Walter Scott Die Verlobten – Erster Band Roman aus der britischen Vorzeit. Erstes Kapitel. In den Chroniken, woraus diese Geschichte geschöpft wurde, wird uns versichert, daß in dem langen Zeitraume, während dessen die Walliserfürsten um ihre Unabhängigkeit rangen, vor allen anderen sich das Jahr 1187 als günstig für den Frieden zwischen ihnen und ihren fehdelustigen Nachbarn, den »Herren der Marken«, erwiesen habe. Diesen gehörten die mächtigen Burgen an den Grenzen der alten Briten, deren Trümmer noch heute jeder mit Staunen betrachtet, den sein Weg in diese Landstrecken führt. Es war die Zeit, da Balduin, Erzbischof von Canterbury, in Gemeinschaft mit Giraldus de Barri, Bischof von St.-David, von Burg zu Burg, von Ort zu Ort zum Kreuzzuge nach dem heiligen Grabe rief. Die britischen Häuptlinge hätten freilich unter all den Völkern, die von diesem fanatischen Prediger für solch gefahrvolle Unternehmung in so ferne Lande geworben wurden, gewiß die beste Ursache, sich fernzuhalten, gehabt, und zwar eben in ihren ständigen Grenzfehden mit den normannischen Rittern, die im Jahre 1066 unter Wilhelm dem Eroberer sich in ihren alten Gebieten festgesetzt hatten und sie durch fortgesetzte Raubzüge jahrhundertelang drangsalierten, ihnen ein Stück Land nach dem andern entrissen und dort Burgen über Burgen bauten, um das Gewonnene festzuhalten. Wohl vergalten es ihnen die Briten durch grimmige Gegeneinfälle, die sich den Wogen der rückstauenden Flut vergleichen ließen, rasend und tosend, vernichtend und zerstörend sich über ihr verlorenes Eigentum ergossen, aber bei jedem Rückprall ihren Feinden neuen Boden in den Fäusten ließen; denn die Einigkeit unter den Britenkönigen hielt nie lange stand. Kaum waren sie aus einem Krieg gegen den gemeinsamen Landesfeind heimgekehrt, so verfielen sie wieder in ihre Stammesfehden, die sie mit nicht schärferer Erbitterung führten. Ein Kreuzzug war aber für ein Volk von so kampflustigem Temperament so verlockend, daß sich viele seiner Ritter, ohne auf die Folgen für ihr eigenes Land, das sie von Verteidigern entblößten, Rücksicht zu nehmen, zur Heerfolge verpflichteten und unter Balduins Banner stellten. Zu ihnen gehörte Gwenwyn, noch immer Herr über einen großen Teil des Powy-Landes, trotzdem sich die Geschlechter der Mortimer, Quarine, Latimer, Fitz-Allan und andere normännische Edle unausgesetzt bemühten, ihn gleich seinen Nachbarn zu unterjochen, und trotzdem es ihnen unter allerhand Vorwänden bereits gelungen war, große Strecken dieser einst ausgedehnten, unabhängigen Herrschaft abzulösen und an sich zu bringen, die, als Wales zu seinem Unglück nach Roderik Mawrs Ableben in drei Teile zerstückelt wurde, seinem jüngsten Sohne Mervyn anheimfiel. Gwenwyn, der grimme Abkömmling dieses alten Fürstengeschlechts, war der Liebling der ganzen Walliser Ritterschaft, und sein Name allein führte Scharen derselben dem Kreuzzuge zu. Als die Zugbrücke seiner Burg hinter ihm niederfiel, entging es seinem treuen Barden Cadwallon freilich nicht, daß er unwillkürlich zusammenschauderte; dem erfahrenen Ritter, der den Charakter seines Herrn so genau kannte, war es keine Minute zweifelhaft, daß sich Befürchtungen in ihm regten, seine Feinde möchten in seiner Abwesenheit, um sich endlich seines Landes zu bemächtigen, selbst vor einem Treubruch nicht zurückschrecken. Beim Abschiedsessen, das er seiner Ritterschaft gab, hatte Gwenwyn zum erstenmale Eveline Berenger gesehen, das einzige Kind des normannischen Schloßherrn von Garde Douloureuse, die Erbin von dessen Landgütern und sonstigem Vermögen, ein Mädchen von erst sechzehn Jahren, das aber als das schönste Fräulein in der Walliser Gemarkung galt. Mancher Speer war schon um ihretwillen gebrochen worden, und der ritterliche Hugo de Lacy, Connetable von Chester, einer der gefürchtetsten Kriegshelden jener Zeit, hatte zu ihren Füßen den Ehrenpreis niedergelegt, den er in einem großen Turniere gewann, das bei der alten Stadt Chester gehalten worden war. Gwenwyn hatte ihr Anblick so berauscht, daß er trotz der langen Feindschaft, in der er mit ihrem Vater lebte, trotz allem Haß zwischen Briten und Normannen, und trotzdem er sich sagen mußte, daß seine Parteigänger in solcher Werbung einen Abfall von ihrer Sache erblicken durften, den Gedanken um sie zu freien, nicht los wurde. Daß er vom Vater des Mädchens, mit dem er jahrelang in Blutfehde lag, abgewiesen werden könnte, damit rechnete er keinen Augenblick, da er als Herrscher über hundert Berge nur den Mund aufzutun brauche, um den »normännischen Kastellan«, dessen Rang unter dem Grenzadel nicht einmal die erste Stelle behauptete, zum Glücklichsten aller Sterblichen zu machen, wenn er um die Hand seiner Tochter anhielte. Freilich gab es noch ein anderes Hindernis, das zu spätern Zeiten von großem Gewicht gewesen wäre – Gwenwyn war schon verheiratet. Aber Brengwain, sein Weib, war kinderlos, und regierende Herren – zu denen sich Gwenwyn ja rechnete – vermählen sich doch zu dem Zwecke, Nachkommen zu erhalten; mithin ließ sich wohl annehmen, daß der Papst keine Bedenken haben würde, sich durch einen Scheidespruch einem Fürsten verbindlich zu zeigen, der mit so großem Eifer das Kreuz genommen hatte. Von solcher Absicht erfüllt, verlängerte Gwenwyn seinen Aufenthalt in Berengers Burg von Weihnachten bis zum Heiligen Drei-Königstage und fügte sich in die Gegenwart der normännischen Edlen, die zu den gastlichen Hallen Raymonds gehörten und sich durch ihren Rang als Ritter den mächtigsten Regenten gleichgestellt wähnten, daher sich auch wenig aus der uralten Abkunft des Walliser Fürsten machten, der in ihren Augen nur der Häuptling einer halb barbarischen Provinz war. Er hingegen achtete sie kaum höher als eine Art privilegierter Räuber, und nur mit der größten Anstrengung hielt er sich zurück, seinen Haß offen zu zeigen, wenn er sie bei ihren ritterlichen Uebungen daher sprengen sah, da eben diese beständigen Uebungen sie zu so furchtbaren Feinden seines Vaterlandes machten. Endlich war die Zeit der Festlichkeiten vorbei; Ritter und Knappen verließen das Schloß, das nun wieder das Aeußere einer einsamen, wohlbewachten Burg annahm. Aber der Fürst von Powy-Land, während er der Jagd in seinen eigenen Bergen und Tälern oblag, fand nur zu bald, daß weder die größere Menge des Wildes noch die Erlösung von dem Untergange der normannischen Ritterschaft, die es sich herausnahm, ihn als ihresgleichen zu betrachten, ihm nichts wäre, da die leichte und schöne Gestalt Evelinens auf ihrem weißen Zelter aus dem Zuge der Jäger verwiesen war. Kurz, er zögerte nicht länger, zog seinen Kaplan ins Geheimnis, einen geschickten und verschlagenen Mann, dessen Stolz durch die Mitteilung seines Patrons sich geschmeichelt fand, und nebenbei in der ihm vorgelegten Sache irgend einen zufälligen Vorteil für sich und seinen Orden finden konnte. Nach seinem Rate wurden die Schritte zur Scheidung Gwenwyns unter günstigen Aussichten getan, und die unglückliche Brengwain wurde in ein Nonnenkloster gesteckt, das ihr vielleicht eine freundlichere Wohnung erschien als die einsame Abgeschiedenheit, in welcher sie vernachlässigt ihre Tage zugebracht hatte, seitdem Gwenwyn der Hoffnung entsagt hatte, Erben von ihr zu sehen. Auch mit den Häuptern und Aeltesten des Landes unterhandelte Pater Hugo und stellte ihnen die Vorteile vor, welche in künftigen Kriegen durch den Besitz von Garde Doloureuse ihnen gewiß wären, welches seit länger als einem Jahrhundert einen bedeutenden Landesstrich gedeckt und geschützt hatte, ihr Vorrücken erschwert, ihren Rückzug gefährlich gemacht, mit einem Worte sie verhindert hatte, bis an die Zone von Shrewsbury vorzudringen. Was die Verbindung mit dem sächsischen Fräulein selbst anbeträfe, möchten diese Fesseln (gab der Pater mit zu verstehen) nicht fester sein als die, welche Gwenwyn an ihre Vorgängerin geknüpft hätten. Diese Gründe, vermischt mit andern, den Absichten und Wünschen der verschiedenen Individuen angemessen, waren so siegreich, daß der Kaplan in Zeit von wenigen Wochen imstande war, seinem fürstlichen Patron zu berichten, daß seine Verbindung keinen Widerspruch von den Aeltesten und Edlen seiner Besitzungen zu befürchten habe. Ein goldnes Armband, sechs Unzen schwer, war auf der Stelle die Belohnung für des Priesters Geschicklichkeit und Unterhandlungen, und Gwenwyn trug ihm auch auf, solche Vorschläge zu Papier zu bringen, welche, wie er nicht zweifelte, die Burg von Garde Doloureuse, trotz ihres melancholischen Namens, in einen Freudentaumel versetzen würden. Mit einiger Schwierigkeit gelang es dem Kaplan über seinen Patron, daß nichts in diesem Briefe von dem einstmaligen Plan eines Konkubinats gesagt wurde, welches, wie er weise urteilte, von Evelinen und ihrem Vater als eine Beleidigung angesehen werden möchte. Die Scheidung selbst stellte er als fast gänzlich abgemacht vor und schmückte noch den Brief mit einer moralischen Nutzanwendung aus, in welcher viele Anspielungen auf Vasthi, Esther und Ahasverus vorkamen. Nachdem der britische Fürst diesen Brief mit einem schnellen und zuverlässigen Boten abgeschickt hatte, eröffnete er mit aller Feierlichkeit das Osterfest, welches während dieser äußern und innern Unterhandlungen herangekommen war. Die Gemüter seiner Untertanen sich günstig zu stimmen, wurden sie gegen die Zeit des Festes in großer Anzahl eingeladen, an einer fürstlichen Festlichkeit teilzunehmen, in Castel Coch oder dem Roten Kastell, wie es damals genannt wurde, seitdem mehr gekannt unter dem Namen von Powys Castle, späterhin der fürstliche Sitz des Herzogs von Beaufort. Die architektonische Pracht dieses edlen Wohnsitzes war ein Werk viel späterer Zeit als der Gwenwyns, dessen Palast in dem Zeitraume, von welchem wir reden, in einem langen Gebäude bestand mit niedrigem Dache, von roten Steinen aufgeführt, woher der Name des Schlosses entstand. Ein Graben und Palisaden waren, nächst der festen erhabenen Lage, die wichtigsten Deckungen desselben. Zweites Kapitel. Die Feste der alten britischen Fürsten zeigten gewöhnlich all den rohen Glanz und die freigebige Fülle der Gastfreiheit unter den Gebirgsbewohnern, und Gwenwyn war bei dieser Gelegenheit recht ängstlich bemüht, sich selbst durch eine ganz ungewöhnliche Verschwendung Popularität zu verschaffen. Denn er fühlte nur zu gut, daß die Verbindung, welche er vorhatte, von seinen Untertanen und Anhängern, wenn geduldet, doch nicht gebilligt werden möchte. Der folgende, an sich geringfügige Umstand bestätigte seine Befürchtungen. Als er eines Abends, als es beinahe schon finster war, vor den offenen Fenstern einer Wachstube vorbeiging, in welcher sich einige seiner besten Krieger, die sich in der Bewachung des Palastes ablösten, gewöhnlich aufhielten, hörte er, wie Morgan durch Stärke, Mut und Wildheit ausgezeichnet, vor dem Wachfeuer sitzend, zu seinem Kameraden sagte: »Gwenwyn ist zum Pfaffen oder Weibe geworden; wann war, außer diesen letzten drei Monaten, einer seiner Leute genötigt, das Fleisch von den Knochen rein zu nagen, wie ich es hier mit den Bissen in meiner Hand tun muß?« »Warte nur noch ein wenig,« erwiderte sein Kamerad, »bis die normannische Heirat zustande gekommen. So schmal wird dann die Beute sein, die wir von den sächsischen Bauernkerlen auftreiben werden, daß wir schon zufrieden sein werden, wie hungrige Hunde die Knochen selbst zu verschlingen.« Mehr vernahm Gwenwyn von ihrem Gespräche nicht; aber dies war genug, seinen Stolz als Krieger, seinen Argwohn als Fürst zu erregen. Er wußte, daß das Volk, welches er beherrschte, zugleich wankelmütig in seiner Zuneigung, ungeduldig bei langer Ruhe, und voll von Haß gegen die Nachbarn war, und er fürchtete gar sehr die Folgen der Untätigkeit, welche ein langer Waffenstillstand veranlassen mußte. Bei alledem war das Wagestück begonnen, und so schien denn eine mehr als gewöhnliche Gastfreiheit der beste Weg zu sein, die wankende Liebe seiner Untertanen zu gewinnen. Ein Normanne würde die barbarische Pracht eines Gastmahls verachtet haben, welches aus unzerlegt gebratenen Kühen und Schafen, aus dem in der Tiere eigenem Felle gesottenem Fleisch von Ziegen und Wildbret bestand. Die Normänner hielten mehr auf die Beschaffenheit als auf die Menge ihrer Speisen, und lieber delikat als überladen essend, spotteten sie des gröbern Geschmacks der Briten, obwohl diese bei ihren Banketten weit mäßiger waren als die Sachsen. Ebensowenig konnten sich die Ströme von Erw und Met, welche gleich einer Sündflut die Gäste überschwemmten, nach ihrer Ansicht mit dem feinern und kostbarern Getränke vergleichen lassen, das sie im Süden Europas lieb gewonnen hatten. Milch, auf verschiedene Weise zubereitet, bot einen andern Teil der Erfrischungen dar, welches nicht der Normannen Beifall erhalten hatte, obwohl dieses Nahrungsmittel unter den alten Briten den Mangel aller andern zu ersetzen pflegte, deren Land reich an Schaf- und Rinderherden, aber arm an Erzeugnissen des Ackerbaues war. Die Tafel war in einer langen, niedrigen Halle errichtet, von unbearbeitetem Holze erbaut und mit Schindeln bedeckt. Ein großes Feuer brannte an jedem Ende, wovon der Rauch, unvermögend, durch die unvollkommenen Oeffnungen im Dach einen Ausgang zu finden, wie aufgetürmte Wolken über die Häupter der Schmauser sich wälzte, die absichtlich, den erstickenden Dämpfen zu entgehen, auf niedrigen Sitzen saßen. Gebärde und das Aeußere der hier Versammelten waren wild, und selbst in der geselligen Stunde sehr schreckhaft. Ihr Fürst selbst hatte die gigantische Haltung und das stolze Auge, geeignet, ein ungeregeltes Volk zu beherrschen, das seine Freude nur auf dem Schlachtfelde findet. Der lange Schnurrbart, welchen er und die meisten seiner Kämpen trugen, vermehrte die furchtbare Würde seiner Gegenwart. Gleich den meisten der Gegenwärtigen war Gwenwyn in eine einfache Tunika von weißem leinenen Zeuge gekleidet, ein Ueberbleibsel der Tracht, welche die Römer in die britische Provinz einführten; ihn zeichnete nur die Gudorchawa aus, eine Kette von ineinander geflochtenen goldenen Ringen, womit die keltischen Stämme Die Briten gehörten ursprünglich zu dem großen keltischen Volksstamme des nordwestlichen Europa. ihre Häuptlinge schmückten. Dieser Halsschmuck fand nun zwar auch unter den Häuptlingen geringeren Standes statt, mehrere von ihnen trugen ihn vermöge ihrer Geburt oder hatten ihn durch Kriegstaten erworben; aber ein goldener Ring, der sich um das Haupt wand, schimmerte durch Gwenwyns Haar, denn er behauptete noch immer seine Ansprüche auf den Rang eines der drei gekrönten Fürsten, und seine Arm- und Knöchelbänder, von demselben Metall, waren dem Prinzen von Powys als einem unabhängigen Regenten eigen. Zwei Schildknappen, welche seinem Dienste ihre ganze Aufmerksamkeit widmeten, standen hinter dem Fürsten; zu seinen Füßen stand ein Page, dessen Geschäft es war, sie durch Reiben und Einhüllen in seinem Mantel warm zu erhalten. Eben das oberherrliche Recht, welches Gwenwyn das goldene Diadem zugestand, befugte ihn zum Gebrauch eines solchen Fußwächters oder eines solchen jungen Menschen, der auf der Matte lag, und das Geschäft hatte, in seinem Schoß oder Busen des Fürsten Füße zu wärmen. Ungeachtet der beständigen kriegerischen Stellung der Gäste gegeneinander und der Gefahr, welche die vielen unter ihnen obwaltenden Fehden herbeiführen konnten, trugen wenige der Gäste eine Verteidigungswaffe, den leichten, ziegenledernen Schild ausgenommen, welcher hinter dem Sitz eines jeden hing. Doch waren sie auf der andern Seite mit einem Vorrat von Angriffswaffen wohl versehen; das breite, scharfe, kurze, zweischneidige Schwert war ebenfalls ein Vermächtnis der Römer; viele fügten noch ein Jagdmesser oder einen Dolch hinzu. Auch gab es da eine Menge von Wurfspießen aller Art, Bogen und Pfeilen, Piken und Hellebarden, dänische Aexte und Walliser krumme Aexte und Messer, so daß, wenn während des Mahles böses Blut entstand, es nicht an Waffen gebrach, Unheil anzurichten. Wiewohl nun das Aeußere des Festes ein wenig unordentlich aussah, und die Schmauser nicht durch die strengen Regeln der guten Lebensart, welche die Gesetze des Rittertums auflegten, in Zaum gehalten wurden, so besaß doch das Osterbankett Gwenwyns durch die Anwesenheit von zwölf der ausgezeichnetsten Barden eine Quelle des edelsten Vergnügens, in einem weit höheren Grade, als die stolzen Normannen sich rühmen konnten. Wahr ist's, auch sie hatten ihre Minstrels, eine Klasse von Menschen, die zur Betreibung der Poesie des Gesanges und der Musik ganz eigentlich gebildet waren. Obgleich aber diese Kunst hoch geehrt war, und einzelne dieser Künstler, wenn sie zu einer ausgezeichneten Höhe gelangten, oft reichlich belohnt wurden, so ward doch der Stand des Minstrels als ein solcher sehr gering geachtet, da die, welche dazu gehörten, sehr unwürdige liederliche Herumtreiber waren, die sich dieser Kunst gewidmet hatten, sich dem Zwange der Arbeit zu entziehen und Mittel zu haben, ein wanderndes, herumschweifendes Leben zu führen. So hat man von jeher über den Beruf derer geurteilt, welche sich dem öffentlichen Vergnügen widmen; die wenigen, welche sich unter ihnen durch eine persönliche Vortrefflichkeit auszeichnen, werden zuweilen in der Gesellschaft sehr hochgestellt, während die Mehrzahl dieser Künstler auf die niedrigste Stufe hinabgesunken bleiben. Aber dieses war nicht der Fall mit dem Orden der Barden in Wales, welche, Druiden in ihrer Würde folgend, unter welchen sie ursprünglich eine untergeordnete Brüderschaft bildeten, manche Gerechtsame besaßen, der höchsten Achtung und Ehrerbietung genossen und einen großen Einfluß auf ihre Landsleute ausübten, Ihre Gewalt über die öffentliche Meinung wetteiferte selbst mit der der Priester, mit welchem sie in der Tat einige Aehnlichkeit hatten; denn nie trugen sie Waffen, sie wurden in ihren Orden durch geheime mystische Feierlichkeiten eingeweiht, und Ehrfurcht wurde ihrem »Awen« oder dem Strome ihrer poetischen Begeisterung dargebracht, als ob wirklich etwas Göttliches in derselben wäre. So im Besitz der Macht und des Einflusses, fehlte es auch nie den Barden an Willen, ihre Vorrechte auszuüben, und oft hatte ihre Art und Weise, es zu tun, das Gepräge des grillenhaftesten Eigensinnes. Dies war vielleicht bei Cadwallon, dem vornehmsten Barden Gwenwyns, der Fall, von welchem man es doch hätte erwarten sollen, daß er in der gastlichen Halle seines Fürsten vorzüglich den Strom des Gesanges dahin fließen lasse. Aber weder die bange, atemlose gespannte Erwartung der versammelten Häuptlinge und Ritter, – weder die Totenstille, welche die lärmende Halle verstummen ließ, als die Harfe ehrerbietig von seinem Diener vor ihm gestellt ward, ja weder die Befehle noch die Bitte des Fürsten selbst – vermochten Cadwallon, mehr als ein kurzes und abgebrochenes Vorspiel auf dem Instrumente abzuschwingen, dessen Töne sich von selbst in eine unaussprechlich traurige Weisen fügten, und dann hinabstarben in tiefes Schweigen, Finster blickte der Fürst auf den Barden hin, der selbst zu tief in düstere Gedanken versunken war, um irgend eine Entschuldigung hervorzubringen, ja nur dessen Unwillen zu merken. Von neuem entlockte Cadwallon einige wilde Töne, und den Blick aufwärts richtend, schien er nun recht im Begriff, in einen Strom des Gesanges auszubrechen, ähnlich denen, mit welchem die Meister in seiner Kunst gewöhnt waren, die Zuhörer zu bezaubern: aber umsonst war seine Anstrengung; er erklärte, seine rechte Hand sei gelähmt, und stieß das Instrument von sich. Ein Murmeln ging durch die Versammlung; Gwenwyn las es in ihren Gesichtern, daß sie das ungewöhnliche Stillschweigen Cadwallons bei dieser hochwichtigen Gelegenheit für eine böse Vorbedeutung hielten. Er rief einen jungen und ehrgeizigen Barden, Caradox von Menwygent, dessen immer steigender Ruf ihn bald schon mit dem gegründeten Ruf Cadwallons gleichzustellen schien, und forderte ihn auf, einen Gesang anzustimmen, welcher ihm den Beifall seines Herrn und den Dank der Gesellschaft erwerbe. Der junge Mann war ehrgeizig und in der Kunst eines Höflings wohl bewandert; er begann ein Gedicht, in welchem er, unter erdichtetem Namen, ein hochpoetisches Gemälde von Evelinen von Berenger entwarf, daß Gwenwyn ganz davon hingerissen ward; und während alle die, welche das schöne Original gesehen hatten, sogleich die Ähnlichkeit erkannten, sprachen die Augen des Fürsten sowohl seine Leidenschaft für den Gegenstand als seine Bewunderung des Dichters aus. Die Bilder der keltischen Dichtkunst, schon selbst voll hoher Phantasie, genügten kaum dem ehrgeizigen Enthusiasmus des ehrgeizigen Barden, der immer höher stieg, je mehr er die Gefühle bemerkte, welche er erregte. Das Lob des Fürsten vermischte sich mit dem Lobe der normannischen Schönheit, »und,« sang der Dichter, »wie der Löwe sich nur leiten läßt von der Hand einer keuschen und schönen Jungfrau, so kann ein Fürst nur die Herrschaft der tugendhaftesten und liebenswürdigsten ihres Geschlechts über sich erkennen. Wer fragt die Mittagssonne, in welcher Gegend der Welt sie geboren ist? Und wie sollte man solche Reize, wie die ihrigen, befragen, welchem Lande sie ihre Geburt verdanken.?« Begeistert für das Vergnügen wie für den Krieg und mit einer Einbildungskraft begabt, welche dem Anklange ihrer Dichter so leicht entgegenkam, vereinten sich alle welschen Häupter und Führer in lauten Beifallsrufen; und rascher gelang es dem Gesange des Barden, die geplante Verbindung des Fürsten dem Volke gefällig zu machen, als alle ernstern Gründe des geistlichen Unterhändlers bewirkt hatten. Im Uebermaß des Vergnügens riß Gwenwyn seine goldne Armbänder ab, um sie einem Barden zu erteilen, dessen Gesang eine so ernst erwünschte Wirkung gehabt hatte, und sprach, auf den schweigenden, finstern Cadwallon blickend: »die schweigende Harfe ward nie mit goldenen Saiten bezogen,« »Fürst,« entgegnete der Barde, dessen Stolz mindestens dem Gwenwyns gleichkam: »Ihr verdreht das Sprichwort des Talissin – die schmeichelnde Harfe ist es, der es nie an goldenen Saiten mangelt.« Sich mit strengem Blick gegen ihn wendend, war Gwenwyn eben im Begriff, ihm eine zornige Antwort zu geben, als die plötzliche Erscheinung Jorworths, des Boten, den er an Raymond geschickt hatte, ihn zurückhielt. Dieser rohe Abgesandte trat in die Halle, mit bloßen Beinen, nur Sandalen von Ziegenleder an den Füßen, einen Mantel von gleichen Fellen über der Schulter, und einen kurzen Wurfspieß in seiner Hand. Der Staub auf seiner Kleidung und die Glut im Gesichte zeigten, mit welcher hastigen Eile er seinen Auftrag ausgeführt hatte, Gwenwyn fragte ihn begierig: »Was für Nachrichten von Garde Doloureuse, Jorworth ap Jevan?« »Ich trage sie in meinem Busen,« sagte der Sohn des Jevan, und mit einer tiefen Verbeugung übergab er dem Fürsten ein Päckchen, welches mit Seide zugebunden war und mit einem Siegel, worauf ein Schwan zu sehen als altes Anzeichen des Hauses von Berenger, Gwenwyn, selbst des Schreibens und Lesens unkundig, reichte mit ängstlicher Eile den Brief Cadwallon, welcher gewöhnlich den Sekretär machte, wenn der Kaplan, wie jetzt eben, nicht gegenwärtig war, Cadwallon sah auf den Brief und entgegnete kurz: »Ich lese kein Latein! – Schlecht gehe es dem Normann, der an einen Fürsten von Powys in einer andern Sprache als in der der Briten schreibt. Das war wohl eine glückliche Zeit, als diese allein von Tintadgel bis Cairloil gesprochen wurde!« Gwenwyn antwortete nur mit einem zornigen Blicke. »Wo ist Pater Hugo?« fragte der ungeduldige Fürst. »Er hat den Dienst in der Kirche,« sagte einer der Dienenden, »denn es ist das Fest des heiligen –« »Und wäre es das Fest des heiligen Davids selbst,« sagte Gwenwyn, »und wäre die Monstranz in seiner Hand, er muß hierherkommen, augenblicklich!« Einer der ersten Diener sprang auf, ihn herbeizurufen. Gwenwyn heftete indessen die Augen auf den Brief, welcher das Geheimnis seines Schicksals enthielt und nur eines Dolmetschers bedurfte, so sehnsüchtig und begierig, daß Caradoc, von dem früheren Erfolg ermutigt, einige wenige Akkorde dazwischenwarf, um womöglich seines Gebieters Gedanken in der Zwischenzeit zu beschäftigen. Eine leichte und heitere Weise, mit einer scheinbar zitternden Hand den Saiten entlockt, wie die demütige Stimme einer Untergebenen fürchtet, des Herrn Gedanken zu unterbrechen, begleitete einige wenige auf den Gegenstand sich beziehende Stanzen. »Was ist es, o Blatt?« so sang er, die Worte an den Brief richtend, der auf dem Tisch vor seinem Gebieter lag, »daß Du in der Sprache der Fremden sprichst? Hat nicht der Kukuck einen rauhen Ton, und doch kündet er uns die grünenden Knospen und die hervorsprossenden Blumen? Wie? Ist auch Deine Sprache die des Priesters in der Stola, ist es nicht auch dieselbe, welche Herzen und Hände zusammenknüpft vor dem Altar? Und wie? Obwohl Du zögerst, Deine Schätze mitzuteilen, werden nicht alle Freuden am süßesten erhöht durch die Erwartung? Was wäre die Jagd, wenn das Tier zu unsern Füßen niederstürzt in dem Augenblick, da es von seinem Lager aufgeschreckt wird? Oder welchen Wert hätte die Liebe der Jungfrau, wäre sie ohne schüchterne Zögerung gewährt?« Der Gesang des Barden wurde hier durch den Eintritt des Priesters unterbrochen, der, in Eile, dem Befehle seines ungeduldigen Herrn nachzukommen, sich nicht einmal Zeit gelassen hatte, die Stola abzulegen, welche er beim Gottesdienst getragen hatte; und viele der Aeltesten sahen es nicht für ein gutes Zeichen an, daß ein Priester in diesem Gewand bei einem Festgelage und unter weltlicher Sängerschaft erscheinen mußte. Der Geistliche öffnete den Brief des normannischen Barons, und höchst erstaunt über den Inhalt, hob er den Kopf schweigend empor. »Leset ihn!« rief der ungestüme Gwenwyn. »Wenn es Euch gefällt,« erwiderte der vorsichtige Kaplan, »es wäre wohl schicklich, keinen Kreis von Zuhörern zu haben.« »Leset ihn laut,« rief der Fürst in gesteigertem Tone, »hier sitzt keiner, der nicht die Ehre seines Fürsten achtet oder der nicht sein Vertrauen verdient. Leset ihn, sage ich, laut! und beim heiligen David, wenn Raymond der Normann es gewagt hat« – Er brach kurz ab, und auf seinen Sitz sich zurücklehnend, warf er sich in eine aufmerksame Stellung; leicht aber konnten seine Anhänger den Ausruf vollenden, den seine Klugheit abgebrochen hatte. Die Stimme des Kaplans ward leise und unsicher, als er den folgenden Brief las: »Raymond Berenger, der edle normannische Ritter, Seneschall von den Garde Doloureuse, sendet an Gwenwyn, Fürsten von Powys (möge Frieden zwischen ihnen sein!) Glück und Heil! Euer Brief, welcher die Hand meiner Tochter Eveline erbittet, ward uns wohlbehalten durch Euren Diener Jorworth ap Jevan überliefert, und wir sind Euch herzlich verbunden für die guten Gesinnungen, welche darin gegen uns und die Unsrigen an den Tag gelegt sind. Aber bei uns die Verschiedenheit des Bluts und der Abkunft, verbunden mit den Hindernissen und dem Unheil, das oft schon in dergleichen Fällen entstanden ist, erwägend, halten wir es für geratener, unsere Tochter mit einem Gatten ihres Volkes zu vermählen. Dieses soll aber auf keinen Fall eine Beleidigung für Euch sein, sondern nur allein zu Eurem Wohl, dem unsrigen, und unsrer Umgebung dienen, welche um desto sichrer vor der Gefahr eines Zwistes, unter uns sein werden, wenn wir nicht versuchen, die Bande unserer Freundschaft enger zu ziehen, als es sich geziemt. Schafe und Ziegen weiden zusammen in Frieden auf gleicher Weide; aber sie vermischen sich nicht an Blut und Geschlecht miteinander. Überdies ist unsrer Tochter Eveline Hand von einem edlen und mächtigen Lord der Marken, Hugo de Lacy, Connetable von Chester, begehrt worden, dessen ehrenvoller Werbung wir eine günstige Antwort erteilt haben. Demnach ist es uns unmöglich, Euch das Geschenk zu gewähren, um welches Ihr uns ersucht; sonst aber sollt Ihr uns zu allen Zeiten, bei andern Veranlassungen, willig finden, Euch gefällig zu sein. Des nehmen wir zu Zeugen Gott und die heilige Jungfrau, und St. Maria Magdalene zu Quotford, deren Schutze wir Euch von Herzen empfehlen. Geschrieben auf unsern Befehl in unsrem Schlosse von Garde Doloureuse, in den Marken von Wales durch einen wohlehrwürdigen Geistlichen, den Vater Aldrovand, schwarzen Mönch aus dem Kloster von Wenlock; welchem wir unser Siegel beigefügt haben, am heiligen Abend des gesegneten Märtyrers St. Alphegius, welchem sei Ruhm und Ehre!« Die Stimme des Paters Hugo stockte, und das Blatt, das er in seiner Hand hielt, zitterte, als er am Schlusse des Briefes war, denn wohl wußte er, daß viel geringere Beleidigungen, als das kleinste Wort in diesem Briefe Gwenwyn erscheinen mußte, sicher jeden Tropfen seines britischen Blutes in die heftigste Bewegung setzten. Auch unterblieb das nicht. Der Fürst hatte sich nach und nach aus der ruhenden Stellung aufgerichtet, in welcher er den Brief anhören mußte; aber als er zu Ende war, sprang er auf die Füße wie ein aufgeschreckter Löwe und schleuderte im Aufstehen den Fußträger von sich, daß er weit auf den Boden hinrollte. »Pfaffe!« sagte er, »hast Du die verfluchte Schrift treu gelesen? Denn hast Du nur ein Wort, einen Buchstaben hinzugesetzt oder abgenommen, so will ich Deine Augen so handhaben, daß sie nie mehr einen Brief lesen sollen!« Der Mönch antwortete zitternd, denn er wußte wohl, daß die geistliche Würde nicht allgemein von den leicht zu reizenden Walisern geachtet wurde: Bei dem Eide meines Ordens, mächtiger Fürst, ich las Wort für Wort, Buchstabe für Buchstabe.« Stille ward es auf einen Augenblick, während die Wut Gwenwyns über diesen unerwarteten Schimpf, ihm angetan in der Gegenwart aller seiner Uckelwyr , zu stark für jeden Ausdruck schien; da ward das Stillschweigen durch einige wenige Klänge von der bisher stummen Harfe Cadwallons unterbrochen. Der Fürst blickte anfangs um sich her, unwillig über die Unterbrechung; denn er war eben im Begriff, zu sprechen. Aber als er sah, wie der Barde mit einer Art von Begeisterung sich über seine Harfe hinneigte, und mit beispielloser Kunst die wildesten und zugleich die erhabensten Töne in einen Eingang verflocht, ward er selbst ein Zuhörer statt Sprecher, Cadwallon, nicht der Fürst, schien jetzt ein Mittelpunkt der Versammlung zu sein, auf den aller Augen gerichtet waren, zu dem jedes Ohr mit atemloser Aufmerksamkeit sich wandte, als ob seine Saiten Aussprüche eines Orakels wären. »Wir knüpfen nicht Ehen mit Fremden,« so entströmte der Gesang den Lippen des Dichters, »Vortiger Durch die Ehe dieses Häuptlings der Briten mit der Tochter des Angelsachsen Hengist oder Horst sollen diese beiden Brüder im Jahre 449 zuerst festen Fuß in Britannien gefaßt haben. schloß die Ehe mit der Fremden; da kam das erste Wehe über Britannien und ein Schwert über seine Edlen und ein Donnerkeil über seinen Palast. Wir vermählen uns nicht mit den Sklaven gewordenen Sachsen der freiförstliche Hirsch sucht sich nicht zur Braut auf die Färse, deren Nacken das Joch getragen hat. Wir vermählen uns nicht mit den räuberischen Normannen – der edele Hund verschmäht es, sich eine Gefährtin aus der Herde gefräßiger Wölfe zu suchen. Seit wann hörte man, daß die Kymerier, die Abkömmlinge des Brute , die echten Kinder des Bodens vom schönen Britannien, geplündert, unterdrückt, ihres Geburtsrechtes beraubt und selbst in ihren letzten Zufluchtsorten beschimpft wurden? Wann, als weil sie ihre Hand freundlich dem Fremden reichten, und die Tochter des Sachsen an ihre Brust schlossen? – Welches von beiden fürchtet man? Das leere Wasserbette im Sommer oder die Tiefe des wild hinstürzenden Winterstroms? Ein Mädchen belächelt den versiegten Sommerbach, indem sie hinüberspringt; aber Roß und Reiter scheuen sich, dem Strom der Winterflut entgegenzuringen. Die Männer von Monthraval und Powys sind die gefürchtete Flut des Winters! Gwenwyn, Sohn des Cyverliok! Dein Federbusch sei die erste ihrer Wogen.« Alle Gedanken an Frieden, Gedanken, welche an sich dem Herzen der kriegerischen Briten fremde waren, verschwanden vor dem Gesänge Cadwallons wie der Staub vor dem Wirbelwind, und mit einstimmigem Aufruf beschloß die Versammlung augenblicklichen Krieg. Der Fürst aber selbst sprach nicht, sondern sah stolz um sich her, streckte weit seinen Arm aus, als einer, der seine Scharen zum Angriffe treibt. Der Priester hätte gerne, wenn es zu wagen gewesen wäre, Gwenwyn daran erinnert, daß das Kreuz, welches er auf seine Schulter geheftet, seinen Arm zu dem heiligen Kriege eingeweiht und jede Verwicklung im weltlichen Streit ausgeschlossen hätte. Aber die Aufgabe war zu gefährlich für Pater Hugos Mut, und er schlich sich aus der Halle in die Einsamkeit seines Klosters. Auch Caradoc, dessen kurze Stunde der Volksgunst vorüber gegangen war, zog sich mit demütigen niedergeschlagenen Blicken zurück, doch nicht ohne einen Blitz des Unwillens auf seinen triumphierenden Nebenbuhler zu werfen, der so bedacht die Entfaltung seiner Kunst für das Thema des Krieges aufgespart hatte, welches den Zuhörer immer am meisten ansprach. Die Häupter nahmen ihren Sitz wieder ein, aber nicht mehr um dem Mahle obzuliegen, sondern auf die gewohnte eilige Weise dieser allzeit fertigen Krieger nur den Ort festzusetzen, wo sie ihre Macht vereinigen wollten, wozu bei solcher Gelegenheit fast alle kampffähigen Männer des Landes gewählt wurden – denn alle, Priester und Barden ausgenommen, waren Krieger; – ferner die Art und Weise ihres Zuges zu bestimmen gegen die zum Angriffe bestimmten Grenze, wo sie sich vornahmen, durch eine allgemeine Verheerung ihren Zorn über den Schimpf, welchen ihr Fürst durch diese zurückgewiesene Bewerbung erlitten hatte, an den Tag zu legen. Drittes Kapitel. Als Raymond die Sendung an den Fürsten von Powys abgefertigt hatte, war er, wenn auch nicht ohne Furcht, doch nicht ohne Ahnung ihres Erfolgs. Er sandte Boten zu den verschiedenen Vasallen aus, welche ihre Lehne unter der Bedingung des Hornblasens (cornage) besaßen, mit der Verwarnung, wachsam zu sein, damit er auf der Stelle Nachricht von der Annäherung des Feindes bekäme. Diese Vasallen bewohnten nämlich die zahlreichen Türme, welche, wie eben so viele Falkennester, die Grenzen zu decken an den schicklichsten Punkten erbaut waren, und waren verpflichtet, bei den Einfällen der Wälschen, ein Signal durch Blasen ihrer Hörner zu geben. Diese Töne von Turm zu Turm, von Posten zu Posten beantwortet, gaben das Zeichen zur allgemeinen Verteidigung. Aber obwohl Raymond diese Vorsichtsmaßregeln, wegen des schwankenden und ungewissen Charakters seiner Nachbarn, auch als Pflicht des Feldherrn für notwendig hielt, so war er doch weit entfernt, die Gefahr für so nahe drohend zu halten. Denn obwohl die Vorbereitungen der Walliser zum Kriege ausgedehnter als je waren, so wurden sie doch ebenso versteckt betrieben, als der Entschluß dazu rasch gefaßt worden war. Schon am zweiten Morgen nach dem merkwürdigen Feste zu Castell Coch brach das Ungewitter an der normannischen Grenze aus. Ein einziger, langer, schneidender Hörnerstoß gab die erste Kunde der Annäherung des Feindes; sogleich hallten die Alarmsignale wider von jeder Burg, jedem Turm an den Grenzen von Shropshire, wo jede Wohnung damals eine Festung war. Feuerbecken brannten auf allen Felsen und Hügeln, Glockengeläute ertönte in allen Kirchen und Städten, und sehr eifrige Aufforderungen zu den Waffen verkündeten eine Größe der Gefahr, welche die Bewohner dieser oft beunruhigten Gegend noch nie gekannt hatten. Während dieses allgemeinen Tumults beschäftigte Raymond Berenger sich selbst damit, seine wenigen, doch tapferen Krieger und Anhänger zu ordnen und alle Ritter, die in seinen Diensten standen, aufzubieten, um Nachrichten von der Bewegung und Stärke des Feindes einzuziehen; endlich bestieg er den Wachtturm des Kastells, die Gegend umher zu beobachten, die schon an mehreren Stellen von Rauchwolken verdunkelt ward, welche das Vorschreiten und die Verheerung der Feinde bezeichneten. Bald sah er auch seinen Lieblingsknappen sich zur Seite, bei welchem der ungewohnte Trübsinn in seines Gebieters Blicken Erstaunen erregte, da sein Auge sonst nur fröhlich in der Stunde der Schlacht zu sein pflegte. Der Squire hielt in seiner Hand des Gebieters Helm, denn, das Haupt ausgenommen, war Sir Raymond schon völlig bewaffnet. »Dennis Morolt,« sagte der alte Krieger, »sind unsere Vasallen und Lehensmänner schon alle gemustert?« »Alle, edler Herr! Die Flamländer ausgenommen; diese sind noch nicht angelangt.« »Die trägen Hunde! was säumen sie?« sagte Raymond, »es ist eine ganz falsche Verwaltung, diese schwerfälligen Naturen in unsre Grenzen zu verpflanzen. Schon damals hatten die Auswanderungen der Niederländer aus ihrem bevölkerten Vaterlande begonnen, und sie wurden selbst dazu eingeladen, weil sie allenthalben als fleißige und gewerbetreibende Menschen, besonders in Webereien gerne gesehen wurden. So hatte sich sogar in diese entfernte Gegenden von Wallis eine Kolonie verpflanzt. Sie sind, wie ihre Stiere, geeigneter den Pflug zu ziehen, als Dinge zu tun, wozu Feuer gehört.« »Mit Eurer Erlaubnis,« entgegnete Dennis, »die Burschen können dessenungeachtet gute Dienste leisten. Da ist Wilkin Flammock von der Au da; der kann Streiche führen wie die Hämmer seiner Walkmühle.« »Er wird sich wohl schlagen, glaube ich, wenn er es nicht vermeiden kann,« sagte Raymond, »aber er hat keinen Geschmack für dergleichen, und ist so faul und hartnäckig wie ein Maulesel.« »Eben deswegen sind seine Landsleute recht gemacht gegen die Walliser,« erwiderte Dennis Morolt, »weil ihr fester, unbeugsamer Charakter eine recht passende Wehr gegen die wilden und tollköpfigen Anstalten unserer gefährlichen Nachbarn sind, gerade wie die rastlosen Wogen an dem unerschütterlichen Felsen den besten Widerstand finden. – Horcht, Sir! Ich höre Wilkin Flammocks Fuß auf der Turmtreppe, er steigt so bedächtig, als der Mönch zur Frühmesse schreitet.« Schritt für Schritt nahte sich der schwerfällige Ton, bis endlich die Gestalt des gewaltigen wohlbeleibten Flamländers durch die Turmtür auf die Terrasse vordrang, wo diese Unterredung stattfand. Wilkin Flammock war bewaffnet und in glänzender Rüstung; diese war mit der außerordentlichen Sorgfalt gescheuert, welche die Sauberkeit seiner Nation mit sich brachte, und ungewöhnlich schwer und dick; aber der Sitte der Normänner entgegen, ganz einfach, ohne Gravierung, Vergoldung oder irgend eine andere Verzierung. Die Haube oder Stahlkappe hatte kein Visier und ließ, offen hingestellt, ein breites Angesicht sehen, mit groben unbeweglichen Zügen, die ganz den Charakter seines Temperaments und seines Verstandes aussprachen. Er führte eine schwere Keule in der Hand. »So, Herr Flamländer,« sagte der Kastellan, »Ihr scheint, wie mich dünkt, nicht in Eile, Euch auf dem Sammelplatze einzufinden.« »Wenn Ihr erlaubt,« sagte der Flamländer, »wir waren gezwungen, uns aufzuhalten, um unsre Wagen mit unsern Tuchballen und anderm Besitztum zu beladen.« »Ha, Wagen! – Wie viele Wagen habt Ihr denn mitgebracht?« »Sechs, edler Herr!« erwiderte Wilkin. »Und wieviel Mann?« fragte Raymond Berenger. »Zwölf, wackrer Herr!« antwortete Flammock. »Nur zwei Mann bei jedem Bagagewagen? Mich wundert, daß Ihr Euch mit so vielem Gepäck beschwert,« sagte Berenger. »Wiederum mit Eurer Erlaubnis, Sir,« erwiderte Wilkin, »nur der Wert, den ich und meine Kameraden auf unsere Güter legen! er ist es ja, der mich geneigt macht, sie mit Leib und Seele zu verteidigen. Wären wir gezwungen worden, unser Zeug den plündernden Klauen jener Vagabunden zurückzulassen, so hätte ich ja gar schlechte Politik darin gesehen, hier stille zu halten, und ihnen Gelegenheit zu geben, Mord dem Raube hinzuzufügen. Glocester wäre dann mein erster Haltpunkt gewesen.« Der normännische Ritter starrte den flamländischen Handwerker, denn das war Wilkin Flammock, mit einer Mischung von Verwunderung und Verachtung an, so daß der Unwille nicht Platz fand. »Ich habe vieles gehört,« sagte er, »aber dieses ist das erstemal, daß ich einen Mann mit dem Barte sich selbst für eine Memme bekennen höre.« »Auch hört Ihr das jetzt nicht,« antwortete der Flamländer mit der größten Gelassenheit. »Ich bin immer bereit, mich zu schlagen für Leben und Eigentum; und, daß ich in diese Gegend gezogen bin, wo beides in beständiger Gefahr ist, zeigt, daß ich nicht große Sorge trage, wie oft ich es tue. Aber ein gesundes Fell ist doch immer besser als ein zerfetztes, bei alledem!« »Gut,« sagte Raymond Berenger, »schlage Dich nach Deiner Weise, wenn Du nur recht kräftig mit Deinem langen Leibe da Dich schlagen willst. Sehr leicht wird's not sein, alles zu tun, was wir tun können. – Saht Ihr denn schon etwas von diesen Walliser Schuften? – Haben sie Gwenwyns Banner unter sich?« »Ich sah es mit seinem Weißen Drachen flattern. Ich mußte es ja wohl erkennen' es ward ja in meinem eigenen Webstuhle gestickt.« Raymond vernahm diese Kunde mit so ernstem Angesicht, daß Dennis Morolt, der nicht wollte, daß der Flamländer es bemerken sollte, es für nötig erachtete, seine Aufmerksamkeit abzulenken. »Ich kann Dir sagen,« sprach er zu Flammock, »wenn der Connetable von Chester mit seinen Lanzen zu uns stößt, sollt Ihr Eurer Hände Arbeit schneller nach Hause fliegen sehen, als das Weberschifflein flog, das den Drachen webte.« »Er muß fliehen, ehe der Connetable erscheint, Dennis Morolt,« sagte Berenger, »oder er fliegt triumphierend über unsere Leichen.« »Im Namen Gottes und der heiligen Jungfrau,« sagte Dennis, »was meint Ihr dabei, Herr Ritter? Nur ja nicht, daß wir uns mit den Wälschen eher in Gefechte einlassen, bis der Connetable sich mit uns vereinigt,« – Er hielt ein. – Dann den festen, aber melancholischen Blick wohl verstehend, mit welchem allein sein Gebieter die Frage beantwortete, fuhr er mit noch eindringlicherem Ernst fort: »Ihr könnt das nicht meinen, Ihr könnt nicht den Vorsatz haben, dieses Schloß zu verlassen, welches wir so oft gegen sie zu halten wußten, und im offenen Felde zu kämpfen mit zweihundert Mann gegen tausend. Bedenkt es besser, mein geliebter Herr, und laßt nicht die Raschheit des alten Kriegers den Ruf der Klugheit und Kriegskunst entkräften, den Euer früheres Leben so herrlich errang.« »Ich zürne Dir nicht, Dennis, daß Du meinen Vorsatz tadelst,« entgegnete der Normann, »denn ich weiß, Du tust es aus Liebe für mich und die meinigen. Aber, Dennis Morolt, es muß also sein, – wir müssen uns innerhalb drei Stunden mit den Wälschen schlagen, oder der Name Raymond Berenger muß aus der Ahnentafel seines Hauses gelöscht werden.« »Nun, so wollen wir – wir wollen den Kampf mit ihnen eingehen,« sagte der Knappe; »fürchte keinen kalten Rat von Dennis Morolt, wo Kampf das Wort ist. Aber wir wollen hier unter den Wällen des Schlosses mit ihnen fechten, wo der ehrliche Wilkin Flammock mit seinen Bogenschützen vom Wall her unsere Flanke decken und so ein Gleichgewicht gegen die große Ueberzahl sein kann.« »Nicht also,« antwortete sein Gebieter, »im offenen Felde müssen wir sie bekämpfen, oder Dein Herr wird zum meineidigen Ritter. Wisse, als ich jenen arglistigen Wilden um Weihnachten in meinen Hallen bewirtete, und der Wein um uns her floß, warf Gwenwyn einige Lobsprüche hin über die Festigkeit und Stärke meiner Burg, aber auf eine Weise, welche zu verstehen gab, diese Vorteile allein hätten mich in früheren Kriegen der Niederlage und der Gefangenschaft entzogen. Ich antwortete, obwohl es besser gewesen wäre, zu schweigen, denn wozu diente mein törichtes Prahlen als zu einer Fessel, die mich zu einer Tat zwingt, die an Tollheit grenzt? Sollte ich, sagte ich, ein Fürst der Kymrer, wieder feindlich vor Garde Douloureuse erscheinen, so laß ihn seine Standarte in der Ebene bei der Brücke hinpflanzen, und auf mein gutes Ritterwort und so wahr ich ein Christ bin, wird Raymond Berenger sich ihm ebenso gern stellen, mögen ihrer viel oder wenig sein, oder alle Walliser zusammen!« Mit sprachlosem Schrecken vernahm Dennis ein so rasches, verhängnisvolles Wort, aber er besah nicht die Wortkunst, welche seinen Gebieter von den Fesseln entbinden konnte, die ihm sein unvorsichtiges Selbstvertrauen angelegt hatte. Anders verhielt es sich mit Wilkin Flammock. Er staunte – er lachte beinahe, ungeachtet der schuldigen Achtung gegen den Kastellan und seiner eigenen Unempfindlichkeit für das Lächerliche. »Und das ist alles?« sagte er, »wenn Euer Gnaden sich durch irgend etwas verpflichtet hätten, einem Juden oder einem Lombarden Die Lombardei war damals voll Handel und Gewerbe und in reger Verbindung mit Juden; daher dem ironischen Niederländer Jude und Lombarden fast synonym erscheinen. – Auch wanderten sie, selbst in England, wie Hausierer herum. hundert Floren zu zahlen, so müßt Ihr den Zahlungstag halten, oder Ihr habt Euer Pfand verloren; aber wahrlich, ein Tag ist so gut wie der andere, einen versprochenen Kampf auszufechten, und der Tag paßt wohl am besten, wenn der Versprecher der Stärkere ist. Und nach allem, was bedeutet ein Versprechen bei der Weinflasche?« »Es bedeutet ebensoviel als jedes andere Versprechen, wo es gegeben sei. Der Versprecher,« sagte Berenger, »entgeht der Sünde des Wortbruches nicht, weil er ein trunkner Prahler war.