Bischof Johann Michael Sailer Glückseligkeitslehre Neu herausgegeben von Josef Maria Nielen 1926 Verlag der Carolus-Druckerei Frankfurt am Main   Die kirchliche Druckerlaubnis wird hiermit erteilt. Limburg, den 13. September 1926. Bischöfliches Ordinariat Strieth.   Alle Rechte vorbehalten. Copyright 1926 by Carolus-Druckerei vorm. Anton Heil G.m.b.H Frankfurt am Main. Einleitung in die Glückseligkeitslehre   I. Unter dem Titel: Einleitung zur gemeinnützigeren Moralphilosophie , gab J.M. Sailer zunächst für seine Schüler, dann aber »auch für jeden denkenden Tugendfreund« in den Herbstferien des Jahres 1786 bei seinem Verleger Lentner in München eine Abhandlung heraus, die die Grundsätze entwickelt, aus denen seine bekannte » Glückseligkeitslehre aus Vernunftgründen, mit steter Hinsicht auf die Urkunden des Christentums oder christliche Moralphilosophie « hervorging, die im folgenden Jahre in zwei Bänden beim gleichen Verleger erschien. Sie trägt das Motto: »Sei aufmerksam und mein's redlich mit Dir   und was wahrhaft gut macht, das ist die beste Wahrheit!« Schon in diesen wenigen Worten kommt klar zum Ausdruck, was Sailer unter Moralphilosophie versteht.   Er geht aus von der Wortbedeutung der Philosophie. »Liebe zur Weisheit, Weisheitsliebe (vertraut sein mit der Weisheit) das ist Philosophie.« »Weisheitsfreund, Liebhaber der Weisheit, der ist Philosoph ([?]), der verdient den mißbrauchten Namen eines Philosophen.« Den Begriff der Weisheit sucht er aus dem » Grundgesetz « aller Weisheit näher zu bestimmen, das nach ihm dieses ist: »Alle Menschenkräfte sollen streben: nach Erkenntnis der Zwecke, wozu wir und die Dinge um uns da sind; nach Erkenntnis der Mittel, die uns den Zweck unseres Hierseins erreichen helfen, und nach treuer Anwendung der erkannten hinlänglichen Mittel zum großen Zwecke unseres Hierseins. »Es geberden sich viele Wißlinge«, fährt er fort, »als wenn sie weise wären, aber wissen und weise sein, wähnen es zu sein und weise sein, sind doch nicht einerlei. Weisheit scheint mir durchaus praktische Weisheit , nicht bloß die Geschicklichkeit des Verstandes, würdige Zwecke und taugliche Mittel vorzuschlagen, sondern auch die Geschicklichkeit des Willens, die erkannten Mittel zur Erreichung würdiger Zwecke anzuwenden«. Er weist auf das Willenselement hin, die Liebe (Güte nennt er es auch wohl), die das Wort »Philosophie« entstehungsgemäß in sich schließt. »Philosophie ist tätige Liebe alles dessen, was immer unser Erkennen von Mittel und Zweck richtiger, reicher, brauchbarer, und unser Streben, unser Tun diesem unserem Erkennen angemessener machen kann.« Von dieser eigentlichen Philosophie oder Weisheitsliebe will er wohl zu unterscheiden wissen den Unterricht in der Philosophie oder die Lehre von der Weisheitsliebe. »Denn die eigentliche Philosophie, insofern sie nur Liebe zur Weisheit ist, kann nirgends als im Verstande und Herzen der Weisheitsfreunde zu Hause sein. Sie kann nicht auf den Kathedern gelehrt, nicht mit Schall und Lettern gegeben werden. Was immer man in Schulen und Schriften unter dem Namen ›Philosophie‹ lehrt und lehren kann, das kann nur ein Wink, nur eine Handleitung (manuductio) zur eigentlichen Philosophie sein. Darum könnte man die wahre Philosophie, die eine Verstandes- und Herzenssache ist, kurz Weisheitsliebe, und den Unterricht darüber Weisheitslehre nennen.« Aus dieser Auffassung der Philosophie als Weisheitsliebe entwickelt dann S. als Ziel und Gegenstand der wahren Philosophie die Glückseligkeit des Menschen. Denn »wahre Weisheit beschäftigt sich nur mit würdigen Zwecken und den dazu brauchbaren Mitteln. Nun ist aber der würdigste, erste und letzte Zweck alles menschlichen Erkennens, Strebens und Tuns die wahre Glückseligkeit der Menschen, das Wohl der Menschheit, die Vollkommenheit unserer Natur. Also beschäftigt sich die Weisheit hauptsächlich mit der wahren Glückseligkeit der Menschen. Darum kann sich aber auch nun die Weisheits lehre (das, was man gewöhnlich Philosophie nennt) nur mit der Glückseligkeit des Menschen beschäftigen. Jeder Unterricht in der Philosophie ist also entweder Glückseligkeitslehre, oder dieses Namens unwert«. An diese Entwicklung der Wortbedeutung und der Aufgabe der Philosophie knüpft S. folgende Schlußbemerkung: »zur Weisheitsliebe und Weisheitslehre gehört alles Wahre und Gute, wessen Herkommens es immer ist, wenn es nur erkennbar ist und das Menschengeschlecht besser, weiser, glücklicher machen kann: es mag durch Erfahrung oder Zeugnis, gesunden Menschen-Verstand oder scharf entwickelte Vernunft, durch natürliche Kräfte oder höhere Offenbarung, durch Nachdenken oder Tun erkannt worden sein; kein Philosoph kann im ältesten und reinsten Sinne des Wortes Weisheitsfreund heißen, der gleichgültig ist gegen irgend eine alt- oder neueröffnete Weisheitsquelle. Hingegen ist der größte Philosoph, wer alle Weisheitsquellen auf das beste benutzt, d. h. für Verstand und Herz daraus schöpft; redlich mitteilt, was er weiß; und nach dem, was er weiß oder ahnt, lebt. Wie ganz anders erscheinen uns die Dinge, wenn wir uns überwinden können, alle die Vorstellungsarten, die die Schulen nach und nach in Umlauf gebracht haben, zu vergessen (als wenn sie nicht einmal existierten) und unsere Begriffe auf die ursprüngliche Bedeutung der Worte zurückzuführen. Dadurch lernen wir je länger, je richtiger einsehen, daß es mit der sog. systematischen Philosophie nichts so Unwandelbares sei, als einige ihrer Schriftsteller gern daraus machten, indem schon der Begriff dieser Art Philosophie nicht nur äußerst willkürlich ist, sondern sogar außer dem Gebiete der Bedeutungskraft des Wortes liegt. Wir werden aufmerksam auf die Losreißung der Erkenntniszweige von einem gemeinschaftlichen Stamm und lernen das Willkürliche dieser Trennung von der Einheit der Erkenntnis sorgsam unterscheiden. Dadurch werden wir von dem verwüstenden Stolze der einseitigen Gelehrsamkeit frühzeitig bewahrt, durch welche die sogenannten Philosophen die sogenannten Theologen, und die sogenannten Historiker die sogenannten Spekulanten von jeher verachtet haben und umgekehrt. Diese kalte Selbstgenügsamkeit der gelehrten Zünfte erscheint in ihrer ganzen Dürftigkeit jedem, der den ältesten Begriff der Philosophie rein auffaßt und sich davon überzeugt hat, daß Erfahrungs-, Geschichts-, Vernunft- und Tat-Weisheit im Grunde den nämlichen Anspruch auf Philosophie machen können. Wir werden so daran gewöhnt, das zerstreute Gute und Wahre, das unter allerlei Gestalten, in allerlei Fächern, in allerlei Zuschnitten vorkommt, mit festem Blicke anzuschauen und unserem Erkennen einzuverleiben.«   II Was Sailer von der Philosophie überhaupt lehrt, gilt nach ihm von der Moralphilosophie im Besonderen. Sie ist die Glückseligkeitslehre in engerem Sinne. Daß sie Glückseligkeitslehre ist, teilt sie mit den anderen Zweigen der Philosophie, die alle nach ihm, mögen sie nun etwa als Vernunftlehre sich mit dem Kennzeichen der Wahrheit oder als Naturlehre mit den Gesetzen der Körperwelt befassen, mit der Glückseligkeit in einiger Verbindung stehen und darum als Glückseligkeitslehre im weiteren Sinne zu bezeichnen sind. Die Moralphilosophie hingegen hat die Untersuchungen über die Glückseligkeit des Menschen zum unmittelbaren Zweck und heißt deshalb Glückseligkeitslehre im engeren Sinne. Man heißt sie Moralphilosophie, »weil die Sitte, das sittliche Betragen, die Freitätigkeit des Menschen (mores) in engster Verbindung mit der Glückseligkeit stehen«. Zu einer solchen »Glückseligkeitslehre« im engsten Sinne wollte S. Anleitung geben.   III Ueber einige Versuche, die vor dem seinigen liegen, eine Anleitung zur Moralphilosophie zu geben, äußert sich S. wie folgt: »Die Anleitung zur Moralphilosophie hat bereits gar eigne Schicksale erfahren. Ich will nur von zweien reden. 1. Man wollte die Moral für Nichtchristen brauchbar machen, und sonderte also die sogenannte rein-philosophische Moral von der christlichen. Wäre man strenge bei dem Gedanken: Nur Vernunftmoral, geblieben: so würde aus dem hellen Mittage ein Lämpchen mit schwachem Scheine geworden sein. Aber man blieb nicht dabei. Man nahm das Licht verstohlener Weise, ohne es selbst zu wissen, aus dem Evangelium, und schrieb der Vernunft die Helle zu, die man dem Evangelium abgeborgt hatte. Und so ward aus dem dürren Gerippe von Sittenregeln ein gesunder Körper von Vernunftmoral, mit dem einzigen Fehler, daß es statt Vernunftmoral hätte heißen sollen: »Moral des Christentums mit philosophischen Ideen verwebt, und der Vernunft als Erfinderin zugeschrieben.« 2. Man ging noch weiter, und wollte die Moral auch für Atheisten brauchbar machen. Also ward die Natur Gesetzgeberin, weil man die Idee von Gottes Gesetzgebung nicht mehr brauchen durfte. Die Folgen der Tugend und des Lasters wurden nur in die kurze Spanne von der Wiege bis zum Grabe eingeschränkt, und von dem Gedanken an eine gesetzgebende Macht, die diese Folgen als Strafen und Belohnungen in den Lauf der Dinge eingeflochten, losgelöst. Da verlor die Moral alle Sehnen und Muskeln. Sie ward zum Uhrzeiger, der die Stunden zeigen sollte – aber die schwersten Gewichte, die das Uhrwerk treiben sollten, waren ausgehängt. 3. Ich will über beide Versuche meine Betrachtungen hersetzen. Was das erste betrifft, die Trennung der bloß philosophischen von der christlichen Moral, so ist es nicht zu leugnen, daß, seitdem das Christentum dem menschlichen Verstande neue Antriebe zum Nachdenken gegeben hat, und als ein Sauerteig der Masse menschlicher Vorstellungsarten beigemischt worden, es unendlich schwerer geworden ist, auszumachen, das hat die menschliche Vernunft erfunden – das hat sie nicht erfunden. – So wie es im Falle, daß einer sehr viele und zusammengesetzte Arzneien zu sich genommen hätte, und endlich nach vielen Monaten dadurch genesen wäre, schwer zu bestimmen sein dürfte: was und wieviel jede einzelne zur Genesung beigetragen. – Sodann scheint es mir äußerst unnatürlich zu sein, daß ein öffentlicher Lehrer oder Schriftsteller, der zur philosophischen Moral anleitet, in seinen Vorträgen über die Glückseligkeit des Menschen sich so geberdet, als wenn kein Christentum in der Welt existierte und man vor dem Strahle des Evangeliums den philosophischen Hörsaal nicht sorgsam genug verbalken könnte. Ich halte es für eine unumgängliche Pflicht eines jeden Schriftstellers und Lehrers, daß er das Beste mitteilt. Aus diesem Grunde halte ich mich denn auch verpflichtet, in der Darlegung der sog. philosophischen Moral Rücksicht auf das Christentum zu nehmen. Dessen ungeachtet bin ich weit davon entfernt, jemanden zu tadeln, der vom Gegenteile überzeugt, das Bächlein seiner Vernunftmoral immer gern rein und unvermischt fortleitet und ein waches Auge darob hält, daß es nirgends einen geheimen Zufluß vom Strome der christlichen Moral bekommt, mit demselben vermischt wird, und in demselben sich verliert. Ich ehre die vortrefflichen Männer, die dieser Meinung sind, obgleich ich anderer bin. 4. Was die Idee einer Moral betrifft, die auch für Gottesleugner brauchbar wäre, so heißt dies etwa soviel wie: weil unter den Menschen einige Blinde sind: so wollen wir nie ein Wort von den Wohltaten sagen, die den Sehenden durch das Auge werden, so darf in der Physik keine Silbe vom Lichte, von den Farben, von dem Regenbogen, von Ferngläsern, gesagt werden – »denn die Vorlesungen aus der Naturlehre müssen auch für Blinde brauchbar sein.« Oder: weil unter den Menschen einige ohne Füße sind, und sich mit Krücken behelfen müssen, so wollen wir kein Wort von der Wohltat der gesunden Beine sagen, – »denn die Vorlesungen von dem menschlichen Körper müssen auch für Lahme unterhaltend sein.« Im Grunde betrachtet, ist aber das Menschenherz ohne Glauben an Gott ungleich übler daran, als ein Mensch ohne Auge oder ohne gesunde Beine. So wenig man darum in einer Familie, um eines kranken Dienstboten willen, der keine Speise genießen kann, alle übrigen Hunger leiden läßt, so wenig darf eine Moral, bestimmt zur Erweckung und Unterstützung tugendhafter Gesinnung unter den Menschen, arm an Nahrung für den Gottgläubigen werden, um auch für den Atheisten, der diese Speise nicht genießen kann, brauchbar zu sein.   IV Treu seinem eben ausgesprochenen Grundsatze, seinen Schülern nur das Beste zu bieten, entschied sich S. für eine gemeinnützige Anleitung zur Moralphilosophie oder Glückseligkeitslehre im engeren Sinne, die auf den Glauben an Gott , die Offenbarungs urkunde des Christentums, die Erfahrung , die Geschichte und die Vernunft aufbaut. » Wahrheiten, die die Glückseligkeitslehre zu Grunde legt und deren ausführlichen Beweis sie voraussetzt, sind somit nach Sailer: Es ist ein Gott . Es ist Ein Gott. Der Geist, der den Menschenkörper beseelt, und deshalb Menschenseele heißt, ist frei-tätig, Und unsterblich, ewiglebend. Alle Dinge stehen unter Aufsicht, Ordnung und Leitung einer höchstweisen und allmächtigen Güte. Es gibt jenseits des Grabes einen vollkommenen Allvergeltungszustand.« Aus der Begründung, die S. diesen Wahrheiten im einzelnen gibt, sei folgendes mitgeteilt.   1   Vom Dasein Gottes Gründe, die das Dasein Gottes glaubwürdig machen A. Die populärste Beweisart aus der Analogie Inhalt des Beweises Das Gefühl der Analogie lehrt mich, jedes Ganze, dessen mannigfaltige Teile in einer zweckmäßigen Ordnung bei einander sind, oder auf einander folgen, für ein Werk der Absicht zu halten: so ist ein Konzert, ein Gemälde, eine Bildsäule ein Werk der Absicht. Erfahrung und Nachdenken sagen, daß in der Welt höchste Einheit, Zusammenstimmung des Mannigfaltigen zu einerlei Zwecken ist. Also legt mir das Gefühl der Analogie, von Erfahrung und Nachdenken unterstützt, den Schluß nahe: daß die Welt ein höchst weises, höchst mächtiges Wesen zum Urheber hat. Die Momente dieses Beweises 1. In der Welt finden sich unverkennbare Spuren einer Absicht in Anordnung, einer Weisheit in der Art der Ausführung, einer Macht in Bewirkung der Dinge. 2. In der Welt finden sich unverkennbare Spuren der wohltätigen Absicht, der höchsten Weisheit, der größten Macht, wenn man die Mannigfaltigkeit des Inhaltes, die unbegrenzte Größe des Umfanges, die Einheit der Zusammenstimmung, die Fortdauer der Mannigfaltigkeit, der Größe, der Einheit überdenkt. 3. Den Dingen dieser Welt ist zweckmäßige Anordnung ganz fremd, hängt ihnen zufällig an: d.h. die Natur der Dinge könnte von selbst durch vielerlei sich vereinigende Mittel zur bestimmten Endabsicht nicht zusammenstimmen, wenn sie nicht von einem ordnenden Prinzip wären gewählt und angelegt worden. B. Resultat des sog. kosmologischen und ontologischen Beweises Es ist höchstes Interesse der menschlichen Vernunft und des menschlichen Herzens, einerseits in der geordneten Reihe von veränderlichen Folgen und Ursachen eine ewige, selbständige, mit Absicht und aus Einsicht allwirkende Ursache außer dieser Reihe anzunehmen, andererseits diesem selbstständigen, ewigen, mit Absicht und aus Einsicht allwirkenden Urwesen der Welt alle erdenklichen Vollkommenheiten, und jede im reinsten Sinne, beizulegen. Denn ohne das erste habe ich eine Kette von unzähligen Gliedern, die hängen, und keinen Haltpunkt haben; ohne das zweite keinen Haltpunkt, dessen Eigenschaften meinen Verstand und mein Herz beruhigen können. Die Kraft dieser Gründe offenbart sich unserem Verstande und unserem Herzen umsomehr, wenn wir uns in die licht- und freudlose Lage eines Atheisten hineindenken. Wer nicht ein höchstes, verständiges, weises, allordnendes Urwesen der Welt annehmen will, ist genötigt, die blinde Notwendigkeit, oder das noch blindere Ungefähr, anzunehmen. Beides aber ist äußerst grundlos, nichts erklärend und alle gesunde Vernunft gegen sich empörend. C. Der Völkerglaube, auch ein Grund, der das Dasein Gottes glaubwürdig macht Wenn die ungeübtesten und die geübtesten unter den besseren Menschen zu allen Zeiten sich im Glauben oder wenigstens in der Ahnung eines höheren Wesens vereinigt hätten: so müßte man dieses einstimmige Urteil offenbar für einen Anspruch des gesunden Menschenverstandes halten; denn eine Idee, die das Forschen der geübtesten Köpfe festgehalten, und den ungeübtesten eingeleuchtet hätte, die ungeachtet des Unterschiedes an Scharfsinn, Uebung, Alter, Geschlecht, Jahrhundert, Klima, Erziehung so allgemein für wahr gehalten worden wäre, müßte innere, notwendige, ewige Wahrheitsgründe für sich haben. Nun aber dieser allgemeine Völkerglaube wird mir durch die Völkergeschichte (die Skeptiker, die Wilden, die Wildenähnliche, die Tiefversunkenen abgerechnet) wenigstens äußerst wahrscheinlich.   2   Von der Einheit und Einzigkeit Gottes Alle Gründe, die mir das Dasein einer höchst weisen und höchst liebevollen Intelligenz äußerst glaubwürdig machen, machen mir auch das Dasein einer Einzigen solchen Intelligenz glaubwürdig. 1. Das Gefühl der Analogie sagt in mir: Einheit im Mannigfaltigen: also Ein Baumeister, Ein Künstler, Eine Welt: also Ein Gott. Der den Erkenntnistrieb in die Seele gelegt, der schuf auch das Auge, wodurch Erkenntnis in die Seele kommt. Der das Auge schuf, hat auch das Licht geschaffen, das die Gegenstände sichtbar macht. Der das Licht erschuf, der hat auch die Sonne geschaffen, von der das Licht kommt u.s.f. 2. Es ist das nämliche Interesse der Vernunft und des Herzens, Ein Urwesen, Ein höchstes, allvollkommenstes Wesen anzunehmen, wie jenes, das mich drängt, überhaupt ein Urwesen, ein allvollkommenstes Wesen anzunehmen. 3. Der Völkerglaube aller Zeiten verliert hier etwas von seinem Gewichte... denn obschon viele unter der Menge der Götter Ein höchstes Wesen geahnt haben, so kann dieses doch nicht von allen erwiesen werden. 4. Die für die Einheit Gottes gewöhnlich angeführten Beweise beweisen wenigstens so viel: Wir haben keinen Grund, mehr als Einen Gott, wir haben alle Gründe, nur Einen Gott anzunehmen.   3   Von der Freiheit des Menschen A. Der Mensch ist ein Wesen von zwei entgegengesetzten Kräften: eine Kraft nenne ich Sinnlichkeit, die andere Vernunft. 1. Die Sinnlichkeit hat folgende Naturgesetze: Sie entwickelt sich vor der Vernunft. Sie strebt nach angenehmen, und sträubt sich vor unangenehmen Empfindungen. Sie folgt dem Scheine, den ersten Eindrücken, und bleibt gerne bei der Gegenwart stehen. Sie wird durch Befriedigung des Strebens immer unabhängiger. Ihr Trieb ist kein anderer als: den bevorstehenden Genuß wirklich, den wirklichen dauerhaft, den alltäglichen neu zu machen; die gegenwärtige Empfindung des Schmerzes zu mildern, zu tilgen, die bevorstehende zu hindern, zu entfremden. Die sinnlich angenehmen, oder sinnlich unangenehmen Empfindungen, die irgend eine menschliche Handlung erwecken oder erhalten, verhindern oder tilgen kann, machen die sinnlichen Triebe zu handeln , den Zug der Sinnlichkeit aus. 2. Die Vernunft hat auch ihre Naturgesetze: Sie entwickelt sich wie die Sprachfähigkeit, spät und langsam. Sie kann durch Beobachtung, Belehrung, Uebung im Nachdenken, Befolgung der Gewissenslehren u.s.f. endlich doch zu einiger Reife gebracht werden. Die entwickelte Vernunft dringt in das Wesen, forscht nach Ursachen, betrachtet die Folgen, schaut in die Zukunft hinaus, sinnt nach über innere Güte, wahre Schönheit, Pflicht u. s. f. Der wahre innere Wert, die innere wesentliche Güte, die Gemeinnützigkeit, die Folgen der menschlichen Handlungen, die Verbindlichkeit u. s. f. machen die Vernunftgründe zu handeln aus. B. Die sinnlichen Triebe zu handeln, und die Vernunftgründe zu handeln, sind gar oft einander entgegengesetzt. Es entsteht nun die Frage : I. Können wir dem Zuge der Sinnlichkeit durch Vernunftgründe entgegenarbeiten? II. Müssen wir dem Zuge der Sinnlichkeit durch Vernunftgründe notwendig entgegenarbeiten? Etwa so wie durch die Naturgesetze das Fallen des unaufgehaltenen Steines auf die Erde bestimmt ist? Antwort auf die Frage : I. Der Mensch kann dem Zuge der Sinnlichkeit entgegenarbeiten . Der Mensch! Warum der Mensch? Und welcher Mensch? 1. Das Tier kann dem Zuge der Sinnlichkeit nie entgegenarbeiten, weil es Tier ist, ganz Sinnlichkeit, ganz Instinkt. 2. Das Kind, in dem der Vernunftkeim noch schläft, kann dem Zuge der Sinnlichkeit noch nicht entgegenarbeiten, weil es in diesem Zustande so viel als nur Sinnlichkeit ist. 3. Der Wahnsinnige kann dem Zuge der Sinnlichkeit mit klarem Bewußtsein nicht entgegenarbeiten, weil der Zustand des klaren Selbstbewußtseins nicht in ihm ist. 4. Der von der Leidenschaft ganz ohne alles Vorhersehen Ueberraschte und Hingerissene kann jetzt, in diesem Momente, den Zuge der Sinnlichkeit nicht entgegenarbeiten, – eben darum, weil die Sinnlichkeit allen Winken der Vernunft vorgesprungen ist. 5. Wenn die Handlung der Sinnlichkeit angenehm, und zugleich der Vernunft gemäß erkannt wird; jetzt in diesem Momente kann der Mensch dem Zuge der Sinnlichkeit nicht widerstehen, – eben deswegen, weil die Vernunftgründe mit den sinnlichen Trieben eins sind, nach einer Richtung arbeiten. 6. Von den Menschen, die sich in den Zuständen der Ohnmacht, oder des Schlafes, oder der vollkommenen Reizlosigkeit, oder der gespanntesten Aufmerksamkeit, oder der schlafähnlichen Gedankenlosigkeit befinden, kann man auch nicht sagen, daß sie jetzt in diesen Zuständen, der Sinnlichkeit entgegenarbeiten können. Wenn ich also sage: der Mensch kann dem Zuge der Sinnlichkeit entgegenarbeiten, so heißt dieses so viel: Alle Menschen , die nicht unter die Klassen der Unmündigen, der Wahnsinnigen, der Wilden gehören, alle Menschen, die sich nicht im Augenblicke einer vollkommenen Ueberraschung, nicht in dem Zustande des Schlafes, der Ohnmacht, der Gedankenlosigkeit usw. befinden, können dem Zuge der Sinnlichkeit entgegenarbeiten . Das läßt sich beweisen 1. Aus dem Selbstbewußtsein . So oft ich mich in dergleichen Umständen befunden habe, in denen die Sinnlichkeit ohne überrascht zu werden, zum erkannten Unrecht gereizt wurde, regte sich eine Stimme des Gewissens in mir, die da sagte: tue das nicht. Je aufmerksamer ich auf diese Stimme des Gewissens war, je schneller ich den Blick auf die Vernunftgründe hinheftete, je genauer ich sie überdachte: desto lichter ward's mir, den Vernunftgründen zu folgen und der Sinnlichkeit Widerstand zu tun. Je mehr ich bei kaltem Blute die Gründe zum Rechttun überdachte, je öfter und entschlossener ich mir Gewalt antat, die Beschwernisse recht zu handeln, zu überwinden; je mehr ich mich auf die Gelegenheit recht zu tun vorbereitete: desto öfter, desto leichter ist's mir gelungen, die Triebe der Sinnlichkeit zu bändigen, oder wenigstens zu schwächen. Je untätiger ich war, mich vor Uebereilungen und Verblendungen des inneren Sinnes zu hüten; je mehr ich die Neigung zum Bösen in mir Wurzel fassen ließ; je nachgiebiger gegen mein Herz, je nachsichtvoller ich gegen meine Fehltritte war; je unüberlegter ich den Gelegenheiten zum Unrechten in die Hände lief; je mächtiger ich die Reize des Bösen auf mich wirken lies; je seltener, je träger, je lebloser die Betrachtung der Vernunftgründe war: desto öfter, desto schneller ist mir die Kraft, dem Zuge der Sinnlichkeit entgegenzuarbeiten, geschwunden. 2. Aus dem unwiderleglichen Begriffe des Menschen , den alle gesunddenkenden Menschen haben. Denn wenn der Mensch durchaus nie dem Zuge der Sinnlichkeit widerstehen kann, so ist er ein bloßes Tier, ohne alle Vernunft. 3. Aus der Einrichtung der menschlichen Gesellschaft . Alle Gesetze und Verordnungen, alle Strafen und Belohnungen, alles Loben und Tadeln, alles Ermahnen und Bitten besserer Menschen setzen die Wahrheit voraus: daß der Mensch dem Zuge der Sinnlichkeit entgegenarbeiten kann. II. Der Mensch muß nicht notwendig dem Zuge der Sinnlichkeit entgegenarbeiten . Das zeigt 1. Die Natur der Dinge . Ungeachtet aller Vernunftgründe, die für die Tugend und wider das Unrecht streiten, bleibt es immer noch wahr, daß die Tugend viel Unangenehmes, das Unrecht viel Angenehmes hat. Also ist immer noch Grund vorhanden zum Nichtentgegenarbeiten. Ich habe zwar Kraft, den Stein von der Erde aufzuheben, aber wenn der Stein sehr schwer ist, und ich ein Freund der Bequemlichkeit bin, so kann ich den Stein auch liegen lassen. 2. Die Erfahrung der besten und edelsten Menschen. Bei allem Lichte der Vernunftsgründe, bei allen Vorsätzen, dem Zuge der Sinnlichkeit entgegenzuarbeiten, bei aller Ueberzeugung von Pflicht und Tugendschönheit, läßt sich auch der weise und gute Mann manche Schwachheiten zu Schulden kommen. Also ist es kein Naturgesetz, notwendig der Sinnlichkeit entgegenzuarbeiten. 3. Die Handlungsart aller Menschen, und die Einrichtung aller Sprachen . Alle kultivierten Menschen unterscheiden zwischen Tugend und Glück, zwischen Willensfehlern und Unglücksfällen. Diese bereuen, jene beweinen sie. In allen gebildeten Sprachen sind Tugend und Glück, Reue über eigene, und Kummer über fremde Fehltritte, Schuld und Unschuld zweierlei. Und dies beweist, daß aller Menschensinn sich gegen die Notwendigkeit, den Vernunftsgründen (oder der Sinnlichkeit) durchaus folgen zu müssen, empört. 4. Das Selbstbewußtsein . Es hängt wenigstens zum Teil von mir ab, ob die Beweggründe der Vernunft, deren ich bedarf, um der Sinnlichkeit entgegenzuarbeiten, zahlreich, lebhaft, gewichtig, mir stets gegenwärtig, vertraut werden sollen oder nicht. Klima, Erziehung, Verstandeskraft, Umstände, Alter, Geschlecht hängen nicht von mir ab, – aber die Zahl, die Lebhaftigkeit, das Gewicht der Gründe hängen zum Teil von der Anwendung meiner Kräfte, und diese von mir ab. Es ist wahr, durch Uebung kann mir die Tugend leicht, süß, zur Natur werden. Aber selbst dies, daß einst meine Liebe zur Tugend nahe an innere Nötigung grenzt, ist eine Frucht der Freiheit – kann also nichts wider die Freiheit beweisen. Es ist wahr, ich kann nichts wollen ohne Eindrücke von außen. Aber dies sagt nur, daß mein Wille nicht ganz unabhängig ist von Eindrücken, Sinnen, Körpern; erweist aber nichts gegen seine Freiheit. Und eben diese Teilabhängigkeit der Handlung von mir ist die Hauptsache, ist Freiheitsübung und Freiheitsprobe. So gewiß es also Torheit wäre, wenn ich die Abhängigkeit des Menschengeistes von den Eindrücken der Körperwelt leugnen, und eine selbständige, absolute Unabhängigkeit des Willens behaupten wollte, die gleiche Torheit ist's, den ganzen Grund der Handlung außer mir und gar keinen in mir zu suchen. Folgerungen : 1. Es ist also kein Naturgesetz , daß der Mensch notwendig dem Zuge der Sinnlichkeit oder dem Zuge der Vernunft folge, wie der Stein dem Zuge der Erde, die Flamme dem Triebe in die Höhe folgt. 2. Also ist der Mensch frei , d. h. er muß nicht notwendig alles tun was die Sinnlichkeit, und nicht notwendig, was die Vernunft verlangt. Somit ist Freiheit die Kraft, der Sinnlichkeit durch Vernunftgründe entgegenzuarbeiten. 3. Alle theoretischen Zweifel gegen die Freiheit, die nicht vom Herzen ihren Ursprung haben, entstehen daher, daß man sich durch das rätselhafte Wie auch das unrätselhafte Daß rätselhaft machen läßt. Wenn ich also gleich die Zweifel gegen die Erklärungsart der Freiheit nicht auflösen kann, so will ich mir dennoch das Dasein der Freiheit dadurch nicht zweifelhaft machen lassen. Denn die Fehler des Spiegels sind nicht die Fehler der Person, die der Spiegel fehlerhaft darstellt. 4. Wenn ich sage, daß der Mensch der Sinnlichkeit durch die Vernunft entgegenarbeiten kann, so sage ich nicht: daß diese Kraft ohne höhere Beihilfe vollendet werden kann. Ich sage dies um so weniger, da mich das Christentum lehrt, daß ohne höhere Kräfte kein Sterblicher die Sinnlichkeit vollkommen der Vernunft unterwürfig machen kann. 5. Die wichtigste und ungekannteste Wahrheit über die Freiheit dürfte wohl diese sein: der Mensch kann durch guten Gebrauch seine Freiheit stärken, und durch schlimmen Gebrauch sie schwächen.   4   Von der Unsterblichkeit des Menschen I. Das ganze Universum finden wir in allem planvoll, harmonisch, rätsellos, zweckmäßig, wenn wir den Menschengeist als unsterblich annehmen. Und zwar zunächst 1. Das Menschenleben. Unter der Voraussetzung der Unsterblichkeit ist das Menschenleben zweckmäßig, denn dann ist es Erziehung zu einem besseren Leben und als solche so vollkommen wie möglich. – Zweckmäßig ist die Kürze des Lebens; denn es ist nur Erziehungsepoche, Schul- und Vorbereitungszeit. – Zweckmäßig sind die Plagen dieses Lebens; denn es sind Veranlassungen und Beförderungsmittel des höheren Gutes im zukünftigen Leben. – Zweckmäßig sind alle Bitterkeiten der Tugend , und alle Annehmlichkeiten des Lasters ; denn die Bitterkeit der Tugend und die Reize des Lasters bestimmen den Wert des Kampfes, und der Wert des Kampfes die Herrlichkeit des Sieges. 2. Alles in der Menschennatur . a) Die Freiheit; eben weil der gute Gebrauch derselben das unersetzlichste und unentbehrlichste Mittel ist zur vollkommensten Entwicklung und Beseligung des Menschengeistes jenseits des Grabes. b) Die Möglichkeit der Vervollkommnung. Daß die Erkenntnis und Güte des Menschengeistes, seine Weisheit und Tugend von Stufe zu Stufe immerfort aufsteigen kann, schickt sich zur ewigen Fortdauer seiner Existenz. Wer fähig ist, immer besser und edler zu werden, ist dazu bestimmt, ewig zu sein. c) Das Selbstbewußtsein, die Idee der Persönlichkeit, die Erfindungs- und Forschungsgabe, der grenzenlose Erkenntnis- und Hoffnungstrieb, die Unersättlichkeit des menschlichen Herzens, die Wünsche nach endlosen Vergnügungen als ebenso viele Unterpfänder für eine immerwährende Existenz. 3. Das Verhältnis Gottes zum Menschengeschlechte. a) Die höchste Weisheit und Güte fordern auf einer Seite durch den Gewissenstrieb reinste Tugend und die vollkommenste Selbstaufforderung, um sie zu erreichen – geben aber auch auf der anderen Seite Motive dazu, und Belohnungen dafür, die alle Reize der Sinnlichkeit überwiegen, und allen Kampf übervergelten. b) Die höchste Weisheit und Güte haben den Lauf der Dinge so eingerichtet, daß der Tugend hienieden keine vollkommene Vergeltung wird, und wohl auch keine werden darf und kann. Es stimmt also mit der Beschaffenheit dieses Lebens überein, daß kein Vergeltungs- sondern ein eigentliches Tugendleben sein soll, wenn Gott ein künftiges zum Vergeltungsleben macht. II. Nehmen wir aber im Gegenteil den Menschengeist als sterblich an, so ist das ganze Universum ein lauteres Rätsel, eine lautere Planlosigkeit, Zwecklosigkeit und Disharmonie. Zwecklos und disharmonisch ist dann 1. Das Menschenleben , da es dann die ganze Epoche des Menschengeistes ausmacht, und als solches so unvollkommen wie möglich ist. 2. Die Menschennatur . a) Die Freiheit. Wenn der ganze Mensch im Grabe modert: so ist die Maschine, der es an Selbsttätigkeit fehlt, und das Tier, das keine Freitätigkeit hat, ungleich besser daran, als der Mensch, der recht dazu gemacht ist, »nach Sättigung zu streben, die ihm nie werden kann.« b) Die Fähigkeit zur Vervollkommnung. Wozu die Empfänglichkeit des Menschen zu immer höhern Erkenntnissen, Tugenden, Seligkeiten, wenn der Tod den Faden abschneidet, und niemand ist, der ihn wieder anknüpft? c) Die Anlage zur Fortdauer – ohne Fortdauer, welcher Widerspruch! Ein Durst, ein Wunsch ewig zu sein – und ein traurig Verschmachten nach einem schwülen Sommertage, welche Disharmonie! Die herrlichsten Anlagen – und vernichtet im Keime, der Mensch das vollendungsfähigste – und unvollkommenste Wesen, welcher Widerspruch! 3. Das Verhältnis Gottes zum Menschengeschlechte . a) Die höchste Weisheit und Güte fordern reinste Tugend, und haben keine entsprechende Belohnung dafür, und geben kein allseits hinlängliches Motiv dazu. b) Die höchste Güte und Weisheit ordnet einerseits den Lauf der Dinge so, daß das gegenwärtige Leben keine Vergeltungs- sondern nur eine Erziehungsepoche sein kann, und auf der anderen läßt sie die Vergeltungsepoche auf den Zustand, wo man die Früchte der Erziehung ungestört genießen könnte – ausbleiben.   5   Von der göttlichen Vorsehung Begriff der Vorsehung Wenn ich an eine Vorsehung glaube, so glaube ich, daß keine Wirkung in der Welt sei, die Gott nicht weiß, nicht ewig vorhersah, nicht in die Kette von Ursachen und Wirkungen einflocht, und die er nicht aus Absicht zum Besten seiner vernünftigen Geschöpfe ordnet und leitet. Das Allwissen, das Allvorhersehen, das Allbestimmen, Allordnen und Alldenken aller Dinge zum Besten der Geschöpfe heißt: Vorsehung (Providentia). Wer also Gottes Allwissenheit, Vorhersehen, Gottes Alleinfluß in alle Begebenheiten, Gottes Allbestimmung und Gottes Allordnung und Lenkung zum Besten der Geschöpfe leugnet, kann nicht an die Vorsehung glauben. Wer aber an eine höchste Weisheit, Liebe und Macht glaubt, der glaubt eben darum an die Vorsehung. Was hat die Vernunft nun für Gründe, den Glauben an die Vorsehung zu empfehlen ? So gewiß es höchstes Interesse der Menschenvernunft und des Menschenherzens ist, einen Gott anzunehmen, eben so gewiß ist es höchstes Interesse, in diesem Gott höchste Weisheit, Liebe und Macht zu denken. Denn ein Gott ohne höchste Weisheit, Liebe und Macht ist für mich so viel als kein Gott; ein Gott ohne höchste Weisheit, Liebe und Macht ist kein Gott für mein Herz. Wenn ich nicht glauben kann, daß Gott höchste Weisheit, Liebe und Macht sei, so kann ich nicht fest glauben, daß Er auch um mich weiß, meinen Jammer, das Sehnen meines Herzens kennt, daß Er auch mir Gutes will, daß Er auch mir diesen Schmerz zum Besten lenken kann, daß Er auch mir, alle Selbstbekämpfung um der Tugend willen vergüten kann und will. Und wenn ich dieses nicht fest glauben kann: so kann ich nie ruhig, heiter, zufrieden – nie glückselig sein. Also kein Gott, oder eine Vorsehung, also kein Gott, oder allerindividuellste Vorsehung, denn 1. Es ist unmöglich, das Allgemeine aufs vollkommenste zu bestimmen, ohne das Einzelne zu kennen, da das Allgemeine nur das ist, was alle einzelnen Dinge gemeinsam haben. 2. Es ist unmöglich, daß sich die Allwissenheit des Erkennens irgend eines Dinges entschlagen sollte. Ich kann bei einer Sache wenig oder viel denken: aber der Allsehende muß alles sehen, der allgegenwärtige Geist kann seine Gegenwart nirgends entziehen. 3. Es ist unmöglich, daß durch allgemeine Gesetze, nach denen die Kräfte wirken, die Welt allein geordnet und erhalten werden kann. Denn die Vollkommenheit der Welt besteht in der vollkommensten Verbindung nicht nur der Kräfte, sondern aller Wirkungen unter einander und mit ihren Ursachen. Nun sind nach dem Plane der Schöpfung (ungeachtet aller allgemeinen Gesetze), die mannigfaltigsten Verbindungen der Teile und unbegreiflich viele Grade der Vollkommenheit in diesen Verbindungen möglich, und nur jene Verbindung ist die vollkommenste, wo die Vollkommenheit aller einzelnen Teile in Absicht auf das Ganze die höchste ist. In der Welt ist kein Zufall, und das Größte hängt gar oft von dem Kleinsten ab. Also ist die individuellste Kenntnis und Lenkung der einzelnen Teile notwendig, um der Welt jene Vollkommenheit zu geben, der sie fähig ist. 4. Der vollkommenste Verstand sieht nichts im allgemeinen, klassenweise. Klassen sind nur Krücken unsers schwachen Erkenntnisvermögens. 5. Es ist höchste Unphilosophie, denken, daß für ein Geschöpf sorgen, für Gott zu klein sei, da es nicht zu klein für ihn war, es zu erschaffen, und die Sorge für das Wohl seiner Geschöpfe keine Arbeit, sondern höchstes Vergnügen seines Wesens ist. Das Verhältnis der göttlichen Vorsehung zur menschlichen Freiheit Einwand: »Wenn Gottes Auge alles vorhersieht: und Gottes Allmachtshand alles vorherbestimmt: so ist die Freiheit des Menschen hin.« Antwort: Das Vorhersehen ändert nichts im Geschehen der Dinge. Wie wenn ich durch einen Spiegel die Leute sehe, die auf der Gasse gehen, mein Blick keine Festlegung des Gehens der Leute ist: so hebt auch das Vorsehen Gottes das freie Tun der Menschen nicht auf. Die Vorherbestimmung der Dinge flocht eben auch die freien Handlungen der Körperwelt in den großen Plan ein, so daß auch die freien Handlungen, ehe sie geschehen, schon ihre bestimmte Wahrheit haben.   6   Von der Vergeltung nach dem Tode Einzelne Gründe hierfür und ihr Gewicht 1. Der Menschengeist lebt nach diesem Leben, und lebt ewig, ist unsterblich. (Vierte Wahrheit.) 2. Gott, der den Menschengeist lebendig erhält, ist höchste Weisheit und höchste Liebe. (Erste Wahrheit.) 3. Also ist die Fortdauer des Menschengeistes nach diesem Leben den Absichten der höchsten Liebe und Weisheit gemäß. (Schlußfolge aus den zwei vorangehenden Sätzen.) 4. Die Absicht der höchsten Liebe und Weisheit bei der Fortdauer des Menschengeistes nach diesem Leben kann wohl keine andere sein, als dem Menschen die mächtigsten Antriebe zur reinsten Tugend, und der reinsten Tugend die höchste Seligkeit zu verschaffen. (Ein Schlußsatz aus dem Begriffe von der menschlichen Freiheit und der göttlichen Vorsehung, d. h. aus der vierten und sechsten Wahrheit, die in der Glückseligkeitslehre zu Grunde gelegt werden.) 5. Nun sind aber gerade die mächtigsten Antriebe zur Tugend dahin, wenn die Folgen der Tugend und des Lasters im Lande der Unsterblichen gleich sind. Im Gegenteil, die Antriebe zur Tugend erhalten neues Leben, wenn die Folgen der Tugend und des Lasters im Lande der Unsterblichen ungleich sind. Die Antriebe zur Tugend erreichen die höchste Kraft, wenn sich die Unsterblichkeit zur Sterblichkeit verhält, wie die Ernte zur Aussaat, das heißt, wenn es jenseits des Grabes einen vollkommenen Vergeltungszustand gibt. (Ein Folgesatz aus den Begriffen von Freiheit und Vergeltung.) 6. Höchste Seligkeit ist für den Menschen jene, die zugleich eine Folge des Wohlverhaltens, eine Frucht der Selbstüberwindungen ist, die die Tugend kostet. (Aus der Analogie der Freude, die der Gedanke gewährt, zum Teil Selbsturheber seines Glückes zu sein.) 7. Also, so gewiß es ist, daß es einen Gott gibt, daß dieser Gott höchste Güte und Weisheit ist, daß die höchste Güte den Menschengeist ewig erhält, daß die Absicht dieser Erhaltung auf höchste Seligkeit des Menschen geht, daß die höchste Seligkeit nur bei der vollkommensten Allvergeltung denkbar ist; eben so gewiß ist es, daß es nach diesem Leben einen vollkommenen Vergeltungszustand gibt.   Schlußbemerkungen über die Vernunftgründe für die Unsterblichkeit, Vorsehung und Allvergeltung 1. Sie sind mehr empfehlend, als zwingend. 2. Sie beweisen mehr die Notwendigkeit, an die Unsterblichkeit und Allvergeltung zu glauben, als das Dasein derselben. 3. Sie heben die Dunkelheiten nicht weg, die notwendiger Weise auf diesen Wahrheiten liegen. 4. Sie geben aber auch der Vernunft kein Recht, stolz zu sein, da sie in jedem nüchternen Gemüte ein Verlangen nach dem Lichte einer positiven Offenbarung erregen. 5. Ungleich einfacher, beruhigender, zweifelverscheuchender wäre es, wenn die Gottheit selbst spräche: Gott ist die Liebe – Gott ist kein Gott der Toten, sondern der Lebendigen – Kein Haar fällt ohne Gottes Willen und Wissen vom Haupte, kein Sperling vom Dache. Gott leitet denen, die ihn lieben, alle Dinge zum Besten. Was der Mensch säet, das erntet er. 6. Da nun tatsächlich eine Urkunde in der Welt ist, die bezeugt, daß die Gottheit so gesprochen hat, so haben damit die Menschenvernunft und das Menschenherz ein höchstes Interesse daran, mit ernster Unparteilichkeit zu untersuchen, ob diese Urkunde glaubwürdig sei, um, wenn sie hinlängliche Kennzeichen der Glaubwürdigkeit hat, ihr die Zustimmung zu geben, die sie verdient. Erstes Hauptstück. Von der Fähigkeit der menschlichen Natur, glücklich zu sein Erster Abschnitt. Von den Kräften und Trieben der menschlichen Natur I. Ich bin, und bin ein Mensch – denke, will, handle wie ein Mensch, oft ohne recht zu wissen, was ich will; noch öfter ohne zu wissen, was mich zum Wollen treibt; manchmal auch mit dem hellen Bewußtsein dessen, was ich will und was mich zum Wollen treibt. Wenn ich diese meine Handlungen zergliedere, so komme ich auf Kräfte, die sie hervorbringen und auf Triebe, die die toten Kräfte anregen und beleben, und von dem wozu sie neigen, Neigungen heißen können. Einige Triebe treiben unmittelbar zum Wohlsein , sei es nun mein eigenes oder fremdes, wahres oder scheinbares, vorübergehendes oder dauerndes, des Körpers oder Geistes; andere treiben unmittelbar zu dem, was mich des Wohlseins erst recht fähig macht, zum Gutsein . Was das wahre Gutsein und Wohlsein meiner Natur sei, ist die eigentliche Aufgabe dieser Untersuchung. Ich will hier nur soviel von beiden sagen, was als ausgemacht angenommen und vorausgesetzt werden darf. Bei dem Wohlsein denkt sich jeder etwas, was wir in Hinsicht auf den Gegenstand angenehm, in Hinsicht auf die Empfindung Freude, Zufriedenheit, und in Hinsicht auf den Ausdruck des inneren Zustandes, Fröhlichkeit, Frohsinn, nennen. Unter Wohlsein versteht jeder die Befriedigung seiner Wünsche, Neigungen, oder die sichere Hoffnung dazu. Ueber das, was es heißt: Gutsein , ließe sich mehr sagen. Soviel wird jedoch vorläufig jeder leicht eingestehen: der Mensch hat die Idee von etwas in sich, das wir gut nennen. Dieses Gute wird nicht wirklich ohne Gebrauch des Willens, und nicht ohne Gebrauch des Willens, den wir freitätig nennen – ist also sittlicher Natur. Es erwirbt dem, der es hat, Achtung von jedem, der es kennt und zu schätzen weiß. Man kann sich mit dem, welchem wohl ist, freuen; aber gegen den, der gut ist, hat man Hochachtung. Das Gute gibt dem, der es hat, eine eigene Liebenswürdigkeit in den Augen dessen, der gut genug ist, den Menschen um seines Gutseins willen zu lieben. Das Gute ist für jeden, der es noch nicht hat, ein Soll, das wir Gesetz, Gebot, oder wie immer nennen. Das Gute verschwindet nicht mit der guten Handlung, sondern bleibt eine Eigenschaft des Geistes, ist ein Sein, das zwar zerstört werden kann, aber doch nicht mit der Handlung dahin ist. Das Gute mag mit einer Art des Wohlseins verbunden sein, das dem Guten aus Erfahrung bekannt ist, und dem, der nicht gut ist, nicht beschrieben werden kann, ist aber doch nicht das Angenehme selbst, das fehlen und auch mit dem Gegenteil des Guten verknüpft werden kann. Das Gute ist anfangs schwer zu erringen, wird aber durch Uebung immer leichter. Es ist unzähliger Stufen fähig, kann rein, unrein, reiner, unreiner usw. sein. Es hat die Eigenschaft, daß wir uns dessen nie zu schämen haben, es auch nie bereuen dürfen. – An diesen Kennzeichen läßt sich das Gutsein klar genug erkennen von dem, der es erkennen will. Insofern die Menschen das Wohlsein dauerhaft und herrschend denken, nennen sie es Glückseligkeit, und insofern sie bei der Glückseligkeit eine Dauer ohne Ende, eine Allgemeinheit in Befriedigung aller Wünsche, und eine solche Größe, die alles Lästige und Mangelhafte ausschließt, denken, nennen sie es Seligkeit . Ähnlich ändert sich auch die Sprache beim Gutsein . Insofern die Menschen ein Gutsein denken, das der reinen Idee des Guten durchaus angemessen ist und weder in Gesinnung noch in Handlung, weder im Genießen noch im Entbehren, weder im Denken noch im Wünschen davon abweicht, nennen sie es Heiligkeit . II. Weil nun denkende Köpfe beobachtet haben, daß die meisten Menschen mehr ihr Wohlsein als ihr Gutsein suchen, und auch das Gutsein nur um ihres Wohlseins willen, so haben sie dies als wesentlich empfunden, und gelehrt: der Mensch müsse alles um seines Wohlseins willen tun. Und dies sagten sie, sei die Selbstliebe , die notwendig das Triebrad aller menschlichen Handlungen wäre. Darauf ist zu entgegnen: Es gibt 1. eine Selbstliebe, die nur das sinnliche Wohlsein herrschen läßt, ohne zu fragen, ob das Wohlsein wahr und dauerhaft sei, und ohne selbst die körperliche Gesundheit und das Leben zu schonen. Diese Selbstliebe will nur Genuß. Diese Selbstliebe weiß ich nicht anders als ganz rohe, blinde, tierische Selbstsucht zu nennen. Es gibt 2. eine Selbstliebe, die im Genuße eine Mäßigung, eine Beschränkung der Lust, d.h. eine Art Selbstverleugnung gebeut, aber bloß deswegen, damit der Körper um so länger zum Genuße brauchbar bleibt und systematisch den Vergnügungen der Sinne dienen könne. Diese Selbstliebe ist weiter nichts als eine etwas verfeinerte Eigenliebe. Es gibt 3. eine Selbstliebe, die das Wohlsein der menschlichen Natur ernstlich sucht, und auch nach Gutsein trachtet, aber vorzüglich nur deswegen, weil das Gutsein ein Kapital ist, aus dem reiche Zinsen des Wohlseins fließen. Gutsein ist also dieser Selbstliebe nur Mittel zum Zweck, und dieser Zweck ist das Wohlsein. Dieser feinsten Selbstliebe ist keine Mühe zu peinlich, kein Opfer zu groß, um gut zu handeln, aber es ist doch in einem solchen Menschen mehr die Klugheit, die die Folgen der Handlung berechnet, als das Gutsein schlechthin, was die wirkliche Handlung bestimmt. Es ist aber noch 4. die Idee eines solchen Gutseins in mir, welches von dem Einfluße auch der feinsten Selbstliebe unabhängig und ein durchaus lauteres Gutsein ist. Es haben sich zwar ehemals die Köpfe über die Möglichkeit eines solchen Gutseins entzweit: aber das liegt außer den Grenzen des Streites: a) Ein einziger Mensch, in dem dies Gutsein existierte, würde allem Streite über die Möglichkeit desselben ein Ende machen. b) Offenbar könnte dieses Gutsein von keinem errungen werden, der sich nicht schon durch heldenmütigen Widerstand gegen alle Regungen der rohen, der feinen und der feinsten Selbstliebe eine Unabhängigkeit von der Uebermacht dieser Regungen erstritten hätte. c) Da sich der Mensch durch Widerstand von den Einflüssen der rohen Selbstliebe losmachen kann: so liegt in dem Gedanken, daß er sich durch fortgesetzten und verstärkten Widerstand auch von den Einflüssen der feinen und feinsten Selbstliebe losmachen könnte, nichts, das seiner Natur widerspricht. Ein solches Gutsein, das von allen Einflüssen aller Selbstliebe rein wäre, müßte als vollkommenes Gutsein bezeichnet werden. d) Insofern ein Mensch in seinem Streben nach Gutsein durch Widerstand gegen alle Einflüsse der Selbstliebe eine solche Vollkommenheit erringen könnte: ließe sich, (wenn man nichts wichtigeres zu tun hätte), ein schönes Paradoxon verteidigen, daß nämlich die Besiegung der Selbstliebe, die Vergessenheit und Nichtachtung aller Folgen des Guten – im Eifer und Bemühen dem Guten allein anzuhängen – die einzige rechte Selbstliebe, das ist, die rechte Vollkommenheitsliebe wäre. Diese Selbstliebe, die in der gelehrten Welt unter diesem Namen garnicht bekannt ist, nannte der göttliche Lehrer mit dem eigentlichen Worte Selbsthaß; weil man eigentlich das Niedere sich versagen, und es praktisch hassen muß, um das Bessere lieben, achten, vollbringen zu können. Diese Selbstliebe hat keinen Gegenstand und keinen Zweck als vollkommenes Gutsein, und daraus entstehendes Wohlsein: sie ist also in keiner Epoche ihrer Existenz des Menschen würdiger, als in welcher sie ihren würdigsten Zweck erreicht, und die lautere Gesinnung gegen Gott und die Menschen geworden ist, die unser vollkommenes Gutsein, und den Grund unseres würdigsten Wohlseins, ausmacht. Diese lautere Gesinnung heißt von ihrem ersten und würdigsten Gegenstande, von der Urquelle alles Gut- und Wohlseins, aus der ich schöpfe, was ich Gutes habe, Gottesliebe ; von meinen vornehmsten Mitgeschöpfen, die mit mir das nämliche Bedürfnis und die nämliche Fähigkeit haben aus dieser Urquelle zu schöpfen, Menschenliebe ; von mir selbst als dem Gefäße und Behälter, oder dem Subjekt des Gut- und Wohlseins, das aus dieser Urquelle kommt, Selbstliebe . Für sie sollte schon dies allein uns einnehmen, daß dadurch eine Einheit und Lauterkeit in unser Wesen und in unsere Kräfte gebracht wird, die auf keinem anderen Wege gefunden werden kann. Wie die Wurzel, der Stamm, die Äste und Zweige eines gesunden Baumes, ein einziges gemeinsames Leben des Baumes ausmachen: so machen Gottes-, Menschen- und Selbstliebe, wenn sie vollkommen sind, ein Streben der menschlichen Natur, Ein lauteres Leben des Menschen aus; und wie die Äste und Zweige ihr gemeinsames Leben von Wurzel und Stamm bekommen: so nehmen die wahre Menschenliebe und die wahre Selbstliebe ihr rechtes Leben von der Gottesliebe als ihrer Wurzel her. Sobald aber ein Zweig vom Baume geschnitten wird, so verdorrt er, weil er ohne den belebenden Saft nicht leben und ihn, von Wurzel und Stamm getrennt, nicht mehr empfangen kann. So wird auch die Selbstliebe, wenn sie sich von der Gottes- und Menschenliebe losreißt, des Menschen unwürdig, verfehlt ihren Zweck, macht den Menschen unvollkommen und elend, indem sie ihn glücklich machen will. Ebenso wird die Menschenliebe, wenn sie sich von der Wurzel und dem Stamm losreißt, parteiisch, eigennützig, und macht den Menschen, in welchem sie lebt, böse und elend, indem sie daran arbeitet, andere glücklich zu machen. III. Im einzelnen ist nun, nach dieser Darlegung der rechten Selbstliebe, zu sagen: Das sinnliche Vergnügen, das die Befriedigung der Triebe schafft, kann im Grunde nicht als Endzweck derselben angesehen werden. Denn 1. der Mensch ist kein bloßes Sinnengeschöpf. Es hat sich zwar die Vernunft einiger Menschen die unedle Mühe gegeben, zu beweisen, daß die Vernunft nur das Kind der Sinne sei: aber die Mühe etwas zu beweisen, ist noch kein Beweis, und hier ist nicht von dem Ursprung der Vernunft die Rede, sondern von ihrem Dasein. Daß aber doch die Menschen wirklich Vernunft äußern, sich z. B. besinnen, kann, bei allem Reiz zu zweifeln, als augenscheinliches Faktum der menschlichen Natur nicht wohl bezweifelt werden. 2. Der Geist des Menschen, der wenigstens die Idee des Guten in sich hat, und des Gedankens an die Urquelle alles Guten fähig ist, ist zu erhaben, als daß ihn die bloße niedere Sinnenlust sättigen könnte. 3. Die Natur des Menschen macht die Sinnenlust selbst zum Mittel. Denn Speise und Trank, Schlaf, Erholung – stärken wirklich die schwachen Kräfte, daß sie wieder arbeiten können, daß sie Mittel zu einem anderen Zwecke werden. 4. Die Vernunft kann durch Gebrauch der sinnlichen Kräfte sich selbst mancherlei Stoff zu ihren Vorstellungen, dem Willen zu höheren Empfindungen, dem Wohlwollen zum Wohltun verschaffen: es kann also die Sinnenlust nicht Endzweck der Triebe sein, weil aus dem Gebrauch der sinnlichen Kräfte, womit die Sinnenlust verbunden ist, das Vergnügen des Denkens, der höheren Empfindungen, der Wohltätigkeit und der Gottesliebe entstehen kann, ein Vergnügen, das seiner Natur nach edler ist. Wie niemals das Niedere Zweck des Höheren ist, sondern vielmehr das Höhere Zweck des Niedrigen, also auch hier. IV. Die sinnlichen Triebe haben die Erhaltung des sinnlichen Menschen zum nächsten, und die Entwicklung des geistigen Menschen zum höheren Zweck. Hätten wir nicht den Erhaltungstrieb in uns, so würde uns manches Nahrungsmittel gleichgültig und das Leben des Leibes aus Mangel an Nahrung vor der Zeit zu Ende sein. Und wäre mit der Befriedigung des Nahrungstriebes kein sinnliches Vergnügen verbunden, so würde der Erhaltungstrieb kein hinlänglicher Trieb für den sinnlichen Menschen sein. Es muß also für die Erhaltung des Körpers durch Instinkte gesorgt werden, und nicht durch Begriffe; denn diese kommen erst hinten nach, und wirken als solche wenig. Wenn also die Erhaltung des Leibes auf die Begriffe des Menschen, dessen Leib Nahrung bedarf, warten müßte, so würde es mit der Fortdauer unseres Geschlechtes gerade so stehen, wie mit den meisten Entwürfen der spekulativen Köpfe, die sich zerschlagen, ehe sie zur Ausführung kommen. Wie also das Sein der Grund alles Genusses und Gebrauches ist: so ist die Erhaltung unseres sinnlichen Seins der nächste Zweck aller sinnlichen Triebe. Wer also die Wahrheit liebt, wird nicht sagen dürfen: die sinnlichen Triebe sind da, um die Triebe in Bewegung zu setzen, und die Triebe werden in Bewegung gesetzt, damit die sinnliche Natur erhalten werden kann, sondern die sinnlichen Triebe haben einen höheren Zweck, und dieser Zweck ist nach dem, was im Menschen vorgeht, die fortschreitende Entwicklung des Geistes. Denn es kann dem Körper des Menschen von den arbeitenden Menschenhänden nicht wohl Nahrung und Kleidung verschafft werden, ohne daß die denkende Kraft des Menschen dadurch geweckt und geübt wird. Wer also die sinnlichen Triebe für nichts anderes als bloße Vergnügungsmittel ansieht, der bleibt bei dem kurzen, vorbeifliegenden Genusse stehen; wer sie aber als Entwicklungsmittel der schlummernden Vernunft ansieht, der geht um einen Schritt weiter, und kommt der Wahrheit offenbar näher. Die sinnlichen Triebe sind also zum Segen der Menschheit da, aber sie werden nicht immer der Segen der Menschen. Denn sie bedürfen einer Leitung und erhalten oft gar keine, oft nicht die rechte, sehr selten eine vollständige. Sie bedürfen einer fremden Leitung, weil sie blind sind und sich nicht selbst leiten können. Sie bedürfen einer Leitung, weil sie ohne Leitung das Gut- und Wohlsein des Menschen zerstören, wenn es da ist, und hindern, wenn es nicht da ist. a) Die Vernunft kann Leiterin der sinnlichen Triebe werden. Die Vernunft kann gar leicht erkennen, daß dem blinden Triebe folgen, und sein eigen Gut- und Wohlsein hindern, zerstören, Eins sei; kann gar leicht erkennen, daß es in sich gut und schön sei, den Trieb zu beschränken, und ihn dem Gesetze der Vollkommenheit zu unterwerfen; kann gar leicht erkennen, daß es eine eigentliche Würde des menschlichen Willens sei, den Trieb der Vernunft, und nicht die Vernunft dem Triebe, das Niedere dem Höhern, und nicht das Höhere dem Niedern zu unterwerfen; kann gar leicht erkennen, daß, wenn es eine Urquelle des Guten gibt, es ihrem Willen gemäß sei, die blinden Triebe durch das gegebene Licht zu leiten, statt das Licht durch die finstern Triebe verfinstern zu lassen; kann den freitätigen Willen bewegen, daß er, in einigen leichteren Fällen, in denen nämlich die Sinnlichkeit keine überwiegenden Kräfte äußert, die sinnlichen Triebe wirklich beschränke, dem Gesetze der Vollkommenheit wirklich unterwerfe. Daß die Vernunft fähig sei zu jenen Erkenntnissen zu kommen, und den Willen zu dieser Beschränkung der Triebe zu bestimmen, davon kann jeder die Erfahrung an sich machen, und muß sie jeder, der nur einmal als Mensch gehandelt, schon gemacht haben. b) Was die Vernunft kann, das soll sie auch. Das heißt: es ist der nächste Zweck der Vernunft die sinnlichen Triebe zu leiten. Sie steht mitten inne zwischen Sinnlichkeit und dem freitätigen Willen: wozu stünde sie mitten inne, als den freitätigen Willen zu bewegen, daß er die Triebe dem Gesetze der Vollkommenheit unterwerfe? Die Vernunft kann sehen: wozu sehen, als zunächst in ihrem Gebiete Aufsicht zu halten, ob die Triebe dem Gesetze der Vollkommenheit gehorsamen oder nicht? Die Vernunft kann den Willen bestimmen: wozu, als daß er die Triebe wirklich beschränke, wirklich dem Gesetze der Vollkommenheit unterwerfe? Aber nicht nur der Standpunkt der Vernunft, nicht nur ihr eigentliches Vermögen beweisen den nächsten Zweck ihres Daseins; auch die Folgen, die aus dem Gegenteile entstehen, machen den Zweck der Vernunft anschaulich. Wenn die Vernunft diesen Zweck nicht zu erreichen strebt, nicht die Triebe zu leiten sucht: so läßt sich bei ungeleiteten Trieben gar kein Gutsein, gar kein würdiges Wohlsein des Menschen denken: also ist das Leiten der Triebe der nächste Zweck der Vernunft. Diese oder ähnliche Betrachtungen haben die neueren und älteren besseren Philosophen überzeugt, daß sie einhellig die Vorschrift: Leite die Triebe durch die Vernunft, für eine der wichtigsten und ersten Vorschriften aller Moral gehalten und empfohlen haben; haben vielleicht den neuesten Philosophen vermocht, die alte Wahrheit in seiner neuen Sprache zum Imperativ aller Moral zu machen. c) Allein so wahr, klar und brauchbar diese Vorschrift: Leite die Triebe durch die Vernunft, immer sein mag, ist sie doch eine, in Absicht auf den ganzen Erfolg, den sie bezweckt und für die Menschen, wie sie sind, äußerst unbehilfliche und zur Gründung des wahren Menschenglückes unkräftige Vorschrift. Denn die Vernunft Ich nehme hier die Vernunft, wie sie subjektiv im Menschen wirklich existiert, nicht wie sie in Büchern gemalt wird: ich nehme sie in concreto, wie sie mit den sinnlichen Trieben, und zerrütteten Neigungen im Menschen zusammengewachsen ist, nicht wie sie in abstracto zur Schau getragen wird. ist in vielen Menschen fast so verdorben, wie die sinnlichen Triebe, und sie verdirbt gar oft die Triebe nur noch mehr. Sie hilft in der Tat dazu. So erfand sie z.B. nach dem Gebote der Sinnlichkeit alle die unzählichen Künste, die den Nahrungsmitteln einen Reiz verschaffen, der die gesättigte Eßlust noch weckt. Die Vernunft erfand die unzähligen Werkzeuge des Luxus, die die sinnlichen Triebe immer mehr über die natürlichen Grenzen ausdehnen, und alles Einfache in Kunst verwandeln; die den kurzen Akt der Selbsterhaltung durch Speise und Trank, zum großen, wichtigen, anhaltenden Geschäfte machen. Die Vernunft ist es, die die leichte Arbeit sich zu kleiden, in ein wichtiges, Zeit und Kraft fressendes, bei vielen in das vornehmste Tagwerk verwandelt. Die Vernunft ist die Kraft, welche die Triebe, eigene und fremde, noch mehr ausarten macht. So sinnt sie im Erbitterten auf besondere Mittel, Rache zu nehmen, im Wollüstigen auf unnatürliche Lust, und auf besondere Mittel, sie wirklich zu machen, im Eitlen auf neue Werkzeuge der Eitelkeit. Sie macht auch fremde Triebe ausarten, hört z.B. nicht auf, Freiheit, Freiheit zu schreien und ruhet nicht, bis der Freiheitstrieb, der Trieb, keine unnötige Last zu tragen, der uns allen eigen ist, bei einer Familie oder größeren Gesellschaft in einen Trieb zur Ungebundenheit, Gesetz- und Zuchtlosigkeit ausarte; malt das Glück, Selbstherrscher zu sein, so blendend, zeigt die Umkehr der Ordnung in einem so einnehmenden Lichte, daß die Unglücklichen den Traum für Wahrheit und die Zerrüttung für den Aufgang des Heils ansehen. Die Vernunft ist ferner eine Kraft, die statt die Triebe zu leiten, oft sogar eine Sklavin der Triebe wird. Beweis sind alle Ausbrüche der Sinnlichkeit, alle Apologien, die die mißbrauchte Vernunft dem gebietenden Laster gehalten hat, hält und halten wird. Wo war eine Tyrannei, die nicht an irgendeiner Vernunft ihren Verteidiger gefunden; wo eine Unvernunft, der nicht irgendeine Vernunft den Mantel der Weisheit umgeworfen hat? d) Wenn nun aber die Vernunft die Triebe erweitert, ausarten macht, zum unnatürlichen Schweigen bringt, und nicht selten eine Sklavin der Triebe wird: so muß sie selbst einer Leitung bedürfen , um Leiterin der Triebe werden zu können. Sie wird sonst recht oft Böses für Gutes und Gutes für Böses, Falsches für Wahres und Wahres für Falsches ausgeben; und diese Gewohnheit unrichtig zu urteilen, wird sie selbst immer unfähiger machen, richtig zu urteilen. Sie ist allerdings ein Arzt, der den Menschen vor vielen Dingen bewahren und einige Krankheiten auch heilen kann. Wenn nun aber der Arzt statt den Kranken zu heilen, das Uebel nur schlimmer macht, wenn er statt die Seuche zu heilen, selbst von der Seuche angesteckt wird, wie etwa die unvorsichtigen Krankenwärter die Krankheiten ihrer Anvertrauten erben: wie wird der kranke Arzt seine Patientin heilen? Und dies ist die Geschichte unserer Vernunft. Sie läßt sich von der Patientin erbitten und bestechen, bis sie am Ende von dem Gifte selbst angegriffen wird. Zudem, wenn auch der Ausspruch der Vernunft wahr ist, so ist die Leitung der Vernunft doch nur die Leitung eines Begriffes, und als solche viel zu schwach, die irregeleiteten Triebe nach dem Gesetze der Vollkommenheit mit hinreichender Kraft zu leiten und das eingewurzelte Uebel zu heilen. Sie kann das Gesetz darlegen; sie kann die Beweggründe, dies Gesetz zu erfüllen, sammeln, darstellen; sie kann an das Gesetz und die Gründe, es zu erfüllen, erinnern; sie kann den Willen in leichtern Fällen wirklich zur Erfüllung des Gesetzes bewegen. Allein wir haben bis auf diese Stunde in der ganzen Geschichte kein einziges, bekannt gewordenes Beispiel, daß die Vernunft sich selbst überlassen und ohne andere Hilfe vermocht hat, das Gesetz der Vollkommenheit in der menschlichen Natur gegen alle Regungen der widerstreitenden Triebe geltend zu machen. Vielmehr klagen die Besseren und Weiseren des Geschlechtes über die Uebermacht der Asche und über die Ohnmacht des göttlichen Funkens in uns. Das Wort des römischen Dichters: Das Bessere billige ich – dem Schlechteren folge ich, ist zum Sprichwort des gesunden Verstandes geworden; und man müßte ein rechter Fremdling in seinem eigenen Hause sein, wenn man in dem Dichter diesmal nicht den Seher der Wahrheit erkennen wollte. – Es ist zudem kein Verhältnis zwischen der Leitung durch einen Begriff und dem Widerstreit der ganzen Sinnlichkeit. Das Gute, zu dem die Vernunft treibt, ist nur Idee, nur Vorstellung; das Angenehme, das die Sinnlichkeit anbietet, ist ein gewaltsamer Reiz. Dieser Reiz stellt sich wie eine Mauer der befehlenden Vernunft entgegen, die sie noch zuvor übersteigen, – oder wie ein Abgrund, den sie noch zuvor ausfüllen muß, um mit ihrem Befehle durchzudringen. Es ist einem jeden redlichen Menschen, der sich nicht gerne mit Worten täuschen läßt, und wahrhaftig gut werden möchte, wie einem Wanderer, den noch der Abgrund einer tiefen, weiten Kluft von seinem Vaterlande trennt: er steht und schreit: »Wer füllt mir diese Kluft aus, daß ich in mein Vaterland kommen möge!« Mit Idee ist sie allem Anscheine nach unausfüllbar. Das alles, die Geschichte, die große Kluft zwischen Idee und Tat, zwischen Wollen und Vollbringen; der durch Ideen nach allem Anschein unausfüllbare, große Graben, der uns von dem Lande der Tugend trennt, und den nur der Leichtsinn nicht sehen kann; die täglich eintretende Erfahrung, wie schwer es sei, auch in leichtern Fällen der Idee des Guten nachzuleben; und darüber die Beobachtung, daß es auch bei den mutigsten Kämpfern für das Gute nicht an Fehltritten fehle, – dies alles kann einen redlichen Forscher bei aller Achtung für die Vernunft, geneigt machen, ihr wirkliches Unvermögen als solches anzuerkennen, und mit allem Ernste zu fragen: e) Wie kann diesem Unvermögen der Vernunft , das Gesetz der Vollkommenheit in dem menschlichen Willen geltend zu machen, abgeholfen werden ? Es lassen sich zwei Wege hierzu denken, deren der eine in , der andere außer dem Kreise der menschlichen Kräfte liegt. Der Weg, der im Kreise der menschlichen Kräfte liegt, heißt Angewöhnung des noch unmündigen Menschen zur Befolgung der vornehmsten Vernunftaussprüche, ehe in ihm die Vernunft selbst erwachte. Dafür spricht das klare Zeugnis der Erfahrung und die Natur der Sache. Wenn der Wille schon durch Vorübung eine Fertigkeit erlangt hat, das Gute zu achten und zu lieben: so ist es der Vernunft leichter, diese Achtung und Liebe zu gebieten. Hat der Knabe gelernt, dem Winke des Vaters ohne Widerrede zu gehorsamen, – noch ehe seine Vernunft sich entwickelt hat: so wird die Vernunft des Jünglings, die hernach selbst auf Gehorsam dringt, in dem Jüngling weniger Widerstreit finden, weil die Uebung den Gehorsam schon erleichtert, und der Eigensinn und die Lüsternheit schon ihre Beschränkung erhalten haben. Unter allen Angewöhnungen aber, das Gute zu achten und zu lieben, ist keine, die die Achtung und Liebe des Guten mehr erleichterte, als die Angewöhnung, alles Gute als einen Wink Gottes anzusehen, und als solchen Wink zu vollbringen, um nur Gott nicht zu mißfallen – oder kürzer: Die Angewöhnung des jungen Alters, gegen Gott gesinnt zu sein, wie es gegen die geliebten Eltern gesinnt ist. Dieser stille, zarte Kindersinn für alle Winke des Vaters der Menschen heißt in der alten Sprache » Gottesfurcht «. Die Gottesfurcht hilft dem Unvermögen der Vernunft, die sinnlichen Triebe zu leiten, nicht wenig ab, besonders wenn sie eine Angewöhnung geworden ist, ehe noch die sinnlichen Triebe zur Herrschaft, d. i. zur Unbändigkeit gekommen sind. Der Knabe lernt seinen Gott gegenwärtig zu denken, wo seine Eltern nicht befehlen, drohen, strafen können – und dieser ihm stets gegenwärtige Gott legt ihm einen Abscheu vor dem Unrecht in das Herz. Dies ist das so verkannte und vernachlässigte, nicht bloß aus Mißverstand verschrieene, sondern auch bei vielen Familien leider außer Uebung gebrachte »Geheimnis der Erziehung«. – O Freunde, dankt, dankt mit mir, so viel ihr könnt, wenn euch das Beispiel eurer frommen Mutter ein Spiegel der Gottesfurcht war; wenn euch nicht die gelehrte Sprache des Erziehers, sondern die Tat des Vaters die Gottesfurcht angewöhnt hat; wenn eure Erziehung eine wahre Erziehung, d. i. eine Vorübung im Guten, und zum Guten geworden; wenn euer Jugendalter nicht in die Zeiten gefallen ist, in denen man die Erziehung zur Kunst macht, weil man von der Natur zu weit abgekommen ist. Der unsichtbare Vater will, daß ich meinen sichtbaren Eltern gehorche.: ich gehorche also eigentlich Gott, wenn ich meinen Eltern gehorche. Das ist der feine Kindersinn, der Gottesfurcht heißt – und wer diesen verschreien kann, der gebe uns etwas besseres, das in sich edler ist und kräftiger wirkt. Auf jenem anderen Wege außer uns könnte dem Unvermögen der Vernunft, die sinnlichen Triebe zu leiten, noch mächtiger abgeholfen werden, wenn die Urquelle alles Gut- und Wohlseins so gütig wäre, allen denen, die sich im Ernste bemühen, gut zu werden, und die gegebenen Kräfte zu dem Endzwecke, wozu sie gegeben sind, treu brauchen, höhere Kräfte mitzuteilen. Da ich nun auf der einen Seite das Unvermögen der menschlichen Vernunft die sinnlichen Triebe vollkommen zu leiten, nicht leugnen kann, und auf der andern die Idee von der Urquelle alles Gut- und Wohlseins mich nicht wohl zweifeln läßt, daß sie gütig, mächtig und weise genug sei, diesem Unvermögen der Vernunft abzuhelfen: so werde ich von beiden Seiten gedrungen, nachzusehen, ob sich denn die Urquelle alles Gut- und Wohlseins hierin wirklich unbezeugt gelassen habe. In diesem ehrlichen Nachforschen fallen mir die Schriften des neuen Testaments in die Hände, und ich finde dreierlei auffallende Aeußerungen darin, an deren Wahrheit ich um so weniger zweifeln kann, je bestimmter sie das Rätsel lösen, und je harmonischer sie dem Wunsche meines Wesens antworten. Ich finde erstens klare Zeugnisse vom Unvermögen der Vernunft, den alten Zwist zwischen Vernunft und Sinnlichkeit abzutun. Das Klarste ist wohl dieses: »Ich weiß wohl, daß das Gesetz geistig ist: ich aber bin Fleisch, und unter die Sünde verkauft. Ich weiß nicht recht, was ich tue. Denn ich tue nicht das Gute, das ich will, sondern ich tue das Böse, das ich hasse. Wenn ich aber das tue, das ich will, so bezeuge ich ja selbst, daß das Gesetz gut sei. Aber jetzt tue nicht ich, was ich tue, sondern die Sünde tuts, die in mir wohnet. Das Gute wohnt nicht in mir, das ist, in meiner Sinnlichkeit. Das Wollen liegt mir an: aber das Vollbringen des Guten finde ich nicht. Denn ich tue nicht das Gute, das ich will, sondern das Böse, das ich nicht will; das tue ich. Wenn ich aber das tue, was ich nicht will, so tue es nicht ich, sondern die Sünde, die in mir wohnet. Ich finde also, daß mir bei allem Willen, das Gute zu tun, doch immer das Böse anliegt. Nach dem inwendigen Menschen habe ich Lust an dem Gesetze Gottes, aber in meinen Gliedern finde ich ein ander Gesetz, das dem Gesetze des Geistes widerstreitet, und macht mich zum Sklaven der Sünde, die wie ein Gesetz in meinen Gliedern herrschet.