Wilhelm Scherer Deutsche Bildnisse Dichter- und Gelehrtenporträts Einleitung Wilhelm Scherer (geb. 1841 zu Schönborn in Niederösterreich, gest. 1886 in Berlin) vereinigt in seiner menschlichen und wissenschaftlichen Persönlichkeit die besten Seiten des norddeutschen und österreichischen Wesens. Schon früh für germanistische Studien begeistert, fand er als Student der Wiener Universität bei dem Hauptvertreter seines Lieblingsfaches, Franz Pfeiffer , einem trocknen, eigensinnig verbohrten Buchgelehrten, nicht die erwünschte Anregung und setzte seine Studien in Berlin fort, wo er durch Jacob Grimm und Karl Müllenhoff in die fruchtbare Methode wissenschaftlichen Forschens eingeweiht und von letzterem schon als titelloser Student zu verantwortungsvoller Mitarbeit berufen wurde. Der tiefgründige Ernst, mit dem er alle Probleme an der Wurzel faßte und sich durch umfassende Quellenstudien schon in jungen Jahren eine staunenswerte Gelehrsamkeit erwarb, verbunden mit temperamentvoller geistiger Beweglichkeit und künstlerisch-schriftstellerischer Begabung, sicherten ihm eine außergewöhnlich rasch aufsteigende wissenschaftliche Laufbahn. Nach Wien zurückgekehrt, habilitierte er sich als Privatdozent an der dortigen Universität. Schon sehr bald (1868) wurde er, nach Pfeiffers Tode, erst 27jährig, zum ordentlichen Professor der germanischen Philologie ernannt. Ein begeisterter Zuhörerkreis scharte sich um den jungen geistsprühenden Universitätslehrer, und die gediegenen wissenschaftlichen Werke, die er gleichzeitig veröffentlichte, zeugten von seinem rastlosen Weiterstreben. Allem österreichischen Partikularismus abhold, sah Scherer in der kräftigen Entwicklung Deutschlands unter Preußens Führung die sicherste Gewähr für die gedeihliche Zukunft des Deutschtums. Dieser Überzeugung gab er vom Katheder herab und im geselligen akademischen Verkehr freimütigen Ausdruck, unbekümmert um die preußenfeindliche Stimmung, die seit den Ereignissen von 1866 in den österreichischen Regierungskreisen herrschte. Dadurch erwarb er sich die Mißgunst seiner Vorgesetzten, und als er in der 1871 geschriebenen Vorrede zu seiner Neuausgabe von J. Grimms »Deutscher Grammatik« die Gründung des neuen deutschen Kaiserreichs begeistert pries, sollte sogar ein Disziplinarverfahren gegen ihn anhängig gemacht werden. Diesen peinlichen Verhältnissen entriß ihn ein Ruf an die Universität Straßburg , wo er fünf Jahre lang (1872 – 77) zu den Zierden der neugegründeten Hochschule gehörte. Dort auf dem Boden, der durch die Erinnerung an den jungen Goethe geweiht ist, wandte er sich besonders dem Studium der deutschen Klassiker zu, und die Herrschergestalt Goethes rückte immer mehr in den Mittelpunkt seiner Universitätsvorträge und der Forschungen des von ihm geleiteten Seminars. Die ganze Vielseitigkeit seines Wirkens entfaltete er aber erst als Professor in Berlin (1877 – 86), wo der Nimmermüde, Schaffensfreudige den breitesten Boden für seine Tätigkeit als Forscher, Schriftsteller und Jugendlehrer fand. 1884 wurde er zum Mitglieds der »Akademie der Wissenschaften« gewählt und in feierlicher Sitzung, am Leibniztage (30. Juni), als »der Gelehrte und Schriftsteller reicher Frucht und reicherer Hoffnung« begrüßt. Diese Hoffnung sollte nicht in Erfüllung gehen. Schon nach zwei Jahren starb er, erst 45jährig, zusammengebrochen unter der gewaltigen Arbeitslast, die er sich mit seinem leidenschaftlichen Schaffenseifer aufgebürdet hatte. Scherer ist der letzte Germanist gewesen, der mit dem Gedanken der Zusammenfassung aller Disziplinen der Deutschkunde Ernst gemacht hat und diesem Ziel durch sein universales Wissen wenigstens nahe gekommen ist. Die in kleinlicher Einzelforschung immer weiter auseinanderstrebenden Wissenschaften der deutschen Sprachforschung, Philologie und Literaturgeschichte wollte er in einer Gesamtwissenschaft des deutschen Geisteslebens zusammenfassen. Schon in einer Jugendarbeit, der Biographie Jacob Grimms, weist er auf die Notwendigkeit der Zusammenarbeit und des Zusammenschlusses von Philologie und Geschichte hin: »Wenn es aber in jener älteren Periode erlaubt und, wollen wir hinter Jacob Grimm nicht zurückbleiben, notwendig ist, die verschiedenen Richtungen der Geistestätigkeit in eins zu zwingen: muß nicht die Zeit der ausgebildeten Kultur in ihrer allmählichen Vollendung derselben Behandlung unterliegen? Muß nicht auch hier das gesamte Geistesleben in Betracht gezogen weiden und die Aufgabe der Philologie sich gestalten als die Erforschung des Ganges, in welchem die menschlichen Gedanken sich aufsteigend entwickeln? Nichts anderes aber ist die Aufgabe der Geschichte. Und in der Tat, der menschliche Geist ist nur einer, wie könnte es zwei menschliche Wissenschaften vom Geiste geben? So erkennen wir in Jacob Grimm ein Vorbild, in welchem sich erfüllt hat, was wir anstreben müssen: die möglichste Aufhebung der Arbeitsteilung zwischen Philologie und Geschichte.« Von diesem Geiste durchweht ist auch seine Mitarbeit an den von ihm und Müllenhoff herausgegebenen »Denkmälern deutscher Poesie und Prosa aus dem 8. bis 12. Jahrhundert«. Scherer war darin die Aufgabe zugefallen, die kleineren deutschen Prosadenkmäler von den ältesten Zeiten bis zum 11. Jahrhundert herauszugeben und zu erläutern – eine mühevolle und scheinbar undankbare Sammlerarbeit, handelte es sich doch meist um Aufzeichnungen rein praktischen Charakters: Beichtspiegel, Glaubensformeln, Gebete, Markbeschreibungen, Gesetze, Kapitularien, Eides- und Verlöbnisformeln, selbst Rezepte. Aber unter des geistvollen Sammlers Hand kommt Leben in diese toten Bruchstücke ferner Vergangenheit, seine umfassende Kenntnis der altdeutschen Gesamtwelt, verbunden mit einer genialen Kombinationsgabe, deutet und wertet sie alle als Ausstrahlungen des Geisteslebens unserer Vorfahren. Wie der jugendliche Germanist dabei nicht nur die Spezialgebiete des Historikers, sondern auch des Juristen und Theologen beherrschte, erregte Aufsehen in der wissenschaftlichen Welt. Dabei wurde wohl bemerkt und bald lobend, bald tadelnd hervorgehoben, daß auch der wissenschaftlich geschulten Phantasie ein nicht geringer Anteil am Gelingen des Werkes gebühre. Scherer ließ diese ihm von der Natur verliehene Gabe ganz bewußt auch in seiner Forscherarbeit walten, getreu den Forderungen seines Lehrers Müllenhoff, von dem er in seiner Gedächtnisrede sagt: »Phantasie verlangte Müllenhoff ausdrücklich von dem Forscher, der die Zustände verschwundener Völker in einem einheitlichen Gemälde darstellen will. Phantasie, d. h. nicht Phantasterei, sondern die Kraft der inneren Vergegenwärtigung, durch welche wir die überlieferte Tatsache nicht als etwas Totes anschauen, sondern sie ins Leben zurückversetzen und sie nach unserer allgemeinen Kenntnis menschlicher Dinge zu dem seelischen Grund alles Lebens und zu der Gesamtheit der sonst überlieferten und lebendig aufgefaßten Tatsachen in Beziehung setzen.« Denselben Grundsätzen folgte Scherer auch in der sprachwissenschaftlichen Forschung, besonders in seiner vielumstrittenen » Geschichte der deutschen Sprache «, einem Erzeugnis seiner Wiener Lehrtätigkeit (erschienen 1867). In der Grimm-Biographie hatte er die Forderung aufgestellt: »Die Grammatik soll eine Geschichte des geistigen Lebens sein, insoweit dieses in die Sprache sich hineinschlägt. Sie muß die letzten geistigen Gründe für alle sprachlichen Erscheinungen aufsuchen.« Jetzt will er selbst den feinsten geistigen Extrakt aus der Arbeit seiner Vorgänger ziehen. Mit jugendlichem Ungestüm ruft er aus: »Wir sind es endlich müde, in der bloßen gedankenlosen Anhäufung wohlgesichteten Materials den höchsten Triumph der Forschung zu erblicken ... Die Entstehung unserer Nation, von einer besonderen Seite angesehen, macht den Hauptvorwurf des gegenwärtigen Buches aus.« Diesem Programm entsprechend macht er besonders im ersten Drittel des Buches, »Zur Lautlehre« betitelt, den großartigen Versuch, die charakteristischsten Erscheinungen in der lautlichen Entwicklung der deutschen Sprache (z. B. die Zurückziehung des Hochtons auf die Wurzelsilbe, die gesetzmäßige Verkürzung des Wortauslauts, die sog. Lautverschiebung u. a. m.) aus dem deutschen Nationalcharakter und der geschichtlichen Entwicklung des deutschen Volkes zu erklären. Viele, ja die meisten dieser geistvollen Deutungen hat er in reifen Jahren als allzu kühne Hypothesen selbst verworfen. Dennoch ist die Bedeutung des Werkes sehr groß, denn es wies über die unfruchtbare Kärrnerarbeit des Sammelns und Sichtens hinaus auf die höchsten königlichen Ziele echter Wissenschaft und hat besonders unter Scherers Schüler reiche Keime der Anregung gestreut. Scherers Hauptarbeitsgebiet wurde aber mit den Jahren immer mehr die deutsche Literaturgeschichte . Eingehende Einzeluntersuchungen gingen der späteren Gesamtdarstellung voraus. Hatte er für Müllenhoffs »Denkmäler« die ältesten Erzeugnisse des deutschen Schrifttums analysiert, so durchforschte er mit gleicher Gründlichkeit, unmittelbar aus den Quellen, auch die folgenden Epochen deutschen Geisteslebens. Zeugnisse dafür sind seine »Geschichte der deutschen Dichtung im 11. und 12. Jahrhundert«, seine Abhandlungen über die Anfänge des Minnesanges, die geistlichen Poeten der deutschen Kaiserzeit, das geistige Leben Österreichs im Mittelalter u. v. a., nicht zum wenigsten aber seine zahlreichen Rezensionen, in denen er die innigste Vertrautheit mit den behandelten Gegenständen beweist und oft zu ganz neuen, überraschenden Ergebnissen gelangt. Aber Scherer lag alle romantische Schwärmerei für das Mittelalter fern, das Studium dieser vergangenen Epochen war ihm nur eine Vorstufe für die Erkenntnis der Gegenwart. So sehen wir denn seit der Straßburger Zeit das 18. und 19. Jahrhundert, vor allem Goethe als den Kulminationspunkt deutschen Geisteslebens und deutscher Dichtung, immer mehr in den Mittelpunkt seiner Forscherarbeit rücken. Auch auf diesem Gebiet wendet er die historischphilologische Methode an, die sich bei seinen mittelalterlichen Forschungen als so fruchtbar erwiesen hatte. Unter Benutzung der gesamten zeitgenössischen Literatur und des gewaltigen (teilweise noch ungedruckten) Materials von Briefen, Tagebüchern und sonstigen Aufzeichnungen gewinnt er Klarheit über das, was die einzelnen Dichter an Typen und Motiven ihrer Umwelt verdanken, was sie aus Eigenem hinzugetan und wie alle diese mannigfaltigen Strömungen sich kreuzen und gegenseitig befruchten. Er tritt in die Werkstatt des Dichters und belauscht ihn bei seiner Arbeit; aus den Textänderungen der verschiedenen Auflagen zieht er Schlüsse auf seine innere Entwicklung, aus dem Stilwechsel oder manchen Rissen und Sprüngen im Aufbau der Dichtungen gewinnt er Einblick in ihre Entstehungsgeschichte und eine sichere Unterlage zu ihrer Erklärung. Unendlich viel Kleinarbeit wird so von ihm und seinen Schülern in den Seminarien von Straßburg und Berlin geleistet, nie aber wird diese Kleinarbeit zum Selbstzweck, das hohe Endziel wird unverrückt im Auge behalten. Die Quintessenz aller dieser mühseligen Einzelforschungen ist Scherers » Geschichte der deutschen Literatur «, zuerst 1880 – 83 in Lieferungen erschienen, dann in zahlreichen Neuauflagen verbreitet, auch jetzt, nach fast vier Jahrzehnten, immer noch die anerkannt beste Gesamtdarstellung der deutschen Dichtung. Die Grundlinien der Entwicklung klar herauszuarbeiten, die führenden Geister zu charakterisieren und ihre reifsten Werke nicht durch bequeme Nacherzählung des Inhalts, sondern durch Erfassung ihres Gedankengehalts zu analysieren, betrachtet Scherer als seine Hauptaufgabe. Er setzt gebildete Leser voraus, die über die Haupttatsachen bereits unterrichtet sind; daher kann das Werk auch nicht in landläufigem Sinne populär genannt werden. Aber auch alles gelehrte Rüstzeug ist entschlossen über Bord geworfen oder in die kurzen Schlußanmerkungen verwiesen worden, wobei eine bei Gelehrten nicht eben häufige Selbstentäußerung geübt wird. Man wird an Moriz Haupts bekanntes Wort erinnert: »Das Nötigste für den Philologen ist der Papierkorb«, wenn man erfährt, daß Scherer ganze Berge von Exzerpten bei dem Studium einzelner Epochen aufgehäuft hatte, um später doch nur wenige Seiten oder gar Zeilen seiner Literaturgeschichte daran zu wenden. Er wollte eben überall mit eigenen Augen sehen und unmittelbar aus den Quellen schöpfen; aber was er als unbedeutend oder belanglos für die Gesamtentwicklung erkannt hatte, wurde erbarmungslos ausgeschaltet, wobei er nicht selten von dem Urteil seiner Vorgänger abwich, wie er anderseits Erscheinungen oder Persönlichkeiten, die früher unbeachtet geblieben, stärker in den Vordergrund rückte. Großen Wert legte er auf die künstlerische Gruppierung des Stoffes und besonders auf die Sprache. In einer Akademierede (1884) sagte er u. a. über die Aufgaben der deutschen Philologie: »Es geziemt ihren Vertretern, daß sie die Sprache, die sie forschend ergründen sollen, auch kunstmäßig zu handhaben und sich einen Platz unter den deutschen Schriftstellern zu verdienen wissen.