Der Tranklsimmet. Erzählung von Maximilian Schmidt     Leipzig H. Haessel Verlag     I. Am Rande der schönen Bergwelt machen viele Halt, weil sie es vorziehen, den unaussprechlich romantischen Reiz des herrlichen Gebirgspanoramas, wenn auch in nächster Nachbarschaft, so doch immerhin in einer gewissen Entfernung auf sich wirken zu lassen. Die frischgrünen Wälder, über deren Wipfel sich die blauen Berge erheben, täuschen den Beschauer über die Entfernungen und er wähnt sich am Fuße der ausgezackten Riesenmauer, wenn er sich gleichwohl noch auf Stunden vor derselben im Vorlande befindet. Einen der beliebtesten solcher Punkte, wir möchten sagen, den Schlußpunkt des Landes vor den Bergen, bildet der freundliche, ob der Heilkraft seiner Jodquellen in dem nahen Bad Krankenheil vielbesuchte Markt Tölz, am Eingange in das zauberisch schöne Hochgebirge an der blaugrünen Isar, dem herrlichen Bergstrom, gelegen. Sehnsuchtsvoll blicken viele nach dem einstigen Eldorado des Braunbieres hinauf und kommen immer wieder, sobald die Alpen und Triften grünen und sich mit der sonnigen Jahreszeit auch die Wanderlust wieder regt. Gehört doch der Anblick von dem nahen Kalvarienberge hinab in das zu seinen Füßen ausgebreitete Isarthal zu den vollendetsten 210 und schönsten Landschaftsbildern, welche irgendwo aufgefunden werden können. Der grüne Blomberg, die Benediktenwand mit dem schneeigen Kirchstein, gerade aus der Juifen, dann ein gewaltiges Stück vom Karwendel und Wetterstein, die Gebirge um den Walchensee, der Wendelstein und noch viele andere Spitzen und Höhen der bayerischen und Tiroleralpen machen diesen Punkt zu einer der schönsten Bergansichten in den Voralpen. Diese ist geradezu zauberhaft, wenn ein weiches, warmes Abendrot die dunklen Berge umflort, und das zwischen weißen Kiesinseln lichtblau dahinströmende Wasser der Isar und der sie begleitenden Weidenauen so eigentümliche Bilder zusammenstellt, wie von solcher Grellheit der Farben kein anderer Kalkalpenstrom es vermag. Und doch lag ein Mann vor der mit Ketten umgebenen, alten Leonhardskapelle zunächst der Kirche am Kalvarienberg, auf welchen der Zauber, den die untergehende Sonne auf die großartige Landschaft ausgoß, keinerlei Eindruck machte. Es war ein junger Bursche in der kleidsamen Uniform der bayerischen Chevaulegers; ein Päckchen mit wenigen Habseligkeiten lag neben ihm. Er hatte einen dunkelblonden Krauskopf, blaue Augen, ein gesund gerötetes, von der Sonne verbranntes Gesicht, und seine Oberlippen zierte ein kleines, blondes Schnurrbärtchen. Seine Dienstzeit war vorüber; er wurde mit ständigem Urlaub in seine Heimat entlassen. Aber nicht, wie es bei andern der Fall, trat er diese Heimreise mit freudigen Gefühlen an, und als er jetzt sein Ziel, das am linken Ufer der Isar hochgelegene Wackersberg erblickte, hemmte er plötzlich seine Schritte, warf sich auf dem Kalvarienberg, über den ihn der Fußweg führte, neben der 211 Leonhardskirche ins Gras nieder und sammelte angesichts seines Heimatdörfchens nochmals seine Gedanken. Diese waren keine fröhlichen, doch beschäftigten sie den jungen Krieger so sehr, daß er es gar nicht bemerkt hatte, wie sich von der andern Seite ein Mann der Kapelle näherte, um vor der Kirchenthüre einige Vaterunser zum heiligen Leonhard zu beten. Es war der Tranklsimmet von dem eine halbe Stunde von Tölz entfernten Ellbach, früher Schäfer, jetzt ein Vieh- und Leutpfuscher, der sich des allgemeinen Vertrauens des Bauernvolkes weit und breit erfreute und teils mit selbstbereiteten Kräutertränken und Pulvern, teils mit Sympathie und geheimen Mitteln für alle und jede Krankheit bei Mensch und Vieh mit mehr oder weniger oder gar keinem Erfolge zu helfen verstand. Der Tranklsimmet war ein sehr origineller und aufopfernder Geselle. Man denke sich einen langen, hageren Mann, auf dem kurzgeschorenen grauen Kopfe eine große Tuchmütze, deren Form nur bildlich getreu wiederzugeben, vorne mit Knopf und Quaste versehen, welche auf den großen, eckigen Schirm herabfiel, der ein mit hohen Backenknochen versehenes, ältliches, schlecht rasiertes Gesicht mit grauen Augen, spitzer Nase, und in der Regel fest geschlossenen, dünnen Lippen, beschattete. Er trug einen langen grünen Tuchrock mit stehendem Kragen, ein schwarzes Halstuch, über welchem der weiße Hemdkragen sichtbar war, eine farbige alte Samtweste mit runden Bleiknöpfen, eine lange, dunkle Tuchhose und Schnürschuhe. Ueber die Schulter hatte er an einem ledernen Riemen eine alte Ledertasche hängen, in welcher sich Verbandgegenstände, mehrere mit Trank gefüllte Gläser und andere Arzneien befanden. 212 Dieser Mann kam mit langen Schritten und den gebogenen Haselnußstock fest auf den Boden setzend, zur Kapelle, betete einige Vaterunser und war soeben im Begriff, seinen Heimweg anzutreten, als er des Soldaten ansichtig wurde. »Ja, was sehg i – Sieberer Hansl, du bist wieder da? Grüaß di Gott in da Hoamet!« rief er aus. »Grüaß di Gott aa,« entgegnete Hansl. »Mei' Dienstzeit is um und so probiern ma's halt wieder dahoamt.« »No', dei' Vata woaß koa' Wörtl davon, daß du heunt kimmst. Was magst di denn da verhalten? Gelt, es g'falln da halt wieder die Berg und 's Wasser? Ja, ja, leicht, daß 's schöner is, als in da Kasern.« »I bin lauter müad,« erwiderte der Bursche, »und 's is Soldatenbrauch, daß ma kurz vorm Ziel no'mal ausrast, um rüsti an Ort und Stell z' kemma.« »Ja, ja,« versetzte Simmet. »Und nacha moan i alleweil, es pressiert dir überhaupts nit recht auf hoam.« »Dessell kann aa sei',« meinte Hansl kurz und verdrossen. Der Tranklsimmet sah den Burschen eine Weile schweigend an, dann sagte er in vertraulichem Tone: »I thaat dir gern helfen, Hansl, wenn's d' a Vertrauen zu mir hätt'st.« Der junge Mann erhob sich jetzt vom Boden und erwiderte lächelnd: »Für mei' Kranket hast du nix in dein' Ranzen da drin.« »Dessell kann ma nit wissen,« schmunzelte der Quacksalber. »In dem Ranzen da is viel drin für Leut und Vieh, und dahoam hon i aa no' manch Stückl. Und sag, 213 hat dir der Seg'n geg'n alle G'schoß, den i dir mitgebn hab', eh's d' furt bist zum Militär, an' Schaden bracht? Wia, red! Hast denn gar koa' Vertraun zu mir? I werd dir's erzähl'n, daß d' siehgst, daß i alles woaß. Wia dei' Muatta – es war a brav's Leut! Gott tröst ihre arme Seel! – g'storben is gwest, hat si dei' Vata nimmer viel um di ang'numma, er is alleweil auswärts gwen auf alle Schiaßets weit und breit und hat di, a jungs Bürschl, alloa' auf 'n Hof hampern lassen.« »No', i denk, i hon auf d' Sach g'schaut,« versetzte Hansl, »und nix hat si g'feit, bis i mi einig'spielt hon zum Militari.« »Ja, ja, dös Einrucka hat di z'keilt!« versetzte Simmet; »'s war freili nit recht von dein' reichen Vatern, daß er dir koan Ersatzmann g'stellt hat.« »O, bewahr Gott! Grad dös war recht!« fiel der Soldat ein, »und i dank eam dafür mei' Lebta, denn so waar i a g'scheerta Bauernbua blieb'n nach wie vor, müaßt mi am Leonharditag von mein' Roß hintragn lassen, wohin dös will, derentgegen iatzt i mein' Will'n durchsetzen kann; i kann reiten und 's Pferd warten, kann schiaß'n und hon viel g'lernt, was ma fürs Leben nützli und von Vorteil is. G'wiß schad'ts nit, daß iatz koa' Ersatzleut mehr angnomma wern und a jeder sein' Mann stell'n muaß, und fredi sollt' a jeder stolz drauf sein, wenn er si rechtschaffen stell'n kann.