Walter Scott Die Hochlandhexe, Ein Kind der Sünde Zwei Erzählungen Die Hochlandhexe Erstes Kapitel. Es mag jetzt 35 Jahre her sein – erzählte mir einst Frau Martha Bethune Baliot, eine wackere Schottin, zu der meine Familie in nahen Beziehungen stand –, da begab ich mich auf eine Tour nach den Hochlanden, um mich von Herzeleid freizumachen, das vor ein paar Monaten durch schweres Unglück in meiner Familie über mich gekommen war. Solche Touren kamen damals auf. Aber man meine nicht, daß man zu jener Zeit, wenn auch die Heerstraße in ganz gutem Zustande war, die Bequemlichkeiten gefunden hätte, wie sie der Tourist von heute verlangt, und auch überall findet. Damals galten solche Touren, trotzdem sie, wie gesagt, in Aufnahme kamen, noch für höchst abenteuerliche Unternehmungen für Männer, geschweige Frauen, und wohl jeder nur halbwegs vorsichtige Mensch pflegte, bevor er sie antrat, sein Testament zu machen. Zudem empfand damals wähl auch so ziemlich noch jeder, der das Wort »Hochlande« vernahm, ein gewisses Gruseln, trotzdem dort damals im Grunde genommen schon ganz dieselbe Ordnung und Ruhe herrschte wie in irgendwelchem anderen der zur Krone König Georgs gehörigen Reiche, waren doch noch immer nicht wenige Menschen vorhanden, die den Aufstand vom Jahre 1745, wenn auch vielleicht nicht mitgemacht, so doch miterlebt hatten. Kein Wunder, daß noch immer mancher, den der Weg zur Stirling-Feste hinaufführte, von ihren Türmen mit Grausen nach Norden hin den Blick lenkte auf die große Bergkette, die sich dort wie eine finstere Mauer erhebt und in ihren Gründen und Schluchten ein Volk beherbergt, das in Tracht, Sprache und Sitte von seinen Stammesgenossen in den Niederlanden solch starte Abweichungen aufweist. Was indessen meine weibliche Wenigkeit anbetrifft, so darf ich hier sagen, daß ich aus einem Geschlecht stamme, welches für Furcht, die ihre Ursache bloß in der Phantasie hat, wenig oder keinen Sinn hat. Es lebte Verwandtschaft von mir in den Hochlanden, auch hatte ich dort Bekanntschaft mit mehreren angesehenen Familien oder, wie es dort heißt, »Sippen«. Ich trat also, ohne daß ich andere Begleitung als meine Zofe mitgenommen hätte, furchtlos die Reise an. Indessen darf ich nicht vergessen, meines Führers und Cicerone zu erwähnen, der eine nicht unbedeutende Ähnlichkeit mit Greatheart in Bunyans »Pilgerreise« hatte. Er war der Lenker der Postkutsche, mit der ich fuhr, Donald Mac Leish mit Namen, den ich in Stirling gedungen hatte, zusammen mit ein paar Pferden, die ihm an Kraft und Stattlichkeit nichts nachgaben. Postillon und Pferde sollten mich mit meiner Zofe überallhin fahren, so war es in dem Vertrage, den wir mündlich geschlossen hatten, ausgemacht worden, wohin es mir passen würde. Donald Mac Leish gehörte zu jener Klasse von Postillonen, die durch Dampfschiff und Eisenbahn wohl aus der Verkehrswelt gedrängt worden, also jetzt ausgestorben sein mögen. Man traf sie hauptsächlichen Perth, Stirling und Glasgow. Dort wurden sie zu Geschäfts- oder Vergnügungsfahrten, die nach dem Lande der Gälen unternommen wurden, gemietet. Sie glichen in Charakter und Wesen dem heutigen Zugführer der Eisenbahn oder dem Schiffskapitän auf Dampfbooten. Gleichwie diesen von ihren Direktionen die »Tour« vorgeschrieben wird, so damals dem sogenannten »Postillon«. Er notierte die Länge der »Tour«, die »Stationen«, die gemacht werden sollten, kurz alles, was für: die jeweilige Reise in Betracht kam und Berücksichtigung herrschte, und nach diesem schriftlich festgelegten »Itinerar« richtete er sich mit derselben unverbrüchlichen Genauigkeit, wie seine Nachtreter auf modernem Verkehrsgebiete. Donald Mac Leish war nicht bloß ein fürsorglicher, sondern auch ein vorsichtiger Postillon. Er konnte auf den Tag voraussagen, wann in Tyndrum oder Glenuilt ein Lamm geschlachtet würde, wann sich also der Reisende und wo eines christlichen Mittagessens zu versehen hätte. Er wußte bis auf die Meile das letzte Dorf, wo man Weizenbrot bekam. Er konnte bis auf den Zoll angeben, welche Seite von den Brücken im Hochlande passierbar und welche nur mit Lebensgefahr passierbar sei: keine geringe Wissenschaft in einem Lande, wo man vor fünfzig Jahren noch, und zwar im schönsten Teile, die gruselige Warnungstafel traf: »Rechts halten! Links zu gehen oder zu fahren ist gefährlich!« Kurzum, Donald Mac Leish war uns nicht bloß ein treuer Begleiter und handfester Diener, sondern auch ein bescheidener, rücksichtsvoller Freund, der uns stündlich zu Dank verpflichtete. Ich habe in Italien den halb und halb klassischen Cicerone, in Frankreich den geschwätzigen Valet de place , in Spanien den bedächtigen, auf seine persönliche Ehre übererpichten Maultiertreiber (und »Maisfresser!«) kennen gelernt, aber der »Hochlandspostillon« in Schottland ist und bleibt mir der liebste von allen: derb und grob, aber ehrlich und treu! Die Einteilung unserer Fahrt, desgleichen in welcher Richtung wir fuhren, unterstand natürlich Mac Donalds Ermessen, und nicht selten kam es vor, daß wir bei schönem Wetter an Punkten Station machten, wo keine Station gelegen war. Dann rasteten wir und stärkten wir uns unter einer Klippe, von der ein Wasserfall in die Tiefe schoß, oder am Rande einer durch grünen Rasen oder zwischen wilden Rosen fließenden Quelle. Für solche Plätzchen besaß Mac Donald Leish ein vorzüglich geschultes Auge: und wenngleich er ganz gewiß niemals in seinem Leben einen Blick in den Gilblas oder Don Quixote getan hatte, so wählte er doch immer solche Stellen zur Rast, die sich weder ein Lesage noch ein Cervantes hätte entgehen lassen. Mac Donald Leish besaß noch eine andere, für einen Postillon in solch romantischem Lande nicht gering zu schätzende Eigenschaft: er war imstande, allen Schaden zu kurieren, der ein Pferd unterwegs treffen konnte, und besaß die Fertigkeit, jede irgendwie, sich einstellende Reparatur an seiner Postkutsche ohne fremde Beihilfe vorzunehmen. Sogar für einen Deichsel- oder Radbruch führte er das notwendige Werkzeug und die notwendigen Ersatzteile im Wagenkasten mit. Aber auch für geistige Speise verstand er Zu sorgen. Jawohl, für geistige Speise! Dieser Donald Mac Leish war wirklich »ein ganzer Kerl«, mit Respekt zu sagen. Alle Sagen und Mären des von ihm so viel befahrenen Landes kannte er genau, und auf die geringste Anregung hin war er mit Erzählen bei der Hand. Desgleichen kannte er jedes Plätzchen jeden Weg und Steg, wo solche Sagen und Mären spielten, und jeden Ort und jede Schlucht, die der Schauplatz von Kriegen und Fehden der Clans gewesen oder wo in den Grenz- und in den Unabhängigkeitskriegen Kämpfe stattgefunden hatten oder Schlachten geschlagen worden waren. In seiner Ausdrucksweise lag etwas Urwüchsiges, tief zum Herzen Sprechendes: man fühlte, daß er verwachsen war mit seinem Stoffe, daß er aufging in der Liebe zu seiner schönen Heimat, und er bot hierin einen merkwürdigen Gegensatz zu den vielen anderen Genossen im Berufe, die ihre Stärke in Menschenkenntnis und Geriebenheit, seinen Nächsten auszubeuten, suchen. Ich muß wirklich sagen, daß mir die Unterhaltung mit ihm während der Fahrt keinen geringen Genuß verschaffte. Da er bald, herausfand, daß es mir ein Vergnügen war, mich mit ihm und mit Landsleuten von ihm auszusprechen, richtete er es oft so ein, daß wir in der Nähe einer Hütte Rast machten, in welcher noch irgend ein alter Gäle hauste, dessen Degen bei Falkirk oder Preston im Sonnenschein geglitzert hatte, und der als ein, wenn auch schwaches, so doch wahrhaftiges Zeugnis für verwichene Zeiten gelten konnte. Oder er wußte es einzurichten, daß wir Einkehr in einem Pfarrhause oder bei einer Familie der besseren Stände, die ihr Heim »draußen im Felde« aufgeschlagen, halten konnten: bei Leuten also, die mit den alten Ursitten von Einfachheit und Gastfreundschaft jene Ureigenschaft höflicher Verkehrsweise verbanden, die ,dem schottischen Bergvolke als heilig gilt, dessen niedrigste Klassen sich in solchem Lichte anzusehen Pflegen, daß sie, wie der Spanier zu sagen pflegt, »als Edelleute, wenn auch an Reichtum nicht, so doch an Ansehen gleichstehen«. Wir hatten den größeren Teil des Vormittags in dem lieblichen Dorfe Dalmally zugebracht und hatten uns von dem wackeren Pfarrer von Glenorquhy auf den See hinausfahren lassen. Sagen über Sagen hatte er uns erzählt von den finsteren Clan-Häuptlingen des Loch Awe, von Duncan mit der groben Wollmütze und von anderen Gebietern über, die jetzt verfallenen Türme von Kilchurn. Von Dalmally waren wir über den furchtbaren Cruachan-Ben gefahren, der mit wilder Felsenmajestät in das Meer hineinragt und bloß Raum für einen einzigen Paß läßt, in welchem der kriegerische Clan Mac Dougal, von Lorn durch den großen Schlachtenheld Robert Bruce, »den Wellington seines Zeitalters«, nahezu vernichtet wurde. Die Unzahl der über den Gräbern der Erschlagenen errichteten Steinhaufen, an der westlichen Seite des Passes sichtbar, gibt noch heute Zeugnis von der furchtbaren Rache, die Robert Bruce an seinen und seines Hauses Feinden zu nehmen gewohnt war. Das Gemetzel muß um so wilder gewesen sein, als der tiefe und reißende Awe die Flucht unmöglich machte. Seinem Laufe folgten wir auf der Fahrt um den Riesen Cruachan-Ben herum, ließen also den majestätischen See hinter uns, welchem der wilde Gießbach entströmt. Die auf der rechten Wegseite senkrecht abfallenden Felsen bargen nur spärliche Reste von dem Walde noch, der sie einst bedeckte. Wie Donald Mac Leish erzählte, wären sie abgeholzt worden, weil die Stämme in den Hüttenwerken von Bunave zur Speisung des Feuers gebraucht würden. Eine große Eiche links vom Flusse, an die man die Axt noch nicht gelegt hatte, fesselte darum unser Interesse um so mehr. Es war ein Stamm von ungewöhnlicher Höhe und ein Baum von malerischer Schönheit. Sie stand auf einem ebenen Platze von einigen Ruten im Umfang, der von mächtigen Felsblöcken umlagert war. Die Romantik der Vorzeit, den diese Eiche bot, wurde noch erhöht dadurch, daß diese kleine ebene Fläche sich um den Fuß eines schroffen Felsens zog, von dessen Gipfel aus sechzig Fuß Höhe, zu Myriaden glitzernder Schaumperlen verwandelt, ein Gebirgsbach in mächtigem Falle herniederschoß, um unten am Bergfuße, gleich einem geschlagenen General, mit Mühe und Not die verstreuten Kräfte zu sammeln, und gleichsam gebändigt durch den gewaltigen Sturz, still und geräuschlos durch die Heide seinen Weg zum Awe zu suchen, in den er sich nach kurzem Weiterlauf ergoß. Eiche und Wasserfall weckten mein Interesse. Ich sprach den Wunsch aus, näher heranzugehen, ohne übrigens hierbei an Skizzenbuch oder Griffel zu denken, denn zu meiner Zeit war die jüngere Damenwelt noch nicht so glücklich, sich mit Tändelei die Zeit vertreiben zu dürfen. Donald Mac Leish riß auf der Stelle den Schlag auf, bemerkte aber, der Weg abwärts sei schwierig und der Baum besser sichtbar, wenn er noch etwa hundert Ellen höher hinaufführe, denn dort böge die Straße näher an die Stelle heran, für die er übrigens keine besondere Vorliebe zu hegen schien. »Ich weiß noch höhere Bäume und in noch größerer Nähe vom Hüttenwerke als die Eiche dort,« sagte er, »Bäume, die frei genug stehen, daß eine Postkutsche dicht heranfahren kann. Bei dem Abhange dort geht das wohl kaum an. Indessen ganz wie es der Dame beliebt!« Ich meinte jedoch, was man habe, das habe man: und zog es deshalb vor, mir die Eiche, die ich vor Augen hatte, anzusehen, statt weiterzufahren und nach anderen Bäumen zu suchen. Wir schritten nun neben dem Wagen her, bis wir an eine Stelle kamen, von wo aus wir, wie Donald Mac Leish sagte, den Baum erreichen könnten ohne waghalsige Kletterarbeit, indessen setzte er hinzu, wir sollten uns lieber nicht über die Landstraße hinaus zum Baum hin wagen. Auf seinem sonnverbrannten Gesichte lag ein ernster, geheimnisvoller Ausdruck, als er uns diesen Rat gab, und sein Wesen ließ, seinen sonstigen Freimut in solchem Maße vermissen, daß ich neugierig wurde. Wir gingen weiter. Eine Bodenerhöhung entzog den Baum unseren Blicken, und ich merkte nun, daß er viel weiter von der Straße abstand, als mir anfangs vorgekommen war. »Ich hätte Stein und Bein geschworen,« sagte ich lachend zu meinem Cicerone, »daß Eiche und Wasserfall gerade der Ort feien, wo Ihr heute hättet Rast machen wollen.« »Gott bewahre!« versetzte Donald Mac Leish mit Hast. »Warum denn nicht, Donald?« fragte ich; »warum habt Ihr solch schönen Platz links liegen lassen wollen?« »Er liegt zu dicht bei Dalmally, Lady, um schon zu füttern; die Tiere haben ja kaum erst gefrühstückt! Außerdem, Lady – außerdem – ist es hier nicht geheuer!« »Aha! Nun ist es also heraus, das große Geheimnis!« rief ich lachend; »also hier spukt es? Ist es ein Kobold oder eine Hexe, ein Heimchen oder eine böse Fee, ein Popanz oder eine Frau Holle?« »Nichts von dem allen, Lady! Davon ist die Straße rein, wenn ich so sagen darf. Wenn aber die Dame Geduld haben und warten will, bis wir vorbei sind und das Tal hinter uns haben, so will ich alles sagen, was ich von der Sache weiß. Spricht man von solchen Sachen an Ort und Stelle, wo sie passiert sind, so bringt's wenig Glück!« Ich mußte mich drein fügen, denn daß sich Donald Mac Leish in einem Falle, wo der Aberglaube eine Rolle spielte, fügen würde, durfte ich, bei allem Gehorsam, den er mir gegenüber sonst wahrte, nicht erwarten. Es dauerte übrigens nicht lange, so brachte uns die Straße, wie Donald Mac Leish gesagt hatte, bis auf knapp fünfzig schritt an den Baum heran, der mein Interesse so rege machte, und nun sah ich zu meiner nicht geringen Überraschung, daß dicht an seinem Fuße, Zwischen den ihn einfassenden Klippen, sich eine menschliche Wohnung befand. Es war die kleinste, ärmlichste Hütte, die ich je in den Hochlanden gesehen hatte. Sie war aus Erdschollen aufgeführt und kaum fünf Fuß hoch. Sie war mit Rasen gedeckt, die Fugen waren mit Rasen ausgestopft, hin und wieder auch mit Schilf und Binsen gefüttert. Der Schornstein war aus Lehm geknetet und mit Strohseilen umwickelt. Das ganze Bauwerk, Mauern, Dach und Schornstein, war mit Hauslauch, Ried und Moos überwuchert, wie es ja häufig der Fall ist bei solch verfallenem Bauwerk aus solchem Material. Von einem Gemüsegärtchen, sonst eine Zugabe auch der elendesten menschlichen Behausung, keine Spur. Auch von lebendigen Wesen keine Spur, ein Zicklein ausgenommen, das von dem Rasendache der Hütte die niederhängenden Halme fraß, und eine Geiß, seine Mutter, die unfern der Eiche am Ufer des Gießbaches sich ihr bißchen Nahrung suchte. »Wer kann sich so versündigt haben, daß er an solch elender Stätte hausen muß?« rief ich unwillkürlich. »Sie haben recht, Lady!« versetzte Donald Mac Leish; »hier ist schwere Sünde getan worden, aber auch Jammer genug geerntet worden. Indessen ist die Hütte nicht eines Mannes Behausung, sondern eines Weibes.« »Eines Weibes?« wiederholte ich. »Ein Weib haust hier? An solch einsamer Stätte? Was für ein Weib kann dies sein?« »Treten Sie hierher, Lady!« sagte Donald Mac Leish leise, »und urteilen Sie selber!« Wir gingen ein paar Schritte vorwärts und erblickten, als wir um eine scharfe Ecke bogen, die herrliche große Eiche jetzt von einer der bisherigen direkt entgegengesetzten Richtung. »Ist sie ihrer alten Gewohnheit treu geblieben,« sagte Donald, »so wird sie jetzt hier sein.« Sogleich aber schwieg er, als wenn ihn Furcht ankäme, seine Worte möchten von anderen gehört werden, und zeigte mit dem Finger nach der Eiche hin. Ich blickte auf und sah nun, nicht ohne ein Gefühl von Angst, an dem Stamm der Eiche eine weibliche Gestalt liegen, dicht eingehüllt in einen schwarzen Mantel, die ihre Hände gefaltet und das Haupt tief auf die Brust gesenkt hielt: ganz in der Stellung und Haltung, wie man Judäa, unter einem Palmbaum sitzend, auf syrischen Münzen abgebildet sieht. Von der Scheu, die meinen Führer vor diesem Wesen zu erfüllen schien, ging ein Teil auf mich über. Auch mochte ich nicht früher zu ihr treten und sie ansehen, als bis ich einen fragenden Blick auf Donald gerichtet hatte. Leise flüsternd gab er die Antwort: »Sie war ein schrecklich böses Weib, Mylady!« »Verrückt, meint Ihr?« fragte ich, denn ich hatte nicht recht verstanden, was er sagte. »Dann ist sie am Ende gefährlich?« »Nein, verrückt ist sie nicht,« antwortete Donald, »denn wäre sie es, so würde sie glücklicher sein als sie ist. Und doch wieder kann es mit ihrem Verstande nicht ganz in Ordnung sein, wenn man erwägt, was sie getan hat und welche Ereignisse sie veranlaßt haben, von ihrem gottlosen Willen nicht eine Handbreit nachzugeben. Aber verrückt ist sie nicht, und auch keine Unheilstifterin. Nichtsdestoweniger, Lady, möchte ich es für besser halten, Sie gingen nicht näher zu ihr heran!« Hierauf machte er mich durch ein paar flüchtige Worte mit der Geschichte dieses Weibes bekannt, die den Stoff für die folgende Erzählung abgibt. Mit einer Empfindung, halb Schauder, halb Mitleid, lauschte ich Mac Donald Leishs Worten. Wohl drängte es mich, zu ihr zu treten und ihr Worte des Trostes zu sagen; anderseits wieder konnte ich mich der Furcht vor ihr nicht erwehren. Mit ebensolcher, halb aus Furcht, halb aus Mitleid gemischter Empfindung betrachtete sie jedermann im Hochlande, diese Elspat Mac Tavish, wie sie hieß mit ihrem Geburtsnamen, oder »das Weib der Eiche«, wie sie gemeinhin vom Volke genannt wurde. Wie im Altertum die Griechen Menschen mieden, die von den Furien verfolgt wurden, nämlich geistige Qualen zur Strafe für verbrecherische Handlungen litten, so wurde Elspat Mac Tavish von allen Hochländern gemieden; aber gleichwie den Griechen solche Unglückliche weniger als die freiwilligen Verüber ihrer Verbrechen galten, als vielmehr als die leidenden Werkzeuge, durch welche die furchtbaren Schlüsse des Schicksals vollstreckt wurden, sahen auch die Hochländer Elspat Mac Tavish mehr als solches Schicksalswerkzeug denn als eigentliche Verbrecherin an, und in das Grausen, das sie vor ihr fühlten, mischte sich, bei dem Aberglauben, der in allen Hochländerherzen sitzt, recht Wohl erklärlich, ein Gefühl von Scheu, das gewissermaßen an Ehrfurcht grenzte. Ich erfuhr nun weiter von Donald Mac Leish, daß man im ganzen Hochland meine, wer die Kühnheit besäße, solch unaussprechlich elendem Wesen sich zu nahen oder es in seiner Einsamkeit zu stören, den würde schweres Unglück heimsuchen; denn keiner, der solchem Wesen nahe, könne von Ansteckung mit Unglück verschont bleiben. Nicht ohne Widerstreben ließ mich deshalb Donald Mac Leish näher zu der Unglücklichen treten. Aber er folgte mir, als ich mir nicht wehren ließ, und war mir beim Abstieg des rauhen Pfades, der zu der ärmlichen Hütte hinunterführte, behilflich. Seine Rücksicht gegen mich mochte ihm wohl helfen, Herr über die bösen Ahnungen zu werden, die ihm als Lohn für solche Dienstleistung Lähmung der Pferde, Verlust von Achsennägeln, Kippen von Kutschen und andere solcher Fährlichkeiten im Postillonsleben vor die Seele führen mochten. Ob mich persönlicher Mut in so dichte Nähe von Elspat Mac Tavish geführt hätte, wenn er mir gefolgt wäre, kann ich nicht sagen. Der Eindruck, den dieses Weib auf mich machte, möchte nicht dafür sprechen. Auf ihrem Gesichte lag finsterer Trotz, jener Trotz, der sich gegen jeden Einfluß von außen her verschließt, der schweren hoffnungslosen Kummer allein auf sich nimmt und in sich vergräbt, der allem Selbstvorwurf den Stolz entgegensetzt. Vielleicht erriet Elspat Mac Tavish, daß Neugierde, ihre seltsame Lebensgeschichte kennen zu lernen, mich herführe. Vielleicht war sie mir abhold, daß ich mich in ihre Einsamkeit drängte, um aus ihrem Schicksal flüchtige Unterhaltung zu schöpfen. Der Blick, mit dem sie mich maß, sprach nicht von Verlegenheit, sondern kündete Stolz: zu der Last ihres Elends konnte die Meinung der Welt kein Jota fügen, aber die Meinung der Welt konnte auch kein Jota von der Last ihres Elends nehmen! Kein Leichnam, kein Marmorbild konnte sich gleichgültiger verhalten gegen meinen Blick, als sie. Elspat Mac Tavish war über mittelgroß. Ihr Haar war ergraut, aber noch immer dicht und voll. In den jüngeren Jahren war es tiefschwarz gewesen. Schwarz war auch die Farbe ihrer Augen, und in ihren Augen funkelte jenes wilde, verstörte Licht, das dem Wahnsinn anzeigt. Nachdem ich auf dieses Opfer von Schuld und Jammer so lange geblickt hatte, daß ich mich meines Schweigens zu schämen anfing, begann ich, ohne zu wissen, wie ich das Weib anreden solle, meiner Verwunderung darüber Ausdruck zu geben, daß sie sich solch einsame, jämmerliche Behausung gewählt habe. Ohne den Ausdruck ihres Gesichts zu ändern, ohne ihre Lage und Haltung zu ändern, schnitt sie mein Mitleid ab durch die finstere Antwort: »Tochter der Fremden! Wer erzählte dir mein Leben?« Diese Frage legte mir Schweigen auf; ich fühlte, daß ich verachtet wurde gleich allem, was Freude in dieses abgeschlossene Leben zu bringen trachtete. Ohne nochmals das Wort zu nehmen, griff ich in meine Börse, denn Donald hatte mir zugeflüstert, daß sie von Almosen lebe. Aber sie streckte die Hand nicht aus nach der Gabe, auch wies sie die Gabe nicht zurück: es schien, als sehe sie nicht, daß ich ihr etwas geben wolle, oder als sei ihr die Gabe nicht wert, trotzdem es ein Goldstück war im Betrage von sicher des Zwanzigfachen, als ihr sonst angeboten wurde. Es blieb mir nichts anderes übrig, als ihr das Geldstück auf den Schoß zu legen. »Möge Gott Euch verzeihen und Euch erlösen!« sprach ich dabei unwillkürlich. Nie werde ich den Blick vergessen, den sie zum Himmel lichtete, und nie den Ton, mit dem sie den Ausruf tat: »Mein herrlicher Sohn! Mein tapferer Sohn!« Es war die Sprache der Natur. Sie entsprang dem Herzen einer des Sohnes beraubten Mutter. Zweites Kapitel. Elspat hatte, wenn auch ihr Alter in untröstlichen Gram und Kummer versunken war, auch glückliche Tage gekannt. Einst war sie des Hamish Mac Tavish, dem Körperkraft und Kriegstaten den Titel Mac Tavish Mhor gebracht hatten, schönes und glückliches Weib. Mac Tavish Mhors Leben war voll Unruhe und Gefahr, denn er war ein Hochländer vom alten Schlage und führte das Leben eines solchen. Etwas zu entbehren, was daß Stehlen verlohnte, hielt er für Schande. Niederländer, die in seinem Bereich wohnten und ihr Hab und Eigentum mit Ruhe genießen wollten, verstanden sich gern dazu, ein Schutzgeld in Gestalt einer freiwilligen Gabe an ihn zu leisten, des alten Sprichworts eingedenk: »Besser dem Teufel das Maul schmieren, als mit ihm raufen.« Andere, die solche Abfindung für schimpflich hielten, wurden zuweilen von Tavish Mhor und seinen Anhängern überfallen und gefangen hinweggeführt, bis sie sich zur Zahlung eines Lösegeldes verstanden. Wer sich des Lösegelds weigerte, wurde nicht bloß am Leibe, sondern auch am Besitztum gestraft. Noch vor wenigen Jahrzehnten war Mac Tavish Mhors Raubzug nach Monteith in aller Leute Munde, von wo er 150 Kühe an einem einzigen Morgen wegtrieb, und wo er den Gutsherrn von Ballybugh zur Strafe für die Drohung, ein schottisches Wachtkommando zum Schutze seiner Person und seines Eigentums aufzubieten, nackt in einer Jauchengrube aufhing, so daß er bloß mit Mund und Wasser über die ekle Flüssigkeit hinausragte. Aber zu den Siegen dieses verwegenen Freibeuters gesellten sich auch Niederlagen, und oft solche, welche die Siege reichlich aufwogen. Wie oft es ihm gelungen sei, drohender Gefahr zu entrinnen, wieviel verzweifelte Fluchtversuche ihm geglückt waren und welches Unmaß scharfsinniger List er aufzubieten wußte, um sich aus schlimmen Situationen zu befreien, wurde von Mund zu Mund erzählt und von allen, selbst seinen Feinden im Lande, bewundert. Im Glück und im Unglück, bei allen Mühsalen, Schwierigkeiten und Gefahren war Elspat seine treue Kameradin, die ihm durch ihren starken Geist, ihre Besonnenheit und Ausdauer, ihren Mut und Eifer zum besten Beistand wurde. Die Eheleute Mac Tavish Mhor und Elspat Mac Tavish führten ein Eheleben nach altem Hochländerbrauch: Ein Leib, ein Geist, ein Leben! dem Freunde treu, dem Feinde trutzig. Herden und Ernten des Niederlandes sahen sie an für ihr eigen, sobald sie die Mittel hatten, die Herden wegzutreiben und die Ernten einzuheimsen. Nie kam es vor, daß sich bei solchen Anlässen die geringsten Bedenken über mein und dein geltend machten. Hamish Mhor dachte, wie Hybrias, der kretische Krieger, in dieser Hinsicht gedacht hat, als er das Gastmahl bei Athenäus mit dem Rundgesange schloß: Mein Reichtum ist mein Schwert und langer Speer, Und der den Leib mir schützt, mein Schild! Mit Schwert und Speer und Schilde pflüge ich, Mit Schwert und Speer und Schilde ernte ich – Mit Schwert und Speer, und Schilde keltre ich Auch Weinstocks süßen Traubentrank! Durch Schwert und Speer und Schild gelt ich als Herrscher, Und wer nicht Schwert und Speer und Schild zu führen wagt Der beugt vor mir als Herrn demütiglich sein Knie Und grüßt und preist als seinen König mich! Mit Mac Tavish Mhors gefahrvollen, wenn auch glückliche« Raubzügen begann es karger zu werden seit dem unglücklichen Kriegszuge des Prinzen Karl Eduard, »des Prätendenten«. Hamish Mac Tabish, genannt Mac Tavish Mhor, hatte es bei solchem Anlaß nicht zu Hause gelitten. Er war zum Prätendenten gestoßen und wurde deshalb geächtet als Staatsverräter sowohl wie als Freibeuter und Räuber. Es wurden Garnisonen gelegt in Orte, wo man nie zuvor einen Rotrock erblickt hatte, und die Sachsentrommel erklang jetzt bis zu den fernstem Schluchten der Hochlandsgebirge. Mac Tavish Mhors Lage wurde von Tag zu Tag gefahrvoller; sein Schicksal drohte sich zu erfüllen; Anstalten zur Verteidigung oder Flucht ließen sich um so schwieriger treffen, als Elspat seinen Hausstand durch ein Kind vermehrt hatte: ein Umstand, der seine Beweglichkeit begreiflicherweise hemmte. Endlich kam der Tag des Verhängnisses! Am Fuße des Ben Cruachan, im Engpaß am Gietzbach, wurde der berühmte Mac Tavish Mhor von einem Kommando der Rotröcke überfallen. Sein Weib leistete ihm heldenhaft Beistand und lud ihm die Büchsen. Wohl wäre es möglich gewesen, über den Paß zu entkommen, dessen die Rotröcke sich nicht zu bemächtigen vermochten, wäre ihm nicht die Munition ausgegangen. Wer als die Kugeln, als auch all die blanken Knöpfe von Jacke und Weste verschossen waren und die Rotröcke nicht länger mehr durch die Furcht vor dem nie fehlenden Schützen gebannt wurden, da wurde die Feste gestürmt, da wurde Mac Tavish Mhor, der sich lebendig nicht fangen ließ – erschlagen – erschlagen nach dem verzweifeltsten Widerstande. Elspat war ihm zur Seite bis zum letzten Augenblick; sie aber wurde geschont, geschont um des Kindes willen, und um des Kindes willen, das ihrer als Stütze bedurfte, verschmähte sie den Tod. Wie sie ihr Leben fristete, ist nicht leicht zu sagen. Ein paar Ziegen waren die einzige Habe, die ihr blieb. Sie ließ sie frei auf den Hutweiden im Gebirge äsen, und niemand jagte sie weg von seinem Grund und Boden. Im Land herrschte Armut und Elend; da konnten die alten Bekannten ihr wenig geben: was von dem eigenen Bedürfnis erspart wurde, nahm freilich gern den Weg zu anderen hin, aber der anderen, die auf Unterstützung angewiesen waren, waren viel. Von den Leuten im Niederland forderte sie lieber statt zu betteln: Tribut statt Almosen! Denn nie vergaß sie, daß sie des Mac Tavish Mhor Witwe war, und sie wähnte, ihr Kind, das ihr noch am Schoße hing und dem Vater so ähnlich sah, werde dereinst dem Vater nacharten und die gleiche Macht üben wie dieser. So wenig pflegte sie Umgang und so selten und widerwillig verließ sie die wilden Schlupfwinkel ihrer Berge, daß sie von dem großen tiefgehenden Wandel im Lande nichts spürte, daß sie nichts erfuhr von der bürgerlichen Ordnung, die an Stelle von Clansgewalt trat, und davon, daß die Anhänger von Recht und Gesetz die Macht gewannen über diejenigen, die im gälischen Liede als »des Schwertes stürmische Söhne« gepriesen werden. Freilich wohl fühlte sie persönlich die Minderung von Ansehen und Gewalt, freilich wohl fühlte sie, daß die Mittel zum Unterhalt für sie knapper und knapper wurden, daß mancher den Tribut weigerte, der ihn bislang entrichtet hatte; aber hierfür war ihrem Begriffe nach Mac Tavish Mhors Tod ausreichender Grund, und ganz außer Frage stand es ihr, daß sie Zu ihrer alten Bedeutung und Wichtigkeit zurückgelangen müsse, sobald Hamish Bean oder, wie sie ihn mit Vorliebe nannte, »ihr Hamish mit dem schönen Haar« alt genug sein werde, die Waffen des Vaters zu führen. Deshalb kam es nicht selten vor, daß, wenn Elspat mit ihren Anliegen um Lebensmittel für sich und um Futter für ihre Ziegen von einem mürrischen Pächter abgewiesen wurde, die Pächters-Frau durch den finsteren Ausdruck von Elspats Gesicht und durch Furcht vor ihren Drohungen und Verwünschungen sich bestechen ließ, ihr die vom Manne verweigerte Gabe heimlich zuzustecken, freilich nicht ohne den stillen Wunsch, die finstere alte Hexe möchte recht bald den Weg zu ihrem verstorbenen Manne finden, und mit Bedauern darüber, daß sie nicht am selben Tage schon, da dieser seinen Lohn erntete, mitverbrannt worden sei. Drittes Kapitel Die Jahre schwanden, und Hamish Bean wuchs zum Jüngling heran. Zwar erlangte er nicht die gewaltige Stärke des Vaters, aber es fehlte dem schönhaarigen Burschen mit den roten Wangen und dem scharfen Adlerauge nicht an Mut und Lebenslust, nicht an Gewandtheit und Frische. Indem sie dem Sohne Leben und Taten des kühnen Vaters fleißig und ausführlich erzählte, suchte die Mutter sein Gemüt für das gleiche Abenteurerleben zu bilden. Aber die Jungen haben für die Wandlung der Welt und die Forderungen neuen Zeitalters ein schärferes Auge als die Alten, und so groß auch die Liebe war, die Hamish Bean für seine Mutter im Herzen trug, so eifrig er, besorgt war, was in seiner Macht stand, zu ihrer Unterstützung zu tun, so entging ihm doch nicht, als er in die Welt trat, daß das vom Vater betriebene Freibeutergewerbe jetzt nicht bloß höchst gefahrvoll war, sondern als schimpflich und unehrlich galt, und daß sich des Vaters Tapferkeit, wenn er ihr nacheifern wollte, bloß auf anderem Gebiete, das mit der Ansicht der Gegenwart in besserem Einklang stehe, nacheifern lasse. Je weiter sich die Gaben seines Geistes und seine leiblichen Fähigkeiten ausbildeten, desto besser erkannte er die Ungewißheit seiner Lage und den Irrtum, in welchem die Mutter zufolge ihrer Unbekanntschaft mit den Wandlungen von Zeit und Menschen befangen war. Durch den Umgang mit Bekannten, Freunden und Nachbarn wurde ihm die ärmliche Vermögenslage der Mutter, das geringe Einkommen, auf das sie angewiesen war, das kaum die allernotwendigsten Lebensbedürfnisse deckte, offenbar. Wenn es ihm auch hin und wieder gelang, durch Jagd und Fischfang ihre kärgliche Nahrung zu mehren, so verhehlte er sich doch nicht, daß es ihm nicht möglich sei, ihr eine regelmäßige Beihilfe zu schaffen, sofern er sich nicht entschloß, bei fremden, Leuten in Dienst zu gehen, daß aber ein solcher Schritt die Mutter in ihrem Stolz auf das tödlichste verletzen würde. Mittlerweile machte Elspat mit Erstaunen die Wahrnehmung, daß Hamish Bean, obgleich er nun erwachsen war und die Fähigkeiten zu Kampf und Krieg besaß, keine Anstalten machte, die Lebensweise des Vaters zu beginnen. Ihr Mutterherz sträubte sich aber dagegen, ihm die klare, bestimmte Aufforderung hierzu zu stellen; denn sie gedachte sehr wohl auch der Gefahren mit Kummer und Sorge, die der Freischärlerberuf für den Sohn im Gefolge haben müsse. War sie einmal Willens, mit ihrem Hamish über diese Sache zu sprechen, dann kam es ihr bei dem erhitzten Zustande ihrer Phantasie vor, als richte sich der Geist ihres Mannes in seinen blutgetränkten Kleidern vor ihr auf, mit dem Finger auf den Lippen, zum Zeichen, daß sie dem Sohne gegenüber schweigen solle. Mit Verwunderung über, wie es ihr zu sein vorkam, solchen Mangel an Mut seufzte sie; der Gedanke, ihren Sohn in der Uniform zu sehen, die von dem Militär unten im Tale getragen wurde, in dem langschößigen Kittel mit blanken Knöpfen, war ihr ein Greuel, umsomehr, als ihn das englische Parlament dem Galen an Stelle der romantischen Tracht aufgedrungen hatte, die ihm von den Vätern seit Jahrhunderten überkommen war. Wie so ganz anders hätte ihr schöner Sohn sich ausnehmen müssen in dem durch den Gürtel zusammengehaltenen Rock und Schürz mit den blanken Waffen an der Hüfte! Auch noch andere Dinge waren es, die schwer auf Elspat lasteten und deren Last mit der Düsterheit wuchs, die sich ihres Gemüts bemächtigte. Ihr Verhältnis zu Mac Tavish Mhor, ihrem Manne, war bei aller Liebe, die sie für denselben empfunden hatte, doch immer mehr das einer Sklavin gewesen als das einer Gattin, denn der Freibeuter war keiner von denen, die dem Weibe das Regiment überlassen. Er hatte sie immer in Respekt, wenn nicht gar Furcht zu halten verstanden. Anders das Verhältnis zu ihrem Sohne. Während seiner Kindheit und während der Knabenjahre war sie strenge Herrin über ihn gewesen, hatte mit Eifersucht, einer nicht zum geringeren Teile aus ihrer Mutterliebe entsprungenen Eigenschaft ihres Herzens, über ihn gewacht. Es war ihr unerträglich, daß ihr Sohn mit zunehmendem Alter die Neigung verriet, sich unabhängig von ihr seinen Weg im Leben zu bahnen, daß er sich selbständig von der Hütte entfernte und nach Belieben wegblieb, daß sich Gedanken in ihm regten, die Verantwortlichkeit für seine Handlungsweise falle allein ihm zu und deshalb müsse er auch Herr seiner Handlungen sein. Daß er sich neben alledem bemühte, ihr gegenüber alle Liebe und allen Respekt zu bewahren, änderte wenig an dem Eindruck, den die Mutter bekam, trug vielleicht sogar mehr dazu bei, ihn zu verschärfen als abzuschwächen. Wäre die Mutter imstande gewesen, ihre Empfindungen im Schein ihres Herzens zu verschließen, so wäre dies alles Wohl nur von geringer Bedeutung geblieben. Aber die Zügellosigkeit ihres Wesens, die Ungeduld, die sie beherrschte, die Stärke ihrer Leidenschaften führten häufig zu Auseinandersetzungen, bei denen dann schlimme Worte aus ihrem Munde über Vernachlässigung und Zurücksetzung fielen. Blieb der Sohn auf längere Zeit von der Hütte fern, ohne daß er sie von dem Zweck seiner Abwesenheit unterrichtet hatte, dann war sie so zornig, schlug aller Vernunft durch ihr Verhalten so direkt ins Gesicht, daß es gar nicht zu verwundern war, wenn ein junger Mensch wie ihr Sohn, den der Drang erfüllte, sein eigener Herr zu sein, auf den Gedanken kam, der Hütte den Rücken zu wenden, in der die Mutter hauste, und sich in eine bessere Lage zu setzen. Daß hierbei der Gedanke mit unterlief, auf solche Weise obendrein besser für die Mutter sorgen zu können, als zurzeit in solch abhängigem Verhältnisse, das ihm nach allen Seiten hin die Hände band, das nicht bloß ihn, sondern auch die Mutter zum Darben zwang, wird man gelten lassen dürfen. Es war ein Tag gekommen, an welchem Hamish nach mehrtägiger Abwesenheit den Fuß wieder in die Hütte gesetzt hatte. Die Mutter war zorniger gewesen als sonst; Sie hielt sich für gekränkt, für herzlos behandelt, für beschimpft, und setzte den Sohn in eine Stimmung, die ihm die Zügel über sich entwand. Der Ärger, den er fühlte, trieb ihm die Röte auf Stirn und Wangen. Es ging zu Ende mit seiner Geduld, als die Mutter in ihrem unvernünftigen Zorn beharrte. Er nahm die Büchse aus der Kaminecke, sprach aus Rücksicht auf die Achtung vor der Mutter leise vor sich hin, schien ein paar Worte laut sagen zu wollen, unterdrückte aber die aufsteigende Luft dazu und schickte sich an, die Hütte, in die er eben den Fuß gesetzt hatte, wieder zu verlassen. Da trat die Mutter vor ihn hin. »Hamish,« fragte sie strengen Tones, »willst du mich wiederum allein lassen?« Hamish gab keine Erwiderung, sondern blickte auf das Gewehr und putzte an dessen Schlosse herum. »Nun ja, putze nur deine Flinte!« fuhr die Mutter mit Bitterkeit fort, »mich freut's ja schon, daß du Mut genug hast, sie abzufeuern, wenn auch bloß auf einen Bock!« Hamish zuckte bei diesem Vorwurf, den er nicht zu verdienen meinte, zusammen und warf der Mutter als Erwiderung einen zornigen Blick zu, durch den sie inne wurde, ein Mittel gefunden zu haben, das ihm Verdruß und Schmerz bereite. »Ja doch, ja doch!« sagte die Mutter; »blicke nur trotzig! So trotzig wie du willst auf ein altes Weib und deine Mutter! Bis sich deine Stirn in Falten legt vor dem zornigen Gesicht eines bärtigen Mannes, wird wohl noch manche Zeit vergehen!« »Schweig, Mutter!« erwiderte Hamish gereizt, »oder sprich von Dingen, für die es dir an Verständnis nicht fehlt! Sprich vom Rocken und von der Spindel!« »Habe ich an Rocken und Spindel gedacht, Hamish,« fragte die Mutter, »als ich dich als greinendes Kind auf dem Rücken trug durch das Gewehrfeuer von einem halben Dutzend sächsischer Soldaten? Ich sage dir, Hamish, von Büchse und Säbel verstehe ich tausendmal mehr, als du je lernen wirst! Du wirst vom edlen Kriegshandwerk durch dich selber nie so viel lernen, wie du gesehen hast, als ich dich noch in meinen Mantel gewickelt trug.« »Wenigstens ist dein fester Wille, Mutter, mir keine Ruhe daheim zu gönnen! Aber das muß einmal sein Ende haben!« sagte Hamish drauf und ging, willens die Hütte zu verlassen, auf die Tür zu. »Bleib, Hamish!« rief da die Mutter, »ich befehle es dir! Oder die Flinte, die du trägst, mag dir den Tod geben! Der Weg, den du gehen willst, mag der Weg deines Leichenzuges sein!« »Mutter!« rief der Jüngling, sich umdrehend, »was sollen solche Worte? Sie taugen nichts, denn sie sind nicht gut und können keine guten Folgen haben! – Leb wohl, Mutter! Du bist jetzt zu zornig, daß ich mit dir sprechen könnte. Leb wohl! Es wird geraume Zeit vergehen, bis du mich wiedersiehst!« Er ging. Die Mutter sandte ihm, im ersten Ausbruch des Zorns, Flüche hinterher. Dann rief sie die Flüche zurück auf das eigene Haupt, damit sie das des Sohnes schonen möchten. Maßlose, ungezügelte Leidenschaft tobte an diesem Tage und an den nächsten Tagen in Elspats Herzen. Bald rief sie den Himmel, bald die Geister an, die in den Sagen und Mären, die ihr bekannt waren, eine Rolle spielten, ihr den geliebten Sohn, »das Kalb ihres Herzens«, zurückzugeben. Bald sann sie, von wildem Zorn befallen, über bittere Worte nach, mit denen sie ihn schmähen wollte, den ungehorsamen Sohn, wenn er den Weg zur Hütte zurückfände. Bald sann sie über Worte der Liebe und Zärtlichkeit, durch die sie ihn an ihre Hütte fesseln könne, die sie mit keinem Gemach im Schlüsse von Tahmouth tauschen mochte, wenn sie den Sohn bei sich wußte. Viertes Kapitel Zwei Tage verstrichen. Sie nahm weder Speise noch Trank zu sich, und bloß die Energie eines an Mühseligkeiten und Entbehrungen aller Art, gewöhnten Körpers vermochte sie am Leben zu erhalten. Die Angst, die ihre Seele beherrschte, machte sie unempfindlich gegen körperliche Schwäche. Am dritten Tage nach dem Weggang ihres Sohnes saß sie, nach Art der Frauen im Hochland, wenn sie körperliche oder seelische Pein leiden, hin- und herrückend auf ihrer Türschwelle, als sich der seltene Umstand ereignete, daß ein Wanderer auf der Straße oberhalb der Hütte in Sicht kam. Das war zu damaliger Zeit kein häufiges Ereignis. Elspat warf bloß einen schnellen Blick auf ihn, und sie erkannte, daß es Hamish nicht sein könne, denn der Wanderer führte ein Pferd am Zügel, von dem er abgesprungen war, um es den steilen Hang herunterzuführen. Da es Hamish nicht war, kümmerte sich Elspat nicht weiter um den Reitersmann. Für andere Menschen besaß sie kein Interesse. Es hätte ihr nicht gelohnt, noch einen zweiten Blick auf ihn zu heften. Der Fremde aber blieb, als er den beschwerlichen Weg zurückgelegt hatte, vor der Hütte stehen. »Gott segne Euch, Elspat Mac Tavish!« Elspat sah den Mann an, der das Wort in ihrer Muttersprache an sie richtete. Ihr Gesicht zeigte den unzufriedenen Ausdruck einer Person, die sich in ihrem Gedankengange gestört sieht. Der Reitersmann indessen fuhr in seiner Rede fort: »Elspat Mac Tavish! Ich bringe Euch Kunde von Eurem Sohne Hamish.« Durch diese Worte gewann die Gestalt des Fremden, bisher für sie ein Gegenstand höchster Gleichgültigkeit, eine Ehrwürdigkeit, als sei es ein Bote vom Himmel, herab zu ihr gestiegen, um ihr Entscheid zu bringen über Leben und Tod. Sie fuhr von ihrem Sitze auf, preßte die Hände auf die Brust, bedeckte ihr Gesicht mit den Händen, hob die Hände zum Himmel auf, heftete die Äugen auf Gesicht und Gestalt des Fremden, schritt auf ihn zu und harrte schweigend der Worte, die er ihr sagen würde, denn ihre stammelnde Zunge war außerstande, die Frage, die ihr auf den Lippen lag, in Redeform zu fügen. »Euer Sohn schickt Euch pflichtschuldig seinen Gruß und dieses hier!« sprach der Sendbote, indem er Elspat einen kleinen Beutel mit ein paar Schillingen in die Hand legte. »Er ist fort! Mein Hamish ist fort für immer!« rief Elspat, »er hat sich als Knecht an die Sachsen verkauft! Und ich werde ihn nimmer, nimmer wiedersehen. O, sagt mir, Miles Mac Phadraick, denn jetzt erkenne ich Euch, ist dieses Geld, das Ihr in die Hand seiner Mutter gelegt, das Blutgeld für den Schwur, den mein Sohn geleistet?« »Gott sei mir vor!« versetzte Mac Phadraick, ein Lehensmann, der ein hübsches Stück Land von dem Grundherrn in Pacht hatte, der an die zwanzig Meilen ab seinen Wohnsitz hatte, »Gott sei mir vor, Elspat Mac Tavish, daß ich Euch oder dem Sohne Mac Tavish Mhors etwas zu unrecht tun oder sagen sollte! Bei der Hand meines Häuptlings schwöre ich Euch, daß es Eurem Sohne gut geht, daß er Euch bald wiederzusehen gedenkt und Euch dann alles weitere selbst erzählen wird.« Mit diesen Worten eilte Mac Phadraick auf die Landstraße zurück, bestieg seinen Gaul und ritt weiter. Fünftes Kapitel. Elspat blickte lange auf das Geld, als hätte sie aus der Prägung, die es zeigte, erraten können, auf welche Weise ihr Sohn in seinen Besitz gekommen sei. »Dem Mac Phadraick war ich nie grün,« sprach sie bei sich, »denn von seinem Geschlecht sang der Barde: »Sei furchtlos vor ihnen, wenn ihre Worte laut sind wie das Brausen des Sturmes im Winter, aber tönen ihre Worte wie Drosselsang, dann fürchte sie!« Das Rätsel selbst aber kann ich bloß lösen auf eine Weise: mein Sohn hat zum Schwert gegriffen, um mit Manneskraft das zu gewinnen, was ihm grobe Bauern durch Worte, die bloß Kinder schrecken können, vorenthalten möchten.