Christian Gotthilf Salzmann Ameisenbüchlein oder Anweisung zu einer vernünftigen Erziehung der Erzieher Noch etwas über die Erziehung nebst Ankündigung einer Erziehungsanstalt An Hermann. So nenne ich dich, lieber junger Mann, der du in deiner Brust ein Streben fühlst, durch Tätigkeit für Menschenwohl dich in der Welt auszuzeichnen. Gib mir die Hand! Wenn du nicht vorzügliche Talente und entschiedene Neigung zu einem anderen Geschäfte in dir fühlst – so widme dich der Erziehung! Diese schafft dir Gelegenheit, für Menschenwohl recht tätig zu sein. Wer Moraste austrocknet, Heerstraßen anlegt, Tausenden Gelegenheit verschafft, sich ihre Bedürfnisse zu verschaffen, Gärten pflanzt, Krankenhäuser stiftet, wirkt auch für Menschenwohl, aber nicht so unmittelbar und durchgreifend als der Erzieher. Jener verbessert den Zustand der Menschen, dieser veredelt den Menschen selbst. Und ist der Mensch erst veredelt, so geht aus ihm die Verbesserung von selbst hervor, und der Zögling, dessen Veredelung dir gelungen ist, hat Anlage, auf dem Platze, wohin ihn die Vorsehung stellt, den Zustand von Tausenden seiner Brüder angenehmer und behaglicher zu machen. In keiner Klasse von Menschen findest du so viel Empfänglichkeit für alles Gute, als bei Kindern. Ihr Herz ist die wahre Jungfernerde, in welcher jedes Samenkorn schnell Wurzel schlägt und emporwächst; es ist ein Wachs, das sich willig in jede Form schmiegt, in die du es drückst. Das Herz der Erwachsenen gleicht einem Lande, das schon mit Gewächsen besetzt ist, die darin tiefe Wurzeln schlugen, und die erst mit vieler, oft vergeblicher Mühe ausgerottet werden müssen, wenn der Same, den du in dasselbe werfen willst, gedeihen soll; einem Marmor, der mit großer Behutsamkeit bearbeitet sein will, und in dem man, nach langer müheseliger Arbeit, oft auf eine Ader stößt, die alle fernere Arbeit zwecklos macht. Wenn du die Erziehungskunst wirklich gründlich erlernst und mit Gewissenhaftigkeit ausübst, so verschaffst du dir gewiß die Seligkeit, einst Männer, durch dich gebildete Männer, zu sehen, die mit Kraft und Nachdruck für alles Gute tätig sind. Wende mir nicht ein, das Erziehungsgeschäft wäre so mühsam. Wo ist denn ein gemeinnütziges Geschäft, das nicht mühsam wäre? Und wenn es ein solches, wie z.B. das Zerlegen einer Pastete, gäbe, wolltest du dich wohl demselben widmen? Aber glaube mir, das Erziehungsgeschäft ist nicht so mühsam, als du denkst. Erzieher, die die Erziehung nicht verstanden, haben es in einen üblen Ruf gebracht. Merke nur auf die Winke, die dir in diesem Buche gegeben werden, und befolge sie, so wirst du bei der Erziehung zwar Mühe, aber fast immer solche finden, die durch einen baldigen glücklichen Erfolg belohnt wird, und deswegen kaum den Namen der Mühe verdient. Und diese kleine Mühe – durch wie mannigfaltige Freude wird sie versüßt werden! Sieh, was für ein harmloses, fröhliches Völklein die Leutchen sind, in deren Kreise der Erzieher wirkt! Wird, wenn du ein wirklicher Erzieher wirst und dich zu ihnen herabstimmen lernst, ihre beständige Fröhlichkeit nicht einen wohltätigen Einfluß auf dich haben? Die Erfahrung lehrt, daß Männer, die in der jugendlichen Atmosphäre leben und weben, gemeiniglich alt werden, unterdessen daß von denjenigen ihrer Jugendfreunde, die in dem Dunstkreise der Erwachsenen arbeiteten, einer nach dem anderen dahinwelkt. Man hat diese unleugbare Erscheinung oft den jugendlichen Ausdünstungen zugeschrieben, die solche Männer einatmen und damit ihre zäh werdende Blutmasse verdünnen. Ob es wahr sei, kann ich nicht entscheiden, da mir hierzu die nötigen ärztlichen Kenntnisse fehlen. Sicher trägt aber die beständige Munterkeit und Fröhlichkeit der Jugend das Ihrige dazu bei, wenn man ihr nur nicht durch Eigensinn und üble Laune entgegenarbeitet. Will man sich in den Lehnstuhl setzen, um des Marasmus Ankunft ruhig abzuwarten, so kommt ein munterer Knabe gehüpft, bittet, einen seiner jugendlichen Wünsche zu befriedigen, und reizt uns, den Lehnstuhl zu verlassen. Dort beginnen einige frohe Knaben ein munteres Spiel, das auch uns zum Frohsinn stimmt. Nun ruft uns die Glocke in das Lehrzimmer, wo man, soll anders der Unterricht einen guten Erfolg haben, der üblen Laune entsagen und zum Frohsinn sich stimmen muß. So verjüngt der Erzieher, der seiner Bestimmung gemäß lebt, sich täglich und hält das Alter mit seinen mannigfaltigen Beschwerden von sich entfernt. Die Erziehung, denkst du vielleicht, wird aber so schlecht belohnt. Das glaubst du wirklich? Mir deucht, kein Geschäft ist belohnender als dieses. Sind denn Frohsinn, Gesundheit und heiteres Alter, die gewöhnlich dem wahren Erzieher zuteil werden, eine Kleinigkeit? Nächstdem kann er noch auf eine andere Belohnung rechnen, dies ist – die eigene Veredelung. Der Erzieher, der sein Geschäft nicht als Broterwerb treibt, dem die Veredelung seiner Pflegebefohlenen Hauptzweck ist, muß schlechterdings ein guter, edler Mensch werden. Wie? er sollte stets die Pflicht mit Wärme empfehlen können, ohne über dieselbe täglich nachzudenken und ihren Wert zu fühlen? ohne sich selbst als Muster der Pflichterfüllung darzustellen? Er sollte unter jungen Leuten leben können, deren scharfes Auge jeden Fehler bemerkt, deren Freimütigkeit jeden Fehler bemerkbar macht, ohne dieselben abzulegen? Das so wahre Sprichwort: docendo discimus ist auch in moralischer Hinsicht wahr. Wenn wir uns ernstlich bestreben, unsere Pflegebefohlenen zu veredeln, werden wir selbst veredelt. Und nun, mein guter Hermann! wenn du bei dem Erziehungsgeschäfte gesund und froh wirst, wenn dabei dein innerer Mensch gedeihet und immer mehr edlen Sinn bekommt, bist du nicht belohnt genug? Gesetzt, du müßtest deine Tage in niedriger Dürftigkeit verleben, bist du nicht belohnt genug? Oder wolltest du wohl dies alles dahingehen, um eine glänzende Rolle zu spielen? wolltest lieber an einer reichlich besetzten Tafel krank als bei einer einfachen Mahlzeit mit gutem Appetite sitzen, wolltest lieber Jubel um dich und in dir Gram als in dir Frohsinn und um dich Stille haben? wolltest lieber einem Schwarm feiler Seelen befehlen, als dich selbst beherrschen? Nun, so triff den Tausch, aber – mein Hermann bist du nicht – dir ist dies Buch nicht geweihet. An dich wende ich mich, der du den Wert dieser großen Belohnung fühlen kannst. Erlangtest du auch keine als diese, so wirst du jede andere entbehren können. Aber gewiß, wenn du dich bestrebst, kein mittelmäßiger, sondern ein ausgezeichneter Erzieher zu werden, wird dir auch andere Belohnung nicht fehlen. Die Zeiten sind vorbei, da das Erziehungsgeschäft verächtlich war. Die Familien werden immer zahlreicher, denen ein guter Erzieher das höchste Bedürfnis ist, die sich denselben um jeden Preis zu verschaffen suchen; die ihn nicht als ersten Bedienten, sondern als ersten Freund des Hauses betrachten. Aus dem Vorbericht Der Inhalt dieses Buches scheint mir so wichtig, daß ich wünsche, es möchte von allen, die erziehen oder erziehen lassen, gelesen und beherzigt werden. Gleichwohl ist zu besorgen, daß es unter der Flut von Schriften, mit welchen Deutschland in jeder Messe überschwemmt wird, nicht möchte bemerkt werden, wenn es nicht eine Auszeichnung bekommt, die in die Augen fällt und es unter den Tausenden, von welchen es umgeben ist, bemerkbar macht. Was ist hierzu aber wohl schicklicher als der Titel? Ein anderer würde dazu vielleicht einen griechischen oder französischen Namen oder den Namen einer Gottheit oder eines Weisen des Altertums gewählt haben; mir aber gefiel der Titel: Ameisenbüchlein. Was den Inhalt betrifft, so scheint er mir von großer Wichtigkeit zu sein. Wir haben einen Überfluß von Büchern, die Anweisung zur Erziehung der Bänder enthalten, aber an Anweisungen zur Erziehung der Erzieher scheint mir noch Mangel zu sein. Was helfen aber jene, wenn diese nicht da sind? Wozu nützen alle Theorien, wenn die Leute fehlen, die sie ausführen können? Die Revision des Schul- und Erziehungswesens stellt gute Theorien auf, wo sind sie aber ausgeführt worden? Statt darauf zu denken, das Wahre und Gute, was wir von der Erziehung bereits wissen, in Ausübung zu bringen, fährt man fort, neue Theorien aufzustellen, denen so gut wie jenen die Ausführung fehlen wird. Wir gleichen theoretischen Baumeistern, die die Ideale zu den vollkommensten Gebäuden mit der Reißfeder entwerfen können, die aber immer nur Risse bleiben, mit denen man etwa die Wände bekleiden kann, da ihren Verfertigern die Geschicklichkeit fehlt, das Entworfene zur Wirklichkeit zu bringen. Ach, gebt uns gute Erzieher! gebt uns Leute, die die Neigung, Geschicklichkeit und Fertigkeit haben, Kinder vernünftig zu behandeln, sich die Liebe und das Zutrauen derselben zu erwerben, die Kräfte zu wecken, ihre Neigungen zu lenken und durch ihre Lehre und ihr Beispiel die jungen Menschen zu dem zu machen, was sie ihren Anlagen und ihrer Bestimmung nach sein können und sein sollen. Was ist z. B. vernünftiger, als die Forderungen der Erzieher, die Kinder mehr durch Vorstellungen als durch Belohnungen und Strafen zu lenken? Allein zu dem Lenken der Kinder durch Vorstellungen gehört eine ganz eigene Geschicklichkeit. Derjenige, dem sie fehlt, kann den Kindern sehr viel Vernünftiges und Gutes sagen, das sich recht gut lesen läßt, und wird damit doch nichts ausrichten, unterdessen, daß ein anderer, der die Erziehung versteht, mit weit weniger Worten zu seinem Zwecke kommt. Es ist unter den Erziehern allgemein angenommen worden, daß zur Erziehung auch eine gewisse Abhärtung des Körpers gehörte; wenn der Erzieher aber selbst weichlich ist, wie will er andere abhärten? usw. Auch werde ich wenig oder gar nicht dessen Erwähnung tun, was andere Erzieher geleistet haben. Dies rührt keineswegs von der Geringschätzung anderer her, sondern ist bloß eine Folge meiner Eigenschaft. Ich habe wenig gelesen, desto mehr gedacht, beobachtet und gehandelt. Will man dies als Unvollkommenheit ansehen, so mag man es; soviel ist aber doch gewiß, daß es einem Manne, der die Arbeiten anderer nicht hinlänglich kennt, nicht geziemt, darüber zu urteilen. Besonders auffallend wird man es finden, daß ich der Pestalozzischen Lehrart, die die Augen von Europa auf sich gezogen hat, nicht oft Erwähnung tue. Es geschieht dies aus eben diesem Grunde. Soviel ich in einem flüchtigen Blicke von der Lehrart dieses verdienten Mannes gefaßt habe, scheint es mir, als wenn wir in der Hauptsache miteinander übereinstimmten und nur im Ausdrucke voneinander verschieden wären. Manches aber, das mir bei ihm neu war, habe ich angenommen und benutze es mit Dank. Dahin gehören seine Linearzeichnungen, die Übungen des Gedächtnisses, die Rechenmethode und das laute Aussprechen von mehreren Schülern zugleich. Schnepfenthal, im Oktober 1805 C. H. Salzmann Aus dem Symbolum Mein Symbolum ist kurz und lautet folgendermaßen: Von allen Fehlern und Untugenden seiner Zöglinge muß der Erzieher den Grund in sich selbst suchen. Dies ist eine harte Rede, werden viele denken; sie ist aber wirklich nicht so hart, als sie es bei dem ersten Anblicke scheint. Man verstehe sie nur recht, so wird die scheinbare Härte sich bald verlieren. Meine Meinung ist gar nicht, als wenn der Grund von allen Fehlern und Untugenden seiner Zöglinge in dem Erzieher wirklich läge; sondern ich will nur, daß er ihn in sich suchen soll. Sobald er Kraft und Unparteilichkeit genug fühlt, dieses zu tun, ist er auf dem Wege, ein guter Erzieher zu werden. Es liegt freilich in der Natur des Menschen, den Grund von allen Unannehmlichkeiten, ja von seinen eigenen Fehltritten außer sich zu suchen. Ich setze es als bekannt voraus, daß der Grund von den Fehlern der Zöglinge wirklich oft in den Erziehern liege. Wäre dies nicht, müßte man die Ursache derselben schlechterdings allemal den Kindern oder der Lage zuschreiben, in welcher sich die Erzieher befinden, so wäre es freilich eine ungerechte und törichte Forderung, dem Erzieher zuzumuten, sie in sich selbst zu suchen. Welcher vernünftige Erzieher wird dies aber wohl glauben? Bist du nun überzeugt, daß der Grund von den Fehlern der Zöglinge wirklich oft in den Erziehern liege, so wünsche ich, dir es glaublich zu machen, daß dies auch bei dir oft der Fall sei, der du es liesest. Hast du nicht vielleicht bemerke, daß die Zöglinge, die gegen dich unfolgsam sind, anderen willig gehorchen? oder daß die nämlichen Zöglinge, die bei deinem Vortrage flatterhaft sind und nichts lernen, wenn sie in die Lehrstunden anderer kommen, Aufmerksamkeit zeigen und gute Fortschritte machen? Solltest du diese Bemerkung wirklich gemacht haben, so täusche dich nicht, sei aufrichtig gegen dich selbst und gestehe dir ein, daß du selbst an dem schuld sein kannst, was du an deinen Zöglingen tadelst. Sage nicht, ich bin mir doch bewußt, daß ich meine Pflichten redlich erfülle. Dies kann wohl sein, aber vielleicht verstehst du noch nicht recht, die Kinder zu behandeln. Vielleicht hast du in deinem Betragen etwas Zurückstoßendes, das die Kinder mißtrauisch und abgeneigt macht. Vielleicht fehlt dir die Lehrgabe. Du bist zu schläfrig oder dein Vortrag ist zu trocken und zu abstrakt. Hast du ferner nicht wahrgenommen, daß die nämlichen Zöglinge, die zu gewissen Zeiten auf deinen Vortrag merken und deine Winke befolgen, zu anderen Zeiten flatterhaft und unfolgsam sind? Kann dich dies nicht auch belehren, daß der Grund von ihren Fehlern in dir zu suchen sei? Ich begreife nicht, antwortest du, wie dies daraus folge. Bin ich nicht der nämliche, der ich gestern war? Wenn meine Zöglinge nun nicht die nämlichen mehr sind, muß der Grund von diesen Veränderungen nicht in ihnen liegen? Es kann sein. Ehe du dies aber annimmst, so untersuche nur erst, ob du wirklich noch der nämliche seiest, der du gestern wärest. Gar oft wirst du finden, daß du ein ganz anderer Mann geworden bist. Vielleicht leidest du an Unverdaulichkeit oder hast dir durch Erkältung den Schnupfen zugezogen, oder ein unangenehmer Vorfall hat deine Seele verstimmt, oder du hast etwas gelesen, was dich noch beschäftigt und hindert, deine ganze Aufmerksamkeit auf dein Geschäft zu wenden usw. Ein einziger von diesen Zufällen kann dich zu einem ganz anderen Manne gemacht haben. Gestern tratest du mit heiterer Seele und feurigem Blicke unter deine Kleinen; dein Vortrag war lebhaft, mit Scherz gewürzt, deine Erinnerungen waren sanft und liebevoll, die Lebhaftigkeit deiner Zöglinge machte dir Freude. Und heute? Ach, du bist der Mann nicht mehr, der du gestern warst. Deine Seele ist trübe, dein Blick finster und zurückstoßend, deine Erinnerungen sind herbe, jeder jugendliche Mutwille reizt dich zum Zorne. Hast du dies nicht zuweilen an dir wahrgenommen? Nun, so sei aufrichtig und gestehe dir, daß der Grund, warum deine Zöglinge heute nicht so gut sind, als sie gestern waren, in dir liege. Ein durch die Eigenliebe geblendeter Mensch, der schlechterdings nicht Unrecht haben will, der eher alle seine Zöglinge für Dummköpfe und Bösewichte erklärt, als daß er an seine Brust schlüge und sich eingestünde, daß er gefehlt habe; er ist – zur Erziehung unfähig. Zugestanden, daß dein Zögling Fehler hatte, ehe du ihn bekamest. Warum hat er sie noch? Du bekamst z. B. deinen Zögling als ein schwächliches Kind, mit dem wenig anzufangen war, warum ist er denn noch nicht stärker? Hast du nicht von schwächlichen Kindern gehört, die durch eine vernünftige Behandlung gestärkt wurden? Kennst du die Mittel, schwächliche Kinder zu stärken? Hast du davon Gebrauch gemacht? Dein Zögling ist zuvor verzogen worden – er ist eigensinnig, widerspenstig, lügenhaft; warum ist er dies aber noch, nachdem er so lange unter deiner Leitung war? Hast du ihn auch die Folgen seines Eigensinns fühlen lassen, um ihn dadurch zum Nachdenken zu bringen? Hast du es ihm gehörig fühlbar gemacht, daß du ein Mann, er ein Kind ist, daß du ihm an Kraft, Erfahrungen und Einsichten überlegen bist und ihn so zur Überzeugung zu bringen gesucht, daß er von dir abhänge und deine Vorschriften befolgen müsse? Hast du dir auch immer die gehörige Mühe gegeben, zu untersuchen, ob das, was er dir sagte, wahr sei, und ihn durch Aufdeckung seiner Lügen zu beschämen? Du erzählst, wie du deine Zöglinge behandelst, welche Ermahnungen du ihnen gibst, durch welche Vorstellungen du sie zu leiten suchst, und klagst, daß du mit alledem doch nichts ausrichtetest. Dies kann wohl sein; es kann auch sein, daß ich an der Vorstellung deiner Behandlungsart gar nichts auszusetzen finde; sollte ich dich aber handeln sehen, so würde ich vielleicht doch bemerken, daß die Ursache von dem schlechten Erfolge deiner Bemühungen in dir liege. Es ist nicht genug, daß man etwas Gutes sagt und vernünftig handelt, sondern es kommt auch noch darauf an, wie man spricht und wie man handelt. Wer Ohren hat zu hören, der höre! Der Ton, in dem man mit jungen Leuten spricht, ist von großer Wichtigkeit. Sie sind geneigt, mehr durch das Gefühl als durch die Vernunft sich leiten zu lassen. Wer also den rechten Ton treffen kann, der der jugendlichen Natur am angemessensten ist und auf sie den meisten Eindruck macht, der richtet bei ihr mit wenigen Worten weit mehr aus als ein anderer, der sich nicht in den rechten Ton stimmen kann, mit einer langen Rede. So ist der Ton, in welchem manche Erzieher mit ihren Zöglingen, zumal wenn diese von vornehmer Herkunft sind, sprechen, zu schüchtern, zu blöde, es fehlt ihnen das Durchgreifende. So wie nun das Roß an dem Beben der Schenkel seines Reiters bald die Furchtsamkeit desselben merkt und ihm den Gehorsam versagt, so fühlen junge Leute an dem schüchternen Ton, in welchem der Erzieher mit ihnen spricht, bald, daß er ihnen nicht gewachsen sei, und achten nicht viel auf ihn. Bei anderen Erziehern ist der Ton, in welchem sie reden, zu trocken, zu einförmig. Wenn man sie höret, so sollte man glauben, sie läsen ihre Ermahnungen aus einem Buche ab. Solche Ermahnungen fruchten auch nichts. Man kann von Kindern nicht erwarten, daß sie auf einen zusammenhängenden Vortrag viel merken, den Sinn desselben fassen und darüber nachdenken sollen. Der Ton, die Mienen, der ganze Anstand des Redners muß ihnen den Inhalt der Rede begreiflich machen, sonst wirkt sie wenig. Endlich ist der Ton mancher Erzieher zu gebieterisch, jede Ermahnung, jede Erinnerung hat die Form eines despotischen Befehls. Was wird die Wirkung davon sein? Abneigung und Widerspenstigkeit. Der zur Freiheit bestimmte Mensch fühlt eine natürliche Abneigung gegen jede harte, willkürliche Behandlung, und man kann es ihm nicht zur Last legen, wenn er sie gegen seinen despotischen Erzieher äußert. Nun sollte ich noch von dem Korporalstone sprechen, den manche Erzieher sich angewöhnt haben, die ihren Ermahnungen und Vorschriften durch Rippenstöße und Stockschläge Nachdruck zu geben suchen. Da aber dagegen schon so viel gesagt worden und die Unschicklichkeit desselben allgemein anerkannt ist, so halte ich es für überflüssig, davon weiter Erwähnung zu tun. Unterdessen rate ich jedem jungen Manne, der die Jugend nicht anders als mit Rippenstößen und Schlägen zu lenken weiß, daß er der Erziehung gänzlich entsage, weil er dabei doch nicht froh werden und nichts Gutes wirken wird. Er bemühe sich, eine Korporalstelle oder die Stelle eines Zuchtmeisters zu erhalten, da wird er auf seinem Platze sein. Das bisher Gesagte wird hinreichend beweisen, daß viele Erzieher sich deswegen die Ursache von den Fehlern ihrer Zöglinge beizumessen haben, weil ihnen die Geschicklichkeit fehlt, ihnen dieselben abzugewöhnen. Oft lehren sie ihnen aber auch wirklich dieselben. Nun werden die meisten Leser denken, dies ist bei mir der Fall nicht, ich lehre meinen Zöglingen ihre Pflichten und suche sie durch meine Ermahnungen zu guten und tätigen Menschen zu bilden. Ich glaube es gern. Ich nehme es als bekannt an, daß unter meinen Lesern keiner sei, der seine Zöglinge zur Trägheit, Lügenhaftigkeit, Unverträglichkeit und anderen Untugenden ermahne. Daraus folgt aber noch nicht, daß sie diese Untugenden nicht lehrten. Kann man die Untugend nicht durch sein Exempel lehren? Wirkt dies nicht stärker auf die Jugend als Ermahnung? Du empfiehlst z.B. den Fleiß und bist doch selbst träge, gehst mit Verdrossenheit an deine Geschäfte, klagst über deine vielen Arbeiten, äußerst oft den Wunsch, von deinen Geschäften befreit zu werden; du ermahnst sie zur Wahrheitsliebe und lügst doch selbst; sagst, daß du einen Freund besuchen wollest, und schleichst dich in das Wirtshaus zum Spieltische, setzest deine Lehrstunden unter dem Vorgeben aus, daß du krank wärest, und bist doch nicht krank; forderst von deinen Zöglingen Verträglichkeit und zankst doch immer mit den Personen, die mit dir in Verbindung stehen. Du kommst mir vor wie ein Sprachlehrer, der die Theorie der Sprache recht gut vorzutragen weiß, aber sie selbst fehlerhaft spricht und schreibt. Wenn seine Schüler ein Gleiches tun, kann man denn nicht von ihm sagen, daß er sie die Fehler gegen die Sprachregeln gelehrt habe? Kann man ferner nicht auch Fehler und Untugenden durch die Behandlungsart lehren? Ich glaube es allerdings. Wenn du z.B. jeden Mutwillen, jede Unbesonnenheit, jedes Versehen deines Zöglings strenge ahndest, was hast du ihn gelehrt? Die Lügenhaftigkeit. Seiner jugendlichen Natur ist es nun einmal notwendig, bisweilen mutwillig zu sein, unbesonnen zu handeln, dies und jenes zu versehen; weiß er nun, daß du dies alles strenge ahndest, was wird er tun? Er wird seine Fehltritte vor dir zu verbergen suchen, ableugnen, ein Lügner werden. Mißbrauchst du das Zutrauen, das dir dein Zögling beweist, plauderst du die Geständnisse aus, die er dir als seinem Freunde tut, hältst sie ihm wohl gar öffentlich vor und beschämst ihn deswegen – was lehrst du ihn? Verschlossenheit. Kannst du im Ernste verlangen, daß dieser junge Mensch dir seine Geheimnisse anvertrauen soll, da du sie nicht zu bewahren weißt? Daß er Offenherzigkeit gegen dich zeigen soll, wenn du sie ihm zum Verbrechen machst? Nur der Einfältige, der Schwachkopf wird dies tun; der Knabe, der sich fühlt und die Unregelmäßigkeit deines Benehmens beurteilen kann, wird dir sein Zutrauen entziehen und es Personen schenken, bei denen seine Geheimnisse besser aufgehoben sind. Wenn du den Tätigkeitstrieb deiner Zöglinge nicht zu befriedigen suchst; wenn du, um sie zu beschäftigen, ihnen nichts in die Hände gibst als Bücher und Federn, was lehrst du sie? Eine ganze Reihe von Untugenden, deren ausführliches Verzeichnis ich hier niederzuschreiben nicht geneigt bin. Der Tätigkeitstrieb ist nun einmal da und ist ein wohltätiges Geschenk des Schöpfers, ist die Stahlfeder, die er in die junge Maschine gesetzt hat. Bücher und Federn vermögen ihn nicht zu befriedigen; denn zum Gebrauche derselben gehört Nachdenken, welches ein Geschäft der Vernunft ist, die bei den Knaben noch in der Entwicklung steht; und wenn auch gleich Bücher und Federn in vielen Fällen ohne Nachdenken können gebraucht werden, so ist doch der beständige Gebrauch derselben zu einförmig, als daß er Knaben, die Abwechslung lieben, angemessen sein sollte. Folglich haben Knaben, die man an die Bücher und den Schreibtisch fesselt, Langeweile. Gelingt es nun bei einigen, daß sie sich daran gewöhnen, so ist der Tätigkeitstrieb erstickt, sie werden faul und träge; gelingt dies, welches bei den meisten der Fall zu sein pflegt, nicht, so bricht der gehemmte Tätigkeitstrieb durch und verfällt auf Ausschweifungen, wovon die heimlichen Sünden gemeiniglich die ersten zu sein pflegen. Wer hat sie diese gelehrt? Der Erzieher. Der Erzieher macht sich drittens auch der Fehler und Untugenden seiner Zöglinge dadurch schuldig, daß er ihnen dieselben andichtet. Wenn man die Schilderung hört, die manche Erzieher von ihren Zöglingen machen, so möchte man sich entsetzen und alle Lust verlieren, sich dem so wohltätigen Geschäfte der Erziehung zu widmen. Da ist nicht der geringste Trieb, etwas Nützliches zu tun, unausstehliche Trägheit, Unbesonnenheit, Unverträglichkeit, Tücke, Bosheit, es ist eine Schar roher, ungeschlachter Buben, bei denen nichts ausgerichtet werden kann. Der gebildete Erzieher lächelt dabei, weil er wahrnimmt, daß diese Untugenden größtenteils in dem Gehirne des Erziehers sitzen, der das für Untugenden erklärt, was doch notwendige Eigenschaften der Kindheit sind. Was würde man von einem Vater halten, der sein dreiwöchiges Kind unreinlich schelten wollte, weil es die Windeln verunreinigt; oder von einem Gärtner, der darüber im Frühlinge Klage führte, daß er auf allen seinen Kirschbäumen nicht eine einzige Frucht, lauter Blüten fände? Würden wir sie nicht mitleidig belächeln? Viele Erzieher handeln aber nicht vernünftiger. Sie machen es ihren Zöglingen zum Verbrechen, wenn sie so handeln, wie die kindliche Natur zu handeln pflegt und handeln muß, und fordern von ihnen ein Betragen, das nur die Wirkung der gebildeten Vernunft, die bei ihnen noch klein ist, sein kann; sie suchen Früchte zur Zeit der Baumblüte. Wer die Eigenheiten der kindlichen Natur in die Klasse der Untugenden setzt, wieviel wird dieser nicht zu klagen haben! Oft werden die Erzieher auch dadurch die Schöpfer der Untugenden ihrer Zöglinge, daß sie eine willkürliche Regel annehmen, nach welcher sich die jungen Leute richten sollen, und jede Abweichung von derselben ihnen als Untugend anrechnen. Wenn die Regel nun albern und widernatürlich ist und die jungen Lernte dies fühlen, so werden sie auch keine Neigung haben, sie zu befolgen, jeden Augenblick davon abweichen und so als Übertreter in des Erziehers Augen erscheinen. Dies begegnet besonders den stolzen Erziehern, die sich für unfehlbar halten, ihre Zöglinge als Sklaven betrachten, die ihnen blinden Gehorsam schuldig wären, bei allen ihren Handlungen auf sie Rücksicht nehmen und bei jeder Gelegenheit die strengste Unterwürfigkeit gegen sie beweisen müßten. Ein solcher Erzieher duldet keine Einwendung, keinen Widerspruch, dies wäre Beleidigung, Mangel an Hochachtung. Wenn er sich zeigt, soll alles Spiel ruhen, tiefes Stillschweigen erfolgen, alles in einer ehrfurchtsvollen Stellung vor ihm stehen. Der freimütige, unbefangene Knabe, der keine Verstellung gelernt hat und geneigt ist, sich an jeden, den er für gut hält, anzuschmiegen, wird diese Forderungen unerträglich finden. Furcht vor Mißhandlungen wird ihn vielleicht bewegen, sich einige Augenblicke nach den unbilligen Forderungen seines Zuchtmeisters zu richten; bald wird er sich aber vergessen, sich in seiner natürlichen Gestalt zeigen und deswegen als ein nichtswürdiger Bube behandelt werden. Endlich vergrößern Erzieher bei ihren Zöglingen oft die Zahl der Untugenden, indem sie die Eigenheiten derselben dazu rechnen. Wenn man in einer Erziehungsanstalt die Stiefel sämtlicher Zöglinge nach einem Leisten wollte machen lassen, so würde es sich finden, daß sie nur für die wenigsten paßten und den übrigen entweder zu groß oder zu klein wären. Und was wäre nun in diesem Falle wohl zu tun? Die Füße, für welche die Stiefel nicht passen, für fehlerhaft erklären? an den Füßen einiger Zöglinge etwas abschneiden, an anderen etwas hinzusetzen? Ihr lacht? Ihr wollt wissen, was ich mit dieser sonderbaren Frage wolle? Ich will es gleich sagen. So wie jeder Knabe seine eigene Form des Fußes hat, so hat auch jeder seinen eigenen Charakter und seine eigenen Talente. Wollt ihr nun die Knaben mit ihren verschiedenen Charakteren und Talenten auf einen Fuß oder, wie man auch zu sagen pflegt, über einen Leisten behandeln, so wird diese Behandlungsart immer den wenigsten angemessen sein; wollt ihr nun dieses den Knaben als Untugend anrechnen und sie eurer Behandlungsart anzupassen suchen, so handelt ihr mit ebenso weniger Überlegung als derjenige, der die Füße nach den ihnen bestimmten Stiefeln formen wollte. Ihr gebt euren Zöglingen wegen begangener Fehltritte öffentliche Verweise. Dies mag für gewisse Fühllose, bei welchen vorhergegangene Ermahnungen fruchtlos waren, von guter Wirkung sein; wenn ihr dies aber bei allen tun wollt, so wird der ehrgeizige Ferdinand sich für beleidigt halten und geneigt sein, die größten Unbesonnenheiten zu begehen; der weichmütige Wilhelm hingegen wird bittere Tränen weinen und mutlos werden. Ihr lehrt den Fritz und Karl. Jener faßt sogleich alles, was ihr ihm sagt, und die Arbeit, die ihr ihm gebt, ist in einer Viertelstunde vollendet. So ist es nicht mit Karl. Dieser gute, ehrliche Knabe hat einen sehr langsamen Kopf, faßt sehr schwer den Vortrag, bringt an der ihm aufgegebenen Arbeit eine Stunde zu, und am Ende ist sie doch nicht so gut wie die, die Fritz lieferte. Darüber gebt ihr ihm Verweise, die er nicht verdient hat. Ihr unterrichtet den Heinrich und Ludwig im Lateinischen und in der Mathematik. Heinrich kann schlechterdings die lateinischen Sprachregeln nicht fassen, in der mathematischen Lehrstunde hingegen ist er der beste Schüler; und Ludwig bringt euch lateinische Aufsätze, an denen ihr nur wenig zu verbessern findet; aber die Mathematik – für diese hat er keinen Sinn. Gleichwohl verlangt ihr von beiden, daß sie im Lateinischen und in der Mathematik gleiche Fortschritte machen sollen; verweist dem Heinrich seine Faulheit in der lateinischen und dem Ludwig seine Verdrossenheit in der mathematischen Lehrstunde und – tut beiden unrecht. Ihre Faulheit und Trägheit sitzt in eurem Gehirne. Habe ich denn gesagt, daß man den Grund von allen Untugenden und Fehlern der Zöglinge dem Erzieher beimessen müsse? Nichts weniger als dieses. Nur von dem Erzieher fordere ich, daß er selber den Grund davon in sich suchen solle, damit, wenn er wirklich in ihm läge, er ihn wegräumen könne. Daraus folgt aber noch nicht, daß andere ihm die Schuld davon beilegen sollen. Der Anfang der Weisheit ist die Selbsterkenntnis; wo diese fehlt, wird man die Weisheit in keiner Lage finden und den Gleichmut und die Zufriedenheit, die aus derselben entspringen, allenthalben vermissen. Freund! der du dich der Erziehung widmest, sei also stark und entschließe dich, wenn du an deinen Pflegesöhnen Fehler und Untugenden bemerkst, wenn die Bearbeitung derselben dir nicht gelingen will, den Grund davon immer in dir zu suchen. Du wirst gewiß vieles finden, das du nicht geahnt hast, und wenn du es findest, so freue dich und laß es dir ein Ernst sein, es wegzuschaffen. Es wird dir gewiß gelingen, und dann, dann, welche angenehme Veränderung wirst du in und außer dir verspüren! Die dir anvertraute Jugend wird dir in einem anderen Lichte erscheinen, ihre Munterkeit wird dich aufheitern, ihre Torheiten und Unbesonnenheiten werden dich nicht mehr beleidigen, du wirst sie mit mehr Nachsicht und Schonung behandeln; das Herbe und Bittere in deinem Tone, das Finstere in deinem Gesichte wird sich verlieren, die Aufwallungen des Zornes, zu denen du geneigt bist, werden sich nach und nach mindern, der Bequemlichkeit, die du dir angewöhnt hattest, wirst du entsagen, so manchen andern Fehler, der auf deine jungen Freunde üble Eindrücke machte, wirst du ablegen, du wirst deinem Vortrage immer mehr Lebhaftigkeit und Annehmlichkeit verschaffen. Hast du einige Zeit so an dir gebessert – was wird der Erfolg sein? Du wirst dich zu einem guten Erzieher gebildet haben. Deine Pflegesöhne werden dich mit ihrer Liebe und ihrem Zutrauen belohnen; deine Winke werden sie befolgen, deine Bemühungen werden gelingen, ihre Fehler und Untugenden werden nach und nach weichen. Will es dir in manchen Fällen doch nicht gelingen, kannst du gewisse Fehler und Untugenden doch nicht wegschaffen – gut! so hast du doch die Beruhigung, mit