« »Ja, ja,« pflichtete der Quacksalber bei, »dessell moan i aa! Aber, um wieder auf di z' kemma, so hast dir halt denkt, wenn die Zeit um is, gehst hoam und weil dei' Vata scho' in die Jahr is, so wird's nit lang dauern, daß er dir 'n Hof übergiebt und daß d' dös Dirndl 214 hoamführn kannst, dös dir's scho' lang antho' hat, 's Urtzenkaspar Nannei von Arzbach.« »Wie woaßt denn du dös?« fragte der Soldat mit großen Augen. »Mei' kloana Finga hat ma's g'sagt,« lachte der Alte; »der erzählt ma' allerhand, von dem andere nix wissen.« Hansl errötete flüchtig. »No', ja, so hon i mir denkt,« bekannte er dann offenherzig, »dö und koa' andere hon i im Sinn.« »Dierweilen hat's a si g'schickt, daß da Urtzenkaspar, der nur an' arma Flößer war, g'storb'n is und sei' Wittib, 'n Nannei sei' Muatta, die no' guat g'stellt is, 'n Sieberer, dein Vatan, g'angelt hat,« fuhr der Quacksalber fort, »und – außa meina woaß's no' neamd, nit amal 's Nannei, daß 's damit umgenga, a Paar z'wern. So is's mit der Hofübergab nix und 's Nannei wird halt dei' Stiefschwester –« »Alle Teufel!« rief Hansl in einem plötzlichen Anfall von Wut. »I hon mit 'n Nannei schon alles ausg'macht, daß i's als Bäuerin auf'n Hof bring, sobal mei' Militärzeit aus is. Und da Vata hat mir's versprocha, daß er mir übergiebt. D' Leut wern mi auslacha. Die G'schicht macht mi ganz damisch, und drum hast mi da rasten sehgn, weil i mi scheu, mein' Vatan unter d' Augen z' treten. I hon fredi grad nachdenkt, ob's nit gscheita waar, wieder umz'kehrn zu mein' Regiment, denn mir schwant, daß's nit guat ausgeht. Ueberhaupts, i vermag's gar nit z' denk'n, daß mei' Vata in seine alten Tag no' a selle 215 Dummheit macht und heirat! I wer mir koa' Blatt fürs Maul nehma, kimm i hoam.« »Geh nit z' gaach ins Feuer,« sagte der Tranklsimmet beschwichtigend. »Schau Hansl, i hon di von jeher gern g'habt und 's Nannei nit weniger. Bin ja schier alle Tag, so lang ihr Vata krank gwen is, in ihra Häusl kemma und hon g'holfen, so viel z' helfen war, aber halt für'n Tod hat neamd a Kräutl, aa da Tranklsimmet nit.« »Hätt'st ebba gar a Zaubamittel, dös d' Lieb vertreibt?« fragte Hans. »Woaßt, i hon grad koan schlechten Glaubn an dein' Trank, du verstehst di guat aufs Vieh und unser Veterinär beim Regiment hat oft aa nit besser kuriert, wie du –« »Siehgst es, siehgst es?« unterbrach ihn der Quacksalber mit leuchtenden Augen. »Sag dös ja nur die Leut im ganzen Isarwinkl, dir wern sie 's glauben. I woaß, was i woaß, und was 's Vieh anbelangt, laß i mi finden – aber aa bei die Leut stell i mein' Mann. Hansl, i helf dir – i richts, daß dei' Vata von der Urtzerin ablaßt; no' kann i nit sagn, wie, aber in etli Tag sollst es hör'n. Du sollst dei' Nannei krieg'n.« »Dös wenn's d' kaannst!« rief Hans, »nacha solltest –« »Ghoaß ma nix,« unterbrach ihn der Quacksalber, »i will nix im voraus, und schenkst ma hintnach ebbs, so is 's dei' freia Will'n. Geh hoam iatz, sei freundli mit dein' Vata und suach dei' Nannei auf – ob'n is's als Sennerin auf da Zwieselalm. Juchezts nur mit anand, daß 's a Freud is, ös werds koa' Gschwistert, da Tranklsimmet 216 macht scho' a Paarl aus enk, dazua geb der heili Leonhardi sein' Segn. Amen.« Der Quacksalber reichte dem jungen Manne die Hand und entfernte sich rasch. Hans blickte ihm lange nach, ein neuer Hoffnungsstrahl belebte ihn. »Gott gieb's, daß d' wahr redst!« rief er ihm nach. Die Sonne war untergegangen. Ein feuriges Abendlicht lag über dem Flachland draußen, die Berge standen bereits in dunklem Schatten und einzelne Sterne stiegen funkelnd über ihnen auf. Die Luft war ruhig, man hörte nichts als die rauschenden Fluten der Isar. Jetzt hallte ein froher Juhschrei vom Zwieselberg herunter, aus der Richtung, wo Nanneis Almhütte stand. Sollte dies unbewußt ihr Willkommgruß sein? Hansl besann sich nicht lange und schickte ein kräftiges »Juhu!« hinauf zu den tannendunklen Bergen. »'s Nannei is durt obn?« fragte er für sich. »Hätt i dös ehnda gwußt, waar i nit da liegn bliebn, i waar auffi zu ihr. Mei', sie woaß 's no' nit, daß ihra Muatta an a Heirat mit mein' Vatern denkt. Woher 's nur der Simmet woaß? I machet 'n Nannei gern no' an' Hoa'gast, wenn's aa scho' Nacht is – aber na', i möcht's nit ins G'red bringa; morgn in aller Fruah is's mei' erster Gang. Jatz aber hoamzua zum Vata, 's vierte Gebot in Ehrn, aber 's Nannei muaß dengerst dö mei' wern, geht's, wie da will!« 217 II. Der Sieberer Bauer von Wackersberg saß auf der Gred seines stolzen Hofes, dessen Haupteingang mit der Front nach Osten gekehrt war, gleich als sollte die Thüröffnung den Weckruf der Morgensonne zur Arbeit aufnehmen. Das aus Holzbalken zusammengefügte Haus mit einem unteren und oberen Gaden (Stockwerk), um welch letzteren sich rings eine Galerie, die sogenannte Laaben, zog, war auf drei Seiten mit Lehm beworfen und schön geweißt, während die westliche Sturmseite, woselbst sich zunächst der Stall und die Wirtschaftsräume befanden, ein von Scharschindeln gefügter Wettermantel schirmte. Die Fenster waren mit Butzenscheiben verglast und von der Laabe hingen üppige Hängnelkenstöcke und Kapuzinerblüten herab. Das im flachen Winkel über dem Haus gezimmerte, mit großen Steinen beschwerte Legschindeldach ruhte mit seinen Flügeln über dem Heim, wie die Bruthenne über ihrem Neste, und oben am Firste thronte das Glockentürmchen, das sogenannte Singossel, mit welcher Hausglocke auf den Einödhöfen die Gebetstunden des Tages angezeigt und das Gesinde vom Felde zu den Mahlzeiten gerufen wird. An der linken Seite des Hauses befand sich der große Obstgarten und unter der terrassenförmigen Gred lag ein kleines Blumengärtchen und eine sonst üppig grüne, jetzt aber mit Herbstzeitlosen übersäete Wiese, die 218 sogenannte Point, welche sich bis zur Thalsohle der Isar hinabzog, hie und da bestockt mit prächtigen Eichen und Linden von einem Umfange, wie sie anderswo selten vorkommen dürften. Die Blätter färbten sich bereits, aber es wehte trotz des Septembers noch eine warme, sommerliche Luft, welche die Landleute einlud, den Feierabend auf der Gredbank hinzubringen, wo die älteren Männer ihre Pfeifen rauchten und die Mädchen, den Strickstrumpf in der Hand, sich von den zum Hoagast gekommenen Burschen unterhalten und dazwischen auch auf der Mundharmonika ein Stückchen vorspielen ließen, oder mit ihnen um die Wette sangen, daß es weit hinaus hallte in das schöne Isarthal. So hörte man auch heute von allen Höfen fröhliche Laute, da ein Mädchenduett, dort Zither- und Harmonikaklänge; nur auf dem Sieberer Hofe ging es ruhig zu. Da saß der Bauer mutterseelenallein und blies den Tabaksqualm in die Abendluft hinaus; aber er machte ein gar zufriedenes Gesicht, der einsame Bauer, die grüne Schlegelkappe auf dem Kopfe, mit den dunklen, nur mit Grau untermischten, noch üppigen Haaren, mit dem gesund geröteten, runden Gesicht, gekleidet in Samtjacke, Kniehösln und Wadenstrümpfe mit Schnürschuhen. Der Sieberer war ein Mann Ende der Fünfziger, aber er fühlte sich noch jung und frisch, kein Bursche that es ihm im Schuhplatteln nach, keiner brachte ihn im Schnadahüpflkampf zum Schweigen, und die vielen bemalten Ehrenscheiben zu beiden Seiten der Thüre zeigten, daß er auch auf dem Scheibenstande seinen Mann stellte. Er war mit einem Worte ein alter Jüngling, und hätte ihn nicht hin und 219 wieder ein verdächtiges