« Diese Meinung schien um so verständiger, als Mac Phadraick ihr als vorsichtiger Mann bekannt war, der ihrem verstorbenen Manne wohl öfter insofern Unterstützung gewährt hatte, als er ihm hin und wieder Vieh abkaufte, trotzdem er recht gut wußte, wie es derselbe an sich zu bringen pflegte, der aber immer dafür Sorge getragen hatte, daß der Handel ihm guten Gewinn abwarf, ihn aber niemals in irgendwelche Fährlichkeit Recht und Gesetz gegenüber bringen konnte. Wer konnte einem jungen Freibeuter so gut wie Mac Phadraick die Täler weisen, wo sich solch gefahrvolles Gewerbe noch mit Aussicht auf Erfolg treiben lasse? Wer war imstande, wie Mac Phadraick, Beute so leicht und schnell in klingende Münze umzusetzen? Empfindungen, die sich bei anderen regen würden darüber, daß der einzige Sohn die gleiche Bahn betreten habe, auf der der Vater gewaltsamen Tod gefunden, waren den Müttern im Hochlande zu jener Zeit unbekannt. In Elspats Augen war Mac Tavish Mhor keinen anderen Tod als den eines Helden im Kriege gestorben, und solcher Tod durfte nicht ungesühnt, nicht ungerochen bleiben; Elspat fürchtete weniger den Tod, als die Unehre ihres Sohnes; Elspat fühlte Grauen davor, daß ihr Sohn sich vor Fremden beuge und in den seelischen Todesschlaf der Sklaverei sinke. Die sittliche Lehre, die demjenigen so natürlich und richtig erscheint, der unter dem Regiment von Recht und Gesetz erzogen wird, das Besitztum des Schwächeren gegen die Übergriffe des Stärkeren zu schützen, war für Elspat Mac Tavish ein Buch mit sieben Siegeln. Von Jugend auf hatte sie gelernt, die »Sachsen«, die fremden Eindringlinge, die von Dänemarks Küste herüber unter Hengist und Horsa das Land ihrer Väter an sich gerissen hatten, als einen Stamm zu betrachten, mit welchem das edle Volk der Galen in Blutfehde lag. Jede Niederlassung eines Sachsen in dem zu den Hochlanden rechnenden Gebiete galt ihr als vogelfrei für jeden Galen, als ein Gegenstand, würdig seines Angriffs und Überfalls, wie seines Raubes. Das Rachegefühl, wachgerufen durch ihres Mannes Totschlag, war nicht das einzige, was sie bei solcher Ansicht leitete; nicht minder entscheidend wirkte hierbei der allgemeine Unwille, der in den Hochlanden, und nicht ungerechterweise, über das gewalttätige häufig barbarische Benehmen der »Sachsen« nach ihrem Siege in der Schlacht von Culloden In dieser Schlacht wurde bei letzte Stuart, Karl Eduard, endgültig besiegt und mußte, alles Besitzes beraubt, landflüchtig werden. allenthalben herrschte. Mancher hochländische Clan teilte Elspat Mac Tavishs Meinung und Gesinnung und hatte der alten Feindschaft und Fehde mit Freuden zum Austrage verholfen, wären die Knebel, die das Land schnürten und zur Ohnmacht verdammten, von den Gegnern nicht täglich und stündlich fester angezogen worden. Aber was anderen im Lande die Klugheit gebot, war dem in Einsamkeit lebenden Weibe, dessen Vorstellungen lediglich in der Zeit ihrer Jugend fußten, unbekannt. Elspat sah immer die Tage noch vor sich, in welchen sich der Gönner und heimlichen Freunde im Übermaß für einen Mann wie Mac Tavish Mhor gefunden hatten, der die Verwegenheit besaß, den Kampf als einzelner gegen tausende zu führen, der seinen Stolz darin suchte, altem Brauche zu seinem Rechte zu verhelfen ohne Rücksicht auf alles, dem Lande von feindlichen Bedrückern im Zwangswege auferlegte Gesetz. Kein Wunder, daß Elspat Mac Tavish meinte, ihr Sohn brauche bloß das Erbe des Vaters anzutreten, brauche sich bloß in Abenteuer und Unternehmungen gegen die feindlichen Bedrücker zu stürzen, um einer Schar von Männern sicher zu sein, kühn und tapfer gleich jenen, die dem Banner des Vaters gefolgt waren. Kein Wunder, daß sie in Hamish den Adler sah, der bloß in die Lüfte zu steigen brauche, um aus unerreichbarer Höhe auf Beute niederzuschießen. Kein Wunder, daß sie kein Auge hatte für die vielen Augen, die seinen Flug überwachten, kein Wunder, daß sie der vielen Kugeln nicht achtete, die sich auf seine Brust als willkommenes Ziel richten würden! Kurz: Elspat Mac Tavish sah Zeit und Menschen noch mit den Augen eines verwichenen Zeitalters, mit den Augen von Menschen aus solch verwichenem Zeitalter an. Seit ihr Mann den Tod gefunden hatte, war ihr Leben in Armut und Elend verflossen. Auf ihrem Sohne ruhte ihre Hoffnung und fußte ihr Glaube, daß sie schon lange im Kalten Grabe ruhen würde, daß die Totenklage des Stammes der Mac Tavish, nach altem Brauche, um ihren Heimtritt längst verhallt sein würde, wenn ihrem Havish der Tod winken, wenn er mit der Faust im Knauf seines vom Blute der Feinde geröteten Schwertes fallen und das Erdreich küssen würde. War doch des Vaters Haar schon grau gewesen, als er nach hundertfältiger Gefahr mit den Waffen in der Faust den Tod gefunden hatte! Daß Elspat Mac Tavish solchem Tode ihres Einzigen mit solcher Ruhe ins Auge sah, war eine natürliche Folge damaliger Sitte. Es entsprach ihrer stolzen Sinnesart besser, ihn auf offenem Felde, im Kampf mit dem Feinde fallen zu sehen, als Zeugin seines langsamen Hinsiechens in rauchiger Hütte oder, einem alten Jagdhunde oder kranken Stiere gleich, auf verfaultem Stroh zu sein. Aber diese Stunde war ihrem Hamish, ihrem Einzigen, noch fern! Sie schlug ihm erst, gleichwie sie dem Vater erst geschlagen hatte, wenn er hundertfältige Gefahr überstanden hatte, wenn er in hunderten von Kämpfen Sieger gewesen war, wenn er hundertfältige Beute eingeheimst hatte. In dieser Zuversicht konnte Elspat Mac Tavish nicht irren! Und wenn er dereinst im Kampfe fallen, wenn blutiger Tod ihm winken würde, dann läge sie, seine Mutter, die Frau von Mac Tavish Mhor, dem ritterlichen Freibeuter der Hochlande, schon längst in der kalten Erde, und weder seinen Todeskampf würde sie sehen, noch über seinem Grabe trauern können. Während solche Gedanken den Weg durch ihren Sinn nahmen, stieg der Mut der Greisin auf seinen früheren, oder vielmehr auf einen wesentlich höheren Standpunkt. Nach den kräftigen Worten der Bibel, die nur wenig verschieden sind von der Ausdrucksweise der Gälischen, stand sie auf, wusch sich und wechselte die Kleider, aß ihr Brot und fand ihre Kraft und Stärke wieder. Mit Zweifel und Sorge harrte sie nun der Wiederkehr ihres Einzigen. Daß gar viel dazu gehöre, um in Zeiten, wie den damaligen, zu einem Anführer von Ruf und Ansehen sich zu erheben, sagte sie sich gar wohl. Sie erwartete aber, ihn nicht anders wiederzusehen, als an der Spitze einer kühnen Schar mit schallenden Sackpfeifen und fliegenden Bannern, die ohne Scheu vor den strengen Strafen, die auf dem Tragen der altberühmten Nationaltracht und des sonstigen Zubehörs hochländischer Ritterschaft standen, die edlen Hochlandsmäntel frei im Winde flattern ließ. Und daß dies also geschähe und nicht anders, dazu waren für die erhitzte Phantasie der Greisin bloß wenige Tage vonnöten, und schon übermorgen, schon morgen konnte der Fall eintreten. Von dem Augenblick an, da dieser Glaube in ihrem Gemüt zur festen Überzeugung wurde, befaßte sie sich mit dem Gedanken, ihre Hütte zum Empfang des Sohnes an der Spitze seiner Anhänger auszuschmücken, wie es dereinst Brauch bei ihr war, wenn der Gatte heimkehrte. Mittel zum Unterhalt zu beschaffen, war sie freilich nicht imstande, doch hielt sie dies für nicht erheblich, denn sie meinte, die Raubritter würden Kühe und Schafe mit heimbringen. Aber das Innere ihrer Wohnung war zum Empfange bereit, und das heimische Biskebah war in großer Menge gebraut und abgezogen wurden. Die Art, wie sie ihre Hütte ausgeschmückt hatte, deutete auf einen Freudentag. Mit allerhand Zweigen war sie geputzt, gleich dem Hause einer Israelitin, wenn das Laubhüttenfest naht. Was ihre kleine Herde an Milch gab, war nach allen Weisen, die sie kannte, zubereitet und in so reicher Menge, daß ihr Sohn mit den zahlreichen Gefährten, die sie erwartete, nicht Mangel leiden würde. Der Hauptzierat für ihre Hütte, den sie mit vieler Mühe suchte, denn er wuchs nur auf hohen Bergen und auch hier in nicht großer Menge, war die Zwergmaulbeere, die von ihrem verstorbenen Manne, vielleicht auch schon einem seiner Vorfahren, zum Sinnbild für seinen Stamm erwählt worden war, weil sie durch ihr spärliches Vorkommen, die geringfügige Ausdehnung und durch den Ort, wo sie wuchs, die hochfahrenden Pläne desselben anzudeuten schien. Solange diese Zurüstungen die Frau in Anspruch nahmen, war sie in einem Zustande von Unruhe und Freude zugleich. Nur eins machte ihr Sorge, daß sie nicht rechtzeitig mit allem fertig werden möchte, daß ihr Hamish früher kommen könne, als sie die letzte Hand an alles gelegt habe. Endlich aber war es so weit, daß sie außer ihren Ziegen nichts mehr zu besorgen hatte. Nun musterte sie noch einmal all die Anstalten, die sie getroffen hatte, ersetzte die welken Zweige durch frische, setzte sich dann auf ihr Plätzchen vor der Tür der Hütte und hielt nun die Straße im Auge, die sich auf der einen Seite vom Ufer des Awe heraufzog und auf der anderen am Gebirge hinlief. Nun gedachte sie der Vergangenheit und malte sich nach den Bildern, die ihr Auge dort traf, die Zukunft: und in den Nebeldünsten am Morgen wie in den Trugschatten des Abends tauchten die wilden Gestalten eines Trupps kühner finsterer Krieger im schottischen Tartan, »Sidier-Dhu« genannt, zum Unterschiede von den englischen Rotröcken, in langen Zügen vor ihr auf. über solchem Sinnen und Schauen verbrachte sie morgens und abends stundenlang. Sechstes Kapitel. Aber lange, lange hielt Elspat die Blicke über die ferne Straße hin gerichtet, vom Frühlicht bis zum Ersterben der Abenddämmerung, und keine Staubwolke weckte frohe Hoffnung in ihrem Herzen, keine wallende Feder oder glitzernde Waffe zauberte Lächeln auf ihre Lippen. Im braunen Kittel des Talschotten, mit dem schwarz oder dunkelrot gefärbten Tartan, wie es dem Gesetz nach sein mußte, das alle bunte, gewürfelte Tracht verbot, mit gesenktem Haupt und niedergeschlagenem Wesen zog hin und wieder wohl ein einsamer Wanderer vorbei, in Trauer über die strengen Vorschriften, die gegen hochländische Tracht und Bewaffnung, jedem Schotten heilig als Vorrechte seiner Geburt, vom Erbfeind erlassen worden waren. In solchem Wanderer erkannte aber Elspat den frischen munteren Tritt des Sohnes nicht wieder, der ihrer Meinung nach nun alle Zeichen sächsischer Sklaverei von sich gestreift haben müsse. Eine Nacht um die andere schlich sie, wenn es dunkel geworden, von der Tür ihrer Hütte, die sie nie abschloß, hinweg zu ihrem ärmlichen Lager, das ihr aber nur selten Ruhe brachte. Der Tapfere und Furchtbare, sagte sie, wandelt bei Nacht; in der Finsternis, wenn alles still ist, außer dem Wind und dem Wasserfall, vernimmt man seinen Tritt; nur wenn die Sonne über dem Gipfel des Berges steht, wagt sich das scheue Reh hervor, aber der gierige Wolf wandelt im roten Lichte des Erntemonds. Umsonst waren solche Gedanken; nimmer weckte ihr Sohn sie von dem harten Lager, auf dem sie von seiner Ankunft träumte. Ihr Hamish kam nicht. »Betrogene Hoffnung,« spricht der königliche Weise, »macht das Herz krank,« und so kräftig auch Elspat, in körperlicher Hinsicht war, so spürte sie doch allmählich, daß sie den Anforderungen nicht mehr so wie früher gewachsen war, die ihre ungezügelte Sehnsucht an ihren Körper stellten. Da aber kam ein Morgen, an welchem auf der einsamen Bergstraße in weiter Ferne von der Hütte ein Wanderer sichtbar wurde. Die trostlose Verzweiflung, deren Beute sie seit so langer Zeit war, wich herrlicher Hoffnung. Denn je näher der Wanderer kam, desto deutlicher trat in Sicht, daß von sächsischer Sklaverei kein Zeichen an ihm war. Bald konnte sie den Hochlandsmantel wehen sehen, der sich in schönen Falten niederlegte, und bald auch die wallende Hutfeder, das Merkmal von Rang und edler Geburt. Über der Schulter trug er die Flinte, an seiner Seite hing das breite Schlachtschwert, im Gürtel steckten Dolch und Pistol, und an der Seite hing der »Sporren-Mollach«, die geißlederne Tasche, die der Hochländer um den Leib geschnallt trägt. Näher und näher heran kam der Wanderer, seine Schritte schienen sich zu weiten, sein Herz schien ihnen Flügel zu geben – und nun, ein Augenblick noch, und die Greisin umarmte den geliebten Sohn, der vor sie hintrat in der Tracht des Vaters und der Ahnen, als Schönster für die Augen der Mutter unter zehntausend. Unsäglich war das erste Entzücken, das in ihr Herz einzog. Mit den schönsten Schmeichelworten, die ihre kraftvolle Sprache birgt, verband sie die innigsten Segenswünsche. Im Nu war der Tisch gedeckt mit allem, was sich herbeischaffen ließ, und mit der gleichen seligen Wonne, die sie empfand, als sie den Neugeborenen zum erstenmal an die Brust legte, blickte die Mutter auf den jungen Krieger, der nun an ihrem Tische saß und sich labte. Dann verlangte es sie, die Abenteuer zu hören, die ihr Sohn während der langen Trennung bestanden habe, und sie konnte sich nicht enthalten, ihn ob der Unbesonnenheit zu tadeln, am helllichten Tage in Hochlandstracht durch die Berge zu wandern, da doch so schwere Strafe auf solch Beginnen gesetzt sei und es von Verrätern in der Gegend doch wimmele. »Seid meinetwegen ohne Furcht, Mutter,« sagte Hamish in besänftigendem Tone zu ihr, der ihre Unruhe aber eher noch mehrte – »ich trage, sobald ich Lust dazu habe, den Breacan vorm Tore von Fort Augustus.« »Hamish, Hamish! Sei nicht allzukühn! Wenngleich solche Eigenschaft ein Fehler wäre, der dem Sohn deines Vaters gar wohl stünde – aber, sei nicht zu kühn! Ach, es wird ja nicht mehr gekämpft wie ehedem, ehrlich und unter gleichem Vorteil; man sucht einander an Zahl und Waffen zu überbieten, so daß der Starke wie der Schwache von der Kugel eines Buben fällt. Denke nicht, Hamish, daß ich unwert sei, deines Vaters Witwe und deine Mutter zu heißen, weil ich so rede, denn Gott weiß, ich will es aufnehmen mit dem Besten im Lande.« »Glaubt mir, liebe Mutter, ich bin außer Gefahr«, versetzte Hamish; »aber habt Ihr Mac Phadraick bei Euch gesehen, Mutter, und was hat er Euch von mir gemeldet?« »Geld hat er mir dagelassen, viel Geld,« antwortete Elspat, »aber was mir das liebste von allem war, das war die Kunde, daß du wohlauf seiest und bald zu mir kommen werdest. Nimm dich aber in acht vor Mac Phadraick, mein Sohn! Denn wenn er sich auch einen Freund deines Vaters nennt, so war ihm die schlechteste Kuh in seiner Herde doch mehr wert, als Mac Tavish Mhors Leben! Gebrauche ihn, wenn er dir nützen kann, und bezahle ihn für das, was er dir nützt; es läßt sich nun einmal nicht ändern, daß wir Umgang auch mit solchen halten müssen, die des Vaters nicht wert sind. Aber verlaß dich auf meinen Rat und traue ihm nicht!« Hamish konnte einen Seufzer nicht unterdrücken, und Elspat schien zu verstehen, daß ihre Warnung zu spät komme. »Was hast du mit ihm gehabt, Hamish?« fragte sie ungestüm; »ich erhielt Geld von ihm, und Geld gibt doch er nicht umsonst! Er gehört nicht zu denen, die für Spreu Gerste tauschen. Ach, wenn dich euer Handel gereut, und wenn du, ohne deine Ehre und Männlichkeit zu scheuen, ihn nicht rückgängig machen kannst, dann gib ihm sein Geld wieder, bloß traue seinen schönen Worten nicht!« »Es geht nicht an, Mutter,« versetzte Hamish, »und es möchte mich auch nicht reuen, wenn ich Euch bloß nicht bald verlassen müßte.« »Du mich verlassen? Was sprichst du, Hamish, einfältiger Knabe! Meinst du, ich wüßte nicht, was für das Weib und die Mutter eines verwegenen Mannes als Pflicht gilt? Du bist ja noch immer ein Knabe, aber dein Vater war zwanzig Jahre lang der Schrecken der Gegend, und doch verachtete er meine Gesellschaft und meinen Beistand nicht, sondern sprach es oft aus, daß meine Hilfe mehr wert sei als die von zwei kräftigen Knappen.« »Nicht darum ist es, Mutter, aber da ich das Land verlassen muß –« »Du das Land verlassen?« rief die Frau, ihn unterbrechend; »Und meinst du denn, ich sei wie ein Busch, der bloß dort wächst, wo er Wurzel schlägt und eingeht, wenn er versetzt wird? Habe ich denn nicht oft genug schon andere Luft als die vom Ben Cruachan geatmet? Bin ich nicht deinem Vater in die Wildnisse von Roß und in die unzugänglichen Ödeneien von Q-Mac Q-Mhor gefolgt? Kein Wort mehr, Knabe! Denn meine Glieder, so alt sie auch sein mögen, werden mich noch immer so weit tragen können, wie deine Füße laufen.« »Ach, Mutter,« sagte stockend der Jüngling, »aber über die See?« »über die See? Ei, für was hältst du mich, wenn du meinst, ich solle mich vor der See fürchten? War ich etwa nie im Leben zu Schiffe? Habe ich denn nicht den Sund von Mull gesehen, die Inseln von Treshornish und die gefährlichen Klippen von Harris?« »Ach, Mutter! Ich muß weiter, viel weiter! Ich habe mich für die neuen Regimenter werben lassen und marschiere mit gegen die Franzosen – drüben in Amerika!« »Anwerben lassen?« schrie die Mutter, wie vom Donner gerührt – wider meinen Willen? Ohne meine Zustimmung?« Das hast du nicht gekonnt, Hamish, du nicht, Hamish!« Dann stand sie auf, trat auf den Sohn zu und sprach herrisch, eine gebietende Stellung annehmend: »Hamish, das war dein Wille nie! Hamish, das hast doch du nicht getan!« »Verzweiflung, Mutter, vollbringt alles«, entgegnete Hamish in resolutem Tone; »was sollte ich hier beginnen, wo sich kaum das kärgste tägliche Brot schaffen läßt für mich und Euch, da die Zeiten doch immer schlechter werden? Wollt Ihr Euch setzen und zuhören, so will ich Euch überzeugen, daß ich besser, als ich gehandelt habe, nicht handeln konnte!« Mit bitterem Lächeln setzte sich Elspat. und mit bitterem Lächeln, mit fest aufeinander gepreßten Lippen hörte sie ihm zu. Ohne von ihr, wie er befürchtet hatte, unterbrochen zu werden, fuhr Hamish fort: »Als ich von Euch ging, Mutter, habe ich Mac Phadraick aufgesucht, denn wenn es auch feststeht, daß er ein ausgefeimter Halunke ist wie alle Sassenach, so läßt sich doch nicht leugnen, daß er ein Mann von Witz ist,« und darum dachte ich, er könne mir, zumal es ihn doch nichts koste, gut und gern sagen, auf welche Weise sich unsere Umstände besser gestalten ließen.« »Unsere Umstände!« wiederholte Elspat, indem sie anfing die Geduld zu verlieren; »und bei einem Schuft, dessen Herz nicht besser ist als das eines Kuhhirten, erkundigst du dich darnach, was du zu tun und zu lassen hast? Dein Vater hat niemand gefragt als sein Schwert und seinen Mut!« »Aber, Mutter,« rief Hamish, wann werdet Ihr endlich einsehen lernen, daß Ihr in diesem Lande Eurer Väter noch immer so lebt, wie wenn Eure Väter noch lebten? Ihr wandelt wie im Traum, umschwebt von den Geistern derer, die längst bei den Toten weilen. Als der Vater noch lebte und focht, da fühlten die Großen im Lande noch vor dem Manne mit der starken Hand Achtung, und wer was zu verlieren hatte, fürchtete ihn. Von der ersten Klasse gewährten ihm Mac Allan Mhor und Caberfee ihren Schutz, und von der zweiten zahlten ihm nicht wenige Tribut. Er ist tot; aber sein Sohn würde bei einer Lebensweise, die dem Vater Ansehen gab und zur Macht verhalf, nur Schimpf und Schande ernten und unbemitleidet in die Grube fahren. Heute ist Schottland von England unterjocht – die Leuchten des Landes sind verlöscht – Glengarry, Lochiel, Perth, Lord Lewis, alle die großen Häuptlinge sind entweder ins Grab gestiegen oder leben in der Verbannung! Wir mögen hierüber trauern, aber helfen, ändern können wir es nicht! Das breite Schlachtschwert ist bei Drummossie-Muir verloren gegangen und mit ihm Macht, Stärke, Reichtum und Ruhm!« »Das ist nicht wahr!« rief Elspat grimmig; »dich und andere feige Memmen gleich dir hat eure Mutlosigkeit besiegt, aber nicht Feindesmacht. Dem scheuen Wasserhuhn gleichest du, das die geringste Wolke am Himmel für den Schatten des Adlers hält.« »Mutter,« erwiderte Hamish stolz, »beschuldige mich nicht feigen Sinnes! Denn ich gehe dorthin, wo es an Männern mit starkem Arm und keckem Mut fehlt. Ich verlasse eine Einöde, um in ein Land zu gehen, wo ich mir Lorbeeren sammeln will.« »Von deiner alten Mutter willst du gehen, daß sie sterbe, verlassen von allen?« fragte Elspat, eifrig bemüht, einen entschlossenen Sinn, der ihr viel größer erschien als sie anfangs gedacht hatte, zu erschüttern. »Das ist nicht der Fall, Mutter,« antwortete er, »denn ich lasse Euch in behaglicher Lage, mit einem gesicherten Einkommen, wie Ihr es noch niemals hattet, zurück. Barcaldines Sohn ist zum Offizier ernannt worden, und unter ihm habe ich mich anwerben lassen. Mac Phadraick steht in seinen Diensten, rührt die Werbetrommel für ihn und findet sein gutes Auskommen dabei.» »Das ist das wahrste Wort von der ganzen Mär,« rief die Greisin bitter, »alles andere mag so falsch sein wie die Hölle!« »Aber auch wir finden unseren Vorteil dabei,« fuhr Hamish fort, »denn Barcaldine gibt Euch eine Hütte in seinem Walde Letter-Findreight und Gras für Eure Ziegen, auch eine Kuh, wenn Ihr eine haben wollt. Wenn ich auch weit weg von Euch bin, so wird Euch doch mein Sold, Mutter, mit Mehl und allem, was Ihr sonst brauchen könnt, reichlich versorgen. Hegt also um mich keine Sorge! Ich trete wohl als gemeiner Mann ein, aber ich will, sofern es durch Pünktlichkeit und Tapferkeit im Dienste sich erreichen laßt, als Offizier und mit einem halben Dollar Einkommen pro Tag zurückkehren.« »Armes Kind!« rief Elspat in einem Tone, in welchem sich Mitleid mit Verachtung paarte, »du traust also dem Mac Phadraick wirklich?« »Ja, Mutter,« sagte Hamish, während die dunkelrote Farbe seines Stammes ihm auf Stirn und Wangen trat, »denn Mac Phadraick kennt das Blut, das in meinen Adern rollt, und weiß, daß Hamish zurück nach Breadalbane kehren würde, wenn er den Vertrag, der mit ihm in Eurem Betreff geschlossen wurde, nicht halten wollte, und daß seine Tags dann gezählt wären. Den Dolch stieße ich ihm ins Herz, wenn er das mir gegebene Wort bräche! So wahr Gott der Allmächtige lebt, der ihn und mich geschaffen hat!« Blick und Haltung des jungen Kriegers zwangen Elspat auf eine Weile Ehrfurcht ab, denn solch feste, feierliche Rede, die ihr den Vater so lebhaft in Erinnerung rief, war sie nicht an ihm gewohnt. Aber sie fuhr mit ihren Einwänden in der gleichen bitteren Weise fort, wie sie begonnen hatte. »Armer Junge!« rief sie, »und du meinst, daß über dem Zwischenraum einer halben Welt deine Drohungen gehört werden oder Berücksichtigung finden? Geh aber nur, geh und beuge deinen Nacken unter hannöversches Joch, gegen das jeder getreue Gäle bis zu seinem Tode kämpfte. Geh, und verleugne die königlichen Stuarts, für die dein Vater und deine Ahnen und deiner Mutter Ahnen Felder über Felder mit ihrem Blute gefärbt haben. Geh und beuge dein Haupt unter den Degengurt eines vom Geschlechte der Dermid, dessen Kinder,« setzte sie mit furchtbarer Stimme hinzu, »deiner Mutter Väter in ihren Wohnungen zu Glencoe ermordeten! Ja,« rief sie wieder und noch lauter, gellender, »ich war damals noch nicht auf der Welt, aber aus dem Munde meiner Mutter vernahm ich es, und ich lauschte der Stimme meiner Mutter, und ihre Worte klingen noch heute in meinen Ohren! In Frieden kamen sie und wurden gastfreundlich aufgenommen, und Blut ist geflossen und Feuer hat gewütet und Mord ist verübt worden!« »Mutter,« erwiderte Hamish voll Trauer, aber mit Festigkeit, »dies alles habe ich bedacht! An der Hand des edlen Barcaldine klebt von dem Glencoer Blut kein Tropfen; der Fluch lastet auf dem unglücklichen Hause Glencoe, und Gott der Herr hat es an ihm und seinen Gliedern gerächt!« »Sprichst ja schon ganz so wie der sächsische Pfaffe«, höhnte die Mutter; »ob du dich nicht noch besser stündest, wenn du bei Mac Allan Mhor um eine Kirche betteltest, daß du Vergebung predigen könntest für das Geschlecht Dermid?« »Gestern war gestern, Mutter,« sagte hierauf Hamish, »und heute ist heute! Da die Clans niedergeworfen sind und in ihrer alten Reinheit und Unvermischtheit nicht weiter bestehen, sollte es für weise gelten, daß ihr Haß und ihre Erbitterung ihre Macht und Unabhängigkeit nicht überleben. Wer nicht wie ein Mann sich rächen kann, der sollte nicht nutzlose Feindschaft hegen wie ein besiegter Hahn. Der junge Barcaldine, Mutter, ist ehrlich und brav. Ich weiß, daß ihm Mac Phadraick geraten hat, mich nicht zu Euch hin gehen zu lassen, auf daß Ihr mir mein Vorhaben nicht ausredetet; aber Barcaldine hat ihm geantwortet: Hamish Mac Tavish ist eines braven Mannes Sohn und wird sein Wort nicht brechen. Mutter! Barcaldine führt hundert braver Galensöhne in ihrer Landestracht und mit den Waffen ihrer Väter ausgerüstet, Brust an Brust, Schulter an Schulter. Ich habe geschworen, mit ihm zu gehen. Er hat mir vertraut und ich will ihm vertrauen.« Wie vom Donner gerührt war Elspat durch diese mit solcher Festigkeit erteilte Antwort und brach voller Verzweiflung zusammen. Gleich Wogen von einer Klippe waren die Beweise, die sie für so unwiderstehlich gehalten hatte, abgeprallt. Nach einer langen Pause füllte sie ihres Sohnes Becher und reichte ihn ihm mit dem Ausdruck achtungsvoller Niedergeschlagenheit und Unterwerfung. »Trink,« sprach sie, »auf das Gedeihen des Baumes vor deines Vaters Hause, bevor du von ihm auf immer scheidest, und sage mir, da die Ketten eines neuen Königs und neuen Häuptlings, die deine Väter nur als Todfeinde kannten, an deines Vaters Sohne hängen – sage mir, wieviel Glieder zählst du an dieser Kette?« Hamish nahm den Becher und sah sie an, als sei ihm nicht recht verständlich, was sie mit ihren Worten meinte. Mit gehobener Stimme fuhr sie fort: »Sage mir, denn ich besitze ein Recht darauf, es zu wissen – sage mir, wieviel Tage, dich zu sehen, läßt mir der Wille derer, die du dir zu Herren erkoren hast? Mit anderen Worten: Wieviel Tage bleiben mir noch zu leben? Denn was hat die Erde noch, das mir das Leben wert machen könnte, wenn du von mir gehst?« »Mutter,« versetzte Hamish, »sechs Tage kann ich bei Euch weilen, und ist es Euch recht, so will ich Euch am fünften in Euer neues Heim geleiten. Wollt Ihr hingegen hier bleiben, so will ich am siebenten mit Tagesgrauen aufbrechen, denn dies ist der letzte Termin, daß ich zurück nach Dumbarton muß. Melde ich mich nicht am achten als wieder eingetroffen, so werde ich als Deserteur bestraft und bin entehrt als Soldat und Edelmann.« »Deines Vaters Fuß war frei wie der Wind auf der Heide,« gab sie zur Antwort, »ihn zu fragen, wohin gehst du, war ebenso müßig, wie diesen unsichtbaren Wolkenverjager zu fragen: weshalb bläst du? Sag mir, da du nun gehen mußt und gehen willst: welche Strafe trifft dich, wenn du in deine Sklaverei nicht zurückkehrst?« Sprich nicht von Sklaverei, Mutter,« versetzte Hamish, »denn ich tue Dienst als ehrlicher Soldat, und Soldatendienst ist der einzige, der für Mac Tavish Mhors Sohn noch übrig ist.« »Also sage mir: welche Strafe wartet deiner, wenn du nicht zurückkehrst?« fragte Elspat. »Man straft mich als Deserteur«, erwiderte Hamish, und seiner Mutter entging der Kampf nicht, der in seinem Gemüte tobte. Sie nahm sich vor, das äußerste zu versuchen. »Also die Strafe,« sprach sie mit einer Ruhe, die von ihrem blitzenden Auge Lügen gestraft wurde, »die den Hund erwartet, wenn er nicht parieren will? Ist es so, Hamish?« »Stelle mir keine Fragen mehr, Mutter,« antwortete Hamish, »die Strafe bedeutet dem nichts, der sie nie verdienen wird!« »Aber mir bedeutet sie was,« sagte Elspat, »denn ich weiß besser als du, daß dort, wo die Macht ist zu strafen, oft auch der Wille nicht fehlt, ohne Grund und Ursache zu strafen. Ich will beten für dich, Hamish, und muß darum wissen, gegen welches Unglück ich zu Ihm flehen muß, daß er dir Jugend und Unschuld bewahre, zu Ihm, der keinen verläßt, über dem niemand mehr wacht.« »Mutter,« erwiderte Hamish, »sofern ein Mann entschlossen ist, nie in Strafen zu verfallen, so hat es wenig zu sagen, was für Strafen ausgesetzt werden. Unsere hochländischen Häuptlinge haben ihre Vasallen auch bestraft und, wie ich gehört habe, sehr grausam. War es nicht, wie ich von altersher mich erinnere, Lachlan Mac Lane, dem sein Häuptling den Kopf vom Rumpfe schlagen ließ, weil er vor ihm auf einen Hirsch geschossen hatte?« »Ja.« antwortete Elspat, »und mit Recht ließ der Häuptling ihm den Kopf vor die Füße legen, weil er den Vater des Volkes entehrte angesichts der versammelten Clans. Allein die Häuptlinge des Hochlandes waren edler in ihrem Zorn: sie straften mit der scharfen Klinge und nicht mit dem Stocke. Ihre Strafe war blutig, aber sie brachte keinen Schimpf. Kannst du gleiches sagen von den Gesetzen, unter deren Joch du deinen, freigeborenen Nacken gebeugt hast?« »Nein, Mutter, ich kann es nicht,« sagte Hamish düster, »selbst mit angesehen habe ich es, wie man einen Sassenach wegen Desertion oder Fahnenflucht, so lautet der Ausdruck im Kriegsgesetz, strafte. Er wurde geschlagen, mit Riemen geschlagen, ich bekenne es, wie ein Hund, der seine herrischen Herren erzürnt hat. Empört hat mich der Anblick, das muß ich sagen, und mir ist schlecht dabei geworden. Aber man straft nur solche wie Hunde, die schlechter sind als Hunde, elende Patrone, die Wort und Treue nicht zu halten wissen.« »Gleichem Schimpf, Hamish, bist aber auch du ausgesetzt,« erwiderte Elspat, »wenn du was versiehst im Dienst oder deine Offiziere Anstoß an dir nehmen sollten. Ich mag nicht mehr mit dir über den Fall sprechen. Bloß eins sage ich noch: wäre der sechste Tag, von der heutigen Morgensonne ab gerechnet, mein Sterbetag und du verweiltest hier, mir die Augen zuzudrücken, so würdest du gleicherweise Gefahr laufen, an einen Pfahl gebunden und wie ein Hund gepeitscht zu werden? Ja! Sofern du kein Tröpfchen Mut besäßest, mich allein und an einsamem Herde sterben zu lassen, auf daß der letzte Funke von deines Vaters Herdfeuer und deiner Mutter letzter Lebensfunke zusammen verlöschen.« Hamish schritt, von Ungeduld und Zorn befallen, in der Hütte auf und ab. »Mutter,« sprach er nach einer Weile, »laß dich nicht durch solche Dinge beirren! Solcher Schande kann ich nicht ausgesetzt sein, denn ich werde mich der Ursache dazu nie schuldig machen, und sollte sie mir doch einmal drohen, dann werde ich, ehe ich mich so entehren lasse, zu sterben wissen.« »Das spricht der Sohn meines Mannes!« rief Elspat. Dann gab sie dem Gespräch eine andere Wendung. Es schien, als hörte sie dem Sohn mit stiller Schwermut zu, als er sie nun an die kurze Frist gemahnte, die sie noch miteinander zu verleben hätten, und herzlich bat, sie nicht mit unnützen und unangenehmen Erinnerungen zu vergeuden. Siebentes Kapitel. Elspat hatte jetzt die Überzeugung gewonnen, daß außer anderen Eigenschaften des Vaters auch dessen stolzer männlicher Geist auf den Sohn überkommen sei, und daß sie nicht rechnen dürft, ihn von einem freiwillig gefaßten Schlusse abzubringen. Sie gab sich zufolgedessen das Ansehen, als schicke sie sich in diese unvermeidliche Trennung, und wenn sie auch dann und wann noch einmal zu klagen anfing, so geschah dies nur, weil sie ihr ungestümes Temperament nicht zügeln konnte oder weil sie denken mußte, es möchte ihrem Sohne auffällig sein, wenn sie sich so ohne weiteres fügen und ihn veranlassen wollte, auf seiner Hut zu sein und ihr alle Mittel, durch die sie ihn noch immer bei sich zu halten hoffte, aus der Hand zu winden. Die heiße, eigensüchtige Liebe, die sie für den Sohn fühlte und die sie unfähig machte, das wahre Interesse desselben zu erkennen, glich der dem Tiere vom Instinkt eingegebenen Liebe zu seinem Jungen, und wenn sie auch weiter in die Zukunft sah als Geschöpfe, die auf niedriger Daseinsstufe stehen, so hatte sie im Grunde doch keine andere Empfindung, als daß Trennung von Hamish für sie gleichbedeutend mit Tod sei. In der kurzen Zeit, die noch blieb, erschöpfte sich Elspat in der Kunst, die nur Liebe eingeben kann, ihn auf alle erdenkliche Weise zu erfreuen und zu unterhalten. Sie suchte in ihrem Gedächtnis nach Erzählungen und Sagen, die seit jeher für den Hochländer, wenn er Muße hat, die angenehmste Kurzweil bilden. Eine ungemeine Kenntnis bewies sie mit den Liedern der alten Sänger und mit den Märchen der berühmtesten Erzähler. Ihre Aufmerksamkeit gegen den Sohn kannte fast keine Grenzen, und wenn er ihr wehren wollte, blühendes Heidekraut für sein Lager zu sammeln oder ihm ein leckeres Mahl zu bereiten, dann sagte sie: »Laß mich, Hamish, laß mich! Wenn du deine Mutter verläßt, so handelst du nach deinem eigenen Willen, laß nun auch deiner Mutter den Willen, wenn sie dir Freude machen will, so lange sie dich noch hat!« Es schien, als sei sie nun mit den Anstalten, die er für ihren Unterhalt getroffen, zufrieden, denn, sie hörte ihn ruhig an, wenn er davon sprach, daß er sie zu Green Colin hinüber bringen wolle, auf dessen Grund und Boden er ein Asyl für sie ausbedungen hatte. In Wahrheit aber war sie weit entfernt davon, sich mit solchem Gedanken zu befreunden. Aus den feindseligen Worten, die während ihrer ersten Unterhaltung gefallen waren, hatte sie entnommen, daß er sich der Gefahr einer körperlichen Züchtigung aussetzte, wenn er zur festgesetzten Frist von seinem Urlaub nicht zurückkehrte. Aber sie wußte nun, daß er sich solcher Schmach auch nie unterziehen, also gewiß nicht zum Regiment zurückkehren werde. Ob sie die weiteren Folgen ihres Planes überdachte, ob sie sich gutes oder schlimmes für ihren Sohn daraus ersah, läßt sich nicht sagen. Aber soviel steht fest, daß sie als Frau des Mac Tavish Mhor, den sie auf allen Raub- und Kriegszügen begleitet und in keiner Gefahr im Stich gelassen hatte, hunderte, von Mitteln und Wegen zum Widerstand oder zur Flucht kannte, durch die ein braver Kerl in einem Landgebiet voll Felsen, Seen, Bergen, gefährlichen Pässen und dichten Wäldern sich der Verfolgung Hunderter entziehen könne. Für die Zukunft des Sohnes bangte ihr also nicht. Der einzige Gedanke, der sie beherrschte, war, ihren Sohn daran zu hindern, daß er seinem Vorgesetzten sein Wort halte. Zufolge dieses geheimen Planes suchte sie den Vorschlag, den Hamish ihr wiederholt machte, nach der für sie gemieteten Hütte zu Green Colin hinüberzuziehen, zu hintertreiben durch allerlei Gründe und Ausflüchte, die bei ihrem Charakter so natürlich waren, daß sie bei dem Sohne weder Mißfallen noch Unruhe erregten. »Laß mich nicht auch noch von dem Tale, in welchem ich so lange gelebt habe, in der gleichen Woche Abschied nehmen, in der ich dem einzigen Kinde Lebewohl sagen muß. Gönne meinen Augen, wenn sie von den Tränen um dich sich trüben, noch eine Weile Zeit, über den See Uwe und auf den Ben Cruachan zu blicken!« Hamish fügte sich in die Launen der Mutter um so williger, als verschiedene andere Leute, deren Söhne sich gleichfalls bei Barcaldine hatten anwerben lassen, auf dessen Gütern verteilt werden sollten. Es wurde also beschlossen, daß sich Elspat an sie anschließen solle, wenn sie in ihre neuen Asyle zögen. Auf diese Weise glaubte Hamish sowohl die Launen der Mutter berücksichtigt, als für ihre Bequemlichkeit und Sicherheit gesorgt zu haben. Die Mutter aber leiteten ganz andere Pläne! Hamishs Urlaub nahte sich seinem Ende. Mehr denn einmal faßte er den Entschluß, aufzubrechen, um noch früh genug nach Dunbarton, der Stadt, in welcher sein Regiment in Quartier lag, zu gelangen. Aber die Bitten der Mutter, die eigene erklärliche Gemütsstimmung, die Liebe zu der ihm so teuren Heimat, vor allem aber das Vertrauen in sich, auf seine Schnelligkeit und Körperkraft, bestimmten ihn, den Aufbruch bis zum sechsten Urlaubstage, hinauszuschieben, dem letzten, den er bei der Mutter zubringen durfte, sofern er nicht gegen die Bedingungen seines Urlaubs verstoßen, also für fahnenflüchtig angesehen sein wollte. Achtes Kapitel. Am Abend vor dem für den Aufbruch festgesetzten Tage ging Hamish Zum Flusse hinab, um zu angeln, ein Geschäft, in welchem er sehr geschickt war. Es sollte ihm zugleich ein besseres Mahl bringen, als die Mutter sonst hatte bereiten können. Das Glück war ihm hold, und er fing bald einen prächtigen Salm. Auf dem Heimweg trug sich ein Fall zu, geeignet, einem Hochländer wie Hamish als schlimme Vorbedeutung zu gelten, der schließlich, wenn er auch eine Zeitlang in der Fremde gelebt hatte, noch immer nicht frei von Aberglauben war. Auf dem zu seiner Hütte hinaufführenden Pfade erblickte er nämlich zu seinem nicht geringen Erstaunen eine Gestalt, die gleich ihm die alte Hochlandstracht und die alten Waffen des schottischen Kriegsmannes trug. Sein erster Gedanke war, er habe jemand von seinem Korps vor sich, weil es, als durch die Regierung angeworben, außerhalb der gegen hochländische Tracht und Waffen erlassenen Verordnungen stand. Unter diesem Eindruck verdoppelte er seine Schritte, um den vermeintlichen Kameraden einzuholen, den er für den kommenden Tag zu sich einzuladen vorhatte. Aber wie groß war sein Schreck, als er jetzt sah, daß der Fremde die große Kokarde trug, das in den Hochlanden so streng verbotene verhängnisvolle Abzeichen. Die Gestalt war groß; und durch den Schatten, den sie warf, wuchs sie ins Ungeheuerliche. Die Art, wie sie sich bewegte, glich mehr einem Schweben als einem Gehen. Kein Wunder, daß Hamish, dessen erhitzte Phantasie ohnehin zu dem bei seinen Landsleuten so scharf vorherrschenden Hange zum Wunderbaren neigte, von Furcht vor einer übernatürlichen Erscheinung, die im Zwielicht sich vor ihm her bewegte, befallen wurde, und daß es ihm nicht länger mehr eilig war, derselben näher zu kommen oder sie gar einzuholen. Aber dem Aberglauben des Hochländers gemäß, man solle solchem »Mar« oder Gespenst weder nahen noch aus dem Wege gehen, sondern abwarten, ob es reden und Kunde geben oder schweigen und Kunde weigern werde, je nachdem es seine Macht zulasse und seine Bestimmung fordere – diesem Aberglauben gemäß behielt er es im Auge. Auf einer hohen Stelle seitlich vom Wege, gerade dort, wo der Pfad zu Elspats Hütte hinunterging, blieb die Gestalt stehen, als wolle sie auf Hamish warten, Hamish seinerseits sah, daß er an ihr vorbei müsse, nahm also all seinen Mut zusammen und näherte sich, wenn auch langsam, der Stelle, wo die Gestalt stand. Zuerst zeigte sie auf Elspats Hütte; dann machte sie mit Kopf und Arm eine Bewegung, daß Hamish ihr nicht nahe kommen solle. Dann streckte sie die Hand nach dem südwärts führenden Wege aus und schien in dieser Richtung weiterziehen zu wollen. Dann noch ein Augenblick und die Gestalt war verschwunden. An Felsen und Unterholz, wohinter sie sich bergen konnte, war sicherlich kein Mangel. Aber Hamish war der festen Meinung, der Geist Mac Tavish Mhors sei ihm erschienen und habe ihn gemahnt, mit seiner Wanderung nach Dunbarton nicht zu säumen, nicht bis zum Morgen zu warten und die Hütte der Mutter nicht mehr zu betreten. Es konnten wirklich allerhand Vorfälle sich ereignen, durch die sich die Reise verzögerte, zumal er über manchen Strom auf Fähren übersetzen mußte. So faßte er den festen Entschluß, nur so lange noch verziehen zu wollen, bis er Abschied von der Mutter genommen hätte, denn ohne solchen aufzubrechen, dazu konnte er sich nicht entschließen. Der erste Strahl der Frühsonne sollte ihn schon unterwegs nach Dunbarton sehen. Er stieg den schmalen Pfad hinunter und trat in die Hütte. Hastig, in zitterndem Tone, nur mühsam die Erregung bekämpfend, die in seinem Innern tobte, gab er der Mutter seinen Entschluß, auf der Stelle aufzubrechen, bekannt. Zu seinem Befremden schien die Mutter nichts gegen diese Absicht zu haben. Bloß bat sie ihn, ehe er von ihr gehe, sich durch Speise und Trank noch zu stärken. Er aß von dem, was da war, schnell und schweigend, im Gedenken der nahen Trennung und mit der Zuversicht, daß es dabei ohne einen letzten Kampf mit der Mutter nicht abgehen werde. Zu seinem Erstaunen füllte sie aber den Becher schweigend zum Abschiedstrunk. »Geh, mein Sohn,« sprach sie, »da es nun doch einmal dein fester Entschluß ist. Aber trink erst noch einmal am elterlichen Herde, auf dem die Flamme erloschen sein wird, lange bevor du deinen Fuß wieder wirst hierher setzen können.« »Dir zur Gesundheit, Mutter!« sagte Hamish; »möge es uns beschieden sein, trotz Eurer Rede schlimmer Vorbedeutung, in Glück und Freude wieder zusammenzukommen.« »Besser, wir trennten uns überhaupt nicht«, versetzte die Mutter, ihn scharf im Auge haltend, als er den Inhalt des Bechers in die Kehle schüttete. »Und nun geh!« – sprach sie – und leise vor sich hin wiederholte sie: »Geh! wenn du – kannst!« »Mutter,« erwiderte Hamish, indem er den leeren Becher auf den Tisch setzte, »Euer Trank schmeckt gut, aber statt zu stärken schwächt er.« »Das ist seine erste Wirkung, mein Sohn«, versetzte Elspat; »leg dich auf dies weiche Lager und ruhe eine Weile! Eine einzige Stunde wird dich kräftiger machen als der gewöhnliche Schlaf von drei Nächten.« »Mutter,« rief Hamish, bei dem sich schon die schnelle Wirkung des Trankes zeigte, »gebt mir mein Barett! Ich muß jetzt Abschied nehmen und gehen. Aber wie wird mir? Mir ist zu Mute, als sei mir der Fuß an den Boden genagelt.« »Es wird dir sicherlich schnell wieder besser, wenn du dich ein halbes Stündchen legst. Bloß ein halbes Stündchen! Noch ist es acht Stunden hin bis Tagesanbruch, dann ist noch immer Zeit im Überfluß für deines Vaters Sohn, solche Wanderung anzutreten.« »Ich muß Euch gehorchen, Mutter,« antwortete Hamish mit schwerer Zunge, »ich fühle, daß ich es muß, aber weckt mich, sobald der Mond aufgeht.« Er setzte sich auf das Lager, sank um und lag bald in festem Schlafe. Neuntes Kapitel. Mit klopfendem Herzen, halb vor Freude, halb vor Bangigkeit, gleich dem, der ein schweres Stück Arbeit glücklich zu Ende gebracht hat, trat Elspat leise zu dem bewußtlosen Schläfer, dem ihr Übermaß von Liebe so verderblich werden sollte, und legte ihm sanft den Mantel über die Beine. Dabei gab sie ihrer Freude durch Zeichen der Liebe und durch Frohlocken Ausdruck. »Ja«, sagte sie, »Kind meines Herzens! Der Mond wird heraufsteigen und auf dich scheinen und auch die Sonne; aber nicht, um dir aus deinem Vaterhaus zu leuchten dorthin, wo du einem fremden Fürsten dienen sollst oder zinsbarem Feinde. Keinem Sohne von Dermid soll ich überliefert werden, um von ihm gefüttert zu werden wie eine Sklavin, sondern der wird mein Hüter und Beschützer sein, der mein Stolz ist und meine Freude! Ihr sagt, das Hochland sei anders geworden? Aber ich sehe, der Ben Cruachan hebt sein Haupt am Abendhimmel noch ganz so hoch wie ehedem! Noch hat niemand die Kühe unten in der Tiefe des Loch Awe zur Weide getrieben, und noch immer beugt sich der Eichbaum nicht wie Farrenkraut. Aber die Kinder der Berge werden sein wie ihre Väter, bis die Berge gleich werden den Tälern. Noch immer geben diese wilden Forste, einst der Tummelplatz für Tausende von Männern, sichere Zuflucht für ein altes Weib und einen schönen Jüngling aus altem Geschlecht und von alter Sitte.