Überzeugung zu dir sagen zu können: ich habe das Meinige redlich getan, die Schuld von dem Mißlingen meiner Bemühungen kann ich mir nicht beimessen. Was ist Erziehung? Seitdem es Menschen gibt, sind dieselben auch erzogen worden. Gleichwohl hat man noch keinen bestimmten, allgemein angenommenen Begriff von der Erziehung. Fast jeder, der über dieses Geschäft schreibt, gibt davon seine eigene Vorstellung. Da könnte ich nun alle die Begriffe, die seit Aristoteles bis auf Pestalozzi von der Erziehung sind gegeben worden, anführen, erklären, miteinander vergleichen und den richtigsten heraussuchen. Ich habe aber meine Ursachen, warum ich es nicht tue. Erstlich, weil mir viele davon unbekannt sind, zweitens, weil ich es für zweckwidrig halte. Wozu würde es nützen, wenn ich die Leser mit den verschiedenen Vorstellungen, die man sich in verschiedenen Zeitaltern von der Erziehung machte, aufhielte? Am Ende komme ich doch mit meinem eigenen Begriffe hervorgetreten und suche ihnen denselben zu empfehlen. Da ist es ja kürzer, wenn ich sie sogleich, ohne alle Umschweife, damit bekannt mache. Nach meiner Meinung ist Erziehung: Entwickelung und Übung der jugendlichen Kräfte. Erzieht man das Kind zum Menschen, so werden alle seine Kräfte entwickelt und geübt; erzieht man es aber für ein gewisses Geschäft, so hält man es oft für nötig, daß man nur diejenigen, die zur Verrichtung desselben erforderlich sind, in Tätigkeit setze und andere, die der Wirksamkeit derselben nachteilig sein können, schlummern lasse oder gar lähme, so wie man den Stier entmannt, der zum Zuge bestimmt ist. Hier rede ich nur von der ersten Art der Erziehung. Um die Gehkraft der Kinder zu entwickeln und zu üben, steckte man sie ehedem in Laufbänke oder legte ihnen Laufzäume an, und sie wurden oft krummschenklig und hochschultrig, und wenn man ihnen den freien Gebrauch ihrer Glieder zuließ, hatten sie dieselben nicht in ihrer Gewalt, strauchelten oft, zerschlugen sich die Köpfe oder bekamen andere Beschädigungen. Jetzt sind Laufbänke und Laufzäume aus allen Kinderstuben verbannt, wohin das Licht der besseren Erziehung gedrungen ist. Man sieht da die Kinder wie junge Tiere herumkriechen; fühlen sie mehr Kraft in ihren Schenkeln, so richten sie sich empor und treten an Stühle. Man setzt nun mehrere Stühle in kleine Entfernung voneinander hin, legt Bilder und Spielwerk darauf, um sie zu reizen, von einem Stuhle zum anderen zu wandeln. Nach einigen Tagen lassen sie die Stühle stehen und wandeln, ohne sich an etwas zu halten, durch das Zimmer. Verlieren sie das Gleichgewicht, so setzen sie sich gewöhnlich auf den Hintern. Bei dieser Übung bleiben die Glieder gesund und unverletzt. Wie lange währt es, so sieht man die nämlichen Kinder, die erst krochen, laufen und springen. Diese Behandlungsart enthüllt uns das ganze Geheimnis einer vernünftigen, der menschlichen Natur angemessenen Erziehung. So wie man bei dieser Anleitung zum Gehen die Gehkraft nicht eher zu üben sucht, bis die Kriechkraft hinlänglich geübt ist und jene hinlänglich sich äußert, so darf man auch nicht andere Kräfte zu entwickeln suchen, bis sie wirklich da sind, und diejenigen, aus welchen sie hervorzugehen pflegen, hinlängliche Übung bekommen haben. Ferner, so wie die Laufbänke und Laufzäume entfernt sind und die Kinder gereizt werden, aus eigenem Entschlusse fortzuschreiten und so ihre Gehkraft zu üben, so muß auch der Erzieher bei Übung der übrigen Kräfte alles Laufzaumähnliche zu entfernen suchen; er darf nicht sowohl die jugendlichen Kräfte üben, als vielmehr den Kindern Gelegenheit und Reiz verschaffen, diese Übungen selbst vorzunehmen. Das Kind empfängt ohne Zweifel alle seine Kräfte durch die Erzeugung und bringt sie mit, wenn es sich seinem pflanzenähnlichen Zustande entwindet und in das Tierreich übergeht. Die meisten aber schlummern noch wie der Keim im Weizenkorne, wenn es in die Erde geworfen wird; sie sind nur noch Vermögen und entwickeln sich, mit dem Fortgange der Zeit, in folgender Ordnung. Zuerst die meisten Kräfte des Leibes. Das neugeborene Kind atmet, schreit, schluckt, verdaut usw. Die äußerlichen Dinge machen auf dasselbe Eindrücke, aber das Vermögen, sie zu empfinden oder sich davon Vorstellungen zu machen, äußert sich in seinen ersten Lebenstagen noch nicht. Nach und nach fängt es an, die äußerlichen Dinge sich vorzustellen, diese Vorstellungen aufzubewahren, sie von Zeit zu Zeit wieder hervorzubringen: die Kräfte der Sinnlichkeit, des Gedächtnisses, der Einbildungskraft entwickeln sich. In der Folge äußert sich der Verstand durch Urteile, die er über Gegenstände fällt, die in die Sinne fallen. Zugleich fangen die in den Händen befindlichen Kräfte an, ein Streben nach Tätigkeit zu äußern. Das Kind greift nach allem, betastet alles, wirft es von einem Orte zum anderen. Gibt man ihm in der Folge ein hölzernes Pferd, so bauet es von Büchern oder Stühlen einen Stall, legt ihm Futter vor, zieht es heraus, bindet es an einen Stuhl oder sonst etwas, das des Pferdes Wagen sein und von ihm fortgezogen werden soll u. dgl. Erst bei dem Austritte aus dem Stande der Kindheit fängt die Vernunft an, durch Vorstellung von übersinnlichen Gegenständen sich tätig zu beweisen. Hierdurch hat uns die Natur die Ordnung vorgezeichnet, in welcher wir ihr bei Entwickelung der jugendlichen Kräfte behilflich sein müssen. Was muß ein Erzieher lernen? Es ist ein Lieblingssatz der neueren Erzieher, daß die Erziehung des Kindes mit seiner Geburt anfangen müsse, und ich stimme demselben von ganzem Herzen bei. Schriebe ich nun jetzt über die Erziehung der Kinder, so müßte ich zeigen, wie Eltern, Kinderwärterinnen und alle Personen, in deren Händen sich das Kind in seinen ersten Lebensjahren befindet, sich gegen dasselbe in diesem Zeiträume verhalten müßten. Da ich aber bei Ausfertigung dieser Schrift die Erziehung der Erzieher zum Gegenstande habe, wodurch man nach dem Sprachgebrauche Personen versteht, die von den Eltern verschieden sind, und die gewöhnlich das Kind dann erst unter ihre Aufsicht bekommen, wenn es schon gehen, sprechen, sich Vorstellungen von Gegenständen der Sinnenwelt machen und darüber urteilen kann, so würde es mich zu weit von meinem Zwecke abführen, wenn ich mich auf die Behandlungsart der Kinder in ihren ersten Lebensjahren einlassen wollte. Jetzt untersuche ich also nur, was die Person für die Erziehung des Kindes zu tun habe, welche es aus dem Schoße der Familie zur ferneren Ausbildung erhält. Das Lebensjahr, in welchem dieses geschieht, ist bekanntlich nicht allgemein bestimmt. Mancher Erzieher erhält seine Zöglinge im fünften oder sechsten Jahre, die meisten erhalten sie später. Hier nehme ich an, der Erzieher trete sein Amt bei fünfjährigen Zöglingen an. Da fragt es sich nun, was hat er von diesem Zeitpunkte an bei ihnen zu tun, und was muß er in dieser Rücksicht lernen? Die Kräfte des Leibes und unter diesen vorzüglich diejenigen, deren Tätigkeit zur Erhaltung und Nahrung desselben am nötigsten sind, entwickeln sich bei den Kindern zuerst. Folglich muß der Erzieher auch verstehen, wie er die Wirksamkeit derselben oder die Gesundheit des Leibes erhalten soll. Der Erzieher muß also verstehen, wie er seine Zöglinge gesund erhalte, wie er es verhüte, daß sie krank werden, und wie ihnen zu helfen sei, wenn da und dort in der Maschine eine Stockung entsteht; und nur bei außerordentlichen Fällen, da seine Einsichten ihn verlassen, muß er zum Arzte seine Zuflucht nehmen. Außer den körperlichen Kräften muß nun auch der Sinnlichkeit, dem Gedächtnisse, der Einbildungskraft und dem Verstande Übung verschafft werden. Woran sollen diese Übungen geschehen? An Gegenständen, die in die Sinne fallen. Diese müssen in großer Mannigfaltigkeit herbeigeschafft und den Kindern zur Betrachtung vorgestellt werden. Wo diese bei sechs- bis achtjährigen Kindern fehlen, da ist keine Erziehung, weil nichts da ist, woran sie ihre sich regenden Kräfte üben können. Und welches sollen diese sinnlichen Gegenstände sein? Dies müssen uns die Kinder selbst lehren. Wir müssen ihnen ablernen, welche Gegenstände am meisten geeignet sind, ihre Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Wenn man ihnen dann dieselben vorzeigt, so hat man nicht nötig, sie immer zu ermahnen: gebt Achtung, liebe Kinder! Sie fühlen in sich selbst Drang zum Beobachten. Sie tun das, worauf ihr Erzieher hinarbeiten muß – sie erziehen sich selbst. Da hat mich nun eine lange Erfahrung gelehrt, daß nichts die Aufmerksamkeit der Kinder so früh auf sich ziehe als – Tiere. Wer daran zweifelt, der beobachte die Kinder selbst, und er wird das nämliche wahrnehmen. Ihre Augen sind selten auf ihren Leib, gewöhnlich auf die Gegenstände gerichtet, mit welchen sie umgeben sind. Bringt man nun einen Sperling, eine Maus, einen Fisch oder ein anderes Tier in das Zimmer, so sehen sie von allen anderen Dingen weg und – blicken auf die Tiere. Selbst wenn man ihnen ein Bilderbuch vorlegt, so verweilen sie am längsten bei den Bildern, auf welchen Tiere vorgestellt sind. Dadurch fordern sie laut: wollt ihr die Kräfte, die sich jetzt bei uns äußern, üben, so zeigt uns Tiere! Man fängt auch wirklich hier und da an, auf diese Forderung Rücksicht zu nehmen und die Naturgeschichte, die ehedem der Jugend ganz fremd blieb, in Schulen und Erziehungshäusern zu lehren, aber – meistenteils ganz zwecklos. Man hält Vorlesungen über ein System der Naturgeschichte, ohne von den Erzeugnissen der Natur etwas vorzuzeigen, glaubt dadurch die Forderungen der jugendlichen Natur zu erfüllen und irrt sich. Das Kind will seine Kräfte üben an sinnlichen Gegenständen; wie kann es dies, wenn ihm keine vorgezeigt werden? Naturgeschichte soll gelehrt werden, nicht um ihrer selbst willen, sondern um der Jugend Gelegenheit zu schaffen, an der Natur verschiedene Kräfte zu üben. Dies fällt ja alles bei den naturhistorischen Vorlesungen weg. Da verhält ja das Kind sich bloß leidend und läßt den Lehrer für sich beobachten und urteilen. Sollen die jugendlichen Kräfte an der Natur geübt werden, so müssen die Erzeugnisse derselben ihnen nach und nach zur Betrachtung vorgestellt werden, und zwar eins auf einmal, damit die Aufmerksamkeit sich besser auf dasselbe heften kann, und zwar anfänglich – ein Tier. Das Tier muß nun genau betrachtet werden nach seinen verschiedenen Teilen, ihrer Form, ihrer Farbe, ihrer Absicht; es muß nun mit einem anderen verglichen und bemerkt werden, was es mit ihm gemein habe und wodurch es von ihm unterschieden sei, es muß den Augen bisweilen entzogen und von dem Kinde beschrieben werden. Was durch die eigene Beobachtung nicht gefunden werden kann, z.B. die Nahrung, die Lebensart, der Nutzen, den es dem Ganzen schaffe, das setzt der Lehrer durch seine Erzählung hinzu. Ich stelle z.B. zur Betrachtung einen Kanarienvogel auf. Wieviel gibt es da zu betrachten! Ich kann die Betrachtung nun auf zweierlei Art anstellen: erstlich, indem ich meinen Kleinen vorerzähle, was ich an dem Vogel bemerke; zweitens, indem ich sie reize, denselben selbst zu betrachten. Im ersten Falle übe ich meine, im zweiten der Kinder Kräfte. Da nun nicht jenes, sondern dieses bei der Erziehung der Kinder Zweck sein soll, so muß ich sie zur eignen Betrachtung zu reizen suchen, wenn ich nicht zweckwidrig handeln will. Dies würde ungefähr auf folgende Art geschehen: Wie heißt das Tierchen? Warum ein Vogel? Warum Kanarienvogel? Welches sind seine Gliedmaßen? Was hat er vorne am Kopfe? Aus wie vielen Teilen besteht der Schnabel? Was hat der Oberkiefer für eine Form? Was steht an beiden Seiten des Oberkiefers? Was haben die Nasenlöcher für eine Form? Was hat der Unterkiefer für eine Form? Welcher Kiefer ist beweglich? Welcher unbeweglich? Wozu braucht der Kanarienvogel seinen Schnabel? Haben alle Kanarienvögel Schnäbel? Ist also der Schnabel ein wesentlicher oder ein zufälliger Teil? Was steht an beiden Seiten des Kopfes? Wozu nützen die Augen? Was steht über den Augen? Wozu nützen die Augenlider? Warum schließt dieser Vogel bisweilen die Augenlider? Womit ist der Kopf bedeckt? Warum? Was haben die Federn für eine Farbe? Haben sie diese Farbe bei allen Kanarienvögeln? Ist diese Farbe also wesentlich oder zufällig? Worauf steht der Kopf? Was kann der Vogel mit dem Halse tun? Wie heißt der obere Teil des Halses? Und der untere? Wie heißen die beiden Gliedmaßen an den zwei Seiten des Körpers? Aus wieviel Teilen besteht der Flügel? Wie heißen die Federn, mit denen die Flügel bedeckt sind? Wie heißen die Federn an der Seite? Welche Federn sind länger? Aus wieviel Teilen besteht eine Schwungfeder? Wozu braucht der Vogel die Flügel? Wie heißen die Gliedmaßen unten am Körper? Aus wie vielen Teilen bestehen sie? Warum bestehen sie denn aus mehreren Teilen? Wie heißt der obere Teil, der unmittelbar am Körper sitzt? Wie der mittlere? Wie der untere? Was steht an dem untern? Womit sind die Lenden und Schenkel bedeckt? Womit die Beine und Zehen? Wieviel stehen Zehen an jedem Beine? Wieviel an beiden? Wieviel Zehen haben zehn Kanarienvögel? Wieviel hundert? Sind alle Zehen gleich lang? Welches ist der längste? Welches der kürzeste? Wie viele Gelenke hat jede Zehe? Warum haben die Zehen Gelenke? Was steht vorne an den Zehen? Wie heißt der Teil des Vogels, an welchem alle Gliedmaßen stehen? Wie heißt der obere Teil? Wie der untere? Wie heißt der Vorderteil des untern Teils? Was für eine Farbe hat der Rücken? Und die Brust? Und der Bauch? Wie heißen die Federn hinten am Rumpfe? Wieviel sind es Schwanzfedern? Wie heißen hier diese Federn über den Schwanzfedern? Und diejenigen, die unter den Schwanzfedern sind? Was ist das für eine fleischige Erhöhung über den Schwanzfedern? Wozu nützt die Fettdrüse? Jetzt drehe dich um, Adolf, und beschreibe mir den Kanarienvogel! Was für ein Tier betrachteten wir gestern? Nenne mir jeder etwas, was der Kanarienvogel mit dem Frosche gemein hat! Nenne mir jeder etwas, wodurch der Kanarienvogel von dem Frosche unterschieden ist! Dies ist nur ein Wink, wie der Unterricht über Gegenstände aus dem Tierreiche kann angestellt und zur Übung jugendlicher Kräfte angewendet werden. Wer ihn versteht, wird die Fragen leicht noch mehr vervielfältigen können. Es kann z. B. den Kindern noch vieles abgefragt werden, was sie von dem Vaterlande, der Nahrung, der Pflege, dem Nutzen und dem Handel wissen, der mit Kanarienvögeln getrieben wird; was die Kinder nicht wissen, wird von dem Lehrer hinzugesetzt. Kann es nun wohl eine bessere Übung der jugendlichen Kräfte geben als Betrachtung der Gegenstände aus dem Tierreiche? Sie hat für die Kleinen so vielen Reiz und gewöhnt sie daher leicht, ihre Aufmerksamkeit auf eine Sache eine Zeitlang zu heften; sie gewöhnt das Auge, die Dinge nicht obenhin, sondern genau anzusehen, und ein so geübtes Auge bemerkt tausend kleine Merkmale, die dem ungeübten Auge verborgen sind; die Sinnlichkeit übt sich, von den empfundenen Sachen sich richtige Vorstellungen zu machen; das Gedächtnis wird durch Auffassung der mannigfaltigen Benennungen der verschiedenen Teile des Tieres, und die Einbildungskraft durch Entwerfung eines richtigen Bildes von dem betrachteten Tiere, und der Verstand durch Beurteilung der Absichten eines Tieres und durch Aufsuchung der Ähnlichkeit und Unähnlichkeit, die zwischen verschiedenen Tieren stattfindet, in Tätigkeit gesetzt. Dies ist wohl ganz gut, wird man einwenden; aber woher sollen wir Tiere genug nehmen, um täglich eins zum Aufstellen zu haben? Daran wird es, wenn nur der gute Wille da ist, gewiß nicht fehlen. Zwar kann ich nicht voraussetzen, daß jeder Erzieher mit einem Naturalienkabinette versehen sei; aber das große Naturalienkabinett, die Natur, steht ihm doch offen! Wenn er mit seinen Zöglingen in dieser fleißig sucht, so wird er gewiß vieles finden; und wenn er mit einigen Jägern, Hirten, Bauern u. dgl. in Verbindung tritt und sie zu bewegen sucht, die Tiere, die sie in ihre Gewalt bekommen, ihm zur Aufstellung in der Lehrstunde zu leihen, so wird er über den Stoff zu seiner naturhistorischen Lehrstunde nicht dürfen verlegen sein. Es ist diese Lehrstunde in hiesiger Anstalt gleich in den ersten Jahren ihres Daseins, da wir noch kein Naturalienkabinett hatten, täglich gegeben und täglich ein neues Tier aufgestellt worden. Also, fragt jemand höhnisch, sollen wir den Ochsen, das Pferd, den Esel in das Lehrzimmer führen und den Kindern zur Betrachtung aufstellen? Diese Frage verdient keine Antwort, da jeder Vernünftige gleich darauf verfallen wird, daß man die Kinder auch zu den Tieren führen kann, welche ihnen zuzuführen unschicklich sein würde. Man kann sie nach allen ihren Teilen und unterscheidenden Merkmalen betrachten und dann in das Lehrzimmer zurückkehren, um über den betrachteten Gegenstand eine Unterredung anzustellen. Woher sollen wir aber, fragt man weiter, die ausländischen Tiere bekommen? Von Zeit zu Zeit werden ausländische Tiere zur Schau herumgeführt, die man dann mit seinen Zöglingen betrachten kann. Dies sind freilich nur wenige; es wird aber nichts schaden, wenn sie auch einen großen Teil derselben nie zu sehen bekommen. Der Zweck des Unterrichts in der Naturgeschichte soll ja bei Kindern nicht die Erlernung derselben sein, sondern – Übung ihrer Kräfte, wozu die naheliegende Natur hinlänglichen Stoff darbietet. Um sich gegen Mangel desselben ganz zu sichern, muß man mit dem Unterrichte in der Tierkunde den Unterricht in der Pflanzenkunde verbinden und diesen vorzüglich im Sommer, jenen im Winter treiben. Diese Unterweisung kommt im wesentlichen mit dem Unterrichte in der Tierkunde überein. Der Hauptzweck ist – Kraftübung der Kinder. Das Mittel dazu ist Aufstellung einer Pflanze zum eignen Betrachten derselben. Würde dieser Unterricht nun in Landschulen gegeben, deren Schüler sich wahrscheinlich in ihrer Gegend ansiedeln werden, so könnte man ja wohl mit den deutschen Benennungen der Pflanzen, die in dieser Gegend gewöhnlich sind, auskommen; erteilt man denselben aber Kindern, welche wahrscheinlich reisen und sich in verschiedenen Ländern niederlassen werden, so ist es besser, sie sogleich zu gewöhnen, die Pflanzen mit den Linnéischen lateinischen Namen zu benennen. Dies ist für Kinder zu schwer, sagt ihr. Ich sage aber, es ist nicht zu schwer. Sechs- bis achtjährige Kinder, Mädchen sowohl als Knaben, die ein halbes Jahr in meiner Anstalt in der Pflanzenkunde Unterricht erhalten haben, kennen beinahe alle Pflanzen, die in hiesiger Gegend wachsen, wissen sie Linnéisch zu benennen und freuen sich nicht wenig darüber, daß sie es können. Freilich ist das Behalten der lateinischen und griechischen Benennungen anfänglich etwas schwer, aber eben deswegen ist es eine herrliche Gedächtnisübung. Ein Kind, das ein paar tausend solche Namen gemerkt hat, wird leicht Wörter der Wissenschaften und fremden Sprachen auffassen, zu deren Erlernung es bestimmt ist. Da die Linnéischen Benennungen von allen europäischen gebildeten Völkern angenommen sind, so ist es denen, die sie gefaßt haben, hernach auch möglich, sich in allen Weltgegenden über die Pflanzenkunde verständlich auszudrücken und, wenn sie in der Folge dieselbe weiter fortsetzen wollten, die Kunstsprache zu verstehen. Da die Zahl der Pflanzen sehr groß und öftere Wiederholung nötig ist, wenn die Namen derselben behalten werden sollen, so ist es nötig, daß außer der Pflanze, die man in der Lehrstunde zur Betrachtung aufstellt, noch mehrere hingelegt und ihre Namen hergesagt werden. Man tut wohl, wenn man diesen Unterricht in zwei Kurse einteilt. Im ersten wird der Bau der Pflanze, der sogleich in die Augen fällt, die Wurzel und ihre Form, der Stengel, die Blätter nach ihrer Form, Farbe und ihrem Stande, die Blattansätze, die Gabeln, die Blüten, ihre Form, ihr Stand, Kelch, Blumenkrone, Same, Frucht betrachtet; im zweiten aber wird dies alles wiederholt, und nun werden auch die Befruchtungswerkzeuge untersucht und der Pflanze die Klasse und Ordnung angewiesen, in die sie gehört. Man wird leicht begreifen, wie unsäglich mannigfaltig die Übungen sind, die den Augen, dem Gefühle, dem Gedächtnisse, der Einbildungskraft und dem Verstande der Kinder bei dieser Gelegenheit können verschafft werden. Um dies begreiflich zu machen, denke ich mir jetzt eine Klasse von Knaben, welcher im ersten Kursus Unterricht erteilt und welcher Galeopsis ladanum Hohlzahn zur Betrachtung vorgestellt wird: Wie heißt diese Pflanze? – Galeopsis ladanum. Was bemerkst du am Stengel? – Er ist holzig. Ferner? – Gestreift. Ferner? – Ästig. Wie stehen die Äste? – Einander gegenüber. Was steht an den Ästen? – Blätter. Was für eine Farbe haben sie? – Grün. Was für eine Form? – Lanzettförmig. Was bemerkst du noch mehr an den Blättern? – Sie sind gezähnt. Sonst nichts? – Gestielt. Wie stehen sie? – Einander gegenüber. Wie steht's mit den Blüten? – Sie sind rachenförmig. Wie stehen sie? – Wirtelförmig. Was bemerkst du an dem Kelche? – Er ist fünfmal gezähnt. Bemerkst du nichts an den Zähnen? – Sie haben Grannen. Jetzt drehe dich um und beschreibe mir Galeopsis ladanum! – Galeopsis ladanum hat einen holzigen, gestreiften, ästigen Stengel. Die Äste stehen einander gegenüber. Die Blätter sind grün, lanzettförmig, gezähnt, gestielt, stehen einander gegenüber, die Blüten sind rachenförmig und stehen wirtelförmig; der Kelch ist fünfzähnig, und die Zähne haben Grannen. Gestern betrachteten wir Atropa Belladonna, Tollkirsche. worin sind beide Pflanzen einander ähnlich? worin unähnlich? usw. Nun werden die Namen aller Pflanzen, die auf dem Tische liegen, von demjenigen Schüler, der von der Pflanzenkunde die meisten Kenntnisse hat, laut und deutlich ausgesprochen und von der ganzen Versammlung laut nachgesprochen. Ferner wird von dem Lehrer eine Pflanze nach der andern genannt, und die Kinder müssen die genannten heraussuchen. Zur Abwechselung kann man auch einem Kinde leise den Namen einer Pflanze ins Ohr sagen, und die übrigen müssen erraten, welche es gewesen sei. Dadurch werden sie gereizt, die Namen immer zu wiederholen, ohne daß diese einförmige Beschäftigung sie ermüde. Diese Übungen können noch sehr vervielfältigt werden. Zum Beispiel kann man bisweilen die Kinder auffordern, daß sie die vorgelegte Pflanzenreihe genau ansehen, sich umkehren und dann eine Anzahl in der Ordnung hersagen, wie sie daliegen. Eine herrliche Übung der Einbildungskraft und des Gedächtnisses! Ich habe bisweilen achtjährige Kinder in meiner Anstalt vierzig Pflanzen in der Ordnung, in welcher sie auf dem Tische lagen, mit weggewandtem Gesichte hersagen hören. Oder man kann die ganze Klasse die Hände auf den Rücken legen lassen, jedem Kinde ein Blatt von einer Pflanze darein legen und sie durch das Gefühl erraten lassen, von welcher Pflanze es sei usw. Im zweiten Kursus können alle diese Übungen wiederholt und nun auch die Befruchtungswerkzeuge, die Merkmale der Klasse und Ordnung, zu welcher die Pflanze gehört, aufgesucht werden. Um die Kinder in der Klassifizierung zu üben, kann man bisweilen den Namen einer Pflanze auf ein Papier schreiben, das Papier umwenden und die Kinder reizen, die Pflanze, deren Namen man aufgeschrieben hat, durch die Klassifizierung zu erraten. Diese Methode ist höchst einfach, hat für die jungen Leute vielen Reiz und ist eine vortreffliche Verstandesübung. Welche Freude für Fritz, daß er durch so wenige Fragen aus den vielen hundert Pflanzen, die ihm bekannt sind, diese einzige, deren Namen ich mir niedergeschrieben hatte, sogleich herausfinden konnte. So wie nun die Betrachtung der Natur und Kunst als Erziehungsmittel gebraucht werden soll, so muß man sich bemühen, allem übrigen Unterrichte eine solche Form zu geben, daß dadurch dieser Zweck befördert, die Kräfte geübt, die Kinder erzogen werden. Auf ähnliche Art, wie bei Betrachtung der Natur und Kunst, muß auch bei dem übrigen ersten Unterrichte alles zur Anschauung, wo nicht zur äußerlichen, doch zur innerlichen gebracht werden. Bei dem Sprachunterrichte z.B. muß man anfänglich lauter solche Bücher gebrauchen, bei deren Lesung nur Vorstellungen in der jungen Seele erregt werden, die sie entweder selbst durch die Anschauung bekommen hat und sie also leicht wieder hervorbringen kann oder die doch mit denselben in Verwandtschaft stehen. Benennungen von übersinnlichen Gegenständen dürfen darin gar nicht vorkommen. Töne, mit denen das Kind nicht sogleich eine Vorstellung verbinden kann, haben für dasselbe keinen Reiz, es hat keine Neigung sie aufzufassen, und – wenn es sie auffaßt, so nützen sie ihm nichts, weil es dabei gar nichts oder etwas ganz Falsches denkt. Eben deswegen darf mit Kindern anfänglich noch keine Grammatik getrieben werden. Dies wird jetzt ziemlich allgemein angenommen, indem in mehreren, in lebenden Sprachen aufgesetzten Lesebüchern für Kinder ein Bestreben sichtbar ist, die Kinder über Dinge zu unterhalten, die innerhalb ihres Gesichtskreises liegen. In der lateinischen Sprache sind solche Bücher schon seltener, und von den wenigen, welche vorhanden sind, wird nicht immer Gebrauch gemacht. Man schreitet bei dem Unterrichte in dieser Sprache zu schnell zu dem Lesen römischer Schriftsteller, wo eine Menge Wörter vorkommen, zu denen den Kindern die Vorstellung fehlt, und dies ist gewiß eine Hauptursache, warum man bei vielen so wenig Lust zur Erlernung dieser Sprache bemerkt. Eben deswegen wird es immer gewöhnlicher, diejenigen Knaben, die nicht zum Studieren bestimmt sind, von Erlernung dieser Sprache loszuzählen. Ich kann dies nicht billigen. Mehrere europäische Sprachen sind doch aus dieser entstanden und werden leichter gelernt, wenn man in jener einen guten Grund gelegt hat; überdies ist sie nun einmal so allgemein, daß man nicht leicht ein Buch in neueren Sprachen lesen kann, in welchem sich nicht hier und da Brocken davon befänden, welche Lesern, die damit ganz unbekannt sind, immer Steine des Anstoßes sein müssen. Dadurch wird es notwendig, daß den gebildeten Ständen diese Sprache nicht ganz fremd sein darf. Hätte der Erzieher so viel Kenntnis der lateinischen Sprache, daß er über die aufgestellten Gegenstände der Natur und Kunst, über merkwürdige Vorfälle in der Familie, kurz über Dinge, die den Kindern anschaulich wurden, im leichten, aber echten Latein Aufsätze niederschreiben könnte, sie den Kindern vorläse, von ihnen laut nachsprechen und in das Deutsche übersetzen ließe, so würde er davon großen Nutzen verspüren. Es würde den Kindern Vergnügen machen, sie würden eine Menge lateinische Wörter behalten, mit einigen Eigenheiten der Sprache bekannt werden und bei dem künftigen Lesen der lateinischen Schriftsteller weniger Schwierigkeiten finden. Schriebe ich ein Buch über die Erziehung der Kinder, so müßte ich mich noch über den ganzen Unterricht ausbreiten, den Kinder erhalten sollen; da ich aber von der Erziehung der Erzieher handle, so ist dies Wenige genug, ihnen einen sehr bedeutenden Wink zu geben, was junge Männer, die sich der Erziehung widmen, eigentlich zu erlernen haben. Wenn ich, liebe Freunde, sehe, wie bei weitem die meisten von euch sich zu ihrer Bestimmung vorbereiten, so kann ich nicht anders, als euch und die armen Kleinen, die eurer Aufsicht anvertraut werden, bemitleiden. Ihr lernt die alten Sprachen, etwas Geographie, Geschichte und Mathematik, höchstens etwas Französisch und Musik, hört einen philosophischen und theologischen Kursus und glaubt nun, euch zu Erziehern gebildet zu haben. Wenn man euch nun den Franz, Robert, Stephan, fünfjährige Knaben, zur Erziehung übergibt, was wollt ihr denn mit ihnen anfangen? Was von aller eurer Gelehrsamkeit könnt ihr denn in diesem euren Wirkungskreise benutzen? Fast gar nichts. Diese Kleinen hängen noch ganz an der sichtbaren Welt, durch deren Betrachtung sich ihr edlerer Teil entwickeln und für übersinnliche Vorstellungen Empfänglichkeit erwerben soll, und ihr – seid in der sichtbaren Welt Fremdlinge. Die Dinge, die euch täglich umgeben, sind euch unbekannt, und ihr wißt von vielen nicht einmal den Namen anzugeben. Da geht ihr dann mit euren Kleinen durch die Natur wie ein Landmann durch die Dresdner Bildergalerie. Ei, sehen Sie, sagt Robert, den Vogel, der hier auf dem Aste sitzt! Wie heißt er? – Ich kenne ihn nicht, ist die Antwort. Freudig kommt Franz gehüpft mit einer Blume in der Hand und fragt: Kennen Sie diese Blume? Es erfolgt die nämliche Antwort. Nun geht es in die Lehrstunde. Blumen und alles, was die Kinder aus der sichtbaren Welt aufgerafft haben, wird ihnen weggenommen, der Trieb nach Anschauung, der bei ihnen so stark ist, wird erstickt; ihr gebt ihnen statt Blumen Bücher in die Hände und stellt ihnen statt Sachen Zeichen der Sachen auf, zu deren Erlernung sie keine Lust besitzen. Da verbreitet sich denn über die Verbindung, in welcher ihr so glücklich leben könntet, Mißvergnügen; die Kinder können einen Mann nicht liebgewinnen, der sie nicht auf eine ihnen angenehme Art zu unterhalten weiß, und ihr betrachtet eure Kinder mit Mißfallen, bei denen ihr mit eurem Unterrichte wenig oder gar nichts bewirkt. Folgt also, Freunde, dem Rate eines alten Erziehers und macht euch mehr mit der sichtbaren Welt bekannt, nach der Anweisung, die ihr im folgenden Abschnitte finden werdet. Jetzt denke ich mir nun einen Erzieher, der sich nach meinem Wunsche bildet, in dem Kreise seiner Zöglinge. Einen Gegenstand nach dem anderen, aus dem Tier- und Pflanzenreiche und den Werkstätten der menschlichen Kunst stellt er ihnen vor, fesselt ihre Aufmerksamkeit daran, unterhält sich mit ihnen darüber auf eine für beide Teile sehr angenehme Art, übt das Empfindungsvermögen und mehrere Seelenkräfte der Kleinen und spürt davon schon in den ersten Tagen die wohltätigsten Wirkungen. Mit dieser Beschäftigung füllt er täglich ein paar Stunden aus. Da aber jeder Tag mehr als zwei Stunden hat, so fragt es sich, was soll in den übrigen Stunden mit den Kindern vorgenommen werden? Das ist die schwere Frage, die sich nur wenige Erzieher lösen können. Unterhalten Sie mich doch, lieber Herr Richard! sagte einmal ein kleiner Junker, der von Langeweile geplagt wurde, zu seinem Hofmeister. War dieser Wunsch unbillig? Muß man den kleinen Mann nicht liebgewinnen, der einen Ekel gegen die Langeweile bezeigt? Aber in welche Verlegenheit muß der Erzieher bei diesem so billigen und gerechten Wunsche der Kinder geraten? Kinder fünf bis sechs Stunden des Tages zu unterhalten, ist fürwahr kein leichtes und angenehmes Geschäft. Denn womit soll man die Kinder unterhalten? Mit Erzählen? Dies ist eine so angenehme als nützliche Unterhaltung, wenn man etwa eine Viertelstunde täglich darauf verwendet. Aber immer erzählen ermüdet die Kinder sowie den Erzieher. Bilder erklären? Hiermit hat es die nämliche Bewandtnis. Bücher zu lesen geben? Kinder von so zartem Alter können noch nicht lesen. Es gehört dazu nicht nur das deutliche Aussprechen der Zeichen, sondern auch das richtige Vorstellen der dadurch bezeichneten Sachen. Sie spielen lassen? Auch dies bekommen sie bald überdrüssig. Ja, wenn man sie mit Nüssen und Mandeln versieht und ihnen Karten und Würfel in die Hände gibt, so werden sie sich damit mehrere Stunden auf eine ihnen sehr angenehme Art zu unterhalten wissen; wer sieht aber nicht, daß ihnen dies ebenso nachteilig sei als Mohnsaft, dessen die Kinderwärterinnen sich oft bedienen, um die Kinder zur Ruhe zu bringen. Merket auf! Außer dem Vermögen zu empfinden, sich vorzustellen und zu urteilen, regen sich in den Kindern noch verschiedene Kräfte, die nach Übung streben. Daher die beständige Unruhe der Kinder, die den Erziehern so lästig ist; daher die beständigen