Felicitas Rose Bilder aus den vier Wänden. Novellen Bilder aus den vier Wänden. Eine sogenannte ›Vernunftehe‹ hatten die beiden nicht geschlossen. Aber sie paßten ganz gut zusammen; ›er‹ war ein junger Beamter und ›sie‹ hatte auch nichts. Nur eine schöne Aussteuer, schön nach den Begriffen der jungen, anspruchslosen Frau, denn die Freundinnen rümpften ein wenig die Nasen, daß Geheimrats Jüngste ›nicht mal'n Büfett mitkriegte‹. Und nur drei Zimmer und Küche; und nichts, aber auch gar nichts ›stilvoll‹. Sie hatten ganz recht, die Freundinnen, sie sahen eben das ganze Nestchen mit ihren Augen an und sahen deshalb nicht das ›Glück‹, das aus jedem Winkelchen der hellen, freundlichen Wohnung lachte. Und wie hatte ›Muttchen Geheimrat‹ gesorgt und gerechnet, damit ihre kleine Lise eben diese drei Zimmer ›mitbekommen‹ konnte und eine gute Wäscheaussteuer dazu. Fünf Kinder als Beamtenwitwe durchzudringen, sie zu tüchtigen Menschen zu erziehen, ist nicht so leicht. – Aber nun waren sie alle versorgt, die Söhne in geachteten Lebensstellungen, die beiden älteren Töchter gut, ja reich verheiratet und das Lebensschifflein der Lise, der übermütigen Jüngsten, die so ganz ihrem Vater glich und ihren Kopf für sich hatte, war vor einigen Tagen aus dem stillen Hafen des Elternhauses in die Welt gesteuert. »Gott gebe seinen Segen! Jung ist sie noch sehr, noch nicht ganz neunzehn, – ach, wenn ›er‹ nur Geduld hat – – – –« Eine Hochzeitsreise wollten sie beide nicht, sie fuhren gleich in die neue Heimat und ›richteten ein‹. Natürlich hatte Lise sämtliche Schlüssel vergessen und ihre erste Flasche Wein im neuen Haushalt trank das junge Paar mit dem Schlosser zusammen, der die Schränke aufbrach. »Wie interessant!« rief fröhlich die junge Frau. »Das darf nicht wieder vorkommen,« meinte der junge Ehemann mit einer gewissen ernsten Würde, die ihn sehr gut kleidete. Und nun war man eingerichtet und der erste lange Brief ging an ›Muttchen‹ ab, die sich bis dahin mit Postkarten begnügt hatte. * Liebstes Muttchen! Die Welt ist doch wunder-wunderschön! Ich sitze im Wohnstübchen, welches so klein ist, daß nur zwei Menschen drin wohnen können, die sich furchtbar lieb haben. Na, das haben wir ja. Hans ist im Bureau, der Urlaub zu Ende. Der erste Abschied war natürlich sehr schmerzlich und ich winkte mit dem Taschentuch, bis Hans um die nächste Straßenecke verschwand. Dann wurde mir sehr sonderbar zumute, und ich bekam Heimweh nach Dir, mein Mutti! Da hab' ich eine halbe Stunde gesessen und bin mir recht unglücklich vorgekommen. Schließlich habe ich in meinen Mädchensachen herumgekramt; ich hatte auf die Kiste: › Tabu ‹ geschrieben, und Hans hat sie infolgedessen nicht angerührt. Zu unterst lag meine alte Puppe Emmy (lach' mich tüchtig aus), ich habe sie aus- und angezogen, und da wurde ich wieder vergnügt. Heute soll ich zum erstenmal kochen, mir graut, – ich glaube, Hans auch. Bis jetzt aßen wir im Speisehaus und mir schmeckte es prachtvoll, aber Hans sagte, er hätte alles schon ›über‹, besonders die Saucen. Es gibt heute Fleischbrühe bei uns, dann Wiener Würstchen und Kartoffelsalat. Zur ›Fleischbrühe‹ habe ich mir ein Pfund Markknochen holen lassen, sie kochen schon lange, aber als ich vorhin kostete, schmeckte es nach nichts, man kann ebensogut die Zunge zum Fenster heraushängen. Kommt denn da noch was dran? Meine Minna versteht ebensowenig vom Kochen wie ich, sie ist erst sechzehn Jahr, aber sehr willig und nett ist sie; vorhin haben wir einen kleinen Walzer zusammen getanzt. Ich hätte so gern einen Braten heute gemacht, aber ich hatte so Angst. Wiener Würstchen müssen ja mal weich werden, aber ein Braten – – – Liebstes Muttchen, die Fantasie impromptue von Chopin kann ich jetzt perlend, auch nicht ein Fehler läuft mehr unter; ich will sie Hans nach der Suppe vorspielen, damit er wieder vergnügt wird. Tante Emmy ist doch ein Engel, daß sie uns das schöne Klavier geschenkt hat; jetzt sparen wir zu einem Flügel, fünfzehn Pfennig hab' ich schon; gestern schenkte mir Hans zehn, und heute fand ich fünf Pfennige unter dem Teppich. Die grünen Sessel machen sich prachtvoll im Salon, aber wir dürfen bloß Leute darauf sitzen lassen, die unsere ärgsten Feinde sind; sie sind schauderhaft unbequem und man spürt sein Kreuz tagelang, wenn man bloß fünf Minuten darauf gesessen hat. Ich wollte doch, ich hätte die Sessel bei Dir auf dem Boden stehen lassen, wo sie seit Generationen standen, nachdem schon unsere Urahne damit reingefallen war. Aber äußerlich sind sie, wie gesagt, stilvoll. Vor ein paar Tagen kam Assessor G. und besuchte uns. Wir können ihn beide ja nicht ausstehen und fanden es taktlos, daß er uns jetzt schon überfiel. Deshalb nötigte Hans ihn auch gleich in den einen Sessel, wo er sich zuerst, wie es jedermann geht, sehr behaglich vorkam. Nach zehn Minuten empfahl er sich plötzlich, Hans behauptet, er habe sich direkt ins Krankenhaus fahren lassen. – Liebste Mutter, mein Hans ist furchtbar nobel, denk mal, er gibt mir 75 Mark Wirtschaftsgeld monatlich, ich weiß gar nicht, wie ich das klein kriegen soll und denke, den Flügel habe ich bald erspart. Könnte ich doch besser kochen! Unsere Marie, die alte, gute Seele ist dran schuld. Immer sollte ›gnädiges Fräulein‹ geschont werden, und nun stehe ich vor meinem Herd und sage ›Bäh‹. Hans nennt mich sehr zart: ›Mein Lämmchen‹; wenn er bloß im Innern nicht ›Schaf‹ denkt! Wovor ich mich so sehr fürchte, das sind die Besuche, die wir demnächst doch machen müssen; ich wollte, wir brauchten gar keine neuen Menschen kennen zu lernen und ich bliebe immer bei Hans und Hans bei mir. Für das Kneipenlaufen ist er ja gottlob gar nicht, er hat einen Kegelabend in der Woche mit den Kollegen, das soll so gesund sein, sagt Hans. Nächste Woche will er zum ersten Male als ›Ehemann‹ hin und muß dann gleich ein Faß Bier zum besten geben. Denk nur, ein ganzes Faß! Das kann doch nicht gesund sein! Aber ich sage nicht ein Tönchen, denn ich habe mir fest vorgenommen, meinen Mann niemals seinen Freunden abwendig zu machen, – staune über Deine verständige Tochter! Hans ist ja auch sonst ein Idealmensch, er spielt nicht, trinkt nicht, ›he schnieft nich un pieft nich‹. Aber nun ade, ich will jetzt die Würstchen ansetzen, es ist 10 Uhr, um ½ 2 Uhr kommt Hans, ich denke, dann werden sie gar sein. Grüße die gute, alte Marie! Dein glückliches Kind. * Nachschrift. 4 Uhr nachmittags. Liebe Mama! Lise und ich kommen soeben aus dem Speisehause, wo wir ausnahmsweise gut gegessen haben, weshalb ich sehr friedlich bin. Lisel ist ein süßes Geschöpf, aber ihr Debüt konnte einen Hund jammern. Die Fleischbrühe war als ›Vorspieglung falscher Tatsachen‹ schon an sich strafbar, dann bekam ich wieder eine Suppe mit Fleischkrümeln und Stücken Haut darin, Lisel behauptet weinend, es wären ›Wiener Würstchen‹. Den Kartoffelsalat habe ich nicht erst angerührt, weil ich mein junges Leben nicht hinmorden und dem Staat eine tüchtige Kraft erhalten wollte. Beunruhige Dich aber nicht, liebste Mutter, ich wußte ja, daß mein holder Liebling ›Lilie auf dem Felde war‹; sie wird alles nachlernen bei ihrem festen, guten Willen und ihrer großen Jugend. Mutter, ich bin sehr, sehr glücklich! Dein dankbarer Sohn Hans. * Liebes Muttchen! Weißt Du noch, wie Du früher immer sagtest: »Reinlichkeit ist das halbe Leben, aber man braucht deshalb nicht in seinem Wäscheschrank herumzuwüsten?« Jetzt denke ich so oft an Deinen Ausspruch, dessen Tragweite ich damals nie recht überlegte. Ich ›wüstete‹ tatsächlich im Anfange unserer Ehe im Wäscheschrank herum, fand es so reizend, immer frische Tischtücher mit neuen Mustern herauszunehmen, besonders da Hans ein Meister in Ungeschicklichkeit ist, und Sauce und Kompott sich vor seinem Teller auf dem weißen Damast immer ein anmutiges Stelldichein geben. Nun, und auf schöne und frische Leibwäsche gab ich ja allezeit mehr, als auf Kleiderkrimskrams. Wie wurde mir aber zumute, als schon nach drei Wochen der Korb mit der schmutzigen Wäsche überquoll! (Verzeih Mutti, ich konnte mich nicht entschließen, sie geordnet auf dem Boden aufzuhängen, und Mäuse haben wir hier auch Gott sei Dank nicht.) Also er quoll über und Minna sagte mit kritischem Blick: »Na nu wird das Zeit mit die Wäsche, sonst versaufen wir drin.« Wäsche! Hu, wie greulich! Unsere alte Marie machte das doch bei uns so geräuschlos als möglich mit der ›Kiesewettern‹, so daß ich eigentlich nie etwas vom Wäschetag merkte. Nur das eine Mal ließest Du mich kochen, weil Hans zu Tisch kam und das Hausmädchen krank war, und ich machte ihm sein Leibessen: ›Thüringer Kartoffelpuffer‹, vergaß aber die Kartoffeln abzuwaschen, weshalb sie sandig waren. Hans fiel mir aber doch nach Tisch dankbar um den Hals und sagte, alles Unrechte wäre mit diesem Gericht aus seinem Magen herausgescheuert worden, und das sei nicht zu unterschätzen. Aber ich wollte Dir von der Wäsche erzählen. Minna besorgte also eine Waschfrau, die ›bei ihrer Freundin ihrer Schwägerin ihrer Cousine‹ wusch und sehr tüchtig sein sollte. Ach, es war keine freundliche Frau Kiesewettern aus Thüringen, die immer so gemütlich des Morgens grüßte: »Dienerchen, Dienerchen, Frau Räten,« und des Abends: »Na machen Se scheene atje, Frau Räten,« nein, es war ein Drache, Teufels Großmutter in Person. Um 5 Uhr früh weckte uns ein ganz unvernünftiges Sturmläuten an unserer Haustür. Das heißt, es weckte mich, denn Hans rührte sich nicht und Minna könnte man nachts fortschleppen, ohne daß sie es merkte. Ich kleidete mich zitternd und notdürftig an und fragte durch die Sicherheitskette: »Wer ist das?« »So 'ne Frage! Ik bin dat! De Helfrichen! Ik stehe da, un bimmele mir Brandblasen an de Finger un hab mer de Beine schon 'n Zollener achte ins Leib jestanden.« Ich ließ sie herein und erinnerte mich mit einem Male, daß die Kiesewettern auch immer in aller Herrgottsfrühe kam, freilich hatte ich damals noch keine Pflichten und durfte süß weiterschlummern. Ich weckte nun schleunigst die Minna und wollte mich aufatmend in meine Kemenate zurückziehen, da rief die grobe Stimme wieder: »Ik darf mir den Kaffee woll in die Küche zu's Jemüte führen?« Himmel, der Kaffee! Ich hatte gar keinen gekocht, und es würde viel zu lange dauern, wenn ich auf Minna warten wollte. Zum Glück fand sich vom vergangenen Tage noch genügend Stoff vor, ein qualmendes Brikett im Herd erleichterte mir das Feueranzünden und so hatte ich verhältnismäßig rasch den braunen Trank aufgewärmt. Inzwischen schnitt sich Frau Helfrich selbst zwei ordentliche Brotkanten, so richtige ›Runxen‹ ab, bestrich sie zwei Finger dick mit meiner besten Grasbutter, die eigentlich für Hans zum Frühstück bestimmt war und setzte sich beschaulich zum Trinken hin. Freilich ließ sie gleich nach dem ersten Schluck die Tasse sinken, und meinte: »Ik, wat ik bin, pflege mein Spülwasser immer in 'n Ausjuß zu jießen,« und als ich sie empört ansah, blickte sie beinahe tragisch in ihre Tasse und sagte: »Armer Mokka, an dir hat Zuntzen seine selige Witwe keinen Anteil!« Ich drehte ihr den Rücken zu, um zu zeigen, daß ihre Monologe kein Interesse für mich hätten, aber meine Ohren konnte ich nicht verstopfen. »Na, mein sojenanntes Kaffeeken, wenn du denn ok nich stark bist wie Herkulessen, un nich so schwarz wie die Nacht und nich heiß wie die Hölle, so will ik dir süß wie die Liebe machen – – –« Mutti, – meine Zuckerdose kann's bezeugen, daß sie es getan hat. Gott sei Dank kam jetzt Minna, die Frau Helfrichs Ausdrucksweise schon von ›ihrer Freundin ihrer Schwägerin ihrer Cousine‹ her kannte, und ich verließ die Küche. Nach einer halben Stunde wurde die Tür unseres Schlafzimmers geöffnet und Frau Helfrichs Stimme ertönte: »Seefe!« Ach so – die Seife hatte ich ganz vergessen. Ich kramte im Fache meines Toilettentisches herum, wo ich einen ganzen Kasten feiner Seife, ein Geschenk von Hans, aufbewahrte. Sie war mir natürlich beinahe zu schade für diesen Zweck, aber schließlich nahm ich drei große Stücke Glyzerinseife, die ich am wenigsten gern habe, und ging damit in die Küche. Als ich sie aber auf den Tisch des Hauses niederlegte, traf mich ein Blick, Mutti – ich fühlte, wie ich bis über beide Ohren rot wurde, so viel höhnische Verachtung lag darin. Dann richtete sich Frau Helfrich hoch, nahm ihre knochigen Finger der einen Hand einzeln abzählend in die andere und schrie mich an: »Drei Pfund Soda, drei Pfund Schmierseife, drei Pakete Bleichsoda, ein Pfund Stärke, ein Paket Waschblau, drei Pfund Terpentinseife, for 20 Pfennige Chlor.« Bebend händigte ich Minna einen Taler ein, und sie stürzte fort. Der ganze Vormittag war schrecklich. Frau Helfrich beanspruchte Minna ganz für sich, ich mußte alles allein tun, dabei war der Spiritus unter der Kaffeemaschine aufgebrannt, und ich mußte auf dem Herd kochen. Das Feuer wollte aber nicht brennen, und mein armer Hans mußte ohne Kaffee ins Bureau. Er sah mich sehr ernst an, – o Mutti, das tat so weh und ich schluchzte laut, als die Tür hinter ihm ins Schloß fiel. Aber für seine Enttäuschung wollte ich ihm auch glänzenden Ersatz schaffen. Ich griff tief in mein Wirtschaftsgeld, holte eigenhändig vom Schlachter ein Pfund Schweinskoteletts, die Hans so gern ißt, bei dem Delikateßhändler holte ich drei Pfund feinste Salatkartöffelchen und eine Flasche bayrisches Bier. Es schmeckte alles tadellos, aber als ich der Waschfrau und Minna jeder ein Kotelett und Salat gegeben hatte, war der Überrest für Hans und mich kläglich. Ich beschloß also satt zu sein und rief die dienstbaren Geister aus der Waschküche herauf. Das erste, was Frau Helfrich tat, war, daß sie die einzige Flasche bayrisches Bier, die ich für Hans bestimmt, entkorkte, indem sie sagte: »Tantalus war'n Waisenknabe jejen mich.« Dann aß sie mit großem Behagen, aber ich dachte, mich rührt der Schlag, als sie kauend bemerkte: »Det is vernünftig, det Sie Vorspeisen jeben, wenn och de Portionen noch mal so jroß sin könnten.« Vorspeise! Kotelett und Kartoffelsalat Vorspeise! Und ich hatte nichts, aber auch nichts weiter im Hause! Ich stürzte hinaus und überließ es Minna, ihr den Tatbestand zu erklären. Das hat sie denn auch getan und erzählte mir nachher, Frau Helfrich habe erst etwas herumgewütet, aber dann gesagt, ich sei ja noch jung und bildungsfähig und wenn ich zum Nachmittagkaffee einen ordentlichen Napfkuchen anfahren ließe, wollte sie mir's noch mal verzeihen. Ich besorgte denn auch tüchtig Kuchen und Honigsemmeln und ging gegen 3 Uhr mit einer mächtigen Kaffeekanne hinunter, der braune Trank wurde geprobt und für würdig befunden, Madame Helfrich und Fräulein Minna zu laben. Aber nun kam etwas Schreckliches. Ich guckte so von ungefähr in den Wäschezuber und – – lauter fremdes Zeug starrte mir entgegen, starrte in des Wortes verwegenster Bedeutung, Ich nahm dieses Stück hoch und jenes; grobe, schmutzige Wäsche überall, nur in zwei entfernteren Behältern, die nicht einmal mir, sondern der Wirtin gehörten, lag eingeweicht, aber noch nicht gekocht oder gewaschen meine Wäsche. Ich stand angewurzelt auf meinem Platz und sah Frau Helfrich an, ein großer, ehrlicher Zorn hatte mich gepackt, aber ich konnte kein Wort herausbringen. Sie lachte höhnisch und doch unbehaglich. »Na?« sagte sie endlich herausfordernd. »Man nich so s–tarr un s–tumm vor S–taunen s–tehn! Was is denn los? Reden Se doch en Ton! Jroßer Gott, jejen Sie is ja Lots Weib det reene Perpetuum mobile!« Ich zeigte immer noch stumm auf die fremde Wäsche. – »Na ja doch!« rief sie. »Bei mir heeßt dat: Erst's Jeschäft und dann's Verjnüjen, Ihre Wäsche zu waschen, die kaum en eenzjes Fleckchen hat, is en Verjnüjen, un da wasch ik nu vorher von 'ner andern Familie.« »Sie sind unverschämt,« rief ich zornig, da kam ich aber böse an. Sie wurde beinahe zur Furie, raste in der Waschküche umher, zog die fremden Stücke wutschnaubend durch die Ringmaschine, warf sie in einen Korb und währenddessen sprudelte sie eine Menge durchaus unparlamentarischer Redensarten heraus. Zuletzt stellte sie sich herausfordernd vor mich hin und schrie: »Na nu, adjes! Die zwei Mark fuffzig, die ik eijentlich von Sie beanspruchen kann, will ik Ihnen schenken, Sie können sich davor 'n verjnügten Dag machen. Aber ik jehe. Ik lasse mir nich ›unverschämt‹ nennen von en Kücken, wovon ik de Urhenne sin könnte.« Damit zog sie mit dem Wäschekorb ab, und unsern ganzen Kuchen nahm sie mit, Minna und ich starrten ihr schreckensbleich nach. Da lag nun meine Wäsche, nicht ein Stück war in Angriff genommen. Ich rang die Hände, aber Minna war resolut und sagte: »Nur ruhig Blut, Anton, ich mache frisch Feuer und dann waschen gnä Frau und ich druff los. Was zu doll aussieht, stecken mer in Chlor.« Na, das geschah, abends um 8 Uhr stand ich noch weinend am Waschfaß, das Blut floß über meine Finger, als Hans aus dem Dienst kam, und an seinem Herzen weinte ich mich dann noch einmal gründlich aus. Eine freundliche Frau aus dem Hinterhause erbot sich, die Wäsche fertig zu machen und sie erlöste auch sofort meine Tischtücher aus der Chlorbrühe, gottlob, – nur zwei waren verbrannt, die aber auch gründlich. Ach Mutti, ich war so unglücklich über mich selbst und Hans dabei so einzig gut! Er küßte mir die Tränen fort und sagte zu all meinen Selbstanklagen, ich sei ein süßes, gutes, liebes Geschöpfchen und das bin ich doch nicht, ich bin nichts als Dein dummes, dummes Kind Lisel. * »Hans, wir müssen nun endlich die Liste für die Besuche aufstellen.« »Hm.« »Ja, du ›hm'st‹ immer bloß, aber was sollen die Leute denken!« »Die denken nichts.« »Hans, sieh mal, die Flitterwochen sind doch vorüber – –« »So? Schon? Ich dachte, die dauerten länger –« »Ach, Hans, du weißt ja doch, was ich meine. Wir müssen jetzt unter die Leute. Also hier ist ein Zettel und ein Bleistift. Zuerst dein Chef – –« »Lisel – – – – « »Na, was ist? Warum bist du so verlegen?« »Komm mal her, kleines, liebes, süßes Frauchen. Sag', kannst du wohl einen Puff vertragen?« »Hans, du ängstigst mich. Was willst du damit sagen?« »Sieh, Lisel, – du warst bis jetzt ein rechtes Gesellschaftstierchen, du bist unter Staatsuniformen und zweierlei Tuch groß geworden und ich hoffe, dich auch später wieder in die ersten Kreise führen zu können. Vorläufig aber –« »Hans!!!« »Da ist nichts zu erschrecken! Sieh, wir könnten ja die Besuche machen – aber – sei nicht traurig, Kleines, die Herrschaften würden uns einfach nicht einladen, ich bin eben erst am Anfang meiner Karriere, wohin sollte das wohl führen, wenn der Chef seine jungen Beamten alle mit den Frauen einladen wollte, – oft sind die Frauen auch gar nicht danach – – –« »Aber ich, Hans? Papa war doch ›Geheimer Ober-Rat zweiter Klasse.‹ »Ja doch, ja doch! Aber wenn er auch der Erzengel Gabriel gewesen wäre, so bin ich eben nur der simple Soundso, noch nicht mal Rat fünfter Güte, und du bist nichts, – als meine Frau.« »Hans!!« »Ist das so schrecklich, Liebling? Sieh, in drei bis vier Jahren hoffe ich soweit zu sein, meinen holden Schatz in die Gesellschaft einführen zu können, der ich sie übrigens gar nicht gönne.« »In vier Jahren? Da bin ich ja 'ne Greisin.« »Na, na Lisel! Dreiundzwanzig knapp! Bis dahin leben wir still für uns, suchen uns ein paar nette Spezialkollegen, da ist z.B. der Rödel –« »Ich danke! Der und nett! Mit dem könnte ich hundert Jahr auf 'ner wüsten Insel leben – –« »Das wollt' ich mir energisch verbeten haben!« »Ich meine ja bloß – Hans – – « »Lisel, sei doch froh, daß wir die Abfütterungen noch nicht mitzumachen brauchen, mein Gehalt ist ja mehr als knapp –« »Und meine reizenden Kleider, Hans? Wem soll ich sie zeigen? Das mattblaue, das weiße, und dann das mit den süßen Plissees?« »Ja, den ›süßen Plissees‹ zuliebe können wir die Gesellschaftsordnung nicht umstoßen, aber du kannst sie Sonntagsnachmittags anziehen, und dann stell' ich mich mit dir vor die Haustür – – « »Hans!!!« »So heiß' ich.« »Aber noch eins, Hans! Du hast doch früher bei deinem Chef verkehrt, du warst doch Maître de plaisir , du bist doch Reserveoffizier – –« »Jaaaa – als Junggeselle – –! Darüber zerbrich dir nicht den Kopf, Kleines, es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde – –« »Und so weiter, und so weiter!« »Nicht kribbelig sein, Schatz! Wir wollen frohlocken und jauchzen. Zu einer Kochfrau langt's sowieso nicht, und du könntest unseren Gästen doch nicht ›Wassersuppe mit Wiener Würstchenkrümeln‹ – – « »Du sprichst von Zeiten, die vergangen sind – –« »Na, na!« »Im übrigen – Hans, ich glaube, du hast recht! Ich werde in den vier Jahren kochen lernen und – und – und« »Lisel! Herzensschatz! Du bist eine Perle deines Geschlechts!« * Liebstes Muttchen! Wieder muß ich für mein langes Schweigen um Verzeihung bitten, wir hatten etwas sehr Ärgerliches erlebt, ein Nachspiel mit Frau Helfrich, die, aufgehetzt von anderen und bösartig von eigener Natur, sich umbesonnen hatte und nun doch noch die zwei Mark fünfzig Pfennig Taglohn verlangte, für die sie doch absolut nichts geleistet hatte. Auch über das Essen schimpfte sie laut und machte uns einen ganz greulichen Auftritt, so daß Hans sie schließlich hinauswarf. Ich habe ihn noch nie so böse gesehen und zitterte vor Angst, – ach, wenn ich dächte, er könnte zu mir einmal so sein! Ich will mir furchtbare Mühe geben, daß ich so etwas nie, nie verdiene. Aber wie zur Entschädigung kam auf den Schreck etwas ganz Herrliches. Ich habe einen großen Ball mitgemacht, den ersten in meinem ganzen Leben. Unsere Verwaltung hat einen Verein ihrer Mitglieder gegründet und diesen Verein besuchten wir neulich. Fein bescheidentlich saß ich neben Hans am untersten Ende der Tafel, an meiner anderen Seite hatte ich ›Kollege Rödel‹, der mich mit ›Fliegenden Blätterwitzen‹ anödete. Er hatte sie alle auf einen langen Zettel aufgeschrieben und lachte zu jedem Witz dröhnend, so daß sich die Leute nach uns umsahen. Dabei stammten die Sachen von Methusalems Großmutter her. An der Quertafel, weit, in nebelgrauer Ferne thronte der Chef von Hans. Ich warf ab und zu einen Blick hin zu ihm und seiner liebenswürdigen Gattin, die so ein gutes Gesicht hat und Dir ähnlich sieht, mein Mütterchen. Und nun höre und staune: Zwischen dem Eis und dem Käse, nach einem Toast auf die Kollegialität, erhob sich der Chef, stieß mit den Umsitzenden an und kam plötzlich auf unsere bescheidene Ecke zu, tippte Hans an und sagte: »Wollen Sie mich Ihrer Frau Gemahlin vorstellen?« Ich versank in einem tiefen Knicks und er nahm meine Hand und sagte, er habe eben erfahren, ich sei eine geborene S. und er habe meinen lieben Vater hochverehrt. O, wie glücklich war ich über dies Wort! Die Tränen kamen mir in die Augen, – ich habe ja so oft unsern herrlichen Vater rühmen hören, vor allem seine wahrhafte Herzensgüte. Über das Grab hinaus bin ich ihm dankbar für dies Erbteil, was er uns hinterlassen hat, wertvoller als Geld und Gut. – Viel und lange plauderte der Chef mit mir, ich redete schließlich ganz zutraulich, wie mir der Schnabel gewachsen war; ein paarmal hatte ich gewiß 'was Dummes gesagt, denn er lachte laut, und Hans kniff mich auf der andern Seite braun und blau. Nachher führte mich der Chef zu seiner Gattin und nach kaum einer Viertelstunde schwärmte ich bereits für sie, so reizend ist ihr ganzes Wesen. Nach Aufhebung der Tafel ließen sich mit einem Male alle Herren mir vorstellen und ich tanzte dann ununterbrochen wie ein Wasserfall. Hans benahm sich etwas sonderbar und stand die ganze Zeit mit gerunzelter Stirn an einem Eckpfeiler, er war aber nicht etwa eifersüchtig, – du lieber Himmel, – was sind auch alle Männer der Welt gegen ihn! – Greuliche, langweilige Nullen, nuller wie null! »Mei Hans is mei alles, Mei Glück un mei Lebe, An bessern wie Hans is. Den kann's gar nit gebe. Ob's regnet, ob's schneit, Ob's donnert, ob's blitzt, I fürchte mi gar nit. Wenn mei Hans bei m'r sitzt. Holdrihohü!!!« Aber Hans erzählte mir nachher, das liebenswürdige Vorgehen des Chefs hätte ihm natürlich sofort Neider zugezogen und Kollege Rödel sagte schon den ganzen Abend spöttisch ›Exzellenz‹ zu Hans. Nun, Kollege Rödel ist zwar ein Greuel, aber ich selbst bin der Ansicht, daß Hans eine prächtige Exzellenz abgeben wird, das sagte ich ihm auch, aber er blieb verstimmt. Trotzdem hat er gleich am andern Tage mit mir beim Chef Besuch gemacht, denn dieser hatte uns direkt dazu aufgefordert, und heute ist eine Einladung zum Ball gekommen und wir mußten sie natürlich annehmen. Hans kopfschüttelt: »Wohin soll das führen, was werden die Kollegen sagen?« Ich habe ihn aber beruhigt. Die ganze Sache wird zu einer kleinen netten Abendgesellschaft führen, womit wir uns ›rippeln‹, und wenn die Kollegen uns ärgern, bleibe ich bei dem nächsten Toast auf die Kollegialität sitzen. Über den Ball beim Chef berichte ich Dir später ausführlich; ich werde wohl einen ganzen Abend zum Briefschreiben Zeit haben, denn Hans hat tags darauf Kegelabend mit ›Wegessen‹ eines Kollegen, er kommt dann erst ›früh‹ heim, wie er mir schonend mitteilte. Ich finde das zwar schrecklich, aber – – Du weißt, was ich mir vorgenommen habe. Dein sehr, sehr glückliches Kind. * Liebste Mutter! Der erste Abend, den ich ohne Hans verlebe! Ich habe ganz schreckliche Sehnsucht nach ihm und unser Abschied war herzbrechend. Beinahe hätte er alles im Stich gelassen und wäre bei mir geblieben; aber er hatte mir vorher erzählt, die Kollegen hätten ihn gefragt, ob er auch kommen › dürfe ‹, und diese alberne Junggesellenfrage wurmt ja jeden Ehemann. So bat ich ihn denn selbst höchst heroisch, zu dem Feste zu gehen und er tat es mit erleichtertem Aufatmen. Jetzt ist es zwei Uhr nachts. Schilt nur nicht mit mir, daß ich nicht schon längst mein Lager aufgesucht habe, – ich graulte mich, allein zu schlafen und wir haben es uns recht gemütlich gemacht, Minna sitzt neben mir und häkelt eine schwarze Spitze. Wie sie das fertig bringt mit weißem Garn, das wissen nur die Götter und ihre Finger, Ich selbst habe eine wundervolle Decke angefangen für Hans' Geburtstag, sie ist riesengroß und bedarf vieler Mühe. O, meine Mutti, nun kommt aber die Hauptsache, wie war der Ball beim Chef schön! Wie haben mich alle verwöhnt! Ganz beschämt war ich und doch sehr glücklich, denn Hans, mein einziger Hans. * Eine Stunde später. Ich bin wie zerschlagen, Mutter! Wer hätte das gedacht! Minna fleht mich an. Dir alles zu schreiben, aber mir zittert die Hand. Wer hätte das von Hans gedacht, von meinem herrlichen, angebeteten Mann! Ach – vorbei, vorbei! Ob ich morgen schon zu Dir komme mit Sack und Pack? Ach, mir ist der Kopf ganz wirr und das Herz tut so weh – aber Du sollst alles wissen! Wir hörten vor ungefähr einer Stunde ein fürchterliches Poltern und Rummeln auf der Treppe, dazu laute Stimmen, Minna und ich klammerten uns ängstlich aneinander an. Mit einem Male wird die Tür aufgeschlossen, ich schreie um die Wette mit Minna, da steht Hans in der Tür, neben ihm unser Wirt lachend über das ganze Gesicht, auf der andern Seite ›Kollege Rödel‹. Beide hielten meinen Hans, ja – sie hielten ihn, Muttchen, denn er – war – er war be – – nein – ich kann es Dir nicht sagen. »Man keene Bange nich,« rief mir unser Wirt zu, »jefährlich is er nich, aber schleunigst rin in die Klappe mit ihm, sonst stehe ich for nischt.« Kollege Rödel machte mir ein paar stumme Verbeugungen und hatte so viel Takt, sich gleich zu empfehlen, der Wirt ging auch und nun balancierte Hans auf mich zu, nachdem er vergebens versucht hatte, den beiden Herren zum Abschied einen Kuß zu geben. Ich entfloh schreiend und verschanzte mich hinter den Tisch, da nahm er Minna an der Hand und tanzte und sang: »Minna, du bist meine Freuiiide, ja Freuiiide!« Minna wußte gar nicht, wie ihr geschah, sie fing auch an zu schreien, und kündigte uns den Dienst. Ich hielt Hans eine ganze lange Rede, die er mit blödem Lächeln anhörte. Als ich fertig war, sagte er nur: »Sire, geben Sie Gedankenfreiheit!« Nachdem ich noch glücklich verhindert, daß er sich auf den guten Teppich legte, begab er sich unaufhörlich singend in das Schlafzimmer, aus dem jetzt entsetzliche Töne dringen. Und er hat doch sonst nie geschnarcht. Minna und ich wachen, wir halten uns fest bei der Hand und Minna tröstet mich auf ihre Weise. »Das sind die besten Menschen, die viel trinken,« sagt sie, »un sie können nischt davor, Suff is erblich.« Ach Mutter! – – – – – – – – – – – Schreibe mir, wann Dein unglückliches Kind zu Dir heimkehren darf, ich kann doch nach dem Vorgefallenen unmöglich bei Hans bleiben! * Mittags 12 Uhr. Liebste Mutter, ich bleibe doch bei Hans, er ist sehr krank. Den ganzen Morgen hat er geweint, es ist schrecklich anzusehen, wie er leidet. Mich nennt er nur: ›unglückseliges Weib‹ und mit Minna ist er auch rührend gut und redet sie mit ›edles Wesen‹ an; aber dann weint er immerzu. Ich rief heute den Arzt, welcher ›akute Alkoholvergiftung‹ feststellte. Wie schrecklich! Kann das schlimm werden? Hans hat ein ganzes Fäßchen saurer Heringe neben sich stehen und schon mehrere Seidel Bier getrunken. Der Doktor scheint die Sache sehr leicht zu nehmen, er ist noch jung und hat das ganze Gesicht voller Schmisse. Ein Rezept wollte er nicht schreiben. »Legen Sie nur Hundehaare auf, gnädigste Frau,« sagte er. Aber wo nehme ich die her? Jetzt schläft Hans und ich will mich auch etwas hinlegen. * Abends. Gottlob, Hans ist wieder gesund, aber sehr gnittrich und verstimmt, Minna und ich gehen in großem Bogen um ihn herum. Ich habe ihm erzählt, was er alles in seiner Krankheit getan hat und nun ist er entsetzlich wild geworden, am meisten aber hat er gescholten, daß ich den Arzt geholt habe. Man kann es den Männern selten recht machen. Zu dieser Weisheit habe ich mich schon aufgeschwungen. Leb' wohl, liebste Mutter! Ängstige Dich nicht weiter um uns. Dein Lisel. * Liebstes Muttchen! Das hättest Du doch wohl nie geahnt, daß Dein unschuldiges Kind einmal würde vor Gericht erscheinen müssen. Einmal, und hoffentlich nie, nie wieder! Mir schlagen noch immer die Zähne im Fieberfrost zusammen, wenn ich an den ›Termin‹ denke, während Hans die Geschichte bereits lachend seinen Kollegen erzählt hat. Sehr zart besaitet ist er nicht. Also es klingelte eines Tages sehr stark und dann kam Minna herein, blaß und aufgeregt und sagte: »Gnä Frau, ein Polizist sind draußen, ich bin aber unschuldig.« Ich ging zagend hinaus (ein Polizist ist immer etwas Unheimliches), und da stand er auch da, groß und breitschultrig wie ein geborner Herrscher. Auf seinem Gesicht las ich deutlich: »Noch so jung, und schon dem Gericht verfallen'!« Er fragte nach Hans, und da dieser im Bureau war, schob er unverrichteter Sache wieder ab. Minna erging sich in den kühnsten und schrecklichsten Vermutungen, was wohl den Mann des Gesetzes zu uns geführt haben könnte; es kam aber zuerst nichts danach, bis nach acht Tagen der Briefträger mir einen Bogen brachte, den ich mit Herzklopfen las, während der Bote extra auf ein Blatt schrieb, daß er die Vorladung dem Adressaten selbst abgeliefert hätte. Ach, ich armer Adressat! Ich sollte Dienstag den soundsovielten, vormittags 11 Uhr im Gerichtsgebäude als Zeugin in Sachen Helfrich kontra Bitterlich vernommen werden. Ich war starr. Frau Helfrich kannte ich ja, es war meine verflossene Waschfrau schlimmen Angedenkens, aber Frau Bitterlich – – Wenn der liebe Gott sie nicht besser kannte, als ich – »Frau Bitterlich ist die dicke Rentiöse von vorne eine Treppe hoch,« sagte Minna. »Sie hat 'n elenden Krach mit die Helfrichen gehabt und da hab' ich ihr erzählt, daß gnä Frau auch uff'n Kriegsfuß mit das Waschweib ständen.« »Das war sehr überflüssig, Minna,« erwiderte ich. »Nun vertrödeln wir einen ganzen Vormittag mit dieser unangenehmen Sache und Sie müssen gewiß auch mit, denn Sie sind auch Zeugin von Frau Helfrichs Unverschämtheit gewesen.« »Ik jehe nich,« sagte Minna bestimmt, »Solche Leute wie mir sperren se gleich in. Von gnä Frau nehmen se en Lösegeld, ik kenn mich aus mit die Gerichten.« Zitternd vor Angst begab ich mich also am Dienstag vormittag 11 Uhr in das Gerichtsgebäude und Hans, der mich begleitete, konnte es sich nicht versagen, auf eine der vergitterten Zellen zu deuten mit dem Bemerken: »Denke nur nicht an Flucht, die Dinger sind viel zu hoch!« Wie zerschlagen saß ich auf der Zeugenbank. Von 11 Uhr Vormittag bis 2 Uhr Nachmittag warteten wir erst mal, dann begann unser Termin. Als der Richter mir den Eid vorsprach, wurde mir ganz schwach, und wie ich die rechte Hand hob, ach – da sprach ich nicht nur in vorgeschriebener Formel, da gelobte ich innerlich recht, recht gut zu werden, nie mehr meinen Hans anzufahren, nie mit dem Fuße zu stampfen, recht schön kochen zu lernen, überhaupt eine ganz mustergültige Hausfrau zu werden. Dann sollte ich erzählen von dem Wäschetag bei uns und ich war schon mitten drin, da schrie ein Mann mich an: »Ich ersuche die Zeugin lauter zu sprechen!« Es war der Verteidiger von der Frau Helfrich. Nun fing ich an zu weinen, und da verstand man erst recht nichts. Dann erzählte Frau Helfrich von der Wäsche bei uns, natürlich furchtbar übertrieben, und als sie die Verpflegung schilderte und den Geschmack des Kaffees, da lachte der ganze Zuschauerraum schallend, und ich wäre am liebsten in den Erdboden gesunken! Der Vorsitzende wurde aber böse und drohte den Zuschauerraum räumen zu lassen; da war's denn still und schließlich wurde Frau Helfrich verdonnert und gleich in Haft genommen, wegen ›ungebührlichen Betragens vor Gerichts‹. Sie folgte dem Polizisten mit erhobenem Kopf und triumphierendem Lächeln, ich dagegen schlich ganz geknickt hinaus und Hans erzählte mir, eine Frau aus dem Volke, die wohl nicht viel von der ganzen Verhandlung verstanden, hätte von mir geäußert: »Das arme, junge, blasse Wurm, das hält ja 's Sitzen gar nicht aus.« Hans nahm vor der Tür zartfühlend eine Droschke, und ich konnte ungestört heulen wie ein Schloßhund. Minna weinte auch, als ich nach Hause kam, es ist doch eine treue Seele. Sie schüttelte mir beinahe die Hand ab vor Freude, daß ich wieder da war. Das versöhnte mich mit ihrer Dummheit, denn denke Dir, sie hatte einen Kranz an die Tür gehängt mit der Inschrift »Wilkomen aus den Gefänknies!« Gottlob, es war während der Zeit niemand die Treppen herauf und hinunter gegangen. Frau Bitterlich von ›vorne, eine Treppe hoch‹ lud mich noch zu einer Tasse Kaffee ein, um das freudige Ereignis zu begießen; aber ich lehnte ab, ich legte mich schachmatt gleich ins Bett. Hans lacht mich aus; aber ich möchte am liebsten gar nicht mehr auf die Straße gehen. Gestern grüßte mich schon ein Polizist. Leb' wohl, geliebtes Muttchen. Dein sehr trauriges Kind. * Geliebte Mutter! Unsere erste Gesellschaft haben wir glücklich hinter uns. Der Ausdruck ist aber schlecht gewählt, ›unglücklich‹ paßte eher. Böse Mächte müssen sich an dem Tage gegen uns verschworen haben. Meine Speisekarte lautete: ›Bouillon in Tassen, Grüne Erbsen mit Schinken, Kalbsbraten mit Kartoffeln, Kompott, Salat, Pudding. Butter und Käse‹ Eingeladen hatten wir den Chef mit seiner Gattin und Tante, einer alten, strengen Dame, die sehr gefürchtet ist. Dann den unvermeidlichen Kollegen Rödel, ferner Assessor G., der uns erzählte, er hätte nach dem ersten Besuch bei uns wochenlang an Hexenschuß gelitten, worauf wir uns verständnisvoll ansahen, da wir ja wissen, daß die Sessel schuld haben. Ich hatte die Bouillon schon einen Tag vorher sehr langsam und liebevoll gekocht, schön abgefettet und auf den Herd gestellt. Als ich sie um 7 Uhr heiß machen wollte, war sie fort – Minna hatte sie (Hans behauptet, ›in einem Anfall von Wahnsinn‹) in den Ausguß geschüttet. Auf mein Händeringen sah mich Minna bloß furchtbar dämlich an (sie steht der Erfindung des Pulvers weltfremd gegenüber) und entschuldigte sich: ›die Suppe roch nicht‹. Das ist natürlich böswillige Entstellung der Tatsachen, denn was an Fleisch fehlte, hatte ich reichlich mit Sellerie, Porree und Petersilienwurzel ergänzt, sie muß gerochen haben. Mein Schlachter brachte mir zum Glück noch Fleisch, das im Galopp gekocht und mit ›Liebig‹ aufgemuntert wurde; aber natürlich war nicht viel Saft und Kraft drin. Ich sah wohl, wie der Chef nach jedem Schluck zuschmeckte, als sollte nun erst das ›Eigentliche‹ kommen; es kam aber nicht. Beim Heißmachen der Pasteten ließ Minna fünf dieser appetitlichen Dinger im Feuer aufgehen, so daß Hans und ich keine bekamen und außerdem nicht zweimal angeboten werden konnte. Es sah jammervoll aus. Die grünen Erbsen waren etwas mehlig schon, sättigten aber dafür prachtvoll und der Schinken war ausgezeichnet. Der Kalbsbraten – liebste Mutter – so schlecht war er wirklich nicht, wie Hans ihn darstellt, er behauptet, ›eine Kuh sei dazu kurz vor ihrer goldenen Hochzeit geschlachtet worden‹. Dagegen muß ich vom Pudding selbst sagen, daß er sehr nach Gelatine schmeckte; ich hatte die doppelte Menge genommen, aus Angst, daß er sich nicht stürzen ließe. Von Butter und Käse wurde wieder viel gegessen, Minna mußte dreimal herumreichen, es ist das eigentlich noch auf keiner Gesellschaft der Fall gewesen. Beim ›Mahlzeitsagen‹ meinte der Chef, so ein junges Paar brauchte sich gar nicht zu revanchieren, man sähe so liebe Menschen immer so gern bei sich, ohne ans Wiederhingehen zu denken. – Ich fand das reizend gedacht, während Hans meint, der Wink mit dem Zaunpfahl sei deutlich genug, daß der Chef nicht beabsichtige, sich bei uns den Magen öfter als einmal an ›Wassersuppe, alten Kühen und Gelatine‹ zu verrenken. Nach Tisch lotsten wir den Chef aufs Sofa, wo er behaglich bei einer guten Zigarre saß; unglücklicherweise kam die Tante aus eigener Schuld auf einen Sessel, weshalb sie bis jetzt bettlägerig ist. Wir bringen heute die Sessel auf den Boden. Hans behauptet, sie seien die ›Mörder seiner Karriere‹. Jedenfalls ist es für lange Zeit unsere letzte ›Gesellschaft‹ gewesen; sie hat ein großes Loch in mein Wirtschaftsgeld gerissen, so daß ich meinen ›Flügel‹ wieder in nebelgraue Ferne gerückt sehe. Leb' wohl, leb' wohl! * Liebste Mutter! Vielen Dank für Deine herzlichen Wünsche und reizenden Gaben zu Hans' Geburtstag. Du hast Dir so viel Mühe und Ausgaben gemacht, Herzensmutter und – alles umsonst. Laß mich Dir den schrecklichen und doch schönen Geburtstag schildern, den ersten, den wir in unserem lieben Nestchen feierten. Ich hatte alles geschmackvoll aufgebaut. In der Mitte prangte der wundervolle Makartstrauß, daneben die großen Lichter und auf der Geburtstagsbrezel, die ich eigenhändig mit viel Liebe gebacken (sie war deshalb auch glitschig geworden), 28 Lichtchen, so richtige bunte Geburtstagslichtchen. Dann kam die wunderschöne Decke von mir und der zarte Tischläufer von Dir nebst Portemonnaie und Schlipsen; Olga und Karl hatten sich mit einem feudalen Tafelaufsatz losgelassen, der uns immer noch fehlte. Schwester Paula, die liebe, unermüdlich Fleißige, hatte vier Paar Strümpfe gestrickt; Minna hatte ihm Topflappen gehäkelt für die Küche, ein wirklich schönes, praktisches Geschenk, worüber aber Hans natürlich Lachkrämpfe bekam. – Ich stecke also die Lichter an, gehe zu Hans und Minna ins Wohnzimmer, wo eben die feierliche Überreichung der Topflappen stattgefunden hatte und spiele den Geburtstagschoral. Als ich fertig war, schloß mich Hans tiefgerührt an sein Herz, ich schlang meine Arme um seinen Hals und dünkte mich das glücklichste Geschöpf auf Gottes Erdboden, Minna heulte wie ein Schloßhund, und dann führte ich Hans nach dreimaligem Klingeln ins Geburtstagszimmer. Mutti – – ein Flammenmeer erwartete uns. Alles brannte, Kuchen, Geschenke, Tischdecke, und das Makartbukett schickte wahre Funkengarben auf Sofa und Sessel. So blickte Lots Weib auf Sodom und Gomorrha! Dann versuchten wir zu retten – aber vergeblich. Minna goß planlos einen Eimer Wasser nach dem anderen auf den Geburtstagtisch, sie goß noch, als alles schon ein rauchender Trümmerhaufen war und hörte nicht auf, bis Hans sie fragte, ob sie eine Schwimmanstalt einrichten wollte. O, wie das Zimmer aussah! Noch jetzt bekommen wir den strengen Brandgeruch nicht heraus. Und alles verdorben, verbrannt, verwüstet, mit Ausnahme der Sessel, dieser Unglückstiere, die aus dem Funkenregen unversehrt hervorgegangen sind. Ich weinte natürlich ganze Bäche, Hans suchte mich zu trösten und faßte die Sache humoristisch auf. »Ach der wunderbare Tischläufer!« sagte er zu einem Endchen verkohlten Zeug, »dieser wonnige Stoff, diese Farbenpracht!« »Der Kuchen soll auch nicht umkommen,« meinte er dann, schnitt das Prachtstück an und versuchte davon zu essen, gab es aber schleunigst wieder auf, denn die Lichte waren in den Teig hineingeflossen. Minna holte vom nächsten Bäcker noch etwas Kuchen, der aber nicht frisch war und ich brachte das trockene Zeug nur durch reichliche Anfeuchtung mit meinen Tränen hinunter. Nachher ging Hans in den Dienst, nachdem wir noch schnell die verbrannten Sachen weggeschlossen, um sie dem Versicherungsbeamten zu zeigen; wir hoffen ja, sie ersetzt zu bekommen. Freilich die Liebe, die Du hineingearbeitet, geht uns verloren, aber wir küssen Dir beide die fleißigen, sorgenden Hände. Als Hans fort war und Minna und ich Ordnung schafften, besah mich Minna mit kritischen und sorgenvollen Blicken und sagte plötzlich: »Wenn gnädige Frau man nich sitzen müssen!« »Was soll das heißen,« fragte ich streng, aber ein Schauer kroch mir über Leib und Leben. »Na,« erwiderte sie gedehnt – »Brandstiftung – un ich kann un kann denn nich bei die Herrschaft bleiben, so weh mich das tut, aber ich bin allmeindag ein ehrliches Mädchen gewesen – –« sie schluchzte herzbrechend. »Minna,« versetzte ich empört, »wie können Sie bloß solchen Unsinn schwatzen, das ist doch keine Brandstiftung?« »Achott, Achott,« wimmerte sie, und setzte sich auf unser Plüschsofa, »ich hab' bei'n Gefangenaufseher gedient, und da hab' ich 'ne Brandstiftersche gesehn, die hatte auch man bloß een brennendes Licht in een Heuschober gesteckt, und kriegte zwei Jahr – – ach, unser armer Herr!« Liebste Mutter, ich war ganz außer mir über diese verdrehte Auffassung; aber Minna ließ sich nicht davon abbringen und schließlich bekam ich's auch mit der Angst und heulte mit Minna um die Wette. Zuletzt siegte bei ihr das Mitleid und sie tröstete mich auf ihre Weise. »Ich bleib' beim Herrn und seh' nach dem Rechten,« sagte sie, »und wenn de Pollezei Sie holen kommt, man bloß ruhig mitgehen, sonst kriegen Se Handschellen!« Ich war ganz krank und elend, als Hans wiederkam, und er schalt uns beide tüchtig aus. In der folgenden Nacht habe ich natürlich nur von Feuer geträumt: ich lag in einem Flammenmeer und schrie so, daß Hans beinahe zum Arzt geschickt hätte. Minna sah andern Tages gleich in ihrem Traumbuch nach, was »Feuer« für mich bedeute, aber da kam natürlich nur Unsinn heraus, den die Minna nun auf sich bezieht: »Siehst du nächtlich ein Feuermeer, Sehnt sich ein Mann nach dir sehr Und die Hochzeit kommt gegangen, Dich liebend zu umfangen.« Sonst ist aber das Traumbuch wirklich ganz nett, Minna schwört darauf. Neulich träumte Hans, er hätte sich in den Finger geschnitten, gleich sahen Minna und ich nach, da stand: »So viel Tropfen Blut du mußt lassen, So viel Taler fließen in deine Kassen,« Und richtig, am Ersten bekam Hans hundert Mark Zulage. Er lachte natürlich und behauptete, die hätte er auch ohne seinen Traum bekommen, weil er ›dran‹ war; aber Hans ist entschieden freigeistig. * Geliebte Mutter! Es ist so unendlich lieb und gut von Dir, daß Du uns die ›Stütze‹ besorgt hast und obendrein das Taschengeld von Fräulein Berta selbst bestreiten willst. Ich könnte mir auch sonst die Hilfe gar nicht leisten, doch wird sie mir recht wohl tun, da mir der Arzt etwas Ruhe und Schonung anempfohlen hat. Ängstige Dich aber nicht. Dein Lisel ist ja kerngesund, nur hat mich die Influenza etwas heruntergebracht und dann – Du weißt ja – ach Mutterchen, – ich kann mir noch gar nicht das Glück, das namenlos süße kommende Glück recht vorstellen. Um dieses Glückes willen nehme ich ja gern alle Leiden und kleinen Unbequemlichkeiten ruhig hin, zumal mein Hans so himmlisch gut mit mir ist, noch ›guter‹ als je zuvor. Nur eins tut mir so leid, nämlich seine tiefe Abneigung gegen ›Stützen‹. Ach, und ich habe solches Mitleid mit diesen armen Mädeln, denen ein hartes Geschick den eigenen, trauten Herd vorenthielt, und die nun mit Anspannung aller ihrer Kräfte einer vielleicht harten, ungerechten, oft gar ungebildeten Herrin dienen müssen, die sich einleben müssen in fremdes Leid und fremde Freude unter Verleugnung ihrer eigenen Leiden und Freuden. Hans sagt, meine Phantasie sei viel zu lebhaft und ich sähe in Fräulein Berta bereits die Erzengelin Gabriele; aber dem ist gar nicht so, ich habe mir nur fest vorgenommen, daß ich ihr keine strenge Herrin, sondern eine gute, muntere Freundin werden will. Denke Dir, sie ist aus ›bester Familie‹, wie die Mutter selbst schreibt und durch ›Schicksalstücke‹ verarmt. Das muß schrecklich sein! »Hüten Sie mir meine Berta, sehr geehrte Dame,« schreibt Frau Aurelia Strengel, »sie weiß noch von nichts Bösem, seien Sie ihr eine zweite Mutter!« Das kann ich nun zwar nicht, denn Fräulein Berta ist zwei Jahre älter als ich; aber ich habe mir schon einen reizenden Plan ausgedacht, nach dem wir unser Zusammenleben einrichten wollen, – – – – – – – – – – – – – – – – Fräulein Berta ist da; aber – –ach – ich will lieber noch kein vorschnelles, liebloses Urteil fällen, – sie ist nur so ganz anders, als ich sie mir vorgestellt habe. Viel größer, viel älter, viel reifer als Dein armes Lisel, auf das sie in den 24 Stunden, die sie bei uns weilt, schon herabzusehen glaubt. Ich bin etwas abgespannt heute, denn ich habe das kleine Fremdenstübchen, welches ich der Stütze eingerichtet, wieder ausgeräumt, weil es ihr viel, viel zu klein war und sie ein schier entsetztes Gesicht machte, als sie das Zimmerchen sah. Ich fand es sehr traulich und nett mit den schneeweißen Gardinen, dem hübschen Teppich aus meinem ehemaligen Mädchenstübchen und all den lieben Bildern, Nun habe ich Fräulein Berta in die Schrank- und Plättstube einquartiert, die ja sehr geräumig ist; aber es bedurfte sehr vieler Mühe, sie wohnlich zu machen, und weil Hans so schalt und alles unnötig fand, habe ich es allein besorgt mit Minna, denn Fräulein Berta hatte Migräne, da habe ich mich wohl etwas übernommen. Darüber ist Hans nun wieder ganz außer sich, er ist so zärtlich besorgt um mich, mein Herzensmann! * Liebe Mama! Lisel hat sich ein bißchen hingelegt, sie ist ganz schachmatt, meine kleine, süße Frau. Und daran ist nur diese verdrehte Schraube, Fräulein Berta schuld, der ich alle unparlamentarischen Ausdrücke der Welt beilegen möchte. O dieses – dieses!!! Liebe Mutter, dieser Brief ist drei Tage liegen geblieben und in diesen drei Tagen haben wir zur Genüge erfahren, daß wir gründlich mit der ›Stütze‹ reingefallen sind. Die Retterinnen des Kapitols hatten wahrhaftig mehr Grips in der Schwimmhaut ihres rechten Fußes, als diese Jungfrau in ihrem ganzen Korpus. Sie hat in diesen fünf Tagen unser trautes Nestchen völlig umgekrempelt, Minna hat bereits dreimal gekündigt und unsere sonst so forsche Lisel ist zu einer Tränenweide geworden. Ich hätte ja längst Tabula rasa gemacht; aber Lisel bat und flehte um Frieden, und Fräulein Berta schien meine mehr als deutlichen Anspielungen, daß es besser sei, wenn sie ihre heimischen Penaten wieder aufsuche, absolut nicht zu verstehen. Dabei ist sie sonst so empfindlich, daß man sich höllisch in acht nehmen muß, um nicht bei der geringsten Kleinigkeit einen Tränenstrom zu entfesseln, und ich habe mir schon um Lisels willen, die ein Kampf mit der Stütze sehr angreift, ein neues Wörterbuch mit zarten Umschreibungen angelegt. So sagte ich z.B. gestern nicht: »Fräulein, Sie sind faul wie die Sünde,« sondern: »Fräulein, ich glaube, Sie kennen den Segen der Arbeit noch nicht,« worauf sie mit einem lieblichen Lächeln antwortete, so daß ich annehme, sie hat's als Schmeichelei aufgefaßt. Wie manche Leute ihre Kinder erziehen, ist eben unglaublich! Wenn ich denke, wie geschickt mein Lisel in Handarbeiten ist, wie oberfein sie mir die Knöpfe annäht, ordentlich zuletzt so mit 'n Wupptich und einem ordentlichen Knoten, was die Berufsschneider sogar oft vergessen. Die Stütze wollte mir nicht mal einen Fleck aus der Weste entfernen und schlug so albern die Augen nieder und wieder hoch, daß ich dachte: »Schaf!« Dagegen hat Minna einen Band Zola unter Fräuleins Kopfkissen hervorgeholt und der Inhalt war nicht von Pappe. Ich übergab ihn ihr heimlich, damit mein Lisel nicht hineingucken sollte, und sah Fräulein teils väterlich streng, teils ermahnend an. Sie errötete aber diesmal nicht, sondern ich bekam einen Blick zurück – – – Mutterchen – Du weißt, ich gehöre nicht zu den Fatzkes, die da glauben, jedes Mädel und jede Frau sei verliebt in sie, aber die gestochenen Kalbsaugen von Fräulein Berta haben mir doch zu denken gegeben. Jeden Tag geht eine Kiste an Mutter Strengel ab, Minna schimpft, weil sie immer zur Post muß, und was glaubst Du wohl, was Fräulein Berta ihrer Mutter schickt? Jedes zerrissene Stück ihrer Garderobe, sei es auch nur ein Rock, an dem fünf Zentimeter Stoßband abgetreten sind. Sie kann nichts nähen – nichts, nichts! Nun habe ich Dir von dieser albernen Jungfrau so viel geschrieben und nichts von meinem Lisel und dem schier atembeklemmenden Glück, das uns erwartet. Und das ist mir viel zu heilig, zu wonnig, zu lieb, als daß ich es in diesen Stützenbrief bringen will. Mutter, Dein alter Schwiegersohn ist schier unvernünftig glücklich und mein Lisel ein Prachtskerlchen. Hab' Dank, Du geliebtes Muttchen, für dies Prachtskerlchen! Dein Hans. * Geliebtes Muttchen! Sie ist fort! Und ich bin so froh, so froh, ich fühle mich eigentlich ganz gesund und mordsfidel. Ich kann Dir nicht mal sagen, weshalb sie so plötzlich flog, denn Hans meint, ich würde mich furchtbar drüber aufregen und das sei das Geschöpf nicht wert. Sie muß riesig frech zu Hans gewesen sein, denn Minna, die im Nebenzimmer von der Debatte etwas erlauscht hat (ich vermute, sie hat regelrecht an der Tür gehorcht), sagte mir: »Ei du grundgütige Neune, das is 'ne Geriebene! Man gut, daß die Luft rein wird, und nanu bleib' ich auch hier!« – Ich war selbst sehr glücklich, fand es aber trotzdem häßlich von Minna, daß sie der Scheidenden nachrief: »Leben Sie wohlriechend, und ich wünsch' Ihnen 'ne dümmere Herrschaft, als meine is!« Nun sind Minna und ich beschäftigt, alles, was Fräulein Berta ›verbumfiedelt‹ hat (wie Hans sich ausdrückt), ins rechte Geleise zu bringen. Ich habe alle Stützengedanken aufgegeben und denke mich allein zurechtzufinden. Die Hauptsache ist nur, daß Du kommen willst, Du einziges Muttchen, sobald wir Nachricht schicken. Ich darf aber nur ganz stillsitzen und zusehen, Hans laßt es sich nicht nehmen, Dein Stübchen selbst einzuräumen, es heißt aber nun nicht mehr Fremdenzimmer, sondern Großmutterstübchen. Von Tante Emmy kam gestern ein wundervolles Himmelbettchen an, sie ist und bleibt lieb und fürsorglich. Hans und ich können immerfort das Bettchen ansehen und werden's nicht müd. Und neulich brachte er mir ein altdeutsches Lied mit, das singt er nun immer leise mit seiner schönen Tenorstimme: »Joseph, liebster Joseph mein, hilf mir wiegen mein Kindelein.« Mutter, kann nur ein Menschenherz so viel Glück tragen? Aber nicht wahr, laß es mich einmal aussprechen, sieh – sollte der liebe Gott mich zu sich nehmen, – gelt, Du kommst zu Hans – ach Mutter – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – Nur über eins können wir nicht einig werden, über den Namen. Ich möchte ihn so gern ›Horst‹ oder ›Rolf‹ nennen, aber Hans findet das gesucht und schlägt ›Otto‹ vor, nach unserm großen Kanzler, Gewiß, das ist ja sehr schön, ich denke aber bei ›Otto‹ nie an Bismarck, sondern bloß an: »Vorne rund, hinten rund, In der Mitte wie ein Pfund.« Am einigsten sind wir uns noch bei ›Helmut‹. Das ist ein schöner und seltener Name und außerdem: ›Moltke!‹ Hans sagt zwar: »Wenn ›er‹ nach der Mutter artet, wird er niemals Moltke;« aber Hans neckt ja immer und ich rede doch wahrhaftig nicht mehr, als andere Frauen. Auch über den künftigen Beruf unseres Jungen liegen wir uns täglich in den Haaren. Nach Hans soll er Jura studieren: »Es kann in Deutschland werden Nur Großes ein Jurist, Weil ihm des Blickes Weite Ja angeboren ist.« Ich bin gegen diese trockene Wissenschaft. Ich habe die Idee mit dem Flügel aufgegeben und will unserem Jungen nach bestandenem Abiturium ein Rittergut kaufen; Hans und ich fahren dann Sonnabends immer hinaus und bleiben bis Montag, und Du kommst auch, Herzensmutter. Dabei fällt mir Deine Frage ein, wann Du zu uns kommen sollst? Ich denke, so in drei Wochen machst Du Dich auf, Du willst ja wohl noch Station bei Karl und Olga halten, ach, herzliebste Mutter, wie sehne ich mich nach Dir! Gott behüte Dich und Hans und mich und – – unsern Jungen! * Telegramm. Ein prächtiges Mädchen! Alles wohl! Komm bald! Hans und Lisel. * Liebste Mutter! Wie jammerschade, daß wir nicht immer in einer Stadt wohnen können, daß Du nur immer auf so kurze Zeit uns aufsuchen kannst. Du hast gar zu wenig von Deinem Enkelchen. Und daß Du zur Taufe nicht kommen konntest, war geradezu schrecklich für mich. Hoffentlich bist Du wieder ganz auf dem Damm, Dein lieber Brief mit seinen treuen Segenswünschen für das Wohl unseres Lieblings war mir das schönste Festgeschenk. Tante Emerenzia, welche wir zur Patin gebeten hatten, aus dem greulichen, unvernünftigen Grunde, weil sie es ›sonst furchtbar übelnehmen würde‹, kam nicht nur nicht zur Taufe, sondern schickte auch nicht die Bohne, was wir natürlich sehr schofel fanden. Dabei schrieb sie pikiert, ›wir hätten ja das Kind nicht einmal nach ihr benannt‹. Ich bitte Dich – ›Emerenzia!‹ Natürlich nennt nun Hans aus Ulk unsere süße Hilde ›Emerenzia‹, ich hab' es ihm aber strengstens untersagt. Hans teilte am Tauftage die Briefe der Verwandten in poetische und unpoetische ein. Bei Tante Emmys Brief aus Hamfelde war er ganz gerührt, zerdrückte eine Krokodilträne und seufzte: »O, wie poetisch!« Dabei hielt er mir einen Hundertmarkschein hin, den sie hineingelegt hatte. Ich weiß nun, was Hans unter Poesie versteht. Der uns gänzlich unbekannte Pfarrer hielt eine furchtbar traurige Rede, die ich überhaupt gar nicht in Zusammenhang mit der Taufe unseres Kleinchens bringen konnte, Hans meint, der Pastor hätte sie mit der Leichenrede verwechselt, die er eine halbe Stunde später halten sollte. Wir atmeten alle auf, als er endlich fertig war, Hans sogar hörbar, was recht peinlich wirkte. Das Taufessen schmeckte allen sehr gut, nur Onkel Franz war bald knüll, weil er unsern netten Graacher Tischwein stehen ließ mit der Begründung, ›Mosel‹ mache ihm ›Säure‹, dafür den Extrawein auspichelte, den wir nur glasweise geben wollten. Infolgedessen hielt er nachher eine Tischrede, in deren Anfang er Hans Vorwürfe machte, weil er sich noch gar nicht entschuldigt habe, daß ›der Erstling unsrer Herde‹ nur ein Mädel sei. Fortsetzung und Schluß der Rede waren so, daß ich am liebsten unter den Tisch gekrochen wäre, dann ließ er unsere ›Schwiegersöhne und -töchter‹ leben. Ältere Herren können grauenhaft sein. Als Nachtisch wurde Hilde herumgereicht; aber natürlich hatte niemand außer ein paar netten Frauen Verständnis für das süße, entzückende Wesen. »Kleine Kinder sehen sich alle gleich,« sagte Kollege Rödel weisheitsvoll, bekam aber einen so strafenden Blick von mir, daß er ganz rot wurde und sich in die äußerste Ecke zurückzog. – Junggesellen dürften nach meiner Meinung überhaupt nicht mitreden, wo es sich um etwas so Heiliges, Wonnevolles handelt, von dem sie doch absolut nichts verstehen. Frau Major Schönfeldt fand das Kind auch überraschend klug für seine fünf Monate und die Ähnlichkeit mit Dir geradezu verblüffend. Es ist eine sehr verständige Dame, auch ungeheuer liebenswürdig, ich bin sehr froh, daß wir Schönfeldts hier haben, als einzige, nähere Freunde von Dir und Vater. – Gerade als wir in einer recht anregenden Debatte über Kindererziehung waren (jeder hatte eine andere Auffassung der Sachlage), hörten wir in dem Zimmer, worin die Herren saßen und rauchten, so lautes Reden, daß wir Damen ganz erschrocken aufstanden und nach der Tür liefen. Richtig, sie hatten sich beinahe an den Haaren. Der Major ist ja trotz seiner Jahre noch sehr aufgeregt, er schlug mit der Faust auf den Tisch und wollte Onkel Franz von irgend etwas überzeugen, dieser überschrie ihn aber noch. Von Darwin und Häckel und Vererbung und Affen redeten sie; ist das wohl ein Thema, das man am Tauftage seiner Erstgeborenen aufkommen läßt? Hans war auch sehr laut und schien ganz vergessen zu haben, daß er Wirt war und Kollege Rödel saß am Ofen in der dunkelsten Ecke und weinte. Ich war furchtbar erschrocken, denn ab und zu stöhnte er: »Sie verachtet mich! Die Gattin meines besten Freundes verachtet mich!« Ich wollte zu ihm hin, um ihm zu sagen, daß ich ihn nicht verachte, sondern nur unsagbar greulich fände; aber Hans ließ es nicht zu, sondern meinte, das ginge schon wieder vorüber, dabei legte er ihm von neuem einen vollgesogenen Schwamm auf, von welchem ich mich mit einem Blick überzeugte, daß es mein eigener, heilig gehüteter Badeschwamm war. Wir gingen sehr geknickt wieder hinaus, da wir keine Möglichkeit vor Augen sahen, die Streitenden auseinander zu bringen, deren Disput immer heftiger wurde. Dann brachte uns Minna Kaffee herein und bemerkte mit bezeichnender Daumenbewegung zum Herrenzimmer hinüber: »Was die Kochfrau is, sagt: ›Wenn ihr Mann mit seinen Freunden zu laut würde, un es wär' schon spät, denn drehte sie den Haupthahn von dem Jase zu, denn würd' mancher vor Schreck un Dunkelheit wieder nüchtern.‹« Ich erschrak vor diesem Gewaltmittel; aber die Majorin stimmte der Kochfrau zu, und da der Tumult immer größer wurde, gab ich endlich Minna die Erlaubnis, das Manöver auszuführen. Ich suchte mir zwei Leuchter und Streichhölzer, um sie im kritischen Augenblick zur Hand zu haben. Richtig, nach knapp acht Minuten saßen wir im Dunkeln und waren schon solche Schauspieler geworden, daß wir aufschrien, als käm's uns unerwartet. Drüben tönte Hansens ärgerliche Stimme: »Zum Donnerwetter, was ist denn los?«; aber als ich mit Licht kam, hatte Onkel Franz doch den Uniformknopf des Majors losgelassen, an dem er ihn schon eine halbe Stunde lang hin und her zerrte, und Kollege Rödel hörte mit Weinen auf, lachte aber dafür blöde und unmotiviert. »Meine gnädigste Frau,« sagte der Major ganz sanft und ruhig, als ich jetzt mit Licht kam, »es wird die höchste Zeit, daß wir aufbrechen, das Schicksal selbst scheint es so zu wollen.« Und richtig, sie gingen alle, und ich segnete im stillen meine Kochfrau und den Gashahn. Minna brachte die Herrschaften herunter, und als sie wiederkam, erzählte sie, Herr Rödel habe sie ›umgekriegt‹ und angesungen: »Entflieh mit mir und sei mein Weib.« Sie hätte ihm aber gesagt, sie wollte nicht über ihren Stand heiraten. Nun habe er ihr aber zehn Mark Trinkgeld gegeben und das sei doch sicher ein Irrtum. Die ehrliche Seele legte das Geldstück auf den Tisch des Hauses nieder, »der Herr möchte es nur seinem Freunde wiedergeben.« Hans war aber schon ins Schlafzimmer gegangen und schnarchte in allen Tonarten, als ich mich endlich auch hinlegen konnte. Am andern Tage nahm Hans die zehn Mark mit nach dem Bureau und gab sie dem Kollegen Rödel, der ihn dafür stürmisch umarmte. Es waren die ›Letzten der Mohikaner‹ gewesen, mit denen er noch 25 Tage auskommen sollte. Er händigte nun Hans zehn Pfennige dafür ein, dieser legte neunzig dazu, und so bekam Minna ihre Mark Trinkgeld, die sie redlich verdiente für all die Arbeit, welche ihr der Tauftag gebracht. Als wir nach Tisch gemütlich auf dem Sofa saßen, machte ich Hans noch ein klein bißchen Vorwürfe, daß er sich mit den Herren ins Rauchzimmer zurückgezogen hatte; daher war all der Trubel gekommen, denn wenn Damen dabei sind, nehmen sich die Männer immer mehr in acht. Hans sagte aber, schon in der Bibel stünde, die Böcke sollten zur Linken und die Schafe zur Rechten stehen! Sobald nun Hans mit der Bibel kommt, bin ich still, denn er hat mal Theologie studieren wollen, oder vielmehr sollen und weiß gut Bescheid. »Im übrigen,« sagte Hans, »finde ich, daß ›Taufen‹ eine sehr anstrengende Beschäftigung ist.« Damit legte er sich zum Nachmittagsschläfchen nieder. Ade, meine Mutti! Dein treues Lisel. * Liebstes Muttchen! Oft, wenn ich jetzt so unter den Kindern sitze, mit ihnen arbeite oder spiele, dann muß ich an den Tag denken, an dem unsere Hilde geboren wurde, die absolut ein ›Helmut‹ sein sollte. Ich sehe dann deutlich das verblüffte Gesicht von Hans vor mir, mit dem er ausrief: »Es ist ja nicht möglich.« Und wie er Frau Scholz fragte: »Sie haben sich doch nicht geirrt?« und sie ihm antwortete: »Irren is nich.