Reißen in den Füßen daran gemahnt, daß er große Strapazen nicht mehr ungestraft vollbringen dürfe, er hätte ganz auf seinen Fünfziger vergessen. Des Sieberers Vorfahren hatten in der Sendlinger Bauernschlacht und später im Kampfe gegen die Trenkschen Panduren Gut und Blut verloren, und der jetzige Besitzer des Hofes hatte im Jahre 1849 als bayerischer Jäger in Schleswig-Holstein die Feuertaufe erhalten. Die Erinnerung daran war der Stolz seines ganzen Lebens, er trug die Denkmünze mit dem rot und grünen Bändchen stets im Knopfloch seiner Joppe oder seines Rockes und er fühlte sich würdig seiner tapferen Urahnen. Den Scheibenstutzen führte er meisterlich, aber ebenso den Maßkrug, und that er sich nicht absichtlich einen Fasttag auf, so konnte man den Sieberer sehr häufig wackelnd und sehr begeistigt vom berühmten Tölzer Bier nach Hause kommen sehen. Er fürchtete sich vor nichts auf der Welt als vor dem Kranksein. Das Leben dünkte ihm »so viel fidei und schö',« daß er sich ein ewiges Leben auf dieser Erde wünschte. Die leiseste Ahnung einer Krankheit versetzte ihn in eine fast kindische Angst. Glücklicherweise blieb eine solche bis auf das verdächtige Reißen in den Füßen von ihm ferne. »Hechtengesund« wollte er schon deshalb sein, weil sein altes junges Witwerherz in jüngster Zeit Feuer gefangen, dessen Brandstifterin die Urtzenkasparin, die schöne Flößerswitwe von Arzberg war. Das unerwartete Ereignis nahm erst vor kurzem einen Anfang. Zu Jakobi verließ des Sieberers langjährige Sennerin den Dienst, um sich im Flachlande zu verheiraten. Die Urtzenkasparin kam deshalb zum Sieberer und bot ihm 220 ihre neunzehnjährjge Tochter als Sennerin an, da sie in dieser Eigenschaft schon einige Jahre gedient. Die Urtzenkasparin war einst ein bildsauberes Mädchen gewesen und der Sieberer hatte als junger Bursche mit keiner so gern getanzt, als mit ihr, sie hatte es verstanden, mit ihm zu singen und zu jodeln, daß alles seine Freude daran hatte, und es soll auch zwischen beiden eine kleine Herzensneigung bestanden haben, welche indes durch den Standesunterschied und die Verhältnisse unterdrückt werden mußte. Daß des Sieberers Sohn mit ihrer Tochter ein zärtliches Verhältnis unterhielt, das ahnten beide nicht, als sie sich etwas zärtlicher, als es notwendig war, in die Augen schauten und die Erinnerung an die Jugendzeit ihre Herzen rührte. »Dös oa'spanni Lebn gfreut mi scho' lang nimmer,« sagte der Bauer im Verlaufe der Unterredung, »wie moanst, Urtzerin, spann ma z'samm? Aaf a etli fünfazwanzg Jahrln trag i no' an, daß i 's Lebn hon. I bin ja hechtengsund und allweil munter. Und also, magst no' mei' Bäuerin wern?« Die Urtzenkasparin errötete, besann sich aber nicht lange hin und her, aus einer Häuslerin eine vermögliche Bäurin zu werden, und – schlug ein. Das schwarzäugige Nannei aber stieg als Sennerin zur Zwieselalm und versah ihren Dienst mit Freude und Eifer. Inzwischen war das geheim gehaltene Verhältnis zwischen ihrer Mutter und ihrem Dienstherrn so weit gediehen, daß der Tag des Stuhlfestes bereits angesetzt war. Die beiden Alten träumten nur von ihrem baldigen Glücke, und auch jetzt stellte sich der Bauer wieder alles so schön 221 vor, wenn wieder eine Bäuerin neben ihm auf der Gred sitzen und ihm die Zeit verkürzen würde, wenn er mit ihr sein Lieblingslied singen, ihr mit Stolz seine Preistücher von der Schießstätte heimbringen könne, wenn sie ihm dann freudig entgegeneilen werde, ein nettes Kind auf den Armen, ein kleines schwarzäugiges Mädl, oder gar einen Buben, einen sakrischen Buben – »Vata, grüaß Gott!« Mit diesem Gruße wurde er aus seinen Träumen geweckt und vor ihm stand der Chevauleger, sein Hansl, auf den er ganz vergessen hatte. »Ja, Hansl, grüaß di Gott!« rief der Bauer, und sprang von seinem Sitze auf, dem Sohne die Hand reichend. »Du kimmst ja ganz unversehens. Kimm nur glei eina in d' Stub'n; na' schau, dös gfreut mi! Kimm nur eina!« Er ging dem Sohne voran in die Stube, in welcher schon lange die Lampe brannte und die Wirtschafterin, die alte Traudl, einen Strickstrumpf in der Hand, auf der Bank eingeschlummert war. Beim Eintritte der Männer erwachte die alte Matrone und bewillkommte mit sichtlicher Freude den ankommenden Sohn des Hauses. »Bleibst aaf länger da?« fragte ihn der Sieberer. »Aaf ganz,« lautete die Antwort. »Mei' Rittmeister hat mi scho' vor der Zeit in ständigen Urlaub lassen, weil i mi halt so guat aufg'führt hon.« »Der Teixl soll die guat Aufführung holn!« meinte der Bauer für sich. Er hatte nicht gehofft, den Sohn vor der Hochzeit zu Hause zu sehen, aber so unangenehm ihm dies auch war, wollte er den Ankommenden doch nichts merken lassen. »Traudl,« sagte er, »bring 'n Hansl a Stückl Gselchts und a Flaschen Bier; er wird hungri und dursti sei'.« 222 »Es is mir grad nit drum z' thuan,« versetzte Hansl; »sag mir vor alln, wie steht's z' Haus?« »Moanst, mit mir, oder mit'n Vieh und da Wirtschaft?« »No', daß 's dir guat geht, dös siehg i mit Freuden. Is aber aa natürli; waar nit aus, wenn ma' an' Hochzeiter nit d' Freud vom G'sicht awalesen kaannt.« Der ältere Sieberer konnte den spöttischen Blick des jüngeren nicht aushalten, und verlegen sagte er: »Ah so – ah so moanst? – Du woaßt es scho'? – Magst dir koa' Pfeiferl stopfen? I hon an' kaiserlichen, an' guaten, so was habt's im Land draus nit.« »Bin scho' dabei,« antwortete der Bursche, »aber alles nachanand; z'erst essen, und nacha raucha und trinka. Wie geht's denn da roten Stuaten?« »Dera geht's guat, hat an' Prachthei'ßen kriegt, da wirst schaugn! Und obn auf der Alm feit si aa nix, sitta die neu Sennerin obn is, 's Urtzerkasparn Nannei.« »'s Urtzer Nannei?« fragte Hans, sich überrascht stellend, »dei' zuakünftige Stiaftochta und mei' Schwesta?« »Dö wird di mit ihra Schwesterschaft nit viel scheniern. Woaßt, sie geht, so bald 's von der Alm z'ruck is, aaf Wean in an' Deanst, da bleibt's nacha, bis's amal ihren Stand ändert (heiratet). Und daß d' nacha aa glei woaßt, wie r i's im Sinn hon, so hon i mir die Sach so zammdividiert: Du sollst z'weg'n meiner Heiraterei koan bsundern Nachteil hab'n. So a fünf Jahrl möcht i no' auf'n Hof regier'n. Du kannst no' so lang warten, bis i dir übergieb. Was moanst?« »Ja no', Vata, i muaß nach dein' Willn thoa'; liaba 223 waar mir freili, weilst mir 's halt versprochen hast – aber über dös laßt si no' red'n. Da kimmt d' Traudl mit 'n Essen. I mach mi glei drüber und nacha möcht i ins Bett. I bin müad und schläfri.« »I richt scho' all's her in deina Kammer obn,« sagte Traudl; »bis d' gessen hast, bin i scho' firti. Gsegn dir's Gott, Hansl, und morgn in da Früah mach i dir scho' a extrige Kaffeesuppen und back dir z' Mittag weiße Topfanudel; i laß dir nix abgeh'n.« »Dös woaß i scho',« entgegnete Hansl lachend, »und i laß mir alles gern gfalln.« Der Vater war froh, als Hans, sobald er seinen Imbiß eingenommen, aufstand, um sein Schlafgemach aufzusuchen. Es kam zu keinem herzlichen Worte zwischen beiden, während sie sonst, sozusagen, ein Herz und ein Sinn waren. »I werd mi ge morgn in aller Fruah nach 'n Almvieh umschaugn,« sagte Hans. »Für iatz guat Nacht, Vata!« »Schlaf gsund,« entgegnete dieser, »und laß dir's dahoamt gfalln!« Die alte Traudl harrte schon des jungen Burschen, und als er in die Kammer eingetreten und die Thür hinter sich zugemacht, nahm sie ihn bei der Hand und sagte leise, aber dringend zu ihm: »Hansl, du därfst es nit leiden, daß dei' Vata die Dummheit macht und no' a Bäurin aaf'n Hof bringt.