Ermahnungen: stille, Kinder, seid ruhig! die die Kinder verstimmen und die Gegenwart der Erzieher ihnen höchst lästig machen. Schafft doch den nach Übung strebenden Kräften der Kinder hinlängliche Übung, und ihr werdet gewiß finden, daß sie sich auf eine angenehme und nützliche Art zu unterhalten wissen, euch nicht mehr lästig sein, sondern vielmehr die angenehmste Aufheiterung verschaffen werden. Wie sollen wir, fragt ihr, dies anfangen? Dies ist nun eure eigene Sache. Wenn ihr auf die Wünsche eurer Zöglinge auf ihre tägliche Lage merkt, so werdet ihr Gelegenheit genug finden, sie zu beschäftigen. Hier sind indes einige Winke. In den Lehrstunden verlangt ihr, daß sie stets ruhig sein und stillesitzen sollen. Gegen diese Forderung strebt ihre ganze Natur, die durchaus regsam, zur Tätigkeit geneigt und abgeneigt ist, sich bloß leidend zu verhalten. Ihr werdet die Kinder verdrossen machen und Widerwillen gegen euch erregen, wenn ihr auf eurer Forderung zu streng besteht. Sucht sie in beständiger Tätigkeit zu erhalten, so werdet ihr beide miteinander zufrieden sein. Haltet ihnen also keine Vorlesungen, verlangt nicht von ihnen, daß sie euch bloß zuhören sollen, sondern laßt euern Vortrag eine beständige Unterredung sein, an welcher bald dieser, bald jener teilnehmen muß, laßt nach Pestalozzischer Lehrart die ganze Versammlung von Zeit zu Zeit nachsagen, was ihr ist vorgesagt worden. Wird ein Unterricht erteilt, an welchem die Kinder nicht mit den Augen, sondern nur mit den Ohren und Sprachwerkzeugen teilnehmen, so wird das Zeichnen der Linien, Winkel und Quadrate nach Pestalozzischer Art, während des Unterrichts, ihre Hände von allen Spielereien abziehen und ihnen eine unterhaltende und nützliche Beschäftigung gewähren. Aber außer den Lehrstunden, was sollen wir, fragt ihr, denn mit unseren Zöglingen anfangen? Höret nur auf ihre Wünsche, so werden sie euch schon selbst dazu Anleitung geben. Einmal wollen sie ein Schiffchen haben, das auf dem Bache schwimmen soll, ein andermal Knallbüchsen, Handspritzen, Bogen und Pfeile, Drachen u. dgl. Von solchen Kindereien suchen nun überweise Erzieher sie abzubringen und verleiden so ihnen und sich selbst das Leben; der wahre Erzieher freut sich aber allemal, so oft er solch einen Wunsch bei seinen Kindern bemerkt, und, ist bereit, ihnen Rat und Anweisung zu geben, wie sie sich die gewünschten Sachen selbst verfertigen können. Selbst verfertigen, sage ich. Das Selbstverfertigen, anfänglich von allerlei Spielwerk und in der Folge von wirklich nützlichen Werkzeugen und Geräten, ist ein so nützliches und angenehmes Geschäft, daß ich es zu einer unerläßlichen Forderung an alle Anstalten, wo die Kinder zweckmäßig erzogen werden sollen, mache, daß ihnen Anleitung und Gelegenheit zum Selbstverfertigen gegeben werde. Dazu gehört denn freilich eine Werkstatt, mancherlei Werkzeuge und Materialien und Anweisung, davon Gebrauch zu machen. Hat es der Erzieher dahin gebracht, daß seine Zöglinge nach geendigten Lehrstunden mit ihren Händen sich beschäftigen und ihre kleinen Wünsche ausführen können, so hat er gewonnen Spiel. Das schwere Geschäft, sie zu unterhalten, ist ihm abgenommen, sie unterhalten sich selbst – er ist bloß Zuschauer und Ratgeber. Der Gewinn, der für die Kinder daraus entspringt, ist unbeschreiblich groß. Erstlich wird ihr Tätigkeitstrieb befriedigt, und allen den Ausschweifungen, die aus dem gehemmten Tätigkeitstriebe zu entspringen pflegen, ist damit auf einmal vorgebeugt. Zehn Kinder an der Werkstatt sind leichter zu lenken als drei, die nicht wissen, was sie tun sollen. Zweitens befinden sich die Kinder dabei so wohl; denn ist denn das nicht das reinste innigste Vergnügen, wenn man gewissen vorgesetzten Zwecken sich immer mehr nähern kann und sie endlich ganz erreicht? Jetzt ist das Schiff fertig, an dem die Kleinen seit einiger Zeit arbeiten, jetzt wird es vom Stapel gelassen, wird auf den Bach gebracht, auf dem es nun segeln soll. Mit welchem Frohlocken geschieht es! So etwas müßt ihr selbst gesehen haben, liebe Freunde, um euch zu überzeugen, wie ungemein wichtig es sei, Kindern Gelegenheit zu geben, selbst etwas zu verfertigen. Drittens werden dabei so viele Kräfte geübt. Der Geist, der bei der sonst üblichen Lehrart immer dressiert wird, nach fremden Vorschriften zu handeln, lebt dabei auf, faßt eigene Ideen und erfindet Mittel, sie auszuführen. Das Auge übt sich, die Größen zu messen, um jedem Teile des auszuführenden Werkes das nötige Verhältnis zum Ganzen zu geben; und die Muskeln der Hände werden auf so mannigfaltige Art geübt, daß sie hernach bei den mannigfaltigen Vorfällen des menschlichen Lebens, in den Verlegenheiten, in die man oft gerät, sich selbst zu helfen imstande sind, ohne daß sie immer nötig haben, zu fremder Hilfe ihre Zuflucht zu nehmen. Ein Mann, der seinen Händen nicht mancherlei Geschicklichkeiten in der Jugend erworben hat, ist nur ein halber Mann, weil er beständig von anderen Leuten abhängig ist. Wahrscheinlich befinden sich neun Zehnteile der Leser mit mir in diesem Falle. Diese frage ich auf ihr Gewissen, ob sie nicht viel darum gäben, wenn sie in ihrer Jugend Anweisung bekommen hätten, mit ihren Händen etwas zu verfertigen. * Die Einwendungen, die dagegen gemacht werden, sind mannigfaltig, und ich habe nicht Lust, mich mit Aufzählung und Widerlegung derselben aufzuhalten. Die meisten derselben werden doch daher rühren, weil die wenigsten Herren Erzieher Handarbeit gelernt haben und deswegen diese Erziehungsart verschreien und lächerlich zu machen suchen. Ein paar Einwendungen kann ich aber doch nicht mit Stillschweigen übergehen, da sie vielen Schein haben. Sie sind diese: Wenn man die Kinder mit Handarbeiten beschäftigt, so geht zu viele Zeit verloren und sie verlieren die Lust zum Erlernen der Sprachen und Wissenschaften. Dies möchte freilich wohl vielmals der Fall sein, wenn man den Kindern die freie Wahl ließe, ob sie einen schriftlichen Aufsatz verfertigen oder mit Handarbeit sich beschäftigen wollten. So meine ich es aber nicht. Nur die Freistunden sollen dazu angewendet werden. Je jünger der Zögling ist, desto mehr bedarf er Freistunden oder Stunden, in denen er von Geistesarbeiten frei ist; je mehr sich hingegen des Geistes Kräfte entwickeln, desto mannigfaltigere und anhaltendere Beschäftigungen kann man ihm geben, desto mehr mindert sich auch die Zahl der Freistunden. Die zweite Einwendung, die man machen könnte, ist diese: Zu Handarbeiten ist doch der Gebrauch von allerlei scharfen und spitzigen Instrumenten nötig – wie leicht kann sich ein Kind damit gefährlich verwunden! Möglich ist dies freilich. Allein der Gebrauch der scharfen Werkzeuge lehrt auch zugleich die dabei nötige Vorsicht. Und die Erfahrung – diese ist doch sicher auf meiner Seite. Hört man nicht immer von Kindern, die sich gefährlich verwundeten und die nie zur Handarbeit Anleitung bekamen? und bei meinen Zöglingen, die so mancherlei spitzige und scharfe Werkzeuge in Händen haben, ist noch nie eine gefährliche Verwundung vorgefallen. Wenn es also schlechterdings nötig ist, den Kindern Anleitung zu geben, selbst mit ihren Händen etwas zu verfertigen, so begreift ihr von selbst, die ihr euch der Erziehung widmet, daß ihr verbunden seid, Handarbeit zu erlernen. Es gibt da keinen Ausweg. Entweder ihr müßt euch entschließen, eure Zöglinge den ganzen Tag zu unterhalten und den Tätigkeitstrieb, der sich in ihren Händen regt, zu lähmen, oder – ihr müßt euch in allerlei Handarbeiten selbst Geschicklichkeit zu erwerben suchen. Können wir, sagt ihr vielleicht, nicht Handwerksleute annehmen, die in unserer Gegenwart den Zöglingen die nötige Anweisung geben? Versucht es, und ihr werdet dann alle die Unannehmlichkeiten selbst finden, die aus solchen Verbindungen zu entspringen pflegen. Da die Erzieher so selten sind, die in ihren Händen Geschicklichkeit besitzen, etwas zu arbeiten, so hat es mir Mühe gekostet, den Unterricht in einigen Handarbeiten in meiner Anstalt einzuführen. Jetzt lernen meine Zöglinge folgendes: Anfänglich Verfertigung von allerlei Spielereien aus Papier und Netzstricken, ferner allerlei Dinge aus Holz zu schnitzen, Korbflechten, Papparbeiten, Lackieren, Schreinern und Drechseln. Ich komme auf den wichtigsten Teil der Erziehung, auf die Gewöhnung zur Sittlichkeit oder nach gewissen richtigen Regeln zu handeln. Wo diese fehlt, hat die übrige Erziehung wenigen oder gar keinen Wert. Ich denke mir jetzt einen Jüngling, der unter den Händen seines Erziehers gesund und stark wurde, sich mancherlei Geschicklichkeiten erwarb, alle seine Geisteskräfte durch Übung entwickelte, der nun aber alle diese Vorzüge anwendet, seinen Lüsten Befriedigung zu verschaffen – was ist denn durch diese Erziehung gewonnen worden? Für ihn nichts, ihm fehlt ja die eigentliche Menschenwürde, die in der Freiheit oder in der Kraft besteht, seine Lüste zu beherrschen und nach richtigen Grundsätzen zu handeln; und glückselig wird er nie, da es für den Menschen keine andere Glückseligkeit gibt, als die aus dem Bewußtsein entspringt, seine Pflicht erfüllt öder nach richtigen Grundsätzen gehandelt zu haben. Und für die menschliche Gesellschaft tut er auch wenig. Er wird für sie nichts tun, wenn dadurch seinen Lüsten nicht Befriedigung verschafft wird, und wird dadurch Unheil stiften, wenn er damit zu seinem Zwecke kommen kann. Je mehr seine Kräfte ausgebildet sind, desto überlegener ist er anderen, desto weniger können sie ihm widerstehen, desto gefährlicher ist er für die Gesellschaft. Was soll ich dies weitläufiger ausführen? Diese Wahrheit ist bereits fast allgemein anerkannt, und man findet sie fast in allen Büchern, die über die Erziehung geschrieben sind. Wie steht es aber mit der Befolgung? Zeigen sich nicht allenthalben moralische Ungeheuer, auf deren Unterricht und Kraftentwicklung doch viel Fleiß angewendet wurde? Man sucht die Ursache davon teils in dem Verderben der menschlichen Natur, teils in der Mangelhaftigkeit der sittlichen Grundsätze, die ihnen mitgeteilt wurden; ich hingegen glaube ihn mehr in einer fehlerhaften Behandlung des jungen Menschen gefunden zu haben. Ich will darüber mit niemandem rechten; man erlaube mir aber meine eigene, auf Erfahrung gegründete Meinung vorzutragen. Der neugeborene Mensch kann noch nicht gehen, und das Prinzip seiner Handlungen sind seine Empfindungen. Was ihm angenehme Empfindungen verursacht, begehrt, was unangenehme Empfindungen bewirkt, das flieht er. Da ist keine Rücksicht auf Religion oder Moral sichtbar. Will man dies moralisches Verderben nennen, nun so tue man es; man erlaube mir aber dann auch, daß ich das Unvermögen zu gehen, das man an dem jungen Menschen bemerkt, das physische Verderben der menschlichen Natur nenne. Seitdem man die Laufzäume und Gängelwagen abgeschafft hat, verliert sich das physische Verderben der Natur nach und nach, und die Kinder lernen erst gehen, dann sogar laufen und springen. Schafft die moralischen Gängelwagen und Laufzäume ab, und der moralische Mensch wird sich ebenso gut von selbst entwickeln und erst gut, dann edel zu handeln anfangen. Und was sind denn die moralischen Gängelbänder? Die Gebote und Verbote und die künstlichen Mittel, wodurch man die Kinder an Befolgung derselben zu gewöhnen sucht. Der Mensch hat gegen alle Gebote und Verbote, insofern sie es sind, eine natürliche Abneigung. Er will immer gern seinen eigenen Willen tun; zweifelst du daran, mein Leser, so bemerke nur selbst, was in dir vorgeht, wenn deine Freiheit durch Gebote und Verbote eingeschränkt wird. So wie bei den Kindern die Menschwerdung eintritt, wie die Geisteskräfte sich entwickeln, zeigt sich auch die Abneigung gegen Gebote und Verbote. Wenn man nun durch Gebote und Verbote und durch die damit verknüpften Strafen und Belohnungen sie zu gängeln sucht, so entsteht Unwille und Abneigung gegen den Befehlshaber, es regt sich ein Bestreben, seinen Gesetzen auszuweichen, und wenn die Verbindung mit dem Gesetzgeber aufhört, dann zeigt sich Zügellosigkeit, weil nichts mehr da ist, das verhinderte, die Wünsche, die sie zeither bei sich hegten und unterdrücken mußten, zu befriedigen. Man lasse daher das Kind immer seinen eigenen Willen tun, so wird es gut werden. Ihr entsetzt euch über diese Behauptung? Ihr fragt, wozu es der Erzieher bedürfe, wenn das Kind immer seinen eigenen Willen tun solle? Liebe Freunde! Leset das, was nun folgt, mit einiger Aufmerksamkeit, und ich will mich bemühen, so deutlich zu sprechen, als es mir möglich ist, so werden wir hoffentlich am Ende einander die Hände geben und miteinander eins sein. Meine Meinung ist diese: Der Erzieher soll den Zögling dahin zu bringen suchen, daß er selbst das Gute wolle und es tue, nicht deswegen, weil es ihm von anderen geboten und das Gegenteil verboten wird, weil er von der Befolgung des Gebots Belohnung, von der Übertretung Strafe zu erwarten hat, sondern weil er es selbst will. Sind wir denn nun miteinander eins? Ich hoffe es. Die Frage ist nur, wie man das Kind dahin bringe, daß es das Gute wolle, dies ist schwer und nicht schwer, je nachdem man es angreift. Nach meinen Erfahrungen gehört dazu zweierlei: 1. daß man dem Kinde stets die Wahrheit sage oder ihm von seinen Pflichten die richtige Ansicht gebe; 2. daß man es dahin bringe, daß es die Wahrheit einsehe. Hat man es dahin gebracht, so will es das Gute und bedarf nur einer kleinen Erinnerung von Zeit zu Zeit, um es von seinen Verirrungen, die freilich nicht fehlen werden, zurückzubringen. Man sei also stets wahr in seinen Ermahnungen! Die Kinder haben für die Wahrheit einen ungemein feinen Sinn, der ihnen aber auch jede Unwahrheit bemerkbar macht. Wer also durch Unwahrheit seine Zöglinge zum Guten zu lenken sucht, wird gewiß sein Ziel verfehlen. Schreie nicht, mein Kind! sagte einst eine Mutter, als sie ihr weinendes Kind durch das Feld führte, es sind Mäuse hier im Acker, die kommen hervor, wenn sie dich schreien hören, und beißen dich. Wer sieht nicht das Unvernünftige und Unwahre dieser Vorstellung? Das Kind schwieg ein paar Augenblicke. Da ihm aber dann wieder ein paar Schreie entfuhren und keine Maus sich zeigte, so schrie es weit stärker als zuvor. Handeln denn die Erzieher aber vernünftiger, die ihren Zöglingen von der Erfüllung der Pflichten Folgen versprechen, die höchst zufällig sind, und wegen Verletzung derselben ihnen Strafen drohen, die so selten sich einfinden, als ein weinendes Kind von einer Maus gebissen wird? Fallen nicht ferner diejenigen Erzieher in eben diesen Fehler, die ihren Zöglingen manches zur Pflicht machen, wozu sie doch nicht verbunden sind? Müssen sie denn nicht lauter falsche Gründe anführen, um ihre Forderungen zu beschönigen? Willst du z.B. deinen lügenhaften Zögling dahin bringen, daß er die Wahrheit rede, so kannst du sagen, auf eine Lüge gehört eine Maulschelle, und es ihm auch sogleich fühlbar machen. Was wirst du damit ausrichten? Er wird gegen dich erbittert werden, aber die Neigung zur Unwahrheit wird bleiben. Oder du kannst sagen, wer lügt, der stiehlt, und wenn du so zu lügen fortfährst, so wirst du ein Dieb und kommst an den Galgen. Ist denn dies wahr? Oder du kannst etwas nachdrücklich sagen: Kind! Wenn du lügst, so glaubt man dir nicht mehr. Dies wäre für dich ein großes Unglück. Dies ist wahr, und daß es wahr sei, begreift das Kind leicht. Aber wenn man ihm die Verbindlichkeit, sich aller Bewegungen im Freien zu enthalten und acht Stunden täglich stillezusitzen, begreiflich machen will, wie soll man dies anfangen, ohne die Unwahrheit zu reden? Und wie kann man einem Kinde zumuten, zu glauben, was nicht wahr ist, und danach zu handeln? Wenn man Kindern die Wahrheit begreiflich machen will, nach welcher sie handeln sollen, so vergesse man ja nicht, wen man vor sich habe – nicht Menschen, sondern Geschöpfe, die im Stande der Menschwerdung sich befinden, bei denen die Vernunft noch klein ist. Alle langen zusammenhängenden Ermahnungen, alle abstrakten Grundsätze, die nur mit der Vernunft können gefaßt werden, sind unwirksam. Die Kinder verstehen nichts davon. Sie haben aber eine Nachahmungsbegierde, die sie geneigt macht, alles, was ihnen an anderen gefällt, nachzutun Diese muß in Anspruch genommen werden. Man muß ihnen in wahren oder erdichteten Erzählungen von der Handlungsart, zu welcher man sie bringen will, Muster vorstellen und sie so lebhaft schildern, daß sie glauben, dieselben vor sich stehen zu sehen, und so gefällig, daß in ihnen der Entschluß entsteht, ebenso zu handeln. Dabei muß man sich hüten, die Anwendung geradezu auf sie zu machen und sie zu ermahnen, ebenso zu handeln. Denn die Kinder sollen ihren eigenen Willen tun. Wenn man sie nun die Anwendung auf sich selbst machen läßt, und sie fassen dann selbst den Entschluß, so zu handeln, so tun sie ihren eigenen Willen. Ich habe von der Wirksamkeit dieser Art des Unterrichts sehr viele Erfahrungen gemacht. Oft, nicht immer, aber oft, wenn ich eben recht aufgelegt war, in meiner Erklärung meines ersten Unterrichts in der Sittenlehre meinen Zöglingen ein gewisses Muster recht anschaulich darzustellen, umschlossen sie mich am Ende der Lehrstunde und baten: O Vater! Laß uns doch auch so handeln! Die Kinder haben ferner Verstand, der auffaßt, was ihm anschaulich dargestellt wird. Dieser muß ebenfalls in Anspruch genommen werden. Man muß ihnen die Verbindlichkeit, so und nicht anders zu handeln, so anschaulich als möglich zu machen suchen. Sobald sie dieselbe gefaßt haben, ist auch gewiß der Entschluß da, danach zu handeln. Dazu gehört eine eigene Gewandtheit, die nur durch Übung erlangt werden kann. Zu allen Zeiten ist man nicht aufgelegt dazu, und da tut man besser, daß man seinen Vortrag so lange verschiebt, bis man sich dazu aufgelegt fühlt. Dann kann man aber auch Wunder tun. Von den vielen Erfahrungen, die ich in dieser Rücksicht gemacht habe, will ich nur eine anführen, die ich neuerlich zu machen Gelegenheit hatte. Vor einiger Zeit riß bei meinen Pflegesöhnen die üble Gewohnheit ein, daß sie immer die Schlüssel zu ihren Schränken und Kisten verloren. Da sie einen gefälligen Schlosser zur Seite hatten, der ihnen sogleich drei Schlüssel auf einmal verfertigte, so legten sie auf dieselben gar keinen Wert mehr. Ich konnte ihnen deswegen scharfe Verweise geben, konnte auf das Schlüsselverlieren eine große Strafe setzen und noch mancherlei tun, das nichts gewirkt haben würde. Aber eben deswegen, weil ich vorhersah, daß dies alles nichts helfen würde, tat ich lieber gar nichts und ließ sie eine Zeit lang Schlüssel verlieren, soviel sie wollten. Endlich fiel mir ein, wie ich ihnen die Verbindlichkeit, ihre Schlüssel in acht zu nehmen, anschaulich machen könnte. Als sie daher einmal in Reih und Glied vor mir standen, hielt ich einen Schlüssel in die Höhe und sagte: Jetzt gebt Achtung! Jetzt, liebe Freunde, will ich eine Vorlesung halten über – den Schlüssel. Die Materie, aus welcher der Schlüssel besteht, ist gewöhnlich Eisen. In Ansehung seiner Form bemerken wir diesen Teil, der heißt Kamm, und diesen, der ist das Rohr, und diesen, das ist der Griff. Dies habt ihr freilich alles lange schon gewußt, jetzt will ich euch aber noch etwas sagen, was wenigstens zwei Drittteilen von euch unbekannt war, nämlich was eigentlich ein Schlüssel ist. Hättet ihr dies gewußt, so würdet ihr gewiß auf eure Schlüssel einen größeren Wert gelegt haben. Achtung! (Die folgenden Worte wurden langsam und mit großem Nachdrucke gesprochen.) Ein Schlüssel ist das Mittel, das Behältnis, zu dem er gehört, zu öffnen. Wenn ich also den Schlüssel zu meinem Schranke verliere, so bekommt der Finder das Mittel in die Hände, meinen Schrank zu öffnen. Verliere ich viele Schlüssel, so erhalten die Domestiken, die Handwerksleute, die Tagelöhner, die Bettler, die in unsere Häuser kommen, nach und nach Mittel, den Schrank zu öffnen. In diesem Falle täte ich besser, wenn ich ihn gar nicht mehr verschlösse, da ersparte ich mir doch die Mühe des Auf- und Zuschließens. Das Zuschließen wäre ja doch vergeblich. Daß es möglich sei, seinen Schlüssel nicht zu verlieren, dies beweist der Schlüssel, den ich hier in der Hand habe, den ich im Jahr 1766 verfertigen ließ, der also nun beinahe vierzig Jahre alt ist. Mit diesen Worten trat ich ab und überließ die Versammlung ihrem eigenen Nachdenken. Der Erfolg davon war, daß das Schlüsselverlieren sogleich aufhörte, und daß nunmehr seit zwei Monaten von meinen Pflegesöhnen kein einziger nötig gehabt hat, sich einen neuen Schlüssel verfertigen zu lassen. Und worin liegt denn die Zauberkraft, die dies bewirkte? 1. Darin, daß ich durch den sonderbaren Eingang zu meiner Rede aller Erwartung spannte und sie zur Aufmerksamkeit brachte. Was hätten die triftigsten Vorstellungen vermocht, wenn man nicht darauf aufmerksam gewesen wäre? 2. Daß ich den Wert der Schlüssel und die Verbindlichkeit, sie zu bewahren, recht anschaulich machte. 3. Daß ich sie dadurch dahin brachte, daß sie die Verbindlichkeit, ihre Schlüssel zu bewahren, begriffen und sich selbst entschlossen, dies zu tun. Ich hielt diesen Vortrag öffentlich, weil er einen Fehler betraf, der fast allgemein war. Man hüte sich ein Gleiches zu tun, wenn man ein einzelnes Kind zur Erfüllung einer Pflicht oder Ablegung eines Fehlers bringen will. Man wird dabei seinen Zweck gewiß verfehlen, denn die Wirkung öffentlicher Ermahnungen, die eine gewisse Person betreffen, ist allemal Beschämung, wodurch eine Art von Betäubung hervorgebracht wird, die den Ermahnten unfähig macht, aufzumerken; sehr oft wird dadurch auch Erbitterung gegen den Ermahner bewirkt, die den Vorsatz erzeugt, die Ermahnung nicht zu befolgen. Die Kinder haben ferner Sinnlichkeit, die man auch benutzen muß. Dies geschieht, wenn man durch Ton und Mienen das ausdrückt, was man sagen will. Da ich hiervon schon oben gesprochen habe, so ist es überflüssig, darüber weitläufiger zu reden. Ich bemerke nur dies noch, daß es ungemein wichtig sei, durch Ton und Miene auf Kinder zu wirken, die Vernunftgründe noch nicht fassen können. Wer dies versteht, der richtet durch einen Blick, ein Wort, die Beifall oder Mißfallen ausdrücken, mehr aus als ein anderer durch eine lange Gottesverehrung. Die Einwendungen, die gegen diese Erziehungsart werden gemacht werden, sehe ich voraus und übergehe sie mit Stillschweigen, weil sie jeder Denkende leicht selbst widerlegen kann. Nur eine kann ich nicht unerörtert lassen. Der Mensch, wird man sagen, muß gehorchen lernen, wenn er in die menschliche Gesellschaft passen soll. Was soll aus der Gesellschaft werden, wenn man ihr Glieder zuzieht, die gewöhnt sind, keinen anderen als ihren eigenen Willen zu tun? * Liebe Freunde! Ereifert euch nicht zu sehr! Haben sich denn diejenigen, die so erzogen wurden, durch Insubordination ausgezeichnet? Und wenn es von Hunderten einer tat, was beweist dieses? Man suche doch junge Leute zu überzeugen (und wie leicht ist dies), daß es Pflicht sei, die Vorschriften derer zu befolgen, die ihnen vorgesetzt sind, und sie dahin zu bringen, daß sie es sich selbst zum Gesetz machen, dies zu tun, so ist es ja gut. Sie werden dann immer geneigt sein, die Vorschriften ihrer Vorgesetzten zu befolgen, ohne daß es nötig ist, ihnen in jedem einzelnen Falle die Gründe davon anzugeben. Freilich setze ich voraus, daß ein vernünftiger Erzieher seinen Zögling nicht willkürlich behandle, daß er ihm keine Vorschriften gebe, die nicht auf wahren Gründen beruhen; freilich muß ich zugeben, daß der Zögling künftig wahrscheinlich in Lagen kommen werde, wo er willkürlich und unvernünftig behandelt wird. Was ist dann aber dabei zu tun? Sollen wir das Kind vielleicht unvernünftig behandeln, damit es an die unvernünftige Behandlung, die seiner in der Zukunft wartet, gewöhnt werde? Dies wäre doch wirklich eine sonderbare Forderung! Man bereite es darauf vor, man zeige ihm in Beispielen, welch willkürliche Behandlung sich oft der Mensch gefallen lassen müsse, und mache ihm die Verbindlichkeit begreiflich, sich derselben zu unterwerfen, solange man von dem willkürlichen Behandler abhängig ist und er nicht eine Handlungsart von uns verlangt, die wir für unrecht halten. Wollt ihr, meine jungen Freunde, euch also der Erziehung widmen, so müßt ihr notwendig lernen, den Kindern die praktischen Wahrheiten so anschaulich zu machen, daß sie dieselben aufnehmen, sich die Befolgung derselben zum Gesetz machen und so ihren eigenen Willen tun. Gewöhnt ihr sie bloß, durch allerlei Künsteleien euren Willen zu tun, so ist ihre ganze Moralität eine Windmühle, die stillesteht, sobald sie von einer Anhöhe ins Tal gesetzt wird, auf welches der Wind nicht wirken kann. Wollt ihr ihnen die Wahrheit vorpredigen, ohne euch darum zu kümmern, ob sie dieselbe fassen, so erzieht ihr Kinder, an denen, wie ihr zu sagen pflegt, Hopfen und Malz verloren ist, bei denen kein Zureden, kein Ermahnen etwas hilft, von denen ihr klagt, daß ihr immer tauben Ohren predigt. Die Ursache davon liegt nicht in ihren Ohren, sondern in eurer leisen Sprache, weil ihr nicht so sprechen gelernt habt, daß es durch die Ohren in die Seele dringt. Statt also euch die Köpfe über das oberste Moralprinzip zu zerbrechen, lernt nur die allgemein anerkannten praktischen Wahrheiten den Kindern recht faßlich und annehmlich zu machen. Der Gewinn, der daraus entspringt, ist groß – sehr groß. Sobald das Kind das Gute selbst will, so erzieht es sich selbst, und fünfzig Kinder, die das Gute wollen, sind leichter zu lenken als ein einziges, dem es noch nie eingefallen ist, gut zu werden. Sobald ein Kind eine Sprache lernen will, so lernt es sie, und in einer einzigen Lehrstunde, die ihm darin gegeben wird, kommt es weiter als ein anderes, das diese Sprache nicht erlernen will und vom Morgen bis zum Abend darin Unterricht bekommt. Ist der Zeitpunkt da, wo sich bei jungen Leuten Empfänglichkeit für das Übersinnliche zeigt, so muß man nun den praktischen Wahrheiten, die man sie lehrte, eine höhere Sanktion dadurch geben, daß man sie zu überzeugen sucht, daß dieselben Gottes Wille sind. Dabei kommt denn aber freilich wieder viel auf den Vortrag des Lehrers an. Er muß so zuversichtlich und eindringlich zu sprechen wissen, daß die Zuhörer überzeugt werden, daß er selbst alles, was er sagt, von ganzem Herzen glaube, er muß die Wahrheit mit solchen Gründen zu unterstützen wissen, daß ihnen kein Zweifel dagegen übrigbleibt. Plan zur Erziehung der Erzieher Man errichte vor allen Dingen eine Pflanzschule für Erzieher. Man berufe die berühmtesten Erzieher aus allen Weltgegenden zusammen, stelle sie als Lehrer der Erziehungskunst an und gebe jedem tausend bis fünfzehnhundert Taler Gehalt, damit er gegen Sorgen gedeckt sei; man stelle einen Lehrer der Zergliederungskunst an und sorge dafür, daß es nicht an Leichnamen fehle, an denen er den jungen Erziehern den Bau des menschlichen Leibes zeigen kann; man berufe ferner einen Lehrer der Heilkunde, welcher Vorlesungen über die Kinderkrankheiten hält und die zweckmäßigsten Heilmittel kennen lehrt; man errichte eine Büchersammlung, in welche alle Schriften aufgenommen werden, die von Griechen, Römern, Franzosen, Engländern, Italienern, Deutschen, Dänen, Schweden über die Erziehung geschrieben worden sind, damit der künftige Erzieher eine recht vielseitige Ansicht von seinem Geschäfte bekomme. Man errichte ferner einen Lesesaal, in welchem alle Zeitschriften, die in Deutschland, womöglich auch in anderen gebildeten Ländern Europas, herauskommen, zu finden sind, damit es die Pflanzschule sogleich erfahre, wenn irgend jemand etwas Neues in der Erziehungskunst erfunden hat. Könnte damit ein Schauspielhaus verbunden werden, in welchem die Erzieher monatlich ein paar Schauspiele aufführten, so wäre es desto besser, so lernten sie Ton, Miene und Anstand des Körpers bilden. Unumgänglich nötig wäre aber die Anlegung eines Gartens, in welchem, soviel als möglich, alle Pflanzen gesetzt würden, die unser Erdball hervorbringt. Die Ausführung dieses Planes würde freilich große Summen kosten; ist die Erziehung aber nicht das Wichtigste für den Staat? Mir fallen jedoch gegen diesen Plan allerlei Bedenklichkeiten ein. Ich glaube doch, daß es etwas schwer sein werde, die Summen, die zur Ausführung desselben nötig sind, aufzubringen; zweitens, wenn dies auch wäre, so würde darüber so viel Zeit verfließen, daß unsere jetzt lebende Jugend aufwüchse, ohne sich der wohltätigen Wirkung desselben zu erfreuen. Drittens gebe ich zwar zu, daß, wenn alles gelänge, der Staat eine Menge vielseitig gebildeter Erzieher erhalten würde, die von der Erziehungskunst recht viel sprechen und schreiben könnten; ob aber ein einziger imstande sein würde, ein Kind wirklich zweckmäßig zu erziehen, daran zweifle ich sehr. Ich will also diesen Plan, der sich gut lesen, aber schwer ausführen läßt, lieber ganz aufgeben und jedem, der sich der Erziehung widmet, einen etwas einfacheren vorlegen, der in drei Worten begriffen ist: Erziehe dich selbst! Dieser hat den Vorzug, daß er sehr einfach ist, wenig Geld kostet, gleich nach Lesung dieses Buches von allen, die dafür Sinn haben, ausgeführt werden kann und Erzieher bilden wird, die nicht bloß von der Erziehung sprechen und schreiben, sondern wirklich erziehen können. Wer nun glaubt, von mir noch etwas lernen zu können, der merke auf die Winke, die ich ihm jetzt zur Selbsterziehung geben werde. 1. Sei gesund! Ein kranker Mann ist ein armer Mann, alle Geschäfte werden ihm schwer, aber keins schwerer als die Erziehung. Im krankhaften Zustande ist man sehr reizbar, jeder Mutwille, jede Unbesonnenheit der Jugend erregt Unwillen. Man muß sich also in einer Gesellschaft, welcher Mutwillen und Unbesonnenheit eigen sind, sehr übel befinden, weil man sich alle Augenblicke von derselben für beleidigt hält. Und wie will man sie in einem steten Zustande unangenehmer Empfindungen erziehen können? Alle Ermahnungen werden von Galle triefen oder mit einem zitternden Tone vorgebracht werden. Dieser wird nichts wirken, und jene wird schaden. Die vielen Klagen, die man über die Unfolgsamkeit der Jugend hören muß, rühren gewiß meistens von der Kränklichkeit der Erzieher her, und wie kann man sich zutrauen, gesunde Kinder erziehen zu können, wenn man selbst ungesund ist? Dies ist ja aber, wird man sagen, eine sonderbare Forderung: Sei gesund! Gesund will freilich ein jeder sein; hängt denn die Gesundheit aber von seinem Willen ab? Allerdings. Vorausgesetzt, daß keins der Eingeweide verletzt ist und du deinen Körper nicht durch Ausschweifungen sehr geschwächt hast, so kannst du gesund sein, wenn du nur ernstlich willst. Der ernstliche Wille hat auf den Körper einen mächtigen Einfluß. Härte ihn nur nach und nach ab, sei mäßig und enthaltsam, widme den Tag der Arbeit und die Nacht der Ruhe, und wenn du dem ungeachtet zu kränkeln anfängst, anstatt zur Apotheke deine Zuflucht zu nehmen, suche lieber den Grund deines Übelbefindens zu erfahren. Dies kannst du, wenn du über deine bisherige Lebensweise nachdenkst. Hast du den Grund deines Übelbefindens erst entdeckt, so wird es dir leicht sein, dir durch einfache Mittel zu helfen. Unpäßlichkeiten z.B., die von der Überladung des Magens herrühren, werden oft durch Versagung einer Mahlzeit aufgehoben. Etwas Mehreres hierüber zu sagen, trage ich deswegen Bedenken, weil es das Ansehen gewinnen würde, als wenn ich den Arzt machen wollte, was mir aber noch nie in den Sinn gekommen ist. Es mache sich ein jeder mit seiner Natur bekannt, erforsche, woher seine Krankheit komme, und lerne die einfachsten Mittel kennen, dieselbe zu heben, so wird er sich eine dauerhafte Gesundheit erwerben können. Das geht bei mir nicht! höre ich viele sagen. Lieber Freund, versuche es, ich hoffe, es wird gehen. Ich kenne mehrere Personen, die sonst viel mit körperlichen Leiden kämpfen mußten, aber durch Befolgung dieser einfachsten Vorschriften zu einer festen Gesundheit gelangt sind. Geht es aber bei dir wirklich nicht, entweder weil dir der Sinn für echte Gesundheitspflege fehlt, oder weil dein Körper fehlerhaft gebaut, oder weil durch irgendeine Ursache etwas darin zerstört worden, so befolge meinen Rat, entsage der Erziehung und widme dich einem anderen Geschäfte. Sie würde dir äußerst lästig werden, und du würdest, auch bei dem besten Willen, mehr Schaden als Nutzen stiften. 