« Ich finde zweitens in unseren hl. Schriften klare Zeugnisse von höheren Kräften, die dem Unvermögen der Natur abhelfen, den alten Zwist zwischen Sinnlichkeit und Vernunft abtun und den schönen Frieden in uns herstellen können, in vielen Menschen jenen auch wirklich abgetan und diesen hergestellt haben: Die Früchte des Geistes sind Liebe, Friede, Freude, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Glaube, Sanftmut, Keuschheit. Die der Geist Gottes treibt, die sind Kinder Gottes. Ihr habt nicht den Geist der Knechtschaft, sondern den Geist der Kindschaft empfangen: Die Liebe Gottes wird durch den hl. Geist in unsern Herzen ausgegossen: Ihr seid nicht fleischlich, sondern geistig gesinnt, wenn anders der Geist Gottes in Euch wohnt. Der Vater gibt den guten Geist denen, die ihn darum bitten: Bittet, so wird Euch gegeben werden«. Ich finde drittens in unsern heiligen Schriften unzählige Zeugnisse von der Allgemeinheit dieser Verheißungen, und keine einzige auf bestimmte Orte, Zeiten, Geschlechter beschränkt, Verheißungen, welche so allgemein sind, als die Idee von der Urquelle alles Gut- und Wohlseins. Zwar können die Menschen, die dem Lichte widerstreben, durch dieses Widerstreben die Wirkungen des Lichtes beschränken; aber die Quelle des Lichtes beschränkt ihre Ausflüsse nicht. Wo offenes, aufnehmendes Auge, da fehlt es nicht am einfallenden Strahle. VI. Gottesfurcht und höhere Kräfte , beide im reinsten Sinne des Wortes genommen, sind also die zwei großen Resultate dieser moralischen Untersuchung, sind die zwei wesentlichen Bedingungen, ohne die sich keine vollständige Leitung der sinnlichen Triebe denken läßt. Die Vernunft mag die Leitung der Triebe gebieten, so lange sie will: aber beweisen wird sie nie können, daß eine wirklich vollkommene Leitung der sinnlichen Triebe ohne Gottesfurcht, und ohne höhere Kräfte in irgend einem Menschen wirklich erzielt worden sei. Steht unsere Vernunft nicht unter der höchsten, so schwankt sie selbst hin und her, steht selbst nicht fest, und kann also auch nicht fest stehen machen. Steht sie aber unter der höchsten Vernunft: dann steht sie fest, dann kann sie auch fest stehen machen. Also laßt uns die unnütze Mühe den Frieden zwischen Vernunft und Sinnlichkeit, durch Vernunft und Sinnlichkeit in uns herstellen zu wollen, aufgeben; denn das Dreieck läßt sich ja unmöglich mit zwei Linien schließen. Es muß eine dritte dazu kommen, dann ist das Dreieck geschlossen. Es muß die Vernunft in uns zuerst durch eine höhere Kraft selbst gebunden sein, ehe sie die Sinnlichkeit sich ganz unterwerfen kann. VII. Der Gewinn für die Glückseligkeitslehre aus dieser ganzen Abhandlung ist also: 1. Je gebietender und reiner in einem Menschen die Liebe gegen Gott und die Menschen: destomehr Gutsein und Wohlsein im Menschen. 2. Je fester im Menschen die Unterordnung der Sinnlichkeit unter seine Vernunft und seiner Vernunft unter die allerhöchste: Desto mehr Gut- und Wohlsein im Menschen. Zweiter Abschnitt. Von den Bedürfnissen der menschlichen Natur I. Die Bedürfnisse der Natur unterscheiden sich je nachdem, ob es solche des Körpers oder der Seele sind, die ihn belebt, in niedere und höhere . a) Die niederen Bedürfnisse der Natur sind allgemein erkannt und keinem Widerstreit unterworfen; sie äußern sich von selbst und lassen sich, meist ohne viel Mühe und mit wenigem, befriedigen. Wir bedürfen alle der Speise, des Trankes, des Schlafes, der Bewegung usw. und für dieses alles ist in der Natur schon so gesorgt, daß diese Bedürfnisse entweder ohne alle unsere Vorbereitung ihre Befriedigung finden, wie das Bedürfnis zu schlafen und Atem zu holen; oder, wie die Bedürfnisse zu essen, zu trinken, sich zu kleiden, bei vorausgesetzter Arbeitsamkeit, Mäßigkeit, Freigebigkeit und Genügsamkeit, ohne zu großen Aufwand von Sorge und Mühe befriedigt werden könnten. Allein eben diese Voraussetzung hat in dem wirklichen Leben der Menschen wenig Platz. Denn obschon für die niederen Bedürfnisse in der Natur Vorrat genug da ist, so ist derselbe doch für die grenzenlose Lust an Besitz und Genuß nicht ausreichend. Und teils hieraus, teils aus anderen Ursachen entstehen in Familien und Ländern nicht selten so große Nöten, daß die Befriedigung der niederen Naturbedürfnisse eine Quelle unzähliger Leiden für den menschlichen Geist und umgekehrt die Errettung aus mancherlei Not ein wahres Bedürfnis des Menschen wird. b) Den höheren Bedürfnissen ist eigen, daß sie nicht geachtet, längere Zeit unterdrückt, abgestumpft, geleugnet werden können; daß sie mühsamer zu befriedigen sind; daß sie eine Art von Unendlichkeit in sich tragen und eigentlich Bedürfnisse nach dem unendlichen Wesen sind. Ein solches Bedürfnis ist die Wahrheit . Was wollen denn die Menschen mit ihrem Hang nach Erkenntnis, mit ihrem ewigen Fragen, Denken anders als die Wahrheit? Dies eine suchen am Ende doch alle Systeme, alle Dispute. Alle Fragen des Kindes und des Weisen, was, warum, woher, wozu, wie, sind Fragen des Bedürfnisses nach Wahrheit. Und zwar ist nicht nur die Wahrheit, wie immer erkannt, sondern die sichere Erkenntnis der Wahrheit, die Gewißheit , ein Bedürfnis unserer Natur. Daher die Bemühung, den Schein aufzudecken, entscheidende Gründe zu suchen, zu widerlegen, zu beweisen; daher die Pein des Zweifels und die Folter der Ungewißheit. Ein solches höheres Bedürfnis ist das Freisein von aller Selbstanklage, oder wie es wir gemeine Leute sonst nennen, wissen, die Gewissensruhe . Die Gewissensbisse, die das Unrecht in mir strafen und die Empfindungen der Reue, wenn ich unrecht getan habe, kann ich aus meiner Natur nicht hinausräsonieren, und wenn ich recht getan habe, nicht hinein. Ich muß sie also für etwas halten, das von Menschenerfindung unabhängig ist. Ein solches höheres Bedürfnis ist die sittliche Vollkommenheit , d. i. die lautere gebietende Liebe gegen Gott und den Nebenmenschen. Die Liebe gegen unseres gleichen, die edle Fertigkeit, sich in die Lage eines anderen hineinzuversetzen und sich in des anderen Wohl und Weh zu vergessen, ist an sich gut, dazu ein Triebrad zu unzähligen guten Handlungen, eine Quelle unzähliger Freuden für dich und andere, also ein Bedürfnis deiner höheren Natur, indem sie ohne Liebe weder gut sein noch froh werden kann. Die lautere, gebietende Liebe gegen Gott ist offenbar ein höheres Bedürfnis der menschlichen Natur, indem ihr ohne diese Liebe sowohl die edelste Gesinnung, als die würdigste Freude fehlt und doch zu beiden die Anlage in uns ist. Um die Unerfahrenen auf dieses Bedürfnis aufmerksam zu machen, sollte man wünschen, daß die menschlichen Gemüter die praktische Auflösung einer höchst wichtigen Aufgabe mit allem Eifer unternähmen, dieser Aufgabe nämlich: Das Prinzip in sich herzustellen, welches als Gut betrachtet, alles sittlich Gute in sich einschließt; als Gesetz betrachtet, alles andere Gute mitgebietet; als Gesetzeserfüllung betrachtet, alle anderen Gebote miterfüllt; als Zweck betrachtet, selbst der Zweck aller andern Gebote ist; als Wohlsein betrachtet, die würdigste Freude ist; als Beschäftigung der Seele betrachtet, das vollkommenste Wesen zum Gegenstande, und die Verherrlichung desselben zum Zielpunkte ihrer Tätigkeit hat; als Gesinnung des Menschen betrachtet, die Natur des Menschen in ihrer höchsten Würde darstellt. Dies Prinzip aber ist eben die gebietende, lautere Liebe gegen Gott, und nur diese Liebe. Ein solches Bedürfnis ist deswegen   die sichere Erkenntnis Gottes. Dies Bedürfnis ist der denkenden Natur wesentlich. Eben die Vernunft, die überall weiter fragt und alle ihre Kenntnisse auf Einheit bringen will, beweist durch dieses notwendige »Immer weiter« fragen und durch dieses Treiben nach Einheit, daß sie nicht ruhen kann, bis sie dies Eine, das Allhervorbringende, die höchste Intelligenz, gefunden hat. Ein höheres Bedürfnis ist   die Unsterblichkeit und die Gewißheit derselben. Es ist der Wunsch, ewig zu sein, und die Unauslöschbarkeit dieses Wunsches der einfachste Beweis dieses Bedürfnisses. Die Philosophen teilen sich in Anerkennung dieses Bedürfnisses in zwei Klassen. Einigen ist die Unsterblichkeit unentbehrlich, um die vollkommene Heiligkeit, anderen um die vollständige Glückseligkeit zu erhalten. Ich sehe nicht was im Wege stünde zur Behauptung Unsterblichkeit unseres Wesens ist ein Bedürfnis, um Heiligkeit und Seligkeit zu vollenden. Zu diesem höheren Bedürfnisse gehört noch   das Bedürfnis nach Friede, nach Freisein von allem, was den Geist drückt, beschwert, plagt, hemmt – im Genüsse der Wahrheit, in Liebe; das Bedürfnis nach dem Besitz alles dessen, was Gutsein und Wohlsein heißen kann. c) Diese Bedürfnisse haben, um noch einmal darauf zurückzukommen, dies eigen, daß sie recht verstanden, Bedürfnisse nach dem unendlichen Wesen sind. Denn es ist in uns eine so große Empfänglichkeit des Guten, des Wahren, des Friedens, daß uns kein endlich Gut begnügen kann. Bei jedem Genüsse bleibt ein Hunger, bei jeder Fülle eine Leere da. Und diesen Hunger, diese Leere fühlen gerade die am lebhaftesten, welche in Erkenntnis des Wahren, in Liebe zum Guten, und im Streben nach dem Frieden am weitesten voraus sind. Da wir nun einerseits aus Erfahrung lernen, daß unsere Natur, durch endliche Güter unersättlich ist und andererseits die Bedürfnisse nach Wahrheit, nach dem Guten, nach dem Frieden nicht ganz und auf immer zum Schweigen gebracht werden können: so werden wir von unseren eigenen Bedürfnissen gedrungen, die volle Befriedigung derselben von dem allervollkommensten. im reinsten Sinne unendlichen Wesen zu erwarten, und die nämlichen Bedürfnisse, als Bedürfnisse nach einem unendlichen Wesen anzuerkennen. d) Aber hier geraten wir in einen Abgrund, aus dem uns keine Philosophie retten kann, und den der Philosoph am allerwenigsten verschweigen, oder mit einer leichten Wortdecke verbergen darf, weil das Bekennen seines Unvermögens die allererste Pflicht des Philosophen ist. Es erscheint der Mensch groß, insofern ihn die eigenen Bedürfnisse nötigen, an ein allvollkommenes Wesen zu glauben, und von demselben die volle Befriedigung dieser seiner Bedürfnisse zu erwarten. Aber der nämliche Mensch erscheint klein, insofern er auf die Frage wie, und durch wen das vollkommene Wesen die höhern Bedürfnisse der menschlichen Natur befriedigen könne und wolle, verstummen muß, oder nur ein trauriges »Ich weiß nicht« hervorbringen kann. Ueber die Führung Gottes, wie, und durch wen er die höheren Bedürfnisse unserer Natur befriedige, darüber kann uns die sich selbst überlassene Philosophie keinen Aufschluß geben; und wo sie sich erkühnt, einen solchen geben zu wollen, stürzt sie uns von einem Abgrund in den anderen und täuscht uns mit Anmaßungen, deren eine immer unerweislicher ist, als die andere. Wo uns aber die Philosophie verlassen muß und uns auf der Sandbank des Zweifels liegen läßt, da kommt eine Wohltat höherer Art, – das Christentum , und gibt uns Aufschlüsse, die wir außerhalb desselben umsonst suchen. Dies ist die Ursache, warum die Vernunft stete Rücksicht auf das Christentum nehmen muß, wenn sie nicht ihr Kraftmaß zu hoch ansetzen, und die Finsternis vermehren will. Daß aber das Christentum in der großen Angelegenheit des ganzen menschlichen Geschlechtes, wie nämlich Gott die höhern Bedürfnisse unserer Natur befriedige, Aufschlüsse gebe, läßt sich auch von seinen Gegnern nicht widersprechen. Denn die Gegner können nur sagen: ich kann oder will an das Christentum nicht glauben: aber sie können nicht sagen: Die Urkunden des Christentums geglaubt, – können uns keine Aufschlüsse geben. Das Christentum gibt uns wirklich die wichtigsten Aufschlüsse : Es ist 1. die Wahrheit ein Bedürfnis unserer Natur; und sieh! nach den Urkunden des Christentums ist Christus die Wahrheit selbst, und der Lehrer, den wir hören sollen, und der Verheißer und Sender des Wahrheitsgeistes, der uns in alle Wahrheit leitet. Es ist 2. insbesondere die sichere Erkenntnis Gottes , ein Bedürfnis unserer Natur; und sieh! nach den Urkunden des Christentums ist Christus das vollkommenste Ebenbild und der Offenbarer Gottes, das Licht der Welt, der Sohn, der den Vater kennt, und ihn erkennen lehrt. Es ist 3. sittliche Vollkommenheit , die gebietende lautere Liebe gegen Gott und den Nächsten ein Bedürfnis unserer Natur, und sieh! nach den Urkunden des Christentums ist Christus nicht nur der göttliche Lehrer, das würdigste Beispiel der vollendeten Liebe, sondern verheißt und gibt auch überwiegende Kräfte zu dieser Vollkommenheit. Es ist 4. die Gewissensruhe ein Bedürfnis unserer Natur – und sieh! nach den Urkunden des Christentums ist Christus der Sündentilger, in dessen Namen Vergebung aller Sünden angeboten wird und dessen Evangelium so eigentlich eine Freudenbotschaft von den Erbarmungen Gottes ist. Es ist 5. die ewige Fortdauer unseres Geistes ein Bedürfnis unserer Natur – und sieh! nach den Urkunden des Christentums ist Christus das Leben selbst, der Auferwecker von den Toten, der Richter der Welt, der Vergelter alles Guten, der Scheider des Guten von dem Bösen. Es ist 6. der höhere Friede ein Bedürfnis unserer Natur – und sieh! nach den Urkunden des Christentums ist Christus der Eine große Mittler zwischen Gott und dem Menschen, der Wiederhersteller der zerrütteten Geisterharmonie, und der Mitteiler des Friedens, welcher alles Ahnen der Vernunft weit übersteigt, der Erretter aus aller Not, und das Heil der Welt. – II. Nachdem die höhern Bedürfnisse ausführlich genannt sind: wird es nun leicht sein, zuverlässige Grundsätze anzugeben, die in Befriedigung derselben befolgt werden müssen, wenn das Wohlsein des Menschen dadurch nicht leiden, sondern gewinnen soll. 1. Es ist Torheit, die niederen Bedürfnisse zum Nachteile der höheren zu befriedigen. Denn da die Entwicklung des Höheren Zweck des Niederen ist, so heißt die niederen Bedürfnisse zum Nachteil der höheren befriedigen, soviel als, über dem Gebrauche des Mittels den Zweck versäumen, oder vielmehr das Mittel zum Zwecke machen. Das aber ist offenbar Torheit, so wie es auch Torheit ist, die Rangordnung der Dinge umkehren und das Unedlere vorziehen. 2. Es ist also Weisheit, die Befriedigung der niederen Bedürfnisse so beschränken, daß die höheren nie Nachteil, sondern nur Vorteil davon haben. Denn Weisheit muß es sein, den Zweck nie aus dem Auge zu lassen und ihn praktisch gebieten lassen, daß das, was Mittel sein soll, den Zweck nie hindere, sondern immer fördere. 3. Die Enthaltsamkeit, d. i. die Stärke des Geistes, die in Befriedigung der niederen Bedürfnisse nie gegen und immer für den Vorteil der höheren entscheidet (das, was man Mäßigkeit im allgemeinen Sinne des Wortes nennen kann), ist wahre Weisheit des Menschen. 4. Es gehört zur Mäßigkeit, wie zur Weisheit des Menschen, die niederen Bedürfnisse nicht zu vervielfältigen. 5. Alle Arten von Erziehung und Bildung der Menschen also, die die niederen Bedürfnisse ohne Not vervielfältigen, sind ein neues Uebel, statt daß sie dazu dienen sollten, dem alten abzuhelfen. 6. Es ist also wahre Weisheit, sich zu üben in der großen Kunst zu entbehren und zu leiden. Man muß das Angenehme entbehren können, das die Vervielfältigung, oder die unbeschränkte Befriedigung der niederen Bedürfnisse gewähren könnte; man muß das Unangenehme leiden, das mit Entbehrung des Angenehmen, oder wie immer mit dem Ringen nach Wahrheit, Vollkommenheit, Friede verknüpft ist. 7. Unter allen selbstgemachten Bedürfnissen ist die Gewohnheit, gegen das heilige Gesetz in uns zu handeln, das fürchterlichste und unnatürlichste Bedürfnis. Der fürchterlichste Zustand ist es: »Das Gute kennen und lieben, achten und vollbringen sollen, und ohne das Böse nicht mehr leben können.« Der unnatürlichste Zustand ist es: »für das Gute, das der höhern Natur des Menschen so natürlich sein sollte, wie das Atemholen der sinnlichen Natur, ohnmächtig sein, und in dem Bösen, das unserer höhern Natur fremd sein sollte, wie im eigenen Elemente existieren.« Die Enthaltsamkeit von dem Laster ist also die unterste, aber notwendigste Stufe der Mäßigkeit und der Weisheit. III. Unzuverlässig ist der Grundsatz : Dazu fühle ich einen Trieb, das ist mir ein Bedürfnis: also ist es gut. Denn 1. auch die Naturbedürfnisse können ausarten. Es kann mich das Streben nach Freisein, über die Schranken der Vernunft hinauswerfen, kann mir die Ungebundenheit, die Gesetzlosigkeit zum Bedürfnisse machen. Es kann 2. das, was ich für ein Bedürfnis der Natur halte, ein selbstgemachtes sein. So fühlt der Freund des Trinkens auch nach befriedigtem Bedürfnisse der Natur, immer noch einen Trieb zum Trinken, bis seine Gesundheit dahin ist. Es kann 3. die Befriedigung des Naturbedürfnisses gerade in dieser Lage mit den anerkannten Rechten anderer Menschen, und meinen anderen Pflichten in Kollision kommen. Die Decke und ein Dach, das vor Ungemach der Luft schützt, ist offenbar ein Naturbedürfnis; und doch, wenn ich mir ein Haus auf fremdem Grunde gegen den erklärten Willen des Besitzers bauen wollte, so würde dadurch das Recht des Besitzers gekränkt, und meine Pflicht, sein Recht ungekränkt zu lassen, verletzt. Es ist 4. der Eigenliebe sehr leicht, die Versuchungen zum Unrecht in Naturbedürfnisse umzukleiden, und den Ausbrüchen der Bosheit den schönen Titel: meine Natur bedarfs, anzuheften; wie die Eigenliebe des Geizigen ihr Kunststück nicht unterlassen, und was die Leute für Geiz halten, für Sparsamkeit und Vorsicht ausgeben wird. IV. Wenn wir nun alles, was von den Bedürfnissen gesagt worden, auf die Glückseligkeit des Menschen beziehen: so ist das Resultat dieses: Der Mensch ist desto glückseliger, je mehr 1. Die höhern Bedürfnisse seiner Natur wirklich befriedigt, 2. Die niedrigen Bedürfnisse seiner Natur nach der Vorschrift der Enthaltsamkeit und Wahrheit beschränkt, und 3. Die selbstgemachten Bedürfnisse abgetan, oder wenigstens den höhern untergeordnet sind. Je mehr die höheren Bedürfnisse wirklich ihre Befriedigung finden und die höheren das Richtmaß in Befriedigung der niederen und in Beschränkung der selbstgemachten werden: desto glückseliger wird der Mensch, ein Mensch unter Menschen. Laßt uns Menschen werden! Dritter Abschnitt. Von den Gemütszuständen des Menschen Der Geist des Menschen hat nicht Schärfe des Blickes genug, alles das, was in seinem Innern vorgeht, auch nur zu bemerken; die Sprache nicht Worte genug, auch nur das Bemerkte zu nennen: so mannigfaltig, so schnell wechseln, so wunderbar wirkend sind die Zustände des menschlichen Gemütes. Das Belehrendste und Zweckmäßigste möchte in Hinsicht auf die Glückseligkeit des Menschen wohl dieses sein, zuerst die zwei äußersten Zustände, der Zustand der Ruhe und den Zustand des Affektes , und dann die Zwischenzustände zwischen diesen beiden Extremen näher zu untersuchen. 1. Es ist offenbar, daß wir von unserer eigenen Natur gedrungen werden, nur in dem Guten und Wahren unsere Befriedigung zu suchen. Deswegen schämen wir uns, wenn wir uns betrogen fühlen, und bekennen müssen, daß wir das Falsche für wahr, das Ungute für gut genommen haben. Deswegen fragen wir immer nach Wahrheit, und deswegen müssen die Gegenstände, denen wir unsere Liebe schenken, wenigstens den Schein des Guten für uns haben. 2. Es ist ferner offenbar, daß wir im Wahren und Guten diese Befriedigung nicht finden können, wenn wir nicht das Wahre und Gute erkennen, und mehr lieben und achten, als alles Unwahre und Nichtgute, und 3. Daß wir, insofern unsere höheren Bedürfnisse eine Art von Unendlichkeit in sich haben, nur in der Urquelle alles Guten und Wahren unsere volle Befriedigung finden können. Wenn nun 4. Der Menschengeist das Wahre und Gute erkennt und mehr liebt und achtet, als alles Nichtgute und Unwahre; wenn diese Liebe und diese Achtung, – um nicht auf halbem Wege oder gar bei dem Scheine stehen zu bleiben, – sich wirklich zur Urquelle alles Guten und Wahren erhoben hat; wenn diese Liebe über alles andere gebietet, dann ist Ruhe im Menschengeiste. 5. Daß die Gewissensruhe ein wesentlicher Bestandteil der hier beschriebenen Seelenruhe ist, bedarf keiner Erwähnung. Auch ist aus dem gegebenen Begriffe klar, daß sich dieser Zustand mit der Unabhängigkeit des Geistes von Sinnlichkeit und niederen Neigungen deckt, also eben das ist, was seine wahre Freiheit ausmacht. Diese Freiheit könnte als der rechte Maßstab der Größe des Menschen angesehen werden. Je unabhängiger, desto freier, und je freier, desto größer. 6. Daß die rechte Größe des Menschen und die Ruhe seines Geistes in einem bestimmten Verhältnis zu einander stehen, erhellt auch daraus, daß, in diesem Zustand der Geist des Menschen geschickter ist, als in jedem anderen a) über Wahrheit und Falschheit der Begriffe nachzudenken: b) über Recht und Unrecht zu entscheiden; c) bedeutende Entschlüsse zu fassen; d) Pläne zur Beglückung anderer zu entwerfen und auszuführen; e) um des Wahren und Guten willen große Leiden zu ertragen. 7. Diese Geschicklichkeit hat in sich einen ewigen, und bei allen Kennern anerkannten Wert der Größe. Also muß auch die Quelle dieser Geschicklichkeit, die Ruhe des Geistes, wahre, des Menschen würdige Größe sein. II. Diese Größe verliert dadurch nichts, daß sie so selten ist, und daß die Affekte den Menschen so allgemein in seiner Niedrigkeit darstellen. So bald irgend eine Vorstellung den Verstand, und irgendeine Neigung den Willen des Menschen gefangen nimmt, so, daß dadurch die Herrschaft der Vernunft angegriffen oder gar überwältigt wird; dann ist die Seele im Zustande des Affektes, (wie hier das Wort im engeren Sinn und im Gegensatz zur Seelenruhe gebraucht wird.) – Es ist ein Gesetz in uns, das keine Vernunft leugnen kann, das Gesetz nämlich: Sieh überall auf das Wahre, Gute, liebe, achte und tue es. Die Sinnlichkeit handelt nun oft gegen dieses Gesetz und das ist es, was die Alten sehr schön und wahr: Empörung, Aufruhr der Sinnlichkeit gegen die Vernunft nannten. Von der ersten Regung des Affektes an bis zum vollen Ausbruche, und noch mehr bis zu den größten Verheerungen, die er anrichten kann, sind unzählige Grade und Steigerungen denkbar, etwa in folgender Stufenleiter: Affekt Leidenschaft gebietende Leidenschaft verkehrende Leidenschaft zerrüttende Leidenschaft. 1. Die Kraft des Affektes ist die zusammengesetzte Kraft aller der einzelnen Vorstellungen und Neigungen, die die Sinnlichkeit, die Einbildungskraft, das Gedächtnis, die mißbrauchte Vernunft, und das geweckte Begehrungsvermögen nach dem Gebote des Affektes in Eins zusammendrängen. Der Affekt spannt die Kräfte, und sammelt sie auf Einen Punkt, und vermehrt sie dadurch, daß er sie spannt, und auf Einen Punkt sammelt. Jeder Affekt hat seinen Brennpunkt, von dem die innere Wirksamkeit ausgeht, und sich auf äußere Gegenstände fortleitet. Diese Kraft des Affektes steigert die Gewohnheit, sich demselben hinzugeben und von demselben meistern zu lassen. Jede Gewohnheit ist Herrscherin in ihrem Gebiete; aber die Gewohnheit, sich von einem Affekte meistern zu lassen, ist in dem nämlichen Menschen stärker als seine übrigen Angewöhnungen. Daher kann man, der menschlichen Freiheit unbeschadet, nicht selten vorhersagen, was gewisse Menschen, die sich in Zuständen gewisser Affekte befinden, tun werden. Das Zünglein der Wage neigt sich eben nach der Schale, in der das große Gewicht der Gewohnheit liegt. Dem Affekt als Aufruhr der Sinnlichkeit gegen die Vernunft ist eigen, daß er seiner Natur nach a) lichtscheu macht, b) nie unfruchtbar ist, c) schnell und unmerklich vom Kleinsten zum Höchsten forteilt, wenn ihn keine fremde Kraft hindert und beschränkt. a) Er macht lichtscheu, weil das Licht die Blöße entdeckt, und die entdeckte Blöße den Genuß verbittert. Er macht lichtscheu, weil er keinen Sinn für Belehrung hat, und den Sinn für Belehrung, der sonst im Menschen ist, verschließt, um ungehindert wirken zu können. Er macht lichtscheu, weil sein Wesen Aufruhr gegen das Licht, und Finsternis sein Element ist. b) Er ist nicht unfruchtbar, denn der Affekt ist keine tote Idee, kein lahmes Wollen, sondern ein lebendiges Streben, aus vielerlei Kraft zusammengesetzt, die nach allen Richtungen wirkt. c) Er eilt schnell und unmerklich vom Kleinsten zum Höchsten. Man hat noch keinen Maßstab gefunden, um die kleine Zeitlinie zu messen, die zwischen dem Worte, das zum Zorne reizt – und zwischen dem glühenden Auge, dem sich aufstellenden Haare, der donnernden Zunge und der mordenden Faust in der Mitte liegt, – indeß das Arbeiten der Vernunft so langsamen Schrittes zu sein scheint, daß man meint, sie ginge zurück. Am hellsten zeigt sich die Natur des Affektes, wenn wir das menschliche Herz in den drei Zeiten, vor, in, und nach Befriedigung des Affektes betrachten. a) Vor der Befriedigung des Affektes bemerken wir im Menschen Mangel an zureichender Ueberlegung, festen Glauben an Trug- und Blendideen, eine Uebereilung des Verstandes und Herzens, eine Bestimmung zu Urteil und Wahl, die nicht in voller Ansicht des Wahren und Guten, und nicht aus dieser vollen Ansicht entstand. Diese Uebereilung bemerkt aber der, welcher sich übereilen läßt, erst nach der Uebereilung, und so ist das Wort »Uebereilung« das rechte Wort, das genau den Zustand eines Menschen ausdrückt, der einem Affekte dient. Dies gilt auch von den ältesten Verbrechern. Wenn sie alle Umstände und Folgen, noch so genau überlegt zu haben glauben: so erscheint es doch, oft bald nach der Tat, daß sie blind gehandelt haben. b) In Befriedigung des Affektes ist der Mensch vor Lust blind und taub, kann und will die Vernunft nicht hören und ist so recht der Ball dunkler Gefühle, oder trägt vielmehr das schmähliche Joch der Begierde. c) Nach Befriedigung des Affektes bemerkt er in sich: Unruhe, Scham, Gefühl des Betrogenseins, Reue, Furcht, elende Untätigkeit, Kraftlosigkeit zum Rechttun. – Das sind unmittelbare Folgen des befriedigten Affektes, so lange der Affekt die Stimme der Wahrheit in uns noch nicht unhörbar gemacht; und sind noch Wohltaten für den Menschen, indem sie als Folgen des Bösen auf das Gute, das er verlassen, und als Wehen auf das Wohl, das er verloren, zurückweisen. Unruhe, dieser Zwist mit sich selbst, ist ein Fingerzeig auf das Gute, das uns ruhig und heiter macht, und eins mit uns selbst sein läßt; Scham auf das Gute, dessen wir uns nie zu schämen haben; Reue auf das Gute, dessen es uns nie gereuen kann; Gefühl des Betrogenseins auf das Gute, das nicht nur gut scheint, sondern auch ist, und dessen eigentlicher Schein immer Wahrheit ist; Furcht auf das Gute, das uns der Belohnung würdig macht, und auch im Leiden tröstet; elende Untätigkeit auf das Gute, das den Geist mit Freude tränkt, und dadurch auch den Körper belebt; Kraftlosigkeit zum Rechttun auf das Gute, das Mut und Lust zum Rechttun in die Seele legt. 2. Je nach der Stärke der Affekte und ihrer Vermischung untereinander, ändert ihr Name. So heißt Freude Entzücken, wenn sie einen höheren Grad erreicht; Schrecken Betäubung, wenn das Bewußtsein zu schwinden beginnt; der Zorn Wut, wenn die Vernunft vollends zum Schweigen gebracht ist und die Sinnlichkeit gewaltsam ausbricht. So heißt anhaltende Betrübnis Kummer, anhaltender Verdruß über sich Gram. So heißt Verlangen mit Erwartung Hoffnung; Freude am Genuß des Guten, mit Furcht des Verlustes, Eifersucht. So heißt Zorn, wenn er im Innern verschlossen bleibt und anhält. Groll: und wenn er zugleich einen recht großen Grad erreicht hat, Ingrimm. 3. Wenn der Affekt jenen Grad von Lebhaftigkeit erreicht hat, in dem die Vernunft sich leidend verhält: so nennt man den Affekt Leidenschaft , weil der bessere Teil in uns leidet unter dem Drucke, oder dem Despotismus des schlechtem. Zwar wirkt die Vernunft auch in einem leidenschaftlichen Menschen, aber nicht nach ihrem Gesetze, sondern nach dem Befehle der Leidenschaft für die Leidenschaft. Und nur in dem Sinn hält sie sich bei der Leidenschaft passiv, daß sie nicht gegen das, was unrecht ist, mit Nachdruck spricht. Wenn die Leidenschaft nicht gehemmt, oder unterdrückt wird, so wird sie nach und nach gebietend , herrschend, Lieblingsleidenschaft , und als solche ist sie, ihrer Natur nach, verkehrend . Weil sie herrscht, so beherrscht sie, und weil sie beherrscht, so verkehrt sie. Sie verkehrt die Urteile und die Neigungen. Denn sie macht, daß der Verstand nicht für gut hält, was ihm sonst als wahr und gut einleuchtet, oder einleuchten könnte; sondern was der Leidenschaft daranliegt, für wahr und gut auszugeben. Sie macht, daß der Wille nicht mehr das für gut und wahr achte und liebe, was wahr und gut ist; sondern was die Leidenschaft gebeut. Im Grunde sind die Urteile der Leidenschaft, wie das Kopfnicken der Drahtpuppen. Die Köpfe nicken, wie sie gezogen werden, und die Leidenschaften ziehen. III. Die Leidenschaft, wenn sie herrschend und verkehrend geworden ist, wirkt nach und nach zerrüttend im Erkenntnisvermögen, im Begehrungsvermögen, im Leibe, im ganzen Wirkungskreise des Menschen.   Zerrüttungen der Leidenschaft im Erkenntnisvermögen 1. Sie zieht die Aufmerksamkeit von dem Wahren, Guten, Edlen, Wichtigen, Notwendigen ab und beschäftigt sich nur mit dem, was scheinbar, gleißend, tändelnd, nichtig ist, und dazu den Menschen böse und elend macht. Die Aufmerksamkeit aus ihrem Elemente, dem Wahren und Guten, herausgerissen, und in ein fremdes Element, in das Element der Leidenschaft hineingeworfen, handelt mehr nach dem Gesetze des blinden Instinktes, als nach dem Gesetze der freien Ueberlegung; arbeitet immer nur nach dem einen Plan, Lust wirklich zu machen, und Unlust zu entfernen; hat sich also aus dem hohen Königsberufe, der Leidenschaft Gesetze vorzuschreiben, verdrängen, und zu dem Sklavenberuf, ihr zu gehorsamen, erniedrigen lassen. 2. Sie erzeugt und unterhält die unrichtigsten Vorstellungen von der Natur der Dinge, eben deswegen, weil die Urteilskraft nicht mehr das, was mit den ewigen Gesetzen des Verstandes übereinstimmt, sondern das, was mit dem Zwecke der Leidenschaft übereinstimmt, für wahr halten muß. Die Leidenschaften erkennen kein anderes Interesse als zu herrschen, und keine andere Wahrheit als die Uebereinstimmung der Dinge mit ihrem Interesse. Ihre ganze Staatskunst besteht darin, dieses ihr allerhöchstes Interesse geltend zu machen. Daher geschieht es denn, daß die abenteuerlichsten und unnatürlichsten Vorstellungen nur in dem Zustande der Leidenschaft ausgebrütet und gepflegt werden, deren wir uns bei ungeänderter Gemütsstimmung schämen müssen. So ist in dem Blicke des Neides das Weiße wirklich schwarz, das Gute, das der Nachbar an sich hat, böse, das Meisterstück, das er hervorgebracht, fehlerhaft, die Freude, die ein glücklicher Mitstreiter um Ehre und Brot genießt, eine Quelle der Traurigkeit und die Jammerstunde des Bruders ein Freudenfest. 3. Blendet die Leidenschaft das Auge, daß es wirklich das Mittel als Zweck ansieht, und wird dadurch eine Quelle mancher Torheiten. So macht der Geiz, die Anhäufung und den Besitz des Geldes, welches nur Mittel zu unserem zeitlichen Wohlstand ist, zum Endzweck alles Strebens und zum Mittelpunkt aller Wünsche. So macht der Hochmut die Ehrenbezeugungen, die nur Mittel zur festeren Verbindung der Menschen untereinander und zur Erhaltung der Ordnung zwischen den Ständen sein sollen, – so der ausschweifende Hang nach sinnlichen Vergnügungen, das Essen, Trinken, Spielen, was alles nur Mittel teils zur Erhaltung der Gesundheit, teils zur Erheiterung des Gemütes, teils zur Ergänzung der verlorenen Kräfte sein soll, zum Endzweck des Lebens. 4. Die Leidenschaft erzeugt den Wahnsinn oder um den mildesten Ausdruck zu gebrauchen, den wahnsinn-ähnlichen Zustand, daß man glaubt, durch wiederholte Befriedigung der Leidenschaft zur Zufriedenheit kommen zu können, da man doch durch jede wiederholte Befriedigung der Leidenschaft gerade noch tiefer in das Meer der Unzufriedenheit versenkt wird. Dem Leidenschaftlichen geht es wie den Knaben in der Fabel, die so geschäftig einen Schneemann wälzten. Durch jede Umwälzung ward er größer, immer größer, bis sie ihn auf die naheliegende Anhöhe hinaufgetrieben. Da ward er ihnen zu mächtig: sie konnten ihn nimmer halten; der Schneemann, den die Kinder so groß gemacht, der Gegenstand ihres Spieles, das Werk ihrer Freude und ihrer Hände – fing zu laufen an, und zerdrückte die armen Knaben! – So spielen wir mit unsern Neigungen, bis sie Leidenschaft, und durch jede Befriedigung mächtiger, und endlich übermächtig werden, und in ihrer fürchterlichen Uebermacht die gesunde Vernunft zerdrücken – den Menschen, der durch sie die Seligkeit zu finden glaubte, unglücklich machen.   Zerrüttungen der Leidenschaft im Begehrungsvermögen Diese Zerrüttungen werden uns anschaulicher, wenn wir die zwei Gemälde, der Ordnung und der Unordnung, nebeneinander stellen. 1. Wenn die Willenskraft des Menschen geordnet ist: so ist der Wille in einer Richtung gegen das Gute und Böse, die seiner Natur gemäß die rechte ist. Diese schöne Richtung ist eben die, welche das Gesetz der Vollkommenheit, oder deutlicher, das Gesetz der Ordnung gebeut. Wo aber die Leidenschaft herrscht, da ist der Wille außer der rechten geraden Richtung. Denn dann ist nicht gut, was wirklich gut, nicht böse, was wirklich böse; sondern nur was in das Reich der Leidenschaft taugt, das ist gut, und was in das Reich nicht taugt, das ist böse. 2. Wenn die Willenskraft des Menschen geordnet ist, so ist der Wille in dem Besitze des Trostes recht getan zu haben, und in dem Besitze einer Kraft, noch ferner recht zu tun. Das Gute, das man achtet und liebt, das vollbringt man willig, und das Gute, das man willig vollbringt, das läßt uns nie ganz leer an Wohlsein ausgehen; und – sowohl die Uebung im Guten als die Freude aus dem Guten, salbt mit neuer Kraft, das Gute zu vollbringen. Wo aber Leidenschaft herrscht, da kann die Zuversicht recht getan zu haben, nicht Stelle finden; und das Herz mag sich noch so sehr vor dem strafenden Blicke der Wahrheit verbergen: es kann ihm doch nicht ausweichen, es wird oft in Mitte der rauschenden Vergnügungen durch die Peitschenschläge des tadelnden Gewissens, (so lange es noch nicht zum unnatürlichen Schweigen gebracht ist), scharf gezüchtigt, und bleibt doch dabei lahm zu allem, was wahrhaft gut ist und dessen Ausübung ein Opfer der nämlichen Leidenschaft forderte. 3. Wenn die Willenskraft des Menschen geordnet ist, so ist der Wille in der rechten Fassung, unzählige andere Freuden zu genießen, die ihm bald die Schönheiten der Natur, in denen sich die Menschenfreundlichkeit Gottes und seine Weisheit malen, bald die edlen Handlungen anderer, bald die vortrefflichen Werke der Kunst darbieten. Wo aber Leidenschaft herrscht, da erscheint nur der Gegenstand dieser Leidenschaft, und was mit ihr übereinkommt, oder ihr in die Hand arbeitet, schön und gut. Für alles übrige Gute und Schöne hat die Leidenschaft keinen Sinn, und es ist, als wenn es nicht da wäre. Die Leidenschaft verstimmt den Menschen, daß er im Durste nach Freuden, die ihn elend machen, die Freuden, die ihm so nahe liegen, und ihn wahrhaft erquicken, nicht sieht und nicht genießt. 4. Wenn die Willenskraft geordnet ist, so ist der Wille im Besitze der wahren Freiheit. Nur der ist wahrhaft frei, welcher dem Gesetze der Vollkommenheit dient. Nur der, welcher will, was er soll – darf, was er will. Gutsein ist also die Wurzel der wahren Freiheit. Dies ist auch das Glaubensbekenntnis aller besseren Philosophie, die nicht den frei spricht, der tut was er will, sondern den allein, der nichts will, als was er wollen darf. Wo aber Leidenschaft herrscht, da ist Sklaverei des Geistes. Der Geist folgt dem eisernen Szepter der Leidenschaft, und tut nicht das, was er seiner Natur nach tun soll, oder auch will, sondern was die niederen Neigungen ungestüm fordern. Das Edle gehorcht dem Niederen, und der Diener meistert seinen Herrn. Und je mehr sich der Herr von dem Diener meistern läßt, desto tiefer sinkt er von seiner Würde herab. Es ist schrecklich, wie der Mensch durch Befriedigung der Leidenschaft seine Freiheit beschädigt. Immer schwerer, immer schwerer wird ihm das Rechttun; bald scheint es ihm ganz unmöglich. Er schmiedet sich selbst in Bande, und die Bande immer fester, daß er sie nimmer zerbrechen kann und am Ende wird ihm das Böse zur Notwendigkeit, nachdem er demselben lange genug freiwillig gedient hat.   Zerrüttung der Leidenschaft im Leibe 1. Die Leidenschaft zerstört nicht nur die Harmonie der Seelenkräfte, sondern sie zerstört auch in ihren Auswirkungen auf den Leib die Harmonie der körperlichen Kräfte. Diese traurige Wahrheit, die Aerzte und Krankenlager, Spitäler und Kirchhöfe laut genug predigen, wird durch die Natur des Menschen klar bewiesen. Alle heftigen Gemütsbewegungen sind mit heftigen Bewegungen im Körper verknüpft; alle heftigen Bewegungen im Körper sind heftige Anspannungen der Nerven, Fibern, Fasern usw. Alles aber was heftig anspannt, das spannt nach und nach ab, schwächt, lähmt, tötet: also sind alle heftigen Affekte ihrer Natur nach Zerstörer des körperlichen Wohlseins. Und sie zerstören gerade desto ungehinderter, je unmerklicher sie insgeheim arbeiten und ungesehen untergraben, und je mehr sie an der Eigenliebe eine treue Sachhalterin finden, die aus dem nicht wahrgenommenen Schaden auf die Nichtschädlichkeit des Schädlichen schließt. 2. Neben dieser zerstörenden Kraft, die nach und nach tötet, haben die Affekte noch eine andere. »Jeder Affekt, der plötzlich trifft, kann plötzlich töten.« Daher werden bei Nachrichten von Begebenheiten, die große Freude oder großen Schmerz erregen können, Vorbereitungen gemacht, damit teilnehmende Herzen dem Eindrucke nicht erliegen. So ist die Mäßigung nicht nur eine unentbehrliche Bedingung zum Wohlsein des Geistes, sondern auch des Körpers. Daher ist die frühe Angewöhnung zur Ueberlegung so wichtig, weil sich ohne Achtsamkeit auf sich, ohne Besinnung, keine Mäßigung denken läßt. 3. Die zerstörenden Kräfte des Affekts greifen nicht bloß die Gesundheit, die innere Harmonie der körperlichen Teile an, sondern auch die äußere Bildung des Menschen. Besonders leicht entweihen, verunstalten und verwüsten sie sein Antlitz und drücken ihm die häßliche Gestalt der Sünde ein. Kann doch der ausgetretene Strom nicht in sein Ufer zurücktreten ohne Spuren der Ueberschwemmung zurückzulassen: wie wollte das Feuer der Leidenschaft sich in den reizbaren Teilen des Angesichtes ausgießen können, ohne Spuren ihrer verzehrenden Kraft zurückzulassen? Ist doch alle Wirkung der Ursache ähnlich, und durch die Aehnlichkeit ein Bild der Ursache: wie wollte die häßliche Leidenschaft, die zuerst den Geist verwüstet, und dann die Gesundheit des Leibes zerstört, nicht auch einen häßlichen Eindruck, den Charakter ihres Wesens, im Angesichte des Menschen zurücklassen? – Was macht uns die Kinder so lieb, als die Unschuld, die aus ihrem Angesichte leuchtet? Und was ist die Gestalt der Unschuld anders, als ein lieblich Bild, daran die Leidenschaften noch nichts verderbt haben? Und der Rat des Sokrates an Schöngebildete: »Erhalte durch Tugend, was die Natur dir gab«; und an Mißgebildete: »Bring auf dem Wege der Tugend herein, was dir die Natur versagt«, wie gerne möchte er den Zerrüttungen zuvorkommen, die die Leidenschaften anrichten?   Zerrüttung der Leidenschaft im ganzen Wirkungskreise des Menschen Wie die wütende Flamme nicht inne hält bis sie das Haus, in dem sie erzeugt worden, verschlungen hat, sondern durch den Raub genährt, alles, was ihre Kraft erreichen kann, ergreift, was sie in Flamme verwandeln kann, verwandelt, und was sie zerstören kann, zerstört: so setzt die Leidenschaft ihren Verwüstungen, die sie in dem Geiste und in dem Leibe des Menschen, als in ihrer Geburts- und Wohnstätte, angerichtet, keine Grenzen, sondern verwüstet auch außer dem Menschen, was sie verwüsten kann. Sehen wir die Leidenschaft als einen Punkt und ihre zerstörende Kraft als einen Radius an, der sich um den Mittelpunkt bewegt und eine Kreislinie beschreibt, so haben wir an der beschriebenen Kreislinie das rechte Bild von dem Wirkungskreise der Leidenschaft. Alles was in diesen Kreis kommt, erfährt die Wirkung der Leidenschaft. Stelle jeder aus uns seine Leidenschaft nur einmal in den Mittelpunkt hinein, und sehe jeder auf den Zirkel, den die verwüstende Kraft seiner Lieblingsleidenschaft beschreibt, dann möchte es uns schwer werden, nicht über uns zu erröten. IV. Wenn wir nun den Zustand der Seelenruhe, und den Zustand des Affektes mit dem Wohlsein des Menschen vergleichen: so ergeben sich nachstehende Resultate : 1. Befriedigung der herrschenden Leidenschaft kann den Menschen nicht glücklich machen. Denn die Befriedigung der herrschenden Leidenschaft zerrüttet ja die edelsten Kräfte des Menschen, Verstand und Wille; zerstört überdies die Harmonie unter den körperlichen Kräften; gräbt auch in das Aeußere des Menschen die Züge der inneren Unordnung ein; und richtet schreckliche Verwüstungen in dem ganzen Wirkungskreise des Menschen an. Sie, die Leidenschaft, wirft uns aus der Richtung zum Guten, aus der Fähigkeit zur Freude, aus dem Besitze der Zuversicht und der wahren Freiheit heraus, oder läßt uns nie hineinkommen, wenn wir noch nie darin gewesen sind: macht uns immer unfähiger das Wahre und Gute zu erkennen, zu achten, zu lieben; verkehrt immer mehr die Urteile über Mittel und Zweck; läßt nichts als Unruhe zurück, und raubt am Ende auch die Unruhe, die uns noch zum Guten zurückführen könnte; macht immer kälter gegen das Gute – und am Ende ungläubig an dasselbe, also unfähig, gut und froh zu sein, – und damit elend und unglücklich. 2. Die unmittelbaren Folgen der Leidenschaften sind die Glückseligkeiten des Menschen nicht . Die Unruhe, das Gefühl des Betrogenseins, die Scham, die Reue können zwar den Menschen wieder zur Glückseligkeit zurückweisen, und auch zurückführen helfen. Aber ein Wegweiser, der mir die rechte Straße zeigt, oder ein Stab, der mich auf der Reise begleitet und stützt, oder auch der Weg selbst, sind nicht das Ziel. Unruhe ist die Folge der Unordnung, und so wie Unordnung nicht das Gutsein, so ist Unruhe kein Wohlsein des Menschen. Auch sind Reue und Scham mit der unangenehmen Selbstanklage verbunden, und wo diese Selbstanklage, da keine Gewissensruhe. Die elende Untätigkeit und Kraftlosigkeit zum Guten hat weder das Gepräge des Guten, noch des Angenehmen. 3. Zwischenzustände zwischen der Seelenruhe und den Affekten wie Untätigkeit, mehr körperliche als geistige Ruhe, Gleichgültigkeit, Kälte, Gefühllosigkeit, Langeweile, düstere Laune können keine Glückseligkeit des Menschengeistes sein, und kein Mittel dazu . Denn sie sind an sich nicht sittlich gut, und machen nicht gut; sie sind an sich keine Freude, schaffen keine Freude, und machen auch nicht freudefähig, sind mehr Stillstand und Lähmung der Menschenkräfte als eigentliches Leben des Menschen. Die Langeweile und düstere Laune sind noch darüber hinaus eine wahre Plage des Menschen. 4. Die Seelenruhe hingegen muß von jedem Kenner der menschlichen Natur entweder als die Glückseligkeit des menschlichen Geistes selbst, oder als ein unentbehrlicher Bestandteil derselben angesehen werden. Denn wer diese Ruhe hat, der hat in dem Wahren und Guten und in der Urquelle des Wahren und Guten Befriedigung gefunden. Er ist also in seinem Elemente. Er hat Freude, und sie ist ihrer würdig, weil er die Urquelle alles Guten und Wahren über alles achtet und liebt, also selbst gut, und dem Besten ähnlich ist. Es ist ferner die Quelle der Unruhe, die Leidenschaft, in ihm besiegt, und die Liebe und Achtung des Guten und Wahren herrschend geworden: also ist das Wohlsein anhaltend. Anhaltendes, würdiges Wohlsein aber gilt überall für Glückseligkeit oder als Bestandteil derselben. 5. Kampf wider die Reize zum Unrecht und für das heilige Gesetz in uns ist ein notwendiges Mittel zur Seelenruhe , und damit zur wahren Glückseligkeit des Menschengeistes. Es läßt sich im Menschen keine wahre, würdige Glückseligkeit denken ohne besiegte Sinnlichkeit; keine besiegte Sinnlichkeit, ohne siegende Achtung und Liebe für das Gute und ohne Widerstand gegen alle Reize zum Bösen – ohne Kampf; also keine Seelenruhe ohne Kampf. 6. So wie der Kampf zur Seelenruhe nötig ist, so zu diesem Kampfe einige Erkenntnis der Affekte und ihrer zerstörenden Kräfte . Wer sich nicht kennt, kann in sich nicht bekämpfen, was dem Guten widerstrebt; und wer es nicht bekämpft, kann sich nicht beherrschen; und wer sich nicht beherrscht, kann nicht ruhig werden und ruhig bleiben. Schnell und unmerklich werden die Affekte Leidenschaften, und die Leidenschaften erzeugen andere, und verkehren und zerrütten alles in und außer dem Menschen; schrecklich ist das Reich der Einbildungskraft und der Gewohnheit; künstlich verlarvt die Eigenliebe die Affekte in uns; einen ganz anderen Weg nimmt das Menschenherz vor Befriedigung des Affektes, und einen anderen nachher, es ist, als wenn uns vor dem Laster die Scham genommen, und nach demselben wiedergegeben würde. Wer nun den Blick nicht in sich kehrt und in seinem eigenen Hause nicht zu Hause ist: wie kann der die Gefahren der Unordnung und des Elendes wahrnehmen, wie kämpfen, siegen und ruhig werden? Anmerkung . Da das Wahre und Gute in einem Menschen nicht gebieten kann, ohne daß sich die Sinnlichkeit und Torheit dagegen empört, und jede Empörung Unruhe macht: so gibt es eine Art Unruhe, die als eine Geburtswehe des Besseren und als ein Vorbote der Glückseligkeit angesehen werden kann. 7. Das Wichtigste aus dieser Abhandlung in Hinsicht auf die Glückseligkeit des Menschen ist also dieses: I. Je höher die Ruhe, je fester die Heiterkeit des Geistes: desto glückseliger der Menschengeist. II. Laßt uns also ruhig und heiter werden, denn ohne Seelenruhe und Heiterkeit – keine Glückseligkeit. III. Laßt uns also gut werden; denn ohne Gutsein – keine Seelenruhe. IV. Laßt uns mutig und anhaltend wider alles, was nicht gut ist, kämpfen; denn ohne Kampf – kein Gutsein, keine Ruhe, keine Glückseligkeit. Das ist das Geheimnis aller Moral; zwar nicht so fast ein solches der Erkenntnis – denn diese ist ziemlich allgemein – aber gewiß ein solches der Anwendung, denn diese ist selten genug. Vierter Abschnitt. Von der Würde des Menschen Wir sind in den vorangehenden Untersuchungen schon auf mancherlei Spuren der Würde des Menschen gekommen: hier wollen wir diese, und etwa noch andere, die sich noch ausfindig machen lassen, sammeln, in ein Ganzes bringen, um daraus die Freudefähigkeit des Menschen noch anschaulicher zu machen. Die Würde des Menschen begreift in sich alle Eigenschaften, Fälligkeiten, Anlagen, Kräfte, Uebungen, Geschicklichkeiten, Hoffnungen, Aussichten, Rechte und Ansprüche, die ihm einen Vorzug vor den übrigen, uns bekannten, Erdgeschöpfen geben. Sie ist teils angeboren, teils erworben.   A. Von der angeborenen Würde des Menschen I. Die Würde des Menschen offenbart sich schon in der Betrachtung des Menschenleibes , insofern dieser Hülle und Werkzeug des Menschengeistes ist. Die Gestalt des Menschen ist 1. aufrecht . Der Mensch ist nicht nur hierin einzig auf Erden, wie es die Naturgeschichte lehrt, sondern der aufrechte Gang ist ihm auch einzig natürlich , wie es der Bau des Körpers beweist. »Der Fuß des Menschen fest und breit: seine Ferse zum Fußblatte gezogen: die Wade vergrößert: das Becken zurück: die Hüfte auseinander: Schlüsselbeine und Schultern für den aufrechten Gang geformt: die Finger feinfühlend: der Kopf auf den Muskeln des Halses zur Krone des Gebäudes erhoben.« Diese Spur der Menschenwürde strahlte den Beobachtern früh genug ins Auge. Die Griechen nannten deshalb den Menschen ἄ;νϑρωπος, ein über sich hinauf schauendes Geschöpf. Auch gehört nicht viel Scharfsinn dazu, das Symbolische, das Bedeutende der aufrechten Gestalt zu dolmetschen: »Der Geist schaue dorthin, wohin das Antlitz des Menschen, – gen Himmel, und der Sinn des Menschen sei gerade und aufrecht , wie sein Gang.« Der Körper des Menschen ist 2. zur Sprache gebaut. Er allein unter allen Erdgeschöpfen kann reden, d. i. seine Gedanken durch hörbare Zeichen in die Seele seiner Mitmenschen hineinlegen. Er kann denken, wo die Tiere nur empfinden, und reden, wo die Tiere nur Laute von sich geben. Das Wort eines Menschen ist ein Ausdruck seines Verstandes; und wie der Verstand dem Tiere fehlt, so fehlt ihm auch das Wort. Die Rede eines Menschen weckt die Vernunft eines andern, verknüpft Menschen mit Menschen, Weltteile mit Weltteilen, und beweist so durch ihre Wirkungen den Vorzug des Menschen. Der Körper des Menschen ist 3. zur Kunst gebaut. Das Tier hat Hufe, Klauen u. s. f., der Mensch freie Hände, Werkzeuge an Auge und Ohr, die vornehmsten Organe zu mancherlei feinen Künsten und Handhabungen. Zwar haben auch die Tiere ihre natürlichen Künste, aber diese sind nicht so fast Künste als Gesetze, die sie nicht übertreten können, und Instinkte, denen sie folgen müssen. Wie nun der Mensch des Nachdenkens fähig ist, so ist auch nur er der eigentlichen Kunst, und solcher Uebungen fähig, die durch Nachdenken gelernt werden können. Die Gestalt des Menschen (und auch seine Gebärde) ist 4. ausdrucksamer , hat mehr Bedeutungskraft, als die bloße Tiergestalt. Darüber mögen die Gelehrten streiten so lange sie wollen, ob und wie sie die Seelenschrift im Angesichte des Menschen lesen können: aber darüber können sie nicht streiten, daß im Angesichte des Menschen wirklich mancherlei geschrieben sei, das in der bloßen Tiergestalt nicht geschrieben ist. Was geschrieben ist, das ist geschrieben, gilt auch hier, wenn gleich ich und du nicht lesen, und ein Dritter nicht einmal buchstabieren kann. Aber in gewissen Augenblicken verstehen alle etwas von dem im Antlitze des Menschen Geschriebenen, auch solche, die sonst keine andere Schrift lesen können. Die Tugend hat eine andere Physiognomie als das Laster. Und es würde die ganze Welt den Maler mit Verachtung strafen, der dem Mörder Barabbas und der gegenüberstehenden Unschuld eine Gestalt gäbe. Der Körper ist 5. recht dazu geeignet, der feinen Menschlichkeit des Geistes zu entsprechen. Das Fibergebäude des Menschen ist zart und fein genug, sich in jede Lage eines lebenden Geschöpfes zu versetzen. Durch Gesicht und Gehör wird das Mitgefühl rege. Der ausgestoßene Seufzer eines Leidenden weckt Sympathie. Und wenn das Mitgefühl geweckt ist, so drückt es sich durch Miene, Sprache, Gebärde, Träne aus. Auch fehlen dem Menschen Klauen und Zähne zum Angriff: »er sollte nicht Menschenfresser sein.« Die Entwicklungsart des menschlichen Körpers gibt uns 6. zu verstehen, daß er zur festen Gesundheit und längeren Dauer auf Erden, zu fortdauerndem Dankgefühl gegen die Eltern und zur Geselligkeit gebaut sei. Der Mensch wächst langsam, um lange zu dauern. Das Kind bedarf sehr und lang der Elternhilfe: dadurch wird das Band zwischen Eltern und Kindern so fest geknüpft. Das junge Tier bedarf der Eltern nicht sehr und nicht lange: daher keine bleibende Verbindung zwischen den jungen und den alten Tieren: daher an ihnen keine Spur jener eigentlichen Geselligkeit, die wir unter Menschen bemerken. 7. Selbst dies, daß der Mensch in gewissen körperlichen und instinktartigen Fähigkeiten unter den Tieren steht, ist eine Spur seines Vorzuges über die Tiere. Denn es stritte mit seinem Wesen, und mit dem Zwecke seiner Vernunft, daß er tasten sollte wie eine Spinne, bauen wie eine Biene, saugen wie der Schmetterling. Was wäre der Mensch mit der Muskelkraft des Löwen, dem Rüssel des Elefanten, der Kunstfertigkeit des Bibers? Wie würde sich seine Vernunft entwickeln und üben können, wenn alle diese Fertigkeiten sie entweder entbehrlich, oder ihre Entwicklung unmöglich machten? 8. Es gehört mit zur Würde des Menschen, daß seine Sinne nicht feiner und nicht gröber seien, als sie gewöhnlich sind. Denn wenn z. B. sein Ohr so fein wäre, daß er den Flügelschlag der Grille in größeren Entfernungen vernähme; wenn sein Geruchsinn so fein wäre, daß er die Ausdünstungen der Tiere und Menschen nach Art der Hunde röche: wie könnte sich seine Denkkraft üben, und ihm der Trieb zur Geselligkeit zur Freude werden? – Wenn im Gegenteile sein Ohr so stumpf wäre, daß es den ordentlichen, vertrauten Ton der Menschenstimme nicht verstünde, und etwa nur den Laut eines Pistolenschusses vernähme, welcher Körperbau würde dazu erfordert, um vernehmlich zu reden? 2. Die Würde des Menschen offenbart sich noch deutlicher und recht eigentlich in Betrachtung des Menschengeistes . Sie besteht: 1. In seiner Erkenntniskraft . Er kann das, was er außer sich und in sich wahrnimmt, bedenken, untereinander und miteinander vergleichen, seine Ideen und Gedanken von sich, und sich von allem, was er nicht ist, unterscheiden; kann Mannigfaltiges unter Begriffe, und Begriffe unter eine Einheit bringen; kann das Mancherlei auf mancherlei Weise ordnen; kann das Gegebene zergliedern, und Einzelnes zusammensetzen; kann Aehnlichkeit und Unähnlichkeit bemerken; kann über Verhältnisse urteilen; kann nach Ursachen, Wirkungen, Absichten forschen; kann Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft betrachten; kann vom Bekannten aufs Unbekannte schließen; kann sich über sich erheben und höhere Wesen ahnen, glauben; kann Zeugnisse prüfen, Zeugnisse verwerfen, annehmen; kann Gedankenreihen abschneiden, fortsetzen, vermehren; kann beobachten, Versuche machen; kann dichten, Systeme bauen und einreihen; kann erfinden, Erfundenes verbessern u. s. f. Niemand leugnet, daß wir mit der sinnlichen Welt durch sinnliche Wahrnehmungen und mit der vernünftigen Welt durch Idee und Sprache in Verkehr stehen und Umgang haben. Die Würde des Menschen offenbart sich: 2. In der Freitätigkeit des Willens . Wer die Freitätigkeit des menschlichen Willens in ihrer wahren Gestalt erkennt, der erkennt folgende unumstößliche Wahrheiten: Der Mensch hat die Idee des Guten in sich, und mit dieser Idee die Keime der Gerechtigkeit und der Ordnung. Nach dieser Idee beurteilt er wenigstens seines gleichen, und wenn er die Eigenliebe bezwungen hat, auch sich. Mit der Idee des Guten hat er auch das Gesetz des Guten in sich, die Pflicht dem Guten nachzustreben. Ueber den Ursprung und die Auslegung und die Vollbringung des Gesetzes mag man streiten, aber darüber, daß der Mensch Gutes tun, Böses meiden soll , wird nicht leicht ein gesitteter Mensch öffentlich streiten. So wie der Mensch die Idee des Guten in sich hat, so hat er auch etwas, das man praktische Vernunft oder Gewissen, oder wie immer nennen mag, eine Stimme, die ihm sagt: »Das ist gut, das ist böse, achte und tue jenes, verabscheue und meide dieses;« – und die das Rechttun billigt, und das Unrechttun straft. So ist denn auch der Mensch unter allen Erdgeschöpfen ganz allein dasjenige, das man für rechenschaftsfähig hält, oder des Lobes oder Tadels, der Belohnung oder Strafe würdig erklärt, wie ganz allein dasjenige, das nicht durch Stoß, wie die körperlichen Maschinen, nicht durch Anziehung und Abstoßen, wie die himmlischen Körper (nach dem Ausdruck der Physik), und nicht durch bloßen Instinkt, wie das Tier, getrieben wird, sondern durch vernünftige Beweggründe lenkbar ist. Es ist endlich der Mensch unter allen Geschöpfen das einzige, das mit jedem Augenblicke schlimmer, unedler, törichter, elender werden kann; – indessen das Tier-, Pflanzen- und Steinreich notwendig in seinen angewiesenen Grenzen bleibt. Soviel man also in bloßer Ideenzergliederung gegen die Freiheit des Menschen einwenden kann, so wenig kann man die praktischen Beweise derselben entkräften, die so allgemein sind als die Natur des Menschen, und so alltäglich wie Morgen und Abend, und so fest und unaustilgbar als die Idee des Guten in uns. Und wenn man die Freitätigkeit nach den praktischen Beweisen derselben erklären wollte, so könnte und müßte man sagen: Dasjenige, was den Menschen der Ueberlegung, der Sittlichkeit, des Gesetzes, der Pflicht, des Gewissens, der Selbstbilligung, des Verdienstes um fremdes Wohlsein, der Rechenschaft und Verantwortung, des Lobes und Tadels, der Belohnung und Bestrafung, der Leitung durch Beweggründe, der Unabhängigkeit von sinnlichen Trieben, der Vervollkommnung und Verschlimmerung fähig macht, das ist das bestrittene und mißbrauchte Ding, das man Freiheit nennt. Was also die spekulative Vernunft nicht erklären kann, das kann Gott Lob! die gemeine Vernunft nicht bezweifeln. Wohl dem, der sich von dem Unvermögen der erstem nicht zum Ungehorsam gegen die andere verleiten läßt! Die Würde des Menschen offenbart sich 3. In seiner Religionsfähigkeit . Wir haben die Idee von Gott in uns; sind des Gedankens an das allerhöchste, beste Wesen fähig; können Ehrfurcht vor diesem höchsten Wesen empfinden; können dieses höchste Wesen als Gesetzgeber anerkennen, Ihm gehorsamen; können Liebe gegen dieses beste Wesen in uns haben und nähren; können die Idee, den Gedanken von diesem Wesen, die Ehrfurcht vor ihm, den Gehorsam und die Liebe zu ihm ausdrücken und anderen mitteilen, im Geiste dieser Liebe, dieses Gehorsams, dieser Ehrfurcht handeln. – Menschen können allerdings irren in Hinsicht auf die Natur des höchsten Wesens, aber die Achtung vor ihm und der Zug zu ihm ist dem Menschen natürlich und entschieden. Die Opfer, die Altäre, die Religionen aller Zeiten und Orte, die Gebete, die Eidschwüre, selbst die Irrtümer der Religion beweisen die Religionsfähigkeit des Menschen. Die Idee von Gott ist so allgemein, so immerwährend, so von Klima und Organisation unabhängig, so alt als der Mensch, und so tief in sein Inwendiges geschrieben, daß es einem denkenden Kopfe schwer wird, an der Wahrheit dieser Idee zu zweifeln. Selbst die Atheisten können die Idee von Gott in sich nicht austilgen, und wenn sie beweisen wollen, daß es keinen Gott gibt, so beweisen sie es aus der Idee von Gott. Durch die Idee von Gott, dem Keim aller Religion ist der Mensch – ein Mensch. Das Sein hat er mit allen Wesen, das Wachstum mit den Pflanzen, die Sinnlichkeit und selbst eine gewisse Vernunftfähigkeit mit den Tieren gemein: die Religionsfähigkeit ist ihm allein eigen. Diese eigenste Eigenheit des Menschen kann kein Mensch, der seine Würde fühlt, übersehen. Und erst die anerkannte Religionsfähigkeit des Menschen gibt uns einen Aufschluß über die Idee des Guten, und ist weit genauer mit dieser verwebt, als die trennenden Köpfe ahnen können. Die Spekulation kann sie allerdings trennen: aber die Natur vereint auch hier. Und sie hat so fest vereint, daß die Vernunft den Begriff, was es heiße ein recht menschlicher Mensch sein, nicht wohl vollenden kann, ohne von der Idee des Guten auf die Idee des Allerbesten zu kommen. Es ist eine schöne Kette hier, und der Ring, Menschlichkeit, hat keinen Halt, wenn er nicht an die Erkenntnis des Vaters der Menschen reicht. Die Würde des Menschen offenbart sich 4. In der Unsterblichkeit seines höheren Wesens. Daß »Unsterblichkeit« der Wunsch der Menschheit, die Hoffnung des besseren Menschen, der Trost aller leidenden Unschuld, eine notwendige Bedingung zur Vollendung der Glückseligkeit, der Schrecken des verwegenen Missetäters, die Ehrenkrone des vollbrachten, heiligen Gesetzes in uns, und ein Glaubensartikel der gesunden Vernunft sei, wird von den nüchternen Weltweisen ziemlich allgemein eingestanden. Daß sie aber Wahrheit ist, und von allen, die wahrhaft gut und glückselig werden wollen, als Wahrheit geglaubt, und als Wahrheit zur Richtschnur ihres Wandeins gemacht werden sollte, ist wenigstens für Christen, und unter ihnen entschieden. Die Würde des Menschen offenbart sich 5. Im Ebenbildsein der Gottheit . Alle Begriffe von Gott vereinigen sich darin, daß Er die höchste Weisheit, die höchste Liebe, die höchste Macht sei. Nun mag man die Kräfte des Menschen so zerrüttet denken, wie man will: sie sind doch noch ein Bild der Gottheit im Systeme des Glaubens an Gott. Der Mensch kann doch noch – erkennen, lieben, handeln; man muß aber die Erkenntniskraft des Menschen als einen Strahl der Allwissenheit und Weisheit Gottes, den Menschenwillen, und besonders seine Fähigkeit zu lieben, als einen Funken der Alliebe Gottes, und die Menschenkraft, das eigentliche Vermögen zu wirken, als ein Bild seiner Allmacht ansehen. Verstand, Güte, Allmacht, machen das Wesen Gottes aus, soviel wir von ihm stammeln können. Und dieses ganze Wesen spiegelt sich in jedem Menschen, wie die Sonne im Tautropfen: der Mensch denkt, will, handelt. Vieles andere, das hier nahe liegt, sei der Betrachtung des Lesers, der seine Würde fühlt, überlassen! Aber eins darf nicht unbeachtet gelassen werden. Ein merkwürdiger Zug im Menschen als Ebenbild Gottes ist sein Verhältnis zu den übrigen Geschöpfen . Er ist (jetzt noch bei allen Zeichen der Schmach und des Sklavenstandes), König der Schöpfung. Denn er allein steht unter allen Erdgeschöpfen da, voll Selbstgefühls. Er allein ordnet die Dinge und sich. Er allein ist Priester der Natur – sieht die Dinge in Bezug auf sich, Gott und andere Dinge. (Deswegen hat ihn der Schöpfer erst in die Welt gesetzt, nachdem seine Burg, die Erde, schon zubereitet, und für den Gast und Herrn ausgeziert war.) Groß ist also der Mensch, wenn man ihn nach seiner Natur betrachtet. Kleiner aber erscheint er uns, wenn wir seinen jetzigen Zustand mit dem vergleichen, was uns die Urkunden des Christentums von seinem Ur sprunge ahnen lassen. Auf einem dreifachen Wege lernen wir den Menschen in seinem Ursprünge kennen. Einmal wenn wir nach Mosis Wink betrachten, wie der erste Mensch beschaffen gewesen sein muß, da er unmittelbar aus der Hand Gottes kam, und Gottes Bild, nachdem er geschaffen war, an sich trug, also so gut, so weise, so mächtig, so selig war, daß Gottes Güte, Weisheit, Macht, Seligkeit im Menschen als einem, dem Original gleichen, Ebenbilde zurückstrahlte. Hernach, wenn wir das Bild betrachten, von dem es heißt: Ziehe den neuen Menschen an, der nach Gott erschaffen ist, in Gerechtigkeit und wahrer Heiligkeit. Der neue Mensch trug also das Bild wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit in sich. Endlich, wenn wir Jesum Christum , der als Gottes Ebenbild auf Erden erschien, genau betrachten, und daraus schließen, wie der Mensch in seinem Ursprünge beschaffen gewesen sein mag. Wie eine Statue im Garten, die von den Zerstörungen der Zeit sehr vieles gelitten hat, klein erscheint gegen die Statue, die aus des Künstlers Hand kam, und davon die treue Beschreibung noch im Archiv liegt: so der Mensch, wie er jetzt ist, gegen das Original, das aus der Hand des Schöpfers kam. So groß und so klein ist der Mensch. – Aber ganz groß und lieblich würde uns sein Bild wieder werden, wenn es uns gegeben wäre, ihn im Zustand seiner Wiederherstellung, dazu die nämlichen Belehrungen Hoffnungen machen, anzublicken. Nach dem klaren Inhalte dieser Belehrungen kam der Sohn des Vaters in der Gestalt unseres Elendes zu uns; ward Fleisch von unserem Fleische, um in uns das verfallene Bild der Gottheit wieder zu erneuern; erteilte uns die Vollmacht, Gottes Kinder zu heißen und zu sein, und gab sich für uns in den Tod, um unsere Erlösung von Sünde, Irrtum, Elend, Tod zu vollenden. Seid Erben Gottes – seiner Heiligkeit und Seligkeit: dahin treibt seine Lehre: darauf weist sein Beispiel: dazu sind seine Anstalten: dazu hilft sein allbelebender Geist.   B   Von der erworbenen Würde des Menschen Dem Menschen legen wir erworbene Würde bei, wenn sich die Anlagen zum Guten, die seine angeborene Würde ausmachen, in Fertigkeiten zum Guten verwandelt haben. So ist z. B. Vernunftfähigkeit angeborene Menschenwürde, diese geht in erworbene über, wenn der Mensch wirklich vernünftig denkt und handelt. Welch ein Abstand zwischen Vernunftfähigkeit und ausgebildeter Vernunft! Die einzige Bedingung, ohne die sich kein Erwerb der Menschenwürde denken läßt, ist für den Menschen diese: Von seiner Freitätigkeit in und außer sich den Gebrauch zu machen, den er bei jedem gegebenen Anlasse nach dem vorrätigen Kraftmaße machen kann, und den er auch machen muß, um seiner ganzen angeborenen Würde zu entsprechen. Wer sich also Menschenwürde erwerben will, sucht zunächst inne zu werden, was mit seiner angeborenen Würde übereinstimmt oder derselben widerstreitet, und strebt dann danach, seine Gesinnungen und Handlungen dem zu nähern, was mit der angeborenen Würde übereinstimmt, und von dem zu reinigen, oder vor dem zu bewahren, was derselben widerstreitet – d. h. zu tun, was seiner höheren Natur würdig ist, wegzuräumen, was derselben unwürdig ist. I. Da wir Verstand und Vernunft haben, und diese Erkenntniskräfte ein Vorzug des Menschen vor dem Tiere sind: so stimmt es mit diesem angeborenen Vorzuge überein, sie selbst teils so zu bilden, teils so zu gebrauchen, daß wir uns immer mehr über das Tier erheben; dagegen streitet es mit diesem Vorzuge, die Erkenntniskräfte entweder nicht so zu bilden, oder nicht so zu gebrauchen, daß wir dadurch über das Tier immer mehr erhoben werden. Deswegen muß man 1. fleißig untersuchen, was Wahrheit, Irrtum, Trug, Schein sei; nach Ursachen, Wirkungen, Absichten fragen, um nicht wie mit verbundenen Augen durch die Welt zu tappen; – aber nicht gleichgültig sein gegen Wahrheit und Irrtum, Schein und Trug, oder bei dem, was man empfindet, stehen, und von den Eindrücken der Sinne abhängig bleiben. 2. Die Stille, Einsamkeit suchen und in sich unterhalten, die uns zum Nachdenken geschickt macht – nicht aber in einer immerwährenden, alles Nachdenken tötenden Zerstreuung dahinleben. 3. Sich selbst streng und standhaft erforschen, seiner Handlungen und ihrer Absicht sich bewußt werden, und bewußt sein – nicht aber ein Fremdling in seinem Hause sein, und den Blick selten in sich kehren, oder wenigstens nie durch den Nebel der Selbsttäuschungen bis auf die wirkliche Gestalt des Gemütes durchdringen. 4. In allen wichtigen Unternehmungen die Gegenwart mit der Zukunft und mit der Vergangenheit in Anschlag bringen – nicht aber die Vergangenheit aus dem Andenken verlieren, und die Zukunft aus dem ahnenden Gemüte kommen lassen. 5. Die ernsten Betrachtungen über Gott und Unsterblichkeit, über Gutsein und Wohlsein, über das heilige Gesetz in uns und dessen Erfüllung, als die wichtigsten ansehen, and zu Bestimmungsgründen unseres Verhaltens werden lassen. 6. Immer nach höheren Erkenntnissen streben, den schädlichen Blendungen der Irrlichter immer männlicher entgegenarbeiten, und nicht sich immer in dem engen Kreise der verjährten Torheit herumdrehen, und das: »Immer so gewesen sein« zum einzigen Gesetz seines Denkens und Lebens machen, oder nie aus der Unmündigkeit des Verstandes heraustreten wollen. II. Da wir Freiheit haben, und diese Freiheit unter die Vorzüge des Menschen gehört, so unvollkommen sie immer sein mag: so stimmt es offenbar mit diesem angeborenen Vorzuge überein, sie so zu gebrauchen, daß wir immer freier, d. i. unabhängiger von der Uebermacht der Sinnlichkeit und der niederen Neigungen werden. Darum heißt es: 1. Den Eindrücken der Sinne und ihren Reizen, wider das heilige Gesetz zu handeln, widerstehen, wie ein festgewurzelter Baum den tobenden Winden widersteht, – nicht aber sich den Eindrücken der Sinne und ihren Reizen von außen hingeben, wie ein Schilfrohr sich dem Winde hingibt, und sich ohne Unterlaß von den Gestalten der Dinge meistern lassen. 2. Sowohl wider die Tyrannei der Mode, und wider die Macht des Beispiels, als wider den Despotismus der Gewohnheit, durch feste Anhänglichkeit an das Gesetz des Willens, für dieses Gesetz kämpfen. 3. Sich die höhere Ruhe des Gemütes nicht durch die Zufälle und Veränderungen des Körpers, der Witterung, der Gesellschaft und unserer ganzen äußeren Lage rauben lassen. 4. Der Veränderlichkeit unseres eigenen Herzens, eigener Begierden, durch Anhalten an das unveränderliche, heilige Gesetz in uns, entgegenarbeiten, statt ein Sklave seiner Laune sein, und keinen festen Ruhepunkt im Guten finden können. 