Walter Scott Redgauntlet Uebersetzt von Dr. Karl Weil.   Ich folge dir, o Meister, nur voran, Dir bin ich bis zum Tod getreulich zugethan! (Wie's Euch gefällt.)«   Leipzig. Verlag von Carl Zieger. Walter Scott's sämmtliche Werke, neu übersetzt von Dr. Herrmann, Fr. Richter, Fr. Funck, Oelckers, Dr. E. Susemihl, Dr. Carl Andrä, M. Sauerwein und Andern. Zweiundzwanzigster Band. Erster Brief. Darsie Latimer an Allan Fairfort. Dumfries... Cur me exanimas querelis tuis? zu deutsch: warum betäubst du mich mit deinen Zänkereien? Hallt doch noch immer in meinen Ohren der betrübende Ton wieder, mit welchem du zu Noble-House Abschied von mir nahmst, dein elendes Gäulchen bestiegst, um zurückzukehren zur Sklaverei der Jurisprudenz. Er schien mir sagen zu wollen: »O du glückliches Thier! du kannst nach Herzenslust über Berg und Thal laufen, kannst jeden neuen Gegenstand, der sich deiner Neugierde darbietet, verfolgen, und die Jagd aufgeben, wenn sie das Interesse verliert; und ich – ich, älter und besser als du, ich muß in der Blüthezeit zurückkehren in meine enge Stube, zu meinen staubigen Büchern.« Das war wohl so ziemlich der Inhalt der Betrachtungen, mit welchen du die Abschiedsflasche verbittertest, und so muß ich nothwendiger Weise die melancholischen Ausdrücke deines Lebewohls erklären. Aber warum muß es denn so sein, Allan? warum um alle Welt kannst du mir in diesem Augenblick in eben dieser behaglichen Das Wort comfortable gebraucht der Engländer sehr oft von einem Zustande behaglicher Bequemlichkeit, die er über Alles liebt. Sollte dem geehrten Leser allenfalls der Studentenausdruck: pomadig bekannt sein, so kennt er genau den Sinn des Wortes. Anmerk. d. Uebers. Herberge zum Ritter St. Georg nicht gerade gegenüber sitzen, die Füße an der Kaminthüre, in Gedanken vertieft, indem du deine juristischen Augenbraunen wie eine Päoni zusammenziehst? Warum kann ich endlich, wenn ich dieses Glas mit Wein fülle, es nicht gegen das deinige anstoßen und sagen: »Fairford, ich trinke dir vor!« Warum kann das Alles nur darum nicht sein, weil Allan Fairford nicht den wahren Freundschaftssinn gegen Darsie Latimer hegt, und meine Börse nicht wie meine Empfindungen theilen will? Ich stehe allein da in der Welt; mein einziger Versorger schreibt mir von einem großen Vermögen, welches mir eingehändigt werden soll, wenn ich das 25ste Jahr völlig erreicht habe; mein gegenwärtiges Einkommen ist, du weißt es wohl, mehr als hinreichend für alle meine Bedürfnisse; und dennoch beraubst du, Verräther an der Sache der Freundschaft, mich des Vergnügens deiner Gesellschaft, und unterwirfst dich lieber, damit mich nur meine Reise nicht einige Guineen mehr koste, deine Selbstüberwindung ganz abgerechnet. Sage, geschieht das aus Schonung für meine Börse, oder ist es ein Tribut, deinem Stolze dargebracht? Aber ist es nicht gleich abgeschmackt und unvernünftig, es komme nun, aus welcher Quelle es auch sei. Was mich betrifft, so habe ich dir ja schon gesagt, daß ich mehr als genug für uns Beide habe, und haben werde. Eben dieser pünktliche Mr. Samuel Griffiths in der Ironmonger-Gasse in Guildhall zu London, dessen Briefe eben so sicher wie das Quartal ankommen, hat mir, wie ich dir sagte, auf meinen 21sten Geburtstag die doppelte Summe geschickt, und hat mich nach seiner lakonischen Weise dabei versichert, daß sie die zukünftigen Jahre noch verdoppelt werden würde, und zwar so lange, bis ich die Verwaltung meines eigenen Vermögens übernehmen kann. Bis zu meinem zurückgelegten 25sten Jahre soll ich es vermeiden, Englands Boden zu betreten, und er empfiehlt mir an, alle Nachforschung, meine Familie und meine Verhältnisse betreffend, für jetzt noch zu unterlassen. Erinnerte ich mich nicht meiner armen Mutter in ihrem traurigen Wittwengewande, mit einer Miene, die nie lächelte, sie müßte denn mich angeblickt haben – und selbst dann düster und trübe, gleich der Sonne, wenn sie durch Aprilwolken scheint; entfernte nicht ihr mildes matronenartiges Angesicht und ihre Gestalt solch einen Verdacht, so würde ich mich für den Sohn eines Directors der indischen Compagnie oder irgend eines reichen Bürgers halten, der mehr Reichthum als Grazie besaß, und eine kleine Dosis Scheinheiligkeit obendrein, und der Jemanden, dessen Dasein ihn beschämt, heimlich erziehen und bereichern will. Aber wie gesagt, ich denke an meine Mutter, und bin eben so sehr überzeugt, daß auch nicht der leiseste Gedanke an Schande aus einer Sache entstehen kann, worin sie verwickelt ist, wie ich es vom Dasein meiner Seele bin. Indessen bin ich wohlhabend, bin allein, was kann nun meinen einzigen Freund zurückhalten, meinen Wohlstand zu theilen?« Bist du denn nicht mein einziger Freund?« Hast du dir denn nicht ein Recht erworben, meinen Wohlstand zu theilen? Beantworte mir das, mein Allan. Als ich von der stillen Einsamkeit der Wohnung meiner Mutter in den Tumult der Classe auf die hohe Schule kam – als ich meines englischen Accentes wegen – als ein englisches Schwein mit Schneeballen geworfen – als ein sächsischer Pudding in der Rinne herum gewälzt ward, wer war da mit kräftigen Gründen und noch kräftigeren Stößen mein Beschützer – wer als Allan Fairford? Wer prügelte mich aber auch wacker durch, wenn ich in unserer kleinen Republik die Anmaßung eines einzigen Sohnes, und späterhin die eines verzogenen Buben durchsetzen wollte? wer anders als Allan? Wer lehrte mich den Ball schlagen, den Drachen steigen zu lassen, auf dem Eise schleifen? wieder mein Allan. Bin ich der Stolz des Schulhofes und der Schrecken der Trödler in den Gängen der hohen Schule geworden, so geschah es unter deinem Schutz; ja deinetwegen hätte ich mich selbst begnügt, durch die Wälle des Kuhthors zu gehen, ohne auf die Anhöhen zu klettern, hätte selbst Kittle nine-sleps Ein enger Weg am Felsen des Castells, wo es nur einer Ziege oder einem Schulbuben möglich ist, zu gehen, ohne in den Abgrund zu stürzen. nie näher als von Bareford's Park aus gesehen. Du lehrtest mich, meine Finger fern von dem Schwachen zu halten, aber meine Faust gegen den Starken zu ballen – lehrtest mich nicht aus der Schule zu schwatzen – da zu stehen, wie ein wahrer Mann – dem strengen Befehl des Pande manum gehorchend, meine Schläge ohne Klage zu ertragen, gleich einem, der entschlossen ist, sich deßwegen nicht zu bessern. In einem Worte, ehe ich dich kannte, kannte ich nichts. Im College war es eben so. War ich so träge, daß kein Lehrer mich bessern konnte, dein Beispiel, deine Aufmunterungen spornten mich zu geistigen Uebungen an, zeigten mir den Weg zu geistigen Genüssen. Du machtest einen Geschichtsforscher, einen Metaphysiker aus mir (invita Minerva) – ja, beim Himmel, du hättest fast einen Advokaten aus mir gemacht, weil du es bist. Um mich nur nicht von dir zu trennen, habe ich lieber ein langweiliges Semester in dem College über das schottische Landrecht, und ein noch langweiligeres in dem über das bürgerliche Recht zugebracht; und kann mein noch vorhandenes Heft, angefüllt mit Carricaturen von Professoren und Studenten, mir nicht noch jetzt bezeugen, mit welchem Nutzen ich sie hörte? »So war ich stets mit ganzer Seel' dir nah',« und das, in Wahrheit, blos um denselben Weg mit dir gehen zu können. Aber es geht wirklich nicht, mein Allan. Ich hätte eben so viel Neigung, einer der geschäftigen Krämer in den Hallen des Parlamentes zu werden, welche den kleinen Knaben Kreisel, Bälle, Stöcke und hölzerne Degen verkaufen, als ein Mitglied der langröckigen Brüderschaft im Innern, welche den Land-Edelleuten mit ihren gestickten Mänteln imponiren. Aber ich bitte dich, lese es ja deinem Vater nicht vor, Allan, denn so viel ich weiß, mag er mich Samstag Abends wohl leiden; aber in den übrigen Wochentagen hält er mich für keine sonderlich empfehlenswerthe Gesellschaft; und darin liegt, glaube ich, auch der wahre Grund, warum du es ausschlägst, bei diesem köstlichen Wetter einen Streifzug mit mir durch die südlichen Grafschaften zu machen. Ich glaube, der gute Mann denkt übel von mir, daß ich so unruhigen Geistes bin, Edinburg zu verlassen, ehe noch die Gerichtssitzungen geschlossen worden sind, vielleicht ärgert ihn auch, nicht zwar mein Mangel an Ahnen, sondern mein Mangel an Bekanntschaften. Er hält mich für ein verlassenes Geschöpf, Allan, und wirklich bin ich es auch, weil ich keinen Antheil vom gemeinen Wesen fordern kann, so scheint ihm das ein hinlänglicher Grund zu sein, daß du meinen Umgang meiden solltest. Glaube aber nicht, daß ich vergesse, was ich ihm schuldig bin dafür, daß er mich vier Jahre lang unter seinem Dache beherbergte; liebt er mich nicht, so muß meine Dankbarkeit dafür um so viel größer gegen ihn sein. Er ist noch überdieß böse darüber, daß ich kein Jurist werden will oder kann, und betrachtet mich also in Bezug auf dich als ein pessimi exempli, wie er sich ausdrücken würde. Aber er braucht wahrlich nicht zu fürchten, daß ein junger Mann mit deiner Ausdauer sich von einem vom Wind bewegten Rohr influenciren lassen würde. Du wirst deinen Gang fortgehn, mit Dirleton zweifeln, mit Steward diese Zweifel lösen, bis endlich von der Ecke der Bank more solito mit bedecktem Haupte die pathetische Rede gehalten werden wird – bis du geschworen hast, die Freiheiten und Privilegien des Justizcollegii aufrecht zu erhalten – bis der schwarze Mantel um deine Schultern gehängt wird, und du so gut wie einer aus der hochehrwürdigen Facultät, die Erlaubniß hast, anzuklagen und zu vertheidigen. Dann aber will ich vortreten, Allan, und zwar mit einem Charakter, den selbst dein Vater nützlicher für dich halten wird, als hätte ich den glänzenden Beschluß deiner Rechtsstudien getheilt. In einem Worte, kann ich auch kein Consulent sein, so will ich doch ein Client werden, und zwar eine solche Person, ohne welche der Proceß so langweilig wäre wie eine aufgestellte Rechtsfrage. Ja, ich bin entschlossen, dir die ersten Sporteln zu lösen zu geben. Man kann, ich bin es überzeugt, leicht in einen Rechtsstreit gerathen, nur müßte man darauf denken, ihn ein wenig verwickelt zu machen. Dann sollen schon einige Sessionen meine Geduld nicht ermüden, habe ich nur deinen lieben Vater zum Sachverwalter, dich zu meinem rechtsgelehrten Consulenten, und den ehrwürdigen Mr. Samuel Griffith im Rückhalt. Kurz und gut, ich werde wohl schon Eingang in das Gericht bekommen, sollte es mich auch die Mühe kosten, ein delict oder wenigstens ein quasi delict zu begehen. Du siehst, daß nicht alles an mir verloren ging, was Erskine schrieb und Wallace lehrte. So weit hätte ich nun gescherzt, doch, Allan, ist mir innerlich nicht wohl. Ich fühle schmerzlich, daß ich allein da stehe, und diese Einsamkeit ist mir um so viel drückender, da sie nur mir allein eigen ist. In einem Lande, wo Jederman einen Cirkel von Blutsverwandten hat, der sich bis auf den sechsten Grad erstreckt, bin ich ein einsames Individuum, das nur ein theures Herz besitzt, das gleich schlägt mit dem seinigen. Müßte ich mein Brod verdienen, ich würde, glaube ich, diese mir eigene Art von Entbehrung weniger fühlen. Die nothwendigen Verbindungen zwischen Herrn und Diener würden wenigstens einen Knoten knüpfen, der mich dem übrigen menschlichen Geschlechte näher brächte – doch wie es jetzt ist, scheint meine Unabhängigkeit selbst die Eigenheit meiner Lage zu vergrößern. Ich bin wie ein Fremder in einem besuchten Kaffeehause, er kommt, verlangt irgend eine Erfrischung, zahlt seine Rechnung, und wird vergessen, sobald der Aufwärter: »Ich danke Ihnen, mein Herr,« sagt. Ich weiß, dein guter Vater nennt das eine Sünde gegen die Dankbarkeit und fragt: wie es mir wohl zu Muthe sein würde, wenn ich, statt daß ich jetzt meine Rechnungen wegwerfen kann, die Rache des Wirthes ertragen müßte, wenn ich sie nicht zahlen könnte. Ich weiß nicht, wie es ist; aber obschon diese ganz richtige Bemerkung meine Gedanken durchkreuzt, obschon ich gestehen muß, daß 400 Pfund jährliches Einkommen jetzt, 800 in Zukunft und Gott weiß, wie viel Hundert noch künftig eine ganz hübsche und annehmliche Sache sind, so gäbe ich doch gerne die Hälfte dieser Summe darum, deinen Vater Vater nennen zu können, sollte er mich auch stündlich meiner Trägheit wegen zanken, und dich, mein Allan, meinen Bruder , wenn auch die Verdienste dieses Bruders die meinigen gänzlich verdunkeln würden. Oft kömmt mir der schwache, unwahrscheinliche Gedanke ein, daß dein Vater mehr von meiner Geburt und von meinen Verhältnissen weiß, als er sagen will; es ist doch höchst unwahrscheinlich, daß man mich in einem Alter von 6 Jahren in Edinburg gelassen habe, ohne andere Empfehlung, als die regelmäßige Zahlung meines Kostgeldes an den alten M. in der hohen Schule. Von dem, was früher geschah, erinnerte ich mich nur, wie ich dir schon sagte, einer unbegrenzten Nachsicht von Seite meiner Mutter und der tyrannischsten Ausübung meiner Launen von der meinigen. Ich erinnere mich immer noch, wie bitterlich sie seufzte, wie vergebens sie mich zu besänftigen suchte, wenn ich mit aller Energie des Despotismus wie zehn Kälber um eine Sache schrie, die man mir unmöglich verschaffen konnte. Sie ist dahin, die liebende, schlecht belohnte Mutter. Ich erinnere mich der langen Gesichter – der finsteren Stube – der schwarzen Umhänge – des geheimnißvollen Eindrucks, den die Trauer und Leichenwagen aus mein Gemüth machten und wie schwer es mir ward, das Alles mit dem Verschwinden meiner Mutter zusammenzureimen. Ich wüßte nicht, daß ich vor dieser Begebenheit eine Idee vom Tode gehabt hätte, oder daß ich nur von dem nothwendigen Ende aller lebenden Geschöpfe hätte reden hören. Die erste Bekanntschaft, die ich mit ihr machte, beraubte mich meiner einzigen Verwandten. Ein Geistlicher von ehrwürdigem Ansehen, der einzige Mensch, der uns besuchte, war mein Führer auf einer ziemlich großen Reise; unter der Aufsicht eines andern ältlichen Mannes, der seine Stelle einnahm, vollendete ich meine Reise nach Schottland, doch weiß ich weder wie , noch wie so – und das ist Alles, dessen ich mich erinnere. Ich wiederhole diese kleine Geschichte jetzt, so wie ich es früher schon hundert Mal that, nur um einen Zusammenhang darin zu finden. Wende also deinen scharfen, weitsehenden Juristen-Verstand auf denselben Gegenstand – bearbeite meine Geschichte, als protocollirtest du das tölpelicht ausgedrückte Zeugniß eines blau-bemützten, hartköpfigen Clienten in einer Auseinandersetzung der Facta und Umstände, dann sollst du, nicht mein Apollo – quid tibi cum lyra? – sondern mein Lord Stair sein. Unterdessen habe ich mich aus meiner üblen Laune herausgeschrieben blos dadurch, daß ich darüber brütete, und nun will ich mich eine halbe Stunde mit dem Roan Robin im Stalle unterhalten. Der Bursche kennt mich schon und wiehert, sobald ich nur den Fuß auf die Schwelle des Stalles setze. Der Rappe, den du gestern morgen rittst, verspricht ein vortrefflicher Renner zu werden, jetzt trabt er eben so leicht mit Sam und dem Felleisen, wie mit dir und deiner Last Rechtsgelehrsamkeit. Weil sich in meinen Gedanken Alles um die Axe des großen Geheimnisses meiner Geburt dreht; so will ich dir in's Gedächtniß zurückrufen, was mir einmal dein Vater sagte, als er mich mit Sam in vertrautem Gespräch überraschte. »Es ziemt Ihres Vaters Sohn nicht, so vertraut mit Sams Vaters Sohn zu sprechen.« Ich frug dich, was wohl dein Vater möglicher Weise von dem meinigen wissen könnte; und du antwortetest: »Ich denke, er weiß so viel von deinem Vater, als er von Sams Vater weiß, es ist so ein sprichwörtlicher Ausdruck.« Das genügte mir nicht, ob ich gleich nicht weiß, warum. Aber ich komme auf einen fruchtlosen und erschöpften Gegenstand zurück. Fürchte nicht, daß ich wieder auf dieses oft betretene und doch bahnlose Feld von Vermuthungen zurückkommen möchte. Ich kenne nichts nutzloseres, faderes und verächtlicheres, als das Ohr des Freundes mit nichtigen Klagen zu erfüllen. Ich will dir gern versprechen, daß meine Briefe eben so unterhaltend, als regelmäßig und von gehöriger Länge sein sollen. Wir haben einen bedeutenden Vortheil voraus, vor jeglichem Paare der Freunde in den Tagen der Vorzeit. Weder David und Jonathan, weder Orestes und Pylades, noch Damon und Pythias – ob zwar besonders den letzteren ein Brief durch die Post gewiß recht angenehm gewesen sein müßte – correspondirten je zusammen; wahrscheinlich konnten sie nicht schreiben, Ei, ei, Mr. Darsie Latimer, soll wohl der große Psalmendichter nicht schreiben gekonnt haben? Schrieb er z. B. nicht den Brief des Urias? Anm. des Uebers. und gewiß hatten sie weder Post- noch Freischein, sich gegenseitig ihre Herzensergießungen mitzutheilen. Da hingegen du, wenn du den Freibrief des alten Pairs schonsam benutzest, vorsichtig öffnest und mir zurückschickst, uns während meiner vorhandenen Reise ganz von Sr. Majestät Post-Porto befreien kannst. Gott sei uns gnädig, Allan, was für Briefe werde ich dir nicht mit Berichten von allen den Dingen schicken müssen, die ich auf meinem wilden Streifzuge sammeln kann, sie seien nun annehmlich oder selten. Alles, was ich mir bedinge, ist, daß du sie dem Schottischen Magazin nicht mittheilst; denn obgleich du mir über meine Fortschritte in den höhern Zweigen der Literatur Complimente machst, dabei aber verblümt zu verstehen gibst, es geschehe auf Kosten meines Studiums der Rechtsgelehrsamkeit, so bin ich doch nicht kühn genug, in die Pforte eingehen zu wollen, welche der gelehrte Ruddinam so gütig den Zöglingen der Musen öffnet. Vale, sis memor mei. D. L. P. S. Adressire deine Briefe an das Postamt hier. Ich werde es so anordnen, daß man mir sie nachschicken wird. Zweiter Brief Allan Fairfort an Darsie Latimer Negatur, mein theurer Darsie – du hast ja Logik und Jus genug studirt, um das Wort der Verneinung zu verstehen. Ich greife deinen Schluß an, obschon ich die Prämice annehme. Daß ich nämlich, als ich den höllischen Gaul ritt, wohl so etwas Seufzerähnliches ausgestoßen haben mag, obgleich ich glaubte, es müßte sich unter dem Schnauben und Schnarchen des windbrüchigen Viehes verloren haben, das mag sein. Uebrigens mag wohl das Thier einzig in seiner Art sein, denn an Gebrechen aller Art gleicht ihm vielleicht nur des armen Mannes Karrengaul, der da starb, gepriesen im Gesange: »Eine Meile weit von Dundee.« Aber glaube mir, Darsie, der Seufzer, welcher mir entschlüpfte, galt mehr dir als mir, und betraf weder dein vorzüglicheres Reitpferd, noch deine besser versehene Reisebörse. Ich hätte freilich ein paar Tage fröhlich mit dir im Lande herumstreichen können; und ich versichere dich, daß ich keinen Augenblick gezögert hätte, deinen wohlversehenen Geldbeutel für unsere gemeinschaftlichen Reisekosten in Anspruch zu nehmen. Aber du weißt, daß mein Vater jeden, dem Rechtsstudium entzogenen Augenblick als einen Schritt rückwärts betrachtet, und ich verdanke dieser seiner Aengstlichkeit gar viel, obgleich sie manches Mal lästig ist. Zum Beispiel: Ich fand bei meiner Zurückkunft an dem Laden in Brown's Square, daß der alte Herr zurückgekommen sei, beunruhigt, eine Nacht außerhalb des Schutzes seiner häuslichen Laren zuzubringen. Da ich von Jakob, dessen Augen ein Ungewitter verkündeten, diese Nachricht erhielt, schickte ich sogleich einen hochländischen Lohnbedienten mit meinem Bucephalus in den Stall, schlich mich so geräuschlos als möglich in meine kleine Zelle, und fing an, über eine halb begriffene und halb verdaute Lehre unseres Municipal-Codex zu brummen. Ich saß noch nicht lange, als das Gesicht meines Vaters fast lauschend durch die halboffene Thüre sichtbar ward: als er meine Beschäftigung sah, zog er es mit einem halb-artikulirten »hm«, welches einen Zweifel in meinen Fleiß zu setzen schien, wieder zurück. Hatte es auch diese Bedeutung, so kann ich ihm doch nicht Unrecht geben; denn die Rückerinnerung an dich hatte eine Stunde lang meine Seele so ganz ergriffen, daß, ob zwar Stairs Stair, ein berühmter schottischer Jurist. Anm. des Uebers. Werke vor mir lagen, und ich zwei oder drei Blätter umwandte, der Sinn mir doch gänzlich entschlüpfte, wenn schon seine Herrlichkeit einen klaren und deutschen Styl schreibt; so daß ich die Demüthigung ertragen mußte, zu finden, daß meine Arbeit völlig nutzlos war. Ich war mit meinem Laviren, um den rechten Wind zu treffen, noch nicht fertig, als Jakob mir schon das frugale Abendessen ankündigte. Da standen Radieschen, Käse und eine Flasche alter Ale's, ferner nur zwei Gedecke; auch hatte der aufmerksame Jakob Wilkinson keinen Stuhl für M. Darsie hingestellt. Besagter Jakob, mit einem langen Gesichte, seinen herunterhängenden Haaren, seinem langen mit Leder umwundenen Zopfe, stand, wie gewöhnlich, hinter meines Vaters Stuhl, kerzengrade wie eine hölzerne Schildwache vor einem Marionetten-Theater. »Du kannst gehen,« sagte mein Vater, und Wilkinson ging. Jetzt dachte ich, was wird wohl nun kommen? dennoch hat sich das drohende Ungewitter nicht am Horizont der väterlichen Stirn verzogen. Seine mißvergnügten Blicke trafen zuerst meine Stiefeln und er frug mich, mit spöttischem Lächeln, wohin ich denn geritten wäre. Er erwartete, daß ich »nirgends« antworten würde, und dann hätte er sich über meine Laune, in Schuhen, von welchen das Paar zwanzig Schilling kostet, spazieren zu gehen, lustig gemacht. Aber ich antwortete ruhig, ich wäre zum Mittagessen bis nach Noble-House geritten. Er starrte mich an (du kennst ja seine Art), als hätte ich gesagt, ich hätte zu Jericho gespeist; und da ich mich stellte, als bemerkte ich sein Erstaunen nicht, sondern in Gemüthsruhe mein Radieschen weiter kaute, so fuhr er zornig auf. »In Noble-House, Sir? und was hattest du zu Noble-House zu thun, Sir? Denkst du nicht daran, daß du Jurisprudenz studirst, Sir? – daß die Prüfung im Schottischen Landrecht herannaht, Sir? – daß im gegenwärtigen Augenblick eine jede Minute mehr werth ist, als ganze Studien zu anderen Zeiten? – Und du, Sir, hast Muße, nach Noble-House zu gehen, und deine Bücher so lange zu verlassen? Ja, wäre es noch ein Spaziergang in den Wiesen, oder selbst ein Golf-Spiel Eine Art Ballspiel. Anm. des Uebers. gewesen – aber Noble-House, was denkst du, Sir?« »Sir, ich begleitete den Darsie Latimer ein Stück Wegs auf seiner Reise.« »Darsie Latimer,« erwiderte er in gelinderem Tone, »hm! nun ja, ich tadle dich eben nicht deßwegen, daß du freundlich mit Darsie bist. Aber ich denke, wenn du ihn nur bis zum Zollhause begleitet und ihm dann Lebewohl gesagt hättest, so wäre das eben so gut gewesen, und du würdest obendrein das Miethgeld für das Pferd und die Rechnung für das Mittagessen gespart haben!« »Das bezahlte Latimer, Sir,« antwortete ich, denn ich glaubte die Sache damit zu verbessern, aber ich hätte besser still geschwiegen. »Die Rechnung, Sir! und du warst so niedrig, auf eines Andern Rechnung zu zehren? Niemand sollte ein Gasthaus betreten, ohne seine Schuldigkeit zahlen zu können.« »Das nehme ich im Allgemeinen an, Vater,« erwiderte ich; »aber das war ein Abschiedstrunk zwischen Darsie und mir, und so, meine ich, gehört es zu den Ausnahmen des Dochan dorroch «. »Du hältst dich für einen Witzling,« sagte mein Vater, und lächelte dabei grade so viel, als es der Ernst seiner Züge erlaubte; »aber ich denke, du aßest doch dein Mittagessen nicht stehend, wie die Juden das Osterlamm? Denn es existirt ein Bescheid vom Stadtrichter zu Cupar-Angus in Sachen Luckie Simson contra Luckie Jamieson, daß, als des Ersteren Kuh das gebrannte Bier des Letzteren trank, der Angeklagte keinen Schadenersatz zu zahlen habe, weil besagte Kuh es austrank, ohne sich dabei niederzusetzen. Nur ein solcher Umstand kann also einen Cochan dorroch constituiren, d. i. ein stehendes Trinken, wofür keine Zahlung geleistet wird. Nun, mein Herr, was denkt dero juristische Weisheit dazu? Exceptio firmat regulam. – Aber komm, fülle dein Glas, Allan, mich ärgert es nicht, daß du dem Darsie Latimer diese Aufmerksamkeit erwiesen hast, denn für die jetzige Zeit ist er doch ein guter Bursche; und da er ja, seitdem er die Schule verließ, unter meinem Dache lebte, nun, so ist es auch eben kein Unglück, daß du eine kleine Verbindlichkeit gegen ihn hast. Als ich sah, daß meines Vaters Unmuth durch das Bewußtsein seiner Ueberlegenheit in juristischer Belesenheit sich gelegt hatte, so nahm ich gerne seine Verzeihung mehr als eine Sache der Gnade als der Gerechtigkeit auf, und antwortete nur, wir würden unsere Abende gar viel langweiliger zubringen müssen, da du nun abwesend wärst. Ich gebe dir hierbei meines Vater Antwort in seinen eigenen Worten. Du kennst ihn so gut, Darsie, daß sie dich wohl nicht beleidigen wird, auch weißt du, daß man bei des guten Mannes Genauigkeit und Förmlichkeit, doch oft eine Fundgrube scharfen Beobachtungsgeistes und praktischen Verstandes entdeckt. »Es ist wahr,« sagte er, »Darsie war ein angenehmer Gesellschafter, aber zu muthwillig, Allan, so ein Springinsfeld und leichtsinnig dazu. – Nebenbei muß ich doch auch dem Wilkinson sagen, daß er jetzt unser Ale in Nößelflaschen abzapft, denn eine Quart-Bouteille jede Nacht ist doch für uns beide ohne seine Hülfe zu viel. – Aber der Darsie, wie ich sage, das ist ein durchtriebener Gesell, ein wenig leicht da im obern Stockwerk – ich wünsche es möchte ihm in der Welt wohlergehen, aber Allan, er besitzt wenig Solidität, wahrlich, sehr wenig.« Ich würde mich schämen, einen abwesenden Freund zu verlassen, Darsie, und deßwegen sagte ich auch zu deiner Vertheidigung etwas mehr, als es mein Gewissen streng genommen erlaubt hätte; aber daß du der Rechtsgelehrsamkeit entlaufen bist, hat dir in meines Vaters guter Meinung viel geschadet. »Unbeständig wie Wasser, es wird nichts aus ihm,« sagte mein Vater, oder wie die Septuaginta sagt: »Eflusa est sicut aqua – non crescat.« Er geht in die Tanzhäuser und liest Novellen – sat est! Ich suchte diese Bemerkungen zu pariren, indem ich einwendete, daß der Besuch der Tanzhäuser sich auf eine Nacht, auf la Pique's Ball und das Lesen der Novellen (so weit nämlich notorisch bekannt ist, Darsie) auf einen einzigen Band des Tom Jones beschränke. »Aber er tanzte ja von Abends bis Morgens,« erwiderte mein Vater, »und er las das nichtige Zeug, wofür der Verfasser gepeitscht zu werden verdiente, wohl zwanzig Mal durch. Es kam nie aus seinen Händen.« Dann führte ich an, daß wahrscheinlich deine Vermögensumstände so glänzend wären, daß sie dich der Mühe überheben könnten, die Rechtsgelehrsamkeit weiter zu studiren, als du es schon gethan hättest, und daß du daher wohl glauben könntest, du habest einigen Anspruch auf Vergnügungen zu machen. Das wollte ihm nun am wenigsten behagen. »Wenn er kein Vergnügen an der Rechtsgelehrsamkeit findet,« sagte mein Vater auffahrend, »desto schlimmer für ihn. Braucht er auch die Rechte nicht zu studiren, um Vermögen zu erwerben , so braucht er sie doch gewiß, um zu lernen, wie man es er hält. Viel bessern würde ihm dieses Studium ziemen, als, einem Landstreicher gleich, das Land zu durchziehen, herumzureisen, ohne zu wissen wohin? zu sehen, ohne zu wissen was ? und zu Noble-House Narren seines Gleichen (dabei warf er mir einen zornigen Blick zu) zu bewirthen. Noble-House, wirklich, Noble-House,« wiederholte er mit erhöheter Stimme und spöttischem Tone, als ob in dem Namen selbst etwas Beleidigendes läge, obgleich ich mir zu sagen getraue, daß ein jeder Platz, wo du so verschwenderisch gewesen wärest, fünf Schilling auszugeben, sich denselben Tadel zugezogen hätte. Von deinem Gedanken eingenommen, daß mein Vater von deinen Verhältnissen mehr wüßte, als er zu sagen für gut findet, wagte ich es, ihm mit einer Bemerkung auf den Zahn zu fühlen. »Ich sehe nicht ein,« sagte ich, »wie das schottische Recht einem jungen Manne nützlich sein kann, dessen Vermögen in England placirt zu sein scheint!« – Ich glaubte wirklich, mein Vater wollte mich schlagen. »Glaubst du mich per ambage zu umgehen, Herr, wie der Rath Pest sagt? Was kümmert es dich, wo Darsie Latimers Vermögen placirt ist, ob er welches hat, oder kein's? Und was würde ihm denn das schottische Recht schaden, und verstände er es auch wie Stair und Bankton? Sind nicht die Institutionen des römischen Rechts die Grundlagen unserer Municipalgesetze, und wurden diese Institutionen nicht zu einer Zeit gegeben, wo das römische Reich wegen seiner Bildung und Gelehrsamkeit berühmt war? Geht in Euer Bett, Herr, nach der schönen Expedition nach Noble-House, und mache, daß deine Lampe brennt und dein Buch vor dir liegt, ehe die Sonne aufgeht. Ars longa, vita brevis – wäre es nicht eine Sünde, die göttliche Wissenschaft der Rechtsgelehrsamkeit mit dem geringeren Namen: Kunst zu betiteln.« So brannte denn auch meine Lampe, theurer Darsie, den nächsten Morgen, wenn schon der Eigenthümer die Gefahr einer häuslichen Nachsuchung wagte, und heimlich im Bette liegen blieb, in der Hoffnung, daß der Schein, ohne weitere Untersuchung, als ein hinlänglicher Beweis meiner Wachsamkeit gehalten werden würde. Jetzt, den dritten Morgen nach deiner Abreise, steht die Sache noch immer nicht besser; denn obgleich Voet über die Pandecten seine Weisheit vor mir ausbreitet, so gebrauche ich ihn doch nur als ein Unterlegeblatt, worauf ich diese Blätter, mit Thorheiten angefüllt, an Darsie Latimer schreibe; wahrscheinlich wird wohl die Nachbarschaft meine Studien wenig fördern. Und nun, dünkt es mir, höre ich dich, wie du mich einen affectirten, scheinheiligen Menschen nennst, der, unter einem solchen Zwangs- und Einschränkungs-System lebend, wie mein Vater es für gut findet es anzunehmen, dennoch deine Freiheit und Unabhängigkeit nicht beneiden will. Dann aber kann ich auch wieder in meinem Herzen die Beweggründe dieser Strenge nicht tadeln. Denn wo auch ihre Quelle sei, so können sie nur in einer ängstlichen, liebevollen und unaufhörlichen Neigung meines Vaters entstehen, in seinem Eifer für meine Vervollkommnung, und in einem lobenswerthen Gefühl der Ehre des Standes, zu welchem er mich bestimmte. Da wir keine nahen Verwandten haben, so ist der Knoten, welcher uns knüpft, von ungewöhnlicher Festigkeit, wenn er schon an und für sich einer der stärksten ist, welche die Natur bilden kann. Ich bin und war immer der ausschließliche Gegenstand der ängstlichen Hoffnung, noch mehr aber der ängstlichen Furcht meines Vaters. Welches Recht habe ich also, mich zu beklagen, wenn auch hier und da Furcht und Hoffnung ihn dazu bewegen, lästig und unaufhörlich alle meine Schritte zu beobachten? Dabei sollte ich denken, und, Darsie, ich thue es auch, daß mein Vater mir bei verschiedenen wichtigen Gelegenheiten zeigte, daß er eben sowohl nachsichtsvoll als streng sein kann. Seine alte Wohnung im Luckenbooth zu verlassen, war ihm wie eine Scheidung der Seele vom Körper; doch brauchte Dr. K. nur einen Wink zu geben, daß die reinere Luft des neuen Stadtviertels zuträglicher für meine Gesundheit wäre, weil ich damals an den Leiden eines zu schnellen Wachsens litt, als er schon seine alte, geliebte Wohnung, welche ganz nahe am Herzen von Mid-Lothian lag, gegen eines jener neuen Gebäude verwechselte, welche der neuere Geschmack erst kürzlich bei uns einführte. – Fernerer Beweis, die unschätzbare Gunst, die er mir erzeigte, daß er dich in sein Haus aufnahm, da du nur die unangenehme Wahl hattest, als ein erwachsener Jüngling in der Gesellschaft kleiner Knaben zu bleiben. Das war doch eine Sache, die den Ansichten, welche mein Vater von Zurückgezogenheit und Sparsamkeit hatte, eben sowohl schnurgerade entgegenlief, als den Mitteln, welche er zur Beförderung meiner Moralität und meines Fleißes anwandte, indem er mich von der Gesellschaft anderer jungen Leute entfernen wollte; so daß ich, auf mein Wort, immer mehr darüber erstaune, wie ich die Unverschämtheit hatte, es zu fordern, auf daß er es gewährte. Was nun den Gegenstand seiner Aengstlichkeit betrifft – lache nicht, hebe deine Hand nicht auf, Darsie, denn wahrlich, ich liebe den Stand, zu welchem ich erzogen werde, und ernstlich verfolge ich meine vorbereitenden Studien. Die Rechte sind mein Beruf – in einer besonderen, ja, ich möchte sagen in einer erblichen Weise, mein Beruf. Denn ich habe auch nicht die Ehre, zu einer jener großen Familien zu gehören, welche in Schottland, wie in Frankreich la noblesse de la robe (den Adel der Rechtsgelehrten) bilden, und welche, bei uns wenigstens, die Köpfe so hoch, wo nicht höher, als der Schwertadel tragen – da diese meistens aus den Erstgeborenen Egyptens bestehen – so hatte doch mein Großvater, welcher, wenn ich es sagen darf, ein sehr vorzüglicher Mann war, die Ehre, in dem ehrenwerthen Charakter als Stadtschreiber des alten Fleckens Birlthegroat, eine bittere Protestation gegen die Union zu unterschreiben. Ja, es ist sogar einiger Grund vorhanden, – soll ich sagen zu hoffen, oder zu vermuthen? – daß er der natürliche Sohn eines nahen Vetters des Fairford war, welcher zu den geringern Baronen gerechnet ward. Mein Vater nun stieg auf der Leiter der Jurisprudenz eine Stufe höher hinauf, da er, wie du so gut wie ich weißt, erster und ehrenwerther Schreiber Sr. Majestäts Insiegel ward, und ich wiederum bin dazu bestimmt, noch eine Stufe höher zu klimmen, die verehrte Robe Das richterlich Ornat. zu tragen, von welcher man sagt, daß sie, wie die Mildthätigkeit, oft eine Menge Sünden bedecke. Ich habe daher keine andere Wahl, als entweder empor zu klimmen, da wir schon so hoch gestiegen sind, oder sichtliche Gefahr, den Hals zu brechen, wenn ich herabfalle. So habe ich mich denn mit meinem Schicksale ausgesöhnt, und während du von den Bergspitzen herab dich nach fernen Seen und Meerbusen umschaust, tröste ich mich de apicibus juris mit der Aussicht auf carmoisinrothe und scharlachene Kleider mit dem Zugehör, von tüchtigen Kisten mit Sporteln wohl gefüllt. Du lachst, Darsie, more tuo und scheinst sagen zu wollen, es sei nichts werth, sich von solchen gewöhnlichen Träumen einwiegen zu lassen. Die deinigen hingegen von hoher und heldenmüthiger Art gleichen den meinigen eben so sehr, wie eine mit purpurnem Tuch beschlagene und mit Akten beschwerte Bank, einem gothischen, mit indischen Perlen und mit Gold geschmückten Throne. Aber was willst du haben? – sua quemque trahit voluptas – und meine Visionen von Beförderung, obgleich sie noch vorerst auf nichts beruhen, sind doch eher zu erreichen möglich, als dein Streben nach Gott weiß – was. Denn wie sagt meines Vaters Sprichwort? »Strebe nach einem goldenen Kleide, so wirst du wenigstens eine Schleife davon erhaschen!« Das ist nun mein Zweck, aber wornach strebst du? Das Dunkel, welches auf dem Geheimnisse deiner Geburt und deiner Verwandtschaft liegt, wie du dich ausdrückst, soll sich auf eine unaussprechliche Weise aufhellen, und zwar ohne Mühe und Anstrengung von deiner Seite, lediglich und allein durch einen Glückszufall. Ich kenne den Stolz und den Hochmuth deines Herzens, und wünsche herzlich, daß du mir noch andere Schläge zu danken hättest, als die, welche du so dankbar anerkennst. Denn hätte ich dir diese Don Quixotischen Erwartungen ausgeprügelt, so glaubtest du jetzt nicht, der Held irgend einer romantischen Geschichte zu sein, und verwandeltest den ehrlichen Bürger und Mäkler, der in seinen vierteljährlichen Episteln nur das streng Nöthige schreibt, nicht in irgend einen weisen Alexander oder gelehrten Alquise, der mystisch und magisch dein Schicksal lenkt. Aber ich weiß nicht, wie es zuging, daß nach und nach dein Hirnschädel härter, und meine Fäuste sanfter wurden, wenn du auch mit der Zeit nicht ein gewissermaßen gefährliches Feuer gezeigt hättest, welches ich, wenn auch nicht fürchten, doch achten mußte. Da ich doch einmal davon spreche, so ist es wohl nicht ungelegen, dich zu ermahnen, diese deine übermüthige Kühnheit ein wenig zu mäßigen. Ich fürchte sehr, daß sie dich, wie ein hitziges Pferd seinen Reiter, in irgend eine gefährliche Lage bringe, aus welcher es dir schwer werden wird, dich herauszureißen, besonders wenn der kühne Geist, welcher dich hineinbrachte, in dem gefährlichen Momente verschwände. Bedenke, Darsie, daß du von Natur nicht muthig bist, du gestandest mir im Gegentheil schon ein, daß, so ruhig ich bin, der Vortheil in diesem wichtigen Punkte auf meiner Seite sei. Ich glaube, mein Muth besteht in meiner Nervenstärke und in meiner natürlichen Gleichgültigkeit gegen Gefahr, welche, wenn sie mich auch nie zu Abenteuern treibt, mich doch, wenn die Gefahr wirklich heranbricht, im vollen Gebrauch meiner Seelenkräfte läßt, so daß ich meiner völlig mächtig bin. Der deinige scheint aber mehr ein geistiger Muth zu sein, oder Geistesgröße, oder Streben nach dem Außerordentlichen; sie treiben dich mächtig zum Ehrgeiz an, machen dich taub gegen Warnung vor Gefahr, bis sie plötzlich auf dich losstürmen wird. Sei es nun, daß ich von der Aengstlichkeit meines Vaters angesteckt bin, oder daß eigene Gründe mich bewegen, ich gestehe ein, daß ich oft fürchte, dieses wilde Jagen nach romantischen Verhältnissen und Abenteuern könnte dich in's Unglück stürzen; und was würde dann aus Allan Fairford werden? Dann mögen sie zum General-Advocaten oder zum General-Procurator nehmen, wen sie wollen, ich werde dann den Muth nicht haben, darnach zu streben. Alle meine Anstrengungen gehen darauf hin, mich einst in deinen Augen zu rechtfertigen, und gewiß würde ich mich nicht einen Pfennig mehr um das gestickte, seidene Oberkleid, als um die Schürze eines alten Weibes kümmern, hätte ich nicht die Hoffnung, daß du einst vor den Schranken stehen wirst, um mich zu bewundern, vielleicht gar um mich zu beneiden. Damit dieses einst sein könne, so bitte ich dich – sei vorsichtig. Halte nicht jedes schlappschuhige Mädchen, mit blauen Augen und schönen Haaren, welches in einem zerrissenen Plaid, mit einer Weidengerte bewaffnet, die Kühe auf die Weide treibt, halte sie doch, ich bitte dich, nicht für eine Dulcinea. Glaube nicht einen galanten Vallentin in jedem englischen Reiter, oder einen Orson in jedem hochländischen Viehtreiber zu sehen. Betrachte die Gegenstände so, wie sie sind, und nicht wie deine fruchtbare Phantasie sie ausschmückt. Habe ich dich doch einmal eine alte Sandgrube so lange betrachten sehen, bis du Vorgebirge, Bayen, Mündungen, Felsen und Abgründe, kurz die ganze bewunderungswürdige Landschaft der Insel Ferro darin entdecktest, wo profane Augen eine gewöhnliche Pferdeschwemme sahen. Fand ich dich nicht einst, als du eine Eidechse mit eben so großer Achtung anstauntest, wie Jemand, der ein Krokodil erblickt? Das waren freilich völlig unschuldige Imaginations-Uebungen, denn du konntest in der Pfütze eben so wenig ertrinken, als der liliputische Aligator dich auffressen konnte. Ein Anderes aber, Darsie, ist es in der menschlichen Gesellschaft, wo du den Charakter derer, mit welchen du umgehst, weder verkennen, noch deiner Einbildungskraft erlauben darfst, ihre guten oder bösen Eigenschaften zu übertreiben, wenn du dich nicht lächerlich machen, und dich nicht in ernste und gefährliche Händel verwickeln willst. Bewache also deine Einbildungskraft, bester Darsie, und glaube der Versicherung eines alten Freundes, daß es der Punkt in deinem Charakter ist, der seinen gutmüthigen und edlen Besitzer am leichtesten in Gefahr stürzen kann. Lebe wohl, lasse das Franco des edlen Pairs nicht unbenutzt; und hauptsächlich Sis memor mei . A. F. Dritter Brief Darsie Latimer an Allan Fairford Shepherd's Busch. Ich habe deine abgeschmackte und höchst anmaßende Epistel erhalten. Es ist sehr gut für dich, daß wir wie Lovrace und Belford übereingekommen sind, uns gegenseitig jede Art von Freiheit zu verzeihen, die sich Einer gegen den Andern herausnehmen würde; denn auf mein Wort, dein Letztes enthält einige erbauliche Betrachtungen, welche mich sonst gezwungen hätten, augenblicklich nach Edinburg zurückzukehren, blos um dir zu zeigen, daß ich das nicht bin, wofür du mich hältst. Du hast uns beide sonderbar vorgestellt! – Mich, indem ich mich in Schwierigkeiten verwickle, ohne Muth, mir herauszuhelfen; deine hochweise Person, die es kaum wagt, einen Fuß vor den andern zu stellen, fürchtend, er möchte seinem Gefährten entlaufen, einer Schildwache gleich aus bloßer Schwäche und Kälte des Herzens stille stehend, während alle Welt in voller Eile bei dir vorbei eilt. Du bist mir ein lieber Porträtmaler! Ich sage dir, Allan, ich sah einst einen bessern auf der vierten Sprosse einer Leiter sitzend, welcher einen hosenlosen Hochländer malte, der ein Nösselmaß, so dick wie er selbst, in der Hand trug, und einen gestiefelten Niederländer Es ist wohl unnöthig, zu bemerken, daß man Schottland in das schottische Hoch- und Niederland eintheilt, und daß man für das letztere auch wohl kurz weg die Niederlande sagt. Anmerk. des Uebers. mit einer Stutzperücke daneben, welcher ein Glas von gleichem Umfang hielt. Das Ganze sollte nämlich symbolisch das Zeichen der Erlösung vorstellen. Wie konntest du nur auch, ich bitte dich, deine eigene hochwerthe Person, mit allen deinen Bewegungen, welche denen einer großen holländischen Gliederpuppe gleichen, darstellen, welche blos von dem Druck gewisser Federn, als z. B. Pflicht, Ueberlegung etc. abhängt. Möchtest du mich wohl glauben machen, du würdest ohne deren Impuls nicht um einen Zoll breit weichen? Aber habe ich dich, Signor Gravität, nicht schon um Mitternacht außer dem Bette gesehen? soll ich dich denn geradezu an gewisse ziemlich tolle Streiche erinnern? Du hattest immer mit den ernstesten Sentenzen im Munde und der strengsten Zurückhaltung in deinen Manieren einen gewißen Hang zu boshaften Streichen, ob zwar mit mehr Neigung, sie in's Werk zu setzen, als Gewandtheit, sie durchzuführen; innerlich muß ich herzlich lachen, wenn ich denke, daß ich meinen ehrwürdigen Mentor, Präsident in spe irgend eines hohen schottischen Gerichtshofs, gesehen habe wie einen plumpen Karrengaul im Moraste schnaufend, stöhnend und ächzend, wenn alle Anstrengungen, sich herauszuhelfen, ihn bei jedem unbehülflichen Versuch noch tiefer hineinstürzen, bis irgend Jemand – ich selbst zum Beispiel – Mitleid mit dem klagenden Ungeheuer bekam und es mit Haut und Haaren herauszog. Was mich betrifft, so ist, wenn es möglich wäre, mein Bild noch scandalöser in das Carricaturartige gezogen. Ich habe nur wenig oder keinen Geist, mich aufrecht zu erhalten. Wo kannst du mir das geringste Merkmal des feigen Gemüths zeigen, mit welchem du mich, wie ich glaube, bloß deßwegen begabst, um die sichere und gleichförmige Würde deiner eigenen thörichten Gleichgültigkeit in ein helleres Licht zu stellen? Sahst du mich je zittern, so ging es mir wie jenem alten spanischen General, mein Körper zitterte nur vor der Gefahr, in welche mein Geist ihn führen wollte. Im Ernst, Allan, die Armuth des Geistes, welche du mir andichtest, ist eine niedrige Anklage deines Freundes. Ich habe mich so streng als möglich geprüft, indem ich mich wirklich ein wenig gekränkt darüber fühle, daß du mich so hart beurtheilst, und bei meiner Ehre, ich finde keinen Grund dafür. Ich gestehe ein, daß du vielleicht an Festigkeit und Gleichgültigkeit des Gemüths einige Vorzüge vor mir besitzen magst, aber ich würde mich selbst verachten, wäre ich mir des Mangels an Muth bewußt, den du mir gar zu gerne andichten möchtest. Aber ich denke, der unfreundliche Wink hat seinen Grund nur in der allzugroßen Vorsorge meines Freundes für meine Sicherheit, und da ich es so betrachte, so verschlucke ich es wie die Arznei eines wohlmeinenden Arztes, wenn ich auch im Herzen glaube, er mißverstehe meine Uebel. Abstrahiren wir aber von dieser beleidigenden Bemerkung, so danke ich dir, Allan, für das Uebrige deiner Epistel. Ich meine, ich hörte deinen guten Vater das Wort Noble-House, mit einer Mischung von Verachtung und Mißvergnügen aussprechen, als wäre der bloße Name des armen, kleinen Weilers ihm zuwider, oder als hättest du von ganz Schottland gerade den Ort ausgesucht, wo du am wenigsten zu Mittag essen solltest. Aber wenn er eine besondere Abneigung gegen dieses unschuldige Dörfchen und gegen das unbedeutende Wirthshaus hat, ist es nicht sein Fehler, da er mich ja abhielt, die Einladung des Laird von Glengallacher anzunehmen, der mich bat, mit ihm, wie er sich pathetisch ausdrückte, »auf seinen Ländereien« einen Rehbock zu jagen? Einen Rehbock zu jagen! Denke dir, welch eine glänzende Idee für Jemanden, der nie andere Thiere, als Heckensperlinge schoß, und das mit einer Sackpistole, welche er in einer Trödlersbude in der Kuhgasse kaufte. – Du, der du dich mit deinem Muthe brüstest, magst dich erinnern, daß ich die Gefahr, besagte Pistole loszufeuern, zuerst wagte , während du zwanzig Ellen weit davon standest, und daß, als du sicher überzeugt warst, daß sie nicht zerspringen würde, du alle Rechte außer dem des Aelteren und des Stärkeren vergaßest und dich der Pistole für den ganzen Rest des Feiertages ausschließlich bemächtigtest. Nun ist zwar freilich die Belustigung eines solchen Tages keine vollkommene Vorschule der edlen Kunst der Rehjagd, so wie man sie im Hochlande ausübt; dennoch hätte ich mir keine Bedenklichkeiten gemacht, des ehrlichen Glengallachers Einladung, selbst auf die Gefahr, zum erstenmal einen Fehlschuß zu thun, anzunehmen, wäre es nicht wegen des Lärmens, welchen dein Vater in der ganzen Hitze seines Eifers für König Georg, die hannöverische Erbfolge und den presbyterianischen Glauben darüber gemacht hätte. Jetzt wollte ich, ich hätte darauf bestanden, da ich durch meine Unterwerfung so wenig in seiner guten Meinung gewonnen habe. Alle seine Vorurtheile, die Hochländer betreffend, datiren sich vom Jahre fünf und vierzig her, als er und die andern Freiwilligen vom Westport retirirten, ein Jeder, um sich in seiner eigenen Wohnung zu verschanzen, sobald sie gehört hatten, daß der Abenteurer mit seinen Clans sich Kirkliston nähere. Die Flucht von Falkirk-parma non bene selecta – an welcher, wie ich glaube, dein Ahnherr seligen Andenkens mit dem unerschrockenen westlichen Regimente auch wohl Antheil gehabt haben mag – scheint seinen Geschmack nach hochländischer Gesellschaft nicht eben sehr erhöht zu haben; (untersuche doch einmal, Allan, ob dir wohl der Muth, dessen du dich rühmst, nach schottischem Erbrecht anheimfiel?) und die Geschichten vom Rob Rog Macgregor und vom Sergeanten Allan Mhor Cameron dienten seiner Einbildungskraft, sie mit noch schwärzeren Farben auszumalen. So viel ich nun davon verstehe, sind diese Ideen, wenn man sie auf den gegenwärtigen Zustand des Landes anwendet, ein völliges Hirngespinst. Des Prätendenten wird in den Hochlanden so wenig mehr gedacht, als wäre auch er schon eingegangen zu seinen hundert und acht Ahnen, deren Bilder die alten Mauern von Holyrood zieren. Die breiten Schwerter sind in andere Hände übergegangen, die Tartschen werden dazu gebraucht, die Butterfässer zuzudecken; das Geschlecht ist gesunken und sinkt täglich weiter, von stürmischen Halbwilden zu zahmen Betrügern. Es war wahrlich zum Theil meine Ueberzeugung, daß es im Norden nur wenig mehr zu sehen gibt, welche freilich aus anderen Gründen, als denen deines Vaters hervorgehend, doch mit seinem Schlusse übereinstimmte, welche meine Reise nach dieser Richtung lenkte, wo ich wahrscheinlich eben so wenig sehen werde. Eines aber habe ich gesehen, und es geschah mit einem unbeschreiblichen Vergnügen: meine Augen haben nämlich, wie die des sterbenden Propheten, vom Gipfel des Pisga das Land anschauen dürfen, das mein Fuß nicht betreten soll. – In einem Worte, ich sah die Ufer des fröhlichen Englands, des fröhlichen Englands! dessen Erzeugter zu sein ich stolz bin, und welches ich mit den Augen eines dankbaren Sohnes betrachte, wenn schon die tobenden Fluthen und der bewegliche Triebsand uns trennen. Du kannst es nicht vergessen haben, Allan – denn wann vergäßest du je etwas, das deinen Freund beträfe? – daß derselbe Brief meines Freundes Griffiths, welcher meine Einkünfte verdoppelte und meine Handlungen meinem freien Willen anheimstellte, eine Clausel enthielt, nach welcher mir es ohne Ursache verboten ward, falls ich meine künftige Ruhe und mein künftiges Glück wünschte, England zu bereisen. Jeder andere Theil der brittischen Besitzungen, selbst eine Reise auf dem Continent, war meiner Wahl überlassen. – Erinnerst du dich des Märchens, Allan, von einer zugedeckten Platte mitten in einem königlichen Gastmahl, auf die immerwährend die Augen der Gäste gerichtet waren, welche alle Leckereien, mit welchen der Tisch beladen war, vernachlässigten? Diese Verbannungsclausel aus England – aus meinem Vaterlande – aus dem Lande der Tapfern, der Weisen und der Freien, betrübt mich mehr, als mich die Freiheit und Unabhängigkeit, welche man mir in jeder andern Hinsicht läßt, erfreut. Indem ich nun so die äußerste Grenze des Landes aufsuche, das zu betreten mir untersagt ist, gleiche ich dem armen, angebundenen Pferde, welches, wenn du es bemerkt hast, immer am Rande des Cirkels grast, auf welchen es durch seinen Zaum beschränkt ist. Klage mich nicht über Romantik an, weil ich dieser Neigung zum Süden gehorchen; oder vermuthe nur nicht, daß, um dem eingebildeten Schmachten nach einer nichtigen Neugierde Genüge zu leisten, ich mich der Gefahr aussetzen werde, die sichere Stütze meiner gegenwärtigen Lage zu verlieren. Wer bis jetzt meine Schritte leitete, hat mir durch redende Beweise mehr als durch Versicherungen, die er sich ersparte, gezeigt, daß mein wirklicher Vortheil Hauptzweck war. Ich wäre daher wohl ärger, als ein Narr, wenn ich gegen ihre Autorität Einwürfe machen wollte, selbst wenn diese nach Launen ausgeübt wäre. Denn gewiß, in meinem Alter – und wenn man mir noch dazu in jeder andern Hinsicht die Wahl meiner Einrichtung und die Sorge für mich überläßt – hätte ich wohl erwarten können, daß man den Grund, warum man mich aus England verbannt, frei und offen meiner eigenen Ueberlegung und Einsicht überließe. Dennoch will ich nicht dagegen murren. Ich vermuthe, eines Tages werde ich doch schon den Zusammenhang der ganzen Geschichte erfahren, und dann werde ich vielleicht einsehen, wie du zuweilen andeutest, daß an der ganzen Sache nicht viel Wichtiges ist. Ich kann mich nicht enthalten, mich zu verwundern – aber Gott weiß es, wenn ich so fortfahre, so wird mein Brief so voll Wunder werden, wie Katterfelto's Wahrscheinlich ein Taschenspieler. Anmerk. des Uebers. Ankündigungen. Ich denke, ich will dir jetzt statt der verzweifelten ewigen Wiederholungen von Vermuthungen und Ahnungen die Geschichte eines kleinen Abenteuers erzählen, das mir gestern zustieß, obzwar ich überzeugt bin, daß du, wie gewöhnlich, dein Perspectiv umwenden und meine arme Erzählung für eine unbedeutende Begebenheit halten wirst und für einen Umstand, von welchem du mich wieder anklagen wirst, falsche Schlußfolgen gezogen zu haben. Zum Henker aber auch, Allan, du bist so wenig zum Vertrauten eines jungen Abenteurers, der mit einiger Einbildungskraft begabt ist, geeignet, wie der alte einsilbige Sekretär des Facardie von Trebizonde. Dennoch müssen wir beide jeder seinem besonderen Schicksale folgen. Meine Bestimmung ist es, zu sehen, zu handeln, zu erzählen, – die deinige, wie ein alter Holländer in demselben Postwagen mit einem Gasconier zu sitzen, zu hören und die Achsel zu zucken. Von Dumfries, der Hauptstadt dieser Grafschaft, habe ich nur wenig zu bemerken, denn ich will deine Geduld nicht mißbrauchen, wenn ich dir sage, daß es an den Ufern des lieblichen Flusses Nith liegt und daß man vom höchsten Standpunkte der Stadt, vom Kirchhofe aus, eine weite und schöne Gegend vor sich liegen sieht. Auch will ich keinen Gebrauch von dem Privilegium machen, dir die ganze Geschichte vom Bruce zu wiederholen, welcher an diesem Orte in der Dominikanerkirche den rothen Comin erstach, und deßwegen, weil er den Gottesfrieden brach und ein Meuchelmörder wurde, den Dank des Königs und des Vaterlandes einärntete. Die jetzigen Bewohner von Dumfries erinnern sich dessen und vertheidigen die That, indem sie bemerken, daß es nur eine papistische Kirche gewesen wäre – denn zum Beweis sind die Mauern der Kirche so völlig niedergerissen, daß man auch nicht eine Spur mehr davon sieht. Besagte Herren Bürger von Dumfries sind eine derbe Klasse ächt blauer Presbyterianer, Männer nach dem Herzen deines Vaters, und um so viel eifriger für die protestantische Erbfolge, da viele der großen Familien in der Umgegend im Verdacht anderer Gesinnungen stehen, und selbst zum Theil thätig, an der Insurrection im Jahre fünfzehn, andere sogar an den neueren Händeln im Jahre Fünfundvierzig Antheil nahmen. In der letztern Periode litt die Stadt; denn Lord Elch mit einem bedeutenden Corps Rebellen legte den Bürgern der Stadt Dumfries eine schwere Contribution auf, weil sie dem Nachtrabe des Chevalier Beiname des Prätendenten, Prinz Karl von Stuart, denn die Anhänger des Hauses Hannover verweigerten dem katholischen ehmaligen Regentenhause den Fürstentitel. Anmerk. des Uebers. auf seinem Zuge nach England bedeutenden Schaden zugefügt hatten. Viele dieser Umstände erfuhr ich vom Provost C–, welcher sich, da er mich auf dem Markt erblickte, erinnerte, daß ich ein Hausgenosse deines Vaters bin, und mich sehr höflich zum Mittagessen einlud. Ich bitte dich, sage doch deinem Vater, daß ich überall die Einwirkungen seiner Güte gegen mich fühle. Nach vierundzwanzig Stunden aber wurde ich dieses, sonst ganz hübschen Städtchens, überdrüssig und so schlenderte ich ostwärts der Küste entlang, indem ich mich damit unterhielt, Antiquitäten aufzusuchen und manchmal meine neue Angelruthe zu benützen oder doch zu benützen versuchte. Nachdem ich vier volle Stunden gewartet hatte, erfuhr ich es durch einen bloßen Zufall, daß ich das Fischen nicht verstand. Ich werde nie den unverschämten zwölfjährigen Buben, den Kuhhirten, vergessen, der die Frechheit hatte, mich spöttisch über mein Fischernetz, mein Senkblei und die große Anzahl wollener Würmer, die ich mir gesammelt hatte, auszulachen, er, der weder Holzschuhe noch eine Mütze hatte, mit bloßen Füßen und zerrissenen Hosen einherstolzirte. Zuletzt war ich dennoch gezwungen, dem spottenden Schlingel die Angelruthe zu überlassen, um zu sehen, was er damit machen würde; und siehe da, in einer Stunde hatte er nicht nur meinen Korb bis zur Hälfte gefüllt, sondern er lehrte mich wirklich mit meinen eigenen Händen zwei Forellen tödten. Das, und weil Sam Heu und Hafer (das Bier nicht zu vergessen) in dem Wirthshaus recht gut fand, flößte mir zuerst den Gedanken ein, einen oder zwei Tage hier zu bleiben; dem lachenden Spitzbuben von Fischerknaben habe ich, weil ich einen andern Hirten für ihn miethete, die Erlaubniß verschafft, mich begleiten zu dürfen. Eine ordentliche, reine Engländerin ist Gastgeberin dieses kleinen Wirthshauses, meine Schlafstube wird mit Lavendel geräuchert, hat ein nettes Schiebfensterchen und überdies sind die Mauern mit Balladen von der schönen Rosamunde und der grausamen Barbara Allan bedeckt. Wie unrein auch die Aussprache der Wirthin sein mag, meinem Ohr klingt sie höchst lieblich; denn noch habe ich die traurige Wirkung nicht vergessen, die eure breite, langsame nordische Aussprache (für mich der Ton eines fremden Landes) auf meine kindlichen Organe hervorbrachte. Ich weiß wohl, daß ich seitdem das Schottische völlig erlernt habe und wohl noch manchen schottischen Provinzialismus dazu. Immer aber noch scheint der englische Accent meinem Ohr wie eines Freundes Stimme, und wenn ich ihn selbst in dem Munde eines wandernden Bettlers hörte, so verfehlte er doch nie, mir ein Almosen zu entlocken. Ihr Schotten, die ihr auf eure eigene Nationalität so stolz seid, müßt sie auch in Anderen ehren. Den nächsten Morgen wollte ich wieder an den Strom gehen, wo ich die vorigen Nacht zu angeln angefangen hatte, ward aber durch einen gewaltigen Regenschauer, der den ganzen Vormittag anhielt, daran verhindert. Während dieser Zeit hörte ich meinen Schurken von Führer seine unzüchtigen Späße so laut in der Küche, wie einen Bedienten auf dem Paradiese treiben, so wenig sind Ländlichkeit und Zurückgezogenheit immer mit Bescheidenheit und Unschuld gepaart. Als Nachmittags das Wetter sich aufklärte und wir endlich an das Ufer gelangten, fand ich, daß mein vollkommener Lehrer mir einen neuen Streich gespielt hatte. Wahrscheinlich wollte er lieber selber fischen, als sich die Mühe geben, einen ungelehrigen Neuling, wie ich, zu unterrichten; um also meine Geduld zu ermüden und mich zu bewegen, ihm die Angel wie gestern zu überlassen, erdachte sich mein Freund die List, mich mehr als eine Stunde mit einer Angel ohne Spitze im Wasser herumplütschern zu lassen. Zuletzt kam ich dem Possen auf die Spur, indem ich bemerkte, daß der Schurke immer vor Freude laut auflachte, wenn er eine Forelle sich nähern und ruhig bei der Angel vorbeischwimmen sah. Ich gab ihm einen gesunden Hieb, Allan; aber ich bereute es schon im nächsten Augenblicke, und um ihn zu entschädigen, ließ ich ihn den übrigen Abend im ruhigen Besitz der Angel, wogegen er die Verpflichtung übernahm, mir, um seine Beleidigung wieder gut zu machen, ein Gericht Forellen zum Abendessen heimzubringen. Da ich mich auf diese Weise der Last entledigt hatte, mich auf eine Art, die mich nicht mehr ansprach, zu unterhalten, so wendete ich meine Schritte zum Meere oder besser gesagt zum Meerbusen von Solway hin, welcher hier die beiden Schwesterkönigreiche trennt und der ungefähr ein Stündchen entfernt war. Mein Weg führte mich über sandige Dünen, welche mit niedrigen Heidekräutern bewachsen waren. Meine Finger würden ermüden, dir den Fortgang meines Abenteuers zu erzählen, ich muß es daher auf morgen aufschieben, wo du die Fortsetzung erfahren sollst. Um dich indessen vor einem übereilten Schlüsse zu bewahren, muß ich dir bemerken, daß Obiges nur der Anfang des Abenteuers war, das ich dir erzählen will. Vierter Brief. Derselbe an den Denselben. Shepherd's Busch. Ich erwähnte in meinem Letzten, daß, als ich meine Angelruthe als einen unnützen Zeitvertreib verlassen hatte, ich über die offenen Dünen, welche mich von dem Ufer des Solways trennten, einherschritt. Als ich das Ufer des großen Meerbusens erreichte, war die Fluth von einer breiten, sich weit erstreckenden Sandebene zurückgewichen, durch welche sich ein jetzt schwacher, seichter Strom einen Weg zum Ocean gebahnt hatte. Die ganze Landschaft war von den Strahlen der untergehenden Sonne matt beleuchtet, welche wie ein Krieger, der sich zur Verteidigung rüstet, die röthliche Stirne über ungeheure Bastionen und aufgethürmte Wälle von scharlachrothen und schwarzen Wolken zeigte, die wie eine unermeßlich große gothische Festung schienen, in die sich der Herr des Tages zurückzog. Die untergehenden Strahlen schimmerten glänzend wieder auf der nassen Oberfläche des Sandes und in den unzähligen Wassergruben, mit denen sie bedeckt war, und welche die Ebbe in dem ungleichen Boden zurrückgelassen hatte. Die Scene war durch eine Anzahl von Reitern, welche sich mit der Salmjagd beschäftigten, noch mehr belebt. Ja, Allan, erhebe nur Hand und Auge, wie du willst, ich kann dieser Art zu fischen keinen andern Namen geben; denn sie erjagten die Fische im vollen Galopp und packten sie mit ihren krumm gebogenen Spießen, wie man auf alten Tapeten Jäger Bären todtstechen sieht. Natürlich geht es mit dem Salmen leichter, als mit dem Bären; doch sind sie so schnell in ihrem Elemente, daß, um sie auf diese Weise zu verfolgen und zu fangen, ein tüchtiger Reiter, ein scharfes Auge, eine feste Hand und Gewandtheit, Pferd und Waffe zu regieren, erforderlich sind. Das Geschrei der Bursche, wenn sie bei ihrer lebhaften Beschäftigung hinauf und hinunter jagten – das schallende Gelächter, wenn einer von ihnen stürzte – das laute Beifallrufen, wenn einer einen Meisterstreich mit der Lanze ausführte – gaben der Scene so viel Leben, daß auch mich die Begeisterung der Jäger ergriff, so daß ich mich eine bedeutende Strecke in den Sand hinein wagte. Besonders erweckten die Thaten eines Reiters so häufig das lärmende Beifallsrufen seiner Gefährten, daß die fernsten Ufer davon wiederhallten. Es war ein schlanker Mann, der ein schönes schwarzes Pferd ritt, welches er, wie ein Vogel in der Luft, wenden und drehen konnte; er trug einen längeren Speer als die Anderen und eine Pelzkappe mit einer kurzen Feder darauf, welches ihm im Ganzen ein stattlicheres Ansehen als den übrigen Fischern gab. Er schien ein gewisses Ansehen unter ihnen zu genießen und leitete öfters ihre Bewegungen mit Hand und Stimme; dann schien mir seine Haltung Ehrfurcht einflößend, seine Stimme ungewöhnlich wohltönend und gebietend. Schon zogen sich die Reiter an das Ufer zurück, schon verschwand nach und nach das Anziehende der Scene, und immer noch verweilte ich aus den Dünen, hinschauend mit sehnsuchtsvollen Blicken nach meines Englands Ufern, welche, vergoldet vom letzten Strahle der untergehenden Sonne, kaum eine Stunde von mir entfernt schienen. Die ängstlichen Gedanken, die ich nähre, stiegen mit erneuerter Kraft auf in meinem Busen, langsam und mir selbst unbewußt näherte sich mein Fuß absichtslos dem Flusse, der mich von dem verbotenen Bezirke trennte. Da erreichte plötzlich der Klang eines Pferdes im gestreckten Galopp mein Ohr, und als ich mich umwendete, rief mir der Reiter (derselbe Fischer, dessen ich früher erwähnte) laut und barsch entgegen: »O ho: Bruder, es ist zu spät, noch heute Nacht Bownehs zu erreichen – die Fluth wird sogleich eintreten.« Ich wandte den Kopf und sah ihn an ohne zu antworten, denn sein plötzliches Erscheinen (besser gesagt, sein unerwartetes Herannahen) im wachsenden Schatten und im dämmernden Lichte, hatte für mich etwas Wildes und Schauerliches. »Seid Ihr taub,« schrie er, »oder toll? – oder habt Ihr Lust nach der künftigen Welt?« »Ich bin ein Fremder,« antwortete ich, »und wollte nur dem Fischfange zusehen. – Ich will eben nach dem Orte zurückgehen, woher ich kam.« »So eilt Euch denn so sehr Ihr könnt!« sagte er. »Wer am Ufer des Solway's träumt, kann in der andern Welt erwachen. Der Himmel droht mit einem Sturme, der in einem Augenblick die Wellen drei Fuß hoch treiben wird.« Indem er es sagte, wandte er sein Pferd und ritt davon, während ich, beunruhigt über das was ich gehört hatte, schnell dem schottischen Ufer zueilte; denn die Fluth nimmt auf diesem verzweifelten Sande so reißend zu, daß selbst wohlberittene Reiter alle Hoffnung auf Rettung aufgeben, wenn sie, selbst schon eine Strecke vom Ufer entfernt, von Weitem die weiße Brandung sich nahen sehen. Meine Angst stieg in jedem Augenblick, und statt vorsichtig zu gehen, fing ich an so schnell als möglich zu laufen; ich fühlte, oder glaubte doch wenigstens zu fühlen, daß jeder Wasserpfuhl, durch den ich wadete, immer tiefer und tiefer wurde. Zuletzt schien die Oberfläche des Sandes immer häufiger mit Gruben und Löchern, welche mit Wasser gefüllt waren, bedeckt zu sein, sei es nun, daß die Fluth wirklich sich der Bucht näherte, oder hatte ich mich, wie es eben so leicht möglich ist, in der Eile und Verwirrung meines Rückzugs in Schwierigkeiten verwickelt, welche ich bei ruhigerer Ueberlegung hätte vermeiden können. Wie dem auch sei, stets verzweifelter ward meine Lage, immer lockerer ward der Sand, kaum hatte ich meinen Fußstapfen verlassen, als er sich auch schon mit Wasser füllte. Da befielen mich wunderliche Gedanken von der Sicherheit des Wohnzimmers deines Vaters, und von dem festen Tritt, den das Pflaster von Brown's Square und Scott's Close gestattet, als mein guter Genius, der schlanke Fischer, wieder nah an meiner Seite erschien; er und sein schwarzes Pferd gigantisch groß im Schatten der Dämmerung. »Seid Ihr toll,« sagte er mit demselben tiefen Tone, der früher in meinem Ohre tönte, »seid Ihr toll oder des Lebens überdrüssig? Ihr werdet den Augenblick in den Triebsand gerathen.« Ich bekannte, daß ich des Weges unkundig wäre, worauf er blos antwortete: »Es ist keine Zeit zum Schwatzen – steigt hinter mir auf.« Er erwartete wahrscheinlich, ich würde vom Boden aus hinauf springen können, eine Gewandtheit, welche die Gränzbewohner durch stete Uebung in allen Reiterkünsten erlangt haben; aber da ich unschlüssig stehen blieb, streckte er seine Hand aus und indem er die Meinige faßte, befahl er mir, meinen Fuß auf die Spitze seines Stiefels zu setzen, und so erhob er mich in einem Nu auf den Rücken seines Pferdes. Kaum saß ich sicher, als er schon die Zügel seines Pferdes schüttelte, welches augenblicklich vorwärts sprang, aber wahrscheinlich durch die ungewöhnliche Last scheu gemacht, bedrohete es uns mit zwei oder drei Sprüngen, wobei es eben so oft mit den Hinterfüßen ausschlug. Der Reiter saß fest wie ein Thurm, obgleich mich die unerwarteten Sprünge des Pferdes auf ihn geworfen hatten. Sporn und Zaum brachten das Pferd bald wieder in den gehörigen Gehorsam, so daß es im gestreckten Galopp davon eilte; schnell war der Umweg zurückgelegt, den der Reiter nach Norden hin einschlug, um dem Triebsande auszuweichen. Mein Freund, fast möchte ich ihn meinen Erretter nennen; – denn für einen Fremden war meine Lage mit wirklicher Gefahr verbunden – fuhr fort in tiefer Stille auf gleiche Weise fortzueilen, und ich war zu besorgt, um ihn mit Fragen zu belästigen. Zuletzt kamen wir an eine Stelle des Ufers, welche mir völlig unbekannt war, wo ich abstieg und ihm, so gut als ich es vermochte, für den wichtigen Dienst, den er mir eben geleistet hatte, dankte. Der Fremde antwortete mir nur mit einem ungeduldigen »Pah«, und wollte eben weiter reiten, mich meinen eigenen Hülfsquellen überlassend, als ich ihn bat, seine menschenfreundliche Handlung zu vollenden, und mir den Weg nach Shepherd's Busch zu zeigen, welches, wie ich ihm sagte, mein gegenwärtiger Aufenthaltsort sei. »Nach Shepherd's Busch?« sagte er, »sind es zwar nur drei Stunden, kennt Ihr aber das Land nicht besser als den Sand, so könnt Ihr den Hals brechen, ehe Ihr hinkommt, das ist in einer dunklen Nacht kein Weg für träumerische Knaben; überdieß gibt es Bäche und Sümpfe zu durchwaten!« Bei der Kunde so vieler Schwierigkeiten, mit denen zu kämpfen ich nicht gewöhnt war, erschreckte ich nicht wenig. Schon wieder dachte ich an deines Vaters traulichen Camin; und gerne hätte ich meine romantische Lage sammt der glänzenden Unabhängigkeit, in welcher ich mich in diesem Augenblick befand, gegen die gemüthliche Behaglichkeit des Eckchens beim Camine vertauscht, wäre ich auch genöthigt gewesen, meine Augen auf Erskine's Commentar der Institutionen zu heften. Ich frug meinen neuen Freund, ob er mich nicht für heute Nacht in irgend ein öffentliches Gasthaus geleiten könne; und da ich vermuthete, daß er wahrscheinlich selbst ein armer Mann wäre, so fügte ich, mit der selbstbewußten Würde eines wohlversehenen Taschenbuchs Bekanntlich zahlt man in England und Schottland fast Alles mit Banknoten. Anm. d. Uebers. hinzu, daß ich im Stande wäre, solch' eine Mühe wohl zu belohnen. Da der Fischer keine Antwort gab, so wandte ich mich anscheinend gleichgültig von ihm weg und schlug den Weg ein, von welchem ich glaubte, daß es der wäre, den er mir gezeigt hatte. Seine tiefe Stimme tönte mir augenblicklich nach, um mich zurückzurufen. »Halt, junger Mann, halt – Ihr habt schon den falschen Weg eingeschlagen. – Ich wundere mich, daß Eure Freunde solch' einen unvorsichtigen Jüngling ohne Aufsicht eines Klügeren hinausschickten, der auf ihn wachen könnte.« »Wahrscheinlich wäre es auch nicht geschehen,« sagte ich, »wenn ich einen Freund hätte, der sich darum kümmerte.« »Hört, Herr,« sagte er, »es ist meine Art nicht, Fremden mein Haus zu öffnen, aber Eure Lage ist wirklich gefährlich; denn außer den Gefahren, mit welchen der schlechte Weg, Sümpfe und Abgründe, und die Nacht, welche schwarz und düster hineinsieht, Euch bedrohen, gibt es zuweilen auch noch böse Gesellschaft auf dem Wege – wenigstens steht er nicht im besten Rufe, und Manchen widerfuhr schon Uebels darauf; darum muß ich wohl meine Regel Eurer Noth aufopfern und Euch in meiner Hütte Nachtherberge geben.« Woher mag es wohl gekommen sein, Allan, daß ich mich eines unwillkürlichen Schauders nicht erwehren konnte, als ich eine Einladung empfing, welche so sehr an ihrem Platze war und meinem natürlichen Forschungsgeiste zusagen mußte? Doch leicht unterdrückte ich dieses unzeitige Gefühl, drückte ihm meinen Dank und die Hoffnung aus, daß ich seiner Familie nicht zur Last fallen würde; dabei ließ ich wieder einen Wink fallen, daß ich wünschte Gelegenheit zu bekommen, die Unruhe, die ich ihm verursachen möchte, wieder mit Etwas gut zu machen. Ganz kalt erwiderte er mir: »Ohne Zweifel wird Eure Gegenwart, Sir, mich stören, aber auf eine Art, die Eure Börse nicht vergüten kann; mit einem Worte, willige ich auch ein, Euch als meinen Gast zu empfangen, so bin ich doch kein Wirth, der um's Geld beherbergt.« Ich bat ihn wieder um Verzeihung und setzte mich, auf sein Bitten, wieder hinter ihm auf das Pferd, welches rasch davon eilte, wie zuvor. – Wenn dann der Mond die Wolken, die ihn umhüllten, durchdringen konnte, so erschien der lange Schatten des Thieres mit seiner doppelten Bürde schauerlich auf dem wilden, kahlen Boden, über den wir eilten. Magst du immerhin lachen bis daß der Brief dir aus den Händen fällt, aber es erinnerte mich an den Zauberer Atlantes auf seinem Hippogryph, mit einem Ritter hinter sich auf, so wie Ariost ihn uns beschrieb. Ich weiß es wohl, du bist prosaisch genug, eine gewisse Verachtung gegen das bezaubernde, herrliche Gedicht zu heucheln; aber glaube nur nicht, daß ich, um deinem schlechten Geschmacke zu schmeicheln, irgend eine passende Citation unterlassen werde, die mir hie und da daraus einfallen möchte. Fort ging's, indem der Himmel sich schwarz umwölkte, und der Wind eine so wilde, schauerliche Melodie dazu blies, daß sie trefflich mit den tiefen Tönen der herannahenden Fluth harmonirte, welche ich in der Ferne hörte, gleich dem Brüllen eines furchtbaren Ungeheuers, dem man seine Beute raubt. Endlich führte uns unser Weg durch eine tiefe Schlucht oder Hohlweg, welcher bei dem oft verhüllten Schein des Mondes abschüssig, steil und von Baumstämmen unterbrochen schien, obgleich im Allgemeinen Bäume ziemlich selten an diesem Ufer zu finden sind. Der Weg, durch den wir durch die Schlucht kamen, war jäh, abschüssig und holperig, man mußte zwei- oder dreimal neben tiefen Abgründen umwenden. Aber weder Gefahr noch Finsterniß konnten die raschen Bewegungen des Rappen hemmen, der den Engpaß mehr auf seinen Hüften herunter zu gleiten als zu galoppiren schien, indem er mich wiederholt gegen die Schultern des athletischen Reiters warf, welcher dadurch keinerlei Beschwerlichkeit leidend, das Pferd mit den Sporen antrieb und zugleich mit dem Zügel zurückhielt, bis wir in Sicherheit den Fuß des Abhangs erreichten, was mich, wie du, Freund Allan, leicht denken kannst herzlich erfreute. Kurz nach dieser halsbrechenden Reiterei erreichten wir zwei oder drei Hütten, von welchen die eine, wie ein abermaliger vorübergehender Mondschein mich belehrte, um ein Bedeutendes ansehnlicher schien als die in diesem Theile des Landes gewöhnlichen schottischen Bauernhäuser; denn die Fenster waren verglast, und im Dache waren sogenannte Sturmfenster angebracht, welche ein Zeichen der Pracht eines zweiten Stockwerks schienen. Die Lage schien sehr anziehend, denn die Wohnung und der Hof lagen auf einem Werder von ungefähr zwei Acker, welchen ein Bach, der seinem Rauschen nach nicht unbedeutend schien, an der linken Seite des kleinen Thals bildete; während er seinen Lauf nach der fernen Meeresküste richtete, welcher von Bäumen beschattet und verdunkelt zu werden schien. Der ebene Raum daneben erfreuete sich einiger Mondblicke, so wie die stürmische Nacht sie gewähren konnte. Es blieb mir wenig Zeit übrig Betrachtungen anzustellen, denn auf das letzte Pfeifen meines Gefährten, welchem ein eben so lautes Hallo! folgte, erschien augenblicklich an der Thüre des ansehnlichsten Gebäudes ein Mann und eine Frau, denen zwei große neufundländische Hunde folgten, deren lautes Bellen ich schon eine Strecke weit gehört hatte. Ein oder zwei kreischende Windhunde, welche in das Concert eingestimmt hatten, waren augenblicklich stille, sobald sie meinen Führer sahen, wedelten, winselten und sprangen auf ihn. Das Frauenzimmer entfernte sich, als sie einen Fremden erblickte, der Mann aber, der eine brennende Laterne trug, näherte sich, empfing ohne weitere Bemerkung das Pferd aus den Händen meines Wirthes, und ich folgte meinem Führer in das Haus. Als wir durch die Hausflur gegangen waren, traten wir in ein nett aussehendes Zimmer mit reinlichem Boden van Backsteinen, wo in einem gewöhnlichen schottischen Camine mit einem Vorsprung, zu meiner großen Freude, ein helles Feuer flackerte. Rings herum waren steinerne Bänke angebracht, gewöhnliche Hausgeräthe, Fischspeere und andere zum Fischfang nöthige Werkzeuge hingen an den Wänden. Das Frauenzimmer, welches zuerst an der Thüre erschienen war, hatte sich nun in ein Nebenzimmer zurückgezogen. Jetzt folgte ihr mein Führer, nachdem er mir zuvor stillschweigend einen Sitz bezeichnet hatte; an ihrer Stelle erschien eine ältliche Frau, in einem grauen stoffenen Kleide, mit bunter Schürze und Kaputze, sichtlich eine Dienerin, obgleich sie zierlicher gekleidet war als es in ihrem wahrscheinlichen Stande gebräuchlich ist, ein Vortheil, dem ein höchst abschreckendes Aeußere die Spitze bot. Der auffallendste Theil ihres Anzugs aber war – in dieser erzprotestantischen Gegend – ein Rosenkranz, an welchem die kleineren Knöpfe von schwarzem Holze, diejenigen aber, welche das pater-noster anzeigten, von Silber waren, mit einem Crucifix von demselben Metall. Diese Person machte Vorbereitungen zum Abendessen, indem sie auf einen großen eichenen Tisch ein zwar grobes, aber doch reinliches Tischtuch ausbreitete, Gedecke und Salz darauf stellte, und das Feuer zurecht legte, um einen Bratrost darauf hinstellen zu können. Ich sah ihren Bewegungen stille zu, denn sie schien weder mich bemerken zu wollen, noch reizten mich ihre auf eine eigene Weise zurückstoßenden Blicke, ein Gespräch mit ihr anzuknüpfen. Als die Duenna alle diese Vorkehrungen getroffen hatte, nahm sie aus der wohlgefüllten Tasche meines Begleiters, welche er über die Thüre gehängt hatte, einen oder zwei Salme oder Grilsen, wie man hier zu Lande die kleinere Art nennt, wählte die besten heraus, zerschnitt sie in Stücke und bratete sie auf dem Rost; mich aber ergriff der duftende Geruch des Gerichtes so mächtiglich, daß ich herzlich wünschte, es möchte kein Hinderniß zwischen der Platte und den Lippen entstehen. Als dieser Wunsch in mir aufstieg, kam der Mann, der das Pferd in den Stall geführt hatte, in das Zimmer und zeigte mir eine noch unempfehlendere Miene, als die des alten Weibes war, welche mit so vieler Geschicklichkeit die Verrichtungen eines Koches übernommen hatte. Er mochte ungefähr sechzig Jahre alt sein; doch war seine Stirne noch nicht stark gefurcht, und sein noch schwarzes Haar war durch das Alter nur ein wenig ergraut, aber durchaus nicht gebleicht worden. Alle seine Bewegungen verkündeten eine noch unversehrte Stärke; obgleich von mittlerer Statur, hatte er doch breite Schultern, war regelmäßig gebaut, schlank in den Hüften, und verband augenscheinlich mit diesem Riesenkörper Muskelkraft und Thätigkeit; letztere durch die Jahre vielleicht ein wenig geschwächt, doch die erstere noch in voller Blüthe. Harte, schroffe Züge – die Augen tief liegend unter den hervorstehenden Augenbrauen, die wie sein Haar zu ergrauen begannen – ein weiter Mund von einem Ohr bis zum anderen mit zwei Reihen unverdorbener, schneeweißer Zähne besetzt, welche so groß und breit waren, daß sie in die Kinnlade eines Menschenfressers gepaßt hatten, setzten dem köstlichen Bilde die Krone auf. Er war wie ein Fischer gekleidet, in einer blauen Jacke und weiten Hosen von dem blauen Zeuge, welches die Seeleute gewöhnlich zu tragen pflegen, ein großes holländisches Käsemesser, dem der Hamburger Schiffer ähnlich, stak in einem breiten ledernen Gürtel, welcher aussah, als konnte er bei Gelegenheit auch Waffen enthalten, welche minder zweideutig auf Gewaltthätigkeit berechnet sind. Dieser Mann warf mir einen forschenden und, wie mich's däuchte, drohenden Blick zu, als er in das Zimmer trat; aber ohne weitere Notiz von mir zu nehmen, bemächtigte er sich des Amtes den Tisch zu ordnen, welches die alte Dame verlassen hatte um Fische zu kochen, und stellte, mit mehr Gewandtheit als ich ihm, seinem rauhen Ansehen nach, zugetraut hatte, zwei Sessel an das obere Ende des Tisches und zwei Stühle an das untere; bereitete vor jedem Sitze ein Couvert, welches er mit Gerstenbrod und einem kleinen Kruge versah, den er aus einem großen, schwarzen Schlauch mit Bier füllte. Drei Krüge waren von gewöhnlichem Thon, zu dem Gedecke rechter Hand am oberen Ende des Tisches stellte er aber ein silbernes Flacon, reich mit Wappenschildern versehen. An dem oberen Ende des Tisches stand ein Salzfaß von Silber, schön gearbeitet, mit Salz von blendender Weiße, Pfeffer und anderen Gewürzen. Eine zerschnittene Citrone ward ebenfalls auf einer kleinen silbernen Platte vorgestellt. Die zwei großen Wasserhunde, welche diese Vorbereitungen vollkommen zu begreifen schienen, setzten sich jeder auf einer Seite des Tisches, und machten sich bereit, ihre Portion von der Mahlzeit zu erhalten. Nie sah ich schönere Thiere, die mehr an ein gewisses Gefühl des Anstands gewohnt waren, nur wenn der Duft vom Camin bis zu ihrer Nase drang, erregte er ihnen ein lüsternes Schnuppern. Die kleinen Hunde aber nahmen ihren Platz unter dem Tische ein. Ich fühle wohl, daß ich mich bei geringfügigen, gewöhnlichen Umständen aufhalte, und daß ich wahrscheinlich deine Geduld dadurch ermüde. Aber denke dich an meiner Stelle, allein an diesem abgelegenen Orte, der, nach dem allgemeinen Stillschweigen zu urtheilen, der Tempel des Harpocrates selbst zu sein schien – erinnere dich daran, daß es mein erster Ausflug von Hause war, vergiß dabei nicht, daß die Weise, wie ich hieher kam, etwas Abenteuerliches hatte, daß ein geheimnißvoller Schleier alles das zu umgeben schien, was ich bisher gesehen hatte; und dann wirst du, glaube ich, nicht mehr überrascht sein, daß an und für sich geringfügige Umstände mir seiner Zeit auffielen, und meinem Gedächtnisse auch späterhin eingeprägt blieben. Daß ein Fischer, der dem Fischfang wahrscheinlich ebensowohl seines Vergnügens als seines Nutzens wegen nachgeht, besser beritten ist, bequemer wohnt als die niedere Classe der Bauern, nun, das ist freilich nichts Bewundernswerthes; aber Alles, was ich sah, schien anzudeuten, daß ich mich eher in der Behausung eines zurückgekommenen Edelmannes, der noch an den Formen und Gebräuchen seines früheren Standes hing, befände, als in dem Hause eines gewöhnlichen Bauern, der sich von seinen Standesgenossen nur durch verhältnißmäßig größeren Wohlstand auszeichnete. Außer dem schon erwähnten Silbergeschirr stellte der alte Mann nun eine silberne Lampe, Cruisie , wie ihr Schotten sie nennt, auf den Tisch und zündete sie an. Sie war mit geläutertem Oel gefüllt, welches, als man die Lampe anzündete, einen lieblichen Duft verbreitete; sie gab mir Gelegenheit, die Wände des Zimmers, welche ich bisher nur bei dem schwachen Lichte des Feuers gesehen hatte, genauer zu betrachten. Der Küchenständer mit seiner gewöhnlichen Anordnung von Zinn- und Irden-Geschirr, pünktlich und sorgfältig gereinigt, strahlte auf der einen Seite des Zimmers freundlich wieder im Scheine der Lampe. In einem Erker, den die Nische des gewölbten Fensters bildete, stand ein großer Schreibpult von Nußbaumholz, seltsam eingelegt; über demselben Gefächer von demselben Holze, auf welchen einige Bücher und Papiere lagen. Auf der Seite, welche dem Erker gegenüber war, waren, so viel ich unterscheiden konnte (denn sie lag im Schatten, und von meinem Platze aus konnte ich es nur unvollkommen betrachten), eine oder zwei Flinten, Schwerter, Pistolen und andere Waffen aufgehäuft – eine Sammlung, die in einer armen Hütte und in einer so friedlichen Gegend nicht allein sonderbar, sondern sogar etwas verdächtig schien. Du kannst dir wohl vorstellen, daß ich alle diese Bemerkungen schneller machte als erzählte, oder als du (wenn du sie nicht überschlagen hast) im Stande warst, sie zu lesen. Schon waren sie beendigt, und ich dachte darauf, wie ich eine Unterhaltung mit den stummen Einwohnern des Gebäudes anknüpfen sollte, als mein Führer in der Seitenthüre, durch welche er abgegangen war, wieder erschien. Er hatte jetzt seine grobe Reitermütze und seinen engen Jockey-Rock abgeworfen, und stand vor mir da in einer grauen, enganliegenden, schwarz besetzten Jacke, welche seine breite, nervige Gestalt zeigte, und seine Beinkleider von lichterer Farbe lagen so enge an dem Körper an, wie die Hochländer sie zu tragen pflegen. Sein ganzer Anzug war von feinerem Tuche, als der des alten Mannes, und seine Wäsche – so genau merkte ich auf – rein und unbeschmutzt. Sein Hemd hatte keine Streifen und war am Halse mit einem schwarzen Bande befestigt, über das sich sein starker muskulöser Nacken, gleich dem eines alten Herkules, erhob. Der Kopf war klein, mit einer hohen Stirne und gut geformten Zähnen. Er trug weder Perücke noch Haarpuder, und die kastanienbraunen Locken, welche wie bei einer Statue von seinem Kopfe herabfielen, trugen nicht die geringste Spur des Alters, obschon er über Fünfzig sein mußte. Seine Züge waren so erhaben und kräftig, daß man schwankte, ob man sie rauh oder schön nennen sollte. Doch gab das funkelnde dunkle Auge, die Adlernase, der wohlgeformte Mund seiner Physiognomie Adel und Ausdruck. Ein Zug von Niedergeschlagenheit oder von Strenge, oder von beiden zugleich, schienen ein melancholisches, hochstrebendes Gemüth zu verrathen. Ich konnte mich nicht enthalten, die Helden der Vorwelt vor meinem Geiste vorübergehen zu lassen, um einen zu finden, mit dem ich die edle Gestalt und Haltung vor mir vergleichen könnte. Er war zu jung, schien sich zu wenig in sein Schicksal gefunden zu haben, um dem Belisarius zu gleichen. Näher mochte ihm Coriolanus am Herde des Tullus Aufidius kommen, aber der düstere, hochmüthige Blick des Fremden war mehr der des Marius, sitzend auf den Ruinen des zerstörten Karthagos. Während ich nun, verloren in meinen Traumbildern, saß, stand mein Wirth am Feuer und betrachtete mich mit derselben Aufmerksamkeit, die ich ihm widmete, bis ich, durch seine Blicke in Verlegenheit gesetzt, mich entschloß, auf jede Gefahr hin, das Stillschweigen zu brechen. Aber das Abendessen, das man nun auftrug, erinnerte mich an ein gewisses Gefühl, welches ich bei meinem Staunen über die schöne Gestalt meines Führers fast vergessen hatte. Endlich sprach er, und fast erstarrte ich vor dem tiefen, vollen Ton seiner Stimme, obgleich er mich nur einlud, mich zu Tische zu setzen. Er selbst nahm den Ehrenplatz ein, neben welchem das silberne Flacon stand, und winkte mir, mich neben ihn zu setzen. Du weißt, daß deines Vaters genaue und treffliche Hauszucht mich daran gewöhnt hat, einen Segen sprechen zu hören, ehe wir das tägliche Brod brechen, um das wir bitten. – Ich schwieg einen Augenblick, und obschon ich es nicht sagte, so vermuthe ich doch, daß meine Bewegungen meine Gedanken verrathen haben müssen. Die beiden Diener oder Untergebenen saßen schon, wie ich es hätte früher bemerken sollen, am unteren Ende des Tisches, als mein Wirth dem alten Manne einen ausdrucksvollen Blick zuwarf, indem er dabei fast spöttisch lächelnd hinzufügte: »Christal Nixon, sprich doch das Gebet – der Herr scheint es zu erwarten.« – »Der böse Feind werde Meßgehülfe und sage Amen, wenn ich Kaplan werde,« brummte die angeredete Person in einem Tone entgegen, der einem sterbenden Bären wohl geziemt hätte; »ist der Gentleman ein Whig, so mag er sich selbst seine Maskerade spielen. Mein Glaube besteht nicht in Wort und Schrift, wohl aber in Gerstenbrod und Braunbier.« »Mabel Moffat,« sagte mein Führer, indem er auf das alte Weib schaute, und wahrscheinlich, weil sie harthörig war, seine tönende Stimme erhob, »kannst du einen Segen über unsere Speisen sprechen?« Die alte Frau schüttelte den Kopf, küßte das Kreuz, das an ihrem Rosenkranze hing und schwieg. »Mabel will das Gracias für keinen Ketzer sagen,« erwiderte der Herr vom Hause mit demselben höhnischen Lächeln in Gesicht und Ausdruck. In demselben Augenblick öffnete sich die schon erwähnte Seitenthür, und das junge Frauenzimmer, welches ich zuerst am Thore der Wohnung erblickte, trat einige Schritte vor, dann aber blieb sie stehen, als hätte sie bemerkt, daß ich sie betrachte, und frug den Herrn des Hauses, »ob er gerufen habe?« »Ich sprach nur so laut, damit die alte Mabel mich hören konnte,« erwiderte er, »und doch,« fügte er hinzu, als sie sich umwandte, um wieder zu gehen, »es ist eine Schande, daß ein Fremder ein Haus sehen soll, wo nicht einer aus der Familie das Gebet sprechen könnte oder wollte – sei du unser Kaplan!« Das Mädchen, welches wirklich schön war, nahete sich mit schüchterner Bescheidenheit und, wie es schien, ohne zu wissen, daß sie eine hier ungewöhnliche Handlung verrichte, sprach sie den Segen mit einem Tone gleich dem einer silbernen Glocke, mit rührender Einfachheit aus – ihre Wangen rötheten sich dabei so viel, daß sie anzudeuten schienen, bei minder feierlicher Gelegenheit würde sie verwegener geworden sein. Wenn du nun eine schöne Beschreibung dieses jungen Frauenzimmers erwartest, Allan Fairford, um dich mit mir zu necken, daß ich eine Dulcinea in der Bewohnerin einer Fischerhütte im Meerbusen von Solway gefunden hätte, so sollst du für dieses Mal getäuscht werden; denn wenn ich sage, daß sie ein hübsches, liebes, gewandtes Geschöpf zu sein schien, so ist das Alles, was ich sagen kann. Sie verschwand, als der Segen gesprochen war. Mein Wirth brummte etwas von der Kälte unseres Rittes und von der rauhen Luft der Solway-Küste in einer Art, als wolle er es nicht beantwortet haben, und belud dann meinen Teller mit Mabels Grillade, welche, nebst einer großen hölzernen Schüssel voll Kartoffeln, unser ganzes Mahl ausmachte. Einige Tropfen aus der Citrone gaben dem Salm einen höheren Wohlgeschmack, als die gewöhnliche Zubereitung mit Essig, und ich versichere dir, die Gefühle, die mich bis dahin ergriffen hatten, Neugierde sowohl als Verdacht, nichts hinderte mich, tüchtig zuzugreifen, und es mir recht wohl schmecken zu lassen. Auch fiel während dieser Zeit nichts Erhebliches zwischen mir und meinem Gesellschafter vor, außer daß er mir die gewöhnlichen Ehrenbezeugungen des Tisches (die honneurs de la table ) zwar mit Höflichkeit, doch nicht mit jener herzlichen Gastfreundschaft erzeigte, welche Leute seines (anscheinenden) Standes bei solchen Gelegenheiten gewöhnlich zeigen, selbst wenn sie sie wirklich nicht fühlen. Im Gegentheil, seine Manieren schienen die eines höflichen Wirthes gegen einen unerwarteten, ja selbst unwillkommenen Gast zu sein, welchen er seines Ansehens wegen höflich, doch weder gut noch bereitwillig empfängt. Frägst du, woraus ich es schließe, so kann ich dir es wahrlich nicht sagen; ja, wenn ich dir selbst die unbedeutenden Gespräche, die zwischen uns gewechselt wurden, der Länge nach herschriebe, so würden sie auch diese Bemerkung nicht rechtfertigen können. Genug, wenn er seine Hunde fütterte, welches er von Zeit zu Zeit mit großer Freigebigkeit that, so schien er eine erfreulichere Pflicht zu erfüllen, als wenn er seinem Gaste dieselbe Aufmerksamkeit widmete. Im Allgemeinen machte er auf meinen Geist den schon erwähnten Eindruck. Als das Abendessen geendigt war, ward eine kleine Umhängflasche mit Branntwein in einem seltsamen Gestell von geflochtener Silberarbeit den Gästen dargereicht. Ich hatte schon ein kleines Glas Liqueur getrunken, da konnte ich mich, als Mabel und Christal sich dessen bedient hatten, und die Flasche wieder heraufgereicht wurde, nicht enthalten, das Wappen genauer zu betrachten, welches auf dem silbernen Gestelle eingegraben war. Als aber mein Auge dem meines Wirthes begegnete, bemerkte ich augenblicklich, daß ihm meine Neugierde im höchsten Grade mißfiel; er runzelte die Stirne, biß sich in die Lippen, und zeigte so deutliche Spuren der Ungeduld, daß ich die Flasche sogleich hinstellte und mich zu entschuldigen versuchte. Doch er würdigte mich keiner Antwort, ja er schien nicht einmal darauf zu hören, und auf ein Zeichen von seinem Herrn entfernte Christal den Gegenstand meiner Neugierde sowohl als die Schale, worauf das Wappen gestochen war. Nun erfolgte ein drückendes Stillschweigen, welches ich dadurch zu brechen versuchte, daß ich bemerkte: »ich fürchtete, meine Zudringlichkeit hätte seiner Familie Unannehmlichkeiten verursacht.« »Ich hoffe, Ihr seht keine Spur davon, Sir,« erwiderte er mit kalter Höflichkeit, »welche Unannehmlichkeiten auch eine so zurückgezogene Familie, wie die unserige, durch einen unerwarteten Gast erleiden mag, so sind sie doch sehr gering, in Vergleichung mit dem, was der Gast selbst durch den Mangel an gewohnter Bequemlichkeit erduldet. So weit sich nun unsere Bekanntschaft ausdehnt, steht also unsere Rechnung gleich.« Dieser entmuthigenden Antwort ungeachtet, machte ich, wie es in solchen Fällen gewöhnlich geht, eine Thorheit, und indem ich höflich scheinen wollte, war ich wahrscheinlich in Wirklichkeit gerade das Gegentheil. »Ich fürchtete,« sagte ich, einen Blick auf die Seitenthüre werfend, »meine Gegenwart hätte Jemand von der Familie vom Tische verdrängt.« »Wenn,« erwiderte er kalt, »ich das junge Frauenzimmer meinte, welches ich im Zimmer gesehen hätte, so könnte ich ja wohl bemerken, daß Platz zum Sitzen und Speise zum Essen genug für sie da wäre. Ich könnte daher überzeugt sein, daß sie mitgegessen haben würde, wenn sie es gewünscht hätte.« Jetzt konnte ich aber bei diesem oder einem andern Gegenstande nicht länger verweilen; denn mein Wirth bemerkte, indem er die Lampe ergriff, daß meine nassen Kleider mich wohl für heute Nacht mit ihrer Sitte aussöhnen würden, früh zu Bette zu gehen; daß er gezwungen wäre, morgen mit Tagesanbruch fortzureiten, und daß er mich zu derselben Zeit abholen würde, um mir den Weg zu zeigen, den ich einschlagen müßte, um nach Shepherd's Busch zurückzukommen. Somit ließ er mir keine Gelegenheit zu ferneren Erläuterungen, oder zu den gewöhnlichen Höflichkeitsbezeugungen; denn da er weder nach meinem Namen frug, noch den geringsten Antheil an meinem Stand verrieth, so durfte auch ich es nicht wagen, ihn mit solchen Fragen zu belästigen. Er ergriff die Lampe und führte mich durch die Seitenthüre in ein sehr enges Zimmer, wo in der Eile ein Bett für mich aufgeschlagen worden war, und indem er die Lampe hinstellte, wies er mich an, meine nassen Kleider vor die Thüre zu hängen, damit sie während der Nacht am Feuer trocknen könnten. Dann verließ er mich, indem er etwas vor sich hinbrummte, das wahrscheinlich so viel als: »gute Nacht« heißen sollte. Ich gehorchte seiner Anweisung, meine Kleider betreffend, um so viel mehr, da trotz der geistigen Getränke, welche ich zu mir genommen hatte, meine Zähne schnatterten und ich durch ängstliche Gefühle Winke erhielt, daß ein in der Stadt erzogener Jüngling, wie ich, nicht ungestraft plötzlich die Mühseligkeiten ländlicher Unterhaltungen theilen könnte. Aber mein Bett, wenn schon grob und hart, war doch trocken und reinlich, und bald dachte ich so wenig an Hitze und Frost, daß ich mit Aufmerksamkeit auf einen schweren Tritt horchte, der meinem Wirthe anzugehören schien, welcher in dem Zimmer über mir auf und ab ging. Sobald ich meine Lampe ausgelöscht hatte, schimmerte Licht durch die rohen Balken, und da das Geräusch des langsamen, feierlichen und regelmäßigen Schrittes nicht aufhörte, und ich wohl unterscheiden konnte, daß die Person sich immer wieder umwandte, sobald sie das Ende des Zimmers erreicht hatte, so schien es mir klar, daß der Gehende keine häusliche Beschäftigung verrichtete, sondern lediglich und allein zu seinem Vergnügen auf und ab spazierte. Eine närrische Unterhaltung ist das, dachte ich, für Jemanden, der wenigstens einen Theil des verflossenen Tages in heftiger Leibesbewegung zugebracht hat, und der davon redet, den nächsten Morgen beim Anbruch der Dämmerung aufzustehen. Unterdessen begann der Sturm, der schon den ganzen Abend dumpf brauste, mit entsetzlicher Wuth loszubrechen; ein Getöse, ähnlich dem in der Ferne rollenden Donner (wahrscheinlich das Brausen der Wellen, die sich am Ufer brachen) vermischt mit dem Rauschen des nahen Stromes, dem Aechzen, Knarren und Krachen der Bäume der Schlucht, in deren Aeste der Wirbelwind sauste. Im Hause selbst klapperten die Fenster, die Thüren fielen zu, ja selbst die Mauern, obgleich für ein solches Gebäude fest genug, schienen vom Sturm zu zittern. Immer aber noch hörte ich in dem Zimmer über mir die schweren Schritte, trotz dem Toben und Wüthen der Elemente, gleichförmig auf und nieder gehen. Mehrmals glaubte ich selbst einen Seufzer zu vernehmen, doch gestehe ich offen, daß in einer so unheimlichen Lage meine Phantasie mich irre geführt haben kann. Oft kam ich in Versuchung, laut zu rufen, um zu fragen, ob der Sturm um uns das Gebäude nicht gefährde; aber wenn ich dann an den finsteren, ungeselligen Herrn des Hauses dachte, der menschliche Gesellschaft fliehend, selbst im Kampfe der Elemente in ungestörter Ruhe blieb, so kam es mir vor, daß wenn ich jetzt mit ihm spräche, ich den Geist des Sturmes selbst bannte, das mir es schien, kein anderes Wesen könne so ruhig und gelassen bleiben, während um dasselbe Wind und Wasser so entsetzlich tobten. Doch mit der Zeit siegte die Ermüdung über Angst und Neugierde. Entweder der Sturm ließ nach, oder meine Sinne stumpften sich gegen seine Schrecken ab, genug, ich schlief ein, ehe noch der geheimnißvolle Schritt meines Wirthes aufgehört hatte, die Decke meines Zimmers zu erschüttern. Man sollte glauben, das Neue meiner Lage hätte meinen Schlaf, wenn auch nicht verhindern, doch seine Ruhe stören, seine Dauer verkürzen sollen. Doch war es gerade das Gegentheil, denn nie schlief ich fester, und erwachte nur erst dann, als beim Anbruch der Dämmerung mein Wirth mich am Arm schüttelte und einen Traum störte, den ich zu deinem Glücke vergessen habe, denn sonst wärst du gewiß damit beglückt worden, in der Hoffnung, daß du dich dabei als ein zweiter Daniel zeigen würdest. »Ihr schlaft gesund,« sagte er mit tiefer Stimme; »doch ehe noch fünf Jahre über Euer Haupt dahinschwinden, wird Euer Schlummer leichter sein – wenn Ihr dann nicht schon in dem Schlafe befangen liegt, aus dem man nie erwacht!« »Wie,« sagte ich, indem ich mich schnell im Bett aufrichtete, »wißt Ihr etwas von mir, von meinen Verhältnissen, meinen Aussichten?« »Nicht das Geringste,« antwortete er mit bitterem Lächeln, »aber Ihr tretet in die Welt jung, unerfahren und hoffnungsvoll, darum prophezeie ich Euch, wie ich es jedem Anderen in Eurer Lage gethan hätte. – Aber kommt, dort liegen Eure Kleider – ein Stück schwarz Brod und eine Schale Milch erwarten Euch, wenn Ihr frühstücken wollt, doch müßt Ihr Euch eilen.« »Ich muß mir erst,« erwiderte ich, »die Freiheit ausbitten, einige Minuten allein zubringen zu dürfen, ehe ich die gewöhnlichen Tagesgeschäfte beginne.« »Ja so, ich bitte Eure Andacht um Verzeihung,« antwortete er und verließ das Zimmer. »Allan, es ist etwas Schreckliches um diesen Mann!« Meinem Versprechen gemäß, folgte ich ihm in die Küche, wo wir gestern zu Nacht aßen, und fand dort, was er mir zum Frühstück angeboten hatte, nichts mehr und nichts weniger. Während ich Brod und Milch verzehrte, ging er wieder auf und ab; und der langsame, abgemessene, schwere Tritt, schien derselbe, welchen ich die vergangene Nacht gehört hatte. Sein Schritt, bedächtig, als folge er einem Leichenzuge, schien der Ausdruck einer inneren, dunklen, verborgenen, tiefgewurzelten Leidenschaft zu sein. – Da dachte ich innerlich, wir laufen und springen neben einem lebhaften, murmelnden Bach, als wollten wir mit ihm um die Wette laufen; aber neben tiefen Gewässern, die schauerlich, einsam daherfließen, ist unser Schritt abgemessen und ruhig wie ihr Lauf. Welche Gedanken mögen jetzt wohl aufsteigen in jener tiefgefurchten Stirne, mag der schwere Tritt verkünden? »Wenn Ihr geendigt habt,« sagte er, indem er mich mit einem ungeduldigen Blick ansah, als er bemerkte, daß ich nicht mehr aß, sondern ihn nur mit den Augen fixirte, »so bin ich bereit, Euch den Weg zu zeigen.« Wir gingen also zusammen fort, während kein Glied der Familie, außer mein Wirth, zu sehen war. Mich verdroß es, daß ich keine Gelegenheit gefunden hatte, den Dienern, oder denen, die es schienen, etwas geben zu können. Aber dem Herrn des Hauses eine Erkenntlichkeit anzubieten, dazu fehlte mir der Muth. Was hätte ich nicht darum gegeben, einen Theil deines gesetzten Wesens zu besitzen, der einem Manne, der dessen bedürftig schien, im Bewußtsein, eine gerechte Handlung auszuüben, ohne Weiteres einen halben Kronenthaler in die Hand gedrückt, und dich keinen Pfennig darum bekümmert hättest, ob du nicht damit das Gefühl dessen, dem du dienen möchtest, beleidigst. Ich sah dich einst einem Manne mit einem langen Barte, der seinem würdigen Aussehen nach einen Solon hätte vorstellen können, ganz kaltblütig einen penny geben. Ich hatte deinen Muth nicht, Allan, bot also auch meinem geheimnisvollen Wirthe nichts an, obgleich, trotz des Prunkens mit silbernen Gefässen, alles im Hause Dürftigkeit, ja fast Armuth verrieth. Wir verließen also den Ort zusammen. Doch ich höre dich schon deinen Lieblingsausruf brummen: O, jam satis! das Uebrige auf eine andere Zeit. Ich werde, denke ich, meine Mittheilungen verschieben, bis ich sehe, ob du auch meine Güte anerkennst. Fünfter Brief. Allan Fairford an Darsie Latimer. Ich habe, mein theurer Darsie, deine zwei letzten Episteln erhalten, und die dritte erwartend, war ich nicht sehr eilig, sie zu beantworten. Glaube nicht, daß mein Stillschweigen meinem Mangel an Interesse daran zuzuschreiben wäre, denn wahrlich sie übertreffen (und das war doch gewiß schwer) deine gewöhnlichen Vortrefflichkeiten. Seit dem ersten Mondkalb, das in einem erlöschenden Waldfeuer Miltons Pandemonium entdeckte, seit dem ersten erfinderischen Knaben, der Seifenblasen aus Wasser und Seife blies, hast du, mein bester Freund, den höchsten Grad der Kunst erlangt, aus einem Nichts Geschichten zu schmieden. Hättest du im Ammenmärchen die Bohne zu pflanzen gehabt, du würdest es schon beim ersten Keimen errathen haben, daß auf dem Gipfel das Riesenschloß seine Wälle erheben würde. Alles, was dir begegnet, erhält von deiner lebhaften Vorstellungsgabe einen Anstrich des Wundervollen und Erhabenen. Hast du wohl schon ein Claude-Lorrain -Glas gesehen, wie die Künstler es nennen, das der ganzen Landschaft, welche man dadurch sieht, einen ganz eigenen Anstrich verleiht? Dir erschienen nun die gewöhnlichen Begebenheiten durch eben solch' ein Zauberglas. Ich habe die Facta , welche dein langer Brief enthält, sorgfältig geprüft, und siehe da, ich finde sie sehr ähnlich mit denen, die einem kleinen Taugenichts von der hohen Schule begegnen könnten, der am Strande der Leith spazieren ging, Hosen und Schuhe durchnäßte, und zuletzt aus Mitleid von einem Fischerweibe heimgetragen ward, welche während der Zeit dem Taugenichts flucht, der ihr die Mühe verursacht. Ich bewundere die Figur, die du gemacht haben mußt, als du, um dein theueres Leben zu fristen, dich an den Rücken des alten Gesellen anklammertest – deine Kinnbacken schnatternd vor Furcht, deine Muskeln krampfhaft bewegt vor Angst. Noch eher möchte das abscheuliche Abendessen von geröstetem Salm (das mir auf ein Jahr lang den Alp zuziehen könnte) ein wirkliches Unheil genannt werden; aber was den Sturm von Donnerstag (denn da war es, glaub' ich) betraf, so tobte, heulte, lärmte und stöhnte er eben so arg in den alten Schornsteinspitzen von Cadlemaker-Tow , als er es nur an den Ufern des Solway's konnte, denn eben dieser Wind – teste me per totam noctem vigilante ! – Ja selbst noch den folgenden Morgen, als – Gott stehe dir in deiner sentimentalen Delikatesse bei – du dem armen Manne Lebewohl sagtest, ohne ihm einen halben Kronenthaler für Abendessen und Logis anzubieten. Du lachst mich aus, daß ich einem alten Manne einen penny gab – (obgleich du genau genommen sechs Pence sagen müßtest) den du, im hohen Schwünge deiner Begeisterung nüchtern heimgeschickt hättest, weil er dem Solon oder Belisarius glich. Aber du vergaßest, daß die sogenannte Beleidigung von dem alten Bettler als eine Wohlthat aufgenommen wurde, der sich in Segenswünschen über den großmüthigen Geber ergoß, während er weit entfernt gewesen wäre, dir, Darsie, für deine trockene Ehrfurcht vor seinem Barte und Anstand zu danken. Ferner lachst du über meines guten Vaters Flucht von Falkirk, gerade als wäre es unziemend für einen Mann, sich aus dem Staube zu machen, wenn drei oder vier Bergschlingel mit gezogenem Flamberg und Fersen, so gewandt wie ihre Finger, ihm nachspringen, und » furinish « rufen. Du erinnerst dich wohl noch, was er sagte, als der Laird von Bucklivat ihm erklärte, daß furinish so viel heißt, als: »bleib' doch einmal stehen«. »Was Teufel auch,« schrie er, seine presbyterianische Strenge ob der unvernünftigen Forderung bei solchen Umständen vergessend, »haben die Spitzbuben denn gedacht, ich sollte stehen bleiben, um mir den Kopf abschneiden zu lassen?« Denke dir solch' ein Gefolge hinter dir, Darsie, und frage dich dann selbst, ob du alsdann deine Schenkel nicht eben so in Anspruch genommen hättest, als du es thatest zur Zeit, wo du vor der Fluth vom Ufer des Solway's flüchtetest. Und dennoch sprichst du meinem Vater allen Muth ab. Ich aber sage dir – er hat Muth genug, das Rechte zu thun und das Unrechte zu verfolgen – Muth genug, mit Hand und Börse eine gerechte Sache zu vertheidigen, und die Sache des Armen gegen seinen Dränger zu führen, ohne die Folgen für sich selbst zu fürchten. Das ist Bürgermuth, Darsie, und wahrscheinlich in unserem Zeitalter, und in unserem Vaterlande, ist es für die meisten Menschen höchst unwichtig, ob sie militärischen Muth besitzen oder nicht. Glaube aber nicht, daß ich böse auf dich wäre, obschon ich es versuche, deine Meinung über meinen Vater zu verbessern. Ich weiß es nur zu gut, daß im Ganzen ich ihn kaum mit mehr Ehrfurcht betrachte als du. Und, da ich doch einmal ernst gestimmt bin (was wahrlich schwer ist, wenn man mit Jemanden spricht, der stets reizt, über ihn zu lachen), so bitte ich dich, bester Darsie, laß dich doch von deinem Eifer nach Abenteuern nicht mehr in so gefährliche Lagen bringen, wie die an den Dünen des Solway. Der übrige Theil der Erzählung ist bloße Einbildung; wohl aber hätte die stürmische Nacht werden können, wie der Narr zum Lear sagt: »eine böse Nacht darin zu schwimmen.« Doch wenn du übrigens aus alten, querköpfigen Fischern geheimnißvolle, romantische Helden machen kannst, warum sollte nicht auch ich mich mit den Metamorphosen unterhalten dürfen? Doch halt, selbst da, da noch muß man bedächtig zu Werke gehen. Eben der weibliche Kaplan – du sprichst so wenig von ihm, so viel von allen Anderen, daß einiger Zweifel darob in meinem Gemüth entsteht. » Sehr schön ist sie, wie es scheint« – und das ist Alles, wovon mich deine Verschwiegenheit in Kenntniß setzt; nun gibt es aber Fälle, wo das Stillschweigen andere Dinge als eine Einwilligung bedeutet. Schämtest du dich, oder warest du erschreckt, Darsie, daß du es nicht wagtest, das Lob der schönen Gracias -Sprecherin zu verkünden? – So wahr ich lebe, du erröthest! Ach, kenne ich dich denn nicht für einen eingefleischten Kavalier aller Damen? Genoß ich nicht schon dein Zutrauen? Ein zierlicher Ellenbogen, den du sahst, wenn selbst die ganze übrige Gestalt in einen Mantel gehüllt war, oder ein wohlgeformter Knöchel, den du zufällig erblicktest, wenn die Inhaberin nach Old Ahsembly Close ging, konnten dir auf acht Tage den Kopf verdrehen. Schon war, wenn ich mich recht erinnere, einst dein Herz von einem Blicke eines unvergleichlichen, einzigen Auges gefangen, und als die Schöne den Schleier zurückschlug, siehe – da war es wirklich einzig im buchstäblichen Sinne des Worts. Warst du nicht zu einer anderen Zeit in eine Stimme verliebt – in eine bloße Stimme, welche sich in der alten, grauen Brüderskirche in die Psalmen gemischt hatte – bis daß du entdecktest, daß die Besitzerin des süßen Organs Miss Dolly Mac Izzard war, die vorn und hinten einen Buckel hatte? Wenn ich diese Facta wohl erwäge, und dagegen dein feines Schweigen über deine Nereide vergleiche, so muß ich dich bitten, in deinem nächsten Schreiben ausführlicher darüber zu sein, wenn ich nicht den Schluß ziehen soll, daß du mehr davon denkst, als du zu sagen für gut findest. Du wirst keine großen Neuigkeiten von hier erwarten, da du die Einförmigkeit meines Lebens kennst und wohl weißt, daß es gegenwärtig nur einem ununterbrochenen Studium gewidmet ist. Du hast es mir ja tausendmal gesagt, ich würde meinen Weg nur durch Nachgrübeln machen, also – nachgegrübelt muß werden! Mein Vater scheint jetzt deine Abwesenheit schmerzlicher zu fühlen, als das erste Mal. Er bemerkt, wie es mir scheint, daß unseren einsamen Mahlzeiten das Licht fehlt, mit welchem deine heitere Laune sie erhellte, er empfindet Schwermuth, so wie sie manche Menschen fühlen, wenn die Sonne die Landschaft nicht mehr beleuchtet. Nach seinen Gefühlen kannst du erst auf die meinigen schließen, und denken, wie herzlich ich deinen Streifzug beendigt, und dich wieder als unsern Hausgenossen zu erblicken wünschte. * Nach einem Zeitraume von einigen Stunden ergreife ich von Neuem die Feder, um dich von einer Begebenheit in Kenntniß zu setzen, auf welche du hundert Luftschlösser bauen wirst, und auf die – so wenig Geschmack ich an grundlosen Erdichtungen finde – ich selbst sonderbare Vermuthungen gründen muß. Mein Vater hat mich seit Kurzem häufig mitgenommen, wenn er in die Gerichtssitzung ging, um mich in den praktischen Geschäftsgang einzuweihen. Ich fühle wohl, daß seine allzugroße Aengstlichkeit uns beide lächerlich macht. Aber was hilft Widerstreben? Mein Vater schleppte mich zu seinem rechtsgelehrten Anwalt, – »Sind Sie bereit heute zu plaidiren, Mr. Crossbide, – Das ist mein Sohn, er ist für die Schranken bestimmt – Ich bin so frei, ihn heute mit in die Rathsversammlung zu nehmen, bloß damit er sehe, wie man diese Dinge behandelt.« Mr. Clossbide lächelt, verbeugt sich, wie ein Jurist dem Clienten zulächelt, der ihn gebraucht, beißt sich auf die Zunge, und flüstert der ersten besten großen Perücke, die bei ihm vorbeigeht, in's Ohr: »Was der Teufel will der alte Fairford, daß er seine Brut auf mich losläßt?« Ich aber stand daneben, zu ärgerlich über die kindische Rolle, die ich spielen sollte, als daß ich aus den trefflichen Argumenten des Mr. Crossbide großen Nutzen hätte ziehen können, vielmehr beobachtete ich einen ältlichen Mann, der meinen Vater immer fest im Auge behielt, als warte er nur das Ende des Geschäfts ab, in welchem er verwickelt war, um ihn anzureden. Mir schien es, als liege in dem Aeußeren des Mannes etwas, das Aufmerksamkeit errege. Doch war seine Kleidung nicht nach dem gegenwärtigen Geschmack, und obgleich einst prachtvoll, schien sie nun veraltet und unpassend. Sein Rock war von gestreiftem Sammt, mit Seide gefüttert, die Weste von violettfarbigem Seidenzeuge, reich gestickt, die Beinkleider von demselben Stoffe wie der Rock. Er trug fast viereckige Schuhe mit hohen Absätzen, und seine seidenen Strümpfe waren an den Knieen zusammengerollt, wie man es auf alten Gemälden oder hie und da an Originalien sieht, die einen Stolz darin suchen, sich nach der Mode zu den Zeiten Methusalah's zu kleiden. Ein Chapeaubas und ein Degen mußten natürlich den Anzug vollständig machen, welcher, wenn schon außer Mode, dennoch einen Mann von Stand bezeichnete. Kaum hatte Mr. Crossbide seine Rede geendigt, als der Herr auf meinen Vater zukam: »Ihr Diener, Herr Fairford – es ist lange her, seitdem wir uns nicht sahen!« Mein Vater, dessen pünktliche und förmliche Höflichkeit du kennst, verbeugte sich, hustete, gerieth in Verlegenheit, gestand zuletzt, daß, da der Zeitraum, seit welchem er ihn nicht gesehen habe, so groß sei – obgleich er sich des Gesichtes vollkommen erinnere – daß es ihm leid thäte – daß er wirklich seinen Namen vergessen habe. »Habt Ihr den Herries von Birrenswork vergessen?« sagte der Herr; mein Vater verbeugte sich noch tiefer als zuvor, wenn es mir gleich schien, als habe der Empfang des alten Freundes etwas von der ehrfurchtsvollen Höflichkeit verloren, die dem unbekannten vergönnt worden war. Nun schien es mehr Lippenhöflichkeit zu sein, welche, hätte die Ceremonie es erlaubt, das Herz nicht erzeigt haben würde. Indessen verbeugte sich mein Vater sehr tief, und hoffte, er würde sich doch wohl befinden. »So wohl, mein Freund,« sagte Mr. Herries von Birrenswork, »daß ich in der Absicht hierherkam, meine Bekanntschaft mit einem oder zwei alten Freunden, und vorzüglich mit Ihnen, zu erneuen. – Ich logire in meinem alten Absteigequartier. Sie müssen heute mit mir bei Taterson im Pferdekopf essen – es ist nahe bei Ihrer neumodischen Wohnung; ich habe Geschäfte mit Ihnen zu verhandeln.« Mein Vater entschuldigte sich ehrfurchtsvoll, doch nicht ohne Verlegenheit – »er wäre zu Hause überschäftigt.« »Dann esse ich mit Ihnen, mein guter Mr. Fairford; ein paar Minuten, welche Sie mir nach Tisch schenken, werden für mein Geschäft hinlänglich genug sein, denn ich will Sie nicht von den Ihrigen abhalten. – Auch bin ich kein Flaschenfreund.« Du hast oft bemerkt, daß mein Vater, der die Regeln der Gastfreundschaft gewissenhaft beobachtet, sie doch mehr der Pflicht als des Vergnügens wegen ausübt, und wahrlich, hieße ihm nicht sein Gewissen den Hungrigen zu speisen und den Fremden zu empfangen, so würde sich seine Thüre den Fremden noch seltener öffnen, als es der Fall ist. Nie sah ich ein stärkeres Beispiel dieser Eigenheit (die ich sonst deiner Beschreibung nach für eine Carricatur gehalten hätte), als in der Art, wie er die Selbsteinladung des Mr. Herries aufnahm. Die verlegene Miene und das erzwungene Lächeln, welches das: »Wir werden die Ehre haben, Sie um 3 Uhr in Brown's Square zu erwarten,« begleitete, konnte Niemanden trügen, und imponirten dem alten Laird durchaus nicht. Mit zornigem Blicke erwiderte er: »ich entlasse Sie also bis dahin, Mr. Fairford,« dabei schien sein ganzes Wesen sagen zu wollen: »Ich habe nun Lust bei dir zu essen, und kümmere mich nicht darum, ob ich dir willkommen bin oder nicht.« Als er sich wegwandte, frug ich meinen Vater, wer das wäre. »Ein unglücklicher Edelmann,« antwortete er. »Er sieht doch bei seinem Unglück ganz gut aus,« erwiderte ich, »ich hätte nicht gedacht, daß eine so fröhliche Außenseite ein Mittagessen nöthig hatte.« »Wer hat dir denn gesagt daß es so ist,« versetzte mein Vater, »er ist omni suspicione major , so weit es sich von weltlichen Umständen handelt – hoffentlich wird er einen guten Gebrauch davon machen; obgleich es – wenn er es thäte – zum ersten Mal in seinem Leben wäre.« »Er hat also unregelmäßig gelebt?« sagte ich. Mein Vater erwiderte mit seinem berüchtigten Lieblingsausdruck, mit welchem er alle unzeitigen Fragen, welche sich auch nur im Entferntesten auf die Fehler des Nächsten beziehen, beschwichtigt. – »Wenn wir nur unsere eigenen Fehler verbessern, Allan, so haben wir genug zu thun, ohne über Andere zu Gericht zu sitzen.« Da war ich also wieder nicht recht angekommen; aber ich knüpfte von Neuem an und bemerkte, er habe das Ansehen eines Mannes von hohem Rang und hoher Familie. »Das mag wohl sein,« sagte mein Vater, »da Mr. Herries von Birrenswork aus einer Nebenlinie der großen, einst so mächtigen Familie der Herries abstammt, wovon die ältere Branche in dem Hause Nithesdale mit dem Tode des Lord Robin, des Philosophen, Anno Domini 1667 ausstarb.« »Ist er denn noch im Besitze des diesem Hause gehörigen Majorats?« »Nein,« erwiderte mein Vater, »denn schon zu seines Vaters Zeiten war es ein bloßer Titel, In Großbritannien nämlich sind die Titel des hohen Adels an das Majorat geknüpft. Der Verlust des Letzteren zieht auch den des Ersteren nach sich. Anmerk. des Uebers. da die Güter des Hauses schon im Jahre 1615 eingezogen wurden, als Herbert Herries seinem Verwandten, dem Grafen von Derwentwater, in der Schlacht von Preston folgte. Immer aber noch behalten sie den Titel bei, da sie ohne Zweifel hoffen, ihre Ansprüche zu einer Zeit erneuern zu können, die für Jacobiten und Papstthümler günstiger wäre als die unsrige; Leute aber, welche keineswegs ihre thörichten Launen und Hoffnungen theilen, lassen ihnen die Thorheit unangefochten hingehen, ex comitate, wenn nicht ex misericordia. Aber wäre er auch der Papst und der Prätendent zugleich, so müssen wir doch ein Mittagessen für ihn richten, da er es für gut gefunden hat, sich selbst einzuladen. Eile also heim, mein Bursche, und befehle der Hanna, dem Koch Epps und dem James Wilkinson, ihr Möglichstes zu thun, und hole du ein oder zwei Nössel vom besten Macwell herauf – er liegt im fünften Verschlag – da sind die Schlüssel zum Weinkeller, laß sie aber nicht stecken, du kennst ja des armen James schwache Seite, obgleich er bei jeder andern Versuchung ein braver Kerl ist – ich habe nur noch eine oder zwei Bouteillen von dem alten Branntwein – wir müssen ihn für allenfallsige Krankheiten aufheben, Allan.« Ich ging weg – machte meine Vorbereitungen – die Mittagsstunde kam, und so auch Mr. Herries von Birrenswork. Besäße ich jetzt die Größe deiner Einbildungskraft, oder die Gabe zu schildern wie du, mein Darsie, ich wollte dir von diesem Fremden ein so schönes, dunkles, mysteriöses, Rembrandt-artiges Gemälde machen, daß er sich zu deinem Fischer verhalten sollte, wie ein Panzerhemd zu einem Fischernetze. Ich versichere es dir, er bietet genug Stoff zu Beschreibungen dar; aber da ich meine Schwäche in der Malerei kenne, so kann ich nur sagen, daß ich ihn im höchsten Grade unangenehm finde, und für schlecht erzogen halte. – Nein, schlecht erzogen ist nicht der rechte Ausdruck, er schien, im Gegentheil, die Regeln des Wohlanstandes genau zu kennen, aber zu glauben, der Rang seiner Gesellschaft enthebe ihn der Mühe, sie auszuüben – eine Ansicht, die viel beleidigender ist, als wäre sein Betragen eine Folge natürlicher Roheit oder Mangel an Bildung. Während mein Vater das Gebet sprach, pfiff der Laird, und als ich, auf meines Vaters Wunsch, das Dankgebet hersagte, zog er seinen Zahnstocher heraus, als hätte er diesen Augenblick abgewartet, um ihn zu gebrauchen. So ging es mit der Kirche – mit dem Könige aber ging's noch schlimmer. Du weißt, daß mein Vater voller Ehrerbietung gegen seine Gäste ist, und im vorliegenden Fall schien er mehr als gewöhnlich geneigt, jedem Anlasse zum Streit auszuweichen. Er ging sogar so weit, daß er seine Rechtlichkeit umging, und den ersten Toast nach Tisch blos: »Dem Könige« darbrachte, statt der gewöhnlichen pathetischen Form »dem König Georg.« Unser Gast machte eine Bewegung mit dem Glase, so daß es auf die andere Seite des Wasserkrugs zu stehen kam, der neben ihm stand, und fügte hinzu: »jenseits des Wassers!« Mein Vater erröthete, doch stellte er sich, als höre er es nicht. Noch größeren Mangel an Aufmerksamkeit und an gebührender Ehrfurcht zeigte der Fremde in seinen Manieren und in dem Ton seiner Unterhaltung, so daß ich kaum meinen Vater entschuldigen zu können glaube, daß er so stille die Frechheit duldete, mit welcher der aufdringliche Gast ihn an seinem eigenen Tische behandelte; wenn ich schon seine Vorurtheile für Rang und hohe Geburt kenne, und obgleich ich weiß, daß sein sonst männlicher Geist nie der sclavischen Ehrfurcht vor den Großen der Erde ganz entsagen konnte, welche in seinen Jugendjahren das Regiment führten. Du kannst es einem Reisenden in demselben Wagen wohl verzeihen, wenn er dir zufällig oder selbst aus Nachlässigkeit auf die Zehen tritt; aber ein großer Unterschied ist es, wenn er, die zarte Beschaffenheit dieses Theils kennend, dennoch fortfährt, mit seinen Hufen darauf herum zu tappen. Meiner schwachen Meinung nach – und ich bin doch gewiß friedlich gesinnt – kannst du in diesem Falle nur mit Mühe eine Kriegserklärung vermeiden. Ich glaube, mein Vater las meine Gedanken in meinen Augen denn er zog die Uhr und sagte: »halb fünf, Allan, – du solltest zu dieser Zeit auf deiner Stube sein – Birrenswork wird dich entschuldigen.« Unser Gast nickte nachlässig, und ich hatte keinen füglichen Grund zu bleiben. Als ich aber das Zimmer verlassen wollte, hörte ich den Magnaten von Nithesdale deutlich den Namen Latimer aussprechen. Ich zauderte; doch endlich befahl mir ein deutlicher Wink meines Vaters, mich zurückzuziehen; als ich eine Stunde später zum Thee gerufen wurde, hatte unser Gast uns verlassen. Er hatte diesen Abend in der hohen Straße Geschäfte, und konnte sich selbst die Zeit nicht nehmen, Thee zu trinken. Ich konnte die Bemerkung nicht unterdrücken, daß sein Weggehen mich erfreute, da es uns von Unhöflichkeiten befreite. »Wer hat ihn berufen,« sagte ich »uns die Veränderung unserer Wohnung von einem unbequemen in ein besseres Stadtviertel vorzuwerfen? Was geht es ihn an, wenn wir die Bequemlichkeit, ja selbst den Luxus eines englischen Wohnhauses nachahmen, statt zusammengepackt wie die Häringe zu leben? Gibt ihm denn seine patricische Geburt oder sein aristokratisches Vermögen ein Recht, diejenigen zu tadeln, welche die Früchte ihres eignen Fleisses nach ihrem Gutdünken verwenden?« Mein Vater nahm eine Prise Tabak, und nachdem er sie langsam geschnupft hatte, erwiderte er: »Recht brav, Allan, wahrhaftig, recht brav. Ich wünschte, Mr. Crossbide oder der Rath Pest hätten dir zugehört; sie hätten gestehen müssen, daß du Anlagen zur gerichtlichen Beredtsamkeit besitzest; es möchte ganz und gar nicht unnützlich sein, wenn du zur Uebung manchmal zu Hause versuchtest, einen kühnen, kräftigen Vortrag zu bekommen. Was aber den Gegenstand der langen Rede betrifft, der ist keine Prise Tabak werth. Glaube nur nicht, daß ich mich um Mr. Herries von Birrenswork auch nur im Geringsten mehr bekümmere, als um jeden Andern, welcher Geschäfte wegen zu mir kömmt, wenn ich ihn auch nicht an der Kehle packte, als er so gänsemäßig schwatzte. Aber genug von ihm, ich muß Darsie Latimers gegenwärtige Adresse haben, denn es ist möglich, daß ich ihm selbst einige Zeilen schreiben muß – doch weiß ich es noch nicht gewiß – auf jeden Fall gib mir seine Adresse.« Ich that es; wenn du also von meinem Vater etwas gehört hast, so weißt du wahrscheinlich vom Gegenstand dieses Briefes mehr als ich, der ich ihn schreibe. Ist das nicht der Fall, so habe ich die Pflicht des Freundes erfüllt; indem ich dich davon in Kenntniß setze, daß zwischen dem zurückstoßenden Laird und meinem Vater etwas im Werk ist, das dich höchlich interessirt. Lebe wohl! und obgleich ich dir Stoff zu Träumereien gab, so baue doch kein zu schweres Schloß auf das Fundament, welches für jetzt nur auf dem Worte: » Latimer « beruht, welches im Gespräche eines Edelmanns von Dumfries-Shire und eines königl. Schreibers ausgesprochen wurd – Caetera prorsus ignoro . Sechster Brief. Darsie Latimer an Allan Fairford. (Fortsetzung des 3ten und 4ten Briefs.) Ich erzählte dir, daß ich mit meinem ernsten, finstern Wirthe in's Freie trat. Nun konnte ich deutlicher als in der vergangenen Nacht das einsame Thal sehen, in welchem zwei oder drei Hütten standen, die ihm und seiner Familie zur Wohnung zu dienen schienen. Es ist im Verhältniß zu seiner Tiefe so schmal, das kein Strahl der Morgensonne es erreichen kann, und es wird nur dann beleuchtet, wenn die Sonne hoch am Horizont steht. Blickst du in das Thälchen hinab, so siehst du einen schäumenden Bach, der in flüchtiger Schnelle jenem Dickicht enteilt, wie ein Renner, ungeduldig das Ziel zu erreichen; schaust du noch aufmerksamer hin, so kannst du einen Theil eines hohen Wasserfalls bemerken, der durch das Laub durchschimmert, und ohne Zweifel den schnellen Lauf des Baches verursacht. Tiefer hinab wird der Strom sanfter und erweitert sich zu einem ruhigen Wasserbecken, welches zwei oder drei Fischerbooten zu einem natürlichen Hafen diente; weil es gerade Ebbe war, lagen sie auf dem trockenen Sand. Einige elende Hütten, wahrscheinlich von den Eigenthümern der Boote bewohnt, waren am Ufer des kleinen Hafens sichtbar, doch standen sie in jeder Hinsicht dem Gebäude meines Wirthes nach, wenn schon das elend genug war. Es blieben mir nur eine oder zwei Minuten, diese Bemerkungen anzustellen, aber selbst während dieser kurzen Zeit konnte mein Gefährte den Ausbruch seiner Ungeduld nicht mäßigen, und rief mehrmals »Christal, Christal Nixon«, bis der alte Mann, welchen ich den Abend zuvor gesehen hatte, an der Thüre einer der benachbarten Hütten oder vielmehr Nebengebäuden erschien, das früher erwähnte schwarze, kräftige Pferd gesattelt und gezäumt herbeiführend. Mein Führer winkte dem Christal mit dem Finger, und, indem er sich wegwandte, schlug er den Weg nach dem steilen Hohlwege ein, der das abgeschlossene Thal mit dem offenen Land verbindet. Hätte ich den Weg, welchen ich den vergangenen Abend mit solchem Ungestüm hinabgeeilt war, genauer gekannt, ich zweifle sehr, ob ich es gewagt hätte, hinabzusteigen; denn er verdiente eigentlich nur den Namen eines Canals, welcher zum guten Theil mit Wasser gefüllt, die Ströme des nächtlichen Regens schäumend und brausend in das Thal leitete. Mit einigen Schwierigkeiten erstieg ich den bösen Weg zu Fuße, aber mir schwindelte, wenn ich aus den Spuren, welche der Regen nicht verlöscht hatte, sah, daß das Pferd Abends zuvor auf seinen Hüften fast hinabgegleitet zu sein schien. Mein Wirth schwang sich auf seines Pferdes Rücken, ohne den Fuß in den Steigbügel zu setzen – kam mir den gefährlichen Weg hinauf zuvor, und spornte sein Roß, als könne es wie eine wilde Katze klettern. Wasser und Schmutz spritzten beim raschen, wilden Lauf von seinen Hufen; einige Sätze nur – und da standen, an der Spitze der Kluft, wo ich sie einholte, – Pferd und Reiter wie Bildsäulen da, das erstere die breiten Nasenlöcher aufsperrend, den Morgenwind aufzufangen, der letztere bewegungslos, die Augen hingewendet zu den ersten Strahlen der aufgehenden Sonne, welche im Osten emporstieg und die entfernten Gebirge von Cumberland und Liddesdale vergoldete. Er schien in Träumen vertieft zu sein, aus denen er emporschreckte, als ich mich ihm nahte, und, indem er sein Pferd in Bewegung setzte, schlug er einen ungebahnten, sandigen Weg ein, welcher eine weite, flache, unangebaute Sandebene, von Morästen unterbrochen, durchschnitt, die der Umgegend von Shepherd's Busch ähnlich war. Im Allgemeinen bietet dieser ganze Strich des Landes, da, wo er sich der See naht, einige begünstigtere Stellen ausgenommen, denselben einförmigen, schauerlichen Anblick dar. Ungefähr hundert Ellen vom Rande der Schlucht genoßen wir einen noch ausgedehnteren Ueberblick über diese wüste Einöde, schauerlicher noch durch den Gegensatz, welchen die jenseitigen Küsten von Cumberland bildeten, die, von tausenden von Bäumen in Alleen gepflanzt, durchkreuzt und durchschnitten, beschattet von Wäldern und Bosquets, belebt von Dörfern und Landhäusern, aus denen dünne Rauchwolken emporstiegen, ein liebliches Bild menschlichen Treibens und menschlichen Kunstfleißes gewähren. Mein Führer hatte den Arm ausgestreckt, um mir den Weg nach Shepherd's Busch zu zeigen, als man von Ferne den Tritt eines Pferdes hörte. Er sah sich sorgfältig um, und als er bemerkte, wer sich näherte, fuhr er in seiner Erklärung fort, indem er zu gleicher Zeit den Weg versperrte, welcher auf dieser Stelle durch einen Sumpf zur Rechten und einen Sandhügel zur Linken eingeengt war. Ich bemerkte, daß der Reiter, welcher sich näherte, den langsamen Trab seines Pferdes in Schritt übergehen ließ, als wolle er uns den Vortritt lassen, oder wenigstens vermeiden, uns auf einer Stelle zu begegnen, wo er nahe bei uns vorbeireiten mußte. Du kennst meinen alten Fehler, Allan, meine Aufmerksamkeit lieber jedem anderen Gegenstande zu widmen, als dem, von welchem die Rede ist. Dieser liebenswürdigen Eigenheit zufolge überlegte ich gerade vor mir, was wohl der Grund sein möchte, daß der Reiter sich immer in gewisser Entfernung von uns hielt, als mein Gefährte seine tiefe Stimme so plötzlich und so ernsthaft steigerte, daß meine umherirrenden Gedanken sich mit einem Male wieder sammelten. »In des Teufels Namen, junger Mann,« rief er aus, »glaubt Ihr, andere Leute könnten ihre Zeit nicht nützlicher anwenden, als Ihr, daß Ihr mich dieselbe Sache dreimal wiederholen laßt? Seht Ihr, sage ich, dort, ungefähr eine Meile von hier, jenes Ding, das wie ein Wegzeiger, oder vielmehr wie ein Galgen aussieht? – Ich wollte, es hinge irgend ein träumerischer Narr daran, allen nachdenklichen Mondkälbern zum warnenden Beispiel. – Jener galgenartige Pfahl wird Euch zur Brücke führen, dort geht Ihr also über den breiten Bach, immer gradaus, bis sich bei einem Steinhaufen mehrere Wege kreuzen – der Henker auch, da träumet er schon wieder!« Es war wirklich an dem, daß, da in diesem Augenblick der Reiter sich uns näherte, meine Aufmerksamkeit sich diesem zuwandte, als ich auswich, ihm Platz zu machen. Sein ganzes Aeußere zeigte, daß er zu der Gesellschaft der Freunde gehöre, oder wie die Welt und die Weltgesetze sie nennen, daß er ein Quäker sei. Ein starker, brauchbarer, eisengrauer Klepper zeigte durch Glätte und Wohlbeleibtheit, daß der barmherzige Mann auch barmherzig gegen sein Vieh sei. Seine Kleidung war zwar nicht übertrieben, doch reinlich und ordentlich, wie diese Sektirer sich zu kleiden pflegen. Ein langer Ueberrock von ausgezeichnet feinem Tuche, welcher bis auf die Füße herabfiel, war bis an's Kinn zugeknöpft, um ihn gegen die Morgenluft zu schützen. Der Rand seines nach Quäker-Art, ohne Knopf oder Schleife, herabhängenden Biberhutes beschattete gutmüthige, freundliche Züge, deren Ernst mit einer Dosis Humor gemischt war, welcher mit dem finsteren puritanischen Wesen, welches die Frömmler heucheln, nichts gemein zu haben schien. Eine hohe Stirne, frei von den Falten des Alters oder der Heuchelei, ein klares Auge, ruhig und gesetzt, schien doch einen Anstrich von Aengstlichkeit, wenn nicht von Furcht zu verrathen; und als er den gewöhnlichen Gruß: »Ich wünsche dir einen guten Morgen, mein Freund,« aussprach, drängte er sein Roß so nahe an die eine Seite des Wegs, als spreche er damit den Wunsch aus, bei uns mit so wenig Umständen als möglich vorbeizuschlüpfen, gerade wie ein Wanderer bei einem Bullenbeißer vorübergeht, auf dessen friedliche Gesinnungen er keineswegs vertraut. Aber mein Freund hatte wahrscheinlich die Absicht nicht, ihn so friedlich vorüberziehen zu lassen, denn er stellte sein Pferd der Breite nach so in den Weg, daß der Quäker unmöglich vorbei konnte, ohne entweder durch den Sumpf zu waden, oder den Sandhügel zu ersteigen; und zu keinem von beiden schien er sonderliche Neigung zu haben. Er machte also Halt, als wollte er warten, bis mein Gefährte ihm Platz machen würde, und während sie so gegenüber standen, konnte ich mich des Gedankens nicht erwehren, daß sie kein übles Sinnbild des Kriegs und des Friedens abgeben könnten. Denn obgleich mein Führer unbewaffnet war, so glich doch sein ganzes Wesen, sein ernster Blick, seine gerade Haltung zu Pferd völlig einem Soldaten in Civilkleidung. Er redete den Quäker mit folgenden Worten an: » – Ha, ha, Freund Josua – du bist heute frühe auf dem Wege, hat der Geist dich und deine rechtlichen Brüder bewogen, einmal ehrlich zu handeln und Eure Fischnetze abzureißen, welche die Fische verhindern, den Strom hinabzuschwimmen?« »Gewiß nicht, mein Freund,« antwortete Josua fest, aber dabei gutmüthig, »du kannst nicht erwarten, daß unsere Hände niederreißen werden, was unser Beutel aufrichtete. Du tödtest die Fische mit Speer, Angel und Netz, und wir mit Schlingen und Reusen, welche auf Ebbe und Fluth berechnet sind. Ein Jeder thut, was in seinen Augen am besten scheint, in seinen Grenzen sich einen Theil des Segens zu versichern, mit welchem die Vorsehung den Fluß begabte. Ich bitte dich, suche keinen Streit mit uns, denn wir werden dir kein Unrecht zufügen!« »Sei ruhig,« erwiderte der Fischer, »ich werde es von Niemanden dulden, er trage einen gestutzten oder breitrandigen Hut. Ich sage dir gerade zu, Josua Geddes, daß du und deine Genossen ungesetzmäßige Mittel anwenden, die Fische in der Solway durch Pfahlnetze und Reusen zu zerstören, und daß wir, die wir nach der alten Weise unserer Väter männlich dem Fischfang nachgehen, täglich an Jagd und Ertrag verlieren. Glaubt nicht, daß Ihr es mit Ehrbarkeit und Heuchelei ausführen werdet wie bisher. Die Welt und wir kennen Euch. Ihr wollt den Salmfang, den Unterhalt fünfzig armer Familien, vernichten und dann das Maul abwischen, um bei einer hochverehrlichen Brüdergemeinde eine erbauliche Rede zu halten. Aber glaubt nicht, daß es dabei bleibt. Ich warne Euch hiermit ernstlich; wir werden uns eines Morgens über Euch aufmachen, und dann soll auch nicht ein Pfahl in dem Grunde des Solway stehen bleiben, die Fluth soll sie wegschwemmen; glücklich für Euch, wenn nicht ein Pachter mitschwimmt.« »Freund,« erwiderte Josua mit einem erzwungenen Lächeln, »wüßte ich nicht, daß du nicht denkst, wie du sprichst, so würde ich dir sagen, daß wir unter dem Schutz der Landesgesetze stehen; und wir verlassen uns um so viel mehr auf deren Schirm, da unsere Grundsätze uns nicht erlauben, uns mit offener Gewalt zu beschützen.« »Lauter niedriges Geschwätz und Feigheit,« schrie der Fischer, »das Euern scheinheiligen Geiz bemänteln soll!« »Nenne es nicht Feigheit, mein Freund,« antwortete der Quäker, »da du wohl weißt, daß wenigstens eben so viel Muth dazu gehört, zu dulden, wie zu handeln; dieser Jüngling oder irgend ein Anderer urtheile, ob nicht – selbst in der Meinung der Welt, deren Ansichten du huldigst – ob es nicht feiger ist, bewaffnet zu unterdrücken und zu schmähen, als wehrlos zu dulden und zu leiden!« »Ich werde keinen Wortwechsel mehr mit Euch darüber führen,« sagte der Fischer, welcher, von dem letzten Grund des Mr. Geddes ergriffen, ihm nun Platz machte, seinen Weg fortzusetzen, – »doch vergeßt nicht,« fügte er hinzu, »daß Ihr nun förmlich gewarnt worden seid, und glaubt ja nicht, daß wir schöne Worte zur Entschuldigung für schlechte Handlungen annehmen werden. Diese Eure Netze sind ungesetzlich – sie beeinträchtigen uns in unserer Fischerei – und wir werden sie umwerfen auf jede Gefahr hin! Ich bin ein Mann von Wort, Freund Josua!« »Ich glaube es gerne,« sagte der Quäker; »aber um so vorsichtiger solltest du dann auch sein, das zu sagen, was du nie ausführen wirst. Denn ich sage dir, Freund, ob zwar ein so großer Unterschied zwischen dir und einem unseres Volkes ist, wie zwischen einem Löwen und einem Schafe, so glaube ich doch, daß du auch die Eigenschaft des Löwen besitzest, deine Stärke und deine Wuth nicht an denen zu zeigen, die keine Mittel zum Widerstand besitzen. Der Sage nach soll das Gute an dir sein, wenn auch wenig mehr.« »Die Zeit wird es lehren,« antwortete der Fischer, »doch höre, Josua, ehe wir uns trennen, will ich dir Gelegenheit verschaffen, eine gute That zu thun, welche, glaube mir, besser ist als zwanzig moralische Reden. Da ist ein fremder Jüngling, welchen der Himmel so spärlich mit Gehirn versehen hat, daß er sich wie gestern Nacht im Sand verirren wird, wenn du dir nicht die Mühe gibst, ihm den Weg nach Shepherd's Busch zu zeigen, denn ich habe es umsonst versucht, ihm denselben begreiflich zu machen. – Trägst du wohl so viel Menschenliebe unter dem Mantel deiner Einfachheit, Quäker, das gute Werk zu thun?« »Nein, dir Freund,« antwortete Josua, »muß es an Menschenfreundlichkeit fehlen, weil du nur vermuthen kannst, es könne Jemand eine so kleine Gefälligkeit verweigern.« »Du hast Recht – ich hätte bedenken sollen, daß es dich nichts kostet – junger Herr, dieses fromme Muster patriarchalischer Einfachheit wird dir den rechten Weg nach Shepherd's Busch zeigen – ja, aber dennoch wird er dich scheeren wie ein Schaf, wenn du allenfalls von ihm kaufen oder ihm verkaufen willst.« Dann frug er mich plötzlich, wie lang ich wohl in Shepherd's Busch zu bleiben gedächte. Ich erwiderte, das wäre für jetzt noch ungewiß – doch wahrscheinlich so lange, als ich in der Nachbarschaft Unterhaltung finden würde. »Ihr liebt die Fischjagd?« fügte er in demselben kurzen Frageton hinzu. Ich bejahte es, doch bemerkte ich, daß ich völlig unerfahren darin wäre. »Wenn Ihr vielleicht noch einige Tage dort wohnt,« sagte er, »so werden wir uns wieder begegnen, und ich könnte Euch vielleicht Unterricht darin geben.« Ehe ich noch Dank und Einwilligung ausdrücken konnte, wandte er sich, indem er statt des Lebewohls mit der Hand winkte, hinweg, und ritt zurück bis an den Hohlweg, von welchem wir ausgegangen waren; als er am Rande stille hielt, konnte ich noch lange seine Stimme hören, wie er den Bewohnern des Thals zurief. Unterdessen setzten der Quäker und ich einige Zeit unsere Reise stillschweigend fort; er zwang sein gehorsames Pferd zu einem Schritt, dem selbst ein minder rüstiger Fußgänger, wie ich, leicht hätte folgen können, indem er mich von Zeit zu Zeit mit wohlwollender Neugierde betrachtete. Ich meines Theils hatte keine Neigung, die Unterhaltung zu eröffnen. Ich war bisher mit keinem Anhänger dieser Sekte in Gesellschaft gewesen, und um zu vermeiden, in der Anrede, ohne es zu wissen, gegen eines ihrer Vorurtheile oder Eigenheiten anzustoßen, schwieg ich lieber stille. Zuletzt frug er mich, ob ich schon lange im Dienste des Lairds, wie man ihn nenne, stände. Ich wiederholte die Worte: »in seinem Dienste?« mit einem Ausdruck des Erstaunens, welcher ihn zu sagen bewog: »Nein, Freund, ich wollte dich nicht beleidigen, vermuthlich hätte ich mich besser ausgedrückt, wenn ich gesagt hätte, in seiner Gesellschaft – ein Bewohner seines Hauses – meine ich?« »Ich kenne den Mann, von dem ich mich eben trennte, gar nicht,« sagte ich, »und unsere Bekanntschaft war nur vorübergehend. – Er war so gütig, mir den Weg von den Dünen zu zeigen, und mir eine Nachtherberge gegen den Sturm zu gewähren. Damit fing unsere Bekanntschaft an, und wahrscheinlich wird sie auch damit enden; denn Ihr werdet wohl bemerken, daß unser Freund keineswegs geneigt scheint, Freundschaftsbündnisse anzuknüpfen.« »Um so viel weniger,« antwortete mein Gefährte, »als das, glaube ich, das erste Mal ist, daß er einen Fremden in seinem Hause aufnahm; nämlich, wenn du wirklich die Nacht bei ihm zubrachtest.« »Warum zweifelt Ihr daran?« erwiderte ich, »welchen Grund könnte ich haben, Euch hintergehen zu wollen? auch ist ja die ganze Sache der Mühe nicht werth.« »Sei nicht böse auf mich,« sagte der Quäker, »aber du weißt, daß dein eigenes Volk sich nicht an die einfache Wahrheit bindet, wie wir es in der Demuth unseres Herzens zu thun streben, sondern daß es die Sprache der Falschheit nicht allein seines Nutzens, sondern auch der Höflichkeit, ja manchmal sogar des bloßen Zeitvertreibs wegen gebraucht. Ich habe mancherlei Geschichten von meinem Nachbar gehört, von denen ich freilich nur wenigen Glauben schenke, doch sind auch diese schwer in Einklang zu bringen. Da ich aber jetzt zum ersten Mal hörte, daß er einen Fremden in seine Wohnung aufnahm, so konnte ich einen Zweifel nicht unterdrücken. Ich bitte dich, laß es dich nicht beleidigen.« »Er scheint,« sagte ich, »nicht eben sehr reichlich die Mittel zur Ausübung der Gastfreundschaft zu besitzen, und folglich dürfte er wohl zu entschuldigen sein, wenn er sie in gewöhnlichen Fällen nicht anbietet.« »Das heißt so viel, mein Freund,« erwiderte Josua, »als: du hast schlecht zu Nacht gegessen und wahrscheinlich noch schlechter gefrühstückt. Nun liegt uns aber mein kleines Wirtschaftsgebäude, Mount Sharon genannt, zwei Meilen näher als dein Gasthaus, und obgleich dein Weg weiter ist, wenn du mich dahin begleitest, als der gerade Weg nach Shepherds Busch, so denke ich, wird Bewegung deinen jungen Gliedern so wenig schaden, wie ein vollständiges, gutes Mahl deinem Appetit. Was sagst du dazu, mein junger Bekannter?« »Wenn es Euch nicht stört,« erwiderte ich, denn die Einladung war herzlich, und das Brod und die Milch hatte ich schnell verschlungen und in geringer Quantität. »Nein,« sagte Josua, »gebrauche nicht die Sprache der Complimente mit denen, welche darauf verzichten; denn wäre mir diese geringe Höflichkeit sehr störend gewesen, so hätte ich sie wahrscheinlich nicht angeboten.« »Ich nehme also mit derselben Bereitwilligkeit die Einladung an, mit der Ihr sie anbietet.