« Als Mutter findet man sich ja sofort mit der veränderten Situation ab, Du weißt am besten, wie über alle Begriffe glückselig ich über mein Mädel war, und Hans benahm sich auch tadellos damals, aber die rauschende Freude, der grenzenlose Jubel, mit dem er Ottos Geburt begrüßte, war doch so ganz anders. Ich glaube, wenn ich verlangt hätte, das Kind solle ›Nebukadnezar‹ heißen, er hätte es zugegeben, um mir keinen Wunsch abzuschlagen. Er fand es damals geradezu engelhaft von mir, daß ich nichts gegen den Namen ›Otto‹ einzuwenden hatte. ›Name ist Schall und Rauch!‹ Aber jetzt wollte ich oft, wir hätten einen einfachen ›Peter‹, ›Hans‹ oder ›Stoffel‹ aus ihm gemacht, anstatt Vergleiche mit seinem großen Namensvetter herauszufordern; ich fürchte, Otto wird nichts weniger als ein Bismarck. Hilde ist entschieden begabt, ein helles Mädel, dazu strahlend lustig, unseres ganzen Hauses Sonnenschein. Otto lernt schwer, er braucht zwei Stunden zu etwas, was Hilde in einer Viertelstunde kapiert hat; aber ich behaupte, es sitzt dann auch fest bei ihm. Hans wird aber so leicht ungeduldig und heftig, wenn er mit dem Jungen arbeitet, ich zittere schon immer, wenn die Stunde kommt. Und ist sie vorbei, dann geht der Junge so scheu und gedrückt umher, und Hans ist verstimmt und behauptet: »Aus Otto wird nichts.« Sage ich dann ein gutes Wort zu dem Jungen, dann bekomme ich wohl zu hören: »Du wirst ihn noch in Grund und Boden verziehen.« Doch das werde ich nie, Mutter, und das alles sind auch nur ganz leise Schatten, die über unser Glück huschen, doch möcht' ich auch diese gern bannen. Die Hauptschuld an Ottos Zerstreutheit trägt wohl hauptsächlich seine Geige. Manchmal denke ich, es wäre besser gewesen, wir hätten ihm das Erbstück nie in die Hand gegeben. Aber er lebt und webt ja in der Musik, sein Lehrer ist entzückt von seiner Begabung, und ich wünschte nichts sehnlicher, als Du könntest ihn hören, wie er die ›Elegie von Ernst‹ spielt, mit welcher Zartheit und Innigkeit, und welcher Ausdruck dabei in seinen dunkeln Augen liegt. Und nun komme ich zu unserm Nestkücken, dem Felix-Fritzel, ein Staatsbengel, Mutti, ein Staatsbengel! Er gleicht meinem Hans auf ein Haar, während Hilde und Otto mehr mir ähnlich sehen, vor allem mit dem S.'schen ›Quadratschnäuzchen‹ begabt sind. Felix-Fritz ist die Schönheit der Familie und gleichfalls musikalisch – von seinem blonden Lockenköpfchen an, bis zu der winzig kleinen Zehe. Du solltest ihn singen hören mit seinen zwei Jahren, glockenhell und rein das schwere Lied: »O Täler weit, o Höhen«, freilich im Texte nach seinem noch etwas mangelhaften Sprachvermögen umgewandelt: »O Täle weit, o Höte O ßöner gröner Wald Du meine Luttewete Andässer Aufelhalt.« Wie süß das klingt und wie andächtig er singt, – zu schildern ist es nicht. So halte ich ihn des Abends auf dem Schoß, Otto an der einen Seite, Hilde an ihren Vater geschmiegt und mein Hans umfängt mit seiner großen, starken Männerhand das kleine Kinderhändchen, das ganz darin verschwindet, und ich schaue auf die lieben Köpfe ringsum – Mutter, ich bin namenlos glücklich! Sind dann die kleinen Krabaten alle zur Ruhe, dann kommen noch die köstlichen Musik-, Plauder- oder Lesestündchen mit Hans allein, wir besprechen die Ereignisse des Tages, gleichen etwaige abweichende Meinungen in der Kindererziehung aus: und dann machen wir wohl auch ein bissel Unsinn und tollen umher, bis wir uns besinnen, daß wir gesetzte, würdige Personen sind. Hans ist ja so wenig bei mir, seine Reisen nehmen beinahe 23 Tage von jedem Monat fort und ich kann auch singen: »Ja, der Kopf is für'n Kaiser, Doch das Herz, das ist mein!« Da ist mir manchmal bang, wenn ich daran denke, wie die Erziehung unserer ›Drei‹ beinahe ganz auf meinen Schultern liegt; aber dann denke ich an Dich, Geliebtes, und wie Du auch früher so viel allein warst, unter viel schwierigeren Verhältnissen als ich, wenn man in Betracht zieht, daß unser Väterchen drei Feldzüge mitgemacht hat. Und Deine Kinder, meine Mutti, sind doch alles prächtige Menschen – – ach – Scherz beiseite – Gott schenke mir Kraft, meinen Kindern allzeit eine gute Mutter sein zu können! Und sowie die Hilde aus der Schule ist, also in ungefähr neun Jahren, soll sie kochen lernen, daß die Welt nur so staunt, Pfordte in Hamburg soll ein Waisenknabe dagegen sein. Es ist ja nun einmal eine traurige, aber unbestrittene Tatsache, daß die Liebe des Mannes durch den Magen geht. In den ersten drei Wochen unserer Ehe, als Hans so über die Maßen zärtlich war, fragte ich ihn manchmal, ob er im Falle des Verhungerns lieber ein Beefsteak oder einen Kuß von mir nähme, worauf er unter tausend Beteuerungen den Kuß begehrte und entschieden vorzog. Ein Jahr darauf antwortete er schon sehr gedehnt: »Weißt du Lisel – ein saftiges Beefsteak, und denn so mit braune Zwiebelchens – – –« Und heute erklärte er mir, freilich mit lustigem Augenzwinkern: »Ich hätte schon vor Jahren ein Beefsteak vorgezogen, aber du konntest ja damals noch nicht kochen – –« So sind die Männer! Trotz alledem habe ich noch immer den besten erwischt, wenn auch Schwester Olga ihren Karl dafür ausgibt; freilich Hans behauptet: Jede Frau hat den besten Mann, die klügsten Kinder, die schlechtesten Dienstboten und – nichts anzuziehn. Dein Lisel. * Liebstes Muttchen! Ich soll Dir von unserer Sommerfrische erzählen? Nun, ich will's tun, aber schon der Ausdruck ›Sommerfrische‹ kann mich in Wut bringen in Anbetracht, daß ich bei 27 Grad Reaumur im Schatten bis jetzt nur geschmort, gebraten, gedörrt worden bin. Wenn ich denke, wie reizend unsere früheren Sommerfrischen in Kammerberg waren, wo der Thüringer Wind durch den Thüringer Wald fegte, und uns den Sommer so frisch machte, daß Vater abends einen tüchtigen Grog brauen ließ. Schon früh am Kaffeetisch ist es hier unerträglich heiß, man sitzt sich mit blödem Lächeln gegenüber und denkt an nichts; nur Leute, die es absolut ohne geistige Arbeit nicht aushalten können, zählen die Fliegen. Der Name des Bades: ›Finsterwalden‹ ist geradezu ein Hohn auf die ungefähr zwanzig Fichten, die in einiger Entfernung vom Strand trübselig umherstehen; man müßte die Badedirektion ob dieses Namens verklagen, denn er besticht die vernünftigsten Leute. Hans war auch sehr für ›Finsterwalden‹, da die volle Pension nur drei Mark beträgt, für Kinder eine Mark und fünfzig Pfennige. Natürlich konnte Hans in letzter Stunde nicht mitkommen, weil der Urlaub sich verschoben hatte; irgendein unausstehlicher Kollege mußte notwendig eine große Reise machen, trotzdem er Junggeselle ist und auf die Schulferien keine Rücksicht zu nehmen hat. Otto nahm noch eine Tracht Prügel von seinem Vater mit, weil er im Zeugnis zwanzigster von 27 Schülern geworden war, vorher war er achtzehnter. Ich hasse die Zeugnisse vor den großen Ferien, sie können einem die ganze Reise verderben. Hilde war auch heruntergekommen, die Sache wurde aber nicht so tragisch genommen. »Wenn sie nur kochen lernt und später nicht sitzen bleibt, meint Hans, jetzt kann sie's noch.« Hilde ist infolgedessen lange nicht so geduckt, wie sie es eigentlich sein sollte, und mein sonst so frischer Junge sitzt immer noch mit einer Zornesfalte zwischen seinen Blauaugen da. Im Anfange hat er nicht mal gebadet, weil man die Prügel noch ›sah‹. Für Felix-Fritz habe ich Minna mitgenommen, er ist noch gar so »unbedarwt« und ich hätte sonst nicht einmal baden können. Hans blieb in guter Obhut von Köchin Dorette, die, wie sie sagt: »den Herrn kocht und wäscht.« Minna hat sich aber hier leider einen Schatz angeschafft, sie singt den ganzen Tag: »denn für die Buben hab' i die Dirndl g'macht,« eine Tatsache, die in diesem Falle recht ärgerlich für mich ist. ›August‹ ist der Hausknecht zum ›blutigen Knochen‹, welchen geschmackvollen Namen das Dorfwirtshaus zu Finsterwalden führt. Er ist ein Riese und mit einer wahren Donnerstimme begabt. Wenn er leise und sanft zu meinem kleinen Felix ›Guten Tag, mein Jungchen‹ sagt, so brüllt das Kind vor Angst und Grauen. Leider scheint es keine vorübergehende ›Kommißneigung‹ zu sein, sondern eine ernsthafte Liebe mit darauffolgender Hochzeit, weshalb ich die nächste Aussicht habe, meine gute, tüchtige Minna zu verlieren. Gottlob, Dorette bleibt mir, sie hat sich das Heiraten verschworen, nachdem sie neulich ihren fünfzigsten Geburtstag gefeiert und ausgerufen hat: »Was die Männer sind, taugen alle weniger wie nischt.« Wir essen hier alle gemeinsam. Sobald die ›Fütterung‹ angesagt wird, was durch ohrzerreißendes Getute auf einem Kuhhorn geschieht, rast jeder auf seinen Platz, denn serviert wird nicht, sondern jeder nimmt sich selbst, wobei der Frechste am besten wegkommt. Neben mir sitzt links eine ältere Dame, sie hat schon den dritten Mann begraben, weshalb sie eine gewisse Fertigkeit darin bekommen hat, und mit Vorliebe von der praktischen Ausführung von Leichenbegängnissen spricht. Ihre Männer, von ihr ›mein Paul selig‹, ›mein Konrad selig‹ und ›mein August selig‹ genannt, sind an fürchterlichen Leiden gestorben, deren Einzelheiten mir immer morgens nüchtern verabreicht werden. Ich habe mir deshalb einen kleinen Kümmel angewöhnt, schäme mich aber jedesmal, wenn der Kellner ihn bringt. Gegenüber sitzt eine Mutter mit zwei unausstehlichen Kindern; mir zuckt es immer in den Fingern, den Gören einen Klaps zu verabfolgen, wenn sie die Anwesenden mit Wein- oder Bierpfropfen werfen, oder laut schreiend die Annahme des Gemüses verweigern, dagegen vom Pudding sich so viel aufladen, daß unsere Ecke beinahe nichts bekommt. Allen Unarten setzt aber die Mama nur ein phlegmatisches: »Aber Lenchen! Aber Fränzchen« entgegen. Gestern spuckte ›Fränzchen‹ auf seinen Teller und ›Lenchen‹ machte es ihm umgehend nach, worauf die Mutter lächelnd mit dem Finger drohte. »Verdienen nicht jetzt die beiden einen Klaps?« wagte ich bescheiden zu bemerken. Die Mutter sah mich hoheitsvoll an. »Ich schlage meine Kinder nie,« sagte sie, »selbst bei den größten Unarten nicht.« »Das merkt man.« »Eigentliche Unarten besitzen meine Kinder überhaupt nicht,« fuhr sie fort, »es sind das nur kleine, selbständige, amüsante Regungen einer unverfälschten Kindesseele, die man nicht unterdrücken darf. Schlagen ist barbarisch, eine verwerfliche Sitte, mit der man den zarten Hauch von den Kinderseelen streift.« Ich neigte stumm das Haupt über meinen Teller, auf dem ein zähes Beefsteak lag und wünschte dem Rindfleisch so viel Hiebe, wie ›Lenchen‹ und ›Fränzchen‹ nicht bekommen hatten. Von meinem Jungen aber fing ich einen vorwurfsvollen Blick auf, welcher sagte: » Mein Seelenhauch ist längst weg!« Meine größte Abneigung aber, und der Schrecken der ganzen Badegesellschaft ist der ›Erfinder‹. Wenn das ›Erfinden‹ unliebenswürdig macht, dann müssen Edison und Marconi wahre Greuels sein. Der Erfinder sitzt an meiner rechten Seite und heißt ›Meyer‹, was eigentlich auf einen friedlichen Lebenswandel hindeutet. Er ist aber noch friedloser, als der ewige Jude, der vielleicht auch ›Meyer‹ mit Nachnamen hieß. Hätte ich geahnt, wen mir das Schicksal zum Nachbar geben würde, hätte ich lieber Otto oder Hilde neben mir sitzen lassen, anstatt die Kinder mit Minna an den Katzentisch zu verdammen. Ehe sich der ›Erfinder‹ neben mir niederläßt, betrachtet er fünf Minuten lang tiefsinnig seinen Stuhl, an dem er durchaus eine Verbesserung erfinden will, anstatt einzusehen, daß das Rohr durchgesessen ist und der Stuhl zum Korbmacher gebracht werden muß. Gestern brachte er uns um die ganze Bratensauce, weil er urplötzlich das Gefäß umdrehte, um auf der Rückseite etwas zu sehen. Als die Bescherung auf dem Tische lag und über unsere Kleider floß, sagte er kopfschüttelnd: »Das ist ja furchtbar unpraktisch, dem muß abgeholfen werden.« Und er begann auf einem Blatt Papier eine Saucenschale aufzuzeichnen mit Schrauben und Hebeln, Sammelvorrichtung und Ausguß, rechts- und linksseitig zu benutzen, ein wahres Ungetüm, das ihm hoffentlich das Patentamt an den Kopf wirft. Na, überhaupt das Patentamt! Ich höre nichts als die gröbsten Verbalinjurien gegen dieses Institut. Es schickt Herrn Meyer seine besten Erfindungen zurück, wie beispielsweise gestern sein ›Exzelsiorfett‹ (Herr M. ist von Natur Chemiker), das, ›auf Reisen geradezu unentbehrlich‹, die schmackhafteste Naturbutter ersetzt, gleichzeitig ein vollendetes Haaröl darstellt, ebenso eine tadellose Wichse für helle Schuhe und last not least ein Zug-, Heil- und Wundpflaster für alle ›Weh-Wehs‹. Um Herrn Meyers Wut über den ›Patentfritzen‹ etwas zu besänftigen, habe ich mich verleiten lassen, meine schönen neuen Strandschuhe mit seinem Mittel einzufetten, ebenso den widerspenstigen Haarzopf unserer Hilde: beide, Schuhe und Zopf haben eine greuliche Farbe bekommen und nun weigere ich mich entschieden, meine Frühstückssemmel mit Exzelsiorfett zu bestreichen. Herr Meyer findet, daß ich noch nicht auf der Höhe der Situation stehe. Er ist jetzt ein paar Tage lang nicht zum Essen gekommen und haust einsam auf seiner Bude. Bei uns im Gasthaus darf er nicht wohnen, denn bei seinem vorigen Wirt ist er schon einmal explodiert, natürlich nicht Herr Meyer selbst, aber so alles drum und dran in seinem Laboratorium. Herr Meyer hat bei dieser Geschichte ein Auge, ein Ohrläppchen und drei Finger eingebüßt, was ihn nicht gerade verschönt. Ich fragte ihn, was seine neueste Erfindung sei; aber er schwieg geheimnisvoll. Nun sagte mir Otto, ›Herr Paul‹ habe ihm verraten, es sei eine ›Chaiselongue, die man zugleich als Federmesser in die Westentasche stecken könne‹. Damit komme ich zu ›Herrn Paul‹. Wie er mit Zunamen heißt, weiß ich nicht, es kümmert mich auch nicht, er wird von jung und alt ›Herr Paul‹ genannt. Herr Paul hat sich freiwillig an den Katzentisch zur Kinderschar gesetzt, und hier verdreht er meiner Minna, trotz ihres Verlöbnisses mit dem blutigen Knochen, den Kopf und lehrt die Kinder die schrecklichsten Dummheiten. Herr Paul kann alles und deshalb schwören sie blindlings auf ihn. Er frißt Feuer und Tranchiermesser, er hat eine Zunge so lang wie ein Zentimetermaß, mit der er überall hinkommen kann, er zaubert den Kindern Pfennige aus der Nase, die er ihnen dann schenkt, er steht unheimlich lang auf dem Kopfe, bis ihm die Augen wie auf Draht gesteckt hervorquellen. Alles das versuchen Hilde und Otto nachzumachen, und so bin ich nach Tisch in einer ewigen Hetzjagd nach den Kindern, um entweder Hilde das Tranchiermesser zu entreißen oder Otto das brennende Streichholz auszupusten, das er eben in den Hals stecken will. Das kann man doch keine Erholung nennen! Nun habe ich Herrn Paul eidlich verpflichtet, daß er den Kindern keine Dummheiten mehr beibringen will, und so erzählt er ihnen jetzt Märchen, die er dann gleich dramatisch aufführt, was belehrend und erheiternd wirkt. So sahen wir gestern am Strande Schillers ›Taucher‹. Herr Paul hatte sich seine Badelaken malerisch umgeschlungen, da er wohl selbst noch nie einen König in Schwimmhosen gesehen hatte, und schrie sein Gefolge an: »Wer wagt es, Rittersmann oder Knapp?« Natürlich war Otto derjenige, welcher; – natürlich tauchte er unvernünftig lange und Minna, die neben mir stand, sagte: »Neulich is mal einer im Wasser geplatzt, wie er auch zu lange getüchtert hat.« Aber nein, Otto kam ungeplatzt hoch, und dann erlaubte ich nicht, daß er das zweite- und drittemal hinabging, um Ring und Jungfrau zu gewinnen. Letztere wimmerte in Gestalt eines dicken, kleinen Mädchens neben dem Könige im nassen Sande herum. Augenblicklich studiert Herr Paul ›Frau Holle‹ mit den Kindern ein, ich selbst habe ihm das reizende Märchen vorgeschlagen. Er hat nun die ganze Kinderschar mit in den ›Wald‹ genommen (siehe die zwanzig Fichten), eine wonnige Ruhe liegt über der ganzen Umgebung, Minna und Klein-Felix sind zum Zusehen mitgegangen; so kann ich endlich einmal ungestört an meinem Schreibtisch sitzen. * Liebste Mutti! Da bin ich wieder daheim. Ach, und in welch greulicher Verfassung habe ich abreisen müssen von Finsterwalden. Es war nach dem oben geschilderten friedlichen Nachmittag. Der Friede hielt mehrere Stunden an, dann kamen die Kinder jubelnd heim, Frau Holle erfüllte ihre ganze Phantasie, sie erzählten ganz allerliebst, und wir Eltern schüttelten Herrn Paul dankbar die Hand für seine Mühewaltung. Dann sagten wir den Kindern, daß sie einstweilen schön weiterspielen möchten, während wir uns nach Herrn Meyers Laboratorium begaben, wo er uns eine Menge Erfindungen und Experimente vorführte, bis wir es vor üblem Geruch nicht mehr aushalten konnten. Am nettesten gefiel mir noch eine Meyersche Kaffeemühle, D.R.P. Nr. 22498, welche beim Mahlen ›Ach du lieber Augustin‹ und den ›Pilgerchor aus dem Tannhäuser‹ spielt. Als ich recht vergnügt und erholt zurückkomme, und in unser Schlafzimmer trete, muß ich gleich mit der Hand in der Luft herumfuchteln, denn die ganze Stube ist voll Federn, immer mehr kommen, immer mehr und in seinem Bettchen sitzt Felix, schneidet mit der Schere kreuz und quer durch Kissen und Oberbett und lacht mich strahlend an: »Wir spielen Frau Holle, Felitz sneidet allens putt.« Das sah ich, auch mein Bett war bereits ›putt‹. »Wo ist Minna?« schrie ich. Ja, wo war Minna? Aus dem Nebenzimmer kam fröhlich Otto gelaufen, erschrak aber, als er das Federgewimmel entdeckte. Hinter ihm kam, – doch nicht Hilde, mein blondlockiges Mädel? Ja, ihr Kleid hatte das schwarze häßliche Geschöpf an, was da vor mir stand, und – als ich entsetzt es näher betrachtete, da erkannte ich an den strahlenden Blauaugen mein eigen Fleisch und Blut. »Ums Himmels willen, was macht ihr da?« »Ich bin die Pechmarie,« sagte Hilde seelenruhig und vergnügt. Da sah ich denn das Unheil in seiner ganzen Größe. Otto hielt einen ordentlichen Teerquast in der Hand, eine Bütte mit Teer stand im Wohnzimmer und hatte ihren schwarzen Inhalt über Gesicht und Hände meines Kindes ausgeleert. Zum Vergrauen sah Hilde aus. Ich rannte hinaus, laut nach Minna schreiend, und fand sie selig kosend im Pferdestall mit dem Hausknecht vom ›blutigen Knochen‹. Unbekümmert um ihre Gefühle zerrte ich sie nach oben und nun fetteten wir gemeinsam das Kind mit einem Pfund Margarine, einem Pfund Schweineschmalz und einer Büchse von Herrn Meyers teuerem Exzelsiorfett ein. Aber es nützte nichts. Da bin ich denn unter mitleidigem Gelächter des Publikums abgereist, nachdem ich dem Wirt zwei Betten ersetzt, eine Ausgabe, die ich noch lange spüren werde. Dann kam ich nach Hause, fiel Hans schluchzend um den Hals, was ihn schon sehr erschreckte und unbehaglich stimmte, und als ›Pechmarie‹ aus der Droschke stieg, schrie Dorette: »Jesses, das Kind hat die Blattern!« Und nun dies Erklären, diese Verstimmung, diese Heulerei und erneute Fettkur mit Hilde, dem Unglückswurm! Zehn Tage bin ich nicht herausgekommen, zehn Nächte habe ich kaum geschlafen, erst heute machte ich, von heftiger Migräne geplagt, einen kleinen Spaziergang. Da begegnete mir die Majorin Schönfeldt und rief entzückt: »Liebste, wie wohl sehen Sie aus, Sie waren gewiß in der Sommerfrische!« Ade, liebes Muttchen! Der Brief ist schier ellenlang geworden und woher kommt das? Weil der Mensch mehr Worte findet, wenn er zornig ist, als wenn er im Glücke sitzt. Und mit dieser philosophischen Betrachtung schließt heute Dein Lisel. * Minna und Dorettchen sitzen in der sauber aufgeräumten Küche an dem blitzblank gescheuerten Küchentisch. Dorette strickt an einem soliden Strumpf, einer ist schon fertig und mit riesigen Buchstaben D.B. 10. gezeichnet. Dorette ist die personifizierte Ordnung. Minna häkelt einen ›Zwischensatz‹. Ein ganzer Stoß Zwischensätze liegt schon neben ihr im ›Hamsterkasten‹, wie der Volksmund jene geheimnisvollen Truhen bezeichnet, die dazu bestimmt sind, nach und nach die Aussteuer einer verliebten oder verlobten Jungfrau aufzunehmen. Dorette brummt. »Sie brauchen nicht so ›mucksch‹ zu sein, Dorettchen,« sagt Minna und zieht den Faden des Häkelgarns so hastig an sich, daß das Knäuel wie wild durch die ganze Küche rollt. »Es ist meine Ausstattung und ich kann sie so ›elogant‹ machen, wie ich will.« »Phh, elogant,« ruft Dorette heftig und vergißt sich so weit, derb auszuspucken, »ich möcht' mich bedanken vor Zwischensätze und so 'nen Kram, wo man's Häkelmuster frühmorgens auf die Backe hat.« »Es is aber so mode,« trumpft Minna. »Mode! Phh! Mode!« stößt Dorette wieder ärgerlich heraus, »'n solides, einfaches Mädchen braucht keine Moden. Das is for Herrschaften, die nischt anders zu tun haben, als andern Leuten nachzuaffen. Un in der Zeit, wo Sie das schwere Muster zusammenprünen, könnten Sie en ordentlichen Strumpf stricken.« »Die kauft man jetzt fertig.« »So! Fertig! Und denn nicht ordentlich zum Stopfen. Un denn mit die Löchers. Oben hui und unten pfui! Und für wen? Für wen sin die Ausgaben? Für'n Mann! Für 'ne gewöhnliche Mannsperson!!!« »Na 'n Besenstiel kann ich doch nich heiraten!« »Besser wärsch! Un weniger Ärger wär' in der Welt, wenn's nur Besenstiele un keine Männer gäb.« Minna und Dorette sind längst aufgesprungen und stehen sich kampfbereit gegenüber. Nun aber muß Minna lachen, wenn sie an die Welt voll Besenstiele und ohne Mannsleute denkt. Ihr Lachen entwaffnet Dorettens Zorn. Sie setzt sich und strickt weiter. »Dorettchen,« sagt Minna jetzt ganz sanft. »Was hilft das allens? Ich bin dem August doch gut! Und er liebt mir.« »So? Liebt er Ihnen? Ach, Minnachen, das sagen sie alle.« »Bei meinem August is das aber auch wahr!« »Sehn Sie, Minnachen, das sagen auch alle Frauenzimmer. Minnachen, ich red' aus Erfahrung. Ich war auch nich immer fufzig Jahr, ich war auch 'n scheenes Mädchen mal.« Dorette sieht zum Glück nicht den zweifelnden Blick ihrer Genossin. »Wie unklug war das Mannsvolk hinter mir her,« fährt Dorette fort. »Ich habe sie alle durchstudiert, denn damals war ich noch bei Regierungsgsrats, un die wurden alle Nase lang mal versetzt. Ich bin mit 'n ›Frankfurt am Mainer‹ gegangen, un das war 'n lustiges Huhn; aber so fidel wie er war, so untreu war er auch, un denn hat ich 'n Erfurter, der war wohl treu, aber er brauchte viel und hat meine Ersparnisse verjuchheit, und dann starb er. Wär' er man vorher gestorben! Un denn hat ich 'n Berliner – na, von dem will ich man gar nich reden, und denn en biedern Schleswig-Holsteiner meerumschlungen, der konnte so timide tun und sein drittes Wort war: ›Up ewig ungedeelt.‹ Ja woll, – jetzt sitzt er in Sleswig an der Slei mit ›'ne Fru un säben Kinner‹, wie er mir schreibt und bei jedem ›Lütten‹ bittet er mich zur Patin, so'n, so'n – –« Dorette spuckt wieder aus. »Und da hab' ich denn das Heiraten verschworen.« Minna seufzt. Sie zieht aus der Küchentischschublade ein Spiel Karten, was arg zusammenklebt, und legt sich Patience. Immer heller und glücklicher wird der Ausdruck ihres Gesichtes, je länger sie legt, und schließlich ruft sie froh aufatmend: »Nee, nee Dorettchen, sein Se man keene Unke, er liebt mir!« Dorette zuckt überlegen die Achsel, und das wurmt Minna, so daß sie mit dem letzten Beweise anrückt. Umständlich, und ohne auf das spöttische Mienenspiel Dorettens zu achten, knöpft sie ihre Taille auf und zieht einen Brief hervor, zerknüllt und von unbestimmter Farbe. Sie streicht liebevoll glättend über das Papier und gibt Doretten einen aufmunternden Puff in die Seite. Dorette legt den Strickstrumpf weg und liest leise nach, was Minna ihr laut vorträgt: »Geliepteste Mina!« Mit Freuden ergreiffe ich die Fehder, wo ich eben Mist for den Wirt gefahren habe und hofe, das Du mir liepst in ewiger Treuhe. Das Korn noch nich rein un ein ewiger Regen un Matsch das ein Donnerwedder mecht neinschlagen. Un kann kein Uhrlaup kriechen, wo mich doch der Schinder nich loßläßt. Wenig Lohn un nischt im Magen das so Bauernmanihr. Aber wenn die Ernthe vorbei, dann bin ich Dein Mann, geliepteste Mina und Du bist meine Frau un ich schlag jeden den Schädel ein, der mir hindern will. Womit ich unterschreibe achtungsvoll bis in den schweren Tod Dein verbleibender August. Nachschrift: Das Du auch kein ein Mal nach hier machen kannst is schon saudumm.« »Da is Wahrheit drin!« versetzt Minna voll Überzeugung, »un heiraten is unsere Bestimmung.« »Schön!« erwidert Dorette und steht mit einem Ruck auf. Der Liebesbrief ist ihr auf die Nerven gefallen. »Gewarnt hab' ich Ihnen,« sagt sie und hebt den Finger gegen Minna auf, »aber Verliebtheit ist doller als Cholera und Pestilenz. Laden Se mir man nich zu Paten, ich habe schon an die Sieben von meinem ›Verflossenen‹ über und über genug.« Minna wird krebsrot und sieht sehr beleidigt aus, Dorette verläßt mit wuchtigen Schritten die Küche. Minna häkelt weiter an ihrem ›Zwischensatz‹. * Liebstes Muttchen! Die lange Pause in unserm Briefwechsel ist nur dadurch entstanden, daß ich gar so viel um die Ohren hatte. Auf Minna war so kein rechter Verlaß mehr vor ihrer Hochzeit, wenn sie sich auch im großen ganzen treu und brav bis zuletzt gehalten hat. Deshalb versprach ich ihr auch, ihrer Trauung und dem darauffolgenden Kaffee in ihrem neuen Häuschen beizuwohnen, und mein Hans, der überhaupt sehr für den Ausgleich der sozialen Unterschiede ist, kam auch zur Hochzeit des ›blutigen Knochenhausknechtes‹ mit ›Fräulein Minna Schauerlich‹. Das heißt, er ist nicht mehr Hausknecht, und sie heißt jetzt ›Minna Schmeckpeper‹, hoffentlich schmeckt sie aber nicht mehr › Peper ‹ in ihrer Ehe, als es in allen andern Ehen Brauch ist. Ihr Mann ist jetzt Kutscher in einer großen Fabrik, sie haben ihr gutes Auskommen und Dienstwohnung, zwei nette Stuben, geräumige Küche und reichlich Nebengelaß. Die Trauung in der Jakobikirche war recht feierlich, nur der Pfarrer sprach so lang und so außerordentlich graulich, daß die Schrecken der Hölle und einer liebelosen Ehe uns erschauern machten. Merkwürdigerweise weinte diesmal nicht die Braut, sondern das starke Geschlecht. Der Bräutigam schluchzte zum Gotterbarmen; ihn stieß ordentlich der Bock, er hielt Minnas Hand fest umschlossen, was bei dem Riesen eigentlich erheiternd wirkte, denn die ihm augenscheinlich Schutz gewährende Minna ist noch kleiner als ich. Auf Dorette wirkte des Bräutigams Zerknirschung in überraschender Weise. Sie fing gleichfalls an zu weinen, stieß mich mit dem Ellbogen an und wimmerte: »Ach Gott, ach Gott, ich hab' ihm unrecht getan! Is das ein Mann, is das ein Mann!« Gleich nach der heiligen Handlung rannte sie auf ihn zu und rief schluchzend: »Ich will ja Pate sein, – bei allen! Bei allen!« Nachmittags gingen wir dann alle zum Kaffee hin, Hans kam wenigstens auf ein Stündchen und hielt einen wundervollen Toast, schloß aber ganz plötzlich mit einer banalen Redensart, weil der junge Ehemann wieder losheulte, was Hans auf den Tod nicht leiden kann. Minna entschuldigte ihren Gatten, indem sie sagte: »Er war früher immer Kutscher bei vornehme Herrschaften, davon hat er die Nervens.« Leider kamen gegen Abend eine Menge Leute aus der Nachbarschaft, immer wieder mußte ich mit ihnen anstoßen, und noch dazu mit dem süßen ›Samos‹, den ich nicht vertragen kann. Und von diesem Samos hatten sie auch Otto und Hilde eingeschenkt, so daß die beiden Unglückswürmer auf keinem Bein mehr stehen konnten, als wir endlich abschoben. August Schmeckpeper nahm kurz entschlossen auf jeden seiner Riesenarme ein Kind, ich faßte Felix an, und so wanderten wir einträchtig nach Hause. Ich wollte erst um Minnas willen seine Begleitung ablehnen; sie bestand aber darauf, daß er mitging, und er selbst schien es mehr wie gern zu tun, er hastete ordentlich vorwärts, um aus dem Bereich seiner Wohnung zu kommen. Und zu Hause angelangt, wurde ich ihn keineswegs los. Nachdem er in meiner eigenen Wohnung zwei Rohrstühle für sich und mich abgewischt hatte, wie er es wohl vordem öfters im Gasthaus zum blutigen Knochen getan, setzte er sich fest hin, unbekümmert darum, daß mein Hans nicht zu Hause war. Dieser kam nach etwa einer Stunde heim und machte ein wahrhaft klassisches Gesicht, als er mich in der Gesellschaft sah. »Ich sehe gleich mal im ›Bürgerlichen‹ nach, ob dich die Minna nicht wegen böswilliger Entführung ihres Gatten am Hochzeitstage belangen kann,« raunte er mir zu. Aber auch Hans wurde trotz aller angewandten Mittel den neugebackenen Ehemann nicht los, der trotzdem so ängstlich auf seinem Stuhl hin und her rutschte, als wollte er jeden Augenblick aufspringen. Schließlich schoben wir ihn nach der Küche ab und Hans ließ sich in einen Sessel fallen und lachte Tränen. Etwa nach einer Stunde kam Dorette mit Hut und Umschlagtuch herein. »Ich hab' ihm nach Haus gebracht,« sagte sie ruhig, »er wollt' nicht allein gehen.« »Der Riese?« lachte Hans. »Fürchtet er sich?« »Er is man Riese von Statur, aber 'n Kind von Gemüt,« entgegnete Dorette. »Da is heut ein ›annanimer‹ Brief gekommen von eine frühere Liebste an seine Frau und die Minna hat gesagt, sie wollt' ihm schon die ›Laffetten‹ lesen, wenn se heute abend alleine wären.« Hans lachte wieder schallend, und ich stimmte ein. »Fürchtet er sich denn noch?« »Och nee! Es war auch nich nötig. Wie wir hinkamen, fiel ihm Minna um den Hals und weinte, und eiete ihm und küßte ihm. Ach – – –« Dorette seufzte tief und schmerzlich, »ich glaub', Heiraten is doch ganz schön!« »Schrecklich ist's, Dorette! Schrecklich!« rief ich beteuernd und der greuliche Hans lachte von neuem. Nimm meinen Ausspruch nicht ganz wörtlich, geliebte Mutti; aber was soll ich denn anfangen, wenn Dorette auch auf solche Schliche kommt? Dein glückliches Kind. * Liebste Mutter! Die ›Saison‹ ist im vollen Gang, beinahe jeden Abend finden Abfütterungen statt, beinahe jeden Nachmittag wird eine Kaffeeschlacht geschlagen. Es gibt Damen, die mit dem letzten Tortenstückchen im Munde verschwinden, um sich schnell in die ›Souper-Toilette‹ zu werfen. (Wage es aber niemals, liebe Mutter, dieses letzte Wort in Gegenwart von Hans anzuwenden, er brummt Dir sofort zehn Pfennige auf, da er zum Deutschen Sprachverein gehört.) Ich bin ein erbitterter Feind von ›Kaffees‹, aber beim Aussprechen dieser Tatsache empfing ich so viel scheele Blicke, daß Hans mich beschwor, die schreckliche Sitte nur mitzumachen, um nicht gänzlich ›außen vor‹ zu stehen. Ich warf mich also vorgestern schon um drei Uhr nachmittag in Wichs. Mein helles Tuchkleid, welches sehr schick ist (Hans behauptet, ich sehe ›süß‹ drin aus, na so was hört man ja zu gern), dazu die graue Kostümjacke mit dem Chinchillapelz, den großen Rundhut – Mutti, ich sage Dir ›pieknobel!‹ Natürlich trennte ich mich furchtbar schwer von den Kindern, Felix-Fritzel erzählte mir noch schnell die Geschichte von Schneewittchen, die er sich ganz reizend zurechtgedichtet hat, indem er die böse Königin sehr harmlos fragen läßt: Kaufen Sie vielleicht vergiftete Kämme, vergiftete ›Krosetts‹, vergiftete Äpfel? Dann nahm ich für einen langen Nachmittag Abschied von den Kindern, von Hans, der ungerührt in seinem Schaukelstuhl saß, von meinem Flügel, auf dem ich gerade ›Isoldens Liebestod‹ einübte und raste dem Schlachtfeld zu, das ich natürlich ›zu spät‹ betrat. Ein strafender Blick der Gastgeberin empfing mich, ich verneigte mich und steuerte auf ›meinen‹ Platz zu. Auf ›meinen‹ sage ich, denn hier hat jede Dame ihren festen Sessel, wehe der, die es wagen sollte, die geheiligten Satzungen eines solchen ›Kaffees‹ umzuwerfen. Gleich beim erstenmal machte ich mich schrecklicher Fehler schuldig, ich setzte mich neben Frau X., die ich sehr gern habe, weil sie eine alte Dame und vorzügliche Hausfrau ist, von der man viel lernen kann. Aber sie sah mich ganz verstört an und gab verkehrte Antworten, und so merkte ich bald, daß ich ›höger rup‹ gehörte, dank der schnellen Karriere von Hans, geriet aber wieder zu hoch und wurde endlich von der Wirtin auf die richtige Stelle gelotst. Wie gern hätte ich nun wieder einen Platz höher gesessen, dann wäre ich neben Frau Y. gekommen, mit der ich Anknüpfungspunkte von S. her habe, aber – es ging nicht. Der Gatte meiner Nachbarin links ist schon ›bestätigt‹, Hans noch nicht, und ehe er nicht das Kaiserliche Patent hat, darf ich mich nicht vom Flecke rühren. Es geht streng nach der Anziennität. So sitze ich denn zwischen zwei mir gänzlich gleichgültigen Kollegenfrauen. Ich höre nun Deine liebe, gute Stimme sagen: »Sie sollen Dir aber nicht gleichgültig sein, Lisel, Du kannst gewiß von der einen oder der anderen etwas lernen.« Nein, Mutti, das kann ich nicht: Sie ›kochten‹ zwar beinahe den ganzen Nachmittag, aber ich habe nicht mal ein neues Rezept erwischt, und mich aufregen darüber, ob zu dem einen Gericht Petersilie gehört oder nicht, das vermag ich nun einmal nicht. Dann sollte musiziert werden – o, Mutti, dieses Zieren, dieses Nötigen, dieses Hinsetzen und Wiederaufstehen, dieses Notensuchen und Beteuern ›nichts auswendig zu können‹, bis dann endlich das ›Gebet der Jungfrau‹'vom Stapel läuft; – mich dünkt, das alles ist kaum zum Aushalten. Und dann erneutes Quälen: »Bitte, bitte, Frau C.; Sie spielen ja auch so reizend!« Und ich spielte einen Walzer von Chopin, weißt Du, den melancholischen, der wie verhaltene Tränen anmutet, ich träumte mich ganz hinein in diese süßen Melodien, und sah im Geiste den jungen Chopin in dem Salon des Fürsten Radziwill am Flügel sitzen und präludieren, sah die liebreizende Fürstin Elisabeth sich über ihn neigen und schelmisch lächelnd sagen: »Spielen Sie, Frédéric, ich will tanzen.« Und ich fühlte, wie dieser wunderbare Walzer entstanden sein mag, den Chopin unter tiefem Herzweh seinem Liebling spielte, der im Arme eines andern dahinflog – – – – – – – – – – – Mutter, um mich herum war ein Getöse, als ob ein Bienenschwarm losgelassen wäre, sie hörten gar nicht auf mich, sie schwatzten und debattierten, als gelte es, gerade jetzt die soziale Frage zu lösen: »Sie müssen Querrippe zur Suppe nehmen, mein Mann ißt das auch am liebsten und so hoch wird das Fleisch, so hoch.« »Mein ceriserotes Kleid ist nach dem Färben wie neu geworden, freilich kostet das Meter auch drei Mark fünfundzwanzig – –« »Mit Ei abquirlen?« »Nie!« »Das gerinnt ja!« »I wo!« »Aber Beste!« Ich stand auf, und sie klatschten alle sehr und sagten, es sei reizend gewesen, nur die eine (es war wohl die ehrlichste) fragte mich, ob ich nicht was Lustigeres könnte, nach diesem Walzer könne man ja nicht tanzen, aber ich sollte mir mal den ›Stiebelwalzer‹ holen lassen – ent – zück – end: »Nie schönsten Stiebeln auf der Welt Kauft man bei Spier und Rosenfeld – –« Ach Mutterli, nicht wahr, ich bin recht töricht, daß mich das alles so verstimmt und quält, ich muß noch viel, viel verständiger werden, muß mich zur inneren Ruhe erziehen. Ich setzte mich ganz still auf meinen Platz, den Klaviersessel nahm sofort Fräulein B. ein, um uns zu versichern mit hoher, dünner Stimme, daß sie ›es‹ gern in alle Rinden einschnitte und in jeden Kieselstein grübe: Mutti, es war ein verlorener Nachmittag – es müßte polizeilich verboten werden, daß Familienmütter Kaffees besuchen. An diesem Punkt sollte Rheinbaben die Steuerschraube ansetzen. Ob er noch nie daran gedacht hat? Tausend Grüße! Dein Lisel. * Meine liebe Mutti! Wie die Alten sungen, so zwitschern die Jungen. Kaum habe ich Dir von dem ›Kaffee‹ erzählt, den ich notgedrungen mitmachen mußte, so kamen Hilde und Otto aus der Schule gestürzt und meldeten mir, daß sie eine Gesellschaft geben müßten . Ich sah das natürlich nicht ein, bis mich ein Tränenstrom von Hilde und eine hängende Unterlippe von Otto sofort felsenfest überzeugten. »Ich bin schon dreimal bei Hellhoffs gewesen,« klagte Hilde, »und Trudchen noch gar nicht bei mir, und Gretel Groth muß ich einladen und Gertrud Weber – und Anna Hansens Mutter hat gesagt, sie fände es ›eigentümlich‹, daß wir uns nicht ›refangschierten‹. Also, es muß eine Kindergesellschaft gegeben werden, denn, wie kann ich es zugeben, daß Anna Hansens Mutter, die ich zwar nie gesehen habe, irgend etwas ›eigentümlich‹ findet. Hans war auch sehr für die Gesellschaft. Es ist so dankbares Publikum, meinte er: »Gib ihnen Schokolade und Kuchen, bis sie platzen und stelle abends die Laterna magica auf, du sollst sehen, sie sind entzückt.« Gestern, an Felix-Fritzels drittem Geburtstag, ging die Sache in Szene. Schokolade durfte ich aber nur für die Mädchen kochen, Otto wünschte für seine Jungens ›Kaffee‹, weil das ›männlicher‹ sei. Sehr schönen Napfkuchen hatte ich eigenhändig gebacken, dann noch eine Schüssel voll brauner Plättchen dazu gestiftet, ohne mich an Hildes: »Die mag Anna Hansen nicht« zu kehren. Sie ›mochte‹ sie aber wirklich nicht, wie ich mich später überzeugte, rümpfte ihre Stumpfnase und sagte: »Das essen nur gewöhnliche Leute.« Daß Anna Hansen ein ›außergewöhnliches Leut‹ war, habe ich allerdings schmerzlich empfunden. Nach dem Kaffee wurden geistreiche Spiele unternommen, zuerst die uralten, allbeliebten ›Teller drehen, Jerusalemreise‹ usf., bis sie mir beinahe eine Klage wegen groben Unfugs zuzogen und der Wirt dreimal heraufschickte. Verdenken konnt' ich's ihm nicht, es war schon mehr ›Radau‹. Dann gaben Wolf von Hochstedten und Anton Misch Zaubervorstellungen. Misch war ein so vorzüglicher Zauberer, daß er von Hochstedten außer der Bezeichnung ›heller Kopp‹ und ›feiner Knopp‹ noch eine Einladung zu ›seiner‹ nächsten Gesellschaft erhielt, die froh errötend angenommen wurde. Hochstedten ist der Sohn unseres Regierungspräsidenten, Mischs Vater ist der Schlachter nebenan, und ich habe wieder einmal gesehen, wie wenig der Standesunterschied bei Knaben in Betracht kommt, während die kleinen Mädchen gleich beim ersten Sehen sich mit der Frage beglücken: »Was ist Dein Vater?« Als die Zeit des Nachhausegehens nahte, brachte ich noch mächtige Schüsseln voll Äpfel und Nüsse herein, sogar von meinen besten Gravensteinern und Melonenäpfeln hatte ich genommen und überhörte dann geflissentlich die Frage, welche Anna Hansen an Hilde richtete: »Gibt's denn keine Torte und Wein bei euch?« Aber als sie sich maulend und naserümpfend der Annahme einiger leckeren Äpfel widersetzte mit der Begründung: »Ich darf kein rohes Obst essen,« da konnte ich mich nicht enthalten zu sagen: »Ja, liebes Kind, wenn dir bei uns nichts recht ist, mußt du Hilde lieber nicht wieder besuchen,« worauf sie in ein gellendes Geschrei ausbrach und das Lokal verließ. Hilde, die überhaupt nahe ans Wasser gebaut hat, stimmte erbärmlich mit ein und die ganze Kinderschar zeigte sich etwas ›bedrippt‹, bis das geniale Freundespaar Misch-Hochstedten wieder Zauberkünste zum besten gab. Den Beschluß des Abends machte das herrliche Spiel: ›Fru Petersen is krank‹, wobei unter schallendem Gelächter das ›scheewe Mul‹, das ›Bewern in dat linke Been‹ und ›dat Plinken mit dat rechte Og‹ täuschend nachgemacht wurde. Beim Aufbruch und Anziehen zankten sich dann noch ein paar kleine Mädchen und wurden sich ›für ewig‹ böse, riefen sich dann aber beim Auseinandergehen fröhlich zu: »Ich hol dich morgen zur Schule ab.« Nach Versicherung sämtlicher Teilnehmer war es ›himmlisch‹ bei uns gewesen, ich heimste viele Dankesworte ein und wollte mich gerade befriedigt und abgespannt zur Ruhe begeben, als ein Brief bei uns abgeliefert wurde. Die ungeübte Handschrift war mir unbekannt, der Inhalt des Briefes folgender: Geehrte Dame! Was ich niemahlen geglaubt hätte, wenn man sein Kind bei höhere Beamtens schickt. Das sie denn hinausgeworfen werden un nichts orrnliches Essen kriechen. Un Obst darf sie auch nich, wo sies in Magen un mit'n Leib hat. Achtungsvoll Frau Hansen. Du siehst, liebste Mutter, es ist heutzutage gar nicht so leicht, Kindergesellschaften zu geben, ach, wie waren wir früher immer bei Milch und Zwieback vergnügt! Und weißt Du noch, wie wir zur Vesperzeit trocknes Brot bekamen, von Deiner lieben Hand selbst gebacken, und Väterchen immer sagte: »Wer kein eigenes Haus hat, soll trocken Brot essen, wer ein Haus hat, darf sich Butter drauf nehmen, wer zwei Häuser hat, kriegt 'n Stück Wurst noch extra.« Gute Nacht, Mutterchen! Dein Lisel. * Mein liebes Mutti!! Ein Intermezzo muß ich Dir noch schildern, das uns ein paar Tage zu schaffen machte. Wie du weißt, habe ich seit Minnas Verheiratung nur ein Dienstmädchen gehabt, unser braves Dorettchen genügte mir vollkommen mit ihrer Ehrlichkeit, ihrem Fleiß und ihrer Tüchtigkeit. Aber nun hat uns das erhöhte Gehalt von Hans und vor allen Dingen die kleine Erbschaft von Tante Hermine in den Stand gesetzt, ein zweites Mädchen zu nehmen, die Kinder wachsen heran und da ich alles selbst für sie schneidere, wächst mir manchmal die Arbeit über den Kopf. Meine Anzeige stand also abends im Blatt, und früh meldete mir Dorette eine ›Dame‹. Ich wunderte mich über den zeitigen Besuch, ging selbst auf den Vorplatz und sah mich einer majestätischen Gestalt im Rembrandthute und großen Straußenfedern gegenüber. Ein Klemmer zierte die spitze Nase und Glacéhandschuhe vervollständigten ihre elegante Straßentoilette. Zuerst tadellose Verneigung, dann ein Wortschwall, den ich vor lauter Staunen nicht zu unterbrechen wagte. »Gnädige Frau suchen ein Mädchen, wohlan, Frau Schmidt sendet mich, gnädige Frau werden mit mir zufrieden sein. Gnädige Frau sind erstaunt, wie ich sehe, mich so – so – anders zu finden – o ich gebe viel auf ein feines Äußere. Dürfte ich mein Zimmer sehen? Ah! der schöne Flügel! Blüthner, Bechstein, Rönisch? O, wie ich die Musik liebe! Sie erhebt uns über die Misere des Daseins!« Damit schwebte sie mir voran in die Küchenregionen. »O, das reizende Zimmer!« flötete sie, »ich sehe, gnädige Frau haben ein fühlendes Herz. Muß ich den Raum aber mit einer anderen Jungfrau teilen?« »Na, ich tu Ihnen nischt,« brummte Dorette grimmig. »Darf ich dann um den Mietstaler bitten? Meine Sachen stehen unten, der Portier wird sie gleich heraufbringen. Und nicht wahr, vierzehntägige Kündigung? Denn der freie Geist darf nicht auf lange gebunden sein; fühle ich mich unverstanden, dann entfliehe ich gern so rasch als möglich.« Mutti! Ich hätte so gern etwas erwidert, ich hätte sie gern ersucht, die Tür von draußen zuzumachen, ich gestehe, ich habe mich unverantwortlich dumm benommen; aber ich war wie gelähmt und entnahm mit zitternden Händen meiner Börse den Mietstaler, den sie knicksend empfing. »Meinen Namen möchten gnädige Frau wissen? Eulalia! Eulalia Müller!« Mir schauderte. – Unsere Kinder fand sie entzückend, himmlisch, süß, engelhaft! Sie riß Felix-Fritz aus seinem Bettchen und preßte ihn an ihren Busen, so daß er mörderisch zu schreien anfing. Hilde und Otto sahen sie nur von weitem an mit großen, scheuen Augen, rückten aber sofort aus, sobald Eulalia Miene machte, sich ihnen zu nähern. Am ersten Abend, als ich bei einem guten Buche saß (die Kinder schliefen und Hans war auf einer Dienstreise), kam Dorette sehr kriegerisch herein und sagte: »Na, denn werd' ich man von hier fortgehen.« »Aber Dorettchen, um Himmels willen, warum denn?« »Weil die Eulalia die ganze Stube einnimmt, ich soll nicht stricken, sagt sie, das stört ihr und macht ihr ›neffiös‹, un ich röch nicht gut, hat sie gesagt un hat mir mit ›Ottokelonj‹ und ›Eßbukee‹ begossen, das brauch' ich mir nicht zu gefallen zu gelassen, ich hab' noch vor die feinsten Herrschaften gut genug gerochen.« Ich tröstete die brave Dora nach allen Richtungen hin, und ging dann mit ihr nach der Mädchenstube. Da stand Eulalia am Fenster, starrte düster hinaus, warf dann die Arme in die Luft und rief: »Eilende Wolken, Segler der Lüfte, wer mit euch wanderte, mit euch schiffte – –« »Se hat wohl 'n Knacks?« fragte Dorette mit bezeichnender Handbewegung. Schließlich bekam Eulalia noch eine Art Weinkrampf und bekannte schluchzend, daß sie an Heimweh litte. Dorettes Mitleid war sofort wach, sie brachte die poetische Eulalia ins Bett, und kochte ihr Fliedertee, den sie ihr unermüdlich eintrichterte in der felsenfesten Überzeugung, daß man durch Schwitzen alles herausbekäme, sowohl ›Knacks‹ als auch ›Heimweh‹. Aber das Mittel hatte doch nicht angeschlagen, Eulalia blieb nach wie vor heimwehkrank und bat mich am dritten Tage um Aufhebung des Vertrags. O, wie gern willfahrte ich ihr! Du weißt, Mutti, ich bin sehr für Poesie, aber Eulalias Art griff die Nerven an, und immer in Hexametern zu sprechen, macht schließlich schachmatt. Unter vielen Tränen verließ mich das im Grunde ganz nette, gutmütige Wesen, verehrte Dorette noch einen Stapel Romane, von welchem: ›Helene, oder das gebrochene Herz der Gräfin Rabenstein‹ noch der am wenigsten schauerliche zu sein scheint, und ich fand abends auf meinem Nähtisch einen Zettel, worauf in zierlicher Schrift stand: »Man sieht sich, man lernt sich kennen – Man liebt sich und muß sich trennen!« Als Eulalia gegangen, sahen Dorette und ich uns lange stumm in die Augen. Dann nahm das alte, gute Wesen meine Hand, und fragte treuherzig: »Woll'n mer nu den Kram nich lieber alleene machen?« Und so ›machen wir eben den Kram‹. Ich koche nach wir vor selbst, und Hans ist mit mir oberzufrieden, aber daß ich ihn um den Anblick von Eulalia Müller gebracht, findet er ›unverzeihlich‹. Ich sage ›Gott sei Dank‹, denn er wäre imstande gewesen, literarische Abende mit ihr einzurichten. Ade, lieb Mütterchen Dein Lisel. * Liebste Mutter! Ein böser Gast ist bei uns eingekehrt, das Scharlachfieber. Zuerst trat es bei Otto ganz leicht, mehr als ›Friesel‹ auf, aber nun liegen alle drei schwer danieder, Hilde besonders hat sehr hohes Fieber. Hans ist nicht bei mir, seine Dienstreise dehnt sich diesmal besonders lange aus. Dabei möchte ich ihm nicht einmal den Sachverhalt rückhaltlos mitteilen, um ihn nicht inmitten seiner verantwortungsreichen Tätigkeit zu beunruhigen. Gottlob, unser Arzt ist sehr zuverlässig, ein anerkannt tüchtiger Kinderarzt. Zwei Stunden später. Eben habe ich Dora zu Bett schicken müssen, sie klagte schon seit mehreren Tagen über den Hals, nun liegt sie sehr matt und mit Fieber, essen will sie nichts. Die Frau unseres Hauswartes hilft mir einstweilen, aber ich sehe jetzt erst so recht, was ein tüchtiges Dienstmädchen leistet. Das ist nun die erste, ganz heftige Krankheit, die unser liebes Nestchen befällt, und mir ist recht bang im Herzen. Hoffentlich kommt wenigstens Hans bald wieder, man ist doch nicht so ganz allein und kann seine Sorgen teilen. Eine Stunde später. Eben wird Nora mit Wagen ins Krankenhaus geholt. Nachts. Welch bange Stunden, geliebte, einzige Mutter! Unsere Kinder leiden furchtbar! Ist es der Würgengel Diphtheritis, der an ihren Bettchen steht? Jedenfalls ist die Halsentzündung so schwer, wie ich sie noch nie durchgemacht habe; der Arzt wollte eine Diakonissin nehmen, aber er war dann doch einverstanden, daß ich die Pflege weiter übernahm. Wer kennt die lieben Geschöpfchen besser als ich? Auf jeden Atemzug höre ich und die Arznei gebe ich pünktlich auf die Minute. Eine Stunde später. O, diese endlose Nacht! Neben mir auf dem Sofa schläft die Frau des Hauswartes, ich habe sie mir geholt, damit ich nicht so allein bin. Wie der Sturm heult. Es ist ein Unwetter draußen, Hagel und Schnee schlagen gegen die Fenster. Mutter, ich sehne mich grenzenlos nach Dir! So hast auch Du in schwerer Zeit an meinem Bett gewacht und den lieben Gott um mein Leben angefleht, wie ich jetzt bei meinen Dreien. Was kann ein Mutterherz alles ertragen, und wie bald vergißt man als Kind, als sorgloses, junges Geschöpf die endlosen Opfer, die einem von der Mutter gebracht werden! Heute möcht ich Dich für jeden Schmerz, den ich dir je bereitet, innig um Verzeihung bitten – Mutter, liebe, liebe Mutter! Wie schwer sie atmen, meine Lieblinge, wie heiß ihre Köpfchen sind! Ach, guter Gott, behüte sie, behüte sie! Gute Nacht, Mutter! Bete für uns! – – – – – – – – – – – – – – – – Telegramm. Bitte, komme sofort. Lisel schwer erkrankt. Hans. * Geliebtes, teures Muttchen! Du siehst, ich bin nun endgültig über den Berg, ich kann wieder Briefe schreiben. Mutterli, was für eine Zeit liegt hinter uns! Erst jetzt erzählt mein Hans mir nach und nach alles aus jenen schrecklichen Tagen. Wie mich die Portiersfrau im schönsten Fieber gefunden und sofort den Arzt geholt hat, wie dieser an Hans telegraphierte, und Hans wieder an Dich, und wie darauf die Schreckensbotschaft kam, daß Du, Geliebte, selbst krank seist. Ich selbst kann mich nur auf ein liebes, blasses Gesicht im weißen Diakonissenhäubchen besinnen, das sich über mein Bett neigte, mir die fieberheiße Stirn kühlte und wieder mit so unendlich sanfter Stimme zu den Kindern sprach. Dann zog ein süßes Gefühl der Ruhe in mein Herz und ich sagte mir: »Du darfst weiter schlafen, Schwester Marta wacht.« Und dann, endlich, nach all den bangen Nächten, nach den schier unerträglichen Schmerzen, das wonnevolle Gefühl der Genesung! Wir lagen alle in unserm großen, luftigen Salon gebettet, ich hatte von der Übersiedelung nichts gemerkt. Hans behauptet, ich würde sonst noch aus dem letzten Viertel meiner kranken Luftröhre ein Veto gepiepst haben. Na, das brauchte er nun wirklich nicht zu befürchten, mir war damals nicht nach Krakeel zumute. Es folgte dann unmittelbar auf unsere Genesung eine wunderschöne Zeit. Hans saß an meinem Bett und trank mit mir die Morgenschokolade, Schwester Martha saß bei den Kindern und Dorettchen ging zwischen den Betten hin und her und erzählte aus dem ›Krankenhause‹, wo sie drei Wochen gelegen hatte. Nach ihrer Meinung waren in diesen drei Wochen nur ›Arme und Beine abgeschnitten‹ worden, und sie selbst sei bloß durch schleuniges Ausreißen diesem Schicksal entgangen. Die Frau, die neben ihr ›lag‹, hätte ihr erzählt, die Doktors im Krankenhause ›ampetierten aus lauter Pläsiervergnügen‹, nur um noch klüger zu werden. Wir versuchten alles mögliche, um unserer braven Dora eine bessere Meinung vom Krankenhause beizubringen, sahen aber schließlich ein, daß hier ›selbst Götter vergeblich kämpfen‹. Dann verließ uns die liebe, sanfte Schwester Martha, von unsern innigsten Segenswünschen begleitet, die drei Kinder durften das Bett verlassen und ich konnte mich an ihrem lieben Geplauder freuen. O, daß sie uns neu geschenkt sind! Daß sie uns erhalten blieben! Wie ist mein Herz voll Dank, wie bin ich namenlos glücklich! Eine leise Mattigkeit spüre ich noch in den Gliedern, aber sie weicht immer mehr, ach, und jede Arbeit dünkt mir jetzt so leicht, ich bin gesund, die Meinen sind um mich, niemand fehlt und die blassen Bäckchen unserer Lieblinge bekommen schon etwas Farbe. Hans ist liebevoller denn je, o, wie hat er um uns gebangt! Und was mich mit tiefer Freude erfüllt, – er ist gütig und zärtlich mit Otto. Die Stunden, da er um das Leben dieses Kindes zitterte, haben viel Gutes hervorgebracht; geduldig und unermüdlich arbeitet er jetzt mit seinem Jungen und dieser vergilt ihm jede mühevolle Stunde durch seinen gewissenhaften Fleiß. Hell lacht die Frühlingssonne auf meinen Nähtisch, auf dem ich zu meiner Herzensfreude einen Stapel zerrissener Kinderstrümpfchen gewahre, welchen Dora mir hingelegt hat. Mit Wonne werde ich sie stopfen, – ich huldige dem Grundsatz: ›Besser zum Schuster, als zum Apotheker‹. Gott behüte meine Reißteufelchen! Ade, Mutti. Bald mehr von Deiner Lise. * Liebste Mutter! Unser Telegramm hat Dir schon das Wichtigste gesagt, Hansens Beförderung und unsere Versetzung. Hans kleidet die neue Würde prachtvoll, zu der er verhältnismäßig so jung gekommen ist, und ich trage meine Stumpfnase um einige Grad höher, so daß ich in einiger Angst schwebe, es könnte mir mal hineinregnen. Berlin, Berlin! Wie ich mich freue, wieder hinzukommen, es gibt doch nur eine Stadt und die heißt: ›Berlin‹. Lach' mich nicht aus, Herzensmutter, und schilt auch nicht. Ich weiß, ich sollte noch mehr an dem kleinen thüringischen Städtchen hängen, in dem ich erzogen worden bin, aber Du weißt, wie mich seine Mauern immer eingeengt haben und wie mich eigentlich nur zwei liebe, traute Plätze dort hinziehen, Dein Großmütterstübchen mit Dir darin und das teure Grab am Waldessaum, dessen Marmorkreuz mit der leuchtenden Inschrift durch die dunklen Tannen schimmert: ›Sei getreu bis in den Tod!‹ Eine große Sorge macht uns noch das Wohnungsuchen, obgleich wir ja höheren Zuschuß bekommen, da Berlin Servisklasse A ist. Neunhundert Mark! Es klingt berauschend, aber unter zwölfhundert bekommen wir nichts Standesgemäßes. Wir werden wohl wieder › SW. ‹ wählen, und die Nähe des Askanischen Gymnasiums, da hat auch gleich das Mädel eine vorzügliche Schule in der Halleschen Straße. Felix soll in die Vorschule des Gymnasiums kommen, das sind lauter wichtige Punkte und mir brummt der Kopf, wenn ich an alles denke. Aber tausendmal schöner trotz aller Unruhe, die sie mit sich bringt, dünkt mich die Zeit, der wir entgegengehen, als die vergangenen Wochen, um nicht zu sagen: ›Monate‹. Hans war von einer fast erschreckenden Nervosität; der Gedanke, ob er den höheren Grad erreichen oder an der sogenannten Majorsecke scheitern werde, machte ihn ungenießbar für seine Umgebung. Ich habe ihn eigentlich nur einmal in der letzten Zeit herzhaft lachen hören, das war, als ich den Ausdruck gebrauchte: »Wenn ›wir‹ erst Rat sind.« Himmel, er wollte sich ausschütten, und doch ist's 'ne ganz natürliche Wendung, die Frau avanciert doch mit. Und ob! Frau von Dennburg sagte auch neulich: »Wir haben als Referendar geheiratet, und wollten eigentlich Rechtsanwalt werden, sind dann aber doch bei der Verwaltung geblieben.« Wie gesagt, Hans war kein Mensch mehr, am allerwenigsten Familienvater, ich mußte die Kinder immer schon eine Stunde früher ins Bett schicken, denn jede Kleinigkeit regte ihn auf. Otto lebte nur noch von Ohrfeigen, Hilde wurde angefahren, Felix zitterte, wenn Vaters Stimme nur von weitem tönte und ich litt und duldete nach sanfter Frauenart. Muttchen lach' nicht – leugne nicht, Du lachst, ich kann Dir aber versichern, daß ich geduldet habe, wenn auch nicht ganz sanft und nicht ganz schweigend. Hatte ich abends die Kinder schlafen gelegt, und war ich durch ihre rührenden Gebete, die sie so aus sich heraus dem lieben Gott vortrugen, recht friedlich und feierlich gestimmt; dann empfing mich folgender Monolog von Hans, den ich zur Hälfte erst mal vor der Tür anhörte: »Der Kriecher, der F.! Der geht über Leichen! Pah, zehnmal steck' ich den in die Tasche! Aber 's könnte ja sein, hahaha, natürlich, warum sollte es nicht sein können? Hat ja zehn Vettern oben und zwanzig Basen; bei jeder einzelnen schlägt er 'n Knoten an –« »Hans, das muß komisch aussehen!« »Lise, mach' mich nicht wild!« »Du bist's ja schon!« »Kannst du denn niemals ernst sein?« »Doch, Hans! Aber wenn du wie ein brüllender Löwe einhergehst, auf daß du zusiehst, wen du verschlingest, dann muß ich lachen, – damit ich nicht weine, Hans, so unheimlich wird es jetzt mit dir!« »Komm mal her, Lisel, ich will dir erklären –« »Du hast mir schon hundertmal erklärt, Hans, und ich verstehe alles, und ich erkläre dir nun zum hundert und einsten Male, daß alles Hirngespinste von dir sind, daß der Oberchef nicht daran denkt, dir den Hohlkopf F. vorzuziehen, und daß du schon mit deinem epochemachenden Buch – –« »Das ist's ja eben, dieses Buch, Lise! Man ist aufmerksam auf mich geworden und das freimütige Vorgehen eines noch jungen Beamten kann ja ›oben‹ verschnupft haben – –« »I wo doch: Du hast ja niemanden angeklagt, bist streng sachlich geblieben, hast auf einige Mängel im Betriebe hingewiesen und gleich Fingerzeige zur gründlichen Abhilfe gegeben, wen soll das verschnupfen?« »Lise, das verstehst du nicht. Da sind soundsoviele Ohrenbläser, Zwischenträger, wer weiß, ob man an maßgebender Stelle mein Buch gelesen und also aus eigener Anschauung urteilt, kurz – –« Kurz, liebste Mutti, so wie eben beschrieben, war gewöhnlich die Unterhaltung zwischen Hans und mir und so endigte sie auch gewöhnlich: »Lise, das verstehst du nicht!« Diesmal habe ich aber doch mit meinen anderthalb Lot Gehirn weniger und meinem gesunden Optimismus gesiegt, – Hans ist befördert, nach Berlin berufen, mit schmeichelhaften Worten höhererseits bedacht worden und: »Kommt ein Vogel geflogen, Setzt sich nieder auf das – Knopfloch.« Mutti – beinahe hätt' ich gesagt: ›Wir‹ haben 'n Orden bekommen. Der unausstehliche Kollege Rödel (wir sind schon wieder mit ihm zusammen und Hans hält viel von ihm), suchte das glückliche Ereignis abzuschwächen, indem er wegwerfend sagte: »'n Piepvogel vierter Jüte,« ich sage stolz: »Mein Gatte hat den roten Adlerorden bekommen.« (Die Klasse ist ja nebensächlich.) Er steht Hans entzückend! Deine sehr glückliche Lise. * Liebste Mutter! Ehe wir nach Berlin dampfen, will Hans noch acht Wochen auf den ›Hauptmann‹ üben. Ich sagte ihm leise etwas Abratendes, aber da wurde er: »Hu! Noli me tangere !« »Meinst du, wenn ich in Zivilstellung Majorsrang habe, werde ich als Oberleutnant rumlaufen?« schnaubte er mich an. Liebe Mama! Ich schnaube nie! Lisel besitzt eine glühende Phantasie. Herzlichen Gruß! Dein treuer Hans. * ›An‹ war mein letztes Wort. Na, da war ich fein still, denn der ›Sommerleutnant‹ ist die Achillesferse meines herzlieben Mannes. Es ist ja wahr, er sieht in seiner Artillerieuniform berückend aus (Artilleristen, aktive und inaktive sind doch überhaupt herrliche Menschen!) aber – ich meine, es könnte nun genug des grausamen Spiels sein. Es ist, als hätten wir die Rollen vertauscht. Früher war Hans gegen alle Ausgaben, selbst wenn sie mir noch so nötig schienen, und jetzt predigt die ›Jungfer Unverstand‹, wie er mich so gern nannte, ihm tagtäglich vor, daß Deutschland wohl nicht aus den Fugen geht, wenn er sich zur Ruhe setzt, Landwehr ist er ja schon. Liebste Mutti, es ist nur deshalb: die Kinder kosten 'n Heidengeld und vor so einer achtwöchigen Übung kann man nur immer mit Jago sprechen: »Tu Geld in Deinen Beutel.« Aber ich rührte diesmal die Achillesferse nicht an, mit wichtiger Miene nahmen wir beide den Lederkoffer vor, der seine Oberleutnantswürde enthält und wir niesten bei dem Öffnen des Ungetüms gleich sechsunddreißigmal, Liebe Mama! Siebenmal! Dein treuer Sohn! denn das Naphthalin ist abscheulich. Nachdem wir ausgeniest und uns die Tränen aus den Augen gewischt hatten, schlugen wir uns mit den Motten herum, denn das weiß ich schon von früher, daß, wo das Naphthalin am dicksten sitzt, auch die Würmer am besten gedeihen. Aber Hans wollte es so, ich war für stetes Lüften und Klopfen, jedoch – » mulier taceat in ecclesia «. (Hans sagt, schon Mann und Weib bilden eine ›Gemeinde‹.) Auf Deutsch: ›Mien lewer Kuhlmann, holl Du dat Muul man!‹ Nachdem wir eine Mottenfamilie getötet, wurde jedes einzelne Uniformstück unter ›Ach‹ und ›Oh‹ herausgeholt und besichtigt. Der Samt an dem Stehkragen war sehr abgenagt, ebenso an der Binde, und die Stelle, wo Hansens Heldenbrust sich wölben sollte, war besät von kleinen Löchern. Hu, wie er schimpfte! Helm, Schärpe, Bandelier und Kartusche waren unversehrt, die Mütze aber auch voll Würmer, ach, was hab' ich alles hören müssen! Und dann die Anprobe! Die Unaussprechlichen saßen stramm, als habe man sie ihm mit Gummiarabikum angeklebt, er konnte sich nicht darin rühren, und schimpfte, weil er annahm, ich lachte. Ich lachte aber gar nicht, ich reichte ihm mit ehernem Antlitz die Uniformstücke zu. Der Interimsrock war so eng, daß Hans mit ausgebreiteten Armen stehen mußte und nach Luft schnappte, wie ein Karpfen, der aufs trockene gebracht war; der Waffenrock aber war durch kein Bitten dazu zu bringen, sich überhaupt knöpfen zu lassen. Hansens Gesicht – einfach klassisch! Er hatte ja bis dahin krampfhaft den leisen Beginn eines kleinen Embonpoint geleugnet, aber die Tatsachen redeten eine zu deutliche Sprache. Stumm packten wir die Zeugen seiner Heldenzeit ein, »nimmer tönen Speer und Schild.« – Ich hätte gern eine Ehrensalve über den zugeschnallten Koffer und den fest vernagelten Kisten abgeknallt, aber in Anbetracht unsrer Mietwohnung verzichtete ich darauf. »So soll ich also im ›Frack‹ zu Kaisers Geburtstag gehen?« fragte Hans dumpf. »Besser im Frack als tot,« antwortete ich. Deine Lise, Oberleutnantin a. D. * Meine liebe Mutter! Ich wollte, der Staat hätte Hans gleich den nächsten Tag nach seiner Beförderung nach Berlin beordert, anstatt uns noch ein Vierteljahr in Xhausen zu lassen, dann wären uns viele Widerwärtigkeiten erspart geblieben. Dabei hänge ich an Xhausen, es ist ein liebes, reizendes Städtchen mit wundervoller Umgebung, die aber zu weit ist, um täglich aufgesucht zu werden, aber, sage selbst, Xhausen hat doch nicht die kleinste Sehenswürdigkeit außer Hans und mir vielleicht. Trotzdem bestand Tante Emerenzia darauf, uns vor unserer Übersiedelung noch einmal zu besuchen, um Xhausen kennen zu lernen. Du kennst ja ihre Schwäche, jedes alte Gerümpel in der Umgegend zu besichtigen und nach Knochen und Totengebein zu suchen; sie besitzt schon eine große Sammlung, und kein Dienstmädchen will hin zu ihr, weil von allen Simsen und Wandbrettchen Totenschädel grinsen. Dabei ist sie selbst doch lebensmutig wie nur eine und soll neulich zu Vetter Fritz, der etwas deutlich auf ihr Ableben und die Erbschaft hingewiesen, gesagt haben: »Gestorben wird, das steht fest, ob Du's aber erlebst, ist noch die Frage.