müssen Sie offen gegen mich sein. Sie haben bekannt, mit einem fremden Manne zwischen den Sankt-Leonard-Felsen zusammengekommen zu sein; ich muß darauf bestehen, daß Sie mir über die Unterredung, die Sie mit dem Fremden geführt haben, genauen Aufschluß geben.« Butler hatte die Unterredung nur verschweigen wollen, weil er befürchtete, Jeanie Deans durch sie bloßzustellen; zufolge der eindringlichen Aufforderung des Richters hielt er es aber für besser, nichts darüber zu verschweigen. »Sie glauben also,« fragte der Ratsherr, als Butler zu Ende war, »daß die Person sich zu dem Orte begeben werde, so geheimnisvoll die Aufforderung dazu ist?« »Ich fürchte, daß das Mädchen es tun werde,« antwortete Butler. »Warum fürchten Sie es?« »Weil mir um ihre Sicherheit bangt, wenn sie zu solcher Zeit und an solchem Orte, auf solche Botschaft hin, sich mit einem Menschen trifft, der mir den Eindruck zu machen schien, als sei er mehr als desperat.« »Für die Sicherheit ihrer Person soll Sorge getragen werden,« erklärte der Ratsherr; »und was Sie selbst betrifft, Herr Butler,« setzte er hinzu, »so muß ich Ihnen leider sagen, daß es nicht angeht, Sie schon jetzt in Freiheit zu setzen. Ich denke aber, es wird nicht notwendig sein, Sie lange in Ihrer Freiheit zu beschränken. Fron, führen Sie den Gefangenen wieder in seine Zelle, tragen Sie aber Sorge, daß es ihm an nichts fehlt, und daß er über nichts zu Beschwerde oder Klage Veranlassung findet.« Butler wurde wieder ins Gefängnis abgeführt. Die vom Ratsherrn gegebenen Weisungen betreffs seiner Haltung wurden streng beobachtet. Zwölftes Kapitel. Wir lassen jetzt Butler allein in seiner Zelle, allein mit seinen trüben Gedanken, die bei der mißlichen Lage, in die er geraten ist, nicht ausbleiben können, und die vor allem auf den Schmerz fußen, daß ihm alle Möglichkeit genommen worden, der unglücklichen Familie in Sankt-Leonard in ihrer schwersten Not beizustehen. Wir kehren zurück zu der armen Jeanie Deans, die den Freund scheiden sah, ohne daß ihr Gelegenheit zu weiterer Befragung blieb, und nun auf all die zarten Wünsche und Hoffnungen Verzicht leisten sollte, die sie so lange in ihrem Busen gehegt. Sich von zarten, zwischen Lust und Schmerz die Wage haltenden Empfindungen zu trennen, fällt starken Herzen – und Jeanie trug das Herz einer Heldin unter ihrem dörflichen Mieder – wohl am schwersten! Eine Weile lang konnte sie auch den Tränen nicht Einhalt tun, die ihr in die Augen drangen; aber bald verdrängte die Erinnerung an den tiefen Gram des Vaters, an den namenlosen Schmerz der Schwester alles persönliche Herzeleid, sie besann sich auf den Brief, der ihr heut in aller Frühe zum Fenster hineingeworfen worden, nahm ihn aus der Tasche und las ihn. Er war von seltsamer Fassung, heftig, ergreifend, fast auf Wahnsinn deutend: »Wenn Jeanie ein menschliches Geschöpf von der allerschwersten Schuld und ihren gräßlichen Folgen erretten, wenn Jeanie Leben und Ehre der Schwester aus den Fängen des ungerechtesten Gesetzes, das je erlassen worden, befreien, wenn Jeanie nicht ihr eigenes zeitliches und ewiges Glück gefährden wolle,« – so lautete die wilde Beschwörung, – »so solle sie sich bereit finden lassen, dem Schreiber dieser Zeilen eine sichre, geheime Zusammenkunft zu bewilligen; denn sie allein könne ihn, und er allein die Schwester retten.« Auf dem Zettel stand weiter, die Lage des Schreibers dieser Zeilen legte ihm die Bedingung auf, ihr dringend ans Herz zu legen, daß sie sich unter keinen Umständen beikommen lasse, einen Zeugen zu der Zusammenkunft mitzubringen, weder ihren Vater noch sonst jemand, auch niemand, sei es, wer es sei, diesen Zettel zu zeigen oder von diesem Anliegen irgend welche Andeutung zu geben, denn sie würde dann nicht bloß die Unterredung in Frage stellen, sondern Unglück über ihn und die Schwester bringen; der Zettel schloß mit eindringlichen Beteuerungen, daß sie für ihre Person nichts zu fürchten habe. Was ihr von Butler mitgeteilt worden war, stimmte mit dem Inhalt des Zettels überein bis auf den Ort und die Zeit, die sich verändert hatten. Dem Anschein nach war der Fremde durch irgendwelche Notwendigkeit zu dem Entschlusse gedrängt worden, sich Butlern gegenüber einigermaßen zu offenbaren; und deshalb war auch Jeanie wiederholt willens gewesen, dem Freunde den Zettel zu zeigen, wenn auch nur, um den von ihm wider sie gefaßten Verdacht zu beseitigen; aber gekränkter Unschuld wird es gar oft schwer, sich zu rechtfertigen; zudem ängstigte sie die Warnung vor den schweren Folgen irgendwelcher Andeutung, daß sie solchen Zettel bekommen habe, und doch hätte sie sich, wäre sie länger mit Butler zusammen gewesen, dazu entschlossen, ihn ins Vertrauen zu Ziehen; nun aber die Gelegenheit dazu verloren war, schmerzte es sie bitter, denn ihr Herz sagte ihr, daß sie gegen einen Freund, dessen Rat ihr von so großem Nutzen hätte sein können, und dessen treue Anhänglichkeit ihr unbedingtes Vertrauen verdiene, höchst ungerecht gehandelt habe. Dem Vater von der befremdlichen Zumutung etwas zu sagen, erschien ihr bedenklich, denn in welchem Lichte er den Fall betrachten würde, ließ sich gar nicht beurteilen, traten doch bei so außerordentlichen Vorfällen seine starren Grundsätze immer in einen sehr bedenklichen Vordergrund. Am schicklichsten wäre es freilich gewesen, eine Freundin um Begleitung zu bitten; aber sie hatte unter den Nachbarsleuten nur oberflächliche Bekanntschaft, was bei der zurückgezogenen Lebensweise, die sie führte, und ihrer Gemütstiefe nur zu erklärlich sein dürfte. Alles irdischen Rates ermangelnd, nahm ihre Seele nun den Weg zu jenem Führer, dessen Ohr sich dem Rufe des Bedrängten nimmer verschlossen hält. Niederknieend, flehte sie inbrünstig zu Gott, ihr den rechten Weg in dieser schweren Lage zu zeigen, und Gott zeigte ihr den Weg, den sie zu gehen habe. »Ich will den Unglücklichen sprechen,« sagte sie zu sich, als sie sich mit gestärkten Herzen erhob, »denn unglücklich muß er ja sein, wenn er, wie ich nicht zweifle, der Urheber all des Unglücks ist, das meine arme Effie trifft. Mag werden daraus, was wolle, sprechen muß ich ihn, denn ich will mir später nicht den Vorwurf machen, ich hätte aus Rücksicht auf das eigne Wohl oder aus persönlicher Furcht irgend etwas nicht getan, was ihr doch vielleicht noch hätte Rechnung bringen können.« Als sich der Tag neigte, traf sie die Vorbereitungen zu ihrem nächtlichen Gange. Von dem Vater, nachdem sie das Abendgebet mit ihm verrichtet hatte, vermißt zu werden, durfte sie nicht fürchten. Er schlief in einem andern Teile des kleinen Hauses, und bei seiner Regelmäßigkeit in allen Lebensdingen kam es nie vor, daß er die Schlafkammer wieder verließ, wenn er sie erst einmal aufgesucht hatte. Es war mithin leicht für Jeanie, zu der bezeichneten Zeit sich ans dem Hause zu schleichen, und doch fiel es ihr zentnerschwer, als der Augenblick da war. Ihr Leben war in der stillen Einförmigkeit friedlichen Familienlebens verstrichen; sie hatte ihrem Vater nie etwas zu verbergen brauchen und nie etwas verborgen: sie hatte niemals Zeit für sich zu irgend welcher Zerstreuung, Zu einem Gang ins Freie oder einem abendlichen Vergnügen beansprucht, außer in Begleitung des strengen Vaters; und nun allein so weit, obendrein bei Nacht gehen zu wollen, kam ihr so abenteuerlich, so gewagt vor, daß sie mehr denn einmal in dem gefaßten Entschlusse wankend wurde. Als sie ihr schönes Haar unter das Band schlang, das den einzigen Kopfschmuck der Mädchen im Hochlande bildet, zitterten ihr die Hände; als sie das karierte schottische Tuch umnahm, das bei den schottischen Frauen Mantel und Schleier vertritt, wäre sie fast umgesunken; so bange war ihr vor der Gefahr, die mit dem, was sie vorhatte, schließlich doch verbunden sein konnte, und vor der Unschicklichkeit solches Schrittes. Als sie die Tür des väterlichen Hauses aufklinkte, um den Fuß zur Nachtzeit über seine Schwelle zu setzen, überkam sie neue Besorgnis, und als sie sich auf freiem Felde sah, fehlte wenig, so wäre sie umgekehrt. Auf dem Wege mehrten sich die Schrecknisse. Manch schauerliche Sage knüpfte sich an die dunklen Klüfte und an die grünen, von Felsblöcken bedeckten Schluchten, die oft der Schlupfwinkel von Räubern und Missetätern gewesen waren, wo auch Hexen und böse Geister gehaust hatten. Mit jedem Schritt weiter auf dem öden, stellenweis wild überwucherten Pfade wuchs das Grauen und wich die Aussicht auf menschlichen Beistand; schreckensvolle Bilder von allerhand Greueln, die ihr von dieser Einöde zu Ohren gekommen, stiegen vor ihren Augen auf, als sie den Fuß zwischen die kahlen Felsen setzte; der Mond warf sein zitterndes Licht über die Gegend, und eine unbeschreibliche Angst ergriff das einsame Mädchen, das mit bebendem Fuße über Dorn und Stein bald im Schatten, bald im Mondlicht, entlang schritt, aber der Gedanke an die Schwester hielt sie aufrecht, und wieder empfahl sie sich dem Schutze dessen, der sie schon so oft gestützt und getröstet, der ihr den Weg bis hierher gezeigt hatte. Dreizehntes Kapitel. In der Tiefe des für die geheimnisvolle Zusammenkunft bestimmten Tales, dem sich Jeanie endlich nahte, hinter den Felsen von Salisbury mit dem als »Arturs Sitz« bekannten Berge im Vordergrunde, befinden sich noch heutzutage die Ruinen einer Einsiedelei oder Kapelle, die dem heiligen Antonius geweiht war. Eine bessere Lage hätte sich für sie kaum finden lassen, denn zwischen ranken, pfadlosen Klüften erbaut, stand sie in einer richtigen Oedenei und doch in unmittelbarer Nähe einer volkreichen, unruhigen Stadt, deren Lärm aber nur dumpf, wie seines Wogenbrausen eines Meeres, in die Gebete des Einsiedlers drang. Unfern der Kapelle, ziemlich am Fuße der Höhe, zeigt man wohl noch heute die grause Stätte, wo ein aufgeschichteter Steinhaufen das Gedächtnis an einen Mord, verübt nach schändlichen Grausamkeiten von einem Mann an seinem Weibe, erhielt. Der alte britische Fluch: »Sei ein Steinhaufen dein Grab!« schien hier tatsächlich verwirklicht, denn jeder Passant hatte zum Zeichen seines Abscheus gegen den Elenden einen Stein dorthin geschleudert, bis zuletzt ein richtiger Haufen entstanden war, der nach ihm – Nichil Muschat hieß der Mörder – »die Muschatsteine« genannt wurde. Jeanie blieb an dem unheimlichen Orte stehen, den Blick zum Monde hinauf richtend, der jetzt am nordwestlichen Himmel aufstieg; mit Zittern und Zagen wandte sie langsam den Kopf zu dem Steinhaufen hin, der sich, grauweiß im Mondlicht schimmernd, vor ihr erhob. Zuerst sah sie nichts von einem Menschen dahinter, und schon fingen Zweifel sich in ihrer Brust zu regen an. War sie getäuscht worden? Brach der Schreiber, des Zettels sein Worte? Hatte er den Zeitpunkt verpaßt, oder hielt ihn ein unvermuteter Zwischenfall zurück? Oder sollte er gar, wie eine geheime Stimme ihr zuflüsterte, ein überirdisches Wesen sein, daß sie durch falsche Hoffnungen in unnütze Schrecken und Qualen stürzen wollte? Oft genug hatte sie von dergleichen irrenden Geistern vernommen! Und doch hielten diese angstvollen Gedanken sie nicht ab, sich langsamen, aber festen Schrittes dem Steinhügel zu nähern. Da richtete sich plötzlich, als sie ihn beinahe erreicht hatte, eine düstere Gestalt dahinter auf, und Jeanie, die schlimmste ihrer Ahnungen erfüllt sehend, konnte kaum einen Aufschrei unterdrücken. Mit verhaltenem Atem wartete sie, daß der Mann sie anreden solle. Nach einem kurzen Schweigen geschah es. Mit tiefer, von innerer Bewegung kündender Stimme fragte die Gestalt: »Sind Sie die Schwester jenes tiefunglücklichen jungen Geschöpfes?« »Ich bin« – erwiderte Jeanie, – »die Schwester von Effie – Effie Deans; und wenn Sie je in Ihrer letzten Stunde auf die göttliche Gnade rechnen, dann sagen Sie mir, was im stande ist, sie zu retten, ob Sie im stande sind, sie zu retten.« »Nein,« lautete seine unheimliche Antwort, »ich rechne nicht auf seine Gnade in meiner letzten Stunde; denn ich verdiene sie nicht!« Aber der Ton seiner Stimme war, so verzweifelt auch seine Worte waren, ruhiger geworden, vielleicht weil er die Scheu der ersten Anrede überwunden hatte. Jeanie, starr vor Entsetzen, fand kein Wort mehr, denn was sie gehört hatte, war so ganz allem zuwider, was bisher zu ihren Ohren aus dem Munde des Vaters und Reuben Butlers gedrungen war, daß sie wirklich zu meinen anfing, keinem menschlichen, sondern einem Wesen der Hölle gegenüber zu stehen. Ohne aber ihres Grausens zu achten, fuhr die Gestalt fort: »Mädchen, Du siehst einen Elenden vor Dir, zu zeitlicher und ewiger Not verdammt!« »Um des Ewigen willen, der uns hört,« schrie Jeanie bang, »führt nicht solche verzweifelten Reden! Der Wohltat des Evangeliums hat auch der Sündhafteste, der Elendste, teil!« »Dann wäre ich freilich nicht davon ausgeschlossen!« erwiderte der Unbekannte; »wenn Du es sündhaft nennst, Mädchen, daß ich die Mutter, die mich gebar, den Freund, der mich liebte, das Weib, das mir vertraute, das unschuldige Kindlein, das dieses Weib mir gebar, in Verderben und Elend riß, dann bin ich fürwahr der sündhafteste, aber auch elendste Mensch unter der Sonne!« »Also habt Ihr das Unglück meiner Schwester auf dem Gewissen?« fragte Jeanie, und aus ihrer Stimme klang es wie rächender Zorn. »Ja, Mädchen, fluche mir, wenn es Dein Wille! verdient an Dir Hab ich's hundertfältig!« »Besser ziemt es mir, Gott um Vergebung für Euch zu bitten,« antwortete Jeanie. »Tue, wie Du willst, und was Du für gut hältst!« rief er heftig, »nur schwöre mir, Dich nach meinen Worten zu richten und Deiner Schwester das Leben zu retten!« »Ich werde, was einer Christin erlaubt ist zu tun, um der Schwester das Leben zu retten, auch ohne Schwur tun,« erklärte Jeanie. »Nichts von Vorbehalt!« rief der Fremde mit mächtig lauter Stimme, »nichts von erlaubt oder nicht erlaubt, nichts von Christin oder Heidin! Schwöre, mein Gebot zu erfüllen, oder, Du weißt nicht, Mädchen, wessen Grimm Du Dich aussetzest!« Erschreckt durch seine Heftigkeit, und im Zweifel, ob sie es Mit einem Rasenden oder einem Geiste der Hölle zu tun habe, erwiderte Jeanie: »Ich will mit mir zu Rate gehen und Euch morgen die Antwort bringen.« »Morgen?« rief er, hohnlachend; »ha! wo werde ich morgen sein? oder, wo wirst Du heute nacht sein, falls Du nicht schwören willst, mir zu gehorchen? Eine verfluchte Tat ward schon an dieser Stätte verübt, und eine andere soll an ihr verübt werden, wenn Du nicht mit Seele und Leib Dich mir überantwortest!« Er riß ein Pistol unter dem Mantel hervor und hielt es der Unglücklichen vor die Stirn, sie versuchte nicht zu fliehen – sie erlag nicht dem Schrecken – aber auf die Kniee stürzte sie und flehte um ihr Leben. »Weiter hast Du mir nichts zu sagen, Weib?« fragte der Bösewicht, ohne eine Spur von Rührung. »Taucht Eure Hände nicht in das Blut einer Wehrlosen, die Euch vertraute!« flehte Jeanie, noch immer auf den Knieen liegend. »Weißt Du sonst nichts zu sagen, das Leben Dir zu erhalten? Willst Du mir das Versprechen geben oder nicht? Willst Du wirklich die Schwester verderben und mich zwingen, mehr Blut zu vergießen?« »Ich kann nichts versprechen, was wider das Christentum geht!« Er spannte den Hahn seinem Waffe und richtete ihren Lauf auf sie. »Verzeih es Euch Gott!« rief sie, angstvoll die Hände vor die Augen schlagend. »Verflucht!« murmelte der Fremde; dann wandte er sich ab von ihr, setzte den Hahn in Ruhe und steckte die Pistole wieder unter den Mantel. Dann sprach er: »Ich bin ein ruchloser Bösewicht, belastet mit Schuld und Schimpf, aber nicht so in Sünde versunken, daß ich auch Dir Böses antun möchte. Ich habe Dich bloß schrecken wollen. Hab Dich bloß durch Schreck zwingen wollen. Ha! sie hört mich nicht! sie ist tot! Großer Gott! zu welch einem Schurken bin ich geworden!« Während dieser heftig hervorgestoßenen Sätze kam sie langsam wieder Zum Bewußtsein zurück aus einem Zustande, der mit wirklichem Todeskampfe verzweifelte Aehnlichkeit hatte, aber noch lange währte es, bis sie begriff, daß er ihr nicht nach dem Leben trachtete. »Nein,« rief er wieder, »ich will nicht noch Deinen Mord dem Morde Deiner Schwester und ihres Kindes hinzugesellen! Wenn ich auch rase vor Wut, und Furcht und Mitleid verschlossen bin, wenn ich auch dem Bösen zur Beute anheimgefallen und verlassen von allem Guten bin, so könnte ich Dir doch kein Leid antun, Mädchen, und böte man mir eine Welt zum Lohne! Aber, bei allem, was Dir lieb und wert ist, Mädchen, schwöre mir, zu tun, wie ich Dich heiße! Nimm diese Mordwaffe, jage mir die Kugel durch die Stirn und räche mit eigner Hand das herbe Leid, das ich ihr angetan, oder schwöre, daß Du den einzigen Weg ergreifen willst, der sie zu retten vermag!« »Beim Ewigen, Mann! ist sie unschuldig oder nicht?« »Unschuldig, bis auf die Schwäche, daß sie einem Bösewicht Vertrauen schenkte, aber wenn es nicht noch ärgere Bösewichte gäbe, – ja, ärgere als ich, wenn ich auch Bösewicht genug bin – dann wäre es soweit doch nicht gekommen.« »Und das Kind meiner Schwester? Lebt es?« fragte Jeanie. »Nein! es ist tot, ist umgebracht worden, grausam umgebracht, das neugeborne Wesen,« antwortete er dumpf, »aber ohne ihr Wissen, ohne daß sie es gewollt hat,« setzte er hastig hinzu. »Und warum kann der Mörder nicht zur Strafe gezogen, die unschuldige Effie nicht freigesprochen werden?« fragte Effie mit fliegender Hast. »Quäle mich nicht mit müßigen Fragen, Mädchen!« rief er finster. »Die die Tat verübten, sind weit genug, um vor Entdeckung sicher zu sein! Nur Du, Mädchen, kannst Deine Schwester retten!« »Weh mir! Wie soll ich es können?« rief Jeanie hoffnungslos. »Höre, was ich Dir sage. Du bist vernünftig, kannst mich nicht mißverstehen. Deine Schwester, sage ich, ist unschuldig an dem Verbrechen, dessen man sie anklagt.« »Gott sei gepriesen!« »Höre weiter und unterbrich mich nicht! Das Weib, das ihr in ihrer schweren Stunde beistand, hat das Kind umgebracht; aber die Mutter hat nichts davon gewußt, die Mutter ist unschuldig, sage ich Dir, so unschuldig wie das neugeborene Wesen, das nur wenige Augenblicke in dieser schlimmen Welt geatmet hat. Wohl ihm, daß es so schnell dem irdischen Jammer entrückt worden! Deine Schwester ist unschuldig, hörst Du? und doch muß sie sterben, denn es ist nicht möglich, sie dem Gesetz zu entziehen.« »Aber Ihr sagtet doch, ein Mittel dazu gäbe es?« rief Jeanie in Herzensangst. »Eins gibt's,« erwiderte er dumpf, »und das ruht in Deiner Hand! Der Kraft des Gesetzes läßt sich entrinnen, aber ihr widerstehen läßt sich nicht. Du hast Deine Schwester in der Zeit vor der Geburt des Kindes gesehen; mithin läßt sich annehmen, daß sie ihres Zustandes Dir gegenüber Erwähnung tat. Solche Aussage kann Deine Schwester retten, muß Deine Schwester retten, denn sie hebt die Anklage der Verheimlichung auf, und nur hierauf stützt sich das Gesetz im vorliegenden Falle. Effie hat sicher mit Dir über ihren Zustand gesprochen, besinn Dich, Mädchen, denke nach, Mädchen! ich bin fest überzeugt, daß sie Dir davon gesagt hat!« »Weh' mir,« rief Jeanie; »kein Laut darüber ist über ihre Lippen gekommen; nur Tränen, bittere Tränen hat sie vergossen, als ich sie über ihre Traurigkeit, über ihr verändertes Aussehen fragte.« »Darüber hast Du sie gefragt?« rief er eindringlich, »so mußt Du Dich auch besinnen, daß sie Dir gesagt hat, ein schlechter Mensch habe sie verführt, ja, sage nur so! sage, ein verworfener Bösewicht! und nimm kein Blatt vor den Mund! und nun trage sie die Folgen seiner Schlechtigkeit und ihrer Schwäche unterm Herzen, aber er habe versprochen, während der ihr bevorstehenden schweren Zeit für ihre Unterkunft zu sorgen. O, er hat Wort gehalten! vortrefflich Wort gehalten!« Wild, gegen sich selbst gerichtet, stieß er die letzten Worte hervor; gleich darauf aber sprach er wieder ruhiger: »Du besinnst Dich doch auf dies alles? O, Du mußt Dich darauf besinnen, so und nicht anders hat es sich verhalten, und so, und nicht anders brauchst Du nur auszusagen!« »Wie soll ich mich,« versetzte Jeanie mit natürlicher Offenheit, »auf Worte besinnen, die Effie niemals zu mir gesprochen hat?« »Begreifst Du so schwer, Mädchen, oder blendet Dich Furcht?« rief er und schüttelte sie am Arme. »Ich sage Dir doch,« fuhr er, die Zähne aufeinander pressend, mit gedämpfter, und doch harter, eindringlicher Stimme fort, »ich sage Dir doch, daß Du Dich hierauf besinnen mußt, daß Du so aussagen mußt, auch wenn sie kein Sterbenswort davon zu Dir gesprochen. Du sprichst keine Unwahrheit, außer daß sie mit Dir gesprochen habe, und ersparst ihren blutgierigen Richtern ein Verbrechen, einen Mord, rettest das Leben Deiner Schwester, ersparst ihr den Tod durch Henkershand! Zaudere nicht, Mädchen! ich verpfände Leben und Seligkeit, daß Du die lautere Wahrheit redest, wenn Du redest, wie ich Dich heiße.« »Ich muß doch aussagen unter meinem Eide,« erwiderte Jeanie, ohne sich durch die Spitzfindigkeit des Mannes beirren zu lassen, »denn die arme Effie steht doch eben unter Anklage der Verheimlichung ihres Zustandes. Wie können Sie mich verleiten zu einem Meineid?« »Ich sehe, daß ich recht hatte, Dir zu mißtrauen,« rief er; »und daß Du lieber Deine junge, unschuldige Schwester, die keine andere Schuld trifft, als daß sie einem unwürdigen Subjekt vertraute, den Tot durch Henkershand leiden lassen, als daß Du die Lippen öffnen willst, sie zu retten, trotzdem es Dich nur ein Wort, ein einziges, kostet.« »Mein Blut will ich für sie lassen,« rief Jeanie, während ihr die Tränen über die Wangen flossen, »aber Recht in Unrecht wandeln oder Falsches wahr machen, kann ich nicht.