« »Was kann i dagegn machen?« fragte Hans. »Daß 's mir nit paßt, dessell kannst dir leicht denken, und mi werd's nimmer lang da sehgn.« »I hon no' allweil aaf di g'hofft,« sagte Traudl, 224 »drum hon i dir aa Botschaft thoa' lassen, du sollst kemma, so gschwind als mögli. Woaßt, fei' muaß ma's angeh'n, nacha kaants ja sei', daß ma'n Siebererhof dös Unglück ersparet, daß da oagne Suhn furt sollt und a neue Hoamet suachn – na', na', dös därf nit sei'! Da heili Geist wird uns scho' was einfalln lassen, ebbas Guts. Und iatz ruahsame Nacht! I bet scho' für dei' Glück.« »Guat Nacht, Traudl!« sagte der Bursche, ihr die Hand reichend. »Wenn ma's no' verhindern wolln, hoaßt's aber rasch zuagreifen, denn übermorgn is's Stuhlfest und am Sunnta solln's verkünd't wern. Leicht fallt ma im Schlaf was ein! So viel is g'wiß, morgn in aller Fruah steig i aaf d' Alm zum Nannei.« »Zu deina künftigen Stiafschwesta?« fragte die Alte im gereizten Ton. »Na', zu mein' Schatz!« entgegnete der Bursche trocken. »Heilige Muatta Gottes!« rief die Alte, vor Verwunderung die Hände zusammenschlagend, »'s Nannei is dei' Dirndl?« »Ja, und wird mei' Wei', so wahr i da Sieberer Hans bin,« beteuerte dieser feierlich. »Geb 's Gott, daß alles guat abgeht,« sagte die Alte, »aber i glaub's nit! Sinn auf koa' G'waltthat, Hansl, denk an dei' brave Muatta seli und bet dazua, daß 's alles no' zum Guaten richt, und somit no'mal a recht a ruahsame Nacht!« 225 III. Die Zwieselalm liegt in einer Höhe von mehr als viertausend Fuß und war eine der besten Wackersberger Sennereien und alleiniges Eigentum des Siebererbauern, dessen Viehstand als einer der bedeutendsten im Isarwinkel galt. Nannei war die Regentin dort oben, und das schöne, kerngesunde, lebensfrische, schwarzäugige Dirndl mit dem runden, vollen Gesichte, dem zopfumwundenen, dunklen Kopfe und der prächtigen, großen Gestalt fühlte sich ganz glücklich in seiner neuen Stellung; ihr frohes Gejodel vermischte sich oft mit dem hellen Glockengeläute des Almviehes und drang über die Waldberge hin zu der majestätischen Benediktenwand und hinab in das schöne Thal der Isar, deren rasch dahinströmenden Fluten sie Grüße auftrug für ihren Buam, den Hansl, draußen in der Münkererstadt. Für sein Eigentum sorgte sie da heroben und keine Mühe und Anstrengung war ihr deshalb zu viel. Noch hatte sie es ihm nicht mitteilen können, da ihr Liebesverhältnis ja das größte Geheimnis bleiben sollte. Es hatte im Frühjahr, während Hans das letzte Mal in Urlaub gewesen, seinen Anfang genommen, als beide eines Sonntags vom Kirchengang heimkehrten, die Wiesen zu grünen begannen und die Schlüsselblümlein aus Millionen Kelchen ihren süßen Duft ausströmten. Mit einem solchen Blümlein schloß sich Hans das Herz des schönen Mädchens 226 auf, es bedurfte nicht vieler Worte, er gab ihr den Strauß, sie steckte ihn errötend ins Mieder, dann drückte er ihr die Hand und sagte: »Dirndl, i hon di gern!« Die Antwort hieß: »Mei' liawa Bua!« und die Lerche jubilierte hoch in den Lüften über das lautere Glück zweier junger Leute. An Hans dachte sie nun freilich ohne Unterlaß, auf ihn hoffte sie, und nichts in der Welt hätte es vermocht, sie von ihm abwendig zu machen. Niemand hatte sie auch nur eine Silbe von ihrem Geheimnisse enthüllt, doch dem Tranklsimmet gegenüber, zu dem sie großes Vertrauen hatte, und der sie öfters auf ihrer Alm besuchte, verriet sie sich, ohne daß sie es wollte, und dem alten Schlaukopf genügte des Mädchens Verlegenheit und sein Erröten, um in der Sache klar zu sehen. Noch ahnte Nannei nicht, in welche Beziehung ihre Mutter zu dem Vater ihres Geliebten getreten. Auch das ward ja sorgsam geheim gehalten, nur die alte Traudl kam zufällig dahinter, weil sie eine Unterredung der beiden alten Liebesleute erlauschte, worauf sie nichts Eiligeres zu thun hatte, als den Tranklsimmet um Rat zu fragen, wie sie diese Neuigkeit dem Hansl mitteilen könne. Dieser schickte in ihrem Namen sodann einen Brief an den Soldaten ab, worauf dieser von seinem Rittmeister sofort beurlaubt wurde. Nach einer schlaflosen Nacht, lange vor Sonnenaufgang, war Hans heute schon auf dem Wege nach der Alm zu seinem Dirndl. Er hatte die Uniform mit der grauen Joppe, den Kniehösln und Wadenstrümpfen vertauscht. Das grüne Hütl mit dem Spielhahnstoß saß keck auf seinem 227 Krauskopf. Den Bergstock setzte er sicher und fest ein, als er längs eines im steinigen Bett herabstürzenden Gebirgsbachs rüstig bergauf schritt. Kalte Morgenluft strömte aus den Klüften und dem tiefeingeschnittenen Rinnsal der Bergwasser. Die Blätter der Buchen und Eschen bewegte der leichte Morgenwind; Gräser und Pflanzen waren naß vom Thau. Oft bot sich eine Aussicht ins Flachland hinaus oder über tannendunkle Waldberge zu den felsigen Spitzen und Graten des Hochgebirges, über welchem erst rosige Wölkchen zogen und dann ein weiß rötliches Licht sich ausbreitete, das die Schatten von den Höhen rasch herabdrängte und sich bald auch über die waldigen Vorberge ergoß und sie im dunkelvioletten Dufte erscheinen ließ. Von den Ortschaften im Thale hörte man das Läuten zum Morgen-Ave Maria. Im Osten aber stieg der majestätische Sonnenball herauf. Mit andachtsvollem Herzen begrüßte Nannei das Himmelsgestirn und betete ihr Morgengebet. Sie war damit noch nicht ganz zu Ende, als ein Juhschrei ertönte, ein bekannter Laut. Rasch eilte sie an den Felsenvorsprung vor ihrer Hütte und mit einem glückseligen Juhu! grüßte sie dem Ankommenden entgegen. Sie hatte ihn sofort erkannt: es war Hansl, ihr Bua. Wenige Augenblicke später hatten sie sich herzhaft die Hand gedrückt und da der Hüatabua grad nicht anwesend war, einen noch herzhafteren Kuß gegeben. »So ham dernthalb dö Berg so schö' g'leucht' und is d' Sunn so prächti auffag'stiegn, weil's a rechta Freudentag für mi wern sollt? Du kimmst scho' z'ruck, Hansl? Wem hon i dös z' danken?« rief Nannei überselig. 228 »'n Krieg hast es z' danken, der mi hoamführt, Nannei!« erwiderte Haus, dem Mädchen treuherzig in die feuchten Augen schauend. »'n Krieg?« fragte Nannei erschrocken. »Wird's do nit wieder Krieg geb'n?« »Mit die Franzosen nit, aber mit mein' Vatan,« entgegnete Hans, »mit dem giebt's oan und – mit deina Muatta.« Und er erzählte dem überraschten Mädchen, welche Gefahr ihrer Vereinigung drohe. Nannei hatte von alledem noch keine Ahnung gehabt. Aber sie kannte ihre Mutter und wußte, daß diese alles durchzuführen vermochte, was sie sich einmal in den Kopf gesetzt. Hans teilte ihr nun mit, daß er seine Hoffnung auf den Tranklsimmet setze und daß dieser sich auch schon bereit erklärt habe, ihm zu helfen. Aber Nannei fühlte jetzt ihr Herz beschwert, heiße Thränen liefen ihr über die runden Wangen herab, und manch tiefer Seufzer entrang sich ihrer wallenden Brust. Hansl sprach ihr Mut zu und die Zither zur Hand nehmend, sang er, sich damit begleitend: »Und wann i da b'schaffa bin, So, wie's ma' schwant (ahnt), So wern ma' halt do no' A Paar mitanand. Du herzig schön's Dirndl, Wie stellst es denn an, Daß die Liab aus deine Aeugln So gruselen kann?