« »Was die Sünde anbetrifft,« sagte Dennis, »da bin ich wohl sicher, daß, ehe Ihr eine solche unheilbringende Tat vollführt, Euch der Abt von Glastonburg für einen Gulden die Absolution erteilt,« »Aber was mag die Schande auslöschen?« sagte Berenger, »wie soll ich es wagen, mich wieder in der Mitte der Ritter zu zeigen, wenn ich das zum Kampf verpfändete Wort aus Furcht vor einem Walliser und seinen nackten Wilden gebrochen hätte? Nein, Dennis Morolt, sprich davon nicht mehr! Sei es zum Wohl oder Wehe, wir fechten mit ihnen heute, und zwar dort auf jenem offenen Felde,« »Es kann doch sein,« sagte Flammock, »daß Gwenwyn jenes Versprechen vergessen hat, und folglich ist es verfehlt, auf der verabredeten Stelle zu erscheinen, denn, wie wir gehört haben, hatten Eure französischen Weine auch sein wälsches Gehirn recht tüchtig übergossen.« »Er spielte des Morgens darauf wieder an,« sagte der Kastellan, »glaube mir, er wird das nicht vergessen, was ihn in den glücklichen Fall bringt, mich auf immer aus seinem Wege zu räumen,« Indem er so sprach, bemerkten sie, daß große Staubwolken, welche man bis dahin an verschiedenen Stellen der Landstraße erblickt hatte, sich gegen das jenseitige Ufer des Flusses hinzogen, über welchen eine alte Brücke zu dem verabredeten Kampfplatze führte. Leicht errieten sie die Ursache; es war klar, daß Gwenwyn die einzelnen Abteilungen, welche verschiedene Orte schon verheerten, zusammenzog und mit seiner ganzen Macht gegen die Brücke und die Ebene jenseits der Brücke vorrückte. »Laßt uns eilig hinunter und den Paß besetzen,« rief Dennis, »wir sind ihnen einigermaßen gleich durch den Vorteil, daß wir die Brücke verteidigen. Euer Wort bindet Euch an die Ebene als Schlachtfeld, aber es kann Euch nicht verpflichten, Euch solche Vorteile entgehen zu lassen, als ihr Uebergang über die Brücke Euch gewährte. Unsere Leute, unsere Pferde stehen bereit, – Lasset unsere Bogenschützen die Ufer besetzen, – und mein Leben für den glücklichen Ausgang!« »Als ich versprach, mich mit ihnen in jenem Felde zu stellen, so meinte ich,« erwiderte Raymond Berenger, »den Wälschen jenen Vorteil des gleichen Platzes zu gewähren. So meinte ich es. So verstand er es. Und was hilft es, wenn ich mein Wort dem Buchstaben nach halte, und breche es dem Sinne nach? Wir ziehen nicht, bis der letzte Walliser die Brücke überschritten hat, und dann –« »Und dann,« sagte Dennis, »ziehen wir in unsern Tod! – Möge uns Gott unsre Sünden vergeben! – aber« – »Aber? Was?« sagte Berenger, »da liegt Dir noch etwas auf der Seele, was einen Ausgang haben will.« »Meine junge Herrin, Eure Tochter, Lady Eveline,« »Ich habe ihr gesagt, was vor ist. Sie soll im Schlosse bleiben, in welchem ich einige auserlesene Veteranen zurücklasse, und Euch, Dennis, als ihren Befehlshaber. In vierundzwanzig Stunden muß die Belagerung aufgehoben sein, und länger haben wir die Burg mit geringerer Besatzung verteidigt. Dann soll sie zu ihrer Tante, der Aebtissin der Benediktinerinnen. Du, Dennis, sollst dafür sorgen, daß sie mit allen Ehren und in Sicherheit dorthin kommt, und meine Schwester wird für ihre Zukunft sorgen, wie es ihre Klugheit am geratensten halten wird.« »Ich Euch in dieser Klemme verlassen?« sagte Dennis Morolt, »ich sollte mich in Mauern einsperren, wenn mein Herr in den letzten Kampf reitet? – Ich der Diener einer Dame werden, selbst wenn es Lady Eveline ist, indes er tot unter seinem Schilde liegt! Raymond Berenger, dazu habe ich Dir so oft Deinen Harnisch zugeschnallt?« Die Tränen stürzten aus des alten Kriegers Augen so heftig, wie sie das Mädchen vergießt, das um den Geliebten weint. Raymond nahm ihn freundlich bei der Hand und fügte mit besänftigendem Tone: »Glaube nicht, mein guter alter Diener, daß ich Dich von meiner Seite entfernen würde, wenn es Ehre zu gewinnen gäbe. Dies aber ist ein wildes, unbesonnenes Tun, zu welchem mein Geschick oder meine Torheit sich verpflichtet halten. Ich sterbe, meinen Namen vor Entehrung zu schützen, aber der Vorwurf der Unbesonnenheit wird mein Andenken begleiten.« »Laßt mich Eure Unbesonnenheit mit Euch teilen, teuerster Herr,« sagte Dennis Morolt eindringlich, »dem armen Knappen liegt nichts daran, für klüger gehalten zu werden als sein Gebieter. In so manchem Kampfe erhielt dadurch meine Tapferkeit einen kleinen Ruf, weil sie teilnahm an den Taten, die Euren Ruhm begründeten. Versagt mir nicht das Recht, auch den Tadel zu teilen, der Euer Wagestück treffen mag. Laßt nicht sagen, so unbesonnen war sein Unternehmen, daß selbst seinem alten Waffenträger nicht erlaubt ward, daran teilzunehmen. Ich bin ein Teil von Euch selbst – es ist ein Mord für jeden andern, den Ihr mit Euch nehmet, wenn Ihr mich zurücklaßt.« »Dennis,« sagte Berenger, »Du läßt mich nur um desto bitterer die Torheit fühlen, in die ich mich eingelassen habe. Ich möchte Euch Euer Gesuch gewahren, so traurig es ist – aber meine Tochter« – »Herr Ritter,« sagte der Flamländer, der diesem Gespräche mit etwas geringerer Apathie als gewöhnlich zugehört hatte, »es ist nicht mein Vorsatz, heute dieses Schloß zu verlassen: nun, wenn Ihr auf meine Treue bauen wollt, zum Schutze für Mylady Eveline alles zu tun, was ein schlichter Mann vermag« – »Wie, Bursche,« sagte Raymond, »Ihr habt nicht den Vorsatz, das Schloß zu verlassen? Wer gibt Euch das Recht, hier Euch etwas vorzunehmen, bis mein Wille bekannt ist?« »Es sollte mir leid tun, Streit mit Euch zu haben, Herr Kastellan,« sagte der nicht aus der Fassung zu bringende Flamländer, – »aber ich habe hier in dieser Umgebung verschiedene Mühlen, Pächtereien, Bleichen und dergleichen, dafür muß ich meinen Mannsdienst leisten, durch die Verteidigung des Schlosses von Garde Douloureuse, und dazu bin ich bereit. Aber wenn Ihr mich auffordert, mich von hier zu entfernen, das Schloß verteidigungslos zu lassen und mein Leben in einer Schlacht zu wagen, die Ihr selbst verzweifelt nennt, so kann ich nicht umhin zu sagen, meine Pacht verpflichtet mich nicht. Euch zu gehorchen.« »Elender Handwerker,« sagte Morolt, legte seine Hand an den Dolch und bedrohte den Flamländer. Aber Raymond Berenger trat mit Hand und Mund dazwischen, – »Füge ihm kein Leid zu, Morolt, und tadle ihn nicht! Er fühlt, was Pflicht ist, nur nicht auf unsere Weise, und er und seine Leute werden am besten unter Mauern fechten. Sie sind, diese Flamländer, nach der Weise ihres Vaterlandes tüchtig in Angriffen und Verteidigungen ummauerter Städte und Festungen, und ganz besonders geschickt in Behandlung der Steinschleuder und der andern Kriegswerkzeuge. Außer seinen eigenen Begleitern gibt es noch mehrere seiner Landsleute in der Burg. Es ist mein Vorsatz, sie zurückzulassen, und ich denke, sie werden ihm lieber gehorchen als irgend einem andern außer Dir. Was denkst Du? Ich weiß, Du wirst nicht eines übelverstandenen Ehrpunktes wegen oder aus blinder Liebe zu mir, diesen wichtigen Platz und die Sicherheit Evelinens unsichern Händen anvertrauen.« »Wilkin Flammock ist zwar nur ein flämischer Bauer, edler Herr!« antwortete Dennis, überfreudig, als ob er den größten Vorteil errungen hätte, »aber ich muß es allerdings sagen, er ist zuverlässig und treu wie einer, dem Ihr trauen wollt. Ueberdies wird es ihm sein eigener gesunder Verstand sagen, daß mehr durch die Verteidigung eines solchen Schlosses zu gewinnen ist als durch dessen Uebergabe an Fremde, welche nicht leicht die Bedingungen erfüllen möchten, wie lockend sie sich auch anbieten würden,« »So steht's denn fest,« sagte Raymond Berenger, »Du, Dennis, gehst also mit mir, und er soll zurückbleiben. – Wilkin Flammock,« sagte er, den Flamländer feierlich anredend: »Ich rede nicht zu Dir in der Sprache der Ritter, von welcher Du nichts weißt; aber so wahr Du ein ehrlicher Mann bist, und ein echter Christ, so fordere ich Dich auf, festzustehen in der Verteidigung dieses Schlosses. Laß durch kein Versprechen des Feindes Dich zu einem niedrigen Vergleich locken, durch keine Drohung zur Uebergabe, Entsatz muß sehr bald ankommen. Haltet Ihr Treue mir und meiner Tochter, so wird Euch Hugo de Lacy reichlich belohnen.« »Herr Ritter!« sagte Flammock, »es ist mir doch lieb, daß Ihr so ganz Euer Vertrauen auf einen schlichten Handwerksmann setzet. Was die Walliser anbetrifft, – ich komme aus einem Lande, wo wir gezwungen sind, jedes Jahr gezwungen sind, mit dem Meere zu kämpfen, und die, welche mit den Wogen im Sturm zurechtkommen, brauchen nicht ein ungeschlachtet Volk in seiner Wut zu scheuen. Eure Tochter soll mir so teuer sein wie meine eigene; in diesem Glauben mögt Ihr nur dreist drauf losgehen, wenn Ihr doch nicht lieber als ein kluger Mann daheim bleiben, Tore zu, Fallgitter hinab, Eure Bogen- und meine Armbrust-Schützen den Wall lassen und den Schuften zeigen wollt, Ihr seiet nicht der Tor, für den sie Euch halten.« »Guter Freund, das kann nicht sein,« fügte der Ritter. »Ich höre meiner Tochter Stimme,« setzte er eilig hinzu; »ich mag sie nicht noch einmal sehen, um noch einmal mich zu trennen. Der Obhut des Himmels empfehle ich Dich, ehrlicher Flamländer – folge mir, Dennis Morolt.« Der alte Kastellan stieg die Treppe des südlichen Turmes eilig hinab, eben als seine Tochter Eveline die des östlichen Turmes bestieg, um sich noch einmal zu seinen Füßen zu werfen. Ihr folgte Pater Aldrovand, ihres Vaters Kaplan, ferner ein alter, fast invalider Jäger, dessen Dienste, einst tüchtig im Felde und auf der Jagd, seit einiger Zeit sich auf die Oberaufsicht über des Ritters Hundestall und besonders die Pflege seiner Lieblingshunde beschränkte; endlich Rose Flammock, Wilkins Tochter, ein blauäugiges flämisches Mädchen, rund, voll und scheu, wie ein Rebhuhn, der man seit einiger Zeit gestattet hatte, dem hochgeborenen normannischen Fräulein zur Gesellschaft zu dienen, und zwar in der schwankenden Stellung zwischen einer untergebenen Freundin und einer höheren Dienerin. Eveline eilte auf die Zinnen, ihre Haare aufgelöst, ihre Augen schwimmend in Tränen, und fragte dringend den Flamländer, wo ihr Vater sei. Flammock machte eine plumpe Verneigung und versuchte, eine Antwort zu geben; aber die Stimme schien ihm zu versagen. Ohne Umstände kehrte er Evelinen den Rücken zu, und ohne auf die ängstlichen Fragen des Jägers und des Kaplans zu achten, rief er seiner Tochter schnell in seiner Landessprache zu: »Toll Ding! Toll Ding! Gib acht auf das arme Mädchen Rosichen. – Der alte Herr ist verrückt .« Ohne weitere Worte stieg er die Treppe hinab und setzte ununterbrochen seinen Weg fort bis zum Speisegewölbe. Hier rief er gleich einem Löwen, nach dem Aufseher dieser Regionen unter den verschiedenen Namen Kammeder, Kallermaster usw., worauf der alte Reinold, ein betagter normannischer Knappe, nicht antwortete, bis der Niederländer sich endlich glücklich des englischen Titels Buttler erinnerte. Dieses, der ordnungsgemäße Titel seines Amtes, ward der Schlüssel zur Kellertüre, und der alte Mann erschien sogleich, in seinem grauen Leibrock und den hochaufgekrempelten Hosen, mit einem gewichtigen Schlüsselbunde an einer silbernen Kette, von dem breiten ledernen Gürtel hinabhängend, der er in Betracht dessen, was diese Zeit fordern könnte, zum Gegengewicht auf der linken Seite einen gewaltigen Pallasch gegeben hatte, wohl zu gewichtig, als daß sein greiser Arm ihn hätte schwingen können. »Was begehrt Ihr, Herr Flammock?« sagte er, »oder was sind Eure Befehle, da es meinem gnädigen Herrn gefällt, daß sie auf eine Zeit für mich Gesetze sein sollen?« »Nur einen Becher Wein, guter Kellermaster – Buttler, wollte ich sagen.« »Ich freue mich, daß Ihr Euch des Namens meines Amtes erinnert,« sagte Reinold mit der kleinlichen Empfindlichkeit eines herabgesetzten Domestiken, welcher glaubt, daß wider alle Ordnung ein Fremder ihm vorgesetzt worden ist. »Eine Flasche Rheinwein, wenn Ihr mich lieb habt,« antwortete der Flamländer, »denn das Herz ist mir so niedergeschlagen und matt, daß ich notwendig recht vom Besten trinken muß.« »Und trinken sollt Ihr,« entgegnete Reinold, »wenn Trinken Euch vielleicht den Mut geben kann, der Euch vielleicht fehlt,« – Er stieg hinab zu den abgesonderten Gewölben, deren Wächter er war, und kehrte zurück mit einer silbernen Flasche, welche ungefähr ein Quart enthalten konnte, – »Hier ist ein solcher Wein,« sagte Reinold, »wie Du ihn selten gekostet haben wirst.« Damit wollte er ihn in einen Becher gießen. »Nein, die Flasche! die Flasche, Freund Reinold! Ich muß einen tiefen, recht feierlichen Zug tun, wenn wichtige Sachen vor sind,« sagte Wilkin. Demzufolge ergriff er die Flasche, nahm erst einen vorläufigen Schluck, und hielt dann inne, als wollte er die Kraft und den Geruch des edlen Trankes erproben. Wahrscheinlich genügte ihm beides, denn er nickte beifällig dem Kellerer zu. Nun führte er noch einmal die Flasche zum Munde, langsam und nach und nach brachte er den Boden des Gefäßes parallel mit der Decke des Zimmers, ohne einen einzigen Tropfen seines Inhalts sich entwischen zu lassen. »Das schmeckt, Herr Kellermaster,« sagte er, indem er inzwischen Luft schöpfte, nach einem so langen Anhalten des Atems, »aber vergebe es Euch der Himmel, daß Ihr wähnt, es sei das Beste, was ich je gekostet habe. Ihr kennt nicht die Keller von Gent Ypern.« »Was kümmern die mich,« sagte Reinold, »die Leute von edlem normannischen Blute ziehen die Weine von Gascogne und Frankreich, so edel und leicht und herzstärkend, weit vor dem sauren Getränke vom Rhein und Neckar.« »Das ist Geschmackssache,« sagte drauf der Flamländer, »aber hör an, gibt's noch viel von diesem Wein im Keller?« »Mir kam es vor, er hätte Eurem leckern Gaumen nicht geschmeckt,« sagte Reinold. »Nicht doch, nicht doch,« erwiderte Wilkin, »ich sagte, er schmeckt. – »Ich habe wohl einmal etwas Besseres getrunken, aber dieser ist recht gut, wo man Besseres nicht haben kann. – Noch einmal, wieviel hast Du davon?« »Ein ganzes Faß,« erwiderte Reinold, »ich zapfte ein frisches für Euch.« »Gut,« sagte Flammock, »bringt ein Quartmaß herbei, christlich gemessen! windet das Faß hier in das Speisegewölbe hinauf, und laßt jedem Krieger in dem Schlosse hier einen Becher, wie ich ihn geleert, empfangen. Ich fühle, es hat mir recht gut getan. Das Herz sank mir, als ich den schwarzen Rauch vor meiner Walkmühle da aufsteigen sah. – Laßt jeden Mann da ein völlig Quart erhalten, Schlösser verteidigt man nicht bei dünnem Getränke.« »Ich muß tun, was Ihr verlangt, guter Wilkin Flammock,« sagte der Kellerer, »aber bedenkt, daß nicht alle Leute gleich sind. Was Eure flamländischen Herzen nur erwärmt, setzte normannisches Gehirn in Feuer und Flammen, und was Euren Landsleuten nur den Mut gibt, den Wall zu verteidigen, würde die unsrigen über die Zinnen hinüberschleudern,« »Gut, Ihr kennt die Beschaffenheit Eurer Landsleute am besten, gebt Ihnen nach Eurem Gutdünken Wein und Maß – nur laßt jeden Flamländer ein volles Quart Rheinwein erhalten. – Aber was wollt Ihr mit den englischen Knollen anfangen, von denen eine gute Menge uns zurückgelassen ist?« Der alte Kellerer schwieg und rieb seine Stirne. »Das wird eine arge Menge Wein kosten,« sagte er, »und doch kann ich nicht leugnen, die Not rechfertigt den Aufwand. Aber was die Englischen anbetrifft, die sind, wie Ihr wißt, eine gemischte Art, sie haben viel von Eurer deutschen Schläfrigkeit, aber auch zugleich ein gutes Maß von dem heißen Blut jener wälschen Furien da. Leichte Weine setzen sie nicht in Bewegung, und starkes, schweres Getränke würde sie tot machen. Was meint Ihr zum Bier, ein kraftgebendes, stärkendes Getränke, welches das Herz erwärmt, ohne das Gehirn zu erhitzen?« »Bier!« sagte der Flamländer, »Hm – Ha! Ist Euer Bier kräftig, Herr Kellner? – ist es Doppelbier?« »Zweifelt Ihr an meine Kunst,« sagte Reinold, »März und Oktober sind meine Zeugen, so wie sie herankommen, seit dreißig Jahren, wie ich mit der besten Gerste in Shrosphire umzugehen weiß – urteilt selbst!« Er füllte aus einem großen Oxhoft in der Nähe des Spießgewölbes die Flasche, welche der Flamländer eben geleert hatte, und kaum war sie voll, so hatte sie auch schon Wilkin bis auf den Boden geleert. »Gute Ware, Herr Kellermeister,« sagte er, »starke aufregende Ware. Die englischen Kerle werden wie die Teufel danach fechten. – So laß ihnen bei ihrem Rindfleisch und schwarzem Brot reichlich Bier reichen. Und nun, nachdem ich für Euer Amt Euch die gehörigen Aufträge gegeben habe, lieber Reinold, ist es Zeit, daß ich auf mein eigenes Amt sehe.« Wilkin Flammock verließ das Gewölbe, und Gesicht und Verstand gleich ungestört von den tiefen Zügen, in welchen er eben geschwelgt hatte, wie von den verschiedenen Gerüchten von dem, was außerhalb vorging, machte er die Runde in der Burg und den Außenwerken, musterte die kleine Besatzung, wies jedem seinen Posten an, doch überließ er seinen eigenen Landsleuten den Dienst mit der Armbrust und die Handhabung der Kriegsmaschinen, welche die stolzen Normänner erfunden hatten, und deren Art die unwissenden Engländer oder eigentlich Angelsachsen nicht begreifen konnten, während sie seine geschickteren Landsleute mit der größten Gewandtheit behandelten. Die Eifersucht, sowohl der Engländer als der Normannen, darüber, daß sie zu dieser Zeit einem Flamländer untergeordnet wären, verlor sich allmählich vor der kriegerischen und selbst mechanischen Geschicklichkeit, die er entfaltete, und selbst vor dem Gefühl der dringenden Not, die mit jedem Augenblick größer wurde. Viertes Kapitel. Die Tochter Raymond Berengers verweilte noch immer mit ihren Begleitern, deren wir erwähnten, auf den Zinnen von Garde Doloureuse, trotz der Ermahnungen des Geistlichen, daß sie besser tun würde, den Ausgang dieser furchtbaren Stunde in der Kapelle bei gottesdienstlicher Feier abzuwarten. Er bemerkte endlich, daß sie aus Gram und Furcht nicht imstande war, seinen Rat zu hören oder zu verstehen. Er setzte sich also zu ihr, indessen der Jäger und Rose Flammock ihr zur Seite standen, und bestrebte sich, ihr Trostgründe vorzutragen, da er wohl kaum selbst Trost fühlte. »Es ist wohl nur ein Ausfall Eures edlen Vaters,« sagte er, »und wenn er auch den Anschein eines großen Wagestückes hat, wer hat es je in Zweifel gezogen, daß Raymond Berenger wisse, was im Kriege geraten sei? Er ist immer geheimnisvoll und entschlossen bei seinen Entwürfen. Ich merkte es wohl, er wäre nicht ausgerückt, hätte er nicht gewußt, daß der edle Graf von Arundal oder der mächtige Connetable von Chester schon in der Nähe seien.« »Glaubt Ihr das gewiß, guter Vater? – Geh, Raoul – geh, meine liebe Rose – schaue nach Osten, gebt acht, ob Ihr nicht Fahnen oder Staubwolken gewahr werden könnt, – Horch! Horch! Hört Ihr nicht Trompeten von jener Seite her?« »Ach, Mylady,« sagte Raoul, »selbst den Donner des Himmels würde man nicht vernehmen können vor dem Geheul jener Walliser Wölfe.« Bei diesen Worten wandte sich Eveline um, und als sie zur Brücke hinsah, bot sich ihr ein schreckenerregendes Schauspiel dar. Der Fluß, der von drei Seiten den Fuß der stolzen Anhöhe umspült, auf welchem das Schloß lag, krümmt sich von der Burg und dem damit zusammenhängenden Dorfe auf der Westseite hinaus, und der Hügel sinkt hier zu einer ausgedehnten Höhe hinab, welche so außerordentlich flach ist, daß sie gar deutlich eine ursprüngliche Anschwemmung anzeigt. Ganz unten, am äußersten Ende der Ebene, wo wieder die Ufer des Flusses sich zeigen, befanden sich die Häuser der wackern, gewerbtreibenden Flamländer, welche jetzt in hellen Flammen aufloderten. Die Brücke, von hohen, enge verbundenen ungleichen Bogen errichtet, lag ungefähr eine halbe Meile (engl.) von der Burg rechts im Mittelpunkt der Ebene. Der Strom selbst nahm seinen Lauf in einem tiefen, felsigen Bette, er war oft gar nicht und stets sehr schwer zu passieren; daher er einen beträchtlichen Vorteil den Verteidigern der Burg gewährte, welche bei andern Gelegenheiten manch teuren Tropfen Blutes zur Verteidigung dieses Passes verspritzt hatten, den jetzt zu verlassen, sich Raymond Berenger durch seine phantastischen Skrupel verleiten ließ. Die Walliser ergriffen diesen Vorteil mit der Gier, mit welcher man eine unerwartete Gabe zu erfassen sucht; sie ballten sich fest zusammen auf den hohen steilen Bogen, während neue Rotten von verschiedenen Punkten her auf dem jenseitigen Ufer sich versammelten, den fortgesetzten Strom der Krieger anschwellend, welche, nachdem sie in guter Muße ungestört hinübergegangen waren, nun ihre Schlachtlinie der Burg gegenüber aufstellten. Anfangs beobachtete Pater Adlrovand ihre Bewegungen ohne große Sorge, ja mit dem verächtlichen Lächeln, womit man den Feind im Begriffe sieht, in die Falle zu gehen, welche höheres Wissen ihm legte, Raymond Berenger mit seinem kleinen Häuflein zu Fuß und zu Pferde war auf der Anhöhe zwischen der Burg und der Ebene, welche von der ersten zur letzteren sanft emporstieg, aufgestellt. Ganz klar schien es dem Dominikaner, welcher im Kloster seine früheren Kriegskenntnisse noch nicht ganz vergessen hatte, es sei des Ritters Vorsatz, den noch untergeordneten Feind anzugreifen, sobald eine gewisse Anzahl den Strom überschritten habe, und die andern noch in dem langsam und gefährlichen Uebergang begriffen seien. Als aber große Massen der weißbemäntelten Walliser ohne Störung eine solche Stellung auf der Ebene einnehmen durften, als ihre Art zu kämpfen es mit sich brachte, da begannen die Züge des Mönches, obgleich er noch immer die erschreckte Jungfrau aufzumuntern strebte, sich zu ändern und ängstlicher zu werden, und mächtig kämpfte die ihm sonst schon zur Gewohnheit gewordene Resignation mit dem alten militärischen Feuer. »Fasse Geduld, meine Tochter,« sagte er. »Sei guten Mutes! Deine Augen sollen die Niederlage jenes barbarischen Feindes schauen. Laß nur noch eine Minute verlaufen, und Du sollst sie zerstreut sehen, wie der Staub. – Heiliger Georg! Gewiß werden sie gleich, gleich Deinen Namen ausrufen, jetzt oder nie!« Des Mönchs Rosenkranz glitt währenddessen schnell durch seine Finger, aber mancher Ausdruck kriegerischer Ungeduld mischte sich von selbst unter seine Gebete. Er konnte die Ursachen nicht finden, warum es einem Zuge der Bergbewohner nach dem andern, mit ihren verschiedenen Bannern unter Anführung ihrer Häupter, gestattet wurde, ohne Störung den schwierigen Paß zu überschreiten und sich in Schlachtordnung auf dieser Seite der Brücke aufzustellen, während die englische oder vielmehr anglonormannische Reiterei auf dem Flecke blieb, selbst ohne einmal die Lanzen einzulegen. Noch, dachte er, blieb eine Hoffnung übrig – nur die eine vernünftige Erklärung dieser sonst unbegreiflichen Untätigkeit dieses freiwilligen Aufgebens solches Terrainvorteils, da das Uebergewicht der Anzahl so entsetzlich von seiten des Feindes war. Pater Aldrovand schloß nämlich, der Succurs des Connetable von Chester und anderer Lords der Marken müsse unmittelbar in der Nähe sein, und den Wälschen würde darum ohne Widerstand der Weg über den Fluß gestattet, damit ihre Rückkehr um desto sicherer abgeschnitten, und ihre Niederlage, den tiefen Fluß im Rücken, um so verderblicher werden müßte. Aber während er sich dieser Hoffnung ganz hingab, sank ihm doch das Herz, als er nach jener Richtung, woher die erwartete Hilfe kommen sollte, das Auge wendend, auch nicht das geringste Zeichen ihrer Annäherung sehen, noch hören konnte. In einer Gemütsstimmung, die näher der Verzweiflung als der Hoffnung war, fuhr der alte Mann fort, abwechselnd seinen Rosenkranz abzubeten, sorgenvoll um sich herzuschauen und einige Worte des Trostes in abgerissenen Redensarten seiner jungen Lady zuzurufen, bis das allgemeine Kriegsgeschrei der Wälschen, von den Ufern des Flusses bis zu den Zinnen der Burg hinübertönend, eben durch diesen Jubel es ihm ankündigte, daß der Letzte der Briten den Paß überschritten habe, und daß ihre ganze furchtbare Reihe, zum Angriff bereit, diesseits des Flusses sei. Dieses gellende und grausenerregende Geschrei, zu welchem jeder Wälsche seine Stimme hergab mit herausfordernder Wut, mit Kampfdurst und Siegeshoffnung, ward endlich von dem Ton der normannischen Trompeten erwidert, dem ersten Zeichen der Anwesenheit Raymond Berengers. Aber so mutig sie schmetterten, dennoch klangen die Trompeten im Vergleich mit dem Schlachtgebrüll, das sie beantworteten, nur gleich dem Pfeifen des kräftigen Seemanns mitten im Geheule des Sturmes. Im gleichen Augenblick als die Trompeten erklangen, gab Berenger den Schützen das Zeichen, ihre Pfeile abzuschießen, und den Reisigen unter einem Hagelschauer von Pfeilen, Wurfspießen und Steinen, geschossen, geworfen, geschleudert von den Wälschen, gegen ihre stahlbedeckten Angreifer vorzurücken. Und Raymonds Veteranen, von manchen siegreichen Erinnerungen gespornt, dem Talent ihres ausgezeichnet erfahrenen Führers trauend, und durch ihre verzweifelte Lage noch nicht entmutigt, warfen sich auf die Masse der Walliser, mit ihrer gewöhnlichen entschlossenen Tapferkeit. Es war ein schöner Anblick, die kleine Reiterschar zum Angriff hinstürzen zu sehen, die Federn über den Helmen wogend, mit eingelegten Lanzen, die sechs Fuß vor der Brust ihrer Feinde hervorragten; die Schilder von ihrem Nacken hängend, damit die linke Hand frei sei, das Pferd zu lenken, und die ganze Schar hinsprengend in einer Linie, und zwar mit einer Schnelligkeit, die mit jedem Augenblick zunahm. Ein solcher Angriff hätte solche nackten Menschen – (denn als solche waren die Walliser gegenüber den fest eingepanzerten Normännern anzusehen) über den Haufen werfen müssen; aber den alten Briten erregte es keinen Schrecken, welche schon lange ihren Ruhm darein setzten, ihre bloße Brust im weißen Leibrock den Lanzen und Schwertern der Gewappneten mit solchem Vertrauen entgegenzustellen, als wären sie unverwundbar geboren. Zwar vermochten sie es nicht, dem Gewicht des ersten Anlaufs zu widerstehen, welches ihre Linie durchbrach, so dicht wie sie aufeinander standen, und die gewappneten Rosse mitten in das Zentrum des Heeres trieb, ganz nahe dem verhängnisvollen Banner, welchem Raymond Berenger, von seinem unseligen Gelübde gebunden, heute einen so vorteilhaften Boden eingeräumt hatte. Aber sie wichen wie die Wellen, welche zwar dem kühnen Schiffe Platz machen, aber nur, um dessen Seiten zu bestürmen, und sich hinten auf dessen Spur wieder zu vereinigen. Mit wildem, gräßlichem Geschrei schlossen sie ihre Reihen rings um Berenger und seine hingebungsvollen Treuen, und der Todesauftritt des heftigsten Kampfes und Gegenkampfes erfolgte. Die besten Krieger von Wales stießen jetzt zur Standarte Gwenwyns; die Pfeile der Männer von Gwentland, deren Geschicklichkeit im Bogenschießen fast der normannischen gleichkam, rasselten auf den Helmen der Reisigen; und die Speere des Volkes von Delenbarth, berühmt durch die Schärfe und Härte ihrer Stahlspitzen, wurden gegen die Kürasse gebraucht nicht ohne nachteilige Wirkung, trotz des Schutzes, den diese dem Reiter gewährten. Umsonst war es, daß die Bogenschützen in der kleinen Truppe Raymonds, wackere Einsassen, welche größtenteils ihre Ländereien auf Bedingung von Kriegsdiensten besaßen, ihre Köcher auf das breite Ziel leerten, das ihnen das wälsche Heer darbot. Es ist wahrscheinlich, daß jeder Pfeil eines Walliser Leben auf der Spitze davon trug; aber um der Reiterei, welche jetzt enge und ohne Ausgang eingeschlossen war, entscheidende Hilfe zu gewähren, hätte das Gemetzel wenigstens zwanzigmal größer sein müssen. Die Walliser indessen, voll Aerger über das unaufhörliche Schießen, erwiderten es mit einem Pfeilregen ihrer Schützen, deren größere Zahl ihre geringere Geschicklichkeit ersetzte, und die noch durch eine Menge von Lanzenwerfern und Schleuderern unterstützt wurden. So waren die normannischen Schützen, welche mehr als einmal versucht hatten, aus ihrer Stellung hinabzusteigen, um eine Diversion zugunsten Raymonds und seiner geopferten Schar zu machen, so gedrängt auf ihrer eigenen Fronte beschäftigt, daß sie alle Gedanken an eine solche Bewegung aufgeben mußten. Indessen trachtete nun der ritterliche Anführer, welcher anfangs nur auf einen ehrenvollen Tod gehofft hatte, mit allen seinen Kräften danach, sein schlimmes Schicksal dadurch weit zu machen, daß er in dasselbe den wälschen Fürsten als Urheber des Krieges mit verwickelte. Sorgsam vermied er daher die Erschöpfung seiner Kraft durch Einhauen in die Briten; aber mit dem Stoß des wohlabgerichteten Rosses trieb er die Menge, die ihn drängte, auseinander und, den großen Haufen dem Schwerte seiner Leute überlassend, erhob er laut sein Kriegsgeschrei und brach sich Bahn zu der verhängnisvollen Standarte Gwenwyns, neben welcher der Fürst selbst, zugleich die Pflicht eines geschickten Anführers und eines wackern Soldaten erfüllend, Stand genommen hatte. Raymond, wohlbekannt mit dem Charakter der Wälschen, in welchem die Leidenschaft bald in der höchsten Flut, bald wieder in plötzlicher Ebbe sich zeigte, hatte einige Hoffnung, daß ein glücklicher Angriff auf diesen Punkt, der den Tod oder die Gefangenschaft des Fürsten und den Sturz des Banners zur Folge hätte, einen solchen panischen Schrecken verbreiten würde, daß er leicht das fast verzweifelte Schicksal des Tages umändern könnte. Der greise Krieger ermunterte demnach seine Kameraden zum Angriffe durch Wort und Beispiel, und trotz allen Widerstandes erzwang er sich Schritt für Schritt seinen Weg vorwärts. Aber Gwenwyn, umgeben von seinen besten und edelsten Kämpen, bot ihm, so unerschrocken der Angriff war, in Person einen ebenso hartnäckigen Widerstand. Umsonst wurden sie von den gepanzerten Rossen niedergetreten oder von den unverwundbaren Reitern niedergehauen, verwundet, übergeritten, umsonst setzten die Britischen ihren Widerstand fort, klammerten sich um die Füße der normannischen Rosse, um ihr Fortschreiten zu verhindern, während andere mit dem Stock der Pike jede Fuge und Ritze der Rüstung zu treffen suchten, oder, sich anhängend an die Reiter, sich bemühten, mit all ihrer Kraft sie vom Pferde zu reißen oder sie mit ihren Aexten und wälschen Krummhacken niederzuschlagen. Wehe denen, welche durch diese verschiedenen Mittel aus dem Sattel gehoben wurden, denn die langen scharfen Messer der Walliser durchbohrten sie zugleich mit hundert Wunden und schonten nur, wenn die erste schon tödlich war. So stand der Kampf und hatte schon mehr als eine halbe Stunde gewährt, als Berenger mit seinem Pferde bis auf zwei Speerlängen von dem britischen Banner vorgedrungen war. Jetzt waren er und Gwenwyn so nahe aneinander, daß sie sich schon Zeichen einer gegenseitigen Aufforderung geben konnten. »Hierher wende Dich, Wolf von Wales,« rief Berenger, »und erwarte, wenn Du es wagst, den Hieb von eines guten Ritters Schwerte! Raymond Berenger speiet Dich und Deine Banner an!« »Falscher, normannischer Schuft!« rief Gwenwyn, eine Keule von ungeheurem Gewicht, schon mit Blut befleckt, um sein Haupt schwingend. »Dein eisernes Kopfstück soll Dir schlecht Deine Zunge decken, mit welcher ich heute die Raben füttern will,« Raymond gab ferner keine Antwort, sondern spornte sein Pferd gegen den Fürsten, welcher mit gleicher Bereitwilligkeit ihm entgegentrat. Aber ehe ihre Waffen sich erreichen konnten, weihte sich ein wälscher Krieger, gleich jenen Römern, die so dem Elefanten des Pyrrhus Einhalt taten, dem Tode. Da er merkte, daß die Rüstung von Raymonds Pferde den wiederholten Stößen seines Speers widerstand, warf er sich selbst unter das Tier und stieß ihm sein langes Messer in den Bauch. Das edle Tier bäumte sich und stürzte und erdrückte mit seinem Gewicht den Briten, der es verwundet hatte. Der Helm des Ritters, dessen Spangen im Sturz sich lösten, rollte von seinem Haupte hinweg und ließ seine edlen Züge und seine grauen Haare sehen. Wiederholt strengte er sich an, sich von dem gefallenen Pferde heraufzuarbeiten, aber ehe es ihm gelang, empfing er den Todesstreich von der Hand Gwenwyns, der nicht anstand, ihn in dem Augenblick, da er sich aufrichten wollte, mit seiner Keule niederzuschmettern. Während der ganzen Zeit dieses blutigen Tages hatte Dennis Morolts Pferd Schritt für Schritt und sein Arm Schlag für Schlag neben seinem Gebieter gehalten. Es schien, als ob zwei verschiedene Körper durch einen Willen bewegt würden. Er zügelte seine Kraft oder ließ sie los, gerade wie er sah, daß es sein Ritter tat, und bei seiner letzten tödlichen Anstrengung war er dicht an seiner Seite. In jenem entscheidenden Augenblick, als Raymond Berenger auf den Häuptling hinstürzte, bahnte der brave Knappe sich den Weg zu dem Banner, und es fest fassend, rang er um den Besitz mit einem gigantischen Briten, dessen Sorge es anvertraut ward, und der nun seine äußerste Kraft brauchte, es zu verteidigen. Aber selbst in diesem tödlichen Handgemenge verließ das Auge Morolts kaum seinen Herrn, und als er ihn fallen sah, schien sympathetisch auch ihn die Kraft zu verlassen, und der britische Kämpfer hatte nun keine Mühe mehr, auch ihn unter die Erschlagenen niederzustrecken. Der Sieg der Briten war jetzt vollständig. Nach dem Falle ihres Anführers wären die Krieger Raymonds gern geflohen oder hätten sich ergeben; aber das erste war unmöglich, so enge waren sie eingeschlossen, und in den grausamen Kriegen der Walliser auf ihren Grenzen war für die Ueberwundenen von Pardon gar keine Rede. Nur wenige von den Reitern waren glücklich genug, sich aus dem Getümmel herauszuwickeln, und ohne den geringsten Versuch, sich in die Burg zu werfen, flohen sie in verschiedenen Richtungen, ihre eigene Furcht unter die Grenzbewohner zu bringen, indem sie den Verlust der Schlacht und das Schicksal des weitberühmten Berenger verkündeten. Die Bogenschützen des gefallenen Führers, welche zuvor nicht so tief in den Kampf verwickelt waren, den hauptsächlich die Reiterei geführt hatte, traf jetzt die Reihe, der einzige Gegenstand für den Angriff des Feindes zu sein. Aber als sie die Menge gleich einem brüllenden Meer mit all seinen Wellen eindringen sahen, so verließen sie die Anhöhe, welche sie bisher trefflich gehalten hatten, und begannen einen regelmäßigen Rückzug zum Kastell in so guter Ordnung, wie sie konnten, als das einzige Mittel, welches ihnen blieb, ihr Leben zu sichern. Einige wenige der Feinde, die leicht zu Fuß waren, versuchten, während dieses klugen Manövers sie abzuschneiden, indem sie ihnen in ihrem Marsche zuvoreilten und sich in den Hohlweg warfen, der zum Kastell führte, um sich dort ihrem Rückzuge zu widersetzen. Aber die Kaltblütigkeit der englischen Bogenschützen, gewohnt an Gefahren jederzeit, unterstützte sie auch bei dieser Gelegenheit; während ein Teil von ihnen die Walliser mit Schwertern und Aexten aus dem Hohlwege verjagte, machten die andern in der entgegengesetzten Richtung Front, und in Stellungen, wechselweise Halt machend und retirierend, behaupteten sie sich so, daß sie die Verfolgung zurückwiesen und jedes Pfeilgeschoß den Wälschen zurückgaben, wodurch von beiden Seiten viele litten. Endlich, nachdem sie mehr als zwei Drittel ihrer tapferen Gefährten zurückgelassen hatten, erreichten die Freisassen den Punkt, der, beherrscht von den Bogen und Maschinen auf den Zinnen, jetzt verhältnismäßig sicher genannt werden konnte. Ein Regen von großen Steinen und viereckigen Bolzen von mächtiger Größe und Härte tat auch der ferneren Verfolgung wirksamen Einhalt: die Anführer zogen ihre flüchtige Schar zurück in die Ebene, wo unter Jubeln und Jauchzen ihre Landsleute beschäftigt waren, die Beute des Schlachtfeldes in Sicherheit zu bringen, während einige, getrieben durch Haß und Rache, die Glieder der erschlagenen Normannen, auf eine ihrer Sache und ihres eigenen Mutes unwürdige Weise zerhieben und zerstückelten. Das furchtbare Geheul, mit welchem dieses gräßliche Werk vollbracht ward, erfüllte das Gemüt der kleinen Besatzung von Garde Douloureuse mit Grausen, flößte ihnen auch zugleich den Entschluß ein, lieber die Festung bis aufs äußerste zu verteidigen, als sich der Gnade dieses so rachsüchtigen Feindes zu unterwerfen. Fünftes Kapitel. Der unglückliche Ausgang der Schlacht ward bald den angsterfüllten Zuschauern auf den Wachtürmen von Garde Douloureuse klar, welchen Namen die Burg an diesem Tage gar Wohl verdiente. Mit Mühe vermochte der Beichtiger seiner eigenen Bewegung Meister zu werden, um die der Frauen, welchen er beistehen sollte, zu beherrschen, wozu noch mit ihrem Jammergeschrei mehrere andere kamen – Frauen, Kinder, schwache Greise, die Angehörigen der in den unglücklichen Kampf verwickelten Krieger. Diese hilflosen Wesen waren in der Burg zu ihrer Sicherheit aufgenommen worden und hatten sich jetzt zu den Zinnen hingedrängt, von welchen Pater Aldrovand sie vergebens zu entfernen suchte, in der Besorgnis, daß ihr Anblick auf den Türmen, wo sich nur Bewaffnete aufgestellt zeigen sollten, den Belagerern nur eine Aufmunterung mehr zu ihren Anstrengungen sein würde. So drang er also in Lady Eveline, diesen Haufen von hilflosen Trauernden, mit denen sich doch nichts anfangen ließe, ein Beispiel zu geben. Selbst in diesem Uebermaß des Kummers die Fassung, welche die Sitte jener Zeit erheischte, behauptend oder wenigstens zu behaupten strebend–denn der Rittergeist hatte seinen Stoizismus so gut wie die Philosophie–entgegnete Eveline mit einer Stimme, der sie gerne Festigkeit erteilt hätte, aber welche trotz dessen zitternd wurde: »Ja, Vater, Ihr habt recht, hier ist nichts mehr für Mädchen zu schauen, der Preis, des Krieges ehrenvolle Tat, alles versank, als jener weiße Federbusch den Boden berührte. Kommt, Mädchen, hier gibt es nichts mehr für uns zu schauen, – zur Messe – zur Messe! das Turnier ist beendigt!« Etwas Wildes lag in ihrem Tone, und als sie sich erhob, als wolle sie sich an die Spitze einer Prozession stellen, wankte sie und würde ohne die Stütze des Beichtigers niedergesunken sein. Hastig hüllte sie ihr Haupt in ihren Mantel, als schämte sie sich, den maßlosen Schmerz zu zeigen, den sie nicht unterdrücken konnte, dessen Uebermaß jedoch ihr Schluchzen und die leise wimmernden Töne verrieten, welche aus den ihr Gesicht verhüllenden Falten hervordrangen, und überließ es dem Pater Aldrovald, sie zu führen, wohin er wollte. »Unser Gold,« sagte er, »hat sich in Kupfer verwandelt, unser Silber in Schlacken, unsre Weisheit in Torheit – sein Wille ist es, der den Rat der Weisen zu schanden macht, und den Arm des Mächtigen verkürzt! – Zur Kapelle! zur Kapelle, Lady Eveline! und statt unnützen Jammers laßt uns Gott und die Heiligen bitten, ihren Zorn von uns zu wenden, und die schwachen Ueberbleibsel vor den Zähnen des zerreißenden Wolfes zu schützen!« Mit diesen Worten führte er halb, halb trug er Eveline, welche in diesem Augenblicke gleich unfähig zum Denken und Handeln war, nach der Schloßkapelle, wo, vor dem Altar niedersinkend, sie wenigstens die Stellung der Andacht annahm, wiewohl ihre Gedanken trotz der frommen Worte, welche ihre Zunge mechanisch stammelte, draußen auf dem Schlachtfelde neben dem Leichnam ihres erschlagenen Vaters waren. Die übrigen Leidtragenden ahmten ihrer jungen Herrin nach in der andächtigen Stellung sowohl wie in der Abwesenheit ihrer Gedanken. Da sie überdies wußten, daß so viele von der Besatzung durch Raymonds unvorsichtigen Ausfall aufgerieben waren, so trat zu ihren Sorgen noch das Gefühl der persönlichen Unsicherheit, vergrößert durch die Grausamkeiten, welche nur zu oft der Feind auszuüben pflegte, der wie es hieß, in der Hitze des Sieges weder Geschlecht noch Alter verschone. Der Mönch bediente sich indessen unter ihnen des Ansehens, das seine Würde ihm gab, und machte ihnen Vorwürfe über ihr Wehklagen und nutzloses Gewimmer, und als er glaubte, daß er in ihrem Gemüte die Stimmung hervorgebracht hatte, die sich besser für ihre Lage geziemte, überließ er sie ihren Andachtsübungen, um einer ängstlichen Besorgnis nachzugehen und zu erforschen, wie es mit der Verteidigung der Burg stehe. Auf den äußern Wällen fand er den Wilkin Flammock, der, nachdem er den Dienst eines guten und geschickten Befehlshabers besonders im Gebrauch der Artillerie erfüllt und, wie wir gesehen haben, den vorgerückten Feind zurückgeschlagen hatte, nun mit eigener Hand der kleinen Besatzung erstaunliche Rheinweinrationen austeilte. »Sieh Dich wohl vor, guter Wilkin,« sagte der Pater, »daß Du darin nicht zu viel tust. Wein ist, wie Du weißt, wie Feuer und Wasser, ein vortrefflicher Diener, aber ein schlechter Herr.« »Das hat wohl eine Weile, ehe die dicken und starken Schädel meiner Landsleute davon überfließen,« sagte Wilkin Flammock. »Unser flamländischer Mut ist wie unsere flandrischen Pferde – diese bedürfen des Spornes, und jener muß einen Zug aus dem Weinkruge tun. Aber glaubt mir, Vater, es ist eine ausdauernde Zucht, die nicht einläuft in der Wäsche. Und wahrlich, wenn ich auch den Burschen einen Becher zuviel geben sollte, so wäre es auch noch kein Unglück, da sie wahrscheinlich bald eine Schüssel weniger bekommen.« »Wie meint Ihr das?« rief erschrocken der Mönch, »ich hoffe doch zu allen Heiligen, für Vorrat ist gesorgt,« »Nicht so gut wie in Eurem Kloster, guter Vater,« erwiderte Wilkin mit dem immer unbeweglichen Ernst im Gesicht. »Wir haben, wie Ihr wißt, zu lustig über Weihnachten gelebt, um fette Ostern zu haben. Jene wälschen Hunde, die uns halfen unsern Vorrat verzehren, können nun leicht, infolge des Mangels hier, in unser Versteck hineinkommen.« »Du sprichst lauter Unsinn,« antwortete der Mönch, »noch gestern abend erteilte unser Herr (dessen Seele Gott gnädig sein möge) den Befehl, von den Ländereien umher die nötigen Vorräte herbeizuschaffen.« »Jawohl, aber die Walliser rückten zu flink heran, als daß wir gemächlich heute morgen das vollführen konnten, was seit Wochen und Monaten hätte geschehen sollen. Unser hingeschiedener Herr, wenn er wirklich hingeschieden ist, war einer von denen, welcher sich ganz auf die Schärfe ihres Schwertes verlassen, – und so hat es denn so kommen müssen, wie wirs nun haben! zu Armut, statt zu einem wohlverproviantierten Schloß! – Ihr seht blaß aus, mein guter Vater. Ein Becher Wein würde Euch stärken.« Der Mönch wies unberührt den Becher zurück, den Wilkin ihm mit etwas plumper Höflichkeit aufdringen wollte. »Wir haben nun in der Tat,« setzte er hinzu, »keine weitere Zuflucht als das Gebet.« »Wohl wahr, guter Vater,« erwiderte der Flamländer ganz gelassen, »betet daher so viel, als Ihr wollt. Ich will mich mit dem Fasten begnügen, das kommen wird, ich mag wollen oder nicht.« – In dem Augenblick ward ein Horn vor dem Tore vernommen. – »Gebt acht auf das Fallgitter und das Tor, Ihr Burschen! – Was gibts Neues, Neil Hansen?« »Ein Bote von den Wälschen hält auf dem Mühlenberge, gerade in Armbrust-Schußweite. Er hat eine weiße Fahne und begehrt Einlaß.« »Laß ihn nicht ein, bei Deinem Leben! bis wir uns zu seinem Empfange bereitet haben,« sagte Wilkin. »Richte die dicke Steinschleuder nach dem Orte hin und schießet auf ihn, wenn er sich von der Stelle wagt, wo er steht, bis wir alles bereitet haben, ihn zu empfangen,« sagte Flammock in seiner Landessprache. – »Und Neil, Du Hundsfott , rühre Dich, laß jede Pike, Lanze und Spieß in der Burg auf die Zinnen stecken und durch die Schießscharten hervorgucken – zerschneide irgend eine Tapete in die Form von Fahnen, und laß sie von den höchsten Türmen wehen. – Halte Dich bereit, wenn ich das Signal gebe, die Racker zu schlagen, und Trompeten zu blasen, wenn wir welche haben, wo nicht, so einige Kuhhörner, – was es ist, nur Lärm zu machen. – Und horch auf, Neil Hansen, geht Ihr oder vier oder fünf von Euren Kameraden in die Rüstkammer und werft Euch da in Panzer: unsere niederländischen Kürasse erschrecken nicht so. Dann laßt dem wälschen Dieb die Augen binden und bringt ihn unter uns – Ihr haltet Euch gerade und schweigt – laßt mich allein mit ihm reden – nur sorgt dafür, daß kein englischer bei uns sei!« Der Mönch, der auf seinen Reisen einiges von der flamländischen Sprache aufgefaßt hatte, war nahe dabei aufzufahren, als er den letzten Punkt in den Aufträgen Wilkins an seinen Landsmann vernahm. Doch faßte er sich, obwohl nicht wenig erstaunt, sowohl über diesen verdachterregenden Umstand, als über die Fertigkeit und Geschicklichkeit, womit der ungehobelte Flamländer seine Anordnungen nach den Regeln der Kriegskunst und einer gesunden Umsicht einzurichten wußte. Wilkin seinerseits war nicht ganz gewiß, ob der Mönch von dem, was er seinem Landsmann gesagt hatte, nicht mehr gehört und verstanden hatte, als er wünschte. Um nun jeden Argwohn, den Pater Aldrovand fassen konnte, einzuschläfern, wiederholte er im Englischen das meiste der Befehle, die er gegeben hatte, hinzufügend: »Nun, guter Vater, was meint Ihr davon?« »Ganz vortrefflich,« erwiderte der Pater, »als hättet Ihr den Krieg von Eurer Wiege an mitgemacht, statt Zeug zu weben.« »Nun ja, spart Eure Späße nicht, Pater,« antwortete Wilkin, »ich weiß recht gut, daß Ihr Engländer meint, die Flamländer hätten nichts in ihrem Gehirnkasten als gesottenes Fleisch und Kohl: aber Ihr seht, Wissenschaft und Handel gehen hier Hand in Hand zusammen.