« Nun, meinetwegen könnte sie Methusala werden, und ihre Papierchen mit ins Grab nehmen (Hans denkt anders), wenn ich das heilige Versprechen von ihr bekäme, daß sie uns nie wieder besuchte. Aber das gibt sie nicht, es hat ihr, o Jammer, zu gut bei uns gefallen. Also am zwölften kam sie, hatte den schrecklichen ›Daisy‹ bei sich, ohne welchen sie niemals reist, und dieser abscheuliche, fette, asthmatische Mops gab natürlich den Anlaß zum ersten Zwist. Du weißt, ich bin rasch und lebendig in meinen Bewegungen, und so habe ich beim eiligen Hereinkommen das faul im Wege liegende Tier auf sein Stummelschwänzchen getreten; er heulte jämmerlich, wurde auf den Schoß genommen, geküßt, – sage und schreibe ge–küßt und mit den süßesten Schmeichelnamen bedacht. ›Herzpünktchen, Daisylichen, kleiner, süßer, verkannter, mißhandelter Engel.‹ Dabei mußte ich mir gefallen lassen, daß sie in meiner Gegenwart mit dem Hund über mich sprach. »Hat die böse Tante Lise dich getreten, ei das garstige Geschöpf, beiß sie, beiß sie!« Bei Tisch mäkelte Tante unaufhörlich an den Speisen herum, obgleich alles tadellos war; sie entwickelte ja auch einen Riesenappetit und meine knusprigen Schweinskotelettchen verschwanden im Umsehen. Nachmittags mußten wir natürlich mit ihr zur ›Ruine‹. Du weißt ja, es ist absolut nichts dran zu sehen, nicht die leiseste Sage knüpft sich an ihr Vorhandensein; Hans behauptet, das Ding sei vielleicht vor 50 Jahren als Aussichtsturm gebaut, aber nicht fertig geworden. Aber Du glaubst nicht, wie wundervoll er lügen kann, wenn's gilt. Eine wahre Schauermär hat er der Tante erzählt und ihre Augen hingen in Spannung und Bewunderung an seinen Lippen. »Im Jahre 1260.« So fing er an und erließ uns nichts. Von dem grimmen Raubritter sprach er, von der schauerlichen Belagerung des weit ausgedehnten Schlosses, von Hungersnot, Tod und Verzweiflung, und wie sich zuletzt die himmlisch schöne Tochter des Ritters in den Turm hineingestürzt hätte, um der Schande zu entgehen, die ihr vom Ritter Katz von Rabenstein drohte. Tante war ganz blaß geworden, Hans ließ aber auch seine Augen furchtbar rollen und erzählte mit hohler Grabesstimme. Zum Glück waren die Kinder nicht mit dabei, die hüteten zu Hause ›Daisy‹ im Verein mit Dorette. Und dann ging Hans in den Turm, Tante fest anpackend, um die Sache möglichst gefährlich zu machen, ich blieb draußen, hörte ihn aber von drinnen sprechen und von Mord, Tod und Blut faseln. Dann schrie die Tante laut auf und kam nach einer Weile totenblaß, aber strahlend zurück, sie hatte Knochen gefunden, seine Frauenknöchelchen von der zerschmetterten Jungfrau. Ich sah Hans fragend an, und der Bösewicht raunte mir zu: »Es sind die Knochen von den Schweinskoteletten heut mittag.« Hans hat seit diesem Ausflug einen Stein bei ihr im Brett, mich findet sie nur ›ganz nett‹. Er ist aber auch ein vollendeter Heuchler; und ich verlasse oft das Lokal, um nicht laut herauszulachen. Da sitzt er dann vor der Tante mit wahren Krokodilsaugen und hält Daisy stundenlang auf dem Schoß, obgleich er den Köter nicht ausstehen kann. Dabei streitet er jede Heuchelei ab, und sagt, er unterhielte sich gern mit Tante, sie sei, abgesehen von ihren vielen Schrullen, gescheiter als alle Frauenzimmer zusammen genommen. Na, da hatte ich's. »Dabei ist sie einsam und liebeleer durchs Leben gegangen,« setzte Hans hinzu, »es ist unsere verd... Pflicht und Schuldigkeit, ihr etwas Liebe und Zärtlichkeit zu geben.« Na, dafür hat sie ihn beim Abschied aber auch umärmelt und geküßt – o, Mutti! Hans krümmte und wand sich wie ein Aal, aber sie ließ nicht los, heiß brannte ihr Schnurrbart auf seinen Lippen. Sie hat fürstliche Geschenke hinterlassen. Allen drei Kindern zusammen eine Tafel Schokolade, nach deren Genuß wir zum Arzt schicken mußten, Hans eine Uhrkette von Haaren, vor der ihm graut, Dorette zwanzig Pfennig Trinkgeld und mir – nichts. »Ich sei ja eine so poetische Natur, die mehr in der Idealwelt lebte.« Sorge, daß Tante Emerenzia meine Idealwelt nicht so bald wieder heimsucht, geliebtes Muttchen, sie kommt ja jetzt zu Dir auf ihrer Vetternreise. Und bitte, dividiere durch sieben, wenn sie Dir was erzählt, besonders von unsern Kindern. Otto ist nicht so schlecht in der Schule, wie sie Dir vorjammern wird, und Hilde nicht ganz das Musterkind, was Tante in ihr sieht und Felix wird nur stramm erzogen und zu strengem Gehorsam angehalten, nicht aber ›barbarisch behandelt‹. Leb' wohl, Herzensmutter! Von Berlin schreibe ich weiter. Deine Lise. * Liebste Mutter! Berlin umfängt uns, es war ein Wonnegefühl ohnegleichen, als wir bei Lichterfelde und Südende vorbeisausten und am Anhalter Bahnhof landeten. Wie reizend, daß wir noch bei Dir Station machten, was ursprünglich nicht in unserem Reiseplan stand, wie schön, daß wir noch die wundervolle und doch so gemütlich traute Villa der Geschwister bewundern konnten, die Schwager Karl nach der heiligen Brumsumsula getauft hat. Unsere Wohnung ist natürlich nicht im entferntesten mit jenem Schlößchen zu vergleichen, aber doch sehr nett und gemütlich. Sechs Zimmer, Badezimmer, große Küche und Mädchenstube, nicht Hängeboden, wie sie sonst hier üblich sind. Ich sah solch eine unwürdige Behausung, als ich Wohnung suchte, stockfinster und eng, man konnte sich nicht rühren darin und auch nicht aufrecht stehen. Wir wohnen drei Treppen und ›'n Bauchaufschwung‹, wie Hans sich zart ausdrückt, Treppensteigen soll sehr gesund sein, jedenfalls billiger, als das Mieten im ersten Stockwerk. Ich bin natürlich noch etwas abgerackert und müde vom Umzug, dazu kamen die verschiedenen kleinen und großen Abschiedsfeiern in Xhausen, die uns aber zeigten, daß die Kollegen uns ungern scheiden sahen. Rödel hatte sogar gedichtet und ein anderer die Bilder dazu geliefert, Hans kam schlecht dabei weg, während ich überhaupt nur als verkörperte Poesie dargestellt war, hoch in Wolken schwebend über dem niederen Erdendasein. Na, es wurde viel gelacht, und ich verzieh dem Rödel diese Licentia poetica . Hier haben wir noch keine Besuche gemacht, obgleich die Gesellschaft regen Schwung zeigt. Dagegen haben wir die Kinder angemeldet und betrübende Entdeckungen gemacht. Otto ist sehr weit zurück und soll eine ganze Klasse tiefer kommen, worüber Hans außer sich ist. Dabei weiß Hans genau, daß die Verba auf mi auch seine schwache Seite waren, und er ist doch ein ganzer Mann geworden. Unsere Stimmung ist recht gedrückt, Otto soll nun Privatstunden bekommen und probeweise nach Untersekunda aufrücken; ich bin nicht dafür, er ist nicht der stärkste mit seiner Gesundheit und wird über Gebühr angestrengt. Warum soll er nur mit aller Gewalt studieren? Hans ist sonst so vernünftig; er holt auch gern meinen Frauenrat ein, wo es ihm dünkt, daß Männerweisheit fehlgehen könne, aber in diesem Punkte will er durchaus allein entscheiden. Gestern war ein geradezu schrecklicher Tag! Hans nahm dem Jungen die Geige fort und schloß sie ein. Ich sah ihn flehend an, – in Gegenwart der Kinder tadele ich ja niemals eine Maßregel, die Hans ergreift, und ich fühlte, daß er schon bereute, was er getan, denn die Strafe war zu hart. Strafe wofür? Weil Otto eine mathematische Formel nicht begriff, die ziemlich einfach war, und die Hans ihm ausdeutschte; er begriff sie aber nun einmal nicht und Hans wurde ganz rasend. Dann schloß er die Geige fort, Ottos Glück und Trost, wenn ihm etwas schief geht. Der Junge erblaßte und dann sagte er rasch und heftig: »Vater, gib mir die Geige wieder!« Das war nicht das rechte Wort, ich weiß es; aber Hans schlug den Knaben in jäh ausbrechendem Zorn, o Mutter, ich habe oft unsägliche Angst vor der Zukunft. Wie wird es werden, wenn Otto erwachsen ist, und die harten Köpfe der beiden Männer aneinanderprallen? Otto saß von da ab blaß und stumm da, mit einem qualvollen Ausdruck in seinen Blauaugen, er rührte kein Essen an und ging ohne Gutenachtgruß auf sein Zimmer. Da schlich ich mich nach und hörte ihn bitterlich weinen und schluchzen. Er ist ja noch ein Kind und ein so guter, frischer Junge. Wir saßen dann zusammen wie ein Paar treue Kameraden und auf meinen Zuspruch hin sagte er ganz von selbst: »Ich will Vater um Verzeihung bitten.« Das tat er auch mit raschem Entschluß; und als er wieder bei mir war, kam Hilde und brachte die Geige. Otto war wie närrisch; mit einem Jubelruf riß er das Instrument an sich und dann spielte er – – Mutter, wie kann ein Kind so spielen! Es jubelte und klagte in den Saiten, das war kein totes Stück Holz, eine Seele war darin, ein Menschenherz schlug in jedem Ton, ein Menschenherz klagte sein Leid, mein Junge klagte mir – seiner Mutter. Und ich verstand ihn, meinen Herzensjungen, o, so gut! Lange, lange saßen wir noch zusammen, ich habe einen tiefen Einblick in sein reines, gutes Kinderherz getan; noch gehört er mir ganz, er sagt mir alles, er hängt mit unbeschreiblicher Liebe an mir und sieht in mir nur Klugheit, Reinheit und Güte. Ach, möchte ich ihm doch immer eine gütige Mutter sein, die ihn klug zu führen versteht, auch aus der Ferne, wenn er erst in die Welt zieht – – noch wenige Jahre! Schließlich fiel er mir um den Hals und flehte, wie ich längst befürchtet hatte: »Bitte den Vater – laßt mich abgehen – laßt mich Musik studieren!« Kann man aber bei solch jungem Menschen schon richtig wissen, ob er ein echter, ein ganzer Künstler wird? Diese Empfindung, liebste Mutter, krampfte mir das Herz in Sorgen zusammen. * Liebes Muttchen! Wie kleinmütig und verzagt war ich, als ich Dir das letztemal schrieb, geliebte, teuere Mutter, ich bin eben so gar nicht dafür geschaffen, still zu halten, nicht zu sorgen ›was der morgende Tag bringe‹. Immer will meine schwache Hand mitregieren und das Schicksal meistern. So hatte ich auch nach der Unterredung mit Otto nur den einen Gedanken Tag und Nacht, meinen Hans auf unsere Seite zu bringen, ihm den Plan des Jurastudiums für unseren Jungen auszureden, nach meiner Meinung eine Riesenaufgabe, der ich mich kaum gewachsen fühlte. Otto half mir wacker, indem er die Geige nicht anrührte, dagegen unermüdlich büffelte. (Er sagt ›ochste‹, ich weiß nicht, welches Wort schriftgemäßer ist.) Dafür trug das nächste griechische Extemporale die Nummer ›zwei‹. O, wie waren wir glücklich! Hans ließ seinen Abendschoppen fahren und spielte mit mir und den Kindern ›Fru Petersen is krank‹ mit sämtlichen Gesichtsverrenkungen, die das Spiel mit sich bringt. Tüchtig haben wir gelacht und ich fragte mich manchmal ob meine fünfunddreißig Jahre mir noch diesen Übermut erlauben. Mitten in unserm Jubel, während einer Lachpause, legte Hans auf einmal drei Karten auf den Tisch des Hauses nieder und fragte lächelnd: »Otto, möchtest du wohl mal den Geigerkönig Joachim hören, er gibt morgen ein Konzert in der Singakademie?« Mutter, mit mir drehte sich alles rundum. Otto stand zitternd und mit leuchtenden Augen vor seinem Vater, er vermochte kein Wort vor innerer Bewegung herauszubringen. Am nächsten Abend saßen wir auf prächtigen Parkettplätzen vor Meister Joachim. Du hättest unsern Otto sehen sollen, – mir traten die Tränen in die Augen. Joachim spielte Beethoven, so stand es wenigstens auf dem Zettel gedruckt, mir war's, als hörte ich Töne aus einer andern Welt zu uns herüberdringen; süße Träume führten mich in meine Kinderzeit zurück, und ich hörte Deine liebe Stimme, die mir das Märchen vom Rattenfänger von Hameln erzählte: »Sie mußten alle hinterdrein.« Ich nahm sacht die Hand meines Hans und hielt sie fest, ganz fest. Ein tosender Beifallsjubel weckte mich aus meinen Träumen, ich sah Otto mit weitaufgerissenen Augen den Geigerkönig anstarren, dann lehnte er sich zurück und seufzte. Da hörte ich Hansens Stimme leise neben mir: »Sieh unsern Jungen! Es nimmt ihn furchtbar mit. Ich will ja sein Glück. Aber den Einjährigen, – den Einjährigen muß er mir machen.« Mutter, – ich glaub', wir gaben eine närrische Gruppe ab. Ich drückte Hans die Hand zusammen, so daß er heute sagte, er wolle sich lieber für den Rest unserer Ehe in eine Unfallversicherung einkaufen. Und dann spielte Joachim wieder, wunderbar herzergreifend und eine Sängerin schrie gen Himmel, was mich aber nicht weiter rührte; ich konnte schließlich kaum die Zeit erwarten, bis wir draußen standen unter dem nächtlichen Sternenhimmel. Angesichts des großen Bären verkündigte ich Otto das unerwartete Glück, und er fiel seinem Vater um den Hals. Ich folgte schleunigst nach, aber sämtliche Leute blieben stehen und sahen sich die Familienszene an, und so verfügten wir uns ins Kastanienwäldchen. Dicht unter den Fenstern, wo Rheinbaben über neue Steuern brütet, tanzte ich Walzer mit meinem Jungen, bis Hans seelenruhig sagte: »Komm, Lise, drei Polizisten steuern auf dich zu.« Da ging ich mäuschenstill mit, denn weißt Du, Mutti, seit der Brandstiftung vor Jahren fühle ich mich nicht so ganz unbestraft. Ach, die Welt ist sonnig, sonnig! Es ist ja eigentlich nichts Besonderes geschehen, Otto muß angestrengt arbeiten, aber er tut es mit Lust. Joachim selbst, der verehrte Meister, hat ihn geprüft und herrliche, anerkennende Worte gesprochen. Gibt Gott seinen Segen, Mutter, so strahlt unser Junge einst als heller Stern am Himmel der Kunst. Aber bis dahin fließt noch viel Wasser den Berg herunter, – den wir hinauf wollen. Otto wird Ostern mit Hilde zusammen konfirmiert, sie ist schon so ein großes Mädel, freilich noch ein süßes, liebes Kind im Herzen. Felix schreibt bereits ›au, ei und eu‹ auf der Tafel und erfüllt gewiß später sämtliche Hoffnungen seines Vaters, vorläufig will er Droschkenkutscher oder Regierungspräsident werden. Warten wir's ab. Deine glückliche Lise. * Liebste Mutter! Die neue Beförderung, das ›erreichte Ziel‹ ist doch längst nicht so in Grund und Boden überwältigend, als man es sich im Anfange der Karriere vorstellt. 's mag sein, daß die Kinder einem so ganz Herz, Seele und Gedanken ausfüllen, daß das Äußerliche mehr verschwindet. Aber doch sah Hans sieghaft aus, als er mir die Verfügung brachte, und selbst der Anfangsort G. schreckte uns nicht. Ich kann's überhaupt nicht begreifen, wie eine Beamtenfrau ›Sperrenzien‹ machen kann, wenn eine Versetzung kommt. Der Ort mag noch so schrecklich sein, schließlich bin ich doch bei Hans und Hans bei mir, die Kinder nehmen wir gesund mit, – was kann da weiter – ist (wie Felix sagt). Also G.! Schöne Dienstwohnung ist vorhanden, zehn Zimmer und Zubehör. Natürlich müssen noch Möbel angeschafft werden. Denn Hansens Vorschlag, nur sechs Zimmer zu möbilieren und ins siebente die Zigarrenschachteln, ins achte einen Stiefelknecht, ins neunte das Vogelbauer und ins zehnte – (nein, Mutti, ich kann Dir's gar nicht sagen, was Hans ins zehnte setzen wollte –) hinzutun – konnte ich unmöglich annehmen. Wir haben uns also nun das langerstrebte Büfett zugelegt, über dessen Fehlen ja schon die verschiedensten Kollegen die Köpfe geschüttelt haben, dazu zwölf Lederstühle, einen großen Serviertisch und mattfarbenen Teppich. Es macht sich alles recht nett, wenn ich mich auch immer noch nicht mit dem Anblick des Riesenbüfetts befreunden kann, ich liebe nun mal diese Dinger nicht, aber wie es scheint, werden sie als Zeichen der Bildung angesehen. Auch die Tochter meiner Flickfrau hat ein › Biwé ‹ mitgekriegt, wie Frau Schnabel erzählte, und zwar bewahrt sie die Vorhemdchen und Manschetten ihres Mannes darin auf. Na ja, einen Zweck muß das teuere Stück doch haben. Dorette ist mit uns gezogen, Gott sei Dank, aber ein neues Mädchen, Hulda, mußten wir uns doch für die große Dienstwohnung zulegen, sie macht sich ganz brav, nennt Felix-Fritz schon ›Sie‹ und ›junger Harr‹ und ›kißt‹ mir nach echt ostpreußischer Sitte ›'s Handchen‹. Dorette ist diese ›Leckerei‹ etwas Unverständliches und deshalb sehr zuwider, ich lasse mir's gefallen, um Hulda nicht kopfscheu zu machen. Besuche haben wir schon gemacht und viel Weizen, aber auch manche Spreu gefunden. Vor allen Dingen hat Hans seine Beamten gebeten, bei den Gesellschaften recht einfach zu verfahren; man kommt ja doch wahrhaftig nicht des Schlemmens wegen zusammen und ich finde es auch zu unvernünftig, großen Auswand zu machen, da einem doch jeder Kollege in die Tasche gucken kann. Hilde ist sehr tüchtig im Haushalt, seit sie die Schule verlassen hat. Es gab viel Tränen bei ihr, als sie von B. fortgehen, die Konfirmandenstunde bei dem so sehr verehrten Prediger aufgeben mußte, um sich hier in eine fremde, geistliche Obhut zu begeben. Gottlob, wir haben einen prächtigen Pfarrer, einen Pfarrer, wie er im Buche steht, so recht geeignet, junge, reine Mädchenseelen auf den wichtigen Abschnitt ihres Lebens, die Konfirmation, vorzubereiten. Hilde hat auch hier gleich wieder eine ›beste Freundin‹ gefunden, außerdem hat sie ein ›Kränzchen‹ mit der Tochter unseres Obersten, Ada von Westensee, mit dem reizenden Mädel des Postrats Kühren und eben dieser ›besten Freundin‹ Grete Lossow, deren Vater ein Rittergut in der Umgegend besitzt. Ich wollte, man schlösse sich noch ebenso rasch an wie diese ›Backfischchen‹ (Hans sagt: ›Kälber‹), vorläufig bin ich am liebsten mit dem Kränzchen zusammen, das mir die Ehre erweist, für mich zu ›schwärmen‹. Ich fürchte nur, diese Schwärmerei gilt weniger meinen etwaigen, herrlichen Eigenschaften, als vielmehr dem leckeren Zitronenpudding, den ich ihnen zum Kränzchen spendiere. Unsere Möbel sind gut angekommen, ich habe außer einigen ›Versetzungsschrammen‹ auf die sich leider immer die Dienstboten berufen, nichts gefunden. Gläser und Tassen sind gleichfalls heil, da sie diesmal nicht von einem ›berufenen‹ Packer in Kisten gepackt, sondern von einem ›erfahrenen‹ Bureaudiener meines Hans einfach in Papier gewickelt und kunstgerecht fest in die Vertikows gelegt sind. Endlich mal ein Umzug ohne Scherben! Trotzdem es also diesmal ohne eigentlichen Ärger abging, war ich doch vollständig ›buglahm‹, als endlich alles eingeräumt war, Hans konnte wenig helfen, er war eigentlich immer im Frack, oder, wie er sich ausdrückt: »Er kam nicht mehr aus dem reinen Oberhemd heraus.« Aber nun ist es auch so traut und gemütlich bei uns, trotz der großen Räume, die ich immer noch in ungläubigem Staunen betrachte, ob es wirklich die unsern sind. Welcher Unterschied zwischen unserm ersten Nestbau und diesem! Und doch, kein Unterschied, denn das reine, große Glück blühte auch damals und zog mit hierher. Gott erhalt's! Deine Lise. Heute ist ›Kränzchen‹ bei Hilde. Sie ist wirklich ein herziges Ding, wie sie so dasteht im einfachen, weißen Batistkleid, ohne jeden Schmuck, außer der hellblauen Schärpe, die Vater Hans so gern an ihr sieht. Dazu noch eine blauseidene Schleife im dicken Hängezopf, und der bayrische Grenzpfahl ist fertig. Hilde überschaut mit seitwärts geneigtem Kopf und kritischem Blick den zierlich gedeckten Tisch. Das zierliche Decken ist die Hauptsache beim Kränzchen, denn sonst geht es sehr einfach zu; Kaffee und Zwieback, aber es schmeckt prachtvoll. Hinterher ein paar Äpfel, nur bei Hilde gibt's auch manchmal Zitronenpudding, sie hat ein gar zu liebes ›Muusch‹. Der Tisch ist tadellos, auf jedem Gedeck liegt noch ein winziger Strauß selbstgezogener Blumen. Hilde schaut sich nun weiter in ihrem Zimmer um. Es ist wirklich ihr Zimmer, der Traum vieler Jahre ist in Erfüllung gegangen. Am Fenster ein zierlicher Nähtisch, an dem vorläufig noch nicht viel getan wird und das ist gut, so bleiben die Sachen hübsch in Ordnung, wenn Muusch plötzlich Revision ansagt. Dort ist die Kommode. Im obersten Fach liegt die Wäsche, im mittelsten Strümpfe, Zopfbänder und Schärpen, sowie Tändelschürzen, im untersten die Wirtschaftsschürzen, die der damit Bekleideten ein so ›rasend‹ wirtschaftliches Äußere geben, und außerdem eine geheimnisvolle Truhe mit der tiefsinnigen Aufschrift: »Im Falle meines plötzlichen Todes von meinen Erben zu erbrechen.« In der Truhe liegt zu unterst die Lieblingspuppe ›Dagmar‹ im Steckkissen und weißen Häubchen, einfach ›süß‹. Dann ein verwelkter Strauß, den Hilde zu ihrem Geburtstag ›anonym‹ bekommen hat. Wie interessant! Es war ein ›himmlischer‹ Strauß gewesen, und ein ›entzückendes‹ Gedicht hing daran, natürlich mit verstellter Handschrift. »Warum geschlossen das Visier An meinem Feste, wirst du fragen? Ich aber frage, darf ich dir Den offnen Gruß zu bieten wagen? Gern würf' ich ab den falschen Schein, Laut möcht' ich meinen Namen nennen. Dir schlägt mein Herz, nur dir allein, Du aber willst es nicht erkennen!!! « Der letzte Satz war dick unterstrichen und damit hatte der Schreiber recht, Hilde war immer ahnungslos an seiner Liebe vorübergegangen, wie sie überhaupt die Gymnasiasten unter dem Sammelnamen ›grauenhafte Bengels‹ nur als notwendige Übel betrachtete. Ihre von einem tiefen Seufzer begleitete Frage, die sie vor Jahren einmal an ihren Vater richtete: »Papa, wozu sind eigentlich Jungs da?« hatte ihr dieser freilich treffend beantwortet: Um später für die Frauenzimmer das Brot zu verdienen. »Ach so!« Aber das Gedicht kam in die Truhe, Hilde ›ahnte‹ den Verfasser, er hatte außerdem zu Otto gesagt: »Er fühle sich unverstanden, Europa sei ihm zu eng und er wolle in die Kolonien gehen.« Vorläufig war er aus Gram über Hildes ›Kälte‹ in Obersekunda sitzen geblieben. Hilde schiebt energisch das Kommodenfach zu. Dann steht noch der hübsche Kleiderschrank da, mit der leider etwas verwachsenen Garderobe, Hilde soll erst zur Konfirmation neu eingekleidet werden. Das hübsche weiße Kleidchen freilich hat noch Großmuttchen gestiftet, Großmütter sind doch eine herrliche Einrichtung, sie schicken immer so nette Sachen, die jeder bewundert und über die sich selbst die kritteligste ›höhere Tochter‹ nicht zu ›mokieren‹ wagt. Ganz anders Tante Emerenzia! Hu, das ›Greuelkleid‹, das da von ihr gespendet ist! Dicker, dunkellilagestreifter Stoff, für die Ewigkeit gewebt und so ›pumplich‹ und ›altmadamig‹ gemacht; – noch neulich erklärte Ada von Westensee: »Du bist 'n Schafkopp, wenn de dir das anmurxen läßt, verschenk's doch heimlich oder brenn's auf!« Hilde seufzt. Nein, nein, das hätte sie nie gewagt, Papa hatte auch gesagt: »Tante Emerenzia hätte es gut gemeint und vorgesorgt; aus dem Stoffe könnten noch Hildens Urenkel Hosen kriegen.« Ach! – Wieder ein Seufzer! Es ist Hilde so ›Wurscht‹, was ihre Urenkel anziehen. Jetzt klingelt es draußen. Das Emerenziakleid bekommt noch einen derben ›Schubs‹, dann schließt Hilde den Schrank und eilt hinaus. Dorette und Hulda haben die strenge Weisung, an Kränzchentagen in der Küche zu bleiben, gerade die erste Begrüßung an der Haustüre ist so interessant! »'n Tag, Ada!« »Moin! Hilde!« »Himmel, bist du fein, Ada! Das neue rote? In's Kränzchen? Das ist gegen die Satzung.« »Sei man still, Hilde. Ich wußt' heute, daß ich dem Leutnant Stranz begegnen würde. Ein goldiger Knopp!« »Aber Ada!« Hilde errötet bis tief unter die klare Kinderstirn, sie steht ganz hilflos verlegen der ›erfahrenen‹ Freundin gegenüber. Gott, wenn nur ›Muusch‹ nichts gehört hat! »Na, mach' nich so 'n entsetztes Gesicht, Tugendbraten,« bemerkt Ada leichthin, und legt den eleganten Hut ab, indem sie sich aufmunternd über die platt gedrückten Stirnlöckchen fährt. »Übrigens, was ich dir schon lange sagen wollte, Hilde, deinen Hängezopf mußt du abschaffen. Er sieht, gelinde gesagt, ›albern‹ aus. Du bist ja ein so süßes Geschöpf, aber mit 'n ›Dutt‹ sähst du noch viel süßer aus, meinetwegen benutze die Defreggerfrisur als Übergang.« »Mama meint – –« »Ja siehst du, deine Mama meint zu viel, das mußt du ihr abgewöhnen. Ich tue, was ich will, – die Welt schreitet fort.« »Aber Ada!« Hilde ist heute ganz entsetzt über ihre Freundin und es fällt ihr ordentlich ein Stein vom Herzen, als es draußen wieder klingelt, und Grete Lossow nebst Anni Kühren hereinstürmen. Sie haben ein ›entzückendes Abenteuer‹ erlebt und können kaum die Zeit erwarten, es loszuwerden und an den Mann zu bringen. »Nein, denkt euch bloß mal!« »Ach bitte Grete laß mich erzählen!« »Wie kommst du mir vor, Anni, es geht doch mich an.« »So? Weißt du das genau?« Grete Lossow wird rot, und nun sprechen beide zu gleicher Zeit. »Ach Gott, denkt doch bloß! Der Schauspieler Wöllner vom Stadttheater, und der interessante ›Ladenschwungs‹ aus dem Geschäft von Kabumeit am Markt kamen hinter uns her.« »Wir taten, als ob wir's nicht merkten!« »Aber wir hielten vor Aufregung den Atem an.« »Und da sagte Wöllner –« »Nein, der Kommis –« »I wo, der Wöllner sagte –« »Besonders aber die eine! « »Denkt euch bloß!« Das zuhörende Kränzchen, Ada und Hilde, lacht schallend. »Nu, und nun wißt ihr nicht, wer gemeint ist?« Anni und Grete sehen verschmitzt lächelnd auf ihren Teller, jede ist felsenfest überzeugt, daß es ihr gegolten hat. – »Na, was gibt's sonst Neues?« »Ich war gestern in ›Don Carlos‹,« sagt Ada. »War's schön?« »Grubner als Don Carlos war himmlisch! Aber Mama wollte eigentlich nicht, daß ich hinging, es ist ja auch ein komisches Stück, wißt ihr, Don Carlos liebt doch seine Mutter – –« »Na ja,« ruft Hilde und ein ganz süßes, erstauntes Gesichtchen hat sie aufgesetzt – »das tun wir doch alle.« Ada von Westensee beschließt innerlich, ihren Verkehr mit Hilde einzuschränken, da sie doch noch gar zu sehr ›Bählämmchen‹ ist. Felix-Fritz unterbricht mit seinem Eintritt die etwas peinliche Stille, er sieht nach, ob der Kuchenappetit der jungen Mädchen in soliden Grenzen bleibt und ob für ihn einige Stücke ›loszueisen‹ sind. Die Revision fällt nicht zufriedenstellend aus, er wirft die Tür heftig hinter sich ins Schloß und beklagt sich bei Otto: »Die Marjellen futtern schandbar.« Drinnen ist inzwischen ein weniger verfängliches Thema vorgenommen worden und bald klappert die Mühle so lustig wie noch nie. Der Zitronenpudding unterbricht dann auf angenehme Weise das Geplauder, und man ist beglückt und hochgeehrt, als sich Hildes Mutter ein Weilchen zum Kränzchen setzt. Frau C. ist überhaupt eine ›reizende‹ Frau, aber schrecklich ›philisterhaft‹, denkt Ada von Westensee. So hat ihr Frau C. heute z. B. direkt abgeschlagen, Hilde in Pension zu schicken, obwohl das ganze Kränzchen zum Frühjahr in ein und dieselbe Pension kommt. Und weshalb nur? »Unser Haus ist das geeignetste Pensionat für Hilde,« erklärte Frau C., »ich getraue mir, meiner Tochter den allerbesten ›Schliff‹ zu geben.« Das klang so ruhig und ernst, man wagte gar nicht zu widersprechen, und Hilde war merkwürdigerweise nicht verstimmt oder ärgerlich; sie schmiegte sich an die Mutter, und sagte mit strahlendem Lächeln: »Zu Hause ist's auch am allerschönsten!« Zum Schlusse des Kränzchens schlug Frau C. noch einige Schreibspiele vor, was sehr lustig und nett war, weiße Zettel wurden verteilt und jeder mußte ein Bild zeichnen, am besten die Illustration zu einem Liede. Dann schrieb man zu u‹nterst auf den Zettel, was die Zeichnung bedeuten solle und knickte dann das Blatt um, es weitergebend an die Nachbarin. Diese besah die Zeichnung und schrieb dann wieder unten hin, was sie sich dabei dachte, so kamen die lustigsten Lösungen zusammen, die zuletzt vorgelesen wurden. Frau C., welche eine Meisterin in kleinen Handzeichnungen war, hatte den ›Fischer‹ von Goethe aufs Papier geworfen. Einen See, woran ein Mann saß, der sehnsüchtig seine Arme ausstreckte, dazu die Nixe, die ihn lockt. Die Auflösungen waren mannigfaltig. »Hebe dich weg von mir, Satanas,« hatte Grete Lossow geschrieben. »Du liebliche Forelle,« schrieb Hilde und stellte damit dem Zeichentalente ihrer Mutter nicht gerade das beste Zeugnis aus. »Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,« bekannte Anni Kühren und Ada von Westensee meinte gar, es sollte heißen: »Komm, Karlineken, komm, Karlineken, komm!« Es war aber wahrhaftig der Fischer von Goethe, das Gegenteil war nicht zu beweisen. »Himmel, schon acht Uhr!« »Wollt ihr schon fort?« fragte Hilde bedauernd, während Frau C. leicht aufatmet. Um acht Uhr kommt Vater Hans aus dem Bureau und dann liebt er ›Rein Schiff‹. Etliche Küsse werden gewechselt, einige windschiefe und ein sehr korrekter Knicks vor Frau C. gemacht, Grete Lossow schmiegt sich einen Augenblick fest an Hilde und flüstert ihr ins Ohr: »Du bist doch meine Allerbeste!« Hilde nickt ihr strahlend zu, sie hat just dasselbe gedacht. Otto, der Obersekundaner, wird beordert, Ada und Anni nach Hause zu bringen, Grete Lossow wird mit dem Wagen abgeholt. – Otto entledigt sich wütend seiner Ritterpflicht, die beiden ›Gänse‹ achten gar nicht auf ihn, sie lassen ihn laufen, ohne ihn auch nur einmal ins Gespräch zu ziehen, das sich natürlich um die verflixten Leutnants dreht. Otto macht kurz entschlossen wieder ›kehrt‹ und stiefelt nach Hause, und das härteste ist, die Mädels merken es nicht einmal. Beim Abendbrot zieht Otto gewaltig über das Kränzchen her und die sonst so gütige ›Muusch‹ sekundiert ihm leider, soweit es ›Ada‹ betrifft. Die Parteien stoßen hart aneinander, und Hilde hat Tränen in den Augen. Da zieht sie der Vater liebevoll zu sich heran: »Laßt mir mein altes Mädel in Ruh, sie ist ein braves Kerlchen, sie hat Korpsgeist.« – * Geliebte Mutter! Wenn der heutige Brief, oder wenigstens die Schrift etwas konfus wird, so kann ich nichts dafür, ich habe eine anstrengende Ballnacht hinter mir und meine Augen sind so klein wie zwei Stecknadelköpfe. Hildes erster Ball! Schon die Vorbereitungen machten viel Kopfzerbrechen, es ist ja hier alles anders, als in Berlin, wenn man auch hier hübsche Geschäfte hat, in denen man gut bedient wird. Aber G. ist so klein, jeder weiß, daß Ball im Kasino ist und jeder Ladenjüngling preist mir etwas anderes an, als gerade für den Kasinoball durchaus passend. Von einem mattblauen Seidenstoff behauptete der eine, er sei ›ewig treu und goldecht‹. Trotzdem nahm ich ihn nicht, Hilde sollte noch keine ›Seide‹ tragen, darin waren Hans und ich einig. Freilich die Majorin Eichstedt meinte: »Aber Liebste, in Ihrer Stellung müssen Sie doch Seide nehmen.« Das sah ich aber nicht ein, und bei solchen Dingen muß ich immer an unseren Großpapa denken, der doch Oberst in einem Kavallerieregimente war und dessen fünf Töchter nur einen Hut hatten, – wer ausging, bekam ihn. Wie oft haben mir die Tanten davon erzählt. Freilich: »Tempora mutantur et nos mutamur in illis» . (Das lernt jetzt Felix-Fritz, und ich habe es aufgeschnappt.) Ich war überhaupt nicht dafür, daß wir uns ins Kasino aufnehmen ließen, aber Hans hat sich vom Regimentskommandeur breitschlagen lassen, mit dem er viel zusammen Skat spielt. Nun komme ich nicht aus der zitternden Angst heraus, Hilde könnte sich in einen Leutnant verlieben, und vor Kommißheiraten schaudere ich. Hans lächelt überlegen und tut, als ob für unsere Hilde die reichen Rittergutsbesitzer oder ähnliches nur so am Zaun wüchsen. Es ist ja wahr, reizend ist unsere Hilde, sie ist schlank und groß mit einem blonden Flechtenkrönchen über der klaren Kinderstirn, dazu tiefblaue Augen mit schwarzen Brauen und Wimpern, – Himmel, wenn Hans das liest! Er ist freilich genau so närrisch wie ich, aber wir verbergen es ängstlich voreinander, schon damit Hilde nicht merkt, daß wir sie ›süß‹ finden. Ich bin ja auch wahrhaftig keine eingebildete Mutter und sehe die Mängel an meinen Kindern klar, (obgleich ich nicht weiß, wo sie bei Hilde stecken sollen) und lasse jedem andern Mädchen sein Recht, aber daß Hilde weitaus hübscher ist als anderer Leute Töchter, sieht jedes Kind. * Wir kamen etwas spät ins Kasino, denn von meinem ›Vierknöpfigen‹ sprangen noch die beiden obersten Knöpfe ab, als wir in den Wagen steigen wollten. Das Stubenmädchen Hulda war nicht zur Hand, sondern auf einem Schneiderball im Gasthof zum ›goldenen Bock‹, deshalb mußte Dorette die Knöpfe annähen, was sie mürrisch mit den Worten tat: »Meine Feiste sind vor'sch Grobe und nicht vor'sch Feine.« Die Polonaise hatte also schon begonnen, was ich mit einem ›Gesellschaftslächeln‹ ansah, innerlich war ich sehr ärgerlich. Natürlich hatten alle schon engagiert und ich sah unsere Hilde bereits als Mauerblümchen, oder, da dies in einem Kasino nicht vorkommt, mit dem jüngsten Fähnrich herumhüpfen. Oberst von Diller begrüßte uns sehr liebenswürdig, ebenso seine reizende Frau, wir setzten uns gemütlich zu einem Schwätzchen nieder, da Frau von Diller leidend ist und überhaupt nicht tanzt. »Es ist auch ein alter Bekannter von Ihnen hier, gnädige Frau,« sagte der Oberst und dann brachte er mir einen großen, blonden Menschen, den ich zuerst gar nicht erkannte, aber dann gab es eine Riesenfreude. Helmut Franz war es, unser Nachbarsjunge aus der Steigerstraße, Muttchen, den ich so oft verhauen habe, wenn er mich mit Steinen warf. Er ist nun so seine fünf- bis sechsunddreißig Jahre alt und schon Hauptmann im großen Generalstabe; augenblicklich ist er an die hiesige Kriegsschule kommandiert. Wir kamen gleich ins Lachen und Erzählen, Hans ist ja mit ihm zur Schule gegangen, freilich in eine ganz andere Klasse, aber sie haben sich doch geduzt und sind viel zusammen gewesen. Helmut Franz soll auch verschiedene Ohrfeigen von Hans bekommen haben, und als ihm seine Mutter erzählte, daß sich Hans mit mir verlobt hätte, antwortete er: »Das geschieht dem Kerl schon recht.« Alle diese alten Erinnerungen frischten wir auf, und die Zeit verging im Fluge. Hilde erschien ab und zu strahlend und erhitzt auf der Bildfläche und tanzte dann wieder davon, die Leutnants rissen sich förmlich um sie, und ich habe wieder einmal recht gehabt; ein Leutnant war da, der nicht von ihrer Seite wich, und den sie ›sehr nett‹ fand. Liebste Mutter, so fängt es allemal an, mit ›sehr nett‹! ich weiß das ja und endigt mit dem ›Herrlichsten von allen‹, wie wir frei mit Chamisso in poetischer Übertreibung sagen, d. h. bei meinem Hans ist es nicht übertrieben. Noch mehr als dieser Leutnant ängstigt mich ein schwarzer Forstassessor, – ich bitte Dich, Mutter, die Forstkarriere ist ja schreckenerregend jetzt, man kann erst heiraten, wenn man Großvater ist. Forstassessor Velten ist ein sogenannter ›interessanter Mann‹, ein Herzensbrecher, ein ›Veilchenfresser‹, man erzählt sich die wunderbarsten Sachen von ihm. Und dieser gefährliche Mensch saß gestern den ganzen Abend neben Hilde, die sich heute über ihn ausschweigt, was mich noch mehr ängstigt. Zum Glück saß Helmut Franz bei Tisch auf ihrer andern Seite, ich hatte ihn extra als Aufpasser hingesetzt. Helmut tanzte auch den Kotillon mit ihr, da die andern Herrn infolge unseres Zuspätkommens schon alle vergeben waren. Hans ist leider gar nicht dafür; Tänzer für sein Kind ›anzuschleifen‹, wie andere das mit Erfolg tun. Er setzt sich sofort zum Skat, den er sich seit ein paar Jahren angewöhnt hat und vergißt –, nein, nein, er vergißt niemals dabei Weib und Kind, sondern findet immer noch Zeit, mir liebevoll zuzunicken und nach meinem Befinden und meinen Wünschen zu fragen. Heute morgen erschreckte uns schon um halb sieben das fürchterliche Gebimmel unserer Hausglocke und Hulda, welche öffnete, brachte ein Riesenbukett, das ich trotz Deutschen Sprachvereins nicht mit dem schlichten Namen ›Strauß‹ bezeichnen kann. Es sind, glaube ich, alle Blumen drin vorhanden, welche die Naturgeschichte aufweist. Eine Riesenkarte baumelt an dem Ungetüm, eine Karte in dem Format, wie sie gekrönte Häupter haben, und darauf stand in aufdringlicher Schrift: Karl Velten, Königl. Forstassessor. Oberleutnant d. R. im Feldjägerkorps. Ach, Mutter, der Knabe Karl fängt an, mir fürchterlich zu werden! Schreibe bald, wie Du über die Sache denkst. Deine besorgte Lise. * Liebste Mutter! Felix-Fritz ist Primus geworden. Hans strahlt, während ich die Sache bedeutend kühler nehme, Wenn ein Ehepaar älter wird, zeigen sich doch ab und zu kleine Meinungsverschiedenheiten, sie bleiben auch nicht in unserer tiefglücklichen Ehe aus. Hans kann seinem Jungen nicht genug tun, und ich bin der Meinung, daß Felix-Fritz lieber etwas »geduckt« werden sollte. Er bildet sich etwas stark zum Pharisäer aus und schlägt mir viel zu oft an seine Brust in dem nicht immer berechtigten Gefühl: »Gottlob, daß ich nicht bin wie jene!« Auch heute hätte ich im Weihnachtszeugnis viel lieber den Jungen auf dem zweiten oder dritten Platz gesehen, als daß er so siegend mit einer schlanken »Eins« für seine sämtlichen Leistungen den ersten Platz eroberte. Es lag etwas in der ganzen Art des Jungen, wie er uns seine Erfolge mitteilte, was mir nicht gefiel; Hans merkte nichts davon, er liebt die forsche, sieghafte Art seines Jüngsten, die so sehr gegen die weiche, träumerische unseres Otto absticht. Dabei übersieht aber Hans, daß der fröhliche Stolz, den unser Junge ja unbedenklich über seine Erfolge haben kann, jetzt in eine Überhebung ausartet, die leicht zum Charakterfehler wird, wenn man ihr nicht beizeiten steuert. Mich dünkt, Feliz-Fritz sieht noch etwas mehr auf mich herab, als sonst kleine, unreife Gymnasiasten auf ihre lateinlosen Mütter herabzusehen pflegen. Du lächelst gewiß Dein gütiges Lächeln, meine liebe, gute Mama. Sei ohne Sorgen, ich gräme mich auch noch nicht über diese kleinen Schatten, die unser trautes Nestchen nimmermehr ernstlich verdunkeln können. Hans hat für Felix-Fritz ein Gewehr gekauft, das er sich lange gewünscht hat; wäre der Junge nicht Primus geworden, hätte ich's wohl noch nicht zugegeben, denn ich sehe keinen Segen darin, und im Traume schweben mir schon immer tote Katzen und meterlange Glaserrechnungen vor. Vorläufig steht die Flinte noch im Kleiderschrank ungefährlich in der Ecke, aber zu Weihnachten soll sie in ihrer ganzen Schönheit oder Schrecklichkeit erstehen. Nous verrons! Otto schreibt liebe, sehnsüchtige Briefe aus Berlin. Er studiert voll Eifer und Fleiß bei seinem verehrten Meister Joachim, er berichtet von herrlichen Konzerten, die den Studierenden der Königlichen Hochschule für Musik geboten werden, er erzählt von den großen Künstlern und ihren Erfolgen und meine Seele saugt durstig all diese Schilderungen ein. Du weißt, wie ich in der Musik lebe und atme und schon als Kind die Bücher, welche von großen Künstlern handelten, verschlang und allen Indianergeschichten vorzog. Für Hans sind und bleiben die strahlenden Sterne am Kunsthimmel aber »Musikanten«, und da er angesichts der Rieseneinnahmen unserer Geigerkönige, Heldentenore und Primadonnen nicht von »brotloser« Kunst sprechen kann, so sucht er die bescheideneren Künstlerexistenzen gänzlich herabzudrücken. Auch von Ottos Zukunft erwartet er nichts Besonderes. Er hat den Lieblingswunsch unseres Jungen nicht aus Interesse an der Kunst selbst erfüllt, oder weil er die hohe Begabung des Kindes voll erkannt hätte, sondern weil er Otto nur für einen »Durchschnittsmenschen« hält, der auch in der Beamtenlaufbahn nichts »Höheres« erreichen würde. Hans ist eben durchaus Beamter, und einer der treuesten und gewissenhaftesten; Vorgesetzte und Untergebene sehen mit Liebe und Verehrung auf ihn, und das erfüllt mich mit freudigstem Stolz. Man muß ja meinen Hans auch lieb haben, denn sein köstlicher Humor verbreitet Sonnenschein ringsumher, und dieser Sonnenschein durchleuchtet und erwärmt die düsteren Bureauzimmer, während sein frisches, derbes Schelten und Wettern, wo er Ungehörigkeiten sieht, niemals verletzend wirkt, sondern wie ein fröhlicher Wirbelwind reinigend in alle vernachlässigten Ecken fegt. Dabei ist ihm jedes Strebertum verhaßt, und er zieht scharf gegen derartige Auswüchse zu Felde; gerade deshalb ist mir die Charakteranlage unseres Jüngsten so verwunderlich und befremdlich. Otto schrieb, daß er kurz vor Weihnachten schon in einer größeren Aufführung als Solist auftreten soll; mein Mutterherz bangt vor diesem Abend, der, wie ich zwischen den Zeilen lese, wohl schon entscheidende Folgen für Otto haben wird. Hilde und ich haben ihm gleich lange, frohe Briefe geschrieben, und ihm Mut zugesprochen, auch Hans hat ein paar gütige Worte und klingende Münze beigefügt, während das kleine, überkluge Bürschchen Felix geringschätzig sagte: »Was für eine Wirtschaft um das bißchen Fiedeln gemacht wird!« Dabei ist Felix-Fritz durchaus musikalisch, er sang ja schon als kleines Kind so reizend; aber es ist ordentlich, als schämte er sich seines Talentes, jedenfalls verleugnet er es, wo es nur möglich ist. Auch Hans gibt gar nichts auf seine eigene herrliche, wenn auch ungeschulte Tenorstimme, während er sich für einen Meister auf der Flöte hält, die er auf dem Jahrmarkt für zehn Pfennige erstanden hat, und auf welcher er nun Tag für Tag in seinen Mußestunden »Gestern abend war Vetter Michel da« pfeift. Es ist herzbrechend schön und Hans hat eine kindliche Freude an seinen eigenen Leistungen, denn er ruft mich selbst aus der Küche ab: »Lise, komm mal schnell her, ich hab' da all wieder 'ne Feinheit rausklamüsert.« Er hat auch schon den großartigen Plan gefaßt, sich pensionieren zu lassen, und mit uns in einem Planwagen durchs Land zu fahren; ich hoffe, liebstes Mutting, Du unterstützt uns kräftig, wenn wir eines schönen Tages auf Deinem Hofe singen, fiedeln und flöten, und wirfst uns keine ›Knöpfe‹, oder eingewickelte ›Mohrrübenscheiben‹ herunter. Auf frohes Wiedersehen also mit dem Planwagen! Deine Lise. * Meine liebe Mutter! Schon seit mehreren Tagen philosophiere ich herum: »Wie ist doch die Welt so vergnügungssüchtig!« Wenn es nach dem Vergnügungsvorstande des Kasinos ginge, dann benutzten wir unsere Wohnung überhaupt nur als Schlafraum und stromerten während der übrigen Zeit in der Umgegend von G. oder im Klubsaal des Kasinos herum. Unglücklicherweise ist noch die schönste Schlittenbahn, und jeden Morgen kommt der kleine Leutnant von Moers und fragt nach unsern Befehlen, aber den einzigen Befehl: »Lassen Sie uns in Ruhe!« führt er nie aus. Wir haben schon drei Schlittenpartien hinter uns und bei jeder ist Forstassessor Velten Hildes Partner. Ich habe mich schon so ganz leise nach ihm erkundigt. Schulden hat er, wie Sand am Meer, und ein Herz so groß, wie ein Omnibus; er tanzt nur mit Hilde, und begründet es damit, daß er sich nicht anstrengen dürfe, weil er an Herzklappenfehler leide. Nun, das ist ja kein Wunder bei dem ewigen Öffnen und Schließen des Omnibusses. Hilde lacht ob meiner vielen Bedenken und sagt: »Mein altes Muusch, das zieht sich alles zurecht.« Das ist auch so eine neue Mode, daß man nicht mehr ehrlich »Mutter« oder »Mama«, sondern »Muusch« genannt wird, wie eine junge Katze. Ich habe Helmut Franz noch einmal inständig gebeten, auf Hilde zu passen, aber er lehnt ab und erwidert: »Jugend gehöre zur Jugend, und der Forstassessor sei nicht schlimm, Hilde habe ja auch den Mund auf dem rechten Fleck.« Das ist ja wahr, aber das Mädel sitzt in letzter Zeit oft so träumerisch da und »horcht in die Wicken«, wie wir in Thüringen sagen, und wo ich Hilde sehe, da ist auch der Assessor. Wir werden doch nicht auf unsere alten Tage anderer Schulden bezahlen sollen? Hast Du übrigens schon mal etwas von »Schlittenrecht« gehört? Hier faselt man so viel davon, daß ich auch schon deshalb ein gelindes Unbehagen verspüre, wenn die Jugend so mit Schellengeläute davonfährt. Jeder Herr, der seine Dame wohlbehalten im Schlitten nach dem Bestimmungsorte gefahren hat, soll das Recht haben, ihr einen Kuß zu rauben. Ist das nicht eine barbarische Mode? Dabei wird überall ein Grog genommen, wo nur ein Arm heraushängt und die Fidelität ist groß, ehe man am Bestimmungsort anlangt. Wir hatten neulich Frau von Meyer mit in unserem Schlitten, sie besitzt einen Schnurrbart, um den sie mancher Fähnrich beneiden könnte und ist schon »fünfzig«, aber trotzdem schien sie nicht übel Lust zu haben, das Schlittenrecht an unserm gemütlichen, bequemen Oberst von Diller in Empfang zu nehmen. Doch er winkte ab. »Meine Gnädigste,« erklärte er, »nur wer die Zügel führt, darf küssen.« Dabei zeigte er mit verbindlichem Lächeln auf unseren Kutscher, dessen rotes, vergnügtes Gesicht sich strahlend nach uns herumdrehte. » Shocking! « entgegnete Frau von Meyer. Hilde war gestern auch noch zu einem großen Basar aufgefordert, den Frau von Meyer arrangiert hatte. Jedes Unglück ist für diese Dame eine Quelle unendlich vieler Tanzvergnügen, aber Hans und ich lehnten einstimmig für Hilde ab. Wir saßen gestern zum ersten Male wieder recht gemütlich um den grüßen Familientisch, Assessor Velten, der Unvermeidliche, war auch da, und meine Sorgen sind größer als je. Ich will seine häufigen Besuche nicht, aber Hilde bat so flehentlich, daß ich schwach genug war, nachzugeben. Wir haben jetzt Besuch, Grete Lossow ist da, Hildens liebste Freundin, ein blasses, stilles Kind, das aber in dem sonst reizlosen Gesichtchen ein Paar wundervolle Augen hat und den großen Vorzug besitzt, ein Goldfisch zu sein. Sie liebt unsere Hilde schwärmerisch, und deshalb zog ich sie ein bißchen ins Vertrauen, was meine Sorgen um den Assessor betraf. Doch sie versetzte nur leise: »Ach, das dumme Geld! Wenn zwei sich von Herzen lieb haben, das ist doch die Hauptsache!« Aber was weiß so'n »Kiek in die Welt« von Liebhaben! Freilich, ich war ja seinerzeit auch nicht älter, aber da handelte es sich auch um meinen Hans, und ich kann mir nun einmal nicht den schwarzen Forstassessor als unseren Sohn vorstellen, ich bekomme eine eiskalte Stirn bei dem Gedanken. Sollte ich eine ausgesprochene Anlage zur bösen Schwiegermutter haben? Liebste Mama, ich habe so Ahnungen, als würde Weihnachten etwas vor sich gehen. Weihnachten ist in dieser Beziehung immer so ein Zeitpunkt. Weißt Du, wenn unser Väterchen früher erzählte aus seinem Junggesellendasein? Mit seinem köstlichen, nie versiegenden Humor? Er meinte auch, daß es nichts Gefährlicheres für einen Junggesellen gäbe, als am heiligen Abend in eine töchterreiche Familie geladen zu werden, wo man zuerst ein vorzügliches Abendbrot mit guten Weinen bekommt, dann Punsch mit Pfannkuchen und zuletzt mit der »einen« allein unter dem brennenden Tannenbaum gelassen wird, der ohnedies schon eitel Rührung und Jugenderinnerungen ausstrahlt. »Spielt dann noch jemand im Nebenzimmer: »Stille Nacht, heilige Nacht«, dann ist man unrettbar verlo–bt.« So erzählte Vater zu unserm Ergötzen und Du sagtest schmollend: »Schäm dich, Alter,« denn Du hattest Dich mit ihm unter ähnlichen Verhältnissen versprochen. Nun, der Forstassessor kann ruhig sein, ich spiele den Choral vor dem Abendbrot und den Punsch trinken wir, wenn er fort ist; Helmut Franz hat sich gemütlich bei uns angemeldet, wir wollen von alten Zeiten plaudern. Es ist doch eine köstliche Zeit, die liebe Weihnachtszeit, ich freue mich jedesmal wie ein Kind darauf. Auch in diesen Tagen ist's mir, als dufte es überall nach Harz und Tannengrün, obgleich der Baum noch gar nicht da ist. Hilde hat wieder eine Riesenarbeit für mich, sie ist so fleißig und kriecht jedesmal unter den Tisch, wenn ich unangemeldet ins Zimmer komme. Sie und Grete Lossow stecken voller Geheimnisse, und ich fühle mit Bangen, daß unsere Hilde kein Kind mehr ist. Gott nehme sie in seinen Schutz! Das Kistchen für Dich geht morgen ab, geliebte Mutter! Frohes, glückliches Weihnachtsfest! Deine Lise. * Am ersten Feiertag Geliebte Mutter! Da liegen sie alle vor mir, Deine reichen, mit rührender Sorgfalt ausgewählten Geschenke. Ich habe mich so innig darüber gefreut und danke Dir von ganzem Herzen. Das Fest war für uns zum ersten Male seit beinahe zwanzig Jahren nicht froh und sonnenhell. Felix-Fritz hat uns tiefen Kummer gemacht, und diesmal war ich es, der Hans zur Besonnenheit und Ruhe gegen das Kind ermahnen mußte, denn er kannte sich selbst nicht mehr in seinem Zorn. Felix-Fritz saß am Tage vor Heiligabend gemeinsam mit uns an dem großen Familientisch, als draußen stark an der Klingel gerissen wurde. Der Junge wurde totenblaß, wir merkten es alle, und als die Minna den Buttgereit meldete, wollte Felix-Fritz ausreißen, wurde aber von mir daran verhindert. Und dann hörten wir das schreckliche: Felix-Fritz hatte heimlich das Gewehr, welches er zu Weihnachten bekommen sollte, aus dem Schrank entwendet und damit planlos im Garten herumgeschossen, und nicht Erbsen hat er dazu genommen, sondern sich auf irgendeine Weise Schrotkörner zu verschaffen gewußt. Der kleine Willy Buttgereit hat ihn am Schießen hindern wollen, und da hat, wie der Nachbar beteuert, unser Junge im ausbrechenden Jähzorn auf Willy angelegt und ihm eine Ladung Schrot in das linke Bein gejagt. Willy Buttgereit ist ein zartes, schwächliches Kind. Mutter, ich zittre, wenn ich an den Leichtsinn unseres Jungen denke. Jetzt ist der Kranke schon in der Besserung, wir bezahlen natürlich den Arzt und die Pflege, aber deshalb wird die schwerste Last doch nicht von unserer Seele genommen. Felix-Fritz schlugen die Zähne wie im Fieberfrost zusammen. Er sagte nur immer: »Ach Mutti, ich war so wütend, so wütend!« Dieser unglückliche Jähzorn! Hans besitzt ihn in so hohem Maße und ich bin ja auch nicht die Sanfteste. O, wie hat Hans das Kind geschlagen! Ich mußte ihm schließlich in den Arm fallen und Felix-Fritz, der nicht eine Träne weinte, brachte ich ins Bett. Er starrte mit seinen dunkeln Augen nach der Decke und hatte die Hände zu Fäusten geballt, aber als ich ihm kein hartes Wort sagte, sondern nur schlicht mit ihm betete, sein altes Kindergebet: »Lieber Gott, mach' mich fromm, Daß ich in den Himmel komm,« da löste sich der Trotz in ihm und er weinte bitterlich. Dann ist er in meinen Armen eingeschlafen, denn er ließ mich nicht mehr los. Du kannst Dir denken, wie uns allen am heiligen Abend zumute war, aber Überraschungen gab's genug. Zuerst einen Brief von Helmut Franz, in welchem er uns mitteilte, daß er schleunigst zu seiner Mutter nach Charlottenburg reise, die gar nicht wohl sei, wir möchten ihm etwaige fröhliche Nachricht dorthin senden. Jawohl! Fröhliche Nachricht! Dann kam Hulda und kündigte den Dienst, weil sie es den Vornehmen nachmachen und sich unter dem Tannenbaum verloben wollte, natürlich mit so einem unglückseligen Schneider vom letzten Balle her. Nun, ich gab ihr meinen Segen, aber wütend; ich hatte das Mädchen so schön für unseren Haushalt angelernt. Die dritte Überraschung war Assessor Velten, der mir – Grete Lossow als seine Braut vorstellte. Ich fiel beinahe auf den Rücken, und wagte Hilde kaum anzusehen, aber sie lachte und tat nicht dergleichen. Das Brautpaar war selig, und ich war zum erstenmal nett gegen den Assessor, fütterte ihn mit unserem besten Marzipan und gab ihm von meines Mannes besten Zigarren, alles aus grenzenloser Freude, daß er nicht unser Schwiegersohn werden wollte. Mutter, ein dreidoppelter Zentnerstein ist mir vom Herzen herunter. Freilich wurde mir der kräftige, süße Weihnachtspunsch, der nun doch getrunken wurde, stark mit Wermut angebittert, als ich Hilde plötzlich im Nebenzimmer weinen sah; sie ließ sich hinterher nichts merken, aber ich hab' es doch gesehen. Was mag ihr nur sein? Ich kann es nur einfach nicht denken, daß sie den Assessor geliebt hat, für mich ist er ›Wüsten-Inselmensch‹. Aber wer kennt die heutigen jungen Mädels aus? Der Assessor ist ›modern‹. Phhh! Da ist mein Hans doch was anderes. Leb' wohl, geliebte Mutter! Tausend Grüße von Deiner unmodernen Lisel. * Meine liebe, gute Mama! Eigentlich sollte ich nicht von einer so jubelnden Glückseligkeit erfüllt sein, denn wir haben zwei Kranke im Hause, aber wenn ich Dir alles erzählt habe, wirst Du mir zugeben, daß ich eitel Dank, eitel Freude sein muß trotz allem und allem, was Trübes drum und dran hängt. Also erstens: Otto hat geschrieben, fein bescheidentlich: »Ich habe mit dem Konzert gut abgeschnitten, liebste Eltern,« aber zugleich erhielten wir von einem Herrn in Berlin, in dessen Familie Otto viel verkehrt und musiziert, und welcher dem Konzert beiwohnte, einen Brief, in dem er uns schreibt: »Ihr Herr Sohn hat eine große Zukunft!« Joachim selbst, der große Meister, soll sich so geäußert haben. Mütterchen! Diese Worte brachten den ersten Sonnenstrahl wieder in unser arg verdüstertes Nestchen. Hans war glückselig, er drückte mich stürmisch an sein Herz und dann sagte er: »Nicht mir soll der Junge danken, nur dir, Lisel, nur dir, du warst sein guter Engel!« Das tat so wohl, Mutter! Mein Hans ist doch ein einziger Mensch! In diese unsere Glückseligkeit, die noch dadurch erhöht wurde, daß wir den Willy Buttgereit schon wieder im Hofe spielen sahen, brachte man uns plötzlich den Felix-Fritz bewußtlos ins Haus. Bewußtlos und triefend vor Nässe. Er hatte am Flußufer gespielt, das vom Lindendamm steil abfällt, und war in die Tiefe gestürzt. Und der Willy Buttgereit, kaum aus schwerer Krankheit erst genesen, springt nach, um Felix zu retten, der kleine schwache Kerl. Blindlings muß er es getan haben. Ein Polizist hat dann beide gerettet, das Wasser ist ja nicht sehr tief an der Stelle, aber bedenke die eisige Flut, sie hätten den Tod davon haben können. Schwerkrank sind sie auch gewesen, besonders bei Felix-Fritz war das Fieber beängstigend hoch. Dazu kam noch die seelische Erschütterung, die ihn auch jetzt noch nicht losläßt: »Der Kleine, dem er Böses zugefügt, hat ihn, den bösen Großen, retten wollen,« – das beschämt ihn über die Maßen und rüttelt an seinem Herzen. Wenn ich einen Roman schriebe, Mutter, dann hätte der Willy ins Wasser fallen, und Felix ihn retten müssen, und dadurch seine frühere Schuld wett gemacht, aber die Wahrheit trägt doch meistens ein anderes Gesicht. Felix-Fritz ist vor neuem Pharisäerstolz bewahrt geblieben, klein ist er, ganz klein, aber Gott sei Dank, jetzt bald gesund. Vorläufig schwelgt er noch etwas in Gefühlsduselei und weicht nicht von Willys Bett, den ich mit Felix-Fritz zusammen pflege, liest ihm stundenlang vor, hat ihm seine sämtlichen Spielsachen vermacht und klagt sich selbst immerfort unter Tränen an. Wir lassen ihn gewähren; es bedarf großer Mengen der salzigen Flut, um den unbändigen Zorn, Trotz und Hochmut fortzuschwemmen, der in ihm steckte. Aber mit einer tief inneren Freude sehe ich, welch ein prächtiger Bursch aus der Krankheit hervorgeht; ach, Mutterchen, wie scharf und sicher mahlen Gottes Mühlen, und wie klein ist unsere Menschenweisheit gegen ihn. Heute schreibe ich Dir nicht viel, ich bin von Nachtwachen und Aufregung recht herunter; um die Wirtschaft habe ich mich gar nicht kümmern können, aber Dorette und Hulda sind tüchtige Frauenzimmer, und Hilde kocht, daß es eine Art hat; die feinsten Leckerbissen hat sie ins Krankenzimmer geschickt. Nicht einmal Helmut Franz habe ich empfangen können, der sich während der Krankheit täglich bei uns erkundigt hat. Er ist ein lieber aufmerksamer Mensch. Leb' wohl, liebe Mutter! Ich will mich jetzt niederlegen, der Kopf ist müde, aber das Herz ist voll Dank. Morgen soll auch der Kopf hell und wach den Hausfrauenpflichten nachkommen. Deine Lise. * Liebste Herzmutter! Unser Telegramm hast Du bekommen, und wir das Deine auch, aber so ein armseliger Lappen sagt doch nichts Richtiges, weder in der Freude, noch im Leid. Aber nun kommt das Richtige, das Schöne, das Ausführliche in Gestalt meines Briefes. »Schreib dich aus, Alte,« rief Hans, »sonst wirst du uns noch krank.« ›Alte‹ hat er gesagt, und zwar gar nicht schüchtern oder scherzend wie früher, sondern als müßt' es so sein. Also wir saßen zum erstenmal wieder vollzählig am Tisch und hatten, um dieses Ereignis gebührend zu feiern, den braven Helmut Franz mit gebeten. Nach Tisch rauchten die Herren gemütlich ihre Havannas, und dann ging Hans, um sein ›Nickchen‹ zu machen, er sagt zwar, er besähe sich nur inwendig, aber er macht einen furchtbaren Spektakel dabei, daß man es zimmerweit hört. Helmut, Hilde und ich plauderten also weiter, und ich erzählte dem Hauptmann noch einmal, was ich alles durchgemacht, und wie ich mich gar nicht recht erholen könne. Und was antwortet er? »Das mußt du aber, süßes, einziges Herzensmuusch!« Ich dachte natürlich, er wäre direkt übergeschnappt, und als mich der greuliche Mensch umkriegt und mich küssen will, schreie ich ›Mord‹! Das kommt davon, wenn man zum Kinderspott wird mit neununddreißig Jahren! Und als sich das ›Altchen‹ nicht küssen ließ, nahm dieser Generalstäbler die ›Junge‹, und die Hilde ließ es sich gefallen zu meinem Entsetzen und lag so still an seiner Brust, als ob sie von Gott und Rechts wegen dorthin gehörte. Nun, es war ja auch ihr Platz, sie war seine Braut. Ein unbeschreiblicher Zauber umschwebt jetzt unser Kind, sie ist entzückend in ihrer bräutlichen Würde. Und denk', geliebtes Muttchen, vom ersten Abend an haben sie sich lieb gehabt, diese Verlobung hat also immer wie ein Damoklesschwert über uns geschwebt. Und ich habe nichts geahnt, nichts, nichts! und ›ick bün doch die nächste dortau‹. Und darüber wollen sich nun die Kinder beinahe totlachen, und als mein Mann von seinem Mittagsschlaf erstand, haben sie mich kopiert, das heißt, nur mangelhaft, denn ich hoffe und glaube nicht, daß mein Gesicht so ›dämlich‹ ausgesehen hat, wie Helmut es vormachte. Mutterchen, sie sind ganz unvernünftig glücklich, die zwei, und ganz jung und übermütig wird dieser Hauptmann, der sich doch in meinen gesetzten Jahren befindet. Am liebsten hätte er natürlich morgen geheiratet; ich schlug vor: in ›zwei Jahren‹, bekam jedoch von Helmut einen Blick, der mich töten sollte, es aber nicht tat. Hans schlug ›ein Jahr‹ vor und schließlich einigten wir uns für das kommende Frühjahr. Helmut behauptet, das wäre Mitte Februar, ich meine, es ist Mitte Mai und Hans sagt philisterhaft genau: »Am einundzwanzigsten März.« Na, schön! Also am einundzwanzigsten März! Wie wir bis dahin die Aussteuer gediegen und schön beschaffen sollen, ist mir allerdings schleierhaft; ich sprach sofort mit Hans darüber und weißt Du, was er erwiderte: »Himmel, Lisel, das kann doch nicht schwer sein! Ein halb Dutzend Handtücher, ein halb Dutzend Tischtücher, ein halb Dutzend Taschentücher, das übrige wird sie wohl haben, na, und wo's fehlt, gibst du von deiner vielen Wäsche dazu.« Was soll man dazu sagen? So ein Mann versteht doch auch rein gar nichts, aber bei Hans weiß man nie, ob er ernsthaft ist, oder ›uzt‹, mich uzt, sein angetrautes Weib, auf deren Schultern jetzt der Sorgen Last ruht. Aber weg mit den Sorgen! Die Hauptsache ist, daß Hans und ich fest davon überzeugt sind, daß unsere geliebte Hilde bei Helmut Franz wohlgeborgen ist. Wir geben auch kein Kind fort, wir gewinnen einen lieben Sohn dazu, einen goldtreuen Menschen, der unsern Liebling auf Händen tragen wird. Und trotzdem, – trotzdem, – trotzdem – – Mutterchen, war Dir auch so grenzenlos weh ums Herz, als Du mich fortgeben mußtest? Deine törichte Lise. * Meine Herzensmutter! Der Hochzeitstrubel ist vorüber, und so sehr ich auch zuerst betrübt war, daß Du fehltest, Du, die Hauptperson, der Ursprung von allem, so sah ich doch nachher ein, daß es Dir sicher zu viel geworden wäre, und daß Du viel mehr genießest, wenn das junge Paar auf der Hochzeitsreise zu Dir kommt. Jetzt erst, nun wir wieder in Ruhe sind, fühlen Hans und ich, wie sehr uns die Hilde fehlt. Gott segne es tausendmal, unser geliebtes Kind, unser Sonnenscheinchen! Wie zwei törichte Kinder saßen Hilde und ich am Abend des Hochzeitstages in ihrem Mädchenstübchen, sie war schon im Reisekleid, denn sie sind noch am selben Abend fortgefahren. Immer wieder küßte sie mich, und ich sah, wie schwer es ihr wurde, von dem Elternhause zu scheiden, trotzdem sie ihren Helmut von ganzer Seele liebt. Auch die Brüder erkannten in den letzten Wochen so recht, was sie an Hilde gehabt haben; Otto war gerade zu den Ferien hier und wich nicht von der Seite der Schwester, ich war ordentlich froh, daß Helmut nach Berlin reiste, um die letzte Hand an die Einrichtung ihres Nestchens in der Achenbachstraße Berlin W. zu legen, so konnten wir unsern Liebling noch recht genießen. Voll Rührung zeigte mir Hilde ihr Handtäschchen, in welches Felix-Fritz ein Paket Liebigbilder und seine seltensten Briefmarken heimlich gelegt hatte, und wir freuten uns der Opferwilligkeit des kleinen Kerls. Dann klopfte es leise an die Tür und Helmut kam. Viel sprachen wir nicht, Helmut küßte zärtlich-ritterlich meine Hand und sagte: »Mein Herzensmuttchen, ich will sie hegen, wie du sie gehegt hast!« Dann gingen sie fort. Unten stand der Wagen am Portal, und hier begrüßten verschiedene Unterbeamten noch das ›liebe, trautste Freilein Hildchen‹, das alle so gern hatten. Hans mit den Jungens stand auch am Wagenschlag, und dann kamen noch Dorette und Hulda, und als die Pferde anzogen, zog Hulda aus, d. h. sie entledigte sich blitzgeschwind ihrer Schuhe und warf sie dem Wagen nach. Ich glaubte, das sei nur in England Sitte, aber ich wurde von ihr eines Bessern belehrt. Wir gingen nun zu den Gästen zurück, die immer noch in heiterster Stimmung plauderten und tanzten. Es waren gerade zweiundfünfzig Personen mit den Kindern und unsere Wohnung bewährte sich glänzend. Das Essen war aus dem Kasino und ganz vorzüglich, die Weine mochten wohl auch gut sein, denn Oberst von Diller machte strahlend vergnügte Schweinsäugelchen, roch erst immer ein Weilchen am Glas, trank winzige Schlückchen und klopfte sich dann behaglich auf die Stelle, wo er das eiserne Kreuz sitzen hat. Als ich zu ihm trat, engagierte er mich gleich und bestellte bei der Musik den ›Großvatertanz‹. Ich sträubte mich erst, aber er tat es nicht anders, und da traten lachend auch die anderen Paare an: »Und als der Großvater die Großmutter nahm, Da war der Großvater ein Bräutigam.