5. Nach einer edlen Selbständigkeit im Denken, Wollen, Reden, Handeln ringen, und sich durchaus als ein Wesen betragen, das der Besonnenheit, der Ueberlegung fähig ist, und den Kopf über die niederen Neigungen aufrecht tragen kann, – nicht aber sich von fremden Grundsätzen, Drohungen, Schmeicheleien, Lob-, Tadelsprüchen, drehen und wenden lassen, oder denken, wollen, reden, handeln, wie man von Erscheinungen außer uns, und den Neigungen in uns gestoßen wird. 6. Unablässig an der Selbstvervollkommnung arbeiten, und deshalb mit dem bereits errungenen Grade des Gutseins nie zufrieden sein, sondern immer vorwärts streben zum Unvergleichbaren und Einzigen. Verkehrt wäre es, sich immer für gut genug halten, ohne die Tiefen des Bösen in sich auszuforschen; immer größere Fehler an anderen ausspüren, um sich in seinen geringeren noch Wohlgefallen zu können. III. Da unser Geist religionsfähig, unsterblich und als Gottes Ebenbild geschaffen ist: so stimmt es offenbar mit diesem angeerbten Adel der menschlichen Natur überein, ihn lebendig darzustellen; dagegen widerstreitet es diesem Adel, eine solche edle Fähigkeit der gebietenden Sinnlichkeit sklavisch dienen zu lassen. Somit ist es gut, 1. seine Gedanken und Gesinnungen über den Kreis der zeitlichen Angelegenheiten erheben, die Urquelle des Gut- und Wohlseins um ihretwillen achten und lieben und in Liebe und Heiligkeit ein gleiches Bild, ein sichtbarer Stellvertreter der unsichtbaren Güte und Weisheit sein; 2. sich als einen Bürger der unsterblichen Welt schon in dieser sterblichen Welt betrachten und den Wert und Unwert aller Dinge aus dem Gesichtspunkte der Unsterblichkeit messen und auf Gräbern und unter Verwesungen wandelnd – den Maßstab der Unsterblichkeit nie aus der Hand verlieren; 3. das Königsrecht der Schöpfung treu ausüben, d. h. nie dienen dem, was unter dem unsterblichen Geiste ist; nie die körperliche Natur und die Mitmenschen zu Befriedigungsmitteln der Leidenschaft machen; stets ein Pfleger und Vormund dessen sein, was Mensch und schwach ist; überall dem höchsten Wesen huldigen, in dessen Namen wohltun, und dessen Willen mit Bewußtsein und freiem Sinn vollbringen, wie ihn die körperliche Natur, unbewußt, und unfähig zu widerstehen, vollbringt, nicht aber dem Egoismus, d. h. der Eigenehre, der Eigenlust und dem Eigennutz huldigen und überall Dokumente des Aufruhrs gegen den Willen des höchsten Wesens zurücklassen; 4. das Aeußere (das Antlitz) ein treues Bild des Inneren, und das Innere ein Ebenbild des Göttlichen werden lassen; Wahrheit und Liebe im Aeußeren sprechen und im Inneren gebieten lassen; um die Verwüstung und Zerstörung des Körpers durch Leidenschaften zu verhüten, sie im Geiste nie zur anhaltenden Herrschaft kommen, die aufrechte Gestalt immer einen Abdruck des geraden Sinnes sein lassen, nie unedel sein und edel scheinen zu wollen, oder vor anderen das Aeußere zum Widerspruche des Inneren nötigen, insgeheim dagegen das Aeußere mit dem Inneren in Vollbringung und Ausdruck des Bösen einstimmen lassen, noch auch die festere Gesundheit als Signal und Ruf der Natur zu entehrenden Ausschweifungen ansehen. Somit kann als reine Wahrheit hinsichtlich der Glückseligkeit des Menschen als Ergebnis aus diesem Abschnitte beiseite gelegt werden: I. was der angeborenen Menschenwürde widerstreitet, kann nicht die Glückseligkeit des Menschengeistes sein, noch dieselbe unmittelbar fördern. II. Je mehr sich die angeborene Menschenwürde, die eine bloße Fähigkeit ist, in ein wirkliches Leben des Menschengeistes verwandelt, desto glückseliger ist der Menschengeist. Und unter die wahrsten Worte, die je ein Mensch aussprach, gehört dieses: »Jetzt ist der Mensch noch nicht groß, aber in der Fähigkeit es zu werden.« III. Das würdigste Wohlsein des Menschen ist jenes, welches mit der höheren Erkenntniskraft, Freitätigkeit, Religionsfähigkeit, Unsterblichkeit, und dem Ebenbilde Gottes im Menschengeiste, am meisten übereinstimmt. Fünfter Abschnitt. Von der Bestimmung des Menschen   A. Was die Bestimmung des Menschen nicht ist I. Die Vergnügungen der Sinne machen die Bestimmung des Menschen offenbar nicht aus. Denn 1. der unmäßige Genuß macht uns äußerst böse und elend, widerspricht also zugleich dem Triebe nach Vollkommenheit und dem Triebe nach Glückseligkeit. 2. Auch der mäßige Genuß macht uns nicht dauerhaft und nicht ganz froh; weil der Mensch nicht bloß Sinn ist, weil höhere Bedürfnisse da sind und durch die Sinne nicht befriedigt werden können; weil der mäßige Genuß, um mäßig zu sein, auf einen kurzen Zeitraum eingeschränkt sein muß; weil die sinnlichen Vergnügungen für den Geist des Menschen zu niedrig sind, also notwendig eine Leere zurücklassen müssen, und die Fähigkeit des ganzen Menschen nicht ausfüllen können. 3. Sinnlicher Genuß ist seiner Natur nach nur Mittel, wie die ganze Sinnlichkeit, also nicht Endzweck, nicht Bestimmung des Menschen. 4. Der Glückseligkeitstrieb kann seinen Zweck nicht erreichen, wenn er nicht geordnet ist. Das Gesetz der Ordnung aber besteht darin, daß die ganze Sinnlichkeit der Vernunft und diese der Allerhöchsten untergeordnet ist. Anmerkung . Dies Gesetz der Ordnung heißt von seinem Endzwecke, den Willen des Menschen zur Heiligkeit zu leiten, das heilige Gesetz, im Gegensatz zu physischen Naturhandlungen das Gesetz der Sittlichkeit, und im Gegensatze zu willkürlichen Gesetzen, Naturgesetz. Was nun erst geordnet werden muß, um den Zweck unseres Strebens, das Gutsein und Wohlsein nicht zu hindern, das kann nicht selbst Zweck sein. II. Die Vergnügungen des Geistes (des Verstandes), sowohl an der wirklichen Erkenntnis und ihrer Richtigkeit, Mannigfaltigkeit, Ordnung, Fruchtbarkeit, als an den Gegenständen und Früchten der Erkenntnis, den Werken der Natur und der Kunst usw. sind zwar ihrer Natur nach edlere Vergnügungen, aber auch sie machen offenbar die Bestimmung des Menschen nicht aus. Denn durch diese Vergnügungen, die immer dem Gesetze der Zeit unterworfen bleiben, und sehr beschränkt sind, können 1. die höheren Bedürfnisse unserer Natur nicht vollständig befriedigt werden, eben deswegen, weil diese Bedürfnisse eine Art Unendlichkeit in sich haben, und eigentlich Bedürfnisse nach dem unendlichen Wesen sind. Durch diese Vergnügungen kann 2. insbesondere die Ordnung der Sinnlichkeit und des ganzen menschlichen Herzens schon gar nicht hergestellt werden, weil sie selbst einer Ordnung bedürfen, und dem Leitbande der Vernunft entrissen, den Menschen von Gutsein und Wohlsein so weit entfernen können, als die sinnlichen Vergnügungen, wie es die Gelehrtengeschichte nur zu deutlich beweist. Ebensowenig kann 3. durch diese Vergnügungen der Menschengeist mit vollständiger Duldungskraft gegen die widrigen Eindrücke der Körperwelt und unseres eigenen Körpers und des unmoralischen Verhaltens der anderen gegen uns bewaffnet werden. Man kann sich zwar hie und da ein Wölkchen von der Stirne weglesen, aber die großen Leidensstürme lassen sich nicht durch literarische Unterhaltungen bändigen. Die gelehrte Apathie taugt allerdings zur Parade in den Tagen der Freude, aber, wenn die Trübsal den Lehrstuhl des Gelehrten erschüttert, und ihn selbst packt – dann zeigt es sich, daß es zweierlei Dinge sind: ein Ideenreich und das Reich des Friedens in sich tragen. Wie die Vergnügungen der Sinne die Bestimmung des Menschen nicht ausmachen können, weil der Mensch nicht bloß Sinn ist, so können die Vergnügungen des Verstandes die Bestimmung des Menschen nicht ausmachen, weil der Mensch nicht bloß Kopf ist; weil er einen Willen hat, der ausgebildet sein muß, der das Gute lieben, achten muß, um selbst gut und der Freude würdig zu werden. III. Die Vergnügungen des Herzens (allein und ohne die Vergnügungen der Religion betrachtet) sind ihrer Natur noch höher, edler als die Vergnügungen der Sinne und des Verstandes, machen aber doch die ganze Bestimmung des Menschen nicht aus. Denn sie können 1. den Trieb nach Vollkommenheit nicht befriedigen; da wir eine Religionsfähigkeit in uns haben, und diese Religionsfähigkeit geübt, gebildet sein muß, damit der Mensch das beste Wesen über alles lieben, und aus dieser gebietenden Liebe Ordnung in die Vergnügungen des Herzens, des Verstandes, der Sinne ausgehen und das Bild des besten Wesens in uns lebendig werden kann. Diese Vergnügungen können 2. den Trieb nach Glückseligkeit nicht befriedigen; indem sie, statt die Bitterkeit des Lebens erträglicher zu machen, gar oft durch die Leiden so geschwächt werden, daß sie kaum mehr Vergnügungen heißen können, und die Zufriedenheit des menschlichen Herzens so wenig gründen, als sie vermögend sind, die Menschenkraft in die würdigste Tätigkeit zu versetzen, oder der Uebermacht der Natur zu widerstehen. IV. Die Vergnügungen der Religion sind an sich die höchsten, d. h. edelsten und wohltätigsten, deren der Mensch hienieden fähig ist. Unter den Vergnügungen der Religion verstehe ich die Freuden des Glaubens an die Urquelle alles Gut- und Wohlseins, die alle Dinge schafft, erhält, ordnet, lenkt; an dem ewigen Sein des Menschengeistes, an die ewigen Folgen des Gutseins, – die Freuden der Hoffnung , daß die Urquelle alles Gut- und Wohlseins die Bedürfnisse unserer höheren Natur einst alle befriedigen könne, wolle, und, inwiefern unser Eigenwille dieselbe nicht hindert, auch befriedigen werde; – die Freuden der gebietenden Liebe gegen dieses liebenswürdigste Wesen, und des vertrauten Umgangs mit ihm; – die Freuden der Nächsten - und Menschenliebe , die aus der Liebe an die Urquelle alles Guten Kraft und Leben nimmt; – und endlich die Freuden an Selbstveredlung , oder, um der Eitelkeit in der besten Sache keinen Spielraum zu lassen, an Befolgung des heiligen Gesetzes aus gebietender Liebe und Achtung gegen die Urquelle alles Guten. Diese Vergnügungen sind die edelsten und wohltätigsten dieses Lebens; die edelsten , weil sie den Menschen zur höchsten Vollkommenheit führen, deren er fähig ist, weil sie die Vergnügungen der Sinne, des Verstandes, des Herzens veredeln, menschenwürdig machen, und aller Unordnung in Befriedigung der niedrigen Bedürfnisse wehren; – die wohltätigsten , weil sie Ruhe und Heiterkeit des Geistes und die wahre Freiheit des Menschen im Menschen herstellen; weil sie den Menschen der reinsten Freuden in der Zukunft und in der Ewigkeit empfänglich und würdig machen, und also Gegenwart und Zukunft, Zeit und Ewigkeit für ihn in eine schöne, dem Hoffnungstrieb entsprechende Verbindung bringen, und durch diese Verbindung allen Drangsalen das Unerträgliche, und dem Tode selbst das Erschreckende rauben, d. h. eine immerwährende Zufriedenheit des Herzens möglich und wirklich machen. Obgleich sie aber die höchsten Vergnügungen dieses Lebens sind, so machen sie doch nicht die ganze Bestimmung des Menschen aus . Denn auch die höchsten Vergnügungen dieses Lebens befriedigen noch nicht den ganzen Durst des Menschengeistes nach dem reinsten, d. h. ungetrübten, steten, von aller Plage freien Wohlsein. Wir haben in uns nicht nur einen Trieb nach Glückseligkeit, sondern nach Seligkeit schlechthin, einem Wohlsein ohne Mangel und ohne Ende, und kraft dieses Triebes reichen wir über dieses Leben hinaus, da wir einerseits in dem Bezirke dieses Lebens das reinste Wohlsein nicht finden können, und andererseits den Trieb nach dem reinsten Wohlsein nicht aus unserer Natur reißen können. Die Religion, d. h. der lebendige Glaube an – die lebendige Hoffnung auf – und die lebendige Liebe gegen die Urquelle alles Guten, kann diesen Trieb nicht ganz befriedigen; denn bei allen Freuden, die sie schafft, und schaffen kann, ist sie doch nicht die Leitung des Universums, kann also nicht alles, was den Geist drückt, wegheben und das frohe Herz, das sie schafft, nicht von aller unangenehmen Empfindung erlösen. Die Religionsfreuden, die höchsten dieses Lebens, mögen allerdings eine Bestimmung, sie können aber nicht die Bestimmung, die ganze Bestimmung des Menschengeistes sein.   B. Was die ganze Bestimmung des Menschen ausmacht I. Wenn die Vergnügungen der Religion höher, edler, menschenwürdiger sind, als die Vergnügungen des Herzens, des Geistes, der Sinne: so kann man der Religionskraft den Vorzug vor den Sinnes- und den sich selbstüberlassenen, noch nicht geordneten Verstandes- und Willenskräften nicht streitig machen. Denn wie die Vergnügungen, so die Kräfte, sich dieselben zu verschaffen. – Unter der Religionskraft verstehe ich das vollkommene Vermögen , sich die Vergnügungen der Religion zu verschaffen . Wenn die Religionskraft in irgend einem Menschen herrscht, so sind in dem nämlichen Menschen eben deswegen alle seine Kräfte so geordnet, so entwickelt, gestärkt und erhöht, daß er seiner Würde gemäß handeln kann und handeln wird. Denn eben dadurch ist in diesen Menschen die Liebe gegen die Urquelle alles Guten und Wohlseins gebietend geworden. Die vollständige Religionskraft ist ja nichts anderes, als das vollständige Vermögen an diese Urquelle zu glauben, auf sie zu vertrauen, sie über alles, und um ihretwillen alles andere Gute, zu lieben. Wo also die Kraft, die Urquelle alles Guten über alles zu lieben, herrscht, da herrscht eben darum die Liebe gegen diese Urquelle. Wenn man aber die Liebe gegen diese Urquelle alles Gut- und Wohlseins und gegen die Menschen, in einem Menschen herrschend geworden ist, so müssen eben darum die höheren Kräfte so entwickelt, gestärkt und erhöht sein, daß sie herrschen, und die niederen den höheren so untergeordnet sein, daß jene von diesen beherrscht werden können. Sind nun aber die niederen Kräfte so geordnet und die höheren so entwickelt, daß die Liebe gegen Gott und die Menschen wirklich gebietende Gesinnung geworden ist, so sind die niederen Kräfte eben deswegen so geordnet, und die höheren so entwickelt, gestärkt und erhöht, daß der Mensch seiner Würde gemäß handeln kann und handeln wird. Denn wer das höchste Wesen über alles und seine Mitmenschen um des höchsten Wesen willen liebt, der vollbringt das heilige Gesetz, das seiner Natur gegeben ist; der kann und wird also als ein Vernunftgeschöpf mit Besonnenheit und Freiheit, als ein religionsfähiges Wesen mit Aufblick zur Urquelle alles Gut- und Wohlseins, als seines Gottes Bild und Stellvertreter mit Güte und Weisheit, als ein Bürger der Unsterblichen mit dem hohen Sinne für das Unsterbliche handeln, das heißt, die Vorzüge, die ihm angeboren sind, behaupten. Es lobt selbst die Welt , wenigstens in ihren Zeitungen, die Großmut, die Gerechtigkeit, die Milde guter Menschen. Allein darin tut sie Unrecht, daß sie die Früchte lobt, und die unsichtbare Wurzel und den festen Stamm, ohne die solche Früchte nicht gedeihen, nicht anerkennen, oder wenigstens sich darum nicht umsehen mag. Sie möchte gemeinnützige Menschen haben, die sich für sie aufopferten; aber, was die Menschen gutmacht, damit sie gemeinnützig sein können, die Religion, und besonders die lebendige Religion, die nicht Wort und Idee, sondern Kraft und Wesen ist, diese kann bei der Welt nimmermehr ihr Glück machen, (wodurch die Wahrheit nichts, die Welt aber desto mehr verliert). Nur dann, wenn der Menschengeist durchaus seiner Würde gemäß handelt, kann er die höchsten Freuden dieses Lebens genießen. Das Tier im Menschen ist keiner Religionsfreude fähig: also auch der Geist des Menschen nicht, so lange er sich dem tierischen Triebe hingibt. Also wird er nur dadurch der Religionsfreuden fähig, daß er die tierischen Triebe der Vernunft und die Vernunft dem heiligen Gesetz unterwirft; dadurch, daß er sich über die tierischen Neigungen zur Urquelle des Guten erhebt, dadurch, daß er nach seiner Würde lebt. Nach allem, was unsere Vernunft von der Urquelle des Guten ahnen und stammeln kann, findet sie sich genötigt, als wahr anzunehmen: »Es ist der Wille Gottes, daß die Menschheit zum Genusse der höchsten Freuden dieses Lebens, der Religionsfreuden, entwickelt werde.« Die Vernunft findet im Menschen die Fähigkeit, die höchsten Freuden dieses Lebens, die Religionsfreuden, zu genießen, und muß diese Fähigkeit, als das eigenste Unterscheidungszeichen des Menschen, anerkennen. Diese Fähigkeit kann die Vernunft nicht anders als von der Urquelle alles Guten ableiten. In der Urquelle alles Guten kann sie keine andere als die höchste Güte denken. Mit der höchsten Güte, die diese Freudefähigkeit in den Menschen gelegt, kann sie keine andere Ansicht vereinigen, als daß diese Fähigkeit gebildet, und die Menschennatur zum Genusse der höchsten Freuden, deren sie in diesem Leben fähig ist, entwickelt werde. Dieses ist der natürliche Gang der Vernunft, sich über die Bestimmung des Menschen zu orientieren; sie geht von dem Menschen aus und endet bei der Urquelle alles Guten . Es läßt sich gegen diesen Gang vieles einwenden, aber nichts beweisen, wenigstens denen, die aus Erfahrung diese Religionsfreuden kennen, und also die Gründe der erfahrungslosen Vernunft oder Unvernunft gegen wirkliche Erfahrung sehr unbedeutend finden. II. Aber die höchsten Freuden dieses Lebens sind nicht die reinsten und können nicht die reinsten sein. Denn die reinste Freude, jene nämlich, die keinem Wechsel unterworfen, und weder Ekel noch Plage, weder Kampf noch Furcht vor dem Ende, weder Mangel noch Gefahr eines Mangels mit sich führt, und ihrer Größe und Dauer nach das ganze Streben des Menschengeistes ausfüllt, kann gar nicht das Los dieses Lebens sein. Kann es deswegen nicht, weil die höchste Freude dieses Lebens, ohne bitteren Wettstreit gegen die Sinnlichkeit, nicht erstritten werden kann; wenn sie da ist, nicht immer erhalten werden kann; noch auch durch sie weder die übrigen Leiden und Plagen dieses Lebens, noch die Finsternisse und Schwächen, die ihr selbst anhaften, getilgt werden können, und so also der Durst nach reiner Freude so lange unbefriedigt bleiben muß, als der Geist diese Hülle trägt, und in dieser Entfernung von der Urquelle alles Guten lebt. So ist die Menschennatur nicht dazu geschaffen, daß sie hier schon die reinste Freude genieße. Was aber in diesem Leben unerreichbar ist, das kann die Bestimmung des Menschen in diesem Leben nicht sein. Wenn gleich aber die reinste Freude in diesem Leben unerreichbar ist, so ist es doch wahr, 1. daß der Trieb nach der reinsten Freude in der menschlichen Natur wirklich und tätig ist; 2. daß die Vernunft, die an die Urquelle alles Guten glaubt, und um sich zu beruhigen daran glauben muß, eben aus dem Triebe nach reinster Seligkeit zu schließen genötigt ist: die Urquelle alles Guten habe den Trieb nach reinster Freude (Seligkeit), nicht umsonst in unsere Natur gelegt, und es sei ihre Absicht, daß er einst befriedigt werde, 3. daß in der menschlichen Natur der Begriff und das Sehnen nach Unsterblichkeit liegt – nach einem Leben, in dem der Trieb nach der reinsten Freude wirklich befriedigt wird; 4. daß die Religionsfreuden, mögen sie auch nicht die reinsten sein, dennoch uns der reinsten Freude fähig und würdig machen können, indem durch sie die menschliche Natur immer mehr vervollkommnet, freudefähiger und freudewürdiger werden muß; 5. daß der Menschengeist auf keinem anderen Wege zum Genüsse der reinsten Freude vorbereitet wird, als daß er seiner Würde gemäß handeln lernt. Wenn gleich also die Menschennatur nicht dazu bestimmt ist, daß sie in diesem Leben die reinste Freude genießt, so hat doch die Vernunft (wenn sie auf dem unauslöschlichen Trieb nach dem reinsten Wohlsein, auf die Idee von der Urquelle alles Guten, von der Unsterblichkeit, auf die Religionsfreuden, die uns des reinsten Wohlseins fähig und würdig machen, auf die Beschaffenheit dieses Lebens, und endlich auf die Würde der menschlichen Natur sieht), Gründe genug, die sie nötigen, zu glauben und zu behaupten, daß die Menschennatur bestimmt sei, in diesem Leben zum Genusse der reinsten Freuden vorbereitet, und nach diesem Leben in den Genuß derselben wirklich versetzt zu werden. III. Das Gesetz der Vorbereitung zu den reinsten Freuden ist uns bekannt. Es ist kein anderes als das Gesetz des stufenweisen Fortschreitens in der Liebe und Achtung des Guten , und so auch in der Liebe und Achtung des Allerbesten. Denn dies ist das unabänderliche Gesetz für die Vollkommenheit des menschlichen Willens, die nur stufenweise erreicht werden kann, daß jeder errungene Grad des Guten die Möglichkeit eines höheren Grades in sich trägt, und so die Entwicklung der menschlichen Kräfte durchaus an einen stufenweisen Fortschritt gebunden ist. Das Gesetz, nach dem sich im kommenden Leben der Genuß des reinsten Wohlseins richtet, ist der menschlichen Vernunft unbekannt. Es schadet aber diese Unwissenheit nicht, weil wir nicht hier sind, um das reinste Wohlsein zu genießen, sondern nur, um darauf vorbereitet zu werden. Die Bestimmung der menschlichen Natur ist also nach allem, was die menschliche Vernunft davon glauben muß, und hoffen darf, diese: 1. Daß der Mensch in dem ersten Abschnitte seines Lebens, der von der Geburt bis zum Grabe reicht, lerne, seiner Würde gemäß zu handeln, und die edelste Freude dieses Lebens zu genießen; 2. daß er in eben diesem ersten Abschnitte durch stufenweises Fortschreiten im Guten zum zweiten Abschnitte seines Lebens, der vom Grabe anfängt und kein Ende mehr hat, zum Genusse des allerreinsten Wohlseins vorbereitet werde; 3. daß er in dem zweiten, endlosen Abschnitte seines Lebens wirklich in den Zustand des allerreinsten Wohlseins versetzt werde. Diese Bestimmung der menschlichen Natur bliebe unangefochten, wenn gleich dieser oder jener Mensch die Bestimmung seiner Natur nicht erreichen sollte. Denn es sind hier Tiefen, die kein menschlicher Blick ergründen kann. Wer nüchtern denken gelernt, wird sich mit einem Beispiele aus der Nachbarschaft leicht beruhigen können, nämlich mit diesem: Die Vernunft hat offenbar die Bestimmung, die sinnlichen Triebe zu leiten, und diese Bestimmung bleibt unbestritten, wenn gleich meine oder deine Vernunft diese ihre Bestimmung nicht erreicht. Dies heißt aber im Grunde nicht die Schwierigkeit lösen, sondern nur bekennen, daß es noch nähere gibt, die nicht beachtet werden, und daß man keiner Beruhigung mehr bedürfte, wenn man den hellen Anblick der Wahrheit hätte. IV. Was die Vernunft teils aus der erkannten Fähigkeit des Menschen, teils aus dem gegebenen Begriffe von Gott ahnt , und, um den Willen und sich selbst einen Ruhepunkt zu verschaffen, als wahr annehmen muß: davon sprechen die Urkunden des Christentums laut und göttlich milde: »Dies ist das ewige Leben, daß sie Dich, den einen wahren Gott erkennen, und den Du gesandt hast. Wer mich liebt, der wird meine Lehre in Erfüllung bringen, und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Herberge bei ihm nehmen. Und ich werde den Vater bitten, und Er wird euch einen anderen Tröster geben, daß er ewig bei euch bleibe. Dies habe ich zu euch geredet, damit meine Freude in euch sei und eure Freude vollkommen werde. Bittet, und ihr werdet empfangen, damit eure Freude vollkommen werde. So hat Gott die Welt geliebt, daß Er seinen Eingeborenen gegeben, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren gehen, sondern ewiges Leben haben. Ich bitte nicht allein für sie, sondern auch für die, welche durch ihr Wort an mich glauben werden, daß sie alle Eins seien – so Eins seien mit uns, wie Du, Vater, mit Mir, und ich mit Dir Eins bin. Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die Du mir gabst, damit sie ganz Eins seien, wie wir Eins sind: Ich in ihnen und Du in mir. Selig, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen. Die Gerechten werden leuchten wie die Sonne in ihres Vaters Reich. Kommt, ihr Gesegnete meines Vaters, und nehmet das Reich in Besitz, das euch vom Weltbeginn bestimmt ist. Wohl dem, der an diese höchste Güte, die uns das Beste anbietet, glauben kann, und dies Angebot der höchsten Liebe nicht von sich stößt!«   Schluß des ersten Hauptstücks: Ausführliche Darstellung der Idee von der Freudefähigkeit des Menschen Nachdem die Triebe, die Bedürfnisse, die Gemütszustände, die Würde und die Bestimmung des Menschen hinlänglich entwickelt sind, so ist es sehr leicht »die Freudefähigkeit des Menschen« darzulegen. Der Mensch ist 1. sinnlicher Vergnügungen fähig, eben weil er Sinne hat und sinnliche Triebe. Dies ist offenbar die unterste Stufe der Freudefähigkeit. Aber der nämliche Mensch ist auch sinnlicher Leiden fähig, eben weil er Mensch ist, weil die Gesundheit zerstörbar, die Teile des Körpers verletzbar sind, weil er und seine Mitmenschen freitätig sind, weil er ein unumschränkter Herr der Natur ist, weil er dem Drucke des Universums nicht hinlänglich widerstehen kann. Der Mensch ist 2. vieler Vergnügungen der Erfahrung fähig, weil er ein Zuschauer vieler Begebenheiten in sich, und außer sich, ein Zeuge der Natur- und Menschenhandlungen sein kann. Aber eben weil er dieser Vergnügungen fähig ist, so ist er auch der Bitterkeit fähig, und der Mißmutigkeit, die in dem Kelche der Erfahrungen liegen. Der erfahrene Mann schaut ganz anders als der unbewährte Jüngling, und die süßen Träume der Seligkeiten werden ihm durch bittere Erfahrungen gar bald widerlegt werden. Unter allen bitteren Erfahrungen ist aber keine bitterer, als die allmähliche Entdeckung, daß uns die Eigenliebe so schrecklich und so lange hintergangen hat, daß wir töricht und böse, elend und die Ursache des Elends sind, und doch im Wahne standen, als wären wir weise, gut, glückselig und Schöpfer der Seligkeit. Der Mensch ist 3. vieler Vergnügungen der Einbildungs - und Erinnerungskraft fähig; die Erinnerung kann ihm genossene Freuden wieder genießbar machen, die Hoffnung mit lieblichen Erwartungen die Gegenwart versüßen: auch kann die bloße Dichtergabe nicht selten – einige Freudenauftritte in das düstere Schauspiel des wirklichen Zustandes hineinweben. Aber eben die Einbildungskraft wird für den Menschen eine Mutter unzähliger Leiden, indem sie ihn mit Angst über die Vergangenheit, mit Furcht vor der Zukunft, mit falscher Ansicht der Gegenwart martert; durch große Erwartungen und Entwürfe, die fehlschlagen und zertrümmert werden, durch Argwohn, der keinen Grund hat, durch Bitterkeiten, die bloß erträumt sind, durch Vergrößerung des Bösen und Verkleinerung des Guten, und durch ihre unnennbar vielen und unbestimmbar großen Einflüsse auf Bedürfnis, Gewohnheit, Leidenschaft usw. foltert Der Mensch ist 4. vieler Vergnügungen fähig, die ihm sein Denken , die Vernunft , schaffen können. Aber eben dies, das wohlgeordnet belebt und zur Freude stimmt, kann eine Quelle vieler Leiden werden, indem es ein Werkzeug der Beleidigung, Verleumdung, der Spottsucht wird, und für Verleumdung und Spott sich nach eingerütteltem Maße der Vergeltung muß bezahlen lassen. Das geübte Denken läßt uns den Vorzug des Menschen vor dem Tiere empfinden, führt uns durch alle Welten und in alle Jahrhunderte zurück und in alle Zukunft hinaus, erleichtert uns die Geschäfte des Berufs und des Umgangs. Aber eben dieses Denken kann den Menschen von dem Kreise seiner Mitmenschen zu weit entfernen, daß er unachtsam auf seine nächsten Bedürfnisse, und unbrauchbar für die wirkliche Welt wird, weil er zu sehr in der Ideenwelt existiert. Daher denn auch die Gelehrtheit zum Sprichworte der Unbehilflichkeit im gemeinen Leben geworden. Eben dies angestrengtere Denken kann uns auch betören, daß wir die schön gezimmerten Begriffe für die Sache selbst halten, und nach dem Schatten greifend – leer an Wahrheit ausgehen. Die nämliche Vernunft, die uns das Vergnügen schafft, aus gegebenen Kenntnissen neue zu finden oder mehrere in einen Zusammenhang zu bringen, und von Begriff zu Begriff immer höher zu steigen, macht uns auch des äußersten Verfalls fähig. Die größten Bösewichter sind es durch die mißbrauchte Vernunft geworden. Die größten Vernunfttalente werden täglich zu den fürchterlichsten Greueltaten angewandt. Die größten Vernunfttalente haben es schon bewiesen, daß nicht leicht jemand geschickter ist als sie, in den Abgrund des entschiedenen Atheismus zu stürzen. Gerade sie besitzen oft die traurige Geschicklichkeit in vorzüglichem Grade, ihre Träume als Wahrheit zu stempeln, sie der übrigen Welt als neue Glaubensartikel vorzulegen und noch mehr Zwietracht und Jammer unter die Menschen zu bringen. Der Mensch ist 5. großer Vergnügungen fähig, die ihm die Glaubens - und Belehrungsfähigkeit gewähren kann. Was wären uns die Geschichten der Vorwelt, die meisten Begebenheiten der Mitwelt und insbesondere die Urkunden der Offenbarung ohne Glaubensfähigkeit? Aber eben diese Glaubensfähigkeit hat soviel Aberglauben und Leichtgläubigkeit und alle die Schwärmereien des Aberglaubens und der Leichtgläubigkeit, und alle Leiden, die daraus kommen, in die Welt gebracht. Der Mensch ist 6. vieler Vergnügungen des Herzens fähig, die ihm Wohlwollen, Wohltun, Freundschaft, Liebe schaffen können. Aber, wer in diesen Vergnügungen das Edle vom Unedlen, die Träume von Wahrheit und das Büchergeschwätz von Wirklichkeit unterscheidet, der wird bald inne werden, wie diese edlen Empfindungen des Menschen entweder mit Schmerzen verbunden, oder mit Schmerzen vergolten werden, oder an Leiden als ferneren Folgen fruchtbar sind. Er wird auch inne werden, daß das Losungswort, Menschenfreundlichkeit, mit dem die Menschen einander räuchern und einander zu hintergehen angefangen haben, ein unkräftig Pflaster auf die tiefen Wunden der Menschheit ist, indem die wahre Menschenfreundlichkeit ihre Unfähigkeit bekennen muß, dieselben zu heilen. Der Mensch ist 7. der Vergnügungen der Religion fähig, die die höchsten dieses Lebens sind. Aber eben diese höchsten Vergnügungen setzen die heißesten Kämpfe gegen alles Unrecht voraus, können auch, wenn sie da sind, sich selbst nicht immer erhalten, noch auch die volle Glückseligkeit dem Menschen jetzt schon verschaffen. So ist es mit den Freuden dieses Lebens wie mit dem Aufsteigen auf einem Berge. Je höher du steigst, desto reiner wird die Luft, desto schöner die Aussicht: aber das Steigen wird immer mühsamer – und der höchste Gipfel, von dem aus man in das gelobte Land sieht, ist noch nicht das gelobte Land selbst. Unten im Tale wachsen die sinnlichen Freuden, unter denen die meisten ihre Hütten aufschlagen, und am Ende auch sterben und modern. Nahe am Tale wachsen die Freuden der gewöhnlichen Wissenschaften, unter Dornstrauch und Unkraut, und Wermut und Zankapfel. Etliche Stufen höher keimen die Freuden des Herzens, Liebe, Wohlwollen, Großmut, Milde, Freundschaft auf, und mitunter reifet sie Tränenernte, die die wohltätigsten Seelen aus unzähligen Erfahrungen am besten kennen. Noch weiter hinauf sprossen die Freuden der Religion, immer reiner und reiner bis an den Gipfel hin, Freuden, von denen Leben und Kraft auf die tieferliegenden Pflanzen träufelt. Also : (Lieber Leser, laß es Dich nicht verdrießen, dieses Also recht scharf anzublicken, und das Licht, das Dir in dieser Betrachtung über alles, was Mensch heißt, aufgehen mag, in Dein Gemüt einzulassen ... Also:) I. Wenn man das, was Freudefähigkeit ist, Freudenquelle nennen darf, so sind alle Freudenquellen im Menschen, eben darum, weil die Empfänglichkeit der Freude in dem, der sie genießt, sein muß, um sie genießen zu können. II. Alle diese Freudenquellen können Quellen der Leiden werden, oder setzen Leiden voraus oder sind wenigstens mit Leiden (Not, Mangel, Plage) verbunden. III. Das allerreinste Wohlsein innerhalb der Grenze dieses Lebens, (eine Seligkeit ohne Leiden, Schmerz, Kampf, Plage, Furcht, Ende, Mangel) ist also ein Traum ohne Wahrheit, eine Idee ohne Inhalt. IV. Alle Glückseligkeitslehren also, die eine solche Seligkeit mehr oder weniger auf diesem unserem Planeten verheißen, sind Romane der Einbildungskraft oder falsche Propheten, die in das Land der Verwirrung einführen, und in das Land der Wahrheit einzuführen vorgeben – wie die, welche nur tierische Lust zum Paradiese machen. Zweites Hauptstück. Von der Fähigkeit der Dinge, den Menschen, entsprechend der Freudefähigkeit seiner Natur, glücklich zu machen Ersten Abschnitt. Genauere Darstellung dessen, was wahre Menschenfreude ist I. Wahre Freude kann nur das sein, was seiner Natur nach der Würde des Menschen nicht widerstreitet . Alles, was dieser Würde widerstreitet, ist des Geschöpfes, dem diese Würde angeboren ist, unwürdig, eben darum, weil es ein Gegenstand der Reue, ein Stoff zur Scham ist, also keine wahre Freude für dieses Geschöpf. So kann z. B. Rache nie wahre Menschenfreude sein, weil die Rache, als das Werk der herrschenden Sinnlichkeit, der Menschenwürde, die offenbar ohne Beherrschung der Sinnlichkeit nicht gedacht werden kann, notwendig widerstreitet. Wahre Menschenfreude kann ferner nur das sein, was seiner Natur nach mit der Bestimmung des Menschen vereinbar ist. Alles, was sich mit dem Endzwecke unserer Kräfte und unseres Daseins nicht vereinbaren läßt, ist des Menschen, der diese Bestimmung hat, unwürdig, zweckwidrig, also keine wahre Freude – zu niedrig für ein Wesen, das eine so erhabene Bestimmung hat. So kann Dummheit nie wahre Freude des Menschen werden, weil sie dem Zwecke der Vernunft widerstreitet. Wahre Menschenfreude kann endlich nur das sein, was auch in Verknüpfung mit seinen gekannten Ursachen, Absichten, Folgen, und in Verbindung mit der ganzen Lage des Menschen , das wirkliche Gutsein des Menschen nicht zerstört oder von demselben nicht weiter abführt. Es ist nicht genug, daß die Freude ihrer Natur nach der Würde und Bestimmung des Menschen nicht widerspreche. Sie muß auch als diese Freude von diesem Menschen, in diesen Umständen, so und so lange genossen, mit dem Gutsein dieses Menschen wenigstens noch vereinbar sein, dasselbe nicht zerstören, wenn es da ist, und nicht weiter entfernen, wenn es mangelt. Sonst wäre sie eben darum als diese Freude wider die Bestimmung und Würde dieses Menschen, also seiner unwürdig, zweckwidrig, falsch. Eine Reise in ein fremdes Land kann manches an sich unschuldige Vergnügen gewähren – aber dies Vergnügen kann für den Menschen, der es durch fremde Güter im Bewußtsein des Unrechtes veranstaltet, nur ein falsches Vergnügen sein, weil es in Verknüpfung mit dem fremden Gute, in Verknüpfung mit dieser Ursache böse ist. Freigebigkeit kann manch unschuldiges Vergnügen gewähren, – aber wenn menschenfeindliche Absichten die Freigebigkeit in Bewegung setzen, so kann das Vergnügen, das daraus entsteht, für den Menschen, der böse Absicht hegt, nie ein wahres Vergnügen werden, weil es in Verknüpfung mit den Absichten böse ist. So wenn jemand seinem verzweifelndem Bruder ein Paar Pistolen verehrte, in der Absicht, ihn zum Selbstmorde bestimmen zu helfen, und sich an seiner Hinrichtung weiden zu können, so wäre dieses eine fürchterliche, höchst unerlaubte, falsche Menschen- und wahre Satansfreude. Friede machen kann allerdings große Freude gewähren, aber wenn die Bemühung, Feinde auszusöhnen, mit der sicheren Voraussetzung verknüpft ist, daß alle Friedenstraktate nur Oel in die Flamme der Verbitterung gössen, so würde dieses »Frieden stiften wollen« nie wahre Freude werden können, weil es in Verknüpfung mit dieser vorgesehenen Folge böse ist. II. Wahre Menschenfreude kann also nur das werden, was zu den edleren Verrichtungen und höheren Vergnügungen des menschlichen Geistes nicht Kraft, Lust, Gelegenheit und Zeit raubt . Das niedere Wohl, das mich des höheren unfähig macht, das Wohl, das mit dem Guten nicht bestehen kann, ist eben darum ein falsches Wohl für den menschlichen Geist. Darum kann wahre Menschenfreude nur das sein, was weder durch die Dauer der Vergnügung den Zweck derselben vernichtet, noch durch heftige Bewegung des Gemütes die Sinnlichkeit der Herrschaft der Vernunft entreißt. Es ist somit wahre Menschenfreude nur jene, die mit gesunder Seele genossen wird. Gesundheit der Seele ist wesentlich bei aller Menschenfreude. So, wie dir beim kranken Körper an Speise und Trank ekelt, und also die Krankheit des Leibes das Vergnügen, das dir sonst Speise und Trank gewährte, ungenießbar macht, so ist die Gesundheit der Seele, d. h. die Zusammenstimmung aller Geisteskräfte zum Zwecke unseres Hierseins, ein unentbehrliches Erfordernis zur wahren Freude. III. Das vollständige Kriterium einer wahren Menschenfreude ist die vollständige Harmonie derselben mit der Würde und Bestimmung des Menschen . An der wahren Freude muß alles gut sein: Das Wesen der Freude, die Absicht beim Genusse der Freude, der Grad, die Dauer, die erkannten Folgen der Freude, die ganze Handlungsweise des Menschen. Hier leuchtet ein , 1. warum auch die Freuden, die unschuldig sind, es so selten bleiben. Es fehlt an der Wachsamkeit des Geistes, die die Empfindung in den Grenzen hält. 2. Warum auch die unschuldigen Freuden den Menschen gar oft im Gutsein mehr hindern als fördern. Es fehlt an der lauteren Absicht, ohne die der edelste Zweck der Freude nicht erreicht werden kann. 3. Warum im Jagen nach Wohlsein die meisten Menschen immer noch böser und elender werden, als sie sind. Sie haben nicht Lust und nicht Zeit, den Maßstab der wahren Freude in der Hand zu behalten und zu gebrauchen. 4. Warum die allerwenigsten Menschen einer wahren Freude fähig sind. Die wenigsten haben Gesundheit des Geistes, ohne welche keine Freude Wahrheit und Bestand haben mag. Hier leuchtet 5. Inhalt und Geist der besseren Vernunft- und Sittenlehre ein. Jene beschäftigt sich mit den Merkmalen des Wahren, und diese mit den Merkmalen des Guten. Jene bestimmt die Kriterien des Wahren im Denken, diese die Kriterien des Guten im Wollen und Handeln. Es gibt einen moralischen Schein, wie einen logischen. Es gibt bloß scheinbares Gutsein, wie bloß scheinbare Wahrheit. Es gibt aber auch ein wahres Gutsein, wie es (wenn das Auge den Ausdruck ertragen kann), eine wahre Wahrheit – eine reelle Wahrheit gibt. Wohl dem, der es früh gelernt hat, überall den Schein von der Wahrheit zu unterscheiden, im Denken wie im Wollen, im Forschen wie im Handeln. Hier leuchtet endlich 6. auch ein Unterschied zwischen wahrer Freude und wahrer Freude ein. Eine hat einen größeren Wert als die andere: Eine ist vortrefflicher als die andere, je edler sie ihrer Natur nach, je harmonischer ihr Dasein mit der Würde und Bestimmung des Menschen, je reiner die Absicht, und je reger der Geist der Wachsamkeit beim Genusse derselben ist, oder auch je entbehrlicher ihr Adel – die Wachsamkeit des Geistes macht.   Regel zur richtigen Schätzung der Dinge, die dem Menschen eine Quelle der Freude sein können Miß alle Dinge von dem Standpunkte deiner Würde und deiner Bestimmung aus: Das Geistige gelte dir mehr als das Sinnliche. Das Unvergängliche mehr als das Vergängliche. Das Gemeinnützige mehr als das bloß Angenehme. Das Notwendige mehr als das bloß Bequeme. Das Gottähnlichere mehr als das Gottunähnlichere. Die Absicht, (die Seele der Handlung) mehr als das äußere Werk (der Leib der Handlung). Die Religionsfreude mehr als jede andere und der gute Wille mehr als alles, was erst durch ihn gut wird. Die Urquelle des Guten mehr als alles Gute, das aus der Urquelle kommt. Zweiter Abschnitt. Schätzung der Dinge, die dem Menschen eine Quelle der Freude und Glückseligkeit sein können Die Dinge, die im Verhältnis stehen können zur Freude, zum Gut- und Wohlsein des Menschen, gehören 1. entweder zu den sogenannten Gütern des Leibes , des Glückes, der Ehre, wie Gesundheit, Reichtum, Luxus, Menschenruhm, oder 2. zur Kultur des Verstandes , wie Lektüre, Gelehrsamkeit, Schriftstellerarbeiten, oder 3. zur Kultur des Herzens , wie Empfindsamkeit, Wohlwollen, Freundschaft, oder 4. zur höchsten Vervollkommnung des Menschengeistes , wie Andacht, Tugend, oder 5. zu den allgemeinen Lebensweisen der Menschen, wie das gesellige Leben, Einsamkeit, Stadtleben, Landleben, häusliches Leben, Geschäftsleben, oder 6. zu einigen besonderen Berufsarbeiten, wie Regierung, Lehramt, oder 7. zu dem äußersten, wenigstens scheinbaren Gegenteile alles Menschenwohls , wie Leiden, Trübsal, Mängel aller Arten, und Störungen im Freudengenusse, 8. gar nicht zu den Klassen der Dinge – gehört Gott , die Urquelle alles Gut- und Wohlseins. Erstes Kapitel. Von der Bedeutung der Gesundheit für die Glückseligkeit des Menschen I. Die ungehinderte Uebereinstimmung aller körperlichen Kräfte und ihre Verrichtungen zum Zwecke des körperlichen Wohlseins, die Gesundheit , ist eine Bedingung, ohne die sich die übrigen Güter dieses Lebens nicht so froh genießen, und sowohl die Kräfte des Leibes als des Geistes nicht so leicht und unbehindert gebrauchen lassen. Ohne Gesundheit ist Genuß und Gebrauch auf mancherlei Weise gelähmt. Ohne sie ist Reichtum, Ehre, Macht, Gesellschaft, Natur dem Menschen nicht vielmehr, als das Opfer dem Götzen, oder als der gebahnte Weg dem Lahmen. Ohne sie fehlt uns das durchströmende, ganz frohe Gefühl unserer Kräfte, das in Ermangelung der besseren Triebfedern, so oft zum Wohltun treibt. Ohne sie ist Tätigkeit eine Pein, und die körperliche Ruhe eine Plage. Ohne sie wird unsere äußere Gemeinnützigkeit und nicht selten die innere Vervollkommnung gehemmt. Ohne sie wird der gewöhnliche Mut zum Beginnen, die Unverdrossenheit zum Fortführen, die Standhaftigkeit zum Vollenden unserer Berufsgeschäfte erschwert. Den ganzen Wert der Gesundheit lernen wir oft erst aus dem Verlust derselben kennen. Denn der Verlust der Gesundheit macht uns selbst zur Last, zur Last der Familie, der Gesellschaft, die wir teils betrüben oder zur Ungeduld reizen, teils durch Entziehung unserer Dienste schädigen. Er wird bei vielen ein Hindernis der Vollkommenheit aller Art: der intellektuellen, indem die Kraft zum Nachdenken mit dem Körper welkt; der moralischen, indem mit dem Gesundheitsgefühle die Lust zu wohltätigen Handlungen schwindet; der ökonomischen, indem die erwerbende Hand erkrankt, wenn der Vater nicht gesund ist. Die durch unordentliche Lebensart entnervte Gesundheit der Eltern rächt sich vielfach an ihren Kindern, und so fort an ganzen Geschlechtern bis ins tausendste Glied. Solche Folgen der zerrütteten Gesundheit können den Wert der unzerrütteten, zumal dann sehr nachdrücklich predigen, wenn der Kranke auf die Gesunden hinsieht, und das Wahre, Gute, Schöne, Edle berechnet, das diese durch ungehinderten Gebrauch ihrer Kräfte kennen lernen, stiften, mitteilen, genießen, erfahren, indes ihm, dem Kranken, nichts als Geduld anheimfällt, und was sich mit ihr dieser erobern läßt. II. Allein, alle Dinge haben zwei Seiten: und wir müssen uns angewöhnen, auch diese andere Seite der Dinge gegen das Licht zu kehren, damit wir das Verhältnis derselben zum Gut- und Wohlsein des Menschen richtig beurteilen können. Auch die Gesundheit hat eine andere Seite, die deutlich zu verstehen gibt, daß das erste und vornehmste der äußeren Güter kaum des Namens, ein Gut des Menschen zu sein wert ist. Die beste Gesundheit ist wie das längste Menschenleben dennoch von kurzer Dauer. Die festeste Gesundheit ist leicht zerstörbar, kann ohne mein Verschulden zerstört werden. Sie ist also ein flüchtiges, gebrechliches Gut. Die Gesundheit allein, ohne andere Vergnügungen, Verrichtungen, Aussichten, Hoffnungen, bringt kein Gefühl von Freude ins Herz, wie es der gesunde Missetäter im Kerker wohl am besten erfährt. Die Gesundheit kann ein großes Hindernis des Gut- und Wohlseins werden. Denn die volle Kraft der Gesundheit versucht natürlicherweise leicht zum Leichtsinn, zur Unmäßigkeit, zu Ausschweifungen aller Art. Das Feuer, das in den Adern glüht, wird dadurch, daß es jeden Funken von Leidenschaft, der schon da ist, schnell in Flamme bringt, der Tugend gefährlich. Ein Riese an Kraft kann bald ein Riese an Bosheit werden. Zudem macht uns die Gesundheitsliebe gar oft aufrührerisch gegen höhere Pflichten. Tod für das Vaterland, für die Religion, für das gemeine Beste sind fürchterliche Namen für zu sorgsame Gesundheitspfleger. Wie oft wird der Leib verzärtelt, um ihn gesund zu erhalten, die Kraft ungebraucht gelassen, um sie nicht zu erschöpfen. Daher der unausstehliche Gesundheitspedantismus, auf den die Natur keine Rücksicht nimmt, wenn sie uns Pflichten auferlegt. Schon der Eintritt des Menschen in die Welt ist mit der Lebensgefahr der Mutter verbunden – ein deutlicher Wink, daß die Achtung für Pflicht ein höheres Gesetz anerkenne, als das Interesse der Gesundheit. Hingegen nötigt manchen der schwächliche Körper anfangs zur sogenannten philosophischen und bringt ihn nach und nach zur wahren Tugend. Der Kranke ist enthaltsam um der Gesundheit willen und wird es am Ende um der Enthaltsamkeit, um des Gesetzes und ihres Urhebers willen. Kränkliche Leute erreichen, eben weil sie in der Sorge für ihre Gesundheit pünktlich vorsichtig sind, nicht selten ein hohes Alter und stiften in dem langen Lebensraume viel Gutes. Auch trifft man bei gesundheitlich Schwachen oft einen feineren Verstand an, der das Reich der Wahrheit erweitern hilft, als bei manchen, die man baumstark und eisenfest nennen darf. III. Daraus erhellt das wahre Verhältnis der Gesundheit zu unserem Gut- und Wohlsein: 1. Die Gesundheit ist für den Menschen nur insofern ein wahres Gut, als sie zur Erreichung würdiger Zwecke benutzt wird. 2. Die Gesundheitssorge kann vernünftig sein, und ist vernünftig, insofern sie zu würdigen Zwecken angewandt wird. 3. Weil aber Mittel nicht Zweck ist, so muß die Gesundheitssorge der sittlichen Vollkommenheit, der Würde und Bestimmung des Menschen untergeordnet werden, um vernünftig zu sein und zu bleiben. 4. Wenn die Gesundheit schwach wird, so kann man die Schwäche noch als Anlaß zur Beförderung des Gut- und Wohlseins ansehen und dazu gebrauchen. 5. Die blühendste Gesundheit ist, (ohne den guten Gebrauch derselben und zugleich ohne tätige Anwendung der vornehmsten Glückseligkeitsmittel) gar sehr unzulänglich, dem Menschen wahre Freude zu verschaffen. 6. Die Gesundheit ist weder die Glückseligkeit selbst, weil sie nur in Beziehung auf dieselbe gut ist, noch eigentlich ein besonderes Glücksmittel, weil sie nur den freieren Gebrauch der Glückseligkeitsmittel möglich macht; noch kann sie mit dem sittlich Guten in Vergleich kommen, weil sie daran gegeben werden muß, um das sittlich Gute in uns zu erhalten. Wer nicht Mut hat, eher zu sterben als gegen das heilige Gesetz, das er in sich hat, zu handeln, der ist nicht würdig zu leben. 7. Vernünftige Gesundheitspflege und vernünftiger Gesundheitsgebrauch ist ohne Selbstverleugnung, d. i. ohne die Bekämpfung der Sinnlichkeit durch die Vernunft, nicht denkbar. Wenn jemand zu mir kommt und hasset nicht Vater, Mutter, Weib, Kinder, auch dazu sein eigen Leben, der kann nicht mein Jünger sein. Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, und die Seele nicht töten können. Fürchtet euch vielmehr vor dem, der Leib und Seele in der Hölle verderben kann. Ein guter Hirt läßt sein Leben für seine Schafe. Ich lasse mein Leben für die Schafe. Niemand hat größere Liebe, als die, daß er sein Leben für seine Freunde läßt. Zweites Kapitel. Von der Bedeutung des Reichtums für die Glückseligkeit des Menschen Ueberfluß an Lebensmitteln, Kleidungsstücken, Mitteln der Bequemlichkeit und des Vergnügens, Geld und Geldquellen – der Reichtum – hat in sich (ohne wirklichen Gebrauch zu würdigen Zwecken) keinen Wert. I. Die würdigen Zwecke, zu deren Erreichung der Reichtum dienen kann, sind die, welche teils mit dem Gut- und Wohlsein des Besitzers; teils mit dem Gut- und Wohlsein der Gesellschaft übereinstimmen. Der Reichtum kann seinem Besitzer, indem er ihn von übergroßen Sorgen befreit, Zeit, Anlaß und viele Hilfsmittel verschaffen, an der Verbesserung seiner Kenntnisse und Gesinnungen zu arbeiten, und mit guten Menschen ungehinderten Umgang zu pflegen; kann ihm die Versuchungen zum Unrecht, die Versuchung zu schmeicheln, zu kriechen, zu lügen, die aus der Sorge um das tägliche Brot und aus dem peinlichen Gefühle der Dürftigkeit entstehen, ersparen; kann ihm den Mut für die Wahrheit und Gerechtigkeit mit Nachdruck zu sprechen, und der Uebermacht des bewaffneten Lasters zu widerstehen, erleichtern helfen, weil er ihn in eine äußere Unabhängigkeit von den Menschen versetzt; kann ihm das göttliche Vergnügen verschaffen, mit den Gaben, die ihm in den Schoß geworfen, schreiende Bedürfnisse zu stillen, heiße Tränen zu trocknen, Blößen zu decken, die leidende Unschuld vor Versuchung und Verführung zu bewahren, noterfüllte Herzen zu erleichtern, mit überraschenden Wohltaten den Glauben der Witwen und Waisen an Gott zu wecken und zu stärken, den Fleiß der Arbeiter zu spornen, die Zahl der Müßiggänger zu mindern, schlafende Talente zu wecken, wohltätige Unternehmungen zu unterstützen, Kranken- und Armenhäuser, Schulen und ähnliche Anstalten zu gründen und in Blüte zu bringen, – den Reichtum des Einen zur Segensquelle für Tausende zu machen. II. Aber nicht nur ist von dem Kann bis zum Sein, von der »Brauchbarkeit« des Reichtums bis zum »Gebrauche« schon eine große Kluft, sondern es schafft selbst der Reichtum noch unzählige Reize und Hindernisse, wodurch sein würdiger Gebrauch zur seltenen Erscheinung gemacht wird. Der Reichtum hindert teils durch die sinnlichen Vergnügungen, die er verschaffen, teils durch die Zerstreuungen, die er gewähren kann, teils durch das falsche Vertrauen auf das Geld und das Ansehen desselben, – das bessere Geschäft, die Ausbildung des Verstandes. Der Reichtum erkünstelt durch Beihilfe der Vernunft eine Gelegenheit zum Stolze, oder zur Unmäßigkeit und Verschwendung, und zu unzähligen Torheiten, die daraus entstehen. Der Reichtum versucht seine Besitzer zum Geize oder zu einer Masse entbehrlicher und naturwidriger Neigungen, die unter dem Namen Lüsternheit und Ueppigkeit zusammengefaßt werden, ein Uebel, das alle edleren Triebe im Menschen verdrängt und erstickt und den tiefsten Verfall des menschlichen Willens mit sich bringt. Er wird nur gar zu oft ein Universalmittel, alle schon herrschenden Leidenschaften zu befriedigen. Wollust, Ehrsucht, Rachsucht, Herrschsucht, das Vier der fürchterlichsten Leidenschaften, gebrauchen den Reichtum als Werkzeug, um die ausschweifendsten Bedürfnisse desto glücklicher befriedigen zu können. Die schaudervollsten Unternehmungen sind hauptsächlich durch die Triebfeder des Eigennutzes vollbracht worden – und die Triebfeder des Eigennutzes wird vorzüglich durch Geschenke und Verheißungen, durch erhaltenen oder wenigstens gehofften Reichtum in Bewegung gesetzt. Die Begierde, reich zu werden hat allerlei Arten von Torheit, Unrecht und Elend in die Welt gebracht, indem sie sich der unschicklichsten oder ungerechtesten Mittel bedient, zum Ziele zu kommen. Derlei Mittel sind die Leichtgläubigkeit zur Geldquelle machen und Betrogene, die sich blind führen lassen, von dem Wenigen, das sie haben, entblößen, Schatzgräberei und Geisterbeschwörerei, Argwohn und Verdacht auf den reicheren Nachbar, Unterlassung des ordentlichen Fleißes, Unglaube an Gott; Hazardspiele, die entweder die Leidenschaften reizen und beschäftigen, oder wenigstens als ein Leichenzug der kostbaren Zeit anzusehen sind; Prozesse, deren Folgen die Fabel schön beschreibt, da sie den Richter die Perle, und jede der streitenden Parteien eine Halbmuschel werden läßt; Betrüge in Handel und Wandel, die die Reste an Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit unter Menschen immer mehr verbannen: Räuberpläne und Räubergesellschaften, welche die zerstreuten Kräfte vereinigen, um schaden zu können, und anderen schaden, um sich ohne Arbeit wohltun zu können; Kriege aus Eroberungssucht, die Menschenblut opfern, um einen Strich Landes mehr zu bekommen. III. Das Verhältnis des Reichtums zu unserem Wohlsein ist also dieses: 1. Der Reichtum hat für den, der ihn besitzt, und gar nicht gebraucht, keinen positiven Wert, und für den, der ihn gebraucht, und nicht zu würdigen Zwecken gebraucht, positiven Unwert. 2. Der Reichtum schafft selbst seinem würdigen Besitzer die wenigsten, der Gesellschaft, in der er lebt, die meisten zeitlichen Vorteile. Denn sein Vorzug besteht mehr in dem Verdienste, Erwerber, Sammler, Aufseher, Austeiler zu sein, als im Genusse. 3. Der Reiche verdient nicht Achtung, weil er reich ist, sondern nur insofern, als er den Reichtum ohne Entheiligung des Sittengesetzes erworben hat und zu würdigen Zwecken anwendet. 4. Alle Folgen aus dem Erwerbe, Besitze und der Anwendung des Reichtums sind nur insofern für den Besitzer sittlich gut, inwiefern sie vorhergesehen und aus edlen Endabsichten bezweckt sind. 5. Da der Reichtum keinen Wert hat, als den ihm der wirklich gute Gebrauch gibt, da ferner der gute Gebrauch eine sehr schmale Linie ist zwischen tausend Linien von Mißbrauch, so kann man nicht zu behutsam sein in der Begierde nach Reichtum, im Gebrauche des Reichtums. 6. Die Vernunft empfiehlt keine andere Geldquelle als: Arbeitsamkeit, Mäßigkeit, kluge Haushaltung, Genügsamkeit, Vertrauen auf die Urquelle alles Gut- und Wohlseins. 7. Es ist zum zufriedenen Leben gar nicht notwendig, daß man reich sei; aber daß man das, was man hat, zu würdigen Zwecken gebrauche, und sich mit wenigem begnügen lerne, um nicht von der unersättlichen Begierde umhergetrieben zu werden. 8. Ohne Bekämpfung der Sinnlichkeit durch die Vernunft, d. i. ohne Selbstverleugnung wird weder unser Urteil von dem Werte des Reichtums der Wahrheit gemäß, noch die Begierde nach Reichtum und der Gebrauch desselben unserer Würde und Bestimmung untergeordnet sein. Göttlicher und menschlicher lehrte von dem Reichtum niemand als die Wahrheit, die da sprach: Die aber (das Wort Gottes) in die Dornen fallen lassen, sind jene, welche das Wort anhören; hernach aber kommen zeitliche Sorgen und die Verblendung des Reichtums: diese ersticken das Wort und machen, daß es ohne Frucht bleibt. Wahrlich ich sage euch, es ist hart, daß ein Reicher in das Himmelreich eingehe. Und nochmal sage ich euch: es ist leichter, daß ein Kamel durch ein Nadelöhr durchgehe, als ein Reicher in das Reich der Himmeln eingehe: – wer wird also selig werden? – bei den Menschen ist es unmöglich, bei Gott aber sind alle Dinge möglich. Es kann niemand zwei Herren dienen – Ihr könnt nicht zugleich Gott dienen und dem Mammon. Sammelt euch keine Schätze auf Erden, wo Rost und Motte fressen, und Diebe ausgraben und stehlen: Sammelt euch vielmehr Schätze im Himmel, wo weder Rost noch Motte fressen, noch Diebe ausgraben und stehlen. Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz. Suchet also zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit: und dies alles wird euch zugegeben werden. Die Wahrheit 1. macht also die Menschen auf die Täuschungen des Reichtums aufmerksam, und auf die Hindernisse , die er der Tugend legt, und die an Unmöglichkeit grenzen, und auf die Torheit , das Herz zwischen Gott und dem Reichtum teilen zu wollen; 2. weist die Begierde der Menschen auf ewige, bessere Güter hin, die fähig und würdig sind, unser ganzes Herz auszufüllen. Drittes Kapitel. Von der Bedeutung des Luxus für die Glückseligkeit des Menschen Das Urteil über den Wert des Reichtums erleichtert das Urteil über den Luxus. I. Der Aufwand auf entbehrliche Vergnügungen, die Verwendung der Reichtümer zum Wohlleben und zur Pracht, Ausgaben, die weder die Erziehung der Kinder, noch die Beförderung des fremden Glückes, noch die Aufrechterhaltung der unter den verschiedenen Ständen eingeführten Ordnung zum Zwecke haben – das, was wir Deutsche erst gelernt und nachgeahmt haben müssen, weil wir es wirklich noch mit einem ausländischen Worte bezeichnen, – der Luxus , – hat vielerlei Quellen. An Orten, wo große Ungleichheit des Vermögens und Standes herrscht, wird er durch törichte Nacheiferung allgemein. Wo viele in verschiedenen Graden glänzen, mißt sich jeder mit dem Höheren, jeder will es dem Reicheren oder Höheren nachtun. Und die Folgen? Wer kurzsichtig genug ist, oder wer mehr auf das Aeußere als das Innere sieht, und die Glückseligkeit mehr in Farbe und Glanz als in das Wohlsein der menschlichen Natur setzt, wird Gründe finden, sich für den Luxus zu entscheiden, wird uns aus der Weltgeschichte beweisen, daß der Luxus Triebfeder der Industrie, Wecker und Begünstiger der Künste und Wissenschaften, Beförderer des Handels und der Verfeinerer der Völker sei. Allein, wer mehr auf das Interesse der Menschheit, als auf das rauschende Wohlleben in großen Städten sieht; wer mehr für die Zufriedenheit des Herzens, als den Prunk des Lebens sorgt, der wird bekennen müssen, daß der unbeschränkte Luxus 1. das Menschenleben mit vielen Unannehmlichkeiten überlade, von denen wir bei einer einfacheren Lebensart nichts wüßten: 2. die Aufmerksamkeit wichtigeren Angelegenheiten entziehe, und die Sorge für unnütze Kleinigkeiten zum bedeutenden Studium mache; 3. die niederen Bedürfnisse ins Unendliche vermehre; 4. um der Befriedigung dieser Bedürfnisse willen, zur Aufopferung der Unschuld und der Gewissensruhe gewaltsam versuche; 5. das Reich der Sinnlichkeit, dieser alten und ewigen Feindin der Vernunft, erweitere: 6. das ungeschmückte Verdienst noch mehr verdunkle und verdränge, und das Vorurteil immer mehr kanonisiere, als wenn die Kleider Leute machten; 7. die Ehe und die gute Erziehung erschwere; 8. die Nahrungssorgen durch die erhöhten Preise und Abgaben drückender mache: 9. den Staat je länger je mehr in Gefahr setze, zu verarmen, und so fort das äußere Elend beschleunige; 10. die Nation immer mehr entnerve, und eine Pest sei des Wohlseins einzelner Menschen, der Familie, der Staaten, der Nachwelt, der Menschheit. Religion, lebendiger Glaube an das Dasein Gottes, an die Unsterblichkeit der Seele und die ewigen Folgen der Tugend, du nur kannst, wenn du selbst lebendig bist, dem Menschen volle Kraft geben, daß er in Mitte von Vergnügungen, die ihn locken, in Mitte von Gelegenheiten zu Ausschweifungen und Torheiten, fest stehe, und das, was sich zum Laster wie zur Tugend brauchen läßt, – den Reichtum, – zum Werkzeuge des Gutseins und des wahren Wohlseins mache! 11. Das schrecklichste Verderben richtet der Luxus in der jüngeren Generation an. Denn da in diesem Alter der Hang nach Vergnügungen, und die Begierde zu gefallen, besonders lebhaft ist, so ist diesem Alter der Luxus vor allem willkommen, weil er dem Hang nach Vergnügungen freie Zügel läßt, und der Begierde zu gefallen, in die Hände arbeitet. Wie nun der Hang nach Vergnügungen und die Begierde zu gefallen, herrschend werden, so müssen alle ernsthaften Bemühungen, ohne die das jugendliche Alter nicht gebildet werden kann, demselben doppelt lästig, und alle Vorstellungen von Wahrheit, Gutsein, Selbstverleugnung, Religion fremd und grausam vorkommen, weil dadurch dem unbändigen Triebe zu scheinen, Grenzen gesetzt werden. Für die Töchter, besonders in den Häusern, die sich über den Bürgerstand erheben, hat der Luxus auch dies ansteckende Uebel, daß sie, um die Gesetze des Luxus beobachten zu können, fast an nichts mehr als an die Werkzeuge des Putzes denken, und keine Arbeit mehr kennen, als die Arbeit, sich zu schmücken, wodurch ihr ganzes Herz zerrüttet wird und alle Fassung für das Wahre und Gute verliert. III. Da nun der unbegrenzte Luxus gegen das Gut- und Wohlsein des Menschen in offenbaren Widerstreite steht, so ist 1. die Predigt des Luxus, die die profanen Geister so gerne zu ihrem Steckenpferde machen, nicht weniger gegen die Vernunft, als alles Lobreden auf die unbändige, der Herrschaft der Vernunft entrissene, Sinnlichkeit; 2. das Beispiel der Mäßigkeit, die die Ausgaben des Wohlstandes und Vergnügens lieber zu viel als zu wenig einschränkt, ein nötiger Akt der Menschenliebe, um nicht der törichten Nachahmung neue Autorität zu verschaffen; so können 3. die Quellen des Luxus in dem jüngeren Geschlechte, der Hang nach sinnlichen Vergnügungen und die Begierde zu gefallen, nicht zu früh und zu sorgsam bewacht werden; so ist 4. die Liebe zum Luxus, ohne Selbstverleugnung, das heißt ohne Bekämpfung der Sinnlichkeit durch die Vernunft, nicht in Ordnung zu bringen. Und so stimmt auch hier das Gebot der Vernunft mit dem Evangelium überein, welches 1. den Menschen überall von Schein, Glanz, Zeit, Vergänglichkeit auf wahre, ewige Güter weist, und 2. eine solche Liebe gegen Notleidende gebietet, die, wenn sie ausgeübt wird, dem Luxus notwendig alle Adern abschneidet, und Zeit, Kraft und Lust zu etwas Besserem verwendet. Viertes Kapitel. Von der Bedeutung der Ehre für die Glückseligkeit des Menschen Hier stoßen wir auf ein Rätsel in der menschlichen Natur: keine Torheit läßt sich leichter beweisen und anschaulicher machen, als die Torheit des Ehrgeizes, und keine ist schwerer zu vermeiden als diese. Nichts schadet dem menschlichen Gut- und Wohlsein mehr als der Stolz, und nichts sitzt so tief in unserem Wesen, als der Stolz. I. Die Meinung vieler, daß die Gaben, Talente, Handlungen, Absichten, Umstände eines Menschen ihn eines Vorzugs wert machen, ist das, was man Ehre , und der Ausdruck dieser Meinung durch Wort, Geberde, Handlung ist das, was man Ehrenbezeugung nennt. Also nichts als Meinung und Ausdruck dieser Meinung wäre – die Ehre? Wo nähme sie denn dann den Zauber für unser Herz her, wenn sie nicht mehr wäre? Sie ist nicht nur nicht mehr, sie ist nicht einmal soviel. Sie ist oft bloßer Ausdruck ohne Meinung, ohne Dafürhalten, daß wir der Ehre würdig sind, bloßes leeres Zeichen ohne Glauben an unsere Ehrwürdigkeit. Doch hat sie auch eine gute Seite. Die Ehre kann auf wahre Vorzüge gegründet sein; sie kann durch erlaubte Mittel erworben sein; sie kann andere antreiben, das an uns bemerkte Gute nachzuahmen; sie kann uns selbst zur Kultur unserer Geisteskräfte antreiben; sie kann uns zu einem Wirkungskreise, in dem sich große gemeinnützige Taten verrichten lassen, behilflich sein; sie kann uns das Zutrauen, die Liebe und Freundschaft guter, edler Menschen unter den entferntesten Himmelsrichtungen verschaffen; sie kann wirklich zu edlen Zwecken angewandt und edelmütig behauptet werden; sie kann für viele ein mächtiger Sporn zu guten Handlungen sein, ohne den sie gewiß unterblieben, (so heißt es oft in Fällen, wo Vernunft und Religion zu schwach wirken: zum Glück hat dieser Mensch einen »Ehrenpunkt«, der ihn von vielen Ausschweifungen zurückhält); sie ist zur Ausführung wichtiger Unternehmungen, zu gemeinnütziger Erfüllung der Berufspflichten unentbehrlich, wie denn auch die Ehre des Arztes, des Lehrers, des Predigers, des Rates, des Ministers, des Regenten einen mächtigen Einfluß auf die geeignete Erfüllung ihrer Pflichten hat. Es läßt sich auch ein Ehrgeiz denken, den man vernünftig nennen muß; unter diesen äußerst schweren Bedingungen nämlich, daß die Achtung anderer rechtmäßig erworben, edelmütig behauptet und wohltätig angewandt wird, oder deutlicher: daß wir die Ehre nie um ihretwillen, und nie um unseretwillen suchen, schätzen, annehmen, sondern um fremdes Gut- und Wohlsein ungehindert fördern zu können. II. Aber nun die andere Seite der Ehre, die wohl nicht zu scharf und zu oft angeblickt werden kann: Die Ehre ist A. als Gut betrachtet, sehr gering. 1. Die Ehre ist außer dem Menschen, von dem man sagt, daß er geehrt wird. 2. Die Ehre ist eben darum nicht ganz in unserer Macht. 3. Die Ehre hängt sogar von allem ab, was auf die Urteile der Menschen Einfluß hat, von Laune, Neigung, Leidenschaft, Vorurteil. 4. Die Ehre ist eben darum veränderlich, wie das Urteil der Menschen. 5. Die größte Ehre, die wir uns auf Erden erwerben, schränkt sich gewöhnlich nur auf wenige Punkte der Zeit und auf eine kurze Linie des Raumes ein. Und wenn sie auch in allen Weltteilen ausgebreitet wäre, und durch alle Jahrhunderte fortdauern würde, was gewänne die Ruhe des Herzens dadurch? 6. Wer von vielen geehrt wird, der wird auch von vielen beneidet, gehaßt, verachtet. 7. Niemand ist dem Sturze näher, als der, welcher seinen Thron auf den schwankenden Anbetungen schwacher Menschen erbaut hat; und keines Menschen Sturz ist fürchterlicher, als des angebeteten, der nur von dem Rausche der Anbetung lebte. 8. Die Ehre gibt uns gar nichts: wir sind, was wir sind; die Meinung anderer ändert die Natur und das Sein der Dinge nicht, macht uns nicht besser und nicht schlechter. 9. Die Ehre bringt auch den Fluch der »Berühmtheit« über den Menschen, daß er ein Schauspiel der fremden Neugier werden, und sich bald wie Pferde über alle sieben Hauptmängel muß prüfen, bald aber wie Götzen nach allen vier Wänden anräuchern lassen. Die Ehre kann B. als Gegenstand unserer Triebe betrachtet, unserm Gut- und Wohlsein äußerst schädlich werden. Die Begierde nach Ehre kann gar bald herrschend werden, und wenn sie herrschend geworden ist, so bekommt sie neue Namen, die ihre Kraft zu schaden deutlich genug zu verstehen geben. Sie heißt Ehrgeiz , insofern sie das Mittel zum Zwecke macht, nach Ehre um der Ehre willen strebt, und um diesen selbstgemachten Zweck zu erreichen, Mittel ergreift, die mit dem guten Willen nicht bestehen mögen. Sie heißt Hochmut , insofern sie den Menschen der törichten Selbstgefälligkeit und Einbildung von der Größe seiner Vorzüge und Verdienste übergibt. Sie heißt Stolz , insofern sich Ehrgeiz und Hochmut durch Geberden, Mienen, Gang, Kleidung, Rede, Tat offenbaren. Sie heißt Eitelkeit , insofern sich die Selbstgefälligkeit und Begierde, andern zu gefallen, an Kleinigkeiten heftet und durch Kleinigkeiten äußert. Diese herrschende Ehrliebe zerstört das wirkliche Gutsein des Menschen; hemmt den Gang unserer Selbstvervollkommnung, indem wir aus Selbstgefälligkeit glauben, der Verbesserung nicht mehr zu bedürfen, unsere Fehler mit den schönen Farben der Tugend übertünchen, und aus Wahn, schon groß zu sein, nicht mehr danach ringen, es zu werden; befleckt auch das Gute, das wir wirklich tun, indem sie uns erniedrigt, nur Menschenlob zu suchen; erzeugt das grobe Laster der Heuchelei, die zuerst andere mit dem Scheine des Guten hintergeht, und uns am Ende selbst betrügt, wodurch das Maß der Selbstverblendung voll werden muß; erzeugt das unnatürliche Laster des Neides, der seiner Natur nach in anderen Augen Splitter richtet, und die Balken im eigenen duldet, ungerecht gegen das Gute an andern, und grausam gegen den Unschuldigen werden kann, bloß weil dessen Größe Schatten auf unsere Kleinheit wirft; entfernt uns immer weiter von der Urquelle alles Guten, und bringt uns nach und nach dahin, daß wir von abgöttischer Verehrung unserer selbst geblendet, in die elende Selbstgenügsamkeit verfallen, als wenn wir Gottes nicht bedürften, und ihn auch sowohl in der sichtbaren Natur, als in uns selbst verlieren und ohne Gott in der Welt leben; führt endlich uns von Abgrund zu Abgrund, daß wir, nachdem wir den höchsten Gesetzgeber aus den Augen verloren, am Ende auch an das heilige Gesetz in unserer Natur ungläubig werden, und so den letzten Faden verlieren, an dessen Handleitung wir zur Urquelle des Guten den Rückweg finden könnten. Die herrschende Ehrliebe vergiftet dadurch, daß sie unser Gutsein zerstört, alle Quellen des wahren Wohlseins. Der Hochmut ist an sich schon eine Krankheit des Geistes – die Aufgedunsenheit der Seele, die uns nie recht froh werden läßt. Er macht alle Selbstkenntnis, ohne die kein wahres Wohlsein werden kann, unmöglich. Wir scheuen das Licht, das uns unser Inneres zeigt, und in dieser Lichtscheue halten wir eine falsche Gestalt unseres Seins für die wahre. Der Hochmut macht uns unfähig, uns von Weisen belehren und auf die verlorene Straße des Friedens weisen zu lassen, weil wir nur an die eigene Weisheit glauben, und bei der bloßen Vorstellung, daß es außer der unseren noch eine andere geben soll, schon traurig werden. Er macht uns untauglich zu allen lauteren Freuden der Freundschaft, eben darum, weil wir unser nicht vergessen können, um andere von ganzem Herzen zu lieben. So ist der Hochmut Unordnung und kann als Unordnung nichts anderes als Unruhe erzeugen. Der Mensch kann nur in der Wahrheit ruhen, und ist zu edel, um in der Täuschung Ruhe finden zu können. Der Hochmütige aber läuft nur dem Nichts, dem Gespenst der Einbildungskraft, dem Schein ohne Wesen und Bestand, der Ehre, nach, und will in dem, was falsch ist, Ruhe finden. Statt sich um den Beifall des Gewissens, um den Beifall des höchsten Gesetzgebers zu kümmern, martert er sich nur, um den Menschenbeifall einzuernten, und kann ihn doch nie ungeteilt einernten, und wenn er ihn auch einerntet, nie festhalten, und wenn er ihn auch festhalten könnte, in ihm nie Sättigung finden. Wer die ewige Unruhe aus Erfahrung kennen will, sei nur hochmütig, und er trägt die lebendige Hölle in sich. Menschen, die ihr es für inhuman haltet, an eine Hölle zu glauben: erforschet euer Inneres in der Stunde, in welcher eure Hochmutspläne wie Wasserblasen zerplatzen, und ihr werdet in euch die Hölle finden, die ihr außer euch leugnet. Weil der Hochmut des Einen nicht der einzige in der Welt ist, so muß er von dem Hochmute seiner Mitmenschen auf mancherlei Weise in seinen krummen Gängen belauscht, gehindert, bedrückt werden. Weil der Hochmut schmeichelt und kriecht, Freunde und Feinde, Lob und Tadel, Wahrheit und Lüge zu Werkzeugen macht, sich Anhänger zu werben, so kann er es nicht immer verhindern, daß seine Verabscheuungswürdigkeit hie und da gegen seinen Willen ans Licht gezogen werde, und ihn zum Scheusal seiner Zeitgenossen mache, der Demütigen, die den Hochmut in anderen nicht loben können, weil sie ihn in sich verabscheuen, und der Hochmütigen, die ihn wenigstens in anderen verabscheuen müssen. Weil der Hochmut sich sogar in die Larve der Demut hüllt, um Verehrung zu erzwingen, und keine Larve Wahrheit ist, und kein Hochmut mehr Schande bringt, als wenn ihm die Larve der Demut abgezogen wird, so stehen dem Hochmütigen die allerbittersten Demütigungen bevor, und er bereitet sich selbst die schrecklichsten Leiden. Die Ehre kann C. in Verknüpfung mit unseren Trieben betrachtet, dem fremden Wohlsein äußerst nachteilig werden. Die herrschende Ehrliebe stört den frohen Lebensgenuß anderer, und kränkt die Rechte anderer, froh zu sein, auf mancherlei Weise. Ein Stolzer plagt alle seine Mitmenschen, die in seine Sphäre kommen, mit Anmaßungen, und fordert Zinsen seiner Verehrung, die ihm nicht gebühren. Die herrschende Ehrliebe verkleinert, verleumdet, lästert, – und Verkleinerung, Verleumdung, Lästerung sind giftige Pfeile, die tief verwunden. Die meisten Menschen schätzen ihren guten Namen nicht viel geringer als ihr Leben, und mehr als alle zeitliche Habe: nun ist die herrschende Ehrbegierde des Einen ein Angriffskrieg gegen den guten Namen aller derer, die ihm im Lichte oder im Wege stehen. Die herrschende Ehrbegierde arbeitet mit gedruckten Schundschriften, die schneller, ausgebreiteter und dauerhafter wirken, unwiderruflicher sind, und die Gelegenheit den Urheber zur Verantwortung zu ziehen, künstlicher abschneiden, als andere Verkleinerungsversuche. Der Ehrgeiz traf in unseren Tagen öffentliche Anstalten zu verleumden, und schuf Institute, die allen Leidenschaften Gelegenheit geben, sich anonym auszuleeren. Die Trugidee, die sie begünstigt, ist entheiligte Publizität, und das Handwerk, das der Verleumdung in die Hände arbeitet, heißt rastlose Anekdotenhäscherei. Die herrschende Ehrbegierde erzeugt den Despotismus. Um seinem Namen mehr Anbeter zu verschaffen, will der Fürst, welcher ein Vater seines Volkes sein sollte, ein Eroberer der fremden Völker werden, und drückt sein Volk, um fremde erobern zu können, opfert Menschenleben, um Wind einzuernten. D. Für die Ehre als Gegenstand der herrschenden Begierde, ist weder in dem gemeinen Menschenverstande, noch in der denkenden Vernunft ein Grund zur Verteidigung ausfindig zu machen. a. Nicht in dem gemeinen Menschenverstande: denn 1. Nichts bringt uns so schnell um alle Achtung bei unseren Mitmenschen, als wenn sie zu bemerken glauben, daß wir nach Achtung haschen. Im Gegenteil macht uns nichts ehrwürdiger, als die ungezwungene Kälte gegen Menschenehre, vereint mit der lebendigen Begierde, allen Gutes zu tun. Nichts hat eine größere Kraft auf das Menschenherz, und gewinnt uns mehr die Liebe der besten Menschen, als Bescheidenheit, Demut, Nichtachtung unserer eigenen Vorzüge. 