« Nannei war mit Hansls Gsangln und Jodlern bald 229 wieder heiter gesungen, und nachdem sie ihm einen guten Almkaffee gemacht, der ihm in der erquickenden Gebirgsluft da oben an der Seite seines Mädchens nun doppelt mundete, trat er den Rückweg an, um ohne Verzug den Quacksalber in Ellbach aufzusuchen. Es ward ausgemacht, daß Nannei am morgigen Sonntag zu Thal steigen sollte, wo sie das Nähere erfahren würde, denn da schon am Montag das Stuhlfest der beiderseitigen Eltern angesetzt war und so die Sache offenkundig werden mußte, so war eine Hilfe überhaupt nur am morgigen Tage noch möglich. Und als das Mädchen wieder zu weinen begann, tröstete sie Hans mit den Worten: »Nit mit G'walt soll die Sach vereitelt wern, sundern im Guaten, verlaß di auf mi. Schnauf no' koa' Wörtl von unserer Liab zu deina Muatta, wie r aa mei' Vata nix woaß, und an' Juchaza drauf, du wirst bald die Mei'!« Dieses feste Vertrauen des Burschen ermunterte auch Nannei wieder und sie sandte dem Absteigenden einen herzinnigen Abschiedsgruß nach, der von beiden Seiten sich noch oftmals wiederholte. Dann aber eilte die Sennerin zu ihrem Hausaltärchen und empfahl ihr und Hansels Geschick der Pandurenmuttergottes in Wackersberg. Der junge Sieberer aber begab sich auf dem nächsten Wege nach Ellbach zu dem stets dienstbereiten Quacksalber, dem Tranklsimmet. 230 IV. Der Tranklsimmet hatte seit seiner gestrigen Unterredung mit dem Chevauleger all seinen Witz zusammengenommen, um dem jungen Liebespaare zu helfen, dem alten aber einen Schabernack zu spielen, und sein selbstgefälliges Lächeln zeigte, daß ihm in der That etwas eingefallen war. Was er sich in der Nacht zusammenstudiert, spann er auf seinen mit Sonnenaufgang begonnenen Krankengängen weiter aus, und er rieb sich öfters vergnügt die Hände, denn was er dachte, schien ihm gut zu sein. Dazwischen ordnete er für ein Pferd, das auf der Weide gestürzt und sich aufgeschlagen, einen Ueberschlag und Verband an, verordnete für eine Kuh, die nicht mehr fressen wollte, ein Trankei, oder machte bei einem kranken, gichtbehafteten Bäuerlein seinen Hokuspokus. Das frühere Universalmittel des Landvolkes gegen Krankheiten war der Aderlaß und das Schröpfen; da jedoch diese Mittel nur durch den Bartscheerer oder Bader vollzogen werden durften, und Schmied, Schäfer und Schinder jeder Zeit mehr im Vertrauen standen, als die wirklichen Fachleute, so zog man die Kur dieser letzteren vor. Es ist aber nicht jedermanns Sache, die geheimen Kräfte der Natur auszuforschen. Solch ein bevorzugter Mensch ist gewöhnlich nur der Abdecker, an ihn lehnt sich noch der Hirte, der Schmied und hier und dort eine hochbetagte Ahne (die Halterin). Diese können helfen, wenn sie nur 231 wollen, was sich von dem Bader und dem Arzte wohl nicht erwarten läßt, denn vor der patentierten Wissenschaft an und für sich hat das Volk wenig Respekt. Verschreibt der »g'studierte Dokta« nur ganz geringe Dosen von Medikamenten, so ist er vollends nicht der richtige Mann. Die Arznei muß reichlich zugeführt werden, soll sie etwas wirken; am besten aber ist jedenfalls das Zauberhafte, Geheimnisvolle an gewissen Tagen Zubereitete, worüber der Arzt nicht verfügt. Nur was mit geheimen, dunklen Kräften im Zusammenhang steht, das flößt Achtung ein, und was die Hauptsache ist, das wirkt. In die »lateinische Küche« des Pharmazeuten ist der Einblick wohl gewährt, aber das Laboratorium der Frau Halterin, der Präparierstube des gefürchteten und gescheuten Abdeckers oder des erleuchteten Schäfers hat noch nicht leicht ein Auge erblickt. Nur hie und da wird von Helfershelfern einigermaßen aus der Schule geschwatzt. So ist ein wichtiger Bestandteil der Volksmedizin die »alte Ehe«, von der wirkliche Pharmazeuten keine Ahnung haben, obwohl sie das beste Mittel gegen »die kalte Gicht« und »das brennende Reißen im Leib« ist. Wenn nämlich fette Leute sterben, so setzt sich im Grabe von dem in Verwesung übergehenden Leibe das Fett in Gestalt eines Kuchens zusammen und dies bildet die »alte Ehe«, in deren Besitz die ländlichen Heilkünstler, niemand weiß, auf welche Art, gelangen. Kann man mit verborgenem Pech, das vom harzigen Nadelholze ausschwitzt, oder mit dem Safte des spitzigen Wegerd (Spitzwegerich) oder gar mit dem Einreiben von Igelfett gegen eine Wunde nichts mehr ausrichten, so wirkt die »alte Ehe« immer noch Wunder. 232 Ein weiteres Remedium ist ein auf dem Felde oder im Walde gefundener Aasknochen. Bestreicht man mit diesem bei abnehmendem Monde ein Ueberbein und spricht man dabei: »Luadaboa' votreib mir mei' Ueberboa'«, so ist dieses verschwunden, es weicht das verhärtetste Uebel, das dem Sackbändchen mit neun Knoten, ja selbst dem Kochlöffel der Bäuerin widerstanden hat. Das will viel heißen, denn wenn die Bäuerin Knödel kocht und mit dem Kochlöffel vom Hafen weg das Ueberbein dreimal klopft, so hilft das gewöhnlich. Biel gerühmt wird auch das Oel, das aus in Branntwein angesetzten Regenwürmern, die bei abnehmendem Monde unter der »Schartrapfa« (Dachrinne) gesammelt werden, bereitet wird und welches alle Wunden schließt. Rosenkranzperlen, welche schon im Grabe gelegen, erweisen sich, in die Kleider eingenäht, besonders wohlthätig bei Kopfschmerz, ebenso wohlthätig wirken rostige, in Gräbern aufgefundene Nägel, die aber nicht mit bloßer Hand aufgelesen werden dürfen, gegen Zahnschmerz, wenn man damit in den Zahn »stürt«. Das in Lappen aufgefangene Blut eines Märzhäsleins ist sehr gesucht gegen Rotlauf; noch probatere Mittel aber bilden die Amulette. So vertreiben, in ein Leinwandsäckchen eingenäht, ein Pfennig, roter Schwefel und eine sogenannte Elephantenlaus den Rotlauf sofort. Bei hartnäckigeren Fällen verfehlt der Ohrknochen eines im abnehmenden Monde gestochenen Schweines, das Rotlaufbeinchen des Meerschweinchens oder der Kopf einer Blindschleiche, zu Maria Himmelfahrt gefangen, ebenso eine in eine Nußschale eingesperrte Kreuzspinne, um den leidenden Teil gebunden, seine Wirkung nie. Getrocknetes Regenwurmerpulver harret der 233 Verwendung gegen die Abzehrung; Eidechsenpulver gegen das kalte Fieber; Eisvogelherzpulver gegen das Hinfallen; Auerhahnmagenpulver gegen den Bandwurm; Walburgi-Natterpulver gegen giftigen Biß. Der Luft ausgesetzt hängen einige Bälge an der Schnur. Der Balg des Wiesels vor Georgi gefangen, ist für giftige Stiche reserviert, der Balg des schwarzen Katers, mit der haarigen Seite auf die Brust gelegt, bannt dann den Magenkrampf. Diese und ähnliche Dinge enthält die Apotheke des ländlichen Quacksalbers, aber damit sind alle Hilfsmittel noch nicht erschöpft. Es giebt eben Krankheiten, welche allen natürlichen Dingen Trotz bieten. In solchen Fällen muß zum »Vorbeten«, zum »Segnen« und zur »Sympathie« Zuflucht genommen werden. Was vermöchte z. B. die Gelbsucht dagegen, wenn man dem Kranken mit dem Rasiermesser die Nasenspitze anschneidet, bis sie blutet? Die Gelbsucht muß unfehlbar weichen. Und wenn das Blut unaufhaltsam hervorschießt und die Verblutung zu befürchten ist, so stockt es gewiß augenblicklich bei dem schönen und wahren Spruche: »Blut stehe still, Wie Richter und Schöppen in der Hüll (Hölle); Wenn dies nicht wahr ist, So laufe, bis es gar ist.