« Nachher wurde der Kaffee gereicht, und bei dem Duft des edeln Mokka und der feinen Zigarren ließen wir noch einmal die letzten Tage an uns vorüberziehen. Der Polterabend siel ganz reizend aus. Das Kränzchen erschien vollzählig – mit ihren Bräutigams, ist das nicht zu nett? Ada von Westensee ist mit einem Gutsbesitzer aus der Umgegend verlobt, der sehr reich sein soll, die Manieren eines Waschbären besitzt, und eben mit dieser ›Waschbärenhaftigkeit‹ zwei jungen Damen auf der Hochzeit die Volants von ihren Kleidern abtrampelte, weshalb er unter ihren Zornblicken augenscheinlich Qualen litt. Daß gerade die vornehme Ada diesen Menschen erwählte, gehört zu den Unergründlichkeiten einer Mädchenseele. Anni Kührens Bräutigam ist ein sehr schmucker Oberpostpraktikant, der aber eben so lang ist, als sein Titel; sie borgt sich immer eine Telegraphenleiter aus, wenn sie ihn küssen will, was sehr umständlich ist, da es oft geschieht. Ein liebes, hübsches, glückseliges Paar. Na und dann Grete Lossow mit Assessor Velten, der ein Musterbräutigam ist und seinen Omnibus für ewig geschlossen hat. Wir sind sehr gute Freunde, denn ich werde es ihm nie genug danken können, daß er nicht zu mir ›Mama‹ sagt. Schrieb ich Dir, daß unsere alte Minna die Reise nach G. nicht gescheut hat, um bei Hildes Hochzeit zu sein, und uns zu helfen? Sie hat Mann und Kinder auf vierzehn Tage im Stich gelassen, die gute, treue Seele. Am Polterabend überreichte sie Hildes erste Schuhchen, die ich längst im Orkus wähnte, die sie aber seinerzeit wohl aufgehoben und bewahrt hat. Leider war das begleitende Gedicht, welches Minna aufsagte, mehr für Bauernhochzeiten geeignet, voll greulicher Anspielungen, über welche sich natürlich die anwesenden alten Militärs beinahe aus ihrer Uniform lachten. Die jungen Herren dagegen bewahrten sämtlich ein ehernes Antlitz, was ich dankbar anerkannte, wenn auch bloß innerlich. Andere Aufführungen waren natürlich auch da, ›Blumenmädchen‹ und ›Postillione‹ und ›Ratzimausifallijungs‹, dann ein größeres Festspiel, von den Reserveoffizieren des hiesigen Regiments verfaßt und aufgeführt, das wirklich reizend war. Der beste Freund von Helmut, Hauptmann von Altenhof, kam als Orgeldreher, hatte ein Schild mit flott hingeworfenen Malereien aufgepflanzt, und erzählte von Helmuts Schandtaten. Schlimm waren sie nicht, aber, – na, Hilde machte doch ab und zu ein verlegen erstauntes Gesichtchen, doch Helmut schaute frei und fröhlich in die Welt und lachte schallend. Nach der Aufführung kam Herr von Altenhof auf Hilde zu und sagte: »Nichts für ungut, mein gnädiges Fräulein, – wenn ich eine einzige Schwester hätte, ich gäbe sie dem Helmut ohne Zögern.« Das war doch ein schönes Wort! »Er ist der beste!« sagte Hilde leise und ich ließ sie dabei. An meinen Hans reicht freilich auch Helmut nicht heran. Und nun komme ich wieder zu dem Anfange meines Briefes, – geliebtes Muttchen – wir sind allein, unsere Wohnung erscheint mir endlos groß, und in Hildes Stübchen liegt noch alles so, wie sie es verlassen; ich mag nicht daran rühren. Eben kommt ein Brief von beiden aus München, voll jubelnder Glückseligkeit, nun bin ich auch wieder froh, sie sind ja nicht aus der Welt, ich kann sie wiedersehen und mich, will's Gott, noch lange in ihrem Glücke sonnen. Gott nehme uns alle in seinen Schutz! Deine Lise. * Ein Jahr später. Guten Morgen; liebes, geliebtes Urgroßmuttchen! Ja ja, es ist so! ›Sie‹ hat ihre Äugelchen aufgeschlagen, Klein-Erika. Wieder ›nur‹ ein Mädchen! – Aber diese Freude! Helmut muß wirklich bald einmal etwas für sich tun, ich kann ihn nur als vollkommen ›übergeschnappt‹ bezeichnen. Er tut wahrhaftig, als stünde ihm das Kind näher, als mir, der Großmutter. Das ist doch offenbarer Unsinn. Hans aber begreife ich einfach nicht, er steht dem Ereignis kühl, kühl wie – –, klänge der Vergleich nicht so entsetzlich gewöhnlich und unpoetisch, ich würde sagen, wie eine ›Hundeschnauze‹ gegenüber. Du weißt, Mutti, ich war nie eingenommen von meinen Kindern und beweise das dadurch, daß ich jetzt sage: »Es hat nie ein so entzückendes Geschöpf gegeben, wie Klein-Erika!« Denkst Du, es ist rot wie andere Babys? Nein, schneeweiß, und appetitlich und klug, o, man meint, sie versteht schon alles. Und die Ähnlichkeit mit Hilde! Wahrhaft verblüffend! Helmut lacht mich natürlich aus und bestreitet jedwede Ähnlichkeit bei zweitägigen Kindern, aber Hans stellt sich vor das Bettchen und sagte ernst: »Doch, ich finde Ähnlichkeit.« »Siehst du!« meinte ich triumphierend zu Helmut, und dann bestürmte ich Hans: »Sag' doch, mit wem?« »Mit Li-Hung-Tschang!« Siehst Du, Muttchen, so sind die Männer, sie treiben Spott mit dem Heiligsten. Ich bat auch beide, die Tür von außen zuzumachen, und sie setzten sich in Helmuts Zimmer bei Rotspon fest, während Hilde und ich wortlos vor Seligkeit auf das winzige Etwas schauten und uns dann die Hand reichten. Urahne, Großmutter, Mutter und Kind! Traust Du Dir die Reise zu, Urahne, liebe einzige? Kommst Du zur Taufe? In vier Wochen geht Hansens Urlaub zu Ende, dann müssen wir wieder in G. sein, wie schön wäre es, wenn Helmut sein Kommando noch dort hätte, aber er lebt und stirbt für Berlin, und Hilde ebenso. Nun, wir haben uns gelobt, uns jährlich wenigstens einmal zu sehen. Solch seliges Glück wie bei Helmut und Hilde kann man sich auch nicht genug anschauen. Und wie stolz die beiden jungen Onkels sind! Dorette schreibt mir, sie müsse Felix-Fritz mit einem Male ›Sie‹ nennen, er bestände darauf. Mit Otto sind wir hier täglich zusammen, er ist ein bildhübscher, großer Bengel geworden und ebenso selig verrückt über das Kleine, wie Helmut. Gestern bestand er darauf, Erika die Kavatine von Raff vorzuspielen, aber Erika reagierte sauer, d.h. sie reagierte gar nicht, sie lachte nicht, sie weinte nicht, sie strafte seine Abgeschmacktheit mit Verachtung und schlief ein. Mutterchen, wie ist doch die Zeit so unheimlich rasch vergangen! Ich sitze an der Wiege meines Enkelchens und doch ist's mir in meinem lebhaften Empfinden, als sei es gestern gewesen, daß ich von Dir ging, um meinem Hans zu folgen. Aber auch heute sage ich, wie damals: »Liebe, geliebte Mutter, ich bin namenlos glücklich!« Und nichts in der Welt kommt dem gleich, was so herrlich wächst, und grünt und blüht in Unsern vier Wänden! Das Tagebuch einer Närrin. Die Närrin bin ich. – – Jedes Lebewesen soll ja nach untrüglichen Beweisen seinen Sparren, mindestens sein Spärrchen haben. Man kann alt dabei werden und hochangesehen sterben. Ersteres habe ich vor, letzteres hoffe ich. Eine alte Jungfer, welche Tagebuch führt, hat ja immer in den Augen der lieben Nächsten etwas Anormales, wofern sie nicht in schweren Kriegszeiten, oder umgeben von großen Menschen, Dichtern, Denkern und Feldherrn gelebt hat, und das habe ich nicht. Deshalb wird mein Buch im Kleinkram stecken bleiben, im Kleinkram meiner Vaterstadt Wiedenburg. Früher galt ich als die gescheiteste in der Familie, jetzt faßt man sich an den Kopf, wenn von mir die Rede ist. – Und als ich dies vor mir liegende Buch, von welchem man wußte, daß es meine Bekenntnisse aufnimmt, neulich einmal auf meinem Schreibtisch vergessen hatte, fand ich andern Tags von Onkel Heinrich von Berndt's Hand hineingekritzelt: » Tagebuch einer Närrin «. – Ich tat nicht dergleichen, denn Onkel Heinrich ist leberleidend, und wenn ich bei den Angehörigen auch oft als respektlos gelte, – vor Lebern, Nieren und Herzen meiner Sippe habe ich achtungsvolle Scheu. – Es hat stille Stunden der Einkehr gegeben, in denen ich mich fragte, ob es nicht an Wiedenburg und seinen verrückten, engherzigen Anschauungen läge, daß ich ein so hoffnungsloser Fall für meine zärtlichen Verwandten geworden bin, aber ich weiß es jetzt ganz genau, daß es an mir liegt. Tiefe Selbsterkenntnis ist nicht der bekannte Weg zur Besserung, – bei mir nicht. Ich bin eine bewußte Närrin. Aber ich fletsche weder die Zähne, noch trage ich Stroh im Haar, ich belästige meine Mitmenschen nicht mit zu vielem Reden, noch durch unheimliches Schweigen, niemand kann eigentlich seinen Weg unauffälliger gehen als ich. Aber in Wiedenburg falle ich unausgesetzt auf, ja man hat schon oft mit Fingern auf mich gezeigt und ist stehen geblieben in ganzen Rudeln, bis ich um die nächste Straßenecke verschwunden war. Wäre ich gescheit, oder überhaupt nur ein normales Menschenkind, dann schüttelte ich den Wiedenburger Staub von meinen Füßen, ginge in die schöne, weite Gotteswelt, suchte mir ein liebes, efeuumranktes Häuschen in einem Waldtal oder in roter, weiter, birkenumstandener Heide, – – aber, – ich bin eben verrückt, hoffnungslos närrisch. Da gibt's in Wiedenburg einen schmalen Feldweg, der führt zum Tannenwald hinauf und am Fuße dieses Tannenwaldes liegt der kleine Friedhof. Auf diesem Friedhof gibt es ein Stellchen mit zwei stillen Hügeln, von einem einfachen Gitter eingefriedigt, ein schlichtes Marmorkreuz ragt zwischen beiden Hügeln in die Tannengipfel hinauf, darauf steht: »Sei getreu bis in den Tod«. Hier ist meine Heimat. Ich kann nicht weg davon. Wenn ich die kleine Tür im Eisengitter hinter mir zuziehe und mich auf die Holzbank setze, wenn ich die beiden immergrünen Gräber anschaue und an Vater und Mutter denke, die darunter schlafen, – – – Herrgott, dann spüre ich den Frieden, der von dem Stellchen ausgeht. Wiedenburg ist nicht schön. Weder Natur noch Kunst sind seine Paten gewesen, und im Baedeker ist kein Stern bei seinem Namen, Aber ein frischer, klarer, forellenreicher Fluß durchsprudelt sein Gelände und treibt ein altes Mühlenrad am rauschenden Wehr, und in der malerischen, alten Mühle wohnten meine Urgroßeltern und Großeltern, und im schlichten, grauen Schlosse dicht dabei hatte mein Vater, der Amtsgerichtsrat, seine Dienstwohnung. Schloß und Park, Mühle und Fluß, – o du selige Kinderzeit! In der Schweiz, in Tirol, auf hoher Alp, an Nord- und Ostsee, im norwegischen Fjord und in Rom, in der Campagna, auf weiter Heide und in Bayreuth, als die Gralsglocken klangen und ich mit Parsifal in die Kirche schritt, – immer brach das Heimweh über mich herein mit verzehrender Gewalt, und erst auf dem schmalen Feldweg bei Wiedenburg, dem Feldweg, der zum Tannenwäldchen und dem schmucklosen Friedhof führt, erst auf der Holzbank neben den grünen Hügeln kam mir die Schönheit unserer lieben Gotteserde recht zum Bewußtsein. Heimat, Heimat! Nein, ich kann wohl nicht dauernd fort von Wiedenburg. Und passe doch in meiner Verrücktheit so gar nicht hin. Es sind hier alles Leute, die im Geleise gehen, während ich so gern zwischen meinen Luftschlössern herumsfliege. Sie kopfschütteln über mich, und das ist schlimmer als Schelten. Liebe vermag zu schelten, Gleichgültigkeit schüttelt den Kopf. Was können die Wiedenburger an mir nicht vertragen? Worin zeigt sich nach ihren Begriffen meine Narrheit? Daß ich eine angehende, alte Jungfer bin und trotzdem meine schweren, blonden Zöpfe noch in schlichtem Defreggerkranz um mein Haupt lege? Daß ich das sechsundzwanzigste Jahr zurücklegte, ohne mich je zu verlieben? Nicht einmal in einen Wiedenburger, die doch alle so wohlhabend, so selbstgerecht und satt herumlaufen, jedes einzelne Mannsbild eine – »Partie«. Daß ich beinahe immer erster Klasse fahre, um allein zu sein und sehr oft vierter, um mich zu unterhalten? Daß ich meine Kleider selbst entwerfe, selbst nähe und immer mit der neuesten, aber schlichtesten Mode gehe, ohne ihr voranzueilen oder dahinter zurückzubleiben? Daß meine Hüte kleine Kunstwerke sind, ohne die Form von Wagenrädern oder gefüllten Windbeuteln zu besitzen? Daß ich nicht allsonntäglich zu Füßen des Herrn Konsistorialrats D. Fernheim sitze und mir die schwarze, zum Himmel schreiende Sündhaftigkeit der Menschheit vordonnern lasse, sondern lieber durch Regen und Sonnenschein, allerdings auch allsonntäglich, nach dem stillen Dörflein Kronshagen wandere, wo mein alter, gütiger »Zupperdent« herzfrohe Predigten hält. Und nach der Predigt gibt's einen magenfrohen, duftenden Mokka mit selbstgebackenem Brot und frischer Landbutter bei der Frau »Zupperdentin«. Das ist Tradition noch von den Eltern her, denen auch die düstere Lebensphilosophie des Konsistorialrates auf die Nerven fiel. – Und nun zu den beiden schwärzesten Sünden meines Erdendaseins, die mir die Wiedenburger nie verzeihen werden. – Ich möchte erstens gern heiraten, was ich ja von allen meinen lieben Mitschwestern auch glaube, aber ich besitze die Verruchtheit, es laut und deutlich auszusprechen. Ja, ich möchte für mein Leben gern einen Mann, freilich einen ganzen, besonderen Mann, diesen meinen Idealmann lieb haben, dazu drei, sechs, neun, – am liebsten vierundzwanzig Kinder. Meine Altersgenossinnen in Wiedenburg haben nun zwar alle ähnliche Wünsche gehabt, wenn sie auch nicht hartnäckig auf Idealmänner bestanden, sie sind alle längst verheiratet und besitzen drei, sechs, neun und will's Gott auch einmal vierundzwanzig Sprößlinge, aber sie haben es nie »schamlos ausgesprochen«, es war das alles: »Himmelsfügung«. Und nun kommt das Schlimmste, der fürchterliche i-Punkt, die Krone des Ganzen, – ich habe dem Herrlichsten von allen, der besten Partie, »Ihm« schlechthin, dem Herrgott von Wiedenburg habe ich einen Korb gegeben, ich, die »Gott danken sollte«, die »mit ihren lumpigen zweitausend Mark Zinsen«, die, »die nächstens vollends überschnappt«, die »wohl auf einen Prinzen wartet«, die »Närrin«. – Eigentlich dürfte ich mich bei Tage gar nicht mehr in Wiedenburg sehen lassen, müßte nur noch in der Dämmerung verstohlen Luft schnappen und mich dann wieder errötend und ungesehen in meinen Altjungfernzwinger schleichen, ein kleines, altes, graues Häuschen im Schloßpark, so eine Art Altenteil und buen retiro meiner Ahnen, der Herren von Holsten. Freilich ist ein »Aber« bei diesem Besitz, doch ich verscheuche die Gedanken an dies » Aber «. Vier Zimmer und Küche sind nur darin, klein, aber mein. Die Möbel sind Urväterhausrat, die Bilder wertvolle Stiche und Ölgemälde, meine Ahnengalerie. Die Holstens sind alle, wie sie da hängen, Dickköpfe gewesen, innerliche Dickköpfe, äußerlich ein stattliches, schönes Geschlecht. Mit mir, Rose von Holsten, stirbt es aus, das ist ein wehmütiger Gedanke, aber ich gebe mich ihm nicht lange hin. Besser doch, ich kann auf lauter tüchtige, ehrenvolle Holsten zurückblicken, als daß irgendwo ein verkrachter Träger unseres guten Namens steckte und ich in ewiger Angst um seine Verdunkelung leben müßte. Durch meine Verrücktheit wird unser Name nicht weiter verdunkelt, ich bin ja soweit ganz zahm. Aber mit Wiedenburg habe ich's verdorben. Es sah mich bereits in »Villa Herkules« wohnen, welch schrecklicher Name! Aber Name ist Schall und Rauch, – und »Herkules« mag ja ein achtbarer, biederer Mann sein, nach welchem sich zehn Meilen im Umkreise die Mädchen die Finger lecken, wie er selbst sich geschmackvoll ausgedrückt hat. Und daß ich nicht mitgeleckt habe, ist ja meine eigene Schuld und sollte eigentlich gänzlich meine eigene Angelegenheit bleiben, aber Wiedenburg macht es zu einer städtischen Angelegenheit und hätte es am liebsten in der Stadtverordnetenversammlung vorgebracht. O Himmel, welch ein Sturm im Wasserglase! Als vor nunmehr vierzehn Tagen am 20. Oktober der Riesenstrauß von feuerroten Nelken, Dahlien und Astern, ein wahres Ungetüm an Geschmacklosigkeit, bei mir abgegeben worden war, gratulierten mir schon wenige Minuten drauf mein altes Dienstmädchen, die Dorette, sowie das Faktotum des Amtsgerichts, Bureaudiener Lamprecht, der mich schon als Kind gekannt. Gratulierten zur Verlobung mit dem Herrn Gutsbesitzer und Fabrikanten August Murpitz, alias Herkules. Letzteres ist sein Spitzname, auf den er ungeheuer stolz ist und nach welchem er auch seine neue Villa benannt hat. Name ist Schall und Rauch, aber »August Murpitz« ist ein Schall, der mich umwirft und ein Rauch, der in die Augen beißt. Und während mir die alten, guten Seelen wortreich gratulierten, entwarf ich den Absagebrief mit einem wehen, bitteren Gefühl im Herzen und einem eklen Geschmack auf der Zunge. Wie hatte er es wagen können! Nach meinem durchaus ablehnenden Verhalten ihm gegenüber! War ich denn ganz schutzlos? Ja, ich war es. Ich spürte es, als am Nachmittage die zärtlichen Verwandten anrückten. Denn schon am Nachmittage war es »herum«, daß ich einen Korb erteilt hatte, der Herkules selbst mußte das »Ungeheuerliche« verbreitet haben, anders kann ich es mir nicht erklären. Und so traten sie bei mir an, der Onkel Heinrich von Berndt, der Amtsgerichtsrat und Nachfolger meines Vaters, seine Gattin Klothilde, geborene Freiin Diers-Herweg, die Tante Rosine von Brankwitz, Stiftsdame zu Wiedenburg, welche genau wie ihr Vorname aussieht und sich auch immer in einem Zustande vertrockneter Süßigkeit befindet. Auch Onkel Gustav von Berndt, der pensionierte Oberst, fehlte nicht, ein wahrer Eisenfresser alten Schlages und der einstige Schrecken und Liebling zugleich seines Regimentes. Er wohnt erst seit ein paar Wochen in Wiedenburg, ist kinderloser Witwer und seine Schwester Leonore führt ihm den Haushalt, liest ihm in sanfter Weise die Leviten und strickt Missionsstrümpfe. Auch zu dieser Familienberatung hatte sie solch einen Strumpf mitgenommen. Und sie alle wollten mich bevatern und bemuttern, wie es zärtliche Verwandte immer wollen, solange man keinen Anspruch auf ihr Portemonnaie erhebt. »Es ist nicht möglich, nein, es ist nicht möglich,« wimmerte Tante Klothilde, »ich muß aus deinem eigenen Munde hören, daß du – – hm – –« »Total verrückt bist,« vollendete der Oberst mit seiner scharfen Kommandostimme. »Ist dein Tagebuch bald fertig?« fragte Onkel Heinrich mit höhnischer Betonung, »sonst könntest du die Bekenntnisse einer Närrin noch um diesen Fall bereichern.« »Ja, dieser Fall kommt mit hinein,« entgegnete ich ruhig, »ihr kommt alle mit hinein, die Närrin muß doch ihr ›milieu‹ haben.« »Ach Gott, nur keine Spitzen jetzt,« klagte die Stiftsdame. »Liebe Rose, wir wollen ja nur Gründe wissen. Ich sagte schon zu Heinrich Berndt, es sei der Name Murpitz – hm – der dich abstieße, – es ist ja auch für ein feines Ohr etwas merkwürdig, – Murpitz – – – und nun vollends Rose Murpitz, – du nahmst gewiß Rücksicht auf mich, die ich doch deine Patin bin und dir meinen Namen gab.« Die gute Seele. – Nein, ich hatte noch niemals diese beiden Namen zusammengestellt. »Das sind ja Dummheiten,« rief scharf der Amtsgerichtsrat. »Es kommt heutzutage gar nicht mehr in Betracht, ob einer Müller, Schulze oder Murpitz, meinetwegen Mumpitz heißt, wenn er zwei Millionen schwer ist.« Die Stiftsdame wand und krümmte sich unter diesen Worten, welche sie zu »demokratisch« fand, sie sprach sehr schön und sehr lang über den Begriff »Traditionen«, wurde aber ziemlich heftig von allen, außer mir unterbrochen, und dann fiel die Gesamtheit über mich her. Als es mir zu bunt wurde, nahm ich den »Antrag« aus meiner Briefmappe und reichte ihn wortlos dem Amtsgerichtsrat, Onkel Oberst sah über seine Schulter und las mit: »Mein geehrtes Fräulein! Sie haben wohl schon seit einiger Zeit gemerkt, wie es mit mir steht. Ich bin mit Haut und Haar in Sie verliebt und schon beinahe nicht mehr zurechnungsfähig. Ihre Kälte und Schroffheit in den letzten Wochen haben mich vollends zum Narren gemacht, – war vielleicht ein wenig Berechnung dabei? Ich kenne die Frauen so ziemlich. Nun jedenfalls biete ich Ihnen meine Hand und gestehe Ihnen offen, daß ich die Stunden zähle, bis Ihr Jawort hier eintrifft. Wiedenburg wird Kopf stehen. Ihr glücklicher Murpitz.« »Prolet!« sagte verächtlich Onkel Heinrich und sah noch gelber aus als sonst. »Der Kerl ist doch nicht etwa Reserveoffizier?« fragte scharf der Oberst. »Nie Soldat gewesen.« »Gütiger Himmel,« jammerte wieder die Stiftsdame, während Frau Klothilde mich durch ihre langgestielte Lorgnette beobachtete, was ich auf den Tod nicht leiden kann, – »gütiger Himmel, so lest doch den Brief vor, man erfährt ja nichts, man weiß nichts. Warum ist er nun mit einmal ein Proletarier?« Ich nahm den Brief und hielt ihn an die Kaminflamme, sie verzehrte ihn rasch. »So!« rief ich aufatmend, »nun laßt mich euch etwas sagen. Tante Rosine hat ganz recht, warum ist August Murpitz jetzt mit einmal ein Proletarier? Er war es immer, und ich habe es auf den ersten Blick gewußt. Ihr saht nur die zwei Millionen, bis euch dieser lachhafte Brief den Unterschied zwischen ihm und mir plötzlich klarmacht. Ich möchte euch nun bitten, von heute an überhaupt gar nicht mehr in meine Angelegenheiten hereinzureden, sondern mich nach meiner eigenen Fasson selig werden zu lassen.« »Das war deutlich,« schnarrte der Amtsgerichtsrat und griff nach seinem Zylinder. Eine knappe, kurze Verbeugung, ein schattenhafter Gruß von Tante Klothilde, und die beiden hatten das Zimmer verlassen. Onkel Oberst rieb sich grimmig ausschauend die Hände. »Du bist sozusagen ein verteufeltes Mädchen, Nichte Rose, und ich sollte eigentlich denselben knappen Abgang nehmen, wie Vetter Heinrich, aber mich hindert da etwas, und das ist, daß du recht hast, du Teufelsmädchen.« Tante Leonore zuckte nervös zusammen. Eben zog sie den Faden durch die letzten Maschen des vollendeten Strumpfes und verfestigte mit einer Stopfnadel das abgeschnittene Ende. »Ich wünsche, daß der Herr unsere Nichte erleuchte, auf daß sie ihr Heil in der Unvermähltheit dauernd erblicken möge,« bemerkte sie salbungsvoll. »Herr Konsistorialrat läßt dich fragen, ob du nicht in den Jungfrauenbund eintreten möchtest, dem auch ich angehöre. Wir dienen der äußeren Mission, wie du weißt, und – –« Onkel Oberst fuhr sich grimmig durch sein volles Haupthaar. »Und du weißt, wie ich diese Propaganda hasse,« schrie er seine Schwester an. »Laß die Rose in Frieden.« Ich lachte herzlich. »Ruhig, Onkel Berndt, ich wehre mich schon selbst. Deine Tätigkeit in allen Ehren, Tante Leonore, aber mir liegt die innere Mission noch mehr am Herzen. Gerade jetzt richten meine Freunde in Kronshagen ein Asyl für elternlose und etwas verwahrloste Kinder ein, da will ich mit Rat und Tat und persönlichen Opfern dabei sein,« Tante Leonore lachte spitz. »Superintendent Renke,« meinte sie geringschätzig, »ich glaube nicht, daß auf seinen Veranstaltungen viel Segen ruht, er ist die Reblaus im Weinberg des Herrn.« Jetzt lachte der Oberst laut und schallend. »Ja, reiße nur deine Augen auf,« rief er mir in das verblüffte, erschrockene Gesicht, – »solche geschmackvolle Vergleiche werden im Jungfernbunde geprägt und in die Missionsstrümpfe gestrickt, – wenn nur die Heiden keine Hühneraugen davon bekommen.« Nun packte auch Tante Leonore tief erbittert ein, streckte mir frostig ihre Hand zum Abschied hin und nickte ihrem Bruder ungnädig zu. Als er keine Miene machte, sie zu begleiten und auch die Stiftsdame sich ablehnend verhielt, ging sie allein. Tante Rosine sah mich etwas unsicher an. »Rosa, Rosa, ich weiß nicht, was recht ist. Dieser Murpitz hat mich monatelang beschäftigt und nun sagst du, er sei immer ein Proletarier gewesen. Das bedrückt mich. Habe ich denn so wenig Menschenkenntnis? Ich hörte nur immer von seinem großen Reichtum und auch, daß er sich die Hörner abgelaufen und ein netter, solider Mensch geworden sei. Und mir schickte er Blumen ins Stift und benahm sich höflich und angemessen und ich hörte, daß er dich liebte und dir sehr den Hof machte, – ich sah dich wirklich schon als Hausfrau in seiner herrlichen Villa, und es beängstigte mich nur der Name Murpitz und daß seine Großmutter noch für Wiedenburg gewaschen hat und sein Großvater Schlossergeselle war.« Ich faßte das hilflose Tantchen um. »Solche Beängstigungen wären mir nun nie gekommen,« meinte ich heiter, »aber du weißt ja, Rosinentantchen, ich bin etwas demokratisch aus der Art geschlagen. Aber nun wollen wir doch den Millionär Murpitz fallen lassen und uns erfreulicheren Dingen zuwenden.« So endete jener Tag noch ganz friedlich. Onkel Oberst und Tante Rosine sind meine Bundesgenossen, im feindlichen Lager stehen der Amtsgerichtsrat, Tante Klothilde, Tante Leonore und – beinahe ganz Wiedenburg. – Andern Tags bekam ich einen Brief von Tante Klothilde Berndt. Liebe Rosa! Du hast uns gestern nichts über Deine Reisepläne gesagt. Meine Schwester in Dresden ist gern bereit, Dir über die ersten Wochen des peinlichen Vorfalles hinwegzuhelfen. Herr Murpitz kann den ausgedehnten Betrieb seiner Fabrik jetzt nicht verlassen, wie wir annehmen, würde wohl auch nicht Gentleman genug sein, um einzusehen, daß eigentlich er das Feld zu räumen hat. Gib mir oder Lina von Diers-Herweg baldige Antwort, wann Du zu reisen gedenkst. Deine Tante Klothilde. Meine Antwort lautete: »Verehrte Tante, es fällt mir gar nicht ein, zu reisen. Weder Herr Murpitz noch ich haben etwas Böses getan. Er hat sich nur verrechnet, und das kann selbst dem gewiegtesten Kaufmann zustoßen. Ich habe alle Hände voll zu tun und möchte die fröhliche selige Weihnachtszeit nicht in der Fremde verbringen, da es viel Sorge in der Nähe zu lindern gilt. Wiedenburg wird sich schon wieder beruhigen.« Aber es beruhigte sich nicht so rasch. Drei Kaffees wurden um meinetwillen kurz hintereinander gegeben, drei hitzige Schlachten, bei welchen viele auf dem Felde der Ehre (oder Unehre?) liegen bleiben, darunter ich. »Murpitz ausschlagen!« »Worauf wartet sie noch?« »Die Närrin.« Ich hörte diese Einzelheiten von Lamprecht, dem Aktendiener, Pförtner und Faktotum des Amtsgerichtes. Dies alte Thüringer Original kam in der Dämmerung zu mir: »Gnädches Freilein, machen Se hinn, machen Se fort, ich kann Sie bloß raten, bleiben Se enne Weile wack, Se haben hier in ä Fettdöppchen getreten, un das vergibt Ihnen Wiedenburg nich.« Ich lachte: »Lamprecht, wenn ich Sie nicht hätte, Sie wachen doch wirklich über mein Wohl.« »Das dhu ich auch. Se haben die Dummheit nune mal gemacht, – Bungdum, nune leffeln Se de Suppe aus, da hilft Ihnen kei Ferscht von Rudelstadt derbei.« »Soll er auch nicht, Lamprecht, – aber finden Sie denn wirklich, daß die Dummheit so groß ist, die ich gemacht habe?« »Riesenstaudenhaft, gnädches Freilein. Er hat rund zwei Millionen un Sie sind kein heuriger Has mehr.« Ich schwieg etwas geärgert und wollte mich von dem Alten abwenden, aber da traf mich so ein guter, lieber Blick aus seinen Augen, die mich väterlich – treu – bekümmert ansahen. Er hatte mich noch auf den Armen getragen und die ersten Schritte gelehrt, das vergaß ich immer wieder. – »Nich ibelnehmsch werden,« mahnte er, und seine alte Stimme zitterte dabei, »ich steh so hallwege an Herrn Vaters Stelle, der sagte immer zu mir: ›Lamprecht, Sie habens Herz aufen rechten Flacke, gehm Se mir Ihre Hand‹. Das hat noch niemalen der Herr Onkel von Berndt zu mir gesagt und ich estimier' ihn nich auf Menschenkenntnis. Un der Herr Vater selig hätte etze gesaht: Rosa, überleg dersch dreimal. Die Holstens sin ä vornehmes Geschlecht un Murpitz klingt nicht schön. Aber zu en vornehmes Geschlecht geheert leider Gottes was Klimpriges, – und das hat der Herr Murpitz. Un kein schlechter Kerl is er nich, wenn er auch zu dir paßt, wie die Mistgabel zum goldenen Deelöffelchen. Das hätt' er gesagt, der Herr von Holsten Vater selig.« »Ich danke Ihnen, Lamprecht, – aber nun ist's einmal geschehen, – und ich hab' mir's dreimal überlegt, glauben Sie es mir.« »Un is gar nichts mehr reduhr zu machen?« fragte die bekümmerte Stimme eindringlich. »Un haben Sie dran gedacht, daß wenn der Herr Onkel von Berndt stirbt, daß denn die Gerechtsame uffheert und daß denn das kleine Altenteil von die Holstens eingezogen wird? Ja, – hätten der Herr von Berndt en Sohn, – denn wären ebend noch zwei Augen da, aber nichemal das hat die Frau Klothilde vor Sie getan, nich emal den kleinsten Jungen hat se gekriegt.« »Lassen Sie's gut sein, Lamprecht. Alles habe ich mir überlegt, ich weiß, daß ich heimatlos sein werde, wenn – Onkel Berndt sterben sollte. Aber sein Leiden hat sich eher verbessert als verschlimmert, warum wollen wir an Tod und Verlassenheit denken?« »Dod und Verlassenheit sind äbend zwei Dinge, die mer nich außer acht lassen soll, ganz besondersch, wenn mer jung und froh ist,« bemerkte der alte Philosoph. »Unglücke kömmt über Nacht.« Nachts 2 Uhr. Bim, bam, tuhht. Bim, bam tuhht. Beinahe kann ich's nicht mehr ertragen, diese ununterbrochene Reihenfolge wimmernder, klagender Töne zu hören. Bim, bam, tuhht. Ohrzerreißend, – herzzerreißend. Wiedenburg brennt. Nicht ein Haus, nicht eine Scheune oder ein Stall, nein Wiedenburg. Ein Feuermeer ist über das Städtchen ausgebreitet, und ich sitze beim prasselnden Kaminfeuer mitten in der Nacht und schreibe. Nun kann ich mich zum stillen Abwarten zwingen, zur inneren Ruhe. Wenn es doch hier brennte, in meiner unmittelbaren Nähe, hier, wo die vornehmen Villen einzeln in den weiten Gärten liegen, wo das Feuer niemals solchen Schaden anrichten könnte, wie in dem Stadtteil, da die kleinen Arbeiterhäuser dicht aneinandergereiht stehen, Holzhäuser, die der Fabrikherr Murpitz im Frühjahr abreißen lassen wollte, um feste, steinerne Gefüge aufzuführen. Bim, bam, tuhht, – es ist furchtbar. Feiner, beißender Rauch wird vom Novemberwind durch die Fugen der Fenster in mein Zimmer geführt, und wie ich die Fenster öffne, vermag ich kaum zu atmen. Und der Himmel so blutig rot, ein fernes, wildes Schreien in der Luft. Im Schlosse, im alten Amtsgericht ist alles erleuchtet, jetzt rasseln Spritzen vorüber, sie kommen von Kronshagen, von Henneberg und Dassau, – sie kommen zu spät. – Durch die Tür schiebt sich meine alte Dorette. »Jesus, Fräulein Rose, was für 'ne Nacht!« »Wie kam es, Dorette, und wie sieht es draußen aus?« »Wie es kam? – Die armseligen Baracken waren alle reif. Vielleicht wollt' auch der eine oder andere den Fabrikherrn zwingen. Aber vor dem Frühjahr kann er ja doch nicht bauen. Es wird 'ne Not, sag' ich, Fräulein Rose.« »Diese Not wird vorübergehen, alte Dorette. Herr Murpitz wird neue bessere Häuser aufführen, und wir alle werden die heutige Feuersbrunst segnen.« »Gott geb's, Gott geb's, Fräulein Rose. Aber der Herr Murpitz tut viel an seinen Arbeitern und tut ihnen doch nicht genug. Der hat kein leichtes Leben, der geht zwischen Drohen und Murren seinen Lebensweg, – und ich wundre mich kein Augenblickchen, wenn er selbst rabiat wird, und wie'n Löwe brüllt. Der hat's oft gut gemeint und ist immer mißverstanden worden, gestern erst hat er zwei Arbeiter nausgeworfen, die gar so unverschämt wurden, na und heute brennt sein ganzes Gewese – – –« »Dorette! Brandstiftung? – – « »Was weiß ich. Gemunkelt wird's überall. Und der Murpitz hat sich ja auch nie ein bißchen in acht genommen. Immer geradezu und durch, wie's seine Überzeugung war, das paßt den Dickköpfen nicht, 's sind ja nicht mehr die Arbeiter, die sein Vater hatte, und er ist auch nich so dimide, wie sein Vater selig, – er is 'n grober Schlagetot.« Ich mußte ein wenig verwundert lächeln, trotz des Ernstes dieser Nacht. Denn aus Dorettens Worten sprach eine gewisse Hochachtung vor dem Fabrikherrn, von dem ich doch überzeugt war, daß ich das Recht hätte, durchaus auf den »Proletarier« herabzusehen. »Eben ist der Herr Amtsgerichtsrat wieder ins Schloß zurückgekommen,« berichtete Dorette weiter, »er war gleich hinausgegangen, aber der Herr Doktor hat ihn wieder zurückgeschickt. Zu helfen und zu raten gibt es nichts, das brennt und brennt. Und wo's irgend was zu retten gibt, ist ja der Herr Murpitz da, – der hat ja Kräfte wie'n Goliath und Mut für sechse.« Wieder diese unumwundene Anerkennung. Beinahe wurde sie mir etwas unbequem. Ich war innerlich so fertig mit dem Wiedenburger Millionär, daß mir das Betonen seiner etwaigen Tugenden mindestens überflüssig erschien. Ich antwortete Dorette nicht auf ihren langen Herzenserguß und wir beide saßen nun stumm nebeneinander und horchten nach draußen und sahen, wie die glühende Röte des nächtlichen Himmels allgemach in ein düsteres Grau überging, hörten die abziehenden Spritzen polternd zurückfahren und das erregte Sprechen vorübereilender Menschen. Dann plötzlich kurze, gellende Schreie, Schreie, wie sie ein Kind in Schmerz, Wut und Eigensinn im höchsten Maße gesteigert hervorstoßen kann. Dieses Schreien und beinahe tobsüchtige Weinen kam immer näher zum Schloß. Ich öffnete wieder das Fenster, sah einen Trupp laufender Gestalten und emporgehobene Laternen und hörte eine Männerstimme: »So fangt ihn doch, dort hinaus ist der Bengel.« »Um Gottes willen, Fräulein Rose, Sie werden doch jetzt nicht hinausgehen,« rief Dorette, – rief es mir nach, denn ich war schon hinausgelaufen. Da stand ich vom hellen Lichte meines geöffneten Fensters beleuchtet und mir entgegen lief eine kleine Gestalt, die immer von Zeit zu Zeit diese Schreie ausstieß, die aber nicht mehr gellend, sondern heiser und unartikuliert klangen. Ein Knabe war es, ein Kind von vielleicht sechs, höchstens sieben Jahren. Jetzt flog er mit ausgebreiteten Armen auf mich zu, und wühlte seinen Kopf so in meine Kleider ein, daß ich von dem Anprall beinahe das völlige Gleichgewicht verloren hatte. Noch ehe ich das schreiende Bündel näher betrachten konnte, waren die Männer mit den Laternen schon da, sie rückten kaum ihre Mützen, so erregt waren sie alle, sie gaben mir auch alle keine Erklärung, sondern warteten, bis eine Gestalt aus dem Dunkel des Parkweges hervorkam und dann stand ich August Murpitz gegenüber, der sehr rot und aufgeregt aussah, aber ebenso schnell erblaßte, was ich trotz der mangelhaften Beleuchtung bemerkte. Er zog etwas ungeschickt den Hut und wollte sprechen, aber dann bückte er sich nur zu dem Knaben nieder, der seinen Kopf immer noch in meine Kleidfalten gedrückt hielt und sagte heiser: »Du kommst jetzt mit mir.« Ein neuer herzzerreißender Schrei und nun hob das Kind den Kopf und sah mich an mit seinen vom Weinen verschwollenen Augen in einem abgezehrten, schmutzigen Gesicht. »Nein, nein, nein, ich will nicht.« »Seine Mutter ist heute gestorben,« raunte mir Murpitz zu, die Stimme klang heiser, seine Hände zitterten, Gesicht und Kleidung waren mit Staub und Ruß bedeckt. »Ich will das Kind zu mir nehmen, aber es ist wie von Sinnen.« »Nein, nein,« schrie der Knabe wieder. Und dann ballte er die Faust gegen den Fabrikherrn. »Mutter ist nicht gestorben, Mutter ist verbrannt.« Die andern Männer standen schweigend mit gesenkten Köpfen da, Murpitz streckte wieder seine Hand nach dem Kinde aus. »Laß die Dame los, Franz, – sei vernünftig, ich meine es gut. Du kannst nicht auf der Straße schlafen, komm!« »Wenn der Junge kein Obdach hat, so will ich ihn gern bei mir aufnehmen,« wendete ich mich an Murpitz. Auch ich zitterte vor Kälte und vor Aufregung über die seltsame Lage, in der ich mich befand. »Das ist kein dummer Gedanke, Fräulein von Holsten, und er sieht Ihnen ähnlich.« August Murpitz lachte etwas verlegen. »Der Junge ist der Franz Dersau, – sein Vater verunglückte vor einem halben Jahre in meiner Fabrik und heute – – –« Die Stimme des Fabrikherrn war nicht recht sicher. »Darf ich morgen das Kind selbst holen? Irgendwo muß es ja untergebracht werden und Verwandte besitzt es nicht.« Ich nickte ernst. »Kommen Sie nur, und nun gute Nacht.« Er grüßte wieder, und jetzt nahmen auch die drei Arbeiter die Hüte ab. Ich faßte den Knaben bei der Hand und führte ihn über die Schwelle meines Hauses. Noch einmal riß er sich los und schüttelte die geballten Fäuste nach der Richtung, wohin Murpitz gegangen war. Dann tappte er scheu vor mir her in mein Wohnzimmerchen hinein und warf sich aufstöhnend auf die Erde. »Armes Kind,« sagte ich voll tiefen Erbarmens, »ach du armes Kind!« * Das war eine schlimme Nacht. Trotzdem wir uns alle erst im Morgengrauen niedergelegt hatten, wollte es nicht Tag werden. Der Knabe, den wir mit in mein Zimmer gebettet hatten, warf sich unruhig herum und ließ mich nicht einschlafen, und als ich morgens in kurzen, schweren Schlaf gefallen war, erwachte ich von einem jähen Schrei. Das Kind saß in seinem Bette hoch und starrte zu mir hinüber, dann war er mit einem Satz aus seiner Liegestatt und lief zu mir über den weichen Teppich. Mit beiden Händen packte er meine Rechte und zum ersten Male hörte ich ihn sprechen. »Ich hatte so Angst, – ich wäre nicht mehr bei dir.« »Bist du gern bei mir, Franz?« »Ich weiß es nicht, Frau. – Aber ich möchte, du sagtest noch einmal zu mir › armes Kind !‹« * Volle acht Tage sind seit jener Nacht verflossen und ich bin nicht ein einziges Mal dazugekommen, in mein Buch zu schreiben. Trotzdem die Närrin immer närrischer wird. Aber ich habe jetzt ernste Pflichten, ernste und ungewohnte. Will sehen, ob ich die Erlebnisse der letzten acht Tage knapp zusammenfassen kann. Ich saß am Tage nach dem Brande mit Franz Dersau beim Morgenkaffee, er trank ihn appetitlich und benahm sich fast wie ein Kavalier, als mir Murpitz gemeldet wurde. Dieser Name verscheuchte sofort den Buben, er ließ das ganz leckere Frühstück im Stich, schoß zur Tür hinaus und versteckte sich in die äußerste Ecke des von ihm benutzten Gastzimmers im Giebel oben. Ich ließ ihn einstweilen dort, mochte ich doch in der Unterredung mit Murpitz ungern einen Zeugen haben. Sie war sonderbar genug. »Guten Morgen, Fräulein von Holsten, ich will den Knaben holen.« »Der wird schwerlich mit Ihnen gehen, Sie sehen, er ist bereits unsichtbar.« »Haben Sie es dem Jungen auch schon angetan, – wie allen? Und besonders mir?« Keine Antwort. »Kannten Sie denn den Franz? Warum flüchtete er zu Ihnen?« »Ich weiß es nicht.« »Aber ich weiß es. Sie haben etwas in Ihrer Stimme, in Ihren Augen, das einen nicht los läßt.« »Herr Murpitz!« »Sehen Sie mich nicht so an. Ich weiß es, daß ich ein Bär bin, ein plumper Taps, ein Emporkömmling, aber Sie könnten es doch wenigstens versuchen, sich an mich zu gewöhnen. Wenn Sie ja sagen, dann lassen wir den dummen Absagebrief ungeschrieben sein, – wollen Sie?« Ich schüttelte abweisend den Kopf. »Nein, Herr Murpitz, ich ahnte nicht, daß Sie diese Sache noch einmal berühren würden, sonst hätte ich Sie nicht angenommen. Ich fühle nichts für Sie und die Selbstverständlichkeit, mit der Sie annahmen, ich würde, weil ich arm bin, gleich mit beiden Händen zugreifen, hat mich bis ins Innerste abgestoßen und verletzt.« »Das tut mir leid.« Ehrliche Trauer sprach aus seinen Worten. »Und das ist sehr schlimm für mich, – sehr. Sie hätten was aus mir machen können, Sie sind gar nicht arm, Sie sind ein großes Geschenk auch für den Reichsten – es ist wirklich schlimm für mich.« »Sie werden mich verschmerzen, Herr Murpitz, – ein Mann, wie Sie – – –« »Ach, reden Sie doch nun keinen Unsinn, Fräulein von Holsten,« unterbrach er mich barsch, »ich habe zwar keine so große Bildung, wie Sie, aber danach fragt doch die Liebe nicht, – – ich, – ich habe Sie eben lieb. Und das vergißt sich nicht so rasch, – – wenn ich's überhaupt jemals vergesse. Aber da hilft nun weiter gar nichts, – ich wollte Ihnen nur sagen, – es wäre wohl anständig von mir, wenn ich Ihnen meinen Anblick für einige Zeit entzöge, nicht wahr, und etwa auf Reisen ginge? Aber ich kann das nicht, gnädiges Fräulein, die Feuersbrunst hat zu viel zerstört und meine Anwesenheit, meine ganze Arbeitskraft ist jetzt hier notwendig.« Ich streckte ihm rasch die Hand hin. »Jetzt muß ich sagen, reden Sie keinen Unsinn. Sie haben mich ehrlich gefragt, und ich habe Ihnen ehrlich geantwortet. Das ist doch kein Grund, weshalb wir voreinander davonlaufen müssen. Und wenn ich irgendwie mit persönlichen Opfern Ihnen helfen kann bei dem Unglück, das Ihre Arbeiter betroffen – – –« Er drückte meine Hand herzlich. »Sie sind noch viel besser, als ich schon glaubte,« rief er mit ehrlicher Bewunderung, »es ist wirklich der größte Jammer, daß – – –« Er brach plötzlich ab und setzte eine unglückliche Miene auf, darauf wurde er sehr rot. »Und nun wird es wohl Zeit, daß der Junge geholt wird,« rief er hastig und überlaut. Aber ehe ich noch meine Hand aus der seinen ziehen konnte, hatte sich die Tür geöffnet und Tante Klothilde von Berndt erschien in deren Rahmen. Der Ausdruck ihres Gesichtes bei unserm Anblick spottete jeder Schilderung, – deshalb unterlasse ich sie. Murpitz unterließ aber gleichfalls jegliche Verbeugung, stolperte höchst ungeschickt über die Schwelle und raunte mir nur zu: »Schicken Sie mir den Franz Dersau nach meiner Villa, leben Sie wohl, Fräulein von Holsten.« Und rannte spornstreichs aus dem Bereich meines Hauses. »Das muß ich sagen!« Tante Klothildens Stimme war in Erstaunen und Hohn getränkt. »Du änderst die wichtigsten Entschlüsse, wie ein anderer seine Handschuhe wechselt. Also doch angenommen? Decken die Millionen den Proletarier zu?« »Du weißt nicht, was du sprichst,« entgegnete ich ruhiger, als es mir eigentlich ums Herz war. »Aber es ist gut, daß ich's dir sagen kann, und du kannst es Onkel Berndt wiedererzählen, daß es mir von ganzem Herzen leid tut, dies Wort Proletarier über Herrn Murpitz gebraucht und gehört zu haben.« »Nun – und?« »Und damit ist die Sache wohl endgültig erledigt, – wir haben uns leidlich als gute Freunde, jedenfalls getreue Nachbarn getrennt – – –« »Und glaubst du, ich ließe mir so etwas weismachen?« fragte Tante Klothilde mit entrüstetem Tonfall. »Wozu dies Komödiespielen? Weshalb setzt du dann erst gestern den ganzen Ablehnungsapparat in Szene, wenn du nun doch? – – Wie gesagt, ich verstehe dich ganz und gar nicht, finde dich höchst unpassend Hand in Hand allein mit dem Fabrikherrn, dem du angeblich einen endgültigen Abschied gegeben hast – – –« »Liebe Tante Klothilde, den Ehrgeiz, von meinen nächsten Verwandten verstanden zu werden, habe ich nie besessen. Am besten ist's schon, mich nach meiner Fasson selig werden zu lassen. Komm, ärgere dich nicht, das schadet dir immer, wie du weißt; sage mir lieber, wie es Onkel Berndt geht.« Tante Klothildens Gesicht sah plötzlich weniger streng, sah müde, traurig und verfallen aus. »Ach Kind, die Schmerzen sind größer geworden, – er war in unbeschreiblich galliger Stimmung heute. Ich kann dir nicht verhehlen, daß deine Absage an Murpitz ihn einer langgehegten Hoffnung beraubte. Der Gedanke quält ihn, daß mit seinem Tode dein Heimatsrecht in diesem Hause erlischt.« »Warum quält er sich damit? Heutzutage hat ein Frauenzimmer, das will, tausend Möglichkeiten, sich im Kampfe ums Dasein über Wasser zu halten.« »Und Murpitz?« »Laßt ihn ganz und gar aus dem Spiele. Ich verkaufe mich nicht. – Aber ich habe ihn heute besser kennen gelernt und weiß, daß ich sehr vorschnell über ihn geurteilt habe, – das machte mich unfrei und klein ihm gegenüber.« »Rose, du bist – –« »Eine Närrin, ich weiß wohl. Wolltest du das sagen, Tante Klothilde?« »Nein. – Im Gegenteil, ich bewundere dich manchmal, wie du dem Leben ins Gesicht siehst. Aber du bist zu spät, oder zu früh für uns übrige Verwandte auf die Welt gekommen, wir haben alle nicht deine Art, und so gibt es ewig diese Reibereien.« »Zu spät bin ich gekommen, Tante Klothilde, viel zu spät. Unsere Ahnen waren Raubritter, und zu denen hätte ich wundervoll gepaßt.« – »Ist sie fort?« fragte eine trotzig-klägliche Knabenstimme, als ich Frau von Berndt durch den Park geleitet hatte und in mein Hüttchen zurückkehrte. Franz Dersau kauerte auf der Schwelle, und sein von Tränenspuren kreuz und quer durchzogenes, unglaublich schmutziges Gesicht sah mich flehend an. »Wie hast du dich zugerichtet?« war meine Gegenfrage, »wie siehst du aus?« »Ich war im Stall, auf dem Boden, überall,« gestand er. »Der große Murpitz sollte mich nicht finden, ich gehe nicht mit ihm, nein, ich gehe nicht mit ihm.« Ziemlich ratlos saß ich dann mit dem Jungen im Zimmer, nachdem er sich noch einmal einer gründlichen Reinigung unterzogen hatte. Ein Ausdruck des Jammers lag auf dem Kindergesicht, der mich erschreckte. Und ich dachte zum ersten Male wieder so recht daran, daß ein armes Waislein neben mir saß und schämte mich in den Grund meiner Seele, daß ich mehrere Stunden meinem eigenen Interesse nachgegangen war, ohne an das herzbeklemmende Unglück des Kindes zu denken. – »Willst du mir alles erzählen, wie es gestern nacht kam?« fragte ich ruhig und herzlich. »Die Mutter« – begann er, von schwerem Schluchzen unterbrochen – –»immer krank war sie, aber so gut. Der Vater war in der Fabrik in den Siedekessel gefallen, der große Murpitz hatte noch keine richtige Bewehrung drum rum gemacht, da ist der Vater verbrüht. O, der hat Schmerzen gehabt! Und geflucht hat er und ich mußte auch mitfluchen. Mich wundert's doch bloß, daß der große Murpitz immer noch mit Armen und Beinen herumläuft.« »Und die Mutter?« unterbrach ich ihn. »Dann ist Vater gestorben,« fuhr er fort, ohne meinen Einwurf zu beachten, »und der große Murpitz war dabei und hat dem Vater in die Hand versprochen, er wollt' die Häuser abreißen und neu bauen lassen. Hat's doch nicht getan. Und gestern wurde es auf einmal so hell und die Mutter sagte: »Hilf mir, mein Junge«, denn sie hatte ja das schlimme Bein immer schon und ihr Herz war auch schlimm krank, seit Vater tot ist. Aber ich konnte sie nicht aus dem Bett heben, ich habe noch keine Muskeln, dann wurde es immer Heller und unser Haus brannte lichterloh und der große Murpitz kam und guckte Mutter an und ließ sie liegen und mich trug er aus dem Hause, ich habe ihn gebissen und gekratzt, aber er ist ja doch so groß und stark. Und grad wollt' auch das Haus neben uns zusammenbrechen, was der fremde Doktor gemietet hat, sie heißen's das ›Hüttchen‹, – da ist der große Murpitz reingelaufen und hat das blinde Mädchen rausgeholt. Aber meine Mutter ist verbrannt.« Der Junge schrie es hinaus. Er zitterte am ganzen Körper und dann brachen wilde Flüche und Verwünschungen aus seinem Munde, wie ich sie nie von einem Erwachsenen, geschweige denn von einem Kinde gehört habe. Ich war tief erschüttert. »O du Armes, Armes!« Ich drückte den Knaben an mich und er wurde ruhiger. »Hast du nie zum lieben Gott gebetet?« fragte ich leise. »Den gibt's ja gar nich,« war die verächtliche Antwort. »Nur der Lehrer spricht von ihm, aber die Mutter sagte, der große Murpitz, das wäre der Herrgott von Wiedenburg und zu dem will ich nicht beten.« »O du Armes, Armes!« Weiter fand ich keine Worte. Stumm saß ich mit dem Knaben im Arm, sein Kopf ruhte an meiner Brust und seine Hände umklammerten die meinen. Eine schwere Unruhe war in mir, ich wollte mehr wissen über alle Geschehnisse dieser Nacht, mehr wissen über Franz Dersau und seine Eltern, über die ganze Arbeiterkolonie da draußen und den Fabrikherrn, der so nah in mein Leben getreten war, und der mir durch die Erzählung des Knaben immer unverständlicher wurde. Und wie hatte ich mit geschlossenen Augen dahingelebt! In die weltferne, vornehme Abgeschlossenheit meines buen retiro waren die erschütternden Ereignisse, die sich in der Arbeiterkolonie abspielten, nicht gedrungen und durch meine häufigen Reisen in wunderherrliche Fernen war mir das nahe Elend fremd geblieben. Gelebt wollte ich haben? Vegetiert hatte ich. Meine krasse Selbstsucht stand riesengroß vor mir auf, und »Närrin, Närrin« rief ich mir selbst viel lauter und eindringlicher zu, als es jemals meine Verwandten getan hatten. Fester drückte ich das unglückliche Kind an mich und strich liebkosend über seinen Blondkopf. »Du bist so gut, meine Frau,« sagte Franz Dersau und sah, sich aufrichtend, mich ernsthaft an. »Bist du eine Mutter?« Da sprang ich auf, lief an meinen Schreibtisch und setzte mich zum Schreiben hin. Von zitternder Hand gehalten, flog die Feder über das Papier, aber sie stockte nicht einen Augenblick, es war, als hätte das, was ich nun schrieb, immer in meiner Seele und meinen Gedanken gelebt, und nur gewartet, bis man mir erlaubte, es auszusprechen. Ich siegelte den Brief und adressierte ihn an Herrn Murpitz, dann schickte ich Dorette sogleich damit fort. Sie sah mich prüfend an und hielt den Brief, als brenne er ihr zwischen den Fingern. Weiß Gott, was die gute, alte Seele vermutete. Als ich wieder zu Franz Dersau kam, sah mir sein abgehärmtes, altkluges Gesicht mißtrauisch entgegen. »Du mußt nicht an den großen Murpitz schreiben, meine Frau, – ich gehe doch nicht zu ihm,« sagte er müde und kopfschüttelnd. Meine lieben Verwandten! Gestern habe ich einen Sohn bekommen. Findet Euch mit dieser Tatsache ab, so gut Ihr eben könnt. Da mir der Herrgott den Jungen gleich hübsch groß und ziemlich verständig in die Wiege legte, so befinde ich mich körperlich äußerst wohl und seelisch sogar über-überglücklich. Herr Murpitz ist Vormund und, sozusagen, Pate. Eure Närrin. Daraufhin kamen sie. Onkel Berndt, der Ärmste, beinahe quittengelb vor Ärger, Leber und Galle. Tante Klothilde händeringend. Sie fand meinen Brief » shocking « und verstand mich weniger als je. Sie bewunderte mich auch jetzt gar nicht, – die Stunde, da wir uns naher gekommen waren, schien völlig ausgelöscht in ihrem Gedächtnis. Onkel Oberst von Berndt fragte mich, wieviel Narrheiten ich noch auf Lager hätte, diese letzte hätte er mir, offen gestanden, nicht zugetraut, Tante Leonore aber ließ vor tugendhafter Entrüstung mindestens zehn Maschen am Missionsstrumpf fallen, und mit zitternder Stimme beschwor sie mich, den Stein des Anstoßes wieder zu entfernen. »Was werden die Leute sagen?« wimmerte sie, »schon jetzt hat dein unverantwortlicher Brief willkommenen Anlaß zu allerhand Klatsch im Dienstbotenzimmer gegeben. Ich wage gar nicht dem Herrn Konsistorialrat unter die Augen zu treten, seit meine Nichte, eine Holsten aus dem Hause Holsten-Berndt, von der ich weiß, daß sie als tadellose Jungfrau gelebt hat, mir schrieb: »Ich habe einen Sohn bekommen.«« Ich lachte ihr hell und gerade ins Gesicht und bekam eine ungeahnte Hilfe in Tante Rosine. »Himmeltausend Wetter,« fluchte diese höchst unchristlich in den Sermon hinein, »ich kann nichts Unrechtes in Roses Handlung erblicken. Im übrigen ist die Jungfrau mit dem Kinde eine unserer schönsten Bibelgestalten, also Hand davon! Ich verstehe Rose. Ein echtes Weib will sorgen und lieben, wir haben leider nicht alle den Schneid, uns unser Schicksal selbst zu schmieden; kommt der Rechte nicht zur rechten Zeit, so vertrotzen und verbittern wir uns zu alten Jungfern; Rose wird nie eine alte Jungfer werden, – auch ohne Mann nicht.« Tantchen Rosine seufzte tief auf. »Dein Leben hat einen Inhalt bekommen, Nichte Rose, ich beneide dich!« Onkel Oberst streckte ihr die Hand hin. »Muß sich so'n alter Soldat von einem Frauenzimmer beschämen und überzeugen lassen. Also du hast recht, Rosine, und du meinetwegen auch, Rose. Aber nicht übermütig werden, – noch nicht. Du wirst nicht über Nacht aus dem Arbeiterbengel einen Aristokraten aufziehen.« »Wer weiß!« entgegnete ich ernst, »Natürlich nicht im landläufigen Sinne des Wortes ›Aristokrat‹, aber vielleicht so, wie – es mein Vater verstand,« »Eine Proletarierherberge wird das Altenteil der Holstens werden,« warf jetzt Onkel Berndt grämlich-zornig ein, »warte nur, bis die ganze Bande von Verwandtschaft anrückt – – –« Ich erwiderte etwas heftig, unsere Stimmen hoben sich merklich und auch Tante Klothilde und der Oberst mischten sich für und wider ein, da öffnete sich die Tür, stürmisch flog Franz Dersau herein und umschlang mich. »Wollen sie dir was tun, meine Frau?« fragte er besorgt und dann maß er mit trotzigen, kampflustigen Blicken meine ganze, liebe Sippe. – Eine ziemliche Pause trat ein, bis Tante Rosine heftig aufsprang und dem Jungen die Hand hinstreckte: »Guten Tag, mein Kind, ich bin die Tante Rosine von Berndt.« »Guten Tag, Tante Rosine von Berndt.« Es klang ohne Scheu, aber nicht unehrerbietig. »Ich bin Franz Dersau und dies hier,« ein leuchtender Blick traf mich, »dies hier ist meine Frau, bei der ich jetzt bleiben darf.« Niemand lachte. Sie hatten sich wohl alle meinen Sohn anders vorgestellt, linkischer und gewöhnlicher, – dieser kleine, schlanke Bursche mit dem blonden Lockenschopf, den grauen ernsten Augen und dem frühreifen, nachdenklichen Gesicht entsprach durchaus nicht ihren niedrig gespannten Erwartungen. Es reichte ihm niemand sonst die Hand, und er gab sie von selbst niemandem. Aber Onkel Oberst bog ihm den Kopf leicht zurück, sah ihm in die Augen und knurrte: »Mach' ihr Freude, deiner Pflegemutter, – sie verdient es.« Das tat mir wohl. – – – Ich werde doch manchmal Mannestat brauchen, – so werde ich zu Onkel Oberst gehen, nun ich weiß, daß er mein Freund ist. »Bist du nun meine Pflegemutter?« fragte Franz, als alle gegangen waren. »Wenn du es willst, ja.« »Nein, ich will es nicht. Ich will dich pflegen. Was bin ich dann?« »Mein Pflegekind, mein Pflegesohn.« »Kann ich auch dein Pflegejunge sein?« »Das kannst du.« »So sag' es einmal zu mir.« »Mein Pflegejunge, mein lieber, lieber Junge!« Und ich küßte zum erstenmal die grauen, ernsten Augen und den roten Kindermund. * Alle Formalitäten sind erledigt, Franz gehört mir. Es ist ein liebes, etwas wunderliches Hausen mit ihm. Er hat wohl niemals früher ganz Kind sein dürfen, ist immer mehr Freund und Berater seiner Mutter gewesen, so jung er auch noch ist. Acht Jahre ist er erst alt, – man merkt es eigentlich nur an seinem Lachen, das glockenhell und herzlich wie bei einem ganz kleinen Kinde klingt, – – wenn er ja einmal lacht. Gewöhnlich ist er ein altes Haupt auf jungen Schultern, betrachtet alles ernsthaft und man sieht, wie er sich innerlich über jedes sein Urteil bildet, über Menschen, Tiere und Sachen. Freilich bildet er sich dies Urteil nach dem Verhältnis, in dem die Dinge zu mir stehen. Er geht in großem Bogen um Onkel Heinrich von Berndt herum und verhält sich ablehnend gegen Tante Klothilde. Er scherzt mit dem Oberst und kann Tante Leonore und ihren Strumpf nicht leiden, er achtet Dorette, mein altes Hausinventar, und liebt Tante Rosine. Dem alten Bureaudiener Lamprecht begegnet er mit einer gewissen Hochachtung. Nur einen haßt er, trotzdem er genug Beweise seines Wohlwollens und Interesses für sich und mich hat, und das ist – Murpitz. Ich habe den Fabrikherrn schon oft wiedergesehen, – mir ist wunderlich dabei zu Sinn. Ich sehe nur Gutes von ihm und bereue namentlich immer mehr, was ich selbst über den »Proletarier« sagte. Aber was mir Franz erzählte, das stimmt nicht mit dem zusammen, was meine Augen sehen; rastloses Arbeiten, nimmermüdes Sorgen für das Wohl seiner Fabrik und seiner Arbeiter. Was Franz mir erzählt, ist häßlich, – häßlich. Wem soll ich glauben, meinen Augen oder dem Kinde? – Wir haben schon zusammen Besuche gemacht, Franz und ich. Überall, wo wir vorbeikommen, grüßen uns die Leute, Arbeiter ziehen ihre Mützen, Frauen nicken uns lächelnd oder teilnehmend zu, Kinder stoßen sich kichernd an und knicksen dann plötzlich ernsthaft. Wir waren auch in Kronshagen bei Pfarrer Renckes. – Der liebe Herr »Zupperdent« und seine gute Frau hatten sich den köstlichen Scherz erlaubt, mir eine »Wochensuppe« zu bringen in Gestalt von einem fetten Gänschen und ein paar Mandeln köstlich frischer Eier. Leider waren Tante Leonore und ihr Missionsstrumpf auch gerade bei mir, und so wurde der harmlose Spaß für eine »unerhörte Unanständigkeit, unwürdig eines Pfarrers« erklärt. Aber mich macht der Besitz meines lieben Kinde so froh, daß ich leichter über diese Nadelstiche hinwegkomme. Ich muß ja jetzt durch Beispiel wirken und mein Junge soll mich niemals klein, grämlich oder nörgelnd sehen, damit er selbst frei und groß sich entwickelt. Mein Herz ist jetzt ein frisch gepflügtes Land, drin künstlicher Samen treibt und drängt, es hatte so lange, lange Zeit brach gelegen, so wenig Liebe hatte ich gegeben und empfangen. Vielleicht habe ich dadurch Kraft gesammelt, jetzt doppelte und dreifache Liebe auszuteilen, wie sich ja auch in der Natur der Acker von der früheren Bebauung erholen muß, aber ich fühle, es ist mit der Liebe ein ander Ding, – man gibt und gibt und sie ersetzt sich selbst wieder, – unerschöpflich ist ihr Reichtum. Jetzt ist's vorbei mit Handarbeiten und Lesen und Träumen. Arbeit gibt es in Hülle und Fülle für mich. Meine alte Dorette muß ich noch etwas zur Liebe erziehen für meinen Pflegejungen, den sie in völlig unbewußter Komik: »Flegeljunge« nennt. Deshalb zeigt sie sich auch noch sehr zurückhaltend seinen zerrissenen Hosen gegenüber und schilt über die vielen Ausgaben. Etwas neu mußte ich ihn doch einkleiden, seine vorhandenen Sachen waren gar zu arg geflickt, wenn auch sehr sauber instand gehalten. Von seiner Mutter hat er noch nicht wieder gesprochen. Bei ihrer Bestattung war er nicht dabei, Herr Murpitz wünschte es nicht, weil der Knabe noch zu erregt war und man einen Gewaltstreich fürchtete; Franz selbst aber hatte nicht danach verlangt. Ich führte ihn später an das frische, mit Tannen und Kränzen verhüllte Grab droben am Tannenwald, nicht weit von meiner eigenen Heimat, drin meine Eltern ruhen. »Hier wohnt nun dein Mütterchen, hier schläft sie, und hat nun keine Schmerzen mehr,« sagte ich zu ihm. Er schüttelte den Kopf und dann sah er mich hilflos an. Ich glaube, sein kleines Herz faßte es einfach nicht, daß in so engem Raum, wie dieser Hügel ihn andeutete, die ganze große Mutterliebe verborgen sein sollte, die sein Leben bisher getragen, durchleuchtet und durchwärmt hatte. – So mußte ich wieder mit ihm fortgehen, ohne daß das arme, verwaiste Büblein dort Trost gefunden hätte. Meine Aufgabe, diesem Kinde Liebe zu geben und es zu einem wahrhaft guten, nützlichen Menschen zu erziehen, wird mir erschwert durch einen Umstand, der bei einem weiblichen Erzieher wohl doppelt ins Gewicht fällt, – – Franz Dersau hat noch nie gebetet. Ich glaube ja wohl, daß viele tüchtige Menschen in der Welt, die ihren Herrgott verloren, oder wissentlich nie besessen haben, über mich lachen würden, wenn sie meine Klage hörten. Aber das Lachen nützt mir nichts. Er kennt den lieben Weg nicht, den ich allabendlich am Herzen und an der Hand meines guten Mütterchens wanderte, den Weg durchs Kinderland, unter leuchtenden Sternen, von denen jeder einzelne auch ein leuchtendes Märchen war. Jeden Abend falte ich seine kleinen Hände und bete mein altes Kindergebet: »Lieber Gott, mach' mich fromm, daß ich in den Himmel komm.« Aber der kleine Zweifler zerpflückt mir meine Worte und meine Andacht durch seine vielen »Warum«, durch närrische Fragen und wunderliche Auslegungen. Ich muß ganz umlernen. Mit seinem Lehrer habe ich auch schon gesprochen, aber der hat bei meinem Franzel am verkehrten Ende angefangen, – es ist ein junger Heißsporn, frisch vom Seminar, der Gottes Wort einprügeln will, noch dazu unter Zeugenschaft des Herrn Rektors, – das ist bei meinem Jungen verfehlt. Franz weigert sich sowohl in der Schule, als auch bei mir, das Gebet nachzusprechen. Was soll ich tun? »Bist du sehr traurig, meine Frau, wenn ich es nicht sage?« »Ganz gewiß, Franz.« »Wirst du die ganze Nacht kein Auge zutun, wenn ich es nicht sage?« »Das weiß ich natürlich jetzt noch nicht, Franz.« »Nun dann will ich warten, bis du ganz gewiß einmal die Nacht nicht schläfst.« – So stehn die Sachen. – Lacht nur, mir nützt es nichts, ich muß umlernen und ich will's . Heute ist der erste Advent. In meiner Kinderstube kam an diesem Tage jedes Jahr der Knecht Ruprecht, ich mußte Weihnachtslieder singen, Verschen aufsagen, oder beten und dann warf Knecht Ruprecht die Stube voll Äpfel und Nüsse. Das war so weihnachtlich – feierlich – fröhlich. Als ich acht Jahre alt war, raunte mir einmal ein Nachbarsjunge zu, den wir zum ersten Advent eingeladen hatten: »Du, Rose, das ist gar nicht der Knecht Ruprecht, das ist der Diener Lamprecht.« Aber anstatt meine Begeisterung zu ernüchtern, sah ich eben von nun an den alten Lamprecht als etwas besonders Liebes und Feierliches an und belehrte meine Spielgefährtin: »Das ist gar nicht der Lamprecht, das ist eigentlich der Knecht Ruprecht.« – Und so ließ ich auch heute meinen alten Freund kommen, er stand sehr feierlich in langem weißen Bart und Haar vor meinem Pflegejungen. Aber Knecht Ruprecht mußte sich zu einem Frage- und Antwortspiel bequemen. »Wie heißt du?« begann Knecht Ruprecht. »Franz Dersau, und wer bist du?« »Ich bin der Knecht Ruprecht. Kannst du beten und singen?« »Beten kann ich schon, aber ich tue es nicht gern, aber Lieder kann ich viel. Ich singe sie aber immer nur für meine Frau. Wer schickt dich denn?« »Ich komme vom lieben Gott, der schickt mich zu guten Kindern mit vielen Äpfeln und Nüssen und zu bösen Kindern mit der Rute.« »Ach, mit der Rute will ich nichts haben, das tut meiner Frau weher als mir, aber Lieder will ich dir eine Menge singen, – Paß auf!« Und Franzel schmetterte los, – so herzfreudig, so glockenrein: »Nun fangen die Weiden zu blühen an.« »Is 'en das au ee Weihnachtslied?« polterte Knecht Ruprecht in gänzlicher Außerachtlassung des Himmelsdialektes. »Nein, Herr Lamprecht, ein Frühlingslied,« lautete die verblüffende Antwort. Da faßte sich Knecht Ruprecht augenblicklich und sprach im getragensten Hochdeutsch: Du hast brav gesungen, mein Sohn, hier ist der Himmelslohn,« und Äpfel und Nüsse prasselten auf die Dielen. Franzel jauchzte vor Glück. »Ich will dir keine Rute geben, weil's dem Fräulein weh tut,« sprach Knecht Ruprecht weiter, »aber daß du nicht beten willst, tut ihr noch viel weher.