« Dieser »kunstmäßigen Handhabung« der Sprache hat Scherer selbst stets liebevolle Pflege gewidmet. Sein Stil hat mit den Jahren manche Wandlungen erfahren. In der letzten Periode seines Schaffens, so besonders in der »Literaturgeschichte«, strebt er nach möglichster Knappheit des Ausdrucks; durch ein treffendes Beiwort, einen glücklichen Vergleich ersetzt er oft langatmige Auseinandersetzungen. Freilich geht er in der Häufung kurzer »mörtelloser« Sätze manchmal wohl etwas zu weit. Scherers »Geschichte der deutschen Literatur« reicht nur bis zu Goethes Tode. An der Ausarbeitung eines geplanten zweiten Bandes, der die Dichtung der Gegenwart behandeln sollte, ist er durch den Tod verhindert worden. Unvollendet blieben auch seine Studien für den Aufbau eines neuen Systems der Poetik . In einem vielbesuchten Universitätskolleg der letzten Zeit seines akademischen Wirkens legte er die Hauptmomente seiner Anschauungen nieder; diese Vorträge sind auch nach seinem Tode veröffentlicht worden, doch fehlt ihnen natürlich, inhaltlich und sprachlich, die letzte Feile. Statt der deduktiven Konstruktionen über Wesen und Formen der Dichtung, wie sie bisher allgemein üblich gewesen, will Scherer auf empirischer Grundlage eine neue Ästhetik, gleichsam eine »Naturgeschichte der Dichtung«, aufbauen. Er untersucht den Ursprung der Poesie in den primitiven Zuständen der Naturvölker, wo sie noch eng mit anderen Äußerungen der Lebensfreude (Singen, Tanzen, Springen usw.) verbunden waren, und den Reflex dieser Entstehungsweise bis in die späteren Zeiten verfeinerter Lebensformen; er verfolgt die Entstehung des dichterischen Prozesses und die Vererbung und Wandlung dichterischer Motive, schildert das Verhältnis von Dichter und Publikum u. v. a. – überall neue Gesichtspunkte weisend und Altbekanntes oft in ganz neuer Beleuchtung zeigend. Seine Auffassung hat neben begeisterter Zustimmung auch viel abweisende Kritik erfahren, man muß aber berücksichtigen, daß er selbst nicht mehr die letzte Hand an sein Werk legen konnte und in der Schlußredaktion vielleicht manche Gedankenreihe gestrichen oder anders begründet hätte. Zum Schluß sei noch zwei Freunden Scherers das Wort gegeben zur Schilderung seiner menschlichen und wissenschaftlichen Persönlichkeit . Erich Schmidt, sein Meisterschüler und Nachfolger in der Berliner Professur, schreibt im 9. Bande des Goethe-Jahrbuchs: »Für seine Schüler war das unmittelbare Hervortreten der Persönlichkeit, die man immer zugänglich und mitteilsam fand, ein unvergeßlicher Segen. Es lag etwas Anglühendes und Fortreißendes in Scherer. Sein Vortrag und sein Gespräch verzichteten auf alle rhetorischen Mittel, aber der rasche, manchmal allzu hastige Fluß hielt den Zuhörer stark in Atem und machte ihn zum Teilnehmer einer ununterbrochenen Produktion. Sein behender Geist verschloß sich nirgends, brachte überall das Lieblingswort ›Gesichtspunkt‹ zur praktischen Geltung und drang, auch wo der Wechsel jeweiliger Beschäftigung an nervöse Unruhe streifte, in den Kern der Probleme. Diese künstlerische und gesellige, jeder Pedanterie abholde Natur haßte die ängstliche Küstenschiffahrt und pries ein Wachsen und Freiwerden des auf hoher See segelnden Menschen mit weiter Umschau und tiefem Einblick in allgemeinere Erfahrungen, denen sich die einzelne Erscheinung als besonderer Fall einordnen läßt, aber sie vertrat auch die vielberufene ›Andacht zum Unbedeutenden‹, kannte keine Nachsicht gegen Trägheit und Schlendrian, hochmütiges Geistreicheln und tiefsinniges Orakeln, das der treuen Arbeit enthoben zu sein wähnt, und schied höhere journalistische Fähigkeiten von dem landläufigen dreisten Zusammenraffen arrangierter Tatsachen und Einfälle. Auch den redlichen Arbeiter kleinen Schlages wußte er aufrichtig zu schätzen, während er den Rhetor, der Trivialitäten aufdonnert und unter dem Beifall der Menge auskramt, gründlich verachtete ... Scherer war sehr selbstbewußt, aber gar nicht eitel, denn die Eitelkeit ist kleinlich, und sein Tun und Fühlen hatte kein kleinliches Fäserchen. Auch weiß, wer ihm einmal näher trat, daß der Mann, der hier und da kühl und hochfahrend erscheinen mochte, viel lieber lobte als tadelte, liebte als haßte und Familienpietät wie Freundschaft warmherzig, zart und weich gehegt hat.« Der Wiener Professor R. Heinzel, sein österreichischer Landsmann und Studiengenosse, urteilt über Scherers Einfluß auf seine Schüler: »Er war ein pädagogisches Genie, von einer erweckenden Kraft, wie sie begeisterten Predigern oder Missionaren oft eigen ist. Mit dem sichersten Blick entdeckte er jedes Talent und wußte es auf das geeignete Arbeitsfeld zu führen. Er fand, was in den Leuten steckte, mochten sie auch noch so unreif und unwissend sein, auch selbst noch nicht ahnen, daß in ihnen der Keim zu etwas lag, was über das Durchschnittsmaß der akademischen Leistungen hinausging. Er hatte die Gabe, das Beste aus dem Menschen herauszuziehen, das ihm selbst unbewußt in der Seele schlummerte. Und alle Güte und Liebe, welche seiner Natur eigen war, seine menschlichen Eigenschaften traten im Verkehr mit seinen Schülern ans Licht.« U. E. Wolfram von Eschenbach Aus der »Geschichte der deutschen Literatur«. Wolfram war unbedingt der größte Dichter des deutschen Mittelalters und galt auch dafür. »Laienmund nie besser sprach«, sagte ein Poet, der Wolframs Gestirn bewundernd aufgehen sah, und die folgenden Jahrhunderte sagten es nach. Wolfram mußte nach der Ansicht seiner Landsleute nur hinter der Heiligen Schrift und den großen geistlichen Lehrern zurückstehen: alle weltlichen Schriftsteller übertraf er. Er scheint sich auch von allen zu unterscheiden. Jedes Wort, das aus seinem Munde kommt, hat einen persönlichen Stempel. Und doch lassen sich für die einzelnen Züge dieser Eigenart ältere verwandte sehr wohl aufzeigen. Wolfram stammte aus Bayern, und getreu der literarischen Tradition dieses Landes vereinigte er ritterliche und volkstümliche, weltliche und geistliche Elemente. Während Hartmann sich von dem Tone des Nationalepos soviel als möglich zu entfernen suchte, immer vorsichtiger in der Wahl der Worte, immer gelassener in seiner Rede wurde, blieb Wolfram der älteren und populären Manier näher. Er mag ungefähr so alt wie Hartmann gewesen ein, wenn er auch etwa zehn Jahre später als Hartmann sich im Epos versuchte. Er mochte seinen Geschmack schon an Eilhard, Veldeke und ausgezeichneten Franzosen, wie Chrestien von Troyes, gebildet haben, als er Hartmanns »Ereck« kennenlernte. Er ist humoristisch, spielt auf Tatsachen der Heldensage an, setzt sich mit seinem Publikum in lebhaften Kontakt und verschmäht nicht die pathetische Weise der alten Lieder, welche die Herrlichkeit der Heroen unermüdlich hervorheben. Er ist seiner Sprache in einem Grade mächtig, den keiner seiner Zeitgenossen auch nur entfernt erreicht hat. Aber er macht davon auch rücksichtslos Gebrauch. Der Sprachgewaltige mag sein Licht nicht unter den Scheffel stellen. Er ist ein wildes Wasser, das sich nicht ein enges Bett anweisen und sanftes Strömen vorschreiben läßt. Er verleugnet jede Schulbildung. Er gibt an, weder lesen noch schreiben zu können, und will nicht zu den zünftigen Poeten gerechnet werden. »Zum Schildesamt bin ich geboren«, sagt er stolz. So spottet er der Schranken. Seine Reime sind zuweilen unrein. Sein Stil verrät keine kunstmäßige Rhetorik. Seine Syntax ist die natürliche der freien Rede. Sein Vers wird ihm zu kurz, die Überfülle der Gedanken drängt ihn; er hat nicht gelernt, sie auseinander zu nehmen und glatt vor den Leser hinzulegen. Was ist das Streben nach Bildung und Feinheit oft für ein Popanz! Wie unterdrückt es warm ursprüngliche Natur! Wolfram hat den Mut, überall seinem eigenen Gefühle zu folgen. Er ist nicht schüchtern, bezeichnende Worte geradeheraus zu sagen, wo es nötig. Er ist nicht ängstlich besorgt, alles zu vermeiden, was ein zartes Ohr beleidigen könnte. Wie er die Damen auch mit ihren Schwächen neckt, wo andere nur verehren, so mutet er ihnen die Wahrheit des Lebens zu, wo andere zart verhüllen. Die Bayern waren nach dem Urteile der Alemannen im Ritterwesen zurück; das hatte für sie den Vorteil, daß sie die Allmacht der Etikette noch weniger empfanden. Bei den Alemannen Hartmann und Gottfried sehen wir die Welt nur aus den Fenstern eines eleganten Salons; bei dem Bayer Wolfram sind wir in der frischen Luft, im Wald und auf den Bergen. Dort dürfen wir nur aus der Ferne bewundern; hier können wir herantreten und den Marmor befühlen. Während Hartmann dem Chrestien von Troyes gegenüber alle humoristischen Wendungen und Vergleiche, welche zuweilen aus dem Tone fallen, aber stets anregend wirken, ängstlich wegließ, scheint Wolfram gerade von Dichtern wie Chrestien die humoristische Kühnheit gelernt und, einem tiefgewurzelten Bedürfnisse seiner eigenen Natur gemäß, voll ausgenutzt zu haben. Gutmütiger Scherz steht ihm überall zur Seite und gestattet seinem Triebe, die Dinge anschaulich zu machen, oft die seltsamsten Sprünge. Er kennt, wie Chrestien, keine Würde des Gegenstandes. Er ist imstande, den schlanken Wuchs einer schönen Dame mit einem ausgestreckten Hasen am Bratspieß und mit einer Ameise zu vergleichen oder zu anderem Zwecke gar ein junges Gänselein herbeizuziehen. Den Zopf einer häßlichen, übrigens gelehrten Frau nennt er weich wie eines Schweines Rückenhaar. Von einem Ritter, der vor Freude weint, sagt er: seine Augen taugten nicht zu einer Zisterne, denn sie hielten das Wasser nicht. Die Grenze der Geschmacklosigkeit, die er hier streift, hat er zuweilen auch wirklich überschritten. Er will, wie Chrestien, um jeden Preis darstellen. Und er tut es mit einer unvergleichlichen Frische. Wolfram scheut sich nicht, gleich Gottfried, mit seinen Vorgängern zu wetteifern in der Beschreibung von Turnieren, Kämpfen und Festen. Besitzt er doch die dichterische Kraft, dem hundertmal Gehörten einen neuen Reiz zu geben. Er ist leidenschaftlich, lebt in den Ereignissen, die er schildert, und möchte sie uns immer gewaltig unter die Augen rücken. Alles bei ihm atmet, handelt, bewegt sich; und zwar wörtlich: denn die Kräfte des Gemütes und die Erde, das Unsichtbare und das Leblose wird bei ihm Person, steigt zu Pferde, ergreift die Lanze, siegt und unterliegt. Aus dem Ritterleben nimmt er mit Vorliebe Vergleich und bildlichen Ausdruck. Aber er nimmt ihn nicht bloß daher: ihm steht alles zu Gebote, was je in seinen Gesichtskreis trat. Sein Reichtum ist unübersehbar, und er kommt dem Bilde wie der Sache zugute. Wolfram gibt mehr Detail als Hartmann und Gottfried, und auch insofern mehr Wahrheit, mehr das greifbare Leben. Wieder steht er hierin zu Chrestien und unterscheidet sich von dessen Übersetzer. Chrestien hatte z. B. Erecks Heilung mit medizinischen Einzelheiten beschrieben. Hartmann ließ diese Einzelheiten weg. Wolfram aber schildert ganz ausführlich die vergeblichen Versuche, um die Wunde des Königs Amfortas zu heilen; und er muß dafür einen mißbilligenden Seitenblick von Gottfried hinnehmen, der, wie er sagt, um Tristans Heilung zu schildern, seine Worte nicht aus der Apothekerbüchse langen mag. Wolfram ist kein objektiver Epiker; wir sehen in seinen Werken nicht bloß die Puppen, sondern auch den, der sie lenkt und ihnen Sprache leiht, um uns zu rühren oder zu erheitern; aber er tritt doch nur selten vor, um uns die Dekoration und die Kostüme zu erläutern. Wir schauen, was seine Helden schauen; wir beobachten, wir staunen, wir verwundern uns mit ihnen; wir erraten die Beschaffenheit der Orte aus ihren Reden und Handlungen; und aus Reden und Handlungen zumeist wird uns ihr inneres Wesen bekannt. Indessen merkt man bald, daß der Dichter sich an keine Regel der Darstellung unbedingt bindet, daß er aber mit natürlichem Takte seinen Zweck überall erreicht, daß er – wenigstens in den Jahren seiner vollen Kraft – nie breit und langweilig wird, unsere Aufmerksamkeit immer wach hält und uns alles deutlich macht, was er deutlich machen will. Wolfram von Eschenbach ist der letzte große Dichter der Weltliteratur, der nicht die Anfangsgründe der literarischen Bildung besaß. Und er ist wohl der einzige, bei welchem dieser Mangel nicht auf dem allgemeinen Bildungsstande seiner Nation beruhte. Aber wie in schriftlosen Zeiten die Volkssänger ihr Gedächtnis auf eine hohe Stufe bringen, so daß sie viele Tausende von Versen mühelos behalten, so nahm Wolfram die vielverzweigten Stoffe, die er behandeln wollte, und alles, was einem Laien, der nur Deutsch und etwas Französisch konnte, aus dem Wissensschatze jener Zeit, aus Poesie, Theologie, Astronomie, Geographie, Naturkunde zugänglich war, – er nahm alles, was ihm liebevolle Beobachtung aus der Breite des Lebens zuführte, was der Ritter in Schlacht und Turnier, der Jäger in Wald und Feld, der Mensch in Haus und Gesellschaft ersah und erlebte, – er nahm alles dies in treuem Gedächtnis auf und bot es seiner regen Phantasie und seinem raschen Witz als reiches, stets bereites und zu überraschenden Kombinationen williges Material des Erfindens und Gestaltens. Anstatt zu lesen und zu schreiben, mußte sich Wolfram vorlesen lassen und diktieren. Daß er keinen Buchstaben kannte, gab ihm eine Kraft, Freiheit, Unabhängigkeit ohnegleichen. Im Lesenlernen liegt stets eine zähmende Gewalt, und der mittelalterliche Mensch pflegte diese Kunst überdies nur aus geistlicher Hand zu empfangen. Wolfram ist nicht dadurch geknickt worden; er hat seine natürliche Wildheit, wenn man es so nennen darf, ungeschmälert behalten; nirgends hängt ihm die Klosterschule an, und seine Seele ward nie durch eine Schnürbrust beengt. Da Wolfram nach allem greift, was ihm naheliegt, und auf alles anspielt, was ihm gerade bezeichnend vorkommt, so erfahren wir aus seinen Epen mehr von seinen Lebensverhältnissen als etwa von Hartmanns Leben aus dessen Liedern. Seine spezielle Heimat war der bayerische Nordgau. Eschenbach liegt südöstlich von Ansbach. Abenberg, Wassertrüdingen, Nördlingen, Dollnstein, lauter noch heute wohlbekannte Orte, die Wolfram kennt und nennt, liegen in der näheren oder ferneren Umgebung. Auf der Burg Heilstein im Bayerischen Walde hat er Gastfreundschaft genossen und verkündet den Preis der Markgräfin von Vohburg, der Schwester des Herzogs Ludwig von Bayern, welche bis 1204 dort residierte. Wiederholt und lang verweilte er beim Landgrafen Hermann von Thüringen, dessen er in seinen Werken mehrfach gedenkt. Ein Wildenberg aber erwähnt er in einer Weise, daß man dort sein Haus suchen möchte. Da lebte er mit Frau und Kind, nicht in glänzenden Verhältnissen; aber er scherzt ohne Bitterkeit über seine Armut. In seinen Liedern, deren wir nicht viele besitzen, drückt er einmal Hoffnung, einmal Ungeduld aus. In anderen, verlorenen, hatte er gescholten und seinem Zorn gegen eine Ungetreue Luft gemacht; er bekennt später, daß er zu weit gegangen, obgleich er seine Erbitterung nicht fahren lassen will. Viermal schildert er balladenartig in sogenannten Tageliedern oder Tageweisen den Abschied zweier Liebenden: warnende Treue, auflodernde Leidenschaft in drohender Gefahr, Tränen und Klagen, ergreifende Bilder selbstvergessener Zärtlichkeit, welche durch die Situation zu stärkster Wirkung gebracht wird. Solche Tagelieder waren mit Anlehnung an den Morgengesang des Turmwächters in der Provence erfunden und in Deutschland schon früher nachgeahmt, aber in die etwas konventionelle Form von Scheideduetten gebracht worden. Wolfram schloß sich näher an die provenzalische Form an, behielt die Gestalt des Wächters bei und stattete die Lieder mit einer Glut und Wahrhaftigkeit aus und brachte einen künstlerischen Ernst und Geradsinn hinzu, der ihn als den größten Meister dieser Dichtungsgattung erscheinen läßt. Doch nahm er in einem besonderen Liede Abschied von der Tageweise. Er nahm Abschied von dem Liebesabenteuer, um das Glück der Ehe zu preisen. Leicht vermutet man, daß diese Wendung seines Dichtens mit einer Wendung seines Lebens zusammenhing. Damals mag er sich sein Haus gegründet