« »Albernes, dickköpfiges Ding!« fuhr er sie hart an, »fürchtest Du etwa Schlimmes für Dich daraus? Verlaß Dich drauf, Du tust den Richtern, so gierig sie auch sind nach Menschenblut, selbst einen Gefallen, wenn Du ihnen die Möglichkeit schaffst, ein so junges liebes Geschöpf wie Deine Schwester vor dem Schlimmsten zu bewahren, nicht bloß verzeihlich werden sie es finden, wenn Du so aussagst, wie ich Dich heiße, sondern löblich!« »Nicht Menschen fürchte ich,« versetzte Jeanie, die Augen zum Himmel emporrichtend, »sondern Gott! und Seinen Namen muß ich anrufen zur Bekräftigung meiner Worte. Ihm wird die Unwahrheit offenbar sein, deren ich mich schuldig mache!« »Und der Grund, der Dich dazu treibt, sollte nichts gelten bei ihm? auch nicht, daß Dich nicht Eigennutz bestimmt? daß Du die Richter an einem Verbrechen zu hindern trachtest, das ärger wäre als dasjenige, daß sie mit ihrem Spruche strafen wollen?« »Gott hat uns ein Gesetz gegeben, daß es uns eine Leuchte sei auf unserm Wege,« antwortete Jeanie, »und wir irren wissentlich, wenn wir davon abweichen. Ich mag nichts Böses tun, auch wenn Gutes daraus hervorgehen kann. Aber Ihr, Ihr kennt die Wahrheit dessen, was doch mir bloß Ihr Wort verbürgt, und Ihr, Ihr verhießet, wenn ich Euch recht verstanden habe, der armen Effie Hilfe und Beistand in ihrer Not, warum tretet nicht Ihr hervor und legt das erforderliche Zeugnis für sie ab, wie Ihr es mit reinem Gewissen könnt?« Da erwachte der wilde Trotz wieder in ihm, der Jeanie schon einmal so tief erschreckt hatte. »Zu wem sprichst Du von reinem Gewissen, Mädchen?« rief er, »zu mir? Ich weiß seit Jahren nicht, was solches Wort bedeutet; und ich soll Zeugnis für sie ablegen? Ha! ein schöner Zeuge, der, um mit einem harmlosen Geschöpfe wie Du bist, ein paar Worte zu reden, solchen Ort und solche Zeit wählen muß. Doch halt! was war das?« Eine jener wilden, eintönigen Weisen, nach denen der Schotte seine alten Balladen singt, klang aus der Ferne herüber; bald verschwammen die Töne, bald klangen sie heller. Der Fremde horchte gespannt und packte Jeanie, die heftig erschrocken war, wieder am Arme, wie wenn er sie hindern wollte, den Gesang durch eine Bewegung oder durch Worte zu stören. Jetzt schallten die Worte ganz deutlich herüber: Steigt der Falke in die Höh', Duckt die Lerche sich ins Korn, – Scheu im Busch duckt sich das Reh, Stößt der Jäger in das Horn. Die Stimme klang hell und laut. Fast schien es, als sei es drauf abgesehen, daß sie in recht weite Ferne dränge. Sobald sie verstummte, ließ sich dumpfes Geräusch, wie von nahenden Tritten und leisem Geflüster, hören. Von neuem hub der Gesang an, doch nach einer andern Melodie: Herr Ritter, rief sie, hurtig auf! Gefahr ist im Verzuge Spornt Euer Roß zu wildem Lauf! Der Feind rückt an im Fluge. »Ich muß weg!« rief der Fremde wild, und doch leise. »Lauf heim, oder warte, bis sie da sind: »Zu fürchten hast Du nichts; aber sage nicht, daß Du mich gesehen! Und vergiß nicht: der Schwester Schicksal liegt in Deiner Hand!« Während er sich schnell und doch behutsam in einer Richtung entfernte, entgegengesetzt derjenigen, aus welcher das Lied erklang, und im andern Augenblick schon im Dunkel der Nacht verschwunden war, blieb Jeanie, schier ohnmächtig vor Schreck, bei dem Steinhaufen zurück. Sollte sie fliehen? oder auf die Menschen, die herkamen, warten? Sie blieb nicht lange darüber im Zweifel, denn nach wenigen Sekunden erblickte sie Männer um sich herum, und sie mußte erkennen, daß jetzt ein Fluchtversuch ebenso nutzlos wie töricht sein würde. Vierzehntes Kapitel. Gleich dem an Episoden reichen Ariost, muß ich hier, um die verschiedenen Zweige zu dem Stamme zu fügen, den meine Erzählung bildet, die Erlebnisse einiger andern darin handelnden Personen bis zu eben dem Punkte führen, wo wir Jeanie Deans verließen. »Wetten möchte ich,« sagte der Stadtschreiber zu seinem Freunde, dem Ratsherrn, »daß dieser Galgenstrick von Ratcliffe, wenn man ihm das Leben ließe, uns mehr als ein Dutzend Polizisten und Frone nützen würde, aus dieser Porteous-Affäre herauszukommen. Er heißt doch nicht umsonst bei allen Gaunern im Lande seit zwanzig Jahren Vater Kliff!« »Ein gerissener Patron, das muß man sagen,« erwiderte der Ratsherr, »sich auf ein städtisches Amt zu spitzen!« »Pardon, Euer Gnaden,« bemerkte der Polizeimeister, ich glaube, der Herr Stadtschreiber sind nicht im Unrecht. So einen Menschen wie Ratcliffe kann die Stadt gut brauchen, und wenn er sich drauf einlassen will, der Unsrige zu werden, so können wir uns ebensogut drauf einlassen, ihn zu nehmen, denn einen besseren Kandidaten für das Beifronsamt werden wir schwerlich auftreiben. Wenn wir warten wollen, bis sich einer aus der Heiligen Gilde dazu findet, so wird's wohl ein Weilchen dauern. Denken wir doch an den Porteous! der war auch sein Dutzend Kollegen wert und weder vor Hölle noch Teufel bange, wenn es galt, Order zu parieren.« »Freilich, der Stadt hat er genützt,« erwiderte der Ratsherr, »wenngleich er kein Muster in sittlicher Hinsicht war. Könnte Ratcliffe uns zur Entdeckung seiner Mörder helfen, so möchte ich wohl dafür sein, daß wir ihm das Leben schenken und ein Stück Geld obendrein. In London wird man uns die Geschichte sehr übel vermerken, denn Königin Karoline. Sie sind zwar nicht verheiratet, lieber Stadtschreiber, wissen wohl aber auch von dem Weibsvolk ihr Liedchen zu singen? ist eine von jenen Damen, die selber eigensinnig genug sind, um bei andern keinen Eigensinn zu dulden. Ich möchte nicht bei ihr in London zu tun haben, wenn sie durch unsern Kurier wieder hören muß, daß noch immer niemand wegen diesem – weiß Gott! hundsföttischen Falle hat festgenommen werden können!« »Na, wenn's darauf ankommt, Herr Syndikus, dann ließe sich ja ein bißchen Gesindel leicht aufgreifen; einige Herrschaften habe ich auf meiner Liste, denen ein paar Wochen hinter Schloß und Riegel ganz gut täten; und sollten sie diesmal wirklich ohne Schuld ins Kittchen wandern, so könnt man's ihnen ja gutschreiben fürs nächste Mal, wenn sie uns Anlaß geben, ihrer wieder mit christlicher Liebe zu gedenken.« »Nun,« sagte der Ratsherr, »ich will Ratcliffes wegen mit dem Präsidenten Rücksprache nehmen. Kommen Sie mit, Herr Polizeimeister! Vielleicht läßt sich auch aus der Geschichte mit diesem Butler und seinem Unbekannten von den Salisbury-Felsen etwas machen? Jedenfalls ist es mir nicht geheuer, wie sich ein Mensch dort herumtreiben und als Teufel ausgeben kann, bloß um harmlose Leute zu schrecken, die genug vom Teufel schon Sonntags von der Kanzel hören. Daß der Geistliche den Pöbel selbst angeführt hat, mag ich nicht glauben, wenn er freilich auch der erste seines Standes nicht wäre, der sich dazu hergegeben.« »Das wird aber schon ein Weilchen her sein,« meinte der Polizeimeister, »jetzt wird's kaum noch vorkommen. Um aber bei Ratcliffe zu bleiben, Herr Syndikus, so will ich, falls der Herr Oberrichter sich mit unserer Ansicht einverstanden erklären sollte, selbst mit ihm reden – mit Vater Kliff meine ich – denn ich denke, mehr aus ihm herauszubringen, als Sie, Herr Syndikus.« Noch am selben Tage bekam Sharpitlaw – so hieß der Polizeimeister von Edinburg – Instruktion, sich ins Gefängnis zu begeben und zu versuchen, ob er aus dem Arrestanten Ratcliffe etwas herausbekomme, was der Stadt in ihrer gegenwärtigen Verlegenheit zum Nutzen gereichen könne. Die Art, wie sich ein Polizist mit einem Spitzbuben abfindet, den er in seine besondere Behandlung nehmen soll, ist immer von den Umständen abhängig. Er kann nicht in allen Fällen Habicht sein, der aus der Höhe auf seine Beute herabschießt; oft muß er Katze sein, die mit der Maus spielt, ehe sie zubeißt; oft aber auch Klapperschlange, die das vor ihren Augen flatternde Opfer so lange fasziniert, bis es ihr aus Furcht oder Verwirrung von selbst in den Rachen gerät. Die Begegnung Ratcliffs und Sharpitlaws gestaltete sich noch anders. Fünf Minuten lang saßen sie einander gegenüber wie zwei Hunde, die miteinander spielen, listig spähend, wer zuerst sich eine Schwäche beikommen läßt, die dem andern das Zubeißen erleichtert. Endlich fand es der Polizeimeister am Platze, das Wort zu nehmen. »Na, Ratcliffe, ist's denn wirklich an dem, was ich höre? Ihr wollt ein anderer Mensch werden?« »Jawohl, Herr,« versetzte Ratcliffe, »ich hab's satt bekommen, recht satt. Zudem meine ich, daß ich so manchem dadurch Arbeit erspare.« »Hm, daß man Euch wieder mal zum Galgen verurteilt hat, Ratcliffe,« fragte Sharpitlaw, »wißt Ihr doch?« »Gegen den Tod ist nun mal kein Kraut gewachsen, wie der ehrwürdige Pfaff in der Zöllnerkirche sagte, als Robertson auskniff. Sie wissen doch, ohne daß einer von uns merkte, wohin? Meiner Treu! der Pfaff hatte triftigeren Grund zu solcher Rede, als ich mir dachte, die böse Geschichte in der Nacht drauf hat's erwiesen.« »Na, Kliff,« sagte Sharpitlaw in leisem, gleichsam vertraulichem Tone, »was den Robertson angeht, könntet Ihr da nicht mal zusehen, ob Ihr wißt, wo er sich auffinden oder wo sich wenigstens was über ihn erfahren ließe?« »Ja, Herr Polizeimeister, mit dem ist's ein eigen Ding. Er ist im Grunde genommen von anderm Schlage als unsereins. Ein Satanskerl war er ja immer, und ausgefressen hat er allerhand. Aber die Affäre mit dem Zöllner, zu der ihn Wilson angestiftet hat, und ein paar Grenzbalgereien ausgenommen, hat er uns eigentlich niemals ins Handwerk gepfuscht.« »Sonderbar, die Gesellschaft in Betracht gezogen, mit der er sich abgibt.« »Und doch ist's wahr, was ich sage,« versetzte Ratcliffe; »von unsern Affären hat er sich immer fern gehalten, was sich vom Wilson nicht eben sagen ließ; denn mit dem hab ich doch manchen Tanz ausgefochten. Aber auch der Robertson wird noch dahin kommen, wo wir sind, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche, es kann niemand ein Leben führen wie er, ohne diesen Schlußakkord.« »Ihr wißt, wer er ist und was er ist?« »Meiner Meinung nach ist er von besserem Herkommen, als er bekennen will. Soldat ist er gewesen und dann Komödiant, wohl auch noch was anderes, ich kann nicht sagen was alles, denn so jung er ist, hat er's an Tollheiten doch nicht fehlen lassen.« »Ja, er mag manches auf dem Kerbholz haben, worüber am besten nicht geredet wird, nicht wahr, Ratcliffe?« »Meine Meinung auch,« sagte Ratcliffe, listig den Finger an die Nase haltend; »und keine Dirne war vor ihm sicher.« »Mag wohl sein,« erwiderte Sharpitlaw; »aber, Ratcliffe, wir wollen nicht soviel Worte machen, auch nicht soviel Umstände. Was Ihr zu tun habt, um pardonniert zu werden, wißt Ihr ... Ihr müßt Euch der Stadt nützlich machen.« »Gewiß, gewiß, soviel in meinen Kräften steht, Herr Sharpitlaw. für nichts ist nichts, das weiß ich recht gut.« »Was die Stadt jetzt am meisten tangiert, ist dieser vermaledeite Porteous-Fall, und wenn Ihr da einiges Licht schaffen konntet, wäre Euch der Beifron als Anfang sicher, während Euch der Aufseher für später winkte. Ihr versteht, was ich meine?« »Selbstverständlich, Herr Sharpitlaw! aber ich hab ja doch während des ganzen Rummels im Loche gesteckt. wie soll ich da was wissen? Gelacht hab ich freilich, als der Hauptmann um Gnade bettelte, wie ihn die Kerle beim Schlafittchen nahmen; na, Junge, dachte ich da bei mir, nun schmeckst Du selber mal, wie's Hängen tut.« »Das hilft Euch aber weder aus der Patsche noch zum Beifron, Ratcliffe, denn daß wir den berüchtigten Papa Kliff pardonnieren sollten, ohne daß er es verdiente. auf Grund gewisser Aussagen verdiente. das werdet Ihr wohl selbst nicht denken!« »Na, denn meinetwegen,« platzte Ratcliffe heraus, »wenn's mal nicht anders geht, so mögt Ihr eben wissen, daß der Robertson mit unter den Schlingeln war, die das Stockhaus stürmten. Das wird Euch nützlich sein, nicht wahr?« »Weiter im Texte,« sagte Sharpitlaw; »wenn wir nicht wissen, wo wir ihn erwischen, nützt uns das noch verdammt wenig.« »Ja, Sharpitlaw,« sagte Ratcliffe, »das mag der Teufel wissen! denn in eins seiner Eulennester wird er sich jetzt schwerlich verkriechen. Ich denke, er wird längst aus dem Lande sein; denn ein so tolles Leben er auch führt, so steht doch eben fest, daß er hohe Anverwandte hat, bei denen ihn niemand vermutet und deshalb auch niemand sucht, und dorthin begibt er sich wohl jedesmal, wenn ihm irgendwo der Boden zu heiß unter den Füßen wird.« »Desto besser wird er sich am Galgen ausnehmen,« versetzte Sharpitlaw; »ist das ein Kerl, einen Diener der Obrigkeit abzuschlachten, weil er seine Schuldigkeit getan hat! So was ist ja noch nie dagewesen! Wenn das ungestraft hinginge, könnte sich ja kein Teufel mehr sicher glauben. Ihr seid doch Eurer Sache gewiß, ihn gesehen zu haben?« »So gewiß, wie ich jetzt Euch sehe!« »Was für Kleidung trug er?« »Ich kann's nicht genau sagen, denn ich konnte es nicht genau erkennen, wie ein Frauenzimmer sah er aus, und doch wieder wie ein Mann! Auf dem Kopfe trug er eine Weiberhaube. O, solch ein Gewühl habt Ihr im ganzen Leben noch nicht gesehen, wie an dem Tage hier. Nicht Augen genug konnte man haben.« »Hat er mit niemand gesprochen?« »Das hat alles durcheinander geschrieen, daß man keinen vom andern heraushören konnte,« erwiderte Ratcliffe, der nicht zuviel sagen mochte. »Damit kommt Ihr nicht durch, Ratcliffe! Ihr müßt von der Leber weg reden, von der Leber weg!« und bei jedem der vier Worte, die er wiederholte, schlug er mit der Faust auf den Tisch. »Es ist eine harte Nuß, die Ihr mir zu knacken gebt, und ginge es nicht um das Beifronsamt.« »Und um die Aussicht, zum Aufseher aufzurücken, Ratcliffe, gute Führung natürlich vorausgesetzt.« sagte Sharpitlaw. »Ja, da liegt der Hase im Pfeffer. gute Führung vorausgesetzt. Nebenbei heißt's,« sagte Ratcliffe, »hübsch abwarten, bis andre ins Gras gebissen haben!« »Aber, Papa Kliff! Robertsons Kopf wird auch was wiegen! Die Stadt muß sich schon erkenntlich zeigen. Das ist doch nur recht und billig.« »Hm, hm,« machte Ratcliffe. »Und solchen Erwerb, Mann, könnt Ihr doch mal in Ruhe verzehren!« »Hol's der Teufel, Polizeimeister,« fuhr Ratcliffe auf, »eine absonderliche Art, wieder ehrlich zu werden, ist's und bleibt's, wenn's nun aber nicht anders geht, dann, hol's der Teufel!« rief er wieder, »mit dem Mädchen, der Effie Deans, hab ich ihn sprechen sehen, mit dem Mädchen, das wegen Kindesmordes eingesperrt ist.« »Wirklich, Ratcliffe? Na, seht mal an! Das bringt uns gleich auf die Spur, dort der Mann, der bei den Salisbury-Felsen mit dem Geistlichen Butler spricht, der Jeanie Deans an die Muschat-Steine bestellt, und hier der Mann, der mit der Kindsmörderin Effie Deans spricht, ich wette drauf, Ratcliffe, Robertson ist der Vater zu dem Kinde!« »Ein Schluß, der sich hören läßt,« meinte Ratcliffe schmunzelnd, während er das Stück Kautabak, das er im Munde hatte, langsam zerbiß und ausspie; »die Rede davon war einmal, daß er sich mit einer hübschen Dirne herumtriebe und daß Wilson seine Not gehabt hätte, ihn vom Heiraten abzuhalten.« Ein Diener kam mit der Meldung, das Frauenzimmer sei eingebracht worden, das Sharpitlaw vorzuführen befohlen habe. »Es liegt nicht mehr viel daran,« erwiderte dieser; »die Sache nimmt eine andere Wendung; immerhin könnt Ihr sie herbringen.« Der Diener ging ab, und ein großes, starkes Mädchen im Alter von achtzehn bis zwanzig Jahren, in höchst phantastischer Kleidung, trat herein: sie hatte eine blaue, mit blinden Tressen besetzte Reitjacke an, trug das Haar nach Männerart, unter einer holländischen Mütze, von der ein großer Busch geknickter Federn herunterhing. Ein Reitrock aus scharlachrotem Kamelott, mit verblichenen Blumen gestickt, der ihr bis auf die Knöchel reichte, und eine Reitgerte vervollständigten ihren Anzug. Sie hatte starke, männliche Züge, tiefschwarze, feurige Augen, eine Adlernase und ein scharf geschnittenes Profil. In einiger Entfernung gesehen, konnte sie für hübsch gelten; in der Nähe machte sie einen mehr abstoßenden Eindruck. Sie schwang die Reitgerte, machte einen tiefen Knicks und nahm das Wort, ohne abzuwarten, daß man sie zum Sprechen auffordere. »Schenk Euer Gnaden der Himmel einen fröhlichen Abend, nicht bloß heute, sondern an noch vielen kommenden Tagen, Herr Sharpitlaw! Ei, Ihr seid auch da, Papa Kliff? Und dabei hieß es schon draußen, Ihr hättet Hanf geleckt? Na, auf welche Weise habt Ihr denn Henker Dalgliesh ein Schnippchen geschlagen, wie die Maggie Dickson, als sie schon halb baumelte?« »Halt's Maul, tolle Suse!« rief Ratcliffe, »bis Du gefragt wirst.« »Von Herzen gern, Kliffchen. Ist das aber eine Ehre, die heute der armen Madge widerfährt, in einem gestickten Kleide von so feschen Herren durch die Straße geführt und von der ganzen Stadt angegafft zu werden und von früh bis spät mit Richtern und Staatsanwälten, Stadtschreibern, Polizeimeistern und Bütteln sprechen zu dürfen. Wirklich! hätt's mir nicht träumen lassen!« »Ei, Mädel,« sagte Sharpitlaw in schmeichelndem Tone, »Du bist ja heut so im Staate! Das sind doch Deine Alltagssachen nicht!« »Hat sich was mit Alltagssachen!« rief Madge, und da eben Butler hereintrat, rief sie: »O, auch ein Gottesmann im Stockhause? Wer wird's da noch eine Mörderhöhle nennen. Vielleicht sitzt er aber, weil er am alten Glauben hängt? Aber was geht's mich an?« Und nun fing sie an zu tanzen und zu trällern: Heisa, heisa, trallala! Ihr Herrchen, Belzebub ist da! Macht gar feine Chosen, Pflückt gar viele Rosen, Heisa, heisa, trallala! Belzebub ist wieder da! »Haben Sie diese tolle Person schon einmal gesehen?« fragte Sharpitlaw den Geistlichen. »Soviel ich weiß, nie in meinem Leben,« antwortete Butler. »Hab's mir gedacht!« sagte Sharpitlaw, einen bedeutsamen Blick mit Ratcliffe wechselnd, um sich dann wieder an Butler zu wenden: »Aber das ist ja, wenigstens wie sie sich selbst nennt, die Madge Wildfire!« »Freilich bin ich's,« rief sie, »freilich, und bin's gewesen seit der Zeit, da ich was Besseres war, aber das ist schon lange her, besinne mich nicht mehr! Doch soll's mich nicht scheren. Wer kann's mir wehren? Heisa, heisa, trallala! Herrchen! Belzebub ist da! Macht gar feine Chosen,« »Still, Du Racker!« fuhr der Büttel sie an, »oder ich will Dich, statt singen, heulen lehren!« »Laß sie in Ruh!« sagte Sharpitlaw, »ich will sie noch Verschiedenes fragen. Doch erst soll sie Herr Butler sich noch mal ordentlich ansehen.« »Freilich, Pfaffe, schaut mich an!« rief die Madge, »ist doch gar viel an mir dran, mehr als an all Euren Schwarten, darauf könnt Ihr Euch verlassen. Ich kann auch die zehn Gebote auswendig, und das Vaterunser, auch die, das heißt, ich konnte sie auswendig,« setzte sie leiser hinzu, »ich konnte sie, aber das ist schon lange her, besinne mich nicht mehr,« und ein tiefer Seufzer hob sich aus ihrer Brust. »Na, was sagen Sie jetzt, Herr?« fragte Sharpitlaw den Geistlichen zum andern Male. »Was ich schon vordem sagte,« antwortete Butler, »daß ich das arme, blödsinnige Wesen zum ersten Mal in meinem Leben sehe.« »Also ist es nicht die Person, die in der verwichenen Nacht von der aufrührerischen Menge Madge Wildfire genannt wurde?« »Ganz bestimmt nicht!« antwortete Butler, »gleich groß sind sie wohl, aber sonst einander nicht ähnlich.« »Auch die Kleidung ist nicht die gleiche?« fragte Sharpitlaw. »Ganz und gar nicht,« sagte Butler. »Aber, Madge, mein Kind,« sagte Sharpitlaw wieder in dem schmeichlerischen Tone wie vordem, »sage mir bloß, was Du gestern mit Deinen Kleidern gemacht hast?« »Hab's vergessen, Herr,« antwortete sie. »Sag mir bloß, wo Du gestern abend gewesen bist!« »Gestern ist nicht heut,« antwortete sie, »was weiß ich von gestern? Ein jeder Tag hat seine Plag', drum weiß ich nichts von gestern.« »Vielleicht besinnst Du Dich auf gestern, wenn ich Dir eine Krone geb?« Dabei hielt er ihr ein Geldstück hin. »Besinnen drauf nicht,« sagte sie, »aber lachen drüber!« »Und wenn ich Dich ins Arbeitshaus schicke und Dir die Rute geben lasse?« fragte Sharpitlaw streng. »Besinnen drauf nicht,« sagte sie schluchzend, »aber weinen drüber!« »Herr,« mischte Ratcliffe sich dazwischen, »auf Madge Wildfire bleiben Gründe ohne Einfluß, die bei vernünftigen Leuten gelten, weder Geld noch Galgen noch Rute, aber ich brächte schließlich doch was aus ihr heraus.« »Dann probiert's,« erwiderte Sharpitlaw, »ich hab das blöde Gewäsch der Person ohnehin satt.« »Madge,« redete Ratcliffe sie an, »sag mir doch, wer ist denn jetzt Dein Schatz?« »Fragt Dich wer, dann sprich, Ratcliffe, Du wüßtest's nicht. Ei, schau mir einer den Papa Kliff! läßt's sich einfallen, von meinem Schatz zu sprechen!« »Aber ich sollte doch meinen, Du seiest nie ohne Schatz?« fragte Ratcliffe. »Bin ich auch nicht,« rief sie, »sollt mir einfallen!« rief sie, den Kopf als gekränkte Schöne stolz zurückwerfend, »ein Leben ohne Schatz, das wär 'ne schöne Hatz! Na, Ratcliffe! besinnst Du Dich noch auf Robin den Wilden? und wer kam dann? der Willi aus Flandern, nicht wahr? und dann der Robertson, der Georg Robertson! Heisa, heisa, trallala! Robertson ist wieder da.« Ratcliffe lachte, winkte dem Polizisten zu und fuhr in seiner Weise fort, sie auszufragen. »Aber, Madge, ich weiß doch, die feinen Jungen machen sich bloß was aus Dir, wenn Du in Deiner Sonntagskluft steckst. In Deinen Alltagslumpen gefällst Du keinem. Da möchten sie Dich kaum mit der Ofengabel anfassen.« Wieder warf sie stolz den Kopf zurück. »Du alter, elender Lügenstrick!« rief sie, »hat nicht erst gestern der feine Georg Robertson sich meine Alltagslumpen angezogen? Ist er nicht durch die ganze Stadt drin spaziert? und hat er nicht drin ausgesehen wie eine Königin?