« Durch das Leben in der Wildnis, das Elspat mit ihrem Manne durch Jahre hindurch geführt hatte, war sie zu ungewöhnlicher Kenntnis von Pflanzen und Kräutern gelangt. Sie wußte sie ebenso leicht zu finden wie zu behandeln. Sie konnte Krankheit besser heilen, als mancher wirkliche Arzt. Aus diesen bereitete sie die Farben für den bunten Tartan des Hochländers, aus jenen Tränke von allerlei Wirkung, und so besaß sie auch das Geheimnis der Bereitung eines stark wirkenden Schlaftrunks. Auf ihn setzte sie, wie der Leser schon gesehen haben wird, die Hoffnung, ihren Sohn über die Frist hinaus festhalten zu können, die ihm für die Rückkehr gesetzt war. Sie kannte sein Entsetzen vor der Strafe, welcher er sich hierdurch aussetzte, und hierauf baute sie ihre Hoffnung, ihn von aller Rückkehr fernzuhalten. Zehntes Kapitel. Hamishs Schlaf an diesem verhängnisvollen Abend war tiefer, als es der Natur gemäß ist, aber die Mutter fand keine Ruhe. Kaum schloß sie von Zeit zu Zeit einmal die Augen, so schreckte sie auch schon auf, von Furcht erfüllt, ihr Sohn möchte aufgewacht und weggegangen sein. Dann trat sie an sein Lager heran und lauschte den tiefen, regelmäßigen Atemzügen, bis sie sich wieder beruhigt hatte darüber, daß er noch immer fest schlafe. Aber als der Morgen dämmerte, beschlich sie die Furcht, er möge aufwachen, trotz der ungewöhnlichen Stärke des Tranks, den sie ihm gereicht hatte. Daß er es versuchen würde, Dunbarton, sein Quartier, zu erreichen, wenn ihm noch irgend eine Hoffnung blieb, es pünktlich zur festgesetzten Zeit erreichen zu können, das wußte sie, und wenn er laufen sollte, bis er vor Müdigkeit zusammenbräche. Unter dem Eindruck dieser neuen Besorgnis suchte sie das Tageslicht fernzuhalten und verstopfte alle Spalten und Ritzen, durch welche die Strahlen der Frühsonne leichter als auf anderem Wege Zugang in ihre elende Behausung finden konnten. Und das alles tat sie, um ein geliebtes Wesen in Mangel und Elend festzuhalten, für das sie mit Freuden die ganze Welt hingegeben hätte, wenn sie ihr zur Verfügung stände. Es war unnötige Angst gewesen. Schon stand die Sonne hoch am Himmel und der schnellste Hirsch von ganz Breadalbane hätte vor der Meute nicht schneller um sein Leben rennen können, als Hamish hätte rennen müssen, um zu der Zeit, da sein Urlaub ablief, noch bis Dunbarton zu kommen. Sie hatte ihren Zweck erreicht. Die Rückkehr zum festgesetzten Termin war unmöglich, und für ebenso unmöglich hielt sie es, daß er es sich je einfallen lassen würde, auf die Gefahr einer schimpflichen Strafe hin zurückzukehren. Es war ihr langsam klar geworden, welches Schicksal seiner wartete, wenn er zum festgesetzten Tage ausbliebe, und welche geringe Hoffnung er sich auf gelinde Behandlung zu machen habe. Der Gedanke des großen und klugen Grafen Chatham, die tapferen Hochländer zur Verteidigung der amerikanischen Kolonie für England aufzubieten, ist bekannt. Es traten aber mancherlei Hindernisse der Ausführung dieses vaterländischen Planes entgegen, die ihre Gründe in dem seltsamen Charakter dieses Bergvolkes haben. Natur und Gewohnheit bestimmten jeden Hochländer, Waffen zu tragen, entfremdeten ihn aber gleichzeitig jeder bei regulären Truppen unumgänglich notwendigen Disziplin. Sie bildeten eine Art Miliz, die kein Kriegslager außer ihrer Heimat kannten und gelten lassen mochten. Verloren sie eine Schlacht, so liefen sie auseinander, indem jeder auf seine persönliche Rettung und auf die Sicherung seiner Sippe bedacht war. Gewannen sie eine Schlacht, so kehrten sie in ihre Berge zurück, um dort die gemachte Beute aufzuhäufen, nach wie vor für ihr Vieh zu sorgen und ihre Äcker zu bestellen. Das Vorrecht, zu gehen und zu kommen, wie es ihnen beliebte, ließen sie sich von ihren Häuptlingen, denen sonst so große Macht zustand, niemals kürzen. Daß die in den Hochlanden neugeworbenen Rekruten eine militärische Kapitulation nicht begreifen konnten, die den, der sie abgeschlossen hatte, für die Zeit ihrer Dauer zum Dienst bei den Waffen zwang und nicht bloß so lange, wie es ihm gerade beliebte, war durchaus natürlich. Vielleicht wurde manchmal auch nichts getan, sie in entsprechender Weise über die Dauer der Kapitulation zu unterrichten, wenn eine solche abgeschlossen wurde, um sie durch solchen Bescheid nicht erst auf andere Gedanken zu bringen. Desertion war deshalb bei diesen neugeworbenen Regimentern keineswegs eine Seltenheit, und so hatte der greise Oberst, der in Dunbarton kommandierte, sich nicht anders Rat gewußt, als daß er an einem Soldaten, der aus einem englischen Korps desertierte, ein Exempel ungewöhnlicher Strenge statuierte. Das junge Hochländer-Regiment war zu der Exekution kommandiert worden, um ein Volk, das so hoch auf persönliche Ehre hält, mit Schrecken und Abscheu zu erfüllen. Aber es übte auch noch eine andere Wirkung, indem es ihm alle Lust zum Kriegsdienste unter englischer Fahne benahm. Der alte Oberst, von Jugend auf in deutschen Kriegen an strenge Disziplin gewöhnt, wich von seiner Ansicht nicht ab, sondern gab Befehl, den ersten Hochländer, der seine Fahne verließe oder nach Ablauf seines Urlaubs nicht pünktlich wieder einträfe, öffentlich auspeitschen zu lassen, gleichwie jenen ersten Deserteur, von dessen Züchtigung sie Zeugen gewesen waren. Daß der Oberst sein Wort auch halten werde, daran zweifelte niemand, und deshalb war Elspat auch überzeugt, daß ihr Sohn, wenn er die Bedingung rechtzeitigen Eintreffens vom Urlaub nicht erfüllen könne, auf die Rückkehr zum Regiment ganz verzichten werde. Als es Mittag wurde, ohne daß sich in der Situation etwas änderte, stiegen in der Brust des einsamen Weibes neue Besorgnisse auf. Ihr Sohn schlief noch immer, wie betäubt von dem Tranke, den sie ihm gereicht hatte. Wenn der Trank zu stark gewesen wäre? Wenn er die Gesundheit oder den Verstand des Sohnes angegriffen hätte? Dann kamen ihr, trotz der hohen Meinung, die sie von ihrer mütterlichen Gewalt über ihr Kind hatte, noch schrecklichere Gedanken. Sie fragte sich, wie sie ihrem Hamish, den sie doch, wie ihr Herz ihr sagte, betrogen hatte, gegenübertreten solle, wenn er zum Bewußtsein zurückkäme? Schon längst hatte sie ja die Wahrnehmung gemacht, daß er ihr nicht mehr recht gehorchen wollte, daß er es liebte, seine Entschlüsse frei und unabhängig zu fassen und unerschrocken auszuführen. Hatte er das doch sattsam bewiesen gelegentlich seiner freiwilligen Stellung zu dem Regimente der Hochschotten! Es fiel ihr ein, welchen unbezähmbaren Starrsinn sein Vater besessen hatte, sobald er irgendwie merkte, daß Mißbrauch mit ihm getrieben werden solle oder gar getrieben worden war, und nun kam sie Furcht an, ihr Sohn möchte, wenn er der List inne würde, die sie gegen ihn gebraucht habe, unbändig werden, sie ganz im Stich lassen und in die weite Welt hinausflüchten. Und diese Besorgnisse ängstigender Natur wichen nun nicht mehr von der unglücklichen Frau. Elftes Kapitel. Es wurde Abend, ehe Hamish erwachte. Aber im Vollbesitz seiner geistigen und körperlichen Kräfte war er noch bei weitem nicht. Als Elspat seine wirren Reden vernahm, als sie den unregelmäßigen Pulsschlag fühlte, da befiel die Frau die schrecklichste Angst. Sie bot alles auf, was sie von Arzneien und ärztlichem Wissen irgend anwenden konnte, diese schwere Betäubung von ihrem Sohne zu nehmen, und hatte endlich die Freude, ihn des Nachts abermals in einen tiefen Schlaf sinken zu sehen, der wahrscheinlich die Wirkung des Trankes aufheben würde. Gegen Sonnenaufgang hörte sie ihn auch aufstehen und laut nach seiner Mütze rufen, die sie mit Absicht versteckt hatte, weil sie besorgte, er möchte während der Nacht munter werden und sich ohne ihr Wissen hinwegbegeben. »Meine Mütze! Meine Mütze!« rief Hamish, »ich muß aufbrechen. Es wird die höchste Zeit! Euer Trunk, Mutter, war zu gut gemeint! Die Sonne steigt ja schon herauf, aber am nächsten Morgen muß ich die Doppelkuppel vom alten Dun sehen. Meine Mütze, Mutter, meine Mütze! Ich muß fort, muß im Augenblick fort!« Diese Worte ließen deutlich erkennen, daß der unglückliche Jüngling nicht wußte, daß drei Nächte und ein Tag verstrichen waren, seit er den Becher getrunken hatte, und jetzt hub für Elspat die schlimme und, wie sie recht wohl wußte, gefahrvolle Verpflichtung an, ihn über ihre Tat aufzuklären. »Verzeih mir, mein Sohn«, sagte sie, auf Hamish zutretend, und nahm seine Hand mit einem Ausdruck, so voller Angst, wie sie ihn vielleicht nicht immer ihrem Manne gegenüber, wenn er finsterer Laune war, gezeigt haben mochte. »Euch verzeihen, Mutter, und weshalb?« erwiderte Hamish mit Lachen. »Weil Ihr mir einen Trunk reichtet, der zu stark war und den ich heut morgen noch im Kopfe spürte? Oder weil Ihr mir, um mich einen Augenblick länger zu halten, die Mütze verstecktet? Nein, Mutter! Verzeiht Ihr mir, das ist das Richtigere zwischen uns. Gebt mir meine Mütze und laßt geschehen, was sich nicht ungeschehen machen läßt. Gebt mir die Mütze, oder ich gehe ohne sie. Mich soll das gewiß nicht abhalten, habe ich doch jahrelang bloß einen Lederriemen gehabt, das Haar mir aufzubinden! Gebt mir die Mütze, Mutter, oder ich muß barhäuptig gehen, denn länger, hier zu bleiben ist mir unmöglich.« »Mein Sohn,« Hub Elspat an, ihn fest bei der Hand nehmend, »Geschehenes läßt sich nicht ändern! Könntest du dir vom Adler die Schwingen borgen, so würdest du doch zu spät kommen nach Dun zu dem, was du vorhast, zu früh aber zu dem, was deiner dort wartet. Du meinst, die Sonne zum erstenmal, seit du sie sinken sahst, aufsteigen zu sehen, aber gestern sah sie der Ben Cruachan, während deine Augen dem Lichte verschlossen lagen.« Einen wilden Blick äußersten Schreckens warf Hamish auf die Mutter. Dann faßte er sich schnell und sagte: »Mutter, ich bin kein Kind, mich durch solche Kniffe von meinem Vorsatz abbringen zu lassen. Lebt wohl, Mutter! Jeder Augenblick wiegt ein Leben auf!« »Halt ein,« rief sie, »und bleib hier, mein heißgeliebter und schwerbetrogener Sohn! Stürze dich nicht in Verderben und Schande! Dort auf der Straße erblick ich den Priester auf seinem Schimmel. Geh, frag ihn um Wochen- und Monatstag. Er mag entscheiden zwischen dir und mir!« Schnell wie der Adler flog Hamish den Hang hinauf und trat vor den Geistlichen von Glenorquhy, der so früh auf dem Wege war, um nach Bunawe, einer in Trauer befindlichen Familie zum Troste, zu eilen. Der wackere Priester war aufs höchste betroffen, einen Hochländer im Tartan und in Waffen vor sich zu sehen, der sich im Zustande wilder Erregtheit seinem Gaul entgegenwarf und mit lallender Stimme nach Wochen- und Monatstag fragte. »Wäret Ihr gestern gewesen, junger Mann, wo Ihr hättet sein sollen, dann wüßtet Ihr, daß es am Sabbath gewesen wäre und daß wir heut Montag, den zweiten Tag der Woche, haben, und zwar den einundzwanzigsten des Monats!« »Ist das wahr, Pfarrer?« rief mit dem Ausdruck entsetzlicher Bangigkeit Hamish. »So wahr,« antwortete der Priester überrascht, »als daß ich gestern in meiner Pfarrkirche das Wort Gottes verkündigte. Junger Mann«, setzte er hinzu, »was fehlt Euch? Seid Ihr krank oder nicht recht bei Verstand?« Hamish gab keine Antwort, sondern wiederholte bloß mit lallender Stimme die ersten Worte, mit denen der Pfarrer ihm Antwort gegeben hatte: »Wäret Ihr gestern gewesen, wo Ihr hättet sein sollen–« Dann stand er eine kurze Weile da, wie von Sinnen, dann ließ er den Zügel des Pferdes fallen und ging den Fußpfad zur Hütte hinab, mit der Miene und im Schritt eines Delinquenten, der zum Hochgericht geführt wird. Verwundert sah ihm der Geistliche nach, indessen konnte er es nicht über sich gewinnen, den Fuß zur Hütte hinunterzusetzen, denn der Charakter des Weibes, das dort hauste, war ihm wohlbekannt, galt sie doch allgemein als Papistin oder vielmehr als Frau, die gar keine Religion besäße, sondern nur wenige abergläubische Gebräuche, die sich von den Eltern auf sie vererbt hätten. Mit Hamish hatte Ehrwürden Mr. Thrin dann und wann, bei zufälliger Begegnung, ein Gespräch angeknüpft und recht Wohl erkannt, daß, wenn auch die Saat hier zwischen die Dornen eines wilden und ungezügelten Gemüts fiel, sie doch nicht ganz verloren war. Die Gesichtszüge des Jünglings hatten einen so gräßlichen Ausdruck gezeigt, daß der wackere Mann sich versucht fühlte, zur Hütte hinunterzusteigen und Nachfrage zu halten, ob die Leute etwa Unglück getroffen habe. Vielleicht daß sich ihm Gelegenheit böte zur Tröstung oder anderswie seines Amtes zu walten. Ein Unstern fügte es, daß diesem Gedanken nicht der Entschluß folgte, denn großes Unglück wäre dann vielleicht verhütet worden, weil der Pfarrer schließlich doch vielleicht hätte vermitteln können. Aber der rauhe Sinn der damaligen Hochländer, deren Erziehung noch der alten Volkssitte gemäß erfolgt war, schreckte ihn davor zurück, sich um das Schicksal von Witwe und Sohn des gefürchteten Räubers Mac Tavish Mhor zu bekümmern, und so ließ er eine Gelegenheit, viel Gutes zu stiften, ungenützt vorbeiziehen, zum Höchsten Schaden, wie er später zu seinem schweren Leidwesen erkannte, eines unseligen Menschenpaares. Zwölftes Kapitel. Hamish Mac Tavish trat wieder in die Hütte der Mutter und warf sich wieder auf das Lager, von dem er eben erst sich erhoben hatte. Zerknirscht rief er: »Verloren, verloren!« und machte seinem Schmerze über den grausamen Betrug, dessen unglückliches Opfer er geworden, in herzzerreißenden Klagen und Verwünschungen Luft. Auf solchen ersten Zornesausbruch war Elspat gefaßt. Sie dachte bei sich: »Was ist es anders, als eine Gießbachsflut, vom Gewitter veranlaßt? Warten wir am Ufer ab! Und wenn es zurzeit auch noch so tobt, so wird es doch nicht lange währen, bis wir trockenen Fußes hinüberkönnen.« Selbst bei diesem äußersten Schmerze, der ihm die Brust zerriß, bewegten seine Klagen und Vorwürfe sich in den Schranken kindlicher Ehrerbietung, und Elspat hörte alles an, ohne ihm Antwort zu geben. Eist als er die Ausdrücke des Schmerzes, dessen Sprache ja für den von ihm Betroffenen so reich ist, bis auf die Neige erschöpft hatte und in finsteres Schweigen sank, erst dann, nach Verlauf von fast einer Stunde, trat sie an sein Lager. »Bist du nun zu Ende mit deinen vergeblichen Klagen?« fragte sie mit einer Stimme, die von Mutterwürde und Mutterliebe zugleich erfüllt war, »vermagst du nun, was du gewonnen, dem, was du verloren, gegenüberzustellen? Ist der falsche Sachse von Dermid dein Bruder oder deines Stammes Vater, daß du Tränen vergißt, weil du dich nicht an seine Degenkoppel binden, nicht einer von denen werden kannst, die tun müssen, was er gebeut? Kannst du in jenem fernen Lande die Berge und Seen wiederfinden, die du hier zurücklässest? Kannst du den Breadalbane-Hirsch in Amerikas Wäldern jagen? Gibt dir der Ozean den silberschuppigen Salm des Awe? Erwäge, was du verloren hast, und halte es als weiser Mann dem gegenüber, was du gewonnen.« »Ich habe alles verloren, Mutter,« antwortete Hamish, »denn ich habe mein Wort gebrochen und meine Ehre geschändet. O, könnte ich mein Schicksal beichten! Aber wem? Wer möchte mir glauben?« Der unglückliche Jüngling ballte von neuem die Hände, preßte sie an die Stirn und vergrub das Gesicht in den Kissen. Jetzt geriet Elspat wirklich in Unruhe. Jetzt beschlich sie der Wunsch, den Betrug nicht versucht zu haben. Ihre einzige Hoffnung beruhte noch darauf, daß es ihrer Beredsamkeit gelingen werbe, den Sohn zu überzeugen, daß er nicht alles verloren, sondern alles gewonnen habe; und die Gabe der Beredsamkeit besaß sie auch in nicht geringem Grade, wenn auch ihre völlige Unbekanntschaft mit dem dermaligen Stande der Dinge ihre Kraft lähmte. Mit den zärtlichsten Schmeichelreden, die eine Mutter dem Sohne sagen kann, bat sie ihn, nunmehr auf seine Sicherheit bedacht zu sein. »Ich will deine Verfolger hintergehen,« sagte sie, »will dein Leben, deine Ehre retten, will ihnen sagen, mein schönlockiger Hamish sei von dem Corrie Dhu in die Tiefe gestürzt, deren Grund noch keines Menschen Auge erblickt hat. Ja, Hamish, das will ich ihnen sagen, und damit sie mir glauben, will ich deinen Plaid auf die Dornen werfen, die am Rande der Schlucht wachsen; glaube mir, Hamish, sie werden es glauben und werden zu der Doppelkuppe des Dun zurückkehren, denn wohl mag die Trommel der Sachsen den Lebenden zum Tode rufen, nicht aber den Toten zu ihrem knechtischen Banner. Dann ziehen wir gen Norden zu den salzigen Seen von Kintail und lassen Berge und Täler zwischen uns und den Söhnen von Dermid. Wir besuchen die Ufer des schwarzen Sees und besuchen all meine Verwandten, denn war nicht meine Mutter eines der Kinder von Kenneth? Und werden sie unser nicht mit der alten Liebe gedenken? Ganz sicher werden meine Verwandten uns mit der Liebe der alten Zeiten aufnehmen, die in jenen fernen Tälern blüht, wo die Gälen noch wohnen in ihrer alten Größe und Herrlichkeit und unvermischt mit den gemeinen Sachsen oder der Bastardbrut ihrer Knechte und Sklaven.« Die kräftige Sprache, die oft in ihren gewöhnlichsten Ausdrücken in Hyperbeln spricht, schien doch beinahe zu matt, selbst für Elspats überzeugende Beredsamkeit, um das gleißende Bild auszumalen, das sie von dem Lande entwarf, wohin sie mit ihm zu fliehen gedachte. Auch waren es der Farben nur wenige, mit denen sie ihr hochländisches Paradies malen konnte. »Die Berge dort,« fuhr sie fort, »sind höher und prächtiger als die in Breadalbane, und der Ben Cruachan ist bloß ein Zwerg gegen den Skoorovra. Die Seen dort sind breiter und tiefer und bergen nicht bloß Fische im Überfluß, sondern auch verhexte Amphibien , von denen wir das Öl zu den Lampen bekommen. Dort sind die Hirsche größer und zahlreicher. Dort wird der Eber mit den weißen Hauern, nach dessen Jagd den tapferen Schotten am meisten gelüstet, in den Öden des Westens noch immer gestellt. Dort sind die Männer edler und Weiser und stärker als die entartete Brut, die unter dem sächsischen Banner lebt. Dort sind die Töchter des Landes voll Liebreiz, mit den blauen Augen und dem schönen Lockenhaar, und aus ihrer Schar, Hamish, will ich für dich ein Weib suchen von tadelloser Abkunft und unbeflecktem Rufe, von treuer und wahrer Liebe, das zur Sommerszeit in unserer Hütte sein soll wie ein Sonnenstrahl, und zur Winterszeit wie die Wärme des Herdfeuers.« Mit solchen Worten suchte die Mutter ihren trostlosen Sohn zu beruhigen, suchte ihn zu überreden, daß er von dem gefährlichen Orte wiche, an dem er nun zu bleiben entschlossen schien. Ganz so wie sie zu Hamish gesprochen hatte, wenn er als Knabe unwillig oder unfolgsam gewesen war, ganz so sprach sie noch heute zu ihm, und je mehr sie daran verzweifelte, mit ihren Worten ihre Wünsche erfüllt zu sehen, desto lauter, schneller und eindringlicher redete sie. Aber auf Hamish machten all ihre Worte keinen Eindruck, war ihm doch die wirkliche Beschaffenheit des Landes besser bekannt als ihr, und wußte er doch nur allzu gut, daß es im ganzen Hochlande, wenn sich auch vielleicht in seinen höheren Gebirgsstrichen jemand als Flüchtling eine Weile lang fristen könnte, doch schon lange kein Winkelchen mehr gäbe, wo sich seines Vaters Handwerk noch hätte ausüben lassen, ganz abgesehen davon, daß ein Räuberleben kein Weg mehr zu Ehren und Auszeichnungen sei. Zu dieser Wahrheit hatte Hamish, so niedrig der Stand seiner eigentlichen Bildung war, die Aufklärung der Zeit, in der er lebte, geführt. Elspat verschwendete mithin all ihre Reden an taube Ohren und erschöpfte sich vergebens in Versuchen, die Gegend, wo die Verwandtschaft seiner Mutter noch heute lebe, ihm in gleißenden Farben und mit schmeichlerischen Worten zu schildern. Stundenlang redete sie, aber immer umsonst, und keine Antwort vermochte sie ihm abzugewinnen außer Tränen, Seufzern und Ausrufungen, äußerster Verzweiflung. Endlich sprang sie auf. Aus dem ruhigen Tone, in welchem sie das Land gepriesen hatte, wohin sie flüchten wollte, in die kurze rauhe Sprache finsterer Leidenschaft verfallend, rief sie zornig: »Ich Törin, daß ich meine Worte an einen trägen Burschen von schwächlichem Mut und ärmlichem Verstand verschwende, der sich wie ein Hund vor der Peitsche duckt. Bleib hier und erwarte deine Vögte, sowie deine Züchtigung von ihren Händen! Aber glaube nicht, daß es deiner Mutter Augen mit ansehen werden. Ich könnte es nicht, es wäre mein Tod! Dem Tod sah ich oft ins Auge, niemals aber der Schande. Leb' wohl Hamish! Wir sehen uns niemals wieder!« Schnell wie ein Kiebitz schoß sie aus der Hütte, im Augenblick vielleicht tatsächlich willens, auf immer von ihrem Sohne zu scheiden. Wer sie diesen Abend getroffen hätte, gleich einem ruhelosen Gespenst durch die Wildnis streifend, im Selbstgespräch mit sich in Ausdrücken, die keine Feder wiedergeben möchte, dem wäre sie ein furchtbarer Anblick gewesen. Stundenlang rannte sie umher, absichtlich die gefahrvollsten Pfade und Steige aufsuchend, statt sie zu vermeiden, durch das Moor auf schwankem Boden, am Rande jäher Abgründe hin, neben reißenden Gießbächen her, und immer hastig, unbedacht; verwegen. Aber der Mut, den ihr Verzweiflung einflößte, rettete ihr das Leben, das sie, wenngleich Selbstmord mit Vorbedacht kein häufiges Verbrechen im Hochlande ist, doch vielleicht abzuschließen suchte. Fest und sicher, wie der Tritt der Gemse, war ihr Tritt auf Schroffen, an Schluchten und neben Strömen, und ihr Blick so scharf, daß sie Gefahren, die kein anderer am hellen Mittag gewahrt hätte, mitten in finsterer Nacht erkannte. Nicht geradeaus ging sie, sonst wäre sie bald weit entfernt von der Hütte gewesen, in der sie den Sohn zurückgelassen hatte, sondern im Kreise, wie die Häsin um ihr Lager. Denn die Hütte war der Mittelpunkt, um den sich alle Fibern ihres Herzens drehten, und ihr Herz sagte ihr, daß sie sich aus der Nähe dieses Mittelpunktes unmöglich entfernen könne. Dreizehntes Kapitel. Mit dem ersten Sonnenstrahl fand sie den Weg zur Hütte zurück. Eine Weile blieb sie vor der aus Zweigen geflochtenen Tür stehen, als schäme sie sich, daß ihre törichte Mutterliebe sie wieder an die Stätte zurückgeführt haben sollte, die sie in der Absicht, nie wieder zurückzukehren, verlassen hatte. Aber ihr Zaudern hatte seinen Grund mehr in Furcht und Angst – Furcht, ihrem schöngelockten Hamish mochte der Schlaftrunk von schlimmer Wirkung gewesen sein – Angst, seine Feinde möchten ihn nachts überfallen haben. Leise drückte sie die Tür der Hütte auf und trat mit geräuschlosem Schritt ein. Erschöpft von Kummer und Bangigkeit, vielleicht noch immer von dem starken Schlaftrunk benommen, lag Hamish Bean wieder in tiefem Schlafe, ähnlich wie Indianer in den Pausen ihres Martertodes schlafen sollen. Kaum konnte die Mutter die Überzeugung gewinnen, daß sie seine Gesichtszüge vor sich habe; kaum konnte sie den Glauben fassen, daß ihr Ohr seine Atemzüge höre. Mit klopfendem Herzen trat sie an den Herd, der in der Mitte der Hütte stand; mit einem Stück Torf bedeckt, glimmten dort noch die Kohlen des Feuers, das im schottländischen Hause nicht früher zu verlöschen pflegt, als bis es seine Bewohner für immer verlassen. »Mattes Feuer« sagte sie, einen Fichtenspan, der das Licht ersetzte, mittels Feuersteins in Brand setzend, »schwaches Feuerchen! Bald wirst du ausgehen auf immer. Gebe bloß der Himmel, daß Elspat Mac Tabishs Leben zugleich mit dir verlösche!« Also sprechend, trat sie mit dem flackernden Lichtspan an das Bett, auf dem ihr Sohn noch ausgestreckt lag, in einer Stellung, die es ungewiß ließ, ob er schlafe oder in Ohnmacht liege. Da traf das Licht seine Augen, und im Nu war er auf den Beinen, riß den Dolch aus dem Gürtel, zückte ihn und trat ein Paar Schritte vor. »Hinweg, wenn Euch das Leben lieb ist!« schrie er mit schrecklicher Stimme – »hinweg, hinweg!« »Dies ist das Wort meines Seligen! Das sind die Gebärden von Mac Tavish Mhor!« rief Elspat. »An dieser Stimme, an dieser Rede, an diesem Schritte erkenne ich den Sohn Mac Tavish Mhors!« »Mutter,« versetzte Hamish, aus dem durch die Verzweiflung gestählten Tone in den Ton trauriger Wehklage fallend, »Mutter, Mutter! Warum seid Ihr wiedergekehrt?« »Frage, warum die Hindin zu ihrem Kalbe, warum die Wildkatze zu ihrem Lager und ihren Jungen zurückkehrt,« antwortete Elspat. »Weißt du nicht, Hamish, daß das Herz der Mutter nur im Busen des Kindes lebt?« »Dann wird es bald aufhören zu schlagen,« sagte Hamish, »es müßte denn in einer Brust wohnen können, die der Nasenhügel deckt. Mutter, Mutter, schilt mich nicht, wenn ich weine; denn nicht um meinetwillen fließen meine Tränen, sondern um Euretwillen, Mutter! Ach, Mutter! Mein Herzeleid ist bald zu Ende, aber Eures, Eures – ach, Mutter! Daß ihm der Himmel doch bald ein Ziel setzen möchte!« Schaudernd trat Elspat zurück. Aber sogleich gewann sie ihre Ruhe und Unerschrockenheit wieder, und gleich wieder stand sie da, fest und aufrecht. »Ich war der Meinung, du seiest ein Mann geworden,« sagte sie, »und schon bist du wieder ein Kind. So folge mir doch weg von diesem Orte! Habe ich dir unrecht oder Leids getan? Und wenn dies der Fall ist, dann räche dich nicht so grausam! Sieh, Elspat Mac Tavish, die noch vor keinem gekniet hat, selbst nicht vor dem Priester, wirft sich vor ihrem Sohne nieder und fleht um Verzeihung.« Und plötzlich warf sie sich vor dem Jüngling auf die Knie nieder, nahm seine Hand und küßte sie und wiederholte mehrmals in herzzerreißendem Tone ihre Bitte. »Verzeih mir,« rief sie, »verzeih mir um der Asche deines Vaters willen! Verzeih mir um der Schmerzen willen, mit denen ich dich gebar, um der Treue und Liebe willen, mit der ich dich auferzog! O Himmel, vernimm es! Ach, Erde, sieh her! Eine Mutter bittet ihr Kind um Verzeihung, und das Kind verzeiht der Mutter nicht!« Umsonst bemühte sich Hamish, den Ausbruch ihres Zornes zu hemmen, indem er ihr mit den feierlichsten Worten beteuerte, er habe ihr den Betrug völlig verziehen, den sie ihm gespielt habe. »Leere Reden,« rief sie, »eitle Zusicherungen, hinter denen du deinen Groll zu verbergen suchst. Sofern ich dir glauben soll, so verlaß noch im Augenblick diese Hütte und flieh aus einer Gegend, deren Gefahr stündlich wächst. Tu das, und ich will dir glauben, daß du mir verziehen hast. Tust du es nicht, so rufe ich wieder Mond und Sterne, Himmel und Erde zu Zeugen an, daß du unerbittlich bist in deinem Groll gegen deine Mutter um einer Handlung willen, die, wenn sie ein Vergehen ist, aus ihrer Liebe zu dir entsprang.« »Mutter,« erwiderte Hamish, »hierzu kannst du mich nimmer bewegen. Ich fliehe vor keinem Manne. Barcaldine mag jeden Gälen unter seinem Banner senden, und ich bleibe. Und wenn du mich bittest, daß ich fliehe, so magst du eher zu den Bergen dort sprechen, daß sie sich aus ihren Gründen heben. Hätte ich den Weg gewußt, auf dem sie hierher ziehen, so hätte ich ihnen die Mühe des Suchens erspart. Aber ich könnte über das Gebirge wandern, während sie vielleicht vom See herüberkämen. Hier will ich mein Geschick erwarten. Keine Stimme in Schottland ist so gewaltig, daß sie mich bestimmen könnte, von hinnen zu gehen, und daß ich ihr gehorchen sollte.« »So bleibe auch ich hier«, sprach mit erzwungener Ruhe Elspat und stand auf; »meinen Mann sah ich sterben, also werden auch meiner Augen Lider nicht schmerzen, wenn ich den Sohn fallen sehe. Aber Mac Tavish Mhor starb, wie es sich für einen tapferen Mann geziemt, mit seinem guten Schwert in der Faust. Mein Sohn aber fällt wie der Stier, den die Sachsen, nachdem sie ihn um Geld kauften, zur Schlachtbank führen.« »Mutter,« versetzte der unglückliche Jüngling, »Ihr nahmt mir das Leben und hattet ein Recht dazu, weil Ihr es mir gabt. Aber meine Ehre, Mutter, tastet nicht an! Von einer Reihe wackerer Ahnen wurde sie auf mich vererbt, und sie soll nicht befleckt werden, weder durch eines Mannes Tat noch durch eines Weibes Reden. Was ich tun soll, weiß ich selbst vielleicht nicht. Aber setzet mich nicht ferner in Versuchung durch Vorwürfe! Ihr habt mir bereits tiefere Wunden geschlagen, als Ihr je würdet heilen können, wenn Heilung noch in Betracht kommen kann.« »Wohlan denn, mein Sohn«, antwortete Elspat. »Erwarte von mir nicht Klagen und Vorwürfe mehr; erwarte auch nicht länger Vorstellungen von mir! Schweigen wir und warten wir ab, was der Himmel über uns verhängt.« Vierzehntes Kapitel. Als die Sonne am anderen Morgen aufstieg, fand sie die Hütte ruhig und still wie das Grab. Mutter und Sohn waren aufgestanden und gingen ihrer Arbeit nach. Hamish putzte seine Waffen, fürsorglich aber tiefbekümmert; Elspat richtete die Mahlzeit her, die beide wegen der traurigen Vorgänge am verwichenen Tage ungewöhnlich lange hinausgeschoben hatten. Sobald sie das Essen fertig hatte, stellte sie es vor den Sohn auf den Tisch hin mit den Worten des gälischen Sängers: »Ohne tägliches Mahl rostet dem Landmann die Pflugschar in der Furche. Ohne tägliches Mahl ist dem Krieger das Schwert zu schwer für die Hand. Unsere Weiber sind unsere Sklaven, aber die Sklaven wollen gefüttert sein, sollen sie uns Dienste tun. Also sprach in alter Zeit der blinde Barde zu den Kriegern von Fion.« Hamish gab keine Antwort, sondern aß, was ihm vorgesetzt wurde, wie wenn er sich Kraft für den Auftritt schaffen wolle, dessen er gewärtig war. Als seine Mutter sah, daß er mit Essen fertig war, nahm sie den Becher und füllte ihn und setzte ihn dem Sohne vor, damit er mit einem Trunk das Mahl schließe. Aber ein krampfhaftes Zucken lief durch seinen Leib und mit einer Gebärde, Scheu und Ekel zugleich zum Ausdruck bringend, wich Hamish zurück. »Nein, mein Sohn,« sprach sie, »diesmal hast du wahrlich nichts zu fürchten.« »Reizet mich nicht, Mutter,« erwiderte Hamish, »schüttet Gift in eine Flasche, und ich will es trinken. Aber aus diesem verfluchten Becher und von diesem Schierlingstrank werde ich nie wieder kosten.« »Ganz wie es dir recht ist, mein Sohn«, sagte Elspat stolz und machte sich, anscheinend mit vielem Eifer, an die Verrichtung ihrer Hausarbeiten. Was in ihrem Gemüt vorging, hätte niemand sagen können, denn aus ihrem Blick und Benehmen schien jede Besorgnis verschwunden. Bloß solche, die schärfer zu beobachten wissen, hätten aus der lauten geschäftigen Weise ihres Hantierens auf eine innere Ursache ihrer Handlungen, auf Erregtheit oder Gereiztheit schließen können; solchen schärferen Beobachtern würde auch aufgefallen sein, wie oft sie, anscheinend ohne es zu wissen, ein Lied anfing und abbrach, um einen Blick durch die Hüttenpforte zu tun. Hamishs Benehmen wies von dem der Mutter das gerade Gegenteil auf. Als er die Waffen geputzt und in der Wohnung aufgehängt hatte, setzte er sich vor die Tür und hielt die Augen auf den Berg, der neben der Hütte sich erhob, gerichtet, wie eine Schildwache, die den anrückenden Feind erwartet. Am Mittag saß er noch auf demselben Flecke, in derselben Haltung, mit dein Blick, auf den Berg gerichtet. Eine Stunde darauf trat die Mutter zu ihm, legte ihm die Hand auf die Schulter und fragte gleichgültig, wie wenn sie von Freunden spräche, auf deren Besuch gewartet würde: »Wann denkst du, daß sie da sein werden?« »Bevor nicht der Schatten lang gegen Osten zu fällt, können sie nicht da sein,« versetzte Hamish, »selbst wenn sie den nächsten Posten unter Sergeant Allan Breack Cameron mit Expreßboten von Dunbarton hierher beordert haben sollten.« »So tritt noch einmal in deiner Mutter Hütte und nimm zum letztenmal von den Speisen, die sie bereitet hat. Dann laß sie kommen, jene anderen! Du sollst sehen, ob deine Mutter am Tage des Kampfes dir unnütze Last sein wird. Dein Arm, so geübt er ist, kann deine Flinte nicht so schnell abfeuern, wie ich sie lade. Ich fürchte mich, wenn Not am Manne ist, auch vor dem Blitz und Knall des Pulvers nicht, und ehedem galten meine Hand und mein Blick für sicher.« »Um Gottes Christi willen, Mutter, mischt Euch in solche Dinge nicht!« sagte Hamish; »Allan Breack ist ein guter, einsichtsvoller Mensch und stammt aus gutem Hause. Vielleicht kann er mir im Namen der Offiziere versprechen, daß keine schimpfliche Strafe mich treffen solle. Erkennen sie mir Einsperrung im Turm oder den Tod durch die Kugel zu, so mag noch alles hingehen.« »Kind! Ihren Worten möchtest du trauen? Bedenke, das Geschlecht Dermids war immer falsch und tückisch, und hast du dir erst einmal Fesseln um die Gelenke legen lassen, so werden sie dir den Rücken auch bald mit der Geißel zerreißen.« »Mutter, spart Euch Euren Rat,« erwiderte Hamish bitter und finster, »ich weiß jetzt, wie ich mich verhalten werde.« So sprach er wohl, aber nur, um dem Drängen der Mutter zu entgehen, deren Hetzreden ihn dem Tode nahe brachten. Hätte er sagen sollen, worauf er sinne, was er zu beginnen dächte, wenn die Verfolger nahten, so hätte er es nicht gekonnt. Nur über eins war er sich klar: daß er sein Schicksal erwarten müsse, gleichviel wie es sich gestalten würde, und daß er den Wortbruch, dessen er sich unfreiwillig schuldig gemacht hatte, nicht durch Furcht vor der Strafe erschweren dürfe. Dieses Selbstopfer meinte er seiner persönlichen Ehre und der Ehre seines Landes schuldig zu sein. Welchem seiner Kameraden würde man fernerhin getraut haben, wenn er sein Wort brach und das Vertrauen seiner Offiziere mißbrauchte? Und welchem anderen, als Hamish Bean Mac Tavish, würden die Gälen die Schuld aufbürden, daß durch ihn der Argwohn der Sachsen gegen die Treue der Gälen überhaupt bestärkt worden sei? Darum war er fest entschlossen, sein Schicksal zu erwarten. Offen blieb dabei, ob er sich der gegen ihn ausgesandten Schar freiwillig ergeben oder ob er sie durch Widerstand zwingen wollte, ihn auf dem Platze zu töten. Auf diese Frage hätte er sich zur Stunde noch keine Antwort geben können. Das Verlangen, sich mit Barcaldine auszusprechen, ihm die Ursache seines Ausbleibens zu erklären, machte ihn freiwilliger Ergebung geneigt, während die Furcht vor der schimpflichen Strafe und vor den bitteren Vorwürfen der Mutter ihn, trotzdem die Gefahr dabei größer war, zum Widerstande trieb. Er meinte, die Entscheidung hierüber dem Schicksal überlassen zu müssen, und es ließ ihn nicht lange warten. Fünfzehntes Kapitel. Es war Abend geworden. Die gewaltigen Schatten der Berge bedeckten weithin gegen Osten das Tal, während die westlichen Gipfel noch in dunklem Golde erglühten. Von der Hüttenpforte aus ließ sich die Straße, die sich am Ben Cruachan hinzieht, weithin übersehen. Plötzlich tauchte am äußersten Punkte, wo die Straße hinter dem Berge verschwindet, ein Kommando von fünf hochländischen Soldaten auf. Ihre Waffen glitzerten in der Sonne. Dem Kommando schritt einer vorauf, die vier anderen folgten im Gliede. An ihren Flinten, Plaids und Mützen war zu erkennen, daß sie zu Hamishs Regiment gehörten. Die Absicht, die sie herführte, war leicht zu raten. »Sie kommen schnell heran«, sprach Elspat Mac Tavish Mhor; »warten wir ab, ob sie so schnell auch wieder abziehen. Es sind ihrer fünf; für offenen Kampf also sind sie dir überlegen, Hamish. Komm herein in die Hütte, Sohn, und schieße durch das Guckloch neben der Pforte. Zwei kannst du niederstrecken, ehe sie von der Straße den Steig erreichen. Dann sind es ihrer bloß drei noch, und dein Vater hat, wenn ich bei ihm war, oft gegen ebenso viel standgehalten.« Hamish Bean nahm der Mutter die Flinte ab, ohne indes von dem Flecke wegzutreten, auf dem er stand. Das Kommando hatte ihn schon, wie sich an ihrem schnelleren Marsch erkennen ließ, erkannt. Indessen liefen sie noch scharf im Gliede, wie zusammengekoppelte Windhunde, kamen aber eilends heran. Rasch klommen sie den Steig hinunter. Schnell wären sie zur Hütte bis auf Pistolenschußnähe gekommen. Unbeweglich wie eine Bildsäule, mit der Büchse in der Hand, stand Hamish an der Pforte. Hinter ihm die Mutter. Vom Zorn dem Wahnsinn nahe gebracht, warf sie ihm in den härtesten Ausdrücken der Verzweiflung seine Unschlüssigkeit und Feigheit vor, den Grimm und Zorn verstärkend, der in seinem Gemüt aufloderte, als er die einstigen Kameraden auf sich zustürmen sah, wie Hunde auf den Hirsch im Garne. Ob dieses Anblicks fing die nüchterne Besonnenheit, die ihn bis jetzt geleitet hatte, an, von ihm zu weichen und dem wilden, von Vater und Mutter ererbten Kampfesmut das Feld zu räumen. Jetzt rief ihm der Sergeant zu: »Hamish Bean Mac Tavish, streck das Gewehr und ergib dich!« »Bleibt, wo Ihr seid, Allan Breack Cameron, »der es ist unser aller Unglück.« »Stillgestanden!« kommandierte der Sergeant seinen Leuten, ging aber selbst weiter. »Hamish, bedenke was du tust, und gib dein Gewehr ab! Du kannst wohl noch Blut vergießen, aber der Strafe entgehst du darum nicht!« »Die Rute, mein Sohn, die Rute!« zischelte die Mutter ihm zu. – »Hüte dich vor der Rute!« »Allan Breack Cameron, seht Euch vor!« rief Hamish, »ich tu Euch nicht gern Schaden, aber freiwillig ergebe ich mich nicht, sofern Ihr mir nicht Sicherheit gewährt vor der sächsischen Peitsche.« »Hamish, du Tor!« entgegnete Cameron; »daß ich das nicht kann, weil ich keine Befugnis habe, weißt du! Aber ich will tun, was ich kann, und will rapportieren, ich hätte dich unterwegs getroffen. Dann ist die Strafe gering. Aber gib dein Gewehr ab, Hamish! Kommando, marsch heran!« Mit vorgestrecktem Arme drang er vorwärts, in der Absicht, Hamish die Flinte von der Wange zu reißen. Da rief Elspat: »Jetzt schone nicht deines Vaters Blut, um deines Vaters Herd zu verteidigen!« Hamish drückte ab, und Allan Breack Cameron stürzte tot nieder. Dies alles geschah in einem einzigen Augenblicke. Die Soldaten stürzten vor und ergriffen Hamish, der, ob seiner Tat wie versteinert, sich nicht zur Wehr setzte. Anders die Mutter, die, als sie sah, daß die Männer ihrem Kinde Handschellen anlegten, mit solchem Ingrimm sich auf die Soldaten stürzte, daß ihrer zwei notwendig waren, um sie zu halten, während die anderen, beiden Hamish fesselten. »Bist du nicht ein ganz erbärmliches Subjekt,« sprach der eine Soldat zu Hamish, »deinen besten Freund über den Haufen zu schießen, der auf dem ganzen Hermarsch von nichts anderem gesprochen hat, als wie sich ein Mittel ausfindig machen lasse, dich der Strafe zu entziehen?« »Mutter, hört Ihr das?« rief Hamish und drehte sich, soweit es die Fesseln ihm erlaubten, nach ihr herum. Aber die Mutter sah nichts und hörte nichts. Sie war ohnmächtig zu Boden gesunken. Ohne abzuwarten, ob sie die Besinnung wieder bekäme oder nicht, marschierte das Kommando mit seinem Gefangenen ab in der Richtung auf Dunbarton. In Dalmally, dem nächsten Dorfe, wurde Rast gemacht, um die Leiche des unglücklichen Sergeanten durch ein paar Bauern holen zu lassen und den Vorfall beim Ortsrichter anzuzeigen. Von diesem bekam das Kommando Weisung, weil das Verbrechen an einem Soldaten begangen worden, unverzüglich mit dem Mörder nach Dunbarton zu marschieren. Sechzehntes Kapitel. Hamishs Mutter lag lange in Ohnmacht, vielleicht um so länger, weil die Kraft ihres Körpers durch die Überreizung ihres Gemüts während der letzten drei Tage völlig aufgerieben sein mußte. Endlich weckten sie Weiberstimmen aus ihrer Starre. Der Coronach oder die Totenklage, Wehrufe im Verein mit Händeklatschen, schlug an ihr Ohr, und gleich darauf, auf der Sackpfeife geblasen, die Klänge des dem Clan der Camerons eigentümlichen Trauergesanges. Elspat fuhr erschreckt auf, wie vom Tode erwacht, völlig außerstande, sich der schrecklichen Szene, die sich vor ihren Augen abgespielt hatte, zu erinnern. Es waren Weiber in der Hütte, beschäftigt, den Leichnam in das blutige Plaid zu wickeln, ehe er von der Unglücksstätte hinweggeschafft würde. »Sagt mir, ihr Weiber,« lallte sie, aufspringend, »warum singt ihr Mac Dhoneril Dhus Grablied im Hause von Mac Tavish Mhor?« »Schweige, du Wölfin, mit deinem unheilvollen Gekreisch,« rief eines der Weiber, eine Verwandte des Gemordeten, »und hindere uns nicht in der Ausübung unserer Pflicht gegen unseren geliebten Verwandten. Nie soll ein Klagelied erschallen um dich und deine blutige Wolfsbrut. Die Raben werden ihn vom Galgen fressen, deinen schönlockigen Hamish, und deine Leiche sollen Füchse und Wildkatzen auf den Bergen zerreißen. Verflucht sei, wer deine Gebeine segnet oder einen Stein dir auf das Grab wälzt!« »Tochter einer törichten Mutter,« versetzte die Witwe van Mac Tavish Mhor, »wisse, daß der Galgen, mit dem du uns drohst, kein Teil unseres Erbes ist! Dreißig Jahre lang gelüstete den schwarzen Gesetzespfahl, an dem statt Äpfel Menschenleichen hängen, nach dem Geliebten meines Herzens, aber er ist als braver Mann mit dem Schwert in der Faust gestorben und hat den schwarzen Pfahl um seine Hoffnung und Frucht betrogen.« »Mit deinem Kinde aber wird es solches Ende nicht nehmen, du blutige Hexe!« versetzte das Klageweib, dessen Leidenschaftlichkeit um nichts geringer war als die Elspats; »denn ihm werden die Raben die Locken in Strähnen ausreißen und ihre Nester damit füttern, noch ehe die Sonne hinter den Inseln verschwindet.« Durch diese Worte kamen der unseligen Mutter die Ereignisse der drei letzten gräßlichen Tage in das Gedächtnis zurück. Zuerst stand sie da, starr wie eine Säule, ganz als ob sie der höchste Grad menschlicher Pein in Stein verwandelt hätte. Bald aber erwachten Stolz und Heftigkeit wieder, weil sie meinte, in ihrem eigenen Haus und Hof gelästert worden zu sein, und sie versetzte: »Ja, du greinende Unholdin! Sterben wird mein schönlockiger Sohn, aber nicht mit weißer Hand, denn er hat sie getaucht in Feindesblut, in bestes Cameron-Blut! Das bedenke, du Unholdin! Und bettet ihr euren Toten ins Grab, so sei seine Grabschrift, daß Mac Tavish Mhors Sohn Hamish Bean ihn erschlug, weil er Hand an ihn an seinem Herde legen wollte. Lebt Wohl! Die Schande der Niederlage bleibt haften an dem Manne, der sie erlitt!« Die Verwandte des Gemordeten wollte Antwort mit verstärkter Stimme geben. Aber Elspat, die das Wortgefecht nicht weiter führen mochte, die vielleicht auch fühlte, daß der Schmerz sie zu überwältigen und unfähig zu machen drohte, ihren Zorn in Worte zu kleiden, hatte die Hütte verlassen und rannte im Mondschein auf und davon. Die Weiber, die sich mit der Leiche des Gemordeten befaßten, ließen ihr trauriges Werk im Stiche, um der zwischen den Felsen dahinwankenden hohen Gestalt nachzusehen. »Mir ist es recht, daß sie weg ist,« sprach eine jüngere, »denn lieber schon hülle ich eine Leiche in ihre Tücher und stände, Gott sei bei uns! der Böse selber sichtbar vor uns, als daß ich die »Elspat vom Baume« in unserer Mitte sehe. Ja, ja! Mit dem bösen Feind hat die im Leben schon viel Verkehr gehabt!« »Törin!« erwiderte das Weib, das mit Elspat das Wortgefecht geführt hatte, »meinst du, es gebe einen schlimmeren Feind auf oder unter der Erde, als den Stolz und Grimm eines in seinem Herzen getroffenen Weibes, wie der blutdürstigen Hexe dort? Laß dir sagen, ihr war Blut so alltäglich wie der Tau den Blumen im Gebirge. Sie ist Ursache gewesen zu manches braven Mannes Tod um geringfügigen Unrechts willen, das er ihr oder den Ihrigen zugefügt hatte. Jetzt sind ihr die Sehnen aber zerschnitten, denn ihre Wolfsbrut muß, da sie mordete, den Mördertod leiden!« Während die Weiber sich also unterhielten, setzte die Unselige, die unmittelbare Urheberin von Allan Breack Camerons Ermordung, ihren Weg über das Gebirge fort. So lange sie noch in Sicht der Hütte war, tat sie sich Zwang an, um ihren Feindinnen nicht Ursache zum Frohlocken zu geben, daß körperliche Schwäche sie befallen oder maßlose Verzweiflung sie am gewohnten Gange verhindere. Sie ging deshalb eher langsamen als schnellen Schrittes, in aufrechter Haltung, zum Zeichen, daß sie das über sie gekommene Unglück mit Festigkeit trage und allem drohenden Unglück mit Trotz entgegensähe. Sobald sie aber außerhalb des Sehbereichs war, verließ sie die Kraft, ihren Schmerz zu bändigen. Den Mantel mit wilder Gebärde zurückschlagend, kletterte sie einen Hügel hinauf und reckte die Hände Zum Monde empor, Himmel und Erde anklagend wegen des Unglücks, das über ihr Haupt gekommen, mit schrecklichem Wehgeschrei, dem Adler gleichend, dem die Jungen aus dem Neste geraubt wurden. Nachdem sie ihrem wilden Schmerze eine Zeitlang auf solchem Wege Luft gemacht hatte, eilte sie ungleichen Schrittes weiter, in der vergeblichen Hoffnung, das Kommando einzuholen, das ihren Sohn, ihren Hamish, gefesselt nach Dunbarton führte. Allein so übermenschlich auch ihre Kraft zu sein schien, so versagte sie schließlich doch, und selbst mit äußerster Anstrengung wollte ihr die Durchführung ihres Vorhabens nicht gelingen. Nichtsdestoweniger schleppte sie sich, so schnell es ihre erschöpften Glieder ihr gestatteten, weiter. Wenn sie vor Hunger nicht weiter konnte, schlich sie in das nächste Dorf und bettelte: »Gebt mir zu essen! Ich bin die Witwe von Mac Tavish Mhor, bin die Mutter von Hamish Mac Tavish Bean. Gebt mir zu essen, daß ich meinen schönlockigen Hamish noch einmal sehe.