« Der Quäker lächelte, reichte mir die Hand, ich schüttelte sie ihm herzlich, und so gingen wir in größter Vertraulichkeit unsern Weg weiter fort zusammen. In Wahrheit unterhielt es mich in meinem Herzen, die offene Weise des gutmüthigen Josua Geddes mit dem harten, finstern und zurückstoßenden Betragen meines gestrigen Wirthes zu vergleichen. Beide waren derb und ohne Ceremoniel; doch trug die Offenheit des Quäkers einen Anstrich frommer Einfachheit, und war mit so viel ächter Herzensgüte gepaart, als wollte der ehrliche Josua durch Freimüthigkeit die äußere Höflichkeit ersetzen. Die Manieren des Fischers aber waren die eines Mannes, der wohl vertraut mit den Regeln eines feinen Betragens zu sein schien, der aber, sei es aus Stolz oder aus Menschenfeindschaft, sie zu beobachten vernachlässigte. Doch gedachte ich seiner mit Interesse und Neugierde, trotz dem, daß er so manches Abstoßende in seinem Wesen hatte, und ich nahm mir vor, im Laufe des Gesprächs von dem Quäker zu erfahren, was er von ihm wüßte. Er aber lenkte das Gespräch auf einen andern Gegenstand und frug mich über meine eigene Lebensweise und über meine Absicht, warum ich diese entlegene Gränze besuchte. Ich fand es nun für nöthig, meinen Namen zu nennen und hinzuzufügen, daß ich mich den Rechten gewidmet hätte, daß ich aber, weil ich unabhängig wäre, mir eine Erholung erlaubt hätte und nun in Shepherds Busch wohnte, um besser das Vergnügen zu angeln genießen zu können. »Ich wünsche dir gewiß nichts Böses, junger Mann,« sagte mein neuer Freund, »wenn ich dir für deine ernsten Stunden eine bessere Beschäftigung und ein menschlicheres Vergnügen (wenn du doch Vergnügen suchst) für deine Erholungsstunden wünsche.« »Ihr seid streng, Sir,« erwiderte ich – »denn vor einem Augenblick hörte ich erst, wie Ihr euch auf den Schutz der Landesgesetze berufen habt – gibt es also Gesetze und Rechte, so muß es doch auch Rechtsgelehrte geben, sie zu erklären, und Richter, um sie in Anwendung zu bringen. Josua lächelte und zeigte auf die Schafe, welche eben auf der Wiese grasten, bei welcher wir vorbeigingen. »Käme jetzt ein Wolf unter diese Heerde, sie würden sich ohne Zweifel um den Schäfer und seinen Hund versammeln und um Schutz flehen; und doch werden sie täglich von ihm gebissen und geplagt, von jenem geschoren und zuletzt umgebracht. Doch sage ich das nicht, um dich zu beleidigen; denn obgleich Rechte und Rechtsgelehrte ein Uebel sind, so sind sie doch bei dem gegenwärtigen Zustande der Gesellschaft ein nothwendiges Uebel, bis endlich die Menschen lernen werden, aus dem eigenen Drange ihres Gewissens und aus keinem andern Grunde ihren Mitmenschen das zu geben, was ihnen gebührt. Doch habe ich rechtliche Männer gekannt, welche deinen zukünftigen Stand mit Geradheit und Rechtlichkeit verwalteten. Das Verdienst dessen ist um so viel größer, der aufrecht wandelt auf schlüpfrigem Pfade.« »Und das Angeln –« sagte ich – »was könnt Ihr gegen dieses Vergnügen einwenden, Ihr, der, wenn ich anders das recht verstand, was zwischen Euch und meinem vormaligen Wirthe vorging, selbst Besitzer von Fischereien seid?« »Nicht gerade ein Besitzer,« erwiderte er, »ich bin nur mit Anderen dabei betheiligt, ein Pachter, wenn du so willst, einer etwas bedeutenden Salmfischerei am unteren Ende der Küste. Aber mißverstehe mich nicht. Das Schlimme beim Angeln, worunter ich auch alle Arten der Jagd, wie man es nennt, verstehe, welche das Leiden des Thieres bezweckt, besteht nicht im bloßen Fangen und Tödten der Thiere, mit welchen die Güte der Vorsehung die Erde zum Besten der Menschen bevölkerte, sondern darin, daß man aus ihren Leiden einen Gegenstand des Vergnügens und des Genusses macht. Ich betreibe diese Fischerei, nemlich das nothwendige Fangen, Tödten und Verkaufen der Fische gerade so, wie ich, wenn ich ein Pächter wäre, meine Lämmer zu Markt schicken würde. Doch würde ich eben so leicht darauf verfallen, Freude am Metzgerhandwerk zu finden, wie an dem eines Fischers.« Wir berührten diesen Punkt nicht weiter; denn wenn ich schon seinen Grund für allzu streng hielt, so sprach mich doch mein Gewissen von jeder andern Freude, außer der an der Theorie der Feldjagd frei; darum fühlte ich also keinen Beruf in mir, eine Beschäftigung, welche mir noch so wenig Freude gewährt hatte, zu vertheidigen. Wir waren während der Zeit an den Ueberbleibseln des alten Wegweisers vorbeigekommen, den mein Wirth vorher als Markstein bezeichnet hatte. Ich ging über eine verfallene hölzerne Brücke, welche auf langen, krückenähnlichen Pfosten ruhte, während mein neuer Freund aufwärts eine sichere Furt zum Durchreiten suchte; denn der Strom war bedeutend angeschwollen. Als ich ihn am jenseitigen Ufer erwartete, beobachtete ich einen Angler, welcher eine Forelle nach der anderen fast so schnell fing, als er die Schnur auswarf. Ich gestehe, daß ich mich trotz meines Freundes Josua's Vorlesungen über Humanität nicht enthalten konnte, seine Gewandtheit und seinen guten Erfolg zu beneiden; so natürlich ist unserem Gemüthe die Liebe zur Jagd, oder wir gewöhnen uns vielmehr so leicht daran, einen glücklichen Erfolg der Feldjagd mit einer Idee von Vergnügen und mit dem Lob, welches der Gewandtheit und Geschicklichkeit gebührt, zu verbinden. Bald erkannte ich in dem glücklichen Angler den kleinen Benjie, der, wie du aus meinen früheren Briefen ersehen hast, mein Lehrer und Unterweiser in dieser edlen Kunst war. Ich rief – ich pfiff – der Bursche erkannte mich, und als hätte ich ihn auf einem Verbrechen ertappt, schien er zu schwanken, ob er sich nähern oder fortlaufen sollte; als er sich zu dem Ersteren entschloß, bestürmte er mich mit einem lauten, lärmenden und übertriebenen Bericht über die Angst, welche sich aller Bewohner von Shepherd's Busch meiner persönlichen Sicherheit wegen bemächtigt hätte. Wie meine Gastwirthin geweint, wie Sam und der Hausknecht das Herz nicht gehabt hätten, sich in's Bett zu legen, sondern die ganze Nacht beim Krug geblieben wären – und endlich, wie er selbst lange vor Tagesanbruch aufgestanden sei, um Erkundigungen über mich einzuziehen. »Wahrscheinlich plätschertest du im Wasser,« sagte ich, »um meinen Leichnam auszufischen?« Der ertappte Sünder stotterte ein verlegenes Nein, doch fügte er sogleich mit seiner natürlichen Unverschämtheit und im Vertrauen auf meine Güte hinzu, er glaube, eine oder zwei Forellen würden mir wohl zum Frühstück behagen, und weil das Wasser gerade zum Fischfang so geeignet wäre, so hätte er sich nicht enthalten können, die Angel auszuwerfen. »Während mir in diesem Wortwechsel begriffen waren, kam der würdige Quäker am anderen Ende der Brücke zurück, um mir zu sagen, daß er es nicht wagen könnte, bei seiner jetzigen Größe durch den Bach zu reiten, sondern daß er gezwungen wäre, eine steinerne Brücke aufzusuchen, welche eine und eine halbe Meile oberhalb seiner Wohnung läge. Er wollte mir zeigen, wie ich den Weg ohne ihn finden und seine Schwester auskundschaften könnte, als ich ihm den Gedanken einflößte, er solle, wenn er es für gut hielte, sein Pferd dem kleinen Benjie anvertrauen, der es über die Brücke führen könnte, während wir auf dem kürzeren, lieblicheren Wege zu Fuß nach seiner Wohnung gingen. Josua schüttelte den Kopf; denn er kenne, sagte er, den kleinen Benjie als den größten Taugenichts in der Umgegend. Dennoch aber, um mich nicht zu verlassen, willigte er darin ein, sein Pferd auf eine kurze Zeit seiner Obhut anzuvertrauen; doch ermahnte er ihn ernstlich, das Pferd ja nicht zu besteigen, sondern den Salomon (so hieß das Pferd) hübsch am Zügel zu führen, wogegen er ihm ein Sechspence-Stück bei guter Besorgung, aber Züchtigung beim Uebertreten seiner Befehle versprach, »er sollte dann gewiß gepeitscht werden.« Versprechungen kosteten meinen Benjie wenig, er gelobte noch mehr, als man verlangte, bis ihm der Quäker endlich die Zügel überließ, indem er seinen Auftrag wiederholte und ihm mit den Fingern drohte. Ich meiner Seits trug dem Benjie auf, die Fische, welche er gefangen hatte, in Mount Sharon zu lassen, indem ich mich zugleich bei meinem neuen Freunde entschuldigte, da ich nicht wissen konnte, ob ihm als einem Gegner der Jagd und des Fischfangs eine solche Höflichkeitsbezeugung willkommen wäre. Er verstand mich sogleich und rief mir seine Definition von dem Unterschied in's Gedächtniß zurück, der zwischen dem Fangen eines Thiers zur grausamen Lust und zwischen der gesetzmäßigen Nahrung obwalte, wann es getödtet wäre. Was Letzteres betraf, so hegte er keinen Gewissenszweifel darüber, sondern versicherte mich im Gegentheil, dieser Bach enthalte die wahre Art der rothen Forellen, welche von allen Kennern so geschätzt würden, und denen, (wenn sie nach einer Stunde, nachdem sie gefangen wurden, gegessen werden,) eine eigene Festigkeit des Fleisches und ein Wohlgeschmack eigen wäre, die sie zu einer willkommenen Zugabe eines Frühstücks machte, besonders wenn es wie das unsrige durch Frühaufstehen und kräftige körperliche Bewegung gewürzt würde. Sei nur ruhig, Allan, noch haben wir die Fische nicht ohne ferneres Abenteuer verzehrt. Lediglich und allein um deine Geduld und meine Augen zu schonen, schließe ich diesen Brief und verweise dich über den weiteren Hergang meiner Geschichte auf meinen folgenden Brief. Siebenter Brief. Derselbe an Denselben. (Fortsetzung.) Der kleine Benjie mit dem Pferde wanderte also auf der linken Seite des Baches, während der Quäker und ich auf dem jenseitigen Ufer spazierten, wie Cavaliere und Infanterie derselben Armee die beiden Ufer eines Flusses besetzen. Aber während mein würdiger Gefährte mich von den freundlichen Wiesen um seine Wohnung unterhielt, wich der kleine Benjie, obgleich ihm befohlen worden war, in unserem Gesichtskreise zu bleiben, von dem vorgeschrieben Wege ab und führte, indem er sich rechts wandte, den anvertrauten Salomon vor unsern Augen fort. »Der Elende will ihn reiten,« schrie Josua mit größerer Lebhaftigkeit, als sich mit seinen Grundsätzen von leidender Duldung vertrug. Als er heftig forteilte und sich die Falten von der Stirne zu verscheuchen bemühte, versuchte ich es, ihn zu beruhigen, indem ich beweisen wollte, daß, wenn auch der Knabe das Pferd besteigen sollte, er doch seiner eigenen Sicherheit wegen langsam reiten würde. »Ihr kennt ihn nicht,« rief Josua, allen Trost zurückweisend, »er soll etwas anständig und langsam thun – nein, er wird auf dem Salomon galoppiren – er wird die ruhige Geduld des armen Thieres, das mich so lange trug, mißbrauchen! Ja, ich bin selbst Schuld daran, daß ich ihn nur die Zügel berühren ließ; denn solch' einen kleinen Bösewicht gab es vor ihm noch nicht im Lande.« Dann rechnete er alle Landfrevel her, deren er Benjie beschuldigte. Er stand im Verdacht, den Rebhühnern Fallen zu stellen – war von Josua selbst darauf ertappt worden, als er den Singvögeln mit Leimruthen nachgestellt – ein schwerer Verdacht lastete auf ihm, daß er mit Hülfe eines eben so boshaften, hinterlistigen, heimtückischen Dachshundes wie er, mehrere Katzen gequält und geplagt hätte, endlich und hauptsächlich wurde er angeklagt, eine Ente gestohlen zu haben, indem er sie mit eben diesem Dachshunde erjagte, welcher so gewandt im Wasser wie auf dem Lande war. Um meinen Freund nicht noch mehr zu erzürnen, stimmte ich mit ihm ein und erklärte, daß auch ich – aus eigener Erfahrung – den Buben zur Satansbrut rechnete. Josua Geddes aber tadelte den Ausdruck als zu übertrieben und unziemend im Munde eines nachdenkenden Mannes, und ich wollte den Ausdruck eben als eine gebräuchliche Redensart vertheidigen, als wir vom jenseitigen Ufer des Baches her ein Geräusch hörten, welches anzuzeigen schien, daß Salomon und Benjie im Streit begriffen wären. Die Sandhügel, hinter welchen er sich verbarg, hatten ihn seiner Absicht gemäß unseren Blicken entzogen, er hatte den Salomon bestiegen und ihn tüchtig angetrieben; so waren sie in guter Freundschaft fortgaloppirt, bis sie sich der Furt näherten, bei welcher des Pferdes gesetzmäßiger Eigenthümer schon vorbei war. Hier aber entstand eine Verschiedenheit in den Ansichten zwischen Pferd und Reiter. Der Letztere nemlich wollte nach Vorschrift den Salomon den Weg zur steinernen Brücke führen, aber Salomon glaubte wahrscheinlich, die Furt wäre der nächste Weg zu seinem Stalle. Die Ansichten wurden von beiden Seiten heftig bestritten, und wir hörten Benjies »halloh – jă – vorwärts« und hauptsächlich sein mächtiges Peitschen, während Salomon, so fromm er sonst war, nun die Geduld verloren zu haben schien, stampfte und ausschlug. Dieser vereinigte Lärm war es also, den wir hörten, obschon wir sie nicht sehen konnten, und dessen Grund Josua wohl vermuthen konnte. Beunruhigt über diese Wahrzeichen, schrie der Quäker: »Benjie – du Schurke – Salomon – du Narr,« als plötzlich beide in voller Hast erschienen. Salomon hatte gesiegt und stürzte sich nun sammt seinem widerstrebenden Reiter in vollem Galopp in die Furt. Nie wechselte noch Zorn so schnell mit menschenfreundlicher Besorgniß, wie jetzt bei meinem Gefährten. »Der Bursche wird ertrinken! Der Sohn einer Wittwe! – ihr einziger Sohn! – und ertrinken! – Laß mich los!« schrie er, indem er sich mit Gewalt losreißen wollte, als ich ihn verhinderte, sich in die Furt zu stürzen. Ich fürchtete durchaus nichts für Benjie! denn konnte er schon das widerspenstige Pferd nicht zähmen, so saß er doch wie ein Affe im Sattel. Salomon und Benjie durchschritten die Furt mit wenig Mühe und setzten am diesseitigen Ufer unaufhaltsam ihren Galopp fort. Es ist unmöglich zu bestimmen, ob bei dieser Gelegenheit der Benjie mit dem Salomon, oder Salomon mit Benjie durchging; doch, Charakter und Beweggründen nach zu urtheilen, vermuthe ich eher das Erstere. Ich konnte mich des Lachens nicht enthalten, als der Schurke an mir vorbei eilte, grinsend vor Angst und Wonne zu gleicher Zeit, wie er am Sattelknopf hing und mit ausgestreckten Armen Zügel und Mähne ergriff, während Salomon schäumend im festen Gebiß, den Kopf zwischen den Vorderfüßen, in ungewöhnlicher Hast ganz dicht neben seinem Herrn vorbeieilte. »Der boshafte Bastard,« schrie der Quäker, im Schrecken die gewöhnliche Mäßigung vergessend, – »der Galgenvogel! – er wird dem Salomon die Rippen zerschlagen, gewiß, gewiß!« Ich bat ihn, sich zu trösten, versicherte ihn, ein tüchtiger Galopp würde seinem Liebling nichts schaden und erinnerte ihn, daß er mich eben erst wegen eines harten Ausdrucks von dem Knaben getadelt hätte. Josua war um Antwort nicht verlegen. – »Junger Freund, du sprachst von der Seele des Burschen, von welcher du behauptetest, sie wäre dem bösen Feinde verfallen, und das konntest du doch nicht wissen; ich aber sprach von ihm als Mensch, und wenn er seine Lebensart nicht ändert, wird er dem Strick gewiß nicht entlaufen. Ja, man sagt sogar, er gehöre schon, so jung er ist, zu der Bande des Laird's.« »Zu der Bande des Laird's!« – sagte ich, erstaunend die Worte wiederholend – »meint Ihr damit den Mann, bei dem ich übernachtete? – Ich hörte, wie Ihr ihn Laird nanntet. – Ist er denn der Anführer einer Bande?« »Nein, ich wollte nicht gerade eine Bande sagen,« – erwiderte der Quäker, der in Eile wahrscheinlich mehr gesagt hatte, als er Willens war – »eine Verbrüderung, eine Partei hätte ich sagen sollen; aber, Freund Latimer, so geht es selbst den weisesten Männern, wenn sie sich von ihren Leidenschaften hinreißen lassen, dann sprechen sie, wie im Fieber, thöricht und vorschnell.« Das war also eine Bestätigung meines bisher gehegten Verdachtes, daß meines Freundes natürliche Herzensgüte, verbunden mit der angenommenen Ruhe seiner Sekte, dennoch hie und da das Ausbrausen seines von Natur feurigen und heftigen Gemüthes nicht gänzlich hatte verdrängen können. Nun aber, als fühle er, daß er bei dieser Gelegenheit einen größern Grad von Bewegung gezeigt hatte, als sich für seinen Charakter ziemte, vermied Josua alle ferneren Anspielungen auf Benjie und Salomon, und suchte meine Aufmerksamkeit auf die uns umgebende Natur zu lenken, welche an Schönheit und Anmuth zunahm, als wir dem geschlängelten Laufe des Baches folgend, das brachliegende Land verließen und ein wohl angebautes, von Zäunen durchschnittenes Land betraten, wo Acker und Wiesengrund lieblich mit Bäumen und Hecken abwechselten. Nahe am Strome hinabsteigend, führte uns unser Weg durch ein kleines Thor zu einem reinlichen Fußpfad, dessen Seiten mit Bäumen und hochsprossenden blühenden Sträuchern besetzt waren; endlich führte ein liebliche Terrasse aus dem Thale heraus, und plötzlich standen wir vor einem niedrigen, aber freundlichen Gebäude von unregelmäßiger Form; mein Führer schüttelte mir freundlich und herzlich die Hand und hieß mich zu Mount Sharon willkommen. Das Gehölze, durch welches wir uns dem kleinen Gebäude genähert hatten, umgab es auf der Nord- und Nord-West-Seite; von da aber zertheilte es sich in verschiedene Richtungen und ward von gut bewässerten und gut angebauten Feldern unterbrochen. Das Haus gewährte die Aussicht nach Süd-Ost; liebliche Anlagen oder Gärten führten zum Wasser. Ich erfuhr nachher, daß der Vater des gegenwärtigen Besitzers, der einen großen Hang zum Gartenbau hatte und ihn seinem Sohn vererbte, diese Gärten angelegt hatte, welche mit ihren ebenen Nasen, verschlungenen Alleen, mit ihren wilden, kühn emporsprossenden Bäumen und Sträuchern Alles gar sehr verdunkelten, was man in dieser Art in der Umgegend versucht hatte. Wenn auch ein wenig Eitelkeit in dem wohlgefälligen Lächeln verborgen lag, mit welchem mich Josua Geddes ansah, als ich mit Entzücken eine Gegend betrachtete, die von der nackten Haide, welche wir heute zusammen durchwandert hatten, so verschieden war; so darf man es wohl meinem Manne zu gut halten, der, wie er selbst sagte, körperliche Gesundheit und geistige Erholung darin fand, daß er die Schönheiten der Natur anbaut und erhöht. Am Ende des weitläufigen Gartens bildete der Bach in einem Halbzirkel die natürliche Gränze. Auf dem jenseitigen Ufer besaß Josua keine Besitzungen mehr, dort ward der Bach von abschüssigen Kalkfelsen zurückgedrängt, als wollte die Natur eine Ringmauer ziehen um dieses kleine Eden der Schönheit, der Ländlichkeit und des Friedens. »Aber vergiß nicht,« sagte der gütige Quäker, »bei deiner Bewunderung der Schönheiten unseres kleinen Erbtheils, daß du nur ein sparsames Frühstück eingenommen hast.« Indem er dieses sagte, öffnete Josua ein kleines Gitterthor, welches durch einen Laubgang, der mit Geisblatt und Waldrebe umrankt war, in ein mäßig großes Wohnzimmer führte, dessen Möbel mit Reinlichkeit und Einfachheit das deutliche Kennzeichen der Sekte trugen, zu welcher der Eigenthümer gehörte. Deines Vaters Hanna wird allgemein als eine Ausnahme von allen schottischen Haushälterinnen angesehen, und in Reinlichkeit ist ihres Gleichen nicht zu finden unter allen Weibern Alt-Schottlands, aber Hanna's Reinlichkeit ist noch Nachlässigkeit im Vergleich mit dem sorgfältigen Scheuren und Putzen dieser Leute, welche auf die geringsten Dinge des Lebens jene Strenge übertragen, die sie in ihren moralischen Handlungen zeigen wollen. Das Wohnzimmer würde, da es niedrig war und kleine Fenster hatte, sehr düster gewesen sein, hätte der Eigenthümer es nicht durch eine Glasthüre erhellt, die in ein ebenfalls mit Glas gedecktes Treibhaus führte. Als ich mich dem Treibhaus näherte, um es genauer zu betrachten, zog das Kamin des Wohnzimmers meine Aufmerksamkeit auf sich. Es war ein Pfeiler aus einem einzigen Stein, der mit der Höhe des Zimmers ganz außer Verhältniß stand. Einst schien er ein Wappenschild getragen zu haben, denn der Hammer oder der Meisel, der Schild und Visir zerstörte, hatte den Baldachin unverletzt gelassen, der das fromme Motto trug: Vertrau' auf Gott! Ich hatte von jeher, wie du wohl weißt, eine besondere Freude an altgothischen Buchstaben, und die Grabsteine auf dem Kirchhofe zu Grey-Friar's suchte ich oft zu entziffern, um zu erfahren, was sie von längst vergessenen Todten sagen. Josua sah mich schweigend an, als er mich diese Reliquie des Alterthums betrachten sah. »Kannst du es lesen?« frug er endlich. Ich wiederholte das Motto, und fügte hinzu, es wäre noch eine Spur von einer ehemaligen Jahreszahl vorhanden. »Es soll wohl 1537 heißen,« sagte er, »denn so lange ist es wenigstens, daß meine Voreltern in den blinden Zeiten des Papstthums diese Wohnung bauten.« »Das ist ein alter Ursprung,« sagte ich, indem ich das Monument mit Ehrfurcht betrachtete, »es thut mir leid, daß das Wappen ausgelöscht ist.« Wahrscheinlich war es meinem Freunde, obwohl er ein Quäker war, unmöglich, so ganz allen Mangel an Ehrfurcht vor seinem Stammbaum zu verläugnen, obgleich er beständig gegen diese Eitelkeit eiferte, ungefähr so, wie Jack Fawkes uns im Collegium mit einer Miene, in welcher Schwermuth, Reue und Selbstgefühl vermischt lagen, die unglückselige Verwicklung seiner Vorfahren in der Pulververschwörung erzählte. »O Eitelkeit der Eitelkeiten, sagt der Prediger« – fing Josua Geddes von Mount Sharon seine Rede an – »wenn wir selbst ein Nichts sind in den Augen Gottes, wie viel weniger als Nichts muß nicht unsere Abstammung von vermoderten Gebeinen und verfallenem Staube sein, deren unsterbliche Geister längst heimgegangen sind, Rechnung abzulegen von ihrem Thun? Ja, Freund Latimer, meine Vorfahren waren berühmt unter den räuberischen und blutdürstigen Männern, welche dieses unterdrückte und geplagte Land bewohnten, ja, so berüchtigt waren sie wegen ihrer glücklichen Freibeuterei, ihren Räubereien und ihrer Mordlust, daß man sagt, sie hätten den Namen Geddes von dem Raubfische bekommen, der in der Landessprache Ged genannt wird – wahrlich eine ehrenwerthe Auszeichnung für einen Christen! Sie malten diesen Flußbewohner auf ihre Schilder, und die schändlichen Priester eines verächtlichen Götzendienstes, jene ruchlosen Schmeichler, Herolde genannt, die Fische, Vögel und vierfüßige Thiere aushauen, damit die Menschen vor ihnen niederfallen und anbeten mögen, bestimmten ihnen den Ged zum Symbol und Wappenhalter, hauten ihn aus auf ihren Kaminen, stellten ihn auf ihre Gräber; so wurden die Männer meines Namens immer frecher, immer ähnlicher dem Raubfische, mordeten, führten in Gefangenschaft, theilten Beute, bis daß der Ort ihres Wohnsitzes den Namen Sharing-Knowe bekam von der Beute, die dort zwischen ihnen und ihren Helfershelfern getheilt wurde. Eine bessere Einsicht wurde erst meinem Großvater Philipp Geddes zu Theil, der, nachdem er vielfach versucht hatte, sein Licht an einem der wild flackernden Feuer, die damals in allen Bürgerversammlungen loderten, anzuzünden, endlich einen Funken von der Lampe des gesegneten Georg Fox auffing; welcher nach Schottland kam, das Licht verbreitend in tiefer Finsterniß, so reichlich, wie er selbst sich ausdrückt, wie die Funken sprühen von den Hufen des Pferdes, das in gestrecktem Laufe auf steinigen Wegen dahineilt.« – Hier unterbrach sich der gute Quäker. – »Ach es ist wahr, ich muß gleich nachsehen, wie es mit dem Salomon steht!« Ein Diener, ebenfalls ein Quäker, trat jetzt in das Zimmer, neigte den Kopf gegen seinen Herrn, aber nicht wie Jemand, der sich verbeugt, und sagte gelassen: »Sei willkommen in deinem Hause, Freund Josua, wir erwarteten dich nicht so frühe, aber was ist denn deinem Pferde Salomon zugestoßen?« »Was ihm zugestoßen ist,« sagte mein Freund, »hat ihn denn der Knabe, den sie Benjie nennen, nicht hierher zurückgebracht?« »Freilich hat er das,« sagte der Bediente, »aber auf eine sonderbare Art; denn es kam wüthend schnell hergelaufen, und warf den Knaben Benjie von seinem Rücken auf den Düngerhaufen, der im Hof liegt.« »Das freut mich,« sagte Josua schnell – »das freut mich von ganzem Herzen! Aber nein, er ist der Sohn einer Wittwe – hat sich der Knabe beschädigt?« »Ganz und gar nicht, denn er stand eilig auf und lief davon.« Josua murmelte etwas von der Peitsche, dann frug er nach dem jetzigen Zustande des Pferdes. »Es schwitzt wie ein dampfender Kessel,« antwortete der Diener, »Bauldie, der Bursche, führt es im Hofe am Halfter umher, daß es sich nicht erkältet.« Mr. Geddes eilte in den Stallhof, um selbst nach dem Zustand seines Lieblings zu sehen, und ich folgte ihm, um ihm meinen Rath als Stallknecht (lache nicht, Allan, ich habe Stallknechtskenntnisse genug, einem Quäker beizustehen) in dieser unangenehmen Untersuchung anzubieten. Der Bursche, der das Pferd herumführte, schien kein Quäker zu sein, doch hatte ihm sein Umgang mit der Familie einen ernsten Anstrich in Blick und Wesen gegeben. Er versicherte Josua, das Pferd habe durchaus nichts gelitten, und ich gab zu verstehen, daß ihm die Uebung sogar zuträglich wäre. Salomon selbst neigte seinen Kopf gegen seinen Herren, und rieb ihn an den Schultern des guten Quäkers, als wolle er ihn über sein Wohlbefinden beruhigen, so daß Josua zufrieden in das Wohnzimmer zurückkehrte, wo nun das Frühstück aufgetragen werden sollte. Seitdem habe ich erfahren, daß Josua's Neigung für sein Pferd von einigen seiner Glaubensbrüder als ungehörig betrachtet wird; und daß er vielfachem Tadel unterliegen mußte, daß er ihm einen Namen, und gar einen biblischen beilegte; doch genoß er einer so großen Achtung und eines so großen Einflusses unter ihnen, daß sie diese Schwäche übersahen. Während nun der alte Diener Jehrjachim aus und ein ging, und mit den Vorbereitungen zum Frühstück gar nicht fertig werden wollte, erfuhr ich von meinem Freunde Josua, daß sein Großvater Philipp, der Convertite des Georg Fox, in den Verfolgungen, welche diese unschuldigen Andächtigen in jenem unduldsamen Zeitalter von allen Seiten erduldeten, viel gelitten hatte, und daß ein großer Theil ihres väterlichen Erbes zu Grund gegangen war. Bessere Tage waren dem Vater unseres Josua vorbehalten, der, nachdem er sich mit einer reichen Quäkerfamilie in Lancashire verschwägert hatte, verschiedene Handelszweige mit Erfolg betrieb, den Rest des Gutes einlöste, und ihm statt des Namens Sharing-Knowe, wie die Gränzbewohner es nannten, die evangelische Benennung Mount-Sharon beilegte. Erwähnter Philipp Geddes hatte, wie schon gesagt, den Geschmack am Gartenbau und an Blumen, der ohnehin seiner Sekte eigenthümlich ist, hier einheimisch gemacht, er riß die Ueberbleibsel des alten Hauses nieder, baute das neue Gebäude dahin, und während er die Wohnstätte seiner Vorfahren ihrer Gastfreundschaft wegen, und das fromme Motto, das sie zufällig angenommen hatten, verehrte, vernichtete er auf der anderen Seite die weltlichen und militärischen Zeichen, die Schild und Helm schmückten, sammt allen Wappenzierden. Nachdem Mr. Geddes den Bericht von sich und seiner Familie geendigt hatte, trat seine Schwester Rahel, das einzige noch lebende Mitglied derselben, in das Zimmer. Sie war wunderbar lieblich anzusehen, denn obgleich sie wenigstens dreißig Jahr alt sein mußte, hatte sie doch noch das Ansehen und die lebhaften Bewegungen eines jüngeren Alters. Der Mangel an Verzierungen und Putz wurde durch Zierlichkeit und Reinlichkeit des Anzugs reichlich ersetzt; eine einfache, anliegende Haube stand gar wohl zu den Augen, aus denen Sanftmuth und Taubeneinfalt sprach. Auch ihre Züge waren gar angenehm, doch hatten sie ein wenig von dem erklärten Feinde aller Schönheit, von den Blattern, gelitten; ein Nachtheil, der zum Theil von einem schön geformten Munde, von Zähnen wie Perlen, von einem freundlich lächelnden Zug aufgewogen wurde, der einem Jeden, mit dem sie sprach, zeitliche und ewige Glückseligkeit zu wünschen schien. Du kannst hier keine niedrige Anspielung machen, Allan, denn ich habe dir ein getreues Bild der Rahel Geddes gegeben; folglich kannst du hier nicht, wie in deinem Briefe, den ich eben empfange, sagen, daß ich sie als einen Gegenstand, den ich zu erwähnen fürchtete, übergangen hätte. Doch bald ein Mehreres darüber. Wir begannen also das Frühstück nach einem Segensspruch, oder vielmehr nach einem Gebete aus dem Stegreif, das Josua hielt, und das der Geist ihn mehr zu verlängern antrieb, als es mir angenehm war. Dann, Allan, griff ich so tüchtig beim Morgenimbiß zu, wie du den Darsie Latimer wohl noch nie beim Frühstück sahst, Thee und Chocolade, Eier, Schinken und Pasteten, die gebackenen Fische nicht zu vergessen, kurz alles verschwand mit einer Schnelligkeit, die den gutmüthigen Quäker staunen machte, der meinen Teller immer von Neuem belud, als wollte er sehen, ob es gar nicht möglich wäre, mich zu ermüden, dennoch aber bekam ich einen Wink, der mich erinnerte, wo ich war. Miß Geddes hatte mir nämlich süßen Kuchen angeboten, den ich für den Augenblick ablehnte, doch als er mir gleich darauf wieder unter Händen kam, nahm ich mir in Gedanken ein Stück davon, und wollte es eben auf meinen Teller legen, als mein Wirth Josua (doch keineswegs in der Manier des Arztes des Sancho, Lirtea Fuera, sondern kalt und ruhig) es mir wieder wegnahm, und es auf den Tisch legte, indem er trocken sagte: »Du schlugst es eben aus, Freund Latimer.« Diese guten Leute erkennen das Recht nicht an, sein Wort zurücknehmen zu dürfen, was dein guter Vater das Privilegium der Bewohner von Aberdeen nennt; oder wie die Weisen sagen, den zweiten Gedanken. Diesen kleinen Wink abgerechnet, der mich belehrte, daß ich mich unter sehr pünktlichen, eigenthümlichen Menschen befand, war in meinem Empfang nichts Ausgezeichnetes – nur bemerkte ich die ängstliche, gleichförmige Zuvorkommenheit, von welcher alle Aufmerksamkeitsbezeugungen meiner neuen Freunde deutliche Spuren trugen; als wären sie besorgt, dafür mich fühlen zu lassen, daß die Vernachlässigung der gebräuchlichen Höflichkeitsbezeugungen, die ihnen ihr Glaube verbietet, nur ihre Gastfreundschaftlichkeit noch herzlicher mache. Endlich war mein Hunger gestillt, und der würdige Quäker, der mit gutmüthigen Blicken meinen Appetit beobachtet hatte, wandte sich mit folgenden Worten an seine Schwester: »Dieser junge Mann, Rahel, hat in den Zelten unseres Nachbars, den man den Laird nennt, übernachtet. Es thut mir leid, daß ich ihm nicht gestern Abend begegnete, denn unseres Nachbars Gastfreundschaft wird zu selten in Ausübung gebracht, als daß er mit den Mitteln zum Empfang gut vorbereitet sein konnte.« »Nicht so, Josua,« sagte Rahel, »wenn unser Nachbar etwas Gutes that, so solltest du ihn bei dieser Gelegenheit nicht schelten; hat unser junger Freund eine Nacht schlecht zugebracht, so mag ihn das Bessere, das Gott ihm künftig schickt, um so viel mehr erfreuen.« »Und damit er das besser könne,« sagte Josua, »so wollen wir ihn bitten, Rahel, ein oder zwei Tage bei uns zu verweilen: er ist jung, tritt eben in die Welt, so möge ihm, wenn er will, unsere Wohnung als zum Ruheplatz dienen, von wo aus er die Pilgerfahrt, die ihm bevorsteht, und den Weg, den er wandern soll, übersehen mag. – Was sagst du dazu, Freund Latimer? Wir zwingen unsere Freunde nicht zu unserer Lebensart, und du wirst wohl so vernünftig sein, keinen Anstoß daran zu nehmen, wenn wir der unserigen folgen, selbst wenn wir dir hier und da einen wohlgemeinten, freundschaftlichen Rath geben, so denke ich, wirst du auch darüber nicht böse werden.« Du weißt, Allan, wie leicht mich auch nur ein Anschein von Herzlichkeit hinreißt, darum nahm ich also – wenn ich mich schon vor den Umständlichkeiten ein wenig fürchtete – die Einladung an, und bat nur, man möchte einen Boten nach Shepherd's Busch schicken, um meinen Diener und meinen Mantelsack kommen zu lassen.« »Du hast recht, Freund,« sagte Josua, »dein Aeußeres würde durch reinere Wäsche wohl gewinnen; ich will deinen Auftrag im Gasthaus der Wittwe Gregson selbst vollführen, und dir deinen Burschen mit den Kleidern hierherschicken. Unterdessen wird dir Rahel unsere Gärten zeigen, und dich in den Stand setzen, deine Zeit nützlich zuzubringen, bis uns um zwei Uhr das Mittagessen ruft. Für jetzt sage ich dir Lebewohl, denn ich habe noch eine ziemliche Strecke zu gehen, da ich meinem Salomon jetzt Ruhe gönnen muß.« Mit diesen Worten ging Mr. Josua Geddes seines Wegs. Gar manche Frauenzimmer, die wir kennen, würden Verlegenheit gefühlt oder affectirt haben, wenn man sie mit einem – (frei herausgesagt, Allan) artigen, jungen Manne, mit einem Fremden allein gelassen hätte, die honneurs de la maison (die gastlichen Pflichten) zu machen. Sie ging einige Minuten hinaus, und kam dann wieder mit ihrem einfachen Gewand, ihrer Haube, und mit Handschuhen an, bereit, mir mit eben so einfacher Unbefangenheit zum Führer zu dienen, als hätte es deinem Vater gegolten, Allan. So machte ich mich also mit meiner schönen Quäkerin auf den Weg. Wenn auch das Haus zu Mount Sharon nur eine geräumige, anständige Wohnung von mäßiger Größe und geringer Bedeutung ist, so können doch die Gärten und Oekonomie-Gebäude, obschon sie nicht sehr weitläufig sind, was Sorgfalt und Aufwand betrifft, sich kühn mit denen eines Grafen messen. Zuerst führte mich Rahel auf ihren Lieblingsort in den Hühnerhof, wo allerlei Arten Federvieh, das Seltenste sowohl wie das Gewöhnlichste, zu finden war, das sich auf dem Lande aufhält, und so waren beide Gattungen wohl versorgt.« Alle diese Geschöpfe schienen ihre Gebieterin zu erkennen, und einige besonders Begünstigte eilten zu ihren Füßen, und folgten ihr, so weit es ihre Gränze erlaubte. Sie kannte ihre Eigenheiten und ihre Eigenschaften so genau, wie Jemand, der sich dem Studium der Naturgeschichte gewidmet hat. Ich gestehe, daß ich nie zuvor das Hofgeflügel mit so vielem Antheil betrachtet habe – es müßte denn gebraten oder gesotten gewesen sein. Ich konnte mich nicht enthalten, ihr die verfängliche Frage vorzulegen, wie sie das Tödten eines der Geschöpfe, die sie mit so viel Sorgfalt pflege, anordnen könne. Es wäre ihr freilich hart, sagte sie, doch aber wäre es den Gesetzen ihres Daseins gemäß. Sie müßten sterben, doch wüßten sie nicht, wann der Tod herannahe; und wenn man ihnen nur ein Erträgliches, angenehmes Leben verschaffte, so trüge man zu ihrem Glücke so viel bei, wie die Bedienung ihres Daseins erlaube. Ich bin nicht ganz ihrer Meinung, Allan, ich glaube, weder Schweine noch Geflügel würden zugeben, daß das bestimmte Ende ihres Daseins wäre, getödtet oder gegessen zu werden. Doch berührte ich den Punkt nicht weiter, dem meine Quäkerin entschlüpfen wollte, denn als sie mich in das Pflanzenhaus führte, das geräumig und mit den seltensten Pflanzen versehen war, zeigte sie mir einen Vogelbauer, der am äußersten Ende stand, dessen Bewohner sie versorgte, ohne, wie sie sagte, von den traurigen Gedanken an ihre Zukunft gestört zu werden. Ich will dich mit keinem Berichte von den verschiedenen Treibhäusern und Gärten und ihrem Inhalte belästigen. Es muß wahrlich keine geringe Summe Geldes verwendet worden sein, um sie in diesem ausgezeichneten Grade von Ordnung aufzubauen und zu erhalten. So viel ich hörte, war die Familie mit der des berühmten Millar bekannt, und hatte von dieser den Geschmack am Blumen- und Gartenbau angenommen. Statt aber botanische Namen zu radebrechen, will ich dich lieber in den Lustgarten führen, den Josua oder sein Vater geschmackvoll zwischen Haus und Garten angelegt hat. Auch dieser war, im Gegensatz zu der sonst vorherrschenden Einfachheit, ungewöhnlich verziert. Da gab es verschiedene Partien, welche aber so gut verbunden waren, daß die ganze Fläche, die nicht größer als 5–6 Acker Landes war, wohl viermal so groß schien. Die Zwischenräume enthielten dichte Alleen und offene Spaziergänge, einen so hübschen, künstlichen Wasserfall und einen Springbrunnen, der einen bedeutenden Bogen beschrieb, und in dessen Ströme die Sonnenstrahlen einen beständigen Regenbogen bildeten. Da fand man ferner ein Laube-Kabinet, wie es die Franzosen nennen, um sich in der Hitze des Sommers abzukühlen, und eine Terrasse, die gegen Nord-Ost von einer Hecke von Stechpalmen mit glänzenden Dornen beschützt war, wo du in heiteren, kalten Wintertagen dich der erwärmenden Sonnenstrahlen erfreuen kannst. Ich weiß, das du, Allan, das Alles als schlecht und alt verwerfen wirst, denn seitdem Landseer die Anlagen zu Leasowes beschrieben und von Brown's Nachahmung der Natur geschwatzt hat, und seitdem Horacius Walpole seine Versuche über den Gartenbau bekannt machte, bist du nur für einfache Naturanlagen – verdammst es, Terrassen in freier Luft aufzuführen, und findest nur an Wäldern und Wildnissen Wohlgefallen. Aber ne quid nimis . Ich möchte freilich großartige Naturschönheiten nicht durch künstliche Anlagen verderben, wo aber die Lage keine besondere Schönheiten darbietet, da sind sie, glaube ich, an ihrem Platze. Hätte ich also ein Landhaus (wer weiß, wie lang es bis dahin noch dauert?) so wirst du Grotten, Wasserfälle und Springbrunnen sehen, ja, wenn du mich mit Wiederspruch ärgertest, so könntest du mich sogar dazu bringen, einen Tempel hinzubauen – reize mich also nicht, denn du siehst, zu welchen ungeheuren Dingen ich fähig bin. Wenn du auch, Allan, allen übrigen Grund und Boden meines Freundes Geddes als Künsteleien verdammt hättest, so hat er doch scharf am Rande des Stromes einen Weidengang, so düster, so feierlich, so stille, daß er deine Bewunderung erzwungen hätte. Der Bach, der am äußersten Ende des Guts, durch einen natürlichen Damm oder Felsenschleuse eingeengt, schien, selbst angeschwollen wie er war, kaum sanft dahinzugleiten, und die blasse Trauerweide sammelte um ihre in den Strom hinabhängenden Aeste kleine Kronen von Schaum, die der früher reißende Fluß hierherführte. Kaum sah man durch die Aeste die hohen Felsen des jenseitigen Ufers, deren bleiche, glänzende Stirne mit langen Hecken von wilden Rosen und anderen niederen Sträuchern bekränzt, ein Schlagbaum schien, der den ruhigen Pfad, den wir wandelten, abschied von der geschäftigen, unruhigen Welt jenseits. Der Pfad selbst beschrieb, indem er den Krümmungen des Stromes folgte, einen sanft gebogenen Halbzirkel, doch so, daß er das Ende des Weges verbarg, bis man es erreicht hatte. Ein dumpfes, düsteres Brausen, das zunimmt, je mehr du dich ihm näherst, bereitet dich auf dieses Ende vor, wo du auf einem einfachen Baumstamme sitzend, einen sechs bis sieben Fuß hohen Wasserfall erblickst, wo, wie schon erwähnt, der Fluß sich über den Felsendamm stürzt. Die Stille, die Dämmerung, die Abgelegenheit dieses Ganges stimmten zu vertraulichen Mittheilungen; und da ich meiner schönen Quäkerin nichts Anziehenderes zu sagen wußte, so nahm ich mir die Freiheit, sie um die Verhältnisse des Lairds zu fragen; denn du weißt oder solltest es wissen, Allan, daß nächst den Herzensangelegenheiten, das schöne Geschlecht sich am meisten mit denen der Nachbarn beschäftigt. Ich verbarg ihr weder meine Neugierde noch die Art, wie Josua sie zurückgewiesen hatte; meine Begleiterin antwortete verlegen: »Ich kann nur die Wahrheit reden, und darum gestehe ich dir, daß meinem Bruder der Mann, dessen du erwähntest, mißfällt, daß ich ihn fürchte . Vielleicht haben wir beide Unrecht – aber er ist ein gewaltthätiger Mann, und übt über Viele einen großen Einfluß aus, die ihrem Gewerbe als Schiffer oder Fischer nachgehend so unempfindlich werden, wie das Element, das ihnen ihre Nahrung darbietet. Sie geben ihm (was nichts Ungewöhnliches unter ihnen ist) keinen bestimmten Namen, denn es ist ein roher Gebrauch bei ihnen, sich gegenseitig durch Beinamen zu bezeichnen. Sie nennen ihn den Herrn der Seen (ich will gar nicht erwähnen, daß man Niemand Herr nennen sollte, als nur den Einen), thörichte Lächerlichkeit! denn man nennt die Pfützen von Salzwasser, welche die Ebbe im Sande zurückläßt, die Seen der Solway.« »Hat er denn keine anderen Einkünfte, als die, welche er aus diesen Dünen zieht?« »Das kann ich nicht beantworten,« erwiderte Rahel, »man sagt, es fehle ihm nicht an Geld, und er theile den Armen in seiner Umgegend freigebig von seinem Ueberflusse mit, obschon er wie ein gewöhnlicher Fischer lebt. Sie geben zu verstehen, daß er ein Mann von Bedeutung sei, der in die unglückliche Empörungsgeschichte so tief verwickelt wäre, daß ihm noch zu viel Gefahr drohe, wenn er seinen eigentlichen Namen annähme. Auch ist er manchmal Wochen und Monden lang von seiner Wohnung zu Broken-Burn-Cliffs abwesend.« »Ich glaubte,« sagte ich, »die Regierung würde bei jetziger Zeit selbst den hartnäckigsten Rebellen nicht in Anklagezustand versetzen. Gar viele Jahre sind seitdem verstrichen.« – »Das ist wohl wahr,« erwiderte sie, »doch begreifen Leute der Art wohl, daß ihr Leben nur gesichert ist, so lange sie im Stillen leben. Man kann aber von diesen rohen Menschen nichts Gewisses erfahren. Sie gehen nicht mit Wahrheit um – nur Wenige sind unter ihnen, die nicht an dem ungesetzmäßigen Handel zwischen diesen Gegenden und den benachbarten Ufern Englands Theil nehmen; jede Art von Falschheit und Betrug ist ihnen wohl bekannt.« »Es ist Jammerschade,« bemerkte ich, »daß Ihr Bruder solche Nachbarn hat, besonders da ich bemerkte, daß er in einige Streitigkeiten mit ihnen verwickelt ist.« »Wo, wann, warum?« frug Miß Geddes mit heftiger, gespannter Angst, die mich bereuen machte, daß ich den Gegenstand berührt hatte. Ich erzählte ihr also so schonend wie möglich den Wortwechsel, der heute Morgen zwischen ihrem Bruder und dem Herrn der See stattgefunden hatte. »Du erschreckst mich sehr,« antwortete sie, »eben dieser Umstand verscheucht den ruhigen Schlaf der Nacht von mir. Als mein Bruder Josua sich von der Theilnahme an den Handelsgeschäften meines Vaters zurückzog, zufrieden mit dem Antheil an weltlichen Gütern, welche ihm zugefallen waren, blieb er nur bei einer oder zwei Unternehmungen betheiligt, entweder, weil sein Zurückziehen seinen Freunden geschadet hätte, oder weil er auf irgend eine Weise seine Zeit nützlich anwenden wollte. Unter die wichtigern gehört eine Fischerei an der Küste, wo durch eine verbesserte Art, Reusen so zu legen, daß sie sich beim Herannahen der Ebbe öffnen, und bei der Fluth wieder schließen, bei weitem mehr Fische gefangen werden, als wenn man ihrer, wie die Leute von Broken-Burn, mit Netz, Speer und Fischangel habhaft werden will. Sie beklagen sich über diese Ebben-Netze als eine Neuerung und glauben ein Recht zu haben, sie mit Gewalt niederzureißen und zu zerstören. Ich fürchte sehr, dieser gewaltthätige Mann, den sie Laird nennen, wird seine Drohung ausführen, was nicht ohne Verlust und Gefahr für meinen Bruder geschehen kann.« »Mr. Geddes,« sagte ich, »sollte sich an die bürgerliche Behörde wenden; es liegen Soldaten in Dumsfries, die man zu seinem Schutze absenden könnte.« »Du sprichst,« antwortete die Dame, »wie Jemand, der noch in der Galle der Bitterkeit, in dem Verbande der Ungerechtigkeit befangen ist. Gott bewahre uns, Netze von Flachs und Pfähle von Holz, oder den Mammon von Gewinnst, den sie uns verschaffen, mit den Händen der Kriegsleute zu beschützen, auf die Gefahr hin, Menschenblut zu vergießen!« »Ich ehre Ihre Bedenklichkeiten,« erwiderte ich, »aber wenn ihr diese Gesinnung hegt, so sollte doch Ihr Bruder der Gefahr durch Vertrag oder durch Nachgeben ausweichen.« »Das wäre wohl auch das Beste,« versetzte Rahel, »aber was kann ich sagen? – Selbst in dem bestgearteten Gemüthe können noch Spuren vom alten Adam zurückbleiben; auch weiß ich nicht, ob es dieser oder ein besserer Geist ist, der meinen Bruder Josua dazu bringt, daß er, obgleich er nicht Gewalt mit Gewalt vertreiben will, dennoch sein Recht nicht leeren Drohungen aufopfern, oder sie durch sein Nachgeben nicht ermuntern will, auch Schaden zuzufügen. Er sagt, seine Mitgenossen vertrauten auf seine Festigkeit, und er wollte sie nicht täuschen, indem er ihre Rechte aufgäbe aus Furcht vor den Drohungen der Menschen, deren Athem in der Nase ist.« Diese Bemerkung überzeugte mich, daß der Geist den alten Beutetheiler aus dem Busen des friedfertigen Quäkers noch nicht gänzlich verbannt war, und in meinem Innern mußte ich gestehen, daß Josua Recht hatte, als er behauptete, daß eben so viel Muth zum Dulden wie zum Handeln gehöre. Als wir uns dem äußersten Ende des Weidengangs nahten, ward das dumpfe und anhaltende Brausen des herabstürzenden Wassers immer tosender, so daß es uns zuletzt schwer fiel, miteinander zu sprechen. Die Unterhaltung stockte, doch schienen die Gedanken meiner Gefährtin immerwährend an den trüben Ahnungen zu hängen, die es erregt hatte. Am Ziele des Wegs genossen wir einer Aussicht auf den Wasserfall, wo der angeschwollene Bach schäumend und tosend über den natürlichen Felsendamm stürzte, der vergeblich seinen Lauf hemmen zu wollen schien. Entzückt blickte ich hin; als ich mich aber umwandte, meiner Gefährtin meine Gefühle auszudrücken, bemerkte ich, daß sie die Hände gefaltet hatte, in einer Stellung kummervoller Ergebung, welche anzeigte, daß ihre Gedanken fern von der vor uns liegenden Naturscene waren. Da sie sah, daß ihre Zerstreuung bemerkt wurde, nahm sie die frühere Ruhe in ihren Manieren wieder an; und als sie mir hinlänglich Zeit gelassen hatte, das Ziel unseres stillen, einsamen Spaziergangs zu bewundern, schlug sie mir vor, auf einem andern Wege durch die Ländereien ihres Bruders zurückzukehren. »Selbst wir Quäker, wie man uns nennt,« sagte sie, »haben unseren kleinen Stolz, und mein Bruder Josua würde es mir nicht verzeihen, wenn ich es versäumte, dir die Felder zu zeigen, die er mit der größten Freude nach den neuesten und besten Arten anbaut, worüber er von gültigen Richtern viel Lob erhalten hat, aber auch von denen lächerlich gemacht wurde, die es für eine Thorheit halten, die Gebräuche unserer Väter verbessern zu wollen.« Während sie sprach, öffnete sie ein niedriges Thor, das durch eine mit Moos und Epheu bedeckte Mauer, welche die Gränze des Lustgartens bildete, in das freie Feld führte; hier wanderten wir auf einem ordentlichen Fußpfad, der in einem guten, einfachen Geschmack angelegt, zwischen Hecken und Zäunen, durch Wiesen, Aecker und Waldungen ging, so daß der gute Mann bei gewöhnlichem Wetter die Runde um seine Oekonömie-Gebäude machen konnte, ohne auch nur den Schuh zu beschmutzen. Auch Ruhesitze waren angebracht, und waren sie auch weder mit Inschriften geziert, noch so häufig, wie die Beschreibung der Anlagen zu Leasowes es erwähnt, so war doch ihre Stellung so gewählt, daß sie entweder eine fernere Aussicht beherrschten, oder einen Blick heimwärts gewährten. Aber was mir in Josua's Gebiet am meisten auffiel, war die Anzahl und die Zahmheit des Wildes. Kaum verließ das Rebhuhn den Zweig der Hecke, wo es seine Brut um sich versammelt hatte, obschon der Weg dicht daran vorbeiführte. Der Hase blieb in seiner Lage liegen und schaute uns, wenn wir vorbeigingen, mit vollen, dunkeln Augen an, oder er hüpfte eine kleine Strecke und stellte sich dann aufrecht hin, um uns mit größerer Neugierde als Furcht zu betrachten. Ich machte Miß Geddes auf die Zahmheit dieser ängstlichen und scheuen Thiere aufmerksam, und sie belehrte mich, daß ihr Zutrauen von dem Schutz, dessen sie im Sommer, und von der Nachsicht, deren sie sich im Winter erfreuten, herrührte. »Sie sind Schützlinge meines Bruders,« sagte sie, »der ihnen um so viel größeren Anspruch auf seine Güte einräumt, da ihr Geschlecht von der Welt im Allgemeinen verfolgt wird. Er versagte sich es selbst einen Hund zu halten, damit diese Geschöpfe hier einer ungestörten Sicherheit genießen können. Und selbst diese harmlose menschliche Neigung oder Laune hat unsere gefährlichen Nachbarn beleidigt.« Sie erklärte es, indem sie mir sagte, daß mein Wirth von gestern Nacht wegen seiner Leidenschaft zur Jagd berüchtigt wäre, der er sich ohne Rücksicht auf die Wünsche derjenigen, über deren Felder er jage, überließe. Die unbestimmte Mischung von Ehrfurcht und Angst, mit welcher man ihn allgemein betrachte, verleite viele der benachbarten Gutsbesitzer, von ihm zu dulden, was sie an jedem anderen als Waldfrevel bestraft hätten. Aber Josua Geddes erlaubte keinen Eingriff in seine Rechte, und so wie er früher mehrere seiner Nachbarn beleidigt hatte, die ihn, weil er das Wild weder selbst jagte, noch zu jagen erlaubte, mit einem Hunde in einer Fleischerbude verglichen hatten; so vermehrte er nun die Abneigung, die der Laird schon gegen ihn gefaßt hatte, indem er ihm ein für alle Mal verbot, dem Wild auf seinem Grund und Boden nachzujagen. »So daß ich gar oft wünsche,« sagte Rahel Geddes, »unser Loos möchte uns an einem anderen Orte gefallen sein, als an diesen lieblichen Ufern, wo wir, wenn auch weniger Schönheiten uns umgäben, doch eine friedliche, wohlmeinende Nachbarschaft hätten.« Endlich kehrten wir nach Haus zurück, wo mir Miß Geddes eine kleine Bibliothek zeigte, die in zwei Schränken aufbewahrt war. »Diese,« sagte sie, indem sie auf den kleineren Schrank zeigte, »werden dir, wenn du ihnen deine Muße leihst, gewiß nützlich sein, und jene (indem sie auf den anderen größeren Schrank zeigte) werden dir, glaube ich, nicht schaden. Einige unserer Völker glauben freilich, ein jeder Schriftsteller, der nicht für uns ist, wäre gegen uns, aber mein Bruder Josua ist gemäßigt in seinen Meinungen, und steht mit unserem Freunde John Scott von Amwell, der doch Verse gemacht hat, die selbst in der Welt Beifall fanden, in Briefwechsel. – Ich wünsche dir recht viel Gutes, bis wir uns Mittags wieder treffen.« Als ich nun allein war, untersuchte ich beide Sammlungen; die erste bestand blos aus theologischen und polemischen Abhandlungen, die zweite aber aus einer kleinen historischen Bibliothek und aus moralischen Schriften in Prosa und in Versen. Da ich mir nicht viel Unterhaltung davon versprach, so besitzest du in diesen Blättern die Früchte meines Fleißes, und ich glaube wahrlich, eine Geschichte zu schreiben, wo man selbst den Helden macht, ist eben so unterhaltend, als die eines fremden Landes in irgend einer Epoche zu lesen. Sam, der immer noch häufiger betrunken als nüchtern ist, kam zur rechten Zeit mit meinem Mantelsack an, und setzte mich also in den Stand, meine Kleidung so zu ordnen, daß sie sich für diesen Tempel der Reinlichkeit und des Wohlanstandes besser ziemt; da ich (schließlich) wahrscheinlich mehrere Tage hier verweilen werde. P.S. * Ich habe mir das Abenteuer, wie ihr heimgezogenen Jünglinge es nennen mögt, von dem Besuch des ehrbaren Lairds gemerkt. Wir Reisende betrachten solch' ein Ereigniß als nichts Bedeutendes, wenn es schon das einförmige Leben von Browns Square ein wenig beleben mag. Aber schämst du dich nicht, mit einer so nichtigen Erzählung Jemand interessiren zu wollen, der die Welt in ihrer Größe sieht, und die menschliche Natur an einem großen Maßstabe studirt? Auf was kömmt es denn am Ende heraus, als daß ein Laird, der ein Tory ist, mit einem Juristen, der sich zu den Whig's zählt, zu Mittag aß? Gar nichts Besonderes ist an der Geschichte, besonders da Mr. Herries das Majorat verloren und nur noch den Titel beibehalten hat. – Der Laird betrug sich hochmüthig und frech – auch das weicht vom Charakter nicht ab; daß er die Treppe nicht hinabgeworfen wurde, das liegt daran, daß Allan Fairford nicht ganz der Mann ist, wie sein Freund ihn wünschte. Nun, was ist denn daran, wenn ein junger Rechtsgelehrter, statt den guten Freund zur Thüre hinauszuwerfen, sie lieber selbst ergriff, und den eben erwähnten Laird den alten Rechtsgelehrten etwas fragen hörte, was den Darsie Latimer betraf? Wahrscheinlich frug er nach dem schönen, liebenswürdigen Familiengliede, das erst kürzlich der Themis seine Verbeugung gemacht hat, und die Ehre zurückwies, ihr ferner zu folgen. Du lachst mich wegen meiner Luftschlösser aus; aber gestehe nur ein, beruhen sie im Allgemeinen nicht auf besseren Gründen, als auf zwei Worten, die solch' ein Mann wie Herries sprach? Und doch – doch Allan, möchte ich einen Zusammenhang in der Sache finden, denn in finsterer Nacht wird selbst ein Johanniswürmchen ein Gegenstand des Glanzes, und für Jemanden, der in meiner Unwissenheit und Ungewißheit schwebt, ist der schwächste Strahl, der Aufklärung verspricht, anziehend. Mein Leben gleicht dem unterirdischen Strome in dem Felsen zu Derby, der nur da sichtbar wird, wo er die berühmte Höhle durchströmt. Da bin ich, so viel weiß ich, aber wo ich herstamme, wohin mein Lebenslauf mich führen wird, wer kann mir das sagen? Auch dein Vater schien also Antheil daran zu nehmen und bestürzt zu sein, er sprach davon, mir zu schreiben; wollte der Himmel, es geschähe! – Ich schicke täglich auf die nächste Post nach Briefen. Achter Brief. Allan Fairford an Darsie Latimer. Du magst deine Flügel zusammenschlagen und krähen so viel du willst. Du gehst auf Abenteuer aus, zu mir kommen sie ungesucht; ach und wie lieblich kamen meine, da sie in Form eines Clienten – einer schönen Clientin sogar, erschienen. Was denkst du dabei, Darsie, der du so ein geschworener Anhänger der Damen bist? Kann sich das nicht mit deinem Abenteuer, Salme zu Pferd zu erjagen, messen, und die Geschichte von einem ganzen Stamme Breitrandiger verdunkeln? – Doch ich muß methodisch verfahren. Als ich heute aus dem College zurückkam, erstaunte ich sehr, ein breitgezogenes Lachen die starre Physiognomie des treuen James Wilkinson ausdehnen zu sehen; was, da der Umstand vielleicht nur ein Mal im Jahre vorfällt, allerdings Verwunderung erregen mußte. Zudem lag ein hinterlistiger Blick in seinem Auge, den ich eben so leicht von einem stummen Diener erwartet hätte (denn damit ist James in seiner gewöhnlichen Laune gar zu gut zu vergleichen). »Was Teufel gibt's denn, James?« »Der Teufel mag wohl im Spiele sein, so viel ich verstehe,« sagte James mit einem anderen bedeutungsvollen Lächeln, »denn es war ein Frauenzimmer da, das nach Ihnen, Master Allan, frug.« »Ein Frauenzimmer, das nach mir frug?« sagte ich erstaunt, (denn du weißt wohl, daß außer der alten Tante Teggie, die Sonntags zum Mittagessen kommt, und der noch älteren Lady Bedrooket, die zehnmal jährlich nach der vierteljährigen Zahlung ihrer Leibrente von 400 Mark nachfrägt, kaum eine weibliche Person sich unserer Thürschwelle nähert, da mein Vater alle seine weiblichen Clienten in ihren Wohnungen besucht); James betheuerte wiederholt, es sei eine Dame da gewesen, die namentlich nach mir gefragt habe. »So ein hübsches Ding,« fügte James hinzu, »wie ich nur je sah, seit ich mit Peg Baxter bei den Füsilieren stand.« Du weißt, daß alle freudigen Erinnerungen des James sich an die Periode seines Militärdienstes anreihen, denn die Jahre, welche er in dem unsrigen zubrachte, mögen langweilig genug gewesen sein. »Hinterließ die Dame denn weder Name noch Adresse?« »Nein,« erwiderte James, »aber sie frug, wann Ihr zu Hause sein würdet, und da bestimmte ich ihr die Mittagsstunde, wo das Haus ruhig und Ihr Vater in der Sitzung ist.« »Schäme dich, James! wie kannst du denken, es sei bei der Sache etwas daran gelegen, ob mein Vater zu Hause ist oder nicht? die Dame wird doch hoffentlich eine anständige Person sein?« »Das will ich meinen, Sir – sie ist keine von Eurer – (hier füllte James die Lücke mit einem leisen Pfeifen aus) – doch kenne ich sie nicht – mein Herr tobt gar gewaltig, wenn ein Frauenzimmer herein kömmt.« Ich ging in meine Stube, keineswegs böse darüber, daß mein Vater abwesend war, obgleich ich es für nöthig gehalten hatte, dem James einen Verweis darüber zu geben, daß er es so eingerichtet hatte. Ich legte meine Bücher in Unordnung, um ihnen einen Anstrich reizender Verwirrung zu geben, kreuzte meine Rappiere, die seit deiner Abreise unbenutzt da lagen, an der Wand, damit die Lady sehen möge, daß ich tam Marte quam Mercurio wäre. – Ich versuchte es, meine Kleider zu ordnen, daß sie einem eleganten Morgen-Negligé ähnlich waren, gab meinem Haare den schwachen Schatten von Puder, der den Gentleman bezeichnet, legte meine Uhr und meine Cachets auf den Tisch, um damit anzuzeigen, daß ich den Werth der Zeit zu schätzen wüßte, und als ich nun alle diese Vorrichtungen getroffen, bei deren Erinnerung ich mich ein wenig schäme, wußte ich nichts Besseres zu thun, als das Zifferblatt anzuschauen, bis der Zeiger zwölf Uhr zeigen würde. Fünf Minuten verstrichen, die ich der Verschiedenheit unter den Uhren zuschrieb – fünf Minuten weiter machten mich ängstlich und zweifelhaft – fernere fünf Minuten würden mich in die höchste Ungeduld versetzt haben. Lache nur, so viel du willst; aber erinnere dich, Darsie, daß ich ein Jurist war, der seinen ersten Clienten erwartete, ein junger Mann, wie streng erzogen brauche ich dir nicht zu sagen, dem eine geheime Zusammenkunft mit einem jungen, schönen Frauenzimmer bevorstand. Aber ehe noch der dritte Termin von fünf Minuten abgelaufen war, hörte ich die Glocke leise und bescheiden ertönen, als wäre sie von einer schüchternen Hand berührt worden. James Wilkinson, in nichts schnell, ist, wie du weißt, besonders träge, beim Schellen der Hausglocke sogleich aufzumachen; ich rechnete daher auf gute fünf Minuten, bis sein abgemessener Schritt die Treppe hinabgegangen sein würde. Zeit genug, ein wenig durch die Jalousien zu schauen, dachte ich, und eilte demnach zum Fenster. Aber ich hatte die Rechnung ohne den Wirth gemacht, denn James, der ebensowohl neugierig war wie ich, lag auf der Haustür im Hinterhalt, bereit beim ersten Schellen sogleich zu öffnen; ich hörte seine Stimme: »Hierher, Madame – ja, Madame – die Lady, Mr. Allan –« bevor ich noch den Stuhl erreicht hatte, auf welchem ich mir vorgenommen hatte, in aller juristischen Würde dasitzend, überrascht zu werden. Das Bewußtsein, im Lauschen halb und halb ertappt worden zu sein, vereint mit meiner natürlichen Schüchternheit, die das öffentliche Vertheidigen mir abgewöhnen soll, machten, daß ich verwirrt dastand, während die Lady, ihres Seits ebenfalls in Verlegenheit, auf der Schwelle der Stube stehen blieb. James Wilkinson, der noch die Fassung am meisten behalten hatte, und wahrscheinlich seinen Aufenthalt in der Stube verlängern wollte, beschäftigte sich damit, der Dame einen Stuhl hinzustellen, und rief mir durch diesen Wink die Regeln einer guten Erziehung in's Gedächtniß zurück. Meine Besucherin war ohne Zweifel eine Lady, und wahrscheinlich nicht geringen Ranges; sehr bescheiden dazu, wenn ich nach der Schüchternheit und Grazie urtheilen darf, mit der sie sich bewegte, und auf meine Bitten niedersetzte. Auch ihre Kleidung war, wie es mir schien, schön und modern; doch war sie mit einem phantastisch gestickten Mantel von grüner Seide verhüllt, in welchem, so drückend es auch in dieser Jahreszeit sein mußte, ihr Körper ganz eingehüllt, und der noch obendrein mit einer Kaputze versehen war. Der Teufel hole die Kaputze, Darsie! denn ich konnte gerade so viel ersehen, daß sie mich, da sie über das Gesicht gezogen war, des lieblichsten Anblicks beraubte, und daß sie aus Verlegenheit tief zu erröthen schien. Ich konnte sehen, daß ihr Teint wundervoll schön war – das Kinn lieblich gerundet – die Lippen wie Korallen – die Zähne wetteifernd mit Elfenbein. Aber weiter vermochte der kühne Blick nicht zu dringen, denn ein goldenes Schloß, mit einem Saphir geziert, schloß den neidischen Mantel am Hals der schönen Unbekannten, und die verzweifelte Kaputze verbarg den oberen Theil des Gesichts. Ich hätte zuerst sprechen sollen, das ist unläugbar; aber ehe ich noch meine Sätze geordnet hatte, eröffnete die junge Dame selbst die Unterredung, wahrscheinlich durch mein Schwanken in Verzweiflung gebracht. »Ich fürchte aufdringlich zu sein, Sir – ich glaubte einen ältlichen Herrn zu finden.« Das brachte mich wieder zu mir selbst. »Wahrscheinlich mein Vater, Madame. Aber Sie frugen nach Allan Fairford – meines Vaters Name ist Alexander.« »Es ist ohne Zweifel Mr. Allan Fairford, welchen ich zu sprechen wünschte,« sagte sie mit noch größerer Verwirrung, »doch sagt man mir, er wäre schon bei Jahren.« »Wahrscheinlich eine Verwechselung, Madame, zwischen meinem Vater und mir – unsere Taufnamen haben denselben Anfangsbuchstaben, obgleich sie verschieden enden. – Ich – ich – ich würde es für ein sehr glückliches Versehen halten, wenn ich die Ehre hätte, meines Vaters Stelle in irgend etwas, das Ihnen dienen könnte, zu vertreten.« »Sie sind sehr gütig, Sir!« Pause, in welcher sie zweifelhaft schien, ob sie aufstehen oder sitzen bleiben sollte. »Ich bin gerade im Begriff, meine juristische Laufbahn zu beginnen, Madame,« (hoffend, dadurch ihre Zweifel zu heben, um endlich zu hören, was sie wollte), »könnte Ihnen mein Rath oder meine Meinung vom geringsten Nutzen sein – obgleich ich nicht sagen kann, daß es viel bedeuten sollte – dennoch –« Die Lady stand auf. »Ich bin Ihnen wahrlich für Ihre Güte sehr verbunden, Sir, zweifle auch keineswegs an Ihren Talenten. Doch will ich offen sein – ich kam hieher, um Sie zu sprechen, nun aber, da ich Sie treffe, halte ich es für besser, Ihnen meine Mittheilungen schriftlich zukommen zu lassen.« »Ich hoffe, Madame, Sie werden nicht so grausam sein, mich nicht so peinigen. Bedenken Sie, daß Sie mein erster Client sind – Ihr Geschäft meine erste Consultation – machen Sie mir das Mißvergnügen nicht, mir Ihr Vertrauen zu entziehen, weil ich einige Jahre jünger bin, als Sie erwarteten. – Mein Fleiß, meine Aufmerksamkeit wird meinen Mangel an Erfahrung aufwiegen.« »Ich zweifle keineswegs daran,« sagte die Lady in einem Tone, der darauf berechnet schien, die zuvorkommende Weise, mit der ich es gewagt hatte, sie anzureden, in die gehörigen Schranken zurückzuweisen. »Aber wenn Sie meinen Brief erhalten haben, so werden Sie selbst die Gründe billigen müssen, warum eine schriftliche Mittheilung für meinen Zweck geeigneter ist. Ich wünsche Ihnen guten Morgen, Sir!« Und so verließ sie das Zimmer, indem sie ihren getäuschten Consulenten scharrend, verbeugend, das entschuldigend zurückließ, was ihr allenfalls mißfallen haben möchte, obgleich die ganze Beleidigung darin zu bestehen schien, daß sie mich jünger fand, als meinen Vater. Sie öffnete die Thüre – ging hinaus – eilte über den Gang, wandte sich um die Straßenecke, und steckte, glaub' ich, die Sonne in die Tasche, indem sie verschwand, so schnell schien vor meinen Augen Finsterniß und Nacht die Straße zu verdunkeln, als sie nicht mehr sichtbar war. Besinnungslos stand ich einen Augenblick da, und dachte nicht daran, welchen Schatz an Unterhaltung ich unseren wachsamen Freunden auf der anderen Seite des Rasens gewähren mußte. Dann stieg der Gedanke in mir auf, ihr nachzulaufen, um wenigstens Gewißheit zu erlangen wer oder was sie war. Ich auf und davon – renne durch den eingezäunten Rasenplatz, wo sie nicht mehr zu sehen war, und frug einen der Färbersburschen, ob er keine Lady den Rasenplatz hinab habe gehen sehen, oder ob er nicht bemerkt hätte, welchen Weg sie eingeschlagen habe. »Eine Leddyk!« – sagte der Färber, indem er mich mit einer Regenbogenmiene anstarrte, »Mr. Allan, was packt Euch an, daß Ihr wie wahnsinnig ohne Hut herumlauft?« »Der Teufel hole meinen Hut!« antwortete ich, rann aber doch zurück, ihn zu holen, raffte ihn auf, und lief spornstreichs wieder davon. Als ich aber die Ecke des Rasenplatzes zum zweiten Mal erreichte, hatte ich doch so viel Einsicht, einzusehen, daß nun alle Nachforschungen unnütz sein würden. Dann sah ich auch meinen Freund, den Färbergesellen, in vertraulicher Unterredung mit einem Genossen seiner Zunft, und war überzeugt, daß sie von mir sprachen, denn sie lachten zusammen. Auch hatte ich keine Lust, durch ein nochmaliges Rennen das Gerücht zu bestätigen, das wahrscheinlich vom Campells-Platz bis zu den Stufen des Mealmarket gedrungen wäre, daß nämlich der Advocat Fairford toll geworden sei; also schlich ich stille wieder in mein Zimmer zurück. Meine erste Beschäftigung war es nun, alle Spuren der eleganten und phantastischen Zurichtung hinwegzuräumen, von denen ich einen so günstigen Eindruck erwartet hatte; denn nun war ich beschämt und ärgerlich darüber, daß ich auch nur einen Augenblick an die Art und Weise gedacht hatte, wie ich einen Besuch empfangen sollte, der so angenehm begonnen, so ungenügend geendet hatte. Ich stellte die Folio-Bände wieder auf ihren Platz – warf die Rappiere in den Kleiderschrank, indem ich mich dabei immer mit fruchtlosen Zweifeln quälte, ob eine Gelegenheit ungenützt vorbeigegangen, oder ob ich einer Falle entgangen sei, oder ob die junge Dame wirklich von der allzugroßen Jugend ihres Rechtanwaltes zurückgeschreckt worden sei. Unwillkürlich rief ich den Spiegel zu Hülfe, und dieser geheime Kabinets-Rath that den Ausspruch, daß ich kurz und untersetzt sei, daß meine Physiognomie sich mehr für die Schranken als für den Ball eigne – nicht schön genug, erröthende Jungfrauen zum Schmachten nach mir zu bewegen, oder daß sie gar Rechtsfälle erdenken sollten, um in mein Zimmer zu gelangen – doch auch nicht häßlich genug, diejenigen zu verscheuchen, die wirklicher Geschäfte wegen kommen – schwärzlich, das muß wahr sein, aber – nigri sunt hyacinthi – man kann gar viel Schönes zu Gunsten dieser Gesichtsfarbe sagen. Endlich – da der gesunde Menschenverstand immer, wenn man nur will, die Oberhand behält – überzeugte ich mich in mir selbst, daß ich mich vor der Unterredung wie ein Esel betragen hatte, indem ich zu viel erwartet hatte – wie ein Esel während der Unterredung, weil ich es versäumt hatte, die wahre Absicht der Lady herauszubringen – und besonders als ein Esel, nun da es vorbei war – so viel darüber nachzudenken. Da ich aber nicht im Stande bin, an etwas Anderes zu denken, so bin ich entschlossen, künftiger Vorfälle wegen, daran zu denken. Du erinnerst dich wohl noch Murthog O'haras , Vertheidigung der katholischen Lehre von der Ohrenbeichte; weil »seine Sünden immer schwer auf seinem Herzen lasteten, bis er sie dem Priester erzählt habe, wären sie aber einmal gebeichtet, so dächte er nicht mehr daran.« Ich habe also das Recept erprobt; und da ich nun meine geheime Demüthigung deinem vertrauten Ohre mitgetheilt habe, so will ich auch ferner nicht mehr an das Mädchen des Rebels denken, »die ohne Blick des Blickes mich beraubte.« – vier Uhr Verwünscht sei ihr grüner Mantel, sie kann nichts besser als eine Fee sein; immer noch ist sie im Besitze meines Kopfes! Während des ganzen Mittagessens war ich entsetzlich zerstreut; glücklicherweise aber suchte mein Vater den Grund meiner Träumereien im abstracten Sinn des Lehrsatzes: Vinco vincentem, ergo vinco te ; über welche juridische Lehre der Professor heute Morgen las. So ward ich frühzeitig entlassen in mein eigenes Zimmer zurückzugehen, und da studire ich auch wirklich in meinem Sinn über den Spruch vincere vincentem , um besser die thörichte Neugierde zu unterdrücken. – Ich denke, denn weiter ist es nichts, was sich wohl so gänzlich in Besitz meiner Einbildungskraft gesetzt haben mag, und mich beständig mit der Frage quält – wird sie schreiben oder nicht? Sie wird nicht – sie wird nicht schreiben, sagt die Vernunft, Die Form dieser und der folgenden Periode ist dem Laurence Stern (yoriks sentimental journeys 1744, pag. 44) nachgeahmt. Anm. d. Uebers. und fügt hinzu: »warum sollte sie sich die Mühe geben, in einen Briefwechsel mit Jemanden zu treten, der statt kühn, gewandt und zuvorkommend zu sein, sich als ein hasenfüßiger Bube bewies, und ihr allein das Mühselige einer nähern Erklärung überließ, statt ihr auf halbem Wege zuvorzukommen?« Dann aber sagte Phantasie: »sie wird ja schreiben, denn sie trug gar nichts von einer Person an sich, wie Ihr, Herr Vernunft, in Eurer Weisheit sie Euch vorstellt. Sie war schon völlig außer Fassung, ehe ich ihren Kummer durch ein unverschämtes Betragen meiner Seits vermehrte. Sie wird schreiben, denn – – – – –« Beim Himmel, sie hat geschrieben, Darfie, welche Genugthuung! Hier ist ihr Brief, der von einem Knaben in die Küche geworfen ward, der zu ehrlich war, eine Bestechung von Geld oder Wiskey anzunehmen, und weiter nichts sagte, als er habe ihn nebst sechs Pence von einer gewöhnlich aussehenden Frau bekommen, als er nahe am Kreuze gespielt hätte. * An Allan Fairford Esquire , der Rechte Beflissener. »Sir! Verzeihen Sie das heutige Mißverständniß. Ich erfuhr zufällig, daß Mr. Darsie Latimer einen Vertrauten Freund an Hr. A. Fairford besitze. Als ich nach dieser Person frug, wies man mich zum Kreuze (wie man, glaube ich, die Börse Ihrer Stadt nennt), und bezeichnete mir einen ehrwürdigen, ältlichen Mann – Ihren Vater, wie ich nun sehe. Als ich in Browns Square, wo ich wußte, daß er wohnte, nachfrug, gebrauchte ich den vollen Namen Allan, was Ihnen natürlich die Störung meines heutigen Besuches zuzog. Wer bei weiterem Nachforschen muß ich wohl glauben, daß Sie in der Sache, auf die ich Ihre Aufmerksamkeit lenke, am thätigsten sein werden: und ich bedaure sehr, daß Umstände, welche von meinen besonderen Verhältnissen herrühren, mich verhindern, Ihnen persönlich das sagen zu können, was ich Ihnen nun in dieser Sache mittheilen will. »Ihr Freund, Mr. Darsie Latimer, befindet sich in einer höchst gefährlichen Lage. Sie sind wahrscheinlich davon unterrichtet, daß er gewarnt wurde, sich nicht nach England zu wagen. – Nun hat er zwar diese freundschaftliche Warnung nicht geradezu überschritten, doch hat er sich der drohenden Gefahr so weit genähert, als er es nur dem Buchstaben nach thun konnte. Er hat seinen Aufenthaltsort in einer für ihn höchst gefährlichen Nachbarschaft gewählt; und nur eine schleunige Rückkehr nach Edinburg, oder wenigstens eine Reise nach entlegeneren Theilen Schottlands, kann ihn den Machinationen derer, die er als Feinde zu fürchten hat, entreißen. Ich muß geheimnißvoll reden, doch sind deßwegen meine Worte nicht minder gewiß, und ich glaube, Sie werden soweit die Verhältnisse Ihres Freundes kennen, daß Sie ersehen werden, daß ich Gegenwärtiges nicht hätte schreiben können, ohne darin eingeweihter zu sein, als Sie. »Kann oder will er den hiermit gegebenen Rath nicht annehmen, so ist es meine Meinung, daß Sie ihm mit möglichster Eile nachreisen, und durch Ihre persönliche Gegenwart und Ihr Zureden die Gründe geltend machen, die schriftlich ohne Wirkung bleiben möchten. Nun nur noch ein Wort, und ich bitte Sie, es gütigst so aufzunehmen, wie es gemeint ist. Niemand kann den Gedanken hegen, als könne man Mr. Fairfords Eifer für den Dienst seiner Freunde durch käufliche Mittel beflügeln. Aber das Gerücht sagt, daß dem Mr. Fairford, der seinen Berufsstand noch nicht angetreten hat, wohl die Mittel fehlen könnten, wenn es ihm schon gewiß nicht an Eifer fehlt mit Schnelligkeit zu handeln. Möge H. Allan Fairford die einliegende Note als den ersten Ertrag seiner Berufsgeschäfte betrachten, und sie, die es sendet, hofft, daß es ein Omen eines unbegränzt glücklichen Erfolgs sein möge, obgleich es von einer so unbekannten Hand kömmt, wie die des Grün-Mantels.« Eine Bank-Note von zwanzig Pfund war eingeschlossen, und der ganze Vorfall machte mich vor Erstaunen sprachlos. Ich bin nicht im Stande, den Anfang meines Briefes, der die Einleitung zu dieser außerordentlichen Mittheilung bildet, zu überlesen. Ich weiß nur, daß er, obgleich mit einer Menge von Thorheiten vermischt (Gott weiß wie verschieden sie von meinen gegenwärtigen Gefühlen sind), dennoch eine gehörig genaue Beschreibung der geheimnißvollen Person gibt, von der dieser Brief kömmt, doch habe ich weder Zeit noch Geduld, den abgeschmackten Commentar von dem Texte zu trennen, den du so nöthig wissen mußt. Verbinde nun diese aus so seltsame Weise empfangene Warnung mit dem Verbote, das dir dein Londoner Korrespondent, Griffith, England zu besuchen, auferlegte – mit dem Charakter deines Lairds der Solway-Seen – mit dem gesetzlosen Zustand des Volkes in dieser Gränzgegend, wo Verhaftsbefehle deßhalb nicht leicht ausgeführt werden können, weil beide Länder eifersüchtig auf Rechtseingriffe sind; erinnere dich, daß selbst Sir John Fielding meinem Vater sagte, er könne jenseits der Mauern von Dumfries der Spur keines Spitzbuben mehr nachgehen – denke daran, daß die Spaltung zwischen Whigs und Torys, Papisten und Protestanten diese Gegend immer noch in einem gährenden, verhältnißmäßig gesetzlosen Zustand erhält – denke an alles das, theurer Darsie, bedenke, daß du zu Mount Sharon bei einer Familie wohnst, die im gegenwärtigen Augenblick mit Gewaltthätigkeiten bedroht ist, und die, während sie auf der einen Seite durch ihren Eigensinn zu Gewaltthätigkeiten Anlaß gibt, auf der andern sich durch Grundsätze gebunden glaubt, keinen Widerstand leisten zu dürfen. Laß dir ferner amtsmäßig sagen, daß die Gesetzmäßigkeit der Art Fische zu fangen, wie unser Freund Josua sie anwendet, von unseren besten Rechtsgelehrten sehr in Zweifel gezogen wird, und daß, wenn Pfahlnetze wirklich ein ungesetzmäßiger Eingriff in ihren Erwerb sind, auch eine Gesellschaft, die via facti verfährt, sie niederreißt und zerstört, in den Augen des Richters keines Aufruhrs schuldig ist. So daß du, wenn du in deinem gegenwärtigen Aufenthaltsort verweilst, wahrscheinlich in einen Streit verwickelt werden wirst, der dich nichts angeht, und somit deine Feinde, wer sie auch sein mögen, in den Stand setzest, in der Verwirrung eines allgemeinen Aufruhrs jeden Plan, den sie gegen deine persönliche Sicherheit im Schilde führen mögen, leicht auszuführen. Schmutzige Fischer, Wilddiebe und Schleichhändler sind eine Klasse Menschen, die weder die schönen Worte deines Quäkers noch deine Ritterthaten zurückschrecken werden. Wenn du Don Quixote genug bist, zur Verteidigung der Pfahlnetze und der Schwarzröcke die Lanze einzulegen, so bist du wahrlich ein verlorner Ritter: denn wie gesagt, ich zweifle sehr, daß die mächtigen Beschützer der Unschuld, die Gerichtsdiener und Constabels, sich für befugt halten werden, thätlich einzuschreiten. Mit einem Worte, kehre zurück, theurer Amadis; das Abenteuer mit den Solway-Pfählen ist Ew. Wohlgeboren nicht zugedacht. Komme zurück, und ich will bei deiner Nachforschung, die mehr Hoffnung darbietet, dein getreuer Sancho Pansa sein. Wir wollen zusammen herumschleichen, jene Urganda, jene Unbekannte im grünen Mantel sorgfältig ausspähen, die den geheimnißvoll geschürzten Knoten deines Schicksals besser lösen kann, als die weise Eppie von Buckhaven, ja als Cassandra selbst. Ich scherze, Darsie, denn um dich zu überzeugen, gelangt man oft eher mit Scherz als mit Gründen zum Ziel; doch ist es mir schwer um's Herz, ich kann den Ton nicht halten. Nimmst du auf die Freundschaft, die wir uns so oft zugeschworen haben, auch nur einen Augenblick Rücksicht, so lasse doch, ich bitte dich, für dieses Mal nur, den Antrieb deines kühnen, romantischen Gemüths meinen Wünschen nachstehen. Trübe Gedanken flößt es mir ein, daß die Nachricht, die meinem Vater von diesem Mr. Herries mitgetheilt wurde, mit dem Warnungsbrief der jungen Dame übereinstimmen möchte, und daß du, wenn du hier wärest, von dem einen oder der anderen etwas erfahren könntest, was über deine Geburt und Verwandtschaft Licht verbreiten könnte. Du wirst doch also hoffentlich eine thörichte Laune nicht einer Aussicht vorziehen, die sich dir darbietet. Ich würde dem Winke gemäß, den der Brief der jungen Dame enthielt (denn gewiß verdient ihr Rang diesen Titel), dir jetzt alle diese Gründe mündlich mittheilen, statt sie dem Papiere anzuvertrauen. Doch weißt du, daß der Tag meiner Prüfung festgesetzt ist; schon bin ich den Examinatoren vorgestellt worden, schon ist meine Thesis bestimmt. Freilich sollte mich das Alles nicht zurückhalten, aber mein Vater würde eine Unregelmäßigkeit bei dieser Gelegenheit als einen Todesstoß betrachten für alle Hoffnungen, denen er in seinem Leben am meisten nachhing, nämlich, daß ich mein Examen mit einigem Glanz bestehen würde. Ich meines Theils weiß wohl, daß es nicht viel Schwierigkeiten hat, diese Prüfung zu bestehen, wie hätten sie sonst manche aus unserer Bekanntschaft bestehen können? Aber für meinen Vater sind diese Formalitäten eine erhabene, ernste Feierlichkeit, nach welcher er sich schon lange sehnte, und wenn ich mich in diesem Augenblick entfernte, so könnte es ihn nahe an Wahnsinn bringen. Doch werden meine Gedanken stets abwesend von mir sein, wenn du mich nicht umgehend versicherst, daß du hierhereilst. Unterdessen habe ich Hanna gebeten, dein kleines Zimmerchen in den möglichst besten Stand zu richten. Ich kann nicht erfahren, ob mein Vater dir schon geschrieben hat; auch hat er von seiner Unterredung mit Birrenswork nicht mehr gesprochen; aber wenn ich ihn auch nur eine Spur von der Gefahr merken lasse, in welcher du schwebst, so bin ich überzeugt, daß er meine Bitte um deine schleunige Rückkehr gut heißen wird. Noch ein Grund. – Ich muß herkömmlicher Weise unsern Freunden bei meiner Aufnahme ein Mittagessen geben, und mein Vater, der bei dieser Gelegenheit alle seine gewöhnlichen Rücksichten auf Oekonomie beseitigt, wünscht, daß es recht glänzend werde. Komme also her, bester Darsie, oder ich schicke, ich schwör' es dir zu, Prüfung, Mittagessen und Gäste zum Teufel, und komme, persönliche Genugthuung von dir zu fordern. Der Deinige in großer Angst. A.F. Neunter Brief Alexander Fairford, Signetschreiber, an Mr. Darsie Latimer. Theurer Mr. Darsie! Da ich bisher Ihr factor loco tutoris oder richtiger ausgedrückt (da ich ohne gerichtlichte Vollmacht handelte) Ihr negotoirum gestor , so verursacht diese meine Stellung zu Ihnen mein gegenwärtiges Schreiben. Da ich ferner öfters Rechnungen über meine Auslagen vorlegte, welche gehörig nicht allein von Ihnen (den ich nicht dazu bringen konnte, mehr als die Ueberschrift und die Totalsumme anzusehen), sondern auch von dem ehrenwerthen Mr. Samuel Griffith in London gutgeheißen wurden, so kann ich auch gewißermaßen als Ihr functus officio betrachtet werden; doch hoffe ich, auf jeden Fall werden Sie mich nicht als einen unberufenen Einmischer zur Rede stellen, wenn ich mich auch hier und da um Ihr Wohlergehen bekümmere. Die Gründe, welche mich zum Schreiben bewogen, sind dermalen zwiefach. Ich habe einen gewissen Mr. Herries von Birrenswork, einen Edelmann aus einem sehr alten Hause, getroffen, der aber in früheren Zeiten in Mißhelligkeiten verwickelt war, auch weiß ich noch nicht, ob sie ganz ausgeglichen sind. Birrenswork behauptet, Ihren Vater genau gekannt zu haben, von dem er sagt, er habe Ralph Latimer von Langcote-Hall geheißen, und in Westmoreland gelebt; auch erwähnte er manches von Familien-Angelegenheiten, die höchst wichtig für Sie zu wissen wären; er schien jedoch nicht Willens, sie mir mitzutheilen, und somit konnte ich also höflicher Weise nicht weiter in ihn dringen. So viel aber weiß ich, daß Mr. Herries an der letzten verzweifelten und unglücklichen Geschichte von Anno 1745 Theil nahm, und darüber beunruhigt ward, obgleich das nun wahrscheinlich vorüber ist. Ueberdieß neigt er sich, wenn er sich schon nicht öffentlich dazu bekennt, zur papistischen Religion. Beide Gründe nun schreckten mich ab, ihn einem Jünglinge zu empfehlen, dessen Grundsätze, Staat und Kirche betreffend, vielleicht noch nicht so fest begründet sein mögen, daß nicht irgend ein plötzlicher Windstoß einer abweichenden Lehre sie umstürzen könnte. Denn ich habe bemerkt, daß Sie, Mr. Darsie, mit Ihrer Erlaubniß, ein wenig am alten Sauerteig des Pfaffenthums hängen, und obschon ich, Gott bewahre, nicht behaupten will, daß Sie der Protestantisch-Hannövrischen Erbfolge auch nur im Geringsten abgeneigt wären, so haben Sie doch auch immer mit Vergnügen den prahlerischen, übertriebenen Berichten der hochländischen Edelleute von den damaligen unruhigen Zeiten zugehört, die jene besser mit Stillschweigen übergehen sollten, da sie ihnen eher zur Schande als zur Ehre gereichen. Auch habe ich nebenbei gehört, daß Sie sich mehr als nöthig in der Nachbarschaft der verpesteten Sekte der Quäker aufhalten – ein Volk, das weder Priester noch König, weder bürgerliche Obrigkeit noch selbst die Herrschaft unserer Gesetze anerkennt, und weder in civilibus noch criminalibus ein Zeugniß oder einen Eid ablegt, wäre der Verlust, der ihnen daraus entsteht, auch noch so groß. Es wäre gut, wenn Sie über diese Ketzereien »die Schlange im Grase« oder »den Fuß aus der Schlinge« lesen wollten, da beide Abhandlungen über diese Lehre mit vielem Beifall aufgenommen wurden. Nun, Mr. Darsie, mögen Sie selbst urtheilen, ob Sie zum Wohl Ihrer Seele länger unter diesen Papisten und Quäkern verweilen können, da diese zur rechten Hand abweichen, und jene zur linken abfallen. Haben Sie aber so viel Selbstvertrauen, und glauben Sie den bösen Beispielen dieser Lehre widerstehen zu können, so dächte ich, könnten Sie wohl an Ihrem gegenwärtigen Aufenthalsorte bleiben, bis Sie Mr. Herries von Birrenswork sprechen, der gewiß von Ihren Angelegenheiten mehr weiß, als ich von irgend einem Manne in Schottland glaube. Ich hätt ihn gern selbst darüber ausgefragt, er aber wollte, wie ich schon bemerkte, nicht recht mit der Sprache heraus. Und nun von etwas Anderem zu reden, habe ich das Vergnügen, Ihnen zu sagen, daß Allan seine Examina im Schottischen Landrecht mit großem Beifall bestanden hat – ein großer Stein von meinem Herzen; besonders weil der ehrenwerthe Mr. Pest mir in's Ohr raunte, für den »Burschen« (wie er ihn vertraulich nannte) brauche man keine Angst zu haben; was mir viel Muth einflößt. Seine öffentliche Prüfung, die in Vergleich dagegen gar nichts ist, wird auf Befehl des hochwürdigen Senior der Facultät, nächsten Mittwoch stattfinden, Freitag wird er mit der Robe bekleidet, und gibt, wie gebräuchlich, seinen Freunden und Bekannten ein kleines Mittagessen. Er und viele seiner Freunde werden wohl wünschen, Sie dabei zu sehen, Mr. Darsie; doch thut es mir leid, daß ihr Wunsch wohl nicht in Erfüllung gehen kann, da Sie durch Ihre Angelegenheiten daran verhindert sein werden, auch unser Vetter, Peter Fairford, deswegen hierherkömmt, und wir kein anderes Zimmer als Ihre Bodenkammer haben. Ferner will ich nach meiner Art und Weise offen mit Ihnen reden, Mr. Darsie; es ist wohlgethan, daß Sie nicht mit meinem Allan zusammenkommen, bis er völlig an seinen neuen Beruf gekettet ist. Sie sind ein liebenswürdiger, junger Mann voller Witz und Scherz, das Ihnen wohl anstehen mag, da Sie (wie ich höre) Vermögen genug besitzen, Ihrer fröhlichen Laune ein Genüge zu leisten. Wenn Sie die Sache reiflich überlegten, so würden Sie wohl einsehen, daß einem wohlhabenden Manne ein ruhiges, gesetztes Betragen ziemt; aber weit entfernt, mit der Zunahme Ihres jährlichen Einkommens auch ernster und bedächtiger zu werden, scheinen Sie, wie es mich däucht, um so sorgloser, je mehr es sich vermehrt. Doch fällt das, in so fern es nur Sie betrifft, ganz Ihrem eigenen Willen anheim. Allan hingegen muß sich (meinen Nothpfennig abgerechnet) erst ein Vermögen begründen; das Kichern und Lachen aber, das nicht aufhört, wenn ihr zusammen seid, würde bald den Puder aus seiner Perrücke und den Pence aus seiner Tasche vertreiben. Doch hoffe ich, ihr werdet euch, wenn Sie Ihre Streifzüge vollendet haben, wiedersehen; denn wie der Weise sagt: Es gibt eine Zeit zum Sammeln und eine Zeit zum Wegwerfen, der Vernünftige aber sammelt erst. Ich verbleibe, werthester Herr, Ihr wohlmeinender, Ihren Befehlen ergebener Freund Alexander Fairford. P.S. Allans Thesis ist über den Punkt: De periculo et commodo rei venditae , und ist ein Muster von Latinität. – Roß-House in unserer Nachbarschaft ist fast fertig, man sagt, es soll in seinen Verzierungen Duff-House selbst übertreffen. Zehnter Brief Darsie Latomer an Allan Fairfort. Der Knoten verwickelt sich, Allan. Ich habe einen Brief von dir und einen von deinem Vater. Der Letztere versetzt mich in die Unmöglichkeit, das gütige Verlangen des Ersteren zu erfüllen. Nein – ich kann nicht zu dir kommen, Allan – und das aus dem triftigsten Grunde, weil ich den ängstlichen Wünschen deines Vaters weder entgegenhandeln kann, noch will. Ich nehme es ihm nicht übel, daß er meine Abwesenheit wünscht. Es ist natürlich, daß er seinem Sohne wünscht, was dieser so sehr verdient – nämlich einen vernünftigeren, gesetzteren Gefährten, als ich es ihm zu sein scheine. Und doch weiß ich bei mir selbst, wie viel Mühe ich mir gab, mir jenen Anstand, jenes gesetzte Wesen anzueignen, das man eben so wenig im Verdacht hat, es möchte die Schranken durchbrechen, als man einer Eule zutraut, daß sie Schmetterlinge fängt. Aber umsonst faltete ich die Augenbrauen, bis daß ich Kopfweh davon trug, um den Ruf eines ernsten, soliden, überlegenden Jünglings zu erlangen. Immer glaubte dein Vater in den Falten meiner Stirn irgend einen jugendlichen Possen versteckt zu sehen, der mich zu einem gefährlichen Gesellschafter des Consulenten in spe und des Richters in ultimatum machte. Indessen tröste ich mich mit Corporal Nyms Philosophie: »Es muß halt so sein!« – Ich kann nicht in das Haus deines Vaters kommen, da er es nicht wünscht; und was dein Hierherkommen betrifft, so schwöre ich dir bei Allem, was mir theuer ist, daß wenn du dich einer solchen unsinnigen Handlung schuldig machst (die gewissenslose Grausamkeit gegen deinen Vater gar nicht zu erwähnen), ich, so lange ich lebe, nie ein Wort mehr mit dir wechseln will. Es ist mein völliger Ernst! Ueberdies gibt mir dein Vater, während er mir gewissermaßen die Rückreise nach Edinburg verbietet, die stärksten Gründe an Händen, meinen Aufenthalt dahier zu verlängern, indem er mir einen Strahl der Hoffnung leuchten läßt, von deinem alten Freunde, Mr. Herries von Birrenswork genauere Nachrichten über meine Herkunft zu erhalten, mit welcher der alte Demagog bekannt zu sein scheint. Dieser Edelmann nannte den Namen meiner Familie in Westmoreland, mit welcher er mich für verwandt hält. Meine hiesigen Nachforschungen nach einer solchen Familie blieben fruchtlos, da die beiderseitigen Gränzbewohner wenig von einander wissen. Doch will ich gewiß noch einen Engländer finden, der im Stande ist, mir Auskunft zu geben, da mich die verzweifelte Kette, die der alte Griffith meinen Bewegungen anlegt, verhindert, England persönlich zu bereisen. Wahrscheinlich bietet sich hier doch wohl eher die Gelegenheit dar, etwas zu erfahren, als an einem andern Orte; was meinen langen Aufenthalt in dieser Gegend um so mehr entschuldigen wird, da es mit der Zustimmung deines Vaters geschieht, dessen Meinungen mehr Grund haben werden, als die eines wandernden Kameraden. Wäre auch der Weg, welcher zu einer solchen Entdeckung führt, mit Gefahren gepflastert, so würde ich dennoch keinen Augenblick anstehen, ihn zu betreten. In Wirklichkeit aber ist keine Gefahr vorhanden. Nenn die Tritonen der Solway die Ebbenetze meines ehrlichen Josua selbst niederreißen sollten, so bin ich weder ein Don Quixote in Ansichten, noch ein Goliath in Körperstärke, um sie zu beschützen. Es fällt mir nicht ein, ein dem Einsturze nahes Haus mit meinen Schultern stützen zu wollen. Ueberdies gab mir Josua zu verstehen, daß, falls die Drohung ausgeführt werden sollte, die Gesellschaft, deren Mitglied er ist (da einige davon profanen Ansichten huldigen), die Aufrührer gerichtlich verfolgen und Schadenersatz fordern würde, was er stillschweigend dulden wird, trotz seiner strengen Grundsätze über das Widerstandleisten. Folglich wird die ganze Sache den Weg des Rechtens gehen, und wenn ich mich je darein mische, so soll es nur geschehen, um die Klage vor dein Gericht zu bringen; ich wünschte daher, daß du dich vorläufig mit allen schottischen Gesetzen über Salmfischerei vom Lexa quarum abwärts, bekannt machen möchtest. Was deine Lady vom Mantel betrifft, so wette ich, daß an jenem merkwürdigen Morgen die Sonne so deine Augen verblendete, daß dir Alles grün vorkam; und trotz der Erfahrung, die James Wilkinson bei den Füsilieren gemacht haben mag, trotz seines verneinenden Pfeifens, wage ich es dennoch, eine halbe Krone einzulegen, daß sie am Ende nur ein *** Mädchen ist. Laß dich selbst durch das Gold nicht vom Gegentheil überführen. Leicht wird sie dir das und (o der ungeheuren Beute) die Sporteln einer ganzen Session obendrein, wieder ablocken, wenn du nicht sehr auf deiner Hut bist. Aber verhielt es sich auch wirklich nicht so, läge auch wirklich unter diesem Besuche irgend ein geheimnißvoller Schein Verborgen, so glaube mir es, ist er gewiß von der Art, daß weder du ihn ergründen, noch ich es wagen darf, ihn zu erklären, da, wenn ich mich irre (und Irrthum ist doch möglich), ich lieber in den Stier des Phalaris kriechen wollte, stände er auch glühend vor mir, als von deinen Witzen bespöttelt zu werden. Klage mich keines Mangels an Zutrauen an; denn sobald ich nur das Geringste in der Sache erfahre, theile ich dir es mit; während ich aber noch im Finstern tappe, werde ich mich wohl hüten, verständige Leute zu rufen, damit sie zusehen mögen, wie ich mir wahrscheinlich die Nase an einem Pfosten verstoßen werde. Wunderst du dich darüber: »Erstaune nur, bis einst die Zeit an's Licht es bringt!« Unterdessen, bester Allan, laß mich mit meinem Tagebuche fortfahren. Am dritten oder vierten Tag nach meiner Ankunft in Mount Sharon, lastete jener kahle Sanduhrmann, an den ich dich eben verwies, die Zeit, viel schwerer auf mir als anfangs. Die trockene Moral des Josua sowohl, als die hugenottische Einfachheit seiner Schwester, verloren für mich mit dem Reiz der Neuheit vieles von ihrer Originalität, auch drückte mich die Einförmigkeit meiner Lebensart ganz entsetzlich. Es war, wie du dich ausdrückst, als hätten die Quäker die Sonne in ihre Taschen gesteckt – war schon Alles umher sanft und mild, ja selbst lieblich, so war doch in dem ganzen häuslichen Leben und Treiben eine Einförmigkeit, ein Mangel an Interesse, eine unveränderliche, hoffnungslose Schläfrigkeit, die mir das Leben dort unausstehlich machte. Zweifelsohne empfand weder Wirth noch Wirthin diese Leere, diesen Mangel an Reiz, der dem Gaste so lästig war. Der kleine Kreis ihrer Beschäftigungen, Mildthätigkeit und Erholungen waren bestimmt; Rahel hatte ihren Hühnerhof und ihr Treibhaus, Josua seinen Garten. Ueberdieß gewährten ihnen ohne Zweifel ihre Andachtsübungen manchen Genuß, so daß die Zeit sanft und unmerklich mit ihnen dahingleitete, während sie mir, der ich mich nach Strömen und brausenden Wasserfällen sehne, ganz unbeweglich da zu stehen schien. Ich dachte daran, ob ich nicht nach Shepherd's Busch zurückkehren solle, und fing an, den kleinen Benjie und die Angelruthe mit einiger Sehnsucht zurückzuwünschen. Der Schurke hat sich hergewagt und lauert, um mich hie und da zu erblicken; ich vermuthe, der kleine Fischer angelt nach einigen Sechspencestücken. Aber das wäre in Josua's Augen, als wälzte sich die eben erst gewaschene Sau von Neuem im Koth herum, und so lange ich sein Gast bin, habe ich mir fest vorgenommen, nicht so heftig gegen seine Vorurtheile anzustoßen. Dann wollte ich die bestimmte Zeit meines Aufenthaltes verkürzen, aber ach! auch das war unmöglich. Ich hatte eine Woche bestimmt, und wie voreilig auch mein Versprechen geleitet worden war, so mußte es doch heilig, ja selbst buchstäblich gehalten werden. Alle diese Betrachtungen versetzten mich gestern Abend in eine gewisse Ungeduld, so daß ich meinen Hut ergriff, und mich zu einem Streifzug außerhalb der angebauten Meierei und des verzierten Bodens von Mount Sharon vorbereitete, gerade als ob ich dem Reiche der Kunst entschlüpfen und mich der freien, ungezwungenen Natur überlassen wollte. Kaum empfand ich mehr Vergnügen, als ich zuerst diese freundliche Wohnung betrat, als jetzt – (so unbeständig, unbeharrlich ist die menschliche Natur!) – wo ich von ihr zu den weiten Dünen zurückkehrte, die mir früher so öde, so traurig schienen. Die Luft, die ich einathmete, schien mir reiner und wohlduftender. Die Wolken, hoch über mir auf Sommerlüftchen dahinschwebend, tanzten fröhliche Reigen über meinem Haupte, indem sie bald die Sonne verdunkelten, bald ihren Strahlen erlaubten, sich in durchsichtigen Streifen über verschiedene Theile der Landschaft zu erströmen, besonders über den breiten Spiegel des fernen Meerbusens von Solway. Ich nahete mich der Scene mit dem leichten Schritte eines befreiten Gefangenen, und wie John Bungan's Pilger hatte ich gehend in meinem Herzen Stoff zum Singen gefunden. Es war, als ob meine Fröhlichkeit durch das Unterdrücken derselben zugenommen hätte, und als hätte ich in meiner jetzigen freudigen Stimmung ein Recht, die Ersparnisse der Woche durchzubringen. Eben wollte ich ein fröhliches Lied anstimmen, als ich zu meiner freudigen Ueberraschung drei oder vier Stimmen hörte, die recht brav das alte Trinklied sangen: Denn all' unsre Leute waren selig und fröhlich, »Sie saßen zusammen beim Krug; »Zwei waren mein, »Drei waren dein, »Und dreie gehörten Sir Thom o'Lyne, »Als sie wollten zur Flöße, waren sie fröhlich und selig, »Sie saßen zusammen beim Krug« Als der Chorus endigte, folgte ein lautes herzliches Gelächter zum Beifallszeichen. Von Tönen angezogen, die mit meiner gegenwärtigen Laune so sehr übereinstimmten, nahete ich mich dem Orte, von dem sie herkamen – dennoch mit Vorsicht – denn die Dünen hatten, wie mir oft zu verstehen gegeben wurde, keinen guten Namen; und die Anziehungskraft der Musik, ohne gerade in Melodie mit jener der Sirenen zu wetteifern, hätte doch für einen unvorsichtigen Liebhaber ähnliche unangenehme Folgen haben können. Ich ging also vorwärts, weil ich hoffte, daß die Ungleichheit des Bodens, auf welchem Hügel und Sandgruben abwechselten, mir gestatten würde, die Musiker in Augenschein zu nehmen, ehe ich von ihnen bemerkt werden könnte. Als ich mich näherte, ward das alte Liedlein wieder von Neuem begonnen. Die Stimmen schienen die eines Mannes und zweier Knaben zu sein; sie waren rauh, hielten aber richtig Takt und verriethen zu viel Geschicklichkeit, um gewöhnlichen Landleuten anzugehören. »Jak sah' in die Sonn' und schrie Feuer, es brennt! »Tom schnell mit dem Vieh' in den Sumpf herein rennt; »Jem sieht dort ein Kälbchen und schreit; »ach ein Reh' »Will reitet Balken statt Pferden, juchhe!« »Denn all' unsre Leute waren selig und fröhlich, »Sie saßen zusammen beim Krug; »Zwei waren mein, »Drei waren dein. »Und dreie gehörten Sir Thom o'Lyne. Als sie wollten zur Flöße, waren sie fröhlich und selig, »Sie saßen zusammen beim Krug« Die Stimmen, als sie sich bei verschiedenen Stellen vereinigten, andere schnell übergingen, als sie die Glieder aus der Kette des alten, lustigen Trinkliedes bald auflösten, bald wieder zusammenfügten, schienen selbst einen Anstrich des bacchanalischen Geistes, den sie besangen, zu besitzen, und zeigten deutlich, daß die Musiker sich in demselben freudigen Taumel befanden, wie die Knappen des alten Sir Thom o'Lyne. Endlich bekam ich sie zu Gesicht; es waren ihrer Dreie, die gemüthlich zusammen in einer kleinen trockenen Sandgrube saßen, die von einer natürlichen Sandmauer und einer Hecke von Stechpalmen in voller Blüthe umgeben war. Der einzige aus dem Trio, den ich persönlich kannte, war der berüchtigte kleine Benjie, der, da er eben seinen Gesang beendigt hatte, mit der einen Hand ein mächtiges Stück Schwarzbrod in den Mund stopfte, während er in der anderen einen schäumenden Krug hielt. Dabei sprühten seine Augen vor Lust bei dem heimlichen Gelage, und seine Züge, die stets einen boshaften Ausdruck haben, verriethen völlig, wie süß gestohlenes Wasser und Brod, geheim gegessen, sei. Im Stand der Mannsperson und des Frauenzimmers, die dem Benjie bei seinem fröhlichen Mahle Gesellschaft leisteten, konnte man sich nicht irren. Des Mannes langer, lose anliegender Ueberrock, der Kasten der Geige mit dem Tragriemen, der neben ihm lag, und ein kleiner Schnappsack, der einige wenige nothwendige Dinge enthalten mochte; ein klares graues Auge; Züge, die, Spuren stürmischer Kämpfe tragend, dennoch den Ausdruck wilder, sorgenloser Freuden bezeugten, und welche jetzt von der Ausübung der Kunst erhitzt waren, die ihm seinen Lebensunterhalt verschaffte – alles verkündigte einen der peripatetischen Jünger des Orpheus, die man im gemeinen Leben wandernde Bierfiedler nennt. Als ich ihn aufmerksamer betrachtete, bemerkte ich deutlich, daß, wenn schon die Augenlider des armen Musikers offen standen, den Augen selbst doch das Licht fehlte, und daß die Entzückung, mit welcher er sie gen Himmel wendete, nur von dem anscheinenden Ausdruck seiner inneren Bewegung herkam, daß aber die sichtbaren Gegenstände rings umher ihnen keinen Stutzpunkt verliehen. Neben ihm saß seine weibliche Gefährtin, gekleidet in einen Männerhut, einen blauen Ueberrock, der ebenfalls einmal einer männlichen Garderobe angehört haben mochte, und in einen rothen Leibrock. Sie war in Person und Kleidern reinlicher, als es bei Wanderern dieser Art gewöhnlich der Fall ist; und da sie in ihren guten Tagen eine stattliche Putzdame gewesen war, so unterließ sie es auch jetzt noch nicht, ihrem Anzüge einige Sorgfalt zuzuwenden; sie trug ein breites Halsband von Bernstein, silberne Ohrringe, und ihr Kleid war über der Brust mit einer Spange von demselben Metall befestigt. Auch der Mann sah, seiner gewöhnlichen Kleidung ungeachtet, recht reinlich aus, hatte ein ordentliches seidenes Halstuch schön geknüpft um seinen Hals, durch das ein reines Oberhemd durchschaute. Eben so floß sein Bart, statt einen stachlichten, mehrere Tage vernachlässigten Wirwarr zu zeigen, dick und gehörig häufig, sechs Zoll lang über die Brust herab und vermischte sich mit seinem Haupthaar, das eben anfing, einen kleinen Anstrich des Alters zu verrathen. Um den Anzug vollständig zu machen, war das lose Gewand, das ich schon beschrieben habe, mit einem altmodischen Gürtel befestigt, der mit kupfernen Knöpfen verziert war, an welchen Messer und Gabel befestigt waren. Doch hatte der Mann etwas wilderes, abenteuerlicheres in seinem Wesen, als es bei unseren herumziehenden Geigern gewöhnlich der Fall ist; auch zeugte der Strich seines Bogens, wenn er hie und da mit seiner Violine das kleine Chor dirigirte, von ungewöhnlichem Talente. Du mußt wissen, daß viele dieser Bemerkungen die Frucht späterer Beobachtungen waren; denn kaum hatte ich mich der Gesellschaft so weit genähert, daß ich sie von Ferne betrachten konnte, als Freund Benjie's lauernder Begleiter, den er sehr passend Hemp Galgenstrick. nennt, die Ohren spitzte, und als er meine Anwesenheit bemerkte, bellend wie eine Furie dem Orte zusprang, wo ich verborgen bleiben wollte, bis ich einen anderen Gesang gehört hätte. Ich war also gezwungen, schnell aufzuspringen, und den Hemp, der mich sonst gebissen hätte, mit zwei tüchtigen Rippenstößen einzuschüchtern, worauf er heulend zu seinem Herrn zurückkehrte. Der kleine Benjie schien über meine Erscheinung etwas verlegen; aber da er auf meine Langmuth rechnete, auch wahrscheinlich daran dachte, daß der mißhandelte Salomon nicht mein Reitpferd sei, so heuchelte er schnell eine freudige Überraschung, und erzählte den Wanderern fast in einem Athem, ich wäre »ein großer Herr, hätte viel Geld, und wäre sehr gütig gegen Arme;« und benachrichtigte mich, das wäre »Willie Steensohn – der wandernde Willie – der beste Geiger, der je mit Roßhaaren auf Darmsaiten gespielt hätte.« Die Frau stand auf und that schön, der wandernde Willie billigte sein eigenes Lob mit einem Kopfschütteln und dem Ausruf: »Alles was der Bub' da sagt, ist wahr!« Ich frug ihn, ob er aus dieser Gegend wäre? »Aus dieser Gegend!« erwiderte der blinde Mann – »ich bin aus jeder Gegend des breiten Schottlands und eines Stückes von England dazu. Doch bin ich gewissermaßen aus dieser Gegend, denn ich wurde da geboren, wo man die Solway tosen hört. Soll ich Euch eine Probe von der Fähigkeit des alten Geigers geben?« Während er so sprach, präludirte er auf eine Art, die wirklich meine Neugierde erregte; darauf nahm er die alte Melodie vom Galashiels zum Thema und schmückte sie mit wild verwickelten, aber entzückend schönen Variationen aus, während welcher es wunderbar zu bemerken war, wie sein Antlitz, dem doch das Augenlicht fehlte, sich beim selbstbewußten Stolz, beim innig gefühlten Entzücken an der Kunst, verklärte, welcher er im vollen Grade mächtig war. »Wie gefällt Euch das von einem Zweiundsechziger?« Ich drückte mein Erstaunen und mein Vergnügen aus. »Ein Capriccio, Freund – ein altes Capriccio,« sagte Willie; »es gleicht freilich der Musik, die Ihr in Euren Hallen und Schauspielhäusern zu Edinburg habt, keineswegs; aber für die Dünen ist es gut genug. Da ist noch ein Anderes – es ist keine schottische Melodie, aber man hält es dafür – Oswald machte sie selbst, ich bin überzeugt – man hat Viele dafür gelten lassen, aber den wandernden Willie täuscht man nicht.« Darauf spielte er deine Lieblingsarie vom Roslin Castle mit zahlreichen, schönen Variationen, von denen einige wenigstens gewiß extemporirt waren. »Ihr habt da noch eine Geige, mein Freund,« sagte ich – »habt Ihr einen Kameraden?« aber entweder war Willie taub, oder seine Aufmerksamkeit war noch den Tönen zugewendet. Die Frau antwortete für ihn: »Ja, Sir, freilich haben wir einen Gefährten, ein mißgestalteter Kerl wie wir. Wohl könnte es mein Liebster besser haben, wenn er wollte, denn manches ruhige Plätzchen in gar manchem anständigen Hause ist meinem lieben Willie angeboten worden, wenn er nur ruhig auf einem Orte bleiben und den Edelleuten vorspielen wollte.« »Still, Weib, still!« sagte der blinde Mann, indem er ärgerlich seine Locken schüttelte; »betäube den Herrn nicht mit deinen Thorheiten. Zu Hause sitzen und den Edelleuten vorspielen! Aufstreichen, wenn es der Lady gefällt, und den Bogen niederlegen, wenn Mylord es befiehlt! Nein, das ist kein Leben für Willie. – Schau um dich, Maggie – laure doch, Weib, sieh, ob du den Robin nicht kommen siehst. – Der Teufel hole ihn, er treibt sich gewiß mit vollen Segeln bei der Punschbowle eines Schmugglers herum, und wird die Nacht nicht abkommen.« »Ist das das Instrument Eures Gefährten,« sagte ich, »wollt Ihr mir erlauben, meine Fertigkeit darauf zu erproben?« ich schob zugleich der Frau einen Schilling in die Hand. »Ich weiß wahrlich nicht, ob ich Euch Robins Geige anvertrauen darf,« sagte Willie geradezu. Seine Frau gab ihm einen Stoß. »Geh' weg, Maggie,« sagte er, den Wink nicht beachtend; »wenn dir auch der Herr Geld gegeben hat, so muß er doch deßwegen nicht gerade eine Hand haben, die den Bogen zu führen versteht, und ich will Robins Geige keinem Ignoranten anvertrauen. – Nun das ist nicht so gar arg,« fügte er hinzu, als ich das Instrument probirte; »ich glaube, Ihr versteht es wohl ein bischen.« Um ihn nun in seiner günstigen Meinung zu erhalten, fing ich an, so künstlich verwickelt zu phantasiren, daß ich glaubte, es müßte Crowdero selbst vor Neid und Bewunderung in eine Marmorsäule verwandelt haben. Ich ging von einer Skala zur andern über, ließ meine Finger von einer Saite zur anderen fliegen, spielte Arpeggio's- und Harmonica-Töne, ohne jedoch die Bewunderung zu erregen, die ich erwartet hatte. Willie hörte mir wirklich mit gespannter Aufmerksamkeit zu; aber kaum hatte ich geendigt, als er augenblicklich auf seinem Instrumente die phantastische Verbindung von Tönen, die ich hervorgebracht hatte, nachahmte, und eine so lächerliche Parodie meines Spiels machte, daß ich, wenn es mich gleich ein wenig verdroß, doch selbst in ein herzliches Gelächter ausbrach, in welches Benjie mit einstimmte, den seine Ehrfurcht vor mir durchaus nicht daran verhinderte; während das arme Frauenzimmer, welches wahrscheinlich fürchtete, ich möchte diese Familiarität übel nehmen, zwischen ihrer ehelichen Ehrfurcht vor ihrem Willie und dem Wunsch, ihm einen zurechtweisenden Wink zu geben, zu schwanken schien. Endlich hörte der alte Mann von selbst auf, als hätte er mich durch seine Nachahmung genüglich zurechtgewiesen; und sagte: »Trotz dem allen könnt Ihr mit ein wenig Uebung und guter Anleitung recht gut spielen lernen. Aber Ihr müßt lernen, mit Herz zu spielen, Freund – Herz hineinzulegen.« Ich spielte eine Arie im einfacheren Geschmack, und erhielt nun entschiedeneren Beifall. »Das ist nun schon etwas, Freund, wahrhaftig Ihr seid ein gewandter Bursche!« Die Frau zupfte ihn wieder am Rock. »Der Herr ist ein Gentleman, Willie – du mußt nicht so mit ihm sprechen, Schätzchen!« »Den Teufel muß ich!« sagte Willie, »warum darf ich nicht? Und wäre er auch zehn Mal adelig, so kann er doch den Bogen nicht so führen wie ich; kann er es wohl?« »Nein gewiß kann ich es nicht, mein ehrlicher Freund,« sagte ich, »und wenn Ihr mich in das naheliegende Haus begleiten wollt, so soll es mich freuen, eine Nacht mit Euch zubringen zu können.« Hier wandte ich mich um, und bemerkte, daß Benjie ein Lächeln zu unterdrücken suchte, in welchem gewiß etwas Boshaftes versteckt lag. Ich faßte ihn plötzlich beim Ohr und brachte ihn zu dem Geständniß, daß er lache, weil er sich den Empfang vorgestellt habe, der wahrscheinlich dem Geiger von den Quäkern auf Mount Sharon werden würde. Ich stieß ihn von mir, indem ich aber doch zugleich recht froh darüber war, daß er mich an etwas erinnerte, was ich im Augenblick vergessen hatte; ich lud also den Wanderer ein, mit mir nach Shepherd's Busch zu gehen, und nahm mir vor dem Mr. Geddes von dort aus sagen zu lassen, daß ich diesen Abend nicht nach Hause kommen würde. Aber der Minstrel schlug auch diese Einladung aus. Er wäre für heute Nacht zu einem Tanz in die Nachbarschaft versprochen, sagte er, indem er dabei einen derben Fluch über die Nachlässigkeit oder Faulheit seines Gefährten ausstieß, der immer noch nicht an dem bestimmten Ort erscheinen wollte. »Ich will statt seiner mit Euch gehen,« sagte ich in einem Anflug toller Laune, »und Ihr sollt einen Kronenthaler haben, wenn Ihr mich für Euren Kameraden einführen wollt.« »Ihr, statt Rob dem Landläufer, mich begleiten! Wahrhaftig, Freund, Ihr seid nicht blöde,« antwortete der wandernde Willie in einem Tone, der meinem Schwank den Untergang drohte. Aber Maggie, der das Bieten eines Kronenthalers nicht entgangen war, fing an über dieses Thema eine mürrische Lektion zu lesen. »O Willie! liebster Willie, wann wirst du einmal vernünftig werden? Da gibt es eine Krone zu verdienen, wobei du nichts mehr zu thun hast, als einem Manne den Namen eines andern zu geben. Und weh' mir! Ich habe weiter nichts als einen Schilling, den der Herr mir gab, und eine Scheidemünze; und du willst deinen Eigensinn nicht einmal so weit beugen, das Silber aufzuheben, das dir zu Füßen fällt. Du wirst wie ein Karrengaul auf dem Mist sterben! Und was kann ich dann Besseres thun, als mich niederlegen und mitsterben? Denn du willst weder dich noch mich am Leben erhalten.« »Halt' deine unsinnige Zunge, Weib,« sagte Willie, doch weniger bestimmt als vorher, »ist er denn ein wirklicher Gentleman, oder ein verstellter?« »Ich halte ihn für einen rechten Gentleman,« sagte die Frau. »Und ich halte, daß du wenig davon verstehst,« sagte Willie; »laßt doch einmal Eure Hand betasten, Nachbar, wenn es Euch gefällig ist.« Ich reichte ihm die Hand. Er sagte zu sich selbst: »Ja, ja, diese Finger haben noch keine harte Arbeit gethan.« Dann fuhr er mit seiner Hand über das Haar, das Gesicht und das Kleid, und fuhr in seinem Selbstgespräche fort: »Ja wohl, duftendes Haar, ganz richtig, der Rock vom feinsten Tuch, wenigstens siebenzehnhundert Schnürlein auf dem Rücken, ganz richtig. – Aber wie, mein lockerer Vogel, wollt Ihr so für einen reisenden Geiger gehalten werden?« »Meine Kleidung ist ganz einfach,« sagte ich, denn wirklich hatte ich aus Höflichkeit gegen den Quäker meinen gewöhnlichsten Anzug angelegt; »ich kann leicht für einen jungen Pächter gehalten werden, der auf einen Scherz ausgeht. Kommt, ich will die Krone, die ich Euch versprach, verdoppeln.« »Der Teufel hole Eure Kronen,« sagte der uneigennützige Spielmann. »Es ist wahr, auch ich möchte gern ein bischen mit Euch herumstreichen – aber ein Pachter mit einer Hand, die nie Pflug oder Egge führte, das geht nicht! – Ihr könnt eher für einen Ladendiener aus Dumfries, oder für einen wandernden Studenten oder so etwas gelten. Aber höre, Bursche, wenn du glaubst, du dürfest dich mit den Dirnen dort herumtreiben, so irrst du dich, und wirst schlimm wegkommen, sag' ich dir; denn die Fischer sind wilde Katzen, und vertragen keinen Spaß.« Ich versprach höflich und vorsichtig zu sein, und um mir die gute Frau zu gewinnen, drückte ich ihr die versprochenen Geldstücke schon jetzt in die Hand. Die scharfen Organe des blinden Mannes entdeckten den kleinen Kunstgriff. »Hast du es schon wieder mit dem Gelde zu thun, du Närrin? Ich schwöre darauf, du hörst lieber zwei Pfennige gegen einander klingen, als die Töne Roxy Dall's, und sollte er auch aus dem Grabe auferstehen. Gehe hin zu Lucky Gregson und laß dir geben, was du brauchst, warte bis morgen um eilf Uhr; und wenn du den Robin siehst, so schicke ihn mir.« »Ich gehe also nicht mit zu dem Feste?« sagte Maggie im Tone getäuschter Hoffnung. »Wofür denn?« sagte ihr Herr und Meister; »die Nacht durchzutanzen, damit du morgen keinen Schritt gehen kannst, während wir doch zehn schottische Meilen zu machen haben? Nein, nein; das Sprüchwort sagt: wenn du des Nachts arbeiten mußt, so führe dein Pferd in den Stall und deine Frau in's Bett!« »Gut, gut, Willie, mein Schätzchen, du verstehst es am besten; aber ich bitte dich, schone dich selbst und denke daran, daß du nicht mit dem Lichte der Augen gesegnet bist.« »Deine Zunge läßt mich fast wünschen, auch den Segen des Gehörs nicht zu besitzen, Weib,« war Willie's Antwort auf diese zärtliche Ermahnung. Jetzt mischte ich mich meines eigenen Vortheils wegen hinein. »Das ist Alles gut, ihr lieben Leute, bedenkt aber, daß ich den Buben nach Mount Sharon schicken muß, und wenn Ihr, ehrliche Frau, nach Shepherd's Busch geht, wie, um's Himmels willen, soll ich den blinden Mann dahin führen, wohin er will? Ich kenne die Gegend wenig oder gar nicht.« »Ach, Ihr kennt mein Männchen noch weniger, Sir,« erwiderte Maggie, »daß Ihr glaubt, er habe einen Führer nöthig; er selbst ist der beste Führer, den Ihr zwischen Criffel und Carlisle finden könnt. Landstraße und Fußpfad, Dorfstraße und Kirchstraße, Chaussée und Kreuzweg, jeden Fuß breit Landes in Nithsdale kennt er.« »Ja, du kannst sagen in ganz Schottland, gutes Weib,« fügte der Geiger hinzu. »Aber jetzt, Maggie, geh' deiner Wege, das war das erste vernünftige Wort, das ich heute von dir gehört habe. Ich wünsche nur, es möchte eine recht dunkle Nacht, und Wind und Regen geben, damit der Gentleman sehen kann, daß es zuweilen besser ist, blind zu sein, als sehend; denn ich bin im Dunkeln ein eben so sicherer Führer, wie bei Tage.« Innerlich erfreut, daß mein Gefährte mir diesen Beweis seiner Ortskenntnisse nicht ablegen konnte, schrieb ich dem Samuel einige Worte, mit welchen ich ihm befahl, meine Pferde bis gegen Mitternacht an den Ort zu bringen, den ihm die Überbringerin anzeigen würde, und schickte den kleinen Benjie mit einer Entschuldigung zu dem wackeren Quäker. Als wir uns nun so nach verschiedenen Richtungen hin trennten, sagte das gute Weib: »Ach, Sir, bittet den Willie nur, er solle Euch eine von seinen Geschichten erzählen, um den Weg zu verkürzen. Er kann wie ein Prediger auf der Kanzel reden, er hätte selbst ein Prediger werden können, aber –« »Halt' dein Maul, du Närrin! – aber wart' einmal, Mag – gib mir einen Kuß, wir wollen uns nicht in Zank trennen.« So trennte sich unsere Gesellschaft. Elfter Brief. Derselbe an den Denselben. Stelle dir nun unsere Reisen auf den Dünen nach den verschiedenen Richtungen vor. Dort nach Norden hin fliegt der kleine Benjie mit seinem Hemp, als gälte es ein Menschenleben, so lange nämlich, als er im Gesichtskreise seines Absenders ist, denn sobald er meinen Augen entschwunden ist, wird er gewiß so bequem wie möglich gehen. Westwärts siehst du Maggie einherschreiten, deren lange Gestalt durch den aufgekrämpten Hut und das Flattern des Plaids auf der linken Schulter noch erhöht wird, nach und nach siehst du ihre Gestalt im Dunkeln sich verkleinern und endlich ganz verschwinden, sobald die letzten Sonnenstrahlen sich in's Meer tauchen. Ihre ruhige Reise geht Stepherd's Busch zu. Wenn du dein Auge dann über die Fläche hinstreichen lässest, so siehst du deinen Freund Darsie Latimer mit seinem neuen Bekannten, dem wandernden Willie, einherschreiten. Der Letztere berührt hin und wieder den Boden mit seinem Stabe, doch nicht zweifelnd oder erforschend, sondern mit der Sicherheit eines erfahrenen Piloten, der das Senkblei noch auswirft, wenn er schon die Tiefe im Voraus kennt; so geht er fest und kühn daher, als hätte er die Augen des Argus. Da gehen sie, ein Jeder seine Violine auf dem Rücken, der eine aber wenigstens in vollkommener Unwissenheit, wohin es eigentlich geht. »Und was bewog Euch, so schnell in eine so tolle Posse einzugehen?« sagte mein weiser Rathgeber. – Was? Ich denke, im Allgemeinen war es ein Gefühl der Einsamkeit, eine Sehnsucht nach jener freundlichen Güte, welche die Seele der menschlichen Gesellschaft ist, die mich verleitete, für den Augenblick meine Wohnung zu Mount Sharon auszuschlagen; aber die Einförmigkeit des Lebens dort, die ruhige Einfachheit in der Unterhaltung der Geddesse, die Gleichförmigkeit ihrer Beschäftigungen und Unterhaltungen ermüdeten mein ungeduldiges Gemüth, und so benützte ich die erste Gelegenheit, welche der Zufall mir darbot, ihr zu entgehen. Was hätte ich nicht darum gegeben, wenn ich im Stande gewesen wäre, das ernste, feierliche Gesicht anzunehmen, mit welchem du so oft deinen Ausgelassenheiten eine gewisse Würde verliehst; Du besitzest eine so glückliche Art und Weise die thörichtesten Dinge auf die weiseste Manier zu thun, daß deine Thorheiten selbst in den Augen der Vernunft für vernünftige Dinge gelten könnten. Als ich die Richtung beobachtete, welche mein Führer nahm, so fing ich an zu fürchten, die Schlucht der Broken-Burn möchte unser wahrscheinlicher Bestimmungsort sein, und ich überlegte es ernstlich, ob ich mich mit Anstand, ja ob ich mich sogar mit Sicherheit der Gastfreundschaft meines früheren Wirthes aufdrängen könnte. Ich frug also den Willie, ob wir zum Laird, wie die Leute ihn nennen, bestellt wären. »Kennt Ihr den Laird?« sagte Willie, indem er eine Ouvertüre von Corelli unterbrach, von der er einen Theil mit großer Genauigkeit gepfiffen hatte. »Ich kenne den Laird nur wenig,« sagte ich, »und eben deßwegen bin ich ungewiß, ob ich verkleidet sein Haus betreten sollte.« »Und ich, ich würde mich nicht nur ein bischen, sondern viel besinnen, ehe ich Euch mitnehmen würde, Bürschchen,« sagte der wandernde Willie, »denn ich glaube fast, ohne zerschlagene Rippen würden wir nicht durchkommen, weder Ihr noch ich. Nein, nein, Bursche, wir gehen nicht zum Laird, sondern zu einem lustigen Feste am Fuße des Broken-Burn, wo viele wackere Bursche und Mädchen hinkommen werden. Es ist wohl möglich, daß auch einige von den Leuten des Laird's hinkommen, denn er selbst geht nie zu solchen Gelagen. Er hat nur noch für die Vogeljagd und das Salmfischen Sinn, seitdem Pike und Muskete ruht.« »Ist er also Soldat gewesen?« »Ich will es doch glauben, daß er Soldat war,« antwortete Willie; »aber folgt meinem Rathe und bekümmert Euch so wenig um ihn, wie er um Euch. Weckt den schlafenden Löwen nicht. Es ist besser gar nichts für den Laird zu sagen, und mir statt dessen zu erzählen, was Ihr eigentlich für ein Gesell seid, der Ihr so bereitwillig mit einem alten, lumpigen Fiedler herumzieht? Maggie sagt zwar, Ihr wäret ein Edelmann, aber bei ihr macht ein Schilling den ganzen Unterschied zwischen einem Adeligen und einem Bürgerlichen aus, und Eure Kronen können Euch in ihren Augen zum Prinzen von Geblüt machen. Ich aber bin einer von denen, die wohl wissen, daß schöne Kleider und eine weiche Hand ebensowohl ein Zeichen des Müssiggangs als des Adels sein können.« Ich sagte ihm meinen Namen mit demselben Zusatz, den ich gegen den Mr. Josua Geddes gebraucht hatte; daß ich nämlich die Rechte studirte, und da ich mich in meinen Studien zu sehr angestrengt hätte, nun zu meinem Vergnügen umherstreifte. »Ist es denn so Eure Art, Euch mit allen Landstreichern, die Ihr auf der Heerstraße trefft, herumzutreiben?« frug Willie. »Ach nein, nur mit ehrlichen Leuten wie Ihr, Willie,« war meine Antwort. »Ehrliche Leute wie ich! – Woher wißt Ihr denn, daß ich ehrlich bin, oder was ich sonst sein mag? Ihr wißt so wenig von mir, daß ich der leibhaftige Teufel sein könnte, denn er hat die Macht, die Gestalt eines Engels des Lichts anzunehmen, und überdieß ist er ein vorzüglicher Geiger. – Er spielte ja dem Corelli eine Sonate vor, wenn Ihr es wißt.« Es lag etwas Boshaftes in dieser Rede sowohl als in dem Ton, in dem er es sagte. Es schien mir, als ob mein Gefährte nicht immer bei gleicher Laune wäre, oder als wollte er versuchen, ob er mich erschrecken könnte. Ich lachte über seine übertriebene Sprache und frug ihn, ob er so thöricht wäre zu glauben, daß der böse Feind eine so lächerliche Maskerade treiben würde. »Ihr wißt wenig davon – sehr wenig,« sagte der alte Mann, indem er Kopf und Bart schüttelte und die Augenbrauen zusammenzog, »Ich könnte Euch etwas davon erzählen.« Nun fiel es mir ein, daß seine Frau gesagt hatte, er wäre ein eben so guter Erzähler, als Musiker; und da du weißt, daß ich abergläubische Erzählungen gar gerne höre, so bat ich ihn im Gehen, um eine Probe seiner Fertigkeit. »Es ist wahr,« sagte der blinde Mann, »daß, wenn ich müde bin, auf den Darmsaiten herumzustreichen oder Balladen zu singen, so kommen die Geschichtchen an die Reihe und dienen zur Unterhaltung des Landvolks. Ich weiß einige, die so fürchterlich sind, daß die alten Eisenfresser von den Stühlen in die Höhe fahren, und die Kinder im Bette nach den Müttern schreien. Was ich Euch aber jetzt erzählen will, ist eine Sache, die in unserem eigenen Hause zu meines Vaters Zeiten vorfiel – freilich war auch mein Vater damals noch ein junger Bursche; Euch erzähle ich sie, damit es Euch zur Warnung dienen mag, da Ihr noch ein junges, sorgloses Vögelchen seid und Euch auf einsamen Wegen mit Jedem einlaßt, denn gar viel Kummer und Sorge entstand meinem Großvater davon.« Er fing also seine Erzählung mit deutlicher, wohltönender Stimme an, die er mit großer Fertigkeit bald erhob und bald sinken ließ; zuweilen senkte er sie bis zum Lispeln, und dann richtete er das klare, erloschene Auge gegen mein Angesicht, als wolle er den Eindruck, den seine Erzählung auf meine Züge machte, beobachten. Ich will dir keine Sylbe davon schenken, obschon sie ziemlich lang ist; ich machte also eine kleine Pause – und beginne: * Die Erzählung des wandernden Willie. Ihr müßt wohl schon von Sir Robert Redgauntlet gehört haben, der vor Jahren in diesen Gegenden hauste. Lange noch wird man Seiner gedenken im Lande; schwer auf athmeten unsere Väter, wenn sie seinen Namen nennen hörten. Zu Montrose's Zeiten zog er mit den Hochländern aus und schlug sich sechszehn hundert und zwei und fünfzig in den Gebirgen zum Glencairn; aber als König Karl II. wieder kam, wer stand da so in Gunst, wie der Laird von Redgauntlet? Zu London ward er mit des Königs eignem Schwerte zum Ritter geschlagen, und da er ein glühender Bischöflicher war, so kam er als Statthalter hierher, unsinnig wie ein Löwe zu wüthen, und alle Whigs und Covenanters zu vertilgen. Da trieben sie tolles Zeug; denn die Whigs waren eben so hartnäckig, wie der Ritter stolz war, da galt es denn, wer zuerst den Anderen ermüden würde. Redgauntlet hielt es immer mit der Strenge, und sein Name war eben so gefürchtet im Lande, wie der des Claverhouse, oder des Tam Dalyell. Weder Schlucht noch Schlupfwinkel, weder Berge noch Höhlen konnten das arme Landvolk verbergen, wenn Redgauntlet mit Jagdhorn und Spürhunden auszog, sie wie Rehe zu erjagen. Und wahrhaftig, wenn er sie fand, so machte er auch nicht mehr Umstände mit ihnen, als ein Hochländer mit einem Rehbock – da hieß es nur: »Wollt ihr den Test Der Test (Probierstein) war ein Eid. den das Parlament im Jahre 1673 allen Britten auferlegte. Man mußte darin erklären, daß man die Lehre von der Transsubstantiation im Abendmahl und die Anbetung der Heiligen verwerfe. Noch heutigen Tags ist diese Akte ein Hauptanstoß der Emanzipation der Katholiken in Irland. Anm. des Uebers. beschwören?« Wo nicht, »macht euch fertig – Achtung – Feuer!« da lag der Widerspenstige. Weit und breit umher war Sir Robert gefürchtet und gehaßt. Man glaubte, er hätte einen Bund mit dem Teufel geschlossen, wäre Hieb- und Stichfest – die Kugeln prallten von seinem Koller und Büffelleder ab, wie der Hagel vom Kiesel abspringt – er habe einen Zauber, der einen Hasen von Carrifra's Gränzen zurückrufen könnte, und noch mehr solcher Dinge, wovon wir noch sprechen werden. Der beste Segen, den man ihm gab, war: »der Teufel hole den Redgauntlet!« Dennoch aber war er gegen seine Untergebene nicht hart, seine Lehnsleute mochten ihn wohl leiden; und die Diener und Truppen, die mit ihm auf Verfolgungen, wie die Whigs diese Mordzeiten nannten, auszogen, hätten sich beständig auf seine Gesundheit voll getrunken. Nun müßt Ihr wissen, daß mein Großvater auf Redgauntlet's Grund und Boden lebte – sie nennen den Ort Primrose-Knowe. Wir lebten auf diesem Grund und Boden unter den Redgauntlet's seit den Ritterzeiten, und auch wohl vielleicht noch länger. Es war ein gar liebliches Gütchen; und ich glaube, die Luft ist dort reiner und anmuthiger, als sonst irgendwo im Lande. Nun liegt es wüste; vor drei Tagen saß ich auf dem zertrümmerten Thorbalken und war recht froh, daß ich die Stätte, wo das Haus steht, nicht sehen konnte; aber das führt uns weit ab. Da wohnte also mein Großvater, Steenie Steensohn; er war ein herumziehender lustiger Bursche in seinen jungen Tagen gewesen, verstand sich darauf, die Pfeife zu spielen, war wegen seiner Lieder und Gesänge berühmt, und zwischen Berwiek und Carlisle spielte Keiner den Dudelsack so schön wie er. Leute von Steenie's Art, traf das Schicksal nicht, für Whigs gehalten zu werden. So wurde er ein Tory, wie sie es nannten, wir nennen sie jetzt die Jakobiten, grade als wäre es gar nicht anders möglich, oder als müßte man nothwendigerweise zu der einen oder zu der anderen Partie halten. Doch war er den Whigs nicht abgeneigt, auch gefiel ihm das Blutvergießen ganz und gar nicht, obgleich er, da er dem Sir Robert im Jagen und Hetzen, im Auflauern und im Ergreifen folgen mußte, manchem Unrecht zusah, auch es selbst zu thun nicht immer vermeiden konnte. Steenie stand also in gewisser Gunst bei seinem Herrn, kannte alle Leute, die in der Umgegend des Schlosses wohnten, und ward oft zu ihren Vergnügungen gerufen, um auf der Pfeife zu spielen. Der Kapellmeister, der alte Dugal Mac Callum, der den Sir Robert im Glück und im Unglück, durch Dick und Dünn, durch Sümpfe und Ströme begleitet hatte, war ein besonderer Freund der Pfeife, und legte manches gute Wort für meinen Großvater bei dem Laird ein, denn Dougal konnte seinen Herrn um den Finger wickeln. So weit war Alles gut, bis die Revolution ausbrach, die dem Dugal und seinem Herrn fast das Herz abstieß. Doch war die Veränderung nicht so groß, wie sie es fürchteten und Andere hofften. Die Whigs machten ein arges Geschrei, was sie nun wohl mit ihrem alten Feinde, mit dem Sir Robert Redgauntlet, anfangen sollten. Aber es waren zu viel große Herren in der Sache verwickelt, als daß man es hätte wagen dürfen, eine funkelneue Welt zu schaffen. So ging das Parlament leicht darüber hinaus, und Sir Robert, der nun Füchse statt Covenanters jagen mußte, blieb gerade derselbe Mann, wie vorher. Eben so laut waren seine Zechgelage, eben so hell erleuchtet war seine Halle, wenn er schon die Strafgelder der Nicht-Conformisten entbehren mußte, die Küche und Keller versorgten; denn so viel ist einmal gewiß, er wurde strenger auf das Pachtgeld als früher, und wollten die Untergebenen den Laird nicht unwillig machen, so mußten sie es pünktlich berichtigen. Auch war er so ein fürchterlicher Mensch, daß ihn Niemand zu erzürnen wagte; denn die Flüche, die er ausstieß, die Wuth, in die er gerieth, und die Blicke, die er schoß, machten, daß man ihn manches Mal für einen eingefleischten Teufel hätte halten können.« Nun aber war mein Großvater kein Haushalter – nicht gerade als wäre er ein Verschwender gewesen, aber er besaß eben nicht die Kunst zu sparen, und so war er zwei Termine rückständigen Zins schuldig. Den ersten um Pfingsten, ließ er mit schönen Worten und mit Pfeifen verstreichen; aber als Martini kam, da erschien eine Vorladung des Grundherrn, Steenie solle am Verfalltag pünktlich mit dem Grundzins einhalten oder das Gütchen räumen. Saure Mühe kostete es, das Silber zusammen zu bringen, aber er hatte gar viel gute Freunde, und endlich trieb er es doch zusammen – tausend Mark – das Meiste gab ein Nachbar her, Laune Lapraik – ein feiner Gesell. Laurie besaß Geld und Gut – konnte mit den Hunden bellen und mit den Hasen laufen – konnte Whig oder Tory, Heiliger oder Sünder sein, wie gerade der Wind blies. Jetzt also war er ein Anhänger der Revolution, doch liebte er auch eine tüchtige Stimme und Pfeifenstückchen in seinen Nebenstunden zu hören; und vor Allem glaubte er, das Gütchen zu Primrose-Knowe biete für das Geld, das er meinem Großvater geliehen hatte, Sicherheit genug dar. Mit schwerer Börse und leichtem Herzen wanderte also mein Großvater dem Schlosse Redgauntlet's zu, herzlich froh, dem Zorn des Lairds entgangen zu sein. Gut; das Erste, das er auf dem Schlosse hört, ist, daß Sir Robert vor Wuth, daß er nicht vor zwölf Uhr gekommen sei, einen Anfall vom Podagra bekommen habe. Es wäre wohl nicht so ganz wegen des Geldes, meinte Dougal, sondern weil er meinen Großvater nicht gerne fortjagen mochte. Dougal freute sich, meinen Großvater zu sehen, und führte ihn in das mit Eichenholz getäfelte Wohnzimmer; da saß der Laird in seiner gewöhnlichen Einsamkeit, nur ein großer, häßlicher Asse saß neben ihm, der sein besonderer Liebling war: eine verzweifelte Bestie war das, die manchen bösen Streich spielte – schwer war es, ihm zu gefallen, leicht, ihn zu erzürnen; schreiend und heulend durchlief er das Schloß, biß und kneifte die Leute, besonders wenn es schlechtes Wetter oder Unruhen im Staat gab. Sir Robert nannte ihn nach einem Zauberer, der verbrannt worden war, Major Weir; nur wenige konnten den Namen und die Eigenheiten des Thieres leiden – man glaubte, es stäke etwas Ungewöhnliches dahinter. Auch war es meinem Großvater nicht wohl zu Muth, als die Thür hinter ihm zugemacht wurde, und er sich mit dem Laird, Nougat Mac Callum und dem Major allein im Zimmer sah, was ihm früher nie widerfahren war. Sir Robert also saß, oder besser gesagt, lag in einem großen Armstuhl, mit seinem großen Sammtkleid, seine Füße auf einem Polsterbette; denn er hatte sowohl die Gicht als das Podagra, und sein Gesicht sah so bleich und gespensterartig aus, wie das des Teufels selbst. Major Weir saß ihm gegenüber in einem rothen, mit Tressen verzierten Kleide, des Lands Perrücke auf dem Haupt; und so wie Sir Robert vor Schmerzen grinste, so grinste der Asse auch, wie ein Schafskopf zwischen der Zange – ein greuliches, schreckliches Paar war das. Hinter dem Laird hing sein büffelledernes Collet an einem Nagel, sein Schwert und seine Pistolen auf Armsweite; denn er hielt an der alten Gewohnheit, Tag und Nacht das Schwert bereit und ein Pferd gesattelt im Stall zu haben, gerade wie er es zu der Zeit machte, als er noch im Stande war, sich auf das Pferd zu werfen und dem Landvolk nachzujagen. Einige sagten, es geschähe aus Angst, die Whigs möchten sich an ihm rächen, ich aber glaube, daß das nur der alten Gewohnheit wegen geschah – denn ich kann nicht glauben, daß er etwas gefürchtet hätte. Das Pachtbuch mit dem schwarzen Deckel und den stählernen Spangen lag neben ihm, ein unzüchtiges Gesangbuch bezeichnete das Blatt, das den rückständigen Zins des Ehrenmannes von Primrose-Knowe enthielt. Sir Robert warf meinem Großvater einen Blick zu, als wolle er ihm das Herz im Busen zermalmen. Ihr müßt wissen, daß er seine Brauen auf eine Art zusammenrollte, daß man deutlich das Zeichen eines Hufeisens auf seiner Stirn erblickte, tief eingeprägt, als wäre es hineingestempelt. »Kommst du mit leeren Händen, nichtswürdiger Pfeifer?« sagte Sir Robert. »Alle Teufel, wenn du –« Mein Großvater nahm eine so heitere Miene an, als es ihm möglich war, machte eine Verbeugung, und warf den Geldsack auf den Tisch, wie ein Mann, der etwas Freudiges thut. Der Land zog ihn hastig zu sich: »Ist Alles darin, Steenie?« »Ew. Gnaden werden Alles in Ordnung finden,« sagte mein Großvater. »Dougal,« sagte der Land, »nimm den Steenie mit hinab und gib ihm ein Glas Branntwein, unterdessen will ich das Geld zählen und die Quittung schreiben.« Kaum hatten sie das Zimmer verlassen, als Sir Robert ein gellendes Geschrei ausstieß, das die Felsen des Schlosses erzittern machte. Dougal lief zurück – die Bedienten stürzten hinein – ein kreischendes Geschrei nach dem andern stieß der Laird aus, immer entsetzlicher und furchtbarer. Mein Großvater wußte nicht, ob er gehen oder bleiben sollte, doch wagte er sich wieder in das Wohnzimmer – da war ein furchtbarer Tumult, Niemand sagte geh' oder bleib. Entsetzlich brüllte der Laird nach kaltem Wasser für seine Füße, und nach Wein, um seine Gurgel zu löschen, und Hölle. Hölle, Hölle und ihre Flammen! waren die einzigen Worte, die er hervorbringen konnte. Sie brachten ihm Wasser, als er aber seine geschwollenen Füße in den Zuber stellte, so schrie er, es brenne; ja man sagt, daß es siedend und schäumend geworden sei, wie ein brausender Wasserkessel. Er warf dem Dougal den Becher an den Kopf, schreiend, er habe ihm Blut statt Burgunder gebracht; und man weiß gewiß, daß die Mägde den andern Tag geronnenes Blut vom Boden auswaschen mußten. Der Affe, den sie Major Weir nannten, schnitt Gesichter und schrie, als wolle er sich mit seinem Herrn necken; meinem Großvater schwindelte der Kopf – er vergaß Geld und Quittung, er flog die Treppe hinab; aber, wie er so rennt, wird das Kreischen immer schwächer und schwächer; endlich ein tiefgeathmetes, schauerliches Stöhnen, da hieß es im Schlosse, der Land sei verschieden. Gut also – mein Großvater ging weg, den Finger im Mund, und seine beste Hoffnung bestand darin, daß Dougal den Geldsack gesehen und den Laird von der Quittung hatte sprechen hören. Der junge Laird nun, Sir John genannt, kam von Edinburg, um Alles in Ordnung zu bringen. Sir John und sein Vater hatten sich nie gut vertragen, er hatte die Rechte studirt, und saß im letzten schottischen Parlament, wo er für die Union stimmte, weil er, wie man sagt, eine schöne Belohnung dafür bekommen hatte – hätte sein Vater aus dem Grabe steigen können, so würde er ihm zum Dank dafür das Gehirn an dem Herde zerschmettert haben. Einige glaubten, es hätte sich leichter mit dem alten, rauhen Ritter, als mit dem zierlich redenden, jungen Herrn berechnen lassen – aber davon nachher ein Weiteres. Dougal Mac Callum, der arme Bursche, weinte und schluchzte nicht, sondern schlich einer Leiche ähnlich im Haus umher, und machte, wie es seine Pflicht gebot, Vorbereitungen zu dem großen Leichenbegängniß. Dougal sah mit einbrechender Nacht immer schlimmer und bleicher aus, war der Letzte, der zu Bette ging, und der sich in seine Kammer schlich, die in einem Thurme dem Zimmer gegenüber lag, das sein Herr bei Lebzeiten bewohnte, und wo er nun im Todesschlaf ruhte! Die Nacht vor dem Begräbniß wußte sich Dougal nicht mehr zu helfen; er beugte seinen stolzen Geist, und bat den alten Hutcheon höflichst, eine Stunde bei ihm in seinem Zimmer zuzubringen. Im Thurm angekommen, nimmt Dougal ein Glas Branntwein zu sich, gibt dem Hutcheon ein anderes, wünscht ihm Gesundheit und ein langes Leben; was ihn beträfe, sagte er, er würde nicht mehr lang am Leben bleiben, denn seit Sir Roberts Tod erklinge jede Nacht der Ton seines silbernen Pfeifchens von seinem Paradebett her, gerade so wie er es zu seinen Lebzeiten that, wenn er im Bett umgewendet werden wollte. Dougal sagte ferner, daß er sich, weil er allein mit dem Todten auf diesem Schloßflügel wohne (denn Niemand trug Sorge, bei dem Sir Redgauntlet wie bei anderen Leichen zu wachen), bisher nicht getraut hätte, dem Rufe zu folgen, nun aber drücke ihn das Gewissen, daß er seine Pflicht vernachlässigt habe; denn »obgleich der Tod die Dienstpflichten vernichtet«, sagte Mac Callum, »so soll er doch nie meine Dienste gegen Sir Robert aufheben; und so du, Hutcheon, mir folgst, will ich seinem nächsten Pfeifen Folge leisten.« Hutcheon hatte gerade keine sonderliche Freude daran, aber er hatte dem Dougal in Schlacht und Streit zur Seite gestanden, und wollte ihn nun in der höchsten Gefahr nicht verlassen; so saßen die Männer bei einem Krug Branntwein zusammen. Hutcheon, der etwas von einem Geistlichen an sich hatte, wollte ein Kapitel in der Bibel lesen; aber Dougal wollte höchstens ein Lied des David Lindsay hören, – freilich eine schlechte Vorbereitung. Als die Mitternachtsstunde herbeikam, und Alles im Haus ruhig war, wie im Grabe, da ertönte richtig das silberne Pfeifchen so scharf und schneidend, als ob Sir Robert es bliese; die beiden alten Diener machten sich auf und nahten sich zitternd dem Gemache. Hutcheon sah beim ersten Blick schon genug; Kerzen brannten im Gemache, bei deren Schein er den bösen Feind in vollem Ornat auf dem Sarge des Laird's sitzen sah! Er stürzte hin, als hätte er den Geist aufgegeben. Er konnte nicht bestimmen, wie lange er bewußtlos an der Thüre lag, als er aber wieder zu sich kam, rief er seinem Gefährten zu, und da er keine Antwort erhielt, so weckte er die Leute im Hause, welche den Dougal zwei Schritte von der Bahre seines Herrn todt am Boden liegen fanden. Das Pfeifchen war verschwunden; doch ward es noch oft vom Giebel des Hauses und zwischen den alten Kaminen und Thürmen, wo die Eulen hausen, gehört. Sir John suchte die Sache zu unterdrücken und das Leichenbegängniß ging ohne Störung vorüber. Als aber Alles vorüber war, und der Laird anfing seine Geschäfte zu ordnen, da ward jeder Pachter um die Rückstände, mein Großvater aber um die volle Summe gemahnt, die im Pachtbuch gegen ihn zeugte. Gut, er schlendert also dem Schlosse zu, um den Vorfall zu erzählen; er wird zu dem Sir John geführt, der in tiefer Trauer mit Flor und Binde auf dem Stuhl seines Vaters sitzt; ein kleiner Spazierstock vertritt an seiner Seite die Stelle des alten Schlachtschwerts seines Vaters, das wohl hundertmal so schwer gewesen sein mochte. Ich habe ihre Unterredung so oft erzählen hören, daß es mir vorkommt, als wäre ich zugegen gewesen, wenn ich schon damals noch nicht geboren sein konnte. (Wirklich, Allan, ahmte mein Geführte mit recht vielem Humor den einschmeichelnden, besänftigenden Ton des Pachters und den Ausdruck der scheinheiligen Schwermuth in der Antwort des Laird's nach. Sein Großvater hätte während der Unterredung die Augen beständig auf das Zinsbuch gerichtet, sagte er, als wäre es ein Bullenbeißer, von dem er gefürchtet hätte, er möchte in die Höhe springen und ihn beißen.) »Ich wünsche Euch Glück, Herr, zu dem Rittersitz, der schönen Erbschaft und der großen Herrschaft. Euer Vater war ein gütiger Herr gegen Freunde und Diener. Ein rechtes Glück für Euch, Sir John, in seine Schuhe – ich sollte sagen in seine Stiefeln – zu treten; denn er trug selten Schuhe, außer wenn ihn das Podagra plagte.« »Ach, Steenie!« rief der Laird, indem er tief seufzte, und mit dem Taschentuch das Auge wischte, »er ward gar zu schnell abgerufen und wird im Land sehr vermißt werden; keine Zeit blieb ihm, sein Haus zu bestellen – doch ist es ohne Zweifel in göttlichen Dingen wohl bei ihm bestellt gewesen, und das ist ja die Wurzel von Allem. – Aber einen verworrenen Knäuel hat er uns aufzuwinden gelassen, Steenie. Hem, Hem! Wir müssen an's Geschäft gehen, Steenie; es gibt viel zu thun, und wenig Zeit, es zu bewerkstelligen.« Hier öffnete er den unglückseligen Band; ich habe einmal vom Buche des jüngsten Gerichts sprechen hören, gewiß ist es das Buch über die Grundsteuer verarmter Pachter. »Stephen,« sagte Sir John immer in demselben zarten, weiblichen Tone, »Stephen Stevenson, oder Steenson, Ihr seid im Rückstand mit der Grundsteuer von einem ganzen Jahr; der letzte Zahlungstermin ist schon verstrichen.« Stephen . »Verzeihen Ew. Gnaden, Sir John, ich zahlte ihn Eurem Vater.« Sir John . »Ihr habt dann ohne Zweifel eine Quittung, Stephen, und könnt sie vorzeigen.« Stephen . »Dazu blieb mir wirklich keine Zeit übrig, wenn Ew. Gnaden verzeihen; denn kaum hatte ich das Silber hingelegt, kaum hatte es Se. Gnaden, Sir Robert, empfangen, um es zu zählen und die Quittung zu schreiben, als ihn die Schmerzen ergriffen, an denen er starb.« »Das war ein recht unglücklicher Zufall,« sagte Sir John nach einer Pause, »aber Ihr werdet es wohl vor Zeugen bezahlt haben. Ich will nur einen Beweis talis qualis , Stephen. Ich möchte es nicht zu genau mit einem armen Manne nehmen.« Stephen . »Auf mein Wort, Sir John, es war Niemand im Zimmer, als Dougal Mac Callum, der alte Kellermeister. Aber wie Ew. Gnaden wohl wissen, ist er seinem Herrn nachgefolgt.« »Das ist wieder sehr unglücklich, Stephen,« sagte Sir John, ohne seine Stimme auch nur um einen Ton zu verändern. »Der Mann, welchem die Zahlung geleistet ward, ist todt, und der, der zusah, ist auch todt – auch ist das Geld nirgends gesehen oder gehört worden. Wie soll ich nun das Alles glauben?« Stephen . »Ich kann es nicht sagen, Ew. Gnaden; da ist aber ein kleines Verzeichniß der Münzsorten, aus denen es bestand; denn, Gott steh' mir bei, ich borgte es aus zwanzig Beuteln; auch bin ich überzeugt, daß ein jeder von diesen Männern mit einem heiligen Eid schwören wird, zu welchem Gebrauche ich das Geld geborgt habe.« Sir John . »Ich zweifle gar nicht, daß Ihr das Geld geborgt habt, Steenie, für die Zahlung aber muß ich Beweis haben.