« »Recht so, Wilkin Flammock,« antwortete der Pater, »aber, guter Flamländer, willst Du mir wohl sagen, was Du auf die Aufforderung des Walliser Ersten für Antwort geben wirst?« »Ehrwürdiger Vater, sagt mir nur erst, worin diese Aufforderung bestehen wird,« erwiderte der Flamländer. »Die Burg augenblicklich zu übergeben,« antwortete der Mönch. »Was wird Eure Antwort sein?« »Meine Antwort wird sein. – Nein! es sei denn unter guten Bedingungen.« »Wie, Herr Flamländer, wagt Ihr Bedingung und Schloß von Garde Duloureuse in einen Satz zu bringen?« sagte der Mönch. »Nicht, wenn ich etwas Besseres tun kann!« antwortete der Flamländer. »Oder wünschen ehrwürdiger Pater, daß ich zaudern soll, solange, bis unter der Besatzung die Frage entsteht, ob ein feister Priester oder ein fetter Flamländer das beste Fleisch zur Schlächterei darbieten?« »Pah,« erwiderte Pater Aldrovand, »an solche Narrenpossen ist nicht zu denken, Entsatz muß spätestens innerhalb vierundzwanzig Stunden kommen, Raymond Berenger erwartete ihn bestimmt zu dieser Zeit.« »Sofern es mit dem Entsatze nicht geht wie mit dem, der ihn erhoffte.« »Hör, Flanderchen,« antwortete der Mönch, dessen Abgeschiedenheit von der Welt nicht ganz und gar seine militärischen Gewohnheiten und Neigungen erstickt hatte. »Ich rate Dir, wenn Dir Dein eigenes Leben lieb ist, ehrlich und rechtlich in dieser Angelegenheit zu handeln, denn trotz der heutigen Niederlage leben hier noch Engländer genug, die flamländischen dicken Frösche in den Burggraben zu schleudern, sollten sie Ursache haben zu glauben, daß Du, in Rücksicht auf die Bewahrung des Schlosses und der Verteidigung von Lady Eveline, Falsches im Sinne hast,« »Laß Ew. Hochwürden keine unnötige und törichte Furcht beunruhigen,« erwiderte Wilkin Flammock. »Ich bin Kastellan in diesem Hause, auf Befehl seines Herrn, und was ich in meinem Amte für vorteilhaft erachte, das werde ich tun.« »Aber ich,« sagte der erzürnte Mönch, »bin ein Diener des Papstes, der Kaplan dieses Schlosses, mit der Macht, zu binden und zu lösen. Ich fürchte, Du bist nicht ein echter Christ, Wilkin Flammock, sondern neigst Dich zu der Ketzerei der Bergbewohner, Du hast es abgeschlagen, das heilige Kreuz zu nehmen, Du hast gefrühstückt, Bier und Wein getrunken, ehe Du die Messe gehört hast. Du bist kein Mann, dem man trauen kann, und ich will Dir nicht trauen. – Ich verlange, gegenwärtig zu sein bei der Unterhandlung mit den Wälschen.« »Das kann nicht sein, guter Vater,« sagte Wilkin mit demselben schwerfällig lächelnden Angesicht, welches er bei allen Gelegenheiten, auch den dringendsten, beibehielt. »Es ist wahr, was Du sagst, guter Vater, daß ich meine eigenen Gründe habe, für jetzt nicht ganz so weit, als bis zu den Toren vor Jericho zu wandern; und glücklich war es, daß ich solche Gründe hatte, sonst wäre ich nicht hier gewesen, das Tor von Garde Douloureuse zu verteidigen. Es ist ebenfalls wahr, daß ich zuweilen genötigt gewesen bin, meine Mühle früher zu besuchen, als den Kaplan sein frommer Eifer zum Altar rief, und daß mein Magen nicht die Arbeit verträgt, als bis er das Frühstück trägt. Im Englischen ein Wortspiel mit brook working und breakfast . Aber dafür habe ich Ew. Hochachtbaren Ehrwürden selbst eine Geldstrafe erlegt, und ich sollte denken, da es Euch gefällig ist, Euch meiner Beichte so genau zu erinnern, daß Ihr auch der Buße und Absolution nicht vergessen solltet.« Der Mönch hatte durch die Anspielung auf die Geheimnisse des Beichtstuhls die Regeln des Ordens und der Kirche überschritten. Des Flamländers Antwort beschämte ihn, und da er sah, daß der Vorwurf der Ketzerei gar keinen Eindruck auf ihn machte, so konnte er nur mit einiger Verwirrung antworten: »So weigert Ihr Euch also, mich zu Eurer Unterredung mit dem Walliser zuzulassen?« »Ehrwürdiger Vater,« sagte Wilkin, »sie betrifft ganz und gar nur weltliche Dinge. Sollte etwas von Religionssachen dazwischen kommen, sollt Ihr ohne Verzug herbeigerufen werden.« »Ich werde doch dabei sein. Dir zum Trotz, Du flämischer Ochs,« murmelte der Mönch, doch so leise, daß keiner der Umstehenden es vernehmen konnte, und damit verließ er die Zinnen. Wenige Minuten nachher stieg Wilkin Flammock, nachdem er zuvor nachgesehen, ob auf den Zinnen alles so geordnet worden, um einen großen Begriff von Stärke zu geben, die nicht da war, in ein kleines Wachzimmer hinab, zwischen dem äußern und innern Tore gelegen, wo ihn ein halbes Dutzend seiner Landsleute versteckt in der normannischen Rüstung, welche sie in der Rüstkammer gefunden hatten, erwarteten. Ihre starken großen und massiven Gestalten und ihre regungslose Stellung gab ihnen mehr das Ansehen von Trophäen einer vergangenen Zeit, als wirklich noch lebender Krieger. Von diesen gewaltigen und unbeseelten Bildsäulen in einem kleinen Gemache, wohinein fast kein Tageslicht drang, umringt, empfing Flammock den wälschen Abgesandten, welcher mit verbundenen Augen von zwei Flamländern hereingeführt, aber absichtlich nicht so sorgfältig bewacht ward, daß er nicht hätte auf die Zinnen hinschielen können, auf denen, hauptsächlich, um ihn zu täuschen, solche Vorbereitungen gemacht waren. In derselben Absicht ließ sich von Zeit zu Zeit ein Waffengeklirr hören, Stimmen vernahm man, als ob Offiziere die Runde machten, und Töne von Geschäftigkeit mancherlei Art schienen eine zahlreiche und reguläre Garnison anzukündigen, die sich vorbereitete, einen Angriff abzuwarten. Als die Binde von Jorworths Augen abgenommen ward, denn eben derselbe, welcher früher Gwenwyns Anerbieten eines Bündnisses hierher trug, brachte jetzt die Aufforderung zur Uebergabe – blickte er stolz um sich her und fragte, an wen er die Befehle seines Herrn, Gwenwyns, Sohn des Cyvelic, Fürsten von Powys, abzugeben hätte. »Seine Hoheit,« antwortete Flammock mit seiner gewöhnlichen schmunzelnden Gleichgültigkeit, »muß sich begnügen, zu unterhandeln mit Wilkin Flammock von den Waldmühlen, bestalltem Befehlshaber der Garde Douloureuse,« »Du, bestallter Befehlshaber!« rief Jorworth aus, »Du, ein gemeiner bäurischer Weber! – es ist unmöglich! – Wie niedrig sie sein mögen, diese Engländer, können sie nicht so tief gesunken sein, daß sie sich von Dir befehlen lassen. – Diese Männer scheinen Engländer zu sein, ihnen will ich meine Botschaft entrichten.« »Ihr mögt es tun, wenn Ihr wollt,« entgegnete Wilkin, »aber wenn sie Euch anders antworten als durch Zeichen, so sollt Ihr mich einen Schelm nennen.« »Ist das wahr,« sagte der wälsche Abgesandte, auf die Bewaffneten hinblickend, die Flammock zur Seite standen. »Seid Ihr wirklich bis dahin gekommen? Ich sollte glauben, daß schon das bloße Geborensein auf britischem Boden, wenn Ihr auch Kinder von Plünderern und Unterdrückern seid, Euch so viel Stolz eingeflößt haben sollte, nicht das Joch eines niedrigen Handwerkers zu tragen. Oder, wenn Ihr nicht den Mut habt, solltet Ihr doch nicht auf Eurer Hut sein? – Wohl sagt das Sprichwort: Wehe dem, welcher dem Fremden vertraut. – Noch immer stumm – noch immer schweigend? – Antwortet mir durch ein Wort oder Zeichen. – Nennt ihr und erkennt Ihr ihn wirklich als Euren Führer?« Die Männer in der Rüstung nickten einmütig mit ihren Helmen zur Antwort auf Jorworths Frage, und blieben dann bewegungslos wie vorher. Der Wälsche, mit dem seinem Volke eigentümlichen Scharfsinn, vermutete, daß hier etwas im Spiele sei, was er nicht begreifen konnte; doch indem er sich vornahm, wohl auf seiner Hut zu sein, fuhr er folgendermaßen fort: »Sei dem, wie ihm wolle, ich bekümmere mich nicht darum, wer die Sendung meines Souverains vernimmt, weil sie Vergebung und Gnade den Bewohnern von Castel on Cary bringt, welches Ihr Garde Douloureuse nennt, um die gewaltsame Besitznahme dieser Gegend durch die Veränderung des Namens zu verdecken. Wird diese Burg dem Fürsten von Powys nebst ihren Ländereien, mit den Waffen, welche sie enthält, und mit der Jungfrau Eveline Berenger übergeben, so sollen alle im Schlosse sich unangetastet entfernen und sicheres Geleit haben, wohin sie sich außerhalb der Grenzen der Kymerier begeben wollen.« »Und was, wenn wir diesen Anforderungen nicht Genüge leisten?« sagte der sich immer gleich bleibende Flammock. »Dann soll Euer Teil sein mit Raymond Berenger, Eurem letzten Anführer,« erwiderte Jorworth, dessen Augen, wie er sprach, mit der rachsüchtigen Wildheit funkelten, welche ihm seine Antwort eingab. »So viele Fremde hier unter Euch sind, so viele Leichen den Raben, so viele Häupter den Galgen! Lang ist es her, daß die Geier nicht einen solchen Schmaus von nichtswürdigen Flämingern und falschen Sachsen gehabt haben.« »Freund Jorworth,« sagte Wilkin, »wenn das Dein ganzer Auftrag ist, so bringe diese meine Antwort Deinem Gebieter zurück, daß kluge Leute nicht den Worten andrer die Sicherheit vertrauen, die sie sich selbst durch ihre eigenen Taten verschaffen können. Wir haben Mauern hoch und stark genug, tiefe Graben, vollauf Munition und Bogen und Armbrust. Wir wollen das Schloß halten in der Hoffnung, daß es uns halten wird, bis Gott uns Hilfe sendet,« »Setzt nicht Euer Leben an solch eine Erwartung,« sagte der Walliser Abgesandte und begann Flämisch zu reden, welches er gelegentlich durch Umgang mit Leuten dieser Nation in Pembrokeshire gelernt hatte und fließend sprach, und dessen er sich jetzt bediente, um den Inhalt seiner Rede den vermeintlichen Engländern im Zimmer zu verbergen. »Höre mich an, guter Flamländer,« fuhr er fort, »weißt Du nicht, daß der, auf den Ihr Euch verlaßt, der Connetable de Lucy, durch sein Gelübde gebunden ist, sich in keine Fehde einzulassen, bis er das Meer durchkreuzt hat, und daß er, ohne meineidig zu werden, Euch nicht zu Hilfe kommen kann. Er und die andern Herrn von den Grenzen haben ihr Angesicht weit gegen den Norden gekehrt, sich mit den Heeren der Kreuzfahrer zu vereinigen. Was wird es Euch helfen, uns Mühe und Arbeit einer langen Belagerung zu verursachen, wenn Ihr keinen Entsatz zu erhoffen habt?« »Und was würde es mir mehr helfen,« erwiderte Wilkin auch in seiner Landessprache, und blickte scharf auf den Wälschen hin, doch mit einem Gesicht, aus welchem aller Ausdruck absichtlich verbannt schien, und dessen sonst leidliche Züge jetzt eine merkwürdige Mischung von Einfalt und Dummheit zu Schau trugen. »Was soll es mir helfen, ob Eure Mühe groß oder klein ist?« »Komm, Freund Flammock,« sagte der Walliser, »stelle Dich selbst nicht ungelehriger, als die Natur Dich schuf. Eine Schlucht ist finster, aber ein Sonnenstrahl kann doch ein Ende derselben erleuchten. Deine größten Anstrengungen können nicht dem Fall des Schlosses vorbeugen; aber Du kannst ihn beschleunigen, und das soll Dir viel einbringen.« Mit diesen Worten trat er dicht zu Wilkin hinan, und zu einem leisen Flüstern ward seine Stimme, als er sagte: »Nie wird das Wegschieben eines Riegels oder das Hinaufziehen eines Fallgitters einem Flamländer so viel Vorteil gebracht haben, als es Dir gewähren kann, wenn Du es willst.« »Ich weiß nur,« sagte Wilkin, »daß das Vorschieben des einen und das Hinablassen des andern mir mein ganzes irdisches Gut gekostet.« »Flamländer! Es soll Dir im vollen Ueberfluß ersetzt werden. Die Freigebigkeit Gwenwyns ist wie der Sommerregen.« »Aber meine Mühlen und Gebäude sind diesen Morgen bis auf den Grund niedergebrannt worden.« »Du sollst tausend Mark Silber zum Ersatz für Deine Güter haben,« sagte der Walliser; aber der Flamländer fuhr fort, als ob er ihn nicht hörte, seine Verluste aufzuzählen. »Meine Aecker sind abgemäht, zwanzig Kühe fortgetrieben, und –« »Sechzig sollen sie Dir ersetzen,« unterbrach ihn Jorworth, »die glattesten von der Beute.« »Aber meine Tochter – aber Lady Eveline,« sagte der Flamländer mit einer kleinen Abänderung seiner monotonen Stimme, welche Zweifel und Verlegenheit auszudrücken schien – »Ihr seid grausame Eroberer, und« – »Nur denen, die uns Widerstand leisten, sind wir furchtbar,« sagte Jorworth, »nicht denen, welche durch Uebergabe Gnade verdienen. Gwenwyn wird die Beschimpfungen Raymonds vergessen und seine Tochter zur höchsten Ehre unter den Töchtern der Kymerier hinaufheben. Was Dein eigenes Kind anbetrifft, sprich nur einen Wunsch für sie aus, und er soll im größesten Maße erfüllt werden. – Nun, Flamländer, wir verstehen uns einander.« »Ich mindestens verstehe Dich,« antwortete Flammock. »Und ich Dich, hoffe ich,« sagte Jorworth, indem er sein scharfes, wildes blaues Auge auf das dumme, ausdruckslose Antlitz des Niederländers heftete, wie ein lernbegieriger Student irgend einen geheimen und verborgenen Sinn in einer Stelle sucht, deren gerader Sinn gemein und trivial erscheint. »Ihr denkt, daß Ihr mich versteht,« sagte Wilkin, »aber daran liegt eben die Schwierigkeit – wer von uns soll dem andern trauen?« »Wagst Du das zu sagen?« entgegnete Jorworth, »ziemt es Dir oder Deinesgleichen, die Anträge des Fürsten von Powys in Zweifel zu ziehen?« »Ich kenne sie nicht anders, guter Jorworth, als durch Dich; aber wohl weiß ich, Du bist nicht der Mann danach, Deinen Handel scheitern zu lassen, weil es Dir an ein wenig Hauch aus Deinem Munde fehlt.« »So wahr ich ein Christenmensch bin,« sagte Jorworth, Beteuerung auf Beteuerung häufend, – »bei der Seele meines Vaters – bei dem Glauben meiner Mutter – bei dem schwarzen Kreuze von –« »Halt, guter Jorworth, Du häufst Deine Eide zu dicht aufeinander, als daß man ihren Wert recht beurteilen könnte,« sagte Flammock, »das, was so leicht verpfändet wird, ist oft nicht des Auslösens wert. Ein Teil von dem versprochenen Lohne schon in der Hand, wäre hundert Eide wert.« »Du argwöhnischer Schuft, wagst Du es, mein Wort in Zweifel zu ziehen?« »Nein, auf keine Weise,« antwortete Wilkin, »doch würde ich Deiner Tat viel lieber glauben.« »Zur Sache, Flamländer,« sagte Jorworth, »was verlangst Du von mir?« »Laßt mich gleich etwas von dem Gelde, das Du mir versprochen hast, erblicken; und ich will Deinen übrigen Vorschlägen nachdenken.« »Elender Geldmäkler!« antwortete Jorworth, »denkst Du, der Fürst von Powys habe soviel Geldsäcke, als die Kaufleute in Deinem Tausch- und Handelslande? Er sammelt Schätze durch seine Eroberungen ein, wie die Wasserhose das Wasser durch ihre Kraft aufsaugt, aber nur, um sie unter seinen Anhängern zu verbreiten, wie die Wolkensäule ihren Inhalt der Erde und dem Ozean wiedergibt. – Das Silber, welches ich Dir verspreche, muß noch erst aus den Kasten der Sachsen zusammengebracht werden, ja die Schatulle Berengers muß erst durchwühlt werden, um die Zahl voll zu machen.« »Das, dächte ich, könnte ich selbst tun, da ich volle Gewalt im Schlosse habe, und Euch eine Mühe ersparen,« sagte der Flamländer. »Allerdings,« antwortete Jorworth, »es käme dabei nur auf die Kosten von einem Strick oder einer Schlinge an; die Walliser mögen die Burg nehmen und die Normannen sie entsetzen, – die ersten würden ihre Beute ganz erwarten, die andern, daß ihres Landmanns Schätze ihnen unvermindert überliefert werden.« »Das will ich nicht bestreiten,« sagte der Flamländer. »Gut, wenn ich nun aber sage, ich will zufrieden sein und Euch trauen, wenn Ihr mir mein Vieh wiedergebt, das Ihr in Händen habt, und worüber Ihr schalten könnt? Wenn Ihr mir nicht zum voraus in etwas gefällig sein wollt, was kann ich hinterher von Euch verlangen?« »Ich wollte Euch noch in größern Dingen gefällig sein,« antwortete der gleichfalls argwöhnische Walliser. »Doch was kann es Dir helfen, Dein Vieh innerhalb der Festung zu haben? Es kann besser für dasselbe in der Ebene unten gesorgt werden.« »Wahrlich,« erwiderte der Flamländer. »Du hast wieder recht; es würde uns hier zur Last sein, da wir schon so vieles Vieh für die Besatzung im Vorrat haben. – Aber doch, wenn ich es genauer betrachte, so haben wir auch wieder Courage genug, alles was wir haben, und noch mehr, zu halten. – Dann sind meine Kühe von ganz besonderer Rasse von den reichen Weiden in Flandern hergebracht, und ich wünsche mich wohl in ihrem Besitz zu sehen, ehe Eure Aexte und Beile sich über ihr Fell gemacht haben.« »Ihr sollt sie haben, diese Nacht mit Fell und Horn,« sagte Jorworth, »es ist nur ein kleines Handgeld; der große Lohn folgt nach.« »Vielen Dank für Eure Freigebigkeit,« sagte der Flamländer. »Ich bin ein einfältiger Mann und beschränke meine Wünsche auf die Wiedererlangung meines Eigentums.« »Du wirst also bereit sein, dann die Burg zu übergeben?« sagte Jorworth. »Davon wollen wir morgen mehr sprechen,« sagte Wilkin Flammock. »Wenn diese Engländer und Normannen auch nur den Gedanken ahnen sollten, da würden wir böses Spiel haben. – Die müssen erst alle voneinander sein, ehe ich über diese Sache ferner unterhandeln kann. – Indessen bitte ich Dich, mach, daß Du schnell wegkommst, und zwar, als seiest Du tief beleidigt durch den Inhalt unseres Gespräches.« »Doch möchte ich gern etwas Festeres und Bestimmteres wünschen,« sagte Jorworth. »Unmöglich, unmöglich!« sagte der Flamländer, »seht Ihr nicht, wie jener große Bursche dort schon anfängt mit seinem Dolch zu spielen? – Geh fort in Eile und ärgerlich, – und vergiß nicht die Kühe.« »Ich werde sie nicht vergessen,« sagte Jorworth, »aber wenn Du nicht Wort hältst –« Mit diesen Worten verließ er das Zimmer mit drohender Gebärde, die teils in allem Ernst Wilkin galt, teils auf dessen Rat angenommen ward. Flammock antwortete in englischer Sprache, als ob alle rings umher verstehen sollten, was er sagte: »Tue Dein Aergstes, Herr Wälschmann, ich bin ein ehrlicher Kerl, ich trotze allen Vorschlägen zur Uebergabe, und will dieses Schloß halten, zu Deiner und Deines Gebieters Schimpf und Schande! – Her da! verbindet ihm wieder die Augen, und laßt ihn in Sicherheit zu seinen Begleitern draußen zurückkehren. Der nächste Wälsche, welcher vor den Toren der Garde Douloureuse erscheint, soll schärfer empfangen werden.« Dem Walliser wurden die Augen verbunden, und er wurde abgeführt; als aber Wilkin Flammock selbst die Wachstube verließ, trat einer von den scheinbaren Reisigen, welche der Unterredung beiwohnten, zu ihm, und flüsterten ihm auf englisch ins Ohr: »Ihr seid ein falscher Verräter, Flammock, und sollt eines Verräters Tod sterben.« Ueberrascht hätte der Flamländer den Mann gern weiter befragt, aber er war verschwunden, sowie er die Worte geäußert hatte. Dieser Umstand setzte Flammock in große Verlegenheit, da er ihm bewies, seine Unterredung mit Jorworth sei beobachtet, sein Vorsatz erkannt oder vermutet, und zwar von jemanden, der, nicht in sein Vertrauen eingeweiht, leicht seine Absichten durchkreuzen konnte. Sehr bald erfuhr er, daß dieses der Fall war. Sechstes Kapitel. Die Tochter des erschlagenen Raymond war von der Höhe, von welcher sie das Schlachtfeld überschaut hatte, hinabgestiegen, im Herzen den tödlichen Schmerz, der einem Kinde natürlich ist, dessen Augen den Tod eines geehrten und geliebten Vaters gesehen hatten. Aber ihre Stellung und die Grundsätze des Rittertums, worin sie aufgewachsen war, gestatteten ihr nicht, sich einem fortdauernden, unnützen Kummer hinzugeben. Wenn der Geist dieser sonderbaren Verfassung die Jungen und Schönen des weiblichen Geschlechts zu dem Range von Prinzessinnen oder besser Göttinnen erhob, so verlangte er von ihnen, als Erwiderung, einen Charakter und ein Benehmen, höher als das natürliche menschliche Gefühl gestattet, ja demselben einigermaßen widersprechend. Die Heldinnen glichen oft Bildern, in einem künstlichen Lichte gezeigt, welches, sehr hell strahlend, die Gegenstände, auf welche hin es gerichtet wird, sehr hervorgehoben darstellt; aber sie haben dann immer etwas von einem fremdartigen Glanze, welcher, verglichen mit dem des Tageslichts, zu blendend und übertrieben erscheint. Es war der Waise von Garde Douloureuse, der Tochter einer Reihe von Helden, deren Ursprung aus dem Geschlechte der Tor, Balder, Odin und anderer zu Götter erhobner Krieger des Nordens sich herleiteten, deren Schönheit das Thema von hundert Minstrels geworden, und deren Augen der Leitstern der halben Ritterschaft auf den kriegerischen Marken von Wallis war, – es war ihr nicht erlaubt, ihren Vater zu betrauern mit den unwirksamen Tränen eines Landmädchens. So jung, wie sie war, und so schrecklich das Ereignis, wovon sie in diesem Augenblicke Zeugin gewesen, so war es doch auf keine Weise so voll Entsetzens für sie, als es für ein Mädchen gewesen wäre, dessen Auge nicht oft an die rauhen und tödlichen Spiele der Ritter gewöhnt, und dessen Wohnsitz nicht zwischen Helden und Männern gewesen, dessen Einbildungskraft nicht vertraut geworden mit wilden und blutigen Erscheinungen, oder das endlich nicht erzogen war, einen »ehrenvollen Tod unter dem Schilde«, wie man den Tod auf dem Schlachtfelde nannte, für ein wünschenswerteres Ende von dem Leben eines Kriegers zu halten, als das zögernde und unrühmliche Schicksal, welches langsam herbeischleicht, die unlustige und hilflose Untätigkeit des hohen Alters zu enden. Während Eveline um ihren Vater weinte, fühlte sie ihren Busen glühen, wenn sie sich erinnerte, daß er in dem höchsten Glanze seines Ruhmes, mitten unter Haufen von ihm erschlagener Feinde starb; dachte sie aber an das, was ihre Lage jetzt heischte, so geschah es mit dem festen Entschluß, durch jedes Mittel, welches der Himmel in ihrer Macht ihr gelassen hatte, die eigene Freiheit zu verteidigen und ihres Vaters Tod zu rächen. Die Hilfe der Religion wurde nicht vergessen, und der Sitte der Zeit und der Lehre der römischen Kirche gemäß strebte sie die Gunst des Himmels sowohl durch Gelübde als durch Gebete zu gewinnen. In einer kleinen Betkapelle, welche an die größere stieß, hing über dem Altarstück, auf welchem beständig eine Lampe brannte, ein kleines Gemälde der Jungfrau Maria, verehrt als eine besondere Schutzgöttin und Hausheilige der Familie Berenger; einer ihrer Ahnherren hatte es von einer Pilgerfahrt aus dem gelobten Lande mitgebracht. Es war aus den letzten Zeiten des römischen Kaisertums, eine griechische Malerei, nicht ungleich denen, welche in katholischen Ländern dem Evangelisten Lucas zugeschrieben werden. Die Betkapelle, in welcher es aufgestellt war, wurde für ungemein heilig gehalten, ja es wurde behauptet, es hätten sich hier wunderbare Kräfte geäußert; und Eveline hatte sich durch die Blumenkränze, welche sie hier täglich darbrachte, und die frommen Gebete, womit sie sie begleitete, als eine »unseren Frauen von Garde Douloureuse,« so war das Bild genannt, besonders Geweihte dargestellt. Jetzt von den andern abgesondert, allein und insgeheim, sank sie in der Tiefe ihres Schmerzes von der Blende ihrer Patronin nieder, erflehte den Schutz der ihr verwandten Göttlich-Reinen zur Verteidigung ihrer Freiheit und Ehre und rief sie um Rache an gegen den wilden, verräterischen Häuptling, der ihren Vater erschlagen hatte und jetzt ihre Feste belagerte. Sie gelobte nicht nur dem Heiligtum ihrer Beschützerin, deren Hilfe sie anflehte, ein reiches Geschenk an Ländereien, sondern selbst der Eid entfloh ihren Lippen (wiewohl sie bebten und etwas in diesem Gelübde ihr sich widersetzte), daß, welchen begünstigten Ritter unsere Frau von Garde Douloureuse auch zu ihrer Rettung brauchen möchte, dieser von ihr zum Lohn jeden Preis erhalten sollte, den sie nur mit Ehren reichen können, wäre es auch ihre jungfräuliche Hand am heiligen Altar. Durch die Beteuerungen so vieler Ritter, daß eine solche Hingabe der höchste Preis sei, welchen der Himmel verleihen könne, gewöhnt, solches auch zu glauben, schien es ihr, als entrichte sie eine Dankespflicht, wenn sie sich ganz der Willkür der reinen und gesegneten Schutzpatronin, auf deren Hilfe sie baute, hingab. Vielleicht lauerte in dieser Hingebung auch wohl eine irdische Hoffnung, deren sie sich kaum selbst bewußt war, was sie aber mit dem so ganz unbedingten Opfer versöhnte, welches sie freiwillig gebracht hatte. Die heilige Jungfrau, diese schmeichelnde Hoffnung mochte sich eingeschlichen haben, diese gütigste und wohlwollendste unter allen Patroninnen, werde mitleidig sich der Macht bedienen, die sich ihr überließ, und er werde der begünstigtste Marienritter sein, dem ihre Geweihte am willigsten ihre Gunst schenken werde. Doch es gab eine solche Hoffnung, wie denn oft etwas Selbstsüchtiges sich in unsre reinsten und edelsten Empfindungen mischt; unbewußt enstand solche Hoffnung in Evelinen; wenngleich sie in der Ueberzeugung des unbedingten Glaubens, auf das Bild ihrer Heiligen das Auge heftend, in welchem das dringendste Flehen, das demütigste Vertrauen mit unwillkürlichen Tränen kämpften, jetzt vielleicht schöner erschien als damals, da sie, als sie jung war, auserkoren wurde, den Preis der Ritterschaft in den Schranken von Chester zu verteilen. So war es kein Wunder, daß in einem solchen Augenblicke der höchsten Begeisterung, in Andacht hingeworfen vor einem Wesen, dessen Macht sie zu beschützen, und ihr diesen Schutz durch ein sichtbares Zeichen zu versichern, sie nicht bezweifelte, Lady Eveline sich wirklich einbildete, sie sähe mit ihren eigenen Augen die Annahme ihres Gelübdes. Als sie auf das Bild hinsah mit einem Auge, in Tränen gebadet, und einer durch Enthusiasmus erhitzten Einbildungskraft, schien sich der Ausdruck der groben Umrisse des griechischen Malers zu verändern; die Augen schienen beseelt zu werden und mit Blicken des Mitleids das Flehen der Gelobenden zu erwidern; der Mund gestaltete sich sichtbar zu einem unaussprechlich süßen Lächeln! ja es schien ihr sogar, als ob das Haupt sich freundlich neigte. Von übernatürlicher Scheu ergriffen bei einer Erscheinung, an deren Wahrheit ihr Glaube keinen Zweifel gestattete, kreuzte Lady Eveline die Arme über der Brust und warf sich mit der Stirn zur Erde, als die geziemendste Stellung, eine göttliche Mitteilung zu empfangen. Aber so weit erstreckte sich die Vision nicht – da war kein Ton, keine Stimme; und als sie nach einigen furchtsamen Blicken in der Kapelle umher, wieder zu dem Bilde unserer Frauen ihr Auge erhob, so schienen die Züge wieder genau die Gestalt angenommen zu haben, die der Maler ihnen gegeben hatte, ausgenommen, daß in Evelinens Einbildung sie noch immer einen erhabenen, selbst huldreichen Ausdruck behielten, den sie zuvor nie darin bemerkt hatte. Mit scheuer, fast zur Furcht gesteigerter Ehrerbietung, doch getröstet, und selbst durch die Erscheinung, deren sie gewürdigt worden war, erhoben, wiederholte die Jungfrau wieder und immer wieder die Gebete, welche sie dem Ohre ihrer Wohltäterin am angenehmsten erachtete; endlich stand sie auf, zog sich rückwärts zurück, wie aus der Gegenwart eines Herrschers, bis sie die äußere Kapelle erreicht hatte. Hier knieten noch einige Frauen vor den Heiligen, welche an den Wänden und in den Nischen zur Anbetung aufgestellt waren; aber die andern von den in Furcht gejagten Andächtigen, zu beunruhigt, ihre Gebete zu verlängern, hatten sich durch die Burg zerstreut, Kunde von ihren Angehörigen einzuziehen, sich einige Erfrischung oder wenigstens irgend einen Ruheplatz für sich und die ihrigen zu schaffen. Ihr Haupt beugend und ein Ave vor jedem Heiligen flüsternd, so wie sie an seinem Bild vorbeiging (denn drohende Gefahr macht aufmerksam auf die Pflichten der Andacht) hatte Lady Eveline fast die Tür der Kapelle erreicht, als ein Reisiger, wie er es zu sein schien, hastig hereintrat und mit einer lautern Stimme als sich für den heiligen Ort schickte, wenn nicht die dringendste Not es erheischte, nach Lady Evelinen fragte. Noch voll von den frommen Empfindungen, welche der letzte Auftritt in ihr erregt hatte, wollte sie ihm eben einen Verweis über seine militärische Rauheit geben, als er wieder sprach und zwar mit ängstlicher Eile: »Tochter, wir sind verraten!« – und wiewohl die Gestalt und die Rüstung, welche sie einhüllte, die eines Kriegers war, so war es doch nur die Stimme nach Pater Aldrovand, der, hitzig und ängstlich zugleich, seine eiserne Kopfbedeckung abriß und sein Angesicht zeigte. »Vater,« sagte sie, »was soll das? Habt Ihr das Vertrauen auf den Himmel vergessen, welches Ihr sonst zu empfehlen pflegt, daß Ihr andre Waffen tragt, als Euer Orden Euch anweist?« »Dahin kann es kommen in kurzem,« sagte Pater Aldrovand, »denn ich war eher Soldat als Mönch. Aber jetzt habe ich diesen Harnisch abgetan, Verräterei zu entdecken – nicht Gewalt mit Gewalt zu vertreiben. Ach! meine geliebte Tochter – wir sind traurig daran – Fremde draußen – Verräter drinnen! der falsche Flamländer Wilkin Flammock unterhandelt wegen Uebergabe der Burg.« »Wer wagt das zu sagen?« rief eine Verschleierte, welche unbemerkt in einem abgesonderten Winkel der Kapelle kniete, aber jäh aufsprang und kühn zwischen Eveline und den Mönch trat. »Mach Dich fort, Du naseweises Ding,« sagte der Mönch, erschrocken über die kühne Unterbrechung. »Es geht Dich nichts an!« »Aber es geht mich wohl an,« sagte das Mädchen, indem sie ihren Schleier wegwarf und das jugendliche Gesicht Roses zeigte, der Tochter des Wilkin Flammock. Ihre Augen blitzten, ihre Wangen glühten vor Zorn, dessen Heftigkeit einen sonderbaren Kontrast zu dem recht hübschen Gesicht und den fast noch kindischen Zügen der Redenden bildete, deren ganze Gestalt und Größe die eines Mädchens war, welches kaum der Kindheit erwachsen, deren sonstiges Benehmen ebenso anmutig und schüchtern war, als sie jetzt kühn, leidenschaftlich und unerschrocken sich zeigte. – »Geht es mich nicht an,« sagte sie, »daß meines Vaters ehrlicher Name mit Verrat befleckt wird? Geht es den Fluß nicht an, wenn seine Quelle getrübt ist? Es geht mich an, und ich will den Urheber dieser Verleumdung wissen.« »Mädchen,« sagte Eveline, »bezähme Deine unnütze Heftigkeit, der gute Pater kann doch nicht absichtlich Deinen Vater verleumden wollen, er spricht vielleicht, weil ihm falsch berichtet worden.« »So wahr ich ein unwürdiger Priester bin,« sagte der Pater, »ich spreche nach dem Bericht meiner eigenen Ohren. Bei dem Eide meines Ordens! Ich habe selbst gehört, wie dieser Wilkin Flammock mit dem Wälschmann gehandelt hat wegen der Uebergabe von Garde Douloureuse. Mit Hilfe dieser Halsberge und eisernen Kappe schaffte ich mir Zutritt zu der Unterredung, wobei er keine englischen Ohren vermutete. Zwar sprachen sie flamländisch zusammen, aber ich kenne jenes Kauderwelsch seit Alters her.« »Das Flämische,« sagte das zornige Mädchen, deren aufbrausende Heftigkeit sie antrieb, zuerst auf die letzte Beleidigung zu antworten, »ist kein Kauderwelsch, wie Euer buntscheckiges Englisch, halb normannisch, halb englisch, sondern eine edle gotische Sprache, gesprochen von den braven Kriegern, welche gegen die römischen Kaiser fochten, als die Britannier ihnen ihren Nacken beugten – und was er da sagt von Wilkin Flammock,« fuhr sie fort, als sie ihre Gedanken besser sammelte, »glaubt es nicht, meine teuerste Lady, sondern so wahr Euch die Ehre Eures edlen Vaters lieb ist, vertraut auf die Rechtlichkeit des meinigen wie aufs Evangelium!« Dieses sprach sie mit einem flehenden Tone, untermischt mit Schluchzen, als wollte ihr Herz brechen. Eveline gab sich Mühe, ihre Dienerin zu besänftigen, »Rose,« sagte sie, »in dieser bösen Zeit kann Verdacht auch den besten Mann treffen, und Mißverständnisse können unter den besten Freunden entstehen. Lasset uns hören, was der gute Pater gegen Deinen Vater vorzubringen hat. Fürchte nicht, daß wir nicht seine Verteidigung anhören werden, Du bist ja sonst gewohnt, ruhig und vernünftig zu sein.« »Dabei kann ich weder ruhig noch vernünftig sein,« sagte Rose mit verdoppeltem Unwillen, »und es ist nicht recht von Euch, Lady, daß Ihr auf die falschen Anklagen dieses hochehrwürdigen Vermummten hört, der weder ein rechter Geistlicher noch ein rechter Soldat ist. Aber ich will einen holen, der ihm vors Auge treten soll, sei er im Helm oder in der Kutte!« Mit diesen Worten verließ sie eilig die Kapelle, worauf der Mönch nach einigem pedantischen Hin- und Herreden die Lady Eveline mit dem bekannt machte, was er von der Verhandlung zwischen Jorworth und Wilkin angehört hatte. Er schlug vor, die wenigen Englischen, welche in der Burg waren, zusammenzuziehen und sich in dem innern viereckigen Turm festzusetzen: ein Werk, welches in den gotischen Festungen zur Zeit der Normannen so gelegen war, daß es noch einem bedeutenden Widerstand leisten konnte, wenn auch die äußern Werke der Burg, welche es beherrschte, schon in der Hand des Feindes waren. »Vater,« sagte Eveline, noch immer der Vision vertrauend, wovon sie Zeuge gewesen, »Das wäre ein guter Rat für die äußere Not, aber sonst hieße es nur, das Uebel hervorbringen, welches wir fürchten, die Garnison unter sich selbst uneins zu machen. Ich setze ein festes und nicht unverbürgtes Vertrauen, Vater, in unsere gesegnete Frau von Garde Douloureuse, sie wird uns zugleich Rache gegen unsre barbarischen Feinde und Rettung aus unserer gegenwärtigen Fährlichkeit erteilen. Ich rufe Euch zum Zeugen des Gelübdes, welches ich getan habe, daß demjenigen, welchen unsere Frau gebrauchen wird, uns Hilfe zu leisten, ich nichts verweigern wolle, wäre es meines Vaters Erbe und die Hand seiner Tochter.« »Ave Maria! Ave Regina Coeli!« rief der Priester aus, »auf keinen sichren Felsen konntet Ihr Euern Glauben bauen. Aber, Tochter,« fuhr er nach diesem geziemenden Stoßseufzer fort, »habt Ihr nie davon gehört, oder einen Wink erhalten, daß schon über Eure Hand zwischen unserm höchst verehrten Herrn, dessen wir so grausam beraubt worden sind, (Gott sei seiner Seele gnädig!) und dem großen Hause von Lacy eine Uebereinkunft abgeschlossen worden sei?« »Etwas mag ich wohl davon gehört haben,« sagte Eveline, die Augen niederschlagend, indem eine leichte Röte ihre Wangen überzog, »doch ich überlasse mich ganz der Bestimmung unserer Frau der Rettung und des Trostes.« Während sie sprach, trat Rose mit derselben Heftigkeit, mit welcher sie die Kapelle verlassen hatte, wieder ein, an der Hand ihren Vater führend, dessen schleppender, doch fester Schritt, nichtssagendes Gesicht und schwerfällige Haltung den strengsten Kontrast gegen die Schnelligkeit ihrer Bewegungen und die feurige Lebendigkeit ihres Eintrittes bildeten. Ihr Streben, ihn vorwärts zu ziehen, konnte den Zuschauer leicht an jene Monumente erinnern, auf welchen oft ein kleiner Cherub, seiner Aufgabe durchaus nicht gewachsen, dargestellt wird, wie er gleich zu dem Empyreon hinauf die fleischige Masse irgend eines gewichtigen Grabbewohners windet, deren unverhältnismäßige Schwere die wohlwollenden geistigen Anstrengungen des schwebenden Führers zu überwiegen droht. »Röschen, mein Kind, was betrübt Dich?« sagte der Niederländer, indem er der Gewalt seiner Tochter mit einem Lächeln nachgab, welches auf seinem Gesichte als Vater mehr Ausdruck und Gefühl verriet, als sonst auf seinen Lippen zu verweilen pflegte. »Hier steht mein Vater,« sagte das ungeduldige Mädchen, »jetzt beschuldige ihn des Verrates, wer es kann und wer es mag. Hier steht Wilkin Flammock, Sohn des Dieterick, des Kramers von Antwerpen. – Laß die ihn ins Angesicht anklagen, die ihn im Rücken beschimpften.« »Sprecht, Vater Aldrovand,« sagte Eveline, »wir sind noch jung in unserer Herrschaft, und ach! in böser Stunde ward uns dieses Amt auferlegt. Doch wir wollen, so möge Gott und unsere Frau uns helfen, mit all unserer Macht Eure Anklage hören und Urteil sprechen.« »Dieser Wilkin Flammock,« sagte der Mönch, »wie dreist er auch schon in der Bosheit geworden, wagt es nicht, zu leugnen, daß ich ihn mit meinen eigenen Ohren die Uebergabe des Schlosses habe verhandeln hören.« »Schlagt ihn nieder, Vater!« rief die empörte Rose. »Schlagt den Vermummten da! die stählerne Halsberge darf der Streich treffen, nicht des Mönchs Kittel. – Schlag ihn, oder laß ihn sagen, daß er schändlich lügt.« »Ruhig, Röschen, Du bist närrisch,« sagte ihr Vater ärgerlich, »in dem Mönch ist mehr Wahrheit als Vernunft, und ich wollte, seine Ohren wären weit weg gewesen, als er sie in Dinge steckte, die ihn nichts angingen.« Rosens Haltung sank zusammen, als sie hörte, daß ihr Vater ohne Umschweife die verräterische Handlung gestand, deren sie ihn unfähig gehalten hatte. Sie ließ die Hand sinken, mit welcher sie ihn in die Kapelle gezerrt hatte, und starrte Lady Eveline an, mit Augen, die aus ihren Höhlen hervorzutreten schienen, und einem Gesicht, aus welchem alles Blut, welches dasselbe eben so hoch rötete, in das Innerste ihres Herzens sich zurückgezogen hatte. Eveline sah auf den Angeklagten mit einem Gesichte, auf welchem Sanftmut und Würde sich mit Kummer mischte. »Wilkin,« sagte sie, »das hätte ich nicht geglaubt, wie? an dem Todestag des Dir vertrauenden Wohltäters selbst konntest Du Dich mit seinen Mördern einlassen, dieses Schloß zu übergeben und Deine Treue zu brechen? – Aber ich will Dir keine Vorwürfe machen. – Ich entsetze Dich des Amtes, welches einem so unwürdigen Manne anvertraut war, und weise Dich in Verwahrsam im westlichen Turm, bis Gott uns Erlösung sende. Alsdann kann es sein, daß Deiner Tochter Verdienste Dein Vergehen ausgleichen und Dich weiterer Strafe entziehen. – Laß unsere Befehle sogleich vollzogen sein!« »Ja – ja – ja!« rief Rose aus, ein Wort nach dem andern so schnell und heftig hervorstoßend, als es nur die Zunge vermochte. – »Laß uns gehen – laß uns gehen in den tiefsten Kerker – Finsternis schickt sich für uns besser als Licht.« Der Mönch dagegen, welcher bemerkte, daß der Flamländer keine Bewegung machte dem Verhaftungsbefehle zu folgen, trat vorwärts auf eine Art, die mehr seinem ehemaligen Stande und seiner jetzigen Verkleidung als seiner geistlichen Würde geziemte, und mit den Worten: »Ich verhafte Dich, Wilkin Flammock, wegen eingestandenen Verrats gegen Eure Lehnsherrin!« würde er Hand an ihn gelegt haben, wäre nicht der Flamländer zurückgetreten und hätte in einer drohenden und entschlossenen Stellung ihn zurückgewiesen mit den Worten: »Ihr seid toll – all Ihr Engländer seid toll, wenn es Vollmond ist, und mein albernes Mädchen da ist auch von der Krankheit angesteckt – Lady, Euer verehrter Vater trug mir das Amt auf, welches ich zum Besten aller Parteien auszuführen gesonnen bin, und Ihr als Unmündige könnt mich nicht nach bloßem Belieben davon absetzen. – Vater Aldrovand! ein Mönch kann nicht gesetzlich in Verhaft nehmen. – Tochter Röschen, sei Du stille und trockne Deine Augen; Du bist eine Närrin.« »Ich bin's – ich bin's,« sagte Rose, schnell ihre Augen trocknend und ihre Schnellkraft wiedergewinnend, – »ich bin in der Tat eine Närrin und schlimmer als das, da ich einen Augenblick an meines Vaters Rechtlichkeit zweifeln konnte. – Traut ihm, teuerste Lady, er ist weise, obgleich etwas schwerfällig; er ist freundlich, wiewohl geradezu und ungebildet im Sprechen. Sollte er falsch sein, so wird er am schlimmsten dabei fahren, – dann stürze ich mich von der höchsten Spitze des Wachturmes in den Graben, und er soll seine eigene Tochter verlieren, wenn er die seines Herrn verrät.« »Das ist alles Wahnsinn,« sagte der Mönch. »Wer traut überwiesenen Verrätern? – Hierher, Normann, Engländer, zum Beistand Eurer Lehnsherrin! – Bogen und Aexte – Bogen und Aexte!« »Spart doch Eure Kehle für die nächste Predigt, guter Vater!« sagte der Niederländer, »oder Ihr müßt auf gut Flämisch rufen, da Ihr es ja versteht, denn auf keine andere Sprache werden die da in der Nähe antworten.« Er näherte sich darauf der Lady Eveline mit einer wahren oder angenommenen plumpen Freundlichkeit, und einem Benehmen, das der Höflichkeit so nahe kam, als seine Züge und Manieren nur vermochten. Er wünschte ihr gute Nacht, und mit der Versicherung, daß er schon alles aufs beste machen würde, verließ er die Kapelle. Der Mönch wollte von neuem in Schelten ausbrechen, aber Eveline, klüger als er, tat seinem Eifer Einhalt. »Ich kann nicht anders,« sagte sie, »als hoffen, daß dieses Mannes Absichten rechtlich sind.« »Nun, Gottes Segen über Euch, Lady, allein für dieses Wort!« sagte Rose, sie feurig unterbrechend und ihre Hand küssend. »Aber sollten die Absichten trotzdem verdächtig sein,« fuhr Eveline fort, »so werden wir ihn nicht durch Vorwürfe zu einem bessern Entschluß bringen. Guter Vater! habt ein wachsames Auge auf die Vorbereitungen zum Widerstande und seht darauf, daß nichts vergessen werde, was unsere Kräfte zur Verteidigung der Burg erlauben!« »Fürchte nicht, meine teure Tochter,« sagte Aldrovand, »es gibt noch immer unter uns englische Herzen, und wir wollen eher diese Flamländer totschlagen und aufessen, als die Burg übergeben.« »Das Futter wäre gefährlicher zu erlangen als Bärenwildbret,« antwortete Rose bitter, noch immer in Hitze darüber, daß der Mönch ihre Nation mit Argwohn und Schimpf behandelte. Jetzt trennte sich alles. Die Frauen gingen, ihrer geheimen Sorge und Furcht nachzuhängen, oder sie in stiller Andacht zu erleichtern; der Mönch, die wahren Absichten Wilkin Flammocks zu ergründen, und wenn sie Verrat anzeigen sollten, ihnen womöglich entgegenzuhandeln. Aber obwohl sein Auge durch einen starken Argwohn geschärft war, so sah es doch nichts, was seine Furcht verstärken konnte, außer daß der Flamländer mit großer militärischer Einsicht die Hauptposten der Burg seinen eigenen Landsleuten übergeben hatte; weshalb ein jeder Versuch, ihn seiner gegenwärtigen Macht zu berauben, schwer und gefährlich gewesen sein würde. Endlich zog sich der Mönch zurück, weil sein Amt ihn rief, den Abendgottesdienst zu halten, doch mit dem Vorsatz, morgen, mit Anbruch des Tages, wieder da zu sein. Siebentes Kapitel. Treu seinem Entschlüsse und, um nicht Zeit zu verlieren, seinen Rosenkranz im Gehen betend, begann Aldrovand seine Runde in der Burg, sobald der erste Schimmer des Tageslichtes am östlichen Horizont sich zeigte. – Ein natürlicher Instinkt führte ihn zuerst zu den Ställen, welche, wäre die Festung hinlänglich für eine Belagerung verproviantiert worden, mit Vieh hätten gefüllt sein sollen. Und wie groß war sein Erstaunen, als er mehr wie zwanzig fette Kühe und junge Ochsen an dem Platze fand, der in der vorigen Nacht ganz leer war. Eins dieser Tiere war bereits zur Schlachtbank abgeführt, und einige Flamländer, welche bei dieser Gelegenheit die Schlächter spielten, waren beschäftigt, für den Koch das Tier zu zerlegen. Der gute Pater war nahe daran, laut Wunder umher zu schreien; aber um nicht voreilig zu sein, schränkte er sein Entzücken auf einen stillen Ausruf ein zum Preise unserer Frauen von Garde Douloureuse. »Wer spricht von Mangel an Vorrat? – Wer spricht jetzt von Uebergabe?« sagte er, – »Hier ist genug, uns zu halten, bis Hugo de Lacy anlangt, und sollte er auch von Cypern herbeisegeln, uns zu befreien. Ich nahm mir vor, diesen Morgen zu fasten, sowohl um Lebensmittel zu sparen als aus Andacht; aber der Segen der Heiligen soll nicht verschmäht werden.– Herr Koch, laßt mir ein tüchtiges Stück gekochtes Rindfleisch zukommen; laßt den Bäcker mir ein Semmelbrot und den Kellerer mir ein Glas Wein schicken. Ich will im Herumgehen ein Frühstück auf den Zinnen zu mir nehmen.« An diesem Orte, welcher ungezweifelt der schlechteste Punkt von Garde Douloureuse war, fand der gute Vater nun Wilkin Flammock, der recht angelegentlich hier die notwendigsten Verteidigungsanstalten übersah. Er grüßte ihn höflich, wünschte ihm Glück zu dem Vorrat an Lebensmitteln, womit die Burg während der Nacht versehen worden war, und fragte nach, wie es möglich gewesen sei, sie so glücklich mitten durch die wälschen Belagerer hereinzubringen, als Wilkin ihn unterbrach: »Von allem diesen ein andermal, Vater, ein andermal. Jetzt aber wünsche ich, ehe wir etwas anders reden, Dich über eine Sache zu fragen, die mein Gewissen drückt und zugleich gar sehr mein irdisches Wohl betrifft.« »Sag an, mein vortrefflicher Sohn!« sagte der Pater, welcher hoffte, so den Schlüssel zu Wilkins wahren Gesinnungen zu erhalten, »O, ein zartes Gewissen ist ein Juwel und dem, welcher nicht darauf hören will, wenn gesagt wird: »Schütte aus Deine Zweifel in das Ohr des Priesters!« wird dereinst sein schmerzliches Angstgeschrei Feuer und Schwefel ersticken. Du hattest immer ein zartes Gewissen, Sohn Wilkin, obwohl Dein Benehmen rauh und gemein ist,« »Nun gut denn,« sagte Wilkin, »Ihr müßt wissen, guter Vater, ich habe da ein Geschäft gehabt mit meinem Nachbarn, Jan Vanwelt, meine Tochter Rose betreffend, und er hat mir einige Gulden gezahlt unter der Bedingung, daß ich sie ihm zur Frau gebe.« »Pah, pah, mein guter Sohn,« sagte der getäuschte Beichtvater, »der Spaß kann beiseite gelegt werden. Jetzt ist nicht Zeit, zu freien oder freien Zu lassen, wenn wir alle in Gefahr sind, ermordet zu werden.« »Gut, aber doch hört mich an, guter Vater,« sagte der Flamländer, »diese Gewissenssache betrifft den gegenwärtigen Fall mehr, als Ihr glaubt, Ihr müßt wissen, ich habe gar nicht Lust, Rose diesem Vanwelt zu geben, der alt und von kränklicher Konstitution ist, und nun wollte ich von Euch wissen, ob ich gewissenhaft meine Einwilligung verweigern kann.« »Wahrlich,« sagte Aldrovand, »Rose ist ein nettes Mädchen, wiewohl etwas zu heftig, und ich denke. Ihr könnt mit allen Ehren Eure Einwilligung zurücknehmen, aber in alle Wege nur, wenn Ihr die Gulden zurückzahlt, die Ihr empfangen habt.