« Niemals wurde ihre Bitte ihr abgeschlagen, wenngleich bei manchen, an die sie sich wendete, sich neben Mitleid auch Abscheu regte, manche sogar Grauen anwandelte. Wieviel von der Schuld an dem Tode Allan Breack Camerons, der den Tod ihres eigenen Sohnes nach sich ziehen mußte, auf ihre Person kam, wußte freilich niemand genau. Weil man aber die Leidenschaftlichkeit ihres Wesens kannte und weil jedermann im Lande wußte, welche Lebensweise sie früher geführt hatte, so war es für niemand zweifelhaft, daß sie bis zu gewissem und wahrscheinlich nicht geringem Grade die Verantwortlichkeit für das schwere Verbrechen traf, und alles war geneigt, in Hamish Bean mehr das Werkzeug, als den eigentlichen Urheber des Mordes zu sehen. Indessen konnte solche Meinung seiner Landsleute, so große Verbreitung sie auch gewann, dem unglücklichen Jüngling wenig oder nichts helfen. Seinem Hauptmann, der die Sitten und Gebräuche des Hochlandes gut kannte, war es ein leichtes, von Hamish die Einzelumstände herauszubekommen, die dessen vermeintliche Desertion und den Tod des Sergeanten betrafen. Er fühlte mit dem Jüngling, der so unseligerweise das Opfer einer übermäßigen, törichten Mutterliebe geworden war, das größte Mitleid, wußte aber keinen Ausweg, ihn von der Strafe zu retten, welche auf Grund der Kriegsgesetze das Kriegsgericht, wegen des von ihm begangenen Mordes über ihn verhängen mußte. Es ging alles rasch von statten. Zwischen dem Spruch und Vollzug des Urteils blieb nur geringe Frist. Der Oberst hielt an seinem Entschlusse fest, an dem ersten Deserteur, der wieder eingebracht würde, ein strenges Exempel zu statuieren, und hier handelte es sich nun gar um einen Deserteur, der sich mit der Waffe verteidigt und den nach ihm ausgesandten Unteroffizier erschossen hatte. Solche Gelegenheit zur Sanktionierung seines Entschlusses fand sich so leicht für den strengen Kommandeur nicht wieder. Hamish wurde also zum Tode durch den Strang, wie der Spruch lautete, als gemeiner Mörder verurteilt. Die Exekution sollte auf der Stelle stattfinden. Das einzige, was sein Hauptmann für ihn auswirken konnte, war die Begnadigung zum Tode durch Pulver und Blei. Um diese Zeit befand sich zufälligerweise gerade der würdige Pfarrer von Glenorquhy in Dunbarton. Er machte seinem unglücklichen Pfarrkind im Militärarrest seinen Besuch. Wenn er auch in ihm einen Menschen ohne alle Schulweisheit fand, so fand er doch keinen verstockten Christen in ihm, und die Antworten auf religiöse Fragen, die er von ihm erhielt, machten es ihm doppelt schmerzlich, in dem Jüngling eine von Natur so reine und edle Seele in solch verwildertem Zustande anzutreffen. Bittere Vorwürfe machte sich der Geistliche, nachdem er diese Meinung von dem Charakter und dem Gemüt des Jünglings gewonnen hatte, daß er sich durch die Scheu vor dem schlechten Rufe, welcher der Witwe des einstigen Räubers anhaftete, an jenem Morgen, als ihn Hamish nach Zeit und Stunde fragte, hatte bestimmen lassen, die von dem liebreichen Bestreben, dies verlorene Schaf seiner Herde zurückzugewinnen, diktierte Absicht eines Besuchs in der Hütte von Hamishs Mutter fallen zu lassen. Der wackere Pfarrer tat nun sein möglichstes, für sein Pfarrkind, wenn nicht Begnadigung, so doch Aufschub zu erlangen, denn die Empfänglichkeit der edlen, schönen Seele des jugendlichen Mörders rührte ihn tief. Er sprach bei dem Hauptmann vor. Düstere Trauer lag auf dessen Stirn. Sie vergrößerte sich noch erheblich, als er Namen und Wohnort des Pfarrers erfahren hatte und über Grund und Zweck des Besuchs aufgeklärt worden war. »Es ist gar nicht möglich, hochwürdiger Herr,« erklärte der hochländische Offizier, »daß Sie mir mehr Gutes von dem Jünglinge melden, als ich selbst von ihm glaube. Auch bedarf es gar keiner Bitte von Ihrer Seite, mich für den unseligen Menschen zu verwenden, denn so weit mir dies irgend möglich war, ist es ja bereits geschehen. Aber es ist alles umsonst und kann ja nach Art des Vorganges auch gar nicht anders sein. Zudem ist unser Oberst halb Niederländer, halb Engländer, dem es an jeglichem Verständnis für den hohen, enthusiastischen Sinn fehlt, der in diesem Gebirgslande so häufig die hehrsten Tugenden in Konnex bringt mit schweren Verbrechen und Lastern, die in der Regel mehr Herzenssünden sind als Verstandesirrungen. Ich bin so weit gegangen, ihm zu bemerken, daß in diesem jungen Menschen von dem im Grunde durchweg tüchtigen Mannschaftstande meiner Kompagnie der tüchtigste durch das Kriegsgericht verurteilt worden sei. Ich habe ihm den ungeheuerlichen Betrug auseinandergesetzt, der dieser scheinbaren Fahnenflucht des Jünglings zugrunde liegt, und wie wenig sein Herz Anteil an einem Verbrechen habe, das unglücklicherweise durch seine Hand begangen worden sei. Was mir der Oberst darauf erwidert hat, lautet: Ich kann an dem Spruche nichts ändern, Kamerad; das Exempel muß statuiert werden, und fällt das Los nun zufälligerweise auf einen Mann, der sonst ein guter Rekrut ist, so wird es nur desto bessere Wirkung üben.« Lassen Sie es also lieber Ihre Sorge sein, ehrwürdiger Herr, Ihren bußfertigen Sünder auf eine Reise vorzubereiten, die er morgen mit Tagesanbruch antreten muß und gegen die es schließlich für uns alle kein Rezept gibt.« »Und auf die uns alle,« setzte der Geistliche hinzu, »der gütige Gott vorbereiten möge, gleichwie ich nicht wanken will in meiner Pflicht für diesen armen Jüngling.« Siebzehntes Kapitel. Am nächsten Morgen grüßten die ersten Strahlen der aufsteigenden Sonne die grauen Türme, die den Gipfel des wunderlichen schrecklichen Felsens Dunbarton krönen, als die Mannschaften des neuen Hochlandsregiments in der gleichnamigen Feste zum Appell antraten und nach abgenommener Parade die steinernen Stufen und engen Gänge zum äußeren Tore hinunterschritten, das auf dem Grunde des Felsens errichtet ist. Hin und wieder vernahm man die wilden wehklagenden Töne des hochländischen Kriegsgesanges, abwechselnd mit den Pfeifen und Trommeln, die den Leichenmarsch schlugen. Das Schicksal des unglücklichen Menschen fand anfänglich bei dem Regiment wenig Mitleid; ganz anders hätte es sich in dieser Hinsicht verhalten, wäre er bloß wegen Desertion verurteilt worden. Der ermordete Allan Breack war allgemein beliebt gewesen und gehörte obendrein einem starken und mächtigen »Clan« an, zu dem auch Leute hohen Ranges gehörten. Das an ihm begangene Verbrechen hatte auf Hamish das schlechteste Licht geworfen. Hatte sich auch sein Vater durch seine Stärke und Männlichkeit einen Namen erworben, so war doch sein »Clan« gebrochen und gleich allen Clans, wenn es an einem Häuptling fehlte, die Stammesgenossen in die Feldschlacht zu führen, dem Gespött verfallen. Hätte der Fall in dieser Hinsicht anders gelegen, so würde es nicht angängig gewesen sein, die Exekutionsmannschaft aus dem Regiment selbst zu wählen. Aber die sechs dazu bestimmten Leute waren Freunde des Gemordeten und gehörten gleich ihm zu dem mächtigen Clan der Mac Dhoneril Dhu. Nicht ohne die grausame Empfindung befriedigter Rache rüsteten sie sich zu dem traurigen Amt, das die Pflicht ihnen auferlegte. Die Kompagnie rückte vor das Festungstor, die anderen Kompagnien folgten. Es wurde ein längliches Viereck formiert, drei Seiten Militär, mit den Fronten nach innen, die vierte oder »offene« Seite bildete der gewaltige Felsen, auf welchem die Festung stand. Im Mittelpunkte des Vierecks, barhäuptig, entwaffnet und gefesselt, stand der unselige Jüngling. Leichenblaß, das Auge aber hell und glänzend wie sonst, war er dem Geistlichen, der ihm Trostesworte zusprach, hierher gefolgt. Vor ihm her war der Sarg getragen worden, der seine sterblichen Reste aufnehmen sollte. Ruhig und feierlich war der Ausdruck auf allen Gesichtern. Die schöne, männliche Gestalt des Jünglings, seine Standhaftigkeit, der sanfte Zug auf dem dunkeln Gesicht, seine kräftige Haltung stimmte manches Herz freundlich für ihn, selbst unter denen, die von Rache gegen ihn erfüllt waren. Die Bahre wurde in dem Viereck niedergesetzt, etwa zwei Schritte von dem Fuße des Felsens, der sich hier so steil wie ein steinerner Wall bis zur Höhe von 3-400 Metern erhob. Hierher wurde nun der Delinquent geführt. Der Geistliche war noch immer an seiner Seite, sprach ihm noch immer Mut und Trost zu, und der Jüngling schien ihm voll Ergebung zu lauschen. Langsam und scheinbar nicht eben willig traten die zur Exekution bestimmten Mannschaften in das Viereck und stellten sich zehn Schritte von dem Delinquenten auf. Der Geistliche schickte sich an, beiseite zu treten. »Gedenke dessen, mein Sohn, was ich dir sagte,« sprach er, »und wende deine Hoffnung zu dem Anker, den ich dir gezeigt habe. Du wirst ein kurzes elendes Dasein eintauschen gegen ein Leben, das keine Plage und keine Betrübnis mehr kennt. Hast du mir noch irgendwelche Bitte oder Besorgung vorzutragen?« Der Jüngling warf einen Blick auf seine Ärmelknöpfe, die von Gold, vielleicht ein Beutestück seines Vaters, einem englischen Offizier während der Grenzkriege abgenommen, waren. Der Geistliche trennte sie ab. »Meiner Mutter – bringt sie!« sprach er nicht ohne Mühe, »meiner – armen Mutter! Gehen Sie zu ihr, frommer Herr, bitte, bitte! Und belehren Sie sie darüber, was sie von alledem denken soll. Sagen Sie ihr, ihr Hamish sehe dem Tode mit größerer Freude entgegen, als der Ruhe nach der ermüdendsten Jagd. Leben Sie wohl, frommer Herr! Leben Sie wohl!« Der wackere Pfarrer war kaum imstande, einen Schritt zu tun. Ein Offizier bot ihm den Arm. Ein letzter Blick auf den Jüngling, der auf der Bahre kniete. Die wenigen Personen, die bei ihm gestanden hatten, waren zurückgetreten. Das Todesurteil wurde verlesen. Von dem Felsen hallte der Knall der Gewehre. Ein Schrei noch, und Hamish stürzte vorwärts. Er war tot, wahrscheinlich verschieden ohne jede Empfindung eines Todeskampfes. Zehn bis zwölf Mann von seiner Kompagnie traten vor und legten feierlich die sterblichen Reste ihres Kameraden in die Bahre, während der Leichenmarsch wieder intonierte. Die Kompagnien wurden zum Vorbeimarsch an der Bahre kommandiert, der ganzen Mannschaft zum warnenden Exempel an dem schrecklichen Schauspiel. Dann zog das Regiment unter den Klängen lustiger Marschmusik, wie es bei solchen Anlassen üblich, um den Schmerz über das Erlebte schneller zu bannen, den Felsen wieder hinauf. Unterdes trug das Exekutionskommando den Sarg des Delinquenten zum Grabe hin, das in einem Winkel des Schloßhofes, der Beerdigungsstätte für Verbrecher, gegraben worden war. Achtzehntes Kapitel. Gleich nach der Hinrichtung verließ der Geistliche Dunbarton. Im Vertrauen auf seine Landeskenntnis verließ er die Hauptstraße und schlug einen jener kürzeren Pfade ein, deren sich Fußgänger oder Leute, die, wie der Geistliche, im Besitz eines der kleinen, aber sicher schreitenden und klugen, als »Poney« bekannten Pferde sind, zu bedienen pflegen. Die Örtlichkeit, durch die der Pfad führte, war an sich düster und öde. Der Aberglaube, hierzulande stark im Schwange, hatte ihm Mären und Sagen angedichtet, die ihm noch schrecklicheren Charakter gaben. So sollte hier ein böser Geist, Cloght-deary oder »Rotmantel«, sein Wesen treiben und zu allen Zeiten und Stunden, hauptsächlich des Mittags und Mitternachts, umhergehen, Menschen und Tieren feind und so böswillig, als es nur irgend in seiner Macht stand. Als der Geistliche sich umsah, mußte er sich sagen, daß die Gegend für den Aufenthalt von Geistern nicht übel gewählt sei, da sie, wie es ja heißt, Öde und Einsamkeit vor allem lieben. Die Talschlucht war steil und schmal, kaum ein paar Strahlen der Mittagssonne fielen auf den finsteren, reißenden Bach, der sich, wild brausend gegen Felsen und Blöcke, mit Mühsal den Weg brach. Als der Geistliche an dem schmalen Wege anlangte, der zum anderen Bachufer führte, stand er plötzlich still. Eben hatte er bei sich gedacht, daß der wilde Bach schon manches von den Vorgängen bewirkt haben möchte, die dem Gespenst des »Rotmantels« zugeschrieben würden, als er sich von einer weiblichen Stimme in gellenden Tönen angerufen hörte. »Michael Tyrie! Michael Tyrie!« schallte es durch die Schlucht. Verdutzt, nicht ohne einen geheimen Schauder, blickte der Geistliche sich um. Einen Moment lang schien es, als ob der böse Geist, dessen Dasein er eben noch bezweifelt hatte, ihm erscheinen wolle, um ihn für seine Ungläubigkeit zu strafen. Aber die Furcht war rasch verflogen, und mit lauter Stimme rief er als Antwort: »Wer ruft? –und wer bist du?« »Eine, die im Elend wandert zwischen Leben und Tod,« versetzte die Stimme. Und eine hohe Gestalt trat vor zwischen den Trümmern von Felsen, die sie bislang vor dem Auge des Pfarrers verborgen hatten. Sie kam näher. Ihr Mantel aus hellem Tartan, in welchem die rote Farbe hervorstach, ihre Figur, ihr weiter Schritt, die verzerrten Züge, die grimmig blitzenden Augen – das alles war angetan, sie zu einer schicklichen Stellvertreterin des bösen Geistes, dessen Namen das Tal führte, zu machen. Aber Michael Tyrie erkannte sogleich in ihr die »Elspat vom Baume«, die Witwe Mac Tavish Mhors, die Mutter Hamish Beans, des Delinquenten, von dessen Hinrichtung er kam. Die Erscheinung des bösen Geistes würde für den Geistlichen nicht so schrecklich gewesen sein wie die Erscheinung dieses Weibes in allem Elend der auf ihr lastenden Mitschuld an dem Verbrechen des Sohnes. Instinktmäßig ließ er sein Pferd halten und bemühte sich, seine Gedanken zu sammeln, während sie mit wenigen Schritten die Strecke bis zu seinem Pferde zurückgelegt hatte. »Michael Tyrie,« hub sie an, »das verrückte Weib aus dem Dorfe hält dich für einen Gott. Sei mir ein Gott und sage mir, daß mein Sohn lebt. Sage mir das, und ich will wie du beten zu dem himmlischen Wesen, dessen Namen du kündest, und will meine Kniee beugen an jedem siebenten Tage im Hause deines Gottes, der hinfort auch mein Gott sein soll!« »Unglückliches Weib,« antwortete ihr der Geistliche, »mit dem ewigen Schöpfer schließt kein sterblicher Mensch einen Vertrag, wie mit einem Wesen aus Ton, gebrechlich gleich uns! Denkst du zu feilschen mit Ihm, der die Erde geschaffen und die Himmelsbogen gespannt hat, oder meinst du, du dürfest Ihm ein Sandkorn Verehrung und Anbetung bieten, das Ihm wohlgefällig wäre? Dürfest es Ihm bieten im Tausch gegen einen Zentner von Wohltat und Segen? Gott der Herr will gehorsame Gläubige haben und keine Opfer! Er will, daß die Prüfungen, die Er über uns verhängt, mit Geduld getragen werden, und verabscheut Geschenke, wie sie für unsere Nebenmenschen am Platze sind, wenn wir wünschen, sie von gefaßtem Vorsatz abzubringen.« »Schweig, Priester!« entgegnete das rasende Weib. »Bete nicht mir die Worte deines weisen Buches vor. Elspats Verwandte gehören zu denen, die sich bekreuzigen und niederknien, wenn die heilige Glocke klingt, und sie weiß, daß man für Taten, die man im Felde verübt, Sühnopfer am Altar darbringen kann. »Elspat hatte dereinst auch Schafe und Ziegen auf der Alm und Vieh im Stalle. Gold trug sie um den Hals und dicke Perlen im Haar, wie die Helden der Vorzeit. All dies hätte sie dem Priester gegeben, all dies! Und hatte er den Schmuck eines Edelfräuleins oder den Sporran eines hohen Häuptlings verlangt, Mac Tavish Mhor hätte auch das beschafft und es Elspat zugesagt. »Nun ist Elspat arm und kann nichts mehr geben. Aber hätte sie den schwarzen Abt von Inchaffray um eine Geißel für ihren Rücken gebeten und hätte sie sich den Fuß auf Pilgerfahrten wund gelaufen, er hätte ihr Vergebung gewährt beim Anblick ihres rinnenden Blutes, ihres zerrissenen Fleisches. Da waren die Priester, die auch über die Mächtigsten Macht besaßen; mit dem Wort ihres Mundes, mit dem Text ihres Buches, mit der Flamme ihrer Fackel, mit dem Klange ihrer heiligen Glocke hielten sie im Zaume die Gewaltigen der Erde. »Der Mächtige beugte den Nacken ihrem Willen, und ewig der Freiheit beraubt waren die, die sie in ihrem Grimm geknechtet hatten. Die hatten wohl Einfluß und Gewalt, und vor ihnen, deren Macht den Stolzen erniedrigte, fiel auch der Arme in die Knie. »Doch ihr! Gegen wen seid ihr streng als gegen Weiber, die den Verstand verlieren, und gegen Männer, die kein Schwert mehr führen? Die alten Priester waren wie der Regenschwall, der sein enges Tal füllt und die gewaltigen Steinblöcke gegeneinander schleudert, als wären sie so leicht wie, ein Ball, mit dem ein Knabe spielt! »Doch ihr! Ihr seid wie der Bach, den die glühende Hitze des Sommers ausgetrocknet hat, der den Binsen aus dem Wege geht und von einem Busch Riedgras in seinem Lauf gehemmt wird. Ihr seid wert, daß man Wehe schreit über euch, denn von euch kömmt keine Hilfe!« Der Geistliche merkte Wohl, daß Elspat ihrem römisch-katholischen Glauben untreu geworden war, ohne einem anderen sich hinzugeben. Von Mitleid ergriffen mit ihrer Not, und um sie von ihren Irrtümern zu bekehren und in ihrer Unwissenheit zu belehren, erwiderte er in mildem, liebevollem Tone: »Unglückliche Frau! Stünde auch Rom selber und sein ganzes Priestertum Euch zu Gebote, um ein Geschenk oder eine Buße könnte Euch auch von dorther in Eurem Jammer weder Trost noch Hilfe kommen. Elspat Mac Tavish, ich muß Euch leider etwas recht Trauriges mitteilen.« »Ich weiß es ohnedem,« antwortete die Unglückliche. »Mein Sohn ist zum Tode verurteilt worden.« »Elspat,« sagte der Geistliche, »er war verurteilt worden – und das Urteil ist bereits vollzogen worden.« Die arme Mutter schlug die Augen zum Himmel empor und schrie laut auf. Ihre Stimme hatte einen allem Menschlichen so unähnlichen Klang, daß der Adler, der hoch oben in den Lüften schwebte, darauf Antwort gab, als hätte einer seinesgleichen ihm zugerufen. »Unmöglich!« schrie sie, »Unmöglich! – Wird denn an einem Tage verdammt und gemordet! – Du lügst! Dich nennt das Volk einen heiligen Mann – und du hast doch das Herz, einer Mutter zu sagen, sie habe ihr einziges Kind ermordet?« – »Gott weiß es« – antwortete der Priester mit Tränen in den Augen, »gerne hätte ich dir eine bessere Nachricht gebracht, sofern ich gekonnt hätte. Aber die ich dir gebracht habe, ist ebenso gewiß, als sie eine Todesnachricht ist. Mit eigenen Ohren habe ich die Salve gehört, und mit eigenen Augen sah ich deinen Sohn sterben, sah ich deines Sohnes Leiche. – Meine Zunge bezeugt nur, was meine Ohren vernahmen und meine Augen erschauten.« Die Unglückliche rang die Hände und reckte sie zum Himmel empor wie eine Wahrsagerin, die Krieg und Verwüstung prophezeit. Dabei stieß sie in ebenso ohnmächtiger wie gräßlicher Wut einen Strom fürchterlicher Verwünschungen aus: »Gemeiner sächsischer Bube!« rief sie. »Erbärmlicher gleißnerischer Betrüger! Daß doch deine Augen, die den Tod meines schöngelockten Knaben erschauten, zerfließen möchten in ihren Höhlen, verzehrt durch nie versiegende Tränen, die du weinen mögest um alle deinem Herzen Liebsten und Teuersten! Daß doch deine Ohren, die den tödlichen, mörderischen Knall vernahmen, tot und taub sein möchten für jeden anderen Laut als das Krächzen der Raben und das Zischen der Schlangen! Daß doch die Zunge, die mir seinen Tod berichtet und mir mein eigenes Verbrechen kündet, verdorren möchte in deinem Munde, oder besser, sobald du mit deinem Volke Gebete sprechen willst, möchte der Teufel in deine Zunge fahren, daß sie Schmähungen und Lästerungen lalle statt Gebete, daß die Leute vor dir fliehen voller Grausen! Daß doch der Donner des Himmels niederprassle auf dein Haupt, und deine fluchende und verfluchte Stimme verstumme auf ewig! Hinweg! Geh, beladen mit diesem Fluche! Nie mehr, nie mehr wird Elspat so viele Worte reden über einen Lebenden!« – Sie hat Wort gehalten. Von diesem Tage an war die Welt für sie eine Ödenei, in der sie gedankenlos und interesselos vegetierte, nur ihrem Schmerze nachhängend und apathisch gegen alles andere. über ihre Lebensweise oder vielmehr ihre Art, das Leben zu fristen, ist der Leser unterrichtet, so gut ich selber ihm darüber Mitteilung habe machen können. Wie sie geendet hat, kann ich nicht sagen. Es wurde vermutet, daß sie ein paar Jahre, nachdem meine vortreffliche Freundin, Mrs. Bethune Baliol, auf sie aufmerksam geworden war, gestorben sei. Diese brave Frau, die nicht bloß Tränen des Mitleids vergoß, wo eine gute Tat verrichtet werden konnte, hat mehrmals versucht, der Unglücklichen Erleichterung in ihrer Not zu verschaffen. Aber so oft sie auch versuchte, eine Person, die für die Bedauernswerte sorgen sollte, in die Hütte hineinzubringen, so oft scheiterte der Versuch an dem Widerstand, den die Einsame allem, was ihre Einsamkeit stören könnte, entgegensetzte, oder an der Angst und Furchtsamkeit derer, die mit dem entsetzlichen Weibe unter ein und demselben Dache leben sollten. Endlich, als es der Armen (wenigstens dem Anscheine nach) gänzlich unmöglich war, sich auf der elenden Schütte, die ihr zum Lager diente, auch nur noch zu bewegen, sandte ihr der menschenfreundliche Mr. Tyrie zwei Frauen, die der Einsamen in den letzten Augenblicken behilflich sein sollten. Der Tod konnte ja freilich nicht mehr fern sein; doch sollte verhütet werden, daß sie aus Mangel an Beistand oder Nahrung zugrunde gehen könnte, ehe sie dem hohen Alter oder einer tödlichen Krankheit erlag. Neunzehntes Kapitel. Ein Novemberabend war es, als die beiden Weiber, die für die trübselige Arbeit bestimmt waren, in die bereits geschilderte jammervolle Hütte kamen. Die darin wohnende Unglückliche lag auf ihrem Bette hingestreckt, anscheinend schon eine Tote. Noch aber schweiften ihre wilden schwarzen Augen, schrecklich in ihren Höhlen rollend, unstät umher. Mit Verwunderung und Ingrimm schien sie die Bewegungen der Fremden zu beobachten, die sie nicht erwartet hatte und die ihr unwillkommen waren. Den fremden Weibern ward unter den Blicken dieser Augen angst und bange; aber da sie zu zweit waren, faßten sie sich ein Herz, machten Feuer und trafen allerlei Vorbereitungen, des ihnen erteilten Amtes zu walten. Sie hatten miteinander abgemacht, daß sie abwechselnd bei der Kranken wachen wollten; aber da sie, seit dem Morgen schon auf den Beinen gewesen waren, überwältigte sie gegen Mitternacht die Müdigkeit, und beide schliefen fest ein. Als sie ein paar Stunden später erwachten, war die Hütte leer und die Kranke verschwunden. Bestürzt sprangen sie auf und eilten nach der Tür, die aber, wie in der vorigen Nacht, noch verschlossen war. Sie starrten in die Finsternis hinaus und riefen die Kranke beim Namen. Vor der alten Eiche krächzten die Nachtraben, oben auf dem Hügel winselte der Fuchs, laut rauschend dröhnte der Wasserfall – aber keine menschliche Stimme gab Antwort. In ihrem Entsetzen dachten die Weiber nicht daran, vor Anbruch des Morgens weiter nachzuforschen; denn daß eine so schwächliche Kranke, wie Elspat – die obendrein noch so Furchtbares erlebt hatte – so spurlos verschwunden war, kam ihnen so grausig vor, daß sie keinen Schritt aus der Hütte hinaus wagen mochten. Sie blieben in heller Angst drinnen. Bisweilen vermeinten sie die Stimme der Kranken draußen zu hören; bisweilen war ihnen, als tönten sonderbare Laute aus dem Klagen des Nachtwindes und dem Rauschen des Wasserfalles seltsam hervor. Oft auch knarrte die Klinke an der Tür, wie wenn eine schwache, kraftlose Hand vergebens sie zu öffnen versuchte; und stetig waren die beiden darauf gefaßt, die entsetzliche Kranke eintreten zu sehen, beseelt von übernatürlicher Kraft, in ihrem Gefolge überirdische Wesen, die vielleicht noch schrecklicher wären als sie selber. Endlich brach der Morgen an. Sie durchsuchten das Gebüsch, die Felsen, das Dickicht – doch vergebens. Zwei Stunden nach Tagesanbruch kam der Geistliche selber. Als die Wärterinnen ihm mitteilten, was geschehen war, brachte er alles Volk in der Runde auf die Beine und ließ die ganze Gegend um die Hütte und den Eichbaum her durchsuchen. Aber alle Nachforschungen blieben erfolglos. Elspat Mac Tavish wurde nicht wieder gefunden – ob sie nun schon tot sein oder noch leben mochte. Keine Menschenseele erfuhr, was aus ihr geworden war. Ihr rätselhaftes Verschwinden wurde von den Leuten der Gegend verschiedentlich erklärt. Die Abergläubischen meinten, der böse Geist, der Gewalt über sie gehabt hätte, habe sie geholt, und manch einer vermied es, wenn unheimliches Wetter war, an der Eiche vorüberzugehen, weil sie dort, wie es hieß, noch immer säße, wie sie einst gepflegt. Andere, die nicht von Aberglauben beherrscht waren, meinten, wenn man die Tiefe des Corrie Dhu, den Boden des Sees oder die Strudel des Stromes absuchen könnte, würde man vielleicht Elspats Leiche finden. Bei ihrer körperlichen Schwäche und ihrem geistigen Verfall sei es ja nur natürlich, daß sie verunglückt wäre oder sich mit der Absicht, den Tod zu finden, ins Wasser gestürzt habe. Der Geistliche hatte seine Auslegung für sich. Er meinte, die Unglückliche habe der ihr lästigen Aufsicht entkommen wollen, geleitet von dem Instinkt, den man an manchen Haustieren beobachtet, dem Anblick ihres Geschlechts sich zu entziehen, und sie sei in irgend einer verborgenen Schlucht umgekommen, wo aller Wahrscheinlichkeit nach keines Menschen Auge je ihre Leiche zu sehen bekommen würde. Er war der Ansicht, daß ein solcher instinktartiger Trieb über ihrem ganzen Leben gewaltet und seinen genügenden Einfluß bis zu ihrem Ende. Ein Kind der Sünde. Erstes Kapitel. Gideon Gray führte im Flecken Middlemas in einer Grafschaft des mittleren Schottlands das mühevolle, arbeitsreiche und schlecht lohnende Leben eines schottischen Arztes, ein schlichter derber Mann, abgeneigt jedem Zwang und jeder Förmlichkeit, wie sie in der gebildeten Gesellschaft nun einmal doch im Schwange sind. Doktor Gray war anspruchslos und hatte sein Auskommen in seiner Praxis, die ihm etwa 200 Pfd. jährlich eintrug. Dafür hatte er im Laufe eines Jahres durchschnittlich 5000 englische Meilen zu Pferde zurückzulegen. So sattsam aber nährte ihn sein Einkommen, daß er sich entschloß, es mit einem Mädchen zu teilen. Er heiratete die rotwangige Tochter eines ehrsamen Pächters, Johanna Watson, die aus einer Familie von zwölf Kindern war und, bei dem kärglichen Einkommen ihres Vaters von 80 Pfd. jährlich an ein bescheidenes Leben gewöhnt, sich nicht gut denken konnte, daß bei zwei Leuten, die das Doppelte zu verzehren hatten, jemals die Armut einkehren könnte. Obwohl nun Gray von der spottlustigen Jugend der alte Doktor genannt wurde, sah das Mädchen ihn doch für eine sehr vorteilhafte Partie an. Mehrere Jahre hindurch war die Ehe kinderlos, und es hatte auch den Anschein, als ob Doktor Gray, so oft er auch im Dienste der Göttin Lucina tätig gewesen war, in seinem Hause doch niemals die gleiche Tätigkeit entfalten sollte. Das Schicksal aber wollte es, daß sein Haus unter merkwürdigen, abenteuerlichen Umständen der Schauplatz einer Geburt werden sollte. Eines Tages kam eine Kutsche mit vier Pferden vor der Haustür vorgefahren. Zwei Personen waren darin. Ein Herr im Reitanzug sprang heraus und eröffnete dem Doktor, daß er eine Dame von hohem Stande bei ihm unterzubringen wünsche, da er den Gasthof zum Schwanen zur Aufnahme einer Frau bei solchem Anlaß nicht für geeignet halte. Der Doktor gab dem Herrn die Versicherung, daß die Dame in seinem Hause gut aufgehoben sein werde. Der Fremde half dann der Dame zum Wagen heraus und äußerte hohe Zufriedenheit, als er die Dame in einem bequemen Schlafgemach untergebracht und der Obhut des Arztes und seiner Gattin anvertraut sah. Er händigte dem Doktor zwanzig Guineen ein mit dem Ersuchen, er möge keine Kosten scheuen und alles Erforderliche und Wünschenswerte beschaffen. Er erklärte dann, daß er sich in dem Gasthofe einquartieren werde und dort Nachricht über das Befinden der Dame erwarte. »Sie ist fremd hier und von hohem Stande,« sagte er, »ich bitte daher, es ihr an nichts fehlen zu lassen. Wir wollten bis Edinburgh, aber ein Zufall hat uns genötigt, vom Wege abzubiegen. Noch einmal, spart keine Kosten und behandelt sie recht verständig, daß sie sobald wie möglich weiterreisen kann.« »Das liegt nicht in meiner Macht,« sagte der Doktor, »bei solchem Anlaß darf nichts übereilt werden, jeder derartige Versuch rächt sich.« »Die Geschicklichkeit aber vermag viel«, versetzte der Fremde. Und er reichte dem Arzte eine zweite Börse, die ebenso schwer zu sein schien wie die erste. »Geschicklichkeit und Kunst,« antwortete der Doktor, »kann wohl belohnt, doch nicht erkauft werden. Ihr habt mir schon genug gezahlt, so daß ich für alles Sorge tragen kann, wessen die Dame nur irgend bedürfen mag. Wollte ich mehr annehmen, so würde ich damit stillschweigend das Versprechen eingehen, etwas zu leisten, was über meine Kräfte geht. Ich werde Eurer Dame jede nur mögliche Sorgfalt angedeihen lassen, und damit ist die Gewähr gegeben, daß sie in Bälde weiterreisen kann. Und nun, Herr, geht nach dem Gasthof, denn vielleicht ist meine Anwesenheit im Augenblick erforderlich, und wir haben bis jetzt weder eine Wärterin für die Frau noch eine Amme für das Kind besorgt. Beides soll jetzt geschehen.« »Noch eine Frage, Doktor, welche Sprachen sprecht Ihr?« »Latein und Französisch, wenigstens so, daß ich mich verständlich machen kann, auch Italienisch kann ich ein bißchen lesen.« »Also nicht Portugiesisch oder Spanisch?« fragte der Fremde. – »Das trifft sich unglücklich. Dann könnt Ihr Euch eben nur auf französisch verständlich machen. Aber kommt jedem Wunsche nach, den sie ausspricht, und wenn Ihr dazu Geld braucht, so wendet Euch an mich.« »Darf ich fragen, Herr, mit welchem Namen ich die Dame...« »Das tut gar nichts zur Sache,« fiel ihm der Fremde ins Wort, – »den werdet Ihr bei Gelegenheit erfahren.« Mit diesen Worten schlug er den weiten Mantel um sich und ging die Straße hinab zum Gasthof. Als der Doktor zu seiner Schutzbefohlenen zurückkehrte, fand er seine Frau in einer von Überraschung und Furcht gemischten Stimmung. »Sie kann kein Wort reden wie eine Christin«, sagte Frau Gray. »Ich weiß es«, antwortete der Arzt. »Und sie trägt eine schwarze Maske, die will sie durchaus nicht ablegen.« »So soll sie sie aufbehalten, was schadet das?« »Was es schadet? Ist denn jemals ein ehrsames Weib entbunden worden mit einer Maske vor dem Gesicht?« »In der Regel nicht. Aber, liebe Johanna, wenn sie nicht so ganz ehrsam sind, dann müssen sie eben so entbunden werden. Wir dürfen nicht das Leben des armen Wesens gefährden, indem wir uns jetzt ihren Launen widersetzen.« Er trat an das Bett der kranken Frau und sah, daß sie in der Tat eine dünne seidene Maske vor dem Gesichte trug. Die Frau des Arztes mochte ihr deshalb wohl zugesetzt haben, denn als der Doktor selber zu ihr trat, legte sie die Hand aufs Gesicht, als fürchte sie, daß er sie zwingen könne, sie abzunehmen. Er aber gab ihr in leidlich gutem Französisch zu verstehen, daß hier ihr Wille Gesetz sei, und daß sie die Maske tragen könne, so lange sie sie nicht selber abzulegen wünsche. Sie verstand, was er zu ihr sagte, denn sie erwiderte in einem unbeholfenen Versuche, die gleiche Sprache zu reden, und drückte ihm ihre Dankbarkeit aus. Um ein Uhr morgens erschien der Doktor im Gasthofe zum Schwanen und setzte den fremden Herrn in Kenntnis, daß er ihm als dem Vater eines gesunden Knaben Glück wünschen könne und daß es der Mutter soweit gut gehe. Der Fremde vernahm die Mitteilung mit scheinbarer Zufriedenheit und sagte: »Der Knabe soll sogleich getauft werden.« »Das hat doch keine Eile.« »Wir denken aber anders«, erwiderte der Fremde, indem er dem Arzte kurz das Wort abschnitt. – »Ich bin Katholik, Doktor, und da ich wahrscheinlich diese Stadt werde verlassen müssen, noch bevor die Dame imstande sein wird, die Reise fortzusetzen, so soll das Kind vorher in den Schoß der Kirche aufgenommen sein. Wie ich höre, ist ein katholischer Prediger am Orte.« »Es wohnt hier allerdings ein katholischer Herr namens Goodriche.« »Ich werde morgen mit ihm zu Euch kommen«, sagte der Fremde. Am folgenden Tage erschien er im Hause des Arztes mit dem genannten Herrn und noch zwei andern. Sie schlossen sich mit dem Kinde ein, und es wurde nun wahrscheinlich die Tauffeierlichkeit an dem kleinen Wesen vollzogen. Als der Priester und die Zeugen gegangen waren, teilte der Fremde dem Doktor mit, daß er jetzt abreisen müsse, er werde in zehn Tagen wiederkommen und hoffe, daß dann seine Gefährtin reisefähig sei. »Mit welchem Namen sollen wir Kind und Mutter nennen?« »Das Kind heißt Richard.« »Es muß aber auch einen Familiennamen haben und die Dame auch, ohne Namen kann sie in meinem Hause nicht bleiben.« »So gebt ihr den Namen Eures Städtchens – Middlemas, nicht wahr?« sagte der Fremde. – »Wohlan denn, sie soll Frau Middlemas heißen und der Junge Richard Middlemas, und ich selber bin Matthias Middlemas, zu Diensten.« Darauf legte er dem Doktor 100 Pfd. in die Hand. »Die Frau wird sich hiervon alles, was sie haben will, kaufen können«, setzte er hinzu. Gray trug Bedenken, die Summe anzunehmen. »Ich glaube,« sagte er, »die Dame kann ihre Börse selber verwahren.« »Beileibe nicht!« versetzte der Fremde. »Wenn sie zum Beispiel hier die Papiernote einwechseln sollte, so wüßte sie nicht, wie viel Guineen sie dafür zu bekommen hat. Nein, Herr Gray, sie ist in weltlichen Dingen völlig unerfahren. Ihr müßt einstweilen ihr Vermögensverwalter sein.« Zur Verwunderung des Doktors sagte der Fremde dies in stolzem, hochfahrendem Tone, wie einer, der an Widerspruch nicht gewöhnt war. Dies bestärkte den Arzt in seinem Verdacht, daß er es hier mit einer Entführung oder mit einer heimlichen Ehe zwischen Personen höchsten Ranges zu tun habe. Das ganze Wesen der Dame wie des Herrn bestätigte diese Vermutung. Zudringlichkeit oder Neugierde war nicht Grays Art. Es konnte ihm aber nicht verborgen bleiben, daß die Dame keinen Ehering trug. Da sie tiefbetrübt war und in beständiger Angst schwebte, so kam er auf den Gedanken, sie sei ein unglückliches Mädchen, das sich den Schutz der Eltern verscherzt und auf den Schutz eines Gatten noch keinen rechtmäßigen Anspruch habe. Er war daher in lebhafter Besorgnis, als der sogenannte Herr Middlemas nach einer langwierigen Unterredung mit der Dame sich von ihm verabschiedete. Allerdings versicherte er abermals, daß er in zehn Tagen wiederkommen werde. Kurz nach der Abreise des Herrn Middlemas besuchte der Arzt seine Patientin. Er fand sie in heftigster Aufregung. Gray war erfahren genug, das sicherste Mittel zur Beruhigung sofort anzuwenden. Er ließ ihr das Kind bringen. Sie weinte lange, aber unter der Einwirkung der mütterlichen Gefühle legte sich ihre Erregung. Sie erschien noch so blutjung, daß man mit Gewißheit annehmen konnte, sie habe das Gefühl, Mutter geworden zu sein, zum erstenmal kennen gelernt. Der Arzt erkannte nach diesem heftigen Anfall sogleich, daß alles Sinnen und Denken der Kranken sich auf die Zeit konzentrierte, zu welcher die Rückkehr ihres Gatten – sofern es ihr Gatte war – erwartet werden konnte. Aber dieser Zeitraum ging vorüber, und der Mann blieb fern. Die vereitelte Hoffnung versetzte die Wöchnerin in heftige Unruhe und in eine halb ärgerliche, halb von Zweifel und Angst erfüllte Stimmung. Als einige Tage verstrichen waren, ohne daß eine Nachricht oder ein Brief von dem Manne eingetroffen wäre, wurde Gray selber um seinet- wie um der Dame willen besorgt, und fürchtete nun alles Ernstes, der Fremde habe in der Tat die Absicht gehabt, das schutzlose und wahrscheinlich schwer hintergangene Weib zu verlassen. Er wollte sie selber sprechen und von ihr zu erfahren suchen, nach welcher Richtung man am besten Erkundigungen einziehen könne, oder ob sich sonst irgend etwas tun lasse. Aber entweder verstand die Unglückliche nur unvollkommen die französische Sprache oder sie war entschlossen, über ihre Lage nicht das mindeste zu verraten, so daß jeder derartige Versuch erfolglos blieb. Zweites Kapitel. Die vierte Woche nach der Niederkunft der Frau war verflossen und sie war völlig genesen, da sah Gray eines Tages, als er von einem Krankenbesuche heimkehrte, eine Postkutsche vor seiner Tür halten. »Der Mann wird zurückgekehrt sein,« dachte er bei sich, »und ich habe ihm mit meinem Verdacht unrecht getan.« Mit diesen Worten gab er seinem Pferde die Sporen, und das treue Tier gehorchte dem Winke seines Herrn um so bereitwilliger, als es ja nach seinem Stalle ging. Als er aber in seine Wohnung hinaufeilte, fand er seine Frau in heftigem Streit mit zwei Fremden, von denen der eine ein schon älterer Herr von dunkler Gesichtsfarbe und schwarzen stechenden Augen war, während der andere, der in der Hauptsache den Streit zu führen schien, eine beherzte und grausame Miene zeigte und mit ein paar Pistolen renommierte, die er im Gürtel trug. »Da ist mein Mann«, sagte Frau Gray in siegesgewissem Tone. »Was wollt ihr nun noch?« »Immer noch dasselbe«, versetzte der Mann, »Meinem Haftbefehl muß Folge geleistet werden, er ist in gesetzmäßiger Form ausgestellt.« Mit diesen Worten wies er mit dem Zeigefinger auf ein Blatt Papier, das er der Frau Gray mit der linken Hand unter die Nase hielt. »Wendet Euch gefälligst an mich«, sagte der Arzt. »Ich bin der Herr dieses Hauses und wünsche zu wissen, was Ihr hier zu tun habt.« »Was ich hier zu tun habe, ist bald gesagt«, antwortete der Mann. Ich bin ein Königsbote – die Frau hier aber behandelt mich, als wäre ich der Häscher eines Schuldgefängnisses.« »Das tut nichts zur Sache«, erwiderte der Doktor. »Wenn Ihr ein Königsbote seid, so zeigt Euren Haftbefehl vor und sagt, was Ihr tun wollt.« Gleichzeitig raunte er dem Stubenmädchen zu, den Stadtschreiber, Herrn Lawford, zu holen. »Hier ist mein Haftbefehl«, sagte der Beamte. »Überzeugt Euch, daß alles seine Richtigkeit hat.« »Dies ist ein Haftbefehl,« sagte der Doktor, nachdem er das Papier geprüft hatte, »gegen Richard Tresham und Zilia de Moncada wegen Hochverrats. Herr, ich habe im Dienste Seiner Majestät gestanden – und mein Haus ist keine Herberge für Hochverräter. Ich weiß nichts von diesen beiden Personen und habe noch nicht einmal ihre Namen je zuvor gehört.« »Die Dame, die Ihr aufgenommen habt, ist Zilia de Moncada, und hier steht ihr Vater Matthias de Moncada, der es beeiden wird.« »Wenn dies auf Wahrheit beruht,« erwiderte Gray, »so habt Ihr einen sonderbaren Dienst auf Euch genommen. Es ist nicht meine Art, etwas abzustreiten, was ich getan habe, oder den Gesetzen dieses Landes den Gehorsam zu verweigern. In diesem Hause befindet sich eine Dame im Zustande langsamer Genesung von ihrer Niederkunft – hier in diesem Hause hat sie einem gesunden Knaben das Leben geschenkt. Wenn sie diejenige ist, die in diesem Haftbefehl genannt ist, und ist sie die Tochter dieses Herrn, so muß ich sie den Gesetzen des Landes entsprechend ausliefern. Ihr Herren, das ist eine schlimme Geschichte. Wegen eines schweren Verbrechens ist hier ein Haftbefehl erlassen worden gegen eine Person, deren Zustand es kaum erlaubt, sie von einem Hause zum andern zu schaffen. Wenn Ihr in der Tat der Vater seid, Herr, so ist es Eure Pflicht, zu bedenken, die Lage der Armen zu verbessern, statt sie aufs äußerste zu verschlimmern.« »Besser tot als geschändet!« erwiderte der finstere Greis in rauhem Ton. »Ihr Staatsbote, tut Eures Amtes und vollzieht den Haftbefehl!« »Ihr hört,« sagte der Mann, »ich muß augenblicklich Zutritt zu der Dame haben.« »Es trifft sich glücklich, daß hier gerade Herr Lawford, der Stadtsekretär, kommt. – Seid willkommen, wir bedürfen hier sowohl Eures Urteils als Juristen wie auch Eurer Meinung als eines verständigen und menschlich gesonnenen Mannes.« In aller Eile stellte er den Fall dar, und der Königsbote wies, als er sah, daß ein Mann der Obrigkeit vor ihm stand, von neuem seinen Haftbefehl vor. Nach kurzem Bedenken sagte Lawford: »Der Vater muß die Tochter sehen, wenn auch beide sich veruneinigt haben, und der Diener des Staates muß seinen Haftbefehl vollziehen, wenn auch die Missetäterin an dem Schrecken zugrunde gehen könnte. Ihr habt die Dame auszuliefern, so natürlich auch Eure Bedenken dagegen sind.« »Läßt sich nicht eine Bürgschaft stellen?« fragte Gray. »In Fällen des Hochverrats ist das nicht zulässig«, erwiderte der Stadtsekretär. »Dann folgt mir, meine Herren«, sagte der Arzt ohne weitere Gegenwehr. Er führte die Herren die kleine Treppe hinauf, öffnete die Tür und sagte zu Moncada, der zunächst hinter ihm ging: »Hier ist der einzige Ort, wo Eure Tochter Zuflucht gefunden hat und wo sie zu schützen ich, ach, zu schwach bin!« Der Fremde warf ihm einen mürrischen Blick zu und trat dann mit stolzem Schritt in das Gemach. Lawford und Gray folgten in einiger Entfernung und der Exekutor blieb in der Tür stehen. Die unglückliche junge Dame hatte den Lärm schon vernommen und die Ursache nur zu richtig erraten. Vielleicht hatte sie auch die Fremden gesehen, als sie aus dem Wagen stiegen. Als sie in das Zimmer traten, lag sie auf den Knieen, das Gesicht durch ihre seidene Maske verhüllt. Der Mann, der sich Moncada genannt hatte, sprach nur ein Wort, das niemand verstehen konnte. Die Dame fuhr krampfhaft zusammen, wie ein Soldat, der schon halbtot ist und noch eine zweite Wunde erhält. Moncada kümmerte sich aber nicht um ihre Empfindungen, er faßte sie beim Arme und riß sie empor – sodaß sie schwankend dastand, nur von seiner Faust gehalten. Die arme Frau suchte das Gesicht zu verbergen, indem sie es mit der linken Hand bedeckte, aber es kostete ihren Vater wenig Mühe, ihr auch diese Hand noch wegzureißen. Nun zeigte sich ihr schönes, von Schamröte glühendes und von Tränen überströmtes Gesicht. »Ihr Mann der Obrigkeit und Ihr Arzt,« sagte er mit fremden Akzent zu Lawford und Gray, »diese Frau ist meine Tochter – dieselbe Zilia de Moncada, auf die der Haftbefehl lautet. Gebt Raum, daß ich sie wegführe, damit sie ihre Strafe für ihr Verbrechen finden möge.« »Seid Ihr die Tochter dieses Mannes?« fragte Lawford die Frau. »Sie kann nicht Englisch«, sagte Gray und redete die Kranke auf französisch an. Er beschwor sie zu erklären, ob sie in der Tat die Tochter dieses Mannes sei, wenn es nicht der Fall wäre, könne sie seines Schutzes sicher sein. Sie gab mit schwacher Stimme Antwort, aber es war deutlich zu verstehen, daß sie sagte, es sei ihr Vater. Damit schien jedes weitere Recht, sich einzumischen, erloschen, und der Exekutor erklärte die Dame für verhaftet. Doch noch einmal schritt Gray ein. »Ihr wollt doch nicht etwa die Mutter von ihrem Kinde trennen?« fragte er. Zilia de Moncada hörte die Frage, die Gray unbedachterweise in französischer Sprache an den Vater gerichtet hatte. Ein Schrei bittersten Schmerzes entrang sich ihr, und mit dem Ausdruck innigsten Flehens sah sie ihren Vater an. »Den Bastard mag die Gemeinde aufziehen«, sagte Moncada, während die hilflose Mutter zu Boden sank. »Ein derartiges Verfahren ist unstatthaft, Herr«, sagte Gray. »Wenn Ihr der Vater dieser Dame seid, so seid Ihr auch der Großvater dieses hilflosen Kindes und habt auf irgend eine Weise für seine Zukunft zu sorgen oder uns an eine Zwischenperson zu verweisen, die diese Sorge auf sich nimmt.« Moncada sah auf Lawford, der sich dahin aussprach, daß der Doktor recht habe. »Ich bin bereit, alles zu zahlen,« sagte Moncada, »was für dieses Kind des Unglücks nötig ist; wenn Ihr, Herr,« dabei wandte er sich an Gray, »es annehmen und aufziehen wollt, so sollt Ihr soviel erhalten, daß Euer Einkommen reichlich aufgebessert ist.« Der Doktor wollte das Anerbieten schon zurückweisen, aber er besann sich und erwiderte: »Ich werde dieses Anerbieten nur dann annehmen; wenn die Mutter es wünscht.