« Kaum sollte man glauben, daß bei so erprobten Mitteln der Tod noch seine Opfer zu fordern vermag, doch gegen den Tod giebt es leider kein Kräutlein. Aber es sind wenigstens untrügliche Zeichen vorhanden, welche dessen Nähe warnend verkünden. So muß jeder, der am Montag erkrankt und nach neun Tagen nicht gesund ist, sicher 234 sterben. Wer am Dienstag krank wird und sich nach drei Tagen nicht bessert, der stirbt sogar noch in derselben Woche. Ein am Mittwoch Erkrankter, der nach sieben Tagen noch keinen Schlaf verspürt, ist in weiteren drei Tagen dem Tode verfallen. Wer Donnerstag, Freitag oder Samstag erkrankt und binnen längerer oder kürzerer Zeit nicht gesundet, dem sind die Würfel des Todes ebenfalls gefallen. Das untrüglichste Mittel jedoch, den Ausgang der Krankheit mit Sicherheit zu erkennen, ist, wenn man einen Floh aus dem linken Ohr eines schwarzen Hundes, der kein farbiges Fleckchen besitzt, in der Hand hält, während man den Kranken um sein Befinden fragt. Antwortet dieser, so ist gute Hoffnung vorhanden, schweigt er jedoch, so ist er unfehlbar verloren. Beim lieben Vieh wird die Sache natürlich noch viel bunter betrieben. Außer dem übrigens sehr gut geschriebenen Buche des Schäfers Thomas hält sich der Viehpfuscher auch das Taschenbuch der tierärztlichen Geheimmittellehre, einen Vorrat des berühmten Salzburgertrankes, oder er vermag es aus langjähriger Erfahrung, selbst wirksame Medikamente zu bereiten. Sympathie und Hokuspokus aber gehören zum »Klappern des Handwerks«, um seine Autorität zu bewahren. »Der Glaube macht selig und gesund!« gilt als Hauptgrundsatz. »Der Glaube macht aber auch krank!« sagte der Tranklsimmet mit pfiffiger Miene, und als der junge Sieberer bei ihm eintrat, rief er erfreut: »Hansl, i hab's! Dir und 'n Nannei is g'holfen!« »Is's wahr?« fragte Hans erfreut. »Wahr is's und g'wiß is's!« entgegnete der Quacksalber. »Frag mi nit, wie r i's im Sinn hon, aber i 235 hon's drin, und morgn, am Sunnta Nachmittag, wenn dei' Vata auf da Schießstadt wie sonst sein Vierer schiaßt und sein' Fünfa (Rausch) holt, fang i mei' Kur an.« »Wenn er gar nit krank is, kannst ja nix kuriern.« »Dessell is mei' Sach. I brauch aber an' etli Leut dazua, deine Nachbarn in Wackersberg helfen gern dazua, wenn i eana sag, daß 's zu dein' und dein' Vatan sein' Wohl is, du sorgst aber, daß morg'n, ehvor dei' Vata aufs Schiaßen geht, d' Muckn von seina Kuglbix verruckt is. Er hat scho' gestern sein Zeug und 's G'schau herg'richt und vermoant, es braucht nix mehr. Er soll aber morgn nixi treffa. Und no' was! Dö alt Traudl soll'n in der Fruah, wenn's eam d' Kaffeesuppen hinstellt, fragn, ob eam ebbas feihlt und soll eam recht an' schlechtn Kaffee macha, und du tauscht eam sein' Rauchtabak aus und thuast eam an' recht an' schlechten eini in sein' Beutl, und sorgst, daß gen Abend hin 's Nannei unterwegs is, leicht, daß ma's brauchen. So, all's andere laß mei' Sorg sei'! Daß d' aber glei woaßt, was i für an' Lohn will, wenn alles glückli geht, so sollst es aa wissen: drei herzhafte Bussein möcht i von dein' Nannei – es san meinoad die ersten in mein' Leben, die i von an' saubern Dirndl krieg und 's waar dengerst a Schand, wenn i sterbet und nit amal wißt, wie dö schmeckn thean.« »I hon nix dageg'n,« antwortete Hans lachend. »Pfüat Gott iatz und zur Hozet bist mei' Gast.« »Dös thaat si ja dengerst nit schicka für an' arma Schafhirten,« sagte Simmet, »aber g'freu'n thaat's mi. Kimm guat hoam, wenn 's d' mi brauchst, i bin bei der Hand.« 236 V. Als die alte Traudl am anderm Morgen dem Sieberer die »Kaffeesuppen« hinstellte, blieb sie vor ihm stehen und sah ihm lange ins Gesicht. »Was schaugst mi denn so an?« fragte der Bauer. »Is Enk ge nit guat?« fragte die Wirtschafterin dagegen. »Oes kömmt's mir heunt woltern seltsam vür.« »Was dir nit einfallt!« rief der Bauer. »I bin alleweil hechteng'sund und munter, und morg'n sollst es scho' erfahrn, wie wohl mir is.« Die Alte entfernte sich kopfschüttelnd. Der Bauer aber machte sich mit großem Appetit über sein Frühstück her. Aber der Kaffee wollte ihm heute nicht wie sonst munden. Er hatte ihn schon zu wiederholten Malen gezuckert, doch das Getränk blieb »hanti und abscheuli«. Deshalb rief er Traudl in die Stube. »Was is denn dös heunt für a Brüah?« fragte er. »Dös is a Luadag'süf!« »Is wie alle Tag,« gab die Alte zurück; »grad hon i 'n frisch g'macht, und 'n Hansl, der bereits marschaus is, hat er g'schmeckt.« »Nacha woaß i nit, was i heunt für an' G'schmack hon,« versetzte der Sieberer. »Da, i mag koan mehr, i kend (zünd) ma liaba a Pfeiferl an!« Er hatte aber aus seiner Ulmerpfeife kaum ein paar Züge gethan, so fing er zu husten und zu riechen an. »Ja, was is denn dös für a Malefiztubak!« rief er. 237 »Den's halt alleweil raucht's,« erklärte Traudl. »Ja, ja, Enk fehlts heunt in dö Sinn – es is Enk nit so, wie 's Enk sei' soll; i hon's glei kennt. Legt's Enk liaba no'mal nieder, Bauer, sunst kaannt's mit 'n Schiaßet heunt in Tölz nix wern.« Der Sieberer war völlig erschrocken. »Werd i dengerst nit krank wern?« sagte er verzagt. »Mei', es is halt so a Uebergangl,« meinte die alte Traudl. »Seid's ja aa koa' heuriger Haas mehr und sit etli Wocha kemmt's ma vür, als wenn's a bißl stürmisch zuagang in Enkan Geblüat.« »So?« fragte der Sieberer verdutzt. »Hast was gmirkt? Ja, no', es is freili was in Werk – morg'n sollst es hörn. I vermoan aber, du hast es eh scho' dalust und hast es 'n Hansl wissen lassen. Aber dös G'schmackl vom Kaffee und von dem Tubak bring i nimma von da Zunga und inawendi is's ma ganz grausli.« »I leget mi ins Bett und schwitzet, daß 's bis aaf Namittag wieder gsund awi kinnts aaf Tölz.« Der Sieberer fand diesen Vorschlag für sehr gescheit. Wenige Minuten später lag er zu Bett, und Traudl sorgte, daß er, mit drei riesigen Bettdecken beschwert, gehörig in Schweiß kam. Später überkam ihn der Schlaf und längst war es Mittag vorüber, als er erwachte. Das aufgewärmte Mittagessen mundete dem Bauern wieder nicht sonderlich; Traudl hatte schon dafür gesorgt, daß weder Salz noch Gewürz daran war, und der Sieberer stand hungrig und mißvergnügt auf. Hansl, hieß es, sei gleich nach dem Essen in den Markt hinab gegangen und wollte den Vater auf der Schießstätte erwarten. 238 Dieses Wort elektrisierte den Alten wieder. »Gehn ma zum Schiaßets!« sagte er. »An' etli Maßln frisch's Bier und a zünftige Schußlisten macha mi glei wieder gsund.« Er war mit der Kugelbüchse über der Schulter soeben im Begriffe, seinen Hof zu verlassen, als die Urtzenkasparin zur Thüre hereinkam. Sie war ein noch hübsches Weib in Mitte der Vierziger, das grüne Tölzerhütl stand ihr vortrefflich, und herausstaffiert war sie, wie eine Docke. Ihre großen, schwarzen Augen konnten sehr anziehend sein, jetzt aber blickte sie wild darein und in ziemlich barschem Tone sagte sie zum Sieberer: »Bleib, i hon unter vier Augn mit dir z' red'n!« Der Sieberer hieß die alte Traudl ins Wirtshaus gehen, um ein Glas Bier zu holen, und als er mit der Urtzerin allein war, fragte er, was denn vorgefallen sei. Die Urtzerin setzte sich und fing mit vieler Entrüstung ihre Rede an: »Denk dir nur, dei' Hansl hat gestern dö Zwieselalm bsuacht und hat da mei' Nannei so runterg'setzt, daß 's Deandl 'n ganzen Tag gflennt hat. Nix hat eam taugt, wie's d' es du angfriemt hast, mit da Läutkuah hat's wechseln müassen, kurz, er soll's grausam sekkiert hab'n, sagt da Tranklsimmet.« »Was d' sagst!« erwiderte überrascht der Bauer. »Mir hat da Hansl g'sagt, er war mit all'm aaf da Alm wohl z'frieden. So viel is g'wiß, er verwoaß unsern Heiratsplan, und daß eam der nit so recht taugt, dessell laßt si denka.