2. Auch der Stolzeste kann den Stolz an anderen nicht leiden – und muß wenigstens im Herzen der Demut den Vorrang eingestehen. 3. Es hält es kein Mensch für eine Kunst, oder für etwas Großes, stolz zu sein, aber für etwas sehr Großes, es nicht zu sein. 4. Alle Gleichnisse der alten und neuen Welt vom Stolz beweisen, daß man ihn für nichts gehalten als Selbstbetrug, Lüge, Bettelprahlerei: für Selbstbetrug, weil ich mich für das halte, was ich nicht bin: für Lüge, weil ich es gerne haben möchte, daß mich andere für besser hielten, als ich bin; für Bettelprahlerei, weil ich mit Gegebenem großtue. b. Nicht in der forschenden Vernunft, denn diese strenge Zuchtmeisterin der menschlichen Eitelkeit spricht sehr dürre: Alles, worauf die Menschen stolz sein können, sind entweder Naturanlagen, Talente: – und die hat sich der Mensch offenbar nicht gegeben, so wenig als sein Dasein; oder Umstände, Anlässe, Erziehung, Freunde, Bücher, Schicksale – Entwicklungsmittel der gegebenen Anlagen, – und diese sind wiederum gegeben; oder es ist der zweckmäßige Gebrauch sowohl jener Naturanlagen als dieser Entwicklungsmittel: – und dies ist allerdings wenigstens zum Teil des Menschen Sache und macht ihn der Ehre würdig. Allein sobald der Mensch diese Ehre sucht, so ist der Wert seiner Handlung durch die Absicht schon befleckt; und wenn er sich auch nur der Selbstgefälligkeit überläßt, ohne fremde seine eigene Ehre zu suchen, so belohnt er sich schon selbst, und setzt sich der Gefahr aus, größere Torheiten zu begehen, und würde in jedem Auge, das dieser Selbstgefälligkeit Zeuge sein könnte, als Tor und der Ehre unwürdig erscheinen; weswegen er denn diese Selbstgefälligkeit sorgfältig verbirgt, und dadurch gegen sich selbst ein Zeugnis ablegt. III. Dies sind die zwei Seiten der Ehre; dies ist ihr Verhältnis zum Gut- und Wohlsein des Menschen. Denken wir uns nun einen Menschen, der sich aus diesen Betrachtungen eine Norm seines Verhaltens, und sich selbst nach dieser Norm gebildet hätte, so erhalten wir dies Ideal: »Die Ehre ist nicht in meiner Gewalt, aber das Vermögen mich der Ehre würdig zu machen; ich will mich also nicht sonderlich um die Ehre kümmern, aber danach will ich streben, der Ehre würdig zu sein. Nichts macht mich der Ehre würdiger, als Kälte gegen die Meinung der Menschen, vereint mit Wärme, recht- und wohlzutun; ich will also lernen, gut und kalt zu sein, der Ehre wert, und gegen Ehre kalt. Die Urteile der Menschen sind so veränderlich und einander widersprechend, daß weder ihr Lob noch ihr Tadel entscheidet; ich will also nicht ruhen, bis mein Inneres so geordnet ist, daß wenigstens alle edlen neidlosen Menschen, wenn sie mich in meiner wahren Gestalt erblickten, sich nicht erwehren könnten, mich hochzuschätzen. Weil einerseits mich das Gefühl für Ehre von manchen Ausschweifungen zurückhalten kann, andererseits aber die Ehre an sich mich nicht besser macht, als ich bin, so will ich alle jene Gleichgültigkeit gegen Menschenehre, die mich kühn zum Unrecht macht, verabscheuen; aber auch lernen, damit zufrieden sein, daß ich mir und meinem Gott bekannt bin. Die Ruhe meines Gewissens und meines Herzens kann nicht vollkommen werden, so lange ich nicht von allen auch den geheimsten Flecken des Ehrgeizes rein bin: So will ich in Selbstbewachung und -bekämpfung nicht müde werden, bis ich den Störer aller Ruhe, den Feind aller Freundschaft, der mich von der Urquelle alles Guten fortführt, den Ehrgeiz, vollkommen besiegt habe.«   Hierher gehörend und äußerst merkwürdig sind die Belehrungen des Christentums: Gott ist allein gut. Ihm gebührt die Ehre. Gott widersteht dem Hochmütigen. Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt. Da Er in Gottes Gestalt war – erniedrigte Er sich, und erschien in Knechtsgestalt. Darum erhöhte Ihn auch Gott über alles. Lernet von mir – demütig von ganzem Herzen zu sein. Was hast du denn, daß du nicht empfangen: und wenn du es empfangen, was rühmst du dich doch, als wenn du es nicht empfangen hättest? Die unlautere Begierde nach Ehre macht die Menschen untauglich, die wahren Gesandten der Gottheit, die ihnen die wichtigsten Dinge zu verkünden haben, als solche anzuerkennen. »Wie könnt ihr glauben, da ihr Ehre von einander nehmet?« sprach der Größte von allen Gesandten Gottes. »Als sie Gott erkannten, gaben sie ihm die Ehre und den Dank nicht, der seiner Gottheit gebührt, sondern wurden eitel in ihren Gedanken, und ihr unerleuchteter Sinn wurde immer finsterer. Sie wähnten sich weise, und wurden Narren, verfälschten die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes in Bildnisse vergänglicher Menschengestalten, sogar der Vögel, vierfüßiger Tiere und des Gewürmes. Daher überließ sie Gott den Gelüsten ihres Herzens zur viehischen Unreinigkeit, zur Schändung ihrer eigenen Körper.« Es kommt einmal ein Tag, wo wir alle in unserer wahren Gestalt erscheinen werden, und alle unsere Gedanken und Werke offenbar werden: also weg mit der Larve! Fünftes Kapitel. Vom Verhältnis der Lektüre zum Glücklichsein des Menschen I. Die Lektüre kann die Leere und die Lücken ausfüllen, die der gewöhnliche Kreis des menschlichen Lebens zurückläßt: kann vor Müßiggang und den Versuchungen zum Unrecht, die damit verknüpft sind, bewahren; kann eine Erholung von verdrießlichen oder sehr anstrengenden Arbeiten sein; kann uns mit Begebenheiten der Vorwelt und Mitwelt bekannt machen, und uns eine neue Art von Existenz verschaffen, indem sie uns ein Mittel wird, mit den besseren Menschen aus allen Jahrhunderten und unter allen Himmelsstrichen in Verbindung zu treten, und in diese edle Geisterharmonie einzustimmen; kann Selbst-, Menschen-, Natur- und Gotteskenntnis fördern helfen, Anleitung, Stoff, Anlaß zum klaren Denken und zur Berichtigung unserer Urteile verschaffen; kann das Licht nach und nach in Häuser, Hütten, Winkel, andere Länder bringen helfen; kann Wohlwollen, Zutrauen unter den Menschen immer mehr befestigen; kann den Religionswahrheiten schnelleren Umlauf verschaffen; kann endlich die zerstreuten Kräfte zum Recht- und Wohltun in mehreren Menschen sammeln, und dadurch das menschliche Elend mildern. Den Einfluß, den das Lesen auf unser Gut- und Wohlsein haben kann, hat es wirklich unter diesen Bedingungen: 1. wenn der Leser die Absicht hat, durch Lektüre weiser und besser zu werden; 2. das Buch Wahrheiten vorträgt, die ihn weiser und besser machen können; 3. das Buch die Wahrheiten so vorträgt, daß sie Eindruck auf ihn machen können; 4. das Lesen zu den wichtigeren Beschäftigungen nicht Zeit und Lust raubt; 5. der Leser sich auch Mühe gibt, all das, was er Gutes gelesen, an seinem Verstande und Herzen sogleich in die Probe zu nehmen, und sein Leben danach einzurichten. II. Aber diese Bedingungen sind in der Ideenwelt leicht zu nennen, und in der wirklichen schwer zu erfüllen, und eben deswegen ist zwischen dem, was das Lesen wirkt und zwischen dem, was es wirken kann, ein so großer Abstand. Schon die Leseseuche, ist als Seuche so schädlich wie nur eine; schädlich der Gesundheit , trocknet die Säfte auf und spannt die Nerven ab; schädlich dem Verstande , füllt ihn mit unbestimmten, aus der Luft gegriffenen, zerrüttenden Vorstellungen, macht wichtige Wahrheiten verdächtig, Märchen, Gespenster glaubwürdig; schädlich dem Herzen , macht ihm die Berufsarbeiten und die Religionsübungen immer ekelhafter, und das gelehrte Nichtstun immer notdürftiger; schädlich der frohen Laune , erzeugt vielfach Mißmutigkeit, wie denn die Physiognomien der Büchermotten recht kräftig gegen das wütende Lesen zeugen; schädlich dem Wohlstande der Familie , führt einen literarischen Luxus ein, und verbannt den Geist des Ernstes, des Fleißes aus den Arbeitsstuben. Wenn die Menschen zu früh das Lesefieber bekommen, ehe ihre Gesundheit, Denkart, Charakter einige Festigkeit erhalten, so ist es doppelt schädlich. Es entmannt den Jüngling an Leib und Seele, wie aller Luxus. Wenn wir die Alltagsgeschichte fragen, so sagt sie uns, daß Viele nur lesen, um ihre Neugierde zu befriedigen; um in Gesellschaften mit dem Gelesenen zu glänzen; um dem Kitzel der Schriftstellerei Nahrung zu verschaffen; um an witzigen Beschimpfungen, die irgend ein bekannter Mann erfahren, Schadenfreude zu haben; um an den Bildern der Wollust Weide ihrer Leidenschaft zu finden. Von den Letzteren ein besonderes Wort: Das allervergiftendste Lesen, besonders für die Jugend, ist das Lesen solcher Schriften, worin anstößige Gemälde von Wollust und Liebe vorkommen. Es wird dadurch die Einbildungskraft erhitzt und mit Bildern angefüllt, die zuerst die Sünde erraten lehren, hernach dazu reizen, und endlich das Vergnügen derselben, je länger, je unentbehrlicher, machen. Das Lesen der Romane , (nur die allerwenigsten ausgenommen) richtet besonders unter jungen Lesern einen Greuel der Verwüstung an. Sie verbreiten die Seuche der Empfindlichkeit und überspannen die Gefühle. Sie täuschen mit Idealen übermenschlich guter Personen, die du unter dem Monde nicht findest; mit Traumbildern von Schönheiten, die nur im Hirne des Dichters existieren; mit Freudenszenen, die nie werden, am allerwenigsten da, wo man sie gewöhnlich sucht. Sie malen nur die kurzen Wonnestunden des Lebens, lügen Reize hinzu, die nicht sind, und schweigen von Leiden, Plagen, Schwächen, die nie ausbleiben. Sie begeistern für eine sinnliche Welt, die nicht ist, und machen unbrauchbar für die, welche ist. Sie wecken den Trieb, dem die weisere Natur eine spätere Zeit zum Erwachen bestimmt hat, vor der Zeit, da der Geist noch nicht stark genug ist, ihn zu lenken. Sie bringen ein Feuer in die Adern, das sehr oft nur mit Aufopferung der Gesundheit, Tugend und Religion gedämpft – nicht gedämpft, nur noch mehr angeflammt wird, und nicht auslischt, bis alle Lebenskraft verzehrt ist. Sie bringen das jüngere Alter um seine schönsten Zierden: Unschuld, Lenksamkeit, Hochachtung gegen das höhere Alter, und setzen an ihre Stelle: wilde Lust, wilden Trotz und wilde Verachtung alles dessen, was Ordnung heißt. Das Lesen kann besonders Mädchen gefährlich werden, sodaß sie besser in ein Zeitungsbüro als in eine Haushaltung taugen. Was würde aus der Welt werden, wenn die Bürgersfrau lieber einen Musenalmanach als die Spindel, das Modenjournal statt den Kochlöffel in die Hand nähme, und einen gelehrten Aufsatz machte, wo sie ihr Kind waschen und kämmen sollte? Sollte sich noch die Eitelkeit, belesen, philosophisch heißen, zu der Eitelkeit und Idololatrie der Schönheit gesellen, so würde das Geschlecht, das mit einem Feinde genug zu tun hätte, von zweien noch schrecklicher tyrannisiert werden. Endlich verfallen die Fürsten der Lesewelt gar leicht in den Traum, als wenn Gott außer den Wörtern der Menschensprache, und den Lettern, die die Menschenhände aneinanderreihen, keine anderen Wege hätte, die Köpfe und Herzen der Menschen zu bilden, welches Zeitvorurteil allein mehr Gutes hindert, als vielleicht das Lesen stiften kann. III. Da nun die Lektüre Wahrheit und Irrtum verbreitet, eine Schule des Guten und des Bösen werden kann, das Wohl und Wehe des Menschen fördern kann, da die Lektüre selbst, als ein Gebrauch des Auges und der Aufmerksamkeit, wie jeder andere Sinnengebrauch, sittlich gut und böse sein kann; da die Absicht, die Wahl, die Weise, die Anwendung die bedeutendsten Unterschiede zwischen Lektüre und Lektüre machen, so ist es unwidersprechlich, daß ohne Selbstverleugnung, d. h. ohne Bekämpfung der Sinnlichkeit durch die Vernunft, und ohne Aufsicht edler, weiser Männer, die die Auswahl der Bücher bestimmen, und den jungen Leser leiten, die Lektüre ein Gift für die Gesundheit des Leibes und des Geistes werden kann. Sechstes Kapitel. Vom Verhältnis der Gelehrsamkeit zum Glücklichsein des Menschen Es gibt nach Pascals feiner Bemerkung zweierlei Klassen von Menschen, die von dem Werte der Wissenschaft gering urteilen, die eine, weil sie sie nicht kennen, die andere, weil sie wirklich den Kelch des menschlichen Wissens bis auf die Hefe geleert haben. Jene brüsten sich mit der Unwissenheit, die ihnen angeboren ist, diese erobern nach durchlaufenem Lande des menschlichen Wissens die Unwissenheit des Weisen. Wenn jene gering von den Wissenschaften denken und reden, so mag es bloß eine geheime Apologie ihrer Selbstliebe auf ihre Unwissenheit sein. Wenn aber diese nach vollendetem Kursus der Gelehrsamkeit von ihrem Werte mäßig urteilen, so sollten wir übrige uns daran ein Beispiel nehmen, und unseren Rausch der Bewunderung sich an fremder Nüchternheit abkühlen lassen. I. Es ist unwidersprochen, daß der Umfang menschlicher Kenntnisse, die durch angestrengten Fleiß erworben werden, die nicht unmittelbar zur Befriedigung der sinnlichen Bedürfnisse gehören, und die mehr gewissen Klassen von Menschen als dem Menschen eigen sind, das ist, was man unter Gelehrsamkeit versteht. Es ist auch soviel als unwidersprochen, daß alle Gelehrsamkeit nur insofern einen Wert habe, als sie ein Mittel zu edleren Zwecken ist, d. h. auf die Spur der Wahrheit führt, die Gesinnungen der Menschen veredelt, wahres Wohlsein fördert u. s. w. Sie ist nur als Gerüst zum Tempelbau der menschlichen Glückseligkeit schätzbar. Es kann, wenigstens mit Vernunft, nicht widersprochen werden, daß die Gelehrsamkeit desto größeren Wert habe, je solider und umfassender die Erkenntnis, je anwendbarer der Inhalt zur Beglückung der Menschen, je genauer die Vorstellung, je deutlicher die Darstellung und je inniger die Vorzüge der Erkenntnis mit dem Adel des Gemütes, mit Wahrheits- und Menschenliebe, Bescheidenheit und Großmut verknüpft sind. Denn je mehr jene Vorzüge der Erkenntnis mit dem Adel des Gemütes vereint sind, desto tüchtiger ist der Gelehrte, den Zweck aller Gelehrsamkeit zu erreichen, das Gut- und Wohlsein, eigenes und fremdes, zu fördern. Und gerade diese Tüchtigkeit bestimmt den ganzen Wert der Gelehrsamkeit. Ich denke mir als Ideal eines wahren Gelehrten einen Mann, der nur Wahrheit zu finden oder zu verbreiten sucht; der bei irgend einer Wahrheit nicht zu fragen vergißt: was nützest du?; der mit jedem Fortschritte des Erkennens sein eigen Herz edler, besser zu machen strebt; der aus keiner Wahrheit mehr oder weniger macht, als sie zu bedeuten hat; der ohne Stolz und ohne Neid redlich mitteilt, was er hat, der der Erkenntnis des Notwendigen und des Nützlicheren durchaus den Vorzug gibt; der in Wertschätzung des menschlichen Wissens nie einseitig zu Werke geht, sondern Körper und Geist, Verstand und Willen, Gegenwart und Zukunft, Zeit und Ewigkeit zusammenfaßt; einen Mann, der die Reinigung der Herzen als ein wesentliches Vorbereitungsmittel zur wahren Gelehrsamkeit ansieht, weil man ein reines Herz haben muß, um einen hellen Kopf tragen zu können; und der nicht bloß das Reich der Vernunft predigt, das im Wissen, in klaren Begriffen besteht, sondern auch zugleich als Hauptsache jenes Reich des Herzens mehr mit Beispiel als durch sein Wort verkündet, das in Beherrschung der Sinnlichkeit besteht; der nie vergißt, daß das menschliche Wissen mit Trug und Wahn verknüpft ist, daß man den Schein so leicht mit der Sache verwechseln kann, daß es in der gelehrten Welt unzählige Blendideen, Irrlichter gibt, daß es in der literarischen Welt allerlei Erscheinungen des Luxus, der Mode, der Tyrannei gibt, die den Laut der Wahrheit unhörbar machen, daß des Menschen Eigensinn, Stolz und alle die hunderttausend Angelegenheiten seines Herzens das Finden der naheliegenden Wahrheit so schwer machen, daß es praktische Irrtümer gibt, die von einem verderbten Willen aufsteigen; einen Mann, der das Bedürfnis lebhaft fühlt, die Weisheit in der Urquelle aufzusuchen, sie wirklich sucht und wirklich findet, und von der gefundenen Weisheit geleitet – der Urquelle an Gesinnung und Heiterkeit, an Reinheit des Willens und Festigkeit des Friedens immer näher kommt. Solcher Gelehrter kann es gewiß nie zu viele geben, solche können nie zu freigebig gepriesen werden. Indeß, bis solche gefunden werden, wollen wir mit denen vorlieb nehmen, die diesem Ideal mutig nachstreben. II. Die wahre Gelehrsamkeit hat mancherlei Einflüsse auf das Menschenwohl, insofern sie 1. die Erkenntniskraft des Menschen entwickelt, daß er nicht nur die Wahrheiten, die auch dem gemeinen Blicke als solche einleuchten, im helleren Lichte ersehen, sondern auch ihre Gründe, ihren Zusammenhang mit anderen Begriffen, und ihre Einflüsse auf Empfindungen und Handlungen der Menschen, betrachten kann; 2. uns zum Respekt gegen den Verstand des Menschen und zu Ahnungen von seiner Würde behilflich ist; 3. den Glauben an Gott, an die Freiheit und Unsterblichkeit des Menschengeistes nicht selber erschüttert, sondern gegen die Angriffe der falschen Gelehrsamkeit als Schutzwehre sichert; 4. den Aberglauben und den Unglauben beschränkt, dadurch daß sie hier der ungeübten Vernunft nachhilft, und dort die Flügel der üppigen beschneidet; 5. die Urkunden der göttlichen Offenbarungen und die Trümmer verschiedener Völkergeschichten aufbewahrt; 6. den Staub und die Spingewebe, die teils die anmaßende, teils die ungebildete Vernunft, teils der ungeordnete Wille gewebt haben, von der Religion abwischt; 7. durch eine unparteiische Geschichte des menschlichen Verstandes und Herzens, die Eitelkeit aller menschlichen Bemühungen, die außer der Urquelle alles Guten und Wahren dauerhafte Freuden suchen, anschaulich macht; 8. den allgemeinen zeitlichen Wohlstand der Menschen befördern, und dadurch den mit Nahrungssorgen und anderen Plagen gedrückten Geist aufrichten hilft; 9. dem Menschen, der schon gut geworden ist, ein Mittel wird, andere durch Erfahrungsbegriffe und Darstellung derselben auf dem kürzesten Wege zum Gutwerden anzuweisen, und dem Verirrten die Zauberbinde aufzulösen; 10. selbst dem, dem die Urquelle alles Guten höhere Offenbarungen mitteilte, oder der auch nur an die Geschichte dieser Erkenntnisse glaubte, ein Mittel wird, den Inhalt derselben seinen Zeitgenossen mitzuteilen. III. Diese Einflüsse der wahren Gelehrsamkeit auf das Wohl der Menschen werden auf mancherlei Weise beschränkt, teils durch die Grenzen und die Natur menschlicher Kenntnisse, teils durch ihre Verknüpfung mit der scheinbaren oder falschen Gelehrsamkeit, teils durch ihre Vermischung mit dem Gange der menschlichen Leidenschaften. 1. Alles, auch das beste menschliche Wissen ist nur Stückwerk. Stückwerk sind unsere Erfahrungen, Stückwerk unsere Begriffe, Stückwerk unsere Systeme, wir mögen sie über Nacht zusammenschlagen oder zwanzig Jahre darüber brüten. Alle sogenannten Endergebnisse der menschlichen Wissenschaften sind Bruchstücke in Hinsicht auf das, was wir nicht erkennen. 2. Alles menschliche Wissen hienieden ist kein Schauen der Wahrheit von Angesicht zu Angesicht, sondern nur ein Erkennen durch Gestalten der Dinge, die uns wie in einem Spiegel gegeben werden. 3. Alles, auch das beste menschliche Wissen ist ein Einstweilen der hiesigen Erziehungsanstalt, und teils ein Spielwerk der Kindheitsjahre unseres Geistes, teils ein notwendiger Behelf in dieser Vorbereitungszeit, bis wir in einem anderen Lande aus der Unmündigkeit des Geistes treten und zur Vollendung reifen. Diese Unvollkommenheit des menschlichen Erkennens, die teils aus dem unerschöpflichen Inhalt, teils aus der Erkenntnisart, teils aus der Bestimmung dieses Lebens, teils aus der unvermeidlichen Beimischung selbstgemachter Vorstellungen entsteht, und allen menschlichen Kenntnissen, auch den besten, anklebt, sollte allerdings die Anmaßung der gelehrten Welt herunterstimmen. Noch mehr Stoff zur Demütigung des gelehrten Stolzes bietet die Gelehrsamkeit konkret betrachtet. Die Entdeckungen, die wir auf diesem Wege machen, und die sich nicht leugnen lassen, sind niederschlagend genug: Das menschliche Erkennen ist 1. Gar viel Wort- und gar wenig Sacherkennen. So viele Bibliotheken – und so wenig Wahrheit; so wenig Kraftspeise und so mancherlei Brühen. 2. Unter dem Erkennen, das den Titel Gelehrsamkeit führt, ist gar vieles eitel Gedächtnisgelehrsamkeit, eitel Journalisten- und Kataloggelehrsamkeit, eitel Flitter-, Tändelei-, Schaugelehrsamkeit. 3. Bei dem menschlichen Wissen ist äußerst viel Charlatanerie, Windmacherei, Angeln nach Beifall, das durch und durch befleckt; und der Magister, der bei Claudius sagt: »Das Ding, daß n' Student kein Rinoceros, sondern n' Student wäre, sei eine Hauptstütze der ganzen Philosophie, und die Magisters könnten den Rücken nicht genug gegenstemmen, daß sie nicht umkippe; – und an dem Axioma vom zureichenden Grund hängt alles in der Welt, und wenn einer's umstößt, so geht alles drüber und drunter etc.«, dieser Magister, der sich mit seinem Wissen so fürchterlich breit macht, ist ein Sinnbild aller Charlatane und Windmacher, alter und neuer, sie mögen nun den zureichenden Grund, oder andere Formen des menschlichen Kopfes zu ihrem leidigen Windspiele machen. Charlatanerie ist eigentlich Prahlerei von Macht und Kraft – vereint mit wirklicher Unbehilflichkeit und Ohnmacht. Wer an ihr kränkelt, kennt sich nicht, bis ihn menschliches Elend oder der Tod eines Geliebten seine Ohnmacht fühlen läßt. Aber wenn die Trübsal wie ein Strom einbricht, und alle Künste und Wissenschaften und Gelehrte keine Aushilfe schaffen können, da fallen die Schuppen vom Auge des Gelehrten, und er fühlt – den Reichtum an Worten und Ideen, und seine Armut an Kraft und Leben. 4. Man darf es auch nicht verschweigen, wie sehr die Abstraktionen der Gelehrten die Kraft der Seele, von der wirklichen Natur geführt zu werden, schwächen oder vielmehr lähmen, ein Uebel, das krebsartiger ist als mancher meint, der daran leidet. »Die Herren Philosophen, die von Allgemeinheiten gehört haben, die tief in der Natur liegen sollen, und durch Hebammenkünste zur Welt gebracht werden müßten, abstrahieren der Natur das Fell über die Ohren, und geben ihre nackten Gespenster für jene Allgemeinheiten aus; und ihre Zuhörer, die an diese Gespenster gewöhnt werden, verlieren nach und nach die Gabe, Eindrücke von einer Welt zu empfangen, in der sie sind. Alle Haken ihrer Seele, die an die Eindrücke der wirklichen Natur anpacken sollten, werden abgeschliffen, und alle Bilder fallen ihnen nur perspektivisch und dioptrisch in Aug und Herz.« 5. Traurig bei allem menschlichen Erkennen ist dieses, daß bei den gerade entgegengesetzten Meinungen der Gelehrten, doch jeder die seinige aus der Vernunft beweist und herleitet, und jeder redliche Zuschauer bei all dem Gewirre von Meinungen an das Faß denken muß, daraus der Wirt alle Arten von Wein zapft, die gefordert werden. Noch trauriger, daß das menschliche Erkennen gar sehr oft weiter nichts als der Sklave und Executor des letzten Willens der Leidenschaft ist. Sie, die Gelehrten, geißeln einander mit Skorpionen, und stoßen zugleich in die Trompete der Duldung. Traurig, daß man so oft das Bessere wissen will und das Schlimmere tut. Und doch verdient nur das Tun des Besseren gegen den Reiz zum Schlechteren die Bewunderung – nicht das Wissen des Besseren. Aber auch das klarste, das aufgeklärteste Wissen kann durch sich allein den Streit zwischen Sinnlichkeit und Vernunft in uns nicht beilegen, den Frieden in unserem Innern nicht gründen. Das allertraurigste aber ist dieses: daß uns die Gelehrsamkeit gerade da verläßt, wo der unrechte Ort ist, verlassen zu werden. Sie, (wenigstens die gewöhnliche Gelehrsamkeit) kann dem Menschen auf mancherlei Weise lieb und wert sein, nachdem sie mehr oder weniger Stückwerk ist; aber sie kann ihm nicht genügen. Wie könnte sie das, da es die Natur selbst nicht kann, und sie ihn auf dem halben Weg verläßt, und wenn er weggetragen wird, auf seiner Studierstube zurückbleibt, wie sein Globus und seine Elektrisiermaschine? III. Durch diese Betrachtungen gelangen wir nun leicht zu folgenden Resultaten: 1. Wahre Gelehrsamkeit hindert also wenigstens das Gutsein nicht, und fördert offenbar das Wohlsein; das falsche hindert jenes, und fördert dieses nicht. 2. Auch wahre Gelehrsamkeit gibt seinem Besitzer Stoff genug zur Nüchternheit, und diese Nüchternheit ist sogar ihr wesentlicher Charakter. 3. Ein Gelehrter ohne Selbstverleugnung, d. i. ohne Bekämpfung der Sinnlichkeit durch Vernunft, kann eine fürchterliche Geißel des wahren Menschenwohls werden, besonders wenn Macht, Ansehen, Preßfreiheit, Verbindung mit Gleichgesinnten, mißbrauchte Publizität, Energie des Stils, die Ausbrüche seiner zerrütteten Phantasie begünstigen. 4. Was von dem Werte und Unwerte der Gelehrsamkeit gesagt worden ist, das gilt ohne Einschränkung von den Schriftstellerarbeiten, die nichts anderes sind, als Produkte der wahren oder angemaßten, der gründlichen oder seichten Gelehrsamkeit. Noch tiefer gehen die Winke aus unsern heiligen Schriften: Wenn das Licht, das in dir ist, Finsternis ist, wie groß muß wohl die Finsternis sein? Ich danke dir, Vater des Himmels und der Erde, Herr, daß du dies vor den Klugen und Weisen geheim gehalten und vor den Kleinen offenbart hast. Ihr habt das Gebot Gottes durch eure Menschenlehren kraftlos gemacht. O ihr blinden Führer, die ihr Mücken seiht und Kamele verschlingt! Was sie nicht verstehen, das lästern sie, und wovon sie einen natürlichen Begriff haben, darin verderben sie sich. Wehe euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! ihr verschließt das Himmelreich vor den Menschen, geht selbst nicht hinein, und lasset auch andere nicht hinein. Das Wissen bläht auf, die Liebe aber baut auf. Wenn das Vollkommene kommt, dann wird das Stückwerk abgetan. Da ich ein Kind war, redete ich wie ein Kind, und hatte kindische Anschläge. Seitdem ich aber ein Mann bin, habe ich alle kindischen Angelegenheiten fahren lassen. Noch sehen wir durch geschliffene Gläser und müssen es halb erraten: danach aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt ist unser Wissen nur Stückwerk, dann werde ich erkennen, wie ich erkannt bin. Hat jemand unter euch Mangel an Weisheit, der begehre sie von Gott, der jedermann reichlich mitteilt und nicht aufrückt, und es wird ihm gegeben werden. Wer diese meine Reden hört und danach tut, den werde ich mit einem weisen Manne vergleichen, der sein Haus auf einen Felsen baut. Es fiel ein Platzregen, das Gewässer lief an, die Winde stürmten und stießen an das Haus, und das Haus fiel nicht, denn es hatte Felsen-Fundament. Siebentes Kapitel. Von dem Verhältnisse der Empfindsamkeit, des Wohlwollens, der Freundschaft, der Tugend und der Andacht zum Wohlsein des Menschen Empfindsamkeit ist im Nervensysteme und im Menschengeiste zugleich gegründet; das Wohlwollen im Menschengeiste allein; das Wohlwollen bezieht sich auf alles, was Mensch ist, die Freundschaft auf die Menschen, die mit uns in den wichtigsten Angelegenheiten eins sind; Wohlwollen ist eine Tugend, die Tugend ist der Inbegriff alles Guten; die Tugend ist das Gutsein des Menschen nach allen Verhältnissen, die Andacht das Gutsein des Menschen in Beziehung auf die Urquelle alles Guten. Obgleich sich die Begriffe von Empfindsamkeit, Freundschaft, Wohlwollen, Andacht, Tugend also teils schneiden, teils ineinander enthalten sind, so halte ich es doch der Wichtigkeit der Sache willen für nicht unwichtig, ihr Verhältnis zum Gut- und Wohlsein einzeln zu betrachten.   A. Von der Empfindsamkeit. I. Die Fähigkeit des Menschen, das, was recht oder unrecht ist, gut oder böse, edel oder unedel, schicklich oder unschicklich, schön oder häßlich, fein oder roh, anziehend oder zurückstoßend, an Dingen, Personen, Taten, Ereignissen, schnell und leicht zu bemerken, und zu Empfindungen der Freude, der Traurigkeit, der Liebe, des Hasses u. s. w. schnell und leicht gestimmt zu werden – die Empfindsamkeit – ist, wie alle Gaben der Natur, wenn sie unter der Aufsicht der Vernunft und unter der Herrschaft des guten Willens steht, ein wahres Gut des Menschen; wenn sie aber nicht unter der Aufsicht der Vernunft und unter der Herrschaft des guten Willens steht, ein fürchterliches Uebel des Menschen. Sie bedarf vorzüglich der Aufsicht der Vernunft und einer starken Herrschaft des guten Willens; denn je leicht beweglicher das Nervensystem, je reizbarer der Menschengeist, desto schneller reißen ihn die Eindrücke mit sich fort, und wie ihn das Gute schneller und leichter berührt, so auch das Böse; ja dieses noch mehr als jenes, weil das Böse seiner Natur nach sinnlich-reizende Vergnügungen gewähren kann. II. Das untrügliche Kennzeichen, daß die Empfindung des Menschen wirklich unter der Aufsicht der Vernunft und der Herrschaft des guten Willens steht, ist dieses, daß sie auf Wahrheit, Gutsein und auf das wahre Wohlsein, das daraus entsteht, gerichtet ist, und zweitens sich nicht mit vorüberfliegenden Empfindungen begnügt, sondern geradeaus zum Guten treibt. Auch diesen Baum kennt man aus den Früchten, und was in gerader Richtung zum Guten treibt, kann nicht anders als gut sein. Wenn die Empfindsamkeit unter der Aufsicht der Vernunft und der Herrschaft des guten Willens steht, so kann sie die Sitten milder, den Ton sanfter, den Umgang menschlicher, das Elend durch zuvorkommendes Mitleid erträglicher und durch tätiges Mitleid minder machen, kann den Freund, den Mitmenschen, die Gesellschaft mit unschuldigen, ungeahnten Vergnügungen überraschen, ohne die Achtung für Wahrheit und Gutsein zu schwächen. Wenn sie aber nicht unter der Aufsicht der Vernunft und der Herrschaft des guten Willens steht, so richtet sie all die Lust- und Trauerspiele an, die sie teils in ihrer Lächerlichkeit , teils in ihrer Erbärmlichkeit , teils auch in ihrer ganzen Abscheulichkeit darstellen. Lächerlich ist die Empfindsamkeit, wenn sie ihr Reich entweder in Kleinigkeiten sucht, oder Empfindungen vorgibt, die sie gar nicht hat, oder nicht in dem Grade der Lebhaftigkeit hat, in dem sie sie äußert. Dieser Fehler ist dem jüngeren Alter und den Schriftstellern in ihrer ersten Epoche sehr natürlich. Sie freuen sich nicht, sondern sind entzückt; sie werden nicht gerührt, sondern schmelzen in Tränen; sie danken nicht, sondern sind ganz Dankgefühl, sie ziehen keine Folgerungen, sondern lauter wichtige Resultate. Kurz: dies Alter und dies Geschlecht ist ein Superlativen-Alter und -Geschlecht. Bemitleidenswert ist die Empfindsamkeit, wenn sie uns eine Welt erträumen hilft, die nicht ist, und überall Paradiese finden macht, wo nur Spitäler sind – und Geschöpfe bildet, die nicht in dieses Arbeitshaus, die Erde, taugen, sondern, die nach dem Dichter, »mit dem Scheitel die Sterne berühren, nirgend haften dann die unsicheren Sohlen, und mit ihnen spielen Wolken und Winde.« Verabscheuenswert ist die Empfindsamkeit, wenn sie uns dem heftigen Ausdrucke jeder Lust oder Unlust hingibt, daß wir darüber die Kraft zur Besinnung verlieren, oder wenn sie uns wie immer für unser wirkliches Tagewerk ganz untüchtig und für den künftigen Beruf unbrauchbar macht, oder tief in die sinnliche Region versenkt, daß wir darüber den Aufblick zur sinnlichen nicht nur verlieren, sondern auch an anderen lästern und für Schwärmerei ausrufen, weil fremde Augen sehen, was die unseren jetzt nimmer sehen können, weil sie ehemals nicht sehen wollten. Einiges verdient noch besonders angezeigt zu werden. Die Empfindsamkeit wirft uns in viele Freundschaften, Bekanntschaften hinein, die wir ohne Schmerz, Schande und Schaden wohl nicht mehr los werden können, sie verführt uns zu Versprechen, die wir nicht halten können, und deren Nichthalten uns große Leiden zuzieht; sie gibt Leuten, die unseres Umgangs gar nicht würdig sind, Mut sich an uns zu hängen, und uns mit Aufträgen zu beladen, deren Vollbringung uns sehr viele, auch peinliche Mühe macht; sie zerteilt unsere Kraft in tausend Aeste, daß sie nichts Großes wirken kann; sie nötigt zu Verschwendungen; sie macht diejenigen, die ein Recht auf unsere Hilfe haben, derselben verlustig; wir wollen allen helfen, und helfen am Ende keinem; sie foltert endlich das Herz nicht selten auf eine eigene Weise: die empfindsamen Menschen sind eben darum, weil sie empfindsam sind, zur Furcht, Angst, Bangigkeit, Kummer, Schrecken ungleich reizbarer, leichtbeweglicher als andere. III. Da auf einer Seite die Empfindsamkeit unter Aufsicht der Vernunft und unter der Herrschaft des guten Willens, eine Quelle wahrer Menschenfreuden, und außer jener Leitung und dieser Herrschaft eine Quelle vieler Torheiten, Fehltritte, Leiden werden kann; und auf der anderen Seite wir uns das Nervensystem nicht selbst geflochten haben, so ist uns Selbstverleugnung , Bekämpfung der Sinnlichkeit durch die Vernunft notwendig, teils um der Reizbarkeit zum Bösen und der Allgewalt zu widerstehen, teils um den Grad der Empfindlichkeit, das Temperament, das uns gegeben ist, wohl anzuwenden, und durch gebietende Achtung und Liebe gegen die Urquelle alles Guten zu verbessern. Ohne diese Selbstverleugnung klagen wir unnütz über das, was uns gegeben ist, oder verbessern wenigstens nicht, was sich verbessern ließe.   B. Vom Wohlwollen. I. Allem, was Mensch ist, Gutes gönnen, wenn er es hat, wünschen, wenn er es nicht hat, mitteilen, wenn wir Kraft dazu haben, heißt Wohlwollen gegen andere haben. Soll dieses Wohlwollen dem Gesetze von der Vollkommenheit des menschlichen Willens entsprechen und den Einfluß haben, den es nach seiner Lage haben kann, so müßte es 1. von der gebietenden, lauteren Liebe gegen Gott beherrscht und belebt, 2. Von der Vernunft geleitet, und 3. mit steter Selbstverleugnung und fortschreitender Selbstvervollkommnung verknüpft sein. Würde das Wohlwollen nicht von der lauteren Liebe zu Gott beherrscht, so fehlte es dem Beweggrunde zum Wohlwollen und somit diesem selbst an Reinheit und Kraft; es würde also entweder dem Wohlwollenden nicht die edelste Freude schaffen, wenn es nicht rein, oder zur Milderung des fremden Jammers nicht Opfer genug bringen, wenn es unkräftig wäre. Es könnte bei den gewaltsam eindringenden Versuchungen dann leicht zur Eitelkeit, eine bloße Schau-Güte, und ein Haschen nach Menschenlob, bei den Reizungen des Eigennutzes, der sinnlichen Lust ein kraftloses Streben, ein lahmes Halbwollen werden. Würde das Wohlwollen nicht von der Vernunft geleitet, so könnte die reine Absicht wohlzutun blind zu Werke gehen, und dem Unwürdigen vor dem Würdigen, dem Geizigen vor dem Dürftigen, dem scheinbaren Elend vor dem wahren zu Hilfe kommen. Wäre das Wohlwollen gegen andere nicht mit Selbstverleugnung und steter Selbstvervollkommnung verknüpft, so könnte teils das Wohlwollen selbst schwach oder unrein, teils in dem Streben andern wohlzutun, das eigene Gutsein des Wohlwollenden gehemmt und zerstört werden. Wenn aber das Wohlwollen die Liebe gegen Gott zum gebietenden und belebenden Prinzip, die Vernunft zur Leiterin, und die Selbstverleugnung und Selbstvervollkommnung zu steten Gefährtinnen hat, so heißt es mit Recht vollkommnes Wohlwollen. Die ganze Achtungswürdigkeit dieses Wohlwollens besteht darin, daß es selbst Bild der höchsten Güte ist, den Menschen durch Nachahmung der Menschenfreundlichkeit Gottes immer dem Urbilde noch ähnlicher macht, und ihn unter anderen Menschen als einen Repräsentanten der göttlichen Milde hier auf dieser Erde darstellt. Vollkommenes Wohlwollen ist nicht nur für den Wohlwollenden eine nie versiegende Quelle des edelsten Wohlseins, sondern hat auch das größte Verdienst um das Wohl anderer Menschen; weil es der stets rüstige, unermüdliche Wille ist, Licht, Rat, Warnung, Trost, Nahrung und Hilfe aller Art den Dürftigen aller Art mitzuteilen; weil es als Liebe erfinderisch im Wohltun, als lebendige Liebe unermüdlich zum Wohltun, als religiöse Liebe wohltuend auf die würdigste Weise, und als vernünftige Liebe wohltuend nach den dringenderen Bedürfnissen und begründeten Erwartungen der Elenden ist. II. Da das unvollkommene Wohlwollen nur in dem Maße vollkommen werden kann, in welchem es rein und tätig wird, und weder die Reinheit der Absicht noch die Tätigkeit des Willens, ohne Selbstverleugnung, ohne Bekämpfung der Sinnlichkeit durch die Vernunft, gedacht werden kann: diese Selbstverleugnung aber als ein Widerstand gegen die sinnliche Natur, nicht anders als mühsam und unangenehm sein kann, so liegt es wieder am Tage, was nie zu oft, nie zu freimütig und nie zu nachdrücklich gesagt werden kann: warum die Menschen so gerne vollkommenes Wohlwollen predigen und so ungerne in Taten lebendig darstellen. Es ist mit dem vollkommenen Wohlwollen wie mit der künftigen Kornernte auf einem Moosgrunde, der sich in einen fruchtbaren Acker verwandeln ließe. Die schöne Ernte schläft jetzt noch im Reiche der Möglichkeit – und würde bald zum Vorschein kommen, wenn sie wirklich gesät wäre. Aber das Austrocknen ist mühsam, das Bearbeiten unangenehm, und dennoch vor dieser Arbeit alle Aussaat unnütz. Ich möchte aber nicht gern die Träume derer unterhalten, die die Ernte schon sehen, wo noch Sumpf und Morast ist, sondern will geradezu Sumpf und Morast nennen, was Sumpf und Morast ist, damit wir nicht etwa arm – und dabei stolz auf eingebildeten Reichtum bleiben, sondern unsere Armut fühlen, und nach Besitz trachten.   C. Von der Freundschaft. I. Im alltäglichen Leben nennt man vieles Freundschaft, das man im Herzen nicht dafür hält und das des schönen Namens nicht wert ist. Der Name »Freundschaft« wird oft der feinen Sitte, der Höflichkeit, dem Tauschkrame gegenseitiger Vorteile, den mancherlei Verbindungen zwischen Amts- und Handelsgenossen, irgend einer verfliegenden Neigung zu irgend einer Person beigelegt. Der Name »Freundschaft« ist gar oft der Deckmantel des künstlichen Betruges. Wahre , des Namens ganz werte, Freundschaft ist nicht weniger und nicht mehr als vollkommene Harmonie der Herzen und feste Harmonie der Denkarten zwischen zwei oder mehreren Personen in den wichtigsten Angelegenheiten des Menschen. Wahre Freundschaft ist Harmonie, weil ohne Einigung zwischen zwei Menschen, zwei immer zwei, d. i. getrennt bleiben. Wenn die Denkarten zwischen zwei Menschen auseinanderlaufen, und zwar in allem, was einem Menschen wert und wichtig ist, so werden die zwei Herzen nie einander so nahe kommen, nie so fest an einander halten, daß Freundschaft werden kann. Lieben kann ich als Bruder, als Menschen jeden anders Denkenden. Aber diese Liebe kann nicht Freundschaft werden, wenn unsere Denkarten nicht wenigstens in einigen Punkten zusammentreffen. Wahre Freundschaft ist feste Harmonie in den wichtigsten Angelegenheiten des Menschen. Wenn die Grundsätze in den wichtigsten Angelegenheiten widersprechen, so werden sie die Herzen nie einander so nahe kommen, oder die Einigung nie dauerhaft genug werden lassen. Uebrigens kann zum Bestand der wahren Freundschaft keine allgemeine Harmonie gefordert werden, nicht bloß deswegen, weil in zwei Köpfen ein alles Nein ausschließendes Ja in allem, was urteilen heißt, unmöglich ist, sondern auch, weil die Freundschaft in Grundsätzen immer mehr einigt, je älter und bewährter sie wird. Zudem gehört mit zur Ehrfurcht für den Geist des Menschen, daß der Freund kein Despot der Meinungen seines Freundes sein darf. Wahre Freundschaft ist vollkommene Harmonie der Herzen , so daß jeder seiner selbst vergessen kann, um an das Wohlsein seines Freundes zu denken. Vielleicht scheint manchem mit vollkommener Harmonie zuviel gefordert zu sein. Allein daraus folgt höchstens, daß wahre Freundschaft äußerst selten, und die wenigsten Menschen der Freundschaft fähig sind; und daß auch in dem, was man Freundschaft nennt, es unzählige Täuschungen geben kann, was beides die Erfahrung täglich bestätigt.   II. Die wahre Freundschaft hat nur zwei Gesetze: Erstens, daß einer des anderen Freund sei; Zweitens, daß er's von ganzem Herzen sei. Diese Gesetze sind nicht erdichtet, sie sind im Wesen der Freundschaft gegründet. Sie sind es zumal dann, wenn sich ihnen die Gottesfurcht zugesellt, d. i. der kindlich zarte und männlich feste Sinn für alle, wie immer gegebene und dafür erkannte Winke Gottes. Er ist wesentlich aller wahren Freundschaft. Denn es läßt sich 1. nicht begreifen, wie eine wahre Freundschaft ohne Gottesfurcht gegründet werden kann, denn sie ist undenkbar ohne Reinigung von Eigennutz, von Eigendünkel, von Selbstgenügsamkeit, weil nichts mehr die Freundschaft, d. i. die Einigung der Geister hindert, als Eigennutz, Eigendünkel, Selbstgenügsamkeit, die ihrer Natur nach nur auf Trennung ausgehen, und sich, wie das Interesse der Personen, durchkreuzen. Nun wo ist der Mensch, der ohne Gottesfurcht diese Reinigung von Eigennutz, Eigendünkel, Selbstgenügsamkeit, Eigenlust zustande gebracht hat? Es läßt sich 2. nicht begreifen, wie die wahre Freundschaft ohne Gottesfurcht ihre, des Menschen würdigste, Beschäftigung finden könne. Ohne Gottesfurcht kennt die Freundschaft die edelste Unterhaltung mit Gott und gottähnlichen Geistern nicht, sie hat keinen Sinn für die Unsterblichkeit. Es ist aber eine große Lücke in der Freundschaft, wenn sie der vertraute, gemeinschaftliche Gedanke an Gott nicht ausfüllt, und es fehlt zweien Freunden immer ein wesentliches Stück der Freundschaft, wenn sie die große Angelegenheit, immer gottähnlicher zu werden, nicht mit gemeinsamem Eifer betreiben. Zweien Freunden fehlt immer das unentbehrlichste, wenn sie nicht glauben können und nicht hoffen dürfen, daß Gott ihr dritter ist. Es läßt sich 3. nicht begreifen, wie ohne Gottesfurcht der würdigste Zweck der Freundschaft erreicht werden könne. Dieser ist wohl kein anderer, als daß zwei oder mehrere Freunde auf dem Wege zur Bestimmung des Menschen, durch gemeinschaftliches Ermuntern und Warnen, Belehren und Trösten, Mittragen der Lasten und Mitgenießen der Freuden, durch wechselweise Selbstaufopferung für das gegenseitige Wohl einander forthelfen. Dazu gehört eine Großmut, für die ich außer der unwandelbaren Achtung gegen den Willen Gottes keine Geburtsstätte oder wenigstens keinen Halt zu finden weiß. Es läßt sich 4. nicht begreifen, wie die wahre Freundschaft, ohne Gottesfurcht, sich in ihrer Lauterkeit erhalten könne, so, daß sie weder dem Wohlwollen gegen alle Menschen, noch der Liebe gegen den, der seinem Bedürfnisse und meinem Vermögen nach wirklich mein Nächster ist, noch den Forderungen, die mein Vaterland, oder die Gemeinde, in der ich lebe, oder die Verwandtschaft machen kann, zu nahe tritt. III. Die Freundschaft, die keine bloße Namenfreundschaft ist, sondern in der Einigung der Herzen und Denkarten besteht, nach den zwei Grundsätzen aller freundschaftlichen Liebe eingerichtet ist, und durch Gottesfurcht gegründet und unterstützt wird, ist ein großes Gut für die Menschen. Diese Freundschaft ist die innigste Seelenvereinigung, eine wirkliche Ehe der Geister, dadurch die mancherlei Arten menschlichen Daseins auf mancherlei Weise erhöht werden; eine an sich vollkommene Gemeinschaft aller Freuden und Leiden, wodurch jene versüßt, und diese erleichtert werden; eine vollkommene Gemeinschaft der Güter, der Talente, der Erkenntnisse, wodurch die Schwächen des einen ergänzt, und die Mängel des anderen ersetzt werden; ein edler Menschengenuß, indem sich die Seelen gegeneinander ohne Rückhalt öffnen und einander ins Innerste hineinsehen lassen, wodurch die verlorene Aufrichtigkeit wieder hergestellt und die unergründliche Falschheit menschlicher Tugenden, und die so allgemeine wie schädliche Heuchelei abgetan wird; eine Quelle des Muts, der Zuversicht, der Ruhe, da der Freund in jedem Falle auf die Teilnahme seines Freundes rechnen kann, frei von Argwohn und fern von Zweifel: eine Zuflucht in den Stunden der Angst, des Zweifels, der Verlegenheit, der Ohnmacht: der Freund hilft die Last tragen, reicht die Hand, um aus dem Dunkel herauszuführen und hat ein offenes Ohr für die Stimme des Bedrängten (es ist eine große Wohltat um ein Ohr, dem wir alle unsere Gedanken, Empfindungen, Schwächen, alle, auch die geheimsten Leiden, anvertrauen können); die Freundschaft ist oft das einzige Mittel, wodurch gewisse, höchst wichtige, uns zunächst angehende Wahrheiten mit edler Freimütigkeit uns mitgeteilt werden: es gibt Fehler, Angewöhnungen, Irrgänge, Irrtümer, Vorurteile, Fallstricke der Eigenliebe, auf die uns nur Freunde (oder hitzige Feinde) aufmerksam machen können; eine stets uneigennützige, stets sinnreiche und stets unermüdliche Liebe, die tausend unerwartete Freuden macht, und Dienste tut, die nur sie tun kann. Dies wahre und große Gut des Menschen kann offenbar ohne Selbstverleugnung, ohne Bekämpfung der Sinnlichkeit durch die Vernunft, weder gegründet, noch erhalten, noch vervollkommnet werden. Ohne diese Selbstverleugnung ist alle Freundschaft, die unter Menschen geknüpft wird, wie sie Claudius schön und wahr beschreibt, entweder Hollunder-Freundschaft, die wie die Hollunder-Zweige feinstämmig aussieht, aber inwendig hohl ist, und nur ein trocken, schwammig Wesen in sich hat, oder bloß körperliche Freundschaft, nach der auch zwei Pferde, die eine Zeit lang beisammenstehen, Freunde werden und eins des anderen nicht entbehren kann, oder ein Schelmenbündnis gegen Wahrheit und Gerechtigkeit.   D. Von der Tugend. I. Was die Tugend nach dem Gefühle und Urteile aller Edlen offenbar nicht ist. Die Tugend ist offenbar nicht bloßer Anstand, feine Sitte. Der Tugendhafte kann feine Sitte haben, aber die feine Sitte ist nicht die Tugend selbst, die Einfassung nicht der Demant. Tugend ist auch nicht die eigennützige Klugheit, die nur darauf ausgeht, ihre Handlungen zur Bank zu machen, aus der man große Zinsen und Gewinne zieht. Sie ist nicht eine vorüberfliegende sittlich gute Empfindung des Mitleids, der Mitfreude, sondern etwas bleibendes, feuerfestes. Die Tugend ist ferner nicht irgend eine einzelne gute Handlung. Tugendhaft mag man die Handlung nennen, aber die Tugend selbst, kann nicht eine einzelne, von der fortdauernden Gemütsverfassung des Menschen losgerissene Handlung sein. Die Tugend ist auch nicht eine einzelne fortdauernde, gute Gesinnung, z. B. des Mitleids gegen die Dürftigen, wenn das Herz anderen Leidenschaften, z. B. der Wollust nachhängt. Wo sie ist, da ist ein Ganzes; der ganze Wille ist gut. II. Man kann die Tugend betrachten entweder als das Ziel unserer Bemühungen, oder als Bemühung nach dem Ziele. Wird sie im ersten Sinne betrachtet, so ist die Tugend die Vollkommenheit des menschlichen Willens, kraft welcher er selbst gut ist, ruhig und heiter, und der vollständigen Seligkeit würdig. Wird sie im zweiten Sinne genommen, so ist die Tugend das Ringen nach der Vollkommenheit des menschlichen Willens. Die Tugend im ersteren Sinne ist das, was wir sein sollen. Die Tugend im zweiten Sinne ist das, was wenigstens die besseren Menschen wirklich sind. Zum Unterschiede nenne ich jene vollkommene, vollendete, diese unvollkommene, unvollendete Tugend, oder kürzer, jene die Tugend, diese eine Tugend. Von jener und dieser gilt, was längst so wahr und tief bemerkt worden: Die Tugend ist die Stärke eines Wesens, das von Natur schwach und nun, nicht ohne Selbstübung, stark geworden ist. Kurze Wiederholung dessen, was uns den Begriff der Tugend recht klar macht . 1. Die menschliche Vernunft kann kein reineres, kein würdigeres Gesetz von der Vollkommenheit des menschlichen Willens denken, als jenes, das Moses und Christus gelehrt haben: Du sollst Gott deinen Herrn aus deinem ganzen Herzen, und mit deiner ganzen Seele, und aus deinem ganzen Gemüte lieben; dies ist das größte und erste Gebot: das zweite aber ist diesem gleich: du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. 2. Die menschliche Vernunft kann keine Vollkommenheit denken, die achtungswürdiger wäre, und den Menschen mehr in seiner Würde darstellte, als die, welche in genauer Erfüllung dieses Gesetzes besteht. 3. Die menschliche Vernunft kann keine festere Heiterkeit, noch eine edlere Freiheit, noch eine würdigere Größe des Menschen denken, als die mit der Erfüllung dieses Gesetzes verknüpft ist. 4. Die menschliche Vernunft kann sich keinen menschlichen Willen der vollständigen Seligkeit würdiger und fähiger denken, als einen solchen, der sich durch Erfüllung dieses Gesetzes die edelsten höchsten Freuden dieses Lebens schon genießbar gemacht hätte. In Summa: der menschliche Wille kann nicht besser, nicht ruhiger, nicht freier, nicht seligkeitsfähiger werden, als durch die Erfüllung dieses Gesetzes: Liebe Gott über alles, den Nächsten wie dich selbst . IV. Begriff der Tugend, die die wahre, die vollkommene, die Tugend ist. Die Tugend ist die lautere, allgemeinherrschende, volltätige Liebe Gottes über alles andere, und die daraus quillende Nächsten- und Menschenliebe, der Selbstliebe gleich. Die Tugend ist Liebe : wo nähme sie auch ihren milden, heitern Blick her, als von dem geheimen Anhängen an ein Gut, das der Liebe würdig ist, und was ist dies Anhängen anders als Liebe? Nur sie, die Liebe, wird nicht so leicht müde, zu tun, was gut ist; sie tut willig und gern, was sie tut; sie findet auch die größten Aufopferungen gering; sie kann leiden, entbehren, was ohne sie unerträglich, unentbehrlich scheint; sie belebt den ganzen Menschen; sie ist das lieblichste Bild Gottes, der nicht lieblicher gedacht werden kann, als daß er ist »die Liebe selbst«. Die Tugend ist Gottesliebe : einen würdigeren Gegenstand als den allerwürdigsten kann sie nicht finden. Sie ist lautere Gottesliebe: Gott ist nicht nur ihr Gegenstand, sondern auch der Beweggrund – sie liebt Gott um seinetwillen. Die Tugend ist die Liebe Gottes über alles andere : Das Liebenswürdigste muß doch mehr als alles andere geliebt sein: dies ist die rechte Ordnung, jedes Lieben nach dem Maße der Liebenswürdigkeit, also das Würdigste über alles. Die Tugend ist allgemein gebietende Liebe: wie wäre sie sonst die Seele aller überlegten Begierden, Gedanken, Handlungen des Menschen? Und wenn sie nicht die Seele aller seiner Begierden, Gedanken, Handlungen wäre, wie würde durch sie der ganze Mensch gut? Die Tugend ist wohltätige Gottesliebe: eine tote Liebe ist soviel als keine, und ein halbes Leben kann ja nicht den ganzen Menschen beleben, beseelen. Die Tugend ist Menschenliebe : ohne Wohlwollen gegen alles, was Mensch ist, kann doch kein Menschenherz gut und in dem peinvollen Gefühle des Menschenhasses, des Neides, keines froh sein, keines der wahren Freude würdig. Die Tugend ist Nächstenliebe : denn was müßte das für ein lahmes Wohlwollen gegen alle sein, das gegen den Einen, dem es helfen könnte und sollte, nicht wohltätig wäre? Die Tugend ist Menschenliebe und Nächstenliebe, der Selbstliebe gleich: hier erscheint der Adel der Liebe. Es ist nichts leichter als an diesem Maßstabe zu prüfen, was die Liebe soll , und nichts schwerer als nach diesem Maßstabe zu handeln . Wenn ich ohne Brot, ohne Obdach, ohne Rat, hilflos daläge, was wünschte ich von dem Vorübergehenden zu empfangen? Brot, Obdach, Rat, Hilfe. Was du nun willst, das dir andere sein möchten, das sei du ihnen. Die Tugend ist lautere, aus Gottesliebe quillende Menschen- und Nächstenliebe: wie könnte sie sonst so rein, so großmütig, so unermüdsam, – und dabei so göttlich milde sein. Sollte es einem Leser noch fremd scheinen können, daß hier die vollkommene Tugend des Menschen und die allgemeingebietende Gottesliebe für eine und die nämliche Sache gehalten werden, der dürfte nur noch einen zusammenfassenden Blick auf die Gründe tun, die in den voraufgegangenen Betrachtungen deutlich genug dargelegt worden sind, und die wenigstens jedem nüchternen Kenner der menschlichen Natur zu diesem Begriffe führen können: Vollkommene Tugend des Menschen kann doch nur jene heißen, die 1. der Würde des Menschen angemessen ist. Nun gehört es offenbar zur Würde des Menschen, daß er als Ebenbild Gottes, als ein religionsfähiges Wesen, als König und Priester der Natur handle. Kann er aber als Ebenbild Gottes nach seiner Anlage zur Religion, als ein nach Gott fragendes, und über sich zu ihm aufschauendes Wesen, als ein König und Priester der Natur handeln, wenn ihm nicht der Aufblick zu seinem Urbilde, und die Liebe gegen die Urquelle alles Guten natürlich geworden ist? Vollkommene Tugend des Menschen kann nur jene heißen, die 2. der Bestimmung des Menschen angemessen ist. Nun ist die Bestimmung des Menschen keine andere, als daß er zum Genusse der edelsten Freuden dieses Lebens entwickelt, und zu den höchsten vorbereitet werde. Wie läßt sich aber jene Entwicklung und diese Vorbereitung denken ohne gebietende Liebe gegen das liebenswürdigste Wesen? Vollkommene Tugend kann doch nur in dem Menschen gefunden werden, in dem 3. die Reize der Sinnlichkeit der Vernunft unterworfen sind . Nun sind diese Reize so mannigfaltig, so allgemein, so überwiegend, daß sich ohne Unterwürfigkeit gegen die höchste Vernunft keine standhafte Besiegung derselben denken läßt. Was wäre dann aber alle die Unterwürfigkeit des menschlichen Willens gegen die höchste Vernunft ohne gebietende Liebe gegen das liebenswürdigste Wesen? Wo nähme der Mensch ein Uebergewicht gegen die Sinnlichkeit her, wenn er sie in dieser Liebe nicht fände? Vollkommen Tugend kann 4. nur die heißen, die vollkommenes Wohlwollen in sich begreift. Nun denn, gerade das Wohlwollen gewinnt dadurch, daß es von der gebietenden Liebe gegen Gott beherrscht wird, eine Tätigkeit, eine Großmut, eine Reinheit, eine Allgemeinheit, eine Würde, eine Ruhe, die es nur auf diesem Wege gewinnen kann. Wer Gott als den Vater der Menschen von ganzem Herzen liebt, der kann alle Menschen, ohne Ausnahme , Freunde wie Feinde, Hohe wie Niedere, Gute wie Böse, von ganzem Herzen lieben; denn seine Regel: »Liebe alle Menschen; es ist deines Gottes Wille, daß du alle Menschen liebst«, ist allgemein, schließt keinen Menschen, zu keiner Zeit und an keinem Orte aus. Sein Gott als Vater der Menschen läßt auch über alle Menschen, Gute und Böse, Dankbare und Undankbare, Reiche und Arme, seine Sonne scheinen; sein Gott ist ihm das Muster der Menschenliebe, und dieses Muster ist allgemein wie die Regel: »Gottes Wille.« Wer Gott als den Vater der Menschen von ganzem Herzen liebt, der kann nicht nur alle Menschen lieben, sondern auch da, wo sein Vermögen zu helfen zu Ende ist , noch Ruhe und Heiterkeit behaupten; denn sein Gott hat die Herzen der Menschen in der Hand, und kann trösten und segnen, wo der beste Wille eines Menschen nicht trösten und nicht segnen kann. Die Weisheit und die Güte Gottes ist also ein Trost- und Beruhigungsgrund, wenn sein Wollen nicht Tat werden kann. Damit übereinstimmende Begriffe sind: Die Tugend ist wohlgeordnetes und zweckerreichendes Streben der menschlichen Natur, – ist lebendiger, allgemeiner, freudiger Gehorsam gegen alle Winke Gottes, – ist stete Folgsamkeit des menschlichen Geistes gegen alle Aussprüche des Gewissens, d. h. Gewissenhaftigkeit – ist herrschende Gottesfurcht, das lautere Streben, in allen Handlungen des Beifalls Gottes, als des Vaters der Menschen, wert zu sein, – ist vollständige Freude an allem Guten, und Zufriedenheit in allem Widrigen, aus Achtung gegen die allordnende Vorsehung, – ist der gute reine Wille, dessen Leitung alle Handlungen gut macht, – ist tätige Vollkommenheitsliebe nach dem Muster der höchsten Vollkommenheit, – ist zweckmäßiger Gebrauch aller Kräfte, Fähigkeiten, Gaben, nach dem Willen des großen Gebers, – ist Behauptung der Menschenwürde, – ist Selbstbeherrschung aus Achtung gegen das heilige Gesetz unserer Natur, – ist Zusammenstimmung aller menschlichen Kräfte zum Endzwecke unseres Hierseins, – ist immerwährender Fortschritt in allem Guten, – ist die würdigste Vorbereitung des Menschengeistes auf den kommenden Zustand jenseits des Grabes.   V. Vom Wert der Tugend – als Schlußfolgerung aus dem Gesagten. 1. Die Tugend des Menschen ist also ein Ganzes, und es gibt nur eine Einzige, die wert ist, die wahre, vollkommene Tugend des Menschen zu heißen. Die Tugend ist Ein Ganzes. Wie die Gesundheit des Leibes nicht in dem gesunden Auge besteht, nicht in der gesunden Hand, sondern im Beisammensein und in ungehinderter Zusammenstimmung aller körperlichen Kräfte zum Zwecke des körperlichen Wohlseins: so ist die Tugend, als die Gesundheit der Seele, als Zusammenstimmung aller menschlichen Kräfte zum Endzwecke unseres Hierseins, Ein Ganzes. Die Tugend ist Eine Einzige. Alle einzelnen sogenannten Tugenden sind Aeste eines Baumes, oder Funken einer Flamme. Die Tugend ist immer Eine, und trägt nur verschiedene Namen nach ihren verschiedenen Wirkungen, Aeußerungen, Gegenständen und Graden. Sie heißt Geduld (Standhaftigkeit), insofern sie im Tragen aller Lasten unerschüttert ausharrt; Enthaltsamkeit , Nüchternheit , Mäßigkeit , Keuschheit , insofern sie die Triebe zu sinnlichen Vergnügungen, und unter diesen vorzüglich den Geschlechtstrieb in Ordnung hält; Demut , insofern sie den Trieb nach Ehre beherrscht, und ein züchtiges Gefühl eigner Fehler und Schwächen in allen Handlungen durchblicken läßt; Freigebigkeit , insofern sie ihr Wohlwollen gegen Dürftige durch Geben beweist; Andacht (im eingeschränkten Sinn), insofern sie würdige Empfindungen gegen Gott hegt und offenbart; Gerechtigkeit , insofern sie jedem das Seine gibt, erhält und bewahrt; Sanftmut , insofern sie nicht erbittert, und sich nicht erbittern läßt, nicht beleidigt, und die empfangenen Beleidigungen vergißt und verzeiht; Heldenmut , insofern sie kühn und unerschrocken gegen die noch so fürchterlichen Feinde des eigenen oder fremden Gut- und Wohlseins kämpft, keine Gefahr und kein Leiden scheut, große Unternehmungen beginnt und durchsetzt. 2. Die Tugend des Menschen hat einen unbedingten, unveränderlichen, – den höchsten – Wert unter allen (endlichen) Gütern des Menschen. Sie hat einen unbedingten Wert; Reichtum ist gut, wenn er recht gebraucht wird; Ehre, wenn sie gut gebraucht wird; Verstandeskraft, wenn sie gut gebraucht wird; die Tugend ist selbst teils der gute Gebrauch dieses alles, teils der gute Wille und die sittliche Kraft, dies alles gut zu gebrauchen. Sie hat einen unveränderlichen Wert; ihr Wert hängt nicht ab von dem Urteile der Menschen, wie die Ehre, nicht von den zeitlichen Bedürfnissen, wie der Wert der Speise, auch nicht von der Uebereinkunft der Menschen, wie die Bedeutung der Ordensbänder oder der Wert des Geldes. Ihr Wert ist der Wert des guten Willens, der seiner Natur nach gut und gottähnlich ist. Sie hat den höchsten Wert unter allen endlichen Gütern der Menschen; denn sie hat einen Wert in sich, und gibt allen übrigen Gütern, wie Gesundheit, Ehre, Reichtum, Wissenschaft erst durch guten Gebrauch ihren rechten Wert. Wer sie nicht hat, kleidet sich in ihren Mantel, und legt dadurch Zeugnis ab von ihrer Unentbehrlichkeit. 3. Der einzigartige Wert der Tugend zeigt sich auch in ihrem Verhältnisse zum Wohlsein des Menschen. Die Tugend allein schafft dem Tugendhaften das alleredelste Vergnügen, dessen die menschliche Natur fähig ist, und macht ihn des allerhöchsten Wohlseins im anderen Leben fähig und würdig; würzt, veredelt, erhöht alle übrigen Freuden und erleichtert, versüßt alle Leiden. Die Tugend ist allein nicht nur das unentbehrlichte Gut für den Tugendhaften, sie ist auch das nützlichste, weil sie die Quelle des allgemeinsten, reinsten, großmütigsten, tätigsten Wohlwollens ist. Sie vollendet also die Bestimmung des Menschengeistes für dieses Leben, und macht ihn würdig und fähig, die Bestimmung seines ganzen Daseins im kommenden Leben zu erreichen. Die heiligen Schriften enthalten von der Tugend des Menschen höchst wichtige Belehrungen z. B. »Wer liebt, ist aus Gott geboren; wer nicht liebt, kennt Gott nicht, denn Gott ist die Liebe. Wenn uns Gott so geliebt, so müssen wir auch einander lieben; laßt uns Gott lieben, weil er uns zuvor geliebt. Dies ist die Liebe Gottes, daß wir seine Gebote halten. Gott ist die Liebe und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott. Wer aus Gott geboren ist, sündigt nicht, denn der Same Gottes ist in ihm. Daran erkannten wir die Liebe Gottes, daß Er sein Leben für uns gelassen; wir müssen also auch das Leben für unsere Brüder lassen. Wer recht tut, der ist aus Gott geboren. Die Furcht ist nicht in der Liebe, vollkommene Liebe jagt die Furcht hinaus. Wer sagt: ich liebe Gott und haßt seine Brüder, ist ein Lügner, denn wenn er seinen Bruder, den er sieht, nicht liebt, wie wird er Gott lieben, den er nicht sieht?« Was sonst noch von der Tugend gelehrt wird, besteht kurz darin: Gott ist allein gut. Den Gottesgeist gut macht, der ist gut. Wer gut ist, wirkt Gutes. Wer gut ist und Gutes wirkt, hat das ewige Leben in sich. Die Reinen werden Gott schauen. Oder im Bilde: Der heilige Geist wird Quelle der Liebe in uns, diese Liebe ist der lebendige Brunnen, aus dem hernach alle einzelnen Begierden, Gedanken, Handlungen fließen.   E. Von der Andacht. I. Andacht ist, wie das Wort sagt, Gedanke an Gott. Wenn nun dieser Gedanke an Gott nach unzähligen Mühen endlich soviel Leben gewonnen hat, daß sich der Wille des Menschen in der Richtung zu Gott erhalten kann, und in dieser fortdauernden Richtung die vorkommenden Reize zum Unrecht großmütig verachtet, die kleinlichen Sorgen dieser Erde der Einen großen Sorge rechtzutun, unterordnet, die Leiden mutig trägt, und das ganze Leben des Menschen nach dem heiligen Gesetze in uns gebildet wird, so ist die Andacht des Menschen, der sie hat, und Gottes, zu dem er sich erhoben, würdig – kann die wahre, vollkommene Andacht heißen. Wo diese Andacht ist, da ist Stärke des menschlichen Geistes, der sich über die ganze Sichtbarkeit und über sich selbst erheben, und mit dem Unsichtbaren vertraut unterhalten, und in dieser vertrauten Unterhaltung beharren kann. Da ist Glaube an die Urquelle alles Guten, Ehrfurcht vor ihr, und Liebe, wodurch Gedanke und Begierde, Wort und Tat, Inneres und Aeußeres – der ganze Mensch – zur Befolgung ihres heiligen Willens geweiht wird (Devotio); da ist die Gabe, schnell und leicht von religiösen Vorstellungen ergriffen und belebt zu werden, so, daß aus Vorstellungen Empfindungen, aus Empfindungen Handlungen, und aus allen diesen religiöse Gesinnungen werden, die hinwiederum den Grund religiöser Vorstellungen bereichern. II. Die wahre Andacht verträgt sich nicht mit dem Mechanismus und der seelenlosen Geberde der Andacht. Denn die wahre Andacht ist nicht gebunden an Ort, Zeit, Formel, wie etwa ein Körper, ein Götzenbild, das an diesem Orte steht, zu dieser Zeit gezeigt wird, diese Gestalt hat; sie ist überall, wie ihr Gott, ist im Allerinnersten, im Heiligtume des Menschen, daheim und wirkt von innen heraus. Wo der Mensch immer ist da findet er seinen Gott, und trägt er seinen Altar, das Herz, mit sich und opfert das gottgefälligste Opfer, seinen Eigendünkel, der höchsten Weisheit, seinen Eigenwollen (die Eigenliebe), dem heiligsten Willen. Wenn nun der menschliche Wille gut ist – und gut muß der Wille sein, der sich mit dem Heiligsten einigt – wenn er nur liebt und achtet, was die Heiligkeit gebietet, so kann man nicht zweifeln, daß ein heiliger Wandel von der wahren Andacht so untrennbar sei, wie das Leuchten vom Lichte, der Ausfluß von der überfließenden Quelle. Die wahre Andacht ist kein Bruchstück unseres Lebens, etwa wie das Essen und Schlafen, sondern sie ist die Lebenskraft, die das ganze Leben wohltätig durchfließt, und das Aeußere nach dem Innern, und das Innere nach dem Göttlichen ordnet. Die wahre Andacht verträgt sich nicht mit vorgetäuschter Innerlichkeit. Es gibt Menschen, die sich und andere mit ihrer angeblichen Herzensandacht täuschen, die sie so geheim halten, daß ihre beispielbedürftigten Nebenmenschen nichts davon merken können. Wahre Andacht kann sich nicht unbezeugt lassen, sondern hat ihren natürlichen Ausdruck. Wahre Andacht bedarf einer Nahrung, und diese Nahrung sucht sie in mancherlei Uebungen, die teils die lebendige Andacht bezeugen, teils die ohnmächtige neu beleben. Gleich wie das körperliche Leben durch Speise und Trank erhalten werden muß, so kann auch das geistige Leben, die Andacht, ohne Nahrung nicht bestehen. Wie aber Speise und Trank nicht die Gesundheit selbst sind, so ist auch das Nahrungsmittel der Andacht nicht die Andacht selbst. Endlich, weil wahre Andacht nichts ist als Liebe gegen Gott, und diese Liebe nie ohne Nächstenliebe sein kann, so hat sie einen neuen Grund sich nach außen kund zu tun und zu bezeugen, nämlich diesen: in die sterbende Andachtsflamme des Nachbars neues Leben zu gießen. So wenig also die wahre Andacht das Aeußere ohne Inneres, den Buchstaben ohne Geist – den Mechanismus – billigen kann, so wenig kann sie die sogenannte Innerlichkeit ohne alles Aeußere als Wahrheit anerkennen. Die wahre Andacht verträgt sich nicht mit einem gänzlichen Ausgießen der Seele in die äußere Tätigkeit ohne innere Salbung. Wozu Andacht, denken einige. Arbeiten ist besser als Andacht, und ist die rechte Andacht. Allein, wer so sprechen kann, vergißt über dem Tun das Sein, vor Zerstreuung außer sich die Sammlung in sich, und im Drange für andere zu arbeiten, sich selbst zu vervollkommnen. Er nimmt, um die Torheit im Bilde zu zeigen, sich nicht Zeit, die nötige Speise zu genießen, um nur mehr arbeiten zu können, und wähnt, die Arbeit selbst nähre ihn. Die wahre Andacht verträgt sich aber auch nicht mit Arbeitsscheu, um den süßen Empfindungen der Andacht obliegen zu können. Wir sind nicht bloß Geist; der Geist lebt im Leibe, in einer sinnlichen Region, und neben uns leben andere, die unserer Hilfe bedürfen. Auch kann der Geist ohne Arbeit, ohne Uebung, nicht zu seiner Entwicklung kommen. Es ist uns also durch die Natur unseres Wesens und die Bedürfnisse anderer, Arbeit auferlegt. Da nun die Liebe gegen Gott alles, was uns zu tun obliegt, als den Willen dieses ihres Gottes ansieht, und die wahre Andacht Liebe ist, so kann sie nie eine Arbeitsscheu gebieten, oder auch nur dulden, wo uns unsere oder fremde Bedürfnisse zur Arbeit rufen. Vielmehr lehrt sie uns, auch bei der Arbeit das Herz in der vertrauten Richtung zu Gott zu erhalten, und es ist ihr Spruch geworden: man muß Gott um Gotteswillen verlassen, d. h. wirkliche, eigentliche Andachtsübung unterbrechen, um dem Nächsten zu Hilfe zu kommen oder eine Berufsarbeit zu verrichten. III. Wenn die wahre vollkommene Andacht gebietende Liebe gegen Gott ist, so ist ihr Wert dem Wesen nach eins mit der Tugend. Weil sie aber gebietende Liebe gegen Gott ist, insofern diese mit Gott wirklich vertrauten Umgang pflegt oder dazu vorbereitet, so läßt sich ihr Wert auf eigene Weise dartun: 1. Die Andacht zeigt die menschliche Natur vorzüglich in ihrer Würde und Erhabenheit. Sie zeigt die Verwandtschaft zwischen Gott und dem Menschen in dem schönsten Akt, in dem Umgange des menschlichen Geistes mit dem göttlichen. Darin liegt ein starker Grund gegen den Atheismus, denn wer Gottes Dasein leugnet, vernichtet den Adel des menschlichen Geschlechtes. 