2. Sei immer heiter! In einer heiteren Stunde ist man unter seinen Zöglingen allmächtig. Sie hängen an uns mit ganzer Seele, sie fassen alle unsere Worte auf, sie befolgen alle unsere Winke. Könntest du immer heiter sein, so wäre kein leichter Geschäft als die Erziehung. Es gibt Personen, denen die Heiterkeit angeboren ist, denen alles von der lachenden Seite erscheint; diese bedürfen dieser Ermunterung nicht, vielmehr muß ich sie erinnern, daß zur Erziehung auch Ernst nötig sei, wenn man sein Ansehen behaupten und seinen Erinnerungen die nötige Wirksamkeit verschaffen will. Allein die Zahl derer, die von der Natur mit Heiterkeit beschenkt wurden, ist sehr klein, die meisten sind mehr für Mißmut empfänglich und befinden sich daher gewöhnlich in einer unzufriedenen Stimmung des Gemüts. Daß bei dieser unangenehmen Stimmung die Erziehung sehr schwer wird und wenig nutzt, weiß jeder und fühlt daher die Verbindlichkeit, nach steter Heiterkeit zu streben. Sich dieselbe zu verschaffen, ist so schwer nicht, als manche vielleicht glauben werden. Man suche nur erst den Ursprung des Mißmuts auf, so wird es etwas Leichtes sein, ihn wegzuschaffen. Warum, frage ich dich also, lieber Leser, bist du denn immer mißmutig? Meine Lage – antwortest du. Du irrst dich, mein Freund! Es ist wahr, daß immer eine Lage geeigneter ist, den Mißmut zu reizen, als die andere; allein der eigentliche Grund des Mißmuts liegt doch immer in dir selbst. Ein Mann voll Kraft und hellen Einsichten muß imstande sein, sich von seinen Umgebungen unabhängig zu machen und seiner Heiterkeit aus sich selbst Nahrung zu geben. Er ist ruhig, wenn es auch um ihn her stürmt und wetterleuchtet, und zufrieden, wenn um ihn herum Unzufriedenheit herrscht. Ein anderer, dem diese Kraft und Einsichten fehlen, ist finster und mißmutig, auch wenn ihn alles anlacht. Der Grund des Mißmuts liegt oft in einem fehlerhaften Zustande des Körpers. Wer nun gelernt hat, sich gesund zu erhalten, wird auch gegen diese Art des Mißmuts sich schützen können. Oft, und vielleicht meistenteils, entspringt er aber aus einem fehlerhaften Zustande der Seele, und zwar vorzüglich aus der üblen Gewohnheit, sich von seinen Umgebungen unangenehme Vorstellungen zu machen. Sehet, liebe Freunde, es gibt eine doppelte Welt. Die eine ist außer uns, die andere in uns. Jene Welt ist von unseren Vorstellungen unabhängig, diese besteht in den Vorstellungen, die wir uns von derselben machen. Auf erstere können wir nur wenig wirken, diese aber ist unser Werk, wir sind Schöpfer derselben. Ist also die Welt außer dir nicht so, wie sie deiner Meinung nach sein sollte, so schaffe dir selbst eine Welt, die dich anlacht, die dich zur Heiterkeit stimmt, lerne allen Dingen eine angenehme Ansicht abzugewinnen, dir von ihnen beruhigende, aufheiternde Vorstellungen zu machen, und – deine Heiterkeit ist fest, wenigstens so fest gegründet, als es in dem Larvenstande, in dem wir uns befinden, möglich ist. Laß uns einmal mit dieser Schöpfung einen Versuch machen und sehen, ob von dem Kreise, in dem du wirkst, nicht eine angenehme, reizende Vorstellung möglich sei. – Du wandelst und wirkst in einem Kreise von Kindern. Wer sind sie? – Werdende Menschen. – Wer gab sie dir? – Gott, der alles gibt. – In welcher Absicht? – Um sie zu leiten, daß sie sich zu vernünftigen, freien, tätigen, glückseligen Wesen bilden, und dir dadurch Gelegenheit zu schaffen, dich selbst zu veredeln. – Aber ihre Untugenden? – Sind Reizungen zum Nachdenken über den Ursprung derselben und die besten Mittel, sie wegzuschaffen. – Und die Schwierigkeiten, die man dir in den Weg legt? – Sollen dich reizen, deine Kräfte anzustrengen, um sie zu überwinden. – Der Undank, mit dem du belohnt wirst? – Schafft dir Gelegenheit, dich zu üben, rein sittlich zu handeln. – Sind solche Ansichten nicht ungemein aufheiternd? Begreifst du nicht die Möglichkeit, wie ein Mann, der sich eine Fertigkeit erworben hat, seinen Umgebungen solche Ansichten abzugewinnen, sich die Heiterkeit eigen machen kann? Aber solche Ansichten bekommen zu können, muß man freilich einen höheren Standpunkt zu erreichen suchen, auf dem man, über das Sichtbare wegsehend, seinen Blick auf das Unsichtbare richten kann. Hier verschwindet alle Unordnung, Verwirrung und alles Übel und öffnet sich ein Feld, wo lauter Harmonie und erhabene Zwecke sichtbar sind. 3. Lerne mit Kindern sprechen und umgehen! Jede Klasse von Menschen hat ihre eigene Sprache und Gewohnheiten, mit welchen man viele Bekanntschaft haben muß, wenn man sich bei ihr wohlbefinden und gefallen will. Daher ist der Stubengelehrte ängstlich und macht sich lächerlich, wenn er in den Kreis der höheren Stände eintritt, und weiß nicht, wie er sich benehmen soll, wenn er in eine Gesellschaft von Ackerleuten kommt. Ein ähnliches Schicksal haben junge Männer, die nur mit Büchern und erwachsenen Personen umgingen, wenn ihnen Kinder anvertraut werden. Sie wissen nicht, wie sie sich benehmen sollen, sie sind immer in Verlegenheit und gefallen den Kindern nicht, denen ihre Gesellschaft lästig ist. Woher kommt dies? Die Sprache und die Gewohnheiten der Kinder sind ihnen fremd. Macht euch also mit denselben bekannt! Statt viel über die Erziehung zu lesen und pädagogische Vorlesungen zu hören, sucht lieber Kinder auf, in deren Gesellschaft ihr täglich ein paar Stunden verlebt. Kinder gibt es ja allenthalben, wo Menschen wohnen, ihr werdet sie gewiß auch antreffen auf dem Platze, wo ihr euch befindet. Vielleicht habt ihr einen Hauswirt, einen Nachbar, einen Freund oder Verwandten, der mit Kindern gesegnet ist, und dem es lieb sein wird, wenn ihr sie bisweilen unterhalten wollt. Zum Stoffe der Unterhaltung schlage ich euch zuerst vor die Erzählung. Die Erzählung hat für alle Kinder Reiz, und sobald eine Person, die gut erzählen kann, ihren Mund öffnet, so sammeln sich die Kinder um sie wie die Küchlein, wenn die Mutter lockt. Und dieses Herzudrängen, diese sichtbare Begierde nach Erzählung macht denn auch dem Erzähler sein Geschäft leicht und angenehm. In unseren Tagen, wo so viele Bücher für die Kinder geschrieben sind, kann es an Stoff zur Erzählung nicht fehlen. Das beste, das ich kenne, ist der Campesche Robinson. Wenn du nun zu erzählen anfängst, so bemerke wohl, wie sich deine kleinen Zuhörer dabei benehmen. Sind ihre Augen und Ohren auf dich gerichtet, bitten sie dich, wenn du schließen willst, daß du weiter erzählen sollst, so ist es ein Zeichen, daß sie in deiner Erzählung Unterhaltung finden; werden sie aber schläfrig oder fangen an zu spielen und sich untereinander zu necken, so muß es irgendwo fehlen. Du wirst vielleicht meinen, es fehle am guten Willen der Kinder. Ich glaube aber, daß du dich irrst, da die Kinder, soweit ich sie kenne, alle an Erzählungen Vergnügen finden. Der Fehler liegt vielmehr sicherlich entweder an dem Inhalte der Geschichte, die du vorträgst oder an dir selbst. Vielleicht enthält deine Geschichte nichts für Kinder Anziehendes. Versuche es daher mit einer anderen; fesselt diese ihre Aufmerksamkeit mehr, so hättest du vorher in der Auswahl der Erzählung gefehlt. Nur hüte dich, deine Kleinen mit Feen- und Zaubergeschichten zu unterhalten. Diese hören sie freilich so gern, als sie Pfefferkuchen essen, sie sind aber ihrem Geiste so nachteilig, als der Pfefferkuchen ihrem Magen. Solltest du aber finden, daß die Kinder bei allen deinen Erzählungen zerstreut und teilnahmlos bleiben, so liegt der Fehler sicher in dem Tone deines Vortrags, und du hast dann um so mehr Ursache, daran zu bessern, da die Absicht deiner Erzählung doch vorzüglich ist, mit Kindern sprechen zu lernen. Hier sind einige Winke, wie du deinen Erzählungston verbessern kannst. Der Mann spricht wie ein Buch, pflegt man zu sagen, wenn man jemandem wegen seiner Unterhaltungsgabe einen Lobspruch beilegen will. Wenn du aber dich mit deinen Kindern unterhältst, so rate ich dir, sprich nicht wie ein Buch, sondern wie ein Mensch im Umgange mit Menschen zu sprechen pflegt, sprich die Sprache des gemeinen Lebens. Wenn man ein Buch schreibt, so wählt man jedes Wort und jede Redensart und vermeidet viele Ausdrücke des gemeinen Lebens als unedel. Vermeide du bei deinen Erzählungen keinen Ausdruck als unedel, dessen du dich im täglichen Umgange nicht zu schämen pflegst; dadurch bekommt deine Erzählung Leben und wird für die Kinder anziehend. Vermeide ferner, soviel du kannst, allgemeine Ausdrücke, weil diese den Kindern weniger faßlich sind, und nenne lieber die Sachen einzeln, die dadurch bezeichnet werden. Du kannst z.B. sagen: Die Mutter, als sie von ihrer Reise zurückkam, brachte ihren Kindern Früchte und Spielwerk mit; du kannst diesen Satz aber auch so ausdrücken: Da die Mutter von ihrer Reise zurückkam, brachte sie Fränzchen und Wilhelminchen allerlei artige Sachen mit, Äpfel, Birnen, Haselnüsse, eine Schachtel voll kleiner Teller, Leuchter, Schüsseln, Löffel, Bilder u. dgl.; die letzte Darstellung hat für die Kinder sicher mehr Reiz als die erste. Sei ferner in deiner Erzählung etwas umständlich und vergiß nicht, in dieselbe allerlei Nebenumstände einzuweben, die die Handlung begleiten. So kannst du der obigen Erzählung durch Einflechtung folgender Nebenumstände mehr Leben geben. »Ach, wenn doch die Mutter nur einmal wiederkäme! sagte Fränzchen zu Wilhelminchen. Kaum hatte sie es gesagt, so rasselte etwas unter dem Fenster. Fränzchen sah hinaus, erblickte die Mutter in einem Reisewagen, sprang mit Wilhelminchen hinaus – da stieg die Mutter heraus, umarmte ihre Kinder, ließ den Koffer vom Wagen nehmen und in die Stube tragen. Die Kinder folgten ihr und waren begierig zu sehen, was in dem Koffer wäre. Jetzt wurde er geöffnet und ausgepackt. Auch eine Schachtel wurde ausgepackt und den Kindern hingesetzt. Neugierig öffneten sie dieselbe und fanden darin allerlei artige Sachen, die ihnen Freude machten: Äpfel, Birnen usw. Führe ferner die Personen immer redend ein und laß sie in dem Tone sprechen, wie sie wirklich würden gesprochen haben. Z.B.: Fränzchen erblickte ihre Mutter. Wilhelmine! rief sie, die Mutter ist da. Die Mutter? sagte Wilhelmine – und beide sprangen die Treppe hinab – Mutter! gute, liebe Mutter! sagten sie und fielen ihr um den Hals. Gute Kinder! sprach diese, indem sie dieselben an ihre Brust drückte, wie sehr habe ich mich nach euch gesehnt. Ihr seid doch noch gesund? W.: Recht gesund! Hast du uns etwas mitgebracht? M.: Wollen sehn! Hans, trage diesen Koffer in meine Stube. W.: Was wird in dem Koffer sein? usw. Es versteht sich von selbst, daß du immer in dem Tone sprechen mußt, in welchem die Person, die du redend einführst, würde gesprochen haben, und dir daher Mühe geben, deine Stimme in deine Gewalt zu bekommen. Wilhelmine, die Mutter ist da! muß ganz anders gesprochen werden als das: Gute Kinder! Wie sehr habe ich mich nach euch gesehnt! Durch diese beständige Abwechselung des Tones bekommt nicht nur deine Erzählung Leben, sondern deine Stimme bekommt auch die gehörige Geschmeidigkeit, die dir unentbehrlich ist, wenn du mit Nachdruck und Herzlichkeit zu deinen Pflegebefohlenen sprechen willst. Endlich suche auch in deine Erzählung Handlung zu bringen. Dies geschieht alsdann, wenn du durch deine Mienen und die Bewegung deiner Glieder die Handlungen, welche du erzählst, auszudrücken suchst. Z. B. das: Wilhelmine, die Mutter ist da! muß mit einer Miene gesprochen werden, die den höchsten Grad der Freude ausdrückt. Dabei darfst du nicht in ruhiger Stellung bleiben, sondern mußt eine solche annehmen, in welche ein Kind durch die Freude über die unvermutete Zurückkunft der geliebten Mutter versetzt zu werden pflegt. Zum Stoffe der Unterhaltung mit Kindern schlage ich ferner vor: Erklärung solcher Bilder, die für Kinder etwas Anziehendes haben. Freilich haben alle Bilder für Kinder etwas Anziehendes, aber doch immer eins mehr als das andere. Abbildung der lebendigen mehr als Vorstellung der leblosen Natur, Tiere mehr als Menschen, handelnde Wesen mehr als solche, die sich in einer ruhigen Stellung befinden. Die Abbildung eines Hahnenkampfes hat für Kinder sicher mehr Anziehendes als die Vorstellung aller hühnerartigen Vögel. Diese werden Kinder zwar auch einige Zeit mit Vergnügen betrachten, aber sich daran bald satt sehen. Bei Betrachtung des Hahnenkampfes werden sie hingegen länger verweilen und sie öfters mit Vergnügen wiederholen. Bei Verfertigung der Kupfer zu Konrad Kiefers ABC- und Lesebüchlein, wie auch zum ersten Unterrichte in der Sittenlehre, ist auf diese Bemerkungen Rücksicht genommen worden. Alles, was von der Erzählung gesagt worden ist, gilt auch von der Erklärung der Bilder; du mußt, wenn sie Kinder an dich ziehen sollen, bei derselben die nämlichen Winke befolgen, die ich dir in Ansehung jener gegeben habe. Über beides könnte ich dir noch vieles sagen; wenn du aber den Drang fühlst, durch Erzählung und Bildererklärung deine Kleinen an dich zu ziehen, so wirst du von selbst alles besser lernen, als ich es dir sagen kann. 4. Lerne mit Kindern dich beschäftigen! Bei den jetzt beschriebenen Unterhaltungen bist du die handelnde Person, und die Kinder sind bloß Zuhörer und Zuschauer. Dieses Verhältnis, so angenehm es ihnen anfänglich ist, würde sie doch ermüden, wenn es zu lange dauern sollte, da ihr Trieb zur Selbsttätigkeit dabei keine Befriedigung findet. Du mußt daher auch Unterhaltungen suchen, an denen sie tätigen Anteil nehmen können. Zu diesen rechne ich zuerst das Spiel, nämlich ein solches, das einen nützlichen Zweck hat, entweder dem Leibe eine freie, angenehme Bewegung und Behendigkeit zu verschaffen, oder die geistigen Kräfte zu üben. Diese Spiele kannst du zum Teil von den Kindern selbst lernen, wenn du sie von deinen Pflegebefohlenen angeben läßt und bisweilen die Spielplätze anderer Kinder besuchst, teils kannst du Anleitung zu denselben finden in Guts-Muths-Spielen für Kinder. Bei der Wahl derselben hast du auf zweierlei Rücksicht zu nehmen: daß sie einen wirklich nützlichen Zweck haben und daß sie deinen Kleinen Vergnügen machen. O ihr alle, die ihr euch der Erziehung weihet, lernet, ich bitte euch, lernet mit Kindern spielen! Ihr werdet durch diese Übung drei wichtige Zwecke erreichen: die Kinder an euch ziehen und ihre Liebe und ihr Zutrauen erwerben, die Gabe, mit ihnen zu sprechen und sie zu behandeln, euch mehr eigen machen – und Gelegenheit finden, in das Innerste eurer Kleinen zu sehen, da sie bei dem Spiele weit offener und freier handeln als in anderen Lagen und sich mit allen ihren Fehlern, Schwachheiten, Einfällen, Anlagen, Neigungen zeigen, wie sie wirklich sind. Wer mit Kindern nicht spielen kann, wer in dem Wahne steht, daß diese Art der Unterhaltung mit Kindern unter seiner Würde sei, sollte eigentlich nicht Erzieher werden. Da wir doch aber nicht bloß zum Spielen bestimmt sind und die Kinder desselben bald überdrüssig würden, wenn sie sonst gar keine Beschäftigung hätten, so wirst du bald das Bedürfnis anderer, etwas ernstlicherer Beschäftigungen fühlen. Worin diese bestehen sollen, ist vorhin gezeigt worden. Jetzt fragt es sich nur, wie du dir die Geschicklichkeit dazu erwerben kannst. Daher rate ich dir: 5. Bemühe dich, dir deutliche Kenntnisse der Erzeugnisse der Natur zu erwerben! Unter deutlicher Kenntnis verstehe ich Kenntnis der Merkmale, wodurch man die verschiedenen Klassen und Gattungen der Naturerzeugnisse voneinander unterscheiden kann. Dazu fehlt es mir, antwortest du vielleicht, an Gelegenheit. Wirklich? Du lebst ja in der Natur und bist mit Erzeugnissen derselben umgeben, die um dich her wachsen und leben. Gewöhne dich nur, eins derselben nach dem andern genau zu betrachten und die Merkmale aufzusuchen, wodurch sie sich von anderen, ihnen ähnlichen unterscheiden. Dadurch wirst du deinem Unterscheidungsvermögen schon einige Fertigkeit erwerben. Aber die Worte werden dir fehlen, womit du jedes Naturerzeugnis und seine Merkmale benennen sollst. Daher mußt du nun einen Freund aufsuchen, der mit der Natur sich bekannt gemacht hat, und der dir einige Anleitung gibt, die Merkmale der Naturerzeugnisse, z. B. in der Pflanzenkunde die verschiedenen Teile der Blumen, aufzusuchen, und dir die Kunstausdrücke, mit welchen sie pflegen benannt zu werden, bekannt macht. In unseren Tagen, wo die Naturkenntnis immer weiter sich verbreitet, sind solche Freunde so selten nicht als vor zwanzig Jahren. Solltest du auch einige Stunden weit gehen müssen, um diesen Freund zu finden, so ist es doch der Mühe wert, bisweilen einen Weg zu ihm zu machen. Ferner mußt du dir einige Bücher zu verschaffen suchen, die dir Anleitung geben, die Natur kennen zu lernen. Findest du nun ein Naturerzeugnis, von dessen Natur und Namen du dir Kenntnis zu erwerben wünschest, z. B. eine Pflanze, so siehe zuerst auf die Merkmale der Klasse, dann der Gattung, ferner der Ordnung, wobei du dich vorzüglich an die Merkmale halten mußt, die am meisten in die Augen springen, dann schlage dein Buch nach und suche die Klasse und Gattung auf, zu welcher deine Pflanze gehört, so wird es dir nicht schwer sein, auch die Ordnung zu finden, zu welcher sie gerechnet, und den Namen, mit welchem sie benannt wird. Frage dann bisweilen deinen Freund, ob du dich nicht geirrt habest, du wirst dich dann freuen, wenn du wirklich gefunden hast, was du suchtest, und selbst dein erkannter Irrtum wird dir lehrreich sein und dich vor ähnlichen Verirrungen bewahren. Ich gebe dir diesen Rat um desto zuversichtlicher, da ich aus Erfahrung weiß, daß verschiedene junge Männer während eines kurzen Aufenthaltes in meiner Anstalt sich auf diesem Wege nicht gemeine Kenntnisse der Natur, vorzüglich der Pflanzen, erworben haben. Da ich vorhin hinlänglich glaube bewiesen zu haben, daß die Betrachtung der Natur zur Unterhaltung der Kinder, zur Weckung und Übung ihrer Geisteskräfte höchst nötig sei, so ergibt sich hieraus von selbst, daß du mit der Natur dich bekannt machen mußt, wenn du mit Vergnügen und mit Nutzen erziehen willst. Diese Bekanntschaft wird dir große und mannigfaltige Vorteile gewähren. Für dich wird sie eine ergiebige Quelle des Vergnügens sein, weil du nun nicht mehr durch die Welt als ein Fremdling wandelst, dem alle seine Umgebungen unbekannt sind, sondern als ein Einheimischer, der auf den Bergen und in Tälern, im Wasser und in dem Inneren der Erde Bekannte antrifft, mit denen er sich unterhalten kann. Noch wichtiger wird sie dir im Umgange mit deinen Kleinen sein, da sie dir den mannigfaltigsten Stoff zur Unterhaltung und zum Unterrichte darbietet, dich deinen Kleinen wichtig und unentbehrlich macht und dir Gelegenheit gibt, besonders im Sommer manche Stunde bei deinen Kleinen auf eine höchst nützliche und angenehme Art mit dem Sammeln und Trocknen der Pflanzen auszufüllen. 6. Lerne die Erzeugnisse des menschlichen Fleißes kennen! Da diese einen sehr mannigfaltigen Stoff zur lehrreichen Unterhaltung mit Kindern geben, wie ich vorhin zeigte, so ist die Kenntnis derselben unentbehrlich. Bei der sonst gewöhnlichen Erziehung blieb uns dieselbe fast ganz fremd; von den meisten Dingen, die uns umgeben, hatten wir keine deutlichen Vorstellungen, und die Namen der verschiedenen Teile derselben waren uns unbekannt. Suchen wir uns diese Kenntnis nicht zu verschaffen, so können wir sie auch unseren Pflegesöhnen nicht mitteilen, sie werden sich daher gewöhnen, ihre Umgebungen nur oberflächlich anzusehen, und sich mit einer dunklen Erkenntnis derselben begnügen. Also, Freund! der du dich der Erziehung widmest, bemühe dich, mit den mancherlei Erzeugnissen des menschlichen Fleißes bekannt zu werden, und lerne vorzüglich ihre Materie, ihre Teile, ihre Form, ihren Zweck kennen und richtig benennen. Die Gelegenheit dazu wirst du finden, wenn du sie suchest. Die Person, die die Sache verfertigt hat und die sie gebraucht, wird dir über alles, was du zu wissen verlangst, Aufschluß geben können. Triffst du z.B. einen Ackersmann an, der deinen Gruß freundlich erwidert, so laß dich mit ihm in ein Gespräch ein über sein Geschäft und über das Werkzeug, dessen er sich bedient, um Furchen zu ziehen und den Acker zur Hervorbringung des Getreides, das dich nährt, zuzubereiten. Laß dir von ihm die verschiedenen Teile des Pfluges benennen und die Absicht anzeigen, in welcher sie an demselben angebracht sind. Er wird mit Vergnügen deine Fragen beantworten, und du wirst da mancherlei kennenlernen, das dir zuvor unbekannt war, und dich freuen, es gelernt zu haben. So besuche die Werkstatt des Schreiners, des Drechslers, des Schmiedes usw., unterhalte dich mit ihnen über die Materialien, die sie bearbeiten, über die Form, die sie ihnen geben, die Werkzeuge, deren sie sich bedienen, um zu ihren Zwecken zu kommen; besuche ferner die Plätze, wo Maschinen aufgestellt sind, die durch den Druck einer mäßigen Kraft große Wirkungen hervorbringen, z. B. ein Mühlwerk, und laß dir die verschiedenen Teile, ihre Benennungen und Absichten bekannt machen usw. Du wirst bei solchen Unterredungen mit der produzierenden Menschenklasse oft mehr an nützlichen Kenntnissen und Fertigkeiten erwerben als in dem Hörsaale manches Philosophen. Du wirst mit dieser zahlreichen, so wichtigen, der menschlichen Gesellschaft unentbehrlichen Menschenklasse umgehen und sprechen lernen, eine Gabe, die nicht immer dem Stubengelehrten eigen ist; du wirst einen Schatz von Kenntnissen dir erwerben, die du in der Folge im Kreise deiner Pflegesöhne benutzen kannst; die gewöhnlichsten Dinge werden dir Stoff zur Unterhaltung mit ihnen darbieten; du wirst dich endlich gewöhnen, die Dinge nicht oberflächlich, sondern genau anzusehen, und diese Gewohnheit deinen Zöglingen mitteilen. 7. Lerne deine Hände brauchen! Wer den Zucker in der Kaffeeschale mit dem Löffelchen herumrührt, gebraucht seine Hände zwar auch; aber daß man einen solchen Gebrauch nicht verstehe, wenn man den anderen ermuntert, seine Hände brauchen zu lernen, ergibt sich von selbst. Seine Hände brauchen lernen heißt vielmehr, durch mancherlei Übungen alle Muskeln derselben in seine Gewalt zu bekommen suchen, um damit mancherlei verrichten und verfertigen zu können. Und da hier von der Bildung zum Erzieher die Rede ist, so mußt du vorzüglich solche Geschäfte verrichten und solche Sachen verfertigen lernen, die dir bei der Erziehung nützlich sein können. Personen, von denen du in dieser Hinsicht etwas lernen kannst, findest du allenthalben, und sie werden meistenteils geneigt sein, dir die Handgriffe, die sie bei ihren Arbeiten anwenden, bekannt zu machen. Triffst du z. B. eine Person an, die die Geschicklichkeit besitzt, durch Biegung des Papiers mancherlei Figuren zu verfertigen, so halte dies nicht zu gering, suche es zu erlernen. Es wird dir in der Folge bei den Kindern, die dir anvertraut werden, vorzüglich bei solchen, deren Hände noch zu schwach sind, um Werkzeuge gebrauchen zu können, mannigfaltige Vorteile gewähren. So nimm auch Unterricht im Netzstricken, wenn du hierzu Gelegenheit findest, weil du auch hiermit deine Kleinen auf eine angenehme und nützliche Art wirst beschäftigen können. Suche auch einen Gärtner auf, bei dem du bisweilen in die Lehre gehen kannst. Lerne den Spaten und Rechen gebrauchen, ein Gartenbeet anlegen, und mache dir die Vorteile bekannt, die bei der Aussäung, Pflanzung und Abwartung der gewöhnlichen Gartengewächse zu beobachten sind. Wenn dann bei deinen Pflegebefohlenen die Neigung zum Gartenbau erwacht, so wirst du derselben nicht entgegenarbeiten, du wirst sie zu nähren wissen und zu befriedigen suchen, der Gehilfe und Ratgeber der kleinen Gärtner und so für sie eine sehr wichtige Person sein. Vorzüglich suche Gelegenheit, wo du lernen kannst, Holz und Pappe zu bearbeiten. Diese Arbeiten empfehle ich dir vorzüglich, weil sie so reinlich sind und nicht so, wie viele andere, Veranlassung geben, die Hände, Kleidung und das Zimmer zu beschmutzen, und – weil du dabei mancherlei Werkzeuge, das Schnitzmesser, den Hobel, den Meißel, den Bohrer, den Hammer, den Schraubstock usw. brauchen lernst. Weißt du mit solchen Werkzeugen umzugehen, dann ist deine Kraft und Wirksamkeit um ein Merkliches vergrößert, und du bist in den Stand gesetzt, sie auf deine Kleinen zu übertragen und sie zu der so wichtigen, nützlichen und angenehmen Selbstverfertigung anzuführen. Woher will ich, fragst du, die Zeit hernehmen, um dies alles erlernen zu können? Dadurch veranlaßt du mich, dir den achten Wink zu geben. 8. Gewöhne dich, mit deiner Zeit sparsam umzugehen! Zeit ist Geld, sagte, wenn ich nicht irre, Franklin, vermutlich um Leuten, in deren Augen nichts so großen Wert hat als Geld, den großen Wert der Zeit begreiflich zu machen. Ich sage aber, Zeit ist mehr als Geld, da man durch gute Anwendung der Zeit viel Geld erwerben, aber durch keine Geldsummen sich Zeit erkaufen kann. Die Zahl der Familien ist nicht klein, welche über Geldmangel klagen. Sie besuchen die Schauspiele und Konzerte, bewirten oft ihre Bekannten an Tafeln, die mit den mannigfaltigsten und teuersten Speisen besetzt sind, ahmen in Verzierung ihrer Zimmer den Personen vom ersten Range nach, richten sich in ihrer Bekleidung nach den Gesetzen der Mode und klagen dann, daß ihre Einnahme nicht zureichen wolle. Wie diesen Familien könne geholfen werden, wie sie in eine Lage versetzt werden könnten, wodurch der Geldmangel mit einem Male aufgehoben würde, sieht ein jeder, nur sie selbst nicht. Freund, der du fragst, wo soll ich Zeit hernehmen, dies alles zu erlernen? In dem Bilde solcher Familien bist du selbst gezeichnet. Die schönsten Stunden des Tages, die Morgenstunden, bringst du vielleicht im Bette zu. Dann setzest du dich an den Tisch und liesest die Zeitungen, Zeitschriften und andere Schriften, die dir von der Lesegesellschaft, deren Mitglied du bist, sind zugeschickt worden, nachmittags besuchst du Gesellschaften, abends sitzest du bei dem Spieltische. Wenn ich dir nun rate, die Natur kennen und die Hände brauchen zu lernen, so fragst du mich, woher soll ich die Zeit nehmen, dies alles zu lernen? Denke doch nur darüber nach, wie du deine Zeit am zweckmäßigsten anwenden willst, und tue das, was dir deine Vernunft dann raten wird, so wirst du Zeit genug haben, nicht nur dieses, wozu ich dir rate, sondern noch weit mehr zu lernen. Stehe früh auf, so hast du gleich ein paar Stunden gewonnen, in welchen du viel lernen kannst. Da bei der Annäherung des Morgens die ganze Natur, die Nachtvögel ausgenommen, erwacht, so ist es unschicklich, daß der Mensch, der in gewissen Rücksichten Herr der Natur ist, dann im Schlafe liege. Die Abweichung von dieser Ordnung der Natur hat gewiß sehr mannigfaltige traurige Folgen, vorzüglich für den Erzieher. Deine Zöglinge müssen doch, wenn sie anders gesund bleiben und vor Entkräftung bewahrt werden sollen, früh aufstehen. Wirst du sie dazu gewöhnen können, wenn du dich selbst von der Sonne in deinem nächtlichen Lager bescheinen läßt? Denken und beobachten muß immer dein Hauptgeschäft sein; dadurch wird deine Geisteskraft geübt, und du sammelst einen Schatz selbsterworbener Kenntnisse, von deren Wahrheit du überzeugt bist und die du bei deinen Arbeiten anwenden kannst. Lesen mußt du auch, um dir mehr Stoff zum Denken zu verschaffen. Geschieht dies mit Mäßigung, mit Auswahl vorzüglich in Hinsicht auf das Fach, dem du dich gewidmet hast, so verschaffst du deinem Geiste eine gesunde, stärkende Nahrung. Liesest du aber, so wie es jetzt gewöhnlich ist, unmäßig, so kommst du mir vor wie ein Mensch, der den ganzen Tag ißt. Sein stets beladener Magen macht ihn zum Denken unfähig, und seine Säfte werden durch die heterogenen Nahrungsmittel, die in dieselben übergehen, verderbt. Das beständige Lesen füllt den größten Teil des Tages aus und raubt dir die Zeit, die du zum Denken und Handeln anwenden solltest. Du fassest eine Menge Begriffe, wahre, halbwahre und falsche durcheinander, auf, die dich verwirren und zu keiner Selbständigkeit kommen lassen. Heute urteilst du so, die nächste Woche behauptest du das Gegenteil, je nachdem das Buch urteilt, das du zuletzt durchgelesen hast. So nachteilig würde dir das unmäßige Lesen sein, wenn du auch keine bestimmten Geschäfte hättest. Weit größerer Nachteil entspringt aber hieraus, wenn du gewisse bestimmte Geschäfte, wie z.B. die Erziehung, übernimmst. Jetzt trittst du unter deine Kleinen, aber nur mit dem Körper, dein Geist ist abwesend und wandelt noch in dem Ideenkreise, in welchen ihn die Zeitschrift versetzte, die du eben jetzt aus der Hand gelegt hast. Daher hörst du nicht recht und siehst verkehrt, und deinen Reden fehlt der nötige Nachdruck. Du übernimmst die Aufsicht über sie mit der Zeitschrift in der Hand, verlangst nun von ihnen eine ihnen unnatürliche Stille, damit du im Lesen nicht gestört werdest; bei jedem Geräusche, bei jeder Frage, die an dich geschieht, wirst du unwillig und läßt dich wohl zu einem auffahrenden Tone verleiten. Ihre Handlungen zu beobachten, bist du unfähig, und deine Gegenwart wirkt nicht viel mehr als eine Vogelscheuche, die in den Weizen gestellt ist, um die Sperlinge abzuhalten. Eine Zeitlang fürchten sie dieselbe, nach und nach gewöhnen sie sich daran und setzen sich am Ende gar darauf. Willst du also, Freund, ein wirklich guter Erzieher werden, so befolge meinen Rat und mäßige dich im Lesen. Bedenke, daß das Lesen immer nur Mittel zur Erreichung höherer Zwecke sein muß und daß du eine Torheit begehst, wenn du das Mittel zum Zwecke machst. Du wirst dann viel Zeit ersparen, die du nun zur Erwerbung solcher Kenntnisse und Fertigkeiten anwenden kannst, die dir bei dem Erziehungsgeschäfte unumgänglich nötig sind. Denke an Pestalozzi! Würde er wohl der mächtig wirkende Mann geworden sein, der er ist, wenn er die Zeit, die er auf das Denken und Beobachten verwendete, mit Lesen zugebracht hätte? Du wirst ferner eine große Zeitersparnis machen, wenn du dich nicht zu sehr an die Gesellschaftlichkeit gewöhnst. Aber mehrere halbe Tage die Woche hindurch in Gesellschaften zu verleben, ist Zeitverschwendung, ist wahrer Müßiggang, der, so wie jeder Müßiggang, viel Böses lehrt und dem Erzieher die Zeit raubt, die er auf Vorbereitung und Abwartung seines Geschäftes verwenden sollte. Wirst du nur die Hälfte der Zeit, die du bisher verplaudertest, in der Natur oder in der Werkstatt zubringen, so wirst du bald ein anderer Mann werden. Noch eins! Du bist doch wohl kein Spieler? Du hast doch wohl nicht die Gewohnheit angenommen, halbe Tage oder Abende hinter der Spielkarte zuzubringen? Wäre dieses, so mußt du von neuem geboren werden, es muß eine gänzliche Änderung mit dir vorgehen, wenn du zum Erziehen tüchtig sein willst. Hast du denn noch gar nicht über den Wert der Zeit nachgedacht; nach gar nicht überlegt, wieviel ein vernünftiger Mensch in einer Stunde denken, lernen und wirken kann? Wie kannst du denn mit deinen Lebensstunden so verschwenderisch