haben. Wolfram hat das Weltleben gekannt und geliebt wie Gottfried von Straßburg, aber er ging nicht darin auf, das Weltleben erschien ihm nicht wie der Gipfel aller Seligkeit. Er hatte auch nicht, gleich Hartmann von Aue, eine weltliche und eine geistliche Provinz in seiner Seele, welche miteinander in selten getrübtem Frieden lebten. Er war von der Unzulänglichkeit der weltlichen Bildung überzeugt. Er suchte über dem Irdischen das Ewige. Er war dabei kein Aszet nach dem Herzen der Kirche. Er war ein selbständiger Mensch mit eigenen Überzeugungen, aber eine religiöse Natur. Seine großen Epopöen »Parzival« und »Willehalm« haben beide einen religiösen Hintergrund. Der »Parzival« schöpft aus französischen Gedichten keltischen Ursprunges; der »Willehalm« beruht auf französischer Nationalpoesie. Der »Parzival« bietet märchenhafte Züge, wie sie uns im Artusroman und im »Tristan« begegnet sind; der »Willehalm« trägt den historischen Charakter an der Stirn. Aber beide Gedichte beschäftigen sich mit dem Verhältnisse der Christen zu den Heiden, und der »Parzival« enthält außerdem noch tiefere religiöse Motive von einer ganz eigenen Art. Der »Parzival« zeigt uns einen Christen und einen Heiden als Brüder. Die Lebensgeschichte von Parzivals Vater führt uns in Zustände ein, wo, wie in Spanien, die Christen und Heiden sich gegenseitig hatten ertragen, ja schätzen und achten gelernt: hervorragende Heiden sprechen Französisch; Rittertum und Frauendienst herrschen im Orient wie im Okzident, und der ritterliche Herrendienst verbindet die Religionen. Gahmuret, ein christlicher Prinz von Anjou, dient dem Kalifen von Bagdad, dem Papste der Heiden, wie Wolfram erläutert. Er wird unter den Sarazenen berühmt. Er verschmäht es nicht, sich mit einer Mohrin namens Belakane zu vermählen, deren edler, reiner Sinn ihm das Christentum zu ersetzen scheint. Doch nimmt er, sehnsüchtig nach Ritterwerk, bald den Unterschied der Religion zum Vorwande der Untreue. Er verläßt sie, erstreitet sich auf einem Turnier in dem Lande Valois die Königin Herzeloide und wird, nicht ohne ein Gefühl des Unrechtes gegen die Heidin, ihr Mann. Aber der Dienst des Kalifen ruft ihn in den Orient, und er fällt im Kampfe. Der Kalif läßt ihm ein prächtiges Grabmal errichten, wobei das Kreuz nicht fehlt. Herzeloidens Sohn ist Parzival; Belakane aber hat einen Sohn von weiß und schwarzer Farbe geboren, der Feirefiß heißt und von welchem Parzival später in einem sehr verhängnisvollen Augenblicke seines Lebens zum ersten Male hört. Mit diesem Bruder trifft er gegen Ende des Gedichts unerkannt in dem schwersten Kampf zusammen, den er je gekämpft. Sein Schwert, das er einst in jugendlicher Unerfahrenheit durch Leichenraub gewonnen, zerspringt wie durch Gottes strafende Fügung gerade jetzt, bei einem Hiebe, den er gegen seinen Bruder führt; und ohne die edelmütige Schonung des Heiden wäre er verloren. Aber da tritt die Erkennung ein, und Feirefiß bewährt eine Treue wie irgendein Christ, obgleich durch Christus die Treue in die Welt gekommen, wie der Dichter sagt. Bloß aus Liebe zu einer Christin läßt Feirefiß sich schließlich taufen und trägt das Christentum nach Indien, das er jedoch nur durch friedliche Mittel verbreitet. Von den Berührungen mit dem Heidentume wird die Geschichte Parzivals gleichsam umrahmt. In ihrem Mittelpunkte aber steht der Gral, um den sich das ganze Schicksal des Helden dreht. Der Gral! Es klingt geheimnisvoll und ist es auch. Ein altes Märchending hat sich in ein geistliches Symbol verwandelt und bleibt doch abseits von allem offiziellen Christentum. »Gral« an sich bedeutet eine weite, sich stufenweise vertiefende Schüssel, in welcher verschiedene Speisen zugleich vorgesetzt werden. Der Gral der Sage ist ursprünglich ein Gefäß, das jederzeit eine volle Mahlzeit spendet, eine Art Tischleindeckdich. Nach einer geistlichen Auffassung soll der Gral beim Abendmahl Christi als Gefäß gedient und dann in ihm Joseph von Arimathäa das Blut des Heilandes aufgefangen haben. Bei Wolfram besteht der Gral aus einem kostbaren Edelstein, der, wie es scheint, gleich dem schwarzen Stein in der Kaaba zu Mekka, vom Himmel gefallen ist. Ihn haben zuerst die Engel bewacht und behütet; dann ward er geistlichen Rittern, den Templeisen, übergeben. Er ist ein Symbol der Erlösung und des ewigen Lebens. In ihm verjüngt sich der Phönix. Wer ihn sieht, kann nicht sterben und bleibt jung. Der Ort, an dem er aufbewahrt wird, heißt der wilde Berg «Munsalväsche« bei Wolfram, ursprünglich vielleicht Mons Salvationis »Berg der Erlösung«. In das Gebiet, das ihn umgibt, kann niemand aus eigener Macht eindringen. Niemand kann den Gral suchen und finden. Eine Schrift, die an ihm selbst erscheint, beruft die Menschen, die ihm dienen dürfen. Die Erwählten müssen der weltlichen Minne entsagen, und nur der König darf vermählt sein. Dessen Reich erstreckt sich über die ganze Erde. Die Brüderschaft, der Orden der Erwählten, besteht aus Männern und Frauen, Rittern und Knappen, Priestern und Laien. Sie brauchen nicht für ihren Unterhalt zu sorgen, der Gral spendet Speise und Trank. So versammelt der Gral eine Gemeinde, unbeschadet der Kirche, aber auch unabhängig von der Kirche. Offenbar schwebt ein Ritterorden vor, und mit dem Namen der Templeisen sind geradezu die Tempelherren bezeichnet. Aber diese waren nicht von solchem Geheimnis umgeben, und ihr Oberhaupt war kein König der Welt. Der Orden des Grales, in die wirkliche Welt hineingedacht, könnte nur als ein Geheimbund existieren, dessen Einfluß die ganze Erde umfaßt und der durch ein wundertätiges Symbol unmittelbare Gesetze vom Himmel selbst empfängt. In diesen Bund der Auserwählten und Begnadigten aufgenommen zu werden, wäre dann freilich das Höchste, was einem Menschen auf Erden zuteil werden könnte; und das Königtum des Grales wäre die Spitze des Höchsten, eine überirdische, paradiesische Seligkeit auf Erden; eine Macht und eine Würde neben dem Papsttum und höher als das Papsttum, zugleich um das Papsttum unbekümmert. Parzival ist zu dieser Würde bestimmt. Und Parzival wird der Gnade teilhaftig, obgleich er schwere Sündenschuld auf sich geladen hat. Das ist unwissentlich wie beim heiligen Gregorius geschehen. Aber während Gregorius seine Schuld durch ein hartes Büßerleben sühnt und geistliche Mittel dafür in Bewegung gesetzt werden, vollzieht sich die Reinigung Parzivals bloß durch einen Wechsel seiner Gesinnung, ganz innerhalb der weltlichen Sphäre. Ja noch mehr: Hartmann von Aue sagt in der Vorrede seines »Gregorius«, es gebe keine Sünde, deren man nicht durch Reue ledig werden könnte; nur der Unglaube, der »Zweifel« sei mit nichts gutzumachen, der führe unbedingt zur Verdammnis. Wolframs Epos dagegen beginnt mit der Behauptung, daß Zweifel allerdings der Seele schade, daß jedoch, wo er einem unverzagten Manne nahe trete, dieser dennoch selig werden könne; Himmel und Hölle hätten an ihm teil, und es liege nur an ihm, den Himmel zu ergreifen. Bloß die Unbeständigkeit, die Charakterlosigkeit führe notwendig zur Verdammnis, wie die Stetigkeit zum Heil. Und Wolfram spricht damit den Grundgedanken seines Gedichtes aus. Er gibt wie Goethe im »Faust« eine weltliche Antwort auf die Frage: wer kann Erlösung finden? Goethe sagt: wer immer strebend sich bemüht. Wolfram sagt: der Stete und der Treue. Es klingt anders und ist doch verwandt: der stete Gedanke an seine Frau und an den Gral, das ausschließliche Streben nach den Idealen des Hauses und der Welt, verbunden mit dem wiedergewonnenen Vertrauen auf Gott, das ist Parzivals »Treue«, die ihn zum Heile führt. Parzivals Geschichte erzählt uns die Schuld und Läuterung des Helden. Wir sehen ihn aus Dunkel und Verworrenheit zur höchsten Vollendung vordringen. Seine Mutter will ihn seinem natürlichen Beruf entziehen. Sie läßt ihn im Wald, in der Einsamkeit ohne Kenntnis von ritterlichem Wesen aufwachsen. Aber eine zufällige Begegnung mit Rittern und deren Hinweis auf Artus genügt, um die adelige Natur zum Durchbruch zu bringen. Indem er fortstürmt, bricht er seiner Mutter das Herz, die ihm nachblickend stirbt, sowie er ihren Augen entschwindet. Mit dieser Schuld beladen, aber keck und selbstgewiß, mit Narrenkleidern angetan, die Lehren seiner Mutter allzu wörtlich befolgend, der Welt ein Spott, aber schon gefährlich, so kommt er an König Artus' Hof. Unbekannt mit seiner Familie, unbekannt mit den Gesetzen der ritterlichen Ehre, erschlägt er einen Verwandten und begeht an ihm Leichenraub. Ritter Gurnemanz lehrt ihn erst, was für einen höfischen Mann sich schickt im Frieden und im Streit, und warnt ihn unter anderem vor unnützen Fragen. Er leiht der bedrängten Königin Condwiramurs zu Pelrapeire seinen Schutz und wird ihr Mann. Er zieht von ihr auf Abenteuer fort und will nach seiner Mutter sehen. Da gelangt er zum Gral und wird kostbar bewirtet: er sieht den König Amfortas trank; er sieht eine blutende Lanze hereintragen, bei deren Anblick alles jammert; er sieht viel Wunderbares und Herrliches; er empfängt von Amfortas ein Schwert zum Geschenke mit einem Hinweis auf das Unglück des Königs: aber er fragt nicht, was das alles bedeute; er hat keine Frage des Mitgefühls für seinen gütigen Wirt. Sein natürlich-gutes Herz, das einst um die Vögel trauerte, die er im Walde schoß, das auf dem Wege von der Mutter weg eine jammernde Frau, die arme Sigune, mit Fragen bestürmt und ihr Hilfe, Rache angeboten hatte, ist jetzt unterdrückt durch die konventionellen Schicklichkeitslehren des Ritters Gurnemanz, die er in seiner Unschuld ebenso wörtlich befolgt wie einst die Vorschriften seiner Mutter. Wie die mütterliche Weisheit sich als Hindernis im Verkehre mit der Welt erwies, so steht jetzt die Etikette im Wege, wo es auf einfache Menschlichkeit ankommt. Parzivals Benehmen ist eine Kritik der höfischen Zucht und Sitte überhaupt. Die Erziehung des Ritters reicht so wenig aus wie die Erziehung der Mutter. Parzival hat eine Sünde auf sich geladen und sich selbst gestraft. Die einfache Frage menschlichen Mitgefühls, die von ihm erwartet wird, hätte nach der Bestimmung des Grales den Amfortas geheilt und dem Fragenden das Gralkönigtum verschafft. Nun scheidet er mit Schande von der Burg. Und eben da ihn Artus in seine Tafelrunde aufgenommen hat und seine weltliche Ritterschaft die oberste Stufe erklimmt, da erscheint die Gralsbotin und hält ihm sein Unrecht vor. Aber er beharrt auf seiner Schuldlosigkeit; er sagt sich los von Gott: gäb' es eine göttliche Macht, so hätte sie solche Schande nicht über ihn kommen lassen; mag Gott ihn strafen: immerhin! Er will mit Treue an seine Gattin denken; die soll ihn im Kampfe stärken; von Gott erwartet er keine Hilfe mehr. Er sucht den Gral, er will ihn wiedersehen, erringen. Fünf Jahre irrt er so umher. Da, an einem Karfreitag, führt ihn ein pilgernder Ritter zur Einkehr in sich selbst und verweist ihn an einen frommen Laien, den Einsiedler Trevrizent. Der klärt ihn erst über das Wesen Gottes und über das Wesen des Grales auf. Der Held lernt von ihm Demut und Unterwerfung unter Gottes Fügung. Er wird seiner Sünden ledig und verläßt den Einsiedler als ein verwandelter Mensch. Gottvertrauen leitet jetzt alle seine Taten. Indem er seinen Freund Gawan besiegt, mit dem er unwissentlich kämpft, siegt symbolisch das höhere, durchgeistigte Rittertum über das weltliche. In dem schwereren Kampfe mit seinem Bruder zeigt er die neugewonnene Tugend. Er wird jetzt zum Gral berufen, tut die einst versäumte Frage, tritt das Königtum an und vereinigt sich mit Condwiramurs und seinen beiden Söhnen. Im Zustande der Verzweiflung ist Parzival unseren Blicken entzogen. Aber auch nach dem Aufenthalte bei Trevrizent taucht er für einige Zeit ins Dunkel zurück, und auf der Bühne steht ein anderer. Der Roman hat zwei Helden, ohne uns je vergessen zu lassen, daß Parzival der Hauptheld ist. Wiederholt werden wir an ihn erinnert und bekommen Andeutungen seiner Taten; und gleich, nachdem er wieder eingetreten ist und sich mit dem Freund im Zweikampfe gemessen hat, gelangen Gawans Abenteuer, und was damit zusammenhängt, durch vier Vermählungen zum Abschluß. Nur durch Gawans Einführung und breite Behandlung wird der »Parzival« ein Totalgemälde des ritterlichen Lebens. Der Gegensatz zwischen Kindern Gottes und Kindern der Welt lebt in Parzival und Gawan fort. Parzival ist tief, Gawan oberflächlich. Parzival ist seiner Gattin treu, Gawan eilt von einer Liebschaft zur anderen. Parzival wird des Grales gewürdigt, Gawan sucht ihn vergeblich. Um Parzival gruppieren sich ernste Männer, wie Gurnemanz, der pilgernde Ritter und Trevrizent; um Parzival gruppieren sich die treuen keuschen Frauen: seine Mutter Herzeloide, die freiwillig arme, den Gatten betrauernde, den Sohn behütende; seine Cousine Sigune, die mit ihrem unsinnigen, aber gut höfischen Verlangen nach einem Nichts, nach der Aufschrift einer Hundeleine, ihren geliebten Schionatulander in den Tod getrieben hat und sich ihm nun ins Grab nachweint; seine Frau Condwiramurs, die unschuldige Bedrängte, die in rührendem Vertrauen den Unbekannten um Hilfe anfleht, ihn mit naiver Entschiedenheit wählt, in der schweren Trennung geduldig wartet und den Wiederkehrenden gar lieblich empfängt. Es ist Morgen, sie schläft noch mit ihren beiden Söhnen an der Seite; ihr alter Oheim tritt mit Parzival herein und klopft auf ihre Decke. Sie schlägt die Augen auf und erblickt ihren Mann; sie hatte nur das Hemde an, rasch schwingt sie die Decke um, springt auf den Teppich vor dem Bett herunter und umarmt ihren Parzival: »man sagte mir, sie küßten sich«, bemerkt der Dichter ... Gawan dagegen ist nicht bloß von den Märchenwundern des Artusromanes, sondern auch von lauter weltlicher und zum Teil etwas zweifelhafter Gesellschaft umgeben, die aber doch wie er selbst zu einer Art von Läuterung geführt wird. Die Frauen, mit denen er in Berührung kommt, der entzückende Backfisch Obilot, die spröde, zuletzt von Gefühl überwältigte Obie, das sichere Wesen Antikoniens, die herausfordernde Koketterie der dämonischen Orgeluse, die schwärmerische Verliebtheit seiner Schwester Itonie – alles dies hält sich in den Grenzen der Liebenswürdigkeit, wie es die schickliche Ehrfurcht vor den Damen verlangte, aber auch in den Grenzen dessen, was die Welt anerkennt und was in der Gesellschaft gefällt. Man sieht, Parzival und seine Gruppe, Gawan und seine Gruppe repräsentieren zwei Hemisphären der ritterlichen Welt, wovon uns der Artusroman und Tristan nur die eine zeigte, während Wolfram sie beide vorführt und mit