« Stephen . »Das Geld muß im Hause sein, Sir John. Denn da Ew. Gnaden es nicht bekommen hat, und Ew. gnädiger Herr Vater es nicht mitgenommen haben kann, so muß es doch Einer im Hause gesehen haben.« Sir John . »Wir wollen die Leute ausfragen; das ist nicht mehr als gehörig.« Aber Bediente und Mägde, Pagen und Reitknechte, alle läugneten steif und fest, je einen Geldsack gesehen zu haben, wie mein Großvater ihn beschrieben hatte. Zu allem Unglück hatte er keinem von ihnen gesagt, daß er den Grundzins zahlen wollte. Eine Magd nur hatte bemerkt, daß er etwas unter dem Arme trug, hatte es aber für seine Pfeife gehalten. Sir John Redgauntlet befahl den Dienern hinauszugehen, und sagte dann zu meinem Großvater: »Steenie, Ihr seht, es geht Alles in Form Rechtens; da Ihr aber besser als ein Anderer wissen müßt, wo das Geld ist, so bitte ich Euch hiermit höflichst, dem Gaukelspiel ein Ende zu machen; denn Stephen, Ihr müßt entweder zahlen, oder auswandern.« »Gott vergeh' Euch Eure Meinung,« sagte Steenie, dem nun der Verstand still stand. – »Ich bin ein ehrlicher Mann.« »Auch ich bin es, Stephen,« sagte Se. Gnaden; »und hoffentlich auch alle Leute in meinem Hause. Aber wenn ein Schurke unter uns ist, so muß es nothwendigerweise der sein, der eine Geschichte erzählt, die er nicht beweisen kann.« Er schwieg einen Augenblick und setzte dann ernster hinzu: »Wenn ich Eure Streiche recht verstehe, Stephen, so wollt Ihr von einigen boshaften Gerüchten über die Angelegenheiten meiner Familie, und besonders von dem plötzlichen Tode meines Vaters Nutzen ziehen; Ihr wollt mich um das Geld betrügen und wohl gar noch meinen Ruf angreifen, indem Ihr zu verstehen gebt, ich hätte den Grundzins, den ich jetzt fordere, schon erhalten. – Wo glaubt Ihr, daß das Geld ist? – ich verlange es zu wissen!« Da mein Großvater sah, daß Alles gegen ihn zeuge, gerieth er fast in Verzweiflung – er drehte sich von einem Fuß auf den anderen, warf seine Blicke in alle Ecken der Stube umher und schwieg. »Heraus mit der Sprache, Herr!« rief der Laird, indem er den eigenen Blick seines Vaters annahm, wenn dieser in Zorn gerieth, ja es schien sogar, als bildeten die Falten seiner Stirn dasselbe furchtbare Zeichen des Hufeisens. – »Heraus damit, Herr! ich will wissen, was Ihr denkt; – glaubt Ihr, ich hätte das Geld?« »Ferne sei es von mir, das zu sagen,« erwiderte Stephen. »Habt Ihr denn auf irgend Jemand Verdacht, daß er es genommen hätte?« »Ich möchte es keinem Unschuldigen zur Last legen,« sagte mein Großvater; »und ist auch Einer schuldig, so habe ich doch keine Beweise.« »Wenn ein wahres Wort an der Geschichte ist,« sagte Sir John, »so muß das Geld doch irgendwo sein; ich frage Euch, wo glaubt Ihr, daß es sei? – Ich verlange eine deutliche Antwort!« »In der Hölle, wenn Ihr doch meine Gedanken wissen wollt,« schrie mein Großvater, auf's Aeußerste gebracht – »in der Hölle bei Eurem Vater und seinem silbernen Pfeifchen!« Schnell lief er jetzt die Treppe hinab (denn nach diesem Worte war das Wohnzimmer kein Aufenthaltsort mehr für ihn) und hinter sich hörte er den Laird, so arg wie nur je Sir Robert es that, Gift und Hölle fluchen, und nach Amtmann und Häscher brüllen. Mein Großvater eilte zu seinem Hauptgläubiger Laurie Lapraik, um zu versuchen, ob er etwas mit ihm anfangen könnte; aber als er ihm seine Geschichte erzählte, bekam er noch Scheltworte in den Kauf – Dieb, Bettler, Schurke, waren die gelindesten Ausdrücke; auch die alten Geschichten rührte Laurie wieder auf, daß er seine Hände mit dem Blut der Heiligen Gottes befleckt habe, gerade als könne ein Unterthan sich dem Aufgebot des Lairds entziehen, und noch dazu eines Lairds, wie Sir Robert Redgauntlet. Jetzt waren meinem Großvater die Bande seiner Geduld sämmtlich gesprungen, er vergaß im Streit mit dem Laurie unglücklicher Weise Alles, was er Gott und den Menschen schuldig war, stieß Redensarten aus, die die Zuhörer schaudern machten – kurz, es war nicht mehr derselbe Mensch; toll und wild verbrachte er den Tag. Endlich trennten sie sich und mein Großvater ritt durch den finsteren Tannenwald von Pitmurkie nach Hause. Ich kenne den Wald, ob er aber finster oder hell ist, das kann ich nicht sagen. – Am Eingang des Gehölzes ist ein brachliegendes Almend und am Ende des Almends ein kleines, einsames Wirthshäuschen; Steene verlangte von der Wirthin (Tibbie Faw war ihr Name) ein Glas Branntwein, denn er hatte den lieben langen Tag nicht das Geringste zu sich genommen. Tibbie ging ihn ernstlich an, etwas zu sich zu nehmen, er aber verweigerte es, zog den Fuß nicht aus dem Steigbügel, leerte das Glas in zwei Zügen und brachte bei jedem einen Toast. Der Erste hieß: »dem Andenken des Sir Robert Redgauntlet, nicht eher möchte er im Grabe Ruhe finden, bis er seinem armen Unterthanen Recht verschafft.« Der Zweite: »auf die Gesundheit des bösen Feindes, wenn er ihm den Geldsack wieder verschaffen oder sagen wollte, wo er hingekommen sei, denn er sähe, daß die Welt ihn doch für einen Dieb und einen Betrüger halten würde, und das wäre ihm ärger, als der Verlust von Haus und Hof.« Fort ritt er, wohin? darum bekümmerte er sich nichts. Finstere Nacht ward es, finsterer noch im Dunkel der Bäume; er überließ es seinem Pferde, sich selbst den Weg zu suchen, als das Thier, so ermattet und müde es vorher war, plötzlich anfing, sich so furchtbar zu bäumen, um sich zu schlagen und zu toben, daß mein Großvater sich kaum im Sattel halten konnte. Unterdessen steht auf einmal ein Reiter ihm zur Seite und spricht: »Da habt Ihr ein hitziges Pferd, Freund; wollt Ihr es verkaufen?« – Er spricht's und berührt mit der Gerte den Hals des Pferdes, und siehe, da geht es wieder seinen alten, schläfrigen Schritt. »Aber es scheint ja, als verrauche das Feuer bald,« fuhr der Fremde fort, »so geht es auch mit dem Muthe gar vieler Menschen, die da glauben, sie könnten große Dinge verrichten, bis es dazu kömmt.« Mein Großvater hörte kaum darauf, spornte sein Pferd und rief: »Guten Abend, Freund!« Der Fremde aber schien noch nicht abbrechen zu wollen; denn Steenie mochte reiten wie er wollte, der Fremde hielt immer gleichen Schritt. Endlich ward mein Großvater, Steenie Steenson, halb ärgerlich, und (um die Wahrheit zu sagen) auch halb und halb furchtsam. »Was wollt Ihr von mir, Freund?« sagte er, »seid Ihr ein Räuber, ich habe kein Geld; seid Ihr ein ehrlicher Mann, dem es an Gesellschaft fehlt, ich bin weder zum Scherz noch zum Sprechen gelaunt; habt Ihr den Weg verfehlt, ich kenne ihn selbst kaum.« »Erzählt mir doch die Ursache Eures Kummers,« sagte der Fremde, »zwar genieße ich nicht den besten Ruf in der Welt, aber ich bin einzig in meiner Art, wenn es gilt, meinen Freunden beizustehen.« Mein Großvater erzählte ihm also die ganze Geschichte von Anfang bis zum Ende, jedoch mehr, um sein Herz zu erleichtern, als daß er gehofft hätte, er würde ihm helfen können. »Es ist freilich ein schwieriger Fall,« sagte der Fremde, »doch glaube ich, Euch helfen zu können.« »Wenn Ihr mir das Geld auf lange Zeit hinaus borgen wollt, Sir – sonst gibt es auf Erden keine Hülfe für mich.« »Aber unter der Erde kann es geben,« erwiderte der Fremde. »Kommt her, ich will offen mit Euch reden; ich könnte Euch wohl gegen eine Verschreibung das Geld leihen, aber ich glaube, Ihr werdet über die Zahlungsart Bedenken tragen. So wißt denn, daß Euer alter Laird Eurer Flüche und des Wehklagens Eurer Familie wegen, im Grabe keine Ruhe findet; wenn Ihr es aber wagen wollt, ihn zu besuchen, so wird er Euch die Quittung geben.« Bei dem Vorschlage standen meinem Großvater die Haare zu Berge, aber er dachte, sein Gefährte wäre wohl ein launiger Bursche, der ihn nur erschrecken wollte und ihm am Ende doch das Geld leihen würde. Ueberdies war er vom Branntwein erhitzt, vor Kummer der Verzweiflung nahe; er sagte also: »er habe Muth genug, der Quittung wegen bis an die Pforten der Hölle – und noch einen Schritt darüber zu gehen.« – Der Fremde lachte laut auf. Fort ging's also durch das dichteste Gehölze, als plötzlich das Pferd am Thore eines großen Hauses stehen blieb; hätte mein Ahne nicht gewußt, daß er wenigstens zehn Meilen davon entfernt wäre, so würde er sicher geglaubt haben, das wäre das Schloß Redgauntlet. Sie ritten in den Vorhof, über die verwitterte Zugbrücke, dann durch das alte gothische Thor; die Vorderseite des Hauses war hell erleuchtet, da ertönten Pfeifen und Geigen, da wurde getanzt und jubilirt, wie im Hause des Sir Robert am Weihnachtsabend und an Jubilate, oder an anderen Festen. Sie stiegen ab und mein Großvater band, wie es ihm schien, sein Pferd an denselben Ring, an den er es denselben Morgen befestigt hatte, als er zu dem jungen Sir John ging. »Gott,« sagte mein Ahne, »wenn Sir Roberts Tod nur ein Traum wäre!« Er klopfte an das Thor der Halle, wie er es gewöhnlich that, und siehe da, wie gewöhnlich, öffnet ihm auch sein alter Bekannter Dougal Mac Callum die Thüre und spricht: »Pfeifer Steenie, seid Ihr da, Bursche? Sir Robert hat eben nach Euch gefragt.« Mein Ahne glaubt zu träumen – er sieht sich nach dem Fremden um, der war weg. Endlich wagt er zu sagen: »Ha, Dougal, lebt Ihr denn noch? Ich dachte ja, Ihr wäret gestorben.« »Kümmert Euch nichts um mich,« sagte Dougal, »sondern nehmt Euch in Acht; nehmt von Niemanden etwas an, weder Essen noch Trinken, auch kein Geld; nur eben Eure Quittung.« Indem er das sagte, führt er ihn durch Hallen und Vorplätze, die meinem Ahnen wohl bekannt waren, in das große, mit Eichenholz getäfelte Wohnzimmer. Da erschallten unzüchtige Gesänge, da funkelte der rothe Wein, da hörte man Gotteslästerungen und Zweideutigkeiten, gerade wie zu Schloß Redgauntlet, als es in höchster Blüthe stand. Aber, Gott halte uns in seinem heiligen Schutz, welche schreckliche Gespenstergestalten saßen um den Tisch! – Mein Ahne kannte viele von ihnen, die längst schon heimgegangen waren. Da saß der stolze Middleton, der ausschweifende Rottes, der geizige Lauderacle, auch Dalgell mit seinem Kahlkopf und dem Barte, der den Gürtel berührte; Earshall, die Hände befleckt mit Cameron's Blut, und der wilde Bonshaw, der die Glieder des gottseligen Cargill's zusammenschnürte, bis sein Blut in Strömen floß, Dumbarton Douglas dazu, der zwiefache Verräther an König und Vaterland. Der Blut-Advocat Mac Kenyie saß auch da, er, den die anderen seines weltlichen Verstandes und seiner Einsicht wegen zu einem Gott machen wollten. Auch Claverhouse war da, schön, wie im Leben, mit seinen langen, schwarzen Locken, die gekräuselt herabfielen auf das Panzerhemd; die linke Hand lag auf dem Schulterblatte, die Wunde zu verdecken, die ihm die silberne Kugel gemacht hatte. Er saß von den Anderen abgesondert, und schaute sie mit schwermüthigen, stolzen Blicken an, die aber lärmten und sangen und lachten, daß das Zimmer wiederhallte. Aber entsetzlich verzog sich zuweilen das Lächeln, und das Lachen ging in so wildes Kreischen über, daß meinem Ahnen die Nägel blau wurden und das Mark erbebte in seinen Gebeinen. Auch die am Tisch aufwarteten, waren gerade eben dieselben verruchten Diener und Soldaten, die auf Erden ihr ruchloses Thun und Treiben beendigt hatten. Da war der lange Kerl von Nethertown, der den Argyle fangen half, – da der Gerichtsdiener des Bischofs, den sie den Teufelsranzen nannten; auch die ruchlosen Waffenknechte mit ihren verbrannten Röcken, und die wilden hochländischen Amoriter, die Blut vergossen, wie Wasser; auch mancher stolze Diener, mit hochmüthigem Herzen und mit blutigen Händen, der vor den Reichen kroch und sie noch schlechter machte, als sie waren. Und noch gar, gar viele kamen und gingen und verrichteten ihr Geschäft, als lebten sie noch. Mitten in dem furchtbaren Tumult gebot plötzlich der Sir Robert Redgauntlet mit einer Donnerstimme dem Pfeifer Steenie, sich seinem Platze zu nähern. Da saß er also, die Füße ausgestreckt und mit Flanell umbunden. die Halfter-Pistolen neben ihm, das große Schlachtschwert am Stuhl angelehnt, gerade so wie mein Großvater ihn zuletzt auf Erden sah. Auch das Kissen für den Affen lag ihm zur Seite, das Thier aber war nicht da – wahrscheinlich war das seine Zeit nicht; denn als er sich nahte, hörte er sie sagen: »Ist der Major noch nicht gekommen?« und ein Anderer antwortete: »Der Affe wird kommen, wenn der Tag anbricht.« Und als mein Großvater hinzutrat, da sprach Sir Robert, oder sein Geist, oder auch der Teufel in seiner Gestalt: »Nun Pfeifer, hast du mit meinem Sohn wegen der Grundsteuer abgerechnet?« Mit vieler Mühe gelang es meinem Ahnen, die Worte hervorzubringen: »Sir John wolle sich ohne die Quittung Sr. Gnaden nicht zufrieden stellen.« »Du sollst sie für ein Stückchen auf der Pfeife haben, Steenie,« sagte Sir Roberts Geist, »spiele uns auf: Lustig, lieb' Luckie!« Das war nun gerade eine Melodie, die mein Großvater von einem Zauberer lernte, der sie gehört hatte, als sie bei ihren Zusammenkünften den Teufel anbeteten. Zuweilen hatte es mein Großvater wohl bei den lärmenden Gelagen im Schloß Redgauntlet vorgespielt, nie that er es aber gern; jetzt überlief es ihn eiskalt, als er es nur nennen hörte und darum sagte er zur Ausrede, er hätte seine Pfeife nicht bei sich. »Mac Callum, du Teufelsbrut,« sagte der entsetzliche Sir Robert, »bringe doch dem Steenie die Pfeifen, die ich für ihn aufgehoben habe.« Mac Callum brachte ein paar Pfeifen, die wohl dem Donald von den Inseln gehört haben mochten. Als er sie ihm aber einhändigte, gab er ihm einen Wink; Steenie blickte verstohlen aber genau darauf, da bemerkte er, daß die Röhren von Stahl und glühend heiß waren; so war er schon gewarnt, seine Finger fern davon zu lassen. Er entschuldigte sich abermals, indem er sagte, »er wäre zu sehr erschrocken, auch fehle es ihm an Athem.« »Nun müßt Ihr essen und trinken, Steenie,« sagte die Erscheinung; »denn wir thun selten etwas Anderes hier; und schlecht spricht es sich zwischen einem Gesättigten und einem Nüchternen!« Nun waren das eben die Worte, welche der blutgierige Graf von Douglas aussprach, um den Abgesandten des Königs aufzuhalten, als er im Schlosse zu Treave dem Mac Lellan von Bombie den Kopf herabschlug; deßwegen nahm sich Steenie um so mehr in Acht. Männlich sprach er: »er wäre weder des Essens noch des Trinkens wegen hergekommen, auch nicht um vorzuspielen, sondern um zu erfahren, was aus dem Gelde geworden wäre, das er ihm bezahlt habe; ja er faßte so viel Herz, daß er den Sir Robert bei seinem Gewissen beschwor (denn den heiligen Namen auszusprechen war er nicht im Stande), und so er hoffe Frieden und Ruhe im Grabe zu finden, ihm keine Falle zu legen, und nun zu dem Seinigen zu verhelfen. Die Erscheinung fletschte die Zähne und lachte, dann nahm sie die Quittung aus einer großen Brieftasche und händigte sie dem Steenie ein: »Da ist deine Quittung, du erbärmlicher Wicht, und was das Geld betrifft, so wird es mein Hundesohn in der Katzenwiege finden.« Mein Großvater stammelte seinen Dank, und wollte eben gehen, als Sir Robert laut aufbrüllte: »Halt, du sackdudelnder Hurensohn! wir sind noch nicht fertig! hier gibt man nichts umsonst; so wisse denn, heute über's Jahr mußt du wieder kommen, deinem Meister für seinen Schutz zu huldigen!« Da löste sich plötzlich meines Ahnherrn Zunge, laut rief er aus: »Ich füge mich in Gottes Willen und nicht in Euren!« Kaum hatte er das Wort gesprochen, da ward es plötzlich ganz finster und er fiel mit einem so heftigen Schlag zu Boden, daß er Athem und Bewußtsein verlor. Wie lange Steenie da gelegen sein mochte, das konnte er nicht sagen; als er aber wieder zu sich kam, da lag er auf dem Kirchhof von Redgauntlet, gerade am Eingange der Familiengruft, das Wappen des alten Ritters, Sir Robert, hing über seinem Haupte. Ein schwerer Morgennebel lag auf dem Grase und auf den Grabsteinen rings umher, sein Pferd aber weidete ganz ruhig neben den beiden Kühen des Pfarrers. Steene hätte Alles für einen Traum gehalten, aber er hielt die Quittung in der Hand, schön geschrieben und unterzeichnet von der eigenen Hand des Lairds, blos die letzten Buchstaben der Unterschrift waren etwas unleserlich, wie wenn den Schreiber ein plötzlicher Schmerz erfaßt hätte. Innerlich von heftiger Unruhe bewegt, verließ er den schaurigen Ort, ritt im Morgennebel dem Schlosse Redgauntlet zu, und bekam endlich mit vieler Mühe den Laird zu sprechen. »Nun, spitzbübischer Schuldner,« waren seine ersten Worte, »habt Ihr mir den Zins gebracht?« »Nein,« antwortete mein Großvater, »das nicht; aber ich bringe Ew. Gnaden Sir Roberts Quittung darüber.« »Was Herr? – Sir Roberts Quittung! – habt Ihr mir nicht gesagt, Ihr hättet keine empfangen?« »Wollen Ew. Gnaden nicht sehen, ob es mit dieser kleinen Schrift seine Richtigkeit hat?« Sir John betrachtete jede Zeile, jeden Buchstaben mit der größten Aufmerksamkeit; zuletzt aber das Datum, das mein Großvater nicht bemerkt hatte: » Von dem mir angewiesenen Orte ,« las er, » den fünfundzwanzigsten November .– Was! – das war ja gestern! – Elender, du mußt deßwegen in der Hölle gewesen sein!« »Ich erhielt es von Ew. Vaters Gnaden – ob im Himmel oder in der Hölle, das weiß ich nicht,« sagte Steenie. »Ich will Euch als einen Zauberer dem geheimen Rath überliefern,« schrie Sir John. »Ich will dich mit einem Holzstoß und einer Fackel zum Teufel, deinem Herrn, schicken!« »Ich habe die Absicht, mich selbst dem Presbyterium zu entdecken,« sagte Steenie, »um ihnen Alles zu erzählen, was ich die vergangene Nacht sah. Ohnehin sind das Gegenstände, über die ihnen eher als einem Laien ein Urtheil zusteht. Sir John schwieg, faßte sich und wünschte die ganze Geschichte zu hören; mein Großvater erzählte sie ihm also vom Anfang bis zu Ende, wie ich sie Euch erzählt habe – Wort für Wort, keins mehr und keins weniger. Wieder schwieg Sir John eine ziemliche Weile, dann sagte er endlich sehr ruhig: »Hört Steenie, Eure Geschichte betrifft außer der meinigen noch viele edle Familien im Lande; habt Ihr sie zum Zeitvertreib erfunden, oder um Euch aus der Gefahr zu ziehen, so ist ein glühendes Eisen durch die Zunge noch das Geringste, was Euch erwartet, und das wäre noch schlimmer, als wenn Ihr Euch die Finger an den glühenden Röhren verbrannt hättet. Doch kann sie auch wahr sein; findet sich also das Geld vor, dann freilich weiß ich selbst nicht, was ich davon denken soll. – Aber wo sollen wir die Katzenwiege finden? Katzen gibt es freilich genug in dem alten Hause, aber ich denke, die werfen wohl ihre Jungen, ohne sich mit Bett und Wiege zu belästigen.« »Am Besten wäre es, wir frügen den Hutcheon darüber,« sagte mein Großvater, »er kennt die alten Winkel alle so gut, wie ein anderer Diener, der gestorben ist und den ich nicht nennen möchte.« Als man nun den Hutcheon frug, so sagte er, daß man vor Alters einen nun zertrümmerten Thurm die Katzenwiege genannt hätte. Schon längst wäre er unbrauchbar, nur eine Leiter führe von der Vorderseite des Glockenthurmes dazu, denn hoch erhebe er sich über die Zinnen des Schlosses. »Da will ich augenblicklich hin,« sagte Sir John; ergriff (wozu? das weiß der Himmel) eine von den Pistolen seines Vaters, die auf dem Tische der Halle lagen, seitdem Sir Robert gestorben war, und eilte auf die Zinnen. Es war ein gefährlicher Platz zum Klettern, denn die Leiter war alt und mürbe, und eine oder zwei Stufen fehlten. Dennoch ging Sir John hinauf und trat in das Thürchen des Thurmes, so daß sein Körper das wenige Licht wegnahm, das durch das schmale Pförtchen drang. Da fährt etwas wüthend auf ihn zu und stürzt ihn fast rücklings hinab – die Pistole des Ritters geht los, und Hutcheon, der die Leiter hielt und mein Ahne, der bei ihm stand, hörten ein gellendes Geschrei. Eine Minute darauf wirft ihnen Sir John den Körper des Affen zu, und ruft, das Geld habe sich vorgefunden, sie sollten kommen, ihm zu helfen. Richtig lag da der Geldsack und noch manche andere Dinge, die schon längst vermißt wurden. Als Sir John den Thurm genau durchsucht hatte, führte er meinen Großvater in das Speisezimmer, ergriff ihn bei der Hand und redete ihm freundlich zu, sagte, es thäte ihm leid, daß er Mißtrauen in seine Worte gesetzt habe, er wolle aber in Zukunft ein gütiger Herr gegen ihn sein, und ihn auf andere Weise zu entschädigen suchen. »Denn seht, Steenie,« sagte Sir John, »wenn schon die ganze Erscheinung im Allgemeinen meinem Vater zur Ehre gereicht, da sie zeigt, daß er, als ein ehrlicher Mann, selbst nach seinem Tode einem armen Manne, wie Ihr, Gerechtigkeit verschafft, so wißt Ihr doch, daß Uebelgesinnte leicht einen bösen Schluß über das Heil seiner Seele daraus ziehen könnten. Ich denke also, wir legten den ganzen Wirrwarr dem boshaften Geschöpf, dem Major Weir zur Last, und verschwiegen Euren Traum im Walde von Pitmurkie. Ihr hattet ja überdies zu viel Branntwein zu Euch genommen, als daß Ihr Alles mit Gewißheit behaupten könntet, auch die Quittung da (die Hand zitterte ihm, als er sie in die Höhe hob) – das ist ein wunderliches Aktenstück, so wollen wir sie denn, denke ich, ruhig in's Feuer werfen.« »Halt, halt, so wunderlich es auch sein mag, so ist es doch ein Zeugniß für die Zahlung meiner Rente,« sagte mein Großvater, der vielleicht fürchten mochte, den Nutzen der Quittung zu verlieren.« »Ich will den Inhalt zu Euren Gunsten in das Zinsbuch eintragen, und es Euch mit meiner Hand quittiren,« sagte Sir John, »und zwar sogleich. Und kannst du, Steenie, »über die Sache deine Zunge im Zaume halten, so sollst du künftig weniger Zins zahlen.« »Schönen Dank, Ew. Gnaden,« sagte Steenie, der nun wohl sah, von welcher Seite her der Wind blies, »ohne Zweifel werde ich genau dem Befehle Ew. Gnaden gehorchen; doch möchte ich gern über die Sache mit irgend einem einsichtsvollen Geistlichen reden, denn mir will die Art von Vorladung nicht sonderlich gefallen, welche der Vater Ew. Gnaden –« »Nenne das Trugbild nicht meinen Vater,« unterbrach ihn Sir John. »Nun gut; also das Ding, das ihm ähnlich sah,« sagte mein Großvater: »er sprach davon, daß ich nach einem Jahre wieder kommen sollte, und das lastet nun auf meinem Gewissen.« »Auch gut meinetwegen,« sagte Sir John, »liegt Euch die Sache so schwer auf dem Herzen, so könnt Ihr mit dem Pfarrer des Kirchsprengels reden; er ist ein sanfter Mann, und nimmt um so mehr Rücksicht auf die Ehre meiner Familie, da er auf eine Patronatsstelle hofft.« Nun willigte mein Großvater gern darein ein, daß die Quittung verbrannt werden sollte, der Laird warf sie also mit seinen eigenen Händen in's Kamin. Dennoch aber verbrannte sie nicht; sondern weg flog sie durch den Schornstein, Funken sprühend und zischend wie eine losgelassene Rakete. Mein Großvater ging hinab in das Pfarrhaus; der Pfarrer aber, nachdem er ihm die ganze Geschichte erzählt hatte, sagte, es wäre seine ernste Meinung, daß, obgleich mein Großvater sehr weit gegangen sei, indem er sich mit gefährlichen Dingen selbst in Versuchung gebracht hätte, er aber doch den Lockungen des Teufels (mit Essen und Trinken) widerstanden habe, auch verweigert hätte, ihm durch das anempfohlene Pfeifen zu huldigen, so hoffe er auch, daß wenn Steeme künftig einen ordentlichen, vorsichtigen Lebenswandel führen wollte, der Satan vom Laufe der Zeit wenig Nutzen haben würde. Und wirklich verschwor sich mein Großvater aus eigenem Antriebe, das Pfeifen und den Branntwein auf lange Zeit hinaus – selbst als das Jahr verstrichen und der verhängnißvolle Tag vorüber war, wagte er es nur selten, das Instrument zu ergreifen, oder sich mit einem Glas Usquebaugh zu erfrischen. Sir John stutzte seine Geschichte mit dem Affen auf, wie es ihm beliebte; so daß Manche noch heutigen Tages glauben, der Grund der ganzen Sache läge in der diebischen Natur des Thiers. Andere hingegen wollen es sich nicht ausreden lassen, daß es keineswegs der böse Feind gewesen wäre, den Dougal und mein Ahne im Zimmer des Lairds gesehen hätten, sondern das boshafte Thier, der Major, der auf dem Sarge seine Sprünge trieb; und was das Pfeifen nach dem Tode des Lairds beträfe, so hätte das der spitzbübische Affe so gut wie der Laird selbst gekonnt, und wohl noch besser. Aber der Himmel kennt die Wahrheit, die zuerst durch die Frau des Predigers herauskam, nachdem Sir John und ihr Ehemann schon längst im Grabe schlummerten. Dann aber mußte mein Großvater, um seinen guten Namen zu erhalten, seinen Freunden die ganze Geschichte erzählen, denn wenn schon sein Körper gealtert war, sein Verstand und sein Gedächtniß hatten noch nichts gelitten. Sonst hätte man ihn wohl beschuldigen können, ein Zauberer zu sein. * Der Abendschatten hatte sich schon bedeutend verfinstert, als mein Führer seine Erzählung mit folgender Moral schloß: »Siehst du nun, mein Vögelchen, daß es in einem unbekannten Lande kein kleines Wagestück ist, einen fremden Reisenden zum Führer zu nehmen.« »Die Schlußfolge kann ich nicht aus Eurer Erzählung ziehen,« sagte ich. »Eures Großvaters Abenteuer schlug sehr glücklich für ihn aus, denn es rettete ihn vom Untergang und von Dürftigkeit; auch seinen Gutsherrn mußte es erfreuen, da es ihn abhielt, eine höchst ungerechte Handlung zu begehen.« »Ja, Freund, früher oder später mußten doch beide die Folgen fühlen,« sagte der wandernde Willie, »aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Sir John starb nach einer kurzen Krankheit, ehe er noch viel über sechzig war. Und obschon mein Großvater im hohen Alter starb, so fiel doch mein Vater, ein rüstiger Mann von fünfundvierzig Jahren, auf das Pflugeisen und stand nicht wieder auf. Er hinterließ nur mich, sein einziges Kind, eine arme, blinde, vater- und mutterlose Waise, die weder an Arbeit noch an Mangel gewöhnt war. Im Anfang ging's noch leidlich; denn Sir Redwald Redgauntlet, der einzige Sohn des Sir John, der einzige Abkömmling des Sir Robert und, wehe mir! der letzte Sprößling des ehrenwerthen Hauses, nahm mich von meinem Pachthäuschen in sein Schloß und sorgte für mich. Er war ein Freund der Musik, und er hielt mir die besten Lehrer in England und Schottland. Viele Jahre brachte ich bei ihm zu, aber, ach Gott, in den fünfundvierziger Jahren zog er nebst anderen Edelleuten aus – ich mag nicht weiter davon sprechen. Nie ward es mir wieder recht wohl zu Muth, seitdem ich ihn verlor; aber wenn ich noch ein Wort davon rede, so kann ich wahrlich heute Abend keinen Strich mit dem Bogen führen. – Sieh dich doch um, mein liebes Kind,« sagte er mit veränderter Stimme, »du mußt jetzt die Lichter im Thal von Broken-Burn schimmern sehen.« Zwölfter Brief. Derselbe an Denselben. Ich setze meine weitläufigen Schreibereien immer fort, obschon der Gegenstand nicht immer sehr anziehend sein mag. Möge also die Anmuth der Erzählung, und der Antheil, den wir gegenseitig an unserem Schicksal nehmen, die Geringfügigkeit der Dinge selbst auswägen. Wir Thoren unserer Einbildungskraft lassen uns, wie Malvolio, gern von unseren eigenen Luftschlössern täuschen, doch haben wir wenigstens den Vortheil vor den Weisen der Erde, daß die Summe aller Vergnügungen und Genüsse uns stets zu Gebote steht, und daß wir uns ohne Beihülfe der äußeren Gegenstände zu allen Zeiten geistige Gastmähler auftischen können. Freilich gleichen sie dem Mahle, das der Barmecide dem Alnaschar anbot, und wir werden bei dieser Diät nicht eben sonderlich wohlbeleibt werden. Dafür aber bringen sie weder den Ekel noch den Ueberdruß hervor, welche die gewöhnlichen Folgen sinnlicherer Genüsse sind. Darum bete ich immer mit Ode vom Schloß Building: »Gib mir die Hoffnung, die das Herz nicht zehret. »Gib mir den Schatz, der nicht verfliegt. »Gib mir das Glück, das Phantasie gewähret. »Und eine Freundschaft, die nicht trügt.« Darum werde ich also, trotz deines feierlichen Lächelns, trotz deines weisen Kopfschüttelns, immer fortfahren, meinen einförmigen Abenteuern so viel Interesse unterzuschieben, als ich nur kann, und sollte dieses Interesse selbst ein Geschöpf meiner Einbildungskraft sein. Nicht einmal deine heilig blinkenden Augen will ich mit der Mühe verschonen, das Papier zu durchlesen, das meine Erzählungen enthält. Mein Letztes endete damit, daß wir im Begriff waren, in das Thal von Broken-Burn durch dieselbe gefährliche Schlucht hinabzusteigen, die ich früher en croupe hinter einem wüthenden Reiter kennen lernte, und deren Gefahren ich jetzt wieder, unter der unsicheren Leitung eines Blinden, Trotz bieten wollte. Es ward dunkel, doch war das für meinen Führer kein Hinderniß, der wie bisher mit gleicher Sicherheit des Schrittes einherging, so daß wir bald das Ende der Kluft erreichten, wo ich in meinem früheren Aufenthaltsort die Lichter flimmern sehen konnte. Aber nicht dahin ging unser Weg. Wir ließen die Wohnung des Lairds zur Linken liegen, folgten dem Laufe des Baches und erreichten bald einen kleinen Weiler, welcher an der Mündung des Flusses (wahrscheinlich der Bequemlichkeit wegen, die er den Fischerbooten darbot) erbaut war. Ein langes, niedriges Gebäude, dessen Fronte gerade vor uns lag, war hell erleuchtet, und das Licht schimmerte nicht nur aus jeglichem Fenster und jeglichem Ritze der baufälligen Wände, sondern sogar aus den Löchern und Rissen des Daches, das zum Theil mit Dachziegeln gedeckt , zum Theil mit Moos und Stroh bedeckt war. Während diese Erscheinung meine Aufmerksamkeit in Anspruch nahm, ward die meines Gefährten von regelmäßig folgendem Fußstampfen, vermischt mit einem schwachen musikalischen Tone, angezogen, welches Willie's geübtes Hörorgan schon deutlich unterschied, während ich es noch kaum hörte. Mit heftiger Leidenschaft stieß der alte Mann den Stock auf die Erde. »Die lüderliche Fischersbrut! Sie haben mir einen anderen Geiger in den Weg gestellt! Erzschmuggler! Müssen sie gar in der Musik ihren Schleichhandel treiben; aber bei mir sollen sie schlimmer wegkommen, als bei allen Mauthbeamten in der Grafschaft. Still – horch – es ist doch keine Violin – es ist der Pfeifen- und Trommeln-Bastard Simon von Sowport vom Nicols-Walde; aber ich will ihn bepfeifen und betrommeln! Laßt mich nur erst die linke Hand an seinem Halstuch haben, so sollt Ihr schon sehen, was die Rechte thun wird. Komm nur – Bürschchen, – komm nur – liebes Bürschchen – es ist jetzt keine Zeit dazu, sorgfältig die Schritte zu wühlen.« Er eilte dahin mit großen, sicheren Schritten und zog mich nach. Mir war es nicht ganz wohl in seiner Gesellschaft; denn nun, da sein Meistersängerstolz beleidigt war, veränderte sich das ruhige, anständige, ich möchte fast sagen, ehrwürdige Aussehen des Greises in das eines stolzen, prahlerischen und lüderlichen Landstreichers, so daß ich beim Eintritt in die Hütte, wo eine große Anzahl von Fischern mit Weibern und Töchtern aßen, tranken und tanzten, sehr befürchten mußte, die Heftigkeit meines Gefährten möchte uns einen übeln Empfang bereiten. Aber das allgemeine laute Willkommen, mit welchem der wandernde Willie empfangen ward – das herzliche Glückwünschen, der wiederholte Ruf: »Seid Ihr da, Willie! – Wo habt Ihr denn gesteckt, blinder Gesell? – Das Trinken auf seine Gesundheit, endlich vorzüglich die Eile, mit der man die widerwärtige Pfeife und die Trommel verstummen ließ, gaben dem alten Manne so kräftige Beweise seiner unverminderten Volksthümlichkeit und seines Gewichts, daß seine Eifersucht sich plötzlich legte, und er den Ton beleidigender Würde in einen anderen umänderte, der passender war, einen herzlichen Empfang zu erwidern. Die jungen Männer und Frauen versammelten sich, um ihm zu sagen, wie sehr sie gefürchtet Hütten, es möchte ihm ein Unfall begegnet sein, und daß sie zwei oder drei junge Leute ausgeschickt hätten, um ihn zu suchen. »Kein Unfall ist mir, Gott Lob, begegnet,« sagte Willie, »nur das Ausbleiben des faulen Schlingels, des herumstreifenden Robins, meines Kameraden, der auf den Dünen zu mir kommen sollte, hielt mich auf. Aber ich habe einen tüchtigen Stellvertreter für ihn bekommen, dir wohl ein Dutzend solcher Galgenstricke werth ist.« »Wen hast du denn aufgetrieben, alter Willie?« fragten ein halb Dutzend Stimmen, während sich aller Augen auf deinen gehorsamen Diener richteten, der so gut wie möglich die Fassung zu behalten suchte, obgleich es ihn eben nicht gar sehr erfreute, der Mittelpunkt zu werden, nach welchem sich alle Augen richteten. »Ich kenne ihn am gesäumten Halstuch,« sagte ein Bursche: »es ist Gil Hobson, der gewandte Schneider aus Burgh. – Willkommen in Schottland, Meister Nadelöhr,« schrie er, indem er eine ungeheure Pfote, schwarz wie der Rücken eines Dachses, ausstreckte. »Gil Hobson? ja Gil Teufelssohn!« schrie der wandernde Willie; »es ist ein netter Bursche, ich halte ihn für einen Lehrling des Josua Geddes im Quäkerhandwerk.« »Was mag das für ein Handwerk sein, Freund?« fragte der Dachsbraunfaustige. »Beten und Singen,« – sagte Willie, was ein donnerndes Lachen hervorbrachte; »ich aber will den Gesellen ein besseres Geschäft lehren, nämlich Zechen und Geigen.« Daß Willie etwas von meinem wirklichen Stande verrieth, war gegen die Abrede; doch freute es mich, daß er es that, denn im Fall einer Entdeckung Hütte uns Beiden bei diesen rauhen, wilden Menschen unsere List übel zu stehen kommen können, auch überhob es mich der Mühe, einen angenommenen Stand zu behaupten. Die gute Gesellschaft bekümmerte sich nicht weiter um mich, ein oder zwei Frauenzimmer vielleicht ausgenommen, die bessere Bekanntschaften zu suchen schienen; aber während die Aelteren wieder ihre Plätze bei einer ungeheuren Bowle oder vielmehr bei einem dampfenden Kessel mit Branntweinpunsch einnahmen, ordneten sich die Jüngeren, und riefen dem Willie, ihnen aufzustreichen. Nach einer mir gegebenen Ermahnung: »meinem Rufe Ehre zu bringen, denn die Fischer hätten gute Ohren, wenn auch die Fische keine hätten,« fing Willie kräftig zu geigen an, und ich accompagnirte ihn, wie es schien, gar nicht zu seinem Mißfallen, denn er gab mir hier und da einen beifälligen Wink. Die Tänze bestanden meistens in schottischen Bauerntänzen, Walzern und dergleichen; fehlte es den Theilnehmern auch an Anmuth, so ersetzte sie doch der richtige Takt, die Kraft und die Gewandtheit des Schrittes, und die den Nordländern eigene Beweglichkeit in reichlichem Maße. Auch meine Freude stieg mit der allgemeinen Fröhlichkeit, durch Willie's musterhaftes Spiel und durch sein häufig wiederholtes: »brav gemacht, lieber Schatz, recht brav.« – Ja, ich muß es gestehen, ich empfand bei dem ländlichen Feste ein bedeutend größeres Vergnügen, als auf den steifen Bällen und Conzerten, die ich in Eurer hochberühmten Stadt besuchte. Vielleicht kam es auch daher, daß ich der Ton angebenden Dame von Broken-Burn wichtiger sein mochte, als ich es der weitberühmten Miß Nickie Murray, der Königin Eurer Edinburger Feste, je sein konnte. Die Person, welche ich meine, war eine niedliche Dame von ungefähr 30 Jahren, ihre Finger waren mit vielen silbernen und drei bis vier goldenen Ringen geziert; unter ihren vielen blauen, weißen und scharlachrothen Unterröcken erblickte man bis weit über dem Knöchel ihren schön geformten Fuß in den feinsten weißen Strümpfen von Lammwolle und Corduanschuhen mit silbernen Schnallen. Sie schien mir in Gnaden gewogen und äußerte: »der wackere, junge Gentleman sollte sich nicht zu todt geigen, sondern auch ein paar Mal mit herumtanzen.« »Und was soll denn aus mir werden, Frau Martin?« sagte Willie. »Aus dir?« sagte die Dame; »der Tausend hole dich, alter Krausbart! Du könntest wohl zwanzig Stunden lang in einem fort spielen, und die ganze Landschaft mit Tanzen ermüden, ehe du deinen Bogen niederlegst, einen Labetrunk oder so etwas ausgenommen.« »Wahrhaftig, Madame,« antwortete Willie, »Ihr habt nicht ganz unrecht; »wenn also mein Kamerad tanzen soll, so schafft mir nur meinen Schoppen, und dann geht meinetwegen mit ihm auf und davon, wie Magda Middlebie.« Der Trank ward bald herbeigeschafft; aber während Willie sich daran ergötzte, erschien eine Gesellschaft in der Hütte, die plötzlich meine Aufmerksamkeit auf sich zog, und den Gedanken an die galante Artigkeit verdrängte, mit welcher ich mir vorgenommen hatte, der rothwangigen, wohlgebildeten, weißfüßigen Thetis, die mir die Entlassung von meinem musikalischen Berufe ausgewirkt hatte, meine Hand zu reichen. Es war nämlich nichts Geringeres, als die plötzliche Erscheinung des alten Weibes, das der Laird Mabel genannt hatte, des Christal Nixon, seines männlichen Dieners und der jungen Dame, welche das Gebet sprach, als ich bei ihm zu Abend aß. Dieses junge Frauenzimmer – Allan, du bist in deiner Art ein Hexenmeister – dieses junge Frauenzimmer, das ich nicht beschrieb und das du eben deßwegen für einen mir nicht gleichgültigen Gegenstand hieltest – ist es auch, ich sage es ungern, nicht so völlig, wie die Klugheit es gebieten würde. Ich kann es dieses Mal nicht Liebe nennen, denn zu oft gebrauchte ich das Wort bei vorübergehenden Launen und Einbildungen, als daß ich deinem Spotte entgehen könnte, wenn ich das Gefühl so nenne, das mich jetzt beseelt. Denn ich muß es gestehen, nach den Jahren zu rechnen, die an mir vorüber flogen, habe ich den Ausdruck ein wenig zu oft gebraucht (ein Romantiker würde sagen entweiht ). Aber im Ernst, der schöne Kaplan von Broken-Burn hat meinem Kopfe oft Besuche abgestattet, wenn er ganz und gar nichts darin zu suchen hatte. Findest du darin den Schlüssel zu den Gründen, die mich bewegen konnten, im Lande umherzustreichen, und mich für Willies Gefährten auszugeben; in Gottes Namen, so gebrauche ihn – für die Erlaubniß brauchst du nicht zu danken, denn in jedem Falle hättest du es doch gethan, erlaubt oder nicht. So stand es mit meinen Gefühlen, und nun denke dir, was mich durchdrungen haben muß, als, gleich wie die Strahlen der Sonne die Wolken zertheilen, ich das entzückend schöne Mädchen in den Tanzsaal treten sah, nicht als käme sie zu ihres Gleichen, sondern einer Gebieterin gleich, die mit ihrer Gegenwart das Freudenfest der Untergebenen verherrlichen will. Der alte Mann und die Frau folgten ihr mit eben so finsteren Blicken, als die ihrigen liebreich waren; es schien, als ob zwei rauhe Wintermonate Begleiter des hold lächelnden Mai's wären. Als sie eintrat, trug sie – erstaune Allan – einen grünen Mantel , genau so wie du die Hülle deiner schönen Clientin beschriebst, was meine Vermuthung noch bestätigte, daß nämlich mein Carlau und deine Unbekannte ein und dieselbe Person wären. Kaum erkannte sie mich, als ihre Stirne sich auch schon sichtlich verfinsterte. Sie gab der weiblichen Dienerin ihren Mantel, und nach einem Augenblick, in welchem sie zu schwanken schien, ob sie vor- oder rückwärts gehen sollte, trat sie mit würdiger Ruhe in das Zimmer. Alles wich ehrerbietig auf die Seite, die Männer zogen die Mützen ab, die Frauen verbeugten sich tief, bis sie sich auf einen Stuhl niederließ, der achtungsvoll fern von den übrigen gestellt worden war. Dann entstand eine Pause, bis endlich die geschäftige Ceremonienmeisterin mit schüchterner, aber herzlicher Höflichkeit der jungen Lady ein Glas Wein anbot, welches diese erst ablehnte, dann nur in so fern annahm, daß sie sich gegen die sämmtliche Gesellschaft verneigte, und ihnen sämmtlich Gesundheit und Freude wünschte; hierauf berührte die schöne Besucherin den Rand des Glases mit ihren Lippen und stellte es wieder auf den Teller hin. Wieder eine Pause entstand, und so verwirrt hatte mich die unerwartete Erscheinung gemacht, daß ich nicht daran dachte, daß es mir zukäme, sie zu unterbrechen. Endlich entstand ein allgemeines Murren, da man der früheren Unterredung zufolge erwartete, daß ich den Reigen beginnen, ja sogar ausführen sollte. »Der Teufel steckt in dem Geigersbuben,« brummte man von mehr als einer Seite her – »hat einer je einen so unverschämten Fiedler gesehen?« Endlich schrie mir ein ehrwürdiger Tritone, der seinen Vorstellungen mit einem tüchtigen Schlag auf die Schulter Nachdruck gab, laut zu: »Auf den Tanzboden – auf den Tanzboden, zeigt wie Ihr springen könnt – schaut doch, wie die Mädchen warten!« Ich fuhr in die Höhe, sprang von dem erhöhten Sitze, der unser Orchester vorstellen sollte, hinab, ordnete meine Gedanken so schnell wie möglich, nahete mich dem obern Ende des Zimmers, und statt meine Hand der oben erwähnten weißfüßigen Thetis zu reichen, faßte ich mir ein Herz, und bot sie der Lady von Grünmantel an. Die lieblichen Augen der Nymphe schienen sich ob der Kühnheit meines Anerbietens vor Erstaunen zu erweitern, und dem Gemurmel nach zu urtheilen, daß ich um mich herum hörte, versetzte es die Zuschauer in eine eben so große Verwunderung, wenn es sie nicht gar beleidigte. Aber nachdem sie sich von dem Gefühle, das sich ihrer im ersten Augenblicke bemächtigt hatte, erholte, erhob sie das Haupt, und indem sie sich stolz erhob, wie Jemand, welcher zeigen will, daß er seine große Herablassung fühlt, reichte sie mir die Hand, einer Fürstin gleich, welche einem geringen Ritter huldreich eine Gnadenbezeugung gewährt. Wenn der Grünmantel die Wahrheit gesprochen hat, dachte ich in meinem Herzen, so ist das eitel Ziererei. Denn junge Damen machen doch keine Besuche und schreiben keine Briefe, um einen Rechtsgelehrten zu bewegen, sich in die Handlungen eines Mannes zu mischen, an welchem ihnen so wenig liegt, wie diese Nymphe es mich fühlen läßt. Sollte mich auch die Aehnlichkeit der Mäntel täuschen, so muß ich mich doch immer der Auszeichnung würdig zeigen, mit welcher sie mich mit so viel Stolz und Zurückhaltung begnadigt hat. Der Tanz, welcher eben beginnen sollte, war der alte schottische Jigg, in welchem ich, wie du wohl weißt, bei la Pique keine üble Figur zu spielen pflegte, während deine ungeschickten Bewegungen deinen Knochen häufig Fidelbogenstreiche des großen Professors zuzogen. Die Wahl der Melodie ward meinem Gefährten Willie überlassen, der, als er seinen Trunk beendigt hatte, spitzbübischer Weise das wohlbekannte Volkslied aufspielte: »Lustig tanzte des Quäkers Weib, Und lustig tanzte der Quäker.« Ein schallendes Gelächter brach auf meine Kosten aus, und ich würde mich vernichtet gefühlt haben, wenn nicht ein Lächeln, das die Lippen meiner Tänzerin umschwebte, fern von Spott mir sagen zu wollen schien: »nimm dir das nicht zu Herzen.« Auch that ich es keineswegs, Allan – meine Tänzerin tanzte wunderbar, und ich wie Einer, der, wenn er schon weiß, daß er übertroffen wird, doch nicht ganz verdunkelt werden möchte. Sicher verdienten unsere Leistungen sowohl, als auch Willie's Musik gebildetere Zuhörer und Zuschauer; dann aber hätte uns auch kein so schallender Beifall begrüßt, wie der, welcher uns zu Theil ward, als ich meine Tänzerin auf ihren Platz zurückführte, und einen Sitz neben ihr einnahm, wie Jemand, der ein Recht dazu besitzt, die bei solchen Gelegenheiten gewöhnlichen Aufmerksamkeitsbezeugungen zu erweisen. Sie schien sichtlich verlegen, ich aber war fest entschlossen, es nicht zu bemerken, bis ich eine Gelegenheit finden würde, zu erfahren, ob in der schönen Form auch eine schöne Seele wohne. Doch aber, so kühn auch der Entschluß gefaßt wurde; so kannst du dir doch nur zu gut die Schwierigkeiten vorstellen, die sich seiner Ausführung entgegen stellten; da es mir stets an Umgang mit den Reizenden des anderen Geschlechts fehlte, so bin ich dadurch ein alberner Tropf geworden, der nur einen Gran Blödigkeit weniger besitzt, als du. Dann war sie auch so wundervoll schön, so viel Würde lag in ihrem Benehmen, daß ich in den entsetzlichen Irrthum verfiel, ich dürfte sie nur mit einer ausgezeichneten Artigkeit anreden; aber bei allem Hin- und Hersinnen wollte mir auch nicht eine einzige Idee einfallen, die der Verstand nicht entweder als kriechende Schmeichelei, oder als flachen und faden Witz verdammen mußte. Es war mir, als wäre mein Denkvermögen nicht mehr mein Eigenthum, sondern stände bald unter der Herrschaft des Aldiborontophoscophornio, bald unter der seines Freundes Rigdum Funnidos. Ach wie beneidete ich in diesem Augenblick unsern Freund Jack Oliver; der mit wohlgefälligem Selbstgefühl sein fades Geschwätz auskramt, der, weil er nie daran zweifelt, daß seine Unterhaltung Vergnügen gewährt, ein jedes schönes Weib, das ihm in den Weg kömmt, kühn anredet, und der die Pausen im Gespräche mit allen Dienstpflichten eines Cavaliere servente , mit Fächern und Flacons auszufüllen weiß. Ich versuchte es auch, doch mochte es linkisch genug heraus gekommen sein, wenigstens nahm sie Lady Grünmantel wie eine Fürstin die Huldigung eines Leibeigenen auf. Unterdessen blieb der Tanzplatz leer, und da die Freude etwas gestört worden war, so wagte ich es en dernier ressort (als letztes Hülfsmittel), ein Menuet vorzuschlagen. Sie dankte, indem sie ziemlich stolz erwiderte: »Sie wäre hier, die guten Leute bei ihren harmlosen Vergnügungen aufzumuntern, keineswegs aber zur Belustigung derselben ihre unbedeutende Tanzkunst zur Schau auszustellen.« Sie schwieg einen Augenblick, als wollte sie mir Zeit zur Antwort gönnen, doch da ich schüchtern stille schwieg, neigte sie anmuthsvoll ihr Köpfchen und sprach: »Ich wollte Sie nicht beleidigen, ein ländlicher Tanz wäre wohl passender, wenn Sie es auch glauben.« Wie eselsdumm war ich doch, Allan, daß ich ihren Wünschen nicht zuvorkam! Hätte ich nicht bemerken sollen, daß sich das häßliche Paar, die Mabel und der Christal, auf den beiden Seiten ihres Stuhles hingepflanzt hatten, wie die Schildhalter des königlichen Wappen? Der Mann, dick, untersetzt, langhaarig und trotzig wie der Löwe; das Weib, ausgedürrt, steif geschnürt, lang, hager und verhungert, wie das Einhorn. Ich hätte doch bedenken sollen, daß unter der Aufsicht zweier so wachsamer Beobachter unsere Unterredung weder ruhig, noch ungestört sein konnte; daß aber das Geräusch, die Bewegungen und Verwirrungen eines ländlichen Tanzes, wo die ungeübteren Theilnehmer jeden Augenblick Störungen verursachen und die andern Paare nöthigen, eine Zeit lang stille zu stehen, daß endlich die regelmäßigen Ruhepunkte des Tanzes selbst die beste Gelegenheit darboten, sich unbemerkt und zur rechten Zeit einige Worte zuzuflüstern. Kaum hatten wir die Reihe hinab getanzt, als sich schon eine solche Veranlassung ereignete; mit der größten Lieblichkeit und Bescheidenheit redete mich meine Tänzerin an: »Es dürfte freilich nicht eben sehr passend sein, unaufgefordert eine Bekanntschaft einzugestehen; irre ich aber nicht, so rede ich mit Herrn Darsie Latimer.« »Darsie Latimer ist der Name des Mannes, der jetzt die Ehre und das Glück genießt.« Ich würde auf dem verkehrten Complimentenweg fortgaloppirt haben, wenn sie mir nicht in die Rede gefallen wäre: »Wie kommt es denn,« sagte sie, »daß ich Herrn Latimer hier treffe, verkleidet und in einem angenommenen Berufe, der eines Mannes so sehr unwürdig ist? – Um Verzeihung, ich möchte Sie nicht beleidigen, aber da Sie sich bis zum Gefährten eines solchen Menschen herabwürdigen – –« Sie sah meinen Freund Willie an und schwieg. Ich fühlte mich im innersten Herzen beschämt, und so beeilte ich mich ihr zu sagen, es wäre eine thörichte Laune, welche der Mangel an Beschäftigung mir eingeflößt hätte und über die ich keine Reue fühlen könnte, da sie mir das Vergnügen verschafft hätte, dessen ich mich jetzt erfreute. Ohne auf diese Artigkeit Rücksicht zu nehmen, ergriff sie die nächste Gelegenheit mir zu sagen: »Wird wohl Mr. Latimer einer Fremden, die ihm wohl will, die Frage verzeihen, ob es recht ist, daß er, in seinem kräftigen Alter, Beschäftigungen so sehr scheut, daß er eines thörichten Vergnügens wegen sich so leicht in niedrige Gesellschaften mischt?« »Sie sind streng, Madame,« antwortete ich; »doch kann ich mich unmöglich durch eine Gesellschaft entehrt finden, in welcher ich – –« Hier mußte ich mich selbst unterbrechen, weil ich fühlte, daß meine Antwort eine unhöfliche Wendung nahm. Das Argumentum ad hominem, die letzte Zuflucht des gebildeten Mannes, kann manchmal durch Umstände entschuldigt werden, aber selten oder nie das Argumentum ad feminam . Sie füllte die Lücke meiner Rede selbst aus. »In welcher Sie mich treffen, wollten Sie wahrscheinlich sagen? Aber der Fall ist sehr verschieden. Mein unglückseliges Schicksal zwingt mich, dem Willen Anderer zu folgen und Plätze zu besuchen, welche ich in einer andern Lage gern vermeiden würde. Ueberdieß theile ich, wenn ich diese paar Minuten ausnehme, jene lärmende Freude nicht – bin bloß Zuschauer und werde von meinen Dienern begleitet. Ihre Lage ist aber sehr verschieden – aus eigener Wahl sind Sie hier, Sie sind Theilnehmer und Beförderer der Vergnügungen einer Classe von Menschen, die in Erziehung, Geburt und Vermögen so tief unter Ihnen stehen. – Wenn ich etwas hart rede, Mr. Latimer,« fügte sie mit der süßesten Stimme hinzu, »so meine ich es doch von Herzen gut.« Ihre Rede brachte mich in Verwirrung, denn »streng war sie in jugendlicher Weisheit,« alles Natürliche und Lebhafte, das einem solchen Gespräch ziemt, verschwand aus meiner Erinnerung, ernst, wie sie gethan, erwiderte ich: »Es ist wahr, ich habe mich einer bessern Erziehung zu erfreuen gehabt, als diese armen Leute; aber Sie, Madame, deren gütige Fürsorge ich dankbar anerkenne. Sie müssen von meinem Stande mehr wissen, als ich selbst. – Ich darf weder sagen, daß ich ihnen in Geburt, da ich sie selbst nicht kenne, noch daß ich ihnen in Vermögen überlegen bin, da auch darüber ein undurchdringlicher Schleier liegt.« »Und warum sollte Sie denn Ihre Unkenntniß dieser Punkte zu niederer Gesellschaft und gemeinen Gebräuchen verleiten?« antwortete mein weiblicher Mentor. »Ist es männlich, zu warten, bis das Glück Ihnen freundlich zulächelt, und zwar zu einer Zeit, wo Ihre eigene Thatkraft Sie emporheben kann? Liegt Ihnen nicht das Gebiet der Wissenschaften offen – nicht das des männlichen Ehrgeizes – des Kriegs? – das Kriegshandwerk nicht, das haben Sie schon so theuer zahlen müssen.« »Ich will mich ganz Ihren Wünschen fügen,« antwortete ich eifrig. – »Sie dürfen mir nur den Weg anzeigen, und Sie werden sehen, ob ich ihm nicht willig folge, wäre es auch nur, weil Sie mir es befehlen.« »Nicht weil ich es Ihnen befehle,« sagte das Mädchen, »sondern weil Vernunft, gesunder Menschenverstand und Männlichkeit, weil Ihnen, mit einem Worte, Rücksicht auf Ihre eigene Sicherheit denselben Rath ertheilt.« »Wie dem auch sei, gewiß nahm Geist und Vernunft nie eine schönere Form – der Ueberzeugung an,« fügte sie hastig hinzu, denn sie wandte sich von mir ab und gab mir keine Gelegenheit, meinen angefangenen Satz zu beendigen, bis ich entschlossen, unser Gespräch bis zum aufklärenden Ziele zu bringen, die nächste Pause im Tanz benutzte, ihr zu sagen: »Sie nannten die Männlichkeit, Madame, und zugleich sprachen Sie von persönlicher Gefahr. Nun aber sagt mir mein Begriff von Männlichkeit, daß es feige ist, vor zweifelhaften Gefahren zu entfliehen. Sie, die Sie so viel von meinem Schicksal zu wissen scheinen, daß ich Sie meinen Schutzengel nennen möchte, sagen Sie mir, welche Gefahren mich bedrohen, damit ich urtheilen kann, ob mir die Männlichkeit gebietet, sie zu erwarten oder sie zu fliehen.« Diese Aufforderung brachte sie in große Verlegenheit. »Sie lassen es mich theuer entgelten, daß ich Ihnen menschenfreundlich meinen Rath anbot,« erwiderte sie endlich: »Ich gestehe es ein, daß ich an Ihrem Schicksale Theil nehme, woher diese Theilnahme aber entsteht, das darf ich Ihnen eben so wenig sagen, als woher und von wem Sie gefährdet sind: doch ist es nicht minder wahr, daß die Gefahr sehr nahe, unendlich groß ist. Fragen Sie mich nichts mehr darüber, um Ihrer selbst willen verlassen Sie dieses Land. Wo Sie auch sein mögen, überall sind Sie sicherer. – Hier ziehen Sie sich selbst Ihr Unglück zu!« »Muß ich denn so das einzige Wesen auf Erden verlassen, das Theilnahme an meinem Schicksal zeigt? – Ach, sagen Sie es nicht – sagen Sie mir, wir werden uns wiedersehen, dann soll die Hoffnung mir ein lieber Leitstern sein, der mir die Bahn zeigt, die ich wandeln soll.« »Wahrscheinlich,« sagte sie – »höchst wahrscheinlich werden wir uns nie mehr wiedersehen. Die Hülfe, die ich Ihnen jetzt gewähre, ist Alles, was in meinen Kräften steht; ich that Ihnen nicht mehr, als was ich einem Blinden thun würde, den ich dem Rande eines Abgrundes zugehen sehe; es darf Sie nicht in Erstaunen versetzen, und gebietet keine Dankbarkeit.« Wieder wandte sie sich schnell um, als sie es gesprochen hatte, sprach auch kein Wort, bis daß der Tanz sich seinem Ende nahte, dann sagte sie: »versuchen Sie es ja nicht, mich im Laufe der Nacht noch einmal anzureden, oder sich mir zu nahen; verlassen Sie die Gesellschaft so bald als möglich, aber ja nicht auffallend und – Gott schütze Sie.« Ich führte sie bis zu ihrem Sitz und ließ die schöne Hand, die in der meinigen ruhte, nicht los, bis ich mit einem leisen Druck meine Gefühle zu erkennen gegeben hatte. Sie erröthete flüchtig und zog ihre Hand zurück, ohne jedoch zu zürnen. Da ich nun sah, daß Christals und Mabels Augen starr auf mich geheftet waren, so verbeugte ich mich tief und verließ sie; das Herz war beklommen, wider Willen ward das Auge feucht, als die wogende Menge uns trennte. Meine Absicht war, wieder zu meinem Kameraden Willie hinzuschleichen und so gut wie möglich den Bogen zu führen, obgleich ich in dem Augenblick gern mein halbes Vermögen für eine Minute in der Einsamkeit gegeben hätte. Aber der Rückzug wurde mir von Frau Martin abgeschnitten, mit der Offenheit – (ich glaube der Ausdruck ist nicht unpassend) ländlicher Gefallsucht, die gerade auf das Ziel losgeht. »Ei, Bürschchen, Ihr scheint ja schon ganz müde, da Ihr eben noch so leicht daher gehüpft seid? Ein Pferd, das den ganzen Tag läuft, ist doch besser als ein Renner, der eine Meile weit rennt, dann aber nieder liegt.« Das war nun freilich eine ziemlich deutliche Aufforderung, die ich nicht gar wohl zurückweisen konnte. Ueberdies sah ich wohl, daß Frau Martin die Königin des Festes war; und so viele rauhe und sonderbare Gestalten umgaben mich, daß ich keineswegs sicher war, ob ich nicht einen Schutz in Anspruch nehmen mußte. Ich ergriff also ihre sehr bereitwillige Hand und wir stellten uns in die Reihe, wo ich, wenn auch meine Tritte und Bewegungen nicht so ganz genau waren wie zuvor, doch den Erwartungen meiner Tänzerin völlig entsprach, welche es fast beschwor, »daß ich unübertrefflich wäre.« – Sie, ihrerseits, strengte sich entsetzlich an, hüpfte wie ein Geislein, schnappte mit ihren Fingern wie mit Castagnetten, jauchzte wie eine Bacchantin und hopste wie ein Federball, bis daß die Farbe ihrer Strumpfbänder selbst kein großes Geheimniß mehr war. Ich glaube, sie verbarg sie um so viel weniger, da sie von himmelblauer Seide und mit Fransen besetzt waren. Es gab wohl schon Zeiten, wo mir das einen Hauptspaß gemacht haben würde, oder besser gesagt, in vier Jahren war die vergangene Nacht die einzige Zeit, wo es diese Wirkung nicht auf mich hervorbrachte; denn ich kann dir noch jetzt nicht beschreiben, wie groß meine Sehnsucht war, mich von Frau Martin loszumachen. Fast hätte ich gewünscht, sie möchte sich einen ihrer, mit schönen Zwickeln gezierten Knöchel versprengen; denn als ich bei den übertriebenen Bockssprüngen meiner Tänzerin die schöne Unbekannte den Saal verlassen sah, indem sie mir, wie es schien, einen ausdrucksvollen Blick zuwarf, stieg mein Widerwille gegen den Tanz so sehr, daß ich nicht übel Willens war, selbst ein Vertreten oder Verrenken des Fußes vorzuschützen, um die Darstellung zu entschuldigen. Aber ich war schon von einer Anzahl alter Weiber umgeben, die mir aussahen, als wüßte eine Jede von ihnen irgend ein Universalmittel für einen solchen Zufall, und da mir Gil Blas mit seiner angeblichen Krankheit in der Räuberhöhle einfiel, so hielt ich es für rathsamer, mit Frau Martin schön zu thun und fort zu tanzen, bis sie es für gut finden würde, mich zu entlassen. Da es also einmal geschehen mußte, so beschloß ich, es kräftiglich auszuführen; ich sprang und hüpfte also so hoch und wagerecht in die Höhe, wie Frau Martin selbst, und erwarb mir dadurch dauernden Beifall, weil das gemeine Volk kräftige Bewegungen und Gewandtheit stets der Anmuth vorzuziehen pflegt. Endlich ward es selbst der Frau Martin unmöglich, weiter zu tanzen; ich freute mich, daß ich nun entlassen wäre, benutzte nun das Tänzerprivilegium und führte sie auf ihren Platz zurück. »Potz tausend, meine Herren,« rief Frau Martin aus, »ich kann kaum mehr schnaufen! Wahrhaftig, junger Mann, ich glaube, Ihr habt mich zu todt tanzen wollen.« Ich konnte das zugefügte Uebel nur mit einigen Erfrischungen wieder gut machen, die ich herbeiholte und die sie willig genoß. »Ich war recht glücklich mit meinen Tänzerinnen,« sagte ich, »erst die schöne, junge Lady, dann Euch, Frau Martin.« »Geht mir weg mit Euren Schmeicheleien,« sagte Frau Martin. »Geht nur – geht; flüstert mir keine Schmeicheleien in's Ohr; mich und Miß Lilias zusammenzustellen! Nein, nein, Bürschchen – das ist nichts, sie mag wohl vier bis fünf Jahre oder so etwas jünger sein als ich, und dann das adelige, feine Benehmen.« »Ist sie die Tochter des Lairds?« fragte ich in einem so sorglosen Ton als möglich. »Seine Tochter, Freund? Nein, bloß seine Nichte – also doch noch verwandt mit ihm.« »Ja freilich,« erwiderte ich, »doch glaubte ich, sie führe seinen Namen?« »Sie führt ihren eigenen Namen und der heißt Lilias.« »Hat sie keinen andern Namen?« frug ich. »Wozu braucht sie einen andern, bis sie einmal einen Mann hat?« antwortete meine Thetis, vielleicht (um mich des Frauen-Ausdrucks zu bedienen) ein wenig verstimmt , daß ich die Unterredung auf meine frühere Tänzerin und nicht auf sie lenkte. Es entstand eine kleine Pause, welche Frau Martin mit der Bemerkung unterbrach: »Sie stellen sich schon wieder zum Tanz.« »Es ist wahr,« sagte ich, da ich keine Lust hatte, die gewaltigen Luftsprünge zu erneuern, »ich muß hingehen und dem alten Willie helfen.« Ehe ich mich noch losreißen konnte, hörte ich, wie die arme Thetis sich an einen Seemann mit einer blauen Jacke und weiten Matrosen-Beinkleidern wendete – (sie hatte, beiläufig gesagt, am Vorabend seine Hand ausgeschlagen) und ihm zu verstehen gab, sie wäre jetzt bereit dazu, ein Tänzchen zu machen. »Tanz nur zu, mein Schätzchen,« sagte der rachsüchtige Wassermann, ohne die Hand zu bewegen; »dort,« auf den Tanzboden zeigend, »ist Platz genug für euch.« Da ich mir nun gewiß Einen, vielleicht gar zwei Feinde gemacht hatte, so eilte ich meinem früheren Sitze neben Willie zu und fing wieder an, den Bogen zu führen. Deutlich konnte ich aber bemerken, daß mein Betragen einen ungünstigen Eindruck hervorgebracht hatte; die Worte »eingebildeter Schlingel!« – »gezierter Stutzer«, und endlich die noch beunruhigendere Benennung »Spion« gingen halblaut von Mund zu Mund, so daß ich herzlich froh war, als ich an der Thür Sam's Angesicht bemerkte, was mich in sofern beruhigte, da ich nun sicher war, ein Rettungsmittel in Händen zu haben. Ich flüsterte es Willien zu, der, seinen Worten nach zu urtheilen, noch mehr von dem unwilligen Murren gehört hatte, als ich: »Ja, ja – weg mit Euch – Ihr seid nur schon zu lange hier – schlüpft unbemerkt hinaus – laßt es nicht sehen, daß Ihr auf dem Sprunge steht.« Ich drückte dem alten Manne eine halbe Guinee in die Hand, worauf er antwortete: »Ach was! Thorheit – doch will ich es nicht abschlagen, weil ich hoffe, Ihr werdet es entbehren können. – Jetzt fort mit Euch – und wenn Jemand Euch etwas anhaben will, so ruft nur mich.« Ich ging also seinem Rathe gemäß durch das Zimmer, als suchte ich eine Tänzerin, trat zu Sam, den ich mit einiger Schwierigkeit von seiner Bowle losriß, und so verließen wir, so unbemerkt als möglich, die Hütte. Die Pferde waren in einem nahe liegenden Verschlag angebunden, und da der Mond schien und ich nun hinlänglich vertraut mit dem zwar unebenen und ungleichförmigen Wege war, so erreichten wir Shepherd's Busch sehr bald, wo die alte Wirthin uns ängstlich erwartete, weil (wie sie sich ausdrückte): schon Mancher aus ihrem Hause und aus den benachbarten Städten nach Broken-Burn gegangen wäre, der nicht mit so heiler Haut zurückgekommen sei. »Ohne Zweifel,« sagte sie, »verdankt Ihr es dem Schutze des wandernden Willie.« Bei diesen Worten erhob sich Willie's Frau, die in einem Winkel des Kamins ihre Pfeife rauchte, und fuhr im Lobe ihres »Schätzchens«, wie sie ihn nannte, fort. Sie suchte meine Großmuth von Neuem zu erwecken, indem sie eingebildete Gefahren beschrieb, aus denen mich bloß das Ansehen ihres Mannes gewiß gerettet hätte. Ich war aber nicht in ihrer Laune, mir noch mehr Geld abplaudern zu lassen, und legte mich also, bestürmt von den verschiedenartigsten Gefühlen, zu Bette. Seitdem habe ich ein paar Tage bald zu Mount Sharon, bald hier zugebracht, indem ich bald las, bald dir diese ausführliche Erzählung schrieb. Dann wurden wieder Pläne geschmiedet, wie ich es anstellen müßte, um die liebliche Lilias zu sehen, auch wohl zuweilen – ich glaube eben des Widerspruchs wegen – trotz Josua's Vorurtheile ein wenig geangelt, da ich, seitdem ich Fortschritte in dieser Kunst gemacht habe, auch mehr Freude daran finde. Und nun, mein theurer Allan, da du mein ganzes Geheimniß besitzest, so laß mich auch eben so frei in alle Falten deines Herzens schauen. Was fühlst du für dieses schöne ignis fatuus , für diese Lilie in der Wüste? Sag' es mir treu und offen, denn wie lebhaft sich auch ihr Bild meinem Gemüthe eingeprägt haben mag, meine Liebe zu Allan Fairford übertrifft doch weit meine Liebe zu dem Mädchen. Auch weiß ich wohl, daß, wenn du liebst, es geschieht: »Einmal zu lieben und nicht mehr.« Wenn sich einmal eine tief verzehrende Leidenschaft in einer kräftigen Brust, wie die deinige, entzündet, dann verlischt sie nur mit dem Lebenslichte. Ich bin von verschiedenartigerem, flüchtigerem Gemüthe, und obschon ich deine Antwort mit zitternder Hand und mit Ungewissem Herzen erbrechen werde, so sollst du sehen, daß, wenn sie mir ein offenes Geständniß bringt, daß diese schöne Unbekannte einen tieferen Eindruck auf dich gemacht hat, als ich von deiner Ernsthaftigkeit erwartete, daß ich den Pfeil sammt seinem Widerhaken mit eigenen Hunden aus meiner Wunde reißen kann. Unterdessen werde ich, verlasse dich darauf, keinen Schritt zur Ausführung der Pläne thun, die ich mir entworfen habe, um sie zu sehen. Ich habe es bis jetzt unterlassen, und ich gebe dir mein Ehrenwort darauf, ich werde es ferner thun. Doch was bedarf es fernerer Versicherungen von einem Manne, der so ganz dein eigen ist, wie dein D. L. * P.S. Ich sitze auf Dornen, bis ich deine Antwort habe. Ich lese und überlese deinen Brief, und bei meiner Seele, ich kann deine wahren Gefühle nicht daraus entdecken. Manches Mal scheint es mir, als sprächest du im Scherz von ihr, und dann kann ich doch nicht glauben, daß dem also ist. Beruhige mich also so bald als möglich. Dreizehnter Brief. Allan Fairford an Darsie Latimer. Ich schreibe dir augenblicklich, wie du es wünschest; und zwar in einer tragikomischen Stimmung, denn eine Thräne füllt mein Auge und ein Lächeln umschwebt meinen Mund. Theurer Darsie, gewiß, es gab nie ein so großmüthiges Wesen, wie du, aber sicherlich auch nie ein so thörichtes! Ich erinnere mich noch, daß du als Knabe der alten Tante Peggy deine schöne, neue Peitsche schenken wolltest, blos weil sie sie bewunderte; ebenso willst du jetzt mit unüberlegter, unzeitiger Freigebigkeit deine Geliebte einem pedantischen Sophisten aufopfern, der, wenn es nicht sein Beruf erfordert, sich kein Härlein um alle Evastöchter kümmert. Ich, in deine Lilias verliebt – in deinen Grünmantel, in deine unbekannte Zauberin! – Um's Himmels Willen, ich sah sie ja kaum fünf Minuten; und selbst während dieser Zeit war nur die Spitze ihres Kinns sichtbar. Sie war schön gebaut, das ist wahr, und die Spitze ihres Kinns ließ das schönste Angesicht erwarten, aber, Gott stehe mir bei! Sie kam ja in Geschäften! und wenn sich ein Jurist nach einer einzigen Consultation in eine schöne Clientin verlieben wollte, so wäre das eben so unvernünftig, als wollte er sich in einen besonders schönen Sonnenstrahl vergaffen, der augenblicklich seine Amts-Perrücke vergoldet. Ich gebe dir mein Wort darauf, mein Herz ist unverwundet; und versichere dich noch überdieß, daß, ehe sich ein Weib in mein Herz einschleicht, ich vorerst ihr volles Angesicht ohne Maske und Mantel sehen, und einen guten Theil ihrer Seele kennen gelernt haben muß. Sei also meinetwegen unbesorgt, mein gütiger, großmüthiger Darsie; aber um deinetwillen – hab Acht auf dich, damit dich keine schnell aufgefangene, thörichte Leidenschaft in ernstliche Gefahren versetze. Der Gegenstand beunruhigt mich so sehr, daß ich, da ich nun mit der ehrenvollen Robe bekleidet bin, meine Laufbahn gleich bei ihrem Beginnen verlassen haben würde, um zu dir zu eilen, wenn es nicht meinem Vater gelungen wäre, meine Füße mit den Banden des Berufs zu fesseln. Ich will dir die Sache der Länge nach erzählen, denn sie ist drollig genug; und warum solltest du meinen juristischen Abenteuern nicht eben so gern ein geneigtes Ohr leihen, wie ich denen, die dir auf deiner irrenden Geigerritterschaft zustießen? Das Mittagessen war vorüber, und ich überlegte eben, wie ich meinem Vater meinen Entschluß, nach Dumfriesshire zu reisen, am besten beibringen könnte, oder ob es nicht vielleicht besser wäre, auf und davon zu gehen, und mich schriftlich zu entschuldigen, als er plötzlich den eigenen Blick annahm, mit welchem er mir gewöhnlich die Absichten mittheilte, von denen er vermuthete, daß sie mir nicht sehr angenehm sein würden. »Allan,« sagte er, »du trägst nun die Robe – du hast, wenn ich mich kaufmännisch ausdrücken soll, deinen Laden eröffnet; du glaubst nun ohne Zweifel, der Boden der Gerichtshöfe wäre mit Guineen bestreut, und du dürftest dir nur die Mühe geben, dich zu bücken, um sie zu sammeln.« »Ich fühle wohl, Vater,« sagte ich, »daß es mir noch an Wissen und an Uebung fehlt, und daß ich vor Allem streben muß, sie zu erlangen.« »Wohl gesprochen,« antwortete mein Vater; doch weil er stets fürchtet, zu sehr aufzumuntern, so fügte er hinzu: »wohl gesprochen, Allan, wenn du nämlich auch darnach handelst. Nach Kenntniß und Uebung streben, das ist der rechte Wahlspruch. Du weißt aber, Allan, daß in der andern Fakultät, wo man die Ars medendi studirt, die jungen Doctores , ehe sie vor dem Krankenbette in Palästen stehen, wie sie sich ausdrücken, die Hospitäler besuchen müssen, daß sie erst den Lazarus von seinem Aussatze heilen müssen, ehe sie dazu gelangen, dem Dives etwas gegen Gicht und Magenschwäche verschreiben zu dürfen.– –« »Ich bin es überzeugt, Sir, daß –« »Still – unterbrich das Gericht nicht – Gut so haben auch die Wundärzte den löblichen Gebrauch, daß sie ihre Lehrlinge und Gehülfen sich an empfindungslosen, todten Körpern üben lassen, denen sie, wenn auch nichts Gutes, doch auch keinen Schaden zufügen können. Auf der andern Seite aber erlangt der Gehülfe oder der Lehrling eine gewisse Fertigkeit und Uebung, und lernt nach und nach einem lebenden Gegenstand einen Arm oder einen Fuß so glatt abzuschneiden, wie du eine Zwiebel schälst.« »Ich glaube Sie zu verstehen, Sir,« erwiderte ich, »und wäre nicht eine besondere Verbindlichkeit –« »Sprich mir nichts von Verbindlichkeiten, sondern sei stille – du bist ein guter Sohn – unterbrich also das Gericht nicht.« Mein Vater pflegt, wie du weißt – mit aller kindlichen Ehrfurcht sei es gesagt – etwas weitschweifig in seinen Reden zu sein. Ich konnte also weiter nichts thun, als mich anlehnen und zuhören. »Vielleicht denkst du, Allan, weil ich von meinen würdigen Clienten mit der Besorgung einiger Geschäfte beauftragt bin, so würde ich dir sie auch augenblicklich übertragen, und dir auf diese Weise, so weit nämlich meine kleinen Geschäfte und mein Einfluß reichen, sogleich eine nicht unbedeutende Praxis verschaffen; und freilich, Allan, hoffe ich auch den Tag noch zu erleben, an welchem es geschehen soll. Aber ehe ich, wie das Sprüchwort sagt, meine eignen Fische meinen eignen Seemöven vorwerfe, muß ich meines eignen Charakters wegen auch sicher sein, daß meine Seemöve sie tüchtig anpacken kann. Was sagst du dazu?« »Ich bin so weit davon entfernt,« antwortete ich, »eine zu frühe Praxis zu wünschen, daß ich gern einige Tage dazu bestimmen möchte –« »Zu weiterem Studio, willst du sagen, Allan. Aber das ist jetzt auch nicht der rechte Weg – du mußt die Hospitäler besuchen – mußt den Lazarus heilen – du mußt einen abgestorbenen Körper zerschneiden und zerlegen, um dadurch deine Geschicklichkeit zu bezeugen.« Ich erwiderte: »Gewiß werde ich die Sache eines Armen mit Vergnügen übernehmen, und mir so viel Mühe dafür geben, als gälte es, einen Herzog zu vertheidigen; aber die nächsten zwei oder drei Tage –« »Müssen ernstem Studio gewidmet werden, Allan – sehr ernstem Studio; denn du mußt dich vorbereiten, nächsten Dienstag in praesentias Dominorum einen öffentlichen Vortrag zu halten.« »Ich, Sir?« erwiderte ich voll Erstaunen, – »ich habe ja meinen Mund noch nicht in der Vorhalle aufgethan.« »Kümmere dich nichts um die unteren Instanzen, Freund,« sagte mein Vater; »wir wollen dich plötzlich in das Allerheiligste führen, über Stock und Stein.« »Aber, Sir, wie leicht könnte ich nicht eine Sache verderben, die mir so plötzlich aufgetragen wird?« »Du kannst sie nicht verderben, Allan,« sagte mein Vater, indem er sich vor Vergnügen die Hände rieb; das ist eben die Sache, Freund. Es ist, wie ich vorher sagte, ein Gegenstand, an welchem seit fünfzehn Jahren alle Gehülfen ihre Probestückchen abgelegt haben; und da schon zehn bis zwölf Advokaten in der Sache gearbeitet haben, von denen Jeder seinen eigenen Weg einschlug, so ist sie in einen solchen Zustand gerathen, daß weder Stair noch Arniston sie verbessern können; so kannst auch du, Allan, sie nicht verschlimmern – du kannst dir einen Ruf damit erwerben, aber keinen verlieren.« »Und, ich bitte Sie, wie heißt denn mein glücklicher Client?« sagte ich ziemlich unfein, wie mir's deucht. »Wohlbekannt ist sein Name im Parlamentshause,« sagte mein Vater, »ich erwarte ihn wirklich jeden Augenblick; es ist Peter Peebles.« »Peter Peebles!« rief ich mit Erstaunen aus, »das ist ja der wahnsinnige Bettler – so arm wie Hiob, und so toll wie ein März-Hase.« »Schon fünfzehn Jahre fährt er bei den Gerichten herum,« sagte mein Vater in mitleidsvollem Tone, der zu sagen schien, schon diese Thatsache wäre hinreichend, sich des armen Mannes Gemüths- und Vermögens-Umstände zu erklären. »Ueberdieß, Sir,« fügte ich hinzu, »steht er auf der Armenliste, und Sie wissen, daß es bestimmte Advokaten gibt, die mit der Besorgung ihrer Angelegenheiten beauftragt sind; wie sollte ich mich nun hinein mischen? –« »Still, Allan! – unterbrich das Gericht nicht – das ist Alles schon vorbereitet, wie ein Federball (mein Vater entlehnt manchmal seine Gleichnisse und Bilder aus dem, von ihm früher sehr geliebten Golfspiel) – du mußt nämlich wissen, daß Peters Rechtssache zuerst dem jungen Dumtoustie übertragen werden sollte – du kennst vielleicht den jungen Menschen, er ist ein Sohn des gleichnamigen Dumtoustie, welcher im Parlamente die Grafschaft ** vertritt, und ein Neffe vom jüngeren Bruder des Lairds, des ehrenwerthen Lord Bladderskate, was ihm eine fast sichere Anwartschaft auf Begünstigung und vielleicht auf eine Sheriffsstelle gibt, so gewiß wie aus einem kleinen Sieb ein großes werden kann. Heute Morgen kam also Sounders Drudgeit, des Lairds Schreiber, in der Parlamentshalle zu mir, als hätte er den Verstand verloren; denn es scheint mir, daß der junge Dumtoustie zum Armenadvokaten ernannt ist, und daß ihm vor Kurzem Peebles Prozeß übertragen wurde. Sobald aber die hirnlose Gans die Aktenstöße sah (und freilich, Allan, sind sie nicht von den kleinsten), bekam er Furcht, ließ sein Pferd satteln und eilte fort auf's Land; daher kömmt es, sagte Saunders, daß Mylord vor Scham und Aerger fast vergeht, da er sieht, wie sein Neffe beim Beginnen seiner Laufbahn auf und davon geht. »Ich will Euch etwas sagen, Saunders,« sagte ich, »wäre ich Mylord und ein Freund oder Verwandter von mir verließe während der Gerichtssitzungen die Stadt, so dürfte mir der Verwandte, oder was er auch sei, nie wieder meine Thür betreten.« Dann versuchte ich es, Allan, den Ballen uns zuzuschleudern; du, sagte ich, wärst ein aufgeweckter, scharfsinniger Vogel, der eben die Fesseln abgeworfen hätte, und wenn es dem Lord eine Gefälligkeit wäre, und so weiter, so würdest du nächsten Dienstag des Peters Sache führen, und die nothwendige Abwesenheit deines Freundes mit irgend einer sinnreichen Wendung entschuldigen, würdest z. B. sagen, wie viel der Gerichtshof sowohl als dein Client durch die Entfernung eines so tief gelehrten Sachwalters verliere. Saunders schnappte den Vorschlag auf, wie der Hahn ein Gerstenkorn, denn er sagte, das einzige Hülfsmittel, das noch übrig bliebe, wäre, eine ungeübte Hand in die Sache zu bringen, welche die aufgebürdete Last nicht zu beurtheilen verstände; denn es gebe keinen jungen Advokaten, der, wenn er auch nur zwei Sitzungen beigewohnt hätte, nicht todtkrank über Peter Peebles' Prozeß werden würde. Er rieth mir daher, dir die Sache schön vorzustellen; ich aber sagte ihm, du wärst ein guter Sohn, Allan, und hättest in solchen Dingen keinen andern Willen und kein anderes Vergnügen, als das mir gut dünke.« Was konnte ich wohl, Darsie, gegen eine so wohlgemeinte, dabei aber so lästige Uebereinkunft sagen? Den Fehler und die Flucht des jungen Dumtoustie nachahmen, hieß mit einem Male die Hoffnungen meines Vaters zu Grunde richten; ja, so ernsthaft betrachtet er Alles, was Bezug auf meinen Beruf hat, daß ihm dieser Schritt das Herz brechen könnte. Ich konnte daher nichts weiter thun, als mich zum Zeichen einer kummervollen Einwilligung zu verbeugen, worauf mein Vater dem James Wilkinson befahl, die beiden Aktenstöße, welche auf seinem Tische lägen, herbeizuholen. James geht ab und kommt bald darauf zurück, gebeugt unter der Last zweier großen, ledernen Säcke, die bis an den Rand mit Papieren gefüllt sind, auf deren Rückseite die Zauberformel des Gerichtsdieners steht: Peebles contra Plainstanes . Diese ungeheure Masse ward auf den Tisch hingelegt, und mein Vater, mit unendlicher Freude im Gesichte, fing an, die verschiedenen Aktenstöße hervorzuziehen, die nicht etwa mit rother Schnur oder dünnem Seil, sondern mit dicken, theerigten Stricken zugebunden waren, die schon ein kleines Boot fest am Anker hätten halten können. Ich wagte einen letzten verzweifelten Versuch, mich der drückenden Frohnarbeit zu entziehen. »Ich fürchte wirklich, Sir, daß der Fall zu verwickelt und die Vorbereitungszeit zu kurz sein möchte, so daß wir wohl besser daran thäten, wenn wir den Gerichtshof dahin bewegten, es bis auf die nächste Session aufzuschieben.« »Wie, Sir? – Was, Allan?« sagte mein Vater, »willst du zu gleicher Zeit billigen und mißbilligen, Sir? – Du hast nun einmal die Sache des armen Mannes angenommen, und hast du auch die Sporteln nicht in der Tasche, so liegt die Sache lediglich und allein darin, weil er keine bezahlen kann; und nun willst du sie in einem Athem annehmen und zurückweisen? Denk' an deinen Amtseid, Allan, und an deine Pflichten gegen deinen Vater, mein theurer Sohn.« Noch einmal, was konnte ich sagen? – Ich sah an der heftigen, stürmischen Weise meines Vaters, daß ihn nichts mehr aufbringen könnte, als wenn er in der Sache, die er fest beschlossen hatte, Widerspruch fände. Ich erbot mich also nochmals, es sicher und auf jede Gefahr hin zu übernehmen. »Brav, brav, mein Kind,« sagte mein Vater, »Gott gebe dir auch langes Leben auf der Erde, weil du die grauen Haare deines Vaters ehrst. Du kannst vielleicht einen vernünftigeren Rathgeber finden, aber gewiß keinen, der es besser meint.« Du weißt, daß mein Vater in der Regel sehr sparsam mit dem Ausdrucke seiner Empfindungen ist; eben ihrer Seltenheit wegen haben sie um so viel größeren Werth. Meine Augen füllten sich mit Thränen, als ich die seinigen feucht erblickte; rein und ungetrübt wäre meine kindliche Freude gewesen, hätte nicht der Gedanke an dich mich durchdrungen. Wäre das nicht gewesen, so hätte ich mit den Aktenbeuteln leicht fertig werden wollen, und wären sie so groß wie Kornsäcke gewesen. Um aber das Ernste in's Lächerliche zu ziehen, öffnete sich die Thür, und Wilkinson schob den Peter Peebles herein. Du mußt dieses Original schon gesehen haben, Darsie, das, gleich anderen in derselben Lage, immerfort in den Gerichtshöfen haust, wo er in Zeit, Vermögen und Verstand Schiffbruch litt. Solche verrückte Arme scheinen mir zuweilen einem Schiffswrack zu gleichen, der auf den Sandbänken von Goodwin oder an den Klippen von Yarmouth liegt, um andere Schiffe vor den Gefahren zu warnen, die sie in's Unglück stürzten; oder auch wie Vogelklappern und Feldscheuchen, die man im Gerichtshof aufstellt, die Narren von den Händeln zu entfernen. Der erwähnte Peter also trägt einen ungeheuren Oberrock, der, obgleich völlig abgetragen und besteckt, doch mit den noch übrigen Knöpfen und einem Hülfscorps von Stecknadeln sorgfältig so geordnet und verwahrt ist, daß er den noch schlimmeren Zustand der Unterkleider bedeckt. Die Bauernschuhe und Strümpfe konnte man am Knie den schwarzbraunen Beinkleidern begegnen sehen; ein rostfarbiges Halstuch, das seiner Zeit schwarz gewesen sein mochte, umgab seinen Hals und sollte den Mangel an Wäsche ersetzen. Sein halb graues, halb schwarzes Haar drängte sich verworren unter einer ungeheuren flächsenen Perrücke hervor, die so zusammengeschrumpft war, daß sie kaum mehr die Spitze des Schädels bedeckte. Diese wird wiederum, wenn er sich bedeckt, von einem ungeheuren, aufgekrämpten Hut beschattet, der, gleich der Fahne eines Häuptlings, tagtäglich im regen, lebendigen Gewühl der Außenhalle hervorragt, wo sein übertriebenes Wesen ihn oft zum Mittelpunkt eines Haufens lärmender, ausgelassener Knaben macht, die jegliche Art erfindungsreicher Qualen an ihm ausüben. Seine Züge, ursprünglich die eines gesetzten, ehrenwerthen Bürgers, sind nun von Armuth und Druck verzerrt und haben durch ein verrücktartiges Rollen des Auges einen wilden Ausdruck bekommen; seine Haut ist gelb und runzlich, aus seinen Zügen spricht der den Tollen eigentümliche Ausdruck der Selbstgenügsamkeit, dabei hat er die Gewohnheit, immer von sich selbst zu reden. So war mein glücklicher Client beschaffen, und ich muß es gestehen, Darsie, daß mein Beruf viel gut machen muß, wenn er, wie ich sehr fürchte, viele Menschen in solches Elend stürzt. Nachdem wir uns, ziemlich förmlich, gegenseitig vorgestellt worden waren, wobei ich deutlich bemerkte, daß mein Vater den Stand und den Charakter des Peter, so viel als es nur die Umstände erlaubten, in meinen Augen zu erhöhen suchen wollte, sagte er: »Allan, das ist der Gentleman, der dich statt des jungen Dumtoustie zum Advokaten annehmen will. »Blos aus Rücksicht gegen meinen alten Bekannten, Euren Vater,« sagte Peter mit einem herablassenden, gönnerartigen Wesen, »blos aus Achtung gegen Euren Vater und wegen meiner Busenfreundschaft mit Lord Blatterskatte. Denn sonst, bei der Regiam Majestatem! hätte ich eine Bitt- und Klagschrift eingereicht gegen den Daniel Dumtoustie, Advokaten, mit Vor- und Zunamen. – Ja, das hätte ich sicherlich gethan. – Ich kenne die Prozeßformen und mit mir ist nicht zu spassen.« Hier unterbrach mein Vater meinen Clienten und erinnerte ihn daran, wie viele Geschäfte noch abzumachen wären, da er sich vorgenommen hätte, dem jungen Consulenten eine Skizze vom Status des verwickelten Prozesses, und eine Einsicht in die Hauptpunkte, abgesehen von den Formen, zu geben. »Ich habe einen kurzen Auszug davon gemacht, Mr. Peebles,« sagte er, »und habe die Nacht und einen Theil des Morgens damit zugebracht, diese Papiere zu durchwühlen, um meinem Allan diese Mühe zu ersparen, nun will ich über das Resultat Bericht erstatten.« »Ich will es ihm selbst vortragen,« unterbrach Peter seinen Anwalt, ohne alle Ehrfurcht. »Nein, keineswegs,« sagte mein Vater, »für jetzt bin ich Euer Sachwalter.« »Mein Eilfter der Zahl nach,« sagte Peter, »denn jedes Jahr habe ich einen neuen; ich wollte, ich könnte ebenso sicher jedesmal auf einen neuen Rock rechnen.« »Also ich bin Euer zeitweiliger Agent,« sagte mein Vater, »und da Ihr mit den Formen bekannt seid, so müßt Ihr auch wissen, daß der Client dem Sachwalter Bericht erstattet und der Sachwalter wieder dem Advokaten.« »Der Advokat dem Richter erster Instanz, der Richter erster Instanz dem inneren Gerichtshof, der Präsident der Bank. Es ist gerade wie: das Seil an dem Mann, der Mann an dem Ochsen, der Ochse an's Wasser, das Wasser in's Feuer.« – »Still, um's Himmels willen, Mr. Peebles,« sagte mein Vater, indem er ihm den Faden der Kette abschnitt: »die Zeit drängt, wir müssen an die Arbeit gehen – man darf das Gericht nicht unterbrechen, wie Ihr wißt. – Hm, hm! Aus dem Auszug also erhellt –« »Ehe Ihr anfangt,« sagte Peter Peebles, »würdet Ihr mir eine Gefälligkeit thun, wenn Ihr mir ein Stück Brod und Käse, oder kalte Küche, oder Brühe, oder sonst einigen Mundvorrath bringen lassen wolltet; ich habe mich so sehr geeilt, Euren Sohn zu sprechen, daß ich keinen Bissen zu Mittag aß.« Herzlich froh, eine so gute Gelegenheit zu haben, seinem Clienten, im buchstäblichen Sinne des Worts, das Maul zu stopfen, beeilte sich mein Vater, einige kalte Speisen herbeibringen zu lassen, zu welchen Wilkinson, der Hausehre wegen, eine Flasche Branntwein hinzufügen wollte, die er aber, auf einen Wink meines Vaters, mit einem Bierkrug vertauschen mußte. Peter verschlang die Speisen mit der Raubgier eines ausgehungerten Löwen. Das Mahl aber nahm seine Aufmerksamkeit so sehr in Anspruch, daß, während mein Vater über seinen Prozeß berichtete, er ihn mehrmals ansah, als wollte er seinen Bericht verbessern, es aber nie über sich vermochte, seinem Munde die angenehmere Beschäftigung zu entziehen, und immer wieder zu seinem kalten Braten mit einem Heißhunger zurückkehrte, der mich überzeugte, daß er seit vielen Tagen keine solche Gelegenheit gefunden haben mußte, seinen Hunger zu stillen. Mit Auslassung aller Weitläufigkeit und vieler gesetzlichen Formen, will ich es versuchen, dir die Geschichte eines Prozeßkrämers, oder vielmehr die Geschichte seines Rechtsstreits, im Tausch für deine Fiedlers-Geschichte, zu erzählen. Peter Peebles und Paul Plainstanes traten im Jahr – in eine Handelsgesellschaft als Kaufleute und Leinwandhändler im Luckenbooth, und machten zu beiderseitigem Vortheil eine Reihe bedeutender Geschäfte. Aber dem gelehrten Advokaten braucht man wohl nicht erst zu sagen, daß societas est mater discordiarum , »Associren führt zum Prozessiren.« Als sich nämlich im Jahr – die Handelsgesellschaft mit beiderseitiger Einwilligung auflöste, brach der Streit aus, und nach mehreren vergeblichen Versuchen, die Sache außergerichtlich beizulegen, ward sie endlich in mehreren unabhängigen Prozessen vor das Gericht gebracht, das seiner Seits wiederum mehrere dieser Prozesse schlichten wollte. Die Aufmerksamkeit des Advokaten muß hauptsächlich nur dem Zustande der respectiven Prozesse zugewendet werden. Zu Grunde liegt eine Original-Akte des Peebles contra Plainstanes, worin er diesen wegen der Zahlung einer Summe von 3000 Pfund belangt, als angeblicher Saldo der Bilanz zu seinen Gunsten. 2) Findest du hier eine Gegenklage, in welcher Plainstanes Kläger, Peebles aber Angeklagter ist, eine Summe von 2500 Pfund betreffend, als dem ihm von Peebles per contra gutkommenden Bilanzsaldo. 3) Ein Antrag des siebenten Advokaten des Mr. Peebles, die Posten der gegenseitigen Rechnung zu untersuchen und die für richtig befundenen Posten genau aufzustellen. 4) Um zweifelhaften Fällen zuvorzukommen, und um die Bilanz des Plainstanes zum Nachtheil des Mr. Peebles zu untersuchen, schlug Mr. Wildgoose, Peebles' achter Advokat, ein Multiple poinding Wahrscheinlich was wir in unserem Rechtsausdruck ein Moratorium nennen. Anm. des Uebers. vor, um alle Parteien in die Sache zu verwickeln. Mir schwindelte es bei dem Bericht der vielen Prozesse in den Prozessen, die wie die Schachteln ineinander steckten, und mit denen ich mich sämmtlich bekannt machen sollte. »Ich begreife wohl,« sagte ich, »daß Mr. Peebles den Plainstanes um eine Geldsumme belangt – wie kann er denn aber alsdann sein Schuldner sein? Und ist er sein Schuldner nicht, wie kann er ein Multiple poinding fordern, da das Verlangen schon voraussetzt, daß der Bittsteller Geld schuldig ist, das er in gerichtlichen Terminen zahlen will?« »Ich glaube, Ihr versteht wenig von der Sache, mein Freund,« sagte Mr. Peebles, »ein multiple poinding ist das beste remedium juris in der ganzen Rechtsordnung, ich habe es schon in Verbindung mit einer Heirathsanzeige gesehen. – Euer Rindfleisch ist köstlich,« sagte er zu meinem Vater, der umsonst den Faden seiner gerichtlichen Auseinandersetzung wieder anzuknüpfen suchte: »nur etwas zu stark gesalzen – auch das Zweipfennigbier ist tadellos; nur ein wenig zu schwach – mehr Hopfen als Malz. – Mit Eurer Erlaubniß will ich jetzt die dunkle Flasche da versuchen.« Mein Vater wollte ihm selbst und zwar mit Maß und Ziel einschenken, aber zu meiner unendlichen Freude setzte sich Peter früher als er in den Besitz der Flasche, und meines Vaters Begriffe von Gastfreundschaft sind viel zu strenge, als daß er es versucht hätte, sich ihrer auf irgend eine Weise wieder zu bemeistern. So kehrte Peter triumphirend wieder zu seinem Tische zurück, die Beute in den Klauen. »Es wäre besser, ein Weinglas zu nehmen, Mr. Peebles,« sagte mein Vater in einem zurechtweisenden Tone, »Ihr werdet finden, daß er sehr stark ist.« »Ist die Kirche zu voll, so singt man die Messe im Chor,« sagte Peter, indem er sich in denselben Becher einschenkte, aus welchem er das Halbbier getrunken hatte. »Was ist das, Usquebaugh? – Branntwein , so wahr ich ein ehrlicher Mann bin! ich hätte fast den Namen und den Geschmack des Branntweins vergessen. – Herr Fairford der Aeltere, Euer Wohlsein (ein Schluck Branntwein), – Herr Allan Fairford, ich wünsche Euch Glück zu Eurem muthvollen Unternehmen (wieder ein tüchtiger Zug). – Und nun, obschon Ihr einen erträglichen Auszug dieses großen Rechtsstreits, von dem Jeder, der nur je die Schwelle der Außenhalle betrat, gehört haben muß, gegeben habt – (wieder auf Eure Gesundheit als Zwischenbescheid), so ist es Euch doch entfallen, ein Wort von der Verhaftung zu sprechen.« »Ich wollte eben diesen Punkt berühren, Mr. Peebles.« »Aber der Aufschub der Prozeßkosten?« »Da komme ich eben hin.« »Aber die Vertheidigung des Prozesses vor dem Sheriff?« »Da komme ich eben dran.« »Ja, wie die Tweed nach Melrose kömmt, glaube ich,« sagte der Prozeßkrämer, und füllte, wie in Gedanken, den Becher viertelsvoll mit Branntwein. »Ach, Mr. Allan Fairford, welch' ein glücklicher Mann seid Ihr doch, gleich beim Beginnen Eurer Laufbahn einen Prozeß wie den Meinigen zu führen. Er ist gewissermaßen eine Musterkarte aller anderen, Freund. Beim Himmel, es gibt im ganzen römischen und schottischen Recht auch nicht ein remedium juris, wovon Ihr nicht hier ein Pröbchen fändet. Also auf den Wunsch, daß Ihr glücklich durchkommt – Pschah – ich trinke, glaube ich, reinen Spiritus. Nun, wenn der Heide allzu stark ist, so wollen wir ihn mit Bier taufen (hier goß er ein wenig Bier in sein Getränk, schwieg, rollte die Augen, gab mir einen Wink und fuhr fort). Ja, Mr. Fairford – der Sturm und Angriff, Mr. Fairford, als ich den elenden Plainstanes so lange reizte, bis er mir kaum zwei Schritte von König Karls Statue, im Vorhof des Parlaments, die Nase entzwei schlug – da hatte ich ihn mit seinem eigenen Netze gefangen. Denn Niemand konnte mir sagen, wie ich den Prozeß angreifen müßte – kein Advokat, so sehr sie sonst mit Wind handeln, wollte sich herablassen, mir zu sagen, ob es besser wäre, eine Bitt- oder eine Klag-Schrift ad vindictam publicam einzureichen und zwar mit Bewilligung des Advokaten Sr. Majestät, oder mich auf die Statuten über Schlägereien pendente lite zu stützen, was mich meinen Prozeß mit einem Male gewinnen lassen, und mir eine Hinterthür geöffnet hätte, dem gerichtlichen Verfahren zu entgehen. Beim Himmel, das Rindfleisch und der Branntwein sind ganz wie ich sie wünsche. – Ich muß nur wieder einmal das Bier versuchen (er schenkt sich ein wenig Bier ein); doch weil das Bier zu kalt ist, so will ich auch den Ueberrest des Branntweins hineinschütten. Er hielt pünktlich Wort, und setzte seinen Vortrag auf eine so lebhafte, hitzige Weise fort, schlug auf den Tisch, trank und schnupfte abwechselnd, so daß mein Vater alle Hoffnung aufgab, ihn zur Ruhe zu bringen, und still und beschämt, leidend und ängstlich den Schluß der Scene abwartete. »Um also wieder auf meinen Lieblingsprozeß zurückzukommen – auf meinen Sturm- und Prügelprozeß, als mir das Glück so günstig war, ihn so weit zu reizen, daß er mir die Nase an der Schwelle des Gerichts entzwei schlug, was mir gerade sehr gelegen kam – Mr. Pest, Ihr kennt ihn doch, Fairfordchen? – der alte Mr. Pest sagte, es constituire eine Verletzung des Hausrechts, denn man könne den Gerichtshof eigentlich – ja – ei – gent – lich – wäre er mein Wohnhaus. Ich wohne dort mehr als sonst an einem Orte, und der wesentlichste Punkt einer Hausrechtsverletzung ist, einen Mann in seinem Wohnhause zu prügeln. Merkt Euch das, junger Mann, denn so ist noch Hoffnung vorhanden, daß der Plainstanes gehängt werden kann, wie schon mancher Andere um ein Geringeres baumeln mußte. Denn Mylords – wird Pest zu den Richtern sagen, – Mylords, die Parlamentshalle ist Peebles' Wohnort, sagt er. – Da sie commune forum ist, und commune forum est commune domicilium . – Heda, Bursche, bring' mir noch ein Glas Branntwein und schreib's an. – Es ist Zeit, heim zu gehen. – Beim Teufel, ich kann den Krug nicht mehr finden – doch meine ich, es wären ihrer zwei da gewesen. Bei der Regia, Fairford – liebes Fairfordchen – leihe mir zwei Pfennige, um mir Schnupftabak zu kaufen, denn meiner ist alle. – Heda, Gerichtsdiener, ruf' eine andere Sache vor.« – Die Dose fiel ihm aus der Hand, und sein Körper würde zu gleicher Zeit vom Stuhle gefallen sein, wenn ich ihn nicht gehalten hätte. »Das ist unausstehlich,« sagte mein Vater. – »James Wilkinson, ruf' doch einen Sänftenträger, daß er das erniedrigte, achtlose, betrunkene Vieh heim trägt.« Nachdem Peter Peebles mit Hülfe eines vierschrötigen Lastträgers aus dieser merkwürdigen Consultation weggeschafft worden war, band mein Vater schnell wieder seine Papiere zusammen, wie ein Taschenspieler, dem seine Kunststücke mißlungen sind, sich beeilt seine Siebensachen einzupacken. »Hier sind meine Memoranda , Allan,« sagte er eiliger Weise; »sieh sie sorgfältig durch, vergleiche sie mit den Akten, und arbeite es bis Dienstag sorgfältig in deinem Kopfe aus. Schon manche gute Rede ward für ein Vieh von einem Clienten gehalten; und höre, Bursche, – höre. – Ich hatte nie die Absicht, dich nach beendigter Sache um deine Sporteln zu bringen, obgleich ich gern erst deine Rede gehört hätte; aber besser ist's doch, das Pferd noch vor der Reise zu füttern. Da hast du fünf Guineen in einem seidenen Beutelchen – es ist noch eine Arbeit von deiner seligen Mutter, Allan. – Wie glücklich wäre nicht das arme Weib gewesen, wenn sie die Freude erlebt hätte, ihren jüngsten Sohn die Amtskleidung tragen zu sehen. – Aber nichts mehr davon. – Sei ein braver Bursche und arbeite wie ein Tiger!« Ich machte mich an die Arbeit, Darsie; denn wer könnte solchen Beweggründen widerstehen? Mit Hülfe meines Vaters habe ich jetzt alle Einzelnheiten des Rechtsstreits inne, so verwickelt sie auch sind; und nächsten Dienstag will ich für den Peter Peebles plaidiren, als wäre er ein Herzog. Ja, der Gegenstand liegt mir so klar vor Augen, daß ich im Stande war, dir diesen großen Brief zu schreiben, in welchen sich jedoch der Peter und sein Rechtsstreit so sehr eingeschlichen haben, daß du wohl daraus ersehen kannst, wie sehr sie gegenwärtig meine Gedanken beschäftigen. Also noch einmal, hab' Acht auf dich, gedenke meiner, der stets mit gleicher Freundschaft ist dein Allan Fairford. * Einiger Umstände wegen, welche in der Folge erzählt werden sollen, verstrich eine geraume Zeit, ehe dieser Brief an die Person gelangen konnte, für die er bestimmt war. Redgauntlet. Erstes Kapitel. Erzählung. Der Vortheil, den es gewährt, wenn man dem Leser die Abenteuer, welche wir hätten erzählen müssen, in den Worten der handelnden Personen selbst vorlegt, hat bei anderen Werken die Briefform, so wie sie von mehreren großen Schriftstellern und auch von uns angewandt wurde, sehr in Aufnahme gebracht. Doch aber kann eine solche ächte Correspondenz (und Gott behüte, daß wir es auf irgend eine Weise mit eigenen Interpolationen ausschmücken sollten) nur sehr selten alles das Nöthige enthalten, das erforderlich ist, um den Leser vom ganzen Lauf der Geschichte zu unterrichten. Auch muß es oft vorkommen, daß Weitschweifigkeiten und Widerholungen im Wechsel der Briefe den Lauf der Erzählung hemmen. Um dieses Uebel zu vermeiden, haben einige Biographen die Briefe der betheiligten Personen oder Auszüge davon benutzt, um die besonderen Vorfälle oder die Gefühle, welche sie hegten, zu beschreiben; während sie diese gelegentlich so mit ihrer Erzählung verbanden, daß sie den Lauf der Geschichte beförderten. So bewegt sich der muthige Reisende, der den Gipfel des Montblanc besteigt, jetzt langsam fort auf der tiefen, unebenen Schneematte, so daß man sein Fortschreiten kaum bemerkt, während er jetzt, mit Hülfe seines Alpenstockes, über den trennenden Bergstrom springt, die hindernde Kluft überschreitet und so seine Reise beschleunigt. Oder, um ein näher liegendes Gleichniß zu wählen, gleicht der Lauf unserer Geschichtserzählung der ursprünglichen Bestimmung der Dragoner, die zu Pferd und zu Fuß dienen mußten, wie die Gelegenheit es erheischte. Nach dieser vorläufigen Erklärung wollen wir es versuchen, einige Umstände näher zu beleuchten, welche Allan Fairford seinem Freunde nicht schrieb und nicht schreiben konnte. Wir glauben, unser Leser wird sich einen ziemlich genauen Begriff von den Hauptcharakteren der Personen gebildet haben, welche handelnd auftraten. Aber im Fall, daß unsere gute Meinung von seiner Geschicklichkeit etwas übertrieben wäre, und um denjenigen Genüge zu leisten, die sich der löblichen Gewohnheit des Blätterns (wozu wir selbst übrigens zuweilen große Neigung fühlen) ergeben haben, mögen die folgenden näheren Erklärungen vielleicht nicht überflüssig sein. Mr. Saunders Fairford, wie man ihn gewöhnlich nannte, war ein Geschäftsmann aus der alten Schule, mäßig in seinen Forderungen, ökonomisch, selbst etwas genau in seinen Ausgaben, streng rechtlich in der Ausführung seiner eigenen Geschäfte und der seiner Clienten, aber durch eine lange Erfahrung belehrt, war er auch aufmerksam und mißtrauisch bei den Handlungen seiner Mitmenschen. Pünktlich, so wie die Glocke von Saint Giles neun Uhr schlug, sah man die runde, reinliche Gestalt des ehrenwerthen alten Herrn an der Schwelle der Gerichtshalle, oder doch mindestens am Fuße der schwarzen Treppe reinlich gekleidet, in einem vollkommenen Anzug von schnupftabaksbraunem Tuch, mit seidenen oder wollenen Strümpfen, wie das Wetter es erlaubte; mit einer Zopfperrücke und einem kleinen dreieckigen Hütchen, mit Schuhen, die so reinlich geputzt waren, als hätten Warren selbst sie geschwärzt, mit silbernen Schuhschnallen und einem Stock mit goldenem Knopfe. Ein Blumenstrauß im Sommer, ein Zweig von Immergrün im Winter vollendete seine wohlbekannte Kleidung und Gestalt. Seine Manieren stimmten mit seiner Kleidung überein; streng höflich und nicht wenig umständlich. Er war Kirchenältester und folglich bis auf's Blutvergießen eifrig für König Georg und seine Regierung, was er auch gezeigt hatte, da er zu ihrer Vertheidigung die Waffen ergriffen hatte. Aber da er unter den Familien beider politischen Parteien Clienten und Geschäftsverbindungen hatte, so war er sehr sorgsam, alle Convenienz-Ausdrücke zu gebrauchen, welche die Höflichkeit seiner Zeit zum Sprachgebrauch zwischen beiden Parteien erfunden hatte. So sprach er wohl zuweilen vom Chevalier , nie aber vom Prinzen , womit er seine eigenen Grundsätze aufgeopfert, auch nicht vom Prätendenten , womit er die der Andern beleidigt hätte. Wiederum bezeichnete er die Rebellion mit der Geschichte im Jahre 1745 , und sprach er von einer Person, welche darin verwickelt war, so war sie zu einer gewissen Periode im Feld . So war Mr. Fairford im Allgemeinen ein Mann, der von beiden Seiten wohlgelitten und geachtet war, so wie es auch seinen Freunden vielleicht keinen Kummer verursacht haben würde, wenn er öfter Gastmähler gegeben hätte, da sein Keller eine Auswahl alter Weine enthielt, mit denen er, jedoch nur bei seltenen Gelegenheiten, nicht geizte. Das einzige Vergnügen, das der gutmüthige, altmodische Mann außer dem, welches ihm die pünktliche Besorgung seiner täglichen Beschäftigung gewährte, genoß, war die Hoffnung, daß sein Allan, die einzige Frucht einer Ehe, welche der Tod früh wieder auflöste, das erreichen möchte, was in den Augen seines Vaters die höchste Auszeichnung war – den Rang und den Ruhm eines praktischen Juristen. Jeder Stand hat seine eigenen Begriffe von Ehre; so hatte auch der alte Fairford die Ansichten des seinigen so sehr eingesogen, daß er durchaus nichts Anderes in Werth hielt, als das Ziel, welches der Ehrgeiz seines eigenen Berufs ihm darbot. Er hätte geschaudert, wenn sich Allan den Ruhm des Helden, er hätte vor Zorn gelacht, wenn er sich den eben so unfruchtbaren Lorbeerkranz des Dichters errungen hätte; nur auf der Bahn der Jurisprudenz wollte er ihn hoch steigen sehen, und die Wahrscheinlichkeit seines glücklichen oder unglücklichen Erfolgs waren die Gedanken seines Vaters bei Tag, und Nachts sein Traum. Allan Fairfords Anlagen und Talente mußten die Hoffnungen seines Vaters noch bedeutend erhöhen. Er besaß Schnelligkeit der Fassungskraft, verbunden mit der Gewohnheit eines anhaltenden, unermüdeten Studiums, die durch die strenge Zucht im Hause seines Vaters noch erhöht ward, der er sich im Allgemeinen mit dem besten Willen unterwarf; er fühlte keinen Wunsch häufigere und größere Freiheiten zu genießen, als solche, die mit seines Vaters ängstlicher Strenge wohl bestehen konnten. Wenn er aber hin und wieder einmal an jugendlichen Ausgelassenheiten Theil nahm, so war sein Vater so nachsichtig, den ganzen Tadel auf seinen lebenslustigeren Freund, Darsie Latimer, zu schieben. Dieser Jüngling ward, wie der Leser schon weiß, als Hausgenosse in der Familie des alten Fairford zu einer Zeit aufgenommen, wo die schwächlichen Gesundheitsumstände, die das Leben seiner Gattin verkürzt hatten, auch bei dem Sohne hervorzutreten schienen, und wo der Vater natürlicher Weise sehr geneigt war, den geringsten Wünschen seines Sohnes zuvorzukommen. Daß der junge Engländer im Stande war, ein bedeutendes Kostgeld zu zahlen, war dem alten Fairford nicht sehr wichtig; wohl aber das, daß seine Gegenwart seinen Sohn fröhlich und glücklich zu machen schien. Er mußte eingestehen, »daß Darsie ein zwar ausgelassener, aber doch ein schöner Bursche sei,« und es würde ihm schwer gefallen sein, sich von ihm, und also auch von der Furcht vor den Folgen seiner Flatterhaftigkeit, zu trennen, hätte ihm nicht die freiwillige Ausflucht des Jünglings, welche zu dem vorhergehenden Briefwechsel Anlaß gab, eine gute Gelegenheit dazu dargeboten, über die sich Mr. Fairford im Geheim recht herzlich freute, weil auf diese Weise Allan wenigstens so lange von seinem muntern Gefährten getrennt ward, bis er die Pflichten seines trockenen, arbeitsamen Berufs übernommen und sich daran gewöhnt hätte. Aber durch Darsie's Abwesenheit ward der Zweck noch lange nicht erreicht, den der alte Herr Fairford erwartete und wünschte. Die jungen Leute waren durch die innigsten Bande einer vertrauten Freundschaft vereinigt, die um so fester waren, da Keiner von beiden einen Dritten im Bunde aufzunehmen wünschte. Allan Fairford liebte aus einem natürlichen Hange die großen Gesellschaften nicht, Darsie Latimer aber aus einem peinlichen Gefühl seiner unbekannten Herkunft, das um so viel drückender in einem Lande war, wo Vornehme und Geringe geborene Genealogen sind. Die jungen Männer waren sich daher Alles in Allem, und es ist also nicht zu verwundern, daß nicht allein ihre Trennung schmerzlich war, sondern daß auch ihre Wirkungen, verbunden mit der Angst, welche der Inhalt der Briefe seines Freundes hervorbrachte, auf Allan Fairford gerade den Eindruck vergrößerten, dem Mr. Saunders zuvorkommen wollte. Der junge Mann ging zwar seinen gewöhnlichen Pflichten, seinen Studien und den Prüfungen, denen er unterworfen ward, nach, aber keineswegs mit dem Fleiß und dem Eifer, den er bisher an den Tag gelegt hatte, so daß sein ängstlicher und aufmerksamer Vater bald nur zu deutlich sah, daß sein Herz bei seinem abwesenden Freunde verweile. Ein Philosoph würde auf das Prinzip hin, daß ein Extrem sich selbst auflöst, und daß also ihre vertraute Freundschaft sich stufenweise von selbst vermindern würde, wenn man den Jünglingen erlaubte, eine Zeit lang zusammen zu leben, dem Strom seiner Gefühle Raum gegeben haben; Mr. Fairford aber sah nur den unmittelbaren Weg fernerer Beschränkungen, den er jedoch unter irgend einem annehmbaren Vorwande zu verschleiern suchen wollte. In der Angst, die er dabei empfand, unterredete er sich mit einem alten Bekannten, Peter Drudgeit, mit dem der Leser schon zum Theil bekannt ist. »Mit Allan,« sagte er, »werde es immer schlimmer; er erwarte jeden Augenblick, daß er dem Lappen Latimer wie eine wilde Gans nachflöge; Will Sampson, der Pferdeverleiher in der Lichterzieherstraße, hatte ihm einen Wink gegeben, daß Allan sich nach einem tüchtigen Pferde umgesehen habe, um auf wenige Tage auf's Land zu gehen. Sich ihm aber geradezu zu widersetzen, wäre ihm unmöglich – es fiele ihm immer ein, wie schnell seine arme Mutter weggerafft worden wäre. – Wollte Gott, ich könnte ihn in irgend ein Geschäft verwickeln, es ist mir gleichviel, ob es gut oder schlecht bezahlt wird; nur eine Beschäftigung, die ihn zu Hause fest hielte, bis wenigstens die Gerichtssitzung aufgehoben würde, wäre es auch nur Anstands halber.« Peter Drudgeit stimmte vollkommen mit ihm überein, denn er hatte einen Sohn, der, mit oder ohne Grund, durchaus die kurzen, barchenten Schreibärmel mit der blauen Jacke mit weißen Aufschlägen vertauschen wollte; er gab ihm also den Gedanken ein, unsern Freund Allan mit des armen Peter Peebles' Prozeß zu beschäftigen, der gerade durch die Flucht des jungen Dumtoustie zu vergeben war, wobei man zu gleicher Zeit die Abwesenheit des Letztern entschuldigen könnte; damit würde man, wie Drutgeit sich ausdrückte, »zwei Mücken mit einem Schlag todtschlagen«. Mit dieser Erklärung wird der Leser wohl einen Mann, der, wie der alte Fairford, mit Verstand und Erfahrung begabt war, von der gewagten, ungeduldigen Neugierde freisprechen, mit welcher ein Knabe einen jungen Hund in einen tiefen Brunnen wirft, blos um zu sehen, ob das Thier auch schwimmen kann. So viel Zutrauen er auch in die wirklich bedeutenden Talente seines Sohnes setzte, so würde er doch sehr geschwankt haben, ihm bei seinem ersten Erscheinen vor den Schranken die Pflicht aufzuerlegen, einen verwickelten und schwierigen Rechtsstreit zu vertheidigen, wenn es ihm nicht das wirksamste Mittel geschienen hätte, den jungen Mann von einem Schritt abzuhalten, der ihm beim ersten Eintritt seines Sohnes in's Leben, nach seiner Denkart, als höchst verderblich scheinen mußte. Unter den zwei Uebeln wählte Mr. Fairford das, welches er am wenigsten fürchtete; und wie ein tapferer Krieger schickte er seinen Sohn in die Schlacht, damit er lieber auf dem Felde der Ehre bleiben, als ehrlos seine Fahne verlassen möchte. Aber er überließ ihn auch keineswegs seiner eigenen Thatkraft, ohne weitere Beihilfe. So wie Alpheus dem Herkules voranging, bahnte er ihm selbst den Weg im Augiasstalle des Prozesses Peter Peebles. Es war ein Liebesdienst für den alten Mann, das wahre Verdienst der Sache in ein klares, ungetrübtes Licht zu setzen, da es durch die Nachlässigkeit und die Verstöße der früheren Advokaten in eine unermeßliche, chaotische Masse unverständlicher Kunstausdrücke verwirrt worden war. Seine Geschicklichkeit und sein Fleiß waren dabei so groß, daß er im Stande war, nach zwei oder drei Tagen, die er mit mühevoller, angestrengter Arbeit verbracht hatte, dem jungen Advokaten die Hauptfacta des Prozesses einfach und verständlich vorzutragen. Mit Hülfe eines so sorgfältigen und unermüdlichen Beistandes ward Allan Fairford in den Stand gesetzt, am bestimmten Tag in Begleitung seines ängstlichen, aber doch ermunternden Vaters, mit einem gewissen Selbstgefühl dem Gerichtshofe zuzuwandeln, da er sicher hoffen durfte, bei dieser wichtigen Gelegenheit keinen Ruhm zu verlieren. Am Gerichtshofe begegnete ihnen der arme Peter Peebles mit seiner gewöhnlichen dicken Perrücke und seinem hervorragenden Hut. Er ergriff seinen jungen Vertheidiger wie ein Löwe seine Beute. »Wie steht's, Mr. Allan, – wie steht's, Freund? – Endlich ist der entscheidende Tag gekommen – ein Tag, dessen lange noch gedacht werden wird in diesem Hause. – Der arme Peter Peebles gegen Plainstanes – alle Prozesse zusammen in Plenum zu entscheiden – so heißt es im Verzeichniß. – Ich habe so viel daran gedacht, daß ich die ganze Woche kein Auge zuthat, und ich wette darauf, es ist dem Lord Präsidenten eben so gegangen – denn das ist ein Prozeß!! Aber neulich, Abends, verleitete mich Euer Vater, ein Gläschen über die Gebühr zu trinken; man soll den Branntwein nicht mit Geschäften vermischen, Mr. Fairford. Es wäre mir noch schlimmer gegangen, wenn ich so viel Branntwein getrunken hätte, wie Ihr es wolltet. Aber jedes Ding hat seine Zeit, und Ihr sollt mit mir zu Mittag essen, wenn die Sache plaidirt ist, oder was vielleicht noch besser sein mag, ich will mit Euch nach Hause gehen und dann habe ich nichts gegen ein Gläschen einzuwenden, wenn es nämlich mit Maß und Ziel getrunken wird.« Der alte Fairford zuckte die Schultern, eilte bei seinem Clienten vorüber, sah seinen Sohn mit dem schwarzen Mantel bekleiden, der in seinen Augen ehrwürdiger war, als der Chorrock des Erzbischofs, und konnte sich nicht enthalten, ihm freundlich auf die Schulter zu klopfen, indem er ihm in's Ohr flüsterte: »Fasse Muth und zeige, daß du würdig bist, ihn zu tragen.« Sie gingen durch die äußeren Hallen des Gerichtshofs (wo einst die Versammlungen des alten schottischen Parlaments waren), das wie Westminster-Hall in England, zugleich zum Vorplatz des inneren Hauses, wie man ich ausdrückt, und zum Residenz-Sitze gewisser sitzender Personen dient, die man Richter nennt. Den ersten Theil des Morgens benutzte der alte Fairford dazu, dem Allan seine Instruktionen zu wiederholen und von Einem zum Andern zu laufen, um wo möglich noch einige Aufklärungen über die Sache selbst oder über die damit zusammenhängenden Personen zu erhalten. Während dieser Zeit hielt sich der arme Peter Peebles, dessen ohnehin schwaches Gehirn nun ganz unfähig war, die Wichtigkeit des Moments zu ertragen, so nahe an seinen jungen Advokaten, wie der Schatten am Körper; bald schien er laut zu sprechen, bald ihm in's Ohr zu flüstern, jetzt umzog ein hämisches Lächeln sein gespensterartiges Angesicht, im nächsten Augenblicke bedeckte es eine Wolke tiefer, ernster Wichtigkeit, die dann wieder einem zornigen, spöttischen Gelächter weichen mußte. Dabei war der Ausdruck seiner Gefühle von sonderbaren, übertriebenen, spöttisch-höhnenden Bewegungen begleitet, welche der streitsüchtige, zänkische Mann seinen Gesichtszügen angemessen hielt. Jetzt streckte er seinen Arm in die Höhe, jetzt ballte er die Faust, als wollte er seinen Gegner zu Boden werfen. In diesem Augenblicke legte er die Hand auf den Busen, und im nächsten schnellte er mit den Fingern in die Luft. Den jungen Müssiggängern in der Halle entgingen weder diese kräftigen Bewegungen, noch die sichtliche Scham und Verlegenheit Allan Fairford's. Zwar näherten sie sich dem Peter nicht mit ihrer gewöhnlichen Vertraulichkeit, weil ein gewisses Gefühl der Achtung gegen Fairford sie zurückhielt, wenn ihn schon manche einer allzu großen Eitelkeit beschuldigten, so früh einen Prozeß zu übernehmen, der so viele Schwierigkeiten darbot, wie dieser. Doch fühlte es Allan sehr wohl, daß, ungeachtet aller Schonung gegen ihn, er sowohl als sein Gefährte die Zielscheibe der Witzworte und des Gelächters sei, welche in diesem Bezirk zu jeder Zeit erschallen. Endlich ermüdete die Geduld des jungen Advokaten, denn er fürchtete mit Recht, außer Fassung zu kommen, und die nöthigen Facta zu vergessen. Allan sagte also seinem Vater geradezu, daß, wenn er nicht von der persönlichen Gegenwart und von den Einflüsterungen seines Clienten erlöst würde, er kurz ab sein müßte, und außer Stand sei, den Prozeß zu führen. »Still, still, mein theurer Allan,« sagte der alte Gentleman, dem bei der Wahl der Verstand still stand, »bekümmere dich nicht um die müssigen Taugenichtse, wir können es doch dem Manne nicht wehren, seine eigene Sache vertheidigen zu hören, wenn es schon nicht ganz richtig in seinem Kopfe ist.« »Bei meinem Leben, Sir,« erwiderte Allan, »ich bin unfähig, hervorzutreten – er verscheucht alle Erinnerungskraft aus meinem Gedächtniß, und wenn ich es wage, ernsthaft von den Beleidigungen zu reden, die er erduldete, und von der Lage, in die er versetzt ist, kann ich dann etwas Anderes erwarten, als daß die Gestalt dieses Kobolds Alles in's Lächerliche ziehen wird?« »Es ist etwas Wahres daran,« sagte Saunders Fairford, indem er einen Blick auf den armen Peter warf, und dann sorglich seinen Finger unter die Zopfperrücke steckte, um sich die Schläfe zu reiben und somit seiner Erfindungsgabe zu Hülfe zu kommen. »Es ist freilich keine Gestalt, die man ohne Lachen vor den Schranken stehen sehen kann; aber wie soll man ihn los werden? Ihm vernünftig zuzureden, wird am Wenigsten fruchten. Aber wart, – ja doch – Allan, mein Liebling, habe Geduld, ich will ihn augenblicklich wegschaffen.« Kaum gesprochen, eilt er zu seinem Alliirten, Peter Drudgeit, der, wie er ihn mit heftiger Bewegung und mit sorglichen Mienen auf ihn zukommen sieht, die Feder hinter das Ohr steckt und frägt: »Was treibt Euch zu mir, Mr. Saunders? – Fehlt's irgendwo?« »Da habt Ihr einen Thaler, Freund,« sagte Mr. Saunders, »jetzt oder nie, Peter, müßt Ihr mir eine Gefälligkeit erzeigen. Da, Euer Namensvetter, Peter Peebles, droht, die Schweine durch unser schönes Netz zu treiben; führt ihn auf John's Kaffee« Haus, Freund – laßt ihm dort ein Mittagsschnäpschen geben und haltet ihn dort, betrunken oder nüchtern, so lange auf, bis die Gerichtssitzung vorüber ist.« »Genug gesagt,« sprach Peter Drudgeit, dem der Antheil, den er an dem Geschäfte nehmen sollte, nicht mißfiel. »Ich will thun, wie Ihr gesagt habt.« Der Abrede gemäß sah man bald darauf den Schreiber dem Peter Peebles etwas in's Ohr flüstern, dessen Antworten in folgenden, abgebrochenen Sätzen hörbar wurden: »Den Gerichtshof an diesem großen Urtheilstag verlassen? – nein, ich gewiß nicht. – Ei, was sagt Ihr, Branntwein – Franzbranntwein? – Könntet Ihr nicht ein Fläschchen unter dem Rock verbergen und herbringen, Freund? – Unmöglich? Nein, es ist geradezu unmöglich, auch braucht man wohl eine gute Stunde dazu, bis die Akten und die Referate alle abgelesen sind; ich gehe also in Gottes Namen mit, freilich brauche ich heute etwas zur Herzstärkung; aber ich will keinen Augenblick verziehen – nicht über eine Minute – will nicht mehr als ein Schöppchen trinken.« Einige Minuten darauf sah man die beiden Peter durch das Parlamentsgehäge (das die neumodische Ziererei Sqare nennt) dahinwandern, der triumphirende Drudgeit, indem er den willenlosen Peebles gefangen fortführte, so daß seine Füße sich dem Branntweinladen näherten, während seine Augen auf dem Gerichtshof verweilten. Sie erschwanden im Gewühle von John's Kaffeehaus, das früher der Lieblingsaufenthalt des klassischen und genialen Dr. Pitcairn war, und für jetzt wurden sie nicht mehr gesehen. Allan Fairford konnte nun, da er von seinem Plagegeist befreit war, die Data in sein Gedächtniß zurückrufen, die ihn bei der Unruhe seines Gemüths fast entfallen wären, und er fühlte sich jetzt im Stande, sich auf ein Geschäft vorzubereiten, dessen Gelingen oder Mißlingen einen bedeutenden Einfluß auf sein künftiges Glück haben mußte. Er besaß Stolz, war sich seines Talents durchaus nicht unbewußt, und da er noch zudem die Gefühle seines Vaters bei dieser Gelegenheit kannte, so spornte es ihn zum höchsten Eifer an. Und über Alles besaß er jene Selbstbeherrschung, die zur glücklichen Ausführung eines jeden kühnen Unternehmens unumgänglich nöthig ist, war von jener fieberhaften Reizbarkeit frei, durch welche diejenigen, deren allzu thätige Einbildungskraft die Schwierigkeiten übertreibt, unfähig werden, denen, welche ihnen im Wege liegen, kühn entgegen zu treten. Nachdem er nun alle zerstreute und abgebrochenen Gegenstände wieder gesammelt und verbunden hatte, wandten sich Allans Gedanken nach Dumfriesshire und auf die gefährliche Lage, in welcher er seinen geliebten Freund schweben zu sehen glaubte; jeden Augenblick sah er auf seine Uhr, in der Hoffnung, sein gegenwärtiges Geschäft bald anzufangen und zu enden, um seinem Darsie zu Hülfe zu eilen. Endlich kam die Stunde, der Augenblick. Der Gerichtsdiener schrie aus vollem Halse: »Der arme Peter Peebles contra Plainstanes, per Dumtoustie et Tough : – Herr Daniel Dumtoustie!« Aber Dumtoustie leistete dem Aufruf keine Folge, denn so laut und schallend er auch ertönte, so konnte er doch nicht über die Queensferry (die Furth der Königin) dringen; aber an seiner Stelle trat unser Herr Allan Fairford vor. Der Gerichtshof war gedrängt voll mit Zuschauern aller Art; denn bei früheren Gelegenheiten hatte es Allen viel Vergnügen gewährt, wenn Peter neben seinem Vertheidiger stehend, dessen Worte mit Mienen und Auslegungen begleitete, und, indem er den Ernst der Richter und des ganzen Verfahrens, ohne es zu wollen, in's Lächerliche zog, seinen Advokaten, aber nicht den der Gegenpartei, zum Stillschweigen zwang. Die Richter und Zuhörer schienen von der jugendlichen Gestalt des jungen Mannes sehr überrascht, der an Dumtoustie's Stelle erschien, um einen verwickelten, seit langen Jahren anhängigen Prozeß zu eröffnen; der Pöbel aber fand sich in seinen Erwartungen getäuscht, da Peter der Client, der Polichinell der erwarteten Unterhaltung fehlte. Mit freundlichen Blicken sahen die Richter auf unseren Allan herab, da die meisten mehr oder weniger mit einem alten Praktikus, wie sein Vater, bekannt waren, und weil sie sämmtlich die erste Vertheidigungsrede eines Advokaten mit derselben Gewogenheit aufnehmen wollten, die das Unterhaus der Jungfernrede seiner neuen Mitglieder schenkt. Nur Lord Bladderskate machte bei dem Ausdruck des Wohlwollens, der sich in allen Blicken aussprach, eine Ausnahme. Er warf dem Allan unter seinen langen, düstern, grauen Augenbrauen Blicke zu, als hätte sich der junge Rechtsgelehrte die Ehre, die seinem Neffen zugedacht war, angemaßt, statt seinen Fehler zu bedecken; und aus Gefühlen, die Sr. Herrlichkeit nicht eben sehr zur Ehre gereichten, wünschte er, daß dem jungen Manne die Sache nicht gelingen möchte, die sein Verwandter im Stich gelassen hatte. Aber Lord Bladderskate konnte der vernünftigen und bescheidenen Weise, mit der Allan den Gerichtshof anredete, seinen Beifall nicht versagen; der junge Advokat fing damit an, sein kühnes Unternehmen mit dem plötzlichen Erkranken seines gelehrten Kollegen zu entschuldigen, für den, wie er sagte, die Einleitung eines so schwierigen und wichtigen Rechtsstreits viel angemessener gewesen wäre. Von sich selbst sprach er, wie er war, von dem jungen Dumtoustie, wie er hätte sein sollen, verweilte aber bei keinem dieser Gegenstände länger, als es streng nöthig war. So wie er redete, wurden nach und nach die Blicke des alten Richters wohlwollender; seinem Familienstolz war ein Genüge geleistet worden, und da ihm die Bescheidenheit und die Höflichkeit des jungen Mannes, den er für zudringlich und anmaßend gehalten hatte, gleich wohlgefiel, so verwandelte sich der Unwille, der sich in seinen Zügen ausgesprochen hatte, in den Ausdruck der vollkommensten Aufmerksamkeit, die höchste Ehrenbezeugung, die größte Ermunterung, die ein Richter dem Advokaten erzeigen kann, der ihn anredet. Nachdem es also dem jungen Rechtsgelehrten gelungen war, sich der günstigen Aufmerksamkeit der Richter zu versichern, so benutzte er das Licht, das seines Vaters Uebung und Geschäftskenntnisse ihm gewährt hatten, und fing mit einer von einem Manne seines Alters unerwarteten Gewandtheit und Klarheit an, vom Rechtsstreit selbst alle verwickelten Förmlichkeiten abzusondern, mit denen er überladen war; so wie ein Wundarzt den Verband herunterreißt, der in Eile um eine Wunde gelegt wurde, um nun secundum artem seine Heilung anzustellen. Entblößt von den verwickelten Rechtsformen, welche der hartnäckige Eigensinn des Clienten, die unbesonnene Eile oder die Unwissenheit der Geschäftsführer, und die ausweichenden Antworten eines hinterlistigen Gegners angehäuft hatten, war an und für sich die Sache des armen Peter Peebles gar kein übler Gegenstand für die Beredtsamkeit eines jungen Advokaten, und so verfehlte auch unser Freund Allan nicht, bei den Stützpunkten sein Rednertalent zu zeigen. Er stellte seinen Clienten als einen einfachen, ehrlichen, wohlmeinenden Mann dar, der während einer Gesellschaftshandlung von zwölf Jahren nach und nach verarmte, während sich sein Associé (sein vormaliger Schreiber), der doch kein anderes Capital, als eine Aktie an der Handlung hatte, in die er ohne Geldvorschuß aufgenommen wurde, nach und nach in demselben Verhältniß bereicherte. »Ihre Verbindung,« sagte Allan, und das Bild ward mit einigem Beifall aufgenommen, »glich der alten Geschichte von dem Apfel, der mit einem Messer zerschnitten wurde, das nur auf einer Seite vergiftet war, so daß der, dem der vergiftete Theil angeboten ward, Verderben und Tod aus derselben Frucht sog, deren andere Hälfte dem Verzehrer lieblichen Wohlgeschmack gewährte.« Dann warf er sich kühn in das mane magnum der streitigen Rechnungen; verfolgte jeden falschen Posten von der Glatte in das Memorial, vom Memorial in's Journal, vom Journal in's Hauptbuch; vergeblich die künstlich eingeschobenen und unterschobenen Posten des betrügerischen Plainstanes gegen einander, und gegen die Facta; benutzte darauf auf's beste, sowohl die schwierigen Arbeiten seines Vaters, als auch seine eigenen Einsichten bei den Rechnungen, in die er sich verwickelt fand, so daß er dem Gerichte eine klare, verständliche Uebersicht der Geschäfte vorlegte, welche die Handelsgesellschaft unternommen hatte; zeigte schließlich mit der größten Genauigkeit, daß bei Auflösung der Gesellschaft seinem Clienten ein bedeutender Saldo zur Ausgleichung der Bilanz gut kam, der ihn in den Stand gesetzt hätte, seine Stellung zu der bürgerlichen Gesellschaft als ein unabhängiger, betriebsamer Geschäftsmann zu behaupten. »Aber statt daß der ehemalige Schreiber dem ehemaligen Herrn, der Wohlthaten Empfangende dem Wohlthäter, wie ein ehrlicher Mann dem andern freiwillig das hätte geben sollen, was ihm gebührte, ward sein unglücklicher Client in die Nothwendigkeit versetzt, seinen gegenwärtigen Schuldner, seinen vormaligen Schreiber, von einem Gerichte zum andern zu verfolgen; seinen gerechtesten Ansprüchen wurden schön erdachte, aber ungegründete Gegenansprüche entgegengesetzt, so schnell und oft wie ein Harlekin seine Umwandlungen bewerkstelligt, sah man seinen Gegenpart bald klagend, bald vertheidigend. So lange, so vielfach herumgezogen, verlor der unglückliche Prozeßführende im Laufe der Zeit Nahrung, Ruf und fast den Gebrauch seiner Vernunft selbst; so steht er da vor Ew. Herrlichkeiten, ein Gegenstand unüberlegten Spottes für die Gedankenlosen, des Mitleids für die Gutherzigen, und zur kummervollen Betrachtung für einen Jeden, der bedenkt, daß in einem Lande, wo vorzügliche Gesetze von biederen, unbestechlichen Richtern verwaltet werden, ein Mann ein fast unbestreitbares Guthaben durch alle Formen und alle Instanzen zu erlangen suchen muß; daß er bei der wilden Jagd Vermögen, guten Namen, ja die Vernunft selbst verliert, und daß er sich nun dem höchsten Gerichtshof im Königreiche nahen muß, in dem unglückseligen Zustande seines unglücklichen Clienten, ein Opfer verweigerter oder verzögerter Gerechtigkeit, und mit dem Gefühle der schwankenden Hoffnung, die das Herz zu Boden drückt.« Die Stärke dieses Aufrufs der Gefühle bewirkte einen eben so großen Eindruck auf die Richter, wie die Klarheit der Beweisgründe Allans. Glücklicherweise war Peters abgeschmackte Gestalt mit seiner Flachs-Perrücke nicht gegenwärtig, um die ernste Stimmung zu verdrängen; als daher der junge Rechtsgelehrte seine Rede schloß, so erfolgte ein beifälliges Gemurmel, die süßesten Töne, die je das Ohr seines Vaters erreichten, der sie mit Wollust einschlürfte. Gar manche Hand ward ihm glückwünschend dargereicht, er erwiderte den Händedruck im Anfang vor Angst, am Schlusse vor Entzücken zitternd; fast versagte ihm die Stimme den Dienst, als er erwiderte: »Ja, ja, ich kannte meinen Allan, er ist der Mann dazu, Schwierigkeiten zu besiegen.« Jetzt erhob sich der Anwalt der Gegenpartei, ein alter Praktikus, der den Eindruck, den Allans Rede hervorbrachte, nur zu deutlich bemerkt hatte, als daß er nicht eine augenblickliche Entscheidung hatte fürchten müssen. Er fing damit an, seinem noch jungen Collegen die größten Lobeserhebungen zu zollen. »Der Benjamin der gelehrten Facultät, wie ich ihn nennen möchte, sagt, die angeführten Leiden des Mr. Peebles wären dadurch schon aufgewogen, daß er sich in einer Lage befände, wo das Wohlwollen Ew. Herrlichkeiten ihm freiwillig die Unterstützung gewährte, welche ein hoher Preis ihm nicht hätte verschaffen können.« – Er gestand ein, daß sein junger Amtsbruder manche Dinge aus einem so verschiedenen Gesichtspunkt betrachte, daß er (wenn er schon keineswegs daran zweifelte, sie widerlegen zu können) doch um einige Stunden Zeit bäte, seine Antwort aufzusetzen, um den Mr. Fairfort Punkt für Punkt zu widerlegen. Er bemerkte ferner, es wäre ein Punkt bei der Sache, welchem sein Herr College, dessen Aufmerksamkeit sonst so wunderbar umfassend sei, nicht die Wichtigkeit beigelegt hätte, die er erwartet habe; es handle sich nämlich von der Auslegung des Briefwechsels, welcher, kurz nach der Auflösung der Handelsgesellschaft, zwischen den Parteien Statt gefunden habe. Nachdem der Gerichtshof den Mr. Tough angehört hatte, bewilligte er ihm zwei Tage, sich auf die Antwort vorzubereiten, gab jedoch dabei zu verstehen, daß ihm die Aufgabe schwer fallen dürfte; dem jungen Advokaten aber, den er mit den größten Lobeserhebungen über die Art und Weise überhäufte, mit welcher er sich seiner Pflicht entledigt hatte, stellte er es anheim, ob er den Punkt, den Plainstanes Anwalt berührt hatte, jetzt oder in der nächsten Sitzung erörtern wolle. Bescheiden entschuldigte sich Allan damit, daß die in Wirklichkeit Statt gefundene Auslassung in einem so verwickelten Rechtsstreit wohl verzeihlich sei, erklärte sich aber im Augenblick bereit dazu, die Correspondenz zu untersuchen und zu beweisen, daß sie der Form und dem Inhalte nach, völlig mit den Ansichten von der Sache übereinstimmte, welche er ihren Herrlichkeiten vorgelegt habe. Er bat seinen Vater, der hinter ihm saß, ihm von Zeit zu Zeit die Briefe in der Reihenfolge einzuhändigen, in der er sie vorlesen und erklären wollte. Wahrscheinlich war es die Absicht des alten Advokaten Tough, die Wirkung der Rede des jungen Juristen mit einem hinterlistigen Anschlage zu schwächen, indem er ihn verleiten wollte, einem wohldurchdachten, klaren und vollständigen Vortrag einen heiligen Anhang aus dem Stegreif beizufügen. War das wirklich seine Absicht, so schien er sich sehr zu täuschen, denn Allan war darauf eben so gut, wie auf die anderen Gegenstände des Prozesses vorbereitet und begann seine Vertheidigungsrede von Neuem mit so viel Lebhaftigkeit, mit so viel Geist, daß er dadurch seinen früheren Behauptungen noch größeres Gewicht gab; so daß der alte Gentleman es wahrscheinlich bereut haben würde, ihm abermals einen Anlaß zur Rede gegeben zu haben, als sein Vater, welcher ihm die Briefe einhändigte, dem jungen Vertheidiger ein Schreiben in die Hand gab, das einen sonderbaren Eindruck auf den Advokaten zu machen schien. Er sah auf den ersten Blick, daß der Brief sich in keiner Hinsicht auf Peter Peebles Prozeß bezog, aber der erste Blick zeigte ihm auch, daß er ihn selbst in diesem Augenblick und in Gegenwart der Richter lesen müsse; bei Beendigung desselben schien er ganz außer Fassung zu kommen. Plötzlich stockte er in seiner Rede – starrte auf das Papier mit Blicken, in denen sich Erstaunen und Entsetzen spiegelte – stieß ein Geschrei aus, warf den Brief, den er in Händen hielt, zur Erde und entfloh aus dem Saale, ohne ein einziges Wort auf die Fragen zu antworten, mit denen man ihn von allen Seiten bestürmte. »Was gibt's?« – »Ist es ihm unwohl geworden?« »Soll man eine Sänfte holen?« u. s. w. Der ältere Fairford, der sitzen blieb, und bewußtlos vor sich hin starrte, als wäre er von Stein, kam endlich durch die ängstlichen Nachfragen der Richter und der Advokaten nach der Gesundheit seines Sohnes, wieder zu sich selbst. Da erhob er sich mit einer Miene, in welcher sich die tiefe Hochachtung spiegelte, die er dem Gerichte zu erzeigen gewohnt war, vermischt mit dem Ausdrucke innerer Bewegung; mit Mühe stotterte er etwas von einem Mißverständniß – einer schlimmen Nachricht – er hoffe, Allan würde sich morgen wieder wohl befinden. Dann aber, unfähig fortzufahren, schlug er die Hände zusammen, und mit dem Ausrufe: »Mein Sohn, mein Sohn!« verließ er eilig den Gerichtshof, als wollte er ihn verfolgen.« »Was gibt's denn jetzt nun gar mit dem alten Burschen,« sagte ein scharfsinniger, metaphysischer Richter. »Es ist doch eine verzweifelte Sache, Bladderskate; zuerst macht sie den armen Mann toll, der sie führt – dann geht Euer Vetter aus purer Angst auf und davon – darauf bringt sie den jungen, hoffnungsvollen Mann vor lauter Studium an's Ueberschnappen, wie ich glaube – und nun wird gar der alte Saunders Fairford so mondsüchtig, wie einer von Allen. Was sagt Ihr zu der sauberen Geschichte?« »Gar nichts, Mylord,« antwortete Bladderskate, der viel zu sehr an den Formen hing, als daß er den poetischen Schwung, den sein College manchmal nahm, bewundert hätte. – Ich sage gar nichts, und bitte nur den Himmel, daß er uns den eigenen Verstand lassen möge.« »Amen, amen,« antwortete sein gelehrter Mitbruder; »denn einige von uns haben ohnehin wenig zu verlieren. Der Gerichtshof hob die Sitzung auf, und die Zuhörer zerstreuten sich, das Talent bewundernd, das Allan Fairford bei seinem ersten Erscheinen in einer so schwierigen und verwickelten Sache an den Tag gelegt hatte, aber indem sie zugleich hundert verschiedenartige Vermuthungen über die sonderbare Unterbrechung anstellten, die seinen Triumphtag umwölkte. Das Schlimmste bei der Sache aber war, daß sechs Prozessirende, die jeder für sich den Entschluß gefaßt hatten, dem Allan beim Herausgehen aus dem Gerichtshof ihre Sache anzuvertrauen, kopfschüttelnd das Geld wieder in die ledernen Katzen schoben und sagten: »der Bursche wäre freilich ein ganzer Mann, doch wollten sie noch mehr von ihm sehen, ehe sie sich in Geschäftsverbindungen mit ihm einließen – ihnen gefiele das Fortspringen, wie eine Floh vom Betttuch, nicht.« Zweites Kapitel. Wenn unser Freund, Alexander Fairford, die Folgen vorausgesehen hätte, welche die plötzliche Flucht seines Sohnes, die wir am Ende des vorigen Kapitels erwähnten, nach sich zog, so hätte leicht die Prophezeihung des verständigen alten Richters in Erfüllung gehen, und er um seinen Verstand kommen können. Doch auch so war es ihm schon arg genug zu Muth. Sein Sohn, der um zehn Grad in seiner Meinung dadurch gestiegen war, daß er ein juristisches Talent gezeigt hatte, welches ihm den Beifall der Richter und der Rechtsgelehrten verschaffte, welcher seiner Ansicht nach so viel Werth hatte, als der der ganzen übrigen Welt; sein Sohn also gab ihm jetzt ein volles Recht zu dem hohen Schätzungswerthe, den selbst seine väterliche Parteilichkeit sich von Allans Anlagen gemacht hatte. Auf der anderen Seite aber fühlte er sich selbst, einer Verheimlichung wegen, die er gegen den Sohn seiner Hoffnungen und seiner Wünsche angewandt hatte, etwas gedemüthigt. Am Morgen des verhängnißvollen Tages hatte nämlich Mr. Alexander Fairford von seinem Correspondenten und Freunde, dem Provost Crosbie von Dumfries, einen Brief folgenden Inhalts erhalten: »Mein werther Herr!« »Ihre geehrte Zuschrift vom 25. v. M. durch Güte des Herrn Darsie Latimer ward mir richtig zugestellt, und ich erwies dem jungen Gentleman so viel Aufmerksamkeiten, als er anzunehmen für gut fand. Der Zweck meines gegenwärtigen Schreibens ist zweifach. Erstlich glaubt der Magistrat, es sei jetzt Zeit, die Sache mit der Mahl- und Mühlen-Gerechtigkeit in Anregung zu bringen; er glaubt mit Beweisen noviter repertum Sie in den Stand setzen zu können, den Rechten und dem Gebrauch der Stadt hinsichtlich der grana invecta et illata eine größere Ausdehnung verschaffen zu können. Betrachten Sie sich also als bevollmächtigt, mit Herrn Pest darüber zu sprechen, und legen Sie ihm gütigst die Akten vor, welche Sie durch den Postwagen erhalten werden. Der Magistrat glaubt, zwei Guineen für Sporteln worden hinreichen, da Mr. Pest schon drei Guineen für die Original-Urkunde erhielt. Ich benutze diese Gelegenheit, Sie zu benachrichtigen, daß unter den Fischern am Solway ein großer Aufruhr ausgebrochen ist, bei welchem sie nicht allein auf eine höchst eigenmächtige Weise die Pfahlnetze an der Mündung des Flusses zerstörten, sondern noch überdieß das Haus des Quäker Geddes (eines der Haupttheilnehmer an der Pfahlnetz-Fischfang-Gesellschaft) angegriffen und stark beschädigt haben. Bedauere hinzufügen zu müssen, daß der junge Mr. Latimer in den Streit verwickelt war, und daß seit der Zeit alle ferneren Nachrichten über ihn mangeln. Man spricht von einem Morde, doch mag das nur so gesagt sein. Da der junge Gentleman ziemlich unregelmäßig lebte, so lange er sich in dieser Gegend aufhielt, so wie er z. B. mehr als einmal meine Einladung zum Mittagessen ausschlug, um mit wandernden Bierfiedlern und solchem Volke im Lande herum zu streifen, so wollen wir hoffen, daß seine gegenwärtige Abwesenheit abermals die Folge eines Jugendstreichs ist; weil aber sein Diener sich bei mir nach seinem Herrn erkundigt hat, so hielt ich es für wohlgethan, Sie durch die Post davon in Kenntniß zu setzen. Nur noch so viel, daß unser Sheriff eine Untersuchung angestellt hat, und einen oder zwei von den Aufrührern in Verhaft nehmen ließ. Kann ich Ihnen in der Sache dienlich sein, indem ich entweder den Mr. Latimer als vermißt anzeige und eine Belohnung für denjenigen bestimme, der Nachrichten von ihm geben kann, oder sonst auf eine Weise, so werde ich Ihren werthen Befehlen gehorchen, da ich stets zu Ihren Diensten bereit, mich achtungsvoll nenne William Crosbie .« Als Mr. Fairford diesen Brief empfangen und durchgelesen hatte, war sein erster Gedanke, ihn augenblicklich seinem Sohne mitzutheilen und sogleich eine Estaffete oder einen königlichen Gerichtsboten mit den nöthigen Vollmachten abzusenden, um die genauesten Nachforschungen nach seinem ehemaligen Gaste anzustellen. Er wußte wohl, daß die Sitten der Fischer zwar rauh, aber doch nicht gerade wild und blutgierig sind; und man hatte Beispiele, daß sie sich einiger Personen, welche sich in ihren Schleichhandel mischen wollten, bemächtigt, und sie nach der Insel Man, oder nach einem Orte geschleppt hatten, wo sie einige Wochen gefangen gehalten wurden. Natürlicherweise mußte also Mr. Fairford über das Schicksal seines ehemaligen Hausgenossen sehr beunruhigt sein, und wäre der Augenblick minder wichtig gewesen, so hätte er sich gewiß selbst auf die Reise gemacht, oder würde seinem Sohne erlaubt haben, auf Nachforschungen nach seinem Freunde auszugehen. Wiederum sah er wohl ein, daß des armen Peter Peebles Prozeß vielleicht sine die aufgehoben würde, wenn der Brief in die Hand seines Sohnes käme. Er kannte die gegenseitige schwärmerische Zuneigung der jungen Leute, und mußte wohl einsehen, daß die Kenntniß von der gefährlichen Lage seines Freundes Latimer seinen Sohn nicht allein unwillig, sondern sogar unfähig machen würde, sich der Pflichten, welche ihm diesen Tag oblagen, zu entledigen, worauf doch der alte Gentleman einen so großen Werth legte. Obschon mit widerstrebendem Gefühle, beschloß er doch nach reiflicher Ueberlegung, mit der Mittheilung der unangenehmen Nachricht, die er erhalten hatte, zu warten, bis sein Sohn die Geschäfte des Tages beendigt hätte. Er suchte sich selbst zu überreden, daß der Aufschub dem Darsie Latimer wenig schaden könnte, da ja seine eigene Thorheit, wie er's zu sagen wage, ihn in die Schlinge geführt habe, wo er durch eine augenblickliche Beraubung seiner Freiheit, die auf diese Weise nur auf einige Stunden verlängert würde, sehr angemessen bestraft wäre. Ueberdieß würde er dadurch Zeit gewinnen, mit dem Sheriff der Grafschaft – ja vielleicht sogar mit dem königlichen General-Anwalt, zu sprechen, um die Sache regelmäßig zu betreiben. Zum Theil gelang der Plan, wie wir gesehen haben, und ward nur zuletzt durch seinen, wie er selbst beschämt gestand, höchst ungeschäftsmäßigen Mißgriff völlig verdorben, daß er den Brief des Provost in der Eile und in der Angst des Morgens unter andere Papiere mischte, die zu Peter Peebles Prozeß gehörten, und ihn, ohne das Versehen zu bemerken, seinem Sohne überreichte. Er pflegte bis an seinen Todestag noch zu versichern, daß er nie die Unvorsichtigkeit begangen hätte, ein Papier aus den Händen zu geben, ohne die Überschrift zu lesen, außer bei dieser unglücklichen Gelegenheit, wo er, mehr als sonst, Ursache hatte, seine Nachlässigkeit zu bereuen. Von diesen Betrachtungen beunruhigt, empfand der alte Mann zum ersten Mal in seinem Leben, vor Scham und Verwirrung eine gewisse Abneigung, seinen Sohn zu sprechen; um also die Zusammenkunft, die ihn peinlich drückte, etwas zu verzögern, ging er zum Sheriff, fand aber, daß er in großer Eile nach Dumfries abgereist war, um in Person die gerichtliche Aufnahme, welche sein Stellvertreter an Ort und Stelle gemacht hatte, zu untersuchen. Der Schreiber des Sheriff konnte wenig über den Aufstand sagen, er hatte nur gehört, daß er ernsthaft gewesen und daß viel Schaden an Eigenthum und körperliche Gewaltthätigkeiten an Personen ausgeübt worden seien; aber so viel er wisse, wäre von keinem Morde die Rede. Mr. Fairford wanderte also mit seiner Neuigkeit nach Haus, und als er den James Wilkinson frug, wo sein Sohn sei, erhielt er zur Antwort: »Herr Allan wäre auf seiner Stube und sehr beschäftigt.« »Wir müssen uns verständigen,« spricht Saunders Fairford zu sich selbst. »Besser einen Finger als die ganze Hand verlieren,« geht dann bis an die Thüre der Stube seines Sohnes, klopft erst leise, dann stärker, erhält aber keine Antwort. Beunruhigt durch das Stillschweigen, öffnet er die Thür des Zimmers – es war leer – unordentlich lagen die Kleider bei juristischen Werken und Papieren, als hätte der Bewohner sich schnell zu einer Reise vorbereitet. Als Mr. Fairford in großer Bewegung um sich sah, fiel sein Blick auf einen versiegelten Brief, an ihn adressirt, welcher auf dem Schreibtische seines Sohnes lag. Er enthielt folgende Worte: »Mein theuerster Vater!« »Es wird Sie hoffentlich weder sehr überraschen, noch sehr betrüben, wenn Sie hören, daß ich nunmehr auf dem Wege nach Dumfriesshire bin, durch eigene Erkundigungen Gewißheit über die Lage meines theuren Freundes zu erhalten, und um ihm wo möglich allen Beistand zu leisten, der in meinen Kräften steht, und der hoffentlich die gewünschte Wirkung nicht verfehlen wird. Ich will Sie, theuerster Vater, nicht beschuldigen, mir eine Nachricht, die so eng mit der Ruhe meines Gemüthes und mit meinem Glücke verbunden ist, verheimlicht zu haben; doch hoffe ich, wird diese Ihre Handlung meine gegenwärtige Beleidigung, wenn auch nicht ganz entschuldigen, doch wenigstens den wichtigen Schritt mildern, den ich unternommen habe, ohne Sie darum zu fragen, und der, wie ich ferner gestehen muß, unter den gegenwärtigen Umständen meinem ganzen Unternehmen Ihre Mißbilligung zuziehen kann. Zu meiner weiteren Entschuldigung kann ich nur noch hinzufügen, daß, wenn der Person, die mir nach Ihnen am theuersten auf Erden ist, ein Unglück (was Gott verhüten wolle) widerfahren ist, ewige Reue und Gewissensbisse auf meinem Herzen lasten werden, weil ich in gewisser Hinsicht vor der Gefahr, welche ihm drohte, gewarnt, und mit den Mitteln versehen sie abzuwenden, doch nicht augenblicklich zu seiner Hülfe eilte, sondern meine Aufmerksamkeit vorzugsweise den Geschäften dieses unglückseligen Morgens zuwendete. Keine Aussichten auf persönliche Auszeichnung, kurz nichts als Ihre ernsten, oft ausgesprochenen Wünsche konnten mich bis heute zurückhalten; und da ich nun meinen kindlichen Pflichten dieses Opfer gebracht habe, so werden Sie mich hoffentlich entschuldigen, wenn ich jetzt dem Ruf der Freundschaft und der Menschenfreundlichkeit folge. Seien Sie meinetwegen ganz außer Sorge; ich werde mich bei allen vorkommenden Vorfällen mit der gehörigen Vorsicht benehmen, denn sonst hätten mich meine vieljährigen juristischen Studia wenig genutzt. Ich bin für den Nothfall mit Geld und Waffen gehörig versehen, Sie können sich aber darauf verlassen, daß ich, außer im höchsten Nothfall, eine jede Gelegenheit vermeiden werde, mich der letzteren zu bedienen. Gott der Allmächtige segne Sie, mein theuerster Vater, und gebe, daß Sie mir den ersten und ich hoffe zugleich den letzten Schritt zum Ungehorsam verzeihen mögen, den ich mir jetzt oder in Zukunft vorzuwerfen haben werde. Ich verbleibe bis zum Tode Ihr getreuer und ergebener Sohn Allan Fairford.