umgehen? Wie willst du denn erziehen können, wenn die Spielsucht dich beherrscht? Wirst du, wenn die Spielstunde schlägt und dich zum Spieltische ruft, dich nicht von deinen Pflichten losmachen? Wirst du deinen Pflegebefohlenen wohl Selbstbeherrschung predigen können, wenn du selbst Sklave der Spielsucht bist? Wird dein Exempel nicht auf deine Kleinen Einfluß haben und ihnen Neigung zum Kartenspiele beibringen? Also, Freund, der du mit dieser Sucht behaftet bist, wähle! Entsage dem Kartenspiele oder der Erziehung, weil beide sich so wenig miteinander vertragen, wie die Arbeiten in einem Hammerwerke mit dem Spielen auf der Harmonika. So glaube ich dir denn die Frage: Wo soll ich denn die Zeit hernehmen, dies alles zu erlernen? hinlänglich beantwortet zu haben. Entsage nur allen den Gewohnheiten, die Zeit zu verschwenden, die du bisher angenommen hattest, so wirst du überflüssige Zeit haben, das alles zu erlernen, was das Erziehungsgeschäft erleichtern und begünstigen kann. 9. Suche mit einer Familie oder einer Erziehungsgesellschaft in Verbindung zu kommen, deren Kinder oder Pflegesöhne sich durch einen hohen Grad von Gesundheit auszeichnen! Warum? Das wirst du leicht erraten. Wenn du Erzieher werden willst, so mußt du auch lernen, deine Pflegebefohlenen gesund zu erhalten. Dazu könntest du dir zwar auch die nötigen Kenntnisse in den Schulen der Ärzte und aus den Büchern, die sie schreiben, erwerben; ich glaube aber, du erwirbst sie dir leichter und sicherer im Umgange mit Personen, die es bewiesen haben, daß sie zur Erhaltung der Gesundheit der Kinder die nötige Einsicht und Geschicklichkeit besitzen. Siehe! der Baumgärtner hat mehrere tausend junge Bäume unter seiner Aufsicht, die bei seiner Pflege wachsen und gedeihen, ohne daß er eine genaue Kenntnis ihrer inneren Teile besitzt, ohne Physiologie der Pflanzen studiert zu haben. Er lernte die Behandlungsart derselben von dem Exempel seines Vaters oder Lehrmeisters. Auf ähnliche Art wirst auch du lernen können, die Gesundheit der Kinder zu erhalten. In dem Umgange mit den Personen, mit denen ich dir rate, in Verbindung zu kommen, wirst du sehen, wie sie die Kinder behandeln, um ihrem Körper Kraft und Festigkeit zu verschaffen, und was sie mit ihnen tun, wenn sie sich übel befinden. Im letzteren Falle mußt du dreierlei verstehen: zu erfahren, wo es den Kindern fehle, was ihr Übelbefinden veranlaßt habe, und das einfache Mittel, wodurch die Unordnung im Körper behoben werden könne. Alles dies wird weit sicherer durch den Umgang mit solchen Personen, unter deren Aufsicht die Kinder gedeihen, als durch ärztliche Vorlesungen und Bücher erlernt, weil man bei den ersteren die Sachen durch die Anschauung und bei diesen durch die Beschreibung wahrnimmt, bei deren Anwendung man sich so leicht irren kann. 10. Suche dir eine Fertigkeit zu erwerben, die Kinder zur innigen Überzeugung von ihren Pflichten zu bringen! Wie nötig dies sei, habe ich vorhin gezeigt. Sobald die Überzeugung da ist, entsteht auch der Entschluß zur Pflichterfüllung. Das Kind tut nun seine Pflichten, nicht weil sie von anderen geboten, nicht wegen der Belohnungen und Strafen, die mit der Erfüllung und Vernachlässigung derselben verknüpft sind, sondern weil es überzeugt ist, daß es notwendig so sein muß. Deswegen denke selbst oft über deine Pflichten nach und suche dich von der Verbindlichkeit, sie zu erfüllen, zu überzeugen. Solange dir diese Überzeugung fehlt, solange du nur durch die Umstände dich zur Pflichterfüllung bestimmen läßt, solange wird es dir auch schwer sein, sie mitzuteilen, und deine Ermahnungen werden so kalt und unwirksam sein als die Predigten eines Jakobiners von den Pflichten der Untertanen gegen die Obrigkeit. Bist du aber dazu gelangt, so wirst du auch Drang empfinden, sie auf deine Kleinen zu übertragen, der dich beredt machen und deinem Vortrage die nötige Wärme und Wirksamkeit verschaffen wird. Was von Herzen kommt, geht wieder zu Herzen. Ist z. B. die Überzeugung von der Pflicht der Selbstbeherrschung bei dir lebendig geworden, so wird sie dir auch stets gegenwärtig sein, und du wirst sie deinen Kleinen leicht anschaulich machen können. Übe dich nun darin, durch anschauliche Darstellung der Pflichten die Kinder zur Überzeugung davon zu bringen. Jede Übung verschafft Fertigkeit, und je öfter sie wiederholt wird, desto mehr Vorteile, leicht zum Zweck zu kommen, zeigt sie uns. Dieser Zweck ist bei der Erziehung in moralischer Hinsicht doppelt: erstlich den von ihren Pflichten überzeugten Kindern zur Erfüllung Neigung einzuflößen; zweitens sie zu bestimmen, gewisse. Pflichten sogleich auszuüben. Beide Zwecke wirst du erreichen, wenn du eine Fertigkeit dir erwirbst, alles recht anschaulich darzustellen und die Pflicht gleichsam zu versinnlichen. Da der Mangel an Geisteskraft die erste und vorzüglichste Ursache ist, warum die Kinder gegen die Pflicht Abneigung haben und auch dann, wenn die Neigung wirklich da ist, sie doch sehr oft vernachlässigen, so mußt du dich mit einem Vorrate von Bildern versehen, unter denen du die Notwendigkeit vorstellest, nach seinen Einsichten zu handeln und die Sinnlichkeit zu beherrschen, damit unsere geistige Kraft immer die regierende, der Leib mit seinen Begierden die gehorchende sein müsse. Du mußt dir ferner eine Fertigkeit zu erwerben suchen, die Pflichten zu personifizieren oder Personen zum Muster aufzustellen, die sich durch Erfüllung gewisser Pflichten auszeichneten. Dazu findest du reichlichen Stoff in den Schriften für Kinder, welche erdichtete Erzählungen enthalten, deren Zweck Veredelung der Gesinnung ist. Noch weit mehr wirst du aber wirken, wenn du die Beispiele von wirklichen Personen aus der alten und neuen Geschichte sammelst, die du deinen Kleinen als Muster in Erfüllung gewisser Pflichten vorstellen kannst. Erzähle ihnen z. B. die edle Handlung des Herrn von Montesquieu, der in der Stille einen in barbarischer Sklaverei seufzenden Hausvater loskaufte, ihn kleiden ließ und seiner trauernden Familie wiederschenkte, ohne es merken zu lassen, wem sie diese Freude zu verdanken habe. Du wirst gewiß wahrnehmen, daß deine kleinen Zuhörer das Edle dieser Handlung innig fühlen und von dem Entschlusse werden belebt werden, ebenso zu handeln. Willst du aber deine Kleinen dahin bringen, daß sie gewisse Pflichten sogleich erfüllen, so mußt du dir eine Fertigkeit erwerben, ihnen die Notwendigkeit, derselben recht anschaulich zu machen. Dies kann geschehen, wenn du sie das Unschickliche der Vernachlässigung recht innig fühlen läßt. Gesetzt, der kleine Hieronymus sollte dahin gebracht werden, zu gewissen Stunden bestimmte Arbeiten zu machen, und weigere sich dessen, so könntest du sagen: Wenn du glaubst recht zu haben, so wollen wir es zum Gesetz machen, daß jedes Glied unserer kleinen Gesellschaft in der Arbeitsstunde vornehmen kann, was es will, spielen, singen, umherlaufen, wie es will. Er wird das Ungereimte einer solchen Verordnung sogleich fühlen und sich zur Arbeit bequemen; oder du kannst auch nur kurzweg fragen: Willst du, daß alle Kinder so handeln sollen? und wenn er sich merken läßt, daß er das Unschickliche davon fühle, kannst du weiter fragen: Aus welchem Grunde willst du denn eine Ausnahme von der Regel machen? Ein andermal, wenn er eine gewisse Pflicht vernachlässigt, kannst du auch fragen: Hältst du mich für einen rechtschaffenen Mann? wirklich? wie kannst du mir denn zumuten, daß ich die Vernachlässigung deiner Pflichten nachsehen soll? Tut das ein rechtschaffener Mann? Würdest du mich nicht selbst verachten müssen, wenn ich mein Aufseheramt gewissenlos verwaltete und zur Vernachlässigung deiner Pflichten schwiege? Durch solche und ähnliche Behandlungen wirst du viel bewirken, deine Pflegebefohlenen zur Kenntnis und Überzeugung von ihren Pflichten bringen, in ihnen den Entschluß, sie zu erfüllen, erzeugen, sie gewöhnen, pflichtmäßig zu handeln, und nur selten in die Notwendigkeit versetzt werden, ihnen ihre Verirrungen durch Strafen fühlbar zu machen. 11. Handle immer so, wie du wünschest, daß deine Zöglinge handeln sollen! Jedes Kind hat, wie ich schon bemerkt habe, einen Hang, so zu handeln, wie' es andere handeln sieht, und es ist geneigter, Handlungen nachzuahmen, als Ermahnungen und Vorschriften zu befolgen. Dein stetes Bestreben muß also dahin gehen, deinen Zöglingen in jeder Hinsicht Muster zu sein und die Belehrungen, die du ihnen gibst, durch dein Beispiel zu bestätigen. Kinder haben ein ungemein feines Gefühl und bemerken jeden Fehler des Erziehers. Sie vor ihnen zu verbergen, ist eine vergebliche Bemühung; sie zu verteidigen, heißt sie ihnen empfehlen. Das einzige Mittel, zu verhüten, daß deine Fehler keinen nachhaltigen Einfluß auf sie haben, ist – daß du sie ablegst. Ehe du dich also entschließest, Erzieher zu werden, prüfe dich wohl, ob dir deine moralische Besserung ein Ernst sei und du dir hinlängliche Kraft zutrauest, deinen Kleinen in jeder Hinsicht Muster zu sein. Ist dies bei dir der Fall nicht, so entsage lieber diesem Geschäfte, bei welchem du doch nicht viel Gutes stiften wirst, und wähle ein anderes, bei welchem dein Beispiel für deine Mitmenschen weniger ansteckend ist. Fühlst du aber bei dir Entschlossenheit und Kraft, deinen Kleinen in jeder Rücksicht Muster zu werden, so widme dich diesem wichtigen Geschäfte mit Freuden und rechne auf einen gesegneten Erfolg desselben. Je eifriger du es treibst, desto vollkommener wirst du selbst werden. Deine Pflegebefohlenen werden deine Erzieher sein, manchen deiner Fehler, der deiner Aufmerksamkeit entging, dir bemerkbar machen und dich reizen, ihn abzulegen. Dein Beispiel wird auf sie wirken, jeder deiner Ermahnungen den nötigen Nachdruck geben, und so wie sie durch den steten Umgang mit dir deine Mundart, so werden sie auch deine Tugenden annehmen. Schlußermahnung Das bekannte Sprichwort: Non ex quovis ligno fit Mercurius kann auch auf den Erzieher angewendet werden. So wie es nicht jedem Menschen gegeben ist, ein Maler oder Dichter, auch bei dem besten Willen und der besten Anweisung zu werden, so ist es auch nicht jedes Menschen Sache, das Geschäft der Erziehung mit gutem Erfolg zu treiben. Es gehört dazu eine eigene natürliche Anlage. Man kann in hohem Grade rechtschaffen und weise sein, viele Wissenschaft und mannigfaltige Geschicklichkeit besitzen und doch, wenn jene Gabe fehlt, unvermögend sein, auf Kinder zu wirken und sie zu lenken. Prüfe dich also wohl! Hast du die Winke, die dir in dieser Schrift gegeben wurden, befolgt, so beobachte, was dies für Wirkung auf deine Kleinen tue, ob sie gern in deiner Gesellschaft sind, ob deine Vorstellungen auf sie Eindruck machten und deine Erinnerungen von ihnen befolgt werden. Sollte dies nicht der Fall sein, so entrüste dich nicht gegen sie, sondern untersuche, wo du gefehlt habest. Könntest du bei einer fortgesetzten Untersuchung nichts an dir bemerken, was abzuändern wäre, und daß du, auch bei dem redlichsten Bestreben, wenig bei ihnen ausrichten, ihre Liebe und ihr Zutrauen nicht erwerben könntest, so wäre dies wohl ein bedeutender Wink der Vorsehung, daß sie dich nicht zur Erziehung, sondern zu irgendeinem anderen Geschäfte bestimmt habe, und du tust wohl, wenn du diesen Wink befolgest. Du wirst bei fortgesetzter Selbstprüfung gewiß eine vorzügliche Neigung und Anlage zu irgendeinem anderen Geschäfte finden. Der Vater der Menschen hat jedes seiner Kinder gut ausgestattet, jedem sein Pfund gegeben, mit dem es wuchern, das es durch gute Anwendung vergrößern und zur Beförderung seines und des Wohles seiner Brüder benutzen kann. Folge also dem Winke der Vorsehung und widme dich dem Geschäfte, zu dem du dich berufen fühlst. Du wirst es mit Vergnügen treiben, es gut ausrichten und damit viel Gutes wirken. Wolltest du hingegen ferner der Erziehung, bei aller Unfähigkeit zu derselben, dich weihen, so würdest du dir und deinen Pflegesöhnen das Leben verleiden und bei dem besten Willen ihrem Charakter eine schiefe Richtung geben. Findest du aber, daß der Umgang mit Kindern dir Freude macht, daß sie an dir mit ganzem Herzen hängen, daß du sie mit Leichtigkeit lenken kannst, dann glaube, daß der Weltregierer dich zur Erziehung derselben berufen habe. Folge seinem Rufe mit Freudigkeit und sei versichert, daß der Lohn deiner Berufstreue sehr groß sein werde, daß du im Kreise deiner Pflegebefohlenen immer Aufheiterung finden, von deinen Arbeiten reiche Früchte sehen und durch dieselben einen sehr beträchtlichen Beitrag zur Beförderung des Wohles der Menschenfamilie geben wirst! Noch etwas über die Erziehung nebst Ankündigung einer Erziehungsanstalt Ankündigung einer Erziehungsanstalt Ich pflege sonst von den Schritten, die ich tue, niemandem, als Gott und meinem Gewissen Rechenschaft zu geben. Habe ich deren Beifall, so fühle ich mich so ziemlich gegen das Urteil der Menschen gewappnet. Jetzt muß ich aber doch eine Ausnahme machen. Ich tue einen nicht gar gewöhnlichen Schritt öffentlich; das Gelingen desselben hängt großenteils von dem Zutrauen des Publikums ab, ich muß ihn also vor demselben rechtfertigen. Ein öffentliches Amt, wo man einen ausgebreiteten Wirkungskreis hatte und täglich Gelegenheit fand, viel Gutes zu stiften, niederlegen, seiner Besoldung entsagen und auf das Land ziehen, scheint freilich sonderbar, und ich bin gar nicht unwillig darüber, wenn dieser Schritt zu sonderbaren Erklärungen Anlaß gegeben hat. Ich hoffe aber, daß diese Erklärungen wegfallen werden, wenn ich ihn selbst erkläre. Denn da man zugesteht, daß jeder der beste Erklärer seiner Worte sei, warum will man nicht auch zugeben, daß jeder, wenn er sonst ein ehrlicher Mann ist, seine Handlungen am besten erklären könne? Es sind wenigstens fünfzehn Jahre, daß in mir der Gedanke lebendig wurde: die vorzüglichste Ursache von dem vielen Jammer und Elend in der Welt sei in der fehlerhaften Erziehung der Menschen zu suchen. Wodurch dieser Gedanke veranlaßt wurde, kann ich mich nicht mehr erinnern. Die ersten Anfänge aller Dinge sind immer so klein, daß sie der menschlichen Aufmerksamkeit sich entziehen. Dieser Gedanke entwickelte sich in mir immer mehr, er wurde lebhafter, die Mängel unserer bisherigen Erziehung wurden mir immer sichtbarer, und der Wunsch, denselben abzuhelfen, immer ernstlicher. Und da man sehr geneigt ist, zu glauben, was man wünscht, so hielt ich es schon dazumal, da ich ganz arm, unbekannt, und ohne alle auswärtige Verbindung war, für möglich, etwas dazu beizutragen, diesen Fehlern abzuhelfen. Ich weiß nicht, was aus meinem Plane würde geworden sein, wenn ich ihn dazumal länger verfolgt hätte. Die Vorsehung benahm mir die Muße, ihm länger nachzuhängen, sie führte mich vom Lande, wo ich dazumal wohnte, in die Stadt, wo mancherlei mir ganz neue Arbeiten mich eine Zeitlang ziemlich zerstreuten. Erst nachdem ich in meinen neuen Arbeiten mehr Fertigkeiten erlangt hatte, erwachte er wieder. Die Verfassung, in der sich die Schule befand, die unter meiner Aufsicht war, erweckte ihn. Ich besserte daran, soviel ich konnte, und hatte das Vergnügen, zu sehen, daß man meine Verbesserungen gut fand. Man kann leicht vermuten, daß ich Neigung fühlte, meine pädagogischen Grundsätze in meine Schule zu verpflanzen, fand aber gar bald, daß hier der Boden nicht sei, wo meine Pflanze gedeihen würde. Ich würde mir, sobald ich mit meinen Meinungen hervorgetreten wäre, eine Menge Streitigkeiten zugezogen haben, deren Ausgang eine gänzliche Vereitelung meines Planes und der damit verknüpfte Spott würde gewesen sein. Von dieser Periode hob sich meine Leidenszeit an. Ich war durch diese Umstände genötigt, vieles zu tun und gutzuheißen und zu loben, was ich nach meiner Überzeugung nicht für gut hielt. Das Verlangen, meine Ideen auszuführen, wurde heftiger, aber die Schwierigkeiten, es zu tun, wurden größer. Keinen Platz fand ich, soweit ich umher sah, wo ich nach meinen Neigungen hätte wirken können, keine Unterstützung konnte ich mir als möglich denken; ich entschloß mich also, meine Lieblingsneigung als eine gefährliche Feindin meiner Zufriedenheit zu bestreiten und auf dem Posten, auf den mich Gott gestellt hatte, so viel Gutes zu tun, als mir möglich wäre. Ich bemühte mich, meinen Vorsatz, so schwer es mir auch wurde, zu befolgen. Da ich aber glaubte, bald dahin zu sein, daß ich mich eines vollkommenen Sieges über meine Neigung rühmen könnte, erging von dem Dessauschen Institute ein Ruf an mich zu dem Amte eines Lehrers der christlichen Religion und Mitdirektors des Instituts. Dazumal war in Dessau auch nicht eine Person, die ich persönlich gekannt oder mit der ich Briefe gewechselt hätte. Ich war völlig überzeugt, daß ich diesen Ruf mit meinem Wissen auch nicht auf die entfernteste Art veranlaßt hätte. Wer sich nun in meine Lage ganz hineindenken kann und Menschenkenner genug ist, der kann sich leicht vorstellen, daß dieser Ruf mit einem Male meine zeither bestrittene Lieblingsneigung wieder völlig auflebte. Ich entschloß mich alsbald, diese Anstalt, von der ich so vieles gehört und gelesen hatte, zu besuchen, in der Hoffnung, dort den Platz zu finden, wohin ich meine Ideen verpflanzen konnte. Ich kam und sah, und fand da so viel Gutes, daß ich ganz davon eingenommen wurde, fand auch da vieles, wie es nach der damaligen Lage meines Herzens notwendig sein mußte, welches wirklich nicht da war. Ich verließ also diese vortreffliche Anstalt mit dem ziemlich bestimmten Entschlusse, den an mich ergangenen Ruf anzunehmen. Nur war ich zweifelhaft, ob ich Kraft genug haben würde, die Bande der Freundschaft, der Verwandtschaft, der herzlichen Liebe zu meiner mir lebenslang unvergeßlichen Gemeine, die mich an mein Vaterland fesselten, zu zerreißen. Zu meiner großen Verwunderung fand ich aber bei meiner Zurückkunft, daß sie die Vorsehung schon zerschnitten hatte. Mein Buch über die wirksamsten Mittel, Kindern Religion beizubringen, war, ich weiß nicht mehr durch wen, als ketzerisch, als ein Buch vorgestellt worden, das die Grundfeste der Religion umzustürzen suche. Es war in kurzer Zeit in den Händen der ganzen Stadt und der allgemeine Gegenstand des Stadtgesprächs. Die Umstände wurden so bedenklich, daß ich mich vor öffentlichen Mißhandlungen nicht mehr gesichert hielt und den Ruf nach Dessau gar nicht anders als einen gnädigen Wink Gottes nach einer Freistatt gegen alle Verfolgungen ansehen konnte. Mein Gewissen verband mich also, mein Amt und mein Vaterland zu verlassen. Zwar fand ich in der Folge, daß meine Besorgnis unbegründet gewesen war. Nachdem ich versprochen hatte, den Ruf nach Dessau anzunehmen, bekam die Sache eine ganz andere Wendung. Ich wurde nicht nur, welches vielleicht in hundert anderen Städten würde geschehen sein, von niemandem im geringsten gekränket, sondern auch jedermann beeiferte sich, meine Unschuld zu verteidigen, und mir Beweise seines Beifalls und seiner Liebe zu geben. Dies alles aber konnte ich nicht voraussehen, und wir sind verbunden, nach den gegenwärtigen Bewegungsgründen zu handeln, die vor uns liegen, nicht aber nach denen, die uns das undurchdringliche Dunkel der Zukunft verbirgt. Diese Verbindung mit dem Dessauschen Institute war mir außerordentlich wichtig. Ich kam auf einen Platz, wo selbstdenkende Erzieher schon seit einigen Jahren mit fast unumschränkter Freiheit gearbeitet hatten und noch arbeiteten, und wurde dadurch in den Stand gesetzt, zu beurteilen, was in der Erziehungskunst ausführbar oder nicht ausführbar, warum dieser Plan gelungen, ein anderer gescheitert, wodurch diese Anstalt so weit gekommen, und aus was für Ursachen sie nicht noch weiter gekommen sei. Deswegen werde ich mich lebenslang als den Schuldner dieser vortrefflichen Anstalt betrachten und es nie vergessen, daß alles, was ich etwa noch in der Welt zustande bringe, würde unterblieben sein, wenn die dirigierenden Glieder dieser Anstalt mich nicht zu sich eingeladen und mir nicht erlaubt hätten, ihre Arbeiten zu beobachten und an denselben teilzunehmen. Je mehr ich aber das Innerste dieser Erziehungsanstalt durchschaute, desto mehr wurde ich überzeugt, daß der Plan, der hier zugrunde lag, zwar sehr gut wäre, aber gar nicht der, den ich zeither bei mir getragen hatte. Es blieben mir nun vier Wege zu wählen übrig, und welchen ich wählen sollte, war ich lange unentschlossen. Entweder mich zu bemühen, meine Ideen nach und nach in den vorhandenen Plan einzuschieben, oder meine Kraft anzuwenden, diesen Plan umzustoßen und den meinigen einzuführen, oder das Institut zu verlassen und mir selbst einen Platz zu suchen, wo ich meine Ideen realisieren könnte, oder meinem Plane zu entsagen und treu nach dem vorhandenen zu arbeiten. Den ersten Weg fand ich bald ungangbar. Ich sah ein, daß zwei Pläne gleich gut sein könnten, und es doch ebenso untunlich wäre, sie zu vereinigen, als wenn man in einer Maschine die Bäder aus einer andern, nach ganz anderen Verhältnissen erbauten, nach und nach einschieben wollte. Der andere schien mir für alle meine Mitarbeiter beleidigend. Denn es ist allemal beleidigend, wenn man niederreißt, was ein anderer, noch lebender, erbaut hat. Und durch so viele Beleidigungen, die in diesem Falle vorkommen mußten, mir einen Weg zu bahnen, kann ich nicht. Den dritten zu wählen, war ich zu gewissenhaft und zu bedenklich. Zu gewissenhaft, weil ich nach meiner Empfindung fest überzeugt war, daß Gott mich auf den Platz der Dessauschen Erziehungsanstalt gestellt habe, und daß ich nicht rechtschaffen handelte, wenn ich ihn verließe, ohne von ihm einen verständlichen Wink nach einem anderen erhalten zu haben. Und zu bedenklich, denn ich war keine einzelne Person, sondern ein Hausvater, der bei wichtigen Veränderungen immer weniger rasch zu Werke geht, als ein einzelner Mann. Es blieb mir also nichts übrig, als den letzten Weg zu wählen, und ich wählte ihn. Da ich aber, gleich bei meinem Anzuge, den Funken zu dem traurigen Basedow-Wolkeschen Streite hatte glimmen sehen und stark mutmaßte, daß er über lang oder kurz in lichte Flammen ausbrechen würde, so ging ich diesen Weg immer so, daß ich den dritten nicht gänzlich aus den Augen ließ, sondern im Fall der Not sogleich hinüberspringen könnte. Leider traf meine Mutmaßung ein. Nachdem ich zwei Jahre lang alle meine Kraft, die ich von meinen Arbeiten erübrigen konnte, angewendet hatte, diesen traurigen Streit zu unterdrücken, wenigstens zu verhindern, daß er nicht ins Publikum käme (eben deswegen, weil ich das getan habe, darf es mir nicht übel genommen werden, daß ich nun, da es demohngeachtet in das Publikum gekommen ist, im Vorbeigehen davon rede), brach er doch aus. Und ich bin nun einmal so gebaut, daß ich den Streit so wenig aushalten kann als andere die Zugluft. Ist es denn etwa so unrecht, wenn die letzteren sich nach einem Platze umsehen, wo keine Zugluft ist? Ich hatte überdies noch viele, gewiß nicht unbegründete Besorgnisse. Beide Parteien forderten mich zu verschiedenen Malen als Zeugen ihrer Unschuld auf. Und allemal wallte mein Blut, so oft ich aufgefordert wurde. Es war mir höchst wahrscheinlich, daß einmal die unselige Minute kommen werde, da die Leidenschaft mich fortriß, meinen Vorsätzen untreu zu werden und öffentlich mein freimütiges Urteil von der ganzen Sache, deren geheimster Mitwisser ich seit zwei Jahren gewesen war, zu sagen, und mich so in den Streit zu verwickeln. Es war auch nicht ganz unwahrscheinlich, daß der traurige Streit das ganze Institut zerrütten und umstoßen würde. Unter diesen Umständen, davon ich nur einen flüchtigen Schattenriß gemacht habe, war es mir wohl nicht zu verdenken, wenn ich mit einem Fuße in den dritten Weg wieder trat. Ich arbeitete meinen Plan aus, sah mich um nach einem Platze, wo ich ihn ausführen könnte, und da ich bald überzeugt wurde, daß das Herzogtum Gotha der Platz sei, wo alles Gute vorzüglich unterstützt und befördert werde, so wählte ich ihn, und erbat mir von dem durchlauchtigsten Herzoge einige, zu meiner Absicht nötige Freiheiten und eine anfängliche Unterstützung. Mein Plan hatte das Glück, den Beifall des durchlauchtigsten Herzogs zu erhalten, und sowohl die erbetenen Freiheiten, als die anfängliche Unterstützung wurde mir gnädigst zugestanden. Diese Gnade, die meine Erwartung beinahe übertraf, und an die ich lebenslang mit der dankbarsten Empfindung mich erinnern werde, setzte mich nun in den Stand, das möglich zu machen, wozu meine eigenen eingeschränkten Kräfte zeither nicht hinlänglich waren. So wurde mein Entschluß bestimmt, den Plan, den ich so lange bei mir herumgetragen, und der mir so manchen trüben Tag und so manche schlaflose Nacht gemacht hatte, auszuführen, und aufzuhören, nach anderer Plänen zu arbeiten. Diese kurze Entstehungsgeschichte meiner Erziehungsanstalt hielt ich für nötig vorauszuschicken, teils um das beständige Nachfragen nach den eigentlichen Ursachen meiner Trennung von der Dessauschen Erziehungsanstalt einmal zu endigen, teils um meine auswärtigen Freunde zu überzeugen, daß ich jeden Schritt auf der Bahn, auf die ich durch Gott bin geleitet worden, mit Überlegung, nach meinen besten Einsichten getan habe, teils weil ich glaubte, daß dieses Fragment meiner Lebensgeschichte etwas dazu beitragen könnte, bei diesem und jenem den Glauben an die allezeit weise und gute Vorsehung Gottes zu bestärken. Denn das Zusammentreffen einer so heftigen Neigung mit Umständen, die ich gar nicht veranlaßte, und die ihr doch so günstig waren, gibt doch vielen Stoff zum Nachdenken. Bei mir hat es nicht bloß Nachdenken, sondern Überzeugung gewirkt. Eben deswegen halte ich mich für verbunden, den weiteren Erfolg der Sache zu erzählen. Mein Amt erlaubte mir nicht, so lange im Herzogtum Gotha umher zu reisen, bis ich den Platz gefunden hätte, der zu meinen Absichten der schicklichste wäre. Ich übertrug das ganze Geschäft einem Freunde, von dessen Einsichten und Rechtschaffenheit ich hinlänglich überzeugt war, und gab ihm die Merkmale an, die mein künftiger Wohnsitz haben müßte. Weiter konnte ich nichts tun. Und die Wahl desselben fiel auf das Landgut Schnepfenthal. Er erkaufte es in meinem Namen, ich genehmigte den Kauf, reiste ab, um es zu beziehen, ohne es jemals gesehen zu haben. Wie sehr wurde ich aber gerührt, da ich bei dem Anzuge fast in allen Stücken meine Erwartung übertroffen fand! Und wenn ich die Freiheit gehabt hätte, ganz Deutschland zu durchreisen und mir den Platz zu wählen, der mir am besten gefiele, so zweifle ich, ob ich einen schicklicheren als Schnepfenthal hätte finden können. Es liegt nicht so nahe bei der Stadt, daß ich zu besorgen hätte, daß etwa dieselbe zu starken Einfluß auf meine Anstalt haben möchte, aber es ist auch nicht so weit davon entfernt, daß ich nicht öfteren Umgang mit den rechtschaffensten, aufgeklärtesten und kultiviertesten Personen haben könnte. Es ist nahe genug bei einem Dorfe, um alle ersten Bedürfnisse des menschlichen Lebens im Überflusse zu haben, und fern genug von demselben, um Vertraulichkeit meiner Zöglinge mit den Kindern der Landleute zu verhüten. Die Gegend ist so schön, daß sie gewiß mit vielen schweizerischen wetteifern kann. Berg und Tal, Wald und Wiesen und Teiche sind da in der mannigfaltigsten Abwechselung. Ich kann in derselben nie wandeln, ohne zur Fröhlichkeit und Tätigkeit gestimmt zurück zu kommen, und schwerlich wird ein Fremder sie besuchen, ohne durch sie bezaubert zu sein. Die Natur zu studieren, sind gewiß wenige Plätze geschickter als Schnepfenthal. Aber die Kunst kennenzulernen ist hier auch gute Gelegenheit. Zwar nicht die Kunst im engsten Verstände, aber doch die, die nützt. Die Städtchen Waltershausen und Friedrichroda, davon jedes eine halbe Stunde von meinem Gute entfernt liegt, enthalten manchen Gelehrten, Handwerker und Künstler, von denen man lernen kann, unter welchen ich schon verschiedene entdeckt habe, die in den Bergbau, die Chemie, die Mechanik, die Geometrie, die Baukunst gute Einsichten haben. Luft und Wasser sind bei mir vorzüglich gesund. Die einzige Unvollkommenheit, die ich bei meinem Anzuge antraf, war, daß mein Haus für meine Absichten zu klein war. Zwar war es ziemlich zu einem Wohnsitze der Ruhe für mich und meine Familie geräumig genug, aber bei weitem nicht, um eine Erziehungsanstalt zu errichten. Ich entschloß mich also, ein neues großes Gebäude zu errichten, das, wenn Gott nicht ganz unvorhergesehene Hindernisse dazwischentreten läßt, im Anfange des Frühlings 1785 ganz fertig sein wird. Auch bei diesem Baue habe ich große Ursache, die göttliche Vorsehung zu preisen. Obgleich mein Gut ziemlich weitläufig ist, so fand ich doch auf demselben den Platz nicht, der mir zur Errichtung eines Gebäudes recht gefallen hätte. Hier vermißte ich die Gelegenheit, gute Keller anzubringen, dort die Aussicht, und am dritten Orte war ich genötigt, das tragbarste Land zu verbauen. Voll Kummer deswegen durchwandelte ich einige Male meine Gegend, kam einmal auf eine Anhöhe, von der ich mein ganzes Gut und einen großen Teil der umliegenden Gegend übersehen konnte. Mein Gefühl sagte mir, daß dies der Ort sei, der sich für mein Gebäude am besten schickte. Ich teilte meine Gedanken meinen bauverständigen Freunden mit und erhielt ihren Beifall. Nach Überwindung einiger Schwierigkeiten überließen mir die Eigentümer diesen Platz gegen billige Bezahlung. Durch diesen Einfall wurde ich nicht nur in den Stand gesetzt, meinem Gebäude die besten Keller, sondern auch die herrlichste Aussicht zu verschaffen. Sehe ich aus der vorderen Front, so liegt da der größte Teil des zu meinem Gute gehörigen Feldes, dann eine wiesen- und ackerreiche Ebene, am Ende derselben die Stadt Gotha. Sehe ich durch die gegenüberstehende Front, so liegt da eine wirklich romantische Gegend, ein Tal, wo Wiesen und Bäche und Teiche miteinander abwechseln, zu beiden Seiten hohe, mit Tannen und Fichten bewachsene Berge; die Aussicht begrenzt eine Kette waldiger Gebirge, an deren Fuße das berühmte herzogliche Lustschloß Reinhardsbrunn hervorlauscht. Sehe ich zur Rechten, so erblicke ich meinen Garten, Wald und Teich und alle ökonomischen Gebäude; sehe ich zur Linken, so zeigt sich das anmutige Städtchen Waltershausen. Die vorzüglichste Schwierigkeit, die mir bei der Wahl dieses Platzes aufstieß, war der Mangel des Wassers. Ich teilte meine Besorgnis meinen Freunden mit; sie durchstrichen die Gegend und kamen bald mit der Nachricht zurück, daß sie eine ganz vortreffliche Quelle entdeckt hätten. Die Probe, die sie von der Quelle mir mitbrachten, versicherte mich von der Wichtigkeit ihrer Entdeckung. Noch mehr wurde ich aber davon überzeugt, da ich sie selbst besah und durch einen verständigen Freund die ganze Gegend abwägen ließ. Denn da fand es sich, daß sie nicht nur durch eine Röhrenleitung, die nun auch zustande ist, auf meine Anhöhe bequem gebracht, sondern daß sie auch sehr gut zur Anlegung von Fontainen, Bassins und Erreichung sehr vieler ökonomischer Absichten gebraucht werden könne. Wir untersuchten den Boden, der um den für mein Gebäude bestimmten Platz lag, und fanden da die vortrefflichsten Steinbrüche, selbst der Grund, den ich für mein Gebäude aufgraben ließ, lieferte eine Menge Steine. Der nahe Wald bot uns Bauholz, die ebenso nahen Ziegelhütten Ziegel und Kalk, die vorbei rieselnden Bäche Wassersand, die benachbarten Schneidemühlen und Eisenwerke Bohlen, Bretter, Nägel und Öfen an. Auf diese Art wurde ich in den Stand gesetzt, ein schönes Gebäude aufzuführen mit weit geringeren Kosten, als sie an einem anderen Orte würden nötig gewesen sein. Auch freute ich mich nicht wenig, da ich mich mit den umherwohnenden