« Damit schritt er ruhig und bedächtig hinaus. Franzel sah ihm still nach, dann sammelte er alles auf, mit heißen Wangen und leuchtenden Augen: »O der ist arg gut,« murmelte er vor sich hin. »Wer denn, mein Junge?« »Na der, – der ihn geschickt hat, den Herrn Lamprecht.« Ich sagte nichts weiter, ich zog ihm das warme Mäntelchen an und wanderte mit Franzel hinaus in den wunderbar sonnigen Wintertag. Der Junge hatte sich beide Überziehertaschen voll Nüsse gesteckt und einen roten Riesenapfel außerdem mitgenommen. Ich lachte glücklich dazu, denn abgeben, das ist Franzels Wonne und darin bestärke ich ihn, wie ich nur kann. Sobald uns unterwegs Kinder begegneten, griff der Junge in die Tasche und teilte aus: »Von Herrn Lamprecht!« Es war ein fröhliches Wandern. Wir kamen auch an einem ziemlich einsamen kleinen Hause vorüber, das, so lange ich denken kann, immer unbewohnt war, seit die Eltern des Fabrikherrn Murpitz drin gestorben waren. Ein verwilderter Garten umgibt das im Sommer von Kletterrosen umrankte Häuschen, die hohen Bäume verdecken es ganz vor der Außenwelt, aber im Winter, da kann man's nach Herzensluft anschauen, wenn man will. Und Franzel wollte augenscheinlich, denn plötzlich blieb er stehen, fuchtelte aufgeregt mit den Armen umher und rief: »O, die Sigrid! Guck hin, Frau, die Sigrid wohnt auf einmal hier drin.« Ich sah an die beiden Fenster zu ebener Erde und entdeckte hinter den Scheiben ein zartes Kindergesicht, daneben eine alte Frau in weißer Haube und weißer Schürze. Franzel stieß einen Pfiff aus und da riegelte die Frau das Fenster auf: »Franz, bist du es denn wirklich?« »Ich komme, ich komme,« rief mein Junge und zog und zerrte mich hinter sich her durch das Holzpförtchen hinein in den fremden Garten. »Franzel, das geht doch nicht,« wehrte ich, »ich kenne diese Menschen gar nicht.« »Aber ich.« Franzel war sehr aufgeregt. »Siehst du, meine Frau,« predigte er, während wir durch den Vorgarten schritten, »ich hatte die Leute ja ganz vergessen, weil ich immer nur an Mutter dachte und – an dich, aber jetzt muß ich hin. Es ist ja die Sigrid und ihr Vater ist der Doktor Jürgen Kyldrild, der die großen Hünengräber aufgräbt, komm nur mit, sie freut sich.« Die alte Frau kam uns entgegen. Sie ist schon sehr alt und scheint etwas Besseres, als nur eine Kinderfrau zu sein. Freundlich knickste sie. »Das ist eine Ehre für Sigrid,« sagte sie schlicht mit etwas fremdem Tonfall in der Sprache. »Ich habe von dem Liebeswerk des Fräulein von Holsten gehört.« »Guten Tag, Franz Dersau, – grüß' dich Gott!« Ich war im Zimmer, ehe ich mich's versah und stand einem zarten, blassen Mädchen von zwölf Jahren gegenüber, das in einem Sessel saß und mich mit gespannten Zügen, aber toten Augen anschaute, – Sigrid Kyldrild ist blind. Im Laufe des Gesprächs erfuhr ich das Hauptsächlichste. Daß Herr Murpitz den gelehrten Archäologen vor ein paar Wochen hergerufen, um die Hünengräber in Wiedenburgs nächster Nähe fachgemäß zu öffnen, daß diese Hünengräber auf Grund und Boden des Herrn Murpitz liegen und Wichtiges enthalten, daß das Haus, in welchem der Doktor zuerst wohnte, abgebrannt und Sigrid von Herrn Murpitz gerettet sei, und nun hier mit dem Vater und der Pflegerin Unterkunft gefunden habe. Ich wollte natürlich gleich wieder fortgehen, aber die Kinder hielten mich flehentlich zurück und die alte Frau Karen Christy bat herzlich um längeres Bleiben. »Papa ist verreist, ich bin so einsam,« erklärte Sigrid mit weicher, herzbeweglicher Stimme. So blieb ich in dem fremden Hause und saß auf dem Sofa, darauf manches Jahrzehnt die Murpitzleute gesessen, denn das Haus war mit allem, was drin und dran war, dem fremden Doktor zur Verfügung gestellt, weil dessen gesamtes Hab und Gut verbrannt war. »Eine furchtbare Nacht war es,« gestand die alte Frau schaudernd und strich über Franzels Haar. »Aber ihm ist alles zum Glück ausgeschlagen.« »Gott gebe es!« sagte ich leise. Dann hörten wir auf das Geplauder der Kinder. »Ja, sie ist furchtbar gut, meine Frau,« berichtete Franzel strahlend seiner kleinen Freundin. »Ich weiß es, – ich hörte es an ihrer guten Stimme. Sie kann gewiß singen.« »Ja, sie singt prachtvoll und ich habe viel gelernt.« Wieder sang Franzel sein Frühlingslied. »Es ist sehr schön,« gab Sigrid zu. »Aber jetzt mußt du Weihnachtslieder lernen, ›Stille Nacht‹, oder ›Es schwebt auf Engelsflügeln‹ oder ›Ihr Kinderlein kommet‹.« Franz machte ein unglückliches Gesicht. »Ich darf ja nicht,« murmelte er, »ich muß ja erst beten lernen.« »Du Dummerchen!« lachte Sigrid, »das braucht man doch nicht zu lernen. Man spricht einfach mit dem lieben Gott.« »Wenn's ihn doch nich gibt!« murrte Franz. Sigrids zartes Gesichtchen wurde traurig. »Spürst du ihn immer noch nicht?« fragte sie. »Er war doch da, als es so schlimm brannte. Du und ich, wir wären doch tot, wenn er damals nicht dagewesen wäre.« »Wer denn? Der Murpitz?« »Der liebe Gott.« »Aber der liebe Gott hat mich nicht rausgetragen, der Murpitz war's.« »Freilich, aber der hätte es von alleine nicht gekonnt, erst mußte der liebe Gott das auch wollen.« »Ist denn der stärker? Kann denn der mehr? Noch mehr als Murpitz?« Hinter jeder Frage nickte Sigrid eifrig und des Knaben Augen hingen an ihren Lippen. Aber plötzlich wurde er blaß. »Und die Mutter,« raunte er, »die Mutter, Sigrid, warum ist sie verbrannt?« Seine Hände umklammerten dringend die Hände der kleinen Freundin. »Sie ist nicht verbrannt,« entgegnete diese eifrig, »Herr Murpitz hat es meinem Vaterli erzählt und Herr Murpitz lügt nicht. Deine Mutter war immer krank, da ist ihr Herz einfach stehengeblieben, und ganz rasch ist sie gestorben, daß du es gar nicht gemerkt hast. Aber Herr Murpitz hat's gesehen und hat dich nun natürlich zuerst herausgetragen, und dann auch noch mich, der Gute – Liebe, und dann war's zu spät, dann konnte er nicht mehr ins Haus. Aber deiner Mutter hat doch auch nichts mehr weh getan.« Franz atmete tief und schwer. »Weißt du's gewiß? So war's?« Sie nickte ernsthaft. »So sag' mir, wie man betet.« Sigrids Händchen falteten sich über denen des Knaben. »Sprich mir's nach, Franzel: Lieber Gott, ich danke dir, daß ich wieder eine Mutter habe.« Ein wunderbar strahlender Ausdruck trat auf Franzels Gesicht. »Ja das will ich gern beten,« sagte er, »du meinst doch meine Frau? Lieber Gott, ich danke dir, daß ich wieder eine Mutter habe und schicke für Sigrid auch eine.« »Nun sag' noch Amen, dann ist's gut.« »Amen! Weiß der liebe Gott nun Bescheid?« Sigrid nickte und Franz atmete befreit auf. »Seltsame Kinder,« raunte mir Frau Christy zu. »Der Herr Doktor hört gar zu gern zu, wenn die zwei beisammen sind. Darf der Franz wieder öfter kommen? Oder darf ich Sigrid manchmal schicken, sie hat niemand sonst zum Spielgefährten.« Ich nickte eifrig und trat dann zu den Kindern, welche unsere letzten Worte gehört hatten und glückselig über die neue Aussicht waren. »Darf ich kommen?« fragte Sigrid. »Darf ich dann Ihr schönes, liebes Häuschen sehen und Ihren Flügel?« Ich küßte sanft und sacht die toten Augen des Kindes. »Alles darfst du sehen, mein süßes Kind, komm bald!« * Der gestrige Tag hallt in mir nach. – Er hat mir unendlich viel gegeben. Ich tue heute meine Arbeit unter einem seltsamen Bann. Immer sehe ich die beiden Kinder nebeneinander und höre, wie das blinde Mädchen meinen Knaben das Beten lehrt. In wenigen Minuten, – was mir in vielen Tagen nicht gelang. Ich muß immer an den Spruch denken: »Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder.« Franz fertigt neben mir seine Schularbeiten, aber ich merke wohl, wie er mich beobachtet in seiner merkwürdigen Art. Er sieht einfach alles. »Laß doch alles Kramen, meine Frau,« sagte er vorhin zu mir. »Es wird ja doch nichts Richtiges. Du machst so Augen, wie die Sigrid.« »Als ob ich blind wäre?« fragte ich verblüfft. »Du magst wohl recht haben, Franz, – ich suchte den gestrigen Tag und kann ihn nicht mehr finden.« Franz lachte glücklich. »Das kann ich gut verstehen, meine Frau, – wart, ich hole ihn dir.« Da schoß er auch schon zur Tür hinaus und ließ mich verblüfft stehen. Aber das dauerte bei mir nicht lange, ich habe ja genug Arbeit, meine Briefe, meine Handfertigkeiten, mein Reißteufelchen Franz, meinen Flügel und – das Tagebuch einer Närrin. Außerdem bin ich der Ansicht, daß mein Flegeljunge seine närrischen Einfälle austoben muß, sonst wäre er ja kein richtiger Bub, und man soll ihm auch durchaus nicht später die Altjungfernerziehung ansehen. – Eine gute halbe Stunde saß ich allein, die Dämmerung brach an und ich träumte vor mich hin, wie ich das so gerne tue. Ein Dämmerstündchen in der Adventszeit ist etwas Köstliches, man wird wieder zum Kinde und steht in Erwartung eines lieben Besuches: »Christkindlein kommt!« – Horch, da knirschte schon der Kies in meinem Vorgarten, ein Wagen wurde herangefahren, ich hörte Franzels glückliches Lachen und die sanfte Stimme der alten Frau Christy. Rasch sprang ich auf und half Sigrids Krankenstuhl in mein Zimmer heben und fahren. Frau Christy verabschiedete sich eilends. Der Franzel habe sie überrascht und ihr die Sigrid einfach fortgenommen, sie sei aus seinen närrischen Worten gar nicht klug geworden. Und nun müsse sie heim, zu Hause gehe und stehe alles drunter und drüber. »Kein Licht,« rief Franzel ungestüm und nahm mir einfach die Streichholzschachtel wieder aus der Hand. »Kein Licht,« bat auch Sigrid und ich fügte mich. O dies liebe Dämmerstündchen mit den beiden Kindern! Wir sangen Weihnachtslieder und der ganze Zauber der Adventszeit breitete sich aus über mein Stübchen und uns drei Waisen. »Nun muß meine Frau noch von der Jugendzeit singen,« bestimmte Franzel, »da hört die Sigrid, wie schön du singst und wie schön dein Flügel klingt. Du darfst nun auch Licht anstecken,« erlaubte er gnädigst. Ich tat es und stellte meine trauliche Arbeitslampe mit dem grünen Schirm auf den Tisch, Franz saß neben Sigrids Stuhl, hatte den einen Arm um ihre Schulter gelegt und sich an sie geschmiegt. Ich schritt zum Flügel, öffnete ihn, strich liebkosend über die Tasten, wie ich es immer vorher tue, und dann sang ich: »Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit klingt ein Lied mir immerdar, o wie liegt so weit, o wie liegt so weit, was mein einst war.« Die Kinder rührten sich nicht, ja sie atmeten kaum und ich ließ meine Stimme schwellen und vergaß alles um mich her. Meine Kinderzeit erstand vor meinem geistigen Auge, Väterchen und Muttchen grüßten und nickten lebendig aus ihren goldenen Rahmen an der Wand. Mein Blick umflorte sich: »Keine Schwalbe bringt, keine Schwalbe bringt dir zurück, wonach du weinst, doch die Schwalbe singt, doch die Schwalbe singt im Dorf wie einst.« Tiefe Stille im Stübchen. Ein leiser, kalter Luftzug ließ mich aufblicken und da stand in der halbgeöffneten Tür ein hochgewachsener Mann, ein Fremder. Seine scharfen Brillengläser funkelten zu mir herüber. »Ich muß um Verzeihung bitten,« sagte eine tiefe, klangvolle Stimme, »niemand hörte mein Klopfen.« »Väterchen,« rief Sigrid glücklich und nun wußte ich, daß Doktor Jürgen Kyldrild vor mir stand. Er kam mit schleppendem Schritt auf mich zu. Er hinkt stark und zieht den linken Fuß hinter sich her, macht aber doch den Eindruck eines starken, großen Mannes. Seine Augen sind hinter einer goldenen Brille verborgen, das leicht ergraute Haar legt sich in denselben starken Wellen um den feinen Kopf, wie bei Sigrid und ein brauner Bart beschattet Mund und Kinn. Wie er sich dann über sein blindes Töchterlein neigte, machte er beinahe einen mütterlichen Eindruck, so weich war seine Stimme, so zärtlich die Ausdrucksweise, so liebevoll-kosend die Umarmung. »Das glaube ich, – hier mag's dir schon gefallen,« lächelte er und ließ seine Augen über mein Stübchen und dessen feine, altväterische Einrichtung gleiten. – »Aber was sagen Sie nur zu uns Eindringlingen, gnädiges Fräulein? Das Töchterlein ist ohne weiteres hier abgestiegen und nun macht der Vater es nach.« »Das ist meine Frau so gewöhnt,« belehrte Franzel, »wir haben hier immer Besuch.« »Wie geläufig dem Jungen das ›wir‹ von den Lippen geht,« meinte Doktor Kyldrild; »Sie müssen eine große Pädagogin sein, Fräulein von Holsten; – was ist aus dem scheuen, verschlossenen Jungen geworden!« Der Ausruf kam so herzlich aus dem Munde des ernsten Mannes, daß es mir unendlich wohltat. Ich bat ihn dann, sich noch ein Weilchen zu setzen, mir »nicht die Ruhe mitzunehmen«, wie der Thüringer Volksmund sagt. Und dann kamen wir ins angeregte Plaudern, denn ich forschte mit wahrem Wissensdurst nach seinen Ausgrabungen in den Hünengräbern, für welche ich immer tiefes Interesse hatte. »Ei, so müssen Sie uns bald besuchen, gnädiges Fräulein,« rief er lebhaft, »ehe ich die Gräberfunde dem Museum in E. schicke. Wo mir wirkliches Interesse und nicht nur frauenhafte Neugier, – verzeihen Sie – entgegentreten, stehe ich gern als Cicerone zur Verfügung.« »Werden Sie dauernd in Wiedenburg bleiben?« fragte ich. »Ich weiß es nicht,« entgegnete er, »aber vorläufig habe ich noch Arbeit in Hülle und Fülle. Die ganze Gemarkung liegt voll Dolmen. Es sind megalithische Gräber aus großen Steinblöcken,« erklärte er, »und nur durch einen Gang zu erreichen, Herr Murpitz macht sich gewiß ein Vergnügen daraus, Sie zu solch einem ›Teufelsbett‹, einer ›Riesenstube‹ hinzufahren, – bestimmen Sie uns nur die Zeit.« Lebhaft und unbefangen sprach der Doktor und wir waren so vertraut wie alte Freunde aus dem Hundertsten ins Tausendste gekommen, als meine Dorette wieder neuen Besuch meldete, Onkel Oberst und Tante Leonore. Sie kamen recht ungelegen, das muß ich sagen, und der Doktor wurde ein ganz anderer unter den greulich beobachtenden Augen der strumpfstrickenden Missionsdame. Heftig und ungeschickt verabschiedete er sich von mir, machte meinen Verwandten eine halbe Verbeugung und trieb den Franzel förmlich vor sich her und zur Tür hinaus, während er mit dem schweren Wagen folgte. Ich konnte Franz nur eben noch leise zuraunen: »Hilf dem Herrn Doktor schön und bringe Klein-Sigrid heim,« dann waren sie schon davon und ich kehrte beinahe verlegen zu meinen Leuten zurück. »Das muß ich sagen,« lächelte Tante Leonore sauersüß. »Man findet dich täglich in neuen Situationen. Das geht ja wie in einem Taubenschlag. Aber ich hatte doch nicht vermutet, diesen Antichristen bei dir zu finden, von dem man weiß, daß er sogar Sonntags seine heidnischen Stätten aufgräbt und nie eine Kirche besucht. Sein blindes Kind ist eine Strafe des Herrn,« eiferte sie. Ich wurde sehr zornig, diese Menschen zerstören mir immer meine liebsten Stunden, da kann ich nicht ruhig bleiben. – »Sein blindes Kind hat meinen Knaben das Beten gelehrt,« rief ich, »und ich bitte dich, Tante Leonore, nicht so hart zu urteilen.« Onkel Oberst fuhr sich verzweiflungsvoll in die Haare. »Menschenkinder, ich kam so friedlich her. Leonore, du kannst ein Lamm reizen. Ich denke, wir hatten beide Sehnsucht nach der einsamen Rose, – war's nicht so? Zum Henker, so krakeel' doch nicht gleich wieder.« Das half. Onkel Oberst ist wirklich lieb. Seine hallenden Worte schlagen urwüchsig ein, wo es not tut. Ich kann es gut vertragen, wenn ein ehrlicher Mensch grob mit mir verfährt, sobald ich im Unrecht bin, vorausgesetzt, daß der Grobian immer ritterlich bleibt. Das beides läßt sich merkwürdigerweise sehr gut vereinigen. Onkel Oberst ist vom Wirbel bis zur Zehe chevalier sans peur et sans reproche , auch wenn er flucht wie ein Stadtsoldat. Tante Leonore kann aber nichts vertragen, sie entschwand tief gekränkt und entrüstet und ließ Onkel Oberst mürrisch zurück. »Es ist merkwürdig, daß du mit all deinem Tun die Tanten, Vettern und Basen immer gegen den Strich kämmst,« brummte er. »Kämme ich dich auch gegen den Strich?« fragte ich leise und schuldbewußt. »I wo doch. Mich nicht, aber ich habe auch keine Haare mehr.« Nun lachte er schon wieder und setzte sich gemütlich zu mir hin. »Es ist wohl nur der Neid der besitzlosen Klasse. Alte Schachteln haben es noch nie vertragen können, wenn ein junges, schönes Weib seine Künste spielen ließ,« rief er derb und steckte sich dann behaglich eine gute Zigarre an. »Welche Künste?« fragte ich erstaunt-abweisend. »Na, mein Rosenkind, ich meine dich jetzt nicht direkt, – – du kannst nicht dafür, daß die Kienspäne in Brand geraten und verstehst vom Kokettieren so viel, wie ich vom Straminsticken. Aber trotzdem, es ist wahr, daß du alle Nasen lang einen andern am Bändel hast, – na – gesteh mal, war das der Kronprätendent?« »Onkel Gustav!!!!!« »So heiße ich. Sei so gut und friß mich nicht, Rosenkind. Und entrüste dich auch nicht unnütz, – ich habe nämlich nur Gutes von diesem Hans Huckebein gehört. Ist Schwede von Geburt, hat aber hier studiert, auch hier gedient. Als Einjähriger rettete er seinem Kompagniechef das Leben, dabei ist er zum Krüppel geworden und sie haben ihm die Rettungsmedaille am Bande gegeben. Die nährt aber nur schlecht ihren Mann, – 's ist ein armer Schlucker, der ›schwedische Hühnergräberonkel‹.« »Wo hast du denn das alles her, Onkel Gustav?« »Vom Stammtisch, – er ist das männliche Waschfaß, – Ich weiß auch noch mehr. Nämlich, daß der Doktor durch Feuer und Wasser für Murpitz läuft, ein wortkarger, verschlossener Geselle ist, in seinem einzigen Kinde aufgeht, als Witmann hier lebt und eine Frau sucht, mehr noch eine Mutter für sein Kind.« »Schön! Schließlich, – was geht es uns an, Onkel Gustav?« »Na, na, na. Rosenkind sei vorsichtig. Hünengräber sind verdammt interessant und du bist verteufelt hübsch, – – was lachst du dumme Lise?« »Onkel, ich frage mich, wie du zu der frommen Schwester gekommen bist, – wenn sie deine Ausdrücke hörte – – –« »Dann würde Tante Leonore vor Entsetzen ums Morgenrot fahren, das weiß ich, – aber du sollst nicht das Thema wechseln, sondern Farbe bekennen, Rosenkind.« »Gut denn, lieber Onkel Gustav. Ich habe also den Doktor Kyldrild heute zum ersten Male gesehen, finde ihn gut und gescheit aussehend, – im übrigen habe ich noch gar nicht über ihn nachgedacht und es gehört schon Wiedenburger Phantasie dazu, um da etwas herauszuspüren.« »So! Na gut! Ich wollte auch nur warnen. Ich bin ein alter Praktikus und dachte so: ›Wenn in solch gefährlichem Alter, wie du bist, zwei Bewerber auf einmal anschwirren, so ist bei deinem Idealismus zehn gegen eins zu wetten, daß ein Vermögen von zwei Millionen ausgestochen wird von einem braunen Spitzbart und ein Paar gescheiten Augen‹. Und das wäre die dämlichste Dummheit, die du begehen könntest, Rosenkind. Schönheit vergeht, Schweinsleder besteht, – womit ich ein solides Einkommen meine.« »Ich würde mich freuen, Onkel, wenn du von der Hummermayonnaise zulangen wolltest, und dein geliebter Chateau Margaux hat auch Zimmertemperatur,« bemerkte ich unvermittelt. »Schön, ich verstehe schon. – – Das muß ich sagen, Mayonnaisen sind deine Hauptstärke, und ich frage mich nur, wie du bei deinen knappen Zinsen mir immer noch 'ne Hummerfreude machen kannst, – bei Leonore wäre das undenkbar, obschon sie ein sündhaftes Wirtschaftsgeld verbraucht.« Ich lachte, – hütete mich aber wohl, von Tante Leonorens außerordentlichen Abgaben für Heidenkinder zu sprechen, diese Verwendung des Hausstandsgeldes hätte dem alten Epikuräer am Ende nicht eingeleuchtet. »Die Beurteilung der Höhe oder Tiefe des Wirtschaftsgeldes entzieht sich dem normalen Mannesgehirn,« wagte ich zu bemerken, kam aber schlecht damit an. »Oho, ich bin kein Idiot,« rief Onkel Oberst scharf, »aber ich drücke aus reiner Ritterlichkeit gegen meine alte Schwester ein Auge zu, manchmal auch beide Augen. Sie ist ein wunderliches Gebäude, – und denkt, ich merke ihre kleinen Finten nicht. Dabei betrachte ich ihr Wirtschaftsbuch als größte Humoreske meiner gesamten Bücherei. Unter dem Namen: ›frische Gutsbutter‹ bucht sie Strumpfwolle für die Heidenkinder, kleinere Groschenbeträge laufen unter ›Zucker‹ oder ›Senf‹ und als ich neulich ganz harmlos nach einer Versammlung fragte: ›Na, hast du denn auch deinen Senf dazu gegeben?‹ wurde sie puterrot. Ich kann dir sagen, Rosenkind, – im Befolgen des Spruches: ›Der Zweck heiligt die Mittel‹, ist meine Leonorenschwester der reinste Ignaz Loyola.« Wir saßen dann noch lange beisammen, der Onkel und ich. Der alte Haudegen ist eine wunderbare Mischung von tiefem Ernst und sprudelndem Humor. Das macht, er ist ein Musikante, wenn auch kein ausübender. Musikanten sind alle gleichmäßig voll Humor und Ernst, d. h. die echten. Simili sind manchmal kaum von ihnen zu unterscheiden, aber der Kenner oder Könner findet sie heraus. Onkel Oberst ist echt. Und so saßen wir bis Mitternacht noch und musizierten. Ich saß am Flügel, Onkel Oberst war mit Augen, Ohren und seiner Seele dabei. In der Nacht hatte ich einen närrischen Traum. Von irgendeiner unsichtbaren Macht wurde ich herumgejagt und mußte suchen, suchen, suchen. Wie Ahasver zog ich durch die Weite landauf, landab, flog auch des öfteren, was charakteristisch für meine Träume ist. – Was mußte ich suchen? Eine Frau für Doktor Kyldrild, eine Mutter für sein Kind. Und ich fand sie wirklich, fand sie in einem Schloß mit hohen Mauern und vielen Türmen, kaum konnte ich zu ihr gelangen, so viele Schlösser und Riegel sperrten mir den Weg. Dann wachte ich auf, schweißgebadet, – tränenüberströmt. Ein närrischer Traum – * Schon lange habe ich nicht in mein kleines Buch schreiben können. Ich hatte keine Zeit, den Gelüsten einer Närrin nachzugeben, denn ich saß am Krankenbett. Am Krankenbett meines Onkels Heinrich von Berndt, dessen Leben oder Tod buchstäblich entscheidet, ob ich ein eigenes Dach über meinem Kopfe habe, oder ganz heimatlos bin. Tante Klothilde schickte in ihrer Herzensnot zu mir und ich bin dankbar. Die Schmerzen des armen Patienten hatten sich furchtbar gesteigert und die Morphiumeinspritzungen drohten das schwache Herz zum Stillstand zu bringen. Tante Klothilde klammerte sich körperlich und geistig an mich an, sie ist schweren Ereignissen gegenüber wie ein unmündiges Kind, sie sieht ja, wenn ihr der Gatte genommen wird, in eine arme, öde Zukunft. Das Schloß, wenn auch seit vielen Generationen immer von den Holstens oder Berndts bewohnt, ist Dienstwohnung, alles und jedes Recht der Linie an Schloß, Park und Altenteil, das einst vom Könige verbrieft ward, erlischt, wenn sich Onkel Heinrichs Augen schließen. Und sie sind sehr müde, diese Augen, wiewohl das Schlimmste noch einmal vorüber gegangen ist. Ich ging nur zu den Mahlzeiten nach Hause, teils um meinem Kinde Franzel etwas näher sein zu können und sein liebes Gesicht zu sehen, teils um nicht noch öfter mit dem Assessor zusammenzutreffen, den man mit Onkels Vertretung betraut hat. Dessen Augen gefallen mir nicht. Sie schauen so besitzergreifend umher, als zähle der Kranke gar nicht mehr, als mäßen sie bereits die Flächen und Ecken der Zimmer aus, um neue Möbel in das alte Schloß zu stellen, in das über kurz oder lang der Nachfolger ziehen darf. Und ich will es diesem treuen Buche nicht verhehlen, daß die Augen des Herrn Assessors von Thorau auch auf dem lebenden Inventar des Schlosses besitzergreifend haften. Als klügelnder und gewissenhafter Jurist kennt er längst unsere Gerechtsame. – Mitten in Onkel Heinrichs Fieberstunden hinein, denen immer der bleierne Schlaf folgte, von welchem wir nie wußten, ob er zum Erwachen oder zum ewigen Verstummen hinleitete, – faßte mich einmal Tante Klothildes Hand mit eisernem Griff. Ganz nahe bog sie sich zu mir hinüber und flüsterte: »Das wäre die allerbeste Lösung!« Meine Verblüffung war so groß, daß sie gleich hinzusetzte:« »Wenn Herr von Thorau dich begehrte. Alles könnte dann beim alten bleiben, du weißt, daß diese Stelle immer lebenslänglich besetzt wird. – Die Thoraus sind ein altes, gutes Geschlecht.« »Aber die Holstens verkaufen sich nicht, nicht um Millionen, und auch nicht um ein Schloß, selbst wenn dieses die alte Heimat wäre.« Ich hatte es heftig gesprochen, zorniger, als es sich für ein Krankenzimmer schickte und ich habe nur eine Entschuldigung dafür, daß mich herbe Bitterkeit gepackt hielt und beinahe übermannte. Ich bin doch keine Ware. Ich kann doch arbeiten. Ja, es tut mir ordentlich leid, daß ich nicht arbeiten muß, anhaltend alle Kräfte anspannen, um mir das tägliche Brot zu verdienen, wie es so viele Mitschwestern tun, die doch helle Augen und ein frohes Herz dabei behalten. Ich bin anspruchslos und komme gut durch mit meinen Zinsen, möchte auch niemand eine Stelle fortnehmen, der bedürftiger ist als ich. Aber ohne Entgelt Kranke pflegen, Kinder betreuen, oder wie bei meinem Franzel versuchen, aus armen, verlassenen Waislein tüchtige Menschen zu erziehen, das möchte ich wohl. Tante Klothilde hatte mich die ganze Zeit mit Bekümmernis angeschaut und wiewohl sie sonst nie eine Gedankenleserin war, seufzte sie doch jetzt: »Was du denkst, ist alles Unsinn, – mit Idealismus verhungert man heutzutage.« Franzel war glückselig, als ich wieder in meine Klause kam. Ich fand Lamprecht und Dorette bei ihm. »Nehmen Se mirsch nich übel,« empfing mich der alte Diener, »en Kind braucht ebend Liebe um die Weihnachtszeit, viel mehr Liebe als son Amtsgerichtsrat,« setzte er vorwurfsvoll hinzu. »Onkel Heinrich von Berndt ist sehr krank, Lamprecht,« entgegnete ich, »wir glaubten gestern, er würde sterben.« »Er soll sich nicht unterstehn,« brauste der Alte auf. – Sein Zorn hatte etwas Rührendes für mich, – er kann es sich eben gar nicht vorstellen, daß die Tochter seines vergötterten alten Herrn von Holsten jemals heimatlos von dieser Schwelle vertrieben werden könnte. Dorette sah mich kläglich an und Franzel hatte beide Fäuste geballt, ich kenne diese Kämpferstellung an ihm zur Genüge, und es war mir durchaus nicht recht, daß Lamprecht das junge Gemüt in all diese Fragen eingeweiht hatte, die meine Zukunft berühren. »Mußt du denn wirklich fort, meine Frau?« fragte Franzel, »ich möchte immer hier bleiben,« Ich lächelte. »Das kannst du ja, Franzel, aber dann mußt du dich ohne mich behelfen.« »Wenn ich dir aber ein Haus baue, meine Frau?« »Das würde zu lange dauern, mein Franzel!« »Wenn ich aber – – wenn ich – – oh – – wenn ich den Murpitz drum bitte, mir zu helfen?« »Mein Herzensjunge!!!« Ich schloß den lieben, kleinen Bengel in meine Arme. Die Überwindung von ihm war heldenhaft gewesen. »Nein, nein, Franzel, – lieber warte ich, bis du allein das Haus fertig hast.« Er strahlte. – »Gelt, es braucht ja kein großes Haus zu sein,« fragte er kindlich lieb, »'s kann doch so'n liebes Hüttchen werden, wie das, wo Doktor Kyldrild drin wohnt?« Ich nickte ihm zu und dann wechselte ich rasch das Thema. Es widerstrebte mir, so zu sprechen, als sei ich bereits heimatlos, und Onkel Berndt ist doch wieder außer Bett und hilft sich wohl noch einmal mit seiner guten Natur durch den Winter. Die stillen Abende sind jetzt so köstlich. Franzel und ich kleben und flechten silberne und goldne Ketten an den Weihnachtsbaum. Es wird wohl ein unglaublich buntes Bäumchen werden, aber ich tue meinem Buben den Gefallen, – er soll alles so haben, wie seine Mutter es ihm schmückte, ich trage schon so viel Neues in sein junges Leben, – dies wenigstens, diese köstlichste aller Erinnerungen, den heimatlichen Weihnachtsbaum soll er unwandelbar fest behalten. Was ist er für ein seltsamer Junge! Jeden Abend betet er treulich: »Lieber Gott, ich danke dir, daß ich wieder eine Mutter habe und gib der Sigrid auch eine Mutter,« Aber zu unserm Weihnachtsevangelium schüttelt er den Kopf und die Gestalt des Christkindes will nicht in sein Herz und nicht in seine Sinne. Wieviel Liebes und Gutes ist in ihm zerstört worden! Manchmal kämpfen wir buchstäblich miteinander. Ich hatte ihm vorgelesen, hatte ihm, fortgerissen von meinem eigenen innersten Empfinden, vom Heiland aller Menschen erzählt, aber die fragenden, großen, ängstlichen, forschenden Augen des Knaben machten mich ganz traurig und seine Worte noch viel mehr. »Es ist eine schöne Geschichte,« sagte er leise und ernst, »aber so ein guter Heiland, der hätte doch meine Mutti nicht sterben lassen und hätte den großen Murpitz nicht so böse gemacht, und hätte dir nicht all die Arbeit mit mir gegeben. Und der ließe doch auch den Herrn von Berndt nicht sterben, wo du nachher kein Haus mehr hast. Der könnte doch noch so Wunder tun und dir rasch ein Haus geben. Und das Christkind? Ne – das ist gestern zu dem Rüpel, dem Alois gekommen, der die Katze gequält hat. – Hat ihm Pfefferkuchen gebracht. Ist das gerecht, meine Frau?« »Die Menschen sind häßlich und schlecht geworden,« rief ich. »Aber das Christkind ist immer gut, Franzel, immer und zu allen Menschen. Nur richtige Wunder, wie einst, tut es nicht mehr, weil wir's nicht verdienen.« »Aber du doch, meine Frau? Du bist doch sooooo gut, du bist doch wie ein Engel.« Ganz verklärt sah er mich an und ich kam mir beschämt und klein vor. »Franzel, – vielleicht bekomme ich ja auch ein Haus, – man kann es ja jetzt noch nicht wissen.« »So will ich es abwarten,« entgegnete der kleine Zweifler, der eben immer erst alles sehen will, ehe er glaubt. Aber trotz des ungläubigen kleinen Thomas liegt tiefer Weihnachtszauber auf meinem Häuschen und sitzt bei uns im warmen Stübchen. Die alte Dorette kommt dem Jungen auch innerlich näher. Sie mag aber nicht von seinen religiösen Zweifeln hören, sie wehrt entsetzt ab, wenn er davon anfängt und ruft: »Jung sing, – Jung sing!« Denn wenn er singt, tritt ein lieber, frommer Ausdruck auf sein Gesicht, als ob gerade dies Kind dazu bestimmt sei, der Verkünder des Weihnachtsevangeliums zu sein und seine reine Stimme tönt wunderbar klar und hell wie eine Gralsglocke. Es ist etwas Heiliges um die Musik, sie adelt jeden, der sie wahrhaft liebt. – – * Heiligabend! Weihnachtsnacht! Tief verschneit Flur, Feld und Wald, und der Park mit seinen dunkeln Tannen, die mein Haus umrahmen. Ich werde die Erlebnisse des heutigen Tages nicht vergessen in hundert Jahren. Und mein Herz schlägt hart in meiner Brust und ist doch müde. Der Mond scheint hell in mein Zimmer und läßt mich nicht schlafen. So will ich schreiben im Tagebuche der Närrin. – – – Franzel lief den ganzen Tag geschäftig umher. Irgend etwas Geheimnisvolles hatte er sich ausgedacht und Lamprecht darin eingeweiht. Ich putzte den Baum mit den roten und silbernen Ketten, hing Äpfel und Nüsse, Zuckersterne und Lebkuchenherzchen daran, genau wie es Franz mir beschrieben. Aber für mich selbst schmückte ich auch noch eine kleine Edeltanne, die mir am frühen Morgen wie alljährlich der alte Förster Edmund brachte. Er kam von Kronshagen durch Schnee und Eis gewandert, nur weil er weiß, daß ich an der Erinnerung hänge, weil er weiß, daß mein Väterchen mir solch ein Bäumlein hinzustellen pflegte mit Lichtchen bestellt und mit silberner Lametta behangen. Ein wahrhaftes Thüringer Edeltännchen, einfach und schlicht und doch so leuchtend! Vor diesem Baum hielt ich meine erste, stille Weihnachtsandacht, nachdem ich vom Friedhof heimgekehrt war. Im Schlosse hatte ich vorgesprochen und Onkel Heinrich frischer als je vorgefunden. Die ganze Verwandtschaft war beisammen und überreichte mir wertvolle Gaben, die ich mit frohem Herzen annahm und in kleinem Maßstabe, aber liebevoll ausgedacht erwiderte. Ich versprach auch, am späteren Abend noch einmal vorzukommen, wenn »mein Kind« zu Bett sei. Gerade als ich so still vor dem Baum stand und Zwiesprache mit meinen verstorbenen Eltern und meiner vergangenen Jugend hielt, klopfte es rasch an die Tür. Sie wurde auch gleich darauf geöffnet und Doktor Kyldrild trat ungewöhnlich rasch herein. Sein Gesicht war von Winterluft und eiligem Gange leicht gerötet, aber seine Augen schauten mich ernst, beinahe gramvoll an, wie es mir schien. »Fräulein von Holsten, ich komme als herzlich bittender – und heute ist Heiligabend – – –« Seine Stimme schwankte. »Eine ernste, unaufschiebbare Reise ruft mich plötzlich von Sigrid fort. – Mein blindes Kind ist untröstlich darüber – – – aber – wenn ich es Ihnen bringen dürfte, – Sigrid hat Sie ganz ins Herz geschlossen – hier würde sie sich wohl trösten lassen – – verzeihen Sie – ich bin einfach hierhergelaufen, als mir der Gedanke kam. Weisen Sie mich fort? Oder – – –« Ich reichte ihm wortlos meine Hand, – und, – es klingt gewiß seltsam, – aber ich hatte plötzlich das Gefühl, als sei heute das köstlichste Weihnachtsfest, das ich je erlebt, – alle Glocken des Städtchens fingen mit einemmal an zu läuten, – Friede auf Erden, den Menschen ein Wohlgefallen – – ich stand noch immer stumm, sah wie die Tür sich hinter der hohen Gestalt schloß und hörte die eiligen Schritte sich entfernen. Dann setzte ich mich an mein Harmonium. »Ehre sei Gott in der Höhe!« Wieder öffnete sich die Tür, – die alte Dorette und Lamprecht schoben sich herein, und Franzel stellte sich sacht an meine Seite. – Unsere kleine Familie war beisammen und sang nacheinander die lieben, alten Weihnachtslieder und das Läuten in der Stadt und in meinem Herzen wollte nicht aufhören. Nach einer weiteren halben Stunde hatte ich auch Sigrid bei mir, die von Frau Christy gebracht wurde, der Herr Doktor war eilig mit dem Abendschnellzug fortgefahren. – – – Die Freude meines Jungen über die Gaben des Christkindes war nicht laut jubelnd oder stürmisch, ich sehe immer wieder, daß er ein seltsames Menschenkind ist. »Du bist gut,« sagte er leise, »du bist eine Mutter.« Sigrid hatte ich rasch ein Püppchen hingelegt, – ein altes Dinglein aus meiner Kinderzeit, das ich einst sehr geliebt. »Sunne« hieß es, und ich dachte an das Weihnachtsfest vor 23 Jahren, da mir der kleine Puppenjunge mit Samthöschen und weißseidener Bluse von meinen Eltern in die Arme gelegt worden war. Und Vater hatte damals gerufen: »Welch hübscher Junge!« und ich Dreijähriges geantwortet: »Mein Sunne.« Jetzt war Sunne altmodisch und vom vielen Küssen und Liebhaben abgeblaßt und ziemlich ruppig geworden, aber Sigrids Händchen tasteten über seine Gestalt und sie rief strahlend vor Glück: »Wie ist er schön!« Als ich umschlungen von Sigrid und Franz auf dem Sofa saß und den Kindern die Weihnachtsgeschichte erzählte – Frau Christy und Dorette hörten aufmerksam zu, – da wurde ein prunkendes Blumengewinde bei mir abgegeben. Beinahe ein ganzer Blumentisch war es, mächtig in Höhe und Breite, und der Geber trat eine Viertelstunde darauf selbst ins Zimmer. Diesmal schoß Franzel nicht zur Tür hinaus, aber er hielt mich so fest auf dem Sofa, daß ich nicht aufstehen konnte, um meinen Gast zu begrüßen. Murpitz reichte mir die Hand, die ich unbefangen nahm, dann gab er sie auch dem Knaben, der aber nicht einschlug. »Gastfreundschaft gehört nicht zu seinen Tugenden,« bemerkte Murpitz spöttisch. Er holte sich dann einen Stuhl heran und tat so ziemlich, als sei er hier zu Hause. »Man sagte mir, daß die ehrenwerte Frau Christy und Sigrid heute abend Ihre Gäste seien, so konnte ich es wagen, hier ein Stündchen zu verbringen.« Ich erwiderte nichts. Der Mann ist mir rätselhaft, und er zwang mich auch im Verlaufe unseres Gespräches buchstäblich zum Nachdenken über ihn. Sein Auge fiel auf sein eigenes Geschenk. »Es paßt nicht hierher,« murmelte er mißmutig, »ich habe keinen Geschmack.« Dabei machte er ein so trauriges Gesicht, daß ich ihm begütigend zunickte, worauf er sofort tölpelhaft beifügte: »Das heißt nur in Blumengeschichten, sonst – den besten!« Dabei sah er mich bedeutungsvoll an. Ich wurde sofort abweisend, aber das schien er nicht zu merken, und dann erzählte er so beredt und fließend von seinen Plänen für die neuen Arbeiterwohnungen, erzählte von andern Wohlfahrtseinrichtungen, die er auf einem Kongreß für Volkshygiene kennen gelernt, und die großen Summen, die er ohne Protzerei nannte, zogen imponierend an meinen Ohren vorüber. Plötzlich streckte sich ihm Dorettes Hand hin, und die biedere Seele rief lebhaft: »Ach, das ist ja alles gewiß schön und gut, dafür werden Sie auch allenthalben geehrt, aber das Stille von Ihnen, Herr Murpitz, das weiß niemand, – aber ich weiß es. Gott, wenn Sie heute die Freude von Balians Wilhelm hätten sehen können über seine neuen Krücken und die neue Tischlereinrichtung,« – Murpitz winkte vergeblich und unbehaglich ab, denn jetzt wurde seine andere Hand von Frau Christy erfaßt, und Sigrids blasses Händchen legte sich mit darauf. »Viel zu viel war es für mich,« stammelte die alte Frau, »und die Sigrid, die war ja ganz sprachlos vor Glück.« »Väterchen hätte mir ja nie die Märchen kaufen können,« rief Sigrid, und ihr zartes Gesicht färbte sich mit freudigem Rot, – »nun kann ich wieder selbst lesen, wenn Frau Christy immer die Augen weh tun und ich nicht zu Rosentantchen kann.« Dabei schmiegte sie sich aufs neue an mich an. »Rosentantchen,« wiederholte der große Mann sinnend und sah mich so durchdringend an, daß ich heftig errötete. »Das Buch ist in erhabener Schrift geschrieben,« berichtete inzwischen Sigrid glückselig weiter, »ich kann es mit den Fingern lesen, wie wir in der Anstalt taten, – o Onkel Murpitz, Väterchen sagt, es sei furchtbar arg teuer und wir müßten dir unser Lebtag dankbar sein.« Murpitz streichelte sacht ihr Händchen, ich hatte dem ungeschlachten Bären gar nicht so viel Zartheit zugetraut. »Aber die große Puppe,« fuhr Sigrid lebhaft fort, »o Onkel Murpitz, was hast du dir wohl dabei gedacht? Zum Spielen damit bin ich doch viel zu alt, – aber ich will sie immer ansehen und an dich denken.« »Zu alt?« fragte Murpitz und schaute auf das Püppchen in ihrem Arm. »Da hast du doch auch so was.« »Das ist keine gewöhnliche Puppe, das ist Sunne,« entgegnete Sigrid mit größter Zärtlichkeit, »die ist nicht zum Spielen, die ist zum Liebhaben.« – »Sunne? Närrischer Name und ein grauenhaftes altes Ding.« Sigrid verfärbte sich, und Franz verzog höhnisch den Mund, als wollte er sagen: »Pah, er versteht's nicht besser, der große Kerl.« Seltsam unkindlich sahen die beiden Kinder plötzlich aus. »Sunne ist ein Jugendfreund von mir,« nahm ich heiter ablenkend das Wort, »ich habe mit ihm gespielt und ihn nun Sigrid geschenkt.« »Ich bin doch auch etwas wie Jugendfreund von Ihnen,« raunte Murpitz mir zu, »aber ich lasse nicht mit mir spielen und mich auch nicht verschenken –« Ich sah ihn erschrocken an und stand auf. »Du hast mir weh getan, Onkel Murpitz, Sunne ist so schön,« sagte Sigrid leise. Inzwischen hatte es draußen auf dem Flur schon lange geheimnisvoll gerumpelt, jetzt öffnete sich die Tür und ein ganzer Spielwarenladen wurde nach und nach hereingeschoben, ein Riesenschaukelpferd, Kanonen und Soldaten, Armbrust und Eisenbahn, Baukasten, Kegelspiel, – wir mußten hell auflachen, es nahm kein Ende. – »Da, Franzel, es gehört dir,« sprach Murpitz verlegen. Franzel saß noch immer im Sofa, seine Augen weideten sich. Solche Pracht war ja unerhört in seinem armen Dasein. Dann wurde er plötzlich blaß und finster und ließ sich ins Sofa zurücksinken. »Sie können alles wieder mitnehmen, Herr Murpitz, ich will nicht.« Kurz, rasch und feindlich kam es von seinen Lippen. Jetzt stand Murpitz auf, – er tat mir leid. »Sie sehen, Fräulein von Holsten, ich habe kein Glück in der Liebe.« Es sollte scherzhaft klingen, mißlang aber. Dann reichte er mir ruhig die Hand, ging mit einer kurzen Verbeugung gegen die Anwesenden hinaus, und draußen hörten wir ihn den noch wartenden Leuten Befehle geben, die Sachen wieder mitzunehmen. In höchst unbehaglicher Stimmung blieben wir zurück. Frau Christy und Dorette erschrocken und verlegen, Franz blaß bis an die Lippen mit einer tiefen, bösen Falte auf der Stirn, – Sigrid leise vor sich hinweinend und ich selbst sehr traurig. Es war doch das Fest der Liebe – Eine Viertelstunde später war ich im Schloß, – weiß kaum, wie ich hinübergeflogen bin. Tante Klothilde schickte nach mir in kopfloser Angst, aber ich kam zu spät, – Onkel Heinrich von Berndt war tot. Vor dem brennenden, leuchtenden Christbaum hatte ihn der Schlag getroffen, und ich stand stumm der herben Majestät des Todes gegenüber. Die Verwandten kamen, die Frauen jammerten und weinten, ich fror bis ins Herz, denn nun wußte ich ja, daß ich heimatlos war. Es war ein Segen für mich, daß Onkel Oberst mich an der ganzen traurigen Arbeit teilnehmen ließ, die so ein Todesfall mit sich bringt. So kam ich über das Grübeln fort, über den nagenden Schmerz, daß ich das letztemal im alten Wiedenburg das Weihnachtsfest gefeiert hatte. Warum war mir plötzlich der Gedanke so tiefschmerzlich? War es nur das Stellchen droben am Tannenwald, das ich nicht verlassen zu können meinte? Assessor von Thorau war auch da. Umsichtig stand er Tante Klothilde bei und erledigte alle gerichtlichen Sachen mit Onkel Oberst. Zu mir war er ernst und ritterlich in jeder Weise und bat mich, ihm sein Vertrauen zu schenken. Als alles erledigt war, ging ich still durch den Part des Schlosses nach meinem verschneiten Hause, Stumm schritt der alte Lamprecht neben mir her. Nur als er mir die Haustür aufgeschlossen hatte, streckte er mir plötzlich die ehrliche Hand hin, und ich sah beim Schein der Laterne, wie helle Tropfen in seinen Augen standen: »Freilein Rose,«– sagte die gute Thüringer Stimme, »seien Sie nur mal ä Linschen gescheit, – – es is de Heimat, – ich hab's gesagt, es is de Heimat.« Dann ging er fort, und die Laterne schaukelte im Winterwind und warf lange, gespenstige Schatten auf den Schnee. – Drinnen im weihnachtlichen Zimmer kamen mir Dorette und Frau Christy entgegen, letztere nahm sich kaum Zeit, mich zu begrüßen, sie zeigte auf mein breites Sofa, auf welchem Sigrid und Franz eng umschlungen schliefen. »Wir warteten so lange auf das gnädige Fräulein, und Lamprecht hat ja wohl rein vergessen, daß er mir den schweren Wagen heimschieben muß. Sigrid kann auf Schnee und Eis nicht gehen, das ist unmöglich.« »Wir tragen Sigrid gemeinsam auf mein Zimmer und betten sie dort auf das Schlafsofa,« schlug ich vor, »Ihr Herr ist ja doch verreist und für Sie selbst wird Dorette mitsorgen, wir können viele liebe Menschen unterbringen, das Häuschen hier hat Harmonikawände.« Frau Christy war dankbar und froh, nicht wieder in die Winternacht hinaus zu müssen und so trugen wir zuerst sanft den schlafenden Franzel hinauf in sein Bett. Er ließ sich ruhig ausziehen und öffnete kaum einmal die Augen, aber als ich ihn in sein Kissen gleiten ließ und einen Kuß auf seine Stirn drückte, rief er schlaftrunken: »Gute Nacht, Mutter,« um gleich darauf fest zu schlummern. »Gute Nacht, Mutter,« wiederholte plötzlich Sigrid leise, und richtete ihre blinden Augen nach dem Platz, wo ich stand. Ich lief zu ihr hm. Mit beiden Armen umfing ich das süße Kind und zum erstenmal kamen mir linde Tränen, die mir am Lager meines heimgegangenen Verwandten fern geblieben waren. Als Frau Christy und ich nach dem Bescherungszimmer zurückgingen, – um noch etwas zu räumen und zu ordnen, schloß Dorette Tür und Gartentür, und während sie draußen war, fand ich den Mut zu fragen: »Kannte Sigrid ihre Mutter noch?« Frau Christy nickte stumm. »Wie alt war das arme Kind, als sie starb?« Ein wehes Aufschluchzen. »Um Gott, Fräulein von Holsten, – sie lebt ja noch, die Mutter. Nur krank ist sie, – unheilbar krank.« Frau Christy faßte bezeichnend an ihren Kopf und ich dachte an meinen seltsamen Traum, als ich eine Mutter für Sigrid suchen mußte und sie endlich fand hinter hohen Mauern, hinter Schloß und Riegel. – Und zu ihr ist – heute – Herr Doktor Kyldrild gerufen worden?« fragte ich mit einer seltsam klanglosen Stimme. Die alte Frau nickte. Dann jäh aufschreckend rief sie: »O was muß der arme Herr leiden! Neun Jahre sieht er jetzt das Elend an, – beinahe jeden Winter hat sie irgendeine schwere Krisis zu überstehen und immer hoffte ich, Gott würde sie und uns alle befreien, – aber ihr Körper ist so stark und mächtig, – sie wird uns alle überleben.« Frau Christy schlug beide Hände vor das Gesicht und ich – – ich löschte still ein letztes Lichtchen am Weihnachtsbaum. Ich wußte mit einem Male, daß ich wirklich meine Heimat verloren hatte. * Was heute für ein Tag ist, ist mir im Augenblick nicht gegenwärtig. Wir leben zwischen Weihnachten und Neujahr, die endlosen Feiertage sind vorüber, ich habe sie in angestrengter Arbeit verbracht, teils im Schlosse, wo ich mit Onkel Oberst rechnen und bedenken mußte, teils bei Tante Klothilde, welche in das Haus von Onkel Oberst übersiedelt, weil sie in Wiedenburg bleiben will. Sie hat natürlich noch Anspruch auf das Gnadenvierteljahr im Schlosse – aber auch dieses mußten wir ablehnen. Und wieder treffen mich die vorwurfsvollen Blicke meiner Verwandten und niemand ahnt, wie es in mir aussieht. Vielleicht, wenn Assessor von Thorau etwas gewartet hätte – – ich bin recht müde und mürbe, – vielleicht hätte ich Tante Klothilde das Wohnen im Schlosse ermöglicht, vielleicht hätte ich mir selbst die Heimat erhalten. Aber der Begriff ›Heimat‹ ist für mich ein so heiliger, daß ich ihn gar nicht mit Herrn von Thorau zusammenbringen kann, der mir trotz seiner sympathischen Erscheinung so fremd gegenübersteht. Heute kam ich in der Nachmittagstunde beim behaglichen Kaminfeuer ordentlich ins Philosophieren. Der hohe schräge Spiegel über dem Kamin zeigte mir meine Gestalt, die im düsteren, schwarzen Trauerkleide und mit dem blassen Gesicht ziemlich gespenstisch im Sessel hockte. Und der Handspiegel hatte mir heute morgen das erste graue Haar gewiesen. – Ich war nie mein eigener Geschmack gewesen; mir gefiel eigentlich kaum etwas an mir selbst. Mein Haar war zu schwer, zu üppig und von ganz unbestimmter Farbe, meine Augen grau und gewöhnlich, die Augenbrauen wunderlich stark, die Nase weder griechisch noch römisch, der Mund nicht allzuklein und nur über meine blitzenden Zähne freute ich mich, lediglich, weil sie gesund waren und mir versprachen, mich bis ans Lebensende zu begleiten. Aber Wiedenburg weist unter vielen hübschen Durchschnittsgesichtern sogar drei Schönheiten auf, die nebenbei gut erzogen und wohlhabend sind. Was also führt gerade die beiden sogenannten »besten« Partien zu mir? Und vor allen Dingen: Weshalb soll ich durchaus einen von ihnen »erhören«? Pflicht! Pflicht! In allen Tonarten habe ich dies Wort gehört. Man hat mich buchstäblich damit verfolgt. Mein Väterchen lehrte mich einst einen ganz andern Begriff von Pflicht, daher kommt es wohl, daß ich die Leute um mich herum nicht verstehe. Es scheint, als ob alleinstehende, unbeschützte Frauen mehr Pflichten hatten, als alle übrigen Menschen zusammengenommen, nur an die Pflicht, sich vor allen Dingen die Selbstachtung zu erhalten, denkt niemand. Assessor von Thorau soll »tief verletzt« über meine Absage gewesen sein. Dazu hat er keinen Grund. Aber beinahe alle meine Leute machen wieder seine Angelegenheit zu der ihren, nur mich lassen sie einsam, aber mit ihren guten Ratschlägen und bösen Spitzen beladen, meinen Weg gehen. Onkel Oberst bildet auch jetzt wieder eine rühmliche Ausnahme. »Es ist deine ureigene Angelegenheit,« ermutigte er mich gestern wieder, »und du sollst nicht heiraten ohne einen Funken von Liebe, bloß damit der Jammerlappen von Tante Klothilde im Schloß bleiben kann. Der Thorau ist ein Schafskopp mit Eichenlaub und Schwertern am Ringe. Wenn ich ein Mädchen haben will, dann warte ich, bis sich ihr Herz mir zuwendet, und setze ihr nicht die Pistole auf die Brust am offenen Grabe ihres letzten Verwandten, mit dem sie obendrein die Heimat verliert. Das ist ja Räuberpolitik, pfui Teufel.« Und Tante Rosine meinte: »Na ich weiß nicht, wo der Schafskopp mit Eichenlaub und Schwertern steht. Rose kann doch nicht ihr Lebtag die Turandot spielen, dann ist sie einfach verrückt. Eine alte Jungfrau ist was sehr Ehrenwertes, das braucht man mir nicht zu sagen, aber doch nur halber Kram. Aber recht hat sie!« Diese letzte Anerkennung kam so unvermittelt, daß ich lachen mußte. Dann bot sie mir eine Wohnung im Stift bei sich an, – sie hat als Oberin drei Zimmer und kann sich eine Gesellschafterin halten, aber das wies ich weit von mir, Drohne will ich nicht sein. Den schwerwiegendsten Grund für meine beiden Nein an Thorau und Tante Rosine spare ich mir bis zuletzt auf, – Franzel . Was soll aus dem Jungen werden, wenn ich ihn jetzt schon verlasse? Er weicht gar nicht von mir in den letzten Tagen, gerade als ob er das Damoklesschwert ahne. Und mein Franzel stempelt mich wieder zu einer Hauptnärrin in den Augen der anderen. Sie finden es – – – oh, es gibt gar keine Bezeichnung für meine Narrheit, des fremden Buben wegen sich alles zu verscherzen. Alles! Und meine goldene Freiheit und meine köstliche Selbstbestimmung bedeutet für sie nichts. Herr von Thorau betrachtet natürlich Franzel als eine Marotte von mir, es war für ihn ausgeschlossen, daß ich diese Marotte mit in sein Haus bringen könnte. Murpitz dagegen will mich mit dem Jungen haben, das imponiert mir, Franzel aber möchte mich ganz ausschließlich und allein besitzen und nach ihm werde ich mich richten, sonst wäre ich ja keine Närrin. In einem Punkte tue ich den guten Wiedenburgern wenigstens einen Gefallen, nicht aus Schicklichkeitsgründen, sondern der Sparsamkeit halber. Ich ziehe von hier fort nach Kronshagen, wo meine lieben Superintendents neben dem gemütlichen Pfarrhause ein unendlich kleines, billiges Hüttchen gemietet haben, das mir aber völlig genügt. Hier will ich von Januar ab hausen, den Jungen über die Klippen der Umschulung bringen, was mir nicht schwer fallen wird, da er sehr begabt ist, und zum April lege ich mein Pflegemutteramt in die Hände der guten Frau »Zupperdent«, um selbst gründlich die Krankenpflege zu erlernen. Dies soll später mein heiliger Beruf werden. * ›Tagebuch einer Närrin‹ steht auf dem Titelblatt dieses Schriftstückes und die Närrin wird sich auch nie verleugnen, aber ein Tagebuch ist's nicht. Ich bin des Abends todmüde in meine Kissen gesunken in den letzten drei Wochen, wenn ich ja dazu kam, überhaupt meinen schmerzenden Kopf betten zu können. »Reichtum einer Närrin« könnte ich die bis jetzt beschriebenen Seiten nennen, wenn ich daran denke, wie furchtbar arm ich geworden bin. Aber ich will meine Armut in Segen wandeln und meine trostlose Verlassenheit in Glück, das ich andern gebe, – den Kranken, den Schwachen, den Siechen und den Genesenden, allen, die meiner bedürfen. Denn ich habe auch wieder in den drei letzten schrecklichen Wochen gesehen, daß mir unser Herrgott ein reiches Pfund gab, damit zu wuchern. So will ich's auch nicht eingraben in die Erde, – in acht Tagen gehe ich als Lernschwester ins rote Kreuz nach Berlin. Wie wird mich die laute, lärmende Großstadt anmuten nach der unbeschreiblichen Stille des alten Wiedenburg. Närrin, Närrin! rufen wieder alle, aber ich weiß, daß ich recht tue. Und nun will mein Stift die grausamen letzten Wochen zeichnen. Die Silvesterglocken hallten über die Erde und auch am Marienturm, unserer großen Kirche, läuteten sie feierlich. Ich war mit meinem Pflegesohn im Nachmittagsgottesdienst gewesen, der mir aber nur in der schönen Liturgie und dem reinen, klaren Gesang des Kirchenchores gefallen hatte. Die Predigt selbst war wieder ein allzulautes Eifern und Schelten und am Silvesterabend sollte doch noch mehr, als sonst, Liebe gesäet werden in die Herzen derer, denen vielleicht ein hartes, liebeleeres Jahr bevorsteht. Auch ich hatte mich nach Wärme gesehnt und war bis ins Herz erkaltet heimgekommen. Franz war nicht ganz wohl, doch begleitete er mich gern in die nahe Stadtkirche, der tiefe, schneebedeckte Weg in unser liebes Kronshagen war ihm zu beschwerlich. Aber die Stadtkirche war kalt und ungemütlich, Franzel fror und hustete oft in die gleichfalls kalte, ungemütliche Predigt hinein, die mit heftigen, lauten Scheltworten verbrämt war, ohne einen wirklich heiligen Zorn zu verraten. »Warum schilt der Mann da oben so?« fragte mich Franzel einmal ziemlich laut. Ich legte den Finger auf den Mund und bedeutete ihm, zu schweigen. Da beugte sich das Kind noch näher zu mir und sagte nun flüsternd: »Ich bin ja auch nur klein, aber ein Großer könnte doch aufstehen und ihm sagen, daß man in 'ner Kirche nicht so krakeelen darf.« Dann folgte Franzel mir müde und unlustig nach Hause, wir verzehrten ziemlich schweigsam unser Abendessen, das ich so früh bestellt hatte, um noch mit Franzel und Sigrid um Pfefferminze zu spielen, unser uraltes, geliebtes »Glocke und Hammer«. Aber Sigrid erschien nicht und Franzel schlief ein. So saß ich still am Fenster und schaute mit gefalteten Händen in den dämmernden Abend, dachte und grübelte über das wunderliche alte Jahr nach und träumte mich in das neue hinein. In diesen Träumen störte mich Onkel Oberst, der, mit einer Flasche Silvesterpunsch bewaffnet, bei mir eintrat, hinter ihm kam ein Bäckerjunge mit einer unglaublich großen Tüte Thüringer Kräpfel. »Meine Schwester ist schon in der Klappe,« bemerkte Onkel Oberst voll Heiterkeit, »sie glaubt ja an Silvesterträume, und deshalb verlängert sie sich den Silvesterschlaf. Rosine muß im Stift feiern, so will es die Satzung, und Klothilde ist gleichfalls für Schlaf. Ergo bleibe ich mit meiner unvernünftigen Zuneigung zum Rosenkind zurück und bin fest entschlossen, mit dir durchzukneipen in ein, will's Gott, froheres neues Jahr hinein.« Er entließ den Bäckerjungen mit einem Trinkgeld, dessen Höhe den Burschen zu heftigen Luftsprüngen veranlaßte und wandte sich dann ins Zimmer. »Dein Kronprätendent schläft ja,« bemerkte er erstaunt, »und wo ist das Hünenkind Sigrid?« Die Antwort gab Frau Christy, welche in atemloser Hast durch den Vorgarten auf mein Häuschen zulief. Ich erkannte sie sofort trotz der Dämmerung und sagte es Onkel, den es aber heftig verstimmte. »Alte Weiber am Silvesterabend bedeuten dasselbe, als wenn sie einem, vor der Jagd begegnen,« grollte er, »schick' sie bald wieder fort.« Ja, sie ging bald wieder, aber mich nahm sie mit. – In die eisig kalte Winternacht schritten wir rasch hinaus. Sigrid war am Scharlachfieber erkrankt. »Heute abend wollte der Herr zurückkommen,« berichtete Frau Christy, »aber er hat es nicht getan und ich konnte nicht mit dem Kind zu Ihnen, weil es Fieber hatte. – Nun fuhr unser alter Herr Doktor gerade vorbei und sagte mir, daß es Scharlach sei, aber das Kind erkennt mich nicht und phantasiert, und der Arzt will bei ihm sitzen und Umschläge machen, bis ich wieder von Ihnen zurück bin.« Wir verdoppelten unsere Schritte und dann stand ich am Lager des kranken Kindes und hörte aufmerksam den ruhigen Anordnungen des Arztes zu, während Frau Christy ziemlich kopflos vor sich hin weinte. »Es ist dem Herrn sein Einziges,« wandte sie sich zu mir, als der Arzt gegangen, »ich weiß nicht, was werden soll, wenn der Herrgott grausam ist. Und ich mußte Sie rufen, Fräulein von Holsten, verzeihen Sie mir.« »Ich bleibe heute bei Ihnen, liebe Frau Christy, und wache mit Ihnen.« An Onkel Oberst schickte ich raschen Bescheid, wie ich Sigrid gefunden und irgendein Wiedenburger Kind trug mir folgenden Antwortbrief zu: »Rosenkind! Des Menschen Wille ist sein Himmelreich und 'ne geborene Krankenpflegerin geht ihr Lebtag nicht zum Ballett. Ich habe bereits das vierte Glas Schlummerpunsch intus und warte drauf, daß Dein Sohn und Erbe erwacht, um ihn gleichfalls auf Dein Wohl unter Alkohol zu setzen. Aber sein Schlaf ist murmeltierartig. Über mich beunruhige Dich nicht, ich werde als getreuer Eckart Wache sitzen, bis es Dir beliebt aus dem Hünengrab zu steigen. Prosit! Dein alter Ohm Berndt.« Sein derber Humor wirkte aufrichtend auf mich. Ich weiß, daß Ohm Berndt sorgsam bei meinem Jungen wachen, daß er ihn mütterlich treu in sein Bettchen geleiten wird, nachdem Franzel noch ein Glas Milch getrunken, – die kleinen Scherze mit dem Alkohol sind nur Neckereien des Biederen, der so genau weiß, wie ich den Jungen bewahre. Es war ein trauriges Wachen bei Sigrid. Das Fieber war hochgestiegen, immer wieder legte ich das Thermometer unter die Achselhöhle und notierte den erhöhten Grad, immer wieder erneuerte ich die Umschläge, und drückte das Kind sanft in die Kissen zurück, das sich fortwährend hochsetzen und aus dem Bett herauspringen wollte. Ich erkannte die sanfte, stille Sigrid gar nicht wieder. – Schon nach der ersten Stunde bat ich Frau Christy, sich im Nebenzimmer auf das Ruhebett zu legen, sie war erschöpft und mutlos und ihr Aufschluchzen schien das kranke Kind zu beunruhigen. Frau Christy folgte meinem Rat auch willig, ihr vergrämtes Gesicht beugte sich dankbaren Blickes über meine Hand und mir war es, als hätte ich zwei Kinder hier zu betreuen, zwei Kranke zu pflegen, – der Anfang meines neuen Berufes. – So wachte ich in die Silvesternacht hinein. Einmal öffnete ich das Fenster und atmete tief die reine Winterluft und da schlug es zwölf Uhr vom Marienturm; ich faltete die Hände. Wie schreitest du zu mir, du seltsames neues Jahr? Ich schloß das Fenster, noch drang der langgezogene Pfiff der Lokomotive zu mir, die den letzten Zug ins alte Wiedenburg führte. Still nahm ich meinen Platz am Krankenbett wieder ein. Der Schnee knirschte unter sich nähernden Schritten, ich hörte die Hauspforte aufschließen, hörte eine Männerstimme sprechen und fragen und Frau Christy klagend antworten. Ein leises, rasches Klopfen an der Tür, – dann trat Doktor Kyldrild ein. »Ich danke Ihnen,« begann er ruhig. Sein Gesicht erschien mir blaß, seine Augen waren müde und verwacht, sein Haar grauer als sonst. »Menschen wie Ihnen braucht man nicht viel Worte zu geben, das tut wohl.« Dann sprachen wir leise über Sigrids Krankheit und ich erneuerte wieder die Umschläge und maß die Temperatur. Das Fieber war zurückgegangen und Sigrid atmete ruhig. »Ich werde Sie jetzt nach Hause bringen, Sie brauchen neue Kräfte für einen neuen Tag.« Doktor Kyldrild rief Frau Christy herein, deren Glückseligkeit über Sigrids ruhigen Schlaf ganz rührend anzusehen war, und dann schritten wir beide mit einem Laternchen zu meiner Behausung. Die kalte Luft wirkte belebend und erfrischend, aber es blieb still zwischen uns. Vor meiner Gartenpforte verweilte er einen Augenblick. »Sie werden morgen wiederkommen?« »Ja, Herr Doktor.« »Ich wußte es. Mein Kind liebt Sie sehr –« »Und ich das Kind auch,« wollte ich erwidern, wollte vieles noch hinzusetzen, aber da hatte er schon tief und ehrerbietig den Hut gezogen und war gegangen. – Ich bin nicht zu Sigrid gekommen. Bei mir daheim fand ich den Würgengel Diphtheritis, der hatte meinen Franzel gepackt. Onkel Oberst stand mir wie ein geprüfter Krankenpfleger zur Seite und der Assistenzarzt des alten Doktors kam dreimal täglich zu uns. Und noch jemand kam und ließ sich nicht abweisen, – Murpitz. Man hatte mir schon gesagt, daß Scharlach und Diphtheritis als Epidemie durch Wiedenburg zögen, daß der Fabrikherr Isolierbaracken errichten ließe und sich um alles kümmere, das war mehr als Besorgnis, das war quälende, wilde Angst um das Leben des Knaben. Die unsinnigsten Vorschläge machte Murpitz, – ich sollte mit Franzel in seine Villa ziehen, dort seien größere, luftigere Räume, dort sei Bedienung in Hülle und Fülle und er selbst könne immer den Jungen sehen. »Mir genügt Dorette,« entgegnete ich ihm ruhig, »Sie wissen ja selbst nicht, was Sie fordern, Herr Murpitz.« »Sie denken nur an sich und an das verdammte Gerede der Leute,« fuhr er mich barsch an. »Ich – ich will den Knaben jede Minute sehen.« Ich zuckte die Achseln, aber dann sah ich in sein verstörtes, gramvolles Gesicht, daß auf dem fiebergeweiteten Antlitz des Knaben ruhte mit einem Ausdruck von Angst, den ich nicht verstand an ihm. O wie häßlich war das alles, was ich erlebte! Warum erzählte man mir so abscheuliche, erniedrigende Dinge! Beruhten sie auf Wahrheit? Waren sie müßiges Geschwätz? Ich wies alles von mir, – ich pflegte den kleinen, guten Franzel Dersau, meinen Pflegejungen, und rang mit der finsteren Macht, die immer näher an sein Bettchen trat. Und neben der heißen Angst, die auch mich ergriff, als ich das tiefernste Gesicht des jungen Arztes sah, lebte in mir ein tiefes Heimweh nach dem kleinen Hause, das ich in der Silvesternacht betreten und wieder verlassen hatte, Heimweh nach – – Sigrid. Sie war in der Besserung und ich konnte nicht zu ihr. Jeden Tag kam eine kurze Mitteilung ihres Vaters, aber immer lag etwas Liebes in dem Brief, eine Christrose, oder ein Veilchen, ein Tannenzweiglein, oder ein Paar Faden leuchtende Lametta. So trug mir Sigrid lieben Weihnachtszauber in meine Vereinsamung. – – – Franzel, kleiner Franzel, was tat ich dir? Warum wolltest du nicht bei mir bleiben? Warum stießest du mich zurück in Einsamkeit und Leere? Mein Herz schreit nach Liebe, nach der Betätigung mütterlicher Sorge – – ich stehe allein im Schatten und friere und war doch allzeit ein Sonnenkind. Und wieder kamen gute und böse Zungen und stachen. »Er hat die Mutter geliebt,« sagten sie, »aber seine Eltern wollten es nicht zugeben. Er sollte durchaus ein feiner Mann werden und die Mutter des Knaben war eine Dienstmagd. Aber die Liebenden wußten sich allüberall zu treffen und der junge Herr Murpitz war fest entschlossen, sie zu heiraten. Da schickten ihn die Eltern auf ein Jahr ins Ausland in die Filiale über dem großen Wasser und als er wiederkam, war seine Hanna Frau Dersau. Und der Arbeiter Dersau, welcher der Hanna auch seit Jahren vergeblich nachgegangen war, hat seinen Brotherrn gehaßt bis aufs Blut, bis in den Tod und darüber hinaus, denn er lehrte dem kleinen Franz das Fluchen und denselben Haß.