« »Aber da liegt eben die Klemme, guter Vater,« sagte der Flamländer, »die Zurückzahlung dieses Geldes wird mich in die größte Armut stürzen. Die Walliser haben meinen Wohlstand zerstört, und diese Handvoll Geld ist alles, Gott helf mir! womit ich mein Leben von neuem anfangen muß.« »Nichtsdestoweniger, Sohn Wilkin,« sagte Aldrovand, »Du mußt Dein Wort halten, – denn was sagt die Schrift? Quis habitatit in tabernacolo, quis requiescet in monte sancto? – Zu, zu, mein Sohn! brich nicht Dein verpfändetes Wort eines kleinen schmutzigen Gewinnes wegen. Besser ist ein leerer Magen und ein hungriges Herz mit einem reinen Gewissen, als ein fetter Ochs mit Ungerechtigkeit und Wortbruch. – Sahst Du nicht unsern verstorbenen edlen Herrn – (Seiner Seele gehe es ewig wohl!) – welcher lieber den Tod wählte im ungleichen Kampf, wie ein wackrer Ritter ihn einem Leben als Meineidiger vorzog, obgleich er nur ein rasches Wort zu einem Wälschen bei der Weinflasche gesprochen hatte.« »Ach, das ist's,« sagte der Flamländer, »das habe ich eben gefürchtet. So müssen wir also das Schloß übergeben oder dem Wälschmann Jorworth das Vieh zurückstellen, vermittels dessen ich mir das Plänchen gemacht hatte, das Schloß zu verproviantieren und zu verteidigen.« »Wie? Weshalb? Was meinst Du?« rief der Mönch voll Erstaunen. »Ich spreche mit Dir von Rose Flammock und Jan Van – Teufel, oder wie Ihr ihn da nennt, und Du erwiderst mir ein Geschwätz von Vieh und Feste und ich weiß nicht was.« »Mit Eurer Erlaubnis, heiliger Vater! Ich sprach nur in Parabeln. Diese Burg war die Tochter, deren Uebergabe ich versprochen hatte – der Walliser ist Jan Vanwelt – und die Gulden waren das Vieh, das er hereingeschickt hat, vor der Hand als Zahlung auf Abschlag meines Lohnes.« »Parabeln!« sagte der Mönch, rot vor Aerger über den ihm gespielten Streich. »Was hat ein Bauer, wie Du, mit Parabeln zu tun? – doch ich verzeih Dir – ich verzeih Dir.« »So muß ich also dem Walliser das Schloß übergeben oder ihm sein Vieh zurückschicken?« »Eher übergib Deine Seele dem Satan,« erwiderte der Mönch. »Ich fürchte doch, eins von beiden wird sein müssen,« sagte der Flamländer. »Nach dem Beispiele Deines hochverehrten Herrn –« »Das Beispiel eines hochverehrten Narren« – antwortete der Mönch, doch fügte er auf der Stelle hinzu: »Unsere Frau sei mit ihrem Knechte! Dieser Bauer mit dem holländischen Gehirn macht, daß ich alles vergesse, was ich sagen will.« »Ja, und dann die heilige Schrift, welche Euer Hochwürden mir angeführt haben,« – fuhr der Flamländer fort. »So geh doch,« sagte der Mönch, »was bildest Du Dir ein, über die heilige Schrift nachdenken zu können? – Weißt Du nicht, daß der Buchstabe der Schrift tötet, aber die Deutung macht lebendig. – Bist Du nicht dem gleich, der zu einem Arzte kommt, aber ihm die Hälfte der Symptome der Krankheit verschweigt? – Ich sage Dir, Du närrischer Flamländer, die Schrift redet nur von Versprechungen unter Christen, und in den Rubriken Lat. rubrica heißen die Anweisungen, besonders in den liturgischen Büchern, die ursprünglich mit roter Tinte bezeichnet waren. befindet sich eine ganz eigene Ausnahme für die Versprechungen, die den Wälschen geleistet werden.« Bei diesen Worten grinste der Flamländer mit so offenem Munde, daß er seinen ganzen Kasten voll breiter, starker, weißer Zähne zeigte. Auch Pater Aldrovand grinste aus Sympathie mit, und fuhr dann fort: »Kommt, kommt, ich sehe schon, wie es steht. Du hast Dir eine kleine Rache ersonnen, weil ich Deine Treue bezweifelte, und wahrlich! Du hast das witzig genug gemacht. Aber warum hast Du mich nicht gleich ins Geheimnis gezogen? Ich sag's Dir, ich hatte bösen Argwohn gegen Dich.« »Wie?« sagte der Flamländer, »war es möglich, daß ich daran denken konnte, Ew. Hochwürden in ein kleines Stück von Betrug zu verwickeln? Dazu hat mir wahrlich der Himmel zu viel Sitten und Anstand gegeben, – Horch! ich höre Jorworths Horn am Tore!« – »Er bläst wie ein städtischer Schweinhirt!« sagte Aldrovand verächtlich. »Also Ew. Hochwürden befehlen nicht, daß ich ihm das Vieh zurückgebe?« sagte Flammock. »Ja, so ungefähr. Ich bitte Dich, schicke ihm geradewegs über die Mauern einen solchen Zuber siedendes Wasser, daß es seinem Ziegenfellmann die Haare abbrüht. Und höre Du, versuche Du zuerst die Temperatur des Kessels mit Deinem Zeigefinger, und das soll Deine Buße für den Streich sein, den Du mir gespielt hast.« Der Flamländer antwortete wieder mit einem breiten Grinsen, und sie begaben sich nach dem äußern Tore, dem sich Jorworth allein genähert hatte, Wilkin Flammock stellte sich an das Pförtchen, welches er jedoch sorgfältig verriegelt hielt, und durch eine kleine Oeffnung sprechend, welche zu solchem Behufe sich dort befand, fragte er den Walliser, was sein Begehren sei? »Deinem Versprechen gemäß, die Uebergabe der Burg zu fordern,« sagte Jorworth. »Ei, und zu solchem Geschäfte bist Du ganz allein gekommen?« sagte Wilkin. »Nein, wahrlich nicht,« sagte Jorworth, »ich habe einige Dutzend Mann hinter jene Büsche versteckt.« »Dann tust Du am besten, sie schnell abzuführen,« antwortete Wilkin, »ehe unsere Schützen ein Bündel Pfeile unter sie schicken.« »Wie, Schurke, denkst Du nicht, Dein Versprechen zu halten?« sagte der Walliser. »Ich gab Dir keines,« sagte der Flamländer, »ich versprach Dir bloß, das zu erwägen, was Du sagtest. Das habe ich getan, habe mich auch mit meinem Beichtvater beraten, und der will schlechterdings nichts davon hören, daß ich Deine Vorschläge eingehe.« »Und Du willst,« sagte Jorworth, »das Vieh behalten, welches ich so ehrlich auf den Glauben an unsere Abmachung in die Burg schickte?« »Ich will ihn in den Bann tun und dem Satan übergeben,« sagte der Mönch, der die phlegmatische, zögernde Antwort des Flamländers nicht abwarten konnte, »wenn er nur ein Horn, Klaue oder Haar von ihnen einem solchen unbeschnittenen Philister überantwortet, als Du und Dein Herr es sind.« »Schon gut, Du geschorener Pfaffe,« antwortete Jorworth im höchsten Zorn. »Aber versteh mich, hoffe nicht, daß Deine Kutte Dich auslösen soll. Wenn Gwenwyn diese Burg eingenommen hat, die nicht lange ein solches Paar treuloser Verräter beschützen wird, so will ich sehen, wie ein jeder von Euch, eingenäht in die Haut einer dieser Kühe, derentwillen Euer Beichtkind meineidig geworden ist, dahin geworfen wird, wo Wolf und Adler Eure einzige Gesellschaft sein werden,« »Du magst Deinen Willen ins Werk setzen, wenn Deine Macht ihm gleich kommt,« erwiderte gelassen der Niederländer. »Falscher Wälscher, wir trotzen Dir in Deine Zähne!« antwortete in einem Atem mit ihm der reizbare Mönch. »Ich hoffe, es noch zu sehen, daß die Hunde eher an Deinen Gliedern nagen, bevor der Tag kommt, von welchem Du prahlerisch sprichst.« Beiden zugleich Antwort zu erteilen, zog Jorworth den Arm mit seinem eingelegten Wurfspieß zurück, und den Schaft schüttelnd, bis er eine schwingende Bewegung erhielt, schleuderte er ihn mit gleicher Kraft und Gewandtheit gegen die Oeffnung in dem Pförtchen. Er zischte durch die Oeffnung, auf welche er gezielt ward, und flog, wiewohl unschädlich, zwischen den Köpfen des Mönchs und des Flamländers hindurch. Der erste fuhr zurück, während der andere mit einem Blick auf den Wurfspieß, der in der Tür der Wachstube noch zitternd steckte, sagte: »Das war gut gezielt und glücklich gefehlt.« Jorworth eilte, sobald er seinen Spieß geworfen hatte, zu seinem Hinterhalt, und gab seinen Mannen Zeichen und Beispiel zu einem schnellen Rückzug, den Hügel hinab. Pater Aldrovand wollte ihnen gern einen Pfeilregen nachschicken lassen, aber der Flamländer bemerkte, daß ihre Munition zu kostbar sei, um sie an wenige Flüchtlinge zu verschwenden. Vielleicht erinnerte er sich, daß sie einigermaßen auf sein Wort hin in die Gefahr einer solchen Begrüßung geraten waren. Als das Geräusch des eiligen Rückzugs Jorworths und seiner Gefährten sich ganz verloren hatte, folgte eine Totenstille, wohl übereinstimmend mit der Kühle und Ruhe einer frühen Morgenstunde. »Das wird nicht lange dauern,« sagte Wilkin in einem Tone ahnungsvollen Ernstes, welcher in des Paters Brust ein Echo fand. »Es wird nicht und kann nicht,« antwortete Aldrovand, »wir müssen einen wilden Angriff erwarten, den ich weniger achten würde, wäre nicht ihre Zahl so groß und die unsrige klein, die Ausdehnung der Mauern so beträchtlich und die Hartnäckigkeit dieser wälschen Teufel fast ihrer Wut gleich. Aber wir wollen unser Bestes tun. Ich eile zur Lady Eveline – sie muß sich selbst auf den Zinnen zeigen. Sie ist schöner, als einem Manne meines Standes geziemt, davon zu sprechen, und sie hat daneben einen Anhauch von ihres Vaters stolzem Geist. Blick und Wort einer solchen Frau gibt einem Manne doppelte Kraft in der Stunde der Not.« »Das kann wohl sein,« sagte der Flamländer, »aber ich will doch gehen und sehen, daß das gute Frühstück, welches ich bestellt habe, jetzt aufgetragen werde; meinen Flamländern wird das mehr Kraft geben als der Anblick der zehntausend Jungfrauen – möge ihre Hilfe um und bei uns sein! – wären sie alle auf freiem Felde aufgestellt.« Achtes Kapitel. Die Morgensonne hatte kaum ihre Strahlen gänzlich verbreitet, als Eveline Berenger, den Rat ihres Beichtigers befolgend, ihre Runde auf den Mauern und Zinnen der belagerten Burg begann, um durch ihre persönlichen Aufmunterungen den Sinn der Tapfern zu stärken und die Furchtsamen zur Hoffnung und Anstrengung zu erheben. Sie trug einen reichen Halsschmuck und Armbänder, Zierden, welche ihren hohen Rang und ihre Abkunft anzeigten; ihre Tunika, nach der Sitte der Zeit, zog sich um ihren schlanken Leib durch einen Gürtel zusammen, der mit Edelsteinen besetzt und durch eine große goldene Schnalle befestigt war. Auf der einen Seite des Gürtels hing eine Tasche oder Beutel, prächtig geziert mit Stickerei; auf der andern Seite trug sie einen kleinen Dolch von auserlesener Arbeit. Ein Mantel von dunkler Farbe, als ein Sinnbild ihres umwölkten Geschickes gewählt, floß lose um sie her, und die Kappe, davon herübergezogen, beschattete zwar, aber verdeckte nicht ihr schönes Antlitz. Ihre Augen hatten zwar den hohen und begeisterten Ausdruck verloren, den die geglaubte Offenbarung ihnen gegeben hatte, aber sie hatten einen sorgenvollen und milden, doch entschlossenen Charakter. Und in ihren Anreden an die Krieger war eine Mischung von Drohungen und Befehl, jetzt sich in ihren Schutz werfend, jetzt ihre Hilfe als den gebührenden Tribut ihrer Lehnspflicht fordernd. Die Garnison war, mit militärischer Einsicht, in verschiedenen Haufen auf den Punkten verteilt, die sich am besten zum Angriff eigneten, oder von welchen dem angreifenden Feinde am meisten geschadet werden konnte. Und gerade diese unvermeidliche Zertrennung ihrer Macht in kleine Abteilungen war es, welche die Ausdehnung der Mauer im Vergleich mit der Zahl ihrer Verteidiger in ein so nachteiliges Licht setzte. Wiewohl nun Wilkin Flammock mancherlei Mittel ersonnen hatte, diesen Mangel an Macht dem Feinde zu verbergen, so konnte er doch die Verteidiger der Burg damit nicht täuschen, welche traurige Blicke auf die langen Zinnen hinabwarfen, die, einige Schildwachen ausgenommen, unbesetzt blieben, und dann auf das unglückliche Schlachtfeld, angefüllt mit den Leichnamen derer, welche ihre Kameraden in dieser Stunde der Gefahr hätten sein sollen. Evelinens Gegenwart trug viel dazu bei, die Besatzung aus dieser niedergeschlagenen Stimmung zu erwecken. Von Posten zu Posten, von Turm zu Turm der alten Feste glitt sie dahin, wie ein Lichtstrahl über die von Wolken beschattete Landschaft, der, sie nach und nach auf verschiedenen Strichen berührend, sie in ihrer Schönheit und wahren Gestalt hervortreten läßt. Sorgen und Furcht machen oft die Leidenden beredt. Sie führte gegen jede der verschiedenen Nationen, aus welchen die kleine Garnison zusammengesetzt war, die ihnen angemessene Sprache. Zu den Engländern sprach sie als Kindern des Bodens – zu den Flamländern als Männern, welche durch Gastfreiheit Angebürgerte geworden waren – zu den Normännern als Abkömmlingen des siegreichen Stammes, dessen Schwert sie zu Edlen und Oberherrn jedes Landes gemacht hatte, wo seine Schärfe verursacht worden war. Gegen sie brauchte sie die Sprache des Rittertums, nach dessen Gesetzen der kleinste von dieser Nation seine Handlungen regelte oder zu regeln sich stellte. Die Engländer erinnerte sie an die feste Treue und Redlichkeit ihres Herzens; zu den Flamländern sprach sie von der Zerstörung ihres Besitztums, den Früchten ihrer ehrbaren Betriebsamkeit. Alle munterte sie auf, den Tod ihres Führers und seiner Getreuen zu rächen – allen empfahl sie Vertrauen auf Gott und unsere Frau von Garde Douloureuse; und sie wagte es, allen die Versicherung zu geben, daß starke und siegreiche Scharen schon zu ihrem Entsatze herbeirückten. »Werden die wackern Kreuzesritter,« sagte sie, »daran denken, ihr Vaterland zu verlassen, während die Wehklagen der Weiber und Waisen sie erfüllen? Das hieße ihren frommen Vorsatz in eine Todsünde verwandeln, und verunglimpfen den hohen Ruhm, den sie so herrlich gewonnen. – Ja, fechtet brav, und vielleicht, ehe eben diese Sonne, welche jetzt langsam emporsteigt, ins Meer sinkt, werdet Ihr ihre Strahlen von Shrewsbury und Chester leuchten sehen. – Wann wartete der Walliser es ab, den Klang ihrer Trompeten, das Rauschen ihrer seidenen Banner zu hören? – Fechtet tapfer – fechtet rühmlich, nur eine Weile. – Unser Schloß ist fest – unsere Munition im Ueberfluß – Eure Herzen sind gut – Eure Arme kraftvoll – Gott ist uns nahe – und unsere Freunde sind nicht fern! So fechtet denn im Namen von allem, was gut und heilig ist. – Fechtet für Euch selbst, für Eure Weiber, für Eure Kinder, für Euer Eigentum – und ach! fechtet für eine verwaiste Jungfrau, welche keine andern Verteidiger hat, als die, welche die Mitempfindung ihres Kummers, die Erinnerung an ihren Vater, in Euch erwecken kann!« – Solche Reden machten einen gewaltigen Eindruck auf die Männer, an welche sie gerichtet waren, welche ohnedies durch Gewohnheit und Sinnesart gegen das Gefühl der Gefahr abgehärtet waren. Die ritterhaften Normannen schworen auf das Kreuz ihres Schwertes, bis auf den letzten Mann zu streiten, ehe sie ihren Posten übergäben. – Die derberen Angelsachsen schrien: »Schande über den, welcher ein solches Lamm, wie Eveline, den wälschen Wölfen überlassen wollte, so lange er seinen Körper zu ihrem Bollwerk machen kann!« – Selbst die kalten Flamländer fingen einen Funken von dem Enthusiasmus auf, der die andern belebte, und flüsterten sich einander Lobsprüche über der jungen Lady Schönheit zu, und kurze aber redliche Entschlüsse, ihre Verteidigung aufs beste zu bewirken. Rose Flammock, welche ihre Lady mit einigen Dienerinnen auf ihrer Runde begleitete, schien aus dem überreizten Zustande, in welchen sie der Verdacht gegen ihres Vaters Charakter gestürzt, in den milderen eines furchtsamen Mädchens zurückgekehrt zu sein. Sie trippelte dicht, aber ehrfurchtsvoll hinter Evelinen her und horchte auf alles, was sie von Zeit zu Zeit sagte, mit jener Achtung und Bewunderung, mit der ein Kind auf seinen Aufseher horcht, indem bloß ihr feuchtes Auge ausdrückte, wie sie die Größe der Gefahr und die Kraft der Ermahnungen fühlte. Doch gab es einen Augenblick, in welchem des jungen Mädchens Auge glänzender, ihr Schritt zuversichtlicher, ihre Blicke stolzer wurden. Dies geschah, als sie sich der Stelle näherten, wo ihr Vater, nachdem er den Pflichten eines Befehlshabers Genüge geleistet, jetzt die eines Ingenieurs erfüllte, und große Geschicklichkeit sowohl als wundervolle persönliche Stärke entwickelte bei der Aufstellung und Richtung einer gewaltigen Steinschleuder auf einer Stelle, welche ein sehr ausgesetztes Tor beherrschte, das von der westlichen Seite der Burg in die Ebene führte, und wo natürlich ein ernstlicher Angriff zu erwarten war. Der größte Teil seiner Rüstung lag ihm zur Seite, aber bedeckt von seinem Rocke, um sie vor dem Morgentau zu schützen, während er in seinem ledernen Wams, mit den Armen entblößt bis zu den Schultern, und einen ungeheuren Schmiedehammer in der Hand, den Handwerkern, welche nach seiner Anordnung arbeiteten, ein treffliches Beispiel gab. Bei langsamen und ernsten Naturen findet man gewöhnlich einen Anflug von Blödigkeit und Empfindlichkeit bei der Verletzung kleiner Sitten. Wilkin Flammock war fast bis zur Unempfindlichkeit ruhig gewesen bei der kürzlich ihm widerfahrenen Beschuldigung des Verrates; aber er wurde rot und ward verlegen, während er schnell seinen Rock über sich warf und sich bemühte, die nachlässige Kleidung zu verbergen, in welcher Lady Eveline ihn überraschte. Nicht so seine Tochter. Stolz auf ihres Vaters Eifer, strahlte ihr Auge von ihm zu ihrer Herrin mit einem Blick voll Triumph, welcher zu sagen schien: »Und dieser treue Diener ist der, welchen man des Verrats verdächtig hielt!« Eveline machte sich in ihrem eigenen Herzen denselben Vorwurf, und sorglich bemüht, den einen Augenblick gehegten Zweifel an seiner Treue wieder gut zu machen, bot sie ihm einen Ring von Wert an: »eine kleine Buße,« sagte sie, »für ein Mißverständnis eines Augenblicks.« »Das ist nicht nötig,« sagte Flammock mit seiner gewöhnlichen Derbheit, »es müßte mir denn erlaubt sein, meinem Mädel den Flitter zu geben, denn ich denke, sie hat sich genug über das betrübt, was mich wenig rührte. – Und weshalb sollte es auch?« »Gebiete darüber, wie Du willst,« sagte Eveline; »der Stein darin ist so echt wie Deine Treue.« Eveline schwieg, und den Blick auf die weit ausgedehnte Ebene zwischen der Burg und dem Strome richtend, machte sie die Bemerkung, wie schweigend und still der Morgen über dem Schauplatz aufgehe, der kurz zuvor weit und breit mit Moor erfüllt gewesen wäre. »So wird es nicht lange bleiben,« antwortete Flammock, »wir werden Lärm genug haben, und das näher unsern Ohren als gestern.« »In welcher Gegend liegt der Feind?« sagte Eveline; »mich dünkt, ich kann weder Zelte noch Pavillons gewahr werden.« »Sie brauchen keine, Lady,« antwortete Wilkin Flammock, »der Himmel hat ihnen die Gnade und das Wissen versagt, genug Linnen zu solchem Behufe zu weben. – Dort liegen sie auf beiden Seiten des Flusses, nur mit ihren weißen Mänteln bedeckt. Sollte man denken, daß eine Schar von Dieben und Halsabschneidern dem lieblichsten Dinge in der Natur so ähnlich sehen könnte – einer schön bedeckten Bleiche? – Horch! horch! die Wespen beginnen zu summen; bald werden sie ihren Stachel ausrecken.« In der Tat hörte man in dem wälschen Heere ein leises und undeutliches Murmeln, wie Bienen aufgeregt im Stock sich waffnen. Entsetzt über den hohlen drohenden Ton, welcher mit jedem Augenblicke lauter wurde, hängte sich Rose, die alle Reizbarkeit eines gefühlvollen Temperaments besaß, in ihres Vaters Arm und flüsterte erschrocken: »Es gleicht dem Getöse des Meeres, die Nacht vor der großen Überschwemmung.« »Und es zeigt rauhes Wetter an, daß die Frauen nicht draußen bleiben können,« sagte Flammock. »Geht in Euer Zimmer, Lady Eveline! wenn es Euch gefällig ist – und auch Du gehe, Röschen – Gott sei mit Dir – Ihr macht nur, daß wir hier faul sind.« Und Eveline, sich bewußt, daß sie alles getan hatte, was ihr oblag, und voll Furcht, der kalte Schauer, der ihr Herz überlief, könnte auch andere anstecken, befolgte ihres Vasallen Rat und zog sich langsam nach ihrem Gemach zurück, oft ihre Augen auf den Platz zurückwerfend, wo die Walliser jetzt hervortraten und unter Waffen ihre Schlachthaufen vorrückten, gleich den Wogen der herannahenden Flut. Der Fürst von Powys hatte mit großer Kriegskenntnis einen Plan zum Angriff entworfen, der dem feurigen Geiste seiner Krieger am angemessensten war, und gedachte, die schwache Besatzung auf jedem Punkte zu beruhigen. Die drei Seiten der Burg, welche der Strom verteidigte, wurden von einer zahlreichen Schar Briten beobachtet, die Befehl hatten, sich nur auf den Gebrauch ihres Bogens zu beschränken, bis daß ein günstiger Augenblick zum nähern Angriff sich darbieten würde. Aber der bei weitem größere Teil von Gwenwyns Macht, aus drei sehr starken Kolonnen bestehend, rückte längs der Ebene auf die Westseite der Burg an und bedrohte mit einem verzweifelten Sturm die Mauern, welche auf dieser Seite des Schutzes vom Flusse beraubt worden waren. Die erste dieser furchtbaren Massen bestand einzig aus Bogenschützen, welche sich dicht vor dem belagerten Platze zerstreuten, und jeden Busch oder jede Erhöhung des Bodens, die sie decken konnte, benützten; dann spannten sie ihre Bogen und sandten einen Regenschauer von Pfeilen auf die Zinnen und Schießscharten, obgleich sie bei weitem mehr Schaden erlitten, als anrichteten, da die Besatzung in verhältnismäßig größerer Sicherheit und ruhigerer Ueberlegung ihre Schüsse erwiderte. Indessen versuchten, unter der Bedeckung ihrer Pfeile, zwei andere sehr starke Korps, die äußersten Werke der Burg mit Sturm wegzunehmen. Sie führten Aexte mit sich, die Palissaden, damals Barrieren genannt, zu zerstören, Reisigbündel, die äußern Graben auszufüllen, Fackeln, alles Brennbare, worauf sie stießen, in Feuer zu setzen, und vor allem Leitern, die Mauern zu besteigen. Diese Abteilungen stürzten mit einer unglaublichen Wut gegen den Angriffspunkt, trotz des hartnäckigen Widerstandes und trotz des großen Verlustes, den sie durch Wurfgeschütze aller Art erlitten; sie setzten den Sturm fast eine ganze Stunde fort, durch Verstärkungen unterstützt, die mehr als hinlänglich waren, ihre verminderte Anzahl zu ersetzen. Als sie endlich zum Rückzug gezwungen waren, schienen sie eine neue und doch mehr ermüdende Art von Angriff zu erwählen. Ein starkes Korps stürzte auf einen besonders ausgesetzten Punkt der Festung mit solcher Wut, daß so viele von den Belagerten, als an andern Orten gespart werden konnten, hierher gezogen werden mußten; sobald sich nun aber eine andere Stelle schwächer bemannt zeigte, als zu ihrer Verteidigung nötig war, so kam an diese die Reihe, wütend von einem besondern Korps angefallen zu werden. So glichen die Verteidiger von Garde Douloureuse dem verlegenen Reisenden, welcher bemüht ist, einen Schwarm von Hornissen zu verjagen, der, wenn er ihn von einer Seite hinwegtreibt, sich auf einer andern haufenweise fortsetzt, und ihn durch ihre Anzahl, Kühnheit und vervielfachten Angriffe in Verzweiflung bringt. Da das äußere Tor demzufolge der hauptsächlichste Angriffspunkt und der Gefahr am meisten ausgesetzt war, begab sich Pater Aldrovand, dessen Besorgnis ihm nicht gestattete, von den Mauern entfernt zu bleiben, und welcher, wo es nur die Schicklichkeit erlaubte, an der Verteidigung tätigen Anteil nahm, dorthin. Hier fand er den Flamländer gleich einem zweiten Ajax, gräßlich mit Staub und Blut bedeckt, mit eigener Hand die große Maschine dirigierend, welche er kurz zuvor aufrichten half, indem er zugleich ein wachsames Auge auf alles Erforderliche umher warf. »Was denkst Du von dem heutigen Tagewerk?« fragte flüsternd der Mönch. »Was nützte es, darüber zu schwatzen,« entgegnete Wilkin, »Ihr seid kein Kriegsmann und ich habe nicht Zeit zu Worten.« »Nicht doch! Schöpfe einmal Atem!« sagte der Mönch und schlug die Aermel seines Rockes in die Höhe; »ich will versuchen, Dir etwas zu helfen, – obwohl, unsere Frau erbarme sich meiner! ich nichts von diesen fremden Erfindungen, nicht einmal die Namen kenne. Aber unsere Regel befiehlt uns, zu arbeiten, es kann nichts Unrechtes sein, die Winde zu drehen, oder dieses Stück Holz mit dem stählernen Knopf gegen den Strick zu stemmen,« – (er tat immer zugleich, was er sagte) – auch sehe ich nichts Unkanonisches, darin, so den Hebebaum anzulegen, so diese Springfeder zu berühren.« Der gewaltige Bolzen zischte durch die Luft, als er sprach, und so erfolgreich ward er gezielt worden, daß er einen Walliser Häuptling von hohem Rang niederstreckte, dem Gwenwyn eben im Begriffe war, irgend einen wichtigen Auftrag zu geben. »Gut geworfen, Trebuchet – gut geflogen, Quarel, Sollen normannische Benennungen von Steinschleuder und Bolzen sein. schrie der Mönch, unfähig, sein Entzücken zu mäßigen, und er gab in seinem Triumph dem Werkzeuge und dem Wurfspieß die technischen Benennungen. »Und gut gezielt, Mönch,« setzte Flammock hinzu, »ich glaube, Du weißt mehr, als in Deinem Breviarium steht.« »Darum kümmere Du Dich nicht,« sagte der Vater, »und nun, da Du siehst, ich kann mit einem Geschütz umgehen, und da auch jene Schufte etwas abgekühlt sind, was denkst Du von unserer Lage?« »Gut genug für eine schlechte, wenn wir nur eiligst Succurs bekämen; aber der Mensch ist von Fleisch und nicht von Eisen, und wir können doch zuletzt durch die Menge mürbe werden. Ein Soldat auf zwölf Fuß Wall, das ist eine fürchterliche Ungleichheit, und die Schurken da merken es und setzen uns scharf zu.« – Hier ward die Unterredung durch die Erneuerung des Sturmes unterbrochen. Auch gestattete ihnen der tätige Feind bis zum Sonnenuntergange nicht viel Ruhe; denn sie auf diesen Punkten mit wiederholten Drohungen des Angriffs beunruhigend, indes sie auf andern Punkten wirklich furchtbare und wütende Stürme wagten, ließen sie ihnen keine Zeit, Atem zu schöpfen oder einen Augenblick sich zu erholen. Dennoch mußten aber auch die Walliser für ihre Kühnheit teuer büßen; denn, wenn auch nichts die Tapferkeit übertreffen konnte, mit welcher ihre Leute wiederholt zum Angriff schritten, so zeigten doch die, welche sie gegen das Ende des Tages versuchten, weniger von der erhitzten Tollkühnheit des ersten Anrückens; und es ist wahrscheinlich, daß das Gefühl des erlittenen großen Verlustes, wie die Furcht vor der Wirkung davon auf den Geist des Volks, den Einbruch der Nacht und die Unterbrechung des Kampfes, Gwenwyn ebenso willkommen machte wie der erschöpften Besatzung von Garde Douloureuse. Dennoch aber herrschte in dem Lager der Walliser Fröhlichkeit und Triumph, denn der Verlust des Tages wurde vergessen bei der Erinnerung an den ausgezeichneten Sieg, welcher der Belagerung vorangegangen war, und die entmutigte Besatzung konnte von ihren Mauern das Lachen und das Singen, das Harfenspiel und Lustigleben derer vernehmen, die im voraus den Triumph der anscheinend unausbleiblichen Uebergabe der Burg feierten. Die Sonne war schon seit einiger Zeit hinabgesunken, die Dämmerung verlor sich schon, und leise schloß sich die Nacht mit dem blauen wolkenlosen Himmel, an welchem die tausend Funken, die das Firmament schmückten, einen doppelten Schimmer von einem Frosthauch empfingen, indessen der blassere Planet, ihre Gebieterin, im ersten Viertel stand. Die Not der Besatzung wurde dadurch bedeutend erschwert, daß zu einer Zeit, die zu einem plötzlichen nächtlichen Anfall so günstig war, sehr strenge und sorgfältige Wache gehalten werden mußte, welches zu der schwachen Anzahl der Mannschaft so wenig paßte; und diese Pflicht war so dringend, daß selbst die am Tage nur leicht Verwundeten gezwungen waren, trotz ihrer Wunden daran teilzunehmen. Der Mönch und der Flamländer, die sich nun vollkommen einander verstanden, machten zusammen um Mitternacht die Runde, ermahnten die Schildwachen gut aufzumerken, und untersuchten mit eigenen Augen den Zustand der Festung. Als sie bei dieser Runde eine höhere Terrasse auf einer engen und ungleichen Treppe bestiegen, die dem Mönch etwas sauer ward, bemerkten sie auf der Höhe, zu welcher sie stiegen, statt des schwarzen Panzers der flämischen Schildwachen, welche hier ihren Posten hatten, zwei weiße Gestalten, deren Anblick Wilkin Flammock mit größerem Schrecken erfüllte, als er während aller zweifelhaften Ereignisse des Kampfes am vergangenen Tage gezeigt hatte. »Vater,« sagte er, »nehmt Euer Werkzeug zur Hand – es spukt – da gibt's Gespenster.« Der gute Vater hatte als Priester nicht gelernt, dem bösen Feinde zu trotzen, den er als Soldat mehr als den sterblichen Feind gefürchtet hatte. Aber er begann mit klappernden Zähnen die Beschwörung der Kirche: »Conjure vos omnes, spiritus maligni, magni atque parvi,« als er durch die Stimme Evelinens unterbrochen wurde, welche ihm zurief: »Seid Ihr es, Pater Aldrovand?« Mit leichterem Herzen, da sie fanden, daß sie nicht mit einem Geiste zu tun hatten, traten Wilkin Flammock und der Priester schnell auf die Terrasse, wo sie die Lady mit ihrer getreuen Rose fanden, die erste mit einer Halbpike in ihrer Hand, wie eine Schildwache auf dem Posten. »Was bedeutet das; Tochter?« sagte der Mönch. »Wie kommt Ihr hierher, und so bewaffnet? Und wo ist die Schildwache, der träge flämische Hund, der dessen Posten versehen sollte?« »Kann er nicht ein fauler Hund sein, ohne darum ein Flamländer zu sein, Vater?« sagte Rose, die jedes Wort aufregte, welches eine Bemerkung gegen ihr Vaterland enthielt; »mich dünkt, ich habe auch von solchen Kötern englischer Gattung gehört.« »So gehe doch, Rose, Du bist zu ungezogen für ein junges Mädchen,« sagte ihr Vater. »Noch einmal, wo ist Peterkin Vorst, der auf diesem Posten stehen soll?« »Lasset ihn meinen Fehler nicht entgelten,« sagte Eveline, indem sie auf einen Fleck deutete, wo die flämische Wache hinter den Zinnen fest eingeschlafen war, – »die Ermüdung hatte ihn überwältigt – er hatte tüchtig den Tag über gefochten, und als ich ihn hier schlafend fand, da ich hierherkam, einem wandernden Geiste gleich, der nicht Rast noch Nutze findet, da wollt ich ihm seine Ruhe nicht stören, die ich beneidete. So wie er für mich gefochten hatte, so, dachte ich, könnte ich wohl eine Stunde für ihn wachen. Ich nahm also seine Waffe in der Absicht, hier zu bleiben, bis ein anderer ihn ablösen käme.« »Ich will den Schelm ablösen, und zwar nachdrücklich,« sagte Wilkin Flammock und begrüßte den schlafenden und hingestreckten Wächter mit zwei Fußstößen, daß sein Küraß rasselte. Der Mann sprang auf seine Füße, nicht wenig erschreckt, und er würde die nächsten Schildwachen und dazu die ganze Besatzung durch das Geschrei, das die Walliser auf den Mauern wären, aufgebracht haben, hätte nicht der Mönch seinen breiten Mund mit der Hand bedeckt, eben als das Gebrüll hervorbrechen wollte. – »Schweig und mache, daß Du in den untersten Kerker kommst! Du verdienst nach alten Kriegsgesetzen den Tod, aber schau auf, Du Taugenichts, sieh, wer Dir Deinen nichtswürdigen Hals gerettet hat und Wache hielt, während Du von Schweinefleisch und Bierkrug träumtest.« Wiewohl noch im Schlafe, fühlte der Flamländer seine ganze Lage genugsam, so daß er ohne Antwort davonschlich, nach einigen linkischen Abschiedsverbeugungen gegen Eveline, wie gegen die, durch welche seine Ruhe so ohne alle Zeremonie unterbrochen worden war. »Er verdient, bei Kopf und Füßen aufgehängt zu werden, der Hundsfott,« sagte Wilkin, »aber etwas wollt Ihr dazu sagen, Lady? Meine Landsleute können nicht leben ohne Ruhe und Schlaf.« Bei diesen Worten gähnte er selbst mit so weitem Munde, als wollte er eins von den Türmchen verschlucken, womit die Ecken der Plattform, wo er stand, besetzt waren. »So ist es, guter Wilkin,« sagte Eveline. »Gönnt Euch daher selbst auch einige Ruhe und verlaßt Euch auf meine Wachsamkeit, wenigstens bis die Wachen abgelöst werden Ich kann nicht schlafen, wenn ich auch wollte; und ich will nicht, wenn ich es auch könnte.« »Schönen Dank, Lady,« sagte Flammock, »in Wahrheit, da dieser Platz so ziemlich in der Mitte ist und die Runde spätestens in einer Stunde hier vorbeikommen muß, so will ich denn wirklich mein Auge bis dahin schließen, denn meine Augenlider sind mir schon schwer wie eine Schleuse.« »O Vater, Vater!« rief Rose aus, ihres Vaters unschickliche Vernachlässigung alles Anstandes tief fühlend, – »bedenkt, wo und in wessen Gegenwart Ihr Euch befindet.« »Ja, ja, guter Flammock,« sagte der Mönch, »bemerkt, in Gegenwart eines edlen normannischen Fräulein geziemt es sich nicht, sich in den Mantel zu wickeln und die Nachtmütze aufzusetzen.« »So laßt ihn doch, Vater,« sagte Eveline, welche zu einer andern Zeit die Schnelligkeit belächelt haben würde, mit welcher Flammock sich in seinen großen Mantel hüllte, seine wohlbeleibte Gestalt auf der steinernen Bank ausstreckte und schon die sichersten Zeichen eines tiefen Schlafes hören ließ, als der Mönch noch nicht ausgesprochen hatte. – »Die äußern Sitten und Formen der Achtung,« fuhr sie fort, »gehören nur für Zeiten des Wohlseins, und wo man alles sehr genau nimmt; – aber in der Gefahr ist des Soldaten Schlafgemach da, wo er Muße zu einer Stunde Ruhe finden kann, und sein Speisezimmer, wo er etwas zu essen erhaschen kann. Setze Dich zu Rosen und mir, guter Vater, und halte uns irgend einen heiligen Vortrag, wobei uns diese Stunden des Kummers und der Ermüdung leichter verfließen werden.« Der Pater gehorchte, aber wiewohl willig, Trost mitzuteilen, gab ihm sein Geist und sein theologisches Wissen doch nichts Besseres ein, als das Hersagen der Bußpsalmen, worin er so lange fortfuhr, bis die Müdigkeit ihn überwältigte, indem er sich eben der Sünde wider das Decorum schuldig machte, worüber er den Wilkin Flammock gescholten hatte, und in der Mitte seiner frommen Beschäftigung fest einschlief. Neuntes Kapitel. Die Ermüdung, welche Flammock und den Mönch erschöpft hatten, fand bei den beiden angstvollen Mädchen nicht statt, welche bald ihr Auge auf die dunkle Landschaft hinwendeten, bald auf die Sterne, welche sie schwach beleuchteten, als ob sie darin die Ereignisse lesen könnten, die der Morgen bringen würde. Es war ein stilles und melancholisches Schauspiel, Baum und Feld, Hügel und Ebene lag vor ihnen im zweifelhaften Lichte. In großer Entfernung konnte das Auge nur mit Mühe eine Paar Punkte unterscheiden, wo der Strom, den sonst überall Ufer und Bäume verbargen, seine mehr ausgedehnte Fläche vor den Sternen und der silbernen Mondsichel ausbreitete. Alles war still, nur das feierliche Rauschen des Wassers war zu hören und dann und wann ein schneidendes Harfengeklimper, welches aus einiger Entfernung durch die Stille der Mitternacht drang und anzeigte, daß einige der Walliser noch immer ihr Lieblingsvergnügen fortsetzten. Die wilden Töne, nur teilweise vernommen, glichen der Stimme vorübergehender Geister, und verbunden mit dem Gedanken an die stolze, unerbittliche Feindseligkeit, klangen sie in Evelinens Ohr, als weissagten sie Krieg und Wehe, Gefangenschaft und Tod. Die andern Töne, welche allein noch die tiefe Stille der Nacht unterbrachen, waren zuweilen das Hin- und Herschreiten einer Schildwache auf ihrem Posten, oder das Geheul der Eulen, welche den herannahenden Sturz der mondbeleuchteten Türme, in welchen sie ihre alternde Wohnung hatten, zu bejammern schienen. Die rings umher herrschende Ruhe schien einer Last gleich auf den Busen der unglückseligen Eveline zu drücken, und in ihm ein tieferes Gefühl des gegenwärtigen Kummers, eine angreifendere Furcht vor den künftigen Greueln zu erwecken, als während des Getöses, des Bluts und der Verwirrung am vergangenen Tage in demselben geherrscht hatten. Sie stand auf – sie setzte sich nieder – sie ging hin und her auf der Plattform, – sie blieb fest gebannt wie eine Bildsäule auf einer Stelle stehen – als ob sie durch die Abänderung ihrer Stellungen ihr inneres Gefühl von Furcht und Sorge zu zerstreuen suchte. Endlich auf den Mönch und den Flamländer hinblickend, wie sie fest schliefen hinter den Zinnen, konnte sie nicht umhin, ihr Stillschweigen zu brechen. »Die Männer sind glücklich,« sagte sie, »meine geliebte Rose! Ihre drückendsten Sorgen werden entweder durch angestrengte Arbeit zerstreut oder in der Abspannung, die darauf erfolgt, erstickt ... Wunden und Tod können sie treffen, aber wir sind es, die in ihrem Geiste eine schneidendere Qual empfinden, als der Körper kennt, und in der nagenden Empfindung des gegenwärtigen Nebels und der Furcht vor künftigem Elende, lebend einen Tod sterben, grausamer als der, welcher all unsern Schmerzen mit einmal ein Ende macht.« »Laßt Euch nicht so niederbeugen, meine edle Gebieterin,« sagte Rose, »seid lieber, was Ihr gestern waret, die hilfreich Sorgende für die Verwundeten, für die Betagten, für einen jeden, außer für Euch selbst – und dabei Euer teures Leben aussetzend unter dem Pfeilregen der wälschen Bogen, weil Ihr dadurch den anderen Mut einflößt; während ich zu meiner Scham nichts konnte, als zittern, schluchzen, und all das bißchen Verstand, das ich besitze, anstrengen mußte, nicht mein Geschrei mit dem wilden Geheul der Walliser zu vereinigen, oder mit denen unserer Freunde, welche um mich hinsanken, zu jammern und zu winseln.« »Ach, Rose!« antwortete ihre Gebieterin, »Ihr könnt nach Herzenslust Eurer Furcht nachhängen bis zum Gipfel der Verzweiflung – Ihr habt einen Vater, für Euch zu fechten, für Euch zu wachen. Der meinige, – mein zärtlicher, edler, verehrter Vater liegt auf jenem Feld, und alles was mir übrig bleibt, ist so zu handeln, als es sich für sein Andenken am besten schickt. Aber dieser Augenblick gehört wenigstens mir, an ihn zu denken und um ihn zu trauern.« Mit diesen Worten, überwältigt von dem langen unterdrückten Ausbruch ihres kindlichen Schmerzes, sank sie auf die Bank hin, welche längs der innern Seite der Brustwehr von der Plattform ablief und mit dem leisen Ausruf: »Er ist dahingegangen auf immer!« überließ sie sich dem ganzen Uebermaß ihres Grams. Eine ihrer Hände hielt unwillkürlich die Waffe, welche sie ergriffen hatte, und sie stützte ihre Stirn darauf, während die Tränen, die jetzt zuerst ihr Herz erleichterten, in Strömen von ihren Augen flossen, und ihr Schluchzen so krampfhaft schien, daß Rose fürchtete, ihr Herz werde brechen. Ihre Liebe und ihr Mitgefühl lehrte sie auch zugleich die mildeste Behandlung, welche Evelinens Zustand erlaubte. Ohne zu versuchen, den Strom ihres Schmerzes in seinem vollen Laufe aufzuhalten, setzte sie sich leise an die Seite der Trauernden, bemächtigte sich der einen Hand, welche bewegungslos ihr zur Seite hinabgesunken war, abwechselnd drückte sie sie an ihre Lippen, an ihren Busen, an ihre Stirn – jetzt bedeckten sie ihre Küsse, jetzt betauten sie ihre Tränen, und mitten unter diesen Zeichen der demütigst hingebungsvollen Teilnahme, wartete sie einen ruhigeren Augenblick ab, ihren kleinen Vorrat von Trost anzubieten. So schweigend und still saßen beide, daß das blasse Mondlicht, so wie es auf die beiden schönen Frauen fiel, mehr eine Gruppe von Bildhauerarbeit, das Werk eines ausgezeichneten Meisters zu beleuchten schien als Wesen, deren Augen noch weinten, und deren Herzen noch schlugen. Der glänzende Küraß des Flamländers, das schwarze Gewand des Paters Aldrovand, wie sie in einiger Entfernung auf den Steinen hingestreckt lagen, konnten dabei die Leichname derer darstellen, um welche die Hauptfiguren trauerten. Nach dem schweren Kampfe weniger Minuten schien es, daß der Gram Evelinens einen ruhigeren Charakter annahm; ihr krampfhaftes Schluchzen veränderte sich in lange, leisere, tiefere Seufzer, und der Strom ihrer Tränen, noch immer fließend, war milder und weniger heftig. Ihre freundliche Dienerin, diese milderen Zeichen benützend, suchte sanft den Speer aus ihrer Gebieterin Hand zu winden. »Laßt mich auf eine kleine Weile Schildwacht sein, meine süße Lady,« sagte sie. »Ich will gewiß lauter als Ihr aufschreien, wenn sich irgend eine Gefahr nähert!« – Sie wagte es, während sie sprach, ihre Wange zu küssen und ihre Arme um den Nacken Evelinens zu legen; aber eine stumme Liebkosung, welche nur ihr Gefühl der liebevollen Absicht des treuen Mädchens, ihrer Ruhe womöglich behilflich zu sein, aussprach, war ihre einzige Antwort. Sie blieben auf einige Minuten schweigend und in derselben Stellung – Eveline gleich einer hochaufstrebenden und schlanken Pappel – Rose, wie sie ihre Herrin mit ihren Armen umschlungen hielt, gleich der Waldweide, welche um sie her rankt. Endlich fühlte Rose plötzlich ihre junge Gebieterin in ihren Armen zusammenschaudern, und dann, wie Evelinens Hand ihren eigenen Arm hart anfaßte, mit dem leisen Flüstern: »Hörst Du nichts?« »Nein – nichts als das Geheul der Eule,« antwortete Rose zaghaft. »Ich hörte ein entferntes Geräusch,« sagte Eveline – »ich glaube, ich hörte es – horch! es kommt wieder – Blick' über die Zinnen hinaus, Rose, während ich den Priester und Deinen Vater aufwecke.« »Teuerste Lady,« sagte Rose, »ich wage das nicht – was kann das für ein Ton sein, den nur eines vernimmt? Euch täuscht das Rauschen des Flusses.« »Ich möchte nicht unnötigerweise die Burg aufschrecken,« sagte Eveline innehaltend, »oder, weil ich mir etwas einbilde, den so nötigen Schlummer Eures Vaters unterbrechen. – Aber, horch! – horch! – ich höre es wieder – es unterscheidet sich deutlich von den Tönen des rauschenden Wassers – ein leise zitternder Ton, vermischt mit einem Klimpern, wie Schmiede auf ihrem Amboß arbeiten.« Jetzt war Rose auf die Bank gesprungen, und ihre schönen Haarlocken zurückwerfend, hielt sie die Hand hinter das Ohr, um den entfernten Ton aufzufangen. – »Ich höre es,« rief sie, »und es nimmt zu – wecket sie auf, um Himmels willen – und das den Augenblick.« Eveline berührte demnach mit dem umgekehrten Ende ihrer Lanze die Schläfer, und als diese heftig auf ihre Füße sprangen, flüsterte sie ihnen schnell, aber vorsichtig zu: »Zu den Waffen! die Walliser rücken an,« »Was? – Wo?« sagte Wilkin Flammock – »wo sind sie?« »Lauscht nur, und Ihr werdet sie sich waffnen hören,« erwiderte sie. »Das Geräusch ist nur in Eurer Einbildung, Lady!« sagte der Flamländer, dessen Organe eben so schwerfällig wie seine Gestalt und seine Weise waren. »Ich wollte, ich hätte mich gar nicht zum Schlafen gelegt, wenn ich so früh aufgeweckt werden sollte.« »Horcht doch – horcht nur auf, guter Flammock, das Waffengeklirr kommt von Nordosten her.« »Die Walliser liegen nicht in jener Gegend, Lady,« sagte Wilkin, »und überdies tragen sie keine Rüstung.« »Ich höre es – ich höre es,« sagte Pater Aldrovand, der schon eine Zeitlang gelauscht hatte. »Gelobt sei St. Benedikt! – Unsere Frau von Douloureuse ist gnädig ihren Knechten gewesen wie immer. – Es ist Getrappel von Pferden – es ist Geklirr von Waffen – die Ritterschaft der Marken kommt uns zu Hilfe! – Kyrie eleison! « »Auch ich höre nun etwas,« sagte Flammock, »etwas wie das hohle Getöse der Nordsee, als sie in das Warenlager meines Nachbars Klinkermanns einbrach und seine Töpfe und Pfannen gegeneinander stieß. – Aber es wäre doch ein böser Mißgriff, Vater, wenn wir Feinde für Freunde hielten, – besser also, wir jagen die Leute auf.« »St! mir hier von Pfannen und Kesseln reden! – War ich nicht Leibknappe des Grafen Stephan Maleverer zwanzig Jahre lang, und kenne nicht das Getrampel von Streitrossen oder das Rasseln eines Panzers? – aber ruft die Leute auf die Mauer auf jeden Fall und laßt mich die besten vom Hofe zusammenziehen – wir können sie unterstützen durch einen Ausfall.« »Mit meinem Willen läßt sich das nicht so rasch tun,« murmelte der Flamländer, »aber zum Wall, wenn Ihr wollt, je eher je lieber. Haltet nur Eure Normänner und Englischen zum Schweigen an, Herr Geistlicher; ihre ungezähmte und lärmende Freude könnte das wälsche Lager aufwecken und sie auf ihre unwillkommenen Gäste vorbereiten.