« * P.S. »Ich werde Sie mit der größten Pünktlichkeit von meinen Handlungen in Kenntniß setzen und Sie um Ihren gütigen Rath bitten. Ich hoffe, mein Aufenthalt wird nur kurz sein, und ich halte es für möglich, Darsien mit zurückzubringen.« Dem alten Manne entfiel der Brief, der ihm die Gewißheit über das Unglück gab, das er gefürchtet hatte. Sein erster Gedanke war, die Post zu nehmen, um den Flüchtling zu verfolgen; dann aber siel ihm ein, daß: wenn sich Allan bei höchst seltenen Gelegenheiten widerspenstig gegen die patria potestas gezeigt hatte, seine natürliche Geschmeidigkeit und Nachgiebigkeit sich in Eigensinn verwandelte, und daß er jetzt, wo er volljährig und Mitglied der gelehrten Facultät, mithin berechtigt sei, nach eigenem Willen zu handeln, noch sehr die Frage wäre, ob er, im Falle er ihn einholte, im Stande sein würde, seinen Sohn zur Rückkehr zu bewegen. Bei der Möglichkeit des Mißlingens hielt er es für klüger, von dem Unternehmen abzustehen, da sogar den besten Fall angenommen die Verfolgung immer einen lächerlichen Anstrich auf die Sache werfen mußten, was dem Charakter seines Sohnes, der bedeutend in der öffentlichen Meinung gestiegen war, nur nachtheilig sein konnte. Aber bitter genug waren Saunders Fairfords Betrachtungen, als er sich in Allans ledernen Arbeitsstuhl warf, den unseligen Brief wieder aufhob und einen unzusammenhängenden Commentar darüber anstellte. »Den Darsie zurückbringen? O, daran zweifle ich nicht – der schlechte Groschen kommt nur zu gewiß zurück. Ich wünsche dem Darsie nichts Schlimmeres, als daß er dahin geführt würde, wo der einfältige Narr, der Allan, ihn nie wieder zu sehen bekäme. Zur bösen Stunde betrat er meine Schwelle, denn seit der Zeit hat Allan seinen eigenen früheren Mutterwitz gegen des Anderen schellenkappenmäßige Thorheit und Unsinn vertauscht. – Mit Geld versehen? Da müßtest du mehr haben, als ich weiß, mein Freund, denn ich hielt dich in dem Punkt zu deinem eigenen Besten ziemlich genau. – Kann er sonst irgendwo Sporteln verdient haben? oder glaubt er etwa fünf Guineen wären unerschöpflich? Waffen! was will er, oder irgend Jemand, mit Waffen thun, der kein Soldat im Dienst oder kein Diebshäscher ist? Ich habe die Waffen satt, wenn ich sie schon für König Georg und seine Regierung führte. Aber das ist noch ein schlimmerer Handel als der bei Falkirk . – Gott steht' uns bei, wir sind arme unbeständige Geschöpfe! Wer hätte denken können, daß der Bursche, der eben erst so viel Anlagen zeigte, jetzt schon einem luftigen Taugenichts nachjagt, wie ein Hund der falschen Spur! Ach, lieber Himmel, es ist doch gar zu traurig, wenn eine brummige Kuh den schäumenden vollen Milcheimer umstößt. – Aber, bei all' dem, zerstört doch nur ein böser Vogel sein eigenes Nest. Ich muß den Skandal so gut als möglich zu verdecken suchen. – Was gibt's, James?« »Ein Bote,« sagte James Wilkinson, »vom Mylord-Präsident; er hofft, Mr. Allan würde nicht bedeutend krank sein.« »Vom Lord-Präsidenten? Gott steh' uns bei! – Ich will sogleich antworten; laß den Burschen ein wenig warten und gib ihm etwas zu trinken, James. – Wir wollen sehen,« sagte er, indem er ein Papier mit Goldrand hervorzog, »wie wir die Antwort einrichten können.« Ehe aber noch seine Feder das Papier berührte, war James schon wieder da. »Was gibt's schon wieder, James? »Lord Bladderskates Bedienter frägt, wie sich Mr. Allan befindet, da er den Gerichtshof verließ – –« »Nun ja, ja,« antwortete Saunders bitter; »er hat auch einen Spaziergang bei Mondschein gemacht, wie Mylords Neffe.« »Soll ich das ausrichten, Sir?« sagte James, der als ein alter Soldat alle Dienstsachen buchstäblich nahm. »Zum Teufel auch, nein, nein! – Laß den Burschen warten und gib ihm unser Bier zu versuchen. Ich will Sr. Herrlichkeit Antwort schreiben.« Wieder ward das Goldpapier ergriffen, und nochmals öffnete James die Thür. »Lord – schickte seinen Bedienten, sich nach Mr. Allan zu erkundigen.« »Hol' der Teufel ihre Höflichkeit!« sagte der arme Saunders. »Gib auch ihm einen Schoppen – ich will Sr. Herrlichkeit schreiben.« »Die Bursche werden Euch gern zu Willen sein, Sir, so lange der Becher schäumt. Aber wahrhaftig, das Geläute wird noch den Schellenzug zerreißen; da ist schon wieder Jemand.« Er eilte also, von Neuem die Thür zu öffnen, und kam zurück, dem Mr. Fairford zu sagen, der Decan der Facultät sei da, sich nach Mr. Allan zu erkundigen. – »Soll ich ihm auch einen Schoppen geben?« sagte James. »Bist du ein Narr, Kerl?« sagte Mr. Fairford, »führe den Herrn Decan in's Wohnzimmer.« Indem er nun Stufe für Stufe ganz gemächlich die Treppe hinabstieg, hatte der verwirrte Geschäftsmann doch Zeit genug, so viel einzusehen, daß, wenn es möglich wäre, einer wahren Geschichte eine schöne Form zu geben, die Wahrheit immer leichter zum Ziel führt, als eine mit trügerischer List erdachte Fabel. Er sagte also seinem gelehrten Freunde, daß, obschon sein Sohn sich von der Hitze im Gerichtshof und von dem anhaltenden Studium bei Tag und Nacht unwohl befunden hätte, er doch glücklicherweise so weit wieder hergestellt sei, daß er im Stande gewesen wäre, einem plötzlichen Ruf auf's Land Folge zu leisten, welcher eine Sache auf Leben und Tod beträfe. »Es muß wirklich eine wichtige Sache sein, die meinen jungen Freund in diesem Augenblick abruft,« sagte der gutmüthige Decan. »Ich hätte gewünscht, daß er seine Rede vollendet hätte, um den alten Lough ganz zu Boden zu werfen. Ohne Complimente, Mr. Fairford, es war eine so schöne Antrittsrede, als ich nur je hörte, nur thut es mir leid, daß Ihr Sohn sich nicht in der Rückantwort ergänzte. Es ist doch am Besten, wenn man das Eisen schmiedet, so lange es noch heiß ist.« Mit bitterer Miene stimmte Mr. Saunders Fairford einer Meinung bei, die nur zu sehr auch die seinige war; doch antwortete er klüglich: »Das Geschäft, welches die Gegenwart seines Sohnes auf dem Lande unumgänglich nöthig mache, beträfe die Angelegenheit eines sehr reichen jungen Herrn, der ein vertrauter Freund Allans sei, und der nie einen wichtigen Schritt unternähme, ohne seinen rechtsgelehrten Freund zu Rath zu ziehen.« »Gut, gut, Mr. Fairford, Sie müssens am besten wissen,« antwortete der Decan. »Ist Tod oder Heirath im Spiele, so muß man freilich vor einem Testament oder vor Ehepakten alles Andere liegen lassen. Mich freut es recht herzlich, daß Mr. Allan so weit wieder hergestellt ist, daß er eine Reise unternehmen kann, und wünsche Ihnen einen freundlichen guten Morgen.« Da er mit dem Decan der Facultät so gut durchgekommen war, so schrieb Mr. Fairford den drei Richtern schnell Antwort und erzählte Allans Abreise auf dieselbe Weise. Gehörig versiegelt und adressirt überlieferte er sie dem James mit dem Befehl, die Bedienten zu entlassen, welche unter der Zeit einige Maß Zweipfennigsbier ausgetrunken hatten, wobei sie über einige Stellen im Corpus juris stritten, indem sie sich mit den Titeln ihrer Herren anredeten. Die Arbeit, welche ihm das verursachte, und die Theilnahme, die so viele Personen von Ansehen im Gerichte an dem Wohlbefinden seines Sohnes äußerten, ermuthigten den niedergebeugten Geist unseres Saunders sehr bedeutend, und unter dem Schleier des Geheimnisses sprach er immerwährend von dem höchst wichtigen Geschäfte, das seinen Sohn abgehalten hatte, den wenigen Sitzungen beizuwohnen, welche das Gericht in dieser Session noch halten würde. Ja er versuchte es sogar, sein eignes Herz mit derselben Täuschung zu hintergehen; aber hier fiel die List minder glücklich aus, denn sein eigenes Gewissen sagte ihm, daß, wie groß auch der Zweck sein mochte, den er Darsie Latimers Händeln unterschob, er doch den Ruf nicht wieder herstellen konnte, den Allan wahrscheinlich verlor, indem er die Sache des armen Peter Peebles im Stich ließ. Obschon sich nun einstweilen der Dunst, welcher den Prozeß, oder vielmehr die Prozesse des unglücklichen Streitenden umgab, vor Allans Beredtsamkeit zertheilt hatte, wie der Nebel vor dem Donner des Geschützes, so schien er sich doch wieder, dick wie die Finsterniß Egyptens, darauf herabzulassen, als am zweiten Tage nach Allans Abreise Mr. Tough als Advokat der Gegenpartei das Wort nahm. Mit hohler Stimme, mit lang gezogenem Athem, mit ausdauernder Beharrlichkeit, in der Mitte eines jeden Satzes eine Prise nehmend, weil er sonst ohne Ende gewesen wäre – so erwiderte der alte, ausgediente Advokat alle Punkte, welche Allan in ein so helles Licht gesetzt hatte, und so gelang es ihm, den Schleier der Dunkelheit und der Unverständigkeit wieder vorzuziehen, der so lange Zeit Peebles Prozeß gegen Blainstanes verdunkelt hatte; so ward die Sache zur nochmaligen Berathung und abermaligem Vortrage aufgeschoben. Da der Ausgang der Sache den Erwartungen des Publikums bei Allans Rede nicht entsprach, so gab der Urtheilsspruch zu den verschiedenartigsten Vermuthungen Anlaß. Die Meinung des Clienten war, daß die Schuld, erstens, an seiner Abwesenheit am ersten Tage der Verhandlung läge, da er, wie er sich ausdrückte, mit Branntwein, Usquebaugh, und anderen hitzigen Getränken aus Johns Kaffeehaus verführt wurde, und zwar per ambage des Peter Drudgeit, der dazu durch den Rath, den Anschlag und durch die Hinterlist des Saunders Fairford, seines Sachwalters, oder vorgeblichen Sachwalters, aufgemuntert worden sei. Zweitens, an der Flucht und dem freiwilligen Entlaufen des jüngeren Fairford, des Advokaten; alldieweil und deßwegen wolle er Vater und Sohn zugleich mit einer Bitt- und Klagschrift wegen Geschäftsveruntreuung belangen. So schien der anscheinende und wahrscheinliche Ausgang der Sache den trübsinnigen Saunders Fairford mit neuen Gegenständen des Kummers und der Demüthigung zu bedrohen, was ihn um so viel mehr kränkte, da sein eigenes Gewissen ihm sagte, daß die Sache wirklich weggeschleudert worden sei, und daß es nur einer kurzen Beleuchtung der früheren Gründe, gestützt auf die nöthigen Beweise und Facta bedurft hätte, um den Allan in den Stand zu setzen, mit dem bloßen Hauch seines Mundes die Spinnengewebe zu zerreißen, mit welchen Mr. Tough den Prozeß wieder umgarnt hatte. Aber es geht damit wie mit einem Ausspruch in contumaciam , man verliert, weil man nicht widersprechen kann. Unterdessen verging fast eine Woche, ohne daß Mr. Fairford auf direktem Wege etwas von seinem Sohne hörte. Zwar ersah er aus einem Briefe des Mr. Crosbie, daß der junge Advokat glücklich in Dumfries angekommen sei, aber er erfuhr zugleich, daß er die Stadt verlassen hatte, um einige Nachforschungen anzustellen, deren Zweck nicht bekannt war. Der alte Mann, welcher auf diese Weise peinlichen Erwartungen und quälenden Rückerinnerungen überlassen und des häuslichen Umgangs beraubt war, an welchen er sich gewöhnt hatte, fing an, körperlich sowohl als geistig zu leiden. Er hatte den Entschluß gefaßt, selbst nach Dumfriesshire zu reisen, aber nachdem er ungewöhnlich und fast unerträglich auffahrend, verdrießlich und mürrisch gegen Schreiber und Bediente war, so setzte sich die bittere Laune in einem Podagra-Anfall, im Fuße fest. Wir wollen ihn also für jetzt diesem wohlbekannten Zähmer der hochaufstrebenden Geister überlassen, da die Fortsetzung unserer Geschichte in der nächsten Abtheilung eine Form annimmt, welche sowohl von dem erzählenden, als vom Briefstyl abweicht, dennoch aber das Eigenthümliche beider Arten hat. Drittes Kapitel. Darsie Latimers Tagebuch. (Die folgende Anrede steht auf der innern Seite des Umschlags, welcher daß Tagebuch enthielt.) In wessen Hände auch diese Blätter fallen mögen, so werden sie doch immerhin den Finder in Kenntniß von der Lebensbeschreibung eines unglücklichen Jünglings setzen, welcher seit einiger Zeit, mitten in einem freien Lande, und ohne daß man ihm ein Verbrechen zur Last legen könnte, einem ungesetzlichen, gewaltsamen Zwang unterworfen wurde und noch unterworfen ist. Wer also diesen Brief eröffnet, wird hiemit beschworen, sich an die nächste richterliche Person zu wenden, und indem er die Angaben benutzt, welche diese Papiere enthalten, sich für die Befreiung eines Mannes zu verwenden, der, so wie er auf der einen Seite das Recht hat, alle Hülfe in Anspruch zu nehmen, welche der unterdrückten Unschuld gebührt, auf der andern zugleich den Willen und die Mittel hat, sich seinem Befreier dankbar zu bezeigen. Sollte es aber der Person, welcher dieser Brief in die Hände fällt, an Muth oder an Mitteln fehlen, die Befreiung des Schreibers zu bewerkstelligen, so wird sie hiermit bei allen Pflichten, welche ein Mensch seinem Mitmenschen, und ein Christ demjenigen schuldig ist, der sich zu demselben heiligen Glauben bekennt, beschworen, die schleunigsten Maßregeln zu treffen, diese Blätter schnell und sicher dem Advokaten Allan Fairford, Esqr., welcher bei seinem Vater, Alexander Fairford, Esqr., Schreiber des königlichen Insiegels, Brown's Square, in Edinburg wohnt, zu überliefern oder zu befördern. Er darf auf eine freigebige Belohnung rechnen, und sein eigenes Gewissen kann ihm sagen, daß er der Menschheit einen wahren Dienst geleistet hat. »Mein theuerster Allan!« Da ich in Ungewißheit und im Unglück noch eben so warm für dich fühle, wie je in den schönsten Tagen unserer innigsten Freundschaft, so wende ich die Erzählung einer Geschichte an dich, obgleich sie wahrscheinlich in ganz andere Hände fallen wird. Ein Theil meines vorigen Geistes beseelt meine Feder, während ich deinen Namen niederschreibe; ich will mich in dem Gedanken glücklich träumen, daß du mein Befreier aus meiner jetzigen unglücklichen und beunruhigenden Lage sein wirst, wie du bei früheren, glücklicheren Gelegenheiten mein Führer und mein Rathgeber warst; so will ich den Trübsinn verscheuchen, der mich sonst zu Boden drückt. Da ich, weiß der Himmel, Zeit genug zum Schreiben habe, so will ich es versuchen, meine Gedanken freimüthig und ohne Rückhalt, wie vor Zeiten, auszusprechen, wenn schon wahrscheinlich die frühere, muntere und glückliche Fröhlichkeit sie nicht mehr würzt. Sollte dieses Papier andere Hände als die deinigen erreichen, so werde ich auch dann noch den Ausdruck meiner Gefühle nicht bereuen. Denn wenn ich auch gestehe, daß Jugend und Unerfahrenheit ihren Theil beigetragen haben, mich in das thörichte Unternehmen zu ziehen, so fürchte ich doch nicht, daß meine Erzählung mich selbst beschämen wird. Ja ich hoffe sogar, daß die einfache Offenheit, mit welcher ich jeden besonders unglücklichen Gegenstand erzählen werde, selbst einen Fremden zu meinen Gunsten stimmen wird; und daß unter der Menge der anscheinend unbedeutenden Umstände, welche ich der Länge nach erzählen will, sich doch ein Schlüssel finden wird, der mir die Thore meines Gefängnisses öffnen kann. Noch ein anderer Fall ist der wahrscheinlichste – das Tagebuch nämlich, das ich jetzt schreibe, mag vielleicht nie weder die Hand des theuren Freundes, für den es bestimmt ist, noch die eines gleichgültigen Fremden erreichen, sondern es wird die Beute der Menschen werden, die mich jetzt gefangen halten. Mag es sein – sie werden wenig daraus ersehen, was sie nicht schon wissen: daß sich als Mann, als Engländer, meine Seele in mir über die Behandlung empört, die ich erdulden muß; daß ich entschlossen, jedes Mittel, das mir zu Gebote steht, zu benutzen, um meine Freiheit wieder zu erlangen; daß die Gefangenschaft meinen Geist nicht beugte, und daß ich, obschon sie ohne Zweifel ihr Verbrechen mit einem Mord beschließen können, immer bereit sein werde, meine gerechte Sache den Gerichten meines Vaterlandes zu übergeben. Ich fahre daher in der Erzählung der Begebenheiten fort, die mich seit dem Schlusse meines letzten Briefes an meinen theuren Allan Fairford betrafen, und dieser war, wenn ich nicht irre, vom fünften des noch laufenden Monats August datirt. Nicht zurückschrecken soll mich die Möglichkeit, daß man mir meine Papiere entreißen und einem Mann zur Durchsicht vorlegen kann, welcher, da er jetzt schon ohne allen Grund mein Feind ist, noch heftiger gegen mich aufgebracht werden wird, wenn er die Erzählung des Unrechts liest, das er mir zufügte. Die Nacht zuvor, ehe ich jenen Brief schrieb, war ich in einem thörichten Jugendstreich bei einer Tanzbelustigung gegenwärtig, welche im Dorfe Broken-Burn, das etwa sechs Meilen von Dumfries entfernt ist, stattfand; viele Personen müssen mich dort gesehen haben, wenn allenfalls das Factum so wichtig scheinen sollte, daß eine gerichtliche Untersuchung darüber angestellt würde. Ich tanzte, spielte Violin, und nahm an dem Feste bis gegen Mitternacht Theil, wo mein Diener, Samuel Owen, meine Pferde brachte, und ich nach einem kleinen Gasthofe, Shepherd's Busch genannt, zurückkehrte, da ich in diesem Hause, wo eine gewisse Mrs. Nixon die Wirtschaft führt, früher etwa vierzehn Tage zubrachte. Ich wendete den Anfang des Vormittags dazu an, den schon erwähnten Brief zu schreiben, den du, theuerster Allan, wohl richtig erhalten haben wirst. Warum befolgte ich den Rath nicht, den du mir so oft gabst? Warum verzögerte ich meinen Aufenthalt in einer gefährlichen Nachbarschaft, vor welcher mich eine gütige Stimme warnte? Doch das sind jetzt unnütze Fragen; mein Schicksal hat mich verblendet, wie eine Motte flatterte ich um das Licht, bis ich mir die Flügel verbrannte. Schon war der größte Theil des Tages verflossen und schwer lastete die Zeit auf mir. Freilich sollte ich erröthen, wenn ich bedenke, wie oft mir der theure Freund, für den dieser Brief bestimmt ist, Vorwürfe über die Leichtigkeit machte, mit welcher ich in müssigen Augenblicken meine Handlungen von Personen leiten lasse, die zufällig in meiner Nähe sind, statt mir die Mühe zu geben, für mich selbst zu denken und zu entscheiden. Seit einiger Zeit hatte ich einen Diener und Boten, Namens Benjamin, in meine Dienste genommen; er war der Sohn einer gewissen Wittwe Coltherd, welche in der Nähe des Shepherd's Busches wohnt. Ich gestehe ein, daß in der letzten Zeit der Knabe einen größeren Einfluß auf meine Handlungen ausübte, als der Unterschied, welcher zwischen unserem Alter und Stande obwaltete, es hätte zulassen sollen. Jetzt wandte er alle Ueberredungskünste an, mich glauben zu machen, es wäre das größte Vergnügen, das man sich denken könne, zuzusehen, wie man bei der Ebbe die Fische aus den Reusen hole, welche in der Solway aufgestellt sind; er drang so sehr darauf, daß ich doch diesen Abend hingehen sollte, daß ich, wenn ich es mit den übrigen Umständen vergleiche, nicht anders glauben kann, als daß er einen besonderen Beweggrund dazu hatte. Ich erwähne diese Kleinigkeiten, damit, im Falle diese Papiere in Freundes Hände fallen, der Knabe aufgesucht und verhört werde. Da alle seine Beredtsamkeit mich nicht überzeugen konnte, daß das unnütze Zappeln der Fische, welche die zurücktretende Fluth in den Reusen zurückläßt, ein großes Vergnügen gewähren könne, so flößte er mir hinterlistigerweise den Gedanken ein, daß Mr. und Mrs. Geddes (eine in der Nachbarschaft wohlbekannte, ehrenwerthe Familie, mit welcher ich in freundschaftlichem Verhältniß stand,) es wahrscheinlich übel nehmen würden, wenn ich sie so lange nicht besuchte. Beide, sagte er, hätten sich eifrig nach der Ursache erkundigt, die mich bewogen hätte, gestern so plötzlich ihr Haus zu verlassen. Ich beschloß also, nach Mount Sharon zu wandern und mich zu entschuldigen, erlaubte zugleich dem Knaben, mich zu begleiten, und meine Rückkehr aus dem Hause abzuwarten, damit ich auf dem Rückwege zu Shepherd's Busch fischen könnte, denn dazu, sagte er, würde ich die Witterung sehr günstig finden. Ich erzähle alle diese Umstände sehr genau, weil ich einen starken Verdacht auf den Knaben habe, daß er wußte, wie es an diesem Abende mit mir aussehen würde, und den zwar kindischen, aber doch eigennützigen Gedanken hegte, sich als Antheil an der Beute einer Angelruthe zu bemächtigen, die er oft bewundert hatte. Es ist möglich, daß ich dem Knaben Unrecht thue, aber schon früher bemerkte ich, daß er die Kunst verstand, den nichtigen Gegenständen seiner Habgier, welche seinem Alter angemessen waren, mit der planmäßigen Gewandtheit eines reiferen Alters nachzustreben. Als wir unseren Spaziergang angetreten hatten, warf ich ihm die Kühle des Abends, den Ostwind und noch andere Umstände vor, welche ungünstig für das Angeln waren. Er bestand auf seiner Behauptung, warf auch einige Male die Angel aus, als wolle er mich von meinem Irrthume überzeugen, aber er fing keinen Fisch; auch trug er, wie ich jetzt fest überzeugt bin, mehr Sorge, meine Bewegungen als seine Angelruthe zu beobachten. Als ich mich über sein fruchtloses Beginnen lustig machte, antwortete er mit höhnischem Lächeln: »die Forellen wollten nicht heraufkommen, weil ein Gewitter im Anzuge wäre,« eine Anspielung, die ich in einem Sinne nur allzu wahr fand. Zu Mount Sharon angekommen, ward ich von meinen Freunden mit ihrer gewöhnlichen Güte aufgenommen; da sie ein wenig darüber spotteten, daß ich sie den vorigen Abend so plötzlich verlassen hatte, so versprach ich, als Ersatz die ganze Nacht bei ihnen zuzubringen, und entließ den Burschen, der mich begleitet hatte, um es der Wirthin des Shepherd's Busches anzuzeigen. Ich weiß nicht, ob er es ausgerichtet hat oder nicht. Zwischen acht und neun Uhr, als es anfing dunkel zu werden, gingen wir auf der Terrasse spazieren, um den Anblick des Firmamentes zu genießen, wo Millionen Sterne durch den leichten Anstrich eines Sommerfrostes in zehnfachem Glanze schimmerten. Als wir das erhabene Schauspiel betrachteten, war, glaube ich, Mrs. Geddes die erste, die unsere Aufmerksamkeit auf einen fallenden Stern oder Sternschuß lenkte, der, wie sie sagte, einen langen Schweif hinter sich zurückließ. Als ich nach der Himmelsgegend schaute, die sie bezeichnete, so sah ich deutlich zwei Raketen steigen und in der Luft zerplatzen.« »Diese Lufterscheinungen,« sagte Mr. Geddes, antwortend auf die Bemerkung seiner Schwester, »sind nicht im Himmel entstanden, auch sind sie kein gutes Zeichen für die Bewohner der Erde.« Als er es sprach, sah ich nach einer anderen Himmelsgegend, und da stieg, als wäre es ein Signal zur Antwort auf die schon gesehenen, eine Rakete von der Erde hoch in die Luft, und schien erst unter den Sternen zu zerplatzen. Mr. Geddes schien einige Minuten in Nachdenken zu versinken und sprach dann zu seiner Schwester: »Rahel, obschon es spät wird, so muß ich doch noch zu den Fischerhäuschen hinab, und muß die Nacht in dem Zimmer des Oberaufsehers zubringen.« »Ach, nicht doch,« antwortete das Frauenzimmer, »denn ich bin nur zu gewiß, daß diese Kinder Belials die Pfahlnetze und Reusen bedrohen. Josua, du bist ein Mann des Friedens, willst du dich denn freventlich der Versuchung aussetzen, den alten Adam in dir zu reizen, und dich in Zank und Streit zu mischen?« »Wohl bin ich ein Mann des Friedens,« antwortete Mr. Geddes, »bin es bis zur höchsten Ausdehnung, die unsere Freunde vom Menschen verlangen; auch habe ich bis jetzt und hoffe auch mit Gottes Hülfe künftighin, nie meinen Arm aufheben wollen, um Ungerechtigkeiten zu verhindern oder zu rächen. Kann ich aber mit ruhigen Gründen und mit festem Betragen diese rohen Menschen davon abhalten, ein Verbrechen zu begehen, kann ich damit mein und anderer Leute Eigenthum vor Schaden hüten, so erfülle ich nur Menschen- und Christenpflicht.« Bei diesen Worten befahl er, sein Pferd augenblicklich vorzuführen; die Schwester verstummte, faltete die Hände auf den Busen und blickte gen Himmel mit gottergebenen, aber kummervollen Blicken. Diese Umstände mögen unbedeutend scheinen; aber in meiner gegenwärtigen Lage ist es besser, wenn ich meine Seelenkräfte an die Erinnerung, an die Vergangenheit feßle, als wenn ich sie in dem großen, weiten Felde der Vermuthungen herumstreifen lasse, was wohl die Zukunft bringen mag. Es hätte sich nicht wohl für möglich geschickt, in dem Hause zurückzubleiben, von dem der Eigenthümer plötzlich abgerufen wurde; ich bat daher um die Erlaubniß, ihn nach der Fischerei begleiten zu dürfen, und versicherte seiner Schwester, daß ich für seine Sicherheit bürgen wolle. Der Vorschlag schien Miß Geddes sehr zu erfreuen. »Gib es zu, Bruder,« sagte sie; »gewähre dem jungen Manne den Wunsch seines Herzens, damit doch ein getreuer Zeuge dir beisteht in der Stunde der Noth, der berichten kann, wie es dir gehen wird.« »Nein, Rahel,« versetzte der ehrenwerthe Mann, »du bist zu tadeln, daß du, um deine Aengstlichkeit um mich zu beruhigen, diesen Jüngling, unseren Gast, einer Gefahr aussetzen willst, wenn allenfalls Gefahr vorhanden ist; denn ohne Zweifel wird ein Unglück, das ihm zustößt, eben so viele Herzen in Trauer versetzen, als wenn es uns beträfe.« »Nein, mein guter Freund,« sagte ich, indem ich seine Hand ergriff, »ich bin nicht so glücklich, als Ihr glaubt. Sollte das Ziel meines Lebens am heutigen Abend sein, so werden nur Wenige wissen, daß je ein Geschöpf, wie ich, zwanzig Jahre lang auf der Oberfläche der Erde lebte; und selbst von diesen Wenigen wird nur Einer mich beweinen. Schlagt mir also die Gunst nicht ab, Euch begleiten zu dürfen, und raubt mir die Gelegenheit nicht, wenn auch durch eine unbedeutende Handlung, zu zeigen, daß, wenn ich auch wenig Freunde habe, ich ihnen doch nicht weniger gerne dienen möchte.« »Wahrlich, du hast ein edles Herz,« sagte Josua Geddes, den Druck meiner Hand erwidernd. »Rahel, der junge Mann soll mit mir gehen. Warum sollte er nicht kühn der Gefahr entgegengehen, um Recht und Frieden zu erhalten? Mir sagt eine innere Stimme,« fügte er, indem er die Augen gen Himmel hob, mit einem Tone vorübergehender Schwärmerei hinzu, den ich bisher nie an ihm bemerkt hatte, und die wohl auch mehr auf Rechnung seiner Secte, als seines persönlichen Charakters zu schreiben ist. »Ich sage dir, verkündet es eine Stimme in meinem Innern, wenn auch der Gottlose toben mag, wie der Sturm auf dem Meere, so wird er doch nicht obsiegen.« Als er das gesprochen hatte, bestimmte Mr. Geddes ein Pferd, das zu meinem Gebrauch gesattelt werden sollte; und nachdem wir uns mit einem Korb voll Mundvorath versehen und einen Diener beauftragt hatten, die Pferde abzuholen, da in der Fischerei kein geeigneter Platz für sie war, ritten wir um ungefähr neun Uhr des Abends von Mount Sharon weg, und erreichten nach Verlauf von drei Viertelstunden unseren Bestimmungsort. Die Einrichtung besteht oder bestand damals aus vier oder fünf Fischerhütten, einer Böttcherwerkstätte und Schoppen, und aus einer etwas besseren Hütte, wo der Oberaufseher wohnte. Wir übergaben dem Bedienten die Pferde, um sie nach Mount Sharron zurückzuführen – (mein Gefährte schien sehr menschenfreundlich besorgt für ihre Sicherheit) – und klopften an die Hausthüre. Zuerst hörten wir nur das Bellen der Hunde, aber bald beruhigten sich die Thiere, als sie, an der Thüre schnuppernd, die Nähe ihres Freundes merkten. Dann frug eine rauhe Stimme in einem unfreundlichen Tone, wer wir wären und was wir wollten; und nur als Josua seinen Namen nannte und dem Oberaufseher zu öffnen befahl, erschien der Letztere an der Thüre, begleitet von drei großen Hunden, Neufoundländischer Race. Er trug eine Fackel in der Hand und zwei große schwere Schiffspistolen im Gürtel. Es war ein kräftiger, bejahrter Mann, der, wie ich hörte, in seinen früheren Lebensjahren Matrose war, nun aber das Zutrauen der Fischfangs-Gesellschaft genoß, deren Angelegenheiten er unter den Befehlen des Mr. Geddes besorgte. »Du hast mich wohl heute Abend nicht erwartet, Freund Davies?« sagte mein Freund zu dem alten Manne, der uns Stühle an das Feuer stellte. »Nein, Mr. Geddes,« antwortete er, »und wenn ich die Wahrheit sagen soll, so wünsche ich es auch nicht.« »Das ist verständlich, John Devies,« antwortete Mr. Geddes. »Ich weiß, daß Ew. Gnaden keine Sonntagsreden liebt.« »Du wirst es wohl vermuthen, was uns noch so spät hierhergeführt, John Devies?« sagte Mr. Geddes. »Ich vermuthe, Sir,« antwortete der Oberaufseher, »es geschieht, weil die verfluchten Schleichhändler ihre Leuchtkugeln am Ufer loslassen, um sich zu versammeln, wie sie es in der Nacht vor dem Tage machten, an welchem sie Schleußen und Dämme niederrissen und das Land überströmten. Ist das aber wieder der Fall, so muß ich noch einmal den Wunsch äußern, daß Ew. Gnaden zu Hause geblieben wäre; denn ich glaube, Ew. Gnaden finden nicht viel Vergnügen am Fechten, und doch wirds, glaube ich, noch vor Tagesanbruch dazu kommen, Ew. Gnaden.« »Nur der Himmel ist gnädig, John Davies,« sagte Geddes, »ich habe dich schon oft ersucht, die Titel zu Hause zu lassen, wenn du mich anredest.« »In Gottes Namen,« sagte John; »es war nicht bös gemeint: aber wie, in's Teufels Namen, kann ein Mensch seine Worte abwägen, wenn's gerade eine tüchtige Prügelsuppe geben soll?« »Ich hoffe es nicht, John Davies,« sagte Josua Geddes. »Ruf' mir die übrigen Leute, ich will ihnen Verhaltungsbefehle geben.« »Ja, da könnte ich schreien bis zum jüngsten Gericht, ehe eine Seele antwortete – die feigen Memmen sind mit allen Segeln davon – die Böttcher sowohl wie die Uebrigen, sobald sie hörten, daß der Feind in die See stäche. Sie haben das lange Boot ausgesetzt und das Schiff der Brandung überlassen, außer dem kleinen Phil und ich selbst – haben sie beim –!« »Schwöre doch nicht, John Davies – du bist ja ein ehrlicher Mann, und ich glaube es ungeschworen, daß deine Kameraden ihre Rippen lieber haben, als mein Hab' und Gut. – Also hast du außer dem kleinen Phil keine weitere Hülfe gegen ein- oder zweihundert Mann?« »Um Verzeihung, da sind die beiden Hunde Neptun und Thetis – auch der Junge ist schon zu gebrauchen; und dann, obgleich Ew. Wohlgeboren, mit Verlaub zu sagen – wohl kein großer Fechter sein mag, so kann doch der junge Herr da hülfreiche Hand leisten.« »Nun ja, und wie ich sehe, hast du dich ja auch mit Waffen wohl versehen,« sagte Mr. Geddes, »laß doch sehen.« »Ja, ja, Sir; da die beiden Pistolen beißen und bellen tüchtig – die werden wenigstens zweien Schurken den Garaus machen. Es wäre doch eine Schande, sich ohne Schuß zu ergeben. – Nehmt Euch in Acht gnädiger Herr, sie sind doppelt geladen.« »Ich will mich schon in Acht nehmen, John Davies,« erwiderte der Quäker, indem er sie in einen Wasserbehälter warf, der neben ihm stand, »und ich wünschte recht sehr, daß ich in diesem Augenblick das ganze Geschlecht derselben so nutzlos machen könnte.« Ein Schatten tiefen Mißvergnügens verfinsterte für einen Augenblick die ohnehin melancholischen Züge des John Davies. »Es scheint also, Ew. Gnaden wollen das Commando selbst übernehmen?« sagte er nach einer Pause. »In Gottes Namen, aber dann werde ich wenig mehr nützen; und da Ew. Gnaden oder Ew. Wohlgeboren, oder was Sie sein mögen, es im Guten auszuführen glauben, so denke ich, wird es besser gehen, wenn ich meines Weges wandere, denn ich schlage gern darauf los; aber ohne Ordre werde ich nie meinen Posten verlassen.« »Die will ich dir geben, John Davies; gehe also gleich nach Mount Sharon und nimm den Knaben Phil mit. Wo ist er?« »Er steht auf der Lauer, um die Ankunft dieses Abschaums der Menschheit zu erspähen,« antwortete Davies, »aber wozu braucht man es zu wissen, wenn sie kommen, wenn man nicht die Waffen ergreift?« »Nur Vernunft und Ruhe sollen unsere Waffen sein.« »Es würde eben so viel nützen, wenn Sie Spreue gegen den Wind werfen wollten, als mit solchen Schurken von Wahrheit und Recht zu reden.« »Gut, gut, es sei so,« sagte Josua; »und nun, John Davies, ich weiß, daß du ein tapferer Mann bist, wie die Welt sagt, und habe immer gefunden, daß du auch ein ehrlicher bist. Ich befehle dir also, nach Mount Sharon zu gehen, Phil aber soll sich an's Ufer hinlegen (sorge dafür, daß der arme Knabe einen Mantel umhat) und dir sagen, was es Neues gibt; sollte auch das Gut dort gewaltsam angegriffen werden, so vertraue ich auf deine Treue, daß du meine Schwester nach Dumfries in das Haus unseres Freundes Corsack führen, und die bürgerlichen Behörden von dem Unfall in Kenntniß setzen wirst.« Der alte Seemann schwieg einen Augenblick. »Es ist eine harte Aufgabe für mich,« sagte er dann, »Ew. Gnaden in der Noth zu verlassen; und dennoch wird meine Gegenwart die Sache noch verschlimmern. Auch muß man freilich für Ew. Gnaden Schwester, Miß Rahel, sorgen, das ist gewiß, denn wenn die Schurken einmal Unheil anzustiften anfangen, so werden sie auch nach Mount Sharon kommen, nachdem sie dieses kleine Rhedeplätzchen zerstört haben werden, wo ich lebenslänglich vor Anker zu liegen hoffte.« »Recht so, John Davies, ganz recht,« sagte Josua Geddes; »es wäre am besten, wenn du auch die Hunde mitnähmest.« »Ja, ja, Herr,« sagte der Veteran, »sie haben ohnehin meine Gemüthsstimmung und würden nicht ruhig Unheil anstiften sehen; so könnte sie leicht selbst Unglück treffen, die armen, gutmüthigen Thiere. Also Gott segne Ew. Gnaden. – Ich kann es nicht über mich bringen, Lebewohl zu sagen. – Heda, Neptun, Thetis; kommt, ihr Hunde, kommt.« Indem er das sagte, verließ John Davies mit gebeugtem Gemüthe die Hütte. »Nun da geht eines der besten und getreuesten Geschöpfe, das je geboren ward,« sagte Mr. Geddes, als der Oberaufseher die Thüre zumachte. »Die Natur gab ihm ein Herz, das nicht zugelassen haben würde, eine Fliege zu tödten; aber du siehst, Freund Latimer, so wie die Menschen ihre Kettenhunde mit Stachelhalsbändern, und ihre Hähne mit stählernen Sporen bewaffnen, um sie zum Kampfe zu reizen, so verderben sie auch mit ihrer Erziehung die besten, mildesten Naturen, bis Charakterstärke und Geist in Starrsinn und Wildheit ausartet. Glaube mir, Freund Latimer, eben so gut würde ich meinen getreuen Hofhund einem unnützen Kampfe mit einer Heerde Wölfe aussetzen, als jenes getreue Geschöpf der Wuth der rasenden Menge. Aber ich brauche dir, Freund Latimer, wohl wenig darüber zu sagen, da du wahrscheinlich auch zu glauben geneigt bist, daß es nicht von Muth zeugt, und daß es keine Ehre bringt, wenn wir männlich dasjenige ertragen, was das Schicksal uns auferlegt, und dasjenige thun, was die Gerechtigkeit gebietet, weil auch du bereit bist, Gewalt mit Gewalt zu vertreiben, und die kleinste Beleidigung für einen hinlänglichen Grund hältst, Blut zu vergießen, ja sogar das Leben zu rauben. Wir wollen aber diesen streitigen Punkt auf eine gelegenere Zeit aufschieben, und jetzt laß uns sehen, was unser Korb wohl für Mundvorrath enthalten mag, denn, um die Wahrheit zu gestehen, Freund Latimer, so muß ich dir sagen, daß ich einer von denen bin, denen weder Furcht noch Angst ihren gewöhnlichen Appetit raubt.« Wir fanden den Korb mit guten Speisen wohl versehen, die sich Mr. Geddes so wohl schmecken ließ, als äße er mit der vollkommensten Sicherheit; ja, seine Unterhaltung schien noch fröhlicher als gewöhnlich zu sein. Nachdem wir unser Abendessen verzehrt hatten, verließen wir gemeinschaftlich die Hütte und gingen einige Augenblicke am Ufer des Meeres spazieren. Voll und klar spiegelte sich der Mond auf der ebenen Oberfläche des Meerbusens, und ließ das leichte Anschlagen der Wellen an den Reusen bemerken, deren äußerste Spitzen ein wenig aus den Wogen hervorragten, sowie auch die schwärzlichen Pfähle, welche den fernsten Winkel des Gehäges bezeichneten. In weiterer Entfernung, – denn der Meerbusen ist hier sehr breit – sah man die Gränze der englischen Küsten den Meerbusen schließen, die den Nebelbänken glichen, von denen man sagt, daß die Seefahrer nicht wissen, ob es wirkliches Land oder eine atmosphärische Täuschung ist. »Sie werden uns noch einige Stunden in Ruhe lassen,« sagte Mr. Geddes; »denn sie werden wohl nicht herabkommen, bis die Ebbe ihnen erlaubt, die Pfahlnetze zu zerstören. Ist es nicht sonderbar, wenn man denkt, daß die menschliche Leidenschaft einen so gemüthlichen Anblick, wie diesen, zu einer Scene der Verwirrung und der Zerstörung umschaffen wird?« Wirklich schien eine köstliche Ruhe auf Allem rings umher zu liegen, ja, die stürmischen Wellen der Solway sogar schienen, wenn auch nicht gerade zu schlafen, doch zu schlummern; kein Nachtvögelchen ward gehört – der Hahn hatte den Morgen noch nicht zum ersten Male begrüßt, wir selbst traten leiser auf als bei Tag, als wollten wir es vermeiden, mit dem Geräusche unserer Tritte die heitere Ruhe um uns zu stören. Endlich unterbrach das klägliche Geschrei eines Hundes die Stille, und als wir in die Hütte traten, fanden wir das jüngste der drei Thiere, die mit John Davis gegangen waren, das wahrscheinlich, an weite Reisen noch nicht gewöhnt, seine Gefährten verlassen hatte und zu seinem Geburtsorte zurückgekehrt war. »Wieder ein kleiner Zuwachs unserer kleinen Garnison,« sagte Mr. Geddes, als er, den Hund streichelnd, in die Hütte trat. »Armer Gesell! noch kannst du nichts Uebles thun, hoffentlich wird dir auch nichts Uebles widerfahren. Wenigstens kannst du uns doch als Schildwache gute Dienste thun, und so können wir uns ruhig dem Schlafe überlassen, da wir sicher sein können, daß du uns erwecken wirst, wenn der Feind naht.« Im Zimmer des Oberaufsehers standen zwei Betten, auf die wir uns warfen. Mr. Geddes mit seinem glücklichen Gleichmuth schlief in den ersten fünf Minuten ein. Ich aber lag eine Zeit lang in zweifelhaften, ängstlichen Gedanken, beobachtete das Feuer und die Bewegungen des Hundes, der, wahrscheinlich durch die Abwesenheit des John Davies beunruhigt, bald vom Herd zur Thüre, bald wieder zurücklief, dann nahete er sich meinem Bette, leckte mir Hand und Gesicht, und da ich ihn nicht fortjagte, so legte er sich zu meinen Füßen und schlief ein, und ich folgte bald darauf seinem Beispiele. Die Wuth, zu erzählen, mein theuerster Allan (denn ich gebe noch immer die Hoffnung nicht auf, daß mein Schreiben einst in deine Hand fallen wird), hat mich noch immer, hat mich selbst in meiner Gefangenschaft nicht verlassen, und die große Menge größtentheils unwichtiger Umstände, die ich erzählte, zwingt mich, ein anderes Blatt zu beginnen. Glücklicherweise kann ich bei meiner kleinen Schrift viele Worte in wenig Raum zwängen. Viertes Kapitel. Schon graute der Morgen und noch lag Mr. Geddes und ich in tiefem Schlafe, als mein hündischer Bettgenosse uns erweckte, indem er anfing, von Zeit zu Zeit zu brummen, und endlich deutlichere Zeichen gab, daß der Feind sich nahe. Ich öffnete die Thür der Hütte und bemerkte in einer Entfernung von ungefähr 200 Ellen eine schmale, aber feste geschlossene Colonne von Männern, die ich für eine dunkle Hecke gehalten haben würde, wenn ich nicht bemerkt hätte, daß sie sich schnell und schweigend näherte. Der Hund fuhr ihnen entgegen, kam aber augenblicklich heulend zu mir zurück gelaufen, da ihn wahrscheinlich ein Stock oder ein Stein getroffen hatte. Ungewiß, ob Mr. Geddes sich vertheidigen oder unterhandeln wollte, war ich im Begriff, eben wieder in die Hütte zurück zu gehen, als er plötzlich an der Thüre zu mir kam und, seinen Arm in den meinigen legend, sagte: »Laß uns ihnen männlich entgegen gehen, wir haben nichts gethan, worüber wir beschämt sein müßten. – »Freunde,« sagte er, indem er seine Stimme erhob, als wir uns ihnen naheten, »wer und was seid ihr, und in welcher Absicht seid ihr hier auf meinem Eigenthum?« Ein lautes Hohngelächter war die Antwort, und eine Reihe Geiger, welche vor der Fronte hermarschirte, stimmte sogleich die beschimpfende Melodie des Liedes an, das mit den Worten anfängt: »Lustig tanzte des Quäkers Weib Und lustig tanzte der Quäker.« Selbst in diesem Augenblick des Schreckens glaubte ich den Strich des blinden Geigers Will zu erkennen, den man seiner umherstreifenden Lebensart wegen den wandernden Willin nennt. Sie näherten sich schnell und mit großer Ordnung, voraus: »Der stolzen Geiger, Kriegsgesänge spielend.« Als sie ganz nah' bei uns waren, umzingelten sie uns mit einer einzigen Wendung und erhoben ein einstimmiges Geschrei. »Hoh, Quäker – hoh, Quäker. – Da haben wir sie ja Beide, den nassen Quäker und den trockenen dazu.« »Hängt den nassen Quäker zum trocknen auf, und macht den Trockenen durch Untertauchen naß,« antwortete eine andere Stimme. »Wo ist denn die Seeotter, John Davies, der mehr Fische raubte als ein Seekalb auf dem Alisay-Felsen?« rief eine dritte Stimme aus. »Ich habe noch einen alten Strauß mit ihm, und bringe eine Tasche mit, um die Federn hinein zu thun.« Wir standen in ruhiger Erwartung da; denn gegen mehr als hundert Mann, die mit Flinten, Fischspeeren, eisernen Stangen und Prügeln bewaffnet waren, Widerstand zu leisten, würde eine wahre Verrücktheit gewesen sein. Mr. Geddes beantwortete die Frage nach dem Oberaufseher mit starker, volltönender Stimme und mit einer männlichen Gleichgültigkeit, die sie zwang, auf ihn zu achten. »John Davies,« sagte er, »wird, hoffe ich, bald in Dumfries sein.« »Ah, ha, um die Rothröcke und Dragoner gegen uns zu schicken, du scheinheiliger, alter Schurke!« In demselben Augenblick ward ein Schlag auf meinen Freund geführt, den ich mit dem Stock parirte, den ich in der Hand hatte. Augenblicklich ward ich zur Erde geworfen, und ich glaube mich noch erinnern zu können, daß Einer rief: »Schlagt den jungen Spion todt,« und daß Andere sich für mich verwendeten. Aber ein zweiter Schlag auf den Kopf, der den Schädel traf, beraubte mich meiner Sinne und meines Bewußtseins, deren Gebrauch ich nicht so bald wieder erlangte. Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf dem Bette, von welchem ich mich vor dem Streit erhoben hatte, und mein armer Gefährte, der junge Neufoundländer, dessen Muth bei dem Lärm des Aufruhrs ganz verschwunden war, hatte sich so nah' als möglich an meine Seite gedrängt, zitternd und wimmernd wie in der furchtbarsten Todesangst. Ich war im Anfang nicht sicher, ob nicht der ganze Aufstand ein Traum sei, aber als ich es versuchte, mich zu erheben, so fühlte ich Schmerzen und Beklemmung, die mich nur zu sehr überzeugten, wie wahr die Beschädigungen seien, die ich erlitten hatte. Ich sammelte meine Seelenkräfte, lauschte – und hörte in der Ferne das Jauchzen der Aufrührer, welche ohne Zweifel bei dem Werk ihrer Zerstörung beschäftigt waren. Ich machte einen zweiten Versuch, mich aufzurichten oder wenigstens mich umzuwenden; denn ich lag mit dem Gesicht gegen die Wand der Hütte, aber ich fand, daß meine Gelenke fest zusammen gebunden und dadurch jede Bewegung unmöglich war; denn Arme und Füße waren, zwar nicht mit Stricken, aber mit leinenen und wollenen Tuchstreifen fest zusammengeschnürt. Als ich meinen Zustand bemerkte, seufzte ich tief gebeugt von körperlichen Leiden und von Seelenschmerz. Beruhigend lispelte eine Stimme an der Seite meines Bettes: »Still doch, Schätzchen, sei doch ruhig, halt' dein Maul wie ein gutes Kind – du bist uns schon theuer genug zu stehen gekommen. Mein Männchen ist schier darauf gegangen.« Da ich die Redensarten der Frau des wandernden Musikanten zu erkennen glaubte, so frug ich sie, wo ihr Mann wäre, und ob er beschädigt worden wäre. »Zerschlagen,« antwortete das Weib, »ganz in Stücken zerschlagen; zu nichts mehr zu gebrauchen als Zündhölzchen daraus zu machen – das beste Blut in Schottland.« »Erschlagen? – Blut? – Ist Euer Mann verwundet? Ist Blut vergossen? – Sind Glieder zerschlagen worden?« »Glieder zerschlagen? – Ich wollte lieber,« antwortete die Schöne, »mein Männchen hatte das beste Glied an seinem Körper zerbrochen, als seine Geige, die das beste Blut in Schottland war – es war eine Cremoneser, so viel ich weiß.« »Pah – nur seine Geige?« »Ich weiß nicht, was Ew. Gnaden mehr hätten verlangen können, wenn er nicht gar den Hals gebrochen hätte; denn das ist für mein Männchen Willin und für mich ein eben so großes Unglück. Still doch, ist leicht gesagt, aber wo bekömmt man etwas, den Hunger zu stillen? Der Broderwerber ist fort, nun können wir sitzen und hungern.« »Nein, nein,« sagte ich, »ich will Euch zwanzig solcher Geigen zahlen.« »Zwanzig solcher! wißt Ihr, was das heißt? Im ganzen Lande gibt's keine solche mehr. Aber wenn auch Ew. Gnaden sie uns zahlen wollte, was Euch freilich hier und jenseits zur größten Ehre gereichen würde, wo wollt Ihr das Geld hernehmen?« »Ich habe Geld genug,« sagte ich, indem ich es versuchte, meine Hand in die Brusttasche zu stecken; »löst diese Banden und ich will Euch sogleich zahlen.« Der Wink schien sie zu bewegen, und schon näherte sie sich meinem Bette, um mich, wie ich hoffte, von meinen Banden zu befreien, als ein näheres, verzweifelteres Jauchzen erschallte, als wären die Rebellen der Hütte nahe. »Ich wage es nicht – ich wage es nicht,« sagte das arme Weib, »sie würden mich sammt meinem Männchen Willin ermorden, sie haben uns schon schlimm genug traktirt; – aber wenn es noch etwas auf Erden gibt, außer dem, so soll es gern geschehen.« Das erinnerte mich an mein körperliches Leiden. Die Bewegung meines Gemüths und die Folgen der Behandlung, die ich erduldete, hatten einen brennenden Durst in mir erweckt. Ich forderte einen Trunk Wasser. »Der allmächtige Himmel behüte Epps ainslie, einem kranken Herrn kaltes Wasser zu geben, wenn er im Fieber liegt. Nein, nein, Schätzchen, laß mich nur gehen, ich will Euch etwas Besseres geben.« »Gebt mir was Ihr wollt,« erwiderte ich, »nur kalt und flüssig muß es sein.« Die Frau reichte mir also einen großen Kelch mit Branntwein und Wasser, den ich, ohne mich viel um den Inhalt zu bekümmern, auf einen Zug ausleerte. Entweder wirkte das auf diese Weise genossene Getränk stärker als gewöhnlich auf mich, oder der Trank war mit einem Schlaftrunk vermischt. Ich erinnere mich wenig mehr von dem, was mir gleich nach dem Genuß des Tranks widerfuhr, nur weiß ich, daß mir die Gestalten umher undeutlich wurden, daß die Form der Frau sich zu vermehren schien, und daß mich viele Figuren zu umschweben schienen, welche dieselben Züge trugen, wie sie. Auch erinnere ich mich, daß das mißtönende Toben und Schreien der Aufrührer außerhalb der Hütte sich in ein Sumsen zu verlieren schien, dem ähnlich, womit die Ammen die Kinder einschläfern. Endlich fiel ich in einen tiefen, festen Schlaf, oder vielmehr in einen Zustand vollkommener Gefühllosigkeit. Ich habe Ursache, zu glauben, daß dieser todesähnliche Schlaf mehrere Stunden, ja vielleicht den ganzen Tag und noch einen Theil der darauf folgenden Nacht dauerte. Er war nicht immer gleich tief; denn meine Rückerinnerung daran paart sich mit vielen Traumgestalten, alle peinlich und schwer, aber auch zu ungewiß und zu unbestimmt, als daß ich mich ihrer jetzt deutlich erinnern könnte. Endlich kam der Augenblick des Erwachens, meine Lage, meine Gefühle waren entsetzlich. Ein tiefes Stöhnen, das ich in der Verwirrung meiner Sinne für das Geschrei der Aufrührer hielt, war das Erste, was ich wieder vernahm; dann bemerkte ich, daß ich in einem Wagen sehr schnell fortgeführt ward, dessen ungleiche Bewegung mir heftige Schmerzen verursachte. Als ich es versuchte, meine Hände auszustrecken, um ein Mittel zu finden, mich diesem Leiden zu entziehen, so fand ich, daß ich noch immer wie früher gebunden war; da trat mir die schreckliche Wirklichkeit vor Augen, daß ich mich in den Händen der Menschen befände, die sich erst vor Kurzem so schwer an fremdem Eigenthum vergriffen und mich nun rauben oder gar ermorden wollten. Ich öffnete die Augen – umsonst – alles umher war in Dunkel gehüllt, denn ein voller Tag war seit meiner Gefangennahme verstrichen. Eine entmuthigende Krankheit lastete auf meinem Haupte – mein Herz glühte, während meine Füße und Hände wegen des gehinderten Blutumlaufs vor Kälte erstarrten. Mit der größten Mühe und nur nach und nach erlangte ich wieder die Kraft, die äußeren Töne und Umstände zu beobachten; aber als ich es wieder vermochte, da stellte sich wenig Tröstliches dar. Mit der Hand umhertappend, so weit die Bande es erlaubten, und mit Hülfe eines zufälligen Mondschimmers bemerkte ich, daß das Fuhrwerk, in welchem ich fortgeschleppt wurde, eins von den leichten Bauernwägelein war, wie sie im Lande üblich find; doch hatte man mit einiger Aufmerksamkeit für mich gesorgt, denn ich lag auf einigen Strohsäcken, die mit Matratzen bedeckt waren. Ohne diese Vorsicht wäre meine Lage noch unerträglicher gewesen, denn bald sank das Fuhrwerk auf diese, bald auf jene Seite, bald blieb es völlig stecken, und es bedurfte der äußersten Anstrengung der Thiere, um es wieder in den Gang zu bringen, und dann schwankte es nach allen Seiten, was mir unendlichen Schmerz verursachte. Zu einer andern Zeit rollte das Fuhrwert still und sanft, wie es schien, über Triebsand, und ich zweifelte nun nicht mehr, daß wir im Begriff wären, die Gränze zu überschreiten, wo sich die beiden Königreiche berühren. Ungefähr fünf oder sechs Männer, theils zu Fuß, theils zu Pferde, begleiteten das Fuhrwerk; die Einen leisteten Beistand, wenn der Wagen in Gefahr war umzuschlagen oder in Triebsand zu versinken, die Anderen ritten voraus und zeigten den Weg, indem sie oft die Richtung veränderten, so wie es der gefahrvolle Zustand des Weges erforderte. Ich wandte mich an die Männer, welche das Fuhrwerk umgaben, um es zu versuchen, ihr Mitleiden zu erwecken. Ich hätte Niemand beleidigt, sagte ich, und wäre mir keiner That bewußt, die eine so grausame Behandlung verdiente. Ich hätte keinen Antheil an der Fischerei, die ihr Mißfallen erregt hätte, und ich wäre mit Mr. Geddes erst seit Kurzem bekannt. Endlich, und als den stärksten Grund, suchte ich sie in Furcht zu setzen, indem ich ihnen sagte, daß der Rang und der Stand, den ich behauptete, es nicht zulassen würde, daß man mich ungestraft ermorden oder gefangen halten könnte; auch ihre Habsucht suchte ich durch eine Belohnung zu reizen, die ich ihnen versprach, wenn sie mich los lassen wollten. Ein zorniges Gelächter war die Antwort, die mir auf meine Drohungen ward; meine Versprechungen schienen mehr Eindruck zu machen, denn sie flüsterten zusammen, als schwankten sie, so daß ich meine Anerbietungen wiederholte und vergrößerte. Aber ein Reiter, der plötzlich erschien und den Fußgängern Schweigen gebot, näherte sich dem Fuhrwerke und sagte mit starker, entschlossener Stimme: »Junger Mann, es soll Euch persönlich nichts zu Leid geschehen. Wollt Ihr Euch still und ruhig verhalten, so könnt Ihr auf gute Behandlung zählen; versucht Ihr es aber, diese Leute von ihrer Pflicht abwendig zu machen, so will ich solche Maßregeln ergreifen, um Euch zur Stille zu bewegen, daß Ihr den längsten Tag Eures Lebens daran denken sollt.« Ich glaubte die Stimme zu kennen, welche diese Drohungen ausstieß; aber in meiner Lage konnte mein Gedächtniß natürlich nicht sehr zuverlässig sein. Ich begnügte mich also, zu antworten: »Wer Ihr auch sein möget, der mit mir spricht, so nehme ich ja nur das Recht des niedrigsten Gefangenen in Anspruch, den man gesetzlich keinem größeren Zwange unterwerfen kann, als der zur Sicherung seiner Person nöthig ist. Ich bitte nur, daß die Bande, welche mich so grausam einzwängen, losgebunden, wo nicht ganz weggenommen werden möchten.« »Ich will die Bande loser binden,« antwortete der schon erwähnte Sprecher; »ja, ich will sie sogar ganz wegnehmen und Euch gestatten, Eure Reise auf eine anständigere Weise fortzusetzen, wenn Ihr mir Euer Ehrenwort geben wollt, nicht zu entfliehen.« » Nie !« rief ich mit einer Kraft aus, wozu nur die Verzweiflung allein mich fähig machte, – »ich will mich nie dem Verluste meiner Freiheit länger unterwerfen, als die Gewalt mich dazu zwingt.« »Genug,« sagte er, »das Gefühl ist natürlich; aber dann könnt Ihr Euch auch nicht beklagen, daß ich meinerseits alle möglichen Mittel anwende, um den glücklichen Erfolg eines wichtigen Unternehmens zu sichern.« Ich verlangte zu wissen, was er mit mir vorzunehmen gedächte, aber mein Führer befahl mir mit drohender Stimme, bei Gefahr meines Lebens, stille zu sein; auch waren meine Kräfte und mein Geist zu sehr erschöpft, als daß ich ein so sonderbares Gespräch hätte fortsetzen können, selbst wenn ich mir einen guten Erfolg davon hätte versprechen können. Ich muß nothwendigerweise hinzufügen, daß, so viel ich mich damals erinnern konnte, und nach dem, was seither vorfiel, ich fest glaube, daß der Mann, mit dem ich diese Zwiesprache hielt, die sonderbare Person ist, welche zu Broken-Burn in der Grafschaft Dumfries wohnt, und die von den Fischern des Dörfchens der Laird der Solway-Seen genannt wird. Doch kann ich durchaus keinen Grund für seine hartnäckige Verfolgung gegen mich finden. Unterdessen ward das Fuhrwerk schläfrig und langsam fortgezogen, bis das näher heranrollende Donnern der Fluth eine andere Gefahr befürchten ließ. Ich konnte mich in den Tönen nicht täuschen, denn einst hatte ich sie bei einer Gelegenheit gehört, wo nur die Eile eines auf Windesfittigen einher fliegenden Rosses mich von der Gefahr rettete, im Triebsand umzukommen. Du, mein theuerster Allan, mußt dich noch dessen erinnern; aber, o des wunderbaren Widerspruchs! derselbe Mann, so viel ich mich erinnerte, der mich damals errettete, war nun der Führer der gesetzlosen Bande, die mich meiner Freiheit beraubte. Die Gefahr war dringend, wie ich vermuthete; Worte wurden gewechselt und Zeichen gegeben, da spannte ein Reiter sein Pferd als Vorspann vor den Wagen, um den erschöpften Thieren zu Hülfe zu kommen, die ihn zogen; jetzt ward die Maschine schneller in Bewegung gesetzt, und die Pferde mit Flüchen und Stößen zum Anziehen angehalten. Doch waren die Männer Bewohner der Umgegend, und ich hatte persönliche Gründe, zu glauben, daß wenigstens einer von ihnen mit den Abgründen und Schluchten des gefährlichen Weges genau bekannt war. Aber auch sie schwebten in Gefahr; und war dem also, wie ihr Flüstern und ihre Anstrengungen, das Fuhrwerk schnell von Ort und Stelle zu bringen, fürchten lassen mußten, so war es keinem Zweifel unterworfen, daß sie mich als eine unnütze Bürde in einem Zustande zurücklassen würden, der eine jede Möglichkeit der Flucht undenkbar machte. Das war ein grauenvoll-ängstlicher Zustand der Bangigkeit; aber es gefiel der Vorsehung, ihn bis auf einen Punkt zu steigern, wo ihn mein Geist kaum ertragen konnte. Als wir uns einer schwarzen Linie näherten, die ich, so sehr sie auch in Nebel gehüllt war, für das Ufer erkannte, hörten wir einige Flintenschüsse. Da war Alles geschäftig, sich davon zu machen. Jetzt sprengt ein Reiter einher und schreit: »Vorgesehen, vorgesehen! die Landreiter sind ausgezogen, Allonby Tom wird seine Ladung verlieren, wenn ihr nicht helft.« Bei dieser Nachricht eilten die Meisten dem Ufer zu. Ein Führer ward bei dem Wagen zurückgelassen, als er ihn aber nach allem Bemühen kaum Haarbreit von der Stelle brachte, als das Fuhrwerk tief in den lockeren Triebsand versank, da schnitt der Kerl mit furchtbaren Flüchen die Stränge entzwei und eilte mit den Pferden davon, die ich noch lange im feuchten Sande und in den Wellen plätschern hörte, wie sie im vollen Galopp hinweg eilten. Noch immer hörte ich einzelne Flintenschüsse, bald aber verlor sich der Schall in dem Donner der nahenden Brandung. Verzweiflungsvoll raffte ich die letzten Kräfte zusammen, richtete mich auf, und es gelang mir, eine sitzende Stellung anzunehmen, die mir nur die Gefahr noch anschaulicher machte, in der ich schwebte. Dort lag mein Vaterland – mein liebes England – das Land, wo ich zuerst das Licht erblickte, wohin sich seit meinem frühesten Alter alle meine Wünsche mit allen Vorurtheilen des Nationalstolzes hinsehnten, dort lag es – eine Spanne weit von dem Orte, wo ich mich befand; und doch war diese Spanne, die ein Kind in einem Augenblick überschritten hätte – ein Schlagbaum, der mich auf ewig von England trennen sollte und vom Leben. Bald hörte ich nicht blos die furchtbare Brandung sich nahen, sondern ich sah auch, bei schwankendem Lichte des Mondes, die schäumenden Wogen der verschlingenden Wellen, die wie hungrige Wölfe auf ihre Beute stürzten. Der geringste Strahl der Hoffnung hatte mich verlassen, keine Rettung schien mehr möglich; da übermannte das Bewußtsein meines Zustandes die Festigkeit, mit der ich Alles bisher ertrug. Meine Augen wurden feucht – schwindelnd und verzweifelnd vor Furcht mein Kopf – ich schnatterte und heulte wie die heulende, tobende See. Schon hatten zwei große Wellen den Wagen erreicht, da erschien, wie durch Zauber, der oft erwähnte Anführer der Rebellen an meiner Seite. Er sprang vom Pferde in den Wagen, zerschnitt die Leinwand, die mich fesselte, befahl mir, aufzustehen und in's Teufels Namen das Pferd zu besteigen. Wie er aber sah, daß ich unfähig war, ihm zu gehorchen, da ergriff er mich, wie man ein halbjähriges Kind faßt, warf mich auf das Pferd, sprang hinten auf, hielt mich mit der einen Hand, während er mit der anderen das Pferd lenkte. Hülflos und von Schmerzen gepeinigt wie ich war, war mir der Grad der Gefahr unbekannt, in der wir schwebten; einmal aber glaubte ich, mußte das Pferd schwimmen oder war doch nahe daran, und nur mit Mühe gelang es meinem ernsten, gewaltigen Führer, meinen Kopf über dem Wasser zu halten. Vorzüglich erinnere ich mich des Stoßes, den ich fühlte, als das Thier, indem es versuchte das Ufer zu erreichen, sich bäumte und fast rücklings umgestürzt wäre sammt seiner Last. Wahrscheinlich dauerte dieser grauenvolle Zustand wohl nicht mehr als zwei oder drei Minuten, Entsetzen und Todesangst aber schien sie mir fürchterlich zu verlängern. Als ich so dem Untergang entrissen worden war, konnte ich zu meinem Beschützer oder zu meinem Unterdrücker (denn er verdiente beide Benennungen) nur die Worte sagen: »Ihr wollt mich also nicht ermorden?« Indem er mir antwortete, lachte er, aber es war ein Gelächter, das ich nie wieder hören möchte: »Ihr glaubt wohl, sonst hätte ich den Wellen die Arbeit überlassen? Aber wenn der Schäfer seine Schafe aus dem Wasser zieht, geschieht es wohl, um ihnen das Leben zu retten? – Schweige aber mit Fragen und Gesprächen. Was ich thun will, das kannst du eben so wenig errathen oder verhindern, wie ein Mann mit dieser hohlen Hand die Solway ausschöpfen kann.« Ich war zu sehr erschöpft, als daß ich hätte antworten können; und da ich an allen Gliedern gelähmt und erstarrt war, so mußte ich es ohne Widerstand dulden, daß man mich auf ein Pferd setzte, das man zu diesem Endzwecke hergebracht hatte. Mein furchtbarer Führer ritt auf dieser, eine andere Person auf jener Seite, und so hielten sie mich aufrecht im Sattel. Auf diese Weise setzten wir unsere Reise auf Nebenwegen fort, mit denen mein Begleiter eben so vertraut wie mit den gefährlichen Pfaden am Solway war. Endlich, nachdem wir ein Labyrinth dunkler, enger Nebenwege durchwandert und mehr als eine rauhe, öde Haide durchschnitten hatten, befanden wir uns am Eingange einer Landstraße, wo eine vierspännige Equipage unsere Ankunft zu erwarten schien. Zu meiner großen Erleichterung änderten wir nun unsere Art zu reisen; denn die Betäubung und das Kopfweh hatten sich wieder so heftig eingestellt, daß ich ganz und gar außer Stand gewesen wäre, selbst mit der Unterstützung meiner Führer auf dem Pferde zu sitzen. Mein verdächtiger, gefährlicher Gefährte gab mir durch Zeichen zu verstehn, ich sollte in den Wagen steigen – der Mann, der zur linken Seite meines neuen Begleiters geritten war, stieg nach mir ein und zog die Läden des Wagens in die Höhe, nachdem er ein Zeichen zum Fortfahren gegeben hatte. Als der Kutscher den Wagenschlag öffnete, erblickte ich beim Schimmer einer Blendlaterne die Züge meines neuen Begleiters, und war fast ganz sicher, daß ich in ihm den Diener des Bandenanführers vor mir habe, den ich früher in seinem eigenen Hause zu Broken-Burn gesehen hatte. Um sicher zu gehen, frug ihn, ob er nicht Christal Nixon hieße. »Was geht Euch anderer Leute Name an?« antwortete er mürrisch, »der Ihr den Eures Vaters und Eurer Mutter selbst nicht kennt?« »Ihr aber kennt sie wahrscheinlich?« rief ich heftig aus. »Ihr kennt sie! und die Behandlung, die ich jetzt erdulde, steht mit diesem Geheimniß in Verbindung. Ja, so muß es sein; denn in meinem Leben habe ich Niemanden beleidigt. Sagt mir die Ursache meines Unglücks, oder verhelft mir vielmehr zu meiner Freiheit, und ich will Euch reichlich belohnen.« »Ja, ja,« erwiderte mein Wärter, »aber wozu sollte man Euch die Freiheit geben, da Ihr sie nicht wie ein Gentleman zu gebrauchen wißt, sondern Eure Zeit mit Quäkern und Geigern und solchem Lumpengesindel zubringt? Wäre ich Euer – hm, hm, hm.« Hier hielt Christal plötzlich inne, wie es schien, weil ihm eine Nachricht entschlüpfen wollte. Ich bat ihn nochmals, sich freundschaftlich gegen mich zu betragen, und versprach ihm das ganze Kapital, das ich bei mir hatte, das gar nicht unbedeutend war, wenn er mir zu meiner Flucht behülflich sein wolle. Er horchte, als wäre ihm der Vorschlag nicht unangenehm, und antwortete mit milderer Stimme als zuvor. »Aber man fängt die alten Vögel nicht mit Spreu, mein Herr. Wo habt ihr denn die Goldfüchse, mit denen Ihr so um Euch werft?« »Ich will Euch das Geld gleich geben, und zwar in Banknoten,« sagte ich; aber indem ich mit meiner Hand in der Brusttasche wühlte, so fand ich, daß mein Taschenbuch weg war. Ich hätte geglaubt, das; blos die Steifheit meiner Hände mich verhinderte, es zu finden, wenn Christal Nixon, dessen Züge Spuren der Rohheit tragen, welche Freude an menschlichem Elend findet, sein schallendes Hohngelächter länger hätte unterdrücken können. »Oho, mein junger Herr!« sagte er; »wir haben Sorge getragen, Euch die Mittel zu nehmen, arme Leute bestechen zu können. Was, Freund, wir haben eine Seele so gut wie andere Leute, und sie zum Treubruch verleiten zu wollen, ist eine Todsünde. Was mich betrifft, junger Herr, wenn Ihr auch die Marienkirche mit Gold anfüllen könntet, Christal Nixon würde es eben so wenig reizen, als wären es eben so viele Kieselsteine.« Ich würde das Gespräch fortgesetzt haben, wäre es blos der Hoffnung wegen gewesen, daß er im Laufe des Gesprächs etwas über meine Verhältnisse fallen lassen würde; er aber schnitt alle fernere Mittheilungen ab, indem er mich bat, mich in die Ecke zu legen und zu schlafen. »Ihr seid schon ermattet genug,« fügte er hinzu, »und wenn Ihr Euch nicht einige Ruhe gönnet, so werden Eure jungen Knochen auseinander fallen.« Wirklich bedurfte ich der Ruhe, wenn auch nicht des Schlafs; der Trank, den ich zu mir genommen hatte, wirkte noch immer fort; ich beruhigte mich also damit, daß man keinen Angriff auf mein Leben beabsichtigte, die Furcht vor einem plötzlichen Tode rang nicht mehr mit der Betäubung, die sich meiner bemächtigt hatte. – Ich schlief ein, und schlief fest, aber unerquicklich. Als ich erwachte, befand ich mich sehr unwohl; Bilder der Vergangenheit und Ahnungen der Zukunft schwebten verwirrt vor meiner Phantasie. Doch bemerkte ich, daß sich meine Lage, und zwar bedeutend zu meinen Gunsten, verändert hatte. Ich lag in einem guten Bette, dessen Umhänge zugezogen waren; ich vernahm flüsternde Stimmen, und leise Tritte der Diener, die meine Ruhe nicht stören zu wollen schienen; es kam mir vor, als befände ich mich in den Händen meiner Freunde, oder in denen von Menschen, die mir persönlich nichts zu Leide thun wollten. Undeutlich schweben mir nur die Begebenheiten der zwei oder drei Tage vor, die ich in abwechselnder Fieberhitze zubrachte; bald ward ich von Träumen und schrecklichen Erscheinungen aufgeschreckt, bald boten sich meiner erhitzten Einbildungskraft wieder erfreulichere Gegenstände dar. Allan Fairford wird mich verstehen, wenn ich sage, daß ich überzeugt bin, den G. M. während dieser Zeit gesehen zu haben. Ich genoß ärztlicher Bedienung, und mehr als ein Mal ließ man mir zur Ader. Ich erinnere mich auch einer schmerzlichen Operation am Kopfe, wo ich in der Nacht während des Aufruhrs einen heftigen Schlag bekommen hatte. Das Haar ward mir glatt abgeschoren und der Hirnschädel untersucht, um zu sehen, ob das Gehirn nicht gelitten habe. Beim Anblick des Arztes wäre es natürlich gewesen, ihn wegen meiner Gefangenschaft anzureden, und ich erinnere mich, daß ich es mehr als ein Mal versuchte. Aber wie mit einem Zauber bannte das Fieber meine Zunge, und wenn ich den Doctor um Hülfe bitten wollte, so phantasirte ich darüber und sprach ich weiß nicht welchen Unsinn. Eine unwiderstehliche Gewalt schien das Gespräch auf einen anderen als den beabsichtigten Gegenstand zu leiten, und obgleich ich mich des Irrthums bewußt war, so konnte ich ihn doch nicht verbessern. Ich beschloß daher, mich ruhig zu verhalten, bis die Fähigkeit, anhaltend denken und mich ausdrücken zu können, mit meiner gewöhnlichen Gesundheit zurückkehrte, die von den Mühseligkeiten und den Leiden, die ich erduldete, einen heftigen Stoß erlitten hatte. Fünftes Kapitel. Fortsetzung des Tagebuchs Darsie Latimer's. Nachdem ich zwei oder drei Tage, vielleicht mehr, vielleicht weniger, im Bette zugebracht hatte, wo ich sorgfältig verpflegt und, wie ich glaube, mit so vieler Vorsicht behandelt wurde, als nur meine Lage es erheischte, ward mir endlich erlaubt, das Bett, aber nicht die Stube zu verlassen. Nun war ich schon eher im Stande, einige Bemerkungen über den Ort zu machen, wo ich gefangen gehalten wurde. Dem Ansehen und den Möbeln nach glich das Zimmer der besten Stube in einem Pachterhaus; die Fenster gewährten vom zweiten Stockwerk herab die Aussicht in den Hof, der mit allerlei Geflügel bevölkert war. Die nöthigen Wirtschaftsgebäude befanden sich im Hofe. Ich konnte das Brauhaus und die Scheune unterscheiden, auch hörte ich von einem entfernteren Gebäude her, das Brüllen des Viehs und andere ländliche Töne; die ein großes, wohlversehenes Pachterhaus verriethen. Der Anblick sowohl als die Töne waren geeignet, die Furcht vor einer persönlichen Gewaltthat zu verscheuchen. Doch schien das Gebäude alt und fest zu sein, ein Theil des Daches war mit Zinnen versehen und die Mauern waren ungeheuer dick; endlich merkte ich noch zu meinem Verdrusse, daß die Fenster des Zimmers erst vor Kurzem mit eisernen Stangen verwahrt worden waren, und daß die Diener, welche mir Speisen brachten und andere häusliche Dienste leisteten, immer die Thüre wieder zuschlossen, wenn sie weggingen. Die Bequemlichkeit und Räumlichkeit meiner Stube war ächt englischer Art, so wie ich sie nie auf dem andern Ufer der Tweede sah, das sehr alte Getäfel, woraus der Fußboden und das Gesimse bestand, war mit einem Fleiße gescheuert, den eine Schottländerin kaum ihrem kostbarsten Möbel schenkt. Die Zimmer, welche zu meinem Gebrauch bestimmt waren, bestanden in einer Schlafstube, einem anstoßenden kleinen Wohnzimmer, mit welchem noch ein kleineres Kabinet in Verbindung stand, welches ein schmales Fenster hatte, das vor Alters zur Schießscharte gedient zu haben schien und nun der Luft und dem Licht einen freien Durchgang gewährte; aber außerdem konnte man unmöglich etwas Anderes als den blauen Himmel sehen, und selbst den nur, wenn man sich auf einen Stuhl stellte. Es war noch eine Spur eines besonderen Einganges in das Kabinet vorhanden, außer dem, der in das Wohnzimmer führte, der aber erst kürzlich zugemauert worden war, wie ich entdeckte, indem ich einen Theil der Tapeten wegriß, die das frische Mauerwerk bedeckten. Ich fand daselbst meine Kleider, Weißzeug und andere Bedürfnisse, ja sogar mein Schreibzeug, das Feder, Dinte und Papier enthielt, so daß ich im Stande bin, diesen Bericht von meiner Gefangennehmung mit Muße, (und Gott weiß es, sie ist ungestört genug) niederzuschreiben. Natürlich vertraue ich sie meinem Pulte nicht an, sondern ich trage die geschriebenen Blätter bei mir, so daß man mir sie nur mit Gewalt entreißen kann. Ich gebrauche auch die Vorsicht, nur in dem kleinen Kabinet zu schreiben, so daß ich, wenn sich Jemand dem anderen Zimmer nähert, Zeit genug habe, mein Tagebuch bei Seite zu legen, ehe man kommt. Die Dienstboten, ein kräftiger Landbursche und ein zierliches Landmädchen, das einem Milchmädchen nicht unähnlich sieht, scheinen von dem ächten Schlag englischer Bauern zu sein, denken wenig, wünschen fast gar nichts, das außer dem beschränkten Kreise ihrer Pflichten und Vergnügungen liegt, und kennen die Neugierde nicht, sich auch nur im Geringsten in die Angelegenheit anderer Leute zu mischen. Ihr Betragen gegen mich ist zugleich sehr gütig und sehr ärgerlich. Mein Tisch ist reichlich versehen, sie kommen meinem Geschmack in dieser Hinsicht ängstlich zuvor. Frage ich aber etwas über das Essen hinaus, so bringt mich der Dummkopf mit seinem »He« und seinem »weiß nicht« fast zur Verzweiflung; dringe ich heftiger in ihn, so wendet er mir ruhig den Rücken und verläßt das Zimmer. Auch das Mädchen will für so einfältig gelten wie es wirklich ist; aber ein schalkhaftes Lächeln, das sie nicht immer unterdrücken kann, scheint anzuzeigen, daß sie die Rolle, die sie spielt, vollkommen kennt, mich aber in Unwissenheit lassen will. Beide, und das Mädchen besonders, behandeln mich wie ein verzogenes Kind; sie verweigern mir nie etwas geradezu, aber sie sorgen zugleich dafür, daß sie ihr Wort nicht erfüllen können. Wenn ich z. B. den Wunsch äußere, daß ich ausgehen möchte, so verspricht mir Dorcas, ich sollte heute Nacht in den Park spazieren gehen und zusehen wie man die Kühe melkt, gerade wie man einem Kinde ein solches Vergnügen verspricht. Dabei aber sorgte sie dafür, daß sie, wenn es nur immer möglich ist, nie Wort hält. Unterdessen hat sich eine Gleichgültigkeit gegen Freiheit, eine Sorglosigkeit wegen meiner Lage bei mir eingeschlichen, für die ich durchaus keinen Grund anzugeben weiß, wenn sie nicht Folgen meiner körperlichen Schwäche und des häufigen Blutverlustes sind. Ich habe von Männern gelesen, die, eingemauert wie ich, die Welt durch die Gewandtheit in Erstaunen setzten, vermöge deren es ihnen gelang, die furchtbaren Schwierigkeiten, die sich ihrer Flucht entgegenstellten, glücklich zu überwinden. Ich habe mir oft selbst gesagt, wenn ich solche Anekdoten las, daß Niemand, der auch nur ein Stückchen von einem Quaderstein oder einem rostigen Nagel besitzt, um Klammern auszuheben oder Schlösser zu öffnen, und der volle Muße hat, sich damit zu beschäftigen, gezwungen ist, in seinem Kerker zu bleiben. Doch sitze ich hier Tag für Tag, und wage nicht den geringsten Versuch, um meine Befreiung zu bewerkstelligen. Aber die Quelle meiner Unthätigkeit entspringt nicht in der Erschlaffung meines Geistes, sondern in Gefühlen anderer Art. Meine Lebensgeschichte, die lange Zeit in ein tiefes Geheimniß gehüllt war, scheint nun auf dem Punkt zu stehen, wo der Schleier fallen wird; ein inneres Gefühl gebietet mir, den Lauf der Begebenheiten abzuwarten, wogegen zu kämpfen, meine schwachen Kräfte dem Willen des Schicksals entgegenstemmen hieße. Du, mein Allan, wirst diese duldende Ruhe für Feigheit ansehen, die mich wie eine entmannende Betäubung überfallen hätte; denkst du aber an die Erscheinung, die mein Krankenbett umschwebte, vermuthest du wie ich, daß ich in der Nähe, ja vielleicht unter einem Dache mit dem G. M. bin, dann wirst du einsehen, daß ein Gefühl, das sehr verschieden von Muthlosigkeit ist, mich dazu bewegt, mich gewissermaßen mit meinem Schicksal auszusöhnen. Doch gestehe ich ein, daß es unmöglich ist, mich geduldig einer gewaltthätigen Gefangenschaft zu unterwerfen. Mein Herz empört sich dagegen, besonders wenn ich mich niedersetze, um in meinem Tagebuche meine Leiden zu erzählen; ich bin entschlossen, den ersten Schritt zu meiner Befreiung zu thun und wo möglich einen Brief auf die Post legen zu lassen. * Ich bin getäuscht. Als das Mädchen Dorcas, das ich mir zum Boten ausersehen hatte, von der Besorgung eines Briefes hörte, bot sie mir willig ihre Dienste an und empfing den Kronenthaler, den ich ihr gab (denn meine Börse war mit meinem inhaltsschweren Taschenbuch nicht entflohen) mit einem Lächeln, das die ganze Reihe ihrer weißen Zähne zeigte. Als ich sie aber, um einige Aufklärungen über meinen gegenwärtigen Aufenthaltsort zu erlangen, frug, nach welcher Poststation sie meinen Brief tragen oder schicken wollte, so zeigte mir ein einfältiges »He?«, daß sie durchaus nicht wußte, oder vielleicht nicht wissen wollte, was ein Postamt sei. – »Dummkopf!« rief ich heftig aus. »Ach Gott, mein Herr!« antwortete des Mädchen erbleichend, wie es ihr immer zu gehen pflegte, wenn ich Heftigkeit zeigte, – »werden Sie nicht heftig – Ich will ja den Brief auf die Post legen.« »Was! und kennst doch den Namen der Poststation nicht?« sagte ich ungeduldig. »Wie um's Himmels willen willst du das anfangen?« »Beruhigt Euch doch, mein lieber Herr. Was braucht Ihr ein armes Mädchen zu erschrecken, die nicht gelehrt ist, damit sie auskramt, was sie in der Armenschule zu Saint Bees lernte?« »Ist Saint Bees weit vor hier, Dorcas? Schickt Ihr Eure Briefe dorthin?« sagte ich so einschmeichelnd und sorglos als möglich. »Saint Bees! – da müßte Einer ja verrückt sein – Ich bitte Ew. Gnaden um Verzeihung – es ist nun schon eine Geschichte von zwanzig Jahren, daß der Vater zu Saint Bees wohnte, das zwanzig oder vierzig oder Gott weiß wie viel Meilen von hier liegt, dort im Osten, – in Northumberland; auch hätte ich Saint Bees nie verlassen, wenn nicht der Vater« – »Ach, hol' der Teufel deinen Vater!« erwiderte ich. Sie aber entgegnete: »Wahrhaftig, wenn nicht Ew. Gnaden ein bischen wirr wären, so würden Sie nicht den Vater anderer Leute verdammen; auch litt' ich es, auf mein Wort, von keinem Anderen.« »Ach, ich bitte dich tausendmal um Verzeihung – Ich wünsche deinem Vater nicht das geringste Böse – er war gewiß in seiner Art ein sehr rechtschaffener Mann.« »Er war ein rechtschaffener Mann!« rief sie aus (denn die Kumberländer sind eben so kitzlich in Hinsicht ihrer Ahnen, wie ihre Nachbarn, die Schottländer). »Er ist ein so rechtschaffener Mann, als je einer einen Gaul mit dem Halfter über dem Kopf auf die Messe zu Staneshaw-Bank führte. – Aber wie rechtschaffen! – Er ist ein Pferdehändler, Herr.« »Recht so, ja du hast ganz recht,« erwiderte ich; – »ich weiß es, ich habe schon von deinem Vater gehört – er soll so rechtschaffen sein, wie nur irgend ein Pferdehändler. Was meinst du, Dorcas, ich habe im Sinn, ein Pferd von ihm zu kaufen.« »Ach, Ew. Gnaden,« seufzte Dorcas, »da ist er gerade der Mann dazu, Ew. Gnaden gut zu bedienen – wenn Sie jemals wieder frei werden, (schadet nichts, wenn's auch noch ein bischen im Oberstübchen fehlt). Er wird Sie um nicht viel übersetzen, höchstens um –« »Gut, gut, wir werden schon einig werden, mein Kind, verlaß dich darauf. Willst du mir nun aber wohl sagen, wie du den Brief zu befördern gedenkst, den ich dir geben will?« »Wie? Ei, den lege ich in den Beutel des Squire selbst, der in der Halle hängt. Wie sollte ich es sonst anfangen? Er schickt ihn dann wöchentlich einmal, oder wie es ihm einfällt, entweder nach Brampton oder nach Carlisle, oder wohin er sonst will.« »Ach!« sagte ich – »nicht wahr, dein Liebster, John, bringt sie hin?« »Nein – der nicht – auch ist der Jan mein Liebster nicht mehr, seitdem er auf den Geburtstag seiner Tante mit der Kitty Rutlege getanzt hat und mich sitzen ließ; ja, das hat er gethan.« »Das war ja schändlich von dem Jan; ich hätte das nie von ihm gedacht,« erwiderte ich. »Ja, es ist aber doch einmal so – er hat mich geradezu sitzen lassen, ja, das hat er gethan.« »Gut, mein hübsches Mädchen, du wirst schon noch einen schöneren Burschen bekommen, als den Jan – denn ich seh' schon, der Jan ist kein Mann für dich.« »Nein,« antwortete das Jungferchen, »aber ein schmucker Bursche ist er bei alle dem. Aber jetzt kümmere ich mich nichts mehr um ihn. Des Müllers Sohn, der mir auf dem letzten Jahrmarkt zu Appleby überall nachlief, das ist ein viel zierlicherer Gesell, das können Sie bei hellem Tage sehen.« »Ja, das ist ein schöner, rüstiger Bursche – Glaubst du, er würde den Brief nach Carlisle tragen?« »Nach Carlisle! das könnte ihm das Leben kosten; er muß immer nach dem Trog und der Klappe sehen, wie man sagt. Potz Blitz, sein Vater würde ihn braun und blau schlagen, wenn er sich's einfallen ließe, nach Carlisle zu laufen. Aber ich habe noch mehr Freier als ihn, da ist z. B. der Schulmeister, der schreibt fast so gut, wie du, Freund.« »Nun, der ist ja der rechte Mann dazu, um einen Brief zu besorgen; der weiß auch, wie viel Mühe es kostet, bis man einen geschrieben hat.« »Ja, wenn du davon sprichst, Freund, Mühe kostet es ihn wahrhaftig genug; blos vier Stunden braucht er zu vier Zeilen. Dann aber schreibt er auch schön, groß und deutlich, daß man's auch lesen kann, und keine Mückenfüßlein, wie Ew. Gnaden Buchstaben machen. Aber nach Carlisle kann er nicht gehen, denn er ist stocksteif und krüppelig wie Eckie's Mähre.« »Nun in Gottes Namen,« sagte ich, »wie denkst du also meinen Brief zur Post zu befördern?« »Ich hab's ja schon gesagt, ich lege ihn in den Postbeutel des Squire, den schickt er dann durch den Christal Nixon zur Post, wie er ihn zuweilen zu nennen beliebt.« Von meiner Unterhaltung zog ich also keinen andern Nutzen, als daß ich nun eine Liste von den Freiern der Dorcas hatte; aber hinsichtlich des in Frage stehenden Gegenstandes stand ich gerade wieder auf dem Punkt, von dem ich ausging. Doch war es mir wichtig, das Mädchen an ein vertrauliches Gespräch zu gewöhnen, denn wenn es mir gelang, so hoffte ich, würde sie im Laufe des Gesprächs nicht immer auf ihrer Hut sein, und vielleicht würde ihr dann hier und da etwas entschlüpfen, was mir nützlich sein könnte. »Pflegt der Squire gewöhnlich die Brieftasche durchzusehen, Dorcas?« fragte ich anscheinend gleichgültig. »Ja freilich,« sagte Dorcas, »neulich warf er mir einen Brief an den Müller Raff heraus, weil er sagte –« »Schon gut, ich will ihn mit dem Meinigen nicht belästigen,« sagte ich, »Dorcas, ich will aber dafür an ihn selbst schreiben, aber wie soll ich ihn anreden?« »Heh,« war Dorcasens Zuflucht. »Ich meine, wie man ihn nennt? wie ist sein Name?« »Das müssen Ew. Gnaden wohl am besten wissen;« sagte Dorcas. »Ich muß es wissen? – Alle Teufel, bald reißt mir die Geduld.« »Nicht doch; bleiben Ew. Gnaden in den Schranken der Geduld – beunruhigen Sie sich nicht. Was seinen Namen anbelangt, so sagt man, er habe mehr als einen in Westmoreland und an den schottischen Küsten. Er ist aber, die Jagdzeit ausgenommen, wenig hier, und dann nennen wir ihn Squire schlechtweg; so macht es auch mein Herr und seine Frau.« »Ist er gegenwärtig hier?« sagte ich. »Jetzt gerade nicht; er ist auf der Hirschjagd, wie ich gehört habe, nach Tatterdab zu, aber er kommt und geht wie der Sturmwind.« Ich brach die Unterredung ab, nachdem ich der Dorcas etwas Geld aufgedrungen hatte, um sich Bänder dafür zu kaufen, was sie so sehr entzückte, daß sie ausrief: »Ach Gott, mag Christal Nixon immerhin Schlimmes von dir sagen, du bist doch ein höflicher Gentleman, und auch anständig bei den Frauen.« Da es aber nicht gut ist, gar zu anständig bei den Frauen zu sein, so fügte ich zu meinem Kronenthaler noch einen Kuß hinzu: so daß ich nun fast sicher bin, mir in der schönen Dorcas eine Anhängerin erworben zu haben. Wenigstens erröthete sie, schob mit der einen Hand ihr kleines Geschenk in die Tasche, während sie mit der anderen ihre hochrothen Bänder wieder ordnete, die durch das Sträuben, um den Kuß zu verhindern, in Unordnung gerathen waren. Als sie beim Fortgehen die Thüre zuschloß, ward sie bleich, sah mich mit herzlichem Mitleiden an, und sprach: »nun, ob du verrückt bist oder nicht, ein schmucker Bursche bist du auf jeden Fall.« In diesen unheimlichen Worten lag der Schlüssel zu dem Vorwand, unter dem man mich gefangen hielt. Freilich mochte ich in der Fieberhitze oft genug phantasirt haben, aber bei meiner jetzigen Gemüthsstimmung kann man doch unmöglich meine Einkerkerung mit dem zerrütteten Zustand meines Geistes beschönigen. Ich muß nun durch ein gesetztes, ruhiges Betragen gegen Alle, die sich mir nahen, meinen Unterdrückern den Vorwand rauben, unter dem sie mir meine Freiheit entziehen. Ich habe – ein schauderhafter Gedanke! – von Menschen gehört, die man tyrannischer Weise in ein Tollhaus sperrte, und die nach langen Jahren des Elends in den Zustand der Unglückseligen verfielen, mit denen man sie eingekerkert hatte. Ist es aber der menschlichen Natur möglich, mit festem, innerem Willen, ansteckenden, äußeren Sympathien zu widerstehen, so soll es gewiß bei mir nie dazu kommen. Jetzt aber setze ich mich, um meine Gedanken zu beruhigen und zu ordnen, um meinen Kerkermeister – denn so muß ich ihn nennen – gehörig anzureden. Nur mit Mühe konnte ich das Gefühl des erlittenen Unrechts und der Rache, die sich zuerst in meiner Feder aussprachen, unterdrücken, und einen zuvorkommenderen Ton annehmen. Ich erwähnte die beiden Male, wo er mir mit der größten Gefahr das Leben rettete, fügte hinzu, daß ich überzeugt wäre, daß die Gefangenschaft, die ich auf seinen Befehl erduldete, gewiß nicht dahin zielen könnte, mich in's Unglück zu stürzen. Er könnte mich vielleicht für einen Anderen ansehen, und deßwegen gab ich ihm einen genauen Bericht von meinen Verhältnissen und von meiner Erziehung. Ich versicherte ihn ferner, daß er nicht zu besorgen brauche, daß ich zu schwach zum Reisen und der eigenen Fürsorge nicht fähig wäre, da ich völlig wiederhergestellt sei. Endlich erinnerte ich ihn, mit festen, aber gemäßigten Ausdrücken, daran, daß es ungesetzmäßig wäre, mich den Gesetzen zum Trotz, welche die Freiheit aller Bürger schützen, gefangen zu halten. Zuletzt verlangte ich vor einen Richter gestellt zu werden, oder wenigstens eine mündliche Unterredung, um Licht über die Absichten zu bekommen, die er mit meiner Gefangenschaft bezwecke. Wahrscheinlich ist dieser Brief für einen, in seinen Rechten gekränkten, Mann zu demüthig. Aber was konnte ich thun? Ich war in der Gewalt eines Menschen, dessen Leidenschaften eben so heftig, als seine Mittel, ihnen zu fröhnen, ausgedehnt schienen. Auch hatte ich Gründe zu glauben (das ist für dich, Allan), daß nicht seine ganze Familie die Gewaltthätigkeit billigte, die er gegen mich gebrauchte. Endlich und hauptsächlich war Freiheit mein Streben, und wer würde nicht gern Alles aufopfern, um sie zu erlangen? Ich konnte meinem Briefe keine andere Aufschrift geben, als; »Für des Squire's eigene Hände.« Er konnte nicht fern sein, denn noch an demselben Tage empfing ich die Antwort. Der Brief war an Darsie Latimer gerichtet, und enthielt folgende Worte: »Sie haben eine Unterredung mit mir gewünscht, Sie verlangen vor eine richterliche Person gestellt zu werden. Die erste Bitte soll Ihnen gewährt werden – vielleicht auch die zweite. Seien Sie so lange überzeugt, daß Sie nach allen Rechtsformen gefangen sind, und daß eine hinlängliche Macht dieses Recht aufrecht erhält. Hüten Sie sich also, sich gegen eine Gewalt zu sträuben, die Sie zu Boden drücken kann; überlassen Sie sich dem Laufe der Begebenheiten, die uns Beide mit fortreißen, und denen keiner von uns widerstehen kann.« Diese geheimnißvollen Worte waren ohne Unterschrift und ließen mir nichts Besseres zu thun übrig, als mich auf den versprochenen Besuch vorzubereiten. Ich muß also abbrechen und mein Manuscript in Sicherheit bringen – so weit ich nämlich in meiner jetzigen Lage etwas sicher nennen kann – indem ich es zwischen dem Futter meines Rockes verberge, so daß man es ohne genaue Untersuchung nicht finden kann. Sechstes Kapitel Fortsetzung des Tagbuchs Darsie Latimers Früher, als ich es erwartete, fand die wichtige Unterredung statt; noch an demselben Tage, an welchem ich den Brief empfing, gleich nach beendigtem Mittagessen, trat der Squire, oder wie man ihn sonst nennen mag, so plötzlich in das Zimmer, daß ich ihn fast für eine Geistererscheinung gehalten hätte. In der Gestalt dieses Mannes liegt ein eigener Adel und ein eigenthümlicher Ausdruck der Festigkeit; seine Stimme hat jene tiefe Fülle des Accents, die unwiderstehlich Ehrfurcht einflößt. Als er eintrat, erhob ich mich unwillkürlich, stillschweigend betrachteten wir uns einen Augenblick, bis endlich mein Gast das Stillschweigen unterbrach. »Sie wünschen mich zu sprechen,« sagte er, »hier bin ich: haben Sie etwas zu sagen, so lassen Sie mich's hören, meine Zeit ist zu kurz, um sie mit kindischem Anstarren zu verlieren.« »Ich wollte Sie fragen, auf wessen Befehl und zu welchem Endzweck ich hier gefangen gehalten werde.« »Ich habe Ihnen schon gesagt,« erwiderte er, »daß mein Recht unbestreitbar ist, und daß meine Macht ihm gleicht; das ist Alles, was Sie für jetzt zu wissen nöthig haben.« »Jeder Britte,« antwortete ich, »hat das Recht dazu, den Grund zu wissen, warum man ihn in gefänglicher Haft hält, auch kann ihn Niemand ohne gesetzmäßigen Verhaftsbefehl seiner Freiheit berauben. – Zeigen Sie mir den, der Sie dazu berechtigt.« »Sie sollen noch mehr sehen,« sagte er, »ich will Sie sogar vor den Richter stellen, der ihn ausfertigte, und zwar sogleich.« Dieser überraschende Vorschlag beängstigte und beunruhigte mich; aber da ich mich einer gerechten Sache bewußt war, so beschloß ich, sie kühn zu vertheidigen, wenn ich schon einige Zeit zur Vorbereitung gewünscht hätte. Er aber wandte sich um, riß die Thüre des Zimmers auf und befahl mir, ihm zu folgen. Als ich über die Schwelle meines Zimmers schritt, hatte ich nicht übel Lust auf und davon zu laufen, aber wo sollte ich die Treppe finden? wahrscheinlich war die Hausthüre verschlossen, und endlich, um mir alle Wahl zu rauben, hatte ich kaum das Zimmer verlassen, um meinem stolzen Führer zu folgen, als Cristal Nixon kaum zwei Schritte hinter mir stand und mir nachschlich. Ich folgte also dem Squire stillschweigend und ohne Widerstand durch zwei oder drei Gänge, welche länger waren, als ich es der Bauart des Hauses nach vermuthet hatte. Endlich öffnete sich eine Flügelthüre und wir traten in einen großen, altmodischen Saal. Die Fenster waren von gefärbtem Glas, eichenes Getäfel an den Wänden, ein ungeheurer Rost, bedeckt mit Hollunder und Rosmarin-Holz, stand unter einem breiten, hervorspringenden, steinernen Kamin, das mit Wappen geziert war. In den Nischen der Wände standen ehrwürdige Helden in voller Rüstung mit großen Perrücken statt der Helme, und Damen mit Reifröckchen, zierlich an Blumensträußen riechend. Hinter einem großen Tische, auf welchem verschiedene Bücher lagen, saß ein anständig gekleideter, untersetzter Mann, der nach dem Stoß Papiere und der Feder zu urtheilen, die er bei meinem Eintreten ergriff, als Führer des Protokolls gelten sollte. Da ich diese Personen so genau als möglich beschreiben möchte, so muß ich hinzufügen, daß er einen dunkelfarbigen Rock und lederne Beinkleider trug. Am oberen Ende desselben Tisches, in einem breiten, mit Leder beschlagenen Sorgestuhl, ruhte ein wohlbeleibter, ansehnlicher Mann von ungefähr fünfzig Jahren, der entweder wirklich ein Landrichter war, oder doch diese Rolle sehr täuschend spielte. Seine ledernen Beinkleider schlossen fest an, seine Reitstiefel, glänzend geschwärzt, hatten kein Fleckchen, ein paar schöne, gelbe Umschläge vereinigten die Stiefel mit den Beinkleidern. Endlich zierte noch eine reichgestickte, scharlachrothe Weste und ein purpurfarbener Rock die zierliche, wohlbeleibte Gestalt des kleinen Mannes, und warfen auf sein wohlgenährtes Angesicht einen überflüssigen Zuwachs von Röthe. Vermuthlich hatte er eben zu Mittag gegessen (denn es war um zwei Uhr Nachmittags) und erfreute sich jetzt damit, seiner Verdauung mit einem Pfeifchen Tabak nachzuhelfen. In seinem Gesichte lag eine Wichtigkeitsmiene, die sehr wohl mit der ländlichen Würde in seinem Aeußeren übereinstimmte. Um seiner Meinung und seiner Entscheidung einen Anstrich tiefen Nachdenkens und reiflicher Ueberlegung zu geben, hatte er die Gewohnheit angenommen, seine Sentenzen mit einer Unzahl von Interjectionen zu zieren, die er durch alle Töne vom Baß bis zur Fistel modifizirte, auch wohl zuweilen mit einem Zug aus der Pfeife unterbrach, und dann den Dampf in einer langen Wolke nach und nach aus dem Munde bließ. Bei alle dem, Allan, möchte es wohl keinem Zweifel unterliegen, daß der erwähnte Richter ein ziemlicher Esel ist. Abgerechnet, daß er eine große Ehrfurcht vor den rechtsgelehrten Meinungen seines Schreibers hat, was in der Natur der Dinge liegen mag, scheint er auch noch wunderbar unter den Befehlen seines Titelgenossen, des Squire's, zu stehen (wenn einer von beiden den Titel verdient), ja sogar noch mehr, als es sich mit seiner angeblichen Würde ziemte. »Ho – ha – ja – so, so – hum – hum, das ist also wohl der junge Mann – hum, ja, ja – er scheint kränklich zu sein. – Junger Mann, Ihr dürft Euch setzen.« Ich machte Gebrauch von der gegebenen Erlaubniß, denn meine Krankheit hatte mich mehr geschwächt, als ich es geglaubt hatte, und ich fühlte mich von den wenigen Schritten und von der innerlichen Bewegung sehr ermüdet. »Euer Name, junger Mann, ist – hum – ja, nun, wie heißt er?« »Darsie Latimer.« »Recht – ja, hum, ganz recht. Darsie Latimer, so ist's – ei, hum, woher kommt Ihr?« »Aus Schottland, Sir,« erwiderte ich. »Ein geborener Schottländer – ah, hum, – ist's so?« »Ich bin ein Engländer von Geburt, Sir.« »Recht – ei – ja, so ist's. Aber sagt mir doch gütigst, Mr. Darsie Latimer, seid Ihr immer bei diesem Namen genannt worden, oder habt Ihr noch einen andern? Nikolas, schreib' seine Antwort nieder, Nick.« »So viel ich weiß, trug ich nie einen andern,« war meine Antwort. »Wie, nicht? das hätte ich doch nicht geglaubt – Heh, Nachbar, was meint Ihr dazu?« Hier sah er den andern Squire an, der sich nachlässig in einen Stuhl geworfen hatte, indem er die Füße ausbreitete, die Arme auf der Brust über einander schlug und dem Verhör nur wenig Aufmerksamkeit widmete. Auf die Frage des Richters antwortete er, »das Gedächtniß des jungen Mannes würde sich wohl nicht bis auf seine ersten Lebensjahre erstrecken.« »Ah – eh – ha – Ihr hört, was der Gentleman spricht – sagt mir doch, ich bitte, wie weit mag sich wohl Euer Gedächtniß erstrecken? hum.« »Bis zum Alter von ungefähr drei Jahren.« »Und Sie wagen es zu behaupten, Sir,« rief der Squire, indem er sich plötzlich erhob, und seine Stimme bis zu einer furchtbaren Höhe steigerte, »daß Sie damals Ihren jetzigen Namen trugen?« Die Zuversicht, mit welcher diese Frage vorgelegt ward, erschütterte mich, und umsonst wühlte ich in meinem Gedächtniß nach einer Antwort. – »Wenigstens,« sagte ich, »erinnere ich mich, daß man mich immer Darsie hieß; in so frühem Alter nennt man die Kinder gewöhnlich nur beim Taufnamen.« »Ja, so denke ich auch,« erwiderte er, und streckte sich wieder in seinem Stuhl. »Also nannte man Euch Darsie in Eurer Kindheit,« sagte der Richter; »und – hum, ei – wann nahmt Ihr zuerst den Namen Latimer an?« »Ich nahm ihn nicht an, Sir, er ward mir gegeben.« »Ich frage Sie,« sagte der Herr des Hauses, doch mit minder strengem Tone als zuvor, »ob Sie sich erinnern können, je Latimer genannt worden zu sein, ehe man Ihnen in Schottland diesen Namen gab?« »Ich will offenherzig sein: Ich kann mich freilich nicht erinnern, daß man mich in England so genannt hätte, aber ich weiß auch nicht, wann mir der Name zuerst gegeben wurde. Kann man also aus diesen Fragen und Antwort keine genügende Schlußfolge ziehen, so wünsche ich, daß man meine zarte Kindheit berücksichtige.« »Hum – ei ja,« sagte der Richter, »alles was Berücksichtigung verdient, soll berücksichtigt werden. Junger Mann – he – ich wünschte den Namen Eures Vaters und Eurer Mutter zu wissen.« Da berührte er eine Wunde, an der ich schon seit vielen Jahren litt, darum ertrug ich auch die Frage nicht so geduldig, wie die früheren, sondern erwiderte: »Ich aber wünschte meiner Seits zu wissen, ob ich vor einem englischen Friedensrichter stehe?« »Sr. Gestrengen Squire Foxley von Foxley-Hall, seit zwanzig Jahren wohlbestallter Richter,« sagte Mr. Niklas. »Dann sollte er wissen, oder Sie, Sir, als sein Schreiber, sollten ihm sagen, daß ich in dieser Sache Kläger bin, und daß man meine Klage anhören muß, ehe man mich einem Kreuz- und Quer-Verhör unterwirft.« »Hum, hoi – was, ei – es ist etwas daran, Nachbar,« sagte der Richter, der, vor jedem Säuseln der Rechtsgelehrsamkeit erbebend, die Einstimmung des andern Squire's zu erlangen wünschte. »Ich wundere mich über Euch, Foxley,« sagte sein entschlossener Freund; »wie könnt Ihr dem jungen Manne zu seinem Recht verhelfen, ehe Ihr wißt, wer er ist?« »Hum, ja – das ist auch wahr,« sagte der Herr Richter Foxley; »jetzt also, wenn ich die Sache bei näherem Licht betrachte, – so ist – hum – im Ganzen, gar nichts damit gesagt – also, Sir, Ihr müßt mir Eures Vaters Vor- und Zunamen nennen.« »Da Sie doch nun ein Mal durchaus alle meine Familienverhältnisse kennen müssen, so muß ich Ihnen sagen, daß ich ihn nicht kenne.« Der Richter that einige mächtige Züge und hielt den Rauch im Mund, so daß seine Backen, gleich denen eines holländischen Cherubs, aufschwollen, während seine Augen von der Anstrengung hervortraten, die er anwenden mußte, um seinen Athem anzuhalten. Dann bließ er von sich – »Wuh, Hum – puuf – ha, seine Eltern nicht zu kennen, junger Mann. – Dann muß ich Euch als einen Landstreicher einstecken lassen, auf mein Wort: Omne ignotum pro semibili , wie wir auf der Schule zu Appleby zu sagen pflegten, d. i.: jeder, den der Landrichter nicht kennt, ist ein Spitzbube und ein Vagabund. Ha! – ei – lacht nur immerhin, Sir, doch zweifle ich, ob Ihr den Sinn des lateinischen Satzes verstanden hättet, wenn ich ihn nicht übersetzt hätte.« Ich dankte ihm für die neue Ausgabe des Sprichworts und für die Erklärung, die ich, ohne Beihülfe, mir nie hätte träumen lassen, fuhr ich fort, meine Klage mit größerer Zuversicht aus einander zu setzen. Der Richter war ein Esel, das war sonnenklar; so unwissend aber konnte er doch unmöglich sein, daß er das Nothwendigste in einer so klaren Sache nicht einsehen sollte. Ich setzte ihn also von dem Aufstand in Kenntniß, der auf der schottischen Seite des Meerbusens von Solway Statt gefunden hatte; erklärte ihm, wie ich in meine gegenwärtige Lage gerieth, und bat schließlich, er möchte mich in Freiheit setzen lassen. Ich vertheidigte meine Sache so gut als möglich, indem ich von Zeit zu Zeit einen Blick auf die Gegenpartei warf, die sehr gleichgültig die Heftigkeit anhörte, mit der ich klagte. Als ich endlich aufhörte, weil ich in einer so klaren Sache nichts mehr zu sagen wußte, so erwiderte der Richter: »hum, ei – ja doch wunderbar! also das ist die Dankbarkeit, die Ihr diesem guten Herrn für die Mühe und Sorge zeigt, die er für und um Euch hatte?« »Ich gestehe ein, Sir, daß er mir das Leben ein Mal, vielleicht zwei Mal gerettet hat, aber diese That gibt ihm noch kein Recht über meine Person. Dennoch aber verlange ich weder Bestrafung noch Rache; ich will friedlich von diesem Gentleman scheiden, dessen Beweggründe ich nicht gerne als böse annehmen möchte, wenn schon seine Handlungsweise gegen mich ungesetzmäßig und gewaltthätig war.« Wenn schon, wie du es leicht selbst denken kannst, dieser Mäßigung Gefühle zu Grunde lagen, die den Angeklagten nicht berührten; so schien doch die Milde, mit der ich meine Sache führte, tieferen Eindruck auf ihn zu machen, als alles bisher Gesagte. Er ward so gerührt, daß er fast außer Fassung kam, und nahm oft Zuflucht zu seiner Dose, um nur einigermaßen seine innere Bewegung zu verbergen. Minder günstig war der Eindruck meiner Rede auf den Richter Foxley, auf den sie doch hauptsächlich berechnet war. Er flüsterte mit seinem Schreiber Meister Niclas, räusperte sich, hustete und runzelte die Augenbrauen, als wäre er über meine Bitte erzürnt. Endlich nachdem er sich anscheinend beruhigt hatte, lehnte er sich in seinen Stuhl, dampfte mit großer Heftigkeit, und gab mir einen drohenden Wink, der mir zeigte, daß alle meine Gründe an ihm verloren gingen. Als ich endlich, mehr aus Mangel an Athem, als aus Mangel an Gründen, einhielt, öffnete er seine Orakelsprüche verkündigenden Kinnbacken, und gab mir folgende Antwort, die von seinen gewohnten Interjektionen, und von langen, dicken Rauchwolken begleitet waren; – »Hem – ei – eh – puh – Also glaubt Ihr, mein Junge, Ihr könntet den Matthias Foxley, der seit dreißig Jahren wohlbestallter Friedensrichter ist, mit solchem Gewäsche hintergehen, womit man kaum ein Höckerweib anführen kann? puh, paf – wie, Freund – heh – weißt du nicht, daß man in der Sache keine Bürgschaft annehmen kann, und daß – hm, ei – der größte Mann – puf, der Baron von Graystock selbst sich einer gerichtlichen Obhut unterwerfen muß? – Und doch behauptet Ihr von diesem Gentleman heimlich entführt und Eueres Eigenthums beraubt worden zu sein, und Gott weiß, was noch; und – eh – puf, Ihr wollt mich überreden, daß er Euch alles genommen hat, was Euch fehlte – eh – ich glaube wohl, daß Euch vieles fehlt. Ja, ja, Ihr seid so ein Junker, der gern aller Banden los und ledig sein möchte, und – ei – hum so ein müssiger Student, ein bischen verwirrt im Oberstübchen dazu, wie mir die ehrlichen Leute im Hause sagen. – Ihr müßt also unter der Aufsicht Eures Vormunds bleiben, bis Ihr majorenn werdet, oder bis ein Warrant des Lord Großkanzlers Euch die Führung Eurer eigenen Geschäfte überträgt, die Ihr selbst dann, wenn's wieder ruhig im Kopfe steht – ei – hem – zu besorgen, Euch nicht sehr beeilen werdet.« Die Zwischenräume, die Sr. Gestrengen hems und hums, und die Züge aus der Tabakspfeife, in seiner Rede ließen, benutzte ich dazu, meine Gedanken zu sammeln, welche der unerwartete Inhalt der Rede sehr erschüttert hatte. »Ich kann durchaus nicht begreifen, Sir,« erwiderte ich, »aus welchem sonderbaren Grund diese Person Gehorsam von mir als seinem Mündel fordert; es ist eine schamlose Lüge. – Ich sah ihn nie in meinem Leben, bis vor vier Wochen, wo ich unglücklicher Weise in diese Gegend kam.« »Ei Sir – wir eh – wissen, und sind darauf vorbereitet, daß – puf – Ihr gewisser Leute Namen nicht gern hören möcht; und daß – eh – Ihr versteht mich schon – es Dinge, Töne, gewisse Gegenstände, Unterhaltungen über Namen und mehrere dergleichen Gegenstände gibt, die Euch aus dem Häuschen bringen – was ich keine sonderliche Lust anzusehen habe. Doch aber Mr. Darsie – oder – puf Mr. Darsie Latimer – – oder – puh, puf – eh – ei, Mr. Darsie ohne den Latimer – Ihr habt heute so viel eingestanden, daß ich einsehe, wie sehr wohl verwahrt Ihr unter der Sorge meines hier anwesenden, ehrenwerthen Freundes seid – alle Eure Geständnisse – und noch dazu, daß – puf, eh – ich ihn als eine höchst achtbare Person kenne – a – ja doch, ja als eine höchst achtbare und ehrenwerthe Person – Könnt Ihr das läugnen?« »Ich weiß nichts von ihm,« wiederholte ich, »nicht einmal seinen Namen, und ich habe ihn, wie schon gesagt, bis auf die letzten Wochen in meinem ganzen Leben nicht gesehen.« »Wollt Ihr darauf schwören?« sagte der sonderbare Mann, der den Ausgang der Unterhandlungen zu erwarten schien, so sicher wie eine Klapperschlange ihrer Beute ist, wenn sie sie einmal in ihrem Zauberkreise gebannt hat. Und während er diese Worte mit tiefen Tönen aussprach, rückte er seinen Stuhl, so daß er hinter dem des Richters zu stehen kam, und weder dieser noch sein Schreiber ihn bemerken konnte. Dann schoß er so fürchterliche Blicke auf mich, daß Niemand, der sie erblickte, sie je vergessen kann. Ueber den Augen wurden die Runzeln der Stirn gelblich, ja fast schwarz, und da wo die Augenbrauen sich vereinigten, bildeten sie einen Halbcirkel, oder vielmehr eine elliptische Form. Ich hatte einen solchen Blick in einer alten Teufelsgeschichte beschreiben hören, die ich zufällig vor nicht langer Zeit erzählt bekam, wo diese tiefen, finsteren Verzuckungen der Stirnmuskeln, nicht ganz ohne Grund, mit der Form eines kleinen Hufeisens versinnlicht worden waren. Seiner Zeit erweckte jene Erzählung eine grauenvolle Vision meiner frühesten Kindheit, und jetzt, da der erstarrende, furchtbare Blick auf mich gerichtet war, so drängte sie sich noch lebhafter meiner Erinnerung auf. Die unbestimmten, schwankenden Ideen, die jenes furchtbare Zeichen in meinem Gemüthe erweckt hatten, erschreckten mich so sehr, daß ich starr und regungslos mein Auge auf das Antlitz richtete, wo es, ein schreckendrohender Bote, zu sehen war; bis der geheimnißvolle Mann, indem er einen Augenblick mit seinem Taschentuch über sein Gesicht fuhr, den Blick aufheiterte, der mir so schreckenvoll gewesen war. »Nun wird wohl der junge Mann es nicht mehr läugnen, daß er mich schon früher sah,« sagte er in gefälligem Tone zum Richter; »und ich hoffe, er wird sich nun gütlich meiner zeitlichen Vormundschaft überliefern, die sich vielleicht besser endigen mag, als er es erwartet.« »Was auch meine Erwartungen sein mögen,« erwiderte ich, indem ich mich wieder sammelte, »so sehe ich doch, daß ich von diesem Herrn, dessen Amt es ihm zur Pflicht macht, weder Schutz noch Gerechtigkeit erwarten kann. Sie aber, Sir, wie sonderbar es auch ist, daß Sie sich in das Schicksal eines unglücklichen jungen Mannes eindrängen, oder welchen Anspruch Sie auf mich zu machen vorgeben, Sie allein können mir den Aufschluß geben. Daß ich Sie schon früher sah, das ist gewiß; denn Niemand kann den Blick vergessen, mit welchem Sie die Macht zu haben scheinen, diejenigen zu vernichten, auf welche Sie ihn werfen.« Dem Richter schien es bei dem Wink nicht sehr wohl zu Muth zu sein. »Ha – ei,« sagte er, »es ist Zeit zum Fortgehen, Nachbar. Ich muß noch mehrere Meilen reiten, und möchte sie in dieser Gegend nicht bei Nacht zurücklegen. – Mr. Nicolas, wir müssen uns fortmachen.« Der Richter zog seine Handschuhe eiligst an, Mr. Nicolas war geschäftig, Ueberrock und Peitsche zu holen. Ihr Wirth wollte sie zurückhalten, und bot ihnen ein Abendessen und ein Nachtlager an. Beide dankten ihm höflichst für seine Einladung, doch schien es, als hätten sie keine sonderliche Lust zu bleiben. Der Richter Foxley entschuldigte sich hundert Mal, als das Mädchen Dorcas in die Stube trat, und einen Gentleman ankündigte, der ihn über Gerichtssachen zu sprechen wünschte. »Was für ein Gentleman? – und wen will er sprechen?« »Er kommt eben auf seinen eigenen Zehen hier an,« sagte das Mädchen, »und wie er sagt, wünscht er Ew. Gestrengen in gerichtlichen Angelegenheiten zu sprechen. Ich halte ihn für einen Gentleman, denn er spricht eben so fertig Latein wie ein Schulmeister, aber du liebe Zeit, er hat eine drollige Perrücke auf.« Der eben angekündigte und beschriebene Gentleman stürzte ungestüm in das Zimmer. Aber da ich schon mein Blatt Papier voll geschrieben habe, und mein sonderbares Geschick so schwer auf mir lastet, so muß ich wohl ein neues mit dem vollschreiben, was erfolgte, als ich ihn in das Zimmer treten sah – mein theurer Allan – deinen verrückten Clienten – den armen Peter Peebles. Siebentes Kapitel. Fortsetzung des Tagebuchs Darsie Latimers. Zweites Blatt. Bis auf die kürzlich verflossenen, kummervollen Tage habe ich in meinem Leben, auch nicht während eines einzigen Augenblicks, wirkliche Sorgen zu tragen gehabt. Was ich so nannte, war, wie ich jetzt wohl weiß, bloß ein Geistesüberdruß, der, weil er in demselben Augenblick keinen Grund zur Klage hatte, ängstlich in die Vergangenheit und in die Zukunft schaut. Diese Perioden stehen mit dem eigentlichen Leben des Menschen aber so wenig in Verbindung, daß die heilige Schrift selbst sagt: »ein jeder Tag hat seine eigene Plage.« Wenn ich also manches Mal meine glückliche Lage verkannte, wenn ich gegen meine unbekannte Geburt, gegen meinen ungewissen Rang in der menschlichen Gesellschaft zuweilen murrte, so will ich es damit gut machen, daß ich mein jetziges, wirkliches Unglück mit Geduld und Muth und, ist es mir möglich, selbst mit Heiterkeit ertrage. Was können, was dürfen sie mir thun! – Ich bin überzeugt, daß Foxley ein wirklicher Friedensrichter und Landgutsbesitzer ist, obgleich er nebenbei (wunderbar ist es zu sagen) dennoch ein Esel zu sein scheint; auch sein Gehülfe mit dem tuchenen Mantel muß wohl die Folgen einsehen, in die eine Raub- oder Mordthat ihn verwickeln würde. Solche Zeugen ladet man sich nicht zu Thaten der Finsterniß ein. Auch hege ich – Allan, ich habe Ursache Hoffnungen zu hegen, die auf die Familie meines Unterdrückers selbst gebaut sind. Ich bin zu dem Glauben berechtigt, daß G. M. wieder auf dem Schauplatz erscheinen wird. Mehr darf ich hier nicht sagen, auch wage ich es nicht, einen Wink fallen zu lassen, den ein anderes Auge als das Deinige bemerken und deuten könnte. Genug, ich fühle mich leichter als vorher; und obgleich Furcht und Wunder mich umgeben, so können sie doch meinen Horizont nicht ganz mit Wolken überziehen. Selbst als ich die Gespenstergestalt der alten Vogelscheuche der Parlamentshalle in das Zimmer stürmen sah, wo ich eine so sonderbare Untersuchung ausgehalten hatte, fiel mir deine Bekanntschaft mit ihm ein, und fast hätte ich den Lear so parodiren mögen: »O Hölle! – nichts kann die Natur ernied'ren Zu solcher Schmach, als ein gelehrter Anwalt .« Bei Shakespeare heißt es (im 3. Act des Königs Lear S. III.) Lear: Tod! O Verräther nichts kann die Natur ernied'ren Zu solcher Schmach, als liebelose Töchter . Anm. des Uebers. Er war noch eben so, wie wir ihn vor Zeiten sahen, Allan, als ich, mehr um dir Gesellschaft zu leisten, als meiner eigenen Neigung folgend, häufig die Gerichtshallen besuchte. Der einzige Zuwachs seiner Kleidungsstücke bestand (in seinem Charakter als Reisender) in ein paar Courierstiefeln, welche aussahen, als hätten sie das Schlachtfeld von Sheriffmoor gesehen; so breit, so schwer, daß, obgleich sie mit breiten, vielfarbigen, wollenen Bändern an seinen ermüdeten Schenkeln festgebunden waren, sie doch das Ansehen hatten, als wären sie einer Wette wegen, oder zur Buße angelegt worden. Ohne alle Rücksicht auf die staunenden Blicke der Gesellschaft, in die er sich eindrängte, tölpelte Peter mitten in das Zimmer; den Kopf vorgebeugt wie ein stoßender Widder, grüßte er folgendermaßen: »Guten Tag, ihr Leute, guten Tag, Ew. Gnaden. – Verkauft man hier Steckbriefe?« Ich bemerkte, daß sich mein Freund (oder mein Feind) bei seinem Eintritt zurückzog, und sich so stellte, als wünsche er der Aufmerksamkeit des Ankommenden zu entgehen. So weit ich es vermochte, that ich dasselbe, denn ich vermuthete, daß Mr. Peebles mich erkennen würde, da ich mich nur zu oft unter dem Haufen der jungen Rechtsbeflissenen befand, welche sich damit zu unterhalten pflegten, dem Peter Rechtsfälle zur Entscheidung vorzulegen, oder ihm böse Streiche zu spielen. Doch war ich im Zweifel, ob es mir nützlich sein würde, seine Bekanntschaft zu benützen, um wo möglich ein gerichtliches Zeugniß von ihm zu erlangen, oder ob es besser wäre, ihm einen Brief anzuvertrauen, der mir sicherer zu meiner Freiheit verhelfen konnte. Ich beschloß daher, mich nach den Umständen zu richten, und sorgfältig darauf zu achten, daß mir nichts entgehen würde. Ich zog mich also so weit als möglich zurück, ja ich recognoscirte sogar die Thüre und den Gang, um zu sehen, ob eine Flucht durchaus unmöglich wäre. Aber da stolzirte Christal Nixon, dessen kleine, schwarze Basilisken-Augen augenblicklich mein Vorhaben in den meinigen zu lesen schienen. Ich ließ mich also so weit wie möglich von allen Parteien entfernt nieder, und horchte auf das Gespräch, das viel anziehender war, als ich erwartete, und in welchem Peter Peebles eine Hauptrolle spielte. »Ist es hier, wo man Verhaftsbefehle verkauft? – Steckbriefe, meine ich, ihr versteht mich schon,« sagte Peter. »Heh – eh – was!« sagte der Richter Foxley; »was meint der Kerl? – Wofür verlangt Ihr einen Verhaftsbefehl?« »Um einen jungen Advokaten festsetzen zu lassen, der meditatione fugae ist; denn er hat meine Klage angenommen, und hat meine Sache vertheidigt; dabei habe ich ihm noch wacker Sporteln bezahlt, und noch obendrein so viel Branntwein, als er an jenem Tage in dem Hause seines Vaters trinken konnte – denn für ein so junges Geschöpf liebt er den Branntwein unmäßig.« »Und was hat Euch denn der betrunkene Advokat zu Leide gethan, daß Ihr zu mir kommt – heh – ha? Hat er euch beraubt? Nichts Unwahrscheinliches, wenn er ein Jurist ist. Heh – Nick – ha?« sagte der Richter Foxley. »Er hat mich meiner selbst beraubt, Sir,« antwortete Peter; »nämlich seiner Hülfe, seines Trostes, seiner Unterstützung, seiner Vertheidigung und seines Beistandes, die er als Advokat dem Clienten, ratione officii zu leisten schuldig – seht, das ist die ganze Sache. Er hat meine Sporteln in den Sack geschoben, hat einige Maß Branntwein getrunken, und nun macht er sich auf und davon, und läßt meine Sache halb gewonnen, halb verloren zurück. Nun haben mir einige scharfsinnige Bursche, mit denen ich zuweilen in der Parlamentshalle von juristischen Dingen plaudere, gerathen, nur in Gottes Namen ein Herz zu fassen, und ihm nachzusetzen; also habe ich mit meinen Beinen die Post genommen, wobei ich freilich hier und da einmal auch auf einem Leiterwagen oder sonst einem Fuhrwerk aufstieg. In Dumfries bekam ich Wind von ihm, und nun bin ich ihm auf die englische Seite hinüber nachgesetzt, und möchte einen Verhaftsbefehl gegen ihn.« Mein theuerster Allan, wie hoch schlug mir das Herz bei dieser Nachricht! Du bist mir nahe, und ich weiß wohl in welcher gütigen Absicht; du hast Alles verlassen, um mir zu Hülfe zu eilen; da ich deine Freundschaft, deine Treue, deine gesunde Vernunft, deine ausdauernde Unermüdlichkeit kenne, so ist es kein Wunder mehr, wenn »meines Busens Herr nun leichten Sinnes auf dem Throne sitzt,« daß die Fröhlichkeit wieder unwillkürlich meine Feder belebt, daß mein Herz dem deinigen entgegenschlägt, wie das eines Feldherrn dem Trompetenschalle seines herannahenden Verbündeten, ohne dessen Hülfe die Schlacht verloren gehen müßte. Ich ließ mich von dieser freudigen Ueberraschung nicht außer Fassung bringen, sondern fuhr fort, mit der größten Aufmerksamkeit auf Alles das zu hören, was bei dieser sonderbaren Sache gesagt wurde. Daß der arme Peter Peebles von einem seiner jungen Rathgeber in der Parlamentshalle zu dieser wilden Gänsejagd gereizt worden war, hatte er selbst zu verstehen gegeben; aber er sprach mit so viel Zuversicht, daß der Richter in seinem Herzen wohl befürchten mochte, einen Fehlgriff in der Sache zu thun. Und da bei den Behörden an den englischen Gränzen sehr oft die Furcht obwaltet, der größere Scharfsinn ihrer Nachbarn im Norden möchte ihre eigene Einfachheit überlisten, so wandte sich Mr. Foxley mit sorglichen Blicken zu seinem Schreiber. »Eh – oh – Nick, hol dich der – kannst du denn nicht sprechen? Da handelt es sich mehr um schottische Gesetze und um Schottländer. (Hier warf er dem Eigenthümer des Hauses einen Blick zu, und winkte seinem Schreiber.) Oh, ich wollte die Solway wäre so tief, wie sie breit ist, dann könnten wir doch hoffen, daß sie uns in Ruhe lassen würden.« Nikolas sprach einige Augenblicke mit dem Bittsteller allein, und stattete dann Bericht ab: »der Mann verlangt einen Gränz-Verhafts-Befehl, wie es scheint, die stellt man aber nur gegen Schuldner aus, er aber braucht einen, um einen Advokaten festnehmen zu lassen.« »Und warum dafür nicht?« fiel ihm Peter Peebles frech in die Rede; »warum nicht? das möcht' ich doch gern wissen. Weigert sich ein Taglöhner, seine Arbeit zu vollenden, gleich zwingt Ihr ihn dazu, – läuft eine liederliche Dirne aus dem Dienst, geschwind schickt Ihr sie wieder heim, – macht sich ein Kohlenbrenner oder ein Salzhändler bei Mondschein aus dem Staube, im Augenblick packt Ihr ihn wieder an den Hinterpfoten; und doch beträgt der Schaden nicht mehr als ein paar Kohlen oder ein paar Metzen Salz. Hier aber läuft mir ein Bursche mir nichts dir nichts weg, bricht seine Verbindlichkeiten, und bringt mir einen Schaden von ungefähr 6000 Pfund Sterling, nämlich 3000, die ich gewinnen würde und 3000, die ich wohl verlieren werde, und Ihr, die Ihr Euch nach der Gerechtigkeit nennt, könnt einem armen Mann nicht helfen, einen Ausreißer zu fangen. Eine schöne Gerechtigkeit finde ich da bei Euch!« »Der Kerl muß betrunken sein,« sagte der Schreiber. »Nüchtern von allem, außer der Sünde,« erwiderte der Supplikant; »seitdem ich das diesseitige Ufer betrat, habe ich nicht mehr als einen Schluck kalt Wasser zu mir genommen, und Gott weiß, ob einer von euch zu mir sagen wird: Hund, willst du trinken?« Der Richter schien von diesen Worten gerührt. »Hem – stille, Freund,« erwiderte er; »du sprichst, als stündest du vor einem deiner Bettelrichter – geh' hinunter – laß dir etwas zu essen geben, Freund (mit der Erlaubniß meines Freundes, seiner Gastfreundschaft zuvorzukommen), auch einen Schluck zu trinken, und ich gebe dir mein Wort, dann findest du so viel Gerechtigkeit bei uns, wie du wünschest.« »Ich will Euer nachbarliches Anerbieten nicht ausschlagen,« sagte der arme Peter Peebles, indem er sich verbeugte; »wünsche Euer Gnaden viel Glück und Weisheit, um Euch in einem so außerordentlichen Fall richtig zu leiten.« Als Peter Peebles eben das Zimmer verlassen wollte, so wollte ich doch einen Zeugen, der mich dem Richter günstig darstellen konnte, nicht so weggehen lassen. Ich trat also vor, grüßte ihn, und frug ihn, ob er sich meiner nicht mehr erinnere? Er starrte mich an, betrachtete mich von allen Seiten, nahm einige Prisen Tabak, dann schien es plötzlich, als lebe eine alte Rückerinnerung in ihm auf. »Ob ich mich Euerer erinnere?« sagte er, »meiner Treu, ich will's wohl glauben. – Ergreift ihn, Gentlemen – Constabler, haltet ihn fest – wo der liederliche Galgenvogel ist, da ist gewiß Allan Fairford nicht weit. – Haltet ihn nur fest, Meister Constabel; ich trage es Euch auf, denn ich müßte mich sehr irren, oder er ist Schuld an der ganzen Weglauf-Geschichte. Der ist's ja, der den Narren Allan mit Wagen und Pferden und all' dem Teufelszeug, nach Roßlin und Prestonpans und nach allen nichtsnutzigen Orten, die er auffinden konnte, mitschleppte. Er ist ein weggelaufener Student, er ist's.« »Mr. Peebles,« sagte ich, »thut mir nicht Unrecht. Ich bin überzeugt, daß Ihr mir mit Recht nichts Böses nachsagen könnt, sondern, wenn Ihr wollt, diesen Herren beweisen könnt, daß ich ein Student der Rechte in Edinburgh bin – Darsie Latimer mit Namen.« »Ich beweisen! Wie kann ich es diesen Herren beweisen,« antwortete Peter, »da ich selbst noch lange nicht überwiesen bin? Ich weiß nichts von Euerem Namen, und kann bloß bezeugen, nihil novit in causa .« »Einen schönen Zeugen habt Ihr da zu Euren Gunsten producirt,« sagte Mr. Foxley. »Aber – ha – ei – ich will ihm doch eine oder zwei Fragen vorlegen. – Hört, Freund, wollt Ihr einen Eid darauf ablegen, daß dieser Jüngling ein weggelaufener Student ist?« »Sir,« sagte Peter, »ich will auf alles Vernünftige schwören; »ein Prozeß, der zum Eidablegen kommt, ist ein gewonnener Prozeß; aber ich bin sehr begierig, Ew. Gnaden Mittagstafel zu versuchen;« denn seit der Peter etwas vom Mittagessen gehört hat, war sein Betragen gegen den Richter viel ehrfurchtsvoller geworden. »Ihr sollt – eh – hum – den Bauch gestopft bekommen, wenn's möglich ist, ihn zu füllen. Sagt mir aber doch erst, ob dieser junge Mann wirklich das ist, wofür er sich ausgibt. – Nick, nimms zu Protokoll.« »Oh, er ist so ein junger Springinsfeld, der nie ernstlich an sein Studium dachte – rappelig , Herr, ganz rappelig .« »Rappelig?« sagte der Richter, »was meint Ihr damit – heh?« »Nun, eben verdreht,« erwiderte Peter, »rapiat, – hat einen Sparren zu viel oder zu wenig; es ist aber was ganz Gewöhnliches – die halbe Welt hält die andere Hälfte für rappelig. Ich habe hin und wieder Menschen gefunden, die mich selbst für rappelig hielten; und ich, ich halte wieder das Obertribunal für rappelig, weil es seit zwanzig Jahren über den großen Rechtsstreit des Peebles contra Plainstanes deliberirt, und doch immer noch nicht recht auf den Grund der Sache gekommen ist.« »Ich kann von dem verfluchten Kauderwelsch kein Wort verstehen,« sagte der Cumberländische Richter, »versteht Ihr's, Nachbar, heh? was versteht er unter dem rappelig ?« »Er meint verrückt,« sagte der Angeredete, der aus Ungeduld über die verlängerte Sitzung seine bisherige Vorsicht vergaß. »Ihr habts, Ihr habts,« sagte Peter, »das eben meine ich; nicht gerade wahnsinnig, aber doch –« Hier hielt er inne und betrachtete die Person, welche er anredete, mit einer Miene des freudigen Wiedererkennen«: »Ei, ei, Mr. Herries von Birrenswork, seid Ihr es selbst in Fleisch und Blut? Ich habe wahrhaftig gemeint, Ihr hättet schon längst auf der Gemeindewiese zu Kennington oder zu Harriebie oder sonst irgendwo baumeln müssen, nach dem sauberen Complot, das Ihr Anno 45 angezettelt habt.« »Ich glaube, Ihr irrt Euch, Freund,« sagte Herries (dessen Name und Stand ich so unerwartet erfuhr) mit Ernst. »Den Teufel auch,« erwiderte der unerschrockene Peter Peebles, »ich kenne Euch recht wohl, denn Ihr habt ja in dem großen Jahre 1745 in meinem Hause gewohnt, wahrhaftig ein wichtiges Jahr war es; die große Rebellion brach aus, und auch meine Sache – die große Sache – Peebles contra Plainstanes et per contra sollte beim Anfang der Wintersitzung vorgetragen werden, als wegen Eures Plaids, Eurer Pfeifen und Eures Unsinnes die Session verschoben worden.« »Ich sage dir, Kerl,« entgegnete Herries noch heftiger, du verwechselst mich mit einem Anderen aus deiner schmutzigen Klasse.« »Sprecht doch wie ein Gentleman, Sir,« war Peebles Antwort; »das sind ja gar keine Ausdrücke, die sich vor einem Richter ziemen, Mr. Herries von Birrenswork. Sprecht in Form Rechtens, oder ich wende Euch den Rücken zu, Sir. Ich habe keine Freude daran, mit stolzen Leuten zu sprechen, obgleich ich vor Gericht Alles bestätigen will. Wollt Ihr Euch daher mit alten Geschichten erfreuen, und mit den tollen Streichen, die Ihr und der Kapitän Redgauntlet in meinem Hause ausgebrütet habt, prahlen, oder mit den mächtigen Bechern mit Branntwein, die Ihr trankt, ohne an das Zahlen zu denken (zwar achtete ich es damals nicht viel, obschon ich unterdessen selbst Mangel daran litt), in Gottes Namen, so bin ich zu jeder Zeit ein Stündchen zu Euren Diensten. – Aber wo ist denn jetzt der Kapitän Redgauntlet? Das war ein toller Kauz, grad' wie Ihr, Birrenswork. Ich hoffe, Ihr habt Verzeihung erhalten, obgleich sie seit einigen Jahren Euch armen Teufeln nicht mehr so nachspüren; das Köpfen und Hängen ist nun ziemlich vorbei – eine böse Geschichte – eine bitter böse Geschichte –« Meine Aufmerksamkeit ward durch diesen außerordentlichen, unerwarteten Vorfall im höchsten Grade gespannt. Mit so vieler Aufmerksamkeit, als nur meine eigene Gemüthsunruhe zu meinen Geboten stehen ließ, beobachtete ich den Eindruck, den er auf die betheiligten Personen zu machen schien. Augenblicklich hatte unser Freund Peter Peebles, ohne es zu wollen, eine Entdeckung veranlaßt, welche die Gefühle des Ritters Foxley und seines Schreibers gegen den Mr. Herries sehr veränderten, mit dem sie, ehe ihnen sein Name bekannt war, so vertraut zu sein schienen. Sie flüsterten heimlich zusammen, schauten in ein Papier, das der Schreiber aus einem großen schwarzen Taschentuche hervorzog, und schienen, von Furcht und Zweifel bewegt, schwankend über das, was zu thun seie. Herries war eine andere, interessantere Figur. Wie wenig auch Peter Peebles dem Engel Ithuriel gleichen mochte, so war doch die ausdrucksvolle, gereizte Haltung des Herries, der ärgerlich über die Entdeckung, aber furchtlos vor den Folgen, den flüsternden Friedensrichter und seinen Schreiber mit einem Blicke betrachtete, in welchem die Verachtung sich deutlicher spiegelte, als Zorn und Angst, kurz »– Der Haltung Majestät, Das bleiche Bild der früh'ren Größe.« das sie in der Stellung des Edelmannes ausdrückte, gleich der Erscheinung des entdeckten Herrschers der Geister der Lüfte. Mit hochmüthiger Gleichgültigkeit um sich schauend, begegnete sein Auge dem meinigen, und da schien es mir, als schlüge er es nieder. Aber im Augenblick schon kehrte das ihm inwohnende Feuer zurück, und er schleuderte mir einen furchtbaren Blick zu, bei welchem er die Furchen seiner Stirne seltsam zusammenzog. Erschreckt, aber zugleich mich meiner eigenen Furchtsamkeit schämend, beantwortete ich seinen Blick mit einem ähnlichen: ein breiter, alter Spiegel ließ mich meine eigenen Züge sehen, – ich fuhr zurück, denn in diesem Augenblicke glaubte ich die täuschendste Aehnlichkeit zwischen mir und meinem Gegner zu entdecken. Sei es nun wirklich so, oder täuschte mich meine Einbildungskraft, genug, das ist gewiß, in irgend einer Beziehung muß mein Schicksal durch seltsame Fäden mit jenem fremden, geheinmißvollen Manne in Verbindung stehen. Jetzt aber konnte ich darüber nicht weiter nachgrübeln, denn die darauf folgende Unterredung nahm meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Nach einer allgemeinen Pause von ungefähr fünf Minuten, in welcher Keiner von Allen wußte, was da zu thun sei, redete endlich der Richter den Mr. Herries an. Er sprach mit sichtlicher Verlegenheit, und seine zitternde Stimme, und die langen Zwischenräume, die seine Reden spalteten, zeigten Furcht vor dem Angeredeten. »Herr Nachbar,« sagte er, »das hätte ich nicht gedacht; oder wenn ich auch – hum – es wirklich dachte – so geschah es nur im Winkel meines eigenen Herzens – wo ich vermuthete, daß Ihr – was wollt ich doch sagen; daß Ihr unglücklicherweise in die – he, hum – Geschichte von anno fünfundvierzig verwickelt wäret – doch wollte ich es selbst gern vergessen.« »Nun, ist es denn so etwas Seltsames, daß ein Mann im Jahre fünfundvierzig auszog?« sagte Herries mit verächtlicher Miene; – »ich meine doch, Euer Vater, Mr. Foxley, zog doch auch mit Derwentwater im Jahr fünfzehn aus.« »Und verlor die Hälfte seines Vermögens,« antwortete Foxley mit ungewöhnlicher Schnelligkeit; »und war nahe daran – hem – gehängt zu werden, obendrein. Aber, Herr – das ist ein ganz Anderes – denn – eh – fünfzehn ist doch nicht fünfundvierzig; auch hatte mein Vater Verzeihung erhalten, Ihr aber, wie ich glaube, habt sie noch nicht erlangt.« »Vielleicht habe ich sie,« versetzte Herries gleichgültig, »vielleicht auch nicht. Habe ich sie nicht, nun so bin ich in demselben Fall mit einem halben Dutzend anderer Leute, die die Regierung der Mühe nicht werth hält, sie jetzt noch zu verfolgen, wenn sie nur Niemanden Aergerniß und Anstoß geben und keine Unruhen stiften.« »Aber, Sir, Sie haben sowohl das Eine als das Andere gethan,« sagte der Schreiber, Nikolas Faggot, der, da er einige Aussichten auf Beförderung hatte, den eifrigen Anhänger der Regierung spielte; »und Sie können von keinem Richter verlangen, daß er Sie frei ziehen lasse, da nun Ihr Vor- und Zuname deutlich ausgesprochen wurde. Es sind Verhaftsbefehle, vom Bureau des Staatssekretärs ausgestellt, gegen Sie vorhanden.« »Eine sonderbare Behauptung, Herr Staatsanwalt, daß nach Verlauf so vieler Jahre der Staatssekretär sich um die unglücklichen Ueberbleibsel einer vollkommen zu Grunde gerichteten Sache bemühen sollte,« antwortete Mr. Herries. »Wenn dem aber doch so ist,« war die Antwort des Schreibers, der durch die Ruhe des Beschuldigten Muth zu gewinnen schien; »wenn das Betragen des Edelmannes selbst Anlaß dazu gab, der, wie man behauptet, die alte Geschichte wieder aufgerührt und sie mit neuen, mißfälligen Gegenständen paarte. – Ich sage, wenn dem so ist, so würde ich jenem Edelmanne rathen, sich wohlweislich selbst dem gesetzmäßigen Gewahrsam des nächsten Friedensrichters zu übergeben (allenfalls dem Mr. Foxley), wo und durch welchen die Sache gehörig eingeleitet würde. Ich setze nur einmal den Fall voraus,« fügte er hinzu, indem er furchtsam die Wirkung abwartete, die wohl seine Worte auf den, an den sie gerichtet waren, hervorbringen würden. »Sollte z. B. der Rath mir gelten,« sagte Herries mit eben so ungestörter Ruhe. »Ich setze nur den Fall voraus, wie Sie zu sagen belieben, Mr. Faggot – so wünschte ich doch den Verhaftsbefehl zu sehen, der ein so empörendes Verfahren berechtigt.« Statt der Antwort händigte ihm Nikolas ein Papier ein, und schien ängstlich die daraus entstehenden Folgen zu beobachten. Eben so gleichmüthig, als vorher, las es Mr. Herries durch, und fuhr dann also fort: »Würde mir ein solcher Wisch in meinem eigenen Hause vorgezeigt, so würde ich ihn so in's Feuer schleudern und Reisholz Faggot, der Name des Schreibers, heißt zu deutsch: ein Bündel Reisholz. Anmerk. des Uebers. obendrauf.« Wie gesagt, so gethan; denn indem er mit der einen Hand den Verhaftsbefehl in's Feuer warf, faßte er mit der anderen den Anwalt so mächtiglich an der Brust, daß dieser, der sich weder in körperlicher Stärke noch in Geistesfestigkeit mit ihm messen konnte, zitterte wie ein Vögelein in den Klauen eines Raubvogels. Doch kam er für dieses Mal mit dem bloßen Schrecken davon; denn Herries, der ihn wahrscheinlich die volle Kraft seiner Faust hatte fühlen lassen, ließ ihn mit einem höhnischen Gelächter wieder los. »Gewalt – Raub – Mord – zu Hülfe!« schrie Peter Peebles, den die Beleidigung, die das Gesetz in der Person des Nikolas Faggot erduldete, auf's Höchste empörte. Aber sein gellendes Geschrei ward von der donnernden Stimme des Herries übertäubt, der dem Christal Nixon befahl, den heulenden Narren die Treppe hinabzuwerfen, ihm den Bauch zu füllen, eine Guinee zu geben und ihn dann zum Haus hinaus zu werfen. Bei so bewandten Umständen ließ sich Peter gerne von hinnen treiben. »Dann wandte sich Herries zu dem Richter, dessen Gesicht die purpurne Röthe gänzlich verloren hatte, die noch vor Kurzem darauf strahlte, und der nun die bleiche Livree seines Schreibers angenommen hatte. »Mein alter Freund und Bekannter,« sagte er, »Ihr kamt auf mein Bitten, mir zu Gefallen hierher, um diesen flatterhaften, jungen Mann von dem Recht zu überzeugen, das ich für jetzt über seine Person ausüben darf. Ich denke, Ihr werdet die Absicht wohl nicht hegen, einen Besuch vorzuschützen, um mich mit anderen Dingen zu belästigen? Jedermann weiß, daß ich Monate und Jahre lang öffentlich in den nördlichen Grafschaften lebte, und daß man meiner zu jeder Zeit hätte habhaft werden können, wenn die Sicherheit des Staates oder mein eigenes Betragen es erheischt hätte. Aber kein englischer Richter war so ungroßmüthig, einen Edelmann politischer Meinungen und Streitigkeiten wegen zu beunruhigen, die sich schon längst vollkommen zu Gunsten der herrschenden Dynastie geendigt haben. Ich hoffe also auch, daß Ihr, mein Freund, Euch nicht der Gefahr aussetzen werdet, über diesen Punkt andere Ansichten anzunehmen, als die, welche Ihr seit dem Anfang unserer Bekanntschaft an den Tag gelegt habt.« Schneller und geistreicher, als gewöhnlich, erwiderte der Richter: »Nachbar Ingoldsby – was Ihr da sagt, ist – eh – ist gewissermaßen wahr; und wenn Ihr zu einem Pferderennen, zu einem Hahnenkampf, zur Messe, zur Jagd oder zu dergleichen Dingen kamt, – war es – eh – weder mein Geschäft noch mein Wunsch, einzugreifen, – ich meine – die Geheimnisse, die um Eure Angelegenheiten schwebten, zu untersuchen und aufzuklären; denn als Ihr nur hier und da ein guter Jagd- und Trinkgefährte gewesen seid, – hielt ich es – eh – nicht eben für nöthig, mich in Eure Angelegenheiten zu mischen. Und wenn ich schon dachte, Ihr wäret – a hem – in früheren Unternehmungen, Wagstücken und Verbindungen so unglücklich gewesen, daß Ihr Euch nun gezwungen sähet, unstät und eingezogen zu leben, so konnte ich doch – eh – wenig Vergnügen daran finden, – Eure Sache durch Aufdringlichkeit zu erschweren, oder Euch Red' und Antwort abzufordern, die man leichter gibt, als erlangt. Aber wenn namentliche Verhaftsbefehle und Zeugnisse vorliegen – und dieser Name, Tauf- und Familienname – einer – eh – gegenwärtigen Person angehört, welche, wie ich hoffe, fälschlich – beschuldigt wird – a hem – die Gemüther zu abermaligen Reibungen und Unruhen zu entflammen, um die eben erst erloschene Flamme des Bürgerkriegs wieder anzufachen, dann, Herr, ist es eine ganz andere Sache, und ich bin genöthigt, – hum – meine Pflicht zu thun.« Als der Richter seine Rede schloß, stand er auf und sah so kühn, als ihm möglich war, um sich. Ich hielt den Augenblick für meine Befreiung günstig, drängte mich nahe an den Richter und seinen Schreiber, und theilte ihnen meinen Entschluß mit, ihnen beizustehen. Aber Herries lachte nur über die drohende Stellung, die wir einnahmen. »Guter Nachbar,« sagte er, »Ihr sprecht von Zeugen, – aber ist denn jener lumpige Bettler – wohl ein genügender Zeuge in einer Sache dieser Art?« »Aber Ihr läugnet es ja nicht, daß Ihr der Mr. Herries von Birrenswork seid, den der Verhaftsbefehl des Ministers bezeichnet?« »Wie kann ich etwas darüber läugnen oder eingestehen?« sagte Herries mit spöttischem Lächeln. »Es besteht ja kein solcher Verhaftsbefehl mehr; seine Asche ist nun, wie er es dem armen Verräther drohte, nach allen vier Winden zerstreut. Es existirt kein Verhaftsbefehl mehr.« »Ihr werdet aber doch nicht läugnen,« sagte der Friedensrichter, »daß Ihr die darin benannte Person seid, und daß (er hustet) Ihr ihn selbst zerstört habt?« »Ich verläugne weder meinen Namen noch meine Handlungen, Herr Friedensrichter,« erwiderte Mr. Herries, »wenn eine kompetente Obrigkeit mich auffordert, sie zu gestehen oder zu vertheidigen. Aber ich werde mich allen unverschämten Versuchen, sich in meine Privatverhältnisse einzumischen, oder mich zu beaufsichtigen, widersetzen. Darauf bin ich auch recht wohl vorbereitet, und ich hege daher das Vertrauen, daß Ihr, mein guter Nachbar und Jagdgenosse, nach Eurem Auffahren, und mein Freund, Herr Nikolas Faggot hier, nach seinem unterthänigen Rath und Bitte, mich selbst auszuliefern, nun der Meinung sein werdet, Euch Eurer Pflicht gegen König Georg und die Regierung in vollem Maße entledigt zu haben. Der kalte und ironische Ton, womit diese Erklärung abgegeben wurde, der Blick und die Stellung, worin das volle Vertrauen auf die überlegene Kraft und Energie auf eine recht noble Weise ausgedrückt war, schien die Unentschlossenheit zu vollenden, die sich schon bei denen gezeigt hatte, an die sie gerichtet war. Der Friedensrichter blickte auf den Schreiber, der Schreiber auf den Friedensrichter, der fortfuhr, sein He! Hum! ertönen zu lassen, ohne eine artikulirte Sylbe hervorzubringen; der Schreiber aber sagte endlich: »Da der Verhaftsbefehl vernichtet ist, Herr Friedensrichter, so werdet Ihr wohl nicht gemeint sein, die Verhaftung dennoch vorzunehmen?« »Hum! – ei! warum nicht? – aber – Nikolas – es würde doch nicht ganz räthlich sein, und da die Geschichte von 1745 schon ziemlich alt ist, und (er hustet) da mein Freund hier hoffentlich seinen Irrthum einsehen, das heißt, ihn schon eingesehen haben, – und dem Pabst, dem Teufel und dem Prätendenten entsagen wird, – ich meine es nicht bös, Nachbar, – so denke ich mir, – da wir das posse, oder die Constabler oder dergleichen nicht haben, wir lassen uns die Pferde bringen, – und betrachten mit einem Wort die Sache als abgethan.« »Kluger Entschluß,« sagte der Mann, den die Entscheidung betraf, »doch bevor Ihr geht, wollen wir eins auf unsere Freundschaft trinken.« »Ja,« sagte der Friedensrichter, sich die Stirne reibend, »bei unserer Arbeit (er hustet) hat man wohl können durstig werden.« »Christal Nixon,« sagte Mr. Herries, »bring' uns sogleich eine recht frische Kanne, groß genug, den Durst der ganzen Commission zu stillen.« Während Christal wegen des ermunternden Auftrags abwesend war, entstand eine Pause, die ich zu benützen suchte, um das Gespräch wieder auf meine eigenen Angelegenheiten zu bringen. »Sir,« sagte ich zu dem Friedensrichter Foxley, »mich geht Eure letzte Verhandlung mit Mr. Herries eigentlich nichts an, aber Ihr laßt mich, einen loyalen Unterthanen des Königs Georg, als einen unfreiwilligen Gefangenen in den Händen eines Mannes, an dessen Ergebenheit für die Sache des Königs Ihr zu zweifeln Ursache habt. Ich gebe Euch demnach mit gebührender Bescheidenheit zu bemerken, daß dieß Euren Pflichten als Friedensrichter widerspricht, und daß Ihr Mr. Herries auf die Ungesetzlichkeit seines Benehmens aufmerksam machen, und für meine Befreiung Schritte thun solltet, entweder auf der Stelle oder doch sobald Ihr diese Sache ...« »Junger Mann,« sagte der Herr Friedensrichter Foxley, »Ihr solltet Euch erinnern, daß Ihr unter der Gewalt, der gesetzlichen Gewalt (er hustet) Eures Vormundes seid.« »Er nennt sich freilich so,« erwiderte ich, »aber er hat keinen Beweis beigebracht, um einen so widersinnigen Anspruch zu begründen, und wenn auch, so würde der Umstand, daß er als ein überwiesener Verräther von der Amnestie ausgeschlossen ist, ein solches Recht vernichten, wenn es je bestanden hätte. Ich begehre daher von Euch, Herr Friedensrichter, und Euch, seinem Schreiber, meine Lage in Betracht zu ziehen, und mit Eurer eigenen Gefahr mir beizustehen.« »Das ist mir ein junger Bursche,« sagte der Friedensrichter mit ziemlich verlegenen Blicken, »der glaubt, ich führte das ganze statutarische Recht Englands im Kopfe bei mir, und ein Grafschaftsaufgebot in der Tasche, um es in Vollzug zu setzen. Was könnte Euch dann meine Vermittelung nützen; aber (er hustet) ich will mit Eurem Vormund zu Euren Gunsten sprechen.« Er nahm Herrn Herries auf die Seite, und schien in der That wegen irgend etwas mit großem Ernst in ihn zu dringen, und vielleicht war eine solche Art von Verwendung Alles, was ich unter den vorliegenden Umständen von ihm zu erwarten berechtigt war. Sie blickten bei ihrem Gespräche oft auf mich hin, und als Christal Nixon mit einer mächtigen Kanne hereintrat, die den befohlenen Trank enthielt, wandte Herries sich ein wenig ungeduldig von Herrn Foxley ab, und sagte mit Nachdruck: »Ich gebe Euch mein Ehrenwort, daß Ihr in dieser Hinsicht nicht das Geringste zu befürchten habt.« Er nahm dann die Kanne und sagte laut auf gälisch: »Heil dem König!« Er nippte sodann ein wenig und reichte Herrn Foxley die Kanne, der, um nicht vielleicht auf des Prätendenten Gesundheit Bescheid zu thun, auf des Herrn Herries eigene mit großer Feierlichkeit trank, aber nicht blos nippte. Der Schreiber folgte dem Beispiel seines Herrn und Meisters, und willig that ich ein Gleiches, denn Angst und Furcht machen wenigstens eben so durstig, als der Kummer machen soll. Mit einem Wort, wir leerten die Mischung von Bier, Sekt, Limonensaft, Muskat und anderen guten Sachen, die auf dem silbernen Boden des Gefäßes strandeten, und machten Dr. Byrons berühmte Zeilen lesbar, die darauf eingegraben waren: Den König segne Gott! er segne des Glaubens Beschützer! Gott segne – ist's Unrecht denn – den Prätendenten auch! Wer Prätendent sein mag, wer König, dieß zu bestimmen, Ist ganz ein ander Ding – Gott segn' uns Alle zugleich! Ich hatte Zeit genug, diesen Erguß der jakobitischen Muse zu studiren, während der Friedensrichter mit einem ziemlich langweiligen Ceremoniel Abschied nahm. Der von Herrn Faggot war weniger ceremoniös, aber ich vermuthe, es ging außer den leeren Complimenten noch etwas Anderes zwischen ihm und Herrn Herries vor; denn ich bemerkte, daß der Letztere ein Stück Papier in die Hand des Erstern schlüpfen ließ, was vielleicht eine kleine Genugthuung für die Unbedachtsamkeit war, mit der er den Verhaftsbefehl verbrannt, und seine Hand ziemlich unsanft an den achtungswerthen Günstling des Gesetzes gelegt hatte, der ihn vorzeigte; auch entging mir nicht, daß er diese Besänftigung auf eine Weise vornahm, daß sie vor dem Herrn des würdigen Schreibers verborgen bleiben mußte. Als dieß in Ordnung war, nahm man gegenseitig von einander Abschied, mit vieler Förmlichkeit von Seiten des Herrn Foxley, unter dessen Abschiedsphrasen mir folgende besonders merkwürdig war: »Ich vermuthe, Ihr werdet Euch nicht lange mehr in diesen Gegenden aufhalten?« »Für jetzt nicht, Herr Friedensrichter, seid dessen versichert, ich habe gute Gründe für das Gegentheil. Doch hoffe ich, meine Angelegenheiten in der Art in Ordnung zu bringen, daß wir uns bald wieder auf der Jagd treffen werden.