einer Reihe charakteristischer Gestalten erfüllt, die uns wahre Lebenstypen überliefern und sich weit entfernen von den vagen Idealen eines Hartmann von Aue. Aber Parzival und Gawan sind Freunds, und wenn der Dichter jenem den Preis erteilt, so fällt es ihm doch nicht ein, diesen zu verdammen. Er mag den Stoff für beide in der eigenen Brust gefunden haben. Ein höheres und ein niederes Rittertum unterscheidet er; aber Rittertum überhaupt ist doch für ihn die einzig lebenswerte Lebensform. Wolframs »Parzival« ist, wie Gottfrieds »Tristan«, die klassische Gestaltung des Stoffes innerhalb der mittelalterlichen Literatur. Ein schriftunkundiger Deutscher hat den tiefsten Gehalt des europäischen Rittertums künstlerisch verewigt. Und er hatte nicht mit namenlosen Erzählern zu wetteifern, deren Erfindungen erst die Seele einzuhauchen war. Kein Geringerer als Chrestien von Troyes hatte den Stoff zu bearbeiten angefangen und Parzivals Geschichte bis zu dem Aufenthalte bei Trevrizent, Gawans Abenteuer bis kurz vor dem Kampfe mit Parzival in derselben Folge und im ganzen so übereinstimmend erzählt, daß Wolfram unmittelbar oder mittelbar (etwa in der Form einer ergänzenden Überarbeitung, worin die Vorgeschichte und der Schluß hinzugefügt war) den Roman gekannt haben muß. Aber Chrestiens Perceval ist wohl sein schwächstes Werk; und vielleicht hätte seine beste Kraft für diesen Stoff nicht ausgereicht. Durchweg übertrifft Wolfram den Franzosen. Er übertrifft ihn in der Gesinnung, und er übertrifft ihn in der Kunst. Wie hoch steht Wolfram über einem Manne, der auf die »tollen Juden« schimpft, die man »wie Hunde erschlagen sollte«! Welche Fülle des poetischen Details und seiner Züge hat er vor Chrestien voraus! Um wieviel besser hat er alles verbunden und motiviert! Wie sorgt er dafür, daß Personen und Motive nicht zu lange verschwinden, daß sie nicht bloß an einer Stelle oder an weit getrennten Orten auftreten, daß sie gleichsam nicht wie Flecke wirken, sondern sich wie Fäden durch das Gewebe schlingen! Mit welcher Liebe umfaßt er alle seine Gestalten, und wie weiß er uns für sie zu gewinnen, indem er uns ihre Schicksale mitteilt und uns einen Blick in ihre Seele tun läßt! Um wieviel bedeutsamer tritt bei ihm der Gral hervor! Nur bei Wolfram ist offenbar, daß Parzival eine Frage des Mitleides unterlassen hat, daß sein menschliches Gefühl vergebens angerufen ward. Mit welcher Gewalt hat Wolfram das Unheil hereinbrechen lassen über den glänzenden Kreis der Tafelrunde! Wie macht er uns den Gemütszustand Parzivals nach allen Seiten klar, der nun in Trotz gegen Gott versinkt! Bei Chrestien gibt der Held nur die Absicht kund, das zu erfahren, was er über den Gral zu fragen versäumt. Erst hinterher bei dem Einsiedler erzählt er, daß er fünf Jahre lang Gott nicht geliebt und an Gott nicht geglaubt; und der Einsiedler gibt ihm zur Besserung äußerliche Vorschriften über Gebet und Kirchenbesuch. Welche ernsten, tiefen Gespräche hat Wolfram statt dessen eingelegt, und wie weiß er über die arme, nackte Hütte in der Wildnis einen Hauch von gemütlicher Häuslichkeit zu breiten! Wolfram hat den Stoff mit freier, kühner Künstlerhand ergriffen und ihn reich und schön, voll Farbe, Glanz und Leben gemacht. Ihm gelingt alles, das Naive wie das Bewußte, die Idylle wie das Hoffest, das Melancholische wie das Heitere. Er ist ein sicherer Menschendarsteller wie Shakespeare und ein Dichter der Duldung und Versöhnung wie Goethe. Die Gestalten des »Parzival« waren ihm so lieb geworden, daß er noch nicht von ihnen lassen konnte. Insbesondere Sigune zog ihn an, die jungfräuliche Witwe, die Parzival auf seiner ersten Fahrt ins Leben und dann wiederholt in großen Augenblicken belehrend, strafend, tröstend und zuletzt tot auf dem Sarge des Geliebten findet. Wolfram hatte ihr Leid geschildert, er wollte auch ihre Liebe schildern. Er hatte den toten Schionatulander dargestellt, er wollte auch den lebenden vorführen. Er wählte dazu eine Form, die sich an das Volkslied anschloß: Strophen und abgeschlossene Episoden mit dem Ausblick auf die ganze Sage. Er suchte seinen Stil der Weise des Nationalepos noch mehr zu nähern, entlehnte Wendungen daraus und ließ seinen Scherz beiseite. Man pflegt diese Lieder Wolframs »Titurel« zu nennen; denn das erste beginnt mit Titurel, dem Gralkönig, dem Urgroßvater Sigunens und Parzivals. Der eigentliche Gegenstand aber sind Liebesbekenntnisse Schionatulanders und Sigunens, Gespräche unter sich, womit sie den Erwachsenen nachreden, Geständnisse an ihre vertrauten Erzieher, Schionatulanders an Gahmuret, Sigunens an Herzeloide; alles voll zarter Poesie. Gahmuret und Herzeloide billigen ihre Gefühle; nur wird es als selbstverständlich angesehen, daß der junge Held Sigunens Liebe erst durch tapfere Taten verdienen müsse. Da zeigt wieder die höfisch konventionelle Lebensansicht ihr verhängnisvolles Gesicht; und im zweiten Lied erfahren wir, wie Sigunens törichtes Gelüst entsteht, womit sie den Geliebten ins Verderben jagt: wie Schionatulander im Wald einen Jagdhund fängt und Sigune auf dessen prächtigem Leitband eine Inschrift zu lesen beginnt und sie nicht zu Ende lesen kann, weil das Tier entspringt, und wie Schionatulander durch Gestrüpp und Dornen vergeblich nachlaufen muß und dann noch einmal ausgeschickt und der Preis der Liebe darauf gesetzt wird und so, wie der Dichter sagt, die Zeit seines Unglücks anbricht. Auch an Sigune rächt sich die despotische Etikette jener Zeit wie an Parzival. Wenn die kleine Dame glaubt, von ihrem dienenden Ritter alles verlangen zu dürfen, so ist das ebenso toll, wie wenn Parzival glaubt, nach nichts fragen zu dürfen. Wir haben gesehen, wie ängstlich Hartmann von Aue bemüht ist, sich vor dem höfischen Schicklichkeitsideale jederzeit zu verbeugen. Wolfram von Eschenbach protestiert dagegen hier wie im »Parzival« im Namen der Menschlichkeit. Auch dabei kam ihm wohl zugute, daß Bayern in der höfischen Bildung zurück war. Denselben menschlichen Zug offenbart Wolframs zweites Hauptwerk, der »Willehalm«, wieder nach der Seite der religiösen Toleranz. Willehalm ist der heilige Wilhelm, Graf Wilhelm von Aquitanien, der im Jahre 793 zwischen Carcassonne und Narbonne gegen die Sarazenen focht und in einer blutigen Schlacht zwar besiegt wurde, aber gleichwohl das Vordringen der Feinde hemmte. Französische Lieder besangen diese Schlacht und das Leben ihres Helden in sagenhafter Ausschmückung. Er hat eine Heidin entführt, welche in der Taufe den Namen Giburg erhielt. Er kämpft bei Aliscans gegen ihren Vater und ihren früheren Mann. Er sucht nach der Schlacht Hilfe bei König Ludwig und ist in einer neuen Schlacht siegreich, in der sich hauptsächlich Renouart (Rennewart bei Wolfram) auszeichnet, ein heidnischer Prinz, Willehalms Schwager, der unerkannt am königlichen Hof als Küchenjunge lebte, jetzt mit einer ungeheuren Stange tapfere Taten verrichtet und sich schließlich taufen läßt. Wir besitzen Wolframs Quelle oder doch ein sehr nahe verwandtes Gedicht. Er hat es nicht mit der Freiheit und dem Glücke bearbeitet wie den Stoff des »Parzival«. Er hat die langen Kampfschilderungen noch länger, die breiten Reden noch breiter gemacht, aber rohe Gewalttat gemildert, das allzu Martialische gemäßigt und in eine Sage, welche dem religiösen Fanatismus ihren Ruhm verdankte, in ein Gedicht, welches ein Seitenstück zum Rolandslied bildete, seine duldsame Ansicht des Heidentums hineingetragen. Auch hier sind Heiden und Christen durch ein Familienband umschlungen. Um Giburg ist der Kampf entbrannt wie um die griechische Helena. Ihr heidnischer Vater, ihr heidnischer erster Mann, ihr heidnischer Sohn aus erster Ehe stehen gegen ihren christlichen Entführer im Felde. Und Giburg, die heilige Frau, wie sie der Dichter nennt, verleugnet ihre Vergangenheit keinen Augenblick. Sie bekennt, daß Tybald, ihr erster Mann, von jedem Makel frei war. Sie ermahnt die Christen, Gottes Kreatur zu schonen: Adam, Enoch, Noe, die heiligen drei Könige seien auch Heiden gewesen; nicht alle Heiden seien verdammt. Mit den Augen seiner Giburg, die er so herrlich schildert und so hoch verehrt, sieht Wolfram selbst die Heiden an. Er hält es für große Sünde, die Heiden wie das Vieh zu schlachten, die doch nie vom Christentum gehört. Er sucht sie im Gegensatze zu seinem Original überall zu heben. Er setzt zu, ändert ab, erfindet. Er mildert die Furchtbarkeit, indem er edle und feine Züge anbringt. Einen hochmütigen, frechen Perser macht er aufopferungsvoll für die Damen und für seine Freunde. Eine Nebenperson, die in seiner Vorlage nur genannt war, charakterisiert er mit Behagen als einen eleganten Frauendiener, als eine Blüte der Ritterschaft, und kommt wiederholt auf ihn zurück. Erwidert Willehalm in der Quelle eine Schmährede seines heidnischen Stiefsohnes mit der Behauptung, die Heiden seien Hunde, und wer einen von ihnen töte, vernichte einen Teufel, so schweigt er bei Wolfram und vermeidet den Kampf mit dem Sohne seiner Gemahlin. Giburgs Vater bekriegt bei Wolfram seine Tochter nur, weil der Kalif und die heidnischen Priester es so verlangen; er möchte, wenn es nur auf ihn ankäme, lieber für sie in den Tod gehen. Der Heide Rennewart ist bei dem Franzosen ein gefräßiger, trunksüchtiger, plumper Riesenflegel, der seinen Gesellen zur Zielscheibe ihres rohen Spottes dient und ihnen dafür tüchtig Schläge versetzt. Aber Wolfram nimmt ihn von vornherein als einen Edelstein, der in den Schmutz gefallen ist. Und das muß er sein, wenn man ihm die liebliche Königstochter gönnen soll, die ihm in der Sage als Braut zufällt. Wenn Wolfram die rohen Ausbrüche Willehalms gegen seine Schwester, die Königin, nicht wörtlich anführen will, so hat er vielleicht charakteristische Naturwahrheit gedämpft, indessen nur billige Rücksicht auf ein gebildetes Publikum walten lassen. Die Liebe hat in dem ernsten Gedichte nur wenig Raum. Aber wie zwei Gatten treu zusammenhalten, hat Wolfram an Willehalm und Giburg schön gezeigt. Und wundervoll strahlt das Glück der Ehe in mildem, erwärmendem Licht, wenn der unglückliche, schlachtmüde Mann, verzweifelt, zum Tode erschöpft nach Hause kommt und Giburg ihm die Waffen abnimmt und seine Wunden verbindet und ihm einen Augenblick der Ruhe in ihren Armen schenkt, wenn er sein Haupt auf ihre Brust legt und entschläft und sie in Gebet und Klagen sich versenkt und ihre Tränen herabfließen auf den schlafenden Mann, der ihr dann, erwachend, Mut einspricht. Wolfram hat, indem er den »Willehalm« bearbeitete, dem Rittertum gerade wie im »Parzival« eine religiöse Färbung gegeben. Ja, er meldet, wovon die Quelle nichts weiß, daß die Christen sich vor der Schlacht mit dem Kreuze bezeichneten. Er stellt dadurch die Verbindung, die sein Gegenstand schon innerlich mit den Kreuzzugsgedichten des 12. Jahrhunderts hatte, auch äußerlich her. Kein Wunder, daß die Ritter vom Deutschen Orden dieses Gedicht wie kein anderes außer dem Rolandslied verehrten. Das letzte, was Wolfram an seinem »Willehalm« dichtete, ist ein Akt der Versöhnlichkeit und Großmut des Helden, der für ein würdiges Begräbnis der gefallenen Heiden nach ihrem eigenen Ritus Sorge trägt. Bald nachdem der Poet Willehalms edle Worte diktiert, ist er wohl selbst ins Grab gesunken; denn der Schluß fehlt. Man setzt seinen Tod gegen 1220 an. Er dürfte immerhin ein hoher Fünfziger geworden sein. Im »Willehalm« scheint gesunkene Kraft zu spüren. Er hat ihn vor 1217 begonnen und am »Parzival« hauptsächlich während des ersten Dezenniums des 13. Jahrhunderts gearbeitet. Als er aber dieses tiefsinnige Werk unternahm, war er gewiß schon ein reifer Mann. Wolfram ward in der Frauenkirche zu Eschenbach begraben. Der Ort ging im Laufe des 13. Jahrhunderts an den Deutschen Orden über, und sorgfältig wurde das Grab des Dichters gepflegt. Im 15. Jahrhundert konnte der oberbayerische Ritter Jakob Püterich von Reicherzhausen, ein glühender Verehrer Wolframs und der mittelhochdeutschen Gedichte, deren er eine große Bibliothek gesammelt hatte, eine Wallfahrt dahin unternehmen. Und noch im Jahre 1608 am 5. August las der Nürnberger Patrizier Hans Wilhelm Kreß auf dem Grabsteine die freilich jüngere Inschrift: Hie ligt der streng Ritter herr Wolffram von Eschenbach ein Meister Singer. Walther von der Vogelweide Aus der »Geschichte der deutschen Literatur«. Ein reisender Bischof schenkte am 12. November 1203 in Zeißelmauer an der Donau dem Sänger Walther von der Vogelweide eine Summe Geldes zur Anschaffung eines Pelzrockes. Ein italienischer Domherr, der sich in deutscher Poesie versuchte, Thomasin von Zirclaria, stellte im Jahre 1215 denselben Walther als einen Volksverführer hin, der mit einem seiner Gedichte Tausende betört und ungehorsam gegen Gottes und des Papsts Gebot gemacht habe. Wir blicken in das Leben eines wandernden Spielmannes, und doch wird die Stimme dieses Menschen weit in Deutschland gehört; man sieht ihn als einen mächtigen Feind an, und gewiß war er ein gesuchter Freund. Er lebte zu einer Zeit, in welcher die Dichtung eine Macht war. Seine Lieder flogen in die Welt, wie eine Broschüre, die jedermann liest, oder wie eine glänzende Rede, die alle Zeitungen unverkürzt abdrucken. Walther hatte eine öffentliche Laufbahn. Er war vermutlich in Österreich geboren und fand an dem Babenberger Herzog Friedrich dem Katholischen einen Protektor. Als dieser im April 1198 in Palästina starb, blieb Walther von Wien fort und versuchte sein Glück als politischer Sänger. Er sang für Philipp von Schwaben; er sang für Otto den Vierten; er sang für Friedrich den Zweiten: von 1198 bis 1227 können wir ihn verfolgen, und spätestens seit 1187 hat er überhaupt gedichtet. Wichtige Momente unserer Geschichte begleitete er mit seinem Liede. Über seinen politischen Gesinnungswechsel, den Übergang von einem Kaiser zum anderen, können wir nicht urteilen; für Zeiten der Bürgerkriege, die nur um den Besitz der Macht gekämpft werden, fehlt aus der Ferne jeder sittliche Maßstab. Persönliche Vorteile gehörten allerdings zu Walthers Motiven. Es liegt in der Naivität der Zeit, daß solche egoistische Interessen offen eingestanden werden. Ohne Scham bittet, mahnt, fordert, dankt Walther für empfangene Geschenke. Wie würde ein heutiger Dichter ersten Ranges der Welt glückstrahlend verkündigen, daß er das große Los gewonnen! Für Walther war ein eigener Herd das große Los. Er stand nicht bloß zu den Kaisern, sondern auch zu vielen deutschen Fürsten in persönlicher Beziehung; in Österreich, Thüringen, Meißen, Bayern, Kärnten, Aquileja hat er am Hofe zeitweilig Aufnahme gefunden; von der Seine bis zur Mur, vom Po bis zur Trave ward er umhergetrieben; aber nirgends konnte der Wanderer festen Fuß fassen; keiner jener Fürsten und Protektoren schuf ihm ein Haus; der größte Sänger der Zeit war lange verurteilt, ein Vagabund, ein Bettler zu bleiben. Kaiser Friedrich der Zweite endlich befriedigte seine Sehnsucht. Er gab ihm ein kleines Lehen, vermutlich in Würzburg. Da brach der arme Schelm in Jubel aus: »Ich hab' ein Lehen, alle Welt, ich hab' ein Lehen!