« Der Mönch legte die Finger an die Lippen zum Zeichen seiner Uebereinstimmung, und sie gingen in verschiedenen Richtungen davon, die Verteidigung des Schlosses aufzuwecken, die man sehr bald von allen Seiten hinziehen hörte, in einer ganz andern Stimmung, als sie dieselben am vergangenen Abend verlassen hatten. Da die äußerste Vorsicht angewandt war, Lärm zu verhüten, so wurden die Wälle ganz schweigend besetzt, und die Besatzung harrte in atemloser Erwartung auf den Ausgang, da die Truppen jetzt schnell sich zu ihrem Beistand näherten. Die Bedeutung der Töne, welche jetzt laut das Schweigen der still schwängern Nacht verscheuchten, konnte nicht länger mißverstanden werden. Sie waren sehr zu unterscheiden von dem Rauschen eines mächtigen Stromes oder von dem Gemurmel eines entfernten Donners, durch die scharfen und gellenden Töne, welche das Rasseln von den Rüstungen der Reiter, vermischt mit dem tiefen Baß der schnellen Roßtritte, hervorbrachte. Aus der langen Fortsetzung dieser Töne, ihrem lauten Schalle und der Ausdehnung ihres Landstriches, von welchem sie zu kommen schienen, wurden alle im Schlosse zu ihrer Zufriedenheit überzeugt, daß die herannahende Hilfe aus mehreren sehr starken Scharen zu Pferde bestehe. Plötzlich hörte der gewaltige Schall auf, als ob der Boden, auf welchem sie dahintrabten, die Geschwader verschlungen hätte, oder unfähig geworden wäre, das Stampfen der Rosse zu widerhallen. Die Verteidiger von Garde Doulourense schlossen also, daß ihre Freunde einen plötzlichen Halt gemacht hätten, etwa ihren Pferden Zeit zum Verschnaufen zu geben, das Lager ihrer Feinde auszukundschaften, und die Weise des Angriffs zu ordnen. Doch dauerte die Pause nur einen Augenblick. Die Briten, so schnell und behende, den Feind zu überfallen, befanden sich doch vielfältig selbst in der Lage, überfallen zu werden. Ihre Leute standen nicht unter strenger Zucht und waren oft sehr nachlässig in der Geduld fordernden Pflicht der Schildwachen: überdies hatten ihre Fouragiere und Streifpartien, welche den Tag zuvor die Gegend durchschwärmt hatten, dem Hauptkorps solche Nachrichten gebracht, welche sie in eine unglückliche Sicherheit einschläferten. Ihr Lager war daher sehr nachlässig bewacht, und sie hatten ganz und gar die militärische Pflicht verabsäumt, Patrouillen und Vorposten in angemessener Entfernung vom Hauptkorps anzuordnen. So hatte sich die Reiterei der Lords von den Marken, ungeachtet des Geräusches bei ihrem Vorrücken, sehr nahe dem britischen Lager genähert, ohne den geringsten Alarm zu erwecken. Aber während sie ihre Macht in abgesonderten Kolonnen verteilten, um den Angriff zu beginnen, verkündigte ein lautes und immer näher kommendes Getöse unter den Wallisern, daß sie endlich ihrer Gefahr inne geworden waren. Das gellende, mißtönende Geschrei, womit sie ihre Leute zusammen riefen, jeden unter das Banner seines Hauptes, hallte aus ihrem Lager wider. Aber dieses Rufen sich zu sammeln, verwandelte sich bald in wildes Geheul des Schreckens und des Verderbens, als der donnernde Angriff der gepanzerten Rosse und der schwer bewaffneten Reiterei der Anglo-Normannen ihr unverteidigtes Lager überfiel. Aber selbst unter so ungünstigen Umständen gaben die Abkömmlinge der alten Britonen ihre Verteidigung nicht auf oder entsagten nicht ihrem alten erblichen Vorrechte, die Tapfersten unter den Sterblichen genannt zu werden. Ihr Geschrei beim Herausfordern und beim Widerstande übertönte das Aechzen der Verwundeten, den Jubelruf der stürmischen Sieger und den allgemeinen Tumult der nächtlichen Schlacht. Erst als der Morgen anbrach, ward die Niederlage und die Zerstreuung der Macht Gwenwyns vollendet, und die »erschütternde Stimme des Sieges« erhob sich in ungestörter, ungemischter Kraft des Jubels. Jetzt schauten die Belagerten, wenn sie noch so genannt werden konnten, von den Türmen über die ausgebreitete Landschaft unter sich, aber sie wurden nur ein weit ausgedehntes Schauspiel von eiliger Flucht und unermüdeter Verteidigung gewahr. Daß den Wallisern gestattet worden war, sich in eingebildeter Sicherheit auf dem diesseitigen Ufer des Flusses zu lagern, machte jetzt ihre Niederlage um desto schrecklicher. Der einzige Uebergang, über welchen sie auf die andere Seite kommen konnten, war bald vollgepfropft von Flüchtlingen, in deren Rücken die Schwerter der siegreichen Normannen wüteten. Viele warfen sich in den Fluß in der ungewissen Hoffnung, das andere Ufer zu erreichen, kamen aber, einige wenige ausgenommen, die ungewöhnlich stark, gewandt und tätig waren, im Strudel und an den Felsen um; andere glücklichere entkamen durch geheime und versteckte Furchen; viele, einzeln versprengt oder in kleinen Haufen, flohen in besinnungsloser Verzweiflung auf die Burg zu, als ob die Feste, welche sie zurückschlug, da sie noch Sieger waren, ihnen in ihrem jetzigen verlorenen Zustande ein Zufluchtsort sein konnte; während andere wild auf der Ebene hin und her schwenkten, um nur der unmittelbaren augenblicklichen Gefahr zu entgehen, ohne zu wissen, wohin sie sollten. Die Normannen indessen, verteilt in kleine Haufen, verfolgten und erschlugen sie nach Lust, während, als zu einem Sammelplatze für die Sieger der Banner von Hugo de Lacy von dem kleinen Hügel wehte, auf welchem kurz zuvor Gwenwyn das seinige gepflanzt hatte, umgeben von einer zulänglichen Bedeckung zu Fuß und zu Pferde, welcher der erfahrene Baron auf keine Weise gestattet hatte, sich weit davon zu entfernen. Die übrigen, wie wir schon gesagt haben, verfolgten ihre Jagd mit dem Rufe des Jubels und der Rache, und die Zinnen hallten das Kriegsgeschrei wider: »Ha! St, Eduard – Ha! St. Dennis! – Schlagt! – Tötet! – Kein Pardon den wälschen Wölfen! – Denkt an Raymond Berenger!« Die Krieger auf den Mauern stimmten diesen rachvollen und siegreichen Ausrufen bei und schossen viele Bündel von Pfeilen auf jeden Flüchtling, der in seiner äußersten Not zu nahe der Burg kam. Gerne hätten sie einen Ausfall getan, um tätigen Anteil an dieser vernichtenden Arbeit zu nehmen, aber da nun die Verbindung mit dem Heere des Connetable von Chester offen war, so betrachtete Wilkin Flammock sich und die Besatzung unter den Befehl des berühmten Feldherrn gestellt, und wollte durchaus nicht auf die dringenden Vorstellungen des Paters Aldrovand hören, welcher so gern, trotz seiner priesterlichen Würde, selbst die Anführung des Ausfalls, den er in Vorschlag brachte, übernommen hätte. Endlich schien das Schauspiel des Mordens geschlossen zu sein, – zum Rückzuge wurde von vielen Hörnern geblasen, und Ritter hielten auf der Ebene, ihr persönliches Geleite um sich zu sammeln, sie unter ihrem eigenen Fähnlein zu mustern, und sie dann langsam zu dem großen Banner ihres Feldherrn zu führen, um welches sich wieder das Hauptkorps versammelte, wie die Wolken sich lagern um die Abendsonne, – ein phantastisches Gleichnis, welches sich jedoch weiter ausmalen ließe, in Hinsicht auf die langen Streifen eines düstern Lichtes, welche von diesen dunklen Scharen hinflossen, sowie die Strahlen von ihren glänzenden Harnischen abprallten. So war die Ebene bald von der Reiterei verlassen, und blieb nur bedeckt von den Leichnamen der erschlagenen Wälschen. Auch die Abteilungen, welche bis in einer größern Entfernung die Verfolgung fortgesetzt hatten, sah man nun zurückkehren, vor sich hertreibend oder nach sich schleppend die niedergeschlagenen unglücklichen Gefangenen, denen sie, nachdem ihr Blutdurst gelöscht worden war, Pardon gegeben hatten. Da geschah es, daß Wilkin Flammock, mit dem Wunsche, die Aufmerksamkeit der Befreier auf sich zu ziehen, befahl, alle Banner des Kastells wehen zu lassen, verbunden mit einem allgemeinen Beifallsruf derer, welche unter ihnen gefochten hatten. Er wurde mit einem allgemeinen Freudengeschrei von de Lacys Heer beantwortet, welches so weit umher klang, daß es selbst die von den wälschen Flüchtlingen aufgeschreckt haben möchte, die schon weit entfernt von dem unglücklichen Schlachtfelde für einen Augenblick etwas Rast gemacht hatten. Sogleich nach dieser gewechselten Begrüßung näherte sich ein einzelner Reiter von dem Heer des Connetable dem Schlosse und zeigte schon aus der Ferne eine ungewöhnliche Gewandtheit in der Reitkunst und eine Anmut in der Haltung. Sobald er an der Zugbrücke anlangte, ward sie augenblicklich zu einem Empfange hinabgelassen, und Flammock und der Mönch (denn dieser drängte sich, so viel es sich nur tun ließ, zu den ersten bei allen Handlungen des Oberbefehls) eilten, den Abgesandten ihres Befreiers zu empfangen. Sie fanden ihn, als er eben von seinem rabenschwarzen Rosse abgestiegen war, welches, hin und wieder von Blut und Schaum befleckt, noch von den Anstrengungen der Nacht keuchte, obwohl zur Erwiderung der liebkosenden Hand seines jungen Reiters es seinen Hals wölbte, sein stählernes Netz schüttelte, und schnaubend seinen ungebeugten Mut und unermüdete Kampflust zeigte. Des jungen Mannes Adlerblick verriet eben diese Anzeichen unermüdeter Tapferkeit, vermischt mit den Zeichen einer eben gehabten Anstrengung. Da sein Helm am Sattelbogen hing, so stellte sich sein schönes Antlitz dar, hoch gerötet, aber nicht erhitzt, welches aus einer reichen Fülle kastanienbrauner Locken hervorblickte. Und wiewohl seine Rüstung einfach, obwohl massiv war, so bewegte er sich doch in derselben mit solcher Geschmeidigkeit und Leichtigkeit, daß sie ein anmutiger Schmuck, nicht eine Last und Beschwerde zu sein schien. Ein verbrämter Mantel würde ihm nicht anmutiger gestanden haben als die schwere Halsberge, die sich jeder Bewegung seiner edlen Gestalt anschmiegte. Doch so jugendlich war noch sein Angesicht, daß nur der Flaum an der Oberlippe seine Annäherung an das Mannesalter zeigte. – Die Frauen, welche sich in den Hof drängten, den ersten Abgesandten ihrer Befreier zu sehen, konnten es nicht unterlassen, in ihre Segnungen seiner Tapferkeit Lobpreisungen seiner Schönheit einzumischen; und eine recht artige Frau von mittlerem Alter, besonders sich auszeichnend durch die Straffheit, mit welcher ihre scharlachroten Strümpfe eine wohlgeformte Wade und Knöchel zeigten, und die blendende Weiße ihrer Haube, drängte sich ganz nahe zu dem jungen Mann, und vorlauter wie die andern, verdoppelte sie den Karmin seiner Wangen durch den lauten Ausruf, daß unsere Frau von Garde Douloureuse die Nachricht von ihrer Erlösung durch einen Engel aus dem Allerheiligsten gesendet habe – eine Rede, die, obwohl Pater Aldrovand dabei den Kopf schüttelte, von ihren Gefährtinnen mit allgemeinen Beifallsrufen aufgenommen wurde, daß des jungen Mannes Bescheidenheit dadurch in große Verlegenheit geriet. »Ruhig, Ihr alle da!« sagte Wilkin Flammock, »kennt Ihr keinen Respekt, Ihr Weiber, oder habt Ihr noch nie einen jungen Mann gesehen, daß Ihr Euch um ihn hängt wie Fliegen um eine Honigwabe? Stellt Euch doch rückwärts, sage ich, – und laßt uns in Ruhe die Befehle unseres edlen Lords von Lacy anhören.« »Diese,« sagte der junge Mann, »kann ich nur in Gegenwart des hochedlen Fräuleins Eveline von Berenger ausrichten, wenn ich einer solchen Ehre würdig geachtet werde.« »Das weißt Du, edler Herr,« sagte dieselbe vorlaute Dame, welche vorher ihre Bewunderung so energisch ausgedrückt hatte. »Ich will es gegen jedermann behaupten, daß Du würdig ihrer Gegenwart und jeder andern Gunst bist, die eine Dame Dir erzeigen kann.« »Halte Deine unverschämte Zunge!« sagte der Mönch, während zur gleichen Zeit der Flamländer ausrief: »Denk an den Tauschschemel , Frau Unhold!« und dabei den edlen Jüngling über den Hof führte. »Sorgt für mein braves Pferd,« sagte der junge Mann und gab die Zügel in die Hand eines Dieners, wodurch er einen Teil der weiblichen Umgebung los wurde, welche nun begann, das Pferd zu streicheln und zu loben wie zuvor den Reiter, und einige enthielten sich kaum im Ausbruch ihrer Freude, die Steigbügel und das Sattelzeug zu küssen. Aber Dame Gillian war nicht so leicht von ihrem Satz abzubringen wie einige ihrer Gefährtinnen, Sie fuhr fort, das Wort Tauschschemel zu wiederholen, bis der Flamländer sie nicht mehr hören konnte, und wurde dann umständlicher in ihren Scheltworten. – »Und warum der Tauschschemel? sagt doch, Herr Wilkin Butterfaß? Ihr seid wohl der Mann, einen englischen Mund mit einer flämischen Damastserviette zu verstopfen! – Ei seh mir doch eins meinen Vetter, den Weber! – Und weswegen der Tauschschemel, ich bitte? – weil meine junge Lady recht artig ist, und der junge Herr ein Mann voll Mut, mit Respekt gegen seinen Bart, der doch bald kommen wird! – Haben wir nicht Augen zu sehen, haben wir nicht einen Mund und eine Zunge?« »In der Tat, Dame Gillian, die tun euch unrecht, die daran zweifeln,« sagte Evelinens Amme, welche dabei stand, »aber ich bitte Dich, halte sie jetzt verschlossen, wäre es auch der weiblichen Sittlichkeit zu Ehren.« »Wie denn, meine manierliche Jungfer Margery,« sagte die unverbesserliche Gillian, »ist Euch das Herz so hoch gewachsen, weil Ihr unsre junge Lady vor fünfzehn Jahren auf dem Knie geschaukelt habt? – Laßt mich Euch sagen, die Katze findet schon ihren Weg zur Sahne, und wäre sie auch in dem Schoß einer Aebtissin aufgepflegt.« »Nach Hause, Frau! Nach Hause!« rief ihr Mann aus, der alte Jäger, welcher jetzt dieser öffentlichen Ausstellung seines häßlichen Zankteufels müde war, »nach Hause, oder ich will Dir meine Hundepeitsche zu kosten geben – da ist der Beichtvater und Wilkin Flammock, sie wundern sich über Deine Unverschämtheit.« »Wahrlich,« antwortete Gillian, »und sind nicht zwei Narren genug zum Verwundern, daß Ihr noch mit Eurer groben Hirnschale dazu kommt, um die Zahl drei voll zu machen?« Ein allgemeines Gelächter entstand auf Kosten des Jägers, während desselben er kläglich seine Frau abführte, ohne sich darauf einzulassen, den Zungenkampf fortzusetzen, in welchen sie eine so entschiedene Uebermacht bewiesen hatte. Dieser Zwist, so leicht ist der Wechsel im menschlichen Gemüte, besonders in der niedern Klasse, erweckte Ausbrüche der tollsten Lust unter Geschöpfen, welche soeben noch im Rachen der Gefahr, ja der gänzlichen Verzweiflung sich befanden. Zehntes Kapitel. Während all dieses im Schloßhofe vorging, erhielt der junge Squire Damian Lacy Zutritt zu Eveline Berenger, wie er erbeten hatte. Sie empfing ihn in der großen Halle des Schlosses, sitzend unter dem Thronhimmel oder Baldachin, von Rosa und andern weiblichen Dienerinnen umgeben, von welchen jedoch die erstere allein das Recht hatte, sich eines Taburetts oder eines kleinen Stuhls in ihrer Gegenwart zu bedienen; so genau behaupteten die normannischen Jungfrauen vom Stande ihre Rechte auf hohen Rang und gewisse Observanzen dabei. Der Jüngling ward von dem Beichtiger und Flammock eingeführt, da die geistliche Würde des einen und das Amt, welches ihr verstorbener Vater dem andern anvertraut hatte, sie berechtigte, bei dieser Gelegenheit gegenwärtig zu sein. Sehr natürlich errötete Eveline, als sie zwei Schritt vortrat, den schönen jugendlichen Abgesandten zu empfangen; und ansteckend schien ihre Beschämtheit, denn auch bei Damian geschah es nicht ohne Verwirrung, bah er nach Gebrauch ihre Hand küßte, welche sie als Zeichen des Willkommens ihm entgegenstreckte. Es war notwendig, daß Eveline zuerst sprach. »Wir kommen Euch so weit entgegen, als unsere Grenzen es erlauben,« sagte sie, »mit unserm Dank den Boten zu begrüßen, welcher uns die Kunde von unserer Rettung bringt. Wir sprechen, wenn wir uns nicht irren, zu dem edlen Damian von Lacy?« »Zu den demütigsten unter Euren Dienern,« antwortete Damian, nur mit Mühe den höfischen Ton annehmend, den sein Auftrag und jetziges Amt erforderte, »der sich Euch nahet im Auftrag seines edlen Oheims, Hugo de Lacy, Connetable von Chester.« »Wird unser edler Befreier nicht in Person mit seiner Gegenwart den armen Ort beehren, den er gerettet hat?« »Mein edler Verwandter,« antwortete Damian, »ist jetzt Gottes Söldner und ist jetzt durch ein Gelübde verpflichtet, nicht unter ein Dach zu kommen, bevor er sich zum heiligen Lande einschifft. Durch meine Stimme wünscht er Euch Glück zur Niederlage Eurer wilden Feinde, und sendet Euch diese Zeichen, daß die Gefährten und Freunde Eures edlen Vaters seinen beklagenswerten Tod nicht viele Stunden ungerächt gelassen.« Mit diesen Worten zog er die goldenen Armbänder und den Endorchawy oder die Kette von goldenen Ringen hervor, welche den Rang des Walliser Fürsten bezeichnet hatte, und legte sie vor Evelinen hin. »So ist Gwenwyn gefallen?« sagte Eveline und ein natürlicher Schauder kämpfte mit ihr mit dem Gefühl der befriedigten Rache, als sie bemerkte, daß diese Trophäen mit Blut bespritzt waren – »der Mörder meines Vaters ist nicht mehr!« »Meines Verwandten Lanze durchbohrte den Briten, als er bemüht war, sein fliehendes Volk zu sammeln. – Er starb gräßlich unter der Waffe, welche mehr als eines Armes Länge durch seinen Körper gedrungen war, und wandte noch seine letzte Kraft Zu einem wütenden, aber wirksamen Streich mit seiner Keule an.« »Der Himmel ist gerecht,« sagte Eveline, »mögen die Sünden dem Manne des Bluts vergeben sein, da er gefallen ist durch einen so blutigen Tod, – Eine Frage möchte ich Euch vorlegen, edler Herr! – Meines Vaters Gebeine –-« Sie hielt inne, unfähig, fortzufahren. »Die nächste Stunde wird sie Eurer Verfügung anheimstellen, sehr verehrte Lady,« sagte der Squire in dem Tone des innigen Mitgefühls, welchen der Kummer einer so jungen und schönen Waise unwiderstehlich in ihm hervorrief – »Vorbereitungen, wie sie die Zeit erlaubt, wurden eben, als ich das Heer verließ, gemacht, das was sterblich ist von dem edlen Berenger, von dem Felde hierher zu bringen, wo wir ihn fanden, mitten auf einem Monument von Erschlagenen, welches sein eigenes Schwert sich errichtet hatte. Meines Verwandten Gelübde erlaubt ihm nicht, durch Euer Fallgatter zu gehen, aber mit Eurer Erlaubnis werde ich, wenn Ihr es vergönnt, seine Stelle bei dieser ehrenvollen Bestattung vertreten, wie ich von ihm dazu den Auftrag erhielt,« »Mein tapferer und edler Vater,« sagte Eveline und bemühte sich, ihre Tränen zurückzuhalten, »wird am besten durch den tapfern Squire betrauert werden.« Sie wollte fortfahren, aber die Stimme versagte ihr, und sie sah sich genötigt, sich plötzlich hinweg zu begeben, sowohl ihrem Schmerze freien Lauf zu gewähren, als auch für das Begräbnis soviel Feierlichkeiten anzuordnen, als die Umstände erlauben würden. Damian verbeugte sich vor der davonschreitenden Trauernden so demütig, als er es vor einer Gottheit getan haben würde; nun bestieg er sein Pferd und kehrte zu seines Oheims Heer, welches auf dem Schlachtfelde schnell ein Lager aufgeschlagen hatte. Die Sonne stand nun schon hoch, und die ganze Gefahr zeigte ein Getümmel, gleich verschieden von der Einsamkeit des frühen Morgens und dem Geheul und der Wut des darauffolgenden Gefechtes. Die Nachricht von Hugo de Lacys Sieg hatte sich allenthalben mit der Schnelligkeit des Triumphes verbreitet und hatte viele von den Bewohnern der Gegend, die vor der Wut des Wolfes von Plinlimmon geflohen waren, bewogen, zu ihren verwüsteten Wohnungen zurückzukehren. Auch eine Menge von den liederlichen Herumtreibern, welche in einem Lande, das öfter Kriegeswechsel unterworfen wird, gewöhnlich im Ueberfluß vorhanden sind, hatten sich hier gesammelt, teils Beute zu machen, teils ihre rastlose Neugierde zu befriedigen. Die Juden und die Lombarden, welche Gefahr nicht achteten, wo etwas zu gewinnen war, konnte man sehen, wie sie Getränke und Waren unter den siegreichen Kriegern mit den blutgefleckten goldenen Zieraten vertauschten, die noch kurz zuvor erschlagene Briten getragen hatten. Andere machten die Mäkler zwischen den wälschen Gefangenen und denen, welche sie gefangen genommen hatten, und wo sie auf die Mittel und die Ehrlichkeit der ersten sich verlassen konnten, sagten sie gut für sie oder schossen ihnen die zu ihrer Auslösung nötigen Summen in barem Gelde vor; während ein noch größerer Teil dieser Klasse von Menschen, selbst Käufer solcher Gefangenen wurden, die sich nicht gleich imstande sahen, sich mit ihren Siegern abzufinden. Damit ein so erworbenes Geld den Krieger nicht lange beschwerte und ihm den Mut zu ferneren Unternehmungen lähmte, waren die gewöhnlichen Mittel zur Verschwendung des im Kriege Erbeuteten auch zugleich zur Hand. Leichtfertige Dirnen, Gaukler, Taschenspieler, Minstrels, Volkssänger jeder Gattung, hatten den nächtlichen Zug begleitet, und auf den kriegerischen Ruf des weltberühmten de Lacy sich verlassend, waren sie ohne Furcht in einer kleinen Entfernung zurückgeblieben, bis die Schlacht gefochten und gewonnen war. Diese nahten sich jetzt in verschiedenen fröhlichen Gruppen, den Siegern Glück zu wünschen. Dicht an diesen Haufen, welche zum Tanze, zum Gesange, zur Erzählung auf dem noch immer blutigen Felde Anstalt machten, waren die Landleute zu der Absicht herbeigerufen, lange Gräben zu ziehen, um die Toten hineinzulegen. Aerzte sah man die Verwundeten verbinden – Mönche und Priester der Sterbenden Beichte hören – Soldaten die Körper der geehrteren Krieger unter den Erschlagenen davontragen – Landleute über ihre zerstampften Saaten und ihre ausgeplünderte Wohnung trauern – Witwen und Waisen unter den gemischten Leichnamen zweier Schlachten die Körper ihrer Männer und Väter suchen. – So mischte der Schmerz seine wildesten Töne mit denen des Jubels und Triumphes, und die Ebene von Garde Douloureuse lieferte ein wahres Bild von dem wechselvollen Labyrinth des menschlichen Lebens, wo Freude und Traurigkeit so wunderbar untereinander gemischt sind, und wo die Grenzen der Fröhlichkeit und des Vergnügens so oft die der Sorge und des Todes berühren. Um die Mittagszeit schwieg mit einemmale alles dieses Geräusch, und die Aufmerksamkeit der Fröhlichen wie der Trauernden wurde durch den lauten und trauervollen Ton von sechs Trompeten festgehalten, welche, weitschallend, ihre durchbohrenden Tone in eine graue, melancholisch dahinsterbende Note vereinigend, allen verkündigten, die Leichenfeier des tapfern Raymond Berenger beginne nunmehr. Aus einem Zelte, welches eilig zur Aufnahme des Körpers errichtet worden war, schritten zwölf schwarze Mönche, die Bewohner eines benachbarten Klosters, paarweise hervor, angeführt von ihrem Abte, welcher ein großes Kreuz trug und die erhabenen Töne des katholischen misere me Domine! donnernd erschallen ließ. Dann erschien eine auserwählte Schar Bewaffneter, ihre Lanzen mit zur Erde gekehrter Spitze nach sich schleppend; ihnen folgte die Leiche des tapfern Berenger, gewickelt in sein eigenes ritterliches Banner, welches, aus der Hand der Wälschen wiedergewonnen, nun dem edlen Eigentümer statt des Leichentuches diente. Die tapfersten Ritter aus dem Haushalt des Connetable (denn gleich andern Großen vom Adel in dieser Periode hatte er diesen auf einen Fuß eingerichtet, der dem königlichen sich näherte) schritten als Leidtragende oder als Stützen der Leiche, welche auf Lanzen getragen wurde, einher; und der Connetable selbst, allein und in völliger Rüstung das Haupt ausgenommen, folgte als Hauptleidtragender. Eine auserwählte Schar von Schildknappen, Reisigen und Pagen edler Abkunft machte den Schluß der Prozession; während die Trommeln und Trompeten von Zeit zu Zeit den melancholischen Gesang der Mönche mit ebensolchen Trauerklängen wiederholten. Der Freude Flug war gehemmt; aber auch die Sorge wandte sich für einen Augenblick von dem eigenen Schmerze ab, die letzten Ehrbezeigungen zu beschauen, die dem erwiesen würden, welcher während seines Lebens der Vater und Beschützer seiner Untergebenen war. Die traurige Prozession zog sich langsam durch die Ebene, welche in wenigen Stunden der Schauplatz so ganz verschiedener Ereignisse war; nun hielt sie still vor dem äußern Tore der Barriere und lud durch einen langgedehnten feierlichen Trompetenstoß die Festung ein, die Ueberbleibsel ihres tapfern Verteidigers aufzunehmen. Die Aufforderung wurde von des Turmwächters Horn beantwortet – die Zugbrücke sank – das Fallgitter stieg – und Pater Aldrovand erschien in der Mitte des Einganges, angetan mit seinem priesterlichen Gewande, und wenige Schritt hinter ihm stand das verwaiste Fräulein, in solchen Trauerkleidern, als die kurze Zeit es zuließ, unterstützt von ihrer Dienerin Rosa, und umgeben von dem weiblichen Teil ihres Haushalts. Der Connetable von Chester machte Halt auf der Schwelle des äußern Tores, und auf das Kreuz von weißem Zeuge auf seiner linken Schulter zeigend, verneigte er sich tief und übergab seinem Neffen Damian den Auftrag, die Ueberbleibsel von Raymond Berenger zur Schloßkapelle zu begleiten. Die Krieger Hugo de Lacys, von welchen die meisten dasselbe Gelübde mit ihm getan hatten, hielten auch außerhalb des Burgtores und blieben unter den Waffen, während das Totengeläute der Schloßglocke das innere Fortschreiten des Zuges verkündigte. Er wand sich durch die engen Eingänge, welche kunstgemäß angelegt waren, das Fortschreiten des Feindes, dem es gelungen sein sollte, das Außentor zu erstürmen, zu unterbrechen – und gelangte endlich in den großen Schloßhof, wo die meisten von den Bewohnern der Festung und die, welche unter den letzten Umständen ihre Zuflucht hierher genommen, sich aufgestellt hatten, um zum letzten Male ihren dahingeschiedenen Herrn zu sehen. Unter diese hatten sich auch viele von dem bunten Haufen draußen gemischt, welche Neugierde oder die Hoffnung einer Austeilung zum Schloßtor geführt hatte, und welche durch eine oder die andere Vorstellung von der Wache die Erlaubnis erhalten hatten, ins Innere hineinzugehen. Die Leiche wurde vor der Tür der Kapelle, deren alter gotischer Giebel die eine Seite des Schloßhofes bildete, niedergesetzt, so lange gewisse Gebete von den Priestern hergesagt wurden, von denen man voraussetzte, daß die Menge umher mit geziemender Ehrerbietung einstimmte. In diesem Zwischenraume geschah es, daß ein Mann, dessen Spitzbart, gestickter Gürtel und hoher grauer Filzhut ihm das Aussehen eines lombardischen Kaufmannes gaben, sich an Margery, die Amme Evelinens, wandte und ihr in einer fremden Aussprache zuflüsterte: »Ich bin ein reisender Kaufmann, gute Schwester, ich bin hierher gekommen, einen guten Handel zu machen – könnt Ihr mir nicht sagen, wo ich hier im Schlosse einen guten Kunden finde?« »Ihr seid zu einer schlechten Zeit gekommen, Herr Fremder – Ihr könnt es ja selbst sehen, daß hier ein Ort zum Trauern und nicht zum Handeln ist.« »Doch haben Trauerzeiten ihren eigenen Handel,« sagte der Fremde, sich noch näher an Margery andrängend und seine Stimme zu einem noch vertraulicheren Ton hinabstimmend: »ich habe schwarze Schleier aus persischer Seide – schwarze Korallen, womit eine Prinzessin einen verstorbenen Monarchen betrauern könnte – Trauerflor, wie er noch selten aus dem Morgenlande herkam – schwarzes Zeug aus Trauertapeten – alles, was Kummer, was Verehrung ausdrückte in Mode und Anzug – und ich weiß denen dankbar zu sein, die mir zu Kunden verhelfen, – Kommt, besinnt Euch, gute Dame – solche Dinge muß man ja haben. – Ich verkaufe gute Ware und so wohlfeil, wie ein andrer – und ein Mieder für Euch selbst oder, wenn's Euch lieber ist, ein Beutelchen mit fünf Florin soll der Lohn für Eure Gefälligkeit sein.« »Ich bitte Euch, laßt mich zufrieden, Freund,« sagte Margery, »und wählt eine bessere Zeit, Eure Waren anzupreisen – Ihr überseht hier Ort und Zeit, und hört Ihr nicht auf. Euch aufzudringen, so muß ich mit denen reden, die Euch zeigen werden, wie es draußen vor dem Tore aussieht. Ich wundere mich, daß die Wächter an einem solchen Tage Hausierer einlassen. Sie würden noch an dem Sterbebette ihrer Mutter Handel treiben, glaube ich.« – Mit diesen Worten wandte sie sich verächtlich von ihm. Während der Kaufmann so auf der einen Seite zornig abgewiesen war, fühlte er auf der andern, daß an seinem Rocke einmal über das andere Mal gezupft wurde, und als er auf dieses Zeichen sich umsah, ward er eine Frau gewahr, deren schwarzes Schleiertuch so künstlich geordnet war, einen Schein von feierlichem Ernst, leichtfertigen, lachenden Gesichtszügen zu geben, die in jüngern Jahren sehr einnehmend gewesen sein mußten, da sie noch, seitdem wenigstens vierzig Jahre über sie weggezogen sein mochten, noch manchen Reiz besaßen. Sie gab dem Kaufmanne einen Wink und berührte zugleich ihre Lippe mit dem Zeigefinger, ihm Stillschweigen und Geheimnis anzudeuten; dann schlüpfte sie aus dem großen Haufen, zog sich in einen kleinen Winkel zurück, den ein vorspringender Strebepfeiler der Kapelle bildete, gleichsam das Gedränge zu vermeiden, welches zu erwarten war, wenn die Bahre wieder aufgehoben wurde. Der Kaufmann verfehlte nicht, ihrem Beispiel zu folgen, und war bald an ihrer Seite, wo sie ihm nicht weiter Mühe machte, ihr sein Anliegen zu eröffnen, sondern die Unterredung selbst begann. »Ich habe gehört, was Ihr der Dame Margery gesagt habt – die manierliche Margery, wie ich sie nenne – wenigstens so viel gehört, daß ich das übrige erraten kann; denn ich habe ein Auge im Kopfe – dafür sage ich Euch gut.« »Sogar ihrer zwei, meine schöne Frau, und so glänzend wie die Tautropfen eines Maimorgens.« »Ach! Ihr sagt das, weil ich geweint habe,« sagte die scharlachbestrumpfte Gillian, denn sie war die Redende. »Und ganz gewiß, ich habe auch gute Ursache dazu; denn unser Herr war immer ein sehr guter Herr, und er faßte mich zuweilen unter das Kinn und nannte mich die schelmische Gillian von Croydon – nicht, daß der gute Herr je unhöflich gewesen wäre, er warf mir wohl dabei ein paar Silberpfennige in die Hand – o, was habe ich für einen Freund verloren, und ich habe auch oft Aerger seinetwegen gehabt. Ich habe den alten Raoul sauer wie Essig gesehen, und zu keiner Stelle besser geschickt, als in den Hundestall auf den ganzen Tag; aber, wie ich es ihm auch sagte, es geziemte doch nicht, unsern Herrn und einen großen Baron anzufahren, bloß eines Griffs an das Kinn oder eines Kusses oder etwas dem Aehnlichen wegen.« »Es ist kein Wunder, daß Ihr eines so freundlichen Herrn wegen traurig seid, Dame,« sagte der Kaufmann. »Kein Wunder, in der Tat,« erwiderte die Dame mit einem Seufzer, »und dann, was soll nun aus uns werden? Es ist sehr wahrscheinlich, daß unsere junge Gebieterin zu ihrer Tante geht – oder sie heiratet einen von diesen Lacys, wovon sie so viel reden – oder auf jeden Fall, sie wird das Schloß verlassen. Dann ist es sehr wahrscheinlich, daß der alte Raoul und ich mit des Lords alten Pferden auf die Weide gehen können. – Der Herr weiß es, sie mögen meinetwegen den Raoul mit den alten Hunden aufhängen, denn er ist weder zum Laufen mehr, noch zum Greifen zu gebrauchen, kurz, er taugt nichts mehr auf der Erde, so viel ich weiß.« »Eure junge Herrin ist die Lady da im Trauermantel,« sagte der Kaufmann, »welche soeben beinahe auf den Leichnam hingesunken war?« »Wohl ist sie das, Herr! und sie hat Ursache genug, niederzusinken. Ich bin gewiß, sie kann lange suchen, um einen solchen Vater wiederzufinden.« »Ich sehe, Ihr seid eine sehr verständige Frau, Gevatterin Gillian,« antwortete der Kaufmann. »Und jener junge Mann, der sie unterstützt, ist Ihr Bräutigam?« »Es tut Ihr wohl nötig, daß einer sie unterstützt,« sagte Gillian, »und so auch mir, denn was kann der arme alte rostige Raoul tun?« »Aber wie ist es mit der Hochzeit der jungen Lady?« sagte der Kaufmann. »Niemand weiß mehr davon, als daß solch ein Ding unterhandelt wurde zwischen unserm verstorbenen Herrn und dem großen Connetable von Chester, der gerade noch heute zur rechten Zeit ankam, die Walliser abzuhalten, daß sie nicht uns allen die Gurgeln abschnitten und, der Herr weiß, noch viel anderes Unheil anrichteten. – Aber von einer Heirat ist die Rede, das ist gewiß – und viele Leute meinten, es geht auf den glattbäckigen Knaben Damian, wie sie ihn nennen; denn obgleich der Connetable schon zum Bart gekommen ist, so ist doch schon zuviel graues darunter für ein Bräutigamskinn, – Ueberdies zieht er in den heiligen Krieg – der beste Platz für alle alternden Soldaten, ich wollte, er nähme den Raoul mit sich! – Aber was hat das alles mit dem zu schaffen, was Ihr vorhin über Eure Trauerwaren sagtet? – Es ist doch recht traurig, daß mein armer Herr dahingeschieden ist – doch, was ist zu tun? – Ei, nun, Ihr kennt das gute alte Wort: Kleider brauchen wir, Braten auch und Bier – Trägt man uns gleich tot von hier. Was nun Euren Handel anbetrifft, bin ich imstande, Euch ebenso mit einem guten Worte zu helfen wie die manierliche Margery, wenn Ihr was Artiges dafür bietet. Denn stehe ich auch nicht so bei der Lady in Gunsten, so kann ich den Haushofmeister mir doch um den Finger wickeln.« »Nehmt dies als einen Teil Eures Gewinns, meine hübsche Frau Gillian,« sagte der Kaufmann, »und wenn meine Waren ankommen, werde ich Euch reichlicher bedenken, falls ich durch Eure Empfehlung gute Geschäfte mache, – Aber wie soll ich wieder in die Burg hineinkommen? Denn, da Ihr eine so verständige Frau seid, so wünschte ich sehr, Euch zu Rate zu ziehen, ehe ich mein Gepäck hineinschleppe,« »Ei nun,« antwortete die gefällige Dame, »wenn unsere Englischen auf der Wache sind, so dürft Ihr nur nach Gillian fragen, da werden sie gleich einem einzelnen Mann das Pförtchen öffnen; denn wir Engländer stecken immer zusammen, wäre es auch nur den Normännern zum Trotz; – aber wenn ein Norman auf der Wache ist, so müßt Ihr nach dem alten Raoul fragen und vorschützen, Ihr hättet Hunde und Falken zu verkaufen, und ich bin Euch gut dafür, auf dem Wege bekommt Ihr mich auch zu sprechen. Ist die Schildwache ein Flamländer, so dürft Ihr bloß sagen, Ihr seid ein Kaufmann, und er läßt Euch, aus Vorliebe zum Handel, herein.« Der Kaufmann wiederholte die Versicherung seiner Dankbarkeit, schlich sich von ihrer Seite weg und mischte sich unter die Zuschauer; sie wünschte sich Glück, ihrer natürlichen Gesprächigkeit gefolgt zu sein und durch ihr Plaudern, das ihr sonst bei andrer Gelegenheit sehr teuer zu stehen gekommen war, einige Gulden gewonnen zu haben. Das Schweigen des dumpfen Geläutes von der Schloßglocke zeigte jetzt an, daß der edle Raymond Berenger in der Gruft seiner Väter aufgenommen worden sei. Der Teil der Leichenbegleiter, welche vom Heere de Lacys mitgekommen war, begab sich nun nach der Schloßkapelle, wo man mit Mäßigkeit die Erfrischungen genoß, welche als ein Leichenmahl ihnen dargeboten wurden. Unmittelbar darauf verließen sie, an ihrer Spitze der junge Damian, das Schloß auf dieselbe langsame und melancholische Weise, wie sie hineingezogen waren. Die Mönche blieben im Schlosse, um wiederholte Seelenmessen für den Verstorbenen und für die Treuen, welche um ihn her gefallen waren, zu lesen. Die letztern waren während und nach der Schlacht mit den Wallisern so verstümmelt worden, daß es fast unmöglich war, ein Individuum von dem andern zu unterscheiden, sonst würde gewiß der Körper von Dennis Morolt, wie seine Treue es wohl verdiente, die Ehre eines besonderen Begräbnisses erhalten haben. Elftes Kapitel. Die religiösen Gebräuche, welche auf das Begräbnis Raymond Berengers folgten, währten ununterbrochen sechs Tage lang. In dieser Zeit wurden Almosen an die Armen ausgeteilt, und auf Kosten Lady Evelinens denen, welche durch den letzten Einfall gelitten hatten, Vergütungen dargereicht. Leichenmahle, wie man sie nannte, wurden ebenfalls zur Ehre des Verstorbenen gehalten. Aber die Lady selbst und die meisten von ihrer Aufwartung beobachteten strenge Fasten und Büßungen, welches den Normännern eine weit anständigere Art, ihre Achtung gegen die Toten zu beweisen, schien, als die sächsische und flämische Gewohnheit, bei solchen Gelegenheiten zu bankettieren und zechen. Indessen ließ der Connetable de Lacy ein starkes Korps seiner Truppen unter den Mauern von Garde Douloureuse ein Lager beziehen, um die Burg gegen irgend einen neuen Einfall der Walliser zu decken, während er mit den übrigen seinen Sieg benützte und Schrecken unter die Britischen durch viele wohlausgeführte Streifzüge verbreitete, die fast mit ebenso großen Verwüstungen begleitet waren, als die ihrigen. Unter den Feinden kam nun noch zu der Niederlage und den Einfällen das Unglück der Zwietracht hinzu; denn zwei entfernte Verwandte von Gwenwyn stritten um den Thron, den er besessen, und hierdurch, wie es auch manche andere Veranlassung dazu gab, litten die Briten ebensosehr bei ihrer innern Uneinigkeit vom Schwerte der Normannen. Auch ein schlechterer Politiker und ein weniger berühmter Kriegsheld als der scharfsichtige und siegreiche de Lacy war, hätte unter solchen Umständen nicht ermangelt, einen vorteilhaften Frieden zu unterhandeln, welcher, indem er Powys eines Teils seiner Grenzen und einiger wichtigen Engpässe beraubte, wo der Connetable sich vorgenommen hatte, Kastelle anzulegen, auch Garde Douloureuse mehr als vorher gegen einen plötzlichen Angriff ihrer stolzen, unruhigen Nachbarn sicherte. De Lacys Sorge ging auch dahin, die Ansiedler, welche aus ihren Besitzungen entflohen waren, wieder einzurichten und die ganze Herrschaft, welche nun einer unbeschützten Frau anheim gefallen war, in einen so vollkommenen Verteidigungszustand zu setzen, als ihre Lage an einer feindlichen Grenze nur möglich machte. Obwohl so sorgfältig bedacht in der Sache der Waise von Garde Douloureuse, mochte doch de Lacy während dieser Zeit nicht ihren kindlichen Kummer durch seine Dazwischenkunft stören. Noch ward sein Neffe freilich jeden Morgen sehr zeitig abgesandt, seines Oheims »devoirs,« so genannt in der hochtrabenden Sprache jener Zeit, zu Füßen zu legen und sie von den in ihren Geschäften unternommenen Schritten zu benachrichtigen. Zum schuldigen Lohn für die Dienste seines Oheims ward Damian stets bei Evelinen vorgelassen, und kehrte immer mit ihren eigenen Danksagungen und ihrer unbeschränkten Genehmigung alles dessen, was der Connetable zu ihrem Besten vorschlug, zu diesem zurück. Aber als die Tage der strengen Trauer vorüber waren, berichtete der junge de Lacy von seiten seines Verwandten, daß, da seine Verträge mit den Wallisern abgeschlossen und alles in dem ganzen Gebiete so eingerichtet wäre, als die Umstände es erlaubten, der Connetable von Chester sich jetzt vorgenommen hatte, in seine eigene Landschaft zurückzukehren, um seine dringenden Vorbereitungen für das heilige Land wieder vorzunehmen, welche die Pflicht, ihre Feinde zu züchtigen, auf einige Tage unterbrochen hätte. »Und will nicht der edle Connetable, bevor er von diesem Platze abzieht,« sagte Eveline mit einem Ausbruch der Dankbarkeit, welche die Sache gar wohl verdiente, »den persönlichen Dank derjenigen empfangen, die fast umgekommen wäre, als er so mutig ihr zu Hilfe sprang?« »Gerade über diesen Punkt habe ich Auftrag, zu sprechen,« erwiderte Damian. »Aber mein edler Verwandter fühlte eine gewisse Schüchternheit, das auszusprechen, was er doch so sehnlich wünscht – nämlich die Erlaubnis, mit Euch selbst sich über gewisse Dinge von der höchsten Wichtigkeit zu unterhalten, die er einem dritten anzuvertrauen nicht passend findet.« »Gewiß,« sagte das Mädchen errötend, »es kann nicht wider jungfräuliche Zucht sein, daß ich den edlen Connetable sehe, sobald es ihm Vergnügen macht.« »Aber sein Gelübde,« erwiderte Damian, »verpflichtet meinen Verwandten, unter kein Dach zu treten, bis er nach Palästina unter Segel gegangen ist. Um mit ihm zusammenzukommen, müßt Ihr so gnädig sein, ihn in seinem Pavillon zu besuchen – eine Herablassung, die er als Ritter und normannischer Edler kaum von einem Fräulein so hohen Ranges begehren kann.« »Und ist das alles?« sagte Eveline, die, in einem etwas entfernten Orte erzogen, nicht mit der Etikette bekannt war, die die Edelfräulein jener Zeit in Rücksicht auf das andere Geschlecht beobachteten. »Soll ich,« sagte sie, »meinen Dank nicht meinem Befreier zubringen dürfen, da er nicht herkommen kann, ihn entgegenzunehmen? Sagt dem edlen Hugo de Lacy, daß meine Dankbarkeit neben dem Segen des Himmels ihm und seinen braven Kriegsgefährten gebührt. Ich will zu seinem Zelt kommen wie zu einer Heiligenkapelle, ja, sollte ihm solche Huldigung gefallen, barfuß, und wäre der Weg bestreut mit Kieseln und Dornen.« »Meinen Oheim wird Euer Entschluß ehren und freuen,« sagte Damian, »aber er wird darauf bedacht sein, Euch alle unnötige Bemühung zu ersparen. In dieser Absicht soll sogleich ein Pavillon vor Eurem Schloßtor errichtet werden, der, sofern Ihr ihn mit Eurer Gegenwart beehren wollt, als Ort für die erwünschte Zusammenkunft gelten wird.« Eveline ging bereitwillig auf alles ein, was der Connetable als annehmbares Auskunftsmittel vorgeschlagen und durch Damian ausrichten ließ. Aber in der Einfachheit ihres Gemütes sah sie keinen Grund, warum sie nicht unter dem Schutze des letztern augenblicklich, und ohne weitere Umstände, die kleine, wohlbekannte Ebene überschreiten sollte, wo sie als Kind Schmetterlinge jagte und Feldblumen pflückte, und wo sie noch vor kurzem gewohnt war, ihren Zelter zu tummeln; denn das war ja der einzige, noch dazu so kleine Raum, der sie von dem Lager des Connetables trennte. Der junge Abgesandte, mit dessen Gegenwart sie schon vertraut geworden, zog sich nun zurück, seinen Verwandten und Herrn über den Erfolg seiner Mission zu unterrichten. Eveline empfand jetzt zum erstenmale Kummer und Sorge über ihr eigenes Geschick, seit Gwenwyns Niederlage und Tod es ihr erlaubten, ihre Gedanken dem Gram über den Verlust ihres edlen Vaters zu weihen. Aber jetzt, da dieser Kummer, wenn auch nicht völlig beruhigt, so doch durch das lange Sinnieren in Einsamkeit abgestumpft war – jetzt, da sie vor dem Helden erscheinen sollte, von dessen Ruhm sie so oft gehört, von dessen kräftigem Schutze sie eben erst wieder Beweis erhalten hatte, jetzt wandte sich ihr Geist unvermerkt auf die Natur und die Folgen dieser wichtigen Zusammenkunft. Sie hatte allerdings schon Hugo de Lacy auf dem großen Turnier zu Chester gesehen, wo sein Mut und seine Geschicklichkeit in aller Munde waren, und hatte die ihrer Schönheit erwiesene Huldigung, als er ihr den Preis überreichte, mit allem Frohsinn jugendlicher Eitelkeit entgegengenommen; aber von seiner Person und seiner Gestalt war ihr kein bestimmtes Bild geblieben, als daß er ein Mann von mittlerer Größe sei, eine ganz besonders reiche Rüstung getragen habe und dem Gesicht nach – soviel sie davon unter dem Schatten seines aufgeklappten Visiers sehen konnte – von dem gleichen Alter wie ihr Vater zu sein schien. Dieser Mann nun, dessen sie sich flüchtig erinnerte, war also das erwählte Werkzeug, das ihre Schutzherrin gebraucht hatte, sie von der Sklaverei zu erlösen und den Verlust ihres Vaters zu rächen, und sie war durch ihr Gelübde verpflichtet, ihn als den Gebieter über ihr Schicksal zu betrachten, wenn er es seiner für wert erachtete, das zu werden. Umsonst strengte sie ihr Gedächtnis an, sich seine Züge so weit zu vergegenwärtigen, daß sie sich ein ungefähres Urteil darüber bilden konnte, wie er sich ihr gegenüber benehmen und verhalten würde. Der vornehme Baron selbst schien ihrer Zusammenkunft einen hohen Grad von Wichtigkeit beizulegen, nach den feierlichen Vorbereitungen zu schließen, die er dazu treffen ließ. Eveline dachte nicht anders, als daß er in Zeit von fünf Minuten zu Pferde vor dem Schloßtor halten, oder, wenn es der Anstand durchaus bedänge, daß ihre Unterredung in einem Zelte stattfände, daß dann ein Zelt aus seinem Lager ans Tor gebracht werde, was doch in zehn Minuten geschehen sein könnte. Aber der Connetable schien mehr Form und Feierlichkeit bei ihrer Zusammenkunft für geboten zu halten, denn Damian de Lacy hatte das Schloß kaum eine halbe Stunde verlassen, so waren schon nicht weniger als zwanzig Soldaten und kunstverständige Leute, unter der Leitung eines Unterherolds, dessen Waffenrock mit den Emblemen des Hauses de Lacy geschmückt war, an der Arbeit, vor dem Tore von Garde Doulourense einen jener prächtigen Pavillons zu errichten, die bei Turnieren und andern öffentlichen Feierlichkeiten üblich waren. Er war von purpurseidner Farbe, die Umhänge mit Gold gestickt, die Stricke aus demselben reichen Stoffe. Der Eingang wurde von sechs Lanzen gebildet, deren Schaft mit Silber belegt und deren Spitzen aus demselben kostbaren Metall bestanden; diese waren paarweise in den Boden gepflanzt und kreuzten sich in der Spitze, so daß sie eine Art von Bogengang bildeten, bedeckt mit einer Draperie von seegrüner Seide, was einen prächtigen Kontrast zu dem Purpur und Gold bildete. Das Innere des Zeltes stand, nach der Meinung aller, die es besichtigten, seinem Aeußern an Pracht nicht nach. Orientalische Teppiche und Tapeten, von Gent und Brügge, schmückten Estrich und Wände, während der obere Teil des Pavillons von himmelblauer Seide das Firmament darstellte und reich mit Sonne, Mond und Sternen aus gediegenem Silber verziert war. Dieser berühmte Pavillon war für den weitgepriesenen Wilhelm von Ypern gebaut worden, der sich große Reichtümer als Söldner-Hauptmann des Königs Stephan erwarb und von ihm zum Grafen von Albemarle erhoben wurde. Aber nach einem jener furchtbaren Gefechte, deren so viele in dem Bürgerkriege zwischen Stephan von Blois und der Kaiserin Maude oder Mathilde vorfielen, hatte das Kriegsglück ihn in die Hände de Lacys gebracht. Nie erfuhr man, daß der Connetable davon Gebrauch gemacht hatte, denn Hugo de Lacy, obgleich reich und mächtig, trat bei den meisten Gelegenheiten sehr einfach und ohne Prunk auf, daher denen, die ihn kannten, sein gegenwärtiges Benehmen um so auffallender erscheinen mußte. – Um die Mittagszeit kam er auf einem edlen Roß vor das Tor der Burg, begleitet von einer kleinen Anzahl Diener, Pagen und Stallmeister in ihren reichsten Livreen; er hielt vor dem Pavillon und gab nun seinem Neffen den Auftrag, der Lady von Garde Douloureuse zu berichten, daß der demütigste ihrer Diener vor dem Tore auf die Ehre ihrer Gegenwart harrte. Bei manchen Zuschauern herrschte die Meinung, ein Teil der Pracht und des Glanzes, die den Pavillon und das Gefolge zierten, hätte sich besser auf die Person des Connetables selbst verwenden lassen, da seine Kleidung schlicht, wenn nicht gar schlecht, und seine Figur an sich durchaus nicht so stattlich war, daß sie es entbehren konnte, durch Kleidung und Schmuck gehoben zu werden. Diese Meinung nahm noch mehr zu, als er vom Pferde stieg, da bis dahin seine meisterhafte Behandlung des edlen Rosses seiner Person und Gestalt eine Würde gab, die er gleich verlor, sowie er aus dem Sattel stieg. Kaum erreichte der berühmte Connetable die mittlere Größe, und seinen Gliedern, so stark gebaut und gedrungen sie waren, fehlte es an Anmut und Leichtigkeit der Bewegung. Seine Beine waren ein wenig auswärts gekrümmt, was ihm als Reiter wohl einen Vorteil gewährte, zu Fuß aber nichts weniger als gut stand. Er hinkte, wiewohl nur schwach, als Folge eines schlecht ausgeheilten Beinbruchs beim Sturz eines Pferdes, und auch das war seiner äußern Erscheinung nicht von Vorteil. Wenn auch seine breiten Schultern, seine nervigen Arme und seine ausgedehnte Brust sattsam für die Stärke, die er oft bewiesen, Zeugnis ablegten, so hatte doch auch die Stärke etwas Plumpes und Ungefälliges. Sprache und Gebärde verkündeten einen Mann, der selten gewohnt war, sich mit seinesgleichen, noch seltner mit höher gestellten Personen zu unterhalten; er war kurz, schroff, hart. Nach dem Urteile der Leute, die sich in des Connetable beständigem Umgang befanden, paarten sich in seinem feurigen Auge und auf seiner breiten Stirn Würde und Milde: aber wer ihn zum erstenmale sah, urteilte weniger günstig und wollte eher einen grimmen, leidenschaftlichen Ausdruck dort entdecken, wiewohl sich nicht in Abrede stellen ließ, daß sein Gesicht im großen und ganzen einen kühnen, kriegerischen Zug verriet. Er war wirklich nicht älter als fünfundvierzig Jahre; aber Mühseligkeiten im Kriege und Wind und Wetter schienen noch zehn Jahre zugelegt zu haben. Bei weitem am einfachsten gekleidet im ganzen Zuge, trug er nun einen kurzen, normännischen Mantel über seinem engen Kleide von Gemsleder, das, wenn es auch die Rüstung fast überall bedeckte, doch mancherlei schadhafte Stellen aufwies. Ein brauner Hut, auf dem er ein Rosmarinreis als Abzeichen seines Gelübdes trug, war seine Kopfbedeckung. Sein gutes Schwert und ein Dolch hingen an seinem Gürtel aus Seekalbsfell. An der Spitze eines glänzenden Gefolges, das auf seinen leisesten Wink lauschte, erwartete der Connetable von Chester die Ankunft der Lady Eveline von Berenger am Tore von Garde Douloureuse. Trompeten von innen her kündigten ihr Nahen – die Brücke fiel – und geführt von Damian de Lacy in seiner glänzendsten Tracht, gefolgt von einem Zuge ihrer Frauen, ihren Vasallen und ihrem Hausgesinde, trat sie in all ihrer Liebenswürdigkeit aus dem massiven, antiken Portal ihrer väterlichen Behausung. Ohne allen Schmuck, in tiefe Trauer gekleidet, bildete sie einen strengen Gegensatz zu ihrem Führer, dessen kostbare Kleidung von Juwelen und Stickereien strahlte, dahingegen ihr Alter und ihre Schönheit in anderer Rücksicht eines zum lieblichsten Ebenbilde des andern machte. Dieser Umstand mochte es sein, der das frohe Beifalls-Gemurmel bei ihrer Erscheinung weckte, während die Rücksicht auf ihre tiefe Trauer laute Rufe hintanhielt. In dem Augenblick, als Evelinens schöner Fuß den ersten Schritt aus den Palisaden, die die äußere Barriere des Schlosses bildeten, getan hatte, trat der Connetable de Lacy ihr entgegen, und sein rechtes Knie zur Erde beugend, erbat er sich Verzeihung für die Unhöflichkeit, die sein Gelübde ihm abgedrungen hätte, indem er es zugleich aussprach, wie tief er die Ehre fühle, deren sie ihn jetzt würdige. Seine Stellung, wie die Rede, obwohl beide im Geiste der romantischen Galanterie jener Zeit, setzten Eveline in Verlegenheit, um so mehr, als diese Huldigung ihr in solcher Oeffentlichkeit widerfuhr. Sie bat den Connetable, aufzustehen und ihre Verwirrung nicht zu vermehren, da sie sich schon mehr als verlegen fühle, wie sie die schwere Schuld der Dankbarkeit abtragen solle, in der sie ihm gegenüber stehe. Der Connetable stand auf, nachdem er die ihm dargereichte Hand geküßt hatte, und ersuchte sie, in die ärmliche Hütte zu treten, die er zu ihrem Obdach bereitet habe, und ihm geneigtes Gehör zu gönnen. Ohne weitere Antwort, als eine Verbeugung, überließ ihm Eveline ihre Hand, und ihrem übrigen Gefolge gebietend, zurückzubleiben, winkte sie nur Rose Flammock, sie zu begleiten. »Lady,« sagte der Connetable, »die Dinge, über die ich gezwungen bin, so eilig mit Euch zu sprechen, sind geheimster Natur.