« So sagten mir die Leute und ich verbot Herrn Murpitz mein Haus. Ich tat es in ruhigen Worten, denn ich war tief erschüttert und ich sah schärfer und tiefer. Ich sah die Tragik in dem Leben des großen, reichen, beneideten Mannes. Täglich erschienen Sendungen von Murpitz, mein Haus glich einem Spielwarenladen. Köstliche Erfrischungen, auserlesene Delikatessen kamen für Franzel, die er doch nicht genießen konnte, der arme kleine Junge, und die ich umgehend zurückschickte. Und der Fabrikherr stand wie ein Bettler an meiner Gartenpforte und fragte jeden, der herauskam, nach dem Befinden des Knaben. An dem Abend, da der Arzt meinen Pflegesohn aufgab, ließ ich Murpitz rufen. Er lief durch den Vorgarten und polterte ungeschickt und laut in mein Zimmer. Alle Politur fiel von ihm ab, er war ein armer Mensch, dem etwas Liebes sterben wollte, – er sah weder mich noch Dorette, noch den Arzt, der still das Haus verließ, er warf sich über den Knaben, als könne er das fliehende Leben aufhalten, und sah den Tod nicht, der mit ihm zur Tür hereingeschritten war. In der Nacht kamen der junge und der alte Arzt und ein Wagen jagte durch das stille Städtchen und hielt vor meinem Hause. Murpitz hatte einen Spezialarzt aus Jona telegraphisch herangeholt. Der alte Geheimnrat mit dem geistvollen Gesicht operierte sicher, voll bewußter Ruhe, die sich auch uns andern mitteilte, und ich durfte den Ärzten Handreichungen tun, obgleich mir manchmal die Füße treulos den Dienst versagen wollten. Murpitz blieb im Nebenzimmer. Nach einer Stunde rief ihn der Geheimrat herein, der Knabe schlief. Ich ging nun mit den drei Herren in das Stübchen und der Geheimrat wendete sich an mich: »Das ist eine wunderliche Sache, – mein Wiedenburger Kollege hat mir alles erzählt. Nun, das Jungchen ist dort oben wohl besser aufgehoben, als in dieser harten Welt. Es wird sanft einschlafen. Sie sind ein tapferes Kind, Fräulein von Holsten, wir können solche Pflegerinnen brauchen.« Von drüben hörten wir ein Geräusch, es klang wie ein Aufschrei. Die Ärzte verließen das Haus und ich trat ins Krankenzimmer. Murpitz hielt die Hand des Knaben, sein Gesicht war fahl. Ich drückte dem Franzel die Augen zu, die lieben Kinderaugen, die nun kein Elend mehr sahen. Noch in derselben Nacht siedelte ich zu Onkel Oberst und Tante Leonore über. Murpitz übernahm alle traurigen Obliegenheiten, dann wurde das Haus desinfiziert und verschlossen. Gestern sprach ich Murpitz. Ich kannte ihn kaum wieder. »Vergessen Sie mich nicht,« bat er heiser, – »Sie waren gut zu meinem Kinde – –« Er wendete sich rasch, und nun ist er ins Ausland gereist. Auch meine Koffer steht gepackt. An Sigrid und ihren Vater habe ich ein Paar kurze Abschiedsworte geschrieben. Ja, das klingt seltsam. Mein Mut reicht nicht dazu, Doktor Kyldrild und sein blindes Kind wiederzusehen, und ich muß stark und mit klaren Augen in meinen Beruf gehen. Der gestrige letzte Abend gehörte meinen Verwandten. Onkel Oberst schilt und jammert und will mich nicht fortlassen und hat doch liebe Worte tausendfach für mich und nicht nur Worte, sondern auch klingende Münze. Tante Rosine wettert über die neue Zeit und über Murpitz' Reise ins Ausland, sie versteht mich nicht, aber sie hat mich lieb und wünscht mir alles Gute. Nur Tante Leonore ist glatt einverstanden mit meinem Entschlusse, Krankenpflegerin zu werden. Sie hält es für das Beste für eine Jungfrau, in einem frommen Hause sozusagen hinter Schloß und Riegel zu sein. – Nachtrag. Silvester! Silvester! Wie klingen sie wunderbar schön, die Glocken der Heimat. Wohin sind meine Pläne, meine Träume, erst nach Jahren in festem Beruf mein altes Wiedenburg wieder aufzusuchen? Ich bin in meinen Zimmern beim guten Onkel Oberst, hier steht die Kiste, die ich vor Jahresfrist so fest verschloß und dies Tagebuch liegt obenauf und lacht mich an, – lacht über die Närrin, die Närrin war, und Närrin ist und ewig Närrin bleiben wird. Deshalb auch nach dem feierlichen Abschied der närrische Nachtrag. Es war ein reiches Jahr, ein gesegnetes Jahr, ein Lern- und Lehrjahr, das mir in Ewigkeiten nicht verloren ist. Arbeit und wieder Arbeit die Losung und diese köstliche Arbeit der wahre Sorgenbrecher und der alleinige Sieger über das nagende Heimweh. Der Oberin kluge Augen sahen mich oft scharf an, ich errötete ein paarmal heftig unter ihrem Blick. Denn sie hatte uns Lehrschwestern erzählt, daß gewöhnlich die Schwestern am tätigsten und unermüdlichsten wären, die eine tiefe, schmerzliche Entsagung niederzukämpfen hätten. – – In der stillen Adventszeit packte mich das Heimweh mit weher Gewalt. Nie in meinem Leben hatte ich das alte Wiedenburg so geliebt wie zu den Stunden, als ich in den Straßen und den Häusern der Großstadt zur Weihnachtszeit herumging. Am heiligen Abend hielt ich einen Brief von Onkel Oberst in der Hand. Ein Riesenschriftstück war's, – ein liebes: Rosenkind, ich rufe Dich! Am liebsten wär's mir schon, Du kämst einfach her auf diesen Ruf und ich könnte Dir schön mündlich alles Nähere ausdeutschen. Also Du fehlst mir – und andern ebenso. – Ich brauche wohl nicht zu fragen, ob Du Dich des Hühnergräbermannes entsinnst, – wenngleich Du nie mit einer Silbe nach ihm und seinem Kinde gefragt hast. Sieh mal, das letztere war unrecht von Dir, mein altes Rosenkind. Eben dieses kleinen, blinden Lebewesens halber rufe ich Dich heut. Das Kind lischt aus wie ein Licht – – vor Heimweh nach Dir. Ich habe es nicht für menschenmöglich gehalten von einem so jungen Geschöpf, aber dies ist ja ein ganz besonderes. Woher ich es weiß? Sein Vater war bei mir. Von Griechenland kam er her, wohin ihn die Regierung geschickt hatte, den berühmten Archäologen Professor Doktor Kyldrild. Denn daß sie ihm den Titel um den Hals gehängt haben, weißt Du auch noch nicht. Klein-Sigrid hatte er mit nach dem fernen Land genommen, aber das Schneeglöckchen verdorrte dort genau so, wie hier. (Du siehst, ich werde noch poetisch, donnerja, – das Kind tut's einem an.) Und auf alle Fragen, die der besorgte Vater dem Kinde vorlegte, immer die eine Antwort: Warum kommt das Rosentantchen nie mehr? Warum liebt mich das Rosentantchen nicht mehr? Nun ist er wieder in Deutschland, das Kind soll auf der Reise buchstäblich aufgelebt sein, aber es muß wohl gedacht haben, alles sei in Wiedenburg noch beim alten. – Als Sigrid Dich hier nicht gefunden und von Dorette gehört hatte, Du wolltest jahrelang fortbleiben, da hat sie sich still in ihren Sessel gedrückt und seitdem, – – –. Rosenkind, heute war der Vater als bei mir, in der höchsten Herzensnot. Er ist der festen Überzeugung, daß durch Dein Kommen, durch Deine Sprache, Dein ganzes Wesen, Deine bloße Anwesenheit sein Kind gesundet. Kannst Du kommen? Denn daß Du kommen willst , wenn Du weißt, jemand leidet um Dich Not, das weiß ich ohnedies. – Professor Kyldrild gefällt mir sehr, – nichts von Überhebung, nichts von akademischem Dünkel, oder daß ihm etwa die plötzliche Berühmtheit zu Kopf gestiegen wäre. Er kam als bittender und doch als aufrechter Mann. Himmel, was hat er doch durchgemacht! Rosenkind komm! Das Herz lacht mir im Leibe, denk' ich an unser Wiedersehn. Und ich meine, auch das Hünengrabwurm rappelt sich zusammen, wenn's in Deine Augen schaut, – ach so – also, wenn's Deine Nähe spürt. Deiner Frau Oberin empfiehl mich, und wenn sie Dir keinen Urlaub gibt, dann soll ein siedendes, – nein, das meine ich nicht, ich wollte sagen, dies hier ist auch 'ne heilige Mission. Gruß und Handschlag Dein Ohm Berndt. Heimat! Heimat! O ich hab's gespürt, was das bedeutet. Getrunken habe ich die Heimatluft und mich daran berauscht. Wie ein Kind bin ich durch die Straßen gelaufen und hinauf zum Tannenwäldchen und an mein liebstes Stellchen. »Heimat, Heimat,« jauchzte und sang es in mir, – ich weinte nicht vor den Gräbern meiner Eltern, ich kniete nieder und küßte den heiligen Boden und die grenzenlose Freude, »daheim« zu sein, sprengte beinahe mein Herz. Dann schritt ich still zu Franzels Grab und hier erst übermannte mich ein tiefes Weh. Ich hatte es ja noch nie gesehen, das Fleckchen, darunter mein kleiner, guter Pflegesohn schlief – – – Und dann daheim bei Onkel Oberst. Er und Tante Rosine, die sich sofort einfand, sowie meine alte Dorette, die der Gütige ganz in sein Haus genommen hat – sie rissen mich ja beinahe in Stücke vor lauter Wiedersehensfreude. Jeder wußte etwas Neues zu erzählen und Dorette nahm mich noch besonders heimlich beiseite ... »Der Herr Murpitz, Fräulein Rose, – – der ist auch wieder da und ein arg ernster Mann ist er jetzt, aber gut und wohltätig. Seine wunderschöne Villa ist Spital geworden und Wohnung für den Fabrikarzt und der Herr selber wohnt im Altenteil vom Schloß.« »In meinem alten Hause?« Dorette nickte eifrig. »Herr Murpitz hat ja alles gekauft, Park und Haus, es wurde ja losgelöst von der alten Gerechtsame – – gleich legte der Fabrikherr Beschlag darauf.« »Davon hat Onkel nie etwas geschrieben.« »Das wollte er auch nicht, um Fräulein Rose nicht zu verstören, denn es war ja mit der Hand zu greifen, weshalb der Herr Murpitz das kaufte und wem das alte, liebe Häuschen einstens wieder gehören sollte. – Ach, Fräulein Rose! Und so erkundigt hat sich Herr Murpitz nach Ihnen, – so warm und so gut. Und kein Mädchen sieht er an, – – Fräulein Rose, er denkt nur – –« Dorette stockte, als sie mein ernstes, abweisendes Gesicht sah, dann setzte sie hastig hinzu: »›Und morgen will er Ihnen seine Aufwartung machen‹, hat er gesagt.« »So'n altes Weib muß natürlich gleich mit der Tür ins Haus fallen, Rosenkind,« schalt Onkel Oberst. »Na ich will's gestehen, wir haben diese Frage und die Person des Fabrikherrn des öfteren besprochen, da mag es bis zur Küche durchgesickert sein, Dorette nimmt überdies eine Ausnahmestellung ein. Du wirst den Mann sehr zu seinem Vorteil verändert finden, liebe Nichte – –« (Onkel Oberst wurde plötzlich sehr förmlich und daran merkte ich, daß er nur ein Dolmetsch für die Gefühle der drei Tanten war) »und – und – sein ungeheures Vermögen, seine soziale Stellung – – seine rührende Anhänglichkeit an dich– – –« Er stockte. Mein ernst auf ihn gerichteter Blick schien ihm unbehaglich zu sein. Nun trat Tante Rosine in den Vordergrund. Liebevoll nahm sie meine Hand. »Nur überlegen sollst du noch einmal, Rose, überlegen . Er ist ein guter, treuer Mensch, – richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet – – –« »Ohm Berndt,« rief ich laut, »ich möchte jetzt meine Mission erfüllen, deshalb riefst du mich.« Ich wendete mein erblaßtes Gesicht ihm zu und er reichte mir die Hand. Dann schritt ich, ohne mich umzuwenden, fort, die Treppe hinab und in die Dämmerung hinaus. Immer schneller lief ich, bis ich vor der Pforte stand, die zu meiner kleinen, treuen, blinden Freundin führte. Da stockte jäh mein Fuß, denn aus dem Hause trat Doktor Kyldrild. – Ahnungslos wollte er an mir vorübergehen, plötzlich stutzte er und dann – – Ich erkannte den verschlossenen Mann kaum wieder. »Sie sind da – wirklich und lebendig vor mir – ich kann es nicht glauben,« brach es von seinen Lippen in mühsam unterdrücktem Jubel. Er nahm meine beiden Hände in die seinen und drückte sie stark. Dann zog er ohne weiteres meinen Arm durch den seinen. – »Wir können jetzt nicht hinein, – Sigrid schlummert eben ein wenig und das tut ihr bitter not. Ich wollte die Zeit zu einem Spaziergang durch meinen Garten benutzen. »Herrgott, es ist wahr, wahr, – Sie sind bei uns!« »Ich bin gern gekommen, so gern!« War ich es, die da sprach? Kaum kannte ich meine eigene Stimme. Ich wich dem liebevoll forschenden Blicke des Mannes aus, – ich meinte, er müsse mit seinen klugen Augen sehen, wie es um mich stand und das – – das sollte er nie, nie erfahren. »Wir wollen umhergehen,« sagte ich leise, und wieder nahm er meinen Arm. Dann erzählte er. Erzählte mir alles aus seinem Leben, von seiner traurigen Jugend, von seinem ersten Glück mit seiner gleichalterigen Jugendliebe, von Sigrids Geburt und Blindsein, von dem unheilbaren Leiden seiner Gattin, zwölf lange Jahre hindurch und – – von ihrem Sterben. Ja, von ihrem Sterben. – Ich mußte mich plötzlich auf einer der Steinbänke niederlassen, die am Wege standen, meine Füße trugen mich nicht mehr. »Wann starb sie?« fragte ich heiser. »Als ich vor Jahresfrist an Sigrids Krankenlager trat, kam ich von ihrem Begräbnis,« entgegnete er düster. »Und dann gingen Sie fort nach Berlin, es kamen furchtbare Stunden für mein Kind – und für mich.« »Furchtbare Stunden,« wiederholte ich tonlos. Dann sprang ich mit hastigem Entschlüsse auf. »Lassen Sie mich zu Sigrid gehen,« rief ich, »jede Minute ist kostbar. Vielleicht ist sie wach und – o – das Kind hat sich nach mir gesehnt – –« Doktor Kyldrild sah mich an, forschend, fragend und seine Lippen bewegten sich, als wollten sie Worte formen, – ich aber lief ins Haus. – In der Diele standen Frau Christy und der alte Lamprecht. »Jesus, unser Fräulein!« rief der Alte in hellem Jubel und Frau Christy wurde ganz blaß vor innerer Erregung. Aber ihre Augen leuchteten hell, »O nun wird alles gut, alles, – das ist mir, als ob das Christkind einen guten Engel schickte – o Fräulein Rose, liebes Fräulein Rose!« »Hab' ich's nicht gesagt? Hab' ich's nicht gesagt?« frohlockte Lamprecht, – »sie ist die leibhaftige Tochter von meinem alten Herrn, Gott hab' ihn selig. Gelle, das is se? M'r ham uns ja rein zu Tode gesehnt, Freileinchen.« Er wischte sich die Augen – – mein Herz tat sich weit auf für den alten biederen Mann. Heimat! Heimatklang! Dann öffnete ich langsam und sacht die Tür, die altbekannte, die von der Diele ins Wohnzimmer führte. Da lag mein blinder Liebling und schlummerte, wie es schien und niemand war bei ihm. Ich trat an Sigrids Ruhesessel und da sah ich, daß die blinden Augen weit geöffnet waren. »Bist du da, Frau Christy?« fragte das müde Stimmchen. Kein Wort vermochte ich hervorzubringen und da sah ich, wie die seinen Nasenflügel sich bewegten, als witterten sie etwas Neues, tief bog ich meinen Kopf zu dem Kinde herunter, daß die Fingerchen mein Gesicht betasten konnten. »Rosentantchen!« Ich vergesse nicht den Ruf, nein, ich vergesse ihn nie, – nie. – – Meine Tränen rannen unaufhaltsam, rannen auf das seidige Lockengewirr des Kindes und dieses lag an meinem Herzen, au meiner Brust – – glücklich, blaß, lächelnd, wunschlos. »Du bleibst bei mir?« fragte die sanfte Stimme wieder. »Ja, Sigrid.« »Immer? Rosentantchen sag' – immer?« Wieder nickte ich, ohne zu wissen, was ich tat, nur um diese feierliche Glücksstunde des geliebten Kindes nicht zu stören. »Hast du mich lieb, Rosentantchen?« »Ja, mein Liebling. Sehr, sehr lieb!« »Hast du auch mein Väterchen lieb, Rosentantchen?« »Ja.« Halb erstickt klang meine Stimme. Da trat er schon herein, ebenso sacht als ich vorher, aber sein Kind hörte ihn sofort. Mit ein paar Schritten war er bei uns. Sigrids Köpfchen hob sich nicht von meiner Brust, aber ihr Lächeln wurde noch leuchtender. »Sie ist da, – Väterchen – sie ist da – und sie bleibt immer hier, ich habe sie gefragt. Und sie bleibt bei mir und sie hat mich lieb und dich auch, Väterchen, – sehr lieb, sie hat es mir gesagt – –« Der Plaudermund verstummte und nun richtete sich doch ihr Köpfchen etwas auf. Es hatte wie ein Aufschluchzen geklungen neben uns. »Väterchen – weinst du? Ich bin doch jetzt gesund – – –« Langsam stand ich auf, das Zimmer schien seltsam zu schwanken, aber da umfingen mich zwei starke Arme und ich sah tief hinein, in die liebsten Augen auf Gottes weiter Welt. – – Er küßte mich – »Warum seid ihr so still?« fragte Sigrid ängstlich. Mit starkem Arm hob Jürgen Kyldrild sein Töchterchen aus dem Stuhl und setzte es auf das breite Sofa. »Bist du noch da. Rosentantchen?« Da saß ich auch schon an Sigrids Seite. »Nicht Rosentantchen,« bat die bewegte Stimme des geliebten Mannes, »sag' Rosenmütterchen! Frage sie, Sigrid, ob sie es sein will.« Ich umfing sie beide. »Wenn ihr sie wollt – – die Närrin – –« * Ende. Unsere Male auf Urlaub. Sie ist schon fünfzehn Jahre bei uns, unsere brave Male. Was Wunder, daß sie uns alle unter dem Pantoffel hat, alle . Mein lieber Mann nimmt sich zwar selbst aus, aber das ist eben der sicherste Beweis für meine Behauptung. Male ist Köchin. Sie hält streng darauf, daß diese Stellung respektiert wird, sie blickt auf Stubenmädchen geringschätzig herab, und vollends »Jungfern« genießen ihre ausgesprochene Verachtung. Male ist Ostpreußin, »Schmaleningken« ist ihre engere Heimat. Aber sie folgt uns in treuer Anhänglichkeit durch das ganze liebe Deutschland und will bei uns bleiben, bis »de jnädige Herrschaft Jeneral oder dod is«. Wir haben mit ihr Vertrag für den ersteren Fall geschlossen, denn so dauert's sicher noch länger, als im zweiten. Male ist streng konservativ. Sie hat von einem herumreisenden » Italiano non capisco « zwei schauderhafte Kaiserbüsten erstanden, – sehr billig, denn der einen fehlte die Nase, aber Male sagt: »En Kaiser ohne Nase is immer noch wertvoller, wien jewehnlicher Mansch mit 'ner jriech'schen.« Sie betet jeden Abend für sich, für ihr Sparkassenbuch und für ihre Herrschaft, daran schließt sich ein Lied, aber kein Gesangbuchvers, sondern: »Ich bin ein Preuße, kennt ihr meine Farben.« Während der Reichstagswahl war sie beinahe tiefsinnig. Sie verwechselte Salz und Zucker und kochte unerhörte Gerichte. Als unser Stubenmädchen in dieser Zeit eine »nette Bekanntschaft machte« und die feste Absicht hatte, »mit ihm zu gehn «, vorher aber Male um Rat fragte, sagte diese dringlich: »Frag' ihm zuerst, wem er jewählt hat, Beinhauer oder Lattmann und wenn er sagt: Tischler Thiel, dann schmeiß ihm rrraus.« Andern Tags war Ausgehsonntag. Das Stubenmädchen zog mit »ihm« ab. Als es wiederkam, nickte es Male ruhig-gelassen zu. »Lattmann!« sagte das Stubenmädchen. »Es is jut,« entgegnete Male, »du kannst ihm nu in die engere Wahl nehmen.« Male kocht vorzüglich, sie ist im Krankenzimmer unvergleichlich, sie klatscht nicht mit anderen Mädchen, sie sieht auf den Vorteil ihrer Herrschaft und hält sich streng zurückgezogen und ist fleißig im Hause. So könnte ich ihr ins Dienstbuch schreiben. Male ist alles in allem eine »Perle«. Nicht solche, wie die Mädchen von der Majorin Dallberg, die in jedem Kaffee erzählt: »Ohhh, meine Neue ist 'ne Perle!« Aber schon nach kaum einem Monat geht die Perle fort mit dem Dienstbuchvermerk: »Unsauber, unfleißig. Entspricht nicht meinen Erwartungen.« Mit wieviel »Perlen« mußte sich schon die arme Majorin zum »Sühnetermin« ein Stelldichein geben! Male ist eine echte Perle. Aber – Perlen bedeuten Tränen. Sie wurde seit einigen Wochen weich- und wehmütig, »gnittrig und gnattrig«, »strambulstrig und naupertschig«, wie die Jungens sagten. Ich nahm sie mir vor. »Male, wo fehlt's?« »I Jott, jnedich Frauchen, – wo soll's fehlen? Der Mansch arbeit' eben, bis er liejen bleibt un se ihn verscharren wie 'n Hund.« »Aber Male, das hört sich ja fürchterlich an, und ist doch gar keine Antwort auf meine Frage.« »I Jott, jnedich Frauchen, was soll ich da groß antworten? Das Jammerleben is kei Dittchen wert.« »Na, nun mal raus mit der Sprache! Hat dir jemand was getan?« »I Jott, jnedich Frauchen, wer soll mir denn was tun? Man schleppt sich eben hin, trägt sei Kreiz un stirbt in der Blite der Jahre.« Ich sah sie zweifelhaft an. Sie hatte die »Blite« schon lange und, wie es schien, sehr gut überstanden. »Was sollen denn nun diese dunkeln Andeutungen, Male? Bist du krank?« »I Jott, jnedich Frauchen – nnein! Aber jnediche Herrschaft war neilichs auch nicht krank und jing doch nach Lakolk un stärkte sich und ich blieb hier.« »Du wolltest ausdrücklich nicht mit, Male.« »I nei, – ich wollt' auch nich, aber nu mecht' ich.« »Male!!! Nach Lakolk?« »I nei! – nach Thiringen.« »Male, wohin denn?^ »Nach'n Dörrberger Hammer.« »Wie kommst du nur so plötzlich darauf.« Male fing an zu weinen. »Wenn schon so viel gefragt wird, achott, da bleib' ich schon lieber, – ich sag's ja – so'n armer Dienstbote muß schanzen, bis'r eingescharrt wird.« »Male, wenn ich nicht wüßte, daß Du Lattmann gewählt hast – – ich würde auf ›Tischler Thiel‹ raten.« Ihr Weinen steigerte sich zum Schluchzen. »Komm! Sei ruhig! Erzähl' mir alles vernünftig.« Und nun kam's heraus. Vorigen Sonntag war sie ein paar Stunden bei der Portiersfrau zum Geburtstag eingeladen, und da hatten alle Mädchen von ihren Sommerreisen erzählt. Die »Mine« von Rittmeisters war in »Soden an der Werra« gewesen. Die »Julie« von Generals in »Meran«, die Dora von Postrats in Kiel, die »Selma« von Präsidents gar in Nizza, und selbst die Marjell von Rektors hatte oben mit auf Wilhelmshöhe gewohnt. Nur sie, »Amalie , Karoline, Josephine, Hermine, Jesuliebe Buttgereit«, war »nirgends jewesen«, – – »achott, achott, jnedich Frauchen, was mußt' ich mir schämen!« »Da ist gar nichts zu schämen, Male,« schalt ich liebevoll, »tausend und aber tausend Leute bleiben zu Hause und fühlen sich wohler dabei, als im Trubel des Badelebens.« »Der Dörrberger Hammer is auch kei Bad.« »Na ich sehe schon, du hast dir diese Sommerreise in den Kopf gesetzt und du sollst sie haben. Jawohl, meine gute Male, du sollst reisen, die Anna wird dann etwas mehr tun müssen, kochen kann ich selbst.« »So?« rief Male entrüstet. »So leicht is das man jar nich, un wo jnedich Frau schon stimmer die fliegende Hitze in die Kiche kriejen. Un ›Kenigsbarjer Klobse‹ und ›Flack‹, – wer kocht das für'n Herrn Major?« »Na, Male, das werde ich wohl auch noch fertig bekommen!« »Is de Meechlichkeit!!!« Male stemmte beide Arme in die Seiten. »Fertig bekommen! Wissen gnä Frau nich vom letztenmal noch, wie der Herr Major sagten: ›Bringt das Zeichs weg, das is ohne Liebe gekocht?‹ Liebe! Frau Majorin, Liebe is 's einzigste! Un wo wollen gnä Frau Liebe herkriegen? Hä?« »Nun ich dächte doch – – –« »I nei, Kenigsbarjer Klops un Flack wird nur von Male gekocht und wenn ich nu reise, denn wird's ebend nich jekocht.« Ich senkte bejahend mein Haupt. »Freilich, wenn's Herr Major befehlen, denn muß ich eben hier bleiben – – –« »Nein, nein,« rief ich angstvoll, »reise nur, liebe Male! Es ist ja ganz gut, auch mit den Jungens. Karsten und Friedel können sich schon allein anziehen und zur Schule befördern, ich werde ihnen das Frühstück streichen, und Anna kann sich währenddem um Bubi kümmern.« Wieder schlug Male ein Hohngelächter auf. »So? Um Bubi kümmern! Is die Meechlichkeit! Un wer singt ihm in Schlaf? Die Annchen? Wo sie keine musikalische Bildung hat? Oder gnä Frauchen mit ihrem schwachen Gepiepse? Das schlägt bei unserm Jungchen nicht durch. Da muß die Male ran.« »Ja, aber – wenn du doch reisen willst – –« »Un denn Karsten un Friedel? Wer stopft die Driangels jeden Tag in Karstchens Buxen? Wer steckt den Rohrstock in'n Ofen, wenn der Herr Major in Sicht is? Wer streicht Friedelchens Kaffeesemmel, auf die eine Seit' Honig, auf das dritte Viertel Mus un auf das vierte Viertel Butter?« »Du hast die Bengels greulich verwöhnt, Male.« »Die trautsten Jungens!!! Achott, ich bang' mich all jetzt nach ihnen. Ich werd' sie nich der Frau Majorin und der Annchen allein iberlassen können.« »Aber Male, ich bin doch die Mutter!« Male klopfte mir gönnerhaft auf die Schulter und lächelte mir beruhigt zu. Aber in ihrem Gesicht standen »Bände« zu lesen, und wenn ich auch in der kurzen Zeit nicht das ganze Gesicht durchlas, so sah ich doch sofort, daß Male mich nur mangelhaft der Ehre für würdig hielt, drei solche Prachtbuben zu besitzen, und sich selbst viel eher die Erziehung zutraute. »Na was meinst du denn, Male?« »Ich mein', – wenn gnä Frau mich fest in die Hand versprechen und dann noch ›warrraft'gen Gott‹ dazu sagen, daß alles mit de Jungchens in meine Abwesenheit so bleibt, wie's die Engelchen jewehnt sin – –« Ich nickte matt und streckte ihr meine Hand entgegen. »Nu bin ich schon ruhiger,« meinte Male. »Zu wem willst du eigentlich in Dörrberg?« »Zu Frau Labkau. – Was der Labkau ihr Mann is, mit den seiner Kasine bin ich in Schmaleningken en paar Jahr zur Schul jegangen.« »Ist die Verwandtschaft nicht ein bißchen weit?« »Na ich leb' doch da nich vor umsonst. En Schnorrer bin ich nich. Für'n Tag 'n Dahler, so will's die Labkau, un mir is recht, davor hab' ich mein Sparkassenbuch.« »Und wie lange dachtest du – – –?« »So'n Tagener achte.« »Nur? Hetz' dich ja nicht ab, Male, wie gesagt, Anna und ich werden schon fertig.« »Ne, Frau Majorin, das schlagen Se sich man aus'n Kopp, fertig werden Se nich mit die dumme Marjell, die Anna, un mir graut schon, in was für 'ne Pastete ich neintrete, wenn ich wiederkomme – –« »Male!« »Ne ne, gnä Frau, ich meine das nur gut mit Sie un besonders mit'n Herr Major, – aber Frau Majorin, ich kenn' Ihnen ja, – Sie geben sich Mihe un sin auch soweit akkrat, aber Sie ham's doch mehr mit's Leschere un mit'n ›Idealen‹.« Ich nahm die Zurechtweisung mit geziemender Demut hin. »Wann willst du fort, Male?« »Wenn ich mir spute mit all die Arbeit, die noch jetan werden muß, denn kann ich in vierzehn Tagen ungefähr so weit sein,« antwortete Male nachdenklich. »Um Gottes willen!« rief ich angstvoll. »Solange willst du warten? Auf keinen Fall!« Vor meinem geistigen Auge stiegen in unheimlicher Klarheit eine Reihe von Tagen auf, die dem heutigen glichen, Tage voll Reisevorbereitungen und Erörterungen; Tage, die buchstäblich auf unheilbare Nervosität geeicht waren. »Also Male, ich denke, morgen oder übermorgen geht's los,« bemerkte ich mit einiger Festigkeit. »Mmmorgennnn?« Sie ließ sich fassungslos auf einen Stuhl sinken. »Oder übermorgen! Melden Sie sich nur gleich bei Frau Labkau an, und dann – – los!« Ein Weinen, so bitterlich, wie ich es nicht einmal von meinen kleinen Buben gewöhnt, war die Antwort. »Sie woll'n mir loswer'n! Sie woll'n mir loswer'n.« Ich verließ wortlos die Küche. Was sollte ich auch sagen? Males ungestümes Schluchzen hätte ja doch alles übertönt. So setzte ich mich denn in mein Zimmer, nahm eine Handarbeit vor und träumte ein wenig. Plötzlich wurde die Tür aufgerissen, und Friedel und Karsten stürmten zu gleicher Zeit herein, stolperten über die Schwelle und schlugen lang zu meinen Füßen hin. »Nicht wahr, Mutterchen, das darf sie doch nicht?« »Wer? Was? Steht erst gleich einmal auf. Habt ihr euch weh getan?« »Ich weiß nicht!« »Ich auch nicht!« »Mutterchen, das darf sie doch nicht, die Male? So einfach fortgehen ins Spital und dort sterben. Bloß weil du nichts mehr von ihr halten tust und sie los sein willst.« »Arme Male,« wimmerte Karsten, »soll nicht sterben!« Ich schlug meine Augen gen Himmel und nahm ihn zum Zeugen für Males Verbohrtheit. Da aber die Augen meiner Buben vorwurfsvoll auf mich gerichtet waren, so verwirrte mich das einigermaßen, und ich ging, beide Kinder an der Hand, in die Küche zurück. Male weinte immer noch. Sie schien auch dies Geschäft so bald nicht aufgeben zu wollen und alles Zureden von »die Annchen«, unserm Stubenmädchen, das ratlos in der Küche herumwirtschaftete, nützte nichts. Als nun Male vollends die beiden Jungens, ihre Lieblinge, wieder erblickte, wurde ihr Wimmern erbärmlich. Ich seufzte schwer auf. »Male, du kannst einen doch wirklich zur Verzweiflung bringen,« bemerkte ich ernst. »Das weeeiß ich ja und deshalb jehe ich ja schon,« heulte sie, »aber den Abschied von die Jungchens un den Herrn Major werden mir doch jnedig Frauchen nich versagen un denn jeh' ich, – – jawoll – ins Spittel, un denn sterb' ich. Un 'n jelben Sarg möcht' ich – – – huuuh – –« Friedet, der Schulbub, vermengte seine Tränen mit denen der geliebten Male, Karsten, der Dreikäshoch, dagegen folgte mir mit trippelnden Schritten, als ich zum zweitenmal das Lokal verließ. »Male ist unmännlich, nich wahr, Mutterchen?« fragte er und ich nickte bestätigend. Zum Abend kam mein Mann in allerrosigster Laune. Er hatte einen scheidenden Kameraden »weggegessen« und wohl noch mehr »weggetrunken«, wie ich aus dem federnden Gange wahrnahm, mit dem er trotz des beginnenden leisen Embonpoints die Treppe heraufstieg und den Drücker der Tür öffnete. Welches liebende Weib hat nicht so seine kleinen untrüglichen Anzeichen erhöhter Stimmung an »ihm, dem Herrlichsten von allen«? Male stand schon breitspurig auf Posten, um » ihrem « Herrn Major Mütze und Säbel abzunehmen, sie scheuchte »Willem«, den Burschen, mit drohender Miene zurück, ich dagegen bekam einen unendlich vorwurfsvollen Blick, den ich mit schlecht gespielter Gleichgültigkeit erwiderte. Mein Mann sah in dem dämmerigen Flur etwas schärfer auf Males dickverheultes Gesicht. »Na, altes Haus, – wieder mal Zwiebeln gerieben? Was gibt's denn heute abend Gutes?« fragte er jovial. »Pufferte, Herr Major!« »Puffer? Das ist ja famos!« Ich war starr, – denn ich hatte »Matjeshering und Pellkartoffel« bestimmt. »Es ist wirklich gut, daß mir unser Küchendragoner noch mein Leibgericht auftischt, liebes Weib,« fuhr mein Gatte fort und zog mich samt den Buben ins Eßzimmer, während die dienstbaren Geister in den hinteren Regionen verschwanden. »Der neue Kasinowirt liefert einen – – mir fehlt jeder parlamentarische Ausdruck für besagten Fraß, – und so muß man sich halt immer mehr an die Weine halten, – bis der Kerl mal fliegt.« Bei der Bemerkung, daß er sich mehr an die Weine gehalten habe, sah ich ihn, an. Mein Mann nennt das »blicken«. Sofort verteidigte er sich sehr wortreich. »Du meinst ›knüll‹, liebes Weib? Aber nicht die Spur! Keine Ahnung von das und sowas! 'ne Meile könnt' ich auf der Dielenritze marschieren. Kunststück!« Ich schwieg. Du lieber Gott, wenn er schon anfängt so abzustreiten, – man weiß ja Bescheid. – Aber er ist so ein prächtiger, lieber Kerl, mein Major, und wie er so stattlich und glücklich in seiner hübschen Dragoneruniform dastand, legte ich beide Arme um seinen Hals. »Ich bin so froh, daß du da bist,« sagte ich aus ehrlichem Herzen. »Na? Was ist los? Hat's was gegeben?« Ich erzählte ihm von Males Verdrehtheiten, aber er nahm alles auf die leichte Achsel. »Es ist gut, wenn sich Male mal auslüftet,« bemerkte er sorglos, »in so ein altes Stück Möbel setzen sich gerne die Motten.« Wenn mein Mann diesen Ton anschlug, da wußte ich schon, daß man ihm mit ernsten Dingen nicht kommen konnte, und als er gar noch anfing, mir Witze erzählen zu wollen, – mir – Witze vom »Obersten«, bei denen er sich schon eine halbe Stunde vorher »kringelte« vor Lachen, da »blickte« ich wieder, und er verstummte jäh. Einige hat er mir aber doch noch später versetzt, ganz meuchlings. Nun gingen wir zu Tisch, auf dem die Matjesheringe und köstliche mehlige, geplatzte Kartöffelchen prangten, aber sieh da, nach einer kleinen Weile erschien Male höchst eigenbeinig, während sonst »Willem« servierte, und brachte vier knusperige Püfferchen, die sie vor meinen Mann hinsetzte mit den energischen Worten: »Mehr jibt's nich, der Herr Major essen immer bloß vier.« »Mir scheint, du bist elend kaltgestellt, liebes Weib,« sagte mein Mann verdutzt, als die Tür sich hinter Male geschlossen hatte, und dann legte er mir liebevoll zwei der allerknusprigsten Puffer auf den Teller. Unser Mahl verlief sehr heiter, dann brachte ich Friedel und Karsten zu Bett und stand eine Weile noch, nachdem die beiden ihr Abendgebet gesprochen, vor Bubis, unseres Jüngsten, Gitterbettchen, vor dem schon bei meinem Eintritt eine andere Gestalt kniete, – Male. Sie erhob sich jetzt, haschte nach meiner herabhängenden Hand und küßte sie. Das süße, kleine, im Schlaf wahrhaft engelhafte Gesichtchen unseres »Einjährigen« hatte sie milde gestimmt. »Ich habe mir umbesonnen,« flüsterte sie, »ich habe auch schon 'ne Karte an die Labkau'n jeschrieben un sie soll mir returnierend antworten.« Das Wort war mir nicht ganz klar, aber ich nickte verständnisvoll. Als wir beide in das Zimmer meines Mannes traten, Male, um »Gutenacht« zu sagen, ich, um noch ein wenig mit ihm zu plaudern, saß dieser schon vor dem Kursbuch, eifrig studierend. »Na, Male, wie ist es?« »I ja, Herr Major, ich mecht'!« »Schön! Ich habe Ihnen das Nötige bereits herausgezogen. Hier – Abfahrt 11.30 Schnellzug. Ankunft Dietendorf 2 Uhr. Umsteigen in den Zug nach Oberhof.« »Achott, wenn ich da man nich den verkehrten krieje.« »Dafür sind die Schaffner da. Nur immer hübsch fragen.« »Was die Labkaun is, kennte die mir nicht bis hier entjejenfahren?« »Aber Male, du bist doch kein Säugling mehr und die Labkau wird sich dreimal bedanken, das viele Reisegeld auszugeben, für nichts und wieder nichts.« »Na scheen, denn muß ich ja woll.« »Ja du mußt!« »Un denn werd' ich schon nich in den unrechten Zug kommen.« »Das denke ich auch. Male, hast du Geld?« »I wo werd' ich kein Geld haben! Freilich hab' ich.« »Die Reise kostet hin und zurück 12 Mark. Dann 14 Tage Aufenthalt zu drei Mark täglich gerechnet, sind 42 Mark. – Trinkgeld kommt auch noch und sonstige kleine Drumrum. Tue Geld in deinen Beutel, Male.« »Ich werd' schon,« Mein Mann stand auf, und da er 1 Meter 87 Zentimeter mißt, konnte er seine beiden Hände ganz bequem segnend auf Males Haupt legen. »So leb' denn wohl, du treue Maid,« rief er salbungsvoll, während Male in bitterliches Weinen ausbrach, – »möge dich das Schicksal mit linder Hand in unsern liebenden Schoß zurückführen.« Dies Pathos war mir nicht neu. Mein Mann schlug es jedesmal an, wenn er etwas »im Krönchen« hatte und entschuldigte sich dann damit, daß sein Vater früher mal hätte Theologie studieren wollen. Um nicht gerade heraus zu lachen, verdeckte ich mein Gesicht mit dem Taschentuche, was sehr natürlich ausgesehen haben muß, denn Male streichelte mich und sagte schluchzend: »Ach Gottchen, jnedich Frauchen, weinen Se nich, ich habe Ihnen alles verziehen.« Male wankte hinaus. Mein Mann umfaßte mich lachend und wollte einen seiner gefühlvollen Walzer mit mir riskieren, da er aber überall bedenklich aneckte und unser Büfett voll neuer Gläser stand, so tat ich seinen Gelüsten Einhalt, um so mehr, als »Willem« plötzlich stramm in der Tür stand und fragte, ob der Herr Major weitere Befehle für ihn hätten. Nun, die hatte er nicht, Willem verschwand, dann kam »die Annchen«, um Gutenacht zu sagen und da ich nicht einsah, weshalb ich mich mit meinem Major noch länger angähnen sollte, verschwanden wir gleichfalls. Andern Tags weckten mich heftiges Türzuschlagen, Herumtrampeln und laute, scheltende Worte, die aus den Dienstbodenräumen kamen. Ich klingelte und Annchen erschien sehr aufgeregt. »Ein Wunder ist's nicht, wenn gnädige Frau nicht schlafen können,« berichtete sie aufgeregt und dabei flüsternd, um meinen schlafenden und schnarchenden Gatten nicht zu stören, »es ist wirklich, als ob, mit Respekt zu sagen, der Teufel los wäre.« »Aber Anna!« »Jawohl, gnädige Frau! Um vier Uhr hat uns die Male schon geweckt, den Willem und mich und hat keine Ruhe gegeben, weil sie nicht den Zug versäumen will, und der geht um halb zwölf. Und sie selbst ist die ganze Nacht aufgeblieben und hat gepackt, jetzt ist sie fertig. Sie schnallt bloß noch ihren Nähtisch auf den Koffer.« »Sie ist wohl rein unklug? – Aber deshalb braucht ihr doch nicht so mit den Türen zu bollern und euch so unmanierlich zu betragen!« »Das ist nicht mit den Türen gebollert, gnädige Frau, das war nur Male ihre Lade, die sollte Willem jetzt schon nach der Bahn tragen und er ließ sie fallen, sie war ja hundertmal zu schwer für jedes Pferd.« »Ich werde gleich kommen,« sagte ich seufzend und kleidete mich rasch und ärgerlich an. Ja, drüben war wirklich der Teufel los und er schien in Male gefahren zu sein. Sie fuhrwerkte in ihrer Kemenate herum, als ob sie irgendeinen grimmigen Schmerz austoben wollte und als sie mir ihr Gesicht zuwendete, war dies beinahe bis zur Unkenntlichkeit geschwollen durch Tränen, Wut und schlaflose Stunden. »Aber Male!« kopfschüttelte ich betrübt und vorwurfsvoll. »Ich weiß schonst, was jnedig Frauchen sagen wollen,« fuhr mich unser lieber Drache an, »ich jehe aber schonst, un wenn der Willem und die Annchen nach vierzehn Tagen noch da seind, denn komme ich, was ich bin, iberhaupt nich wieder. So'n naupertschiger Lorbaß.« Ich ignorierte die zarte Bezeichnung und bemerkte nur ganz ruhig: »Also vierzehn Tage willst du bleiben?« »Aber warum schleppst du diese unmögliche Bundeslade mit, du hast ja mindestens zwanzig Mark Überfracht!« »Das weiß ich nich, ich weiß bloß, daß ich da nich als wie 'n Schnorrer un Pracher ankommen will.« »Aber den Nähtisch mußt du hierlassen, liebe Male, den befördern sie dir gar nicht.« Meine Stimme schmolz schier in Weichheit, um sie nicht zu reizen. »So'n Pack, so'n ...« (hier folgte ein gänzlich unparlamentarischer Ausdruck, so daß ich schreckhaft zusammenzuckte). Male löste mit wuchtigen Schnitten das Nähtischungetüm los. »Und wenn mich nun was platzt?« fragte sie barsch. »Dann haben sie dort wohl auch Nähnadel und Zwirn, beste Male, im übrigen genügt ein kleines Kästchen mit dem nötigen Material.« Die »beste« Male brummte noch was Unhöfliches und ich ging ins Eßzimmer, dessen Tisch ich heute selbst decken mußte trotz dreier Dienstboten. Nachdem Friedel und Karstel zur Schule befördert waren, wobei Male, um nicht weich zu werden, ihr wütendstes Gesicht aufgesteckt hatte, was den Abschied sehr erleichterte, kam mein Mann. Die Weine des Kasinowirtes schienen ebenso miserabel gewesen zu sein, wie das Essen, denn der Herr Major waren unglaublich gnittrig. Selbst Bubi hatte mit seinen goldigen Späßchen und Sprechversuchen keinen Lacherfolg und schob die Unterlippe bedenklich vor. Während mein Gatte noch die Zeitung las und den Mokka mit so krauser Stirn schlürfte, als sei es ein Schierlingsbecher, erschien Male mit einem geheimnisvoll eingewickelten Gegenstand. Sie tat ein Paar Schritte zu meinem Manne hin, besah den eifrig Lesenden von allen Seiten und schritt wortlos wieder hinaus. Dann erhob sich mein Mann, klingelte nach Willem und zog sich mit diesem ins Schlafzimmer zurück. Ich wußte, – er mußte Gala anlegen, der Kommandierende hatte befohlen. Endlich kam er wieder im höchsten Glanz, aber auch sehr eilig und verdrießlich. Ich bekam den hundertsten Teil eines normalen Kusses und er wollte eben fortrennen, als sich Male breitspurig hinstellte. »Ich mecht' bitten, Herr Major, – ich reise nachher und nu wollt' ich mein Sparkassenbuch iberjeben, es is um Leben un Sterben.« »Konnten Sie denn das nicht vorhin tun?« donnerte mein Mann. »Ne, Herr Major, so was Ernstes kann man nich mit jemand besprechen, der bloß 'ne Litewka anhat. In Uniform – so gehört sich's. Un alle Ordens, Kreuz, Kringel und Zwieback – so gefällt mir's.« »Male, Sie sind übergeschnappt,« schrie mein Mann, aber das Unglaubliche geschah dennoch, er schloß das Sparkassenbuch in seinen Schreibtisch und schrieb Male noch einen Schein, den sie sich gleich in den Busen als sichersten Aufbewahrungsort steckte. Dann raste er fort, ohne Male Lebewohl zu sagen, was sie ihm aber nicht übelnahm. »Es hätte mir doch nur übermannt,« sagte sie mild und »der Herr Major können mir nich beleidigen.« Um 9‹1/2› Uhr klingelte es und der Bote brachte ein Telegramm. Male trug es mir totenblaß mit zitternden Fingern zu. »Es ist ja an dich,« sagte ich seelenruhig, »sieh, da steht es: ›Amalie Buttgereit bei Herrn Major von Tannern.‹ Mach' es nur auf.« »Nich um de Welt,« schrie Male. »Aber warum denn nicht?« »Achottachott! Da is jewiß jemand jestorben.« »Das ist doch nicht nötig, es kann ja auch jemand geboren sein,« »Ne, ich hab' niemand, der geboren werden kann un ich rihr' das Ding nich an.« »Sei doch nicht töricht. Ein Telegramm ist doch immer was Wichtiges.« »Natierlich! Ich weiß schon! Was Wichtiges! Was Schreckliches! Die Linachen is jestorben, meine Schwäjerin, die hatte es immer so uff der Brust. Ach das Unjlick, das Unjlick! Mein armer Bruder! Uuuuuuh! Un sieben Kinder! Un das Jüngste noch nich aus die Schule! Uhhhhhh! Und ich muß zu die Beerdigung nach Schmaleningken. Und ich hab' nichts anzuziehn! Uuuuuuihh!« »Male, du bist doch unglaublich! Anstatt nun das Papier zu lesen, quälst du dich mit schwarzen Gedanken. Komm her, öffne es, es kann ja auch was Erfreuliches drin stehen.« »Achottachott!« Male streckte unsicher die Hand aus, zog sie aber im nächsten Augenblick wieder zurück. »Ich kann's nich, es jeht mir kunträr jejen alles Jefiehl. Es steht was Schreckliches drin, – telejraphen tut nur einer, der dod is.« Mit einem Ruck entfaltete ich das Papier, ein Schrei von Male und zwei weitere von »die Annchen« und »Willem« begleiteten meine Tat. »Schön willkommen in Dörrberg. Familie Labkau« – las ich und warf Male ärgerlich das Telegramm zu. »Frau Majorin haben Mut,« sagte sie bewundernd, »ich hätt's nich jekonnt. Aber dieser Halunke, der Labkau, braucht mir auch nich so zu erschrecken, so'n Neumodscher. – – Postagente is er jeworden, da is ihm der Grugel vor die Dingers abjekommen. Na scheen, nu kann ich ja reisen.« Male glättete das Papier sorgfältig und steckte es gleichfalls als wichtige Sache in ihre Taille, und da noch einige Zettel folgten, knitterte und knisterte Male bei ihrer Abreise nur so vor lauter Literatur. Um 10 Uhr brachten »die Annchen« und »Willem« unsere Male zur Bahn. Vorher wurde ich noch von ihr bis aufs Blut mit Ermahnungen und Ratschlägen gepeinigt. Drei davon sind mir besonders lebhaft im Gedächtnis geblieben: 1. Immer de Kinder um sich drumrum haben! 2. Immer hibsch horchen, wenn der Herr Major ruft. 3. Nich im Bette lesen! Endlich war sie fort! O dieses Aufatmen! Ich war um mindestens zehn Jahre verjüngt, nahm Bubi auf den Arm und tanzte mit ihm herum. Gegen 12 Uhr kamen Willem und Anna zurück, »Male hätte beinahe den Zug versäumt,« berichteten sie, »und die Bundeslade wäre jedenfalls nicht mitgekommen.« »Aber ihr seid doch 1\½ Stunden vorher fortgegangen, wie ist denn das nur möglich?« fragte ich ärgerlich. Willem griente. »Das is man, Frau Majorin, weil niemand das Undiert schleppen konnte, ich bin auch schon buglahm un habe mir in die Fesselgelenke lädiert. Der Kerl von Ziviliste aber, der sich ›Kofferdräger‹ schimpfte, war nur Haut un Mehlspeise ohne Schellatine, der ließ das Luder fallen, – da lag's.« Willem griente wieder. »Na und da liegt es wohl noch?« fragte ich erschrocken. »Neee, das schonst nich. Aber Male haute dem Dienstmann gleich 'ne Horbel runter, un er ließ sie ja auch unsanft an; – sie is ja noch so mit'n blauen Auge davon gekommen, aber sehr blau is es un auch stark geschwollen. Un der Kofferträger will ihr auch noch verklagen, ein Schutzmann hat allens uffjeschrieben. Ich bin Zeuge!« Willem strahlte, als hätte er damit was besonders Schönes verkündet, während ich ganz geknickt war und eine Reihe unabsehbarer Scherereien vor mir erblickte. Arme Male! Ich widmete ihr einen mitleidigen Seufzer, konnte mich aber nicht lange bei ihr aufhalten, denn es erschien Besuch. Die Frau Oberstleutnant Hartlin kam, dazu die Frau Rittmeister von Kauffungen, ja ganz zuletzt als schönste Überraschung unsere Oberstin selbst, Frau von Willusch, die überhaupt die Damen angestiftet hatte, zu mir zu gehen. Sie brachte die Botschaft, daß unsere Herren alle beim General speisen sollten, so machte uns denn »die Annchen« ein sehr feines, nettes, kleines déjeuner dînatoire zurecht, das bei allen Beteiligten Entzücken hervorrief. Na und Weinkenner bin ich selbst, – es waren nicht die schlechtesten Marken, die ich kalt stellen ließ, – wir wurden schließlich sehr fidel und ich gab Males Abenteuer zum besten, was die Heiterkeit noch erhöhte. Gegen 4 Uhr holten die Herren ihre Damen ab und tranken noch recht gemütlich den Kaffee bei uns, der Kampf mit dem Drachen und die zeitweilige Befreiung davon wurde gebührend belacht und besprochen, bis ich sagte: »Aber 'ne Perle ist sie doch, und ich wollte sie nicht um die Welt missen.« »So ist's recht, meine Gnädigste,« stimmte unser Oberst bei, während einige Damen lauten Einspruch erhoben. »Unsere altmodischen, groben, aber goldtreuen Dienstboten sterben allmählich aus, wohl Ihnen, verehrte Frau, daß Sie noch solch ein Kleinod bergen.« »Aber der Respekt!« fiel hier die Rittmeisterin ein, die jedes Vierteljahr eine »Neue« hat. »Ach, was Respekt!« Unser Oberst wurde ganz warm. »Nehmen wir lieber das gute, deutsche Wort ›Achtung‹! Und Achtung haben diese alten, treuen Dienstboten noch vor ihrer Herrschaft, sie halten ihre Ehre hoch und geigen jedem die Wahrheit, der mal ein angreifendes Wort fallen läßt. Wir sind gute Freunde, die Male und ich. Sie steht immer stramm wie'n alter Soldat, wenn ich komme, das hinderte sie aber nicht, mir neulich zu sagen: ›Bitte, kratzen der Herr Oberst die Stiebeln noch'n bißchen besser ab, sonst liegt wieder die halbe Kaiserstraße auf'n Parkett un die Frau Majorin schimpft!‹« Die schreckliche Male! Ich wurde natürlich glühend rot und verlegen, aber unser lieber Oberst lachte so herzlich und alle stimmten tosend ein. Gegen Abend waren wir wieder allein. »Du bist ja so still,« fragte mein Mann, »hat dich der Überfall zu sehr angestrengt?« »Ach nein,« entgegnete ich, »ich sorg' mich um Male.« »Na nu?« »Ja, sie ist das Reisen nicht gewöhnt. Ob sie wohl glücklich angekommen ist? Ich wollt', sie wäre wieder da!« Draußen klingelte es, das heißt, man mußte schon scharfe Ohren haben, um dieses traurige »Pink« als Klingeln aufzufassen. Willem öffnete, wir hörten Ausrufe und erregtes Sprechen, dann den jubelnden Schrei der beiden Buben: Male! Liebe Male! Unsere Male!« Sie war es, sie schritt herein in Lebensgröße, und außer dem stark geschwollenen, blauen Auge unverändert. Langsam kam sie auf uns zu und reichte uns stumm die Hand. » Male, wo kommst du her? « »Von Dietendorf. Ich bin ja da woll jleich wieder in den Zug gestiegen, der nach C. zurick jeht, ich hab' das erst jemerkt, wie ich hier den bekannten Bahnhof sah.« Die Tränen stürzten ihr aus den Augen, sie küßte meine Hand, meinen Rocksaum und schüttelte meinem Mann beinahe den Arm aus der Kugel. Die Jungens wurden geküßt und gestreichelt, »herrje, seid ihr jewachsen,« rief sie erstaunt und dann preßte sie Bubi stürmisch an ihr altes, braves Herz. »Mein Jungchen, mein Einziges, mein Trautstes, mein Dickus, wie hab' ich mir jebangt!« Also Male war wieder da. Sie revidierte sofort gründlich den ganzen Haushalt, fand ein von meinem Manne zerbrochenes Glas, das sie ihm mit den Worten unter die Nase hielt: »Man kann doch auch nich den Ricken wenden.« Male will nie wieder auf Urlaub. Aber ihre Zeitrechnung datiert nur noch von ihrer Reise an. »Als ich damals nach Dörrberg wollte!« »Als damals meine Lade nich mitkam.« »Als ich mich damals mit'n Dienstmann prijelte.« Jedenfalls ist der Zweck erreicht, sie kann jetzt mitreden, wenn von »Erholungsreisen« die Rede ist, ach und ich segne die Reise auch in anderer Beziehung: Male ist so sanft seitdem, denn ein Schreckgespenst steht ihr vor Augen, der drohende »Termin«. Male hat eine Vorladung bekommen und es tröstet sie wenig, daß Willem sagt: »Male, wenn Sie sitzen müssen, besuch' ich Ihnen.« Brave Male! * Ende. Tagebuch einer Dienstmagd. Aus einer alten Schublade hervorgesucht. Gute, treue, selbstlose Dienstboten werden bald zu den allergrößten Seltenheiten gehören. Man wird sie dann vielleicht ausstellen können und einen hohen Eintrittspreis dafür verlangen dürfen. Unsere alte Line läßt sich nicht ausstellen, – schade. Sie ist dreißig Jahre in unserer Familie gewesen und vor ein Paar Tagen ins Stift übergesiedelt, worin sie, will's Gott, einen schönen, ruhigen Lebensabend verbringen wird. Einundfünfzig Jahre ist sie alt, ein Herzleiden macht ihr zu schaffen, oder, wie sie selbst sich ausdrückt: »Manchmal pocht's und rummelt's und piekt's, – nich von Pappe!« – Man hatte mir in den verschiedensten Kaffeeschlachten erzählt, daß man wahrhaft Ungeheuerliches vorfände, wenn man nach einem Dienstbotenwechsel eine Inspektionsreise durch die verlassenen Räume antrete. Gute, alte Line! Das paßt alles nicht auf dich. – Noch mit den Abschiedstränen im Auge, stieg ich, als ich dich ins Stift geleitet, in dein verlassenes Stübchen, welches mir viel zu lieb war, um es der »Neuen« einzuräumen. Für mich selbst wollte ich es haben, um in den Stunden hinaufflüchten zu können, da auch mein Herz manchmal »pocht, rummelt und piekst«, – so ein einsam Stäbchen ist dann Goldes wert. Eine alte Kommode stand in Lines Kammer, – Urväterhausrat. Die oberste Schublade quiekste beim Herausziehen genau wie Grillparzers Ahnfrau, – es war für uns Kinder immer ein schauerlich-schöner Augenblick, wenn sie aufgezogen wurde. In dieser Kommode nun fand ich auch etwas Erstaunliches, etwas ganz Liebes, aber ich überwand mich, schaute es nicht tiefer an, sondern brachte es Line ins Stift. »Herr du meines Lebens, mein Tagebuch!« rief sie und wurde ganz rot dabei, »das will ich mal mit in meinen Sarg haben.« »Das sollst du auch, Line, – aber darf ich es nicht vorher lesen?« Sie zögerte etwas. »Wer weiß, ob's Ihnen angenehm ist, gnädig Frauchen,« entgegnete sie in ihrer lieben, unverfälschten ostpreußischen Mundart, »es steht alles haarklein von Ihrer Familie drin, und wenn's auch 'ne honette Familie is, – sein Gespenst hat jeder.« »Gib es mir, Line!« »Na nu ja. Aber der Herr Hauptmann (das ist mein Mann) muß es mit lesen, denn er is 'ne beruhigte Natur, – Sie sind zu bullerig, gnä Frauchen.« Auf diese freundliche Erlaubnis hin las ich Lines Tagebuch, – mit etwas Lächeln und vielem, vielem Herzweh. »Line, es hat keinen Schluß,« sagte ich heute zu ihr, als ich es ihr wiederbrachte. »Den weiß ich auch nicht,« meinte sie, »aber unser Herrgott kennt ihn.« »Gute Line, du hast jetzt viel Zeit, schreibe das Tagebuch fertig. Sieh, ich habe eine große Bitte, – ich möchte es drucken lassen.« »Herr du meines Lebens, das is mir peinlich.« Ich wurde ernst. »Line, – dann müßte es uns doch zuerst peinlich sein, du hast über unsere Familie geschrieben.« »So?« rief Line. »Alles was da nich schön is, is Schicksalstücke gewesen, aber meine Dummheiten stehen auch haarklein drin, und die hab' ich für mich allein gemacht und muß dafür aufkommen.« »Du bekommst viel Geld dafür, Line, – ich suche einen Verleger.« »Na, so arg verlegen braucht er nicht zu sein, es steht nichts Unrechtes drin.« »Gute Line, so erlaubst du es also?« »Wenn es richtig, ehrlich gedruckt wird, wie alle andern Lügen in die Zeitungens, und daß ich es ohne Brille lesen kann, – in Gottsnamen!« Und so darf ich es also dem Leser in Gottes Namen vorlegen: » Lines Tagebuch .« Gumbinnen, 1. April 1875. »Mit Gott fang an, mit Gott hör auf, das ist der rechte Lebenslauf.« Diesen Spruch hat mir die alte Gnädige in diesem Buche geschrieben und nun kaue ich an die Feder und weiß keinen Anfang. Ich bin mehr mit's Lesen, als mit's Schreiben, aber die alte Gnädige meint, man könnte sich über sein inwendiges Gewissen Rechenschaft geben, wenn man jeden Abend seine Gedanken aufschreibt. Was nützen mir aber meine Gedankens, wenn ich doch keinen Anfang weiß. Nähgarn – 5 [?]. Knöpfe – 5 [?]. 1 Briefmarke for Mutter 10 [?]. Litze an mein gutes, schwarzes Kleid, was durchgestoßen 23 [?]. Eben kam die alte Gnädige und besah sich meine Schreiberei. Sie sagt, das war nun schon ein Anfang, – das ist doch merkwürdig, wo ich ihm immer noch im Kopfe suchte, und ich brauche nun bloß so weiterzuschreiben. Ich bin Luise, Emilie, Auguste, Emmeline Wardukeit, geboren in Kraupischken am 29. Juni 18 ... Meine Mutter hat mich in Gottesfurcht erzogen, wo ich Vater nicht mehr gekannt und als Kesselflicker auf der Wanderschaft gestorben. Dann tat sie mich gleich bei's Vieh, ein schwerer Dienst im Litauischen drin mit zugigem Stall und auch Prügeln, die aber keinem Menschen nichts schaden. Die Prügel waren gesund und Gottesfürchtig, wie der Verwalter selber. Der gab sie uns. Aber der Zug und die Nässe in den Ställen, wo nichts dran gemacht wurde, war ungesund, da wäre ich eines schönen Tages beinahe weggestorben und kam noch halbtot aufs Schloß als Jungfer. Und war die gnädige Baronin ein Satan und hatte einen Bruder, der war schön von Gesicht und wollte mir streicheln, wenn die gnädige Baronin mir geschlagen hatte. Und da hat mir mein Schutzgeist behütet und bin in Nacht und Nebel ausgerissen und kam auch brav zurück zu meiner Mutter. Die ist immer fromm und gut gewesen, aber dazumalen hat sie schrecklich geflucht, wie ich ihr in der Nacht so alles erzählt habe. Dann kam ich beim Wirt in Dienst, denn wir sind blutarm und kann nicht auf der faulen Haut liegen. Aber ein wüstes Treiben war da und ich konnt nicht mittun vor Angst, wenn die Leut betrunken und gottlos waren. Da bekam ich wieder viel Schläge, die müssen aber sein. Und der Malte Kossagoff war auch als Knecht da und ein staatscher Mensch. Er kriegte auch keine Prügel, weil er den Wirt gegen die Wand warf und Arbeit tat für vier. Dem war ich gut. Wenn er abends den roten Sarafan sang und die Stimme so tönen ließ, dann wurden sie alle still und ich betete zu meinem Schutzgeist, damit ich dem Malte Kossagoff nicht um den Hals fiel. Dann hab ich ihn doch geküßt und wir sparten zusammen. Vierhundert Mark mußten es sein, sonst gab es keine Lizenz. Ich war ein schönes Mädchen. Er nannte mich Maruschka nach einem alten Liede. Er hatte auch Wörter, wie sie gedruckt stehen und konnte sie gut sagen. »Maruschka, du hast zwei Sonnenaugen, die brennen mich durch und durch.« »So ruf den heiligen Florian,« habe ich dann gesagt, und ich rief ihm heimlich selber für mich an. Dann lachten wir unbändig und er küßte mich, bis ich ohne Odem war. Beinahe hatten wir schon fünfhundert Mark zusammen in all den Jahren, da kamen die Blattern. Zigeuner hatten sie eingeschleppt und viele starben, nur der Malte Kossagoff bekam sie gar nicht und ich wurde wieder gesund und sah wüst aus. Der Malte hat geschaudert über und über vor mir und ich hab stumm dagesessen. Dann ist er fortgemacht ins Rußland hinein, wo ich nie wieder von ihm hörte, meine hundert Mark ließ er mir aber, er war ja nicht schlecht, konnte nur nichts Häßliches sehen. Dann kam das Manöver und der Herr Major, wo ich heute bin, saß in der Herrenstube im Wirtshaus und viele andere Offiziere dabei, und ich bediente ihn jeden Tag. Wie er wegging, fragte er mich, ob ich bei seine Gemahlin nach Gumbinnen wollte und 30 Taler Lohn. Achott dreißig blanke Taler! Ich meint, ich müßt' sterben vor Freude, daß der Herrgott so was übrig hätte für die arme Line. Kriegte auch gleich einen Taler Handgeld und konnte mich anschaffen zum neuen Dienst. Der Jude Levy kam auch und ich kaufte ein schwarzes Kleid, was sich nun schon allerwegen durchstößt, kaum ein Vierteljahr alt un sone Gemeinheit. Und Hemden und ein Wattenunterrock und die Mutter gab mir Strümpfe und der Herr Pfarrer ein Paar Lederschuhe, denn ich darf hier nicht barfuß gehen. Zu meinem Geburtstag werde ich zwanzig Jahr, aber meine Blatternarben sagen mir, ich bin schon dreißig Jahr vorbei und alle Mannsbilder kucken weg, wenn ich komme. Ist auch keiner darunter wie der Malte Kossagoff. Hier ist eine schöne Wohnung unter den Linden und der Pregel fließt vorbei, er ist erst ein paar Tage ohne Eisgang und nun kommt der Frühling. Aber ich merk den Frühling nicht am Pregel, ich merk ihm am Storch. Der kam heut Nacht und brachte meiner jungen, gnädigen Majorin eine Babinka, ein Töchterchen, ein schönes, und sie nennen es »Ingeborg«. Ein Jungherr ist auch schon da und heute zum erstenmal in die Schule gezogen mit einer großen Zuckertüte, die hat der Storch mitgebracht. Nun will er morgen wieder ein Schwesterchen haben; der Jungherr Richard, und als die alte Gnädige sagten, dann würde die arme Mama ja wieder gebissen, da meinte er: »I Großmuusch, so laß ihn die Line beißen.« Es ist ein schönes, gesegnetes Haus hier. Der Herr Pfarrer in Kraupischken hat in mein Gesangbuch geschrieben: »Nun aber bleibet Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei, aber die Liebe ist die größte unter ihnen.« So ist dieses Haus. Der Herr Major ist ein Meter und 84 cm groß, so steht es an der grauen Flügeltür, wo sie sich immer dran messen. Er heißt Ernst von Lindefeld. Die junge Gnädige heißt Rose von Lindefeld geborene von Duras. Die alte Gnädige heißt Frau von Duras oder Großmuusch, sie ist bloß ein Meter und 50 cm groß und der Bursche sagt, das wär's richtige Maß für eine Großmutter. Der Bursche heißt Pawlik Kassubei, er ist nicht so dumm, wie er aussieht. Dann ist noch ein Diener da, Just Steffens, ein Affe. Er ist, mich dünkts, vornehmer noch als die gnädige Herrschaft, denn er spricht nicht mit mich und nicht mit Pawlik, nur mit der Köchin spricht er und tut wunder wie wunder. Die päppelt ihn groß, denn er ist schmal wie ein Stichling, das nennt er fein, aber er futtert für sechs. Seine Sache tut er aber ja ganz gut, ich will auch nicht auf meine Nebenmenschen was hinschmeißen, und wenn er mir nich ankuckt, soll er Gotteslohn für haben, ich habe an alle Mannsleut über und übergenug. Die Köchin is ne Staatsche, hat'n Federhut zu Sonntag und trägt kein eigengemachtes Zeug, aber sie kocht gut und will mir belernen. Sie is ne Ausländerin, aus Hessen-Kassel und wenn der Just Steffens ihr mal dumm kommt, dann sagte sie: »Du has wohl was im Aug?« Ich versteh ihr nicht und sie mir nicht, aber in der Arbeit, da sind wir all Eins. den 25. April. Ich hab geglaubt, ich könnt der Gnädigen nur so den Gefallen tun und jeden Abend was hinschreiben, das geht aber nicht nur so, und sie siehts ein. Sie weiß aber auch, daß ich abends bete und dann gleich einschlafe, denn ich hab' Arbeit genug und bin todmüde, wenn wir auch viele Dienstboten hier sind. Aber der Just arbeitet sich nicht tot und die Trinchen, das ist die Köchin, die will keinen Fummel mehr tun als ihre Küche, da bleibt die Riesenwohnung auf mir und dem Burschen liegen. Das Kind, die kleine Ingeborg, ist gut und ist nun fünfundzwanzig Tage alt. Und wenn es auch grad am 1. April geboren ist, sind wir doch nicht mit ihm angeführt worden. Mit dem Bismarck ja auch nicht. Ich wußt früher nix von ihm, aber nun muß ich jeden Tag den Staub von ihm wegwischen, er steht ganz weiß und wie lebendig in Herrn Major seinem Arbeitszimmer, aber ohne Beine. Seinen Metier nach is er Baumeister, wenn ich den Herrn Major recht verstanden hab'. Ich wisch gern Staub in den Zimmern. Wenn ich dann so an einen Gegenstand komme, den ich nich verstehe, denn sagt mich das der Herr Major oder die kleine Gnädige und sagt auch, ich wär nich dumm und hätte 'n sehr guten Lehrer gehabt und gut aufgepaßt. Welche sind da, können nicht lesen und schreiben. Der Pawlik macht ein Kreuz neben das andere, bis dreie dastehn, – wollte ich mir doch zu Tode schämen, wenn ichs so machen müßte und die Leute sollten dann glauben, die drei Kreuze hießen Emmeline Wardukeit. Wir in Kraupischken machen drei Kreuze vor der »Mab« und den »Alben« und dem »Gottseibeiuns,« so gehört sich's. Außer den Bismarck steht noch der Kaiser da, den ich schon von früher her kenne aus meinem Wirt seiner guten Stube und denn ist auch noch ein Mann da, Moltke heißt er, meint der Herr Major, manchmal sagt er auch: »Der große Schweiger.« Ich wollte schon mal fragen, weshalb, aber alles brauch ich auch nich zu wissen, – kluge Kinder sterben früh, sagte meine Mutter, und ich war immer ein kluges, begieriges Kind. Und groß ist der Herr Moltke nicht und hat ebenso keine Beine wie die beiden andern, und daß er schweigt, fällt nicht auf, die beiden andern tuns auch. Aber wie ich an den Briefbeschwerer kam, hat mir der Herr Major erzählt, das war zu schön. Der Briefbeschwerer stellt ein Ding vor, wo aus die Kanone geschossen wird, und heißt »Schrapnell«. Hat so'n elendes Stück davon meinem Herrn Major den Mittelfinger fortgerissen, ist aber schön geheilt, 's war in Wörth und ist ihm dafür das eiserne Kreuz an die Brust geflogen, sagt die kleine Gnädige und denn lacht sie und küßt das eiserne Kreuz, – ich wollt' schon lieber den Herrn Major selber küssen. Er ist ein feiner, schöner Herr und ein arg guter Herr. Wenn er seiner Frau so abends vom großen Kriege erzählt, denn leuchten seine Augen, wie wenn sie der Pawlik auf der Knopfgabel geputzt hätt'. Und ich sitz' nebenbei mit'n Strickstrumpf an Klein-Ingeborgs Wiege und spitz' die Ohren. Denn das hört sich anders an, als wie der Wirt erzählte, da war immer alles bloß Blut und Schinderei, – aber der Herr Major spricht mehr mit das Herz, man grault sich nicht dabei, man heult nur so los und denn singt man die Wacht am Rhein. – Es ist mir auch sonst noch eine Ehre widerfahren. Die soll mir aber nicht hochmütig machen, denn Hochmut kommt vor dem Falle, und wenn ich auch eine pockennarbigte Dienstmagd bin, so will ich doch immer aufrecht stehen. Die junge Gnädige bekam nämlich das Wochenfieber, und wir glaubten, der liebe Gott brauchte da oben einen Engel und wollte sie raufholen. Da hatte ich die Ehre und durfte bei meiner gnädigen Herrschaft wachen in dem seinen Schlafzimmer, wo kein Strohsack ist, sondern lauter seidene Decken und Federbetten. Und der Herr Oberstabsarzt sagte, ich wär 'ne geborene Diakonissin und hätte eine gelinde Hand. Solche hohe Herrn spaßen gern mit unsereins, und meinens nicht so, denn ich bin doch bloß eine geborene Emmeline Wardukeit und meine Hände sind rauh wie ein Reibeisen von der harten Arbeit beis Vieh und bein Herrn Wirt in Kraupischken. Aber ich macht' meinen Knicks vorn Herrn Oberstabsarzt und wachte die ganze Nacht, und wenn der Schlaf kommen wollte, betete ich für das gute, junge Leben meiner kleinen Majorin und machte neue Umschläge, und da sagte der liebe Herrgott »Kusch dich« zum Gevatter Tod und der mußte mit eingekniffenem Schwanz davonziehen wie'n geprügelter Hund. Der Herr Oberstabsarzt nannte diesen Tag »die Kriesis«, denn er ist sehr mit Fremdwörters behaftet, und der Herr Major und die alte Gnädige waren sehr weichmütig, was ich nicht vertragen kann und schüttelten meine Hände, wie wenn ich 'ne feine Dame wäre. Und plötzlich hatt' ich ein Sparkassenbuch am Halse mit hundert Mark drin, daß ich mir reineweg die ganze Welt und 'n neuen Unterrock hätt' kaufen können. Tat's aber nicht, denn die ganze Welt brauch ich nicht, sind mir da zu viel Mannsleute drauf, und das Sparkassenbuch trug ich wieder hin, wo's hergekommen war und ließ mir lieber das bare Geld rausgeben und tats in einen Strumpf, den legt ich unter mein Kopfkissen, – sicher is sicher! Das soll für mein Begräbnis sein. Einen Zettel hab ich beigelegt, da stehts drauf, was ich will. Einen hellgelben Sarg und ein Sterbehemd bis auf die Füße und einen grünen Myrthenkranz, denn das ist mein Stolz. 