« Moncada sprach mit seiner Tochter, die gerade aus ihrer Ohnmacht zu sich gekommen war, der Vorschlag, den er ihr machte, schien im höchsten Grade annehmbar, sie trat auf den Doktor zu, küßte ihm die Hand, die sie mit ihren Tränen benetzte. Mit der Notwendigkeit, sich von dem Kinde zu trennen, schien sie sich sogar bei dem Gedanken auszusöhnen, daß es in der Obhut des Doktors bleiben solle. »Guter, freundlicher Mann,« sagte sie, »Ihr habt Mutter und Kind gerettet.« Mit kaufmännischer Umsicht überreichte inzwischen der Vater Herrn Lawford Banknoten im Betrage von 1000 Pfd. Diese Summe sollte für die Erziehung des Kindes bestimmt sein und je nach Bedarf sollten die Raten ausgezahlt werden. Er gab außerdem die Adresse eines Londoner Bankiers an, durch den Mitteilungen an ihn zu befördern seien, falls sich einmal in dringenden Angelegenheiten ein besonderer Schriftwechsel erforderlich machen sollte. Während Lawford ein genaues Protokoll der Verhandlung aufsetzte, durch die sie, er und Gray, zu Vormündern des Kindes bestellt worden waren, wollte der Arzt der Dame den Rest des Betrages zurückgeben, den ihm Tresham – wenn er wirklich so hieß – anvertraut hatte. Sie weigerte sich aufs heftigste, das Geld zu nehmen, und bat den Arzt, es als sein Eigentum zu betrachten. Gleichzeitig drang sie ihm als Geschenk einen mit Brillanten besetzten Ring auf, der einen hohen Wert zu haben schien. Nachdem dann der Vater in hartem Tone ein paar Worte zu ihr gesprochen hatte, sagte er zu den andern: »Ich habe ihr noch ein paar Worte vergönnt, von dem elenden Wesen, das ihre Schande besiegelt, Abschied zu nehmen. Wir wollen uns solange zurückziehen, Ihr, Exekutor, bewacht von außen die Tür!« Gray, Lawford und Moncada zogen sich zurück und warteten in Schweigen, bis nach einer halben Stunde die Meldung kam, daß die Dame zur Abreise bereit sei. Drittes Kapitel. Vier Jahre nach diesem Auftritt geschah das Langersehnte: Frau Gray schenkte ihrem Mann eine Tochter. Allein Glück und Unglück sind auf dieser Welt seltsam gemischt. Die Erfüllung seines innigen Wunsches nach Nachkommenschaft hatte den Verlust seiner schlichten, gutmütigen Gattin zur Folge. Das war einer der schwersten Schläge, mit denen das Schicksal den armen Gideon Gray treffen konnte. Gray trug das Unglück, wie eben Menschen von Verstand und festem Charakter eine entscheidende Schicksalswendung hinnehmen, von der sie sich niemals wieder völlig zu erholen hoffen können. Er ging den Pflichten seines Berufes mit der gleichen Pünktlichkeit nach wie zuvor, und blieb im Umgang mit den Leuten nach außen hin heiter, aber der Sonnenschein seines Lebens war dahin. Das helle, laute Pfeifen, das er immer anstimmte, wenn er den Kirchturm von Middlemas erblickte, war für immer verstummt, der Reiter hielt das Haupt gesenkt, und das Pferd, dem die Aufmunterung durch die Hand und Stimme seines Herrn fehlte, schlenderte müde dahin, als sei es mit ihm niedergeschlagen und trostlos. Mitunter war er so traurig gestimmt, daß er den Anblick der kleinen Marie nicht zu ertragen vermochte, deren Kinderantlitz ihn an die Züge der Mutter erinnerte. Den größten Trost nach dem schweren Verluste fand der arme Mann in der fröhlichen Zärtlichkeit des Richard Middlemas, des Kindes, das in so seltsamer Weise in seine Pflege gekommen war. Von frühester Jugend auf war er von großer Schönheit. Wenn er schwieg oder mißgestimmt war, dann zeigte sein Gesicht im dunklen Ausdruck der Augen und der finstern Miene Ähnlichkeit mit dem unheimlichen Charakter, den das Gesicht seines vermutlichen Vaters offenbart hatte. Wenn er aber munter und glücklich war – eine Stimmung, die bei ihm die häufigere war – dann hatte er die fröhlichste, heiterste Miene, die je auf dem lachenden, gedankenlosen Antlitz eines Kindes gestrahlt hat. Er zeigte die zärtlichste, liebevollste Anhänglichkeit an seinen Vormund und Wohltäter. Er war stets willig und folgsam und verstand es mit einem über seine Jahre gehenden Geschick, seinem Pflegevater zu helfen oder ihm Zerstreuung zu bereiten. Diese dankbare Liebe schien mit der Entwicklung seiner Geisteskräfte zuzunehmen und äußerte sich bald auch in Aufmerksamkeiten gegen die kleine Marie Gray. Im selben Verhältnis zu Richards liebevoller Aufmerksamkeit wuchs Maries Anhänglichkeit an Richard. Der Vater sah mit Vergnügen jedes neue Zeichen der Liebe, das sein Schützling seinem Kinde erwies. Während Richard allmählich aus einem schönen Kinde zu einem hübschen Knaben wurde, schrieb Doktor Gray jährlich mit großer Regelmäßigkeit an Herrn von Moncada unter der ihm angegebenen Adresse. Der rechtlich denkende Mann war der Meinung, der Großvater werde nicht, wenn er seinen Enkel sähe, auf den die ganze Familie stolz sein könne, auf seinem Entschluß bestehen, einen ihm durch Blutsverwandtschaft so nahen und an Gestalt und Charakter ihm so ähnlichen Knaben als einen Verstoßenen zu behandeln. Er hielt es daher für seine Pflicht, die Verbindung zwischen dem Großvater und dem Enkel aufrecht zu erhalten, da die beiden in Zukunft vielleicht einander näher gebracht werden konnten. Andrerseits konnte ein derartiger Briefwechsel einem Manne von dem Selbstgefühl Grays nicht angenehm sein. Er faßte daher seine Briefe so kurz wie möglich, legte lediglich Rechenschaft ab über die für sein Mündel gemachten Ausgaben unter Einschluß eines geringen Kostgeldes, das er selber in Anschlag, brachte, fügte die Beglaubigung des Herrn Lawford bei und berichtete dann über Richards Gesundheitszustand und seine Fortschritte in der Erziehung. Den Schluß bildete in der Regel eine kurze aber herzliche Lobrede auf Richards Klugheit und Gutherzigkeit. Die Antworten waren stets kurz und lauteten immer etwa folgendermaßen: »Herr von Moncada bescheinigt den Eingang der Briefe des Herrn Gray von dem und dem Datum und ersucht Herrn Gray, es bei dem vereinbarten Verkehr bewenden zu lassen.« Sobald außergewöhnliche Ausgaben sich erforderlich machten, wurden ohne Umstände und umgehend Geldbeträge eingesandt. Als der Knabe vierzehn Jahre alt wurde, schrieb der Doktor einen ausführlichen Bericht von dem Charakter, den Fortschritten und den Fähigkeiten seines Pflegekindes. Er setzte hinzu, daß er diese Mitteilungen mache, damit Herr von Moncada sich ein Urteil darüber bilden könne, für welchen Beruf der junge Mann herangezogen werden könne. Er wolle nach besten Kräften alles tun, um die Wünsche des Herrn von Moncada auszuführen, denn der Knabe sei bei seinem liebenswürdigen Wesen ihm so lieb und wert, als sei er sein eigen Kind. Die Antwort, die nach etwa zehn Tagen eintraf, war ausführlicher als sonst und hatte folgenden Inhalt: »Sehr geehrter Herr Gray! – Wir haben uns unter nicht gerade günstigen Umständen kennen gelernt. Allein ich bin im Vorteil gegen Euch. Denn es war mir ja bekannt, aus welchem Grunde Ihr eine schlechte Meinung von mir hattet, und so konnte ich Eure Gründe und Euch selber zur gleichen Zeit achten, Ihr aber wart nicht in der Lage, meine Handlungsweise zu begreifen – weil Ihr nicht unterrichtet wart, in wie schändlicher Weise man mir mitgespielt hatte. Ein Schurke hat mir meine Tochter geraubt und entehrt, und ich kann es nicht über mich gewinnen, ein ob noch so unschuldiges Wesen vor Augen zu haben, dessen Anblick mich stets an Haß und Schande erinnert. Behaltet das arme Kind bei Euch und bildet es zu Euerm eigenen Berufe heran. Nur tragt dafür Sorge, daß der Knabe nicht über eine Stellung – wie Ihr sie so würdig einnehmt – oder über eine andre gleichwertige Stellung hinaus will. Die Mittel, um einen Pächter, Rechtsgelehrten oder Arzt aus ihm zu machen, oder ihn zu sonst welchem andern zurückgezogenen Stande heranzubilden, werden aufs freigiebigste ausgehändigt werden. Ich muß jedoch den Knaben und Euch davor warnen, Ansprüche an mich zu stellen, die mich veranlassen könnten, jede weitere Unterstützung abzuschlagen. Ich habe Euch nun hiermit meine Ansicht und meine Absichten mitgeteilt und erwarte, daß Ihr Euch danach richten werdet.« Der Empfang dieses Briefes bewog den Doktor, mit dem Knaben zu sprechen und ihn selber zu fragen, für welchen der ihm freistehenden Berufe er sich entscheide. Er war zugleich überzeugt, daß der Knabe die Wahl dem Urteil seines Pflegevaters anheimstellen werde. Vorher jedoch hatte er die unangenehme Pflicht, Richard Middlemas in die geheimnisvollen Umstände seiner Geburt einzuweihen. Er war nämlich der Meinung, der Knabe wisse nichts davon, weil er selber nie mit ihm darüber gesprochen hatte, sondern ihn stets in dem Glauben erzogen hatte, er sei das Waisenkind einer entfernten Verwandten. Was aber der Doktor unterlassen hatte, das hatte die geschwätzige Amme getan. Von früher Jugend an war dem Kinde von der Amme der Kopf mit allerlei Märchen und Sagen verdreht worden, und das redselige Weib hatte dabei vor allem nicht jene Legende vergessen, die sie die entsetzliche Zeit seiner Geburt betitelte. – Da wurde denn nun alles in das grellste Licht gesetzt: die Persönlichkeit seines Vater, – der ganz so ausgesehen hätte, als ob die ganze Welt ihm zu Füßen gelegen hätte, – die Schönheit seiner Mutter und die schreckliche schwarze Maske, die sie getragen habe – ihre Augen, die wie Diamanten gefunkelt hätten, und die Diamanten, die sie am Finger gehabt hätte und die mit nichts zu vergleichen gewesen wären als mit ihren Augen – ihr zarter Teint und die Farbe ihres seidenen Mantels – und allerlei derartiges Geschwätz. Dann sprach sie weitläufig von der Ankunft seines Großvaters und des furchtbaren, mit Pistolen und Schwert bewaffneten Mannes – dann über die Entführung seiner Mutter, wobei die Banknoten im Hause herumflogen wie Fetzen Löschpapiers und es Goldguineen hagelte wie Kieselsteine. Das alles erzählte die Amme, teils um die Teilnahme des Knaben zu wecken, teils um ihr eignes Gelüst nach Übertreibung zu befriedigen. Der tatsächliche Vorgang – so geheimnisvoll er auch an sich war – wurde zu einem Nichts vor der Darstellung der Amme und nahm sich aus wie die demütigste Prosa gegenüber dem kühnsten Fluge der Poesie. Das alles war Musik für Richards Ohr. Er malte sich mit wahrer Wonne aus, daß eines Tages sein tapferer Vater unerwartet an der Spitze eines tapfern Regimentes mit klingendem Spiel und fliegenden Standarten einziehen werde, um seinen Sohn auf dem schönsten Pferde, das Menschenaugen je erschaut hätten, wegzuführen. Oder seine Mutter, schön wie der Tag, werde plötzlich in einer Kalesche mit sechs Pferden erscheinen und ihr geliebtes Kind abholen. Oder sein reicher Großvater werde mit den Taschen voll Banknoten ankommen und seinen Enkel mit Reichtümern überhäufen. Kurz, während der gute Doktor Gray sich einbildete, sein Pflegekind wisse nichts von seiner Herkunft, dachte Richard nur noch daran, wann und in welcher Weise er eines Tages wohl aus dem beschränkten Dunkel seines jetzigen Lebens emporgehoben und in eine Stellung gelangen würde, auf die er seiner Meinung nach durch seine Geburt ein Anrecht hatte. Viertes Kapitel. Solche Empfindungen beseelten den jungen Mann, als eines Tages der Doktor nach Tisch die große lederne Brieftasche hervorholte, in welcher er seine wichtigen Dokumente aufbewahrte. Er nahm das Schreiben Moncadas heraus und bat Richard, ihm aufmerksam zuzuhören, denn er habe ihm betreffs seiner eigenen Person mehreres mitzuteilen, was von größter Bedeutung für ihn sei. Richards Augen funkelten, endlich war die Stunde der Erklärung gekommen. Auf seiner breiten, gut geformten Stirn füllten die Adern sich mit Blut – er horchte hoch auf, als Gideon Gray ihm alles erzählte, wobei freilich das phantastische Beiwerk gänzlich fehlte, mit dem die Amme die Vorgänge ausgeschmückt hatte. Der Bericht war ferner seinem Inhalt nach auf das, was die Geschäftsmänner das Wesentlichste nennen, zusammengedrängt und enthielt somit nichts weiter als die Geschichte eines Kindes der Schande eines von Vater und Mutter verlassenen Kindes, das von den nur widerwillig gegebenen Almosen eines entfernten Verwandten aufgezogen worden war – eines Großvaters, der das Kind als den leibhaftigen Beweis für die Schande seiner Familie ansah und weit lieber die Kosten seiner Beerdigung als die seiner Erziehung getragen hätte. Alle Tempel und Burgen und lieblichen Luftschlösser, die Richard in kindlicher Einbildungskraft gebaut hatte, fielen jäh in sich zusammen, und der Schmerz, sie einstürzen zu sehen, war um so bitterer, als noch die Scham hinzukam, sich solchen Träumereien hingegeben zu haben. Während Gideon weitererzählte, stand er wie zu Boden geschmettert, die Augen hafteten auf der Erde, auf der Stirn waren im Kampfe der Leidenschaften die Adern geschwollen. »Und nun, lieber Richard,« sagte der Arzt, »mußt du dir überlegen, was du tun willst, da dir dein Großvater die Wahl zwischen drei ehrenwerten Berufen freistellt. In jedem kannst du, wenn du die eingeschlagene Bahn rechtschaffen und vernünftig verfolgst, ein unabhängiger, allerdings kein reicher, ein achtbarer, wenn auch kein vornehmer Mann werden. Nun wirst du natürlich eine kurze Bedenkzeit haben wollen.« Der junge Mann hob den Kopf und heftete einen kühnen Blick auf seinen Pflegevater. »Nicht eine Minute!« rief er im Tone beleidigten Stolzes. »Sagt meinem Großvater, meine Seele empört sich über die niedrige Stellung, die er mir zumutet. Ich bin entschlossen, die Laufbahn meines Vaters einzuschlagen und in die Armee zu treten, sofern mein Großvater mich nicht zu sich nehmen und in sein Geschäft aufnehmen will.« »Er soll dich zum Teilhaber machen und als Erben anerkennen, nicht wahr? Darauf ist ja freilich nicht zu rechnen, wenn man bedenkt, in welcher Weise er dich hat erziehen lassen und welche Bedingungen er betreffs deiner Person gestellt hat.« »Auf jeden Fall, Herr,« antwortete der Knabe, »darf ich ein Verlangen aussprechen. Eine große mir gehörige Geldsumme ist in Euern Händen, sie ist Euch überwiesen worden, um für mich verwendet zu werden, und ich verlange, daß Ihr mir die Vorschüsse gewährt, deren ich bedarf, um eine Offiziersstelle zu erhalten. Den Rest händigt mir gefälligst aus, und ich will Euch dann nicht länger behelligen.« »Junger Mann,« versetzte der Doktor mit Ernst, »es tut mir recht leid, daß deine Klugheit und deine gute Stimmung gleich Schiffbruch gelitten haben, weil die törichten Erwartungen, die zu hegen du nicht die mindeste Veranlassung hattest, vereitelt worden sind. Ich habe allerdings eine für dich bestimmte Summe in Händen, die sich trotz mehrerer Ausgaben noch immer auf 1000 Pfd., vielleicht auf etwas mehr belaufen mag. Ich habe aber die Verpflichtung, sie nur in der Weise anzuwenden, die der Geber festgesetzt hat, und vor allem hast du selber nicht eher Anspruch darauf, als bis du großjährig geworden bist, und das hat noch sechs Jahre Zeit. – Aber sei gut, Richard, es ist das erste Mal, daß ich dich in so alberner Laune sehe, ich gebe allerdings zu, daß bei deiner Lage so mancherlei vorliegt, was eine noch größere Verstimmung deinerseits entschuldigen möchte. Aber du solltest doch deinen Ärger nicht an mir auslassen, denn ich habe keine Schuld an deinem Unglück. Du solltest vielmehr bedenken, daß ich dein erster und einziger Freund war und lange Zeit hindurch allein die Sorge für dich auf mich genommen habe, wo alle Welt dich aufgegeben hatte.« »Das danke ich Euch nicht,« versetzte Richard in ungezügeltem Ausbruch wilder Leidenschaft, »Ihr hättet mich weit besser versorgen können, wenn Ihr nur gewollt hättet.« »Und wie denn, undankbarer Bursch?« rief Gray, der die Geduld verlor. »Unter die Räder des Wagens hättet Ihr mich werfen sollen, als die Leute wegfuhren, daß der Leib ihres Kindes zermalmt worden wäre!« Mit diesen Worten stürzte er hinaus und warf die Tür hinter sich zu. Sein Pflegevater blieb zurück in tiefster Verwunderung über die so plötzliche und eingreifende Veränderung, die in dem ganzen Wesen des Knaben vor sich gegangen zu sein schien. Richard Middlemas ging unverzüglich zum alten Stadtsekretär Lawford. Er begann die Unterredung hier, indem er den Vorschlag darlegte, der ihm über die Wahl eines Berufes gemacht worden war. Er berührte dann die geheimnisvollen Umstände seiner Geburt und seine unsichern Aussichten und brachte auf diese Weise den Sekretär leicht dahin, ihm genaue Auskunft über den Geldbetrag zu geben, den sein Pflegevater noch in Händen hatte – welche Angabe mit der des Doktors völlig übereinstimmte. Alsdann fragte er den Sekretär, ob es anginge, daß er Offizier würde, erhielt aber auch in diesem Punkte einen abschlägigen Bescheid, der sich mit der Ausführung des Doktors deckte. Er erfuhr, daß kein Teil des Geldbetrages ihm vor der Großjährigkeit zur Verfügung gestellt werden dürfe ohne die ausdrückliche Einwilligung seiner beiden Vormünder und vor allem seines Pflegevaters. Er verabschiedete sich daher von dem Sekretär, der sich sehr lobend über die Vorsicht und Klugheit aussprach, daß der Knabe vor einem so wichtigen Schritte seines Lebens sich an einen umsichtigen und einschlägigen Ratgeber gewandt habe, und gab ihm zu verstehen, daß er ihn gern gegen ein geringes Lehrgeld als Schreiber aufnehmen wolle, sofern er zur Rechtslaufbahn Neigung habe. Middlemas dankte ihm für seine Güte und versprach, sein freundliches Anerbieten in Erwägung zu ziehen, falls er sich für diesen Beruf entscheiden sollte. Am kommenden Morgen stand Richard Middlemas mit der Sonne auf. Die nächtliche Ruhe schien seine Leidenschaft gedämpft und seinen Verstand wieder ins rechte Geleise gebracht zu haben. Er ging zu Herrn Gray, der in der Tat noch willens war, Richard mit kalter Zurückhaltung zu behandeln, aber er fühlte sich sofort entwaffnet durch das freimütige Geständnis des jungen Mannes, daß er sich durch das Trugbild seiner Phantasie, einstmals zum Range und der Stellung seiner Eltern emporsteigen zu können, habe hinreißen lassen. Der Brief seines Großvaters, durch den er für die Zeit seines Lebens verurteilt werde, fern zu bleiben und in niedriger Stellung, sei freilich ein schwerer Schlag. Es erfülle ihn jetzt mit tiefem Kummer, daß die Verzweiflung über getäuschte Hoffnungen ihn veranlaßt habe, sich in einer Weise auszudrücken, die die schuldige Achtung und Ehrerbietung eines Pflegekindes gröblich verletzt habe. Er fühle sich Herrn Gray gegenüber zu der Liebe und dem Gehorsam eines Sohnes verpflichtet und wolle jede Entscheidung über seine Zukunft ihm anheimstellen. Gerührt über ein so aufrichtiges und demütiges Eingeständnis, vergaß der Doktor seinen Zorn und fragte in gütigem Tone, ob Richard sich die Wahl eines Berufes überlegt habe. Zugleich erklärte er sich bereit, ihm die zur Entschließung erforderliche Frist zu lassen. Da der junge Mann erklärte, es sei sein fester, unabänderlicher Entschluß, bei seinem Pflegevater Medizin zu studieren und in seiner Familie zu bleiben, so setzte der Arzt Herrn von Moncada hiervon in Kenntnis und erhielt daraufhin sofort den Betrag von hundert Pfund als Lehrgeld, zum Zeichen, daß der Großvater mit dieser Wendung der Angelegenheit voll einverstanden sei. Fünftes Kapitel. Um dieselbe Zeit, als Gray die ärztliche Ausbildung seines Pflegesohnes auf sich genommen hatte, wandte sich ein gewisser Adam Hartley an ihn mit dem Ansuchen, bei ihm in die Lehre treten zu dürfen. Der junge Mann war der Sohn eines achtbaren Pächters, der den ältesten Sohn zu seinem eignen Berufe herangezogen hatte und aus dem zweiten einen Arzt zu machen wünschte. Er nahm hiermit das freundliche Anerbieten seines Gutsherrn an, den Sohn in seiner Laufbahn zu unterstützen – eine Hilfe, die besonders bei der Beförderung eines Arztes sich als wertvoll geltend machen könne. Middlemas und Hartley wurden also Lehrkameraden. Während des Winters kamen sie nach Edinburgh in Pension, um dort die medizinischen Vorlesungen zu hören, da der Besuch der Universität zur Erlangung des Doktortitels erforderlich war. So gingen drei, vier Jahre hin – die zwei Studenten der Medizin waren nun keine Knaben mehr, es waren junge Leute geworden, die als stattliche Jünglinge, gut gekleidet und wohl erzogen, auch mit Geld versehen, in dem kleinen Orte, wo es kaum jemand gab, der zu den obersten Zehntausend zu rechnen gewesen wäre, Personen von Bedeutung wurden, da an jungen Männern ein Mangel, an Mädchen dagegen ein Überfluß vorhanden war. In ihrer äußeren Erscheinung waren sie sehr von einander verschieden. Adam Hartley war mittelgroß, robust und starkknochig, unter den kastanienbraunen Locken zeigte sich ein offnes, biedres, echt angelsächsisches Gesicht. Er trieb mit Vorliebe Leibesübungen, wie Ringen, Boxen, Springen und Fechten, und besuchte jedesmal die Stierhatz, die in dem Städtchen ab und zu gehalten wurde. Richard dagegen hatte schwarzes Haar wie sein Vater und seine Mutter – stolze, schön gebildete Züge, die aber einen etwas fremdländischen Charakter hatten. Seine Gestalt war groß und schlank, muskulös und schmiegsam zugleich. Ein überaus graziöses und leichtes Benehmen – wie es sonst niemand im ganzen Orte zu eigen war – mußte ihm angeboren sein. Die Einwohnerschaft war in der Beurteilung der beiden in zwei Parteien geteilt. In Ermangelung eines besseren Gesprächsstoffes stellten sie Vergleiche zwischen ihnen an und beriefen sich dabei auf das Urteil des Arztes, aber Herr Gray war hierin sehr zurückhaltend und beschränkte seine Äußerung in der Regel darauf, die beiden Jünglinge seien wackre Burschen und würden tüchtige Leute in ihrem Fache werden, wenn sie sich nicht den Kopf durch allerlei alberne Aufmerksamkeiten, die die Leute im Orte ihnen erwiesen, verdrehen ließen. Es gab Personen in Middlemas, die so unbedacht waren zu glauben, Marie Gray allein sei die beste Richterin über die beiderseitigen Verdienste der jungen Männer, über deren Vorzüge die öffentliche Meinung geteilt sei. Allerdings wagte niemand – selbst ihre vertrautesten Freundinnen nicht – die Frage offen an sie zu richten. Aber ihre Handlungsweise wurde scharf überwacht und man kam zu der Ansicht, daß sie in ihren Aufmerksamkeiten gegen Adam Hartley offener und freier sei. Mit ihm lachte, schwatzte und tanzte sie, während sie gegen Richard scheu und zurückhaltend war. An diesen Beobachtungen war nicht zu zweifeln, aber über die Folgerungen, die daraus zu ziehen wären, war die Meinung abermals geteilt. Es war nicht gut möglich, daß die beiden jungen Leute es nicht hätten merken sollen, in wie angelegentlicher Weise sich die Gesellschaft von Middlemas mit ihnen beschäftigte. Da sie von der kleinen Welt, in der sie sich bewegten, gegeneinander abgewogen wurden, hätte ihr beiderseitiger Charakter über dem Durchschnittsschlage stehen müssen, um nicht eifersüchtig aufeinander zu werden, nicht nur als Nebenbuhler um den Beifall der Öffentlichkeit und von dieser zum Wetteifer angespornt, sondern auch durch eigenen Antrieb aus sich selber heraus dazu getrieben, miteinander um die Palme zu ringen. Dazu kam noch, daß Marie Gray zu einem der schönsten Mädchen nicht nur von Middlemas, sondern von der ganzen Grafschaft herangewachsen war. Ihr Vater schien nicht im mindesten um sie besorgt, obwohl sie fast ununterbrochen mit den beiden jungen Männern zusammen war, während er häufig und fast täglich vom Hause weg war. Es läßt sich begreifen, daß die jungen Leute ihren Ehrgeiz darein setzten, wer von beiden ihr am meisten gefiel, und so wurden sie auch hier zu stillen, doch heftigen Nebenbuhlern. Gideon Gray aber wußte, daß seine Tochter von Charakter ebenso fest, aufrichtig und rechtschaffen war wie er selber und daß er nicht den geringsten Grund zu der Besorgnis habe, seine Tochter könne sein Vertrauen mißbrauchen oder sich seiner unwürdig zeigen. Er verließ sich daher mit vollem Recht auf die Festigkeit ihrer Grundsätze, übersah jedoch die Gefahren, in die ihr Herz und ihre Neigungen geraten mußten. Im Umgange zwischen Marie und den beiden Jünglingen schien jetzt allerseits eine große Zurückhaltung eingetreten zu sein. Nur bei Tische sahen sie sich, und Marie gab sich – vielleicht auf den Rat ihres Vaters hin – alle Mühe, beiden die gleiche Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Das war indessen gar nicht leicht. Hartley benahm sich jetzt mit einemmal so kalt und förmlich, daß es ihr unmöglich wurde, noch länger mit ihm zu verkehren. Middlemas dagegen behielt mit der ihm eignen sichern Grazie des Wesens sein bisheriges Verhalten bei. Schließlich nahte die Zeit, daß die jungen Leute, deren vertragsmäßige Lehrzeit ablief, sich nach einem eignen Weg in die Welt und das Leben hinein umsehen mußten. Doktor Gray teilte Richard mit, er habe in dieser Angelegenheit schon mehrmals dringend an Herrn von Moncada geschrieben, ohne jedoch bisher eine Antwort zu erhalten. Er wolle ihm nicht seinen eigenen Rat erteilen, ehe nicht die Meinung des Großvaters eingegangen sei. Diese Verzögerung schien Richard mit größerer Geduld hinzunehmen, als seinem Charakter zu entsprechen schien. Er fragte nicht, sprach keine Vermutungen aus und ließ durch nichts erkennen, daß es ihm um eine Beschleunigung der Angelegenheit zu tun sei. Er schien mit Geduld abwarten zu wollen, wie die Dinge sich weiter entwickeln würden. In der Tat hatte nämlich Richard selber einen Versuch gemacht, sich seinem unerbittlichen Verwandten zu nähern. Er hatte an Herrn von Moncada einen Brief voll Dankbarkeit, Liebe und kindlicher Ergebung gesandt und um die Erlaubnis gebeten, persönlich mit ihm zu korrespondieren, indem er versprach, sich in jeder Einzelheit nach dem großväterlichen Willen zu richten. Die Antwort war, daß der Brief zurückgeschickt wurde. Die Sendung enthielt nur ein Anschreiben des Bankiers, durch den der Brief versandt worden war, mit der Bemerkung, daß Herr von Moncada jede weitere Geldsendung oder irgendwelche Unterstützung unterlassen und einstellen werde, sobald noch ein einziger Versuch gemacht würde, sich ihm aufzudrängen. Sechstes Kapitel. Lange Zeit hatten die beiden Lehrkameraden in dieser beiderseitigen Stimmung nicht miteinander geredet. Eines Abends ersuchte nun Adam Hartley seinem bisherigen Verhalten entgegen seinen Gefährten um eine Unterredung. »Ich hätte gern mit dir gesprochen, Middlemas«, sagte er. »Ich fürchte nur, ich störe dich.« »Durchaus nicht,« sagte der andere, die Hacke niederlegend, mit der er in dem kleinen Kräutergarten des Arztes arbeitete. »Ich habe nur etwas Unkraut ausgejätet, das nach dem letzten Regen stark emporgewuchert ist, und stehe dir jetzt zur Verfügung.« Hartley ging nach einer nahen Bank und setzte sich. Middlemas folgte seinem Beispiel. »Ich habe soeben eine wichtige Unterredung mit Herrn Gray gehabt«, begann Hartley nach einer Pause. Man merkte ihm an, daß ihm nicht sehr leicht fiel, was er sich vorgenommen hatte. »Ich hoffe, ihr seid zu einem beide Teile befriedigenden Einverständnis gelangt«, warf Middlemas hin. »Darüber magst du selber urteilen«, fuhr Adam fort. »Doktor Gray hatte die Güte, sich über meine Fortschritte in meinem Berufe sehr lobend auszusprechen, und hat mir zu meinem nicht geringen Erstaunen die Frage vorgelegt, ob ich, da er doch jetzt alt würde, willens wäre, in meiner gegenwärtigen Stellung noch zwei Jahre zu bleiben und zwar gegen ein entsprechendes Salär. Ich solle dann nach Ablauf dieser Zeit sein Teilhaber werden.« »Herr Gray hat allein das maßgebende Urteil,« sagte Middlemas, »wer sich am besten zum Assistenzarzt für ihn eignet. Die Praxis bringt jährlich 200 Pfd. ein, und ein fleißiger Assistenzarzt, der die Praxis bis nach Strath-Devan und Carse ausdehnen kann, vermag am Ende die Einnahme zu verdoppeln. Aber selbst dann ist sie noch recht mäßig, wenn sie in zwei Teile geht,« »Das ist aber noch nicht alles«, fuhr Hartley fort. »Der Doktor sagte ferner noch – er hat mir vorgeschlagen – kurz, er hat mir angeboten, ich solle in diesen zwei Jahren um die Gunst des Fräulein Gray werben und dann nicht nur sein Teilhaber, sondern auch sein Schwiegersohn werden.« Bei diesen Worten sah er Richard fest ins Gesicht, der für einen Augenblick die Fassung zu verlieren schien. Aber dieser hatte sogleich die Kaltblütigkeit wieder erlangt und antwortete in einem Tone, in welchem sich Ärger und gekränkter Stolz vergebens unter erkünstelter Gleichgültigkeit zu verbergen versuchten: »Ei, zu dieser patriarchalischen Ordnung deiner Angelegenheiten kann ich dir nur Glück wünschen. Fünf Jahre lang hast du gedient um dein Doktordiplom – zwei Jahre wirst du nun dienen um das Töchterlein des Doktors. Sicherlich – doch es ist vielleicht unartig von mir, danach zu fragen – sicherlich hast du das schmeichelhafte Anerbieten angenommen.« »Du bedenkst nicht, daß eine Bedingung daran geknüpft wurde. Schon lange, Middlemas, habe ich den Verdacht gehegt, daß du den unschätzbaren Vorteil hast, Fräulein Grays Zuneigung erworben zu haben.« »Ich?« fiel ihm Middlemas ins Wort. »Du scherzest oder bist eifersüchtig. Du traust dir selber zu wenig zu und mir mehr als zuviel.« »Du solltest dir selber sagen,« versetzte Hartley, »daß hier von Vermutungen oder von dem, was du Eifersucht nennst, nicht die Rede ist. Ich sage dir offen, Marie Gray hat mir selber ihre Liebe zu dir eingestanden, denn ich habe sie natürlich von meiner Unterredung mit ihrem Vater in Kenntnis gesetzt. Ich sagte ihr, ich sei freilich überzeugt, daß ich zurzeit noch nicht den Platz in ihrem Herzen hätte, der allein mir das Recht geben könnte, sie zu bitten, daß sie sich dem anschlösse, was ihr Vater mir angeboten habe. Ich ersuchte sie aber, sich nicht vorschnell zu meinen Ungunsten zu entscheiden, denn ich hegte die Hoffnung, daß die Zeit und die Dienste, die ich ihrem Vater erweisen würde, eine Änderung zu meinen Gunsten bewirken würden.« »Ein ganz natürliches und sehr bescheidenes Ansuchen; was hat die junge Dame dir geantwortet?« »Sie ist ein Mädchen von edler Gesinnung, Richard Middlemas,« erwiderte Adam. – »Ich kann nicht genug die jungfräuliche Bescheidenheit preisen, mit der sie mir sagte, sie kenne zu wohl meine Herzensgüte – dies waren ihre eignen Worte – als daß sie es über sich gewinnen könne, mir die Pein einer unerwiderten Liebe zu verlängern. Sie erklärte mir nun aufrichtig, daß sie schon geraume Zeit heimlich mit dir verlobt sei, daß ihr euch gegenseitig eure Bilder geschenkt hättet. Und wenn sie auch niemals ohne die Einwilligung ihres Vaters dir die Hand geben werde, so sei es ihr doch unmöglich, ihren Gefühlen soweit Zwang anzutun, daß sie jemals einem andern Hoffnung auf Erfolg machen könne.« »Das muß ich sagen,« rief Middlemas, »sie ist sehr aufrichtig, und ich bin ihr sehr verbunden.« »Und das muß ich sagen, Middlemas,« versetzte Hartley, »du tust Fräulein Gray unrecht, ja du bist undankbar gegen sie, wenn du dich darüber ärgerst, daß sie mir das vertraut hat. Sie liebt dich, wie nur ein Weib bei ihrer ersten Liebe lieben kann – sie liebt dich mehr, als....« Er brach ab, und Middlemas vollendete seinen Satz: »Mehr als ich verdiene, nicht wahr? Das kann schon sein – doch ich habe ihre Liebe nicht unerwidert gelassen. Du mußt aber einsehen, daß das Geheimnis unserer Liebe ebensowohl mir als ihr gehörte, und daß es wohl besser gewesen wäre, sie hätte mich zuvor um Rat gefragt, ehe sie es einem Dritten verriet.« »Middlemas,« sagte Hartley voller Ernst, »wenn du auch nur im geringsten die Besorgnis hegst, daß dein Geheimnis in meinem Besitz nicht sicher sei, so kann ich dir mein Wort darauf geben, meine Dankbarkeit für Fräulein Gray dafür, daß sie mir ein so zartes Geheimnis mitgeteilt hat, um mir Schmerz zu ersparen, ist so groß, daß ich mir eher von wilden Pferden ein Glied nach dem andern abreißen lasse, ehe ich mir auch nur die geringste Silbe abzwingen ließe.« »Nun, mein lieber Freund,« sagte Middlemas mit einer offnen Herzlichkeit, wie sie zwischen beiden lange Zeit nicht mehr zum Ausdruck gekommen war, »du darfst es mir nicht verübeln, wenn auch ich ein wenig eifersüchtig bin. Wer ein echter Liebhaber ist, muß zuweilen auch ein bißchen verrückt sein, und auf alle Fälle muß es mich seltsam berühren, daß sie jemand zu ihrem Vertrauten macht, den ich selber für einen heftigen Rivalen gehalten habe. Es ist aber die höchste Zeit, daß wir die alberne Kälte fallen lassen, die wir in letzter Zeit gegeneinander beobachtet haben. Denn, wie du begreifen wirst, ist die eigentliche Ursache dazu eben unsre Nebenbuhlerschaft gewesen. Nun aber bedarf ich eines guten Rates, und wer könnte mir da einen bessern geben, als der alte Kamerad, den ich stets um sein gesundes Urteil beneidet habe.« Hartley ergriff Richards Hand, doch nicht mit der gleichen zwanglosen Herzlichkeit, wie sie ihm hingereicht wurde. »Ich habe nicht die Absicht,« sagte er, »noch lange hier zu bleiben, und in ein paar Stunden, denke ich, ist mein Bündel geschnürt. Wenn ich dir bis dahin noch einen guten Rat erteilen oder dir sonst einen Dienst erweisen kann, so soll das von Herzen gern geschehen. Das ist ja die einzige Art, wie ich Marie Gray noch zu Diensten sein kann.« »Nun sieh, du bist sozusagen nur Zuschauer, willst du nicht uns, die wir die Schauspieler sind, die unglücklichen Darsteller, deine Meinung sagen, was du über dieses unser Spiel denkst?« »Wie kannst du eine solche Frage an mich richten, da ein so schönes Feld sich dir eröffnet? Sicherlich wird Herr Gray unter denselben Bedingungen, wie er sie mir gemacht hat, dich als Assistenzarzt behalten. Du bist nebenbei auch eine bessere Partie für seine Tochter, denn du hast etwas Geld, so daß dir fürs erste der Weg geebnet ist.« »Das stimmt freilich, nur vermute ich, ich habe in dieser Hinsicht bei Herrn Gray keinen sehr großen Stein im Brett.« »Wenn er bisher deiner Tüchtigkeit keine Gerechtigkeit hat angedeihen lassen, so wird das anders sein, sobald er weiß, daß seine Tochter dir den Vorzug gegeben hat.« »Das kann sein, und ich liebe sie deshalb auch über alles. Sonst, lieber Adam, bin ich nicht der Mann, der nach dem greift, was andre übrig gelassen haben.« »Richard,« erwiderte Hartley, »dieser Stolz macht dich undankbar und wird dich auch noch unglücklich machen, wenn du ihn nicht beizeiten unterdrückst. Herr Gray ist dir sehr freundlich gesonnen, allein er glaubte, du würdest durchaus unzufrieden sein mit den bescheidenen Aussichten, die sein Anerbieten dir gewährt. Er glaubte, du hegtest den Wunsch, in die weite Welt zu gehen und dein Glück zu suchen. Er meinte, wenn du auch seine Tochter innig genug liebtest, daß du ihretwegen die ehrgeizigen Ideen aufgeben könntest, so würden doch die Teufel der Ruhmsucht und Habsucht schließlich wiederkehren, sobald erst die Zauberkraft der Liebe, die diese bösen Geister eine Zeitlang bezwungen hatten, an Macht verloren hätte. Er glaubte daher triftigen Grund zu haben, um das Glück seiner Tochter besorgt zu sein.« »Meiner Treu, der würdige alte Herr spricht gelehrt und weise,« versetzte Richard, »ich hatte ihm einen so prophetischen Blick gar nicht zugetraut. Soll ich dir die Wahrheit sagen? – Wenn die schöne Marie nicht wäre, so würde ich mich so wohl fühlen wie ein Droschkengaul, wenn er seine tägliche Tour abgeklappert hat, während andre lustige Abenteurer dreist den Versuch machen, wie sie in der Welt zurecht kommen. – So zum Beispiel, wohin willst du?« »Ein Verwandter von mir mütterlicherseits ist Kapitän eines Schiffes von der ostindischen Gesellschaft, ich will bei ihm als Unterarzt eintreten; wenn mir der Seedienst zusagt, bleib ich dabei, wo nicht, versuch ich was andres.« Hartley begleitete seine Worte mit einem Seufzer. »Nach Indien!« rief Richard. »Du Glückspilz! Da kannst du dich freilich mit vollem Gleichmut darüber hinwegsetzen, daß deine Hoffnungen auf dieser Seite unsers Erdenballes sich nicht erfüllt haben. – Oh Delhi! Oh Golkonda! liegt in diesen Namen nicht eine Kraft, die alle eitlen Erinnerungen verbannt? – Indien, wo man Gold mit Eisen gewinnt, wo ein tapfrer Mann sein Verlangen nach Reichtum noch so hoch schrauben mag, er wird sein Ziel doch erreichen, wenn ihm einigermaßen das Glück hold ist. Wie ist es nur möglich, daß ein Bursch wie du, dem es vergönnt ist, in die weite Welt zu ziehen, in eigensinniger Schwermut den Kopf hängen kann, weil ein blauäugiges Mädel einen andern vorgezogen hat, der nicht halb so glücklich ist wie du? Wie ist es nur möglich?« »Nicht halb so glücklich?« fragte Hartley. »Kannst du, der glückliche Geliebte der Marie Gray, auch nur im Scherze so sprechen?« »Sei nicht böse, Adam,« sagte Richard, »weil ich, der ich doch den Sieg davongetragen habe, meines Glückes nicht ganz so froh bin, als du vielleicht es wärest. Trotzdem kann ich ohne meine süße Marie nicht leben, und ich will sie zur Frau haben. Aber noch zwei Jahre lang in dieser höllischen Ödenei leben zu müssen und hier sich um Kronen und halbe Kronen plagen zu müssen, dieweil Kerls, die nicht halb soviel los haben, die Rupien säckeweise verdienen – weiß der Kuckuck, Adam, das ist ein gar erbärmliches Los. Nun gib mir einen Rat, Freund, kannst du mir nicht sagen, wie ich um diese zwei Jahre der Langeweile herumkommen kann?« Hartley vermochte seinen Widerwillen nicht länger zu verhehlen. »Nein!« versetzte er kurz. »Du bist einundzwanzig Jahre alt, und wenn der Doktor in seiner Klugheit eine solche Prüfzeit für mich für nötig hält, wo ich doch zwei Jahre älter bin als du, so wird er sie dir wohl schwerlich erlassen.« »Das mag sein,« erwiderte Middlemas, »meinst du nicht aber, daß ich diese zwei oder meinetwegen auch drei Prüfungsjahre nicht besser in Indien abmachen könnte, da kann man's doch in kurzem viel weiter bringen als hier, wo man doch nur das Salz zur Suppe verdient? Meiner Meinung habe ich einen angeborenen Trieb nach Indien. Das ist auch ganz natürlich. Mein Vater war Soldat. Der Vater meiner Mutter ist ein reicher Kaufmann. Ein so bescheidenes Einkommen von 200 Pfd. im Jahre mit dem alten Herrn zu teilen, das muß einem jungen Mann wie mir, dem die weite Welt offen steht und der einen Degen hat, sich einen Weg zu bahnen, doch im Grunde recht bettelhaft vorkommen. Marie freilich ist ein Edelstein – ein Diamant – das gebe ich zu; aber ein so kostbares Juwel möchte man auch lieber in Gold und Brillanten fassen statt in Blei und Kupfer. Sei ein guter Kamerad, Adam, und unterbreite dem Doktor meinen Plan. Meiner Meinung nach kann er für sich und Marie nichts Bessres tun, als daß er mich die zwei Prüfungsjahre im Lande der Kaurie-Muscheln zubringen läßt.« »Herr Richard Middlemas,« entgegnete Hartley, »ich wünschte nur, es wäre mir gegeben, in den wenigen Worten, die ich noch an Euch zu richten denke, Euch erklären zu können, ob ich Euch mehr bemitleide oder mehr verachte. Der Himmel hat Euch Glück, Auskommen und Zufriedenheit beschert, und Ihr wollt diese Güter von Euch stoßen, um Eurem Ehrgeiz und Eurer Habsucht nachzugehen. Würde ich in dieser Hinsicht dem Doktor oder seiner Tochter einen Rat erteilen, so könnte es höchstens der sein, jeden Verkehr mit einem Manne abzubrechen, der sich in kurzem, wenn auch noch so von der Natur begabt, als ein großer Tor erweisen wird – und der ferner, wenn auch noch so ordentlich erzogen, sich bei der ersten Versuchung obendrein auch als Schurke erweisen könnte. Ich werde aber meinen Rat für mich behalten, denn helfen würde er doch nichts. Ich werde so rasch wie möglich abreisen und wir werden uns nicht wiedersehen. Ich werde es Gott anheimstellen, Unschuld und Ehrlichkeit gegen die Gefahren zu schützen, die Eitelkeit und Torheit mit sich bringen.« Mit diesen Worten wandte er sich verächtlich von dem jugendlichen Narr des Ehrgeizes ab und verließ den Garten. »Halt ein!« rief Middlemas ihm nach, betroffen über die Vorstellungen, die der Kamerad seinem Gewissen gemacht hatte. »Halt ein, Adam Hartley, laß dir sagen –« Aber entweder hörte Hartley seinen Ruf nicht mehr, oder er ließ sich dadurch nicht zur Umkehr bewegen. Im nächsten Augenblick hatte bei Richard die Keckheit wieder die Oberhand gewonnen. »Wenn er noch einen Moment länger geblieben wäre,« sagte er zu sich selber, »so hätte ich ihn zu meinem Beichtvater gemacht, den Bauernlümmel! Hat denn Marie Gray sich zu irgend etwas ihm gegenüber verpflichtet? Seinen Bescheid hat er ja bekommen – was mischt er sich denn nun noch zwischen mich und sie? Wenn nur der alte Moncada seine Pflicht als Großvater getan und mir ein anständiges Vermögen vermacht hätte, dann wäre das ja schließlich ganz fein zu machen gewesen und ich hätte das Mädel geheiratet und mich hier niedergelassen. Aber das Dasein ihres alten Packesels von Vater zu führen und hier im Umkreis von zwanzig Meilen jedem Bauern zu Befehl zu stehen! Weiß es Gott. Das ist ein Tagwerk, wie es ein Trödler hat, der mit Nadeln, Bändern und Tabak hausiert – ja er verdient dabei noch mehr und hat weniger Schererei, und das Renommee ist dasselbe. – Nein, wenn ich den Reichtum nicht näher antreffen kann, so will ich ihn dort aufsuchen, wo er für jedermann zu haben ist. Und somit will ich in die Schenke gehen und mal meinen Freund um Rat fragen.