« »Dieses Mädchen,« erwiderte Eveline, »ist meine Zofe und die Vertraute meiner verborgensten Gedanken. Ich ersuche Euch, ihre Gegenwart bei unserer Unterredung zu gestatten.« »Anders wäre es besser,« entgegnete Hugo de Lacy mit einiger Verlegenheit, »doch Eurem Willen bin ich gehorsam.« Er führte Eveline in das Gezelt und ersuchte sie, sich auf einen Polstersitz niederzulassen, der mit schwerer venetianischer Seide bedeckt war. Rose stellte sich hinter ihrer Gebieterin auf; alle Bewegungen des vollendeten Kriegs- und Staatsmannes, dessen Ruhm durch alle Lande ging, überwachend und sich seiner Verlegenheit freuend als eines Triumphs ihres Geschlechts, zumal sie eben nicht der Meinung war, daß sein gemsledernes Wams und seine viereckige Gestalt den Glanz des Auftritts erhöhen oder auch nur zu der fast engelhaften Schönheit Evelinens, seiner Partnerin, passen möchte. »Lady,« sagte der Connetable nach einigem Zaudern, »ich möchte gern das, was ich noch zu sagen habe, in solche Form kleiden, wie sie die Frauen am liebsten haben und wie sie Eurer ausgezeichneten Schönheit noch besonders würdig ist; aber ich habe zu lange Zeit im Felde und im Staatsrate verlebt, um meine Meinung anders als einfach und geradezu auszudrücken.« »Ich werde Euch um so leichter verstehen,« sagte Eveline zitternd, obwohl sie kaum wußte, weshalb. »Mein Vortrag also wird schlichter Natur sein. Es ist etwas vorgefallen zwischen Eurem verehrten Vater und mir, das auf eine Vereinigung unserer Häuser abzielt.« Er hielt inne, als wünschte oder erwartete er, daß Eveline etwas sage; aber da sie schwieg, fuhr er fort: »Ich wünschte bei Gott, der Himmel hätte gewollt, daß Euer Vater, wie er diese Verhandlung begonnen, sie auch mit seiner gewohnten Klugheit hätte durchführen und vollenden können! Doch was ist dabei zu tun? Er ist den Weg gegangen, den wir alle einmal gehen müssen.« »Eure Herrlichkeit hat den Tod Eures edlen Freundes edel gerächt.« »Lady, ich habe nur meine Pflicht getan als Ritter, eine bedrängte Jungfrau zu verteidigen – als Lord der Marken, die Grenzen zu decken – als Freund, den Freund zu rächen. Doch zur Sache! – Unser altes edles Haus neigt sich zu Ende. Von meinem entfernten Verwandten Randal Lavy will ich nichts sprechen, in ihm ist nichts Gutes oder was Hoffnung erregen kann, auch sind wir schon viele Jahre nicht zusammengekommen. Mein Neffe Damian gibt die schönsten Hoffnungen, ein würdiger Zweig unsers alten Stammes zu sein – aber er ist kaum zwanzig Jahre alt und hat noch eine lange Laufbahn voll Abenteuer und Gefahren zurückzulegen, bevor er mit Ehren die Pflichten des Haus- und Ehestandes übernehmen kann. Auch ist seine Mutter eine geborene Engländerin, ein kleiner Riß vielleicht in seinem Wappenschilds doch wären nur noch zehn Jahre mehr unter den Ehren eines Ritters ihm verlaufen, so würde ich Namian de Lacy zu dem hohen Glücke vorgeschlagen haben, nach welchem ich jetzt strebe.« »Ihr, Mylord, Ihr! Es ist unmöglich!« rief Eveline, bemühte sich aber zugleich, diesem Ausbruch ihrer Ueberraschung, den sie nicht unterdrücken konnte, alles, was sich wie Kränkung anhören könnte, zu nehmen. »Ich wundere mich nicht,« sagte der Connetable gelassen, denn da das Eis nun einmal gebrochen war, kehrte er zu der natürlichen Festigkeit seines Charakters zurück, »daß Ihr über diesen gewagten Vorschlag Erstaunen äußert. Ich besitze vielleicht nicht die Gestalt, die der Frauen Auge gefällt, und habe, falls ich sie je kannte, jene Worte und Redensarten vergessen, die der Frauen Ohr gefallen; aber, edle Eveline, die Gemahlin Hugos de Lacy wird eine der Ersten unter den Frauen Britanniens sein.« »Um so mehr wird es sich für diejenige, der eine so hohe Würde angeboten wird, schicken,« sagte Eveline, »es wohl zu überlegen, wie weit sie fähig ist, den Pflichten solch hohen Standes nachzukommen.« »O, davor bangt mir nicht,« sagte de Lach, »ein Mädchen, das eine so treffliche Tochter war, kann sich in keiner andern Lebenslage anders bewähren.« »Ich hege nicht das Vertrauen zu mir, Mylord,« entgegnete das Mädchen verlegen, »das Ihr so gütig in mir voraussetzt, drum muß ich mir – verzeiht mir – noch Zeit erbitten für andere Rücksichten als solche, die mich selbst betreffen.« »Eurem Vater, edle Lady, lag solche Verbindung sehr am Herzen. Diese Schrift, von ihm selbst unterzeichnet, ist der Beweis dafür ...« Das Knie beugend, überreichte er ihr das Papier .. »Die Gemahlin de Lacys wird, wie es die Tochter von Raymond Berenger verdient, den Rang einer Prinzessin, seine Witwe das Leibgedinge einer Königin haben.« »Spottet meiner nicht durch Eure Kniebeugung, Mylord, Während Ihr mir die väterlichen Beweise vorhaltet, die, verbunden mit andern Umständen –« sie hielt inne und seufzte tief – »meinem freien Willen vielleicht nur wenig Raum lassen.« Kühn geworden durch diese Antwort, erhob sich de Lacy, der bisher in seiner Kniebeuge verharrt war, nahm seinen Sitz neben Eveline und fuhr fort, mit seiner Bitte in sie zu dringen – zwar nicht in der Sprache der Leidenschaft, sondern aus der eines offen sprechenden Mannes, der mit einem gewissen Eifer eine Sache durchsetzen will, von der sein Wohlergehen abhängt. Die Erscheinung des Wunderbildes, muß man sich denken, schwebte vor allem dem Geiste Evelinens vor, die, durch das feierliche Gelübde gebunden, das sie bei jener Gelegenheit getan, sich zu ausweichenden Antworten gezwungen sah, während sie, wenn ihre Wünsche allein in Betracht gekommen wären, lieber ein ehrliches Nein gesagt hätte. »Ihr könnt,« sagte sie, »von mir nicht erwarten, Mylord, daß ich, kaum erst Waise, über eine Sache von so hoher Wichtigkeit so eilig einen Entschluß fassen soll. Euer edles Herz gebe mir Zeit, mich mit mir selbst zu beraten und meine Freunde zur Beratung zu ziehen.« »Ach! schöne Eveline,« sagte der Baron, »zürnet über mein heftiges Drängen nicht! Ich kann es nicht lange aufschieben, zu einer fernen und gefahrvollen Unternehmung aufzubrechen; die kurze Zeit, die mir für meine Bewerbung um Eure Gunst übrig bleibt, muß eine Entschuldigung für meine Zudringlichkeit sein.« »Und, edler Lacy, unter solchen Umständen wolltet Ihr Euch durch Familienbande fesseln?« »Ich bin Gottes Kriegsmann,« sagte der Connetable, »und er, für dessen Sache ich in Palästina kämpfe, wird mein Weib in England beschützen.« »Vernehmt denn meine gegenwärtige Antwort, Mylord,« sagte Eveline, von ihrem Sitz aufstehend, »morgen begebe ich mich in das Benediktinerinnenkloster zu Gloucester, wo meines verehrten Vaters Schwester als Aebtissin lebt. Ihrer Führung will ich mich in dieser Angelegenheit überlassen.« »Ein schöner Entschluß, der Jungfrau geziemend,« antwortete de Lacy, seinerseits dem Anschein nach nicht unzufrieden damit, daß die Unterredung abgebrochen wurde, »und, wie ich glaube, keineswegs ungünstig den Wünschen Eures demütig bittenden Freiers, denn die edle Frau Aebtissin ist schon seit langer Zeit meine verehrte Freundin.« – Dann wandte er sich zu Rose, die im Begriff stand, ihrer Lady zu folgen ... »Mein hübsches Mädchen,« sprach er, ihr eine goldene Kette reichend, »gönne diesem Schmuck einen Platz an Deinem Halse, und mir vergönne Deinen guten Willen.« »Mein guter Wille ist nicht verkäuflich, Mylord,« sagte Rose, das dargebotene Geschenk zurückweisend. »Schöne Worte sind leicht erkauft,« sagte Rose, nach wie vor die Kette zurückweisend, »aber selten des Kaufgeldes wert.« »Verachtet Ihr mein Geschenk, Jungfer?« sagte de Lach, »es hat den Nacken eines normannischen Grafen geschmückt.« »So schenkt es lieber einer normannischen Gräfin, Mylord,« sagte das Mädchen, »ich bin ja bloß Rose Flammock, eines Webers schlichte Tochter. Ich halte es mit meinen guten Worten so, daß sie mit meinem guten Willen Hand in Hand gehen, und eine messingne Kette wird mir nicht minder gut stehen als eine aus geschlagenem Golde.« »Still, Rose,« sagte ihre Gebieterin. »Du bist zu vorwitzig, solche Worte dem Lord Connetable zu bieten! Und Ihr, Mylord,« fuhr sie fort, »gestattet mir, mich zu entfernen, da Ihr jetzt meine Antwort auf Euren Antrag vernommen. Es tut mir leid, daß es sich um keine minder zarte Angelegenheit dabei handelt, denn ich hätte mich Euch gern dankbarer bewiesen.« Der Connetable führte die Lady mit der gleichen Feierlichkeit zurück, wie sie empfangen worden war, und sie betrat wieder ihre Burg, trüben und sorgenvollen Gemüts über die Folgen, die diese wichtige Unterredung für sie zeitigen könnte. Tief hüllte sie sich in ihren langen Trauerschleier, um die Veränderung in ihrem Gesicht nicht sehen zu lassen, vermied es sogar, sich gegen Pater Aldrovand auszusprechen, und zog sich alsbald in die Einsamkeit ihres Gemaches zurück. Zwölftes Kapitel. Dorthin folgte ihr Rose, ohne auf Weisung ihrer Herrin zu warten, um ihr beim Ablegen des langen Trauerschleiers, den sie draußen getragen, zu helfen; aber die Lady wies sie zurück und sagte: »Tu bist recht vorschnell mit Deinen Diensten, Mädchen; warte doch, bis man sie begehrt.« »Ihr seid böse auf mich, Lady,« sagte Rose. »Nicht ohne Ursache,« erwiderte Eveline .... »Du kennst meine schwierige Lage – weißt, was meine Pflicht fordert – und doch, statt mir solches Opfer zu erleichtern, erschwerst Du es mir.« »Ach, wenn ich doch mehr Einfluß hätte, Euch auf einen gewissen Weg zu leiten,« sagte Rose; »Ihr solltet finden, daß es ein sanfter Weg ist – und ein ehrlicher und gerader überdies.« »Wie meinst Du das, Mädchen!« fragte Eveline. »Ich wollte,« antwortete Rose, »Ihr widerriefet die Aufmunterung – die Einwilligung, so möchte ich es fast nennen, die Ihr jenem stolzen Baron gegeben habt. Ihr steht zu hoch, um geliebt zu werden – er ist zu stolz, um Euch zu lieben, wie Ihr es verdient. Wenn Ihr ihn heiratet, so heiratet Ihr vergoldetes Elend, und es kann Euch ebensogut zur Schmach sein wie zur Unfreude.« »Vergiß die Dienste nicht, Mädchen, die er uns erwiesen!« »Seine Dienste?« wiederholte Rose, »Er wagte freilich sein Leben für uns, aber das tat auch jeder Soldat in seinem Heere. Und bin ich denn verpflichtet, jeden verschrumpften Gesellen unter ihnen zu heiraten, weil er sich schlug, sobald die Trompete schmetterte? Mich wundert nur, was eigentlich der Sinn von ihrem devoir ist, wie sie es nennen, wenn sie sich nicht schämen, auf den höchsten Lohn, den eine Frau gewähren kann, Anspruch zu machen, bloß weil sie ihrer Edelmannspflicht gegen ein bedrängtes Geschöpf genügten .... Edelmann sagte ich? – Der gröbste Bauer in Flandern würde kaum einen Dank erwarten.« »Aber meines Vaters Wünsche?« »Der würde sich ohne Zweifel nach der Neigung seiner Tochter richten! – Ich will meinem verewigten edlen Lord – Gott sei seiner Seele gnädig – nicht die Ungerechtigkeit antun, anzunehmen, daß er in dieser Sache hätte seinen Willen durchsetzen wollen, wenn er nicht mit Eurem freien Willen übereinstimmte.« »Dann mein Gelübde! mein unseliges Gelübde, wie ich es beinahe genannt hätte,« sagte Eveline. »Verzeih mir der Himmel meine Undankbarkeit gegen meine Schutzheiligen!« »Auch Euer Gelübde erschüttert mich nicht,« sagte Rose. »Ich kann es nun und nimmer glauben, daß unsere gnädige Gottesmutter als Buße für ihren Schutz von mir fordern könne, einen Mann zu heiraten, den ich nicht lieben kann ... Sie habe gelächelt, sagt Ihr – als Ihr zu ihr betetet? – Geht hin zu ihr, offenbart ihr, was Euch quält, und gebt acht, ob sie nicht wieder lächeln wird! Oder sucht Dispensation Eures Gelübdes, – sucht sie auf Kosten Eures halben Vermögens, – sucht sie auf Kosten Eures ganzen Eigentums. – Pilgert barfuß nach Rom – tut alles, alles – nur gebt nicht Eure Hand, wo Ihr nicht Euer Herz geben könnt.« »Du redest Dich warm, Rose,« sagte Eveline, bei diesen Worten tief aufseufzend. »Nicht ohne Grund, meine süße Lady! – Habe ich nicht einen Haushalt gesehen, in dem die Liebe fehlte? – in dem, bei allem Wert der Personen und allem guten Willen, der sie beseelte, trotz allem Ueberflusse, der dort herrschte, alles verbittert wurde durch ein Sehnen, das nicht allein unnütz, sondern gar strafbar war?« »Aber, Rose, dennoch will mir scheinen, als ob Empfindung dafür, was wir uns und andern schuldig sind, wenn wir darauf achten, uns selbst bei jenen Empfindungen, die Du geschildert hast, leiten und trösten könne?« »Es wird uns vor Sünde, nicht aber vor Kummer bewahren,« antwortete Rose; »und weshalb sollen wir uns mit offenen Augen in eine Lage stürzen, wo Pflicht mit Neigung kollidieren muß? Warum gegen Wind und Flut rudern, wenn Ihr Euch eben so leicht günstigen Windes bedienen könnt?« »Weil die Reise meines Lebens den Weg nimmt, wo Wind und Strom mir entgegen sind,« antwortete Eveline, »es ist mein Schicksal, Rose.« »Es ist nur dann Euer Schicksal, wenn Ihr es durch Wahl dazu macht,« entgegnete Rose. »O, hättet Ihr nur die bleichen Wangen, das eingesunkene Auge, die tiefe Niedergeschlagenheit meiner armen Mutter sehen können! – Aber ich habe schon zuviel gesagt!« – »Also war es Deine Mutter, von deren unglücklichen Ehe Du sprachest?« »Sie war es – ja, sie war es,« sagte Rose und brach in Tränen aus ... »Ich habe, um Euch von Kummer zu retten, Dinge offenbart, deren ich mich schäme. – Unglücklich war sie, obgleich durchaus ohne Schuld – so unglücklich, daß der Damm-Durchbruch und der Tod in der Flut ihr – allein die Erinnerung an mich ausgenommen – willkommener war, als die Nacht dem müden Arbeiter. Sie hatte ein Herz wie geschaffen für Liebe und Gegenliebe, und es ist nur eine Ehre für jenen stolzen Baron, wenn ich sage, er kommt meinem Vater gleich an Wert und Tugend. – Und doch war die Mutter tief unglücklich! – O meine süße Lady! Laßt Euch warnen und brecht diese unheildrohende Verbindung ab!« Eveline erwiderte den liebevollen Druck, mit dem das liebevolle Mädchen, ihre Hand erfassend, den wohlgemeinten Rat verschärfen wollte, und setzte mit tiefem Seufzer leise hinzu: »Rose, es ist zu spät!« »Niemals, niemals,« sagte Rose, sich scharf im Zimmer umherblickend; »wo ist das Schreibzeug? Laßt mich Pater Aldrovand holen und ihm Euren Willen kund tun – oder – halt! der fromme Vater hat selbst ein Auge auf den Glanz der Welt, die er verlassen zu haben wähnt – darum ist er kein verläßlicher Briefsteller! – Ich will selbst zum Lord Connetable gehen – mich kann sein Rang nicht blenden oder sein Reichtum bestechen, oder seine Macht einschüchtern. Ich will ihm sagen, daß er nicht ritterlich handelt, wenn er auf dem Vertrag mit Eurem Vater in solcher Stunde hilfloser Sorge besteht – daß er nicht fromm handelt, wenn er die Erfüllung seines Gelübdes aufschiebt, um zu heiraten oder zu verheiraten – daß er nicht edel handelt, wenn er sich einem Mädchen aufdrängt, dessen Herz nicht für ihn schlägt – daß er nicht weise handelt, wenn er sich eine Gattin wählt, um sie auf der Stelle wieder zu verlassen und entweder der Einsamkeit oder den Gefahren eines verderbten Hofes preiszugeben.« »Zu solcher Botschaft, Rose, hast Du den Mut nicht,« sagte ihre Gebieterin mit Tränen im Auge, trauervoll lächelnd über den Eifer ihrer jugendlichen Dienerin. »Nicht Mut dazu? und warum nicht? Stellt mich auf die Probe!« erwiderte das flämische Mädchen, gleichfalls lächelnd, »Ich bin weder ein Sarazene, noch ein Wälscher, seine Lanze und sein Schwert schrecken mich nicht ... ich habe nicht zu seiner Fahne geschworen – sein Kommando geht mich nichts an! Ich könnte, mit Eurer Erlaubnis, es ihm kühn ins Gesicht sagen, daß er ein selbstsüchtiger Mann sei, der unter schönen Vorwänden sein Streben nach Dingen verhehle, die nur seinen Stolz befriedigen sollen, und hohe Ansprüche auf Dienste gründe, die schon die allgemeine Menschlichkeit forderte ... Und weshalb dies alles? Fürwahr, der große de Lach braucht einen Erben für sein edles Haus, und sein schöner Neffe taugt nicht für ihn als Stellvertreter, weil seine Mutter von angelsächsischer Abkunft ist, der echte Erbe aber ein echter, rassereiner Normann sein muß. Und darum soll Lady Eveline Berenger in der Blüte ihrer Jugend an einen Mann verheiratet werden, der ihr Vater sein könnte, und der, nachdem er sie jahrelang schutzlos in der Heimat zurückgelassen, zurückkehren wird in einem Alter, daß man ihn für ihren Großvater halten wird.« »Da er so sehr viel hält auf rassereines Blut,« sagte Eveline, »denkt er vielleicht in letzter Stunde noch an einen Umstand, der einem so kundigen Heraldiker nicht unbekannt sein kann: daß ich ja selbst von sächsischer Abkunft bin durch meines Vaters Mutter.« »Oh!« erwiderte Rose, »den Flecken wird er der Erbin von Garde Douloureuse gern verzeihen.« »Pfui, Rose,« antwortete ihre Gebieterin, »Du tust ihm unrecht, ihn der Habsucht zu beschuldigen.« »Vielleicht,« sagte Rose, »aber unleugbar ist er ehrgeizig ... Und Habsucht, habe ich gehört, ist der Ehrsucht Stiefschwester, wenn auch Ehrgeiz sich dieser Verwandtschaft schämt.« »Du sprichst zu keck, Jungfer,« sagte Eveline, »und obwohl ich Deine Liebe erkenne, muß ich doch Deine Art, sie zum Ausdruck zu bringen, schelten.« »Ja! Redet Ihr in solchem Tone, dann habe ich ausgeredet,« sagte Rose; »zu Evelinen, die ich liebe und die mich liebt, kann ich frei sprechen, aber vor Lady von Garde Douloureuse, dem stolzen normannischen Fräulein, das Ihr gut vorzustellen wißt, wenn Ihr nur wollt, kann ich mich verneigen, wie meine Seele es gebeut, und darf sie nur so viel Wahrheit hören lassen, wie sie hören will.« »Du bist ein wildes und doch liebes Mädchen,« sagte Eveline; »wer Dich kennt, würde nicht glauben, daß dieses sanfte kindliche Aeußere solche Feuerseele einschließt. Deine Mutter muß in der Tat jenes empfindsame, leidenschaftliche Wesen gewesen sein, wie Du sie schilderst: denn Dein Vater – ja ja! halte nur nicht schon Deine Waffen fertig, ihn zu verteidigen, ehe er angegriffen ist! – ich will nur sagen, daß sein gesunder Menschenverstand und sein biederer Sinn die besten Eigenschaften an ihm sind.« »Und ich wünschte nur, Ihr wolltet diese Eigenschaften jetzt benützen, Lady,« sagte Rose. »In schicklichen Dingen will ich es; aber er wäre gerade ein unpassender Ratgeber in der Sache, die wir vorhaben,« sagte Eveline. »Ihr verkennt ihn,« antwortete Rose Flammock, »und schätzt ihn unter seinem Werte. Gesundes Urteil gleicht der geaichten Elle, die zwar gemeinhin bei allem groben Zeug angewandt wird, aber mit gleicher Genauigkeit das Maß von indischem Seidenzeug oder Goldbrokat angibt.« »Gut, gut! die Sache drängt ja nicht auf den Augenblick. Verlaß mich nun, Rose, und schicke mir Gillian, die Kammerfrau, her. – Ich will ihr das Nötige über meine Garderobe sagen.« »Diese Gillian ist in der letzten Zeit sehr in Gunst bei Euch gelangt,« sagte Rose; »es gab eine Zeit, da es anders war.« »Mir ist Ihre Art so wenig sympathisch wie Dir,« erwiderte Eveline, »aber sie ist des alten Raouls Frau, stand in gewisser Halbgunst bei meinem Vater, der, wie wohl auch andere Männer, sich vielleicht durch eben jenes kecke Wesen gewinnen ließ, das die Bessern unsers Geschlechts als ungeziemend finden – und dann gibt es im Schlosse keine andere, die so geschickt ist, Kleider einzupacken, daß sie nicht Schaden nehmen.« »Dieser letzte Grund allein,« sagte Rose lächelnd, »gibt ihr, wie ich gern gelten lasse, unwiderstehlichen Anspruch auf Gunst, und Dame Gillian soll Euch gleich aufwarten. Aber laßt Euch raten, Lady – laßt sie einpacken – sprecht aber mit ihr nicht von Dingen, die sie nichts angehen.« Mit diesen Worten verließ Rose das Zimmer, und ihre junge Lady sah ihr still nach; dann sprach sie zu sich selbst: »Rose liebt mich recht, liebt mich von Herzen, aber sie neigt dazu, mehr Herrin als Zofe zu sein; auch ist sie eifersüchtig auf jede andere Person, die sich mir naht. – Es ist doch sonderbar, daß ich Damian de Lucy seit meiner Unterredung mit dem Connetable nicht gesehen habe. Er denkt sich am Ende wohl gar schon in den Fall hinein, in mir eine gestrenge Tante zu haben?« Aber die Domestiken, die sich nun herbeidrängten, die Befehle für die auf den andern Tag festgesetzte Reise entgegenzunehmen, lenkten die Gedanken ihrer Gebieterin von ihrer eigentümlichen Lage ab, und da die Aussicht nichts Angenehmes bot, wies Eveline sie mit dem leicht beweglichen Geiste der Jugend bis auf weiteres von sich. Ende des ersten Teiles. Zweiter Teil. Dreizehntes Kapitel. Früh des andern Morgens verließ eine stattliche Gesellschaft, die aber durch die tiefe Trauer der Hauptpersonen einigermaßen trüb gefärbt war, die wohlverteidigte Burg von Garde Douloureuse, die vor kurzem der Schauplatz so merkwürdiger Ereignisse war. Eben begann die Sonne den Tau aufzusaugen, der während der Nacht gefallen war, und den dünnen grauen Nebel zu zerstreuen, der noch um die Türme und Zinnen schwebte, als Wilkin Flammock, mit sechs Bogenschützen zur Seite zu Pferde und ebenso viel Lanzenknechten zu Fuß, durch das gotische Tor hervor, über die dröhnende Zugbrücke sprengte. Nach diesem Vortrabe kamen vier wohlberittene Diener vom Hausgesinde, und nach ihnen ebenso viele von den niedrigen Dienerinnen, alle in Trauer, Darauf ritt die junge Lady Eveline selbst vor, die den Mittelpunkt des kleinen Zuges einnahm, und ihre langen schwarzen Gewänder bildeten einen auffallenden Kontrast gegen die Farbe ihres milchweißen Zelters. Ihr zur Seite auf einem Spanier, einem Geschenk ihres Vaters, – der ihn, seiner Tochter eine Freude zu machen, zu hohem Preise gekauft hatte – saß Rose Flammock, mit all dem jugendlich-schüchternen Wesen, das ihr Benehmen auszeichnete, und all dem tiefen Gefühl und scharfen Urteil in ihrem Denken und Handeln. Frau Margery folgte mit dem Zuge, in welchem sich Pater Aldrovand befand, dessen Gesellschaft sie offen aussuchte, gab sie sich doch gern den Schein einer Frommen, und war doch ihr Ansehen in der Familie als Evelinens Amme groß genug, sie zu einer nicht unschicklichen Gesellschaft für den Kaplan zu machen, sofern ihre Gebieterin nicht für sich selbst ihre Aufwartung forderte. Dann folgte der alte Raoul, der Jäger, dessen Frau und ein paar andere Hausoffizianten Raymond Berengers. Der Haushofmeister mit seiner goldenen Kette, seinem samtnen Leibrock und weißen Stabe, führte den Nachtrab an, den ein kleinerer Trupp Armbrustschützen und vier Reisige beschlossen. Die Bedeckung und selbst der größte Teil des Gefolges waren nur Zur Ehrenbegleitung ihrer jungen Gebieterin auf eine kurze Strecke vom Schlosse bestimmt, bis sie mit dem Connetable von Chester zusammenträfen, der sich vorgenommen hatte, mit einem Gefolge von dreißig Lanzen Evelinen bis Gloucester, dem Orte ihrer Bestimmung, zu begleiten. Unter seinem Schutze war keine Gefahr zu fürchten, auch wenn nicht schon die harte Niederlage, die die Walliser kürzlich erlitten, an und für sich hingereicht hatte, jedem Versuch dieser feindlichen Bergbewohner, die Ruhe der Marken zu stören, auf lange Zeit vorzubeugen. In Gemäßheit dieser Anordnung, die dem bewaffneten Teile von Evelinens Gefolge die Rückkehr zur Burg und zur Wiederherstellung der Ruhe im Gebiete derselben gestattete, hielt der Connetable bei der verhängnisvollen Brücke an der Spitze einer stattlichen Schar von auserwählten Reitern. Die beiden Züge machten, um sich gegenseitig zu begrüßen, Halt; da aber der Connetable bemerkte, daß Eveline ihren Schleier dichter zusammenzog, und sich hierbei des Verlustes erinnerte, den sie vor kurzem an dieser unglückseligen Stelle erlitten, bedünkte es ihm als richtiger, seinen Gruß auf eine bloße Verbeugung zu beschränken, die aber so tief ausfiel, daß die hohe Feder seines Helmes – denn er war in voller Rüstung – sich in die Mähne seines mutigen Rosses verirrte, Wilkin Flammock nahte jetzt der Lady mit der Frage, ob sie weitere Befehle für ihn hätte. »Nein, guter Wilkin, außer mir, wie immer, treu und wachsam zu sein.« »Die Eigenschaften eines guten Kettenhundes,« sagte Flammock, »roher Scharfblick und starke Hand statt eines Mauls voll starker Zähne: das ist alles, was ich noch dazu tun kann. – Ich werde mein Bestes versuchen. – Lebe wohl, mein Röschen! Du gehst unter Freunde – verlerne dort die Eigenschaften nicht, die Dich zu Hause als liebe Tochter erscheinen ließen. – Die Heiligen segnen Dich! – Lebe wohl!« Der Haushofmeister folgte ihm zunächst, um Abschied zu nehmen; doch wäre er beinahe recht übel dabei gefahren, Raoul, von Natur störrisch und dabei von Reißen geplagt, war auf den Einfall gekommen, sich ein altes arabisches Pferd auszusuchen, einst zur Zucht gebraucht, jetzt mager und lahm, wie er selbst, aber boshaft wie der Satanas, Zwischen Roß und Reiter herrschte dauernd Zwiespalt, für dessen Verschärfung Raoul durch Flüche, Reißen am Gebiß und grimme Sporenstöße, Mahound aber – (dies war des Pferdes Name) – durch Bocken, Bäumen und allerhand andre Anstrengung, den Reiter abzusatteln, oder Hufschläge gegen jeden, der ihm in die Nähe kam, eifrig sorgte. Viele von der Dienerschaft meinten, daß Raoul sich das boshafte, querköpfige Tier immer, wenn er in Gesellschaft seines Ehegesponses reisen mußte, darum mitnahm, um sich die Gelegenheit nicht entgehen zu lassen, daß es einmal diesem beschert sein möchte, mit seinen Hufen in Berührung zu kommen. Und nun, als der Haushofmeister seinem Klepper die Sporen gab, um seiner jungen Lady die Hand zu küssen und sich bei ihr zu beurlauben, kam es den Anwesenden so vor, als ob Raoul Zaum und Sporen absichtlich so anwandte, daß Mahound in dem Augenblicke wild ausschlug und sein Huf mit des Haushofmeisters Schenkel so zusammentraf, daß er ihn wie ein trocknes Rohr zersplittert hätte, wären sie ein paar Zoll näher aneinander gewesen. Aber auch so, wie es war, trug der Haushofmeister einen bedeutenden Schaden davon, und wer von den Anwesenden das Grinsen auf Raouls Essiggesichte bemerkte, hatte keinen Zweifel, daß Mahound mit seinem Hufe ein verdächtiges Nicken, Winken und Lächeln rächen sollte, das zwischen dem goldstrotzenden Offizianten und der kokettierenden Kammerfrau nach dem Ausritt vom Schlosse gewechselt worden war. Dieser Umstand verkürzte die peinliche Abschiedszeremonie zwischen Lady Evelinen und ihren Untergebenen und nahm zugleich ihrer Zusammenkunft mit dem Connetable, die eigentlich nichts anders war, als eine Flucht unter seinem Schuh, den allzu förmlichen Charakter. Hugo de Lacy, nachdem er sechs seiner Reisigen als Vortrab vorausgeschickt hatte, verweilte so lange, bis er den Haushofmeister auf einer Sänfte gebettet sah, und folgte dann mit seinen übrigen Begleitern in militärischer Ordnung, ungefähr dreihundert Fuß entfernt, Evelinen und ihrem Gefolge, ängstlich besorgt, nicht den Eindruck zu wecken, als ob er sich ihrer Gesellschaft aufdrängen wollte, so lange sie im Gebete lag, wozu der Ort ihres Zusammentreffens sie begreiflicherweise anregen mußte, vielmehr geduldig wartend, bis ihr jugendlicher Sinn sie zu einer Ablenkung der trüben Gedanken, mit denen sie der Ort erfüllte, bestimmen werde. Demgemäß näherte sich der Connetable nicht eher den Frauen, als bis der vorgerückte Morgen zu der Anzeige drängte, daß in der Nachbarschaft ein freundlicher Platz sich befände, wo er Vorbereitungen zum Ausgehen und zu Erfrischungen getroffen hätte. Sobald Lady Eveline einwilligte, von dieser Artigkeit Gebrauch zu machen, erschien auch schon der Platz in der Nähe einer alten Eiche, die ihre gewaltigen Zweige weithin ausdehnte, den Wanderer an den Baum zu Mamre erinnernd, unter der sich himmlische Wesen von dem frommen Patriarchen bewirten ließen, Ueber zwei weithervorragende Aeste war wie ein Baldachin eine Decke von rosafarbenem Taffet gezogen, die Strahlen der schon hochstehenden Morgensonne abzuhalten. Seidne Kissen, abwechselnd mit andern, die mit Jagdtier-Pelzen bedeckt waren, lagen auf dem Boden als Sitze ausgebreitet. Auf langen Tafeln hatte man ein Mahl hergerichtet, zu dem ein normannischer Koch das Aeußerste seiner Kunst aufgeboten hatte. Eine Quelle, die unfern unter einem breiten, mit Moos bedecktem Steine hervorsprudelte, erfrischte das Ohr mit ihrem Geriesel, die Zunge mit ihrem flüssigen Kristall, während sie gleichzeitig als Zisterne diente, die verschiedenen Flaschen Gascogner und Hippokras, damals ein notwendiges Erfordernis zu jedem Morgenimbiß, kühl zu halten. Als Eveline mit Rose, dem Beichtiger und – in schicklichem Abstande – der treuen Amme bei diesem schattigen Mahle saßen, dieweil die Blätter von leichtem Hauche säuselten, das Wasser im Hintergrunde sprudelte, die Vögel ringsumher zwitscherten und gedämpftes Plaudern und Lachen die Nähe ihrer Begleitung kündeten, konnte sie nicht umhin, dem Connetable einige verbindliche Worte über die glückliche Wahl dieses Ruheplatzes zu sagen. »Ihr erweist mir zuviel Ehre,« erwiderte der Baron, »nicht ich, sondern mein Neffe hat den Platz ausgesucht; der Bursche hat eine Phantasie wie ein Minstrel. Dergleichen Dinge auszusinnen, fiele mir zu schwer.« Rose blickte ihre Gebieterin an, als ob sie ihr in die innerste Seele dringen wollte' aber Eveline antwortete mit größter Unbefangenheit: »Und warum hat der edle Damian nicht auf uns gewartet, um dem Feste mit beizuwohnen, das er uns hergerichtet hat?« »Er will lieber,« sagte der Baron, »mit ein paar leichten Reitern voraneilen. Denn wenn auch jetzt keine wälschen Buben in Bewegung sind, findet man doch die Grenzen selten frei von Räubern und losem Gesindel; für einen Trupp wie dem unsrigen ist freilich nichts zu fürchten, aber Ihr sollt auch durch die leiseste Spur von Gefahr nicht erschreckt werden.« »Ich habe in der letzten Zeit freilich zu viel davon verspürt,« sagte Eveline und verfiel wieder in die melancholische Stimmung, von der sie die Neuheit der Szene auf einen Augenblick befreit hatte. Unterdessen hatte der Connetable mit Hilfe seines Knappen Helm und Handschuhe abgelegt und saß im leichten Panzerhemd, das die Hände frei ließ, in der bei den Rittern unter dem Namen » matier « beliebten Samtmütze, die ihm bequemer saß als der schwere Helm, an der Tafel, Seine Unterhaltung, schlicht, gediegen und männlich, drehte sich um die Zustände im Lande, um die Maßregeln, die zur Verteidigung einer so unruhigen Grenze notwendig waren, und war für Evelinen, deren wärmster Wunsch es war, den Vasallen ihres Vaters wirksamen Schutz zu schaffen, von nicht geringem Interesse. Auch Lach seinerseits schien außerordentlich befriedigt; denn so jung auch Eveline noch war, so zeigte sie doch in Frage und Antwort hohen Verstand, scharfe Fassungskraft und gründliche Orientierung. Kurz, es bildete sich eine so freundliche Stimmung zwischen ihnen, daß der Connetable schließlich nicht anders meinte, als daß sein rechter Platz an Evelinens Seite sei, und wenngleich sie über seine Nachbarschaft eigentlich nicht erfreut war, sondern den jungen Neffen lieber gesehen hätte, doch auch nicht Willens, ihn abzuweisen. Er dagegen war wohl kein heißer Liebhaber, so sehr ihn auch die Schönheit und Liebenswürdigkeit der holden Waise fesselte, aber doch keineswegs unzufrieden damit, als Begleiter zu gelten, und ließ es sich durchaus nicht angelegen sein, die Gelegenheit, die ihm diese Reife bot, zur Weiterführung der Unterredung vom vorigen Tage zu benützen. Um Mittag wurde wieder in einem kleinen Dorfe Halt gemacht, wo wiederum für alle Bequemlichkeit, namentlich für Evelinen, gesorgt war; aber zu ihrem erneuten Erstaunen blieb Damian auch hier unsichtbar. So interessant und belehrend auch die Unterhaltung des Connetable war, so darf es bei einem Mädchen in Evelinens Alter wohl kaum verwundern, wenn sie sich noch eine kleine Beigabe in der Person eines jüngeren, minder ernsthaften Begleiters wünschte. Und wenn Eveline sich an Damian Lacys bisher erwiesene Aufmerksamkeiten erinnerte, so mußte ihr freilich jetzt seine konsequente Abwesenheit recht auffallen. Doch konnte nur jemand, dem die vorhandene Gesellschaft nicht ganz behagte, vorübergehend auf den Gedanken kommen, daß sie sich nicht angenehm vermehren lassen solle. Sie lauschte geduldig der Schilderung, die ihr der Connetable vom Stammbaum eines edlen Ritters aus dem vornehmen Geschlecht der Herberte gab, auf deren Burg er das Nachtlager bestellt hatte – als einer vom Gefolge einen Botschafter der Lady von Baldringham meldete. »Meines verehrten Vaters Tante,« sagte Eveline, indem sie sich erhob, zum Zeichen der Achtung vor Alter und Verwandtschaft, die die Sitten der damaligen Zeit forderten. »Mir war es nicht bekannt,« sagte der Connetable, »daß mein edler Freund solche Verwandte hatte.« »Sie ist die Schwester meiner Großmutter,« antwortete Eveline, »eine edle, sächsische Frau; aber ihr mißfiel die Verbindung mit einem normännischen Hause, und sie sah ihre Schwester nach der Hochzeit nie wieder.« Sie brach ab, da der Bote, der ganz nach einem Haushofmeister eines vornehmen Herrn aussah, zu ihr herantrat und, ehrfurchtsvoll sein Knie beugend, einen Brief in ihre Hand legte, der vom Pater Aldrovand vorgelesen wurde und folgende Einladung, nicht in französischer, – damals der allgemeinen Schriftsprache unter Leute von Stande – sondern in der alten sächsischen Sprache, wenn auch mit manchen französischen Brocken durchsetzt, enthielt: »Wenn die Großtochter Aalfreids von Baldringham noch so viel altsächsisches Blut in sich hat, um eine greise Verwandte gern bei sich zu sehen, die noch im Hause ihrer Altvordern wohnt und nach deren Sitten lebt, so wird sie hierdurch eingeladen, ihre Nachtruhe zu nehmen in der Wohnung – von Ermengarde von Baldringham.« »Es wird Euch doch zweifelsohne gefällig sein, die angebotene Bewirtung abzuschlagen,« sagte der Connetable de Lach, »der edle Herbert erwartet uns und hat große Vorbereitungen gemacht.« »Eure Gegenwart, Mylord,« sagte Eveline, »wird ihn über meine Abwesenheit mehr als zufrieden stellen. Es geziemt sich und schickt sich nicht anders, als daß ich meiner Tante entgegenkommen muß, da sie sich herabgelassen hat, den ersten Schritt zur Versöhnung zu tun.« De Lachs Stirn umwölkte sich leicht, denn selten kam er in den Fall, daß etwas auch nur den Anschein eines Widerspruchs gegen seinen Willen hatte ... »Ich bitte zu überlegen, Lady Eveline,« sagte er, »daß Eurer Tante Haus wahrscheinlich ohne alle Verteidigung oder wenigstens recht unvollkommen bewacht ist. – Solltet Ihr wirklich nicht wünschen, daß ich meine schuldigen Dienste fortsetze?« »Darüber, Mylord, kann nur meine Tante in ihrem eigenen Hause urteilen, und da sie, wie mich dünkt, es nicht für nötig erachtet hat, sich die Ehre von Eurer Herrlichkeit Gegenwart zu erbitten, so würde sich für mich nicht die Erlaubnis schicken, Euch mit meinem Schutze zu belästigen. – Ihr habt schon zu viel Plage meinetwegen gehabt.« »Doch Eurer eigenen Sicherheit wegen, meine Dame!« sagte de Lach, der nicht gern sein Amt niederlegen wollte. »Meiner Sicherheit, Mylord, kann in dem Hause meiner so nahen Verwandten keine Gefahr drohen. Die Maßregeln, die sie zu ihrer eigenen Sicherheit nimmt, werden zweifelsohne auch vollkommen hinreichend für die meinige sein.« »Ich hoffe, daß sich das so finden möge,« sagte de Lach. »Ich will wenigstens zur Sicherheit eine Patrouille hinzutun, die während Eures Aufenthaltes daselbst rund um das Schloß herumgeht,« – Er hielt inne, um nach einer Weile, freilich mit einigem Stocken, seiner Hoffnung Ausdruck zu geben, daß Eveline bei dem Besuch einer Verwandten, deren Vorurteile gegen den normannischen Stamm allgemein bekannt wären, es für geraten ansehen werde, einigermaßen gegen die dort herrschenden Ansichten auf ihrer Hut zu sein. Eveline antwortete mit Würde, daß die Tochter eines Raymond Berenger wohl kaum auf Meinungen achten werde, die sich gegen Nation und Abkunft solch trefflichen Ritters ablehnend verhalten sollten, – Mit dieser Versicherung mußte der Connetable sich genügen, da es ihm nicht gelingen wollte, eine andre Zu erlangen, die ihm selbst und seiner Bitte günstiger gewesen wäre. Er dachte auch daran, daß die Burg Herberts nur knappe zwei Stunden von der Wohnung der Lady von Baldringham gelegen, und daß der Altersunterschied zwischen ihnen zu groß, wie daß es ihm an all jenen Vorzügen mangle, durch die sich ein weibliches Herz am leichtesten, wie man sagt, gewinnen läßt: diese Umstände ließen ihm selbst diese kurze Abwesenheit als eine Sache von höchster Bedenklichkeit erscheinen, so daß er den Nachmittag über fast immer schweigend an Evelinens Seite ritt, mehr darüber sinnend, was sich morgen zutragen würde, als daß er sich bemüht hätte, den Augenblick zu nützen. – In solch ungeselliger Weise wurde die Reise fortgesetzt, bis man den Punkt erreichte, wo man sich für diesen Abend trennen sollte. Es war eine Anhöhe, von der rechter Hand die Burg Amelot Herberts mit ihren gotischen Zinnen und Türmen auf der Höhe eines Hügels in Sicht trat, zur Linken, dicht umschattet von Eichwäldern, die rauhe, einsame Wohnstätte der Lady von Baldringham, wo noch immer die Sitte der Angelsachsen herrschte und Verachtung und Haß alle Neuerungen traf, die seit der Schlacht von Hastings Im Jahre 1066 wurde Wilhelm der Eroberer Herr über England. Mit ihm beginnt die normannische Dynastie und zogen normannische Sitten im Lande ein. aufgekommen waren. Nachdem der Connetable einem Teil seiner Leute Befehl gegeben, Evelinen bis zum Hause ihrer Tante das Geleit zu geben danach um das Haus herum, doch in solcher Entfernung, daß es der Familie weder anstößig werden, noch Unannehmlichkeiten verursachen können, auf Posten zu ziehen, drückte er auf Evelinens Hand einen respektvollen Abschiedskuß und zog sich dann mit Widerstreben zurück. Eveline verfolgte den wenig betretenen Pfad, der zu der dürftigen Wohnung führte. Auf den üppigen Weiden rings herum graste kräftiges Vieh von vorzüglicher Rasse. Hin und wieder sah man Damwild, das alle Scheu verloren zu haben schien, durch die Waldlichtung kreuzen, oder in kleinen Rudeln unter einer großen Eiche stehen oder liegen. Das Wohlbehagen, das sonst solches Bild ländlicher Ruhe bei Vorübergehenden weckt, wandelte sich bei Evelinen bald in ernstere Empfindungen, als eine plötzliche Wegbiegung sie mit einemmal vor die Front des Herrenhauses führte, von dem sie, seit sie es von jenem Platz erblickte, wo sie sich von dem Connetable trennte, nichts weiter gesehen hatte, und das sie mit einer gewissen Besorgnis zu betrachten jetzt mehr als einen Grund hatte. Das Haus, denn ein Schloß konnte man es nicht nennen, war nur zwei Stockwerke hoch, niedrig und massiv; Türen und Fenster zeigten den dicken Rundbogen, gewöhnlich »der sächsische« genannt – die Mauern überdeckten verschiedene Schlingpflanzen, die sich ungestört daran hinaufgerankt hatten, – selbst bis über die Schwelle, an der ein Büffelhorn an eherner Kette hing, wuchs Gras. Eine dicke Tür von Eichenholz schloß einen Torweg, der ganz wie das Portal eines verfallenen Grabgewölbes aussah. Keine Seele erschien, ihre Ankunft zu melden oder sie zu begrüßen. »Wäre ich an Eurer Stelle, Mylady Eveline,« sagte die zudringliche Dame Gillian, »so lenkte ich noch um, denn dieses alte Loch scheint nicht dazu geschaffen, Christenleuten Obdach oder Nahrung zu geben.« Eveline gebot ihrer unbescheidenen Dienerin Schweigen, obwohl sie selbst mit Rosen Blicke wechselte, die einige Zaghaftigkeit ausdrückten. Indessen winkte sie Raoul mit der Hand, in sein Horn am Tor zu stoßen ... »Ich habe gehört,« sagte sie, »meine Tante hinge den alten Sitten noch so an, daß es ihr zuwider sei, Dingen in ihrer Halle Aufnahme zu gewähren, die nicht aus den Zeiten Eduards des Bekenners Der letzte angelsächsische König starb 1066 im Januar, falls nicht Harold, der bei Hastings am 14. Oktober gegen Wilhelm den Eroberer blieb, als der letzte angesehen werden soll. herstammen.« Raoul verwünschte indes das rohe Instrument, das all seine Kunst zu schanden machte und keine regelrechte Aufforderung, sondern nur ein zitterndes, mißtönendes Gelärm von sich gab, das die alten Mauern, so dick sie waren, zu erschüttern schien. Er wiederholte seine Aufforderung dreimal, ehe sich das Tor öffnete, Eine zahlreiche Dienerschaft beiderlei Geschlechts erschien in der engen und finstern Halle, an deren oberem Ende ein mächtiges Holzfeuer seine Glut zu einem altertümlichen Kamin hinaufsandte, dessen Front, so breit wie jetzt eine Küche, reich mit Stukkatur verziert war, oben mit einer langen Reihe von Nischen, aus deren jeder das Bild eines sächsischen Heiligen hervorgrinste, dessen barbarischer Name im römischen Kalender kaum zu finden sein dürfte. Derselbe Bediente, der Evelinen die Einladung gebracht hatte, trat jetzt vor, ihr, wie sie wähnte, beim Absteigen vom Pferde behilflich zu sein; aber er kam nur, um es am Zügel zu nehmen und in die gepflasterte Halle, auf den »Dais«, wie die darin befindliche Rampe hieß, zu führen. An dessen äußerm Ende wurde ihr endlich gestattet, abzusteigen. Zwei betagte Matronen und vier junge Mädchen von guter Abkunft, durch Ermengard erzogen, erwarteten ehrerbietig die Ankunft ihrer Base. Eveline wollte nach ihrer Großtante fragen, aber die Matronen legten ehrfurchtsvoll ihren Finger auf den Mund, ihr dadurch Schweigen empfehlend: eine Gebärde, die, im Verein mit der Seltsamkeit ihres Empfanges, ihre Neugierde, die ehrwürdige Tante zu sehen, noch mehr erregte. Sie wurde bald befriedigt; denn durch ein paar Flügeltüren, die sich nicht weit von der Erhöhung auftaten, auf der sie stand, wurde sie in ein weites, niedriges Gemach geführt, mit Tapeten behangen, an dessen oberstem Ende unter einer Art Baldachin die alte Lady von Baldringham saß. Achtzig Jahre hatten den Glanz ihrer Augen noch nicht verlöscht, ihre stattliche Größe noch um keinen Zoll gebeugt! ihr graues Haar hatte noch immer eine solche Fülle, daß es, zusammengenommen, für einen Kranz von Efeublättern einen recht stattlichen Knoten bildete. Ihr langes, dunkles Gewand fiel in weiten Falten zur Erde, und der gestickte Gürtel, der es um ihren Leib zusammenfaßte, war mit einer goldenen, mit kostbaren Steinen besetzten Schnalle befestigt. Ihre Gesichtszüge, die einst schön oder vielmehr majestätisch gewesen sein mochten, trugen noch jetzt, wenn auch verwelkt und mit Runzeln bedeckt, das Gepräge melancholischer Erhabenheit, die mit ihrer Kleidung und Haltung in vorzüglichem Einklange stand. Sie hielt einen Stab von Ebenholz in der Hand; zu ihren Füßen ruhte ein großer, betagter Wolfshund, der die Ohren spitzte und den Hals in die Höhe streckte, als der Schritt einer fremden Person, – ein Ton, der so selten in diesen Hallen gehört wurde – dem Stuhle sich nahte, in dem seine Herrin bewegungslos saß. »Ruhig, Thryve,« sagte die ehrwürdige Frau, »und Du, Tochter des Hauses Baldringham, tritt näher und fürchte nicht seinen alten Diener!