« Wieder winkte Ratcliffe dem Polizisten und wieder fuhr er fort: »Madge, davon glaub ich Dir kein Wort! Die Lumpen hatten wohl Mondscheinfarbe? He? und der Rock sah himmelblau aus?« »Was Ihr nicht wißt, Vater Kliff!« rief Madge, im Eifer des Widerspruchs alles ausplaudernd, was sie bei besserer Ueberlegung schwerlich gesagt hätte, »weder rot noch blau ist er gewesen, der Rock, sondern meinen kurzen braunen hat er angehabt, mit dem roten Ueberwurf, und dazu die alte Haube von Muttern aufgesetzt, eine Krone hat er mir dafür gegeben, daß ich ihm die Lumpen lieh, und der Mutter eine halbe, mir auch noch einen Kuß, ja, und dafür mag ihn der Himmel unter seinen Schutz nehmen, wenn er mir auch teuer, gar teuer zu stehen gekommen.« »Und wo hat er sich wieder umgezogen, Kind?« fragte Sharpitlaw mit aller Freundlichkeit, die er seiner Stimme geben konnte. »Der Polizeimeister verdirbt uns die ganze Pastete,« brummte Ratcliffe, und er hatte recht, denn diese so direkt gestellte Frage erweckte in der Brust des Mädchens, das Ratcliffe auf so kluge Weise zum Plaudern gebracht hatte, sogleich Argwohn. »Warum paßt Ihr denn so auf, Herr?« fragte sie, indem sie sich wieder blöde stellte, was erkennen ließ, daß ihr geistiger Defekt zum Teil nichts weiter als List und Verstellung war. »Ich wollte ja nur wissen, wann und wohin Robertson Deine Sachen wieder gebracht hat?« fragte Sharpitlaw. »Robertson?« wiederholte sie; »Jesus! was denn für ein Robertson?« »Na, der, von dem Du uns erzählt hast,« sagte Sharpitlaw, »der schöne Georg, wie Du ihn nanntest.« »Der schöne Georg?« rief sie, helle Verwunderung heuchelnd; »kenn ich denn jemand, der so heißt?« »Höre, Kind,« sagte Sharpitlaw, die Stimme verschärfend; »damit kommst Du bei mir nicht durch! Du mußt mir sagen, was Du mit Deinen Kleidern gemacht hast.« Madge gab Antwort, doch nur mit einem Liederverse: Was hast Du mit Deinem Ringlein gemacht? Dem Ringlein, Ringlein, Ringlein klein? Sag, wo hast Du's hingebracht, Dein Ringlein, Ringlein, Ringlein klein? Ich hab's dem Jäger gegeben, Dem Liebsten, Liebsten im Leben, Mein Ringelein, mein Ringelein, Dazu das bunteste Kränzelein, Dem Liebsten, Allerliebsten mein, Nun rat, wer mag es sein? Der Polizeimeister war außer sich. »Ich will dem verrückten Balge die Hölle so heiß machen, daß sie sich wieder besinnen lernt!« »Mit Verlaub, Euer Gnaden,« bemerkte Ratcliffe, »es wäre schon besser, man ließe sie erst wieder ruhig werden. Einiges habt Ihr ja schon von ihr gehört.« »Freilich,« erwiderte, sich aufblähend, Sharpitlaw, »den braunen Rock, die Haube, den roten Ueberwurf. Sagen Sie, Herr Butler, war die Madge Wildfire, die Sie gesehen, so angezogen?« »Jawohl,« versetzte Butler. »Bei diesem hundsföttischen Ueberfall hatte er allerdings Anlaß genug, sich hinter Tracht und Namen dieses verrückten Weibsbilds zu stecken!« rief Sharpitlaw. »Und ich erkläre nun meinerseits,« wollte Ratcliffe beginnen; aber Sharpitlaw ließ ihn nicht ausreden, sondern rief: »Richtig, weil Ihr seht, daß es auch ohne Euch zu Tage kommt!« »Ja doch, Euer Gnaden,« sagte Ratcliffe, ruhig wie immer, »ich wollte meinerseits bloß feststellen, »daß ich Robertson gestern nacht in solcher Tracht an der Spitze der Aufrührer gesehen habe.« »Das ist eine bestimmte Aussage,« erwiderte Sharpitlaw, »auf die wir zurückkommen werden; merkt sie Euch also, Ratcliffe! Ich werde dem Herrn Präsidenten Bericht über Euch erstatten; günstigen Bericht, denn ich habe für Euch heute noch weitere Arbeit. Vorderhand muß ich nach Hause; es ist spät geworden, und ich möchte ein paar Bissen essen, werde aber nicht lange wegbleiben. Behaltet das Weibsbild bei Euch, Ratcliffe, und versucht, sie wieder zur Ruhe zu bringen, und, wenn's geht, bei guter Laune zu erhalten.« Mit diesen Worten verließ er das Gefängnis. Fünfzehntes Kapitel. Dorthin zurückgekehrt, setzte er die Unterredung mit Ratcliffe, dessen Beistandes er sich nun versichert hielt, fort. »Was sich jetzt als das notwendigste erweist, Kliff,« sagte er, »ist ein Besuch bei der Dirne, die wegen Kindsmords sitzt, bei der Effie Deans, die müßt Ihr unbedingt einmal ins Gebet nehmen! Die kennt doch bestimmt Robertsons Schlupfwinkel! Säumt nicht, Ratcliffe, sondern befragt sie auf der Stelle!« »Nichts für ungut, Herr Sharpitlaw,« sagte der Beifronskandidat, »aber das kann ich nicht, das geht nicht, Euer Gnaden.« »Das geht nicht, Kliff? und warum nicht? Was hält Euch davon ab? Ich dachte, wir seien hierüber im reinen?« »Pardon, Euer Gnaden,« antwortete Ratcliffe, »der Dirne ist hier alles fremd, Aufenthalt, Ort und Behandlung. Sie flennt den ganzen Tag und grämt sich um den wilden Buben, und wenn sie ihn ins Unglück brächte, dann bräch' ihr das Herz! Damit muß man rechnen.« »So geschwind bricht kein Weiberherz,« versetzte Sharpitlaw, »und viel Zeit dazu wird ihr ohnehin nicht bleiben, denn sie muß ja so wie so auch bald an die Kreide!« »Sei dem, wie ihm wolle,« entgegnete Ratcliffe, »ich kann's nicht machen, es geht mir wider das Gewissen.« Mit Hohnlachen fragte Sharpitlaw: »Wider das Gewissen? Euch?« »Ja, wieder das Gewissen,« versetzte Ratcliffe, ruhig wie bisher, »jedermann hat ein Gewissen, wenn es auch zuweilen schwer wird, den Weg zu ihm zu finden. Meines liegt, wie ich gern glaube, ein starkes Stück seitab, weiter seitab als bei den meisten Menschen, und doch geht's mir wie ihnen, manchmal gibt's einen Knacks, wie wenn man sich den Ellbogen wo stößt, und dann tut's einem eine Weile infam weh.« »Na, Kliff, wenn Ihr so weichherzig seid, werde ich selber mit dem Weibsbild reden müssen,« sagte Sharpitlaw und ließ sich in die Zelle der unglücklichen Effie führen. Sie saß, in tiefes Sinnen verloren, auf dem kleinen Strohlager, das ihr als Bett diente; auf dem Tische daneben stand ein bißchen Essen, von besserer Art, als es Gefangenen sonst zuteil wird. Aber der Fron, in dessen Ressort sie gehörte, sagte, sie nähme oft in vierundzwanzig Stunden nichts als einen Trunk Wasser zu sich. Sharpitlaw setzte sich auf den Schemel, der die Stelle eines Stuhles vertrat, und hieß den Schließer gehen. Dann nahm er das Wort, bemüht, in seine Stimme und Miene alles Mitleid zu legen, dessen er fähig war; aber seine Stimme verlor nicht all die Härte und Rauheit, die ihr eigen war, und aus seiner Miene verschwand nicht alle List, Strenge und. Selbstsucht, die sie abstoßend machten. »Nun, Effie, wie geht's denn? Wie geht's, Kind?« fragte er. Ein schwerer Seufzer war die Antwort. »Geht man artig mit Dir um? Es ist meine Pflicht, mich danach zu erkundigen.« »O, recht artig,« antwortete sie, aber es fiel ihr schwer, Worte zu finden; es schien, als wisse sie kaum, was sie sprach. »Und über das Essen hast Du nicht zu klagen? Bekommst Du, was Du Dir wünschest, oder hast Du Verlangen nach was Besonderm? Mit der Gesundheit scheint's nicht zum Besten?« »Ich danke, Herr. Es ist alles gut – viel zu gut für mich!« erwiderte die arme Gefangene – ach! wie so ganz anders klang ihre Sprache als ehedem in Sankt-Leonard! alle Frische, alle Munterkeit waren daraus geschwunden. Sie war die Lilie von Sankt-Leonard nicht mehr! »Es muß doch ein recht schlechter Kerl gewesen sein, der Dich so ins Elend gebracht hat, Effie!« Die Aeußerung hatte ihren Ursprung zum Teil in einem natürlichen Gefühl, von dem er sich trotz aller Härte seines Wesens nicht völlig frei machen konnte; zum größern Teil aber in der Absicht, die Unterhaltung auf den Gegenstand hinzuleiten, der ihn herführte. »Ja, ein miserabler Kerl,« sagte er wieder, »hätt' ich ihn bloß unter den Fingern, die Peitsche wäre ihm sicher!« »Mich trifft mehr Schuld als ihn,« sagte Effie, »ich mußte weiter sehen, aber er, der Aermste!« sie hielt inne. »Den Du so nennst,« fiel der Polizeimeister ihr ins Wort, »war ein Taugenichts, einer aus nichtschottischem Lande, Effie, und ein Kumpan des nichtsnutzigen Kerls, des Andrew Wilson.« »O, ihm wär's besser, hätte er den Wilson nie gesehen!« »Magst recht haben, Effie. Aber wo trafst Du Dich gewöhnlich mit ihm, Kind? Beim Calton-Grunde, nicht wahr?« Bis hierher war das arme, niedergebeugte Mädchen dem Wege gefolgt, den Sharpitlaw sie führte; denn was er listig vorbrachte, war so auf ihren augenblicklichen Seelenzustand berechnet, daß ihre Antworten gleichsam nur die laute Wiedergabe ihrer Gedanken waren: eine Beobachtung, die man oft bei Menschen findet, die durch Krankheit oder schweres Herzeleid zu Geistesabwesenheit neigen. Die letzte Frage war aber zu schroff gestellt, als daß sie die Absicht nicht hätte merken sollen, aus der sie gestellt wurde; und indem sie sich aus ihrer gebeugten Stellung aufrichtete und sich das Haar aus dem bleichen, noch immer schönen Gesicht strich, richtete sie das Auge durchdringend auf den ihr gegenüber sitzenden Mann und rief: »Was habe ich gesagt? Was habe ich gesagt? O, Herr, Sie sind zu brav und gut, als daß Sie auf die Worte, die ein armes Geschöpf spricht, das kaum noch seine Sinne beisammen hat, sonderlich achten sollten. Gott steh mir bei! Gott steh mir bei!« »Ja, Gott helfe uns, und Zwar zu Deinem Besten!« knüpfte Sharpitlaw an ihre Worte an; »Dir könnte eins nützen, Kind, wenn's uns nämlich glückte, den Schurken hinter Schloß und Riegel zu bringen.« »O, schmähen Sie ihn nicht, Herr,« flehte Effie, denn er hat auch Sie nie geschmäht, Robertson? O, ich habe gegen keinen Mann etwas zu sagen, der diesen Namen führt, und will und werde nichts sagen.« »Aber, Effie, wenn Du auch Dein eignes Leid nicht achtest, so solltest Du doch jenes andern Leids nicht vergessen, das er über die Deinigen gebracht hat!« »O, helf mir Gott!« rief die Unglückliche, »mein armer Vater! meine liebe Jeanie! Ach, Herr, das ist das Schrecklichste! O, wenn Sie ein Herz im Leibe, nur einen Funken von Mitleid haben – denn hier ist jeder Mensch so hart wie Stein – dann geben Sie Weisung, daß man die Schwester zu mir lasse, wenn sie herkommt und mit mir sprechen will. Ach, wenn ich höre, wie sie weggewiesen wird, wenn ich umsonst versuche, zu dem Fenster hinaufzusteigen, wenn ich nichts von ihr sehe als einen Zipfel ihres Kleides, dann muß ich, muß ich ja von Sinnen kommen!« Sie sah ihn so flehentlich, so demütig an, und ihr Blick ging ihm so unmittelbar zu Herzen, daß er in seinem Vorsatze wankend wurde, daß er stockend antwortete: »Nun, Effie, Du sollst sie sehen, die Schwester, und wenn Du mir sagst ...« Aber er brach schnell ab, sprang auf und sah sie einen Augenblick lang an. »Nein, nein!« rief er dann, »Du sollst sie sehen, die Schwester, ob Du mir etwas sagst oder nicht!« Er stand auf und ging aus der Zelle. »Ratcliffe,« sagte er, als er in seine Stube zurückkehrte, »Ihr habt recht, mit dem Frauenzimmer ist nichts anzufangen. Bloß eins weiß ich jetzt bestimmt, daß Robertson der Vater ihres Kindes ist. Also wird's wohl auch Robertson sein, der heute nacht bei den Muschat-Steinen die Schwester treffen will, und dort, Kliff, dort wollen wir ihn fassen, oder ich müßte nicht Gideon Sharpitlaw sein!« »Aber, wenn es an dem wäre,« meinte Ratcliffe, dem an Robertsons Verhaftung nicht viel zu liegen schien, »so müßte ihn doch Butler, als er ihn bei den Salisbury-Felsen traf, für die Person erkannt haben, die in der Maske der Madge Wildfire den Pöbel anführte.« »Das kann man nicht ohne weiteres sagen, Ratcliffe,« versetzte Sharpitlaw, »bedenkt doch den Tumult, das unsichre Licht, die Verkleidung, die Schminke! Und hab ich nicht Euch selbst schon so vermummt gesehen, daß Euch der Gottseibeiuns, so gut er Euch doch kennt, so wenig gewittert hätte wie ich?« »Da habt Ihr freilich 'mal recht,« sagte Ratcliffe. »Zudem, Ratcliffe,« fuhr Sharpitlaw fort, »hat der Geistliche denn nicht gesagt, es sei ihm vorgekommen, als habe er die Züge des Burschen, den er bei den Felsen traf, schon früher 'mal gesehen, bloß wisse er nicht, wo?« »Mir leuchtet ein, daß Euer Gnaden recht haben,« antwortete Ratcliffe. »Drum wollen wir uns zusammen heute nacht auf den Fang hinaus begeben, Kliff, aber beizeiten, daß er uns nicht entwischen kann!« »Ich werde Euer Gnaden dabei wenig nützen, Herr,« sagte Ratcliffe, sichtlich zögernd. »Aber Ihr seid doch mit der Lokalität bekannt, Ratcliffe! Wie sollt Ihr da nicht nützen können? Nein, nein! Ihr müßt mit, Freund! und verlaßt Euch drauf, ich lasse Euch nicht aus den Augen, bis uns der Bursche sicher ist!« »Nun, wenn Ihr drauf besteht, Herr,« sagte Ratcliffe, »dann meinetwegen! Aber vergeßt nicht, daß wir's mit einem Menschen zu tun haben, der zu allem fähig ist!« »Wir wollen schon für Mittel sorgen, seiner Herr zu werden!« »Aber Euch bei Nacht nach den Muschat-Steinen zu führen, Herr, das kann ich wirklich nicht auf mich nehmen. Bei Tage finde ich den Platz so gut wie jeder andere, aber im Mondschein sieht dort ein Stein aus wie der andere, da finde ich mich unmöglich zurecht.« »Kommt mir nicht dumm, Ratcliffe,« rief Sharpitlaw zornig; »Ihr wißt doch wohl, daß das über Euch verhängte Urteil noch nicht aufgehoben worden ist?« »Freilich weiß ich das, Euer Gnaden,« antwortete Ratcliffe, »denn so was vergißt sich nicht, und wenn Euer Gnaden meine Gegenwart nicht missen wollen, nun, so muß ich eben mit, aber ich hätte doch gedacht, die Madge Wildfire müßte Euch eine bessere Führerin sein als ich, kennt sie doch den Weg und Steg dort ganz genau.« »Teufel auch! Bildet Ihr Euch ein, ich hätte Lust, mich solch verrücktem Weibsbild in die Hände zu geben?« »Nun, wie Ihr meint, Herr! So was versteht Ihr schließlich besser als ich, aber wenn man sie bei guter Laune hielte – und dafür würde ich gern sorgen – ließe sich schon was erreichen, treibt sich das tolle Weibsbild doch im Sommer ganze Nächte in den Felsenklüften herum!« »Wenn Ihr meint, Ratcliffe, daß sie uns richtig führen kann,« erwiderte Sharpitlaw, »so hätt' ich ja nichts dawider, sie mitzunehmen. Aber seht Euch vor! denn von Eurem Verhalten in diesem Falle hängt Euer Leben ab.« »Schlimm, sehr schlimm,« dachte Ratcliffe bei sich, »aber sitzt einer mal so tief drin wie ich, dann kann er, weiß Gott! nicht mehr ehrlich sein, mag er's gleich anfangen, wie er will.« Sharpitlaw überließ ihn, um die Vorbereitungen zu der nächtlichen Expedition zu treffen, ein paar Minuten sich selbst und seinen Betrachtungen. Als aber der Mond sich am Himmel zeigte, hatte der kleine Trupp schon die Stadtmauern hinter sich. Bald lagen die Salisbury-Felsen, gleich einem mächtigen granitnen Gürtel, mit dem an das Bild eines ruhenden Löwen erinnernden Artursberge im Nebel vor ihnen. Sie schlugen den Pfad ein, der auf der Südseite von Canongate zu der Abtei von Holyrood führt. Zuerst waren es ihrer vier, aus denen sich der Trupp Zusammensetzte: Sharpitlaw, ein Fron, beide mit Pistolen und Hirschfänger bewaffnet, Ratcliffe, der keine Waffen hatte, weil man ihm noch immer nicht traute, und die Madge Wildfire. Am Fuße der Berge stießen noch zwei Frone zu ihnen, die Sharpitlaw, um kein Aufsehen zu machen, vorausgeschickt hatte. Ratcliffe schien diese Verstärkung ungern zu sehen, da er bisher geglaubt haben mochte, daß es Robertson durch Mut und Schnelligkeit gelingen werde, sich Sharpitlaw und dem Frone durch Flucht zu entziehen. Jetzt war aber die Uebermacht zu bedeutend, und wenn er noch versuchen wollte, Robertson zu retten, – ein Plan, der in Ratcliffes grauem Sünderhaupte keimte, seitdem ihn Sharpitlaw zur Teilnahme an der Expedition gezwungen – so blieb kein anderes Mittel mehr als ihn durch ein Signal zu warnen. Dieser Gedanke mochte ihn wohl schon geleitet haben, als er vorgeschlagen hatte, die Madge Wildfire mitzunehmen; denn zu ihrer Lunge hatte er Vertrauen, und in ihre List, draußen im Freien zu singen, setzte er keinen Zweifel, Sie täuschte ihn auch in beiden Annahmen nicht; denn sobald sie die Berge sah, fing sie an, so redselig zu werden, daß Sharpitlaw nicht übel Lust hatte, sie mit einem der Frone wieder in die Stadt zurückzuschicken. »Weiß denn wirklich keiner von Euch den Weg zu der vertrackten Stelle?« fragte er ärgerlich; »soll ich allein auf das verrückte Weibsbild angewiesen sein?« Da sich keiner bereit finden wollte, die Verantwortlichkeit auf sich zu nehmen, wandte sich Sharpitlaw mit der Frage, was er für das klügste halte, an Ratcliffe, der dabei blieb, daß es ohne die Madge kaum gehen werde. »Und was soll's schließlich schaden können, wenn sie ein bißchen lärmt und singt? Selbst wenn er's hört, so braucht er doch nicht gleich zu wittern, daß sie in solcher Gesellschaft kommt!« »Ihr habt vielleicht nicht unrecht,« sagte Sharpitlaw, »ja vielleicht kommt er sogar in der Meinung, sie streife allein herum, aus seinem Versteck heraus, statt sich vor ihr zu verstecken? Jedenfalls haben wir schon zuviel Zeit verloren, als daß wir uns noch lange besinnen dürften. Seht wenigstens zu, daß sie uns nicht vom rechten Wege abbringt.« Ratcliffe ließ sie, um keinen Argwohn in ihr zu wecken, ruhig ein Stück vorausgehen, hielt sich aber ziemlich dicht auf ihren Fersen. Plötzlich blieb sie auf der Spitze eines niedrigen Hügels stehen, sah sich um, dann in die Höhe, stand noch eine Weile wie in Gedanken versunken und stieß plötzlich einen schweren Seufzer aus. »Was ist denn mit ihr?« rief Sharpitlaw, »sagt ihr doch, Ratcliffe, daß wir weiter wollen.« »Da kann bloß Geduld helfen, Euer Gnaden,« versetzte Ratcliffe, »wenn sie nicht will, dann setzt sie keinen Fuß vom Flecke.« Sie fing wieder zu lachen an, hob wieder die Augen zum Himmel und die Arme zum Monde, dann fing sie auf einmal laut zu singen an: Guter Mond, ich grüße dich, Guter Mond, ich bitte dich, Laß mich meinen Liebsten sehn, Guter Mond, ich bitte schön. Aber schrill brach sie ihren Gesang ab. »Wozu brauch ich den Mond zu bitten? Ich kann doch den Liebsten sehen, wann es mir paßt, es soll aber niemand hinter mir herreden, ich hätte was geschwatzt oder ihn gar verpetzt. Nein, niemand! niemand! Aber das Kleine, wollt ich, wär noch am Leben! Du lieber Gott! Der Himmel wölbt sich über uns allen,« – sie seufzte wieder schwer – »und der Mond scheint auch über uns allen und die Steine funkeln auch über uns allen,« und jetzt lachte sie wieder. Sharptitlaw wurde ungeduldig. »Sie läßt uns womöglich die ganze Nacht hier stehen. Ratcliffe, zieht sie doch hinter Euch her!« »Ganz gut und schön, Euer Gnaden,« antwortete Ratcliffe, »aber wir wissen bloß nicht, wohin wir sie ziehen sollen. Madge, komm, wir treffen, wenn wir uns unterwegs so lang aufhalten, zuletzt den Nikol Muschat gar nicht mehr. Führ uns doch weiter zu den Steinen!« »Ja doch, Kliffchen! ja doch,« antwortete sie, nahm ihn beim Arme und schritt tüchtig wieder aus. »O, Kliffchen, wie sich der Nichil freuen wird, daß wir kommen, und die Frau auch. Als sie noch auf dem Posten war, Kliff – als ihr der Nichil den Hals noch nicht umgedreht hatte, Ihr wißt doch – ach! die Blutflecke! sie wollen gar nicht aus der Leinwand heraus, auch nicht, wenn man sie im Sankt-Antons-Brunnen wäscht – auch nicht mit dem neuen Bleichwasser das Meister Sanders verkauft – ich sage, Kliff, als sie noch laufen konnte – nein, nein! Blut geht nicht aus Leinwand: ich hab selbst zu Haus probiert mit einem Lumpen, drin Blutflecke von einem kleinen Schreibalge waren – der irgendwie zu Schaden gekommen – nein, nein! die sind waschecht, Kliff – wie gesagt, Kliff, als sie noch gesund war, dem Nichil seine Frau, da hat sie immer gesagt, geht mir bloß mit dem Kliff! das ist ein Höllenhund, wie es keinen zweiten mehr in der Welt gibt, aber ich gäb was drum, wenn ich 'mal mit ihm reden könnt! Ihr wißt schon, Kliff, gleich und gleich, das Sprichwort bleibt immer wahr, und ihr beide seid ein Paar Teufelsrangen, wer von euch beiden den wärmsten Platz an Teufels Herde verdient, wer könnte wagen, es zu sagen?« Ratcliffe fing am ganzen Leibe zu zittern an. »Madge! schwatzt keinen Unsinn! ich hab nie Blut vergossen!« »Aber verhandelt hast Du's, Kliff, oft genug. Mit der Zunge läßt sich's ebenso morden wie mit der Hand, mit Worten manchmal leichter als mit dem Messer. Sieh, da kommt der Metzger her! Mit der Mulde groß und schwer – Was er Freitags niedersticht, Hält er Samstags feil, der Wicht!« »Und mach ich's wohl anders?« dachte Ratcliffe, »aber, hol's der Teufel! ich mag nicht schuld sein an Robertsons Elend, so lang ich's ändern kann.« – Er trat näher, zu der Irren heran und fragte leise, ob sie denn keines von ihren alten lustigen Liedern mehr wisse? »O, viele, Kliffchen, gar viele! und lustig singen kann ich sie immer noch wie ehedem!« und plötzlich fing sie an zu schmettern, daß es weit in den Wald hinein schallte: Steigt der Falke in die Höh', Duckt die Lerche sich ins Korn, Scheu im Busch duckt sich das Reh, Stößt der Jäger in das Horn. »Stopf ihr den Schnabel, Kliff, und wenn Du ihr den Hals umdrehen mußt!« rief Sharpitlaw; »dort regt sich jemand; heran, Jungens! zu mir heran! schleicht die Höhe hinauf! George, Ihr bleibt bei Ratcliff und dem Weibsbild. Ihr andern, im Schatten voran!« »Mit Robertson ist's vorbei,« dachte Ratcliffe, als er die drei Häscher, verschlagen wie Indianer, möglichst das Mondlicht meidend, entlang kriechen sah. »Das junge Volk ist aber auch zu unbedacht! Muß er sich mit dieser Jeanie Deans hier treffen! Ich dächte, er könnt an der einen genug haben. Nein! da muß er seinen Hals in solche Gefahr bringen. Und dieses dumme Weibsstück hier? Die ganze Nacht hat sie gekräht wie ein Hahn, der den Koller hat, und jetzt, wo's drauf ankommt, kann sie den Schnabel nicht rühren? Aber so ist's immer mit dem vertrackten Weibsvolk. Ich muß sie aufs Tapet zu bringen suchen, ohne daß es der sakrische Spürhund merkt.