2. Die Andacht macht den Menschen höchst verehrungswürdig allen, die den Wert eines Menschen zu fühlen imstande sind. Wahre Größe erweckt das Gefühl der Größe bei allen, die nicht äußerst verwahrlost sind. Nun ist aber Andacht wahre Größe des Menschen, ist Herrschaft über die sinnliche Natur, und was noch mehr ist, über sich selbst. 3. Die wahre Andacht fördert am meisten die Nachahmung Gottes. Denn der Umgang mit Gott macht gottähnlich, und der immer hellere Blick auf die Urquelle alles Guten begeistert zur Nachahmung derselben. Die Freundschaft macht die Freunde immer einander ähnlicher, also auch die Andacht: ihr höchster Grad ist eben Harmonie zwischen dem Willen Gottes und dem Willen des Menschen – das aber heißt Freundschaft. 4. Nichts macht darum den Menschen menschenfreundlicher als die wahre Andacht. Sie befördert ja die Nachahmung Gottes, Gott aber ist das menschenfreundlichste Wesen. Im Umgange mit der höchsten Liebe kann der Mensch nicht anders als liebevoll werden. 5. Die Andacht gibt allen Handlungen des Menschen, die in ihrem Geiste verrichtet werden, den Wert einer religiösen Handlung. Der Mann, der wahre Andacht hat, tut auch die gewöhnlichsten Handlungen mit dem Aufblick zu Gott und aus der herrschenden Absicht, den Willen Gottes zu vollbringen. Diese Absicht adelt die gewöhnlichsten Verrichtungen und macht sie zu religiösen Handlungen; aber die Andacht muß selbst leben, um beleben zu können, und Nahrung bekommen, um nicht zu sterben. 6. Die Andacht ist der würdigste Gebrauch, den wir von der sinnlichen Natur machen können. Durch sie wird uns die ganze Natur zum Tempel Gottes. Der Andächtige findet Gott überall und allzeit, im Rauschen des Stromes, im Brausen des Windes, im Säuseln der Luft, im Lichte des Blitzes, im Schalle des Donners, im Gusse des Regens, in den Reden, Taten, Blicken der Menschen, in jedem Winkel wie auf dem öffentlichen Platze, in der Mitternachtsstunde wie am hellen Mittag. 7. Die wahre Andacht verschafft dem Menschen neuen Mut und neue Kraft, die nur sie ihm verschaffen kann. – Der Mensch ist wie das, was ihm seinen Mut gibt. Der Reiche holt ihn vom Gelde, der Gelehrte von seinem Wissen, der Berühmte von seinem Ruhm, der Andächtige von seinem Gott. Und dieser Gott bleibt ewig, also auch die Zuversicht seines Freundes. Andacht, wenn sie dich kannten, wie würden sie dich lästern können? 8. Die Andacht verschafft den stärksten Trost in den Leiden dieses Lebens, und hebt die schwersten Sorgenlasten von unserm Herzen hinweg. Die Urquelle alles Guten wird einst das Gegenwärtige und die Zukunft, die Zeit und die Ewigkeit, das Leiden und das Wohlsein, die Tugend und die Glückseligkeit in den schönsten Zusammenhang bringen, und kann auch jetzt Hilfe senden, wo sonst keine Aussicht offen ist. 9. Die wahre Andacht ist aber nicht deswegen gut, weil sie Kraft gibt zur Vollendung edler Handlungen, sondern umgekehrt: weil sie in sich gut ist, kann sie zum Rechttun Kraft verleihen. Die wahre Andacht ist, unabhängig von ihren segensvollen Wirkungen, die würdigste Beschäftigung des Menschengeistes. Der Andächtige kann nicht immer Nackte kleiden, Hungrige speisen, Tränen trocknen; aber es bedarf dessen auch nicht, wahre Andacht ist in sich gut und groß. Oder ist es nichts Großes, daß ein Mensch, der auch aus Fleisch und Blut besteht wie die übrigen, in Mitte unzähliger Menschen, die den Sinnen dienen, oder nur Ideen haschen, sich über den Tumult der sinnlichen, und über die Blendungen der Ideenwelt erheben, und mit der Wahrheit selbst, mit der Heiligkeit selbst, Umgang haben kann? Oder kann etwa der Arme, der nichts hat, was er geben kann, und nur von fremden Gaben lebt, nicht wahre Andacht haben, weil er nicht helfen kann? Kann der Kranke nicht wahre Andacht haben, weil er nicht arbeiten kann? Oder hätte diese Andacht keinen Wert, weil er keinen neuen Warenartikel auf die Frankfurter Messe liefern kann? Man hat hier zwei sehr verschiedene Dinge miteinander verwechselt. Ein anderes ist: die wahre Andacht macht mich tüchtig, mit willigem Fleiße zu arbeiten, und großmütig wohlzutun, und: – also hat die Andacht ihren ganzen Wert von der Arbeit, von dem Wohltun. Und so haben hier die Sittenlehrer den nämlichen Fehlschuß gemacht, den die Politiker nicht vermieden. Weil diese sahen, daß die religiösen Leute gute Bürger sind, so schlossen sie, die Religion sei nur Mittel zur äußeren Ruhe des Staates; weil jene bemerkt, daß die wahrhaft Andächtigen die fleißigsten Arbeiter und die tätigsten Menschenfreunde sind, so schlossen sie, die Andacht sei nur Mittel zur äußeren Tätigkeit – und haben nicht gesehen, daß die wahre Andacht, als gebietende Liebe gegen Gott, der Adel des menschlichen Gemütes, und, unabhängig von allen wohltätigen Folgen, der würdigste Zweck des menschlichen Strebens sei. 10. Die wahre vollkommene Andacht ist nicht nur als der würdigste Gebrauch der menschlichen Kräfte in sich gut, – eins mit dem, was wir die Tugend oder den rein-guten Willen nannten, – sondern ist auch als Freude, die edelste dieses Lebens, der eigentliche Inbegriff aller Religionsfreuden, ein Vorgenuß der Seligkeit, die einem besseren Lande aufbehalten ist. IV. Was übrigens von der Tugend, das gilt auch von der Andacht: 1. Sie kann ohne Selbstverleugnung, d. i. ohne Bekämpfung der Sinnlichkeit durch die Vernunft nicht gegründet, nicht erhalten, nicht vervollkommnet werden. 2. Die Gebrechlichkeit der menschlichen Natur darf nie außer Acht gelassen werden: Hieraus sind die zwei großen Wahrheiten erkennbar: erstens, daß weder die wahre Tugend noch die wahre Andacht ohne höhere Kraft erreichbar sei; zweitens, daß der Mensch, so lange er diese körperliche Hülle trägt, wohl nie ohne alle Fehltritte sein werde. Alle gute Gabe, alle vollkommene Gabe kommt von oben herab, von dem Vater des Lichtes. Ein Geist ist Gott, und wer ihn anbetet, muß es im Geiste und mit Wahrheit tun. Betet ohne Unterlaß! Wer bittet, der empfängt. Wer mich liebt, der hält sich an mein Wort; und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und bei ihm Herberge nehmen. Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, so betrügen wir uns selbst. Kindlein – sündiget nicht. Wenn aber jemand sündiget, so haben wir einen, der bei dem Vater ein gut Wort für uns einlegt, Jesum Christum, den Gerechten. Achtes Kapitel. Vom Verhältnis der Lebensweisen zum Gut- und Wohlsein des Menschen.   A. Vom gesellschaftlichen Leben im allgemeinen. Das Leben mehrerer Menschen, die verschiedene Bedürfnisse und Absichten, Mängel und Kräfte näher miteinander verbinden, daß sie beisammen wohnen, einander geben und von einander empfangen, einander dienen und beherrschen, miteinander arbeiten und handeln, ist das gesellige, gesellschaftliche Leben. I. Wie die Gesellschaft (als Verbindung zwischen Mann und Weib) das Mittel ist, durch das dem Menschen die Tür in dieses Leben aufgetan wird, so ist auch die Gesellschafft (als geselliges Leben betrachtet), für uns eine ununterbrochene Wohltat, von der Empfängnis an bis zum letzten Atemzuge, indem der Mensch, sich allein gelassen, seine Bedürfnisse teils gar nicht, teils nicht so leicht und nicht so vollkommen befriedigen könnte. Die Gesellschaft ist also (ohne auf den Eintritt des Menschen in die Welt zu sehen), das erste und allgemeinste Entwicklungsmittel der körperlichen und geistigen Kräfte des Menschen, der körperlichen , weil sich ein unmündig Kind die Nahrung und körperliche Pflege so wenig schaffen könnte als das Dasein; der geistigen , weil die ganze körperliche Natur uns, mit allen ihren unzähligen Eindrücken auf unsere Sinne, ohne die Beihilfe der Gesellschaft, die Sprach- und Vernunftfähigkeit des Menschen nicht entwickeln könnte, und ohne entwickelte Sprach- und Vernunftfähigkeit, der Mensch wild umherirrte, ein Tier wie andere wäre und kein Mensch. II. So wie die Gesellschaft als erstes und allgemeinstes Entwicklungsmittel der Kräfte des Menschen angesehen werden muß, so ist die Gesellschaft der guten Menschen , denen das heilige Gesetz ihrer Natur heilig ist, sowohl für das unmündige Alter, als für jedes Alter, das kräftigste Förderungsmittel des menschlichen Gut- und Wohlseins. Die Gesellschaft der Guten ist eine praktische Schule des Guten , weil sie durch Handlungen das Gute lebendig darstellt, durch übereinstimmenden Eindruck den Nachahmungstrieb zur Nachahmung des Guten weckt, und durch Worte das Gute verdolmetscht, daß es durch Auge und Ohr in die Seele dringt; ist das rechte sittliche Richteramt, das seine Gewalt ohne Widerspruch ausübt, weil es ohne Anmaßung, nur durch Gutestun, Gutes gebietet; ist das Asyl der wankenden Unschuld, die an dem Blicke der bewährten Tugend einen warnenden Freund, und in ihrem Schoße Rettung findet. Die Gesellschaft der Guten ist aber auch eine Quelle unschuldiger Freuden ; denn in ihrem Kreise findet sich 1. nicht der Zwang, der in den sogenannten feinen Zusammenkünften herrscht und eine drückende Atmosphäre bildet. Es erscheinen hier keine Tonangeber, die allein reden und allein recht haben wollen; keine Wächter des Zeremoniells, die über Komplimente, über Manieren zu sitzen, aufzustehen, ein- und auszugehen, Aufsicht halten, und von den Gesetzen des eisernen Wohlanstandes kein Tüpflein unerfüllt lassen; keine Schmeichelredner, die ihre Schmeicheleien dem Tone der Bescheidenheit opfern. Es findet sich in ihrem Kreise 2. keine Zügellosigkeit: hier wird keine freche Stirn gesehen, kein faules Wort gehört, keine wollustatmende Handlung oder Gebärde erblickt. Dagegen wohnt 3. in ihrem Kreise das edle Wohlwollen, das offen gegen jedermann ohne Ziererei, fröhlich ohne Ausgelassenheit, gesprächig ohne Schwatzhaftigkeit, und zuvorkommend ohne Empfindelei sein kann; ein reines Wohlwollen, das die Feinde des geselligen Lebens verbannt: den Neid, der nicht loben und fremdes Lob nicht hören kann, die Kälte, die das Gute nicht bemerkt und nicht Freude daran hat, den Stolz, der nur sich zur Schau trägt, den Geldgeiz, der nicht geben und nicht erfreuen kann, die Wollust, die nur tierische Angelegenheiten betreibt. III. Nicht nur die Gesellschaft der Guten, sondern auch die gemischte Gesellschaft , die aus Guten und Bösen, Schwachen und Starken, Weisen und Toren besteht, hat noch gesegnete Einflüsse auf das Menschenwohl. Denn eine solche Gesellschaft ist 1. eine Offenbarung der menschlichen Natur, wie sie ist, voll Widersprüche mit sich und mit anderen Wesen, im Kampfe bald mit dem Lichte, bald mit den Finsternissen, unendlich in ihren Bedürfnissen und beschränkt in ihren Kräften, nicht genießend, was da ist, und anstrebend das, was nicht da ist, getäuscht und täuschend, unersättlich und träge, stets höher als irdische Wesen, und doch in dem Niedern das höchste Gut suchend. Welch ein Schauspiel gibt nicht der »Antagonismus der Leidenschaften«, jene Menschen, die von Leidenschaften gedrückt und gereizt, befriedigt und gestört werden? Wie oft hält auch in der sittlichen Welt, wie in der politischen, ein Schwert das andere in der Scheide? Die Gesellschaft zeigt den Menschen in allen seinen Schwächen, wenn ihn die Bücher nur in seiner Stärke malen. Zwar nimmt der Mensch meistenteils eine Larve, wenn er in die Gesellschaft tritt: aber diese Larve wird ihm von fremder Eigenliebe bald abgerissen, wie sie ihm von der eigenen angeheftet ward. Eben diese gemischte Gesellschaft ist 2. ein Erweiterungs- und Läuterungsmittel all unserer wirklichen Kenntnisse, indem wir von fremden Erfahrungen unterstützt, die nämliche Sache von mehreren Seiten ansehen lernen; der Sauerteig, der in die Charakteure, Neigungen einzelner Menschen geworfen, sie nach und nach durchsäuert, zwar nicht immer zur Ehre der Sittlichkeit, aber doch oft zur Aufnahme derselben. Auch eine gemischte Gesellschaft bietet uns so viel Anlaß zum Mitteilen, zum Mitleiden, zur Mitfreude, zur Teilnahme am Guten, schafft uns so viele Erinnerungen, daß unser sittliches Gefühl dessen, was gut und böse ist, dadurch geschärft und die Antriebe zum Rechttun verstärkt werden können. IV. Je böser die Menschen , in deren Kreis wir treten, je größer die Zahl, je fester ihre Verknüpfung, je gebildeter ihr Kopf, je feiner ihr Aeußeres, je bedeutender ihr Einfluß auf die Leitung anderer: desto schädlicher kann und wird diese böse Gesellschaft unserem Gut- und Wohlsein werden, wenn wir ihren seucheartigen Ausflüssen durch Annäherung oder vertrauten Umgang Tür und Tor öffnen, und uns davon verpesten lassen.   B. Vom Leben in den Großstädten. I. Die Kraft des gesellschaftlichen Lebens zeigt sich vor allem in volkreichen Städten . Denn, obgleich durch die Verbindung einer größeren Zahl Menschen in großen Städten auf einer Seite die Kräfte zu gemeinnützigen Unternehmungen verstärkt, Handel, Gewerbe, Künste, Wissenschaften befördert, durch Umgang mit vielen Menschen von verschiedenen Denkarten viele Fähigkeiten der Menschen schneller, leichter und in höherem Grade entwickelt, die Nacheiferung in mancherlei guten Handlungen gelockt, die Sitten verfeinert, die Bequemlichkeiten und Annehmlichkeiten des Lebens vermehrt, die Mittel und Gelegenheiten zum gesellschaftlichen Vergnügen vervielfältigt werden, so läßt es sich doch auf der anderen Seite nicht leugnen, – und die Geschichte schreit es zu laut –, daß die bösen Beispiele in großen Städten ansteckender, die Verführungen zu Torheit und Laster gewaltsamer, die Herrschaft der Mode tyrannischer, und die blinde Nachahmung der Großen sklavischer, der Zwang der eingeführten Sitten und Gebräuche niederdrückender sind, die Aufrichtigkeit von der Verstellung geschwinder verbannt, die Natur allgemeiner von der Kunst erstickt, und die Unschuld als kindische Einfalt verlacht, und durch Luxus, Ausschweifung und Irreligion, die in großen Städten je länger je fürchterlicher um sich greifen, die Nationen schneller entnervt und herabgewürdigt werden. Auch darf hier nicht außer acht gelassen werden, daß alles, was von den Blendungen der Ehre, von den Täuschungen des Reichtums, von der zerstörenden Allgewalt des Luxus, von den Verwüstungen der falschen Gelehrsamkeit, und überhaupt von den Zerrüttungen der Leidenschaften in dieser Abhandlung gelehrt worden, sich in volkreichen Städten augenscheinlich und vorzugsweise als wahr dartut und diese Wahrheit wie im Triumphe zur Schau herumführt. Dies ist so gewiß wahr, daß allemal das Verderben von der Hauptstadt in die Provinzstädte, und von da in die Dörfer ausgeht, und wie ein Strom, der über die Ufer bricht, die Gegenden verheert. II. Hier ist besonders auch des Einflusses zu gedenken, den der Handel auf das Wohl und Wehe der Völker ausübt. Im einzelnen ist zu sagen: Der Handel setzt die Menschen in eine größere, mannigfaltigere Tätigkeit, fördert die Betriebsamkeit, weckt die Erfindungskraft, vervielfältigt die Nahrungszweige u. s. f. Aber eben der Handel ist es, der den Eigennutz und die Gewinnsucht der Menschen unterhält, nährt, vergrößert. Der Handel verbindet die Menschen mehr mit einander, bringt sie einander näher, und läßt sie ihre Abhängigkeit von einander stärker empfinden. So wie der Kaufmann der Arbeit, der Treue, der mechanischen und geistigen Kräfte, der Dienste und Hilfeleistungen vieler Menschen bedarf: so bedürfen diese hinwieder seines Vorschusses, seines Beistandes, seiner Ermunterung, seiner Belohnung. Der Handel bahnt den Menschen Wege zu ihren Brüdern durch Wüsten, Gebirge, Flüsse, Meere. Aber eben der Handel ist es auch, der den Menschen viele Anlässe, Reize, Kräfte zur Ungerechtigkeit gegen ihre nächsten und fernsten Brüder und zur Unterdrückung derselben verschafft. Der Handel erleichtert den Menschen die Mitteilungen ihrer Einsichten, ihrer Erfindungen, ihrer Güter und Vorzüge. Er gibt Anlaß zu wohltätigen Gesinnungen der Menschen gegen Menschen. Er verursacht einen beständigen Umlauf und Umtausch aller Dinge; aller Segen eines Landes, der Landwirtschaft, der schönen Künste, der höheren Wissenschaften, der Religionsbegriffe werden durch den Handel nach und nach ein Gemeingut aller Weltteile. Aber eben der Handel ist es, der die Fehler, Schwachheiten, Trugideen, Torheiten, Laster einzelner Völker in Umlauf bringen, und zu Torheiten der Weltteile machen kann. Der Handel verschafft tausend Bequemlichkeiten und Annehmlichkeiten im menschlichen Leben. Durch ihn bleibt keine Frucht der Erde, kein Werk der Kunst und des Fleißes einem Land ausschließlich eigen. Aber eben der Handel ist es, der die Eitelkeit, die Modesucht, den Luxus befördern hilft. Der Handel trägt dazu bei, daß die Sitten des Menschen milder, gefälliger, duldsamer werden. Aber eben der Handel ist es, der die niedere, harte, menschenfeindliche, ungeistige und unfreie Denkart, die ich den argen Handelsgeist nennen möchte, allgemeiner macht.   C. Vom Geschäfts- und Berufsleben. Die Vorteile des gesellschaftlichen Lebens zeigen sich insbesondere durch die Geschäfte und Arbeiten, die gewissen Ständen und Aemtern wesentlich sind, und das Geschäftsleben ausmachen. Diese Vorteile sind sowohl in Hinsicht auf das Gutsein als auf das Wohlsein der Menschen groß. I. Die Vorteile sind zunächst negativ . Dadurch, daß der Mensch kraft seines Amtes und Standes seinen bestimmten Arbeitskreis, und jeder Tag sein Tagewerk, und jede Schulter ihre eigene Last hat, werden wir vor Langeweile und Müßiggang, und vor vielen Torheiten und Ausschweifungen regelloser Sinnlichkeit und ungeordneter Ehrliebe bewahrt, zu denen der beschäftigungslose Mensch nicht sowohl verführt als von Müßiggang und Langeweile gestoßen wird, bloß, weil er so viele Lücken seines Lebens auszufüllen, und noch darüber die Wahl hat, sie mit Torheiten und Laster auszufüllen. Es ist für die meisten Menschen ein großes Glück, daß sie nicht viel zu wählen haben, indem sie in den meisten Wahlakten das Schlechtere statt des Besseren wählen würden. Nun beschränkt das Geschäftsleben die Wahl des Menschen, und was das Wählen schrecklich macht, die Willkür: es ist für ihn das Los schon gezogen, er darf nur dem Lose folgen. Hier leuchtet uns auch eine Ursache ein, warum in den menschlichen Ständen aufwärts , fast durchgehends mehr Elend, Torheit und Unrecht zu finden ist als in den Ständen abwärts . Denn je weiter wir aufwärts kommen, desto weniger eigentliche Arbeit finden wir: Geschäftigkeit genug, aber nicht die peinlichen Arbeiten, die den Stachel der Torheit, Eitelkeit, Wollust stumpf machen. Es haben die Mütter in den vornehmen Häusern, und in denen, die sich über den Bürgerstand erheben, ein schrecklich Gericht über ihre Familie beschlossen, seitdem sie sich von der Erziehung der Kinder, von der Führung der Haushaltung, und von der Aufsicht über die Hausgenossen entfernt, und an die Stelle dieser wesentlichen Arbeiten bloß die zufälligen, wie Visiten zu geben und anzunehmen, haben treten lassen. Je mehr sich der Mensch von der Mutter Natur entfernt, – und diese Mutter Natur lehrt nichts anderes als: arbeite, um der Ruhe würdig zu sein – je tiefer verwickelt er sich in die Labyrinthe einer törichten Tätigkeit, die kein Heil schaffen kann, oder einer eben so törichten Untätigkeit, die nicht vor Elend bewahren kann. II. Die positiven Vorteile des Geschäftslebens sind diese zwei, daß dadurch die Kräfte des Menschen würdig geübt, um anderen nützlich werden zu können, und würdig angewandt werden, um nützlich zu sein. Sowohl jene Uebung, als diese Anwendung der Kräfte schafft uns das tröstende und stärkende Bewußtsein, unser Tagewerk vollendet zu haben, und der Achtung der Menschen, der Ruhe und Erholung, und selbst der Belohnung nicht unwürdig zu sein. III. Aber diese Vorteile des geschäftigen Lebens sind nur eine Seite desselben und heben die unzähligen Wehen nicht auf, die nach dem gewöhnlichen Gange der Dinge damit verknüpft sind. Unzählige Wehen entstehen 1. daraus, daß viele Menschen Geschäfte übernehmen, die ihren Kräften nicht angemessen sind, entweder weil die Kräfte an sich zu schwach sind, oder wenigstens durch Mangel an Vorbereitung die nötige Geschicklichkeit nicht erhalten haben. Es ist sehr komisch, oder lieber tragisch, zu sehen, wie die Kandidaten Aemter suchen. Sie wollen Versorgung, Ansehen, politischen Charakter haben: dies ist der Zweck. Um diesen Zweck zu erreichen, bieten sie sich zu allen Aemtern, Diensten, Geschäften an, die sie durch Geld, Empfehlung oder auf anderen Wegen erhalten können, ohne ihre Kräfte zu fragen, und dieselben mit den Amtspflichten zu vergleichen. Nun liegt das Amt mit allen seinen Lasten auf den ungeübten und zu schwachen Schultern. Was sich durch andere tun läßt, läßt der neue Geschäftsmann durch andere tun, aber alles kann er nicht durch andere tun lassen; er muß selbst handeln. Er verbirgt anfangs seine Unfähigkeit durch ein steifes Amtsgesicht, durch schmetternde Befehle usw. Aber diese Krücken des Ansehens brechen bald, und mit ihnen das Ansehen des neuen Geschäftsmannes. Das Geschäftsleben ist bereits ein Marterleben für ihn. Die Unwissenheit, was zu tun sei, die Zweifel, wie es zu tun sei, verwirren ihn; das Gefühl seines Unvermögens ängstigt ihn; die Wahrnehmung, daß er gefehlt habe, und die Schande, die ihm seine Fehltritte zuziehen, kreuzigen ihn. – Zu den hundert Verlegenheiten in Amtsverrichtungen und zu den öffentlichen Demütigungen von außen, gesellt sich von innen die Gewissensangst, Menschen schlecht behandelt, oder ihr Wohlsein wie immer zerstört zu haben. Unzählige Wehen entstehen 2. daraus, daß Geschäftsleute sich in Unternehmungen verwickeln oder zu Geschäftsmanipulationen verleiten lassen, die mit dem heiligen Gesetze unserer Natur nicht vereinigt werden können und nie ohne Widerspruch des unbestochenen Gewissens geschehen. Solchen fehlt es am ehrlichen guten Willen. Und wo dieser fehlt, da wird der Kaufmann ein Betrüger, der Rat ein Gesetzverdreher, der Advokat ein Schelm, der Richter ein Schikanenschmied, der Prediger eine Schmeichelkatze der Großen oder des Volkes und der Theologe ein Hahn auf dem Dache, der vom stärkeren Winde getrieben wird. Unzählige Leiden entstehen 3. daraus, daß in den öffentlichen und Privatgeschäften nicht Ordnung gehalten wird, nicht an jedem Tage, zu jeder Stunde das Notwendige und das Nächste getan, und so der Verwirrung, die aus Versäumnis und Anhäufung der Geschäfte entsteht, nicht vorgebeugt wird. Ohne den Geist der Ordnung, das heißt: ohne Erkenntnis dessen, was im Großen und im Kleinen zu tun ist, und ohne Selbstverleugnung, die alle Hindernisse überwindet, welche der Genauigkeit in Beobachtung der Amtspflichten im Wege stehen, wird das Geschäftsleben zur Quelle der Unruhe und der Zerrüttungen, des Unrechts und des Elends. Außer diesem Leid, das Nichtgebrauch oder Mißbrauch der Freiheit voraussetzt, gibt es 4. noch unzählige Leiden, die auch der beste Wille nicht verhindern, der schärfste Blick nicht voraussehen kann. Nur die Erfahrung lehrt, wie tief das sittliche Verderben ist, das die menschliche Natur befleckt, wie groß das Elend, das sie drückt, und wie gering die Kraft, die uns gegeben ist, jenes Verderben zu heilen und dieses Elend zu mindern. Wer übrigens nie den Dornenpfad des geschäftigen Lebens ging, kann sich kaum einen Begriff machen, wie die Maler lügen, die nur den Glanz und die Lust des tätigen Lebens malen. Doch sie lügen nicht immer, sie täuschen oft nur, weil sie selbst getäuscht sind.   D. Vom häuslichen Leben. Die nämliche Bemerkung bestätigt sich in Betrachtung des häuslichen Lebens. Vereinigte das häusliche Leben die Vorzüge, deren es fähig ist, die Vorzüge der Freundschaft, die Vorzüge des geselligen und geschäftigen Lebens, und die Vorzüge der Andacht und Tugend, so würde es der Würde der Menschennatur und dem offenbaren Zwecke der Familie angemessen und dadurch eine segensvolle Quelle des Wohlseins für das menschliche Geschlecht sein. Allein das Wohlsein der Familie ist wie das der Menschen, und die Menschen sind, wie sie sind, selten, und die wenigsten, wie sie sein sollten. Nehmen wir die Menschen wie sie sind und damit das häusliche Leben, wie es ist, so werden wir inne werden, daß 1. der Geschlechtstrieb , wenn er nicht geordnet ist, notwendig ein Zerstörer des häuslichen Glückes ist. Nun ist vielfach aber dieser Trieb durch den Ehestand zwar beschränkt, aber dadurch nicht geordnet. Wenn aber der Geschlechtstrieb nicht in Ordnung gebracht und in Ordnung gehalten wird, so ist kein Unrecht, zu dem er nicht versuchen, und keine Zerrüttung, die er nicht anrichten kann. Die Geschichte aller Völker sagt es uns, daß diesem ungebändigten Triebe kein Band des Blutes, der Ehe, des Eides, des Gesetzes heilig ist. Er durchbricht alle Dämme gegen das Laster, er erstickt alle Warnungsstimmen des Gewissens, löst alle Bande der Geselligkeit und Freundschaft, richtet alle Verwüstungen an, die eine herrschende Leidenschaft nur anrichten kann, und opfert Reichtum, Ehre, Gesundheit, Ruhe, Leben, Tugend, alles der Befriedigung seiner selbst. Wir werden 2. inne werden, daß auch die übrigen Leidenschaften , die Ruhmsucht, der Neid, die Geldliebe, der unbezähmte Hang zu Ergötzungen aller Art, keine geringen Feinde der häuslichen Ruhe, Eintracht, Zufriedenheit, und diese nicht selten sind. Wir werden 3. inne werden, daß besonders die Eifersucht zu den Geißeln gehört, die alle wahre Freude aus den Familien hinauspeitschen, und daß diese Geißel nicht selten ist. Wir werden 4. inne werden, daß ohne Sinn für Unschuld und Güte , ohne Geschmack an Redlichkeit , an Einfalt des Herzens, an prachtloser Reinlichkeit u. ä. sich keine dauerhafte häusliche Freude denken läßt, und daß dieser Sinn nicht allgemein ist. Wir werden 5. inne werden, daß die drückenden Wohnungs - und Nahrungssorgen einen großen Teil Menschen das häusliche Glück nie recht schmecken lassen, und daß auch diese drückenden Sorgen nicht selten sind. Von dem ersten Zerstörer des häuslichen Glückes muß ich, um unseres Zeitalters willen, die höchst traurige und ganz wahre Bemerkung, hier nach- oder wiederholen, daß nichts an sich das häusliche Glück so sehr hindert, als die frühe und die zügellose Wollust, die in volkreicheren und dem Luxus hingegebenen Städten und Ländern immer allgemeiner wird und werden muß: die frühe Wollust, die das Geschlecht zur Ehe untüchtig macht, und die unbändige Wollust, die die heilsame Fessel der Ehe nicht mehr tragen kann, und die wohltätigste Beschränkung als ein tyrannisches Joch abschüttelt und verschreit! – – Nur noch den Wunsch habe ich, daß mich die nächste Generation in diesem Punkte widerlegen möchte!   E. Vom einsamen Leben. Teils die Erfahrungen von den Lasten des geselligen Lebens, teils der Trieb nach dem Besseren, teils andere Bedürfnisse unserer Natur, haben zu allen Zeiten Menschen der Einsamkeit gewonnen. I. Die Einsamkeit ist 1. eine Freistätte des ruhigen, ungestörten Nachdenkens . Sie kann uns gesellig mit uns und vertraut mit dem wahren Werte der Dinge machen. Die Gedanken, von denen man sagt, daß sie zollfrei seien, sind doch nirgends zollfreier als in der Einsamkeit. Abgeschieden von anderen, können wir unsere Kräfte und Schwächen, unsere Selbstbetrüge und Fehltritte an unserem geistigen Auge vorüberziehen lassen. Zurückgetreten aus dem Getümmel, können wir das Leere der Welttorheiten, die sie Plaisiers nennen, fühlen und die Probe machen, daß unser wahres Glück von uns, in uns gefunden werden kann, wenn wir es am rechten Orte suchen, und daß es uns nur an Mut fehle »mit Gott in uns« zu leben. Wenn wir in einsamen Stunden die prächtigen Hoffnungen, außer uns Freude zu finden, mit dem Gefundenen vergleichen, so lernen wir die Traumgestalten der Dinge als solche kennen und es hat die Einsamkeit für uns etwas von dem Verdienste, das Claudius dem Tode mit Recht ausschließlich zuschreibt: Sie zieht den Dingen die Regenbogenhaut ab. – Es gedeihen auch in der Einsamkeit alle Arbeiten, die Nachdenken fordern, besser. Die Seele, entlastet von den Gegenständen des Lebens-Marktes, tut schärfere Blicke in das Gebiet des Menschen, der Wissenschaften, der Künste, der Religion. Die Einsamkeit ist 2. dem Andächtigen ein Tempel des Gebetes . Die durchwachten Nächte der einsamen Weisen sind mindestens so berühmt als die durchschwärmten Nächte der Toren. Man muß die Kräfte zuerst in sich sammeln, um sie zur Urquelle alles Guten erheben zu können; man muß bei sich selbst wohnen, um sich dem Allerhöchsten zu weihen. Dieses Sammeln der zerstreuten und dieses Festhalten der gesammelten Kräfte, kann uns durch die Einsamkeit wenigstens erleichtert werden. Die Einsamkeit ist 3. wie ein Heiligtum der Freundschaft zur freieren Ergießung des Herzens . – Die wahre Liebe ist züchtig und scheut den müßigen Zuschauer. Die Einsamkeit ist 4. ein Labsal , und oft das einzige des Leidenden , weil sie ihm Gelegenheit schafft, sich ausweinen, dem gepreßten Herzen Luft zu machen, und unbemerkt Hilfe über den Sternen suchen zu können. Die Einsamkeit ist 5. dem, der tugendhaft werden möchte, ein wichtiges, unentbehrliches Noviziat, eine Uebungsanstalt, die alle Weisen zu allen Zeiten empfohlen haben. Man muß der Freuden des Umgangs entbehren, und die Zerstreuungen der Gesellschaft sich versagen lernen, um einen Vorgeschmack jener Unabhängigkeit zu bekommen, ohne die der menschliche Geist nie lebendig fühlen kann, daß er lebe ; indem ihn sonst die äußeren Gegenstände oder die Wünsche seines Herzens ohne Unterlaß beherrschen. Die Einsamkeit ist 6. ein vielfaches Bedürfnis des durch gesellschaftliche und geschäftliche Verpflichtungen beschwerten Menschen. Er sucht Einsamkeit, um sich vor dem Mißmut, diesem natürlichen Kinde der Gesellschaft, zu bewahren; um die abgelaufene Uhr wieder aufzuziehen; er sucht Einsamkeit, um das Gemüt von Ueberdruß und Ekel zu heilen, der im Gewirre der Gesellschaft kaum zu vermeiden ist; er sucht Einsamkeit, und entfernt sich vom Schauplatze, um sich in die Rolle, die er spielen muß, hineinzudenken und würdiger aufzutreten, die Entwürfe zu ordnen, die öffentlich ausgeführt werden müssen; er sucht Einsamkeit, um seinem Charakter die Eigentümlichkeit wiederzugeben, die ihm die fremden Gestalten und die törichte Nachahmung geraubt haben; er sucht Einsamkeit, um sich gegen die Eindrücke des Bösen und des Unangenehmen, denen die Gesellschaft ihn preisgibt, abzuhärten, und die Grundsätze sich noch tiefer einzugraben, die seine unsichtbare Wagenburg auf dem Kampfplatze der menschlichen Leidenschaften sein müssen. Hieraus läßt sich erklären, warum alle großen Männer Freunde der Einsamkeit waren, und daß man auf die Naturstimme: »Ich will allein sein«, mehr zu achten habe, als auf das Gesumme der Schmetterlinge, die nie zu hoch kommen, weil sie immer außer sich umher fliegen. II. Aber diese Vorteile gewährt die Einsamkeit nur denen, die von ihr guten Gebrauch machen; denn sie ist es ja eben, die durch Greueltaten entweiht, durch Ausbrütung der schwärzesten Absichten und der abscheulichsten Gedanken mißbraucht werden kann, und leider mißbraucht wird. Wohl dem, der die Einsamkeit nie sucht, als um der Wahrheit willen, und in der Einsamkeit sich stets so beträgt, daß er vor den Augen des Allsehenden nie erröten muß, allein gewesen zu sein, – und die Einsamkeit nie verläßt, ohne irgend einen guten Gedanken, eine edle Empfindung, einen kräftigen Trost, einen menschenwürdigen Vorsatz in die Gesellschaft mitzunehmen. Das heißt gewiß: die Einsamkeit gut gebrauchen.   F. Vom Landleben. An die Einsamkeit grenzt das Landleben , das für die eigentlichen Landleute und für die Freunde des Landlebens sehr wohltätig werden könnte, wenn die Menschen ihrem eigenen Wohlsein nicht so hartnäckig im Wege stünden. I. Doch gibt es einen Segen des Landlebens für die Landleute, der nicht sonderlich von ihrer Mitarbeit abhängt. Das Landleben erhält die Arbeitenden bei einer einfacheren, kunstloseren und natürlicheren Lebensart, und in dem glücklichen Mangel an so vielen unnatürlichen, erkünstelten, vervielfältigten Bedürfnissen der Städter. Auf diese Weise bleiben sie verschont von all dem Unrat, mit dem der Luxus in Buchstabenkenntnis, Kleidung, Nahrung, Ergötzung usw. die großen Städte überschwemmt. Andere Vorteile gewährt das Landleben nur denen, die Sinn für diesen »praktischen Lehrer der Weisheit« haben. Dieser praktische Lehrer erinnert uns 1. an unseren Gott. Die ganze Natur trägt Spuren Gottes. Aber wenn man unter Kornfeldern dahergeht, da trifft man, wie der glückliche Bauer singt: »Gott gleichsam auf der Tat mit Segen in der Hand und siehts vor Augen wie er frisch die volle Hand ausstreckt und wie er einen großen Tisch für alle Wesen deckt.« Unseres Gottes Allmacht und Liebe leuchtet in allen seinen Werken hervor; aber die Aecker und Weinberge sind doch ein besonderer Schauplatz seiner Fürsorge, wo er seine Gaben hervorbringt, und für uns Tisch und Becher füllt. Dieser praktische Lehrer erinnert uns 2. an die Unentbehrlichkeit dessen, was tausende für entbehrlich halten, und an die Entbehrlichkeit dessen, was andere in ihren Träumen für unentbehrlich zum wahren Wohlsein halten; widerlegt die krassen Vorurteile von menschlicher Glückseligkeit, denen wir in unseren Städten dienen. Wer den Wert der Arbeit noch nicht kennt, der gehe auf das Land und lerne, was der Mensch tun muß, damit Brot auf unseren Tisch komme, oder aus dem Flachs eine Decke für unseren Leib bereitet werde. Und gerade diese Menschenklasse, die uns die Unentbehrlichkeit der Arbeit so anschaulich macht, beweist uns andererseits die Entbehrlichkeit so mancher Dinge, die wir Toren für unentbehrlich halten. Wenn wir auf dem Lande Menschen sehen, die in keinen Palästen wohnen, sich nicht in Gold und Seide kleiden, mit gewöhnlicher Speise zufrieden sind, mit Wasser und anderen wohlfeilen Getränken den Durst stillen, den ganzen Tag mit harten, rauhen Arbeiten zubringen, und bei alledem gesund, wohltätig, treu, gottesfürchtig, froh und munter sind, so muß es uns in den Augenblicken des stillen Nachdenkens wohl oft durch den Sinn fahren: Sieh, das Glück, das du suchst, liegt nicht in geschmückten Wohnungen, kostbaren Kleidern, wohlgedeckten Tafeln, berauschenden Getränken, gelehrten Disputen, glänzenden Gesellschaften. Sieh, der Mensch braucht sehr wenig, um vergnügt zu sein, braucht nur treu zu sein dem Winke seines Gottes, und er ist so glücklich, als ein Mensch hier sein kann. Sieh, die wohlfeilsten Vergnügungen sind dem Arbeiter ungleich schmackhafter, als die kostbarsten dem Weltmanne sind. Dieser praktische Lehrer erinnert uns 3. an ein Land, wo der Arbeit Ruhe, der Tugend Genuß, der Geduld Errettung und dem unersättlichen Durste nach Glückseligkeit die wahre Glückseligkeit aufbehalten ist. Viel Elend und kein erträumtes, sondern wirkliches Elend drückt oft auch die treuen und frommen Landleute. Wenn man aber bedenkt, wie sie manchmal nach blutiger Arbeit von Hagel, Wild, Soldaten, Junkern, Jägern ihr sauer Erarbeitetes zerstört sehen müssen, wie sie für ihre Abgaben, die sie entrichten, oft wenig von all den wohltätigen Schutzwehren, Unterstützungen und Beihilfen, die von guten Beamten, Seelsorgern, Schullehrern, Aerzten den Untertanen zufließen könnten, für ihre Gesundheit, Ehre, Vermögen, Weiber, Kinder erhalten, wenn man oft das namenlose Elend in den Hütten mancher Landarbeiter ansehen muß und nicht Hilfe schaffen kann, so wird man sich kaum erwehren können zu glauben: der Mensch ist doch für etwas Besseres erschaffen, als daß er die Erdschollen zerschlagen, mit Pflug, Sichel und Dreschflegel sich plagen und dann, ganz wie er ist, modern sollte. II. Das Landleben kann aber nur dieser praktische Lehrer für uns werden , kann uns nur an Gott, an unser wahres Wohlsein erinnern . Und auch das nur wenigen . Denn die meisten Stadtleute , die nur etliche Monate von der Landluft, wie sie sagen, profitieren, profitieren sehr wenig von dem praktischen Lehramt des Landlebens, bringen gewöhnlich den Stadtton in ihre Landhäuser und Schlösser mit und haben, teils um sich die Langeweile zu ersparen, teils um den Wohlstand nicht zu beleidigen, teils um ihre Neigungen zu befriedigen, soviele Besuche zu geben und anzunehmen, daß sie auf dem Lande so wenig zu sich kommen als in den Städten. Die Gelehrten stecken großenteils zu tief in den Büchern, als daß sie sich dem Eindruck des blauen Himmels und der Ahnung dessen, was über den Sternen ist, frei überlassen könnten. Viele scheinen auch sich für zu weise zu halten, als daß sie zur Ameise, oder dem Feldhirten oder der Hausmutter noch in die Schule gehen sollten. Die eigentlichen Landleute , die vom Ackerbau oder Weinbau oder von der Viehzucht oder von allen dreien leben, genießen wohl auch nur einen geringen Teil von dem Glücke, dessen sie ihr Beruf empfänglich machen könnte. Roheit und Unwissenheit, tiefgewurzelter Haß gegen alle Verbesserungen ihres Zustandes, Nachahmung der Stadtsitten, Mechanismus ihrer Religionsbegriffe und Religionsübungen, starrer Eigensinn und beispielloser Eigennutz, der um Kleinigkeiten willen große Prozesse führt, lassen einen großen Teil des Landvolkes nicht zu einer Fassung des Gemütes kommen, ohne die kein Mensch gut und dauerhaft froh werden kann.   G. Schlußbemerkungen zum achten Kapitel Anmerkung. Sailer kommt auf das Los der Industriearbeiter und alles das, was uns heute das Proletariat ist und bedeutet deswegen nicht eigens zu sprechen, weil ihm und seinen Zeitgenossen dieses Problem als solches nicht bekannt war. Es ist aber kein Zweifel, wie er sich dazu stellen würde. Wenn wir nun alle diese gewiß parteilosen Betrachtungen über geselliges und einsames, Stadt- und Land-, Geschäfts- und häusliches Leben zusammenfassen, so lernen wir daraus, daß weder Gesellschaft noch Einsamkeit, weder Stadt- noch Landleben, weder Geschäfts- noch häusliches Leben durch sich selbst gut oder wahrhaft froh machen kann, sondern daß es überall in allen diesen Verhältnissen 1. Auf den Blick des Menschen ankommt, ob er die Einflüsse, den diese Lebensweisen auf sein oder fremdes Gut- und Wohlsein, Böse- und Elendsein haben können, richtig bemerke; 2. Auf den Mut des Menschen, ob er groß und edel genug sei, um sich von Torheit, Laster, und selbstgemachtem Elend zu bewahren, und die Anlässe zum Recht- und Wohltun standhaft zu benutzen; 3. Auf den Blick und Willen seiner Mitmenschen , ob sie ihm das Gut- und Wohlsein erschweren oder erleichtern mögen, 4. Auf eine höhere , über die Menschen erhabene Macht , die wir sonst die Urquelle alles Guten nennen, die die Keime der Dinge sowohl als die Zügel der Begebenheiten vor unserem Blicke verbirgt und die wir in ihrem unerforschlichen Gange anbeten, aber nicht erklären können. Wir lernen ferner daraus, daß weder das gesellige noch einsame, weder das Stadt- noch Land-, weder das Geschäfts- noch häusliche Leben ohne Selbstverleugnung, ohne Bekämpfung der Sinnlichkeit durch die Vernunft unser Gut- und Wohlsein fördern kann. – – – »Lasset euer Licht leuchten vor den Menschen, damit die eure guten Werke sehen, und euren Vater, der in den Himmeln ist, preisen. Eure Rede sei Ja, ja, Nein, nein. Seid einfältig wie die Tauben, und klug wie die Schlangen. Ihr seid das Salz der Erde; wenn nun das Salz schal wird, womit soll man es wiedersalzen? Meidet allen bösen Schein. Seht, daß eure Freiheit nicht dem Schwachen zum Anstoße werde. Niemand suche, was sein ist, sondern ein jeder suche, was des andern ist. Es müssen Aergernisse kommen, aber wehe den, durch den sie kommen. Jesus ward von dem Geiste in die Einöde getrieben. Wenn du betest, so geh in deine Kammer, und schließ die Tür zu, und bete zu deinem Vater im Verborgenen, und dein Vater, der im Verborgenen sieht, wird dirs vergelten. Jesus entließ das Volk, und ging allein auf den Berg, um da zu beten, und am Abende war er allein da. Von dem häuslichen und ländlichen Leben nahm Jesus seine meisten Gleichnisse, teils um seine göttlichen Gedanken in ein Gefäß zu legen, teils um uns auch einen Wink zu geben, wie unsere Betrachtungen bei ähnlichen Anlässen beschaffen sein könnten und sollten. Neuntes Kapitel. Von dem Verhältnis besonderer Berufsarten und Aemter zum Glücklichsein der Menschen   A. Vom Regierungsamte. Regierung, bürgerliche Verfassung, Gesetzgebung – ein willkommenes Feld für flache Köpfe, um in das Blaue hinaus zu urteilen, zu reden, zu schreiben – und ein würdiger Gegenstand zur Betrachtung für Menschen, die klare Köpfe und reine Herzen haben. Um das Verhältnis der Regierung zum Gut- und Wohlsein der Menschen genau bestimmen zu können, will ich zuerst einen Mann von dem Wesen aller bürgerlichen Verfassungen sprechen lassen, der rein und weise genug war, die Wahrheit richtig zu sehen und nüchtern vorzutragen, und der es wert ist, besonders in unseren Tagen gehört zu werden, weil er sie vorausgesagt hat. I. Fenelons , des Weisen und des Guten, Grundsätze . Alle Nationen der Erde sind weiter nichts als verschiedene Familien, die eine Republik ausmachen, und Gott als gemeinsamen Vater haben. Das natürliche, allgemeine Gesetz, nach dem der Vater jede Familie will regiert wissen, ist dieses: Das allgemeine Beste muß dem Privatbesten vorgezogen werden. Wenn die Menschen diesem natürlichen Gesetze genau nachlebten, so würde jeder aus Grundsätzen der Vernunft und Freundschaft das sein, was er jetzt nur aus Furcht oder Eigennutz ist. Aber die Leidenschaften verblenden uns unglücklicherweise, verderben und hindern uns, daß wir dieses große weise Gesetz nicht klar genug erkennen, und nicht von ganzem Herzen achten und vollbringen. Und so entstand die Notwendigkeit dies allgemeine, natürliche Gesetz durch bürgerliche Gesetze zu erklären und zu vollstrecken. Es mußte also eine höchste Autorität festgestellt werden, eine Vollmacht, die den letzten entscheidenden Ausspruch tut, und zu der, als der Quelle der politischen Einheit und der bürgerlichen Ordnung, alle Menschen einer Gesellschaft Zuflucht nehmen können. Sonst gäbe es so viel willkürliche Regimente als Köpfe. Die Liebe zum Volke, das gemeine Beste, das allgemeine Interesse der Gesellschaft ist also das unveränderliche und allumfassende Gesetz aller Herrscher. Dieses Gesetz ist älter als alle Verträge, ist gegründet in der Natur selbst. Dieses Gesetz ist die Quelle und die sichere Regel aller anderen Gesetze. Wer die Vollmacht zu gebieten hat, der muß der erste und der gehorsamste Untertan dieses ersten Gesetzes sein. Er hat Vollmacht über sein ganzes Volk, aber dieses Gesetz muß die Vollmacht über ihn haben. Der gemeinsame Vater der großen Familie hat ihm seine Kinder aus keiner anderen Absicht anvertraut, als um sie glücklich zu machen. Er will, daß ein Mensch durch seine Weisheit der Glückseligkeit so vieler Menschen dienen soll, will aber nicht, daß so viele Menschen durch ihr Elend weiter zu nichts anderem dienen sollen, als dem Hochmut eines einzigen zu schmeicheln. Gott macht Einen zum Herrscher, aber nicht um des Einen willen. Dieser Eine ist Herrscher, um es für das Volk zu sein, und er ist der obersten Gewalt nicht wert, außer insofern er seiner wahrhaft vergessen kann, um für das gemeine Beste zu sorgen. Der tyrannische Despotismus der Herrscher ist ein Eingriff in die Rechte der menschlichen Brüderschaft, ist ein Wagstück, das große und weise Naturgesetz umzustürzen, das sie doch aufrecht halten sollten. Der Despotismus des Volkes ist eine blinde und törichte Macht, die gegen sich selbst angeht. Und ein Volk, durch zügellose Freiheitsliebe verdorben, ist der unerträglichste Tyrann aus allen Tyrannen. Die Weisheit aller Regierung besteht also darin, daß man das Mittel zwischen diesen zwei schrecklichen Extremen (dem Despotismus der Regenten und der Tyrannei des Volkes) ausfindig mache und dies Mittel heißt: » Freiheit, gemäßigt durch die Autorität der Gesetze «. Aber die Menschen, blind und ihre eigenen Feinde, konnten sich auf dieser schönen Mittelbahn zwischen Abgrund und Abgrund nicht festhalten. Trauriger Zustand der menschlichen Natur! Die Regenten, eifersüchtig auf ihre Autorität, wollen die Grenzen, die dieselbe beschränken, immer weiter hinausrücken, und die Völker, blind eingenommen für ihre Freiheit, wollen den Zaun, der ihre Freiheit beschränkt, immer weiter machen. Es ist indes ohne Vergleich besser, gewisse, in allen noch so gut eingerichteten Staaten unvermeidliche, Uebel aus Liebe zur Ordnung zu tragen, als das Joch aller Autorität abzuschütteln, und sich dadurch den unzähligen Ausbrüchen der Volkswut hinzugeben, die kein Maß und kein Gesetz kennt. Ist also einmal die höchste Autorität durch die Grundgesetze festgestellt, sei sie nachher auch einem, oder wenigen, oder mehreren in die Hände gegeben, so muß man die Mißbräuche der höchsten Gewalt dulden, wenn man ihnen nicht anders abhelfen kann, als auf Wegen, die mit der Ordnung nimmer vereinbar sind. Alle Regierungsformen sind notwendig unvollkommen, weil man die Autorität nur Menschen anvertrauen kann, und alle Regierungsformen sind gut, wenn die, welche regieren, das große Gesetz des allgemeinen Besten als einzige Richtschnur nehmen. In der Ideenwelt scheinen gewisse Regierungsformen besser als andere, aber hier unter dem Monde, in der wirklichen Welt, sind alle fast einander gleich, haben über kurz oder lang, mit den gleichen Uebeln zu kämpfen, weil es eben überall auf den Menschen ankommt , und diese, an Schwäche und Verderbnis einander ziemlich gleich, den nämlichen Leidenschaften unterworfen sind. Es sind doch nur zwei oder drei Köpfe, die den Monarchen oder Staat ziehen, wohin sie wollen. Man wird also das Wohl des Menschengeschlechtes nicht in Aenderung oder Umwerfung der festgesetzten Regierungsformen finden, sondern dadurch wird man es fördern, daß man den Regenten die Ueberzeugung ins Herz legt: Die Sicherheit ihrer Autorität hänge von dem Wohlsein ihrer Untertanen ab – und den Völkern: Ihr wahres Wohlsein fordere unumgänglich Unterwerfung. Freiheit ohne Ordnung ist Zügellosigkeit , die den Despotismus nach sich zieht. Ordnung ohne Freiheit ist Sklaverei , die sich in Anarchie auflöst. Auf der einen Seite muß man die Inhaber der höchsten Regierungsgewalt belehren, daß eine Macht ohne Grenzen weiter nichts sei, als eine Fieberwut, die ihre eigene Autorität zu Grunde richtet. Wenn sie sich daran gewöhnen, kein anderes Gesetz als ihren Willen zu erfüllen, so untergraben sie selbst die Grundsätze ihrer Macht; es wird schnell und gewaltsam eine Staatsumwälzung kommen, die, statt das Uebermaß ihrer Autorität zu begrenzen, sie, die Autorität selbst, ohne Rettung zertrümmern wird. Auf der anderen Seite muß man die Völker belehren, daß die Regenten dem Haß, der Eifersucht und den unfreiwilligen Mißgriffen, die schreckliche aber unvorhergesehene Folgen haben, Preis gegeben seien, und man sie also bedauern und entschuldigen müsse. Die Menschen sind unglücklich, daß sie regiert werden von Einem, der auch nur ein Mensch ist wie sie. Aber die Inhaber der höchsten Regierungsgewalt sind nicht weniger unglücklich, daß sie, indem sie nur Menschen sind, d. h. schwache und unvollkommene Geschöpfe, eine unzählige Menge Menschen regieren müssen, die mehr oder weniger verdorben sind. Durch diese Grundsätze, die sich auf alle Staaten anwenden lassen, kann man die Freiheit des Volkes mit dem schuldigen Gehorsam gegen seine Regenten vereinigen und die Menschen zugleich zu guten Bürgern und treuen Untertanen machen, die Untertan sind, ohne Sklaven, und frei ohne zügellos zu sein. Die reine Liebe zur Ordnung ist also die Quelle aller Tugenden, sowohl der politischen als der göttlichen.« II. Die Anwendung dieser Grundsätze . Nach diesen Grundsätzen, die von dem heiligen Gesetze unserer Natur ausgehen und auf Handhabung desselben abzielen, läßt sich das Verhältnis der Regierung zu unserem Gut- und Wohlsein in vier Sätzen bestimmen. 1. Die schlechteste Regierung ist noch besser als gar keine. Denn auch die schlechteste Regierung muß, wenigstens um sich erhalten zu können, den Bürgern noch einige Vorteile gewähren, die ohne Regierung wegfallen würden. Dergleichen Vorteile sind: Einige Sicherheit des Eigentums, der Personen; einige Rechtspflege in den vorfallenden Streitigkeiten unter den Bürgern; einige Rücksicht auf Fähigkeiten in Verteilung der Aemter; einige Regungen des Patriotismus; einige Begünstigungen der bürgerlichen Freiheit. Denke man sich Menschen ohne alle bürgerliche Verfassung, und vergleiche sie mit den Menschen, die Bürger sind, so wird man finden, daß auch die schlechteste Regierung noch eine Wohltat für die Menschen ist. Es ist traurig, daß die Untertanen ihrer Regierung manchmal den Schweiß ihres Angesichtes unter Form einer Abgabe darbringen müssen, aber wären wir denn glücklicher daran, wenn wir einsam lebten und unser sauererworbenes Vermögen dem Faustrechte des Mächtigeren zur Beute würde? Es ist traurig, daß der Soldat manchmal die letzten Pfennige des Nährstandes aufzehrt, aber wären wir denn glücklicher daran, wenn wir wie wehrlose Schafe herumirrten, und unser Gut und Blut dem wilderen Nachbar zum Opfer würde? Es ist traurig, daß die Aemter manchmal an die Meistbietenden verkauft werden, aber wären wir denn glücklicher daran, wenn wir ohne öffentliches Recht und Gesetz, ohne Schutz und Unterstützung dahinleben müßten? Es ist traurig, daß manchmal die Prozeßsucht der Bürger, manchmal die Geldsucht der Advokaten, manchmal die Parteilichkeit der Richter die unschuldigen Bürger für schuldig erklärt und die Reichen arm macht, aber wären wir denn glücklicher daran, wenn jeder Selbstrache nehmen, und der Wildere, Stärkere, Grausamere unter dem Titel der Selbstverteidigung oder ohne alle Titel, alle jene Greuel an uns ausüben dürfte, die die versunkenste Obrigkeit sich nicht erlaubte? 2. Je schlechter die Regierung, desto näher ihre Zertrümmerung. Denn je weiter sie sich selbst von dem Gesetze der Ordnung, das aller Regierung wesentlich ist, entfernt, desto schneller und allgemeiner lösen sich in den übrigen Teilen des Staates die Bande, die den ganzen Körper binden, und wenn diese Bande gelöst sind, so ist die politische Einigung dahin. Je weiter die Regierung von der Ordnung abweicht, desto mehr Verachtung wälzt sie auf sich; je mehr Verachtung auf der Autorität liegt, desto ohnmächtiger wird sie; und nach immer größeren Ohnmächten folgt endlich der Tod. 3. Je besser die Regierung, desto wohltätiger für den ganzen Körper, und desto dauerhafter. Je mehr die, die an der Regierung teil haben, sich selbst an das Gesetz der Ordnung halten, desto besser sind sie, und je besser sie sind, desto fester verknüpft sich in den übrigen Gliedern der Gehorsam mit der bürgerlichen Freiheit, und die Freiheit mit der Ordnung, und je fester diese Verknüpfung, desto weniger Druck für die Gehorchenden und desto mehr Achtung für die Befehlenden. Jenes macht die Wohltätigkeit, dieses die Dauer der Regierung aus. Wenn auch eine versunkene Regierung, als Regierung, noch etwas Gutes schaffen kann und muß, was könnte eine Regierung wirken, die wäre, was sie sein sollte? Welcher Segen für die Menschen, wenn der Inhaber der höchsten Regierungsgewalt der erste Repräsentant der Milde und Weisheit Gottes, die Minister die nächsten Organe solchen Sinnes, und die Unterbeamten treue Vollzieher der höchsten Befehle wären? 4. Auch die allerbeste Regierung kann die Religion, den stillen reinen Sinn für Gott und Unsterblichkeit, nicht entbehrlich machen. Unter die giftigsten Vorurteile gehört dieses: »Wozu Religion? Gesetzgebung, Politik, 600 000 Mann auf den Beinen wirken mehr als alle Religion.« Ich habe allen Respekte vor 600 000 Mann und vor der Gesetzgebung und Politik, aber die Religion wird dadurch nicht entbehrlich. Denn, was kann die Regierung und was kann sie nicht? a) Sie kann das Volk reich und sicher machen, wenn sie will, und die Untertanen wollen, und der Eine große Weltregent will. Aber der Mensch bedarf zu seinem ganzen Glücke etwas mehr, als reich und sicher zu sein. Der Mensch hat ein Herz im Leibe, das Leidenschaften tyrannisieren, Furcht vor der Zukunft martern, der Selbsttadel des Gewissens foltern, allerlei Wünsche kreuzigen können. Ohne ruhiges, heiteres Gemüt, ohne innere Freude oder Hoffnung besserer Freuden, gibt es kein wahres Glück auf Erden. Das ist unleugbar. Die Ruhe des Herzens aber können 600 000 Mann auf den Beinen mir nicht geben. Den Feind von den Grenzen des Vaterlandes können sie vertreiben, aber den Feind, den jeder in seinem Herzen trägt, die Leidenschaft, sie nicht besiegen. Die dauerhafte Heiterkeit des Geistes können mir alle Goldminen und Fabriken und Münzstätten nicht geben. Und wenn man mich in allen fünf Weltteilen als unschuldig ausschreiben ließe, und ich wäre es nicht, mein Gewissen wäre dadurch nicht beruhigt. Der Mensch muß gutgesinnt sein, um glücklich zu sein, und diese gute Gesinnung kann ihm kein Korporalstock hineinschlagen, kein Zepter hineingebieten, diese gute Gesinnung kommt aus einer anderen Quelle, sie ist nur da, wo die Religion lebt und herrscht. b) Der Mensch hat mit vielem Jammer, von innen und von außen, zu kämpfen, und am Ende legt er sich nieder und stirbt, und ehe er stirbt, tötet ihn die Todesfurcht, Welches Elend! Könnten nun alle Kriegsarmeen in Europa, wenn sie sich um das Sterbelager des Hartröchelnden versammelten, ihm das harte Röcheln leichter machen? Könnten ihm alle Gesetzbücher der Welt mit ihren Executoren, wenn sie um das Bett herumgestellt würden, könnte ihm aller Perlenschmuck, wenn er dem sterbenden Auge vorgehalten würde, den Abzug aus dieser Sichtbarkeit leichter machen? Ach, das Auge kann den Perlenschmuck nimmer sehen, und das Ohr nimmer hören den Buchstaben des Gesetzbuches. Nur lebendiger Glaube an Gott und Unsterblichkeit mag da trösten, wo alles Sterbliche stirbt, oder wenigstens für den Sterbenden seinen Wert verloren hat. c) Mehr noch, man kann mit aller Schärfe des Begriffs und des Ausdrucks sagen: Der Mensch ist in der Ordnung der Natur eher Mensch als Bürger. Und wenn man das auch nicht sagen könnte, so bleibt es doch unwiderleglich, daß der Staat nur aus einzelnen Menschen besteht. Was also den Menschen als Menschen nicht glücklich machen kann, das kann ihn auch als Bürger niemals glücklich machen. Deswegen können Reichtum und sicherer Genuß den Menschen nicht glücklich machen, wenn er nicht Weisheit und Güte hat, den Reichtum recht zu gebrauchen, Festigkeit des Sinnes, der hinfälligen Güter entbehren zu können, und Religion, um in der Urquelle alles Guten die rechte, ewige Ruhe zu suchen und zu finden. Diese Weisheit, diese Güte, diese Festigkeit des Sinnes, diese lebendige Religion, die der Mensch bedarf, bedarf ebenso der Bürger, um glücklich zu sein; denn der Bürger und der Mensch sind Eine Person; der Staat als solcher aber kann sie ihm nicht geben. d) Ich habe gesagt: die Regierung kann die Bürger reich und sicher machen, wenn sie will. Aber daß sie wolle, dazu bedarf sie selbst der Religion. Denn da sie die höchste Gewalt in ihrer Hand hat, da sie auf Erden keine anerkennt, vor der sie sich zu verantworten hätte, was kann Zaum für sie sein, wenn es die Religion nicht ist? Der Regent kann Vater seiner Untertanen sein – aber auch Tyrann; er kann den verdienstvollen Mann belohnen – aber auch den schwarzen Verbrecher; er kann den Schweiß der Untertanen zur Sicherheit des Landes verwenden – aber auch zur Schwelgerei; er kann die Bürger wie Kinder ansehen – aber auch wie eine Herde Schafe, die zu seinem Gebote stehen; er kann ein weiser Beherrscher seines Staates sein – aber auch ein Sklave seiner Leidenschaften. Was kann nun den Mann, der die höchste Gewalt in seiner Hand hat, in Zaum halten, daß er Vater ist und nicht Tyrann, Abgabe nimmt und nicht Blut fordert, die Treue belohnt und nicht das Verbrechen, erster Diener der Ordnung ist und nicht seiner Gelüste Knecht? Nichts, nichts als praktischer Glaube an eine höhere unsichtbare Gewalt, der auch Könige Untertan sind, an einen Herrn, dessen Knechte auch Fürsten sind. Ohne Religion wird gar bald der Grundsatz allgemein: Was den Fürsten gelüstet, das ist recht – und wenn dieser Grundsatz gilt: dann wehe den Untertanen, und wehe den Herrschern! e) die Regierung kann endlich durch Gesetzgebung, Aufsicht und Bestrafung nur einige größere Aeußerungen der Leidenschaft hemmen, und dadurch die Besseren bewahren, aber die Bösen nicht selbst gut und die Besseren nicht selbst noch besser machen. III. Schlußfolgerungen. 1. Alle Vorteile, die eine Regierung bringen kann, bestehen darin, daß das, was außer dem Menschen, um den Menschen ist, still, ruhig, sicher wird, und daß einige gröbere Ausbrüche der Leidenschaften aus Furcht zeitlicher Strafen unterbleiben; aber das, was inwendig im Menschen ist, den Willen, kann sie nicht gut und nicht ruhig machen: also ist sie ein Mittel nicht sowohl zur inneren Ruhe des Menschen als zur äußeren Stille um den Menschen. 2. Wenn man auch sagt, es sei erster Grundsatz einer weisen Regierung, daß sie für die lebendige Religion der Bürger sorge, so bleibt es doch wahr, daß es eigentlich und unmittelbar nicht die Regierung, sondern die Religion ist, die das Inwendige des Menschen, den Geist, gut und ruhig macht. 3. Die Lasten, die auch mit einer guten Regierung notwendig verbunden sind, machen die Selbstverleugnung auch von der Seite notwendig, insofern jede neue Last ohne Selbstverleugnung, sowohl die Achtung für das heilige Gesetz in uns erschwert, als das Wohlsein stört. Jesus: Mein Reich ist nicht von dieser Welt: Gebet dem Kaiser, was des Kaisers, und Gott, was Gottes ist. Paulus: Es ist keine Obrigkeit als von Gott: Gott hat alle Obrigkeit, die ist, verordnet, wer sich also der Obrigkeit widersetzt, der hat sich wider Gottes Verordnung empört. Die Obrigkeit ist eine Dienerin Gottes zum Besten des Menschen. Petrus: Achtet alle, liebet die Brüder, fürchtet Gott, ehrt den König.   B. Vom Lehramte. I. Wie die bürgerliche Gesetzgebung durch Autorität, so hat das Lehramt durch Ueberzeugung Einfluß auf das Wohl der Menschen. Dadurch, daß mehrere Männer zur ferneren Bildung der heranwachsenden Generation aufgestellt und besoldet werden, durch die Anstalten der niederen und hohen Schulen, Akademien, Universitäten usw., wird öffentliche Erziehung wirklich und allgemein. Diese aber ist eine große Wohltat für das Menschengeschlecht. Es wird Wetteifer unter den Mitlehrern und Nacheiferung unter den Lernenden rege; viel guter Same in die jungen Herzen ausgesät; nicht selten Zucht und Beispiel mit dem Worte verbunden; den Eltern ein Teil von der Last der häuslichen Erziehung abgenommen; dem Staate Anlaß gegeben, die besseren Talente der jungen Bürger kennen zu lernen; die nötige Einförmigkeit der Nationaldenkart in wichtigen Gegenständen leichter erzielt; dem künftigen Arzte, Seelsorger, Beamten, Landwirtschaftler, Staatsbeamten der Weg gebahnt, sich selbst zu bilden; die Barbarei aus einer Nation verbannt, oder wenigstens ihre Wiederkehr erschwert. II. Diese Wohltaten sind aber nicht reines Gold, nicht ohne Beischlag. Wo viele Lehrer, da viele Beweise, daß Menschen Menschen sind. Dies Menschliche heißt: Handwerksneid zwischen Lehrer und Lehrer; eine Art von Privilegium: Irrtum und Wahrheit, nach Maß der Unwissenheit, Launen, Leidenschaften, Talente des Lehrers – miteinander zu vertauschen, und gleich tief in die auffassenden Herzen einzugraben; Verteilung des Einen Erkenntnisfaches in so viele Fächer – woraus Zeitverlust, Unordnung, Widerspruch zwischen Lehrer und Lehrer entsteht; Lehrerstolz, der hindert, daß man keinen Schritt weiter tut, weil man glaubt, schon alles zu wissen; Druck auf weniger fähige Lehrer durch unfähigere, schlechtere; Verewigung des Pedantischen, des Hergebrachten und Auflehnung gegen das Bessere; Spaltungen unter den Schülern; Verlassen der gemeinverständlichen Sprache, und Erfindung einer unverständlichen, die die Erkenntnis zum Privatgut einiger wenigen macht und die klare Weisheitslehre in Wortnebel hüllt; Greuel der mündlichen und schriftlichen Schulgezänke; autorisierter Kampf des Lichtes mit der Finsternis; ewiges Reiben der Vertreter neuer Ideen an den Altgesinnten, wechselseitiges Verdammen und Verketzern; (das Wichtigste nicht zu vergessen) Verwebung widersinniger Ideen in die Religion; Unbelehrbarkeit, falscher Eifer der Schulgelehrten, (wenn sie auch keine Lehrer werden), Verachtung der Ungelehrten und Verschreiung des gesunden Menschenverstandes. III. Wenn das Lehramt Menschen anvertraut wird, die gegen die Wahrheit, die Urquelle alles Guten, und, abgöttisch in sich verliebt, ihre Ideen für Gegenstände halten, und die Ideen nach ihren Neigungen schnitzeln, so verbreiten sie ein Vorurteil, das an Torheit oben ansteht und, praktisch ausgeführt, die Reste des Adels der Menschennatur vollständig zerstört in dem Sinne: »Wenn einmal eine bessere Erziehung die Menschen wird besser gemacht haben, werden wir der Religion (des Sinnes für Gott und Unsterblichkeit) wohl entbehren können.« Das heißt: wenn die Menschen einmal keine Menschen mehr sein werden, dann sind sie keine Menschen mehr. Es gehört zur Natur des Menschen, daß er der Religion zu seinem Glücke so wenig entbehren kann, als des gesunden Fußes zum Gehen. Wie also die gesunden Füße zum geraden ungehinderten Menschengange erforderlich sind, und durch keine Erziehung überflüssig gemacht werden können, so wenig kann die Religion durch Erziehung überflüssig gemacht werden. Und so wenig der Schüler der Tanzkunst seiner Füße alsdann entbehren kann, wenn er einmal Tanzen gelernt hat, so wenig können gut erzogene Menschen der Religion entbehren, weil sie grade in dem Maße gut sind, in dem sie das allerbeste Wesen um seinetwillen achten und lieben, d. h. Religion haben. Die beste Erziehung kann nur Entwicklung der natürlichen Anlagen sein. Also darf sie diese Anlagen nicht vernichten. Nun aber findet sich unter den Anlagen der Menschennatur auch eine Anlage zur Religion, wie es die Geschichte aller Völker und aller Religionen bezeugt, d. h. der Mensch ist so gewiß zur Religion geschaffen, als er zur Gemeinschaft geschaffen ist. So wie der Mensch anderer Menschen bedarf, die ihm geben, was er nicht hat, und ihm das leichter finden helfen, was er sucht, so bedarf er des Glaubens an den Schöpfer der Menschen, um gut zu werden, und auch da noch ruhig und heiter sein zu können, wo ihn die Natur und alle Menschen verlassen. Wenn also eine Erziehung diese Anlage vernichten sollte, anstatt sie zu entwickeln, so wäre dies nicht weniger gefehlt, als wenn der Erzieher seine Zöglinge keine Sprache lehren wollte, und sich damit entschuldigte: »wenn er gut erzogen ist, so bedarf er der Sprache nicht.« Denn die Erlernung der Sprache ist ein unentbehrliches Stück der guten Erziehung, wie gerade der Guterzogene die Sprache recht gebrauchen wird und ihrer nie entbehren kann. So hilft auch die Religion den Jüngling bilden, ist selbst die erste Angelegenheit der besseren Erziehung, so daß gerade der Guterzogene es vorzüglich durch die Religion geworden sein wird, und ihrer nicht entbehren kann. So wie der Mensch Sprachorgane hat, so hat er auch Religionsorgane (wenn ich den kühnen Ausdruck brauchen darf), einen Verstand, Gott zu erkennen, und einen Willen, ihn zu lieben und zu verehren. IV. Das Lehramt ist also 1. teils um des großen Zweckes willen, (Bildung der Menschennatur), teils wegen der Beihilfe zur Erreichung dieses Zweckes, achtungswürdig, und verdient die Unterstützung aller kleinen und großen Vormünder der Unmündigen. Weil aber 2. aus dem Lehramt allerlei nachteilige Folgen für die Wahrheit, das Gutsein und Wohlsein entstehen können, weil das Lehramt selbst viele Gelegenheiten bietet und viele Versuchungen mit sich führt, dem Fortkommen der Wahrheit, des Gut- und Wohlseins neue Hindernisse zu setzen, so ist Selbstverleugnung, d. h. Bekämpfung der Sinnlichkeit durch die Vernunft nötig; einmal, um sich zum Lehramte vorzubereiten, dann um es zweckmäßig zu versehen, und endlich, um aus dem Lehramte die größeren Vorteile zu ziehen und die größeren Nachteile, die daraus entstehen können, zu hindern. Hier offenbart sich ganz besonders das Verdienst des Christentums um das Wohl der Menschen. Christus war der Einzige, der ein ewiges Lehramt errichtet, durch welches soviel Wahrheit und Segen unter den Menschen in allen Weltteilen seit achtzehn Jahrhunderten verbreitet worden; der Einzige, der ein ewiges Lehramt als Religionsamt festgestellt; der Einzige, der versprechen konnte, den Seinen den Geist der Wahrheit zu senden. Zehntes Kapitel. Vom Verhältnis der Leiden zum Glücklichsein des Menschen Ueber keinen Gegenstand haben die alten und neueren Moralisten schärfere und richtigere Bemerkungen gemacht, als über die Vorteile der Leiden . Es gehört wesentlich in den Plan einer Glückseligkeitslehre, alle diese Vorteile zu sammeln und wenn es möglich wäre, mit neuen, bisher nicht bemerkten zu vermehren. Denn was ist der Mensch der sich nicht trösten, d. h. der sich seine Leiden nicht zu nutze machen weis, für ein unglückliches Geschöpf? Freilich kommt es hier am allerwenigsten auf Worte an: es ist keine größere Kluft, als zwischen Geduldpredigen und – Geduldüben, zwischen Trostworten und – innerer Zufriedenheit. Aber es ist doch Pflicht für den Lehrer, die gesunden Grundsätze, die die guten Menschen durch Taten verkünden, durch Worte namhaft zu machen. Ueberall sind Sinne und Einbildungskraft die unzuverlässigsten Richter von dem Werte der Dinge: aber, wenn vom Werte der Leiden die Rede ist, haben sie gar keine Stimme. Was angenehm oder unangenehm, bitter oder süß ist, mögen sie entscheiden: aber was gut oder böse ist, kann uns nur das Nachdenken, geschärft durch Erfahrung und Geschichte, sagen. I. Daß die Leiden als Leiden, als Endzweck keinen Wert haben, daß Schmerz Schmerz ist, es mag noch so viel Gutes daraus entstehen; daß schwarz schwarz ist, wenngleich die schwarze Gewitterwolke Segen für die durstige Erde ist, bedarf keiner Beweise mehr. Allen Wert, den die Leiden haben können, geben ihnen somit teils ihre innere Schicklichkeit gute, wohltätige Folgen zu veranlassen, teils die Folgen selbst, die darauf entstehen. Daß wohltätige Folgen aus den Leiden entstehen können, hängt von dem Gebrauche ab, den die Menschen davon machen und von der Leitung der Vorsehung, die das Böse zur Quelle des Guten zu machen weiß. 1. Die Leiden machen uns auf den Wert der irdischen Dinge aufmerksam. Die Vernunft urteilt freier, wenn das Herz nicht an den Genuß gefesselt ist. Das Zerbrechliche des Rohrstabes, an dem wir uns bisher gehalten haben, fühlen wir wohl am besten, wenn wir am Boden und seine Trümmer neben uns liegen. Der Verlust berichtigt die Urteile, die Besitz und Genuß irre geleitet haben. Die Leiden machen uns aufmerksam auf die natürlichen Folgen unserer Handlungen und warnen uns dadurch vor größeren Leiden. Sie sind oft Wirkungen unserer Trägheit, unserer Unbesonnenheit, unseres Eigensinnes, unseres blinden Hanges nach Vergnügungen. Diese Wirkungen sind schmerzhafte Empfindungen. Sie können uns also leicht auf ihre Ursachen, auf unser sittliches Betragen aufmerksam machen. Wer sich die Fingerspitzen verbrannt hat, wird Achtsamkeit gelernt haben, die Hand vor dem Verbrennen durch die Flamme zu bewahren. Ferner machen uns die Leiden auf den Zustand unseres Gewissens aufmerksam. Wenn wir die Leiden als vorhergesehene Folgen eigener Fehltritte ansehen, so erklären wir uns dadurch als schuldig, gestehen es uns selbst, daß wir das Leiden uns selbst zuzuschreiben haben. Wenn die Leiden auch keine Folgen unserer Handlungen sind, so können sie uns dennoch zum Nachdenken veranlassen, wie unser Wandel beschaffen ist. Eben darum, weil wir außer uns keinen Trost finden, sehen wir uns genötigt, ihn in unserem innersten Bewußtsein zu suchen. 