« Der Hund sank, als sie sprach, in seine liegende Stellung zurück und, den roten Glanz seiner Augen ausgenommen, hätte er ein hieroglyphisches Emblem darstellen können, liegend zu den Füßen einer alten Priesterin des Wodan oder der Freya; so ganz entsprach die Erscheinung Ermengards mit ihrem Stabe und Kranze den Gestalten des Heidentums. Aber mit solchem Vergleich hätte man eine große Ungerechtigkeit gegen die ehrwürdige christliche Matrone verübt, die so manche Hufe Landes der heiligen Kirche zu Ehren Gottes und des heiligen Dunstan geschenkt hatte. Der Empfang, den Ermengard Evelinen bereitete, war von derselben altertümlichen und feierlichen Art, wie ihr Wohnsitz und ihr Aeußeres. Sie erhob sich nicht gleich anfangs von ihrem Sitze, als das edle Fräulein sich ihr nahte, ja sie ließ sich nicht einmal zu dem Kusse herbei, den sie ihr reichen wollte, sondern legte ihre Hand auf Evelinens Arm, hielt sie zurück, als sie vortrat, und betrachtete ihr Gesicht ernst, ohne Schonung, mit peinlichster Aufmerksamkeit. »Berwine,« sprach sie zu ihrem Liebling unter den beiden Dienerinnen, »unsere Nichte hat Haut und Augen von sächsischer Farbe, aber Augenbrauen und Haare sind von der andern, der fremden, – sei demungeachtet in meinem Hause willkommen, Mädchen,« fügte sie hinzu, sich an Evelinen wendend, »besonders, wenn Du es anhören kannst, daß Du kein so unbedingt vollkommenes Geschöpf bist, wie zweifelsohne Deine Schmeichler Dich glauben lehrten.« Mit diesen Worten stand sie endlich auf und drückte ihrer Nichte zum Gruß einen Kuß auf die Stirn. Doch ließ sie ihren Arm noch nicht los, sondern übertrug nun die Aufmerksamkeit, die sie auf ihre Gesichtszüge verwandt hatte, auf ihre Kleidung. »Der heilige Dunstan schütze uns vor Eitelkeit,« sagte sie, »das also ist die neue Mode? und ehrsame Mädchen tragen solche Tunika wie diese hier? so offen, daß ihre ganze Gestalt zu erkennen? – Heilige Maria! beschütze uns! – Da sieht ja ein Mensch aus, als hätte er ganz und gar nichts auf dem Leibe! – Ach, und sieh nur, Berwine, diese Flitter um den Nacken, und den Nacken bloß bis zur Schulter – das sind die Moden, die die Fremden in das fröhliche England brachten! – Und diese Tasche, die mit dem Schurz eines Possenreißers auffallende Ähnlichkeit hat, wird, möchte ich wetten, in der Hauswirtschaft wohl nicht viel am Platze sein – und der Dolch da gemahnt an das Weib eines lustigen Spielmanns, das, in Manneskleider vermummt, um die Wette mit ihm reitet. Ziehst Du immer mit in den Krieg, Mädchen, daß Du solchen Stahl am Gürtel trägst?« Eveline, durch diese verächtliche Aufzählung ihres Anzuges überrascht und gekränkt, antwortete auf die letzte Frage nicht ohne Empfindlichkeit: »Die Mode mag sich geändert haben, Madame; ich trage nur die Kleidung, die jetzt von allen meinen Alters- und Standesschwestern getragen wird. Und was den Dolch anbetrifft, so ist es noch nicht viele Tage her, daß ich ihn als letzte Zuflucht vor Schande betrachten mußte.« »Das Mädchen redet wacker und kühn, Berwine,« sprach Dame Ermengard, »und trägt sich, wenn man diesen eitlen Trödelkram übersieht, wirklich noch recht anständig ... Dein Vater, hörte ich, fiel wie ein Ritter auf dem Blachfelde?« »So war es,« antwortete Eveline, und ob dieser Erinnerung an ihren schweren Verlust traten ihr Tränen in die Augen. »Ich habe ihn nie gesehen,« fuhr Dame Ermengard fort; »in seinem Herzen wohnte die alte normännische Verachtung unsers sächsischen Stammes, mit dem sie sich bloß vermählen, wenn sie Vorteil ziehen können, wie sich der Brombeerstrauch um die Ulme schlingt ... Nein, nein, sage nichts zu seiner Rechtfertigung,« fuhr sie fort, als sie merkte, daß Eveline sprechen wollte; »ich habe den normännischen Geist kennen gelernt, manches Jahr, früher, als Du geboren wurdest.« In diesem Augenblick trat der Haushofmeister ins Zimmer und erbat sich, nach einer tiefen Kniebeuge, Verhaltungsmaßregeln betreffs der normannischen Krieger, die sich außerhalb des Hauses aufhielten. »Normannische Krieger im Hause von Baldringham!« rief die alte Lady stolz; »wer führte sie hierher, und zu welcher Absicht?« »Sie kommen, wie ich glaube,« sagte er, »als Wache und Schutz für diese gnädige junge Lady.« »Wie, meine Tochter?« fragte Ermengard mit trübem Stimmklange, »getraust Du Dich nicht eine Nacht ohne Bedeckung im Schlosse Deiner Ahnen zuzubringen?« »Behüte Gott,« sagte Eveline, »aber diese Leute gehören mir nicht an und stehen nicht unter meinem Befehl. Sie bilden einen Teil vom Gefolge des Connetable de Lacy, der sie aus Furcht vor Räubern zur Bewachung des Schlosses zurückließ.« »Räuber,« sagte Ermengard, »haben dem Hause Baldringham nie geschadet, seit ein normannischer Räuber aus ihm den besten Schatz stahl, Deine Großmutter! – So bist Du also, armes Vögelchen, schon gefangen? – Ach! wie Du kläglich flatterst! – Doch das ist Dein Los; warum sollte ich mich darüber wundern oder es beklagen? Wo gab es jemals ein schönes Mädchen mit einem reichen Erbe, das nicht schon vor der Reife bestimmt ward, die Sklavin einer dieser kleinen Könige zu sein, die uns nichts als Eigentum vergönnen, was ihrer Leidenschaft gelüstet? – Ich kann Dir nicht helfen, Kind, denn ich bin nur ein armes, vernachlässigtes Weib, schwach durch Geschlecht und Alter. – Und welchem von diesen de Lacys bist Du bestimmt zum Hauspacktier?« Solche Frage aus dem Munde einer Frau, deren Vorurteile solch entschiedenen Charakter hatten, war nicht geeignet, Evelinen zum Eingeständnis ihrer wirklichen Lage zu bestimmen, da es ihr klar war, daß diese sächsische Verwandte ihr weder gesunden Rat noch nützlichen Beistand gewähren würde. Sie erwiderte daher nur kurz, daß, da die de Lacys, wie die Normänner überhaupt, in Baldringham unwillkommen wären, sie den Befehlshaber der Patrouille ersuchen wolle, sich aus der Nachbarschaft des Schlosses zu entfernen. »Nicht doch, meine Nichte!« rief die alte Lady. »Da wir der Nachbarschaft der Normänner nicht entgehen, auch nicht aus dem Bereich ihrer Abendglocke Von Wilhelm dem Eroberer zum Zeichen dafür, daß Feuer und Licht auszulöschen sei, eingesetzt und an manchen Orten Englands um die Schlafenszeit bis vor 50 Jahren noch im Gebrauch. kommen können, ist es gleichgültig, ob sie näher oder ferner unsern Mauern sind, sofern sie nur nicht hereinkommen. – Und, Bermine, laß Hundwolf diese Normänner in Getränken baden und mit Speisen vollstopfen – mit den besten Speisen und den stärksten Getränken! Es soll keiner von ihnen sagen, die alte sächsische Hexe sei wohl gastfreundlich, aber filzig ... Stecht ein frisches Faß Wein an, denn ihr vornehmer Magen, glaubt mir, verträgt kein Bier.« Berwine, mit dem klingenden gewaltigen Schlüsselbund an der Seite, ging hinaus, das Nötige anzuordnen, und kam alsobald wieder. Inzwischen fuhr Ermengard fort, ihre Nichte noch schärfer auszufragen. – »Willst Du mir nicht sagen, oder kannst Du es nicht, bei welchem de Lacy Du Leibeigene werden sollst? – Bei dem eingebildeten Connetable, der, in eine undurchdringliche Rüstung geschnürt, auf schnellem und starkem Pferde so unverwundbar, wie er sich damit bläht, nach Herzenslust und in voller Sicherheit den nackten, unberittenen Wälschen niederzureiten und niederzustoßen? – Oder ist es sein Neffe, der bartlose Damian? – Oder sollen Deine Besitzungen hingehen, den Riß im Vermögen des andern Vetters zu flicken – des verlumpten Schwärmers, der aus Mangel an Mitteln unter den liederlichen Kreuzfahrern nichts mehr durchdringen kann?« »Meine verehrte Tante,« entgegnete Eveline, über solche Reden begreiflicherweise unwillig, »bei keinem de Lacy und, ich versichere, bei keinem andern Sachsen oder Normann wird Eure Nichte Haussklavin sein. Vorm Tode meines verehrten Vaters ist zwischen ihm und dem Connetable eine Vereinbarung getroffen worden, die mich hindert, seine Aufmerksamkeiten rundweg abzuweisen; was aber das Ende davon sein wird, muß das Schicksal entscheiden.« »Aber, Nichte, schon heute kann ich Dir sagen, wohin des Schicksals Wage sich neigen wird,« sagte Ermengard mit leiser, geheimnisvoller Stimme; »wer mit uns durch das Blut verbunden ist, besitzt gewissermaßen das Vorrecht, über die Gegenwart hinauszuschauen und schon in der Knospe die Dornen oder Blumen zu erkennen, die einst das Haupt umwinden sollen.« »Was mich anbetrifft, edle Tante,« sagte Eveline, »so möchte ich solches Vorrecht ablehnen, selbst wenn es sich erlangen ließe, ohne die Gesetze der Kirche zu übertreten. Hätte ich vorhersehen können, was mir in diesen letzten unglücklichen Tagen begegnet ist, so wäre mir jeder frohe Augenblick in meinem Leben vergällt worden.« »Dessenungeachtet, meine Tochter,« sagte Lady von Baldringham, »mußt Du wie jede andere Deines Stammes Dich in diesem Hause nach dem Gesetze richten, eine Nacht im Zimmer des roten Fingers zuzubringen. – Berwine, laß es zum Empfange meiner jungen Nichte bereiten!« »Ich – ich habe wohl von diesem Zimmer gehört, gnädige Tante,« sagte Eveline ängstlich; »und wenn es Euch gefällig wäre, möchte ich eben jetzt nicht wünschen, dort die Nacht zu verbringen. Meine Gesundheit hat durch die Gefahren und Anstrengungen der letzten Tage sehr gelitten, und mit Eurem Verlaub will ich ein andermal dem Brauche gehorsamen, dem, wie ich höre, die Töchter aus dem Hause Baldringham sich unterwerfen müssen.« »Und dem Ihr, trotz allem, Euch gern entziehen möchtet,« sprach die alte Lady, unwillig ihre Stirn runzelnd, »Hat nicht solcher Ungehorsam Eurem Hause bereits Leid in Menge bereitet?«– »Verehrte, gnädige Frau!« sagte Berwine, die sich der Einmischung nicht länger enthalten konnte, trotzdem sie den harten Sinn ihrer Herrin sattsam kannte, »das Zimmer läßt sich kaum für Lady Eveline instand setzen; zudem sieht das edle Fräulein so blaß aus und hat doch eben erst so schwer gelitten, daß ich mit gütigem Verlaub den Rat geben möchte, die Ausführung dieser Absicht aufzuschieben.« »Du bist eine Närrin, Berwine,« sprach die Lady bitterernst: »meinst Du, ich solle Zorn und Unheil über mein Haus bringen dadurch, daß ich dem Mädchen gestatte, mein Haus zu verlassen, ohne dem roten Finger die übliche Huldigung darzubringen? – Nur zu! – Mach das Zimmer fertig! – Es wird weniges zur Herrichtung genügen, sofern sie nicht zu viel an normannischen Bequemlichkeiten hängt. – Keine Gegenrede, Berwine, sondern tue, was ich befehle! – Und Ihr, Eveline, seid Ihr des kühnen Geistes Eurer Vorfahren so entwöhnt, daß Ihr Euch nicht getraut, ein paar Stündchen in einem alten Zimmer zuzubringen?« »Ihr seid meine Wirtin, gnädige Frau,« versetzte Eveline, »und seid berechtigt, mir ein Zimmer anzuweisen, wie Ihr es schicklich für mich findet. – Mein Mut entspricht meiner Unschuld, wie meinem Stolz auf Blut und Geburt und ist in diesen letzten Tagen wohl zur Genüge auf die Probe gestellt worden. Doch da es Euch gefällt, und es in diesem Hause also Brauch ist, sollt Ihr mein Herz stark genug finden, allem zu trotzen, dem Ihr mich unterwerfen wollt.« Unmutig schwieg sie; denn sie konnte nicht anders, als empfindlich über solch unfreundliches und ungastliches Benehmen ihrer Tante sein. Und doch mußte sie, wenn sie über den Ursprung der Legende jenes Zimmers nachsann, sich eingestehen, daß die greise Lady von Baldringham allerdings hinlängliche Ursache zu ihrem Verlangen habe, das mit der Familientradition und dem Glauben jener Zeit, dem Eveline selbst anhing, in voller Übereinstimmung stand. Vierzehntes Kapitel. Der Abend zu Baldringham wäre von unerträglicher Länge gewesen, wenn nicht eine drohende Gefahr die Zeit wesentlich abgekürzt hätte. Wenn auch Eveline wenig erbaut war von der Unterhaltung ihrer Tante mit Berwinen, die sich nur in langen Erörterungen über ihre Abkunft vom kriegerischen Horsa und Schilderungen der Großtaten sächsischer Kriegshelden, wie auch der Wundertaten sächsischer Mönche drehte, so war es ihr noch immer lieber, diesen Legenden ihr Ohr zu leihen, als sich im Geiste schon vorher mit ihrem Aufenthalt in jenem gefürchteten Zimmer, wo sie die Nacht zubringen sollte, zu quälen. Doch fehlte es keineswegs an lustiger Unterhaltung für den Abend, soweit sie das Haus von Baldringham darbieten konnte. Von einem ernsten alten sächsischen Mönche, dem Kaplan des Hauses, eingesegnet, wurde ein prächtiges Gastmahl, das ein Dutzend Hungrige hätte sättigen können, vor Ermengard und ihrer Nichte aufgetragen, an dem außer dem hochwürdigen Herrn auch Berwine und Rose Flammock teilnahmen. Eveline fühlte sich um so weniger geneigt, von dieser übertriebenen Gastfreiheit Gebrauch zu machen, als die Gerichte durchweg von jener groben, kräftigen Gattung waren, die die Sachsen bewunderten, die aber nicht zu ihrem Vorteil gegen die verfeinerte Kochkunst der Normannen abstachen, gleichwie der blinkende Becher leichten, blumigen, obendrein mit Wasser vermischten Gascogners nicht gegen das kräftige Bier, den würzigen Hippokras und andere starke Getränke, die nacheinander Hundwolf, der Haushofmeister, zu Ehren der Gäste von Baldringham auftischte, aufkommen konnte. Ebensowenig wie das überreiche, derbe Gastmahl, war auch die Abendunterhaltung mit der greisen Tante nach Evelinens Geschmack. Als die Gestelle und Tische, auf denen die Gerichte aufgetragen gewesen, aus dem Zimmer geschafft waren, begannen die Diener unter Anleitung des Haushofmeisters große Wachskerzen anzuzünden, deren Zahl ebenso viele Zeitabschnitte anzeigten, und zwar wurden dieselben angekündigt durch eherne Kugeln, die von der Kerze hinunter an Fäden hingen, wobei man genau berechnet hatte, wieviel Zeit der zwischen ihnen befindliche Raum zum Brennen brauche; so daß, wenn die Flamme den Faden erreichte, die Kugeln, der Reihe nach in ein darunter gestelltes ehernes Becken fallend, gewissermaßen das Amt der viel später erfundenen Schlaguhren verrichteten. Eine Erfindung Alfreds des Großen (seit 801), also echt angelsächsischen Ursprungs. Bei dieser Beleuchtung begann die Abendunterhaltung. Ermengards hoher, weiter Armstuhl wurde, alter Gewohnheit getreu, aus der Mitte des Zimmers auf die wärmste Seite eines breiten, mit Holzkohlen gefüllten Kamins gerückt, und ihr Gast erhielt ihr zur Rechten als Ehrenplatz seinen Sitz. Berwine stellte nun die weibliche Dienerschaft in gehörige Ordnung, und nachdem sie darauf gesehen, daß jede die ihr übertragene Arbeit vornahm, setzte sie sich selbst an die Spindel. In einem etwas entfernteren Kreise begannen die Männer, das Wirtschaftsgerät und die Werkzeuge auszubessern oder das Jagdgerät zu polieren, an ihrer Spitze Haushofmeister Hundwolf. Zur Aufheiterung der versammelten Familie sang ein alter Spielmann zu einer Harfe, die nur vier Saiten hatte, eine lange Legende religiösen Inhalts, die allem Anschein nach zu keinem Ende kommen konnte. Evelinen blieb der Gesang fast unverständlich durch die vom Dichter überreich gebrauchten Alliterationen, die für einen besonderen Schmuck der sächsischen Poesie gehalten wurden, aber nur auf Kosten der Musik gebraucht werden konnten. Dazu kam all die Dunkelheit, die durch Auslassungen, Abkürzungen und übertriebene Hyperbeln geschaffen wurde. Eveline war gut bekannt mit der sächsischen Sprache, lieh bald dem Sänger keine Aufmerksamkeit mehr, sondern dachte an die muntern Fabliaux und phantasiereichen Lais der normannischen Minstrels; dabei schweifte aber ihr Sinn mit banger Vorempfindung zu dem geheimnisvollen Zimmer hinüber, wo sie die Nacht zubringen sollte, und malte ihr die Erscheinung aus, die sie dort zu gewärtigen haben würde. Endlich nahte die Stunde der Trennung. Kurz vor Mitternacht fiel die Kugel, den Zeitpunkt, den die hinuntergebrannte Wachskerze angab, kündend, mit Geklirr in das eherne Becken. Der alte Spielmann hielt in seinem Gesang inne, und die Dienerschaft war im Nu auf das Signal hin auf den Beinen, mit Fackeln oder Lampen die Gäste in die ihnen zuerteilten Schlafzimmer zu geleiten. Mehreren Kammerfrauen fiel es zu, Evelinen zu bedienen, von der sich die Tante feierlich verabschiedete, ihr die Stirn bekreuzend und küssend, mit den ihr ins Ohr geflüsterten Worten: »Sei mutig und werde glücklich!« »Kann nicht meine Zofe Rose oder Raoul, meine Kammerfrau, die Nacht über bei mir mit im Zimmer bleiben?« fragte Eveline. »Rose-Raoul!« wiederholte Ermengard verächtlich; »ist Dein Haushalt so zusammengesetzt? Die Holländer bilden für Britannien das Lähmungs-, die Normannen das Jähzorns-Ferment!« »Und die armen Wälschen würden hinzusetzen,« sagte Rosa, deren Unwille die Achtung vor der alten Sächsin zu verscheuchen begann, »daß die Angelsachsen das Urübel seien und einer verheerenden Pestilenz gleichen.« »Sehr keck, mein Kind, sehr keck,« sagte Lady Ermengard, unter ihren schwarzen Brauen hervor Blitze auf das flämische Mädchen schleudernd; »und doch liegt Witz in Deinen Worten! Sachsen, Dänen, Normannen sind, jagenden Wogen gleich, über unser Land dahin gerollt; die Kraft, es sich zu unterjochen, hatte jeder, den Verstand, es zu bewahren, keiner! – Wann wird das anders sein?« »Wenn Sachse, Brite, Normann und Vlame,« antwortete Rosa, »lernen werden, sich mit gleichem Namen zu nennen und sich als gleiche Kinder des Landes zu fühlen, in welchem sie geboren wurden.« »Ha!« rief die greise Lady, halb erstaunt, halb zufrieden; dann sich zu ihrer Verwandten wendend, sagte sie: »Du hast Wort und Witz an dem Mädchen; gib acht, daß sie es brauche, aber nicht mißbrauche.« »Sie ist ebenso freundlich und treu, wie ehrlich und mit ihrem Witze fertig,« sagte Eveline. »Ich bitte Euch, teuerste Tante, vergönnt mir in dieser Nacht ihre Gesellschaft,« »Es kann nicht sein, es wäre gefährlich für beide. Allein müßt Ihr Euer Geschick erfahren, wie alle Frauen unsres Geschlechts, Deine Großmutter ausgenommen. Und was ist die Folge davon gewesen, daß sie die Gesetze ihres Hauses vernachlässigt hat? Da! Ihre Enkelin steht vor mir, eine Waise, in der Blüte ihrer Jugend!« »So will ich denn gehen,« sagte Eveline, ergeben in ihr Schicksal, doch tief aufseufzend; »nie soll man sagen, ich hätte, aus Scheu vor gegenwärtigem Schrecken, künftiges Weh veranlaßt.« »Eure Dienerinnen,« sagte Lady Ermengard, »können im Vorzimmer bleiben, wo Ihr sie immer rufen könnt. Berwine wird Euch das Zimmer zeigen – ich kann nicht; denn wir, die wir einmal hineingegangen sind, kehren nie wieder dorthin zurück. – Lebe Wohl, mein Kind, und möge der Himmel Dich segnen!« Mit einem größern Maße von Empfindung und Teilnahme, als sie bis jetzt gezeigt, küßte sie Evelinen noch einmal und winkte ihr, Berwinen zu folgen, die mit zwei Dienerinnen, die Fackeln trugen, ihrer wartete, sie in das gefürchtete Zimmer zu führen. Die Fackeln warfen ihren Schein auf die rohen Wände und die dunklen, gewölbten Decken mehrerer gewundenen langen Gänge, dann auf die Stufen einer Wendeltreppe, die sie hinabstiegen und die durch viele Höcker und rauhe Stellen ihr hohes Alter verriet. Endlich traten sie in ein ziemlich hohes Gemach des Unterstocks, dem ein paar alte Tapeten, ein flackerndes Herdfeuer, das durch ein Gitterfenster sich stehlende Mondlicht und die Zweige einer um das Fenster herum gewachsenen Myrte kein unfreundliches Ansehen gaben. »Dies,« sagte Berwine, »ist das Schlafgemach Eurer Dienerinnen.« – Dabei zeigte sie auf zwei Lagerstätten, die für Rosa und Frau Gillian bereit standen. – »Wir,« setzte sie hinzu, »gehen weiter.« Sie nahm der einen der beiden Dienerinnen, die vor Furcht zurückzuschaudern schienen, – worin ihnen Frau Gillian schnell nachahmte, ohne eigentlich zu wissen warum – die Fackel ab; Rose Flammock aber folgte, ohne sich zu bedenken, ihrer Herrin, die von Berwinen durch eine schmale, mit eisernen Nägeln beschlagene Tür am äußersten Ende des Zimmers in ein zweites, aber kleineres Vorgemach geführt wurde, an dessen Ende eine ähnliche Tür sich befand. Auch hier war das Fenster mit Immergrün umrankt, und es wurde, gleich dem ersten, von mildem Mondlicht erhellt. Hier blieb Berwine stehen und fragte, auf Rose deutend: »Warum folgt sie?« »Um alle Gefahr mit meiner Herrin zu teilen, komme, was da wolle,« antwortete Rose mit ihrer charakteristischen Freimütigkeit in Wort und Entschluß. – »Sprecht, meine teuerste Lady,« und ergriff Evelinens Hand, »Ihr werdet doch Eure Rose nicht von Euch stoßen? Wenn ich auch nicht so hochsinnig bin wie eine von Eurem vielgerühmten Stamme, so bin ich doch nicht ohne Mut und Geistesgegenwart, so lange es sich um ehrlichen Dienst handelt. – Ihr zittert wie Espenlaub – geht nicht in das Zimmer – laßt Euch nicht durch all diese geheimnisvollen, prunkenden Vorbereitungen täuschen! Trotzet diesem veralteten und, ich sollte denken, halb heidnischen Aberglauben!« »Lady Eveline muß gehen, Schätzchen,« antwortete Berwine ernsthaft, »und muß gehen ohne solch vorwitzige Ratgeberin oder Gesellschafterin, wie Ihr es zu sein scheint.« »Muß gehen? muß?« wiederholte Rose; »ist das eine Rede, die sich gegen eine freie, edle Jungfrau geziemt? Süße Lady, gebt mir nur den kleinsten Wink, daß es Euch recht ist, und ich will's drauf ankommen lassen, ob Ihr »muß gehen« die Probe besteht. Aus dem Fenster will ich den normännischen Reitern zurufen und ihnen erzählen, daß wir in eine Höhle von Hexen geraten sind, statt in ein gastliches Haus.« »Schweigt, Rasende,« sagte Berwine, und ihre Stimme bebte vor Aerger und Furcht, »Ihr wißt nicht, wer in dem nächsten Zimmer wohnt.« »Ich will mir schon jemand rufen, der das ermitteln soll,« sagte Rose und flog zum Fenster, als Eveline sie beim Arm ergriff und zurückhielt. »Ich danke Dir für Deine Liebe, mein Kind,« sagte sie, »aber sie kann mir hier nichts helfen, wer zu dieser Tür tritt, muß allein eintreten.« »Dann will ich an Eurer Stelle hineingehen, teuerste Lady,« sagte Rosa, »Ihr seid blaß, seid kalt – Ihr sterbt vor Schrecken, wenn Ihrs weiter treibt! Es mag hier eine übernatürliche Kraft, wenn nicht ein Betrug im Spiele sein – mich sollen sie nicht betrügen – oder verlangt irgend ein finsterer Geist ein Opfer – besser dann Rose als ihre Gebieterin.« »Laß das, laß das!« sagte Eveline und sprach sich selbst Mut zu. »Du machst, daß ich über mich selbst erröte. Das ist ein altes Gottesurteil, das die Frauen aus dem Hause Baldringham bis im dritten Gliede, und nur diese allein angeht. In meiner jetzigen Lage erwarte ich freilich nicht, mich ihm unterwerfen zu müssen; aber da die Stunde es fordert, will ich ihm so frei entgegentreten, wie jede andere meiner Vorfahren.« So sprach sie und nahm die Fackel aus Berwinens Hand, und ihr und Rosen gute Nacht wünschend, machte sie sich sanft von der letztern los und trat in das geheimnisvolle Zimmer. Rose drängte sich ihr so weit nach, um zu sehen, daß es ein Zimmer von mäßiger Größe war, ähnlich dem, durch welches sie gegangen waren, gleichfalls durch den Mond erleuchtet, der durch ein Fenster, in gleicher Reihe mit denen der Vorzimmer gelegen, hereinschien. Mehr konnte sie nicht sehen, denn auf der Schwelle drehte Eveline sich um und schob sie mit einem Kusse sanft in das kleine Zimmer zurück und den Riegel vor die Tür. Berwine forderte nun Rose auf, wenn ihr am Leben liege, sich in das erste Vorzimmer zurückzuziehen, wo die Betten bereit standen, und sich, wenn auch nicht dem Schlafe, so doch der Ruhe und dem Gebete zu überlassen; aber das treue flamländische Mädchen wies standhaft alle Vorstellungen zurück und widersetzte sich allen Befehlen. »Sprecht mir nicht von Gefahr,« sagte sie. »Hier bleibe ich, damit ich wenigstens hören kann, wenn meine Gebieterin in Gefahr ist – und wehe über die, die ihr Leid zufügen wollen! – Merkt's Euch – zwanzig normännische Speere umgeben diese ungastliche Wohnung, bereit, jede Beleidigung zu rächen, die der Tochter Raymond Berengers zugefügt wird.« »Spart Eure Drohungen für diejenigen auf, die sterblich sind,« flüsterte Berwine leise, aber eindringlich. »Der in jenem Zimmer dort haust, fürchtet sie nicht. – Lebe wohl! Bringst Du Gefahr über Dich, so komme sie über Dein Haupt!« Sie ging davon und ließ Rose, seltsam ergriffen durch alles, was vorgegangen war, und von ihren letzten Worten mit Entsetzen erfüllt, zurück. »Diese Sachsen,« sagte das Mädchen zu sich selbst, »sind eigentlich nur halbbekehrte Christen und halten noch an vielen ihrer höllischen Gebräuche fest, besonders in der Anbetung der Elementargeister. Ihre Heiligen selbst sind ganz ungleich den Heiligen in jedem andern Lande, und ihre Blicke haben gleichsam etwas Wildes und Teuflisches an sich. – Es ist ängstlich hier, allein zu sein– und still wie der Tod ist alles hier in dem Zimmer, wohin meine Gebieterin so seltsamerart gezwungen wird. – Ob ich die Gillian herbeirufe? Doch nein, sie hat weder Sinn, noch Mut, noch Vernunft, mir bei solchem Anlasse beizustehen – besser allein, als mit einem falschen Freunde zur Seite! – Ich will sehen, ob die Normänner auf ihren Posten sind, denn auf sie muß ich mich im Fall der Not verlassen.« Mit diesem Gedanken trat Rose an das Fenster des kleinen Zimmers, um sich von der Wachsamkeit der Posten zu überzeugen und über die Aufstellung der Wache zu unterrichten. Der Vollmond ermöglichte ihr, die Beschaffenheit der Gegend zu unterscheiden. Zuerst fand sie sich nicht wenig enttäuscht, als sie entdeckte, daß die Fensterreihe, statt dem Erdboden gleich zu sein, wie sie vermutet hatte, auf einen alten Graben hinaus führte, der sie von der drüber liegenden Ebene schied. Als Verteidigungsmittel mochte dieser Graben längst außer Gebrauch gesetzt sein; denn der Boden war ganz trocken und an vielen Stellen mit Gesträuch und Unterholz bedeckt, die sich an den Mauern des Schlosses emporrankten, und an denen man sich, wie es Rose vorkam, leicht bis zu den Fenstern heraufhelfen und in das Haus gelangen konnte. Von der jenseitigen Ebene war zunächst der Raum am Schlosse erhellt! das Mondlicht beschien den dichten Rasen, nur unterbrochen durch den langen Schatten der Türme und Bäume. Weiterhin schloß sich an diese Ebene waldiger Boden, wo ein paar riesenhafte Eichen längs dem Rande des breiten, finstern Waldes standen, gleich den einzelnen Kriegern, die vor der Front einer Schlachtlinie den Feind herausfordernd halten. Die sanfte Schönheit und Ruhe dieser lieblichen Szenerie, die Stille ringsumher und die ernsten Gedanken, die durch dies alles geweckt wurden, beschwichtigten die Besorgnisse einigermaßen, die die Ereignisse vom Abend eingeflößt hatten. »Bei alledem,« so überlegte sie, »warum sollte ich wohl für Lady Eveline so besorgt sein? Unter den stolzen Normannen und den mürrischen Sachsen ist kaum eine Familie von Bedeutung, die es nicht für notwendig erachtet, sich von den andern durch einen eigentümlichen Aberglauben zu unterscheiden, als ob sie es für eine Schande vom Himmel hielten, wie eine arme einfältige Flamländerin gleich mir einherzugehen. – Könnte ich nur eine normännische Schildwache gewahr werden, so wollte ich mich wegen der Sicherheit meiner Herrin beruhigen, – Ha dort! da wandert einer im Dunkeln, in seinen langen Weißen Mantel gehüllt, und der Mond versilbert die Spitze seiner Lanze. – Hier! Hei da! Herr Kavalier!« Der Norman« drehte sich um und näherte sich auf ihren Ruf dem Graben, – »Was ist Euer Begehr, Jungfer?« fragte er. »Im Zimmer nebenan weilt Eveline Berenger, die Ihr bewachen sollt. Haltet, bitte, diese Seite des Schlosses scharf im Auge!« »Seht keinen Zweifel in uns, Lady,« antwortete der Kavalier, und sich in seinen langen militärischen Wachmantel, Chappe genannt, wickelnd, zog er sich zu einem großen Eichbaum in einiger Entfernung zurück und stand hier mit ineinandergeschlagenen Armen, auf seine Lanze gelehnt, einer Waffentrophäe ähnlicher als einem lebenden Krieger. Durch das Bewußtsein, daß im Falle der Not Hilfe nahe zur Hand sei, kühn gemacht, zog sich Rose in ihr kleines Zimmer zurück, und nachdem sie sich durch Lauschen davon überzeugt hatte, daß alles in Evelinens Gemach ruhig sei, begann sie die nötigen Vorkehrungen zur eigenen Nachtruhe zu treffen. Zu diesem Zwecke begab sie sich in das äußere Vorzimmer, wo Dame Gillian von der Furcht vor der einschläfernden Wirkung eines kräftigen Schluckes von Lithe-alos, d. i. Ale von der besten und stärksten Sorte, dadurch erlöst worden war, daß sich ein so tiefer Schlaf auf ihre Lider gesenkt hatte, wie ihn dieses edle sächsische Getränk nur eben hervorbringen konnte. Ueber solche Trägheit und Gleichgültigkeit ihrem Unwillen Luft machend, trug Rose von dem leeren, für sie bestimmten Lager die obere Decke in das innere Vorzimmer und machte sich daraus und aus den Binsen, mit denen der Estrich bestreut war, ein kümmerliches Lager zurecht, auf dem sie, halb liegend, die Nacht im Wachen über das Wohl ihrer Gebieterin zuzubringen gewillt war, bis die aufsteigende Morgenröte sie von der Sorge um Evelinens Sicherheit befreien würde. Ihre Gedanken verweilten indessen bei der in Schatten gehüllten Welt jenseits des Grabes und bei der großen, vielleicht noch nicht entschiedenen Frage, ob die Trennung ihrer Bewohner von denen hienieden auch wirklich Gewißheit sei, oder ob sie nicht durch Gründe, in die wir nicht eindringen können, in einer Art von Schattengemeinschaft mit denen, die noch irdisch in Fleisch und Blut wandeln, fortleben. Das zu leugnen, hieß im Zeitalter der Kreuzzüge und Wunder die Schuld der Ketzerei auf sich laden; aber Rosens gesunder Verstand legte ihr wenigstens den Zweifel nahe, ob dergleichen übernatürlicher Verkehr auch wirklich häufig vorkäme; sie fand Trost in der Meinung, mit der sich freilich ihr unwillkürliches Aufschrecken, sobald sich nur ein Blättchen regte, nicht vertrug, daß Eveline sich keiner tatsächlichen Gefahr aussetze dadurch, daß sie sich dem althergebrachten Familien-Brauche unterwerfe. In dem Verhältnis, wie diese Ueberzeugung ihr Gemüt stärkte, verlor ihr Vorsatz, zu wachen, an Stärke – ihre Gedanken schweiften auf Dinge, auf die sie nicht eigentlich gerichtet waren, ähnlich wie Schafe sich der Aufsicht ihres Hirten entziehen – ihre Augen führten ihr kein deutliches Bild mehr von der großen runden silbernen Scheibe vor, auf die sie doch unaufhörlich hinblickten. Zuletzt schlossen sie sich, und sitzend auf der um sie geschlagenen Decke, mit dem Rücken an die Zimmerwand lehnend, die weißen Arme über die Brust zusammengeschlagen, sank Rose Flammock in einen festen Schlaf, der aber urplötzlich durch einen scharfen, durchdringenden Schrei aus Evelinens Zimmer unterbrochen wurde. Aufspringen und zur Tür fliegen, war das Werk eines einzigen Augenblicks für das edle Mädchen, das keine Furcht kannte, wenn es sich um Liebe und Pflicht handelte. Die Tür aber war verschlossen und verriegelt, und ein anderer schwächerer Schrei oder vielmehr ein Stöhnen schien zu sagen, daß nur schnelle Hilfe noch nützen könne. Rose flog zum Fenster und rief oder schrie vielmehr dem normännischen Krieger zu, der, durch den Weißen Wachmantel kenntlich, noch immer unter dem alten Eichbaume stand. Auf den Ruf »Hilfe! Hilfe! Lady Eveline wird ermordet!« bekam die scheinbare Bildsäule plötzlich Leben, eilte mit der Geschwindigkeit eines Wettrenners zum Grabenrande und war im Begriff, da in den Graben zu springen, wo Rose am offnen Fenster stand und ihn mit Worten und Gebärden zur äußersten Eile anspornte. »Nicht hier! Nicht hier!« rief sie atemlos, als sie sah, daß er zu ihr wollte. – »Das Fenster zur Rechten – erklimmt es um Gotteswillen und öffnet die Zwischentür!« Der Soldat schien sie zu verstehen. Ohne Zögern sprang er in den Graben und hielt sich an den Zweigen der Bäume, um nicht abzustürzen. Im einen Augenblick verschwand er in dem Gesträuch, im andern sah ihn Rose, wie er, sich an den Zweigen einer Eiche haltend, ihr schon zur Rechten war, in unmittelbarer Nähe von dem Fenster des unseligen Zimmers. Eine Furcht blieb noch: Das Fenster konnte gegen das Eindringen von außen her sicher sein; doch nein! es wich den Stößen des Normannen, und da Angeln und Klammern durch die Zeit verdorben waren, fiel es mit einem Gerassel ins Zimmer hinein, dem selbst der Dame Gillians Schlaf nicht zu widerstehen vermochte. Schrei auf Schrei ausstoßend, wie Narren und Memmen zu tun pflegen, stürzte sie aus dem Vorzimmer in das Kabinett, eben als die Tür von Evelinens Zimmer aufging und der Krieger sich zeigte, in seinen Armen die halb entkleidete leblose Gestalt des normannischen Fräuleins. Ohne ein Wort zu sprechen, legte er sie in Rosens Arme, und mit derselben Schnelligkeit, mit der er hereingekommen war, schwang er sich aus dem noch offenstehenden Fenster, aus welchem Rose ihn herbeigerufen hatte. Gillian, von Furcht und Schrecken halb verwirrt, häufte Ausrufungen auf Fragen, und Fragen mischte sie wieder mit Hilfsgeschrei, bis Rose sie ernstlich zurechtwies. Es gelang ihr, ihre zerstreuten Sinne wieder zu sammeln, und sie fand endlich Besonnenheit genug, eine brennende Lampe aus dem Zimmer herbeizuholen, aus dem sie eben getreten war, und alles zu tun, was irgend nützen könnte, der Ohnmächtigen das Bewußtsein wiederzugeben. Zuletzt gelang dies den vereinten Bemühungen beider Personen. Eveline schöpfte tief Atem und schlug die Augen auf, schloß sie jedoch auf der Stelle wieder, ließ ihr Haupt an Rosens Brust sinken und verfiel in ein krampfhaftes Frösteln, bis die treue Dienerin unter vielen Liebkosungen ihr nun Hände und Schläfen rieb und endlich ausrief: »Sie lebt! – Sie erholt sich – Gelobt sei Gott!« Das: »Gelobt sei Gott!« hallte in feierlichem Tone von dem Fenster des Zimmers wieder. Rose wandte sich erschrocken dahin um und erblickte, starr vor Staunen, das bewaffnete Haupt des Kriegsmannes, der in so gelegenem Augenblick ihr zu Hilfe gekommen war und sich, auf seinen Arm gestützt, zu dem Fenster emporgeholfen hatte, um in das Innere des Kabinetts sehen zu können. Rose eilte sogleich auf ihn zu: »Geht! – geht, guter Freund,« sagte sie, »der Lohn soll Euch zu anderer Zeit werden. – Geht! – Entfernt Euch! – Doch wartet! – Bleibt auf Eurem Posten, daß ich Euch rufen kann, falls es noch einmal not tut. – Und nun geht und seid treu und verschwiegen!« Ohne ein Wort zu erwidern, gehorchte der Kriegsmann, und Rose sah ihn in den Graben wieder zurücksteigen. Darauf kehrte sie zu ihrer Gebieterin zurück, die in Gillians Armen lag, leise wimmernd und unverständliche Ausrufungen ausstoßend, was darauf schließen ließ, daß sie, durch irgend eine tief erschütternde Ursache veranlaßt, mit den heftigsten Empfindungen kämpfte. Kaum hatte Dame Gillian ihre Kräfte wiedergefunden, als auch ihre Neugierde wieder rege wurde. – »Was bedeutet das alles?« fragte sie Rosen, »was ist zwischen Euch vorgegangen?« »Ich weiß es nicht,« erwiderte Rose. »Wenn Ihr es nicht wißt,« sagte Gillian, »wer soll es denn wissen? – Soll ich die andern Frauen rufen und das Haus in Alarm setzen?« »Bei Leibe nicht,« sagte Rose; »tun wir nichts, so lange nicht Mylady imstande ist, selbst Befehl zu geben – und so wahr mir der Himmel helfe, ich will alles daran setzen, die Geheimnisse jenes Zimmers zu erfahren! Unterstützt derweilen meine Gebieterin!« Mit diesen Worten nahm sie die Lampe in die Hand, schlug ein Kreuz auf der Stirn, überschritt kühn die geheimnisvolle Schwelle und blickte, das Licht hochhaltend, in das Gemach. Es war ein altes, gewölbtes Zimmer, von mäßigem Umfange. Im Winkel hing ein roh geschnitztes Bild der heiligen Jungfrau über einem sächsischen Wasserbecken von sonderbarer Arbeit. Auch zwei Sitze und ein mit grobem Teppich gedecktes Lager, auf dem Eveline geruht zu haben schien, befanden sich in dem Raume. Scherben von dem zerschmetterten Fenster lagen auf dem Boden; doch rührte diese Oeffnung vom gewaltsamen Eindringen des Soldaten her, und Rose sah keinen andern Eingang, durch den ein Fremder hätte ins Zimmer gelangen können, da die Tür verschlossen und verriegelt gewesen war. Jetzt empfand Rose selbst den Einfluß jener Schrecken, denen sie bisher stand gehalten hatte; geschwind warf sie ihren Rock über den Kopf, wie wenn sie ihre Augen vor einem schrecklichen Anblick zu bewahren suchte, und rannte ins Kabinett zurück, aber erheblich unsicheren Schrittes, als wie sie es verlassen hatte, und bat Dame Gillian um ihren Beistand, Evelinen in das nächste Zimmer zu führen. Sobald dieses geschehen, schloß sie sorgsam die Zwischentüren ab, um gleichsam eine Scheidewand zwischen sich und jeder drohenden Gefahr zu ziehen. Lady Eveline hatte sich soweit erholt, daß sie aufrecht sitzen konnte; sie versuchte zu reden, konnte aber kaum lallen: »Rose, ich habe sie gesehen – mein Urteil ist gefällt.« Rosen kam auf der Stelle der Gedanke, daß es unvorsichtig wäre, Gillian hören zu lassen. was ihre Gebieterin in solchem bangen Augenblicke weiter sagen möchte; schnell ging sie deshalb auf ihren vorhin abgewiesenen Vorschlag ein und bat sie, noch zwei andere Mädchen von der Dienerschaft ihrer Herrin herbeizuholen. »Und wo soll ich sie finden in einem Hause,« sagte Gillian »in welchem fremde Männer mitternächtlicher Weile umherlaufen, und Teufel oder was weiß ich, ihren Spuk treiben?« »Findet sie, wo Ihr könnt,« versetzte Rose heftig, »aber macht, daß Ihr wegkommt!« Gillian ging langsam hinaus, ein paar unverständliche Worte murmelnd. Kaum war sie verschwunden, so ließ Rose ihrer eigenen Liebe zu ihrer Gebieterin die Zügel schießen und bat sie in den zärtlichsten Ausdrücken, die Augen doch aufzuschlagen und ihr ein Wort zu vergönnen, ihrer Rose, die ja, wenn es sein müsse, jederzeit bereit sei, für ihre Gebieterin das Leben zu lassen. »Morgen, morgen, Rose,« flüsterte Eveline, »– ich kann jetzt nicht sprechen,« »Erleichtert nur Euer Gemüt durch ein einziges Wort – sagt, was Euch in Schrecken gesetzt hat – was für Gefahren Ihr fürchtet.« »Ich habe sie gesehen,« antwortete Eveline, »ich habe die Bewohnerin jenes Zimmers gesehen! die Erscheinung, verhängnisvoll für meinen Stamm! Bestürme mich nicht weiter, denn morgen sollst Du alles erfahren!« Als Gillian mit den beiden andern Dienerinnen eintrat, hieß Rose sie die Herrin in ein entfernteres Zimmer bringen und auf ein Bett legen. Rose entließ hierauf die Dienerinnen wieder und hielt bei Evelinen weiter Wacht. Eine Zeitlang blieb diese noch unruhig und aufgeregt; allmählich aber gewann die Ermüdung ihr Recht, und sie sank in tiefen Schlummer, aus dem sie nicht eher erwachte, als bis die Sonne schon hoch über den fernen Hügeln stand. Fünfzehntes Kapitel. Als Eveline die Augen aufschlug, schien sie keine Erinnerung mehr an die Ereignisse der vorigen Nacht zu haben. Sie blickte sich in dem Zimmer um, das, für Domestiken bestimmt, gering und armselig möbliert war, und sagte mit Lächeln zu Rosen: »Unsre gute Tante macht sich mit ihrer alten sächsischen Gastfreiheit recht geringe Kosten, was wenigstens das Quartier anbetrifft. Ich hätte ihr gern das zu reichliche Mahl von gestern erlassen, wenn sie mir ein weicheres Bett gegeben hätte. Die Glieder tun mir so weh, als wäre ich auf einer Tenne mit Dreschflegeln geschlagen worden,« »Ich freue mich, Euch bei so guter Laune zu sehen,« antwortete Rose, mit klugem Bedacht jeden Bezug auf die nächtlichen Ereignisse vermeidend. Dame Gillian war nicht so bedenklich . . . »Euer Gnaden legten sich, wenn mich nicht alles irrt, zur Nacht auf einem bessern Bett nieder,« sagte sie, »und Rose Flammock, wie auch Ihr selbst, muß doch am besten wissen, warum Ihr es verließet.« Vermöchten Blicke zu töten, so wäre Dame Gillian in der tödlichsten Gefahr gewesen durch den Blick, den Rose zur Strafe für diese unbedachtsame Mitteilung auf sie schoß, Ihre Rede übte auf der Stelle die befürchtete Wirkung; Lady Eveline schien zwar anfangs nur überrascht und verwirrt; als aber die Erinnerung an das grausige Erlebnis in ihrer Seele wieder deutlicher erwachte, faltete sie die Hände, blickte zur Erde nieder und brach in krampfhaftes Weinen aus. Rose beschwor sie, sich zu beruhigen, und schlug ihr vor, den sächsischen Kaplan des Hauses herbeizurufen, damit er ihr einigen geistlichen Trost reiche, wenn ihr Gram irdische Hilfe verschmähe. »Nein, rufe ihn nicht,« sagte Eveline, das Haupt erhebend und ihre Tränen trocknend. »Ich habe übergenug von sächsischer Freundlichkeit. Wie konnte ich so töricht sein, von solch hartem, fühllosem Weibe Mitleid mit meiner Jugend zu erwarten? Rücksicht auf das schwere Herzeleid, das mich betroffen? Rücksicht auf mein Waisentum? Ich will ihr nicht den elenden Triumph über das normannische Blut der Berenger gönnen, daß sie es mir ansieht, wie schwer ich unter ihrer unmenschlichen Züchtigung gelitten habe! Aber fürs erste, Rose,« rief sie, »antworte mir aufrichtig: war irgend ein Hausgenosse von Baldringham Zeuge meiner Not in dieser Nacht?« Rose versicherte, daß sie nur von ihren eigenen Leuten, von ihr selbst, Gillian, Blanche und Ternotte bedient worden sei, und diese Versicherung schien sie zu beruhigen . . . »Hört mich an, Ihr beiden,« sagte sie, »und wenn Ihr mich liebt, und wenn Ihr mich fürchtet, dann leistet meinem Worte Folge. Laßt keine Silbe von dem, was heute nacht vorgefallen, über Eure Lippen kommen! Sagt's auch den andern Mädchen! Helft mir, Gillian, und auch Du, herzliebe Rose, diese häßliche Kleidung zu wechseln und mein aufgelöstes Haar zu ordnen! Es war eine elende Rache, die sie suchte, und alles nur meiner Abkunft wegen. Aber nicht die leiseste Spur von dem Herzeleid soll sie sehen, das sie mir verursacht hat.« Bei diesen Worten funkelte ihr Auge zornig, und der Zorn schien die Tränen zu trocknen, die vorher dort standen, Rose sah diese Wandlung in ihrem Benehmen halb mit Freude, halb mit Bangen, sah sie doch ein, daß jetzt bei ihr Stimmungen vorherrschen mußten wie bei einem verwöhnten Kinde, das von seiner Umgebung bisher mit Schonung und Nachsicht behandelt worden und sich auf einmal grob und unwirsch angefaßt sieht. »Gott weiß es,« sagte das treue Mädchen, »ich wollte lieber meine Hand in geschmolzenes Blei stecken als Tränen aus Euren Augen darauf fühlen. Und doch, meine süße Herrin, möchte ich Euch jetzt lieber traurig als zornig sehen! Diese alte Lady hat sich, allem Anschein nach, nur an einen alten abergläubischen Brauch ihrer Familie, die ja zum Teil auch die Eurige ist, gehalten: ihr Name steht in hoher Achtung um ihrer Lebensführung, wie ihrer Besitzungen willen; und da Ihr von den Normannen so hart bedrängt werdet, mit denen die Euch verwandte Priorin wohl einverstanden sein dürfte, so trug ich mich mit der Hoffnung, daß Ihr Schutz und Stütze bei der Lady von Baldringham finden möchtet.« »Niemals, Rose, niemals,« entgegnete Eveline, »Ihr wißt es ja nicht, und könnt es auch nicht ahnen, was sie mich hat leiden lassen – wie sie mich bösem Zauberwerk, ja dem bösen Feinde preisgegeben hat! Du selbst sagtest es, und Deine Worte waren wahr, Kind! daß die Sachsen noch immer halbe Heiden seien und weder christlichen Sinn, noch Bildung, noch Menschlichkeit besäßen.« »Ja, aber,« erwiderte Rose, »damals sagte ich es, um Euch vor Gefahr zu warnen – nun aber, da die Gefahr vorbei ist, urteile ich anders,« »Sprich nicht zu ihren Gunsten, Rose,« rief Eveline zornig, »noch nie ist ein unschuldigeres Opfer mit solcher Lieblosigkeit zum Altar eines Dämons hingezerrt worden, wie meines Vaters Verwandte mich hinzerrte – mich, eine Waise – die ihres natürlichen, mächtigen Schutzes beraubt ist! Mir ist ihre Grausamkeit verhaßt – mir ist ihr Haus verhaßt – ich hasse den Gedanken an alles, was hier vorgefallen ist – an alles, Rose, Deine beispiellose Treue und Anhänglichkeit ausgenommen. – Geh, Rose! Befiehl unserm Gefolge, auf der Stelle zu satteln. – Ich will auf der Stelle von hinnen – nein! ich mag mich nicht putzen,« rief sie und wies den Beistand, den sie eben erst verlangt hatte, von sich – »ich will kein Gepränge weiter – will mich mit keinem Abschied mehr aufhalten!« In dieser heftigen, erregten Weise ihrer Herrin erkannte Rose mit lebhafter Sorge eine andere Phase jener reizbaren, erregten Stimmung, die sich zuvor in Tränen und Ohnmächten kund getan hatte. Doch da sie zugleich merkte, daß Vorstellungen vergeblich sein mochten, erteilte sie dem Gefolge die nötigen Befehle zum Satteln und zur Herrichtung zur Abreise, in der Hoffnung, daß, wenn ihre Gebieterin erst von dem Schauplatze fern sein würde, wo ihr Gemüt solch starke Erschütterung erhalten, auch ihre Fassung sich nach und nach wieder einfinden werde. Frau Gillian war demzufolge eben damit befaßt, das Gepäck zu ordnen, und die übrige Dienerschaft war bei den Vorbereitungen zur schleunigen Abreise, als unter Vorantritt ihres Haushofmeisters, der zugleich eine Art von Hofmarschall abgab, auf ihre Vertraute Berwine gestützt und gefolgt von einigen ihrer Hausbeamten, mit dem Ausdruck des Unmuts auf ihrer greisen, doch hohen Stirn, Lady Ermengard ins Zimmer trat. Eveline war mit zitternden Händen und brennenden Wangen, und unter andern Zeichen innerer Erregung, selbst beim Packen mit tätig, als ihre Verwandte erschien; da zeigte sie plötzlich, zu Roses lebhaftem Erstaunen, die größte Selbstbeherrschung, unterdrückte jeden äußern Anschein von Verwirrung und trat ihrer Verwandten mit ruhigem, aber stolzem Wesen, gleich dem ihrigen, entgegen. »Ich will Euch, Nichte, nur einen guten Morgen sagen,« sprach Ermengard, zwar mit hartem Tone, aber doch, durch Evelinens Verhalten gezwungen, mit größerer Rücksicht, als sie erst willens sein mochte; »ich sehe, daß es Euch beliebt hat, das Zimmer, das wir Euch nach alter Sitte unseres Hauses anwiesen, zu verlassen, um Euch in das Zimmer eines Dienstboten zu begeben.