« Nun begann er leise die Melodie einer Ballade zu trällern, die immer die Lieblingsnummer der närrischen Person gewesen war und die in entfernter Beziehung zu Robertsons Lage stand: Der Köter späht durch Zinnwalds Grün Von fern dringt Waffenstrahl. Die Dirne sitzt im Zinnwald drin, Ihr Lied schallt durch das Tal. Kaum hatte Madge die Worte vernommen, als sie Ratcliffes Hoffnung erfüllte und mit schmetternder Stimme einfiel: Herr Ritter, rief sie, hurtig auf! Gefahr ist im Verzuge! Spornt Euer Roß zu wildem Lauf! Der Feind rückt an im Fluge Ratcliffe befand sich noch in beträchtlichem Abstande von den Muschatsteinen, und doch hatte er mit seinen Falkenaugen erkannt, daß die Warnung gefruchtet hatte. Der Fron, der neben ihm stand und kein so scharfes Auge hatte, wie er, hatte Robertsons Flucht so wenig bemerkt, wie Sharpitlaw und seine Kameraden. Aber nach etwa einem halben Dutzend Minuten entdeckten sie, daß er ihnen entwischt war, und während Sharpitlaw kreischte, außer sich vor Wut: »Auf! Ihm nach, Jungen! Den Hügel hinauf! Dort oben an der Ecke sehe ich ihn!« eilten seine Schergen in der bezeichneten Richtung hinweg. Sharpitlaw drehte sich im andern Augenblicke nach Ratcliffe herum. »He, Kliff! hierher, und dies Frauenzimmer festgehalten! George, lauf zum Gatter hin und schließ es! Ratcliffe, hierher! auf der Stelle! Zuvor aber schlag dem tollen Weibsbilde den Schädel ein!« »Madge, Du reißt am besten aus!« flüsterte Ratcliffe der Verrückten zu. »Denn mit einem Zornigen ist's nicht gut arbeiten.« So von Sinnen war nun Madge Wildfire nicht, daß sie den gutgemeinten Rat nicht hätte verstehen und nützen sollen. Während Ratcliffe zu Sharpitlaw eilte, um Jeanie Deans von ihm in Empfang zu nehmen, entfloh sie in der entgegengesetzten Richtung. Aber es half ihr nichts, denn am andern Morgen wurde sie aufgegriffen und wieder ins Stockhaus gebracht. So war der kleine Trupp völlig auseinander geraten, nur Ratcliffe war noch mit Jeanie Deans, die keinen Fluchtversuch wagte, bei den Muschatsteinen zurückgeblieben. Sechzehntes Kapitel. Außer sich vor Schreck, sah Jeanie Deans die Männer, die im nächtlichen Dunkel aufgetaucht waren, hinter dem Unbekannten herrennen, für den sie mit einem Mal, ohne sich den Grund erklären zu können, eine gewisse Sympathie fühlte. Einer von den Männern, Sharpitlaw, trat dicht vor sie hin und fuhr sie an: »Du bist Jeanie Deans und meine Gefangene. Ich laß Dich aber laufen, wenn Du mir sagst, wohin sich der Patron gewandt hat, der bei Dir war.« »Das weiß ich ja nicht, Herr,« antwortete das geängstigte Mädchen. »Aber mit wem Du Dich mitternachts auf den Bergen unterhältst, weißt Du? He?« »Nein, Herr, ich weiß es nicht,« sagte Jeanie wieder, in ihrer Verwirrung zum Glück außer stande, den versteckten Sinn der Frage zu verstehen. »Na, Dein Gedächtnis wird sich schon schärfen lassen,« rief Sharpitlaw, Ratcliffe auf sie zuschiebend, während er sich selbst hinter Robertson her machte, noch immer in der Hoffnung, sich seiner bemächtigen zu können, und mit einer Gewandtheit und Schnelligkeit, die man ihm bei seinem Alter und seiner körperlichen Beschaffenheit kaum zugetraut hätte, über die Felsen kletterte. Binnen wenigen Minuten waren die Häscher verschwunden, und nur Halloh-Rufe, von den Bergen herüberschallend, kündeten noch von ihrer Gegenwart. Allein mit einem Menschen, dessen Aeußeres nicht eben zu seinen gunsten sprach, stand Jeanie in der finstern, nur matt von dem Monde erhellten Nacht. »Recht schön heute, mein feines Kind,« sagte Ratcliffe, als es in der Ferne still geworden war, in dem kalten ironischen Tone, den sich lasterhafte Menschen immer aneignen, wenn ihnen die Sünde zur Gewohnheit wird, »muß sich nett scharmieren lassen?« Er versuchte, den Arm um den Hals des Mädchens zu legen, sie entwand sich ihm aber. »Na, nicht so spröde!« fuhr er fort, »zum Nüsseknacken treffen sich doch Bursche mit Dirnen um Mitternacht nicht bei den Muschatsteinen?« »Ach, Mann,« flehte Jeanie, »wer Ihr auch seid, habt Erbarmen mit einem armen Geschöpfe, das vor Entsetzen fast von Sinnen ist.« »Kind, Du bist ja allerliebst, bloß darfst Du nicht so eigensinnig sein! Sieh mal, ich hatte mir vorgenommen, wieder ein ehrlicher Kerl zu werden, und da fällt's dem Teufel ein, mir erst einen Rechtsverdreher und nachher ein Frauenzimmer in die Quere zu schieben. Ich will Dir was sagen, Jeanie: die Spitzel sind jetzt von dieser Felsenseite weg, komm mit mir mit! ich will Dich in einen Winkel führen, wo Dich alle Polizisten von Schottland nicht finden sollen. Von dort wollen wir Robertson sagen lassen, daß er mit uns nach Yorkshire hinüber zieht. Dort gibt's ein altes Stämmchen von Kameraden, mit denen sich's gut arbeiten läßt. Der Esel von Sharpitlaw mag uns dann hinterher pfeifen!« Glücklicherweise fand Jeanie, als sie den eisten Schrecken überwunden hatte, Mut und Geistesgegenwart wieder: sie erkannte, in welcher Gefahr sie sich diesem Menschen gegenüber befand, der nicht nur Schurke von Haus aus war, sondern sich aus Aerger darüber, daß ihn Sharpitlaw trotz alles Widerstrebens doch zu dieser Expedition nötigte, einen derben Rausch angetrunken hatte. Um ihn sich vom Halse zu schaffen, flüsterte sie: »Sprecht bloß nicht so laut! Er ist dort oben.« »Wer? doch nicht Robertson?« rief Ratcliffe gespannt. »Ja, dort oben!« antwortete sie, auf die Ruinen der Kapelle zeigend. »Soll mich der –« rief Ratcliffe; »das laß ich mir nicht aus der Nase gehen. Warte hier!« Wie besessen rannte er die Höhe hinauf, während Jeanie in entgegengesetzter Richtung floh, den nächsten Pfad entlang, der sie nach Hause führte. Sie hatte nicht umsonst in ihren Kinderjahren die Herde gehütet, sondern dabei laufen und springen gelernt, über Stock und Stein, hinter ihren oft flüchtigen Ziegen her; und nicht leicht tat es ihr jemand an Behendigkeit gleich. Gleichsam im Fluge hatte sie den Weg zwischen ihres Vaters Häuschen und den Muschatsteinen zurückgelegt, das Tor aufklinken und wieder zuschlagen, ein schweres Hausgerät zur besseren Sicherung davor schieben, behutsam bis zur Tür der Schlafkammer schleichen, um zu horchen, ob der Vater durch ihre Heimkehr geweckt worden, war das Werk eines Augenblicks. Er hatte nichts gemerkt, und doch schlief er nicht, mochte wohl auch kaum viel geschlafen haben, sondern lag auf den Knieen und betete. Deutlich vernahm sie die Worte: »Und das andere Kind, das Du mir gegeben zum Trost und zum Stecken und Stab für mein Alter, möge es lange leben auf Erden, wie Du verheißen hast denen, die Vater und Mutter ehren. Möge der Segen der Verheißung und Vergeltung vielfältig auf ihr ruhen! Bewahre sie in dem Schatten der Nacht und beim Anbruch des neuen Lichts, daß alle Lande umher erkennen, daß Du Dein Angesicht nicht gänzlich denen verbirgst, die Dich mit Wahrheit und Aufrichtigkeit suchen.« Jeanie zog sich, gestärkt durch den Gedanken, daß, während Gefahr ihrem Haupte drohte, das Gebet des Gerechten »ein Helm des Heils gewesen sei ihrem Haupte«, mit der Zuversicht, den Schutz des Himmels zu besitzen, so lange sie seiner würdig bleibe, in ihr Kämmerchen zurück. In dieser erhöhten Seelenstimmung durchzuckte ein unklarer Gedanke, ihren Geist, daß ihre Schwester, da sie gereinigt dastehe von dem ihr zur Last gelegten unnatürlichen Verbrechen, noch zu retten sein müsse. Dieser jähe Gedanke wirkte, wie sie später oft sagte, wenn sie dieser Zeit gedacht, wie ein Lichtstrahl auf stürmischer See, und, wenngleich er ebenso schnell verschwand, wie er sich zeigte, so gab er ihr doch ein Gefühl von Ruhe, wie sie es schon tagelang nicht mehr gekannt hatte, und die Ueberzeugung, sie sei zum Werkzeug ausersehen, die Schwester zu retten, zog ein in ihre Seele. Gott für den gewährten Schutz inbrünstig dankend, suchte sie ihr Lager auf und schlief, trotz der schweren Erschütterungen, die sie erlitten, ruhig und fest. Ratcliffe war wie ein vom Jäger gehetztes Wild zu den Ruinen hinausgestürzt, wo Robertson, nach Jeanies Rede, noch weilen sollte. Ob er ihm zur Flucht verhelfen oder ihn den Häschern ausliefern wollte, damit brauchen wir uns hier nicht zu befassen. Vielleicht war er sich hierüber selbst noch nicht klar, sondern dachte, die Umstände entscheiden zu lassen. Es blieb ihm aber keine lange Wahl, denn kaum hatte er den Fuß zwischen die Ruinen gesetzt, als ihm ein Pistol entgegengehalten wurde und eine rauhe Stimme ihn im Namen des Königs aufforderte, sich zu ergeben. Verdutzt rief Ratcliffe: »Was? Ihr seid hier, Herr Sharpitlaw?« – »Was, Ihr? Ratcliffe?« rief der andere, über den Fehlschlag seines Unternehmens vor Aerger außer sich. »Weshalb habt Ihr die Dirne im Stiche gelassen?« »Sie sagte, Robertson sei hier oben, und weil ich Euer Gnaden in den Bergen vermutete, bin ich selbst heraufgerannt, ihn zu fassen.« »So hätten wir uns umsonst bemüht?« rief Sharpitlaw; »denn daß wir ihn heute noch fassen, ist ausgeschlossen. Aber in eine Bohnenhülse müßte er sich verkriechen, wenn ich ihn nicht auf schottischem Grund und Boden erwischen sollte. Ruft die andern her!« Ratcliffe holte sie herbei, was ihm nicht sonderlich schwer fiel, denn keiner davon verspürte Lust, einem so verwegenen Menschen wie Robertson Auge in Auge gegenüber zu treten. »Und die beiden Frauenzimmer?« fragte Sharpitlaw, »wo sind die hingeraten?« »Die werden sich wohl mitsammen auf die Socken gemacht haben,« antwortete Ratcliffe und brummte vor sich hin: »Wo ist mein Bräutchen geblieben? Fort – und entfloh'n!« »Will man was der Quere gehen sehen, braucht bloß ein Weibsbild dabei zu sein,« sagte Sharpitlaw, der, wie alle seines Zeichens, gegen das schöne Geschlecht ein Aber hatte; »wie konnte ich bloß so dumm sein, mir einzubilden, daß ich was ausrichten würde, wenn ihrer zwei im Spiele sind? Gut wenigstens, daß wir wissen, wo wir die lieben Kinderchen zu suchen haben!« Es blieb ihm nichts übrig, als seinen kleinen Trupp nach der Hauptstadt zurückzuführen, und das tat er, wenn auch mit der Miene eines geschlagenen Feldherrn. Am Morgen mußte er dem diensttuenden Ratsherrn Bericht erstatten, und zufällig traf es sich, daß es noch derselbe war, der tags vorher Reuben Butler vernommen hatte: ein bei der Bürgerschaft sehr angesehener Mann, von gesundem Sinne, mit einem tüchtigen Schatze von Kenntnissen und im Rufe, sein Amt ehrlich und gewissenhaft zu führen. Er war kaum in das Amtszimmer eingetreten, als ihm ein Brief überreicht wurde. »Für den Ratsherrn Middleburgh. – Eiligst!« Er brach ihn auf und las: »Herr Rat! Sie sind mir bekannt als Mann von Verstand und Gefühl, auch als Mann, der, und sei es auf Teufels Begehren, Gott dem Herrn gern dient. Darum hoffe und erwarte ich, daß Sie mein Zeugnis gelten lassen werden, wenn ich auch durch die Unterzeichnung dieses Schreibens mich des Anteils an einer Handlung für schuldig bekenne, die ich, zu andrer Zeit und an anderm Orte, mich weder scheuen würde, zu gestehen, noch zu beschönigen. Der Geistliche Butler ist unschuldig. Er ist zur Anwesenheit bei der betreffenden Handlung gezwungen worden. Sie gutzuheißen, hat es ihm an dem nötigen Schwunge gefehlt. Er hat es sich vielmehr angelegen sein lassen, sie uns auszureden. Indessen wende ich mich nicht an Sie, um diesen Mann weiß zu waschen. Mich interessiert vielmehr ein Mädchen, das in Ihren Kerkern schmachtet, dem Schwert eines grausamen Gesetzes verfallen, das jahrzehntelang im Aktenschranke gemodert hat und nun hervorgesucht wird, das schönste, lieblichste Geschöpf zu treffen, das je in einem Kerker schmachtete – ihre Schwester, Herr, kennt ihre Schuld, denn ihr hat sie es gesagt, daß sie von einem Schurken hintergangen und betrogen wurde. O, daß der Himmel Zuchtruten legen möcht in jede Manneshand, Den Bösewicht zu peitschen durch das Land, Herr, ich bin außer mir, ich bin von Sinnen! Aber diese Schwester, diese Jeanie Deans, ist eine verstockte Puritanerin, in Aberglauben versunken und in allem, was sie denkt und tut, mit Bibel und Katechismus bei der Hand wie ihre ganze Sekte, und deshalb beschwöre ich Sie, Herr, ihr recht eindringlich vorzuhalten, daß das Leben ihrer Schwester von ihrem Zeugnisse abhängt, auch, die Angeklagte nicht ohne weiteres für schuldig zu halten, wenn ihre Schwester sich weigern sollte, Zeugnis abzulegen; noch weniger lassen Sie sich beikommen, Herr, sie dem Schafott zu überantworten. Denken Sie daran, wie grimmig Wilsons Hinrichtung gerächt wurde, und seine Rächer sind noch am Leben, sie können und werden auch das Mädchen nicht ungerochen lassen, wenn sie zu Unrecht vom Leben zum Tode gebracht werden sollte. Ich wiederhole, vergessen Sie den Hauptmann Porteous nicht, und verschließe niemand sich dem gutgemeinten Rate, den hiermit gibt einer von den Porteous-Mördern.« Der Ratsherr las den Brief ein paarmal. Zuerst erschien er ihm als das Werk eines Irrsinnigen, wozu ihn vor allem die zwei eingestreuten Verszeilen bewogen. Nachher aber kam es ihm vor, als sei der Brief mehr ein Erguß, wenn auch seltsamer Art, eines Uebermaßes gereizter Leidenschaft. »Das Gesetz ist wirklich streng und grausam,« sagte er, »und wenn es nach mir ginge, sollte es auf das Mädchen buchstäbliche Anwendung nicht finden; kann ja doch das Kind, während die Mutter bewußtlos lag, weggeschafft worden sein; kann es doch aus Mangel an Nahrung eingegangen sein, die ihm die Mutter in ihrem qualvollen, verzweifelten Gemütszustände hat nicht reichen können! Und doch wird sich die Hinrichtung nicht abwenden lassen, sofern die Aermste nicht dem Gesetzeslaute entrückt werden kann. Das Verbrechen ist zu oft verübt worden, und ein warnendes Exempel unumgänglich.« »Wenn aber die andre, die Schwester,« meinte der Stadtschreiber, »aussagt, sie sei von der Angeklagten über ihren Zustand unterrichtet worden« »Dann wäre sie gerettet,« antwortete der Ratsherr; »nun, ich will nächster Tage mal zu dem alten Deans hinaus gehen und mit ihm und seiner andern Tochter reden; ihn kenne ich freilich als einen so zähen Presbyterianer, daß er eher Kind und Kindeskind zu Grunde gehen ließe, als sich in neue, seiner Meinung nach sündhafte Bräuche fügte, und dazu rechnet er sicher auch die Eidespflicht. Vielleicht mildert das Schicksal des eignen Kindes die starre Denkweise. Wie gesagt, wenn mir der Porteous-Prozeß ein wenig Luft macht, will ich nach Sankt-Leonard hinaus, Vater und Tochter werden dann zugänglicher und einsichtsvoller sein, als wenn sie unvorbereitet eine Vorladung bekommen.« »Butler soll noch im Gefängnisse bleiben?« fragte der Stadtschreiber. »Vorläufig. Ich hoffe aber, ihn bald auf Bürgschaft entlassen zu können.« »Halten Sie etwas von dem verrückten Schreiben?« »Wenigstens und doch muß ich sagen, es macht Eindruck, mir scheint es von einem Menschen geschrieben, der durch maßlose Leidenschaft oder das Bewußtsein einer schweren Schuld alle Herrschaft über sich verloren hat.« »Mir kommt es vor, als sei es von einem wandernden Komödianten verfaßt, der mit seiner ganzen Bande gehängt zu werden verdiente, echtes Bühnen-Strohfeuer!« »Hm, so barbarisch, eine ganze Bande hängen zu lassen, bin. ich doch nicht, lieber Stadtschreiber. Um aber auf unsern Geistlichen zurückzukommen, so haben die Erkundigungen, ergeben, daß er sich eines vorzüglichen Rufes erfreut und erst vorgestern in die Stadt gekommen ist, also in die Pläne der Aufrührer kaum verwickelt gewesen sein kann; daß er ihnen aber sollte so plötzlich beigetreten sein, ist doch unwahrscheinlich.« »Dagegen läßt sich immerhin geltend machen, daß Feuer auch durch Funken entsteht. Habe ich doch selbst einen Prediger gekannt, rechtlich und ruhig, wie nur einer im Kirchspiel, den die bloßen Worte Abschwörungsformel und Toleranz so in Grimm brachten, daß er Haus und Hof verließ und sich der ärgsten Pöbelrotte anschloß, die...« »Nun, für so entzündlichen Gemüts halte ich Butlern nicht!« unterbrach ihn der Ratsherr, »ich glaube, wir brauchen uns in dieser Hinsicht nicht zu sorgen. Befassen wir uns mit den anderen Ressortsachen!« Aber sie kamen nicht dazu, denn im nämlichen Augenblick erzwang sich eine alte Frau aus den niederen Ständen, laut keifend den Weg zum Verhandlungszimmer. »Was ich hier will?« schrie sie trotzig; »mein Kind will ich, weiter nichts von Euch, und wenn Ihr Euch noch so vornehm habt!« In sich hinein murmelte sie ingrimmig: »Gnädiger Lord und Euer Gnaden, und wer weiß mit was noch soll man ihnen aufwarten, dem Pack! aber was Rechtes ist doch nicht drunter!« Zu dem Ratsherrn sich wendend, rief sie: »Euer Gnaden, mein Kind, mein armes, blödes Kind!« und wieder murmelte sie sich in sich hinein: »Schöner Kerl, dieser Herr Rat und Euer Gnaden, kann mich noch gut auf die Zeit besinnen, wo er mit ein bißchen weniger auch zufrieden gewesen wäre, der Schiffersjunge!« »Sagt uns, was Euch herführt, Frau,« sagte der Ratsherr, »aber stört die Verhandlungen nicht!« »Das heißt soviel, als: schert Euch zum Geier! Aber,« rief sie mit kreischender Stimme, »ich sage Euch, mein Kind will ich heraushaben! Ich dächte, das wäre deutlich genug!« »Wer seid Ihr, Frau, und wer ist Euer Kind?« »Wer ich bin? Ei, die Grete Murdockson, wer sonst? und wer soll mein Kind anders sein als die Magdalene Murdockson? Eure Schergen kennen uns, haben sie uns doch oft genug die paar Lumpen vom Leibe und das bißchen Kleingeld aus den Taschen gerissen, wenn sie uns in den Käfig schleppten, um uns wieder mal auf Wasser und Brot zu setzen!« »Wer, ist die Frau?« wandte Rat Middelburgh sich an einen der in der Stube befindlichen Frone. »Na, eine von der sittsamen Sorte nicht gerade,« antwortete der Fron, indem er unter Lachen die Achsel zuckte. »So? Du erfrechst Dich, über unsereinen herzuziehen?« erwiderte die keifige Alte, deren Augen wie wildes Feuer sprühten. »Wenn ich Dich draußen hätte, solltest Du meine zehn Finger flugs in Deiner Schelmenfratze dafür sehen!« Dabei streckte sie die Fäuste dem Fron entgegen und zischte wie eine Schlange. Dem Ratsherrn riß endlich die Geduld. »Was hat Sie hier zu suchen?« rief er barsch, »Sie mag ihr Anliegen sagen und dann gehen!« »Mein Anliegen?« schrie die Alte, »Ihr wollt sagen, was ich zu fordern habe? He? Nun, habt Ihr Watte in den Ohren? Wievielmal soll ich's Euch denn sagen? Mein Kind will ich haben, die Maggie Murdockson, und wenn Ihr nicht hören mögt, was man Euch zuschreit, dann braucht Ihr Euch nicht so breitspurig auf Euern Sessel zu pflanzen und andere anzufahren!« »Sie will ihre Tochter wiederhaben, Herr Rat,« mischte der Fron sich ein, der eben von ihr angeschrieen worden, »die Madge Wildfire ist's, die gestern eingebracht worden ist.« »Madge Wildfire , sagst Du Schuft, warum denn nicht gar Madge Hellfire ? schrie die Alte, »brauchst Du denn ehrlicher Weiber Kindern Schimpfnamen anzuhängen?« »Ehrlicher Weiber Kindern?« wiederholte der Fron, laut lachend, worüber die Alte ganz außer sich geriet; »Ihr habt Ursache zu solcher Rede – das muß man Euch lassen.« »Wenn ich ein ehrlich Weib nicht mehr bin, so war ich es doch, Du Scheusal!« keifte sie, »und das kannst Du geborener Dieb von Dir nicht sagen, der sein Leben lang nicht anderer Leute Gut vom seinigen hat unterscheiden können. Du, und ehrlich? Hast Deiner Mutter schon das Geld aus der Tasche gestohlen, als Du noch kaum Hosen anhattest. Kannst Dich nicht mehr besinnen, wie sie Dich an dem Tage braun und blau peitschten, als sie Deinen Vater vom Galgen schnitten?« »Na, die hat's Euch gegeben,« riefen die Kameraden des von der Alten also gehudelten Dieners der Gerechtigkeit, und das Lachen, mit dem sie ihre Worte begleiteten, konnte einigermaßen als Beweis gelten, daß ihm damit nicht so ganz unrecht geschehen war. Der Alten mochte dieser Beifall schmeich ein, denn ihr häßliches Gesicht verzog sich zu einem widerlichen Grinsen, und als der Ratsherr sie jetzt noch einmal aufforderte, ihr Begehren deutlich vorzubringen, entschloß sie sich, auf vernünftige Weise Rede und Antwort zu stehen. »Ihr Kind, sagte sie, sei doch ihr Kind und sie wolle es nicht im Gefängnis lassen, weil es nichts verbrochen habe und dort bloß schlecht würde, und wenn ihr Kind nicht soviel Verstand hätte wie andrer Leute Kinder, so hätte es auch mehr Herzeleid überstanden; durch ein Schock Zeugen könne sie beweisen, daß ihr Kind den Porteous kein einziges Mal, weder tot noch lebendig, gesehen habe, als einmal am Geburtstage des Herrn Kurfürsten von Hannover von Gottes Gnaden, als sie dem Lordmayor eine tote Katze an die Perücke geworfen und ihr der Lümmel von Porteous eine Tracht Prügel deshalb aufgezogen.« So widerwärtig dem Ratsherrn die Alte auch war, so verschloß er sich der Meinung doch nicht, daß auch ihr ein Recht zustehe, ihr Kind zu lieben wie jeder andern Mutter auch, und er ließ sich sofort Bericht darüber erstatten, weshalb das Mädchen hinter Schloß und Riegel gehalten werde. Als sich dabei herausstellte, daß sie ihr Alibi schon nachgewiesen habe, ließ er sie aus der Zelle holen, wohin sie erst am Morgen, durch Sharpitlaw aufgegriffen, eingeliefert worden war. Der Ratsherr versuchte inzwischen von der Alten zu erfahren, ob ihr bekannt sei, wann und wo Robertson sich wieder umgekleidet und wo er die Kleider ihrer Tochter gelassen habe. Aber die Alte ging nicht von ihrer Behauptung ab sie habe Robertson, seit er aus der Zöllnerkirche entwichen, kein einziges Mal mehr gesehen, wisse auch gar nicht, daß ihre Tochter ihm Sachen geliehen habe. Da sie Beweise dafür anführen konnte, daß sie die Nacht, in welcher sich der Porteous-Krawall abgespielt, in einem Dorfe anderthalb Meilen von der Stadt zugebracht hatte, blieb dem Ratsherrn nichts übrig, als das Verhör mit ihr einzustellen. Der Alten schien das wieder zu schmeicheln, denn sie beugte sich zu dem Rate hinüber und sagte: »Aber etwas über den Lümmel von Porteous könnt ich euch am Ende sagen, was ihr alle in eurem hohen Rate, und wenn ihr euch noch so anstrengtet, nicht herausbrächtet.