« Siebentes Kapitel. Der Freund, den Richard Middlemas im Gasthaus zum Schwanen treffen wollte, war Tom Hillary, der vor einiger Zeit bei dem Staatssekretär Herrn Lawford als Schreiber angestellt gewesen war und mit er damals schon in Verkehr gestanden hatte. Tom Hillary wurde jetzt Kapitän betitelt, trug eine Uniform und führte eine kriegerische Sprache. Er schien viel Geld verdient zu haben. Er stand sogleich in hoher Achtung, da man erfuhr, daß er im Dienst der Ostindischen Gesellschaft stände – jener wunderbaren Gesellschaft von Kaufleuten, die man eigentlich passender Fürsten nennen könnte. Ganz in der Stille legten um die Mitte des 18. Jahrhunderts die Direktoren in Leadenhall-Street den Grund zu jenem gewaltigen Reiche, das jetzt ganz Europa und Asien durch seine riesige Ausdehnung und seine Macht in Verwunderung setzt. In England hatte man zuerst die märchenhaften Berichte von gewonnenen Schlachten und eroberten Städten im fernen Osten mit hellem Erstaunen vernommen. Das Erstaunen wurde noch größer, als Leute heimkehrten, die als Abenteuerer und Glücksritter ausgezogen waren und nun von orientalischem Reichtum und Luxus umgeben waren, daß selbst der Glanz des reichsten britischen Adels ihnen gegenüber farblos erschien. In diesem neuentdeckten Eldorado hatte Hillary gearbeitet und zwar, wenn er selber die Wahrheit sagte, mit ganz nettem Erfolge, obwohl er noch bei weitem nicht soviel eingeheimst hatte, wie er beabsichtigte. Er sprach in der Tat davon, daß er sein Geld anlegen wolle, und erkundigte sich, ganz als ob er die augenblickliche Grille hätte, zu seinem bloßen Vergnügen ein Gut zu kaufen, bei seinem früheren Brotherrn, dem Stadtsekretär Lawford nach einem sumpfigen Landgut von 3000 Ackern, für das er 4000 Guineen anwenden wollte, wenn nur Reichtum an Wild und Gelegenheit zum Forellenfang vorhanden sei. Einen größeren Ankauf von Land, fügte er prahlerisch hinzu, wolle er jetzt zunächst nicht machen. Augenblicklich sei es nur sein Zweck, ein paar tüchtige Burschen für sein Regiment oder vielmehr für seine Kompagnie anzuwerben, und da er auf all seinen Reisen nie schönere Menschen gesehen habe, als in Middlemas, so habe er seine Aushebung hier bewirken wollen. Richard Middlemas erneuerte natürlich sogleich seine Beziehungen zu seinem ehemaligen Freunde, und Hillarys Reden hatten ihm jene Begeisterung für Indien eingeflößt, die wir ihn haben aussprechen hören. Es war nicht anders möglich, als daß ein junger Mann, der noch von der Welt nichts gesehen hatte und dabei von ungestümer Sinnesart war, sich von den glühenden Schilderungen Hillarys hinreißen ließ. In seinen Beschreibungen wuchsen Paläste aus der Erde wie Pilze – Wälder von himmelhohen Bäumen und süß duftendem Gesträuch, wie sie der frostige Boden Europas nicht kannte, wimmelten von allem möglichen Wild vom Schakal bis zum Königstiger. Jeder Strom, von dem er sprach, floß über Goldsand, und jeder Palast, den er nannte, war herrlicher, als ihn eine Fata Morgana vorzugaukeln vermocht hätte. Seine Schilderungen selber schienen in Duft getaucht und seine Worte von Rosenessenz durchtränkt. Diese Gespräche fanden oft ihren Abschluß bei einer feinern Flasche Wein, als der Gasthof zum Schwanen hätte liefern können, denn Kapitän Hillary war ein Freund von gutem Leben und hatte sich Wein und andere Leckerbissen aus Edinburgh mitgebracht. Und Middlemas war verurteilt, von so reicher Tafel weg zu der Hausmannskost seines Pflegevaters zurückzukehren, wo alle Schönheit der anmutigen Marie ihn nicht dazu vermochte, seinen Abscheu vor der groben Kost zu überwinden oder den Widerwillen niederzukämpfen, mit dem er die Fragen über die Krankheitsfälle, die seiner Fürsorge anvertraut waren, beantwortete. Die Hoffnung, von seinem Vater anerkannt zu werden, hatte Richard längst aufgegeben, und nach der rauhen Zurückweisung von seiten des Herrn von Moncada war er auch zu der Überzeugung gelangt, daß sein Großvater unerbittlich sei. Dennoch war sein Ehrgeiz noch nicht eingeschlummert, wenn ihn auch nicht mehr die Hoffnungen beseelten, denen er früher sich hingegeben hatte. Das einzige Hindernis war die Liebe zu Marie Gray und die Verpflichtung, die er ihr gegenüber auf sich genommen hatte. Als er um die Liebe der Marie Gray warb, war der Beweggrund wohl aufrichtige Zuneigung, ja heftige Leidenschaft gewesen, andrerseits hatte dabei aber auch das Verlangen, seine Eitelkeit zu befriedigen, mitgewirkt. Es war ihm darum zu tun, den Preis davonzutragen, um den Hartley mit ihm zu ringen den Mut hatte. Auch von andern Leuten, die ihm an Rang und Vermögen überlegen waren, sah er Marie Gray viel umworben, auch diesen Anbetern den Preis streitig zu machen und den Rang abzulaufen, kitzelte seinen Ehrgeiz. Indessen machte er sich jetzt sofort klar, daß seine Liebe zu der Tochter des Arztes ihn nicht von der Laufbahn, zu der er sich nun entschloß, ernstlich abhalten dürfe. Er versöhnte sein Gewissen mit diesem Beschluß, indem er sich vorhielt, es sei ja in ebendemselben Maße auch Mariens Interesse, die Hochzeit solange zu verschieben, bis er sein Glück gemacht hätte. Nun hatte allerdings die Verachtung, die ihm Hartley offen gezeigt hatte, seinen zuversichtlichen Glauben in die Richtigkeit seiner Folgerungen und Entschlüsse sehr erschüttert und den Argwohn in ihm erweckt, er spiele doch eine sehr klägliche und unmännliche Rolle, wenn er das Schicksal dieses lieben und unglücklichen Mädchens, das Wohl und Wehe seiner Geliebten so ganz wie eine nichtige Angelegenheit abtue. In dieser Stimmung des Zweifels und der Unschlüssigkeit ging Richard ins Gasthaus zum Schwanen und wartete dort in Ungeduld auf seinen Freund, den Kapitän. Als beide gemütlich bei einer Flasche Wein saßen, begann Middlemas mit der ihm eignen ebenso graziösen wie zielbewußten Vorsicht seinen Freund auszuhorchen, ob jemand, der in die Dienste der ostindischen Gesellschaft trete, Aussicht hätte, in nicht allzu langer Zeit Offizier zu werden. »Wenn Ihr, mein teurer Freund,« antwortete Hillary, »die Absicht hegt, Hammelfleisch mit Brühe gegen die würzigen Suppen und Pasteten zu vertauschen, so kann ich nur sagen, Ihr werdet freilich zuerst als bloßer Kadett eintreten müssen, aber Ihr sollt schon auf der Überfahrt – bei allen Teufeln – wie mein eigner Bruder gehalten werden. Wenn wir aber erst in Madras angelangt sind, so werde ich Euch schon auf den rechten Weg bringen, um zu Ruhm und Reichtum zu gelangen. Ihr habt, glaube ich, eine Kleinigkeit an Geld – so etwa 1000 Pfd., was?« »So annähernd, ja,« antwortete Richard. »Das reicht gerade aus für Ausrüstung und Überfahrt,« sagte sein Freund. »Und wenn Ihr auch keinen Heller hättet, das wäre einerlei. Wenn ich nämlich einmal zu einem Freunde sage, ich will ihm beistehen, so bin ich nicht derjenige, der wieder zurücktritt aus Furcht, es wäre kein Geld da. Es ist aber gut, daß Ihr etwas Kapital habt, denn das ist doch wenigstens eine Grundlage.« »Gewiß,« antwortete Richard, »Ich mag auch niemand zur Last fallen. Daß ich Euch die Wahrheit sage, ich beabsichtige mich vor meiner Abreise zu verheiraten. Dazu ist Geld nötig, wie Ihr Euch wohl denken könnt, ob nun meine Frau mitkommt oder ob sie hierbleibt, bis sie hört, ob ich mein Glück gemacht habe. Dann würde ich sogar mir von Euch eben noch ein paar Pfund borgen müssen.« »Was den Teufel schwatzt Ihr da von Heiraten, Richard?« rief der Kapitän. »Ein schmucker, einundzwanzigjähriger Bursch wie Ihr, der sechs Fuß hoch aus seinen Schuhen herausragt, will sich's einfallen lassen, sich auf Lebenszeit zum Sklaven zu machen?« »Besinnt Ihr Euch auf Marie, die Tochter meines Lehrherrn?« fragte Middlemas. »Ach, die!« entgegnete Hillary. »Ist sie denn zu etwas zu gebrauchen?« »Sie ist ein verständiges Mädchen. Sie ist das sanfteste, schlichteste und gefügigste Wesen auf Erden,« sagte der Verehrer. »Na, dann taugt sie nichts,« sagte sein Berater. »Tut mir leid, Richard, aber dann ist sie nicht zu gebrauchen. Ich sage Euch, wir haben Weiber in Indien, die in dem Spektakeldasein dort eine Rolle spielen – ein paar habe ich selber gekannt, die haben ihre Männer vorwärts bugsiert, sonst wären sie bis zum jüngsten Tage im Dreck stecken geblieben. Laßt Euch sagen, es geht nur eins, entweder heiraten oder auf Indien verzichten, aber beides gibt's nicht! Wenn Ihr Euch freiwillig einen Klotz um den Hals hängt, so müßt Ihr es eben aufgeben, ein Wettrennen mitzumachen. Übrigens braucht Ihr nicht etwa zu denken, daß es gleich ein Ende mit Schrecken gibt, wenn Ihr mit dem Mädel brecht. Der Abschied wird freilich ein unangenehmer Auftritt werden, aber unter den indischen Weibern werdet Ihr sie bald vergessen. Für den Markt in Indien ist sie keine Ware, das kann ich Euch versichern.« Der Einfluß, den der prahlerische und großmäulige Soldat auf Middlemas erlangt hatte, war bei aller Eigensinnigkeit des letztern von despotischer Art. Der Kapitän war dem jungen Manne an Bildung und Kenntnissen und Begabung durchaus unterlegen, aber jener hatte eine große Gewandtheit, ihm verlockende Aussichten vorzuspiegeln – Aussichten von jener Art, wie sie von Kindheit auf Richards Phantasie beherrscht hatten. Als Bedingung des Dienstes, den er ihm zu erweisen sich bereit erklärte, nahm er ihm das Versprechen ab, unbedingt darüber Schweigen zu bewahren, daß er mit ihm nach Indien ginge und welche Pläne ihn dabei geleitet hätten. Das versprach denn Richard auch. Die beiden Freunde trafen sogar die Verabredung, sich nicht mehr zusammen in Middlemas sehen zu lassen und auch nicht zusammen Middlemas zu verlassen. Der Kapitän wollte zuerst abreisen und Richard sollte ihn in Edinburgh treffen. Dort sollte er förmlich für den Dienst angeworben und alles geregelt werden, was zur Überfahrt nach Indien erforderlich wäre. Achtes Kapitel. Obgleich sich Richard in also bestimmter Weise zur Abreise verabredet hatte, dachte er doch von Zeit zu Zeit mit Kummer und Beklemmung an den Abschied von Marie Gray und an den Plan, den sie beide sich gemacht hatten. Aber sein Entschluß war gefaßt, er konnte ihr den Schmerz nicht mehr ersparen. Der undankbare Verehrer, der längst schon den Gedanken an ein häuslich glückliches Leben von sich gewiesen hatte, das er hätte genießen können, wenn er vernünftigeren Sinnes gewesen wäre, dachte nur noch daran, wie er es anstellen solle, um nicht gänzlich mit ihr zu brechen und doch alle Gedanken an ihre Vereinigung aufzugeben, bis er von seiner Expedition nach Indien erfolgreich zurückgekehrt sei. In Hinsicht auf den letzten Punkt hätte er sich freilich alle Besorgnis ersparen können. Der Reichtum ganz Indiens hätte nie Marie Gray bewegen können, gegen den Willen ihres Vaters das Elternhaus zu verlassen. Jetzt, da der alte Mann seine zwei Hilfsärzte nicht mehr hatte, war das an sich ganz ausgeschlossen, denn er hätte sich völlig verlassen fühlen müssen, wenn er sich zu gleicher Zeit auch von seiner Tochter hätte trennen sollen. Die Zeit war herangekommen, daß Richard Middlemas das Vermögen beanspruchen durfte, das seinen Vormündern, dem Stadtsekretär und dem Doktor Gray, zur Verwaltung übergeben worden war. Sein Pflegevater fragte ihn natürlich, wozu er sich nun beim Antritt seiner Selbständigkeit entschlossen habe. Er gab die trockene Antwort, es hätten sich ihm Aussichten eröffnet, über die er nicht weiter reden dürfe. Wenn er aber erst in London sei, wolle er seinem Pflegevater schreiben und ihm Näheres mitteilen. Gideon war des Glaubens, der Vater oder Großvater des jungen Mannes hätten an diesem entscheidenden Wendepunkt seines Lebens sich endlich zu einer Annäherung bereit gefunden. Er erwiderte daher: »Richard, du bist ein Kind des Geheimnisses. Wie du zu mir gekommen bist, so gehst du wieder von mir. Ich wußte nicht, woher du kamst, und nun weiß ich nicht, wohin du gehst. Daß also alles, was dich betrifft, ein Geheimnis bleibt, ist vielleicht nicht gerade günstig. Aber wie ich stets in Freundlichkeit dessen gedenken werde, den ich solange gekannt habe, so mußt auch du, wenn du dich des alten Mannes erinnerst, immer eingedenk sein, daß er dir gegenüber seine Pflicht getreu getan hat, soweit seine Mittel und sein Können gingen, und daß er dich den edlen Beruf lehrte, durch den du dir – wie auch immer dein Los sich gestalten mag – dein Brot verdienen und zugleich das Unglück deiner Mitmenschen lindern kannst.« Durch die schlichte Güte des Doktors gerührt, sprach ihm Middlemas seinen herzlichen Dank aus. »Noch ein Wort!« sagte Gray und zog ein kleines Schmuckkästchen hervor. »Deine unglückliche Mutter hat mir diesen wertvollen Ring gegeben, ich habe kein Recht daran, denn meine Bemühungen sind mehr als reichlich bezahlt worden, ich habe ihn auch nur in der Absicht angenommen, ihn für dich aufzuheben, bis die Stunde gekommen wäre. Er kann dir vielleicht von Nutzen sein, wenn einmal nach deiner Herkunft gefragt wird.« »Ich danke Euch nochmals!« rief Richard. »Ihr wart mir mehr als ein Vater!« Der Abschied von der armen Marie war noch rührender. Ihr Kummer rief wieder alle Innigkeit der ersten Liebe in ihm wach. Er machte sich von dem Vorwurf, ihr nicht aufrichtig zugetan zu sein, frei, indem er nicht nur um sofortige Verheiratung bat, sondern sich bereit erklärte, auf seine glänzenden Aussichten zu verzichten und Herrn Grays bescheidene Stellung zu teilen, wenn er gleich mit ihr getraut würde. Aber obgleich in diesem Zeugnis von der Treue ihres Geliebten ein Trost für Marie lag, so war sie doch nicht so unklug, ein Opfer anzunehmen, das ihn nachher hätte gereuen können. »Nein, Richard,« sagte sie, »es nimmt selten ein gutes Ende, wenn man unter dem Einfluß augenblicklicher Gefühle Entschlüsse ändert, die man nach reiflicher Überlegung gefaßt hat. Ich habe es lange gemerkt, daß deine Pläne weit über die bescheidne Stellung hinausgehen, die dir in diesem Orte winkt. So geh denn auf die Suche nach Rang und Reichtum, vielleicht denkt auch dein Herz bald anders. Dann vergiß Marie Gray, wenn das nicht eintrifft, so können wir uns wiedersehen und du kannst versichert sein, daß ich dir immerdar die Treue wahren werde.« Als die Trennung vorüber war, stieg Richard auf ein Pferd und machte sich auf den Weg nach Edinburgh, wohin sein Gepäck schon vorausgeschickt worden war. Unterwegs kam ihm öfters der Gedanke, er täte wohl besser daran, wieder umzukehren und sich sein Glück zu sichern, indem er Marie heiratete und sich mit dem bescheidenen Einkommen begnügte. Aber als er sich seinem Freunde Hillary angeschlossen hatte, war alles vergessen, und er fühlte sich bestärkt in dem Entschlusse, erst Rang und Reichtum zu erringen und sie dann mit Marie Gray zu teilen. Aber die Dankbarkeit gegen ihren Vater schien noch rege zu sein, denn er übersandte ihm ein hübsches Petschaft mit einem Löwen in goldnem Felde. Marie kannte die Handschrift und beobachtete gespannt ihren Vater, als dieser den Brief kopfschüttelnd las. »Richard Middlemas ist und bleibt ein Narr, Marie«, sagte der Doktor. »Ich werde ihn sicherlich nicht vergessen, er braucht mir gar kein Andenken erst zu schicken. Nun, hebe du das Ding auf, liebe Marie, gut gemeint wird es schon sein.« Daß das Petschaft sorgfältigst aufbewahrt wurde, braucht wohl nicht erst gesagt zu werde. Neuntes Kapitel. Ihr Reiseziel war zunächst die Insel Wright. Nach ruhiger Überfahrt ging das Schiff bald vor dem Städtchen Ryde vor Anker. Der Kapitän wollte seinen Passagieren und vor allem seinem früheren Gespielen zu Ehren ein Festessen an Bord geben, ehe sie das Schiff verlassen würden. Er hatte ein Zelt und eine Tafel aufschlagen lassen, und Seekrebse, Pasteten von Fisch und andre Leckereien des Seelebens waren in einem Überfluß aufgetischt worden, der zu der Zahl derer, die sie verzehren sollten, in gar keinem Verhältnis stand. Danach gab es einen Punsch, der vortrefflich schmeckte, aber merkwürdig stark war. Kapitän Hillary ließ die Gläser wacker kreisen und trank seinem Freunde wacker zu. Mit erhöhtem Glanz gab er seine Beschreibungen indischer Szenerien und indischer Abenteuer zum besten, und versicherte Middlemas von neuem, wenn er ihm auch nicht sofort eine Offiziersstelle verschaffen könne, so handle es sich doch nur um einen kurzen Aufschub, der eben nötig sei, damit er überhaupt erst mal kennen lernte, worauf es beim Militär ankäme. Middlemas war durch den genossenen Punsch in zu große Begeisterung versetzt worden, als daß er im Anfange seiner Laufbahn irgendwelche Schwierigkeit erblickt hätte. Ob nun diejenigen, die an dem Gelage teilnahmen, ausgepichte Zecher waren, ob nun Middlemas mehr als die andern getrunken hatte, ober ob man ihm, wie er später argwöhnte, etwas Betäubendes beigebracht hatte – fest steht jedenfalls, daß er binnen kurzem schwer berauscht war und alle Stadien dieses achtbaren Zustandes rasch durcheilte: er lachte – er sang – er schrie – er tobte – er wurde zärtlich – und er verfiel schließlich in einen tiefen, todesähnlichen Schlaf. Wie gewöhnlich zeigte die Wirkung des Rausches sich in hundert wirren wilden Träumen und Phantasien. Er sah sich in ausgedörrte Wüsten versetzt, von gräßlichen Schlangen umringt, deren Biß unerträglichen Durst erweckte – er sah indische Fakire am Marterpfahle leiden und fühlte sich selber in die Qualen der Hölle geschleudert. Und als er schließlich erwachte, schien diese letzte Phase seines Traumes zur Wirklichkeit geworden zu sein. Die Laute, die zuerst sich in seine Träume vermischt und dann seinen Schlummer gestört hatten, hallten ihm jetzt in furchtbarer, vernichtender Deutlichkeit ins Ohr. Sie tönten aus langen Reihen von Strohbetten, die wie in einem Militär-Lazarett dicht aneinander standen. Eine verheerende Seuche schien der entsetzliche Dämon dieser grausigen Stätte zu sein. Die Kranken lagen im Delirium, sie schrieen, kreischten und fluchten. Richard Middlemas war zugleich verwundert und entsetzt. Er hatte vor den Unglücklichen, mit denen er hier zusammen war, nur das eine voraus, daß er einen Strohsack für sich allein hatte, während die andern immer zu zweit auf einem lagen. Er konnte niemand sehen, der die Kranken gepflegt oder auf ihre Klagen gehört hätte. Er sah sich nach seinen Kleidern um, damit er aufstehen und sich aus dieser Höhle des Entsetzens retten könne, aber weder seine Kleider, noch seine Reisetasche oder seine Schiffskiste waren zu sehen. Es kam ihm die Furcht, daß er sie wohl nie wiedersehen würde. Zu spät erinnerte er sich jetzt der Gerüchte, die über seinen Freund Hillary umgegangen waren – daß er von Herrn Lawford entlassen worden sei wegen einer Veruntreuung, die er sich in seinem Dienst habe zu schulden kommen lassen. Wer aber hätte eine solche Schändlichkeit voraussehen können, daß er seinen Jugendfreund, der volles Vertrauen in ihn gesetzt hatte, in eine Falle hatte locken, seines Vermögens berauben und in dieses Pesthaus schaffen wollen, damit mit dem Tode seine Zunge für immer verstumme. Middlemas aber war entschlossen, alles zu seiner Rettung zu versuchen. Es mußte doch einmal ein Offizier oder ein Arzt hierher kommen, bei dem er Protest erheben konnte. Neben diesen peinigenden Gedanken marterte ihn noch ein fürchterlicher Durst, den zu stillen ihm versagt war. Inzwischen versuchte er zu entdecken, ob sich nicht mit dem einen oder andern seiner Leidensgefährten ein Gespräch anknüpfen ließe, aus dem er Näheres über die Beschaffenheit dieses furchtbaren Ortes hätte erfahren können. Auf dem Bette neben ihm lagen zwei Kerle, die zwar auf dem Wege der Genesung zu sein schienen, aber doch jedenfalls mit knapper Not dem Rachen des Todes entronnen waren. Ihre Beschäftigung bestand jetzt darin, sich im Kartenspiel um ein paar Hellerstücke zu bringen. Neben diesen wiederum lagen zwei auf einer Lagerstätte, von denen nur noch einer am Leben war. Der andre Kranke war vor kurzem von seinen Leiden erlöst worden. »Er ist tot, er ist tot«, rief der unglückliche Hinterbliebene. »Na, dann krepier du auch und geh zur Hölle!« sagte einer der Spielenden, »dann macht ihr beide ein Paar, wie der Hanswurst sagt.« »Er wird schon steif und kalt,« jammerte der andre. – »Es ist doch keine Sache, einen Toten mit einem Lebenden zusammenzubetten. Um Gotteswillen, befreit mich von diesem Leichnam!« »Nicht wahr, damit es hinterher heißt, wir hätten ihm den Garaus gemacht? Er hatte ja auch noch zwei oder drei Silbermünzen bei sich.« »Vor einer Stunde erst habt ihr ihm die letzte Münze aus der Hosentasche genommen, das werdet ihr wohl selber wissen,« erwiderte der Arme. »Aber helft mir den Leichnam aus dem Bett schaffen, dann sag' ich auch dem Aufseher nichts, daß ihr bei ihm lange Finger gemacht habt.« »Was! Dem Aufseher willst du was sagen?« versetzte der Kartenspieler. »Noch ein Wort, und ich dreh dir das Genick um! Halt ja dein Maul und störe uns nicht im Spiel mit deinen Albernheiten, sonst mach ich dich so stumm wie deinen Bettgenossen.« Der Unglückliche sank stöhnend zurück neben seinen schrecklichen Schlafkameraden, und das Kartenspiel nahm wieder unter Fluchen und abscheulichen Scherzen seinen Verlauf. Aus diesem Beispiel der abgehärtetsten Gleichgültigkeit gegen das äußerste Elend gewann Richard Middlemas die Überzeugung, daß er von seiten seiner Leidensgefährten kaum auf Entgegenkommen rechnen durfte. Da verließ ihn jeglicher Mut. Gedanken an das glückliche und friedliche Heim, das er sein eigen hätte nennen können, traten vor seine fieberhaft erhitzte Phantasie mit einer Deutlichkeit und Lebendigkeit, die an Wahnsinn grenzte. Plötzlich ließen sich Tritte im Raume hören, und die mancherlei Laute des Jammers, die ihn erfüllten, kamen alsobald zum Schweigen. Die Spielenden steckten die Karten weg und hörten auf zu fluchen. Andre Kranke, deren Gestöhn sich bis zur Raserei gesteigert hatte, verstummten jäh. Das Kreischen des Todeskampfes schwieg, das sinnlose Gebrüll des Wahnsinns brach ab, und sogar der Sterbende bemühte sich, sein Röcheln in Gegenwart des Kapitäns Seelencooper nicht laut werden zu lassen. Dieser Beamte war der Oberaufseher des Lazaretts, ein vierschrötiger, krummbeiniger Mann mit einem Auge, das aber ebenso wild drein sah, wie es zwei wilde Augen nur immer vermögen. Er trug eine alte, verschossene Uniform, die gar nicht für ihn gemacht zu sein schien, in seinem Gürtel steckten ein Paar Pistolen und ein Hirschfänger, zwei Gehilfen, die Handschellen und Zwangsjacken trugen, folgten ihm. Wenn Seelencooper revidieren kam, verstummte jedes Schmerzensgeschrei. Der pfeifende Ton des Bambusrohres, das er in der Hand schwang, hatte die Gewalt eines Zauberstabes, Klagen und Beschwerden zum Schweigen zu bringen. »Ich sage Euch, das Fleisch duftet wie ein Blumenstrauß, und das Brot ist noch viel zu gut für ein Pack von Faulenzern, die hier dem lieben Gott den Tag wegstehlen und der Gesellschaft die Lebensmittel wegfressen – von denen, die wirklich krank sind, rede ich hier nicht – denn ich bin immer für humane Behandlung.« »Wenn das der Fall ist, Herr,« sagte Richard, als der Kapitän eben an sein Lager trat, »dann wird Euer humaner Sinn Euch geneigt machen, anzuhören, was ich zu sagen habe.« »Wer zum Teufel seid Ihr?« fragte der Kapitän, während er sein eines glühendes Auge auf Richard heftete und sein Gesicht die Miene wilden Hohnes annahm, für die es vorzüglich geschaffen zu sein schien. »Ich heiße Middlemas und komme von Schottland. Ich bin durch ein Versehen hierhergekommen – ich bin kein Gemeiner und auch gar nicht krank.« »Na, mein lieber Freund, hier handelt es sich bloß darum, seid Ihr als Rekrut in die Werbeliste eingeschrieben worden?« »Jawohl, in Edinburgh, aber ...« »Na zum Satan, was wollt Ihr denn? Ihr steht in der Werbeliste – der Kapitän und der Doktor haben Euch hierher geschickt – die wissen doch wohl am besten, ob Ihr Offizier seid oder Soldat, und ob Ihr krank seid oder gesund.« »Aber es sind mir Versprechungen gemacht worden,« sagte Middlemas, »Versprechungen von Tom Hillary ....« »So? Versprechungen sind Euch gemacht worden? Hier ist nicht ein einziger, dem nicht von dem oder jenem irgendwelche Versprechungen gemacht worden wären. Na dann guten Morgen. Der Doktor macht gleich die Runde und wird euch alle kurieren.« »Bleibt nur noch einen Augenblick! Ich bin bestohlen worden!« »Bestohlen? Ei, seht an! Jeder, der hierher kommt, ist bestohlen worden. Bei Gott, ich bin der glücklichste Kerl von ganz Europa, andre Leute meines Standes kriegen lauter Spitzbuben und Diebe unter die Fuchtel, ich aber habe lauter ehrliche und anständige Herren, die selber samt und sonders bestohlen worden sind. – Na, guten Morgen.« Er ging weiter. Richard wollte ihm nachrufen, aber die Stimme versagte ihm vor Durst und Aufregung. Ihm war, als sollte er den Verstand verlieren. Sein Mund war wie mit Asche gefüllt, Schwäche überfiel ihn, es summte und klang ihm in den Ohren, und für den Augenblick schien das Leben von ihm gewichen. Zehntes Kapitel. Als Middlemas wieder zu sich kam, fühlte er, daß sein Blut ruhiger umlief, das Fieber nachgelassen hatte, und seine Lungen freier atmeten. Ein Hilfsarzt stand bei ihm und verband ihm eine Ader, aus der eben eine beträchtliche Menge Blutes genommen worden war. Ein andrer, der dem Kranken das Gesicht gewaschen hatte, hielt ihm eine stark riechende Essenz unter die Nase. Richard schlug die Augen auf und erkannte in dem erstern seinen Lehrkameraden Adam Hartley, der ihm rasch einen Wink gab, sich nichts merken zu lassen. »Ich muß jetzt gehen,« flüsterte Hartley ihm in einem unbewachten Augenblick zu, »aber faßt Mut – ich glaube ich kann Euch helfen – inzwischen nehmt von niemand Speise oder Trank an als von meinem Diener, den Ihr dort den Schwamm halten seht. Ihr seid hier an einem Orte, wo vor kurzem einer wegen einem Paar goldner Hemdknöpfe ermordet worden ist.« »Wartet einen Augenblick!« sagte Middlemas, »ich will dann das hier in Sicherheit bringen, um meine Nachbarn nicht in Versuchung zu bringen.« Mit diesen Worten zog er aus seiner Unterjacke ein kleines Päckchen hervor und reichte es Hartley. »Wenn ich sterbe, mögt Ihr mein Erbe sein,« setzte er hinzu. Die rauhe Stimme Seelencoopers verhinderte Hartley zu antworten. »Na, Doktor, werdet Ihr Euren Patienten durchbringen?« »Es war eine recht bedenkliche Ohnmacht,« erwiderte der Doktor, »Ihr müßt ihn in das bessre Krankenzimmer schaffen lassen, mein Gehilfe soll ihn dort pflegen.« »Na, wenn Ihr es befehlt, so muß es ja wohl geschehen, Doktor, ich kann Euch aber sagen, es gibt einen, und wir kennen ihn beide, der hat mindestens tausend Gründe, daß der Bursch im allgemeinen Krankensaal bleibt.« »Was gehen mich Eure tausend Gründe an?« entgegnete Hartley. »Ich kann Euch nur sagen, der junge Mann ist ein so gesunder und kräftiger Bursche, wie die Gesellschaft kaum einen zweiten unter ihren Rekruten hat. Es ist meine Pflicht, ihn für den Dienst zu retten, und wenn Ihr meine Weisungen nicht gehörig befolgt und er dadurch zugrunde geht, so könnt Ihr Euch darauf verlassen, daß ich dem General Bericht erstatte. Laßt daher den jungen Mann recht sorgfältig behandeln, Ihr habt die Verantwortung.« Mit diesen Worten verließ er das Lazarett. Richard hatte von diesem Gespräch genug vernommen, um neue Hoffnung auf Befreiung zu fassen. Die Hoffnung wurde noch bestärkt, als er gleich darauf in ein besonderes Krankenzimmer gebracht wurde, ein reinliches Gemach, in welchem sich nur zwei Patienten, anscheinend Unteroffiziere, befanden. Obwohl er recht gut wußte, daß er nicht krank war, so hielt er es doch für das klügste, sich als Kranken behandeln zu lassen, weil er so unter der Obhut seines einstigen Gefährten bleiben konnte. Während ihm so Hartleys Dienste sehr willkommen waren und er sie zu seinem Besten zu nutzen entschlossen war, beherrschte ihn im geheimen doch das undankbare Gefühl: Konnte mich der Himmel nicht anders retten als durch die Hände dessen, den ich von allen Menschen auf Erden am wenigsten leiden mag? Es erfordert eine nähere Darlegung, auf welche Weise Hartley in die Lage gekommen war, ihm in dieser Not behilflich zu sein. Unsere Erzählung spielt zu einer Zeit, in der die Direktoren der Ostindischen Gesellschaft, in jener kühnen und zielbewußten Politik, der das britische Reich seine gewaltige Machtentfaltung im Orient verdankt, den Beschluß faßten und durchführten, bedeutende Verstärkungen europäischer Truppen zur Sicherung und Befestigung ihrer Stellung in Indien dorthin zu senden. Diese war damals durch den berühmten Haidar Ali bedroht, der nach Entthronung seines Fürsten die Regierung im Königreich Maisur an sich gerissen hatte. Für diesen Dienst Rekruten zu werben, war mit großen Schwierigkeiten verknüpft. Die Leute zogen den Militärdienst des Königs vor, und die Gesellschaft erhielt nur das allerschlechteste Material an Mannschaften, trotzdem ihre Agenten nicht die geringsten Bedenken hegten, die dreistesten Mittel, die oft an Verbrechen grenzten, bei ihren Werbungen anzuwenden. Die Methode des Seelenkaufes oder, wie man es zu nennen pflegte, des Menschenfanges, war damals in der Tat im höchsten Schwange, und zwar nicht allein für den Kolonialdienst, sondern auch für den königlichen Garnisondienst. Da die Agenten, denen die Werbung oblag, natürlich durchaus gewissenlos vorgehen mußten, so kamen nicht allein viele Niederträchtigkeiten und Schlechtigkeiten vor, sondern es geschah ab und zu sogar ein Fall von Beraubung und Ermordung. Solche Grausamkeiten und Verbrechen ließ der Staat nicht verfolgen, da es für ihn das oberste Gesetz war, Soldaten zu bekommen, und der Zweck hier die Mittel heiligte. Die so gesammelten Truppen wurden zunächst insgesamt auf der Insel Wright untergebracht. Die Jahreszeit war ungesund und die Leute meistens auch von wenig widerstandsfähiger Natur, herabgekommen und elend, und so brach unter ihnen eine bösartige Seuche aus, die das Militärlazarett rasch überfüllte, dessen Verwaltung dem Kapitän Seelencooper, einem alten und erfahrenen Werbeoffizier, übertragen worden war. Mehrere Ärzte wurden von der Direktion der Gesellschaft nach der Insel gesandt. Unter diesen befand sich auch Hartley, der in einer Prüfung vor einer medizinischen Kommission seine Fähigkeit bewiesen hatte und außerdem ein Doktordiplom der Universität Edinburgh besaß. Um in die geworbene Mannschaft Manneszucht hineinzubringen, übertrug die Direktion einem ihrer Mitglieder, dem General Witherington, unbeschränkte Vollmacht. Der General war ein Offizier, der sich im Dienste der Gesellschaft schon in hohem Grade ausgezeichnet hatte. Vor etwa sechs Jahren war er als steinreicher Mann aus Indien zurückgekehrt und hatte sein Vermögen noch durch die Heirat mit einer sehr reichen Erbin vermehrt. Sie verkehrten indessen wenig in der vornehmen Welt und schienen nur für ihre Kinder, zwei Knaben und ein Mädchen, zu leben. Obgleich der General sich schon vom Dienst zurückgezogen hatte, übernahm er doch gern den ihm erteilten Auftrag und mietete sich ein gutes Stück außerhalb der Stadt Ryde ein. Er teilte seine Truppen in verschiedene Körper, ernannte fähige Offiziere und war bestrebt, durch regelmäßigen Dienst und Unterricht Disziplin zu schaffen. Kapitän Seelencooper und seine Genossen vernahmen von ihm mit Zittern und Zagen, denn sie befürchteten, daß nun auch sie zur Rechenschaft gezogen würden, allein der General, der sonst alles persönlich untersuchte, schien nicht willig, das Lazarett selber zu revidieren. Man schrieb diese Abneigung der Furcht vor Ansteckung zu, und jedenfalls war die auch der Grund, doch ließ sich General Witherington zu dieser Handlungsweise nicht durch Besorgnis um seine eigene Person bestimmen, er fürchtete lediglich, er könne den Krankheitsstoff mit nach Hause in die Kinderstube bringen, in der der zärtliche Vater tagtäglich weilte. Seine Gemahlin war noch ängstlicher. Wenn der Wind von der Seite her wehte, wo das Lazarett lag, so ließ sie die Kinder nicht aus dem Hause. Die Vorsehung macht jedoch oft alle Maßregeln der Sterblichen zu nichte. Auf einem Spaziergange in einer Gegend, die als die entlegenste und vor der Seuche sicherste zu kleinen Ausflügen erwählt worden war, begegneten die Kinder einem Weibe, das auf dem Arme ein kaum von den Pocken genesenes Kind trug. Der Vater hatte aus Ängstlichkeit und infolge religiöser Bedenken seitens der Mutter die Kinder noch nicht impfen lassen, auch war die Impfung damals noch nicht allgemein üblich. Wie das Feuer an einer Zündschnur griff nun die Krankheit um sich und befiel alle Mitglieder der Familie, die die Seuche noch nicht gehabt hatten. Der zweite Knabe starb, desgleichen zwei farbige Diener. Die Angst des Vaters und der Mutter hatte den Höhepunkt erreicht, als der Kammerdiener des Generals, der wie er selber aus Northumberland stammte, eines Tages mit der Nachricht nach Hause kam, unter den Ärzten des Lazaretts sei ein junger Mann, gleichfalls ein Northumbrier, der öffentlich die bisherige Behandlungsweise der Krankheit getadelt und eine andere empfohlen hätte, die er selber schon mit bestem Erfolge angewandt hätte. »Laßt den jungen Mann sofort zu mir kommen«, entschied der General ohne weiteres. Elftes Kapitel. Bekanntlich bestand die alte Behandlungsweise der Pocken darin, daß man den Kranken alles versagte, wonach sie naturgemäß verlangten, sie wurden in geheizte Zimmer geschlossen, in wollene Decken gehüllt und erhielten Glühwein als Getränk, während die Natur kaltes Wasser und frische Luft begehrte. Seit einigen Jahren war von mehreren Ärzten eine entgegengesetzte Behandlungsweise angewendet worden, die namentlich von Gideon Gray in hohem Maße vervollkommnet worden war. Als General Witherington den jungen Arzt sah, machte ihn zunächst das jugendliche Alter ein wenig stutzig. Als er ihm aber zugehört hatte, wie er mit Bescheidenheit und Selbstvertrauen den Unterschied zwischen den beiden Heilverfahren auseinandersetzte, hatte er eine andere Meinung von ihm. Dennoch war er sich noch nicht sogleich schlüssig. »Eure Beweisführung scheint einleuchtend,« sagte er zu Hartley, »aber sie beruht immerhin nur auf einer Vermutung. Was könnt Ihr zur Bekräftigung Eurer Theorie anführen, die doch eben dem allgemein üblichen Verfahren zuwiderläuft?« »Die eigene Erfahrung«, antwortete Hartley. »Ich habe hier ein Tagebuch über Krankheitsfälle, deren Behandlung ich mit angesehen habe, es sind zwanzig Fälle von Pocken darin angeführt, von denen achtzehn geheilt wurden.« »Und die anderen zwei?« fragte der General. »Endeten mit dem Tode«, erwiderte Hartley. »Es ist uns noch nicht völlige Gewalt über diese Geißel des Menschengeschlechts gegeben.« »Junger Mann,« fuhr der General fort, »wenn ich Euch nun sage, 1000 portugiesische Dukaten sind Euer, wenn es Euch gelingt, meine Kinder am Leben zu erhalten, was könnt Ihr als Gegengewähr aufstellen?« »Ich setze meinen Ruf dagegen,« antwortete Hartley ruhig und fest. »Und könnt Ihr Euren Ruf einsetzen für die Heilung Eurer Patienten?« »Verhüts Gott, daß ich so anmaßend wäre! ich kann aber dafür einstehen, daß diejenigen Mittel angewendet werden, die mit Gottes Segen die beste Aussicht auf einen glücklichen Ausgang verbürgen.« »Genug,« entschied der General, »Ihr seid vernünftig, bescheiden und kouragiert, ich will Euch vertrauen.« Seine Gattin, auf die Hartleys Worte und Wesen einen tiefen Eindruck gemacht hatten, hegte schon längst den innigen Wunsch, daß mit dieser Behandlungsweise gebrochen würde, bei der die Kranken schmerzlichster Qual und Entbehrung preisgegeben waren, und die sich auch schon als verhängnisvoll erwiesen hatte, erklärte sich mit der Entscheidung ihres Mannes mit Freuden einverstanden, und Hartley erhielt unumschränkte Vollmacht im Krankenzimmer. Die Fenster wurden geöffnet, die Feuer ließ man ausgehen, und an Stelle des Glühweines und der gewürzten Getränke kam frisches Wasser. So ging Hartley ruhig seinen Weg, und die Patienten befanden sich bald auf dem Wege der Besserung. Der junge Schotte war weder dünkelhaft noch durchtrieben, aber er kannte bei aller Gradheit seines Wesens doch den Einfluß, den ein Arzt auf die Eltern, deren Kinder er eben vom sicheren Tode errettet hatte, gewinnen mußte, und diesen Einfluß beschloß er zugunsten seines ehemaligen Kameraden auszunutzen. Auf seinem Wege nach dem Hause des Generals, wo er zurzeit ständig wohnte, untersuchte er das Paket, das Middlemas ihm anvertraut hatte, es enthielt ein einfaches Miniaturbild der Marie Gray und den Brillantring, den der Doktor dem jungen Manne beim Abschied als letzte Gabe seiner Mutter ausgehändigt hatte. Das erste dieser Andenken entlockte Hartley einen Seufzer, vielleicht eine Träne und erfüllte ihn mit traurigen Erinnerungen. »Ich fürchte nur,« dachte Hartley bei sich, »sie hat keine ihrer würdige Wahl getroffen, aber sie soll glücklich werden, wenn es in meiner Macht liegt, sie glücklich zu machen.« Im Hause des Generals angelangt, begab sich Hartley sofort ins Krankenzimmer und brachte dann den Eltern die frohe Kunde, daß die Heilung ihrer Kinder sich als gesichert betrachten ließe. »Doktor,« sagte Witherington, »Ihr habt Euren Ruf eingesetzt, den Euer glänzender Erfolg nun nur noch gesteigert hat, gegen 1000 portugiesische Dukaten. Ihr findet den Betrag hier in diesem Taschenbuch.« »Herr General,« sagte Hartley, »Ihr seid reich und habt ein Recht, Großmut zu üben, ich bin arm und kann es mir nicht leisten, ein Honorar für meine ärztlichen Bemühungen zurückzuweisen, aber selbst in der Freigebigkeit ist eine Grenze, und ich werde mir nur gestatten, die Hälfte dieser Summe als überreiche Belohnung meiner Dienste anzunehmen, und wenn Ihr noch in meiner Schuld zu stehen meint, so tragt sie damit ab, daß Ihr mir Eure gute Meinung wahrt und Eure Gunst.« Nur mit Widerstreben steckte der General einen Teil des Geldes wieder zu sich. »Und wenn ich mich mit Eurem Vorschlag einverstanden erkläre,« sagte er, »so geschieht es nur in Rücksicht darauf, weil ich Euch mit meinem Einfluß weit mehr helfen kann als mit meiner Börse.« »Und in der Tat,« entgegnete Hartley, »wollte ich Euch gerade jetzt um eine kleine Gunst ersuchen.« Der General und seine Gemahlin sprachen in einem Atem die Versicherung aus, daß sein Ansuchen im voraus gewährt sei. »Dessen bin ich noch nicht so gewiß,« versetzte Hartley, »denn es betrifft etwas, worin Euer Exzellenz sonst durchaus unzugänglich ist: die Freigabe eines Rekruten.« »Das verlangt meine Pflicht,« antwortete der General. »Ihr wißt, mit was für einer Sorte von Kerlen wir uns begnügen müssen. Sie betrinken sich, lassen sich am Abend anwerben, und am andern Morgen tut es ihnen wieder leid. Wenn ich da jeden wieder gehen lassen wollte, der von dem Sergeanten beschwindelt worden sein will, so würden wir herzlich wenig Freiwillige übrig behalten.« »Dieser Fall liegt aber etwas eigentümlich. Der junge Mann ist um 1000 Pfund bestohlen worden.« »Ein Rekrut, der sich für uns hat anwerben lassen, im Besitz von 1000 Pfund! Verlaßt Euch drauf, der Kerl hat Euch belogen, Doktor. Wie sollte denn einer, der 1000 Pfund hat, darauf hineinfallen, sich als Gemeiner für uns anwerben zu lassen.« »Davon war auch gar keine Rede,« versetzte Hartley. »Der Schelm, von dem er sich hat übertölpeln lassen, hat ihm weisgemacht, er solle eine Offiziersstelle bekommen.« »Das kann nur Tom Hillary gewesen sein, so frech ist sonst keiner, der Kerl kommt doch noch einmal an den Galgen. Aber habt Ihr auch bestimmten Anhalt dafür, daß der Mann diese Summe in der Tat besessen hat?« »Das weiß ich ganz bestimmt,« erwiderte Hartley. »Wir sind beide zusammen bei dem gleichen trefflichen Manne in Lehre gewesen. Als nun mein Kamerad großjährig wurde, gefiel ihm der ärztliche Beruf nicht mehr, er bekam sein kleines Vermögen ausgezahlt und ist dann den Betrügereien Hillarys zum Opfer gefallen.« »Der Fall soll genau untersucht werden,« versprach der General. »Wie schändlich ist es aber von den Angehörigen des jungen Mannes, sich so wenig um ihn zu kümmern. Einen Burschen, der noch von nichts was weiß, einem Gauner wie diesem Hillary in die Hände fallen zu lassen, ihn mit solch' einer Summe blindlings in die Welt zu schicken!« »Der junge Mann muß wirklich hartherzige und sorglose Eltern haben!« sagte auch Frau Witherington im Tone des Mitleids. »Er hat seine Eltern nie kennen gelernt,« antwortete Hartley. »Ein Geheimnis waltet über seiner Geburt. Von jemand, der ihn nie gesehen und nie zärtlich sich um ihn gesorgt hat, ist ihm sein Erbteil gegeben worden, und er ist in die Welt hinausgeschickt worden, wie ein Schiff ohne Steuer und Kompaß.« Bei diesen Worten sah General Witherington unwillkürlich seine Gemahlin an, die, von dem gleichen innern Antrieb geleitet, ihrerseits ihn ansah. Sie tauschten einen raschen Blick von besonderer Bedeutung aus und senkten dann beide die Augen zu Boden. »Ihr wart in Schottland in der Lehre,« fragte die Dame mit bebender Stimme, »und wie hieß Euer Lehrherr?« »Ich war in Lehre bei Herrn Doktor Gideon Gray in dem Städtchen Middlemas.« »Middlemas – Gray –« hauchte die Dame und fiel in Ohnmacht. Hartley bot seinen ärztlichen Beistand an, der General aber stürzte zu ihr und flüsterte ihr in halb drohendem, halb warnendem Tone zu: »Zilia, hüte dich!« Sie lallte ein paar unverständliche Laute. Dann hob ihr Mann sie auf und trug sie aus dem Zimmer. Nach wenigen Minuten kehrte er zurück und redete Hartley in dem ihm eignen höflichen Tone an, obwohl es ihm nur schwer gelang, seiner Verwirrung Herr zu werden. »Es geht meiner Frau schon wieder besser, sie wünscht Euch zu Mittag zu sehen. Ihr werdet uns doch zu Tisch die Ehre geben?« Hartley verneigte sich. »Meine Frau leidet öfters an derartigen Anfällen. Gram und Besorgnis haben sie in letzter Zeit zu sehr mitgenommen. Ich habe es deshalb nicht gern, daß bei diesen Anfällen, die stets wieder vorübergehen, jemand anders außer mir und ihrer alten Dienerin bei ihr ist. – Was jenen jungen Mann, Euren Freund, anbetrifft, – diesen Richard Middlemas – so nanntet Ihr ihn ja wohl?« »Den Namen nannte ich wohl nicht, indessen,« antwortete Hartley, »haben Euer Exzellenz den Namen getroffen.« »Das ist seltsam, Ihr müßt aber doch so etwas wie Middlemas gesagt haben,« bemerkte der General. »Den Namen der Stadt habe ich genannt,« sagte Hartley. »So dacht ich, das wär' der Name des Rekruten, ich war im Augenblick von dem Anfall meiner Frau ein wenig benommen. Nun, dieser Middlemas, wie er also doch heißt, ist wohl ein wilder Bursche?« »Ich tät ihm unrecht, wollte ich ihn so nennen. Er hat wohl wie andre junge Leute seine Fehler, aber er ist doch ein tüchtiger und ordentlicher Mensch.« »So? Er möchte also Soldat werden? Hat er ein nettes Aeußres?« »Er ist auffallend schön,« versetzte Hartley, »und von einnehmendem Wesen.« »Hat er dunkeln oder hellen Teint?« »Ziemlich dunkel. Noch einen Schein dunkler als Euer Exzellenz, wenn ich mir diesen Vergleich erlauben darf.« »Ei, dann muß er so schwarz sein wie eine Amsel. Beherrscht er fremde Sprachen?« »Lateinisch und Französisch ziemlich vollkommen.« »Fechten und tanzen kann er aber jedenfalls nicht?« »Ich kann mir in diesen Dingen kein Urteil anmaßen, aber Richard gilt als Meister in beiden.« »Das alles zusammen klingt gar nicht häßlich. Hübsches Äußere, körperliche Gewandtheit, gute Schulbildung, tüchtiger, nicht allzu wilder Charakter – der Mann ist zu schade zu einem Gemeinen – er muß eine Offiziersstelle haben, Doktor, wär's auch nur, um Euch einen Gefallen zu tun.« »Euer Exzellenz sind großmütig.« »Ich werde dafür sorgen, daß Tom Hillary ihm das gestohlene Gut zurückerstattet, wenn er nicht an den Galgen will – ein Schicksal, das er freilich schon längst verdient hat. Ihr aber geht heute nicht nach dem Lazarett, denn Ihr sollt bei uns speisen und wißt, wie groß die Angst meiner Frau vor Ansteckung ist. Aber morgen werdet Ihr Euch darum kümmern, daß der junge Mann mit allem, was er braucht, ausgerüstet wird. Mit dem ersten Ostindienfahrer Middlesex soll er dann abreisen.« »Werden Euer Exzellenz erlauben, daß er Euch vorher seine Aufwartung macht?« »Das hätte keinen Zweck,« entgegnete der General schnell und bestimmt, »Doch ja! Ich möchte ihn einmal sehen. Mein Diener Winter wird ihm die Zeit nennen und ihn herführen. Vorher aber muß er mindestens zwei Tage aus dem Lazarett sein. Je eher Ihr ihn hinauslaßt, um so besser.« Obwohl Hartley in die Umstände der Geburt seines Jugendkameraden nicht eingeweiht war, machte ihn doch mancherlei an dem Benehmen des Generals und seiner Frau stutzig und er beschloß, einen kleinen Versuch zu machen, den er im Grunde für ziemlich harmlos hielt. Er steckte den Ring an den Finger, den Middlemas ihm anvertraut hatte, und wußte es so einzurichten, daß Frau Witherington auf den Schmuck aufmerksam wurde. Sie hatte ihn kaum gesehen, als sie auch die Augen fest auf ihn geheftet hielt und ihn genauer zu betrachten wünschte, weil er frappant einem Ringe ähnelte, den sie einem Freunde geschenkt habe. Hartley zog ihn vom Finger und reichte ihn ihr mit der Bemerkung, er gehöre seinem Freunde, für den er bei dem General ein gutes Wort eingelegt habe. In größter Aufregung zog sich Frau Witherington zurück und ließ am nächsten Tage Hartley zu einer Unterredung zu sich kommen, von deren Inhalt später die Rede sein wird. Am folgenden Tage wurde Middlemas zu seiner großen Freude aus dem Lazarett entlassen und bei seinem Freunde einquartiert. Zwei Tage später traf sein Patent als Leutnant im Dienste der Ostindischen Gesellschaft ein. Zwölftes Kapitel. Ehe der neue Leutnant die Reise antrat, wurde er von dem Kammerdiener Winter aufgefordert, ihm zum General zu folgen, um dem hohen Herrn vorgestellt zu werden. Während beide den Weg zurücklegten, harrten ihrer der General und seine Frau in banger Spannung. Sie saßen in einem luxuriös ausgestatteten Empfangszimmer. Der General hatte sich hinter einen großen Leuchter gesetzt, so daß er im Schatten des Schirmes saß, von wo aus er den Besuch beobachten konnte, ohne selber genauer Beobachtung ausgesetzt zu sein. Seine Gattin saß auf einem Berg von Kissen – eine Dame, die die volle Blüte der Schönheit schon überschritten hatte, deren Äußeres aber noch deutlich die Kennzeichen ihrer frühern wundersamen Schönheit zeigte. Sie erschien jetzt in tiefster Erregung. »Zilia,« sagte ihr Gemahl, »du bist es nicht imstande – du hast dir zu viel zugetraut – hör auf meinen Rat und geh hinaus – ich will dir alles mitteilen, was vor sich geht – nur geh jetzt! Weshalb hältst du so hartnäckig an dem Verlangen fest, ein Wesen auf einen Augenblick zu sehen, mit dem du doch niemals wieder zusammenkommen darfst?