Landleuten bekannt machte und von ihnen erfuhr, daß ein großer Teil von ihnen Fuhrleute wären, die beständig nach den berühmtesten Handelsplätzen Deutschlands reisen, daß ich also durch dieses Mittel mich mit den größten Handelsstädten in Verbindung erhalten könnte. Dies ist die Entstehungsart und die äußerliche Lage meiner Erziehungsanstalt. Wenn ich von der inneren Verfassung derselben reden will, so ist wohl vorzüglich nötig, daß ich zeige, ob und wie ich den Mängeln abhelfen kann, die ich an anderen getadelt habe. Denn Fehler bemerken ist leicht, aber schwer ist es, ihnen abzuhelfen. Ich will mit aller möglichen Wahrheitsliebe davon reden, und mir, da ich dies schreibe, es zum unverbrüchlichen Gesetze machen, daß ich nichts mehr versprechen will, als ich zu halten mir getraue, und daß ich mir nicht alles zutrauen will, was mir bisweilen der Enthusiasmus als möglich vorstellt, sondern nur das, was entweder bereits geschehen ist, oder was ich mir bei kaltem Blute als möglich denken kann. Für den Körper meiner Zöglinge werde ich so sorgen, daß er Gesundheit, Kraft, Festigkeit und Geschicklichkeit bekommt, stets eingedenk meines Grundsatzes, daß es schwer sei, daß eine glückliche und starke Seele in einem schwächlichen Körper wohnen und wirken könne. Was die Gesundheit meiner Zöglinge betrifft, so verbürge ich mich keineswegs dafür, daß keiner je krank werden oder sterben sollte. Es gibt gewisse Krankheiten, die dem Menschen so notwendig sind als den Raupen die Abstreifung des Balges. Die menschliche Natur muß sich durchaus bisweilen Kanäle öffnen, durch die sie ihre Unreinigkeiten abführt, die Öffnung ist fast immer mit Unbequemlichkeiten und Schmerzen verknüpft, so daß man sie Krankheit nennt. Krankheiten dieser Art zu verhindern, hieße den Stollen dämmen, durch den das Wasser abfließt, das den Bergmann in seinen Arbeiten hindert. Und für den Tod gutzusagen, klänge zwar sehr schön, im Grunde wäre es aber doch unbesonnen. Ich kann ja nicht dafür gut sein, daß ich selbst morgen noch lebe, wie ist es mir dann möglich, für das Leben anderer gutzusagen. Demohngeachtet weiß ich es gewiß, daß sich meine Anstalt vorzüglich von anderen durch die Gesundheit der Zöglinge unterscheiden wird. Die Lebensmittel, die sie genießen, sind die gesündesten und einfachsten. Ich bin nicht so strenge, daß ich meine Zöglinge auf Spartanisch erziehen und zur rauhesten Kost, wohl gar zur Ertragung des Hungers zwingen wollte. Denn ich will nicht Spartaner, sondern Deutsche erziehen, die unter Deutschen leben, handeln und sich unter ihnen wohl befinden sollen. Aber vor allen Leckereien und ungesunden Speisen will ich sie sorgfältig bewahren. Die mit Butter getränkten Kuchen, die mit Pottasche aufgetriebenen, schwammichten Semmeln, die Produkte des Konditors sollen ihre gewöhnliche Kost nicht sein. Um dieses zu bewerkstelligen, habe ich ein sehr wirksames Mittel in den Händen, das ist dieses, daß von allen diesen Sachen in unserem Schnepfenthale nichts zu haben ist. Aber für reichliche und gesunde Kost soll hinlänglich gesorgt sein. Die reine Milch und Butter, die unsere Kühe liefern, die Erd- und Heidelbeeren, mit denen der Thüringer Wald besäet ist, die Kirschen, Pflaumen, Äpfel und Birnen, die uns unsere Bäume anbieten, sind wohl hinlänglich, ihnen ein gesundes und schmackhaftes Frühstück zu verschaffen. Zur Mittags- und Abendkost liefern die Äcker und die Mühle meines Gutes und die Ställe Brot und Butter und Käse genug, gesundes Fleisch ist aus dem benachbarten Städtchen Waltershausen, Wild aus dem großen Thüringer Walde und Fische aus den umherliegenden Teichen im Überflusse zu haben. Denn es ist nicht nur im Überflusse da, sondern es sind auch nicht so viele Rivalen zu jedem Rehrücken, Hasen, Karpfen, Forelle und Hecht, die feilgeboten werden, wie in großen Städten da. Und da ich einen ziemlich großen Strich Landes habe, den ich bald zu einem Küchengarten umzuschaffen gedenke, so wird es auch hoffentlich nicht an Gemüse fehlen. Überdies werde ich darauf sehen, daß nie in kupfernen Geschirren gekocht wird und so die Speisen vergiftet werden. Wer nur die Anfangsgründe von der Erhaltung der menschlichen Gesundheit erlernt hat, wird wohl einsehen, daß die Gesundheit meiner Zöglinge schon so ziemlich gesichert ist, wenn ich dies alles leiste. Und das alles zu leisten, ist für mich gar nicht schwer, weil alles schon da ist und durch viele künstliche Maschinen nicht beigeschafft werden darf. Die Luft, die sie einatmen, muß stets gesund sein. Sie ist gesund, so wie sie uns der Thüringer Wald zuwehet. Meinen Zöglingen stets gesunde Luft zu verschaffen, bedarf es also gar keiner Maschinen, um sie hervorzubringen, sondern einiger Vorsicht, daß die bereits vorhandene Luft nicht vergiftet werde. Deswegen erlaube ich es nicht, daß sie im geheizten Zimmer schlafen, noch viel weniger, daß sie die Türe desselben öffnen, um den Dünsten zu ihrem Schlafgemache Zutritt zu verschaffen, deswegen dulde ich nie Feuchtigkeit in Wohn- oder Schlafzimmer. Zwar nötigen mich andere, leicht zu erratende Gründe, zwölf Zöglinge mit ihrem Aufseher in einem Zimmer zusammen schlafen zu lassen; aber ich werde durch Öffnung der Fenster am Tage und durch Ableitung der Luft bei Nacht hinlänglich dafür sorgen, daß dieses Zusammenschlafen vieler Menschen in einem Zimmer für ihre Gesundheit nicht die geringste nachteilige Folge haben darf. Ferner hoffe ich vielen Krankheiten durch die Lebensart, die wir führen, vorzubeugen. Nur einen Teil unserer Zeit bringen wir sitzend zu, den andern in Bewegung. Außerdem, daß wir unsere Spielstunden haben, haben wir noch eine Menge Geschäfte zu besorgen, die nicht anders als in freier Luft geschehen können. Es hat jeder von uns ein Gärtchen, das doch notwendig bearbeitet werden muß, wenn wir daran unsere Lust sehen und Vorteil davon haben wollen. Wir haben unsere Teiche, davon der eine etwas entlegen ist; nach diesen muß doch immer gesehen werden, wenn unsere Karpfen und Forellen nicht einmal durchgehen sollen. Es gibt auch da und dort etwas Merkwürdiges, oft viele Meilen weit, danach wir reisen müssen, wenn wir es betrachten wollen. Wir legen uns ferner, wie ich hernach zeigen werde, unsere Apotheke und unser Naturalienkabinett an, wozu wir weit und breit die Materialien zusammensuchen müssen. Wir können bei dergleichen Unternehmungen unmöglich viel auf die Witterung Rücksicht nehmen, sondern müssen sie annehmen, wie der liebe Gott sie eben bescheret. Sollten wir auch bisweilen beregnet oder beschneiet werden, so trösten wir einander damit, daß wir mit jedem Schritte der Absicht näher kommen, in der wir ausgegangen sind, und unser Körper durch Ertragung der Beschwerlichkeiten mehr Festigkeit bekomme. Wie wichtig diese Lebensart für die Erhaltung der menschlichen Gesundheit sei, begreift jeder, der sich nur einigermaßen über die auf Gesundheit sich beziehenden Vorurteile hinweggesetzt hat. Unsere Atmosphäre ist für uns dies, was für den Karpfen das Wasser ist. Die mannigfaltigen Revolutionen, die sich in derselben zutragen, können uns so wenig nachteilig sein, als dem Karpfen die Veränderungen, die Hitze und Frost, Regen und Donner bisweilen in seinem Wasser verursachen. Nur dann werden sie uns nachteilig, wenn wir durch allerlei Künsteleien es zu verhindern suchen, daß sie nicht auf uns wirken. Diese Menge von Künsteleien, durch welche man die Einflüsse der Atmosphäre von sich zu entfernen sucht, ist die wahre Ursache einer Menge Leiden. Denn diese Einflüsse auf immer von sich zu entfernen, ist unmöglich. Wenn man auch gegen Feuersbrünste, Überschwemmungen und dergleichen unglückliche Fälle, die uns aus dem Sofa und dem geheizten Zimmer in die freie Luft sprengen, sich einen Freibrief lösen könnte, so tritt doch bei jedem oft der Fall ein, daß er reisen, daß er seiner Berufsarbeit wegen bei unfreundlicher Witterung ausgehen muß, daß er auf einem Spaziergange von einem Platzregen übereilt wird. Und dann wehe ihm, wenn sein Körper nicht gewöhnt ist, dergleichen Ungemach zu tragen! Meine Zöglinge, die ich nach und nach zu meiner Lebensart gewöhnt habe, mag immer ein Platzregen treffen, der Kleid und Hemd durchweicht; ich werde dabei so wenig Besorgnis haben als bei dem Untertauchen meiner Enten. Wie traurig würde es aber um andere, an die Stubenluft gewöhnte, aussehen, wenn gleiches Schicksal sie beträfe! Wie oft sind bei solchen Menschen ein früher Tod und ein siecher Körper die Folgen solcher Schicksale. Meine Erfahrungen haben es mir zur unleugbaren Wahrheit gemacht, daß das sicherste Mittel, Kinder gesund zu erhalten, dieses sei, daß man sie gewöhne, alle Arten von Witterung auszuhalten, und Nässe und Kälte zu vertragen. Sollte bei dieser kühnen Behauptung manches zärtliche Mutterherz zittern, so versichere ich, daß ich einen großen Unterschied mache unter Kindern, die von ihrer Geburtsstunde an zu solch einer Lebensart gewöhnt, und unter anderen, die zärtlicher erzogen wurden; daß ich selbst überzeugt sei, daß man ein zärtlich erzogenes Kind töten würde, wenn man es ohne alle Vorsicht der rauhesten Witterung aussetzen wollte; daß ich aber ebenso fest glaube, daß das sicherste Mittel, ein schwächliches Kind stark und fest zu machen, dieses sei, daß man es zu dieser Lebensart mit der nötigen Klugheit nach und nach gewöhne. Dies ist nicht Spekulation, es ist Erfahrung. Ich habe einige feste Jünglinge im Dessauschen Erziehungsinstitute gekannt, die als Zärtlinge dahin kamen, aber durch weise Gewöhnung zur Ertragung des Ungemachs der Witterung nach und nach so weit gebracht wurden, daß sie das wurden, was sie waren. Da nun aber demohngeachtet Krankheiten bei Kindern bisweilen unvermeidlich sind, so habe ich eine Menge Mittel in Bereitschaft, sie zu heben. Ich habe eine Universalmedizin, die sowohl innerlich als äußerlich mit dem glücklichsten Erfolge gebraucht werden kann. Sie ist gut gegen Kopf- und Zahnschmerz, Brausen vor den Ohren, Schärfe im Blute, Herzklopfen, verhindert die Schlafsucht, befördert die Verdauung, heilt die Verwundungen und stärkt die Nerven. Es ist eine sehr reine und frische Quelle, die ich habe fassen und durch eine Röhrenfahrt in mein neues Haus leiten lassen. Denn daß der vernünftige Gebrauch des frischen Quellwassers eine Menge körperliche Leiden nicht nur verhüten, sondern auch heben könne, ist durch eine Menge Erfahrungen erwiesen. Hiernach gibt es mancherlei höchst einfache Mittel in der Natur, durch deren Gebrauch viele sehr gewöhnliche Schmerzen und Krankheiten können gehoben werden. Diese suchen wir uns bekannt zu machen und bereiten uns damit eine Apotheke, die etwa einige Kubikschuh betragen wird. Daß diese Apotheke hinlänglich sei, unserm Körper in den meisten Fällen zu helfen, glaube ich. Denn von Gottes Güte ist es zu erwarten, daß er die Mittel, unserm wahren Elende abzuhelfen, sehr nahe bei uns gelegt habe, so nahe, daß sie jeder, dessen Verstand zur Beobachtung gewöhnt ist, leichtlich finden kann. Meine Überzeugung von der Wirksamkeit dieser Mittel, die Gesundheit zu erhalten, ist aber um so viel stärker, da ich durch eigene vieljährige Erfahrung darin bestärkt worden bin. Nicht nur meine eigene Familie, sondern auch die Personen, die von Zeit zu Zeit in meinem Hause gewohnt, haben, wenn sie meinen Rat befolgten, eine dauerhafte Gesundheit genossen. Und das ganze Geheimnis, wodurch ich sie erhielt, ist doch kein anderes als Gewöhnung des Körpers, die Abwechselungen der Witterung zu ertragen, Erhaltung gesunder Luft in den Wohnzimmern und Gebrauch der einfachsten Heilmittel, die zunächst um uns liegen. Bei alledem ehre ich den wirklichen Arzt als eine der wichtigsten Personen im Staate und bediene mich seines Rates in Fällen, wo ich mir nicht selbst zu helfen weiß. Ich werde dies auch künftig tun. Ich werde aber nicht nur darauf sehen, daß meine Zöglinge, so lange sie bei mir sind, gesund bleiben, sondern ich werde auch dafür sorgen, daß sie lernen, ihre Gesundheit für die Zukunft zu erhalten. Ich habe auch Mittel, den Gliedern meiner Zöglinge Kraft und Geschicklichkeit zu verschaffen. Diese kann man am Ende meiner Schrift kennen lernen. Und ich rede davon nicht weiter, damit ich nicht eine Sache zweimal sage, welches ich ohnedies, der Ordnung wegen, die ich mir vorgeschrieben habe, einigemal habe tun müssen. Ebenso sicher traue ich mir dem Mangel an Aufmerksamkeit auf die Natur bei meinen Zöglingen abzuhelfen. Ich habe ein prächtiges Naturalienkabinett, gegen welches das schönste königliche Kabinett gar nichts sagen will. In demselben ist der Aufgang der Sonne und des Monds und jedes Sterns, das Entstehen der Sonn- und Mondfinsternisse, die Abwechselung der Jahreszeiten, das Entstehen des Nebels, der Wolken, des Donners und des Hagels gar deutlich zu sehen; Bäume, Sträucher und Pflanzen stehen da, alle recht natürlich, die Vögel, die Säugetiere, die Fische und alles Tier, das auf Erden kreucht, kann da in seinen verschiedenen Entwicklungen beobachtet werden. Alle Tage gehe ich mit meinen Zöglingen in dies Naturalienkabinett und suche heraus, was uns das merkwürdigste ist. Darüber unterreden wir uns denn miteinander, jeder sagt, was er daran bemerkt; wir vergleichen die gesammelten Sachen untereinander, bemerken, worin sie einander ähnlich oder unähnlich sind, und schärfen so unser Unterscheidungsvermögen, legen zehn bis zwanzig Produkte der Natur vor uns, untersuchen, was sie alle miteinander gemein haben, und lernen so abstrahieren; legen eines nach dem anderen weg, bemühen uns, es recht deutlich zu beschreiben, so wird unsere Einbildungskraft und das Vermögen, anderen seine Gedanken mitzuteilen, geübt. Nachdem wir dies alles in deutscher Sprache getan haben, so tun wir es auch französisch, nach einiger Zeit auch lateinisch, und lernen so beide Sprachen. Die Zöglinge schreiben auch wohl nieder, was sie aus der Unterredung behalten haben; ein anderer bekommt den Auftrag, zu untersuchen, ob auch alles recht geschrieben sei, so erlernen wir Orthographie. Bald werden wir auch einen Mann bekommen, der uns die Vorteile zeigt, wie wir uns alle diese schönen Sachen abzeichnen können, damit doch jeder das Bild von den Sachen immer gegenwärtig habe, die ihm Freude gemacht haben. So lernen wir zeichnen. Unser Naturalienkabinett wird uns die Quelle, aus der wir alle unsere ersten Kenntnisse schöpfen, der Gegenstand, an dem wir alle unsere Kräfte üben. Ob ich nun gleich ziemlich deutlich gesprochen habe, so weiß ich doch, daß mancher fragen wird, wo ich, als Privatmann, doch das viele Geld hernehme, das zur Anlegung eines Kabinetts nötig wäre, das den königlichen nicht nur gleichkommen, sondern sie auch übertreffen sollte? Diesen zu Gefallen muß ich denn deutlicher reden. Mein Naturalienkabinett ist die Natur selbst. Ich habe mein Gebäude sorgfältig so anlegen lassen, daß ich aus demselben den Auf- und Untergang der Sonne und des Monds und der Sterne, die Annäherung des Frühlings, Sommers, Herbstes und Winters sehr bequem beobachten kann. Unsere Wiesen, Äcker, Gärten, Teiche und Bäche, vorzüglich unser Thüringer Wald, liefern uns eine solche Menge von betrachtungswürdigen Gegenständen, daß wir uns nie über Mangel derselben, wohl aber über Mangel der Zeit, sie hinlänglich betrachten zu können, beklagen dürfen. Aus diesem großen Naturalienkabinette extrahieren wir uns nun nach und nach ein kleineres, damit wir von jeder Gattung der Werke Gottes etwas gegenwärtig haben, um es, so oft es nötig ist, betrachten zu können. Ob nun dieses das Mittel sei, den Menschen auf die Natur, deren Kenntnis zur menschlichen Glückseligkeit schlechterdings nötig ist, aufmerksam zu machen, überlasse ich dem Gefühl eines jeden. Unterdessen sage ich, was ich davon aus Erfahrung weiß. Seit vier Monaten befolge ich unter meinen vielfältigen Zerstreuungen diese Methode. Die Wirkung davon ist diese, daß Kinder, die sonst von dem Grase keinen anderen Gebrauch zu machen wußten, als darin zu spielen, und von dem Walde, als darin zu springen, jetzt in der Natur mit aufmerksamem Blicke umhergehen und beobachten. Dies schreibe ich nun meiner Weisheit gar nicht zu, denn der Trieb, die Natur zu beobachten, ist allen Kindern angeboren. Wenn andere Kinder von der Natur gar nichts wissen, so kommt es daher, weil man ihren heftigen Trieb, sie kennen zu lernen, durch allerlei Künsteleien, z.B. Vokabel, Grammatik, Katechismus u. dgl. erstickt hat. Und eben dadurch, daß ich die von Gott eingepflanzte Aufmerksamkeit auf die Natur bei meinen Zöglingen zu erhalten suche, verhindere ich auch die Abziehung der Aufmerksamkeit von dem Gegenwärtigen. Ein Mensch, der sich früh gewöhnt hat, jede merkwürdige Erscheinung in der Natur, jedes merkwürdige Tier und jede Pflanze zu bemerken, den kahlsten Berg mit forschenden Blicken zu beobachten, ist immer mit seinen Gedanken in der Welt, in der er wirklich lebt und webt, hat Empfänglichkeit für jedes gegenwärtige Vergnügen, weiß alles, was um ihn ist, zu seinem Vorteile zu benutzen, und erhält seine Gedanken leicht bei den Geschäften, die er verrichtet. Dies hoffe ich dadurch noch sicherer zu bewirken, daß ich die Aufmerksamkeit der Zöglinge, wenn sie eine Zeit lang auf die Natur geheftet gewesen ist, auch auf die Beschäftigungen der Menschen richte, mit ihnen bald den Arbeiten des Ackermanns, bald des Maurers oder Zimmermanns, Tischlers oder Schmiedes zusehe; bald Bergwerke, bald Schmelzhütten und Eisenhammer besuche, welches alles ich sehr nahe um mich haben kann; mit jedem Handwerksmanne und Künstler mich über sein Geschäft in ein Gespräch einlasse, ihn frage, warum er dies so und nicht anders mache? wozu er dieses Werkzeug brauche? wieviel er mit seiner Arbeit gewinne u. dgl. Ich müßte mich sehr irren, wenn durch solche Besuche und Unterredungen nicht die Aufmerksamkeit der Kinder noch mehr auf das Gegenwärtige geheftet, und sie so geschickt gemacht würden, bei allen ihren künftigen Unternehmungen mit ihren eigenen Augen zu sehen. Aber wo bleibt denn, wird man fragen, bei dieser Art des Unterrichts die Geographie? die Geschichte? die Mythologie? die schönen Wissenschaften? die Religion? Das alles soll ihnen gewiß gut gelehret werden. Nur alles zu seiner Zeit. Ehe meine Zöglinge um die Produkte von Ost- und Westindien sich bekümmern, sollen sie erst die Produkte unseres Landgutes und des Thüringer Waldes kennen lernen. Ehe wir vom Karpathischen Gebirge und dem Pintus plaudern, ehe wir uns mit Paris, Lissabon, Rom, Athen und Jerusalem bekannt machen, müssen wir schon mit der Kette von Gebirgen, an deren Fuße wir wohnen, bekannt sein, den Inselsberg besucht, nach Franken, Hessen und Thüringen gesehen, wenigstens einige Dörfer, Städtchen und Städte besehen haben, damit sie sich doch bei den Worten Gebirge, Berg, Dorf, Städtchen, Stadt, Provinz etwas Richtiges denken können. Ehe sie die Statistik von Spanien lernen, sollen sie sich erst mit der Statistik von Gotha bekannt machen. Denn alles Plaudern eines Kindes, das noch keine deutlichen Begriffe von der natürlichen und politischen Verfassung der Provinz hat, in der es erzogen wird, von dem Karpathischen Gebirge, von der Regierungsform und den Einkünften in Frankreich oder China, ist weiter nichts als Starengeschwätz, und noch weit weniger. Der Star denkt sich gar nichts, wenn er spricht, ein solches Kind aber etwas ganz Falsches, wenn es vom Parlamente oder den Mandarinen spricht. Ehe wir die Geschichte der Assyrer und Perser, Griechen und Römer lernen, wollen wir uns erst die Geschichte eines benachbarten Orts bekannt machen. Ich würde dazu die Geschichte von Schnepfenthal wählen, wenn dieser Ort so wichtig wäre, daß die Alten ihn wert gehalten hätten, Merkwürdigkeiten davon aufzuzeichnen. Vor der Hand habe ich mir dazu das berühmte Kloster Reinhardsbrunn gewählt. Wir wollen es oft besuchen. Nachdem wir uns gefreut haben über die vortrefflichen ökonomischen Einrichtungen, die daselbst allenthalben sichtbar sind, über den Reiz der Gegend, den die Kunst erhöhet hat u. dgl., bleiben wir bei einer alten Inskription und einem Kruzifixe stehen, das dabei gehauen ist, und natürlich entsteht nun die Frage, wie es wohl sonst hier möge ausgesehen haben? Wir fragen einen hier bekannten Freund, ob nicht mehrere solche Überbleibsel aus der alten Zeit vorhanden wären? Er führt uns zu einer Reihe steinerner Männer, die durch die Länge der Zeit zum Teil verstümmelt wurden, zeigt uns Trümmer von Leichensteinen, Überbleibsel eines alten Klosters, führt uns in eine alte Kirche, sagt uns von einem uralten Begräbnisse fürstlicher Personen, in welches man durch eine kleine Öffnung steigen könne. Die Neugier erwacht; wo ist das Begräbnis? fragen alle begierig; zeigen Sie es uns. Ich steige hinab, sagt der eine, ich auch, ich auch, sagen alle. Wir steigen hinab, und finden da einige Rippen und andere Knochen, offene Gräber sehen einander bedenklich an, sind ganz in der alten Zeit. Es geschehen an mich hunderterlei Fragen, von wem die Knochen wären? wer das Kloster erbauet habe? wen dieser, wen jener steinerne Mann vorstellen solle? Ich kann darauf immer nichts weiter antworten, als: ich weiß es nicht. Darüber werden dann meine Zöglinge unwillig. Ich frage endlich meinen Freund, ob er mir denn kein Buch empfehlen könne, wo man von allen diesen Sachen Nachrichten fände? Er empfiehlt mir Herrn Galetti. Ich müßte mich sehr irren, wenn meine Zöglinge mich nicht inständigst bäten, den Galetti zu kaufen. Ich tue es, nachdem ich mich genug darum habe bitten lassen. Wir lesen ihn begierig, und sammeln alles, was er uns von Reinhardsbrunn sagt. So bereiten wir uns zur Erlernung der Geschichte, bekommen Begriffe von Jahrhunderten, Altertum, Dokumenten u. dgl., und nun erst ist es Zeit, auch die Geschichte anderer Länder sich bekannt zu machen. Denn die Geschichte muß noch später als die Geographie getrieben werden. Diese versetzt uns in entfernte Länder, jene aber nicht nur in entfernte Länder, sondern auch in entfernte Zeiten. Sollte ich nun meine lieben Zöglinge von dem Busen der Natur wegreißen und so weit wegschleudern, ehe sie sich an demselben recht satt gesogen haben? Den Unterricht in der Mythologie werde ich noch weiter hinausschieben, denn dieser bringt uns ganz von der wirklichen in die Fabelwelt. Im Grunde ist die ganze Mythologie wahrer Unsinn, über den wir alle spotten würden, wenn er nicht durch Dichter, Bildhauer und Maler so schön wäre vorgestellt worden. Unsinn kann ich aber meine Zöglinge nicht lehren, bevor sie ihren Wahrheitssinn hinlänglich geübt haben. Ich kann ihnen die Unnatur, die Gestikulationen einer erhitzten Einbildungskraft nicht eher zeigen, ehe sie die schöne simple Natur recht haben kennen lernen. Deswegen werde ich ihnen zwar die Mythologie zu seiner Zeit bekannt machen, aber nur als Skizze, nie werde ich sie ausmalen. Sie sollen den Jupiter, die Merkmale, an denen man sein Bild erkennt, seine Kinder usw. kennen lernen, aber weiter nichts Ausführliches. Aller Unterricht bei jungen Menschen ist ja bloß elementarisch, sie lernen keine einzige Wissenschaft nach ihrem ganzen Umfange, warum sollen sie denn eben die Mythologie ausführlich lernen? Freilich werden Jünglinge, die so unterrichtet sind, nicht recht wissen, was sie aus dem Bilde der Leda machen sollen; dagegen kennen sie auch die Absichten des Nebels und Donners. Manche schöne Stelle im Ovid wird ihnen unverständlich sein, dagegen werden sie den Anbau der Futtergräser, die Pflanzung der Holzungen, die Verbesserung eines schlechten Bodens u. dgl. recht gut verstehen. Und einem wirklich handelnden Menschen, dergleichen ich zu erziehen gedenke, der in der Welt, in der er ist, glücklich sein und glücklich machen will, ist es wahrhaftig wichtiger zu wissen, wie er die Einöde, die er bewohnt, zum Paradiese umschaffen soll, als der richtige Verstand einer Ovidianischen Stelle. Den Unterricht in den schönen Wissenschaften werde ich weit früher anfangen. Wenn ich früh den Sinn für Wahrheit zu entwickeln suche, ist das nicht schon Unterricht in den schönen Wissenschaften? Alles währe Schöne in der Kunst ist Nachahmung der Natur. Wenn ich nun meine Zöglinge die Natur kennen lehre, setze ich sie nicht dadurch in den Stand, zu beurteilen, inwiefern sie gut oder schlecht nachgeahmt sei? Sobald sie von der Natur einigermaßen unterrichtet sind, werde ich sie weiter führen, und ihnen die Nachahmung derselben, bald in Gemälden, bald in Schilderungen zeigen, sie darüber urteilen lassen, und ihr Urteil zu berichtigen suchen. Ich werde ihnen schöne Stellen aus deutschen, lateinischen und französischen Schriftstellern in die Hände geben, und von ihnen erforschen, ob und warum sie dieselben schön finden? Ich werde ihnen Anleitung geben lassen, das, was sie gesehen haben, zu zeichnen, und sie ermuntern, bisweilen Szenen, die sie vorzüglich rührten, zu schildern, auch nicht ermangeln, sie dazu anführen zu lassen, daß sie ihre Empfindungen musikalisch ausdrücken können. Und so glaube ich denn, ihnen das Wahre und Schöne in der Kunst fühlen zu lehren, ohne sie dadurch von der Natur abzuziehen. Durch diese Methode werde ich freilich weder Maler, noch Bildhauer, noch Redner, noch Dichter, noch Virtuosen bilden, aber doch glaube ich, dadurch die Anlagen, die ein jeder dazu hat, so zu entwickeln, daß er durch den eigenen Fleiß und anderweitigen Unterricht es werden kann. Wer die Grenzen der Fähigkeiten eines Menschen von zehn bis sechzehn Jahren kennt, wird auch nicht mehr von mir fordern können. Wo Anlage zum Maler, Bildhauer, Redner, Dichter oder Virtuosen ist, da entwickelt sie sich von selbst, wenn man durch eine verkehrte Behandlung die Entwickelung nicht hindert. Wo diese Anlage aber fehlt, da bringt sie auch der beste Pädagoge nicht hinein. Ebensowenige Ursache hat man, zu besorgen, daß durch das beständige Lenken der Aufmerksamkeit der Zöglinge auf die Natur und die Dinge, die um sie sind, der Unterricht in der Religion werde versäumt werden. Die Beobachtung der Natur, ist diese nicht schon Unterricht in der Religion? Ist wohl ein Weg denkbar, auf dem man sicherer zur Erkenntnis der Gesinnung und Eigenschaften eines verständigen Wesens gelangen könne, als die Beobachtung seiner Handlungen? Wo ist ein wirksamer Mittel, Kinder, die zeither ohne Empfindung die Werke Gottes zertraten und zerrupften, und den Himmel ansahen, ohne etwas dabei zu denken, zur lebendigen Erkenntnis Gottes zu bringen, als dieses, daß man ihnen zeigt, wie Gott allenthalben wirke? hier den Keim des Samenkorns entwickle, dort das Insekt und den Vogel lehre, für ihre Nachkommenschaft zu sorgen? wie er Winterkleider am Ende des Sommers für alles austeilt, was den Winter in freier Luft durchleben soll? welche Regelmäßigkeit alle Himmelskörper in ihrem Laufe beobachten? wie alle die mannigfaltigen Werke Gottes ein Ganzes ausmachen, in welchem sie so genau miteinander verbunden und einander so unentbehrlich sind, wie die Räder einer Maschine? Was kann herzlichere Ehrfurcht gegen Gott erzeugen, als die Gewöhnung, alle Wirkungen der Natur als Wirkungen Gottes zu betrachten? Wer fühlt wohl stärker den Nachdruck der Worte: Wo soll ich hingehen vor deinem Geist, als der, der gewöhnt ist, allenthalben die wirkende Kraft Gottes zu erblicken? Was vermag uns stärker zur Liebe und Dankbarkeit zu ermuntern, als die immer mehr wachsende Einsicht in die Kräfte der Natur, und die damit verknüpfte Überzeugung, daß alles auf die Beförderung der menschlichen Glückseligkeit abziele? Und was kann uns mehr im Vertrauen zu Gott befestigen, als die durch die Betrachtung der Werke Gottes entstandene Überzeugung, daß der Herr sich aller seiner Werke erbarme? Ja, wird wohl der Mensch je inniger seine Würde und die Verbindlichkeit, in sich selbst Gottes Bild zu ehren, fühlen, als wenn er sich selbst mit der ganzen Natur vergleichet, und zu dem Glauben gebracht wird, daß er unter allen sichtbaren Dingen die höchste Stufe einnehme? Ich könnte mich über diesen Punkt noch viel weiter ausbreiten, sage aber davon weiter nichts, als daß die Bibel uns selbst auf die Natur verweise, um daraus Gott kennen zu lernen. Die Himmel, sagt David, erzählen die Ehre Gottes, und unser Erlöser spricht: Seht die Vögel des Himmels an, sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln auch nicht in die Scheuern, und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Sollte also der Weg, auf den ich meine Zöglinge zu leiten suche, gefährlich sein, da ihn die Bibel selbst empfiehlt? An die Winke derselben werde ich mich so pünktlich halten, daß ich zu fernerem Unterrichte in der Religion immer die moralischen Wahrheiten in Geschichte einkleiden werde, nicht nur deswegen, weil ich aus der Natur der Sache überzeugt bin, daß dieses die einzige wahre Methode sei, Menschen, deren Fähigkeiten noch nicht hinlänglich entwickelt sind, die Wahrheit faßlich zu machen, sondern weil unser Erlöser selbst die Methode ständig beobachtet hat. Wieviel oder wie wenig ich hierin leisten kann, kann man aus meinem moralischen Elementarbuche und meinen Unterhaltungen für Kinder und Kinderfreunde sehen. Aber auf diese Art wird ja, sagt man, die Bibel gar nicht gebraucht, das ist ja der gerade Weg zum Naturalismus. Nichts weniger als dieses. Die Bibel soll auch gebraucht werden. Wenn die Kinder Gott erst haben handeln sehen auf dem Platze, wo sie wohnen, dann sollen sie auch hören, wie er im Hain Mamre und zu Jerusalem gehandelt habe; wenn sie den guten Vater erst haben handeln sehen, dann sollen sie ihn auch reden hören. Und dann sind sie, wie ich im ersten Abschnitte dieses Buches gezeigt habe, erst vermögend, ihn zu verstehen. Überhaupt verweise ich diejenigen, die sich einen näheren Begriff von meinem Religionsunterrichte machen wollen, auf mein Buch: Über die wirksamsten Mittel, Kindern Religion beizubringen, wo ich meine Gedanken weitläufig auseinandergesetzt habe. Auch dem vierten Hauptmangel, dem Mangel an Selbsttätigkeit, abzuhelfen, werde ich mir ernstlich bei meinen Zöglingen angelegen sein lassen. Des Unterrichts soll so wenig und des Gebrauchs eigener Kräfte so viel als möglich sein. Leser, die mit meinen übrigen pädagogischen Schriften bekannt sind, werden dabei schon als bekannt voraussetzen, daß ich die Kräfte nie überspannen, nie Arbeiten fordern werde, die eines Kindes Kräfte übersteigen. Hier ist die Skizze von den Beschäftigungen meiner Zöglinge, die notwendig sich so vervollkommnen muß, so wie meine Ruhe und Muße zu weiterem Nachdenken zunimmt, nach der ich nun seit einigen Jahren gearbeitet habe. Der Gegenstand des ersten Unterrichts ist, wie gesagt, die Natur. Meine Geschäfte erlauben mir nicht, daß ich die zu jeder Unterredung nötigen Materialien selbst in unserm großen Naturalienkabinett zusammensuche. Die älteren meiner Zöglinge übernehmen dies Geschäft mit Vergnügen. Sie bringen mir alles, was ihnen merkwürdig ist, und ich bezeuge mein Vergnügen bei jeder Merkwürdigkeit, die sie entdeckt haben, ich bringe sie mit in das Lehrzimmer, wir unterreden uns darüber miteinander, ich zeige es an, wem wir diese Unterredung zu danken haben, wir schreiben etwas über unsere Unterredung nieder und merken es an, wer uns hierzu Veranlassung gegeben habe. So wird die Begierde aller angeflammt, auch etwas Merkwürdiges beizubringen, sie werden alle gereizt, zu beobachten und zu sammeln. Wenn nun das Gesammelte vor uns liegt, so hüte ich mich sehr, darüber eine Vorlesung zu halten. Ich frage vielmehr, ob die Kinder mir nichts davon zu sagen wüßten, und jedes beeifert sich, es dem andern zuvor zu tun. Ich bin bloß Zuhörer, gebe da meinen Beifall, berichtige dort und sage