« »So redet!« befahl ihr der Ratsherr, während sich aller Blicke auf sie richteten. »Es kann Euch bloß von Nutzen sein, wenn Ihr damit nicht hinterm Berge haltet,« sagte der Stadtschreiber. Ein paar Minuten lang verhielt sie sich in tückischem Schweigen, sah sich aber im Kreise um, wie wenn sie sich an der Spannung weiden wollte, mit der ihre Antwort erwartet würde. Dann rief sie plötzlich: »Hm, ich weiß doch nichts weiter von ihm, als daß er auch bloß ein Spitzbube und Taugenichts war, wie die meisten von euch. Aber bis man so etwas herauskriegt, meine ehrsamen Herren, kann man schon ein paar Jahre mit in eurem hohen Rate sitzen, nicht?« Während keiner in dem Verhandlungszimmer im ersten Augenblick wußte, was er zu solcher Frechheit sagen sollte, wurde Maggie Wildfire hereingeführt. Kaum hatte sie die Alte erblickt, als sie auch rief: »Na, dacht ich's mir doch! Da ist ja unser altes Reibeisen von Mutter auch da! Uns beide auf einmal im Stockhaus zu haben, muß ja eine große Freude für die Herren sein, aber es hat auch einmal bessere Tage für uns gegeben nicht wahr, Mütterchen?« Als die Alte ihr Kind wiedersah, huschte im ersten Augenblick ein freudiger Zug über ihr Gesicht; aber ob sie nun, nach Tigerweise, ihre Liebe nicht anders zeigen konnte als unter Ausbrüchen von Wildheit, oder ob durch die Worte ihrer Tochter Erinnerungen geweckt worden waren, die ihren Haß wieder wachriefen, kurz, sie packte die Tochter am Arme und riß sie hinter sich her zur Tür. »Was geht's Dich an, Du Landflüchtige, daß wir bessere Tage gesehen? Kümmre Dich drum, was jetzt mit Dir los ist. Hast's wieder so getrieben, Du Faulenzerin, daß Dir vierzehn Tage bei Brot und Wasser winken zur Strafe dafür, daß Du mir wieder solche Schererei machst!« Maggie entwischte aber der Alten an der Tür, rannte wieder zu dem Tische hin, machte dem Ratsherrn einen komischen Knicks, kicherte und sagte: »Sie hat sich gewiß wieder mit ihrem Gevatter, dem Satan, überworfen, ihr Herren; dann verfällt sie nämlich immer in Mucken und Grillen, und ich muß der Sündenbock sein. Nur gut, daß mein Buckel an Prügel gewöhnt ist! Aber wenn sie keine Manieren hat, meine Herren, so ist doch damit nicht gesagt, daß sie auch anderen fehlen müßten!« Wieder machte sie einen ihrer komische Knickse; aber von draußen schallte die Stimme der Mutter herein: »Maggie! Teufelsbalg! Kommst Du nicht auf der Stelle, so hole ich Dich!« »Da hört nur, wie sie wieder wettert!« schwatzte Maggie weiter, ohne sich durch ihre Reden stören zu lassen; nach einer Weile aber, als sich die Mutter mit den Fronen zankte, die sie nicht wieder in die Stube lassen wollten, besann sie sich eines andern und hub, die Hand zum Himmel ausstreckend, mit schmetternder Stimme zu singen an: Zur Lust auf, der blauen, Auf der Stute, der grauen, Noch sehe, noch sehe ich sie! Und mit einem Satze war sie zur Tür hinaus. Bis Ratsherr Middleburgh dazu kam, nach Sankt-Leonard hinauszugehen, verliefen reichlich vierzehn Tage. Das Gericht hatte mit dem Falle Porteous noch immer soviel Schererei, daß niemand zu Atem kam. Von London aus lief eine Beschwerde nach der andern ein, daß von den Mördern noch kein einziger verhaftet worden sei, und selbst der König hatte persönlich interveniert: ein Fall, der sich nicht häufig zu ereignen pflegte. Immerhin mußte Butler von aller Schuld freigesprochen werden, war aber nur gegen Bürgschaft aus der Haft gelassen worden, weil auf seine Zeugenaussage Gewicht gelegt wurde, eben der Beschwerden halber, die aus London nach Edinburg kamen. Aus dem gleichen Grunde wurde es jetzt unangenehm empfunden, daß die alte Murdockson mit ihrer Tochter sich am selben Tage, als sie aus der Haft entlassen worden, aus Edinburg entfernt hatte und spurlos verschwunden war. Von London aus kam Befehl, eine öffentliche Belohnung auszuschreiben für jeden, der einen Teilnehmer an dem Krawall zur Anzeige brächte, anderseits jeden, dem nachgewiesen würde, daß er solchem Teilnehmer Unterstand oder Gelegenheit zur Flucht gegeben, mit sofortiger Todesstrafe zu drohen: eine Maßregel von unerhörter Strenge, die noch dadurch für schottische Sinnesart erheblich verschärft wurde, daß sie an jedem ersten Sonntag eines Monats vor dem Beginn des Gottesdienstes von der Kanzel verlesen und jeder Geistliche, der sich dieser Verordnung nicht fügte, seines Amtes entsetzt werden sollte. Hierüber entstand in Edinburg allgemeine Unzufriedenheit, denn das Volk meinte, der Fall würde von England aus nur dazu ausgenützt, Schottlands Rechte und Freiheiten zu verkürzen; dem presbyterianischen Glauben gilt es als Sünde, die Kanzel zu irgend etwas anderm als zur Verkündigung von Gottes Worte zu benutzen: zudem war Schottland das Reservatrecht zugestanden worden, daß für den öffentlichen Gottesdienst lediglich die Generalsynode als unsichtbares Oberhaupt der Kirche Bestimmungen erlassen dürfe. Während es zufolgedessen in Edinburg bedenklich zu gären anfing, machte sich Ratsherr Middleburgh, als der Verhandlungstermin gegen Effie Deans vom Lord-Oberrichter festgesetzt worden, auf den Weg nach Sankt-Leonard, zur damaligen Zeit eine nicht so einfache Sache wie jetzt, denn wenn die Entfernung auch nur annähernd eine Stunde betrug, so waren doch die Straßen nicht bloß unsicher, sondern auch bei weitem nicht so bequem, wie es die Menschen in der Gegenwart gewöhnt sind. Der alte Deans saß vor seinem Häuschen auf einer Rasenbank, mit Ausbesserung seines Geschirrs befaßt: eine Arbeit, die zur damaligen Zeit jeder Besitzer eines Fuhrwerks selbst verrichten mußte. Statt, wie der Ratsherr erwarten durfte, die Arbeit aus der Hand zu legen, hielt Deans es kaum für notwendig, den Kopf aufzuheben, sondern bastelte mürrisch weiter. Es blieb dem Ratsherrn nichts übrig, als den alten Mann anzureden. »Mein Name ist Middleburgh, James Middleburgh. Ich bin Ratsherr von Edinburg,« sagte er. »Hab nichts dawider,« versetzte Deans, kurz angebunden, ohne sich stören zu lassen. »Richter haben manchmal recht schwere Pflichten,« sagte Middleburgh wieder. »Mag sein,« brummte Deans, »andre Leute auch.« »Es treten hin und wieder Pflichten und Meinungen in schweren Widerspruch,« sagte Middleburgh. »Kann's nicht ändern,« brummte Deans. »Sie haben zwei Töchter, Deans? nicht wahr?« Der Greis fuhr schmerzlich zusammen, wie jemand, der sich an einer empfindlichen Wunde gestoßen, bückte sich aber im andern Augenblick noch tiefer über seine Arbeit und erwiderte finster: »Eine Tochter, Herr – bloß eine – bloß eine!« »Ich verstehe, Deans, Sie meinen, bloß eine zu Hause, aber das unglückliche Ding im Gefängnis, ist doch Ihre jüngste Tochter?« Der Presbyterianer schlug ernst die Augen zu dem vor ihm stehenden Ratsherrn auf. »Dem Fleisch nach ist die andere mein Kind; ja – aber seit sie ein Belialskind geworden, dem Geiste nach nicht mehr.« Der Ratsherr setzte sich neben den starren Greis und suchte die Hand zu fassen, die die seine floh. »Deans,« sagte er, »wir sind allzumal Sünder und sollten an den Irrungen unserer Kinder schon darum kein zu großes Aergernis nehmen, weil ihnen ja irdische Schwäche als Erbteil von uns Eltern überkommt.« Ungeduldig rief der Greis: »Herr, das weiß ich so gut wie, ich meine, es kann ja alles, was Sie sagen, recht und in Ordnung sein; aber mit fremden Leuten über meine Angelegenheiten zu sprechen, ist meine Sache nicht, obendrein jetzt, nachdem von London diese strengen Dekrete erlassen worden sind, zum empfindlichen Nachteil für unser armes Land und seine gequälte Kirche.« »Aber, lieber Deans,« fiel ihm der Ratsherr ins Wort, »das eigne Haus muß der Mensch doch vor allem bedenken, man wäre ja sonst schlimmer als ein Ketzer!« »Ich sage Ihnen, Ratsherr,« fuhr Deans auf, »wenn Sie Ratsherr sind, was heutzutage freilich nicht weither ist, mein Haus bleibt mein Haus, und für eine Verworfene – für eine – ich scheue mich, daran zu denken, was sie ist – für eine solche hab ich kein Haus mehr.« »Aber, Deans, bedenken Sie, wenn das Leben Ihres Kindes noch zu retten wäre.« »Ihr Leben!« rief der Greis, »kein Haar von diesem grauen Haupte möchte ich hingeben für ihr Leben, nachdem sie ihren Ruf geschändet hat, und doch,« setzte er, mit einem schwachen Versuche, den harten Spruch zu mildern – »würde ich es hingeben, dies graue Haupt, das sie mit Pein beladen, könnte sie dadurch Zeit zur Buße, zur Läuterung gewinnen: den was bleibt dem Bösen, wenn ihm der Odem entwichen? Aber sie sehen, noch einmal sehen? Nein! nie, nie! in diesem Leben nie mehr!« Wie wenn er dies Gelübde innerlich wiederholte, bewegten sich seine Lippen noch eine Weile stumm hin und her. »Deans,« nahm Middleburgh wieder das Wort, »ich spreche zu Ihnen als einem klugen, verständigen Manne, und wenn Sie Ihrem Kinde das irdische Leben retten wollen, so müssen Sie sich auch irdischer Mittel dazu bedienen.« »Ich verstehe den Sinn Ihrer Worte,« erwiderte Deans, »und was irdische Klugheit für die Verlorene zu tun vermag, wird Herr Novit besorgen, der Sachwalter von Dumbiedike. Mir selbst erlaubt mein Gewissen nicht, mich mit Gerichtshöfen der neueren Art in Disput einzulassen.« »Sie wollen damit sagen, Deans, daß Sie die Zuständigkeit unserer Gerichte nicht anerkennen?« erwiderte Middleburgh; »aber hierüber mit Ihnen zu diskutieren, sei späterer Gelegenheit aufbewahrt. Was mich heute herführt, ist lediglich folgendes: Ich habe Weisung gegeben zur Vorladung Ihrer ältesten Tochter als Zeugin in dem Prozesse wider Ihre jüngere, Effie. Erfüllt nun Ihre ältere Tochter dem Staate gegenüber ihre Pflicht und legt das Zeugnis ab, so ist die Schwester, so weit ich zurzeit beurteilen kann, gerettet. Falls aber Sie aus starren Glaubensrücksichten ihr verbieten sollten, vor Gericht zu erscheinen, dann sind Sie, der Vater des unseligen Mädchens, als derjenige anzusehen, den die Schuld an ihrem frühen und schimpflichen Tode trifft.« Nach diesen Worten wandte der Ratsherr dem Pächter den Rücken und schickte sich zum Gehen an. »Bleiben Sie noch, Herr Middleburgh,« rief Deans, »Herr Ratsherr, noch ein Wort!« Dieser mochte aber befürchten, durch Wiederaufnahme der Unterhaltung den Eindruck seiner Gründe abzuschwächen; deshalb entfernte er sich schnellen Schrittes, den Pächter mit den widersprechendsten Empfindungen im Herzen zurücklassend. Den Presbyterianern war es immer zweifelhaft, bis wie weit sie gehalten seien, sich den Gesetzen einer Regierung zu unterwerfen, die es umgangen habe, ihren feierlichen Religionsbund anzuerkennen als sie die heimische Gewalt vernichtete. Die verschiedenen kleinen Sekten, die sich im Laufe der Jahre von dem Hauptstamm abgezweigt hatten, wichen gerade in diesem Punkte wesentlich voneinander ab. David Deans gehörte zu den starren Presbyterianern, denen es als unvereinbar mit der göttlichen Lehre galt, vor Gericht Zeugnis wider einen Mitmenschen abzulegen, und jetzt sah er sich den mächtigsten Beweggründen gegenüber, seine ältere Tochter zu einem solchen zu bestimmen! In der Tiefe seines Herzens erhob sich die Stimme der Natur gegen die Vorschriften fanatischer Starrgläubigkeit, und um ihn vor dieser Scylla, die ihm mit dem Sturze seiner Grundsätze drohte, und jener Charybdis, die ihm sein Kind auf dem Schafotte zeigte, zu retten, zeigte ihm seine in Lösung polemischer Schwierigkeiten wohlgeübte Phantasie einen rettenden Ausweg. Ohne sich daran zu kehren, daß es im Grunde nur künstlicher Selbstbetrug war, was ihm über das Dilemma hinweghalf, schlug er den Ausweg ein. »Ich habe meinem Bekenntnis,« philosophierte er, »allzeit treu und redlich angehangen; aber wer möchte mir nachreden, ich hätte meinen Nachbar zu streng gerichtet, weil er sich zu freierer Handlung für berechtigt wähnte als ich mich? Meiner Tochter Jeanie kann eine Erleuchtung geworden sein, für die meine Augen schon zu schwach waren, sie wahrzunehmen. Darum sei die Entscheidung ihrem, nicht meinem Gewissen anheimgegeben. Hält sie es für vereinbar mit ihren Grundsätzen, sich dem Gerichte zu stellen und für die Arme, die im Gefängnisse schmachtet, die Hand zum Zeugnis zu erheben, so will ich es ihr nicht wehren und ihr nicht nachreden, sie wandle auf unrechtem Wege. Meint sie aber,« – hier hielt er in seinem Räsonnement inne – und ein heftiges Zittern erschütterte seinen Körper – »meint sie aber, sie könne es nicht, sie dürfe es nicht, dann sei Gott davor, es sie zu heißen und in geistige Verdammnis zu stürzen. Nein! es sei ferne von mir, meines ältern Kindes zartes Gewissen zu verletzen, um auf solche Weise meines jüngern Kindes Leben zu retten!« Siebzehntes Kapitel. Mit diesem Entschlusse nahte sich David Deans festen Schrittes der Kammer, die ehedem beiden Schwestern als Schlafstätte gedient hatte. Effies Bett stand noch darin, und seine Augen fielen, als er den Fuß über die Schwelle setzte, unwillkürlich darauf. Die schmerzvollen Erinnerungen, die jetzt auf ihn einstürmten, beraubten ihn fast der Sprache. Indessen sollte die Beschäftigung, über der er seine ältere Tochter traf, ihm sein Vorhaben erleichtern: er fand sie nämlich mit einem Papier in der Hand, in dessen Lesung sie vertieft und das nichts anderes war als die gerichtliche Vorladung, von welcher Middleburgh ihm gesagt hatte, und die dieser, während er mit dem Vater gesprochen, der Tochter durch einen Fron hatte behändigen lassen. Dieser Umstand kam ihm jetzt zu statten, denn er sparte ihm jede peinliche Auseinandersetzung. »Ich sehe,« beschränkte er sich deshalb zu sagen, »daß Du schon weißt, um was es sich handelt.« Aber er sprach die wenigen Worte mit dumpfer, zitternder Stimme. »Vater,« wehklagte Jeanie, »zwischen welch grausame Gesetze menschlicher und göttlicher Herkunft sind wir gestellt! Wie sollen, wie dürfen wir uns verhalten?« Ihre Unruhe rührte aber nicht, wie beim Vater, aus dem Zweifel, ob ihr Gewissen es zulasse, vor Gericht zu erscheinen, so oft auch diese Frage von Glaubensgenossen ihres Vaters in ihrer Gegenwart erörtert worden war, sondern weil sie, der Unterredung gedenkend, die sie bei den Muschatsteinen mit dem Unbekannten gehabt, vor der grausamen Entscheidung stand, ob sie ihre Schwester durch einen Meineid retten solle oder nicht. Und dieser Zweifel erfüllte sie so ganz, daß sie des Vaters Worte: »Ich sehe, Du weißt schon, um was es sich handelt,« auf den ihr so heimlich und doch so eindringlich gegebenen Rat bezog. Mit erschrecktem Blicke sah sie zu ihm auf, und was der Vater weiter sagte, war, so weit sie sie es wenigstens deuten konnte, nicht danach beschaffen, sie zu beruhigen. »Jeanie, ich habe immer die Meinung vertreten,« sagte er, »daß in zweifelhaften, einander widerstrebenden Fragen jeder Christ sein eigenes Gewissen zum Wegweiser nehmen solle. Geh also mit Dir selbst zu Rate, prüfe Dein Gemüt, und wenn Du das Rechte gefunden zu haben meinst, so handle.« »Vater,« antwortete Jeanie, vor dem Sinn erschreckend, den im Augenblick diese Worte für sie hatten, »kann es hierbei einen Zweifel geben? Wie lautet das achte Gebot? Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider Deinen Nächsten!« David Deans schwieg. Aber auch er paßte ihre Worte seinen Gedanken an, und da wollte es ihm scheinen, als sei sie als Weib, als Schwester, zu so strengen Bedenklichkeiten nicht befugt, nachdem doch er, als in diesen schweren Prüfungen einer so verhängnisvollen Zeit wohlerfahrener Mann, ihr den Wink gegeben hatte, den natürlichen Gefühlen ihres Herzens zu folgen. Indessen hielt er fest an dem Entschlüsse, die Entscheidung allein ihr zu überlassen, aber als seine Augen wieder das Bett trafen, worin sein jüngstes Kind so oft im süßen Schlummer gelegen, da trat ihm die holde Gestalt, die er von klein auf heranwachsen gesehen, so lebendig vor die Seele, daß ihm fast unbewußt Worte entschlüpften, deren Sinn nur erklärlich wurde, wenn man sie auf Vaterliebe zurückführte. »Jeanie,« sagte er, »daß Dein Pfad immer frei bleiben wird von jeder Gefahr, zu straucheln, läßt sich nicht annehmen. In solchem Falle stehen wir jetzt. Freilich gilt es ja vielen als Sünde an sich, Zeugnis abzulegen, und ich selbst habe diesen Standpunkt immer eifrig vertreten. Aber ich meine, wie es überall im Leben Ausnahmen gibt, so auch hierbei, und zwar in Fällen der Blutsverwandtschaft. Indessen sei es durchaus ferne von mir, in Dich hineinzureden, Kind, denn ich spüre recht wohl, daß mir die irdischen Gelüste noch immer sehr anhaften und mich zu beirren drohen. Aber, Jeanie...« und hier nahm seine Stimme, ihren harten Klang verlierend, eine fast wehmütige Färbung an, »Wenn es Dir möglich ist, mit Gott und Deinem Gewissen zu sprechen... für dies arme, unglückliche Geschöpf, das von Deinem Blute ist, das die Tochter einer Heiligen ist, die schon im Himmel weilt, aber, so lange sie hienieden weilte, auch an Dir Mutterstelle vertrat. Jeanie, wenn es Dein Gewissen erlaubt, für sie vor Gericht zu zeugen, dann tue es, aus schwesterlicher Liebe, aber wenn es nicht an dem ist, es Dein Gewissen Dir nicht erlaubt, dann laß Dich nicht beirren, Jeanie, auch durch mich nicht, dann ... dann ... laß Gottes Willen geschehen!« Schnell verließ er die Kammer und ließ die Tochter in tiefstem Kummer und heftigster Bestürzung zurück. »Waren das wirklich Worte aus Vaters Munde?« rief sie, als die Tür sich hinter ihm geschlossen hatte, »oder hat der böse Feind sich in seine Gestalt gesteckt und seine Stimme angenommen, um mir verderblichen Rat, der die Seele tötet, zu geben? Meiner Schwester Leben in der einen, des Vaters Weisung, wie es zu retten, in der andern Schale der Wage. Gott im Himmel, leih mir Deinen Beistand in dieser furchtbaren Versuchung, und erleuchte mich!« Achtzehntes Kapitel. Das doppelte Spiel, das Ratcliffe bei dem Versuche, Robertson zu fangen, gespielt hatte, sollte ihm kein Hindernis werden für seine Anstellung als Beifron und Schließer, so wenig sich das auch mit seinem früheren Leben vertrug, denn er war jahrelang der schlimmste Dieb und Straßenräuber von ganz Schottland gewesen; aber Sharpitlaw war sein Fürsprecher bei dem Edinburger Magistrate, und der Umstand, daß er das Gefängnis nicht verlassen, als es der Pöbel gesprengt hatte, sprach erheblich zu seinen Gunsten. Ratcliffe wurde, kaum im Besitze seines neuen Postens, von Saddletree und anderen bestürmt, eine Zusammenkunft der beiden Schwestern zu vermitteln. Der Magistrat hatte aber, in der Hoffnung, über Robertson schließlich doch noch etwas zu erfahren, wenn die Schwestern nicht zueinander gelassen würden, gegenteilige Weisung erteilt; Jeanie konnte indessen weiter nichts über Robertson aussagen, als sie bisher getan, und Effie hüllte sich in Schweigen, selbst als man ihr eine beträchtliche Strafmilderung zusagte, wenn sie aussagen wollte, was ihr über Robertson bekannt sein; als man ihr ernstlich deshalb zusetzte, ließ sie es nicht bei Tränen bewenden, sondern gab oft, um weitere Fragen abzuschneiden, heftige, unwirsche Antworten. Die Verhandlung war von einer Woche zur andern verschoben worden, immer in der Erwartung; Effie werde sich noch verstehen zu Aussagen, die Robertson in die Hände der Obrigkeit lieferten; als man aber sah, daß sie bei ihrem Eigensinn verharrte, riß dem Magistrat die Geduld, und der Verhandlungstag wurde festgesetzt. Jetzt erst erinnerte sich Sharpitlaw des Versprechens, das er Effie gegeben, die Schwester zu ihr zu führen; vielleicht tat er es auch nur, weil er sich vor Frau Saddletree nicht mehr sehen lassen durfte, die ihm jedesmal die heidnische Grausamkeit vorwarf, zwei gebrochene Herzen in so schweren Kummer zu setzen dadurch, daß man ihnen beharrlich jede Zusammenkunft und Aussprache verweigere; kurz: Jeanie bekam endlich die Nachricht, daß sie die Schwester besuchen dürfe, aber erst am Tage vor dem für die Hauptverhandlung festgesetzten Termine. Um zwölf Uhr mittags machte sie sich auf den Weg zur Stadt, um die bezeichnete Stunde nicht zu versäumen. O, mit welch schwerem Herzen! und doch war dies nur ein Teil des bitteren Kelches, den sie leeren sollte um anderer Torheit und Vergehens halber. Ratcliffe führte sie in die Zelle. Als er die dreifach versicherte Tür aufschloß, scheute der Schamlose sich nicht, sie mit grinsendem Gesicht zu fragen, ob sie sich seiner noch entsänne? Jeanies Antwort war ein schüchternes, zaghaftes Nein. »Was? die Mondnacht an den Muschatsteinen sollten Sie vergessen haben, in der Sie Kliff nach Rob fragte?« rief er, noch immer grinsend; »da muß ich doch wohl Ihr Gedächtnis ein bißchen auffrischen?« Wenn Jeanies Schmerz um das Schicksal der Schwester noch nicht den höchsten Punkt erreicht hatte, so mußte der Schreck darüber, sie der Gewalt dieses Schurken überantwortet zu sehen, ihn dahin führen. Und doch war Ratcliffe der Schlimmste noch nicht, dem die Arme in die Hände hätte fallen können! Zu denjenigen, die von Natur grausam sind und vor Blutvergießen nicht zurückschrecken, hatte Ratcliffe niemals gehört, und in dem Amte, das ihm ein günstiges Schicksal zugewiesen, ließ er es den Gefangenen gegenüber an Mitgefühl nicht fehlen, ja, wo es anging, erleichterte er, wenn er auch eine rauhe Außenseite behielt, ihre Lage nach besten Kräften, sorgte auch für gute und reichliche Ernährung. Aber Jeanie konnte natürlich den Mann nur nach dem Auftritt bei den Muschatsteinen beurteilen, und die Erinnerung daran ließ sie, und nicht mit Unrecht, das Schlimmste für die Schwester befürchten. Sie fand kaum den Mut, ihm zu sagen, daß sie vom Ratsherrn Middleburgh Bescheid bekommen habe, es sei ihr eine Zusammenkunft mit ihrer Schwester bewilligt worden. »Ich weiß das schon, Kind,« antwortete Ratcliffe, »und habe auch Befehl bekommen, dabei anwesend zu bleiben.