« Er begleitete hierauf den Richter bis in den Hof, und befahl Christal Nixon, unterdessen darauf Acht zu haben, daß ich in mein Zimmer zurückkäme. Ueberzeugt von der Zwecklosigkeit eines Widerstandes oder einer Unterhandlung mit diesem hartnäckigen Beamten, gehorchte ich schweigend, und war nun abermals Gefangener in meiner früheren Wohnung. Achtes Kapitel Fortsetzung des Tagebuchs Darsie Latimer's Nach der Rückkehr in das Zimmer, welches ich wohl mein Gefängniß nennen kann, verwandte ich über eine Stunde darauf, die seltsamen Umstände niederzuschreiben, von denen ich eben Zeuge gewesen war. Ich dachte, mir jetzt einige Vermuthungen über den Charakter des Mr. Herries bilden zu können, auf dessen Namen und Stellung die letzte Scene ein bedeutendes Licht geworfen hatte; ohne Zweifel war er einer von den fanatischen Jakobiten, deren Waffen vor noch nicht zwanzig Jahren den brittischen Thron erschüttert hatten; und von denen Manche, obschon ihre Partei täglich an Zahl, Energie und Gewalt abnahm, noch immer eine Neigung hegten, den Versuch zu erneuern, dessen Hoffnungslosigkeit sie bereits erprobt hatten. Er war freilich gänzlich verschieden von derjenigen Klasse eifriger Jakobiten, mit welchen mich der Zufall bisher zusammengeführt hatte. Oft hatte ich alte Damen an ihrem Theetische und grauköpfige Lairds bei ihrem Punsch bedeutungslosen Verrath anspinnen hören; wobei die Ersteren sich erinnerten, mit dem Chevalier einen Tanz gemacht zu haben, und die Letzteren ihre Thaten bei Preston, Clifton und Falkirt wiederkäuten. Das Mißvergnügen solcher Personen war allzu bedeutungslos, um die Aufmerksamkeit der Regierung zu erregen. Ich hatte aber von einer kühneren und gefährlicheren Klasse Anhänger des Hauses Stuart reden hören, von Männern, welche mit römischem Geld versehen, heimlich und verlarvt sich in den verschiedenen Klassen der Gesellschaft umhertrieben und den erlöschenden Eifer ihrer Partei lebendig zu erhalten strebten. Unter diesen Menschen, deren Wirksamkeit und Streben nur von oberflächlichen Menschen in Zweifel gezogen werden konnte, wies ich ohne Weiteres dem Mr. Herries, dessen geistige Kraft nicht weniger als seine persönliche Stärke und Thätigkeit ihn zu einer so gefährlichen Rolle zu eignen schien, einen bedeutenden Posten an; auch wußte ich, daß längs der westlichen Küste Englands und Schottlands eine solche Menge Anhänger der Stuarts wohnten, daß so ein Mann mit vollkommener Sicherheit sich hier aufhalten mochte, wenn nicht der Regierung ganz besonders daran gelegen war, sich seiner Person zu versichern; und selbst dies Vorhaben konnte leicht vereitelt werden, entweder durch eine frühzeitige Benachrichtigung, oder, wie im Falle des Mr. Foxley, durch die geringe Bereitwilligkeit der Provinzial-Obrigkeiten, in einer Sache einzuschreiten, die man jetzt als eine gehässige Verfolgung unglücklicher Menschen betrachtete. Indessen haben sich kürzlich Gerüchte verbreitet, als ob der gegenwärtige Zustand der Nation oder wenigstens einiger mißvergnügten Provinzen, erzeugt durch eine Menge Ursachen, besonders aber durch die Unpopularität der gegenwärtigen Minister, diesen Aufstiftern als ein günstiger Zeitpunkt erscheine, um ihre Intriguen von Neuem zu beginnen; auf der andern Seite wird die Regierung in einer solchen Krisis nicht geneigt sein, dieselben mit der Verachtung anzusehen, welche wenige Jahre vorher ihre geeignetste Strafe gewesen wäre. Daß es Menschen gibt, die unbesonnen genug sind, ihre Dienste und ihr Leben an eine verzweifelte Sache wegzuwerfen, ist nicht neu in der Geschichte, welche an Beispielen ähnlicher Aufopferungen reich ist, und ist eben so einleuchtend, daß Mr. Herries ein solcher Fanatiker ist; Alles dies erklärt aber sein Benehmen gegen mich durchaus nicht; hätte er gesucht, aus mir einen Proselyten für seine sinkende Sache zu machen, so wären Gewaltthätigkeit und Zwang sehr unschickliche Mittel bei einem edlen Gemüthe gewesen. Wenn dies aber auch seine Absicht war, von welchem Nutzen mochte ihm die Erwerbung eines einzelnen widerstrebenden Anhängers sein, der zur Unterstützung einer ergriffenen Partei nur seine eigene Person mitbringen konnte? Er hatte die Rechte eines Vormundes gegen mich in Anspruch genommen, er hatte ziemlich deutlich darauf hingewiesen, ich sei in einem Gemüthszustande, der die Aufsicht nothwendig mache. Sollte dieser in seinem Vorsatze so verzweifelt hartnäckige Mann, der bereit schien, die ganze Last einer schon für Tausende verderblich gewordenen Sache auf seine Schultern zu nehmen, die Gewalt haben, über mein Schicksal zu entscheiden? Gingen von ihm diese Gefahren aus, gegen die man mich durch eine so heimliche, unvorsichtige Erziehung hatte schützen wollen? Und wenn dem so war, worauf gründete sich denn der Anspruch, den er geltend machte? Auf Verwandtschaft? Und theilte ich die Abstammung vielleicht der Züge dieses seltsamen Wesens? Ein Schauder, der in diesem Augenblick mich durchzuckte, war sonderbarer Weise mit einem unbestimmten und geheimnißvollen Gefühl von Verwunderung gemischt, das fast an Vergnügen gränzte. Ich erinnerte mich des Widerscheins meines eigenen Gesichts in dem Spiegel, in einem bedeutenden Augenblick während der seltsamen heutigen Zusammenkunft, und ich eilte in das äußere Zimmer, um den Spiegel zu befragen, ob es möglich sei, meinen Gesichtszügen den eigenen Schnitt zu geben, der dem schrecklichen Blicke des Mr. Herries so sehr glich. Aber ich faltete meine Stirne vergeblich auf tausenderlei Weise, und mußte endlich den Schluß machen, daß entweder das vermuthete Zeichen auf meiner Stirne nur eingebildet, oder durch willkürliche Anstrengung nicht hervorgerufen werden könne. Während ich so mein Gesicht gleich einem tollen Spieler in alle möglichen Falten zog, öffnete sich plötzlich die Thüre, und das Hausmädchen trat ein. Unwillig und beschämt, in einer so sonderbaren Beschäftigung betroffen worden zu sein, wandte ich mich rasch um, und vermuthlich brachte jetzt der Zufall auf meinem Gesicht jene Veränderung hervor, um die ich mich vergeblich angestrengt hatte. Das Mädchen bebte zurück und sagte: »Um Gottes willen, jetzt seht Ihr ja aus leibhaftig wie der alte Squire – aber da kommt er selbst.« Indem sie schnell hinauswischte, setzte sie hinzu: »Und wenn Ihr noch einen Dritten braucht, so ist der alte Harry derjenige, der am besten die Stirne runzeln kann.« Als das Mädchen mit diesem Ausruf das Zimmer verlassen hatte, trat Herries ein. Er hielt an, als er bemerkte, daß ich wieder in den Spiegel geschaut hatte, um das Gesicht zu machen, wodurch das einfältige Ding ohne Zweifel erschreckt worden war. Er schien meine Gedanken zu errathen, denn er bemerkte, als ich mich zu ihm wandte: »Zweifelt nicht, daß Eurer Stirne das unglückliche Zeichen unseres Geschlechts aufgedrückt ist, wenn auch jetzt noch nicht so kenntlich als dann, wenn Jahre und Kummer, wenn die Spuren stürmischer Leidenschaften Eure Stirne gefurcht haben werden.« »Geheimnißvoller Mensch,« erwiderte ich. »Ich weiß nicht, wovon Ihr sprecht; Eure Rede ist so dunkel als Eure Pläne.« »Setzt Euch nieder,« sagte er dann, »und hört: So weit wenigstens muß der Schleier gelüftet werden, worüber Ihr klagt. Einmal hinweggezogen, wird er nur Schuld und Kummer enthüllen, Schuld, gefolgt von sonderbarer Strafe, und Kummer, den die Vorsehung den Nachkommen der Trauernden zum Erbtheil gegeben hat.« Er schwieg einen Augenblick und begann dann seine Erzählung mit einer Miene, welche den tiefsten Antheil an den Begebenheiten ausdrückte, so entfernt diese auch waren. Der Ton seiner reichen und mächtigen Stimme unterstützte durch seine Biegsamkeit die Wirkungen seiner Erzählung, welche ich möglichst mit seinen eigenen Worten niederzuschreiben versuchen will. »Nicht erst in den letzten Jahren lernten unsere englischen Nachbarn, daß Theilung und bürgerliche Kriege ihnen bei Unterjochung ihrer unabhängigen Nachbarn den besten Beistand leisten. Ihr erinnert Euch wohl an den Zustand von Knechtschaft, worin Schottland durch die unglücklichen Kriege zwischen den heimischen Parteien der Bruce und Baliol versetzt wurde; auch in Schottland, nachdem es durch das tapfere Benehmen des unsterblichen Bruce vom fremden Joche erlöst war, alle Früchte seiner Triumphe von Bannockburn durch die schrecklichen Niederlagen von Dupplin und Halidon verlor; Eduard Baliol, der Günstling und Vasall seines Namensbruders in England, schien für eine kurze Zeit im sichern und unbestrittenen Besitze des Thrones, den kurz vorher der größte Feldherr und der weiseste Fürst Europa's eingenommen hatte. Das Andenken an Bruce war aber nicht mit ihm gestorben. Es gab noch Viele, die seine kriegerischen Arbeiten getheilt hatten und sich der erfolgreichen Anstrengungen erinnerten, wodurch er, unter nicht weniger ungünstigen Verhältnissen, als die seines Sohnes, die Befreiung Schottlands in's Werk gerichtet hatte. Der Usurpator Eduard Baliol war mit wenigen seiner vertrauten Anhänger bei einem Feste auf dem Schlosse Annen, als er plötzlich von einer auserlesenen Schaar patriotischer Insurgenten überfallen wurde. Ihre Führer waren Douglas, Randolph, der junge Earl von Moray, und Sir Simon Fraser; ihr Erfolg war so vollständig, daß Baliol kaum gekleidet und auf einem ungesattelten Pferde entfliehen mußte, um sein Leben zu retten. Es war von Wichtigkeit, sich wo möglich seiner Person zu bemächtigen, und er wurde deßhalb rasch verfolgt von einem tapfern Ritter normännischer Abkunft, dessen Familie sich lange in diesem Lande niedergelassen hatte. Ihr normännischer Name war Fitz-Aldin, der Ritter hatte aber von der großen Niederlage, die er unter den Südländern angerichtet hatte, und von seinem Widerwillen, irgend Jemanden Pardon zu geben, den er während der früheren Kriege dieser blutigen Periode gezeigt hatte, den Namen Redgauntlet (Rothhandschuh) erhalten, den er auf seine Nachkommen übertrug – – –« »Redgauntlet!« wiederholte ich unwillkürlich. »Ja, Redgauntlet,« sagte mein angeblicher Vormund und sah mich scharf an; »weckt dieser Name irgend Erinnerungen in Euch auf?« »Nein!« erwiderte ich, »außer daß ich kürzlich eine wunderbare Geschichte von dem Helden erzählen hörte.« »Viele der Art sind über die Familie in Umlauf,« antwortete er und fuhr dann in seiner Erzählung fort: »Alberick Redgauntlet, der Erste seines Hauses, der diesen Namen führte, war, wie man schon daraus schließen kann, von finsterer, unversöhnlicher Gemüthsart, welche durch Familienzwiste noch härter geworden war. Ein einziger Sohn, kaum achtzehn Jahre alt, hatte so sehr seines Vaters stolzen Geist geerbt, daß er den häuslichen Zwang nicht mehr ertrug, sich dem väterlichen Ansehen widersetzte, endlich von seines Vaters Hause floh, den politischen Meinungen desselben entsagte, und durch seine Verbindung mit den Anhängern Baliols den fortdauernden Unwillen seines Vaters rege machte. Der Vater soll in seinem Zorn den entarteten Sohn verflucht und geschworen haben, ihn mit eigener Hand zu tödten, wo er ihn träfe. Unterdessen schien es, als sollte er für diesen großen Verlust einen Ersatz erhalten. Die Lady Alberick Redgauntlet befand sich nach vielen Jahren wieder in einem Zustande, der ihrem Gemahl die Hoffnung auf einen gehorsamen Erben eröffnete. Doch der bedenkliche Zustand seiner Gattin und der tiefe Antheil, den er daran nahm, verhinderten Alberick nicht, an dem Unternehmen von Douglas und Moray Antheil zu nehmen. Er war der Vorderste gewesen bei dem Angriff auf das Schloß, und war nun auch der Erste in der Verfolgung Baliols, eifrig bemüht, die wenigen kühnen Anhänger des Usurpators, welche dessen Flucht zu decken versuchten, zu zerstreuen oder niederzuhauen. Als diese nach und nach verjagt oder erschlagen waren, war der furchtbare Redgauntlet, der Todfeind des Hauses Baliol, nur noch zwei Lanzenlängen in einem engen Passe von dem flüchtigen Eduard Baliol entfernt, als ein Jüngling, einer der Letzten, die den Usurpator auf seiner Flucht begleiteten, sich zwischen ihn und den Verfolger warf, dessen Stoß empfing, aber vom Roß geworfen wurde. Der Helm entfiel seinem Haupte, und die Strahlen der Sonne, die gerade über den Solway aufging, zeigten Redgauntlet die Züge seines ungehorsamen Sohnes in den Farben und Abzeichen des Usurpators. Redgauntlet sah seinen Sohn vor den Füßen seines Pferdes liegen, aber er sah auch Baliol, den Usurpator der schottischen Krone, noch immer, wie es schien, innerhalb seines Bereichs, und nur durch den niedergestreckten Körper seines überwältigten Anhängers von ihm getrennt. Ohne anzuhalten, um zu untersuchen, ob der junge Eduard verwundet sei, drückte er seinem Pferde die Sporen ein, um über den Körper hinzusetzen, was aber unglücklicherweise mißlang. Das Pferd machte einen Sprung vorwärts, war aber unfähig, über den Körper des Jünglings wegzusetzen, und traf denselben mit dem Hinterfuße an der Stirne, als er eben sich erheben wollte. Die Wunde war tödtlich. Es ist unnöthig, hinzuzufügen, daß die Verfolgung unterbrochen wurde, und Baliol entkam. So wild Redgauntlet auch geschildert wurde, so überwältigte ihn doch der Gedanke an das begangene Verbrechen. Als er in sein Schloß zurückkehrte, fand er nur neuen häuslichen Kummer. Bei der Nachricht des schrecklichen Vorfalls war sein Weib zu früh von den Geburtsschmerzen ergriffen worden, und die Geburt eines Knaben kostete ihr das Leben. Länger als vierundzwanzig Stunden saß Redgauntlet bei ihrem Körper, ohne weder seine Züge, noch seine Stellung zu verändern, so weit dieß seine erschreckten Diener bemerken konnten. Vergebens sprach ihm der Abt von Dundrennan Trost ein. Douglas, der einen so ausgezeichneten Vaterlandsfreund in seinem Unglück zu besuchen kam, war glücklicher, seine Aufmerksamkeit zu erregen. Er ließ auf dem Schloßhofe eine englische Schlachtmelodie blasen, da ergriff Redgauntlet mit einmal seine Waffen und schien die Besinnung wieder zu erhalten, die er im Uebermaß seines Elends verloren hatte. Was er auch innerlich fühlen mochte, von dem Augenblick an war keine äußere Bewegung mehr zu erkennen. Douglas ließ das Kind herbeibringen, aber selbst die eisenharten Krieger wurden von Entsetzen ergriffen, als sie bemerkten, daß durch ein geheimnißvolles Walten der Natur die Ursache des Todes der Mutter und der Beweis der väterlichen Schuld dem Gesichte des schuldlosen Knaben aufgedrückt war, auf dessen Stirne ganz deutlich das kleine Bild eines Hufeisens sich zeigte. Redgauntlet wies selbst darauf hin und sagte mit einem schrecklichen Lächeln zu Douglas: es sollte blutig sein. Gerührt von Mitleiden gegen seinen Waffenbruder und durch die Gewöhnung an bürgerlichen Krieg gegen alle sanftere Gefühle gestählt, schauderte Douglas doch bei diesem Anblick zusammen und wünschte ein Haus zu verlassen, das zum Schauplatz solchen Greuels bestimmt war. Bei seiner Abreise ermahnte er Alberick Redgauntlet, zu der Kapelle Sct. Ninians von Whiteherne, die damals in großem Ansehen stand, zu wallfahrten, und reiste mit einer Eilfertigkeit ab, welche den trostlosen Zustand seines unglücklichen Freundes, wenn es möglich gewesen wäre, noch verschlimmert hätte. Dieser aber schien keiner Verschlimmerung mehr fähig. Sir Alberick ließ den Leichnam seines erschlagenen Sohnes und den der Mutter neben einander in der alten Kapelle seines Hauses beisetzen, nachdem er vorher beide von einem berühmten Wundarzt jener Zeit hatte einbalsamiren lassen, und viele Wochen lang soll er in jeder Nacht einige Stunden in dem Gewölbe zugebracht haben, wo sie ruhten. »Endlich unternahm er die vorgeschlagene Pilgerfahrt nach Whiteherne, wo er zum ersten Mal seit seinem Unglück beichtete und von einem alten Mönche absolvirt wurde, der nachher im Geruch der Heiligkeit starb. Damals soll Redgauntlet geweissagt worden sein, daß wegen seiner unerschütterlichen Vaterlandsliebe seine Familie unter allen Wechseln künftiger Zeiten stets mächtig bleiben werde; daß aber zur Strafe für seine unnachsichtige Grausamkeit gegen seinen eigenen Sohn der Himmel beschlossen habe, daß die Tapferkeit seines Geschlechts stets fruchtlos sein und die von ihnen ergriffene Sache nie einen glücklichen Ausgang haben solle. »Sir Alberick unterwarf sich den ihm daselbst auferlegten Büßungen, und wallfahrtete dann, wie man glaubt, entweder nach Rom oder zu dem heiligen Grabe selbst. Allgemein wurde er für todt gehalten, und erst dreizehn Jahre nachher erschien in der großen Schlacht von Durham, die zwischen David Bruce und der Königin Philippa von England geschlagen wurde, im Vordertreffen der schottischen Armee ein Ritter, der ein Hufeisen auf seinem Helmkamm trug und sich durch seine unerschütterliche und verzweifelte Tapferkeit auszeichnete; als er endlich überwältigt und erschlagen wurde, entdeckte man erst, daß es der tapfere und unglückliche Sir Alberick gewesen war.« »Und ist das unglückliche Zeichen,« sagte ich, als Herries seine Erzählung geendigt hatte, »auf die ganze Nachkommenschaft dieses unglücklichen Hauses übergegangen?« »So hat das Alterthum es uns überliefert,« sagte Herries, »und noch glaubt man es. Aber vielleicht ist in diesem Volksglauben etwas von jener Phantasie, welche selbst erschafft, was sie sehen will. Wie andere Familien ihre Eigenthümlichkeiten haben, wodurch sie ausgezeichnet sind, so ist sicher die der Redgauntlets bei den meisten Individuen durch eine besondere Bildung der Stirne bezeichnet, welche nach dem Glauben von dem Sohne Albericks, ihrem Ahnherrn und Bruder des unglücklichen Eduards, herkommt, der auf eine so klägliche Weise umkam. Gewiß ist auch, daß ein eigenes Schicksal über dem Hause Redgauntlet gewaltet zu haben scheint, denn fast in allen bürgerlichen Fehden, welche von den Zeiten David Bruce's an bis auf die letzte kühne und unglückliche Unternehmung des Chevalier Carl Eduard das Königreich Schottland getheilt haben, befand sie sich auf der verlierenden Seite.« Er schloß mit einem tiefen Seufzer, wie einer, den der Gegenstand in einen Strom peinlicher Gedanken hineingezogen hat. »Und stamme ich denn,« rief ich aus, »von diesem unglücklichen Geschlechte ab? Gehört auch Ihr dazu? Und wenn dieß so ist, warum muß ich von der Hand eines Verwandten Zwang und harte Behandlung erfahren?« »Fragt jetzt nicht weiter,« sagte er, »mein Betragen gegen Euch ist nicht Sache meiner Wahl, sondern der Nothwendigkeit. Ihr wurdet dem Schooße Eurer Familie und der Sorge Eures gesetzlichen Vormunds durch die Furcht und die Unwissenheit einer allzu zärtlichen Mutter entrissen, welche nicht im Stande war, die Gesinnungen und Gefühle derer zu schätzen, welche die Ehre und ihre Grundsätze dem Glücke und selbst dem Leben vorziehen. Der junge Falke, blos an die zärtliche Pflege seiner Mutter gewöhnt, muß durch Finsterniß und Schlaflosigkeit gezähmt werden, ehe ihn der Falkner seinen Zwecken gemäß auffliegen läßt.« Ich erschrak über diese Erklärung, welche mich mit einer langen Dauer und einem gefährlichen Ende meiner Gefangenschaft zu bedrohen schien. Ich hielt es indessen für das Beste, einigen Muth zu zeigen und zu gleicher Zeit einen versöhnenden Ton anzustimmen. »Mr. Herries,« sagte ich, »lasset uns über diesen Gegenstand ohne den Ton des Geheimnisses und der Furcht sprechen, worin Ihr ihn zu hüllen geneigt scheint. Ach! Ich bin lange der Pflege jener zärtlichen Mutter beraubt, worauf Ihr anspielt, lange unter fremder Leitung und gezwungen, meine Entschlüsse nur nach eigener Einsicht zu fassen. Unglück, frühe Entbehrungen haben mir das Recht gegeben, für mich selbst zu handeln, und Zwang soll mich des ersten Rechts eines Engländers nicht berauben.« »Der rechte Modeton,« sagte Herries verächtlich. »Kein Sterblicher hat das Vorrecht, frei zu handeln, wir Alle sind gebunden durch die Fesseln der Pflicht, unser Pfad ist beschränkt durch die Vorschriften der Ehre, und unsere unbedeutendsten Handlungen sind nur Maschinen in dem Gewebe des Schicksals, wovon wir Alle umgeben sind.« Rasch durchschritt er das Zimmer und fuhr in einem Tone der Begeisterung fort, der, in Verbindung mit einigen andern Seiten seines Benehmens, eine überreizte Einbildungskraft anzudeuten schien, widerspräche nicht der allgemeine Charakter seiner Rede und seines Benehmens. »Nichts,« sagte er in ernstem, fast melancholischem Tone, »nichts ist das Werk des Zufalls, nichts ist die Folge des freien Willens; die Freiheit, deren der Engländer sich rühmt, gibt ihrem Besitzer so wenig wahre Freiheit, als der Despotismus eines morgenländischen Sultans seinem Sklaven gestattet. Der Usurpator Wilhelm von Nassau ging auf die Jagd, und hielt ohne Zweifel für eine Handlung seines königlichen Willens, daß das Pferd seines gemordeten Opfers für sein königliches Vergnügen gesattelt war. Aber der Himmel wollte es anders, und ehe die Sonne hoch stand, kostete das Straucheln des nämlichen Thiers an einem Gegenstande, der so unbedeutend war als ein Maulwurfshügel, seinem Reiter das Leben und seine angemaßte Krone. Glaubt Ihr, durch eine Wendung des Zügels wäre dieß unbedeutende Hinderniß vermieden worden? Ich sage Euch, es durchkreuzte seinen Weg so unausweichlich, als die ganze lange Kette des Kaukasus nur immer hätte thun können. Ja, junger Mann, im Thun und Leiden spielen wir nur die uns vom Geschick, dem Leiter dieses seltsamen Drama's, zugetheilte Rolle, vermögen nicht mehr zu thun, als uns vorgeschrieben, nicht mehr zu sagen, als uns aufgegeben ist; und doch schwatzen wir viel von freiem Willen und Freiheit des Gedankens und der Handlung, als ob Richard nicht sterben, oder Richard siegen müßte, gerade so wie der Dichter es angeordnet hat.« Nach dieser Rede fuhr er fort, mit verschlungenen Armen und zur Erde gesenkten Blicken auf und ab zu gehen; der Klang seiner Schritte und der Ton seiner Stimme erinnerten mich, daß ich diesen sonderbaren Menschen schon bei einer früheren Gelegenheit solche Selbstgespräche in seiner einsamen Kammer hatte halten hören. Ich bemerkte, daß er gleich anderen Jacobiten in seinem verjährten Haß gegen das Andenken Königs Wilhelm die Parteimeinung angenommen hatte, der Monarch habe an dem Tage jenes unglücklichen Zufalls ein Pferd geritten, das ehemals dem unglücklichen Sir John Friend gehörte, der im Jahr 1696 wegen Hochverraths hingerichtet wurde. Ich durfte denjenigen, in dessen Gewalt ich auf eine so sonderbare Weise gekommen war, nicht erbittern, sondern wo möglich besänftigen. Als ich bemerkte, daß die Heftigkeit seiner Gefühle sich ein wenig gelegt hatte, antwortete ich ihm folgendermaßen: »Ich will nicht, wahrhaftig ich fühle mich nicht fähig, eine so subtile methaphysische Frage zu erörtern, wie die, welche von den Grenzen des freien Willens und der Vorherbestimmung handelt. Laßt uns hoffen, daß wir mit Ehre leben und mit guter Hoffnung sterben, ohne genöthigt zu sein, über einen Punkt eine entschiedene Meinung zu bilden, der so weit über unsere Fassungskraft geht.« »Ein weiser Schluß,« sagte er spöttisch lächelnd, »das klang ja wie ein Stück aus einer Genferpredigt.« »Aber,« fuhr ich fort, »ich richte Eure Aufmerksamkeit auf die Thatsache, daß ich sowohl, als Ihr, nach Antrieben gehandelt habe, die entweder das Resultat meines freien Willens oder die Folgen der mir von dem Schicksal bestimmten Rolle sind. Diese können und im gegenwärtigen Falle sind sie wirklich im geraden Widerspruche mit denjenigen, durch welche Ihr bewegt worden seid; und wie sollen wir nun bestimmen, welche den Vorrang haben soll? Ihr fühlt Euch vielleicht bestimmt, mein Kerkermeister zu sein, ich dagegen fühle mich bestimmt, meine Flucht zu versuchen, und in's Werk zu setzen. Einer von uns muß Unrecht haben, wer aber kann sagen, welcher von Beiden im Irrthum sei, bis der Erfolg zwischen uns entschieden hat?« »Ich werde mich bestimmt fühlen, strengere Zwangsmittel zu gebrauchen,« sagte er gleichfalls in dem Tone zwischen Scherz und Ernst. »In diesem Falle,« antwortete ich, »wird es meine Bestimmung sein, Alles für meine Freiheit zu versuchen.« »Und die meinige, junger Mann,« erwiderte er in einem tiefen und strengen Tone, »Sorge zu tragen, daß Ihr eher sterben, als Euren Vorsatz ausführen werdet.« Dieß war deutlich gesprochen, und ich wollte ihn keineswegs ohne Antwort lassen. »Ihr droht mir vergebens,« sagte ich, »die Gesetze meines Landes werden mich schützen, oder denjenigen rächen, den sie nicht beschützen können.« Ich sprach dieß in bestimmtem Tone, und er schien einen Augenblick zum Schweigen gebracht; die Verachtung, womit er zuletzt mir geantwortet hatte, trug etwas Affektirtes an sich. »Die Gesetze!« sagte er; »und was wißt denn Ihr, junger Mensch, von den Gesetzen Eures Landes? Konntet Ihr Rechtswissenschaft lernen unter einem niedrig geborenen Pergamentkleckser, wie Saunders Fairford, oder von dem eitlen pedantischen Gecken seinem Sohne, der sich jetzt ja auch einen Advokaten nennt? Als Schottland noch sich angehörte, und seinen eigenen König und Gesetzgebung hatte, würden so gemeine Plebejer, anstatt zu den Schranken des höchsten Gerichtshofes berufen zu werden, kaum zu der Ehre zugelassen worden sein, einen Aktenfascikel zu tragen.« Allan, dieß konnte ich nicht ertragen, sondern antwortete ihm mit Unwillen, daß er die Würde und Ehre nicht kenne, die er herabsetze. »Ich weiß so viel von diesen Fairford's, als von Euch,« erwiderte er. »So viel,« sagte ich, »und so wenig. Denn Ihr könnt weder ihren, noch meinen wahren Werth schätzen. Ich weiß, Ihr habt sie gesehen, bei Eurem letzten Aufenthalt in Edinburgh.« »Ha!« rief er aus, und blickte mich durchdringend an. »Es ist wahr,« sagte ich, »Ihr könnt es nicht läugnen, und da ich Euch so gezeigt habe, daß ich etwas von Euern Umtrieben kenne, so will ich Euch warnen, denn ich habe Mittheilungswege, die Euch unbekannt sind. Zwingt mich nicht, sie zu Eurem Nachtheil zu gebrauchen.« »Zu meinem Nachtheil!« erwiderte er. »Junger Mann, ich lächle über Eure Thorheit und vergebe sie Euch. Ja, ich will Euch sagen, was Ihr nicht bemerkt habt, daß ich nämlich aus Briefen von diesen Fairford's zuerst die Vermuthung schöpfte, die durch meinen Besuch bei ihnen bestätigt wurde, daß Ihr die Person seid, die ich seit Jahren gesucht hatte.« »Wenn Ihr dieß,« sagte ich, »aus jenen Papieren erfahren habt, die ich in jener Nacht bei mir hatte, als ich mich in der Nothwendigkeit befand, Euer Gast zu Brocken-Burn zu werden, so beneide ich Euch nicht um Eure Gleichgültigkeit gegen die Mittel, Euch Nachrichten zu verschaffen. Es war nicht ehrenvoll für – – – –« »Stille, junger Mann,« sagte Herries ruhiger, als ich erwartet hatte; »das Wort Unehre darf nicht in Verbindung mit meinem Namen erwähnt werden. Eure Brieftasche war in der Tasche Eures Rocks, und entging der Aufmerksamkeit eines Andern nicht, obgleich es vor der meinen völlig sicher gewesen wäre. Mein Diener Christal Nixon brachte mir die Nachricht, nachdem Ihr weg waret. Ich war unzufrieden mit der Art, wie er sich die Nachricht verschafft hatte, aber es war nicht weniger meine Pflicht, mich von der Wahrheit zu versichern, und darum ging ich nach Edinburgh. Ich hoffte Mr. Fairford zu überreden, in meine Ansichten einzugehen; ich fand ihn aber zu sehr von Vorurtheilen eingenommen, als daß ich ihm hätte Zutrauen schenken können. Er ist ein erbärmlicher und furchtbarer Sclave der gegenwärtigen Regierung, unter welcher unser unglückliches Vaterland auf eine so schimpfliche Weise in Knechtschaft gekommen ist, und es würde völlig unpassend und unsicher gewesen sein, ihm das Geheimniß meines Rechts anzuvertrauen, Eure Handlungen zu lenken, oder ihm die Art, wie ich es zu gebrauchen gedenke, zu enthüllen.« Ich war entschlossen, diese mittheilende Stimmung zu benutzen, und wo möglich mehr Licht über sein Vorhaben zu erhalten. Er schien im Punkte der Ehre sehr empfindlich, und ich entschloß mich, diese Empfindlichkeit so viel wie möglich, aber mit Vorsicht, zu benutzen. »Ihr sagt,« erwiderte ich, »daß Ihr hinterlistigen Kniffen nicht hold seid, und die Mittel mißbilliget, die Euer Diener angewandt hat, um sich Kenntniß von meinem Namen und meinen Verhältnissen zu verschaffen. Ist es ehrenvoll, daß Ihr Euch einer auf so unehrliche Weise erworbenen Kenntniß bedient?« »Kühn gefragt,« erwiderte er, »aber in den gehörigen Schranken mißfällt mir diese Kühnheit keineswegs. Ihr habt in dieser kurzen Unterhaltung mehr Charakter und Energie entwickelt, als ich von Euch erwartete. Ich hoffe, Ihr gleicht einer Waldpflanze, welche durch einen Zufall in ein Gewächshaus gebracht worden, und dadurch zart und schwächlich wurde, die aber ihre natürliche Kraft und Stärke wieder erhält, wenn sie eine Zeitlang der Winterluft ausgesetzt wird. Ich will Eure Fragen geradezu beantworten. In Geschäften, wie im Kriege, sind Spionen und Kundschafter nothwendige Uebel, die von allen rechtschaffenen Menschen verabscheut, oder von allen Klugen benutzt werden müssen, wenn sie nicht blindlings fechten und handeln wollen. Aber nichts kann Falschheit und Verrath bei Euch selbst rechtfertigen.« »Ihr sagtet zu dem ältern Mr. Fairford,« fuhr ich mit der nemlichen Kühnheit fort, die mir noch das beste Spiel machte, »ich sei der Sohn von Ralph Latimer von Langcodete-Hall? Wie vereinigt Ihr dieß mit Eurer letzten Behauptung, daß mein Name nicht Latimer sei?« Er entfärbte sich bei der Erwiderung: »der kindische Alte lügt, oder verstand mich falsch. Ich sagte: der Edelmann könnte Euer Vater sein. Um die Wahrheit zu sagen, ich wünschte, Ihr möchtet England, Euer Geburtsland, besuchen, weil in diesem Falle meine Rechte über Euch auflebten.« Diese Rede klärte mir die Vorsicht auf, die man mir oft eingeprägt hatte, ich solle, so lieb mir meine Sicherheit sei, nicht auf die südliche Grenze kommen, und ich verfluchte meine eigene Thorheit, die mich, wie eine Motte, um das Licht hatte flattern lassen, bis ich in das Unglück hineingezogen war, mit dem ich getändelt hatte. »Was sind dieß für Rechte,« sagte ich, »die Ihr über mich in Anspruch nehmt? Zu welchem Zwecke wollt Ihr sie benützen?« »Zu einem wichtigen, deß seid versichert,« antwortete Mr. Herries; »aber ich bin jetzt nicht gemeint, Euch die Art oder den Anfang desselben mitzutheilen. Ihr könnt auf seine Wichtigkeit schließen, da ich, um mich Eurer Person völlig zu bemächtigen, mich sogar unter den Haufen mischte, der die Fischerei-Anstalten Eures elenden Quäkers zerstörte. Daß ich ihn verachtete, und mir die listige Habgier mißfiel, womit er eine männliche Jagdlust vernichtete, ist völlig wahr; wenn es aber nicht meine Absicht auf Euch begünstigt hätte, so hätte er meine Stecknetze meinetwegen behalten mögen, bis Ebbe und Fluth in Solway aufhören.« »Ach,« sagte ich, »das verdoppelt mein Unglück, daß ich die unfreiwillige Ursache des Unglücks eines redlichen und freundschaftlichen Mannes geworden bin.« »Macht Euch darüber keinen Kummer,« sagte Herries, »der ehrliche Josua ist einer von denen, welche lange Gebete machen, sich aber nichts destoweniger der Wittwen Häuser bemächtigen können, er wird bald seinen Verlust ersetzen. Wenn er irgend einen Verlust erleidet, er und die andern Frommen, so schreiben sie es dem Himmel als eine Schuld an, und üben ohne Gewissensbisse übertünchte Schurkereien aus, bis sie die Wage in's Gleichgewicht bringen, oder auf ihre Seite hinneigen. Genug davon für jetzt, ich muß augenblicklich meinen Aufenthalt verändern, denn ob ich gleich von dem übermäßigen Eifer des Herrn Friedensrichters Foxley oder seines Schreibers nicht befürchte, daß er sie zum Aeußersten hinreißt, so möchte doch dieses tollen Burschen unglückliches Wiedererkennen meiner Person, es ihnen bedenklicher machen, Nachsicht gegen mich zu üben, und ich darf ihre Geduld auf keine zu harte Probe stellen. Machet Euch daher bereit, mich als Gefangener oder als Gefährte zu begleiten; wenn als das Letztere, so müßt Ihr Euer Ehrenwort geben, keinen Versuch zur Flucht zu machen. Solltet Ihr den schlimmen Einfall bekommen, Euer einmal verpfändetes Wort zu brechen, so seid versichert, daß ich Euch ohne das geringste Bedenken auf der Stelle todt niederstrecke.« »Ich kenne Eure Pläne und Eure Absichten nicht, und kann sie nur für gefährlich halten. Ich bin nicht gesonnen, meine jetzige Lage durch einen unnützen Widerstand gegen die überlegene Gewalt zu erschweren; ich will aber auch nicht auf das Recht verzichten, meine natürliche Freiheit zu behaupten, sobald sich eine günstige Gelegenheit öffnet. Ich will daher lieber Euer Gefangener, als Euer Bundesgenosse sein.« »Das ist freimüthig gesprochen,« sagte er, »und doch nicht ohne die listige Vorsicht eines Menschen, der in der guten Stadt Edinburg erzogen ist. Was mich betrifft, so will ich keine unnöthige Härte gegen Euch ausüben, sondern im Gegentheil Euch die Reise so leicht machen, als sich mit Eurer sichern Bewahrung verträgt. Fühlt Ihr Euch stark genug, zu reiten, oder zieht Ihr einen Wagen vor? Die erstere Art, zu reisen, paßt besser für die Gegend, die wir durchziehen, aber Ihr habt die Freiheit zu wählen.« Ich sagte: »Ich fühlte meine Kraft allmälig zurückkehren, und ich zöge das Reiten weit vor. Ein Wagen,« setzte ich hinzu, »ist so enge – – –« »Und so leicht bewacht,« erwiderte Herries mit einem Blick, als wollte er meine innersten Gedanken durchschauen, »daß Ihr ohne Zweifel das Reiten für passender zur Flucht haltet?« »Meine Gedanken gehören mir,« antwortete ich, »und wenn Ihr auch meine Person gefangen haltet, diese stehen nicht unter Eurer Gewalt.« »O! ich kann das Buch lesen,« sagte er, »ohne es zu öffnen; ich möchte Euch aber rathen, und es wird meine Sorge sein, darauf zu sehen, daß Ihr keinen Versuch zu machen im Stande seid, der gelingen könnte. Linnen und andere Bedürfnisse in Euren Umständen sollt Ihr hinreichend bekommen. Christian Nixon soll Euer Bedienter, ich möchte lieber sagen, Eure Kammerfrau sein. Euer Reisekleid wird Euch vielleicht sonderbar vorkommen; wenn Ihr aber der für Euch bestimmten Gegenstände Euch nicht bedienen wollt, so wird die Reise für Eure Person eben so unangenehm werden, als die, welche Euch hierhergeführt hat. Adieu, wir kennen jetzt einander besser als vorher, und es wird nicht mein Fehler sein, wenn unsere Bekanntschaft nicht gegenseitig eine günstigere Meinung zur Folge hat.« Er überließ mich hierauf, nachdem er mir artig gute Nacht gewünscht, meinen eigenen Gedanken, und kehrte nur einmal zurück, um mir zu sagen, daß wir mit Tagesanbruch längstens unsere Reise antreten würden; »vielleicht noch früher,« sagte er, was nichts auf sich habe, da ich als Jäger, wie er dies artig von mir voraussetzte, stets zu einem plötzlichen Aufbruch bereit sein müsse. So haben wir uns denn verständigt, dieser seltsame Mann und ich; seine persönlichen Absichten hat er bis zu einem gewissen Punkte enthüllt. Er hat eine alte und verzweifelte Politik gewählt, und er maßet sich als angeblicher Vormund oder Verwandter ein Recht an, meine Handlungen zu leiten und zu beaufsichtigen; diese Verhältnisse auseinanderzusetzen, hält er nicht der Mühe werth, sondern glaubte sie nur vor einem albernen Friedensrichter auf dem Lande und seinem schurkischen Schreiber geltend machen zu können. Die Gefahr, die mich in England erwartete und der ich bei einem längeren Aufenthalt in Schottland entgangen wäre, war unbezweifelt durch das Ansehen dieses Mannes veranlaßt. Was aber meine arme Mutter für mich schon als Kind befürchten mochte, wogegen mich mein englischer Freund, Samuel Griffith, während meiner Jugend und Unmündigkeit zu wahren sich bemühte, ist jetzt, wie es scheint, über mich gekommen, und unter einem gesetzlichen Vorwand bin ich auf eine höchst ungesetzliche Weise gefangen gehalten, und zwar von einem Manne, der durch sein Benehmen seine eigene politische Freiheit verwirkt hat. Das macht aber nichts zur Sache, ich fühle Muth, weder Ueberredung noch Drohungen sollen mich zwingen, in die verzweifelten Pläne dieses Mannes einzugehen. Mag ich nun wirklich der unbedeutende Mensch sein, wie mein Leben bisher anzudeuten schien, oder besitze ich, wie aus dem Benehmen meines Gegners hervorzugehen scheint, durch Geburt oder Vermögen eine solche Wichtigkeit, daß ich für eine politische Faction eine wünschenswerthe Erwerbung bin, mein Entschluß ist in beiden Fällen gefaßt. Die, welche dieß Tagebuch lesen, werden, wenn sie unparteiisch sind, richtig von mir urtheilen, und wenn sie mich für einen Thoren ansehen, der sich in unnöthige Gefahr stürzte, so sollen sie wenigstens keine Ursache haben, mich in der Gefahr selbst für einen Feigling oder eine Wetterfahne zu halten. Ich bin auferzogen in Gesinnungen der Anhänglichkeit an die Familie auf dem Throne, und mit diesen Gesinnungen will ich leben und sterben. Auch glaube ich, daß Mr. Herries schon bemerkt hat, daß ich aus einem anderen und weit spröderen Metalle zusammengesetzt bin, als er anfangs glaubte. Von meinem theuren Allan Fairford waren in derselben Brieftasche, welche während der Nacht, die ich in Broken-Burn zubrachte, nach dem Geständnisse meines angeblichen Vormunds, der Untersuchung seines Dieners preisgegeben war, einige Briefe, die sich über die Unbeständigkeit meines Temperaments auf eine scherzhafte Weise äußerten; ich erinnere mich nämlich recht wohl, daß ich meine nassen Kleider nebst dem Inhalt meiner Taschen mit der Gedankenlosigkeit eines jungen Reisenden allzu unbesonnen der Sorge eines fremden Dieners überließ. Und mein gütiger Freund und gastfreundlicher Wirth mag also, und nicht ohne Grund, von meinem Leichtsinn zu diesem Mann gesprochen haben. Er soll aber finden, daß er auf diese scheinbaren Gründe eine falsche Rechnung gebaut hat, denn – – – Ich muß einen Augenblick abbrechen. Neuntes Kapitel. Fortsetzung des Tagebuchs Darsie Latimer's. Endlich ist eine Pause eingetreten, endlich habe ich so viel Muse bekommen, um mein Tagebuch fortzusetzen. Es ist dieß gewissermaßen eine Pflicht für mich geworden, ohne deren Erfüllung ich mich der Pflichten des Tages nicht entledigt zu haben glaube. Wenn auch niemals sich ein freundliches Auge auf diese Arbeit richtet, welche die einsamen Stunden eines unglücklichen Gefangenen erheitert hat, so übt doch der Gebrauch der Feder eine beruhigende Kraft über meine aufgeregten Gedanken und meine stürmischen Leidenschaften aus. Niemals lege ich die Feder nieder, ohne mit festeren Entschlüssen und feurigeren Hoffnungen wieder aufzustehen. Tausend unbestimmte Befürchtungen, unruhige Erwartungen und unverdaute Pläne eilen einem in Zeiten des Zweifels und der Gefahr durch den Kopf. Hält man sie aber in ihrem Fluge fest, und wirft sie auf's Papier, so zwingt uns schon diese mechanische Handlung, sie bestimmter und genauer zu betrachten, und wir werden vielleicht nicht zum Spielball unserer eigenen aufgeregten Einbildungskraft; gerade wie ein junges Pferd dadurch vom Scheuwerden geheilt wird, daß man es zum Stillstehen zwingt, und eine Zeitlang ohne Unterbrechung den Gegenstand seines Schreckens betrachten läßt. Nur die Gefahr der Entdeckung bleibt, aber außer den kleinen Schriftzügen, worin ich es während meines Aufenthalts in Mr. Fairfords Hause zu einer großen Vollkommenheit brachte, um mehrere große Aktenstücke auf einen Stempelbogen zu bringen, habe ich auch, wie ich schon anderwärts andeutete, mich an die tröstliche Betrachtung gehalten, daß, wenn auch die Erzählung meines Unglücks in die Hände dessen fallen sollte, der der Urheber davon ist, so würden sie doch Niemand einen Schaden zufügen, und ihm bloß den wahren Charakter und die Stimmung seines Gefangenen, vielleicht seines Opfers, enthüllen. Jetzt aber, da noch andere Namen und Personen in der Aufzeichnung meiner eigenen Gesinnungen vorkommen, so muß ich doppelt für diese Papiere besorgt sein, und sie in der Art aufbewahren, daß ich bei der geringsten Gefahr der Entdeckung, sie im Augenblick zu vertilgen im Stande bin. Ich werde nicht so leicht die Lehren vergessen, die ich von Christal Nixons Diebssinn erhalten habe, den dieser Unterhändler und Genosse meines Feindes zu Broken-Burn bewies, und welcher die Ursache aller meiner Leiden wurde. Rasch legte ich das letzte Blatt meines Tagebuchs auf die Seite, als ich auf dem Hofe unter meinen Fenstern den ungewohnten Ton einer Geige vernahm. Diejenigen, welche die Musik zu ihrem Studium machten, wird es nicht befremden, daß ich nach einigen Strichen schon versichert war, der Musiker sei kein anderer, als der herumziehende Mann, der oben als gegenwärtig bei der Zerstörung von Josua Geddes Stecknetzen erwähnt wurde, und dessen ausgezeichnete Zartheit und Kraft in seinem Spiele, mich in den Stand setzen könnte, seinen Bogenstrich aus einem ganzen Orchester heraus zu erkennen. Ich hatte um so weniger Grund zu zweifeln, daß es derselbe sei, da er zweimal die schöne, schottische Melodie: der wandernde Willin, spielte, und ich konnte nicht umhin zu glauben, daß er mir dadurch seine Gegenwart kundmachen wolle, weil die Melodie gerade das war, was die Franzosen le nom de guerre beim Spiele nennen. Die Hoffnung greift im äußersten Nothfalle nach dem schwächsten Zweige. Ich kannte diesen, obwohl blinden Mann, als kühn, klug und vollkommen fähig, um als Führer zu dienen. Ich glaubte, sein Wohlwollen erworben zu haben, da ich bei einem lustigen Gelage sein Gefährte geworden war, und ich erinnerte mich, daß Menschen von einer unstäten, wandernden und ungeregelten Lebensweise die Bande der Genossenschaft um so heiliger halten, je lockerer diejenigen geworden sind, die sie an die bürgerliche Gesellschaft binden; so daß man oft Ehre findet unter Dieben, und Treue und Anhänglichkeit bei Solchen, die das Gesetz für Vagabunden erklärt hat. Die Geschichte von Richard Löwenherz und seinem Minstrel Blondel ging mir im Augenblick durch den Kopf, obgleich ich ein Lächeln nicht unterdrücken konnte, wenn ich jenes würdige Beispiel auf einen blinden Geiger und mich selbst anwandte. Immer aber lag in diesem Allen etwas, das die Hoffnung bei mir erweckte, dieser arme Geiger würde, wenn ich ihm mich mittheilen könnte, mir nützlich sein, mich aus meiner jetzigen Lage herauszuwinden. Sein Gewerbe gab mir Hoffnung, die gewünschte Mittheilung zu Stande zu bringen, denn es ist wohl bekannt, daß in Schottland, wo so viele Nationalmusik ist, die Worte und Melodien allgemein bekannt sind, und eine Art Freimaurerei unter den Spielenden bilden, wobei sie bloß durch die Wahl des Tons den Zuhörern ihre Gedanken ausdrücken. So macht man oft persönliche Anspielungen mit viel Witz und Laune, und nichts ist bei öffentlichen Festen gewöhnlicher, als daß die Melodie, die zu einer besondern Gesundheit oder zu einem Toast gespielt wird, ein Mittel abgibt, eine Artigkeit, einen Witz oder eine satyrische Hinweisung anzubringen. Während mir diese Gedanken rasch durch den Kopf gingen, hörte ich meinen Freund zum drittenmal die Melodie anfangen, von der wahrscheinlich sein einzelner Name entlehnt worden war, als er durch seine ländlichen Zuhörer unterbrochen wurde. »Wenn du nichts Anderes spielen kannst, als das, so thätest du am besten, deine Pfeife aufzupacken, und dich davon zu machen. Der Squire oder Mr. Nixon wird nun bald zurückkommen, und dann wollen wir sehen, wer den Pfeifer bezahlt.« Oho! dachte ich, wenn ich keine schärferen Ohren zu befürchten habe, als die meiner Freunde Jan und Dorcas, so kann ich den Versuch schon wagen, und um meine Gefangenschaft auf die eindringlichste Weise zu bezeichnen, sang ich zwei oder drei Linien von dem 137sten Psalm: »Bei Babels Strömen saßen wir und weinten. « Die Landleute hörten aufmerksam zu, und als ich endete, hörte ich sie im Tone des Mitleids einander zuflüstern: »Ach, der arme Mensch, daß so ein artiger Mann seinen Verstand verloren hat!« »Wenn das ist,« sagte der wandernde Willin mit einem Ton, der berechnet war, mein Ohr zu erreichen; »so weiß ich nichts, das sein Gemüth mehr erheitern kann, als gerade eine Melodie.« Und er spielte mit Kraft und Geist die schöne, schottische Melodie, deren Text mir sogleich einfiel: Pfeif', und ich komme zu dir, mein Knab', Pfeif', und ich komme zu dir, mein Knab', Sollte Vater und Mutter und ich wahnsinnig sein, Pfeif', und ich komme zu dir, mein Knab'. Bald vernahm ich ein Klappern von Fußtritten im Hofe, woraus ich schloß, daß Jan und Dorcas in ihren cumberländischen Holzschuhen einen Tanz machen wollten. Geschützt durch dieses Geräusch, versuchte ich auf Willin's Zeichen zu antworten, indem ich so laut als möglich die Melodie pfiff: O, komm' zurück, und rette mich. Wenn Alles von mir weichet. Er brachte sogleich die Tänzer aus dem Takt, indem er in die Melodie überging: Hier ist meine Hand, ich täusch' dich nicht. Ich zweifelte nicht langer, daß eine Mittheilung glücklich unter uns angeknüpft sei, und daß der arme Musiker, falls sich eine Gelegenheit fände, mit ihm zu sprechen, sich willig zeigen würde, meinen Brief auf die Post zu bringen, um den Beistand einiger thätigen Friedensrichter oder des kommandirenden Offiziers in Carlisle-Castle anzurufen, oder überhaupt Alles thun und zu meiner Befreiung anzuwenden, was in seinem Vermögen stand. Allein, um mit ihm zu sprechen, lief ich Gefahr, den Argwohn der Dorcas, wenn auch nicht den ihres noch einfältigern Corydon rege zu machen. Die Blindheit meines Verbündeten verhinderte mich, ihm irgend ein Zeichen vom Fenster aus zu geben, wenn es auch mit der Klugheit übereinkam, dieß zu wagen; so umständlich und so unterworfen einem Mißverständnisse auch die von uns angenommene Unterredungsweise sein mochte, so mußte ich sie doch aus Mangel einer bessern fortsetzen, indem ich meinem eigenen und meines Verbündeten Scharfsinn vertraute, daß wir den Melodien den passenden Sinn beilegen würden. Ich dachte zwar daran, die Worte einiger bezeichneten Lieder selbst zu singen, fürchtete aber dadurch Verdacht zu erwecken. Ich bemühte mich daher, den Wunsch einer schnellen Abreise von meinem jetzigen Aufenthaltsorte anzudeuten, und pfiff die wohl bekannte Melodie, womit in Schottland bei festlichen Gelegenheiten der Tanz beschlossen wird: Gut' Nacht, und Freud' Euch Allen hier. Denn ich mag nicht länger verweilen; Da ist kein Freund oder Feind von mir, Der nicht gerne sah' mich enteilen. Willie's Verstandeskräfte schienen weit thätiger, als die meinigen, und wie ein Tauber an Zeichensprache gewöhnt, verstand er bei den ersten Tönen gleich den ganzen Sinn, den ich damit verband, und begleitete mein Pfeifen mit seiner Violine, so daß er mir nicht nur dadurch anzeigte, er habe mich verstanden, sondern auch verhinderte, daß man mein Pfeifen hörte. Seine Antwort erfolgte fast unmittelbar, und war in die alte Kriegsmelodie eingekleidet: »He! Johannie, Knabe, setz' auf deinen Helm!« Ich durchlief schnell den Text und blieb bei der folgenden Strophe stehen, die auf meine Umstände am meisten paßte: »Setz' auf deinen Helm, den furchtbaren Helm, wir wollen über die Gränze und züchtigen sie, eine bessere Sitte wollen wir lehren sie, Hei! Knabe, Johannie, setz' auf deinen Helm!« Wenn diese Töne, wie ich hoffe, auf einen möglichen Beistand von meinen schottischen Freunden anspielten, so darf ich vielleicht glauben, daß für Hoffnung und Freiheit ein Thor geöffnet ist. Ich antwortete sogleich: Mein Herz ist im Hochland, mein Herz hier nicht weilt, Mein Herz ist im Hochland, und zur Jagd es eilt. Zur Jagd auf das Wild und zur Jagd auf's Reh, Mein Herz ist im Hochland, wohin ich auch geh'. Lebe wohl, wohl, du Hochland, du nördliches Land! Du Wiege der Tugend, des Muths Heimathland; Wohin ich auch wand're, wohin ich auch zieh', Die Berge des Hochlands vergess' ich doch nie. Sogleich spielte Willis mit einer Lebhaftigkeit, die in der Verzweiflung selbst Hoffnung erregt hatte, wenn nämlich die Verzweiflung schottische Musik verstünde, die schöne, alte, jakobitische Arie: Was ist das, und was ist dieß? Und noch zweimal so viel als dieß? Ich versuchte nun meinen Wunsch auszudrücken, meine Freunde von meiner Lage in Kenntniß zu setzen, und da ich verzweifelte, eine Melodie zu finden, die meiner Absicht entspräche, so wagte ich es, einen Vers zu singen, der in verschiedenen Gestalten in allen Balladen vorkommt: Wo werd' ich finden einen guten Mann, Der gewinnen will Hosen und Schuh, Der hinabgeh'n mag nach Durrisdeer, Meine Lieben mir führen zu. Er machte, daß man den letzten Theil des Verses nicht hörte, indem er mit vielem Nachdruck spielte: Der gute Robin liebt mich ja! Aus diesem konnte ich gar nichts machen, obgleich ich die Verse im Gedächtniß überlief, und ehe ich noch etwas fand, um meine Ungewißheit auszudrücken, erhob sich ein Geschrei im Hofe, daß Christal Nixon ankomme. Mein getreuer Willie mußte sich nun zurückziehen, aber vorher spielte und summte er noch als eine Art von Lebewohl: Dich verlassen, dich verlassen Knab', Nie will ich verlassen dich! Eher wird verlöschen der Sterne Lichl, Eh' ich werde verlassen dich! So glaube ich doch in meinem Unglück eines treuen Menschen gewiß zu sein, und so wunderlich es sein mag, sich viel auf einen Menschen von einem so niedrigen Gewerbe zu verlassen, der noch überdieß des Gesichtes beraubt ist, so steht es doch lebhaft vor meiner Seele, daß seine Dienste mir nützlich und nothwendig sein können. Auch noch nach einer andern Seite hin blicke ich um Hülfe, und ich habe sie dir, Allan, an mehr als einer Stelle meines Tagebuchs angedeutet. Zweimal bei Tagesanbruch habe ich schon die Person, auf die ich hindeutete, in dem Hofe der Pachtwohnung gesehen, und zweimal gab sie mir durch Zeichen zu verstehen, daß sie die Geberden zu deuten wisse, wodurch ich ihr meine Lage begreiflich zu machen bemüht war, aber beide Male legte sie die Finger auf die Lippen zum Zeichen des Schweigens und des Geheimnisses. Die Art, wie der G. M. das Erstemal auf den Schauplatz trat, scheint mir ihren guten Willen, so weit als ihre Macht reicht, zu verbürgen, und ich habe viele Gründe, zu glauben, daß diese nicht unbedeutend ist. Doch schien sie eilig und erschreckt bei den flüchtigen Augenblicken unserer Unterhaltung, und das Letztemal wurde sie, wie ich glaube, durch den Eintritt von Jemand in den Hof aufgeschreckt, gerade als sie im Begriff war, mich anzureden. Du mußt nicht fragen, ob ich frühe aufstehe, da so liebliche Erscheinungen nur bei Tagesanbruch zu sehen sind; und obgleich ich sie seitdem nicht mehr sah, so habe ich doch Grund, sie für nicht weit entfernt zu halten. Vor drei Tagen hatte ich, ermüdet durch die Einförmigkeit meiner Gefangenschaft, mehr Zeichen von Muthlosigkeit als sonst gegeben; dieß mag die Aufmerksamkeit der Dienstleute rege gemacht haben, durch die dann die Sache bekannt wurde. Am nächsten Morgen lagen folgende Zeilen auf meinem Tische, wie sie aber hierherkamen, kann ich nicht sagen. Die Handschrift war schön, und nach italienischer Manier gebildet: Wie Herren ihren Lohn Arbeitern oft verschieben. Lohnt auch durch Hoffnung nur das Schicksal unsre Müh'; Und wenn auch lange Zeit sie unbezahlt geblieben, Veraltet doch das Schuldbekenntnis nie. Mag auch auf ferne Zeit das Datum weisen, Laß darum doch das Pfand, armer Dulder nie! Verzweiflung kann Verrath an Menschen heißen, Und an dem Himmel ist sie Blasphemie. Daß diese Zeilen in der freundlichen, der mehr als freundlichen Absicht geschrieben sind, um meinen Muth aufzurichten, kann ich nicht bezweifeln, und ich hoffe, die Art meines Benehmens soll zeigen, daß das Pfand angenommen wurde. Das Kleid ist angekommen, in welchem ich nach meines selbsterwählten Vormunds Willen, wie es scheint, die Reise machen soll; und worin besteht es? In einem Oberrock von Kamelot, wie Landfrauen von mittlerem Range sie zu Pferde tragen, nebst einer Reitmaske, wie sie sich ihrer häufig bedienen, um Auge und Teint gegen Sonne und Staub zu schützen, bisweilen auch, wie man vermuthet, um ein wenig Koketterie damit zu treiben. Von dem Gebrauch der Maske werde ich hoffentlich ausgeschlossen bleiben; denn statt daß sie sonst von gepreßtem Papier und mit schwarzem Sammt überzogen ist, bemerkte ich mit Schrecken, daß die meinige mit einer Stahlplatte bedeckt ist, wodurch sie denn wie Don Quixote's Visier, weit fester und dauerhafter wird. Dieser Apparat, wozu noch ein Stahlhaken kam, um die Maske hinten mit einem Vorlegeschloß zu sichern, erweckte in mir furchtbare Erinnerungen an jenes unglückliche Wesen, dem nie gestattet wurde, seine Maske abzulegen, und welches daher den wohlbekannten historischen Beinamen erhielt, der Mann mit der eisernen Maske. Ich stand einen Augenblick an, ob ich mich in soweit der Unterdrückung fügen sollte, daß ich die Verkleidung anlegte, welche offenbar die Plane meines Gegners zu unterstützen bestimmt war. Dann erinnerte ich mich aber wieder an Mr. Herries Drohungen, daß man mich in einen Wagen als Gefangener einschließen würde, wenn ich die für mich bestimmte Kleidung nicht anlegte; ich betrachtete den verhältnißmäßigen Grad von Freiheit durch das Tragen der Maske und der weiblichen Kleidung als leicht und vortheilhaft erkauft. Hier aber muß ich für den Augenblick abbrechen, und erwarten, was der Morgen bringen wird. (Um die Erzählung aus den vorliegenden Aktenstücken fortzusetzen, halten wir es für passend, hier das Tagebuch des gefangenen Darsie Latimer zu verlassen, und statt dessen die Maßregeln zu erzählen, die Allan Fairford beim Aufsuchen seines Freundes ergriff, und die eine andere Abtheilung in dieser Geschichte bilden.) Zehntes Kapitel Erzählung von Allan Fairford Der Leser wird sich bereits eine Idee von dem Charakter Allan Fairford's gebildet haben. Er besaß ein warmes Herz, von dem Studium der Rechte und der Welt nicht erkältet, und Talente, die dadurch ungewöhnlich erhöht wurden. Ohne persönliche Protektion, deren die meisten seines Alters genoßen, welche unter dem Schutz ihrer aristokratischen Verbindungen und Verwandten die Robe anlegten, sich erfreuten, sah er bald, daß er durch Anstrengung das erreichen müsse, was jenen als ein Geburtsrecht zufiel. Er arbeitete in der Stille und Einsamkeit mit großer Anstrengung, und seine Arbeiten wurden mit Erfolg gekrönt. Aber Allan liebte seinen Freund Darsie noch mehr als sein Gewerbe, und warf, wie wir gesehen haben, Alles auf die Seite, wenn er Latimern in Gefahr glaubte; er vergaß Ruhm und Vermögen, und setzte sich sogar dem ernstlichen Mißfallen seines Vaters aus, um denjenigen, an welchem er mit der Liebe eines ältern Bruders hing, der Gefahr zu entreißen. Obgleich Darsies Rolle lebendiger und glänzender war, als die seines Freundes, so erschien er dem letzteren doch nur immer als ein seiner besonderen Vorsorge empfohlenes Wesen, das er in allen Fällen, wo des Jünglings eigene Erfahrung nicht ausreichte, zu unterstützen und zu beschützen berufen war. Allans ganze Klugheit wurde dießmal erfordert, und ein Wagestück, das den meisten Jünglingen seines Alters gefährlich geschienen hätte, hatte keinen Schrecken für ihn. Er war wohl bekannt mit den Gesetzen seines Landes, und wußte, wo er auf ihren Schutz rechnen könne; dabei besaß er neben dem Vertrauen seiner Geschicklichkeit einen gesetzten, ruhigen und ausdauernden und unerschrockenen Charakter. Mit diesen Erfordernissen ausgerüstet unternahm er ein Abenteuer, das zu jener Zeit von wirklicher Gefahr begleitet war, und gar wohl einen furchtsamen Sinn hätte schrecken können. Fairfords erste Nachforschung in Betreff seines Freundes geschah bei dem königlichen Richter von Dumfries, Mr. Crosbie, der die Nachricht von Darsies Verschwinden ertheilt hatte. Als er sich zum Erstenmal an ihn wandte, glaubte er bei dem würdigen Beamten den Wunsch zu entdecken, der Sache los zu sein. Der Richter sprach von dem Aufstand der Fischer, wie von einem Aufruhr unter diesem gesetzlosen Fischervolk, der, wie er sagte, mehr den Sheriff angehe, als die armen Stadträthe, die genug zu thun hätten, um im Innern den Frieden zu erhalten, unter einem Schlage von Einwohnern, mit denen die Stadt nun einmal gestraft sei. »Dieß ist aber nicht Alles, Richter Crosbie,« sagte Mr. Allan Fairford; »ein junger Edelmann von Rang und Vermögen ist unter Ihren Händen verschwunden; Ihr kennet ihn, mein Vater gab ihm einen Brief auf an Euch, Mr. Darsie Latimer.« »Ach ja,« sagte der Richter, »er hat in meinem Hause gegessen, ich hoffe, er befindet sich wohl.« »Ich hoffe es gleichfalls,« sagte Allan ziemlich unwillig, »aber ich wünsche mehr Gewißheit über diesen Punkt. Ihr selbst habt meinem Vater geschrieben, daß er verwundet sei.« »Ach ja, das ist wahr,« sagte der Richter. »Aber ging er nicht zurück zu seinen Freunden nach Schottland? Es war nicht zu erwarten, daß er hier bleiben würde.« »Nein! Wenn er nicht mit Gewalt zurückgehalten wird,« sagte Fairford, erstaunt über die Kälte, womit der Richter die Sache aufzunehmen schien. »Verlaßt Euch darauf, Sir,« sagte Mr. Crosbie, »daß er zu seinen Freunden nach England gegangen ist, wenn er nicht zu seinen Freunden nach Schottland zurückkehrte.« »Ich verlasse mich auf nichts dergleichen,« sagte Allan, »wenn noch Gesetz und Recht in Schottland gilt, so will ich die Sache bis auf den Grund aufklären.« »Ganz recht, ganz recht, ganz recht,« sagte der Richter, »so weit dieß möglich ist; aber Ihr wißt, daß sich meine Gewalt nicht über die Stadtthore hinaus erstreckt.« »Aber Ihr habt ja noch ein anderes Amt, Mr. Crosbie; Ihr seid ja auch Friedensrichter für die Grafschaft.« »Wahr, sehr wahr, d. h.,« sagte der vorsichtige Mann, »mein Name mag auf der Liste der Friedensrichter mit stehen, aber ich kann mich nicht erinnern, daß ich mich je dafür ausgegeben hätte.« »Nun in diesem Falle,« sagte der junge Fairford, »könnten übelgesinnte Leute Eure Anhänglichkeit an die protestantische Linie bezweifeln, Mr. Crosbie.« »Gott behüte; Mr. Fairford, was hab' ich nicht gethan und gelitten im Jahr 1745. Ich rechne, daß die Hochländer mir einen Schaden von wenigstens hundert Pfund schottisch zugefügt haben, außer dem, was sie aßen und tranken. Nein, nein, mein Herr, ich bin über den Verdacht erhaben; was aber die Grafschaftsgeschichte angeht, damit will ich mich nicht befassen; wer das Pferd braucht, der mag es beschlagen. Die Friedensrichter aus dem Lande würden wohl zusehen, aber mir nicht helfen, wenn ich unter der Last der Geschäfte in der Stadt erläge, und Jedermann kennt den Unterschied zwischen den öffentlichen Geschäften in der Stadt und denen auf dem Lande. Was gehen Ihre Aufstände mich an, haben wir nicht an unsern eigenen genug? Aber ich muß mich bereit machen, denn der Rath versammelt sich noch diesen Vormittag. Ich bin sehr erfreut, Eures Vaters Sohn in unserer alten Stadt zu sehen. Wäret Ihr 12 Monate älter, so würden wir Euch das Bürgerrecht ertheilen, Mr. Fairford, ich hoffe, Ihr werdet kommen und bei mir speisen, ehe Ihr wieder abreist. Was meint Ihr? Heut um 2 Uhr? Nur ein gebratenes Huhn und gesottene Eier!« Allan Fairford war entschlossen, sich durch die Gastfreundlichkeit in seinen Nachforschungen nicht aufhalten zu lassen, wie es die Absicht des Einladenden zu sein schien. »Ich muß Euch einen Augenblick noch aufhalten, Mr. Crosbie,« sagte er, »dieß ist eine wahrhafte Geschichte; ein junger Edelmann von großen Hoffnungen, mein eigener theuerster Freund, ist vermißt, Ihr begreift wohl, daß man darüber nicht so leicht hingeht, und ein Mann von Eurer Bedeutung und Eurem bekannten Eifer für die Regierung, wird nicht unterlassen, thätige Untersuchung anzustellen. Mr. Crosbie, Ihr seid meines Vaters Freund und ich achte Euch deßhalb, Andere aber würden daraus schlimme Folgerungen ziehen.« Die Gesichter, die der Herr Richter schnitt, hatten ihren guten Grund; sehr beunruhigt lief er im Zimmer auf und ab, indem er öfters wiederholte: »Aber was kann ich thun, Mr. Fairford? Ich wette, Ihr Freund wird sich wieder zeigen, er kommt zurück, wie ein schlechter Schilling, – das ist keine Waare, die sich verliert, ein verdammter Junge, der mit einem blinden Geiger im Land umher rennt, und an Festgelagen dem liederlichen Volke aufspielt, wer kann sagen, wo so ein Mensch hinkommt?« »Man hat Leute im Stadtgefängniß festgesetzt, wie ich von dem Untersheriff vernahm,« sagte Mr. Fairford; »Ihr müßt sie vor Euch berufen und ausfragen, was sie von dem jungen Manne wissen.« »Ja, ja, der Untersheriff hat einige arme Leute verhaften lassen, ich glaube, elendes, unwissendes Fischervolk, welche mit dem Quäker Geddes und seinen Stecknetzen Händel gehabt haben, die, mit Achtung gegen Eure Amtskleidung sei's gesagt, Mr. Fairford, nicht ganz und gar gesetzlich sind, und der Stadtschreiber meint, sie könnten ganz gesetzlich ohne weiteres weggenommen werden; doch das mag gehen, wie es will! Aber, Sir, die Leute sind aus Mangel an Beweisen wieder entlassen worden; der Quäker wollte nicht schwören gegen sie, und was konnte dann der Sheriff und ich anders thun, als sie loslassen? Kommt mit, frisch auf, Mr. Allan, und macht noch einen Spaziergang bis zur Essenszeit, ich muß nun wirklich in den Rath gehen.« »Haltet einen Augenblick, Herr Richter, ich bringe bei Euch als bei der Obrigkeit eine Klage an, und Ihr möchtet es schwer finden, so leicht darüber hinzuschlüpfen. Ihr müßt diese Leute wieder verhaften lassen.« »Ja, ja, leicht gesagt, aber fange sie wer kann,« antwortete der Richter; »die sind unterdessen über die Gränze oder um die Spitze von Cairn herum. – Gott bewahre Euch, das ist eine Art amphibischer Teufel, weder Land- noch Seethiere, weder Engländer noch Schotten, gehören weder zur Grafschaft noch in die Stadt, und sind Euch gleich weg wie Quecksilber. Eben so leicht mögt Ihr mit Pfeifen einen Seehund aus dem Solway locken, als einen von ihnen festhalten, bis der ganze Streit vorüber ist.« »Mr. Crosbie, das ist nicht genug,« erwiderte der junge Anwalt; »es ist eine weit bedeutendere Person, als die Elenden, die Ihr da beschreibt, in den unseligen Handel verwickelt, ich muß Euch einen gewissen Mr. Herries nennen.« Er hielt sein Auge auf Mr. Crosbie gerichtet, als er den Namen aussprach, was er mehr auf gut Glück und wegen der Verbindung that, worin dieser Mann und seine wirkliche oder vermeinte Nichte mit dem Schicksal Darsie Latimers stand, als weil er irgend einen bestimmten Verdacht gehegt hätte. Der Herr Richter schien etwas in Verlegenheit gesetzt, obgleich er sich sehr bemühte, einen Schein von Gleichgültigkeit beizubehalten, was ihm aber nur zum Theil gelang. »Herries!« sagte er – »was, Herries? Es gibt viele dieses Namens – freilich nicht mehr so viele, als früher, denn die alten Stämme gehen aus; aber da ist ein Herries von Heatquill, ein Herries von Auchintulloch, ein Herries« – – »Gebt Euch weiter keine Mühe, die bezeichnete Person ist Herries von Birrenswork.« »Von Birrenswork,« sagte Mr. Crosbie; »ich habe Euch jetzt, Mr. Allan, konntet Ihr nicht eben so wohl sagen, der Laird von Redgauntlet?« Fairford war zu besonnen, um über diese, obwohl unerwartete, Uebereinstimmung der Namen irgend ein Erstaunen zu bezeugen; »ich glaubte,« sagte er, »er sei unter dem Namen Herries allgemeiner bekannt; so viel ich weiß, habe ich ihn unter diesem Namen gesehen, und bin mit ihm in Gesellschaft gewesen.« »Ach ja, in Edinburg wahrscheinlich. Ihr wißt, Redgauntlet ist geraume Zeit unglücklich gewesen; und wenn er schon nicht tiefer in der Sache verwickelt war, als andere Leute, so ist er doch aus manchen Ursachen nicht so leicht davon gekommen.« »Ich weiß, er wurde geächtet, und hat keine Verzeihung erhalten,« sagte Fairford. Der vorsichtige Richter nickte nur, und sagte: »Ihr könnt daraus schließen, warum er es für passend hält, seiner Mutter Namen anzunehmen, wenn er in der Gegend von Edinburg ist. Seinen eigenen Namen zu führen, das hieße der Regierung sich überliefern, Ihr versteht. Man hat indeß schon lange ein Auge zugedrückt – es ist eine alte Geschichte – und der Herr hat viele ausgezeichnete Eigenschaften, – und ist von einem sehr alten und angesehenen Hause – hat Verwandte unter den Großen – er nennt den Generalanwalt und den Sheriff Vettern – Ihr wißt, Mr. Allan, es hackt keine Krähe der andern die Augen aus. Er hat ausgebreitete Verbindungen – auch meine Frau ist eine Cousine der Redgauntlets im vierten Grade.« Hinc illae lacrymae! dachte Allan Fairford bei sich selbst, aber der Wink bestimmte ihn doch, vor der Hand sanftere Mittel zu gebrauchen, und mit Vorsicht zu Werke zu gehen. »Ich bitte Euch zu bemerken,« sagte Fairford, »daß ich bei der Untersuchung, die ich anzustellen Willens bin, Mr. Herries, oder Redgauntlet – nennt ihn, wie Ihr wollt – nichts Böses beabsichtige. Alles, was ich wünsche, ist Gewißheit, daß mein Freund in Sicherheit ist. Ich weiß, daß er thöricht genug war, einmal verkappt auf ein lustiges Gelag in der Nähe der Wohnung dieses Herrn zu gehen. Unter diesen Umstanden mag Mr. Redgauntlet seine Beweggründe mißdeutet, und Darsie Latimer für einen Spionen angesehen haben. Sein Einfluß ist, glaube ich, groß unter diesem gesetzlosen Volke, wovon Ihr so eben gesprochen habt?« Der Richter antwortete mit einem zweiten bedeutsamen Kopfnicken, das dem Lord Burleigh in Sherikans Kritiker Ehre gemacht haben würde. »Ist es nun nicht möglich,« fuhr Allan fort, »daß Mr. Latimer fälschlich für einen Spion angesehen, und dieser Verdacht den Mr. Redgauntlet bewogen habe, ihn aufheben und irgendwo einsperren zu lassen? – Solche Dinge geschehen bei Wahlen, und bei weit minder dringenden Gelegenheiten, als wenn ein Mann sein Leben durch einen Kundschafter in Gefahr glaubt.« »Mr. Fairford,« sagte der Richter sehr ernst, »ich halte solch einen Mißgriff kaum für möglich, und wenn durch einen außerordentlichen Zufall etwas der Art vorgekommen sein sollte, so ist Redgauntlet, den ich, wie gesagt, sehr gut kenne, weil er meiner Frau erster oder eigentlich vierter Vetter ist, durchaus unfähig, dem jungen Mann irgend etwas Schlimmes zuzufügen – er könnte ihn allenfalls für eine Nacht oder zwei nach Ailsay schicken, oder ihn auf der Nordküste von Irland, oder in Islay, oder auf einer von den Hebriden an's Land setzen; aber verlaßt Euch darauf, er ist unfähig, ihm ein Haar zu krümmen.« »Ich bin entschlossen, mich dabei nicht zu beruhigen, Herr Richter,« antwortete Fairford fest, »und ich bin sehr erstaunt, daß Ihr so leicht hin von dem Angriff sprecht, der auf die Freiheit einer Person gemacht worden ist. Ihr müßt bedenken, und die Freunde des Mr. Herries oder Mr. Redgauntlet sollten ebenfalls wohl bedenken, wie es in den Ohren eines englischen Staatssekretärs klingen muß, daß ein geächteter Verräther (denn das ist dieser Herr) es nicht nur gewagt hat, seinen Aufenthalt in diesem Königreiche zu nehmen, gegen dessen König er die Waffen getragen hat, sondern daß ihn auch der Verdacht trifft, mit offener Gewaltthat gegen die Person eines Unterthanen des Königs verfahren zu sein, gegen einen jungen Mann, dem es weder an Freunden, noch an Vermögen fehlt, um sein Recht geltend zu machen.« Der Richter blickte auf den jungen Advokaten mit einem Gesicht, worauf Mißtrauen, Unruhe und Bestürzung bezeichnet waren. »Ein verdrießlicher Handel,« sagte er zuletzt, »ein verdrießlicher Handel, und es wird gefährlich sein, sich darein zu mischen. Ich würde es sehr ungern sehen, daß Ihr gerade der Angeber eines unglücklichen Mannes würdet.« »Dieß bin ich nicht gesonnen,« antwortete Allan, »vorausgesetzt, dieser unglückliche Mann und seine Freunde geben mir Gelegenheit, mich über die Sicherheit meines Freundes zu beruhigen. Wenn ich mit Mr. Redgauntlet sprechen könnte, und seine eigene Erklärung vernehmen, so würde ich vermuthlich zufrieden gestellt. Wenn ich gezwungen werde, ihn bei der Regierung anzugeben, so geschieht dieß in einer neuen Eigenschaft als Menschenräuber. Ich bin nicht im Stande, auch ist es mein Geschäft nicht, es zu verhindern, daß er als geächteter Verräther erkannt werde, der von dem Generalpardon ausgenommen ist.« »Mr. Fairford,« sagte der Richter, »wolltet Ihr den armen unschuldigen Mann auf einen eitlen Verdacht hin unglücklich machen?« »Nichts mehr davon, Mr. Crosbie; mein Benehmen ist fest bestimmt, wenn nicht dieser Verdacht entfernt wird.« »Wohlan denn,« sagte der Richter, »weil dem so ist, und da Ihr sagt, daß Ihr dem Redgauntlet persönlich kein Uebel zufügen wollt, so will ich heute einen Mann zu uns zum Essen einladen, der von seinen Angelegenheiten so viel kennt, als die Leute nur immer wissen können. Ihr müßt bedenken, Mr. Allan Fairford, daß Redgauntlet, obgleich er meines Weibes naher Verwandter ist, und ich ihm natürlich alles Gute wünsche, mir doch keineswegs seine Gänge und Wege vertraut. Ich bin nicht der Mann dazu – ich halte es mit der Kirche und verabscheue das Papstthum – ich bin aufgestanden für das Haus Hannover und für Freiheit und Eigenthum – ich trug die Waffen gegen den Prätendenten, als drei Bagage-Wagen der Hochländer zu Ecclefechan angehalten wurden, und ich hatte noch einen besondern Verlust von hundert Pfund« – – »Schottisch,« unterbrach ihn Fairford. »Ihr vergeßt, daß Ihr mir dieß Alles vorhin schon gesagt habt.« »Schottisch oder englisch, der Verlust war bedeutend genug für mich,« sagte der Richter; »Ihr seht also, ich bin nicht der Mann, mit Jacobiten mich gemein zu machen, und mit solchen Geächteten, wie der arme Redgauntlet.« »Zugegeben, zugegeben, Mr. Crosbie, und was dann?« sagte Allan Fairford. »Nun es folgt daraus, daß, wenn ich Euch in dieser Verlegenheit helfen soll, so kann dieß doch nicht bei und durch meine eigene persönliche Kenntniß, sondern durch einen passenden Agenten oder durch eine dritte Person geschehen.« »Wiederum zugegeben,« sagte Fairford. »Und wer soll denn diese dritte Person sein?« »Wer anders, als Pate Maxwell von Summertrees, sie nennen ihn Pate – in – Peril.« »Ein Alter vom Jahr 1745 also?« sagte Fairford. »Ihr mögt darauf schwören,« erwiderte der Richter, »ein so schwarzer Jacobite, als der alte Sauerteig nur immer einen machen kann, aber sonst ein wackerer, lustiger Gesellschafter, mit welchem keiner von uns brechen will, trotz aller seiner Prahlereien. Ihr möchtet wohl denken, wenn es bei Derby wohl auf ihn angekommen wäre, er würde Carl Stuart so gut durch Alles hindurch geführt haben, wie ein Faden durch ein Nadelöhr geht, und würde ihn in St. James niedergesetzt haben, ehe Ihr hättet sagen können: ›nehmt Euch in Acht.‹ Obgleich er aber ein windiger Bursche ist, wenn er auf seine alten weltlichen Geschichten kommt, so hat er doch mehr gesunden Verstand in sich, als die meisten Menschen – er kennt die Geschäfte, Mr. Allan, ist zum Rechtsgelehrten erzogen, nahm aber nie die Robe an, wegen der Eide, welche damals mehr Leute als jetzt zurück hielten – das ist um so mehr zu bedauern.« »Wie, Herr Richter, Euch thut es leid, daß der Jacobitismus im Verfall ist?« sagte Fairford. »Nein, nein,« antwortete der Richter, »es bekümmert mich nur, daß jetzt so viele Leute die Zartheit des Gewissens verlieren. Ich habe einen Sohn, der zum Rechtsgelehrten gebildet wurde, Mr. Fairford, und für den ich wegen meiner Dienste und Leiden wohl auf einen hübschen Posten hätte rechnen können; aber wenn diese große Familien herankommen, – ich meine eben diese Maxwell's, diese Johnstones und andere große Lairds, die vorher der Eid lange entfernt hielt – da müssen wohl die kleinen Leute, wie mein Sohn und vielleicht auch Eures Vaters Sohn, Mr. Allan, sehr zurückstehen.« »Aber um auf den Gegenstand zurückzukommen, Mr. Crosbie,« sagte Fairford, »haltet Ihr es wirklich für wahrscheinlich, daß dieser Maxwell mir hierin von Nutzen sein wird?« »Ja wohl kann er das sein, denn er ist die Trompete des ganzen Geschwaders,« sagte der Richter, »und ich habe oft bemerkt, daß Redgauntlet, obgleich er zu Zeiten nicht ansteht, ihn einen Narren zu nennen, doch mehr auf seinen Rath hält, als auf den irgend eines andern. Wenn Pate ihn zum Sprechen bringt, dann ist die Sache abgemacht. Es ist ein pfiffiger Bursch, der Pate – in – Peril.« »Pate – in – Peril (Kopf in der Gefahr),« wiederholte Allan, »ein ganz sonderbarer Name.« »Ja, er hat ihn ja auch auf eine seltsame Weise bekommen, doch ich sage weiter nichts darüber, um ihm nicht den Markt zu verderben,« sagte der Richter, »denn Ihr könnt versichert sein, Ihr hört sie einmal wenigstens, wo nicht öfter, bevor die Punschbowle dem Theekessel Platz macht. Nun lebt wohl, denn ich höre im Ernste die Rathsglocke tönen, und wenn ich nicht da bin, ehe die Glocke ausgetönt hat, so spielt mir der Amtmann Laurie einen seiner Streiche.« Der Richter wiederholte, daß er Herr Fairford um zwei Uhr zu sehen hoffe, entkam endlich dem jungen Advokaten, und verließ ihn in ziemlicher Verlegenheit, was er nun thun solle. Der Sheriff, schien es, war nach Edinburg zurückgekehrt, und er fürchtete, den sehr sichtbaren Widerwillen des Richters gegen diesen Laird von Birrenswork oder Redgauntlet einzuschreiten, in einem noch weit stärkeren Maße unter den Landedelleuten zu finden, von denen viele nicht nur Katholiken, sondern auch Jacobiten waren; auch mochten wohl die andern keine Lust haben, mit Verwandten und Freunden in Streit zu kommen, indem sie verjährte politische Verwirrungen mit Strenge ahndeten. Alle ihm möglichen Erkundigungen einzuziehen, und nicht eher an eine höhere Behörde sich zu wenden, als bis er alle Erläuterungen geben konnte, deren die Sache fähig war, das schien das klügere Verfahren unter dieser Menge von Schwierigkeiten. Er hatte eine Unterredung mit dem Procurator Fiscal, der eben so, wie der Richter, ein alter Correspondent seines Vaters war. Allan eröffnete diesem Beamten seinen Vorsatz, Broken-Burn zu besuchen, erhielt aber die Versicherung, daß dieser Schritt nicht nur von vieler Gefahr für ihn begleitet, sondern auch völlig fruchtlos sein würde; die Häupter des Aufruhrs hätten längst Schutz gefunden in ihren Schlupfwinkeln auf der Insel Man, Cumberland und anderen Orten, und die Zurückgebliebenen würden ohne Zweifel an Jedem Gewaltthätigkeiten begehen, der ihre Niederlassungen besuchte, um über die vorgefallenen Unruhen Untersuchungen anzustellen. Nicht die nämlichen Einwürfe ließen sich gegen einen Besuch zu Mount Sharon machen, wo er die letzten Nachrichten von seinem Freunde zu finden hoffte; dazu war auch vor der zu Herr Crosbies Mahlzeit bestimmten Stunde Zeit genug. Auf dem Wege wünschte er sich Glück, daß er wenigstens über einen Punkt sichere Auskunft erhalten habe. Der Mann, welcher gewissermaßen sich selbst in seines Vaters Gastfreundschaft eingedrängt hatte, und den Darsie Latimer zu einem Besuche in England verleiten zu wünschen schien, gegen den er noch dazu eine Art von Warnung erhalten hatte, durch eine mit seiner eigenen Familie verbundene Person, schien der Anstifter des Aufstandes zu sein, in welchem Darsie verschwunden war. Was konnte wohl die Ursache solch eines Anschlags auf die Freiheit eines harmlosen und liebenswürdigen Mannes sein? Unmöglich waltete hier blos ein Mißverständniß ob, daß Redgauntlet Latimern für einen Spion gehalten hätte, denn obgleich Fairford diese Vermuthung als die Lösung des Räthsels gegen Mr. Crosbie geäußert hatte, so wußte er doch in der That wohl, daß er von seinem sonderbaren Besuch wegen einer Gefahr gewarnt worden sei, in der sich sein Freund befinde. Ehe er noch selbst einen ähnlichen Verdacht hegen konnte; die Ermahnungen, welche Latimer von Herrn Griffiths in London erhielt, der sein Vormund war, oder sich so benahm, führten zu dem Punkte. Es machte ihm indeß keinen Kummer, daß er den Richter Crosbie nicht weiter in das Geheimniß eingeweiht hatte, als unumgänglich nothwendig war, denn es sprang in die Augen, daß die Verwandschaft seiner Frau mit der verdächtigen Partei auf seine Unparteilichkeit als Beamter Einfluß äußerte. Als Allan Fairford zu Mount Sharon ankam, trat ihm Rachel Geddes hastig entgegen, fast ehe der Diener die Thüre öffnen konnte. Verlegen wendete sie sich ab, als sie einen Fremden erblickte, und sagte zu ihrer Entschuldigung, »sie hätte geglaubt, ihr Bruder Josua sei von Cumberland zurückgekehrt.« »Mr. Geddes ist also abwesend,« sagte Fairford, nicht weniger verlegen. »Er ist seit gestern hinweg gegangen, Freund,« antwortete Rachel, welche die ruhige Fassung, die ihre Sekte bezeichnet, so ziemlich wieder erhalten hatte, aber ihre bleiche Wange und ihr rothes Auge widersprachen ihrem angenommenen Gleichmuth. »Ich bin,« sagte Fairford hastig, »der nahe Freund eines jungen Mannes, der Euch nicht unbekannt ist, Miß Geddes, ich bin der Freund von Darsie Latimer, und komme hieher in der äußersten Beängstigung, da ich von dem Richter Crosbie vernommen habe, daß er in der Nacht verschwunden sei, wo ein zerstörender Angriff auf die Fischerei-Anstalten des Mr. Geddes gemacht wurde.« »Du betrübst mich, Freund, durch deine Fragen,« sagte Rachel noch bewegter, als vorher, »denn wenn auch der Jüngling gleich den andern weltlichen Menschen nur in seiner Einbildung weise war, und sich leicht durch den Athem der Eitelkeit bewegen ließ, so liebte ihn Josua doch, und sein Herz neigte sich zu ihm, als wäre er sein eigener Sohn. Und als er selbst der Schlinge der Söhne Beliods entkam, was nicht eher geschah, als bis sie müde waren, ihn zu tadeln, zu verspotten und zu verhöhnen, kehrte Josua, mein Bruder, noch einmal zu ihnen zurück, um ihnen für den Jüngling, genannt Darsie Latimer, Geld und das Versprechen der Verzeihung anzubieten, aber sie wollten ihn nicht hören, darum ging er vor den Oberrichter, den die Menschen den Sheriff nennen, und würde ihm von des Jünglings Gefahr erzählt haben, aber sie wollten ihn durchaus nicht hören, wenn er nicht auf die Wahrheit seiner Worte schwören wolle, was er ohne Sünde nicht thun konnte, denn es steht geschrieben: ihr sollt aller Dinge nicht schwören, denn eure Rede soll sein ja, ja, nein, nein. Darum kehrte Josua trostlos zu mir zurück und sagte: Schwester Rachel, dieser Jüngling hat sich meinetwegen in Gefahr begeben; sicherlich werde ich nicht schuldlos sein, wenn ein Haar seines Hauptes gekrümmt werden sollte, denn siehe, ich habe gesündigt, als ich ihm gestattete, mit mir zu der Fischerei-Anstalt zu gehen, als solches Uebel zu befürchten war, darum will ich mein Pferd nehmen, selbst den Salomon, und will schnell nach Cumberland reiten, mir Freunde machen mit dem ungerechten Mammon unter den Obrigkeiten der Heiden und unter ihren mächtigen Menschen, und es soll dahin kommen, daß Darsie Latimer in Freiheit gesetzt wird, wäre es auch mit dem Verlust meines halben Vermögens. Und ich sagte: nein, mein Bruder, gehe nicht, denn sie werden dich verspotten und verhöhnen, sondern dinge mit deinem Silber einen von den Schreibern, welche ungestümer als Jäger hinter ihrer Beute her sind, es wird frei sein durch seine Kunst Darsie Latimer von den Menschen der Gewalt, und deine Seele wird schuldlos sein gegen den Jüngling. Aber er antwortete und sagte: man soll mir nicht darein sprechen in dieser Sache. Und er ist fortgegangen, und nicht zurückgekehrt, und ich fürchte mich, daß er nimmer zurückkehren möchte; denn ob er gleich friedfertig ist, wie es dem geziemt, der jede Gewaltthat für eine Beleidigung seiner eigenen Seele hält, so werden doch weder Wasserfluthen, noch die Furcht vor Schlingen, noch das gezogene Schwert, das der Gegner auf dem Pfade schwingt, ihn von seinem Vorhaben abhalten. Mag ihn also auch der Solway hinabschlingen, oder das Schwert des Feindes ihn zu tödten drohen, dennoch steht meine Hoffnung nur auf Ihm, der alle Dinge leitet, der die Wellen der See lenkt, und überwältigt die Anschläge der Boshaften, und der uns erlösen kann, wie den Vogel aus dem Netze des Vogelstellers.« Dieß war Alles, was Fairford von Miß Geddes erfahren konnte, aber er hörte mit Vergnügen, daß der gute Quäker, ihr Bruder, viele Freunde habe unter seinen Glaubensgenossen in Cumberland, und er hielt ihn für fähig, einige Spuren von Darsie Latimer zu entdecken, ohne sich einer so großen Gefahr auszusetzen, als seine Schwester zu befürchten schien. Er selbst ritt zurück nach Dumfries, nachdem er der Miß Geddes seine dortige Adresse zurückgelassen, und sie inständig gebeten hatte, ihm jede Nachricht mitzutheilen, die sie von ihrem Bruder erhalten könnte. Als Fairford nach Dumfries zurückgekommen war, wandte er die kurze Zeit, die ihm noch vor dem Essen übrig blieb, dazu an, einen Bericht von Latimers Anfalle und von der jetzigen Ungewißheit seiner Lage an Mr. Samuel Griffith zu machen, durch dessen Hand die Geldsendungen für seinen Freund regelmäßig gegangen waren, und er setzte den Wunsch hinzu, daß er sogleich mit demjenigen Theile seiner Geschichte bekannt gemacht werden möchte, die ihn bei den Nachforschungen leiten könnten, welche er in den Gränzgrafschaften anzustellen Willens war, und die er durchaus nicht aufgeben wolle, bis er Nachrichten von seinem Freund erhalten hätte, mochte er nun leben oder todt sein. Der junge Rechtsgelehrte fühlte sich leichter, als er diesen Brief abgeschickt hatte. Er konnte sich keinen Grund denken, warum man seinem Freund nach dem Leben trachten sollte; er wußte, Darsie hatte nichts gethan, wodurch seine Freiheit gesetzlich gefährdet werden könnte, und wenn auch in den letzten Jahren sonderbare Geschichten von Männern und Weibern in Umlauf gekommen waren, welche auf eine listige Weise verlockt, und in Einöden und entfernte Inseln verborgen worden waren, um auf eine Zeitlang einem gewissen Zwecke zu dienen, so waren doch solche Gewaltthätigkeiten meistens von Reichern gegen Arme, von Starken gegen Schwache ausgeübt worden; da aber im gegenwärtigen Falle dieser Mr. Herries oder Redgauntlet aus mehr als einem Grunde die Strenge der Gesetze fürchten mußte, so war er nothwendig in jedem Streite, worein er verwickelt werden konnte, der schwächere Theil. Freilich flüsterte ihm die Besorgniß um seinen Freund zu, daß die nämliche Ursache, welche die Furchtbarkeit dieses Mannes verminderte, ihn zugleich verzweifelter machen müsse. Wenn er aber an seine Aeußerungen sich erinnerte, die so sehr den Edelmann, und selbst den Mann von Ehre verriethen, so schloß Fairford daraus, daß Redgauntlet zwar in adeligem Uebermuthe eine Gewaltthat wagen könne, die der Adel zu andern Zeiten ausgeübt hatte, daß er aber keiner überlegten Grausamkeit fähig sei. In dieser Ueberzeugung ging er denn in einer weit ruhigeren Stimmung, als man hätte erwarten können, zu dem Herrn Richter Crosbie, um daselbst zu speisen. Elftes Kapitel. Erzählung von Allan Fairford. (Fortsetzung.) Fünf Minuten nach dem Schlage Zwei erreichte Allan Fairford, der einen kleinen Umweg gemacht hatte, um seinen Brief auf der Post abzugeben, die Wohnung des Herrn Richter Crosbie, und wurde zu gleicher Zeit durch die Stimme dieses Stadtbeamten und des Landbeamten, seines Gastes, begrüßt, welche Beide ungeduldig auf das Essen warteten. »Kommt, kommt, Mr. Fairford, die Edinburger Uhr geht später als die unsrige,« sagte der Richter. »Kommt, kommt, junger Mann,« sagte der Laird, »ich erinnere mich Eures Vaters, wohl bei dem Kreuze, dreißig Jahre sind's – ich glaube, Ihr seid in Edinburg so spät daran als in London; um vier Uhr, nicht wahr?« »So sehr sind wir nicht aus der Art geschlagen,« erwiderte Fairford, »aber gewiß gibt es viele Leute in Edinburg, die so übel berichtet sind, daß sie ihr Mittagsmahl bis drei Uhr hinausschieben, um volle Zeit zu haben, ihren Londoner Correspondenten zu antworten. »Londoner Correspondenten!« sagte Mr. Maxwell; »was der Teufel hat denn das Volk von Alt-Reckin mit Londoner Correspondenten zu thun?« »Die Kaufleute müssen doch ihre Waaren haben,« sagte Fairford. »Konnten sie nicht unsere schottischen Manufacturwaaren kaufen, und ihren Kunden das Geld auf eine patriotische Weise aus ihren Taschen holen?« »Die Damen müssen doch ihre Moden haben,« sagte Fairford. »Können diese nicht ihren schottischen Mantel über den Kopf nehmen, wie ihre Mütter? Ein Mantel von buntem Zeug und einmal im Jahre ein Häubchen aus Paris, das könnte einer Gräfin genügen; Ihr aber habt nicht viele solche mehr, ich glaube – Mareschall, Airley, Winton, Wemyß, Balmerina – ja, ja, die Gräfinnen und Damen von Stand werden jetziger Zeit mit ihren Staatskleidern nicht viel Platz in Eurem Ballsaal einnehmen. »Es fehlt indessen doch nicht an Leuten,« sagte Fairford, »man spricht schon von einem neuen Gesellschaftssaal.« »Ein neuer Gesellschaftssaal!« sagte der alte jacobitische Laird – »uh! – ich hätte wollen dreihundert Menschen in Eurem Gesellschaftssaal unterbringen, aber kommt, kommt – ich will nicht weiter fragen, die Antworten schmecken alle nach neuen Lords, nach neuen Gütern, sie verderben mir nur den Appetit, und das wäre doch Schade, denn hier kommt Mistreß Crosbie, um uns anzukündigen, daß unsere Hammelskeule gar ist.« Es war so; Mistreß Crosbie war nicht zugegen gewesen, wie Eva »obliegend wirklichen Sorgen«; eine Pflicht, wovon sie sich nicht für losgezählt achtete, weder durch den hohen Rang ihres Ehemannes unter den obrigkeitlichen Personen der Stadt, noch durch den Glanz ihres seidenen Kleides aus Brüssel, oder durch den höher geachteten Glanz ihrer Geburt, denn sie war eine geborene Maxwell, und wie ihr Ehemann oft seinen Freunden kund that, mit mehreren der ersten Familien in der Grafschaft verwandt. Sie war schön gewesen, und sah noch jetzt für ihre Jahre recht gut aus, und obgleich ihre Anwesenheit in der Küche ihren Teint in etwas erhöht hatte, so war es doch nicht mehr, als ein bescheidenes Auflegen von Roth auch gethan haben würde. Für den Herrn Richter war seine Dame gewiß ein Gegenstand des Stolzes, ja Einige sagen, sogar des Schreckens, denn von den weiblichen Mitgliedern der Familie Redgauntlet ging ein Gerücht, daß sie, sie mochten heirathen wo sie wollten, ihrem Eheherrn eben so gewiß eine graue Stute in den Stall brächten Eine sprichwörtliche Anspielung auf die Pantoffelherrschaft. als sich auf Wouvermann's Gemälden ein weißes Pferd befindet. Die gute Dame brachte auch, wie man glaubt, eine politische Würze in Master Crosbie's Haushaltung, und des Herrn Richters Feinde im Stadtrath pflegten die Bemerkung zu machen, daß er manche kühne Rede gegen den Prätendenten und für König Georg und die Regierung gehalten habe, wovon er hinter seinen Gardinen keine Sylbe vorzubringen gewagt haben würde; auch habe hie und da seiner Frau vorherrschender Einfluß ihn bewogen, etwas zu thun oder zu unterlassen, was mit den allgemeinen Betheuerungen seines Eifers für die Revolutions-Grundsätze gar nicht übereinstimmte. Das hatte in einer Hinsicht seine Richtigkeit, auf der andern Seite war es aber nicht weniger gewiß, daß Mistreß Crosbie äußerlich durchaus die gesetzmäßige Macht und rechtliche Obergewalt ihres Eheherrn anerkannte, und wenn sie auch in der That denselben nicht achtete, so schien sie es doch zu thun. Diese stattliche Dame empfing den Mr. Maxwell, wie begreiflich, als Vetter mit Herzlichkeit und Herrn Fairford mit Höflichkeit; zugleich beantwortete sie die hausherrlichen Klagen des Herrn Richters respektsvoll damit, daß sie sagte, das Essen werde im Augenblick aufgetragen. »Aber seit Ihr den armen Mac Alpin, der die Stadtuhr sonst zu besorgen pflegte, abgesetzt habt, mein Lieber, ist sie keinen Tag mehr richtig gegangen.« »Peter Mac Alpin, meine Liebe,« sagte der Richter, »machte sich für einen Mann im Amte zu viel zu thun, trank Gesundheiten u. s. w., die ein Mann schicklicher Weise nicht trinken sollte, am wenigsten aber einer, der im öffentlichen Dienste steht. Ich höre, daß er das Glockenspiel in Edinburg auch verloren hat, weil er am 10. Juni die Melodie spielen ließ: Ueber's Wasser zu Carl! das ist ein schwarzes Schaf, und verdient keine Aufmunterung.« »Die Melodie ist doch so schlecht nicht,« sagte Summertrees, wandte sich an's Fenster, und summte halb, halb pfiff er die genannte Melodie, dann sang er den letzten Vers laut: Meines Carls Namen will ich lieben und ehren. Wenn ihn Viele auch hassen sehr, Oh! säh' ich ihn doch zurücke kehren, Und treiben die Whig's vor sich her. Ueber das Wasser und über die See, Ueber das Wasser hin zu Carl! Alles tragen wir gerne, Wohl und Weh! Und leben und sterben für Carl. Mistreß Crosbie lächelte verstohlen dem Laird zu, indem sie sich zugleich das Ansehen tiefer Unterwerfung gab, während der Herr Richter, der den Gesang seines Gastes nicht hören wollte, im Zimmer umher ging mit einem Ansehen von unzweifelhafter Würde und Unabhängigkeit. »Wohl, wohl, mein Lieber,« sagte die Dame mit dem ruhigen Lächeln der Unterwerfung, »Ihr versteht es am besten, und werdet thun, was Ihr für gut findet, diese Gegenstände sind weit über meinen Horizont, ich zweifle nur, ob die Stadtuhr je so richtig gehen und Eure Mahlzeit so richtig auf den Tisch kommen wird, als ich es wünschte, bis Peter Mac Alpin seinen Dienst wieder hat. Der Mann ist alt, kann nicht arbeiten, und leidet deßhalb Mangel; dennoch ist er der einzige, der eine Glocke zu richten versteht.« Man kann hier im Vorbeigehen bemerken, daß trotz dieser Weissagung, zu deren Erfüllung die schöne Cassandra wahrscheinlich alle Mittel in Händen hatte, doch erst nach dem zweiten Rathstage das strafbare Benehmen des jacobitischen Glöckners in Vergessenheit kam, und daß ihm noch einmal das Geschäft zugetheilt wurde, für die Stadt die Zeit und für den Herrn Richter die Essensstunde zu bestimmen. Dießmal ging die Mahlzeit angenehm vorüber. Summertrees schwatzte und scherzte mit der leichten Unbefangenheit eines Mannes, der sich über seine Gesellschaft erhaben fühlt. Er war wirklich eine wichtige Person, wie sich aus seinem stattlichen Aeußern ergab; sein Hut war mit peins d'Espagne besetzt, sein Rock und seine Weste ehemals reich gestickt, jetzt aber ziemlich abgetragen. Seine glänzenden Hals- und Handkrausen waren nur, die erste etwas stark verrunzelt, und die andere etwas beschmutzt; auch darf sein langer Stoßdegen mit silbernem Gefäße hier nicht vergessen werden. Sein Witz oder vielmehr seine Laune gränzte an's Beißende, und zeigte ein unzufriedenes Gemüth; und obgleich er kein Mißfallen zeigte, wenn der Herr Richter einen Gegenwitz versuchte, so schien er es doch nur zu dulden, wie ein Fechtmeister, der seinem Zögling zuweilen gestattet, ihm einen Stoß beizubringen, nur um ihn zu ermuthigen. Des Lairds eigene Scherze waren indessen ausnehmend erfolgreich, nicht nur bei dem Herrn Richter und seiner Gemahlin, sondern auch bei der rothbackigen und rothbebänderten Magd, welche am Tisch aufwartete, und kaum gehörig zu besorgen vermochte; was ihr oblag, weil die Ausbrüche der Laune des Mr. Summertrees äußerst wirksam sich bewiesen. Allan Fairford allein blieb bei aller dieser Lustigkeit ungerührt, was um so weniger zu verwundern war, da nicht nur seine Gedanken mit einem wichtigeren Gegenstande beschäftigt waren, sondern auch die meisten Witze des Lairds in listigen Anspielungen auf unbedeutende Stadt- oder Familien-Vorfälle bestanden, mit welchen der Gast aus Edinburgh völlig unbekannt war. So schallte das Gelächter der Gesellschaft an sein Ohr, wie das träge Knistern des Holzes um einen Topf, nur mit dem Unterschiede, daß dadurch keine so nützliche Operation unterhalten oder begleitet wurde, wie das Kochen. Fairford war froh, daß das Tischtuch weggenommen wurde, und als Mr. Crosbie nicht ohne einige wohlmeinende Winks rücksichtlich der genauen Mischung der Ingredienzien eine ansehnliche Bowle Punsch zu Stande gebracht hatte, worüber die Augen des alten Jacobiten zu glänzen anfingen, wurden die Gläser vorwärts geschoben, gefüllt, und jedes von seinem Eigenthümer wieder an sich gezogen, worauf der Herr Richter mit großer Emphase den Toast ausbrachte: »Der König.« Dabei richtete er einen bedeutenden Blick auf Fairford, der zu sagen schien: »Ihr könnt nicht zweifeln, wen ich meine, und darum ist es nicht nöthig, die Person näher zu bezeichnen.« Summertrees wiederholte den Toast mit einem schlauen Winke gegen die Hausfrau, während Fairford schweigend sein Glas austrank. »Schön, mein junger Advokat!« sagte der Landedelmann, »mit Freuden sehe ich, daß bei der Fakultät doch noch Scham übrig geblieben ist, wenn gleich wenig Ehre. Einige von euch Schwarzröcken wollen heutzutage weder von dem Einen noch dem Andern hören.« »Ich wenigstens, Sir, habe so viel von einem Rechtsgelehrten, daß ich mich nicht gerne in einen Streit einlasse, den ich zu führen keinen Auftrag habe – das hieße Zeit und Mühe verschwenden.« »Geht, geht,« sagte die Lady, »wir wollen hier nicht über die Whigs und Torys streiten – mein Mann weiß, was er sagen soll, und ich weiß, was er denken sollte, und aus dem zu schließen, was gekommen und vergangen ist, so möchte wohl eine Zeit erscheinen, wo rechtschaffene Männer sagen, was sie denken, sie mögen Richter sein oder nicht.« »Hört Ihr's, Herr Richter?« sagte Summertrees; »Euer Weib ist eine Zauberin, Ihr solltet ein Hufeisen an ihre Kammerthür nageln. Ha, ha, ha – –« Dieser Spaß wurde nicht so gut aufgenommen, als die früheren Versuche des Lairds. Bei der Lady begann ein Donnerwetter aufzuziehen, und der Herr Richter sagte halb bei Seite: »Ein ernster Scherz ist kein Scherz mehr; Ihr werdet das Hufeisen glühend heiß finden, Summertrees.« »Ihr könnt ohne Zweifel aus Erfahrung sprechen, Mr. Crosbie, ich habe nicht nöthig, zu sagen, daß ich alle Achtung habe vor dem alten und ehrwürdigen Hause der Redgauntlet.« »Und dazu habt Ihr gute Ursache, denn Ihr seid mit ihnen verwandt, und kennet sowohl die noch Lebenden, als die bereits Verstorbenen recht gut.« »In der That, Ihr habt Recht, Madame,« antworte der Laird, »denn ich und der arme Harry Redgauntlet, der zu Carlisle ausgerungen hat, waren ein Herz und eine Seele, und doch trennten wir uns nach kurzem Abschied.« »Ach, Summertrees,« sagte Mr. Crosbie, »dieß war damals, als Ihr den Galgenbetrug spieltet, und den Namen Pate – in – Peril bekamet. Erzählt doch die Geschichte meinem jungen Freunde hier. Er hört einen solchen Pfiff gern, wie die meisten Advokaten.« »Ich wundere mich über Euren Mangel an Vorsicht, Herr Richter,« sagte der Laird, ganz nach Art der Sänger, die sich weigern zu singen, wenn ihnen das Lied schon auf der Zungenspitze schwebt. »Ihr solltet doch bedenken, daß es gewisse alte Geschichten gibt, die man nicht mit völliger Sicherheit aller Derjenigen auftischen kann, die dabei betheiligt sind.« »Ich hoffe,« sagte die Lady, »Ihr habt nicht zu fürchten, daß irgend etwas zu Eurem Nachtheil aus dem Hause getragen worden, Summertrees. Ich habe die Geschichte zwar schon gehört, je öfter ich sie aber höre, desto wunderbarer kommt sie mir vor.« »Ja, Madame, aber man hat sich jetzt schon lange genug darüber gewundert, und es ist Zeit, damit aufzuhören,« antwortete Maxwell. Fairford hielt es der Höflichkeit gemäß, zu sagen, er habe oft von der wundervollen Flucht Maxwells gehört, und nichts könnte ihm angenehmer sein, als einmal das Wahre an der Sache zu vernehmen. Aber Summertrees blieb darauf, und wollte die Gesellschaft mit solchem altem Unsinne nicht um ihre Zeit bringen. »Gut, gut,« sagte Mr. Crosbie, »ein freier Mann muß seinen Willen haben. – Was denkt ihr Leute in der Grafschaft denn von den Unruhen, welche in den Kolonien auszubrechen anfangen?« »Herrlich, Sir, herrlich! Wenn die Dinge auf's Aeußerste gekommen sind, dann wird's besser, und auf's Aeußerste ist es gekommen. – Was aber meinen tollen Streich anbetrifft, wenn Ihr darauf besteht, die einzelnen Umstände anzuhören –« sagte der Laird, welcher zu merken begann, daß die Zeit, wo er seine Geschichte mit Anstand erzählen könne, allmälig vorüber gehe. »Nun,« sagte Mr. Crosbie, »es war nicht meinetwegen, sondern diesem jungen Mann zu Liebe.« »Gut, warum sollte ich nicht diesem jungen Manne ein Vergnügen machen? Auf's Wohl aller ehrlichen Leute daheim und in der Ferne! Zum Teufel die andern! – Aber Ihr, Mrs. Crosbie, habt die Geschichte auch schon gehört?« »Nicht so oft, um sie langweilig zu finden,« sagte die Lady, und der Laird wandte sich ohne weitere Einleitung an Allan Fairford. »Ihr habt doch schon von dem Jahre gehört, das man fünfundvierzig nennt, junger Mann, als die Köpfe aus dem Süden ihre letzte Bekanntschaft machten mit den schottischen Säbeln. Da gab es eine Art herumschweifender Bursche im Lande, die man Rebellen nannte – ich konnte nie ergründen, aus welcher Ursache. – Es sollten einige noch zu ihnen stoßen, die aber nie gekommen sind, – Ihr wißt schon, Mr. Crosbie, wen ich meine. – Endlich aber hatte der Spaß ein Ende. Geschorene Köpfe gab's vollauf, und rasirte Nacken kamen in die Mode. Ich erinnere mich nicht mehr recht, was ich that, als ich im Land herumstreifte mit Dolch und Pistolen im Gürtel, sechs Monate lang oder drüber; aber ich erwachte schwer aus einem unruhigen Traume, denn ich fand mich da zu Fuß an einem neblichten Morgen, meine Hand, wahrscheinlich damit sie nicht davonlaufe, in einer Handschelle, wie sie das Ding nennen, mit dem armen Harry Redgauntlet zusammengeschlossen; so gehen wir des Wegs mit noch einem Schock Anderer, die sich ebenfalls zu tief in den Sumpf gewagt hatten, einen Sergeanten von den Rothröcken mit zwei Reihen Dragoner zur Seite, um uns in Ruhe zu halten, und uns Muth zum Marsch zu machen. Wenn die Art zu reisen nicht sehr angenehm war, so war der Zweck der Reise auch nicht sehr lockend, denn Ihr versteht, junger Mann, daß man diese armen Rebellen nicht von Geschwornen ihrer eigenen lieben Landsleute richten lassen wollte, ob man gleich hätte denken sollen, sie hätten genug Whigs in Schottland finden können, um uns Alle hängen zu lassen; sie hielten es aber für passender, uns in Carlisle das Urtheil sprechen zu lassen, wo die Leute so eingeschüchtert waren, daß, wenn Ihr einen ganzen hochländischen Clan auf einmal in den Gerichtshof gebracht hättet, sie die Hände vor die Augen gehalten und geschrieen haben würden: Hängt sie Alle! nur um sie los zu werden.« »Ja, ja,« sagte der Richter, »das war eine schnelle Justiz; das geb' ich zu.« »Schnell,« sagte seine Frau; »ich möchte nur, die, welche sie angeordnet, stünden vor den Geschworenen, ich wollte sie ihnen empfehlen!« »Ich vermuthe, der junge Rechtsgelehrte hält dieß für ganz recht,« sagte Summertrees auf Fairford blickend, – »ein alter Rechtskundiger würde anders gedacht haben. Indeß ein Knittel mußte gefunden werden, um den Hund niederzuschlagen, und man wählte einen recht schweren. Nun, ich hielt meinen Kopf besser beisammen, als mein Geführte, der arme Kerl; denn ich hatte glücklicherweise weder an Weib noch an Kind zu denken, und Harry Redgauntlet hatte beides. – Ihr habt Harry gesehen, Mrs. Crosbie?« »Wahrhaftig ja,« sagte sie mit einem Seufzer, den wir früheren Erinnerungen zu schenken pflegen, deren Gegenstand nicht mehr ist. »Er war nicht so groß als sein Bruder, und überhaupt ein feinerer Mann. Nachdem er sich ein großes, englisches Vermögen erheirathet hatte, hielt man ihn für keinen so guten Schotten mehr, als Eduard.« »Da hatten die Leute unrecht,« sagte Summertrees, »der arme Harry war keiner von den großsprecherischen, einherstolzirenden Gecken, die von dem reden, was sie gestern thaten, oder morgen thun wollen; wenn irgend etwas gerade zu thun war, da hättet Ihr den Harry Redgauntlet sehen sollen. Ich sah ihn bei Culloden, als Alles verloren war, mehr thun, als zwanzig jener aufgeblasenen Prahler, bis die Soldaten, die ihn gefangen nahmen, schrieen, man solle ihm nichts zu Leid thun, so habe es Jemand ausdrücklich befohlen; denn er war der Tapferste von Allen. Nun, als ich an Harry's Seite ging und ich fühlte, daß er im Morgennebel meine Hand mit emporhob, um sich die Augen auszuwischen, denn wegen der Fesseln konnte er nicht anders, da meinte ich, mein Herz müsse um ihn brechen. Unterdessen probirte und probirte ich, meine Hand so klein als eine Damenhand zu machen, ob ich nicht allenfalls aus meiner eisernen Handschelle herausschlüpfen könne. Ihr könnt denken,« sagte er, indem er seine breite, knochigte Hand auf den Tisch legte, »daß ich genug zu thun hatte, mit meiner Hand so groß als eine Hammelsschulter, aber Ihr seht, die Faustknochen sind sehr groß, und so mußten sie mir die Handschelle ziemlich weit lassen; endlich schlüpfte ich mit meiner Hand heraus und wieder hinein, der arme Harry war aber so tief in seine Gedanken versenkt, daß ich ihm das, was ich that, nicht bemerklich machen konnte.« »Warum nicht?« sagte Allan Fairford, für den die Erzählung interessant zu werden anfing. »Weil eine ungeschlachte Bestie von einem Dragoner hart an der andern Seite ritt, und ich ihn eben so gut in's Geheimniß gezogen hätte, als Harry, und dann würde es nicht lange angestanden haben, bis eine Pistolenkugel durch meine Mütze geschlagen hätte. – Ich mußte also so gut wie möglich für mich selber sorgen, und, bei meiner Seele, es war Zeit, denn der Galgen stand mir schon vor dem Gesichte. Wir machten zu Moffat Halt, um zu frühstücken. Die Moore, über die wir marschirten, kannte ich recht gut, da ich in sehr verschiedenen Zeiten auf jedem Morgen Landes in dieser Gegend gejagt hatte. Seht, so wartete ich, bis ich an dem Rande des Teichs von Erickstane war. Ihr kennt den Platz, man nennt ihn gewöhnlich des Marquis Ochsenstand, weil die Bursche Annandale ihr gestohlenes Vieh dorthin zu treiben pflegen?« Fairford bezeugte seine Unwissenheit. »Ihr müßt's gesehen haben, als Ihr des Weges daher kamt; es sieht aus, als ob vier Hügel ihre Köpfe zusammensteckten, um alles Tageslicht von dem dunkeln, tiefen Raume zwischen ihnen auszuschließen. Eine tiefe, schwarze, gräulich aussehende Höhle ist da, und geht so schroff wie möglich gerade vom Wege hinab. Auf dem Grunde findet sich ein kleiner Bach, wo man es kaum für möglich halten sollte, daß er seinen Weg aus den hart aneinander liegenden Hügeln herausfinden könne.« »Keine gute Passage, in der That,« sagte Allan. »Ihr könnt wohl so sprechen, so schlimm der Act war, Sir, es war nur eine Wahl, und obgleich mir die Haut schauderte, wenn ich an den Rumpler dachte, den ich machen sollte, so faßte ich mir doch ein Herz. Und als wir eben an die Ecke des Ochsenstandes von Johnstones kamen, schlüpfte ich mit meiner Hand aus der Handschelle heraus, und rief dem Harry Redgauntlet zu: Folge mir! dann drückte ich mich unter dem Bauche des Dragonerpferdes hin, schlug mit Blitzesschnelle meinen Mantel um mich, warf mich auf die Seite, denn ich konnte hier keinen Fuß aufstellen, und kugelte nun hinab über Haidekraut, Brombeersträuche und Tannenwurzeln, gerade wie ein Faß hinabrollen würde. Bei Gott, Sir, ich muß noch lachen, wenn ich daran denke, wie die Schurken von Rothröcken Gesichter geschnitten haben mögen, denn der Nebel war, wie gesagt, sehr dick, darum merkten sie nicht, daß sie an einer so halsbrechenden Stelle waren. Halb war ich hinunter; denn das Kugeln geht schneller, als das Klettern, ehe sie ihre Waffen ergreifen konnten, dann ging's aber piff! paff! puff! auf der Straße, aber der Kopf war mir so toll, daß ich nicht daran denken konnte, oder auch nur an die harten Püffe, die ich von den Steinen erhielt. Ich behielt indessen meine Sinnen beisammen, was Jeder für wunderbar halten wird, der je den Platz gesehen hat, ich half mir mit den Händen so gut ich konnte und kam endlich auf den Grund. Hier lag ich einen Augenblick, aber der Gedanke an den Galgen kann so gut, als alle Riechflaschen in der Welt, einen Mann zu sich selbst bringen. Ich sprang auf wie ein vierjähriges Füllen. Alle die Hügel tanzten um mich, wie große, dicke Bienenschwärme. Ich hatte aber keine Zeit, daran zu denken, besonders da der Nebel sich durch das Feuern zerstreut hatte. Ich konnte die Schurken sehen, wie sie an der Kante des Moorbruchs herumkrochen, und ich glaube, sie sahen mich auch, denn einige begannen an dem Hügel hinabzuklettern, aber mehr wie alte Weiber in ihren rothen Mänteln, wenn sie von einer Feldpredigt nach Hause kommen, als wie ein gewandter Bursche, gleich mir. Darum hielten sie bald, und luden ihre Gewehre; Gott befohlen, ihr Herren, dachte ich, wenn es so geht. Wenn ihr noch ein Wort mit mir zu reden habt, so mögt ihr nur nach Carnefraw-Gauns kommen. Und so machte ich mich davon, und nie kam ich schneller über die Moore, als damals, und hielt auch nicht eher an, als bis ich drei Gewässer von ziemlicher Tiefe (denn es hatte kurz vorher geregnet), ein halbes Dutzend Berge, und ein paar tausend Acker Haide und Sumpf zwischen mir und meinen Freunden, den Rothröcken, hatte.« »Dieser Streich war es, der Euch den Namen Pate – in – Peril erwarb,« sagte Mr. Crosbie, füllte die Gläser und rief, während sein Gast, aufgeregt durch die Erinnerung, welche die That in ihm erweckte, mit triumphirender Miene nach Ausdrücken des Beifalls und einer gleichen Gesinnung umher sah, mit großem Emphase aus: »auf Eure gute Gesundheit! und möget Ihr Euren Hals immer in einem solchen Abenteuer wagen.« »Hum! Ich weiß nicht,« antwortete Summertrees. »Ich möchte keiner zweiten Versuchung ausgesetzt sein, doch wer weiß?« Hier machte er eine tiefe Pause. »Darf ich fragen, was aus Eurem Freund wurde?« sagte Allan Fairford. »Ach, der arme Harry,« erwiderte Summertrees; »ich sage Euch, es kostet immer Zeit, sich zu einem solchen Abenteuer zu entschließen, wie es mein Freund Crosbie nennt; Neil Maclean, der gerade hinter uns ging, aber das Glück hatte, dem Galgen ebenfalls durch einen listigen Streich zu entgehen, hat mir nachher erzählt, daß nach meinem Ausreißen der arme Harry bewegungslos stehen blieb, obgleich alle unsere mitgefangenen Brüder einen Lärmen machten so stark sie nur konnten, um die Aufmerksamkeit der Soldaten abzuziehen. Er rannte endlich hinweg, da er aber die Gegend nicht kannte, floh er, entweder aus Verwirrung oder weil er den Abhang für gar zu steil hielt, den Hügel links hinauf, anstatt sich mit Einemmal hinabzuwagen; so wurde er leicht verfolgt und gefangen. Wäre er meinem Beispiel gefolgt, so würde er auch genug Hirten gefunden haben, die ihn verborgen und ernährt hätten, wie mich, bis bessere Tags kamen.« »Er fiel wegen seines Antheils an der Insurrektion?« sagte Allan Fairford. »Allerdings,« sagte Summertrees, »sein Blut war zu roth, als daß man es zu einer Zeit hätte schonen sollen, wo diese Farbe so gesucht war. Er wurde hingerichtet, Sir, wie Ihr es nennt, d. h. er wurde mit kaltem Blute ermordet, wie so manche andere wackere Gesellen. – Wohl, auch wir werden unsern Tag haben – aufgeschoben ist nicht aufgehoben – sie halten uns Alle für todt und begraben – aber,« – hier füllte er sein Glas, murmelte einige undeutliche Drohungen, trank es aus, und nahm dann wieder seinen gewöhnlichen Ton an, welcher gegen das Ende seiner Erzählung ein wenig gestört worden war. »Was wurde aus Mr. Redgauntlets Kind?« » Master Redgauntlet! Es war Sir Henry Redgauntlet, und sein Sohn, wenn das Kind noch lebt, heißt Sir Arthur – ich nannte ihn Harry wegen unserer genauen Bekanntschaft, und Redgauntlet als das Oberhaupt seiner Familie – sein eigentlicher Name war Sir Henry Redgauntlet.« »Sein Sohn ist also todt?« fragte Allan Fairford. »Es ist doch Schade, wenn ein tapferer Stamm aussterben sollte.« »Er hat einen Bruder hinterlassen,« sagte Summertrees, »welcher jetzt der Repräsentant der Familie ist. Und es ist auch gut so, denn ob er gleich in vieler Hinsicht unglücklich ist, so wird er doch die Ehre seines Hauses besser aufrecht erhalten, als ein unter diesen erbitterten Whigs, den Verwandten der Gemahlin Sir Henry's erzogener Knabe; denn sie stehen mit der Familie Redgauntlet auf keinem guten Fuße; erbitterte Whigs sind sie in jeder Hinsicht. Es war eine tolle Heirath zwischen Sir Henry und seiner Gemahlin. Das arme Ding, sie wollten ihr nicht gestatten, ihn im Gefängniß zu sehen, und da sein ganzes Eigenthum in Beschlag genommen und geplündert war, so hätte es ihm an den gewöhnlichsten Notwendigkeiten gefehlt, ohne die Anhänglichkeit eines weit bekannten blinden Geigers. Ich habe ihn selbst bei Sir Henry gesehen, vor und während der Geschichte. Ich hörte, er habe in den Straßen von Carlisle die Geige gespielt, und das Geld, was er bekam, seinem Herrn gebracht, während er in dem Schlosse eingesperrt war.« »Ich glaube kein Wort davon,« sagte Mrs. Crosbie, glühend vor Unwillen. »Ein Redgauntlet wäre zwanzigmal gestorben, ehe er von einem Geiger etwas genommen hätte.« »Ho ho! nicht oben hinaus, das ist alles Unsinn und Uebermuth,« sagte der Laird von Summertrees. »Die leckersten Hunde essen auch schlechte Brocken, Base Crosbie, Ihr wißt nicht, was einige Eurer Freunde in jener Zeit thun mußten um ein Näpfchen voll Suppe oder um ein Stück Brod. Ich habe z. B. ein Scheerenschleifersrad mehrere Wochen lang herumgeführt, theils aus Noth, theils um mich zu verbergen, da habe ich an jedes alten Weibes Thür bigg, bigg, wigg, wigg, gemacht, und wenn Ihr einmal Eure Scheeren geschliffen haben wollt, ich kann es für Euch thun, wenn mein Rad in Ordnung ist.« »Ihr müßt mich erst um Erlaubniß bitten,« sagte Mr. Crosbie, »denn ich habe mir erzählen lassen, daß Ihr die sonderbare Mode habt, einen Kuß statt des Pfennigs zu nehmen, wenn Euch der Kunde gefiel.« »Kommt, kommt, mein Herr,« sagte die Lady aufstehend, »wenn der Punsch bei Euch über das Essen die Oberhand bekömmt, dann ist es Zeit, mich zurück zu ziehen. Wenn Ihr aber eine Tasse Thee wollt, meine Herren, so kommet auf mein Zimmer.« Allan Fairford war nicht sehr betrübt über die Entfernung der Dame. Sie schien, obgleich nur im vierten Grade verwandt, doch zu viel auf die Ehre des Hauses Redgauntlet zu halten, um nicht durch die Nachforschungen nach den Verhältnissen des jetzigen Oberhaupts, welche er zu machen gesonnen war, in Unruhe gebracht zu werden. Sonderbare verwirrte Vermuthungen stiegen in seiner Seele auf aus der unvollkommenen Erinnerung an die Erzählung vom wandernden Willin, und unwillkürlich drang sich ihm der Gedanke auf, sein Freund, Darsie Latimer, sei der Sohn des unglücklichen Sir Henry. Ehe er aber solchen Vermuthungen nachhing, mußte er zu entdecken suchen, was gegenwärtig aus ihm geworden war. Wenn er in den Händen seines Oheims war, konnte da nicht einige Eifersucht wegen Vermögen und Rang entstehen, welche einen so harten Mann, wie Redgauntlet, zu schlimmen Maßregeln gegen einen Jüngling verleiten mochte, den er nicht nach seinen Absichten zu modeln im Stande war? Schweigend überlegte er dieß, während die Gläser mehrmals um die Bowle herumgingen, und wartete bis der Hr. Richter, gemäß seinem eigenen Vorschlag, der Sache erwähnen würde, weßwegen er ihn ausdrücklich mit Mr. Maxwell von Summertrees bekannt gemacht hatte. Scheinbar hatte der Herr Richter sein Versprechen vergessen, oder war wenigstens nicht sehr eilig, es zu erfüllen. Er sprach mit großem Ernste von der Stempelakte, welche gerade damals den amerikanischen Colonien drohte, und über andere Gegenstände der Tagespolitik, aber sagte kein Wort von Redgauntlet. Allan sah bald, daß er die Nachfrage, die er im Sinne hatte, selbst beginnen müsse; und beschloß, demgemäß zu verfahren. Diesem Entschluß zu Folge ergriff er die erste Gelegenheit, die sich ihm bei einer Pause in der Discussion der Colonialpolitik darbot, und sagte: »Ich muß Euch, Mr. Crosbie, an Euer gütiges Versprechen erinnern, mir einige Nachricht über den Gegenstand zu verschaffen, wegen dessen ich so besorgt bin.« »Wahrhaftig!« sagte Mr. Crosbie nach augenblicklichem Besinnen, »das ist so, Mr. Maxwell, wir wünschen Euch wegen einer wichtigen Sache um Rath zu fragen. Ihr müßt wissen, in der That, Ihr müßt gehört haben, daß die Fischer zu Brocken-Burn und höher hinauf die von Solway einen Angriff auf die Stecknetze des Quäckers Geddes unternommen und Alles dem Sande gleich gemacht haben.« »In der That, ich hab' es gehört, Mr. Crosbie, und es freut mich, daß sich die Bursche selbst Recht verschafft haben gegen eine Sitte, welche die obern Fischer noch zu einer Art von Gluckhennen gemacht hätte, um die Fische zu hegen, welche das Volk unten dann fangen und essen soll.« »Wohl,« sagte Allan, »darauf kommt es indessen hier nicht an. Aber ein junger Freund von mir war zu jener Zeit, als sich dieser Vorfall ereignete, bei Mr. Geddes, und seit dem hat man nichts mehr von ihm gehört. Nun meint unser Freund, Herr Crosbie, daß Ihr uns rathen könntet« – – Hier wurde er von Mr. Crosbie und Mr. Summertrees unterbrachen, welche Beide zu gleicher Zeit zu sprechen anfingen, der Erste, um jedes Interesse, das er an der Sache haben konnte, in Abrede zu ziehen, und der Letzte, um einer Antwort zu entgehen. »Ich glauben?« sagte Mr. Crosbie, »ich habe gar nicht wieder daran gedacht; mir ist die Sache ganz gleichgültig gewesen.« »Und ich, ich soll Euch rathen!« sagte Mr. Maxwell, »was der Teufel kann ich Euch weiter rathen, als daß Ihr den Ausrufer holen laßt, um Euer verlorenes Schaf in der Stadt auszuschreien, wie man es bei Wachtelhunden oder entflogenen Papagayen macht?« »Mit Eurer Erlaubniß,« sagte Allan ruhig aber entschlossen; »ich muß Euch um eine ernstere Antwort bitten.« »Wie, Herr Advokat,« antwortete Summertrees, »ich dachte, es wäre Euer Geschäft, den Lehnsleuten Rath zu ertheilen, und nicht Euch von armen einfältigen Landedelleuten Rathes zu erholen.« »Wenn nicht gerade Rath, so ist es doch bisweilen unsere Pflicht, Fragen vorzulegen, Mr. Maxwell.« »Ja, Sir, wenn Ihr Eure Perrücke und Eure Robe anhabt, dann müssen wir Euch schon das gewöhnliche Privilegium der Advokaten und der Weiber zugestehen, zu sagen, was Euch beliebt. Wenn Ihr aber Euren Amtsschmuck nicht anhabt, so ist die Sache anders, wie kommt Ihr dann dazu, anzunehmen, daß ich mit dem aufrührerischen Vorgang in Verbindung stehe, oder mehr davon wissen soll, wie Ihr, was dort vorging? Die Frage geht von einer sehr unpassenden Voraussetzung aus.« »Ich will mich erklären,« sagte Allan, entschlossen, dem Mr. Maxwell keine Gelegenheit zu geben, die Unterredung abzubrechen; »Ihr seid ein genauer Freund von Mr. Redgauntlet, er ist beschuldigt, an diesem gewaltsamen Angriff Theil genommen, und mit Gewalt sich der Person meines Freundes Darsie Latimer bemächtigt zu haben, eines jungen Mannes von Vermögen und Einfluß, nach dessen Schicksal zu forschen ich fest entschlossen bin. Dieß ist der klare Stand der Sache, und alle dabei interessirten Parteien, Euer Freund insbesondere, werden Ursache haben, mir für die gemüßigte Art dankbar zu sein, womit ich die Sache zu leiten gesonnen bin, wenn ich mit verhältnißmäßiger Offenheit behandelt werde.« »Ihr habt mich mißverstanden,« sagte Maxwell in einem schon weit milderen Tone; »ich sage Euch, ich sei der Freund des letzten Sir Henry Redgauntlet gewesen, der im Jahre 1745 zu Hairibie, nahe bei Carlisle, hingerichtet wurde, aber ich kenne Niemanden, der jetzt den Namen Redgauntlet führt.« »Ihr kennt doch Mr. Herries von Birrenswork,« sagte Allan lächelnd, »dem der Name Redgauntlet zusteht?« Maxwell sah den Mr. Crosbie mit einem scharfen, vorwurfsvollen Blick an, erheiterte aber sogleich seine Stirne, und ging in einen Ton von Zutrauen und Offenherzigkeit über. »Ihr müßt nicht unwillig sein, Mr. Fairford, daß die armen verfolgten Eidweigerer ein wenig auf ihrer Hut sind, wenn solche gewandte junge Männer, wie Ihr, Nachforschungen anstellten. Ich selbst, ob ich gleich außer aller Verlegenheit bin, und meinen Hut bei Sonnen- oder Mondschein am Kreuze D. h. bei dem Gerichtshofe. so keck aufsetzen kann, wie Ihr, bin ich doch so gewöhnt gewesen, den Zipfel meines Mantels vor's Gesicht zu halten, daß ich, meiner Treu noch jetzt, wenn so ein Rothrock schnell auf mich zukommt, mein Rad und meinen Schleifstein auf einen Augenblick herbeiwünsche. Der arme Redgauntlet aber ist noch weit schlimmer daran, der steht noch, wie Ihr gehört haben werdet, unter der Ruthe des Gesetzes, das Zeichen des Thiers ist noch auf seiner Stirne, der arme Mann, und dieß macht uns vorsichtig, sehr vorsichtig, was wir sicherlich gegen Euch nicht nöthig haben, da ein Mann von Eurem Ansehen und Wesen einen unglücklichen Edelmann sicherlich nicht hintergehen wird.« »Im Gegentheil, Sir,« sagte Fairford, »ich wünschte Mr. Redgauntlets Freunden eine Gelegenheit zu geben, ihn aus aller Verlegenheit zu bringen, indem sie die augenblickliche Befreiung meines Freundes Darsie Latimer bewerkstelligen. Ich will die Versicherung geben, daß die Sache ruhig und ohne Untersuchung vorübergehen soll, wenn meinem Freunde nichts Schlimmeres, als eine kurze Einkerkerung widerfahren ist; allein diesen für einen Mann, der die Gesetze schon vorher so schwer gekränkt, und nun auf's Neue so gröblich verletzt hat, so erwünschten Ausgang kann nur eine schleunige Genugthuung herbeiführen.« Maxwell schien in Nachdenken verloren, und wechselte mit dem Herrn Richter einige Blicke, die nicht sehr tröstlicher Art waren. Fairford stand auf, und ging im Zimmer umher, um ihnen Gelegenheit zu einer Unterredung zu geben, denn er hoffte, daß der sichtbare Eindruck, den er auf Summertrees gemacht hatte, seinem Vorhaben gedeihlich werden würde. Sie ergriffen die Gelegenheit, und wisperten einander in die Ohren, der Laird auf eine ziemlich heftige Weise, während der Herr Richter im verlegenen und entschuldigenden Tone antwortete. Einige abgebrochene Worte vernahm Fairford, dessen Gegenwart sie zu vergessen schienen, da er im Hintergrund des Zimmers stand, scheinbar beschäftigt, die Figuren auf einem schönen indischen Schranke zu betrachten, den Mr. Crosbie von seinem Bruder, einem Schiffkapitän im Dienst der Compagnie, zum Geschenk erhalten hatte; was er hörte, überzeugte ihn, daß sein Vorhaben und die Hartnäckigkeit, womit er es verfolgte, zwischen den Herren Streit erregt hatte. Dem Mr. Maxwell entfuhren endlich die Worte: »und ihn so mit begossenem Schwanze nach Hause zu schicken, wie einen Hund, der in fremden Küchen gestohlen hat.« Mr. Crosbie schob eine starke Verneinung dazwischen, »nicht daran zu denken – macht die Sache nur schlimmer – meine Lage – mein Vortheil – ihr glaubt nicht wie hartnäckig – gerade wie sein Vater« – Sie wisperten nun noch enger zusammen, endlich aber erhob Mr. Crosbie das sinkende Haupt; er sprach in einem freundlichen Tone; »kommt, setzt Euch nieder zu Eurem Glas, Mr. Fairford, wir haben unsere Köpfe zusammengestreckt, und Ihr sollt sehen, daß unser Fehler es nicht sein wird, wenn Ihr nicht ganz zufrieden gestellt werdet, und Mr. Darsie Latimer wieder seine Geige unter den Arm nehmen kann. Aber Summertrees glaubt. Ihr müsset Euch dabei einer persönlichen Gefahr aussetzen, und dieß werdet Ihr nicht wagen wollen.« »Meine Herren,« sagte Fairford, »ich werde sicherlich keine Gefahr scheuen, wodurch mein Zweck erreicht werden kann; aber ich lege es Euch auf Euer Gewissen, auf Eures, Mr. Maxwell, als eines Mannes von Ehre und eines Edelmannes, und auf das Eurige, Mr. Crosbie, als einer obrigkeitlichen Person und eines treuen Unterthan, daß Ihr mich in dieser Angelegenheit nicht irre leitet.« »Nein, was mich betrifft,« sagte Summertrees, »ich will Euch mit Einemmal die Wahrheit sagen, und offen gestehen, daß ich Mittel weiß, den armen Redgauntlet zu sehen; und dieß will ich thun, wenn Ihr es verlangt, und ihn beschwören, Euch so zu behandeln, wie Euer Geschäft es erfordert; aber der arme Redgauntlet ist sehr verändert, ja, die Wahrheit zu sagen, sein Temperament war nie das beste, indessen will ich Euch vor jeder größeren Gefahr sicher stellen.« »Davor werde ich mich selbst schützen,« sagte Fairford, »indem ich eine hinreichende Bedeckung mitnehme.« »In der That,« sagte Summertrees, »das werdet Ihr nicht thun, denn für's Erste, glaubt Ihr, daß wir den armen Mann in die Hände der Philister liefern würden, da im Gegentheil mein einziger Zweck war, die Sache in jeder Hinsicht auf eine feierliche Weise abzuthun, und ich nur darum den Schlüssel in Eure Hand gebe? Und zweitens, er ist klug genug, daß, wenn Ihr mit Soldaten oder Constablern oder etwas dergleichen ihm nahe kommt, ich Euch dafür stehen kann, daß Ihr ihn nie erwischen werdet.« Fairford bedachte sich einen Augenblick, und überlegte, daß der Vortheil, diesen Mann zu sehen, um Kenntniß von der Lage seines Freundes zu erhalten, mit keiner persönlichen Gefahr zu theuer erkauft sei: wenn er aber den für sich selbst sichersten Weg einschlug, und die Gesetze zu Hülfe nahm, so sah er wohl, würde er der nöthigen Nachrichten beraubt sein, die ihn leiten mußten, oder Redgauntlet würde von der Gefahr benachrichtigt, wahrscheinlich das Land verlassen, und seinen Gefangenen mit sich führen. Er wiederholte daher: »ich verlasse mich auf Euer Ehrenwort, Mr. Maxwell, und werde allein Euern Freund aufsuchen. Ich zweifle kaum, daß ich ihn zur Vernunft bringen, und von ihm genügenden Aufschluß über Mr. Latimer erhalten werde.« »Ich zweifle auch nicht daran,« sagte Mr. Maxwell von Summertrees, »doch wird es immer eine Zeitlang dauern, und Ihr werdet Verzug und Unbequemlichkeit dabei haben. Meine Versicherung geht nicht weiter.« »Ich nehme sie, wie sie gegeben wurde,« sagte Allan Fairford; »aber laßt mich fragen, wäre es nicht besser, da Eures Freundes Sicherheit Euch so sehr am Herzen liegt, und Ihr sicherlich die meinige mit Willen nicht in Gefahr bringen werdet, daß der Hr. Richter oder Ihr mit mir geht, wenn Mr. Redgauntlet nicht zu weit entfernt ist, um zu versuchen, ihn zur Vernunft zu bringen?« »Ich! – Ich gehe keinen Schritt,« sagte der Hr. Richter; »dessen seid versichert, Mr. Allan. Redgauntlet ist meines Weibes Vetter im vierten Grad, das ist nicht zu läugnen, wäre er aber auch der letzte von ihren und meinen Verwandten, so würde es doch meinem Amte schlecht anstehen, mit Rebellen zu verkehren.« »Ja, oder mit Eidweigerern zu trinken,« sagte Maxwell, und füllte sein Glas, »ich würde eben sowohl erwarten können, Claverhouse bei einer Feldpredigt zu finden, und was mich betrifft, Mr. Fairford, so kann ich gerade aus dem entgegengesetzten Grunde nicht mitgehen. Es würde unter der Würde des Richters dieser blühenden und loyalen Stadt sein, mit Redgauntlet zu verkehren, und bei mir würde es heißen: Sag mir, mit wem du gehst u.s.w. Da würde eine Post nach London abgehen mit der Zeitung, zwei solche Jakobiten, wie Redgauntlet und ich, hätten auf der Haide eine Zusammenkunft gehabt – die habeas Corpusakte würde suspendirt werden – die Fama würde von Carlisle bis an des Landes Ende in die Trompete stoßen, und wer weiß, der Windstoß könnte mein ganzes Vermögen mir unter den Fingern wegblasen, und meinen Körper noch einmal in das Loch bei Erickstone? Nein, nein, behüte mich der Himmel – ich will in des Hrn. Richters Kabinet gehen, und einen Brief an Redgauntlet schreiben, und Euch anweisen, wie Ihr ihn überliefern sollt.« »Da ist Dinte und Feder in dem Zimmer,« sagte Mr. Crosbie, und deutete auf die Thüre eines Gemachs, in welchem sein nußbaumener Schreibtisch und sein ostindischer Schrank sich befanden. »Eine Feder, die schreiben kann, hoffe ich?« sagte der alte Laird. »Sie kann schreiben, und orthographisch, beides in der rechten Hand,« antwortete Mr. Crosbie, indem der Laird sich zurückzog und die Thür hinter sich zumachte. Zwölftes Kapitel. Erzählung von Allan Fairford. (Fortsetzung.) Mr. Maxwell von Summertrees hatte nicht so bald das Zimmer verlassen, als Mr. Crosbie ängstlich nach allen Seiten hinblickte, seinen Stuhl dicht an den seines Nachbars rückte, und mit leiser Stimme, daß die kleinste Maus, die über den Boden laust, nicht erschreckt worden wäre, ihm in's Ohr zu wispern begann. »Mr. Fairford,« sagte er, »Ihr seid ein guter Junge, und was noch mehr ist, Ihr seid meines alten Freundes Sohn. Euer Vater ist Jahre lang der Agent dieser Stadt gewesen, und hat etwas in unserem Rathe zu sagen; so sind Verbindlichkeiten zwischen uns entstanden, bald auf der einen, bald auf der andern Seite, aber Verbindlichkeiten sind da. Ich bin ein schlichter Mann, Mr. Fairford, doch ich hoffe, Ihr versteht mich.« »Ich glaube, Ihr meinet es gut mit mir, Mr. Crosbie,« erwiderte Fairford; »und sicherlich könnt Ihr Eure Güte bei keiner besseren Gelegenheit zeigen.« »Das ist's, ja das ist eben der Punkt, wohin ich wollte, Mr. Allan; denn außerdem, daß ich, wie es meiner Stellung zukömmt, ein standhafter Freund der Kirche und des Königs bin, womit ich die jetzigen Anordnungen in der Kirche und dem Staate meine, so könnt Ihr, wie ich sagte, immer rechnen auf meinen besten – Rath.« »Ich hoffe auch auf Eure Hülfe und Mitwirkung,« sagte der Jüngling. »Gewiß, gewiß. Nun, Ihr seht, es kann einer die Kirche lieben, ohne eben auf ihren äußerlichen Schmuck besonders bedacht zu sein, und es kann einer den König lieben, ohne zu verlangen, daß die unglücklichen Leute, die vielleicht einen andern König mehr lieben, ihn immer auf der Zunge haben sollen. Ich habe Freunde und Verbindungen unter ihnen, Mr. Fairford, wie Euer Vater Clienten haben mag, sie sind Fleisch und Blut wie wir, diese armen Jacobiten, Söhne Adams und Eva's doch immer, und darum, – ich hoffe, Ihr versteht mich – ich bin ein offener, schlichter Mann.« »Ich fürchte, ich verstehe Euch nicht so ganz,« sagte Fairfort»; »und wenn Ihr mir irgend etwas im Geheim zu sagen habt, mein theurer Mr. Crosbie, so würdet Ihr besser thun, schnell damit herauszurücken, denn der Laird muß seinen Brief in wenigen Minuten fertig haben.« »Geht nicht so schnell, der Pate ist zwar gleich im Kopfe fertig, aber seine Feder läuft nicht so schnell über das Papier, als sein Jagdhund über die Ebene von Tinwald. Ich gab ihm vorhin eine Stichelrede, wenn Ihr es bemerkt habt; ich kann manches zu Pate – in – Peril sagen, indeß er ist meiner Frau naher Verwandter.« »Aber Euer Rath, Mr. Crosbie,« sagte Allan, welcher begriff, daß der würdige Richter, wie ein scheues Pferd, vor seinem eigenen Vorsatz zurückbebte, gerade wenn er sich ihm nähern zu wollen schien. »Nun, Ihr sollt ihn haben in schlichten Worten, denn ich bin ein schlichter Mann. – Seht, ich will annehmen, irgend ein Freund wie Ihr selbst, wäre im tiefsten Loche des Nith, und Ihr strengtet Euch an, um Euer Leben zu retten. Nun seht, so ist der Fall; ich kann Euch nicht wohl helfen, ich bin ein dicker, kurzarmigter Mann, und kein Schwimmer, was würde es nun nützen, wenn ich Euch nachspränge?« »Ich verstehe Euch, glaube ich,« sagte Allan Fairford. »Ihr glaubt, Darsie Latimer sei in Lebensgefahr.« »Ich, ich sage gar nichts darüber, Mr. Allan; aber wenn er es wäre, was ich durchaus nicht glaube, so fließt ja kein Tropfen Blut von ihm in Euren Adern, Mr. Allan.« »Aber hier bietet mir Euer Freund Simmertrees einen Brief an diesen Redgauntlet an, was sagt Ihr dazu?« »Ich, Mr. Allan, ich sage ganz und gar nichts dazu, aber Ihr wißt nicht, was es heißt, einem Redgauntlet in's Gesicht zu sehen; versucht es nur einmal mit meiner Frau, die nur eine von ihnen im vierten Grade ist, ehe Ihr es mit dem Laird selber wagt, sagt nur einmal etwas von der Revolution, und seht, wie sie Euch anblickt.« »Die Schüsse von dieser Batterie überlasse ich Euch alle, Mr. Crosbie, aber sprecht Euch aus, wie ein Mann, glaubt Ihr, Summertrees meine es ehrlich mit mir?« »Ehrlich, er kommt gerade, ehrlich? Ich bin ein schlichter Mann, Mr. Fairford, aber Ihr sagt ehrlich !« »Ich sagte so,« erwiderte Allan, »und es ist für mich von Wichtigkeit, es zu wissen, und für Euch, es mir zu sagen, wenn dem so ist, denn wenn Ihr es nicht thut, so seid Ihr ein Mitschuldiger des Mords vor der That, und zwar unter Umständen, die die Sache einem vorbedachten Morde nahe bringen.« »Mord! Wer spricht denn von Mord,« sagte der Richter, »das ist nicht zu fürchten, Mr. Allan, nur wenn ich an Eurer Stelle wäre, um ganz offen zu sprechen,« hier näherte er seinen Mund dem Ohre des jungen Rechtsgelehrten, und nach einem nochmaligen heftigen Geburtsschmerze ward er endlich von folgendem Rathe glücklich entbunden: »Thut einen Blick in Pate's Brief, ehe Ihr ihn abgebt.« Fairford erschrak, blickte ihm starr in's Gesicht und schwieg, während Mr. Crosbie mit der Selbstgefälligkeit eines Menschen, der es endlich über sich vermocht hat, sich mit eigener Aufopferung einer schweren Pflicht zu entledigen; er nickte und winkte dann Allan zu, um seinem Rathe mehr Nachdruck zu geben, stürzte dann ein großes Glas Punsch hinab, und schloß mit dem Seufzer eines Menschen, der von einer drückenden Last befreit ist: »Ich bin ein gerader Mann, Mr. Fairford.« »Ein gerader Mann!« sagte Maxwell, der in dem Augenblick in's Zimmer trat, den Brief in der Hand; »ich hörte nie von Euch diesen Ausdruck, als wenn Ihr gerade einen lustigen Streich zu vollbringen hattet.« Mr. Crosbie sah etwas dumm aus, und der Laird von Summertrees sah Allan Fanford scharf und argwöhnisch an, dieser aber hielt den Blick mit advokatenmäßiger Unerschrockenheit aus. – Es entstand eine augenblickliche Pause. »Ich versuchte,« sagte Mr. Crosbie, »unsern jungen Freund von seinem unbedachten Zuge abzuhalten.« »Und ich,« sagte Fairford, »bin entschlossen, ihn zu unternehmen. Ich vertraue mich Euch an, Mr. Maxwell, ich verlasse mich, wie ich vorhin sagte, auf das Wort eines Edelmanns.« »Ich leiste Euch Gewähr für alle ernsthafte Folgen, auf einige Unbequemlichkeiten aber müßt Ihr Euch gefaßt machen.« »Diesen will ich mich unterziehen und der Gefahr muthig entgegentreten.« »Wohlan denn,« sagte Summertrecs, »Ihr müßt nach –« »Ich will Euch allein lassen, meine Herren,« sagte Mr. Crosbie aufstehend, »wenn Ihr mit Eurer Sache fertig seid, so findet Ihr mich am Theetisch meiner Frau.« »Und ein vollendeteres altes Weib hat nie am Theetisch gesessen,« sagte Maxwell, als jener die Thüre zumachte; »das letzte Wort trifft ihn, spreche es wer es will, »und doch, weil er ein schlangenglatter Kerl ist, weil er auf eine gute Weise von sich selber zu sprechen versteht, gute Verbindungen hat, und besonders weil man noch nie ausfinden konnte, ob er Whig oder Tory ist, hat man ihn schon zum dritten Mal zum Richter gemacht! Doch zur Sache. Dieser Brief, Mr. Fairford (hier übergab er ihm denselben versiegelt), ist, wie Ihr seht, an Mr. H...... von B...... überschrieben, und enthält Eure Beglaubigung bei diesem Herrn, der auch unter seinem Familiennamen Redgauntlet bekannt ist; man adressirt aber selten die Briefe an ihn unter diesem Namen, weil er in einer gewissen Parlamentsakte auf eine etwas gehässige Weise erwähnt ist; ich zweifle nicht, daß er Euch wegen der Sicherheit Eures Freundes beruhigen, und ihn in kurzer Zeit in Freiheit setzen wird, vorausgesetzt nämlich, daß er wirklich sich in seinem Gewahrsam befindet. Die Hauptsache aber ist, seinen Aufenthaltsort zu entdecken, und bevor ich Euch diese nothwendige Nachweisung ertheile, müßt Ihr mich auf Euer Ehrenwort versichern, daß Ihr Niemand weder mündlich noch schriftlich von der Unternehmung, die Ihr vorhabt, in Kenntniß setzen werdet.« »Wie, Sir!« antwortete Allan, »könnt Ihr erwarten, daß ich Niemand von dem Wege, den ich einschlagen will, in Kenntniß setzen werde, damit man im Falle eines Unglücks weiß, wo ich bin, und in welcher Absicht ich diesen Weg einschlug?« »Und könnt Ihr erwarten, erwiderte Maxwell in dem nämlichen Tone, »daß ich meines Freundes Sicherheit nicht blos in Eure Hand, sondern in die irgend eines Menschen legen werde, den Ihr zu Eurem Vertrauten wählen möchtet, und der diese Kenntniß zu seinem Verderben anwenden könnte? Nein, nein, ich habe mein Wort für Eure Sicherheit verpfändet, und Ihr müßt mir das Eurige geben, diese Sache geheim zu halten; Ihr kennt das Sprichwort: was dem einen recht, ist dem andern billig.« Allan Fairford konnte sich nicht verhehlen, daß diese Verpflichtung zum Geheimniß der ganzen Verhandlung einen neuen verdächtigen Anstrich gab; da er aber bedachte, daß die Freiheit seines Freundes von der Annahme dieser Bedingung möglicher Weise abhinge, leistete er das Versprechen, mit dem Entschlusse, es zu halten. »Und nun, Sir,« sagte er, »wohin soll ich mit diesem Briefe gehen? Ist Mr. Herries zu Broken-Burn?« »Nein, und ich glaube, er wird auch nicht wieder dorthin kommen, bis die Sache mit den Stecknetzen vertuscht ist, auch möcht' ich es ihm nicht rathen; die Quäker mit aller ihrer Ehrbarkeit können ihren Groll so lange behalten, als andere Leute; und ob ich gleich nicht die Klugheit des Mr. Crosbie besitze, der nicht wissen will, wo sich seine Freunde im Unglücke aufhalten, damit man ihn nicht vielleicht auffordern möchte, zu ihrer Befreiung mitzuwirken, so halte ich es doch weder für nöthig, noch für klug, mich nach Redgauntlets Fahrten zu erkundigen, sondern ich wünschte, mir vollkommene Freiheit zu bewahren, daß ich auf Befragen antworten kann, ich wüßte nichts davon. Ihr müßt jetzt nach Annan zu dem alten Tom Trumbull gehen, den die Leute Tom Turnpenny nennen, und dieser weiß entweder wo Redgauntlet ist, oder kann Euch einen klugen Rath geben. Ihr müßt aber wissen, daß der alte Turnpenny Euch auf keine Frage der Art Antwort gibt, wenn Ihr nicht das Erkennungswort aussprecht, indem Ihr ihn nach dem Stande des Mondes fragt; wenn er antwortet: nicht Licht genug, um eine Ladung an's Land zu bringen; dann sagt Ihr: Zum Henker denn alle Kalender von Aberdeen! Dann wird er frei mit Euch sprechen. Nun aber möcht' ich Euch rathen, keine Zeit zu verlieren, denn die Parole wird oft gewechselt, und nehmt Euch unter diesen Mondlichtburschen in Acht, denn Rechte und Rechtsgelehrte stehen nicht hoch in ihrer Gunst.« »Ich will im Augenblick abreisen,« sagte der junge Advokat, »ich will nur erst bei M. Crosbie und seiner Gemahlin mich verabschieden, und dann so bald hinwegreiten, als der Hausknecht in Georgs Gasthof satteln kann; was die Schmuggler betrifft, so bin ich weder Zollaufseher, noch Accisebeamter, und wie der Mann, der dem Teufel begegnete, habe ich ihnen nichts zu sagen, wenn sie mir nichts sagen wollen.« »Ihr seid ein wackerer, junger Mann,« sagte Summertrees, augenblicklich mit wachsender Vorliebe, da er an Allan eine Raschheit und Verachtung der Gefahr bemerkte, die er vielleicht von seinem Aussehen und Gewerbe nicht erwartet hatte; »ein recht wackerer, junger Mann in der That! Und es ist fast Schade – –« Hier hielt er plötzlich inne. »Was ist Schade?« fragte Fairford. »Es ist fast Schade, daß ich nicht selbst mit Euch gehen, oder Euch wenigstens einen vertrauten Führer geben kann.« Sie gingen nun mit einander in das Schlafzimmer des Mr. Crosbie, denn in diesem Zufluchtsorte servirten in jener Zeit die Damen den Thee, wenn das Gesellschaftszimmer von der Punschbowle eingenommen war. »Ihr seid ja recht mäßig gewesen, meine Herren,« sagte Mrs. Crosbie; »ich fürchte, Summertrees, daß mein Herr Gemahl Euch ein schlechtes Gebräu vorgesetzt hat; Ihr seid sonst nicht gewohnt, die Punschbowle so bald im Stich zu lassen. Euch sage ich nichts, Mr. Fairford, denn Ihr seid noch zu jung, um lange fort zu zechen; doch ich hoffe, Ihr werdet der feinen Welt in Edinburg nicht sagen, daß Mr. Crosbie Euch den Becher vor dem Munde wegnahm, wie es in dem Liede heißt.« »Ich bin Ihrem Herrn Gemahl und Ihnen, Madame, sehr verbunden für Ihre Güte,« erwiderte Allan; »die Wahrheit aber ist, ich habe noch einen langen Ritt vor mir diesen Abend, und je bälder ich zu Pferde bin, desto besser.« »Diesen Abend?« fragte Mr. Crosbie ängstlich; »wäre es nicht besser, morgen früh bei Tage weg zu reiten?« »Mr. Fairford wird eben so gut in der Abendkühle reiten,« sagte Summertrees, indem er Allan das Wort aus dem Munde nahm. Mr. Crosbie sagte nichts mehr, und auch seine Frau that leine Frage, und bezeugte kein Erstaunen über die plötzliche Abreise ihres Gastes. Nachdem Allan seinen Thee getrunken hatte, nahm er mit den gewöhnlichen Höflichkeitsäußerungen Abschied. Der Laird von Summertrees schien jede fernere Mittheilung zwischen ihm und Crosbie absichtlich zu verhindern, und blieb auf dem Treppenabsatze müssig stehen, während sie sich verabschiedeten; er hörte Crosbie fragen, ob Allan bald zurückzukommen gedenke, worauf der Letztere erwiderte, daß sein Aufenthalt ungewiß sei; auch war er Zeuge, wie sie sich beim Abschied wärmer als gewöhnlich die Hand drückten, und Mr. Crosbie mit zitternder Stimme seinem jungen Freunde sagte: »Gott segne Euch, und gebe Euch Glück.