am Ende auch, was ich von der Sache weiß. Was wir bei dieser Unterredung gelernt haben, wird niedergeschrieben, entweder durch einen Zögling, oder durch mich. Jeder von uns macht orthographische Fehler. Jener aus Unwissenheit, ich mit Vorsatz. Alle haben Begierde, diese Fehler zu verbessern, und erbitten sich von mir dazu die Erlaubnis. Ich (bei dem Worte Ich muß man immer auch meine Gehilfen denken) gestehe sie dem zu, der sich am besten verhalten hat. Er tritt sein Amt an, forscht nach Fehlern so begierig, wie der Spürhund nach der Bahn des Wildes. Wenn er einen Fehler ausgespürt hat, so entsteht ein Disput; er wird aufgefordert zu sagen, warum er dies für einen Fehler halte, und so wird Orthographie, beinahe ohne Unterricht, gelernt. Wir beobachten aber nicht nur, sondern lesen auch, bald etwas Französisches, bald etwas Deutsches, bald etwas Lateinisches. Dazu sind Lesebücher nötig. Jeder Zögling muß das seinige haben. Es jedem zu schaffen, würde viel Geld kosten, deswegen mache ich den Vorschlag, daß jeder den Tag zuvor das Pensum abschreiben soll, das wir den folgenden Tag lesen wollen, und habe Mittel, es dahin zu bringen, daß es jeder gern tut. Wenn die Stunde des Lesens kommt, weiß schon ein jeder wenigstens einen großen Teil von dem, was gelesen werden soll, ohne Unterricht. Daß ich nicht alle Lesebücher abschreiben lasse, sondern höchstens eins auf einmal, versteht sich von selbst. Nun wird gelesen, ich bin Zuhörer; das Lesen ist zu Ende und veranlaßt eine Unterredung, die auch kein eigentlicher Unterricht ist. Wer von dieser Unterredung sich einen Begriff machen will, der besuche die Schule zu Rekahn und die sogenannte Lesestunde des Dessauschen Erziehungsinstitutes, die eigentlich Übung des Verstandes und des Nachdenkens heißen sollte, so sieht er das Original, wovon meine Lesestunde Kopie ist. Wir haben, wenn wir Geographie lernen wollen, Landkarten nötig. Es wäre für uns alle bequemer, wenn jeder eine Karte für sich hätte. Einer meiner Gehilfen hat den Einfall, ob wir uns nicht selbst Kärtchen machen könnten. Er macht einen Versuch, heftet ein Blatt Zeichenpapier auf eine Karte, hält beides an das Fenster, fährt mit der Bleifeder auf den abgezeichneten Grenzen und Flüssen hin, bemerkt die Berge und Wälder, nimmt das Papier herab, und die Zöglinge sehen voll Verwunderung die Hauptmerkmale der Karte abgezeichnet. Er fängt an, die neue Karte zu illuminieren, schreibt in dieselbe die Namen der Länder, Städte, Meere und Flüsse, die Zöglinge sehen sie mit Vergnügen, und ich müßte mich sehr irren, wenn nicht schon den folgenden Tag jeder seine Bleifeder in den Händen hätte und sich damit beschäftigte, selbst ein Kärtchen zu verfertigen. Die ersten Versuche werden nicht gar gut ausfallen. Was liegt aber daran? Wer eine Sache gut machen will, muß sie erst schlecht machen. Während das Kind seine Karte verfertigt, werden doch wieder mancherlei Kräfte in Tätigkeit gesetzt, mancherlei Geschicklichkeiten erworben, und wenn es, mit seiner Karte in der Hand, zum Unterrichte kommt, so können wir schon von der Karte, die erklärt werden soll, als von einer bekannten Sache sprechen, und wenn ich den Namen einer Stadt, Provinz oder eines Flusses nenne, so ist sein Finger schon auf demselben, und wir sind alle des mühsamen Suchens überhoben. Auf eben diese Art werden Sprachen, Geschichte, Mathematik u. dgl. erlernt. Wer das bisher Gesagte begriffen hat, wird auch leicht glauben, daß und wie dies bei der Erwerbung jeder Art der Erkenntnis und Geschicklichkeit möglich sei, ohne daß ich nötig habe, mich weiter darüber auszubreiten. Wer dies aber nicht verstanden hat, der wird mich auch nicht verstehen, wenn ich auch noch einige Bogen darüber schreiben wollte. Außerdem habe ich noch eine andere Art, die Kräfte meiner Zöglinge in Tätigkeit zu setzen. Jeder von ihnen bekommt ein Amt, das seinen Fähigkeiten angemessen ist, und das ich absichtlich so wähle, daß er die erworbenen Kenntnisse dabei anwenden kann. Ich habe z. B. Kopisten, Rechnungsführer, Korrektors, Sekretärs, Naturalieninspektors und eine Menge anderer Leute nötig, um meine Arbeiten zu vollenden. Alle diese Ämter werden unter meine Zöglinge verteilt, und es ist unmöglich, daß sie dieselben verwalten können, ohne dabei zu lernen. Endlich bringe ich auch meine Zöglinge bald zu der Überzeugung, daß es gut sei, wenn sich jeder ein Tagebuch halte, in welches er die Worte und die Sachen, die er jeden Tag gelernt, und die Geschicklichkeiten und Erfahrungen, die er sich erworben, einträgt. Dies Geschäft ist nicht nur eine neue Übung, sondern Eltern und Lehrer werden auch durch diese Tagebücher in den Stand gesetzt, zu übersehen, wieviel oder wie wenig ihre Kinder und Zöglinge erlernt haben. Sind nun alle diese Arbeiten nicht den Kräften der Kinder angemessen? Machen sie ihnen nicht weit mehr Vergnügen und weit weniger Mißvergnügen, als das beständige Zuhören? Wird durch die beständige Tätigkeit der Kinder nicht jede Kraft geübt, und eine Menge Bosheiten und Ausschweifungen, die allesamt Kinder der Untätigkeit sind, verhindert? Ist dies nicht die beste Zubereitung zur Ertragung der Beschwerden und zu dem tätigen Leben, wozu sie bestimmt sind? Alle diese Absichten zu erreichen, würde mir freilich nicht möglich sein, wenn ich nicht auch dem fünften pädagogischen Mangel abhelfen, wenn ich nicht jede Anstrengung der Kräfte unmittelbar belohnen könnte. Aber auch dafür glaube ich hinlänglich gesorgt zu haben. Die gewöhnlichen Belohnungen, Beifall, Lob u. dgl., werde ich alle gebrauchen. Ich werde wöchentlich öffentliche Untersuchungen des Verhaltens jedes Zöglings anstellen, so wie in dem Dessauschen Senate gewöhnlich ist; ich werde die dort gewöhnliche Meritentafel und Orden mit einigen Verbesserungen nachahmen; denn diese Anstalt ist so vortrefflich und so gemeinnützig, daß ich glaube, daß jede Schule, wäre es auch die elendeste Dorfschule, sie mit einigen Abänderungen nachahmen könnte und sollte. Ich will aber von diesem allen jetzt weiter nichts sagen, zumal da ich gegen Ende des Buches noch etwas davon sagen werde, sondern nur von den unmittelbaren Belohnungen reden, die meiner Anstalt eigentümlich sind. Ich suche früh bei meinen Zöglingen die Begierde, sich ein Eigentum zu erwerben, zu erregen. Dies ist, wenn ich nicht ganz irre, von großer Wichtigkeit. Denn durch die Anfachung dieser Begierde werden eine Menge unedle, tierische, die menschliche Natur entkräftende Begierden erstickt. Dabei hat man Gelegenheit, der Erwerbungsbegierde die gehörige Richtung zu geben, die Kinder vor Niederträchtigkeit, Kargheit und Verschwendung zu bewahren; dadurch erzeugt man in ihnen die edle Neigung, durch sich selbst zu bestehen, zu wirken und Gutes zu stiften. Die Erwerbsbegierde, wenn sie die gehörige Richtung hat, setzt alle Kräfte des Menschen in Tätigkeit und ist ein Sporn zu den mühsamsten und anhaltendsten Unternehmungen. Durch sie werden wahre Männer gebildet, die in jedem Falle die Mittel aufzubringen wissen, den Wohlstand und die Sicherheit ihrer Familie zu befördern und jede gute Absicht zu erreichen, ohne nötig zu haben, durch kriechende Schmeichelei anderer wohltätige Unterstützung zu erbitten. Ein Mann, bei dem diese Begierde früh angefacht ist, gehörig gerichtet, und der so geleitet worden ist, daß sich seine Erwerbungskraft in eben dem Verhältnisse, wie seine Erwerbungsbegierde, vergrößerte, handelt, macht Aufwand, rettet, unterstützt, vergrößert seinen Wirkungskreis, setzt Hunderte in Tätigkeit, da, wo ein anderer duldet, spart, lamentiert, bedauert und sich zurückzieht. Dies sind die Gründe, durch die ich bin überzeugt worden, daß es gut sei, bei Kindern früh die Begierde rege zu machen, sich Eigentum zu erwerben. Man prüfe nun die Mittel, die ich hierzu anwende, und urteile dann, ob man wohl hierdurch ihren moralischen Charakter in die geringste Gefahr setze, ob man ihn nicht vielmehr veredle und durch dieses Mittel eine Menge guter Absichten erreiche. 1. Bitte ich alle Eltern, die mir ihre Kinder anvertrauen, ihren Kindern niemals ein Geschenk an Gelde zu machen. Geschenke sind das wirksamste Mittel, die Neigung, sich durch eigene Kraft Vermögen zu erwerben, zu ersticken. Das Gefühl des Mangels muß die erste Triebfeder sein, diese Begierde in Tätigkeit zu setzen. Eltern, die mein Bitten nicht wollten stattfinden lassen, würden bald das Mißvergnügen haben, zu sehen, daß ihre Kinder weit untätiger wären als diejenigen, die sich alle ihr Geld selbst erwerben müssen. Wenn diese handelten, so würden jene schmeicheln, wenn diese Männer würden, so würden jene gehorsame Diener werden; es würde zwischen diesen und jenen ein Unterschied, wie zwischen den Europäern, die der Natur ihre Produkte abzwingen müssen, und den Ostindiern sein, denen sie die liebe Mutter Natur ohne Mühe beschert. 2. Suche ich meinen Zöglingen immer Arbeiten zu verschaffen, an denen sie ihre erworbenen Kenntnisse und Fertigkeiten, z.B. in der Schönschreibung, Rechtschreibung, in Sprachen, Zeichnen und anderen Geschicklichkeiten, beweisen können, und diese bezahle ich mit barem Gelde. 3. Wenn ein Amt vakant ist (ich richte es vorsätzlich so ein, daß dieser Fall alle Monate kommt), muß jeder Zögling eine Probearbeit verfertigen, an der man die Geschicklichkeit eines jeden zu diesem Amte erkennen kann. Ich entscheide darüber, wer seine Probe am besten gemacht habe, oder schicke auch wohl die Probearbeit auswärtigen Freunden zur Entscheidung zu. Wer das beste Probestück gemacht hat, bekommt das Amt. Kein Offizier kann eine so innige Freude bei dem Empfange der Nachricht empfinden, daß er zu einer höheren Charge, seiner Verdienste wegen, befördert sei, als der Zögling, für den die Entscheidung günstig ausfällt. 4. Jedes Amt ist mit Besoldung verknüpft, die freilich nicht gleich nach Talern berechnet wird, die aber doch stark genug ist, der kindischen Tätigkeit einen neuen Schwung zu geben. Den fünfzehnten jedes Monats, wo jeder Mitarbeiter sein Gehalt bekommt, wird auch jedem Zöglinge die Besoldung ausgezahlt, die ihm für sein Amt versprochen ist. 5. Von diesen kleinen Einnahmen formiert sich jedes seine eigene Kasse, über die es zu disponieren Freiheit hat. 6. Es wird bald und oft Gelegenheit verschafft, die Kassengelder so anzulegen, daß damit etwas gewonnen werden kann. Wir legen Taubenschläge an, besetzen einen Teich mit Forellen, einen andern mit Karpfen, schaffen uns ein Bienenhaus an, kaufen uns eine Herde Schafe, legen eine Baumschule an, lassen wüste Strecken Landes urbar machen, erkundigen uns nach den Preisen der Landesprodukte, und kaufen von denen, die vorzüglich niedrig stehen, einen Vorrat ein, um sie zu seiner Zeit mit Gewinn wieder verkaufen zu können. Bei dieser Gelegenheit schüttet dann jedes seine Kasse aus, trägt dazu bei und bedauert es, daß sein Beitrag nicht größer ist. 7. Wöchentlich einmal ist Kassenrevision. Es wird ein Buch beigebracht, in dem sehr sorgfältig angemerkt ist, wie stark eines jeden Vermögen sei, wieviel Anteil er am Taubenschlage, am Forellen-, am Karpfenteiche, an der Schafherde usw. habe, wieviel er an barem Gelde besitze? Jeder durchzählt seine Kasse, es wird untersucht, wie sich die Kasse eines jeden vergrößert oder vermindert habe? Und der springt am höchsten, dessen Kasse den größten Zuwachs erhalten hat. Dies habe ich ohne alle Verschönerung hierhergesetzt. Ich hätte leicht weit mehr dabei sagen können, wenn ich den mannigfaltigen Nutzen, den diese Einrichtung hat und haben kann, die großen Dinge, die dadurch möglich gemacht werden können, enthusiastisch hätte loben wollen. Ich habe die Sachen aber nur dargestellt, wie sie wirklich größtenteils schon da sind, und hoffe, daß jeder, der die Natur des Menschen und der Kinder und ihre Bestimmung kennt, schon den ausgebreiteten Nutzen, den diese Einrichtung haben muß, zugestehen und fühlen wird, daß dies der Weg, der natürliche Weg sei, Kinder auf eine sehr unschuldige Art recht herzlich zu vergnügen, ihren moralischen Charakter zu bilden, zur Tätigkeit und Ordnung zu bringen, zur Mäßigung des Unwillens bei fehlgeschlagenen Wünschen zu gewöhnen, ihnen eine Menge nützlicher Kenntnisse beizubringen, und überhaupt sie so zu erziehen, daß sie für jeden Stand, in dem sie der Welt dienen sollen, brauchbar sind. Außerdem, daß das Kind auf diese Art das Vergnügen hat, eine Menge Dinge um sich zu sehen, die ihm angenehm, die sein eigen sind, und die es, welches wohl zu merken, selbst erworben hat, so hat es jährlich viele festliche Tage, die, ohne Kosten, ihm größere Freude machen, als manche Lustbarkeiten, die mit dem Aufwände vieler Kosten verknüpft sind. Jeder Tag, da Kassenrevision ist, jeder Tag, da Besoldung ausgezahlt, oder Geld zu einer neuen ökonomischen Spekulation angelegt wird, ist für die ganze kleine Gesellschaft ein Tag der Freude. Die Zeit der Wollenschur, des Teichfischens, des Bienenschwärmens, die Lammzeit u. dgl., wie viele Freuden ihnen diese darbieten, kann man leicht erachten. Und dies Vergnügen dient nicht bloß zur Aufheiterung, sondern auch zur wirklichen Bildung eines guten Charakters. Außerdem, daß es eine Menge Kräfte in Tätigkeit setzt, die sonst in Untätigkeit würden erschlafft sein, gibt es auch dem Erzieher die schönste Gelegenheit, in das Herz seiner Zöglinge zu blicken, ihre wahren Neigungen zu erfahren und ihnen die gehörige Richtung zu geben. Man lasse den Menschen handeln, so erfährt man, wer er ist! Weil die meisten Kinder so wenig Gelegenheit haben, zu handeln, so irren sich eben deswegen die besten Erzieher so oft in Ansehung ihrer Meinung von ihnen. Wenn sie hingegen gestimmt werden, sich Vermögen zu erwerben, so handeln sie beständig; der Erzieher kann bei mäßiger Aufmerksamkeit erfahren, wer sie sind, und die Fehler, über die er vorzüglich wachsam sein muß. Er entdeckt bald, daß einige seiner Zöglinge es sich wirklich angelegen sein lassen, durch gute Anwendung ihrer Kräfte sich ein Eigentum zu verschaffen, andere hingegen durch Kabalen und Intrigen zu dieser Absicht zu kommen suchen: einige ihre Erwerbungsbegierde so weit treiben, daß sie, weder für sich noch für andere, einen Aufwand zu machen trauen, andere hingegen die Befriedigung dieser Begierde mit ihrem Triebe zum Vergnügen und zum Wohltun sehr glücklich zu vereinigen wissen. Wieviel gewinnt er nun dadurch! Er sieht sich nun in den Stand gesetzt, die Maßregeln zu finden, nach denen er jeden Zögling behandeln muß, und ihnen die, großen Prinzen sowohl als Kindern der Bürger, unentbehrliche Kunst zu lehren, von dem Gelde einen weisen Gebrauch zu machen, die sie nie erlernen werden, solange sie entweder gar kein oder nur geschenktes Geld unter den Händen haben. Wenn er hernach auch von Gerechtigkeit, Billigkeit, Ehrlichkeit und den entgegengesetzten Lastern spricht, so ist er imstande, sich recht verständlich auszudrücken, indem er die Exempel dazu immer von ihrem Erwerbungsbestreben hernehmen kann. Bei der Anlegung des Geldes an Dinge, von denen man einen Vorteil zu ziehen hofft, kann es auch nicht fehlen, daß nicht bisweilen Hoffnungen umschlügen, daß der Gewinn nicht so hoch ausfällt, als man erwartete, oder gar statt Gewinn Verlust erfolgt. Auch dies ist heilsam. Es gibt Gelegenheit, zu untersuchen, wo man sich in seiner Berechnung versehen, was die Ursache von dem erlittenen Verluste sei, und so für die Zukunft klüger zu werden. Vorzüglich gewöhnt es aber auch den Zögling, seinen Unwillen bei fehlschlagenden Erwartungen, von denen durchaus kein Mensch ganz frei bleibt, zu mäßigen. Und wie viele andere Kenntnisse kann der Zögling bei dieser Gelegenheit sich erwerben! Er lernt die Notwendigkeit, die Pfennige zu schätzen, wenn man Goldstücke haben will, bekommt eine Menge ökonomische Einsichten, die kein Mensch entbehren kann, der entweder sein ererbtes Gut erhalten oder sich neues erwerben will; lernt die Münzen und ihren Wert kennen, bekommt Einsicht in das Handlungsgeschäft, lernt rechnen und bekommt richtige Vorstellung von Brüchen und Proportionalrechnungen. Aber auf diese Art, wendet man mir ein, machst du ja deine Zöglinge eigennützig, filzig, erstickst bei ihnen die Neigung zum Wohltun. Ganz und gar nicht, ich tue vielmehr von allem diesen das Gegenteil. Denn was ist Eigennutz? Mir ist er die Gewohnheit, seinen Vorteil auf allerlei Art zu suchen, wenn auch andere dadurch in ihrem Vorteile gekränkt würden. Dazu werden meine Zöglinge nie gewöhnt. Sie lernen keinen anderen Weg kennen, sich Vorteile zu verschaffen, als den Weg des Nachdenkens, der Tätigkeit und der Berufstreue. Und wenn es Eigennutz ist, auf diesem Wege seinen Vorteil zu suchen, so ist vielleicht kein uneigennütziger Mann auf der Welt zu finden. Auch der würdigste, wohltätigste Mensch läßt sich seine meisten Arbeiten bezahlen und nimmt für die Verwaltung seiner Ämter Besoldung. Es wäre in vielen Fällen lächerlich, wenn er es nicht tun wollte. Dadurch setzte er sich außer Stand, ferner ein würdiger und wohltätiger Mann zu sein. Statt anderen zu raten, zu helfen und wohlzutun, müßte er mit seinem eigenen Kummer und Hunger kämpfen, und ich bin nicht gesonnen, meine Zöglinge zu Romanhelden, sondern zu Menschen zu ziehen, die in der Welt, so wie sie ist, glücklich und brauchbar sind. Ich will nicht, daß meine Zöglinge eine Vollkommenheit erreichen sollen, die auch den besten Menschen fehlt. Ungefällig sollen sie auch nicht werden, weil ich nur gewisse bestimmte Arbeiten mit Geld bezahle, und für andere Dienstleistungen nicht nur keine Bezahlung gebe, sondern ihnen vielmehr auf andere Art den möglichsten Reiz zu geben suche. Wenn ein Kind den strauchelnden Bruder aufrichtet, ihm seine Bücher leihet, einen Weg geht usw., so erfolgt kein anderer Lohn, als ein kleines Lob, höchstens ein Kuß. Und ich muß mit Vergnügen sagen, daß die Erwerbsbegierde noch nie bei meinen Kindern das Gefühl für diese Belohnung erstickt hat. Filzig können sie auch nicht werden. Sie behalten Freiheit, über ihre kleinen Kassen zu disponieren. Wenn Beeren, Kirschen oder anderes zum Verkauf angeboten werden, oder wenn ihre Wünsche auf sonst etwas fallen, das Aufwand erfordert, so sind sie freilich darauf nicht so gierig, wie andere Kinder, die die Taschen voll geschenktes Geld haben. Sie bedenken sich erst, ehe sie kaufen; wenn aber die Begierde siegt, so bekommen sie allemal so viel Geld aus ihrer Kasse, als sie verlangen. Nur alsdann, wenn es scheint, daß ihr Aufwand in Unbesonnenheit ausarten wolle, wird ihnen gesagt: Mein Kind, was du jetzt ausgibst, fehlt bei der Kassenrevision; und dieser kleine Wink ist selten ganz ohne Wirkung. Wahr ist es also, daß durch dieses Mittel die Kinder weit bedachtsamer in ihren Ausgaben werden, daß sie nicht alles ohne Überlegung kaufen, was ihnen vorkommt, und was ihre Lüsternheit verlangt. Sind sie aber deswegen filzig? Da müßten alle die Filze sein, die sich bei ihrem Aufwände mehr durch ihren Verstand als durch ihre Begierde leiten lassen. Mich dünkt, daß ich durch diese Methode die Kinder gerade auf den Weg leite, wo sie bald lernen, mit ihren Ausgaben eine gute Einrichtung machen, welches wahrlich für unsere Zeiten, wo so viele Familien, die von ihrem Gelde keinen weisen Gebrauch zu machen wissen, verarmen, höchst nötig ist. Es ist ferner in meiner Erziehungsanstalt Sitte, daß die Geburtstage der Jungen und Alten begangen, daß da allerhand kleine Geschenke gemacht und kleine Feierlichkeiten angestellt werden. Es läßt sich bei solchen Gelegenheiten gar viel Gutes weit besser sagen und empfinden, als zu anderen Zeiten, es werden da aller Herzen teilnehmender und zur Freude gestimmter. Deswegen werde ich diese Sitte nie abkommen lassen. Den hierzu nötigen Aufwand könnte ich leicht aus meinem Beutel bestreiten, weil man für zwei Gulden Kindern gar große Freude machen kann. Aber dann feierte ich die Geburtstage, nicht aber die Kinder, sie würden also dabei ungleich weniger Freude empfinden. Ich sehe es daher gern, wenn bei solchen Gelegenheiten ihre Kassen sich öffnen und einiger Aufwand gemacht wird. Und dazu brauche ich weiter gar keine Aufmunterung zu geben. Jedes Kind weiß den Geburtstag von jedem großen und kleinen Mitgliede der Gesellschaft. Wenigstens eine Woche vorher, ehe der Geburtstag eintritt, bemerke ich, daß die Kinder da und dort zusammen stehen, lachen, einander in die Ohren lispeln, in die Hände schlagen, springen, und wenn der Geburtstag eintritt, sind gewiß Geschenke vorhanden und Anstalten zu einer kleinen Feierlichkeit gemacht. Das alles ist Erfahrung. Wie kann man denn glauben, daß Kinder, die so gestimmt werden, filzig würden! Auch für die Freuden des Wohltuns suche ich stets das Gefühl zu erhalten. So oft ich einen Elenden entdecke, dessen Leiden durch eine kleine Gabe können gemildert werden, so mache ich ihn meinen Zöglingen bekannt, zeige an, daß ich geneigt sei, etwas für ihn aufzuwenden, und frage, ob jemand von ihnen durch einen Beitrag meine Gabe unterstützen wolle. Sogleich stehen alle Kassen offen und ergießen Beiträge. Diese strömen freilich nicht gülden- und talerweise zu; es kommen Groschen, auch wohl Kreuzer. Aber diese Groschen und Kreuzer sind wahre Wohltaten, die inneren Wert haben. Denn, liebe Eltern, alle die Wohltaten, die eure Kinder von ihrem geschenkten Gelde machen, sind, verzeiht mir diesen Ausdruck, weiter nichts als Gaukelei. Wie leicht ist es doch wieder zu verschenken, was man erst geschenkt bekommen hat! Wenn man überdies (wie es oft zu geschehen pflegt) die Hoffnung hat, für seine Geschenke öffentlich gelobt zu werden, auch wohl für einen ausgegebenen Gulden einen Taler wieder zu bekommen, so findet ja bei einer solchen Wohltätigkeit der größte Filz seine Nahrung. Wenn aber meine Zöglinge alsdann einen Groschen, einen selbst erworbenen Groschen, aufwenden, so scheint es mir, als wenn sie eine Wohltat erzeigt hätten, die wahren inneren Wert habe, und man könnte da auch wohl sagen, dieser Zögling hat mehr gegeben, als andere, die ihr Geld talerweise verschenken: denn jener erwarb es mit vieler Mühe, diese bekamen es geschenkt; jener hatte von seiner Gabe weiter keine Belohnung zu hoffen, als des Gewissens Lob, dieser hatte öffentliches Lob und doppelte Zurückzahlung zu erwarten. Inwieweit ich den übrigen Mängeln abzuhelfen traue, die in anderen Schulen und Erziehungsanstalten unabänderlich sind, will ich aufrichtig sagen. Der erste Mangel fällt bei meiner Anstalt, ihrer Natur nach, weg. Meine Anstalt ist auf dem Lande, wo ich mit ungleich mehr Gewißheit darauf rechnen kann, daß meine Zöglinge an Leib und Seele gesund bleiben werden, als wenn sie in einer Stadt gegründet wäre. Die ungesunde Luft, die durch mancherlei Zusammensetzung vergifteten Speisen, die städtischen Vorurteile und Laster können hier nicht auf meine Zöglinge wirken. Sie saugen gesunde Nahrung und Erkenntnis am Busen der Mutter Natur selbst ein. Die Anstalt selbst erlangt hierdurch innere Konsistenz, weil ihr die notwendigsten Bedürfnisse von selbst zuwachsen. Sie ist eine Pflanze, die sich in fruchtbarem Boden entwickelt, daselbst, bei mäßiger Aufsicht, fortwächst, und immer stärker und größer wird, dahingegen eine andere, die in der Stadt gegründet, von der Natur entfernt, einer Pflanze ähnlich ist, die, in einen Blumentopf verpflanzt, nur mit halber Kraft wächst, immer begossen, bald da bald dorthin getragen werden muß, und dahinwelkt, sobald man es an der nötigen Wartung und Pflege fehlen läßt. Aber, sagt man, wo sollen denn da die Kinder Sitten und feine Lebensart lernen? Werden sie nicht bald die groben Sitten des Landmannes annehmen? Diese Besorgnis ist vollkommen unnötig. Meine Zöglinge sind außer aller Verbindung mit den Kindern des Landmannes. Und wenn sie ja bisweilen mit denselben eine Unterredung hätten, so besorge ich von den Kindern des Landmannes immer weniger, als von den Kindern des Bürgers, deren Einfluß auf die Zöglinge in Städten niemals ganz verhindert werden kann. Hält man den Umgang mit kultivierten Personen für nötig zur Bildung der Sitten, so ist er bei mir vielleicht häufiger als in den größten Städten. Es sind wenige Tage, da ich ganz frei wäre vom Besuche, den teils die Freundschaft, teils die Neugier mir zuführt. Er ist in meinem Hause, wo ich vollkommene Freiheit habe, die Zöglinge in mehr oder weniger Entfernung zu halten, nachdem ich den Umgang mit den gegenwärtigen Fremden den Zöglingen für schädlich oder nützlich halte, so daß ich mit Zuversicht behaupten kann, daß meine Zöglinge auf dem Lande mehr in der gesitteten Weit sind als manche, die in großen Städten leben. Überdies werde ich mich bald mit einem Manne zu verbinden suchen, der ein vorzüglich feines Gefühl für das Anständige und Unanständige hat, und dessen hauptsächlichstes Geschäft sein wird, über die Feinheit der Sitten der Zöglinge zu wachen. Auf diese Art traue ich meiner Anstalt wieder einen besonderen Vorzug zu verschaffen. Daß ich mit meinen Zöglingen reisen, und auf diese Art auch dem andern, in andern Erziehungsanstalten und Schulen unabänderlichen Mangel abhelfen werde, habe ich bereits in einer gedruckten Nachricht, die im Publikum zirkuliert, angezeigt. Diese Reisen sind nicht Chimäre, weil ich sie schon getan habe. Im verflossenen Jahre bin ich mit meinen Zöglingen über hundert Meilen gereist. Und wenn in diesem Sommer eine kleine Pause in Reisen gewesen ist, so ist daran lediglich meine gegenwärtige Lage Ursache. Ich habe dieses Jahr einen schweren Bau gehabt, und habe meine weitläufige Ökonomie selbst besorgen müssen. In einer solchen Lage ist freilich an keine Reisen zu gedenken. Dies alles fällt im künftigen Jahre aber weg. Dann ist mein Bau geendigt und meine Ökonomie wird durch einen hierzu geschickten Mann, mit dem ich mich bereits verbunden habe, besorgt. Dann können die Reisen auch fortgesetzt werden. Aber, sagt man, dadurch werden deine Zöglinge zu sehr zerstreuet und gegen anhaltende Arbeit abgeneigt gemacht werden. Dieser Bedenklichkeit widerspricht aber die Erfahrung. Meine Zöglinge sind freilich nach einer geendigten Reise zwei bis drei Tage zerstreuet und fühlen sich nicht sehr zur Arbeit geneigt. Dies gestehe ich gerne zu. Nach diesem aber sind sie zu jedem Geschäft weit munterer, als wenn sie ununterbrochen bei demselben hätten sitzen müssen. Jede Arbeit wird ihnen nun leichter, denn, wenn nun die Rede auf Bergwerke, Naturalienkabinette, Fabriken, Holzpflanzungen, Wasserfälle, Felsen, Täler u. dgl. kommt, so haben sie von allen diesen Sachen deutliche Vorstellungen und freuen sich, daß sie das alles selbst gesehen haben, und daß sie sich an alles Vergnügen, daß sie dabei genossen, und an alle Beschwerlichkeiten, die sie dabei ausgestanden haben, wieder erinnern können. Daß dadurch meine Zöglinge mehr Festigkeit des Körpers, mehr Gewöhnung zur Ertragung körperlicher Beschwerlichkeiten, mehr Unternehmungsgeist bekommen, als ein Kind, das sich immer um seinen Mittelpunkt regelmäßig bewegt, versteht sich von selbst. Nun komme ich auf den dritten Mangel; von dem vielleicht keine Schule und Erziehungsanstalt ganz frei, und der leider, vorderhand, in den meisten Schulen und Erziehungsanstalten beinahe unabänderlich ist. Mein Herz blutet mir, so oft ich daran denke. Man beschuldigt mich, daß ich die Sache übertreibe, und gleichwohl ist Gott mein Zeuge, daß ich davon überzeugt bin, daß unser ganzes Vaterland davon angesteckt ist, und daß Millionen dadurch entweder in der Blüte ihrer Jahre dahingerafft, oder ihr Leben freudenlos gemacht, sie zu wichtigen Geschäften verschnitten, und an das quickelnde und empfindelnde Wesen gewöhnt werden, damit unser Jahrhundert gebrandmarkt ist. Bürge kann ich dafür nicht sein, daß dieses Übel niemals in meine Anstalt kommen werde, weil ich dafür nicht gut sein kann, daß ich nie ein angestecktes Kind in meine Anstalt bekomme. Aber doch glaube ich ohne Prahlerei behaupten zu können, daß, wenn die Abstellung dieses Übels möglich ist, sie in meiner Anstalt möglich sein muß. Da ich dem Publikum ankündigte, daß ich von diesem Elende schreiben wollte, und es aufforderte, mir dazu Beiträge zu liefern, so geschah es nicht bloß deswegen, um mir Materialien zu einem Buche zu sammeln, sondern vorzüglich in der Absicht, um gewisse traurige Geheimnisse zu erfahren, die ich von ferne ahnte, und mich dadurch in den Stand zu setzen, meine künftige Erziehungsanstalt davon rein zu erhalten. Mein Unternehmen gelang mir. Ich bekam von allen Orten her die merkwürdigsten, hierauf abzielenden Nachrichten. Jünglinge, die viele Jahre lang den Kummer, der in ihrem Busen nagte, bei sich verschlossen hatten, öffneten mir ihre Herzen und ließen mich Geheimnisse sehen, die außer dem Allwissenden niemandem bekannt geworden waren. Und so erlangte ich durch diesen Kanal Einsichten, die mir bei der Dirigierung meiner Erziehungsanstalt ungemein nützlich sein und mich in den Stand setzen werden, mancherlei Mittel zu brauchen, um dem Eintritte des Übels zu wehren und es bald wieder auszurotten, wenn es sich ja einmal einschleichen sollte. Salzmann spielt auf die heimlichen Jugendsünden an. – 1785 erschien folgende Schrift von ihm: »Über die heimlichen Sünden der Jugend«. Das Resultat von allen den geheimen Geschichtchen (die ich sehr sorgfältig in meinem Pult verwahre, und von denen ich die Namen, da, wo sie waren, abgeschnitten, auch die Verordnung gemacht habe, daß sie im Falle eines schleunigen Absterbens verbrannt werden sollen), ist dieses, daß dieses Übel zwei Hauptquellen habe. 1. Verführung. Die Verführer sind Bediente, Dienstmädchen, Schlafgesellen, Schulkameraden, einigemal auch Hofmeister. 2. Langeweile. Diese entsteht aus Mangel an Geschäften, aus Mangel an unterhaltenden Geschäften, aus Überdruß an dem stundenlangen Unterrichte. Diese Langeweile wird desto gefährlicher, wenn sie mit dem Lesen schlüpfriger Bücher verbunden wird. Da dies alles weit umständlicher mir ist gemeldet worden, als es in einem Buche gesagt werden kann, so hoffe ich, daß man mir so viele Rechtschaffenheit und Wachsamkeit zutrauen werde, daß ich bei Anlegung meines ganzen Planes die Verhütung dieses Übels in meiner Anstalt vor Augen gehabt habe. * Aus dem, was ich bis jetzt gesagt habe, wird man sich schon einen ziemlich vollständigen Begriff von der inneren Verfassung meiner Anstalt machen. Man wird zwar noch von mir erwarten, daß ich meinen Plan weiter auseinandersetzen soll; da mir aber hierzu die Zeit mangelt, so bin ich genötigt, meinen Plan mehr tabellarisch als ausführlich hier vorzulegen: I. Beschaffenheit der Zöglinge, die ich annehme 1. Sie dürfen nicht unter sechs und nicht über zehn Jahre alt sein. Die ersteren würden mir zu schwach sein, und zu viel weibliche Pflege bedürfen, und die anderen möchten schon einen zu bestimmten Charakter haben, als daß er sich nach meinem Plane beugen ließe. 2. Sie dürfen nicht gebrechlich, auch nicht dumm sein, weil der Ton gut sein muß, aus dem man etwas Gutes bilden soll. II. Die körperliche Verpflegung 1. Über die Erhaltung der Reinlichkeit des Körpers sowohl als des Anzugs wird durch Frauenzimmer so lange die Aufsicht geführt, bis die Zöglinge in der Besorgung der Reinlichkeit die nötige Fertigkeit erlangt haben. 2. Die Nahrungsmittel sind: Bei dem Frühstücke: Milch, oder Butter, oder Beeren, oder Obst mit Brot. Bei der Mittagsmahlzeit: Suppe, Gemüse und Fleisch, nebst Butter oder Käse, wöchentlich ein paarmal Braten. Bei dem Vesperbrote, wie bei dem Frühstücke. Bei dem Abendessen: kalte Küche, z.B. Braten, Wurst, Schinken, Butter, Käse u. dgl.; die warmen Speisen kurz vor Schlafengehen sollen das Blut zu sehr erhitzen. Der gewöhnliche Trank ist die reine gesunde Quelle, die ich in das neue Haus geleitet habe. Bier wird selten, und Wein nur an festlichen Tagen getrunken. 