« »Muß das sein?« erwiderte flehentlich Jeanie. »Was kann's denn schaden?« erwiderte Ratcliffe, »ich höre ein paar Mädel immer gern zusammen plaudern, wenn sich auch die Meinung, die ich von dem Weibsvolk habe, dadurch nicht ändern wird. Und wenn ihr nicht grade von dem Sturme auf den alten Kasten hier redet, so könnt ihr sagen, was ihr wollt; mich soll's nicht weiter anfechten, und euch zum Schaden will ich's auch nicht nützen.« Darauf führte er sie in die Zelle, in welcher Effie untergebracht war. »Jeanie, liebe gute Jeanie,« rief ihr Effie, die den ganzen Tag zwischen Furcht, Scham und Schmerz geschwankt hatte, entgegen; die Freude aber, als die Tür sich öffnete, ließ sich nicht zurückhalten. »Jeanie, liebe gute Jeanie! wie lange habe ich Dich nicht mehr gesehen!« Jeanie umarmte die Schwester mit einer Innigkeit, die fast an Jubel grenzte, aber es war doch nur eine flüchtige Erscheinung, gleich dem Sonnenstrahl, der durch Gewitterwolken bricht, um gleich wieder in Nacht zu versinken. Sie setzten sich nebeneinander auf das Strohlager, das Effie als Bett diente, hielten sich umschlungen und sahen sich lange, stumm und weinend, an. Selbst Ratcliffe konnte sich der Rührung nicht verschließen; sein Mitgefühl verriet sich durch eine an sich geringfügige Handlung, durch die er aber einen größeren Zartsinn bekundete, als sein Charakter hätte erwarten lassen. Das durch ein dichtes Gitter verschlossene Fenster stand offen, so daß das Licht die beiden Schwestern traf, und leise, fast ehrerbietig, ging er hin und klappte den Laden zu, wie wenn er die schmerzliche Szene durch einen Schleier verdecken wollte. »Effie, Du bist krank,« waren die ersten Worte, die Jeanie über die Lippen zu bringen vermochte, »sehr krank!« »Ach, was gäbe ich drum,« antwortete Effie, »wenn ich noch zehnmal kränker wäre, wenn ich tot und kalt daläge, ehe es wieder Morgen würde! Und der Vater? Aber ich bin ja sein Kind nicht mehr. Jeanie, Jeanie! Ich habe keinen Freund auf der Welt! Ach, läge ich doch draußen auf dem Friedhofe neben meiner Mutter!« »Reden Sie doch nicht so, Fräulein!« sagte Ratcliffe, »es hat schon manches Wild schußrecht gestanden, ohne getroffen zu werden, und mancher Advokat hat manchen durchgebracht, der weit Böseres auf dem Kerbholz hatte, und den Sie haben, Fräulein, der Nichil Novit, der versteht's auch, den schlimmsten Fall zu wenden. Wer mit solchem Verteidiger versorgt ist, kann schon halb am Stricke baumeln und kommt doch davon. So ein feines Ding wie Sie, braucht sich ja nur ein bißchen herauszuputzen, und welchem Richter möchte es dann beikommen, ihr nur ein Härchen zu krümmen? Mit solchem alten Kerl wie mir, ist's freilich was anders, der muß dran glauben, wenn er auch nur einen Floh geknickt hat!« Diese seltsamen Trostesworte blieben ohne Antwort, denn die Schwestern waren so vertieft in ihren Schmerz, daß sie sich der Anwesenheit Ratcliffes kaum bewußt waren. »Ach, Effie, Effie! Warum mußtest Du mir Deinen Zustand verheimlichen? Hab ich das um Dich verdient? Wenn Du mir bloß ein einziges Wort gesagt hättest, dann wäre all dieser Jammer nicht über uns gekommen!« »Was hätte dadurch wieder gut werden können, Jeanie?« versetzte die Gefangene; »nein, Jeanie, nein! es war alles aus und vorbei, als ich meines Versprechens vergaß und des Blattes, das ich zum Zeichen dafür in die Bibel legte. Da, sieh!« fuhr sie fort, nach dem heiligen Buch greifend, »die Stelle schlägt sich von selbst auf, mir mein schreckliches Urteil zu künden. O, Jeanie, ein schrecklicher Spruch!« Jeanie nahm das Buch auf und fand die Stelle im Buche Hiob: »Er hat meine Ehre mir ausgezogen und die Krone von meinem Haupte genommen. Er hat mich zerbrochen um und um und läßt mich gehen und hat ausgerissen meine Hoffnung wie einen Baum. Sein Zorn ist über mich ergrimmet, und er achtet mich für seinen Feind.« »Und ist der Spruch nicht wahr? Trifft er mich nicht zu recht?« klagte Effie. »Ist mir die Krone nicht vom Haupte genommen? Ist mir nicht meine Ehre geraubt? Und was bin ich anders denn ein armer, vertrockneter Baum, an der Wurzel verdorben und achtlos hinausgeworfen auf die Landstraße, daß Menschen und Tiere ihn mit Füßen treten? Ach, als der Vater den kleinen Dornbusch aus unserm Garten riß und auf den Hof hinauswarf, wo er zertreten wurde, das hübsche grüne Ding mit allen seinen Blüten, da hab ich nicht gedacht, daß es mit mir einmal auch so kommen würde!« »O, hättest Du mir doch nur ein einziges Wort gesagt, Effie,« klagte Jeanie, »daß ich für Dich zeugen könnte, dann könnte Dir niemand ans Leben!« »Und Du kannst es nicht?« fragte Effie, und in ihrer Stimme klang es wie ein stiller Vorwurf denn das Leben bleibt dem Menschen auch dann lieb und wert, wenn es ihm als Bürde erscheint. »Jeanie, wer hat Dir das gesagt?« »Einer, der recht gut gewußt hat, was er sprach,« antwortete Jeanie, ausweichend. »Wer? Sage es mir, Jeanie!« rief Effie aufspringend, »ich beschwöre Dich, Jeanie! Wer konnte solchen Anteil nehmen an mir, die doch verstoßen und verlassen ist? War es ... o, war es...« »Ei,« sagte Ratcliffe, »wozu quälen Sie die Arme so? Ich wette, es ist kein anderer gewesen als Robertson, und damals bei den Muschatsteinen hat er's Ihnen gesagt!« »War er's?« rief Effie, noch dringlicher als zuvor, »Jeanie, war er's? war er's wirklich? Ja, er war's! er war's! Der Arme! Und wie schwer mag es ihm dabei um sein Herz gewesen sein! und dabei selbst in so schlimmer Gefahr, der arme Georg!« »Effie,« rief Jeanie, fast unwillig: »Wie kannst Du von solchem Menschen so reden?« »Sollen wir denn unsern Feinden nicht vergeben?« sagte Effie, doch mit scheuem Blick und gedämpfter Stimme, denn ihr Gewissen flüsterte ihr zu, daß es doch andere Gefühle als christlicher Liebe seien, mit denen sie ihres Verführers gedachte, und daß es sündhaft von ihr sei, sie mit solchem Mantel zu decken. »Und trotz allem, was Du seinetwegen gelitten, hängst Du ihm noch mit Liebe an?« fragte Jeanie. »Ihm anhängen, mit Liebe?« wiederholte Effie; »hätte ich ihn nicht geliebt, wie selten ein Weib liebt, so säße ich nicht jetzt hier, hinter Schloß und Riegel, und solche Liebe, wähnst Du, lasse sich vergessen? Nein, Jeanie, ein Baum läßt sich umhauen, aber nicht biegen. Willst Du mir was zu liebe tun, Jeanie, dann sage mir, was er Dir sagte, und ob ihm die arme Effie leid tut oder nicht?« »Was kann es helfen, darüber zu sprechen, Effie?« erwiderte Jeanie, »er hatte doch wahrlich genug mit sich zu tun, als daß er sich viel um andere hätte kümmern sollen.« »Das ist nicht wahr, Jeanie, und wenn es eine Heilige redete,« rief Effie, und ihr altes heftiges Temperament kam zum Durchbruch; »Du kannst ja auch nicht wissen, wie ich, welcher Gefahr er sein Leben aussetzte, bloß um das meinige zu retten.« Da fiel ihr Blick auf Ratcliffe, und sie brach jäh ab. »Das Mädel scheint sich, weiß, Gott! einzubilden,« rief Ratcliffe, wie vorhin grinsend, »es habe kein anderer Mensch Augen im Kopfe als sie! Hab ich den seinen Jungen nicht gesehen, wie er dabei war, ganz andre Leute als den Porteous aus dem Kasten zu holen? Brauchst mich gar so verwundert nicht anzustieren, Mädel,« rief er, »ich weiß noch ganz andre Dinge!« »Gott, mein Gott!« schrie Effie und warf sich ihm zu Füßen, »so wißt Ihr auch, wo sie mein Kind haben, die Ruchlosen? Mein Kind, o Gott! mein Kind! das arme, unschuldige, hilflose Wesen! Fleisch von meinem Fleische, Blut von meinem Blute! O, wenn Ihr noch Anspruch erhebt auf himmlische Gnade, wenn Ihr den Segen eines unglücklichen Wesens nicht mißachtet, dann sagt mir, Mann, was aus meinem Kinde geworden! wohin sie das Zeichen meiner Schande, das Wesen, das teilnahm an meinem Schmerz, an meinen Wehen, gebracht haben? Sagt es mir, wer es mir genommen hat, und was aus ihm geworden ist!« »Nicht so stürmisch, Mädel,« rief der Schließer, indem er sich von den Händen freizumachen suchte, die ihn umklammert hielten, »nach so was mußt Du mich nicht fragen, sondern die Grete Murdockson, wenn Du es nicht schon selber weißt!« Die Unglückliche, so jäh wieder aus ihrem wilden Hoffen gerissen, ließ die Hände von ihm und schlug, von Krämpfen geschüttelt, auf den Boden. Jeanie, die auch beim schwersten Herzeleid ihre klare Einsicht nicht verlor, die sich, so schwere Schläge sie auch trafen, nie übermannen ließ, widmete der Schwester auf der Stelle die liebevollste Pflege, während Ratcliffe rücksichtsvoll genug war, sich in den entlegensten Winkel zurückzuziehen. Effie erholte sich aber verhältnismäßig schnell und beschwor, sobald sie die Fähigkeit zur Sprache wiedergewonnen, Jeanie so ungestüm, ihr alles von der Zusammenkunft mit Robertson zu erzählen, daß Jeanie ihr nicht länger widerstehen konnte. »Besinnst Du Dich noch, Effie,« sagte sie, »wie böse damals Deine Mutter war, als Du krank zu Bett lagst und ich Dir Milch gab, weil Du Durst hattest und weinend danach verlangtest? Damals warst Du noch Kind; jetzt aber, als erwachsenes Mädchen, solltest Du doch nicht nach Dingen begehren, die Dir schaden . Aber mag nun Gutes oder Böses daraus kommen, ich kann Dir auch heute noch nicht abschlagen, um was Du mich mit Tränen in den Augen bittest.« Effie umschlang sie, küßte sie und flüsterte: »Ach, wüßtest Du, wie lange ich seinen Namen nicht mehr hörte, und wie wohl es mir tun wird, etwas von ihm zu hören, was mir von seiner Liebe und Güte erzählt. Ach, Jeanie, Du kannst es nicht fassen, wie sehr ich mich danach sehne.« Tief aufzeufzend berichtete nun Jeanie, sich so kurz fassend, wie möglich, von dem Auftritte, der sich zwischen Robertson und ihr abgespielt hatte. Die Schwester lauschte ihr mit verhaltenem Atem, keinen Blick von ihr wendend, ihr die Worte förmlich vom Munde lesend. »Armer Mensch! Armer Georg!« waren die einzigen Ausrufe, mit denen sie, an besonders zum Herzen gehenden Stellen, die Erzählung unterbrach. »So? Und dazu hat er geraten?« fragte sie, als Jeanie zu Ende war. Jeanie nickte. »Und er hat Dich aufgefordert, dort etwas auszusagen, was mein junges Leben retten, könnte?« »Ich solle einen Meineid schwören, verlangte er von mir.« »Und Du hast ihm drauf geantwortet, daß Du nichts davon wissen möchtest, Dich zwischen mich und den Tod zu stellen, den ich leiden müsse, und bin noch keine achtzehn Jahr?« »Ich habe ihm gesagt, was ich ihm sagen mußte,« erwiderte Jeanie, geängstigt durch diese bittre Entgegnung Effies, »daß ich nicht wahr machen könne, was unwahr sei.« »Was nennst Du unwahr?« rief Effie, wiederum in einer Anwandlung ihres früheren Temperaments, »Du kannst doch nicht glauben, Mädchen, daß eine Mutter ihr eignes Kind morden könne? Jeanie, ich und morden? mein Kind morden? Das Leben hätte ich dran gesetzt, ein Blinken seines Auges zu sehen!« »Daß Du an solcher Tat so unschuldig bist wie das neugeborne Wesen selbst,« sagte Jeanie, »glaube ich, auch ohne daß Du es versicherst.« »Daß Du mir soviel Gerechtigkeit antust, Jeanie,« versetzte Effie stolz, »erfüllt mich mit Freude, Menschen von Deiner exemplarischen Frömmigkeit verfallen gern in den Fehler, ihre Mitmenschen aller Sünde für fähig zu halten.« »Schwester, solche Worte habe ich nicht von Dir verdient und nicht erwartet,« erwiderte Jeanie, schluchzend vor Schmerz, obwohl sie Effies Gemütszustande mitleidsvoll viel von der Ungerechtigkeit des Vorwurfs zu gute rechnete. »Mag sein, Schwester,« erwiderte Effie; »aber Du bist mir böse, weil ich Robertson liebe, und doch, Jeanie! wie sollte ich ihn nicht lieben, dem ich doch mehr bin als Leben und Seligkeit? Hat er nicht eben erst, um mich zu befreien, sein Leben gewagt, indem er den Sturm auf das Gefängnis unternahm? Ach, wäre er an Deiner Stelle, dann weiß ich.« Aber sie brach ab und blickte stumm vor sich hin. »Effie, müßte ich bloß mein Leben wagen, Dich zu retten!« erwiderte Jeanie. »Leicht gesagt, Jeanie,« rief Effie, »aber wer soll's Dir glauben, da Dir schon ein Wort für mich zuviel ist? Und mag das Wort wirklich unrechter Art sein, das Leben währt doch lange genug, um zu bereuen.« »Solch unrechtes Wort, Effie, ist aber eine schwere Sünde, und um so schwerer, als sie mit Bedacht verübt wurde!« »Es ist gut, Jeanie,« sagte Effie, »reden wir nicht weiter davon. Ich dachte nur, allzu stolzes Vorurteil sei auch eine Sünde? Aber spare Dir den Atem für den Katechismus; ich werde ja bald keinen mehr zu verschwenden haben, Schwester!« »Mir will's aber auch nicht gefallen, das muß ich sagen,« bemerkte Ratcliffe, »daß ein Mädel soviel Lärm macht um lumpiger drei Worte willen, wenn ihrer Schwester damit geholfen weiden kann. Da hab ich's nicht so genau genommen, und wenn man mein Wort gelten ließe, mir sollt's nicht drauf ankommen, Zeugnis für das arme Ding abzulegen. Hab ich doch in England um einer Pulle Schnaps willen zu fünf verschiedenen Malen an der Bibel geleckt.« »Seid ruhig, Schließer,« rief Effie, »kein Wort mehr! Es ist gut so, wie es ist. Leb Wohl, Schwester! Wir halten den Mann zu lange auf. Du siehst ja, daß er wartet. Einmal sehe ich Dich wohl noch, bevor.« Sie stockte, und Todesblässe färbte ihr Gesicht. »Effie, und so sollen wir scheiden? Du, angesichts Deiner letzten Stunden, und, Effie, sieh mich an und sprich, was Du von mir begehrst. Ach, mir ist, als müßte ich versuchen, alles zu tun, selbst was mir als schwere Sünde erscheint.« »Nein, Jeanie! Nein!« antwortete Effie, doch hörte man, wie schwer es ihr fiel – »ich bin jetzt ruhiger und gefaßter, und bei besserer Einsicht, ich war ja nie auch nur halb so gut wie Du, Schwester; warum solltest Du sündigen um meinetwillen? Nein, nein! Du sollst es nicht, niemand soll es, um mich zu retten! Ich hätte in jener schlimmen Nacht aus dem Gefängnisse fliehen können mit jemand, der mit mir durch die ganze Welt gegangen wäre, der mich geliebt und beschirmt hätte als sein zweites Ich! Aber ich sagte ihm, als er mich zur Flucht aufforderte: Besser, auch das Leben geht dahin, nachdem Ruf und Ehre hin sind! Die lange Gefangenschaft hat mir allen Mut, alles Vertrauen genommen; es kommen Augenblicke über mich, in denen ich verzweifeln könnte. O, Schwester, dann wird mir zu Mute, wie damals, als ich zu Hause im Fieber lag, aber nicht mehr feurige Augen von Wölfen sind es, die mich umschwirren, auch keine von den Bullenbeißern der alten Butlern, sondern ein hohes, schwarzes Gerüst steigt vor mich auf, und greuliche Kerle führen mich hinauf, und tausend Augen stieren mich an, und tausend Stimmen fragen dumpf, ob es auch wirklich die Effie sei vom alten Deans, die Georg Robertson seine Lilie von Sankt-Leonard genannt habe? Und dann grinsen sie mich an, und aus allen Ecken und Winkeln stiert mich ihr Gesicht an, der alten Zigeunerin Gesicht, der Murdockson ihr Gesicht, und ganz so, wie es aussah in jenem schrecklichen Augenblick, als sie mir sagte, ich hätte mein Kind zum letzten Male gesehen. Jeanie, Jeanie! jage sie weg; sie hat ein zu gräßliches Gesicht!« und als könne sie den Anblick nicht länger ertragen, schlug sie die Hände vor die Augen. Noch ein paar Stunden verweilte Jeanie bei der Schwester, eifrig auf ihre Reden achtend, noch immer hoffend, etwas daraus entnehmen zu können, was sie entsühnen würde. Aber Effie hatte nichts weiter zu sagen, als was sie schon bei den Verhören gesagt hatte, »man will mir nicht glauben,« schloß sie, »aber ich weiß weiter nichts!« Ratcliffe hatte lange gezögert, den Schwestern zu sagen, daß die Trennungsstunde für sie geschlagen habe; daß die beiden Anwälte, Novit und Langtale, mit der Gefangenen noch einmal reden müßten, und daß besonders Langtale drauf brenne, in die Zelle gefühlt zu werden, denn er wäre immer schnell bei der Hand, wenn es »was Hübsches« zu sehen gäbe, ob im Stockhause oder wo anders. Noch manche Träne floß, und die Umarmungen wollten kein Ende nehmen; aber endlich mußte Jeanie den Fuß wieder über die Schwelle der unheimlichen Stätte zurücksetzen; und gleich darauf hörte sie die Riegel knarren, die sie von der teuren Schwester schieden. Die Art, wie Ratcliffe sich jetzt benommen, hatte sie halb und halb mit ihm ausgesöhnt; aber sie erstaunte trotzdem nicht wenig, als er das Trinkgeld, das sie ihm reichen wollte, ausschlug; auch als sie sagte, daß er es, wenn er es nicht für sich nehmen wolle, zur Erleichterung von Effies Lage verwenden solle; er wäre, sagte er, kein Unmensch gewesen, als er noch auf bösen Wegen wandelte, und seit er hier sei, tue er gern, was recht und vernünftig sei. »Behalten Sie nur Ihr Geld,« sagte er, »was in meiner Macht steht, tue ich schon für die Arme, aber ich denke, auch Sie werden sich noch einmal überlegen, ob Sie tun wollen, was sie von Ihnen erbat, und wenn ich meine Meinung sagen darf, so dürften Sie, wenn Sie dem Gericht eine Nase drehten, weder vor der Welt noch vor sich selbst an Ansehen einbüßen. Aber, gleichviel, machen Sie das, wie es Ihnen selbst am richtigsten erscheint. Ich werde zusehen, ihr nach Tisch ein bißchen Schlaf zu besorgen; denn in der Nacht, das kenne ich, schließt sie kein Auge. In der Nacht vorm Urteilsspruch tut niemand ein Auge zu; aber in der letzten Nacht, bevor's zum Galgen geht, schläft jeder wie 'ne Ratte, und das erklärt sich auch, denn das Schlimmste nimmt ein anderes Gesicht an, wenn man weiß, wie es damit wird. Und ich hab's immer gesagt: Lieber herunter mit dem Finger, als ihn an der Hand behalten, wenn er wackelig wird.« Neunzehntes Kapitel David Deans hatte fast den ganzen Morgen des Verhandlungstages in Andacht und Gebet verbracht, denn seine freundlichen Nachbarn hatten ihm heute die Feldarbeit abgenommen, und er trat, wunderbar gestärkt, zur Frühstücksstunde in seine Stube, getraute sich aber nicht, seine Tochter anzusehen, weil er ungewiß war, ob auch sie mit ihrem Gewissen ins reine gekommen sei. Unwillkürlich schlug er die Augen nieder; aber es hielt ihn nicht lange; eine heimliche Macht zog seinen Blick auf das Kleid, das sie angezogen hatte, aber auch daran konnte er nicht sehen, ob sie gewillt sei, den Gang aufs Gericht zu machen oder nicht, denn sie hatte wohl ein anderes, aber nicht ihr eigentliches Sonntagskleid an; ihr gesunder Sinn sagte ihr, es zieme sich wohl, bei solcher Gelegenheit anständig und sauber zu erscheinen, aber ebenso auch, allen Putz und Staat zu vermeiden, den sie zum Kirchgang oder zu Festtagen anzulegen gewohnt war. Das bescheidene Essen, das sie herrichtete, wanderte wieder vom Tische, wie es aufgetragen worden war. Vater und Tochter stellten sich wohl so, als nähmen sie ein paar Bissen zu sich, wenn ihre Blicke einander trafen, konnten aber vor Aufregung weder Speise noch Trank genießen. Endlich gingen auch diese Augenblicke gegenseitigen Zwanges vorüber. Vom Giles-Turme herüber dröhnte dumpf der Schlag der letzten Stunde vor dem Beginn der Hauptverhandlung. Jeanie nahm ihr Plaid um und traf die für längere Abwesenheit von Hause notwendigen Maßregeln. Ihre Ruhe und Sicherheit standen in auffälligem Gegensatze zu der nervösen Unruhe des sonst so pedantischen Vaters. Wer beide nicht kannte, hätte in Jeanie kaum ein schlichtes, gutmütiges, fügsames Landkind, noch weniger aber in Deans einen starren, strengen, unduldsamen Presbyterianer der alten Richtung vermutet. Das Mädchen aber war mit ihrem Gewissen im reinen; sie wußte, was ihr oblag; ihr schlichter, gläubiger Sinn hatte das Rechte gefunden und alle Folgen ihres Tuns ermessen. Der Vater dagegen, in Unkenntnis vieler näheren Umstände, stand unter dem Eindruck quälender Zweifel, was Jeanie tun und von welchen Folgen ihr Verhalten vor Gericht für sein anderes Kind sein, werde. Aengstlich beobachtete er die Tochter, jeden Griff, den sie tat, jeden Schritt, den sie machte, bis sie zuletzt mit einem Blicke bittersten Schmerzes an ihm vorbei und auf die Tür zu schritt. Da rief er ihr nach: »Jeanie, Mädel, Mädel! ich will.« und aus seinem unwirschen Suchen nach den wollnen Handschuhen und dem Stocke konnte sie den unvollendet gebliebenen Satz ergänzen. »Vater,« sagte sie, abwehrend, »es wäre besser, Du tätest es nicht!« »Ich will den Weg machen,« sprach er, scheinbar fester, »mit Gottes Hilfe und Beistand.« So schnell zog er den Arm der Tochter unter den seinigen und so schnell ging er einher, daß es ihr schwer wurde, mit ihm Schritt zu halten. Ein Umstand aber, so geringfügig er war, sprach so recht für die Aufregung, die nach wie vor in seinem Gemüt herrschte. »Vater,« sagte Jeanie, »Deine Mütze?« Auch sie hatte im ersten Augenblick nicht bemerkt, daß der Greis barhäuptig war. Ein jähes Rot huschte über sein Gesicht, wie wenn er sich dieser Vergeßlichkeit schämte, und er drehte um, holte die blaue Schottenmütze aus der Stube, nahm wieder den Arm der Tochter, ging aber jetzt ruhiger, langsamer die Straße nach Edinburg entlang. Zur damaligen Zeit war daß Ständehaus auf dem Parlamentsplatze, damals »Zwinger« genannt, zugleich das Gerichtshaus. Die Verhandlungen wurden, wie auch heute noch, in dem kleinen Viereck der Hauptkirche geführt. Die Stadtwache war bereits aufmarschiert und drängte mit ihren Musketen den Pöbel zurück, der sich hier staute, um die Unglückliche zu sehen, wenn sie aus dem anstoßenden Gefängnis zum Gerichtsgebäude geführt würde, wo das Urteil über sie gefällt werden sollte. Als Deans mit seiner Tochter in Sicht kam, scharten sich sogleich Leute um ihn, die ihn zur Zielscheibe ihres Hohnes machten. Mit erstaunlichem Spürsinn erkennt der gemeine Haufe rasch die Eigentümlichkeit eines Menschen aus seinem äußern Habitus. Es wurden Spottlieder auf die Sekte, der Deans angehörte, angestimmt. Ein Tagelöhner, den Deans, um sich Platz zu schaffen, beiseite schob, fing an zu schimpfen. »Der Teufel! was fällt dem puritanischen Simpel ein, sich an ordentlichen Leuten zu vergreifen?