26. April. Das kann die Gnädige nicht verlangen, daß ich jeden Tag schreibe, als wäre ich ein Kalendermacher. Ich tu meine Arbeit und esse meine Pastinaken mit Speck oder auch graue Erbsen, aber das mag ich abends alles nicht noch einmal durchkauen, als wärs was Besonderes. Einen Blumenstock fürn Herrn Major seinen Geburtstag 35 Pfennige. Und für'n Taler Schimpfe retur, daß ich'n Schafskopp war, und sollte mir nicht in Unkosten stürzen. Doch meints der Herr Major nicht so, und hat sich doch gefreut und mir die Hand gegeben und hab ihm wieder verziehen. 3. Mai 1875. Warum hat die junge und die alte Gnädige nicht locker gelassen und mir hingejagt zu das Frühlingsfest oben im Fichtenwäldchen. Ich hab nicht gewollt und nicht gewollt und hab' mir stramm auf die Hinterbeine gesetzt, aber ich bin nur eine arme Magd, und sie sind mit das Befehlen im Leibe geboren. Wenn die Sache nun schief geht, bin ich ein unschuldiges Lamm und die Herrschaft ist schuld und hat den Schaden, denn er will mir heiraten. Trotz meiner Pocken, wo kein Fleck heil ist im Gesicht, ist also noch besser von Gemüt als der Malte Kossagoff, der nichts Häßliches konnte sehen und mir verließ. Schön ist der Iwan auch, nur schielt er, – oder ist es Schüchternheit, daß er Jemand nicht gern ins Gesicht sehen mag? Sehr lustig ist er auch, lustiger wie der Malte war, aber nicht so stark, er ist noch feiner in die Knochen, wie ich. Das ist doch mal was anderes, und ich bin bei meine Herrschaft auch mehr so an das Feine gewöhnt. Ich hatt schon lang gemerkt, daß er immer näher an mir heran kam, und dann tanzten wir »Hackenschottsch« und denn ließ er mir heißen, süßen Wein bringen, der ging ins Blut, sonst hätt' ich wohl nicht »ach'n Paar Dittchenschuh« gehüpft und laut gejuchzt. Ich hätte auch nicht geglaubt, daß mein Herz noch mal schlagen könnt', wie wenn der Malte Kossagoff vor der Wirtstür nach Feierabend stünde, – aber es ist doch so. Man ist eben nur ein Mensch, und unser Herrgott will, man soll fröhlich sein, warum dazu Mannsleute gehören, ist dem Herrgott seine Sach'. 10. Mai. Ich tu mein Arbeit, schikanieren laß ich mir nicht. Der Iwan war hier, in allen Ehren. Ich hatte meinen Ausgang, und er wollte mir begleiten. Und nun gefällt er den beiden Gnädigen nicht. Hat mich denn die Gnädige gefragt, ob mir der Herr Major gefällt? Na, er gefällt mir, aber es könnt' auch anders sein, und müßt doch dienen und seine Stiebeln wichsen, wenn der Bursche Dienst hat. Und die kleine Gnädige braucht nicht mal dem Iwan die Stiebeln zu wichsen. Verlangt niemand. Könnt aber nicht schaden. Die Vornehmen – – – – – – – – – – – Emmeline Wardukeit! Du willst ein Tagebuch schreiben und dein inwendiges Gewissen beleuchten und jetzt schreibst du, was du gar nie gedacht hast, sondern man bloß der Iwan. Aber er hat recht. 11. Mai. Ich heul und heul. Da ist die kleine Gnädige mit vieler Herzensgüte, aber was nützt diese mich, wenn sie nicht will, daß ich mit dem Iwan gehen soll. Ich hab ihr Stein und Bein gesagt, daß der Iwan es ehrlich meint mit Kirche und dem neumodschen Standesamt sogar. Doppelt hält besser. Aber so zart, wie sie man is, die kleine Gnädige, sie kann obsternatsch sein, wien Herrn Pfarrer in Kraupischken sein Handpferd. 12. Mai. »Entweder – oder,« sagt die alte Gnädige und sieht mir böse an. Der Iwan meint »oder«. »Wirf ihnen den Kram vor die Füße, Line,« sagt er, – »wir fangen ein fideles Leben an.« Und das könnten wir, denn – Himmel, ich hab es vergessen aufzuschreiben, ich hab' eine Erbschaft gemacht. Der Herr Major riefen mich und gaben mich einen gestempelten und gesiegelten Brief, – ich rührt ihm aber nicht an. Na, denn mußte ichs doch, denn der Herr Major meinten gütigst, ich wäre »horndumm« – – da fielen sie raus, – zwei blaue Papierdinger, – und wären zweihundert Mark, – sagt der Herr Major. – »Wers glaubt,« sag' ich. – Eine alte Bas' hats mir hinterlassen, sagt das Gericht. Grad', als ob das Reichwerden nur so auf mich lauerte. Ich hab mein Abendgebet noch mal so lang gesprochen und die blauen Dinger wollt ich in den Strumpf zu meinen Begräbnisgroschen tun, da kams raus, daß ich das Geld aus dem Sparkassenbuch geholt hatte. Der Herr Major sagten, ich wär – – ne, ich schreib's nicht hin, 's ist sonst ein honetter Mann, und war immer gut zu mir und zu seine Soldatens, – ich will ihm hier nicht vorhalten, was für elende Schimpfwörter er weiß. Der Iwan freut sich ungeheuer, – er ist doch eine gute Seele – und wollte mir sogar küssen, trotz die Blatternarben, aber ich tat es nicht, es ist sone Art Hochmut von mich, weil ich dem Malte Kossagoff so doll geküßt hab. Der Iwan bestand auch nicht drauf, er ist da nicht rechthaberisch drin. Aber sonst – da ist er ein ganzer Mann. Ich sollt ihm die dreihundert Mark geben, – an mein Begrabenwerden dürft' ich noch nicht denken, – den Sarg und das Sterbehemd hatt' ich noch allemal übrig, und er wollt feste mitverdienen. Aber das Geld müßt' er haben, der Iwan; das wär Mannsrecht, und in der Bibel stünd, ich müßt gehorchen. Das gefällt mir so gut an ihm, daß er so fest mit die Bibel Bescheid weiß. Warum sollt' ich's auch ihm nicht geben? 15. Mai. Hätt' ichs nur getan! Nun hab ich mich der kleinen Gnädigen entdeckt und die hat mich angefahren: »Du wirst doch dem Kerl das Geld nicht geben?« – »Dem Kerl« hat sie gesagt, und das ging gegen meine Ehr. Denn sie hat dem Herrn Major selber einen ganzen Scheffel Geld gegeben, damit er sie konnt heiraten, das hat mir die Köchin selbst erzählt, und ist er drum doch auch noch lange kein Kerl. Und heut ist der fuffzehnte und ich kündige. War eine gute, liebe Stelle und Gott segne die Herrschaften bis ins Grab und besonders die kleine Gnädige, und den Jungherr und die Fräulein Ingeborg, was heute schon anderthalb Monat ist. Ach Gott und der Herr Major. Wo mirs beinahe das Herz abstößt, aus so einem Hause fortzugehen. Aber ich kann keins von ihnen heiraten und es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei – – – – – – – 20. Mai. Man sollt' nicht glauben, zu was so'n Buch gut ist. Keinem Menschen kann ich ins Aug' sehen vor Schmach und Schande und es ist eine Gnade Gottes, daß Er selbsten unsichtbar ist und kann ich auf solche Weise mit ihm sprechen. Und mit das Buch auch. Alles ist aus und verloren und habe keine Liebe mehr und möcht' sterben. – – – – – – – – – – – – – – – – – – Ich schlafe unten im Keller, ist aber hübsch gedielt und mit einem Fenster zum Garten hinaus und ordentlich Vorhängen, als wär man was. Die Köchin schläft sonst bei mich, war aber zu 'ner Hochzeit aufs Land. Und die Annchen von Leutnants zwei Treppen hoch, schläft nebenan und kommt sonst noch manchmal schwatzen, kann aber heut nicht, denn sie hat 'n hohlen Zahn und ich rieb ihr ein und macht ihr 'n Rum in den Zahn, der beißt alles weg und denn noch einen und noch einen. Mußt mich der Teufel reiten, so zu tun, denn sie konnt mein Schutzengel sein, war aber nun betrunken. Und wie es Nacht ist, wach' ich auf, denn es ist was bei mir und ich will schreien vor Grauen, da seh ich den Iwan – und ich schäm mich und krieche unter die Decke und er streichelt mich, und sagt, ich soll still sein. Aber ich weine und sag ihm laut, ich wär' ein ehrliches Mädchen und er sollt auf den Augenblick fortgehen, – da hörte ich den Hund anschlagen und er auch, und da packt er mein Kopfkissen, und mit einem Ruck hat er den Strumpf in der Hand, wo mein Geld drin ist und zischt mich an: »Meinst, ich bin deintwegen da, du pockennarbiges Ding?« Und schwingt sich durchs niedrige Fenster, – steht aber der Hund draußen und der Herr Major und ich zieh' mich zitternd rasch an und weine laut vor Angst um mein Geld und den Iwan. Und da waren im Nu alle da, wie hergeweht, – der Nachtwächter und der Herr Leutnant von oben und der Pawlik und der Just und der Bursche von Leutnants und alle besahen mir neugierig und den Iwan, – der hatte aber einen Strick um die Hände und die Füße und lag wie ein Bündel da. Und der Herr Major holte die Polizei und ich hatte meinen Strumpf wieder und schämte mich die Augen aus dem Kopfe und das Bündel war auf einmal weg, das sitzt jetzt hinter eisernen Gardinen und möcht' nur wissen, warum man sowas erleben muß in dieser miserabligten Welt. Wär ich doch nur kein reiches Mädchen nicht, und hätte den Iwan nie gesehen und die Falschheit in seine Brust. Das Geld ist nun alles auf die Sparkasse, es war mich einerlei, was damit geschieht, denn es hat mich ins Unglück gestürzt. Ich werd's wohl nie wiedersehn, – die fremden Leut auf der Sparkass' kümmern sich erst recht nicht um die Emmeline Wardukeit, – wo es schon der Iwan nicht tat; die machen sich 'n guten Tag mit die dreihundert Mark. Am meisten schäm' ich mich vor die kleine Gnädige und den Herrn Major, – sie haben mir nicht wien Hund auf die Straße gejagt, wo ich doch Unehre und Polizei ins Haus gebracht hab, – sie sind sogar noch in Liebe um mich rum, das ist zuviel. Ich möcht wohl im Pregel gehn, – aber ich scheue mir vor die Sünde. Und was soll wohl denn mein schöner, hellgelber Sarg nützen, wenn ich an die Mauer verscharrt werd' bei Nacht und Nebel und kein Mensch sieht ihm. Gott steh' mir bei! 25. Mai. Mir ist kein Arbeit zu viel. Das tut wohl, wenn man schuftet, bis man liegen bleibt und gleich einschläft. Ich brauch' nicht mehr in dem Keller zu schlafen, weil ich mir so erbärmlich fürchtete, sie haben mir herauf genommen in das Zimmer von das Fräuleinchen Ingeborg, – nun bewahrt mir das unschuldvolle Engelchen vor böse Träume. Ich schäme mir Tag und Nacht. Wenn das der Malte Kossagoff wüßt, daß ich ihm nicht mal ein Jahr bin treugeblieben, wo ich doch eine Marjell bin, und die sind immer treuer, als die Burschen. 30. Mai. Was der Jungherr Richard nicht schon all kann. Sechs Jahr ist er man alt und spielt auf seine Geige wie'n Engel. Das geht einen durch und durch. Denn macht er so Augens dazu, so sanfte und denn wieder feurige Augens und wenn man ihm fragt, was willst du werden, denn sagt er »Joachim«. Ich hab nicht gewußt, was das forn Metier ist, aber die junge Gnädige meint, es wär ein Geiger. Auch noch. Das würd' sich schlecht passen, wenn der Sohn von so vornehme Herrschaften wie meine Majors, wollt Geiger werden und Sonntags in der Schenke zum Tanz aufspielen. Wenn er mich mit Joachim kommt, denn sag ich: »I red un red. Du kommst bei die Soldaten und wirst Major wie der Herr Vater.« Denn lacht der Jungherr und fidelt die ganze Geige in die Höhe und sagt: »Phh! Joachim is was Besseres, der is König.« So was Dummes setzt ihm aber nur der Musje Kurbinsky in den Kopf, bei dem er das Fideln gelernt kriegt. Als ob man das noch lernen müßt! In Litauischen, wenn da ein Jung geboren wird, da steht gleich der Pate da und hält ihm mit einer Hand eine Fidel und mit der andern einen Geldsack hin. Wo das Jungchen hingrapscht mit die winzigen Finger, das wirds und gibt's nicht anderes, – ein Musikant oder ein Dieb. Der Herr Kurbinsky hat nach der Fidel gegriffen, aber er sieht mit seine schwarzen Locken und Augen und mit das gelbe Gesicht akkrat wien Räuber aus. Ich mach' immer 'ne Faust hinter ihm her, wenn er mir mal begegnet ist, – weil er alle verhext. Es ist gewiß eine große Sünde, an Hexen und Teufelszeug zu glauben, aber wenn es doch welche gibt? Ich hab selber eine mit leibeigenen Augen in Kraupischken gesehen und habe einen Stein nach ihr geworfen, der nich traf, sondern fuhr ins Fenster vom Herrn Pfarrer und nahm mich bei den Ohren. – I Gottchen nei, die Frau Majorin ist gut, aber für Hexen hat sie keinen Verstand und nun hockt sie auch beinahe jedesmal mit dem Herrn Major in die beiden roten Lehnsessels und der schwarze Hexensohn fidelt ihnen die Seel aus dem Leib, und Jungherr Richard treten beinah die lieben Augens aus dem Kopf, so starrt er ihm an und wir Dienstboten stehen draußen vor die Tür und es ist mich so, als liefe mein Herz aus mir raus über die littauische Heide und ich selbst bin wie angenagelt auf einem Fleck und muß dem Herrn Kurbinsky zuhören. Das sind alles schauderhafte Sachen und wozu hat man 'ne Polizei? Wollt auch nicht leiden, daß meine junge Frau so zuhörte, wie verzaubert, wenn ich der Herr Major wäre, – es ist ein Tausendglück, daß sie noch immer dabei seine Hand hält, ich mein' die vom Herrn Major, – die ist so groß und stark und man wird nicht so leicht stolpern dran. Wenn ich so was der Frau Majorin sagen täte, hui, die würde aufbegehren, und ich flög wohl zum Tempel naus, – sag' ich auch nichts aus inwendigen Gründen, denn erstens ist meine Frau rein wien Engel, zweitens kuckt sie nicht nach dem Scheusal, sondern nach der Geige und drittens bin ich selber nicht wert, daß ich sowas andern Leuten sage, – denn hätt' ich schon selber nicht stolpern müssen. – – – – – – – – – – – – – – – – – – – Es ist wieder mal Frühjahr, – – man merkts an weiter gar nichts, daß die Zeit so läuft, als an Klein-Ingeborg, die ist nun vier Jahre vorbei und Jungherr Richard ist zehn. Vier Jahre und dabei hab ich kaum was geschrieben, aber ich weiß alles. Es ist vielleicht besser, man bewahrt vieles im Herzen, als man schreibts auf und manches das vergißt man schon am besten, – aber so'n Tagebuch ist ein richtiger Merkstock. Was die großen, feinen Herrschaften für Not mit ihre Kinder haben. Bei uns, da heißt's, wenn 'n Jung seine vierzehn Jahr hat, wird er konfirmiert und denn kann er als Knecht sein schönes Fortkommen haben, manche tun natürlich auch vornehm und werden Schreiber. Aber das ist immer noch nicht so schlimm, als bei denen, die hochwohlgeboren auf die Welt kommen. Da sitzt nun der Herr Oberstleutnant, (denn das sind wir nun glücklich) mit der Frau Gemahlin und der Großmutter zusammen und beratschlagen über den Jungherr Richard, der soll fort in's Kadettenkorps. Das Kadettenkorps ist eine große Kaserne in Berlin und lauter Mannsleute sind drin, weshalb da unmöglich Reinlichkeit sein kann, wenn ich bloß dran denk, wie unsere Burschen unordentlich sind. Und wer näht dort Knöpfe an? Die Leutnänter? Ich glaubs nicht. Kein Wunder also, wenn unsere junge Gnädige dagegen ist, daß der Herr Richard fortkommt. Sie will, daß er studieren soll und Referendar oder Oberpräsident werden soll. – Ich weiß mit die Titel nicht genau Bescheid. Aber die Großmama spricht immer von der »alten Tradizion«, die litte es nicht, daß der junge Herr was anderes, als Offizier würde. Es ist also wahrscheinlich 'ne Erbtante, die »alte Tradizion«, mit der man's nicht verderben darf. Der Richard selbst wird gar nicht gefragt und er ist doch auch am Ende ein Mensch, wenn auch erst ein dummer, kleiner, zehnjähriger. Aber er soll doch sein ganzes Leben lang Offizier bleiben und man kann doch nicht wissen, ob er nicht lieber Oberpräsident, oder Pastor, als Kadett wird. Sein Gesicht ist ganz schmal geworden und aus dem Garten, da kommt er immer mit rotgeweinte Augen, denn da hat er so'n stilles Plätzchen, wo ihn niemand sieht im Birnbaum, und ich sagts auch mal dem Herrn Oberstleutnant, aber der meinte, er hätte wohl Leibweh, das hätten Jungens immer. Ich kochte ihm deshalb Fliedertee, und er durfte früher ins Bett gehen, und ich setzte mich auf seine Bettkante, und nach der dritten Tasse weinte er zum Herzbrechen und sagte, es wäre kein Leibweh, – er wollte Geiger werden. Na, da gab ich ihm natürlich sofort die vierte, denn so was kann nur durch Schwitzen herausgebracht werden, aber er jammerte immer so weiter, und als ich dann an sein Abendgebet noch die Bitte setzte, der Teufel möchte doch den Herrn Kurbinsky holen, der unserm Jungchen solche Raupen in den Kopf sehte, da drehte er sich finster nach der Wand um und sagte kein Wort mehr auf alle meine Fragen, und ich merkte schon, er hatte den Dickkopf von Vater und Mutter und von der Großmutter noch nebenbei. Hunderttausendmal bin ich vielleicht schon gefragt worden, jedenfalls aber zwanzigmal in der Küche und auf dem Markte und von sonstigen Leuten, warum just der Herr Kurbinsky unserm Jungherr Stunden gibt, er hätt' keinen arg guten Ruf und Schulden wie Sand am Meer und lieben tät er jeden Tag 'ne andre. Natürlich fragte ich meine Herrschaft drum, denn das ist mein Pflicht als ehrlicher Dienstbote, – unsereins sieht manchmal mehr als die feinen Leute, denen ist der gerade Weg oft durch die Klemmers und Monokles versperrt. Also ich fragte und kriegt auch 'ne Antwort. »Das Beste ist gerade gut genug für die Ausbildung der Kinder,« sagte die Gnädige, »und der Herr Kurbinsky gibt den besten Unterricht. Er ist ein Künstler von Gottes Gnaden.« Drauf sagt' ich: »Ich glaube nicht, daß der liebe Gott viel mit dem Musje Kurbinsky zu tun hat und in unser Haus paßt er nicht.« »Warum denn nicht?« »Er liebt so viel und denn hat er Schulden.« Da lachten der Herr Oberstleutnant, – i Gottchen, was kann der Mann lachen, – und sagte: »Line, wenn wir bloß Leute einladen wollten, die nicht lieben und keine Schulden haben, dann säßen wir allein im Salon.« Sone Rede! Und dann lachte er wieder so von Herzen und die junge und die alte Gnädige auch. Na, ich war ja denn still, aber die Augen, die hielt ich offen, denn ich weiß von meine Bräutigämmers her, wien Lump aussieht. Herrgott, ich dank dir! Du mußtest natürlich das Beste tun, wie allemal und hast unserm Jungherr Richard 'n Schutzengel geschickt in 'ner blauen Küchenschürze, denn der Schutzengel war ich. Man kann gar nicht so rasch das alles hinschreiben, wie die Gedanken und die Geschehnisse so durcheinander wirbeln. Die Herrschaft war also schon zur Ruhe gegangen, und wir in der Küche hatten noch Geschirr abgewaschen, und nun waren wir auch in unsern Stuben, aber ich konnt nicht schlafen. Zahnschmerzen hatt' ich zum Vergehen, und der Herr Oberstleutnant sagten noch am Vormittag: »Line, wenn ich heut' aus dem Dienste komme denn wünsch' ich, daß sie beim Zahnarzt gewesen sind,« und schenkt mir 'ne Mark. Da sieht man nun sonnenklar, wie gut es ist, wenn man nicht immer gehorsam ist auf der Stelle. Denn hätt' ich meinen Zahn ziehen lassen, denn hätten mich die Schmerzen nicht wach gehalten, denn hätt ich auch keine barfüßigen Kindertritte schleichen hören und wäre nicht mit'n Licht nausgestürzt und hätt nicht den Jungherrn Richard mit'n Bündel dastehen sehen, käseweiß im Gesicht. Und wirft sich auf mich und preßt mir die Hand auf'n Mund und pischpert: »Um Gottes willen, verrat mich nicht, Line, ich schenk dir mein ganzes Sparkassenbuch.« Und ich war ja wohl so perplext, daß ich stumm wien Fisch blieb, bis auf einmal das Zigeunergesicht von dem Kurbinsky hinter dem Jungherrn auftaucht, und er will ihn von mir fort und die Treppe hinunterziehen, und hat 'nen großen Koffer in der Hand. Da schrei ich einen gräßlichen Schrei und halt den Richard fest, und immer mehr schrei ich, und alles wird wach und stürzt mit Lichtern her. Der Kurbinsky springt aber mit einem gotteslästerlichen Fluch die Treppe hinunter, zur Haustür hinaus, sitzt aber jetzund in Nummer Sicher wegen Entführung Minderjähriger. Ich hab aber seitdem 's Zittern in den Beinen, wenn ich auch noch zu jung dazu bin, – aber so'n Schreck, der kann einen grau machen vor der Zeit. – Ach, was ist unser Haus so ernst geworden seitdem! Und ich selbst möcht' immerfort weinen, wenn ja auch alles so gut ausgegangen ist mit Herrgotts Hilfe. Aber ich sehe es immer noch vor mir, wie die Hand vom Herrn Oberstleutnant den Jungherr Richard züchtigen wollt, und wie die junge Gnädige ihm in den Arm fiel, und wie er dann plötzlich das Kind an sein Herz zog und nasse Augen hatte, – so'n starker Mann. Und dann gab er mir die Hand und drückte meine, daß ich dacht', ich sollt am Leben verzagen, und sagte: »Line, Line, das vergessen wir dir nie!« Und ich hatte doch nichts getan, als daß ich ungehorsam gewesen war; aber der Zahn is ja man bloß 'n Stumpf und keine Mark wert. »Den Jungen hält' ich gerettet,« behauptete der Herr Oberstleutnant. Und wieder was in die Sparkasse. Schön! Es war mir nicht an der Wiege gesungen, daß ich mal so 'ne Art Rothschild werden sollt'. Aber unser Jungchen ist fort ins Kadettenhaus, und bei uns wird nur ganz leise gesprochen, was sehr unrecht ist, denn man soll nicht Gott versuchen, und der Jungherr ist doch nicht tot. Aber es ist natürlich schrecklich, so ein junges Kind vom Mutterherzen fortzureißen, – man brauchte nur in die großen, traurigen Augen von meiner Gnädigen zu sehen. Der Herr Oberstleutnant sagen, der Jungherr Richard hätte im Kadettenhaus auch 'ne Mutter, 'ne Kadettenmutter, das wär' ein Leutnant, ein prächtiger Kerl. Na, – wenn zehnmal! Ein prächtiger Kerl von Leutnant taugt doch höchstens zu 'nem Vater, zu 'ner Mutter , da gehört 'ne Elle mehr. Unsereins weiß das, aber den Männern geht bei so Urteilen der liebe Verstand ab, – ich sage das frei raus, wenn mein Herr auch Oberstleutnant und obendrein mein Herr ist. Zu 'ner Mutter ist er nicht geeignet. Alle acht Tage kommt ein Brief vom Jungherrn Richard, aber es steht nicht viel drin. Ich hätt' mich ja niemals unterstanden, so einen Brief lesen zu wollen, aber die junge Gnädige reichte ihn mir und dann weinte sie wieder. Der Herr Oberstleutnant können das auf den Tod nicht leiden, er meinen, es wäre »Weibergetue« und sowas verdürbe den Jungen, und sie wären überhaupt zu sanft mit ihm umgegangen, jetzt sollte der Richard im Kadettenhaus forsch werden. Wieder so 'ne dämliche Männeransicht mit Respekt zu sagen. Aber 'ne Mutter, – die sieht durch sieben Balken durch und wenn 'n Vateraug' nicht 'ne Spur entdeckt, 'ner Mutter macht man kein X vor 'n U. Ich bin keine Mutter und eine einfache Magd, aber ich sagte gleich, wie ich den Brief gelesen hatte: »Unser Jungherrchen hats Heimweh.« Die junge Gnädige schüttelte wehmütig den Kopf, und ich sagte etwas leiser: »Heimweh nach die Geige.« Da schluchzte sie auf. »Das ist's, Line, – das ist's!« Und keine Spur von Gekränktsein, daß es nicht Heimweh nach der Mutter war. »Wir wollen sie ihm schicken,« rief ich. »Das leidet mein Mann nicht,« meinte die Gnädige. »Er braucht's ja nicht zu wissen,« war nun meine Meinung. Aber da kam ich schlecht an. Sie sagte nur streng und ganz verändert »Line!« zu mir, aber es ging mir ordentlich durch. Nach meiner Meinung mußte doch bei einer Mutter zu allererst das Wohl von dem Kinde kommen und als Nummero zwei erst der Mann, aber ich bin ja nur ein unverständiger Dienstbote. Es ist ja auch sehr edel, wenn die vornehmen Eheleute keine Geheimnisse vor einander haben. Aber ich litt mit das Jungchen, (so muß ich den Herrn Kadetten bei mir inwendig nennen, die gnädige Herrschaft wird verzeihen), und richtig, – manchmal sieht auch ein lediger Dienstbote, der niemals Mutter war, durch drei Balken durch. Es kam so. Schluchzen hört ich eines Morgens im Zimmer der gnädigen Frau und ich legte mein Ohr an das Schlüsselloch, denn Horchen ist nur was Miserabliges, wenn man davon weiter klatscht, aber ich wollte helfen. Ich hörte aber nur weinen, so recht jämmerlich weinen, wie ich wohl geweint habe, als der Malte abschwenkte. Dann klopfte ich an und weil niemand herein rief, ging ich lieber von selber ins Zimmer. Die gnädige Frau saß am Tisch und hatte das Gesicht in die Hände vergraben und erst als ich ganz nahe bei ihr stand, schrak sie zusammen und dann sah ich in ihr verweintes, ganz verschwollenes Gesicht. »Line,« sagte sie und ich merkte, wie ihr Körper zitterte, »was willst du hier, laß mich allein!« Und sie wollt' ihre Tränen trocknen, aber ihre Hände waren wie ohne Kraft und das Taschentuch, das bei den Vornehmen ja so dünn sein muß, war auch schon wie 'n nasser Lappen. Da ging ich ganz ruhig an ihr Kommodenfach und nahm aus dem blauseidenen Behälter ein reines Tuch und brachte es ihr und sagte ruhig: »Ich bin ja nur ein Dienstbote, der früher beim Vieh war, – aber das is all lang her und ich habe doch ein Menschenherz.« »Ein Menschenherz!« rief sie und drückte ganz furchtbar fest meine Hand und zog mich neben sich auf einen Stuhl, als wäre ich eine feine Dame, oder die vornehme Schneiderin mit 'n Federhut, die manchmal Beratungen mit ihr hat. Ich setzte mich aber nur auf eine kleine Stuhlecke, denn ich weiß, was sich schickt und hier las ich einen Brief vom Jungchen, der die Ursache von all den vielen, heißen Muttertränen war. »Liebe Mama! Ich muß es Dir sagen, daß ich es hier nicht aushalte. Und ich kann kein Offizier werden, wenn ich auch erst elf Jahre alt bin, so weiß ich das jetzt schon. Du bist doch meine Mama, nicht wahr? (Das »meine« hatte das Jungchen dick unterstrichen). Ich kann es niemand sonst auf der Welt sagen, daß ich hier beinahe sterbe. Viele Kadetten spielen hier Geige, aber das bringt mich um. Sie könnens auch nicht. Aber wenn sies auch könnten, ich muß mir doch die Ohren zustopfen, denn ich kanns nicht anhören, weil es der Papa doch verboten hat, daß ich eine Geige anrühre. Du mußt es dem Papa aber sagen, daß er mich wieder nach Hause nimmt, damit ich wieder üben kann, ich verlerne ja alles. Und ich will sehr fleißig sein, wenn ich wieder aufs Gymnasium komme und will gern den ganzen Tag lernen, wenn ich nur des Nachts spielen kann. Liebe Mama, es wird Euch gemeldet werden, daß ich Arrest bekommen habe, strengen Arrest, es ist mir aber einerlei. Ich bin Sonntag über Urlaub weggeblieben, wir waren spazieren gegangen, da spielte jemand Geige in einem Gartenhaus und ich konnte mich hineinschleichen und habe alles vergessen, denn es war ein wirklicher Künstler und er spielte Beethoven. Dann war es stockdunkel und ich bekam Arrest, es ist mir aber wirklich einerlei, – wegen Beethoven. Du weißt nun alles, liebe Mama, ich packe einstweilen meinen Koffer, sehr heimlich, daß der Stubenälteste nichts merkt, denn ich weiß bestimmt, daß Du mich nicht verläßt, weil Du doch meine Mutter bist. Dein Sohn Richard.« »Gnädige Frau,« sagte ich, – »unser Jungchen muß her, nicht wahr?« Und nun zitterte ich, denn so ein Brief greift sehr an. »Ich weiß es nicht,« rief die Frau. Da hörte ich draußen Schritte vom Herrn Oberstleutnant und gleich darauf kam er ins Zimmer und ich ging sachte hinaus. Unten in der Küche machte ich das Abendbrot zurecht, recht mit Liebe, denn wenn das Herz gelitten hat, tut manchmal ein Biefstück Wunder. Und weil es heut arg war, tat ich noch Bratkartoffeln dazu. Da kam das Stubenmädchen Anna. »Der Deubel is oben los,« sagte sie und sie hätte gehorcht. »Das ist sehr schlecht,« habe ich gescholten, denn ich weiß, daß sie weiter klatscht, was sie horcht. »Phhh!« sagte sie. Aber als meine Biefstücks verbruzelten und die Kartoffeln hart wurden vor Bräune, da stieg ich auch hinauf, denn sowas darf ich mir in aller Bescheidenheit erlauben, zu horchen brauchte ich nicht, denn der Herr Oberstleutnant schrieen, als ob er auf dem Kasernenhof wären. »Ein Waschlappen ist der Bengel,« tobte unser Herr, »aus der Art schlägt er, – Donnerwetter, meinst du, wir hätten Anno 70 mit dem Fiedelbogen gesiegt? Arrest soll'er haben, bis er schwarz wird und hierher kommt er nicht, auch nicht zu den Ferien. Ich werde an Heinrich schreiben, der wollt' ihn schon lang mal haben, der wird ihm die Flötentöne beibringen, daß ers geigen vergißt.« Dann wieder die Stimme der Frau, schier gellend: »Um Gottes willen, nicht zu Heinrich!« Aber das Jungchen kam doch zu Oberst Heinrich von Alsfeld, das war ein Vetter der gnädigen Frau, ein richtiger Eisenfresser und ohne Kinder, er war mal bei uns, Gott soll mich bewahren. Eine Tür hört er lieber knarren, als ein schönes Lied singen und Zivilmenschen sieht er gar nicht an. Ich hab' nichts für ihn übrig und sein Trinkgeld hatte ich damals der Stubenanna geschenkt. Seine Frau ist nicht besser, sie hat kalte Augen und ein kaltes Herz und trägt hohe Mannsstiefel mit Sporen. Ich hab' viele Menschen schon kennen gelernt und sie hatten alle einen Liebesnamen, wie auch der Malte Kossagoff mich »Maruschka« nannte und mein Herr zu der kleinen Gnädigen »Herze« oder »Rosel« sagt, aber die Frau Oberst von Alsfeld heißt bei allen nur die »Rangliste«. Was soll aber unser Jungchen mit seinem Heimweh bei 'ner Rangliste? Noch an demselben Abend mußte der Bursche einen Brief wegbringen, den hatten der Herr Oberstleutnant geschrieben und die arme Mutter war nicht zu Worte gekommen. Denn ich fand oben im Schlafzimmer ein Papierknäuel, das hatten der Herr Oberstleutnant weggeschmissen und wie ich es glatt strich, stand darauf: »Mein lieber, einziger Herzensjunge – – – –« Nun sind wieder zwei Jahre vergangen, und heute ist Silvester und das ist ein ernster Abend, und ich habe meine besonderen Gedanken. Trotzdem ich eine stille, einfache Person bin, erlebe ich doch sehr viel, daß ich mein', ich könnte dicke Bücher vollschreiben, aber ich habe es mir angewöhnt, nicht viel an mich selbst zu denken, weil ich doch man unwichtig für unsern Herrgott und für das ganze Leben bin. Dagegen ist meine Herrschaft über die Maßen gut zu mir, und sorgt an allen Ecken und Kanten für mich, so daß ich am liebsten nur an sie denke und an ihre Sorgen und Nöten. Denn die hat sie. Der Herr Oberstleutnant nicht so arg, weil er ein Mann ist und sein Dienst kommt Nummro Eins bei ihm. Aber die gnädige Frau. Wenn sie des Abends in der Dämmerung so sitzt und den Arm um das Ingeborgchen geschlungen hat, was ein Engelchen ist mit den blauen Augen und dem goldenen Haar, denn schaut sie so gradaus, als wär' sie nicht bei sich, als kuckte sie durch die rote Tapete und die Backsteinmauer durch – weit – weithin. Der Herr Oberstleutnant sehens nicht, – aber ich sehs, ich habe eine inwendige, besondere Liebe für die kleine Gnädige und die hilft mir. Ich weiß auch, wohin sie sieht, – zu unserm Jungchen. – Das war ein seltsames Weihnachtsfest, – – wars denn wirklich der Jungherr Richard, der zum erstenmal wieder nach Hause kam? Die andern Ferien hatte er immer beim Herrn von Alsfeld verbracht, nun sollt' man meinen, er wär' halb närrisch vor Freude gewesen, daheim zu sein. Er wars nicht. Ich kuckte ihn immer wieder an, – mußte alleweil mit dem Kopfe schütteln. »Bin ich ein Wundertier, Line?« fragte er spöttisch. Ja, spöttisch . Er ist nicht unser liebes Jungchen mehr, er ist ein anderer geworden. Gleich hab' ich's gemerkt. Wie er nur zur Tür hereintrat und seiner Mutter guten Tag sagte. Sie war nicht mit zum Bahnhof gefahren, denn sie hatte ihre Migräne. Nur vor Aufregung, vor Herzensfreude, daß der Jungherr kommen sollte. »Du bist nicht wohl, Mama, – es tut mir leid,« sagte er, und ich mußte auf einmal an ganz früher denken, wenn er vom kleinsten Spaziergang heimkam, und das Haus durchsuchte: »Wo ist meine Mutti? Ich will meiner Mutti guten Tag sagen. Mutti – meine Mutti!« »Junge, drück deine Mutter nicht tot,« lachte dann immer der Herr. Diesmal brauchte er das nicht zu sagen, – der Jungherr küßte seiner Frau Mama die Hand und ich sah, wie blaß die Frau wurde. »Der Junge ist vernünftig geworden, den haben wir über'n Berg,« hörte ich den Herrn Oberstleutnant sagen. – Mannsweisheit! Für'n preußischen Dittchen kriegt man 'n Sack voll. – Dann kam der heilige Abend. Aber die vielen, vielen Lichter an dem Riesenbaum machten bloß die Stube hell, – ich mein', sie kamen nicht in die Herzen. Jungherr Richard hatte sich in ein Buch vergraben, und nur wenn das Schwesterchen rief, dann kam er willig und spielte auch Puppenvater. Aber wenn der Herr Oberstleutnant etwas zu ihm sagten, dann hatte er so seltsame Augen – mir schlug allemal das Herz – ich wollte nicht, daß mich mein Sohn so ansähe. Am ersten Feiertagabend war es recht still bei uns, recht heimlich. Der Herr Oberstleutnant waren zu 'ner Bescherung im Kasino, – die Burschen und die Stubenanna hatten Urlaub, – nur ich blieb so gern bei meiner kleinen Gnädigen. Ich durfte im Bescherungszimmer bei ihr und den Kindern sitzen, und hatte mir eine reine, weiße Schürze umgebunden, weil es eine Ehre war. Der Jungherr las wieder und Ingeborg sang ihr Püppchen in Schlaf: »Suse Fladdruse Wat raschelt in Stroh, Sin de lewe Gösselkens, De ham keene Schoh.« Da ging sachte die gnädige Frau hinaus und als sie wieder kam, trug sie etwas liebevoll auf dem Arm, und ihr Gesicht sah aus wie rechte, treue Mutterliebe. Die Geige wars. Aber der Jungherr nahm sie nicht, – er stand nur auf und war ganz blaß und dann lachte er. Es klang sehr häßlich und ich mußte die Hand auf mein dummes Herz legen, das klopfte ganz rasch. Weil es den Schmerz von meiner gnädigen Frau fühlte. »Ich spiele nicht mehr, Mama, nie mehr,« sagte der Jungherr. Und die Frau erwiderte kein Wort, sie stellte nur den Kasten hin. Dann nahm sie Ingeborg bei der Hand und ging in ihr Schlafzimmer. Ich ging ihr nach, die Treppe hinauf, da rief sie mir nur leise zu: »Lösch die Lichter,« und dann hörte ich, wie sie den Schlüssel hinter sich umdrehte. Ich kam ins Bescherungszimmer zurück, – ganz leise auf den weichen Teppichen. Da stand noch der Jungherr. Und wenn ich hundert Jahr alt werde, ich vergeß nicht den Blick, mit dem er den schwarzen Kasten anschaute und wie er sich bückte und aufschloß, – da lauf ich dumme, dumme, vernagelte Magd zu ihm hin und ruf' mit Lachen und Weinen: »Ja, Jungherr, – machen Sie's wieder gut, – spielen Sie!« Da reckte er sich hoch, – ist ein schlanker, großer Junge, und seine Augen sehen ganz schwarz aus vor Zorn, und mit dem Fuß stößt er nach dem Kasten, daß er in die Ecke fliegt. Dann läuft der Jungherr an mir vorbei in sein Zimmer. »Du lieber Herrgott,« sag ich nur – und falte die Hände. Der ist ja auch der einzige, der das verstockte Jungsherz leicht machen kann – vielleicht kommt dann wieder rechter Sonnenschein in unser Haus. Ist aber noch keiner gekommen. Weihnachtsfeste und Frühlinge und Sommer, aber kein Sonnenschein, – kein rechter. Und der Herr Oberstleutnant merken's immer noch nicht, wie Hase läuft. »Der Junge ist vernünftig geworden,« frohlockt er und reibt sich die Hände. Und zu seiner Frau sagt er: »Richard traut sich selbst noch nicht so ganz, er meint, die Geige bekommt Gewalt über ihn, wenn er wieder spielt, ich freu' mich, daß der Jung' solche Selbstzucht hat.« So'n Vater ist doch wie ein blindes Huhn. Die junge Gnädige hat sich traurige Augen angewöhnt, und sie weint viel und verbirgt es vor dem Herrn Oberstleutnant. Ist also auch ohne mein Zutun ein Geheimnis zwischen den Eheleuten. Wir haben draußen vor dem Tor seit Sommer einen großen Garten, steht auch ein winziges Haus drin mit ein paar einfachen Stübchen und einer Küche, grad' groß genug, um Kaffee zu kochen und wenn der Regen im Garten überrascht, Unterstand zu suchen. An dem Häuschen steht mit großen goldenen Buchstaben, die aber jetzt schon arg verwaschen sind: Parva domus magna quies . Der Garten ist arg verwildert und verwachsen – »poetisch« nennen sie's. Ich nenn's Unkraut, und man schreit sich im Sommer die Seel' aus dem Leib, wenn man jemand errufen will. Jeder hat sein Plätzchen für sich und ist von außen nicht zu sehen. Jetzt ist alles verschneit und auf dem kleinen Teich dürfen Sonntags die Herrschaftskinder Schlittschuh laufen. Jawohl, die Ingeborg auch. Ich finde es arg unpassend für ein Mädchen, aber ich bin ja nur ein Dienstbote. Ich denk' manchmal, wie die Welt immer sonderbarer wird, und die Mädchens all dasselbe tun, wie die Jungens. Neulich besuchte uns eine Dame, die hatte sich die Haare kurz abgeschnitten und schämte sich doch nicht und unsere gnädige Frau sprach mit ihr und schämte sich auch nicht. – Da muß der liebe Gott über kurz oder lang mal ein Einsehen haben, denn die Guste von Leutnants oben, die immer mit ihrer Herrschaft reist, und viel von der schlechten Welt kennt, die sagt, es sollte alles anders werden, die Frauenzimmer wollten studieren, und Doktor und Apotheker und sonst noch alles mögliche werden. – Ich habe der Guste den Mund zugehalten, aber die andern Mädchen, die noch dabei waren, (mein Herr Oberstleutnant nennt unsere Zusammenkünfte »Kontrollversammlung«) lachten so arg und viele davon meinten, sie hätten auch schon so was munkeln hören. Nun meinetwegen, – wenn der Himmel einfällt, fallen alle Spatzen tot, und ich wart's eben ab. Alles können die verdrehten Frauenzimmer doch nicht den Männern überlassen, das ist mein Trost, – ich würde auch dem Herrn Oberstleutnant sofort kündigen. Es ist schon gewiß ein schlimmes Zeichen, daß ich und die alte Gnädige die beiden einzigen im Hause sind, die noch den Scheitel in der Mitte tragen und sich ihn ordentlich mit Stangenpomade ankleben. Kein Härchen steht vor, aber die junge Gnädige hat schon öfters einen Wuschelkopf, und die andern, die zu uns kommen, haben sich Fransen ins Gesicht gekämmt, und plieren mit den Augen zwischendurch und sehen aus, wie blödsinnig. Das soll fein sein und neuste Mode. Auch Ingeborgchen haben sies so gemacht, wie ich mal fort war und ich erkannt das Engelchen kaum wieder, aber wenn die Herrschaft fort ist, denn flecht ich ihr doch immer Zöpfchen und leg' sie mit Spucke um die Ohrchen, wie es früher so eine ehrbare Sitte bei Vornehm und Gering war. Und nun bin ich ins Schwatzen gekommen und die Leute, die mal dieses Buch lesen, werden denken, ich hätte nichts zu tun gehabt. Aber ich flicke mein Zeug, wenn das erste, winzige Löchelchen kommt und deshalb wird da kein Loch und keine Liederlichkeit draus, und meine Hemden, die halten für die Ewigkeit, denn sie sind selbst gesponnen. Und deshalb kann ich abends, wenn die andern mit Mannsleuten rumflunkerieren, meinen Gesangbuchvers lernen und dann in dieses Buch schreiben. Und heut hab ich noch schreiben wollen von dem alten verschneiten Garten, und daß der Jungherr Richard seine Eltern bat, er wollt Schlittschuh laufen und ob ers dürfte. Und sie erlaubten's ihm, aber um 5 Uhr müßt' er zu Hause sein, denn da treibt sich lichtscheues Gesindel im Winter herum, – ist eine alte Scheune in der Nähe. – Aber wer um fünf Uhr nicht da war, das war der Richard, der Herr Kadett, und ich dachte noch nicht weiter drüber nach, denn die Herrschaft war zum Diner gebeten und ich saß bei Ingeborgchen und las ihr von Andersens Märchen vor. Die sind doch zu schön, und auch verführerisch zur Untugend, denn ich muß über die Maßen lachen, wenn der große Klaus seine Großmutter totschlägt und sie dann verkaufen will. Um sechs Uhr war aber der Jungherr immer noch nicht da und ich kriegt es mit der Angst. Deshalb bat ich den neuen Burschen, er möchte nach dem »Parvadomus« rausgehen und nachsehn, aber er kratzte sich hinterm Ohr und wollt' nicht und meint', der Herr Kadett schnauzt ihn schon an, wie'n General. Da ging ich selbst, denn ich fürcht' mich vor keinem General und vor keinem Herrn Kadetten, aber vor meiner kleinen Gnädigen ihrer Mutterangst, wenn der Jung' nicht da sein sollt! Es war ein mühsam Gehen bei dem Nebel und der Wind blies. Aber ich bin eine staatsche Person und kam gut hin nach'n Parvadomus und auf dem Teich war niemand zu sehen, aber durch die Fensterladen schimmerte ein Lichtchen, und ich dacht', wo er das Licht wohl her hat und weshalb er da sitzt, der dumme Junge, d. h. der Herr Kadett, wenn er doch zu Hause ein herrschaftlich geheiztes Zimmer hat. Ich bin groß von Natur und konnte gut in das Stäbchen reinsehen und die wackeligen Läden hatten einen Spalt. Und jetzt hörte ich auch was. Ganz feine, sachte Geigentöne, wie sie der Herr Kurbinsky früher machte, wenn er so ein schwarzes Holzdingschen auf die Saiten klemmte. »Herr du meines Lebens, der Jungherr spielt heimlich hier Geige,« sagte ich leise zu mir, aber wie ich ins Zimmerchen guckte, hätte ich beinahe geschrien, »Herr du meines Lebens!« Denn da saß 'ne ganze Bande drin, – auch lichtscheues Gesindel, aber nicht so schlecht im Zeug, wie draußen das in der Scheune, sondern sie hatten Uniform an und auch Zivil. Da war dem Kommerzienrat Siehle sein Hermann, den hatten sie vom Gymnasium gejagt, und dem Herrn Major von Neumann seiner, der war Fähnrich und der Kurt Amtor, der war auch Kadett, und mein Herr Oberstleutnant hatte noch kürzlich gesagt: »Wie mich die Eltern dauern.« Und dann noch vier, fünf Bürschchen außerdem, die ich aber alle kannte, und wüßt' auch, sie verdienten tagtäglich mehr Prügel, als sie Haare auf dem Kopf hatten. Aber der Jungherr Richard war nicht dabei, der mußte ja wohl reineweg in dem dunkeln Kabuschen von Küche sitzen und Geige spielen. Und das tat er auch. Die jungen Herren hatten Grog vor sich, und drei Leuchter mit Kerzen und Geld und Karten und waren sehr laut und sahen sehr erhitzt aus, und ab und zu rief einer, – ich kannt' ihn auch, den Hansheinrich von Dieffel: »Pscht – haltet die Mäuler, – ihr wollt uns wohl in Deubels Küche bringen,« und merkte nicht in seinem Unverstand, daß er schon drin war. Viele von den Herrn Jungens konnten schon nicht mehr gucken und sahen recht jämmerlich aus, vom Grog und Tabak, und einer lag käseweiß auf dem Kanapee. Ich hätte ja gewiß einfach reingehen können in das Haus von meiner Herrschaft und hätt' auch fragen können: »schämen Sie sich denn gar nicht?« Aber ich kannte alle die Herrn Eltern und dann waren die meisten so sehr stolz und dankten der Dienstmagd nicht mal, wenn sie grüßte – da hätte ich mich wohl nicht unterstehen dürfen die Herrn Kinder zu stören. – Auf einmal guckte der kleine Herr Baron von Dieffel auf die Uhr und sagte: »Teufel auch, – gleich sieben.« Sie warfen die Karten zusammen und der Kabumeit, der älteste Strolch vom reichen Krämer an der Ecke, nahm sie an sich. Dann rief der Baron wieder: »Richard, laß dein Wimmerholz, wir gehen heim!« Da sah ich auch unsern Jungherrn – er stand in der Tür und hatte große traurige Augen, wie er sie jetzt immer hat, aber Grog hatte er keinen getrunken, und ich freute mich auch, daß er nicht bei den sündhaften Spielkarten gewesen war. Nun gingen sie alle weg – nur der Heino Schwabach, der blonde Jung' vom Herrn Oberstabsarzt, der lag quer über den Tisch und weinte, sie verhöhnten ihn noch und sagten, er brauche nicht wiederzukommen. Der Jungherr Richard rüttelte ihn an, denn er wollte ja wohl die Lichter löschen und auch gehen, und da sah ich, daß der Heino Schwabach ein ganz verzweifeltes Gesicht machte und er rief ganz laut: »Richard, – ich hab nichts mehr, nichts! « Unser Richard zuckte mit den Achseln und machte ein verächtliches Gesicht und packte seine Geige ein. – Dann gingen sie beide an mir vorbei und ich drückte mich eng an die Wand vom Hause, und mein Herz schlug sehr, als hätte ich selbst was Böses getan. Jetzt fing der Heino Schwabach an zu laufen, aber der Jungherr Richard tat gar nicht, als ob er es eilig hätte, und so ging ich zu ihm heran und sagte: »Junger Herr, wenn doch bloß die Herrn Eltern noch nicht zurück sein möchten.« Er schrak zusammen und dann fragte er: »Hast du spioniert, Line?« »Ja,« sagte ich, »und hab' alles gesehen, auch die Spielkarten und den Grog und den Tabak.« Da fuhr er mich an, als wäre er niemalen ein kleiner, guter Junge gewesen, dem ich immer Knöpfe annähte. »Daß du dich nicht unterstehst, uns zu verraten.« »Ich wüßt nicht, was ich verraten sollt,« sagt ich drauf ruhig, »denn Sie haben ja nur Geige gespielt und das ist keine Sünde.« »Vielleicht doch,« lachte er – es klang nicht schön. Nun ging ich still hinter ihm und trug seine Geige. Das hatte er früher nie gelitten, er hatte immer Angst, man könnt sie fallen lassen. Aber jetzt ließ er's ruhig geschehen, sah überhaupt recht müde und trostlos aus, wie einer der fertig ist mit dem Leben. Ach du lieber Gott, er ist sechzehn Jahr! Wir traten ins Haus und gingen die Treppe rauf, und da stand im Flur der Herr Oberstleutnant und die junge Gnädige neben ihm, und sie sah so blaß aus, und hatte seinen Arm umklammert und rief nur immer: »O Ernst, werde ruhig, – werde erst ruhig!« Ich sah den Herrn Oberstleutnant an und kannte ihn gar nicht wieder. Aber ich weiß nun, daß der Zorn eine Todsünde ist und konnte es früher nie glauben. Eine dicke Ader lief ihm quer über die Stirn, die war dunkelrot wie das ganze Gesicht, und mit der Hand fuhr er immer so zerrend durch den Bart, – nein es war nicht mehr mein gütiger Herr, – es war ein ganz Fremder. In der linken Hand hatte er ein Blatt, und ich merkte es sofort, daß es wieder mal ein Zeugnis war, das sie aus dem Kadettenhause geschickt hatten, – natürlich ein miserabligtes. Noch einmal bat die kleine Gnädige leise: »Ernst!« aber ebenso gut hätte sie es zu einem Vesuv sagen können, der wäre auch losgebollert. »Wo warst du?« schrie der Herr Oberstleutnant seinen Sohn an und nun wurde der Richard so rot, wie er vorher blaß gewesen war, und Vater und Sohn sahen sich ähnlich, wie aus dem Gesicht geschnitten. Wäre nun mein Jungherr Richard noch das gute Jungchen von früher, mit dem heiligen Respekt vor seinem Vater, dann hätte er jetzt ruhig um Verzeihung gebeten, und alles wäre friedlich geblieben, aber das ist ja eben so anders geworden. Die Achseln zuckte der Jungherr, als wenn er vor seinesgleichen stände und es wäre nicht der Mühe wert, den Mund aufzutun, – und seine Augen – ja die guckten so recht trotzig, und mit dem Kopf machte er eine Bewegung nach dem Geigenkasten hin, so recht auffällig, – das war erst gar nicht nötig. Ich war' sicher durchgeschlupft mit der Geige, denn der Herr Oberstleutnant achteten gar nicht auf mich im hellen Zorn. Nun aber freilich sah er mich, und sah die Geige und da brach's los: »Fiedeln tust du? Heimlich fiedeln? Und wenn die Mutter dich bittet, dann weigerst du dich? Und dieser elende Wisch da? Kennst du ihn? Der mir sagt, daß mein Sohn seine Pflichten vernachlässigt, ein schlapper Kerl, ein unbotmäßiger Lümmel ist, der durchs Fähnrichexamen fallen wird, dem ein elendes braunes Holz im Arm lieber ist, als der Degen in der Faust.« Einen Augenblick hielt der Herr Oberstleutnant inne, ach, hätt' er doch jetzt in ein reuiges, liebes Jungsgesicht gesehen! – Aber wie ein Mensch, den es gar nichts anging, guckte ihn der Richard an. » Zigeuner fiedeln!« schrie der Oberstleutnant jetzt und packte ihn am Arm, »hergelaufenes Volk! Du hast die Ehre, der Sohn eines Offiziers zu sein, der Enkel einer langen Ahnenreihe von Offizieren!!!« »Phhh!« fügte der Jungherr Richard. Nichts weiter, als »phh!« So als paffte jemand Tabaksrauch aus einer Bauernpfeife. Und ich wußte genau, wie ich diese nichtswürdige Jungsantwort auf ein zornwütiges Vaterwort hörte, daß nun etwas Schreckliches käme. Mit einem Ruck war der Geigenkasten aus meiner Hand gerissen, mit einem Ruck schloß der Herr auf, mit einem Ruck hob er den Hals der Geige, dann schlug das Instrument gegen den Türpfosten, – – »Vater!« hört ich den Jungherrn Richard schreien, – »Vater!« Ich rannte davon in meine dunkle, kalte Kammer. Nur die Herrschaft allein lassen mit sich in solchen fürchterlichen Zuständen. Sie muß sich sonst die Augen aus dem Kopfe schämen vor der einfältigen Dienstmagd. Großer Gott, – mein gütiger, vornehmer Herr Oberstleutnant! Wie ein ganz anderer, häßlicher, ungebildeter Mensch hatte er ausgesehn! Der Zorn ist eine Todsünde. Und der Richard! Ich werd' seine Augen gar nicht los, wie er den Vater ansah, – – – – – – Und die Geige! – Zwanzigtausend Mark soll sie wert gewesen sein, sie hatte einen Namen wie ein Mensch. »Amati« hieß sie. Da ist noch was anderes gesprungen, als bloß das braune Holz und die Saiten. Das Herz ist in der Geige gesprungen, das hat so geklagt – – – – Oder das Herz im Jungherrn Richard. * Nun geht wieder alles seinen ruhigen Gang. Der Herr Oberstleutnant sind Oberst geworden und haben eine Menge Orden und graue Haare gekriegt. Die kleine Gnädige ist noch etwas kleiner geworden, wie mir scheint, – etwas mag wohl stark auf sie niederdrücken. Die alte Gnädige ist wieder bei uns, was ein rechter Gottessegen ist, denn man kann sich an ihr festhalten und ihr Sorgen aufzupacken geben auf die schwere Not. So eine Großmutter kann noch schlimmer wie 'ne Mutter sein, – ich muß immer, wenn ich unsere alte Gnädige ansehe, an den Bibelspruch denken: »Sie glaubt alles, hofft alles, duldet alles und suchet nicht das ihre.« Jungherr Richard reiste damals nach dem schrecklichen Abende gleich ab, und man konnte meinen, es wäre nur ein Traum gewesen mit Alpdrücken, wie man es oft Sonnabend nachts nach grauen Erbsen und Speck durchgemacht hat. Wir kriegten von den Herrn Lehrern keine schlechten Zeugnisse mehr zugeschickt, sondern der Richard brachte sie selbst, und sie waren gut. Ich konnte mich zu Tode wundern, warum sich die junge Gnädige nicht freute, sondern das Papier immer so still beiseite legte. – Schließlich war's ja doch das einzige, woran man sich beim Jungherrn freuen konnte, – der Fleiß. Denn sonst, – ach du lieber Gott! – – Daß ich das sagen muß! Ich, die Emmeline Wardukeit, die sich für ihre Herrschaft am liebsten auf dem Roste braten ließe, wie der heilige Laurenzius es getan hat. Aber die junge Gnädige hat wohl alleweile gedacht: »Wär's noch so wie früher! Wär' mein Jung frisch, fröhlich und faul und spielte auf seiner Geige und würde gerüffelt und – – – wär's noch wie früher!« Ich bleib dabei, – der Kurbinsky hat vor Jahren dem Jung' einen Zaubertrank eingegeben, oder ein Zauberlied in die Seele gesungen, das tun Zigeuner manchmal. Wie dazumal die Geige zerschmetterte, da dacht ich: Kann sein, daß es etwas Gutes ist; kommt das sündhafte Gaukelzeug mal aus dem Hause, dann wird auch das Herz von Richard frei werden. Ich wollt' die zerbrochenen Stücke verbrennen und die Asche eingraben, das ist gut gegen Zauberei, auch hätt's nicht geschadet, wenn der junge Herr einen Teelöffel von der Asche gegessen hätte. Aber die Stücke waren fort, und auch der Herr Oberst fand sie nicht, als er die Geige zusammenkleben lassen wollte bei irgendwem, wahrscheinlich beim Tischler Hiebohm. Hiebohm, – der Name ist zum Belachen. Alles ist hier zum Belachen in der neuen Stadt, wo wir drin sitzen, seit wir Oberstens sind. Erst hab ich gedacht, ich müßt sterben, als ich fort sollte aus der Heimat, aber dann sagte mir der liebe Gott, meine Heimat wäre bei meiner guten Herrschaft, die mir leibliche Nahrung und auch Seelenkost gäbe. Aber das wollt' ich ja gar nicht schreiben, wollt' vom Jungherrn Richard erzählen. – Vom Herrn Fähnrich. Was ist er für ein schöner, junger Mensch! So groß und stattlich wie ein Baum und Augen hat er, die sind braun und seltsam, und er kuckt einen durch und durch damit. Seine Augenbraunen, die gehen ganz zusammen wie ein schwarzer Strich, – meine Mutter sagte immer, solche Menschen sterben früh. Zähne hat der Herr Richard, die blitzen ordentlich, wenn er lacht, und er lacht jetzt viel, der Herr Fähnrich, muß also wohl ein frohes Herz haben. Und das ist Gold wert, und deshalb soll man nicht immer an ihm rummäkeln. Der Herr Oberst tut's auch nicht, der freut sich über die guten Zeugnisse, und sonst meint er: »Jugend will austoben!« Er ist jetzt auch nur selten hier, denn mit den Kadettenferien hat's aufgehört, jetzt sind der Herr Fähnrich auf Kriegsschule. Und daß er in den paar Urlaubstagen sich Jugend aufsucht, – wer will's ihm verargen? Freilich die besten Brüder sind's nicht, – aber daß deshalb die kleine Gnädige immer und immer Tränen vergießt, – – – 's will mir nicht gefallen. Musik wird gar nicht bei uns mehr gemacht, wenn der Richard da ist, – trotzdem die kleine Gnädige so wunderschön Klavier spielt und ebenso das Ingeborgchen. – Sobald ein Brief vom Herrn Fähnrich eintrifft, daß er auf Urlaub kommt, dann schließt Frau Oberst den Bechsteinflügel ab. Und da fällt mir noch etwas ein. Das Ingeborgchen hatte so gern auch Geige spielen wollen, und es hatte viel Tränchen bei ihr gegeben, weil's die kleine Gnädige nicht zugeben wollte. Aber dann kam ein alter Kamerad vom Herrn Oberst mal her, und der nahm das Kind mit in die Stadt, – richtig, da kam's mit 'ner Geige wieder, – nur 'ne kleine war's, – oh es war 'ne Freude zu sehen, wie das Fräuleinchen gleich alle Griffe weg hatte, selbst die kleine Gnädige lächelte schließlich so halb und halb. Aber unsereins ist dumm geboren und hat nichts dazu gelernt. Bläst mir da der Leibhaftige ein, daß ich zu der Ingeborg sage: »Du mußt den Richard überraschen mit einem Stückchen.« Und der Herr Fähnrich kommen, und ich geborenes Schaf führ ihn in Fräuleinchens Stube und sie spielt wie ein Glöckchen, – – springt da der Richard zu ihr hin, reißt ihr die Geige aus der Hand und keuchte nur so: »Laß! Laß! Ich kanns nicht hören.« Kirschbraun war er im Gesicht, – blau und dick lief die Zornader über die Stirn, – auf und nieder der Vater. »Herr du meines Lebens,« schrie ich, – da kam er so halbwegs zur Besinnung. »Quält mich nicht,« sagte er finster, schlug die Tür hinter sich zu, und dann ging er plötzlich pfeifend fort, – als wär nichts geschehen, als weinte das Ingeborgchen nicht bitterlich hinter ihm her. Die Geige ist still fortgepackt worden, – ich hab' das Kind noch nicht wieder spielen hören. * Heute raunte mir der neue Bursche zu: »Bei Jens Jessen ist's gestern scharf hergegangen.« »Was geht mich Jens Jessen an,« meinte ich gleichmütig. »Nun,« flüstert mir der Bursche zu, »unser Herr Fähnrich ist auch dabei gewesen, und – betrunken kam er heim.« »Betrunken!« – Ich hatte am liebsten dem Burschen in sein grobes Gesicht geschlagen, das so schmierig lachte. »Lassen Sie mich in Ruh mit Ihrem Klatsch,« fuhr ich ihn an. Mittags kam der Herr Oberst nach Hause und – gleich hinein ins Zimmer vom Jungherrn. Dort hörten wir seine laute, hallende Stimme. Ich war bei den beiden Gnädigen, wir putzten Silber zusammen, lauter prachtvolle, alte Erbsachen, die keiner weiter anrühren darf. Die kleine Gnädige horchte angstvoll nach oben, – ich meint auch immer, es müßt plötzlich was umfallen oder ein Donnerschlag kommen, aber dann kam der Oberst die Treppe herunter und zu uns herein und weil's dämmrig war und er noch 'n bißchen Rage hatte, sah er mich nicht, sondern sagte rasch: »Verdammte Sauferei! Nichts von Belang! Natürlich wird sone Schilderung immer übertrieben. Aber ich habe Richard den Standpunkt klar gemacht, – es wird nicht wieder vorkommen.« [Leer] Heute ist der Geburtstag der kleinen Gnädigen. Das ist immer ein hohes Fest bei uns, muß es auch sein. Denn 'ne Mutter ist 'ne Mutter und der Ursprung. Zuerst früh die Regimentskapelle. Den Flötisten Siewersen kenne ich. Er ist ein Luftikus, und trotzdem die ganze Mannschaft stramm stand, als der Herr Oberst ans Fenster traten, blinzelte der Siewersen dabei unverschämt verliebt zu mir herauf. Er wohnt im Hinterhause, und wenn er mich sieht, dann dudelt er »Die schöne Adelheid«, – er steckt voll Flausen. Aber wie er heute blies: »Lobe den Herrn, den mächtigen König der Ehren«, da hab ich ihm alles verziehen. So können nur gute Menschen blasen, das geht durchs Herz und die Nieren noch extra. Ich will dem Siewersen morgen ein paar Zigarren kaufen, kenne 'ne Stelle, wo man viel fürs Geld bekommt. Bin rechtschaffen müde, aber die letzten Gäste sind fort, und ich sitz' in meinem Stübchen und schreib mir noch den Tag von der Seele runter. – Es war ein schöner Tag, und ich meine, die Sonne kommt wieder in unser Haus. Der Herr Fähnrich hat der Mutter einen kleinen Schrank geschnitzt, – eine arg mühselige Arbeit, und wie sich die kleine Gnädige so kindlich drüber freute, schier noch mehr, als über den Diamantring vom Herrn Oberst, da taute der Herr Richard ordentlich auf und ich mußte ganz fest die Hände falten und rasch mal loben und danken, weil er zum erstenmal die Frau Mutter umkriegte und ihr einen Kuß gab und so froh rief er: »Mutti, heut wirst du mich gar nicht mehr los, – Inge und ich setzen uns auf den alten Faulenzer dir zu Füßen, das Großchen setzt sich daneben, und du erzählst uns Geschichten.« »Kindskopf,« lachte die kleine Gnädige und kriegte ihn beim Schopf und streichelte den Herrn Fähnrich – so ein frohes, schönes Bild. Ach, was hatten wir fürn lustigen Nachmittag. Mit Pfeffernüssen haben wir alle gespielt in der Dämmerung. Das heißt, wir haben die Pfeffernüsse gegessen und dabei gejuchzt und gelacht, denn wir kamen mit dem Spiel nicht zurecht. Es hieß: »Der alte Schimmel, ein Gesellschaftsspiel für Jung und Alt,« und war auch eine Erklärung dabei, aber so viel wir auch lasen, es kriegte niemand den Sinn heraus. Jedes nahm es dem andern fort und ich wagte auch einmal zu sagen: »Erlauben Sie mal,« aber man kam immer nur dazu zu sagen: »Der alte Schimmel, ein Gesellschaftsspiel für Jung und Alt,« dann lachten sie alle los. Gescheitheit ist ja auch manchmal weniger gesund als Lachen. Der Herr Oberst waren im Dienst. Zum Abend hatten sich Mutter und Sohn auch schon ein liebes Plänchen zurecht gemacht, wie sie still beieinander bleiben wollten, denn morgen reist der Herr Richard ab. Aber natürlich muß abends der Baron von Stammfels sich ansagen, so 'ne Art Onkel von uns, und er und die alte Baronin können unsern Herrn Fähnrich nicht ausstehen und predigen ihm in einem fort, als hätt er noch Höschen an, die hinten zugeknöpft werden. Das muß ja so 'n Brausekopf obsternaatsch machen. Ich war froh, als sie endlich gingen, aber sie hatten vorher unser feines Essen allegemacht und den Herrn Obersten seine teuren Weine kreuz und quer getrunken, daß ich noch im Stillen dachte: »Die Jungen sollen nicht saufen, aber die Alten machens ihnen vor.« Und kriegte so 'ne Wut, daß ich dem Herrn Baron die zwanzig Pfennig Trinkgeld wieder in seine Tasche reintat. Und nun will ich schlafen gehen, denn alle schlafen schon, – gute Nacht! Und lieber Herrgott, wenn du mal wieder einen stillen Tag mit Sonne für uns ausgesucht hast, denn laß doch lieber so dummen Besuch fort. [Leer] Der Mensch denkt, – Gott lenkt. Herrn Richards Stübchen, das er in den Ferien bewohnte, liegt neben meinem und hat nur eine Tapetentür. Wie ich gestern schlafen gehen wollt', hört ich drüben anklopfen, mach' meine Tür auf, denn es war doch nach zehn Uhr und sehe, wie der Julius, der neue Bursche, jemand hat heraufgebracht. Den Herrn Referendar von Mehmke. Kann ihn nicht riechen. So'n Gesicht, wo einem die Hände lebendig werden, und wenn er schlechte Kleider an hätte und einen zerlöcherten Hut, denn möcht' man's Portmonnö fix zuhalten und das Silber um Gottes willen wegschließen. »Es ist nachtschlafende Zeit, Herr Referendar,« sagt ich ziemlich barsch, denn uns hört hier oben niemand, »ich glaube, der Herr Richard schläft.« »Nein, – holde Jungfrau, er schläft nicht,« sagt er mit so'm Grinsen, »und wenn er schliefe, müßten Sie ihn sofort wecken.« »Na nu,« knurrte ich, – denn ich kann's vorn Tod nich leiden, wenn mich jemand »holde Jungfrau« nennt. In dem Augenblick macht auch schon der Herr Fähnrich die Tür auf und der andere war im Nu drin. Ich sofort mit dem Ohr an die Tapetentür, denn das ist meine heilige Pflicht. »Ham Sie den ganzen Tag Familie gesimpelt?« fragte der Referendar. Weiter hörte ich nichts, als bloß mal ein kurzes, höhnisches Auflachen, dann sprachen sie ganz leise. – Dann sagte der Herr Richard etwas lauter: – »nur gerade heute wollt ich nicht.« – Na, – ich gab das Horchen auf, war so müde und legte mich hin, dann hörte ich den Gast weggehen und Herr Richard bracht ihn runter. – Früh, so im Dämmerlicht wacht' ich auf. Bin's immer gewohnt, Winter und Sommer um vier Uhr aus dem Bett zu steigen, man kann viel schaffen in der Morgenstunde, die Gold im Munde hat. Ich las den Morgensegen und holte mir meinen Spruch aus dem Wandkästchen: »Nun bleiben aber Glaube, Liebe, Hoffnung, diese drei, aber die Liebe ist die größte unter ihnen.« Da klopfte es ganz leise an meine Tür. Der Bursche, dacht ich zuerst, – er hat manchmal Zahnweh, das treibt ihn raus und ich besprech' es ihm, – sonst ist er zu faul, um die Zeit aufzustehn. Ich schließ die Kammer auf. »Herr du meines Lebens, – Jungherr Richard!