« Maxwell ging mit Fairford bis in den Gasthof, ob er gleich allen Versuchen einer nähern Erkundigung nach den Angelegenheiten Redgauntlets widerstand, und ihn auf Tom Trumbull wegen den besonderen Umständen, deren Kenntniß ihm nöthig scheinen mochte, verwies. Endlich wurde Allans Klepper vorgeführt, ein Thier mit langem Hals und hohen Füßen, beschwert mit ein paar Satteltaschen, die des Reiters Reisegarderobe enthielten. Stolz hinsehend auf seine geringen Habseligkeiten, und keineswegs beschämt über eine solche Art zu reisen, die ein neuer Mr. Silberstimme für die größte Herabwürdigung ansehen würde, nahm Allan Fairford von dem alten Jacobiter Pater in Peril Abschied, und machte sich nach dem königlichen Flecken Annan auf den Weg. Seine Betrachtungen während des Ritts waren nicht die angenehmsten. Er konnte sich nicht verhehlen, daß er ein wenig gar zu keck sich in die Gewalt geächteter und verzweifelter Menschen gebe, denn mit solchen nur konnte vermuthlicher Weise ein Mann in Redgauntlets Lage verbündet sein. Auch an andern Ursachen zu Befürchtungen fehlte es nicht. Allans scharfer Beobachtung waren verschiedene Zeichen von Einverständniß zwischen Mr. Crosbie und dem Laird von Summertrees nicht entgangen, und es war offenbar, daß des Herrn Richters günstige Gesinnung für ihn, die er für aufrichtig und gut gemeint hielt, nicht fest genug war, um dem Einfluß der Verbindung zwischen seiner Frau und seinem Freunde Widerstand zu leisten. Mr. Crosbie's Lebewohl war wie Macbeths Amen im Halse stecken geblieben, und schien anzuzeigen, daß er mehr befürchte, als er zu äußern sich erkühnte. Dies alles zusammengenommen, dachte Allan mit ziemlicher Aengstlichkeit an Shakespeare's berühmte Zeilen: – »Ein Tropfen Im Ocean sucht einen andern Tropfen. « Beharrlichkeit war aber ein starker Zug in des jungen Rechtsgelehrten Charakter. Stets und auch jetzt war er einem hitzigen Pferde ganz unähnlich, welches vor Mittag durch zu große Anstrengung am Morgen ermüdet. Im Gegentheil schienen seine ersten Bemühungen zur Erreichung seines Vorhabens nicht hinreichend, und erst die Schwierigkeiten des Unternehmens schienen seinem Geiste die nöthige Kraft zu geben, sie zu bekämpfen und zu besiegen. Wenn er darum auf seiner Ungewissen und gefährlichen Bahn etwas ängstlich vorwärts schritt, so darf man darum doch nicht glauben, daß er auch nur mit einem Athemzug an die Möglichkeit gedacht habe, seine Untersuchung aufzugeben, und Darsie Latimer seinem Schicksale zu überlassen. Ein Ritt von ein paar Stunden brachte ihn zwischen acht und neun Uhr nach der kleinen Stadt Annan, die an beiden Ufern des Solway liegt. Die Sonne war untergegangen, aber der Tag noch nicht zu Ende. Als er im ersten Gasthofe des Ortes abgestiegen war, und sein Pferd gut versorgt sah, ließ er sich sogleich zu Mr. Maxwells Freund, dem alten Tom Trumbull weisen, mit dem Jedermann wohl bekannt schien. Er bemühte sich, von dem Knaben, der ihm zum Führer diente, etwas über des Mannes Lage und Gewerbe herauszubringen; aber die allgemeinen Ausdrücke: »ein recht ordentlicher Mann« – »ein recht wackerer Mann«, – »wohlgelitten unter den Leuten«; dieß und anderes war Alles, was man aus ihm herausbringen konnte, und als Fairford die Nachforschung mit bestimmteren Fragen fortsetzen wollte, machte der Knabe denselben ein Ende, indem er an die Thüre des Mr. Trumbull klopfte, dessen bescheidene Wohnung ein wenig von der Stadt entfernt, und beträchtlich näher an der See war. Es stand in einer kleinen Reihe Häuser, die nach der Seeseite hinabliefen, und Gärten und andere Bequemlichkeiten hinter sich hatten. Man hörte innen einen schottischen Psalm singen, und der Knabe sagte: »Sie sind am Abendsegen,« und gab zu verstehen, daß man sie vor Endigung des Gebets nicht einlassen würde. Als indessen Fairford seine Aufforderung mit dem Knopfe seiner Reitpeitsche wiederholte, hörte das Singen auf, und Mr. Trumbull selbst kam, das Psalmbuch in der Hand und den Zeigefinger zwischen den Blättern, heraus, um nach der Ursache einer Unterbrechung zu so ungewöhnlicher Zeit zu fragen. Das Aeußere dieses Mannes zeigte keineswegs den Vertrauten verzweifelter Menschen, und den Genossen von Geächteten in ihren ungesetzlichen Unternehmungen. Es war eine lange, dünne, beinigte Gestalt mit weißem Haare, das auf allen Seiten glatt herabgekämmt war; dabei eine eisengraue Gesichtsfarbe, und die Züge, oder vielmehr, wie Quin von Macklin sagte, »das Tauwerk seines Gesichts« paßte so sehr zu seinem frommen und fast ascetischen Ausdruck, daß kein Platz übrig blieb, um rücksichtslose Keckheit oder schlaue Verstellung zu bezeichnen; kurz Trumbull schien ein vollkommenes Exemplar eines starren, alten Covenanters, der nur das sagte, was er für richtig hielt, nach keinem andern Grundsatz, als nach dem der Pflicht handelte, und wenn er irrte, so geschah es mit der vollen Ueberzeugung, daß er Gott mehr diente, als den Menschen. »Verlangt Ihr etwas von mir, Herr?« sagte er zu Fairford, dessen Führer bereits den Rückzug angetreten hatte, gleichsam um dem Tadel des strengen, alten Mannes zu entgehen: »Wir waren beschäftigt, und es ist Samstag Abend.« Allan Fairfords vorgefaßte Meinungen kamen durch das Aeußere und das Benehmen dieses Mannes so in Verwirrung, daß er einen Augenblick ganz verdutzt dastand, und einem Geistlichen, der eben von der Kanzel stieg, eben so wohl ein sonderbares Erkennungswort zugeraunt hätte, als dem achtungswerthen Familienvater, der gerade in seinem Gebet für und mit den Gegenständen seiner Sorge unterbrochen worden war. Hastig schloß er, Mr. Maxwell habe einen übelangebrachten Scherz ausgesprochen, oder vielleicht sei er an die unrechte Person gewiesen worden; er fragte daher, ob er mit Mr. Trumbull spreche. »Mit Thomas Trumbull,« antwortete der alte Mann; »was ist Euer Begehren, Herr?« und sein Auge blickte wieder auf das Buch mit dem Seufzer eines Heiligen, der sich nach seiner Auflösung sehnt. »Kennt Ihr Mr. Maxwell von Summertrees?« sagte Fairford. »Ich habe von einem solchen Edelmann auf der Landseite gehört, habe aber keine Bekanntschaft mit ihm,« antwortete Mr. Trumbull; »er ist, wie ich hörte, ein Papist, denn die Hure, welche auf den sieben Hügeln sitzt, hört noch nicht auf, den Becher ihrer Greuel auf diese Gegenden auszugießen.« »Doch hat er mich hierher gewiesen, mein guter Freund,« sagte Allan. »Ist noch ein Anderer Eures Namens in der Stadt Annan?« »Nein,« erwiderte Mr. Trumbull, »seit mein würdiger Vater das Zeitliche gesegnet; er war wirklich ein helles Licht. – Ich wünsche Euch guten Abend, Herr.« »Haltet noch einen einzigen Augenblick,« sagte Fairsord, »hier handelt sich's um Tod und Leben.« »Nichts Anderes, als die Last unserer Sünden hinzuwerfen, wo sie liegen sollte,« sagte Thomas Trumbull, im Begriff, dem Frager die Thüre vor der Nase zuzuschließen. »Kennt Ihr,« sagte Allan Fairford, »den Laird von Redgauntlet?« »Jetzt schütze mich der Himmel vor Verrath und Empörung!« rief Trumbull aus, »junger Herr, Ihr werdet unverschämt, ich lebe hier unter meinen eigenen Leuten, und habe keinen Verkehr mit Jacobiten und katholischen Pfaffen.« Er schien im Begriff, die Thüre zu schließen, schloß sie aber nicht , ein Umstand, der der Bemerkung Allans nicht entging. »Mr. Redgauntlet heißt auch manchmal Herries von Birrenswork; vielleicht kennt Ihr ihn unter diesem Namen?« »Freund, Ihr seid unhöflich,« antwortete Mr. Trumbull; »ehrliche Leute haben genug zu thun, einen Namen unbefleckt zu erhalten. Ich kenne Niemanden, der zwei führt. Guten Abend, Freund.« Er war wirklich im Begriff, jetzt dem Besucher ohne weitere Ceremonie die Thüre vor der Nase zuzuschließen, als Allan, der doch bemerkt hatte, daß der Name Redgauntlet ihm nicht so ganz gleichgültig sei, ihn einen Augenblick aufhielt, und mit leiser Stimme sagte er: »Wenigstens könnt Ihr mir sagen, wie der Mond steht?« Der alte Mann erschrak, als wäre er verzückt, und ehe er antwortete, schaute er den Frager mit einem scharfen, durchdringenden Blicke an, der zu sagen schien: »Seid Ihr wirklich im Besitz dieses Schlüssels zu meinem Vertrauen, oder sprecht Ihr aus bloßem Zufall so?« Diesem scharfen, forschenden Blicke antwortete Fairford durch ein Lächeln des Einverständnisses. Die eisenharten Muskeln in des alten Mannes Gesicht wurden nicht milder, als er in einem gleichgültigen Tone das Gegenzeichen gab: »Nicht hell genug, um eine Ladung an's Land zu bringen.« »Zum Henker denn alle Kalender von Aberdeen!« »Und zum Henker denn alle Narren, die ihre Zeit vorderben,« sagte Thomas Trumbull. »Konntet Ihr mir das nicht gleich anfangs sagen? Und wir stehen auf der offenen Straße da, kommt herein.« Er zog den Fremden in den dunkeln Eingang des Hauses, und schloß die Thüre sorgfältig, dann steckte er seinen Kopf in ein Zimmer, aus welchem ein Gemurmel tönte, das die Anwesenheit der Familie darin verkündigte, und sagte laut: »Ein Werk der Nothwendigkeit und Barmherzigkeit, – Maleachi, nimm das Buch – ihr werdet sechs Doppelverse vom 119. Psalm singen, und aus den Klageliedern lesen. Und du, Maleachi,« sagte er in einem leisern Tone, »du wirst ihnen schon etwas vorpredigen, daß es dauert, bis ich wiederkomme, sonst gehen mir die unvorsichtigen Bursche aus dem Hause, und in den Schenken umher, verlieren ihre kostbare Zeit, und versäumen vielleicht die Morgenfluth.« Eine unverständliche Antwort von innen zeigte Meleachi's Bereitwilligkeit an, dem Befehle zu gehorchen, und Mr. Trumbull murmelte so etwas vor sich hin, als er die Thüre schloß: »Festgebunden, festgebunden!« drehte den Schlüssel herum, und steckte ihn in die Tasche; dann bat er seinen Gast, auf seine Tritte zu merken, um kein Geräusch zu machen, führte ihn durch das Haus und zu einer Hausthüre hinaus in einen kleinen Garten. Hier führte sie ein gepflasterter Weg, ohne daß sie von einem Nachbar gesehen werden konnten, zu einer Thüre in der Gartenmauer, welche geöffnet wurde, und ein geheimer Eingang in einen Stall von drei Abtheilungen war; in einer derselben stand ein Pferd, welches bei ihrem Eintritte wieherte. »Husch, husch!« rief der alte Mann, und unterstützte sogleich seine Ermahnungen zum Schweigen dadurch, daß er eine Handvoll Hafer in die Krippe warf, und das Pferd verwandelte bald den Erkennungslaut ihrer Gegenwart in den gewöhnlichen des Zermalmens seines Futters. Da es fast ganz dunkel geworden war, schloß der alte Mann mit weit mehr Behendigkeit, als man von seiner starren Figur hätte erwarten sollen, die Fensterläden in einem Augenblick, brachte Phosphorus und Zündhölzchen herbei, und zündete eine Stalllaterne an, die er auf den Futterkasten stellte, und wandte sich dann zu Fairford. »Wir sind hier allein, und da schon einige Zeit verstrichen ist, so seid so gütig, mir Eure Botschaft zu sagen. Ist es ein Handelsgeschäft oder etwas Anderes?« »Mein Geschäft bei Euch, Mr. Trumbull, ist, von Euch zu verlangen, mir die Mittel anzugeben, wie ich diesen Brief von Mr. Maxwell von Summertrees an den Laird von Redgauntlet überliefern kann?« »Hum – schönes Geschäft! Pate Maxwell ist doch noch immer der alte – immer Pate – in – Peril, Craig – in – Peril, soweit ich ihn kenne. Laßt mich seinen Brief sehen.« Er untersuchte ihn mit vieler Sorgfalt, wandte ihn hin und her, und betrachtete besonders das Siegel sehr aufmerksam. »Alles ist richtig, wie ich sehe; er hat die besonderen Kennzeichen, ihn möglichst bald zu befördern. Ich segne meinen Schöpfer, daß ich kein großer Mann oder eines großen Mannes Genosse bin, und so denke ich bei diesen Zeilen an nichts Anderes, als sie auf dem Geschäftsweg zu befördern. Ihr seid wohl in dieser Gegend ganz fremd, vermuthe ich?« Fairford antwortete bejahend. »Ja, ich habe nie eine bessere Wahl treffen sehen. – Ich muß Einen rufen, der Euch Anleitung gibt, was Ihr thun sollt. – Halt, ich glaube aber, wir müssen zu ihm gehen. – Ihr seid mir sehr wohl empfohlen, Freund, und ohne Zweifel aus guten Gründen; Ihr sollt daher auch mehr sehen, als ich sonst auf dem gewöhnlichen Geschäftswege einem zeige.« Mit diesen Worten setzte er die Laterne auf den Boden neben den Pfosten eines der kleinen Ställe, drückte an einer kleinen Feder, die denselben aus dem Boden festhielt, und schob nun den Pfosten auf die Seite, und enthüllte eine kleine Fallthüre. »Folgt mir,« sagte er, und stieg in das unterirdische Behältniß hinab, wohin diese geheime Oeffnung führte. Fairford stieg ihm nach, nicht ohne Befürchtungen mancherlei Art, aber immer entschlossen, sein Abenteuer zu verfolgen. Die Treppe war nicht über sechs Fuß tief, und führte in einen engen Gang, der dazu eingerichtet schien, jeden Andern auszuschließen, der auch nur einen Zoll dicker, als sein Führer war. Ein kleiner, gewölbter Raum von ungefähr acht Fuß in's Gevierte, empfing sie am Ende dieses Gangs. Hier ließ ihn Mr. Trumbull allein, und kehrte für einen Augenblick zurück, um, wie er sagte, die verborgene Fallthüre zu schließen. Fairford sah sein Weggehen nicht gerne, da er in völliger Dunkelheit zurückblieb; außerdem wurde ihm noch das Athmen erschwert durch einen starken, erstickenden Geruch geistiger Getränke und anderer Gegenstände, deren Ausdünstung nicht sehr angenehm für die Lunge, aber desto stärker waren. Er war deßhalb sehr froh, wie er Mr. Trumbull zurückkommen hörte, welcher noch einmal an seiner Seite eine starke, obwohl enge Thüre in der Mauer öffnete, und Fairford in ein ungeheures Magazin führte, wo Fässer mit geistigen Getränken und andern verbotenen Artikeln aufgehäuft waren. Am Ende dieser Reihe wohl ausgestatteter, unterirdischer Gewölbe befand sich ein Licht, das auf ein leises Pfeifen zu flackern, und sich gegen sie zu bewegen anfing. Eine undeutliche Gestalt, welche eine dunkle Laterne mit abgewendetem Lichte trug, näherte sich ihnen, und Trumbull fragte sie: »Warum seid Ihr nicht zum Gebet gekommen, Hiob, und es ist doch Samstag Abend?« »Swanston befrachtete die Jenny, Sir, und ich blieb da, um ihm die Waaren herauszugeben.« »Richtig, – ein Werk der Nothwendigkeit auf dem Geschäftswege. Segelt die tanzende Jenny mit der Fluth?« »Ja, ja, Sir; sie segelt nach – – –« »Ich fragte Euch nicht, wohin sie segle, Hiob,« sagte der Alte, ihn unterbrechend. »Ich danke meinem Schöpfer, ich weiß nichts von ihren Aus- und Eingängen. Ich verkaufe meine Artikel mit Prosit, und im ordentlichen Geschäftswege, und wasche über Alles meine Hände in Unschuld. Was ich aber zu wissen wünsche, ist, ob der Herr, welcher der Laird der Solway-Seen heißt, eben jetzt auf der andern Seite des Ufers ist?« »Ja, ja,« sagte Hiob, »der Laird ist so etwas, was in mein Geschäft gehört, Ihr wißt's – ein wenig Contreband, oder so; es gibt ein Statut über ihn – aber das macht nichts; nach der Geschichte mit des Quäkers Fischnetzen drüben hat er sich aus dem Staube gemacht; denn er hat ein redliches Herz, der Laird, und hat es immer redlich mit dem Lande gemeint. Aber wie! ist denn auch Alles sicher hier?« So sprach er, und wandte plötzlich die Lichtseite der Laterne gegen Allan Fairford, welcher bei dem vorübergehenden Lichte, das sie auf ihren Träger warf, eine große Gestalt, über sechs Fuß hoch, erblickte, mit einer rauhhaarigen Mütze auf dem Kopfe, und mit Zügen, die ganz zu seiner großen Gestalt paßten; auch glaubte er Pistolen in seinem Gürtel zu bemerken. »Ich stehe für diesen Herrn,« sagte Mr. Trumbull: »er muß zum Laird gebracht werden, um ihn zu sprechen.« »Da muß gut gesteuert werden,« erwiderte der Untergeordnete, »denn ich habe gehört, daß der Laird und seine Leute kaum auf der andern Seite angekommen waren, so kamen auch schon die Landwächter heran, und einige berittene Rothröcke von Carlisle, sie mußten sich zerstreuen. Jetzt sind neue Besen da, um das Land von ihnen rein zu fegen, wie sie sagen, denn der Angriff war ein wenig grob, auch soll ein junger Mensch dabei ertrunken sein; – er war Keiner von des Lairds Leuten, da hat es so viel nicht zu sagen.« »Still, ich bitte dich, still, Hiob Rutledge,« sagte der ehrliche, friedfertige Mr. Trumbull. »Du solltest dich erinnern, daß ich nichts von euren Zusammenrottungen und Streichen, euren Besen und Gefechten wissen will. Ich lebe hier unter meinen eigenen Leuten, und verkaufe meine Waaren Dem, der auf dem Geschäftsweg zu mir kommt; so wasche ich meine Hände in Unschuld, wie es einem ruhigen Unterthanen und einem ehrlichen Manne zukommt. Ich nehme niemals Bezahlung, außer in baarer Münze.« »Ja, ja,« murmelte der mit der Laterne; »Euer Hochehrwürden, Mr. Trumbull, versteht den Geschäftsweg.« »Nun, ich hoffe, Ihr sollt noch eines Tags erfahren, Hiob,« antwortete Mr. Trumbull, »was der Trost eines reinen Gewissens ist, und nicht nöthig zu haben, Aufpasser und Controleure, Accis und Zoll zu fürchten. Das Geschäft ist jetzt, diesen Herrn wegen eines ernsten Geschäfts nach Cumberland zu bringen, und ihm eine Unterredung mit dem Laird der Solway-Seen zu verschaffen. Ich denke, das kann geschehen, und Nanty Ewart, wenn er mit der Brigg bei der Morgenfluth abfährt, ist der Mann, der ihn gut fortbringt.« »Ja, ja, der ist's freilich; Keiner hat je die Küste, Thal und Hügel, Waide und Pflugland besser gekannt als Nanty; und der kann ihn immer zum Laird bringen, wenn Ihr sicher seid, daß es mit dem Herrn richtig ist. Doch dieß ist seine eigene Sorge, denn wäre er der stärkste Mann in Schottland und der Vorsteher der Aufpasser noch dazu, und hätte er fünfzig Mann hinter sich drein, so möchte ich doch nicht rathen, dem Laird anders, als in Gutem, einen Besuch abzustatten. Was den Nanty betrifft, der ist Wort und Schlag, ein gut Theil tapferer, als Christie Nixon, von dem sie einen so großen Lärmen machen. Ich habe sie Beide in der Arbeit gesehen, bei – – –« Fairford fühlte sich jetzt aufgefordert, auch etwas zu sagen. Seine Gefühle aber, da er sich so völlig in der Gewalt eines vollendeten Heuchlers und seines Spießgesellen sah, der das Ansehen eines entschiedenen Spitzbuben hatte, verbunden mit dem starken und abscheulichen Dampfe, den sie mit Gleichgültigkeit einsogen, während er ihn fast des Athems beraubte, machte es ihm schwierig, sich zu äußern. Er sagte indessen doch, daß er keine üble Absicht gegen den Laird hätte, wie sie ihn nannten, sondern nur in einem besondern Geschäfte der Ueberbringer eines Briefs von Mr. Maxwell Summertrees an ihn sei. »Ja, ja,« sagte Hiob, »daß mag Alles recht gut sein, und wenn Mr. Trumbull überzeugt ist, daß es mit der Schrift seine Richtigkeit hat, nun dann wollen wir Euch bei dieser Fluth auf die springende Jenny bringen, und Nanty Ewart wird Euch, das seid versichert, den Weg weisen, wo Ihr den Laird finden könnt.« »Vor der Hand möchte ich aber in den Gasthof zurückkehren, wo ich mein Pferd gelassen habe,« sagte Fairford. »Verzeiht,« erwiderte Mr. Trumbull, »Ihr seid nun schon zu weit mit uns bekannt worden; Hiob wird Euch einen Platz anweisen, wo Ihr ruhig schlafen könnt, bis er Euch ruft. Die wenigen Sachen, die Ihr bedürft, will ich Euch bringen, denn die, die auf solche Botschaften ausgehen, dürfen nicht sehr zärtlicher Art sein. Nach Eurem Pferd will ich selbst sehen, denn ein mitleidiger Mensch ist auch mitleidig gegen sein Vieh – das wird auf unserem Geschäftsweg allzuoft vergessen.« »Wie, Meister Trumbull,« erwiderte Hiob, »Ihr wißt, wenn wir gejagt werden, dann ist die Zeit, die Segel einzuziehen, und dann reiten die Bursche, was das Zeug hält.« – Er hielt in seiner Rede an, da er sah, daß der alte Mann durch die Thüre, durch die er vorher eintrat, verschwunden war, – »so machts der alte Turnpenny immer,« sagte er zu Fairford; »vom ganzen Handel kümmert er sich nur um den Profit, – und zum Teufel, das ist immer noch das Beste an der ganzen Sache. Aber kommt mit mir, mein junger Herr, ich muß Euch jetzt in Sicherheit bringen, bis es Zeit ist, an Bord zu gehen.« Dreizehntes Kapitel Erzählung von Allan Fairford (Fortsetzung.) Fairford folgte seinem mürrischen Führer durch ein Labyrinth von Fässern und Ballen, an welchem er beinahe mehr als einmal die Nase zerbrochen hätte, und von da aus in ein kleines Geschäftszimmer, wie es schien, denn das schwache Licht der Laterne ließ ein Schreibpult und Schreibmaterialien erblicken. Hier schien kein Ausgang zu sein, aber der Schmuggler oder Schmugglers-Genosse bediente sich einer Leiter, schob ein altes Gemälde hinweg, woraus ungefähr sieben Fuß vom Boden sich eine Thüre zeigte; Fairford, immer Hiob folgend, kam in einen anderen verschlungenen und dunkeln Durchgang, der ihn unwillkürlich an Peter Peebles Prozeß erinnerte. Am Ende dieses Labyrinths, als er kaum noch eine Vermuthung hatte, wohin er geführt worden sei, und, wie die Franzosen sagen, völlig desorientirt war, setzte Hiob plötzlich die Laterne nieder und zündete damit zwei Lichter an, die auf dem Tische standen, und fragte Allan, ob er etwas essen wolle, empfahl ihm aber auf alle Fälle einen Schluck Branntwein gegen die Nachtluft zu nehmen. Fairsord lehnte beides ab, und fragte nur nach seinem Gepäcke. »Der alte Herr wird dafür sorgen,« sagte Hiob Rutledge, indem er sich auf die nämliche Seite hin entfernte, auf welcher er eingetreten war; er verschwand an dem andern Ende auf eine Weise, welche Allan bei dem noch schwachen Kerzenlicht nicht genau bemerken konnte. So war der abenteuerliche junge Rechtsgelehrte allein in einem Gemach zurückgelassen, wohin er auf einem so sonderbaren Wege geführt worden war. In dieser Lage war es Allans erstes Geschäft, den Ort, wo er sich befand, mit einiger Genauigkeit zu untersuchen; er putzte also die Lichter, und ging dann langsam in dem Gemache umher, indem er das Aeußere und die Ausdehnung genau betrachtete. Es schien so ein kleines Speisezimmer zu sein, wie es gewöhnlich in den Häusern der bessern Classe von Handwerkern, Kleinhändlern und dergleichen sich befindet, hatte am obern Ende eine kleine Abtheilung, worin sich die gewöhnlichen Geräthschaften befanden. Er fand eine Thüre, die er zu öffnen versuchte, sie war aber von Außen verschlossen. Eine entsprechende Thüre auf derselben Seite des Gemachs führte ihn in ein Kabinet, wo auf dem vordern Gesimse Punschbowlen, Gläser, Theetassen und dergleichen sich befanden, während auf der andern Seite ein Reitrock von dem gröbsten Stoffe hing, zwei große Reiterpistolen sahen aus der Tasche vor, und auf dem Boden standen ein Paar wohlbespritzte Kurierstiefel, damals die gewöhnliche Ausrüstung, wenigstens für lange Reisen. Nicht sonderlich erbaut über den Inhalt des Kabinets, schloß Allan Fairford die Thüre und nahm seine Untersuchung links der Mauer des Gemaches wieder vor, um zu entdecken, auf welche Weise sich Hiob Rutledge entfernt hatte. Der geheime Durchgang war aber zu künstlich versteckt, und der junge Rechtsgelehrte hatte nichts Besseres zu thun, als über seine sonderbare Lage nachzudenken. Er hatte schon lange gewußt, daß die Accisegesetze einen lebhaften Contreband-Handel zwischen Schottland und England veranlaßten, der damals, wie noch jetzt, existirte, und so lange noch existiren wird, bis das erbärmliche System völlig abgeschafft ist, das eine Ungleichheit der Abgaben zwischen den verschiedenen Theilen desselben Königreichs festsetzt; beiläufig gesagt, ein System, das sehr dem Benehmen eines Fechters gleicht, der sich den einen Arm zusammenschnürt, um mit dem andern besser fechten zu können. Fairford hatte aber doch an keine so kostspieligen und regelmäßigen Anstalten gedacht, durch welche der unerlaubte Handel getrieben wurde, und hatte sich nicht denken können, daß das darauf verwandte Kapital zur Errichtung so ausgedehnter Gebäude mit allen diesen künstlichen Mitteln zur Geheimhaltung hinreichend sein sollte. Er dachte eben über diese Umstände nach, nicht ohne einige Aengstlichkeit über den Fortgang seiner eigenen Reise, als er plötzlich, wie er die Augen erhob, den alten Mr. Trumbull am obern Ende des Zimmers entdeckte, wie er in der einen Hand ein kleines Bündel trug, in der andern seine dunkle Laterne, deren Licht er beim Vorwärtsgehen gerade auf Fairfords Gesicht richtete. Ob er gleich nichts anders, als eine solche Erscheinung erwartet hatte, so konnte er doch den grämlichen, finstern Alten so plötzlich nicht ohne einige Bewegung sehen, besonders wenn er sich erinnerte (was einem Jüngling von einer so frommen Erziehung besonders unangenehm aufstoßen mußte), daß der grauköpfige Heuchler vielleicht in diesem Augenblick von den Knieen aufgestanden sei, um die geheimnißvollen Geschäfte eines verzweifelten und ungesetzlichen Handels zu betreiben. Der alte Mann, gewohnt, mit scharfem Blick die Physiognomie derer zu beurtheilen, mit denen er Geschäfte hatte, bemerkte sogleich die Unruhe in Fairford's Benehmen. »Reut es Euch?« sagte er. »Wollt Ihr das Pferd wieder absatteln, und das Wagstück aufgeben?« »Nimmer,« sagte Fairford fest, gereizt sowohl durch seinen natürlichen Muth, als durch das Andenken an seinen Freund; »nimmer, so lange ich lebe und Kraft habe, es hinauszuführen!« »Ich habe Euch,« sagte Trumbull, »ein reines Hemd und ein Paar Strümpfe mitgebracht, und dieß ist alles Gepäck, das Ihr passender Weise mitnehmen könnt; auch will ich's einem von den Burschen sagen, daß er Euch einen Reitrock leiht, denn ohne einen solchen kommt man zu Schiff und zu Pferde nicht mit fort; und was Euren Mantelsack anbelangt, so ist er in meinem armen Hause, auch wenn er mit Gold aus Ophir gefüllt wäre, so sicher, als in der Tiefe eines Schachts.« »Ich zweifle nicht daran,« sagte Fairford. »Und nun,« sagte Trumbull wiederum, »bitte ich Euch, mir zu sagen, mit welchem Namen ich Euch dem Nanty (Antony) Ewert nennen soll.« »Allan Fairford heiße ich!« »Das ist aber,« sagte Trumbull, »Euer wirklicher Vor- und Zuname.« »Und welchen andern sollte ich geben,« sagte der junge Mann, »glaubt Ihr, ich hätte Ursache, einen andern zu wählen? Und dabei, Mr. Trumbull,« setzte Allan hinzu, indem er glaubte, daß ein wenig Spott innere Zuversicht anzeigen würde, »habt Ihr Euch vor ganz kurzer Zeit glücklich gepriesen, daß Ihr keine Bekanntschaft mit denen hättet, deren Name so verrufen sei, daß sie genöthigt wären, einen andern zu wählen.« »Wahr, sehr wahr,« sagte Mr. Trumbull, »dennoch, junger Mann, trage ich meine grauen Haare, was dieß betrifft, ohne Tadel, denn wenn ich in meinen Geschäften unter meinem Weinstock und meinem Feigenbaum sitze, und die starken Wasser des Nordens gegen das Gold, das dafür bezahlt wird, austausche, so habe ich, dem Himmel sei Dank, keine Verkappung nöthig, und trage meinen eigenen Namen, Thomas Trumbull, ohne Gefahr, denselben zu beflecken. Du aber, der du auf schlammigen Wegen gehst, du würdest wohl thun, zwei Namen zu haben, wie du zwei Hemden hast, um das eine durch das andere rein zu halten.« Hier stieß er ein grunzendes Murren aus, das genau zwei Pendelschwingungen dauerte, und die einzige Annäherung am Gelächter war, das sich der alte Turnpenny, denn dieß war sein Spitzname, gestattete. »Ihr seid witzig, Mr. Trumbull,« sagte Fairford, »aber Scherze sind keine Gründe; ich werde meinen eigenen Namen behalten.« »Nach Eurem Belieben,« sagte der Kaufmann, »es gibt nur einen Namen, indem – –« Wir wollen dem Heuchler nicht durch die unheilige Anführung folgen, deren er sich bediente, um die Unterredung zu schließen. Allan folgte ihm in stummem, schweigendem Abscheu zu der Abtheilung, wo der Trinktisch aufgestellt und so künstlich angebracht war, daß er eine andere von den Thüren verbarg, an denen das ganze Gebäude so reich war. Diese führte sie wieder in den nämlichen gewundenen Gang, wodurch der junge Rechtsgelehrte hierher gebracht worden war. Der Pfad aber, den sie jetzt in diesem Labyrinthe einschlugen, ging nicht in der nämlichen Richtung, in der ihn Rutledge geführt hatte; er führte auswärts und endigte an einem Dachfenster. Trumbull öffnete es, und mit mehr Behendigkeit, als man von seinem Alter erwarten konnte, kletterte er hinaus auf ein plattes Dach. Wenn Fairford's Reise bisher in einer erstickenden unterirdischen Atmosphäre fortgegangen war, so war sie jetzt offen, frei und luftig genug, denn er mußte seinem Führer über Blei- und Schieferdächer folgen, über welche der alte Schmuggler mit der Geschicklichkeit einer Katze hinlief. Wahr ist's, sein Weg wurde ihm dadurch sehr erleichtert, daß er alle Ruhestellen und Anhaltspunkte genau kannte, deren sich Fairford nicht so rasch bedienen konnte. Nach einem beschwerlichen und manchmal gefährlichen Gange über die Dächer von zwei oder drei Häusern, stiegen sie endlich durch ein Bodenfenster in eine Dachstube, und von da die Treppe hinab in ein Wirthshaus, denn dieß schien es dem Schellen mit den Glocken, dem Pfeifen nach Aufwärter und Bedienung, und dem Schreien »daher, Kellner, daher,« zu Folge zu sein; dazwischen erklangen Matrosenlieder und anderes Geräusch der Art. Als sie in den zweiten Stock herabgestiegen waren, und in ein Zimmer traten, schellte Mr. Trumbull dreimal an der Glocke des Zimmers, jedesmal nach einem Absatze, während dessen er gemächlich die Zahl zwanzig zählte. Unmittelbar nach dem dritten Schellen erschien der Wirth mit heimlichem Schritt, und mit einem geheimnißvollen Anstrich auf dem dienstfertigen Gesichte. Er grüßte Mr. Trumbull, der, wie es sich zeigte, sein Miethsherr war, mit großer Ehrerbietung, und drückte seine Verwunderung aus, ihn so spät und zwar am Samstag Abend zu sehen. »Und ich, Robin Hastie,« sagte der Miethsherr zu seinem Pächter, »wundere mich mehr, als es mich freut, so nahe vor dem Eintritt des Sabbaths solchen Lärmen in Eurem Hause zu hören, und ich muß Euch erinnern, daß es gegen die Bedingungen Eures Pachtes ist, welcher verlangt, daß Ihr am Samstag spätestens um neun Uhr Abends Euer Wirthshaus schließen sollt.« »Ja, Herr,« sagte Robin Hastie, durch den heftigen Tadel keineswegs beunruhigt, »aber Ihr müßt bedenken, daß ich seit neun Uhr Niemanden mehr hereingelassen habe, außer Euch, der sich selbst eingeführt hat; denn die meisten sind schon seit mehreren Stunden hier, um die Brigg zu laden u.s.w. Es ist noch nicht die volle Fluth, und ich kann sie doch nicht auf die Straße setzen. Wenn ich es thäte, so gingen sie zu einem andern Wirthshaus, und um ihre Seelen würde es deßhalb nicht besser stehen, um meinen Beutel viel schlechter, denn wie kann ich den Pacht bezahlen, wenn ich nicht den Schnaps verkaufe?« »Nun, nun,« sagte Thomas Trumbull, »wenn es ein Werk der Nothwendigkeit ist und auf dem ehrlichen Geschäftswege, so wird es ohne Zweifel Balsam wie Gilead sein. Aber ich bitte dich, Robin, sieh doch, ob Nanty Ewart, wie es sehr wahrscheinlich ist, unter diesen unseligen Trunkenbolden sich befindet, und wenn er da ist, so sag' ihm, er soll vorsichtig heraufkommen, und mit mir und diesem Mann da sprechen. Und da es nicht gut ist, Robin, beim Sprechen so trocken da zu sitzen, so laßt uns eine Bowle Punsch bringen, Ihr wißt es, wie ich's liebe.« »Vom Gläschen bis zur Kanne, ich kenne Euren Geschmack, Mr. Thomas Trumbull,« sagte der Wirth, »und Ihr sollt mich über dem Schildzeichen aufhängen, wenn ein Tropfen mehr Citrone oder ein Körnchen weniger Zucker drinnen ist, als Ihr es gerade liebt. Ihr seid Eurer Drei, da werdet Ihr wohl das alte schottische große Maß wollen, um auf eine glückliche Reise zu trinken.« »Besser dafür beten, als trinken, Robin,« sagte Mr. Trumbull. »Euer Gewerb ist gefährlich, Robin, es richtet viele zu Grunde, Wirth und Gäste. Ihr werdet aber die blaue Bowle nehmen, die blaue Bowle, die wird schon allen Durst vertreiben, und die sündliche Wiederholung des gierigen Trinkens, auch an einem Samstagabend, verhindern. Ja, Robin, es ist Schade um Nanty Ewart – Nanty liebt doch auch seinen kleinen Finger naß zu machen, und wir wollen ihn nicht hindern, Robin, so lang er noch zum Steuermann Verstand behält.« »Nanty Ewart steuert Euch durch den Pentland-Golf, und wäre er so toll, als das baltische Meer,« sagte Robin Hastie; so trippelte er im Augenblicke die Treppe hinab, kehrte aber sogleich zurück mit den Materialien zu dem, was er sein Gebräu nannte; diese bestanden aus zwei englischen Quarts Branntwein in einer großen blauen Bowle, nebst allen Ingredienzien zu einem Punsch, in dem nämlichen furchtbaren Verhältnis. Zu gleicher Zeit führte er Mr. Antony oder Nanty Ewart ein, dessen Person, obgleich er schon ziemlich vom Branntwein betrunken war, Fairford's Erwartungen dennoch betrog. Seine Kleidung war, was man so ärmlich anständig nennt, ein Frack mit verblichenen Tressen, ein kleiner, keck aufgesetzter Hut auf ähnliche Weise verziert, eine Scharlach-Weste mit verschabter Stickerei, dergleichen Hosen mit silbernen Kniebändern, und dabei trug er einen guten Hirschfänger und ein Paar Pistolen in einem schmutzigen Wehrgehäng. »Hier komm' ich, Patron,« sagte er zu Mr. Trumbull, ihm die Hand schüttelnd. »Gut, ich sehe, Ihr habt schon etwas Grog an Bord genommen.« »Es ist nicht meine Sitte, wie Ihr wißt, Mr. Ewart,« sagte der Alte, »so spät am Samstag Abend zu zechen oder zu schmausen; ich wollte aber Eurer Aufmerksamkeit nur einen jungen Freund empfehlen, der auf einer besondern Reise begriffen ist, mit einem Briefe an unsern Freund, den Laird von Pate – in – Peril, wie man ihn nennt.« »Nun, er muß auf so einen jungen Herrn recht viel Vertrauen haben. – Ich wünsche Euch viel Glück, Sir,« sagte er, sich gegen Fairford verbeugend. »Bei unsrer Frau, wie Shakespeare sagt: Ihr bringet Euren Hals zu einer schönen Geschichte. Kommt, Patron, wir wollen eins trinken auf seine Gesundheit! – Wie heißt er? – Habt Ihr's schon gesagt, und hab' ich's vergessen?« »Mr. Allan Fairford,« sagte Trumbull. »Ei, Mr. Allan Fairford – ein guter Name für einen Schleichhändler, Fairford heißt wörtlich, einer, der gut über's Wasser watet. mög' es lange dauern, bis Ihr den Topmast des Ehrgeizes erreichet, wofür ich die höchste Sprosse einer gewissen Leiter halte.« Während er sprach, ergriff er den Punschlöffel, und begann die Gläser zu füllen. Aber Mr. Trumbull hielt ihm die Hand, bis er, wie er sich ausdrückte, den Trank durch ein langes Gebet geweiht hatte; während er dieß sprach, schloß er die Augen, dehnte aber die Nasenflügel weit aus, als ob er den Duft des Tranks mit besonderer Behaglichkeit einschnüffelte. Als das Gebet endlich vorüber war, setzten sich die drei Freunde nieder zu ihrem Getränke, und luden Allan Fairford ein, daran Theil zu nehmen. Aengstlich wegen seiner Lage, mißvergnügt über seine Gesellschaft, erhielt er nach vielem Bitten, unter dem Vorwand, er sei ermüdet, erhitzt u. dgl., die Erlaubniß, sich auf ein Lager hinzustrecken, das in dem Zimmer war, und versuchte, wenigstens einen Augenblick, zu ruhen, ehe die hohe Fluth ihn auf's Schiff rief. Eine Zeitlang heftete er seine Augen noch auf die lustige Gesellschaft, die er verlassen hatte, und strengte seine Ohren an, um wo möglich etwas von ihrer Unterhaltung zu vernehmen. Er fand aber bald, daß ihm dieß nicht gelang; denn was auch wirklich seine Ohren erreichte, war so sehr mit einem gaunerischen Rothwelsch vermengt, daß er keinen Sinn hinein brachte. Endlich schlief er ein. Nach einem drei- oder vierstündigen Schlafe wurde er durch Stimmen aufgeweckt, welche ihn baten, aufzustehen und sich zur Abfahrt bereit zu machen. Er sprang also auf, und befand sich noch in derselben lustigen Gesellschaft, die gerade mit ihrer ungeheuren Punschbowle fertig geworden war. Zu Allans Erstaunen hatte das Getränk nur wenig Wirkung auf das Gehirn von Menschen gehabt, die gewohnt waren, zu jeder Stunde zu trinken und in den ungewöhnlichsten Quantitäten. Der Wirth sprach zwar ein wenig schwer, und auch mit der Zunge des Mr. Thomas Trumbull wollte es nicht recht fort, Nanty aber war einer von den Säufern, die frühe das wurden, was man Bonvivants nennt, und Tag und Nacht auf dem nämlichen Punkte der Berauschung bleiben; da sie aber selten ganz nüchtern sind, sind sie auch eben so selten ganz betrunken. Und in der That, hätte Fairford nicht gewußt, womit Ewart während seines Schlafs beschäftigt war, er würde beim Erwachen fast geschworen haben, der Mann sei nüchterner, als da er zuerst in's Zimmer trat. Er wurde in dieser Meinung bestärkt, als sie in das untere Zimmer hinabgingen, wo zwei oder drei Matrosen mit Spitzbubengesichtern auf ihre Befehle warteten. Smart nahm die ganze Leitung auf sich, gab seine Befehle mit Kürze und Bestimmtheit, und sah darauf, daß sie mit der Stille und Schnelligkeit vollzogen wurden, wie es die besonderen Umstände erforderten. Alle wurden jetzt auf die Brigg geschickt, welche, wie man Fairford zu verstehen gab, ein wenig weiter unten am Fluß lag, welcher für Schiffe von leichter Ladung bis fast eine Meile von der Stadt schiffbar ist. Als sie aus dem Wirthshaus gingen, wünschte ihnen der Wirth Glück auf den Weg. Der alte Trumbull ging ein wenig mit, aber die Luft hatte, wie es schien, eine bedeutende Wirkung auf den Zustand seines Gehirns geäußert, denn nachdem er Allan Fairford erinnert hatte, daß der nächste Tag ein Sabbath sei, ermahnte er ihn äußerst weitläufig, ja denselben heilig zu halten. Endlich merkte er vielleicht, daß er unverständlich würde, drückte Fairford ein Buch in die Hand, und sagte unter vielem Schlucken: »Gutes Buch, gutes Buch, schönes Gesangbuch, passend für den morgenden Sabbath.« Hier schlug die Glocke von Annan fünf, worüber die schon verwirrten Gedanken Mr. Trumbulls noch verwirrter wurden. »Ei! Ist der Sonntag schon gekommen und vergangen? Der Himmel sei gepriesen! Nur ist's erstaunlich, daß der Nachmittag für diese Jahreszeit zu dunkel ist. – Der Sabbath ist ruhig vorübergeschlüpft, doch haben wir Ursache, uns Glück zu wünschen, daß er nicht ganz schlecht angewendet worden ist. Ich hörte wenig von der Predigt – ein kalter Moralist ist's, glaube ich, gewesen, aber – das Gebet, ich erinnere mich's, als hätte ich die Worte selbst gesagt.« Hier wiederholte er ein paar Stellen, vermuthlich aus seiner Hausandacht, die er vor der Aufforderung zu dem, was er seinen Geschäftsweg nannte, abgehalten hatte. »Ich erinnere mich nicht, daß mir je ein Sabbath so gut vorübergegangen wäre.« Dann faßte er sich ein wenig und sagte zu Allan: »Ihr könnt dieß Buch lesen, Mr. Fairford, morgen, es thut nichts, daß es schon Montag ist; denn Ihr seht, es war Samstag, als wir beisammen waren, und nun ist's Sonntag und es ist dunkle Nacht, – so ist uns der Sabbath rein durch die Finger geschlüpft, wie Wasser durch ein Sieb, das nichts hält; und wir müssen nun morgen früh wieder anfangen, in den mühsamen, niedrigen, unbedeutenden irdischen Geschäften, die eines unsterblichen Geistes unwürdig sind, – den Geschäftsweg immer ausgenommen.« Drei von den Leuten kehrten jetzt nach der Stadt zurück, und brachen auf Ewarts Befehl des Patriarchen Ermahnungen kurz ab, indem sie ihn zurück nach seiner Behausung führten. Die übrige Gesellschaft ging vorwärts zu der Brigg, die nur auf ihre Ankunft wartete, um die Anker zu lichten und den Fluß hinab zu fahren. Nanty Ewart setzte sich selbst an's Steuerruder, und die bloße Berührung davon schien die noch übrige Wirkung des zu sich genommenen Getränkes vollends zu zerstreuen, denn er wußte sein kleines Schiff mit der größten Genauigkeit und Sicherheit durch einen engen und gefährlichen Kanal zu lenken. Allan Fairford benutzte eine Zeitlang den hellen Sommermorgen, um die noch ziemlich dunkeln Küsten, zwischen denen sie hingleiteten, zu betrachten; als sie aber endlich mehr und mehr seinen Blicken entschwanden, machte er sein kleines Bündel zum Kissen, wickelte sich in den Oberrock, womit ihn der alte Trumbull ausstaffirt hatte, und streckte sich hin auf's Verdeck, um wo möglich den Schlummer zurückzurufen, aus dem er erweckt worden war. Kaum hatte sich der Schlaf auf seinen Augen niedergelassen, als er merkte, daß Jemand um ihn beschäftigt war. Mit schneller Gegenwart des Geistes überdachte er seine Lage, und beschloß, keine Unruhe zu zeigen, wenn er nicht genügenden Grund dazu hätte; er wurde aber bald von seiner Angst befreit, als er bemerkte, daß der um ihn besorgte Nanty so sanft wie möglich einen großen Schiffermantel um ihn schlug, damit er gegen die Morgenluft geschützt sei. »Du bist kaum aus dem Ei geschlüpft,« murmelte er, »es wäre aber Schade, wenn du wieder abfahren müßtest, ohne ein wenig mehr von Leid und Freud' dieser Welt gesehen zu haben. Obgleich es, meiner Treu, wenn du das gewöhnliche Schicksal hast, das Beste wäre, ich überließe dich der Gefahr eines kalten Fiebers.« Diese Worte und die rauhe Höflichkeit, mit welcher der Patron der kleinen Brigg den Schiffermantel um Fairford zu schlagen sich bemühte, gab diesem ein Gefühl von Sicherheit, das er bis jetzt noch nicht gehabt hatte. Sorgloser streckte er sich auf die harten Bretter, und verfiel bald in einen Schlaf, der aber fieberisch und nicht erquickend war. Es ist schon anderwärts bemerkt worden, daß Allan Fairford von seiner Mutter eine zarte Constitution, mit einer Anlage zur Auszehrung, geerbt hatte, und da er außer diesem Grunde zur Befürchtung das einzige Kind war, so stieg die Sorge, ihn vor feuchten Betten, nassen Füßen und den mancherlei Unbequemlichkeiten zu bewahren, woran Kinder in Schottland auch von weit höherer Geburt meistens gewöhnt sind, bis zur Verweichlichung. Bei dem Menschen hält der Geist die körperliche Schwäche auf, wie bei den Vögeln die Federn den Körper tragen. Aber diese Kraft hat ihre Gränze, und wie die Schwingen des Vogels endlich schwer werden müssen, so bricht bei fortgesetzter Anstrengung auch die geistige Kraft des Menschen endlich zusammen. Als der Reisende durch die Strahlen der bereits hochstehenden Sonne erweckt wurde, fühlte er fast unerträgliche Kopfschmerzen, nebst Hitze, Durst, stechende Schmerzen durch Rücken und Lenden, und andere Anzeigen eines heftigen, mit Fieber verbundenen Frosts. Die Art, wie er den vergangenen Tag und die Nacht zugebracht hatte, welche für die meisten jungen Menschen von geringen Folgen gewesen wäre, war für ihn bei seiner zärtlichen Constitution und Erziehung von schlimmen, und sogar gefährlichen Folgen begleitet. Er fühlte dieß, doch wollte er die Symptome der Unpäßlichkeit bekämpfen, weil er sie vorzüglich der Seekrankheit zuschrieb. Er setzte sich auf das Verdeck, und schaute auf die Scene ringsumher, wie das kleine Schiff, das den Solway hinabgefahren war, mit günstigem Nordwind südwärts zu steuern begann, die Mündung des Wampol-Flusses durchschnitt, und sich rüstete, die nördlichste Spitze von Cumberland zu umsegeln. Fairford fühlte sich aber im höchsten Grade unpäßlich, seine Schmerzen waren von einer entmutigenden und niederdrückenden Art, und weder der Criffel, der sich auf der einen Seite majestätisch erhob, noch auf der andern Seite die entfernten, jedoch noch malerischen Umrisse von Skiddaw und Glaramara, konnten seine Aufmerksamkeit in dem Maße fesseln, wie dieß sonst bei schönen Scenen der Fall war, und besonders, wenn sie etwas Neues und Ergreifendes hatten. Doch lag es nicht in Allan Fairfords Charakter, sich der Mutlosigkeit hinzugeben, auch wenn sie von Schmerzen begleitet war. Er nahm zuerst Zuflucht zu seiner Tasche, aber anstatt des kleinen Sallust's, den er mitgenommen hatte, um durch das Lesen eines Lieblingsklassikers sich eine böse Stunde zu vertreiben, brachte er das vermeintliche Gesangbuch heraus, das ihm wenige Stunden vorher der müßige und gewissenhafte Mr. Thomas Trumbull, sonst auch Turnpenny genannt, geschenkt hatte. Das Buch war schwarz gebunden, und sein Aeußeres paßte ganz für ein Psalmbuch. Wie erstaunte aber Allan, als er auf dem Titelblatt folgende Worte las: Lustige Gedanken für lustige Leute, oder Mutter Mitternachts Miscellaneen zum Zeitvertreib; als er aber die Blätter umschlug, wurde er durch sittenlose Erzählungen empört und durch noch sittenlosere Lieder, welche mit Figuren geziert waren, die dem Text an Abscheulichkeit nicht nachstanden. Guter Gott, dachte er, und dieser verworfene Graubart ruft seine Familie zusammen, und wagt es, mit einem so schändlichen Beweise der Verworfenheit in seinem Busen, dem Throne seines Schöpfers sich zu nahen? Es muß so sein; das Buch ist wie diejenigen gebunden, welche frommen, andächtigen Gegenständen gewidmet sind, und ohne Zweifel verwechselte der Elende in seiner Betrunkenheit die Bücher, die er mit sich nahm, eben so gut, als die Wochentage. – Ergriffen von Unwillen, womit edelmüthige Jünglinge gewöhnlich die Laster des vorgerückten Alters betrachten, warf Allan, als er die Blätter mit unwilliger Hast umgewendet hatte, das Buch, so weit er konnte, in die See hinaus. Er nahm dann seine Zuflucht zu dem Sallust, den er anfangs vergeblich gesucht hatte. Als er das Buch öffnete, gab Nanty Ewart, der ihm über die Schulter geblickt hatte, seinen Gedanken Worte. »Ich denke, Bruder, wenn Ihr Euch über ein paar lustige Schnaken so ärgert, die am Ende doch Niemanden Schaden thun, so hättet Ihr das Buch lieber mir gegeben, als es in den Solway hineingeworfen.« »Ich hoffe, Sir,« erwiderte Fairford höflich, »Ihr seid bessere Bücher zu lesen gewohnt.« »Meiner Treu,« antwortete Nanty, »mit Hülfe einer kleinen Genfer-Ausgabe könnte ich meinen Sallust so gut lesen, als Ihr;« er nahm das Buch aus Allans Hand, und begann mit schottischem Accent zu lesen: Igitur ex divitiis junventutem luxuria atque avaritia cum superbia invasere, rapere, consumere, sua parvi pendere, aliena capere, pudorem, amicitiam, pudicitiam, divina atque humana promiscua, nihil pensi neque moderati habere. (Mit dem Reichthum bemächtigte sich der Jugend Schwelgerei, Habsucht und Stolz; man raubte und verschwendete, achtete eigenes Gut gering und strebte nach fremdem; Scham, Freundschaft, Keuschheit, göttliche und menschliche Rechte achtete man gleich wenig, und kannte weder Maß noch Ziel mehr.) Das ist ein Schlag in's Gesicht für einen ehrlichen Kerl, der so ein wenig Flibustier gewesen ist. Nie konnte er einen Pfennig von dem behalten, was er bekam, oder seine Finger von dem zurückhalten, was einem Andern gehörte? sagt Ihr. Pfui, pfui, Freund Crispus; deine Moral ist so strenge und sauertöpfisch, als dein Styl; die eine kennt so wenig Erbarmen, als der andere Anmuth. Bei meiner Seele, es ist nicht artig, persönliche Anmerkungen zu machen über einen alten Bekannten, der nach einer fast zwanzigjährigen Trennung eine kurze, freundliche Unterredung mit Euch sucht. Wahrhaftig, Meister Sallust verdient noch mehr auf dem Solway zu schwimmen, als Mutter Mitternacht selbst.« »In einiger Hinsicht vielleicht möchte er eine bessere Behandlung von Euren Händen verdienen,« sagte Allan Fairford, »denn wenn er das Laster offen beschreibt, so scheint er es nur zu thun, um dasselbe allgemein verabscheut zu machen.« »Gut,« sagte der Seemann, »ich habe von sortes Virgilianae Man schlug den Virgil auf, und welche Stelle dem Aufschlagenden zuerst in die Augen fiel, wurde als ein Schicksalsausspruch gedeutet, wie man es heut zu Tage noch mit der Bibel macht. gehört, und ich glaube, die sortes Salustianae werden völlig eben so wahr sein. Ich habe den ehrlichen Crispus meinethalben befragt, und eine Maulschelle für meine Mühe bekommen. Aber seht, jetzt will ich das Buch für Euch öffnen und sehen, was sich dem Auge zuerst darstellt! Seht hier: Catilina ... omnium flagitiorum atque facinorum circum se habebat . Und dann wieder: Etiam si quis a culpa vacuus in amicitiam ejus inciderat, quotidiano usu par similisque ceteris efficiebatur . (Catilina vereinigte alle Schandthaten und Verbrechen um sich her – und wenn einer auch schuldlos in seine Genossenschaft kam, so wurde er durch den täglichen Umgang bald den andern völlig gleich.) Das nenne ich ehrlich gesprochen von dem alten Römer, Mr. Fairford (Schönwort); wahrhaftig, das ist ein herrlicher Name für einen Rechtsgelehrten.« »Ob ich gleich Rechtsgelehrter bin,« sagte Fairford, »so verstehe ich doch Euren Wink nicht.« »Gut denn,« sagte Ewart, »ich kann es auf einem andern Wege versuchen, so gut als der heuchlerische, alte Schurke Turnpenny selbst. Ihr sollt wissen, daß ich mit meiner Bibel so gut bekannt bin, als mit meinem Freund Sallust.« Dann sagte er in einem sonderbaren, näselnden Tone den Vers her: »Deßhalb ging David hinweg und kam zur Höhle von Adullan. Und Alle, die im Elend, Alle, die in Schulden, Alle, die mißvergnügt waren, sammelten sich unter ihm, und er wurde ein Hauptmann über sie. Was dünkt Euch davon,« sagte er, indem er plötzlich den Ton änderte, »habe ich Euch jetzt getroffen, Sir?« »Ihr seid so weit davon, als je,« erwiderte Fairford. »Nun, zum Teufel! Und Ihr segelt zwischen dem Summertrees und dem Laird hin und her! Sagt das den Matrosen, und sie glaubens nicht. Aber Ihr habt Recht, vorsichtig zu sein, da Ihr nicht sagen könnt, wer Recht hat oder nicht. – Ihr seht aber übel aus; das ist die kalte Morgenluft. Wollt Ihr ein Glas Flip Flip ist ein englisches Getränk aus Bier, Branntwein und Citronensaft oder eine Flasche heißen Rumbo? Ein Getränk der Matrosen aus Branntwein, Zucker und Wasser. Schlagt ein anderes Brod in Stücke, hört ihr? Setzt den Theekessel übers Feuer, ihr Höllengezücht, oder euch soll – – –« Oder wollt Ihr eins vom ächten (hier zeigte er eine Branntweinflasche), wollt Ihr einen Mund voll Tabak, – oder eine Pfeife, – oder eine Cigarre? – eine Prise; das macht das Hirn hell und schärft den Blick!« Fairford wies alle diese freundlichen Anerbietungen ab. »Nun denn,« fuhr Ewart fort, »wenn Ihr nichts für den freien Handel thun wollt, so muß ich ihn in Schutz nehmen.« Hier trank er ein großes Glas Branntwein aus. »Ein Haar von dem Hunde, der mich biß,« fuhr er fort, – »von dem Hunde, der mich bald zerreißen wird; und doch muß ich Dummkopf ihn immer in der Kehle haben. Aber das alte Trinklied sagt (hier fang er und zwar gilt): Ich will trinken, trinken, so lang ich's Leben habe; Wir finden nur kalten, kalten Trank im Grabe. Alles dieß aber,« fuhr er fort, »hilft nicht gegen das Kopfweh. Ich wünschte, ich hätte etwas anderes, das Euch gut thäte; doch wir haben ja Thee und Kaffee an Bord; ich werde eine Kiste oder ein Faß öffnen lassen, und Ihr sollt im Augenblick etwas haben. Ihr seid in dem Alter, wo man so schwaches Zeug mehr liebt, als die starken Getränke.« Fairford dankte ihm, und nahm den Thee an. Bald rief Nanty Ewarts Stimme: »Brecht eine Kiste auf, Ihr Bastard von einem Schiffsjungen; wir brauchen schon wieder – kein Zucker mehr? Alles zu Grog verbraucht; sagt Ihr? Durch ein so energisches Verfahren sah er in kurzer Zeit sich im Stande, zu dem Platze, wo sein Passagier krank und erschöpft lag, mit einer Tasse oder vielmehr mit einer Kanne voll Thee zurückzukehren. Denn auf der springenden Jenny macht man Alles nach einem großen Maßstabe. Allan trank mit Begierde, und schien so sehr dadurch erquickt zu werden, daß Nanty Ewart schwor, er wolle auch davon trinken, aber nur, wie er sich ausdrückte, mit einem Glase Branntwein ausstaffirt. Vierzehntes Kapitel. Allan Fairford's Erzählung. (Fortsetzung.) Wir verließen Allan Fairford auf dem Verdeck der kleinen Schmuggler-Brigg in dem trostlosen Zustande, den Krankheit und Ekel bei einem fieberisch erhitzten Menschen von ängstlichem Gemüthe hervorbringen. Die Seekrankheit war indessen bei ihm nicht so stark, daß sie ihn völlig der Empfindung beraubt oder seine Aufmerksamkeit gänzlich von dem abgewandt hätte, was um ihn vorging. Wenn er über die Schnelligkeit und Beweglichkeit, womit »die kleine Fregatte« die Wogen durchschnitt, sich nicht freuen oder auf die Schönheit der Seeansichten um ihn her nicht Acht haben konnte, wo der entfernte Skiddaw sein Haupt erhob, gleichsam der in Wolken gehüllten Spitze des Criffels zum Trotz, der die schottische Seite der Solway-Mündung beherrschte, so hatte er doch Kraft und Besonnenheit genug, um dem Schiffskapitän, von dessen Charakter nach aller Wahrscheinlichkeit seine eigene Sicherheit abhing, eine besondere Aufmerksamkeit zu erweisen. Nanty Ewart hatte das Steuerruder einem seiner Leute gegeben, – einem kahlköpfigen, alten Mann mit grauen Augenbrauen, der sein ganzes Leben damit hingebracht hatte, die Zollgesetze zu umgehen, und hie und da ein paar Monate Gefängnißstrafe auszuhalten, wegen Mißhandlung von Zollbeamten, Widersetzung gegen Beschlagnahme von Waaren u. dgl. Nanty setzte sich bei Fairford nieder, brachte ihm noch zu seinem Thee andere Erfrischungen, die er für passend hielt, und schien in seiner Art aufrichtig bemüht, dessen Lage so angenehm zu machen, als die Umstände es zuließen. Fairford hatte auf diese Weise Gelegenheit, seine Gesichtszüge und sein Benehmen näher zu betrachten. Offenbar war Ewart, obgleich ein guter Seemann, doch nicht für dieses Element erzogen. Er war ziemlich gut unterrichtet, und schien es auch gern zu zeigen, denn er kam wieder auf den Sallust und Juvenal zurück; während auf der andern Seite seemännische Ausdrücke selten in die Unterredung hineinkamen. Von Person war er ein kleiner, artiger Mann, aber die tropische Sonne hatte seine ursprünglich schöne Gesichtsfarbe in ein Dunkelroth verwandelt, und die Galle, die sich oft durch sein Blut ergoß, hatte etwas schwarzgelbes hineingemischt, besonders war der weiße Theil des Auges so dunkel, als ein Topas. Er war sehr dünne, oder vielmehr abgemagert, und sein ganzes Wesen, wenn es gleich noch immer Gewandtheit und Thätigkeit zeigte, bewies doch wegen des übertriebenen Gebrauchs seines Lieblingsreizmittels, einen erschöpften Körperzustand. »Ihr sehet mich scharf an,« sagte er zu Fairford. »Wäret Ihr ein so verdammter Zollaufseher, meine Hunde würden Euch bald genug gepackt haben.« Er schlug sein Oberkleid auseinander, zeigte Allan ein paar Pistolen zwischen diesem und der Weste, und legte zugleich seinen Finger auf den Hahn der einen. »Aber lassen wir das, Ihr seid ein ehrlicher Kerl, obgleich ziemlich verschlossen. Ich wette, Ihr haltet mich für einen seltsamen Menschen, aber ich kann Euch sagen, die, welche das Schiff den Hafen verlassen sehen, wissen wenig von den Gewässern, die es durchsegeln wird. Mein Vater, ein rechtschaffener, alter Herr, hätte wohl nie daran gedacht, mich als Befehlshaber der springenden Jenny zu sehen.« Fairford äußerte, Mr. Ewarts Erziehung scheine weit über seiner jetzigen Beschäftigung zu stehen. »Die mich nur vom Criffel nach den Solway-Morästen führt,« sagte der andere. »Ja, Freund, ich hätte sollen ein Ausleger des Worts werden, mit einer Perrücke, wie ein Schneekranz und einer Besoldung von – von – von 100 Pfund Sterling des Jahrs, denke ich. Ich kann aber, obgleich in meiner jetzigen Stellung, dreimal so viel ausgeben.« Hier sang er einen Vers aus einem alten northumbrischen Liede, indem er dabei die Bewegungen der Landes-Einwohner nachmachte: »Willy Förster ging auf die See, Silberne Schnallen an seinem Knie, Er kommt zurück, und freiet mich, Der ehrliche Willy Forster.« »Ich zweifle nicht,« sagte Fairford, »daß Eure jetzige Beschäftigung einträglicher ist; ich sollte aber denken, die Kirche würde Euch – –« Er hielt inne und bedachte sich, daß er hier nichts Unangenehmes sagen dürfe. »Eine ehrenvollere verschafft haben, meint Ihr?« sagte Ewart höhnisch, und spritzte den Tabakssaft durch seine Vorderzähne; dann schwieg er einen Augenblick, und fuhr dann in einem Tone von Aufrichtigkeit, die aus einer innern Gewissensregung hervorging, fort; »ja, wahrhaftig, und eine tausendmal glücklichere dazu, ob ich gleich auch so meine vergnügten Stunden gehabt habe. Mein Vater (Gott segne den alten Mann!) war ein achter Sprosse von dem alten presbyterianischen Stamm, ging in seiner Pfarre umher, wie ein Kapitän auf seinem Hinterverdeck, und war stets bereit, zu Armen und zu Reichen zu gehen. Der Laird zog seinen Hut so rasch vor dem geistlichen Herrn ab, und der arme Mann seine Mütze. Wenn das Auge ihn sah – puh! Was hab' ich jetzt damit zu schaffen? – Er war in der That, wie Birgit sagt: Ein Mann, groß an Weisheit und Frömmigkeit. Aber er wäre wohl noch weiser gewesen, wenn er mich zu Hause behalten hätte, statt mich in meinem neunzehnten Jahre auf die Universität zu schicken, um die Gottesgelahrtheit zu studiren. Das war ein verdammter Mißgriff von dem alten Manne. Ja, und Mrs. Cantrips von Kittlebasket (denn anders schrieb sie sich gar nicht) war unsere Cousine im fünften Grad; die nahm mich deßhalb in Kost und Wohnung um sechs Schillinge die Woche, anstatt um sieben; das war eine schlechte Ersparniß, wie sich nachher auswies. Doch ihr würdevolles Wesen hätte mich in Ordnung erhalten können, denn sie las nie ein Kapitel in der Bibel, außer in der Cambridger Ausgabe bei Daniel gedruckt, und in gestickten Sammt gebunden. Mir ist's, als sähe ich sie noch! Und Sonntags, wenn wir statt Buttermilch ein Quart Zweipfennig-Bier zu unserer Suppe bekamen, wurde es immer in einem silbernen Kruge aufgesetzt. Sie hatte auch eine in Silber gefaßte Brille, während die meines Vaters nur in Horn gefaßt war. Diese Dinge machten anfangs ihren Eindruck, doch gewöhnten wir uns bald an den Glanz. Nun, Sir! – O Himmel! ich kann in meiner Geschichte fortfahren, es steckt mir im Halse, ich muß es in der That hinabflößen. Nun also, diese Dame hatte eine Tochter – Jeß Cantrips, ein schwarzäugiges, stattliches Ding – und als ob's der Teufel hätte so haben wollen, da war die verdammte Treppe zum fünften Stock, und ihr Fuß kam nie davon weg, ich mochte nun aus dem Collegium kommen, oder dahin gehen. Ich wäre ihr gern ausgewichen, Sir, gern bei meiner Seele! Denn ich war ein so unschuldiger Junge, als je einer von Lammerumir kam; da war aber keine Möglichkeit, zu entkommen, mich zurückzuziehen, oder zu fliehen, wenn ich nicht ein Paar Flügel bekam, oder eine Leiter erhielt, sieben Stock hoch, um durch's Fenster in meine Dachkammer hineinzukommen. Doch was soll ich Euch weiter erzählen? – Ihr wißt schon, wie all das enden mußte, ich würde das Mädchen geheirathet und mein Heil versucht haben, beim Himmel! das würde ich, denn sie war ein artiges und gutes Mädchen, bis sie und ich zusammen, Ihr kennt ja aber das alte Lied: Die Kirch' würd' uns nicht lassen sein. Ein wohlhabender Mann an meiner Stelle würde die Sache mit dem Kirchenschatzmeister um ein geringes Geld abgemacht haben, aber der arme Schlucker, der nicht einen Pfennig daran zu wenden hatte, und seine Cousine von Kittlebasket geheirathet hätte, würde durch Besteigung des presbyterianischen Bußthrons in Kurzem ihre Schwäche dem ganzen Kirchspiel haben verkündigen, und wie Othello sagt, im Angesichte der ganzen Versammlung, »seine Geliebte für eine H..e erklären müssen.« »In dieser entsetzlichen Verlegenheit wagte ich nicht zu bleiben, wo ich war, und gedachte, heim zu meinem Vater zu gehen. Vorher aber trug ich Jack Hadaway, einem Burschen aus dem nämlichen Kirchspiele, und der im nämlichen höllischen Stockwerk mit mir wohnte, auf, ein wenig nachzuforschen, wie der alte Herr die Sache aufgenommen habe. Bald vernahm ich zu großer Vermehrung meiner tröstlichen Betrachtungen, daß der gute, alte Mann einen solchen Lärmen gemacht hatte, als ob seit Adams Zeiten Niemand noch sein Mittagsmahl ohne Dankgebet zu sich genommen habe. Sechs Tage lang rief er aus: Ischabod! Ischabod! der Ruhm ist gewichen von meinem Hause; und am siebenten hielt er eine Predigt, worin er sich über den Vorfall als über eine der großen Aufforderungen zur Demüthigung vor dem Herrn und als über eine Art von National-Vergehen ausbreitete. Ich hoffe, dieß trug zu seinem eigenen Troste bei, ich aber schämte mich so, daß ich meine Nase nicht in das Haus meines Vaters stecken wollte. Ich ging deßhalb nach Leith, vertauschte meinen groben, grauen Rock, wozu meine Mutter selbst das Garn gesponnen hatte, gegen eine Jacke wie diese, ließ meinen Namen in's Schiffsregister einschreiben, und segelte nach Plymouth, wo sie gerade ein Escadre nach Westindien ausrüsteten. Hier kam ich an Bord des Fearnought, Kapitän Daredevil, unter dessen Mannschaft ich bald den Teufel, das Schrecken meiner frühern Jugend, so wenig fürchten lernte, als den stärksten Schiffjungen. Anfangs regten sich einige Gewissensbisse, aber ich nahm das Gegenmittel (hier zeigte er auf seine Flasche), welches ich Euch empfahl, und das für Seelenkrankheit so gut ist, als für Magenkrankheit. Was? Ihr wollt nicht? Nun denn, so muß ich; auf Eure Gesundheit!« »Ihr werdet, fürchte ich, Eure Erziehung in Eurer neuen Lage von geringem Nutzen befunden haben,« sagte Fairford. »Verzeiht, Sir,« erwiderte der Kapitän der springenden Jenny; »mein Bischen Latein und Griechisch nützte mir freilich so wenig, als ein altes Stück Tau, aber mein Lesen, Schreiben und Rechnen kamen mir gut zu statten und brachten mich vorwärts. Ich wäre mit der Zeit Schulmeister, vielleicht noch etwas mehr geworden, aber dieser mächtige Trank, der Rum, besiegte mich zu oft, und so kam ich, mochte ich auch Segel aufsetzen, so viel ich wollte, doch nie recht von der Stelle. Vier Jahre brachten wir in dem glühenden Himmelsstrich zu, und ich kam endlich zurück mit ein wenig Prisen-Geld, und hatte noch den Gedanken, meine alte Universitätsgeschichte in Ordnung zu bringen und mich mit meinem Vater zu versöhnen. Ich fand Jack Hadaway, der mit einem Dutzend erbärmlicher Schuljungen die griechischen Conjugationen ableierte und eine hübsche Anzahl Geschichten in Bereitschaft hatte, um mich damit zu bewirthen. Mein Vater hatte über das, was er meinen Abfall nannte, sieben Sonntage gepredigt, und eben, als seine Pfarrkinder zu hoffen begannen, daß der Strom nun zu Ende sein werde, wurde er am 8ten Sonntag Morgens todt in seinem Bett gefunden. Jack Hadaway versicherte, daß ich, um durch das Schicksal des ersten Märtyrers meine Irrthümer abzubüßen, nur in meinen Geburtsort gehen dürfe, wo die Steine in den Straßen sich gegen mich, als den Mörder meines Vaters, erheben würden. Hier war aber auch ein hübsches, – nun, die Zunge blieb mir eine Stunde im Munde stille, und war am Ende nur fähig, Mrs. Cantrips herauszubringen. Dieß war wieder neuer Grund, zu meinem Tröster Zuflucht zu nehmen. Meine plötzliche Abreise, meines Vaters eben so plötzlicher Tod hatte die Zahlung der Rückstände von meinem Kostgelde verhindert; der Wirth war ein Krämer, und sein Herz so verfault, als die Baumwollenwaare, womit er handelte. Ohne Rücksicht auf ihr Alter oder die Art der Verwandtschaft, wurde Mylady Kittlebasket aus ihrer lustigen Wohnung herausgeworfen, ihre Suppenschüssel, ihr silberner Bierkrug, ihre mit Silber eingefaßte Brille und ihre Cambridger Bibel von Daniel wurden am Gerichtshof von Edinburgh an Meistbietenden verkauft, und sie selbst in's Arbeitshaus gebracht, wohin sie freilich sehr ungern ging; völlig draus erlöst, wie es ihre Freunde nur wünschen konnten, wurde sie aber, nämlich durch den Tod. Angenehme Zeitungen für mich, der ich der verdammte (er hielt einen Augenblick an) Origo mali gewesen war. Der beste Spaß war aber noch zurück; ich hatte gerade noch Kraft, den Namen Jeß herauszustammeln, und meiner Treu, er hatte auch dafür eine Antwort! Ich hatte die Jeß einen Handel gelehrt, und als ein kluges Mädchen hatte sie einen zweiten für sich ausgefunden; unglücklicher Weise waren aber beide Contreband, und Jeß Cantrips, Tochter der Lady Kittlebasket, hatte die Ehre, wegen Umherstreichens auf den Straßen und Taschen-Ausleeren ungefähr 6 Monate, ehe ich das Ufer betrat, nach den Kolonien transportirt zu werden. Er änderte den bittern Ton des affektirten Scherzes, und versuchte zu lachen; dann fuhr er mit seiner braunen Hand über seine braunen Augen und sagte in einem natürlichen Tone: »Arme Jeß!« Hier entstand eine Pause, bis Fairford in Mitleiden über des armen Mannes Seelenzustand, und in der Ueberzeugung, daß etwas in ihm sei, was ohne den frühen Irrthum und die darauf folgende Verworfenheit zu etwas Ausgezeichnetem und Edlem hätte heranwachsen können, die Unterredung durch die im Tone des Mitleids ausgesprochene Frage fortzuführen suchte, »wie er denn eine solche Last von Elend habe ertragen können.« »Gut, sehr gut,« antwortete der Seemann; »ausnehmend gut, wie ein starkes Schiff einen plötzlichen Windstoß; laßt mich ein wenig besinnen! – Ich erinnere mich, daß ich dem Jack für seine interessanten und angenehmen Nachrichten sehr gefaßt dankte, zog dann meinen Beutel heraus mit meinem Schatz von Goldstücken, nahm zwei Stücke heraus, und bat Jack, den Rest aufzubewahren, bis ich wieder käme, denn ich wollte nach Alt-Reckie fahren; der arme Teufel sah angstvoll aus, aber ich schüttelte ihm die Hand, und rannte die Treppe hinab in solcher Verwirrung, daß ich trotz dem, was ich gehört hatte, bei jedem Schritte Jeß zu sehen hoffte.« »Es war Markttag, und die gewöhnliche Menge Landstreicher und Narren hatte sich bei dem Gerichtsgebäude versammelt. Ich sah, daß Jedermann verwundert auf mich sah, und ich glaubte, einige hätten gelacht. Ich mag wohl auch sonderbare Gesichter genug geschnitten, und vielleicht mit mir selbst gesprochen haben. Als ich mich so behandelt sah, streckte ich die geballten Fäuste gerade vor mich hin, den Kopf vorwärts, und rannte nun wie ein Bock, wenn er einen Gang machen will, gerade die Straße hinab, stieß Gruppen von alten Lairds und Bürgern in Perrücken auseinander, und streckte Alles vor mir nieder. Ich hörte den Ruf: »haltet den Rasenden!« und die Stadtwache wiederholte ihn, aber Verfolgung und Widerstand waren vergebens. Ich verfolgte meinen Lauf, der Seeduft, glaube ich, führte mich nach Leith, wo ich mich bald nachher wieder fand, ganz ruhig am Ufer auf und ab spazierend, um das straffe Tauwerk der Schiffe zu bewundern, wobei ich daran dachte, wie eine Schlinge mit Einem, der darin hänge, wie eine Quaste sich ausnehmen würde. »Ich befand mich an dem Versammlungsort der Matrosen, früher schon mein Zufluchtsort, ich stürzte hinein, fand eine oder zwei alte Bekanntschaften, machte ein halbes Dutzend neue, trank zwei Tage lang, ging dann an Bord eines kleinen Schiffes, – hin nach Porthmouth, und wurde dann in einem artigen, hitzigen Fieber an's Land in das Haslaar-Hospital gebracht. Was thuts? – Ich wurde besser – nichts kann mich umbringen– ich kam abermals nach Westindien, und da ich in der andern Welt noch nicht dahin kam, wohin ich zu kommen verdiente, so kam ich schon in dieser in ein Quartier, das schwarze Teufel zu Einwohnern, Flammen und Erdbeben u. s. w. zur Unterhaltung hatte. Nun, Bruder, ich that oder sagte etwas, ich kann nicht sagen, was – wie Teufels sollte ich auch, denn ich war betrunken, wie Davids Sau, Eine sprichwörtliche Redensart für eine starke Betrunkenheit, Die Frau eines gewissen David Cloyb, welcher eine sechsfüßige Sau im Stalle hatte, war dem Trunke sehr ergeben, weßhalb sie oft von ihrem Manne gezüchtigt wurde. Eines Tages ging sie völlig betrunken an den Stall. ließ die Sau heraus, und legte sich hinein, um der Züchtigung zu entgehen; unglücklicher Weise kam aber eine Gesellschaft um die berühmte Sau zu sehen; als die Thüre des Schweinstalls geöffnet wurde, sah man die Frau darin liegen, die von nun an Davids Sau hieß. Ihr wißt schon? Aber ich wurde gestraft, mein Junge, denn man ließ mich das Madchen küssen, das nicht spricht, als wenn es böse ist, und das ist des Kanoniers Tochter, Ein bei den Matrosen gewöhnlicher Ausdruck für eine Art von Züchtigung. Kamerad. Ja, des Predigers Sohn von – ich weiß nicht mehr, woher, – hat das Kratzen der Katze aus seinem Rücken. Dieß brachte mich auf, und als wir am Ufer waren, stieß ich nach einem heftigen Streite dem Burschen, den ich am meisten haßte, das Messer drei Zoll tief in den Leib, und flüchtete mich in den Wald. Es gab da eine Menge wilder Kerle an der Küste, und mag's wissen, wer es will, ich machte gemeinschaftliche Sache mit ihnen, seht Ihr – segelte unter der schwarzen Flagge und den Todtenbeinen, – war gut Freund mit der See und Feind Allem, was darauf schiffte.« Obgleich es Fairford als einem Rechtsgelehrten nicht wohl bei der Sache war, sich mit einem so gesetzlosen Menschen in naher Verbindung zu sehen, hielt er es doch für das Beste, gute Miene zum bösen Spiel zu machen, und fragte Mr. Erwart so unbefangen als möglich, »ob er als Räuber glücklich gewesen sei?« »Nein, beim Teufel! nein,« erwiderte Nanty; »ich konnte kein Stückchen Butter gewinnen, mir das Brod zu schmieren. Es war keine Ordnung unter uns, der, welcher heute Kapitän war, mußte morgen das Schiff fegen, und was die Beute betrifft, sie sagen, der alte Avery und ein paar andere Erzknicker hätten sich Geld gemacht; zu meiner Zeit ging aber Alles wieder fort, und zwar aus gutem Grunde, denn wenn so ein Bursche sich fünf Thaler erspart hätte, so würden sie ihm in seiner Hängematte den Hals abgeschnitten haben. Und dann war es immer ein grausames, blutiges Handwerk. – Pah! ich will nichts mehr davon sagen. Ich brach endlich mit ihnen, denn was sie einmal an Bord einer Schnaue thaten, – nun ich will nichts sagen – schlecht genug war's, denn es schauderte mich. Ich nahm in der Stille Abschied, benutzte die Amnestie, und war von der ganzen Sache los. Und so sitze ich nun hier, als Steuermann der springenden Jenny, einer Nußschale von einem Schiffe, aber sie geht durch das Wasser, wie ein Delphin. Wenn der heuchlerische Schurke zu Annan nicht wäre, der den größten Vortheil und keine Gefahr dabei hat, so stünde es um mich so gut, als ich's bedarf. Hier ist kein Mangel an meinem besten Freunde,« dabei wies er auf seine Branntweinflasche, »aber ich will Euch ein Geheimniß sagen, er und ich sind so gut mit einander bekannt worden, daß ich ihn allmälig wie einen Spaßmacher von Profession ansehe, der Euch zum Lachen bringt, daß Euch die Seite schmerzt, wenn Ihr ihn nur hie und da seht; wohnt Ihr aber in einem Hause mit ihm zusammen, so macht er Euch nur den Kopf dumm. Ich wette aber, der alte Bursche thut endlich noch das Beste für mich, was er thun kann.« »Und was ist dieses?« sagte Fairford. »Er tödtet mich, und es thut mir nur leid, daß es so lange dauert.« So sprach er, sprang auf seine Füße, lief auf dem Verdeck hin und her, und gab seine Befehle mit der gewöhnlichen, Deutlichkeit und Bestimmtheit, trotz der beträchtlichen Menge Branntwein, die er allmälig während seiner Geschichte zu sich genommen hatte. Obgleich Fairford sich nicht weniger als wohl fühlte, versuchte er doch, aufzustehen und nach dem Vordertheil der Brigg sich zu begeben, sowohl um des schönen Anblicks zu genießen, als auch um den Lauf, den die Brigg nähme, sich zu merken. Zu seinem großen Erstaunen ging das Schiff, anstatt querüber nach dem entgegengesetzten Ufer zu steuern, den Fluß hinab, und anscheinend in das irische Meer hinaus. Er rief Nanty Ewart herbei, drückte sein Erstaunen darüber aus, und fragte, »warum sie nicht gerade hinüber nach einem Hafen in Cumberland steuerten?« »Warum? das ist einmal eine vernünftige Frage,« erwiderte Nanty; »als ob ein Schiff so gerade in seinen Hafen einlaufen könnte, wie ein Pferd in den Stall; oder als wenn ein Schleichhändler den Solway so sicher durchschiffen könnte, als ein königlicher Kutter! Warum? das will ich Euch sagen, Bruder. – Wenn ich nicht einen Rauch aufsteigen sehe von Bowneß, das ist das Dorf dort an dem Vorgebirge, muß ich 24 Stunden wenigstens in See bleiben, denn wir müssen das Wetter darnach messen, ob die schlauen Füchse fort sind.« »Und wenn Ihr das Signal der Sicherheit sehet, Meister Ewart, was ist dann zu thun?« »Nun dann, in diesem Falle muß ich die Nacht abwarten, und dann setze ich Euch nebst den Fässern und dem andern Gerumpel an's Land bei Skinburneß.« »Und werde ich dann den Land treffen, für den ich den Brief hier habe?« fuhr Fairsord fort. »Das,« sagte Ewart, »wird sich hernach ausweisen; das Schiff hat seinen Lauf, der Schleichhändler seinen Hafen; aber es ist nicht so leicht zu sagen, wo man den Land finden kann; aber mehr als 20 Meilen auf oder ab, kann er nicht von hier sein, und es wird meine Sorge sein, Euch zu ihm zu führen.« Fairford konnte dem Schauder nicht widerstehen, der ihn durchzuckte, wenn er sich erinnerte, daß er so ganz in der Gewalt eines Mannes sei, der nach seinem eigenen Geständnisse ein Seeräuber, und aller Wahrscheinlichkeit nach ein Geächteter und ein Schleichhändler war. Nanty Ewart vermuthete die Ursache seines unwillkürlichen Schauders. »Was, zum Henker! würde ich gewinnen,« sagte er, »wenn ich eine so niedere Karte, als Ihr seid, in der Hand behielte? Hab' ich nicht schon manches Trumpf-Aß in der Hand gehabt, und ehrlich wieder ausgespielt? Ja, die springende Jenny kann auch etwas Anderes tragen, als Fässer. Setzet nur vor Ewart ein S und ein T, und buchstabirt es zusammen. Versteht Ihr mich jetzt?« »Wahrhaftig nicht,« sagte Fairford; »ich weiß durchaus nicht, worauf Ihr anspielt.« »Nun, beim Jupiter! du bist entweder der unergründlichste oder der dümmste Bursche, den ich je gesehen habe, – oder es ist mit dir nicht richtig. Ich wundere mich, wie Summertrees so ein zärtliches Ding längs dem Ufer aufgabeln konnte. Wollt Ihr mich seinen Brief sehen lassen?« Fairford nahm keinen Anstand, seinen Wunsch zu erfüllen, dem er, wie er wohl merkte, nicht füglich widerstehen konnte. Der Befehlshaber der springenden Jenny blickte sehr aufmerksam die Aufschrift an, drehte dann den Brief hin und her, untersuchte genau jeden Federzug, als ob er eine gezierte Handschrift beurtheilen wollte; dann händigte er den Brief Fairford wieder ein, ohne eine einzige Bemerkung. »Nun, ist es jetzt richtig mit mir?« fragte der junge Rechtsgelehrte. »In der Hinsicht, ja,« antwortete Nanty; »mit dem Briefe hat es seine völlige Richtigkeit; ob aber Ihr richtig daran seid oder nicht, das ist Eure Sache mehr, als die meinige.« Er schlug hierauf mit einem Messerrücken an einen Feuerstein, zündete eine Cigarre an, so dick als sein Finger, und begann mit großer Emsigkeit zu rauchen. Allan Fairford hörte nicht auf, ihn mit schwermüthigen Blicken zu betrachten, getheilt zwischen dem Interesse, das er an dem unglücklichen Manne nahm, und einer sehr natürlichen Besorglichkeit wegen des Ausganges seines eigenen Abenteuers. Trotz der betäubenden Kraft seines Zeitvertreibs schien Ewart doch zu errathen, was in der Seele seines Passagiers vorging, denn nachdem sie eine Zeitlang schweigend einander betrachtet hatten, warf er plötzlich seine Cigarre aus das Verdeck hin und sagte: »Wohlan denn, wenn Ihr um mich bekümmert seid, so bin ich es um Euch; der Henker hole mich, wenn ich seit den 2 Jahren, da ich Jack Hadaway zum Letztenmale sah, mich um irgend ein Menschenkind bekümmerte. Der Mensch war so fett geworden, wie ein norwegischer Wallfisch, hatte eine große, dicke Holländerin geheirathet, die ihn mit 6 Kindern beschenkt hatte. Ich glaube, er kannte mich nicht, und dachte, ich wolle ihn berauben; indeß nahm ich eine demüthige Miene an, und sagte ihm, wer ich wäre. Der arme Jack würde mir Obdach und Kleider gegeben haben, und sprach von meinen Goldstücken, die in der Bank lägen, wenn ich sie bedürfte. O Himmel! wie stimmte er den Ton um, als ich ihm meinen Lebenslauf erzählte, und daß er mir mein Geld herausgeben sollte, um mich los zu sein. Nie sah ich ein so verstörtes Gesicht, sagte ihm aber, es sei Alles nur ein Schnack, die Goldstücke seien alle sein, von nun an bis in Ewigkeit, und so rannte ich hinweg. Ich befahl einem unserer Leute, ihm eine Kiste Thee und ein Faß Branntwein zurückzulassen; dann erst verließ ich den armen Jack. Ich glaube, Ihr seid in 10 Jahren die zweite Person, für die Nanty Ewart etwas mehr gegolten hat, als ein Tabaksstopfer.« »Vielleicht, Mr. Ewart, lebt Ihr hauptsächlich mit Menschen, die zu sehr für ihre eigene unmittelbare Sicherheit besorgt sind, um viel an das Unglück Anderer zu denken.« »Und mit wem lebt Ihr denn,« erwiderte Nanty scharf. »Wie mit Verschwörern, die zu keinem bessern Ende es bringen mit ihren Verschwörungen, als zum Galgen; mit Brandstiftern, welche die Funken mit nassem Zunder auffangen. Ihr mögt ebensowohl ein Grunzen von einem todten Schweine hören, als Unterstützung erhalten aus Wales oder Cheshire. Ihr denkt, weil da ein Topf siedet, müsse Euer Schaum nun oben auf kommen. Ich weiß das besser, beim – –! All' dieß Getöse und diese Aufstände, die nach Eurer Meinung Euch die Bahn brechen sollen, haben auf Eure Angelegenheit gar keine Beziehung, und das beste Mittel, dem ganzen Reich auf einmal zur Einigkeit zu verhelfen, wäre das Gerücht eines solchen Unternehmens, worein sich die alten, tollen Gesellen einlassen wollen.« »Ich bin in der That nicht in solchen Geheimnissen, worauf Ihr anzuspielen scheint,« sagte Fairford; und mit einem Lächeln setzte er, entschlossen, Nanty Ewarts mittheilende Stimmung zu gleicher Zeit möglichst zu benützen, hinzu: »Und wenn ich es wäre, so würde ich es nicht für klug halten, sie so sehr zum Gegenstand des Gesprächs zu machen. Aber ich bin überzeugt, solche kluge Leute, wie Summertrees und der Laird, werden wohl Briefe wechseln ohne Gefahr für den Staat.« »Ich verstehe, Freund, ich verstehe,« sagte Nanty Ewart, bei welchem endlich doch die genossene Flüssigkeit und der Tabaksdampf eine bedeutende Aenderung hervorzubringen schienen. »Worüber die beiden Herren korrespondiren? die Frage können wir übergehen, pflegte unser alter Professor zu sagen; und was Summertrees betrifft, so sage ich nichts, denn ich kenne ihn als einen alten Fuchs. Aber der Laird ist ein Feuerbrand in dem Lande, der alle ehrlichen Leute aufregt, die ihr Glas Branntwein in Ruhe trinken sollten; der erzählt ihnen Geschichten von ihren Vorfahren und vom Jahre fünfundvierzig, sucht alles Wasser auf seine Mühle zu leiten, und spannt seine Segel nach allen Winden auf. Und weil das Volk zu London wegen einiger Lasten und Beschwerden murrt, so glaubt er, er dürfe nur den Finger aufheben, um sie für seine Sache zu gewinnen. Auch bekommt er von Einigen Aufmunterung, weil sie seiner Geldspenden bedürfen, und von Andern, weil sie für die nämliche Sache fochten, und sich schämen, zurückzutreten; von Andern, weil sie nichts zu verlieren haben; und endlich von Narren, die mit Allem unzufrieden sind. Wenn er aber Euch oder irgend Jemand, ich sage nicht wen, in diesen Handel verwickelt hat, durch die Hoffnung, daß irgend etwas Gutes herauskommen soll, so ist er eine verdammte Lockente, und das ist Alles, was ich von ihm sagen kann; Ihr aber seid eine Gans, und dieß ist schlimmer, als eine Lockente oder eine lahme Ente Lahme Ente; so nennen die Stockjobbers diejenigen Spieler, welche durch übertriebene Spekulationen sich zu Grunde gerichtet haben. Hier ist es also sprichwörtlich von Jemand zu verstehen, dessen Unternehmen mißglückt ist. zu sein. Hier wird nur auf das Wohl König Georgs III. und der wahren, presbyterianischen Religion, und auf das Verderben des Papsts, des Teufels und des Prätendenten getrunken! Ich sage Euch etwas, Mr. Fairford; ich bin nur zum zehnten Theil Eigenthümer des kleinen Dings hier, der springenden Jenny, nur zum zehnten Theile, und muß segeln, wenn die andern Eigenthümer wollen. Wenn ich aber ganzer Eigenthümer desselben wäre, ich würde diese kleine Brigg nicht zur Fähre Eures alten, jakobitischen Gesindels machen, Mr. Fairford, – ich würd´ es nicht thun, meiner Seel´; sie sollten auf´s Brett treten, Auf das Brett treten ist soviel, als an den Galgen kommen, weil der Verurtheilte auf ein Brett treten muß, das nachher unter ihm weggezogen wird. bei den Göttern, wie ich es von bessern Leuten gesehen habe, als ich noch unter einer gewissen Farbe segelte. Da es aber Contreband ist, und an Bord meines Schiffes, und ich den Befehl, wie ich segeln soll, in der Hand habe, so muß ich sie dahin bringen, wohin sie bestimmt sind. – Nun, John Roberts, hebt ein wenig das Steuer! – Und so, Mr. Fairford, was ich thue, das thue ich nur, wie der verdammte Schurke Turnpenny sagt, im Geschäftswege.« Er hatte die letzten fünf Minuten nur mit Schwierigkeit gesprochen, und fiel jetzt der Länge nach auf´s Verdeck hin, durch die Menge der eingenommenen geistigen Getränke endlich zum Schweigen gebracht, ohne jedoch eine Spur von der Fröhlichkeit oder Ausgelassenheit eines Berauschten gezeigt zu haben. Der alte Matrose kam vorwärts und schlug einen Schiffermantel um die Schultern des Schlafenden, blickte auf Fairford und sagte: »Schade um ihn, daß er diesen Fehler haben muß; denn ohne ihn würde er ein so wackrer Bursche sein, als jemals einer mit Rindsleder auf dem Verdecke umherging.« »Und was müssen wir denn thun?« sagte Allan Fairford. »Laviren, um sicher zu gehen, bis wir das Zeichen sehen, und dann dem weitern Befehle gehorchen.« So sprach der alte Mann, kehrte zu seinem Geschäft zurück, und überließ es dem Passagiere, sich an seinen eigenen Gedanken zu ergötzen, kurz darauf sah man eine lichte Rauchsäule von dem kleinen Vorgebirge aufsteigen. »Jetzt kann ich Euch sagen, Herr, was wir zu thun haben,« sagte der Matrose, »wir halten jetzt die See und laufen dann mit der Abendfluth bei Skinburneß ein; oder wenn dort kein Licht ist, segeln wir in den Wampool-Fluß, und setzen Euch bei Kirkbride oder Leaths mit dem langen Boot an´s Land.« Fairford, schon vorher unwohl, sah ein, daß dieß ihn noch auf einige Stunden zu dem leidenden Zustand verdamme, welchen sein zerrütteter Magen und sein schmerzhaft angegriffener Kopf nur mit Mühe ausdauern würden. Hier gab es aber kein Gegenmittel, als Geduld und die Erinnerung, daß er für seinen Freund leide. Als die Sonne höher stieg, wurde ihm schlimmer, und sein Geruchsinn schien einen krankhaften Grad von Schärfe zu erhalten, nur um die verschiedenen Gerüche, von denen er umgeben war, von dem Pechgeruch an, bis zu den zusammengesetzten Gerüchen der Schiffsladung, desto besser einzuziehen und zu unterscheiden. Sein Herz schlug bei der Hitze heftig, und er fühlte, daß ein heftiges Fieber in vollem Anzuge sei. Die Seeleute, die, soweit es ihr Beruf erlaubte, sehr höflich und aufmerksam waren, bemerkten sein Leiden, und der Eine war bemüht, ihm einen Sonnenschirm aus einem alten Segel zu machen, während ein Anderer ihm Limonade bereitete, das einzige Getränk, zu dessen Genuß man ihn bewegen konnte. Nachdem er diese getrunken hatte, fiel er in einen, obwohl nicht erquickenden Schlummer. Fünfzehntes Kapitel. Allan Fairford's Erzählung. (Fortsetzung.) Allan Fairford fühlte mehr Muth in sich, Beschwerden zu bestehen, als sein Körper zu ertragen im Stande war. Als er nach einem fünf- oder sechsstündigen Schlummer erwachte, befand er sich wegen Schwindel im Kopfe und Schmerzen in seinen Gliedern dergestalt entkräftet, daß er trotz seiner Anstrengung, sich nicht ohne Hülfe erheben konnte. Er hörte mit einigem Vergnügen, daß sie gerade in den Wampoolfluß einliefen, und daß er in ganz kurzer Zeit an´s Land gesetzt werden würde. Das Fahrzeug legte also bei, änderte seine Flagge, und dieß wurde vom Ufer aus durch Signale sogleich beantwortet. Man sah Menschen und Pferde den unebenen Pfad herabkommen, der an das Ufer führt, die letzteren passend ausgerüstet, um ihre Ladung fortbringen zu können. Zwanzig Fischerbarken wurden auf einmal flott, und drängten sich unter Geschrei, Gelächter, Fluchen und Scherzen um die Brigg her. Bei aller scheinbaren Unordnung herrschte doch durchaus Ordnung. Nanty Ewart ging wieder auf seinem Hinterverdeck umher, als hätte er in seinem Leben keine geistigen Getränke zu sich genommen; er gab die nöthigen Befehle mit Genauigkeit, und sah sie mit Pünktlichkeit ausgeführt. In einer halben Stunde war die Ladung der Brigg größtentheils in die Boote vertheilt, in einer Viertelstunde darauf war sie am Gestade gelandet und ungefähr die nämliche Zeit bedurfte es, um sie auf die bereit gehaltenen Packpferde zu vertheilen, die sich sogleich, jedes nach seiner besonderen Bestimmung, zerstreuten. Mehr Geheimniß wurde bei der Ladung des Schiffboots mit einer Menge kleiner Fäßchen, welche Munition zu enthalten schienen, beobachtet. Dieß geschah erst, als die Handlungskunden bereits weg waren, und erst, als dieß geschehen war, schlug Ewart Allan, welcher von Schmerz und Geräusch ganz betäubt war, vor, ihn an's Ufer zu begleiten. Nur mit Schwierigkeit konnte Fairford sich über Bord helfen, und nur durch Unterstützung des Kapitäns und seiner Leute vermochte er, sich auf dem Hintertheile des Boots zu erhalten. Nanty Ewart, welcher daran nichts Schlimmeres, als einen Anfall von Seekrankheit sah, brachte die gewöhnlichen Trostgründe an. Er versicherte seinem Passagier, daß ihm vollkommen wohl sein würde, wenn er nur einmal eine halbe Stunde am Land gewesen wäre, und er hoffe, mit ihm bei Vater Crackenthorp eine Flasche zu trinken, und eine Pfeife zu rauchen, dann werde er sich gleich von der Unbequemlichkeit erholen, die ihm das ungewohnte Reiten auf dem hölzernen Pferde zugezogen habe. »Wer ist Vater Crackenthorp?« fragte Fairford, obgleich kaum im Stande, die Frage hervorzubringen. »Ein ehrlicher Mann, wie kaum einer unter Tausenden,« antwortete Nanty; »ach, wie viele Flaschen Branntwein haben er und ich zu unserer Zeit mit einander ausgestochen. Bei meiner Seele! er ist der Fürst aller Gastwirthe und der Vater der Schleichhändler – ein filziger heuchlerischer Teufel, wie der alte Turnpenny Harthaut, der nur auf anderer Leute Kosten trinkt und es für Sünde hält, wenn er dafür bezahlen soll, – nein, ein alter ehrlicher Gebirgshahn; – die Haifische sind schon oft um und neben ihm her gewesen, aber Vater Crackenthorp weiß seine Segel zu richten; da wird kein Verhaftsbefehl ausgefertigt, oder er hört davon, ehe die Tinte trocken ist. Er ist gut Freund mit den Gemeindevorstehern und Constablern. Des Königs Schatz würde keinen Mann bestechen, um gegen ihn zu zeugen; wenn ja ein solcher Schurke so etwas sich vornehmen würde, so würde er am nächsten Morgen seine Ohren vermissen, oder sich selbst im Solway suchen müssen. Er ist ein Staatsmann, obgleich er nur ein Wirthshaus hat, dieß geschieht aber nur der Bequemlichkeit wegen, und um eine Entschuldigung zu haben, daß er große Keller und viele Leute hat; seine Frau ist eine stattliche Person, und eben so seine Tochter Doll. Wahrhaftig, Ihr werdet da im Hafen sein, bis Ihr wieder Euch auf die Fahrt begebt, ich aber will mein Wort halten und Euch zum Laird bringen, daß Ihr mit ihm sprechen könnt. Meine einzige Sorge ist nur, wie ich Euch wieder aus dem Hause bringe, denn die Doll, das ist ein rares Mädchen, die Mutter immer lustig, und Vater Crackenthorp der beste Gesellschafter! Er trinkt Euch eine Flasche Rum oder Branntwein, ohne zu mucksen, aber nie macht er seine Lippen mit dem elenden schottischen Getränke naß, das der alte Spitzbube Turnpenny in die Mode gebracht hat. Er ist ein Ehrenmann, jeder Zoll Anspielung auf eine Stelle Shakespeare's im König Lear, wo es heißt: jeder Zoll ein König. von ihm, der alte Crackenthorp, auf seine Weise heißt dieß; dabei hat er Antheil an der springenden Jenny, und noch überdieß manchen Vortheil beim Mondlicht. Er kann der Doll schon einen hübschen Pfennig geben, wenn ihm der hübsche Bursche ansteht, der sie auf sein Lebenlang nehmen will.« * Mitten unter dieser langen Lobrede auf Vater Crackenthorp, stieß das Boot an's Ufer, die Ruderer stemmten ihre Ruder an, um das Schiff flott zu halten, während die anderen Bursche geradezu in's Wasser sprangen, und mit großer Behendigkeit und Geschicklichkeit sie an's Ufer brachten. * »Auf mit, höher hinauf an das Ufer, ihr Bürschchen!« rief Nanty Ewart, »hoch und trocken, hoch und trocken; diese Waare verträgt keine Feuchtigkeit. Nun auch für unsern Kranken hier gesorgt, hoch und trocken auch ihn. Was ist das? Pferdegalopp! Aha, ich höre schon das Geräusch der Packsättel, – es sind unsere eigenen Leute.« Unterdessen war die ganze Ladung des Boots, die aus den kleinen Fäßchen bestand, an's User gebracht, und die Mannschaft stellte sich in ihren Waffen davor auf, und wartete auf die Ankunft der Pferde, welche mit Geklirr links der Bucht daher kamen. An der Spitze dieser Cavalcade, welche aus zusammengekoppelten und mit Packsätteln versehenen Pferden bestand, erschien keuchend unter seiner Anstrengung, ein so ungeheuer dicker Mann, daß man ihn auch im Mondlicht unterscheiden konnte, die Ketten, die sie bei sich hatten, um die Ballen zu befestigen, klirrten furchtbar. »Nun, Vater Crockenthorp?« sagte Ewart, »warum so eilig mit Euren Pferden? Wir gedenken eine Nacht bei Euch zu bleiben, Euren alten Branntwein zu kosten, und Eurer Frau eigenes Gebräu. Das Signal ist aufgesteckt, und Alles geht gut.« »Alles geht schlecht, Kapitän Nanty,« schrie der Mann, zu dem er sprach, »und Ihr werdet es so finden, wenn Ihr Euch nicht aus dem Staube macht; es sind gestern neue Besen zu Carlisle gekauft worden, um das Land von Euch und Eures Gleichen rein zu fegen; – Ihr thätet wohl besser, Euch in's Innere des Landes hinein zu machen.« »Wie viel solche Spitzbuben sind es denn? Wenn es nicht mehr als zehn sind, so schlag' ich mich mit ihnen.« »Zum Teufel auch!« antwortete Crackenthorp, »sie haben die rothröckigen Dragoner von Carlisle bei sich.« »Nun dann,« sagte Nanty; »so müssen wir wieder unter Segel, kommt Mr. Fairford. Ihr müßt aufsitzen und reiten. – Er hört mich nicht, – ich glaube, er ist ohnmächtig. – Was zum Teufel soll ich thun? Vater Crackenthorp, ich muß Euch diesen jungen Mann lassen, bis der Sturm ausgeblasen hat, – hört Ihr? er hat eine Botschaft an den Laird von einem andern Alten; er kann weder reiten noch gehen, ich muß ihn zu Euch schicken.« »Schickt ihn zum Galgen hin,« sagte Crackenthorp; »da liegt der Quartiermeister Thwacker in meinem Haus mit 20 Mann, und hätte er keine Neigung gefaßt für Doll, so hätte ich keinen Augenblick hierher kommen können. – Ihr müßt aber den Augenblick gehen, oder sie kommen her, uns zu suchen, denn seine Befehle sind ungeheuer streng, und diese Fäßchen hier enthalten etwas Schlimmeres, als Whisky, – eine Galgengeschichte denk' ich.« »Ich wollte, sie lägen im Grunde des Wampool-Flusses mit denen, welchen sie gehören,« sagte Nanty Ewart. »Aber sie sind ein Theil der Ladung, und was soll ich mit dem armen jungen Menschen anfangen, – – –« »Ei was; schon mancher bessere Bursche hat sich auf den Boden legen müssen, mit einem Mantel über sich,« sagte Crackenthorp. »Wenn er ein Fieber hat, nichts ist so kühlend, als die Nachtluft.« »Ja, er würde morgen frühe kalt genug sein ohne Zweifel, aber es ist eine gute Seele, er soll nicht so bald kalt werden, wenn ich helfen kann,« antwortete der Kapitän der springenden Jenny. »Gut, Kapitän, wenn Ihr Euren eigenen Hals für den eines Andern geben wollt, warum bringt Ihr ihn nicht zu den alten Fräulein zu Fairladies« »Was? zu den Miß Arthuret's, den papistischen M .... rn! doch was machts! ich will es thun, – ich habe gehört, sie hätten einmal die ganze Mannschaft einer Brigg aufgenommen, die am Ufer strandete.« »Ihr lauft dennoch einige Gefahr, wenn Ihr nach Fairladies geht; denn ich sage Euch, sie sind in dem ganzen Lande herum auf den Beinen.« »Thut nichts, ich möchte es schon versuchen, einigen von ihnen den Garaus zu machen,« sagte Nanty freudigen Muths. – »Kommt Bursche, macht, daß ihr fertig werdet. Habt ihr Alle geladen?« »Ja, ja, Kapitän, wir werden in einem Augenblick fertig sein,« sagte die Truppe. »Zum Teufel mit eurem Kapitän, habt ihr Lust, mich gehangen zu sehen, wenn ich gefangen genommen werde? Nun Glück zu. »Ein Schluck zum Abschied,« sagte Vater Crackenthorp, und bot Nanty die Flasche hin. »Nicht den zwanzigsten Theil eines Tropfens,« sagte Nanty. »Ich brauche keinen holländischen Muth, – ich bin ohnehin hitzig genug, wenn's an's Fechten geht; wenn ich betrunken lebe, so möchte ich doch nüchtern sterben. – Hier, alter Jephson – Ihr seid das gutartigste Thier unter ihnen, setzet den Burschen zwischen uns auf ein ruhiges Pferd und wir wollen ihn dann sicherlich aufrecht halten.« Als sie Fairford vom Boden aufhoben, stöhnte er schwer, und fragte mit matter Stimme, wo sie ihn hinführten? »An einen Ort, wo Ihr so verborgen und so ruhig sein könnt, als eine Maus in ihrem Loch,« sagte Nanty, »wenn wir Euch nur erst glücklich hinbringen. – Lebt wohl, Vater Crackenthorp, und vergiftet den Ouartiermeister, wenn Ihr könnt.« Die beladenen Pferde sprangen vorwärts in einem harten Trabe, indem sie einander in einer Linie folgten, und auf jedem zweiten Pferde saß ein starker Bursche in einem Weiberrock, der dazu diente, die Waffen zu verbergen, womit diese verzweifelten Menschen versehen waren. Ewart schloß den Zug oder die Caravane, und hielt mit der gelegentlichen Unterstützung des alten Jephson den jungen Mann aufrecht im Sattel. Er stöhnte von Zeit zu Zeit schwer, und Ewart, der für seine Lage mehr Mitleid fühlte, als man von seiner Lebensweise hätte erwarten sollen, bemühte sich, ihn zu erheitern und zu trösten, indem er ihm einige Nachricht von dem Orte gab, wo sie ihn hinführten; seine Trostesworte aber wurden häufig unterbrochen durch die Nothwendigkeit, seine Leute zu rufen, und viele von ihnen verloren sich unter dem Gerassel der Fässer und unter dem Klirren der kleinen Ketten, womit sie bei solchen Gelegenheiten die Ballen befestigen. »Und Ihr seht, Bruder, Ihr werdet in sicherer Verwahrung sein zu Fairladies, ein gutes, altes Zufluchtshaus, – recht gute alte Mädchen, wenn sie nur keine Papistinnen wären. – Hallo, Jack Lowther, haltet die Linie, könnt Ihr nicht? – Und es sind recht ordentliche Leute, haben genug zu leben., die alten Mädchen, sind so eine Art Heilige, Nonnen u.s.w. geworden. Der Ort, worin sie leben, war vor langer Zeit eine Art Nonnenkloster, wie man sie noch jetzt in Flandern hat, manche Leute nennen sie die Vestalinnen von Fairladies; dich mögen sie nun sein, oder nicht, ich kümmere mich nicht darum. Blinkinsop, haltet das Maul oder es soll Euch – –! So unter großen Almosen und bei gutem Essen, sind sie bei Armen und Reichen wohl angesehen, und ihre Verhandlungen mit Papisten, darüber sieht man hinweg. Es sind eine Menge Priester und stämmige junge Schüler und dergleichen um das Haus her, es ist wie ein Bienenstock. – Es ist doch eine Schande, daß die Regierung Dragoner nach ein paar ehrlichen Leuten aussendet, die den alten Weibern in England einen Tropfen Branntwein bringen, und diese Lumpenkerls so ohne weiters den Papismus einschwärzen läßt, und – Horch! – was war das für ein Pfeifen? – Nein, es war nur ein Kibitz. Ihr, Jem Collier, seht Euch ein wenig um, wir müssen ihnen auf der Höhe von Whins oder im Grunds von Brotthole begegnen, sonst nirgends. – Reite nur eine Taulänge voraus, und sieh scharf um dich. – Diese Miß Arthuret's speisen den Hungrigen und geben den Nackenden Kleidern und dergleichen, – mein Vater nannte sie zwar nur elende Lumpen, kleidete sich aber doch selbst darein, wie viele andere Leute. Was Teufel ist das für ein stolperndes Pferd! Den Vater Crackenthorp soll doch gleich selbst der T–l holen, daß er einen ehrlichen Kerl aus so einen Stolperer setzt!« Durch solche und ähnliche Gespräche, sowie durch seine wohlgemeinte Zudringlichkeit, vermehrte Nanty den leidenden Zustand Fairford's, der von quälenden Schmerzen im Rücken und in den Lenden, welche der harte Trab seines Pferdes ihm zur Folter machte, gepeinigt wurde, und die rauhe Stimme des Seemanns, welche hart an seinem Ohre tönte, hatte schon früher seinen Kopf wie mit scharfen Messern zerschnitten. Völlig leidend, versuchte er nicht einmal eine Antwort zu geben; und in der That war auch sein körperliches Uebelbefinden jetzt so groß, daß es ihm unmöglich war, an seine Lage zu denken, auch wenn er sie dadurch hätte verbessern können. Ihr Weg ging landeinwärts, aber in welcher Richtung, das konnte Allan nicht bestimmen. Sie zogen anfangs über Haiden und Sandhügel hin, setzten über mehr als einen Bach, zum Theil von beträchtlicher Tiefe, und erreichten endlich eine angebaute Gegend, die nach englischer Art in kleine Felder abgetheilt war, die von Gräben umschlossen wurden, deren hohe Aufwürfe mit Buschwerk bedeckt waren, worüber größere Baumstämme emporwuchsen; unter diesen wand sich eine Menge ungangbarer und verwickelter Wege hin, wo die von allen Seiten hereinhangenden Zweige der Bäume das Mondlicht nicht durchließen, und die Sicherheit der Reiter gefährdeten. Aber die erfahrenen Führer leiteten sie durch dieses Labyrinth ohne allen Anstoß, und ohne daß man den Schritt mäßigen durfte. An vielen Orten konnten indeß nicht drei Leute neben einander reiten, und daher fiel die Last, Allan Fairford zu unterstützen, bald an den alten Jephson, wie man ihn nannte, bald an Nanty, und nur mit vieler Mühe konnten ihn diese aufrecht im Sattel erhalten. Endlich, als seine Kräfte völlig erschöpft waren, und er gerade sie bitten wollte, ihn in der ersten besten Hütte oder Scheune, oder unter einem Heuhaufen, oder einem Zaune, oder sonst irgendwo seinem Schicksal zu überlassen, wenn man dieß ohne Gefahr für die Andern thun könne, ließ Collier, der an der Spitze ritt, zurücksagen, man sei am Eingange nach Fairladies, – ob er dahin einbiegen solle? Nanty überließ Jephson die Sorge für Fairford, eilte zur Spitze des Haufens und gab seine Befehle. – »Wer kennt das Haus am besten? »Sam Skelton ist ein Katholik,« sagte Lowther. »Verdammte Religion,« sagte Nanty, dessen presbyterianische Erziehung nichts als einen Haß gegen das Papstthum zurückgelassen zu haben schien. – »Doch bin ich froh, daß einer unter uns ist. – Ihr, Sam, kennt Fairladies, da Ihr ein Papist seid, sowie die Mädchen drinn; reitet denn aus der Linie, und wartet hier bei mir; und Ihr, Collier, führt den Haufen hinüber nach Walkinford, dann wendet Ihr Euch dem Bache zu, bis Ihr zu der alten Mühle kommt, und Goodman Christ, der Müller, oder Peel Lausewag werden Euch sagen, wo Ihr halten sollt, oder ich werde Euch vorher noch einholen.« Die Reihe der Lastthiere bewegte sich in ihrem früheren Schritte vorwärts, während Nanty mit Jack Skelton an der Seite des Wegs wartete, bis der Zug vorüber, und Jephson mit Fairford bei ihnen war; zur großen Erleichterung des Letztern ging es nun in einem gemäßigtern Schritte vorwärts, als früher, da sie die Truppe vorausgehen ließen, worauf denn allmälig das Klappern und das Gerassel in der Entfernung erstarb. Sie waren noch keine Pistolenschußweite von dem Platze entfernt, wo sie sich getrennt hatten, als eine kurze Biegung sie vor einen alten, verfallenen Thorweg brachte, dessen plumpes Fronton im Style des 17. Jahrhunderts mit nicht weniger plumpen, architektonischen Verzierungen ausgeschmückt war; manche von diesen waren herabgefallen und lagen zerstreut am Boden, um die man sich auch weiter nicht bekümmerte, als daß man sie aus dem geraden Zugang entfernte. Die großen, steinernen Pfeiler, welche im Mondlicht glänzten, hatten einige phantastische Aehnlichkeit mit übernatürlichen Erscheinungen, und das Ansehen von Vernachlässigung rings umher erregte bei denen, welche den Zugang passirten, keine vorteilhafte Idee von der Wohnung. »Hier pflegte doch sonst kein Thor zu sein,« sagte Stelton, da er unerwartet seinen Weg gesperrt fand. »Da ist aber jetzt ein Thor und ein Pförtner dazu,« sagte eine rauhe Stimme von Innen. »Wer seid Ihr, und was verlangt Ihr in dieser Stunde der Nacht?« »Wir wollen mit den Damen sprechen, – mit den Miß Arthuret's,« sagte Nanty, »und für einen kranken Mann um Unterkunft bitten.« »Zu dieser Stunde der Nacht kann man mit den Miß Arthuret's nicht sprechen, und Ihr könnt Euren kranken Mann zum Doktor führen,« antwortete verdrießlich der Mann von Innen; »denn so gewiß als Geschmack im Salz ist, und der Rosmarin riecht, hier werdet Ihr nicht eingelassen; steckt Eure Pfeifen ein und macht Euch davon.« »Wie, Dick Gardener,« sagte Skelton, »bist du denn Pförtner geworden?« »Was, wißt Ihr denn, wer ich bin?« fragte der Diener lebhaft. »Ich kenne Euch an Eurer Aussprache,« erwiderte der Andere; »was? habt Ihr denn den kleinen Jack Skelton vergessen, und wie wir das Faß anbohrten?« »Nein, ich habe Euch nicht vergessen,« sagte Jack Skeltons Bekannter; » aber meine Befehle sind bestimmt, Niemand in dieser Nacht hereinzulassen, und darum – – –« »Wir sind aber bewaffnet, und lassen uns nicht zurückhalten. Hört Ihr, Bursche, wäre es nicht besser für Euch, Ihr nähmt eine Guinee, und ließt uns ein, als daß wir zuerst die Thüre einbrechen und deinen Kopf nachher? denn ich will meinen Kameraden hier nicht vor Eurer Thüre stehen sehen, – das seid versichert.« »Nun, ich weiß nicht,« – sagte der Bursche, »was war denn aber das für Vieh, das in solcher Eile vorüberzog?« »Nun, einige von unseren Leuten von Bowneß, Stonincultrum und der Gegend umher,« antwortete Skelton; »Jack Lowther, der alte Jephson, und der breite Will Lamplugh und Andere dergleichen.« »Nun gut,« sagte Dick Gardener, »so gewiß als Geschmack im Salz ist, und der Rosmarin riecht, ich glaubte, es seien die Banden von Carlisle und Wigton, und der Ton brachte mein Herz auf die Zunge.« »Ich hätte gedacht, du könntest das Rasseln eines Fasses vom Klang eines breiten Säbels unterscheiden, so gut als ein Säufer in Cumberland,« sagte Skelton.« »Komm, Bruder, weniger mit Eurer Kinnlade, und mehr mit Euren Beinen; wenn's gefällt,« sagte Nanty; »jeder Augenblick, den wir hier stehen, ist verloren. Geht zu den Damen, und sagt ihnen, daß Nanty Ewart von der springenden Jenny einen jungen Herrn mitgebracht habe, der Briefe von Schottland an einen gewissen wichtigen Herrn in Cumberland mit sich führt, – daß die Soldaten weg sind, und der Herr sehr krank ist, und wenn er nicht zu Fairladies aufgenommen wird, so stirbt er entweder hier am Thore, oder wird von den Rothröcken mit allen seinen Papieren gefangen.« Hinweg rannte Dick Gardener mit dieser Botschaft, und in wenigen Minuten sah man Lichter schimmern, was Fairford, der in Folge des Haltens zu sich selbst gekommen war, überzeugte, daß man die Fronte eines ziemlich großen Wohnhauses durchlief. »Wie nun, wenn dein Freund, Dick Gardener, nicht wiederkommt?« sagte Jephson zu Skelton. »Nun dann,« erwiderte der Angeredete, »bin ich ihm ein eben solches Traktament schuldig, wie du, alter Jephson, von Dan Cook erhalten hast, und ich werde nicht weniger ehrlich und redlich zahlen.« Der alte Mann wollte eben eine bittere Antwort geben, als seine Zweifel zum Schweigen gebracht wurden durch Dick Gardeners Rückkehr, welcher ankündigte, daß Miß Arthuret selbst an den Thorweg kommen würde, um mit ihnen zu sprechen.« Nanty Ewart verwünschte leise das Mißtrauen der alten Frauenzimmer, und die lächerlichen Skrupel der Katholiken, welche so viele Umstände machten, einem Mitmenschen zu helfen, und wünschte der Miß Arthuret zum Lohne für ihren Ausgang einen derben Rheumatismus oder Zahnweh an den Hals; aber soeben zeigte sich die Dame, und schnitt alles weitere Brummen kurz ab. Sie war von einem Dienstmädchen mit einer Laterne begleitet, bei deren Licht sie die Außenstehenden so genau betrachtete, als die geringe Helle und die Gitterstube des neuen Thores es gestatteten. »Es thut mir leid, Madame Arthuret, daß wir Euch so spät gestört haben,« sagte Nanty; »aber der Fall ist der – –« »Heilige Jungfrau!« sagte sie, »warum sprecht Ihr so laut? Wie? seid Ihr nicht der Kapitän der heiligen Genoveva?« »Ja, ja, Madame,« erwiderte Ewart, »so nennen sie wahrhaftig die Brigg zu Dünkirchen, aber längs dem Ufer nennt man sie die springende Jenny.« »Ihr brachtet den heiligen Vater Buonaventura herüber, nicht wahr?« »Ja, ja, Madame, ich habe genug von dem schwarzen Vieh herübergebracht,« antwortete Nanty. »Pfui, pfui, Freund,« sagte Miß Arthuret, »es ist Schade, daß die Heiligen solche gute Männer der Sorge eines Ketzers anvertrauen müssen.« »Das würden sie auch nicht thun, Madame, wenn sie einen Schlingel von einem Papisten finden könnten, der die Küste so gut kennt, als ich; für die Eigenthümer bin ich so fest, wie Stahl, und sehe immer nach der Ladung – mag es nun lebendiges oder todtes Fleisch sein, oder geistige Getränke, das ist mir Alles eins; und Eure Katholiken haben so verdammte, weite Mönchskappen, daß sie manchmal zwei Gesichter darunter verbergen können. Hier der Herr aber ist am Sterben, und hat Briefe bei sich von dem Laird von Summertrees an den Laird der Seen von Solway, wie sie ihn nennen; und jede Minute, die er hier liegt, ist ein Nagel zu seinem Sarge.« »Heilige Maria! was sollen wir thun?« sagte Miß Arthuret, »wir müssen ihn aufnehmen auf jede Gefahr. – Ihr, Richard Gardener, helft einem von diesen Leuten den Herrn hinauf in's Haus zu schaffen, und Ihr, Selby, sorgt dafür, daß er am Ende der langen Gallerie sein Zimmer bekommt. – Ihr seid ein Ketzer, Kapitän, aber ich denke, Ihr seid redlich, und ich weiß, man hat Euch sonst schon getraut, wenn Ihr mich aber betrügt – –« »Nein, Madame, ich habe nie versucht, Damen von Eurer Erfahrung zu täuschen, meine Praxis hat sich auf die jungen beschränkt; nun auf, Mr. Fairford, Muth gefaßt, Ihr werdet hier gut aufgenommen sein, – versucht zu gehen.« Allan that es, und erfrischt durch diesen Aufenthalt erklärte er, er könne mit alleiniger Hülfe des Gärtners bis zum Hause gehen. »Nun, das ist herzhaft; Dank dir, Dick, daß du ihm deinen Arm leihst,« hier ließ er die versprochene Guinee in seine Hand fallen.« »Lebt wohl denn, Mr. Fairford, und auch Ihr, Madame Arthuret, denn ich bin schon zu lange hier gewesen.« Dieß sagend, warf er sich, sowie seine beiden Begleiter, auf's Pferd, und sie sprengten im Galopp davon. Doch trotz des Geräusches der Hufe ihrer Pferde hörte man den unverbesserlichen Nanty die alte Ballade singen: Ein hübsches Mädel zum Priester kam, Zur Beicht' eines Morgens früh. Von deiner Sünde, wie ist der Nam'? Komm, sag' aufrichtig mir sie! Ach, ach, mich drückt meines Fehlers Scham, Mein Geliebter mich liebte, wie nie. »Heilige Jungfrau!« rief Miß Seraphina aus, als die unheiligen Töne ihr Ohr erreichten; »was für Heiden sind doch diese Menschen, und welchen Schrecken und Verlegenheiten sind wir unter ihnen ausgesetzt! Die Heiligen mögen uns gnädig sein, was ist dieß für eine Nacht gewesen! – Nie sah ich eine solche zu Fairladies! – Hilf mir das Thor fest zumachen, Richard, und komm dann wieder herab, um aufzupassen, daß keine unwillkommeneren Besuche kommen; – nicht daß Ihr unwillkommen wäret, junger Mann, denn es ist genug, daß Ihr solcher Hülfe bedürft, wie wir geben können, um Euch zu Fairladies willkommen zu machen, – ich wollte nur sagen, zu einer andern Zeit – doch es ist ja auch Alles recht gut so. Der Gang nach dem Hause ist nicht der angenehmste, Sir, seht Euch vor aus den Boden, der Gärtner Richard hätte ihn freilich in besserem Stande erhalten und ebnen sollen, aber er mußte auf eine Pilgerfahrt nach St. Winfredsbrunnen in Wallis gehen.« – Hier hustete Dick trocken, was er in ein stilles Sancta Winifreda, ora pro nobis verwandelte, da er merkte, daß er ein inneres Gefühl verriethe, das mit dem, was die Dame sagte, ein wenig in Widerspruch war. Miß Arthuret fuhr indessen fort: »wir hindern unsere Diener nie an ihren Gelübden oder Büßungen, Mr. Fairford, – ich kenne einen sehr würdigen Vater Eures Namens, vielleicht ein Verwandter, – ich sage, wir hindern unsere Dienstboten nie an Erfüllung ihrer Gelübde. Verhüte unsere Frau, daß sie keinen Unterschied kennen sollten zwischen unserem Dienste und dem eines Ketzers. – Nehmt Euch ich Acht, Sir, Ihr werdet fallen, wenn Ihr nicht aufmerkt. Ach! bei Tag und Nacht liegen so viele Steine des Anstoßes auf unsern Pfaden.« Mit noch manchem Gerede gleicher Art, das ein zwar mitleidiges, aber auch einfältiges Frauenzimmer, mit einer starken Neigung zu abergläubischer Frömmigkeit verrieth, unterhielt Miß Arthuret ihren neuen Gast, welcher stolpernd an jedem Hinderniß, das die Frömmigkeit seines Führers Richard hatte im Weg liegen lassen, endlich eine steinerne Treppe hinaufstieg, welche auf der Seite mit Greifen oder andern heraldischen Sonderbarkeiten geziert war, und eine Terrasse erreichte, die sich in der Fronte des Hauses von Fairladies hinzog; es glich der Wohnung eines altväterischen Edelmannes von einiger Bedeutung mit seinen Reihen von eingekerbten Giebeln und engen Fenstern, hier und da noch mit einem alten Thürmchen in Form einer Pfefferbüchse ausstaffirt. Die Thüre war während der kurzen Abwesenheit der Dame verschlossen worden, ein düsteres Licht schimmerte durch die Gitterthüre der Halle, welche auf einen großen, gepflasterten Raum führte, der mit Jasmin und andern Gewächsen bedeckt war. Alle Fenster waren finster, wie Pech. Miß Arthuret klopfte an's Fenster: »Schwester! Schwester Angelika!« »Wer ist da?« war die Antwort von Innen, »seid Ihr es, Schwester Seraphina?« »Ja, ja, öffnet die Thüre, kennt Ihr meine Stimme nicht?« »Ach ja, Schwester,« sagte Angelika und schob alle Riegel weg, »aber Ihr kennt unsere Pflicht, und der Feind ist wachsam, uns zu überfallen – incedit sicut leo verans (er geht umher, wie ein brüllender Löwe), sagt das Breviarium. – Wen habt Ihr hierhergebracht? O Schwester, was habt Ihr gethan?« »Es ist ein junger Mann,« sagte Seraphina, eilig ihrer Schwester Widerrede unterbrechend, »ein Verwandter, glaube ich, von unserem würdigen Pater Fairford; er wurde am Thor zurückgelassen von dem Kapitän des Schiffes ›die heilige Genoveva‹ – fast todt – und mit Briefen versehen an –« Diese letzten Worte murmelte sie nur mit leiser Stimme. »Nun, da ist freilich nicht zu helfen,« sagte Angelika, »aber es ist ein unglücklicher Zufall.« Während dieses Zwiegesprächs zwischen den Vestalinnen von Fairladies setzte Dick Gardener seine Last in einem Sessel ab, wo die jüngere Dame nach augenblicklichem Bedenken, das ein geziemendes Widerstreben ausdrückte, die Hand eines Fremden zu berühren, ihren Zeigefinger und Daumen an Fairford's Hand legte, und seinen Puls befühlte. »Das ist Fieber, Schwester,« sagte sie; »Richard muß Ambrosius rufen, und wir müssen ihm etwas gegen das Fieber senden.« Ambrosius kam sogleich an, ein sehr ordentlich und achtbar aussehender, alter Diener, in der Familie aufgewachsen, und von Stufe zu Stufe in der Arthuret's Dienste gestiegen, bis er endlich Halbarzt, Halbalmosenier, Halbkellermeister und ganzer Hausvogt geworden war, d. h. wenn der Pater Beichtiger, welcher ihn oft in der Mühewaltung seiner Hausvogtei unterstützte, gerade abwesend war. Unter der Leitung, und mit Beihülfe dieser verehrungswerthen Person wurde der unglückliche Allan Fairford in ein anständiges Zimmer am Ende der langen Gallerie geführt, wo zu seiner unaussprechlichen Erleichterung ihm ein gutes Bett angewiesen wurde. Er versuchte nicht, den Vorschriften Mr. Ambrosius Widerstand zu leisten, welcher ihm nicht allein den erwähnten Trank darreichte, sondern auch so weit ging, ihm eine beträchtliche Menge Blut abzulassen, welche letztere Operation dem Patienten sehr gute Dienste leistete. Sechszehntes Kapitel. Allan Fairford's Erzählung. (Fortsetzung.) Als Fairford am nächsten Morgen nach einem nicht sehr erquickenden Schlummer erwachte, in welchem wilde Träume unter einander gemengt waren, von seinem Vater und Darsie Latimer, – von der jungen Dame im grünen Mantel und von den Vestalinnen von Fairladies, – von Dünnbier, das er mit Nanty Ewart trank, und vom Untersinken im Solway mit der springenden Jenny, – fand er sich nicht in der Lage, dem Befehl des Mr. Ambrosius zu widersprechen, daß er das Bett hüten solle, denn er hätte in der That nicht ohne Hülfe aufstehen können. Er bemerkte, daß seine Angst und seine unablässigen Anstrengungen während der letzten Tage für seine Gesundheit zu viel gewesen seien, und daß er vor Wiederherstellung seiner Kräfte sein Unternehmen nicht fortsetzen könne, wie groß auch seine Ungeduld sein mochte. Unterdessen konnte man für einen Invaliden kein besseres Quartier finden. Die Diener besprachen sich nur ganz leise, und gingen auf den Zehen – Alles geschah nur par ordonnance du médecin , – Aesculap herrschte unumschränkt in den Wohnungen zu Fairladies. Einmal des Tages kamen die Damen in großem Staat zu ihm, um ihm ihre Aufwartung zu machen, und ihn nach seiner Gesundheit zu fragen; dann hoben Allan seine natürliche Höflichkeit und der Dank, den er für ihre schleunige und milde Hülfe ausdrückte, sehr in ihrer Achtung. Am dritten Tag wurde er in ein besseres Zimmer gebracht, als dasjenige war, das man zuerst für ihn in Bereitschaft gesetzt hatte. Als ihm gestattet wurde, ein Glas Wein zu trinken, war dieser von vorzüglicher Qualität; eine von jenen sonderbaren, altväterischen, mit Spinngeweben überzogenen Flaschen wurde bei dieser Gelegenheit vorgebracht, welche nur noch in den Gewölben alter Landsitze zu finden sind, wo sie seit mehr als einem halben Jahrhundert in ungestörter Verborgenheit gelegen haben mögen. So angenehm indessen der Aufenthalt zu Fairladies für einen Kranken sein mochte, so war er es doch, wie sein jetziger Inwohner bald bemerkte, nicht in eben dem Grade für einen Genesenden. Als er das erste Mal, so wie er nur aus dem Bette kriechen konnte, an das Fenster trat, so war dieses eng vergittert und gestattete keine Aussicht, als auf einen kleinen gepflasterten Hof. Dies war nichts Auffallendes, denn viele alte Häuser an der Gränze hatten ihre Fenster auf dieselbe Art geschützt. Dann aber bemerkte Fairford, daß Jeder, der in's Zimmer trat, oder es verließ, die Thüre mit großer Sorgfalt jedesmal verschloß; und einige Aeußerungen, die er machte, in der Gallerie oder auch im Garten umherzugehen, wurden von den Damen sowohl als von ihrem Premierminister, Mr. Ambrosius, so kalt aufgenommen, daß er wohl sah, eine solche Ausdehnung seiner Vorrechte als Gast würde ihm nicht gestattet werden. Voll Begierde, sich zu versichern, ob diese außerordentliche Gastfreundschaft ihm das Vorrecht, frei zu handeln, gestatten würde, kündigte er diesem wichtigen Beamten nebst herzlichem Danke für die Sorgfalt, womit er behandelt worden war, seinen Vorsatz an, am nächsten Morgen Fairladies zu verlassen, und verlangte nur als eine Fortsetzung der Gunstbezeugungen, womit er überschüttet worden war, ein Pferd bis in die nächste Stadt und versicherte Mr. Ambrosius (hier drückte er ihm drei Guineen in die Hand, um seinen Vorschlag zu unterstützen), daß er seine Dankbarkeit nicht auf eine solche Kleinigkeit beschränken werde. Die Finger des würdigen Dieners schlossen sich maschinenmäßig über dem honorarium , als ob ein Grad in der gelehrten Fakultät ihm ein Recht gegeben hätte, die Faust zuzumachen, seine Antwort rücksichtlich Allans vorgeschlagener Abreise war aber für's erste ausweichend, und als er gedrängt wurde, stieg sie zu der peremptorischen Versicherung, daß ihm morgen noch nicht gestattet werden könne, abzureisen; sein Leben habe in den Augen der Damen allzuviel Werth, und sie könnten es nicht zugeben. »Ich weiß am besten, was mein eigenes Leben werth ist,« sagte Allan; »und ich schätze es nicht, in Vergleichung mit dem Geschäfte, das meine augenblickliche Thätigkeit erfordert.« Da er von Mr. Ambrosius noch keine genügende Antwort erhielt, so hielt er es für das Beste, den Damen selbst seinen Entschluß in den gemäßigtsten, achtungsvollsten und dankendsten Ausdrücken zu eröffnen; doch aber in der Art, daß er seinen festen Entschluß ausdrückte, am Morgen, oder spätestens den nächsten Tag abzureisen. Nach einigen Versuchen, ihn durch Rücksicht auf seine Gesundheit zum Bleiben zu bewegen, Versuche, die so ausgedrückt waren, daß er überzeugt wurde, man wolle nur auf diese Weise seine Abreise aufhalten, erklärte ihnen Fairford geradezu, daß er Briefe von Wichtigkeit bei sich trage, an den Herrn, der unter dem Namen Herries, Redgauntlet und der Laird von den Seen bekannt sei; und daß es sich um Tod und Leben handle, sie frühzeitig abzuliefern. »Ich wage es, zu sagen, Schwester Angelika,« sagte die ältere Miß Arthuret, »daß dieß ein ehrenwerther Mann ist; und ist er wirklich mit Vater Fairford verwandt, so können wir keine Gefahr laufen.« »Jesus Maria!« rief die jüngere aus; »Pfui doch, Schwester Seraphina, pfui doch! vade retro, – begib dich hinter mich.« »Gut, gut; aber Schwester – Schwester Angelika – ich möchte mit Euch sprechen in der Gallerie.« Nun rauschten die Damen in ihren seidenen Kleidern und Silberstoffen hinaus, und es währte eine gute halbe Stunde, ehe sie wieder herein rauschten, mit dem Ausdrucke der Wichtigkeit und einer geheimen Furcht auf ihren Gesichtern. »Um Euch die Wahrheit zu sagen, Mr. Fairford, die Ursache, warum wir Euern längern Aufenthalt wünschen, ist, – es ist wirklich ein Geistlicher in diesem Hause – –« »Ein ganz ausgezeichneter Mann in der That, –« sagte die Schwester Angelika. »Ein Gesalbter des Herrn!« stimmte Seraphina ein, »und wir würden uns unseres Gewissens wegen freuen, wenn Ihr vor Eurer Abreise ein wenig mit ihm sprechen möchtet.« Aha! dachte Fairford, von Mord ist nicht die Rede, sondern auf eine Bekehrung ist es abgesehen! Ich darf die guten, alten Damen nicht vor den Kopf stoßen, aber den Priester werde ich bald abführen, denke ich. – Er antwortete sodann laut: »daß er mit großem Vergnügen mit jedem ihrer Freunde sich besprechen werde, – daß er in religiöser Hinsicht die größte Achtung vor jeder Form des Christenthums habe, ob er gleich sagen müsse, daß er bei dem Glauben bleiben werde, bei dem er erzogen worden sei; nichts desto weniger würde er dem Geistlichen, den sie empfahlen, wenn er ihn sehe, seine Ehrfurcht bezeigen – –« »Es ist nicht gerade das,« sagte Schwester Seraphina, »obgleich ich versichert bin, daß der Tag zu kurz ist, um ihn – ich meine den Vater Buonaventura, über die Angelegenheiten unserer Seele sprechen zu hören; aber – –« »Kommt, kommt, Schwester Seraphina,« sagte die jüngere, »es ist unnöthig, so viel darüber zu sprechen. Seine – Seine Eminenz – ich meine den Vater Bonaventura, wird ihm selbst erklären, was er wünscht, das dem jungen Mann bekannt werden soll.« »Seine Eminenz!« sagte Fairford erstaunt; »steht denn dieser Mann so hoch in der katholischen Kirche? – Dieser Titel wird ja nur Cardinälen gegeben, glaube ich.« »Er ist noch nicht Cardinal,« antwortete Seraphina; »aber ich versichere Euch, Mr. Fairford, er hat einen eben so hohen Rang, als er mit hohen Gaben gesegnet ist, und – –« »Kommt hinweg,« sagte die Schwester Angelika. »Heilige Jungfrau! wie sprecht Ihr doch! Was hat Mr. Fairford mit Vater Buonaventura's Rang zu thun? – Nur daran, Sir, will ich Euch erinnern, daß der Vater stets gewohnt gewesen ist, mit der tiefsten Ehrfurcht behandelt zu werden. – In der That – –« »Kommt hinweg, Schwester,« sagte Schwester Seraphina jetzt in ihrer Reihe; »wer spricht denn jetzt? Mr. Fairford wird wissen, wie er sich zu benehmen haben wird!« »Und wir würden am besten thun, das Zimmer zu verlassen,« sagte die jüngere Dame, »denn hier kommt Seine Eminenz.« Bei den letzten Worten sank ihre Stimme zu einem Geflüster herab; und als Fairford antworten und sie versichern wollte, daß jeder von ihren Freunden von ihm mit aller Achtung, die er erwarten könne, behandelt werden würde, legte sie ihm Stillschweigen auf, indem sie den Finger emporhob. Man hörte jetzt einen feierlichen und festen Schritt in der Gallerie, der nicht nur die Annäherung eines Bischofs oder Cardinals, sondern die des Papstes selbst hätte ankündigen können. Auch hätten die beiden Damen nicht ehrfurchtsvoller auf den Ton horchen können, hätte er auch verkündigt, daß sich das Haupt der Kirche in eigener Person nahe. Sie stellten sich, gleich Schildwachen, an beiden Seiten der Thüre, durch welche sich die lange Gallerie in Fairford's Zimmer endigte; hier standen sie unbeweglich, und ihre Gesichter drückten die tiefste Ehrfurcht aus. Die Annäherung Vater Buonaventura's geschah so langsam, daß Fairford Zeit genug hatte, Alles dieß zu bemerken, und sich im Stillen zu verwundern, wie ein schlauer, ehrgeiziger Priester es dahin gebracht habe, seine würdigen, aber etwas einfältigen Wirthinnen solchen abergläubischen Ceremonien zu unterwerfen. Vater Buonaventura's Eintritt und Erscheinen machte das jedoch einigermaßen begreiflich. Es war ein Mann von mittlerem Alter, ungefähr vierzig oder darüber; aber Sorgen oder Anstrengungen, oder ein nachlässiges Wesen hatten ihm einen Anschein von frühzeitigem Alter und seinen Zügen einen gewissen Ernst, man möchte fast sagen, Traurigkeit gegeben. Edle Züge blieben aber noch immer, und obgleich seine Gesichtsfarbe etwas bleich war, und die seiner Stirne aufgedrückten Falten ihm einen melancholischen Anstrich gaben, so zeigte doch die hohe Stirne, das große wohlgeformte Auge und die schön gebildete Nase, wie schön der Mann in bessern Tagen gewesen sein müsse. Er war schlank, aber sein gebückter Gang entzog ihm den Vortheil seines hohen Wuchses, und der Stock, den er immer in der Hand trug, und gelegentlich gebrauchte, sowie sein langsamer, obgleich majestätischer Gang, schienen anzuzeigen, daß seine schöne Gestalt bereits etwas an Schwäche leide. Die Farbe seines Haars konnte man nicht entdecken, weil er, wie es Mode war, eine Perrücke trug. Seine weltliche Kleidung war schön, obwohl feierlich, und er hatte eine Kokarde auf seinem Hut, ein Umstand, der Fairford nicht in Erstaunen setzte, weil er wußte, daß Priester, deren Besuch oder Aufenthalt in England sie den gesetzlichen Strafen unterwarfen, oft sich einer militärischen Verkleidung bedienten. Als dieser stattliche Mann in's Zimmer trat, machten die beiden Damen, die einander das Gesicht zukehrten, wie Soldaten auf ihrem Posten, wenn sie einen Oberoffizier salutiren wollen, auf jeder Seite des Paters eine so tiefe Verbeugung, daß die Reifröcke der Damen ganz auf den Boden, ja durch denselben hindurch zu sinken schienen, als hätte sich eine Fallthüre geöffnet, um die Damen aufzunehmen, welche diese Verbeugung machten. Der Pater schien an solche Ehrenbezeugungen, so tief sie auch waren, gewöhnt, er wandte sich ein wenig zuerst gegen die eine, dann gegen die andere Schwester, während er mit einer zierlichen Neigung des Körpers, die gewiß nicht bis zur Verbeugung ging, ihre Artigkeit anerkannte. Er schritt aber vorwärts, ohne sie anzureden, und schien dadurch anzuzeigen, daß ihre Gegenwart im Zimmer nicht nothwendig sei. Sie entfernten sich also, indem sie rücklings mit gefalteten Händen und emporgehobenen Augen hinaus gingen, als wollten sie den Segen des Himmels auf den von ihnen so hoch verehrten Diener der Religion herabflehen. Die Thüre des Zimmers wurde hinter ihnen geschlossen; doch hatte Fairford Zeit zu bemerken, daß in der Gallerie ein oder zwei Männer standen, und daß dießmal nicht, wie er früher bemerkt hatte, die Thüre, obgleich geschlossen, auch noch von Außen verriegelt wurde. »Können die guten Seelen,« dachte Fairford, »von mir für den Gegenstand ihrer abgöttischen Verehrung Gefahr befürchten?« Aber er hatte nicht Zeit, fernere Bemerkungen zu machen, denn der Fremde war bereits bis in die Mitte des Zimmers vorgetreten. Fairford erhob sich, ihn ehrfurchtsvoll zu empfangen, als er aber die Augen auf seinen Besuch richtete, glaubte er zu bemerken, daß der Pater seine Blicke vermied. Seine Gründe, unbekannt zu bleiben, waren auch dringend genug, um dieß erklärlich zu machen, und Fairford eilte, ihm den Zwang abzunehmen, indem er seine Blicke zu Boden schlug; als er sie aber wieder erhob, fand er das große, helle Auge des Fremden so fest auf sich gerichtet, daß er durch die Unveränderlichkeit des Blicks fast aus der Fassung gekommen wäre. Während dieser Zeit standen Beide. »Setzt Euch nieder, Sir,« sagte der Pater, »Ihr seid krank gewesen.« Er sprach dies mit dem Tone eines Mannes, der einen Niederen in seiner Gegenwart zum Sitzen nöthigt, und seine Stimme war voll und sonorisch. Fairford war etwas erstaunt, daß er sich imponiren lasse durch das Ansehen von Superiorität, das doch eigentlich nur gegen solche ausgeübt werden konnte, über welche die Religion dem Sprechenden eine Gewalt verlieh; er setzte sich aber fast unwillkürlich nieder, und war in Verlegenheit, wie er den Fuß der Gleichheit erhalten sollte, auf welchem sie, wie er wohl fühlte, eigentlich stehen sollten. Der Fremde bediente sich des Vortheils, den er behalten hatte. »Man hat mir gesagt, Euer Name sei Fairford,« sagte der Pater. Allan antwortete durch eine Verbeugung. »Ein schottischer Advokat,« fuhr Jener fort; »in den westlichen Gegenden, glaube ich, lebt eine Familie von Geburt und Rang, genannt Fairford von Fairford.« Allan hielt dieß für eine sonderbare Bemerkung von einem fremden Geistlichen, denn dafür mußte er den Pater Buonaventura wegen seines Namens halten, er antwortete also nur, er glaube, es sei so eine Familie da. »Seid Ihr verwandt mit ihnen?« fuhr der Frager fort. »Ich darf auf diese Ehre keinen Anspruch machen,« sagte Fairford, »der Fleiß meines Vaters hat seine Familie aus ihren niedern und dunkeln Verhältnissen herausgehoben, ich habe keine erblichen Ansprüche auf Auszeichnung irgend einer Art. Darf ich mich nach den Ursachen dieser Fragen erkundigen? »Ihr werdet es sogleich erfahren,« sagte Buonaventura, der bei des jungen Mannes Anerkennung seiner plebejischen Abkunft ein trockenes und unbefriedigtes Hem! hatte ertönen lassen. Er bedeutete ihm hierauf, sich zu beruhigen, und fuhr dann mit seinen Fragen fort. »Wenn auch nicht von Stande, so seid Ihr doch Zweifels ohne durch Gesinnung und Erziehung ein Mann von Ehre?« »Ich hoffe, Sir,« sagte Allan, vor Unwillen erröthend. »Ich bin nicht gewohnt, dieß in Zweifel gezogen zu sehen.« »Geduld, junger Mann,« sagte der unerschütterliche Frager, »wir sind in einem ernsten Geschäft, und keine unnütze Ziererei muß uns hindern, ernsthaft darüber zu sprechen. Ihr wißt wahrscheinlich, daß Ihr mit einem durch die strengen und ungerechten Gesetze der jetzigen Regierung geächteten Manne sprecht.« »Ich kenne das Statut vom Jahre 1700, welches Priester und papistische Handelsleute aus dem Königreiche verbannt, und im Betretungsfalle auf summarische Ueberführung hin zum Tode verdammt. Das englische Gesetz ist, glaube ich, eben so strenge. Aber ich kenne Euch keineswegs, und weiß nicht, ob Ihr eine von diesen Personen seid; und Eure eigne Klugheit wird Euch schon rathen, Euer Geheimniß nicht kund werden zu lassen.« »Genug, Sir,« sagte der Priester; »ich befürchte keine unangenehmen Folgen, weil Ihr mich in diesem Hause gesehen habt.« »Gewiß nicht,« sagte Allan; »ich betrachte mich selbst, als für mein Leben, den Damen von Fairladies verschuldet, und es wäre eine schlechte Vergeltung von meiner Seite, wenn ich das, was ich unter diesem gastfreundlichen Dache gesehen und gehört habe, näher zu erforschen suchen, oder bekannt machen wollte. Ja, wenn ich dem Prätendenten selbst in solcher Lage begegnete, er würde, wenn auch meine Loyalität etwas darunter litte, vor aller Gefahr durch eine Indiscretion von meiner Seite gesichert sein.« »Der Prätendent,« sagte der Priester mit einem etwas zornigen Nachdruck, mäßigte aber bald seinen Ton, und setzte hinzu: »ohne Zweifel ist dieser Mann ein Prätendent, und einige Leute glauben, daß seine Ansprüche nicht übel begründet sind. Allein ehe wir uns in's Politische verlieren, erlaubt mir die Bemerkung, daß ich erstaunt bin, einen Mann von Euren Meinungen mit Mr. Maxwell von Summertrees und Mr. Redgauntlet in vertrauten Verhältnissen zu finden, und die Mittelsperson zwischen ihnen machen zu sehen.« »Verzeiht mir, Sir,« erwiderte Allan Fairford, »ich strebe nicht nach der Ehre, ihr Vertrauter oder Mittelsmann zu sein. Mein Verhältniß mit diesen Leuten ist auf ein einziges Geschäft beschränkt, das mich sehr nahe angeht, weil es die Sicherheit, vielleicht das Leben meines theuersten Freundes betrifft.« »Findet Ihr irgend Bedenken, mich mit der Ursache Eurer Reise bekannt zu machen?« sagte Pater Buonaventura. »Mein Rath könnte Euch nützlich sein, und mein Einfluß bei diesen beiden Herren ist bedeutend.« Fairford schwankte einen Augenblick, erwog in der Eile die Umstände, und kam zu dem Schlusse, daß es ihm vielleicht Vortheil gewähren könnte, sich diese Person geneigt zu machen, während er auf der andern Seite nichts wagte, wenn er ihr den Gegenstand seiner Reise mittheilte. Nachdem er daher kürzlich die Hoffnung ausgesprochen hatte, Mr. Buonaventura würde das nämliche Vertrauen gegen ihn beweisen, das er von ihm verlange, gab er kurz Nachricht von Darsie Latimer, – von dem Geheimniß, das über seiner Geburt walte, – und von dem Unglück, das ihn betroffen hatte; endlich von seinem eigenen Entschluß, seinen Freund aufzusuchen und zu befreien, wenn auch mit Gefahr seines eigenen Lebens. Der katholische Priester, dessen Sitte es zu sein schien, jede Unterredung zu verwickeln, zu der er nicht selbst den Anstoß gegeben hatte, machte keine Bemerkungen über das, was er hörte, sondern that nur ein paar abgerissene Fragen, wo Allans Erzählung ihm nicht recht klar schien; dann erhob er sich von seinem Sitze, ging zwei Mal im Zimmer auf und ab, und murmelte mit Nachdruck zwischen den Zähnen das Wort: »Tollkopf!« Augenscheinlich aber war er gewöhnt, alle heftigen Bewegungen zu beherrschen, denn er wandte sich im Augenblick mit der größten Unbefangenheit an Fairford. »Wenn Ihr glaubt,« sagte er, »ohne Euer Wort zu brechen, so handeln zu können, so wünsche ich, Ihr möchtet die Güte haben, mir den Brief des Mr. Maxwell von Summertrees zu zeigen. Ich möchte besonders die Aufschrift sehen.« Allan sah keine Ursache, warum er nicht sein Vertrauen auch so weit ausdehnen sollte, und gab ihm ohne weiteres den Brief in die Hand. Nachdem er den Brief, wie früher Nanty Ewart und der alte Trumbull herumgewendet, und, wie sie, die Adresse mit vieler Genauigkeit untersucht hatte, fragte er Allan, ob er diese Worte bemerkt hätte, und wies zugleich auf einige an der untern Seite des Briefs mit Bleistift gemachte Schriftzüge. Fairford antwortete verneinend, sah auf den Brief, und las mit Erstaunen: cave, ne litteras Bellerophontis adferres (hüte dich, Bellerophons Brief zu überbringen); diese Warnung traf mit der Ermahnung des Mr. Crosbie, er würde wohl thun, in den Brief hinein zu sehen, dessen Ueberbringer er sei, so genau zusammen, daß er im Begriff war, aufzuspringen, und einen Versuch zur Flucht zu machen, ohne zu wissen, wohin und weßwegen. »Bleibt sitzen,« junger Mann,« sagte der Pater mit dem nämlichen Tone der Autorität, der in seinem ganzen Wesen herrschte, wenn er schon mit einer anständigen Höflichkeit gemischt war. »Ihr seid in keiner Gefahr, mein Charakter wird Euch für Eure Sicherheit bürgen. Von Wem glaubt Ihr, daß diese Worte beigeschrieben sein mögen?« Fairford hätte antworten können: »von Nanty Ewart«, denn er erinnerte sich, daß dieser etwas mit Bleistift kritzelte, obgleich er wegen seines Uebelbefindens nicht genau darauf gemerkt hatte, wo und auf was. Da er aber nicht wußte, welchen Verdacht oder welche schlimmen Folgen der Antheil des Seemanns an seinen Angelegenheiten auf ihn bringen könnte, so hielt er für's beste, zu antworten, er kenne die Hand nicht. Pater Bonaventura schwieg wieder einige Augenblicke, die er dazu anwandte, den Brief mit der strengsten Aufmerksamkeit zu betrachten; dann trat er an ein Fenster, gleichsam um die Aufschrift, und das, was auf dem Umschlage stand, bei stärkerem Lichte genau zu untersuchen, und Allan Fairford sah mit eben so viel Erstaunen als Mißvergnügen, wie er kalt und besonnen das Siegel erbrach, den Brief öffnete und las. »Halt, Sir, halt!« rief er aus, sobald ihm sein Erstaunen erlaubte, seinem Unwillen Worte zu geben; »mit welchem Rechte wagt Ihr es ...« »Ruhig, junger Mann,« sagte der Pater und wies ihn mit einem Wink der Hand zurück; »seid versichert, daß ich nicht ohne Autorität handle; nichts kann zwischen Mr. Maxwell und Mr. Redgauntlet vorgehen, das ich nicht zu wissen vollkommen berechtigt wäre.« »Das kann sein,« sagte Allan höchst aufgebracht; »obgleich Ihr aber dieser beiden Herren Beichtvater sein möget, so seid Ihr doch nicht der Meinige, und da Ihr das Siegel eines Briefes erbrecht, der meiner Sorge anvertraut wurde, so thut Ihr mir – –« »Kein Unrecht, ich versichere Euch,« antwortete der unerschütterliche Priester; »im Gegentheil vielleicht einen Dienst.« »Ich verlange keinen Vortheil um solchen Preis, oder der auf solche Weise erhalten wird,« antwortete Fairford, »gebt mir den Brief augenblicklich zurück, oder –« »So lieb Euch Eure Sicherheit ist,« sagte der Priester, »so unterlasset alle beleidigenden Ausdrücke und alle drohenden Geberden, ich bin nicht der Mann, der sich ungestraft drohen oder beleidigen läßt, und es sind genug Leute da, um jede Beleidigung und Kränkung zu strafen, die mir angethan wird, im Fall ich es für unschicklich halten sollte, mich mit eigener Hand zu schützen oder zu rächen.« Als er dieß sagte, nahm der Pater ein so furchtloses Wesen und ein so ruhiges Ansehen an, daß der junge Rechtsgelehrte überrascht und eingeschüchtert seinen Vorsatz vergaß, ihm den Brief aus der Hand zu reißen, und sich auf bittere Klagen über das Ungeeignete seines Benehmens beschränkte, in welchem Lichte er dem Redgauntlet erscheinen müsse, wenn er ihm einen Brief mit erbrochenem Siegel überreiche. »Dafür,« sagte Pater Buonaventura, »soll hinreichend gesorgt werden. Ich will selbst an Redgauntlet schreiben, und Maxwells Brief einschließen, vorausgesetzt, daß Ihr noch Lust bezeugt, ihn zu überliefern, wenn Ihr seinen Inhalt kennt.« Er gab sodann den Brief an Fairford zurück, und da er bemerkte, daß dieser zauderte, ihn zu lesen, sagte er mit Nachdruck: »Lest nur, denn es betrifft Euch.« Diese Anmahnung, verbunden mit der früheren des Mr. Crosbie und der Warnung, welche zweifelsohne Nanty durch seine classische Anspielung beabsichtigte, entschied Fairford's Entschluß; wenn diese Correspondenten, dachte er, sich gegen mich verschwören, so habe ich ein Recht, ihnen entgegen zu arbeiten; Selbsterhaltung sowohl, als meines Freundes Sicherheit verlangen, daß ich nicht allzu gewissenhaft bin. So dachte er und las den Brief, der folgendermaßen lautete: »Theurer, Wilder und Gefährlicher! Wollt Ihr nie aufhören, Euren alten Spitznamen zu verdienen? Ihr habt endlich Euer Wild aufgestöbert, höre ich, und was ist die Folge? Nichts anders, als daß man Euch jetzt mit Lärm und Geschrei verfolgt. Der Ueberbringer dieses ist ein junger, naseweiser Advokat, welcher eine förmliche Klage gegen Euch vorgebracht hat, zum Glück vor einem freundschaftlichen Gerichte. So günstig aber auch der Richter gestimmt sein mag, so konnten doch Cousine Jenny und ich ihn nur mit Mühe an Bord behalten. Er beginnt furchtsam, mißtrauisch und unbiegsam zu werden, und ich fürchte, Jenny wird bald ihre Stirne vergebens gegen ihn falten. Ich weiß mir keinen Rath, – der Junge, der dieß überbringt, ist ein guter Junge – thätig für seinen Freund, – und ich habe meine Ehre verpfändet, daß er keinen persönlichen Unannehmlichkeiten ausgesetzt sein solle, – meine Ehre verpfändet! merke Dir diese Worte, und erinnere Dich, daß ich auch wild und gefährlich sein kann, so gut als meine Nachbarn. Ich habe ihn aber nicht gegen eine kurze Gefangenschaft gesichert, und da er ein regsamer, thätiger Bursche ist, so sehe ich kein anderes Mittel, ihn so lange aus dem Wege zu schaffen, bis dieß Geschäft des guten Pater B...... glücklich vorüber ist; wollte Gott es wäre schon! – Immer der Deine, sollt ich auch noch einmal sein Craig – in – Peril.« »Was denkt Ihr, junger Mann, von der Gefahr, in die Ihr Euch so willig begeben wolltet?« »Sie kommt mir so seltsam vor, als das ungewöhnliche Mittel, dessen Ihr Euch so eben bedient habt, Maxwells Vorhaben zu entdecken.« »Kümmert Euch nicht um mein Benehmen,« sagte der Pater, »ich bin sicher bei Allem, was ich thue, und fürchte keine Verantwortlichkeit. Aber sagt mir, was ist Euer jetziges Vorhaben?« »Ich sollte es Euch vielleicht nicht nennen, da es sich auch um Eure Sicherheit dabei handelt.« »Ich verstehe Euch,« antwortete der Pater; »Ihr wollt an die bestehende Regierung Euch wenden? – Das kann auf keinen Fall gestattet werden. – Eher halten wir Euch mit Zwang zu Fairladies zurück.« »Ihr werdet doch wahrscheinlich,« sagte Fairford, »zuerst das Gefährliche eines solchen Verfahrens in einem freien Lande erwägen.« »Ich bin furchtbaren Gefahren entgegen getreten,« sagte der Priester lächelnd, »doch ich bin Willens, ein milderes Auskunftsmittel zu suchen. Kommt, laßt uns die Sache zu einem Vergleich bringen.« Er nahm hierauf ein so artiges Wesen an, daß es Fairford in diesem Falle für gar zu nachgebend hielt; »ich nehme an, Ihr werdet es zufrieden sein, hier noch einen Tag oder zwei in Verwahrung zu bleiben, vorausgesetzt, daß ich Euch mein feierliches Wort gebe, Ihr sollt den Mann, den Ihr suchet, treffen, – ihn in völliger Sicherheit treffen, und hoffentlich auch ganz gesund, und nachher Beide frei nach Schottland zurückkehren, oder nach Eurem Gefallen über Euch selbst bestimmen.« »Ich achte das Wort des Priesters, so weit man es vernünftiger Weise von einem Protestanten erwarten kann,« erwiderte Fairford; »aber mir scheint, Ihr könnt kaum von mir erwarten, daß ich auf das Wort eines mir unbekannten Menschen so viel Vertrauen setzen soll, als in der Bürgschaft liegt, die Ihr mir anbietet.« »Ich bin nicht gewohnt, Sir,« sagte der Pater in einem sehr stolzen Tone, »meine Worte bezweifelt zu sehen.« Doch nach augenblicklichem Bedenken verflog die Röthe des Zorns von seinen Wangen, und er setzte hinzu: »Ihr kennt mich nicht, und müßt darum entschuldigt werden. Ich will mehr Vertrauen auf Eure Ehre setzen, als Ihr Willens scheint, zu der meinigen zu fassen; und da wir einmal so gestellt sind, daß einer sich auf das Wort des andern verlassen muß, so will ich Euch sogleich in Freiheit setzen, und mit den Mitteln versehen lassen, Euern Brief zu überliefern; vorausgesetzt, daß Ihr jetzt, da Ihr den Inhalt kennt, es noch mit Eurer Sicherheit verträglich haltet, den Auftrag auszurichten.« Allan Fairford schwieg einen Augenblick. »Ich sehe nicht,« erwiderte er endlich, »wie ich in Bezug auf die Erreichung meines einzigen Vorhabens, nämlich der Befreiung meines Freundes verfahren soll, ohne mich an das Gesetz zu wenden und den Beistand eines Friedensrichters zu verlangen. Wenn ich diesen sonderbaren Brief des Mr. Maxwell, mit dessen Inhalt ich auf eine so unerwartete Weise bekannt wurde, überliefere, so theile ich nur seine Gefangenschaft.« »Und wenn Ihr Euch an einen Friedensrichter wendet, junger Mann, so stürzt Ihr diese gastfreundlichen Damen in's Verderben, welchen Ihr, aller menschlichen Wahrscheinlichkeit nach, Euer Leben verdankt. Ihr könnt keinen Verhaftsbefehl zu Eurem Vorhaben erlangen, ohne eine genaue Angabe alles dessen, was Ihr in den letzten Tagen erlebt habt, zu machen. Ein Friedensrichter würde Euch verpflichten, eine vollständige Nachricht von Euch selbst zu geben, ehe er Euch mit seiner Autorität gegen einen Dritten bewaffnete; und wenn Ihr diese Nachrichten gebt, so ist die Sicherheit dieser Damen nothwendig gefährdet. Hundert Spione haben schon ihre Augen auf diesen Aufenthaltsort gerichtet, und richten sie noch, aber Gott wird die Seinen beschützen.« – Hier kreuzigte er sich andächtig, und fuhr dann fort – »Ihr könnt nun eine Stunde über den besten Plan nachdenken, den Ihr auszuführen gedenkt, und ich verpfände mein Wort, Euch so weit behülflich zu sein, ohne daß ich verlange, daß Ihr Euch auf mein Wort mehr verlaßt, als Eure Klugheit Euch räth. – Ihr sollt zu Redgauntlet gehen, – ich nenne ihn geradezu, um Euch mein Vertrauen zu zeigen, – und Ihr sollt ihm diesen Brief von Mr. Maxwell überliefern mit einem von mir, worin ich ihn ermahne, Euern Freund in Freiheit zu setzen, oder wenigstens Eure Person nicht anzutasten, weder durch Gefangenhaltung, noch auf eine andere Weise. Wenn Ihr mir so weit trauen könnt,« sagte er mit einem stolzen Nachdruck auf diesen Worten, »so will ich Euch von meiner Seite von hier abreisen sehen mit dem vollkommensten Zutrauen, daß Ihr nicht zurückkehren werdet mit obrigkeitlicher Gewalt bewaffnet, um die Bewohner dieses Hauses zum Verderben hinwegzuschleppen. Ihr seid jung und unerfahren, erzogen zu einem Gewerbe, das den Verdacht schärft, und falsche Ansichten von der menschlichen Natur erzeugt. Ich habe viel von der Welt gesehen, und besser, als die meisten Menschen, erkannt, wie sehr gegenseitiges Vertrauen in Behandlung wichtiger Gegenstände erforderlich ist.