« »Dernthalben braucht er aber nit so grob z'sei' mit mein' Nannei,« versetzte die Witwe. »I bin kemma, um di aufz'fordern, daß d' eam 'n Standpunkt klar machst. 239 I leid's nit, daß mei' Dirndl drunta leid't, wenn wir a Paar wern.« »Gieb di!« beschwichtigte der Sieberer, »es wird alles recht wern. Glei morgn nach 'n Stuhlfest schaug i mi um, wie wir 'n Hansl auf guate Art a Zeitlang furtbraachten, auf daß ma da alloa' san.« Die letzten Worte sagte er mit einem so verliebten Blicke, daß die gereizte Witwe plötzlich freundlicher dreinschaute und jetzt sogar teilnahmsvoll fragte: »Du siehgst heunt so rot aus, liaba Sieberer; is da ebba nit guat?« »O, i bin hechtengsund,« sagte der Bauer eilig. »A weng gschwitzt hon i, weil ma d' Kaffeesuppen und da Tubak nit gschmeckt hat, aber iatz feit si nix mehr.« »No', nacha is 's scho' recht!« versetzte die Witwe zärtlich. In diesem Augenblick kam die alte Traudl mit dem Bier zurück und nachdem die Urtzerin einige Male getrunken, empfahl sie sich. »Morg'n um zehne beim Pfarra,« sagte sie beim Abgehen leise, aber bedeutungsvoll zum Bauer. »Feit si nix!« entgegnete dieser ebenso, indem er ihr verständnisvoll, und mit dem ganzen Gesichte lachend die Hand drückte. Gleich darauf schritt er nach Tölz hinab, aber doch nicht in sonstiger froher Laune, wenn es dem Schießplatze zuging. Es ärgerte ihn, daß sein Hans dem Nannei so unwirsch begegnet, und das ungewohnte Transspirieren hatte ihn auch etwas ermüdet. Doch vergaß er, bei dem Scheibenstande angelangt, bald alles. 240 Da knallte es bereits lustig und herrschte das gewohnte frohe Treiben der wackern Oberländerschützen. Der alte Kamerad ward allseitig begrüßt, er war einer der besten Scheibenschützen und als solcher bei jedermann wohl angesehen. Aber heute hatte er mit den ersten Schüssen wenig Glück. Er traf niemals ins Schwarze und verwundert zeigte der rotjackige Zieler jedesmal einen Schuß ins Weiße auf. »Rechtsschuß, alleweil Rechtsschuß!« sagte der Sieberer ärgerlich, »i begreif gar nit, was dös is?« Und zum dritten Male lud er seinen Stutzen. Da sagte sein alter Freund, der Jaudenbauer von Wackersberg, der soeben einen Vierer geschossen, zu ihm: »Sieberer, dir feit heunt ebbas, i hon's wohl dakennt; du hast koan ruhin Anschlag heunt, siehgst aa sunst nit am besten aus. I gaang an deina Stell liaba hoam; ma woaß's oft nit, ob nit a hitzige Kranket im Anzug is. Woaßt, wir san koa' Heurige mehr – folg ma, i moan's guat mit dir.« Der Sieberer sah den Jaudennachbar groß an. »Werd i dengerst koa' Kranket in mir hab'n?« sagte er. »Siehg i wirkli nit guat aus?« »Du gfallst mir nit recht heunt,« erwiderte der Nachbar. »Geh hoam, i rat dir's guat, sunsten kunnt's sei', daß 's di auf etli Wochen ins Bett reißt.« »Dös waar dös Wahre!« rief der Sieberer. Er dachte an das morgige Stuhlfest und an seine Hochzeit. »Zum Krankwern giebt's iatz koa' Zeit!« sagte er dann. »Hast recht, ich will vürsorgn, i geh hoam, i druck 241 mi seitwärts furt, daß i nit lang gfragt wer. Pfüat di Gott!« »I wünsch dir guate Besserung!« versetzte der Jauden mit scheinbar besorgter Miene. »I dank dir,« sagte der Sieberer und schlich sich mit sehr unbehaglichem Gefühle von der Schießstätte weg. Er vermied es, über den Hauptplatz des Marktes zu gehen, und suchte auf Seitenwegen zur Isarbrücke zu gelangen. Da lehnte sein anderer Wackersberger Nachbar, der Lerchenbauermelcher, am Geländer und sah anscheinend dem lustig daherfließenden Wasser zu. Doch hatte er rasch den zur Brücke kommenden Sieberer bemerkt. »Grüaß di Gott, Nachba!« rief er ihm zu. »Ja, wie siehgst denn du aus? Dir is nit guat, gelt?« »Kennst ma's an?« fragte der Sieberer, in der That die Farbe wechselnd. »Mei' ja, es is mir heunt nit, wie's mir sein soll, drum druck i mi hoamzun.« »Ja, ja, dessell wird dös best sei',« pflichtete Melcher bei; »heuntin Tags hat ma glei ebbas. Denk nur an Schleglbauer in Saxenkam draus. Vor acht Tag is er no' hechtengsund gwen und gestern hams 'n eingrabn. I wünsch dir a guate Besserung, Sieberer.« »Gelt's Gott!« erwiderte dieser und wankte schwerfälligen Trittes von dannen. Der Schleglbauer von Saxenkam verursachte ihm ein leises Frösteln. Es war ihm, als käme ihm das Atmen schwerer an, als läge Blei in seinen Gliedern. So schritt er sehr verstimmt den Wiesensteig hinan gegen sein Dorf zu. Da kam ihm auf der Mitte des Hanges eine Wackersberger Bäuerin entgegen. »Ja, Sieberer, was hat's denn geb'n?« rief diese 242 schon von weitem. »Du siehgst ja ganz kaasweiß aus. Jeß, Jeß! Du bist krank!« »I moans selm,« entgegnete der Sieberer. »I wollt, i waar dahoamt, i vermoan, i kann's nimmer damacha.« »Häng di in mein' Arm ein,« sagte die Bäuerin, »da gehst di nacha leichta.« Damit legte sie des Bauers Arm in den ihrigen und zog ihn vorwärts. Der Bauer ließ es geschehen. Er fühlte sich sterbenskrank. Und hätte er noch daran gezweifelt, die Bäuerin würde ihn noch völlig krank geschwätzt haben. Vor seinem Hofe angekommen, nahm ihn die alte Traudl im Empfang. Sie jammerte laut über seinen Zustand. »Ins Bett, ins Bett!« sagte der Sieberer fast weinend. »Traudl, i bin krank!« »Setzt's Enk auf d' Ofenbank,« versetzte die Alte, »i hon eing'hoazt; leicht, daß Enk dö Wärm guat thuat, und grad vorhin hon i 'n Tranklsimmet beim Nachba obn gsehgn, i hol'n glei – der hilft Enk scho'!« »Ja, ja,« sagte der Bauer, sich auf die Ofenbank niedersetzend, »den holst ohne Verzug.« Die Alte brachte eine dicke Pferdedecke herbei und legte sie ihm über die Füße, dann warf sie noch einige Holzscheiter in den Ofen, so daß bei dem ohnedies warmen Herbstwetter eine greuliche Hitze in der Stube entstand, und eilte dann fort, den Quacksalber zu holen. Dieser trat alsbald bei dem Kranken ein. »Simmet,« rief ihm der Bauer entgegen, »hilf ma', i bitt di um Gotteswilln, hilf ma! Mir is recht letz!« Der Tranklsimmet nahm seine Brille aus dem Futteral und befestigte sie auf der Nase, dann setzte er sich vor den 243 Kranken und fühlte ihm den Puls. Des Bauern Blick hing an dem Gesichte des Pfuschers. Endlich sagte derselbe mit wichtiger Miene: »Bauer, da feit's weit!« »Wer i dengerst nit sterb'n müssen!« preßte es dem Patienten heraus. »Da feit's weit!« sagte jener wieder und legte sein Ohr an das Herz des Bauers. »Dös Uebel sitzt im Herzen.« »Im Herzen? O weh!« »Hm, hm, hm!« machte der Quacksalber; »so a Fall is mir scho' amal vürkemma und i wollt wetten, dös gleiche is bei Enk die Ursach. Traudl laß uns alloa, i muaß unter vier Aug'n mit 'n Bauern was red'n.« Traudl verließ kopfschüttelnd das Zimmer. »Also was moanst?« fragte der Sieberer in jämmerlichem Tone. »I moan, und i werd mi nit irr'n, daß's Enka Herz überanstrengt habt's – is's ebba gar, daß 's Enk in Enkere alten Tag no' verliabt habt's?« Der Bauer wagte nicht sofort eine Antwort, endlich aber sprach er doch etwas kleinlaut: »Ja, ja, so is's!« »No', da ham ma's!« rief der Quacksalber. »Kann an' alter, ausg'musterter Gaul no' ziagn, wia r a jung's, kräftig's Roß? Na', sag i. Kann an' alta Jaga no' so flüchti die Gamsein nach, wia r a frischa, junga? Na', sag i. Und moant's denn, an' alt's Herz kann no' dieselben Sprüng machen, wia r a jung's? Moant's, an' alt's Herz därf ma' no' ung'straft strapleziern? Da schwind 's Leb'n aus 'n Herzen, wie da Butter in der Sunn und 244 wenn ma nit z' rechta Zeit dem Uebel Einhalt thuat, nacha hoaßt's: Tralarum!