« Wenn nun der wandernde Spielmann, der von der Gnade seiner Gönner lebte und kaum lebte, unter dem Drucke der Not die Partei wechselte, soweit es sich um Personen handelte, so hat er doch niemals die Partei gewechselt, soweit es sich um Prinzipien handelte. Er war stets ein guter Patriot, ein frommer Mann, ein Feind des Papstes. Er liebte und bewunderte sein Vaterland, das er in einem berühmten Liede pries: nirgends hat es ihm so wohl gefallen, deutsche Sitte geht allen vor; wohlerzogen sind die Männer, wie die Engel sind die Frauen beschaffen. »Wer Tugend und reine Minne suchen will,« ruft er aus, »der soll kommen in unser Land: da ist Wonne viel: möcht' ich lange darin leben!« Und war es ihm nicht vergönnt, diese glückliche Ansicht der ihn umgebenden Welt festzuhalten; kamen böse Jahre, in denen der Verfall des höfischen Lebens über Deutschland hereinbrach; mußte er sich fragen, ob sein Leben ein Traum war, ob nicht alles, was er glaubte, was er für wirklich hielt, ein Nichts gewesen: so hören wir in der rührenden Elegie, worin er den Schmerz über sein verwandeltes Vaterland ausspricht, doch immer den begeisterten Patrioten reden; seine Trauer fließt aus der Liebe; sie verbindet sich mit Frömmigkeit, und seine Sehnsucht steht nach dem Heiligen Lande. Gleich einem älteren ungenannten Spielmanne, der wie Walther sein Elend bejammerte, ein eigenes Haus wünschte, seine Gönner lobte und daneben persönliches Schuldgefühl aussprach, sich mahnend an die Zeitgenossen wandte, alle großen heiligen Gegenstände der christlichen Lehre besang und dergestalt ganz auf die geistliche Weltanschauung einging, hat auch Walther in feierlichen Weisen seinen Glauben und ein Sündenbekenntnis abgelegt, die heilige Dreieinigkeit, die Jungfrau Maria, Christi Kreuzigung besungen, alle die für Toren erklärt, die nicht von der Jungfrau und ihrem Sohne das zeitliche und ewige Heil erwarten, und jede Spekulation über das Wesen Gottes als vergeblich abgewiesen. In einem kindlich frommen Morgengebete ruft er den Segen des Himmels über sich herab. Gottes Huld und Ehre erscheinen ihm als die höchsten Güter; und er klagt sich der Selbstsucht an, weil er seine Feinde nicht zu lieben imstande sei. Von dem Leichtsinne des Erzpoeten ist er weit entfernt. Die Trunksucht hat er in besonderen Gedichten bekämpft. Mit sittlichem Ernste dringt er auf das rechte Maß in allen Dingen. Wer sich selbst beherrscht, ist ihm der wahre Held, der schlägt den Löwen und den Riesen. Des Mannes Gesinnung soll fest sein wie ein Stein und in der Treue glatt und blank wie ein Silberstab. Walther eifert gegen die Zweizüngigen, die Lügner und Betrüger. Er weiß, was Freundschaft wert ist und schätzt sie höher als die Verwandtschaft: »Freundes Lächeln«, sagt er, »sei wahr und ohne Falsch, lauter wie das Abendrot, das schönen Tag verkündet.« Walther hebt hervor, wie das Streben nach Geld und Gut, wie übergroßer Reichtum und übergroße Armut den Menschen demoralisiere. Im Alter wirkt er für den Kreuzzug Friedrichs des Zweiten und dichtet fromme Marschlieder für das Heer. Er wendet sich von der irdischen Liebe zur himmlischen und nimmt Abschied von der Frau Welt, der er so lange gedient. Aber alle Frömmigkeit hindert ihn nicht, sich auf einen freien menschlichen Standpunkt zu stellen und das Christentum von seinen offiziellen Trägern zu unterscheiden. Der heimatlose, weitumgetriebene Spielmann ist ein aufgeklärter Apostel der Humanität und Toleranz; er weiß und verkündet, daß Herr und Knecht vom Tode gleich gemacht werden, daß Christen, Juden, Heiden einem und demselben Gotte dienen. Er verspottet den Glauben an Träume, verlangt milde Erziehung, hält den Fürsten ihre Pflicht vor und ist ein Tribun der Deutschen gegenüber Rom. Er führt den Bürgerkrieg in Deutschland auf päpstliche Machinationen zurück. Er will nicht, daß deutsches Geld nach Rom fließe. Er nennt den Papst den neuen Judas und stellt ihn als einen Diener des Teufels hin, dem er die ganze Christenheit ausliefern wolle. Er erinnert ihn an den Fluch, den er über die Feinde des Kaisers bei dessen Krönung gesprochen: er habe sich selbst verflucht. Walther streitet gegen die Einmischung der Geistlichen in weltliche Angelegenheiten überhaupt. Er zieht das Gleichnis vom Zinsgroschen herbei: gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes. Er sieht die weltliche Macht des Papstes für ein Gift an, das in die Kirche gefallen. Das Christentum liegt, wie er meint, im Krankenhaus und wartet vergeblich auf einen Labetrunk von Rom. Der Papst selbst mehrt den Unglauben; er führt die Geistlichen an des Teufels Seil; sie sind lasterhaft; sie tun nicht, was sie lehren; und wer nur Christ mit Worten, nicht mit Werken ist, der ist ein halber Heide. Alle die Gedichte, mit denen Walther ins öffentliche Leben eingreift oder seine Grundsätze ausspricht, pflegt man »Sprüche« zu nennen. Sie sind sämtlich kurz und leicht zu behalten: Gesänge von einer Strophe, die gewiß mit einer gefälligen, faßlichen Melodie versehen waren. Sie konnten sich von Mund zu Mund verbreiten, wie eine Anekdote oder ein Epigramm. Sie sind interessant wie eine Fabel, prägnant wie ein Sprichwort und oft ganz auf populäre Wirkung berechnet. Sie lassen sich dann mit einer raschen Volksrede vergleichen, die zündend in eine große Versammlung fliegen soll. Da fällt jede feinere Gedankenentwicklung fort; der Stil muß lapidarisch sein; für Schmuck und Formenspiel ist kein Raum; in dem nackten Gedanken, in dem einfachen Wort entfesselt sich das Pathos. Viele lassen sich auf einen Hauptsatz zurückführen, der eigentlich das ganze Gedicht enthält. Zuweilen bleibt es bei der Behauptung; zuweilen wird ein summarischer Beweis geliefert. Zuweilen steht der Satz an der Spitze, zuweilen ergibt er sich als Folgerung erst am Schluß. Ein Gedicht für die Wahl Philipps von Schwaben gipfelt in der Aufforderung an das deutsche Volk: »Dem Philipp setze die Krone auf!« Es hält aber folgenden Beweisgang ein: alle Kreatur hat ihr festes Regiment; in Deutschland fehlt es; nur Philipp ist geeignet, es herzustellen. Der Gedanke kleidet sich in eine möglichst sinnliche Form, und um diese herzustellen, scheut der Dichter auch die Übertreibung nicht. Seelische Vorgänge werden durch die körperlichen Symptome ausgedrückt. Anstatt zu sagen: »Ich empfand Trauer«, sagt Walther: »Meine hochfältigen Kranichsschritte wurden schleppende Pfauentritte, den Kopf ließ ich hängen bis auf die Knie.« Die allgemeine Wahrheit wird womöglich auf eine individuelle Erfahrung, das vielfach Bewährte auf einen einzelnen Fall reduziert. Anstatt zu sagen: »Kein Nachdenken lehrt, wie Ehre, Reichtum und Gottes Huld zugleich erworben werden können«, führt er sich selbst als Nachdenkenden ein, und zwar wieder körperlich in der typischen Stellung des Nachdenkenden: »Ich saß auf einem Steine und deckte Bein mit Beine, darauf setzt' ich den Ellenbogen; ich hatt' auf meine Hand gestützt das Kinn und eine Wange: da dacht' ich sorglich lange dem Weltlauf nach.« Einige Sprüche sind rein episch, indem ein Vorgang um seiner selbst willen erzählt wird, wie König Philipps Weihnachtsfest zu Magdeburg, oder indem ein solcher Vorgang um seiner symbolischen Bedeutung willen erzählt wird, wie Christus mit dem Zinsgroschen. Aber in manchen Sprüchen schlägt nur der Eingang einen epischen Ton an und macht ein Gedicht dadurch populärer, wie das eben angeführte »Ich saß auf einem Steine« ober »Ich hört' ein Wasser rauschen« oder »König Konstantin, der gab so viel«. Oder das epische Element verbindet sich mit einem dramatischen: Personen werden redend eingeführt. Um nicht selbst über den Papst zu klagen, legt er in einem seiner älteren Sprüche die Klage einem Manne in den Mund, an dessen Frömmigkeit kein Zweifel sein konnte: »Ich hörte fern in einer Zelle lauten Jammerruf; da weinte ein Klausner, er klagte Gott sein Leid: Weh uns, der Papst ist zu jung; hilf, Herr, hilf deiner Christenheit.« Dramatisch wirkt auch die unmittelbare Anrede, mit der er sich an den Kaiser, den Papst, die Fürsten oder andere Personen oder selbst Personifikationen wendet. So redet er Frau Welt an; so hat er die Opferstöcke personifiziert, in denen Innocenz der Dritte für den Kreuzzug sammeln ließ, indem er sich gleichsam vor einen derselben hinstellt und ihn wütend anfährt: »Sagt an, Herr Stock, hat Euch der Papst zu uns gesandt, daß Ihr ihn reich macht und die Deutschen plündert?« Der Spruch faßt seinen Inhalt in dem Schluß zusammen: »Herr Stock, Ihr seid zum Schaden hergesandt, daß Ihr in Deutschland suchet Törinnen und Narren.« Das Kühnste an Dramatisierung aber hat Walther geleistet, indem er es wagte, den Papst inmitten seiner Welschen darzustellen, wie er die Deutschen lachend verhöhnt und sich seiner klugen Politik rühmt: »Ich hab' es gut gemacht! Ich hab' zwei Deutsche unter eine Krone gebracht, daß sie das Reich verwüsten und zerstören. Unterdessen füllen wir die Kassen. Die Deutschen müssen zum Opferstock, ihr Gut ist alles mein, ihr deutsches Silber fährt in meinen welschen Schrein. Ihr Pfaffen, esset Hühner und trinket Wein und laßt die deutschen – fasten.« Es fehlt hier ein Schimpfwort, das der Papst gegen die Deutschen gebraucht und das offenbar so stark war, daß es die patriotischen Schreiber unserer Handschriften nicht wiederholen wollten. Bei dieser Szene aus der Residenz des Papstes hat glühender Haß den Griffel geführt. Es ist wohl nie ein aufreizenderes Epigramm gedichtet worden. Hier wird der Volksrichter in der Tat zum Volksführer oder zum Volksverführer, wie jener Domherr sagte: der Spielmann wird Demagog. Reiht sich dergestalt Walther mit seinen Sprüchen den Spielleuten an, indem er eine Stellung erringt, wie sie nie ein Spielmann vor ihm oder nach ihm besessen; so verleugnet er in seiner Liebeslyrik nirgends den Edelmann. Und die Eigenschaften, die ihn im Spruch auszeichnen, finden sich, soweit es der Stoff und die Kunstform gestatten, zum Teil auch im Liede wieder. Er ist lebhaft, anschaulich, zuweilen derb, wird zornig und flucht, weiß epische und dramatische Mittel in Bewegung zu setzen und zeigt sich in allen diesen Zügen als ein rechter Sohn des bajuvarischen Stammes. Der adelige Minnesang ging in Österreich und Bayern aus dem volkstümlichen Liebesliede hervor. Noch heute zeichnen sich die Bewohner der bayerischen und österreichischen Alpen durch die Gabe der kecken Improvisation im Gesange aus. Wir dürfen darin eine Erbschaft der Urzeit erblicken. Kurze Liebeslieder waren den alten Ariern und den Germanen so wenig fremd wie den übrigen, auch den niedrigsten Völkern der Erde. Gelegenheitsgedichte blitzen im Liebesverkehre wie Funken auf; und sind sie in ein glückliches Bild gefaßt, auf einen prägnanten Ausdruck gebracht, so dauern sie über die Jahrhunderte hin. »Du bist mein, ich bin dein«: wie oft mag das der Liebende der Geliebten, die Liebende dem Geliebten zugesungen haben. »Du bist verschlossen in meinem Herzen, verloren ist das Schlüsselein, nun mußt du immer drinnen sein«: diese hübsche Wendung können wir im 12. Jahrhundert wie in heutigen Volksliedern nachweisen. Die populären Liebesweisen flogen wie Sommerfäden von den grünen Wiesen, auf denen die Bauern tanzten, in die Schlösser des Adels. Aus den unbeachteten Gelegenheitsscherzen einer früheren Zeit wurden im 12. Jahrhundert kleine Lieder, welche das erwachte Selbstgefühl der aristokratischen Gesellschaft bewunderte und festhielt, um auch den edlen Lebensschmuck der Poesie nicht zu entbehren. Ein Ritter Kürenberg aus der Nähe von Linz an der Donau erfand eine vierzeilige Strophe von bequemem Bau, welche zur Modeform für solche Improvisationen wurde und längere Zeit an den Ufern der Donau so beliebt blieb, daß auch die Verfasser der Nibelungenlieder nach ihr griffen. Später sang ein Burggraf von Regensburg ähnlich einfache Lieder in verwandten Strophenformen. Andere Dichternamen kennen wir nicht, und wenig ist uns erhalten aus dieser Frühzeit des aufblühenden nationalen Minnesanges, aber das Wenige gehört zu dem Schönsten der mittelalterlichen Lyrik und greift uns mit schlichtem Worte noch heute unmittelbar ans Herz, ohne daß es einer künstlichen Vermittelung bedürfte, ohne daß wir uns in die konventionellen Formen des ritterlichen Verkehrs hineinzudenken brauchten. Frauenempfindung stellt sich in diesen Liedern ganz anders dar, als was die Männer zu sagen haben. Noch ist die gesellschaftliche Herrschaft der Damen nicht anerkannt. Mit Selbstgefühl wirbt der Mann: »Freud' und Leid teil' ich mit dir: solang ich lebe, sollst du mir lieb bleiben; denn daß du einen Schlechten liebtest, das wünsch' ich dir nicht.« Ein anderer versagt sich einer Frau, die seine Liebe begehrte. Ein dritter mahnt die heimlich Geliebte, sich vor der Welt zu bergen, wie ein Stern in den Wolken, und ihre Augen zum Schein auf anderen ruhen zu lassen. Ein vierter rühmt sich seiner Triumphe: Frauen seien leicht zu zähmen wie die Falken. Die Damen ihrerseits werden zuweilen episch eingeführt: »Es stand eine Frau allein und schaute über die Heide und schaute nach dem Liebsten aus; da sah sie einen Falken fliegen.« Den Falken preist sie selig, weil er sich den Baum wählen kann, der ihm gefällt. So hat auch sie getan und einen Mann erwählt, aber andere Frauen wollen ihn ihr rauben ... Auch ohne epische Einführung sprechen Frauen ihr Gefühl aus. Eine Dame erzählt, sie habe einen Falken gezähmt; der sei ihr fortgeflogen und trage jetzt andere Fesseln. Naturgefühl und Liebesgefühl verketten sich: erst der Geliebte macht die Sommerwonne voll, seine Liebe dünkt sie der Rose gleich. Ist der Vogelsang verschwunden und das Laub der Linde, so trüben sich die Augen der verlassenen Frau; sie erinnert den Ungetreuen daran, wie er sie einst bewundert. »Unser zweier Scheiden mög' ich nicht erleben!« ruft die Liebende aus. Und eine andere weint, weil sie mit ihrem Freund entzweit ist. Schüchtern klagt ein Mädchen: »Wenn ich steh' allein in meinem Hemde und ich an dich denke, so erblühet meine Farbe, wie die Ros' am Dorne tut; und gewinnt mein Herz gar manchen traurigen Mut.