« »Ach, mein Gemahl!« entgegnete die Dame. »Ist nicht deine Erklärung, daß ich ihn nie wieder sehen soll, Grund genug für mich, ihn wenigstens jetzt zu sehen? – Soll ich nicht einmal den Wunsch hegen, das Angesicht und die Gestalt, die ich doch zeit meines Lebens nicht mehr schauen darf, meinem Gedächtnis einzuprägen? Liebster Richard, sei nicht grausamer als mein armer Vater selbst im ärgsten Zorn gewesen ist. Er hat mich das Antlitz des Kindes sehen lassen, und diese Erinnerung war mir ein Trost in den Jahren bittern Grames, der meine Jugend verzehrt hat.« »Genug, Zilia, ich habe es dir versprochen – und mein Versprechen will ich halten, was auch geschehen mag. Nur denke dran, was von diesem verhängnisvollen Geheimnis alles abhängt – dein Rang und deine gesellschaftliche Stellung und meine Ehre. Jammervolles Elend und Blutvergießen wäre die Folge, wenn irgendwer das Geheimnis erführe.« Gleich darauf öffnete sich die Tür – der Kammerdiener meldete den jungen Leutnant an – und Richard Middlemas stand, ohne es zu wissen, vor seinen Eltern. Witherington fuhr auf, zwang sich jedoch wieder zu jener Ruhe und Würde, mit der ein Vorgesetzter einen Untergebenen empfängt. Die Mutter vermochte sich weniger zu beherrschen. Sie sprang auf, als wollte sie sich ihrem Sohne, um den sie Unglück und Kummer erduldet hatte, um den Hals werfen, aber ein warnender Blick ihres Gatten hielt sie zurück, und sie blieb stehen mit vorgebeugtem Kopf und ineinandergepreßten Händen, regungslos wie eine Statue. »Ich schätze mich glücklich,« begann Middlemas, da der General das Gespräch nicht eröffnen zu wollen schien, »Euer Exzellenz meinen Dank aussprechen zu können, den ich nie zur Genüge abzustatten imstande sein werde.« Obgleich er so gleichgültige Worte sprach, schien doch der Klang seiner Stimme den Zauber zu lösen, der die Mutter in regungsloser Spannung hielt. Sie seufzte tief und sank in die Kissen zurück. Middlemas sah nach ihr hin, und der General sagte rasch: »Meine Frau, Herr Middlemas, ist leidend – Euer Freund, Herr Hartley, wird wohl davon gesprochen haben – es ist ein Nervenleiden,«« Herr Middlemas sprach ein paar Worte der Teilnahme. »Euer Patent habt Ihr wohl erhalten? – Habt Ihr noch einen besonderen Wunsch betreffs Eures Reisezieles?« »Nein, Euer Exzellenz,« antwortete Middlemas. »Ich glaube, mein Freund Hartley hat Euer Exzellenz gesagt, wie es mit mir bestellt ist, daß ich eine arme Waise bin, die von den Eltern im Stich gelassen und in die weite Welt hinausgestoßen worden ist – ich bin ein Ausgesetzter, den niemand kennt und um den niemand sich kümmert, und dessen Eltern nur den einen Wunsch hegen, daß er möglichst weit weg und ungenannt leben möge, damit er ihnen nicht zum Schimpfe werde!« Zilia rang die Hände und zog den Schleier dicht über das Gesicht, um ihr Schluchzen zu unterdrücken. »Herr Hartley,« versetzte der General, »hat mir nichts Näheres über Eure Verhältnisse mitgeteilt und ich will Euch auch den Kummer ersparen, den es bereiten muß, näher darauf einzugehen. Ich möchte nur wissen, ob es Euch recht ist, wenn ich Euch nach Madras gehen lasse.« »Gewiß, Euer Exzellenz, mir ist jeder Ort genehm, nur mit dem Schurken Hillary möchte ich nicht wieder zusammentreffen.« »Dafür ist gesorgt, damit Ihr übrigens seht, daß der Schuft weiß, was sich gehört, so sind hier die Banknoten wieder, die er Euch gestohlen hat.« Richard Middlemas sank aufs Knie und küßte die Hand, die ihm sein verlornes Vermögen zurückgab. »Ihr seid mir mehr als ein Vater!« rief er überschwenglich. »Ich stehe bei Euch in größerer Schuld als bei meinen unnatürlichen Eltern, die mich in Sünde zur Welt brachten und mich in Grausamkeit verließen!« Als Zilia diese Worte hörte, warf sie den Schleier zurück und hob die Arme, dann seufzte sie laut und fiel in Ohnmacht. Der General stieß Middlemas heftig zurück, eilte seiner Gattin zu Hilfe und trug sie wie ein Kind auf den Armen in das Zimmer nebenan. Man kann sich sein Entsetzen denken, als alle Versuche und Bemühungen, sie zum Bewußtsein zurückzurufen, vergeblich blieben. Diener wurden nach Ärzten geschickt, nach Hartley und jedem andern, der zu finden war. Der General stürzte in seiner Verzweiflung in das Zimmer, das er soeben verlassen hatte, und sah sich hier wieder Middlemas gegenüber, der, über das Geschrei bestürzt, der Tür sich genähert hatte. Der Anblick des unglücklichen jungen Mannes steigerte die Verzweiflung des Generals zum Wahnsinn. Er schien in seinem Sohn den Mörder seiner Frau zu erblicken, er packte ihn am Kragen und schleppte ihn in das Gemach, wo die Tote lag. »Komm her,« schrie er, »du, dem ein Leben in stiller Verborgenheit ein so elendes Schicksal war – komm her und sieh die Eltern, die du so sehr beneidet hast – die du so oft verflucht hast! – Sieh diesen bleichen hagern Leichnam, eher eine Gestalt von Wachs als von Fleisch und Blut – das ist deine Mutter – das ist die unglückliche Zilia von Moncada, für die deine Geburt eine Quelle des Jammers und der Schande war, und die deine unheilvolle Anwesenheit schließlich noch in den Tod gejagt hat! Und sieh auf mich! Siehst du nicht Schwefelflammen um mein Haupt lodern und Blitze von meiner Stirn ausgehen? – Ich bin der Vater, den du suchst – ich bin der verruchte Tresham, der Verführer Zilias und der Vater ihres Mörders.« In diesem Augenblick trat Hartley ein, er erkannte sofort, daß die Verstorbene aller menschlichen Hilfe entrückt sei, und da er teils aus den Mitteilungen des Kammerdieners, teils aus den wirren Reden des Generals entnehmen konnte, was für eine Enthüllung hier stattgefunden hatte, beeilte er sich, dem peinlichen Auftritt ein Ende zu machen. Aber Witherington schien in seiner Raserei gütigen Vorstellungen nicht zugänglich. »Was kümmert's mich!« rief er, »Mag die ganze Welt meine Sünde und Strafe erfahren! Ich fürchtete mich davor nur, solange Zilia noch lebte, und Zilia ist tot!« »Aber ihr Andenken habt Ihr zu schonen und den Ruf Eurer Kinder!« rief Hartley. »Gewiß!« stimmte Middlemas ungestüm bei, »und auch ich bin Euer Sohn – ein Sohn von der Euch angetrauten Gemahlin! Ich fordere von Euch, daß Ihr meine Rechte anerkennt und rufe alle hier Anwesenden zu Zeugen auf!« »Elender!« rief der wahnsinnige Vater. »Wie kannst du inmitten des Todes und der Tollheit an deine schmutzigen Rechte denken? Du bist der Teufel, der mein Unglück in dieser Welt veranlaßt hat und meine Verdammnis in der andern Welt teilen wird. Mir aus den Augen und mein Fluch mit dir!« Middlemas stützte aus dem Zimmer, eilte in den Stall, ergriff das erste beste Pferd und sprengte davon. Hartley stand im Begriff, ihm zu folgen, allein die Dienerschaft umringte ihn und flehte ihn an, doch ihren Herrn nicht in dieser Not zu verlassen. Er blieb und es gelang ihren vereinten Kräften, ihn zu Bett zu schaffen. Der Tobsuchtsanfall ließ nach, der Arzt gab eine niederschlagende Medizin, und der Unglückliche verfiel in einen tiefen Schlaf, aus dem er erst gegen Morgen wieder zu sich kam. Er erwachte zu vollem Bewußtsein des Vorgefallenen und brach in Schluchzen und Tränen aus. Als Hartley, der die Nacht über bei ihm gewacht hatte, zu ihm trat, erkannte er ihn sofort und sagte zu ihm: »Fürchtet Euch nicht vor mir, der Anfall ist vorüber. Geht und sorgt dafür, daß jener Unglückliche England sobald als möglich verläßt und nach dem Lande reist, wohin ihn sein Schicksal ruft und wo wir uns nie wieder sehen können. Mein Kammerdiener kennt mich und wird inzwischen für mich sorgen.« »Tut das«, setzte der Kammerdiener flüsternd hinzu. »Vor allen Dingen sorgt dafür, daß mein Herr nie wieder mit diesem abscheulichen Menschen zusammentrifft.« Dreizehntes Kapitel. Als Adam Hartley in seine Wohnung im schönen Städtchen Ryde kam, erkundigte er sich zuerst nach seinem Kameraden, er erfuhr, daß dieser in der verflossenen Nacht spät nach Hause gekommen war, Mann und Pferd waren von Schaum bedeckt gewesen. Auf die Frage, ob er zu Abend essen wolle, hatte der junge Mann nicht geantwortet, er hatte ein Licht genommen, war die Treppe hinunter gelaufen und hatte sich in seinem Zimmer eingeschlossen. Die Diener glaubten, er habe einen kleinen Rausch gehabt und in diesem Zustand einen tollen Ritt gemacht, nun habe er nicht andre merken lassen wollen, was mit ihm los sei. Nicht ohne Besorgnisse trat Hartley an die Tür seines Zimmers. Nachdem er mehrmals angeklopft hatte, erhielt er endlich die Antwort: »Wer ist da?« Als Hartley seinen Namen nannte, machte Middlemas auf. Er war sauber gekleidet und sorgsam gepudert, aber das Bett war noch unbenutzt, und sein Antlitz war verstört und übernächtigt. Seine Rede hatte den Ton erzwungener Gleichgiltigkeit. »Ich wünsche Euch Glück, Adam, Ihr laßt Euch ganz gut an als gewiegter Weltweiser«, sagte er. »Es ist ein günstiger Augenblick, den armen Erben aufzugeben und sich an den zu halten, dem Reichtum in den Schoß geschneit ist.« »Ich war in der vergangenen Nacht bei General Witherington,« erwiderte Hartley, »weil es ihm sehr schlecht ging.« »So sagt ihm, er solle Buße tun für seine Sünden,« sagte Middlemas, »ein Arzt darf ebenso geistlichen Rat erteilen wie ein Prediger. Erinnert Ihr Euch, wie Doktor Dulberry, unser Pfarrer, dem Doktor Gray den Vorwurf machte, er pfusche ihm ins Handwerk? Ha, ha, ha!« »Ich begreife nicht, wie Ihr in Eurer Lage so reden könnt,« sagte Hartley. »Ei! Hab' ich doch gestern meine Eltern gefunden!« rief Middlemas. »Meine Mutter hat, wie Ihr wißt, ihr Sterben genau bis zu diesem Augenblick aufgeschoben, und mein Vater hat mit dem Verrücktwerden solange gewartet. Ich schließe daraus, sie haben beide mit Absicht so gehandelt, um mich um mein rechtmäßiges Erbteil zu prellen, da mein Vater von Anfang an nichts von mir hat wissen wollen.« »Euer Erbteil!« entgegnete Hartley, bestürzt über die Ruhe Richards und in dem Glauben, der Wahnsinn seines Vaters habe auch ihn ergriffen. »In des Himmels Namen! faßt Euch und laßt von solcher Täuschung! Von was für einem Erbteil hat Euch denn geträumt?« »Von dem meiner Mutter doch wohl, deren Schätze der alte Moncada geerbt haben muß – auf wen sonst als auf ihre Kinder können sie übergehen, und ich bin der älteste unter ihnen, das ist nicht abzuleugnen.« »Richard, bedenkt und faßt Euch!« »Das ist geschehen, was weiter?« »Ihr dürft nicht vergessen, daß Ihr infolge Eurer Geburt von jeder Erbschaft ausgeschlossen seid, wenn nicht ein besondres Testament zu Euren Gunsten vorhanden ist.« »Da irrt Ihr Euch, Herr, ich bin ein rechtmäßiger Sohn. Die kränkliche Brut, die Ihr vom Tode errettet habt, besitzt nicht mehr Rechte als ich – die Eltern wollten nicht einmal, daß die Luft des Himmels sie frei anwehte, und mich überließen sie den Winden und Wogen – aber ich bin ebenso ihr rechtmäßiger Sproß wie jene Kinder schwächerer Gesundheit, die sie in vorgerückteren Jahren bekommen haben. Ich habe sie gesehen, Adam, Winter hat sie mir gezeigt in der Kinderstube, während meine Eltern all ihren Mut zusammen nahmen, mich zu empfangen. Da lagen sie – die Kinder, die mir vorgezogen werden. Die Schätze des Orients waren in verschwenderischer Fülle ausgebreitet, daß sie sanft schlafen und in Pracht erwachen könnten. Ich, ihr ältester Bruder, ich, der Erbe, stand neben ihrem Bette in geborgtem Kleide, das ich erst vor kurzem mit den Lumpen eines Hospitals vertauscht habe. Ihr Lager duftete von Wohlgerüchen, während ich von den Ausdünstungen eines Pesthauses dampfte. Und so bin ich – ich sage es nochmals – ich, der Erbe meiner Eltern, die Frucht ihrer ersten und innigsten Liebe – so bin ich behandelt worden! Kein Wunder, daß ich mir den Blick eines Basilisken angeeignet habe.« »Ihr sprecht, als wärt Ihr vom bösen Geiste besessen,« sagte Hartley, »oder Ihr steht unter einem furchtbarem Irrtum.« »Ihr haltet nur die für gesetzmäßig verheiratet, über die ein verschlafener Pastor den Segen gesprochen oder vielmehr aus einem Buche voll Eselsohren vorgelesen hat? So ist es vielleicht bei Euch in England, aber bei uns in Schottland ist die Liebe selber der Priester. Wenn sich ein Liebespaar Treue gelobt, so braucht nur der blaue Himmel droben Zeuge zu sein, und ein vertrauensvolles Mädchen ist gegen den Treubruch eines leichtfertigen Verehrers ebenso geschützt, wie wenn der Dechant in der höchsten Kathedrale Englands die Feier vollzogen hätte. Noch mehr, wenn der Vater das Kind der Liebe bei der Taufe anerkennt – wenn er die Mutter achtbaren Leuten als seine Frau vorstellt, so darf er nach den Gesetzen Schottlands nicht die Ansprüche wieder rückgängig machen, die er damit dem verführten Weibe und dem Sprößlinge der gegenseitigen Liebe eingeräumt hat. Dieser General Tresham oder Witherington hat nun meine Mutter als eine Frau behandelt, in Anwesenheit von Gray und andern Leuten, er hat sie in die Familie eines ehrbaren Mannes eingemietet und ihr denselben Namen gegeben, den zu führen ihm damals gerade einfiel. Er hat mich dem Prediger als seinen rechtmäßigen Sprößling überreicht, und das Gesetz nimmt in Schottland ein hilfloses Kind in Schutz, er darf auf Grund dieses Gesetzes mir jetzt nicht die Anerkennung verweigern, die er damals in aller Form zugegeben hat. Ich kenne meine Rechte und bin entschlossen, sie geltend zu machen.« »So wollt Ihr nicht an Bord des Middlesex?« wandte Hartley ein. »Überlegt Euch das noch, Ihr könntet Eure Offizierstelle einbüßen.« »Dafür verschaffe ich mir mein Geburtsrecht,« erwiderte Richard Middlemas. »Als ich die Absicht hatte, nach Indien zu gehen, da habe ich meine Eltern noch nicht gekannt, und wußte auch nicht, wie ich zu dem Rechte, das ich durch sie habe, kommen sollte. Dieses Rätsel ist nun aber gelöst, ich habe Anspruch auf mindestens ein Drittel von Moncadas Vermögen, das sehr bedeutend ist, wie ich erfahren habe. Wenn Ihr nicht wärt und die Pocken so gut zu behandeln verstündet, so hätte ich ein Anrecht auf das Ganze. Als der alte Gray sich fast die Perücke vom Kopfe riß vor Eifer, weil das Fenster aufgemacht und das Feuer ausgemacht werden sollte und an Stelle des Branntweins Wasser gereicht werden sollte, da habe ich mir nicht träumen lassen, daß diese neue Behandlungsweise der Pocken mir einen solchen Streich spielen und mich um so viele tausend Pfund bringen würde.« »Ihr seid also entschlossen, bei Eurem tollen Entschlusse zu bleiben?« »Ich kenne meine Rechte und bin entschlossen, sie geltend zu machen,« erwiderte der starrsinnige junge Mann. »Es tut mir leid um Euch, Herr Richard Middlemas,« sagte Hartley. »Es tut mir leid um Euch, weil Ihr so hartnäckig an Eurer Selbstsucht festhaltet nach dem gestrigen Auftritt, und weil Ihr Euch dem eitlen Traume hingebt, daß Ihr auf diese Weise zu Reichtum gelangen könntet.« »Ihr zeiht mich der Selbstsucht?« rief Middlemas. »Ich bin im Gegenteil ein pflichttreuer Sohn, der das Andenken seiner Mutter zu reinigen sucht – und Träumereien sollte ich mich hingeben? – Diese Hoffnung ist in mir erwacht, als der alte Moncada an Gray schrieb und mir meine Lage zum erstenmal klar wurde. Glaubt Ihr denn, ich hätte mich jemals in das langweilige Leben hineingefunden, wenn ich nicht dadurch den einzigen Faden in der Hand behalten hätte, der mich noch mit meinen unnatürlichen Eltern verband, und wenn ich nicht allein auf diese Weise mir die Möglichkeit sicherte, mich ihnen aufzudrängen und mir im Notfalle die Rechte eines gesetzlichen Kindes zu erzwingen? Daß Moncada nichts mehr von sich hören ließ und dann sein Tod hat meinen Plan vereitelt, und da erst habe ich mich mit dem Gedanken an Indien ausgesöhnt.« »Ich will Euch nicht täuschen, Herr Middlemas,« sagte Hartley, »obgleich ich befürchten muß, Euch Kummer zu verursachen. Ich habe gestern eine lange Unterredung mit Eurer Mutter gehabt, sie hat Euch zwar als ihren Sohn anerkannt, aber eingestanden, daß Ihr vor der ehelichen Verbindung zur Welt gekommen wäret. Diese ausdrückliche Erklärung vernichtet alle Euere Hoffnungen. Wenn Ihr wollt, will ich Euch den Inhalt ihrer Erklärung mitteilen, die sie mir in ihrer eigenen Handschrift überreicht hat.« Hartley begann nun die Ereignisse zu erzählen, die der Geburt Richards vorausgingen und die ihr folgten, und Middlemas, auf seiner Schiffskiste sitzend, hörte mit unnachahmlicher Fassung diesen Bericht mit an, der all seine blühenden Hoffnungen auf Reichtum in der Wurzel ausrodete. Vierzehntes Kapitel. Zilia von Moncada war das einzige Kind eines sehr reichen jüdischen Kaufmannes aus Portugal, der sich in London niedergelassen hatte. Unter den wenigen Christen, die in seinem Hause verkehrten, war auch Richard Tresham, ein Mann aus hohem northhumbrischen Hause, der eine Zeitlang Offizier im Heere des Königs von Portugal gewesen war. Das angenehme Äußere des Herrn, sein vornehmes Wesen, seine ausgezeichnete Kenntnis der portugiesischen Sprache gewannen ihm die Freundschaft des alten Herrn und das Herz seiner jungen, schönen Tochter. Tresham hielt bei Moncada um die Hand der Zilia an. Der Handelsherr verweigerte seine Einwilligung und verbot ihm sein Haus. Er konnte aber nicht verhindern, daß die Liebenden sich heimlich sahen. Der junge Mann nutzte die Gelegenheiten, die ihm die unschuldige Zilia bot, in unehrenhafter Weise aus, und die Folge war die Verführung des Mädchens. Der Verehrer hatte aber die beste Absicht, sein Unrecht wieder gutzumachen. Es wurde beschlossen, nach Schottland zu fliehen. Die eilige Flucht, die ständige Angst führten zu einer vorzeitigen Entbindung, sodaß die junge Mutter die Hilfe des Doktor Gray in Anspruch hatte nehmen müssen. Das Paar war kaum ein paar Stunden in Middlemas gewesen, als Tresham durch einen scharfsichtigen Freund den Wink erhielt, ein Haftbefehl wegen Hochverrats sei gegen ihn ausgestellt, der auf das Gesuch Moncadas hin gleichzeitig auch auf den Namen seiner Tochter lautete. Der Vater ereilte sein Kind, nahm es mit sich und verurteilte es zu strengster Einsamkeit. Tresham flüchtete, verbarg sich in den Hochlanden, bis die Geschichte von seinem heimlichen Briefwechsel mit Karl Eduard von Portugal vergessen war, und trat dann nach mehreren Jahren in den Dienst der Ostindischen Gesellschaft unter seinem mütterlichen Namen Witherington. Seine militärische Begabung verschaffte ihm bald ein hohes Amt und bedeutenden Reichtum. Sein Ruhm, sein Reichtum und die Erkenntnis, daß Zilia doch keinen andern heiraten werde als den Mann ihrer ersten Liebe, bekehrten den alten Moncada von seiner hartnäckigen Abneigung, und nach einer Trennung von vierzehn Jahren wurden die Liebenden endlich durch die Ehe miteinander verbunden. General Witherington war bereitwillig mit dem Wunsche seines Schwiegervaters einverstanden, daß jede Erinnerung an vergangene Zeiten getilgt sein sollte und daß der Sohn – das Kind ihrer frühen und unglücklichen Liebe für immer fern und in fremden Händen, obwohl von ihnen mit allem nötigen versehen, bleiben sollte. Die Mutter freilich dachte anders. Sie sehnte sich nach ihrem ersten Kinde, aber sie wagte nicht, sich dem Willen ihres Vaters und der Entscheidung ihres Mannes zu widersetzen. Die vielen Jahre lang schrie ihr Herz nach ihrem Kinde. Und diese so lange unterdrückten Gefühle, mit Innigkeit gehegt, brachen nun bei der unvermuteten Entdeckung ihres Sohnes im vollen Strome hervor, als sie ihn, aus größter Not und dringendster Lebensgefahr errettet, plötzlich vor sich sah. Vergeblich versicherte ihr Gemahl, er werde sich des jungen Mannes annehmen und mit Geldmitteln und seinem Einfluß für sein Wohlergehen sorgen, sie war nicht eher beruhigt, als bis sie selber etwas getan hatte, das Los der Verbannung zu mildern, zu dem ihr Erstgeborener verurteilt war. Sie war dazu um so fester entschlossen, als sie sich durch die langen Jahre geheimen Leidens völlig gebrochen fühlte. Es lag nahe, daß sie sich an Hartley, den Kameraden ihres Sohnes wandte, dem sie ohnehin die Rettung ihrer jüngeren Kinder verdankte. Sie übergab ihm die Summe von 2000 Pfd. – ihr unangefochtenes Privateigentum – und bat ihn mit den zärtlichsten und liebevollsten Worten, er möchte das Geld in derjenigen Weise, die er für die förderlichste halte, zum besten ihres armen Sohnes verwenden. Sie gab ihm die Versicherung, daß sie ihn weiterhin unterstützen werde, sobald das erforderlich sein werde, und gab Hartley ein Schreiben, das er ihrem Sohne überreichen sollte, wenn er es für angebracht hielte. Das Schreiben hatte folgenden Inhalt: »O Benoni, Kind meines Kummers! Warum soll Deine unglückliche Mutter Dich mit Augen schauen dürfen, während es doch ihren Armen versagt bleibt, Dich an den Busen zu drücken? Möge der Gott der Juden und Heiden Dich beschützen! Daß er doch zu seiner Zeit die Finsternis aufhöbe, die zwischen mir und dem Geliebten meines Herzens besteht – der ersten Frucht meiner unglücklichen und ach! unheiligen Liebe! Denke nicht, mein geliebtes Kind, Du seist ein einsamer Verbannter, denn Deiner Mutter Gebet steigt auf für Dich bei Sonnenaufgang und Untergang, und fleht Segen herab auf Dein Haupt. Trachte aber nicht danach, mich zu sehen – ach! weshalb muß ich doch so etwas schreiben! – aber ich will mich neigen in den Staub und meine Sünde und Torheit anklagen! – trachte nicht danach, mich zu sehen oder mich zu sprechen – es könnte der Tod sein von uns beiden! Vertraue Deine Gedanken dem ausgezeichneten Hartley, der der Schutzengel von uns allen war, und was er Dir rät, das soll geschehen, soweit es in Deiner Mutter Macht liegt. Und die Liebe einer Mutter – können Meere sie einschließen, oder kommt je eine Wüste oder eine weite Welt ihr an Ausdehnung gleich! O Kind meines Kummers, o Benoni, sei im Geiste bei mir, wie ich bei Dir bin! Z.M.« »Sicherlich,« dachte Hartley, als er seinen Bericht beendet hatte, »werden bei einem solchen Zauber die Teufel des Ehrgeizes und der Habsucht ihre Klauen von dem Manne lassen, den sie jetzt als ihre Beute festgehalten haben.« Wirklich hätte Richards Herz von Stein sein müssen, wenn ihn nicht dieses erste und letzte Zeugnis von der Liebe seiner Mutter hätte rühren sollen. Er legte den Kopf auf den Tisch, und seine Tränen flossen reichlich. »Und nun,« schloß Hartley, »habe ich nur noch die Pflicht, Euch die Summe zu überreichen, die Eure Mutter mir anvertraut hat.« Middlemas nahm die Banknoten und zählte sie mit kaufmännischer Genauigkeit, und obgleich er mit einer Miene tiefster Niedergeschlagenheit nach der Feder griff, faßte er doch den Empfangsschein, den er jetzt schrieb, in gut gewählten Ausdrücken ab, die wohl bezeugten, daß er seine Verstandeskräfte völlig beisammen hatte. »Mein Geschick ist grausam,« sagte er dann mit einer Pose des Grames. »Ich freute mich schon, daß ich endlich meine Eltern gefunden hatte, ich war schon entschlossen, meine Rechte geltend zu machen und mir zu erzwingen, was mir zusteht. Meine Eltern mochten ja wohl auch selber willens gewesen sein, mich zum Erben einzusetzen. Nun hat ein Zufall alles zu nichte gemacht. – Verflucht! Wieder ist mir der Becher von den Lippen weggerissen worden!« »Ihr müßt bedenken,« antwortete Hartley, »daß diese Mitteilungen, die freilich Eure allerdings ganz unbegründeten Hoffnungen vernichtet haben, denn Ihr seid ja vor der rechtmäßig geschlossenen Ehe geboren worden – gleichzeitig doch eine Verdreifachung Euers bisherigen Vermögens mit sich bringen, und daß viele Millionen nicht halb soviel besitzen wie Ihr, wenn auch ein paar tausende auf der Welt reicher sind. Hebt Euch also mutig über Euern Unstern hinweg und verzweifelt nicht daran, daß auch Ihr es im Leben noch zu etwas bringen könnt.« Fünfzehntes Kapitel. Am andern Tage trat Middlemas auf dem Ostindienfahrer seine Reise an. In der ersten Zeit fühlte er sich sehr unglücklich, da er aber von Kindheit an gewöhnt war, seine innern Gedanken zu verbergen, so gab er nach Verlauf einer Woche den heitersten und artigsten Passagier ab, der je die ermüdende Reise von England nach Indien gemacht hat. In Madras, wo die Geselligkeit zwischen den ansässigen Engländern ausartete, wurde er mit all der der britischen Welt im Osten charakteristischen Gastfreundschaft aufgenommen. Middlemas war im besten Zuge, in dem Orte ein unentbehrlicher Gast jedes Festes zu sein, als der Zufall es fügte, daß auch Hartley in derselben Kolonie die Stelle eines Unterarztes erhielt. Er hätte zwar bei einem solchen Posten keinen erheblichen Anspruch auf große Höflichkeit und Aufmerksamkeit gehabt, allein er brachte wichtige Empfehlungsbriefe vom General Witherington mit, die an die vornehmsten Einwohner der Kolonie gerichtet waren. Middlemas mußte daher sich wieder in denselben Kreisen wie er bewegen, und es blieb ihm nichts weiter übrig, als in seinen Beziehungen zu ihm die Höflichkeit nach außen hin zu wahren oder gänzlich mit ihm zu brechen. Die erstere Weise wäre vielleicht die klügere gewesen, die letztere aber war dem geraden derben Charakter Hartleys mehr angemessen, und dieser erachtete es weder für zweckmäßig noch für behaglich, den Anschein eines freundlichen Verkehrs aufrecht zu erhalten, um Haß, Verachtung und gegenseitigen Widerwillen zu verbergen. Der gesellschaftliche Umgang in der Kolonie war damals noch auf einen engen Kreis beschränkt, und so mußte die Kälte der beiden jungen Leute gegeneinander auffallen. Es wurde ruchbar, daß sie früher intime Freunde und Studiengenossen gewesen waren, und das Gerücht gab für ihre Feindschaft verschiedene Gründe an. Hartley kümmerte sich wenig darum, Leutnant Middlemas aber trug Sorge, daß ein Gerede im Gange blieb, das die Ursache ihres gespannten Verhältnisses in einem für ihn vorteilhaften Lichte darstellte. »Wir waren einmal so etwas wie Nebenbuhler,« sagte er, wenn er danach gefragt wurde, »ich habe nur das Glück gehabt, daß eine schöne Dame sich aus mir mehr machte als aus meinem Freunde Hartley. Darüber hat er sich mit mir entzweit, und er hat es auch jetzt noch nicht vergessen, wie man sieht. Ich halte es für höchst albern, daß er mir das jetzt noch nachträgt, wo doch schon soviel Zeit darüber vergangen ist und wir soweit weg von jenem Orte sind. Aber im übrigen ist mein Freund ein ganz guter Kerl.« Während dieses Geflüster seine Wirkung nicht verfehlte, erhielt Hartley doch von der Regierung die schmeichelhaftesten Versicherungen baldiger Beförderung, und nach kurzer Zeit wurde ihm der gewinnreiche Posten eines Arztes in einer entfernteren Kolonie übertragen. Er kam infolgedessen auf einige Zeit von Madras weg. Nach seiner Abreise fiel es unangenehm auf, daß sich Middlemas von wenig sympathischer Seite zeigte, wie wenn ein Hemmnis nun beseitigt sei, das ihn bisher ein wenig im Zaume gehalten habe. Der junge Mann begann jetzt ein hochfahrendes und herrschsüchtiges Wesen herauszukehren. Er hatte in der Kolonie aus Gründen, die der Leser durchschauen kann, die aber von den Leuten nur als bloße Grille ausgelegt wurden, seinem Namen Middlemas den Namen Tresham beigefügt. Er bestand darauf mit einer Hartnäckigkeit, der der Oberst seines Regimentes, ein alter mürrischer Pedant im Dienste nicht nachzugeben gesonnen war. »Ich kenne,« sagte dieser, »einen Offizier nur bei dem Namen, der in seinem Patent angegeben ist.« Und er nannte daher seinen Leutnant stets nur Middlemas. An einem verhängnisvollen Abend geriet der Oberst darüber so außer sich, daß er die Bemerkung fallen ließ, jeder müsse ja am besten wissen, wie er heiße. »Nicht jedes Kind,« sagte er, »kennt seinen Vater – wie soll da jedes Kind auch seinen wirklichen Namen wissen?« Die Folge war, daß Middlemas den Oberst forderte. Bei dem Duell boten nach dem ersten Kugelwechsel die Sekundanten ihre Vermittlung an. Middlemas schlug jede Einigung ab. Beim zweiten Kugelwechsel erschoß er seinen Kommandanten. Er mußte nun aus den britischen Niederlassungen fliehen, da die allgemeine Ansicht war, daß er den Streit vom Zaune gebrochen habe, so mußte er darauf gefaßt sein, daß die ganze Strenge der militärischen Disziplin ihn treffen würde. Er verschwand. Zuerst erregte der Vorfall großes Aufsehen, bald aber sprach man nicht weiter darüber. Man war der Meinung, er habe das Glück, auf das er in den britischen Niederlassungen nicht mehr hoffen könnte, am Hofe eines eingeborenen Fürsten gesucht. Nach diesem verhängnisvollen Auftritt waren drei Jahre verflossen. Hartley war nach Madras zurückgekehrt und hatte sich dort als Arzt niedergelassen. Er war auf dem besten Wege, zu Ruhm und Reichtum zu gelangen. Seine Praxis war nicht allein auf seine Landsleute beschränkt, er war unter den Eingeborenen sehr begehrt, die die Überlegenheit der Europäer im ärztlichen Beruf sehr hochschätzen, wenn sie auch in andrer Hinsicht viele Vorurteile gegen sie hegen. Dieser gewinnreiche Zweig seiner Tätigkeit brachte es mit sich, daß Hartley die indischen Sprachen erlernte, damit er ohne Dolmetscher mit seinen Patienten verkehren konnte. Er hatte hierzu reichlich Gelegenheit, denn da die hohen Herren unter den Moslemin und Hindus ihm stattliche Honorare zahlten, so leistete er den Armen des Volkes umsonst Hilfe, so oft er von ihnen in Anspruch genommen wurde. Eines Abends erhielt er von dem Regierungssekretär den Auftrag, sich zu einem Kranken von Range zu verfügen. »Es ist ein Fakir,« hieß es in dem Befehle. »Ihr findet ihn beim Grabe Kara Rafis, des mohammedanischen Arztes und Heiligen. Bei einem solchen Patienten dürft Ihr freilich nicht auf Honorar rechnen, allein wir wissen ja, wie wenig Ihr nach Geld seht, und außerdem werden Euch hier Eure Bemühungen von der Regierung bezahlt.« »Daran denke ich zu allerletzt,« dachte Hartley, und begab sich sofort in seiner Sänfte an den angegebenen Ort. Das Grab des mohammedanischen Heiligen war ein von jedem gläubigen Muselman verehrter Ort. Es lag in einem Hain von Magnolien und Tamarinden. Es war aus rotem Stein gebaut und hatte drei Kuppeln und an jeder Ecke Minarette. Vor demselben lag ein Hof und ringsherum waren Zellen errichtet als Wohnstätten der Fakire, die hier zum Grabe wallfahrteten und bald längere, bald kürzere Zeit verweilten. Sie leben von den Almosen der Gläubigen, die es nie unterlassen, für ihre Gebete sie reichlich zu belohnen. Diese Pilger lesen Tag und Nacht Verse aus dem Koran vor dem Grabmale, das aus weißem Marmor erbaut und mit Inschriften aus dem Buche des Propheten geziert ist. Während der Kriege wird ein solches Grab, und es gibt deren viele, von Feringis, wie die Europäer von den Eingeborenen genannt werden, Hindus und Mohammedanern heilig gehalten, die Fakire aber dienen allen Parteien zu Spionen und werden oft zu wichtigen Aufträgen verwendet. Hartley fügte sich der mohammedanischen Sitte und zog die Schuhe am Eingange in das heilige Gebäude aus. Er ging nicht zu nahe an das Grab heran, um nicht Anstoß zu erregen, und wendete sich an den vornehmen Priester, der an der Länge seines Bartes und der Größe der Holzkugeln seines Rosenkranzes zu erkennen war. Der Mann saß auf der Erde, er erhob sich nicht und machte auch kein Zeichen der Ehrerbietung. Er ließ sich in seinen Gebeten nicht stören und zählte seine Kugeln weiter, solange Hartley redete. Als dieser geendet hatte, schlug der Alte die Augen auf, als bemühte er sich, das, was ihm eben gesagt worden war, sich ins Gedächtnis zurückzurufen, dann deutete er auf eine der Zellen und begann seine Andacht von neuem, als sei er verdrossen über jede oh noch so kurze Störung seiner heiligen Pflichten. Hartley trat in die Zelle, die der Alte ihm bezeichnet hatte. Sein Patient lag in einer Ecke auf einem Teppichs. Es war ein Mann von etwa zwanzig Jahren in fadenscheinigem, oft geflicktem schwarzen Kaftan. Er trug eine hohe kegelförmige Mütze. Der Ausdruck seiner Augen und seine Haltung verrieten, daß er litt, daß er aber seine Schmerzen mit stoischem Gleichmut ertrug. » Salem aleikum! « sagte Hartley. »Ihr seid krank, würdiger Vater!« » Salem aleikum bema sebastem! « erwiderte der Fakir. »Es wird Euch zum Heile, wenn Ihr geduldig leidet, spricht das Buch, und dies wird der Gruß sein, mit dem die Engel die Dulder im Paradiese bewillkommnen.« Nachdem das Gespräch so eröffnet worden war, fragte der Arzt den Kranken nach der Art seines Leidens und verschrieb ihm die Mittel, die er für angebracht hielt. Als er sich darauf entfernen wollte, reichte ihm der Fakir zu seinem Erstaunen einen Ring, der ziemlich wertvoll zu sein schien. »Die Weisen aller Länder,« sagte Hartley, das Geschenk ablehnend, »sind Brüder. Meine linke Hand nimmt nicht den Lohn für das, was meine Rechte tut.« »So kann ein Feringi Geld ausschlagen?« versetzte der Fakir. »Ich habe gedacht, sie nähmen es aus jeder Hand, sie sei so rein wie die einer Huri oder so aussätzig wie die eines Dschehasi.« »Allah verschließt und erweitert die Herzen, spricht das Buch,« entgegnete Hartley, »Frank und Muselman sind gleicherweise gebildet nach seinem Willen.« »Mein Bruder spricht weise,« sagte der Kranke, »willkommen sei die Krankheit, wenn sie dich mit einem weisen Arzte bekannt macht, denn es spricht der Dichter, Heil ist dir geworden, daß du zur Erde fielest, wenn du dort kriechend einen Diamanten fandest.« Der Arzt besuchte seinen Patienten mehrmals, auch nachdem schon die Gesundheit des Hadschi längst wiederhergestellt war: Er erkannte in ihm einen jener geheimen Agenten, wie sie die indischen Fürsten vielfach gebrauchen. Barak el Hadschi sprach öfters über die Macht des Nawwab von Maisur, und daraus schloß Hartley mit Sicherheit, daß er in einer geheimen Sendung vom Hofe Haidar Alis abgesandt worden sei, vielleicht um einen Frieden auf festerer Grundlage zwischen diesem befähigten und scharfsinnigen Fürsten und der Ostindischen Gesellschaft in die Wege zu leiten. Kurz vor seiner Abreise aus Madras besuchte Barak el Hadschi den Doktor und trank bei ihm ein paar Gläser Scherbet, die ihm besser mundeten, als sein eigener, wahrscheinlich weil einige Gläser Rum zugesetzt waren. Da er dem edeln Getränk mehrmals zusprach, so wurde er in seinen Mitteilungen offenherziger, und begnügte sich nun nicht damit, sich in überschwenglichen Lobreden auf den Nawwab zu, ergehen, sondern sprach auch von dem großen Einfluß, den er selber auf den mächtigen Radschah hätte. »Bruder meiner Seele,« sagte er »sofern du je in der Lage sein solltest, daß du einer Sache bedürftest, die der gewaltige Haidar Ali Chan Bahadur dir gewähren könnte, so wende dich nicht an die, so in Palästen wohnen und in deren Turbanen Juwelen blitzen, sondern suche die Zelle deines Bruders in der großen Stadt auf, die Seringapatam heißt, und der arme Fakir im zerschlissenen Gewande wird dein Gesuch besser bei dem Nawwab anbringen, als die, so den Ehrenplatz im Diwan innehaben.« Mit solchen Worten lud er Hartley ein, nach Maisur zu kommen und das Antlitz des großen Fürsten zu schauen. Er erbot sich zum Danke für die ihm erwiesenen Dienste dem Arzte alles zu zeigen, was in Maisur für einen Gelehrten sehenswert sei. Die beiden Männer schieden so im besten Einvernehmen, nachdem sie Geschenke ausgetauscht hatten, wie sie weisen Männern geziemten, denen Kenntnisse mehr wert waren als Geld. Barak el Hadschi gab Hartley eine Büchse Mekka-Balsam, der unverfälscht sehr schwer zu erhalten war, und Hartley gab dem Fakir einige im Orient noch wenig bekannte Arzeneien, die seiner Meinung nach bei passender Anleitung einem so verständigen Manne ohne Bedenken anvertraut werden durften. Zum Schluße gab der Fakir dem Arzte noch einen Paß, der, wie er versicherte, von jedem Beamten des Nawwab geachtet würde, falls der Doktor seinen Plan, nach Maisur zu reisen, ausführen wollte. »Der Kopf dessen, der diesem Geleitsbrief die Achtung versagt,« setzte er hinzu, »wird nicht fester sitzen als die Ähre des Gerstenhalmes, die der Schnitter mit der Hand ergreift.« Wenige Monate, nachdem Barak el Hadschi ins Innere des Landes zurückgekehrt war, geschah ein unerwartetes Zusammentreffen, das Hartleys Verwunderung aufs höchste erregte. Sechzehntes Kapitel. Vier Jahre waren verflossen. Aus Europa waren Schiffe im Hafen von Madras angelangt und hatten ihre gewohnte Ladung von jungen Herren, die Offiziere werden wollten, und von jungen Damen, die nach Indien herüber kamen, um bei einem Bruder oder Oheim oder sonst einem Verwandten die Wirtschaft zu führen, bis sich einmal Gelegenheit zu einer Heirat bieten würde, unter dem gewohnten Zulauf von Zuschauern abgesetzt, Doktor Hartley war gerade mit einigen bekannten Herren im Hafen und sah das bunte Treiben mit an. Plötzlich hörte er, wie ein Herr leise zu einem andern sagte: »Engel und Boten Gottes, da ist ja unsre alte Bekannte, die Königin von Saba, als unveräußerliche Ware wird sie uns wohl wieder zurückgeschickt.« Hartley blickte in derselben Richtung wie die beiden Herren und sah ein Weib, das wie eine Semiramis aussah. Sie war ungewöhnlich groß und fett und trug eine mit Tressen und Schnüren besetzte Reittaille aus karmoisinroter Seide und hellblaue Pluderhosen. Um die riesigen Hüften hatte sie einen scharlachroten Shawl geschlungen, in dem ein reichverzierter Dolch steckte. Hals und Arme waren mit Ketten und Spangen überladen und den roten Turban schmückten eine blaue und eine rote Straußenfeder. Die Stirn hatte die europäische Färbung und war zu hoch, um schön zu sein, machte aber einen gebieterischen Eindruck, eine energische Adlernase erhöhte den charakteristischen Ausdruck des Gesichtes, das auffallend rot geschminkt war. Der Kapitän eines eben aus England eingelaufenen Ostindienfahrers machte sich in eifriger Liebenswürdigkeit um sie zu schaffen, und ein paar Hartley bekannte Kaufleute benahmen sich gleichfalls auffallend zuvorkommend gegen sie. »Was ist das für ein Weib?« fragte Hartley. Aber im selben Augenblick verstummte er und saß wie versteinert. Dann raffte er sich auf, erhob sich von seinem Platze und ging schnurstracks auf die Dame zu, zum nicht geringen Erstaunen seiner Gefährten. Während er auf die absonderliche Frau geblickt hatte, war ihm eine zierliche Mädchengestalt aufgefallen, die sich so gesetzt hatte, daß sie hinter der massigen Gestalt und den wallenden Gewändern der Frau fast unsichtbar war. Zu seinem unbeschreiblichen Erstaunen erkannte er in ihr die Freundin seiner Kindheit, die Geliebte seiner Jugend – Marie Gray in eigener Person. Allein schon, daß er sie hier in Indien sah, mußte ihn in Verwunderung setzen. Aber seine Überraschung wuchs, als er sie in der Begleitung einer so seltsamen Erscheinung erblickte. Nichts war im Drang der auf ihn einstürmenden Empfindungen natürlicher, als daß er aufsprang und auf sie zueilte. Seinem Ungestüm wurde aber Einhalt geboten. Er sah, wie Marie ihn, der so unmittelbar auf sie zugeschritten kam, ansah ohne das geringste Zeichen, daß sie ihn wiedererkenne. Aber ohne daß ein anderer es hätte merken können, legte sie den Zeigefinger auf die Oberlippe, wie wenn sie sagen wollte: »Ihr dürft jetzt nicht mit mir reden.« Hartley verstand diesen Wink, nahm ihn an und blieb stehen. Im nächsten Moment hatte er sich wieder zu seinen Bekannten zurückgezogen und setzte das Gespräch mit ihnen fort. »Wer ist denn die stattliche Dame?« fragte er den einen der Herren. »Ist es möglich, daß Ihr noch nie von der Königin von Saba, von der Mama Montreville gehört habt?« »Ihr wißt, ich war lange von Madras weg.« »Nun denn,« fuhr der Gefragte fort, »diese Dame ist die Witwe eines schweizerischen Offiziers in der französischen Armee, der nach der Einnahme von Pondichery ins Innere flüchtete und auf eigene Faust Soldat wurde. Er wußte sich in den Besitz eines Forts zu setzen, indem er einem Pinsel von einem Radschah vorschwindelte, er wolle es in seinem Dienste befehligen. Dann sammelte er eine Horde verzweifelter Landstreicher von jeder Farbe des Regenbogens, die nichts zu verlieren und alles zu gewinnen hatten, und erklärte sich für unabhängig. Aber Haidar Ali verstand keinen Spaß, zog mit seinem Heer herbei und eroberte das Fort. Es wird aber auch behauptet, die Frau des Schweizers, eben dieses Weib da, habe es an den Indier verraten. Sei dem, wie ihm wolle, der arme Schweizer fand den Tod auf den Wällen. Das Weib dort, das den Haidar Ali gewöhnlich den Salomo des Orients nennt, führt infolgedessen den Titel Königin von Saba. Sie verläßt ihren Hof, wann es ihr paßt, treibt überhaupt, wozu sie gerade Lust hat.« »Eine seltsame Geschichte«, erwiderte Hartley, während er bei sich selber die Frage erwog, auf welche Weise wohl die schlichte herzensgute Marie in die Gesellschaft einer solchen Abenteurerin geraten sei. »Das beste aber hat mein Freund ganz vergessen«, setzte ein anderer Herr hinzu. »Es geht nämlich die Rede, daß Euer alter Bekannter, Richard Middlemas, sehr hoch in Gunst bei dieser Amazone stände. Er ist vor einiger Zeit aus Madras ins Innere geflüchtet und in die Dienste Haidar Alis getreten. Er hat dort ein Kommando über einen größeren Truppenteil bekommen, das er wohl auch jetzt noch inne hat. Ihm sind auch die englischen Gefangenen anvertraut worden, und ich spreche aus eigener Erfahrung, wenn ich sage, daß der Teufel selber von ihm noch lernen kann, was Grausamkeit heißt. Er soll dann mit diesem Weibe in intime Beziehungen getreten sein.« Hartley vermochte nicht länger zuzuhören. Die plötzliche Erkenntnis, daß Marie Gray sich in der Gewalt eines solchen Mannes und einer solchen Frau befinde, drang sich seinem Geiste in der Gestalt einer furchtbaren Gefahr auf. Eben wollte er aus dem Gedränge heraus, um sich an einen einsamen Ort zu begeben, wo er sich in Ruhe sammeln und zu gefaßter Überlegung gelangen konnte, da berührte ein farbiger Diener seinen Arm und reichte ihm eine Karte, auf der geschrieben stand: Miß Gray bei Madame Montreville im Hause des Ram Sing Cottah in der schwarzen Stadt. Sein Herz schlug hoch bei dem Gedanken, daß er seine Geliebte noch einmal wiedersehen solle. Und noch höher schlug es, als er sich sagte, daß er ihr vielleicht doch noch einmal eine Hilfe erweisen sollte. Wenn ihr Gefahr droht, sagte er zu sich selber, so will ich ihr zur Seite stehen mit Rat und Tat und im Notfall mein Leben für sie hingeben. Auf dem Heimwege sann er darüber nach, inwieweit wohl den Erzählungen der beiden Herren Glauben zuzumessen sei, über solchen Gedanken begegnete ihm ein andrer Bekannter – auch ein Arzt – mit Namen Esdale, der selber das Unglück gehabt hatte, in Haidar Alis Gefangenschaft zu geraten, bei dem letzten Friedensschluß aber wieder freigegeben worden war. Der Mann galt im allgemeinen für ruhig, befähigt in seinem Berufe und vernünftig und besonnen in seinen Ansichten und Urteilen. Hartley kam mit ihm ins Gespräch und konnte unschwer die Rede auf die sogenannte Königin von Saba bringen, indem er ihn fragte, ob er bei dem Nadscha Haidair Ali nicht ein abenteuerliches Weib kennen gelernt habe. »Das kann ich wahrhaftig nicht sagen«, erwiderte Esdale. »In Indien sind wir ja alle mehr oder weniger Abenteurer, ich wüßte nicht, daß die Begum Montreville größeren Anspruch auf diese Bezeichnung hätte.« »Die Frau kleidet und benimmt sich aber geradezu wie eine Amazone«, sagte Hartley, »Sie hat etwas Schwindelhaftes an sich.