3. Die körperlichen Übungen sind: Laufen, Springen, Gehen auf einem schmalen Balken, verschiedene, mit unschädlicher Bewegung verknüpfte Spiele, Tanzen und Reiten. Singen. Spielen verschiedener Instrumente. Den Unterricht auf Instrumenten, die geblasen werden, lasse ich nicht gern, und nie anders, als auf Verantwortung der Eltern geben. Gartenbau. Buchbinden. Allerlei kleine Tischlerarbeit. Glasschleifen. Zu dieser Übung mache ich aber nur denen Hoffnung, die vorzügliche Neigung dazu blicken lassen. Tägliche Spaziergänge und öftere Reisen. III. Geistesübungen 1. Erwerbung der Sprachkenntnisse. Der deutschen Sprache. Die Zöglinge werden so weit gebracht, daß sie gut lesen, deklamieren, richtig verstehen, orthographisch schreiben, bestimmt grammatikalisch und in einem guten Stile sich ausdrücken können. Der lateinischen Sprache. Erst wird über die verschiedenen Produkte der Natur, die zusammengebracht werden, lateinisch gesprochen, das Gespräch diktiert und niedergeschrieben, dann werden zweckmäßig gewählte Schriftsteller gelesen, und dabei die grammatikalischen Regeln vorgetragen, endlich lateinische Aufsätze gemacht. Der französischen Sprache. Diese wird zu gewissen Zeiten gesprochen, in gewissen Stunden werden über die Produkte der Natur französische Unterredungen gehalten, dann französische, zweckmäßig gewählte Bücher gelesen, und dabei die Grammatik erklärt, endlich wird Anleitung gegeben, selbst französische Aufsätze zu machen. Englische Sprache. Zur Erlernung derselben wird nur auf ausdrückliches Verlangen der Eltern Anleitung gegeben, und dies alsdann auch nur erst, wenn die Zöglinge in der deutschen, lateinischen und französischen Sprache hinlängliche Fertigkeit erhalten haben. Denn wenn man zu viele Sprachen auf einmal lernen will, so lernt man keine. 2. Erwerbung der Sachkenntnisse. Naturgeschichte. Hierin sollen die Zöglinge so weit gebracht werden, daß ihnen nach zwei Jahren kein Säugetier, kein Vogel, kein Fisch, keine Amphibie, wenige Würmer und Insekten, kein Baum, kein Strauch, keine merkwürdige Pflanze, keine Fossilie, die sich in einem Umkreise von zwei Meilen befinden, unbekannt sein sollen. Auch sollen sie von jeder Klasse die merkwürdigsten Stücke der entfernten Länder kennen lernen. Geographie. Hierin sollen die Zöglinge alles, auf Lage, Produkte, Sitten der Inwohner und Regierungsform sich Beziehende erlernen, was man von einem gut unterrichteten Kinde erwarten kann. Geschichte. Die Hauptrevolutionen entfernter Länder und die detaillierte Geschichte des Landes, in dem ich sie erziehe, soll ihnen bekannt gemacht werden. Tiefere Einsichten in die Geschichte werden sich diejenigen meiner Zöglinge zu erwerben wissen, die sich zum Studium derselben bestimmt fühlen. Physik und Mathematik. In beiden sollen sie so weit die Anfangsgründe lernen, daß sie, wenn sie hierzu Neigung haben, sich selbst weiterhelfen können. Beide Wissenschaften werde ich ihnen dann erst systematisch vortragen lassen, wenn ihr Gedächtnis hinlänglich geübt ist und die nötigsten Kenntnisse gefaßt hat. Eine zu frühe Anstrengung des Verstandes, die bei systematischer Erlernung der Physik und Mathematik allemal nötig ist, geschieht, soviel ich weiß, allemal auf Unkosten des Gedächtnisses. Und das Gedächtnis schwäche ich bei meinen Zöglingen ebenso ungern, als ihre übrigen Kräfte. Übungen des Geschmacks, des Witzes und des Scharfsinns geschehen durch Vergleichung der Kunst und der Natur durch Beurteilung des Schönen und Häßlichen in den Werken der Kunst, durch Lesung witziger Epigramme und Aufgebung guter Rätsel und Charaden. Religion. Wer mein Buch über die wirksamsten Mittel, Kindern Religion beizubringen, gelesen hat, weiß schon ziemlich, wie ich dieselbe lehren werde. Der Plan, den ich dort vorgezeichnet habe, wird bei dem Religionsunterrichte, den ich geben werde, immer zugrunde liegen, nur mit der Einschränkung, daß er noch mehr Bestimmung, die er durch längeres Nachdenken erhalten hat, haben wird. Da ich aber nicht vermuten darf, daß alle dies Buch gelesen haben, die gegenwärtige Blätter lesen, so will ich auch von meinem Religionsunterrichte einen kurzen Entwurf beisetzen. aa) Jeder Tag wird mit einer Ermahnung und Absingung einiger Verse angefangen. bb) Jede Mahlzeit wird mit Gebet genossen. Ich verrichte beides selbst, weil mir die Sache zu wichtig ist, als daß ich sie, solange ich gesund und munter bin, einem anderen überlassen könnte. Bei diesen Übungen nehme ich allezeit auf Zeit und Umstände Rücksicht, und suche die Zöglinge auf das Gute aufmerksam zu machen, was sie gerade jetzt aus Gottes Hand empfangen. cc) Anfänglich wird täglich aus meinem moralischen Elementarbuche ein Pensum gelesen, und darüber eine Unterredung angestellt, um dadurch Gefühl für Recht und Unrecht zu schärfen, und eine Menge Ideen zu entwickeln, die zu richtigen Einsichten in die Religionswahrheiten nötig sind. dd) Hierauf wird die biblische Geschichte, vorzüglich die Geschichte Jesu und seiner Apostel, vorgetragen, immer in der Absicht, um die Zöglinge mit dem wahren Sinne der Lehre Jesu bekannt zu machen. ee) Die nähere Erklärung, die jede Religionspartei von der Lehre Jesu macht, überlasse ich den Predigern jeder Religionspartei. Doch hüte ich mich sehr, daß ich nichts sage, wodurch die Zöglinge gegen irgend eine Religionspartei abgeneigt gemacht werden könnten. Darauf habe ich bei meinem Religionsunterricht in Dessau gehalten. Ich habe den Philanthropisten unparteiisch die Erklärungen vorgetragen, die jede Religionspartei von gewissen Stellen der Bibel gibt, ohne zu bestimmen, welche ich für die wahre hielt. Sie haben oft in mich gedrungen, ihnen zu sagen, welche Meinung ich annehme; ich habe sie aber allemal mit der Antwort zurückgewiesen, daß ich ihnen weder lutherische, noch reformierte, noch katholische Religion, sondern die Lehre Jesu vortrüge. Dabei möchten sie sich beruhigen, bis sie durch die Unterredungen mit dem Prediger ihrer Kirche bestimmt würden, eine von den gegebenen Erklärungen anzunehmen oder zu verwerfen. Ebenso gewissenhaft werde ich auch künftig bei dem Religionsunterrichte verfahren, so daß die Glieder aller Religionsparteien mir ihre Kinder anvertrauen können, ohne im geringsten besorgen zu dürfen, daß ich sie für mein Religionssystem einnehmen und sie gegen das ihrige abgeneigt machen werde. 3. Mittel zur moralischen Besserung. A. Belohnungen a) des Fleißes in der Erwerbung der Kenntnisse: aa) Beförderung zu höheren Klassen. Ich werde in jeder Wissenschaft und Sprache drei Hauptklassen machen und die Kenntnisse, die in jeder erworben werden müssen, genau bezeichnen, jedes halbe Jahr eine Prüfung anstellen und diejenigen, die die Prüfung aushalten, weiter befördern. Diese Beförderung wird allezeit mit einer Feierlichkeit verknüpft sein. bb) Die Beförderung zu Ämtern, die mit Besoldung verknüpft sind. Hiervon habe ich vorhin schon geredet. Ich werde stets auf Ämter sinnen, wo jede Art der erworbenen Kenntnisse brauchbar ist. So oft ein solches Amt vakant wird, werde ich einige Kandidaten zur Probe aufstellen, so daß das Amt dem zufällt, der sich als den geschicktesten legitimiert hat. cc) Die Annäherung zum Orden. Dies ist eine vom Dessauschen Institute entlehnte Idee, wie ich glaube, mit einiger Verbesserung. Da ich nicht voraussetzen kann, daß allen meinen Lesern die Verfassung des Dessauschen Instituts bekannt ist, so setze ich eine kurze Vorstellung davon hierher. α) Für jeden Beweis der Aufmerksamkeit und des Fleißes bekommt der Zögling von seinem Lehrer ein oder mehrere Billetts oder Zettel, auf welche gedruckt ist: Für Fleiß. β) Zu gewissen Zeiten wird Senat oder Versammlung der Lehrer gehalten, vor dem die Zöglinge erscheinen und ihre Billetts aufzeigen müssen. Diese werden sorgfältig in ein Buch notiert, und zugleich das bisherige Betragen jedes Zöglings öffentlich untersucht. γ) Es ist in einem Zimmer, das nur zu öffentlichen Versammlungen bestimmt ist, eine Tafel, die den Namen Meritentafel führt, aufgehängt, an welcher der Name jedes Zöglings geschrieben ist. δ) So oft ein Zögling sich fünfzig Billetts erworben hat, wird ein gelber Nagel bei seinem Namen eingeschlagen. ε) Wer sich fünfzig gelbe Nägel erworben hat, bekommt den Orden des Fleißes. Diese Einrichtung der Ordensverleihung ließ Salzmann später fallen. Dies alles behalte ich, doch mit dem Unterschiede bei, daß nur die Knaben Billetts bekommen, weil die Erfahrung gelehrt hat, daß sie für Jünglinge keinen Wert mehr haben, und daß der sogenannte Orden des Fleißes bei mir Versetzung in die Klasse der Jünglinge ist. Auch werde ich dahin sehen, daß der öffentliche Tadel mehr gedrohet als wirklich vollzogen werde. Wer einige Male öffentlichen Tadel ausgehalten hat, wird leicht gegen denselben unempfindlich. b) Des guten Verhaltens gegen Vorgesetzte, Mitschüler und andere Menschen. Ich mache wieder drei Hauptordnungen, die auch in Ansehung der Kleidung unterschieden sein werden. Die unterste besteht aus Kindern, die nach Befinden, obgleich äußerst sparsam und mit großen Vorbereitungen, mit der Rute bedroht werden, welche Drohung aber äußerst selten, bei vielen Kindern gar nicht wird vollzogen werden. Aus dieser Ordnung wird man versetzt, sobald man sich selbst binnen dreißig Minuten fertig anziehen, waschen und kämmen kann, nicht mehr bei jeder Kleinigkeit weint, nicht mehr naschhaft und den Vorgesetzten ungehorsam ist, gut schreiben und lesen kann. Die zweite Ordnung ist die Ordnung der Knaben. Sie hat Uniform, doch ohne Kragen. Sie wird nicht mehr mit der Rute bedroht. Der Übergang zu derselben geschieht so wie alle Beförderungen mit Feierlichkeit, in Gegenwart der ganzen Familie. Sobald ein Knabe gefällig ist, seine Pflichten erfüllt, ohne sich dazu treiben zu lassen, und für Fleiß fünfzig gelbe Nägel erhalten hat, ist er fähig, in die dritte Ordnung aufgenommen zu werden. Diese ist die Ordnung der Jünglinge. Sie bekommt Uniform mit Kragen und wird bei jeder Gelegenheit von den unteren Ordnungen unterschieden. Sie hat z. B. Zutritt zur Bibliothek, hat gewisse Stunden des Tags Freiheit, durch eigenes Lesen der Bücher, die ihr mit des Direktors Bewilligung gegeben worden sind, ihre Kenntnisse zu erweitern. Auch gibt diese Ordnung eine vorzügliche Anwartschaft zu öffentlichen Ämtern. c) Bestimmter, aufgetragener Arbeiten für andere, ist, wie gesagt, bare Bezahlung. Ich erinnere hierbei nochmals dieses, daß Arbeiten, die den Zöglingen von anderen übertragen werden, absichtlich gewählt, und weiter nichts als Gelegenheiten sind, sich mehrere Kenntnisse und Geschicklichkeiten zu erwerben und die bereits erworbenen anzuwenden. d) Der Wohltätigkeit und anderer Beweise der Menschenliebe ist keine Belohnung bestimmt. Denn sie brauchen weiter keine Belohnung, da das Bewußtsein, etwas für die Glückseligkeit anderer getan zu haben, schon großer Lohn ist, und durch positive Belohnungen dergleichen Handlungen ihren Wert ganz verlieren. B. Strafen a) Unordnung, Unreinlichkeit, nachlässige Verwaltung der Ämter werden mit Geld bestraft. Und das Unangenehme dieser Strafe wird deswegen desto stärker empfunden, weil die Zöglinge sich dieses Geld selbst erworben haben, und durch die Erlegung desselben in ihren kleinen Plänen gestört werden. b) Des Unfleißes. aa) Abziehung der Billetts. bb) Zurücksetzung bei Austeilung der Ämter. cc) Nachdrückliche Vorstellungen und Verweise. c) Der Bosheit und des vorsätzlichen Ungehorsams. aa) Bei Kindern einige Rutenhiebe, die ihnen ganz geheim nach vorhergegangener wehmütiger Ermahnung gegeben werden, mit dem Bedrohen einer öffentlichen Züchtigung auf den Fall, daß die Besserung nicht erfolge. Später hat Salzmann die körperliche Züchtigung ganz abgeschafft. bb) Bei Knaben. Der Verlust von einer großen Anzahl Billetts. cc) Bei Jünglingen erwarte ich so etwas nicht mehr. Falls aber, daß ja bisweilen dieser Fall eintreten sollte, so müßte er nach Befinden der Umstände mit Absetzung von einem Amte oder gar mit Degradierung zur Knabenklasse bestraft werden. Ich zweifle nicht, daß nicht noch bisweilen Fälle vorkommen, die andere Arten von Strafen notwendig machen. Da diese aber noch nicht da sind, auch nicht vorausgesehen werden können, so kann ich auch voraus keine Strafen dafür bestimmen. Ich werde aber stets Strafen sowohl als Belohnungen eine solche Gestalt zu geben suchen, daß sie aus guten oder schlechten Handlungen der Zöglinge natürlich zu entspringen scheinen. d) Gutes Exempel. Dies halte ich immer für das wirksamste Besserungsmittel der Kinder: Sie werden das, was ihre Gesellschafter sind. Deswegen werde ich mich nie mit Personen verbinden, die einen schlechten Charakter haben, und sie entfernen, wenn or in der Folge sichtbar werden sollte, vielmehr meine Gehilfen stets ermuntern, in ihrem Verhalten ein Muster der Ehrfurcht und des Vertrauens auf Gott, der Selbstbeherrschung, der Gefälligkeit, Ehrlichkeit und Tätigkeit, Ehrbarkeit und Sanftmut zu geben. 4. Anzahl der Zöglinge. a) Im ersten Jahre nicht über sechs. b) In den folgenden nicht leicht über zwölf. Eine lange Erfahrung hat mir die Schwierigkeiten gezeigt, eine größere Anzahl unter gehöriger Aufsicht zu halten, eines jeden Talente, Fehler und ganzen Charakter recht zu erforschen und demselben gemäß ihn zu behandeln. Es müßten ganz vorzüglich gute und glückliche Umstände eintreten, und Gott müßte mir einen Mann zuführen, auf den ich mich gänzlich verlassen könnte, wenn ich die Anzahl verdoppeln sollte. 5. Die Pension ist jährlich fünfzig Louisdor und vier Louisdor bei dem Antritte. Dafür schaffe ich jedem Zögling Wohnung, Bett, Kost, Aufwartung, Verpflegung in Krankheiten, Taschengeld und Unterricht, und ich kann mich auf keine außerordentlichen Ausgaben besinnen, die Eltern vorkommen könnten, als etwa die für Kleidungsstücke, Schreibmaterialien und Bücher. Die Herren Antipädagogen werden zwar schreien, daß doch die Erzieher bei allen ihren Unternehmungen ihr eigenes Interesse zur Absicht hätten. Ich schweige aber dazu und widerlege sie nicht, weil die Natur der Sache sie selbst widerlegt. Wer billig ist und überlegt, wieviel ich wohl gewagt, aufgewendet und gearbeitet haben mag, um als Privatmann meinen Plan durchzusetzen, der wird es wohl nicht unbillig finden, wenn ich darauf gedacht hätte, mir einige Schadloshaltung zu verschaffen, um mich in den Stand zu setzen, ein kummerloses Leben unter meinen Zöglingen, die ich immer als meine Kinder ansehen und behandeln werde, zu führen. Und wer ökonomisch berechnen kann, wieviel wohl erfordert werde, so viele Kinder zu erhalten, zu verpflegen, mit Taschengelde zu versorgen, unterrichten zu lassen, mit ihnen zu reisen usw., wird bald finden, daß wenig, vielleicht nichts für mich selbst übrigbleibe. 6. Die Zeit der Eröffnung des Instituts ist der Frühling des 1785sten Jahres. Dann wird alles da sein, was zur Ausführung meines Plans nötig ist, und der Frühling scheint mir überhaupt die Zeit zu sein, wo es sich am besten anfängt zu wirken. Ohne Rücksicht auf Stand und Verhältnisse werde ich diejenigen Kinder zuerst annehmen, die sich zuerst melden, und mein Register schließen, sobald die Zahl von sechsen voll ist. Aber, fragt man, wo sind denn die Lehrer und Maitres, die den Zöglingen Unterricht geben sollen? Diese sind freilich noch nicht vorhanden. Denn da ich gern wollte, daß meine Anstalt bestehen sollte, so glaubte ich, die Lehrer und Maitres dürften nicht eher angenommen werden, bis Zöglinge da wären, mit denen sie sich beschäftigen, und Einnahme, von der ihre Bemühung vergolten werden könnte. Ich habe bis jetzt nur einen, aber einen sehr treuen und tätigen Gehilfen an dem Herrn Kandidat Beutler, stehe aber noch mit verschiedenen erfahrenen und rechtschaffenen Erziehern in Unterhandlung, so daß ich immer Gehilfen erwarten darf, sobald ich sie nötig habe. Übrigens ist mein Vorsatz, ihrer so wenig als möglich anzunehmen. Denn die größten Wirkungen werden immer durch die einfachsten Mittel hervorgebracht. Eine große Anzahl von Lehrern und Maitres blendet zwar, erschwert und verhindert aber die Arbeiten. Jeder bringt seinen eigenen Kopf und seine eigenen Grundsätze mit, jeder will nach seinen eigenen Einsichten handeln. So wird die Harmonie im Unterrichte und der Erziehungsmethode gestört. Was einer gut macht, reißt der andere wieder ein. Bald darauf entstehen Mißverständnisse, Kabalen und Zänkereien, so daß diejenigen, die sich verbanden, einander die Arbeiten zu erleichtern, einander entgegenarbeiten und das Leben zu erschweren suchen. Ist's nun nicht besser, mit wenigen Gehilfen in Einigkeit und Frieden, ohne großes Geräusch, die Zöglinge zu dem Ziele zu leiten, das man sich vorgesteckt hat? Das ehemalige Campesche, nunmehrige Trappsche Erziehungsinstitut bei Hamburg beweist, wieviel man durch sehr einfache Mittel ausrichten kann. * Dies wäre also ein Schattenriß von dem Plane, dessen Ausführung ich den Rest meines Lebens geweiht habe. Der ihn mit Aufmerksamkeit liest, wird hier mehr Vollständigkeit, da mehr Bestimmtheit, dort mehr Ordnung verlangen. Es ist mir aber bei meiner gegenwärtigen Lage unmöglich gewesen, ihm einen höheren Grad von Vollkommenheit zu geben. Eine Menge neuer, mir ganz ungewohnter Geschäfte, die mir die Einrichtung meines Landguts, meiner Haushaltung und meines Baues notwendig machte, ließen mir nicht soviel Muße, auf die Ausarbeitung desselben die nötige Kraft zu verwenden. Unterdessen hoffe ich doch, daß man mir zugestehen wird, daß er durchdacht sei. Man wird freilich sagen, ich hätte die Ausarbeitung dieses Plans bis zu einer bequemeren Zeit sollen anstehen lassen. Allein ich habe eben jetzt mein vierzigstes Jahr, also das Jahrzehnt angetreten, in dem, meiner Meinung nach, der Mensch tun und zustande bringen muß, was er bei seinem Aufenthalte auf der Erde zu tun sich vorgenommen hat. Denn vor dem vierzigsten Jahre ist man insgemein noch zu rasch und hat nicht Erfahrung genug, und nach dem fünfzigsten fängt man schon an, zu bedächtlich und schwächlich zu werden. Wenn ich also noch ein Jahr mit der Ausfertigung meines Planes hätte warten wollen, so wäre mir der zehnte Teil meiner Wirkungszeit verstrichen, und dies ist keine Kleinigkeit. Daß mein Plan neu sei und noch in keiner Erziehungsanstalt zugrunde liegt, getraue ich mir so lange zu behaupten, bis man mich vom Gegenteile überzeugt. Ebenso gewiß ist mir seine Ausführbarkeit. Ob er gut, ob er der sei, nach welchem die Kinder am sichersten für die Welt gebildet, mit einer Menge in jedem Stande brauchbarer Kenntnisse versehen, in Ansehung aller ihrer Kräfte geübt, mit der Schatzkammer aller menschlichen Reichtümer, der Natur, bekannt gemacht, zur Arbeit, Ertragung der unvermeidlichen Beschwerlichkeiten, zur Mäßigung des Unwillens bei fehlgeschlagenen Wünschen gewöhnt, in Erwerbung, Berechnung und Erhaltung des Geldes geübt werden, mag der Leser beurteilen. Mir ist es so vorgekommen. Und eben deswegen getraue ich mir zu versprechen, daß ich Kinder für allerlei Stände erziehen will. »Vergessen Sie nicht«, schrieb mir der würdige Domherr von Rochow, als ich ihm meinen Entschluß meldete, »daß der Sohn des Großfürsten und der Sohn des Bauern, bis auf ein gewisses Alter, auf einerlei Art müssen geleitet werden!« Welcher Menschenkenner fühlt nicht die Wahrheit und das Gewicht dieses Ausspruchs! Und dieser Ausspruch bestätigt bei mir die Überzeugung, daß bis auf ein gewisses Alter, etwa bis zum sechzehnten Jahre, der künftige Kaufmann, Offizier und Gelehrte einerlei Unterricht genießen müssen. Gesund müssen wir alle sein, die Natur müssen wir alle kennen, richtig zu urteilen, brav und tätig zu sein ist uns allen nötig, Geographie, Geschichte, Mathematik, Physik, die französische Sprache und die Anfangsgründe der lateinischen müssen wir, falls wir nicht zum Pöbel gerechnet sein wollen, alle wissen, einen festen, agilen, geübten Körper müssen wir alle haben, mit dem Gelde müssen wir alle weislich umgehen, es erwerben, gut anwenden und es zu Rate halten können, wir mögen Gelehrte oder Offiziere oder Kaufleute sein. Die künftige Schule, in welche meine liehen Zöglinge bei ihrer Trennung von mir versetzt werden, gibt ihren Kräften, Fertigkeiten und Geschicklichkeiten die nähere Bestimmung, dem Gelehrten die Universität, dem Kaufmanne das Kontor, dem Offizier der Dienst. Meine Kraft werde ich freilich vorzüglich dahin richten, daß die mir anvertrauten Zöglinge ihre Tage bei mir in jugendlicher Unschuld und Fröhlichkeit leben und zu Jünglingen und Männern gebildet werden, die einst meines Alters Freude sind; ingleichen meiner Anstalt so viele innere Festigkeit zu geben, daß sie durch sich selbst ihre gnädigst zugestandene Unabhängigkeit behaupten und auch nach meiner Abreise von diesem Planeten fortdauern kann, länger oder kürzer, je nachdem meine Nachfolger mehr oder weniger tätig, brav und uneigennützig sind: unterdessen will ich doch, soviel ich kann, auch darauf denken, daß sie gemeinnütziger werde. Deswegen werde ich die Mittel, die ich zur Erreichung meiner Absichten anwende, immer einfacher und für Schulen anwendbarer zu machen suchen; deswegen habe ich auch schon die Verfügung getroffen, daß Kandidaten der Erziehungskunst, die meine Art der Erziehung und des Unterrichts erlernen wollen, bei mir Logis, Aufwartung und Kost gegen eine sehr billige Bezahlung haben können. Das ist's, was ich tun werde. Der glückliche Erfolg hängt von dem Segen des Allvaters ab, der dann am sichtbarsten ist, wenn man ohne Kabale und Gleisnerei, offen, treu und uneigennützig handelt. Anhang Beispiel einer Katechese Exempel der gewöhnlichen katechetischen Methode »Wir sind, mein lieber Fritz, stehengeblieben bei der Gefälligkeit. Was ist denn die Gefälligkeit?« Fritz stockt. Lehrer: »Besinne dich doch! Was ist denn die Gefälligkeit?« Fritz: »Wenn man gefällig ist.« L.: »Recht, wenn man gefällig ist. Wenn man gefällig ist, da hat man die Gefälligkeit. Aber was ist denn die Gefälligkeit selbst? Es ist eine Bemühung –« Fr.: »Es ist eine Bemühung –« L.: »Sich in allen billigen Dingen –« Fr.: »Sich in allen billigen Dingen –« L.: »Es ist eine Bemühung, sich in allen billigen Dingen nach anderer Willen zu richten. Was ist also die Gefälligkeit?« Fr.: »Es ist eine Bemühung, sich in allen Dingen –« L.: »Nicht in allen Dingen, in allen billigen Dingen nach anderer Menschen Willen zu richten. Noch einmal. Was ist die Gefälligkeit?« Fr.: »Sie ist eine Bemühung ...« L.: »Nach wessen seinem Willen muß man sich also richten?« Fr.: »Nach anderer Menschen Willen.« L.: »In allen Dingen?« Fr.: »Nein, in billigen Dingen.« L.: »Hat man Nutzen davon?« Fr.: »Ja.« L.: »Erwirbt man sich dadurch Freunde?« Fr.: »Ja.« L.: »Siehe also, was Gefälligkeit für eine schöne Tugend ist!« Exempel der anderen Methode L.: »Ei, wie so freundlich, mein Fritz? Es hat gewiß ein klein Geschenk gegeben.« Fr.: »Nein, wirklich nicht.« L.: »Nun, da ist doch wenigstens ein Sommervogel ausgekrochen. Ja. ja! ich denke, ich habe es erraten.« Fr.: »Ein Sommervogel? gewiß nicht, die Püppchen liegen noch alle in guter Ruhe.« L.: »Da möchte ich doch wirklich wissen, warum Fritz so vergnügt ist.« Fr.: »Ich will es Ihnen nur sagen; die Mutter hat mir erlaubt, diesen Abend bei Karln zu gehen.« L.: »Drum! ich dachte ja wohl, daß es so etwas sein müßte. Aber warum kommt denn Karl nicht zu dir? Du bist ja erst vor kurzem bei ihm gewesen.« Fr.: »Ja, er ist unpäßlich. Er darf nicht ausgehen.« L.: »Unpäßlich? der arme Karl! wenn er nur nicht etwa gar stirbt.« Fr.: »Warum denn nicht gar? Karl wird auch nicht sterben.« L.: »Der kleine Ludewig ist doch auch gestorben, das weißt du ja.« Fr.: »Ah! Machen Sie mir doch nicht Angst!« L.: »Ich will dir gar nicht Angst machen. Aber wenn nun Karl stürbe, was wolltest du wohl anfangen?« Fr.: »Er wird auch nicht sterben.« L.: »Wir wollen es nicht hoffen. Wenn er aber stürbe?« Fr.: »Da gäbe ich mich in meinem Leben nicht zufrieden.« L.: »Da würdest du wohl den ganzen Tag auf deiner Stube bleiben?« Fr.: »Das wäre mir unmöglich, da müßte ich bei den kleinen Alexander gehen.« (Das war der Satz, den ich haben wollte: der Mensch kann ohne Freund nicht recht glücklich sein.) L.: »Nun, da würdest du Karl bald vergessen.« Fr.: »In meinem Leben nicht.« L.: »Alexander ist doch ein guter Knabe.« Fr.: »Das ist wahr. Aber – Karl! Karl! In der ganzen Welt gefällt es mir nicht so wie bei ihm.« L.: »Da möchte ich doch nur wissen, warum es dir bei Karl ebenso gefiele.« Fr.: »Ja, Karl hat hübsche Spielsachen. Wenn Sie es nur sehen sollten! Eine ganze Schachtel voll bleierne Soldaten – ein Damenbrett – eine Armbrust – ein –« L.: »Der arme Alexander! warum kauft ihm doch sein Vater nicht auch solches Spielwerk?« Fr.: »Er hat des Zeuges genug. Er hat noch mehr als Karl.« L.: »Da hast du also Karl wohl seines Spielwerkes wegen nicht lieb?« Fr.: »Freilich.« L.: »Und warum hängst du denn so an ihm?« Fr.: »Ich weiß es selber nicht. Vielleicht, weil er mir allemal etwas Gutes vorsetzt.« L.: »Das tut aber Alexander wohl auch?« Fr.: »Das ist wahr. Er brachte mir letzthin einen ganzen Teller voll Feigen. So etwas Delikates habe ich bei Karl nicht bekommen.« L.: »Und bist ihm doch so gut?« Fr.: »Ach, es ist ein gar guter Junge. Wenn ich zu ihm komme, so läuft er mir entgegen und fragt: Nun, mein lieber Fritze, was wollen wir denn spielen? im Damenbrette? kegeln? nach dem Vogel schießen? sag nur, was du am liebsten spielst!« L.: »Tut denn das Alexander nicht?« Fr.: »Ach der! der will, ich soll allemal mit ihm im Damenbrette spielen. Und wenn ich das nicht tue, so hängt er das Maul.« (Nun sind wir auf den Fleck gekommen.) L.: »Nach wessen Willen richtet sich Karl, nach seinem oder deinem Willen?« Fr.: »Nach meinem Willen.« L.: »Wann macht man sich also beliebt, wenn man seinem eigenen Kopfe in allen Stücken folgt, oder wenn man sich nach anderer Willen richtet?« Fr.: »Wenn man sich nach anderer Willen richtet.« (Wieder ein Satz.) L.: »Das ist Gefälligkeit, mein lieber Fritze, wenn man sich bemüht, sich nach anderer Willen zu richten. Ist das nun wohl etwas Gutes?« Fr.: »Ei freilich.« L.: »Wozu nützt es denn?« Fr.: »Man macht sich dadurch bei anderen beliebt.« (Wieder einen Schritt näher!) L.: »Also wird sich Fritz künftig wohl bemühen, sich nach anderer Willen zu richten?« Fr.: »Ja, das will ich wirklich tun.« L.: »Aber, wie kam es denn, daß Alexander ohnlängst so böse von dir ging?« Fr.: »Ei, er wollte mich bereden, ich sollte von meiner Mutter Weinstöcken Trauben abschneiden und ihm geben, das wollte ich nicht tun.« L.: »Und gestern war er ja auch mißvergnügt.« Fr.: »Freilich! denken Sie nur, er verlangte, ich sollte ihm den kleinen Atlas schenken, den mir meine Mutter gekauft hat.« L.: »Und warum hast du ihm denn nicht ein paar Trauben abgeschnitten?« Fr.: »Das wäre ja unrecht gewesen. Da hätte ich ja gestohlen.« L.: »Aber den Atlas hättest du ihm ja geben können. Der gehörte dir ja zu.« Fr.: »Woraus hätte ich denn die Geographie lernen sollen?« L.: »Du hast recht getan. Worin muß man sich denn also nach anderer Willen richten? In billigen oder unbilligen Dingen?« Fr.: »In billigen Dingen.« * Noch einige Fragen – und Fritze hat auch den Begriff von Billigkeit. Ich breche aber hier ab, um des Raumes zu schonen, und überlasse es jedem prüfenden Leser zur eigenen Überlegung, welche von beiden Methoden den Vorzug habe. Aber von dieser Methode Gebrauch zu machen, ist mit vielen Schwierigkeiten verknüpft. Und dies ist wohl die Ursache, warum man bei dem Unterrichte in Schulen so wenige Spuren davon bemerkt. Ich fühle mich zu schwach, alle die Schwierigkeiten wegzuräumen; aber doch wage ich es, einige Vorschläge zu tun, die dieselben wenigstens vermindern können. 1. Der Lehrer muß notwendig die Kunst besitzen, sich das völlige Zutrauen seiner Lehrlinge zu erwerben ... Er muß es so weit zu bringen suchen, daß die Kinder mit ihm von ihren bleiernen Soldaten, ihren Kegeln, Damenbrette, Armbrust u. dgl. sich ebenso offenherzig wie mit ihresgleichen besprechen. 2. Man muß sich an die Kindersprache gewöhnen und nach und nach lernen, sich über die wichtigsten Gegenstände ebenso sinnlich wie über ein Geschäft, das aus dem Kreise der kindlichen Wirksamkeit herausgenommen ist, zu besprechen. 3. Man muß das große Talent sich zu erwerben suchen, mit seinen Gedanken immer gegenwärtig zu sein, so, daß man seinen Plan, nach dem man handeln will, immer übersehen, immer neue Vorteile, den verlangten Satz abzulocken, erfinden und jede erteilte Antwort benutzen kann. Wer dieses Talent sich nicht erwerben kann und mit seinen Gedanken immer auswärts ist, der kann ein würdiger brauchbarer Mann, kann ein Genie sein, aber zum sokratischen Unterrichte hat er keine Fähigkeit. 4. Man darf nie ohne Vorbereitung in den Kreis seiner Lehrlinge treten. Man muß zuvor den Plan entwerfen, nach dem man ihnen beikommen will. Man muß sich mit ihrer ganzen Lage, mit ihrer ganzen Geschichte wohl bekannt machen, um in derselben immer den Stoff zur Unterredung zu finden. Denn wenn der Lehrmeister mit Fritzens Zuneigung gegen Karl unbekannt ist, wenn er Karls Charakter nicht kennt, so kann er unmöglich mit Fritzen das vorhin gesetzte Gespräch anstellen. 5. Vorzüglich muß man erst in seinen Gedanken den Punkt festsetzen, von dem man ausgehen und das Gespräch anfangen will. In voriger Unterredung nahm der Lehrer von dem Abendbesuche, den sein Zögling abstatten sollte, Gelegenheit, ein Gespräch anzufangen. Ein aufmerksamer Lehrer kann immer ähnliche Begebenheiten finden, von welchen er zur Unterredung Veranlassung nimmt und den Schüler dahin bringt, wohin er ihn haben will. Eine merkwürdige Begebenheit, die sich in der Stadt zugetragen hat, ein neuer Auftritt in der Natur, ein kleiner Vorfall, der sich bei einem seiner Schüler zugetragen hat, eine Geschichte, die ihm wie von ungefähr beifällt, ein biblischer Spruch – dies sind ja lauter Dinge, die benutzt werden und zu vertrauten Unterredungen reichen Stoff geben können. 6. Man muß lernen, auch die ungeschickteste Antwort zu benutzen und durch Vorlegung neuer Fragen dem Kinde zur Erkenntnis seines Irrtums zu verhelfen. Denn wenn man bei jeder ungeschicklichen Antwort dem Kinde bittere Verweise gibt, so wird es scheu und redet nicht mehr nach seiner Empfindung. Die Schriften Salzmanns 1778 Unterhaltungen für Kinder und Kinderfreunde. 1778 Predigten für Hypochondristen. 1779 Beiträge zur Aufklärung des menschlichen Verstandes in (9) Predigten. 1780 Über die wirksamsten Mittel, Kindern Religion beizubringen. – Krebsbüchlein oder Anweisung zu einer unvernünftigen Erziehung der Kinder. 1781/83 Gottesverehrungen. 1782/83 Moralisches Elementarbuch. 1783 Carl von Carlsberg oder über das menschliche Elend. 1784 Noch etwas über Erziehung. 1785/87 Über die heimlichen Sünden der Jugend. 1787 Nachrichten aus Schnepfenthal für Eltern und Erzieher. 1789/90 Über die Erlösung des Menschen vom Elende durch Jesum. 1791 Pädagogische Bedenken über eine Schrift des H. Hofrat Faust. – Constants curiose Lebensgeschichte. 1792/94 Christliche Hauspostelle. 1796 Konrad Kiefer oder Anweisung zu einer vernünftigen Erziehung der Kinder. 1797 Der Himmel auf Erden. 1799 Reisen der Zöglinge zu Schnepfenthal. 1801 Taschenbuch zur Beförderung der Vaterlandsliebe. 1804 Heinrich Gottschalk. 1805 Die Familie Ehrenfried. 1806 Ameisenbüchlein oder Anweisung zu einer vernünftigen Erziehung der Erzieher. 1808 Über die Erziehungsanstalt zu Schnepfenthal. 1810 Joseph Schwarzmantel.