2. Die Leiden machen uns vertraut mit uns selbst , mit allen unsern Schwächen und Gaben, Tugenden und Fehlern, Mängeln und Kräften. Sie schaffen eine Stille um uns her, indem sie uns entweder außer den gewöhnlichen Zusammenhang mit anderen Menschen, Geschäften, Arbeiten usw. setzen, wie Krankheiten, öffentliche Demütigungen, oder uns die Einsamkeit als Zufluchtsstätte, in der wir unsere Schmerzen vor Gott und den vertrautesten Freunden ausschütten können, suchenswert machen. In dieser Stille decken sich unsere verborgensten Fehler, Neigungen, Kräfte, die wir sonst nie bemerkt haben, dem nachforschenden Blick auf. Es fällt der Zauber der Eigenliebe von unseren Handlungen hinweg, wir stehen in unserer Blöße vor uns da. Das »Lerne dich selbst erkennen«, wird uns von der Trübsal unaufhörlich zugerufen. Das sich selbst Erforschen wird uns von der Trübsal erleichtert, und zur glücklichen Notwendigkeit gemacht. Durch Leiden werden wir geschickt, die Geisteskräfte zu spannen, zu entwickeln, zu bilden, zu vervolkommnen. Die Armut z. B. nötigt den dürftigen Jüngling zum Fleiße in Erlernung der Künste und Wissenschaften, während der Reichtum dem Sohne des vermögenden Bürgers den Sporn zur Selbstbildung raubt. Die größten Männer sind es durch Leiden geworden. 3. Die Leiden machen uns die Freuden des Lebens schmackhaft , wie denn das Gefühl der Gesundheit nach einer langwierigen Krankheit weit belebender ist, und das Andenken an überstandene Lebensgefahr das Gefühl der Sicherheit erhöht. Oft sind sie im Laufe der Dinge und im Plane der Vorsehung die unentbehrliche und unersetzliche Veranlassung und Beförderung auch zum zeitlichen Glücke. Sie sind sehr oft das Mittel, einem größeren Unglück zu entgehen; sie sind nicht selten auch die unmittelbaren Wege zum größeren Glück. Die Lebensgeschichte der berühmtesten Männer geben unleugbare Beweise davon. Fand nicht z. B. Josef aus dem Kerker einen Weg zum Throne, und hätte er ihn außer dem Kerker gefunden? Damit sind 4. die Leiden geschickt, uns auf die Regierung des unsichtbaren Gottes aufmerksam zu machen. Es ist leicht, die Hand des Gebers in guten Tagen zu übersehen. Die Freude beschäftigt zu sehr mit sich selbst: es ist kein Bedürfnis da, an die Quelle zu denken. Aber in trüben Stunden, da möchte man des Kummers loswerden; die Gedanken gehen aus in alle Welt, Hilfe zu suchen: was Wunder, daß sie nach Gott fragen. Nach und nach beweisen die Leiden ihre wohltätigen Kräfte an uns: neue Freuden, die sie veranlaßt haben, bessere Schicksale, die sie angebahnt haben, weisen auf den Unsichtbaren, der alles lenkt und aus Uebeln Gutes schafft. Die Leiden lassen uns unsere Abhängigkeit von Gott recht fühlbar werden, und machen dadurch das Zutrauen auf seine Vorsehung zur Notwendigkeit. So lange unsere Unternehmungen glücklich und unsere Schicksale blühend sind, frönen wir gern dem Vorurteil, uns für die einzigen Baumeister unseres Glückes anzusehen. Aber wenn unvermutete Leiden kommen, die den Lauf unserer Bemühungen unterbrechen und uns den Druck der Dinge, den Widerstand der Hindernisse von allen Seiten fühlen lassen, dann suchen wir eine unsichtbare Macht, die größer ist als alle Hindernisse, die unsere Absichten gegen allen Widerstand der Dinge hinausführen kann, und die alle Schicksale lenkt. An diese Macht lehnen wir uns an, und gründen uns immer mehr in der Ueberzeugung, daß unsere Ohnmacht von dieser Allmacht am besten unterstützt werden kann. Es wird uns zum Bedürfnis, auf diese unsichtbare Macht unser ganzes Vertrauen zu setzen, weil wir erfahren, daß unsere Ruhe in diesem Vertrauen besteht. Die Leiden sind das sicherste Mittel, uns die Unzulänglichkeit aller irdischen Güter, aller Reichtümer, Ehren, Künste, Wissenschaften, zur vollkommenen Befriedigung des Glückseligkeitstriebes, durch lautere Erfahrung zu beweisen. Wer an die Unzulänglichkeit des Irdischen zur Menschenbeseligung glaubt, der wird sich nach etwas Besserem umsehen, wodurch dieser Glaube für den Menschen von äußerster Wichtigkeit ist. Die Leiden erheben damit unseren Geist über das Irdische zu höheren Erwartungen und zum Gedanken an seine Bestimmung. »Es kann mein Glück nicht bestehen in dem, was so leicht geraubt, so bald zerstört werden kann.« »Was nach dem Genuß martert, was ohne mein Verschulden dahin sein kann, das kann nicht meine Bestimmung sein.« »Es muß etwas Besseres für den Menschen geben als Leiden und am Ende der Leiden modern.« Zu diesen Betrachtungen geben die Leiden Anlaß, Stoff, Mut. Die Leiden sind eben darum geschickt, uns den Glauben an die Unsterblichkeit, an unsere bessere Zukunft, an die Allvergeltung, unentbehrlich zu machen. Nachdem sich der menschliche Geist in dem, was vergänglich ist, müde gearbeitet und die erhoffte Ruhe nicht gefunden hat, so wird er aus eigenem Schaden klug und heftet sich an das Unvergängliche. Er wird das Bessere nimmer entbehren wollen, nachdem ihn das Schlechtere so lange getäuscht hat und eben die Leiden ihm die Täuschung fühlbar machten. Die Leiden können somit in uns eine völlige Aenderung unseres Sinnes wecken. Die praktischen Beweise, die sie uns verschaffen, daß mit der bisherigen Gesinnung kein wahres, dauerhaftes Frohsein vereinbar ist, werden uns nach und nach den Entschluß abnötigen: Also will ich die bisherige Gesinnung umzuändern suchen, um des wahren, dauerhaften Frohseins empfänglich zu werden. 5. Die Leiden sind geeignet, uns die Menschen kennen zu lernen , wie sie sind, und die bereits erworbene Menschenkenntnis zu erweitern. Wir trauen gewöhnlich den Menschen zu viel und zu wenig, weil das Vertrauen auf einige und das Mißtrauen auf andere mehr das Werk des Vorurteils als der geprüften Einsicht ist. Die Leiden, die uns treffen, helfen uns zu dieser Einsicht. Sie offenbaren die verborgenen Gesinnungen der Menschen um uns her, offenbaren die ungeglaubte Treue des einen, und die ungeglaubte Untreue des anderen. Andererseits schulen uns die Leiden zu mitleidigen und erfahrenen Helfern in fremden Drangsalen. Sie sind eine Schule der Menschlichkeit, die helfen will und eine Schule der Geschicklichkeit, die helfen kann. Das Leiden macht mitleidig. Wer an sich selbst erfahren hat, wie leicht die besten Absichten vereitelt werden können, der urteilt sanfter, rät klüger und hilft williger. Das Leiden schleift das Rohe, Harte von dem Menschen ab, und macht ihn beugsam, daß er sich in alle Lagen hineinpassen und mit allen Leidenden mitfühlen kann. 6. Die Leiden geben uns eine Erfahrungsweisheit und allgemeinbrauchbare Erfahrungsklugheit, wie sie kein Buch, kein Freund, kein anderes als durch Leiden veranlaßtes Nachdenken uns verschaffen kann. Der Mensch bleibt ein Fremdling in der Welt, in seinem Hause, in seiner Seele, bis er sich durch Leiden orientiert hat. Der geprüfte Dulder hat eine Weisheit, die er nur auf dem Wege der schmerzhaften Erfahrung gesammelt hat; seine Weisheit ist, wenn der Ausdruck nicht zu kühn ist, ein Schmerzenskind und deswegen seinem Verstande und seinem Herzen so teuer. Der hohe Sinn oft gelesener, gehörter, überdachter und nicht verstandener Wahrheiten wird uns durch Leiden anschaulich gemacht. Die wichtigsten Wahrheiten bleiben für die meisten Menschen Chiffreschriften, bis die Trübsal den Schlüssel dazu gibt. Die Leiden lösen uns die größten Rätsel. 7. Die Leiden prüfen die Feuerfestigkeit unserer guten Entschlüsse und reinigen uns immer mehr von den Schlacken der Eigenliebe . Man hält sich oft für fromm aus innerster Herzensangelegenheit, da man in Wahrheit nur nicht böse ist aus Mangel an Gelegenheit. Man hält sich für menschenfreundlich da, wo diese Freundlichkeit weiter nichts ist als Eigenliebe. Man traut seinem Vorsatze Stärke zu da, wo es nur Menschenansehen war, das uns in den Schranken der Mäßigung hielt. Die Leiden offenbaren den Grund unserer Frömmigkeit, die Ränke unserer Eigenliebe, und die Schwäche unserer Vorsätze. – Sie üben uns in der Selbstverleugnung, dieser wesentlichen Bedingung zu aller Tugend, in der Selbstbeherrschung, Heiterkeit und Glückseligkeit. Denn die Trübsale versetzen uns in den Zustand der Notwendigkeit, entweder den Stachel der Leiden zu schärfen, oder unsere Empfindlichkeit abzustumpfen, entweder Selbstverleugnung zu üben, oder neue größere Leiden zu tragen – da gibt es keinen Ausweg. Die Leiden sind uns so ein steter Sporn zur Wachsamkeit des Geistes und zum untadelhaften Wandel. 8. Die Leiden lassen die Begierde nach Gottes Wohlgefallen in uns immer lebendiger und das Gebet, den Umgang mit Ihm, uns immer angenehmer werden. Wenn uns die ungerechten Urteile der Menschen verdammen, und unser Innerstes die ganze Bitterkeit der Verleumdung empfindet, wenn wir die Unmöglichkeit, die Lügen des Parteigeistes außer Kurs zu setzen, deutlich einsehen: dann eifern wir, vor Gottes Auge immer reiner zu werden, damit wir Kraft haben, die harten Urteile der Menschen mit unbewegtem Sinn auszuhalten. 9. Endlich sind die Leiden geeignet, uns eine ungestüme, aber heilsame Erinnerung an den Tod zu verschaffen. Die Bitterkeiten dieses Lebens erinnern an eine, die man für die größte hält, an die Bitterkeit des Sterbens. Die letzte Stunde, die man in guten Tagen immer weiter hinausschiebt, bringen uns die Leiden näher. Sie stärken uns aber auch, nachdem sie uns durch Uebungen in der Geduld zum unerschütterlichen Duldersinn befähigt haben, dem Tode, dem Fürchterlichsten was die Natur hat, mit Heiterkeit entgegenzusehen und mit Ruhe entgegenzugehen. Jedes Leiden hat eine todesähnliche Gestalt. Je mehr wir uns mit dieser Gestalt befreunden, desto erträglicher wird sein Anblick, wenn er kommt. Ja, die Leiden rufen sogar einerseits das lebhafteste Verlangen nach dem Zustand jenseits des Grabes in uns hervor und andererseits die zuversichtlichste Erwartung desselben. Das Dulden weckt Verlangen nach der Freude und das Dulden nach dem Willen des Schöpfers weckt Hoffnung, daß die Freude nicht ausbleiben werde. Jenes Verlangen und dieses Hoffen weicht mit der Größe der Leiden, und wie der Edelmut, mit dem man sie trägt. 10. Die Leiden, mit Edelmut erduldet, sind nach dem Buchstaben und dem Geiste der Offenbarung das sicherste Unterpfand und die beste Vorbereitung zur unvergleichbaren Beseligung und Verherrlichung des Menschen jenseits des Grabes. II. Dies sind die Vorteile aus den Leiden für die einzelnen Leidenden selbst. Es gibt auch solche für die Gemeinschaft der Menschen. 1. Das Leiden eines Einzelnen kann Warnung sein für viele und dadurch viel Böses verhindern. Wenn der aufbrausende Jüngling die Früchte der ungebändigten Wollust an den geschändeten und entnervten Körpern seiner mit der Lustseuche behafteten Mitmenschen sehen könnte, der Entschluß sich für die Tugend zu entschließen würde ihm auf dem Scheidewege des Guten und Bösen um vieles leichter sein. Das Klugwerden aus fremden Schaden, ein schönes Teil der menschlichen Weisheit, setzt fremden Schaden, fremde Leiden voraus. 2. Die Leiden mit Großmut erduldet sind sehr geeignet, in unseren Nebenmenschen die Ehrfurcht gegen alles Gute und den Abscheu gegen alles Böse zu wecken. Einer der innigsten Wünsche meines Herzens ist, irgend einen Tugendfreund mit stillem; großen Vertrauen aus der Welt gehen zu sehen, das nur die reinste Frömmigkeit gewähren kann. Gewiß, so ein Scheiden von der Welt müßte auf alle Umstehenden einen tiefen Eindruck machen, die über alle Kräfte der Beredsamkeit geht. 3. Leiden, Mängel, Trübsal sind ein Bedürfnis für die Welt, damit die Nächstenliebe, das Mitleiden, das Wohlwollen, die Großmut und andere Tugenden Anlässe und Gegenstände bekommen, sich zu entfalten. Elftes Kapitel. Vom Verhältnis Gottes zum Glücklichsein des Menschen Wenn Gott der Urquell alles Gut- und Wohlseins ist, wenn er die Heiligkeit, Seligkeit und Liebe selbst ist, wie es alle Begriffe von Gott, und alle Bedürfnisse nach Gott ahnen lassen: so dürfen wir uns nicht wundern, daß die alten Weisen, die ihre Weisheit aus der Urquelle schöpften und eben darum kein Wort gescheut, und keinen Begriff geflohen haben, sich recht bestimmt auszudrücken glaubten, indem sie lehrten: daß Gott die Glückseligkeit des Menschen auch hienieden sei. Man mag diese Glückseligkeit mit Einigen in dem Gutsein setzen, das uns des Wohlseins würdig macht, oder im Wohlsein, das dem Guten wirklich zuteil wird, oder in beiden zugleich: so ist es klar, daß man auf dem halben Wege stehen bleiben müßte, wenn man nicht die Wurzel der Glückseligkeit in der Urquelle alles Gut- und Wohlseins aufsuchte. Das große, erhabene, und unaussprechliche Verhältnis Gottes zur Glückseligkeit des Menschen auch hienieden besteht darin, daß (nach der Idee der menschlichen Vernunft, nach dem Bedürfnisse des menschlichen Herzens, nach den Urkunden der Offenbarung) Gott ist: 1. die Urquelle der Geister- und Körperwelt, aller Verstandes- und Willenskräfte, aller Freudefähigkeiten, die im Menschen und in der Natur liegen. 2. Das Urbild aller Güte und Weisheit, deren Spur die ganze Natur, als ihr Werk, an sich trägt, und die vorzüglich aus dem Menschen, als ihrem Ebenbilde, hervorleuchtet. 3. Das Ideal aller wahren Glückseligkeit, aller reinen Freude und Seligkeit. 4. Der erhabenste und ewig unerschöpfliche Gegenstand des besten Nachdenkens aller Geister und des Schauens aller reinen Seelen. 5. Der Gegenstand des edelsten, reinsten Wohlgefallens dessen die Menschenseele fähig ist, und der eigentlich den Himmel auf Erden ausmacht. 6. Das Muster der reinsten und allgemeinsten Menschenliebe, deren Gefühle und Taten dem Menschenherzen so viele und so große Freude machen. – Ein Gott der seine Sonne über Dankbare und Undankbare scheinen läßt, ist so recht ein Gott für das Menschenherz, das gemacht ist, Freunde und Feinde zu lieben. 7. Der Mittelpunkt, in dem alle Gottesverehrungen, Andachten, Gebete, Wünsche, Erwartungen, Bemühungen der besten Menschen ohne Unterlaß zusammentreffen. 8. Der Lenker aller menschlichen Schicksale, eine höchst weise, alliebende, heilige Macht, die alle Begebenheiten zum Besten der Menschen zu lenken weiß, lenken will und lenken kann, das heißt, eine unerschütterliche, ewig feststehende Stütze, an der sich der Mut des Menschengeistes in den trübsten Stunden, auch in dem Momente des Todes, festhalten kann. 9. Der erste und höchste Gesetzgeber aller Vernunftwesen, dessen Gebote die guten Menschen in den Aussprüchen ihres Gewissens verehren, dessen belohnende und warnende Güte sie in den Folgen ihrer Handlungen mit dankbarer Freude anerkennen. 10. Der unsichtbare, allgegenwärtige Zeuge all unserer geheimsten Gedanken, Begierden, Einflüsse, Neigungen, Taten, der stets und allgegenwärtige Anreger zum untadelhaften Wandel vor seinem Blicke. 11. Der gerechte Allvergelter jenseits des Grabes, der die Sittlichkeit und Glückseligkeit in den schönsten Zusammenhang bringt, und durch den Glauben an eine vollkommene Allvergeltung nach diesem Leben, zu den schmerzhaftesten Selbstverleugnungen, die uns die Tugend kostet, stärkt. 12. Das menschenfreundliche Wesen, das sich mit den Menschen so innig vereinigt, daß diese, neugeborene Menschen, neue Kreaturen, Tempel Gottes, Kinder Gottes, Erben Gottes, Miterben Jesu Christi, Teilnehmer an der göttlichen Natur genannt werden können. Drittes Hauptstück. Von der wahren Glückseligkeit Erstes Kapitel. Idee der wahren Glückseligkeit Was die wahre Glückseligkeit des Menschen ausmacht, muß ein Gut des Menschengeistes, und seiner Natur nach dauerhaft sein. Wäre es außer dem Menschen, wie machte es ihn glücklich? Wäre es wandelbar, wie könnte es bestehen, und wenn es selbst nicht besteht, wie Glückseligkeit gewähren? Was dem Wechsel und der Umkehrung so sehr unterworfen ist, wie Reichtum, Ehre, weltliche Hoheit, Schönheit, Gesundheit und zugleich, wie diese Dinge, außerhalb des Menschengeistes ist, kann das rechte Glück des Menschen nicht ausmachen. Er ist zu edel und ist seiner Natur nach zu sehr über diesen Gütern, als daß er in dem, was unter ihm ist, sein Wohlsein finden könnte. Was die wahre Glückseligkeit des Menschengeistes ausmacht, muß an keinen Stand, an kein Alter, an kein Geschlecht, an keinen zufälligen, von der Erwerbsfähigkeit des Menschen unabhängigen Unterschied gebunden sein, sondern von Armen wie von Reichen, von Niederen wie von Hohen, von Kranken wie von Gesunden, von Ungelehrten wie von Gelehrten erreichbar, muß ein allgemeines Gut, ein Gut für alle Geister, so allgemein wie die Natur des menschlichen Geistes sein. Denn wenn es nicht allgemein wäre: so könnte der Mensch nicht als Mensch glückselig werden und die Glückseligkeit wäre etwa ein Familiengut, wie der Erbadel, oder ein Glücksgut, wie gewonnenes Geld. Was die wahre Glückseligkeit des Menschengeistes ausmacht, muß uns in jedem Zustande des Lebens zufrieden machen und zufrieden erhalten können. Denn fände der Mensch in dem, was ihn glückselig machte, kein Gegengift gegen die Unzufriedenheit: so würde er eben deswegen uneins mit sich, unruhig, also elend und nicht glücklich sein. Was die wahre Glückseligkeit des Menschengeistes ausmacht, muß so unzertrennlich mit ihm eins sein, daß es ohne seinen Willen nicht geraubt und von ihm über das Grab und in die zukünftige Welt hinübergenommen werden kann. Elende Glückseligkeit, die die Motten zernagen, der Dietrich des Diebes rauben oder die Fluten wegschwemmen und die Zeit zerstören können. Was die wahre Glückseligkeit des Menschengeistes ausmacht, das muß ein unsichtbares Gut sein, wenn es auch von Tausenden mißkannt, von Hunderten gelästert werden kann; unsichtbar wie der Menschengeist, mißkennbar, wie alle Wahrheit, und der Lästerung ausgesetzt mit allen, dem Reiche der Leidenschaft widerstrebenden Kräften. Zweites Kapitel. Das eigentliche Wesen der wahren Glückseligkeit Wie heißt denn aber das Gut, das die Glückseligkeit des Menschengeistes ausmacht? Fragst du nach der Fassung des Geistes, die seine Glückseligkeit ausmacht, oder nach der letzten Wurzel dieser Fassung? Fragst du nach der Fassung des Menschengeistes, so denke dir eine solche, in der wir eine lautere, gebietende Achtung und Liebe haben gegen die Urquelle alles Guten und Wahren, und um ihretwillen alles Wahre und Gute achten und lieben; und von dieser Achtung und Liebe belebt, all das Gute, das wir tun können froh vollbringen, das Bessere getrost erwarten, das Widrige willig tragen; und endlich durch Achtung und Liebe gegen alles Gute und Wahre, durch Tun des Guten, durch Erwartung des Besseren, durch Duldung des Widrigen täglich reiner und froher, und der allerhöchsten Freude würdiger werden. Diese Fassung des menschlichen Geistes ist mir die wahre Glückseligkeit, und ich darf kühn sagen: Wer etwas Besseres kennt, der nenne es! Verstehst du aber unter dem, was mich eigentlich glückselig macht, die Wurzel, dieser Fassung: so können wir sie außer Gott nirgends finden, weil er die Urquelle aller Tugend und aller Glückseligkeit selbst ist, und müssen sie in Ihm suchen, weil unser Geist nach seinem Bilde geschaffen ist, und nur in seinem Ebenbilde Ruhe finden kann. Und so wäre das höchste Gut in sich auch das höchste Gut für uns, und ich müßte mit den Weisen bekennen: Gott! Du hast mein Wesen mit einem Zuge zu dir erschaffen: und es ist unruhig, bis es in dir Ruhe findet. Somit ist die Glückseligkeit 1. eine Glückseligkeit des Geistes, der im Menschen den Menschen ausmacht, angemessen der Freudefähigkeit des Menschen und der Erfreuungskraft der Dinge, 2. in diesem Leben schon erreichbar, wenn auch noch nicht frei von allen Beimischungen, da der vollkommene Genuß und Besitz des höchsten Gutes einem besseren Lande aufbehalten ist. 3. dem Gutsein des Menschen nicht nur nicht entgegen, sondern erst durch das Gutsein möglich und wirklich, kann ohne Gutsein nicht bestehen, und nimmt mit dem Zunehmen des Gutseins auch zu. 4. Keine Glückseligkeit ohne oder außer Gott, da sie die Glückseligkeit des religionsfähigen Menschen ist, der ohne oder außer der Religion nicht glückselig werden kann. Diese Glückseligkeit ist kein Widerstreit mit dem Christentum, vielmehr führt das ernste Ringen nach dieser Glückseligkeit ein in das Heiligtum des Christentums, – wo uns ein besserer Lehrmeister übernimmt, dem sich die nüchterne Vernunft und der gute Wille ohne Widerstand unterwerfen. Viertes Hauptstück. Von den Mitteln, die wahre Glückseligkeit zu erlangen Erster Abschnitt. Vom Gutsein des Menschen als notwendiger Bedingung zur Glückseligkeit Erstes Kapitel. Von der Selbsterkenntnis Um gut zu werden , ist es notwendig, gut werden zu wollen . Um es zu wollen ist nötig, daß man es wollen könne . So lange wir also auf einem falschen Wege zur Glückseligkeit, wie im Rausche dahintaumeln: so lange ist es mit dem Gut- werden-wollen eine äußerst mißliche Sache, weil es sich mit dem Gut-werden-können in diesem Zustande eben so verhält, wie mit dem Vernünftig-werden-können im Zustande des Rausches. Wir müssen zu uns selbst kommen , um in uns gut zu werden. Die göttliche Vorsehung hat eine Reihe geheimer, ungewöhnlicher Mittel, den aus sich selbst vertriebenen Menschen zu sich selbst zurückführen. Unter den bekannten, gewöhnlichen Mitteln kenne ich aber keines, das kräftiger wäre, den Menschen zu sich selbst zurückzubringen, als die ernste Todesbetrachtung , die ihm durch Umstände, d. h. durch das Walten der Vorsehung nahe gelegt wird. Es ist eine der fürchterlichsten Täuschungen, daß die Menschen ihr Glück außer sich suchen, und ob sie es gleich bis auf diese Stunde außer sich nicht gefunden haben, dennoch immer fortfahren, es außer sich zu suchen, und wider alle selbstgemachte Erfahrung glauben, es doch noch einmal außer sich finden zu können. Wenn sie nun in diesem Suchen durch die Nachricht von dem Sterben eines ihrer Freunde unterbrochen und, von Mitleiden zu einem Sterbebette hingetrieben, sehen müssen, wie die Gefäße seines Leibes nunmehr zum sinnlichen Vergnügen unbrauchbar und zur Verwesung reif werden; wenn sie aus dem Munde des Sterbenden hören müssen, daß der lebensmüde Geist in dem Bewußtsein der genossenen sinnlichen Vergnügungen nicht nur keinen Trost findet, sondern vielmehr durch die Nachwehen der Reue gepeinigt wird ... dann verlieren die sinnlichen Freuden ihre Zaubergestalt; dann können sich die Getäuschten es unmöglich länger verbergen, daß sie bisher vom Scheine getäuscht werden; dann erwacht das strafende Gefühl der mißkannten Würde ihrer Natur; dann sagt ihnen das Selbstgeständnis im Innersten: Ich bin doch zu edel, um in den Trebern der Materie mein Paradies zu suchen. – Das aber nenne ich, zu sich kommen. Wenn dann alle Umstehenden auf den letzten Atemzug des Röchelnden warten und wenn er wirklich vorbei ist, keine Kunst, keine Wissenschaft, keine Bibliotheken, keine Reichtümer, kein Kriegsheer und kein Königszepter den Atem in den Körper zurückgebieten kann, so wenig wie der Sterbende durch keines dieser Dinge dauerhaft und vollständig getröstet werden konnte: dann verliert die Idee von Macht, Reichtum, Gelehrsamkeit, Fürstengunst ihr Blendendes; dann erwacht das Gefühl von dem Werte der mißkannten Tugend; dann erscheint nichts groß, als was seiner Natur nach ewig ist; dann fühlt sich der Reiche, Mächtige, Gelehrte gering in seinen Augen, und muß sich die Täuschung bekennen, der er bisher mehr als der Wahrheit geglaubt hatte. – Das nenne ich, zu sich kommen. Wenn dann ein paar Tage darauf die Leiche des Freundes zu Grabe getragen wird, und mit dem Glockengeläute – vielleicht etwas später, aber doch bald danach – das Lob der Menschen vom Verstorbenen verhallt, und seine Entwürfe, die er unvollendet gelassen, und seine Verdienste, die er sich gesammelt hatte, mit ihm aus dem Sinne der Zeitgenossen verschwinden: dann erscheint die Menschenehre in ihrer wahren Gestalt, entkleidet vom reizenden Gewande, das Einbildung, Schmeichelei und Eigennutz um sie geworfen haben, dann muß der Mann, der an der Leiche seines Freundes die Lebensgeschichte der Ehre studiert, das Eitle der Bemühungen danach fühlen, und sich selbst sagen: wie ein Rauch in der Luft, so verfliegt Menschenehre. – Das nenne ich, zu sich kommen. So entlarvt die ernste Todesbetrachtung die drei großen Betrüger unsers Geschlechtes, den Reiz der sinnlichen Lust , den Prunk der Ehre , und den Zauber der weltlichen Macht ... Gerade die wichtigsten Wahrheiten, die der Mensch im Taumel nicht achtet, können ihm von der ernsten Todesbetrachtung in das Andenken gebracht, und wichtig gemacht werden: also ist sie fähig, ihn zu sich zu bringen. Es ist sehr leicht im Gewühle des Lebens Gott , der es gibt und erhält, zu vergessen. Wenn er aber sein Geschenk von unserem Nachbar – vor unseren Augen zurückholt; wenn er sich als den Herrn des Lebens dadurch beweist, daß er den Atem zurücknimmt, den er gegeben hat, so werden wir genötigt, den Finger des Herrn zu erkennen und zu bekennen: Wahrhaftig, es ist ein Gott, der belebt, und in das Grab führt. Wir denken an Gott, d. h. wir kommen zu uns. Es ist sehr leicht im Gedränge von Freuden und Hoffnungen den Zweck unseres Hierseins aus dem Auge zu verlieren. Wenn sich der Faden des Lebens sanft fortspinnt, so schleicht sich der Aberglaube gar leicht in unser Herz: »als flößen unsere Lebenstage so sanft dahin, damit wir guter Dinge seien, und Rosen pflücken sollten, so viel wir können.« Aber wenn der Tod unserem Verwandten, wider alle seine und unsere Erwartungen, und ganz unversehens, den Lebensfaden abschneidet, und wir seiner Leiche in die Grube nachsehen, dann drängt sich uns die alte vergessene Wahrheit auf: Der Mensch ist nicht da, um Blumen zu pflücken; er ist da, um durch Gutsein zu einem unsterblichen Wohlsein vorbereitet zu werden. Wir denken an den Zweck unseres Hierseins, d. h. wir kommen zu uns. Es ist sehr leicht im Gefühle der Gesundheit die Kürze dieses Lebens aus dem Auge zu verlieren und deshalb das Wichtigste, das heute sollte getan werden, auf den ungewissen Morgen zu verschieben. Wenn nun aber der Tod bald einen Greis, bald einen Jüngling, bald links, bald rechts jemanden vor unseren Augen, aus unserem Kreise herausnimmt, dann dringt uns die Stimme mächtig ins Herz: nun muß die Reihe bald an dich kommen, gib Rechenschaft von deiner Haushaltung. Wir denken an die Kürze dieses Lebens, d. h. wir kommen zu uns. Es ist sehr leicht sich im Umgange mit Menschen, die leben wie das Tier, durch allerlei Schriften, Gespräche, Beispiele, Verirrungen usw. den Unterschied zwischen Leib und Geist, zwischen Laster und Tugend verwischen zu lassen. Aber, wenn wir dem Sterben eines Frommen beiwohnen, der uns die Hand drückt, und mit dem Worte: »Ruhig stirbt der Gottesverehrer, der an Unsterblichkeit glaubt; freudig der Christ, der sich des unbekannten Gottes nicht schämt« –, sanft entschlummert, – dann wacht der gelähmte Verstand auf in uns und spricht laut: Wahrhaftig, der Mensch ist nicht nur Körper, und Tugend ist kein eitler Name! Wir glauben wieder an unsere höhere Natur und an die Wahrheit der Tugend, d. h. wir kommen zu uns. Der Tod kann uns also ein nützlicher Freund werden, der uns die wichtigsten Wahrheiten nahe ans Auge rückt und tief ins Herz prägt – kann uns zu uns zurückbringen. Zweites Kapitel. Vom Gewissen Um gut zu werden mache es dir zum einzigen Geschäfte, deinem redlich gefragten Gewissen in allem, ohne Ausnahme und mit vollständiger Treue, zu folgen. Es entsteht somit die Frage, was ist das Gewissen . Ein großer Mann redete von einem Gesetze, das in unsere Herzen geschrieben ist; von einem Zeugnisse in uns; von Gedanken, die sich in uns wechselweise anklagen und verteidigen. Und in der Tat, wenn ich mein Innerstes genau beobachte, so finde ich in mir Gedanken, die mir auf dem Gebiete der Sittlichkeit das Bessere raten, und das Mindergute mißraten; die das Notwendiggute schlechthin gebieten, und das Böse schlechthin verbieten; die mich im wirklichen Rechttun mit ihrem Beifall belohnen, und im Unrechttun mit ihrem Tadel strafen; Gedanken endlich, die auch nach der Handlung mich und mein Tun noch belohnen oder strafen, anklagen oder verteidigen. Diese Gedanken könnte der schärfste Philosoph nicht besser nennen, als ein Gesetz ; denn sie sprechen mit dem Ernste, mit der Unbestechlichkeit und mit der Energie eines Gesetzgebers, unzweideutig und vernehmlich klar, so lange sie Leichtsinn oder eigenliebige Grübelei, oder Leidenschaft nicht überschreien. Der geübteste Denker kann diesen Gedanken nicht absprechen, daß sie ein Zeugnis in uns sind; denn sie zeugen für mich und wider mich, so wie ich es verdiene. I. Das Gewissen, was alle Unbefangenen zugeben müssen, ist nun zunächst gewiß nicht das Werk der Erziehung; ist keine Eingebung der Furcht vor schauderhaften Naturereignissen; auch nicht das Produkt der dichtenden Einbildungskraft; oder das willkürliche Selbstgemachte meiner (spekulierenden) Vernunft; ist endlich nicht das Kind der Politik und der bürgerlichen Gesetzgebung. Denn es gibt bei den verschiedensten Völkern Begriffe vom Guten, die bei allen Verschiedenheiten der Kultur, der Erziehung, der ganzen übrigen Verfassung unter einander übereinstimmen, und in dem Flusse der Zeiten, die alle Gestalten der Dinge ändern, gleichgeblieben sind. Diese Einförmigkeit und diese Dauer der Begriffe des Guten ist ein Charakter ihres Ursprunges, ein Beweis, daß sie nicht sind das Werk der willkürlichen Dichtung oder Erfindung, nicht das Werk der veränderlichen Erziehung oder Politik, nicht das Resultat von Verabredungen, nicht die Furcht des Schauders vor schrecklichen Naturbegebenheiten – lauter Dinge, die sich ja selbst nirgends gleich und nicht dauerhaft sind, und eben darum nicht gleiche und dauerhafte Wirkungen hervorbringen können. Dichtung, Erfindung, Erziehung, Politik, Naturerscheinung mögen mancherlei Einfluß auf Weckung, Belebung, Reinbewahrung oder Entstellung dieser Begriffe gehabt haben: aber die erzeugende Ursache, Vater und Mutter dieser Begriffe waren sie nicht und konnten sie nicht sein. II. Woher kommt denn das Gewissen und seine Sprache? Die Philosophen, die diese Frage entscheiden wollen, und unter den Entscheidenden nicht die schlechten sind, teilen sich in zwei große Parteien. Einige sagen: diese Begriffe selbst seien von Gott in unsere Natur gelegt, seien gleichsam die Aussteuer, die uns seine milde Vaterhand auf diese Pilgerreise mitgegeben hat, und die, wie die Vernunft, bei dem Anblicke der Natur, oder durch den wohltätigen Einfluß der Erziehung, in uns erwachten. Andere behaupten, nur die Kräfte, die Anlagen, diese Begriffe zu bilden , seien von Gott in unsere Natur gelegt, und diese Kräfte durch den Anblick der Natur und durch Erziehung entwickelt, bildeten nach und nach die Begriffe vom Guten. Eine dritte, sehr kleine Klasse, findet das erste zu unbestimmt, und das letzte zu weitschichtig, und läßt deshalb auf dem kürzesten Wege die Ideen des Guten von der Urquelle der Wahrheit in die Seele kommen, wie das Sonnenlicht in das Auge fällt. Darin aber kommen alle drei überein: die Aussprüche des Gewissens seien Stimmen Gottes , sie mögen mittelbar, oder unmittelbar, so oder anders von ihm kommen. Denn wie uns Gott die Heiligkeit selbst ist: so muß er uns notwendig, als Urquelle aller Dinge, auch die Urquelle des heiligen Gesetzes in uns, des Gewissens, der unentstellten Begriffe des Sittlichguten sein. III. Es gibt aber noch einen kürzeren und sicheren Weg, sich von der Wahrheit der Aussprüche des Gewissens zu überzeugen. Es kann nämlich jeder an sich die Erfahrung machen: »Wenn ich der Vernunft, die der Sinnlichkeit widerspricht, und sich uns durch das sittliche Gefühl, durch das Gewissen, ankündigt, treu folge, und mit allen Aufopferungen von Bequemlichkeit, Lust, Eigendünkel, Eitelkeit usw. folge, so entsteht in mir nach und nach ein innerer Friede, eine Ruhe, eine Heiterkeit, ein Wohlsein, das nicht seines Gleichen hat. Wenn ich aber der Sinnlichkeit, die der Vernunft widerstreitet, folge, so entsteht in mir ein Zwist mit mir selbst, eine Unruhe, ein Uebelsein, das ich nicht wegvernünfteln kann.« Darum müßte jeder aus uns zu sich sagen: daß mich die treue Befolgung der Vorschrift meines Gewissens ruhig, heiter, eins mit mir macht, habe ich erfahren, und erfahre es in diesem Augenblicke, wie könnte ich nun ein Bedenken tragen, dem Führer, der mich in das gelobte Land des Friedens eingeführt hat, Glauben beizumessen, daß es wahr und gut sei, was er fordert, und wahr und selig, was er verheißt, indem er ja Wort gehalten, und mich nach seiner Verheißung aus dem Meere von Unruhe, Kummer, Angst erlöst und in das Land der Ruhe gebracht hat. IV. Daran wollen wir uns halten: 1. Es ist eine heilige Stimme in uns, die sagt: Das ist gut, das ist böse. 2. Diese Stimme ist Wort Gottes, Wille Gottes, Zeugnis Gottes, Gesetz Gottes, oder wie du's nennen magst, und wie immer es in uns gekommen sei. 3. Wenn wir dieser Stimme treu folgen, so werden wir gut, ruhig, froh, glücklich. Das aber ist die Hauptsache. Diese Hauptsache will ich nun so vortragen, wie sie auf mich den stärksten Eindruck gemacht hat, und vielleicht auch auf andere machen wird.   Erster Grundsatz des Gewissens. Es ist ein wesentlicher , ewiger, unwandelbarer Unterschied zwischen Sittlich-gut und Sittlich- bös . Das heißt, was sittlich-gut, ist nicht sittlich-gut, weil es dir nützt; nicht gut, weil es etwa der Menschenwahn für gut ausgibt, nicht gut, weil es etwa eine menschliche Gesetzgebung gebeut; nicht gut, weil es etwa belohnt wird, sondern es ist seiner Natur nach gut , unabänderlich gut, in sich gut. So viel bleibt unangefochten: Unverkennbar und einzig ist der Charakter des Sittlichguten, den keine Vernunft ändern, und keine Unvernunft verdrängen kann. Das Sittlichgute flößt nicht nur Hochachtung ein, sondern gebeut sie mit einem besondern Nachdruck. Du mußt dich selbst verachten, wenn du Unrecht getan hast; mußt dich selbst verdammen, wenn du auch das Unrecht nicht außer dir vollbracht, sondern nur lieb hast. Zwar magst du von außen das Schild des Rechtes aushängen, magst Zeichen der Hochachtung von andern fordern und annehmen: aber wenn du dein Gewissen unparteiisch fragst, und seinen Ausspruch in dir vernehmen willst, so wirst du dich trotzdem selbst tadeln und verdammen müssen. Dies ist also der unverkennbare Charakter des Guten , daß es einen eigenen, unwandelbaren Wert in sich selbst hat, und dem guten Menschen eine eigene, unwandelbare Würde gibt. Dies ist der unverkennbare Charakter des Bösen , daß es einen eigenen, unwandelbaren Unwert in sich hat, und dem Bösen ein eigenes, unwandelbares Schmach- und Schandmal aufdrückt. – Diese Ueberzeugung war es, die schon dem scharfsinnigen Tertullian das große Wort in die Feder diktierte: Die Natur hat alles Böse mit Scham und Furcht gebrandmarkt.   Zweiter Grundsatz des Gewissens. So wie es einen inneren, unwandelbaren Unterschied zwischen Gut und Bös gibt, so ist auch in dem Menschen, oder (um eine Ausflucht abzuschneiden) in mir ein Sinn dessen, was unrecht, bös, tadelnswert, unedel ist. Ich sagte: in mir. Denn, was jeder in sich findet, davon mag jeder wohl am besten zeugen können. Was ich aber von mir bezeugen kann, das darf und muß ich von anderen, um der Analogie willen, glauben. Ich wiederhole also: Es ist im Menschen ein Sinn des Guten und des Bösen . Wer diesen Sinn leugnet, leugnet die Würde seiner Natur. Wer ein gesundes Auge hat, zweifelt nicht daran; und wer töricht oder schalkhaft genug wäre, sich eine Binde darüber zu machen, um darzutun, daß er kein Auge hätte, der würde auch töricht oder schalkhaft genug sein, alle Beweise, daß er ein Auge habe, zu verlachen, oder zu meistern. So wenig du also einen Beweis fordern kannst, daß du wirklich ein körperliches Auge hast, weil du wirklich siehst und dir des Sehens bewußt bist: so wenig kannst du einen Beweis fordern, daß du ein Geistes-Auge für das Gute hast, weil du das Gute von dem Bösen wirklich unterscheidest, und dir des Unterscheidens bewußt bist. Für mich ist es also so gewiß, als etwas gewiß sein kann, und so viel als ein Glaubensartikel der gesunden Vernunft: »Es gibt in uns einen Sinn des Guten und Bösen« – eine Wahrheit an der man nicht zweifeln kann, oder wenn man es könnte, um ihrer Wichtigkeit willen nicht zweifeln darf. Der Sinn des Guten und Bösen in uns, oder das Auge des Gewissens, kann feiner werden und stumpfer, wie jeder andere Sinn. Diesen Sinn redlich fragen, fleißig nachdenken über Inhalt; Wahrheit und Bedeutung seiner Antworten und ihnen treu folgen, macht ihn fein. Diesen Sinn nicht redlich fragen, oder über seine Antworten nicht redlich nachdenken, besonders aber, ihnen kühn entgegenhandeln, macht ihn stumpf. – Die Geschichte guter und böser Menschen ist im Grunde nichts anderes, als eine Geschichte von fortschreitender Verfeinerung und Abstumpfung des innersten Sinnes für das Gute und Böse. – Dieser Sinn des Guten kann gestärkt und geschwächt werden. Gestärkt wird er, wenn wir frühzeitig und praktisch angeleitet werden, die Aussprüche des Gewissens als Aussprüche der höchsten Heiligkeit, Weisheit und Macht zu erkennen, als solche zu respektieren und zu erfüllen. Denn in dieser Voraussetzung fließen alle Gefühle des Glaubens an Gott, der Verehrung gegen ihn, des Vertrauens auf ihn, der Freude an ihn, der Dankbarkeit und Liebe gegen ihn, mit der Achtung gegen den Ausspruch des Gewissens in eine Empfindung zusammen, und diese Eine zusammengesetzte Empfindung ist eben darum stärker, gebietender, als die einfache Achtung gegen den Ausspruch des Gewissens. Geschwächt wird dieser Sinn durch alles, was das Reich der Sinne und der regellosen Begierde in uns begünstigt und verstärkt. (Auch darüber soll nur die geheimste Hauserfahrung des Lesers entscheiden, oder vielmehr nicht entscheiden, sondern ihn nur an eine vergessene Wahrheit erinnern.) Die Treue des menschlichen Willens gegen alles das, was dem unbestochenen Sinne für das Gute als gut einleuchtet, ist das, was uns in uns selbst gut, ruhig, eins mit uns, heiter, dauerhaft froh macht. Wieder eine Wahrheit, die die forschende Vernunft nach Belieben untersuchen, die Erfahrung jedem Einzelnen am kräftigsten beweisen und kein Jahrhundert ohne Schande bezweifeln kann. Gut-, Ruhig-, Einsmitsich-, Heiter-, Dauerhaftfrohwerden ist doch der Zweck alles, oder wenigstens des besten Strebens der menschlichen Natur. Froh wollen alle, gut die Weiseren werden. Gutsein ist also der würdigste Zweck der menschlichen Natur. Gutsein und durch Gutsein froh und selig werden, der ganze Zweck des edelsten Strebens der menschlichen Natur. Gewissenstreue ist also das unentbehrlichste Mittel zum würdigsten Zweck der menschlichen Natur, und zum ganzen Zwecke, zum Gut- und Wohlsein des menschlichen Geistes; ist also in Hinsicht auf diesen Zweck, Hauptsache. Wenn nun Gewissenstreue Hauptsache ist: so ist alle Aufklärung, die der Gewissenstreue entgegenarbeitet, eine Unordnung in dem Streben nach dem wahren Gut- und Wohlsein der Menschennatur. Denn Unordnung ist alles, was die gerade Richtung zum Zwecke hindert und verkehrt. Wenn Gewissenstreue Hauptsache ist: so ist alle Spekulation, die sie wanken macht oder wenigstens zur Geringachtung derselben mithilft, eine Unordnung in dem Streben nach dem Gut- und Wohlsein der Menschennatur. Wenn Gewissenstreue Hauptsache ist: so ist alle Erziehung der Kinder, die ihr entgegen, oder wenigstens ihr nicht in die Hände arbeitet, Unordnung in dem Streben nach dem Gut- und Wohlsein. Wenn Gewissenstreue Hauptsache ist: so ist alles Wertschätzen der Ehren, Reichtümer, Weltgrößen, ja sogar aller, auch der vornehmsten Wissenschaften und Künste, alles Hasten und Jagen nach diesen Gütern, wenn es nicht von der Gewissenstreue gelenkt wird, oder wenigstens dieser Hauptsache untergeordnet ist, nicht von ihr Maß und Richtung zum Zwecke erhält – Unordnung in dem Streben nach dem Gut- und Wohlsein der menschlichen Natur. »Wenn nun Heiden, die das Gesetz nicht empfingen, das, was das Gesetz vorschreibt, durch den Trieb der Natur vollbringen: so sind sie, ohne das Gesetz zu haben, schon sich selbst das Gesetz, und sie zeigen durch ihre Handlungen, daß das, was das Gesetz zu tun vorschreibt, ihnen schon in das Herz geschrieben sei; ihre innersten Gedanken sind gegen einander ihre Ankläger und Vertreter, und ihr Gewissen wird die Zeugenschaft führen.« »Wenn das Licht, das in dir ist, Finsternis wird, wie groß wird dann die Finsternis sein?« »Ich bin das Licht der Welt; wer mir nachfolgt, wird nicht im Finstern wandeln, sondern das Licht des Lebens haben.« »Das ist das Gericht, daß das Licht in die Welt kam, und die Menschen die Finsternis lieber hatten als das Licht; denn ihre Werke waren böse. Wer Arges tut, der haßt das Licht, und kommt nicht zum Licht hervor, damit seine Werke nicht gestraft werden.« »Nehmt ihm das Talent weg, und gebt es dem, der die zehn hat. Denn jedem, der schon hat, dem wird bis zum Ueberflusse gegeben werden.« Drittes Kapitel. Von der Selbstverleugnung   A. Die Idee der Selbstverleugnung. Sich selbst verleugnen heißt, sich gegen die Forderungen der Sinnlichkeit und jeder niederen Neigung, deren Erfüllung von den Aussprüchen der Vernunft nicht gebilligt wird, so verhalten, als wenn wir die Forderungen der Sinnlichkeit und jeder niederen Neigung nicht kennten, und nur die Aussprüche der Vernunft in uns vernähmen. Ich verleugne meinen Freund, wenn ich durch Wort oder Tat sage: Ich kenne ihn nicht. Ich verleugne mich selbst, wenn ich ungeachtet aller Gegenforderungen der Sinnlichkeit und jeder niederen Neigung, mich nur von der Vernunft leiten lasse, als wenn die Gegnerin gar keine Einwendungen zu machen hätte. Dies ist so wahr, als wahr und klar ist: 1. daß in dem Menschen zweierlei, ein Niederes und ein Höheres ist, welches die Schule Sinnlichkeit und Vernunft, und unsere heiligen Schriften Fleisch und Geist nennen; 2. daß dieses Niedere und Höhere, diese zweierlei Kräfte, nach ihrem jetzigen Verhältnisse gegen einander eben zweierlei sind, die nicht einträchtig, nicht einstimmig befehlen, sondern einander in ihren Forderungen entgegen arbeiten; 3. daß das Niedere seiner Natur nach dem Höheren dienen und von ihm beherrscht werden soll, um nicht die Unordnung in einem nicht einheitlichen Wesen noch größer zu machen. Daß aber das Höhere über das Niedere nicht standhaft herrschen kann, ohne gegen das Niedere standhaft zu streiten, d. h., ohne Selbstverleugnung.   B. Die Notwendigkeit der Selbstverleugnung. Wäre ich bloße Vernunft, reine Vernunft und rein-guter, heiliger Wille, wie Gott, so wäre ich keiner Selbstverleugnung bedürftig, und keiner fähig, – wäre reine Liebe des Guten, wäre gut, heilig von Natur. Wäre ich bloß Tier, so wäre ich keiner Selbstverleugnung fähig und eben darum keiner bedürftig, wäre ohne Idee des Guten, wäre eben Sinn und Instinkt, und nichts weiter. Wäre in mir die Unterordnung der Sinnlichkeit unter die Vernunft durch ein wohltätiges Naturgesetz, wie z. B. bei dem Feuer das Brennen, so fest gegründet, daß kein Uebergewicht jener über diese Platz fände, so wäre ich ebenfalls der Selbstverleugnung weder fähig, noch bedürftig, wäre gut, ohne Anlaß und Trieb zum Nichtgutsein, wie die lebendige Flamme vollkräftig zum Brennen ist. Da ich mich aber weder im ersten, noch im zweiten, noch im dritten Zustande, sondern in einem vierten, befinde, nämlich in einem solchen, in dem die Herrschaft der Vernunft bloß eine erst gebotene, eine erst zu bewirkende Sache ist: und da ferner die Herrschaft der Vernunft nicht anders erhalten werden kann als durch Unterwerfung der Sinnlichkeit, und diese Unterwerfung die eigentliche Selbstverleugnung ist, so muß man die Selbstverleugnung als ein Gesetz unserer in sich uneinen jetzigen Natur gelten lassen. Ich sehe nicht, was man diesen Darlegungen mit Grund entgegensetzen kann. Daß die Herrschaft der Vernunft ein Gebot der Vernunft sei, läßt sich aus dem bloßen Dasein der Vernunft abnehmen, und aus der Unmöglichkeit, ohne Herrschaft der Vernunft eine lautere Liebe und Achtung für das Gute, und Ruhe und Freude im Innern, auch nur zu denken. Selbstverleugnung ist also, nach der Natur des Menschen zu urteilen, für uns vermischte Wesen das allernotwendigste, das »Organum organorum«, um das lautere Gut- und Wohlsein in uns zu gründen, und deshalb die Pflicht der Pflichten. Anmerkung . Diese Notwendigkeit der Selbstverleugnung leuchtete einen jedem Freund der Tugend nach dem Maße ein, als er wirklich ein Freund der Tugend war. Und ich rechne es unter die Vorzüge der älteren Philosophie vor einer gewissen neueren, die ich nicht nennen mag, daß jene immer mehr Selbstverleugnung predigte, und diese mehr Lebensgenuß. Wird dieses »Organ aller Organe« fleißig gebraucht, so wird es durch den Gebrauch vollkommener; und vollkommene Selbstverleugnung ist Selbstverleugnung im edelsten Sinne, d. i. Widerstand der Vernunft gegen alle vernunftwidrigen Forderungen der Sinnlichkeit und gegen alles niedere Streben aus Achtung für die Gebote der Vernunft, als Aussprüche der höchsten Vernunft. Viertes Kapitel. Vom Verlangen gut zu werden Das Verlangen, gut zu werden, ist in Hinsicht auf das Gutwerden, was die Empfängnis in Hinsicht auf die Geburt des Menschen. Die Naturgeschichte hat kein Bild, das das Beginnen des Gutwerdens besser ausdrückte, als jenes, das von dem Werden des Menschen genommen ist. Auch weist schon die Natur eines Wesens, das Verstand und Willen hat, dahin, daß das Gutwerden von dem Willen, von der freitätigen Kraft, also vom Verlangen ausgehen muß. Es ist übrigens hier die Frage nicht, was dem Verlangen gut zu werden, das nötige Leben geben könne. Denn man würde am Ende doch gestehen müssen, daß ein Mensch, sich selbst überlassen, aus sich allein das Gutsein sich so wenig geben kann, als er sich das Sein gegeben hat. Es kommt hier darauf an, daß der Mensch keinen Anlaß versäumt, den schon gefaßten Entschluß zu beleben und zu stärken. Und das ist es, was den Trägern spornen und den Schwachen beschämen muß, jenen, daß er sein Verlangen dem Vermögen gleichmache; diesen, weil sein Verlangen noch unter seinem Vermögen ist. Es ist dies wirklich die tröstendste und unverfänglichste Lehre: Tun, was man kann, um gut zu werden und um es zu tun, es zuerst tun wollen . Es ist dies die tröstendste Lehre: denn sobald wir uns das unparteiische Zeugnis geben können, daß wir in einem auch kleineren Zeitabschnitte getan haben, was wir konnten, um gut zu werden: so fühlen wir in uns etwas Ruhe, und diese Ruhe ist eine Probe, daß die Lehre wahr und tröstend, und ihre Befolgung Weisheit sei. Es ist die unverfänglichste Lehre; denn, da kein Mensch das Kraftmaß des anderen so genau bestimmen kann, wie sein eigenes, da dieses Kraftmaß nicht nur in mehreren Menschen, sondern sogar in dem nämlichen Menschen ungleich ist; da die Wenigsten tun, was sie können, weil die Wenigsten wollen, was sie können, so läßt sich keine unzweideutigere Lehre denken, als diese: Tun, was man kann, um gut zu werden, und um es zu tun, es zuerst tunwollen. Wie aber die meisten Menschen das Geld, das sie in Händen haben, nicht recht gebrauchen, und zugleich immer mehr Geld in Händen haben möchten: so gebrauchen die meisten Menschen die Kraft, gut zu werden, die sie haben, nicht recht, und möchten doch zugleich immer mehr Kräfte haben. Sie wollen, was sie können, so läßt sich keine unzweideutigere was sie haben. Das ist eine Anklage, die wohl alle Menschen trifft, und nur wer rein ist, darf auch hier wieder den Stein aufheben und auf uns übrige werfen. Wer kennt z. B. unter uns nicht mehr Wahrheit, als er anwendet? Wessen Wille ist so lebendig zum Rechttun, als er sein könnte? Es ist ein Fehler, wenn man den Menschen größer macht als er ist: aber der größte Fehler ist immer dieser, daß der Mensch nicht so groß sein will, als er wohl sein könnte. Denn wollte er es, so wäre er es auch. Und wenn das Verlangen gut zu werden, demütig sein muß, damit wir nur das wollen, was wir können: so muß es auch großmütig sein, damit wir all das wollen, was wir können, um gut zu werden. Wahrhaftig es kommt hierin nicht auf Spekulation, die übrigens aller Ehren wert sein mag, es kommt auf das Wollen an, und dieses Wollen folgt der vorangehenden Spekulation nicht so leicht, als etwa die Eisenfeilspähne dem Magnet; wie einem jeden von uns seine eigene Erfahrung und die Natur der Sache dartun kann. Denn es ist zwischen Spekulation, die nur den Gipfel des besseren Landes sehen mag, und zwischen dem Wollen, das den trägen Fuß aufhebt, und über Dörner hinläuft, um das bessere Land zu erreichen, eine große, große Kluft. Wie immer aber diese Kluft ausgefüllt werden mag, so oder anders, das liegt klar am Tag: auf ernstes Wollen , auf großmütiges Verlangen kann nie zu sehr gedrungen werden ; zumal wir in allen übrigen Bemühungen wahrnehmen, daß das Wollen Felsen sprenge, Berge abtrage, und zum Ziele durchbreche. Wer sich also prüfen will, der prüfe sein Verlangen, gut zu werden, und wer gut werden will, der lasse keinen Anlaß ungenützt vorbei, dies Wollen zu beleben und zu stärken. »Selig, die es nach der Gerechtigkeit hungert und dürstet denn sie werden gesättigt werden. Ringt, daß ihr durch die enge Pforte hindurch kommt. Die mit Gewalt ins Himmelreich eindringen, die reißen es an sich. Ist's euch unbekannt, daß obgleich in der Laufbahn alle laufen, dennoch nur einer das Kleinod erhält? Laufet demnach so, daß ihr es ergreifet. Jeder, der auf dem Kampfplatze ringt, enthält sich aller anderen Dinge, und dies wegen eines verwelklichen Kranzes; auf uns wartet ein unverwelklicher. Kämpfe den guten Kampf des Glaubens. Ein Kämpfer wird nicht gekrönt, wenn er nicht vorschriftsmäßig gekämpft hat.« Alle diese Bilder, »nach Gerechtigkeit hungrig und durstig sein, sich durch die enge Pforte durchdrängen, die Burg des Himmels mit Gewalt einnehmen, wie im Wettlauf danach ringen, wie auf dem Kampfplatze kämpfen,« – malen das ernste, großmütige, unbezwingliche Verlangen, gut zu werden; sie malen aber nur dies Verlangen, geben können sie es nicht. Fünftes Kapitel. Vom Werte der Diät, besonders im Anfange des Gutwerdens Was die Arzneikunde als ein Mittel zur Befestigung und Erhaltung der körperlichen Gesundheit gebeut, das empfiehlt die Moral als eine Bedingung, ohne die die Gesundheit des Geistes nicht wohl bestehen kann. Sich an eine etwas strengere Diät halten, dem Gaumen versagen können, was mehr zum Vergnügen, als zur Erhaltung der Gesundheit dient, wird bald über, bald unter seinem wahren Werte geschätzt. Diese Enthaltsamkeit aus Tugend ist zwar nur Enthaltsamkeit von Speise und Trank, ist aber doch Enthaltsamkeit , und Enthaltsamkeit aus einer Absicht , deren sich die Tugend nicht zu schämen hat. 1. Sie ist Enthaltsamkeit, und, insofern es leichter ist den Sinnen gehorsamen als ihnen widerstehen, eine Uebung im Widerstreite gegen die Sinnlichkeit; hat also einen Wert von dem Widerstande, den man sich gebieten muß, um enthaltsam zu sein und sein zu können; hat den Wert der Selbstbeherrschung . 2. Sie ist nur Enthaltsamkeit vom unnötigen Essen und Trinken, also noch nicht von dem Reizendsten, was die Sinnlichkeit hat. Allein wer sich das Minderreizende nicht versagen kann, wie wird er sich das Reizendere versagen können? Wer sich aber in geringeren Kämpfen übt, der bereitet sich zu schweren. Es hat also die Enthaltsamkeit von unnötigem Essen und Trinken einen Wert als Vorübung und Vorbereitung zur Selbstbeherrschung bei Anlässen, die mehr Reize für die Sinnlichkeit mit sich bringen. 3. Es ist überdies zwischen Enthaltsamkeit und Keuschheit ein wesentlicher Zusammenhang, den kein Philosoph übersehen kann, ohne die gröbste Unwissenheit in seinem eigenen Hause zu verraten. Man kann mäßig in Speise und Trank sein, ohne keusch zu sein; aber keusch sein und unmäßig sein in Speise und Trank, das ist ein Widerspruch. Es ist schwer, ein brennendes Feuer zu dämpfen, aber es ist ganz unmöglich, es zu dämpfen, wenn man zu gleicher Zeit ihm neue Nahrung zuführt. Und nicht nur ist Mäßigkeit in Speise und Trank überhaupt notwendig als eine Bedingung , ohne die sich der Geschlechtstrieb nicht beherrschen läßt. Die Mäßigkeit, die die Liebe zur Keuschheit gebeut, ist auch weit höherer Ordnung , als die gerade die Gesundheitsliebe fordert. Es kann der Keuschheit gefährlich werden, was es der Gesundheit gerade nicht ist. Es erhält also die Enthaltsamkeit von Speise und Trank einen neuen Wert von ihrem Zusammenhange mit der Ordnung des Geschlechtstriebes , ohne die kein Gutsein gedacht sein kann und von dem Werte dieser schönen Tugend, des keuschen lautern Sinnes, von dem sie geboten wird. 4. Endlich wird der Geist desto fähiger, übersinnliche Gegenstände zu verfolgen, je weniger ihn der Körper drückt, und der Körper drückt weniger, wenn er von Speise und Trank nicht beladen ist. Je mehr aber der Körper der Speise dient, desto tiefer sinkt der Geist in die Gesellschaft der Tiere hinunter, und verliert nach und nach den Sinn für sein Element. Was nun den Geist in kleinen Kämpfen übt, und zu größeren stärkt, vorübt, was ihn des keuschen Sinnes fähig, und zu geistigen Arbeiten tüchtig macht – eben die Enthaltsamkeit von unnötigem Essen und Trinken – sollte sich damit von selbst empfehlen. Sie empfiehlt sich auch selbst. Aber Freunde findet sie wenig, und doch haben wir es so gerne, daß man uns mäßig nennt. Auch wähnt jeder, der nicht besonders unmäßig ist, er sei mäßig genug, weil er etwa noch Unmäßigere kennt, als er sein mag. Zudem täuschen sich die meisten mit dem Wahn, es sei so leicht, mäßig zu sein, und vor lauter Aberglauben an diese Leichtfertigkeit machen sie nie eine Probe an sich. Es mag auch nicht schwer sein, gegen einen Götzen kalt zu bleiben, wenn man einem anderen mit Wärme dient. Aber gar keinen Götzen dienen – das ist die Aufgabe an den menschlichen Willen, mit der er nicht so leicht fertig wird. Freunde! laßt uns treu im Kleinen sein, um es einst im Großen auch zu sein. »Viele leben als Feinde des Kreuzes Christi, von welchen ich oft zu euch redete, und jetzt zu euch mit weinenden Augen schreibe: ihr Ende ist der Untergang, ihr Gott der Bauch. Berauschet euch nicht mit Wein, aus welchem Unkeuschheit quillt, sondern werdet voll des heiligen Geistes. Ihr mögt essen oder trinken, oder was immer tun, tut alles zur Ehre Gottes. Lasset uns ehrbar wandeln, wie am hellen Tage, nicht in Schwelgerei und Trunkenheit, nicht in den Gemächern der Wollust und Buhlschaft, ohne Zank und Neid. Ja, ziehet den Herrn Jesum Christum an.« Sechstes Kapitel. Vom Werte des Umganges mit guten Menschen Es ist schwer an die Tugend zu glauben, bis man einen Tugendhaften gesehen hat. Man glaubt gar oft bloß an das Wort, und nicht an die Sache »Tugend« und wie im Traume hält man den Schein für das Sein. Aus jenem Glauben und aus diesem Traume hilft uns der Umgang mit einem guten Manne heraus. Es ist nicht so leicht, einen guten Mann zu finden, noch schwerer, mit ihm vertraut zu werden, das Schwerste, im Umgang mit ihm auszuhalten. Denn sieh! Er trägt sich nicht zur Schau, und will nicht anders scheinen, als er ist; läuft nicht Fremden nach und hat keine Freude daran, daß Fremde ihm nachlaufen; sucht kein Lob, und teilt keines verschwenderisch aus; nimmt keine Schmeicheleien an, und gibt keine zurück; redet mehr durch Gebärde und Tat, als Worte; hat ein wichtigeres Tagewerk, als durch schöne Sprüche zu täuschen und sich täuschen zu lassen; wohnt gern in sich und dringt überall auf die Hauptsache, die Selbstbesserung; kann froh sein mit Frohen und trauern mit Trauernden, will aber nicht dafür angesehen sein, daß er es sei, der die Menschen lieb hat; kennt etwas Besseres als gewöhnliche Gelehrsamkeit, und traut dem Winde nicht, liebt die Wahrheit über alles, glaubt aber nicht, daß er oder ein anderer sie in Pacht habe; tut Gutes ohne Geräusch, und kümmert sich nicht viel um die Urteile der Zeitungen über ihn und andere; wirbt nicht und läßt sich nicht werben zu Parteien; tut den Mund nicht auf und nicht zu mit dem glänzenden Haufen; glaubt nicht leicht was die Journale von Verbesserung der Menschen sagen, weil er weiß, wie viel es kostet, gut zu sein; wandelt für sich auf dem schmalen Pfade, und kann es leiden, daß seine Brüder auf der Heerstraße seiner spotten; beut seine Hand dem Irrenden, prüft aber den Mann, ehe er zu ihm sagt: »Teurer«, und noch mehr, ehe er ihn »Freund« nennt; weiß, daß die meisten Menschen nicht wissen, was sie wollen, traut also auch den gut scheinenden Projekten nicht; baut mit ganzer Seele auf Gott, aber denkt gering von sich und hält keine Wachsamkeit über sich für überflüssig, arbeitet daran, sich und die sich durch ihn retten oder wenigstens warnen lassen, unantastbar von der Pest der Eigenliebe und des Hochmutes und der Anhänglichkeit an alle die niederen Güter und alle die Torheiten, die für Weisheit gehalten werden, und wahrhaft frei von der Herrschaft des Lasters zu machen; hält die Pflichten seines Kreises heilig, glaubt aber, daß das Heiligste, das rechte Reich im Inneren des Menschen sei; haßt übrigens alles Sonderbare, und hat kein graues Haar deswegen, weil ihn die Welt mißkennt, oder vergißt, oder gar für tot hält. Ein solcher Mann drängt sich nicht auf, und läßt sich durch keinen Wetterhahn fixieren. Wer aber einen solchen Mann gefunden hat, und um ihn und bei ihm sein kann, und gut werden will, der hat eine Perle gefunden. Es wird ihm bei dem Anblicke des Guten ein Licht aufgehen, was es heißt, gut sein, und die schöne Gestalt der Tugend wird sein Herz rühren, daß es Mut empfängt, ihren Besitz sich zu wünschen und darnach zu streben. Das Bessere, das er an seinem Vorbilde sieht, wird sein Schlechteres aufdecken und strafen. Um dieses strafenden Eindruckes loszuwerden, wird er sich auch gebieten lernen, und zuerst das Gute aus Liebe zu seinem Freund nachahmen, um es dann um des Guten willen lieben zu lernen. Es ist aber nicht bloß die Kraft des Beispiels, durch die ein guter Mann auf uns wirkt; auch nicht allein die Kraft der Belehrung, die sein Reden und sein Schweigen, sein Leiden und sein Tun auf unseren Verstand ausübt: es ist vorzüglich die praktische Darstellung, daß die Tugend kein leeres Wort, und daß sie die Quelle des Mutes und die Wurzel der Freude sei. Die sichtbare Probe von der Wahrheit und Seligkeit des Gutseins am Beispiele des Guten ist es eigentlich, was auf uns wirkt, und die Kräfte zum Guten spornt. Beim Anblicke eines wahrhaft guten Mannes schwindet vor unseren Augen die Kluft zwischen Sollen und Wollen, zwischen Wollen und Tun, zwischen Tun und Sein, zwischen Sein und Schein. Er tut, was er will, und will, was er soll, und ist, was er scheint, und noch mehr, als er scheinen kann. Sein Aeußeres ist das Bild seines Inneren, und sein Inneres ist beseelt von der Liebe und Hochachtung gegen die Urquelle alles Guten. Zu einem solchen Manne in die Schule gehen, und ihm nicht aus der Schule laufen, bis sich die Idee des Guten in uns nach- und ausgebildet hat, bringt dir, lieber Jüngling! (denn dich und dein Los habe ich vor Augen,) mehr Vorteile ein, als wenn du die Welt umsegeltest, so vorteilhaft in anderer Hinsicht dies letztere immer sein mag. – Wer in seinem Leben zwei gute Menschen kennen und im Umgange mit ihnen nicht mehr gelernt hätte, als ihm Büchersaal und Akademie lehren können, für den ist die Tugend nicht, und er nicht für sie. Wenn du aber in deinem Kreise keinen guten Mann findest? – So wärme dich an dem Beispiele derer, die ehemals gelebt haben. Suche ein Vertrauter des Paulus, Johannes, Nathanaels, Daniels oder anderer guter, heiliger Menschen zu werden, deren glaubwürdige Lebensbeschreibungen auf uns gekommen sind. Siebtes Kapitel. Vom Werte der Lektüre guter Bücher Wenn der Anblick eines guten Menschen den Sinn eines guten Buches aufschließt und den erlöschenden Eindruck des guten Menschen der Genius eines guten Buches wieder auffrischt: so helfen der Umgang mit Lebenden und der Umgang mit Toten brüderlich zusammen. Es ist aber nicht das Lesen, es ist das Vertrautsein mit dem Geiste des Buches , was uns stärken und heben kann; und wie man viele Bekannte und wenige Freunde hat, so mag es viele Bücher geben, die wir lesen können, und nur wenige, die es wert sind, unsere Vertraute zu werden. Es sind auch vermutlich bei der ungeheuren Büchermenge nicht so gar viele Bücher, die von reinen Geistern geschrieben worden: darum sind es auch nicht viele, die den Sinn für reines Gutsein wecken und nähren. Denn es flossen offenbar nicht alle Bücher ihren Verfassern aus dem Herzen, und unter denen, die ein Abdruck ihres Herzens sind, die wenigsten aus lauterem Herzen. Darum bleiben viele ehrliche Leser, bei allem Eifer, zu lesen, sich gleich, wenige werden durch das Lesen besser, nicht wenige schlimmer. Es läßt sich nicht beschreiben, kaum glauben, wie sehr der befleckte Sinn des Schriftstellers alles, was er schreibt, befleckt, und auch den Leser, der sich ihm überläßt. Die Ausdünstungen aus einem sumpfigen Boden sind ungesund, und es ist eine Gesundheitsregel, sich davor zu hüten: aber die Ausflüsse eines unlauteren Geistes in Worten und Schriften sind ungleich schädlicher und ansteckender. Und es gibt vielleicht kein unzweideutigeres Mittel, den Menschen zu mißbilden, als ihn ohne Wehr und Waffen (ohne Rat und Leitung) dem wilden Lesen zu überantworten. Wenn nun ein Buch aus gutem lauteren Sinn geschrieben, und ein Buch, mit dem wir vertraut geworden sind, die Liebe zum Guten in uns wecken und nähren kann; wenn es im Grunde nicht so viele Bücher gibt, die von reinen Geistern geschrieben sind; wenn der unreine Sinn des Schriftstellers den Leser, der sich ihm überläßt, verunreinigt: so wird der, welcher gut werden will, es mit den Büchern halten, wie mit der Freundschaft . Er wird wählen, und um recht zu wählen, prüfen, und um recht zu prüfen, den Wink eines guten Mannes um Rat fragen; wird mit keinem unwürdigen Buche sich einlassen; wird mit den wenigen, die zum Guten treiben, immer vertrauter zu werden streben; wird lesen, um gut zu werden; wird sich von der erkannten und geliebten Wahrheit in Besitz nehmen lassen, und seinen Lesefleiß nicht nach der Zahl der Bücher, sondern nach den reifen Früchten des Lesens schätzen. – Den guten Mann kennst du an seinem liebsten Buche und an der Art, wie er liest. Und Menschen, die sichs viel kosten lassen, um gut zu werden, versichern, daß kein Buch mächtiger auf den Keim des Guten, den sie in sich haben, wirke, als das Neue Testament . Ihr, liebe Freunde, werdet nicht eigensinnig genug sein, um an der Ehrlichkeit dieser Versicherung zu zweifeln, und nicht zu träge, um an euch selbst den Versuch zu machen, ob der Inhalt dieser Versicherung wahr ist. Achtes Kapitel. Vom Werte der Naturbetrachtung Es gibt mancherlei Betrachtungen der Natur, die uns zum Guten treiben, und wahr sind. Man kann die Natur ansehen als Arbeitshaus, in dem die Kräfte der Menschen auf mancherlei Weise geübt, und Speise, Trank, Kleidung bereitet werden; oder als reiche Vorratskammer, darin der große Hausvater seinen Kindern Nahrung aufbehält; als Erziehungschule, darin Sterbliche zur Unsterblichkeit gebildet werden, Böse gezüchtigt, Gute geprüft werden; als Offenbarung der unsichtbaren Gottheit, die wir in ihren Werken wahrnehmen können; als Schauplatz der Vorsehung, die Königreiche gibt und nimmt, und Menschen durch Menschen leitet; als ein Saatfeld, auf dem Weizen und Unkraut der Ernte entgegenreifen, die die große Scheidung des Guten und des Bösen und die erwartete Allvollendung bringen wird; als Bildersaal, in dem sich für unsere sittlichen und religiösen Betrachtungen passende Bilder finden, wie denn überhaupt das Aeußere als ein Bild des Inneren, das Sichtbare als ein Symbol des Unsichtbaren angesehen werden kann; endlich könnte man die Natur einem Lustgarten vergleichen mit vielen Dörnern und Irrgängen, die uns als unentbehrliche Stacheln des Fleißes und der Wachsamkeit darauf hinweisen, daß wir nicht eher das Recht haben, lustzuwandeln, als bis wir gearbeitet und uns der Freude würdig gemacht haben. Einige Weltweise stoßen sich daran, daß andere die Erde als ein Jammertal ansehen. Allein auf Worte kommt es nicht an, der Jammer ist da, und keine Weltweisheit und keine Wissenschaft hat ihn verhindern können. Dies ist die Sache, das Wort kann man preisgeben. Es kommt ja auch nicht mehr Gutes in diese Welt, wenn du sie ein Eden nennst; der Traum ist bald dahin, und Herzeleid läßt sich durch kein schönes Wort wegschaffen. Wie du aber die Natur auch immer ansehen magst, das Ansehen ist nicht Zweck; es muß eine Empfindung des Dankes gegen das allerbeste Wesen, ein Sehnen nach dem Besseren, ein Gefühl der Unsterblichkeit, und nicht bloß ein Gefühl, es muß ein Sinn, eine Gesinnung , etwas Bleibendes, eine anhaltende Vorliebe für das Bessere, eine gebietende Hochachtung für Gott und sein heiliges Gesetz daraus werden, wenn du selbst gut werden sollst. »Sehet dort die Vögel in der Luft! sie säen nicht, ernten nicht, und sammeln nicht in die Scheunen, und euer himmlischer Vater nährt sie doch. Seid ihr denn nicht mehr wert als sie? Sehet da die Lilien auf dem Felde, wie sie wachsen! und doch arbeiten und spinnen sie nicht. Und dennoch sage ich euch: Salomo in all seiner Herrlichkeit war nicht so gut gekleidet, als eine aus ihnen. Wenn nun Gott das Gras auf dem Felde, das heute grünt und morgen in den Dörrofen geworfen wird, so kleidet: wie viel mehr wird ers euch tun, ihr Kleingläubigen!« Hierher gehören alle Gleichnisse des Evangeliums, deren Stoff aus der Natur genommen ist, besonders die im 13. Kapitel bei Matthäus. Neuntes Kapitel. Vom hohen sittlichen Werte des Gebetes Das Gebet, auch wenn man es nicht gleich als Erhörungsmittel betrachtet, trägt viel dazu bei, das Uebergewicht der Sinnlichkeit über die Vernunft zu schwächen. 1. Das Gebet, ein Ausguß des Herzens vor Gott, oder wenn diese Sprache zu sinnlich ist, die Summe von Empfindungen, die der vertraute Gedanke an Gott in einer nach dem Guten ringenden Seele erzeugen kann, übt, als Aufblick des Geistes zu Gott , die Aufmerksamkeit in Festhaltung übersinnlicher Gegenstände, wodurch die Anhänglichkeit an sinnliche geschwächt wird. Ein Vorzug, der dem Menschen vor allen Erdgeschöpfen eigen ist: er kann sich über die Sinnlichkeit, über die Gegenwart, erschwingen und zu Gott erheben! Eben deshalb ist auch das Gebet die würdigste Uebung des menschlichen Geistes und setzt in einem höheren Grade von Vollkommenheit unzählige Uebungen desselben Geistes voraus. So kann man zwei widersprechende Meinungen vom Gebete gar leicht vereinigen. Wer sagt: das Beten sei eine leichte Sache, hat recht, wenn er jeden leichteren Gedanken an Gott, und jede leichtere Empfindung der Freude an ihm usw. Gebet nennt. Und wer sagt: das Beten sei eine schwere Sache, hat recht, wenn er anhaltende, nur mühsam erkämpfbare Erhebung des menschlichen Geistes über die reizende Sinnlichkeit zum übersinnlichen Gott, Gebet nennt. Hierher gehört, dem nicht wohl widersprochen werden kann: das Gebet hilft die Herrschaft der Aufmerksamkeit auf übersinnliche Gegenstände gründen. Mit der Herrschaft der Aufmerksamkeit aber wächst die Würde eines denkenden Wesens. Je unbefangener die Aufmerksamkeit in Verfolgung würdiger Gegenstände, desto würdiger der Mensch! 