« Er sprach dieß mit einem Ansehen von Ueberlegenheit, ja von Autorität, wodurch Fairford, trotz seines innern Gegenstrebens, so sehr zum Schweigen gebracht und eingeschüchtert wurde, daß er erst, als der Pater sich gewandt hatte, um das Zimmer zu verlassen, die Worte fand, ihn zu fragen, »was die Folge sein würde, wenn er es ablehnte, auf die vorgeschlagenen Bedingungen abzureisen.« »Dann müßt Ihr zur Sicherheit aller Theile für einige Tage ein Einwohner von Fairladies bleiben, wo wir die Mittel haben, Euch zurückzuhalten, und die Selbsterhaltung wird uns in diesem Falle zwingen, Gebrauch davon zu machen. Eure Gefangenschaft wird kurz sein; die Sachen können nicht lange so bleiben, wie sie sind. – Die Wolke muß bald aufsteigen, oder sich für immer über uns niederlassen – benedicite !« Bei diesen Worten verließ er das Zimmer. Nach seiner Entfernung fühlte sich Fairford sehr in Verlegenheit, was er nun thun solle. Seine Erziehung sowohl, als seines Vaters Grundsätze in Sachen der Kirche und des Staats, hatten ihm einen heiligen Schauder gelehrt vor Papisten, so wie einen festen Glauben an Alles, was ihm von der punischen Treue der Jesuiten und von dem Auskunftsmittel eines Vorbehalts in Gedanken gesagt worden war, wodurch die katholischen Priester, wie man allgemein glaubte, der Verpflichtung zu entgehen suchten, gegen Ketzer Treue und Glauben zu halten; doch war in dem Anstand und den Worten des Pater Buonaventura ein Anstrich von Majestät, wenn gleich niedergedrückt, und wie von einer Wolke überschattet, doch immer noch groß und imponirend; es war schwer für ihn, dieß mit seinen vorgefaßten Meinungen zu vereinigen, die seinem Orden und seiner Religionspartei List und Falschheit Schuld gaben. Vor allem aber sah Allan ein, wenn er nicht seine Freiheit nach den ihm angebotenen Bedingungen annehme, so werde er wahrscheinlich mit Gewalt zurückbehalten werden; in jeder Hinsicht gewann er also durch Annahme derselben. Eine Beängstigung durchflog ihn indeß, wenn er als Rechtsgelehrter bedachte, daß dieser Pater wahrscheinlich in den Augen des Gesetzes ein Verräther sei, und daß es nach dem Criminalgesetzbuche ein schändliches Verbrechen sei, einen Hochverräther nicht anzugeben. Auf der andern Seite, was er auch denken oder argwohnen mochte, so konnte er es doch nicht auf sich nehmen, zu sagen, der Mann sei ein Priester, denn er hatte ihn nie in seinem Amtskleide und nie Messe halten sehen, so daß er wohl daran zweifeln konnte, da er keinen gesetzlichen Beweis besaß. Er kam also zu dem Schluß, daß er seine Freiheit annehme, und unter des Pater Buonaventura Gewährleistung zu Redgauntlet gehen wolle, denn diese würde ihn, wie er kaum zweifelte, gegen persönliche Unannehmlichkeiten schützen. Sollte er einmal dazu kommen, diesen Edelmann zu sprechen, so fühlte er noch das nämliche Zutrauen zu sich, wie früher, daß er ihn von der Unbedachtsamkeit seines Benehmens würde überzeugen können, wenn er auch Darsie Latimers Freiheit nicht erwirkte. Auf alle Fälle würde er erfahren, wo sich sein Freund befinde, und unter welchen Umständen. Da Allan nun entschlossen war, so wartete er mit Begierde, bis die Stunde zu Ende sei, die ihm zur Ueberlegung gestattet worden war. Er wurde keinen Augenblick länger auf die Folter der Ungeduld gespannt, als bis die bestimmte Zeit verflossen war, denn so wie die Glocke schlug, erschien Ambrosius an der Thüre der Gallerie und machte ein Zeichen, daß Allan ihm folgen solle. Er that es und trat, nachdem er, wie es in so alten Häusern gewöhnlich ist, mehrere verwickelte Gänge durchwandelt hatte, in ein kleines Zimmer, das bequem eingerichtet war, und worin er den Pater Buonaventura auf einem Ruhebette liegend fand, in der Stellung eines von Krankheit und Anstrengung erschöpften Menschen. Auf einem kleinen Tische neben ihm war ein katholisches Gebetbuch, ein Fläschchen mit Arznei und eine kleine Theetasse von chinesischem Porzellan. Ambrosius trat nicht in's Zimmer, sondern verbeugte sich nur tief und verschloß die Thüre so leise wie möglich, sobald Fairford eingetreten war. »Setzt Euch nieder, junger Mann,« sagte der Pater mit demselben Tone der Herablassung, der Fairford schon vorher in Verwunderung gesetzt, ja beleidigt hatte. »Ihr seid krank gewesen, und ich weiß nur zu gut an mir selbst, daß Unpäßlichkeit Nachsicht verlangt. – Habt Ihr,« fuhr er fort, sobald er sah, daß sich Allan niedergesetzt hatte, »habt Ihr Euch entschlossen zu bleiben oder abzureisen?« »Abzureisen,« sagte Allan, »wenn Ihr mir Bürgschaft leisten wollt für meine Sicherheit bei dem sonderbaren Menschen, der sich auf eine so ungesetzliche Weise gegen meinen Freund Darsie Latimer benommen hat.« »Urtheilt nicht so rasch, junger Mann,« erwiderte der Pater. »Redgauntlet hat in Beziehung auf den jungen Mann die Ansprüche eines Vormunds über seinen Mündel und ein Recht, über seinen Aufenthaltsort zu verfügen, obgleich er in der Wahl der Mittel, wodurch er seine Autorität geltend zu machen gedenkt, unbesonnen gewesen sein mag.« »Seine Lage als Geächteter vernichtet diese Rechte,« sagte Fairford hastig. »Sicherlich,« erwiderte der Priester, lächelnd über die Raschheit des jungen Rechtsgelehrten; »in den Augen derer, welche die Rechtmäßigkeit der Aechtung anerkennen, aber das thue ich nicht. Indessen, Sir, hier ist meine Bürgschaft, leset den Inhalt, und nehmt nicht wieder einen Uriasbrief mit Euch.« Fairford las folgende Worte: »Guter Freund! Wir senden Euch hier einen jungen Mann, der die Lage Eures Mündels kennen zu lernen wünscht, seit er unter Eure väterliche Autorität kam, und mit Euch unterhandeln will, um Eueren Verwandten in Freiheit zu setzen. Dieß empfehlen wir Eurer Klugheit, und mißbilligen zu gleicher Zeit höchlich jede Gewalt oder Zwang, wenn solches vermieden werden kann, und wir wünschen daher, daß diese Unterhandlung einen guten Ausgang haben möge. Auf alle Fälle indessen hat der Ueberbringer unser verpfändetes Wort für seine Sicherheit und Freiheit, was Ihr daher strenge beobachten sollt, so lieb Euch unsere und Eure eigene Ehre ist. Ferner wünschen wir, uns mit Euch zu besprechen, sobald als möglich, da wir Euch Gegenstände von der höchsten Wichtigkeit mitzutheilen haben. Wir wünschen daher, daß Ihr Euch in aller Eile hieher begebet, und sagen Euch hiemit ein herzliches Lebewohl! P. B.« »Ihr werdet einsehen, Sir,« sagte der Pater, als er sah, daß Allan den Brief gelesen hatte, »daß Ihr bei Uebernahme dieser Botschaft Euch verbindlich macht, erst die Wirkung davon zu versuchen, ehe Ihr zur Befreiung Eures Freundes zu einem gesetzlichen Mittel, wie Ihr es nennt, Eure Zuflucht nehmet.« »Es sind noch einige Chiffern dem Brief beigefügt,« sagte Fairford, als er den Brief aufmerksam gelesen hatte, »darf ich fragen, was sie bedeuten?« »Sie betreffen meine eigenen Angelegenheiten,« antwortete der Pater kurz, »und haben gar keine Beziehung auf die Eurigen.« »Mir scheint indessen die Vermuthung natürlich, – –« erwiderte Allan. »Nichts darf vermuthet werden, was mit meiner Ehre unverträglich ist,« erwiderte der Priester ihn unterbrechend; »wenn Männer, wie ich, Gunstbezeugungen erweisen, so erwarten wir, daß sie mit Dankbarkeit angenommen, oder mit dankbarer Achtung abgelehnt, nicht lange untersucht und bekrittelt werden.« »Ich nehme Euern Brief also an,« sagte Fairford nach minutenlangem Ueberlegen, »und der Dank, den Ihr erwartet, soll Euch auf's Reichlichste gezollt werden, wenn der Erfolg dem entspricht, wozu Ihr mir Hoffnung gemacht habt.« »Gott allein gebietet über den Ausgang,« sagte Pater Buonaventura. »Der Mensch gebraucht die Mittel. – Ihr sehet ein, daß Ihr durch Uebernahme dieses Auftrags Eure Ehre verpfändet, die Wirkung meines Briefs auf Mr. Redgauntlet zu versuchen, ehe Ihr die Sache bei Gericht anbringt, oder einen gesetzlichen Verhaftsbefehl auswirkt?« »Ich halte mich für verbunden, so zu handeln, als ein Mann von Wort und Ehre,« sagte Fairford. »Gut, ich traue Euch,« sagte der Pater. »Ich will Euch jetzt noch sagen, daß ein Expresser, den ich die letzte Nacht abfertigte, Redgauntlet wahrscheinlich um viele Meilen diesem Orte näher gebracht hat, wo er es nicht sicher finden wird, irgend eine Gewaltthat gegen Eueren Freund zu versuchen, sollte er auch unbesonnen genug sein, den Rath des Mr. Maxwell von Summertrees eher zu befolgen, als meine Befehle. Wir verstehen jetzt einander.« Er streckte seine Hand gegen Allan aus, welcher eben im Begriff war, sie zum Unterpfand seiner Treue auf die gewöhnliche Weise zu fassen, als sie der Pater schnell zurück zog. Ehe Allan Zeit hatte, über diese Weigerung nachzudenken, öffnete sich eine kleine Seitenthüre, die mit einer Tapete verdeckt war, die Vorhänge wurden bei Seite gezogen, und eine Dame trat, wie eine plötzliche Erscheinung, leise in's Gemach. Es war keine von den Miß Arthuret's, sondern eine Frau in der Blüthe des Lebens und der völlig entfalteten weiblichen Schönheit; artig, schlank und von imponirendem Ansehen. Ihre goldenen Locken fielen über die Stirne, die nebst dem herrlichen Glanze der großen, offenen blauen Augen eine Juno selbst geziert haben würde; ihr Nacken und Busen waren wunderschön geformt und von blendender Weiße. Sie war ein wenig zur Fülle geneigt, doch nicht mehr, als ihrem Alter paßte, das ungefähr dreißig Jahre betragen mochte. Ihr Gang war der einer Königin, aber nicht einer Königin Esther, sondern der einer Vasthi, einer kühnen und befehlenden, nicht einer schüchternen Schönheit. Pater Buonaventura erhob sich unwillig von seinem Lager, als ob ihm das rasche Eintreten mißfalle. »Nun, Madame,« sagte er mit einiger Strenge, »warum haben wir jetzt die Ehre Eurer Gesellschaft?« »Weil es mir so beliebt,« erwiderte die Dame ganz ruhig. »Beliebt? Madame!« wiederholte er in dem nämlichen unwilligen Tone. »Ja, beliebt, Sir,« fuhr sie fort, »und dieß mein Belieben hält immer genauen Schritt mit meiner Pflicht. Ich hatte gehört, Ihr wäret unwohl, laßt mich hoffen, daß es nur ein Geschäft ist, welches diese Absonderung veranlaßt.« »Ich bin wohl,« erwiderte er, »vollkommen wohl, und ich danke Euch für Eure Sorgfalt, aber wir sind nicht allein, und dieser junge Mann – –« »Dieser junge Mann,« sagte sie und heftete ihr großes, ernstes Auge auf Allan Fairford, als ob sie jetzt erst seine Gegenwart bemerkt hätte, – »darf ich fragen, wer es ist?« »Ein andermal, Madame, Ihr sollt seine Geschichte erfahren, wenn er weg ist. Seine Gegenwart macht es mir unmöglich, mich weiter zu erklären.« »Wenn er gegangen ist, mag es wohl zu spät sein,« sagte die Dame, »und was ist seine Gegenwart für mich, wenn Eure Sicherheit auf dem Spiele steht? Es ist der ketzerische Advokat, den die einfältigen Narren, die Arthuret's, in's Haus eingelassen haben, zu einer Zeit, wo sie ihren eigenen Vater hätten vergebens an die Thüre klopfen lassen sollen. Ihr werdet ihn doch sicher nicht von Euch lassen?« »Eure eigene Ungeduld kann allein diesen Schritt gefährlich machen,« sagte der Pater, »ich habe mich entschlossen, ihn zu thun, – laßt nicht Euren unbescheidenen Eifer, so gut auch seine Quelle sein mag, die Sache unnöthiger Weise gefährlich machen.« »Ist's möglich?« sagte die Dame im Tone des Vorwurfs, mit dem sich jedoch Achtung und Besorglichkeit verband. »Und so wollt Ihr immer vorwärts gehen, wie ein Hirsch in die Schlingen des Jägers, mit ungemessenem Vertrauen, jetzt noch, nach allem Dem, was vorgefallen ist?« »Stille, Madame,« sagte der Pater Buonaventura aufstehend; »schweigt oder verlaßt das Zimmer; meine Pläne vertragen keine weibliche Kritik.« Die Dame schien im Begriff, auf diesen bestimmt ausgesprochenen Befehl eine scharfe Antwort zu geben; doch sie bezwang sich, preßte ihre Lippen fest zusammen, als wollte sie die Worte, die sich schon auf der Zunge gebildet hatten, verhindern, herauszubrechen; sie machte eine tiefe Verbeugung, die zum Theil wie ein Vorwurf, zum Theil wie eine Achtungsbezeugung aussah, und verließ das Zimmer so schnell, als sie eingetreten war. Der Pater schien beunruhigt durch diesen Vorfall, denn er schien zu fühlen, daß derselbe Fairford's Einbildungskraft mit neuem, weitgreifendem Verdacht erfüllen müsse; er biß die Lippen zusammen, und murmelte einiges vor sich hin, wie er durch's Zimmer ging; dann wandte er sich plötzlich zu Allan mit einem so angenehmen Lächeln, und mit einer Haltung, in welcher jeder rauhere Ausdruck dem der Artigkeit und Freundlichkeit gewichen war. »Der Besuch, mit dem wir so eben beehrt wurden, mein junger Freund,« sagte er, »gibt Euch noch mehr Geheimnisse zu bewahren, als ich Euch aufbürden wollte. Die Lady ist eine Dame von Rang und Vermögen; dennoch aber sind die Umstände von der Art, daß das bloße Bekanntwerden ihrer Anwesenheit im Lande viele unangenehmen Folgen haben würde. Ich wünschte, daß Ihr diesen Umstand geheim haltet, auch gegen Redgauntlet und Maxwell, obgleich ich in allen meinen Angelegenheiten ihnen durchaus vertraue.« »Ich kann keine Veranlassung haben,« erwiderte Fairford, »irgend eine Unterredung mit diesen Herren oder mit andern über den Umstand zu haben, wovon ich so eben Zeuge gewesen bin, – es könnte einzig durch Zufall der Gegenstand meines Gesprächs werden, und ich werde jetzt darauf bedacht sein, diese Sache gänzlich zu vermeiden.« »Ihr werdet wohl thun, Sir, und ich danke Euch,« sagte der Pater, und legte viel Würde in diesen Ausdruck seiner Verbindlichkeit. »Die Zeit möchte wohl einmal kommen, wo Ihr erfahren werdet, was es heißt, einen Mann, wie mich, zu verbinden. Was die Dame betrifft, so ist sie eine höchst würdige Person, und man kann durchaus nichts sagen, das nicht ihr Lob verkündigte. Nichts desto weniger – kurz, Sir, wir wandern in diesem Augenblick in einem Morgennebel – die Sonne wird, wie ich hoffe, bald steigen, und ihn zerstreuen, wo dann Alles, was jetzt geheimnißvoll scheint, völlig entschleiert werden wird; – oder er wird sich in Regen auflösen,« setzte er in einem feierlichen Tone hinzu, »und dann ist jede Aufklärung von geringer Bedeutung. – Adieu, Sir, ich wünsche Euch alles Gute!« – Er machte eine artige Verbeugung und verschwand durch dieselbe Seitenthüre, durch welche die Dame eingetreten war, und Allan glaubte Stimmen in heftigem Streit aus dem anstoßenden Zimmer zu hören. Im Augenblick darauf trat Ambrosius ein und sagte, »ein Pferd und ein Führer warteten auf ihn unten an der Terrasse.« »Der gute Pater Buonaventura,« setzte der Kellermeister hinzu, »ist so gnädig, Eure Lage zu berücksichtigen, und hat mich ersucht, Euch zu fragen, ob Ihr für irgend einen Fall Geld nöthig hättet.« »Bezeugt Sr. Ehrwürden meine Achtung,« erwiderte Fairford, »und versichert ihn, daß ich damit hinlänglich versehen bin. Ich bitte Euch gleichfalls, den Miß Arthuret's meine Dankbarkeit zu bezeugen, und sie zu versichern, daß ich ihrer gütigen Gastfreundschaft, der ich vermuthlich mein Leben danke, so lange ich lebe, mit Dankbarkeit eingedenk sein werde. Auch Euch, Mr. Ambrosius, danke ich verbindlichst, daß Ihr mir Eure Geschicklichkeit und Aufmerksamkeit gewidmet habt.« Unter diesen Aeußerungen der Dankbarkeit verließen sie das Haus, stiegen die Terrasse hinab, und gelangten an den Ort, wo der Gärtner, Fairfords alter Bekannter, auf ihn wartete, sitzend auf dem einen Pferde, und das andere an der Hand führend. Unser junger Rechtsgelehrter sagte dem Mr. Ambrosius Lebewohl, bestieg das Pferd und ritt den Gang hinab, indem er oft nach dem melancholischen und vernachlässigten Gebäude zurücksah, in welchem er Zeuge von so sonderbaren Scenen gewesen war; er dachte noch über den Charakter seiner geheimnißvollen Bewohner, besonders des edlen und fast königlich aussehenden Priesters, und der schönen, aber launenhaften Dame nach, welche, wenn sie wirklich Pater Buonaventura's Beichtkind war, gegen die Autorität der Kirche weit ungelehriger war, als nach Allans Meinung die katholische Kirchenzucht gestattete. Er konnte nicht umhin, zu bemerken, daß das ganze Benehmen dieser Personen sehr gegen seine vorgefaßten Begriffe von einem Priester und seinem Beichtkind abstach. Pater Buonaventura besonders hatte mehr natürliche Würde und weniger Kunst und Affektation in seinem Wesen, als sich mit der Idee vertrug, welche die Calvinisten von dem listigen und schrecklichen Charakter eines jesuitischen Missionärs zu hegen pflegten. Während er über diese Dinge nachdachte, schaute er so oft nach dem Hause zurück, daß Dick Gardener, ein vorlauter, geschwätziger Mensch, den das Schweigen zu langweilen begann, endlich zu ihm sagte: »Nun, ich denke, Ihr werdet Fairladies kennen, wenn Ihr es wieder sehet, Sir.« »Das wage ich zu behaupten,« sagte Fairford in guter Laune. »Ich wünschte, ich wüßte eben so gut, wo es zunächst hingeht; doch das könnt Ihr mir vielleicht sagen, Richard.« »Euer Gnaden sollten es besser wissen, als ich,« sagte Dick Gardener; »nichts desto weniger, denke ich mir, Ihr werdet dahin gehen, wohin alle Schotten geschickt werden sollten, sie mögen nun wollen oder nicht.« »Zum Teufel doch nicht, hoffe ich, guter Dick,« sagte Fairford. »Warum nicht? Das ist ein Weg, den Ihr als Ketzer macht; aber als Schotten möchte ich Euch nur drei Viertheile des Weges schicken, das heißt, nach Schottland zurück, – Euer Gnaden müssen mir dieß aber verzeihen.« »Geht unser Weg dahin?« fragte Fairford. »So weit als es an der Wasserseite fortgeht,« sagte Richard. »Ich soll Euch zu dem alten Vater Crackenthorp führen, und dann seid Ihr nur noch einen Sprung weit von Schottland. Vielleicht aber bedenkt Ihr Euch erst zweimal, Alt-England ist doch ein fetter Weidegrund für das Vieh aus dem Norden.« Siebzehntes Kapitel. Erzählung von Darsie Latimer. Unsre Geschichte muß nun, wie die alten Romandichter zu sagen pflegen, »aufhören zu erzählen« von den Nachforschungen Allan Fairfords, und unsre Leser von den Abenteuern Darsie Latimers unterrichten, den wir in dem Gewahrsam seines sich so nennenden Vormunds, des Lairds der Seen vom Solway, verließen, nach dessen Willkür er sich in dem Augenblick zu richten nöthig fand. In Folge des klugen Entschlusses, und obgleich er nicht ohne ein Gefühl von Scham und Erniedrigung eine solche Verkappung anlegte, erhielt Christal Nixon von Darsie die Erlaubniß, über sein Gesicht eine von jenen seidenen Masken zu befestigen, welche Damen gewöhnlich trugen, um ihre Gesichtsfarbe zu schützen, wenn sie auf langen Reisen zu Pferde der Luft ausgesetzt waren. Etwas heftiger stritt er gegen den langen Reitrock, welcher seine Person von der Mitte des Leibes an in weibliche Kleidung hüllte, aber er mußte auch hierin nachgeben. Die Metamorphose war nun vollendet, denn die schöne Leserin muß wissen, daß die Damen in jenen rohen Zeiten, wenn sie der männlichen Kleidung durch Anlegung eines Theils derselben eine Ehre erwiesen, gerade dieselben Hüte, Röcke und Westen trugen, als die männlichen Thiere selbst, und noch nichts von jenem eleganten Mittelding zwischen männlicher und weiblicher Kleidung wußten, das jetzt par excellence den Namen habit erhalten hat. Possierlich genug müssen unsre Mütter ausgesehen haben in den langen, viereckig geschnittenen Röcken ohne Kragen mit Westen, deren ungeheure Taschen in der Mitte des Leibs weit hinabreichten. Doch hatten sie einen Vortheil in den glänzenden Farben, den Tressen und der schönen Stickerei, welche die männliche Kleidung jener Zeit erlaubte, und wie es in vielen Fällen zu geschehen pflegt, die Feinheit des Stoffes gab einen Ersatz für den Mangel an Symmetrie und Schönheit der Form in den Kleidungen selbst. Doch dieß ist eine Abschweifung. Im Hofe des alten Gebäudes, das halb Edelsitz, halb Pachterhaus, oder vielmehr ein verfallener Edelsitz war, der zu einem Aufenthaltsort für einen cumberländischen Pächter umgewandelt worden, standen mehrere gesattelte Pferde. Vier oder fünf derselben waren von Dienern oder niederern Pächtern bestiegen, welche alle mit Schwert, Pistolen und Karabinern wohl bewaffnet waren. Zwei davon waren aber für Frauenzimmer gesattelt; das eine davon trug einen Quersattel, das andere blos ein Kissen hinter dem Sattel. Darsie's Herz schlug lebhafter, denn er begriff leicht, daß eines von diesen für ihn bestimmt sei, und er nährte die Hoffnung, das andre würde von dem schönen Grün-Mantel bestiegen werden, welche er nach gewohnter Praxis zur Königin seines Herzens erkoren hatte, wenn gleich die Gelegenheiten, wo er mit ihr hatte zusammen sein können, sich das eine Mal auf ein stilles Abendessen, das andere Mal auf einen stillen Tanz beschränkten. Dieß war indessen bei Darsie Latimer keine ungewohnte Art, sich zu verlieben, denn Cupido triumphirte über ihn nur nach Art eines marattischen Eroberers, der die Provinz mit der Schnelligkeit des Blitzes überfällt, sie aber auch nur auf kurze Zeit behaupten kann. Diese neue Liebe war indessen etwas ernsthafter, als die leichten Ritzwunden, welche sein Freund Fairford lächerlich zu machen gewohnt war. Die junge Dame hatte eine aufrichtige Theilnahme an ihm bezeugt, und das geheimnißvolle Wesen, womit dieser Antheil verschleiert war, gab ihr bei ihrer lebhaften Einbildungskraft den Charakter eines wohlwollenden und schützenden Geistes, eben so wohl als den eines schönen Weibes. In früheren Zeiten war der Roman seiner kurzen Neigungen stets sein eigenes Werk gewesen, und war verschwunden, je näher er der Person kam, die der Gegenstand desselben war. Bei dieser Gelegenheit floß er wirklich aus den äußern Umständen, von denen auch ein weniger reizbares Gefühl und minder lebhafte Einbildungskraft ergriffen worden wäre, als der junge, unerfahrene und schwärmerische Darsie Latimer besaß. Er wartete daher ängstlich, zu wessen Dienst der Zelter mit dem Damensattel bestimmt sei. Ehe aber eine Frau erschien, denselben einzunehmen, wurde er selbst aufgefordert, auf dem Kissen hinter Christal Nixon seinen Sitz zu nehmen unter dem Grinsen seines alten Bekannten, Jan, der ihm auf's Pferd half, und dem unaufhaltsamen Lachen Cicely's, welche bei dieser Gelegenheit eine Reihe Zähne zeigte, welche dem Elfenbein den Rang hätten streitig machen können. Latimer war in einem Alter, worin es ihm nicht gleichgültig war, der Gegenstand eines allgemeinen Gelächters zu sein, wenn auch nur für Bauern und Milchmädchen, und er wünschte sehnlich, seine Reitpeitsche ein paar Mal auf Jan's Schultern herumtanzen zu lassen. An eine solche Beruhigung seiner Gefühle war aber in diesem Augenblicke nicht zu denken, und Christal Nixon machte seiner unangenehmen Lage sogleich ein Ende, indem er den Reitern aufzubrechen befahl. Er selbst hielt die Mitte des Trupps, zwei Mann ritten vor und zwei hinter ihm, deren Auge, wie es Darsie vorkam, stets auf ihn gerichtet war, um jedem Versuch zur Flucht zuvorzukommen. Von Zeit zu Zeit – wenn die gerade Linie des Wegs oder ein Hügel es ihm gestattete, konnte er bemerken, daß drei oder vier andere Reiter in der Entfernung von ungefähr einer Viertelmeile ihnen folgten; unter diesen konnte er die schlanke Gestalt Redgauntlet's unterscheiden, so wie das mächtige Ausgreifen seines gewaltigen schwarzen Rosses. Er zweifelte kaum, daß der Grün-Mantel mit dabei sei, obgleich er ihre Gestalt von den andern nicht unterscheiden konnte. Auf diese Weise ritten sie von 6 Uhr Morgens bis beinahe 10 Uhr, ohne daß Darsie mit irgend Jemand ein Wort gewechselt hätte, denn ihm widerte der bloße Gedanke, sich in eine Unterredung mit Christal Nixon einzulassen, gegen den er eine instinktartige Abneigung fühlte; auch war die düstere und unfreundliche Gemüthsart dieses Dieners nicht von der Art, daß er dadurch zu einer Annäherung ermuthigt worden wäre, wenn er auch Lust dazu gehabt hätte. Endlich hielt man in der Absicht, sich zu erquicken, und auszuruhen; wie man aber bisher alle Dörfer und bewohnte Oerter auf dem Wege vermieden hatte, so machte man auch jetzt bei einer jener großen verfallenen hochländischen Scheunen Halt, die man manchmal auf den Feldern findet in einiger Entfernung von den Pachthäusern, wozu sie gehören. Doch waren an diesem einsamen Orte einige Vorbereitungen zu ihrem Empfang gemacht worden. Am Ende der Scheune befanden sich Raufen mit Futter für die Pferde, und eine Menge Lebensmittel für die Menschen wurden unter Strohbündeln hervorgezogen, unter welchen die Körbe versteckt waren, welche die Lebensmittel enthielten. Die besten davon wurden von Christal Nixon ausgewählt und bei Seite gestellt, während die Leute über die übrigen herfielen, die er ihnen preisgegeben hatte. Wenige Minuten nachher traf auch der Nachtrab ein, stieg ab, und Redgauntlet selbst trat mit dem Mädchen im grünen Mantel an der Seite in die Scheune. Er stellte sie Darsie mit den Worten vor: »Es ist Zeit, daß ihr Beide einander kennen lernt. Ich versprach Euch mein Vertrauen, Darsie, und die Zeit ist gekommen, mein Wort zu lösen. Zuerst aber wollen wir frühstücken, und dann, wenn wir wieder im Sattel sind, will ich Euch sagen, was Euch zu wissen nöthig ist. Darsie, grüßt Lilias. Der Befehl war schnell und überraschte Latimer, dessen Verwirrung durch die volle Unbefangenheit und Leichtigkeit stieg, womit Lilias ihm ihre Wange und ihre Hand bot, und die seinige drückte, welche sie mehr ergriff, als die ihrige gab; dann sagte sie freimüthig: »Theuerster Darsie, wie erfreut bin ich, daß unser Oheim endlich uns gestattet hat, mit einander bekannt zu werden!« Darsie's Kopf schwindelte, und es war vielleicht gut, daß Redgauntlet ihn aufforderte, sich niederzusetzen, denn gerade diese Bewegung diente ihm dazu, seine Verwirrung zu verbergen. Es gibt ein altes Lied: »– – – Wenn Frauen sind zu willig, So steht der Mann nur wie ein Thor.« Eine gute Darstellung und Darsie Latimers Blicke bei dieser unerwarteten Unbefangenheit beim Empfang würden eine bewunderungswerthe Vignette geben zur Erläuterung dieser Stelle. »Theuerster Darsie,« und so ein bereitwilliger Gruß mit Lippe und Hand! – Das war Alles recht angenehm ohne Zweifel, und hätte mit Dankbarkeit aufgenommen werden sollen; aber so wie unsers Freundes Temperament war, konnte sich nichts weniger mit seiner Denkart vertragen. Hätte ihm ein Eremite angeboten, eine Kanne Bier mit ihm auszustechen, so würde die Täuschung über seine Heiligkeit nicht wirksamer vernichtet worden sein, als die göttlichen Eigenschaften des Grün-Mantels vor der übel angebrachten Unbefangenheit dahin schwanden. Durch ihr Entgegenkommen unangenehm überrascht und ärgerlich, daß er sich noch einmal so betrogen hatte, konnte Darsie nicht umhin, die zwei Zeilen des Liedes vor sich hin zu murmeln, das wir schon einmal angeführt haben: »Die Frucht, die ohne Schütteln fällt, Ist gar zu süß für mich!« Und doch war es schade um sie, – sie war ein recht artiges junges Frauenzimmer, seine Phantasie hatte sie in der Hinsicht kaum überschätzt, und die leichte Unordnung der schönen braunen Locken, welche in natürlichen Ringeln unter dem Reisehute hervor schlüpften, verbunden mit der Röthe, welche die Anstrengung des Ritts auf ihren Wangen hervorgerufen hatte, machte sie noch reizender als sonst. Redgauntlet selbst milderte die Strenge seines Blicks, wenn er sich zu ihr wandte, und sein Ton, wenn er sie anredete, war weit sanfter, als sein gewöhnlicher tiefer Baß. Selbst die starren Züge Christal Nixon's erheiterten sich, wenn er sie bediente, und sein misanthropisches Gesicht drückte dann, wenn je einmal, ein Mitgefühl mit der übrigen Menschheit aus. »Wie kann sie doch,« dachte Latimer, »so wie ein Engel aussehen, und doch nur eine Sterbliche sein? So viel Entgegenkommen, wenn sie äußerst zurückhaltend sein sollte? Wie läßt sich ihr Betragen mit der Anmuth und Leichtigkeit ihres sonstigen Benehmens vereinen?« Diese verworrenen Gedanken, welche Darsie's Einbildungskraft beschäftigten, gaben seinen Blicken ein verstörtes Ansehen, und das Nichtbeachten der Speise, die ihm vorgesetzt wurde, verbunden mit seinem Schweigen und seiner Geistesabwesenheit, brachten Lilias dahin, ihn mit dem Ausdruck der Bekümmerniß zu fragen, ob nicht die Unpäßlichkeit zurückkehre, woran er kürzlich gelitten hatte. Bei dieser Frage erhob Mr. Redgauntlet, welcher ebenfalls in seine Betrachtungen verloren schien, seine Augen, und forschte gleichfalls mit einem Anschein von Theilnahme nach seinem Befinden. Latimer erklärte Beiden, daß ihm vollkommen wohl sei. »Gut, daß es so ist, denn das, was wir vorhaben, leidet keinen Aufschub durch Unpäßlichkeit, – wir haben, wie Hotspur zu sagen pflegte, keine Zeit, krank zu sein.« Lilias ihrer Seits bemühte sich, Darsie zu bewegen, von den Speisen zu kosten, die sie ihm mit der freundlichen, liebevollen Artigkeit anbot, welche mit dem warmen Antheil übereinstimmte, den sie bei ihrem Zusammentreffen gezeigt hatte; diese Artigkeit war aber so natürlich, unschuldig und rein, daß auch der eitelste Geck sie nicht hätte für Koketterie nehmen, oder als den Wunsch auslegen können, einen so werthgeschätzten Preis als seine Zuneigung zu gewinnen. Darsie, welcher nur den gewöhnlichen Theil von Selbstgenügsamkeit besaß, welchen junge Leute gewöhnlich haben, die sich dem einundzwanzigsten Jahre nähern, wußte sich ihr Benehmen nicht zu erklären. Manchmal war er versucht zu glauben, seine eigenen Verdienste hätten während der kurzen Augenblicke, in denen sie einander gesehen hatten, ihm so sehr die Anhänglichkeit einer jungen Person gesichert, welche wahrscheinlich in Unkenntniß der Welt und ihrer Formen erzogen worden war, daß sie ihre Vorliebe nicht zu verbergen vermöchte. Manchmal argwohnte er, daß sie nach ihres Vormunds Befehl handle, welcher bemerkt hatte, daß er, Darsie, ein beträchtliches Vermögen anzusprechen habe, was ihn vielleicht bewog, diesen kühnen Streich zu thun, eine Heirath zwischen ihm und einer so nahen Verwandten zu Stande zu bringen. Keine von diesen Vermuthungen aber war auf den Charakter der betreffenden Personen anwendbar. Miß Lilias Benehmen, obgleich sanft und natürlich, entfaltete in seiner Leichtigkeit und Beweglichkeit eine bedeutende Bekanntschaft mit den Gebräuchen der Welt. In den wenigen Worten, die sie während des Frühstücks sagte, lag so viel Verschlagenheit und Verstand, wie ihn kaum ein Frauenzimmer haben konnte, das die einfältige Rolle eines liebesiechen Mädchens so ungeschickt spielte. Was Redgauntlet anlangte mit seinem stolzen Gange, seiner düstern Stirne und seinem drohenden und befehlenden Blicke, so konnte ihn Darsie unmöglich im Verdacht haben, daß er einen Plan hege, der nur aus sein eigenes Interesse berechnet wäre; eben so wohl hätte er glauben können, Cassius habe Cäsars Taschen ausleeren wollen, statt den Dolch gegen den Diktator zu ziehen. Während er so seinen Gedanken nachhing, unfähig zu essen, zu trinken, oder Lilia's Artigkeit zu erwidern, hörte auch sie bald auf, zu ihm zu sprechen, und saß schweigend da, wie er selbst. Sie waren fast eine Stunde an ihrem Ruheplatze geblieben, als Redgauntlet laut sagte: »sieh hinaus, Christal Nixon, wenn wir nichts von Fairladies hören, so müssen wir unsere Reise fortsetzen.« Christal begab sich vor die Thüre, kehrte aber sogleich zurück, und sagte zu seinem Herrn mit einer Stimme so rauh wie seine Züge: »Gilbert Gregson kommt, sein Pferd ist ganz weiß vom Schaume, als wenn es der böse Feind geritten hätte.« Redgauntlet warf den Teller von sich, von dem er eben gegessen hatte, und eilte nach der Thüre der Scheune, durch welche der Bote im nämlichen Augenblick eintrat; ein munterer Bursche mit einer schwarzsammtnen Jagdmütze und einem breiten Gürtel um den Leib, woran seine Botentasche hing. Der Koth, womit er vom Kopf bis zum Fuß bespritzt war, zeigte an, daß er auf einem schlechten Wege einen raschen Ritt gemacht habe. Er überlieferte an Mr. Redgauntlet einen Brief mit einer ehrerbietigen Verbeugung, und zog sich dann an das Ende der Scheune zurück, wo die andern Diener auf dem Stroh saßen oder lagen, um einige Erfrischungen zu sich zu nehmen. Redgauntlet erbrach hastig den Brief und las ihn mit Blicken, worin sich einige Aengstlichkeit und Unruhe spiegelte. Beim zweiten Durchlesen schien sein Mißvergnügen zu wachsen, seine Stirne verfinsterte sich, und deutlich war das unglückliche Zeichen seiner Familie und seines Hauses darauf gezeichnet. Noch nie hatte Darsie auf seiner Stirne ein so treffendes Bild jenes Zeichens bemerkt, das die Sage derselben beilegte. Redgauntlet hielt den offenen Brief in der einen Hand, und stieß mit dem Zeigefinger der andern darauf hin, indem er zu Christal Nixon halblaut, aber unwillig sagte: »Gegenbefehl! – Wir sollen abermals gegen Norden! – Nordwärts, wenn alle unsere Hoffnungen gegen Süden liegen, zum Zweitenmal nach Derby zu, wo wir dem Ruhme den Rücken wandten, und unserem Sturz entgegengingen!« Christal Nixon nahm den Brief, überlas ihn rasch, und gab ihn dann seinem Herrn mit der kalten Bemerkung zurück: »Weiblicher Einfluß herrscht vor.« »Aber er soll nicht länger vorherrschen,« sagte Redgauntlet; »er soll schwinden, wie der unserige sich am Horizont erhebt. Unterdessen will ich voraus, und Ihr, Christal, bringt die Leute an den im Brief bezeichneten Ort. Den beiden jungen Leuten könnt Ihr nun gestatten, daß sie sich ungehindert unterhalten; merkt nur darauf, daß Ihr den jungen Mann genau beobachtet, um sein Entfliehen zu verhindern, wenn er Pinsel genug sein sollte, es zu versuchen; aber reitet nicht so nahe, um ihre Unterhaltung belauschen zu können.« »Ich kümmere mich gar nichts um ihr Gespräch,« sagte Nixon verdrießlich. »Ihr hört meine Befehle, Lilias,« sagte der Laird, indem er sich zu der jungen Dame wandte. »Ihr könnt nun von meiner Erlaubniß und meiner Autorität Gebrauch machen, um ihm von unsern Familien-Angelegenheiten so viel zu entdecken, als Ihr selbst wißt. Bei unserer nächsten Zusammenkunft werde ich das Geschäft der Enthüllung vollenden, und ich hoffe, ich werde noch einen Redgauntlet dem Schooße seiner Familie zurückgeben. Laßt Latimern, wie er sich selbst nennt, allein ein Pferd besteigen; er muß noch eine Zeitlang seine Verkappung beibehalten. – Mein Pferd, mein Pferd!« In zwei Minuten hörten sie ihn von der Thüre der Scheune hinwegreiten, eilig gefolgt von zwei bewaffneten Leuten aus der Truppe. Die Befehle Christal Nixons brachten unterdessen alle Uebrigen in Bewegung, aber der Laird selbst war ihnen lange schon aus dem Gesichte, als sie in Bereitschaft waren, ihre Reise fortzusetzen. Als sie endlich aufbrachen, wurde Darsie mit einem eigenen Pferde versehen, so daß er nicht mehr nöthig hatte, seinen Platz auf dem Kissen hinter dem verabscheuten Nixon einzunehmen. Er war indessen gezwungen, seinen Reitrock zu behalten und die Maske wieder vorzunehmen. Trotz dieses unangenehmen Umstandes, und obgleich er bemerkte, daß sie ihm das schwerste und langsamste Pferd auswählten, und daß er zur bessern Vorsorge gegen eine Flucht auf jeder Seite nahe bewacht wurde, so war doch der Umstand, daß er in Gesellschaft der artigen Lilias ritt, ein Vortheil für ihn, der diese Unbequemlichkeiten überwog. Wahr ist es, diese Gesellschaft, nach der er diesen Morgen noch wie nach einem Strahl vom Himmel aufgeschaut haben würde, hatte jetzt, da sie ihm so unerwartet vergönnt wurde, weit weniger Reiz für ihn, als er erwartet hätte. Vergebens bemühte er sich, um die günstige Lage, seiner romantischen Stimmung freien Lauf zu lassen, gehörig zu benützen, den angenehmen Traum einer glühenden und zärtlichen Leidenschaft wieder zurückzuschmeicheln; er fühlte nur eine solche Ideenverwirrung, wenn er den Unterschied zwischen dem Wesen seiner Phantasie und der Person, die sich ihm in der Wirklichkeit darstellte, erwog, daß es ihm schien, als wirke Zauberei auf ihn ein. Was ihn am meisten in Erstaunen setzte, war, daß diese plötzliche Flamme so rasch entschwunden sein sollte, trotzdem, daß des Mädchens körperliche Schönheit größer war, als er erwartet hatte, und ihr Benehmen, wenn es gleich in Beziehung auf ihn zu freundlich schien, so anmuthsvoll und geziemend, als er sich in seinen heitersten Träumen hatte einbilden können. Es wäre zu hart von ihm geurtheilt, wenn man annehmen wollte, daß die Meinung allein, er habe ihre Zuneigung leichter gewonnen, als er erwartete, die Ursache seiner undankbaren Herabsetzung eines zu leicht gewonnenen Preises gewesen sei, oder daß seine flüchtige Neigung nur um sein Herz gespielt habe, wie der flimmernde Strahl der winterlichen Sonne, der auf eine Eisscholle fällt, und sie zwar auf einen Augenblick zu erleuchten, aber nicht zu schmelzen vermag. Nichts von Allem dem war genau sein Fall, obgleich eine solche Unbeständigkeit der Stimmung wohl auch ihren Einfluß in die Wagschale legen mochte. Die Wahrheit ist vielleicht die, daß das Vergnügen eines Liebhabers, wie das eines Jägers, in der Jagd besteht, und daß die glänzendste Schönheit, wie die schönste Blume ihren Duft, zur Hälfte wenigstens ihren Reiz verliert, wenn die begehrliche Hand sie gar zu leicht erreichen kann. Da muß noch Zweifel, da muß noch Gefahr, – da muß noch Schwierigkeit sein; und wenn, wie der Dichter sagt, der Strom der glühendsten Leidenschaft niemals sanft dahinfließt, so ist dieß vielleicht darum, daß ohne den Eintritt von Hindernissen das, was man das Romantische in der Liebe nennt, in seinem hoch-poetischen Charakter und Glanze sich vorfinden kann; eben so wenig, als in einem Fluß eine heftige Strömung sein kann, wenn er nicht durch steile Ufer eingeengt oder durch entgegenstehende Felsen zurückgestoßen wird. Indessen dürfen Diejenigen, welche eine Verbindung für das Leben eingehen ohne diese Hindernisse, welche einem Darsie Latimer oder einer Lydia Languisch in Sheridan's »Nebenbuhlern« Vergnügen bereiten mögen, und welche vielleicht nothwendig sind, um in minder festern Gemüthern, als die ihrigen, eine schwärmerische Neigung zu erzeugen, keine üble Vorbedeutung für ihr künftiges Glück fassen, weil ihre Verbindung auf eine ruhigere Weise geschlossen wurde. Gegenseitige Neigung, eine genaue Kenntniß des beiderseitigen Charakters, den man in ihrem Falle unverhüllt von den Nebeln einer parteiischen Leidenschaft erblickt, – ein passendes Verhältniß in Hinsicht auf Rang und Vermögen, in Geschmack und Lebensansichten, – werden weit häufiger in einer Verstandesehe gefunden, als da, wo die Verbindung auf eine romantische Zuneigung sich gründet; wo die Einbildungskraft, welche die Tugenden und Vollkommenheiten, womit sie den geliebten Gegenstand ausstattete, wahrscheinlich erst erschuf, nachher häufig angewendet wird, um die quälenden Folgen der eigenen Täuschung zu vergrößern, und die Stacheln verfehlter Hoffnung noch tiefer einzudrücken. Die, welche dem Panier der Vernunft folgen, gleichen den wohldisciplinirten Linientruppen, welche einfachere Uniform tragen, und deren Anblick weniger glänzend ist, als die leichten Truppen, die von der Einbildungskraft befehligt, einer größern Sicherheit, ja auch einer bessern Laune in den Kämpfen des Lebens genießen. – Alles dieß ist jedoch unsrem jetzigen Zwecke fremd. Ungewiß, wie er Diejenige anreden solle, deren Nähe er vor Kurzem noch so heiß herbeigewünscht hatte, und verlegen über ein tête-à-tête , welchem seine eigene furchtsame Unerfahrenheit einen gewissen Ernst gab, hatte Darsie den Trupp schon eine gute Strecke dahinziehen lassen, ehe er den Muth faßte, seiner Gefährtin zu nahen, oder auch nur sie anzusehen. Indessen fühlte er das Unschickliche seines Schweigens und wandte sich, um mit ihr zu sprechen; da er trotz ihrer Maske bemerkte, daß etwas wie getäuschte Erwartung und Niedergeschlagenheit in ihrem Wesen lag, so machte er sich selbst Vorwürfe über seine Kälte, und eilte, sie im freundlichsten Tone anzureden, den er finden konnte. »Ihr müßt mich für höchst undankbar halten, Miß Lilias, daß ich so lange schon in Eurer Gesellschaft gewesen bin, ohne Euch für den Antheil zu danken, den es Euch gefallen hat, an meinen unglücklichen Angelegenheiten zu nehmen.« »Ich freue mich, daß Ihr endlich gesprochen habt,« sagte sie, »obgleich ich gestehen muß, daß es kälter ist, als ich es erwartete. – Miß Lilias ! Antheil zu nehmen gefallen hat ! – An wem, theurer Darsie, kann ich Antheil nehmen, als an Euch? Und warum stellt Ihr diese Scheidewand des Ceremoniels zwischen uns , welche die Ungunst der Umstände schon lange genug getrennt hatte?« Darsie war abermals in Verwirrung über diese Ueberoffenheit, wenn wir uns dieses Ausdrucks bedienen dürfen, – dieses freien Geständnisses. – »Man muß die Rebhühner sehr lieben,« dachte er, »wenn man sie noch annehmen kann, da sie einem so in's Gesicht geworfen werden; wenn das sich nicht deutlich erklären heißt, so weiß ich nicht mehr, was man so nennen soll.« In Verlegenheit gesetzt durch solche Betrachtungen, und von Natur in hohem Grade, ja bis zum Ekel delikat, konnte er bloß damit antworten, daß er einen Dank für die Güte seiner Gefährtin hervorstammelte. Sie antwortete in einem Tone von Kummer und Ungeduld, und wiederholte in unwilligem Nachdruck die einzigen bestimmten Worte, die er hatte hervorbringen können: »Güte! Dankbarkeit! – O, Darsie, sollten solche Worte zwischen Euch und mir stattfinden! – Ach, ich bin nur zu gewiß, daß Ihr auf mich unwillig seid, obgleich ich nicht einmal vermuthen kann, weßwegen; vielleicht denkt Ihr, ich sei zu frei gewesen, daß ich den Besuch bei Eurem Freunde wagte. Aber erinnert Euch doch, daß es um Euretwillen geschah, und daß ich keinen bessern Weg wußte, Euch vor den Unfällen und der Gefangenschaft zu warnen, die Ihr erduldet habt, und noch erduldet.« »Theure Lady,« – sagte Darsie, seine Erinnerung erweckend, und in der Vermuthung, daß er sich vielleicht in seiner Befürchtung geirrt habe, – eine Vermuthung, welche seine Art, Lilias anzureden, dieser sogleich mitzutheilen schien, denn sie unterbrach ihn. – » Lady ! Theure Lady ! um's Himmelswillen, für wen oder was haltet Ihr mich denn?« Wäre die Frage in einem bezauberten Palaste im Feenlande an ihn gerichtet worden, wo man auf alle mit der größten Aufrichtigkeit antworten muß, so hätte Darsie gewiß erwidert, »er halte sie für die frechste und ultraliberalste Dirne, welche je gelebt, seit Mutter Eva den Apfel aß, ohne ihn zu schälen.« Da er aber noch auf der schlichten Erde war, und Freiheit hatte, sich ein wenig artiger auszudrücken, so antwortete er trocken, »er glaube, die Ehre zu haben, mit der Nichte Mr. Redgauntlets zu sprechen.« »Allerdings,« erwiderte sie; »aber wäre es nicht eben so leicht gewesen, wenn Ihr gesagt hättet, mit Eurer eigenen einzigen Schwester ?« Darsie fuhr auf in seinem Sattel, als hätte ihn eine Kugel getroffen. »Meine Schwester!« rief er aus. »Und Ihr wußtet dieß nicht ?« sagte sie, »ich fand Euern Empfang kalt und gleichgültig!« Eine recht herzliche Umarmung fand jetzt zwischen den beiden Verwandten statt, und Darsie war jetzt so leichten Sinnes, daß er sich in der That erleichterter fühlte, der Verlegenheit der letzten halben Stunde los zu sein, während welcher er sich in Gefahr glaubte, von der Neigung einer zudringlichen Dirne verfolgt zu werden, als er betroffen wurde, durch das Verschwinden so manchen Traumes, dergleichen er am hellen Tage während der Zeit, wo der Grünmantel der Gegenstand seiner Verehrung gewesen war, ausgebildet hatte. Er war schon von seinem romantischen Pegasus heruntergeworfen worden, und war glücklich genug, sich selbst mit unzerbrochenen Beinen zu finden, obwohl er auf dem Boden lag. Er war überdieß bei allen seinen Grillen und Thorheiten ein edelmüthiger, gutherziger Jüngling, und freute sich, eine so schöne und liebenswürdige Verwandte entdeckt zu haben, und ihr in den wärmsten Ausdrücken seine innigste Zuneigung und in Zukunft seinen Schutz zu versichern, sobald sie aus ihrer jetzigen Lage befreit sein würden. Lächeln und Thränen mischten sich auf Lilias Wangen, wie Regengüsse und Sonnenschein beim Aprilwetter. »Fern sei es von mir,« sagte sie, »daß ich so kindisch sein sollte, mich über das zu beklagen, was mich so wahrhaft glücklich macht! denn, Gott weiß, Familienliebe ist es, nach der mein Herz am längsten sich gesehnt hat, und der ich am fremdesten geblieben bin. Mein Oheim sagt, daß Ihr, Darsie, und ich nur eine halbe Redgauntlets seien, und daß das Metall, woraus unsres Vaters Familie geformt worden wäre, in den Kindern unsrer Mutter bis zum weibischen Wesen weich geworden sei.« »Ach,« sagte Darsie, »ich weiß so wenig von unsrer Familiengeschichte, daß ich fast zweifelte, zum Hause Redgauntlet zu gehören, ob mich gleich das Oberhaupt der Familie selbst es ziemlich deutlich hat ahnen lassen.« »Das Oberhaupt der Familie!« sagte Lilias, »Ihr müßt in der That sehr wenig von Eurer eigenen Abkunft wissen, wenn Ihr meinen Oheim damit meint. Ihr selbst, mein theurer Darsie, seid der Erbe und Repräsentant unsres alten Hauses, denn unser Vater war der ältere Bruder, jener tapfere und unglückliche Sir Henry Darsie Redgauntlet, der im Jahre 1746 zu Carlisle hingerichtet wurde. Er verband den Namen Darsie mit dem seinigen von unsrer Mutter, der Erbin einer cumberländischen Familie von großem Vermögen und hohem Alterthum, zu deren großen Ländereien Ihr der unbezweifelte Erbe seid, obgleich die Eures Vaters in der allgemeinen Confiscation mitbegriffen waren. Aber Alles dieses muß Euch nothwendig unbekannt sein.« »In der That, ich höre es zum Erstenmal in meinem Leben,« antwortete Darsie. »Und Ihr wußtet nicht, daß ich Eure Schwester sei?« fragte Lilias. »Nun ist's kein Wunder, daß Ihr mich so kalt empfingt. Für was für eine seltsame, wilde und freche Dirne müßt Ihr mich gehalten haben, – daß ich mich in das Schicksal eines Fremden einmischte, den ich ein einziges Mal gesprochen hatte, daß ich es wagte, mit ihm durch Zeichen zu verkehren. – Guter Gott! was müßt Ihr von mir gedacht haben?« »Und wie sollte ich zur Kenntniß unserer Verwandtschaft gelangt sein?« sagte Dar sie. »Ihr müßt bemerkt haben, daß ich nichts davon wußte, als wir zu Broken-Burn miteinander tanzten.« »Ich sah das mit Betrübniß, und gern würde ich Euch gewarnt haben,« antwortete Lilias; »aber ich war genau bewacht, und ehe ich eine Gelegenheit finden oder herbeiführen konnte, um mit Euch zu einer vollen Erklärung über den beunruhigenden Gegenstand zu gelangen, mußte ich das Zimmer verlassen. Was ich sagte, war, wenn Ihr Euch erinnert, eine Warnung, die südliche Gränze zu verlassen, denn ich sah voraus, was sich ereignen würde. Seit Ihr aber in der Gewalt meines Oheims Euch befunden habt, zweifelte ich nicht mehr, daß er Euch unsre ganze Familiengeschichte mitgetheilt habe.« »Ich sollte sie von Euch erfahren, Lilias; und ich versichere Euch, daß ich es mit weit mehr Vergnügen von Euren Lippen höre, als von den seinen. Ich habe keinen Grund, mit seinem Benehmen gegen mich zufrieden zu sein.« »Darüber,« sagte Lilias, »werdet Ihr besser urtheilen, wenn Ihr gehört habt, was ich Euch zu sagen habe,« und sie begann ihre Mittheilung in folgender Weise. Achtzehntes Kapitel. Erzählung von Darsie Latimer. (Fortsetzung.) »Das Haus Redgauntlet,« sagte die junge Dame, »lag seit Jahrhunderten, wie man glaubt, unter einem Fluche, welcher seinen Muth, seine Talente, seine Ehrliebe und seine Weisheit unnütz machte. Oft spielte es eine Rolle in der Geschichte, sie sind stets in der Lage von Menschen gewesen, die mit verzweifelter Kraftanstrengung und beharrlichem Erdulden alles Ungemachs gegen Wind und Wetter kämpfen, aber doch bei aller Kraft und Entschlossenheit nicht im Stande sind, ihren Lauf weiter fortzusetzen. Man behauptet, dieses unglückliche Geschick gründe sich auf eine Sage, die ich Euch in weniger beschäftigten Augenblicken erzählen will.« Darsie sagte, er habe die tragische Geschichte Sir Alberick Redgauntlet's bereits gehört. »Ich brauche also nur zu sagen,« fuhr Lilias fort, »daß unser Vater und Oheim dieß Familienschicksal in vollem Maaße fühlten. Beide besaßen ein beträchtliches Vermögen, das durch unsers Vaters Heirath noch bedeutend vermehrt wurde, und Beide hatten sich dem Dienst des unglücklichen Hauses Stuart gewidmet: aber Familienrücksichten würden, wie unsere Mutter wenigstens glaubte, ihren Gatten zurückgehalten haben, an den Scenen des Jahrs 1745 offenen Antheil zu nehmen, hätte ihn nicht der große Einfluß, welchen der jüngere Bruder durch die entschiedenere Energie seines Charakters über den ältern besaß, zu diesem Unternehmen fortgerissen. Als nun das Unternehmen zu dem unglückseligen Ausgang kam, der unsern Vater seines Lebens beraubte und seinen Bruder zum Exil verurtheilte, floh Lady Redgauntlet aus dem Norden Englands, entschlossen, alle Verbindung mit der Familie ihres Gemahls, besonders aber mit seinem Bruder, abzubrechen, da sie dieselben wegen ihres unsinnigen, politischen Fanatismus als die Ursache seines frühzeitigen Todes betrachtete, und beschloß, uns Beide in den Gesinnungen der Anhänglichkeit an die herrschende Dynastie aufzuziehen. Vielleicht war sie zu rasch in diesem Entschluß, zu furchtsam ängstlich, einem mit uns so nahe verbundenen Verwandten, als unsers Vaters einziger Bruder war, wo möglich auch den Ort zu verbergen, wo wir uns befanden. Doch müßt Ihr auch das bedenken, was sie gelitten hatte. Sieh, Bruder,« sagte sie, den Handschuh abstreifend, »diese fünf Blutflecken auf meinem Arme sind ein Zeichen, das die geheimnißvolle Natur einem ungebornen Kinde aufdrückte, als eine Erinnerung an seines Vaters gewaltsamen Tod und seiner Mutter Unglück. »Ihr waret also noch nicht geboren, als mein Vater umkam?« fragte Darsie. »Ach! nein,« erwiderte sie, »auch waret Ihr noch nicht ein Jahr alt. Es war auch nicht zu verwundern, daß meine Mutter, die so erschütternde Scenen erlebt hatte, eine unbesiegbare Angst wegen ihrer Kinder empfand, und besonders wegen ihres Sohnes; um so mehr, als ihr Gemahl bei der Berichtigung seiner Angelegenheiten die Aufsicht sowohl über die Person ihrer Kinder, als über ihre Güter, unabhängig von denen, welche in der Confiscation begriffen waren, seinem Bruder Hugo anvertraute, auf welchen er ein unbegrenztes Vertrauen setzte.« »Aber meine Mutter hatte keinen Grund, die Wirkung dieser gerichtlichen Handlung zu fürchten, da sie zu Gunsten einer geächteten Person abgefaßt war,« sagte Darsie. »Richtig,« erwiderte Lilias, »aber unsers Oheims Aechtung konnte ausgehoben werden, wie so viele andere; unsere Mutter, die ihn fürchtete und haßte, lebte darum in ewiger Angst, sie möchte den, welchen sie für den Urheber des Todes ihres Gemahls hielt, kommen sehen, bewaffnet mit gesetzlicher Gewalt, und fähig, sie anzuwenden, um ihre Kinder ihrem Schutze zu entreißen. Obgleich ihrem Schwager, Hugo Redgauntlet, immer noch die gesetzliche Gewalt abging, so fürchtete sie doch seinen kühnen und hartnäckigen Sinn, sich der Person ihrer Kinder zu bemächtigen. Auf der andern Seite wurde unser Oheim, dessen stolze Gemüthsart vielleicht durch offenes Vertrauen von ihrer Seite besänftigt worden wäre, gegen das mißtrauische und argwöhnische Verfahren seiner Schwägerin gegen ihn aufgebracht. Niedriger Weise, sagte er, mißbrauchen sie seine unglückliche Lage, um ihn von dem Schutze und der Erziehung dieser Kinder auszuschließen, von diesem Vorrecht, das Natur, Gesetz und der Wille ihres Vaters ihm übertragen habe, und er schwor, sich einem solchen Unrecht nicht zu unterwerfen. Lady Redgauntlet erfuhr diese Drohungen, und ihre Furcht stieg, die nur allzuwohl begründet war. Während wir Beide in einem Alter von zwei bis drei Jahren mit einander in einem ummauerten Garten spielten, welcher dicht an unserer Mutter Aufenthaltsorte lag, der seit einiger Zeit Devonshire war, erstieg mein Oheim plötzlich die Mauer mit mehreren Männern, ich wurde ergriffen und in ein Boot gebracht, welches ihrer wartete. Meine Mutter flog indessen zu Eurer Rettung herbei, und da sie Euch fest umschlang, so konnte mein Oheim, wie er mir nachher sagte, sich Eurer Person nicht bemächtigen, ohne gegen seines Bruders Wittwe unmännliche Gewalt zu üben. Dessen war er nicht fähig, und da auf meiner Mutter Geschrei viele Leute herbeikamen, entfernte er sich, nachdem er auf Euch und sie einen jener schrecklichen Blicke geworfen hatte, welche, wie man sagt, ein unglückliches Erbtheil unserer Familie von unserem Ahnherrn, Sir Alberick, sind.« »Ich erinnere mich einigermaßen des Auftritts,« sagte Darsie, »und ich glaube, es war mein Oheim selbst, der den Umstand mir bei einer neuern Gelegenheit in's Gedächtniß zurückrief. Ich kann mir jetzt die ängstliche Abgeschlossenheit erklären, unter welcher meine arme Mutter lebte, ihre vielen Thränen, ihre krampfhaften Anfälle und ihre fortdauernde, tiefe Melancholie. Arme Mutter, was war dein Loos, und was müssen deine Gefühle gewesen sein, als es sich seinem Ende nahte!« »Damals ergriff sie,« sagte Lilias, »jede Vorsichtsmaßregel, welche ihre Erfindsamkeit ihr eingeben konnte, um auch Euer Dasein vor dem gefürchteten Manne, ja vor Euch selbst, zu verbergen, denn sie fürchtete, wie sie sich öfters ausgedrückt haben soll, das feurig wilde Blut der Redgauntlet's würde Euch antreiben, Euer Geschick mit dem Eures Oheims zu vereinigen, der noch immer mit politischen Intriguen sich beschäftigte, welche die meisten andern Menschen als verzweifelt betrachteten. Auch war es möglich, daß er so gut, als Andere, Verzeihung erhielt, da die Regierung von Jahr zu Jahr sich milder gegen die Rechte der Jacobiten bewies, und dann konnte er als gesetzlicher Vormund die Aufsicht auf Eure Person ansprechen. Beide Fälle betrachtete sie als den geraden Weg zu Eurem Verderben.« »Ich wundre mich, daß sie mich nicht unter den Schutz der Chancery stellte,« sagte Darsie, »oder mich der Sorge eines mächtigen Freundes anvertraute.« »Sie stand,« sagte Lilias, »mit ihren Verwandten wegen der Heirath mit unserem Vater nicht auf dem besten Fuße, und hielt es für sicherer, Euch durch Verborgenheit gegen unsers Oheims Versuche zu bewahren, als durch irgend einen Schutz, den die Gesetze gewähren konnten. Vielleicht handelte sie unklug, aber sicher war ihr Verfahren sehr begreiflich, da sie durch so manches Unglück und so viele Unruhe äußerst reizbar geworden war. Samuel Griffiths, ein ausgezeichneter Banquier, und ein würdiger Geistlicher, der jetzt todt ist, waren, glaube ich, die einzigen Personen, denen sie die Ausführung ihres letzten Willens anvertraute, und mein Oheim glaubt, daß sie Beide schwören ließ, über Eure Geburt und Ansprüche das tiefste Stillschweigen zu beobachten, bis zu Eurer Großjährigkeit, und Euch unterdessen auf das Verborgenste zu erziehen, damit Ihr der Beobachtung meines Oheims um so eher entzogen würdet.« »Und ich zweifle nicht,« sagte Darsie, »daß sie durch Aenderung des Namens und der Wohnung ihren Zweck vollständig erreicht hätten, ohne den glücklichen oder unglücklichen Zufall, ich weiß nicht, wie ich ihn nennen soll, welcher mich nach Brocken-Burn und mit Mr. Redgauntlet in Berührung brachte. Ich sehe nun auch, warum man mich vor England gewarnt hat, denn in England – –« »In England allein, wenn ich recht verstand,« sagte Miß Redgauntlet, »könnten die Ansprüche unsers Oheims auf die Bewahrung Eurer Person mit Gewalt behauptet werden, falls er in seine gewöhnlichen bürgerlichen Rechte entweder durch die Milde der Regierung oder durch eine Veränderung derselben wieder eingesetzt würde. In Schottland, wo Ihr kein Eigenthum besitzt, hätte man seiner vormundschaftlichen Gewalt widerstehen und Maßregeln ergreifen können, Euch unter den Schutz der Gesetze zu stellen. Aber haltet es nicht für ein Unglück, daß Ihr nach Brocken-Burn gekommen seid, ich fühle, daß die endlichen Folgen glücklich sein müssen; haben sie nicht bereits uns Beide zusammengeführt?« Bei diesen Worten streckte sie die Hand gegen ihren Bruder aus, der sie mit einer Zärtlichkeit drückte, die sehr gegen die Art abstach, womit er sie diesen Morgen zum ersten Mal ergriffen hatte. Es entstand eine augenblickliche Pause, während welcher beider Herzen von dem Gefühl der Geschwisterliebe überfloßen, einem Gefühl, dem die Umstände sie bisher entfremdet hatten. Endlich brach Darsie das Stillschweigen, und sagte: »ich bin beschämt, meine theuerste Lilias, daß ich Euch so lange über Gegenstände sprechen ließ, die nur mich betrafen, während ich in völliger Ungewißheit über Eure Geschichte und gegenwärtige Lage blieb.« »Die erstere ist nicht sonderlich interessant, und die letztere weder sehr sicher, noch sehr angenehm,« antwortete Lilias; »jetzt aber, mein theuerster Bruder, werde ich eine unschätzbare Stütze haben an Eurem Ansehen und Eurer Liebe, und könnten wir nur die so nahe bevorstehende furchtbare Crisis glücklich überstehen, so habe ich für die Zukunft wenig Furcht.« »Laßt mich wissen,« sagte Darsie, »was unsere gegenwärtige Lage ist, und verlaßt Euch darauf, daß ich zu Eurer und meiner Vertheidigung das Aeußerste versuchen werde. Aus welchem Grunde kann mein Oheim wünschen, mich als Gefangenen zurückzuhalten? Wenn aus bloßem Widerstreben gegen den Willen meiner Mutter, diese ist schon so lange nicht mehr, und ich sehe nicht ein, warum er wünschen sollte, mit so viel Beschwerden und Gefahr den freien Willen eines Menschen zu beschränken, der nach wenigen Monaten das Recht erhält, für sich zu handeln.« »Mein theuerster Arthur,« antwortete Lilias, »denn dieser Name gebührt Euch eben so wohl, als der Name Darsie, es ist ein Hauptzug in meines Oheims Charakter, daß er jede Kraft seines gewaltigen Geistes dem Dienste der verbannten Familie Stuart gewidmet hat. Der Tod seines Bruders, die Verschleuderung seines eigenen Vermögens haben seinem angeerbten Eifer für das Haus Stuart einen tiefen und fast persönlichen Haß gegen die jetzige regierende Familie beigemischt. Mit einem Wort, er ist ein politischer Schwärmer von höchst gefährlicher Art, und geht bei seinen Unternehmungen mit einer Zuversicht zu Werke, als hätte er das Gefühl, er sei der Atlas, der allein im Stande sei, eine sinkende Sache aufrecht zu erhalten.« »Und wo oder wie, meine Lilias, habt denn Ihr, da Ihr gewiß unter seiner Leitung erzogen wurdet, über solche Gegenstände verschieden von ihm denken lernen?« »Durch einen sonderbaren Zufall,« erwiderte Lilias, »in dem Nonnenkloster, wo mich mein Oheim hinbrachte. Obgleich die Aebtissin ganz eine Dame nach seinem Herzen war, so fiel doch meine Erziehung, als einer Kostgängerin, einer vortrefflichen Alten zu, welche die Grundsätze der Jansenisten angenommen hatte, vielleicht mit größerer Hinneigung zu den Lehren der Reformirten, als der Katholiken. Die geheimnißvolle Weise, mit der sie mir diese Lehren beibrachte, gaben ihnen bei meiner Jugend einen noch größeren Reiz, und ich ergriff sie um so lieber, je mehr sie mit den Lehren der Aebtissin, die ich wegen ihrer Strenge haßte, in geradem Widerspruche standen; ich fühlte ein kindliches Vergnügen, ihrer Aufmerksamkeit zu spotten, und in meinem Innern selbst Allem dem zu widersprechen, was ich öffentlich mit Ehrfurcht anhören mußte. Freiheit der religiösen Meinung führt, wie ich glaube, politische Glaubensfreiheit mit sich, denn ich hatte nicht so bald die Unfehlbarkeit des Papstes aufgegeben, als ich die Lehre vom erblichen und unantastbaren Rechte zu bezweifeln begann. Kurz, so sonderbar es auch scheinen mag, ich trat aus einem Pariser Kloster nicht gerade als vollendete Whig und Protestantin, doch mit so großer Neigung dazu, als wäre ich in den protestantischen Schulen in Edinburg erzogen worden.« »Vielleicht noch mehr,« erwiderte Darsie; »denn je näher der Kirche – – das Sprichwort ist schon etwas abgenutzt. Aber wie vertrugen sich Eure freisinnigen Meinungen mit den gerade entgegenstehenden Vorurtheilen meines Oheims?« »Sie würden sich vertragen haben wie Feuer und Wasser,« antwortete Lilias, »hätte ich die meinigen blicken lassen; da sie mich aber fortwährendem Tadel und Vorwürfen oder noch etwas Schlimmerem ausgesetzt hätten, so hielt ich sie möglichst geheim, so daß gelegentlicher Tadel wegen Kälte oder Mangel an Eifer für die gute Sache das Schlimmste war, was ich zu erfahren hatte, doch dieß war schlimm genug.« »Ich lobe Eure Vorsicht,« sagte Darsie. »Ihr habt wohl recht,« erwiderte seine Schwester, »denn ich erhielt, als ich kaum eine Woche mit ihm bekannt war, einen so schrecklichen Beweis von meines Oheims entschlossenem Charakter, daß ich belehrt wurde, wie gefährlich es sein würde, ihm zu widersprechen. Ich will Euch den Umstand erklären, denn Ihr werdet daraus besser, als aus irgend etwas Anderem, was ich von seiner Keckheit und Schwärmerei anführen könnte, seinen romantischen und entschlossenen Charakter kennen lernen.« »Ich hatte mich manches lange Jahr im Kloster befunden, da wurde ich zu einer hagern, alten, schottischen Dame von hohem Rang, der Tochter eines Unglücklichen, gebracht, dessen Haupt im Jahr 1715 im Temple-Bar aufgesteckt worden war. Sie lebte von einer kleinen Pension vom französischen Hofe und gelegentlichen Geschenken der Stuarts, wozu das jährliche Kostgeld, das für mich bezahlt wurde, einen wünschenswerthen Beitrag bildete. Sie war weder übellaunisch noch geizig, sie schlug mich nicht, und ließ mich nicht fasten, aber sie war so vollkommen von Rangsucht und Vorurtheilen eingenommen, so furchtbar gründlich in der Genealogie, und so schneidend bitter in Sachen der britischen Politik, daß ich oft dachte, es sei Schade, daß die Hannoveraner, welche ihrem gewöhnlichen Ausdruck zu Folge ihren armen theuern Vater ermordet hatten, seine theure Tochter im Lande der Lebendigen ließen. Deßhalb war ich erfreut, als mein Oheim erschien, und mir plötzlich sein Vorhaben ankündigte, mich nach England zu führen. Meine ausschweifende Freude bei dem Gedanken, Lady Rachel Rougedragon zu verlassen, wurde etwas gemäßigt, als ich den düstern Blick, das stolze Benehmen und den befehlenden Ton meines nahen Verwandten bemerkte. Er unterhielt sich indessen auf der Reise mehr mit mir, als sich mit seinem sonstigen verschlossenen Wesen vertrug, und schien sehr begierig, sich von meinem Charakter, besonders in Hinsicht des Muths, genau zu unterrichten. Ob ich gleich nur eine ziemlich zahme Redgauntlet bin, so besitze ich doch so viel von unserm Familiengeiste, um mich in Gefahren so gefaßt, als die meisten meines Geschlechtes, zu benehmen, und bei zwei Gelegenheiten im Laufe unserer Reise – einem drohenden Räuberangriff und einem Umsturz unsers Wagens – war mein Benehmen der Art, meinem Oheim eine sehr vortheilhafte Idee von meiner Unerschrockenheit beizubringen. Wahrscheinlich munterte ihn dieß auf, den sonderbaren Plan, mit dem er umging, in Ausübung zu bringen. »Ehe wir London erreichten, änderten wir die Art unsers Fortkommens, so wie den Weg, auf welchem wir uns der Stadt näherten, mehr als einmal; dann machten wir gleich einem Hasen, der wiederholt in einiger Entfernung von dem Sitze, den er einzunehmen gedenkt, abschweift, und endlich aus der größten Entfernung, die er mit einem Sprunge zurücklegen kann, in denselben hineinschlüpft, eine angestrengte Tagreise, und langten in einer stillen und dunkelen Wohnung in einer kleinen alten Straße von Westminster, nicht weit von der Abtei, an. »Am folgenden Morgen ging mein Oheim aus, und kehrte erst nach einigen Stunden zurück. Unterdessen hatte ich keine andere Unterhaltung, als auf das mannigfache Geräusch zu hören, das auf einander folgte, oder verwirrt durch einander den ganzen Morgen über herrschte. Ich hatte Paris für die geräuschvollste Hauptstadt in der Welt gehalten, aber Paris schien im Vergleich mit London eine schweigende Mitternacht. Kanonen donnerten nah und fern, Trommeln, Trompeten und militärische Musik jeder Art, tönten ohne Unterlaß durch einander. Um das Conzert vollständig zu machen, klangen auch ohne Unterlaß die Glocken von hundert Thürmen. Von Zeit zu Zeit hörte man den Zuruf einer unermeßlichen Menschenmenge, gleich dem Tosen des Meers, und bei allem dem war ich nicht im Stande, mir den geringsten Begriff von dem zu machen, was vorging, denn die Fenster unsers Zimmers gingen auf einen großen, öden Hinterhof. Meine Neugierde stieg ungemein, denn ich wurde endlich gewiß, daß eine Festlichkeit vom ersten Range solch' ein immerwährendes Getös verursache. »Mein Oheim kam endlich zurück, und mit ihm ein Mann von einem sonderbar abstoßenden Aeußern. Ich brauche ihn Euch nicht zu beschreiben, denn – seht Euch nicht um – er reitet in diesem Augenblicke hinter uns.« »Diese respektable Person war vermuthlich Mr. Christal Nixon?« fragte Darsie. »Der Nämliche,« antwortete Lilias, »macht keine Bewegung, die ihm verrathen könnte, daß wir von ihm sprechen.« Darsie gab durch Zeichen zu erkennen, daß er sie verstanden habe, und sie fuhr in ihrer Erzählung fort. »Sie waren Beide in voller Kleidung; mein Oheim nahm einen Bündel aus Nixon's Hand, und sagte zu mir: Lilias, ich komme, dich an einen Ort zu führen, wo du eine große Feierlichkeit sehen wirst; lege, so schnell du kannst, die Kleidung an, die du in diesem Paket findest, und bereite dich, mir zu folgen. Ich fand eine prächtige und geschmackvolle weibliche Kleidung, die aber etwas an die antike Form gränzte. Es kann englische Mode sein, dachte ich, ging voll Neugierde auf mein Zimmer, wo ich mich in Eile ankleidete. »Mein Oheim betrachtete mich mit Aufmerksamkeit: Sie kann für eines von den Blumenmädchen gelten, sagte er zu Nixon, der bloß mit einem Kopfnicken antwortete. »Wir verließen mit einander das Haus, und ihre Kenntniß der Gassen, Höfe und Nebenwege war so groß, daß diejenigen, durch welche wir gingen, still und verlassen waren, obgleich in den Hauptstraßen das Getöse einer Menschenmasse sich vernehmen ließ; die Straßenläufer, denen wir begegneten, würdigten uns, ermüdet durch das Anschauen schönerer Gestalten, kaum eines vorübergehenden Blicks, obgleich wir zu jeder andern Zeit unter diesem Vorstadt-Pöbel eine beunruhigende Aufmerksamkeit erregt haben würden. Endlich gingen wir über eine breite Straße, wo viele Soldaten Wache hielten, während andere, erschöpft, durch schon gethane Dienste, aßen, tranken, rauchten und neben ihren zusammengestellten Waffen schliefen. »Eines Tags, Nixon,« sprach leise mein Oheim, »wollen wir schon die Rothröcke lehren, wachsamer bei ihren Waffen zu sein.« »Oder es wird um so schlimmer für sie sein,« entgegnete sein Gefährte mit einer Stimme, so widrig, wie sein Gesicht. »Unbefragt und unaufgehalten gingen wir durch die Wachen hindurch, und Nixon klopfte dreimal an eine kleine Hinterpforte in einem ungeheuren alten Gebäude, welches gerade vor uns stand. Die Thüre ging auf, und wir traten ein, ohne daß ich bemerkte, wer uns eingelassen hatte. Durch ein paar enge und dunkle Gänge gelangten wir endlich in einen ungeheuern gothischen Saal, dessen Pracht ich unmöglich beschreiben kann.« »Er war durch viele tausend Wachskerzen erleuchtet, deren Glanz anfangs meine Augen blendete, da wir gerade aus dem dunkeln und geheimen Eingang traten. Als mein Gesicht aber seine volle Kraft wieder erlangt hatte, wie soll ich beschreiben, was, ich sahe? Unten standen ungeheure Tische, an denen Prinzen und Edle saßen, in ihren Staatskleidern, Großbeamte der Krone in ihrer Amtskleidung und andern Abzeichen ihrer Würde, – ehrwürdige Prälaten und Richter, die Weisen der Kirche und des Gesetzes in ihren einfachern, doch nicht minder feierlichen Gewändern, – nebst manchen andern, deren alterthümliches und auffallendes Kostüme ihre Bedeutsamkeit ankündigt, obgleich ich nicht errathen konnte, wer sie sein möchten. Auf einmal aber wurde mir Alles klar, – es war das Krönungsfest, wie mir auch das Gemurmel um mich her bestätigte. An einer Tafel, die höher war, als die übrigen, und sich über das ganze obere Ende des Saals erstreckte, saß auf dem Throne, der junge Herrscher selbst, umgeben von den Prinzen vom Geblüt und andern Würdenträgern, und empfing die Huldigung und Verehrung seiner Unterthanen. Herolde und ihre Gehülfen, schimmernd in ihrer phantastischen, aber glänzenden Wappentracht, und Ehrenpagen wunderlich aussehend in der Tracht alter Zeiten, standen aufwartend hinter den speisenden Fürsten. In den Gallerien, womit der geräumige Saal umgeben war, glänzte alles, je mehr, als meine arme Einbildungskraft an glänzendem Reichthum oder bezaubernder Schönheit ersinnen konnte. Zahllose Reihen von Damen, deren Diamanten, Juwelen und glänzender Anzug ihren geringsten Reiz ausmachten, sahen, hinab von ihren hohen Sitzen auf die reichste Scene unten, und boten selbst wieder einen Anblick dar, so blendend und schön, als der, dessen Zuschauer sie waren. Unter diesen Gallerien und hinter den Tischen der Speisenden befanden sich eine Menge Edelleute, gekleidet, als wenn sie am Hofe aufwarteten, deren Anzug aber, obgleich reich genug, ein königliches Paradezimmer zu schmücken, sie bei einer Scene, wie diese, nicht auszeichnen konnte. Unter diesen nun wandelten wir einige Minuten unausgezeichnet und unbemerkt umher. Da ich mehrere junge Personen wie mich gekleidet sah, so war ich wegen meiner sonderbaren Kleidung nicht verlegen, und freute mich nur, am Arm meines Oheims hängend, des magischen Glanzes einer solchen Scene, und über seine Güte, daß er mir dieß Vergnügen verschafft habe. »Nach und nach bemerkte ich, daß mein Oheim einige Bekannte unter denen hatte, die sich unter den Gallerien befanden, und wie wir selbst, nur Zuschauer der Feierlichkeit zu sein schienen. Sie erkannten einander an einem einzigen Worte, oft nur an einem Griff der Hand, tauschten ohne Zweifel besondere Zeichen aus, und bildeten allmälig eine kleine Gruppe, in deren Mittelpunkt wir uns selbst befanden. »Ist es nicht ein großer Anblick, Lilias?« sagte mein Oheim. »Alle Edlen, alle Weisen und alle Reichen Großbritanniens sind hier versammelt.« »Es ist in der That Alles,« sagte ich, »was meine Phantasie von königlicher Macht und Glanz sich denken, konnte.« »Mädchen,« lispelte er, und mein Oheim kann seinem Lispeln einen so schrecklichen Nachdruck geben, als seiner Donnerstimme, »alle Edeln und Würdigen in diesem schönen Lande sind hier versammelt, aber nur um gleich Sklaven und Schmarozern vor dem Thron eines neuen Usurpators zu kriechen.« »Ich blickte ihn an, und das finstere Erbzeichen unseres unglücklichen Ahnherrn war schwarz auf seiner Stirne. »Um Gottes Willen, Sir, bedenkt, wo wir sind.« »Fürchte nichts,« sagte er, »wir sind von Freunden umgeben.« Als er vorwärts schritt, schütterte seine starke, nervigte Gestalt zusammen durch die unterdrückte Gemüthsbewegung. »Siehe,« sagte er, »dort bückt sich Norfolk der Abtrünnige vom katholischen Glauben, dort steht der Bischof von –, der Verräther der Kirche von England, und – o Schande der Schande! dort beugt der riesenhafte Errol das Haupt vor dem Enkel dessen, der seinen Vater ermordete! Aber ein Zeichen soll gesehen werden diese Nacht unter ihnen, – Mene, Mene, Takel, Upharsin, soll auf diesen Mauern gelesen werden, wie es einst die gespenstige Hand mit deutlichen Zügen auf die Mauern Belsazars schrieb!« »Um Gottes Willen,« sagte ich in schrecklicher Unruhe, »es ist unmöglich, daß Ihr hier an Gewalt denken könnt in dieser Gegenwart.« »Wer denkt denn daran, Närrin?« erwiderte er, »auch nicht der mindeste Unfall kann uns begegnen, wenn du nur deinen gerühmten Muth zusammennehmen und meiner Leitung folgen willst. Aber thue es mit kaltem Blute und schnell, denn hundert Leben sind auf dem Spiele.« »Himmel, was kann denn ich thun?« fragte ich tödtlich erschrocken. »Nur rasch meinen Befehl vollziehen,« sagte er, »es gilt nur einen Handschuh aufzuheben. – Hier, nimm diesen in die Hand, bedecke ihn mit deinem Kleide, sei fest besonnen und schnell – oder ich trete auf jeden Fall selbst hervor.« »Wenn hier keine Gewaltthätigkeit beabsichtigt wird,« sagte ich, und nahm mechanisch den eisernen Handschuh in meine Hand. »Ich konnte mir seine Absicht nicht vorstellen, bei dem exaltirten Gemüthszustande aber, in dem ich ihn sah, war ich überzeugt, daß Ungehorsam zu einem wilden Ausbruch führen würde. Die dringenden Umstände erzeugten in mir plötzlich eine Geistesgegenwart, daß ich mich entschloß, Alles zu thun, um Gewalt und Blutvergießen abzuwenden. Ich blieb nicht lange in Ungewißheit. Ein lauter Trompetenstoß und die Stimme der Herolde vermischten sich mit dem Hufschlag der Rosse, und ein Kämpfer, vollkommen wie die bewaffnet, von denen ich in Romanen gelesen hatte, begleitet von Knappen, Pagen und dem ganzen Gefolge des Ritterthums, ritt mit Gepränge vor auf einem Berberrosse. Seine Ausforderung gegen alle Diejenigen gerichtet, welche das Recht des neuen Herrschers anzutasten wagten, wurde laut einmal und zum zweitenmal vorgelesen. »Rasch vorwärts beim dritten Ruf,« sagte mein Oheim zu mir, »bring' mir des Ausforderers Handschuh und laß den meinigen dafür zurück.« »Ich sah die Möglichkeit davon nicht ein, denn von allen Seiten war ich von Menschen umgeben; aber beim dritten Klang der Trompeten öffnete sich, wie auf ein Kommandowort, eine Gasse zwischen mir und dem Kämpfer, und ich hörte meines Oheims Stimme: » jetzt, Lilias, jetzt!« »Mit raschem, aber festem Schritt, und mit einer Geistesgegenwart, die ich mir nachher gar nicht erklären konnte, entledigte ich mich meines gefährlichen Auftrags. Ich glaube, ich wurde kaum gesehen, als ich die Pfänder des Kampfs austauschte, und in einem Augenblick zurückkehrte. »Gut gemacht, mein Mädchen,« sagte mein Oheim, an dessen Seite ich mich wieder fand, umgeben wie zuvor durch die Menge der Umstehenden. »Deckt unsern Rückzug, meine Herren,« sagte er leise zu den Umstehenden. »Raum wurde vor uns gelassen, bis wir der Mauer uns nahten, und wieder in die dunkeln Gänge kamen, durch die wir eingetreten waren. In einem kleinen Vorzimmer hielten wir an, und hastig hüllte mich mein Oheim in einen Mantel, welcher da lag; – wir gingen durch die Wachen, schritten dann durch das Labyrinth der kleinen Gassen und Höfe, und erreichten unsere abgelegene Wohnung, ohne im geringsten Aufmerksamkeit zu erregen.« »Ich habe oft gehört,« sagte Darsie, »daß ein Weib, das man für einen verkappten Mann ansah, – und doch, Lilias, habt Ihr eben nicht viel Männliches an Euch, – des Kämpfers Handschuh bei der Krönung des jetzigen Königs aufgenommen, und dafür ein Kampf angenommen wurde, vorausgesetzt, daß ein gehöriges Feld dazu eingeräumt werde. Ich habe dieß unterdessen für ein Mährchen gehalten, und dachte nicht daran, wie nahe mich die angingen, welche bei diesem kühnen Auftritte handelten. Wo nahmt Ihr den Muth dazu her?« »Hätte ich Zeit zum Nachdenken gehabt,« antwortete seine Schwester, »so würde ich es theils aus Grundsatz, theils aus Furcht nicht gethan haben. Ich unternahm es, wie viele Leute, welche kühne Thaten thun, weil ich nicht Zeit hatte, zurückzutreten. Die Sache wurde wenig bekannt, und der König soll jede weitere Nachforschung verboten haben, aus Klugheit und Milde, wie ich glaube, obgleich mein Oheim diese Mäßigung des Kurfürsten von Hannover, wie er ihn nennt, theils dem Kleinmuth, theils einer übermüthigen Verachtung der Partei, welche sein Recht nicht anerkennt, zuschreiben will.« »Sind Eure spätern Handlungen bei diesem unsinnigen Schwärmer eben so gefährlich gewesen?« fragte Darsie. »Nein, auch nicht so wichtig,« sagte Lilias, »ob ich gleich oft Zeuge von den sonderbaren und verzweifelten Umtrieben gewesen bin, wodurch er trotz aller Hindernisse, und mit Verachtung aller Gefahren den Muth einer gelähmten Partei wieder zu beleben strebt. Ich habe in seiner Gesellschaft ganz England und Schottland durchreist, und den sonderbarsten und widersprechendsten Auftritten beigewohnt; jetzt wohnten wir in den Schlössern des stolzen Adels von Cheshire und Wales, wo die zurückgezogenen Aristokraten mit Grundsätzen, so alt als ihre Wohnungen und ihre Sitten, noch immer jakobitische Meinungen hegen; die nächste Woche vielleicht brachten wir unter geächteten Schmugglern oder hochländischen Räubern zu. Ich habe oft meinen Oheim als einen wahren Helden, oft als einen gemeinen Verschwörer handeln, und mit der erstaunlichsten Beweglichkeit sich in alle Formen schmiegen sehen, um seiner Sache Anhänger zu erwerben.« »Ich glaube, er wird finden, daß dieß in jetziger Zeit kein leichtes Unternehmen ist,« sagte Darsie. »So schwer,« erwiderte Lilias, »daß ich glaube, er ist zu Zeiten durch den völligen Abfall der Einen und die Kälte Anderer so verdrießlich geworden, daß er auf dem Punkt stand, sein Unternehmen aufzugeben. Wie oft habe ich ihn ein heiteres Aeußere annehmen sehen, wenn er sich bei den Spielen des Adels oder den Belustigungen des gemeinen Volkes befand, um eine vorübergehende Popularität zu erwerben, während ihm das Herz brechen wollte über der Entartung der Zeiten, wie er es nannte, über die Abnahme der Thätigkeit unter den Alten und den Mangel an Eifer unter der heranwachsenden Generation. Wenn nun der Tag in den härtesten Anstrengungen vorübergegangen war, brachte er die Nacht damit zu, in seinem einsamen Zimmer auf und ab zu gehen, den Verfall der Sache beweinend, oder wünschend, daß ihn Rodens Kugel oder Belmerino's Axt getroffen haben möchte.« »Sonderbare Täuschung,« sagte Darsie: »ist es nicht zu verwundern, daß er der Macht der Wirklichkeit nicht nachgibt?« »Ach!« erwiderte Lilias, »die Wirklichkeiten der letztern Zeit schienen seinen Hoffnungen zu schmeicheln. Die allgemeine Unzufriedenheit mit dem Frieden, – die Unpopularität des Ministers, welche sich selbst auf seinen Herrn ausdehnte, – die verschiedenen Aufstände, welche den Frieden der Hauptstadt störten, und der allgemeine Zustand von Erbitterung und Mißvergnügen, welcher die Nation ergriffen zu haben scheint, haben die erlöschenden Hoffnungen der Jakobiten auf eine ungewöhnliche Weise ermuthigt, und sowohl am römischen Hofe, als an dem des Prätendenten, wenn man diesen so nennen kann, manche verleitet, den Einflüsterungen derjenigen, welche, wie mein Oheim, noch hoffen, wenn alle andere die Hoffnung längst verloren haben, ein geneigteres Ohr zu leihen. Ich glaube auch in der That, daß sie in diesem Augenblick auf einen verzweifelten Versuch bedacht sind. Mein Oheim hat in der letzten Zeit Alles gethan, um die Zuneigung jener wilden Gemeinden zu gewinnen, die am Solway wohnen, über welche unsere Familie oberherrliche Rechte besaß vor der Zeit der Aechtung, unter welchen auch im Jahr 1745 die Anhänglichkeit an unseren unglücklichen Vater, so wie an ihn selbst, eine beträchtliche Truppenmasse aufbrachte. Sie wollen aber seinen Aufforderungen nicht länger Gehör geben, und führen unter anderem zu ihrer Entschuldigung Eure Abwesenheit, als ihres natürlichen Oberhaupts und Führers an. Dieß hat seinen Wunsch noch erhöht, sich Eurer zu bemächtigen, und wo möglich Euch zu vermögen, daß Ihr seinen Unternehmungen Eure Billigung ertheilt.« »Diese wird er nie erhalten,« antwortete Darsie; »meine Grundsätze und meine Klugheit verbieten gleichmäßig einen solchen Schritt. Ueberdieß wäre er für sein Vorhaben völlig unzureichend. Was immer diese Leute verwenden mögen, um Eures Oheims Zudringlichkeiten zu entgehen, sie können jetzt doch nicht mehr wünschen, ihren Nacken wieder unter das Feudaljoch zu beugen, das durch die Akte von 1748, welche die Vasallenverhältnisse und die Erbgerichtsbarkeit aufhob, zerbrochen wurde.« »Ja, dieß betrachtet aber mein Oheim als die Handlung einer usurpatorischen Regierung,« sagte Lilias. »Wahrscheinlich genug mag er so denken,« erwiderte ihr Bruder, »denn er ist der Lehnsherr, und verliert durch diese Akte sein Ansehen. Die Frage aber ist, was die Vasallen davon denken, welche Befreiung von der Feudalsklaverei gewannen, und jetzt seit vielen Jahren sich der Freiheit erfreuen? Indessen, um die Sache kurz abzubrechen, wenn ich durch das Aufheben meines Fingers fünfhundert Mann aufbringen könnte, so würde ich meinen Finger nicht für eine Sache erheben, die ich mißbillige, und worauf mein Oheim rechnen mag.« »Aber Ihr könnt ja temporisiren,« sagte Lilias, auf welche der Gedanke an ihres Oheims Unwillen offenbar einen starken Eindruck machte – »Ihr könnt ja temporisiren, und die Blase selbst aufbrechen lassen, wie die meisten Edelleute in diesem Lande thun, denn es ist ausfallend, wie wenige von ihnen es wagen, sich meinem Oheim geradezu zu widersetzen. Ich bitte Euch, nicht offen mit ihm zu brechen, Euch, das Haupt des Hauses Redgauntlet, sich gegen die Familie Stuart erklären zu hören, würde entweder sein Herz brechen, oder ihn zu einer verzweiflungsvollen That treiben.« »Ja, Lilias, Ihr vergeßt aber, daß die Folgen einer solchen Gefälligkeit machen könnten, daß das Haus Redgauntlet und ich mit einem Schlage ihr Haupt verlören.« »Ach,« sagte Lilias, »ich vergaß diese Gefahr; ich bin mit gefährlichen Umtrieben so vertraut geworden, wie man von den Wärterinnen in Pesthäusern sagt, daß sie an die Luft um sie her so gewöhnt würden, bis sie sogar das gefahrvolle derselben vergäßen.« »Und doch,« sagte Darsie, »wenn ich mich in Freiheit setzen könnte, ohne es zu einem öffentlichen Bruch kommen zu lassen – sage mir, Lilias, hältst du es für möglich, daß er einen augenblicklichen Versuch im Sinne haben kann?« »Die Wahrheit zu gestehen,« antwortete Lilias, »ich kann daran nicht zweifeln. Eine ungewöhnliche Bewegung ist unter den Jacobiten dieses Landes gewesen. Sie bauen Hoffnungen, wie ich Euch gesagt habe, auf Umstände, welche mit ihrer eigenen Stärke in keinem Zusammenhang stehen. Kurz, ehe Ihr in diese Gegend kamt, wurde meines Oheims Wunsch, Euch zu finden, lebhafter, als je; er sprach von Leuten, die im Augenblick zusammengebracht werden sollten, von Eurem Namen und Eurem Einfluß, um sie in Aufstand zu bringen. Zu derselben Zeit fand Euer erster Besuch zu Broken-Burn statt. Eine Vermuthung erhob sich bei meinem Oheim, Ihr möchtet der Jüngling sein, den er suchte, und diese wurde bestätigt durch Papiere und Briefe, die der schurkische Nixon aus Eurer Tasche zu nehmen keinen Anstand nahm. Indessen hätte eine Täuschung einen unglücklichen Ausgang haben können, und mein Oheim ging darum nach Edinburg, um den Faden, den er erhalten hatte, weiter zu verfolgen, und wußte von dem alten Fairford genug herauszulocken, um sich gewiß zu machen, daß Ihr die gesuchte Person wäret. Unterdessen suchte ich durch ein eigenes, und vielleicht zu kühnes Unternehmen Euch durch Euern Freund, den jungen Fairford, warnen zu lassen.« »Ohne Erfolg,« sagte Darsie erröthend unter seiner Maske, als er sich erinnerte, wie sehr er seiner Schwester Meinung verkannt hatte. »Ich wundere mich nicht, daß die Warnung fruchtlos war,« sagte sie, »die Sache sollte so kommen. Euer Entkommen würde indessen schwer gewesen sein, denn Ihr wurdet die ganze Zeit, die Ihr in Shepherds Busch und in Mount Sharon waret, durch einen Spion, der Euch kaum einen Augenblick verließ, genau bewacht.« »Der elende kleine Benjie!« rief Darsie aus; »ich drehe dem Affen den Hals um, sobald ich ihm begegne.« »Er war es in der That,« sagte Lilias, »der Christal Nixon unaufhörlich Nachricht gab von dem, was Ihr vornahmt.« »Und dem Christal Nixon dazu,« sagte Darsie; »ich bin ihm ohnehin noch ein Tagwerk in der Ernte schuldig; denn ich müßte mich sehr irren, oder er ist es gewesen, der mich zu Boden schlug, als ich unter den Aufrührern zum Gefangenen gemacht wurde.« »Sehr wahrscheinlich, denn er ist zu jeder Schlechtigkeit bereit und willig. Mein Oheim war sehr ungehalten darüber, denn obgleich der Aufstand erregt war, um eine Gelegenheit zu haben, Euch in der Verwirrung hinwegzuführen, so wie auch um die Fischer in Zwiespalt mit den Gesetzen zu bringen, so wäre es doch sein letzter Gedanke gewesen, Euch auch nur ein Haar zu krümmen. Aber Nixon hat sich in alle Geheimnisse meines Oheims eingedrängt, und einige von diesen sind so finsterer und gefährlicher Art, daß ich zweifle, ob er es wagt mit ihm in Streit zu kommen, obgleich es wenig Dinge gibt, die er nicht wagt. Und doch ist das, was ich von Christal weiß, der Art, daß es meinen Oheim bewegen könnte, ihm den Degen durch den Leib zu jagen.« »Um's Himmels Willen, was ist das?« fragte Darsie, »ich bin ganz besonders begierig, das zu wissen.« »Der alte brutale Tollkopf, dessen Gesicht und Seele eine Schandschrift auf die menschliche Natur sind, hat die Frechheit gehabt, die Nichte seines Herrn als eine Person zu betrachten, der er seine Huldigung darbringen dürfe, und als ich ihm den Unwillen und die Verachtung zeigte, die er verdiente, murmelte der Elende etwas her, als ob er das Schicksal unserer Familie in der Hand hätte.« »Ich danke Euch, Lilias,« sagte Darsie lebhaft, – »ich danke Euch von ganzem Herzen für diese Mittheilung. Ich habe als Christ mir Vorwürfe darüber gemacht, daß ich von dem ersten Augenblicke an, wo ich diesen Schurken sah, ein unbegreifliches Verlangen in mir fühlte, ihm eine Kugel durch den Kopf zu jagen; jetzt aber habt Ihr mir diesen löblichen Wunsch vollkommen erklärlich gemacht und gerechtfertigt. Ich wundere mich nur, daß mein Oheim bei dem mächtigen Geist, den er nach Eurer Beschreibung besitzt, den Schurken nicht durchschaut.« »Ich glaube, er hält ihn mancher Schlechtigkeiten fähig,« antwortete Lilias, – »für selbstsüchtig, verhärtet, roh und menschenfeindlich. Dann weiß er aber wieder, daß er die zu einem Verschwörer nothwendig erforderlichen Eigenschaften besitzt, – unerschrockenen Muth, eine unerschütterliche Kaltblütigkeit und Geschicklichkeit, und eine unverletzliche Treue. An dem letzten Punkt kann er sich irren. Ich habe gehört, daß man Nixon tadelte wegen der Art, wie unser armer Vater nach der Schlacht bei Culloden gefangen genommen wurde.« »Ein anderer Grund für meinen angeborenen Haß,« sagte Darsie, »aber ich will auf meiner Hut sein gegen ihn.« »Seht, er beobachtet uns nahe,« sagte Lilias; »was ist es doch für eine Sache um das Gewissen. Er weiß, daß wir jetzt von ihm sprechen, obgleich er kein Wort von dem hören konnte, was wir sagten.« Es schien, als hätte sie richtig vermuthet; denn Christal Nixon ritt in diesem Augenblick an sie heran, und sagte mit affektirter Lustigkeit, die seinem finstern Gesichte schlecht stand: »kommt, junge Damen, ihr habt diesen Morgen Zeit genug gehabt zu eurem Geplauder, und eure Zungen müssen, denke ich, müde sein. Wir gehen jetzt durch ein Dorf, und ich muß bitten, euch zu trennen, – Ihr, Fräulein Lilias, reitet ein wenig hinten, – und Ihr, Frau, Fräulein oder Herr, wie Ihr Euch lieber nennen hört, Ihr reitet ein wenig vorwärts.« Lilias wandte sogleich ihr Pferd, ohne zu sprechen, doch nicht, ohne ihrem Bruder einen ausdrucksvollen Blick zugeworfen zu haben, der ihm Vorsicht empfahl, diesen erwiderte er durch ein Zeichen, welches andeutete, daß er sie verstanden habe, und ihr Verlangen erfüllen wolle. Neunzehntes Kapitel. Erzählung von Darsie Latimer. (Fortsetzung.) Seinen eigenen Betrachtungen überlassen, war Darsie nicht nur über die Veränderung seines eigenen Standpunkts, sondern auch über den Gleichmuth erstaunt, womit er über diesen ganzen Wechsel hinblickte. Sein Fieberanfall von Liebe war wie ein Morgentraum hinweggeschwunden, und ließ nur ein peinliches Gefühl von Scham zurück, und den Entschluß, künftig vorsichtiger zu sein, ehe er sich solchen romantischen Visionen hingäbe. Seine Stellung in der bürgerlichen Gesellschaft war gänzlich verändert; aus einem umherwandernden, Niemand angehörenden Jüngling, an welchem nur die fremden Menschen, von welchen er erzogen worden war, einen Antheil zu nehmen schienen, war er der Erbe eines edeln Hauses geworden, und in den Besitz eines solchen Einflusses und eines so großen Vermögens gekommen, daß es wahrscheinlich von seinem Entschluß abhing, ob gewisse wichtige politische Ereignisse ihren Fortgang haben oder aufgehalten werden sollten. Eben diese plötzliche Erhebung, welche jene Wünsche mehr als erfüllten, die ihn unruhig umhergetrieben hatten, seit er im Stande war, darüber Wünsche zu hegen, wurde von Darsie bei seinem Leichtsinn nur mit der Regel befriedigter Eitelkeit betrachtet. Es ist wahr, seine gegenwärtige Lage bildete ein bedeutendes Gegengewicht gegen diese hohen Vortheile. Der Gefangene eines so entschlossenen Mannes, wie sein Oheim, zu sein, war keine angenehme Betrachtung, wenn er bedachte, auf welche Weise er am besten seinem Willen entgegentreten und seine Mitwirkung bei der gefährlichen Unternehmung versagen könne, welche jener im Schilde zu führen schien. Selbst geächtet und verzweifelt, hatte sein Oheim zweifelsohne Menschen um sich her, die Alles zu thun fähig waren; durch persönliche Rücksichten ließ er sich nicht zurückhalten, und es hing daher ganz allein von seinem Gewissen ab, welchen Grad von Zwang er bei seinem Neffen anwenden, und wie weit er gehen werde, um dessen Hartnäckigkeit zu strafen, wenn er die Sache der Jacobiten nicht zu der seinigen machte; und wer konnte für die Gewissenhaftigkeit eines solchen Schwärmers stehen, der eine Widersetzlichkeit gegen die von ihm ergriffene Partei für Verrath an der Wohlfahrt seines Landes hielt? Nach wenigen Augenblicken gefiel es Christal Nixon, einiges Licht auf den Gegenstand zu werfen, der ihn beunruhigte. Als dieser finstere Trabant ohne weitere Ceremonien dicht an Darsie's Seite ritt, fühlte dieser aus Abscheu eine Art Fieberschauer, so wenig war er im Stande, seine Gegenwart zu ertragen, seit Lilias durch ihre Erzählung seinen instinktartigen Haß gegen ihn noch vermehrt hatte. Seine Stimme tönte dabei wie Eulengekrächz, als er sagte: »so, mein junger Hahn aus dem Norden, Ihr wißt nun Alles, und wisset es vermuthlich Eurem Oheim Dank, daß er Euch zu einer so ehrenvollen That anspornte.« »Ich werde meinen Oheim mit meinen Gesinnungen über diesen Gegenstand bekannt machen, bevor ich mit irgend Jemand darüber spreche,« sagte Darsie, und war kaum im Stande, diese wenigen Worte auf eine höfliche Art herauszubringen. »Hum,« murmelte Christal zwischen den Zähnen, »zähe wie Wachs, sehe ich, und vielleicht nicht ganz so biegsam. Aber nehmet Euch in Acht, artiger Junker,« setzte er verächtlich hinzu, – »Hugo Redgauntlet wird ein tüchtiger Reiter sein, und weder Sporen noch Peitsche sparen, das verspreche ich Euch.« »Ich habe schon gesagt, Mr. Nixon, daß ich über die Gegenstände, wovon mich meine Schwester in Kenntniß gesetzt hat, mit Niemand Anders, als mit meinem Oheim sprechen will.« »Aber ein freundlicher Rath könnte Euch nicht schaden, junger Herr,« erwiderte Nixon. »Der alte Redgauntlet ist rascher mit der Faust als mit dem Wort, – er beißt vielleicht, ehe er bellt; er ist der rechte Mann dazu, Euch für's Erste niederzuschlagen, und dann zu bitten, ihm Stand zu halten. – So dünkt mich, eine kleine gut gemeinte Warnung wegen den Folgen könnte nicht schaden, damit diese nicht unvorbereitet über Euch kommen.« »Wenn die Warnung wirklich gut gemeint ist, Mr. Nixon,« sagte der junge Mann, »so werde ich sie mit Dank anhören; ist sie es nicht, so muß ich doch darauf hören, ich mag wollen oder nicht, weil ich jetzt weder die Wahl der Gesellschaft, noch der Unterredung habe.« »Nun, ich habe nur wenig zu sagen,« sagte Nixon, indem er seinem düstern und lauernden Wesen den Anstrich ehrlicher Einfalt zu geben sich bemühte; »ich bin so wenig als Einer dazu gemacht, meine Worte wegzuwerfen. – Hier ist aber die Frage, wollt Ihr mit Herz und Hand Euch mit Eurem Oheim verbinden oder nicht?« »Und wenn ich nun ja sage?« fragte Darsie, entschlossen, wo möglich seine Gesinnung vor diesem Manne zu verbergen. »Nun dann,« sagte Nixon, ein wenig verwundert über die rasche Antwort, »dann wird Alles gut gehen, – Ihr werdet an dieser edeln Unternehmung Theil nehmen, und wenn sie gelingt, – vertauscht Ihr Euern offenen Helm vielleicht mit einer Grafenkrone.« »Und wie, wenn es mißlingt?« sagte Darsie. »Dann geht's, wie es gehen mag,« – sagte Nixon; »wer mit Kugeln spielt, muß sich auf Hiebe gefaßt machen.« »Nun, nehmt aber einmal an, ich hätte eine närrische Vorliebe für meine Kehle, und ich sagte: nein, wenn mein Oheim mir den Vorschlag machte, sie daran zu wagen, – wie dann, Mr. Nixon?« »Nun, dann mögt Ihr für Euch selbst sorgen, junger Herr; es gibt in Frankreich scharfe Gesetze gegen widerspenstige Pupillen, – lettres de cachet sind leicht zu erhalten, wenn solche Leute bei der Sache interessirt sind, wie die, mit denen wir in Verbindung stehen.« »Wir sind aber nicht in Frankreich,« sagte der arme Darsie, den bei dem Gedanken an ein französisches Gefängniß ein kalter Schauer durchrieselte. »Ein schnell segelnder Lugger bringt Euch bald hinüber, tief genug verpackt unter den Verdecken, wie ein Faß, das man beim Mondlicht ladet.« »Aber die Franzosen sind im Frieden mit uns,« sagte Darsie, »und würden nicht wagen – – » »Wer würde denn je von Euch hören,« unterbrach ihn Nixon; »glaubt Ihr denn, man würde Euch offen vor Gericht laden, und das Urtheil der Einkerkerung in den Courier de l'Europe setzen, wie man es zu Old Bailey macht? – – Nein, nein, junger Herr, die Thore der Bastille, von Mont Saint Michel und des Schlosses von Vincennes laufen in verdammt leichten Angeln, wenn sie Leute einlassen, – auch nicht das leiseste Knarren hört man. Da gibt es kühle Behältnisse für hitzige Köpfe, so still, ruhig und dunkel, als Ihr sie im Tollhause wünschen könnt, und die Entlassung kommt, wenn der Tischler des Gefangenen Sarg bringt, nicht eher.« »Gut, Mr. Nixon,« sagte Darsie mit einem Tone von Heiterkeit, die er durchaus nicht fühlte; »mein Fall ist schlimm, ich befinde mich in einer bittern Wahl, das werdet Ihr zugestehen, denn ich muß entweder meine eigene Regierung beleidigen, und dann ist mein Kopf in Gefahr, oder ich muß in die Gefängnisse eines fremden Landes wandern, dessen Gesetze ich nie beleidigte, da ich nie seinen Boden betrat. – Sagt mir, was würdet Ihr an meiner Stelle thun?« »Das werde ich Euch sagen, wenn ich in dem Falle bin ,« sagte Nixon, wandte sein Pferd und ritt zum Nachtrabe des kleinen Zugs zurück. »Es ist offenbar,« dachte der junge Mann, »daß der Schurke glaubt, ich sei vollkommen in der Schlinge, und vielleicht die rasende Unverschämtheit hat, anzunehmen, daß meine Schwester eventuell in die Besitzungen eintreten muß, welche den Verlust meiner Freiheit veranlaßt haben, und daß sein eigener Einfluß auf das Schicksal unserer Familie ihm den Besitz der Erbin sichern könne; eher aber soll er von meiner Hand sterben. Ich muß nun frisch daran, und meine Flucht in's Werk setzen, wo möglich, ehe man mich gewaltsam einschifft; der blinde Willie wird mich, denke ich, nicht verlassen, ohne einen Versuch für mich zu wagen, besonders wenn er hört, daß ich der Sohn seines ehemaligen, unglücklichen Schutzherrn bin. Wie seltsam ist mein Schicksal! Als ich weder Rang, noch Vermögen besaß, lebte ich sicher und unbekannt unter dem Schutze der gütigen und achtbaren Freunde, deren Herzen der Himmel zu mir gewandt hat. – Jetzt, da ich das Haupt eines ehrenwerthen Hauses bin, und Unternehmungen der kühnsten Art auf meine Entscheidung harren, und Anhänger und Vasallen bereit scheinen, sich auf meinen Wink zu erheben, beruht meine Sicherheit hauptsächlich auf der Zuneigung eines umherziehenden Blinden!« Während er dieß überdachte, und sich zu einer Unterredung mit seinem Oheim vorbereitete, welche nur stürmisch sein konnte, sah er Hugo Redgauntlet langsam zurück- und ihnen entgegenreiten, ohne einen einzigen Diener. Christal Nixon ritt voraus, als er sich näherte, und als sie zusammentrafen, richtete er einen forschenden Blick auf ihn. »Der einfältige Crakenthorp, sagte Redgauntlet, »hat Fremde in sein Haus aufgenommen; Einige von seinen Schmugglerkameraden, glaube ich. Wir müssen langsam reiten, um ihm Zeit zu lassen, sie so bald wie möglich wieder fortzuschicken.« »Saht Ihr einige Eurer Freunde?« fragte Christal. »Drei, und ich habe Briefe von vielen andern. Sie sind einstimmig über den bewußten Gegenstand, und der Punkt muß ihnen gestattet werden, oder die Sache geht nicht weiter, so weit sie auch schon gegangen ist.« »Ihr werdet den Pater schwerlich dahin bringen, sich dem Willen seiner Heerde zu fügen,« sagte Christal mit höhnischer Miene. »Er muß und wird!« antwortete Redgauntlet kurz. »Reite einmal vor, Christal, – ich möchte mit meinem Neffen sprechen. – Ich hoffe, Sir Arthur Redgauntlet, Ihr werdet zufrieden sein mit der Art, wie ich mich der Pflicht gegen Eure Schwester entledigt habe?« »Ihre Sitten und ihre Denkart sind untadelhaft,« sagte Darsie; »ich bin glücklich, eine so liebenswürdige Verwandte kennen gelernt zu haben.« »Das freut mich,« antwortete Redgauntlet; »ich verstehe mich nicht sonderlich auf die Eigenschaften der Weiber, und mein Leben ist einem großen Gegenstande gewidmet gewesen, so daß sie wenig Gelegenheit hatte, sich weiter auszubilden, seit sie Frankreich verließ. Ich habe sie indeß so wenig als möglich den Unannehmlichkeiten und Entbehrungen meines wandernden und gefahrvollen Lebens ausgesetzt. Von Zeit zu Zeit ist sie Wochen und Monate lang bei angesehenen und achtungsvollen Familien geblieben, und ich freue mich, daß sie nach Eurer Meinung die Sitten und das Benehmen hat, die ihrem Stande geziemen.« Darsie drückte seine vollkommene Zufriedenheit damit aus, und es entstand eine kleine Pause, welche Redgauntlet unterbrach, indem er sich feierlich an seinen Neffen wandte. »Auch für Euch, mein Neffe, hatte ich gehofft, nicht weniger thun zu können, aber die Schwäche und Furchtsamkeit Eurer Mutter entriß Euch meiner Sorge, denn sonst würde es mein Stolz und mein Glück gewesen sein, den Sohn meines unglücklichen Bruders auf den Pfad der Ehre geleitet zu haben, auf welchem unsere Ahnherrn stets gewandelt sind.« Nun kommt der Sturm, dachte Darsie bei sich selbst, und begann seine Gedanken zu sammeln, wie der vorsichtige Schiffsherr seine Segel einzieht, und sein Schiff dicht verschließt, wenn er den herannahenden Sturm bemerkt. »Das Benehmen meiner Mutter kann gemißdeutet werden,« sagte er, »aber es war aus die besorgteste Liebe gegründet.« »Ganz gewiß,« sagte sein Oheim, »und ich will keinen Flecken auf ihr Andenken werfen, obgleich ihr Mißtrauen so viel Unrecht, ich will nicht sagen mir, sondern der Sache meines unglücklichen Vaterlandes gethan hat. Ihre Absicht war, wie ich glaube, Euch zu einem elenden Zungendrescher zu machen, welchem man noch zum Spotte den einst achtungswerthen Namen eines schottischen Advokaten gibt, zu einem jener Zwittergeschöpfe, welche vor einem fremden Gerichtshof kriechen müssen, um die Endurtheile in ihren Streitsachen einzuholen, anstatt sie vor dem unabhängigen und ehrwürdigen Parlament ihres eigenen Königreichs zu vertheidigen.« »Ich studirte die Rechte ein oder zwei Jahre lang,« sagte Darsie, »aber ich fand, daß ich weder Geschmack daran, noch Talent dazu hatte.« »Und verließet es ohne Zweifel mit Verachtung,« sagte Redgauntlet. »Gut, so will ich denn Euch, mein theuerster Neffe, einen würdigern Gegenstand des Ehrgeizes vorhalten. Blicket östlich, – seht Ihr dort ein Denkmal auf der Ebene, nahe an jenem Dorfe?« Darsie antwortete bejahend. »Das Dorf heißt Burgh–upon Sands (Flecken auf dem Sande) und das Monument dort ist dem Andenken des Tyrannen Eduards I. errichtet. Die gerechte Hand der Vorsehung erreichte ihn an dieser Stelle, als er eben seine Banden zur vollständigen Unterjochung Schottlands führte, dessen bürgerliche Uneinigkeiten unter seiner fluchenswerthen Politik begannen. Bruce's ruhmvolle Bahn würde in ihrem Beginnen aufgehalten, das Feld von Bannockburn ein blutloses Moor geblieben sein, wenn Gott nicht im Augenblick der Entscheidung den listigen und blutigen Tyrannen aus dem Wege geräumt hätte, der so lange schon Schottlands Geißel gewesen war. Eduards Grab ist die Wiege unserer Nationalfreiheiten. Im Angesicht dieses großen Malzeichens unserer Freiheit schlage ich Euch ein Unternehmen vor, das an Ehre und Wichtigkeit keinem nachsteht, seit der unsterbliche Bruce den Red-Comyn niederstieß, und mit der noch blutigen Hand nach der unabhängigen Krone Schottlands griff.« Hier erwartete er eine Antwort, aber Darsie, überwältigt durch sein energisches Benehmen, blieb stille, weil er nicht durch eine hastige Darlegung seiner Sinnesart sich in Verlegenheit setzen wollte. »Ich will nicht annehmen,« sagte Hugo Redgauntlet nach einer Pause; »daß Ihr so einfältig seid, die Wichtigkeit meiner Worte nicht zu begreifen, oder so feige, durch meinen Vorschlag zurückgeschreckt zu werden, oder endlich so ausgeartet von dem Blut und der Sinnesart Eurer Väter, um meine Aufforderung nicht anzuhören, wie das kriegerische Roß den Klang der Trompete.« »Ich will mich nicht stellen, Sir, als mißverstände ich Euch,« sagte Darsie, »aber ein Unternehmen, das gegen eine jetzt seit drei Regierungen befestigte Dynastie gerichtet ist, erfordert in Hinsicht auf Gerechtigkeit und Ausführbarkeit starke Beweggründe, um es Männern von Gewissen und Klugheit zu empfehlen.« Mit Augen, die vor Unwillen glühten, sagte Redgauntlet: »Ich will kein Wort von Euch hören gegen die Gerechtigkeit einer Unternehmung, nach der Euer unterdrücktes Land mit der Stimme einer Mutter ruft, die ihre Kinder um Hilfe anfleht, – oder gegen die edle Rache, die Eures Vaters Blut fordert aus seinem entehrten Grabe. Sein bleicher und modernder Schädel steht noch auf Rikargate, und befiehlt Euch, ein Mann zu sein. Ich frage Euch im Namen Gottes und Eures Landes, wollt Ihr Euer Schwert ziehen, und mit mir nach Carlisle gehen, wäre es auch nur, um Eures Vaters Haupt, jetzt die Ruhestelle der Eulen und Krähen, und der Spott jedes elenden Bauern, in geweihte Erde zu legen, wie es dem Alterthum seiner Familie gebührt?« Unvorbereitet, eine so leidenschaftliche Aufforderung zu beantworten, und überzeugt, daß eine bestimmte Weigerung ihn seine Freiheit oder sein Leben kosten würde, schwieg Darsie abermals. »Ich sehe,« sagte sein Oheim in ruhigerem Tone, »daß nicht Mangel an Muth, sondern die niedrigen Gewohnheiten einer beschränkten Erziehung unter der armseligen Menschenklasse es sind, mit der Ihr leben mußtet, welche Euch zum Schweigen bringen; Ihr haltet Euch noch selbst kaum für einen Redgauntlet; Euer Puls hat noch nicht den ächten Schlag gelernt, der den Anforderungen der Ehre und Vaterlandsliebe entspricht.« »Ich hoffe,« sagte Darsie endlich, »daß der Ruf von beiden mich nie gleichgültig finden wird; allein um ihm wirksam zu entsprechen, – auch wenn ich jetzt überzeugt wäre, daß sie in mein Ohr tönten, muß ich bei dem verzweifelten Unternehmen, worein Ihr mich verwickeln wollt, eine vernünftige Hoffnung des Gelingens sehen. Ich blicke um mich her, und sehe eine fest begründete Regierung, eine anerkannte Autorität, einen geborenen Briten auf dem Throne, und die Hochländer, auf denen allein die Hoffnung der verbannten Familie beruhte, in Regimenter versammelt, die nach den Befehlen der bestehenden Dynastie handeln. Frankreich ist durch die schrecklichen Lehren des letzten Krieges ganz entmuthigt, und wird schwerlich einen neuen beginnen wollen. Alles innerhalb und außerhalb des Königreichs ist einem so hoffnungslosen Kampf entgegen, und Ihr allein scheint Willens, ein so verzweifeltes Unternehmen zu wagen.« »Und ich würde es wagen, wäre es auch zehnmal verzweifelter, und ich habe es begonnen, als sich zehnmal größere Hindernisse entgegenthürmten. – Habe ich meines Bruders Blut vergossen? – Kann ich – darf ich das Vaterunser beten, da ich meinen Feinden und den Mördern nicht vergeben habe? – Gibt es einen Kunstgriff, den ich nicht angewandt, – eine Entbehrung, der ich mich nicht unterzogen habe, um die Krisis herbeizuführen, die ich jetzt eingetreten sehe? – Habe ich nicht Alles geopfert, da ich jeder Gemächlichkeit des gesellschaftlichen Lebens, da ich sogar den Uebungen der Religion entsagte, wenn ich in meinem Gebet meinen Fürsten und mein Vaterland nicht nennen durfte, und dieß alles nur, um der edlen Sache Anhänger zu erwerben? – Habe ich alles dieß gethan, nur um jetzt auf einmal Alles aufzugeben?« Darsie war im Begriffe, ihn zu unterbrechen, aber er legte ihm die Hand liebevoll auf seine Schulter, und gebot ihm, oder bat ihn vielmehr um Stillschweigen. – »Stille,« sagte er, »du Erbe des Ruhms meiner Ahnen, – Erbe aller meiner Hoffnungen und Wünsche, – stille, Sohn meines erschlagenen Bruders. Ich habe dich gesucht, und um dich getrauert, wie eine Mutter um ihr einziges Kind. Laß mich dich nicht in diesem Augenblicke wieder verlieren, wo du meinen Hoffnungen zurückgegeben bist. Glaube mir, ich vertraue meinem heftigen Temperamente so sehr, daß ich als um das wertheste Geschenk bitte, es in dieser Krisis nicht aufzuwecken. Darsie erwiderte mit Freude, daß die Ehrfurcht vor seinem Oheim ihn bestimmen werde, Alles anzuhören, was er ihm zu sagen habe, ehe er einen Entschluß fasse über die wichtigen Gegenstände des Bedenkens, die er ihm vorschlage. »Des Bedenkens!« wiederholte Redgauntlet ungeduldig, »und doch ist der Ausdruck nicht unpassend! Ich wünsche, die Erwiderung wäre wärmer gewesen; allein ich muß mich erinnern, daß ein Adler, der in einem Falkenhause erzogen wurde, und mit der Kappe bedeckt war, nicht beim ersten Blicke fest in die Sonne sehen kann. Höre mich, mein theuerster Arthur, der Zustand dieser Nation zeigt eben so wenig Glück an, als die blühende Farbe eines Fieberkranken Gesundheit. Alles ist falsch und hohl, – der scheinbare Erfolg von Chathams Administration hat das Land tiefer in Schulden gestürzt, als alle die dürren Gefilde Canadas werth sind, wären sie auch so fruchtbar wie Yorkshire, – der blendende Glanz der Siege von Minden und Quebeck wurde verdunkelt durch das Mißgeschick des übereilten Friedens, – durch den Krieg gewann England mit ungeheurem Kostenaufwand nichts, als Ehre, und auf diese hat man freiwillig Verzicht geleistet. Viele Augen, früher kalt und gleichgiltig, blicken jetzt nach dem Stamme unserer alten und rechtmäßigen Monarchen, als der einzigen Zuflucht in dem nahenden Sturme, – die Reichen sind beunruhigt, – die Edlen mißmuthig, – das Volk entflammt, und ein Bund von Vaterlandsfreunden, deren Maßregeln um so sicherer sind, je geringer ihre Anzahl ist, ist entschlossen, König Carls Fahne aufzupflanzen.« »Aber das Militär,« sagte Darsie, »wie könnt Ihr mit einem Haufen unbewaffneter und ungeordneter Insurgenten es wagen, einer regulären Armee entgegenzutreten? Die Hochländer sind jetzt völlig entwaffnet.« »In großem Maße vielleicht,« antwortete Redgauntlet, »aber die Politik, welche die hochländischen Regimenter errichtete, hat dafür gesorgt. Wir haben schon Freunde unter diesen Truppen, und wir können keinen Augenblick zweifeln, was ihr Benehmen sein wird, wenn einmal die weiße Kokarde aufgesteckt ist; die übrige stehende Armee ist sehr vermindert worden seit dem Frieden, und wir rechnen zuversichtlich darauf, daß Tausende von diesen entlassenen Truppen sich unter unsere Fahnen reihen werden.« »Wie!« sagte Darsie, »und auf solche unbestimmte Hoffnungen hin, wie die unstäte Laune eines Pöbelhaufens oder einer entlassenen Soldateska, sollen Männer von Ehre ihre Familien, ihr Eigenthum, ihr Leben wagen?« »Männer von Ehre, Knabe,« sagte Redgauntlet mit Augen, die von Ungeduld glühten, »setzen Leben, Eigenthum, Familie und Alles auf's Spiel, wenn diese Ehre es befiehlt. Wir sind jetzt nicht schwächer, als damals, wo sieben Mann in den Wildnissen von Moidart landeten, den Thron des Usurpators zum Wanken brachten, in zwei regelmäßigen Schlachten siegten, ein Königreich und die Hälfte eines andern durchstreiften, und nur durch Verrath ein Unternehmen scheitern sahen, das ihre kühnen Nachfolger jetzt auf's Neue versuchen.« »Und ein solcher Versuch wird ernstlich gemacht werden?« fragte Darsie. »Entschuldigt mich, mein Oheim, wenn ich etwas so Außerordentliches kaum glaube. Werden sich in der That Leute von Rang und Einfluß in hinreichender Menge finden, um das Wagstück von 1745 zu erneuern?« »Ich will Euch mein Vertrauen nicht nur halb schenken, Sir Arthur,« erwiderte sein Oheim, »aber blickt auf diese Rolle, – was sagt Ihr zu diesen Namen? – sind sie nicht die Blüthe der westlichen Grafschaften, – von Wales, – von Schottland?« »Das Blatt enthält in der That viele große und edle Namen,« erwiderte Darsie, nachdem er es durchlesen hatte, »aber ...« »Was aber?« fragte sein Oheim ungeduldig; »zweifelt Ihr an der Fähigkeit dieser Edeln, den Beitrag an Mannschaft und Geld zu liefern, zu welchem sie angesetzt sind?« »Ganz und gar nicht,« erwiderte Darsie, »denn darüber bin ich kein kompetenter Richter, aber ich sehe auf dieser Rolle auch den Namen des Sir Arthur Darsie Redgauntlet, angesetzt zu hundert Mann und mehr, und ich sehe in der That nicht ein, wie er dieß Versprechen erfüllen soll.« »Für die Mannschaft stehe ich,« antwortete Hugo Redgauntlet. »Aber, mein theurer Oheim,« setzte Darsie hinzu, »ich hoffe um Euretwillen, daß die andern Männer, deren Namen hier verzeichnet sind, näher mit Eurem Plane bekannt sind, als ich.« »Für dich und das deinige kann ich selbst haften,« sagte Redgauntlet, »denn wenn du nicht den Muth hast, dich an die Spitze der Macht deines Hauses zu stellen, so soll die Führung in eine andere Hand übergehen, und deine Erbschaft soll dir entgehen, wie Saft und Blätter einem verfaulten Zweige. Was jene ehrenwerthen Männer anbelangt, so knüpfen sie ihre Freundschaft nur an eine leichte Bedingung, so unbedeutend, daß sie kaum der Erwähnung werth ist. Wird von dem, der dabei am meisten betheiligt ist, dieß gestattet, so ist kein Zweifel, daß sie in der Art in's Feld rücken werden, wie es hier angegeben ist.« Wiederum durchlas Darsie das Papier, und fühlte sich immer weniger zu dem Glauben geneigt, daß so viele Leute von Familie und Vermögen sich so leicht in eine bedenkliche Unternehmung einlassen würden. Es schien, als hätten einige unbesonnene Verschwörer die Namen aller vermeintlichen Jakobiten niedergeschrieben, oder wenn die Unterschriften wirklich von den genannten Leuten herrührten, so vermuthete er, sie möchten eine Entschuldigung im Hintergrund haben, um sich von der geleisteten Verpflichtung los zu sagen. Er hielt es für unmöglich, daß Engländer von großem Vermögen, die sich nicht mit Carln vereinigt hatten, als er an der Spitze einer siegreichen Armee in England einbrach, seine Landung unter weit minder günstigen Umständen begünstigen sollten. Er schloß daraus, die Unternehmung würde in sich selbst zerfallen, und es das beste sein, unterdessen zu schweigen, bis die wirkliche Annäherung einer Krisis, die indeß nie eintreten würde, ihn dränge, die Vorschläge seines Oheims bestimmt zurückzuweisen. Sollte sich aber unterdessen eine Gelegenheit zur Flucht zeigen, so beschloß er bei sich, sie nicht ungenützt vorübergehen zu lassen. Hugo Redgauntlet beobachtete eine Zeitlang die Blicke seines Neffen, und sagte sodann, gleich als ob er durch einen andern Ideengang auf den nämlichen Schluß gekommen sei; »Ich habe Euch gesagt, Sir Arthur, daß ich nicht in Euch dringe, sogleich in meine Vorschläge einzugehen; auch würden die Folgen einer Weigerung so schrecklich für Euch sein, so sehr alle meine genährten Hoffnungen zerstören, daß ich durch die Ungeduld eines Augenblicks nicht die Hoffnungen meines ganzen Lebens auf's Spiel setzen möchte. Ja, Arthur, ich bin zu dieser Zeit ein büßender Eremit gewesen, zu einer andern der scheinbare Genosse von Geächteten und Verzweifelten, manchmal endlich der untergeordnete Agent von Menschen, denen ich mich in jeder Hinsicht überlegen fühlte, nicht um eines eigennützigen Zweckes, oder um des Ruhmes willen, das erste Werkzeug zur Wiederherstellung meines Königs und Befreiung meines Landes gewesen zu sein. Mein erster Wunsch auf dieser Erde ist diese Wiederherstellung und diese Freiheit, – mein zweiter, daß mein Neffe, der Repräsentant meines Hauses und meines geliebten Bruders, die Vortheile aller meiner Anstrengungen für die gute Sache ernten solle. Aber,« – setzte er hinzu, indem er einen seiner vernichtenden Blicke auf Darsie warf – »wenn Schottland und meines Vaters Haus nicht mit einander bestehen können, dann gehe unter der Name Redgauntlet! Es gehe unter der Sohn meines Bruders, mit jeder Erinnerung an den Ruhm meiner Familie, an die Liebe meiner Jugend, eher als meines Vaterlandes Sache auch nur um ein Senfkorn beeinträchtigt werde! Der Geist Sir Albericks lebt in diesem Augenblick in mir,« fuhr er fort, indem er seine stattliche Gestalt emporrichtete, und aufrecht im Sattel saß; indem er mit dem Zeigefinger seine Stirn berührte; »und wenn Ihr selbst meinen Pfad durchkreuzt, so schwöre ich bei dem Zeichen, das meine Stirne verdunkelt, eine neue That soll geschehen, ein neuer Fluch des Schicksals verschuldet werden.« Er schwieg, aber seine Drohungen waren in einem so furchtbar entschlossenen Tone ausgedrückt, daß Darsie's Muth sank, wenn er an den Sturm der Leidenschaft dachte, den er zu bestehen hatte, wenn er seinem Oheim Beistand in einer Unternehmung verweigerte, gegen welche ihn Klugheit und Grundsätze gleichmäßig abgeneigt machten. Es blieb ihm kaum eine Hoffnung übrig, als die Zeit zu gewinnen, bis er entfliehen könne, und er beschloß sich dazu des verwilligten Aufschubs zu bedienen. Der düstere, finstere Blick seines Begleiters wurde allmälig milder, er machte der Miß Redgauntlet ein Zeichen, zu ihnen zu kommen, und begann eine gezwungene Unterhaltung über gewöhnliche Gegenstände; im Laufe des Gesprächs bemerkte Darsie das vorsichtige Benehmen seiner Schwester im Sprechen, denn sie wog jedes Wort, ehe sie es aussprach, und überließ es stets ihrem Oheim, den Ton des Gesprächs anzugeben, wenn es auch noch so unbedeutend war. Dieß schien ihm (eine so gute Meinung von dem Verstand und von der Festigkeit seiner Schwester hatte er bereits erhalten) der stärkste Beweis von dem durchgreifenden Charakter seines Oheims, da er sah, daß eine junge Person mit so vieler Nachgiebigkeit sich gegen ihn benahm, obwohl ihr Geschlecht ihr ein Vorrecht gegeben hätte, und es ihr keineswegs an Geist und Entschlossenheit gebrach. Die kleine Reitergesellschaft näherte sich nun dem Hause Vater Crackenthorps, welches, wie der Leser schon weiß, an der Seite des Solway lag, nicht weit von einem rothen Steindamm, an welchem mehrere Fischerboote lagen, die häufig in verschiedener Eigenschaft benützt wurden. Das Haus des würdigen Zöllners war zu den verschiedenen Geschäften, die er trieb, eingerichtet, denn es bestand aus mehreren, an ein zweistockigtes Haus angebauten Bauernhäusern; die Ausdehnung von Mr. Crackenthorps Handel hatte die Ausdehnung erheischt. Statt des einzelnen großen Wasserkruges, den man stets vor den englischen Wirthshäusern zweiter Klasse findet, sah man hier drei zum Gebrauch für die Soldatenpferde, wie der Wirth sich ausdrückte, wenn Truppen kamen, um sein Haus zu durchsuchen, dabei zeigte er durch einen Seitenblick und ein Kopfnicken an, was für Soldaten er meine. Eine ungeheure Esche vor der Thüre, welche zu einer großen Breite und Höhe herangewachsen war, trotz der Windstöße von dem benachbarten Solway her, überschattete wie gewöhnlich die Bierbank, wie unsere Väter sie nannten, wo, obgleich es noch früh am Tage war, mehrere Bursche, welche Diener von Edelleuten zu sein schienen, Bier tranken und rauchten. Einer oder zwei von ihnen trugen Livreen, welche Mr. Redgauntlet bekannt schienen, denn er murmelte zwischen den Zähnen: »Narren, Narren! wären sie auf dem Wege zur Hölle, sie müßten ihre Schurken in Livree bei sich haben, daß die ganze Welt auch wüßte, wer verdammt wäre.« Als er so murmelte, hielt er vor der Thüre des Gasthofs an, aus welcher sogleich einige müßige Gäste traten, um aus bloßer Neugier zu sehen, wer angekommen sei. Redgauntlet sprang vom Pferde, und half seiner Nichte von dem ihrigen, vergaß aber vielleicht seines Neffen Verkappung, und leistete ihm nicht die Aufmerksamkeit, welche sein weiblicher Anzug erforderte. Die Lage Darsie's war indessen etwas beängstigend, denn Christal Nixon hatte, vielleicht um seine Flucht zu verhindern, die äußersten Falten seines Reitkleids unter seinen Knöcheln und Füßen mit großen Stecknadeln zusammengeheftet. Als er endlich vom Pferde gestiegen war, und keinen genügenden Beistand von Mr. Redgauntlets Diener empfing, stolperte er, und würde ohne Zweifel einen schlimmen Fall gethan haben, wenn ihn nicht ein galanter Herr aufgehalten hätte, der seinerseits vermuthlich ein wenig erstaunt war über die bedeutende Schwere der sich in Verlegenheit befindenden Dame, welche er in seinen Armen aufzufangen die Ehre hatte. Wie sehr mußte dagegen Darsie erstaunen, als er sich auf einmal in den Armen Allan Fairfords fand! Tausend Befürchtungen gingen ihm durch den Kopf, verbunden mit den Regungen der Freude und Hoffnung bei der unerwarteten Erscheinung seines geliebten Freundes in dem, wie es schien, entscheidenden Augenblicke seines Schicksals. Er war im Begriff, ihm in's Ohr zu wispern, und ihn zugleich zum Schweigen zu ermahnen, aber er zögerte doch ein paar Sekunden, da man die Folgen nicht berechnen konnte, wenn Redgauntlet durch einen plötzlichen Ausruf Allans beunruhigt werden sollte. Ehe er sich entschließen konnte, was zu thun sei, kehrte Redgauntlet, der schon in's Haus eingetreten war, hastig mit Christal Nixon zurück. »Ich will Euch die Bemühung für diese junge Dame abnehmen, Sir,« sagte er in stolzem Tone zu Fairford, den er vermuthlich nicht wieder erkannte. »Ich wollte mich nicht aufdringen, Sir,« erwiderte Allan; »die Lage der Dame schien Hülfe zu fordern, – und – aber habe ich nicht die Ehre mit Mr. Herries von Birrenswork zu sprechen.« »Ihr irrt Euch, Sir,« sagte Redgauntlet, wandte sich schnell ab, machte ein Zeichen mit der Hand gegen Christal, der den widerstrebenden Darsie rasch in das Haus hinein brachte, und ihm in's Ohr wisperte: »Kommt, Miß, wir dürfen keine Bekanntschaft aus den Fenstern machen; Damen von Stande müssen für sich bleiben. – Zeigt uns ein Zimmer, Vater Crackenthorp!« Mit diesen Worten führte er Darsie in's Haus, indem er sich dabei zwischen die vermeintliche junge Dame und den verdächtigen Fremden stellte, um eine Mittheilung durch Zeichen zu verhindern. Als sie eintraten, hörten sie eine Geige in der gepflasterten und mit Sand wohl bestreuten Küche, durch die sie ihrem dicken Wirthe folgen mußten, und verschiedene Leute belustigten sich, nach ihren Tönen zu tanzen. »Zum Teufel noch!« sagte Nixon zu Crackenthorp; »warum soll denn die Dame durch den Pöbel des ganzen Kirchspiels gehen? Gibt's denn keinen besondern Weg zu unserem Zimmer?« »Keinen, der für mich paßte,« antwortete der Gastwirth, und legte seine Hand auf den ansehnlichen Schmeerbauch. »Ich bin nicht Tom Turnpenny, um wie eine Eidechse durch Schlüssellöcher zu kriechen.« Mit diesen Worten führte er sie durch die lustige Gesellschaft in der Küche, und Nixon hielt Darsie am Arme, scheinbar um die Dame zu unterstützen, wahrscheinlich aber, um jeden Versuch zur Flucht zu verhindern; so arbeitete er sich durch die Menge, die ein sehr buntes Aeußere darbot, denn sie bestand aus Bedienten, Bauerburschen, Seeleuten und anderem müßigem Volk, welche der wandernde Willie mit seiner Musik belustigte. Noch an einem andern Freund ohne ein Zeichen seiner Gegenwart vorüber zu gehen, wäre wirkliche Kleinmüthigkeit gewesen, und als sie an dem erhöhten Sitze des Blinden vorübergingen, fragte ihn Darsie mit einigem Nachdruck, ob er nicht eine schottische Melodie spielen könne? Des Mannes Gesicht hatte einen Augenblick vorher gar keinen Ausdruck, als er aber Darsie's Stimme hörte, wurde sein Gesicht mit Einemmale glänzend, und bewies den Irrthum derer, welche den Hauptausdruck einer Physiognomie in den Augen finden wollen. Er wandte sein Gesicht nach der Gegend, woher der Ton kam, seine obere Lippe bog sich ein wenig, und bebte vor innerer Bewegung, indeß Erstaunen und Freude ein blühendes Roth auf seine bleichen Wangen brachte. Er vertauschte die gemeinen Stücke des Dudelsacks, die er mit widerstrebendem und nachlässigem Bogen hergedudelt hatte, mit der schönen schottischen Melodie: »Seid willkommen, Carl Stuart!« Wie mit Begeisterung ertönte sie von den Saiten, und nach einer Pause der höchsten Bewunderung, wurde sie durch ein Beifallsgeschrei aufgenommen, welches zu zeigen schien, daß der Name sowohl, als die Ausführung allen Versammelten höchst angenehm war. Indessen hielt Christal Nixon Darsie fest am Arme, folgte dem Wirthe, bahnte sich mit einiger Schwierigkeit durch die gedrängtvolle Küche einen Weg, und trat nun in ein kleines Zimmer an der andern Seite derselben, wo sie Lilias Redgauntlet bereits sitzend fanden. Hier ließ Nixon seinem unterdrückten Unwillen freien Lauf, wandte sich heftig zu Crackenthorp, bedrohte ihn mit dem heftigsten Unwillen seines Gebieters, daß die Sachen in so schlechter Ordnung wären, um seine Familie zu empfangen, da er doch so ausdrücklich ihn hatte wissen lassen, er wünsche allein zu sein. Aber Vater Crackenthorp war nicht vor den Kopf geschlagen. »Wie! Bruder Nixon, du bist unwillig diesen Morgen,« erwiderte er; »bist mit dem unrechten Fuße heraus, glaube ich. Du weißt so gut, wie ich, daß die meisten Leute da unten von des Squires eigener Wache sind; Edelleute, welche mit ihren Dienern kommen, um ihn auf dem Geschäftsweg zu treffen, wie der alte Turnpenny sagt; der letzte, welcher kam, wurde von Fairladies mit Dickthardoner herübergeschickt.« »Aber der blinde kratzende Schurke dort,« sagte Nixon, »wie habt Ihr es gewagt, solch' einen Spitzbuben in jetziger Zeit über Eure Schwelle kommen zu lassen? – Wenn es dem Squire nur im Traum einfiele, daß Ihr wanken könntet! Ich spreche nur zu Eurem Besten, Vater Crackenthorp.« »Wie, seht doch! Bruder Nixon,« sagte Crackenthorp, und drehte seinen Tabak mit vieler Gemächlichkeit im Munde hin und her, »der Squire ist ein sehr würdiger Edelmann, das werde ich nie läugnen, aber ich bin weder sein Diener, noch sein Vasall, und so braucht er mir keinen Befehl zu schicken, bis er hört, daß ich seine Livree angezogen habe. Soll ich aber Leute von meiner Thüre wegweisen, so könnte ich eben sowohl den Bierzapfen ausstoßen, und den Schild herunter nehmen, – was aber das Wanken betrifft, so wird der Squire hier so ehrliche Leute finden, als er nur immer mitgebracht hat.« »Nun, Ihr unverschämter Talgklumpen,« sagte Nixon; »was wollt Ihr damit sagen?« »Nichts,« sagte Crackenthorp, »als daß ich das Rauhe so gut herauskehren kann, wie ein Anderer, Ihr versteht mich – s' ist hell genug in meinem obern Stockwerk, ich weiß eine oder zwei Sachen mehr, als die meisten Leute in diesem Lande. Wenn Leute mit gefährlichen Botschaften in mein Haus kommen, so werden sie an Jon Crackenthorp keine Katzenpfote finden. – Ich werde mich rein halten, darauf könnt Ihr Euch verlassen, und Jeder mag für seine eigenen Handlungen stehen! So ist meine Art! Befehlt Ihr etwas, Mr. Nixon?« »Nein, – ja – geht!« sagte Nixon, den der entscheidende Ton des Wirthes in Verlegenheit gesetzt zu haben schien, und doch wünschte er den Eindruck zu verbergen, den er auf ihn gemacht hatte. Kaum hatte Crackenthorp die Thüre hinter sich zugemacht, als Miß Redgauntlet sich zu Nixon wandte und ihm befahl, das Zimmer zu verlassen, und an seinen eigenen Ort zu gehen. »Wie, Madame,« sagte der Mensch finster, doch mit Achtung, »wollt Ihr, daß Euer Oheim mich wegen Ungehorsams gegen seine Befehle todt schießt?« »Er könnte Euch vielleicht aus einem andern Grunde todt schießen, wenn Ihr nicht dem meinigen gehorcht,« sagte Lilias mit Fassung. »Ihr mißbraucht Euern Vortheil über mich, Madame, – ich wage es in der That nicht, zu gehen, – ich stehe zur Wache hier wegen dieses andern Fräuleins; und wenn ich meinen Posten verlasse, ist mein Leben keinen Heller werth.« »Nun, so wacht außen an der Thüre,« sagte Lilias; »Ihr habt, glaube ich, keinen Auftrag, auf unsere Unterredung zu lauschen. Geht, Sir, ohne weiteres Gespräch oder Widerrede, oder ich werde meinem Oheim etwas sagen, das Euch schwer fallen würde, wenn er es wüßte.« Der Mensch sah sie mit einem sonderbaren Blicke an, worin Bosheit und Unterwürfigkeit sich abspiegelten. »Ihr mißbraucht Euern Vortheil über mich, Madame,« sagte er, »und handelt darin so thöricht, als ich, da ich Euch eine solche Gewalt in die Hände gab. Ihr aber seid ein strenger Herr, und strenge Herren regieren nicht lange.« Mit diesen Worten verließ er das Zimmer. »Des Elenden grenzenlose Unverschämtheit,« sagte Lilias zu ihrem Bruder, »hat mir einen großen Vortheil über ihn gegeben. Denn da er weiß, daß mein Oheim ihn mit eben so wenig Gewissensbissen niederschießen würde, als einen Auerhahn, wenn er seine Frechheit gegen mich auch nur ahnete, so wagt er es seit dieser Zeit nicht mehr, jenes ungeziemende Herrscherwesen anzunehmen, wozu ihn der Besitz der Geheimnisse meines Oheims und die Kenntniß seiner geheimsten Plane gegen die übrigen Glieder seiner Familie geführt zu haben scheint. »Indessen sehe ich mit Vergnügen,« sagte Darsie, »daß der Wirth des Hauses ihm nicht so ergeben scheint, als er befürchtete, und dieß unterstützt die Hoffnung zur Flucht, die ich für Euch und mich selbst nährte. O Lilias, der treueste meiner Freunde, Allan Fairford, ist mir gefolgt, und in diesem Augenblick hier. Ein anderer, zwar niederer, aber ich glaube, ebenfalls getreuer Freund, ist auch innerhalb dieser gefährlichen Mauern.« Lilias legte den Finger auf die Lippen, und wies auf die Thüre. Darsie verstand den Wink, und unterrichtete sie leise von der Ankunft Fairfords, und daß er glaube, er habe einen Verkehr mit dem wandernden Willie eröffnet. Sie hörte ihm mit der größten Aufmerksamkeit zu, und hatte eben ihre Antwort begonnen, als ein lauter Lärm sich in der Küche erhob, verursacht durch mehrere streitende Stimmen, unter denen Darsie auch die Stimme Allan Fairfords unterscheiden zu können glaubte. Vergessend, wie wenig seine eigene Lage ihm erlaubte, der Helfer Anderer zu werden, flog Darsie an die Thüre, und da er sie von Außen verschlossen und verriegelt fand, stemmte er sich mit aller Gewalt entgegen, und machte die verzweifeltsten Anstrengungen, sie aufzubrechen, trotz den Bitten seiner Schwester, daß er sich beruhigen und seine Lage bedenken möchte. Die Thüre aber war dazu gemacht, den Angriffen von Accisern, Constabeln und anderen Personen zu wiederstehen, die man als würdig betrachtet, »den Königsschlüssel« zu gebrauchen, um schloßfeste Orte offen und zugänglich zu machen, und trotzte daher allen seinen Bemühungen. Unterdessen dauerte der Lärm außen fort, und wir wollen im nächsten Kapitel unsern Lesern die Ursache desselben anzeigen. Zwanzigstes Kapitel Erzählung von Darsie Latimer (Fortsetzung.) Jon Crackenthorps Gasthof war noch niemals, seit sich seine Schornsteine an den Ufern des Solway erhoben, von so verschiedenartigen Leuten besucht worden, als diesen Morgen. Mehrere von ihnen waren Leute, deren Rang weit höher schien, als ihre Kleidung und Art zu reisen andeutete. Die begleitenden Diener widerlegten schon die Schlüsse, die man aus dem Anzug ihrer Herren hätte machen sollen, und nach der Sitte der Ritter vom Regenbogen Der Livreebedienten, so genannt wegen ihrer oft sehr bunten Kleidung. gaben sie manche Winke, sie wären nicht die Leute, irgend Jemand zu bedienen, als Männer vom ersten Rang. Diese Herren, welche hauptsächlich hieher gekommen wären, um mit Mr. Redgauntlet zusammenzutreffen, schienen verdrießlich und ängstlich, gingen mit einander auf und ab, scheinbar in tiefe Gespräche verwickelt, und vermieden allen Verkehr mit andern Reisenden, welche der Zufall diesen Morgen an denselben Erholungsplatz geführt hatte. Als ob das Schicksal es sich vorgenommen hätte, die Plane der jacobitischen Verschwörer in Verwirrung zu bringen, waren die zuströmenden Reisenden ungewöhnlich zahlreich und gemischt, und füllten das öffentliche Zimmer des Gasthofs, während die politischen Gäste bereits die meisten innern Zimmer des Hauses eingenommen hatten. Unter andern war auch der ehrliche Josua Geddes angekommen, der – wie er sagte, umherreisete in Betrübniß seines Herzens, und trauernd um das Schicksal Darsie Latimers, als wäre dieser sein erstgebornes Kind. Er war an der ganzen Küste des Solway hingezogen, hatte dabei noch mehrere Abschweifungen in das Innere des Landes gemacht, und es bei solchen Gelegenheiten nicht vermieden, sich dem Gelächter der Spötter, ja selbst persönlichen Gefahren auszusetzen, da er die Schlupfwinkel der Schmuggler, Roßtäuscher und anderer Leute dieses Gelichters besuchte, welche ihn mit mißtrauischen Blicken ansahen, und geneigt waren, ihn eher für einen Accise-Beamten in Quäkerkleidung zu halten. Allen diesen Mühseligkeiten und Gefahren hatte er sich aber vergeblich unterzogen. Keine Nachforschung hatte ihm auch nur die geringste Spur von Darsie Latimern gezeigt, so daß er zu fürchten begann, der arme Jüngling möchte weggeführt worden sein, denn der Menschenraub war damals, namentlich auf den westlichen Küsten Großbritanniens, nicht selten; auch konnte sein Schicksal wohl noch kläglicher und blutiger gewesen sein. Mit schwerem Herzen gab er sein Pferd, seinen Salomon, an den Hausknecht ab, ging in den Gasthof, und verlangte von dem Wirthe Frühstück und ein besonderes Zimmer. Quäker und solche Wirthe, wie der alte Vater Crackenthorp, sind keine verwandte Geister; der Letztere sah ihn daher verächtlich über die Schulter an und erwiderte: »wenn Ihr ein Frühstück wollt, so eßt es hier, wie andere Leute auch!« »Und warum kann ich nicht,« sagte der Quäker, »für mein Geld ein Zimmer für mich haben?« »Weil Ihr warten müßt, Meister Jonathan, bis bessere Leute bedient sind, oder mit Euresgleichen essen wollen.« Josua Geddes sprach nicht weiter über diesen Punkt, sondern setzte sich ruhig nieder auf den Stuhl, den ihm Crackenthorp anwies, verlangte eine Maas Bier nebst Brod, Butter und holländischem Käse, und begann seinen Hunger zu stillen, den die Morgenluft ungewöhnlich rege gemacht hatte. Während der ehrliche Quäker so beschäftigt war, trat ein anderer Fremder in's Zimmer, und setzte sich nahe an den Tisch, auf welchem dessen Lebensmittel standen. Er sah häufig nach Josua hin, leckte sich die trockenen und aufgesprungenen Lippen, als er den guten Quäker sein Brod und Käse verarbeiten sah, und machte die Bewegung des Trinkens, wenn Mr. Geddes das Glas zum Munde führte, als ob diese körperlichen Verrichtungen bei einem Andern auch bei ihm die nämlichen auf eine unwiderstehliche Art weckten. Endlich, als ob er seinem Appetit durchaus nicht mehr widerstehen könne, fragte er in einem unsichern Tone den vierschrötigen Wirth, der in aller Heftigkeit, die seine Corpulenz zuließ, durch das Zimmer schritt, ob er nicht eine Plack-Pie haben könne? »Herr, von einem solchen Ding habe ich nie gehört,« sagte der Wirth, und wollte sich weiter schieben, der Gast aber hielt ihn zurück, und sagte in einem starken schottischen Accente: »Habt Ihr nicht sonst was, Buttermilch oder einen Kloß von Schwarzmehl?« »Ich weiß nicht, was Ihr wollt,« sagte Crackenthorp. »Habt Ihr denn kein Frühstück, das einen Schilling schottisch kostet?« »Das ist ein Pfennig Sterling,« sagte Crackenthorp mit spöttischem Lachen. »Nein, Sawney, Ein Spottname, den man den Schotten gab. so kann ich keins geben, aber ich will Euch satt machen aus Mitleiden –« »Ein ordentliches Anerbieten schlage ich niemals aus,« sagte der arme Teufel von Gast, »und wenn auch die Engländer Teufel sind, so kann man sie doch höflich heißen gegen Edelleute, die unter Verkappung reisen.« »Edelleute! – Hum!« – sagte Crackenthorp – »doch keine Blaukappe unter ihnen, die nicht auf diesem Fuße hinkt.« Dann nahm er eine Schüssel, die noch einen bedeutenden Rest von einem Ding enthielt, das einmal eine herrliche Schöpsenfleisch-Pastete gewesen war, und stellte sie auf den Tisch vor den Fremden mit den Worten: »Hier, Meister Edelmann, hier ist Etwas, das alle Plack-Pies, wie Ihr sie nennt, werth ist, welche jemals aus einem Schafkopfe gemacht wurden.« »Nun, ein Schafkopf ist immer ein gut Ding,« erwiderte der Gast, sprach aber nicht so laut, daß es den gastlichen Wirth hätte beleidigen können, sondern der Ausruf konnte so für eine Abwehr der Verachtung gelten, womit man sich über dieß gewöhnliche Gericht der Schotten zu äußern pflegte. Hierauf begann er sogleich das Schöpsenfleisch und die Pastetenrinde von der Schüssel an den Mund zu bringen, aber in so ungeheuern Stücken, als erlabte er sich nach dreitägigem Fasten, und wolle sich noch für eine ganze kommende Fastenzeit versorgen. Josua Geddes betrachtete ihn dagegen mit Erstaunen, da er nie einen solchen Ausdruck von Heißhunger beim Essen bemerkt zu haben glaubte. »Freund,« sagte er, nachdem er ihn einige Minuten beobachtet hatte, »wann du so in dich hineinstopfst, so wirst du sicherlich noch ersticken. Willst du nicht einen Zug aus meinem Kruge thun, um deiner trockenen Speise hinabzuhelfen?« »Meiner Treu!« sagte der Fremde, indem er im Essen anhielt und den freundlichen Einlader betrachtete, »das ist keine schlechte Eröffnung, wie man in der Generalversammlung zu sagen pflegt; ich habe schlechtere Motionen von weiseren Räthen gehört.« »Mr. Geddes ließ ein Quart Bier für unsern Freund Peter Peebles kommen, denn der Leser hat wohl schon errathen, daß dieser unglückliche Prozeßkrämer der in Frage stehende Wanderer ist. Das Opfer der Themis hatte nicht sobald den Krug erblickt, als er ihn mit derselben Energie ergriff, die er bei der Verarbeitung der Pastete entfaltet hatte, – er blies den Schaum mit solcher Gewalt von sich, daß ein Theil davon an Mr. Geddes Kopf flog, und dann sagte er, als erinnere er sich, was die Höflichkeit erheische: »Auf Euer Wohlsein, Freund; was! seid Ihr zu vornehm, mir Antwort darauf zu geben, oder hört Ihr nicht gut?« »Ich bitte dich, trink dein Bier, Freund!« sagte der gute Quäker; »du willst höflich gegen mich sein, wir kümmern uns aber nicht um leere Förmlichkeiten.« »Was? Ihr seid ein Quäker, seid Ihr?« fragte Peter, und führte dann ohne weitere Ceremonie den Krug an den Mund, von dem er ihn auch nicht eher wieder wegzog, als bis kein Tropfen von diesem Gerstengebräu mehr darin war. »Wohl bekomm' es Euch und mir,« sagte er, und seufzte, als er den Krug niedersetzte. »Aber zwei Maß Bier unter Zweien ist ein gar zu kleines Maß! was sagt Ihr zu einem andern Kruge? oder wollen wir uns eine derbe schottische Pinte auf einmal geben lassen? das wäre so unrecht nicht!« »Du magst so viel kommen lassen, als du willst, auf deine eigene Rechnung, Freund,« sagte Geddes; »ich habe willig beigetragen, deinen natürlichen Durst zu stillen, aber ich fürchte, es möchte nicht so leicht sein, deine erworbene und künstliche Trinklust zu befriedigen.« »Das heißt mit deutlichen Worten, Ihr nehmt Eure Bürgschaft bei den Leuten des Hauses zurück? Ihr Quäkervolk seid doch leidige Tröster! Aber da Ihr mich veranlaßt habt, so viel Kaltes zu trinken, was ich am Vormittag gar nicht gewohnt bin, so denke ich, – Ihr könntet mir eben so gut ein Glas Branntwein oder Sekt anbieten; ich bin eben nicht wählig, und kann alles trinken, was naß ist, und über die Zähne geht.« »Nicht einen Tropfen auf meine Kosten, Freund,« sagte Geddes; »du bist ein alter Mann, und hast vielleicht einen beschwerlichen und langen Weg vor dir; du bist überdem mein Landsmann, so viel ich aus deiner Sprache schließe, und ich will dir nicht die Mittel geben, deine grauen Haare in einem fremden Lande zu entehren.« »Graue Haare!« sagte Peter mit einem Wink an die Umstehenden, welche die Unterredung zu interessiren anfing, und die hofften, daß der Quäker tüchtig verspottet werden würde von dem schäbigen Bettler, denn dieß schien Peter Peebles zu sein. – »Graue Haare! der Herr gebe Euch bessere Augen, daß Ihr graue Haare von einer Flachsperrücke unterscheiden lernt!« Dieser Spaß erzeugte ein schallendes Gelächter, und, was noch besser war, als ein trockener Beifall, ein Mann, der daneben stund, rief: »Vater Crackenthorp, bringt ein Fläschchen Branntwein. Ich will dem Burschen da ein Schlückchen reichen, wäre es auch nur um des einzigen Worts willen!« Der Branntwein wurde augenblicklich gebracht von einer Magd, welche als Aufwärterin diente, und Peter füllte mit behaglichem Grinsen ein Glas, stürzte es hinunter, und sagte dann: »Gott verzeih' mir's, ich bin so unhöflich gewesen, nicht auf Eure Gesundheit zu trinken. Ich glaube, der Quäker hat mich mit seinem ungezogenen Wesen angesteckt;« er war im Begriff, ein zweites Glas zu füllen, als er seine Hand von seinem neuen Freund zurückgehalten sah, welcher sagte: »Nein, nein, Freund, ehrliches Spiel ist das beste; Geduld ein wenig, wenn's gefällig ist.« Er füllte das Glas für sich selbst, und leerte es so tapfer, als Peter es nur immer hätte thun können. »Was sagt Ihr dazu, Freund?« fuhr er fort, indem er sich zu dem Quäker wandte. »Nichts, Freund,« erwiderte Josua, »es ging deine Kehle hinab, nicht die meinige, und ich habe nichts über das zu sagen, was mich nichts angeht, wenn du aber menschlich bist, so wirst du diesem armen Menschen nicht die Mittel zur Schwelgerei reichen. Bedenke doch, daß sie ihn von der Thüre stoßen werden, wie einen heimath- und herrenlosen Hund, und daß er dann auf der Straße oder an dem Ufer sterben kann. Wenn du ihn durch deine Mittel unfähig gemacht hast, sich selbst zu helfen, so wirst du nicht unschuldig sein an seinem Blut.