« Nur die Frauen sind empfindungsvoll, hingebend, besorgt. Nur sie kennen den Liebesschmerz und die Liebestränen. Aber diese Verhältnisse änderten sich mit dem Vordringen französischer Mode im Leben und in der Poesie. Schon tauchen in jenen österreichischen Liedern die Aufpasser, die »Merker«, als die Feinde der Liebenden auf; schon wird die heimliche Liebe als die wahre gepriesen; immer deutlicher wirken Tristan und Isolde als das vorbildliche Liebespaar ein; und bald wird das Verhältnis der Frauen zu den Männern in sein Gegenteil verkehrt. Die Frauen werden spröde, die Männer müssen schmachten; jene bleiben unbewegt, diese müssen das Trauern lernen; jene versagen, diese klagen. Die Frauen sind die Gebieterinnen; der Liebende verhält sich zu seiner Dame wie ein Vasall zu seinem Lehnsherrn: er muß ihr dienen; für diesen Dienst erwartet er Lohn: und selten wird ihm nur die kleinste Gunst zuteil. Was die Liebe an sittlicher Reinheit gewann, das verlor der Liebessang an Leben und Frische; er wurde eintönig und affektiert, wie bei Reinmar von Hagenau. Aber Bayern und Österreich folgten nie ganz der Mode; da hielten sich widerstrebende Elemente, die ihre Kraft aus der volkstümlichen Tradition schöpften. Wolfram von Eschenbach ergriff in den Tageliedern eine poetische Gattung, die schon durch ihren epischen und dramatischen Gehalt, durch ihren balladenartigen Charakter sich an gewisse populäre Liedformen anschloß. Der Österreicher Dietmar von Aist wirbt wenigstens um eine Dame, die er besingt, als ihr Diener; er ist ihr Untertan wie das Schiff dem Steuermann; er hat weichere Empfindung oder gibt sie wenigstens vor; des Nachts kann er nicht schlafen und glaubt sterben zu müssen vor Liebe; aber sein Werben bleibt nie unbelohnt; die Frauen sehnen sich nach ihm, mißgönnen ihn einander, und er scheint ein Don Juan zu sein, der von einer Eroberung zur anderen eilt. Um die Zeit, als dieser Dietmar blühte, muß Walther von der Vogelweide zu dichten begonnen haben und Reinmar von Hagenau nach Österreich gekommen sein. Reinmar fand am Hofe zu Wien freundliche Aufnahme und besang den Tod Herzog Leopolds des Fünften (Silvester 1194), indem er seiner Witwe eine schöne Klage um ihn in den Mund legte. Er hat sichtlichen Einfluß auf Walther geübt; in der geistreichen Konversationspoesie ist dieser sein Schüler. Aber neben der Verwandtschaft ist auch der Gegensatz deutlich. Übertreibungen finden in Österreich nur selten Anklang; gesunder Menschenverstand und munterer Witz dulden keinen phantastischen Zug. Wenn Reinmar seinen »langen süßen« Liebeskummer wie ein zartes Pflänzlein hegte, so ward er gewiß bald ausgelacht. Und folgt Walther in manchen Dingen dem Beispiele Reinmars, wird auch er in langem, vergeblichem Werben nicht müde, nennt auch er die Liebe eine süße Mühsal und einen Hort aller Tugenden: so wird es ihm doch nicht einfallen, Liebeskummer als seinen schönsten Ruhm zu betrachten. Sagt Reinmar: »Ich werb' um alles, was ein Mann an Freuden dieser Welt je haben kann, das ist ein Weib«: so geht Walther im Frauendienste nicht auf, für ihn hat die Welt noch andere Freuden und Pflichten. Er hat sich einmal direkt über Reinmar lustig gemacht, die Übertreibungen seines Gefühls wie die Übertreibungen seiner geistreichen Manier verspottet und die verspotteten Motive selbst anders angewendet. Reinmar will seine Dame über alle anderen setzen, Walther sagt der Geliebten unbefangen: »Vielleicht sind andere besser, du bist gut«; er will seine erwählte Dame niemand aufdringen, mag jeder die Seine loben mit des Dichters Wort und Weise: »Lob' ich hier, so lob' er dort.« Reinmars Lieder sind ohne Naturgefühl; er begrüßt nie den Frühling und trauert nie über den Winter. »Ich habe mehr zu tun, als Blumen zu beklagen«, sagt er. Walther dagegen hat, ohne je Natur und Liebe auf konventionelle Weise zu verbinden, die Jahreszeiten wiederholt besungen und dem allbekannten Stoffe neue Seiten abgewonnen. In das Bild des Frühlings zeichnet er eine Szene hinein: Mädchen, die auf der Straße den Ball werfen. Oder eine Landschaft tut sich auf: der Dichter sitzt auf einem Hügel, vor ihm Blumen und Klee und dahinter ein See. Der Mai kleidet die Bäume so schön und die Wiese noch schöner: »du bist kürzer, ich bin länger«, also streiten auf dem Anger Blumen und der Klee. Die Blumen dringen aus dem Grase und lächeln am Sommermorgen der Sonne zu. Schöner als alle Frühlingspracht aber ist eine schöne Frau. Reinmar gehört zu den Dichtern, welche durch einseitigen Geschmack die Poesie ärmer machen. Bei Walther ist sie so reich wie bei keinem anderen mittelhochdeutschen Lyriker. Er verhält sich zu Reinmar wie Wolfram von Eschenbach zu Gottfried von Straßburg. Auch Gottfried beschränkte sich willkürlich auf die epische Fülle, die sein Stoff ihm darbot. Walther und Wolfram nehmen den ganzen Schatz, das Erbteil der Väter, in ihre Pflege; sie wissen das alte Gold wieder umzuprägen oder neu zu fassen. Wie Gottfried gegen Wolfram polemisierte, so hat nach Walthers eigenem Zeugnis Reinmar ihn nicht leiden können. Und wie Wolfram seinen Tadler durch Lob beschämte, so hielt Walther dem Reinmar eine Grabrede, welche durch Wahrhaftigkeit, Offenheit, Gerechtigkeit und ernstes Gefühl zu dem Großartigsten gehört, was er gedichtet hat. Wie nahe sich Walther und Wolfram standen, wissen wir nicht. Jedenfalls haben sie sich gekannt und anerkannt. Sie zitieren einander, und Walther hat in Wolframs Stil ein Tagelied verfaßt. Walther ist, wie Wolfram, voll Selbstgefühl im Leben und in der Liebe; er spricht ganz unbefangen von seiner »reichen Kunst«; er hebt immer hervor, daß er anderen mit seinem Gesange Freude mache, daß niemand eine Dame so gut zu loben verstehe wie er, und daß auf seinem Lob ihr Ruhm beruhe. Aber Walthers Stil ist bescheidener als Wolframs kühn individuelle Manier. Er hat nicht die Pracht, den Bilderreichtum, das immer und überall Originelle seines bajuvarischen Stammesgenossen. In seinen Liebesgedichten finden sich viele Gedanken und Motive, die auch bei Friedrich von Hausen, Reinmar und anderen begegnen; auch er ist mittelbar ein Schüler der Troubadours; und selten oder nie kann man mit Sicherheit sagen, wo die Überlieferung aufhört und die Weiterbildung anfängt. Auch Walther liebt heimlich, fürchtet Aufpasser, weist indiskrete Fragen ab, dient, erwartet Lohn. Er dient, weil er bewundert, und er bewundert bis »Stetigkeit« seiner Dame, ihre maßvolle Heiterkeit, ihren freundlichen Blick, ihren lieblich redenden Mund, ihre Schönheit und Güte, wozu er ihr aber auch Barmherzigkeit wünscht. Er ist in ihrer Gegenwart befangen und an ihrer Seite stumm. In seinem poetischen Liebeswerben bringt er hübsche Wortspiele an. Seine Reflexion bewegt sich in bekannten Gegensätzen, wie Inneres und Äußeres, Herz und Leib, Freude und Trauer, Glück und Unglück, Vorteil und Nachteil, Hoffnung und Enttäuschung, rechte Liebe und falsche Liebe, Leid verhehlen und offen sagen. Er bedauert, daß graue Haare ein Hindernis der Liebe, daß 24 Jahre der Minne lieber als 40 seien. Die Minne erscheint personifiziert, er klagt vor ihrem Thron und ist von ihrem Pfeile getroffen. Auch andere sittliche Begriffe werden zu Personen gemacht, und wieder andere werden als greifbare Sachen aufgefaßt: Haß und Neid ziehen als Späher aus; Freude kann man borgen, eine Rede mitten entzweischlagen; Schönheit und Ehre sind Zaubermittel der Dame gegen den Dichter; das Herz ist ein Raum, in den man eindringt, zu klein, um die Liebe allein zu fassen, diese muß daher auf zwei Herzen verteilt werden. In alledem ist keine hervorragende Eigentümlichkeit: aber Walthers besonders Art zeigt sich gleich, wenn er etwa den Dialog zwischen Ritter und Dame mehr dramatisch ausbildet, so daß ein kleiner Wortkampf mit Angriff und Abwehr entsteht. Oder wenn er Personifikationen sinnlich ausführt, wenn er z.B. Fortuna darstellt, wie sie Gaben verteilt und ihm beharrlich den Rücken zukehrt: auch wenn er um sie herumläuft, immer ist er hinter ihr, sie will ihn nicht ansehen: »Ei, so möcht' ich, daß ihr die Augen im Nacken säßen: dann müßte sie es wider Willen tun.« Die alte Vorstellung, daß der Leib ein Kleid des Menschen sei, wird vom Dichter ergriffen, um die Schönheit seiner Dame zu rühmen. Er hat nie ein schöneres Kleid gesehen, Verstand und Glück sind dreingesteppt. Und nun fährt er witzig fort, indem er auf die gewöhnliche Belohnung der fahrenden Spielleute durch alte Kleider anspielt: »Getragene Kleider hab' ich sonst nie genommen; dieses nahm' ich für mein Leben gern, um dieses könnt' ein Kaiser Spielmann werden. Da, Kaiser, spiele! Nein, Herr Kaiser, anderswo!« Das festgehaltene Bild, die dramatische Anrede, die Zurücknahme und dies alles zusammengedrängt am Schluß eines längeren Gedichtes, ist höchst charakteristisch. In schweren, dunklen Zeiten ruht der Gesang. Leicht bietet sich die Vergleichung dar: auch die Vögel singen nicht bei Nacht. Aber wie lebhaft drückt das Walther aus! Er tröstet die Zweifler, die Zeit werde wieder kommen, wo die Sangeskunst sich von neuem bewähre, und schließt: »Ich hört' ein kleines Vögelein dasselbe klagen, das versteckte sich und sprach: Ich singe nicht, erst muß es tagen.« Schon Friedrich von Hausen in seinem ältesten und kürzesten Liede erzählt von Liebesglück, das er im Traum genossen, und zürnt den erwachenden Augen, die es ihm genommen. Walther tritt im Traum einem Mädchen entgegen, die zum Tanze geht, und überreicht ihr einen Kranz. Sie nimmt ihn wie ein schamhaftes Kind, mit errötenden Wangen, gesenkten Augen, zierlichem Neigen. Und weiter wirbt er, und sie gibt ihm Glück – doch alles war nur geträumt. Aber jetzt sucht er sie unter den Mädchen, er sucht sie beim Tanze. »O, bitte, rückt auf eure Hüte!« ruft er den Mädchen zu. Aber vergeblich, er findet sie nicht. Das Ganze offenbar ein Lied, das zum Tanze gesungen werden sollte. Daß ein Mädchen von einem Stelldichein erzählt, war auch schon dagewesen. Aber Walthers Lied »Unter der Linde an der Heide« ist einzig an Naivität, Grazie, Schalkhaftigkeit. Und man wäre geneigt, es für das schönste Lied des ganzen Minnesanges zu erklären, so voll von Leben und überraschendem Reichtum ist es – wenn nicht die Grundvoraussetzung eine konventionelle wäre: denn ein Mädchen, so beschaffen, wie dieses gedacht ist, wird ein solches Erlebnis überhaupt nicht oder nicht so erzählen. Lebhaft preist Walther die Stunde, da er sie kennengelernt, die ihm das Herz und den Mut hat bezwungen. Er kann sich von ihr nicht mehr trennen: das hat ihre Schönheit und Güte gemachet und ihr roter Mund, der so minniglich lachet. Er wünscht der Geliebten, die ihn hinhält, so nahe zu sein, daß er sich in ihren Augen spiegeln könne. Dann werde er sie fragen: Willst du das nicht wieder tun? mich nicht mehr quälen? Und sie gibt nur ein Lächeln zur Antwort... Überall Szene und Handlung! Wieviel Mühe hat sich Petrarca gegeben, um die Schönheit seiner Laura der Nachwelt zu verkünden! Aber er gelangt über das Aufzählen einzelner Vollkommenheiten nie hinaus; die Häufung wird gegenseitige Störung; und man erhält nirgends ein Bild. Der »rote Mund, der so minniglich lachet«, schwebt uns gleich reizend im Geiste vor. Walther ist sparsam mit Angaben über die körperliche Beschaffenheit der Frauen, die er besingt; er zeigt sie uns lieber in Bewegung, in bestimmter Situation: aus dem Bade steigend; oder in die Kirche gehend, ungeschminkt, in einfacher Tracht, mit blondem, aufgebundenem Haar; oder eine vornehme Dame in voller Toilette, die sich mit ihrem Gefolg in Gesellschaft begibt und nur von Zeit zu Zeit bescheiden um sich blickt. Walther weiß in solche Schilderungen die Anmut hineinzulegen, die er höher als die Schönheit preist. Er führt auch, um nur Handlung statt Beschreibung zu gewinnen, Gott als Schöpfer ein: der hat an ihre Wangen teure Farben gestrichen, so reines Rot, so reines Weiß, hier Rosenrot, da Lilienweiß; oder Gott ist Bildgießer, der Schönheit und Reinheit als Metalle für den Guß einer Frau genommen hat. Durchweg fesselt Walther durch Anschaulichkeit, Leben, Bewegung. Aber phantasievolle Betrachtung ist sein eigentliches Gebiet. Die sinnliche Welt macht er wundervoll deutlich und weiß sie mit Liebreiz zu übergießen. In die Erscheinungen der sinnlichen Welt kleidet er auch seelische Verhältnisse und gibt dadurch der Reflexion einen dichterisch greifbaren Körper. Aber das Seelenleben selbst erfaßt er nur durch das Medium der Reflexion. Die Welt der Empfindung steht unerreichbar über der Poesie des Mittelalters: sie wird nur aus der Ferne beschrieben. Innere Zustände und Vorgänge finden sich in der Lyrik wie im Epos analysiert, und das Epos erlangt herrliche Ausdrucksmittel, um sie in Handlung umzusetzen: einige Nibelungenlieder, die »Gudrun«, Wolfram von Eschenbach leisten darin das Höchste; und auch Walther verfügt über die epischen Mittel. Aber uns in das Leben seines Herzens unmittelbar hineinzuziehen, ist er selten imstande. Ergreift er uns einmal mit schlichtem Wort, wie jene alten österreichischen Improvisationen, so geht er bald wieder zu Betrachtungen über, die mehr den Verstand angenehm beschäftigen als die Seele bewegen. Gleichwohl hat Deutschland vor Goethe keinen Lyriker gehabt, der sich mit Walther vergleichen ließe. Und auch unter den Lyrikern des außerdeutschen Mittelalters weicht er keinem. Die Lyrik des Mittelalters ist für die Folgezeit hauptsächlich durch Petrarca vertreten worden; Petrarca hat die Troubadours beerbt: das Ansehen, das sie einst genossen, ist in den Augen der Renaissance auf den gelehrten Dichter übergegangen. Um wieviel mehr aber hätte Walther von der Vogelweide verdient, auf die Nachwelt zu wirken und in ihr fortzuleben! Wie mannigfaltig ist das, was er zu bieten hat, verglichen mit der Eintönigkeit Petrarcas! Petrarca sammelt den kostbarsten Schmuck aus der Mythologie, aus der antiken und aus der mittelalterlichen Liebespoesie und setzt ihn vorsichtig wie Mosaik zu immer neuen Bildern zusammen. Aber dieser Schmuck ist mit der Mode vergänglich. Walther dagegen tritt fast so einfach auf wie die mittelhochdeutschen Volksepen; keinen Schmuck verwendet er, als was die Natur an allen Orten bietet: bunte Blüten und grünen Zweig: was nie veraltet. Und das Beste, was er darstellt, ist er selbst: ein Mensch, wie man ihn zum Freunde wünscht, so hell in seinem ganzen Wesen, so mild, so ernst und fest in seinem Innern bei leichter, liebenswürdiger Form; fröhlich mit den Fröhlichen, traurig mit den Traurigen, von