2. Das Gebet als gebietendes Wohlgefallen an einem reinen Verstande, der alle Wahrheiten klar erkennt, ermuntert zum edlen Eifer, die Dinge nicht nach den Eindrücken auf unsere Sinne, nicht nach dem Angenehmen oder Unangenehmen, das mit diesen Eindrücken verknüpft ist, sondern nach dem, was sie in Beziehung auf unser wahres Gut- und Wohlsein, nach ihrem inneren Werte sind, nach der Wahrheit zu schätzen : und diese Schätzung der sinnlichen Dinge nach ihrem inneren Werte müßte die Zauberkraft, mit der dieselben so oft die Herrschaft der Vernunft zu Schanden machen, vermindern helfen. Ein schöner Vorteil des Gebetes: es ist ein Verstand, der alle Dinge nach ihrem Sein würdigt, diesem Verstande will ich mich nach allem meinem Vermögen nähern im Urteil von dem Werte der Dinge. Wäre dieser Vorsatz in irgend einem Menschen herrschend, er würde dem Reiche der Sinne großen Abbruch tun und das Reich der Vernunft kräftig unterstützen. 3. Das Gebet als gebietende Freude an einem Willen, der nur Güte ist, und alles Gute liebt, ermuntert zur schönen Nachahmung des Besten, zum großmütigen Streben , auch gut und gütig zu werden, wie der göttliche Wille ist. Und wenn das Gebet keine anderen Vorteile hätte, als daß es diesen edlen Wetteifer, dieses kühne Verlangen, Gott ähnlich zu werden, in der menschlichen Natur weckte: wer sollte es nicht empfehlen? 4. Das Gebet als gebietendes Gefühl der Hochachtung des Höchsten, das dem Einen vor allen übrigen Dingen den Vorzug gibt, als Wonnegefühl an der erkannten Unabhängigkeit und Allgenügsamkeit Gottes, vereint mit dem innigen Gefühl unserer Dürftigkeit und Abhängigkeit, d. h. das Gebet als Anbetung Gottes, erhebt den Menschen über die ganze Natur und über sein Selbst , daß er, von der Majestät des Allerhöchsten ergriffen, und, gleichsam in die Einheit versenkt, das Mannigfaltige aus dem Sinne verlieren, und neue Kräfte zur Besiegung der Sinnlichkeit gewinnen kann. 5. Das Gebet als ein Gefühl des Erhabenen, wenn wir die unermeßliche Heiligkeit, die unausdenkliche Weisheit, die unbegreifliche Allmacht, die unerforschliche Allvollkommenheit in einem Wesen vereint denken, diese schauerähnliche Empfindung, als eine Fortsetzung oder höhere Stufe der Anbetung, stärkt noch mehr den Sinn für das Unvergängliche und legt ein neues Gewicht auf die Schale der Vernunft gegenüber der Schale der Sinnlichkeit, indem sie die Idee von Gott tiefer in unser Inneres prägt, und ihr mehr Wirksamkeit auf den Willen verschafft. 6. Das Gebet als gebietendes Gefühl des Dankes, als Anerkennung, daß alles Gute, (das wir sind, kennen, lieben, genießen, tun, fördern) Gabe Gottes ist, und als Freude daran, stärkt den Geist des Menschen zum besseren Gebrauch aller empfangenen Kräfte, Gutes zu tun , und zum reineren Genusse alles Guten, der durch einen Blick auf den Geber zu einer religiösen Handlung geweiht wird. Jener bessere Gebrauch und dieser reinere Genuß fördert offenbar die Bändigung der wilden Sinnlichkeit, die nur genießen will, und zwar nur um zu genießen. 7. Das Gebet als Gefühl des Dankes, als Anerkennung, daß alles Gute, (das auch Andere sind, haben, lieben, genießen, tun, fördern) Gottes Gabe ist, und als Freude daran, erweitert das Herz des Menschen zu einer allgemeinen Liebe der Menschen , indem alles Dasein als Wohltat Gottes angesehen wird; und erhöht diese Liebe, indem alle Menschen als Kinder eines Vaters in einer neuen Liebenswürdigkeit erscheinen. Es gibt uns Kraft auch zur Liebe jener Menschen, die uns Böses getan haben, indem auch diesen der Vorzug, Gottes Kinder zu sein, einen Anspruch auf unsere Hochachtung und die Liebe verschafft. Je allgemeiner aber, höher, kräftiger die Triebe der Menschenliebe sind, desto schwächer werden die Triebe der bloßen sinnlichen Liebe, die ihrer Natur nach engkreisig und parteiisch ist. 8. Das Gebet, als stiller, trostreicher, zufriedener Sinn im Glauben an die Leitung eines gütigen, weisen, mächtigen Regenten, nimmt dem Unangenehmen und Drückenden , dem unser Hiersein hingegeben ist, gar oft etwas von seiner Kraft , unsere ganze Aufmerksamkeit an sich zu reißen und die Ausübung unserer Pflichten zu erschweren. Zwei Väter, deren jedem sein einziger Sohn in der Blüte der Jahre dahinstirbt, mögen dies gleiche Leiden mit ungleichem Mute tragen. Wer beten kann, das heißt hier, wer sich durch Gebet in der Unterwerfung seines Willens unter alle Fügungen des göttlichen auf der Basis jeden Trostes gegründet hat, wird den Schlag leichter aushalten als jener, der sich von jedem Stoße von außen hat meistern lassen. 9. Das Gebet als stummes Sehnen nach besseren Welten, treibt den Geist des Menschen , der in den vorübereilenden Gestalten außer sich keine Ruhe finden kann, immer tiefer in sich hinein und nötigt ihn, in sich ein Reich zu suchen, nachdem er es außer sich umsonst gesucht hat. Diese Nötigung ist sehr wohltätig in Hinsicht auf unser rechtes Gut- und Wohlsein, und trägt dazu bei, die Rechte der Vernunft geltend zu machen. Sie kann bestimmter sprechen und findet leichter Gehör. 10. Das Gebet als Selbstanklage und als banges, peinvolles Sehnen nach Vergebung des erkannten Unrechtes, begründet einen männlichen Haß gegen das erkannte Unrecht und stärkt gegen neue Reize dazu. Wir mögen also das Gebet betrachten wie wir wollen, entweder als Richtung und Erhebung unserer Aufmerksamkeit zu einem übersinnlichen Gegenstande, oder als Freude an einem Verstande, der alles Wahre erkennt, wie es ist, oder als Wohlgefallen an einem rein guten Willen, der alles Gute lieb hat, oder als Gefühl der Anbetung ob eines unabhängigen, unerforschlichen Wesens, oder als Dank gegen die höchste Liebe, oder als stillen, zufriedenen Sinn im Glauben an die Leitung eines gütigen, weisen, mächtigen Regenten, oder als stummes, namenloses, unerklärliches Sehnen nach besseren Welten, nach Vergebung des erkannten Unrechtes usw.: es hat immer Einfluß auf Unterwerfung der Sinnlichkeit unter die Gebote der Vernunft. »Es kommt die Zeit, und sie ist schon wirklich zugegen, da die wahren Anbeter den Vater im Geiste und in der Wahrheit anbeten werden. Und dies sind die rechten Anbeter, die der Vater haben will. Denn Gott ist ein Geist, und die Ihn anbeten, mühsam Ihn im Geiste und in der Wahrheit anbeten.« Zehntes Kapitel. Vom Werte des vertrauten Umganges mit Gott Der Gedanke an Gott ist zunächst Pflicht für alle Wesen, die eine Idee von diesem Wesen in sich haben. Denn der Gedanke an Gott als das höchste Gut in sich und für uns, als das heiligste, seligste und gütigste Wesen, ist an sich der erhabenste, stärkendste, erfreulichste aller Gedanken, deren denkende Wesen fähig sind. Er muß also Pflicht sein für alle, die die Idee von Gott in sich tragen, man mag diese Pflicht von der inneren Schönheit der Handlung oder von den Folgen derselben, oder vom Willen Gottes, oder wo immer herleiten. Der Gedanke an Gott ist ferner ein Ideal für den Verstand, das wir ohne großen Nachteil nicht außer Acht lassen können, ein Regulativ, wie wir alle übrigen Pflichten auf das Vollkommenste erfüllen können und sollen. Denn der Gedanke an Gott ist der Gedanke an ein Wesen, das die Heiligkeit und Liebe, die Allmacht und Weisheit selbst ist: also ist der Gedanke an Gott ein Gedanke an das vollkommenste Muster der heiligsten, weisesten, tätigen Liebe. Nun liegt in unserer Natur 1. die Fähigkeit, daß wir ein lebendiges Bild Gottes und seiner reinen, weisen, tätigen Liebe werden können; 2. der Nachahmungstrieb, daß wir es, wenigstens zu edleren Zeiten, sein wollen; 3. die Bestimmung, daß wir es sein sollen. Es muß also für uns höchst wichtig sein, das schönste Ideal unserer sittlichen Vollkommenheit nicht aus dem Auge zu lassen. – O Menschen, erniedriget euch nicht selbst! Tragt nicht das Bild des Tieres, das Futter sucht, und verdaut, und stirbt, wo ihr das Bild Gottes und seiner Güte tragen könnt! – Wißt ihr etwas Besseres, als euch hier geraten wird: so sagt es mir, eurem Mitgeschöpfe, und behaltet das Geheimnis nicht für euch selbst. Wißt ihr aber nichts Besseres, so verzeihet euerem Mitgeschöpfe diese redliche Bitte: Menschen, werdet groß, denn ihr könnt es! Werdet groß, denn noch sind wirs nicht! Der Gedanke an Gott ist weiterhin für den Verstand des Menschen das einzige Mittel, allen seinen Gedanken von der Natur, vom Menschengeschlechte, von Geburt und Sterblichkeit, von Kunst und Wissenschaft, von Schicksalen und Revolutionen, von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, unter sich Einheit und Harmonie zu verschaffen, also der eigentliche Mittelpunkt, von dem Ordnung und Harmonie in alle übrigen Gedanken ausfließt. Ohne den Gedanken an Gott ist mir die ganze Natur, das ganze Geschlecht der Menschen, und ich mir selbst, auch selbst die Idee des Guten, und das Gewissen in mir, ein ewig unauflösliches Rätsel; ohne Gedanken an Gott ist mir das Weltall eine Chiffre, dazu ich den Schlüssel nicht finden kann. Jenes Rätsel und diese Chiffre lösen sich in dem Maße auf, in welchem der Gedanke an Gott Klarheit und Leben gewinnt. Wenn nun aber der Gedanke an Gott allen unseren übrigen Vorstellungen Einheit und Harmonie verschafft: so muß er auch dem Gedanken an unsere Pflichten Einheit und Harmonie verschaffen können. Er verschafft sie auch. Denn unter seinem Einfluß werden alle Pflichten, die Pflichten gegen uns selbst oder Pflichten gegen unsere Mitmenschen genannt werden, Pflichten gegen Gott, der das Menschengeschlecht schuf und dein Gutsein mit dem Gutsein anderer Menschen, und das gemeinsame Gutsein mit der gemeinsamen Seligkeit des Menschengeschlechtes wunderbar verflochten hat. Der Gedanke an Gott ist das Siegel unserer Würde, unserer Erhabenheit über die körperliche und tierische Natur, und als solcher ehrwürdig allen Geistern. Es haben sich einige sogenannte Philosophen dadurch zu Gegenständen des Mitleids herabgewürdigt, daß sie am Menschen weiter nichts als das Tier gelten lassen wollten. Sie würden sich mehr Ansehen verschafft haben, wenn sie einem einzigen Tiere Ideen von Gott eingepfropft hätten, oder in ihm Spuren dieser Idee hätten aufweisen können. Da sie nun aber keines aus beiden bis auf diese Stunde bewirken konnten, so sprechen sie durch diese auffallende Ohnmacht selbst das Urteil über ihre unglückliche Traumgestalt von der Natur des Menschen. Der Gedanke an Gott erhebt sodann in uns alle Aussprüche des Gewissens zu Aussprüchen, Offenbarungen, Gesetzgebungen Gottes in uns, und verschafft ihnen eben dadurch ihre Autorität, Stärke gegen die Eingebungen der Eigenliebe, neues Leben gegen die Anfälle der Sinnlichkeit und neue Festigkeit gegenüber den Zweifeln der Sophistik. Denn nun sehe ich nicht bloß was ich tun soll, sondern ich glaube, daß die Gesetzgebung, unter der ich stehe, die Gesetzgebung des allsehenden Verstandes, der reinsten Heiligkeit, des heiligsten Wohlwollens, der unbestechlichsten Gerechtigkeit und der unwiderstehlichsten Allmacht ist. Diese höhere Idee von der Gesetzgebung beruhigt den Verstand, dem es zum Bedürfnisse geworden ist, überall zur ersten Ursache aufzusteigen. Zudem gibt es eine unzählige Menge Menschen, die, noch unfähig, von der inneren Schönheit der Handlungen und der Liebenswürdigkeit Gottes gerührt zu werden, des Zaumes, der Geißel und der Verheißung bedürfen, um in sich die gebietende Lust zum Bösen zu unterdrücken. Und obgleich der Heilige stets mehr auf Pflicht als Belohnung sieht, so kann dennoch auch der Heilige in Umstände geraten, in denen das Gefühl für seine Pflicht durch den Druck der Leiden und durch Verschlossenheit aller Aussichten auf ein dauerhaftes Wohlsein innerhalb der Grenzen dieses Lebens, so geschwächt wird, daß er des Gedankens an sein künftiges besseres Sein nicht entbehren kann, um neuen Mut zur Geduld und zur Erfüllung seiner Pflichten zu finden. Wenn nun dies Bedürfnis, im Gedanken an Gott und Gottes unsterbliches Reich eine Stütze des sinkenden Mutes zu suchen, für den Guten, für den Heiligen, groß und dringend ist, wie groß muß dies Bedürfnis für Schwache, erst nach Gutsein strebende Menschen sein? Der Gedanke an Gott bietet aber nicht nur von dieser Seite, sondern auch von vielen anderen, mächtige Beweggründe für den menschlichen Willen. Wir wollen sie hier, um den Eindruck derselben zu verstärken, zusammenstellen. Der Gedanke an Gott ist 1. ein Gedanke an das schönste Urbild alles Guten, das den menschlichen Willen zur Nachahmung bewegt, wie es dem Verstande zum Regulativ dient; 2. ein Gedanke an den unsichtbaren, allgegenwärtigen Zeugen all unserer Gedanken, Begierden, Neigungen, Handlungen, dessen Beifall den trägen Willen zum Rechten anspornt, auch im Geheimen, wo kein Menschenblick Zeuge dessen sein kann; 3. ein Gedanke an den Gesetzgeber, dessen höchste Autorität dem Ausspruche des Gewissens nicht etwa bloß neue Sanktion verschafft, sondern ihn eigentlich zum Ausspruche der höchsten Wahrheit und höchsten Heiligkeit selbst macht; 4. ein Gedanke an den Allvergelter, der unparteiisch Gutes vom Bösen sondert, unparteiisch jenes belohnt, dieses straft; der auch den Gedanken sieht und die Begierden wägt; der die guten Handlungen nach den Zwecken, die Zwecke nach ihrer Reinheit richtet, und jedem Menschen nach seinen Werken vergilt; 5. ein Gedanke an den ersten und größten Wohltäter, der des größten Dankes wert ist, und keinen anderen verlangt, als die lebendige Begierde, ihm durch Nachahmung seiner heiligen Liebe zu gefallen und in dieser Nachahmung gut und selig zu werden; 6. ein Gedanke an das liebenswürdigste Wesen, das der höchsten Liebe würdig ist, und die lautere Liebe, die Seele aller übrigen Tugenden, weckt und stärkt; 7. ein Gedanke an das mächtigste und liebevollste, weiseste und menschenfreundlichste Wesen, das unsere Angst kennt, unsere Bitten hört, die Kräfte, die uns zur Vollbringung des Guten mangeln, väterlich milde schenkt und mit den Kräften den Mut dazu. Lieber Leser, schenkt dir dein Gott, auch wenn du ihn anrufst und die gegebenen Kräfte dankbar gebrauchst, diese höheren Kräfte nicht? – Verzeih, so ist er der Gott nicht, dessen du und wir alle bedürfen – – – der Gott nicht, der sich in unseren Herzen und in unserem Evangelium als »Licht und Liebe« ankündet. Der lebendige Gedanke an Gott schafft dann ferner die größte, edelste Freude, deren wir hier fähig sind, die Freude Gott von ganzem Herzen zu lieben, und mit seinem Willen eins zu werden; veredelt und erhöht alle übrigen Freuden; mildert alle Leiden, weil wir sie als Fügungen der höchsten Weisheit und Liebe annehmen, und wird durch die Empfindungen und gesegneten Wirkungen, die durch ihn geweckt und hervorgebracht werden, das höchste Glück des Menschen in diesem Leben. Der Gedanke an Gott knüpft das System der Moral an das System der vollkommenen, reinen, dem künftigen Leben aufbehaltenen Seligkeit zu einem Ganzen. Denn ohne festen unwandelbaren Glauben an Gott läßt sich kein fester, unwandelbarer Glaube an Unsterblichkeit und Allvergeltung und ohne diesen kein Glaube an reine, vollkommene Seligkeit denken. Dadurch erhält auch der Verstand einen neuen, richtigen Maßstab, den Wert dieses Lebens und aller Güter desselben richtig zu beurteilen. Der Gedanke an Gott endlich begeistert dadurch, daß er den Zufall aus der ganzen Schöpfung bannt und die Natur als das Werk der höchsten Weisheit und Liebe betrachten lehrt, den Verstand und Willen des Menschen zu einer Pflicht, deren Erfüllung nicht nur die menschliche Weisheit weiter bringt, sondern auch unter die edleren und unterhaltendsten Beschäftigungen des Menschen gehört – zum weisen Studium der Natur. Es wird durch die Vermittlung des Gedankens an Gott, das Naturstudium, ohne ihn nur eine Betrachtung der physischen Ursachen und Wirkungen, auch eine Betrachtung der Absichten, die den Ursachen und Wirkungen zu Grunde liegen. Der Erforscher der Ursachen mag des Absichtenforschers noch so sehr spotten: wenn er bei seinen Ursachen stehen bleibt, und nicht bis zu den Absichten in der Natur hinaufgeht, so bleibt er auf halbem Wege stehen. Denn die Absicht ist auch eine Ursache, und in dem Systeme des Glaubens an Gott eine solche Ursache, daß ohne sie alle physischen Ursachen und Wirkungen nichts sind. Ein Philosoph aber, der auf halbem Wege stehen bleibt, kann sich nicht sehr empfehlen. Wenn diese Gründe »von dem Werte des lebendigen Gedankens an Gott in Hinsicht auf das Gut- und Wohlsein der Menschen« überzeugen: so muß der Grund, den ich, wie der Hausvater den besten Wein, zuletzt vorlege, die Ueberzeugung gewiß noch mehr befestigen: Damit der Mensch gut werden kann, muß er aufhören uneins mit sich zu sein, und anfangen, eins mit sich zu werden. Um eins mit sich zu werden, muß er sich wegen der begangenen Sünden beruhigen können. Diese Beruhigung kann er in sich nicht finden; denn gerade in sich fühlt er eine Zwietracht, den Unfrieden, dem er ein Ende machen möchte. Diese Beruhigung kann er in der körperlichen Natur nicht finden; denn diese geht ihren eisernen Gang, kann den unruhigen Geist noch mehr züchtigen, aber nicht beruhigen. Er findet sie nicht in seinem Mitmenschen, die selbst uneins mit sich sind und Ruhe suchen. Er kann sie also nur in dem Vertrauen auf eine allmächtige, allweise Güte finden, die das erkannte Unrecht verzeihen und die Folgen desselben vergüten kann. – Ich schließe dieses Kapitel mit dem Grundsatz, der nie zu oft wiederholt werden kann: Wir wollen tun was wir können: Und Gott wird tun was wir alle nicht können. Elftes Kapitel. Vom Vertrauen auf Gott   A. Von den Eigenschaften des wahren Vertrauens auf Gott. Damit das Vertrauen auf Gott ein rechtes, der Würde und dem Bedürfnisse der menschlichen Natur entsprechendes sei, sind bestimmte Eigenschaften notwendig. 1. Das rechte Vertrauen auf Gott schließt das nüchterne von Selbstgefälligkeit freie, dankbare Gefühl eigener Kräfte nicht aus. Wir haben Kräfte, wir dürfen aber auch fühlen, daß wir sie haben. Nur sollen wir ihnen nicht mehr zutrauen, als sie vermögen, und sie nicht uns, sondern Gott als dem Urheber alles Guten zuschreiben. Unsere Kräfte sind auch Gaben Gottes; also kann das Vertrauen auf den Geber das dankbare Gefühl seiner Gabe neben sich leiden. Ich sage: das nüchterne, dankbare, von Selbstgefälligkeit reine Gefühl. Sobald du nämlich an deinen Kräften mehr auf das Dein als auf die Gabe siehst; sobald du mehr fühlst, was du hast, als was dir noch fehlt; sobald du auf die Kraft trotzest, statt die Gabe dankbar zu gebrauchen: sobald wirst du unruhig und elend, eitel und ein Tor. 2. Das rechte Vertrauen auf Gott hebt die gerechte Wertschätzung der übrigen Dinge nicht auf. Denn obgleich Gesundheit, Ehre, Reichtum, Wissenschaft nicht im Stande sind, alle Wünsche unseres Herzens zu befriedigen, und darum den Wert des höchsten Gutes nicht haben und nicht haben können, so folgt noch lange nicht daraus, daß sie gar keinen Wert haben. Sie haben mehr oder weniger Wert, je nachdem sie mit der Würde des Menschen mehr oder weniger übereinstimmen. 3. Rechtes Vertrauen auf Gott macht den Menschen nicht unbrauchbar für diese Welt, sondern im Gegenteil geschickter zur Förderung auch des zeitlichen Wohlseins unter den Menschen. Ohne Mut fehlt überall das Triebrad der Unternehmungen. Kein fester Mut jedoch ohne Vertrauen, und kein durchaus zuverlässiges Vertrauen als auf Gott. Nichts stählt die Brust so sehr, als das Vertrauen des Rechtschaffenen, und kein Gedanke weckt so viel Vertrauen, als dieser: Gott unser Freund. 4. Rechtes Vertrauen auf Gott schließt die treue Anwendung eigener Kräfte nicht aus, sondern fordert sie oft sogar als Bedingung. Denn das Bewußtsein Unrecht getan zu haben, richtet eine Scheidewand auf zwischen Gott und dem Menschen, und der Blick, der sich sonst mit Zuversicht über die Wolken hob, wird durch die Sünde niedergeschlagen. Es frage sich jeder Redliche: Wann fühlte ich mehr Zuversicht zu Gott? Da mich mein Gewissen strafte, oder da es mich frei sprach? Und er wird sich gestehen müssen: Da mich mein Gewissen frei sprach, war mein Vertrauen auf Gott demütiger und kühner. 5. Das zuverlässigste Merkmal des echten Vertrauens ist die eben genannte Verbindung desselben mit dem unermüdlichen Gebrauche der gegebenen Kräfte, Zeiten, Gelegenheiten zu würdigen Zwecken im Kreise des Berufes. Denn diese Verbindung entfernt Vermessenheit und Trotz, Trägheit und Kopfhängerei, Schwärmerei und Unbrauchbarkeit für dieses sichtbare gegenwärtige Leben. Diese Verbindung hat ein großer Mann so ausgedrückt: »Arbeitet, als wenn ihr alles allein, ohne Gottes Beihilfe, ins Reine bringen müßtet, und vertrauet zugleich so auf Gott, als wenn er allein alles tun würde und ihr nichts ausrichten könntet.« Man kann an dieser Regel allerlei tadeln, wenn man Lust hat zu tadeln und Worte zu klauben; aber Sie, meine Freunde, und ich wollen lieber die schöne Vorschrift befolgen, und ihre ganze Wahrheit aus dem Erfolge erst recht verstehen lernen, als mit kaltem Tadel lästern, was die Erfahrung am sichersten beurteilen kann. 6. Echtes, weises Vertrauen des Rechtschaffenen, also jenes Menschen, dessen Inneres nach dem, was gut, edel, recht ist, neugeschaffen und dessen Aeußeres nach dem inneren Sein umgebildet ist, ist seiner Natur nach allumfassend, wie die Güte, Weisheit und Macht Gottes. Es ist allumfassend in Beziehung auf die eigenen persönlichen Angelegenheiten des Vertrauenden. Wer dieses Vertrauen hat, dem ist der Glaube wie zur Natur geworden, daß sein Eintritt in diese sichtbare Welt, seine Leiden und Freuden, seine Fortschritte und Rückgänge auf dem Wege zu Tugend und Weisheit, seine Arbeiten und Sorgen, seine Gesundheit und Krankheit, seine Kräfte und Schwächen, seine Schicksale diesseits und jenseits des Grabes, bis auf die kleinste Faser derselben, unter der Aufsicht, Ordnung und Leitung der weisen und mächtigen Allgüte stehen. Echtes, weises Vertrauen des Rechtschaffenen ist allumfassend in Beziehung auf die Angelegenheiten anderer , Verwandten, Freunde, Hausgenossen und Nachbarn. Der Gott, der eines Menschen Schicksale leitet, leitet auch die Schicksale aller : also auch ein Vertrauen, das alle deine Bedürfnisse und alle Bedürfnisse der Deinen umfaßt. Echtes, weises Vertrauen des Rechtschaffenen ist allumfassend in Beziehung auf die Angelegenheiten seines Volkes . Er empfiehlt das Gute, das er nach aller angewandten Mühe bei seinem Volke noch nicht durchsetzen konnte, seinem Gott, und im Anblicke der Wahrheit, daß alles seine Zeit habe, stellt er es der Weisheit und Güte des großen Regenten anheim, wann und wie das erwünschte Gute geboren und zur Reife gebracht werden soll. Echtes, weises Vertrauen des Rechtschaffenn ist endlich allumfassend in Beziehung auf die Angelegenheiten des Menschengeschlechtes . Der Gottvertrauende sieht alle Menschen als eine große Familie, und alle Begebenheiten der Welt als Werkzeug in der Hand des regierenden Gottes an, das wahre Wohlsein dieser einen Familie zu fördern.   B. Von den Wirkungen des wahren Vertrauens auf Gott. 1. Nur wo das wahre Vertrauen auf Gott herrscht, kann alle Furcht vor künftigen Leiden, mit denen uns die Einbildungskraft, diese Zauberkünstlerin alles Schreckhaften, foltert, verscheucht oder wenigstens besiegt werden. Denn nur das Gemüt, das den Trost in sich hat: »Sieh, es ist dein entschlossener, durch Taten bewährter, und durch Trübsal ungebeugter Wille, auch in Zukunft zu tun, was recht ist, und zu dulden, was unrecht an dir getan wird; da du mit diesem Dulden und jenem Tun Gott gefällst und wenn Gott mit dir, was solltest du fürchten?« kann sich nach und nach über alle Furcht erheben. Weder Erfahrung, noch Geschichte, noch Spekulation wissen ein anderes Mittel zu nennen, die Furcht zu besiegen. 2. Wo dieses Vertrauen herrscht, werden auch die schwersten Pflichten des Menschen, selbst auf den dunkleren Strecken unseres Lebens und den finsteren Wegen der Vorsehung, am zuverlässigsten erfüllt. – Es gibt Zeiten, die uns von einer Seite alle Aussicht auf die Zukunft verschließen, und auf der anderen die Notwendigkeit mit sich führen oder bald an uns heranbringen, zu tun, zu leiten, zu wählen. In diesen Zeiten, die ich nicht anders als die dunklen Punkte unserer Existenz zu nennen weiß, lassen sich wohl keine anderen Pflichten denken, als: Warte, fasse keinen Entschluß vor der Zeit, damit du der Vorsehung nicht vorgreifst. Tu das Nächste, das Notwendige, das Unschädliche, damit du der Zukunft Wege bahnst und für sie Kraft behältst. Bereite dich auf das Aeußerste, damit du das kommende Geringere leichter ertragen kannst. Lerne tappen und den Fuß nur sehr langsam und nur so weit vorwärts setzen, als du festen Boden findest, denn im Finsteren ist alles Eilen gefährlich. Trage das Heutige und laß das Morgige für sich sorgen; denn es hat jeder Tag Plage genug. Tue das Gute, das du vor dir siehst, tue das Beste, das du kannst, um das Bessere, das du noch nicht siehst, noch nicht tun kannst, erwarten und tun zu können. Setze dein Herz ins Gleichgewicht, damit die Neigung den Ausspruch deines Gewissens nicht verdrehe und den Rat der Vernunft nicht besteche. Wenn dich dein Gewissen anklagt, so demütige dich und reinige dich, damit du das Kommende männlicher ertragen kannst. Behalte was du hast, und laß dir die Angst das nicht rauben, was dir das Schicksal nicht nimmt. Diese Pflichten aber wird niemand vollkommener erfüllen, als der, dessen Vertrauen die genannten Erfordernisse hat. Denn dies Vertrauen läßt keine gegebene Kraft ungenützt, und hält sich doch nur an die Urquelle aller Kräfte. 3. Wo dies Vertrauen herrscht, da machen alle Tugenden nur eine aus, und alle werden wie eine nach Maß des herrschenden Vertrauens ausgeübt: »Sorge du nur für deine Pflicht, und laß Gott für dein Glück sorgen.«   Von der Unsterblichkeit, von den himmlischen Kräften und von den seligen Wirkungen dieses in Liebe tätigen Glaubens und Trauens auf Gott sind die Schriften des neuen Bundes, nicht nur vollgültige Zeugen, sondern der ganze Geist dieser Schriften und der vornehmste Inhalt derselben löst sich in das lebendige und belebende, aus Glauben geborene und in Liebe wirksame Vertrauen auf. Statt aller einzelnen Schriftstellen nur die eine: »Jetzt bleiben nur die drei: Glaube, Hoffnung, Liebe; doch ist die größte davon die Liebe. Zwölftes Kapitel. Unsere Beziehungen zu den Mitmenschen   A. Von der Menschlichkeit (Humanität) im allgemeinen. Der Mensch wird in dem Maße besser, in welchem seine Menschenliebe reiner und tätiger, d. h. heiliger wird. Die Menschenliebe wird in dem Maße reiner und tätiger, in welchem die anhaltende Selbstverleugnung, die nur dem Gesetze der Heiligkeit dient, und allem Unheiligen widerstreitet, Mut schafft zum Wohl-Wollen (amor benevolus, bene velle), Wohl-Denken (amor benignus, bene sentire), Wohl-Tun (amor beneficus, bene facere). Unsere Zeitungsblätter tun also eitle Luftstreiche, indem sie immer von der Frucht schwatzen und sich um die Wurzel der Sache nicht kümmern. Wo Eigenliebe, Eigendünkel und sinnliche Lust herrschen, da wird die gerühmte Menschenliebe nicht viel zu gebieten haben. Und Eigenliebe, Eigendünkel und sinnliche Lust behalten das Szepter fest, wenn es ihnen die anhaltende Selbstverleugnung nicht entreißt. Wie werde ich Anderen wohlwollen, wenn mein Wohl der Mittelpunkt ist, um den sich all mein Wollen dreht? Wie werde ich von Anderen wohldenken, wenn ich fremde Ehre für ein Hindernis der meinen, und das Wohldenken von anderen für einen erklärten Krieg gegen mich selbst ansehe? Wie werde ich Anderen wohltun, wenn ich mir selbst nie ganz wohltun kann? Man muß also sein Herz von Eigenliebe, Eigendünkel, Eitelkeit und ähnlichem gereinigt haben, um es der Liebe gegen andere empfänglich zu machen. Man muß selbst gut sein, um gut gegen andere sein zu können. Alles Drängen und Treiben nach Menschenliebe ist eitle Arbeit, wenn die Menschen nicht zuvor zur Bekämpfung und Besiegung der eigenen, selbstsüchtigen Triebe angeleitet werden. Man will den Leichnam der Eigenliebe mit dem Anstrich der Menschenliebe färben; aber färbt und malt so lange ihr wollt, der tote Leib wird nie lebendige Menschenliebe werden, vielmehr wird der Gestank, der von ihm ausgeht, alle gemalten Blümlein von Menschenliebe verpesten und das Elend durch Uebertünchung nur noch größer machen. Jesus: »Dies gebiete ich euch, daß ihr einander liebet. Ein neu Gebot gebe ich euch, daß ihr einander liebet, wie ich euch geliebt habe. – Daran werden alle erkennen, daß ihr meine Jünger seid, daß ihr einander liebet.« Paulus: »Eifert den besten Gaben nach, und ich zeige euch einen Weg, der noch vortrefflicher ist. Ja, wenn ich alle Sprachen der Menschen, ja selbst der Engel spräche, aber die Liebe nicht hätte: so wäre ich doch nur wie ein tönendes Erz oder wie eine klingende Schelle. Hätte ich auch die Gabe zu weissagen: verstände ich alle Geheimnisse; besäße ich alle Wissenschaft und den Glauben in solcher Fülle, daß ich Berge versetzen könnte: so bin ich doch nichts, wenn ich die Liebe nicht besitze. Und gäbe ich auch alle meine Habe um Speise für die Armen hin, und opferte ich meinen Leib auf, so, daß mich das Feuer verzehrte: so nützt mir dies alles nichts, wenn ich die Liebe nicht besitze.« Johannes: »Meine Kindlein! lasset uns einander lieben, nicht mit Worten und Zunge, sondern in Tat und Wahrheit: wenn wir einander lieben, so bleibt Gott in uns. – Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott, und Gott in ihm.«   B. Vom Urteilen über Menschen im besonderen. Woher kommen die lieblosen, unbilligen, ungerechten Urteile? 1. Durch den Einfluß des Temperaments auf die Urteilskraft. A. hat ein kaltes trockenes Temperament und ein ruhiges Nervensystem, daher ist kältere Untersuchung sein Element, und ein trockener Ton sein eigener Ton in Schriften und im Umgange. B. hat ein leicht bewegliches Temperament und Nervensystem, daher ist wärmere Empfindung, deren Spuren auch seine Untersuchungen nicht verleugnen, sein Element und sein Ton in Schrift und Umgang. Wenn nun A. von B. urteilte: B. schändet die nüchterne Menschenvernunft, weil alle seine Schriften und Reden von Gefühlen durchtost sind; wenn B. von A. urteilte: A. entehrt das warme Menschenherz, weil alle seine Schriften und Reden sich von jeder Empfindung, wie der Fromme von seiner Sünde, rein halten: so würden beide Urteile an sich lieblos, unbillig und ungerecht sein, weil sie die Farbe des individuellen Temperaments tragen und doch diese gleiche Färbung dem anderen übelnehmen und so gegen das große Naturgesetz verstoßen: Tu anderen nicht was du nicht willst, das man dir tue; unbillig und ungerecht zudem, weil sie, aus Vorliebe für eigene Vollkommenheit, eine fremde antasten, den Wirkungskreis des fremden Talentes verengen, und sich gegen das »Suum cuique« verfehlen. 2. Durch den Einfluß einer Lieblingshypothese . Sobald irgend jemand seine Meinung mit scharf geprägten Ausdrücken vorträgt, mit Rechthaberei behauptet, und nunmehr als seine Sache links und rechts gegen Angriffe verteidigt: so stehen alle, die die nämliche Meinung verwerfen, in Gefahr, als Feinde der guten Sache oder als verdächtig angesehen zu werden. Je mehr eine solche Meinung Interesse für Menschen hat oder zu haben scheint, je mehr ihr Verfechter sich mit den herrschenden Vorurteilen und Lieblingsbegriffen seiner Zeitgenossen in Verbindung zu bringen weiß, um so schauervoller fallen die Brandmale aus, die allen denen, die entgegengesetzter Meinung sind oder scheinen, aufgedrückt werden. Nur ihren Namen nennen, nur irgend ein Werk derselben rühmen, wird schon Zeichen des Komplotts mit den Feinden der guten Sache. Nicht zufrieden, ihnen die Ehre des ordentlichen Denkens streitig gemacht zu haben, macht man auch die Ehrlichkeit ihrer Absichten verdächtig. Und dies alles um einer geliebten Hypothese und Idee willen, die anfangs als Zankapfel in die Welt hinausgeworfen, und deren Nichtannahme und öffentliche Widerlegung jetzt als Anfeindung der öffentlichen Freiheit, Ruhe, Weisheit und Glückseligkeit verurteilt wird. Diese traurige Wahrheit beweisen fast alle gelehrten Streite, die geführt werden; denn sie haben fast alle damit angefangen, daß beide Parteien einander Richtigkeit der Einsicht – und fast alle damit geendet, daß beide einander die Redlichkeit der Absichten absprachen. Gar oft wurden die Absichten, die eine Partei der anderen unterschob, so gefahrvoll gemalt, daß sogar der weltliche Arm zur Hilfe gerufen und Gerichtskammern angefleht werden mußten, dem unseligen Schauspiel der Rechthaberei ein Ende zu machen. 3. Durch den Einfluß der Partei auf die Urteilskraft. Denn wenn die Lieblingsidee eines einzigen Menschen so viele ungerechte Urteile erzeugen kann, wie gesagt worden: so ist es wohl begreiflich, daß die Lieblingsidee einer ganzen Partei die schrecklichsten Abenteuer von Urteilen hervorbringen muß. Alle Ursachen, die den Einfluß der Partei auf die Urteilskraft so gefährlich machen, liegen in dem nicht ohne Grund verschrienen »Korpsgeist«. Denn a) alles Einschließende schließt seiner Natur nach aus, und man kann nicht wohl irgend einen Menschen für einen »Profanen« im strengen Sinne des Wortes ansehen, ohne eben dadurch über seine Verdienste einen Schleier zu werfen, und ohne ihm jene brüderliche Zuneigung zu entziehen, ohne die sich schwerlich gelinde, das heißt hier, billige Urteile fällen lassen, b) Die Eigenliebe findet bei allem, was man für die Partei denkt, redet, tut, leidet, schreibt, ihr besonderes Interesse. Denn wenn du einen von der Partei lobst, so lobst du dich, weil du auch die Ehre hast, zu solch berühmten Menschen zu gehören. Wenn du jemanden, der außerhalb der Partei steht, tadelst, so lobst du wieder dich, weil dieser tadelnswerte Mann mit dir in gar keiner Verbindung steht, c) Die Macht und der Schutz der Partei schaffen deinen schüchternen Leidenschaften, die den Widerstand der besseren Menschen fürchten müssen, Mut, sich ungescheut auszulassen, und Hoffnung, ungestraft zu bleiben, die sie noch unbändiger macht, d) Bei all deinen schiefen Urteilen, die du fällst, kannst du allemal zuverlässig im Voraus rechnen auf Köpfe, die sich eifrig für deine Meinung erklären; auf Hände, die deinen Urteilen mit devoter Geschäftigkeit Weihrauch streuen, und deine Meinung gehorsam unterschreiben, oft auch auf Fäuste, die deine Anmaßungen unterstützen, e) Gar viele Dinge, die du gern sagen, schreiben, tun möchtest, aber doch mit Aushängung deines Schildes, zu sagen, zu schreiben, zu tun nicht Mut genug hast, kannst du durch die dienstfertigen Federn der Parteifreunde ausführen, f) Nach und nach wird das Wohl der Partei für dich das einzige Kriterium, das die Wahrheit oder Falschheit eines Satzes entscheidet; die Uebereinstimmung eines Menschen mit den Gesinnungen der Partei, das alleinige Kennzeichen der Rechtschaffenheit und das einzige Verdienst, das du kennst, und der Widerstand gegen das Interesse der Partei das einzige Siegel von Verbrechen und Mißverdienst, das du gültig findest, wie andererseits die Partei deinem Charakter reine Absichten und deiner Person stets seltene Talente, und deinen Arbeiten entscheidende Fortgänge andichtet, um durch diesen Betrug, dazu sie sich durch höhere Absichten berechtigt hält, das Glück ihrer Körperschaft zu gründen. Dies sind die einleuchtenden Gründe, die alle guten und denkenden Menschen vom blinden Parteiwerben und vom blinden Beitritt zu irgend einer Partei zurückhalten, und die zugleich die Einflüsse des Parteigeistes auf die Urteile der Menschen namhaft machen. Wohl dem, den die Wahrheit selbst von allem Partei- und Sektenwesen freigemacht hat! 4. Eine andere Quelle liebloser und ungerechter Urteile ist eine Art Rezensentenlaune . Es gibt Menschen, die sich Kritiker nennen, die an einem meisterhaften Gemälde zuerst eine Verzeichnung an der Zehe des Helden wahrnehmen, und ehe sie sich noch dem Eindrucke, den das Ganze auf sie machen könnte, überlassen haben, so breitmäulig »rezensieren«, als wenn die verzeichnete Zehe Hauptsache und an dem ganzen Gemälde kein meisterhafter Zug zu sehen wäre. Sie können über das Gemälde nicht anders, als hart und ungerecht urteilen, weil sie vom Fehlerhaften ausgehen, und vor Freude, das Fehlerhafte entdeckt zu haben, auch das Gute hinter dem Fehlerhaften verstecken. Diese Quelle schiefer Urteile ist allgemeiner, als man glaubt, und allemal reichhaltiger, wenn sie von den geheimen Zuflüssen des Neides und der Eifersucht verstärkt wird. Daraus läßt sich erklären, warum der Prophet in seinem Vaterlande nicht angesehen sei; denn die Augen seiner meisten Landesgenossen werden von der Eifersucht zu sehr gehalten, als daß sie an dessen wohltätigen Unternehmungen keinen Splitter sehen, und von Eigenliebe zu sehr geblendet, als daß sie diesen Splitter nicht für einen Balken halten sollten. Daraus läßt sich wenigstens zum Teil erklären, warum von vielen, die die alten und neuen Schriftsteller nicht gelesen haben, dennoch ohne Ausnahme die alten erhoben, und die neuen verachtet werden. Natürlich die Ehre der Toten schadet diesen Richtern nicht: aber die Ehre ihrer Mitlebenden könnte hier ihren Stolz demütigen, da ihr Einkommen schmälern, dort ihre Hoffnungen töten. Sie haben also Ursache die Ehre ihrer Zeitgenossen nicht zu hoch steigen zu lassen. Daraus läßt sich's auch erklären, warum gewöhnlich Amtsgenossen von Amtsgenossen, Räte von Räten in dem nämlichen Lande, Aerzte von Aerzten in der nämlichen Stadt, Lehrer von Lehrern an der nämlichen Universität und in der nämlichen Fakultät, Mitschüler von Mitschülern in der nämlichen Klasse, Künstler von Künstlern im nämlichen Lande und Fache, Kaufleute von Kaufleuten in der nämlichen Gattung von Waren und in ähnlichem Kredite, und so fort auf allen Gebieten, härter beurteilt werden, als etwa der Rat vom Arzte, der Arzt vom Lehrer, der Lehrer vom Künstler, der Künstler vom Kaufmann und umgekehrt urteilen. Denn Neid und Eifersucht treiben ihr Spiel da am lebhaftesten, wo gegenseitige Interessen zusammenstoßen. 5. Eine weitere Quelle ungerechter und liebloser Urteile ist gar oft der Eifer für die beste Sache. Denn der Eifer für die beste Sache kann gar leicht der Leitung der Vernunft entschlüpfen und so zur Leidenschaft werden und alle Verwüstungen im Verstande anrichten, die irgend eine Leidenschaft anrichten kann. Gibt es eine bessere Sache, als Eifer für die Religion? Und wie bald ist dieser Eifer der Aufsicht der Vernunft entzogen? Ferner: Der Eifer für die beste Sache kann gerade für die redlichsten Menschen am meisten verführend werden, weil er nicht nur den Schein des Guten immer für sich behalten, sondern auch mit diesem blendenden Schein den Schimmer der Vernunft gar leicht verdunkeln kann. Der Eifer für die gute Sache kann sodann den giftigsten Leidenschaften des Neides, des Ehrgeizes, der Rachsucht, einen breiten Mantel umhängen und unter diesem Mantel die schrecklichsten Taten ausüben. Ward, um nur ein Beispiel zu nennen, nicht Jesus von dem Eifer für die gute Sache der mosaischen Religion ans Kreuz geschlagen? Der Eifer für die gute Sache ist endlich, wenn es ihm an Liebe gebricht, sehr argwöhnisch und wittert Böses, wo es nicht ist; richtet scharf und verdammt Absichten, wo die Taten unsträflich sind; ist leichtgläubig und hält die Meinung der Gleichgesinnten für sichere Wahrheit; ist furchtsam, und ahnt Umsturz der Religion von solchen Seiten, von denen keine zu fürchten ist; ist sophistisch und schafft durch Konsequenzen Meinungen, an die der Verfasser nicht gedacht hat, und kann so blind, so grausam werden, daß er Menschen das Leben nimmt, um Gott einen Gefallen zu tun. 6. Eine Quelle ungerechter und liebloser Urteile ist ferner oft Mangel an Menschenkenntnis, Unkenntnis, Beschränktheit. Nur zu leicht macht ein beschränkter Kopf seine Einsicht, ohne eine Gefahr des Irrtums zu ahnen, zum Richtmaß fremder Einsichten, hält die Grenzen seiner Kenntnisse für die Grenzen aller Kenntnisse, beurteilt aus dem geringen Vorrate seiner Begriffe alles übrige, worüber er zu urteilen Anlaß hat, und handelt durchaus nach dem Grundsatz: Wenn die ganze übrige Welt recht denken will, so muß sie denken wie ich. Daher soviele harte Urteile über Menschen, Bücher, Institute, Absichten, Gebräuche, von denen der Urteilende keine Kenntnis hat. Setzen wir den Fall, ein Mensch säße im Tale und wäre so unsinnig zu sprechen: »So weit mein Gesichtskreis reicht, so groß ist die Welt; außer meinem Gesichtskreis ist nichts mehr: die Länder, Städte, Dörfer, Flüsse, Berge, die ich nicht sehe und von denen die Bücher sagen, daß sie existieren, existieren nicht, weil ich sie nicht sehe«: was dächten wir von diesem Menschen? Dieser Mann aber sind wir alle, so oft wir aus unserem Kreise nicht herausgehen und doch von Dingen in fremden Kreisen sprechen. Dieser Mann sind wir alle, so oft wir an unseren Kenntnissen und Tugenden, Werken und Büchern, eigenliebig hängen bleiben und fremde Kräfte, Kenntnisse und Tugenden, Bücher und Schicksale, verachten, weil wir sie nicht kennen. Dieser Mann sind wir alle, so lange wir den Schornstein unserer Hütte nicht nur für den besten in allen fünf Weltteilen halten, sondern auch alle übrigen verachten, weil sie nicht die Ehre haben, den Rauch von unserem Herde aufzufangen. – O, die breitmäulige Tadelsucht! Liebe Freunde, wir wollen lieber schweigen als Ungekanntes tadeln, lieber nüchtern urteilen und um unseres nüchternen Urteils willen für Ignoranten gehalten werden, als durch Absprechen beweisen, daß wir Ignoranten sind. 7. Endlich sind die Vorurteile unserer Zeitgenossen oft genug eine Quelle liebloser und ungerechter Urteile. Denn, wie die Gärung in der körperlichen Natur die Teile heftig durcheinander wirft: so werden in der sittlichen Welt durch mächtige Gärungsmittel, d. h. durch Vorurteile der Zeiten, als die kräftigsten Fermente, die Absichten, Kräfte, Urteile, Neigungen der Menschen wunderbar durcheinander geworfen; und wie die Gärung zwar ein Mittel ist, den Wein trinkbar zu machen, aber doch so lange sie währt, den Wein nicht lauter werden läßt: so mögen die Vorurteile der Zeitgenossen zwar auch unsere Denkart läutern helfen, aber sie sind es auch, die den Verstand zu allerlei unüberlegten, scharfen und unbilligen Urteilen irreführen oder gewaltsam fortreißen. Die Geschichte aller Zeiten gibt dafür eben so unangenehme als entscheidende Beweise. Waren es nicht gerade die Vorurteile der Zeitgenossen Jesu, welche unter dem Volke die größte Gärung hervorgebracht und gegen ihn die unbilligsten Urteile erzeugt haben? Die Prädikate: Sabbatschänder, Moseslästerer, Tempelzerstörer, die unter dem Volke, das blind an Tempel, Sabbat und Moses hing, die lebhaftesten Bewegungen erregt hatten, mußten eben dadurch die ungerechten Urteile über Jesus allgemein verbreiten, und die Verdammung bewirken helfen. – Es waren zu allen Zeiten immer wieder ein paar Worte, die die Köpfe in Brand steckten, und wenn sie einmal brannten, zu allerlei Urteilen, sie mochten noch so hart sein, anfeuerten. So zu seiner Zeit das Wort: Reformation; so in unseren Tagen das Wort: Aufklärung. Ich will meinen Freunden ihre gute Laune nicht verderben durch Schilderungen aller der unbilligen Urteile, der sich beidemale beide Parteien für und wider erlaubt haben und erlauben. Diese Ungerechtigkeit des Urteils ist denn auch gar oft zugleich der Undank der Zeitgenossen, von dem ein Schriftsteller sagt, daß er am schwersten zu tragen sei, da der Undank der Vorwelt nur durch das Ideal der Geschichte auf uns wirkt, und der Undank der Nachwelt nur durch das Gemälde der Einbildungskraft, wo hingegen der Undank unserer Zeiten nicht durch Ideale, nicht durch Gemälde, sondern wirklich durch sein Dasein auf unsere Empfindung wirkt, den Kreis unserer Existenz vergiftet, die Hände zum Wohltun lähmt und der Lästerung einen tief verwundenden Akzent gibt, der in unserem Kreise wieder tönt und sich ins Herz gräbt.   C. Von der Pflicht der Menschenliebe in Beurteilung anderer. Die Pflicht der Menschenliebe in Beurteilung anderer läßt sich so ausdrücken: 1. Urteile nie von Personen, Werken, Meinungen, Absichten, bis du, nach genauer Prüfung deiner selbst, dir das Zeugnis geben kannst, daß weder dein Temperament, noch deine Lieblingsidee, weder der Geist der Partei, noch Rezensentenlaune, weder Unkenntnis noch blinder Eifer für eine noch so gute Sache, weder Vorurteil der Zeitgenossen, noch irgend eine Leidenschaft, auch nicht insgeheim, dein Urteil bestimmen helfen. 2. Urteile nie von Personen, Werken, Meinungen, Absichten, bis du nach genauer Prüfung dessen, worüber du urteilen willst, und der Gründe, die dein Urteil bestimmen, dir das Zeugnis geben darfst, daß du die Gründe, die deinen Verstand zum Urteil vermögen, klar einsiehst, alle zusammen für zureichend erkennst und ihnen die Kraft zutraust, jeden denkenden, unvoreingenommenen Kopf zum nämlichen Urteile zu bestimmen. 3. Urteile nie, bis du die Plätze gewechselt, das heißt, dir die Frage vorgelegt hast: Wenn du dich genau in dem Falle befändest, in welchem sich der befindet, von dem du urteilen willst, und er über dich urteilte, wie du über ihn zu urteilen im Begriff bist: würdest du dies sein Urteil wahr, billig, gerecht finden? 4. Urteile nie von Personen, Werken, Meinungen und Absichten, bis du nach Vergleichung aller Umstände miteinander, unter deren Zusammenfluß du dein Urteil fällst, und nach Wägung aller erkennbaren Folgen, die dein Urteil haben kann, dich wirst überzeugen können: »Sei was immer sei, geschehe was geschehe, ich werde nie bereuen können, geurteilt und so geurteilt zu haben.« »Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet. – Wie siehst du aber im Auge deines Bruders den Splitter, und in deinem Auge den Balken nicht? Und wie sprichst du zu deinem Bruder: Halt, ich will den Splitter aus deinem Auge ziehen, und sieh! in deinem Auge steckt dir ein Balken! Gleisner! Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge und dann magst du darauf ausgehen, den Splitter aus dem Auge deines Bruders zu ziehen.«   D. Vom Edelmut gegen Feinde. I. Die reine Moral kennt, so viel ich weiß, viererlei Pflichten in Hinsicht auf Feinde, deren Erfüllung »Edelmut« heißen darf. 1. Sei ungläubig, oder wenigstens schwergläubig, Feinde zu haben. 2. Sei schonend, mäßig, bescheiden, in deinem Kreise stille fortarbeitend, um nicht ohne Not Feinde zu machen, oder ihre Zahl zu vermehren. 3. Liebe den Feind, den du wirklich hast. 4. Widersteh dem schädlichen Einfluß deines Gegners auf Tugend, Ruhe, Weisheit, Glück der Menschen, ohne Haß seiner Person, ohne im Glauben an die Schädlichkeit seines Einflusses voreilig zu sein, und nur insofern dir dein redlich gefragtes Gewissen den Widerstand zur Pflicht macht, und insofern du, nach unterdrückter Eigenliebe, und nach siebenfach geläuterten Begriffen fähig bist, über deinen Feind ein richtiges Urteil zu fällen. Wer so leicht glaubt, Feinde zu haben, oder viele zu haben, legt ein zu großes Gewicht auf seine Talente, hält sich für bedeutender als er ist, sieht Feinde außer sich, die es nicht sind, und sieht den größten Feind, den er im Busen trägt, sich, seine Eitelkeit nicht. Das ist also das Kennzeichen des edlen Mannes. Er hält sich nicht leicht für wichtig genug, Feinde, oder viele Feinde zu haben. Er fühlt seine Schwächen immer mehr und bemerkt die Schwächen seiner Mitmenschen immer weniger. Wer sich durch wilden Trotz, mutwilligen Angriff, unzeitigen Tadel, unnötigen Widerstand, beruflose Selbstankündigung überall hervordrängt, der ruft selbst seinen Feinden zu, daß sie gegen ihn zu Wehr und Waffen greifen, weckt Neid und Eifersucht und schafft sich Feinde ohne Not. Der edle Mann breitet vielmehr einen Schleier über seine Vorzüge, wägt als Mensch und als Schriftsteller sein Wort, um nicht zu beleidigen, stellt sich nirgends an die Spitze einer Partei oder in den Nachtrab derselben, läßt die schreienden Haufen schreien und arbeitet still und emsig auf seinem Felde. Dadurch entwaffnet er ein Dutzend seiner wirklichen Feinde und hält ein anderes Dutzend zurück, die Partei der erklärten Feinde zu verstärken. So ist Demut die glücklichste Ableiterin mancher Donnerwolken, die über deinem Haupte schweben. Wer kühn beleidigen will und stark hassen kann, der hat alle Gaben, ein Abenteurer von Unversöhnlichkeit zu werden und die ersten Beleidigungen, denen man die Entschuldigung der unüberlegten Hitze könnte angedeihen lassen, durch überlegtes Wiederholen der ersten Angriffe schmerzender und schwer verzeihlicher zu machen. Nicht so der edle Mann: er bietet zuerst die Hand zur Aussöhnung, und kann auch nach zurückgewiesener Hand seinen Feind noch lieben. Aber diese Liebe der Person verbietet nicht allen Widerstand gegen die Angriffe; sie verbietet nur den unnötigen und wacht, daß auch nötiger, milder Widerstand immer Widerstand ohne Haß bleibt. II. Unter den Gesetzen der menschlichen Natur ist auch dieses Gesetz: Der Mensch kann, wenn der Eindruck nicht zu heftig oder die Ueberraschung schon vorüber ist, den Blick wegwenden von dem, was ihm wehe tut und hinwenden zu dem, was ihm wohltut. Nun sind an meinem Feinde zwei Seiten, die des Menschen und die des Feindes , deren jene mir wohl, diese wehe tut. Also kann ich den Blick von der Seite des Feindes wegwenden und auf die Seite des Menschen hinheften. Wenn man genau untersucht, wie die Menschen zu handeln pflegen, so wird man sich überzeugen können, daß auch der böse Mensch, der böse genug ist, sogar Schadenfreude an dem Unglück zu haben, das er angerichtet hat, wohl nicht aus reiner Bosheit handle, das heißt, ohne alle Uebereilung, oder Unkenntnis, oder Irrung, oder Vorurteil, oder Leidenschaft, ohne allen Schein eines Grundes oder Rechtes, bloß um wehe zu tun. Je mehr man mit den Triebfedern menschlicher Handlungen und den Situationen handelnder Menschen bekannt zu werden Gelegenheit hat, und dieselben wohl benützt, desto gewisser findet man den Satz: Kein Verbrecher weiß, was er tut. Also kann die Vernunft in der Handlung des erklärten Bösewichts noch einen Grund zur Verzeihung finden, kann sagen: O des armen Mannes, er wußte doch nicht, was er tat! So konnte Jesus an den Feinden seines Lebens, die wilde Schadenfreude an seinem Sterben bezeugten, noch Stoff und Grund zur Verzeihung finden: Vater, verzeih ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun. Nicht nur verzeihlich ist die Tat des Feindes, sondern auch die Person des Feindes kann Mitleid in dem Beleidigten erregen. Der Zustand der Unkenntnis, der Leidenschaft, des Vorurteils, des Hasses, der Blindheit, ist fähig, Mitleid zu erregen gegen einen Menschen, der seiner Würde vergessen und gegen seine Vernunft handeln konnte. Ferner kann zu diesem Mitleid mit dem Feinde der Gedanke anregen, daß das menschliche Herz im Unrecht nie Ruhe findet, sondern Haß und Gram wie eine eigene Hölle in sich trägt. – Das Mitleid verdoppelt sich, wenn der Feind aus eigener Schuld elend ist und sein Elend nicht erkennt. Denn das verschuldete Elend ist größer als jedes andere und jenes, das man als solches nicht erkennt, unheilbarer. Kann ich aber meinen Feind bemitleiden, so kann ich ihm auch wohlwollen . Denn wohlwollen kann ich jedem, dem nach meiner Erkenntnis irgend ein Wohlsein fehlt, und dem ich dieses Wohlsein zu wünschen, überwiegende Antriebe finden kann. Wenn ich meinem Feinde wohlwollen kann, so kann ich ihm auch wohltun , vorausgesetzt, daß es mir an Mitteln und Gelegenheiten dazu nicht fehlt. Denn Wohltun ist nichts anderes als kräftiges, lebendiges, in die Tat übergehendes Wohlwollen. Wenn ich meinem Feinde aber wohlwollen und wohltun kann, so werde ich ihn nach und nach wieder lieben und zwar wahrhaft und von Herzen lieben können, das heißt, nach und nach ohne Widerstand des Herzens, ohne Haß, ohne Bitterkeit an ihn denken, herzliche Freude an seinem Wohlergehen haben, alles Wohlsein ihm aufrichtig gönnen, mit bereitwilligem, zuvorkommenden Herzen ihm dienen, brüderlich für ihn zu Gott bitten, und durchaus so gegen ihn gesinnt sein können, als wenn er mir kein Unrecht erwiesen hätte. Denn wenigstens nach vorhergegangenen Uebungen des Mitleidens, Wohlwollens, Wohltuns, wobei noch etwas Bitterkeit und Widerstand des Herzens mitunterlaufen mag, werde ich meinen Feind, mich und unseren gemeinschaftlichen Schöpfer von dem rechten Gesichtspunkte aus betrachten und zu mir selbst sagen können: Sieh! Dieser Mensch, der dir Unrecht getan hat, ist doch Mensch, ist Bild Gottes, wie du; ist fähig wieder gut und edel zu werden, und besser und edler als alle deine Freunde; ist unsterblich wie du, kann ein Freund der Tugend und Mitgenosse ewiger Freude werden; wird vielleicht durch nichts mehr angetrieben werden, zur Tugend zurückzukehren, als wenn du ihm dein Herz wieder schenkst; wird geliebt von seinem und deinem Gott: und du solltest ihn nicht lieben? Es ist ein Gesetz der Natur, alle Menschen zu lieben, und das Unrecht, das dir widerfahren ist, kann das Band der Liebe nicht auflösen. Also bleibt es Pflicht, deinen Feind zu lieben: und du könntest diese Pflicht übertreten und nicht lieben? – Das Wohl dieses Menschen, der dir Unrecht getan hat, ist der Mitendzweck der Schöpfung: und du solltest ihn nicht lieben? – Es ist kein schönerer Triumph, als den lieben, der dir wehe getan hat: und du solltest dir diesen Triumph versagen? – Freunde lieben ist nichts großes, aber deinen Feind lieben, das ist groß: und dir sollte diese Größe zu groß sein? – Die und die könnten ihre Feinde lieben: und du könntest nicht, was so viele andere konnten? Läßt doch Gott auch seine Sonne scheinen über Gute und Böse: und du solltest gegen das Beispiel deines Gottes kalt bleiben? Wer verzeiht wie Gott, ist Gottes Kind. Christus betete für die, welche ihn an das Kreuz brachten: und du wolltest kleine Vergehungen unverzeihlich finden? Gott läßt dir deine Schuld nach, wie du deinen Mitknechten die ihrige nachlässest: und du wolltest unbarmherzig gegen deine Mitknechte sein? Durch diese und ähnliche Betrachtungen, wenn sie lebendig genug sind, wird sich mein Gemüt nach und nach über sich selbst ergeben, und nach vielen Kämpfen und Siegen den Feind lieben können. Nach und nach wird diese Liebe reiner werden.   E. Von der Höflichkeit, die aus echter Menschenliebe hervorgeht. Der Verfasser des Telemach unterscheidet zwei Arten von Höflichkeit: »Eine ist die feine Manier des Menschen, welcher keine andere Absicht hat, als sich zum Idole seiner Mitmenschen, und sie zu Götzenknechten seines Interesses zu machen. Die andere ist ein edles Vergessen seiner selbst, um sich anderen zu schenken, damit sie auch gut und glücklich werden; eine Opferung des Eigenwillens, um fremden Leidenschaften zuvorzukommen oder sie zu stillen; eine Art von Gottesdienst, von Verehrung, die man den Ebenbildern Gottes erweist.« In einer Anmerkung zu diesem Abschnitt betont Sailer, daß seine Darlegungen nur die Vereinbarkeit dieser Heldentugend mit den Gesetzen der menschlichen Natur und ihre Möglichkeit dartun. »Denn daß der Mensch ein neues Geschöpf sein müsse, um seine Feinde von ganzem Herzen zu lieben, will ich schon garnicht leugnen. Ein Anderes ist: Die menschliche Natur ist dieses Edelmuts fähig, und ein Anderes: Der Mensch kann sich selbst überlassen, in sich selbst diesen edlen Sinn erschaffen.« ] Man bedarf keines Scharfsinnes um zu bemerken, daß die Höflichkeit der ersten Art die Eigenliebe, die der zweiten Art wahre Gottes- und Menschenliebe zur Quelle hat. Man wird auch leicht die Entdeckung machen können, daß es zwischen diesen Extremen von Höflichkeit noch eine andere gibt, die gleichsam in der Mitte liegt, nämlich die Höflichkeit der erlaubten Klugheit, die gerade nicht das Wohl des Menschen bezweckt, aber auch nicht ihren Schaden; die zwar eigenes Wohl, aber nicht auf Kosten des fremden, erstrebt; die die Menschen für sich braucht, aber nie gegen sie; die zwar nicht von der Liebe befohlen, aber doch von der Gerechtigkeit im Zaume gehalten wird. Der gute Mann wird die Höflichkeit der Eigenliebe verabscheuen, die der Klugheit nur zur Notdurft anwenden, mit der Entschlossenheit, eher einen Schaden zu dulden als fremden anzurichten, und die Höflichkeit der Tugend mehr mit Beispiel als mit Worten empfehlen. Wahre Tugend oder was dasselbe ist, wahre Gottes- und Nächstenliebe, ist mit Höflichkeit nicht unverträglich; vielmehr macht sie dieselbe des Menschen wert, und für andere liebens- und ehrwürdiger, einnehmender und gebietender. 1. Wahre Tugend macht die Höflichkeit des Menschen wert, d. i. menschenwürdig. Denn, da der Mensch den Beruf hat, für sich gut, und gegen andere wohltätig zu sein, so ist jede Höflichkeit, die nicht mit dem Gutsein des Menschen und mit seinem Berufe, ein Wohltäter seiner Mitmenschen zu werden, bestehen kann, der erhabenen Natur und großen Bestimmung des Menschen unwert. Es ziemt dem Menschen nicht, daß sein Aeußeres entweder ein Sendling der Eitelkeit, oder ein Werkzeug des Eigennutzes, oder ein Knecht der Wollust werde, und eines aus diesen Dreien muß es sein, so oft die Eigenliebe Höflichkeit gebeut. – Diese Grundsätze der forschenden Vernunft kann jeder Redliche an dem Ausspruche seines Gewissens prüfen und rechtfertigen. Denn das Gewissen kann die Höflichkeit, die nur eine Götzendienerin der Eitelkeit, oder der Wollust, oder des Eigennutzes ist, nie billigen, muß sie immer mißbilligen. Die Höflichkeit der Klugheit, insofern sie innerhalb der Schranken der Gerechtigkeit bleibt, kann das Gewissen zwar nicht verdammen, aber auch nicht sonderlich empfehlen, sondern nur erlauben. Hingegen den Charakter der Höflichkeit, die von wahrer Tugend abstammt, kann das Gewissen nicht verdammen, muß ihn vielmehr billigen, empfehlen, und mit seinem Beifalle belohnen. 2. Wahre Tugend verschönert die Höflichkeit und macht sie liebens- und ehrwürdiger, einnehmender und gebietender für andere Menschen. Ich darf nur das Bild dieser Höflichkeit ausmalen und dann die Stimmen der Leser zur Ehre der Tugend entscheiden lassen. Die Höflichkeit, die von der Tugend beseelt wird, fällt nicht etwa bloß auf durch feine Manieren, sondern vorzüglich durch die Güte des Herzens, die durch dieses Aeußere scheint: empfiehlt sich nicht bloß durch eine angenehme Miene, Gebärde, Stellung, Wendung, sondern weckt Ehrfurcht durch den Adel der Absichten, welche der angenehmen Miene, Stellung, Gebärde, Wendung eine eigene Würde gibt; nimmt nicht bloß ein durch das Natürliche, Ungezwungene, Leichte, sondern gibt dem Natürlichen, Ungezwungenen, Leichten das Gepräge des Wohlwollens, das zur Liebe nötigt, und das Gepräge der Selbständigkeit, die Achtung und zwar von Rechtswegen, gebeut. Diese Höflichkeit, die von dem Reichtum des Wohlwollens und von der Ordnung des Inneren hervorgebracht wird, kann nur von Wohlwollen und Ordnung zeugen; trägt keine Spur der Verstellung und kein Zeichen der Anmaßung; tut nicht wehe durch das Steife des Stolzes und drückt nicht durch das wegschreckende Großseinwollen; erregt nie den Verdacht einer Schwachheit, die alles erschmeicheln oder einer falschen Stärke, die alles ertrotzen, oder der feinen Ränke, die nur durch Umwege zum Ziele kommen will. Diese Höflichkeit artet nie in die niedere Politesse aus, die um Geld, Ehre oder sinnliche Vergnügen bettelt, drückt nie auf andere durch Hervorkehren der Ueberlegenheit an persönlichen Gaben oder äußeren Gütern; angelt nie durch Verheißungen oder Geschenke nach Vertrauen, die sie nicht glücklich machen kann, oder nicht darf. Kurz, diese Höflichkeit kann mit jedem in seiner Sprache reden, ohne die Rechte der Wahrheit und Gerechtigkeit zu kränken; kann sich in alle Formen gießen, ohne die wesentliche Form der Tugend zu verlieren. Wo wäre der Mensch, der einem solchen Bilde von Höflichkeit seine Liebe und Achtung entziehen könnte? Aber, was jetzt in unseren Kalendern und Gesellschaften unter dem Titel Höflichkeit gerühmt wird, ist oft nur das Gespenst derselben, das mit dem Schatten der Tugend umherschleicht, oder eine Larve der Höflichkeit, die das Aas der Eigenliebe verdeckt. Zweiter Abschnitt. Vom Frohsein des Menschen Erstes Kapitel. Von der Quelle des wahren Frohseins Nach den Erfahrungen der redlichsten Menschen ist das Gutsein die Wurzel des Wohlseins. Die redlichsten Menschen gestanden und gestehen noch, daß die edelsten Augenblicke ihres Seins auch die frühesten waren. Dies Geständnis kann man nicht für unbedeutend ausgeben, ohne sich selbst zu verurteilen; man kann aber auch den ganzen Wert dieses Geständnisses nicht fühlen, außer wenn man die schönen Bemühungen, selbst gut zu werden, schon aus Erfahrung kennen gelernt und so in dem Streben, gut zu werden, einen Vorgeschmack des Wohlseins empfunden hat. Jenes Geständnis und diese Erfahrung sind begründet in einem offenbaren Gesetz der menschlichen Natur, welches lautet: Wer in sich friedlos, mit sich selbst uneins ist, wird nicht von außen, sondern durch sich selbst gehindert im Freudengenusse. Die Realität dieses Gesetzes können wir in der Natur jeder Leidenschaft kennen lernen. Wer nicht neidlos ist, wird vom Neide gehindert, sich an fremder Freude mitzufreuen. Und ohne Neidlossein, kein Gutsein. Wer nicht frei von Eitelkeit ist, wird von dem Verlangen, sein Ich gepriesen zu sehen, gehindert, an allem Guten, Wahren, Schönen Freude zu haben, das in seinen Wahrnehmungskreis kommt. Und ohne Freisein von Eitelkeit, kein Gutsein. Wer der Geldliebe dient, wird von ihr gehindert, ein Vater der Armen zu sein und die Freude nicht kosten zu können, sich Abbruch zu tun, um anderen wohlzutun. Und ohne Wohltätigkeit kein Gutsein u. s. f. Wir haben noch einen anderen Weg, dies Gesetz unserer Natur kennen zu lernen: wir dürfen nur vergangene Gemütszustände mit unseren jetzigen vergleichen. So war mein Urteil ganz anders, so lang ich den Keim des Widerwillens gegen meinen Nachbar in mir trug, als es jetzt ist, da ich mich mit ihm ausgesöhnt habe. O, daß wir dem Faden, den uns unsere Erfahrungen ohne Unterlaß darreichen, fleißiger nachgingen; er leitet uns auf den Mittelpunkt alles Frohseins, auf das Gesetz unserer Natur: Sei gut, um der Freude fähig zu werden . Wie nun aber der Gartenfreund töricht handelt, der die Früchte haben will, ehe er die Wurzeln in die Erde gesenkt, wie der Landwirt töricht handelt, der vor der Aussaat ernten will, wie der Bildhauer töricht ist, der aus einem Holze, das keiner feinen Form empfänglich ist, einen Apollo bilden will, wie der Baumeister töricht ist, der, statt den Grund zu legen, immer nur auf den Dachstuhl achtet: gerade so töricht handeln wir täglich, wenn wir Freude suchen, ehe wir uns derselben empfänglich gemacht, und ernten wollen, ehe wir ausgesät haben. Zweites Kapitel. Vom ersten Gesetze alles Frohseins Daher ist das erste Gesetz alles Freudengenusses: Um Freude zu haben, mache dich zuerst der Freude fähig . Oder: Sei gut, um der Freude empfänglich zu werden . Dies ist so wahr, daß das nämliche Gut, welches dem Guten dauerhafte Freude gewähren kann, weil er der Freude fähig ist, jedem, der nur Genuß haben will und sich um das Gutsein nicht kümmert, leer ausgehen läßt. Der Gute freut sich der häuslichen Freude seines Bruders und findet seinen Himmel in fremdem Glücke; der eigennützige, neidvolle Nachbar sieht die Freudenernte seines Nachbars nicht ohne Kummer an, und findet im fremden Glücke seine Hölle. Der Diener Gottes freut sich bei dem Untergange der Sonne, und preist den Schöpfer der Sonne in seinem Geschöpfe. Der Rachsüchtige bemerkt vor lauter Drang, Rache zu nehmen, nicht einmal den Untergang der Sonne, und wünscht bei dem letzten Widerschein der großen Wohltäterin seinem Feinde den Tod u. s. f. Man beginnt der Freude wert und empfänglich zu werden, wenn sich die Liebe und Achtung für das Gute von jedem Eigennutz und aller Selbstsucht zu reinigen anfängt. Man wird der Freude würdiger, wenn die Liebe und Achtung für das Gute reiner, d. h. edler wird. Der Freude ganz würdig ist, wer das Allerbeste um seinetwillen über alles andere und alles, was ihm ähnlich ist und ähnlich macht, um seinetwillen nach dem Maße dieser Aehnlichkeit achtet und liebt. Daß wir tatsächlich der besten Freude nicht recht fähig werden können, ohne derselben nach dem Maße des gegebenen Vermögens würdig zu werden, erhellt schon daraus, daß uns der freie Wille aus keiner anderen Ursache gegeben sein kann, als durch selbsttätige und uneigennützige Liebe und Achtung für alles Gute, der Freude zunächst würdig zu werden. Ferner daraus: so lange wir nicht mit aller uns gegebenen Kraft streben, der Freude würdig zu werden, so lange wird uns unser unbestochenes Gewissen tadeln und strafen, oder wenigstens, durch Entziehung der vollkommenen Billigung, etwas Bitterkeit in unser Wohlsein legen. Je mehr wir aber nach Würdigsein und je weniger wir nach Freudigsein trachten, desto dauerhafter und reiner wird die Freude, desto mehr unser Gewissen den Genuß der Freude billigen. Vielleicht ist es einigen Lesern nicht unangenehm, durch einen einfacheren Gedankengang zur festen Ueberzeugung dieser Wahrheit zu kommen. Hier ist er: Der Mensch ist – wie sein Wille. Des Menschen Wille ist – wie seine Liebe. Die Liebe des Menschen ist – wie ihr Gegenstand, und wie die Lauterkeit des Beweggrundes. Liebt er das Gutsein, und damit letzthin das Gottähnlichsein, das Urbild und die Urquelle alles Guten, so wird seine Liebe, und durch diese er selbst, gut und damit der Freude würdig. Ich sehe nicht, was die Vernunft in dieser Reihe: Menschsein, Gutsein, der Freude wert sein, tadeln könnte. Drittes Kapitel. Vom zweiten Gesetze alles Frohseins Nicht nur greifen die Menschen die Sache am unrechten Ende an, suchen das, was sie zuletzt suchen sollten, zuerst, und was sie zuerst suchen sollten, schon gar nicht oder nur halb, und verkehren so die Ordnung der Natur, die jeder Aufmerksame in sich wahrnehmen kann, sondern sie suchen das Wohlsein auch in Dingen, die nicht nur keins gewähren, sondern darüber hinaus noch alle Anlagen des Wohlseins zerstören. Sie suchen Wohlsein im regellosen Streben, in ungebändigten Leidenschaften und ihrer Befriedigung und verstoßen so wieder gegen ein Gesetz aller wahren Freude, das unserer Natur gegeben ist, und das am allerwenigsten die Uebertreter derselben verkennen sollten. Denn die großen, fürchterlichen Zerrüttungen, die täglich aus ungebändigten Leidenschaften und ihrer Befriedigung entstehen, die Zerrüttungen im Verstande, im Willen, im Leibe, und im ganzen Wirkungskreise des Menschen, weisen jeden auf dieses ewige Gesetz unserer Natur hin. Es ist doch so klar, als nur etwas klar sein kann: Was alle Kraft, froh zu sein, zerrüttet, kann nicht froh machen; wo keine Bändigung der zerrütteten Leidenschaften, da keine Ordnung unseres Strebens; und wo keine Ordnung des Strebens, da keine Empfänglichkeit für dauerhafte, wahre Freude. In dem, was die Anlage aller wahren Freude zerstört, ist keine Freude zu finden. Daher die durchaus praktische Vorschrift: Um die wahre Freude zu finden, suche sie nicht in dem, was alle Anlagen zur wahren Freude zerstört, in den Leidenschaften und ihrer Befriedigung . Diese Vorschrift ist gewiß so alt, als die Versuchung, sie zu übertreten. Sie bleibt aber so lange ohnmächtig oder wenigstens sehr wirkungsschwach, bis der Mensch ein höheres Vergnügen, als die Leidenschaft gewährt, gekostet hat, und, im Gefühle und Besitze des Besseren, das Geringe standhaft verachtet. Viertes Kapitel. Vom dritten Gesetze alles Frohseins Dauerhafte, und des Menschen ganz würdige, die allerwürdigste Freude, soll nur gesucht und kann nur gefunden werden in der Quelle alles Gutseins, und aller Seligkeit, d. h. in Gott . I. Sie soll nur in dieser Quelle gesucht werden: denn der Mensch trägt in sich 1. das Bild, die Idee von Gott, 2. unverkennbare Spuren der Güte, Wahrheit und Gerechtigkeit. Oder warum loben wir übereinstimmend gewisse Handlungen und tadeln andere? – Der Mensch ist 3. seiner Natur nach fähig, Gottes Dasein zu ahnen, ihn zu erkennen, ihn zu verehren und ihn zu lieben, Gott ähnlich zu handeln. – Wie wären sonst Gottes Erkenntnis, Gottes Liebe, Gottes Verehrung, gottähnliche Handlungen in die Menschenwelt gekommen, wenn die Natur des Menschen dieser Vorzüge unempfänglich wäre? Es ist 4. Bedürfnis für den Menschen, nach dieser Gotteserkenntnis, Gottesverehrung und Liebe, dieser Gottähnlichkeit zu streben; denn wozu alle Philosophie, Theologie, Religionsstreite, Schulen, Kirchen, wenn es nicht Bedürfnis für den Menschen ist, über diese Angelegenheit, die Religion, Aufschlüsse zu suchen, zu geben, zu vermehren? Es ist 5. für den Menschengeist, außer Gott, kein Halt seiner Hoffnungen, kein Befriedigungsmittel seines Strebens nach Vollkommenheit und Seligkeit, wie es die vollständige Unersättlichkeit des menschlichen Strebens klar beweist; es ist 6. die Bestimmung des Menschen, die reinste Freude in Gott zu suchen und zu finden; denn wozu hätte er die Religionsfähigkeit, die Idee von Gott, die Kräfte ihn zu kennen, zu verehren, zu lieben, ihm ähnlich zu werden, als um die reinste Freude im reinsten Gute zu finden, und um sie zu finden, sie zuerst zu suchen? Also soll er in der Quelle des Guten seine Freude suchen; denn das soll ich offenbar, wozu meine geistige Natur, meine höheren Fähigkeiten, meine höheren Bedürfnisse, das unauslöschliche Streben nach Vollkommenheit und Seligkeit, meine Bestimmung mich treiben. II. Diese Freude kann nur in Gott gefunden werden. Denn einerseits sind alle übrigen Güter entweder gebrechlich und vorüberfliegend, wie Menschenehre, oder niedrig und gebrechlich zugleich, wie Sinnenlust, oder wenigstens unfähig, den Durst nach reiner Seligkeit zu löschen, wie eigene Vollkommenheit und eigenes Bewußtsein derselben; und andererseits hat die Menschennatur einen Trieb nach dem Besitze und Genusse eines unzerstörlichen, höheren, reinen Gutes. Dieses aber ist außer Gott nirgends. Daher also die höchst wichtige Regel, die nur kurzsichtige, oder in ihren eigenen Ideen verbohrte, oder ihre Würde verkennende Geister mißverstehen können, die Regel nämlich: Freuden, die deiner höheren Natur würdig, die allerwürdigsten, die ewig sind, suche nur in Gott . III. Wie soll ich aber Freude in Gott suchen? Die Antwort darauf ist leicht zu geben, aber schwer zu befolgen: Suche nur der Freude in Gott fähig und würdig zu werden, dann kommt sie von selbst . Das ist eben der Vorzug der wahren Freude: es gehört keine eigene Kunst dazu, sie zu finden. Wer ihrer fähig und würdig ist, hat sie schon gefunden. Wie kann ich aber dieser Freude fähig und würdig werden? Auch diese Antwort ist leicht zu geben, und schwer zu befolgen. Frage deine höhere Natur, dein Gewissen, und benütze alle Belehrungen, die dir offen stehen, um das Gute, d. h. den Willen deines Gottes zu erkennen, und räume alles weg, was diesem Guten, d. h. dem erkannten Willen deines Gottes zuwider ist. Und du wirst der ewigen Freude, die nur in Gott zu finden, fähig und wert. Oder mit anderen Worten: brauche die Kräfte, die du hast, und suche neue, um der Freude in Gott fähig und würdig zu werden. Daher die alte, sinnvolle, so oft mißdeutete und noch öfter unbefolgte Regel: Um des Menschen wahre Freude in Gott wirklich zu finden, erforsche genau seinen Willen, wende alle Kräfte an, die du hast, um ihn zu erfüllen, und flehe um jene, die du nicht besitzest . Allein, wo ist der Mensch, der sich in Erforschung und Erfüllung des erkannten Willens Gottes nie eine Schuld zukommen läßt? – Ich kenne keinen. Darum ist es auch in dieser Hinsicht eine wesentliche Aufgabe der besseren Moral, die Menschen, statt sie durch sich allein ganz gut machen zu wollen, an Gott zu weisen. Ohne ihn, den großmütigen Vater der Menschen, der unsere täglichen Fehler verzeihen kann und will, ist keine standhafte Beruhigung denkbar sowohl wegen der vergangenen und täglichen Fehltritte, deren wir uns nicht wohl erwehren können, als wegen der nahen Gefahren, in Zukunft wieder zu fehlen. Und ohne diese Beruhigung keine dauerhafte Freude und keine Empfänglichkeit dafür. Deshalb ist mir das Evangelium so willkommen, weil es jeden, der an etwas Besseres glauben und wegen des Schlimmeren Buße tun will, vollkommene Vergebung aller Sünden durch die grenzenlose Erbarmung des Vaters in seinem Sohne verheißt. Und ich muß es nur geradeheraus sagen: ich kenne keine genugtuende Philosophie, ich kenne nur die Genugtuung des Evangeliums und die mit ihr eines Geistes ist. Sie allein führt den Menschen zuerst in sich hinein, macht ihn in seinen Augen gering und lehrt ihn in seinem Herzen die tägliche Probe dieser Wahrheit suchen und finden, daß er gering, noch nicht gut, noch krank und einer Heilung bedürftig sei. Ist so der Mensch zuerst gering in seinen Augen geworden, und zur Selbsterkenntnis durchgedrungen: dann führt sie ihn zur Quelle alles Guten, und lehrt ihn, durch Vertrauen auf sie und durch Selbstverleugnung, des Besseren fähig, empfänglich und teilhaftig zu werden. Jede andere Philosophie muß den Menschen nur noch elender machen, da sie ihn entweder so blind macht, daß er seinen Zustand nicht erkennt und sich für gut hält, ehe er's ist; oder wenn sie ihm die Augen über seinen eigenen Zustand öffnen sollte, ihn doch in Ansehung der Quelle, woraus allein Beruhigung und Erneuerung des alten, verdorbenen Sinnes kommen kann, blind macht, oder blind sein läßt. Ich muß es noch bestimmter sagen: Ich kenne keine vollkommenere, menschlichere und göttlichere Sittenlehre als die in dem Sendschreiben des Mannes, den unser Herr lieb hatte, enthalten ist: »Kinder, sündiget nicht!