« – Er war nicht betrunken, – nein, gewiß nicht, wenn er auch auf den einzigen Stuhl taumelte, der in meiner Kammer steht. Er war blaß und ganz übernächtig und sein Atem ging schwer und – ja – verlegen war er. Er hat so'ne Handbewegung immer noch, wie als ganz kleiner Bubi, wenn er was ausgefressen hatte, und sollt' um Entschuldigung bitten, dann fuhr er sich immer mit der Hand durch die Tolle von seinem Krauskopf. Und so tat er's jetzt auch, – aber ich meint', ich hört sein Herz klopfen, so in Angst war er. – Doch nicht vor der armen, pockennarbigen Line, der seine Herrn Eltern die Heimat gaben? Seine Stimme klang sehr verändert, so als ob er nie sprechen gelernt hätte – – als er jetzt mir was sagen wollte. »Nu, nu,« meint ich, – »Ihnen ist gewiß nicht gut, und ich mach' schnell 'ne starke Tasse Kaffee, – ist ja noch niemand auf, nur immer ruhig, lieber Herr Richard.« Aber da faßt er meine Hand, und so ganz, aber so ganz verzweifelt schaut er mich an. »Herr du meines Lebens, Jungherr Richard,« sag' ich, »was ist Ihnen geschehen?« – – – Das dauerte lang, – ehe ich das herauskriegte, und dann mußte ich hell auflachen. War ja gar nichts! Achthundert Mark! Aber ja doch! Wie gern! Werd' ich's endlich mal los, das dumme Geld, das sie mir immer aufgeredet hat, die gute, liebe Herrschaft. – Und ich lachte nochmal , – war ja so froh, daß ich wieder meinen Strumpf hatte und das Geld drin, – denn zu der neuen Stadt hat ich noch nicht so'n Vertrauen, daß ich es hätte in die Sparkasse tragen mögen. Nun zählt ich alles dem jungen Herrn hin – – du lieber Herrgott, es gibt ja zu schlechte Menschen, – will ihn der Referendar und die andern ja wohl gleich verachten, wenn er nicht just sofort das Geld bringt. Ist ja der armen Dienstmagd selber eine Ehre, dem lieben Sohn von der guten Herrschaft auszuhelfen, trägt dabei 'ne Schuld ab, und deshalb heißt es wohl Ehrenschuld. Mit Lachen und Weinen hab' ich ihm meine Taler gegeben, – so eine Herzensfreud' hatte ich lange nicht. Aber die Freud' muß mich rein verwirrt gemacht haben, denn – es kann doch nicht sein, – i wie sollt es wohl, – daß der Jungherr meine Hand geküßt hat? Die schwielige, abgearbeitete, pockennarbige Hand? War mir aber doch ganz so, und deshalb hab ich gescholten, – o so gescholten mit ihm, als wär's ein kleiner Jung' und kein hoher Herr Fähnrich, und hab' ihm sein Zimmer gewiesen, dem armen, müden Kerlchen und bin in die Küche gelaufen. – Einen schönen, starken Kaffee bracht' ich ihm dann an sein Bett, – aber er schlief schon, – die Hände gefaltet und ein liebes Jungslächeln auf dem müden Gesicht, und im Schlaf noch schluchzte er, wie ein kleines Kind tut, wenn's auch längst in Hut von der Mutterbrust ist – [Leer] »Wo Täubchen sind, da fliegen Täubchen zu,« sagte meine Mutter selig immer, wenn irgend ein reicher Kauz in der Lotterie gewonnen hatte. Aber wo die Täubchen ausgeflogen sind, da kommt sicher auch noch ein Marder hinterdrein und wühlt im leeren Stall herum. So ist es mir ergangen. Hatte meine Täubchen alle dem Jungherrn Richard gegeben und von Herzen gern, aber da kommt noch am Tag darauf der Willusch Damian zu mir. Ein braver Jung' und ein Verwandter von mir, der hier Bursche war und nun bei die Post will. Braucht da 'ne Ausrüstung und sonst noch Geld, und hätte es ihm wahrhaftigen Gott auch gern gegeben, aber hatte doch nichts. Sagte ihm das denn ganz ruhig, wenn mir auch das Herz dabei schlug, denn man hat doch Gefühl für Blutsverwandtschaft. »Ich hatte so auf dir gerechnet,« meinte der Willusch traurig, »und ich hätt' es dich wiedergegeben.« »Das hätt' keine Not gehabt, aber ich bin nun eben mal ganz arm.« Da flog so ein ungläubiges Lächeln über das Gesicht von dem Willusch, und so was kann ich nicht vertragen, deshalb schmiß ich ihn raus, denn es war meine Stube. Aber hinterher habe ich lange weinen müssen. Ein paar Tage drauf schien mir's, als ob mein Herr Oberst nicht so freundlich zu mir wären, wie sonst. Konnte ja aber Ärger im Dienst gehabt haben, dacht' ich bei mir und trug es ihm nicht nach. Aber ich mußte ihm doch noch öfters fragweis' in die Augen sehen – war solche Behandlung ja nicht gewöhnt so auf die Dauer. Und dann kam's heraus. »Ich habe gestern deinen Neffen gesehen, Line.« »So? Herr Oberst.« »Jawohl, – und ich habe ihn auch gesprochen.« »Hm.« Der Herr Oberst kuckten mich an und ich wurde rot, denn er sieht einen durch und durch wie 'n Leutnant in die besten Jahre. »Der Willusch wäre gern zur Post gegangen,« sagte der Herr Oberst weiter, »und es wäre was aus ihm geworden.« Ich war mäuschenstill. Da setzten der Herr Oberst noch was hinzu und das tat weh: »Man muß auch nicht zu vorsichtig sein, Line, – Helfenkönnen ist eine schöne Sache, es bringt keinen Segen, wenn man's kann, und es nicht tut.« Na, ich tu meine Arbeit und der Herr Oberst wird schon wieder gut werden. Unser Herrgott regiert ja doch, wie Er will und Er sieht, daß ich keine Schuld habe, und wenn es im Himmel so geschrieben steht, denn kann der Willusch Reichskanzler werden, wenn er auch jetzt Kutscher in 'ner Flaschenbierhandlung ist. – Fange nun auch wieder langsam mit Sparen an, denn fünfundzwanzig Mark monatlich ist ein großes Geld, – ich sage es auch niemalen vor die anderen Dienstmädchen, die dann nur grappsch werden und obsternat gegen die Herrschaften. Ich wär auch mit weniger zufrieden, weiß Gott, denn ich habe mein warmes Zimmer und mein gutes Essen und Behandlung wie eine Baronin. Aber wenn die Herrschaft meint, ich verdiene mehr , denn muß sie es wissen, weil sie gescheiter ist. Mein Strumpf ist schon wieder ganz voll. Wie es so geht, – die vielen Trinkgelder immer in so einem feinen Hause und denn ist auch die alte Gnädige gestorben. – Ganz sachte eingeschlafen, wie wenn nix war und war doch ein großes, treues Mutterherz mit so viel Liebe. Die Liebe ist auch nicht mitgestorben, die hat sie zurückgelassen bei der kleinen Gnädigen, und die teilt sie nun aus. Für mich war weiß Gott auch die Liebe genug gewesen, aber die alte Gnädige hatte noch tausend Mark drumrumgewickelt, »Legat« nennen sie's. Wem es eben an der Wiege gesungen worden ist, daß er reich sterben soll, der kann soviel wegschenken, wie er will, – es fliegen Täubchen zu. Mir kann's recht sein. Der Willusch Damian wird's schon mal brauchen können später, aber einen hellgelben Sarg muß er davon abziehen. * Mir tut es doch von Herzen leid, daß die alte Gnädige nicht den »Herrn Leutnant« erlebt hat. So was Schmuckes hab ich allmeintag nicht gesehen. Da ist der Herr Oberst rein nichts dagegen. Der ist ja aber auch kein Leutnant. Ich kann die junge Gnädige nicht begreifen. Sie müßte von Rechts wegen jubeln und frohlocken, denn sie ist die Mutter und hat dem Herrn Richard alle die lachende Schönheit gegeben. Aber sie ist still. Und sie sieht ihm nicht mehr so in die Augen, so lange und so zärtlich, wie früher immer. Hat er denn andere Augen bekommen? * »Ihr junger Herr treibt's schlimm,« sagte heute Schuster Labian zu mir, als ich ihm Ingeborgchens Chevreaustiefelchen brachte. Die Sohlchen waren durch. Ist ein fixes Marjellchen geworden, unser Fräulein und wird mal schön, wie die junge Gnädige. Aber den Stiebeln ist das einerlei, die reißen bei Schönen und bei Häßlichen. Deshalb mußt ich zum Schuster Labian und er sagte das zu mir: »Ihr junger Herr treibt's schlimm!« »Wenn Sie sich doch um Ihr Rindsleder kümmern möchten, Meister,« meinte ich ruhig, denn ich zank mich nicht gern, wenn's mir auch auf den Tod verhaßt ist, über meine Herrschaft etwas Ungutes zu hören. »Rindsleder, Rindsleder,« brummte er da wütend, – »manchem, der kein Rindsleder hat, tut's trotzdem not, daß er gegerbt würde.« »Sind Sie einer von den neumodschen Sozialdemokraten?« fragte ich mißtrauisch, denn soviel weiß ich schon, daß die aufs Militär spinnefeind sind. Da sah mich der Meister Labian erst ganz schnurrig an und dann meinte er bedächtig: »Wer's Eiserne Kreuz von 70 hat und 64 die Düppler Schanzen beschoß, der denkt nicht an so was, Jungfer Line. Aber an was anderes denkt er.« Und damit sprang er plötzlich auf, warf Leder und Pfriemen fort und krempelte seine Hemdsärmel auf, als wollte er mich auf'n Fleck verhauen. Ich kriesch so ein linschen auf und da wurde er etwas ruhiger. »Wo hat der Herr Oberst seine Augen?« fragte er grimmig. »Sind die nur dazu da, auf seine eigene Uniform zu sehen, daß die nur ja blitzsauber und ohne Stäubchen ist? Wie aber steht's mit der Uniform vom Herrn Leutnant? Da muß schon 'ne eiserne Bürste her, um die Flecken von der loszukriegen – pfui Deiwel.« Er spuckte kräftig aus und ich stand da, als hätte mich einer mit 'n Holzscheit vor meinen armseligen Kopf geschlagen. Ich stammerte also was zurecht, daß ich dazu nicht da wäre, und daß die Uniform vom Herrn Leutnant Sache des Burschen sei. Da lachte der Meister Labian dröhnend auf und streckte die Arme gen Himmel aus, als wollte er unsern Herrgott selbst zum Zeugen für meine Dummheit aufrufen. »Der Bursche?« rief er grimmig. »Ja, gilt denn der bunte Lappen bei euch alles? Der Fetzen vom Schneider Meck, Meck, Meck? Und was drunter sitzt, – ist das nichts?« Und plötzlich schob er mich an den Schultern zur Werkstatt hinaus und meinte ganz geruhig: »Die Stiebeln kriegen Sie morgen.« * Da ging ich denn in meiner ganzen Düsigkeit nach Hause. › Heute rief mir der Bursche zu: »Na, nu hat der Herr Leitnant 'ne Liebste.« »Das geht Sie gar nichts an,« fauchte ich, denn mir gab's einen Stich ins Herz, daß ich von so was noch nichts erfahren hatte, und so ein Esel es mir erst sagen mußte. »Und was für eine,« schmunzelte der freche Mensch und pfiff sich ein Lied. Gegen ungebildete Leute schweige ich am liebsten, aber wenn man feste Aussicht hat, mit so einem monatelang zusammen zu sein, denn wirk' ich auch gern belehrend. Ich sagte denn auch: »Bei so vornehmen Leuten, wie unsere Herrschaft, nennt man sowas nich ›Liebste‹, sondern ›Fräulein Braut‹, und man spricht nicht eher davon, bis man sich 'ne reine Schürze umbindet und gratulieren kommen darf.« Da lacht dieser alberne Lorbaß so recht gemein und wirft so über die Schulter hin: »Na, da suchen Sie sich nur 'ne recht schöne Schürze aus, wenn Sie gratulieren gehn, Jungfer Line, die Verlobung is bei Vadder Klamm.« »Vadder Klamm«, so heißen sie hier eine Kneipe, wo öfters Musik gemacht wird von herumziehenden Leuten. Ich kann da natürlich keinen Zusammenhang finden mit meinem Herrn Richard. Aber der Bursche muß aus dem Hause. Wer so schlecht spricht in seines Herren Lohn, der taugt nichts und ich möcht nichts vor ihm offen liegen lassen. Trau, schau, wem? So einem Schandmaul nun mal gar nicht. Den ganz'en Tag hab ich herumgehorcht (ist sonst nicht meine Art), ob ich nicht was von einer fröhlichen Verlobung herauskriegen könnte, aber die junge Gnädige macht nur ein blasses, ernstes Gesicht und die Fräulein Ingeborgchen fragt mich: »Alte Line, was haben nur die Eltern, es ist gar nicht mehr hübsch bei uns.« Da macht' ich freilich: »Pscht! Wer wird so etwas sagen!« Denn so 'n junges Ding weiß ja gar nicht, wie gut und weich es sitzt in so einem Elternhaus. Auf den Nachmittag kam der Krümperwagen vors Haus, und der Herr Oberst fuhren mit seiner Familie nach Haidhausen, da hat die dortige Herrschaft Silberhochzeit, und soll großer Rummel auf dem Gute sein. »Kannst dir auch einen vergnügten Tag machen, Line,« fügten der Herr Oberst und steckten mir ein großes Silberstück in die Hand. Ich freute mich über den Taler und war auch nicht betrübt, als ich merkte, daß es ein Fünfmarkstück war. »Willst zur Base Auguste gehn,« denk ich, denn da komme ich selten hin, weil sie im Dorf wohnt, und keine rechte Eisenbahn nicht hinführt. Aber zu Fuß kommt man in zwei Stunden. Die Base Auguste ist auch 'ne Art Ziehmutter vom Willusch Damian und ich wollt mich erkundigen, was er macht, denn es liegt mir etwas wie Schenie auf der Seele, daß ich ihm damals nicht geholfen habe. Wenn ichs doch aber nicht konnte! * Gott Lob und Dank, es geht ja dem Willusch gut, was ich gleich wußte, weil ich eben Gottvertrauen habe und mir nicht denken kann, daß der Himmel es am Unschuldigen straft, wenn ich meinem Herrschaftssohn, der obendrein noch Leutnant ist, aus gerechter Seelennot helfe. Aber aus der jetzigen Not, da kann ich ihm nicht helfen, die geht das Herz an und bei vornehmen Leuten ist die Liebe schnurriger, als bei unsereinem. Ich weiß da nicht Bescheid. Gehe ich also gestern von der Base heim, schon ziemlich nächtens, was ich sonst nie tue, aber wir hatten ostpreußische Maibowle getrunken, und der Grog war steif. Man kommt von dem Dorf, wo die Base wohnt, an »Parvadomus« vorüber. »Bist lange nicht dort gewesen,« denk' ich noch, und wundere mich mit einemmal schlagrührend, daß ich da wieder Licht sehe. Gerade wie damals, als der Herr Kadett spielten und ich die ganze Bande (hätt' ich beinahe gesagt) aufstöberte. Klinke also die Gartenpforte auf und gehe nach dem kleinen Hause, denk' aber diesmal bloß an Geister oder Diebe, denn der Herr Leutnant waren auch mit im Krümperwagen fortgefahren zur Silberhochzeit. Saßen aber doch im Parvadomus der Herr Richard, und ich hörte die Geigentöne, und meinte, er sei jetzt erst ein richtiger, großer Künstler geworden und wunderte mich zu Tode, wie er dazu kam, wo er doch nie ein Instrument anrührte. Und dann kletterte ich am Fensterchen in die Höhe, wie damals – – – Herr du meines Lebens! Gegeigt wurde freilich, aber nicht vom Herrn Richard, sondern von einer schwarzen, jungen Hexe, die wohl direkt vom Blocksberg kam mit ihrer sündhaften Schönheit. Der Richard sah aber gar nicht nach ihr hm, der hörte nur, und sie spielte ja auch, wie alle himmlischen Heerscharen zusammen genommen, – Gott verzeih mir die Sünde. Und immer, wenn sie mal eine Pause machte, dann rief er ungeduldig: »Weiter, weiter, so spiel' doch weiter.« Ich sah, daß sie ganz erschrecklich blaß und müde war, weiß der Himmel, wie lange sie schon gespielt haben mochte, und da stand sie plötzlich käseweiß und sagte: »Ich kann nicht mehr.« Da riß sie der Jungherr Richard in seine Arme und küßte sie, daß mir draußen auf dem Fensterbrett heiß und kalt wurde, und ich meinte, der Malte Kossagoff von dazumal sei ein Steinblock gegen den Jungherrn Richard gewesen. Allmächtiger – das ist doch kein Fräulein Braut? Das ist doch kein feines Marjellchen, zu der meine Herrschaft: »Trautstes Tochterchen« sagen kann? Ach du grundgütiger Himmel, – dazu brauch' ich mir freilich keine reine Schürze umzubinden. Das waren so meine Gedanken. Und die da drinnen im Hüttchen, die hatten die Welt vergessen und der Himmel könnt' einfallen, die hättens nicht gemerkt. Da schlich ich mich zum Tor hinaus, ganz langsam, wie 'ne alte Frau, denn ich mußt an die Mutter denken, an meine stolze, junge Gnädige, die ihr Herzblut tropfenweis für den Sohn gegeben hätte, – und nun kam so 'ne Junge, – und nahm ihr den Jungen – mit Haut und Haar, – mit Haut und Haar. – – »Gegen die Liebe kein Kraut gewachsen ist,« und gegen so 'ne Fiedel auch nicht; die eine ist kaput, – schafft halt der Satan 'ne andere her. – – – Und ich krieg' 'ne innerliche und auch 'ne äußerliche Wut gegen alle Musikmachers, daß ich nur so mit meinem Regenschirm herumfuchtele. »Kannst du denn nich? sehen – Frauenzimmer?« fährt mich da 'ne grobe Stimme an, und ich kannte sie, denn dieselbigte Stimme hatte mich früher mal »holde Jungfrau« genannt und gehörte dem Assessor von Mehmke. Dem hatte ich eben in der Nacht und in der Wut auf die Hühneraugen getreten, aber leider Gottes nicht so arg, daß er seinen Weg nach 'n Parvadomus weitergehen konnte, – er und noch 'n Stückener sechse, die ich aber nicht erkannte. »Na schön,« sagt ich, »schön, schön, schön! Nu kanns ja losgehen.« Und ich rannte wien Bürstenbinder heim, und die Tränen liefen mir über die Backen, so ein Leid hatt' ich um meine Herrschaft, die von nichts nicht wußte, und justement auf 'ne Silberhochzeit tanzte, wo ihr Herr Sohn und Leutnant ins Verderben rannte. Um zwei Uhr nachts rasselte der Wagen vor die Tür und ich legte mich auf die andere Seite, denn der Jungherr Richard waren schon eine Viertelstunde früher die Stiege hinauf getappt, und das war mir 'ne Beruhigung. Aber ich mußt' sogar ein bißchen lachen, wie es doch närrisch in der Welt zugeht, denn der Jungherr war wie ein alter Mann geschlichen und der Herr Oberst liefen wie ein Wiesel die Treppen herauf. Freilich, der Herr Leutnant schleppte ja auch seine ganze Lieb' und sein Leid und seine Schuld mit sich, und der Herr Oberst hatten alles, was ihn drücken mochte, in Schampancher begraben. – Närrische Welt! Die Dienstmagd mußte wirklich ganz laut lachen. * Um 4 Uhr stand ich heute schon wieder auf. – Wir haben Vollmond, und da laboriere ich an Ahnungen. Es braucht mirs ja niemand zu glauben, aber ich fürchte mich manchmal vor mir selber. Ich sehe dann was, was kein Mensch sieht und so sah ich auch durch die verschlossene Tür den Herrn Leutnant draußen stehen, und wunderte mich gar nicht, als sie plötzlich aufging. »Guten Morgen, Line.« »Guten Morgen, Herr Leutnant.« Aber der Gruß blieb mir beinahe im Halse stecken, – so hatte ich ihn doch noch nicht gesehen, den Jungherr. Er kam ganz scheu an mich heran und nur so zwischen den Zähnen hindurch fragte er: »Du hast wohl sehr auf dein Geld gewartet, Line?« »Nicht so arg,« sagt' ich. »Ich kanns dir auch noch nicht geben, Line, – ich – ich – wollt dich sogar bitten – – –« »Aber gern , Jungherr Richard.« Wie da seine Augen aufleuchteten, – als hätt' er das schöne Weibsbild mit der Fiedel im Arm vor sich und nicht die pockennarbige Line. Aber dann wich er ebenso rasch zurück und es war, als hätte ihm eine grobe Hand alle die Sonne vom jungen Gesicht fortgewischt, und schwarze, garstige Schatten drauf gemalt. Freilich, meine Hand ist ja auch grob und ungeschlacht, – hat alleweil zu viel harte Arbeit tun müssen. Und jetzt hatte diese Hand dem Herrn Leutnant drei Hundertmarkscheine hingelegt, und das blanke Fünfmarkstück vom Herrn Obersten noch drauf, denn die Base hatte nichts genommen von mir. Wie konnt ich wissen, daß es viel zu wenig war, mein Erspartes. Für mich war's ein Vermögen, – aber ich brauchte es nicht, ich hatte ja alles bei meiner gütigen Herrschaft. »Line – das Legat – – ich – ich – –« »Jesus, Herr Richard, das Legat habe ich nicht, das haben Herr Oberst in Papierchen liegen und schneidet denn immer einen Finzel ab und ich trags beim Kommerzienrat Pindar und krieg alle halbe Jahr zwanzig Mark – – –« Ja, ich konnt' lange reden, der Herr Richard war wie ein leerer Sack auf den Stuhl gefallen und hatte die Hände vors Gesicht geschlagen. Ich wußte meiner Seel' keinen Rat, aber ich fragte mich immer in meiner Not, warum so ein junges Bürschchen nicht zu die Herrn Eltern einfach geht, die doch haufenweise Geld haben, – sondern zu der armen Dienstmagd kommt. Mit einem Male stand er auf, – er ist so hoch und stolz gewachsen wie ein junger Baum. Aber das Herz tat mir mit einem Male zum Springen weh, – wie mich seine traurigen Augen aus dem blassen Gesicht ansahen. »Na, alte Line, denn nichts für ungut,« sagt er und drückt meine Hand fest, ganz fest. »Behüt dich Gott, Line – – – –« Raus war er aus meiner Kammer und ich stand da und vor mir lag das dumme Geld. Ja, ein dummes, abscheuliches Geld, weil es nicht mal gelangt hatte, meinem lieben Herrn Richard eine Herzensfreude zu machen. [Leer] Was ist das für ein Tag heute! Ein wunderlicher, unruhiger Tag. Mir liegt er arg in den Knochen, ich kann spätes Schlafengehen und Aufregung nicht vertragen – – o und so viel Aufregung wie heute, die muß einen Goliath klein kriegen. Ich hatte im Suteräng geschafft, wo die Küche liegt und mich um nichts im oberen Stock gekümmert, meine Augen hatte ich bei der Küchenuhr und Schlag neune bracht ich dem Herrn Oberst zwei pflaumenweiche Eier herauf, denn er kam vom Ritt zurück. Die Eier darf ihm niemand kochen, wie die Line, denn er ist da kisätsch mit, und deshalb darf ich sie ihm auch bringen, und wie ich oben anklopf, höre ich ihn so laut und froh hereinrufen, wie seit Jahren nicht und dann sah ich in ein strahlendes Gesicht und die junge Gnädige hängt an seinem Hals und lacht auch, hat aber Tränen im Auge. »Ja, ja, Line, das ist 'ne Freude,« ruft der Herr Oberst, »und du sollst sie zuerst erfahren, denn du hast immer durch Dick und Dünn mit unserm Leutnant gehalten – – –« »Jesus!« ruf ich, und sehe rasch die Eier hin, denn sie wollten mir schon vom Teller hupfen, »'ne Freude, Herr Oberst, 'ne Freude?« »Freilich 'ne Freude! 'n Mordskerl ist er, unser Richard, – das ganze Nest steht Kopp über ihn. Hat eben mit eigenster höchster Lebensgefahr die zwei Prachtsjungen vom Meister Labian gerettet. Die infamen Bengels haben sich ein Boot losgemacht und sind in die Strömung getrieben, – erst ging der eine über Bord, – Richard, der verwunderlicherweise einen Morgenspaziergang macht, statt wie gewöhnlich in den Federn zu liegen, – springt hinterher, kämpft mit dem elenden Strudel, ringt sich durch und kaum hat er den Jungen halbtot an Land, kentert das Boot und der Tollkopf auch dem zweiten Jungen nach. Augenzeugen brachten mir brühwarm die Nachricht, als ich durchs Tor reiten wollte.« »Wo ist der Jungherr?« fragte ich, und war so aufgeregt, daß ich allen Anstand vergaß und mich in einen roten Sessel hinsetzte mitten vor die Herrschaft. Und neben mir stand die junge Gnädige und hielt meine Hand und vergaß auch Zucht und Sitte und küßte mich in lauter Mutterseligkeit. »Er wird bei einem Kameraden sein,« meinte der Herr Oberst, »denn der ganze Keil war ja tropfnaß und vor unserm Hause steht ja halb D., da getraut er sich gar nicht her, der Lebensretter. Und nun wein nicht mehr, Alte, – der Stolz lacht dir ja doch aus allen Ecken – – na ja – – is ein braver Kerl, der Bengel – aber 'n Windhund ist er auch.« Wie wir noch so reden, klopft's, und ich denk trotz der Auftegung, nun kommt schon die dumme Ordonanz mit den eiligen Dienstsachen und die weichen Eier werden kalt, – da schiebt der Bursche den Meister Labian zur Tür hinein und ich meine, – er fällt dem Herrn Oberst um den Hals. Aber er war nicht groß genug veranlagt und nahm nur seine Hände und schüttelte sie und denn wieder der jungen Gnädigen ihre und denn wieder meine, als ob ich auch dem jungen Herrn das Leben gegeben hätte, und die Tränen laufen ihm über das Gesicht. »Alle beide sind außer Gefahr und ganz bei Besinnung, Herr Oberst,« ruft er, »und ich – ich muß dem Herrn Leutnant danken.« »Schon gut, schon gut,« lacht der Herr Oberst, »das war ja nur seine verdammte Pflicht und Schuldigkeit, Meister.« »Na,« – sagt der Meister, »das war es nicht . Da standen doch auch alle andern drum rum und litten es, daß meine gottverlassenen Buben das Boot losmachten und als das Unglück kam, da is geschrien und geraten und gemutmaßt worden, aber wer 'neinsprang, das war der Herr Leutnant, ohne Besinnen, ohne Wort – – Herr Oberst – –« Und wieder schossen ihm die Tränen. Nun hätte ich gern gewollt, daß der Meister gegangen wäre, denn mir wurde es mit einem Male so eigen schwer ums Herz, aber nun führte der Herr Oberst den Meister extra zu einem Sessel und drückte ihn hinein und brachte ihm noch einen Kognak und noch einen. Und da wurde der gute Meister redselig und klagte sich an, daß er noch gestern so arg über den Herrn Leutnant geschimpft hätte und er wäre doch selbst mal ein guter Soldat gewesen, wie der Herr Oberst am Eisernen Kreuz sehen könnten, aber in den lausigen Friedenszeiten mit Respekt zu sagen, wäre ihm ja wohl alle Disziplin aus dem Leibe gekommen. Und der Herr Leutnant hätten mit seiner heutigen Tat ja alles wieder gut gemacht und die unrechte Liebschaft würde er sich wohl aus dem Kopfe schlagen, ebenso wie das verfluchte Spiel jeden Abend. Und dann griff der Meister Labian linkisch nach seiner Mütze, denn die junge Gnädige hatte so einen Wehlaut ausgestoßen, wie wenn ein Mensch oder ein Tier auf den Tod verwundet ist und gar keine Sprache hat. Und der Herr Oberst waren kalkweiß und nur die Ader lag wieder so stark über der Schläfe. »Herrgott, jetzt kommt's! Hab Erbarmen!« dacht ich nur so – aber es kam weiter gar nichts, nur der Knauf brach ab an dem Schreibstuhl des Herrn Obersten, – den hielt er umklammert. »Was wissen Sie von meinem Sohne?« fragte der Herr Oberst und ich kannte seine Stimme gar nicht wieder. Der Meister Labian guckte bloß ab und zu die Tür au, als wollt' er hinaus je eher, je lieber, aber die Augen von meinem Herrn hielten ihn fest und bohrten sich in ihn hinein und da erzählte das alte Waschweib alles – alles – und dann zeigten der Herr Oberst nach der Tür und der Meister Labian schlich scheu hinaus. – Ich war wie angehext an meinen Platz und niemand beachtete mich. »Ernst!« schrie die junge Gnädige und warf sich an die Brust von ihrem angetrauten Manne und dem Vater ihrer Kinder. »Ernst, sei nicht so hart! Er hat's gut gemacht heute, – Ernst, – o mein Gott!« Ich kuckte den Herrn Oberst an und sah in ein Gesicht wie von Stein. Da packte mich dummes Geschöpf sowas wie Zorn gegen meine angestammte gute Herrschaft und gegen den Herrn Oberst höchstselbst, weil er mir mit einem Male so menschlich und bockbeinig schien. »Herr Oberst,« sagte ich resolut, anstatt das Maul vierzehn Tage lang zu halten, »unser Jungherr ist nicht schlecht, und ich meine, es war Vorsehung, daß ich ihm heute kein Geld geben konnte, denn wenn er nich von mir fortgeprescht wäre ans Wasser, denn hätte er doch die Jungchens nicht retten – – –« Jesus! Wie ein wildes Tier stürzte sich der Herr Oberst auf mich und schüttelte mich – – mich die Emmeline Wardukeit züchtigte der gütige Herr Oberst in sinnloser Wut. »Dich hat er angepumpt, – unsere Dienstmagd , – – der Ehrlose – – pfui Teufel –« Und wieder schüttelte er mich, daß ich hin und her flog wie ein Bündel Lumpen. »Wie viel?« fragte er heiser. »Achthundert Mark –« Ob er's verstanden hat, weiß ich nicht. Ich hatte kaum einen Ton in der Kehle und es war mir auch einerlei. Die Schmach brannte mir in den Knochen, die Schmach. Ich riß mich los und taumelte hinaus. Draußen mußte ich mich noch eine Weile an die Tür lehnen, denn alles ging mit mir rund und da hörte ich ein jammervolles Weinen und erstickte Worte von der kleinen Gnädigen und dann etwas Furchtbares: »Ich habe keinen Sohn mehr, – er hat sein Ehrenwort gebrochen.« »Pfui Teufel,« hatten der Herr Oberst gesagt, »unsere Dienstmagd!!!« Das brannte, – das fraß wie Feuer. Bis in meinen armseligen Stolz hinein. Die Kammertür ging auf und irgend eine Hand legte einen großen Umschlag auf meinen Tisch und ich nahm ihn ganz gehorsam, wie doch so eine Dienstmagd sein muß, denn mein Name stand auf dem Umschlag und ich machte ihn auf. Da lagen achthundert Mark drin. Und ich lachte. Lachte ganz laut und ohne mich zu schämen. Das war der Haß! Stückweise hätte ich mich martern lassen für meine Herrschaft, alles hätte ich hingeben können für sie und nun war ich doch nichts, als ein verachtetes Bündel Lumpen, das man hin und her schüttelt. – Der schiefe, krumme Jude Levi im verrufenen Holzgäßchen war besser als die Emmeline Wardukeit. Zu dem gingen die Herrn Leutnants und niemand sagte: »Pfui Teufel.« Und ich nahm den Umschlag mit den achthundert Mark und ballte sie zu einem Knäuel, den warf ich auf die Erde und trat darauf. [Leer] Aber was ist aller Zorn und aller Haß von so einer armen Dienstmagd gegen die zitternde Sorge und Angst von so einem Mutterherzen. Und wenn das Herz auch in einer hochwohlgeborenen Dame steckt, es ist doch eine Mutter . Und so eine armselige Mutter kam gestern in meine Kammer geschlichen zu nachtschlafender Zeit und nahm mich an ihr Herz, und wärmte meine eiskalten Hände und ihre vornehmen Tränen waren genau so bitter, wie meine geringen. Wir saßen beide auf meinem schmalen Bett und hielten uns umfaßt und sie sagte: »Line, meine treue Line, hilf mir. Mein Richard ist nicht heimgekommen in all den Stunden.« Da erschrak ich, aber wie ich in Vollmondnächten meine Eingebungen habe, so legte mir's der Herrgott auf die Zunge, daß ich fügte: »Ich weiß, wo er ist.« In mein eigenes grobes Umschlagtuch wickelte ich die kleine Gnädige und leise schlichen wir die Treppe hinunter, an der Tür des Herrn Obersten vorbei, hinter welcher er rastlos auf und ab ging. – Wir waren schon lange gegangen, ehe die kleine Gnädige fragte: »Wohin, Line?« »Nach Parvadomus!« Leise, wie vorgestern Abend klinkte ich die Pforte auf, der Mond leuchtete hell auf den schmalen Weg, daß man jedes Buchsbaumblättchen von der Einfassung erkennen konnte. Ich zog die Frau hinter mir her, als ich die Tür zum Hüttchen aufmachte und legte den Finger auf den Mund. Denn ich glaubte, nun müßte man Geigentöne hören wie es doch immer gewesen war, – immer. Aber heute nicht. Und er war doch drinnen, der Jungherr Richard. Ganz still saß er in dem alten, abgeschabten Lehnstuhl vom Herrn Großvater selig, und sein Gesicht war sehr weiß und die Augen waren offen und an der Schläfe war ein kleines rotes Mal. »Jesus!« rief ich da wieder. Als ob unser Heiland kommen müßte und der armen Mutter den Sohn erwecken, – den einzigen. Sie war neben dem Kinde hingekniet, – keine Träne mehr im Angesicht, wie versteinert im Schmerz. »Rufe den Vater,« kam es ganz laut und hart von ihrem Munde und da jagte ich wieder hinaus wie von Sinnen. Ehe ich aus dem Garten trat, sah ich nochmal nach dem Hüttchen zurück, – ganz gespenstisch leuchtete die goldene Inschrift im Vollmondlicht: Parva domus, magna quies. – – * Die junge Frau Hauptmann Ingeborg will, daß ich mein altes Tagebuch zu Ende schreibe. Sie ist ein gutes Seelchen und ich möchte ihr den Gefallen tun, aber ich bin jetzt alt und hinfällig, was soll ich schreiben? Ich hab es noch einmal durchlesen müssen und alles Leid ist lebendig geworden. Viele Jahre sind dahin gegangen und doch ist es just so, als hätte ich gar nichts mehr erlebt seit jenem Tage, auf den noch ein schrecklicher folgte. Wie wir unsern Jungherrn Richard zu Grabe trugen. Und wie der Herr Oberst aus seinem Zimmer trat und über Nacht ein alter Mann geworden war mit weißem Haar. Vor dem Sarge schritt die Regimentskapelle und spielte »Jesus, meine Zuversicht«, und wie die ersten Töne klangen, konnte meine kleine Gnädige zum ersten Male weinen. Dann kam noch ein Soldat, der trug ein Kissen, darauf lag ein Orden, die Rettungsmedaille am Bande, die hatte der Kaiser geschickt. Und gleich hinter dem Sarge trippelten die beiden Jungens vom Schuster Labian, so war es bestimmt. Dann kam erst der Herr Oberst mit Seiner Durchlaucht unserm Fürsten. Ich saß bei meiner kleinen Gnädigen und war unserm Herrgott dankbar, daß er ihr die Tränen gab. Dreiviertelstunden waren wir so in tiefem Leid beisammen, dann führte ich sie sacht in ihr Schlafzimmer, das ganz nach dem Garten herausliegt. Sie sollte nicht den frohen Marsch hören, den die Soldaten auf dem Rückwege vom Grabe bliesen, der war für Leute, die wieder ins Leben gingen, aber nicht für eine Mutter, die um ihren Einzigen weinte. – Jetzt ruht sie schon lange aus bei ihm und der Herr Oberst auch. Und Frau Ingeborg ist meine Herrschaft geworden und hat einen braven Mann, denn Gott verläßt die Waisen nicht. Ich bin noch gar nicht alt, aber müde. Mein Herz hat einen »Knax«, sagt der gute alte, derbe Herr Oberstabsarzt und der muß es wissen. Wenn unser Herrgott mich abruft, denn kriegt der brave Willusch mein bißchen, denn Frau Ingeborg ist wohlhabend und denkt überhaupt nie an sich. Ich hab es ihr schon gesagt, daß ich einen schönen, hellgelben Sarg haben möchte und Efeu auf mein Grab und einen einfachen Findelstein, darauf soll stehen: – Nachschrift : Bei dieser Stelle ist ihr die Feder aus der Hand gefallen, meiner guten, treuen Emmeline Wardukeit. Ganz still ist sie hinübergeschlummert, die Gute. Ich nehme das Vermächtnis auf. In einem »schönen hellgelben Sarg« haben wir sie gebettet, Efeu wächst auf ihrem Hügel und auf dem schlichten Findelstein steht: »Ei du frommer und getreuer Knecht, du bist über wenigem getreu gewesen, ich will dich über vieles sehen, gehe ein zu deines Herren Frieden.« Mein Vetter Balduin. Es ist zu jammerschade, daß ihr den Vetter Balduin nicht gekannt habt. Man sieht so etwas wie ihn heutzutage nicht mehr viel. Er war eine Midasnatur, alles wurde zu Gold, was er anfaßte oder es dünkte ihm wenigstens Gold, und das war ja dasselbe. Er sah nichts Häßliches auf der weiten Welt, und schon als Kind, als er einmal in den tiefsten Straßenschmutz fiel, hielt er seiner Mutter, die ihn weinend aufhob, lachend ein großes Silberstück entgegen, das in eben jenem Schmutzhaufen gelegen. »Pfarrer'sch Balduin wird entweder was Grußes, oder er wird nischt,« sagte der Weiseste des Dorfes von ihm, »Mer missen erscht siehn, ob's Giete is, die in ihm steckt, oder Dummheit. Is es Dummheit, denn kann alles aus ihm werden.« Es war Güte. Wir andern Kinder freilich sagten öfter zu ihm: »Ach, Balduin, bist du dumm!« Zum Beispiel, wenn wir zur Großbäuerin auf den Lindenhof zogen, um Speckkuchen zu essen, dann war es vorgekommen, daß Balduin derweile der untergehenden Sonne nachsah und darüber alles vergaß. Balduin war kein prüder Junge und kein Spielverderber, aber er gebrauchte nie ein unschönes Kraftwort, und wenn ihm ein solches von der Dorfjugend entgegengeschleudert wurde, schüttelte er sich. Über das obengenannte Speckkuchenessen sollten wir einmal einen Aufsatz schreiben, Balduin, Fabrikbesitzers Wolf, seine Schwester Therese, mein Bruder Erich und ich, die wir einen gemeinsamen Hauslehrer hatten. Balduin, der Gewissenhafteste von uns, hatte den Aufsatz längst fertig und stand nun hinter mir und las über meine Schulter leise nach, was ich hastig zusammenschrieb. Im Gegensatz zu ihm hatte ich eine Vorliebe für Kraftworte und für wahrheitsgetreue, nicht etwa schön gefärbte Schilderungen, und da wir bei der Großbäuerin unglaubliche Mengen Speck- und Zwiebelkuchen hinunterschlangen, so schrieb ich: »Gestern waren wir eingeladen zum Speckkuchenf...,« kam aber nur bis zum »f«, als Balduin jammernd aufschrie: »Du wirst doch nicht, Rose, du wirst doch nicht so ein entsetzliches Wort schreiben?« Und weil er ein so unglückliches Gesicht machte, und wir so gute Freunde waren, verbesserte ich mich gleich, und brauchte nicht einmal wegzuradieren, was streng verboten war. Und so stand denn in meinem Aufsatzheft: »Gestern waren wir zum Speckkuchenfertilgen eingeladen.« Balduin aber sagte: »Du bist ein geniales Mädchen,« Beim Räuber- und Prinzessinspielen war bisher immer mein Bruder Erich die Prinzessin gewesen, weil Therese und ich es als Schmach angesehen hätten, nicht Räuber zu sein; nun bekamen wir einen neuen Organisten an die Kirche, der eine völlig verwachsene Tochter mitbrachte. Wir »besahen« sie uns mit der rücksichtslosen Neugierde gesunder zwölfjähriger Schlingel, und ich wollte eben gegen Balduin mein tiefstes Bedauern äußern, daß »die Neue« gewiß nicht klettern könne, als Balduin schon mit strahlenden Augen auf mich zukam: »O, nun haben wir eine Prinzessin, endlich, endlich eine wunderschöne Prinzessin.« Er achtete auch gar nicht auf unser verwundertes Aussehen, er hörte nicht das spöttische Fragen, er sah nicht unser Lachen, er schien überhaupt nicht zu merken, daß das arme Körperchen der Kantorstochter krumm und schief war, er sah nur die wunderschönen, stahlblauen, sanften Augen der Kleinen, aus deren schwermütigen Sternen schon der ganze Jammer über ein sieches Leben herausschaute. Später zeigte mir der Fünfzehnjährige ein Bändchen »Storm« und schlug ein Gedicht auf: »Du, das hat der Dichter auf die Lissy gemacht.« Da stand: »Sie hat die goldnen Augen der Waldeskönigin.« Durch Balduins rückhaltlose Bewunderung nahm Lissy bald eine Ausnahmestellung in unserm Kreise ein, und zwar eine höchst geachtete. Wir brachten ihr die ersten Blumen aus dem Garten, und die ersten Proben des Weihnachts-, Pfingst- und Ostergebäcks, wir lasen ihr vor und halfen ihr bei Spaziergängen über gefährliche Stellen sogleich hinüber. Lissy starb sehr früh, kaum zwei Jahre später, du sie zu uns kam. Ihr Leiden hatte sich immer mehr verschlimmert, sie schien zuletzt ganz zusammenzuschrumpfen, dann hatte ein Herzschlag sie erlöst. – Wir andern waren wenig mehr zu ihr gekommen, aber Balduin hatte seinen Vater, den Pfarrer, immer ins Kantorhaus begleitet. Nun war das Mädchen tot, aber während alle Gevattern und Basen des Dorfes sich über die Krankheit unterhielten, – über den Buckel, den schrecklichen Kopf, die dünnen Glieder, die spärlichen Haare, die großen Augen, – nahm mich Balduin still beiseite, und der große, starke Junge weinte und sagte: »Siehst du, Rosel, die Lissy ist nun ein Engel, sie war zu schön für diese Welt.« * Mit sechzehn Jahren kam Balduin nach der Stadt aufs Gymnasium. Sein Vater wünschte sehnlichst, daß er Pfarrer werden möchte, aber Balduin vertraute mir in der Abschiedstunde an, während wir im kahlen Osterwalde spazieren wandelten, daß er am liebsten Arzt werden möchte. »Du?« fragte ich erstaunt, und setzte gleich darauf sehr überzeugt Hinzu: »Das kannst du gar nicht, du bist ja viel zu gut, um in 'n Menschen 'rum zu säbeln.« Er wurde ganz rot und ordentlich etwas zornig, das war eine große Seltenheit. »Das ist auch so 'ne Mädchenansicht, als ob Ärzte bloß säbelten. Ein Arzt kann vor allen Dingen helfen .« Das kann ein Pfarrer auch, und braucht gar nicht zu säbeln.« »O, man kann auch beim Säbeln einen hohen Zweck im Auge haben.« »Na, welchen?« Ich war sehr neugierig geworden. »Ich – ich – weißt du – ich – – –« Balduin kriegte mich plötzlich beim Kopf und sagte mir so leise ins Ohr, daß ich ihn kaum verstand: »Ich will die Seele suchen.« »Die Seele, Balduin?« »Ja. – Der Adolf hat mir aus seiner Prima in E. ein Buch mitgebracht, das heißt: ›Es ist kein Gott!‹ Du brauchst nicht zu erschrecken, Rosel, es hört uns niemand. Das Buch hat mich riesig gepackt, es ist ja vielleicht ein unwahres Buch aber – – ich mag's dem Vater nicht zeigen, er würde es gleich in den Ofen stecken. Und dazu ist es doch zu schade.« »Ach, Balduin, es muß ein schreckliches Buch sein. Was sagt denn der Adolf dazu? Hat der's gelesen?« »Freilich hat er. Der ist aber auch schon länger in der Stadt und hat es richtig kapiert, der will ja aber auch schon lange Mediziner werden und hat nie an Theologie gedacht, – der sagt, er wäre längst durch mit der Religion und der unsterblichen Seele und so'n Schwindel.« »Balduin!!!« – Ich mußte es wohl laut geschrien haben, denn Ludl, der Hund, der unzertrennlich von Balduin war, bellte erbost, besonders, da ich seinen Herrn heftig schüttelte. Balduin machte sich ruhig von mir los, sein Gesicht sah traurig aus. »Ja, weißt du, Rose, ihr Mädels seid eben besser dran, kommt nicht von Mutters Rock fort und bleibt hübsch in den lieben, alten Märchen stecken.« »Es sind aber keine Märchen,« rief ich zornig, und plötzlich! brach ich in heißes Weinen aus. »O, Balduin, paß auf, nun ist alles, alles aus, du hast etwas Wunder-Wunderschönes verloren.« »Eben deshalb will ich's nun suchen, – die Seele,« entgegnete er ruhig und sah mich aus ernsten Augen und mit blassem Gesicht an. Dann nahm er sein Taschentuch, denn er wußte, daß ich meins stets suchte und nie fand, wischte mir die Tränen damit ab und ging mit festen Schritten dem Pfarrhause zu. Die Frau Pfarrerin sah' mit heißer Muttersorge ihren Jungen in die Stadt ziehen. Sie war eine so echte Mutter, und er war ihr einziger. »Paß auf, Rosel,« klagte sie mir, als wir zusammensaßen und ein Paketchen für Balduin zurecht machten, »er wird in der Stadt hundertmal übers Ohr gehauen, und der Balduin ist imstande und hält die linke Backe auch noch hin, das ist so recht ein Mann nach der Bibel.« Der Pfarrer, der in der Sofaecke saß und seine Pfeife rauchte, lachte behaglich. »Nun hört bloß, – fängt mir Mutter an, auf die Bibel zu schelten.« »Beileibe nicht,« verteidigte sich die Pfarrerin und wurde ganz rot, – »aber mir ist bang um den Jungen. Und wenn sie ihm in der Pension Steine zum Mittagessen vorsetzen, der merkt's nicht, der freut sich und meint wunder wie gut die Pensionsmutter ist, daß sie für seine Mineraliensammlung sorgt.« »Das Sonnige, das hat er von dir,« sagte der Pfarrer und sah seine Frau strahlend an, und sie küßte seine Hand, die er immer wieder fortzog, und ich sah die Frau Pfarrerin auch an und dachte, daß der Balduin bei einer solchen Herzensmutter so hatte werden müssen, wie er eben geworden war. Dann dachte ich aber weiter über die Seele nach, die er suchen wolle und dabei strickte ich mit beinahe wütender Emsigkeit an einem Paar wollener Strümpfe für Balduin. – Die sollten durchaus mit in die Kiste, denn Balduin und Adolf hatten gewettet, daß ich nie ein Paar fertig kriegen würde, und daß auch mein zukünftiger Mann immer barfuß gehen müsse. Tante Pfarrerin hatte mich eine ganze Weile nicht beachtet, sie packte lauter gute Sachen in das »Mutterkistchen«, Bücher und warme Schuhe und Socken und Schmalzgebackenes, das Balduin so gern aß, und von dem er behauptete, daß seine Mütter es in »reinem Schweinchenschmalz und Liebe« backe. »Fertig!« schrie ich, – und sie schrak ordentlich ein wenig zusammen. »Ist es denn möglich, Rosel?« rief sie freudig, und der Herr Pfarrer schmunzelte: »Her mit dem Kunstwerk!« Ich hielt meinen Strumpf hin und wischte mir den Schweiß von der Stirn. – »Himmel, Mädel, was hast du gemacht?« rief Tante entsetzt, aber fertig war der Strumpf, sie konnte es nicht leugnen, nur hatte ich die Spitze direkt an die Hacke gestrickt und dadurch ein mächtiges Stück Arbeit gespart. Der Pfarrer lachte Tränen und ließ sogar seine Pfeife ausgehen, dann legte er den ersten Strumpf neben den zweiten, und nun lachte das Ehepaar ein helles Duett, während ich dunkelrot vor Empörung daneben stand. Freilich sahen die Unglückswürmer nicht so aus, als ob sie auf menschliche Gliedmaßen passen sollten, aber man hatte mir immer gesagt, die Liebe sei die Hauptsache, und Liebe war drinnen, das konnte mir niemand bestreiten. »Nun, nun, nur nicht so zornige Augen,« meinte die Tante begütigend, und Onkel Pfarrer rief lachend: »Das Rosel sorgt für alles. In den Strümpfen kann man mit dem einen Bein die Schwindsucht und mit dem andern die Fettsucht haben, und ist doch nicht verloren.« Nun kamen aber die Tränen bei mir mit Macht, und abends schrieb ich in mein Tagebuch: »Es ist nicht wahr, mit der Liebe, sie ist schnuppe. Die Menschen haben keine Seele, es ist unnütz, daß sie der Balduin sucht.« In der Folge hatte ich noch unendlich viel auszuhalten. Von allen Seiten wurde ich geneckt, jeder bestellte Strümpfe bei mir, ich mochte mich nirgends mehr sehen lassen. Aber da kam Balduins Antwortbrief, und dieser zeigte ihn als den alten, lieben Schönheitsapostel. »Prächtig sind Deine Strümpfe, alter Kamerad, ich danke Dir vielmals. Es sind nicht so gewöhnliche, wie man sie sonst hat, aber Du warst ja auch immer ein ungewöhnliches Mädchen. Ich werde sie mir heilig aufheben, denn als Arzt kann man später alles brauchen. Du schreibst, daß sie Dich alle ausgelacht hätten, aber das ist sicher nur ein kleiner Irrtum von Dir, sie waren gewiß alle nur so lachfroh, weil Du so schön für Vetter Balduin sorgst. Lache nur tüchtig mit, denn Lachen ist so sehr gesund, und wenn ich Arzt werde, muß ich eine gesunde Familie haben, sonst kann ich mich zu wenig um die andern Kranken kümmern.« Als die Jungens zu den Ferien heimkamen, war Balduin ganz toll vor Freude. Jetzt kann ich's ja dreist erzählen, daß ich sah, wie er heimlich die Bäume umarmte und das Gras küßte, – damals als ich, hoch auf dem alten Lindenbaum sitzend, ihm zuschaute, wurde ich für ihn rot und hatte es um die Welt niemand erzählen mögen, daß ich den großen Jungen bei »so was« ertappte. Die anderen beiden, Erich und Adolf, fanden unser Dorf »vorsintflutlich«, die Häuser »viel kleiner, als vordem«, die Eltern, Gevattern und Verwandte »rückständig«. Mich begrüßte Erichbruder mit einem Knuff zwischen die kurzen Rippen und der liebevollen Bemerkung: »Na, schöner bist du ja nicht geworden,« Adolf versuchte, mich! »Sie« zu nennen, und als ich ihn darauf höflich fragte, ob er Tinte getrunken hätte, entschied er kurz entschlossen: »Aus dir wird nie was Höheres.« Balduin allein war ganz der alte geblieben, jedem sagte er etwas Gutes, Liebes, und in einer so herzgewinnenden Weise, daß man im Innersten fühlte, wie grundehrlich er es meinte. Sein Mutterchen, die allgemach, eine richtige, rundliche Landpfarrerin geworden war, fand er »so schön, so wunderschön, daß keine Sirene sie besingen könne«. (Er las gerade die Odyssee.) Theresens Sommersprossen, die ihr grenzenlosen Kummer machten, fand er »interessant und gerade zu ihrem Goldhaar passend« (wir nannten es brandrot), ihre Stupsnase »ungeheuer niedlich«. Mein widerspenstiger Lockenkopf, der immer ziemlich ungekämmt anmutete, war in seinen Augen »genial« und der Buckel, den ich immer beim Sitzen machte und für den ich manchen Hieb mit der Reitpeitsche von Papa »besah«, begeisterte ihn zu dem Prädikat: »lässige Grazie«. Kurz, wir Frauenzimmer, alt und jung, hatten gute Tage und ließen uns tüchtig von ihm verwöhnen. Freilich gingen Erich und Adolf nun immer allein und ärgerten uns mit höhnischen Neckereien, aber wenn wir sie bei Balduin verklagten, lachte dieser: »Ach, sie meinen's nicht so!« Und schließlich packte er mit seiner glühenden Beredtsamkeit jeden von uns an der rechten Stelle, so daß wir doch schließlich des Abends alle friedlich beisammen saßen und – Zukunftsträume spannen. Es war nun ausgemacht, Balduin sollte nicht Theologie, sondern Medizin studieren, Onkel Pfarrer beseufzte zwar etwas das Stipendium, das nun brach liegen würde, aber Balduin ließ in wahrhaft glühenden, Farben die Herrlichkeit des ärztlichen Berufes vor uns erstehen, und in seiner Phantasie erledigte sich alles spielend leicht, die sämtlichen Kranken Europas lauerten nur auf Dr. Balduin Hunsberg, er konnte seine Praxis kaum bewältigen. Onkel Pfarrer paffte große Rauchwolken, er kam nicht so rasch mit wie ich, die ich begeistert an der großen Kinderklinik mit baute, die auch an demselben Abende noch fertig wurde. »Ach Gott, die süßen Kinder!« rief Tante Pfarrer ganz glücklich aus, – sie hatte sich rasch mit dem Gedanken abgefunden, daß ihr Einziger nicht Pfarrer werden wollte, denn sie war immer glücklich, wenn Balduin es war und er hatte auch vom Mütterchen die »Lust zum Fabulieren« geerbt. »›Die süßen Würmer!‹ Aber, was versteht ein Mann von kleinen Kindern, da muß doch eine erfahrene Kraft da sein.« »Jawohl, Mutting,« lachte Balduin mit strahlenden Augen, »dich rufe ich als Oberleitung.« »Na ja, aber erst mache dein Abiturium,« meinte der Pfarrer trocken, und wir wurden etwas unsanft aus unsern Himmeln gerissen. Nun folgten Jahre, in denen ich Balduin ganz aus den Augen verlor. Ich war im Sommer mit den Eltern auf Reisen und blieb im Winter bei Verwandten in der Residenz. Von Therese erhielt ich ab und zu Briefe, in denen sie schrieb: »daß die Jungens, je mehr sie ›Herren‹ würden, auch immer greulicher sich auswüchsen, daß nur Balduin derselbe bliebe, aber auch mit ihm sei kein rechtes Auskommen, denn er sei einfach Schönheits fanatiker , und das mache sie kribbelig. Dünger könne ja gewiß auf einzelne Naturen poetisch wirken, auf sie jedenfalls nicht, und wenn Dung gefahren würde, dann liefe sie eben davon, weit in den Wald hinauf, und bliebe nicht stehen, wie der Balduin, der behaupte ›der Ammoniak dufte köstlich aromatisch‹.« Ferner schrieb Therese, die Jungens Adolf und Erich steckten voll dummer Schülerredensarten, wie: »Jerade wat Scheenes«, oder »Halb so wild«, oder »Schwiejermutter bezahlt allens«, aber es sei eher auszuhalten, als Balduins Ermahnungen, sich einer schönen Sprache zu befleißigen. »Ich bitte Dich, liebste Rose,« schloß der Brief, »welches vernünftige Lebewesen sagt anstatt ›Rindvieh‹ – ›minder begabter Mensch‹.« – – Dann kam ein Brief von Erich: »Alle zwölf Abiturienten haben bestanden, selbst Dein Strolch von Bruder, bloß der Balduin wäre beinahe gerasselt, weil er im deutschen Aufsatz über ›Kaiser Nero als Mensch‹, diesen Bluthund nicht wie wir andern alle, und wie die Herren Lehrer wünschten, in die tiefste Hölle verbannt, nicht alle seine Schandtaten lang und breit aufgezählt und schaudernd verdammt, sondern den Nero mit wahrhaft genialer Phantasie vollständig als Produkt der damaligen Zeit hinstellt und ›die ganze Menschheit für die begangenen Greuel verantwortlich gemacht hatte‹. Du, Rosel, ordentlich ›nett‹ war der Nero unter Balduins Feder geworden, das bringt auch nur der fertig. Aber genial war der Aufsatz doch, weshalb ihn auch niemand vom Kollegium verstand, außer unserm famosen Direktor und dem Doktor Ekert, der neckte den Balduin noch beim Kommers später und sagte, es sei schade, daß Balduin nicht schon damals Pfarrer in Rom gewesen sei, er hätte doch sicher den Nero zum Mitgliede des Jünglingsvereins gemacht.« Von Balduin selbst kam ein lieber, kurzer Brief: »Meine kleine, geliebte Base, ich habe das Abiturium bestanden, meine Eltern sind sehr froh darüber. Nun geht es in das wunderliebe ›Alt-Heidelberg du Feine‹ und später nach dem herrlichen München. Wie bin ich dem Vater dankbar! Wir Freunde werden zerstreut, Dein Erichbruder wird Fahnenjunker in Erfurt, Adolf arbeitet zum Staatsexamen in Kiel, – nun wollen wir drei winzigen Räderchen der großen Maschine ›Welt‹ tapfer unsere Pflicht tun, damit die Menschheit auf eine höhere Stufe gehoben werde.« – – – – – Nie werde ich den Tag vergessen, als ich nach Jahren den Vetter Balduin in München wiedersah. Ich sollte mit ihm und er mit mir überrascht werden, das hatte sich der etwas stark verbummelte cand. med. Adolf so ausgedacht. Wir trafen uns in einer großen, feinen Gesellschaft, meine Eltern waren mit im Komplott. Nun war ich ja zwar ein erwachsenes Mädchen, aber doch die wilde Hummel von einst geblieben, die das Herz immer mit dem Kopfe durchgehen ließ, und als ich die liebe, bekannte, hohe Gestalt meines alten Spielkameraden plötzlich vor mir, und seine guten, tiefen, braunen Augen auf mich gerichtet sah, lief ich unbekümmert um die fremde Umgebung, auf ihn zu, packte seinen Arm, seine Hände, schüttelte sie immer wieder, und rief atemlos vor Wiedersehensfreude und teilnehmender Neugierde: »Hast du sie, Balduin? Hast du die Seele gefunden?« Erst als alle um uns herumstanden, lachten und zischelten, als ich Mütterchens verzweifeltes Gesicht sah und bemerkte, welch roten Kopf der Balduin bekam, fühlte ich auch, daß ich wohl eine Dummheit begangen, und schwankte, ob ich in kindisches Weinen ausbrechen, oder mein hochmütigstes Gesicht aufsetzen sollte, entschied mich jedoch für das letztere. Aber plötzlich lachte der Balduin, – so ein gutes, herzliches, frohes Lachen, legte den Arm um mich und tanzte mit mir los, – so leicht, so schwebend, wie eben nur der Balduin tanzen konnte; dann befanden wir uns auf einmal in einer kleinen Nische, und er drückte mir ganz fest die Hand und sagte leise und gütig: »Bist doch ganz die alte Rösi geblieben, ganz unverändert, – aber nicht so das Herz auf der Zunge tragen, Rösi, – sieh – das mit der Seele weißt du, – das ist ein ganz liebes Geheimnis zwischen dir und mir, gelt, Kamerädchen?« Ich sah ihn an und er nickte mir zu, aber so sehr ernst, fast traurig, daß ich mit einem Male wußte, er hatte nichts gefunden. * Als ich nach wieder einem Jahr in unser heimatliches Dörfchen zurückkehrte, waren auch die Freunde zu den Ferien da, aber Balduin wich mir aus, und so konnte ich ihn nicht einmal heimlich fragen, was mein Gemüt doch so stark beschäftigte. Außerdem machten sich die Studenten den Spaß, in medizinischen Ausdrücken herumzuwüsten, und Erich, der bei der Artillerie eingetreten war, kam mit Kasernen-, Sport- und Pferdeausdrücken noch dazu, es war keine Freude für unser jungfräulich Herz, besonders nicht für Theresens, das tief in »Marlitts Romanen«, dem »Beruf der Jungfrau« und »Elise Polko« steckte, von einer verbissenen, zwanzig Meter langen Taenia saginata zu hören, derentwegen der Professor Laparotomie mit Enteroanastomosis machen mußte. – Auch ich entschloß mich ungern, auf Erichs »Bude« mitzukommen, wo gewöhnlich eine Menge »Präparate« lagen, die von den Jungens schauerlich erklärt wurden. Balduin beteiligte sich hierbei nicht, für ihn war alles, was mit seinem künftigen Berufe zusammenhing, »Tabu«, ich glaube auch nicht, daß er jemals aus dem Anatomiegebäude etwas mit heimgenommen hat, besonders nicht so schreckliche Sachen, wie »Herzen von Gerichtsvollziehern«, und »Lebern von Bankdirektoren«. All solche Dinge behauptete Adolf zu besitzen, und erklärte sie uns wenig geschmackvoll; als er uns aber ein winziges, greulich aussehendes Stückchen Schleim zeigte, und behauptete, es wäre das Durchschnittsgehirn einer »höheren Tochter«, da kündigten Therese und ich ihm für ewige Zeiten die Freundschaft. Trotzdem aber meine Verlobung und Hochzeit in die nun kommende Zeit fiel, verfolgte ich Balduins Studium mit warmem Interesse, und als sein Staatsexamen kam, »büffelte« ich mit ihm von Station zu Station, so daß mir ein »komplizierter Schenkelbruch« interessanter wurde als das »Einlegen von Schneidebohnen«. Es war ein schöner Tag, als der »Herr Dr.« fertig war, und er mir das erste Exemplar seiner Inauguraldissertation überreichte: »Die traumatischen Läsionen des Conus medullaris und der Cauda equina .« Ich strahlte, als ob ich sie selbst verfertigt, und las sie mit »wissendem Antlitz«, gab sie auch Theresen zu lesen, die gleichfalls ungeheuer gescheite Mienen aufsteckte, aber als sie mir nachher leise gestand, ihr Gehirn sähe nach dem Lesen wirklich so aus wie Adolfs oben beschriebenes Präparat, gab ich ihr mit innigem Händedruck zu, daß ich auch nichts verstanden hätte. – Der »Doktorschmaus« war ein wirklich wolkenlos glücklicher Tag in unser aller Leben. Balduins Mütterchen strahlte beinahe noch mehr, als ihr Junge. Welche Gelübde wurden an diesem Abende getan! Wir Jugendfreunde waren ja zum letzten Male in der Heimat vereinigt, – in wenigen Tagen wurden wir in alle Winde zerstreut. Nur Erich stand als Leutnant in derselben kleinen Universitätsstadt, die sich Balduin als Niederlassungsort gewählt; ein alter Patenonkel war gestorben und hatte dem jungen Arzt ein Sümmchen vererbt, so daß Balduin es sich ein Weilchen leisten konnte, auf Patienten zu »lauern«. Zum Schlusse unterschrieben wir alle ein Schriftstück, worin wir uns feierlichst verpflichteten, alle, ohne Ausnahme, nach I. zu kommen, wenn Balduin seinen ersten Patienten nachwiese. Nun leb' wohl, du kleine Gasse, Nun leb' wohl, du stilles Dach, Vater, Mutter, sahn mir traurig, Und die Liebste sah mir nach. Das war unser Schlußlied, und es stimmte uns seltsam wehmütig, denn unser ganzes Dörfchen war ja seine »Liebste«, die ihm nachsah. Nach einem halben Jahre bekam ich in mein eigenes Heim den ersten Brief von Balduin: »Meine geliebte, kleine Base, – ich hab' ihn, – den ersten Patienten! Wie bin ich glücklich! Es ist doch ein Anfang! Und er soll gesund werden! Freilich liegt's ja nicht allein in meiner Macht, wir Ärzte sind nur Helfershelfer, aber ich darf doch nun endlich meine ganze Kraft einsetzen. – Bäschen, das war ein schwieriges Stück, ehe ich ihn kriegte. Es ist eine elend gesunde Gegend hier, und die alteingesessenen Ärzte haben das Vertrauen und die ganze Praxis. Ein Witzbold hatte schon das Rätsel aufgebracht: ›Was ist das ungezogenste Ding in ganz I.? – Die Klingel von Dr. Balduin Hunsberg‹. Aber im allgemeinen hielt man mich doch wohl für beschäftigter, als ich war, denn ich habe eine treue, gute Wirtin, die jeden Handwerker, der nach mir fragte, zu ›gelegener‹ Zeit wieder bestellte: ›Der Herr Doktor sind zu stark beschäftigt‹. Ein Riesenplakat an meiner Tür sagte, daß meine Sprechstunden von 8–10 Uhr vormittags seien, und nachmittags von 3–4 Uhr, und um diese Zeit sprach ich denn auch immer, – mit meiner guten Wirtin, deren Familiengeschichten ich schon auswendig weiß. Merkwürdig, was sie selbst und die Leute in I. für seltsame, schreckliche Krankheiten durchgemacht haben, ehe ich kam. Seit ich das Weichbild der guten Stadt betrat, sind sie alle gesund und, nicht wahr, Bäschen, das ist doch auch schön?! War meine Sprechstunde vorbei, so raste ich mit nachdenklichem Gesicht durch die Straßen, ich mußte ja auch nachdenklich sein, weil ich nicht wußte, wohin ich meine Schritte lenken sollte. In den ersten Wochen ging ich immer in ein xbeliebiges Haus, wartete auf der Treppe 10–12 Minuten und raste dann wieder hinaus. Aber in so einer kleinen Stadt geht das nicht auf die Dauer, sie haben hier meist sogenannte ›Spione‹ an den Fenstern, und da war es abends an den verschiedenen Stammtischen sofort bekannt, und sie fragten den Hausinhaber: ›Haben Sie denn den alten Medizinalrat nicht mehr?‹ Ich brachte mich in tausend ärgerliche Verlegenheiten. – So hab' ich diese Treppenbesuche aufgegeben und renne die Landstraße entlang, immer ›wärtser‹, wie Väterchen sagt, aber auf den umliegenden Dörfern sind sie ebenso gesund, wie in I., außerdem haben sie für Brandwunden und Beinschäden einen klugen Schäfer. Aber gestern, Bäschen, – gestern, – ich bin noch ganz taumelig vor Glück, es war so richtig Matthäi am letzten, meine Börse sah schwindsüchtig aus und ich plante bereits eine Umsiedlung, – da – hielt ein hochvornehmes Gespann vor meiner Tür, Rappen, mattgraue Seidenpolster, Silbergeschirr, und Kutscher und Diener trugen auf ihren Armen den Verunglückten zu mir herein, eine entzückende junge Frau folgte. Verzeih, Bäschen, ich muß abbrechen, der Wagen hält schon wieder, man erkundigt sich, denn ich mußte wegen der Schwere des Falles den Patienten bei mir behalten. Einstweilen diese Benachrichtigung, – das Festessen kann ich, hoffentlich bald geben. Dein treuer, glücklicher Spielkamerad Balduin.« Dieser liebe, glückliche Brief! Der so treu meinen Kameraden kennzeichnet! Ich will ihn heilig aufheben, denn ich werde nie wieder einen von ihm bekommen. Drei Tage später schrieb mir Erich: »Sag', Roseschwester, könntest Du wohl mit Deinem Manne auf einen Tag herüberkommen? Werde ich da gestern zu Balduin gerufen, und denke, er hat Sekt anfahren lassen, um seinen ›ersten Patienten‹ zu begießen, damit war es aber Essig. Seine alte Wirtin, häßlich wie des Teufels Urgroßmutter, machte mir auf und erzählte mir heulend, daß ihr lieber, guter Herr Doktor im Hospital läge – Blutvergiftung, Rosel, schwere Blutvergiftung. Von dem verd... ... ›ersten Patienten‹ hat er sie sich zugezogen, und weißt Du, wer dieser war? Ein Hund! So was kann ja nur dem Balduin passieren, daß sie ihm einen Köter ins Haus schleppen, mit einer schweren Eiterwunde. Na, und der Balduin hätte auch ohne die schönen Augen der jungen Besitzerin die Behandlung des Tieres übernommen, hält er ja doch jegliches Viehzeug für einen seelenbegabten, aber geistig zurückgebliebenen Bruder des Menschen. Und nun liegt der Balduin auf den Tod. – Tante Pfarrer hat den Fuß gebrochen, Du weißt es, sie kann nicht reisen, den Onkel hat der Schreck gelähmt, kannst Du kommen, alte Herzensschwester? Er verlangt sehr nach Dir, der Balduin. Rose, ich saß oft auf der Bank der Spötter, aber – jetzt geht es mir höllisch nahe. Etwas Gutes will aus unserm Leben scheiden, – der Balduin, – er war der beste von uns allen. – Leb' wohl, und auf Wiedersehen!« * Noch an demselben Abend standen wir im schlichten Hospitalkrankenzimmer. Die furchtbaren Schmerzen hatten Balduin traurig verändert, aber er war noch bei Bewußtsein, die Sehnsucht hielt ihn wach, – Sehnsucht nach seiner Mutter. – – – – Mich erkannte er gleich. »Wie schön, daß du da bist,« sagte er mit seiner leisen, gütigen Stimme, »Mütterchen muß auch gleich kommen. – Es ist eine ärgerliche Geschichte, Rose, und sie ließ sich doch so schön, so wunderschön an, mit meinem ersten Patienten.« Ein Lächeln ging über sein blasses, schmerzverzogenes Gesicht. Dann schlummerte er ein Weilchen. Plötzlich richtete er seinen Blick mit dem alten, sonnigen Ausdruck auf mich und drückte meine Hand fest, ganz fest. – Mein Herz schlug bis in den Hals hinauf, ich beugte mich näher zu ihm: »Rosel,« raunte er kaum verständlich, »ich will dir etwas Schönes sagen, – ich hab' sie gefunden, – die unsterbliche Seele. Nicht in den armen toten Körpern, die ich zerschnitt – Rose, aber« – – – – – – – – – – – Die Tür knarrte leise, Balduin ließ heftig meine Hand los. »Mutter?« fragte er sehnsüchtig, »ist Mütterchen gekommen?« Es war nur seine alte Wirtin. Weinend schlurfte sie herein und an sein Bett. Ja, sie war furchtbar ungestaltet, Erich hatte recht, – ich erschrak über ihre wahrhaft groteske Häßlichkeit. Aber über Balduins Antlitz zog ein überirdisches Leuchten, er richtete sich auf, seine Hand legte sich auf den Kopf der Greisin, die an seinem Lager niederkniete. »Mutter!« rief er jauchzend, und dann leiser noch einmal: »Mutter!« Dr. Balduin Hunsberg, mein lieber, lieber Kamerad, war tot. »Sonderbarer Heiliger,« murmelte der Hospitalarzt neben mir, aber er wollte wohl nur seine tiefe Rührung verbergen. * Ende.