« »Tralarum?« seufzte der Bauer. »Ja, tralarum! I will Enk was sag'n, Bauer, da hon i a Tegerl voll ganz a extrigs Säubl.« Der Simmet nahm aus seiner Tasche die erwähnte Salbe und hielt sie dem Kranken hin. »Mit dem Säubl schmiert's Enk die ganze linke Seiten ein, so viel verschreib i Enk für auswendi, aber für einawenda giebt's nur an' oanzigs Mittel, dös hilft und wenn's dös nit thuat's, so – no' so – weiter sag i nix.« »Was is dös für a Mittel? Mei', i thua ja alles, wenn i nur grad nit sterben därf.« »Dös einawendige Mittel is, daß 's allsofort Enka Liab aufgebt's und kaam's Enk no' so hart an.« »Dös kann nit sei'!« wehrte der Kranke. »I hon morg'n mit der Urtzenkasparin 's Stuhlfest, i hon ihr d' Heirat versprocha und dös is nimmer rückgängli z' macha.« »Nacha gieb i Enk auf!« rief der Quacksalber. »I möcht nit in Enkera Haut stecken.« »Probier'n ma's z'erst auswendi,« meinte der Bauer. Die Ofenhitze hatte ihm bereits so heiß gemacht, daß ihm ganz ängstlich wurde. »Nur nit sterb'n, nur nit sterb'n!« wimmerte er. »I wißt an' Aushilf,« sagte jetzt der Quacksalber mit schelmischer Miene. »Oes fürcht's Enk vor der Urtzenkasparin, daß 's Enk klagt, wenn 's ihr 'n Vospruch nit halt's. Wißt's was? Verheirat's Enkan Hansl mit der Urtzerin ihrer Nannei. So werd's d' Urtzerin los und 's Schwinden von Enkan Herzen hört auf der Stell auf. Oes werd's wieder hechteng'sund und – da heili Geist 245 hat mir den Rat eingeb'n, es giebt koan bessern, Bauer. Folgt's ma, es handelt si um Enker Leb'n« Wieder horchte er am Herzen des Patienten und sagte kopfschüttelnd: »Dös Schwinden wird allweil gaacher – es is die höchst' Zeit, daß 's g'stillt wird.« Der Sieberer fühlte Todesängsten. Immer ward ihm heißer, er glaubte, der Kopf müsse ihm zerspringen und das Atmen fiel ihm von Minute zu Minute schwerer. Jetzt schon sterben müssen, das war ein schrecklicher Gedanke. Er lebte ja so gern und – dem Leben zu Liebe konnte er wohl ein Opfer bringen. »Simmet,« sagte er, »wenn i aa nach dein' Will'n thaat, mei' Hansl kann ja 's Nannei gar nit leiden, der bringt mir z' Liab dös Opfer nit.« »Er bringt's!« rief der Quacksalber. »Es is sei' verdammte Pflicht und Schuldigkeit. Da soll er iatz zoagn, ob er a g'horsamer Suhn is, dem am Leb'n von sein' Vatan ebbas liegt. Hoaßt's 'n eina in d' Stub'n, i hör 'n eh draußen, bitt's nit lang, sundern befehlt's. Zoagt's eam Enkan Will'n! I steh Enk guat dafür, er nimmt's 's Nannei. Oes saads von der Urtzerin frei und 's Schwinden hört si auf.« »No', so in Gottsnam, hol 'n eina!« sagte der Bauer seufzend. »Du wirst aber sehgn, er thuat's nit.« Der Quacksalber eilte zur Thüre hinaus und kam gleich darauf wieder mit Hans herein, indem er rief: »Da Hansl is von all'n unterricht. Wie i r g'sagt hon, er thuat nach Enkam Will'n, er nimmt 's Nannei zur Hochzeiterin.« »Is's wahr?« fragte der Alte. 246 »Wenn Enka G'sundheit und Leb'n davon abhängt, Vata, so soll's a Wort sei! 's Nannei is eh draus auf der Gred bei der Traudl, soll i's einafensterln?« »Fensterl's eina!« erwiderte der Sieberer mit matter Stimme, aber doch leichter atmend. Hans ging, das Mädchen herein zu winken. »Es geht besser, als i denkt hon,« sagte der Quacksalber vergnügt und verschmitzt zu dem Bauer. »Es wird mir scho' ums Kenna besser,« versicherte dieser, und der Tranklsimmet rieb sich vergnügt die Hände. Jetzt kam Hans mit Nannei herein. Das freudestrahlende Gesicht der beiden jungen Leute wirkte auf den Kranken wie ein heiterer Sonnenstrahl, aber ehe er noch ein Wort zu ihnen sprechen konnte, erschien in der offenen Thüre das erregte Gesicht der Urtzerin, welches den Kranken wieder schwerer atmen machte. »Sieberer, is's wahr, bist load?« rief sie besorgt aus. Die alte Traudl war ihr in die Stube gefolgt. »Es geht mir wieder besser,« beteuerte der Bauer, »und es is guat, daß du aa da bist, Urtzerin, und daß d' es glei hörst. Mei' Hans will dei' Dirndl hab'n und i hon nix dagegn und gieb enk hiermit in Vospruch. Werd's glückli!« Damit legte er die Hände der beiden jungen Leute ineinander, die ihn glückselig umhalsten und ihm dankten. »Aber Sieberer,« rief die Urtzerin, »denkst denn gar nit an unser Sach?« »Ja no',« entgegnete der Bauer, »'s Nannei wird halt statt meina Stieftochter mei' Schwiegertochter und da Hans statt dei' Stiefsohn dei' Schwiegersohn – moanst nit, daß 's a so g'scheita is? Schau 's an, alle zwoa – 247 i vomoan schier, dö ham so was scho' länger im Kopf g'habt.« »So is's aa!« sagte Hansl jetzt aufrichtig. »Nur dös oane is heunt wahr, daß i und 's Nannei uns gern ham fürs Leb'n; alles andere is verlog'n, so aa dei' ganze Kranket, Vata.« Der Quacksalber stieß ihn mit dem Ellenbogen. »Wer sagt Enk denn, daß der Bauer no' krank is? I find', daß sei' Herzschlag völli in Ordnung is, und 's Aussehgn is aa richti.« »Hat 's Herzschwinden scho' nachlassen?« fragte ihn der Bauer leise. »Aus is's!« sagte der Tranklsimmet. »Nacha Viktoria!« rief der Sieberer, sprang auf, und warf die Decke von sich. »Jatz genga ma nur glei ins Wirtshaus und trink ma auf den Schrecka an' Tiroler, der macht mi wieder völli gsund.« Und so war es auch. Die Urtzerin gab sich angesichts des Glückes ihrer Tochter auch zufrieden und nach sechs Wochen gingen statt der Alten die Jungen zum Traualtar. Der Tranklsimmet war von dem Brautpaar mit einem nagelneuen Festanzug beschenkt und als Hochzeitsgast geladen worden. Daß ihm die ausbedungenen drei Küsse von Nannei redlich und gern ausgefolgt wurden, ist selbstverständlich, und der alte Quacksalber meinte, es wäre Pflicht eines jeden ordentlichen Christen, sich darüber nicht erst im Alter, sondern im Lanks (Lenz) des Lebens das richtige Urteil zu verschaffen. »I siehgs z' spät ein,« sagte er, »wer so oa'spanni dahin lebt aaf da Welt, der lebt nur halbet. Aber was nutzt mi d' Reu – i bleib an' oa'schichtiger Tropf!« 248 Während des fröhlichen Hochzeitsmahles entdeckte er dem glücklichen Siebererbauern die ganze Geschichte seiner Krankheit. Der Sieberer war anfangs verblüfft, sagte aber, die Sache von der heiteren Seite nehmend: »Du bist ja dengerst a rechta Spitzbua! Hon i alleweil glaubt, ös Doktapack seids nur aaf da Welt, um d' Leut gsund z' macha!« »O, wir machas aa zur rechta Zeit krank!« entgegnete der Tranklsimmet. »Verzeiht's den Gspoaß und verkehrt's mi nit, falls Enk wieder amal ebbas feihln sollt.« »Na', na',« entgegnete der Sieberer, »i glaub iatz an koa' Herzschwinden mehr, und sunsten bin i und bleib i aa, so Gott will, hechtengsund.« Hansl, welcher mit seinem Bräutchen dem Zwiegespräch vergnügt zugehört, ergriff jetzt das Weinglas und rief: »Auf mein' Vatan sei' Wohl! Vivat, er lebe hoch!« Alles stimmte freudig in den Ruf mit ein. Dem tiefgerührten Sieberer rannen die Thränen über die Wangen, er fühlte in seinem Herzen eine lebhafte Bewegung, aber es war kein Schwinden, sondern lautere Freude, die ihn nicht nur in jener Stunde über das Glück des jungen Brautpaares überkam, sondern ihm auch treu blieb bis zum heutigen Tage. Der Tranklsimmet aber genießt seitdem das ganz besondere Vertrauen der Liebesleute, ihm wird stets die Aufgabe, die im Wege stehenden Hindernisse wegzuräumen, und man erwartet dabei mehr von seinem oft bewährten Witz und seinem schalkhaften Humor, als von seinen Trankeln und seinen Quacksalbereien.   München 1884.