« (Dies ist der erste Teil aller Moral.) »Wenn ihr aber gesündigt habt: so habt ihr einen Fürsprecher beim Vater.« (Dies ist der zweite Teil der Moral.) Da nun die Weisen dieser Welt auf die Buße so selten zu reden kommen, und einige auch sogar von Gott nichts wissen wollen, gerade da, wo sie den Menschen zum guten Menschen machen wollen, so ist es offenbar, daß sie weder die Schwächen der menschlichen Natur, das, was geheilt werden soll, noch die Kraft ihnen abzuhelfen, das was Heilmittel werden sollte, noch den Geist aller Moral, der nur in Erneuerung und Umschaffung des alten verdorbenen Sinnes bestehen kann, kennen gelernt haben. Ohne Erkenntnis jener Schwächen, und dieser Kraft, ohne den Geist der Moral zu kennen und zu besitzen, ist aber alle Systembauerei von Verbesserung des Menschengeschlechtes entweder eine politische Verheimlichung des inneren Schadens, oder eine Aufflickung einiger scheinbarer Tugendlappen, oder ein Gewebe von gelehrten Worten, das so lange dauert, bis der müde Kopf aus dem Ideenkreise herunter, und in den Erfahrungskreis eintritt, oder höchstens eine schöne Anweisung auf den dornichten Pfad des Gutwerdens, ohne Kraft, darauf zu wandeln. Um also zu wahren, dauerhaften Freuden zu gelangen, dürfen wir nie müde werden, die Reihen unserer Gedanken und Wünsche, Handlungen und Leiden streng zu untersuchen, sie mit dem Ideal des Guten, das wir in uns haben, genau zu vergleichen, jede Abweichung von den Gesetzen unserer geistigen Natur uns selbst redlich zu gestehen und mit gerechtem Selbsttadel zu strafen, Vergebung derselben bei der Quelle alles Guten mit Vertrauen zu suchen, alle gegenwärtige Kraft zur Verbesserung des erkannten Fehlers treu anzuwenden, und um neue zu flehen. Daher die Regel: Um der Freude fähig und würdig zu werden, prüfe den Unwert deiner Gedanken, Wünsche, Handlungen und dich selbst genau, und laß dich nie von der Ueberzeugung abbringen, daß du ohne Buße, ohne Sinnesänderung nie wahrer Freude fähig und würdig werden kannst . Tut Buße , um in das Reich des Gutseins und Wohlseins einzugehen, ist also ein Kanon der besseren Philosophie, wie der höheren Weisheit. Und wenn die Philosophie den Menschen, die erst gut werden sollen, etwas Wichtigeres zu predigen hat, als: »Tut Buße«, so ist es bestimmt nicht die rechte Philosophie. Sie kann Vorbeugungsmittel geben, aber das rechte Heilmittel kennt sie nicht. Oder sie mag vielleicht doch, als Vernunftmoral, wie sie soll, den Bußprediger Johannes machen, und rufen: Tut Buße; aber wenn der nicht nachkommt, »der mit dem heiligen Geiste tauft«, so wird es bei dem Ringen nach Tugend bleiben, und die Wassertaufe unserer Vorsätze wird uns nur beweisen, wie schwach wir seien. Es fehlt nicht an Menschen, die von Religionsfreuden reden und schreiben; aber daran fehlt es, daß wir ernten wollen, ehe wir Distel und Dornen und Unkraut von dem Acker weggeräumt, ehe wir Buße getan haben. IV. Auf eben diesem Wege werden 1. die stillen Freuden eines guten Gewissens bereitet und gefunden. Denn, wer nach dem Guten, d. h. nach dem Willen des Allerbesten, redlich forscht, und ihn zu erfüllen sich unermüdlich bestrebt, und, wenn er sich eine Schuld hat beikommen lassen, sie durch doppelten Fleiß gut zu machen sucht: der hat das Zeugnis des guten Gewissens. Auf eben diesem Wege werden 2. die Freuden der Andacht bereitet und gefunden. Man muß sich manche niedere Lust versagt, man muß der Eigenliebe nicht bloß hie und da einen Abbruch getan, sondern standhaft ihrer Eingebung widerstanden haben, man muß sich des vertrauten Umganges mit Gott erst fähig und wert gemacht haben, um in ihm sein höchstes Gut zu finden. Bis dahin ist alles, was man Freude der Andacht nennt, wenn es das Beste ist, was es sein kann, doch nur Ringen nach Andacht. Auf dem Wege dorthin liegt eine weite Strecke von Hindernissen, die nur die wenigsten Menschen wegzuräumen Großmut und Unverdrossenheit genug haben. Und doch müssen diese Hindernisse weggeräumt sein, ehe Andacht Freude, und höchste Freude des Menschen werden kann. – Bis dahin kann man, wie ich sagte, höchstens von einem Ringen nach Andacht sprechen. Denn bei dem nicht denkenden Haufen ist es gar oft nur Mechanik der Gebärden, und bei dem denkenden nur Entwicklung der Begriffe, was sie Andacht nennen, und Andacht ist doch so wenig Analyse der Begriffe, und so wenig eine Mechanik der Gebärde, als Gott eine bloße Idee, und der Mensch eine bloße Maschine ist. Damit nun die so genannte Andacht, das, was bei Denkenden gar oft ein bloßes »exercitium scholasticum«, eine Denkübung, und bei Nichtdenkenden ein »exercitium corporale«, eine körperliche Uebung ist, ein wirklicher Schwung des ganzen menschlichen Geistes zum höchsten Geiste, durch Glauben an ihn und Liebe zu ihm, werden kann, muß zuvor der gewaltsame Hang zu sinnlichen Gütern, wodurch die Geisteskräfte gelähmt werden, unterdrückt, d. i. der Geist des geringeren Gutes entwöhnt, und der besseren fähig gemacht werden. 3. Auf eben diesem Wege werden die Freuden der Freundschaft bereitet und gefunden. Wir wissen: wahre Freundschaft ist dauerhaftes Einssein ähnlicher Geister; dauerhaftes Einssein zweier Geister ist unmöglich, wenn nicht jeder eins mit sich ist; kein menschlicher Geist aber kann eins mit sich sein, wenn nicht in ihm die Sinnlichkeit der Vernunft gehorcht, und die menschliche Vernunft der allerhöchsten. Es bleiben uns also nach diesen Voraussetzungen die besten Freuden der Freundschaft versagt, bis wir derselben, durch Einigung unserer Absichten mit den Absichten des allerhöchsten Wesens, fähig und würdig werden. Daher kennt die Moral keine andere Kunst, Freunde zu suchen, als die: gut zu werden. Denn stille, bescheiden, demütig, verschwiegen, freigebig, uneigennützig, wohlwollend sein, alles Erfordernisse zur wahren Freundschaft, ist nichts anderes als Gutsein. Eigentlich soll man auch Freundschaft nicht suchen . Aehnliche Geister finden sich ungesucht. Die Gleichgesinnten ziehen an, und die Ungleichgesinnten stoßen ab. Wer an diese feine Anziehungskraft der Geister nicht glaubt, den macht dieser Unglaube schon aller wahren Freundschaft unfähig. Wer aber daran glaubt, und sich von diesem Glauben bestimmen läßt, der wird streben, gut zu werden, um so mit dem Guten im Guten zu harmonieren – und diese Harmonie ist Freundschaft. Das Streben gut zu sein , erspart uns also all den gelehrten Apparat, wodurch die Gemüter auf die Schraube gesetzt werden, um das Phänomen der Freundschaft hervorzubringen; erspart uns das elende Freundewerben, und alle die unedlen Werbekünste, die nur auf unheiligem Boden getrieben werden. Freundschaft hat weder Schürze noch Fahne; sie ist stille wie die Wahrheit, und nüchtern wie die Tugend, und in sich gekehrt wie die Selbstverleugnung, und lauter wie die Liebe, und heiter wie die Unschuld. Man muß also – gut zu werden streben, um Freunde zu finden. 4. Auf eben diesem Wege werden die unschuldigen Freuden des Lebens vorbereitet . Wer sagt, die Tugend sei eine Feindin der unschuldigen Freuden, der kennt entweder die Tugend nicht oder unschuldige Freuden nicht. Denn wie könnte der, den die Tugend wirklich mit wahrem Wohlsein tränkt, die Quelle des Wohlseins eine Feindin derselben nennen? Oder wie könnte der, welcher gut und durch sein Gutsein froh geworden ist, seinesgleichen eine unschuldige Freude verbieten wollen? Im Gegenteil, das wird jeder Gute kühn behaupten: »Liebe Mitmenschen, werdet nicht müde, gute Menschen werden zu wollen. Denn erst das Ringen nach Gutsein und das errungene Gutsein macht euch auch der unschuldigen Freuden, die, als ein Unterpfand besserer Freuden, diesem Leben gelassen sind, ganz fähig und wert.« »Nicht jede Freude ist unschuldig, und die unschuldigste fordert, um für dich zur Freude zu werden, ein freudefähiges Herz, und freudefähig ist jedes Herz, das gut ist, oder im edlen Streben sucht, es zu werden.« Die Betrachtung der Natur z. B. kann uns viele unschuldigen Freuden gewähren, aber keinem gewährt sie mehr reinere und dauerhaftere Freuden als dem, der gut ist, der ruhig, heiter, eins mit sich ist. Siehst du den Jüngling mit gesenktem Blicke, in sich verschlossen, durch die segenvollen Kornfelder gehen? Nicht rührt ihn der Sonnenschein, nicht der Gesang der Vögel, nicht die fruchttragende Erde, deren Reichtum sein Kleid streift. Grobe, sinnliche Liebe hält ihn gefangen und führt ihn blind und taub gegen alle Gestalten und Stimmen der Natur durch sie hindurch, indeß das Kind mit Blumen spielt, die Sonne freundlich grüßt, und vor Freude hüpft. Zwischen diesem Kinde, das sich freut, ohne die Freude zu kennen, und zwischen jenem Jünglinge, dem der Trieb nach einer groben Freude die unschuldigen ungenießbar macht, geht der Mann, der, wie Franziskus, ruhig in sich Freude hat, und seine Freude kennt, Gottes Güte im Strohhalm und in der Blume sieht, ihn anbetend, sich des Lobgesanges und des lauten Dankes nicht erwehren kann. Ihm ist die ganze Natur ein Buch der heiligen Lehre und ein Gefäß reiner Freuden. Allerdings, bis die Natur für viele dies Buch der Freude ward, gingen heiße Kämpfe mit der sinnlichen Natur voraus. Diese unschuldige Freude ist durch manches bittere »Abstine« und »Sustine«, durch manches Versagen und Ertragen ihnen vorbereitet worden. Das gilt von allen unschuldigen Freuden. Der dauerhafte Geschmack daran ist das Werk der Tugend. Selbst die Freude an Kunst und Wissenschaft wird durch Gutsein vorbereitet. Es gehört eben zum Wesen jeder unschuldigen und reinen Freude, daß sie wahre Freude sei und bleibe . Beides ist sie aber für unser Herz nur dann, wenn dieses gut ist, oder nach Gutsein ringt. Hier liegt auch der eigentliche Unterschied zwischen dem »Weisen«, dessen höchstes Gut das allerbeste Wesen ist und dem bloß »Gelehrten«, dem die Wissenschaft, die vergängliche, höchstes Gut ist. 5. Auf diesem Wege werden ganz neue unschuldige Freuden bereitet, die nur der gute Wille aus Erfahrung kennt, und jeder andere unglaublich findet. Der gute Wille ist ein wohlgeschliffener Spiegel, in dem sich tausend Wahrheiten und Schönheiten spiegeln, die den ungebildeten, roh-sinnlichen Willen nicht berühren. Der Bessere wird an diesem Satze nicht zweifeln können, der Mindergute nicht zweifeln wollen, um seine Hoffnung nicht selbst zu beschneiden. Der Verfasser kann nur wünschen, daß er und seine Leser die Wahrheit dieses Satzes in sich tragen und erfahren möchten. So ist die frohe, heitere und aufheiternde Laune doch nur der Nachhall guter Handlungen, die ein Wohlsein in uns gründen, unschuldiger Freuden, die sich durch Erinnerung wieder genießen lassen, großer Hoffnungen, deren nur Gute, oder wenigstens nach Gutsein ringende Seelen empfänglich sind. Sie ist der Zustand des Gemütes, in dem unsere Geisteskräfte weder durch Leidenschaften gespannt, noch durch Untätigkeit gebunden, noch durch heißen Kampf gegen die Sinnlichkeit ermüdet, noch durch unvermutete Leiden oder anhaltende peinliche Arbeiten zu sehr gedrückt sind, sondern wo sie von dem stillen Bewußtsein, recht getan zu haben, von ruhigen Erwartungen des Besseren, von sanften Nachempfindungen der Freude belebt, tüchtig und fertig sind, Wahres zu bemerken, Schickliches zu reden, Gutes zu tun, an Freuden teilzunehmen und Freuden mitzuteilen, dem Ueberdruß zu wehren und den Gram zu verscheuchen. Dieser glückliche Zustand, wenn er dauerhaft ist, ist nicht das Werk der Arzneien und kostbarer Heilmittel. Denn wenn auch der Arzt dadurch, daß er die Gefäße stärkt, und dem Blute leichtern Umlauf verschafft, die schwarze Laune, welche aus dem Körper aufsteigt, tilgen kann, und also unseres Dankes wert ist: so kann er doch die allerschwärzeste Laune, die aus dem verderbten Willen kommt und uns die frohe Laune raubt, nicht tilgen. – Dieser glückliche, dauerhafte Zustand ist nicht die Frucht der Luftveränderungen und Reisen. Denn so viel Sorgen die veränderte Luft auch von uns wegwehen und dem Geist sein Tagewerk erleichtern mag, so nimmt der Mensch sich selbst doch überall auf Reisen mit. Wenn also das Ich ein Siecher ist und dadurch der Sitz des Uebels ungebessert bleibt, so können alle übrigen Kuren nur das Uebel verdecken, aber nicht heilen. – Dieser glückliche dauerhafte Zustand ist nicht die Frucht des Umganges mit frohen und munteren Gesellschaftern. Denn sieh, wenn dich gleich ein munteres Gesicht, ein leichter Scherz auf etliche Momente zur Freude elektrisiert, so wird doch dein nächster, ewiger Gesellschafter, das trübe Du, dich bald wieder zum Trübsinn umstimmen, wenn der Grund der Freude nicht tief und fest genug gelegt ist. – Dieser glückliche dauerhafte Zustand ist nicht die Frucht der Lektüre, der Musik, der Aufklärung, des Verstandes. Man kann sich allerdings manche Grille weglesen oder wegsingen, und mit der Unwissenheit verschwinden auch viele Bangigkeiten und Angstzustände. Aber, wenn der Wille nicht gebessert ist, so werden aus dem ungesunden Boden Nebel aufsteigen, die kein Buch, kein Konzert, kein Verstandesbegriff wegschaffen kann. Dauerhaft-frohe Laune ist eben nur da, wo der Wille sich von dem, was ihn mit sich entzweit, durch anhaltende Selbstverleugnung rein, und des Vertrauens auf eine allmächtige, weise Güte fähig gemacht hat. Dieser gute, und auf das allerbeste Wesen vertrauende Wille ist die einzige Quelle der dauerhaft frohen Laune. Gut muß er sein, damit ihn die eigenen Kräfte, vertrauend auf die Quelle alles Guten, damit ihn fremde Kräfte nicht unruhig machen. Wo beides fehlt, da fehlt auch die dauerhaft-frohe Laune. A. hat eine eigensinnige Laune, tadelt den Redenden und den Schweigenden, und will alles anders haben, als es ist. Wäre er gut genug um seinen eigenen Sinn der Pflicht, und seine Träume der höheren Weisheit, die das Kleinste wie das Größte leitet, zu opfern: so würde er mit sich zufrieden und frohen Sinnes sein. B. hat eine kindisch fürchtende und töricht argwöhnische Laune, steht vom Tische auf, wenn dreizehn daran sitzen, und sucht hinter jedem offenen Gesicht seinen Feind. Wäre er so glücklich, sich und seinen Gott zu kennen, fähig, sich zu verleugnen und ihn zu lieben, so würde er ohne Furcht und Argwohn, und stets guter Dinge sein. – C. hat eine fromm-ängstige und stets seufzende Laune, sieht nur die Finsternis und nie das Licht, das mit ihr im Streite liegt. Wäre er gut genug, das Bessere zu hoffen und sich desselben fähig zu machen, er würde auch in der Wüste der Leiden einen Pfad in das gelobte Land entdecken und mutig darauf fortwandelnd frohen Mutes sein. 6. Hier ist der Ort, ein Wort über die wohlfeilsten und kräftigsten Erholungen zu sagen, die ebenfalls auf diesem Wege uns bereitet werden. Diese wohlfeilsten und kräftigsten Erholungen sind, außer einem einfachen Mahle und leichtem Schlafe, ein freundliches Gespräch, ein Spaziergang auf freiem offenem Lande und unter heiterem Himmel, eine kurze Lektüre, die uns nicht in Worte und nicht in uns verwickelt, sondern durch ein liebliches Gemälde der Wahrheit erquickt, ein zwangloses, kurzes, aus dem Herzen quellendes Gebet, eine leichte, stärkende Betrachtung der Natur u. ähnl. Aber bis der Mensch fähig wird, an diesen Erholungen Geschmack zu finden und sich damit zu begnügen, muß er einen großen Aufwand von Selbstverleugnung gemacht haben. Und in dieser Hinsicht kann man die wohlfeilsten Erholungen auch die teuersten nennen. Doch sind sie dieses Aufwandes wert. Denn sie sind eigentliche Erholungen, holen wirklich die verlorenen Menschenkräfte wieder heim; sie sind würdige Erholungen, lassen keine Nachreue zurück: ja sie sind mehr als Erholungen, sind wirkliche Uebungen des höheren Sinnes der Einfalt, Unschuld, Ordnung, Selbstbeherrschung, und belohnen mit neuer Kraft, die Lasten des Lebens zu tragen, und die schweren Pflichten standhaft zu erfüllen. Man kann sagen: Wie der Mensch, so seine Erholungen. Oder: der Gute ist es auch in seinen Erholungen. Denn man muß wirklich schon mehr als auf halbem Wege vorwärts gekommen sein, um sich das Unerlaubte nie unter dem Titel einer Erholung zu erlauben, und die erlaubten Erholungen nie zu oft zu gebrauchen, nie zu lange fortzusetzen, und nie zu hitzig danach zu streben. Man muß sich gebieten gelernt haben, um die besseren Erholungen männlich zu wählen, um die gewählten zweckmäßig zu gebrauchen, und im wirklichen Gebrauche derselben sich von keiner Begierde die Herrschaft des Geistes rauben zu lassen. 7. Auf diesem Wege wird ein souveränes Mittel gegen Ueberdruß und Langeweile bereitet. Eben das, was in uns eine dauerhaft heitere Laune gründen kann, das kann uns auch vor Ueberdruß und Langeweile bewahren. Eben das, was in uns den Sinn für unschuldige Erholung befestigt, öffnet uns eine Zuflucht in uns. Wir haben immer etwas Wichtiges zu tun – an unserer Besserung zu arbeiten – können immer mit dem Allerbesten Umgang pflegen, dürfen immer hoffen, wo wir nicht sehen, bitten, wo wir nichts vermögen. Zwar wird es auch in der Region des besten Menschen, und auch in seinem Innersten, im Kämmerlein des Herzens nie lange an Wolken, Leiden, Angriffen, Niederlagen fehlen können. Denn auch der beste Mensch – ist ein Mensch, und niemand fühlt es mehr als der gute Mensch, was es heißt, Mensch sein. Und wer sich zu einer ganz reinen Seligkeit in diesem Leben Hoffnung machen kann, der träumt, ohne es zu wissen, oder schreibt einen Roman. Fünftes Kapitel. Von der Kunst unschuldige Freuden würdig zu genießen Die unschuldigen Freuden werden würdig genossen, wenn 1. der Genuß nicht nur unschuldig ist, wie die Freude, sondern 2. die Freude im Genüsse veredelt wird und 3. den Menschen selbst veredeln hilft. Unschuldig ist der Genuß der Freude, wenn uns die Begierde, froh zu sein, nicht über das rechte Maß (sowohl was den Grad der Begierde selbst, als die Art und Dauer der Vergnügen betrifft) hinausführen kann. Veredelt wird die Freude im Genüsse, wenn wir die Freude, die uns wird, als Gabe Gottes ansehen, und als solche mit frohem Dank an Ihn genießen, daß der sog. Freudengenuß in eine Gott verehrende Handlung verwandelt wird. Veredelt wird der Mensch durch den Freudengenuß, wenn er, seine Würde fühlend, mehr des Gebers als der Gabe sich freuen kann, und durch diese Freude neuen Mut empfängt um der Tugend, oder was ja dasselbe ist, um des Allerbesten willen, Angenehmes zu missen, Unangenehmes zu dulden, Schweres zu unternehmen. Wer möchte nicht Menschen kennen, die sich so freuen? Es gab solche Menschen und es gibt sie noch. Wir übrigen, wenn wir gleich nicht in diese Reihe gehören, wollen uns wenigstens durch das Gesetz der Sinne nicht so weit blenden lassen, daß wir an dieser Größe ungläubig werden, weil wir uns zu klein fühlen, dieselbe zu erreichen; noch weniger wollen wir uns von den sinnlichen Lüsten so schrecklich erniedrigen lassen, daß wir diese Größe als Unsinn lästern und das ehrliche Ringen danach unter die törichten und überwundenen Altertümer setzen. Wir wollen wenigstens gerecht sein, wenn wir nicht Lust genug haben edel und groß werden zu wollen, und jene nicht lästern, die diesen Weg beschreiten, wenn wir selbst zu träge sind ihn zu betreten; wir wollen gerecht sein und es wenigstens im Urteilen über diesen Weg mit der Wahrheit halten. Die Wahrheit aber urteilt von ihm so: Dieser Weg ist: 1. nicht neu. Henoch kannte ihn. »Er wandelte vor Gott.« 2. wie die Tugend, im Anfang unangenehm und dann erfreuend. Das ist denn auch Prüfstein der wahren Moral und der falschen. Die wahre Moral weist anfangs hin auf Dornen, Selbstverleugnung, bewahrt aber am Ende auf Rosen, Kronen, Seligkeiten; die falsche winkt zur Lust, und bewahrt im Hinterhalte Jammer. 3. Diesen Weg können Arme und Reiche, Gelehrte und Ungelehrte, Hohe und Niedere, Gesunde und Kranke gehen, wenn auch nur wenige ihn gehen. Das ist wiederum ein Kennzeichen der wahren Tugendlehre; sie ist nach ihrem Inhalte zu urteilen, eine Lehre für alle; und nach ihrer Befolgung, eine Lehre für Wenige. Sprach nicht auch der Weiseste von einem schmalen Weg? 4. Dieser Weg könnte als gangbar nur von denen gründlich widerlegt werden, die mit aller Großmut ihn betreten, mit ausharrendem Mut darauf gewandelt und ihn dennoch unrichtig befunden hätten. 5. Dieser Weg kann dadurch nichts von seiner Zuverlässigkeit verlieren, daß ihn andere anders nennen, oder aus Unverstand lästern. Denn Worte sind Worte, und entscheiden nichts. Sechstes Kapitel. Von den Leiden – als Quelle der Freuden   A. Von der Kunst und der Kraft, Leiden zu ertragen und ihre Last zu mildern. I. Wer keine Leiden dichtet, wo keine sind, wer ferner das, was die vergrößernde Einbildungskraft gewöhnlich zu den wirklichen Leiden hinzutut, von ihrer Summe wieder wegstreichen kann, der hat seine Leiden schon sehr vermindert und ihre Last erleichtert. Es gibt Leute, die, wenn sie hören, ihr Nachbar habe von ihnen ein entehrendes Wort gesprochen, sogleich aus dem einfachen Worte, durch Hilfe der vergrößernden Vorstellungskraft, ein Heer von Lästerungen bilden, die Folgen der Entehrung ins Große multiplizieren, für ihre Kinder und Kindeskinder zittern, und jeden Bürger für ihren stillen Feind ansehen, so daß sich die geschehene Entehrung zur eingebildeten verhält, wie 1 zu 100 000. Wer nun gelernt hat, jede Rechnung der Einbildungskraft streng zu überprüfen und diese fünf Nullen wegzustreichen, wer gelernt hat, ein entehrendes Wort für ein Zittern der dem Munde des Redenden nahen Luft anzusehen, wer glauben gelernt hat, daß der Mensch durch kein Wort entehrt werden kann, eben darum, weil er durch Worte nicht besser und nicht schlechter gemacht wird, wer endlich durch erduldete Mißdeutung gelernt hat, seine Handlungen ruhig mißdeuten zu lassen: der hat sich das geheime Leiden, das aus der Lästerung zu entstehen pflegt, schon sehr erleichtert. Daher die Regel: Dichte kein Leiden, wo keins ist; und dichte dir kein Leiden größer, als es ist. Wir dichten uns Leiden, wo gar keine sind, wenn wir die Güter, die wir haben, ungebraucht lassen und auf die Güter, die wir nicht haben, Jagd machen. So wähnt sich der, welcher sein hinlängliches Auskommen in der Welt hat, elend, weil er nur immer hinsieht auf die Reize des Reichtums, der ihm noch fehlt. So fühlt sich der Niedere elend, weil er nur immer hinsieht auf die erträumten Seligkeiten der Höheren, die ihm fehlen. Wir dichten unsere Leiden größer als sie sind, wenn wir nicht die Vernunft, sondern die Empfindung, über die Größe der Leiden urteilen lassen. – Wie aber die Schwere eines Körpers auf keiner noch so gerechten Wage richtig bestimmt werden kann, wenn nicht die zufällig dem Körper anhängenden Gewichte aus der Wagschale weggenommen werden, so kann auch die Größe des wirklichen Leidens nicht genau bestimmt werden, wenn du es durch das falsche Gewicht der durch die Einbildung noch vergrößerten Empfindung abwägen willst. Wer fernerhin alles das, was die Vorstellung von der künftigen Dauer oder Steigerung eines Leidens zur Größe des gegenwärtigen hinzutut, von der Summe seiner Leiden abzieht, indem er die Last des heutigen Tages mutig angreift, und den morgigen für sich sorgen läßt: erleichtert sich sein Tagewerk und all seine Leiden. – Ein Zeitpunkt ist doch schließlich nur ein Zeitpunkt, ihn hat man auszufüllen und zu tragen, und die Zahl sechs ist heute nicht größer als sechs, mag auch vielleicht morgen aus dieser sechs eine zwölf werden. Wer also die Gegenwart tragen lernt, ohne auf sie das Gewicht der Zukunft zu wälzen: hat die Last seiner Leiden schon merklich vermindert. Daher die Regel: Dichte dem Leiden keine Dauer an, die es noch nicht hat, und keinen Grad, den es vielleicht nie erreichen wird. Sieh vielmehr möglichst ab von der Dauer und von dem Grade, die noch im Dunkeln liegen, und trage nur, was heute ist, und wie es heute ist. II. Wer bei den schmerzhaften Eindrücken der Gegenwart den Geist von denselben wegwenden , und mit stärkenden Betrachtungen beschäftigen kann: der hat sich sein Leiden leichter gemacht. Genau wie das Leiden dadurch drückender wird, daß wir uns ihm mit ganzer Einbildungs- und Empfindungskraft hingeben, genau so muß es von seinem Drucke in dem Maße verlieren, in welchem die Kraft zu tragen stärker wird. Dies aber geschieht 1. durch den erneuten Entschluß: ich will leiden wie ein Mann, weil leiden meine Pflicht ist . Der Mann im Gefühle des männlichen Entschlusses ist ungleich stärker, als im Zustande der Unentschlossenheit. Ja man kann sagen: Unentschlossenheit macht aus Männern Weiber, Entschlossenheit aus Weibern Männer. Ein entschlossenes Weib wird Leiden ausstehen, die kein unentschlossener Mann tragen kann. Eine gespannte Muskel kann tragen, was keine schlaffe halten kann. Und der Entschluß hält die Muskeln. Dieser Entschluß ist nicht der verbissene Schmerz des Stoikers; er ist der feste Sinn des treuen Freundes seiner Pflicht: Ich will leiden, weil es Pflicht ist zu leiden. Die Kraft zu tragen wird stärker 2. durch Warten , durch Nichtvorwärtsschreiten, durch Zusammenhalten der Kraft, durch Stillesein . Wer nicht tätig sein will, wo er nur leiden soll, der kann leiden. Wer handelt, wo er stille halten soll, der wird sein Leiden nur vergrößern, und die Kraft, zu handeln und zu leiden nur zersplittern. Wer in Schmerz und Leid einen Entschluß faßt und handelt, wo er warten und still sein sollte im Leiden, wird des öfteren einen Entschluß fassen oder ausführen, der ihn erst recht unglücklich macht. Du leidest z. B. darunter, daß dein vertrauter Freund dich gelästert hat. Im Zorn, statt zu leiden, handelst du, und kündest ihm die Freundschaft auf. Jetzt gerät er in Wut, und rächt sich an dir durch eine Offenbarung jener Geheimnisse, die du ihm anvertraut, und die dich in neues Elend stürzt. Die Kraft zu leiden wird geschwächt durch Klagen und wehleidiges Reden über unsere Leiden. Um ganz davon zu schweigen, daß wir durch rednerische und ausmalende Beschreibungen unserer Schicksale andern nur lästig werden, und uns ihres Mitleides nur unwürdig machen, so gräbt sich der Stachel unserer Leiden nur desto tiefer in unser Inneres, je mehr wir davon reden und seine Schärfe beschreiben. Darum ist die Geduld ihrer Natur nach haushälterisch, stillschweigend, und vertändelt sich nicht durch Beredsamkeit. Schweige, um leiden zu können, spricht die Vernunft; rede, um leiden zu können, spricht die ungeduldige Empfindung. Die Kraft Leiden zu ertragen wird stärker 3. durch das Andenken an alles Gute, das man während des schlimmen Zustandes, in dem man sich befindet, doch noch genießt, und durch Gebrauch aller der Glückseligkeitsmittel, die uns trotz des Verlustes einiger oft doch noch bleiben. Wie der arme Wanderer, dessen Füße sich am Sandpfade oder am Dornenwege blutig gelaufen haben, wieder mutiger fortschreitet, wenn er sich bei einer frischen Quelle gelabt hat, so stärkt sich in uns der Mut zum Leiden durch das Gute, das uns noch offen steht, und daran wir uns laben können. – Es wird z. B. mein Nachbar an der Ehre gekränkt: nun vergißt er im Gefühle seiner Kränkung alles Gute, das ihm ungekränkt geblieben ist. Er hat einen gesunden Verstand, hat ein gutes Gewissen, einen großen Wirkungskreis und läßt von Schmerz betäubt alle diese Freudenquellen ungenützt. Lieber Mann! schöpfe doch noch aus diesen Quellen, wenn die zweideutige Quelle, die Ehre heißt, vertrocknet ist. Lerne Weisheit vom schwer geprüften Kranken. Wenn er ein paar Stündchen ruhig geschlafen, so fühlt er diese Wohltat und sagt: Nun will ich gern wieder leiden, weil ich nur schlafen konnte. Je dankbarer wir das Gute anerkennen, das uns noch gelassen ist, desto leichter tragen wir den Verlust des Guten, das uns entzogen worden. Die Kraft zu tragen wird stärker 4. durch die eigene Erfahrung, die man gesammelt und durch den Glauben an fremde, die beide sagen, daß die Leiden durch stilles Tragen ertragbarer, durch Unruhe aber und Unzufriedenheit, – durch Nichttragenwollen – nur noch drückender, ja unerträglich werden. Die Leiden machen uns nach und nach weise, daß wir nicht mehr mit dem Kopf gegen die Wand rennen, die wir so doch nicht durchstoßen können. Die Notwendigkeit ist auch hierin unsere beste Lehrerin, und wohltätiger als die Freiheit, die die wenigsten Menschen brauchen können. Denn wiche das Leiden nach dem Wunsche des Leidenden sogleich von ihm, so würde er immer der empfindliche, leidensunkundige Tor bleiben. Aber, weil das Leiden bleibt, so nötigt es ihn, leiden zu lernen, nachzudenken, sich in die Lage fügen und ungekannte Kräfte hervorzusuchen. Leiden lernt man nur durch Leiden. Die Kraft zu tragen wird stärker 5. durch lebhafte Vergegenwärtigung leuchtender Beispiele einer erhabenen Geduld, die aus den vergangenen oder gegenwärtigen Zeiten uns bekannt sind. Es ist ein Nachahmungstrieb in uns – und ein beschämendes Vorbild, das uns nahe vor Augen gestellt ist, weckt ihn, daß er aufwacht und aufsteht und mit Kraft wirkt. Wie, wenn der Feldherr an der Spitze seines Heeres des Todes nicht achtet, dem gemeinen Mann neuer Mut ins Herz kommt, so stärkt das Beispiel, das vor Augen schwebt. Unter den Beispielen, die am meisten in dieser Hinsicht wirken, sind Abraham , der seinen Sohn in den Tod führt, und Jesus , der selbst in den Tod geht. Sein Ruf: »Vater, dein Wille geschehe,« der von seinem Eintritte in die Welt bis zu seinem Austritte – vom »das Wort ist Fleisch geworden« bis zum »Es ist vollbracht!« – immerdar als Tat und Leben in ihm wirkte, hat unzähligen Menschen in ihren größten Leiden, selbst in der Angst des Sterbelagers Mut und Zuversicht, und einen Himmel von Entzücken in das Herz gelegt. »So mußte Er leiden, und dadurch in seine Herrlichkeit eingehen«; das ist die kurze Lebensgeschichte Christi und eines jeden wahren Christen. – Die Kraft zu tragen wird stärker 6. durch den festen treuen Aufblick zu Gott, zur weisen, heiligen, mächtigen Güte, die auch bei den Leiden der Menschen ihre Hand im Spiele hat. Wer alle Begebenheiten, als ebensoviele Fäden im großen Weltregiment, gezählt, gewogen und gelenkt von einer unsichtbaren Hand, und die höchste Güte, Weisheit und Macht als die höchste Führerin der Weltleitung denken kann, dessen Blick wird auch jedes Leiden als solchen Faden ansehen, und ihn verfolgend, die Hand suchen, die ihn hält, und die als höchste Lenkerin seines Schicksals finden und anerkennen, die auch das ganze Weltall lenkt und ordnet. Wer sich als Zögling und Sohn der Vorsehung ansehen gelernt, der wird auch das Leiden als eine Aufgabe zur Prüfung und Vervollkommnung seiner Kraft dankbar annehmen und leichter tragen. – Die Kraft zu tragen wird stärker 7. durch das standhafte Hinausblicken auf die wohltätigen Folgen, die die weise, mächtige Güte mit den Leiden der Menschen verknüpft hat, und die teils innerhalb ihres Lebensabschnittes liegen, teils über die Grenze desselben hinausreichen. Diese Hoffnung, über die wir im ersten Teile eingehender gesprochen haben, ist recht eigentlich Stütze der sinkenden Kraft, der Geduld. Wer durch sie die Tugend entehrt glaubt, der bedenkt nicht, daß nur deshalb einige Strahlen aus der Ewigkeit herüberschimmern in dieses Erdental, um das Auge des Pilgers darauf aufmerksam und, durch die Ahnung des Besseren, das Ringen darnach lebendiger zu machen. – Die Kraft zu tragen wird endlich stärker 8. durch das Gebet um Stärke zu dem, der die Quelle aller Kraft und Stärke ist. Ich bin kein Philosoph in dem Sinne, daß ich Glück in der Welt mache, ich liebe, will's Gott, nur die Wahrheit. Wenn ich aber ein Philosoph wäre, oder wenn gar die Philosophie darin bestünde, daß wir nur die Wahrheit suchten und sie über alles liebten, so würde ich sagen: Ich glaube als Philosoph an keinen anderen Gott, als an den ich als Christ glaube. Dieser Gott aber hält es nicht unter seiner Würde, auf unsere Bitten zu merken, und uns Schwache zu stärken. Ich kenne darum kein kräftigeres Stärkungsmittel im Leiden als das aus dem Herzen dringende Gebet. Wer es aber für Unvernunft hält, zu Gott zu bitten, der muß die Natur des Menschen ändern, die ohne das Urteil des nicht betenden Philosophen abzuwarten, in jeder großen Not zum Himmel schreit. Mir beweist diese einfache, ungekünstelte, nicht verabredete, allgemeine, eindeutige Erscheinung mehr für das Gebet, als die tiefsinnigsten Beweise wider das Gebet, die ich ehrlich gelesen, und darin ich nichts gefunden habe, als daß die Natur und diese Philosophie anders sprechen. Weil es aber ein Gesetz der Weisheit ist, in dem Falle, wo Natur und Philosophie sich entzweien, mit jener, der ältern, und nicht mit dieser, der jüngeren, zu halten, so halte ich es getrost auch hierin mit der Natur und bleibe bei meiner Ueberzeugung, daß Beten im Leiden den Leidenden zum Leiden stärkt. Wer so die Kräfte, die Leiden zu tragen, gesammelt, vermehrt, und wohl angewendet hat, dem bleibt nichts mehr übrig, als die Leiden zu Quellen des Segens für sich und andere zu machen , und aus ihnen die Vorteile zu ziehen , die ihm sein Gewissen gebeut oder erlaubt.   B. Von der Würde der Leiden. Wer nun diese Vorteile aus seinem Leiden ziehen will, der sucht bei jedem Elend, das ihn trifft, zunächst zu erforschen, zu welch würdigen Zwecken es sich benutzen läßt. Um diese zu erforschen, muß der Mensch sehen a) auf die Bedürfnisse seines Verstandes und Herzens, b) auf die Beschaffenheit der ganzen Lage, in der er sich befindet, und des Wirkungskreises, der vor ihm offen liegt, und c) auf die Schicklichkeit der Leiden, hiernach eine Freuden- und Segensquelle für ihn zu werden. I. Ist das Leiden die Folge eines geheimen Verbrechens, so ist es Zweck des Leidens, auf die Strafwürdigkeit der Handlung aufmerksam zu machen, und durch die Folge der verlassenen Rechtschaffenheit auf den Weg zu ihr zurückzuweisen. Ist das Leiden die Folge eines öffentlichen Verbrechens, so ist es Zweck des Leidens, mich nicht nur zur geheimen Umänderung des bösen Sinnes zu treiben, sondern mich auch für andere, durch Standhaftigkeit in Erduldung der verdienten Strafe zum Beispiele der Pflichterfüllung zu machen, so wie ich durch ein öffentliches Verbrechen ein Beispiel des Unrechtes geworden bin. Ist das Leiden nicht so fast die Folge eines sittlichen Verbrechens, als bloß die Wirkung des Mangels an Aufmerksamkeit, Vorsichtigkeit, Wachsamkeit, Ueberlegung: so hat das Leiden den Zweck, mich zur Abstellung dieses Mangels zu bewegen. Steht aber das wirkliche Leiden mit keinem erforschbaren Nichtgebrauche oder Mißbrauche meiner Freiheit im Zusammenhange, so werde ich dennoch im Bewußtsein meiner Unschuld noch eine Art von Trost finden können, und dadurch die Trostquelle, die der Sinn für Pflicht und Rechttun in uns stets offen halten kann, noch mehr schätzen lernen. II. Leiden, daran kein persönliches Vergehen irgendwie schuld ist, haben zum Zweck, den Lauf der Welt, das Los der Menschheit und den geringen Wert der zeitlichen Güter, die alle Augenblicke durch unverdiente Leiden zerstört werden können, aus Erfahrung kennen zu lernen; durch diese bitteren Erfahrungen zur Mäßigung der Begierden nach dem Vergänglichen und zur Hochschätzung unvergänglicher Güter anzuspornen, sowie zum Festhalten an einer Güte und Weisheit, die auch durch Leiden regiert, und in allen Regierungsarten ihren Freunden gleich liebenswürdig und über alles Fehlgreifen erhaben ist. Vor allem auch sollen wir durch solche Leiden im Entbehren, im Nichtgenießen, im Dulden geübt werden, und dadurch einen Vorteil erringen, der vielleicht der größte von allen ist, die uns das Leiden gewährt. Ferner durch anhaltende Empfindung des Schmerzes zum Mitleiden gegen Leidende aller Art und zur edlen Wissenschaft, Trostbedürftige zu trösten, bereit und erfahren werden. Endlich dadurch zum fleißigeren Gebrauche der Glückseligkeitsmittel, die in uns liegen, ermuntert, und durch Mangel an äußeren Tröstungen zur Erkenntnis und Liebe des höchsten Gutes, das allein wahrhaft trösten kann, angeleitet werden.   C. Von der Geduld im Leiden. Was uns nun das Leiden verringern, was die Kraft zu tragen vergrößern hilft; was ferner uns aus den Leiden alle die Vorteile ziehen lehrt, die für uns und andere, nach der Würde und Bestimmung der Natur des Menschen, daraus dürfen und sollen gezogen werden, das ist die rechte Geduld , die einen großen Teil der wahren Weisheit ausmacht. Wenn von dieser Geduld ein Begriff gefordert würde, so könnte vielleicht keiner gegeben werden, der mehr Wahrheit und Klarheit in sich hätte als dieser: die Geduld ist die Gabe des Menschen sich die wirklichen Lasten und Leiden zu erleichtern, die Kräfte zu ihrer Ertragung zu sammeln, zu vermehren, anzuwenden und alle die Vorteile aus den Leiden für sich und andere zu ziehen, die mit der Achtung für die Würde und Bestimmung der Menschen daraus können und dürfen gezogen werden. Sie ist der Teil der wahren Weisheit, der sich auf die Leiden bezieht. Die Weisheit, sich Leiden zu ersparen, ist uns so notwendig, wie jene, die vorhandenen zu tragen. Wer die Quellen der Leiden genau kennt, der wird bald inne werden, welche Leiden sich ersparen lassen und wie er sie sich selber ersparen kann. I. Gebietende Leidenschaften sind offenbar eine Quelle vieler und großer, ja der größten Leiden für die Menschheit. Wer also seine Neigungen ordnen könnte und sich keiner Leidenschaft hingäbe, wer sich beherrschen kann, der ersparte sich viele Leiden. Wer sich also vor Neid bewahren kann, der erspart sich alles geheime Uebelsein, das den Geist finster macht, und die Kraft des Körpers frißt; erspart sich die Marter, den glücklich sehen zu müssen, den man so gern unglücklich sähe. – Wer sich vor Geldgeiz bewahren kann, der erspart sich alle Leiden, die aus einem unersättlichen Durst nach dem Immermehr, das nicht da ist, ohne Genuß dessen, was da ist, entstehen; erspart sich die Angst aus der Unwissenheit, ob nicht eine unglückliche Nacht das mühsam Gesammelte auf einmal zerstören werde und den herzzerreißenden Abschied vom Gelde in jener bitteren Stunde, die kein Geld versüßen kann. – Wer sich vor Wollust bewahren kann, der erspart sich die zahl- und namenlosen Leiden, mit denen sich immer herrschende Lust an dem ganzen Menschen, ihrem Sklaven, rächt, da sie Geist und Leib entnervt, häßlich und zum Zwecke unseres Hierseins unbrauchbar macht, die Werkzeuge unschuldiger Freuden zerstört, den Sinn für das Bessere tötet. – Wer sich vor Unmäßigkeit in allem, was auch unschuldiges Vergnügen heißt, bewahren kann, der erspart sich alle Leiden, die die Früchte des überschrittenen Maßes aller Art sind: selbstgemachte Krankheiten, Schande schuldvoll zugezogener Armut, das Brandmal, ein Schuldner aus Leichtsinn, und am Ende ein Betrüger aus Not geworden zu sein, frühes Verwelken oder ehrloses Alter u. s. f. – Wer sich vor der Tyrannei des Zornes , und der ihr benachbarten Torheit der Rache bewahren kann, der erspart sich alle Leiden der Nachreue, die Unschuld mißhandelt, die Ehre guter Menschen gekränkt, sich selbst durch Torheiten lächerlich gemacht, und Unrecht auf Unrecht gehäuft zu haben. – Wer den Eingebungen der Eigenliebe (welche die Mutter aller Leidenschaften ist) früh stets zu widerstehen gelernt hat, der erspart sich alle Leiden, die daraus entstehen müssen, daß die Eigenliebe ihr Reich immer erweitern will, und es doch von fremder Eigenliebe muß beschränken lassen, daß sie alles ausschließlich auf das eigene Ich beziehen will und doch von jedem fremden Ich in ihrer Selbstsucht sich gehindert sehen muß. II. Nicht nur die herrschende Leidenschaft, sondern jede Untreue gegen das redlich gefragte und bestimmt antwortende Gewissen kann eine Quelle vieler Leiden werden, da sie nicht nur mit Scham, Unruhe, Furcht, Ahnung usw. den Sünder züchtigt, sondern auch größere Vergehungen und damit größere Leiden anbahnt. Wer also Gewissenstreue als Hauptsache ansieht und bewahrt, der kann sich alle Leiden ersparen, die aus Untreue gegen die Ansprüche des Gewissens unmittelbar oder mittelbar entstehen. Vor allem also jene, die die größten, weil selbst verschuldete , sind. Denn bei den unverschuldeten Leiden habe ich noch immer die eine Trostquelle in mir: »Ich hab's nicht verdient, ich leide unschuldig.« Aber bei den verschuldeten Leiden legt der Gedanke: »Ich bin selbst Urheber meines Elendes,« ein neues und schweres Gewicht auf die Schale der Leiden. Der Mangel an sorgfältiger Gewissenstreue ist noch von einer anderen Seite betrachtet Quelle vieler Leiden. Denn wer nicht eine gewisse edle Feinheit in allen Gewissensangelegenheiten besitzt, bleibt auf dem Wege der Selbstverleugnung weit zurück, wodurch sich die Leidens-Empfänglichkeit, die in unserer inneren Empfindlichkeit liegt, sehr erweitert. Es ist dieser Gedanke vielleicht einer Erläuterung nicht unwert. Wer sich immerdar nach dem Gebote des Gewissens im Selbstverleugnen geübt hat, auf den werden manche sonst äußerst drückende Erscheinungen einen viel schwächeren Eindruck machen als auf ein Gemüt, das noch nicht gelernt hat, durch Selbstverleugnung den Eindrücken von außen zu widerstehen. Wenn z. B. in einer Gesellschaft ein dritter die Ehre zweier Menschen lästert, so wird die nämliche Lästerung den Ersten, der durch Selbstverleugnung, Sanftmut und Geistesgegenwart gelernt hat, nicht nur nicht aus der Fassung bringen, sondern auch nicht halb so tief verwunden, wie den Zweiten, der aus Mangel an Selbstverleugnung sich ganz von der Lästerung hinreißen läßt, und durch seine, der Beleidigung restlos hingegebene Empfindlichkeit dem Pfeile Zeit und Raum gönnt, tief in das Herz zu dringen. Die Leidens-Empfänglichkeit ist aber nicht nur in zwei Menschen sehr verschieden: sie ist es auch in einem und demselben. Das Leiden, das mich heute kränkt, geduldig ertragen, stärkt in mir die Kraft zu dulden so sehr, daß das nämliche Leiden, wenn es wiederkehrt, erträglicher und nach öfterem Wiederkommen kaum mehr merkbar ist. Dagegen wächst die Empfänglichkeit für Leiden im nämlichen Menschen nach dem Verhältnisse, in welchem er sich dem unangenehmen Eindrucke mehr oder weniger überläßt, und der Eindruck öfter wiederkommt. Wenn ich z. B. über die Lästerung nachdenke, sie durch Hilfe der Einbildungskraft vergrößere und sie noch dazu unter allerlei neuen Gestalten auftritt, bald als Kritik, bald als Anklage, bald als Anekdote, so wird dieselbe Lästerung mir bei jedem Wiederkommen eine schmerzende Wunde schlagen. Am Ende mag es so weit kommen, daß mir der bloße Name des Lästerers, den ich lese oder höre, oder auch nur der Anfangsbuchstabe desselben, wenn er etwas größer gedruckt ist, den ganzen Widerwillen meines Herzens gegen die Lästerung und ihren Urheber rege macht und immer mehr verstärkt. Wie also dadurch, daß man den Eindruck in sich graben läßt, so tief er kann, und ihm noch durch die geschäftige Einbildungskraft nachhilft, die Empfänglichkeit immer größer wird, so wird sie durch Uebung im Selbstverleugnen immer geringer und schwächer werden. Und das ist die bleibende Frucht der Selbstverleugnung , oder was mit ihr eins ist, der standhaften Gewissenstreue , daß sie die innere Empfänglichkeit, durch Kränkungen, Trübsal und Leiden verwundet zu werden, schwächt und mindert. Daraus folgt wieder, wie sehr man durch Leiden – leiden lerne, und wie viele Leiden sich durch Vertrautsein mit Leiden ersparen lassen. Liebe Freunde! Wir wollen doch nicht zu früh aus der Schule der Weisheit gehen, die uns durch Leiden leiden lehrt. Denn, was wir verlieren, ist wenig, was wir gewinnen, alles. III. Wie die innere Empfindlichkeit, so ist auch die äußere eine Quelle vieler Leiden. Der nämliche Grad von Kälte, dessen der Dorfjunge spottet, macht dem jungen Herren, der von den Händen der Wärterin in die des Hofmeisters gekommen ist, in der Stube groß wurde, als wenn die Welt ein mäßig geheiztes Wohnzimmer wäre, die größten Beschwerden. Somit kann die Abhärtung viele Leiden ersparen, denen uns eine weichliche Erziehung preisgibt. Darum werde der Knabe zeitig gewöhnt, zu entbehren und zu leiden. Und man achte darauf, daß der Strom des sittlichen Verderbens, der mit dem Luxus und der weichlichen Lebensart und Erziehung in die Welt kommt, notwendig auch ein Strom des physischen Verderbens ist. IV. Wenn schon die innere und äußere Empfindlichkeit eine Quelle vieler Leiden ist, so muß es die Einbildungskraft noch viel reichhaltiger sein. Sie wird es besonders dadurch, daß sie uns von der gegenwärtigen Pflicht und der wirklichen Welt, mit denen uns eine weise Vorsehung verbunden hat, weglenkt, und in eine erträumte Zukunft und eine Idealwelt hineinzaubert. Wir brauchen nicht, was wir jetzt haben, tun nicht, was wir jetzt können, sammeln nicht, was vor uns liegt, vor ewigem Wünschen, Hoffen, Suchen nach etwas, das, wenn es kommt, von uns so wenig benutzt wird, als das, was wir jetzt haben und auch nicht benutzen. Diese unnatürliche Spannung unserer Kräfte, diese Ablenkung des Geistes von der Gegenwart, dieses Leben in einem Traumreiche der Möglichkeit schafft unzählige Leiden, Verlegenheiten, Mißvergnügen, die daraus entstehen müssen, daß wir halb tun oder verschieben, was jetzt getan werden soll, und mit Unlust tun, was nur willig getan, zur Reife gedeihen kann. Zumal für Jünglinge, die die Jahre der Bildung versäumen, und damit sich zu dem, was sie einst werden und leisten sollen, nicht vorbereiten, müssen daraus mancherlei Uebel entstehen. So kommt es, daß einige ganz berufslos leben, ohne Tagewerk, das sie beschäftigte. Ihrer Unfähigkeit willen kann ihnen die Gesellschaft kein Amt anvertrauen und aus der gleichen Ursache können sie selbst sich keinen Beruf geben. Damit verfallen sie dem Müßiggang, der Langeweile, der Dürftigkeit, und allen Vergehen, wozu Müßiggang und Brotlosigkeit versuchen. – Andere drängen sich in einen Wirkungskreis hinein, der ihre Kraft weit übersteigt. Die sich bald offenbarende Unfähigkeit, den Forderungen des Berufes genug zu tun, oft verbunden mit Stolz, der sie verbergen will, deckt sie mit Schande und häuft Elend auf Elend, dem sie nicht entgehen können. – Wieder andere leben für ihren Beruf, der ihren Gaben angemessen ist, nur halb, weil sie nie das sein und zu tun gelernt haben, was sie sein und tun sollten. Ich wiederhole: Willst du dir recht viele Leiden ersparen, so sei, was du in deinem Alter, Berufe, Stande, Gewerbe, Fache, sein kannst und sollst, ganz , und um es zu sein, versäume keine Gelegenheit, in deinem Fache dir die vorzüglichsten Kenntnisse und Fertigkeiten zu erwerben. V. Wie die Einbildungskraft eine Quelle vieler Leiden werden kann: so auch der Nichtgebrauch oder Mißbrauch des Verstandes und Willens. Obwohl die Einflüsse dieser beiden Fähigkeiten aufeinander und ihr Verhältnis zum Wohlsein der Menschen schon im zweiten Hauptstück ausführlich gezeigt worden sind, so will ich doch noch einige Regeln von dem Gebrauche des Verstandes und des Willens, die weniger gekannt oder geachtet sind, hier kurz anführen: Es gibt eine Unwissenheit, die Leiden schafft, und eine andere, die Leiden erspart. Nicht wissen wollen, was man wissen könnte und sollte, schafft Leiden. Wissen wollen, was man nicht wissen kann, und eben darum nicht wissen soll, erspart Leiden. Damit du dir also viele Leiden, die aus Unwissenheit und Irrtum entstehen, ersparst, so gewöhne dich frühzeitig daran, von allem, was du liest oder hörst, klare Begriffe zu bilden. Diese subjektive Klarheit tut uns im gewöhnlichen Leben gar oft bessere Dienste, als schulgerechte Erklärungen, die nur so lange im Ansehen bleiben, bis ein schärferer Kopf daran zum Ritter wird, und beweist, daß ihr Erfinder nicht so weit, wie er, gesehen habe. Ferner, um dir viele peinliche Leiden zu ersparen, bedenke: Weisheit ist's, die Grenzen des Verstandes kennen, und das benützen, was innerhalb dieser Grenzen liegt. Klugheit ists, der Verfolgung nicht ohne Not auf das Pferd helfen. Ich sage: ohne Not, d. h. ohne der Pflicht, das geringste zu vergeben, für Wahrheit und Pflicht zu reden, zu handeln, zu leiden und zu sterben.   D. Von den Beziehungen der Menschen zueinander als einer Quelle und einem Heilmittel vieler Leiden. I. Menschenkenntnis erspart viele Leiden. Darum halte dich an die Bedingungen, ohne die sich kein weises Menschenstudium denken läßt. (Besonders wichtig für Reisende und Journalisten.) 1. Wenn du Menschen kennen lernen willst, so traue nicht blind den Berichten anderer. Denn dieser blinde Glaube entehrt nicht nur deine Vernunft, die überall selbst sehen will, sondern kann dich zu den ungerechtesten Urteilen verleiten. Bedenke immer, ob nicht der Mann, auf den du angewiesen bist, die anderen, auch nur von Hörensagen kennt, und also zuverlässige Aufschlüsse zu geben unfähig ist; oder ob du nicht seine richtige Darlegung aus Mangel an näherer Kenntnis der Sachlage unrichtig auffaßtest. 2. Wenn du Menschen beurteilen willst, so suche sie selbst kennen zu lernen. Denn sieh, wenn du ein Buch über den Regenbogen schreiben wolltest, und dich begnügtest, ihn aus einem alten Gemälde, das seine Erscheinung nach der Sündflut vorstellt, kennen zu lernen, und zu bequem wärest, ans Fenster zu treten und seine lebende Herrlichkeit am Himmel zu schauen: was würden die Leser von deiner Gabe, die Natur zu forschen, denken müssen? Und was ist ein Regenbogen gegen das Menschenherz mit seinen unzähligen Reizen, Trieben und Kräften, darüber du Endurteile aussprichst, ehe du das Angesicht des Menschen gesehen? Und auch wenn du einen Menschen gesehen, gesprochen und beobachtet hast, so erlaube du dir dennoch nicht gleich ein Urteil über ihn. Du bist von Jugend auf dein innigster erster Freund gewesen, und weißt doch oft nicht recht, was du aus dir machen sollst; wie sollst du es da wagen, über einen anderen zu schnell zu urteilen? 3. Wenn du aber auch glaubst, einen Menschen gut kennen gelernt zu haben, so erlaube dirs dennoch nicht leicht, das Urteil auszusprechen . So lange das Ja oder Nein nur das Ja oder Nein deines Verstandes ist, so lange hast du noch Herrschaft darüber. Nicht nur kannst du den nachteiligen Folgen deines Urteils noch zuvorkommen, die es für dich und andere haben könnte, es wird dir auch ungleich leichter sein, dein Urteil zurückzunehmen, wenn du die Falschheit dessen erkennen solltest. Wie oft lehrt uns der Abend, daß wir uns am Morgen, der Monat Mai, daß wir uns im April, das folgende Jahr, daß wir uns im vorigen betrogen haben? Was schadet es, das Urteil zurückzuhalten, bis es reifer geworden? Lerne warten. Ein alter Wein, ein alter Freund und ein altes Urteil sind immer die drei besten Dinge unter ihres Gleichen. 4. Wenn du dir nun über einen Menschen nur nach langer Besinnung und scharfer Abwägung ein Urteil erlauben, und nur nach schärferer Prüfung dies Urteil aussprechen darfst, so magst du daraus den Schluß ziehen, wie gewissenhaft du in Beurteilung fremder Absichten sein mußt, die am allerschwersten zu beurteilen, und zugleich das Entscheidenste am Menschen und für Menschen sind. 5. Wenn du Menschen kennen lernen willst, so habe zuerst dein eigenes Innere studiert und ins Reine gebracht. Denn wenn du ein Fremdling in deinem Hause bist, was willst du die Geheimnisse des Hauses anderer Menschen ausforschen? Warum immer das Letzte vor dem Ersten? II. Das weder zuviel noch zuwenig den Menschen Glauben und Nichtglauben erspart viele Leiden. Die Fähigkeit und Willigkeit sich belehren zu lassen, die dem Menschen natürlich ist, und, wohl gebraucht, ein schöner Ersatz mancher vortrefflicher Gaben, die uns jetzt fehlen, werden kann, wird gar oft eine Quelle vieler Leiden, indem die unglücklichen Menschen, bald von Wißbegierde und Unerfahrenheit beredet, Irrwische für Wahrheit und Schein für Wesen halten, also glauben, wo sie nicht glauben sollten, bald von der lichtlosen Gewalt getäuschter und täuschender Tonangeber in Sümpfe mit fortgerissen, mitschreien, wo sie schweigen und den Anbruch des Tages abwarten sollten; bald vom verkehrten Willen geblendet und verhärtet, die stillen Freunde des Wahren bedrücken und lästern, weil diese dem Lichte glauben. Wer also diese allerfeinste Linie zwischen dem Zuviel und Zuwenig sowohl im Glauben als im Nichtglauben treffen und einhalten kann, der erspart sich ohne Zweifel große Leiden. Allein wie das können? Ich könnte vielleicht sagen, was tausend gute und schlechte Schriftsteller sagen: Prüfe, ehe du glaubst . Allein unter zwanzig Lesern, die diese Regel lesen, sind vielleicht nicht fünf, die prüfen können , und unter diesen fünf nicht zwei, die den Umfang der Regel im gegebenen Falle einsehen und prüfen wollen . Daher kommt es denn auch, daß je mehr Anleitungen, desto mehr Mißleitungen auch gewöhnlich gegeben werden und daß der Zuwachs der Bibliotheken vielfach nur ein Zuwachs der Verwirrungen ist. Wenn aber nun hier kein Heil zu finden ist, wo sollen wir denn Rettung suchen? Die Antwort hierauf bildet zugleich das Resultat und den   Schluß des ganzen Abschnittes. »Nicht so fast die Bücher mit ihren Anleitungen und Regeln, als vielmehr die wundervollen, unbemerkt in einander übergehenden Führungen und Fügungen der all-leitenden Weisheit sind es, die dem Menschen Leiden ersparen.« Zwar weiß diese erhabene Weisheit auch Bücher und Regeln zum Besten der Menschen zu gebrauchen, aber gar oft nicht im Sinne der Verfasser und nicht selten gegen ihre Absicht. Ich glaube demütig an diese Weisheit und habe gelernt, daß ein menschlicher Ratgeber nie zu wenig Gewicht auf seine Anleitungen legen kann, und wäre er weiser als Salomon; daß er vielmehr immer der Anleitung der unsichtbaren Weisheit am meisten zutrauen und die zeitlichen Bemühungen seiner Zeitgenossen immer in Harmonie mit dem unerforschlichen Walten der ewigen Weisheit bringen muß. Und so sind denn ihrer Natur nach, und nach den Erfahrungen der besten und frohesten Menschen die kräftigsten Ersparungsmittel der Leiden in folgenden Regeln enthalten: 1. Um dir viele peinliche Leiden zu ersparen, bete vor jeder bedeutenden Unternehmung, aus der dir früher oder später Freuden wie Leiden werden können, zur unsichtbaren Weisheit, dass sie deine Schritte leite, und deine Arbeiten mit den Mitteln aller wahren Glückseligkeit in Verbindung bringe. 2. Um dir viele peinliche Leiden zu ersparen, forsche vor jeder bedeutenden Unternehmung in deinem Herzen , ob nicht eine geheime Eigenliebe, geheime Eitelkeit, oder eine andere unerlaubte Absicht die Triebfeder deiner Handlung sei: und wenn du eine solche wahrnimmst, so bekenne sie dir und der unsichtbaren Weisheit, werde gering in deinen Augen, und handle nur in diesem Gefühl, und du wirst dir tausend Torheiten, Verlegenheiten, Fehltritte, Ausschweifungen, Verirrungen ersparen. 3. Um dir viele peinliche Leiden zu ersparen, ruhe nicht, bis du durch fortgesetztes, nie müde werdendes Selbstverleugnen mutig widerstanden hast allem, was dem Gesetz deiner Natur zuwider ist, das Gute nach dem Maße des Gutseins zu lieben und zu ehren. Von diesem Augenblicke an wirst du Friede mit dir selbst und Friede mit der ganzen Umwelt haben. 4. Wer sich viele Leiden ersparen will, der prüfe genau, was er zu glauben, zu hoffen, zu tun, zu unterlassen habe, vergesse aber nicht, daß ohne Gebet, ohne Demut, ohne entschlossenes Widerstehen gegen alles erkannte Unrecht keine Prüfungsgabe, geschweige ein stets rechter Gebrauch derselben möglich sei. 5. Wer sich viele Leiden ersparen will, der suche endlich sich eines vertrauten, freundschaftlichen Umganges mit einem guten, weisen Manne fähig und würdig zu machen. Denn wo dein Auge dunkel sieht, da kann vielleicht das Auge deines Freundes heller sehen; und wo dich deine Eigenliebe in einen Abgrund stürzen würde, da mag dich der Genius der Freundschaft, die freimütigste und zärtlichste Liebe deines zweiten Ichs, retten. – – – Auf diese Weise ließen sich viele Leiden ersparen. Aber wie soll man die Kinder der Freude auf diese Ersparungsmittel aufmerksam machen? Der du so fragst, sieh! du kannst schon darauf aufmerksam sein. So sei es denn auch, und wenn du dir auf diese Weise viele Leiden wirst erspart haben: so werden es durch dich auch andere lernen. Und am Ende, wo unser Rat nicht hinreicht, da reicht der Finger Gottes hin, der die Herzen berühren kann. Schlußwort Die neue Ausgabe dieser »Glückseligkeitslehre« ist aus dem Wunsche entstanden nach einer brauchbaren Ethik für den katholischen Laien . Eine solche besitzen wir noch nicht. Von allen Versuchen dazu ist der vorliegende immer noch der beste, auch für die Menschen der Jetztzeit, trotz seines Titels und anderer Aeußerlichkeiten, in denen der Verfasser sich als Kind seiner Zeit erweist. Unabhängig von diesen Zufälligkeiten ist der sittliche Ernst und die nie verzagende Liebe, mit denen der Verfasser auf dem bleibenden Fundamente seiner tiefen Glaubensüberzeugung, seiner innigen Frömmigkeit, seiner vornehmen Denkungsart und seiner hervorragenden pädagogischen Begabung diese Ethik aufbaut und jene Grundsätze echt christlicher Gesinnung und verantwortungsbewußten Handelns darlegt, die für alle Menschen aller Zeiten Geltung haben, die es ernst nehmen mit der in ihrer natürlichen und übernatürlichen Berufung verankerten Daseinsaufgabe und Wesensbestimmung. Das, was Sailer so gern in die Worte kleidet: »Sei Mensch« und »Sei Christ« umreißt das Wesentliche seiner Glückseligkeitslehre und gibt damit zugleich uns das Recht, sie von jenen Zufälligkeiten loszulösen, mit deren Hilfe er den Menschen seiner Tage, in ihrer Sprache, dienen wollte, um das Bleibende zu finden, das sein Buch allen Menschen, allen Christen zu geben hat und gibt. Die » stete Hinsicht auf die Urkundendes Christentums «, die ihm als einem der gläubigsten Katholiken aller Zeiten eine Selbstverständlichkeit war, gibt uns die Sicherung, daß der Versuch dieses erfahrenen und vielleicht größten Meisters der Pädagogik, den die katholische Kirche in den letzten zweihundert Jahren uns geschenkt hat, eine » Glückseligkeitslehre aus Gründen der Vernunft « zu geben, wahrhaft eine Frucht der durch den Glauben erleuchteten Vernunft ist, die, wie sie von Gott stammt, so auch wirklich zu Gott führt . Diese Ausgabe gab sich Mühe, die erste knappere Fassung, die Sailer selbst seiner Glückseligkeitslehre in der »Einleitung zur gemeinnützigeren Moralphilosophie« gab, überall da zu Grunde zu legen, wo nicht die erweiterte eigentliche »Glückseligkeitslehre«, die bald jener ersten Einleitung folgte, der größeren Anschaulichkeit und Klarheit wegen zur Verdeutlichung herangezogen werden mußte. Diese eigentliche »Glückseligkeitslehre« ist zuletzt unter Anleitung des Verfassers neu herausgegeben worden als »dritte, durchaus revidierte, neu bearbeitete und vermehrte Auflage« von Joseph Widmer (Sulzbach 1830), dem verdienten Schüler und Herausgeber der gesammelten Werke und Schriften Sailers. Ist sie auch an manchen Stellen eine Erweiterung der ursprünglichen Sailerschen Fassung, so ist diese Erweiterung doch nie anders geschehen denn durch solche Gedanken und Ausführungen, die von Sailer selbst stammen und in anderen seiner Schriften niedergelegt sind. – Die vorliegende neue Ausgabe glaubte im gleichen Sinne Sailers zu handeln, wenn sie solche Kürzungen und leichtere Umschreibungen vornahm, die das Buch unserem sprachlichen Empfinden und dem Verständnis des heutigen Leserkreises näher bringen. Doch tat sie dies mit aller Zurückhaltung und voll Ehrfurcht. Vor allem wurden solche Aenderungen, die mit der sprachlichen Form zugleich den Inhalt treffen konnten, nur an ganz wenigen Stellen vorgenommen, nur da, wo es des höheren Zieles wegen unumgänglich notwendig schien. Ist ja diese Ausgabe vorzüglich für den Mann des Volkes bestimmt und es ging nicht an, schon wegen der höheren Unkosten nicht, sie durch gelehrten Ballast und viele und ausführliche Anmerkungen zu beschweren. Darum mußten jene geringfügigen Aenderungen vorgenommen und Weitschweifigkeiten vermieden werden, immerdar aber unter peinlichster Schonung auch des sprachlichen Charakters der ursprünglichen Ausgabe. Ist ja die Sprache des Schriftstellers ein Kennzeichen seines Geistes, das man nicht entbehren mag, auch nicht, wenn sie uns heute ungewohnt klingt. Sailer hat seine Sprache, die zu ihm gehört und die man – und damit ihn, seine Art und seinen Geist – liebgewinnt, wenn man sich ein wenig in sie einlebt. Der »herrliche« Sailer, wie ihn Clemens Brentano nennt, der »heilige« Sailer, wie wir heute immer mehr erkennen, ist nicht tot, wenn er auch schon (geb. 1751, Universitätsprofessor in Ingolstadt und Landshut) 1832 als Bischof von Regensburg die Augen für diese Welt schloß. Er lebt weiter durch den geistigen Einfluß, den er als Erzieher auf das katholische Deutschland ausübt, er lebt fort für uns in seinen Schriften. Immer mehr Leser kehren zu ihnen zurück. Immer tiefer wirken sie auf alle, die in Deutschland noch etwas von echter katholischer Art spüren. Diese neue Ausgabe eines seiner bekanntesten Werke möchte ihren Teil dazu beitragen, daß das, was unsterblich ist an Sailer und ihn hinaushebt über alle Eigenheiten, auch alle Fehler und Mängel seiner Zeit und seiner Schriften, immermehr als der Weg zu wahrer Freude und echtem Frieden erkannt werde, zu jener Glückseligkeit, die der edle bischöfliche Führer meinte, wenn er dazu anleiten wollte: Glaube in Liebe . In dieser Hinsicht ist Sailer selbst das beste Beispiel seiner eigenen Lehre. Und so stehe denn hier, statt eines ausführlichen Lebensbildes von ihm, das Wort, das sein Lieblingsschüler, der spätere Kardinal-Fürstbischof von Breslau, Melchior Diepenbrock, vom Jahre 1852 über ihn niederschrieb: »Sailer genoß weithin bei den Edelsten und Besten den wohlverdienten Ruf und Ruhm eines ausgezeichneten Lehrers und eines beredten Predigers, gelehrten Theologen und fruchtbaren Schriftstellers, erleuchteten Seelenführers,. frommen Priesters und apostolischen Bischofs, kurz: eines trefflichen großen Mannes. Er. war dies alles in hohem Grade; aber noch viel größer erschien er mir im täglichen vertrauten Umgang als Mensch, als Christ. Ich kann vor Gott versichern, ich habe ihn nie klein, nie sich ungleich, nie stolz oder eitel, nie gereizt, nie entmutigt, nie erzürnt oder verdrießlich, und wenn auch zuweilen tief verletzt und betrübt, doch nie außer Fassung, nie leidenschaftlich bewegt, stets seiner selbst würdig gefunden, habe ihn stets als ein Musterbild vor mir stehen sehen, an dem man sich erheben, erbauen und lernen konnte: ein Mann, ein Christ zu sein.« J. M. Nielen.