« Ein anderer rief: »Platz für den alten Knaster! Er will's mit ansehen, wie eine barmherzige Schwester zum Himmel fährt!« Plötzlich aber rief jemand laut und weithin vernehmlich: »Leute, nehmt Vernunft an!« und leiser, aber noch immer deutlich genug, setzte er hinzu: »Es ist der Vater mit der Schwester!« Im Nu war die Bahn für die Unglücklichen frei; selbst der Roheste wurde still und schämte sich. In dem frei gewordenen Räume stand der Greis, den Blick auf die Menge gerichtet, und mit Gebärden, die die heftige Erregung seines Gemüts deutlich genug berieten, sprach er zu der Tochter, die er an der Hand hielt: »Da siehst und hörst Du, Kind, wem die Gebrechen und Schwächen der Gläubigen beigemessen werden, nicht ihnen allein, sondern der Kirche, deren Glieder auch sie sind, ja, selbst ihrem gesegneten, unsichtbaren Haupte. Laß uns darum mit Ergebung unser Teil an diesem Hohne tragen!« Kein anderer hatte das Volk zur Ruhe verwiesen, als unser alter Freund Laird Dumbiedike, dem, gleich dem Esel des Propheten, die Dringlichkeit des Falles den Mund geöffnet hatte, und der sich jetzt dem Paare nahte, um es mit der ihm gewohnten Schweigsamkeit in den Gerichtssaal zu führen. Kein Hindernis stellte sich ihnen mehr entgegen, weder seitens der Wache noch seitens der Türsteher; ja es wird erzählt, es sei sogar von einem der letzteren eine Silbermünze, die der Laird, seiner Meinung getreu, daß Geld willig mache, ihm geboten habe, unwirsch zurückgewiesen worden; indessen darf nicht verschwiegen werden, daß es an Bürgschaft für dies Gerücht fehlt. Der Gerichtssaal zeigte das gewöhnliche Kolorit: die ständige Beamtenschar und die übliche Menge eitler, müßiger Zuschauer. Bürger gafften und gähnten, junge Rechtsbeflissene drückten sich, lachend und kichernd, wie im Theater, in den Gängen und Ecken herum, ältere schwatzten wichtig über den zur Verhandlung stehenden Fall und die für ihn in Betracht kommenden Gesetzesparagraphen. Die Richterbank, um einiges höher als die übrigen Sitze, war schon hergerichtet, die Geschworenen bereits zur Stelle. Die Vertreter der Krone, an einem langen Tische in unmittelbarer Nähe der Richterbank, blätterten unter fortwährendem Geflüster in ihren Akten. Ihnen gegenüber sahen die Verteidiger der Angeklagten. Eine besonders rege Tätigkeit entfaltete der Anwalt des Laird Dumbiedike, Herr Nichil Novit. Ihn fragte David Deans, als er mit Jeanie in den Saal trat, wo »sie« sitzen werde. Novit flüsterte eine Weile mit dem Laird, dann zeigte er auf eine leere Bank vor den Schranken, den Richtern gegenüber, und der Laird stand auf, um Deans dorthin zu führen. »Nein,« wehrte der Greis, »bei ihr sitzen kann ich nicht, als mein erkennen will ich sie nicht, wenigstens jetzt noch nicht. Sie soll mich nicht sehen, denn ich will meine Augen von ihr abwenden, es ist besser so für uns beide.« Saddletree, von den Sachwaltern schon mehrere Male mit dem Bedeuten, sich nicht in fremde Dinge zu mischen, zurechtgewiesen, wollte sich die schöne Gelegenheit, einmal den bewanderten Juristen zu spielen, nicht entgehen lassen; wichtigtuerisch trat er auf den Greis zu und besorgte ihm, seine Bekanntschaft mit einem der Frone nützend, einen Stuhl hinter einem vorspringenden Pfeiler, der ihn vor den Blicken der im Saale anwesenden Leute sicherte, auch von der Anklagebank aus nicht gesehen werden konnte, während er Deans den Blick dorthin gestattete. »Es kann einem immer von Nutzen sein, Bekannte bei Gericht zu haben«, sagte Saddletree, »wer weiß, ob Ihnen jemand anders zu solchem Platze verholfen hätte. Nun, die Richter werden gleich kommen, die Verhandlung wird gleich beginnen. Aber, um Himmels willen, was soll denn das bedeuten? Fräulein Jeanie ist doch als Zeugin vorgeladen, Fron, sie muß doch aus dem Verhandlungssaale. Herr Novit, Jeanie Deans muß doch in das Zeugenzimmer verwiesen werden!« Novit nickte. »Muß es wirklich sein?« fragte Jeanie, des Vaters Hand ängstlich in der seinen haltend, den Anwalt. »Gewiß muß es sein,« mischte Saddletree sich ein; »es ist sogar unumgänglich notwendig.« – »Ja,« sagte jetzt auch Novit, »das Gesetz fordert es.« Während Jeanie dem Fron ins Zeugenzimmer folgte, suchte Saddletree Zweck und Wichtigkeit der Maßregel mit vielen Worten auseinanderzusetzen, wurde aber durch den Eintritt des Lord-Oberrichters mit den vier Beisitzern, die in ihren langen weißverbrämten Scharlachmänteln von dem Pedell auf ihre Plätze geführt werden, darin gestört. Alles hatte sich ehrerbietig erhoben; aber kaum war die hierdurch entstandene Unruhe vorüber, als eine neue, heftigere Bewegung am Portale, wie auf den Galerien, die Vorführung der Angeklagten kündete. Gleich darauf wurden die beiden Portal-Flügel, die nach dem Eintritt der Richter wieder geschlossen worden, weit geöffnet, um dem Volke freien Eintritt zu gestatten, und in wilder Hast, einander stoßend und drängend, so daß die Wache kaum einen schmalen Weg für die Angeklagte frei halten konnte, flutete der rohe Haufe in den Saal. Nur mit Aufwendung der größten Mühe gelang es der Wache und den Fronen, der Unglücklichen, der das Urteil über Leben oder Tod gesprochen werden sollte, den Weg zur Anklagebank freizumachen. Zwanzigstes Kapitel »Euphemia Deans,« sprach der Oberrichter mit einer Stimme, in der sich Würde und Milde vereinigten, »stehe auf und vernimm die Anklage, die gegen Dich von dem königlichen Gericht geführt wird.« Die Unglückliche, von dem wilden Lärme um sie her noch ganz betäubt, blickte verstört auf die Menge von Gesichtern, die von der Galerie bis zum Parterre des Saales eine Art lebendigen Teppichs bildeten, und leistete, halb bewußtlos, einem Befehle Folge, der ihr wie die Posaune des jüngsten Gerichts in die Ohren dröhnte. »Macht Euch das Haar aus dem Gesicht!« raunte ihr einer der Frone zu, denn die langen, dichten Locken, die sie mit dem Netz oder Bande, dem Haarschmuck der Jungfrau in Schottland, nicht mehr zu bergen wagte und doch wieder mit der Haube einer verheirateten Frau nicht bedecken durfte, fluteten ihr lose über das Antlitz, die Züge desselben fast verhüllend. Mit hastiger, zitternder Gebärde strich Effie die Locken zurück, der im Saale versammelten Menge, einen einzigen ausgenommen, ein Antlitz zeigend, das, trotz seiner Blässe, trotz all dem Schmerze, so wunderbar lieblich war, daß es einen allgemeinen Schrei des Mitleids und der Teilnahme hervorrief. Von der Unglücklichen schien durch diese Kundgabe von Mitgefühl die starre Furcht genommen zu werden, die bisher dumpf auf ihr gelastet hatte, anderseits aber wurde ihr hierdurch alles Schreckliche ihrer Lage in verstärktem Maße zum Bewußtsein geführt. Niedergedrückt von Scham und Verzweiflung, schlug sie die Augen, die eben noch wild umherrollten, zu Boden; über ihre aschfahlen Wangen flog, sich allmählich verstärkend, zuletzt Hals und Schläfe mit tiefem Purpur bedeckend, eine wilde Röte, die auch nicht schwand, als sie mit den zierlichen und langen, feinen Fingern das Gesicht verdeckte. Alle sahen tief ergriffen diesen Wechsel der Empfindungen auf ihrem schönen Antlitz, bloß einer nicht, bloß der Vater nicht! Von dem Pfeiler verdeckt, keinem sichtbar, und trotzdem die Augen fest auf den Boden heftend, wie wenn es ihn dränge, sich alle Möglichkeit zu rauben, der Schande seines Hauses Augenzeuge zu werden, saß er da, starr und stumm. »Icabod!« klagte seine Seele, »meine Herrlichkeit ist dahin!« Während diese Gedanken das Gemüt des Vaters erfüllten, wurde der Tochter die Anklage vorgelesen und die Frage gestellt auf Schuldig oder Nichtschuldig? »Nichtschuldig am Tode meines armen Kindes,« antwortete Effie in so schmerzzerrissenem Tone, daß ein Beben durch den Gerichtssaal glitt. Der Lord-Oberrichter richtete nun an die beiden Anwälte die Aufforderung, ihre Beweise für und wider die Anklage vorzutragen. Zuerst nahm der Kronanwalt das Wort und führte aus, daß er sowohl durch Zeugen wie durch das Bekenntnis der Angeklagten beweisen werde, daß dieselbe dem Gesetze verfallen sei: denn erstlich sei die Verheimlichung der Schwangerschaft von der Angeklagten nicht bestritten worden, und zweitens habe sie bekannt, einem Knaben das Leben gegeben zu haben; die dabei von ihr selbst angegeben Umstände ließen es aber als nur allzu glaublich erscheinen, daß das Kind von ihren Händen, oder doch wenigstens mit ihrem Wissen und Willen vom Leben zum Tode gebracht worden sei: es sei zudem nach dem Wortlaute des Gesetzes gar nicht nötig, von dem Morde oder darüber, daß die Angeklagte Kenntnis von einem solchen besessen habe, Beweise zu erbringen; es reiche schon der Umstand, daß das Kind nicht bei ihr gefunden worden sei, vollauf hin, sie der drakonischen, aber unumgänglich notwendigen Strenge des Gesetzes zu unterwerfen, nach welchem die Verheimlichung der Schwangerschaft und die Versäumnis, in der Stunde der Not angemessenen Beistand zu beschaffen, als Bedingungen für vorsätzlichen Mord aufzufassen und als. solcher zu bestrafen seien. Falls mithin die Angeklagte nicht den Beweis erbringen könne, daß ihr Kind noch am Leben oder eines natürlichen Todes gestorben sei, so sei sie dem Gesetz verfallen und müsse den Tod als Mörderin erleiden. Hierauf nahm der gerichtliche Anwalt der Angeklagten das Wort. Er wolle, führte er aus, seinem Kollegen nicht widersprechen in der Berechtigung, die Zuständigkeit des Gesetzes für den zur Verhandlung stehenden Fall zu fordern, aber er hoffe, durch seine Beweisführung mehrere Umstände aufzudecken, die, den wider seine Klientin erhobenen Anklagen den Boden zu entziehen geeignet seien. Seine Klientin sei in den strengsten Grundsätzen der Religion erzogen worden als Tochter eines würdigen, gewissenhaften Mannes, der in schlimmen Zeiten für seine religiöse Ueberzeugung schwer, aber standhaft gelitten habe. David Deans zuckte, als er sich derart in die Verhandlung einbezogen sah, krampfhaft zusammen, versank aber gleich wieder, in seine bisherige Starrheit und verhüllte das Gesicht mit den Händen, lauschte aber gespannt jedem weiteren Worte. Der Anwalt, bemüht, die gute Meinung des Gerichts für sich zu gewinnen, fuhr er fort: »Unsre Ansichten über die Puritaner und ihre Grundsätze mögen noch so ungünstig sein« – hier seufzte Deans schwer – »so wird ihnen doch niemand absprechen wollen, daß sie sich einer gesunden, ja strengen Moral befleißigen, auch das weitere Verdienst wird ihnen jeder lassen müssen, daß sie ihre Kinder in der rechten Gottesfurcht erziehen. Und doch ist es gerade die Tochter eines solchen Mannes, die man, auf Vermutungen hin, ohne sichre Beweise, eines Verbrechens anklagt, das sich wohl von einer Heidin, nicht aber einer gläubigen Christin erwarten läßt. Freilich muß zugegeben werden,« fuhr er nach einer kurzen Pause, mit verstärkter Ueberzeugungsgewalt, fort: »daß alle Strenge der Erziehung die Angeklagte nicht vor Fallstricken und Irrwegen hat bewahren können; aber sie ist doch nur einer unbedachtsamen Neigung zum Opfer gefallen, der Neigung zu einem jungen Menschen, der, wie ich ermittelt habe, zwar einen sehr häßlichen, ja gefährlichen Charakter besitzt, aber – was zur Entschuldigung der Angeklagten nicht ungesagt bleiben darf, – ein Mann von seltener Schönheit, dabei höchst einnehmendem Wesen ist. Dieser Mann hat meine Klientin durch ein Heiratsversprechen getäuscht, vielleicht nicht absichtlich; denn wäre er nicht zur selben Zeit um eines Verbrechens willen, auf dem hohe Strafe steht, in Haft genommen worden, so dürfte kaum ein Grund zu der Annahme berechtigen, daß er sich mit der Absicht getragen habe, sein Versprechen nicht zu halten; aber er hat sich eines weitern schweren Verbrechens schuldig gemacht, eines durch Anstiftung von Aufruhr erschwerten Kapitalverbrechens, und ich kann mir jede weitere Auseinandersetzung hierüber ersparen, wenn ich dem Gericht und dem hier versammelten Auditorium offenbare, daß kein anderer der Verführer dieses armen Mädchens ist als eben jener berüchtigte Georg Robertson, der aus dem Edinburger Kerker den ehemaligen Hauptmann der städtischen Bürgergarde, John Porteous, gewaltsam entführt und durch Volksgewalt vom Leben zum Tode gebracht hat.« Hier unterbrach der Lord-Oberrichter den Anwalt mit dem Bemerken, daß er von dem eigentlichen Thema, das den Gerichtshof zu befassen habe, zu weit abweiche, um auf die Aufmerksamkeit desselben Anspruch erheben zu dürfen. Der Anwalt fuhr nach einer tiefen Verbeugung fort, er habe es bloß darum für notwendig erachtet, Namen und Verhältnisse dieses Robertson zu erwähnen, weil hierdurch begreiflich würde, weshalb sich seine Klientin über ihren Zustand nicht habe aussprechen wollen. Eben weil sie immer und immer gehofft habe, ihr Verführer werde ihren Ruf wiederherstellen durch die versprochene Heirat, – wozu es ihm, ihrer Meinung nach, weder an der nötigen Macht noch am guten Willen fehle – habe sie sich nicht entschließen können, ihren Angehörigen reinen Wein einzuschenken. »Aber noch immer wird mir« rief er, »so hoffe ich, der Beweis gelingen, daß sie einer durchaus berufenen und angemessenen Person die schwere Lage, in der sie sich befand, rechtzeitig offenbart hat.« »Wenn es dem Herrn Verteidiger gelingt,« unterbrach ihn zum andern Male der Lord-Oberrichter, »Klarheit über diesen Punkt zu schaffen.« »Ich hoffe, Eure Herrlichkeit, daß mir dies gelingen werde, daß ich nicht bloß meiner Klientin zu nützen, sondern ein hohes Gericht der schwersten Pflicht seines Amtes zu überheben vermag. Ich bin in der Lage, durch einen vorhandenen Brief zu erweisen, daß der Verführer des Mädchens, Georg Robertson, aus seinem Kerker, wahrscheinlich schon mit Fluchtgedanken befaßt, die durch den Beistand seines Kameraden, auch verwirklicht wurden, bemüht gewesen ist, sich die Gewalt über das Gemüt des unglücklichen Mädchens zu sichern und dessen weitere Schritte im Leben zu lenken. Durch eben diesen Brief ist das Mädchen bestimmt worden, den bessern Weg, den sie einschlagen wollte, wieder aufzugeben und sich durch den schlimmen Menschen zu einer jener verworfenen Kreaturen führen zu lassen, die sich, zur Schande unserer Polizei sei es gesagt, noch immer in unheimlichen Schlupfwinkeln unsrer Vorstädte herumtreiben. In einem solchen Schlupfwinkel hat die Angeklagte, auf sein Geheiß, ihre Niederkunft abgewartet; dort hat sie einem Knaben das Leben gegeben; dort ist sie vom Wochenbettfieber befallen wurden, und während sie bewußtlos darniederlag, hat jene schändliche Kreatur ihr das Kind genommen; ob sie es nur geraubt oder ob sie es umgebracht hat, wer vermag es zu sagen?« Ein gellender Schrei unterbrach die Rede des Anwalts. Effie hatte ihn ausgestoßen, und nur mit Mühe vermochten die neben ihr stehenden Frone, sie zu beruhigen. Der Anwalt aber benutzte den Zwischenfall zu einem ergreifenden Abschluß seiner Rede. »Meine Herren Richter und Geschworenen! Aus diesem herzzerreißenden Aufschrei spricht die Beredsamkeit eines Mutterherzens schärfer und eindringlicher, als nüchterne Anwaltsworte es vermögen. Rahel weint um ihre Kinder! Die Natur selbst gibt Zeugnis für die Tiefe der mütterlichen Empfindungen der Angeschuldigten, und meine Lippen sollen solch hehre Verteidigung durch kein Wort, durch keine Silbe entweihen!« »Hat man je so was gehört, Mylord?« fragte Saddletree den Laird Dumbiedike, als der Anwalt geschlossen hatte. »Was für ein Faden läßt sich aus einem kleinen Knäuel spinnen! Schwerenot! er weiß ja kein Tüttelchen mehr als in der protokollierten Aussage steht. Und die Vermutung, Jeanie werde über die Situation ihrer Schwester viel aussagen können, steht doch auf gar schwachen Füßen! Es ist wirklich ein schreiendes Unrecht von meinem Vater, daß er mich nicht hat studieren lassen. Aber, still! das Gericht will sich über die Zulänglichkeit der Verteidigung aussprechen.« Und so geschah es. Nach kurzer Beratung verkündete der Lord-Oberrichter, daß, wenn der Verteidigung der Beweis gelänge, daß die Angeklagte ihre Schwester rechtzeitig über ihren Zustand unterrichtet habe, von weiterer Verfolgung derselben Abstand genommen werden müsse, da kein Schuld-Delikt im Sinne des hier zuständigen Gesetzesparagraphen mehr vorläge, daß sodann Klage und Verteidigung lediglich den Geschworenen zur Kenntnis und letzten Entscheidung vorzulegen seien, die aber nicht anders als auf »unschuldig« lauten werde. Einundzwanzigstes Kapitel. Die Geschworenen wurden nun zu Protokoll gekommen und vereidigt, dann wurde Effie noch einmal die Frage vorgelegt, ob sie sich des Verbrechens, dessen sie angeklagt sei, für schuldig bekenne, und noch einmal klang ihr »Unschuldig« in demselben herzzerreißenden Tone wie das erste Mal durch den Verhandlungssaal. Hierauf führte der Kronanwalt eine Reihe von Zeuginnen vor, die unter ihrem Eide aussagten, Effie Deans habe, als man es ihr ins Gesicht sagte, sie sei in anderen Umständen, solchen Verdacht ärgerlich und schnippisch in Abrede gestellt. Mehr aber noch verstärkte Effie den Schuldbeweis durch ihr eigenes Zeugnis. Sie stellte den Umgang mit einem Manne, dessen Namen sie geheim zu halten wünsche, nicht in Abrede. Als Grund für diesen Vorbehalt führte sie an, sie sei wohl im Rechte, ihre eigene Lebensführung zu kritisieren, aber nicht befugt, einen Abwesenden zu beschuldigen. Auf die Frage, warum sie sich niemand offenbart habe, gab sie Scham als Grund an, wie auch, daß sie ans ihren Geliebten vertraut habe, der ihr versprochen habe, für sie und ihr Kind zu sorgen. Auf die weitere Frage, warum er sein Versprechen nicht gehalten habe, erklärte sie, er hätte lieber das Leben geopfert, als sie und ihr Kind ins Unglück gestürzt, aber es seien Umstände eingetreten, die es ihm unmöglich gemacht hätten, über die sie weitere Aussagen verweigere. Das weitere Verhör gestaltete sich in Frage und Antwort wie folgt: »Wo sie die Zeit von ihrem Weggang aus Saddletrees Haus bis zu ihrer Heimkehr nach Sankt-Leonard gewesen sei?« – Sie könne sich darauf nicht mehr besinnen. – Die Frage wurde wiederholt. Sie könne sich darum nicht darauf besinnen, weil sie schwer krank gewesen sei. – Als die Frage immer wieder, unter anderer Form, gestellt wurde, erklärte sie endlich, sie wolle in allen Punkten gern die Wahrheit sagen, wenn sie auch dadurch leiden müßte; nur solle man sie nicht über andre Leute ausfragen. Endlich bequemte sie sich im Kreuzverhör zu dem Geständnis, diese Zeit über in der Wohnung einer Frau gewesen zu sein, wo ihr Geliebter öfter sich aufgehalten und sie untergebracht habe, damit sie ihre Niederkunft dort abwarte, wo sie auch einen Knaben geboren habe; aber wo die Wohnung gelegen sei, darüber wüßte sie keinen Aufschluß Zu geben, weil sie bei Nacht hingebracht worden sei. »Ob diese Wohnung in der Stadt selbst oder in einer Vorstadt gelegen sei?« – »Wie die Person, bei der sie niedergekommen sei, geheißen habe?« – »Ob sie die Person früher schon gesehen habe und ob es eine Bekannte von ihr gewesen sei?« – Auf alle drei Fragen verweigerte sie die Antwort. »Ob das Kind lebend zur Welt gekommen sei?« – Gott möge ihm und ihr helfen: es habe gewiß und wahrhaftig bei der Geburt gelebt! »Ob es nach der Geburt oder später eines natürlichen Todes gestorben sei?« – Ihres Wissens nicht. »Wo sich das Kind jetzt befände?« – Ihre rechte Hand opferte sie gern wenn sie dadurch erfahren könnte, wo sie ihr Kind finden könne. Aber, ach! sie fürchte, mehr als seine Gebeine von ihm nicht wiederzusehen. »Aus welchem Grunde sie ihr Kind für tot halte?« – Sie schwamm in Tränen, weigerte aber hierauf die Antwort. »Ob die Frau, die ihr bei der Niederkunft Beistand geleistet, den Eindruck einer sachkundigen Person auf sie gemacht habe?« – Mehr den eines bösherzigen Weibes. »Ob noch jemand in der Wohnung gewesen sei?« – Ja, soweit sie sich besinnen könne; aber genau könne sie nichts darüber sagen, da ihr Wahrnehmungsvermögen infolge des Fiebers, in dem sie gelegen habe, stark geschwächt gewesen sei. »Wann ihr das Kind genommen worden sei?« – Sie wisse es nicht; als sie wieder zu sich gekommen, habe ihr das Weib gesagt, ihr Kind sei tot; darauf habe sie dem Weibe ins Gesicht gesagt, daß es umgebracht worden sei; darauf habe das Weib sie so grob und schlecht behandelt, daß sie, außer sich vor Entsetzen, den ersten Anlaß zur Flucht wahrgenommen und ihr Vaterheim aufgesucht habe. »Warum sie den Ihrigen nichts gesagt und nicht versucht habe, sich über die Wohnung des Weibes Gewißheit zu verschaffen?« – Sie habe es gewollt, es sei ihr aber keine Zeit mehr dazu geblieben. »Warum sie Namen und Wohnung der Frau noch immer verschweige?« – Weil, sagte sie nach kurzem Besinnen, nichts mehr dadurch ungeschehen gemacht werden, wohl aber viel neues Unheil entstehen könne. »Ob sie selbst jemals auf den Gedanken gekommen sei, das Kind gewaltsam beiseite zu schaffen?« – Niemals, so wahr sie auf Gottes Barmherzigkeit rechne! Freilich habe das böse Weib in seinem Zorne ausgestoßen, sie habe im Fieber ihrem Kinde selbst Schaden zugefügt, aber sie sei überzeugt, daß dies bloß gesagt worden sei, um sie zu schrecken und zum Schweigen zu bringen. »Ob das Fieber, an dem sie erkrankt sei, infolge natürlichen Verlaufs entstanden oder durch äußere Eindrücke hervorgerufen worden sei?