« »Ihr dürft freilich,« entgegnete Esdale, »von einer Frau, die Soldaten kommandiert hat und vielleicht noch einmal kommandieren wird, nicht erwarten, daß sie wie andre gewöhnliche Frauenzimmer aussehe und sich kleide. Ich gebe Euch aber die Versicherung, daß sie noch heute eine sehr gute Partie machen könnte, wenn sie nur Lust hätte, sich zu verheiraten.« »Ich habe gehört, sie hätte die Festung ihres Mannes an Haidar Ali verraten?« »Das ist so eine treffliche Probe der in Madras grassierenden Klatscherei. In der Tat verhält die Sache sich folgendermaßen. Noch lange, nachdem ihr Mann gefallen war, hat sie die Festung verteidigt und erst dann mit Haidar Ali kapituliert. Haidar Ali, der viel darauf hält, daß der Gerechtigkeit alle Ehre erwiesen wird, stände sonst vielleicht nicht in so nahen Beziehungen zu ihr.« »Ich habe gehört, sie sollen sehr intim miteinander sein.« »Abermals eine Verleumdung oder wenn Ihr wollt, Klatscherei«, versetzte Esdale.»Haidar ist ein viel zu strenggläubiger Mohammedaner, als daß er sich mit einer Christin in ein Liebesverhältnis einlassen sollte. Wenn sie außerdem nicht ihre einflußreiche Stellung und den Rang, der ihr eingeräumt worden ist, verlieren will, so muß sie sich nach außen hin jedes Anscheins eines intimen Liebesverhältnisses enthalten. Man hat auch dieser Frau – im Grunde tut sie mir Leid – nachgesagt, sie stünde in intimem Verkehr mit Eurem alten Bekannten Middlemas.« »Das war also auch ein falsches Gerede?« fragte Hartley in größter Spannung. »Meiner Treu, ich glaube nicht daran!« antwortete Esdale. »Da sie beide Europäer waren, sind sie an dem indischen Hofe einander näher getreten, aber weiter ist es wohl nichts gewesen. Nebenbei – Ihr hattet ja wohl mal so einen kleinen Zwist mit Middlemas – es wird Euch gewiß interessieren, daß der arme Kerl jetzt die beste Aussicht hat, sich in unsern Kreisen wieder zu rehabilitieren.« »Wirklich!« war das einzige Wort, das Hartley zu antworten vermochte. »In der Tat!« erwiderte Esdale, »Das Duell ist jetzt vergessen, und es ist Gras darüber gewachsen. Es muß ja auch zugegeben werden, daß Middlemas bei diesem Anlaß, obwohl er äußerst jähzornig gehandelt hat, doch auch gereizt worden ist.« »Aber seine Fahnenflucht – und daß er eine Befehlshaberstelle in Haidars Heer angenommen hat – und wie er unsere Gefangenen behandelt hat – kann das alles für nichts angesehen werden?« »Es ist eben gar nicht ausgeschlossen – ich rede zu Euch im Vertrauen und als Mann, der auf der Hut ist, es ist gar nicht ausgeschlossen, daß er uns in Haidars Hauptstadt oder in Tippus Lager bessere Dienste erweisen kann, als in seinem eigenen Regiment. Was seine Behandlung der Gefangenen anbetrifft, so kann ich ihm aus eigener Erfahrung nur Gutes nachsagen. Es blieb ihm gar nichts andres übrig, als das Amt zu übernehmen, denn bei allen, die Haidar Ali dienen, heißt es entweder gehorchen oder sterben. Er hat mir aber selber gesagt, und das glaube ich auch, daß er das Kommando in Haidar Alis Heer nur deshalb angenommen habe, um insgeheim den Engländern dienen zu können, öffentlich mußte er natürlich den Hindus gegenüber hart mit uns verfahren, wenn auch meistens nur in Worten. Das konnten nun einige nicht begreifen, und sie überhäuften ihn mit Schmähungen. Die mußte er natürlich dann bestrafen, um keinen Verdacht zu erwecken. Ich aber und noch manche andern können beweisen, daß er uns sehr gern Gefälligkeiten erwies, wenn man ihn nach seiner Weise verfahren ließ. Ich hoffe, ich werde bald in Madras ihm persönlich meinen Dank abstatten können. Das alles habe ich Ihnen im Vertrauen gesagt. – Guten Morgen!« Siebzehntes Kapitel. Zu der festgesetzten Stunde stand Hartley vor der Pforte des reichen indischen Kaufmannes, der aus Rücksicht auf persönliche Interessen die Begum Montreville in sein Haus aufgenommen hatte, in der schwarzen Stadt von Madras, wie derjenige Teil der Metropole hieß, den die Eingeborenen bewohnten. Ein Diener führte den Gast in ein Zimmer, wo er Miß Gray anzutreffen erwartete. Aber statt dessen fand er die enorme Figur der Königin von Saba. »Was steht dem Herrn zu Diensten?« fragte die Dame. »Ich komme, um eine Dame hier zu begrüßen, die ich gestern in Eurer Gesellschaft sah«, antwortete Hartley in achtungsvollem Tone. »Ich habe diese Dame in England gut gekannt – und möchte ihr hier in Indien meine Dienste anbieten. Es ist Miß Gray.« »Sehr liebenswürdig«, versetzte die Begum. »Aber Miß Gray ist ausgegangen. Sie kommt auch vor zwei Tagen nicht wieder, Ihr könnt mir ja sagen, was ich ihr bestellen soll.« »Verzeiht, Madame,« antwortete Hartley, »Ihr irrt Euch wohl in Euren Angaben, denn dort kommt die Dame selbst.« »Was soll das heißen«, wandte sich die Frau an Marie Gray, die eben eintrat. »Seid Ihr denn nicht auf ein paar Tage weg, wie ich dem Herrn sagte? Mais c'est égal! – es macht nichts! Ihr werdet zu Monsieur sagen, wie geht's und adieu. Der Herr ist so artig, sich nach unserem Befinden zu erkundigen, und da er sieht das es uns beiden ganz gut geht, so kann er sich wieder nach Hause scheren.« »Ich habe mit diesem Herrn zu sprechen«, sagte Marie Gray kurz. »Geht in den Garten, Herr Hartley, und Ihr, Madame, könnt uns vom Fenster beobachten, daß nichts geschieht, was gegen die Sitten des Landes verstößt.« Mit diesen Worten schritt sie durch eine Gittertür nach dem Garten. Die Königin von Saba, bei aller Unverfrorenheit ihrer Natur durch Maries Gleichmut und Ruhe aus der Fassung gebracht, ließ es ohne Widerrede geschehen und verließ in unverhohlenem Verdruß das Zimmer. »Welch ein Zusammentreffen!« begann Hartley sogleich. »Liebste Marie – entschuldigt, wenn ich Euch noch so anrede wie vor der Zeit, die wir uns nicht gesehen haben – Euer Vater –« »Er ist tot, Herr Hartley«, antwortete sie weinend. »Als er keinen Assistenzarzt mehr hatte, war die Arbeit zu viel für ihn – er erkältete sich, und Ihr wißt ja, an sich dachte er immer zuletzt, wenn ihm etwas fehlte, so wurde denn die Krankheit gefährlich und endete schließlich mit dem Tode. Das schmerzt auch Euch, Herr Hartley, freilich, mein Vater hatte Euch sehr lieb...« Hartley schwieg eine Weile in stillem Kummer. Der Gedanke fuhr ihm durch den Sinn, daß dem wackeren alten Herrn vielleicht ein längerer Lebensabend beschert gewesen wäre, wenn Marie sich seinen Wünschen hätte fügen können, aber er sprach ihn nicht aus, und fragte erst nach einer Weile: »Wie kommt es aber, daß ich Euch hier sehe, hier und bei diesem Weibe?« »Sie ist allerdings nicht so, wie ich es erwartete,« antwortete Miß Gray, »aber ich darf auf fremdländische Sitten hin kein Vorurteil fassen, da ich den entscheidenden Schritt einmal getan habe. Sie ist sonst auch aufmerksam und freundlich. In kurzem, werde ich ja auch –« sie machte eine Pause und fügte dann hinzu: »unter zuverlässigerem Schutze stehen.« »Unter dem Schutze Richard Middlemas'?« fragte Hartley mit stockender Stimme. »Ich sollte vielleicht nicht antworten auf diese Frage, aber ich kann mich nicht verstellen, und wem ich mein Vertrauen schenke, dem vertraue ich auch ganz. Nun ja, Ihr habt richtig geraten, Herr Hartley«, sagte sie errötend. »Ich bin hierher gekommen, um mein Schicksal mit dem Eures einstigen Kameraden zu vereinen.« »Es ist also, wie ich fürchtete!« rief Hartley, »Miß Gray, Eure Handlungen und Beweggründe werden stets die eines Engels sein, aber ich bitte Euch, faßt diesen so sehr wichtigen Schritt mit kühler Ruhe und Klugheit ins Auge. Habt Ihr denn wohl bedacht, in was für unausbleibliche Gefahren Ihr Euch begebt, wenn Ihr so einem Manne folgt, der – ich will Euch nicht wehe tun – der vielleicht – wenigstens hoffe ich daß trotz allem doch – die Gunst, die Ihr ihm schenkt, verdient?« »Nach dem Tode meines Vaters, der, wie Ihr Euch denken könnt, arm gestorben ist, stand ich verlassen und mittellos da«, sagte Miß Gray. »In dieser Lage erhielt ich einen Brief von Herrn Middlemas. Er teilte mir mit, daß er nicht gewagt habe, mir zu schreiben, solange es ihm schlecht gegangen sei, da er mir nicht habe zumuten wollen, sein Elend zu teilen, jetzt aber hätte er seinen reichen Anteil an dem Überfluß eines mächtigen Fürsten, unter dessen Schutz er stünde, und der weise genug sei, die Europäer, die in seine Dienste träten, in Ehren zu halten. Jetzt bäte er mich, nach Indien zu kommen und sein wiederauflebendes Glück zu teilen. Er schickte mir eine beträchtliche Geldsumme mit. Eine achtbare Dame bezeichnete er mir, die mich auf der Überfahrt in ihre Obhut nehmen würde, und hier in Madras würde mich Madame Montreville, eine Dame von Rang, die in Maisur bedeutende Güter und auch großen Einfluß besäße, in Empfang nehmen und mich sicher in das Gebiet Haidar Alis geleiten. Ich habe Middlemas sehr lieb gehabt und – warum sollte ich es leugnen? – ich liebe ihn noch. Was hätte ich also tun sollen? Ich trug kein Bedenken, mich ihm anzuvertrauen. Wenn nicht eine innere Stimme mich an mein Versprechen gemahnt hätte, so hätte vielleicht mein Stolz die Oberhand behalten und ich hätte gewartet, bis mein Geliebter persönlich gekommen wäre und mich geholt hätte.« »Noch jetzt,« bat Hartley, »seid bei allem Großmut gegen Euren Geliebten gerecht. Hört mich an, ich glaube, es ist nicht gut, daß Ihr Euch in den Schutz dieser Frauensperson begeben habt. Ich kenne viele Damen von höchstem Range hier in der Kolonie, sie werden alle Euch gern aufnehmen und Euch Gastfreundschaft gewähren, wenn ich ihnen Eure Angelegenheit mitteile, bis es Eurem Geliebten möglich sein wird, seinen Anspruch auf Eure Hand vor aller Welt geltend zu machen. Ich selbst will ihm keinen Anlaß geben, Euch mißzutrauen, Miß Marie. Erklärt Euch nur bereit, meinen Vorschlag anzunehmen, und sobald ich Euch dann in einem ehrenwerten Hause in sichere Obhut gebracht habe, will ich selber Madras verlassen und nicht eher zurückkehren, als bis Euer Schicksal in der einen oder anderen Weise dauernd gesichert ist.« »Nein, Hartley,« antwortete Miß Gray, »Euer Rat ist gewiß recht gut gemeint, aber es wäre doch von mir schlecht gehandelt, wenn ich meine Angelegenheiten auf Kosten Eurer Aussichten fördern wollte. Ich danke Euch – aber es ist nun Zeit, daß wir uns wieder trennen.« »Teuerste Marie!« rief Hartley, indem er aufs Knie sank und die Hand, die sie ihm reichte, an die Lippen drückte. »Gott segne Euch, denn Ihr verdient den Segen! Und Gott schütze Euch, denn Ihr werdet bald des Schutzes bedürfen. Wenn es anders kommt, als Ihr hofft, so schickt unverzüglich nach mir, und wenn noch ein Mensch Euch Hilfe zu bringen vermag, so rechnet auf Adam Hartley!« Er reichte ihr eine Karte, die seine Adresse enthielt, dann stürzte er hinaus. Er eilte aus der schwarzen Stadt unter dem Eindruck der festen Überzeugung, daß Marie Gray das Opfer eines schändlichen Betruges sei, und fester als je stand in ihm der Entschluß, ihr beizustehen, soweit in seinen Kräften stünde, und sein Leben für sie in die Schranken zu schlagen. Achtzehntes Kapitel. Als Hartley den Garten des indischen Hauses verlassen hatte, begab sich auch Miß Gray in das für sie bestimmte Gemach zurück. Sie fühlte sich auch zu heimlichem und bangem Nachdenken gestimmt. Alle Liebe und alles Vertrauen zu Middlemas vermochten sie nicht, sich über die Bedenken hinwegzusetzen, die sie vor ihrer zweifelhaften Beschützerin hegte. Das Wesen dieser Abenteurerin, ihre mannhafte Redeweise und ihr großtuerisches Benehmen erfüllten sie mit Widerwillen. Kaum war Hartley weg, und kaum hatte Marie den Garten verlassen, so traten aus einem nahen Gebüsch, wo sie gelauscht zu haben schienen, Madame Montreville und ein schwarzer Diener hervor. »Ich bin überzeugt,« sagte die Dame, »dieser – wie heißt er doch – dieser Hartley ist ein Ekel und mischt sich in alles. Was hat er hier zu suchen? Sie mag ihn ja gar nicht. Ist es seine Sache, wer sie kriegt? Ich wünschte, wir wären wieder über die Ghat hinweg, mein teurer Sador.« »Ich für mein Teil,« erwiderte der Sklave, »habe wenig Lust, noch einmal dieses Gebirge zu überschreiten. Wißt, Adele, der von uns entworfene Plan fängt an, mir herzlich widerlich zu werden. Die vertrauensvolle Reinheit dieses Geschöpfes, nennt es nun Weib oder Engel, macht mir meine Schliche in meinen Augen so erbärmlich, daß ich fühle, ich tauge nicht zum Gefährten all der tollkühnen und niederträchtigen Intriguen, in die Ihr mich hineinzieht. Wir wollen auseinandergehen – wir können es jetzt noch in gutem Einvernehmen.« »Amen, Memme!« versetzte die Königin von Saba. »Das Weib aber bleibt mein.« »Euer!« rief der Schwarze. »Nimmermehr! Sie steht unter dem Schutz der britischen Flagge.« »Ja, und welchen Schutz kann sie etwa Euch selber gewähren?« versetzte das kriegerische Weib. »Ich brauche nur in die Hände zu klatschen und einem halben Dutzend meiner schwarzen Diener zu befehlen, so binden sie Euch wie ein Lamm, und dann brauche ich nur dem Präsidenten zu sagen, daß ein gewisser Richard Middlemas, der sich der Meuterei, des Totschlags, der Desertion und des Verrats schuldig gemacht hat, der in fremdem Dienste gegen seine Landsleute gekämpft hat, sich hier im Hause des Nam Sing Cottah befindet in der Verkleidung eines schwarzen Sklaven, und Ihr seid geliefert.« Middlemas schlug die Hände vors Gesicht, während Madame Montreville fortfuhr, ihm Vorwürfe zu machen. »Höre!« rief sie – »du Sohn eines Sklaven und selber Sklave! Du trägst die Kleidung meiner Diener und hast zu gehorchen wie sie. Sonst Peitschenhiebe oder Fesseln! – Das Schafott, Abtrünniger! – Den Galgen, Mörder! Wagst du es, an den Abgrund des Elends zu denken, aus dem ich dich erhoben habe, Reichtum und Liebe an meiner Seite zu genießen? Denkst du daran, daß damals dir das Bild dieser kalten Blassen so gleichgültig war, daß du dich bereit erklärt hast, sie als schuldigen Tribut für die Gunst der Frau zu opfern, die sich herabließ, dich zu lieben, dich kläglichen Tropf, der du warst. Nichts weiter hast du zu tun, als die Dirne in ein fremdes Land zu bringen unter dem Vorwand einer Liebe, die ja doch bei dir, du Bösewicht, nie dagewesen ist. Ich durchschaue dich, glaube mir! Du willst den Fürsten, um dessen Gunst du buhlst, an die Engländer verraten, um wieder bei den Deinen in Gunst zu kommen. Aber mich sollst du nicht verraten, so schlau du es auch anstellst! Ich will nicht das Werkzeug deines Ehrgeizes sein, ich will nicht dir meine Schätze und meine Soldaten borgen, damit sie dieser Eispuppe aus dem Norden zu Diensten seien. Nein, ich will über dir wachen wie der Satan über einer armen Seele, und gib mir nur den geringsten Grund zu dem Verdacht, daß du auch mich verraten willst, solange wir hier sind, und auf der Stelle zeige ich dich bei den Engländern an! Weiche nur einen Zoll breit von der Bahn, wenn wir erst über die Ghats sind, und ich teile dem Nawwab mit, daß du den Plan verfolgst Bangalur den Engländern zu überliefern, sobald Tippu Sahib in seiner Unklugheit dich zum Killedar dieser Stadt gemacht hat. Geh, wohin du willst, Sklave, mir sollst du nicht entrinnen, und in mir sollst du deine Meisterin finden!« Sie schwieg eine Weile und setzte, dann hinzu: »Also kurz und gut, erklärt mir, daß die Frauensperson mir zur Verfügung steht.« »Doch nicht, daß Ihr sie unter Eurem Throne lebendig begrabt, wie jene Cirkassierin, auf die Ihr eifersüchtig ward«, antwortete Middlemas mit einem Schauder. »Nein«, du Narr! Kein schlimmeres Los harrt ihrer, als die Lieblingshouri eines Fürsten zu werden. Kannst du vogelfreier Sklave, der du bist, ihr etwas Besseres bieten? Doch genug! Morgen treten wir die Reise an. Gebt dem Gefolge die nötigen Befehle!« »Hören heißt gehorchen,« war die Antwort des verkleideten Sklaven. Die Augen der Begum blieben auf die Tür geheftet, durch die Richard Middlemas gegangen war. »Schurke!« murmelte sie dann. »Zwiefacher Verräter! Deine Schliche sind mir offenbar, ich durchschaue deine Niedertracht! Tippu willst du durch die Liebe fangen und verraten. Aber bei mir soll dir das nicht gelingen! – Hollah!« – Dieser Ruf galt einem Diener. – »Ein Bote, auf den ich mich verlassen kann, soll sich sogleich bereit halten, mit Briefen abzureisen, die ich jetzt gleich schreiben werde. Es darf niemand etwas davon erfahren. – Und nun soll diese bleiche Maid sofort wissen, welches Schicksal ihr bevorsteht, und verspüren, was es heißt, eine Nebenbuhlerin der Adela Montreville gewesen zu sein!« Die eifersüchtige und despotische Begum zauderte nicht länger, ihre unschuldige Nebenbuhlerin von ihren schändlichen Plänen in Kenntnis zu setzen und das arme Mädchen in Todesangst zu jagen. In ihrer Verzweiflung gelang es der Unglücklichen, einen Diener des Ram Sing Cottah durch Bitten und ein Geldgeschenk dahin zu bringen, daß er ein Schreiben folgenden Inhalts an Hartley besorgte: »Es ist alles so wie Ihr es geahnt habt. Er hat mich in die Hände dieses grausamen Weibes gegeben, und sie soll mich an den Tyrannen Tippu verkaufen. Rettet mich, wenn Ihr könnt! Wenn Ihr kein Mitleid mit mir hegt oder mir keine Hilfe bringen könnt, so ist mein Entschluß gefaßt und ich habe auf Erden nichts weiter zu tun. M. G.« Neunzehntes Kapitel. Hartley war darauf vorbereitet gewesen, daß sein Beistand vonnöten sein würde. Seine böse Ahnung war in ihm fast zur Gewißheit geworden, und, die Nachricht setzte ihn daher nicht in Schrecken, sondern riß ihn nur dazu hin, sofort seinen Entschluß zur Ausführung zu bringen und zur Rettung seiner Geliebten alle Kräfte aufzubieten. Sein Versuch, beim Gouverneur eine Audienz zu erhalten, um diesen aufzuklären und zu der Verfügung zu veranlassen, daß der Madame Montreville die Abreise ins Innere des Landes verboten würde, mißlang. Es war der Regierung nichts daran gelegen, die Reise der Montreville und ihres Günstlings zu verhindern, da die Reise ja vielmehr ihren eigenen Plänen entsprach. Die Beschwerde, daß eine Engländerin wider ihren Willen im Gefolge der Begum mitgeführt würde, behandelte man als Weiberklatsch, auf den kein Wert gelegt zu werden brauche. Schließlich erklärte man sich bereit, Schritte zur Untersuchung der Angelegenheit zu tun, aber allerdings erhielt Hartley diese Versicherung erst, als die Montreville schon so weit weg war, daß eine Unterbrechung ihrer Reise nicht mehr zu erhoffen war. Hartley machte seinem Unwillen gegen die Verwaltung Luft, er erzielte damit aber nichts weiter, als daß ihm das Betreten des Regierungspalastes untersagt wurde. Außerdem erhielt er den Wink, daß, wenn er noch weiterhin sich eine derartige ungebührliche Sprache zu schulden kommen ließe, man seine Versetzung nach einer Bergfestung oder einem Dorfe im Gebirge verfügen würde. Als Hartley von einem letzten Besuch im Palaste des Gouverneurs erbittert heimkehrte, begegnete ihm wiederum sein Kollege Esdale. Vor Ingrimm außer sich, teilte er diesem mit, wie es ihm ergangen sei. Er bezeichnete das Verhalten der Behörde als schändlich und erklärte, er habe nur zu guten Grund zu der Annahme, daß der Gouverneur selber die Hand bei der schmachvollen Affäre im Spiele habe. Es sei ganz unbegreiflich, wie die Regierung es so ruhig mitansehen könne, daß eine britische Untertanin gewaltsam von einem Abtrünnigen entführt und der Gewalt eines indischen Tyrannen überantwortet werde. Esdale hörte ihm mit jener Vorsicht zu, die ängstliche und kluge Leute an den Tag zu legen pflegen, wenn sie durch die Reden eines unvorsichtigen Freundes selber in Verlegenheit zu kommen befürchten. »Wenn Ihr für Eure Person Genugtuung haben wollt, so müßt Ihr Euch nach Leadenhall-Street wenden,« sagte er, »dort werden Wohl schon Beschwerden in großer Menge gegen den Gouverneur vorliegen, doch sei dies unter uns gesagt.« »Daran ist mir gar nichts gelegen,« erwiderte Hartley, »ich pfeife auf persönliche Genugtuung. Hilfe für Marie Gray will ich.« »In diesem Falle,« sagte Esdale, »bleibt Euch nichts weiter übrig, als daß Ihr Euch an Haidar selber wendet.« »An Haidar, an den Thronräuber und Tyrannen?« »Ja, an diesen Thronräuber und Tyrannen,« antwortete Esdale, »müßt Ihr Euch wenden. Er ist stolz darauf, daß man ihn für einen streng gerechten Herrscher hält, und vielleicht hat er die Grille, sich auch in diesem wie schon in so manch anderm Falle als völlig unparteiischer Richter zu zeigen.« »Dann will ich fort, an seinem Throne Gerechtigkeit zu verlangen!« »Gemach, gemach!« versetzte Esdale. »Vor allen Dingen überlegt Euch, was Ihr da wagt! Haidar ist gerecht, aus Klugheit und vielleicht aus Politik. Aber er ist von so heißblütigem Temperament wie irgend ein Farbiger, und wenn Ihr ihn vielleicht in der Laune antrefft, gerecht zu richten, so könnt Ihr ihn andrerseits auch in der Laune finden, ungerecht zu töten. Auf den Pfahl spießen und Erdrosseln ist bei ihm ein ebenso beliebter Sport, wie die Gerechtigkeit richtig abzuwägen.« »Ganz einerlei, ich will auf der Stelle fort.« »Kennt Ihr irgend jemand von den Höflingen Haidars?« »Nur seinen geheimen Agenten, der vor kurzem hier war, Barak el Hadschi.« »Der kann Euch unter Umständen ebenso viel nützen, wie wichtigere Personen. Die Sache ist eben die, man kann nie mit Bestimmtheit auf irgend etwas rechnen, wenn die Willkür eines Despoten im Spiele ist und auf sie eigentlich alles ankommt. Hört auf meinen Rat, lieber Hartley, überlaßt das arme Mädchen ihrem Schicksal. Wenn Ihr versucht, sie zu retten, so steht hundert gegen eins zu wetten, daß Ihr nur selber Euern Untergang dabei findet, ohne ihr irgendwie zu nützen.« Hartley verabschiedete sich kopfschüttelnd von diesem guten Freunde, der sich in der Meinung entfernte, einem lieben Bekannten einen guten Rat erteilt und ihn dadurch vielleicht von einer großen Torheit abgelenkt zu haben. Mit seiner Bemühung, die Abreise des Weibes ins Innere zu verhindern, kam er infolge unvorhergesehener Verzögerungen zu spät, und es blieb ihm nichts übrig, als der Montreville nachzureisen. Er versah sich mit Geld, nahm drei zuverlässige eingeborene Diener, kaufte für sie und sich arabische Pferde und trat ohne Verzug die Reise nach Maisur an. Unterwegs wurde es ihm klar, daß ihm kein anderes Mittel mehr blieb, als geradeswegs nach dem Throne des Haidar Ali, des Vaters Tippu Sahibs, sich zu begeben und dessen Barmherzigkeit anzurufen. Er rief sich alle möglichen Geschichten ins Gedächtnis, die er von Haidar Alis Gerechtigkeit und Selbstbeherrschung je vernommen hatte, um zu der Zuversicht zu gelangen, daß der Rawwab sich willens zeigen werde, ein hilfloses Weib vor seinem eigenen Sohne zu schützen. Auf seiner Reise, die mühselig genug war und unter beständigen Gefahren verlief, erfuhr er nur einmal, daß er auf der richtigen Spur sei. An den Wällen eines Forts erhielt er von einem Posten die Auskunft, daß die Reisegesellschaft einer reichen Indierin vorübergekommen sei. Sie schienen es sehr eilig gehabt zu haben. Jenseits der Ghats habe sich eine Truppe der eigenen Soldaten der Indierin ihr angeschlossen, während die aus Madras mitgenommenen Führer und Begleiter hier entlohnt und zurückgeschickt worden seien. Die Begum beabsichtige bis nach Bangalur zu reisen, wo sie mit Tippu Sahib zusammentreffen wolle. Auf Grund dieser Erkundigung hatte Hartley Aussicht, die Reise bis zur Residenz von Haidar Ali, Seringapatam, zurückzulegen, ehe noch die Montreville mit Tippu zusammentreffen konnte, da dieser erst in mehreren Tagen von einem Kriegszuge zurückerwartet wurde. Er konnte sich also dem Herrscher zu Füßen werfen, noch ehe das schändliche Werk vollbracht war. Denn es war kein Zweifel, daß das Werk im besten Zuge war. Wie der Posten sagte, hatte in einer Sänfte eine Feringi – wie die Eingeborenen die Weißen nennen – gesessen, schön wie eine Houri, die als Geschenk für Tippu mitgenommen würde. Und der Begleiter der Begum, der die Kleidung seines Ranges getragen habe, sollte von dem Sohne des mohammedanischen Fürsten Haidar Ali mit einer hohen Würde belohnt werden. Hartley reiste eigentlich aufs Geratewohl. Seine einzige Hoffnung stützte sich darauf, daß jener Fakir, den er einst in Madras von einer schweren Krankheit geheilt hatte, und in dem er einen der geheimen Unterhändler Haidar Alis erkannt hatte, sich in der Hauptstadt befand. Er hatte sich damals gerühmt, großen Einfluß an Haidars Hofe zu haben, und hatte zum Dank für die Heilung Hartley seinen Beistand zugesagt, wenn er sich je einmal in Seringapatam befinde. Vielleicht gelang es ihm, den Mann ausfindig zu machen und durch ihn sein Ziel zu erreichen. Als die Reisenden unterwegs an einer Tränke Rast machten, bot sich Hartley ein Anblick, der ihn nötigte, sein eignes Unglück mit dem andrer zu vergleichen. Nicht weit von dem Bache saß ein Hindu, der sich im Zustande jammervollsten Elendes zu befinden schien. Er war am ganzen Leibe voller wirren Haares und hockte auf einem Tigerfelle. Sein Leib war mit Unrat und Asche bedeckt, seine Haut von der Sonne verbrannt, er trug nichts, als ein paar dürftige Lumpen. Er schien die Fremden nicht zu bemerken, bewegte sich nicht und sprach kein Wort. Er heftete den Blick auf ein kleines rohes Grab, das aus Ziegelsteinen errichtet war. Neben ihm lag ein verrosteter Säbel und die Knochen und der Schädel eines Tigers. Der Führer erzählte ihnen die tragische Geschichte dieses Indiers. Sadhu Sing war als Soldat in die Tochter eines Sepoys verliebt gewesen, er hatte sich eben mit ihr vermählt und wollte sie nach seinem Heime geleiten. Sie ritt auf einem Pferde, während ihr Sadhu Sing und seine Freunde stolz zu Fuß vorangingen. Als sie in die Nähe des Baches kamen, an welchem die Reisenden jetzt rasteten, vernahmen sie plötzlich ein lautes Gebrüll, dem ein Schrei des Entsetzens folgte. Als sie sich umwandten, war die Braut verschwunden, nur das lange Gras der Dschungel schlug noch Wellen, wie das Wasser, unter dem ein Hai dahinschießt. Mit geschwungenem Säbel und wildem Gebrüll stürzte Sabhu dorthin, die andern warteten, starr vor Entsetzen. Ein kurzes Gebrüll des Todes weckte sie aus ihrer Erstarrung. Sie eilten in die Dschungel und fanden Sadhu. In den Armen hielt er den leblosen Leichnam seiner Braut, dicht dabei lag der Kadaver eines Tigers, entseelt durch einen Säbelhieb, wie ihn nur die Verzweiflung zu führen imstande ist. Der Unglückliche grub ein Grab für seine Geliebte, errichtete ihr das rohe Denkmal, das die Reisenden sahen, und hatte seitdem diesen Platz nie mehr verlassen. Die wilden Tiere selber schienen seinen Schmerz zu achten oder ihn zu fürchten. Seine Freunde brachten ihm Speise und Trank. Nie hat er gelächelt oder ein Wort des Dankes gesprochen. Seitdem waren vier oder fünf Jahre verflossen, und der Mann sah aus wie ein Greis, obwohl er noch in der Blüte der Jugend stand. Tief ergriffen von dem Liebesunglück dieses Indiers, setzte Hartley seine Reise fort. Nur zu sehr erinnerte ihn diese Geschichte an das wahrscheinliche Geschick seiner Geliebten, die sich fast schon in den Klauen eines noch furchtbareren Tigers befand, als das Untier gewesen war, dessen Gerippe neben Sadhu Sing lag. Als Hartley in der Stadt angelangt, sich sofort nach der Moschee begab, fand er den Fakir Barak el Hadschi nicht, aber einer der vielen Hindu erklärte sich bereit, sein Anliegen an den heiligen Mann zu bestellen, und kehrte mit der Nachricht zurück: »Wer sehen will, wie die Sonne aufgeht, muß bis zur Dämmerung warten.« Er trug sich in seinem Ungestüm mit dem Gedanken, sich geradenwegs zu dem Fürsten selber zu begeben, aber auf seine Fragen erhielt er den Bescheid, daß Haidar Ali gar nicht in seiner Residenz weile, sondern eines geheimen Unternehmens wegen auf zwei Tage abwesend sei. Es blieb ihm also nichts anderes übrig, als daß er bis zum Abend wartete. Als er sich dann wieder nach der Moschee begab, wurde er von einem jungen Hindu erwartet, der seine Führung übernahm mit den Worten: »Wer sehen will, wie die Sonne aufgeht, muß sich nach Osten wenden.« Hartley war mit der Redeweise der Indier vertraut und folgte sofort seinem Führer, hinter dessen weißgekleideter Gestalt er im Finstern in banger Stimmung herschritt. Nach vielverschlungenem Wege machten sie an einer kleinen Pforte Halt, und der Führer bedeutete dem Arzte, einzutreten, Hartley tat es ohne Zaudern und sah sich in einer kleinen Kammer dem Fakir Barak el Hadschi und einem anderen Fakir gegenüber, der in seinem langen weißen Barte einen sehr würdevollen Eindruck machte und eine Person von großer Heiligkeit zu sein schien. Hartley sprach in achtungsvollstem und bescheidenstem Tone den üblichen Gruß: »Salem aleikum!« Der ihm bekannte Barak el Hadschi schien nicht geneigt, die gleiche Vertraulichkeit anzunehmen, die er ihm seinerzeit in Madras bezeigt hatte. Er warf einen Blick auf seinen älteren Gefährten und wies auf einen Teppich, auf den sich Hartley der Sitte gemäß mit gekreuzten Beinen niedersetzte. Mehrere Minuten lang herrschte tiefes Schweigen. Hartley kannte die Gepflogenheiten des Orients zu gut, um zuerst das Wort zu ergreifen. Er wartete, bis er zum Reden aufgefordert wurde. Dies geschah von seiten Baraks. »Als der Pilger Barak,« sagte dieser, »in Madras wohnte, da waren Augen und Zunge sein. Jetzt aber ist er untertan dem heiligen Vater Scheich Ali ben Kaledun, dem Vorsteher seines Klosters.« Diese Unterwürfigkeit vermochte Hartley nicht mit der früheren Behauptung Baraks, in Seringapatam großen Einfluß zu besitzen, in Einklang zu bringen. Er wandte sich daher an den älteren Fakir und berichtete in kurzen Worten von dem schändlichen Plan, ein englisches Mädchen Tippu Sahib in die Hände zu liefern, sie mit Gewalt zu einer Houri seines Harems zu machen, und ersuchte sie, sich für die Unglückliche bei dem ehrwürdigen Vater des Prinzen zu verwenden. Der ältere Fakir hörte ihn mit unerschütterlicher Ruhe an, regungslos wie ein Holzbild auf den Bittsteller herabblickend. »Glaubt Ihr,« fragte er nach einer Pause, »daß der Nawwab Haidar Ali Chan Vahadur seinem Sohne Nippu, dem Siegreichen, den Besitz einer ungläubigen Sklavin streitig machen wird?« »Der Nawwab ist der Stellvertreter des Propheten«, sagte Hartley und senkte das Haupt. »Er ist der Richter über Niedrige und Hohe und der Ruhm seiner Gerechtigkeit geht von Pol zu Pol.« Eine lange Pause trat ein – der altere Fakir schien von den Worten Hartleys angenehm berührt. »Hast du, Feringi,« fragte er dann, »sonst von einem Verrat gehört, den dieser Kafir (Ungläubige) gegen den Nawwab Bahadur im Schilde führt?« »Von einem Verräter kommt Verrat,« antwortete Hartley, »wenn ich aber bei der Wahrheit bleiben soll, so ist mir ein verräterischer Plan nicht bekannt.« »Wahr sind die Worte dessen,« erwiderte der alte Fakir, »der seinen Feind nur insoweit anklagt, als er die Anklage vertreten kann. Was du gesagt hast, soll dem Nawwab vorgetragen werden. Wer Ausgang wird sein, wie Allah und er es wollen. – Friede sei mit dir!« »Der Segen Allahs geleite dich!« setzte Barak hinzu. Damit war Hartley verabschiedet. Diese Zusammenkunft war nicht dazu angetan, ihn mit Zuversicht zu erfüllen, und als er nach seinem Khan, wie dortzulande die Einkehrhäuser heißen, zurückgekehrt war, hatte er die Überzeugung, daß er auf die Dienste dieser Fakire nicht allzu sicher bauen könne, und faßte ohne Zaudern den Entschluß, auf der Stelle nach Bangalur weiter zu reisen, um dem Fürsten Tippu selber zu Füßen zu fallen und die Rettung seiner Geliebten zu erflehen. Zwanzigstes Kapitel. Als er vor dieser schönen und bevölkerten Stadt anlangte, sah er eine Meile etwa vor ihren Wällen ein Lager aufgeschlagen – auf dem Gipfel eines Hügels. Zelte aus Seide und Gold und Speere mit vergoldeten Spitzen und Pfähle mit vergoldeten Kugeln boten ein prächtiges Bild. Dies war das Lager der Begum Muti Mahul, wie die Königin von Saba oder die Madame Montreville bei den Eingeborenen hieß. Hartley ging traurig im Schatten einiger Magnolien auf und nieder, in Gedanken über seine Geliebte und seine eignen Aussichten. Das Bewußtsein, ihr so nahe zusein, erhöhte noch die Bitternis seines Schmerzes, denn hier erst war es ihm so recht klar, wie gering die Hoffnung war, sie retten zu können. Ein Liebhaber von romantischer Sinnesart wäre vielleicht auf den Gedanken gekommen, sie durch List oder Gewalt zu retten, aber Hartley war zwar ein mutiger Mann, hatte aber keinen Hang zu Abenteuern und würde jeden derartigen Gedanken von sich gewiesen haben. Wahrend er noch in solche Gedanken versunken, auf und ab ging, riß ihn Geschützdonner, der von den Bastionen der Stadt herunterklang, aus seiner Schwermut. Gleichzeitig sah er von Norden her eine Schar Reiter heransprengen, durch den Staub hindurch erkannte er auch Elefanten und königliche Banner, und konnte nun nicht mehr länger im Zweifel sein, daß er hier die Rückkehr Tippu Sahibs mit ansah. Aus der Stadt scholl lauter Jubel herüber, während der ganze Schwarm zu den Toren hineinbrauste. Bald darauf ritten Boten ins Lager der Begum und meldeten ihr, daß der Fürst zum Orte der Zusammenkunft seinen Garten vor der Stadt bestimme und daß die Zusammenkunft stattfinden sollte zur Mittagszeit des folgenden Tages. Dies war die Antwort auf die Anfrage der Boten der Begum, die den Fürsten vor seinem Palast kniend erwartet hatten. Genau zur Mittagsstunde des nächsten Tages verkündete Kanonendonner, daß Tippu seinen Elefanten bestiegen habe. Der tiefe Klang der Staatstrommel tönte weithin. Dann kam zu den Toren hinaus die feierliche Prozession in all der überschwenglichen Pracht des Orients. Tippu selber ritt reich geschmückt auf seinem Elefanten in einer aus Silber und Gold kostbar gearbeiteten Sänfte. Hinter ihm ritt die große Schar der Hofschranzen, die alle aufs glänzendste gekleidet waren. Kaum war der Prinz Tippu, in den fürstlichen Gärten angelangt, von seinem Elefanten gestiegen und hatte in seinem Staatspavillon sich auf den Thron niedergelassen, so nahte auch schon die stattliche Gestalt der Begum sich dem Orte der Zusammenkunft. Da ihr Elefant an den Toren zurückgelassen worden war, ließ sie sich in einer offnen Sänfte von sechs Sklaven tragen. Sie war in Seide und über und über mit reichem Zierat beladen. Als General der Begum schritt neben ihrer Sänfte Richard Middlemas. Er war in der Tracht eines indischen Höflings. Die Sänfte machte Halt, als sie vor dem Throne Tippus angelangt war. Das Geleit der Begum, das einen prächtigen Aufzug bildete, bestand nur aus Männern, und dem Anschein nach war keine Frauensperson in ihrem Gefolge. Nur eine geschlossene Sänfte erregte Aufsehen, die von zwanzig schwarzen Sklaven mit gezogenen Säbeln bewacht wurde. Als Tippu durch den dünnen Sprühregen des Springbrunnens, der vor seinem Pavillon eine kristallne Säule aufsteigen ließ, die Sänfte der Begum sich nähern sah, erhob er sich von seinem Thron und ging ihr bis zum Fuße seines Sessels entgegen. Dort wurden die üblichen feierlichen Begrüßungen ausgetauscht. Alsdann geleitete er sie zu dem Kissen, das neben seinem Sessel in seltener Ehrerbietung für sie hingebreitet war. Die Höflinge Tippus machten den Höflingen der Begum Platz, und alle ließen sich auf dem Teppich, die Beine kreuzend, nieder, Middlemas nahm hierbei einen Ehrenplatz ein. Weiter hinten standen die Leute geringerer Bedeutung, und unter sie hatte Hartley sich gemischt. Unmöglich ließen sich die Gefühle beschreiben, die Hartley beim Anblick des abtrünnigen Middlemas und der Frau Montreville empfand. Er fühlte den Mut in sich, mitten unter die Versammlung zu treten und an eine Gerechtigkeit zu appellieren, die im ganzen Lande sprichwörtlich sei. Der Prinz hatte inzwischen in leisem Tone mit der Begum gesprochen, jetzt schloß er mit deutlich vernehmbarer Stimme: »Um die Dienste zu lohnen, die uns die mächtige Begum Matti Mahul, die schön ist wie der Mond und weise wie die Tochter Dschemschids, und ihr General uns erwiesen haben, nehmen wir auf ihr Gesuch hin diesen ihren General als einen unsers Vertrauens würdigen Helden in unsre Dienste und belehnen ihn mit der Würde des Kommandanten in unsrer geliebten Hauptstadt Bangalur.« Kaum waren diese Worte verklungen, als sich aus dem Haufen des herumstehenden Volkes eine Stimme vernehmen ließ, die laut rief: »Verflucht sei der, der den Räuber zum Schatzmeister macht und der den Abtrünnigen zum Herrscher über Moslemin erhebt!« Mit unsäglicher Freude, aber doch vor Angst und banger Spannung bebend, erkannte Hartley die Stimme des älteren Fakirs. Tippu schien sich an diese Unterbrechung nicht zu kehren. Er betrachtete sie als die Verrücktheit eines frommen Eiferers, denen die mohammedanischen Fürsten große Freiheiten gestatten. Als die Ruhe wieder eingetreten war, erhob sich Middlemas, verneigte sich vor dem Prinzen und sprach in einer auswendig gelernten Rede seine Unwürdigkeit zu dem ihm erteilten Amte aus und erklärte seinen Eifer und seine Hingebung für den Fürsten. Er war im Begriff, noch etwas hinzuzusetzen, aber die Sprache versagte ihm hier, er stammelte und verstummte. Rasch fiel ihm die Begum ins Wort. »Mein Befehlshaber wollte sagen,« rief sie, »daß ich nicht in der Lage bin, für eine so große ihm übertragene Ehre zu danken, ich kann nur bitten, Eure Hoheit möge sich herablassen, eine Lilie aus Frangistan anzunehmen, die in dem fernsten Winkel Eures Harems zu Eurer Lust bereit sein soll. Die Wachen meines Gebieters mögen die Sänfte dort wegtragen.« Der Schrei einer weiblichen Stimme ließ sich vernehmen. als die Wachen Tippu Sahibs auf seinen Wink hin an die Sänfte traten. Da erklang von neuem die Stimme des alten Fakirs lauter und grimmiger als zuerst. »Verflucht ist der Fürst, dem die Gerechtigkeit um Wollust feil ist. Er wird fallen in seinen Toren unter dem Schwerte des Fremden.« »Das ist zu unverschämt!« fuhr Tippu auf. »Bringt diesen Fakir her, die Peitschen sollen ihm den Rücken zerfleischen!« Aber die Diener, die hinzueilten, den Befehl des Tyrannen auszuführen, stürzten vor dem Fakir zu Boden wie vor dem Engel des Todes. Er warf seine Kapuze und seinen falschen Bart von sich, und das wütende Antlitz Tippus zeigte sofort den Ausdruck der Unterwürfigkeit, als es dem finstern und furchtbaren Auge seines Vaters begegnete. Einundzwanzigstes Kapitel. Auf einen Wink Haidar Alis stieg Tippu vom Throne herab, den nun der Vater einnahm, der an Stelle des zerrissenen Kaftans einen purpurnen Mantel und den königlichen Schmuck anlegte. Rings in der Versammlung und in der Menge wurde der Zuruf laut: »Heil dem Guten, dem Weisen, dem Entdecker verborgener Dinge, der unter die Seinen tritt, wie die Sonne durch die Wolken bricht.« Der Nawwab gebot zuletzt Schweigen, dann schaute er majestätisch um sich und sah auf Tippu, der mit zu Boden gesenktem Blick und gekreuzten Armen, wie eines Urteils harrend, vor ihm stand. Seine Haltung bot jetzt einen starken Gegensatz zu dem stolzen Herrscherwesen, daß er eben noch zur Schau getragen hatte. »Du hast die Sicherheit,« sagte der Nawwab zu ihm, »die Sicherheit deiner Hauptstadt verkauft um den Besitz einer weißen Sklavin, allein auch Salomo hat die Schönheit eines Weibes zum Straucheln gebracht. Wie hätte der Sohn Haidar Alis der Versuchung widerstehen können? – Damit aber die Menschen hell sehen, müssen wir das Licht entfernen, das ihnen die Augen blendet. – Das Feringi-Weib muß mir überlassen werden.« »Hören ist gehorchen«, antwortete Tippu. »Übergebt es dort dem Feringi Hartley, der es zurückbringen mag in sein Land. Das Geleit, das ich ihnen mitgebe, bürgt mit den Köpfen für ihre Sicherheit. – Was dich betrifft, Tippu, so bin ich nicht gekommen, vor dieser hohen Versammlung dir das Wort zu nehmen. Was du dem Feringi versprochen hast, sollst du erfüllen. Die Sonne nimmt den Glanz nicht zurück, den sie dem Mond gegeben, der Vater verdunkelt nicht die Würde, die er dem Sohne übertragen. Was du verheißen hast, vollbringe!« Die Feierlichkeit der Amtserteilung nahm ihren Fortgang. Middlemas unterzog sich ihr mit klopfendem Herzen und hegte noch die geheime Hoffnung, daß er den Vater wie den Sohn hintergehen könnte. Die Höflinge brachten dem neuernannten Killedar ihre Glückwünsche dar, und priesen die kluge Wahl Tippu Sahibs. Nun kam das bei solchen Gelegenheiten in Indien übliche Geschenk, ein Elefant, den der neue Kommandant besteigen sollte. Das gigantische Tier stand vor dem Pavillon, schüttelte den riesigen, runzligen Kopf und hob und senkte ungeduldig den gewaltigen Rüssel. Richard Middlemas, sehr zufrieden mit der Audienz, war im Begriff, den Elefanten zu besteigen und wartete, am Halses des Tieres stehend, daß der Führer es niederknien ließe, als Haidar Ali die Hand hob. »Halt, Feringi,« sagte er, »dir ist alles geworden, was die Güte Tippus dir verheißen. Empfange nun auch den wohlverdienten Lohn Haidars.« Mit diesen Worten winkte er mit dem Finger, und der Führer des Elephanten ließ dem so gegebenen Befehle sogleich die Tat folgen. Das Ungetüm schlang den mächtigen Rüssel um den Hals des unglücklichen Europäers, hob ihn empor, schleuderte ihn zu Boden, stampfte ihm den großen unförmigen Fuß auf die Brust und machte so mit eins seinem Leben und seinen Freveltaten ein Ende. Der Schrei, den das Opfer ausstieß, fand ein Echo in dem Kreischen, das hinter dem Schleier der Begum hervordrang. Zweiundzwanzigstes Kapitel. Die Höflinge saßen in tiefem Schweigen. Tippu aber, auf dessen weißes Gewand ein paar Blutflecke gespritzt waren, hielt dieses furchtbare Zeichen der vollzogenen Hinrichtung, seinem Vater hin und rief: »Vater, Vater, hältst du so dein Versprechen?« »Wisse, schönster Knabe,« erwiderte Haidai Ali, »der dort als Leichnam liegt war beteiligt an einer Verschwörung, durch die Batigalur den Feringis ausgeliefert werden sollte. Die Begum hat uns davon in Kenntnis gesetzt, und nur deshalb mag ihr verziehen sein, daß sie im Anfang daran teilnahm. – Bringt diesen leblosen Klumpen weg.« Dann wandte er sich an Hartley. »Feringi,« sagte er, »kehre zurück mit der Entführten und sage deinem Volke, daß Haidar Ali gerecht ist.« Hartley erreichte glücklich mit dem ihm anvertrauten teuern Gute die Küste. Er hatte seine Geliebte von einem furchtbaren Schicksal errettet, als schon keine Hoffnung mehr auf Rettung zu sein schien. Aber Marie Grays Gesundheit hatte unter den Schrecknissen der letzten Tage zu sehr gelitten. Sie verfiel in eine Nervenkrankheit, an der sie lange Zeit darniederlag und von der sie sich nie wieder ganz erholte. Was aus der Begum Montreville geworden ist, ist nicht bekannt. Ihr ganzes Besitztum würde von Haidar Ali konfisziert, sie soll Macht und Einfluß völlig verloren haben und später an Gift gestorben sein. Ob sie es sich selbst beibrachte oder ob ein andrer es ihr in mörderischer Absicht reichte, läßt sich nicht sagen. Der Leser dürfte als natürlichen Schluß erwarten, daß Marie Gray ihren Retter Hartley heiratete, aber ihre Gesundheit war viel zu sehr erschüttert, als daß sie an eine eheliche Verbindung hätte denken können. Vielleicht hätte die Zeit alles wieder geheilt und zu diesem Ende geführt, aber zwei Jahre nach den Abenteuern in Maisur fiel der mutige und, uneigennützige Hartley seiner Unerschrockenheit als Arzt zum Opfer: er starb an der Pest. Marie Gray ehrte sein Andenken und entsagte jedem Gedanken, jemals noch einem andern die Hand zu geben, die er so wohl verdient und – man kann wohl sagen – auch errungen hatte. Sie kehrte nach England zurück und lebte zurückgezogen und einsam. Ihr Dasein schien sich abzuspielen wie das der römischen Matronen, das in einer antiken Grabschrift mit den Worten gekennzeichnet wird: Domi mansit – lanam fecit .