Kindheit an geneigt zu hoffen und unverzagt in hohem Streben; frisch und heiter selbst in der Not, dankbar im Glücke, nur verdüstert im Alter, dies aber mit Recht: denn des Minnesangs Frühling und Sommer war dahin; Walther spürte den Herbst. Lessing Aus der »Geschichte der deutschen Literatur«. Gotthold Ephraim Lessing war fünf Jahre jünger als Klopstock und vier Jahre älter als Wieland: am 22. Januar 1729 ist er zu Kamenz in der Oberlausitz geboren. Auch er stammte aus einem Pfarrhause wie Wieland und wuchs in der Verehrung Luthers auf; aber mit dem Pietismus hat er nie das geringste gemein gehabt, und seiner poetischen Sprache fehlt der ahnungsvolle Zauber, das sinnlich Bestrickende und die Phantasie Entzündende, das Klopstock und Wieland in der Schule einer gefühlvollen Religiosität erlernten. An der Fürstenschule zu Meißen empfing er seine Gymnasialbildung; siebzehnjährig ward er im Herbste 1746 zu Leipzig immatrikuliert, und schon 1747 trat er mit kleinen Gedichten und einem Lustspiele hervor; im Januar 1748 wurde, wie wir wissen, ein anderes Lustspiel, sein »Junger Gelehrter«, mit Beifall aufgeführt. Solange wie Klopstocks Name wird auch der seinige in unserer Literatur genannt; aber gegenüber dem ewigen Jüngling Klopstock ist er rasch ein reifer Mann geworden: während Klopstock fast ohne Entwicklung starr seinen Ausgangspunkt festhielt, bewegt sich Lessings Lebenslauf in aufsteigender Linie, nicht zerstreut, aber vielseitig, in überraschendem Fortschritt, der immer neue Fähigkeiten einer reichen Natur zutage bringt. Mit den Bremer Beiträgern, zu denen sich Klopstock hielt, hatte er wenig Berührungspunkte. Diese sächsischen Dichter fanden wir gesittet, gutmütig, selbstzufrieden, korrekt im Stil wie in der religiösen und politischen Gesinnung; sie lebten als friedliche Bürger, ohne Kämpfe, ohne Konflikte, glücklich im Mittelmäßigen; ruhige Ansiedler, die ihr kleines Feld mit Fleiß und Verstand bebauten. Lessing dagegen will unternehmend auf die hohe See: er gehört zu den Sachsen von der gewaltigen Art, die über ihr engeres Vaterland hinausstreben und tatendurstig einen größeren Schauplatz aufsuchen. Er ist nicht zahm und friedfertig, sondern ein Angreifer. Er bekämpft die Mittelmäßigkeit und weiß nichts von dem gegenseitigen Dulden und Hegen kleinerer Geister. Um so höher muß man dem Streitbaren anrechnen, daß er nirgends revolutionär vorgeht, sondern überall an das Bestehende anknüpft, mit den Tatsachen rechnet und im echten Reformeifer nur allmähliche Verbesserungen einzuführen trachtet. Weder in der Poesie noch in der Wissenschaft ist er ein radikaler Neuerer; nie verleugnet er ein inneres Gleichgewicht und jenen seltenen Takt für das Mögliche und Nützliche, den ein stürmisches Dichterherz so leicht verliert. Aber die vorwärtswirkende Unruhe treibt ihn von Ort zu Ort; seine persönlichen Verhältnisse gelangen erst spät zur Stetigkeit; und wieviel auch widrige Fügungen dazu beitragen mochten, vor allem liegt es in seinem Temperament, daß er sich nicht binden mag, daß er leicht anknüpft und schnell wieder abbricht, den Aufenthalt wechselt, neue Umgebungen, neue Anregungen aufsucht: die Zwecke bleiben dieselben, die Mittel wechseln; Episoden drängen sich auf, Seitenwege werden eingeschlagen, Enttäuschungen bleiben nicht aus; der wagende Seefahrer eilt von Küste zu Küste, und vielfältigen Gewinn streicht er ein; aber zum Wohnen und Bleiben fühlt er sich nicht gedrungen. Früh beginnen seine raschen Entwicklungen; schon »Der junge Gelehrte« bedeutet eine Emanzipation: die Pedanterei, die er darin verspottet, war seine eigene. Denn bereits der Knabe liebte die Bücher, in denen er rasch zu Hause war, und die Schule verstärkte zunächst den Hang zur unfruchtbaren Gelehrsamkeit. Aber die Natur hatte ihm ein heiteres, lebhaftes Naturell und einen gesunden Mutterwitz verliehen, der seine pedantischen Lehrer mit schnellfertigem Spotte verfolgte und ihm bald seine eigenen pedantischen Anlagen enthüllte; auch der Geist der Aufklärung blies in den Schulstaub hinein: Mathematik, Naturwissenschaft und anakreontische Dichtung halfen den Jüngling befreien. Die große Stadt, deren Universität er bezog, erweiterte seinen Gesichtskreis. Er wollte vor allem ein Mensch werden und leben lernen; er strebte nach körperlicher und geistiger Gewandtheit, hing seinen dichterischen Neigungen nach, suchte sich zum deutschen Molière zu bilden, ging mit Schauspielern um, kam dadurch in Konflikt mit seinem elterlichen Hause und verließ schließlich Leipzig, um in Berlin das Glück zu suchen. Der Gegensatz zwischen Pedanterei und Menschlichkeit spielt bei ihm dieselbe Rolle wie bei Wieland Schwärmerei und Natur; aber während Wieland dieses eine erlebte Problem nicht loswurde, war es für Lessing eine Jugenderfahrung, die er bald überwand. Er ging nach Berlin gegen den Willen seiner Eltern: man traute ihm das Schlimmste zu, fürchtete für seine Religiosität, für seine Moral: er unterdessen schlug sich auf kümmerliche, aber ehrenvolle Weise als Schriftsteller durch, schrieb Rezensionen, machte Übersetzungen, gab selbständige Werke, Gedichte und Dramen, heraus. Aber ohne Grund waren die Befürchtungen seiner Eltern allerdings nicht: seine Rechtgläubigkeit wurde auf Proben gestellt, aus denen sie nicht unverletzt hervorging. Im November 1748 war er nach Berlin gekommen, und schon 1750, bald nach Voltaires Ankunft, lernte er diesen kennen. Voltaire verwendete ihn zu Übersetzungen und soll ihn eine Zeitlang täglich zu Tische geladen haben. Ungeheurer Vorteil für den jungen Anfänger! Tischgenosse des ersten Schriftstellers im damaligen Europa; Gast des Freundes des Königs von Preußen: welche Aussichten auf Belehrung und Förderung, auf Protektion und Empfehlung! Freilich auch, im Sinne seiner Eltern, welche Gefahren für seine Seele! Wenn Lessing seine damaligen Aussichten und Pläne zusammenfaßte, so hätten sie mit Voltaires Lebensbild wohl noch eine große Ähnlichkeit gezeigt. Ein freier Schriftsteller wollte er werden, nicht vom Katheder aus in die deutsche Literatur eingreifen, sondern unabhängig vom Universitätswesen, wie Voltaire, einzig seiner Feder vertrauen. Voltaire hatte Ratschläge für einen Journalisten geschrieben: er empfahl in allen Dingen Unparteilichkeit; in der Philosophie Respekt vor den großen Männern; in der Geschichte Betonung der Kultur und Begünstigung der modernen Zeiten; im Theaterwesen treue Analyse, Zurückhaltung des Urteils und Vergleichung der übrigen vorhandenen Stücke desselben Themas; überhaupt in der ästhetischen Kritik Vergleichung des Verwandten, die er der komparativen Anatomie an Wert für die Erkenntnis gleichstellt. Lessings journalistisches Verfahren stimmt mit diesen Ratschlägen überein; er hielt sich zu keiner Partei; in der Philosophie schloß er sich wie Voltaire selbst an größere Vorgänger an; die induktive und vergleichende Methode hat er in der Ästhetik stets gehandhabt. An der Geschichte im allgemeinen nahm er zu jener Zeit ein Interesse, das später nicht vorhielt, während die Literaturgeschichte oder, wie man damals sagte, Gelehrtengeschichte ihn dauernd anzog. Den physikalischen Wissenschaften, welche Voltaire popularisierte, blieb Lessing nicht getreu; und weder im Epos noch im Roman hat er sich versucht; aber die überwiegende Freude am Drama und die Behutsamkeit in der Bühnenreform teilte er mit Voltaire; in der Abwendung von der positiven Religion und in dem Dringen auf religiöse Toleranz waren sie ganz einig; und die klare, schmucklose Prosa, die sich jeder Bewegung des Gedankens anschmiegt, könnte Lessing von Voltaire gelernt haben, wenn sie ihm nicht ohnedies natürlich gewesen wäre. Im Guten wie im Schlimmen ist das Verhältnis Lessings zu Voltaire ein bedeutungsvoller Zug seines Lebens. Er kam persönlich mit ihm ganz auseinander: Lessing hatte ein Exemplar von Voltaires Siècle de Louis XIV. , das er vor dem Erscheinen erhielt, nicht sorgfältig genug vor fremden Augen gehütet; Voltaire witterte unredliche Absichten; und es erfolgte ein Bruch, der Lessing in späterer Zeit schwer schädigen, wie ein heimlicher Feind aus dem Hintergrund auftauchen und schönste Lebenshoffnungen vernichten sollte. Aber auch ohne diesen Bruch war es nicht Lessings Art, sich einem fremden Einflusse leicht gefangen zu geben: Religionsspötterei hatte keine Macht über seine Seele, und die schwachen Punkte in Voltaires Wesen lagen zu deutlich am Tage, um einem witzigen Beobachter wie Lessing zu entgehen. Hatte Voltaire von den Alten gelernt, so lagen sie auch für ihn aufgeschlagen. Hatte Voltaire von den Engländern gelernt, so konnte er es ihm nachmachen und gleich Haller, Hagedorn, Klopstock aus der Quelle schöpfen. Auch Voltaire war ihm daher nur ein Hebel zur Selbständigkeit. Nicht abhängig, sondern frei ist Lessing in Berlin geworden; und, was noch mehr sagen will, er hat seinerseits Berlin literarisch befreit. Der junge Sachse hat die preußische Hauptstadt aus einer Kolonie der Schweizer zu einem selbständigen literarischen Mittelpunkte gemacht; er gab einen neuen Ton der Kritik an; er sammelte junge Schriftsteller um sich, wie den jüdischen Kaufmann Moses Mendelssohn und den Buchhändler Nicolai, die als Schriftsteller seine Schüler waren und sich, wie er selbst, weder zu den Schweizern noch zu den Gottschedianern hielten, weder für Klopstock noch für Schönaich schwärmten und sich überall ihr eigenes Urteil vorbehielten. Als er 1755 eine Gesamtausgabe seiner Schriften abschloß, war er schon ein berühmter Mann, ein gefürchteter Kritiker und ein bewunderter Dichter. Seine kleinen anakreontischen Lieder wurden gerne gesungen, und das kräftige Trinklied, worin der Tod zu ihm tritt und er den Tod zu betrügen weiß, hat sich noch lange unter den Studenten erhalten. Seine poetischen Fabeln ahmten den breiten Konversationston Gellerts nach. Seine Sinngedichte schöpften zwar viel aus fremden Quellen, ließen aber die sichere epigrammatische Prägung selten vermissen. Fragmente von Lehrgedichten zeigten oft Hallerische Kürze ohne die Hallerische Dunkelheit. In »Briefen« und »Rettungen« kam der Gelehrte zum Worte, der ein vielseitiges Wissen zur Korrektur verjährter Irrtümer, zu scharfem Tadel zeitgenössischer Mittelmäßigkeit, zur Entschuldigung ungerecht angeschwärzter Größen der Vergangenheit in gewandter Rede zu benutzen wußte. Vor allem aber dem Dramatiker mußte der erste Platz unter seinen deutschen Kollegen schon jetzt unbedingt eingeräumt werden. Seine kleinen Lustspiele waren mehr französisch als die Gellertschen; aber durch den engeren Anschluß an eine fremde Technik hatte er die Technik überhaupt gelernt: da saß alles fest und richtig, jede Absicht war erreicht, es ging straff vorwärts: gutgebaute Szenen, gute Witze, glückliche, wenn auch zum Teil noch konventionelle Figuren. Er blieb aber bei leichten Scherzen zur Erheiterung des Publikums nicht stehen. Er wollte Ernst machen mit dem moralischen Nutzen der Schaubühne und seinem Vater beweisen, daß er sein Leben nicht an leere Zwecke setze; im »Freigeist« stellt er einen edlen Theologen und einen ehrenwerten Freigeist nebeneinander und zeigt den letzteren von seinem Vorurteile gegen die Geistlichen geheilt; in den »Juden« geißelt er das christliche Vorurteil gegen ein unglückliches, unter dem Segen friderizianischer Toleranz eben aufatmendes Volk, dessen edelste Glieder er in Berlin schätzen und lieben lernen sollte. Umfassende geschichtliche Kenntnis des Theaters aller Nationen kam seiner eigenen Produktion zugute: »Der Schatz« modernisiert eine Komödie des Plautus; und indem er daran ging, für den Stoff der Medea modernes Kostüm zu suchen, gelangte er zu seiner ersten Tragödie, zu »Miß Sara Sampson« (1755). Ein flatterhafter Liebhaber, der einer ersten Geliebten untreu geworden ist, eine zweite entführt, aber nicht heiraten will; jene frühere Geliebte, die ihn verfolgt, bestürmt, ihr Kind zu töten droht und ihre Nebenbuhlerin wirklich tötet: diese verächtlichen, schrecklichen und mitleidswürdigen Figuren in englische Masken gesteckt und nach dem Muster englischer Stücke, wie Lillos »Kaufmann von London«, in prosaischem, rührendem und redseligem, oft verletzendem Dialog abgehandelt, waren der Ursprung des bürgerlichen Trauerspiels in Deutschland, jener Tragédie bourgeoise , vor der einst Voltaire nachdrücklich gewarnt hatte, die aber jetzt unter Lessings Einfluß sofort in Aufnahme kam, die Alexandrinertragödie zurückdrängte und das Repertoire zu beherrschen anfing. Das Streben nach Natur und Wahrheit, die Überzeugung, daß Menschen aus der modernen bürgerlichen oder adeligen Gesellschaft die Herzen des Theaterpublikums stärker bewegen würden als die Schicksale alter Könige und Fürsten, der Wunsch, mit der idealen Ferne des französisch-klassischen Trauerspieles zu brechen, der schon in Frankreich zu einer Comédie larmoyante , d. h. zu einer Tragödie mit Privatpersonen und gutem Ausgang, zu einem »Schauspiel« in unserem Sinne, geführt hatte: alle diese Motive mochten zusammenwirken, um die neue Gattung ins Leben zu rufen; sie waren aber alle zusammen nicht stark genug, um die Stücke, die so entstanden, vor der gemeinen Spekulation auf die Tränenquellen und vor dem Versinken in den Jammer der Alltäglichkeit zu bewahren. Für Lessing schloß die Miß Sara Sampson eine Epoche seines Lebens und Schaffens: während das Publikum ihm zujubelte, setzte er sich selbst alsogleich höhere Ziele. Um mit einer besseren Bühne Fühlung zu gewinnen, ging er im Herbst 1755 wieder nach Leipzig. Dort bot sich Gelegenheit zu einer Reise durch Norddeutschland nach Holland und England, auf der er einen jungen, vermöglichen Mann namens Winkler begleiten sollte. Aber der Ausbruch des Siebenjährigen Krieges unterbrach die schon begonnene Fahrt: Lessing kehrte im September 1756 nach Leipzig zurück und ward sofort ein belebender Mittelpunkt. Sein alter Freund Chr. Fel. Weiße suchte wie früher von ihm zu lernen. Der junge Joachim Wilhelm v. Brawe bildete sich nach seinem Muster. Ewald von Kleist, jetzt Major und mit seinem Regimente nach Leipzig kommandiert, ward sein genauer Freund, verließ unter seiner Anleitung das beschreibende Gedicht und ging zu einer mehr handlungsleichen Poesie in epischen oder dramatischen Formen über: die Tragödie »Seneca«, stimmungsvolle und gedankenreiche Idyllen wie der treffliche »Irin«, ja ein Heldengedicht aus der griechischen Welt »Cissides und Paches« legen davon Zeugnis ab. Der Krieg setzte alle Gemüter in Bewegung; man empfand, daß es sich um eine nationale Sache handle; der Kampf