« – Man habe ihr eines Morgens sehr schlimme Nachrichten mitgeteilt, worauf das Fieber zum Ausbruch gekommen sei. »Was für Nachrichten das gewesen seien?« – Sie wolle nichts aussagen; sie wisse, ihr Kind sei tot; sollte sie aber hierin irren, so würde ein anderer die Sorge für sein Leben übernehmen; ihr eigenes Leben stünde in Gottes Hand, der es wisse, daß mit ihrem Willen oder Beistand ihrem Kinde kein Leid geschehen sei. Den Entschluß, den Ihrigen alles zu sagen, den sie gefaßt habe, als sie aus dem Hause des bösen Weibes geflohen sei, habe sie später aus Gründen, die sie nicht nennen wolle, wieder fallen lassen. Sie sei jetzt so erschöpft, daß sie bitten müsse, das Verhör abzubrechen. Nunmehr erhielt der zweite Anwalt für die Beklagte, Nichil Novit, das Wort. Er zitierte zuerst die Zeugen, die über den Charakter des Mädchens aussagen sollten. Alle stimmten überein in ihrem Lobe, vor allem die brave Frau Saddletree, die unter Tränen erklärte, sie hätte ihr eigenes Kind nicht höher achten und inniger lieben können als die arme Effie. Alles wurde durch ihre herzliche Schilderung erwärmt, nur ihr Mann nicht, der dem neben ihm sitzenden Dumbiedike zuflüsterte: »Ihr Nichil Novit ist wirklich noch ein novus , nehmen Sie mir das nicht übel! Solch ein schnatterndes, flennendes Weibsbild zu zitieren, das den Richtern den Kopf dick macht! Da hätte er mich lieber zitieren sollen! Ich hätte ein Zeugnis abgelegt, daß ihr von niemand hätte ein Haar gekrümmt werden können!« »Geht es denn nicht noch?« fragte der Laird; »ich will dem Novit einen Wink geben.« »Nein, nein! lassen Sie es jetzt lieber,« erwiderte, mit dem Kopfe schüttelnd, Saddletree, »das hätte bloß Nutzen gehabt, wenn ich debito tempore geladen worden wäre. Ein freiwilliges Zeugnis gilt nie viel.« Darauf wischte er sich mit seinem seidenen Taschentuche wichtigtuerisch den Mund und setzte sich wieder in die Positur eines aufmerksamen Zuhörers, der über alles genauen Bescheid weiß. Nun nahm der erste Anwalt der Angeklagten wieder das Wort. »Durch die letzten Zeugen ist zwar bewiesen worden, wie würdig meine Klientin der allgemeinen Teilnahme ist; um ihre Unschuld noch klarer an den Tag zu legen, ist es aber notwendig, noch eine Zeugin zu vernehmen, und zwar die wichtigste von allen, denn durch ihren Mund werden wir vernehmen, daß die Angeklagte ihren Zustand nicht verheimlicht, sondern offenbart hat, und zwar ihrer natürlichen Beraterin, ihrer Schwester. Fron! führen Sie die ältere Tochter des Pächters David Deans, Jeanie Deans, in den Saal!« Als Effie diese Worte vernahm, fuhr sie erschreckt in die Höhe und beugte sich weit über die Schranke, nach der Seite, hin, von wo ihre Schwester in den Saal treten mußte. Schon erschien auch Jeanie, langsamen Schrittes, hinter dem Fron und trat an das untere Ende der Gerichtstafel. Aus Effies Zügen verschwand die Scham und Niedergeschlagenheit und machte dem Ausdruck innigsten Flehens Platz: sie streckte der Schwester die Hände entgegen und rief plötzlich mit herzzerreißender Stimme, die allen Anwesenden durch Mark und Bein ging: »O Jeanie, rette, rette mich!« Von Empfindungen übermannt, die sich mit seinem unduldsamen Starrsinn gar nicht vertrugen, duckte der greise Deans sich noch tiefer in die dunkle Pfeiler-Ecke, so daß auch Jeanie sich vergebens nach seiner ehrwürdigen Gestalt umsah. Aber die Hände ringend, flüsterte er dem vor ihm sitzenden Laird Dumbiedike zu: »Das ist das Bitterste von allem, Laird, wenn ich nur das erst noch überstanden habe! Mir schwindelt der Kopf. Aber, Laird, der Herr ist stark im Schwachen!« Jeanie war inzwischen bis zum Zeugenplatze getreten. Außerstande dem Impuls ihrer Liebe zu widerstehen, streckte sie der Schwester die Hand hin. Effie befand sich nahe genug, sie mit beiden Händen zu fassen und an den Mund zu pressen, während Jeanie, bitterlich weinend, mit der andern Hand sich das Gesicht verdeckte. Es war ein Augenblick so voll der höchsten Tragik, daß fast kein Auge tränenleer blieb, und selbst der Lord-Oberrichter einiger Zeit bedurfte, bis seine Stimme die nötige Festigkeit gewonnen hatte, die Zeugin zur Ruhe zu mahnen. Zeit und Ort seien nicht angemessen, solchen Empfindungen, so natürlich und begreiflich sie seien, Ausdruck zu geben. Er forderte die Zeugin auf ihm die Eidesformel nachzusprechen. »Im Namen Gottes schwöre ich, die reine Wahrheit zu sagen, nichts zu verschweigen, nichts zu beschönigen, so wahr mir Gott in Ewigkeit helfe!« – ein furchtbares Gelübde, das auch auf den verstocktesten Menschen nicht ohne Eindruck bleibt und selbst den frömmsten tief erschüttert. In Demut und Ehrfurcht vor Gott und seinem Namen erzogen, wurde auch Jeanie durch diese feierliche Anrufung im innersten Herzen ergriffen, zugleich aber über alle irdischen Rücksichten hinweg zu jener heiligen Pflicht empor geführt, der lauteren Wahrheit die Ehre zu geben. Mit leiser, aber deutlicher Stimme wiederholte sie die ihr vorgesprochenen Eidesworte. Dann folgte noch eine kurze Ermahnung des Oberrichters, ausklingend in dem Satze, daß sie für ihre Aussage hier und jenseits verantwortlich sei; dann legte er ihr die üblichen Fragen vor: ob ihr von irgendwem das Zeugnis, das sie ablegen wolle, in den Mund gelegt worden sei? ob ihr von irgendwem eine Belohnung dafür zugesagt worden sei? ob sie gegen den Kronanwalt, dem sie gegenüber stehe, einen Groll im Herzen trage? Sie antwortete auf all diese Fragen mit ruhigem Nein; ihrem Vater aber, der nicht wußte, daß diese Fragen jedem, der schwören soll, vorgelegt werden, bereiteten sie so großes Aergernis, daß er, laut genug, um im Saale gehört zu werden, rief: »Nein, nein! Mein Kind ist doch nicht wie die Witwe von Tokoah! Es hat ihr kein Mensch gesagt, wie sie aussagen soll!« Einer vom Richterkollegium schien im schottischen Gesetzbuche besser bewandert zu sein als in den Büchern Samuelis, denn er wollte auf der Stelle diese Witwe aus Tokoah zitieren lassen in der Annahme, sie stände zu dem Prozesse in gewisser Beziehung; der Lord-Oberrichter aber, besser in der Schrift zu Hause als sein Amtskollege, flüsterte ihm eilig zu, wie es sich um die Witwe verhalte; die kleine Pause indes, die durch dieses Intermezzo entstanden war, hatte wenigstens den einen Nutzen, daß sie Jeanie Deans Zeit verschaffte, sich für die ihr bevorstehende Aufgabe zu sammeln. Der gerichtliche Anwalt der Angeklagten, ein beschlagener Jurist, von dem Argwohn beherrscht, Jeanie erscheine vor Gericht, falsches Zeugnis in der Sache ihrer Schwester abzulegen, begann, um ihr weitere Zeit zur Sammlung zu lassen, mit einigen geringfügigen Fragen über Namen, Stand, Alter, und ging zu dem eigentlichen Zweck des Zeugen-Verhörs erst über, als Jeanie ruhiger geworden war. »Hat die Zeugin,« fragte er, »während der Zeit, die ihre Schwester im Hause der Frau Saddletree gelebt hat, eine Veränderung im Gesundheitszustände derselben wahrgenommen?« – Jeanie antwortete mit Ja. »Die Angeklagte hat der Zeugin vermutlich auch die Ursache davon mitgeteilt?« fragte er weiter. »Ich bedaure,« fiel hier der Kronanwalt, ein, indem er sich von seinem Stuhle erhob, »ich erblicke in dieser Frage das Moment der Irreführung oder Beeinflussung, stelle aber dem Lord-Oberrichter die Entscheidung anheim.« »Wenn hierüber verhandelt werden soll,« erklärte dieser, »so wird es notwendig sein, die Zeugin so lange abtreten zu lassen.« »Ich meine, daß hiervon Umgang genommen werden könne,« sagte der Verteidiger der Angeklagten, »denn ich kann die Frage ja anders an die Zeugin stellen. Haben Sie an Ihre Schwester,« wandte sich der Verteidiger wieder an Jeanie, »als Sie ihr krankhaftes Aussehen wahrnahmen, irgendwelche Frage deshalb gestellt? Fassen Sie sich doch, Zeugin; und geben Sie ruhige Antwort!« »Ich habe sie gefragt, was ihr fehle,« antwortete Jeanie. »Gut. Besinnen Sie sich genau! Was antwortete sie Ihnen?« Jeanie schwieg, Leichenblässe trat auf ihr Gesicht. Nicht, als habe sie auch nur einen Augenblick geschwankt, ob sie der Eidespflicht genügen müsse, oder ob ihr, da es sich um Leben und Sterben der Schwester handelte, eine Ausflucht gestattet sei; aber sie bebte vor dem Gedanken zurück, durch die einzige Antwort, die sie geben durfte, die letzte Hoffnung aus dem Herzen der Schwester reißen zu müssen. »Fassen Sie sich,« wiederholte der Anwalt, »ich frage, was Ihnen Ihre Schwester antwortete, als Sie sich bei ihr über ihr krankhaftes Aussehen erkundigten?« Mit fast erlöschender Stimme gab Jeanie die Antwort. »Nichts!« und doch wurde das Wort gehört bis in der fernsten Ecke des Gerichtssaales, denn ein ehrfürchtiges Schweigen lag über ihm. Dem Anwalt sank der Mut; aber er faßte sich und fragte: »Nichts? Zeugin, Sie meinen im ersten Augenblicke, nicht wahr? Aber als Sie dann in die Schwester drangen, Ihnen zu sagen, wie es sich mit ihr verhalte, da hat sie es Ihnen gesagt? Nicht wahr ?« Er stellte die Frage in einem Tone, der Jeanie die Wichtigkeit ihrer Aussage zu Herzen führen mußte, falls sie sich derselben nicht schon bewußt war. Aber fester und ruhiger als zuvor, und mit geringerem Zögern antwortete Jeanie: »Weh mir! Sie sprach darüber niemals eine Silbe!« Selbst aus der Brust der Richter drang ein schwerer Seufzer; aber schwerer, schmerzlicher noch drang er herauf aus der Brust des bejammernswerten Vaters, in dessen Herzen die geheime Hoffnung nun zerstört war, an die er sich noch immer geklammert hatte, und besinnungslos schlug er auf die Dielen, der entsetzten Tochter vor die Füße. Außer sich, vor Schmerz, rang die Angeklagte mit den beiden Fronen, die ihr als Wache gesetzt waren. »Laßt mich zu meinem Vater! Ich will zu meinem Vater!« schrie sie in ohnmächtiger Wildheit: »ich will zu ihm! ich muß zu ihm! Er ist gestorben durch mich!« Selbst in diesem Augenblicke höchster Seelenangst verlor Jeanie die Herrschaft nicht über sich: »Es ist mein Vater! Es ist unser Vater!« sprach sie sanft zu den Fronen, als sie neben dem bewußtlosen Greise niederkniete und ihm liebevoll die Schläfe rieb. Umflorten Auges gab der Lord-Oberrichter Weisung, Vater und Tochter in ein anstoßendes Zimmer zu führen und ihnen dort alle Fürsorge angedeihen zu lassen. Effie blickte, als der Vater aus dem Saale getragen wurde und die Schwester langsam hinter den beiden Männern herschritt, mit so starren Augen hinter ihnen her, als wollten sie aus ihren Höhlen dringen. Dann aber fand sie in ihrer verzweifelten Situation einen Mut, wie sie ihn noch in keinem Augenblicke der Verhandlung gezeigt hatte. »Jetzt liegt das Schwerste hinter mir,« sagte sie; ihr Busen hob sich, wie von einem Alp befreit; und kühn wandte sie sich zu ihren Richtern mit dem Rufe: »Mylords! Beliebt es Ihnen, die Verhandlung zu Ende zu führen? Der traurigste Tag meines jungen Lebens muß ja endlich auch zu Ende gehen!« Der Lord-Oberrichter, nicht wenig verwundert, sich durch die Angeklagte selbst an die ihm obliegende Pflicht erinnert zu sehen, sammelte sich und stellte dem Anwalt der Angeklagten anheim, weitere Zeugen zu laden, sofern dies in seiner Absicht läge. Der Anwalt erwiderte jedoch, er betrachte seine Aufgabe für erfüllt. Darauf wandte, sich der Kronanwalt an die Geschwornen. Niemand, sagte er, könne von dem schmerzlichen Auftritte, den sie alle erlebt hätten, tiefer erschüttert sein als er; aber es sei eben die unausbleibliche Folge von schweren Verbrechen, daß sie Jammer und Not über alle Angehörigen des daran Schuldigen brächten. Mit kurzen Worten setzte er nochmals auseinander, weshalb die Angeklagte dem Gesetze verfallen sei, und forderte die Geschwornen auf, Anklage und Beweise gewissenhaft und vorurteilsfrei zu prüfen und ihren Spruch dem Wortlaute des Gesetzes gemäß zu sprechen. Hieran schlossen sich mahnende Worte des Lord-Oberrichters, dessen eingedenk zu sein, daß das Gesetz, gegen das die Angeklagte gefehlt habe, von ihren Voreltern erlassen worden sei, um dem beängstigenden Umsichgreifen eines furchtbaren Verbrechens Einhalt zu tun, und daß die Geschworenen verpflichtet seien, aus Rücksicht gegen Regierung und Vaterland sich von Nebenumständen nicht beeinflussen zu lassen. Darauf zogen die Geschworenen sich, unter Vortritt eines Ratsdieners, in das Beratungszimmer zurück. Eine Stunde verstrich. Dann traten sie, langsamen, feierlichen Schrittes, von tiefem Schweigen empfangen, wieder ein, um zu verkünden, daß ihr Spruch gegen Euphemia Deans auf Schuldig laute, daß sie jedoch in Berücksichtigung ihrer Jugend und besonders tragischen Umstände, unter denen sie sich des Verbrechens schuldig gemacht habe, das Richterkollegium ersuchten, sie der königlichen Gnade anzuempfehlen. Der Lord-Oberrichter forderte nunmehr die Angeklagte auf, zur Gerichtstafel heranzutreten und das über sie gefällte Urteil ergeben und demütig zu vernehmen. Sie ertrug den Schluß dieses erschütternden Auftritts mit größerer Fassung, als ihr Verhalten in verschiedenen Phasen desselben hätte erwarten lassen. Der Henker, dem nach schottischen Rechtsbrauche die Verkündigung eines Todesurteils zusteht, wurde von einem Fron hereingeführt und stellte sich der Angeklagten gegenüber auf. Es war ein großer, hagerer Mann, in einer absonderlichen Tracht, halb schwarz, halb grau, mit einer roten Kappe auf dem Kopfe. Alles wich mit instinktmäßiger Scheu vor ihm zurück, denn der Henker gilt in Schottland noch heute als unrein, und zur damaligen Zeit betrachtete sich jeder für entehrt, den auch nur ein Hauch aus seinem Munde getroffen. Gefühllos plärrte er die Worte des Gerichtsschreibers nach, der ihm das Urteil ins Ohr vorsagte: »daß Euphemia Deans in den Kerker zurückzuführen sei, um am Mittwoch über sechs Wochen, zwischen zwei und vier Uhr nachmittags, auf den Richtplatz geführt und an den Galgen gehängt zu werden. Und dies,« so schloß der grause Urteilskünder mit rauher Stimme, »verkündige ich hiermit als Urteil!« Geheimnisvoll wie er gekommen, verschwand der Henker wieder. Unbeweglich stand die Angeklagte vor den Schranken, während er gesprochen hatte; nur als er vor sie hingetreten war, wollten einige gesehen haben, daß sie die Augen schloß. Aber als die schreckliche Gestalt von ihr gewichen war, zeigte sie wieder, wie vorher, als Vater und Tochter aus dem Saale verschwanden, festen Mut. Sie war die erste, die das Schweigen brach, indem sie sich gefaßt an ihre Richter wandte: »Mylords! Möge Gott Ihnen vergeben! Sie handeln nach Ihrer Einsicht, und ich darf nicht murren; denn wenn ich auch mein Kind nicht umgebracht habe, und wenn mich auch keinerlei Schuld an seinem Verschwinden trifft, so trifft mich doch die Schuld am Tode meines armen, armen Vaters! und darum allein verdiene ich das Schlimmste von Gott und den Menschen – Gott aber ist barmherziger gegen uns, als wir es gegen unsre Brüder sind!« Die Verhandlung wurde geschlossen. Die Menge strömte ins Freie, und der ergreifende Auftritt, der sich vor ihr abgespielt, hatte, war bald aus ihrer Erinnerung verwischt. Die Rechtskundigen aus dem Auditorium gingen zu zweit oder dritt und diskutierten, gleichgültig gegen solche Vorgänge, wie Aerzte bei Krankheitsfällen, über die einzelnen Phasen der Verhandlung und über den einschlägigen Gesetzesparagraphen, wie auch über die von den Richtern und Anwälten gehaltenen Reden. Von dem weiblichen Teile des Publikums waren es auch nicht wenige, die sich erbittert gegen den Lord-Oberrichter aussprachen; unter ihnen befanden sich ein paar, mit denen wir schon in einem der ersten Kapitel Bekanntschaft gemacht haben. »Schändlich, mit einem armen Frauenzimmer, das vielleicht gar keine Schuld hat, so umzuspringen und ihm alle Aussicht auf die himmlische Gnade zu rauben!« rief Frau Howden. »Aber, Nachbarin,« erwiderte Jungfer Damahoy, indem sie ihre magere Gestalt zu voller Höhe jungfräulicher Würde reckte, »ich dächte, einmal wär's doch an der Zeit, diesem naturwidrigen Treiben mit den unehelichen Kindern ein Ende zu machen. Man kann ja gar kein Frauenzimmer unter dreißig Jahren mehr ins Haus nehmen, ohne daß einem gleich alle möglichen Kommis und Schreiber die Tür einrennen und Schimpf und Schande auf den Hals hetzen. Mir ist die Geschichte schon lange zu bunt!« »Ei, ich sage immer, Nachbarin, leben und leben lassen! Wir sind auch einmal jung gewesen und müssen, wenn junges Volk zusammenkriecht, nicht immer gleich das Schlimmste denken.« »Jung gewesen?« rief Jungfer Damahoy: »na, ich dächte, aus dem Schneider wäre ich auch noch nicht, Frau Howden, und was das Schlimmste anbetrifft, von dem Sie reden, nun, so kann ich's dem Himmel nicht genug danken, daß er mich vor Gutem wie vor Bösem bewahrt hat.« »Ich dächte, da wären Sie gerade nicht für was Besonderes dankbar,« antwortete, den Kopf zurückwerfend, Frau Howden, »und gar so jung sind Sie doch wohl auch nicht mehr, denn Anno 7, bei der letzten Parlamentssitzung, waren Sie doch schon selbstständige Geschäftsinhaberin.« Herr Plumdamas, der Ritter der beiden kampflustigen Damen, witterte Gefahr und suchte die Gemüter dadurch zu besänftigen, daß er die Unterhaltung auf ihren Ausgangspunkt zurückführte. »Der Lord-Oberrichter,« meinte er, »hat über das Gnadengesuch bei weitem nicht alles gesagt, was er hätte sagen können. Aber die Rechtsleute lieben es nun einmal, mit versteckten Karten zu spielen. Es ist ein gewisses Geheimnis dabei.« »Geheimnis, Nachbar? Was denn für eins?« riefen die beiden Frauenzimmer wie aus einem Munde, denn das Wort Geheimnis wirkte elektrisierend auf ihre Nerven. »Ei, das wird Ihnen der Herr Saddletree am besten auseinandersetzen können! Da kommt er gerade.« Höchst geringschätzig bemerkte Saddletree: »Da wird geschwatzt von häufigem Kindermord. Glauben Sie denn, unsre alten Erbfeinde drüben in England scheren sich was drum, ob wir uns alle zusammen totaliter totschlagen? Daran liegt's nicht, daß das arme Ding nicht pardonniert wird. Die Geschichte hat einen ganz andern Haken, und darüber will ich Euch reinen Wein einschenken. Der König und die Königin haben sich über den Porteous-Krawall so gefuchst, daß sie sich im Leben nicht wieder einfallen, lassen werden, einem Kinde Schottlands Pardon zu geben, und wenn ganz Edinburg am Galgen baumelte.« »König Georg soll seine Perücke aus Wut ins Feuer geschmissen haben,« meinte Jungfer Damahoy. »Das soll er schon bei geringeren Anlässen getan haben,« versetzte Saddletree. »Meinetwegen,« sagte Jungfer Damahoy, »je öfter, desto besser – wenigstens für seinen Perückenmacher.« »Die Königin, heißt's,« bemerkte Plumdamas, »soll aus Wut ihre Haube zerfleddert haben? Ja, Sir Robert Walpole soll mit Fußtritten regaliert worden sein, aus Aerger darüber, daß er den Edinburger Pöbel nicht besser im Zaume hält; aber ich glaube doch nicht, daß sich unser verehrter König so weit vergangen haben sollte!« »Den Herzog von Argyle mißhandeln,« riefen verschiedene in höchster Entrüstung. »Ja, aber Mac Cullamores Blut wird so etwas nicht auf sich sitzen lassen!« riefen andere; »da hätte Andrea Ferrera vergl. den Roman »Der Abt« von Walter Scott. leicht den dritten Mann abgeben können.« »Der Herzog ist ein echter Schotte,« riefen die ersten wieder, »der auf Schottland hält und auf Schottland nichts sitzen läßt!« »Freilich, das trifft zu!« sagte Saddletree, »und wenn Ihr auf ein paar Augenblicke in meinen Laden kommen wollt, will ich's Euch sagen, wie alles zugegangen ist. Ueber so etwas schwatzt man am besten inter parites .« Er schickte den Lehrbuben fort, schloß sein Pult auf und nahm mit selbstgefälliger Miene ein zerknülltes Papier heraus. »Ganz nagelneu,« sagte er, »das könnt' Euch kein Mensch sonst zeigen. Des Herzogs Rede über den Porteous-Rummel wird seit ein paar Tagen in den Straßen von London verkauft. Ein Bekannter von mir hat's im Schloßhofe gefunden, dicht vor der Nase des Königs. Ich hab's mit einem Wechsel, den der Mann prolongiert haben will, in einem Briefe bekommen. Du, Frau, sieh doch einmal nach, wie es damit steht!« Die brave Frau Saddletree war aber dermaßen mit der armen Effie und ihrem Schicksale befaßt gewesen, daß sie sich in den letzten Tagen um die Geschäfte wenig gekümmert hatte. Erst die Worte Wechsel und prolongieren weckten ihre Aufmerksamkeit. Sie nahm den Brief, den Saddletree ihr hinhielt, wischte sich die Augen, setzte sich die Brille auf und suchte sich über den Fall zu informieren, so gut es ihr mit ihren noch von Tränen umflorten Augen möglich war. Nach einer Weile riß sie Saddletree auf die Seite, ihn jäh in dem Vortrage der herzoglichen Rede unterbrechend. »Aber was fällt Dir ein, Mann? Hier stehst Du und schwatzest vom Herzog von Argyle, und dabei will uns der Hasenfuß in London um bare 60 Pfund bringen? Welcher Herzog wird sie uns ersetzen? Mir wär's schon lieber, der Herzog bezahlte, was er selbst schuldig ist. Er steht auch noch mit tausend Pfund Schottisch in der Kreide. Er mag ein ganz gerechter Herr sein, auch einer, mit dem es sich umgehen läßt, aber wie kann ein Mensch von Herzögen, Wechseln undsoweiter faseln, wenn man in der Nebenstube solch arme Leute hat, wie Jeanie Deans mit ihrem Vater? Aber, Nachbarn, verzeiht doch, bitte! Ich will euch ja gar nicht stören. Bloß meinem Manne macht das Gericht noch ganz den Kopf verdreht, das werden wir alle noch erleben!« Sie eilte in die andere Stube, wo Deans mit seiner Tochter einstweilen Unterkunft gefunden hatte, und sah mit Freude, wie sich die Nachbarn langsam aus ihrem Hause entfernten.   Ende des ersten Bandes.