« »Staunet Ihr darüber, Lady?« fragte Eveline ihrerseits, »oder seid Ihr unzufrieden, daß Ihr mich nicht als Leiche in jenem Zimmer wiederfindet, das Eure Gastfreiheit und liebevolle Rücksicht mir zuwiesen?« »So ist Euer Schlummer gestört worden?« fragte Ermengard und blickte Evelinen scharf an. »Da ich mich nicht beklage, Tante, kann die Unannehmlichkeit nicht übergroß gewesen sein. Was geschehen ist, ist vorbei, und Euch mit Worten darüber zu belästigen, ist nicht meine Absicht,« »Die mit dem roten Finger,« erwiderte Ermengard triumphierend, »liebt kein fremdes Blut.« »Noch weniger Ursache hatte sie bei Lebzeiten, Sachsenblut zu lieben,« versetzte Eveline, »sofern nicht die Legende falsch berichtet oder, wie ich argwöhne, Euer Haus, statt von der Seele der Toten, die in seinen Mauern litt, von bösen Geistern, die ja die Abkömmlinge von Hengist und Horsa noch insgeheim verehren sollen, besucht wird.« »Ihr beliebt zu scherzen, meine Tochter,« rief die alte Lady im hellen Zorn, »oder falls Eure Worte ernstlich gemeint sind, dann hat der Pfeil Eures Vorwurfs sein Ziel verfehlt. Ein Haus, gesegnet durch den heiligen Dunstan und den heiligen Bekenner, Eduard der Bekenner, letzter angelsächsischer König, starb 1066 und wurde wegen seiner Frömmigkeit unter die Heiligen versetzt; den Namen Bekenner führte er, weil er ein großer Verehrer des Sakraments der Beichte war. ist keine Wohnung für böse Geister.« »Das Haus von Baldringham,« erwiderte Eveline, »ist keine Wohnung für Menschen, die solche Geister fürchten, und da ich in aller Demut mich zur Zahl derselben bekenne, will ich es eben jetzt der Obhut des heiligen Dunstan überlassen.« »Doch nicht, bis Ihr das Frühstück eingenommen, will ich meinen,« sagte Lady von Baldringham; »solche Schmach werdet Ihr hoffentlich nicht meinen Jahren und unserer Verwandtschaft antun.« »Verzeiht mir, Madame,« erwiderte Lady Eveline, »wer Eure Gastfreiheit erlitt, hat wenig Grund, sich nach dem Frühstück zu sehnen ... Rose, sind denn die trägen Burschen noch immer nicht unten im Hofe? Liegen sie gar noch im Bette, den Schlaf nachzuholen, aus dem sie durch mitternächtlichen Lärm aufgeschreckt wurden?« Rose meldete gleich darauf, das Gefolge halte bereits im Hofe, worauf Eveline mit einer flüchtigen Verneigung an ihrer Verwandten vorbei aus dem Zimmer eilen wollte, Ermengard aber trat ihr mit grimmigen Blicken in den Weg, die auf ein wilderes Maß von Zorn schließen ließen, als sich mit dem dünnern Blut ihres hohen Alters vertragen mochte, ja sie erhob ihren Stab von Ebenholz, als wollte sie zu persönlicher Züchtigung greifen; aber sie änderte ihren Vorsatz und machte plötzlich Evelinen Platz, die nun, ohne weiter ein Wort zu verlieren, ging; wahrend sie über die Treppe hinunterstieg, die zur Haustür führte, hörte sie die Stimme ihrer Tante hinter sich her, gleich der Stimme einer betagten und beleidigten Sibylle, die Dünkel und Vermessenheit, Ach und Wehe prophezeite. »Stolz,« rief sie, »schreitet der Vernichtung vorher, und Hochmut kommt vor dem Falle. Die das Haus ihrer Altvordern verhöhnt, sollen nie des Alters hehre Silberlocken schmücken! Die einen Mann des Krieges und Blutes heiratet, soll weder in Frieden noch ohne Blut ihr Leben beschließen!« Um diesen und weitern Verwünschungen zu entgehen, flog Eveline aus dem Hause, schwang sich eilig auf ihr Roß und sprengte, umgeben von ihrem Gefolge, das, ohne Grund und Ursache zu erraten, mit unter den Bann des Schreckens geriet, in den Wald hinein, sich auf den mit der Gegend wohlbekannten Raoul als Führer verlassend. Tief erschüttert, daß sie das Haus einer so nahen Verwandten, statt mit ihrem Segen, mit ihrem Fluch beladen – verlassen mußte, galoppierte Eveline rastlos vorwärts, bis die hohen Eichen mit ihrem Geäst die unselige Behausung vor ihren Blicken verbargen. Bald hörte man Pferdegalopp. Es war die Patrouille, die der Connetable zur Bedeckung des Hauses zurückgelassen und die von ihren verschiedenen Posten herbeieilte, Lady Eveline auf ihrem eiligen Ritte nach Gloucester zu begleiten. Der gewöhnliche Weg dorthin führte durch den großen Wald von Darne, damals noch fast ein Urwald zu nennen, den die Eisenhütten der spätern Jahre freilich stark gelichtet haben. Die Reiter schlossen sich an Evelinens Gefolge; ihre Rüstungen blinkten in der Morgensonne, ihre Trompeten schmetterten lustig, ihre Rosse bäumten sich unter lautem Gewieher; auf ihren Lanzen flatterten die langen Fähnlein, luftig kündend von dem kecken Mute, der ihre Träger beseelte. Dieser kriegerische Charakter ihrer normannischen Landsleute erweckte in Evelinens Brust ein gewisses Gefühl der Sicherheit und des Triumphes, das dazu beitrug, ihre düstern Gedanken zu verjagen und die fieberhafte Erschütterung ihrer Nerven zu mildern. Auch die höher steigende Sonne – der Gesang der Vögel im Laube – das Blöken der Herden auf den Weiden, der Anblick der mit ihren Kälbchen durch die Lichtungen streifenden Rehe: dies alles trug das seinige bei, den Schrecken über die nächtliche Erscheinung, die sie erschaut, zu zerstreuen und den heftigen Zorn zu beschwichtigen, der ihren Busen beim Wegritt von Baldringham bewegte. Sie ließ ihr Pferd nun langsamer laufen und widmete ihrem Reitkleid und Kopfputz, die infolge der eiligen Abreise gar manches zu wünschen ließen, einige notwendige Aufmerksamkeit. Rose sah, wie von ihrer Wange die fliegende Zornesröte wich und einer auf Ruhe deutenden Blässe das Feld räumte – wie ihr Auge nicht länger mehr unstet, sondern fest und sicher auf ihren kriegerischen Begleitern ruhte, und hielt ihr – was bei andern Gelegenheiten kaum der Fall gewesen wäre – die lauten Lobreden auf ihre Heimat und Landsleute zugute. »Unter dem Schuh unsrer siegreichen Normänner,« sagte Eveline, »reisen wir sicher: sie beseelt der edle Zorn des reißenden Löwen, und bei aller Romantik, die sie umwebt, sind sie frei von Tücke und Niedertracht; sie kennen die Pflichten des Hauses nicht minder als die der Schlacht, und werden, selbst wenn sie als Krieger unterliegen sollten – was aber nur der Fall sein kann, wenn Plinlimmon von seiner Höhe gestürzt wird – immer durch Großmut und seine Sitte jedes andere Volk übertreffen.« »Ich kann diese Vorzüge nicht in dem Maße fühlen, als wenn ich von ihrem Blute wäre,« sagte Rose; »immerhin freue ich mich ihrer Anwesenheit in diesen Wäldern, in denen man Gefahren von mancherlei Art begegnen soll. Ja, ich muß gestehen, daß mir das Herz um so leichter ist, als ich nicht die geringste Spur mehr von jenem alten Herrensitze gewahre, in welchem wir eine so schlimme Nacht zubrachten, daß die Erinnerung daran mir ewig verhaßt bleiben wird.« Eveline sah sie scharf an ... »Sprich die Wahrheit, Rose! Du möchtest Dein bestes Mieder dafür opfern, wenn Dir volle Kenntnis meines grausigen Abenteuers würde?« »Das hieße nur zugestehen, daß ich Weib bin,« antwortete Rose; »und selbst als Mann, möchte ich behaupten, dürfte ich kaum weniger Neugierde, das zu erfahren, besitzen.« »Du rückst nicht andere Empfindungen, mein, Schicksal zu erfahren, in den Vordergrund,« sagte Eveline, »und doch, süße Rose, bin ich darum nicht weniger überzeugt, daß auch sie Dir nicht fehlen ... Glaube mir. Du sollst alles wissen, nur jetzt nicht, Kind, nur jetzt nicht!« »Ganz wie es Euch beliebt,« sagte Rose, »aber ich sollte doch denken, daß, so lange Ihr ein so schweres Geheimnis allein mit Euch herumtragt, die Last schier unerträglich sein müsse. Auf mein Stillschweigen könnt Ihr Euch doch so verlassen, wie wenn Ihr vor einem Heiligenbilde stündet. Zudem wird man um so vertrauter mit Dingen, je öfter man darüber spricht; und was einem vertraut ist, verliert zuletzt seine Schrecken.« »Du hast recht, meine kluge Rose, und wenn ich auf die stattliche Kriegerschar blicke, in deren Mitte mich, gleich einer Blüte auf dem Busch, mein wackrer Zelter trägt – wenn ich die balsamischen Lüfte atme, die uns umwehen, wenn ich die Blumen sehe, die um mich her sprießen, die Vöglein überall zwitschern höre und Dich an meiner Seite sehe – o Rose, dann sagt auch mir mein Herz, daß es jetzt die schicklichste Zeit ist. Dir anzuvertrauen, was Du so heiß zu wissen begehrst – und – ja, Rose! – Du sollst alles wissen! So sprich denn, Kind! Ist Dir bekannt, was die Sachsen hierzulande unter der Bezeichnung Bahrgeist verstehen?« »Verzeiht mir, Lady,« antwortete Rose, »mein Vater wollte es nie dulden, daß ich solchen Erzählungen mein Ohr lieh. Er meinte immer, es seien böse Wesen genug zu sehen, daß man sie nicht erst noch in der Phantasie zu sehen brauchte. Vom Bahrgeist habe ich wohl aus Gillians und anderer Sachsen Munde gehört; aber mir schien in dem Worte immer so etwas Unklares von Grausigkeit zu liegen, daß ich nie nach einer Erklärung gefragt, auch nie eine bekommen habe.« »So wisse, Kind,« sagte Eveline, »es ist ein Gespenst, gemeinhin das Bild eines Verstorbenen, der entweder um eines Unrechts willen, das ihm an einem bestimmten Orte bei Lebzeiten zugefügt worden oder wegen irgendwo verborgener Schätze oder aus irgend einem andern Grunde solcher Art, von Zeit zu Zeit sich eben da blicken läßt, an Menschen, die nach ihm dort wohnen, dauernd Anteil nimmt, bisweilen ihnen zum Segen, bisweilen auch ihnen zum Unsegen. Der Bahrgeist ist also manchmal ein guter Genius, manchmal ein rächender Teufel für alle die, mit denen er in Berührung tritt. Dem edlen Hause Baldringham ist es nun vom Schicksal bestimmt worden, den Heimsuchungen solches Wesens ausgesetzt zu sein.« »Darf ich nach der Ursache solcher Heimsuchungen fragen, falls sie bekannt ist?« fragte Rose, eifrig bemüht, die Gesprächigkeit ihrer jungen Herrin, die vielleicht nicht lange andauern möchte, wahrzunehmen. »Ich kenne die Sage nur obenhin,« sagte Eveline und fuhr, endlich ihrer Seelenangst Herrin geworden, mit Ruhe fort; »für gewöhnlich hört man sie so erzählen: Baldrick, ein sächsischer Held, der erste Herr über diesen Wohnsitz, verliebte sich in eine schöne Britin, die, wie es hieß, von den Druiden herstammte, deren die Walliser so oft erwähnen, und nicht unbekannt mit den Zauberkünsten gewesen sein soll, die hierzulande im Schwange waren zu der Zeit, da noch Menschenopfer dargebracht wurden. Nach etwa zweijähriger Ehe wurde Baldrick seiner Frau überdrüssig, so daß er den grausamen Entschluß, sie umzubringen faßte. Einige sagten, er habe an ihrer Treue gezweifelt; andre, die Kirche hätte darauf gedrungen, weil die Frau sich der Ketzerei verdächtig gemacht, noch andere, er habe sie aus dem Wege geschafft, um für eine reiche Frau Platz zu schaffen – aber in der Sache selbst stimmen alle überein. Er sandte zwei von seinen Leuten nach Baldringham, die unglückliche Wanda zu töten, und befahl ihnen, ihm zum Zeichen, daß sie seine Befehle vollzogen hätten, den Ring zu bringen, den sie am Hochzeitstage getragen. Unbarmherzig vollzogen sie ihren Auftrag und erdrosselten Wanda in jenem Gemache; da aber ihre Hand so geschwollen war, daß sie den Ring mit aller Gewalt nicht abziehen konnten, schnitten sie ihr den Finger ab. Aber lange schon vor der Rückkehr der grausamen Vollstrecker des blutigen Auftrags war der Schatten der Ermordeten ihrem Gemahl erschienen, reckte ihm die blutige Hand entgegen und kündete ihm auf so furchtbare Weise, wie schnell sein barbarischer Befehl erfüllt worden sei. Nachdem sie ihn in Krieg und Frieden, in Einsamkeit, am Hofe, im Lager gespenstisch verfolgt, bis er in Verzweiflung auf einer Pilgerfahrt nach dem heiligen Lande starb, wurde der Bahrgeist, wie hinfort der Geist der ermordeten Wanda hieß, dem Hause Baldringham so furchtbar, daß erst die Hilfe des heiligen Dunstan hinreichte, seinen Heimsuchungen ein Ziel zu setzen. Ja, als endlich dem gepriesenen Heiligen seine Beschwörungen gelangen, legte er zur Strafe für Baldricks Verbrechen allen Frauen seines Hauses bis ins dritte und vierte Glied die harte, ewige Buße auf, einmal in ihrem Leben und vor dem einundzwanzigsten Jahre eine einsame Nacht in dem Zimmer der ermordeten Wanda zuzubringen und dort Gebete sowohl für ihre eigne als für die Ruhe der im Fegfeuer leidenden Seele ihres Mörders zu verrichten. In dieser schreckensvollen Stunde, glaubt man allgemein, erscheint der Geist der Ermordeten derjenigen Frau, die diese fromme Nachtwache hält, und gibt ihr ein Zeichen von ihrem künftigen, ob guten oder bösen Schicksal. Ist es günstig, so erscheint sie mit einem lächelnden Angesicht und bekreuzt sie mit der unblutigen Hand; trauriges Schicksal aber zeigt sie mit der Hand an, der der Ringfinger fehlt, mit strengen Blicken, wenn sie den Nachkommen ihres Mörders seine herzlose Grausamkeit fühlen lassen möchte. Bisweilen soll sie auch sprechen. All diese Umstände erfuhr ich schon vor langer Zeit aus dem Munde einer alten Sächsin, der Mutter unserer Hausmeierin, die im Dienste meiner Großmutter stand und das Haus Baldringham verließ, als jene mit meinem Großvater aus ihm entfloh.« »Hat eure Großmutter je diese Nachtwache verrichtet,« fragte Rose, »die – mit Vergunst des heiligen Dunstan! – den Menschen in allzunahe Berührung mit einem Wesen zweifelhafter Natur zu setzen scheint?« »So dachte auch mein Großvater und erlaubte meiner Großmutter nie, nach der Heirat den Fuß nach Baldringham zu setzen. Daraus entstand die Zwietracht zwischen ihm und seinem Sohne einerseits, den Gliedern jenes Hauses anderseits. Mehrere Unglücksfälle und besonders den Verlust ihrer männlichen Erben, der sie zu dieser Zeit traf, schrieb man meiner Mutter zu, weil sie die übliche Wache beim Bahrgeist des Hauses nicht verrichtet hatte.« »Aber wie konntet Ihr, teuerste Lady,« sagte Rose, »da Ihr wußtet, daß die Baldringhams unter sich an solch gräßlicher Sitte festhielten, auch nur daran denken, die Einladung der Lady Ermengard anzunehmen? Was konnte Euch hierzu bestimmen?« »Kaum vermag ich hierauf zu antworten, Teils Entsetzen über meines Vaters unglückliches Geschick, von der Hand seines Todfeindes zu fallen, das ihm, wie ich aus seinem Munde hörte, von seiner Tante prophezeit worden – teils aber die unselige Hoffnung, daß man, wenn mich zu großer Schrecken befallen sollte, menschlich genug empfinden werde, mich nicht weiter in dem grausen Zimmer weilen zu lassen. Ihr habt gesehen, wie fest meine hartherzige Tante an dieser Gelegenheit hielt, und wie sie es mir unmöglich machte – trotzdem ich nicht bloß den Namen Berenger führe, sondern mich vom Geiste der Berengers erfüllt fühle, – aus dem Netze zu entrinnen, in das ich mich selbst verwickelt hatte.« »Nie hätte Rücksicht auf Stand und Namen mich verpflichtet,« erwiderte Rose, »mich an einen Ort zu begeben, wo schon die Furcht allein, ganz abgesehen von dem Schrecknis einer wirklichen Erscheinung, meine Vermessenheit mit Wahnsinn hätte strafen können. – Aber, im Namen Gottes, was sahet Ihr in jener grausigen Nacht?« »Ja, das eben ist die Frage,« sagte Eveline, die Hand an ihre Stirn legend, – »wie ich habe sehen können, was ich wirklich so deutlich sah, und doch noch Herr meiner Gedanken und meines Verstandes bleiben konnte! – Ich hatte die vorgeschriebene Andacht für den Mörder und sein Opfer verrichtet, mich auf mein Lager gesetzt und die Kleider abgelegt, die mir zu unbequem im Schlafe waren, – kurz, ich hatte den ersten Eindruck, den mir der Eintritt in das Zimmer machte, überwunden, und hoffte, unschuldigen Sinnes, wie ich war, die Nacht in sanftem Schlummer zu verbringen – sollte aber gräßlich enttäuscht werden. Ich kann nicht sagen, wie lange ich geschlafen hatte, als meine Brust durch eine Last von unheimlicher Schwere gedrückt wurde, die mir die Stimme zu rauben, den Schlag des Herzens zu hemmen und den Atem zu beklemmen schien; und als ich nun mühsam das Auge aufschlug, die Ursache dieses schrecklichen Alpdrucks zu erspähen, da stand die Gestalt der ermordeten Matrone an meinem Lager, in Ueberlebensgröße, gleich einem düstern Schatten, mit einem Gesicht, in welchem Züge von Würde und Schönheit mit dem stolzen Ausdruck der Rachlust sich vermengten. Sie hielt die Hand über mir, die das blutige Zeichen ihrer Ermordung trug und schien, das Kreuz über mich schlagend, dem Untergange mich zu weihen, während sie mit überirdischer Stimme die Worte hervorstieß: Verwitwete Gattin, jungfräuliche Ehe, Verlobet, verratend, verraten – Wehe! – Das Phantom beugte sich über mich, während es also sprach, und senkte seinen blutigen Finger, wie um mein Gesicht zu berühren, als mir Entsetzen die Kraft wieder lieh, die es mir vorher genommen – ich schrie laut auf – das Fenster wurde eingeschlagen – die Scheiben klirrten – doch wozu soll ich Dir das erzählen, Rose, da Deine Augen, das Zucken Deiner Lippen mir deutlich sagen, daß Du mich für eine kindische Träumerin hältst?« »Zürnet nicht, meine teure Lady,« sagte Rose, »ich glaube wirklich, daß die Hexe, die wir Nachtmahr nennen, Euch heimgesucht hat; aber sie wird von den Aerzten nicht für ein Phantom gehalten, das existiert, sondern für ein Gebilde unserer durch irgend ein leibliches Unwohlsein gestörten Phantasie.« »Du bist ein kluges Mädchen, Rose,« antwortete Eveline verdrießlich, »aber wenn ich Dir sage, daß mir mein guter Engel in menschlicher Gestalt zu Hilfe kam – daß infolge seines Erscheinens der böse Geist verschwand – und daß mein guter Engel mich auf den Armen aus dem Schreckenszimmer trug, dann, denke ich, mußt Du, als gute Christin mehr Glauben an meine Rede gewinnen.« »Gewiß, gewiß – meine liebe, liebe Herrin! aber,« erwiderte Rose, »ich kann's darum erst recht nicht! Gerade der Umstand mit dem Schutzengel bestimmt mich, das Ganze für einen Traum anzusehen. – Eine normannische Schildwacht, die ich selbst von ihrem Posten rief, um über Euch zu wachen, war es, die zu Eurem Beistande in Euer Zimmer brach und Euch im leblosen Zustande auf seinen Armen hinaustrug.« »Ein normännischer Soldat? Ha!« rief Eveline, blutrot werdend, »und wer war es, Mädchen, dem Du Auftrag zu geben wagtest, in mein Schlafzimmer einzubrechen?« »Eure Augen blitzen vor Zorn, meine Dame, aber tun sie auch recht? – Drang nicht Euer Todesgeschrei mir zu Ohren? Und sollte ich in solchem Augenblick von Rücksichten mich im Banne halten lassen? – So wenig, als wenn das Haus in Flammen gestanden hätte!« »Ich frage Dich noch einmal, Rose,« sagte ihre Gebieterin, noch immer ungehalten, wenn auch nicht mehr zornig, »wen Du zu mir ins Zimmer dringen hießest?« »Ich weiß es wirklich nicht, Lady,« antwortete Rose beklommen, »war er doch dicht in seinen Mantel gehüllt und war doch gar keine Zeit, ihm ins Gesicht zu sehen, selbst wenn es sich hätte ansehen lassen! Aber ich werde ihn bald entdecken und werde um so mehr bedacht sein, ihn zu finden, damit ihm die Belohnung zuteil werde, die ich ihm versprach – damit ich ihn warne, bescheiden zu schweigen.« »Das tue,« sagte Eveline, »und wenn Du ihn unter denen findest, die uns begleiten, so will ich mich an Deine Meinung halten und glauben, daß an dem Weh, das ich in dieser Nacht erduldete, meine Phantasie den größten Anteil hatte.« Rose gab ihrem Pferde einen leichten Hieb, und von ihrer Gebieterin begleitet, ritt sie zu Philipp Guarine, dem Squire des Connetable, der zurzeit das Kommando über die kleine Schar führte ... »Lieber Guarine,« sagte sie, »ich habe mit einem der heut nacht ausgestellten Posten von meinem Fenster aus gesprochen; er hat mir einen Dienst geleistet, für den ich ihm Belohnung versprach – wollt Ihr mir den Gefallen tun, Nachfrage unter Euren Reitern zu halten, damit ich meine Schuld entrichten kann?« »O gewiß, mein schönes Kind,« antwortete der Squire, »bin ich doch auch ihm eine Erkenntlichkeit dafür schuldig, daß er sich auf Lanzenweite dem Fenster näherte, Zwiesprach zu halten und den ihm erteilten gemessenen Befehl zu übertreten!« »Still! still! Ihr müßt's ihm mir zuliebe nachsehen!« rief Rose, »hätte ich doch beinah Euch selbst gerufen, wackerer Guarine, und es – ich stehe dafür – auch über Euch vermocht, unter mein Kammerfenster zu treten.« Guarine lachte und zuckte die Achseln ... »Freilich ist's wahr,« sagte er, »wo Weiber im Spiel sind, ist Kriegszucht in Gefahr.« Er hielt sogleich Nachfrage unter seiner Schar, kehrte aber mit der Beteuerung zurück, daß keiner derselben es wahr wissen sollte – obgleich er jeden einzelnen ins Verhör genommen – sich dem Schlosse Baldringham in der vergangenen Nacht auf Rufweite genähert zu haben. »Da siehst Du!« sagte Eveline zu ihrer Dienerin mit bedeutsamen Blicken. »Die armen Schelme fürchten sich vor ihres Hauptmanns Strenge,« antwortete Rose, »und trauen sich nicht mit der Wahrheit heraus! – Es wird schon einer zu mir kommen und insgeheim sich seinen Lohn abholen.« »Ich wollte, dies Vorrecht gehörte mir selbst, Jungfer,« sagte Guarine, »aber meine Burschen sind so zaghaft nicht, wie Ihr denkt, sondern nur allzubereit, sich ihrer Streiche zu rühmen, wenn sie auch wenig Entschuldigung verdienen ... Zudem versprach ich ihnen Straflosigkeit! ... Habt Ihr sonst noch etwas zu befehlen?« »Nichts, guter Guarine,« sagte Eveline, »nur die kleine Gabe hier zu Wein für Eure Mannschaft, damit sie die nächste Nacht lustiger zubringe als die vergangene ... So! nun ist er weg! und nun, Mädchen, sollst Du merken, daß das, was Du sahst, kein irdisches Wesen war!« »Ich muß meinen eigenen Augen und Ohren glauben, Herrin,« erwiderte Rose. »Das tue, erlaube aber mir das gleiche Recht,« sagte Eveline; »mein Retter – denn so muß ich ihn nennen – hatte die Züge eines Mannes, der nie in der Nachbarschaft von Baldringham gewesen oder hat sein können. Sage mir nur noch eins! Was denkst Du von der seltsamen Weissagung: Verwitwete Gattin, jungfräuliche Ehe, Verlobt, verratend, verraten, – Wehe! Du Wirst sagen, es sei nichts als eine Ausgeburt meines Gehirns, – nimm es aber einen Augenblick für den Spruch eines echten Propheten, was würdest Du dann dazu sagen?« »Daß Ihr wohl verraten werden könntet, teuerste Lady, nie aber Verräterin sein könntet,« antwortete Rose lebhaft. Eveline streckte ihrer Freundin die Hand entgegen, und Rosens Hand herzlich drückend, flüsterte sie ihr mit Wärme zu: »Ich danke Dir für Dein Urteil, das mein Herz bestätigt.« Eine Staubwolke verkündigte jetzt die Annäherung des Connetable und seines Gefolges, vermehrt durch die Begleitung seines Freundes, Sir William Herbert, und einiger andern, von dessen Nachbarn und Verwandten, die sämtlich erschienen, der Waise von Garde Douloureuse, unter welchem Namen Eveline in den Gegenden, durch die sie reiste, bekannt war, ihre Huldigung darzubringen.« Evelinen entging es nicht, daß de Lacy, als er sie begrüßte, mit Verdruß auf die Unordnung in ihrer Kleidung und ganzen Ausrüstung sah, die sich infolge ihrer eiligen Abreise von Baldringham notwendig gemacht hatte. Auch sie war durch einen Ausdruck in seinem Gesicht überrascht, der ihr zu sagen schien: »Mich als gewöhnlichen Menschen zu betrachten, den man ungestraft von oben herab behandeln darf, kann ich nicht gelten lassen.« – Zum erstenmale sah sie, daß des Connetables Gesicht, wenn es ihm auch an Anmut und Schönheit fehlte, heftige Leidenschaften recht wohl kraftvoll und lebendig auszudrücken vermochte, und daß, wer teil an seinem Range und Namen haben wolle, auch darauf rechnen müsse, auf allen persönlichen Willen zu verzichten und sich dem seinen als eigenmächtigen Herrn und Gebieter unbedingt unterzuordnen. Die Wolke verzog sich jedoch bald von der Stirn des Connetables, und Eveline bekam Gelegenheit, in seiner Unterhaltung mit Herbert und den übrigen Rittern und Edlen, die sie auf ihrer Reise teils nur begrüßten, teils eine Strecke weit begleiteten, die Überlegenheit seines Geistes zu bewundern, wie auch die Aufmerksamkeit und Ergebenheit zu bemerken, mit der von Männern, die selbst von hohem Range waren und in ihrem Stolze niemand ein Uebergewicht eingeräumt hätten, das nicht auf tatsächliches Verdienst sich gründete, auf jedes Wort aus seinem Munde gelauscht wurde. Frauen lassen sich in ihrem Urteil über einen Mann beeinflussen durch den Respekt, den er bei andern Männern genießt, und als Eveline die Reise zum Benediktinerkloster von Gloucester zurückgelegt hatte, konnte sie nicht anders, als voll Ehrerbietung des weitberühmten Kriegeshelden gedenken, dessen Geistesgaben ihn hoch über jeden, der sich ihr näherte, stellten. Als Gattin solches Mannes, dachte Eveline – und an Ehrgeiz mangelte es ihr nicht – müßte sich jede Frau, sofern sie nur auf gewisse Eigenschaften bei ihm verzichten wollte, die freilich im jugendlichen Alter die weibliche Phantasie am meisten fesseln, allzeit hochgeehrt und wertgehalten sehen und ein hohes Maß von Zufriedenheit, wenn auch nicht von romantischer Glückseligkeit, finden. Sechzehntes Kapitel. Fast vier Monate verweilte Lady Eveline bei ihrer Tante, der Aebtissin des Benediktinerinnen-Klosters, unter deren Einfluß der Connetable seine Bewerbung gute Fortschritte machen sah, wie es wohl auch nicht anders der Fall gewesen wäre, wenn Raymond Berenger, Evelinens Vater, noch gelebt hätte. Freilich wohl läßt sich annehmen, daß, ohne den Glauben an jene Vision der heiligen Jungfrau und ohne das bei dieser Gelegenheit geleistete Gelübde, die bei einer so jugendlichen Person nur natürliche Abneigung gegen einen an Jahren ihr so ungleichen Mann ein schärferes Wort mitgesprochen hatte. In der Tat konnte sich auch Eveline, soviel Gerechtigkeit sie den Charaktereigenschaften und Fähigkeiten des Connetable widerfahren ließ, einer geheimen Scheu vor ihm nicht erwehren, und wenn sie seiner Bewerbung auch kein unbedingtes Nein entgegensetzte, empfand sie doch ein gewisses Gruseln bei dem Gedanken, daß ihm dieselbe schließlich doch noch glücken könnte. Die vorbedeutenden Worte »verratend und verraten« traten ihr dann vor die Seele, und als nun ihre Tante – sobald die eigentliche Trauerzeit vorüber war – einen Termin für ihre Verlobung festsetzte, schaute sie ihm mit einem geheimen Grauen entgegen, von dem sie sich selbst keine Rechenschaft abzulegen wußte, aber auch nicht, wie von dem schrecklichen Traume zu Baldringham, dem Pater Aldrovand in der Beichte etwas offenbarte. Es beruhte nicht auf Widerwillen gegen den Connetable, noch weniger darauf, daß sie einem andern Bewerber den Vorzug vor ihm gegeben hätte, sondern vielmehr auf einer jener instinktmäßigen Regungen und Empfindungen, durch die uns die Natur vor naher Gefahr zu warnen scheint, obwohl sie uns weder über ihre Natur noch die Mittel, ihr zu begegnen, Aufklärung gibt. Diese Anfälle von Scheu und Bange waren zuweilen so stark, daß, wären sie durch Rosens Vorstellungen wie vordem unterstützt worden, Eveline vielleicht noch jetzt zu einem dem Connetable ungünstigen Entschluß gelangt wäre. Aber eifriger für ihrer Lady Ehre als Glück besorgt, wehrte Rose sich streng gegen jeden Versuch, sie in ihrem Vorhaben zu erschüttern, nachdem sie einmal zu de Lacys Bewerbung sich beifällig ausgesprochen hatte; und was sie auch dachte und vorher über diese Heirat gesagt hatte, so schien sie doch jetzt auf diese Verbindung wie auf ein Ereignis zu blicken, gegen dessen notwendigen Vollzug sich nichts mehr tun lasse und niemand mehr etwas tun dürfe. De Lacy selbst, als er den hohen Wert des Preises, nach dem er strebte, kennen lernte, sah dieser Verbindung mit andern Empfindungen entgegen, als ihn Raymond Berengers Antrag gegenüber erfüllt hatten. Damals war es ihm nur ein Ehebund aus Interesse und Konvenienz, der einem stolzen, klugen Lehnsherrn als bestes Mittel zur Befestigung seiner Hausmacht und zur Fortpflanzung seines Geschlechts erschien. Selbst Evelinens strahlende Schönheit machte auf de Lacy nicht den Eindruck, wie auf den feurigen, leidenschaftlichen Geist der Ritter ihrer Zeit. Er war über das Alter hinweg, in welchem auch der weisere Mann sich durch die äußere Gestalt berücken läßt, und hätte nicht angestanden, der Wahrheit, daß er sich seine Braut, so schön sie sei, doch um einige Jahre älter, also zu seinem Wesen und seiner Denkweise passender, wünsche, die Ehre zu geben. Diese Anschauung änderte sich aber, als er beim wiederholten Beisammensein mit der ihm bestimmten Braut erkannte, wie fremd sie dem Leben sei und wie sehr sie sich sehnte, durch eine ihr überlegene Kraft geleitet zu werden; wie sie, obwohl begabt mit hohem Verstande, wie mit einem Gemüt, das allmählich seine natürliche Fröhlichkeit wiederfand, doch sanft und willig, dabei aber von festen Grundsätzen war, die dafür bürgten, daß sie den schlüpfrigen Pfad der Jugend, vornehmen Geburt und körperlichen Schönheit festen Schrittes und untadelhaft wandeln werde. In dem Verhältnis, wie sich sein Herz für Evelinen in Flammen setzte, wurde ihm die für den Kreuzzug eingegangene Verpflichtung lästig. Die Aebtissin, Evelinens natürlicher Vormund, bestärkte ihn hierin. Obgleich Nonne und von hoher Gottesfurcht beseelt, hielt sie doch den heiligen Stand der Ehe in nicht minder hohen Ehren und stellte nicht in Abrede, daß er dem wichtigen Zweck, zu dem er eingegangen würde, nicht dienen könnte, wenn zwischen dem verehelichten Paare das ganze Festland Europas läge. Bei einer Andeutung des Connetables, daß ihn seine junge Gattin in das sittenlose Lager der Kreuzfahrer begleiten könne, bekreuzte sich die gute Dame mit Abscheu und verbat sich jedes weitere Wort nach dieser Richtung hin auf das nachdrücklichste. Es war zudem für Könige, Fürsten und andere Personen von hohem Range nichts Ungewöhnliches, von dem Gelübde zur Befreiung Jerusalems entbunden zu werden, sofern man bei der Kirche in Rom nur gebührlich darum nachsuchte. Der Connetable befand sich in dem Vorteil, seines Souveräns Interesse dabei anführen zu können, war er unter dem Adel, dessen Tapferkeit und Klugheit König Heinrich hauptsächlich die Verteidigung der unruhigen Walliser Marken anvertraut hatte, doch keiner der Edelsten, und hatte er doch gewissermaßen ohne Erlaubnis desselben das Kreuz genommen. Zwischen der Aebtissin und dem Connetable kam es daraufhin zu dem geheimen Abkommen, daß in Rom und beim Päpstlichen Legaten in England ein Aufschub für die Ableistung des Gelübdes auf wenigstens zwei Jahre nachgesucht werden sollte. Daß solche Gunst einem Manne von seinem Stande und Range abgeschlagen werden könnte, ließ sich nicht annehmen, zumal das Gesuch mit den freigebigsten Anerbietungen von Beihilfe zur Befreiung des heiligen Landes unterstützt wurde, wie unter anderm, daß er, wenn ihm die persönliche Teilnahme erlassen würde, hundert Lanzen auf seine Kosten stellen wolle, jede Lanze in Begleitung von zwei Knappen, drei Bogenschützen und einem Stalljungen: die doppelte Geleitschaft also, die er für seine Person in Anspruch genommen hätte; des Weiteren erbot er sich, die Summe von zweitausend Byzantinern zu den allgemeinen Kosten des Zuges beizusteuern und all die Schiffe, die er für seine Ausfahrt instand gesetzt hatte und die zu seiner Einschiffung bereit lagen, dem christlichen Heere zu überlassen. Immerhin fürchtete der Connetable, daß seine Anerbietungen dem überaus strengen Kirchenfürsten Balduin nicht genügen möchten, der selbst den Kreuzzug gepredigt und den Connetable mit vielen anderen zu der heiligen Unternehmung gewonnen hatte, und nun zu seinem größten Verdruß sehen mußte, daß sein Werk in Gefahr geriete dadurch, daß ein so wichtiger Verbündeter sich von ihm abwendig machen wollte. Diesen Unmut soviel wie möglich zu besänftigen, erklärte sich der Connetable, falls ihm gewährt würde, in Britannien zu bleiben, noch dazu bereit, seinen Neffen Damian de Lucy als Führer seines Korps zu stellen, der schon Ruhm durch seine Rittertaten gewonnen hatte und, wenn dem Connetable Erben versagt blieben, als künftiges Haupt des alten Hauses zu gelten hätte. Freilich mußte er sich auch dann noch auf schwierige Verhandlungen mit dem stolzen und mächtigen Prälaten gefaßt machen, aber ebenfalls stolz und mächtig und von der Gunst seines Souveräns unterstützt, hoffte er auf einen günstigen Ausgang, zum mindesten auf keine Niederlage. Die Notwendigkeit, diese Angelegenheit vor allem erst zu ordnen, wie auch das kürzlich erfolgte Abscheiden von Evelinens Vater brachten es mit sich, daß der Connetable sich von Turnieren und andern Festlichkeiten fernhielt. Ebenso untersagte die Klosterregel alle weltlichen Unterhaltungen wie Tanz und Musik. Obwohl nun der Connetable durch die prächtigsten Geschenke die Liebe zu seiner Braut zu beweisen suchte, nahm die ganze Sache nach Ansicht der vielerfahrenen Dame Gillian doch mehr das schwerfällige Tempo einer Beerdigungsfeier an, statt das flotte einer bevorstehenden Hochzeit. Die Braut selbst hatte ähnliche Empfindungen, und wohl nicht ganz zufällig bloß geschah es, daß ihr Gedanken kamen, als könne alles einen fröhlichern Anstrich bekommen, wenn der junge Damian zur Stelle sei, dessen Alter zu dem ihrigen passe, dessen Temperament von dem seines ernsten Oheims so glücklich abstäche. Aber Damian kam nicht, und nach des Connetables Reden über ihn mußte sie glauben, daß die beiden nahverwandten Männer wenigstens auf gewisse Zeit Beschäftigung und Charakter vertauscht hätten. Der ältere de Lacy hielt zwar, wenn auch nur nominell, sein Gelübde weiter und wohnte in einem Pavillon vor den Toren von Gloucester; aber nur selten trug er jetzt seine Rüstung, und sein gemsledernes Kriegswams hatte köstlichem Damast und Seide weichen müssen; auch zeigte er in seinen vorgerückten Jahren größere Vorliebe für Prunk, als seine Altersgenossen selbst in der Jugend an ihm wahrgenommen hatten. Sein Neffe dagegen hielt sich fast immer an den Walliser Grenzen auf, die mannigfaltigen Wirren dort entweder gütlich oder mit bewaffneter Hand beizulegen, Eveline vernahm zu ihrer nicht geringen Verwunderung, daß sein Oheim ihn nur schwer dazu bestimmt hatte, bei ihrer Verlobung als Zeuge gewärtig zu sein. Der Connetable bemerkte wiederholt nicht ohne Besorgnis, daß Damian sich selbst für seine Jahre zu wenig Ruhe gönne, zu wenig schlafe und sich viel zu sehr anstrenge – daß seine Gesundheit darunter leide– ja daß ein gelehrter jüdischer Arzt, über ihn zu Rate gezogen, die Meinung geäußert habe, dem jungen Ritter dürfte ein südlicheres Klima zuträglicher sein, die alten Kräfte wiederzugewinnen, als der neblige Norden. Eveline vernahm diese Nachricht mit lebhaftem Bedauern, denn sie erinnerte sich Damians als des heilverkündenden Engels, der ihr die erste Nachricht von ihrer Errettung aus der Gewalt der Walliser brachte. Die Gelegenheit, bei der sie sich späterhin sahen, so traurig sie auch war, gewährte ihr doch in der Erinnerung Freude, denn der Jüngling hatte ein so vornehmes Benehmen, und hatte sie so warm zu trösten verstanden, daß sie ihn gern wiedergesehen hätte, um sich über die Natur seiner Krankheit selbst ein Urteil zu bilden, denn gleich andern Frauen jener Zeit war sie in der Heilkunst nicht ganz unerfahren und hatte vom Pater Aldrovand, der selbst kein unbedeutender Arzt war, aus Pflanzen und Kräutern die Heilkräfte für allerhand Krankheit zu gewinnen gelernt. So vernahm sie mit recht großer Freude, in die sich wohl auch einige Verlegenheit mischte, daß sie bei einem so jungen Kranken ärztliche Ratgeberin sein solle, die Nachricht aus Fran Gillians Munde, daß sie Lord Connetables Verwandter zu sprechen verlange. Schnell nahm sie den Schleier um, den sie, um sich in die Gebräuche des Hauses zu fügen, zu tragen pflegte, und begab sich mit eiligen Schritten in das Sprechzimmer, befahl zwar ihrer Gillian, sie zu begleiten, fand aber diesmal keine willige Dienerin in dieser sonst so treuen Seele. Als sie in das Zimmer trat, näherte sich ihr ein Mann, den sie vorher nie gesehen, ließ sich auf ein Knie nieder, und den Saum ihres Schleiers ergreifend, küßte er ihn mit dem Anschein tiefster Ehrfurcht. Erstaunt und beunruhigt trat sie zurück, obgleich der Fremde nichts an sich hatte, was Furcht rechtfertigen konnte. Er schien etwa dreißig Jahre alt zu sein, war groß, von edler, obwohl etwas verfallener Gestalt, und zeigte ein Gesicht, das die Spuren von Krankheit, wenn nicht Befriedigung frühzeitiger Leidenschaft trug. Sein Benehmen schien fast bis zum Uebermaße höflich. Evelinens Erstaunen entging ihm nicht: in stolzem Tone, doch mit innerer Bewegung sprach er: »Ich fürchte, mich geirrt zu haben, ist es mir doch, als ob mein Besuch als unwillkommene Zudringlichkeit angesehen werde.« »Steht auf, Sir,« antwortete Eveline, »und sagt mir Euren Namen und Euer Begehren. Man hatte mir einen Verwandten des Connetable von Ehester gemeldet.« »Und Ihr habt das Jüngelchen, den Damian, erwartet?« erwiderte der Fremde. »Aber die Vermählung, deren Ruf durch ganz England ertönt, wird Euch mit andern Gliedern dieses Hauses in Beziehung setzen, und unter diesen mit dem Unglücklichen – Randal de Lacy. Vielleicht,« fuhr er fort, »hat die schöne Eveline Berenger diesen Namen von den Lippen seines glücklicheren Verwandten noch nicht vernommen – glücklicher in jeder Rücksicht, aber am glücklichsten ob der herrlichen Aussichten, die sich ihm jetzt eröffnen.« Eine tiefe Verbeugung begleitete dies Kompliment, und Eveline stand da, fast außer sich vor Verlegenheit, was sie auf solche Höflichkeit erwidern sollte. Denn obgleich sie sich recht Wohl erinnerte, daß der Connetable eines Verwandten mit Namen Randal erwähnt hatte, als er von seiner Familie sprach, mit dem Bemerken, daß kein gutes Vernehmen unter ihnen herrschte, erwiderte sie jetzt doch seine Höflichkeit nur mit ein paar allgemeinen Dankworten für die Ehre seines Besuchs. In der Annahme aber, er werde sich nun entfernen, sollte sie sich doch getäuscht sehen, denn das war nicht seine Absicht. »Die Kälte,« sagte er, »mit der mich Lady, Eveline empfängt, ist mir ein Zeichen dafür, daß, was mein Verwandter auch von mir gesagt hat – wenn er mich überhaupt einer Erwähnung gewürdigt hat, nicht günstig für mich gewesen ist. Dennoch stand mein Name einst im Felde und an den Höfen so hoch wie der des Connetable. Oder ist es etwas Schimpflicheres noch, wiewohl kaum etwas anderes als größerer Schimpf gilt denn Armut, die mich jetzt hindert, auf Ehrenstellen und Ruhm Anspruch zu machen? Sind's vielleicht die Tollheiten meiner Jugend? Nun, so zahlreich sie gewesen, so habe ich dafür gebüßt mit dem Verlust meines Vermögens und meiner äußern Ehre! Hierin hätte nur mein glücklicher Verwandter, wenn es ihm gefiele, mir beistehen können – ich meine nicht, mit seiner Börse oder seinem Ansehen; denn so arm ich bin, so möchte ich doch nicht von Almosen leben, die ich aus widerstrebender Hand eines mir entfremdeten Freundes herauswinken müßte! Nein, seine Hilfe soll ihn nichts kosten, und insofern könnte ich Wohl eine Gunst von ihm erwarten.« »Darüber muß der Lord Connetable selbst urteilen,« sagte Eveline; »ich habe – bis jetzt wenigstens – kein Recht, mich in seine Familienangelegenheiten zu mischen, und wenn ich je ein solches Recht erlangen sollte, so wird es mir geziemen, mich seiner mit größter Vorsicht zu bedienen,« »Das heißt klug geantwortet,« erwiderte Randal. »Aber was ich von Euch erbitte, ist weiter nichts als, daß es Euch bei Eurer Güte belieben möchte, meinem Vetter ein Gesuch vorzutragen, wozu ich meine rauhe Zunge nicht zwingen kann, es mit hinlänglicher Unterwürfigkeit auszusprechen. Die Wucherer, deren Forderungen in meinem Vermögen wie ein Krebs um sich gefressen haben, bedrohen mich jetzt mit dem Kerker: eine Drohung, die sie nicht einmal munkeln, viel weniger auszuführen versuchen dürfen, sähen sie mich nicht als einen Ausgestoßenen an, dem aller Schutz versagt ist, als einen Vagabunden, ohne Freund und Verwandten, statt eines Abkömmlings aus dem mächtigen Hause de Lacy.« »Es sind das traurige Umstände,« erwiderte Eveline; »nur sehe ich nicht, wie ich Euch in dieser Not helfen kann.« »Sehr leicht,« sagte Randal de Lacy. »Wie ich höre, ist der Tag Eurer Verlobung festgesetzt, und Ihr habt das Recht, die Zeugen zu dieser Festlichkeit, die alle Heiligen segnen mögen, zu wählen! Jedem andern außer mir ist An- oder Abwesenheit dabei eine bloße Sache der Zeremonie; für mich bedeutet es Leben oder Tod. In meiner Lage würde ein so auffallender Beweis von Nichtachtung oder Geringschätzung, wie es meine Ausschließung von dieser Familien-Zusammenkunft wäre, als das Zeichen meiner gänzlichen Verstoßung aus dem Hause der de Lacy erscheinen. Tausende von Bluthunden werden dann ohne Gnade und Schonung über mich herfallen, die, Memmen wie sie sind, auch nicht der geringste Beweis von Rücksicht meines mächtigen Vetters gegen mich zwingen möchte, es auch nur beim Bellen zu lassen. – Doch warum soll ich durch dergleichen Reden Euch Eure Zeit rauben? – Lebt wohl, meine Dame! – Seid glücklich, und denkt nicht darum strenger von mir, weil ich auf einige Minuten Eure angenehmen Gedanken durch die aufgedrungene Schilderung meines Unglücks unterbrochen habe.« »Verweilt, Sir!« sagte Eveline, durch den Ton und die Weise des Bittstellers ergriffen, »Ihr sollt nicht sagen können, daß Ihr Evelinen Berenger Euer Leid geklagt habt, ohne all die Hilfe erlangt zu haben, die in ihrer Gewalt stand. Ich werde dem Connetable Euer Gesuch vortragen.« »Ihr müßt mehr tun, wenn Ihr wirklich mir beizustehen geneigt seid,« sagte Randal de Lacy, »Ihr müßt es zu Eurem eigenen Gesuch machen ... Ihr wißt nicht,« fuhr er fort mit festem, bedeutsamem Blicke, »wie schwer es ist, den Willen eines de Lacy zu ändern. – Ein Jährchen später werdet Ihr wahrscheinlich bessere Bekanntschaft mit der Unerschütterlichkeit unserer Entschließungen gemacht haben. Aber jetzt – was kann Euren Wünschen widerstehen, sobald Ihr sie auszusprechen geruht?« »Euer Gesuch, Sir, soll nicht aus Mangel meiner Empfehlung durch gute Worte und gute Wünsche fehlschlagen,« entgegnete Eveline; »aber Ihr dürft nicht vergessen, daß Gelingen oder Fehlschlagen einzig vom Connetable abhängt.« Randal de Lacy beurlaubte sich mit demselben Anschein tiefer Ehrerbietung, mit dem er eingetreten war; nur daß er, statt wie zuvor den Saum von Evelinens Gewand zu küssen, nun ihre Hand mit seinen Lippen berührte. Mit gemischten Empfindungen, in denen jedoch das Mitleid vorherrschte, sah sie ihn gehen, obwohl in seinen Klagen über des Connetables Unfreundlichkeit etwas Beleidigendes lag und das Geständnis seiner Torheiten mehr verwundeten Stolz als Reue auszudrücken schien. Sobald Eveline den Connetable wiedersah, erzählte sie ihm von Randals Besuch und von seiner Bitte; sie gab dabei auf seine Miene genau acht und bemerkte, daß bei der ersten Erwähnung des Namens seines Vetters Zornesglut sein Gesicht überflog. Doch unterdrückte er den Zorn bald, richtete den Blick auf den Boden, horchte genau auf den umständlichen Bericht Evelinens von diesem Besuch und auf ihre Bitte, daß Randal einer von den zu ihrem Verlöbnis eingeladenen Gästen sein möchte. Der Connetable schwieg einen Augenblick, als ob er überlegte, wie er diese Bitte abweisen sollte. Endlich antwortete er: »Ihr kennt den nicht, für den Ihr Euch verwendet, sonst würdet Ihr Eure Fürbitte unterlassen haben; ebensowenig ist Euch das volle Gewicht der Gunst selbst bekannt, aber mein verschmitzter Vetter weiß es sehr wohl, daß, wenn ich sie ihm gewähre, ich mich gleichsam noch einmal vor den Augen der Welt verpflichte – und das ist dann schon zum drittenmal, daß ich mich seiner Angelegenheiten annehme und sie so regle, daß er Mittel hat, sein gefallenes Ansehen wieder herzustellen und seine zahllosen Verirrungen wieder gut zu machen.« »Und warum nicht, Mylord?« sagte die großmütige Eveline. »Hat er sich nur durch Torheiten ins Unglück gebracht, so ist er ja jetzt in dem Alter, wo diese ihm nicht mehr Fallen legen werden. Wenn daher nur Herz und Hand gut sind, so kann er doch noch dem Hause de Lacy Ehre machen.« Der Connetable schüttelte den Kopf und sagte: »Wohl besitzt er Herz und Hand, aber Gott mag wissen, ob zum Guten oder zum Bösen. Doch nie soll es heißen, daß Ihr, meine schöne Eveline, irgend etwas von Hugo de Lacy begehrt hättet, was er nicht auf das möglichste zu erfüllen gesucht hätte. Randal soll bei unseren fiançailles zugegen sein. Zu seiner Gegenwart ist um so mehr Grund, da ich fast fürchte, wir werden die unsers werten Neffen Damian entbehren müssen, dessen Krankheit mehr zu- als abnimmt und, wie ich höre, mit sonderbaren Symptomen ungewohnter Geisteszerrüttungen und heftiger Anwandlungen, denen nie ein Jüngling weniger als er unterworfen war, verbunden sein soll. Ende des ersten Bandes.