« »Meiner Treu, Breitkrämpe, du hast Recht, glaube ich, und der alte Herr da in der Flachsperücke soll nichts mehr von diesem Tröster erhalten. Ueberdieß haben wir heute Geschäfte vor, und dieser Bursche, so dumm er aussieht, kann doch eine Nase haben, um das Alles zu riechen. Hört, Vater, wie ist Euer Name, und was führt Euch in diese abgelegene Ecke?« »Meinen Namen mag ich nun nicht gerade nennen,« sagte Peter, – »und was mein Geschäft betrifft, – aber hier ist ja noch ein Tröpfchen Branntwein im Glase, es wäre unrecht, es der Aufwärterin zu lassen, die lernte nichts Gutes dabei.« »Nun, du sollst meinetwegen den Branntwein haben, und dann geh zum Henker, aber sagen sollst du mir, was du hier machst.« »Ich suche einen jungen Advokaten, Namens Allan Fairford, der mir einen so abscheulichen Streich gespielt hat, als man einen nur in einem Rechtsstreit spielen kann,« sagte Peter. »Einen Advokaten, Mensch!« antwortete der Kapitän der springenden Jenny, denn der war es, und kein Anderer, der Mitleid mit Peters Trinklust gehabt hatte, »nun, Gott helfe dir, du bist auf der unrechten Seite des Solway, wenn du Advokaten suchst; dieß sind ja schottische Rechtsgelehrte, und keine englischen.« »Englische Rechtsgelehrte!« rief Peter aus; »zum Teufel alle Rechtsgelehrten in England.« »Ich wünsche von ganzer Seele, es möchte wahr sein, aber wie Teufel kommt Euch das jetzt zu Sinne?« »Nun, bei Gott, mir hat einer ihrer Attorneys schön an den Beutel gegriffen, und mir gesagt, daß es außer ihm keinen Rechtsgelehrten in England gebe, der die Natur eines verwickelten Prozesses kenne. Und als ich ihm sagte, wie der Schuft, der Allan Fairford, mir es gemacht habe, antwortete er mir, ich könne eine Klage über den Fall anstellen, gerade als ob der Fall nicht so viele Klagen schon hätte, als ein Fall nur immer tragen kann. Auf meine Ehre, es ist eine gute Sache, und sie hat ihrer Zeit schon viele Prozeßsäcke getragen, aber wenn man einem Müllerpferde zu viel aufladet, bricht ihm der Rücken endlich ein, und mit meiner Erlaubniß soll man ihm nichts mehr auflegen.« »Aber dieser Allan Fairford?« fragte Nanty, – »kommt, trinkt den Tropfen Branntwein vollends aus, sagt mir mehr von ihm, und ob Ihr ihn in Gutem oder Bösem aufsucht.« »Zu meinem Besten, und nicht zu seinem Schaden, das versichere ich Euch,« sagte Peter; »denkt einmal, er verließ meinen Prozeß gerade zwischen Gewinn und Verlust, und ist nach Cumberland gezogen, um einem wilden Burschen, Namens Darsie Latimer, nachzuspüren.« »Darsie Latimer,« sagte Mr. Geddes hastig; »wißt Ihr etwas von Darsie Latimer?« »Vielleicht, vielleicht auch nicht,« antwortete Peter; »ich will nicht alle Fragen beantworten, wenn sie nicht gerichtlich und gesetzlich sind, besonders wenn die Leute so viel Aufhebens machen um einen Schluck Branntwein. Was diesen vornehmen Herrn anbetrifft, der sich so gezeigt hat beim Frühstück, und sich so zeigen wird beim Mittagessen, so will ich mich über alle Punkte auslassen, die die Sache zu Ende bringen können.« »Alles, was ich von Euch wissen will, Freund, ist, ob Ihr diesen Allan Fairford in Gutem oder Bösem sucht; wenn in Gutem, so könnt Ihr ihn zu sprechen bekommen, wenn in Bösem, so will ich Euch hinüber weisen über den Solway, mit der gut gemeinten Warnung, in solcher Absicht nicht zum Zweitenmal zu kommen, sonst möchte es Euch schlimmer ergehen.« Das Benehmen und die Sprache Ewarts waren der Art, daß Josua Geddes beschloß, vorsichtig zu schweigen, bis er deutlicher entdecken könne, ob Jener ihm in seinen Nachforschungen nach Darsie Latimer behülflich oder hinderlich sein werde. Er beschloß daher, aufmerksam darauf zu hören, was zwischen Peter und dem Seemann vorgehe, und auf eine Gelegenheit zu warten, den erstern zu fragen, sobald als er von seiner neuen Bekanntschaft getrennt sein würde. »Ei,« sagte Peter Peebles, »ich wollte dem armen Burschen, Allan Fairford, nicht das geringste Uebel anthun, er hat manche Guinee von mir verdient, wie sein Vater vor ihm, aber ich will ihn zu meinen und seinen Geschäften zurückhaben, und dann will ich in meiner Klage auf Schadenersatz nicht weiter gehen, als daß er die Kosten erstattet, und ein jährliches Interesse von dem Kapital zahlt, von dem Tage an, wo es mir hätte ausgeliefert werden sollen, und zwar bei Heller und Pfennig; Ihr seht, daß dieß das wenigste ist, was ich nomine damni verlangen kann; ich will dem Burschen an Leib und Leben nichts thun, – man muß leben und leben lassen, – vergeben und vergessen.« »Der Teufel hole mich, Freund Breitkrämpe,« sagte Nanty Ewart zu dem Quäker, »wenn ich heraus bringe, was die alte Vogelscheuche will. Wenn ich es für passend hielte, daß ihn Mr. Fairford sähe, so könnte es vielleicht geschehen. – Wißt Ihr etwas von dem alten Burschen da? Ihr scheint doch eben Euch seiner anzunehmen.« »Nicht mehr, als ich Jedem im Unglück gethan hätte,« sagte Geddes, dem es nicht unangenehm war, in's Gespräch verflochten zu werden; »aber ich will versuchen, was ich thun kann, um herauszubringen, wer er ist, und warum er in dieser Gegend sich befindet. Aber sind wir nicht zu sehr beobachtet in diesem offenen Zimmer?« »Richtig,« sagte Nanty, und auf seinen Befehl wies die Aufwärterin den Sprechenden ein Seitenzimmer, Peter aber folgte ihnen, in der instinktartigen Hoffnung, daß er bei ihnen noch etwas zu trinken bekommen würde. Kaum hatten sie sich niedergesetzt, als sie in dem eben verlassenen Zimmer eine Geige hörten. »Da muß ich wieder hin,« sagte Peter wieder aufstehend, »dort hör' ich eine Geige, und wo Musik ist, gibt es etwas zu essen oder zu trinken.« »Ich will gleich etwas hieher bringen lassen,« sagte der Quäker; »aber indessen, habt Ihr irgend einen Anstand, uns Euern Namen zu sagen?« »Durchaus keinen, wenn Ihr ihn braucht, um mich beim Zutrinken mit dem Vor- und Zunamen zu nennen; denn sonst möchte ich lieber Euern Fragen ausweichen.« »Freund! es ist nicht deiner Gesundheit wegen,« sagte der Quäker; »denn du hast schon genug getrunken; indessen, hier, Mädchen, bring mir ein Gill Sherry.« »Sherry ist ein leichtes Getränk, und ein Gill nur ein kleines Maaß für zwei Leute, die auf ihre neue Bekanntschaft trinken wollen. – Aber laßt uns doch Euern filzigen Gill Sherry versuchen,« sagte der arme Peter, und streckte seine ungeheure Hand aus, um das winzige zinnerne Gefäß zu ergreifen, welches nach der Sitte der Zeit den edlen Trank frisch vom Fasse weg enthielt. »Halt, Freund,« sagte Josua, »du hast uns ja deinen Vor- und Zunamen noch nicht gesagt.« »Verdammter Schlaukopf, der Quäker,« sagte Nanty bei Seite, »läßt ihn den Trank zahlen, ehe er ihn ihm gibt. Ich wäre so dumm gewesen, ihn trinken zu lassen, ehe ich ihm die Frage vorlegte.« »Mein Name ist Peter Peebles,« sagte er ziemlich verdrießlich, als wolle er andeuten, daß ihm der Trank zu sparsam zugemessen worden sei, »und was habt ihr nun dazu zu sagen?« »Peter Peebles?« wiederholte Ewart, und schien über Einiges nachzudenken, das dieser Name in seinem Gedächtniß geweckt hatte während der Quäker seine Fragen fortsetzte. »Aber ich bitte dich, Peter Peebles, was bist du denn sonst noch? Du weißt, in unserem Lande bezeichnet man die Menschen durch ihr Gewerbe, wie Sailer, Fischer, Weber u. s. w., einige durch ihre Titel als Landbesitzer, was freilich nach Eitelkeit schmeckt. Nun, wie kann man dich denn von andern deines Namens unterscheiden?« »Als Peter Peebles, der arme Peter Peebles mit dem großen Prozeß gegen Plainstanes, et per contra, – bin ich auch sonst über nichts Herr, so bin ich doch dominus litis .« »Eine arme Herrlichkeit, denke ich,« sagte Josua. »Ei, Mr. Peebles,« sagte Nanty, indem er die Unterredung plötzlich abbrach, »waret Ihr nicht einmal Bürger in Edinburg?« » War ich ein Bürger? ich bin es noch,« sagte Peter unwillig, »ich habe nichts begangen, wodurch ich mein Recht verwirkt hätte, ich denke, einmal Richter, und immer Mylord.« »Gut, Herr Bürger, sagt mir ferner, habt Ihr einiges Eigenthum in der guten Stadt?« fuhr Ewart fort. »Das habe ich, – nämlich vor meinem Unglück gehabt; ich hatte zwei oder drei kleine Häuser in einer kleinen Gasse, außer einem Laden und der Wohnung darüber. Aber Plainstanes hat mich jetzt auf die Straße gesetzt, ich will indessen schon wieder aufkommen.« »Habt Ihr nicht einmal ein Etablissement in der Covenanter Straße gehabt?« fragte Nanty wiederum. »Ihr habt's getroffen, wenn Ihr gleich nicht wie ein Covenanter ausseht,« sagte Peter, – »wir wollen auf sein Andenken trinken! (das Herz ist auf den Lippen, wenn man auch nur so ein stümpiges Gläschen ausgeleert hat!) Es brachte von dem obersten Boden bis zur Hausflur ungefähr vierzehn Pfund jährlich, außer dem hübschen Keller, der an Lückie Littleworth vermiethet war.« »Erinnert Ihr Euch nicht, daß Ihr eine alte Dame in der Miethe hattet, Mrs. Cantrips von Kittlebasket?« fragte Nanty, mit Mühe seine Bewegung unterdrückend. »Erinnern! Wahrlich ich habe Ursache, mich dessen zu erinnern,« sagte Peter, »sie machte ja Bankerott bei mir, der alte Besen, und nach Allem, was das Gesetz thun konnte, um mich bezahlt zu machen, indem man ihre Sachen im Aufstreich verkaufte, – u. s. w. wie das Gesetz will, so rannte sie weg in's Arbeitshaus, und blieb mir zwanzig Pfund schottisch schuldig; es ist doch eine große Schande und Ungerechtigkeit, daß das Arbeitshaus Bankerottirer aufnimmt, die ihre ehrlichen Gläubiger nicht bezahlen können.« »Mich dünkt, Freund,« sagte der Quäker, »deine eigenen Lumpen sollten dich Mitglied mit der Nacktheit Anderer lehren.« »Lumpen,« erwiderte Peter, der Josua's Worte in wörtlichem Sinne nahm; »zieht denn ein weiser Mann auf der Reise seine besten Kleider an, wann er mit Quäkern zusammenkommt, und solch' anderem Vieh, das einem auf dem Wege aufstößt.« »Die alte Dame starb , wie ich hörte,« sagte Nanty, indem er eine Mäßigung erkünstelte, die der leidenschaftliche Ton seiner Stimme Lügen strafte. »Sie mag leben oder todt sein, was kümmert's mich?« antwortete Peter, der Grausame; »weßhalb soll solches Volk leben, das nicht leben kann, wie das Gesetz will, und seine rechtmäßigen Gläubiger nicht zahlt?« »Und Ihr, die Ihr nun auf die nämliche Weise zu Boden getreten seid, bedauert Ihr nicht, was Ihr gethan habt? Reut es Euch nicht, den Tod der armen Wittwe verursacht zu haben?« »Warum sollt' ich's bereuen?« sagte Peter; »das Gesetz war auf meiner Seite, – ein Dekret des Gerichts verordnete die Beschlagnahme der Sachen. – Alles war in der Ordnung, ich mußte die alte Schachtel durch zwei Gerichtshöfe treiben; sie kostete mich mehr, als ihre Ohren werth waren.« »Nun, beim Himmel,« sagte Nanty; »wäret ihr im Stande, Euch mit mir zu schlagen, ich gäbe tausend Guineen darum, wenn ich sie hätte! Hättet Ihr gesagt, es thue Euch leid, so hättet Ihr es mit Gott und Eurem Gewissen ausmachen mögen, aber anzuhören, wie Ihr mit Eurer Schändlichkeit prahlt. – Haltet Ihr es denn für nichts, eine alte Dame in Hunger und Kummer, und eine junge zur Schande gebracht, den Tod der einen, das Elend der andern verursacht, und einen Mann in Verbannung und Verzweiflung getrieben zu haben? Bei meinem Schöpfer, kaum enthalte ich mich, Hand an Euch zu legen!« »An mich? – ich trotze Euch!« sagte Peter. »Ich nehme diesen ehrlichen Mann zum Zeugen, daß ich, wenn Ihr nur den Saum meines Kleides anrührt, eine Klage gegen Euch einreichen werde, wegen Beschimpfung, Gewalt, Unterdrückung, Angriff und Schlagen. Nun das ist auch der Rede werth, wenn ein altes Weib zum Grabe geht, eine junge Dirne in die Winkel und auf die Landstraße, und ein Taugenichts über's Meer statt an den Galgen!« »Nun, bei meiner Seele!« sagte Nanty; »das ist zu viel! und da Ihr auf eine andere Weise nicht fühlen könnt, so will ich versuchen, ob ich einige Menschlichkeit in Euern Kopf und Schultern hineinschlagen kann.« Mit diesen Worten zog er seinen Hirschfänger, und obgleich Josua, der vergebens die Unterredung, deren gewaltsamen Ausgang er vorhersah, zu unterbrechen gesucht hatte, sich jetzt zwischen Nanty und den alten Prozeßkrämer warf, so konnte er doch nicht verhindern, daß nicht der Letztere zwei oder drei derbe Schläge mit der flachen Klinge über die Schultern bekam. Der arme Peter Peebles, so keck er den Streit herbeigeführt hatte, so unrühmlich benahm er sich, als es auf's Aeußerste gekommen war; er schrie laut auf, rannte umher, und stürzte zu der Thüre des Zimmers und selbst zum Hause hinaus, verfolgt von Nanty, dessen Hitze sich immer vermehrte, je mehr er sich derselben überließ, so wie von Josua, der noch immer auf jede Gefahr den Mittler machen wollte, Nanty zurief, des Alters und der elenden Umstände des Beleidigers zu gedenken, so wie dem armen Peter, er solle halten, und sich unter seinen Schutz stellen. Vor dem Hause aber fand Peter Peebles einen wirksameren Beschützer, als den würdigen Quäker. Einundzwanzigstes Kapitel Erzählung von Allan Fairford Unsere Leser werden sich erinnern, daß Fairford durch Dick Gardener von Fairladies nach dem Gasthofe des alten Vater Crackenthorp geführt worden war, damit er hier, wie ihm der geheimnißvolle Pater Buonaventura gesagt hatte, seinem Wunsche gemäß mit Mr. Redgauntlet zusammentreffen, und wegen der Freiheit seines Freundes Darsie mit ihm sprechen könne. Sein Führer hatte ihn auf besondere Anweisung des Mr. Ambrosius durch eine Hinterthüre in den Gasthof geführt, und dem Wirthe aufgetragen, ihm ein besonderes Zimmer einzuräumen, und ihn mit aller Höflichkeit zu behandeln, doch aber ein Auge auf ihn zu haben, und sich sogar seiner Person zu versichern, wenn er irgend Verdacht haben sollte, er sei ein Spion. Er war indessen keinem eigentlichen Zwange unterworfen, sondern wurde in ein Zimmer geführt, wo er auf die Ankunft des Edelmanns, mit dem er eine Zusammenkunft wünschte, warten solle; dieser würde, wie Crackenthorp ihn mit einem bedeutenden Winke versicherte, gewiß im Laufe einer Stunde eintreffen. Unterdessen empfahl er ihm, mit einem andern bedeutenden Wink, sein Zimmer zu hüten, »weil Leute im Hause seien, die sich gern um Anderer Angelegenheiten bekümmerten.« Allan Fairford befolgte die Anweisung, so lange er es für gut fand; als er aber unter mehreren Reitern, die sich dem Hause näherten, Redgauntlet erblickte, den er unter dem Namen Mr. Herries von Birrenswork gesehen hatte, und der sich durch seine hohe, kraftvolle Gestalt leicht von den andern unterscheiden ließ, hielt er es für angemessen, sich hinunter vor das Haus zu begeben, in der Hoffnung, seinen Freund Darsie unter der Truppe zu entdecken, wenn er sie näher betrachtete. Der Leser erinnert sich, daß er dadurch Darsie's Fall von seinem Quersattel herab verhinderte, ob er gleich wegen der Verkleidung und Maske seinen Freund nicht erkannte. Man wird sich ebenfalls erinnern, daß, während Nixon Miß Redgauntlet und ihren Bruder eilig in's Haus hineinbrachte, ihr Oheim etwas aufgebracht über die unvermuthete und unbequeme Unterbrechung mit Fairford im Gespräch blieb, der ihn schon abwechselnd mit dem Namen Herries und Redgauntlet angeredet hatte, von denen er keinen, so wenig als die Bekanntschaft mit dem jungen Rechtsgelehrten, in diesem Augenblick anzuerkennen Willens schien, obgleich eine angenommene stolze Gleichgültigkeit einen Verdruß und seine Verlegenheit nicht verbergen konnte. »Wenn wir durchaus mit einander bekannt werden sollen, Sir,« sagte er endlich, »wovon ich die Nothwendigkeit gar nicht einsehe, besonders da ich jetzt ganz vorzüglich gesonnen bin, unbekannt zu bleiben, so muß ich Euch bitten, mir schnell zu sagen, was Ihr zu sagen habt, und mir zu erlauben, wichtigeren Dingen mich zu widmen.« »Meine Angelegenheit,« sagte Fairford, »ist in diesem Brief enthalten (hier überlieferte er den von Maxwell); ich bin überzeugt, daß, unter welchem Namen es Euch auch jetzt gefallen mag, aufzutreten, in Eure Hände, und in Eure allein dieser Brief überliefert werden soll.« Redgauntlet wandte den Brief in der Hand hin und her, las ihn, blickte dann wieder auf den Brief, und bemerkte finster: »das Siegel ist erbrochen, war das schon geschehen, als der Brief Euch übergeben wurde?« Fairford verabscheute jede Falschheit so sehr, als irgend Jemand, – außer vielleicht, wie Tom Turnpennny gesagt haben würde »im Geschäftswege.« Er antwortete daher schnell und fest: »das Siegel war ganz, als mir der Brief von Mr. Maxwell von Summertrees überliefert wurde.« »Und wagtet Ihr es, Sir, einen Brief aufzubrechen, der an mich gerichtet war?« fragte Redgauntlet, »vielleicht erfreut, einen Streit beginnen zu können, der mit dem Inhalt des Briefs in keiner Verbindung stand.« »Ich habe nie das Siegel eines Briefs erbrochen, der mir anvertraut worden war,« sagte Allan; »nicht aus Furcht vor denen, an die der Brief gerichtet war, sondern aus Achtung gegen mich selbst.« »Gut gesagt, mein junger Herr Advokat,« erwiderte Redgauntlet, »und doch zweifle ich, ob Eure Delikatesse Euch verhinderte, meinen Brief zu lesen, oder den Inhalt anzuhören, nachdem ihn eine andere Person geöffnet hatte.« »Allerdings hörte ich den Inhalt vorlesen,« sagte Fairford, »und er hat mich nicht wenig in Erstaunen gesetzt.« »Nun dann,« sagte Redgauntlet, »das halte ich in foro conscientiae für eben so viel, als ob Ihr das Siegel selbst erbrochen hättet. Ich halte mich für entschuldigt, wenn ich mit einem so treulosen Boten nicht weiter verkehre, und Ihr habt es Euch selbst zuzuschreiben, wenn Eure Reise erfolglos geblieben ist.« »Haltet an, Sir,« erwiderte Fairford, »und vernehmet, daß ich ohne, ja gegen meinen Willen mit dem Inhalt des Briefs bekannt geworden bin; denn Mr. Buonaventura ...« » Wer? « fragte Redgauntlet in einem wilden und beunruhigten Tone. » Wen habt Ihr genannt?« »Pater Buonaventura,« sagte Allan, – »ein katholischer Priester, wie ich befürchte, den ich bei den Miß Arthurets zu Fairladies sah.« »Miß Arthurets! – Fairladies! – ein katholischer Priester? – Pater Buonaventura, sagte Redgauntlet, indem er die Worte Allans mit Erstaunen wiederholte. »Ist es möglich, daß menschliche Unbesonnenheit einen solchen Grad von Thorheit erreichen kann? – Sagt mir die Wahrheit, ich beschwöre Euch, Sir! – Ich habe das größte Interesse daran, zu wissen, ob dieß mehr ist, als ein leeres Geschwätz, blos vom Hörensagen in der Gegend umher zusammengestoppelt. Ihr seid ein Rechtsgelehrter, und kennt die Gefahr, die ein katholischer Priester läuft, den seine Pflicht an diese blutigen Ufer führt.« »Ja wohl bin ich ein Rechtsgelehrter,« sagte Fairford, »aber eben diese achtungswerthe Beschäftigung bürgt dafür, daß ich weder ein Aufpasser, noch ein Spion bin. Hier ist ein hinreichender Beweis, daß ich den Pater Buonaventura gesehen habe.« Er übergab Redgauntlet Buonaventura's Brief, und beobachtete ihn während des Lesens genau. »Tolle Bethörung!« murmelte er für sich mit Blicken, in denen sich Kummer, Aengstlichkeit und Mißfallen ausdrückten. »Bewahre mich der Himmel vor der Unbesonnenheit meiner Freunde,« sagte der Spanier, »gegen meine Feinde kann ich mich selbst schützen.« Er las sodann den Brief aufmerksam, und blieb zwei oder drei Minuten lang in Gedanken verloren, indeß irgend ein wichtiger Plan aufzudämmern und auf seinem Gesichte sich zu lagern schien. Er hob den Finger gegen seinen Trabanten, Christal Nixon, der sein Signal durch einen raschen Wink erwiderte, und sich dann mit einigen aus dem Gefolge Fairford so sehr näherte, daß dieser fürchtete, sie würden Hand an ihn legen. In diesem Augenblick hörte man einen Lärm aus dem Innern des Hauses, und plötzlich stürzte Peter Peebles heraus, verfolgt von Nanty Ewart mit gezogenem Hirschfänger, und dem würdigen Quäker, der mit eigener Gefahr fremdes Unheil zu verhüten suchte. Eine sonderbarere und zugleich komischere Gestalt kann man sich nicht denken, als die des Peter Peebles, der so schnell, als seine ungeheuren Stiefel es zuließen, daherstolperte, und völlig einer wandelnden Vogelscheuche glich, während die dünne abgemagerte Figur Nanty Ewarts, mit der Todtenblässe auf seinen Wangen, und dem Feuer der Rache in seinen Augen einen schauderhaften Contrast mit dem lächerlichen Gegenstand seiner Verfolgung bildete. Redgauntlet warf sich zwischen sie. »Was ist denn das für eine Tollheit?« sagte er. »Steckt Euern Hirschfänger ein, Kapitän! Ist jetzt die Zeit, sich zu betrinken, und Händel anzufangen, oder ist so ein erbärmlicher Kerl ein passender Gegner für einen Mann von Muth?« »Ich bitte um Verzeihung,« sagte der Kapitän, seine Waffe einsteckend; – »ich bin wohl ein wenig zu weit gegangen, – aber um die Veranlassung zu verstehen, müßte man in meinem Herzen lesen können, und dieß wage ich kaum selbst zu thun. Aber der Elende ist sicher vor mir, der Himmel hat sich an uns Beiden gerächt.« – Während er so sprach, begann Peter Peebles, der aus Furcht anfangs hinter Redgauntlet gekrochen war, seine Geister wieder zu sammeln. Er zupfte seinen Beschützer am Aermel. »Mr. Herries, Mr. Herries,« flüsterte er hastig, »Ihr habt mir einen großen Dienst geleistet, und wenn Ihr mir in meiner Bedrängniß noch einen andern leisten wollt, so will ich das Fäßchen Branntwein vergessen, das Ihr und Kapitän Sir Henry Redgauntlet damals ausgetrunken habt. Ihr sollt eine Quittung dafür und noch eine große Belohnung haben, und wenn ich Euch auch auf dem Kreuzplatz in Edinburg herumgehen, oder vor dem hohen Gerichtshof stehen sähe, so sollten nicht einmal die Daumschrauben mir in's Gedächtniß zurückbringen, daß ich Euch an jenem Tage die Waffen tragen sah.« Er begleitete dieß Versprechen mit einem so starken Zupfen an Redgauntlets Rock, daß dieser sich endlich umdrehte: »Dummkopf, sag' auf einmal, was du willst.« »Gut, gut! auf einmal denn,« sagte Peter Peebles; »ich habe einen Verhaftsbefehl gegen diesen Mann hier, Allan Fairford mit Namen und seines Gewerbs ein Advokat; ich kaufte ihn von Mr. Nikolas Faggot, dem Schreiber des Herrn Friedensrichter Foxley, um die Guinee, die Ihr mir gegeben habt.« »Ha!« sagte Redgauntlet, »hast du wirklich einen solchen Verhaftsbefehl? laß mich ihn sehen. – Sieh genau nach, daß Niemand entkommt, Christal Nixon.« Peter brachte eine große, schmierige, lederne Brieftasche hervor, zu schmutzig, um die ursprüngliche Farbe noch zu entdecken, und angefüllt mit allerlei Bemerkungen, Erinnerungsblättern und der Himmel weiß, was sonst noch. Aus dieser kostbaren Masse brachte er ein Papier heraus, übergab es Redgauntlet oder Herries, wie er ihn fortwährend nannte, und sagte dabei: »es ist ein förmlicher und gültiger Verhaftsbefehl, ausgestellt auf meine eidliche Versicherung, daß der genannte Allan Fairford in meinem Dienste gesetzlich beschäftigt war, aber davon gegangen, und über die Gränze geflohen ist, und nun da und dort herumschweift, um seiner gegen mich übernommenen Pflicht zu entgehen; daher wird den Konstabeln und Andern aufgetragen, nachzusuchen, und ihn zu ergreifen, damit er vor den ehrenwerthen Friedensrichter Foxley zur Untersuchung, und, wenn es nöthig ist, zur Verhaftung gebracht werde. Ob nun gleich dieß Alles ganz ordentlich hier niedergeschrieben ist, wie ich Euch sage, so weiß ich doch nicht, wo ich einen Beamten finden soll, um diesen Verhaftsbefehl auszuführen in einem Lande, wie dieß, wo Degen und Pistolen beim ersten Wort in Bewegung kommen, und das Volk sich um den Frieden König Georgs so wenig kümmert, als um den des alten Königs Coul? Da ist der betrunkene Seemann und der nasse Quäker, die haben mich diesen Morgen in das Gasthaus gelockt, und da ich ihnen nicht so viel Branntwein geben wollte, bis sie völlig betrunken worden wären, fielen sie über mich her, und waren daran, mich sehr übel zu behandeln.« Während Peter so fort schwatzte, überlas Redgauntlet den Verhaftsbefehl, und sah sogleich, daß dieß nichts, als ein Streich von Nikolas Faggot sei, um dem armen tollen Burschen seine einzige Guinee aus der Tasche zu spielen. Aber der Friedensrichter hatte in der That unterschrieben, wie er alles unterschrieb, was ihm sein Schreiber vorlegte, und Redgauntlet entschloß sich, zu seinem eigenen Zwecke davon Gebrauch zu machen. Er ging daher, ohne dem Peter Peebles eine bestimmte Antwort zu geben, feierlich auf Fairford zu, der ruhig das Ende einer Scene erwartete, in welcher zu seinem nicht geringen Erstaunen sein Client, Mr. Peebles, eine thätige Rolle gespielt hatte. »Mr. Fairford,« sagte Redgauntlet, »es sind viele Gründe vorhanden, die mich bewegen könnten, dem Verlangen oder vielmehr dem Befehle des trefflichen Pater Buonaventura Genüge zu leisten, daß ich mit Euch mich über die jetzige Lage meines Mündels, den Ihr unter dem Namen Darsie Latimer kennt, besprechen solle; aber Niemand weiß besser, als Ihr, daß man den Gesetzen gehorchen muß, auch wenn sich unsere Gefühle dagegen sträuben; dieser arme Mann nun hat einen Verhaftsbefehl erhalten, um Euch vor einen Friedensrichter zu stellen, und ich fürchte, Ihr müßt der Nothwendigkeit nachgeben, wenn auch zum Nachtheil des Geschäfts, das Ihr mit mir haben mögt.« »Ein Verhaftsbefehl gegen mich!« sagte Allan unwillig; – »und auf Veranlassung dieses elenden Menschen hier? Dieß ist ein bloßer Kniff, ein purer, handgreiflicher Kniff.« »Das kann sein,« erwiderte Redgauntlet mit großem Gleichmuth; »zweifelsohne wißt Ihr das am besten. Aber der Befehl scheint regelmäßig ausgestellt, und bei der Achtung gegen die Gesetze, welche ein herrschender Zug in meinem Leben gewesen ist, kann ich nicht umhin, meine geringe Hülfe zur Vollziehung eines gesetzlichen Verhaftsbefehls zu leihen. Seht selbst hin, und überzeugt Euch, daß es kein Kniff von mir ist.« Fairford überlief schnell die eidliche Aussage und den Verhaftsbefehl, und rief noch einmal aus, »das sei ein unverschämter Betrug, und er wolle gegen die, welche auf einen solchen Verhaftsbefehl hin handelten, auf höchsten Schadenersatz klagen. Ich errathe Eure Beweggründe, Mr. Redgauntlet,« sagte er, »weßhalb Ihr ein so lächerliches Verfahren billigt. Aber seid versichert, daß in diesem Lande eine Handlung ungesetzlicher Gewalt durch eine zweite nicht entschuldigt oder gut gemacht wird. Als ein Mann von Verstand und Ehre könnt Ihr unmöglich behaupten, daß dieß ein gesetzlicher Verhaftsbefehl sei.« »Ich bin kein Rechtsgelehrter, Sir,« sagte Redgauntlet, »und maße mir nicht an zu wissen, was Gesetz ist, und was nicht, – dieser Befehl ist nach der Form richtig, und das ist genug für mich.« »Hat jemals irgend ein Mensch gehört,« sagte Fairford, »daß ein Advokat zu seinen Geschäften zurückzukehren gezwungen wurde, wie ein Arbeiter in Kohlen- oder Salzwerken, der seinem Meister entlaufen ist?« »Ich sehe keinen Grund, warum nicht,« sagte Redgauntlet trocken; »es müßte denn sein, daß die Dienste der Advokaten weit kostbarer, und doch nicht so nützlich sind, als jene.« »Das könnt Ihr nicht im Ernste meinen,« sagte Fairford, »Ihr könnt nicht die Absicht haben, eine so armselige Erfindung zu benutzen, um das von Eurem Freunde und Eurem geistlichen Vater verpfändete Wort zu umgehen. Ich mag ein Thor gewesen sein, so leichtsinnig zu trauen, aber bedenkt, was müßt Ihr sein, wenn Ihr mein Zutrauen auf solche Art mißbrauchen könntet. Ich bitte Euch, zu bemerken, daß ich mich dann aller Versprechungen entledigt glaube, dasjenige geheim zu halten, was ich nur für sehr gefährliche Umtriebe erklären kann, und daß – – –« »Hört, Mr. Fairford,« sagte Redgauntlet; »Ich muß Euch hier um Eurer selbst willen unterbrechen. Ein Wort des Verraths von dem, was Ihr gesehen oder vermuthet haben möcht und Eure Gefangenschaft hat entweder ein sehr fernes oder ein sehr nahes Ende, in beiden Fällen aber ein sehr unerwünschtes. Jetzt seid Ihr sicher, in wenig Tagen frei zu werden, vielleicht noch viel früher.« »Und mein Freund,« sagte Allan Fairford, »um dessentwillen ich mich in diese Gefahr begab, was ist aus ihm geworden? Finsterer, gefährlicher Mann,« rief er aus, und erhob seine Stimme, »ich lasse mich nicht wieder durch trügerische Versprechungen kirren, – – –« »Ich gebe Euch mein Ehrenwort, Euer Freund befindet sich wohl,« unterbrach ihn Redgauntlet, »vielleicht erlaube ich Euch, ihn zu sehen, wenn Ihr Euch nur ruhig einem Schicksal unterwerfen wollt, welches unvermeidlich ist.« Aber Allan Fairford, welcher bedachte, daß sein Vertrauen zuerst von Mr. Maxwell, dann von dem Priester getäuscht worden sei, erhob seine Stimme und rief alle Unterthanen des Königs, die ihn hören konnten, an, ihn gegen angedrohte Gewalt zu schützen. Augenblicklich wurde er von Nicon und zwei Nebenstehenden ergriffen, die ihn bei den Armen hielten, und sich bemühten, ihm den Mund zuzuhalten, und eiligst hinweg zu führen. Der ehrliche Quäker, der bisher Redgauntlet nicht zu Gesicht gekommen war, trat nun kühn vor, und sagte: »Freund, du thust mehr, als du verantworten kannst; du kennst mich wohl, und weißt, daß du in mir einen Nachbar tief beleidigt hast, der in Ehrbarkeit und Einfalt des Herzens in deiner Nähe wohnte.« »Schweig, Jonathan,« sagte Redgauntlet, »und rede nicht zu mir, denn weder die List eines jungen Advokaten, noch die Einfalt eines alten Heuchlers werden mich von meinem Vorsatz abbringen.« »Meiner Treu,« sagte der Kapitän, der nun seinerseits vorwärts kam; »das ist nicht löblich, General, und ich zweifle, ob es der Wille meiner Schiffsherren ist, an einem solchen Verfahren Theil zu nehmen. – Nun, spielt nicht so mit Eurem Schwertgriff, sondern heraus damit, wie ein Mann, wenn Ihr einen Gang machen wollt.« Er zog den Hirschfänger und fuhr fort: »Ich will weder meinen Kameraden Fairford, noch den alten Quäker beleidigt sehen: Zum Teufel mit allen Verhaftbefehlen, falsch oder wahr, zum Henker mit den Friedensrichtern, und nieder mit allen Konstabeln! hier steht der kleine Nanty Ewart, um zu vertreten, was er gesagt hat, trotz allen Adeligen und Bürgerlichen, und trotz allen Hufeisen in der Welt.« Der Ruf »zum Teufel mit allen Verhaftsbefehlen!« war bei der Wirthshaus-Militz sehr beliebt, und Nanty Ewart nicht weniger. Fischer, Hausknechte, Seeleute, Schmuggler, Alles begann sich herumzudrängen. Crackenthorp bemühte sich vergebens, den Mittler zu machen. Die Begleiter Redgauntlets begannen ihre Gewehre zu spannen, ihr Herr aber winkte sie zur Ruhe, zog rasch wie der Blitz sein Schwert, stürzte auf Ewart mitten in seiner Rede ein, und schlug ihm den Hirschfänger mit solcher Gewalt aus der Hand, daß er drei Schritte weit wegflog. In demselben Augenblick stieß er ihn mit Heftigkeit zu Boden, schwang das Schwert über seinem Haupte, zum Zeichen, daß er gänzlich in seiner Hand sei. »Nun, Ihr Trunkenbold, Ihr Vagabund,« sagte er; »ich schenke Euch das Leben, – Ihr seid kein schlechter Kerl, wenn Ihr es nur lassen könntet, unter Euern Freunden Händel anzufangen. – Aber wir kennen Alle Nanty Ewart,« sagte er zu der umherstehenden Menge mit einem verzeihenden Lächeln, welches vereint mit dem Schrecken über seine Kühnheit die wankende Unterwürfigkeit schnell wieder befestigte. Sie riefen laut: »es lebe der Laird!« während der arme Nanty sich von der Erde erhob, wohin er so unsanft gestoßen worden war, seinen Hirschfänger suchte, ihn aufhob, abwischte; und während er ihn in die Scheide steckte, zwischen den Zähnen murmelte: »es ist wahr, was sie von ihm sagen, und der Teufel läßt seinen Freund nicht, bis seine Stunde kommt; ich trete ihm nie wieder in den Weg.« Mit diesen Worten drängte er sich durch den Haufen, entmuthigt und gebeugt durch seine Niederlage. »Was Euch betrifft, Josua Geddes,« sagte Redgauntlet, indem er sich dem Quäker näherte, der mit aufgehobenen Händen und Augen die Scene der Gewalt mit angesehen hatte; »ich nehme mir die Freiheit, dich in Verhaft zu nehmen wegen Friedensbruch, der mit deinen angeblichen Grundsätzen gar nicht übereinstimmt, und ich glaube, es wird dir vor dem Gerichtshof und vor der Gesellschaft der Freunde, wie sie sich nennen, schlecht gehen, denn sie werden es nicht gut aufnehmen, den ruhigen Ton ihres heuchlerischen Wesens durch ein so gewaltthätiges Verfahren gekränkt zu sehen.« »Ich gewaltthätig!« sagte Josua; » ich etwas thun, das mit den Grundsätzen der Freunde nicht übereinstimmt! Ich beschwöre dich, und fordere dich auf, als einen Christen, nicht meine Seele mit solchen Beschuldigungen zu belästigen; es ist schon traurig genug für mich, solche Gewaltthätigkeiten gesehen zu haben, die ich nicht hindern konnte.« »O Josua, Josua!« sagte Redgauntlet mit einem sardonischen Lächeln; »du Licht der Gläubigen in der Stadt Dumfries und der Gegend umher, willst du so von der Wahrheit abfallen. – Hast du nicht vor uns Allen versucht, einen Menschen den Wirkungen eines gesetzlichen Verhaftbefehls zu entziehen? Hast du nicht diesen trunkenen Burschen ermuthigt, sein Gewehr zu ziehen, und hast du nicht selbst deinen Stock geschwungen in der Sache? Denkst du, daß die Eide des beleidigten Peter Peebles und des gewissenhaften Christal Nixon neben denen der Herren da, die diese sonderbare Scene mit ansahen, die nicht nur einen Eid schwören, wie sie ein Kleid anziehen, sondern denen Eide in Zollangelegenheiten das rechte Essen und Trinken sind, – glaubst du nicht, daß die Eide dieser Leute hier mehr in der Sache thun werden, als dein Ja und Nein?« »Ich schwöre auf Alles,« sagte Peter; »Alles ist recht, wenn es zu einem Eid ad litem kommt.« »Ihr thut mir sehr Unrecht,« sagte der Quäker, unerschüttert von dem allgemeinen Gelächter; »ich habe nicht aufgemuntert, die Waffen zu ergreifen, ob ich gleich einen ungerechten Mann durch Gründe zu bewegen suchte; ich habe keinen Stock geschwungen, obgleich es sein kann, daß der alte Adam in mir kämpfte und bewirkte, daß meine Hand meinen eichenen Stab fester als gewöhnlich ergriff, als ich die Unschuld von der Gewalt zu Boden geworfen sah. – Doch, was spreche ich von Wahrheit und Recht zu dir, der du von Jugend auf ein Mann der Gemalt warest? Laß mich lieber zu dir die Sprache sprechen, die du begreifen kannst. Uebergib diesen jungen Mann mir,« sagte er, als er Redgauntlet ein wenig aus der Menge hinweggeführt hatte, »und ich will dich nicht nur befreien von der schweren Verbindlichkeit zum Schadenersatz, die du durch deinen Angriff auf mein Eigenthum auf dich geladen hast, sondern ich will dir auch noch einiges Lösegeld für ihn und mich selbst geben. Was könnte es dir nützen, dem Jüngling noch durch längere Gefangenschaft Uebel zu thun?« »Mr. Geddes,« sagte Redgauntlet in einem weit achtungsvolleren Tone, als er bis jetzt gegen den Quäker angenommen hatte; »Eure Sprache ist uneigennützig, und ich achte die Treue Eurer Freundschaft. Vielleicht haben wir Beide uns mißverstanden über unsere Grundsätze und Beweggründe; wenn aber auch, so haben wir jetzt nicht Zeit zur Erklärung. Seid nur ruhig, ich hoffe Euern Freund Darsie Latimer zu einer Ehrenstufe emporzuheben, worauf Ihr ihn mit Vergnügen sehen sollt, – nein, versucht es nicht, mir zu antworten. Der andere junge Mann wird nur auf wenige Tage Zwang leiden, vermuthlich nur wenige Stunden, es ist nicht mehr als billig, denn warum hat er sich in Sachen gemischt, die ihn nicht angingen. Mr. Geddes, seid so klug, setzt Euch zu Pferde, und verlaßt einen Ort, der je länger, je weniger zum Aufenthaltsorte für einen Mann des Feindes paßt. Ihr könnt den Ausgang ruhig zu Mount Sharon abwarten.« »Freund,« erwiderte Josua, »ich kann mir deinen Rath nicht gefallen lassen; ich will hier bleiben, auch als dein Gefangener, wie du eben gedroht hast, ehe ich den Jüngling, der durch mich und meine Unfälle so viel gelitten hat, in einer noch zweifelhaften Lage verlasse, darum will ich mein Pferd Salomon nicht besteigen, noch will ich mein Haupt wenden nach Mount Sharon, bis ich das Ende dieser Sache erblicke.« »Ein Gefangener müßt Ihr dann sein,« sagte Redgauntlet; »Ich habe keine Zeit, die Sache weiter mit Euch zu besprechen; aber sagt mir, warum heftet Ihr Eure Augen so aufmerksam auf meine Leute dort drüben?« »Die Wahrheit zu sagen,« antwortete der Quäker, »ich wundere mich, unter ihnen einen kleinen Taugenichts, Namens Benjie, zu entdecken, dem, glaube ich, der Satan die Gewalt gegeben hat, sich überall hin zu verfügen, wo es ein Unheil geben soll, so daß man in Wahrheit von ihm sagen kann: es geschieht nichts Schlimmes im Lande, wo er nicht den Finger, wenn nicht die ganze Hand darin hat.« Der Bube, welcher sah, daß ihre Augen beim Gespräche auf ihn gerichtet waren, schien in Verlegenheit und beinahe begierig, sich davon zu machen, aber auf ein Zeichen von Redgauntlet näherte er sich, indem er den schaafsmäßigen Blick und die bäurischen Sitten annahm, worunter der kleine Schurke seine Pfiffigkeit und Spitzbüberei verbarg. »Wie lange bist du denn bei den Leuten hier, Bursche?« fragte Redgauntlet. »Seit der Geschichte mit den Stecknetzen!« sagte Benjie, den Finger im Munde haltend. »Und warum bist du uns gefolgt?« »Ich wagte nicht daheim zu bleiben, wegen der Constablen,« erwiderte der Bube. »Und was hast du denn während der Zeit gethan?« »Gethan, Sir? – ich weiß nicht, was Ihr unter »Thun« versteht; ich habe nichts gethan,« sagte Benjie; da er aber in Redgauntlets Augen etwas sah, womit sich nicht spaßen ließ, so setzte er hinzu: »nichts, als daß ich dem Mr. Christal Nixon aufwartete.« »Hum! wirklich?« murmelte Redgauntlet. – »Muß Mr. Nixon sein eigenes Gefolge in's Feld führen? – das muß ich doch sehen.« Er war eben im Begriff, seine Untersuchung fortzusetzen, als Nixon selbst mit dem Ausdruck ängstlicher Eile kam – »der Pater ist gekommen,« sagte er leise, »und die Herren sind beisammen in dem größten Zimmer des Hauses und wünschen Euch zu sehen. Drüben ist auch Euer Neffe und macht einen Lärm, wie ein Mensch im Tollhause.« »Ich will gleich nach Allem sehen,« sagte Redgauntlet; »hat der Pater die Wohnung erhalten, wie ich befahl?« Christal nickte bejahend. »Nun dann, zum endlichen Versuche,« sagte Redgauntlet; er faltete seine Hände, blickte aufwärts, kreuzigte sich, und nach dieser frommen Handlung (beinahe die erste, die irgend Jemand bei ihm bemerkt hatte) befahl er Nixon, gute Wache zu halten, – »Pferde und Leute auf jeden Fall in Bereitschaft zu haben, nach genauer Verwahrung der Gefangenen zu sehen, sie aber zu gleicher Zeit gut und höflich zu behandeln.« Nach Ertheilung dieser Befehle ging er eilig in das Haus. Zweiundzwanzigstes Kapitel (Fortsetzung.) Redgauntlets erster Gang war nach dem Zimmer seines Neffen. Er entriegelte die Thüre, trat in's Zimmer, und fragte, was er wolle, daß er einen so entsetzlichen Lärm mache. »Ich will meine Freiheit,« sagte Darsie, der sich zu einer Leidenschaftlichkeit hinaufgeschraubt hatte, in welcher seines Oheims Zorn allen Schrecken für ihn verlor; »ich will meine Freiheit haben, und der Sicherheit meines geliebten Freundes, Allan Fairford, gewiß sein, dessen Stimme ich soeben gehört habe.« »Eure Freiheit sollt Ihr binnen einer halben Stunde erhalten, – Euer Freund soll gleichfalls zu gehöriger Zeit in Freiheit gesetzt werden, und Ihr selbst sollt Erlaubniß haben, den Ort seines Gewahrsams zu betreten. »Das genügt mir nicht,« sagte Darsie; »ich muß meinen Freund augenblicklich sehen; er ist hier, und um meinetwillen allein in Gefahr; ich habe heftige Ausrufungen und Schwertergeklirr gehört. Ihr werdet nichts über mich gewinnen, wenn ich mich nicht mit eigenen Augen von seiner Sicherheit überzeuge.« »Arthur, theuerster Neffe,« antwortete Redgauntlet; »mach mich nicht rasend! Dein eigenes Schicksal, das deines Hauses, das von Tausenden, das von Britannien selbst, stehen in diesem Augenblick auf der Spitze, und du bist bloß um die Sicherheit eines armen unbedeutenden Zungendreschers besorgt!« »Er hat also Unrecht erlitten von Euern Händen?« fragte Darsie stolz. »Ja, ich weiß es; aber ist dem so, so soll selbst unsere Verwandtschaft Euch nicht schützen.« »Still, du undankbarer, hartnäckiger Thor,« erwiderte Redgauntlet; »doch halt – wirst du zufrieden sein, wenn du diesen Allan Fairford, deinen werthgeschätzten Freund, gesund und wohl siehst? – wirst du zufrieden sein, sage ich, ihn vollkommen wohl zu sehen, ohne es zu versuchen, ein Wort mit ihm zu sprechen? – Nehmt meinen Arm denn,« sagte Redgauntlet, »und Ihr, Nichte Lilias, nehmt den andern; Sir Arthur, seid auf Eurer Hut, Euch ordentlich zu betragen!« Darsie mußte nachgeben, vollkommen überzeugt, daß sein Oheim ihm keine Unterredung mit einem Freunde gestatten würde, dessen Einfluß gewiß gegen seine ernstlichsten Wünsche benutzt werden würde; einigermaßen war er durch die Versicherung von Fairfords persönlicher Sicherheit zufrieden gestellt. Redgauntlet führte sie durch einige Gänge (denn das Haus war, wie oben bemerkt wurde, sehr unregelmäßig und zu verschiedenen Zeiten gebaut), bis sie an ein Zimmer kamen, wo ein Mann mit geschultertem Karabiner Wache hielt, aber sogleich den Schlüssel drehte zu ihrem Empfang. In diesem Zimmer fanden sie Allan Fairford und den Quäker, augenscheinlich in tiefem Gespräche mit einander. Sie blickten auf, als Redgauntlet und seine Begleiter eintraten. Allan nahm seinen Hut ab und machte eine tiefe Verbeugung, welche die junge Dame, die ihn erkannte, obgleich er sie wegen ihrer Maske nicht erkennen konnte, mit einiger Verwirrung erwiderte, welche wahrscheinlich an der Erinnerung an den kühnen Schritt, den sie mit ihrem Besuche bei ihm gethan hatte, entstand. Darsie wünschte zu sprechen, aber wagte es nicht. Sein Oheim allein sagte: »meine Herren, ich weiß, Ihr seid eben so bekümmert um Darsie Latimer, als er es um Euch ist. Ich bin von ihm beauftragt, Euch zu sagen, daß er sich so wohl befindet, als Ihr. Ich hoffe, Ihr werdet Euch Alle bald treffen. Indessen sollt Ihr, obgleich ich Euch nicht die Freiheit geben kann, in Eurer einstweiligen Gefangenschaft so gut behandelt werden als möglich.« Ohne die Antworten anzuhören, welche der Rechtsgelehrte und der Quäker zu geben sich beeilten, ging er weiter, winkte nur zum Abschiede mit der Hand, und entfernte sich mit der wirklichen und mit der scheinbaren Dame, die er am Arme führte, durch eine Thüre am obern Ende des Zimmers, welche eben so verschlossen und bewacht war, wie die, durch welche sie eingetreten waren. Redgauntlet führte sie nun zunächst in ein sehr kleines Zimmer, woran, durch eine Wand geschieden, ein größeres grenzte: denn sie hörten das Getrappe der schweren Stiefel, wie man sie damals trug, als ob mehrere Personen auf und ab gingen, und leise und ängstlich einander zuflüsterten. »Hier,« sagte Redgauntlet zu seinem Neffen, indem er ihn von Reitrock und Maske befreite, »hier gebe ich Euch Euch selbst zurück und hoffe, daß Ihr alle weibische Gedanken mit dieser weiblichen Kleidung ablegt. Erröthet nicht, eine Verkleidung getragen zu haben, zu der schon Könige und Helden ihre Zuflucht nehmen mußten. Nun wenn weibliche List und weibliche Feigheit ihren Weg finden in einem männlichen Busen, mag derjenige, der solche Gesinnungen hegt, sich ewig, ewig schämen, es gethan zu haben. Folgt mir, Lilias bleibt hier; ich will Euch nun bei denen einführen, die ich als Eure Genossen in dem ruhmvollsten Unternehmen zu sehen hoffe, in dem diese Hand je ein Schwert gezogen hat.« Darsie hielt an; »Oheim,« sagte er, »meine Person ist in Eurer Hand; erinnert Euch aber, daß mein Wille mein bleibt. Erinnert Euch daran, was ich schon gesagt habe, was ich jetzt wiederhole, ich will zu keinem wichtigen Entschluß mich fortdrängen lassen; nur nach vollkommener Ueberzeugung werde ich einen wichtigen Schritt thun.« »Du thörichter Knabe, kannst du denn dich überzeugen, ohne die Gründe anzuhören und zu verstehen, nach denen wir handeln?« Mit diesen Worten faßte er Darsie am Arme und führte ihn in das anstoßende Gemach, – ein großes Zimmer, welches zum Theil mit verschiedenen Handelswaaren, besonders mit Contreband, gefüllt war; unter Ballen und Fässern gingen verschiedene Herren auf und ab, deren Benehmen und Aussehen weit über der einfachen Reitkleidung schienen, die sie trugen. Eine ernste und finstere Besorglichkeit lag auf den Gesichtern, als sie sich bei Redgauntlets Eintritt aus ihren besonderen Gruppen um ihn her drängten, und ihn mit einer Formalität grüßten, welche etwas von einer bedeutungsvollen Melancholie an sich trug. Als Darsie im Kreise herumsah, glaubte er nur wenig Züge jener kühnen Hoffnung zu entdecken, welche Männer bei verzweifelten Unternehmungen zu erfüllen pflegt, und begann zu glauben, die Verschwörung würde sich in sich selbst auflösen, ohne daß er genöthigt sein würde, einem so heftigen Charakter, wie der seines Oheimes war, sich gerade entgegensetzen, und einer Gefahr preisgeben zu müssen, womit eine solche Widersetzung verbunden sein müßte. Mr. Redgauntlet indeß sah oder wollte nichts von solchen Zeichen der Niedergeschlagenheit unter seinen Genossen sehen, sondern trat ihnen mit fröhlichem Gesichte und einem warmen Willkommen entgegen: »mich freut, Euch hier zu finden, Mylord,« sagte er, sich gegen einen schlanken jungen Mann tief verbeugend. »Ich hoffe, Ihr kommt mit den Unterpfändern Eures edlen Vaters von B...., und seinem ganzen loyalen Hause. – Sir Richard, was gibt es Neues im Westen? Man hat mir gesagt, Ihr hättet 200 Mann auf den Beinen gehabt, als der unglückliche Rückzug von Derby begann. Wenn die weiße Fahne wiederum entfaltet wird, so soll sie nicht so leicht sich rückwärts wenden, weder durch die Gewalt ihrer Feinde, noch die Falschheit ihrer Freunde. – Doktor Grumball, ich beuge mich vor dem Repräsentanten von Oxford, der Mutter der Gelehrsamkeit und Loyalität. – Pengwhion, Ihr Alprabe, hat dieser gute Wind Euch nach Norden geblasen? – Ach! meine tapfern Cambro-Britten, wann ist Wallis das Letzte gewesen auf dem Pfade der Ehre?« Diese und ähnliche Komplimente theilte er rings umher aus, die meist nur mit stillen Verbeugungen aufgenommen wurden, als er aber einen seiner Landsleute mit dem Namen Mac Kellar, und Maxwell von Summertrees mit dein Namen Pate – in – Peril begrüßte, erwiderte der Letztere: »wenn Pate nicht ein Narr wäre, würde er Pate – in – Safety (in Sicherheit) sein«; und der Erstere, ein magerer alter Edelmann, in einen Rock mit verblichner Stickerei gekleidet, sagte gerade heraus: »Wahrhaftig, Redgauntlet, ich bin hier, gerade wie Ihr selbst; ich habe wenig zu verlieren, – die, welche mir in der letzten Zeit meine Güter nahmen, mögen mir auch das Leben nehmen, denn das ist Alles, wofür ich zu sorgen habe.« Die englischen Edelleute, die noch im Besitz ihrer väterlichen Güter waren, sahen einander zweifelhaft an, und man hörte ein Geflüster unter ihnen von dem Fuchse, der seinen Schwanz verloren habe. Redgauntlet wandte sich rasch an sie und sagte: »Ich glaube, ich kann mir diesen Anschein von Traurigkeit erklären, die sich unter Männern eingeschlichen hat, die zu einem so edlen Zweck versammelt sind. Unsere Anzahl scheint freilich zu klein und unbedeutend, um die befestigte Usurpation eines halben Jahrhunderts zu erschüttern. Man muß uns aber nicht nach den Körpern schätzen, sondern darnach, was unsere Aufforderungen unter unsern Landsleuten bewirken können. Unter dieser kleinen Anzahl sind Männer, welche Bataillone errichten, und solche, die sie bezahlen können. Und glaubt nicht, daß unsere abwesenden Freunde kalt und gleichgiltig gegen die Sache sind. Laßt uns nur einmal das Feldzeichen aufstecken, und es wird begrüßt werden von Allen, welche die Stuarts lieben, und von der noch größern Anzahl, welche den Kurfürsten hassen. Hier habe ich Briefe von ...« Sir Richard Glendale unterbrach den Sprecher: »Wir Alle vertrauen auf Eure Tapferkeit und Geschicklichkeit, – wir bewundern Eure Ausdauer, und wahrscheinlich konnte nichts, als Eure angestrengten Bemühungen und die durch Euer edles und uneigennütziges Benehmen erweckte Nacheiferung so Viele von uns, die zerstreuten Ueberreste einer entmuthigten Partei, bewegen, noch einmal zu einer feierlichen Berathung hier zusammen zu kommen; denn ich nehme an, meine Herren,« sagte er rund um sich blickend, »daß dieß nur eine Berathung ist.« »Nichts weiter,« sagte der junge Lord. »Nichts weiter,« sagte Doktor Grumball, seine große akademische Perücke schüttelnd. Und »nur eine Berathung« war das Echo der Andern. Redgauntlet biß sich in die Lippen. »Ich hatte gehofft,« sagte er, »die Unterredungen, die ich mit den meisten von euch von Zeit zu Zeit hielt, sollten etwas Besseres zur Reife gebracht haben, als eure Worte andeuten, und glaubte, wir könnten hier eben sowohl ausführen, als berathen; wir sind ja vorbereitet. Ich kann mit einem Winke fünfhundert Mann aufstellen.« »Fünfhundert Mann!« sagte einer der Squires aus Wallis; »Gott steh' uns bei! was könnten denn fünfhundert Mann thun?« »Was das Zündkraut bei der Kanone thut, Mr. Meredith,« antwortete Redgauntlet; »es setzt uns in den Stand, Carlisle zu nehmen, und Ihr wißt, was unsere Freunde in diesem Falle versprochen haben.« »Ja, aber,« sagte der junge Edelmann; »Ihr müßt uns nicht zu schnell fortreißen, Mr. Redgauntlet, wir meinens, glaube ich, Alle so redlich und treu mit der Sache, als Ihr, aber wir wollen uns nicht blindlings forttreiben lassen. Wir sind uns und unsern Familien sowohl, als denen, die wir hier zu vertreten ermächtigt sind, Vorsicht in dieser Sache schuldig.« »Wer reißt Euch denn fort, Mylord? Wer würde diese Versammlung blindlings vorwärts treiben wollen? Ich verstehe Euer Herrlichkeit nicht,« sagte Redgauntlet. »Nun,« sagte Sir Richard Glendale, »laßt uns nur nicht den alten Vorwurf verdienen, daß wir unter uns selbst nicht einig sind. Was Mylord meint, Redgauntlet, ist, daß wir diesen Morgen gehört haben, es sei ungewiß, ob Ihr die Leute aufbringen könnt, worauf Ihr rechnet. Euer Landsmann, Mr. Mac Kellar, schien gerade vor Eurem Eintritt zu zweifeln, ob sich Eure Leute sammeln würden, wenn Ihr nicht die Vollmacht Eures Neffen aufweisen könnt.« »Ich möchte fragen,« erwiderte Redgauntlet, »welches Recht Mac Kellar oder irgend Jemand hat, daran zu zweifeln, ob ich meine Versprechungen erfüllen könnte? – Aber unsere Hoffnungen bestehen in der Einigkeit. – Hier ist mein Neffe. – Meine Herren, ich stelle euch meinen Verwandten, Sir Arthur Darsie Redgauntlet von Redgauntlet, vor. »Meine Herren,« sagte Darsie mit klopfender Brust, denn er fühlte sich in einer sehr peinlichen Lage; »erlaubt mir, daß ich den Ausdruck meiner Gesinnungen über diesen wichtigen Gegenstand aufschiebe, bis ich die Meinung der Versammlung vernommen habe.« »Fahrt fort in Euern Berathungen, meine Herren,« sagte Redgauntlet; »ich will meinem Neffen solche Gründe zur Beruhigung vorhalten, daß alle Bedenklichkeiten schwinden, die seinen Geist noch umnebeln.« Doktor Grumball hustete, schüttelte seine ambrosischen Locken und redete die Versammlung an: »Die Grundsätze Oxfords sind wohl bekannt, da sie von Allen zuletzt sich dem Usurpator hingab, – da sie durch ihr gebietendes Ansehen die gotteslästerlichen, atheistischen und anarchischen Lehrsätze Locke's und anderer Verführer des öffentlichen Geistes verdammte. Oxford wird Menschen, Geld und Ansehen für die Sache des rechtmäßigen Monarchen hingeben. Aber wir sind oft betrogen worden von fremden Mächten, die unsern Eifer benützten, um bürgerliche Uneinigkeiten zu erregen, aber nicht zum Vortheil unseres gesegneten, obwohl verbannten Monarchen, sondern um Unruhen anzuzetteln, wobei sie gewinnen, und wir zu Grunde gehen. Oxford wird sich daher nicht erheben, wenn nicht unser Souverain selbst kommt, um unsere Treue in Anspruch zu nehmen, in welchem Falle Gott verhüte, daß wir ihm unsern vollständigen Gehorsam versagen sollten.« »Das ist ein guter Rath,« sagte Mr. Meredith. »In Wahrheit,« sagte Sir Richard Glendale, »das ist der wahre Schlußstein unseres Unternehmens, und die einzige Bedingung, unter der ich selbst, und Andere je daran gedacht haben, die Waffen zu ergreifen. Kein Aufstand, wenn nicht Carl Eduard selbst an der Spitze ist, wird länger dauern, als bis eine einzige Compagnie Rothröcke aufmarschirt, um sie zu zerstreuen.« »Das ist auch meine Meinung und die meiner ganzen Familie,« sagte der oben erwähnte junge Edelmann; »und ich gestehe, daß ich etwas erstaunt bin, zu einer so gefährlichen Zusammenkunft aufgefordert worden zu sein, ehe über diesen wichtigsten Präliminarpunkt irgend Etwas bestimmt ist.« »Verzeiht, Mylord,« sagte Redgauntlet, »ich bin nicht so ungerecht, weder gegen mich, noch gegen meine Freunde; – ich hatte ohne die größte Gefahr einer Entdeckung keine Mittel, unsern entferntern Verbündeten mitzutheilen, was einigen meiner ehrenwerthen Freunde bekannt ist. So muthig und entschlossen wie vor zwanzig Jahren, wo er sich in die Wildnisse von Moidart warf, hat Carl Eduard sogleich die Wünsche seiner getreuen Unterthanen erfüllt. Carl Eduard ist in diesem Lande, – Carl Eduard ist in diesem Hause! – Carl Eduard wartet nur auf Euern jetzigen Entschluß, um die Huldigung derjenigen zu empfangen, die sich stets seine treuen Vasallen genannt haben. Der, welcher jetzt seine Gesinnung ändert, muß es unter den Augen, seines Souverains thun.« Hier entstand eine tiefe Pause; diejenigen Verschworenen, welche die bloße Gewohnheit oder der Wunsch, ihren Gesinnungen treu zu bleiben, in die Sache verwickelt hatten, sahen jetzt mit Schrecken ihren Rückzug abgeschnitten, und andere, welche die vorgeschlagene Unternehmung in der Ferne hoffnungsreich angesehen hatten, zitterten, als der Augenblick, wirklich daran Theil zu nehmen, so unerwartet und fast unvermeidlich sie überraschte. »Wie nun, Mylords und meine Herren!« sagte Redgauntlet; »ist es Freude und Entzücken, das euch stumm macht? Wo ist das freudige Willkommen, das unserem rechtmäßigen König dargebracht werden sollte, der zum zweiten Mal seine Person der Sorge seiner Unterthanen anvertraute, unabgeschreckt durch die schrecklichen Gefahren und Entbehrungen seiner ersten Unternehmung? Ich hoffe, hier ist kein Edelmann, der nicht bereit wäre, in seines Fürsten Gegenwart das Pfand der Treue einzulösen, das er in seiner Abwesenheit anbot?« »Ich wenigstens,« sagte der junge Edelmann entschlossen und die Hand am Schwert, »will dieser Feigling nicht sein. Wenn Carl an diese Ufer gekommen ist, so will ich zuerst ihn bewillkommen, und Leben und Vermögen seinem Dienste weihen.« »Bei Gott,« sagte Mr. Meredith. »ich sehe, daß uns Mr. Redgauntlet nichts Anderes zu thun übrig gelassen hat.« »Halt,« sagte Summertrees, »da ist noch eine andere Frage. Hat er irgend einen von den irischen Räubern mitgebracht, welche unserem letzten glorreichen Unternehmen den Hals brachen?« »Nicht einen Mann davon,« sagte Redgauntlet. »Ich hoffe,« sagte Doktor Grumball, »daß keine katholischen Priester in seiner Gesellschaft sind. Ich will mich zwar nicht in die Gewissenssachen meines Souverains mischen, aber als ein unwürdiger Sohn der englischen Kirche ist es meine Pflicht, ihre Sicherheit in Acht zu nehmen.« »Kein papistischer Hund oder Katze ist hier, welche um Sr. Majestät bellen oder miauen könnte,« sagte Redgauntlet. »Selbst der alte Shaftesbury könnte sich keinen Fürsten wünschen, der so von Papisterei frei wäre, – welches jedoch vielleicht nicht die schlechteste Religion in der Welt wäre. – Noch mehr Bedenklichkeiten, Ihr Herren? lassen sich keine haltbareren Gründe auffinden, um der Erfüllung unserer Pflicht und der Vollziehung unserer Eide und Versprechungen auszuweichen? Unterdessen wartet euer König auf Eure Erklärung, bei meiner Treue! er hat einen frostigen Empfang!« »Redgauntlet,« sagte Sir Richard Glendale ruhig, »Eure Vorwürfe sollen mich zu nichts bewegen, was meine Vernunft nicht billigt. Daß ich meine Verpflichtung so wohl beachte als Ihr, ist daraus klar, daß ich hier bin, bereit, sie mit meinem Blute zu besiegeln. Aber ist der König wirklich ohne alle Begleitung eingetroffen?« »Er hat keinen Mann bei sich, außer den jungen ... als Adjutanten und einen einzigen Kammerdiener.« »Keinen Mann, – aber, Redgauntlet, so wahr Ihr ein Edelmann seid, hat er kein Weib bei sich?« Redgauntlet schlug seine Augen zu Boden und sagte: »Es thut mir leid, ja sagen zu müssen.« Die Gesellschaft blickte einander an und blieb einen Augenblick schweigend. Endlich fuhr Sir Richard fort: »Ich brauche Euch, Redgauntlet, nicht zu wiederholen, was die wohlbegründete Meinung der Freunde Sr. Majestät in Hinsicht auf die unglückliche Verbindung ist; es ist nur ein Gedanke, eine Gesinnung unter uns über diesen Gegenstand. Darf ich annehmen, daß unsere unterthänigen Vorstellungen durch Euch, Sir, dem König mitgetheilt worden sind?« »In den nämlichen starken Ausdrücken, in denen sie ausgesprochen wurden,« erwiderte Redgauntlet; »ich liebe Sr. Majestät Sache mehr, als ich sein Mißfallen fürchte.« »Offenbar aber haben unsere demüthigen Vorstellungen keine Wirkung gehabt. Diese Dame, die sich in sein Herz geschlichen, hat eine Schwester am Hofe des Kurfürsten von Hannover, und wir wissen wohl, daß er jede, auch die geheimste Mittheilung von uns ihr anvertraut.« » Varium et mutabile semper foemina ,» sagte Doktor Grumball. »Sie steckt ihre Geheimnisse in ihren Arbeitsbeutel,« sagte Maxwell, »und da fliegen sie heraus, wenn sie ihn öffnet. Wenn ich gehangen werden soll, so wünschte ich doch an einen bessern Strick zu kommen, als der aus den Bündern einer – gedreht ist.« »Seid auch Ihr ein feiger Abtrünniger, Maxwell?« sagte Redgauntlet flüsternd. »Ich nicht,« erwiderte Maxwell; »laßt uns darum fechten, und sie gewinnen durch unsere Arbeit; aber betrogen zu werden von einer – –, wie diese – –« »Mäßigt Euch, Ihr Herren,« sagte Redgauntlet; »die Schwachheit, über die Ihr Euch beklagt, ist stets die der Könige und Helden gewesen; gewiß wird der König auf die unterthänige Bitte seiner besten Diener sie überwinden, und wenn er sie bereit sieht, ihr Alles in seiner Sache zu wagen auf die leichte Bedingung hin, die Gesellschaft einer geliebten Frau aufzugeben, deren er, wie mir scheint, seit einiger Zeit selbst überdrüssig geworden ist. Laßt uns ihn aber mit unserem gutgemeinten Eifer nicht zu schnell drängen. Er hat einen fürstlichen Willen, wie es seiner fürstlichen Geburt zukommt, und wir, meine Herren, die wir Royalisten sind, sollten doch die letzten sein, aus den Umständen Vortheil zu ziehen, die Ausübung desselben zu beschränken. Ich bin so erstaunt und betroffen, als Ihr sein könnt, daß er sie auf dieser Reise zur Gefährtin nahm, und dadurch die Gefahr des Verraths und der Entdeckung vermehrte. Laßt uns edelmüthig handeln gegen unsern Souverain, und wenn wir gezeigt haben, was wir für ihn thun wollen, so werden wir besser im Stande sein, zu bestimmen, was wir von ihm als Opfer fordern sollen.« »Es ist doch in der That Schade,« sagte Mac Kellar, »daß so viele wackere Edelleute hier versammelt sind und wieder auseinander gehen sollen ohne einen Schwertschlag.« »Ich würde dieses Herrn Meinung sein,« sagte Lord ..., »hätte ich bloß mein Leben zu verlieren, aber ich gestehe offen, daß, wenn die Bedingungen, unter denen meine Familie beitrat, in diesem Falle unerfüllt bleiben, ich nicht das ganze Vermögen unseres Hauses an die zweifelhafte Treue eines listigen Weibes wagen mag.« »Es thut mir Leid zu sehen,« sagte Redgauntlet, »daß Euer Herrlichkeit einen Weg einschlägt, der eher Eures Hauses Reichthum sichert, als seine Ehre vermehrt.« »Wie soll ich diese Sprache verstehen, Sir?« sagte der junge Edelmann stolz. »Nein, meine Herren, laßt Freunde keinen Streit beginnen,« sagte Doktor Grumball vermittelnd; »wir Alle sind voll Eifer für die Sache, aber in der That, obwohl ich weiß, was die Großen in diesen Gegenständen für eine Freiheit in Anspruch nehmen, und ich auch darin gebührend nachsehe, so ziemt es sich doch in der That nicht für einen Fürsten, der die Treue der Kirche von England in Anspruch nimmt, in solchem Geschäfte in solcher Begleitung anzukommen, – si non caste, caute tamen. » »Ich wundere mich, wie die Kirche von England ihrem lustigen alten Namensvetter so zugethan ist,« sagte Redgauntlet. Sir Richard Glendale nahm sodann die Frage auf als ein Mann, dessen Ansehen und Erfahrung ihm ein Recht gab mit Nachdruck zu sprechen. »Wir haben keine Zeit zu verlieren,« sagte er; »wir müssen uns entschließen, was wir thun wollen. Ich fühle so sehr, wie Ihr, Mr. Redgauntlet, was für ein delikater Punkt es ist, mit unserem Souverain in seiner jetzigen Lage zu unterhandeln. Aber ich muß eben so an den gänzlichen Sturz der Sache, an den Güterverlust und an das Blutvergießen denken, das unter den Anhängern stattfinden wird, und dieß Alles bloß durch die Bethörung, mit der er einem Weibe anhängt, das von dem jetzigen Minister besoldet ist, wie sie vor Jahren in Walepole's Sold stand. Laßt Sr. Majestät sie auf den Kontinent zurücksenden, und das Schwert, an das ich jetzt meine Hand lege, soll augenblicklich entblößt werden, und, wie ich hoffe, noch viele hundert im nämlichen Augenblick.« Die Uebrigen drückten ihre völlige Zustimmung zu dem aus, was Sir Richard Glendale gesagt hatte. »Ich sehe, ihr habt euern Entschluß gefaßt, meine Herren,« sagte Redgauntlet; »aber nicht weislich nach meiner Ansicht, weil ich glaube, daß ihr durch ein milderes und edelmüthigeres Benehmen die Sache weiter geführt haben würdet, welche ich für eben so wünschenswerth halte, als ihr. Aber was ist zu thun, wenn Carl mit der Unbeugsamkeit seines Großvaters euer Verlangen nicht erfüllt? Wollt ihr ihn dann seinem Schicksal überlassen?« »Gott verhüte!« sagte Sir Richard hastig; »und Gott vergebe Euch, daß Ihr so was habt denken können. Nein! Ich für meine Person will mit aller Ergebenheit und Unterthänigkeit ihn wieder zu seinem Schiff zurückbringen, und mit meinem Leben gegen jeden Angreifer vertheidigen. Aber wenn ich seine Segel ausgebreitet sehe, so wird denn das Nächste sein, daß ich für meine eigene Sicherheit sorge, indem ich mich nach meiner Heimath zurückziehe; sollte aber, wie es nur zu wahrscheinlich ist, unser Vorhaben ruchbar geworden sein, so übergebe ich mich dem nächsten Friedensrichter, und stelle Sicherheit, daß ich hernach ruhig leben und mich der herrschenden Gewalt unterwerfen will.« Wiederum bezeugten die Uebrigen ihre Übereinstimmung mit der Meinung des Sprechers. »Nun denn, meine Herren,« sagte Redgauntlet; »ich will mich der Meinung Keines von euch widersetzen, und ich muß euch die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß der König in diesem Falle eine Bedingung nicht erfüllt hat, die ihm in ganz bestimmten Ausdrücken vorgelegt worden ist. Die Frage ist nun, wer soll ihn mit dem Ergebniß unserer Zusammenkunft bekannt machen? Denn ich nehme an, ihr werdet ihm nicht in Gesammtheit aufwarten wollen, um ihm den Vorschlag zu machen, daß er als Preis unserer Treue eine Person aus seiner Familie entlassen soll.« »Ich denke, Mr. Redgauntlet sollte diese Eröffnung machen,« sagte Lord – –, »da er zweifelsohne unsern Vorstellungen Gerechtigkeit hat wiederfahren lassen, indem er sie dem König mittheilte, so kann Niemand mit solchem Nachdrucke die natürlichen und unvermeidlichen Folgen darstellen, wenn jene nicht beachtet werden.« »Ich aber denke, daß Jene, welche den Einwurf machen, ihn auch vortragen müssen. Denn ich bin versichert, der König wird es kaum glauben, wenn es ihm nicht der Erbe des loyalen Hauses von B... versichert, daß er der Erste ist, der seinem Versprechen auszuweichen sucht, sich an ihn anzuschließen.« »Ausweichen, Sir,« erwiderte Lord – – stolz. »Ich habe schon zu viel von Euch ertragen, und dieß will ich nicht dulden. Vergönnt mir Eure Begleitung dort nach den Dünen.« Redgauntlet lachte verächtlich, und war im Begriff, dem feurigen jungen Manne zu folgen, als Sir Richard wiederum dazwischen trat. »Wollen wir denn,« sagte er, »das letzte Zeichen der Auflösung unserer Partei geben, indem wir unsere Schwerter gegen einander kehren? – Seid ruhig Lord – –; bei solchen Zusammenkünften muß Vieles ohne Folgen vorübergehen, was anderwärts stets zur Ausforderung führte. Es gibt ein Privilegium der Parteien, wie des Parlaments; man kann in dringenden Fällen die Worte nicht wägen. Meine Herren, wollt ihr euer Vertrauen auf mich so weit ausdehnen, so will ich Sr. Majestät aufwarten, und ich hoffe, Mylord – – und Mr. Redgauntlet werden mich begleiten. Ich hoffe, die unangenehme Sache soll zu aller Zufriedenheit sich auflösen, und wir werden durch nichts gehindert sein, unserem Souverän unsere Huldigung ohne Einschränkung darzubringen; ich werde sodann der Erste sein, in diesem gerechten Kampfe Alles auf's Spiel zu setzen.« Redgauntlet schritt auf einmal vorwärts und sagte: »Mylord, wenn mein Eifer mich etwas sagen ließ, das im geringsten beleidigend war, so wünsche ich es nicht gesagt zu haben, und bitte Euch um Verzeihung. Ein Edelmann kann nicht mehr thun.« »Ich hätte nicht einmal so viel von Mr. Redgauntlet verlangen können,« sagte der junge Edelmann, willig Redgauntlets dargebotene Hand ergreifend. »Ich weiß keinen Menschen, von dem ich ohne ein Gefühl von Herabwürdigung so viel Tadel ertragen könnte, als von ihm.« »Laßt mich also hoffen, daß Ihr mit Sir Richard und mir zur Aufwartung gehen werdet. Euer warmes Blut wird unsern Eifer befeuern, unsere kältere Ueberlegung Eure Hitze mäßigen.« Der junge Lord lächelte und schüttelte seine Hand. »Ach! Mr. Redgauntlet,« sagte er; »ich bin beschämt, sagen zu müssen, daß Ihr an Eifer uns Alle übertrefft; ich will diese Sendung nicht ablehnen, wenn Ihr Sir Arthur, Eurem Neffen, gestattet, uns zu begleiten.« »Mein Neffe!« sagte Redgauntlet, und schien einen Augenblick unentschlossen. »Ganz gewiß. Ich hoffe,« sagte er mit einem Blick auf Darsie, »er wird mit Gesinnungen vor seinem Fürsten erscheinen, wie sie der Gelegenheit angemessen sind.« Es schien aber, er hätte lieber Darsie zurückgelassen, wenn ihm nicht die Befürchtung gekommen wäre, die unentschlossenen Verbündeten würden in seiner Abwesenheit einen Einfluß auf ihn, oder er auf sie äußern. »Ich will gehen,« sagte Redgauntlet, »und um Gehör bitten.« In einem Augenblick kehrte er zurück, und deutete, ohne zu sprechen, dem jungen Edelmann an, vorauszugehen. Ihm folgten Sir Richard Glendale und Darsie, Redgauntlet schloß den Zug. Ein kurzer Gang und eine kleine Treppe führten zu der Thüre des einstweiligen Audienzzimmers, in welchem der königliche Wanderer ihre Huldigung empfangen sollte. Es war der obere Raum eines jener Bauernhäuser, die einen Anhang zu dem alten Gasthof ausmachten, ärmlich ausgerüstet, staubig und in Unordnung; denn für so unbedachtsam man das Unternehmen auch ansehen mochte, so hatte man doch Sorge getragen, die Aufmerksamkeit der Fremden nicht durch besondere Anordnung für die Bequemlichkeit des Fürsten zu erregen. Er saß, als die Abgeordneten seiner noch übrig gebliebenen Anhänger eintraten, und als er sich erhob, vorwärts kam und sich verbeugte, um ihre Begrüßung zu erwidern, so that er dieß mit einer so würdevollen Artigkeit, daß sie den Mangel des äußeren Pomps ersetzte, und die elende Bauernstube sich in einen der Veranlassung würdigen Salon verwandelte. Es ist unnöthig hinzuzufügen, daß es die nämliche Person war, die der Leser schon unter dem Namen Pater Buonaventura kennt. Seine Kleidung war die nämliche, die er damals trug, außer einem weiten Reitrock, unter dem er statt des kleinen Degens ein zu Hieb und Stoß gerechtes Schwert trug und ein Paar Pistolen. Redgauntlet stellte ihm nach und nach den jungen Lord – – und seinen Verwandten, Sir Arthur Darsie Redgauntlet, vor, welcher zitterte, als er sich verbeugte und des Fremden Hand küßte, denn er sah sich zu seinem Erstaunen in eine Handlung des Hochverrats hineingerissen, die zu vermeiden er kein Mittel wußte. Sir Richard Glendale schien Carl Eduard persönlich bekannt, welcher ihn mit einer Mischung von Würde und Liebe empfing, und die Thränen mit zu empfinden schien, die dem Edelmann in die Augen traten, als er Se. Majestät in seinem Reiche willkommen hieß. »Ja, mein guter Sir Richard,« sagte der unglückliche Fürst in einem melancholischen, doch entschlossenen Tone, »Carl Eduard ist noch einmal bei seinen Freunden, – vielleicht nicht mit seinen frühern fröhlichen Hoffnungen, welche die Gefahr verringerten, aber mit der nämlichen Verachtung des Schlimmsten, was ihm begegnen kann, wenn er seine und seines Vaterlands Rechte geltend macht.« »Ich freue mich, Sir, und doch – ach! ich muß auch trauern, Euch noch einmal an den brittischen Küsten zu sehen,« sagte Sir Richard Glendale; er hielt inne, die widersprechendsten Empfindungen hinderten ihn, weiter fortzufahren. »Es ist der Ruf meines treuen und leidenden Volks, der allein mich bewegen konnte, noch einmal das Schwert zu ergreifen. Was mich betrifft, Sir Richard, wenn ich bedachte, wie viele meiner loyalen und ergebenen Freunde durch das Schwert und die Acht fielen, oder arm und vernachlässigt in fremden Ländern starben, so schwur ich oft, daß keine Aussicht auf persönliche Vergrößerung mich je wieder verleiten sollte, einen Titel geltend zu machen, der meinen Anhängern so theuer zu stehen kam. Aber seit so viele würdige und ehrenwerthe Männer der Meinung sind, daß die Sache Englands und Schottlands mit der Carl Stuarts verkettet sei, so muß ich ihrem tapfern Beispiele folgen, alle andern Betrachtungen zur Seite legen, und noch einmal als ihr Befreier auftreten. Ich bin indessen auf Eure Einladung hieher gekommen, und da Ihr so vollständig mit den Umständen bekannt sein müßt, denen mich meine Abwesenheit völlig fremd gemacht hat, so muß ich ein blindes Werkzeug in den Händen meiner Freunde sein. Ich weiß wohl, daß ich mich nie redlicheren Herzen und verständigeren Köpfen anvertrauen kann, als Herries Redgauntlet und Sir Richard Glendale. Gebt mir also einen Rath, wie ich verfahren soll, und entscheidet über das Schicksal Carl Eduards.« Redgauntlet blickte auf Sir Richard, als wollte er sagen: »könnt Ihr in einem Augenblick, wie dieser, auf einer unwesentlichen und unangenehmen Bedingung bestehen?« Und der andere schüttelte sein Haupt, und blickte nieder, als wäre sein Entschluß unverändert, und als fühle er dennoch ganz das Delikate dieser Lage. Es entstand eine Pause, welche durch den unglücklichen Repräsentanten einer unglücklichen Dynastie mit einem Anschein von gereizter Stimmung endlich unterbrochen wurde. »Es ist sonderbar, meine Herren,« sagte er: »Ihr habt mich aus dem Schooße meiner Familie herbeigerufen an die Spitze einer zweifelhaften und gefahrvollen Unternehmung, und nun, da ich komme, scheint Ihr selbst noch unentschlossen. Ich hatte dieß nicht von zwei solchen Männern erwartet.« »Was mich betrifft, Sir,« sagte Redgauntlet. »der Stahl meines Schwertes ist nicht zuverlässiger, als meine Gesinnung und Denkart.« »Mylords – – – und meine sind es nicht minder,« sagte Sir Richard, »aber Ihr war't beauftragt, Mr. Redgauntlet, Sr. Majestät unser Begehren in Verbindung mit einigen Bedingungen vorzutragen.« »Und ich entledigte mich meiner Pflicht gegen Se. Majestät und Euch,« sagte Redgauntlet. »Ich achtete auf keine Bedingung, meine Herren,« sagte ihr König mit Würde, »außer auf die, welche mich berief, meine Rechte in Person zu behaupten. Die habe ich erfüllt mit nicht gewöhnlicher Gefahr. Hier stehe ich, mein Wort zu halten, und erwarte nun von euch, daß ihr dem Eurigen getreu seid.« »Es war aber noch etwas in unserem Vorschlage, oder hätte es wenigstens sein sollen, wenn Ew. Majestät erlauben. Es war eine Bedingung damit verknüpft.« »Ich sah sie nicht,« antwortete Carl ihn unterbrechend. »Aus Liebe gegen die edlen Herzen, die ich so hoch achte, wollte ich nichts lesen oder sehen, was meine Liebe oder Achtung gegen sie hätte vermindern können. Bedingungen können nicht stattfinden zwischen Fürst und Unterthanen.« »Sir,« sagte Redgauntlet auf ein Knie niedersinkend; »ich lese auf Sir Richards Gesicht, er mißt mir die Schuld bei, daß Ew. Majestät nicht zu wissen scheinen, was Ihre Unterthanen Ew. Majestät mitgetheilt zu sehen wünschten. Um des Himmels willen! um aller meiner frühern Dienste und Leiden willen, laßt nicht diesen Flecken auf meiner Ehre. Die Note Numero D., wovon dieß hier eine Abschrift ist, bezog sich auf den unangenehmen Gegenstand, auf welchen Sir Richard wiederum Eure Aufmerksamkeit richtet.« »Ihr drängt mir,« sagte der Fürst hoch erröthend, »Erinnerungen auf, die ich gerne aus meinem Gedächtniß verbannt hätte, da ich sie Eurem Charakter für fremd halte. Ich glaubte nicht, daß meine getreuen Unterthanen so kleinlich denken würden, um meine gedrückten Umstände zu benützen, sich in meine häuslichen Angelegenheiten zu drängen, und mit ihrem König über Dinge zu unterhandeln, worin die geringsten Menschen das Recht haben, nach eigenem Willen zu handeln. In Staatsangelegenheiten und in öffentlichen Geschäften werde ich mich durch die Ansichten meiner weisesten Räthe leiten lassen, wie es einem Fürsten zukommt, was meine persönlichen Neigungen und meine häuslichen Angelegenheiten betrifft, da nehme ich die nämliche Willensfreiheit in Anspruch, die ich allen meinen Unterthanen gestatte, und ohne welche eine Krone weniger werth wäre, als eine Bettlermütze.« »Erlauben Ew. Majestät,« sagte Sir Richard Glendale; »ich sehe, es ist mein Loos, gegen meinen Willen Wahrheiten zu sagen; aber glaubt mir, ich thue es mit eben so großem Bedauern, als mit tiefer Ehrfurcht. Es ist wahr, wir haben Euch an die Spitze einer mächtigen Unternehmung gerufen, und Ew. Majestät haben eingewilligt, unser Führer zu werden, die Ehre der Sicherheit vorziehend, und die Liebe zu Eurem Lande Eurer eigenen Bequemlichkeit. Aber wir setzten ebenfalls als einen nothwendigen und unausweichlichen, vorbereitenden Schritt zu Ausführung unseres Planes fest, – und ich muß es sagen, sogar als eine bestimmte Bedingung unserer Verpflichtung dabei – daß eine Person, von der man annimmt, – ich weiß nicht mit welchem Rechte – daß sie Ew. Majestät innigstes Vertrauen besitze, und von welcher man glaubt, – ich will nicht sagen aus unumstößlichen Gründen, sondern aus einem sehr wahrscheinlichen Verdacht, – daß sie fähig sei, dieß Vertrauen an den Kurfürsten von Hannover zu verrathen, von Ew. Majestät Hofhaltung und Gesellschaft entfernt werden möge.« »Das ist zu unverschämt, Sir Richard!« sagte Carl Eduard. »Habt Ihr mich herbeigeschmeichelt in Eure Gewalt, nur um mich auf eine so ungeziemende Weise zu behandeln? Und Ihr, Redgauntlet, warum ließet Ihr die Sachen bis zu diesem Punkte kommen, ohne mich näher darauf aufmerksam zu machen, welche Beleidigungen man mir zufügen würde?« »Mein gnädiger Fürst,« erwiderte Redgauntlet, »ich bin hierin nur in soweit zu tadeln, daß ich nicht glaubte, ein so geringes Hinderniß, als die Gesellschaft einer Frau, könnte wirklich ein Unternehmen von solcher Wichtigkeit unterbrechen. Ich bin ein gerader Mann, Sire, und spreche offen. Ich ließ es mir nicht träumen, daß nicht in den ersten fünf Minuten unserer Unterredung entweder Sir Richard und seine Freunde von einer Ew. Majestät so unangenehmen Bedingung abstehen, oder Ew. Majestät diese unselige Neigung dem gesunden Rathe oder auch dem überängstlichen Verdachte so vieler getreuer Unterthanen aufopfern würden. Ich erblickte in dieser Schwierigkeit kein Hinderniß, das nicht von beiden Seiten gleich einem Spinngewebe hätte durchrissen werden können.« »Ihr waret im Irrthum, Sir,« sagte Carl Eduard, »völlig im Irrthum, so wie Ihr es noch seid, wenn Ihr in Eurem Herzen glaubt, meine Weigerung, in diesen übermüthigen Vorschlag einzugehen, sei von einer kindischen und romanhaften Leidenschaft für diese Person diktirt. Ich sage Euch, Sir, ich könnte mich morgen ohne die mindeste Reue von ihr trennen, ja ich habe schon daran gedacht, sie aus Gründen, die mir schon bekannt sind, von meinem Hofe zu entlassen; aber ich werde nie meine Rechte als Souverän und als Mann verrathen, um mir die Gunst irgend eines Menschen zu sichern, oder eine Treue zu erkaufen, welche, wann Ihr sie mir überhaupt schuldig seid, als ein angeborenes Recht mir zukommt.« »Es thut mir leid,« sagte Redgauntlet, »ich hoffe Ew. Majestät und Sir Richard werden ihre Entschlüsse noch einmal überlegen, oder die Erörterung unter so dringenden Umständen aufschieben. Ich hoffe, Ew. Majestät werden bedenken, daß Sie sich auf feindlichem Boden befinden; daß unsere Vorbereitungen nicht so unvermerkt getroffen werden konnten, um jetzt mit Sicherheit unser Vorhaben wieder aufgeben zu können; ja ich sehe mit der größten Besorgniß sogar für Eure königliche Person Gefahr voraus, wenn Sie Ihren Unterthanen nicht großmüthig das gewähren, was sie nach Sir Richards Meinung mit so vieler Hartnäckigkeit verlangen.« »Und groß muß in der That Eure Besorgniß sein,« sagte der Fürst. »Erwartet Ihr, unter diesen Umständen einer persönlichen Gefahr einen Entschluß zu erschüttern, der sich auf das Gefühl dessen gründet, was mir als Mann oder Fürst gebührt. Wenn das Beil und das Schaffot mich unter den Fenstern von Whitehall erwarteten, ich würde lieber denselben Weg betreten, wie mein Urgroßvater, als in dem geringsten Punkt nachgeben, der meine Ehre betrifft.« Er sprach diese Worte in einem entschlossenen Tone, und blickte in der Gesellschaft umher, von denen Alle (Darsie ausgenommen, der hier ein glückliches Ende einer höchst gefahrvollen Unternehmung zu sehen glaubte), in der höchsten Angst und Bestürzung zu sein schienen. Endlich sprach Sir Richard in einem feierlichen und melancholischen Tone: »Stünde die Sicherheit des armen Richard Glendale allein auf dem Spiele, ich habe mein Leben nie so hoch geschätzt, um es gegen den geringsten Punkt im Dienste Ew. Majestät in die Wage zu legen. Aber ich bin ein Botschafter, – ein Beauftragter, der seine Pflicht erfüllen muß, und über den tausend Stimmen Ach und Weh schreien würden, erfüllte ich sie nicht mit Treue. Alle Eure Anhänger, Redgauntlet selbst, sehen den gewissen Sturz dieser Unternehmung voraus, – die größte Gefahr für Ew. Majestät Person, die völlige Zernichtung Eurer ganzen Partei, wenn sie nicht auf dem Punkte bestehen, den unglückseligerweise Ew. Majestät nicht bewilligen wollen. Ich spreche mit einem Herzen voll Bekümmerniß, – unfähig meine Bewegungen auszudrücken, – aber sie muß ausgesprochen werden die unglückliche Wahrheit, daß wenn Eure königliche Güte uns ein Gut nicht gewährt, das wir für unsere und Eure Sicherheit nothwendig halten, Ew. Majestät mit einem Worte 10,000 Mann entwaffnen, die bereit sind für Ihre Sache das Schwert zu ziehen, oder, um noch deutlicher zu reden, Ihr vernichtet den letzten Schein einer königlichen Partei in Großbritannien.« »Und warum fügt Ihr nicht hinzu,« sagte der Fürst verächtlich, »daß die Leute, welche bereit waren, die Waffen für mich zu ergreifen, mich dem Schicksal überliefern werden, das so viele Proklamationen mir bestimmt haben, um ihren Verrath gegen den Kurfürsten wieder gut zu machen? Bringt meinen Kopf nach St. James, ihr Herren, und ihr werdet eine dankenswerthere und ehrenvollere Handlung ausüben, als wenn ihr in dieser Lage, worein ihr mich verlockt habt, und die mich so völlig in eure Gewalt gibt, euch selbst durch Bedingungen entehrt, welche mich entehren.« »Mein Gott, Sire!« rief Sir Richard aus, indem er die Hände voll Ungeduld zusammenschlug, »welches großen, nicht zu sühnenden Vergehens müssen Ew. Majestät Vorfahren sich schuldig gemacht haben, daß sie dafür in ihrer ganzen Nachkommenschaft mit Blindheit gestraft worden sind! Diese Worte hat Mr. Namara wirklich an Carln gerichtet, als er seine Geliebte, Mrs. Wallenshaw, nicht entlassen wollte. Die ganze Scene hier scheint sich auf einen ziemlich authentischen Bericht des Dr. King in seinen geheimen Memoiren, die 1819 erschienen sind, zu gründen. Walter Scott hat blos Ort und Personen verändert. A. d. Uebers. – Kommt Mylord – – Wir müssen zu unsern Freunden.« »Mit Eurer Erlaubniß, Sir Richard,« sagte der junge Edelmann, »nicht eher, als bis wir wissen, welche Maßregeln für die persönliche Sicherheit Sr. Majestät getroffen werden können.« »Kümmert Euch nicht um mich, junger Mann,« sagte Carl Eduard; »als ich mich in Gesellschaft hochländischer Räuber und Viehdiebe befand, war ich sicherer, als unter den Repräsentanten des besten Bluts in England. – Lebt wohl, meine Herren, – ich werde für mich selbst sorgen!« »Das darf nicht geschehen,« sagte Redgauntlet; »laßt mich, der Euch in diese Gefahr gestürzt hat, wenigstens für Euren sichern Rückzug sorgen.« Mit diesen Worten verließ er hastig das Zimmer, und sein Neffe folgte ihm. Der Reisende, seine Augen von Lord – – und Sir Richard Glendale abwendend, warf sich in einen Stuhl am obern Ende des Gemachs, während diese in tiefer Besorgniß in einiger Entfernung beisammen standen, und flüsternd sich unterredeten. Dreiundzwanzigstes Kapitel. (Fortsetzung.) Als Redgauntlet das Zimmer in Eile und Verwirrung verließ, so war der Erste, dem er auf der Treppe begegnete, und zwar so nahe bei der Thüre des Zimmers, daß Darsie glaubte, er müsse gehorcht haben, sein Diener Nixon. »Was zum Teufel thust du hier?« fragte er schnell und finster. »Ich warte auf Eure Befehle,« antwortete Nixon, »ich hoffe, Alles geht gut? – verzeiht meinem Eifer.« »Alles geht schlecht, Sir; wo ist der seefahrende Bursche, – Ewart – heißt er nicht so?« »Nanty Ewart, Sir; ich will ihm Eure Befehle überbringen,« sagte Nixon. »Ich will sie ihm selbst geben, ruf' ihn her,« sagte Redgauntlet. »Aber wollen Ew. Gnaden die Audienz verlassen?« sagte Nixon, noch immer zögernd. »Zum Teufel, Sir, was schwatzt Ihr mir vor?« sagte Redgauntlet, und runzelte die Stirne. »Ich besorge meine Geschäfte selbst, Ihr handelt, wie ich höre, durch einen zerlumpten Abgesandten.« Ohne fernere Antwort ging Nixon weg, ziemlich verlegen, wie es Darsie schien. »Der Hund wird unverschämt und faul,« sagte Redgauntlet; »aber ich muß ihn schon eine Weile dulden.« Einen Augenblick nachher kehrte Nixon mit Ewart zurück. »Ist dieß der schmuggelnde Bursche?« fragte Redgauntlet. Nixon nickte. »Ist er jetzt nüchtern? – kaum vorhin fing er Zank und Streit an.« »Nüchtern genug zum Geschäft,« sagte Nixon. »Gut denn, hört, Ewart, bemannt Euer Boot mit Euren besten Leuten, und haltet es bereit bei dem Damme, – schickt Eure andern Leute an Bord der Brigg, – wenn Ihr eine Ladung habt, so werft sie über Bord, sie soll Euch fünffach bezahlt werden; haltet Euch fertig, nach Wales oder den Hebriden, oder vielleicht nach Schweden oder Norwegen abzufahren.« Ewart erwiderte ziemlich verdrießlich: »Ja, ja, Sir.« »Geh' mit ihm, Nixon,« sagte Redgauntlet, der sich zwang, mit einem Anschein von Herzlichkeit zu seinem Diener zu sprechen, auf den er ungehalten war; »siehe, ob er seine Pflicht thut.« Verdrießlich verließ Ewart das Haus, und Nixon folgte ihm; der Seemann befand sich eben in der Art von trunkener Laune, die ihn heftig, leidenschaftlich und ungeduldig machte, ohne daß er etwas anderes, als eine zu große Reizbarkeit verrieth. Als er gegen die Bucht ging, murmelte er vor sich hin, aber so, daß sein Begleiter kein Wort verlor: »Schmuggler – Bursche, – ja, Schmuggler, und werft Eure Ladung in die See, und seid bereit nach den Hebriden unter Segel zu gehen, oder nach Schweden, oder zum Teufel, denke ich. – Gut, und wann ich nun geantwortet hätte, – Rebell, – Jakobit, Verräther; ich will Euch und Euer verfluchtes Gelichter auf's Brett schicken. – Ich habe bessere Leute den Gang thun sehen, – ein halbes Schock an einem Morgen, – als ich die Linie passirte.« »Verdammt herbe Reden gab Euch doch der Redgauntlet, Bruder,« sagte Nixon. »Was meint Ihr,« sagte Ewart auffahrend und sich besinnend. »Habe ich wieder einmal laut gedacht? nicht wahr?« »Thut nichts,« antwortete Nixon. »Es hat Euch Niemand gehört, als ein Freund. Ihr könnt nicht vergessen haben, wie Euch Redgauntlet den Morgen entwaffnete.« »Darum kann ich ihm nicht böse sein, – er ist nur so verdammt hochfahrend und trotzig,« sagte Ewart. »Und dann kenne ich Euch, als einen ächten Protestanten,« sagte Nixon. »Das bin ich, bei Gott,« sagte Ewart; »nein, die Spanier haben mir nie meine Religion entreißen können.« »Und ein Freund des Königs Georg und der hannoverschen Succession,« sagte Nixon, immer sehr langsam gehend und sprechend. »Ihr könnt darauf schwören, außer im Geschäftsweg, wie Turnpenny sagt: ich liebe König Georg, aber ich kann mich nicht bequemen, ihm Zoll zu bezahlen.« »Ihr seid außer dem Gesetz erklärt, glaube ich,« sagte Nixon. »Bin ich's? meiner Treu, ich glaube, ich bin's,« sagte Ewart. »Ich wünschte von ganzem Herzen, ich wäre in's Gesetz erklärt. Aber kommt, wir müssen schnell gehen, um Alles für unsern gestrengen Herrn in Bereitschaft zu setzen.« »Ich will Euch einen bessern Streich lehren,« sagte Nixon; »das ist doch nur blutiges Rebellenpack dort.« »Ja, das wissen wir Alle,« sagte der Schmuggler, »aber der Schneeball schmilzt, glaube ich.« »Es ist einer unter ihnen, dessen Kopf – dreißig – tausend – Pfund – Sterling – baar Geld werth ist,« sagte Nixon, indem er zwischen jedem Wort eine kleine Pause machte, um die Größe der Summe noch mehr heraus zu heben. »Und was weiter?« sagte Ewart rasch. »Blos das: wenn Ihr, anstatt Euch an den Damm zu legen, mit Euren Leuten am Ruder, Euer Boot jetzt gleich wieder an Bord bringt, und auf kein Signal vom Ufer aus achtet, dann, beim Himmel, Nanty, mache ich einen Mann aus Euch für's ganze Leben.« »Ho, ho, der Jakobineradel ist also nicht ganz so sicher, als er glaubt!« sagte Nanty. »In einer Stunde oder zwei werden sie noch sicherer im Schloß zu Carlisle sich befinden,« erwiderte Nixon. »Den Teufel werden sie!« sagte Ewart; »und Ihr seid wohl der Angeber gewesen?« »Ja, ich bin schlecht bezahlt worden, für meine Dienste unter den Redgauntlets, – kaum Hundefutter habe ich bekommen, und bin schlechter behandelt worden, als ein Hund. Ich habe den alten Fuchs und seine Jungen nun in der Falle, und wir wollen nun sehen, wie eine gewisse junge Dame dazu sehen wird. Ihr seht, ich bin offen gegen Euch, Nanty.« »Und ich will nicht weniger offen sein,« sagte der Schmuggler; »Ihr seid ein verfluchter, alter Verräther, – ein Verräther an dem Manne, dessen Brod Ihr gegessen habt! – Ich sollte arme Teufel betrügen helfen, der ich selbst so oft betrogen worden bin! – Nein, und wenn hundert Päpste, Teufel und Prätendenten da wären. Ich will zurück, und sie von der Gefahr benachrichtigen, – sie sind ein Theil der Ladung, – richtig bemerkt in der Faktura, – von den Schiffsherren mir anvertraut, – ich will zurück –.« »Seid Ihr denn ganz toll?« sagte Nixon, der nun einsah, daß er sich verrechnet hatte, wenn er glaubte, Nanty's rohe Begriffe von Ehre und Rechtlichkeit können durch Kränkungen oder durch seinen protestantischen Eifer erschüttert werden. »Ihr sollt nicht zurückgehen, Alles ist ein Scherz.« »Ich gehe zurück zu Redgauntlet, und will sehen, ob er über den Scherz lacht.« »Mein Leben ist verloren, wenn Ihr es thut,« sagte Nixon; »nehmt Vernunft an.« Sie waren jetzt in einem kleinen dichten Gebüsche angekommen, ohngefähr in der Hälfte des Weges zwischen dem Hause und dem Damm, aber nicht in gerader Linie, denn Nixon, dessen Absicht war, Zeit zu gewinnen, hatte Ewart unvermerklich davon abgezogen. Er sah jetzt die Nothwendigkeit ein, einen verzweifelten Entschluß zu fassen. »Nehmt Vernunft an,« sagte er; und als Nanty immer noch sich bemühte, an ihm vorüberzukommen: »oder wenigstens dieß.« Mit diesen Worten drückte er ein Taschenpistol auf den unglücklichen Mann ab. Nanty wankte, aber erhielt sich auf den Füßen. »Das traf den Rückgrat,« sagte er, »Ihr habt mir den letzten Dienst geleistet, und ich will nicht undankbar sein.« Nach diesen Worten sammelte er alle ihm noch übrige Kraft, stand einen Augenblick fest da, zog seinen Hirschfänger und führte mit beiden Händen einen Hieb auf Christal Nixon. Der Streich, mit aller Anstrengung eines verzweifelten und sterbenden Mannes geführt, zeigte eine Kraft, die man von Ewarts abgehagerter Gestalt nicht hätte erwarten sollen; er spaltete den Hut des Elenden, obgleich er durch eine Eisenplatte geschützt war, und drang tief in den Schädel ein, worin ein Stück der Waffe stecken blieb, welche bei dem wüthenden Streiche zerbrach. Einer von der Mannschaft der Brigg, der umherstreifte, wurde durch den, obwohl nicht starken Knall der kleinen Pistole herbeigezogen, und fand die beiden unglücklichen Leute bereits völlig todt. Bestürzt über den Anblick, den er für die Folge eines unglücklichen Kampfs des gefallenen Befehlshabers der Brigg mit einem Zollaufseher hielt (denn zufälligerweise war ihm Nixon nicht persönlich bekannt), eilte der Matrose zurück zum Boot, um seinen Gefährten Nantys Schicksal zu verkünden, und ihnen den Rath zu geben, sich und das Schiff in Sicherheit zu bringen. Unterdessen war Redgauntlet, nachdem er Nixon abgeschickt, um dem unglücklichen Carl im äußersten Fall den Rückzug zu sichern, in das Zimmer zurückgekehrt, wo er den Reisenden gelassen hatte. Er fand ihn allein. »Sir Richard Glendale,« sagte der unglückliche Fürst, »ist mit seinem jungen Freunde weggegangen zur Berathung mit seinen hier befindlichen Freunden. Redgauntlet, mein Freund, ich will Euch nicht tadeln wegen der Lage, in der ich mich jetzt befinde, der Gefahr und Verachtung blos gestellt. Allein Ihr hättet mir doch stärker bezeichnen sollen, welches Gewicht diese Herren auf ihren übermüthigen Vorschlag legen. Ihr hättet mir sagen sollen, daß kein gegenseitiges Nachgeben stattfinden könne; daß sie keinen Fürsten wollten, der sie regierte, sondern Einen, über den sie bei jeder Gelegenheit Zwang ausüben könnten, von den höchsten Staatsangelegenheiten bis hinab in die geheimsten Verhältnisse seines Privatlebens, welche auch die niedrigsten Menschen geheim und von jeder fremden Einmischung frei zu halten wünschen.« »Gott weiß,« sagte Redgauntlet in großer Bewegung; »ich handelte in der besten Absicht, als ich Ew. Majestät dringend bat, hieher zu kommen. – Ich dachte niemals daran, daß Ew. Majestät in einer solchen Krisis, wo ein Königreich zu gewinnen steht, Bedenken tragen könnten, eine Neigung aufzuopfern, welche – – –.« »Stille, Sir!« sagte Carl, »es kommt Euch nicht zu, meine Gesinnungen über den Punkt zu beurtheilen.« Hoch erröthend machte Redgauntlet eine tiefe Verbeugung. »Wenigstens hoffe ich,« fing er wieder an, »daß ein Mittelweg ausfindig gemacht werden könne, und es soll, – es muß! – komm mit mir, Neffe; wir wollen zu diesen Herren gehen, und ich glaube gewiß, ich werde erfreuende Zeitungen zurückbringen.« »Ich will Alles thun, mich ihnen gefällig zu erzeigen, Redgauntlet. Es ist mir unangenehm, wiederum meinen Fuß auf brittisches Land gesetzt zu haben, und es zu verlassen, ohne einen Schwertstreich für mein Recht zu thun. Was sie aber verlangen, ist eine Erniedrigung, und Nachgiebigkeit unmöglich.« Redgauntlet verließ mit seinem Neffen, der ein unfreiwilliger Zuschauer dieser außerordentlichen Scene war, noch einmal das Zimmer des abenteuerlichen Reisenden, und wurde oben an der Treppe von Jon Crackenthorp aufgehalten. – »Wo sind die andern Herren?« fragte er. »Drüben im westlichen Theile des Hauses,« antwortete Jon; »aber Mr. Ingoldsby (dieß war der Name, unter dem Redgauntlet in Cumberland am bekanntesten war), ich wollte Euch nur sagen, daß ich all' das Volk drüben in ein Zimmer zusammenstecken mußte.« »Welches Volk denn?« fragte Redgauntlet ungeduldig. »Nun, die fremden Gefangenen, über die Nixon die Aufsicht übertragen ist. Der Herr sei Euch gnädig! das ist ein großes Haus, aber wir können nicht abgesonderte Quartiere genug haben für die Leute, wie in Newgate oder in Bedlam. Drüben ist ein toller Bettler, der ein großer Mann werden soll, wenn er seinen Prozeß gewinnt; Gott helfe ihm! Dort ist ein Quäker und ein Rechtsgelehrter, die wegen eines Aufstands beschuldigt sind, und bei Gott! ein Schlüssel und ein Riegel muß sie Alle halten; denn wir sind gepfropft voll, und Ihr habt den alten Nixon weggeschickt, der in dieser Verwirrung hätte helfen können. Ueberdieß nimmt Jeder ein Zimmer ein, und sie verlangen doch auf der Gottes Welt nichts, – ausgenommen der alte Mann, der bestellt genug, hat aber keinen Pfennig zum Bezahlen.« »Mach mit ihnen, was du willst,« sagte Redgauntlet, der ungeduldig seinen Bericht angehört hatte; »hältst du sie nur, daß sie nicht herausgehen, und Lärmen in der Gegend umher machen, so kümmere ich mich nichts darum.« »Ein Quäker und ein Rechtsgelehrter!« sagte Darsie. »Das muß Fairford und Geddes sein. – Oheim, ich muß von Euch verlangen – – –« »Nein, Neffe, unterbrach ihn Redgauntlet; »dieß ist keine Zeit zum Fragen. Ihr selbst sollt im Laufe einer Stunde über ihr Schicksal entscheiden, – es soll ihnen kein Leid widerfahren.« Mit diesen Worten eilte er vorwärts an den Ort, wo die jakobitischen Edelleute ihre Rathsversammlung hielten, und Darsie folgte ihm, in der Hoffnung, daß das Hinderniß, das sich gegen die Fortsetzung ihres verzweifelten Unternehmens erhoben hatte, unübersteiglich werden, und ihm die Notwendigkeit eines gefährlichen und gewaltsamen Bruchs mit seinem Oheim ersparen würde. Die Verhandlungen unter ihnen waren höchst lebhaft; der kühnere Theil der Verschworenen, der wenig mehr, als das Leben zu verlieren hatte, wollte auf jede Gefahr vorwärts, während die andern, welche nur ihr Ehrgefühl und der Widerwille, ihre langgehegten Grundsätze aufzugeben, zur Theilnahme bewogen hatte, vielleicht es nicht ungerne sahen, daß sie eine Entschuldigung fanden, um eine Unternehmung abzulehnen, worein sie mehr mit Widerstreben, als aus wahrem Eifer verwickelt worden waren. Unterdessen bediente sich John Crackenthorp der ihm von Redgauntlet in der Eile ertheilten Erlaubniß, diejenigen in ein Zimmer zusammen zu bringen, deren sichere Verwahrung man für nöthig gehalten hatte, und wählte, ohne die Schicklichkeit sehr in Betracht zu ziehen, zum gemeinsamen Gefängniß das Zimmer, in welchem Lilias seit ihres Bruders Abgang sich allein befand. Thüre und Schloß waren sehr fest, und dieß hatte wohl seine Wahl geleitet. Hierher führte John mit wenig Ceremonien und viel Geräusch den Quäker und Fairford, von denen der erste die Immoralität, der zweite die Illegalität des Verfahrens auseinandersetzte; John war aber für beide gleich taub. Zunächst dann stieß er fast köpflings den unglücklichen Prozeßkrämer hinein, der an der Thüre einigen Widerstand leistete, und deßhalb einen derben Stoß bekam, daß er wie ein Bock, wenn er stoßen will, vorwärts stürzte, und zwar mit einer Heftigkeit, daß er bis an's Ende des Zimmers gekommen, und mit dem Hute, der auf seiner spitzigen Flachsperücke saß, gegen Miß Redgauntlet angerannt wäre, wenn nicht der ehrliche Quäker seinen Lauf aufgehalten, ihn beim Kragen gefaßt, und zum Stehen gebracht hätte. »Freund,« sagte er, mit dem wahrhaft guten Tone, der so oft ohne Ceremoniel stattfindet; »du bist keine Gesellschaft für diese junge Dame; sie ist, wie du siehst, erschrocken, daß wir so plötzlich hereingestoßen worden, und obgleich dieß nicht unser Fehler ist, so ziemt es sich doch, daß wir uns höflich gegen sie benehmen. Komm daher mit mir an dieses Fenster, und ich will dir sagen, was dir zu wissen nöthig ist.« »Und warum soll ich nicht mit der Lady sprechen, Freund?« sagte Peter, der jetzt halb betrunken war. »Ich habe sonst schon mit Damen gesprochen – warum sollte sie über mich erschrocken sein? – Ich bin keine Vogelscheuche, ich! Was macht Ihr denn an mir? Ihr werdet mir den Rock zerreißen; und ich kann mit gutem Grund eine Klage gegen Euch anstellen, um mich auf Eure Kosten sartum atque tectum zu machen.« Trotz dieser Drohung hielt Mr. Geddes, dessen Muskeln so stark waren, als sein Urtheil gesund und sein Temperament ruhig, den armen Peter unter einem Zwange, gegen den er nicht ankämpfen konnte, in einer Ecke des Zimmers zurück, wo er ihn, er mochte wollen oder nicht, niedersetzte in einen Stuhl, und sich neben ihn, so daß wirklich die junge Dame von dem Vergnügen seiner Gesellschaft, das er ihr zugedacht hatte, befreit wurde. Hätte Peter seinen gelehrten Advokaten sogleich erkannt, so hätten auch die wohlwollenden Anstrengungen des Quäkers ihn schwerlich zurückgehalten. Aber Fairford kehrte ihm den Rücken zu, und Peebles Sehorgane, ohnehin durch Bier und Branntwein etwas verdüstert, waren im Anschauen einer halben Krone eifrig beschäftigt, welche Josua zwischen Daumen und Zeigefinger hielt, und zugleich sagte: »Freund, du bist arm und unversorgt. Dieß verschafft dir, wohl angewendet, deines Leibes Nahrung und Nothdurft auf mehr als einen Tag, und du sollst es bekommen, wenn du hier sitzen, und mir Gesellschaft leisten willst, denn weder du, noch ich, sind eine passende Gesellschaft für Damen.« »Das mag von Euch gelten,« sagte Peter verächtlich; »ich war sonst wohl gelitten bei den Damen, und wenn ich im Laden war, bediente ich sie mit einem ganz andern Anstand, als Plainstanes, der verdammte Schurke! Es war auch einer von den Streitpunkten zwischen uns.« »Gut, Freund,« sagte der Quäker, welcher bemerkte, daß die junge Dame sich immer noch vor Peters Zudringlichkeit fürchtete; »aber ich wünschte dich von deinem großen Prozesse sprechen zu hören, der so berühmt geworden ist.« »Berühmt? – Ihr könnt darauf schwören,« sagte Peter, denn jetzt war die Saite angeschlagen, die in seiner verrückten Einbildungskraft forttönte. Der arme Mr. Geddes mußte nun eine lange Tirade vernehmen, die mit den trostreichen Worten schloß: »ich will Euch den genauen Stand der mancherlei vereinigten Prozesse sagen, um Euch zu beweisen, daß Alles auf's beste geht, da ich jetzt meine Hand an den Taugenichts von Advokaten, den Fairford, legen kann.« Allan Fairford war gerade im Begriffe, die maskirte Dame anzureden (denn Miß Redgauntlet hatte ihre Reitmaske beibehalten), und wollte sie, als er ihre Aengstlichkeit bemerkte, seines vollen Schutzes versichern, als sein eigener Name, laut ausgesprochen, seine Aufmerksamkeit rege machte. Er blickte umher, sah Peter Peebles, und drehte schnell wieder den Kopf, um nicht erkannt zu werden, was ihm auch gelang, da Peter sich im tiefsten Gespräch mit dem ehrenwerthesten Zuhörer befand, dessen Aufmerksamkeit er je hatte gewinnen können. Und durch diese kleine Bewegung, so kurz sie war, gewann Allan einen unerwarteten Vortheil, denn während er herumblickte, nahm Miß Lilias, ich konnte nie klug werden, warum, den Augenblick wahr, ihre Maske zurecht zu schieben, und zwar auf eine so starke Weise, daß Allan, als er den Kopf wandte, so viel von ihren Zügen erkannte, daß er berechtigt war, sie als seine schöne Clientin anzureden, und die Anerbietungen des Schutzes und Beistandes mit der Kühnheit eines frühern Bekannten auszudrücken. Lilias nahm die Maske ganz von ihrem hocherröthenden Gesicht. »Mr. Fairford,« sagte sie mit fast unhörbarer Stimme: »Ihr seid ein junger Mann von Verstand und Edelmuth, aber wir haben uns schon in einer Lage getroffen, die Euch sonderbar vorkommen mußte, und ich konnte nicht umhin, mich wegen meines vorschnellen Unternehmes den Mißdeutungen blos zu stellen, da es eine Angelegenheit betraf, an der die Gegenstände meiner theuersten Neigung Theil haben.« »Ein Antheil an meinem geliebten Freund, Darsie Latimer,« sagte Fairford, ein wenig zurücktretend, und seine frühere Annäherung merklich beschränkend, »gibt mir ein doppeltes Recht, der – – –« Er hielt inne. »Seiner Schwester nützlich zu werden, wolltet Ihr sagen,« erwiderte Lilias. »Seine Schwester, Madame,« erwiderte Fairford im äußersten Erstaunen. – »Schwester?! vermuthlich nur seiner Neigung nach.« »Nein, Sir; mein theurer Bruder Darsie und ich sind durch die Bande der engsten Verwandtschaft verbunden, und ich bin erfreut, dieß zuerst dem Freunde mitzutheilen, den er am meisten schätzt.« Fairfords erster Gedanke war die heftige Leidenschaft, welche Darsie gegen die schöne Unbekannte verrathen hatte. »Guter Gott!« rief er aus, »wie hat er diese Entdeckung ertragen?« »Mit Ergebung, wie ich hoffe,« sagte Lilias lächelnd: »eine vollkommenere Schwester hätte er wohl erhalten können, aber nicht leicht eine gefunden, die ihn mehr liebt.« »Ich meinte, – ich meinte nur – –,« sagte der junge Advokat, der für den Augenblick die Fassung verloren hatte; – »ich wollte nur fragen, wo Darsie Latimer in diesem Augenblick ist?« »In diesem Hause und unter der Aufsicht meines Oheims, den Ihr meines Wissens von eurem Besuche bei Eurem Vater her unter dem Namen Mr. Herries von Birrenswork kennt.« »Laßt mich zu ihm eilen!« sagte Fairfort; »ich habe ihn durch Schwierigkeiten und Gefahren gesucht, – ich muß ihn augenblicklich sehen.« »Ihr vergeßt, daß Ihr ein Gefangener seid,« sagte die junge Dame. »Wahr, wahr, aber ich kann nicht lange gefangen gehalten werden, der angeführte Grund ist zu lächerlich.« »Ach,« sagte Lilias, »unser Schicksal, – meines Bruders und das meinige hängt von den Berathungen vielleicht einer kleinen Stunde ab. Für Euch, Sir, fürchte ich nichts als einige Beschränkung Eurer Freiheit; mein Oheim ist weder grausam noch ungerecht, obgleich Wenige in der einmal ergriffenen Sache so weit gehen werden.« »Und das ist die des Prätend – –« – »Um Gottes Willen, sprecht leiser!« sagte Lilias, die Hand nach ihm ausstreckend, als wollte sie ihn zurückhalten. »Das Wort kann Euch das Leben kosten. Ihr kennt in der That die Schrecken unserer jetzigen Lage nicht, und Euch hat wohl nur die Freundschaft für meinen Bruder hereingeführt.« »Ich kenne allerdings die einzelnen Umstände unserer Lage nicht,« sagte Fairford; »aber mag die Gefahr sein, welche sie will, ich werde den Antheil daran, den ich um meines Freundes willen nahm, mich nicht gereuen lassen, oder um der Schwester meines Freundes willen,« fügte er mit mehr Schüchternheit hinzu. »Laßt mich hoffen, meine theure Miß Latimer,« sagte er, »daß meine Gegenwart Euch von einigem Nutzen sein kann, und daß sie dieß sein könne, so laßt mich um einen Theil Eures Zutrauens bitten, das ich sonst, wie ich wohl weiß, zu verlangen kein Recht habe.« Er führte sie mit diesen Worten nach der Vertiefung eines entlegenen Fensters, und indem er ihr sagte, daß er unglücklicherweise ganz besonders der Unterbrechung von dem tollen, alten Manne ausgesetzt sei, dessen Eintritt sie in Unruhe versetzt hatte, hängte er Darsie Latimers Reitkleid, welches in dem Zimmer zurückgelassen worden war, über die Lehne zweier Stühle, und bildete so eine Art von Schirm, hinter dem er sich mit dem Grün-Mantel versteckte; er fühlte zugleich, daß die Gefahr, in der er sich befand, fast aufgewogen wurde, durch das Einverständniß, das ihm gestattete, diejenigen Empfindungen wieder lebendig werden zu lassen, welche er um seines Freundes willen in der Geburt erstickt hatte. Das Verhältniß des Rathenden und Berathenen, des Beschützers und des Schützlings ist so besonders geeignet für die gegenseitige Lage des Mannes und des Weibes, daß man oft in kurzer Zeit große Fortschritte in der Vertraulichkeit macht, denn die Umstände fordern Vertrauen von Seiten des Mannes, und verbieten Sprödigkeit bei den Damen, so daß die gewöhnlichen Hindernisse eines zwanglosen Verkehrs mit einem Male zusammenfallen. So weit als möglich gegen Beobachtung gesichert, in leisem Gespräche in einer Ecke sitzend, kamen sie so nahe zusammen, daß ihre Gesichter sich fast berührten; Fairford hörte nun von Lilias Redgauntlet die Geschichte ihrer Familie, namentlich ihres Oheims, seine Absichten mit ihrem Bruder, und die Angst, die sie fühlte, Darsie möchte in diesem Augenblick in ein verzweifeltes Unternehmen verwickelt werden, das seinem Vermögen, vielleicht seinem Leben Gefahr brächte. Allan Fairford's scharfer Verstand verband sogleich das, was er hörte, mit dem, wovon er in Fairladies Zeuge gewesen war. Sein erster Gedanke war, auf jede Gefahr augenblickliche Flucht zu versuchen, und sich hinreichenden Beistand zu verschaffen, und eine Verschwörung von so entschiedener Art in der Geburt zu ersticken. Dies betrachtete er nicht als schwierig, denn obgleich die Außenseite der Thüre bewacht war, so war doch das Fenster offen, und nicht über 10 Fuß vom Boden entfernt, der Platz, auf den dieses ging, ohne Umzäunung und reichlich mit Genst bedeckt. So, glaubte er, würde seine Befreiung leicht, und der Weg, den er dann zu nehmen hätte, gedeckt sein. Lilias machte Einwendung gegen diesen Plan. Ihr Oheim, sagte sie, sei in leidenschaftlichen Augenblicken ein Mann, der weder Gewissensbisse noch Furcht kenne. Er wäre fähig, an Darsie die Beleidigung zu rächen, die er seiner Meinung nach von Fairford empfangen haben würde. Er sei auch ihr Anverwandter, und zwar kein liebloser, und sie müsse jede Unternehmung, wenn auch zu ihres Bruders Gunsten, verbieten, wenn dadurch sein Leben einer Gefahr ausgesetzt würde. Fairford selbst erinnerte sich an den Pater Buonaventura, und zweifelte gar nicht, daß er einer der Söhne des alten Ritters Sct. Georg sei; mit Gesinnungen, die freilich seiner Pflicht als Staatsbürger nicht entsprachen, aber schwerlich getadelt werden können, schreckte er vor dem Gedanken zurück, das Werkzeug zu sein, wodurch der letzte Sprößling einer langen Reihe schottischer Fürsten ausgerottet werden sollte. Dann dachte er daran, bei dieser dem Untergang geweihten Person wo möglich eine Audienz zu erhalten, und ihm die völlige Hoffnungslosigkeit seines Unternehmens auseinanderzusetzen, da wahrscheinlich der Eifer seiner Anhänger dieß vor ihm verborgen hatte. Er gab aber den Plan sogleich wieder auf, sobald er ihn gefaßt hatte, denn er war überzeugt, daß das Licht, das er auf den Zustand des Landes werfen könnte, zu spät kommen würde, um Demjenigen zu dienen, von dem man schon wußte, daß er einen bedeutenden Antheil von der erblichen Hartnäckigkeit habe, die seinen Vorfahren so theuer zu stehen gekommen war, und der, indem er das Schwert zog, die Scheide weggeworfen haben mußte. Lilias dagegen gab ihm den Rath, der unter den vorliegenden Umständen der passendste schien, sie wollten sich ihrer jetzigen Lage fügen, aber sorgfältig darauf bedacht sein, mit Darsie eine Verbindung zu eröffnen, sobald er einen Grad von Freiheit erhalte, in welchem Falle dann ihre gemeinsame Flucht in's Werk gesetzt werden könne, ohne daß irgend Jemand dadurch in Gefahr käme. Kaum hatten sie diesen Punkt in ihrer jugendlichen Berathung festgesetzt, als Fairford, der auf die leisen, süßen, lispelnden Töne von Lilias Redgauntlet horchte, die ein Anklang von fremdem Accent noch reizender machte, durch eine derbe Hand, welche mit vollem Gewicht auf seine Schultern fiel, aufgeschreckt wurde, während die mißtönende Stimme des Peter Peebles, der sich endlich von dem wohlmeinenden Quäker losgemacht hatte, seinem nachlässigen Advokaten in's Ohr schrie: – »Aha, Bursche, jetzt seid Ihr gefangen, – Ihr seid nun ein Kammeradvokat, wie ich sehe, nicht wahr? – Und Ihr macht Prozeßschriften mit Clienten in Schleiern und Hauben? – Aber wartet ein wenig, Bursche, und seht, wie ich mit Euch umgehe, wenn meine Bittschrift und Klage zur Verhandlung kommt, mit den schriftlichen Beweisen, Ihr mögt nun Euch verantworten oder nicht.« Es hatte Fairford in seinem Leben nicht so viel Anstrengung gekostet, die erste Aufwallung zu unterdrücken, und kaum enthielt er sich, den alten Tölpel niederzuschlagen, der ihn in einem solchen Augenblick unterbrochen hatte. Aber Peters lange Anrede gab ihm, vielleicht zum Glück für Beide, Zeit, das völlig Unziemliche eines solchen Verfahrens zu überlegen. Er schwieg indeß trotz seiner innern Ungeduld, während Peter fortfuhr: »Gut, mein artiger Herr, ich sehe, Ihr schämt Euch nun selbst, und das ist auch kein Wunder. Ihr müßt diese Königin aufgeben, das ist keine Gesellschaft für Euch. Ich habe den ehrlichen Mr. Pest sagen hören, das Advokatenkleid stimme schlecht mit dem Weiberrock zusammen. Aber kommt mit nach Hause zu Eurem armen Vater; ich will auf dem ganzen Wege für Euch sorgen, Euch Gesellschaft leisten, und von nichts wollen wir sprechen, als von dem großen Prozeß des armen Peebles gegen Plainstanes.« »Wenn du es aushalten kannst, Freund,« sagte der Quäker, »so viel von dem Prozeß zu hören, als ich bereits aus reinem Mitleiden mit dir gehört habe, so denke ich, mußt du bald auf den Grund der Sache kommen, wenn sie nicht völlig grund- und bodenlos ist.« Fairford schüttelte ziemlich unwillig die große, knöcherne Hand ab, welche Peebles auf seine Schultern gelegt hatte, und war im Begriff, sich etwas unsanft über die unverschämte Art der Unterbrechung zu äußern, als die Thüre sich öffnete und eine schwache Stimme zur Wache sagte: »Ich sage Euch, ich muß hinein, ich muß sehen, ob Mr. Nixon hier ist,« und der kleine Benjie streckte seinen schiefgedrückten Kopf und seine schwarzen Luchsaugen herein. Ehe er sich aber wieder zurückziehen konnte, sprang Peter Peebles an die Thüre, ergriff den Knaben beim Kragen und zog ihn herein in's Zimmer. »Laß mich sehen,« sagte er, »du nichtsnutziger Satansbraten: – ich will dich lehren, deine Aufträge auszurichten. – Ich will gleich die erste und zweite Vorladung vollstrecken gegen dich, du Teufelsjunge!« »Was willst du denn?« sagte der Quäker; »warum erschreckst du den Knaben so, Freund Peebles?« »Ich habe dem Bastard einen Pfennig gegeben, mir Taback zu kaufen,« sagte der arme Tropf, »und er hat mir nicht Rechnung abgelegt von seinem Auftrage: ich will's ihm eintränken.« Mit diesen Worten fing er auch an, gewaltsam die Taschen von Benjie's zerrissener Jacke auszuleeren, und brachte ein paar Vogelschlingen heraus, Spielkugeln, einen angebissenen Apfel, zwei gestohlene Eier, von denen Peter in der Eile des Suchens eines zerbrach, und verschiedene andere Kleinigkeiten, die nicht auf die rechtlichste Art hineingekommen zu sein schienen. Der kleine Schurke biß und schlug unter dieser Operation, wie ein junger Fuchs, ließ aber, wie solches Ungeziefer, weder Schrei noch Klage von sich hören, bis ein Papierchen, das Peter ihm aus dem Busen zog, bis zu Lilias hinflog, und zu ihren Füßen niederfiel. Es war an C. N. gerichtet. »Das ist für den Schurken Nixon,« sagte sie zu Allan Fairford. »Oeffnet es ohne Bedenken, der Bube ist sein Helfershelfer, wir wollen doch sehen, was er im Schilde führt.« Der kleine Benjie gab allen ferneren Widerstand auf, und ließ sich von Peter einen Schilling nehmen, von dem sich dieser, wie er sagte, wegen Kapital und Zinsen bezahlt machen wollte. Der Bube, dessen Aufmerksamkeit auf etwas ganz Anderes gerichtet schien, sagte nur: »Mr. Nixon wird mich umbringen.« Allan Fairford trug kein Bedenken, den Zettel zu lesen, auf welchem die Worte standen: »Alles ist vorbereitet; haltet sie nur hin, bis ich komme. Ihr könnt auf Eure Belohnung rechnen. C. C.« »Ach, mein Oheim, mein armer Oheim,« sagte Lilias; »das ist die Folge seines Vertrauens. Wir müssen ihm von der Verrätherei seines Vertrauten sogleich Nachricht geben. Das ist der beste Dienst, den wir Allen leisten können. Geben sie ihr Unternehmen auf, wie sie jetzt müssen, so ist Darsie frei.« In einem Athem standen Beide an der halb offenen Thüre; eifrig Verlangte Fairford mit Pater Buonaventura zu sprechen, Lilias nicht minder heftig eine ganz kurze Unterredung mit ihrem Oheim. Während die Schildwache ungewiß war, was sie thun sollte, wurde ihre Aufmerksamkeit auf ein lautes Geräusch an der Thüre gezogen, wo eine große Menge Menschen sich versammelt hatte, in Folge des schreckbaren Geschreis, daß der Feind nahe sei. Einige Herumstreicher hatten endlich Nanty's und Nixon's Leichname aufgefunden, und dieß hatte den Auflauf veranlaßt. In dieser Verwirrung gab die Schildwache nicht mehr Achtung; Lilias nahm Allan Fairford's Arm, und sie kamen unaufgehalten in das innere Zimmer, wo die Hauptpersonen des Unternehmens, deren Verhandlungen durch diesen beunruhigenden Vorfall gestört waren, in großer Bestürzung sich befanden; der Chevalier war nun gleichfalls zu ihnen gekommen. »Bloß ein Aufstand unter diesem Schmugglergesindel,« sagte Redgauntlet. » Bloß ein Aufstand, sagt Ihr,« erwiderte Sir Richard Glendale; »und der Lugger, die letzte Hoffnung des Entkommens für –« hier blickte er auf Carl, – – »schwebt dort mit vollen Segeln auf dem Meere!« »Macht euch meinetwegen keine Sorge,« sagte der unglückliche Fürst; »ich war schon in schlimmern Lagen, wäre sie aber auch die schlimmste, ich fürchte sie nicht. Sorgt für euch selbst, meine Lords und Herren.« »Nein, niemals,« sagte der junge Lord – –; »unsere einzige Hoffnung beruht jetzt auf einem ehrenvollen Widerstande.« »So recht!« sagte Redgauntlet. »Laßt Verzweiflung die Einigkeit unter uns herstellen, die ein Zufall störte. Ich rathe nun, sogleich das königliche Banner aufzupflanzen, und – was ist denn das?« fragte er finster, als Lilias, um seine Aufmerksamkeit zu erregen, ihn am Kleide zupfte, den Zettel in seine Hand gab, und hinzufügte, er sei für Nixon bestimmt gewesen. Redgauntlet las, ließ es fallen, starrte auf die Stelle hin, wo es lag, und hob Hände und Augen gen Himmel. Sir Richard Glendale hob das unglückliche Papier auf, las es und sagte: »Nun ist Alles vorbei! er übergab es Maxwell, welcher laut ausrief: »Der schwarze Colin Campbell, so wahr Gott lebt! Ich hörte, er sei in der letzten Nacht mit Post von London gekommen.« Gleichsam als Echo zu seinen Gedanken hörte man die Geige des alten Blinden, der mit vielem Ausdruck einen Clan-Marsch spielte. »In der That, die Campbells rücken an,« sagte Mac Kellar; »sie kommen über uns mit dem ganzen Bataillon von Carlisle.« Ein muthloses Schweigen herrschte, und zwei oder drei von der Gesellschaft begannen sich hinwegzuschleichen. Mit dem edlen Geist eines jungen, englischen Edelmanns rief Lord –: »Wenn wir Narren gewesen sind, wollen wir wenigstens keine Feiglinge sein. Wir haben Einen unter uns, der mehr werth ist, als wir Alle, und auf unsere Bürgschaft hierherkam, – laßt uns ihn wenigstens retten.« »Recht, ganz recht,« antwortete Sir Richard Glendale. »Laßt uns zuerst für den König sorgen.« »Das soll mein Geschäft sein,« sagte Redgauntlet; »wenn wir nur Zeit haben, die Brigg zurückzubringen, so ist Alles gut; ich will sogleich Leute in einem Schifferboot abschicken.« Er gab Befehle an einige der Unternehmendsten in seinem Gefolge. – »Laßt ihn nur einmal an Bord sein,« sagte er, »unserer sind genug, mit den Waffen in der Hand Widerstand zu leisten, und seinen Rückzug zu decken.« »Gut, gut!« sagte Sir Richards »und ich werde die Punkte aussuchen, die sich vertheidigen lassen; die alten Pulververschwörer sollen keinen verzweifeltern Widerstand geleistet haben, als wir. – Redgauntlet,« fuhr er fort, »ich sehe, einige unserer Freunde sind bleich, aber Euer Neffe scheint jetzt mehr Feuer in den Augen zu haben, als wo wir uns kalt besprachen, und die Gefahr noch ferne war.« »Das ist die Art unseres Hauses,« antwortete Redgauntlet; »unser Muth flammt am höchsten, wenn Verlust droht. Ich fühle überdieß, daß ich die Katastrophe, die ich herbeigeführt habe, nicht überleben darf. Laßt mich nur erst,« hier wandte er sich an Carl, »Euer Majestät geheiligte Person so sicher wissen, als dieß jetzt möglich ist, dann – –« »Spart euch alle Ueberlegung meinetwegen, ihr Herren,« sagte Carl abermals; »der Criffelberg dort wird eher fliehen, als ich.« Die Meisten warfen sich mit Thränen und Flehen zu seinen Füßen; Einige schlichen sich in der Verwirrung aus dem Zimmer, und man hörte sie davonreiten. Unbemerkt bei diesem Auftritt hatten Darsie, seine Schwester und Redgauntlet einander bei den Händen gefaßt, wie Menschen, die bei der Gefahr eines Schiffbruchs entschlossen sind, miteinander zu leben oder zu sterben. Mitten unter dieser verwirrten Scene war ein Mann in einfachem Reitkleide, eine schwarze Kokarde auf dem Hut, und nur mit einem Hirschfänger bewaffnet, ohne alle Umstände in's Zimmer getreten. Er war groß, hager und sein Aussehen, wie sein Benehmen, augenscheinlich militärisch. Er war unaufgehalten durch die Wachen hereingekommen, und stand nun fast unbewaffnet unter Bewaffneten, die nichts desto weniger auf ihn, wie auf den Engel der Zerstörung blickten. »Ihr seht mich so kalt an, ihr Herren,« sagte er, »Sir Richard Glendale, – Mylord – –, wir sind ja sonst einander nicht so fremd. Ha, Pate – in – Peril, wie steht's mit Euch? Und auch Ihr, Ingoldsby – ich kann Euch bei keinem andern Namen nennen– warum empfangt ihr einen alten Freund so kalt? Aber ihr werdet meine Botschaft vermuthen.« »Und sind darauf vorbereitet, General,« sagte Redgauntlet; »wir sind die Männer nicht, die sich gleich Schafen zur Schlachtbank schleppen lassen.« »Pah! Ihr nehmt das viel zu ernsthaft, laßt mich nur ein Wort mit euch sprechen.« »Keine Worte,« sagte Redgauntlet, »können unseren Vorsatz erschüttern, und stände auch Euer ganzes Commando um's Haus her, wie ich fast vermuthe.« »Ich bin in der That nicht ohne Unterstützung,« sagte der General; »aber wenn ihr mich hören wollt –« »Hört mich,« sagte der Reisende, und schritt vorwärts; »ich bin wahrscheinlich das Ziel, das Ihr im Auge habt; ich ergebe mich freiwillig, um die Herren aus der Gefahr zu retten, laßt Euch daran genügen zu ihrem Besten.« Ein Ausruf: »Nimmer, nimmer!« erhob sich aus dem kleinen Kreis der Anhänger, die sich um den unglücklichen Fürsten drängten, und Campbell ergriffen oder niedergeschlagen hätten, wäre er nicht mit verschränkten Armen stehen geblieben, und hätte sein Blick nicht mehr Ungeduld, weil sie nicht auf ihn hören wollten, als die mindeste Furcht vor Gewaltthätigkeit von ihren Händen verrathen. Endlich wurde es einen Augenblick still. »Ich kenne,« sagte er, »diesen Herren nicht (hier machte er gegen den unglücklichen Fürsten eine tiefe Verbeugung), ich wünsche auch nicht, ihn kennen zu lernen, die Bekanntschaft würde für Keinen von uns Beiden passen.« »Unsere Vorfahren haben sich doch wohl gekannt,« sagte Carl, unfähig, selbst in diesem Augenblick der drohenden Gefahr die schmerzliche Erinnerung an die verlorene Königswürde zu unterdrücken. »Mit einem Worte, General Campbell,« sagte Redgauntlet: »bringt Ihr Frieden oder Krieg? – Ihr seid ein Mann von Ehre, und wir können Euch trauen.« »Ich danke Euch, Sir,« sagte der General; »die Antwort auf diese Frage steht bei euch, ihr Herren. Kommt, seid nicht thöricht; es war vielleicht nicht so schlimm mit eurer Versammlung in diesem unbekannten Winkel; eine Bärenhetze, ein Hahnengefecht oder sonst eine Belustigung möchtet ihr beabsichtigt haben, aber so wie ihr mit der Regierung steht, war es ein wenig unklug, und hat Besorgniß veranlaßt. Uebertriebene Nachrichten von eurem Unternehmen wurden der Regierung vorgelegt, durch einen Verräther in eurer eigenen Mitte, und ich wurde mit der Post abgesendet, um den Befehl über eine hinlängliche Truppenzahl zu übernehmen, falls diese Verleumdungen Grund haben sollten. Ich bin daher hier, hinreichend von Cavallerie und Infanterie unterstützt, um nach Befinden der Umstände zu handeln, aber mein Befehl ist – und das stimmt mit meiner Neigung sehr überein, keine Verhaftung, sogar keine weitere Nachforschungen vorzunehmen, wenn diese gute Versammlung ihr eigenes Bestes betrachten, ihr Vorhaben aufgeben und ruhig nach Hause gehen will.« »Was! – Alle?« – rief Sir Richard Glendale, »Alle, ohne Ausnahme?« »Alle, ohne eine einzige Ausnahme,« sagte der General, »so sind meine Befehle; nehmt ihr meine Bedingungen an, so erklärt euch und eilt; es möchten Dinge eintreten, die Sr. Majestät gütige Gesinnungen gegen euch Alle stören könnten.« »Sr. Majestät gütige Gesinnungen!« sagte der Reisende. »Habe ich recht gehört, Sir?« »Ich wiederholte des Königs eigene Worte,« erwiderte der General. »Ich will, sagten Se. Majestät, das Vertrauen meiner Unterthanen verdienen, indem ich meine Sicherheit auf die Treue der Millionen baue, die mein Recht anerkennen, – und auf den Verstand und die Klugheit der Wenigen, welche aus Irrthümern der Erziehung fortfahren, es zu läugnen.« Se. Majestät will sogar nicht glauben, daß die eifrigsten Jakobiten, die noch übrig sind, den Gedanken hegen, einen bürgerlichen Krieg zu nähren der ihnen und ihren Familien Unheil bringen muß, außerdem daß er Mord und Verheerung über ein friedliches Land verbreitet. Er kann auch von seinem Verwandten nicht glauben, daß er tapfere und edle, wenn auch gleich im Irrthum befindliche Männer zu einer Unternehmung auffordern werde, welche Alle zu Grunde richten muß, die den früheren Unfällen entgingen; und er ist überzeugt, daß derselbe, wenn auch Neugierde oder irgend ein anderer Beweggrund ihn in dieses Land führte, bald einsehen werde, daß es das Klügste sein würde, auf den Kontinent zurückzukehren, und Se. Majestät bedauert seine Lage allzusehr, um ihm darin ein Hinderniß in den Weg zu legen.« »Ist dieß wirklich wahr?« sagte Redgauntlet. »Ist dieß wirklich Eure Absicht? – Habe ich, haben alle diese Herren, oder nur einige die Freiheit, sich ohne Störung einzuschiffen auf jener Brigg, welche, wie ich sehe, sich dem Ufer wieder nähert?« »Ihr, Sir, sowie alle diese Herren hier,« sagte der General; »Alle, die das Schiff fassen kann, haben die Freiheit, sich ohne Störung von meiner Seite einzuschiffen; aber ich rathe Keinem fortzugehen, der nicht gewichtige Gründe hat, die mit dieser Zusammenkunft hier nicht in Verbindung stehen, denn dieser wird gegen Keinen weiter gedacht werden.« »Nun, meine Herren,« sagte Redgauntlet, indem er die Hände zusammenschlug; »nun ist die Sache auf immer verloren.« General Campbell wandte sich ans Fenster, als wolle er ihre Unterredung nicht hören. Ihre Berathung dauerte nur einen Augenblick, denn die Gelegenheit zur Flucht, die sich ihnen bot, war so unerwartet, als die Umstände dringend waren. »Wir haben Euer Ehrenwort, daß wir nichts zu fürchten haben,« sagte Sir Richard Glendale, »wenn wir unsere Versammlung in Folge Eurer Befehle auflösen.« »Ja, Sir Richard,« antwortete der General. »Und ich habe Euer Versprechen,« sagte Redgauntlet, »daß ich an Bord jenes Schiffs dort gehen kann, mit einem Freund, den ich nach Gefallen zu meiner Begleitung wähle?« »Nicht nur das, Mr. Ingoldsby, oder ich will Euch noch einmal Redgauntlet nennen; Ihr könnt sogar bis zu einer andern Fluth in der Bucht bleiben, bis eine Person zu Euch gekommen ist, die zu Fairladies sein mag. Nachher wird eine Kriegsfloog sich hier aufstellen, und Eure Lage könnte dann gefährlich werden.« »Gefährlich nicht, General Campbell; oder gefährlicher für Andere, als für uns, wenn Andere dächten, wie ich in dieser verzweifelten Lage noch.« »Ihr vergeßt Euch selbst, mein Freund,« sagte der unglückliche Abenteurer, »Ihr vergeßt, daß die Ankunft dieses Herrn nur den Schlußstein zu unserem längst gefaßten Entschlusse fügt, unser Stiergefecht (aufzugeben), oder wie man sonst unser unbesonnenes Unternehmen nennen will. Ich sage euch Lebewohl, ihr unfreundlichen Freunde, – ich sage Euch Lebewohl (sich gegen den General verbeugend), mein freundlicher Feind; ich verlasse dieß Ufer, wie ich es betrat, allein, und um nie wiederzukehren.« »Nicht allein,« sagte Redgauntlet, »so lange noch ein Blutstropfen in meinen Adern fließt.« »Nicht allein,« sagten die andern anwesenden Edelleute, von Gefühlen durchdrungen, welche fast die bessern Gründe überwältigten, nach denen sie gehandelt hatten. »Wir wollen unsere Grundsätze nicht aufgeben, noch Eure Person in Gefahr sehen.« »Wenn es nur eure Absicht ist, den Herrn bis an die Bucht zu geleiten,« sagte General Campbell, »so gehe ich selbst mit euch. Meine Gegenwart unter euch, ohne alle Waffen und in eurer Gewalt, kann euch ein Pfand meiner freundlichen Absichten sein, und wird zugleich jeder Störung vorbeugen, die von Leuten im Dienst herrühren könnte.« »Es sei so,« sagte der Abenteurer mit dem Tone des Fürsten gegen einen Unterthanen, nicht mit dem eines Menschen, der dem Verlangen eines übermächtigen Feindes nachgibt. Sie verließen das Zimmer und das Haus; ein unbestimmter Schrecken hatte sich bereits unter den geringen Anhängern verbreitet, die kurz vorher sich um das Haus und den Eingang gedrängt hatten. Eine Nachricht, deren Ursprung sich nicht angeben ließ, hatte sich verbreitet, es zögen Truppen in bedeutender Zahl heran, und diejenigen Leute, welche aus irgend einem Grunde den Arm der Gewalt fürchteten, hatten sich in Ställe und Winkel verkrochen, oder waren ganz entflohen. Niemand war hier, außer die kleine Gesellschaft, die sich jetzt gegen den Steindamm in Marsch setzte, wo, den früheren Befehlen Redgauntlets zufolge, ein bemanntes Boot lag. Der letzte Erbe der Stuarts stützte sich auf dem Gange zur Bucht auf Redgauntlets Arm, denn der Boden war uneben, und er besaß die körperliche und geistige Schnellkraft nicht mehr, welche ihn zwanzig Jahre früher über manchen Hügel im Hochland, leicht wie das flüchtige Reh, geführt hatte. Seine Anhänger folgten mit gesenkten Blicken, und ihre Gefühle kämpften mit den Aussprüchen der Vernunft. General Campbell begleitete sie mit anscheinender Gleichgiltigkeit und Unbefangenheit, beobachtete jedoch, und zweifelsohne mit etwas Aengstlichkeit, die wechselnden Gesichtszüge derer, welche bei dieser außerordentlichen Scene handelten. Darsie und seine Schwester folgten natürlicherweise ihrem Oheim, dessen Gewaltthätigkeit sie nicht mehr fürchteten, da sein Charakter ihnen Ehrfurcht einflößte, und Allan Fairford begleitete sie aus Interesse an ihrem Schicksal, ohne daß man ihn in dieser Gesellschaft bemerkte, wo Alle zu sehr mit ihren eigenen Gedanken und Gefühlen beschäftigt waren, so wie mit dem bevorstehenden Augenblicke der Entscheidung, als daß sie seine Gegenwart bemerkt hätten. Auf dem halben Wege zwischen dem Hause und der Bucht sahen sie die Leichname Nanty Ewarts und Christal Nixons schwärzend in der Sonne. »Das war Euer Berichterstatter?« fragte Redgauntlet, und sah auf General Campbell zurück; der ihm nur durch ein bejahendes Nicken antwortete. »Nichtswürdiger Schurke!« sagte Redgauntlet, »und doch verdient der Narr, der sich durch dich verführen ließ, noch mehr diesen Namen.« »Dieser kräftige Schwertstreich hat uns die Schande erspart, einen Verräther zu belohnen.« Sie kamen am Orte der Einschiffung an; der Fürst stand einen Augenblick mit verschränkten Armen, und blickte in tiefem Schweigen um sich her. Ein Zettel wurde ihm in die Hand gesteckt, er blickte darauf hin und sagte: »Ich erfahre soeben, daß meine zwei in Fairladies zurückgelassenen Freunde meine Bestimmung kennen und sich zu Boworß einschiffen wollen. Ich hoffe, dieß wird kein Bruch der Bedingungen sein, nach denen Ihr gehandelt habt.« »Gewiß nicht,« sagte General Campbell; »sie sollen volle Freiheit haben, sich mit Euch zu vereinigen.« »Ich wünsche nun,« sagte Carl, daß mich noch Jemand begleite. – Redgauntlet, die Luft dieses Landes ist Euch so feindlich als mir. Diese Herren haben ihren Frieden geschlossen, oder vielmehr nichts gethan, ihn zu brechen. Ihr aber kommt und theilt meine Heimath, wo sie der Zufall mir anweist. Wir werden diese Küste nie wieder sehen, aber wir wollen von ihnen und unserem verunglückten Stiergefecht sprechen.« »Ich folge Euch, Sir, durch's Leben,« sagte Redgauntlet, »wie ich Euch in den Tod gefolgt wäre. Erlaubt mir nur einen Augenblick.« Der Fürst sah im Kreise umher, und als er die dem Boden zugewandten Gesichter seiner andern Anhänger erblickte, eilte er ihnen zu sagen: »Glaubt nicht, meine Herren, daß ich euch weniger verbunden bin, weil euer Eifer mit Vorsicht gemischt war, der ihr gewiß mehr meinetwegen und eurem Vaterlande zu Liebe Gehör gegeben habt, als aus selbstsüchtigen Befürchtungen.« Er ging nun von Einem zum Andern, und unter Schluchzen und hervorbrechenden Thränen empfing er das Lebewohl der Letzten, die seine luftigen Ansprüche noch unterstützt hatten, und sprach mit jedem Einzelnen in zärtlichem und liebreichem Tone. Während dieser Scene hielt sich der General ein wenig abseits, und gab Redgauntlet ein Zeichen, daß er mit ihm zu sprechen wünsche. »Es ist nun Alles vorüber,« sagte er, »und der Name eines Jakobiten wird nicht länger ein Parteiname sein. Wenn Ihr des Lebens in fremden Ländern müde seid und Euern Frieden zu machen wünscht, so laßt mich's wissen. Euer rastloser Eifer allein ist bisher Eurer Verzeihung im Wege gestanden.« »Und nun bedarf ich derselben nicht mehr,« sagte Redgauntlet. – »Ich verlasse England für immer, allein es wäre mir nicht unangenehm, wenn Ihr den Abschied von den Meinigen mit anhörtet. – Neffe, komme zu mir. In Gegenwart des General Campbell sage ich dir, daß ich mich jetzt darüber freue, daß mein viele Jahre lang gehegter Wunsch, dich in meinen politischen Meinungen zu erziehen, nicht erfüllt wurde. Du trittst in den Dienst des regierenden Monarchen, ohne daß du nöthig hast, den Eid der Treue zu wechseln, – ein Wechsel,« setzte er hinzu, indem er im Kreise umherblickte, »welcher auch ehrenwerthen Männern leichter wird, als ich dachte; Einige aber tragen das Zeichen der Treue auf dem Rock, Andere im Herzen. Du wirst von nun an in den unbeschränkten Besitz aller der Güter treten, deren die Acht deinen Vater nicht berauben konnte, – alles dessen, was ihm gehörte, – ausgenommen dieses gute Schwert (seine Hand an die Waffe legend, die er trug), das nie für das Haus Hannover fechten soll; und da meine Hand nie ein Schwert mehr ziehen wird, so will ich es tief, tief in's Meer versenken. – Gott segne dich, junger Mann. Wenn ich hart mit dir verfahren bin, vergib mir. Ich hatte alle meine Wünsche auf diesen einzigen Punkt gerichtet, – Gott weiß, mit keinen eigennützigen Absichten; und ich bin durch den endlichen Ausgang meiner Pläne genug dafür gestraft, daß ich in der Wahl der Mittel zu wenig bedenklich war. – Lebe wohl auch du, liebe Nichte, und Gott segne dich!« »Nein, Sir,« sagte Lilias, und ergriff lebhaft seine Hand. »Ihr seid bisher mein Beschützer gewesen, und seid jetzt im Kummer; laßt mich Euch in Eure Verbannung begleiten und trösten.« »Ich danke dir, mein Mädchen, für deine unverdiente Liebe; aber es kann und darf nicht sein. Der Vorhang fällt zwischen uns nieder. Ich gehe in das Haus eines Andern. – Wenn ich es verlasse, ehe ich von der Erde scheide, geschieht es nur, um es mit dem Hause Gottes zu vertauschen. Noch einmal, lebt wohl Beide! – das unglückliche Schicksal,« sagte er mit einem wehmüthigen Lächeln, »wird doch nun von dem Hause Redgauntlet weichen, da sein jetziges Haupt auf der gewinnenden Seite steht. Ich bin überzeugt, er wird nicht wechseln, sollte sie auch die verlierende werden.« Der unglückliche Carl Eduard hatte nun seinen gebeugten Anhängern das letzte Lebewohl gesagt. Er gab nun dem Redgauntlet ein Zeichen mit der Hand, und dieser kam herbei, um ihm in's Schiff zu helfen. General Campbell bot ebenfalls seine Dienste an, da die Andern von der Scene zu sehr ergriffen waren, um ihm zuvorzukommen. »Ihr tragt kein Bedenken, General, mir diese letzte Artigkeit zu beweisen,« sagte der Chevalier, »und ich danke Euch dafür. Ihr habt mich den Grundsatz gelehrt, nach welchem Menschen auf dem Schaffot selbst gegen ihren Henker Vergebung und Liebe fühlen. – Lebt wohl!« Sie setzten sich im Boote, welches augenblicklich vom Lande stieß. Der Oxforder Theologe brach in laute Segnungen aus, in Ausdrücken, welche zu tadeln oder ihrer später zu gedenken, General Campbell zu edelmüthig war; ja, so sehr er dem Namen eines Whigs und Campbells Ehre machte, soll er doch sich nicht haben enthalten können, in das allgemeine Amen, welches vom Ufer erschallte, mit einzustimmen. Schluß von Doktor Dürrwiestaub in einem Briefe an den Verfasser des Waverley. Es thut mir in der That leid, mein würdiger und geehrter Herr, daß ich trotz der sorgsamsten Nachforschungen in Briefen, Tagebüchern oder sonstigen Denkwürdigkeiten nicht im Stande war, mehr von der Geschichte der Familie Redgauntlet zu entdecken, als ich bis jetzt übersandt habe. Aber ich finde in einem alten Zeitungsblatte, genannt Whitehallgazette, von der ich glücklicherweise einige Jahrgänge besitze, daß Sir Arthur Darsie Redgauntlet Sr. letztverstorbenen Majestät bei einer Cour von General Campbell vorgestellt worden sei. Ueber diesen Vorfall macht der Herausgeber in Form eines Kommentars die Bemerkung, daß wir mit vollen Segeln in das Interesse des Prätendenten hinein steuerten, da ein Schotte einen Jakobiten bei Hof vorgestellt habe. Da die Postfreiheit nur auf Briefe geht, die eine Unze wägen, so habe ich keinen Raum für seine weitern Bemerkungen, welche die Absicht haben, zu zeigen, daß viele wohlunterrichtete Personen jener Zeit befürchteten; der junge König möchte selbst zur Partei der Stuarts übertreten! – eine Katastrophe, vor der indeß der Himmel diese Königreiche bewahrt hat. Aus einem Ehekontrakt in den Familien-Archiven ersehe ich ebenfalls, daß Miß Lilias Redgauntlet ungefähr achtzehn Monate nach den von Ihnen erwähnten Vorfällen mit Allan Fairford, Esquire Advokat, von Clinkdollar, sich vermählt habe, welcher, wie wir, glaube ich, nicht ohne Grund schließen können, der nämliche ist, dessen Name in Ihrer Erzählung so oft vorkommt. Auf meinem letzten Ausflug nach Edinburgh war ich so glücklich einen alten Gerichtsschreiber zu entdecken, von dem ich mit Hülfe einer Flasche Whisky und eines halben Pfunds Tabak die wichtige Nachricht herausbrachte, daß er den Peter Peebles gekannt, und manches Gläschen zur Zeit des alten Gerichtsschreibers Fraser mit ihm ausgetrunken habe. Er sagte, derselbe hätte noch zehn Jahre nach König Georgs Thronbesteigung gelebt, sei in steter Erwartung, seinen Prozeß zu gewinnen, jeden Tag und zu jeder Sitzungszeit gewesen, und endlich todt niedergefallen in einem Anfall von perplenité , wie mein Berichterstatter sich ausdrückte, als man ihm in der Vorhalle einen Vergleichsvorschlag machte. Ich habe meines Berichterstatters Auszug beibehalten, da ich nicht im Stande bin, genau zu bestimmen, ob das Wort verdorben ist aus Apoplexie, wie mein Freund Mr. Oldbuck vermuthet; oder der Name einer besondern Krankheit, die denjenigen zustößt, welche in Gerichtshöfen zu thun haben, wie manche Berufsarten und Lebensverhältnisse der Menschen ihre eigenen Krankheiten haben. Derselbe Gerichtsschreiber erinnerte sich auch des blinden Willie Stevenson, der wandernde Willie genannt, der seine Tage zufrieden im Hause des Sir Arthur Darsie Redgauntlet schloß. Er hatte der Familie manchen guten Dienst geleistet, wie er sagte, besonders als ein Edelmann aus der Grafschaft Argyle herunter kam gegen die, welche den »alten Sauerteig« noch im Herzen hatten, die er Alle gefangen genommen und ohne weiteres gehängt oder geköpft hätte. Aber Willie und einer seiner Freunde, genannt Robert, der Wanderer, hatten die Melodien angestimmt, wie die »die Campbells kommen heran« und dgl., wodurch sie zeitige Warnung erhielten, um zu entfliehen. Ich habe nicht nöthig, mein würdiger Herr, Ihrem Scharfsinn anzudeuten, daß sich dieß auf eine ungenaue Nachricht von den Verhandlungen zu beziehen scheint, woran Sie so sehr Antheil zu nehmen scheinen. Was Redgauntlet betrifft, von dessen späterer Geschichte Sie besonders gern genaue Nachricht gehabt hätten, so habe ich von einem ausgezeichneten Manne, der Priester in einem Schottenkloster zu Regensburg war, vernommen, daß er zwei oder drei Jahre in dem Gefolge des Chevaliers lebte, und es endlich nur wegen einiger Uneinigkeiten in dieser melancholischen Hofhaltung verließ. So wie er dem General Campbell andeutete, vertauschte er auch wirklich jenen Aufenthalt mit dem Kloster und entfaltete in den letzten Jahren seines Lebens eine strenge Beobachtung der Pflichten der Religion, die er in seinen früheren Tagen zu sehr vernachlässigt hatte, da er mit politischen Plänen und Intriguen beschäftigt war. Er gelangte in dem Kloster, wo er lebte, und welches zu einem sehr strengen Orden gehörte, zu der Würde eines Priors. Manchmal empfing er seine Landsleute, welche der Zufall nach Regensburg und die Neugier in das Kloster des – brachte. Man bemerkte aber, daß er mit Interesse und Aufmerksamkeit zuhörte, wenn das Gespräch auf Großbritannien oder Schottland insbesondere kam, doch führte er nie dieß Gespräch herbei, verlängerte es auch nicht, bediente sich nie der englischen Sprache, fragte nie nach englischen Angelegenheiten, und namentlich nie nach seiner Familie. Seine strenge Beobachtung der Regeln seines Ordens gab ihm bei seinem Tode einige Ansprüche darauf, heilig gesprochen zu werden, und die Brüder des Klosters des – machten große Anstrengungen deßhalb, und brachten einige annehmliche Beweise von Wundern vor. Aber es war ein Umstand da, der die Sache zweifelhaft machte, und das Consistorium verhinderte, den Wünschen der würdigen Brüder nachzugeben. Unter seinem Kleid, in einem kleinen Silberbüchschen verwahrt, hatte er stets um seinen Hals eine Locke Haar getragen, von der die Väter behaupteten, sie sei eine Reliquie. Aber der Advokat des Teufels, als er pflichtgemäß die Ansprüche des Heiligkeitskandidaten bestritt, machte es wenigstens ziemlich wahrscheinlich, daß die vermeintliche Reliquie vom Haupte des Bruders des verstorbenen Priors sei, welcher wegen seiner Anhänglichkeit an die Familie Stuart im Jahre 1746 hingerichtet worden sei: und das Motto: haud obliviscendum (nicht zu vergessen) schien einen Anstrich weltlicher Gesinnung und Andenken an Beleidigungen anzudeuten, die es wenigstens zweifelhaft machten, ob Vater Hugo auch in der Stille und Düsterheit des Klosters die Leiden des Hauses Redgauntlet und die Kränkungen vergessen habe, die es erfuhr.