gegen die Franzosen, der Sieg bei Roßbach erregte einen unbeschreiblichen Jubel; die Poesie erhielt auf einmal große Gegenstände in nächster Nähe; sie brauchte ihre Helden nicht in einer fernen Vergangenheit zu suchen; und wenn der schwer bedrängte König, den sie pries, gerade jetzt einem Gottsched Gelegenheit geben mochte, mit seinem Lobe öffentlich zu prunken, so war das freilich für die Bodmer und Sulzer hart und auch für Lessing kein Vergnügen: aber der nationale Aufschwung der Literatur, zu dem Friedrichs Taten das Signal gaben, wurde dadurch nicht im mindesten gehemmt. Lessing, der geborene Sachse, stand mit seinem Herzen auf Friedrichs Seite. In prosaischen Oden an Gleim und Kleist besang er indirekt den preußischen König und konnte einen bitteren Seitenblick auf sächsische Zustände nicht unterdrücken. Ein Kriegslied der Spartaner, lakonisch, mager, in die notwendigsten Begriffe zusammengedrängt, zeigte eine neue Richtung seines Geschmackes. Mit demselben Lakonismus zeichnete er in dem kleinen Drama »Philotas« einen gefangenen Königssohn, der sich zum Wohle des Vaterlandes tötet, um nicht als wertvolle Geisel den Feinden zu nützen. Mit demselben Lakonismus ausgestattet, traten die prosaischen Fabeln auf, die er jetzt herausgab: die epische Fülle, welche die Fabel unter den Händen Gellerts und Gleims, die besondere Ausbildung, die sie durch den glücklichen Humor des Preußen Lichtwer und die genaue Naturbeobachtung des Schweizers Meyer von Knonau erhalten hatte, war darin gänzlich verleugnet; diese kleine, lehrhafte Gattung, in einer kleinen Zeit übermäßig gehoben, sollte auf ihren ursprünglichen, fast epigrammatischen Zweck zurückgeführt werden und angesichts einer tiefen nationalen Erregung, die alles selbstgefällige Behagen am Unbedeutenden verscheuchte, sich nicht länger breitmachen. Aber gerade in die äußere Kürze wußte Lessing einen tiefen Gehalt zu legen, und daß man diesen ahnt in der knappen Form, daß die starken Bewegungen einer feurigen Seele darin leise anklingen, daß in diesen Gegenüberstellungen von wahrer und falscher Größe, von wirklichem und gemachtem Verdienste, in diesem Kampfe gegen den Schein, gegen die Heuchelei und Schwärmerei sich die Lebensanschauungen und auch wohl die Lebenserfahrungen des Verfassers, deutsche Gesinnung und stolzes Selbstgefühl spiegeln, das macht sie in ihren bescheidenen Grenzen zu klassischen Kunstwerken. Und wie sein Geschmack sich hierin abwandte von den landläufigen Idealen, wie er in den Abhandlungen über die Fabel die bisherige Theorie bekämpfte, wie immer entschiedener die Ahnung einer neuen Zeit und Kunst in ihm emporstieg; so schien ihm der rechte Moment gekommen, um in den Unruhen der Politik, die zu gesammelter Arbeit keine Stimmung ließen, vorläufig Platz zu machen für die Poesie der Zukunft, in kleinen journalistischen Feldzügen den Produktionseifer der Stümper zu entmutigen und die fähigen Köpfe auf würdige Ziele zu lenken, die ästhetischen Begriffe zu schärfen und inmitten ungeheurer Ereignisse, die zum Räsonieren und Renommieren verführten, das Interesse an der Literatur beim Publikum wie bei den Autoren wachzuhalten. Aber nur von Berlin aus konnte dergleichen jetzt unternommen werden: nach Berlin war er im Mai 1758 wieder gegangen, und dort fingen die Literaturbriefe im Januar 1759 zu erscheinen an. Lessing stellte ihren Ton fest, den Ton eines plaudernden, witzigen Briefstiles, den Ton des husarenmäßigen Dreinhauens, der rücksichtslosen Offenheit und Wahrhaftigkeit, die das Schlechte ohne Umschweife schlecht nannte. Er hatte schon früher einmal mit vielleicht unnötiger Heftigkeit ein Exempel an einer mißlungenen Horazübersetzung statuiert und deren Verfasser, einen Schützling der Schweizer und Vorläufer Klopstocks, den Pastor Lange aus der älteren Halleschen Schule, für immer in der öffentlichen Meinung ruiniert. Er dehnte ein ähnliches, doch nicht mehr so henkermäßiges Verfahren nunmehr auf einen weiteren Kreis elender Skribenten und falscher Tendenzen aus; sprach sein grausamstes Urteil über Gottsched und ein scharfes Wort gegen die französische Tragödie; räumte unter den schlechten Übersetzern und gewerbsmäßigen Vielschreibern auf; warf Klopstocks geistlichen Liedern vor, sie seien so voll Empfindung, daß man gar nichts dabei empfinde; polemisierte gegen den »Nordischen Aufseher«, eine Zeitschrift, die aus dem Klopstockischen Kreis in Kopenhagen hervorging und die Behauptung aufstellte, daß niemand ohne Religion ein rechtschaffener Mann sein könne; fertigte die elegante Schwärmerei des Züricher Wieland ab und ließ es dabei an positiven Anregungen nirgends fehlen. Aber nachdem er die erste Lust gebüßt, nachdem der erste Erfolg errungen, zog er sich bald zurück und überließ das Unternehmen seinen Freunden Mendelssohn und Nicolai, zu denen sich Thomas Abbt gesellte, ein junger Schwabe von Geburt, ein begeisterter Preuße von Gesinnung, der in Halle seine Bildung erhalten und als Professor in Frankfurt an der Oder mit stürmischem Enthusiasmus für Friedrich und seine Generale »vom Tode fürs Vaterland« geschrieben hatte. Die Literaturbriefe wurden bis 1765 fortgesetzt, während Lessing schon seit 1760 als Sekretär des Generals Tauentzien, den er durch Kleist kennengelernt hatte, in Breslau war, sich vielfachen Zerstreuungen, ja leidenschaftlichem Spiele hingab, dabei aber doch wichtige Studien fortführte und sich für zwei seiner größten Leistungen sammelte, die er 1766 und 1767 bei einem dritten Aufenthalt in Berlin ans Licht treten ließ: den »Laokoon« und die »Minna von Barnhelm«. Wie in jenem der Zug zum Griechentum, so kommt in dieser die nationale Richtung zum Ausdruck. Während jener mit der allgemeinen europäischen Bildung zusammenhing, so wurzelt diese in den unmittelbarsten Interessen des deutschen Volkes und bezeichnet den Höhepunkt der Wirkung des Siebenjährigen Krieges auf unsere schöne Literatur. »Minna von Barnhelm« war das erste wirklich nationale Drama aus der Gegenwart, und der preußische Soldat, den Gleim in die Lyrik eingeführt hatte, betrat damit glorreich die Bühne des Lustspiels. Das Stück spielte in Berlin und unmittelbar nach dem Kriege; die Personen waren nicht mehr mit griechischen oder englischen Namen behaftet; sie waren keine Masken, sondern lebendige, großenteils individuell gebildete Charaktere, aus der Zeit, aus dem Herzen des Verfassers, aus seiner Umgebung geschöpft: der preußische Major Tellheim, verabschiedet, verarmt, um Recht und Ehre kämpfend, großmütig, edel, zartsinnig im Übermaß; seine soldatische Umgebung, der Wachtmeister Paul Weiner, der Bediente Just, denen er etwas von seinem eigenen edlen Charakter mitgeteilt hat; die Witwe eines Kameraden, an der er vor unseren Augen zum Wohltäter wird; seine Braut Minna, der er sich nicht mehr für wert hält, die ihn gegen ihn selbst von neuem erobern muß; deren Kammermädchen Franziska, eine verbesserte Auflage jener Lisetten, welche der Dichter in früheren Lustspielen nach französischem Vorgang als Maschinistinnen verwendet hatte: lauter tüchtige und liebenswerte vaterländische Gestalten; eine Huldigung für die deutschen Frauen; eine Verherrlichung der Armee, in deren Mitte Lessing vier Jahre lang gelebt hatte; eine Feier des großen Königs, der im Hintergründe hineinragt und die Gerechtigkeit übt, welche dem Major sein verlorenes Selbstgefühl zurückgibt, seine geschädigte Ehre wiederherstellt und alles zum guten Ende führt. Und damit das Gegenbild nicht fehle, damit auch das beleidigte Nationalgefühl seine Rechnung finde, neben den ehrlichen Deutschen ein französischer Glücksritter, der die schlechteste Rolle spielt und durch sein geradebrechtes Deutsch das Publikum erheitert. Alles in teils lustigen, teils rührenden Szenen sehr glücklich gestaltet und der Ausgangspunkt vieler Soldatenstücke, welche die neue Mode zu Tode hetzten und bald nicht minder langweilig wurden als das Bardengebrüll in der Friedenszeit. Aber während sich die deutsche Dichtung mehr und mehr auf heimatlichem Boden ansiedelte, wuchs zugleich die Liebe zum klassischen Altertum. Mit der allgemein fruchtbaren Erregung, mit der gesteigerten Energie des ästhetischen und wissenschaftlichen Strebens gewann das humanistische Element der modernen Entwicklung verdoppelte Stärke. Hatte man sich in den Kriegsjahren spartanisch gezeigt und durch Taten mit den Alten gewetteifert, so schien nun die Größe Athens ein würdiges Ziel der Nacheiferung. Kurz nachdem in Preußen das deutsche Lustspiel, der deutsche Roman die Probleme des nationalen Lebens in Angriff genommen hatten, im Januar 1771, übergab Friedrich der Große die preußische Unterrichtsverwaltung an den Freiherrn von Zedlitz, welcher das deutsche Gymnasium erst zu dem machte, was es ist oder in seinen besten Zeiten war, indem er die Zahl der griechischen Lehrstunden verdoppelte und verdreifachte, das Neue Testament durch die großen Alten ersetzte und hiermit das Gymnasium der Reformationszeit erst in die Schule des modernen Humanismus verwandelte. Und ebenso: kurz ehe Lessing die »Minna von Barnhelm« fertigmachte, gab er den »Laokoon« heraus, stellte sich damit dicht neben Winckelmann und in die Reihe der Schriftsteller, welche den in ganz Europa verbreiteten Drang nach der Rückkehr zu den reinen griechischen Formen theoretisch begründeten, aufklärten und weiterführten. Das Werk war auf drei Bände berechnet, wovon nur einer erschien. In der Förderung der alten Kunstgeschichte konnte sich Lessing so wenig mit Winckelmann messen wie in der Kenntnis der Denkmäler. Weder aus dem Laokoon noch aus der Polemik, die sich daran schloß, erwuchs der Archäologie ein unmittelbarer großer Gewinn; nur die schöne kleine Abhandlung »Wie die Alten den Tod gebildet« stellte zum erstenmal eine jetzt allen geläufige Tatsache fest und führte den antiken Genius mit der umgekehrten Fackel auf unsere Gräber zurück. Wenn Lessing die »Schönheit« als das oberste Gesetz antiker Kunst und der bildenden Künste überhaupt verfocht, wenn er die Schönheit der Linie höher als die der Farbe schätzte, wenn er den Ausdruck zugunsten der Schönheit gemäßigt wünschte: so kam er hierin mit Winckelmann wesentlich überein, und beide zusammen erhoben die maßvolle Ruhe zum Ideale der hellenisierenden Plastik und Malerei, wie es demnächst die ausübenden Künstler beherrschen sollte. Aber wenn Winckelmann den Charakter der griechischen Meisterwerke aus einer Art von stoischer Fassung der Seele ableiten und ihn auch bei den Dichtern wiederfinden wollte, so konnte Lessing das nicht zugeben. Der heroische Stoizismus, der nur kalte Bewunderung erregt, war gar nicht nach seinem Sinne, und es wurde ihm leicht zu beweisen, daß er auch nicht nach dem Sinne der Griechen war. Indem er diesen Widerspruch gegen Winckelmann ausführte und vertiefte, gab er ein Beispiel zugleich begriffsmäßiger und erfahrungsmäßiger Untersuchung, wie bis dahin noch keines vorhanden war. Er zeigte, wie anders hier Virgil, dort die griechischen Bildhauer den Tod des Laokoon behandelt und wie sie darin nur die verschiedenen Gesetze der Poesie und der bildenden Kunst befolgt hatten; er suchte die Vermischung zwischen beiden und insbesondere jene poetische Malerei zu beseitigen, die sich auf ein mißverstandenes Wort des Horatius stützte und in Deutschland insbesondere durch Breitinger befördert worden war; er suchte die Grenzen der Künste aus der Natur der Mittel zu folgern, mit denen sie wirken müssen, und führte den Beweis, daß die gute Praxis, daß insbesondere Homer nur durch Erzählung beschreibe, nur durch Handlung, Fortschritt, Bewegung indirekt schildere; er lieferte dadurch die wertvollsten Beiträge zur Theorie des Epos, machte ein Ende mit der beschreibenden Dichtung, bestimmte die poetische Praxis Wielands und seiner Nachfolger im Epos – und trug dabei seine Ansichten wie eine Improvisation ohne systematische Folge mit der Freiheit eines Spaziergängers, mit der Lebhaftigkeit mündlicher Erörterung und doch überall auf Grund eines konsequenten Systemes vor: die ernstesten Gedanken in der geschmackvollsten Form, die solideste Gelehrsamkeit in dem anmutigsten Kleide. Es scheint, daß Lessing an das Werk eine wichtige persönliche Hoffnung knüpfte, die ihm aber fehlschlug, ebenso wie sie für Winckelmann fehlschlug, der sie gleichzeitig hegte. Es handelte sich darum, ob Winckelmann in sein Vaterland zurückberufen, ob Lessing, der seit 1760 wenigstens auswärtiges Mitglied der preußischen Akademie war, an Preußen dauernd gefesselt, ob Berlin einem großen Schriftsteller zur Heimat werden, ob König Friedrichs Sorge für die Wissenschaften auch endlich der deutschen Literatur einen unmittelbaren Vorteil bringen sollte. Im Jahre 1765 war Gaultier de la Croze, Direktor der königlichen Bibliothek, gestorben. Der bekannte Oberst Quintus Icilius, ein Gönner der deutschen Literatur, hatte den Auftrag, Vorschläge für die Wiederbesetzung zu machen, und schlug Lessing vor. Der König lehnte ihn ab; denn er erinnerte sich des Namens von jener Affäre mit Voltaire her, und so wie ihm der junge Schriftsteller damals von dem ergrimmten Franzosen geschildert worden war, so hielt er sein Bild fest. Hierauf wurde mit Winckelmann unterhandelt, der ein besserer Preuße war, als er zuweilen Wort haben wollte, und längst vor Begierde brannte, dem Könige zu zeigen, daß einer seiner Untertanen mehr verstehe als die überall begünstigten Franzosen, die er haßte. Er griff daher mit beiden Händen zu und verlangte, was man ihm als erreichbar dargestellt hatte, ein Gehalt von 2000 Talern. Aber Friedrich erklärte: »Für einen Deutschen sind 1000 Taler genug.« Und damit war die Sache zu Ende. Nun kam Quintus Icilius abermals auf Lessing zurück; der König aber in einer heftigen Szene wollte nichts von ihm wissen und erklärte, er werde sich einen Franzosen verschreiben, der denn auch erschien, aber ein anderer war, als der, den er eigentlich gemeint hatte, und nun doch behalten werden mußte, bis er 1783 seinen Abschied nahm, weil er an eine törichte Weissagung von dem bevorstehenden Untergange der Welt glaubte und ein so bedenkliches Ereignis lieber in Frankreich als in der protestantischen Mark Brandenburg abwarten wollte... Hinter diesem traurigen Helden namens Anton Joseph Pernetty, seines Zeichens Benediktinermönch, mußten Lessing und Winckelmann zurückstehen. Keinem Schriftsteller hatte das Zeitalter Friedrichs des Großen sein spezifisches Gepräge in so hohem Maße aufgedrückt wie dem Sachsen Lessing; kein deutscher Schriftsteller war dem innersten Geiste des Königs so verwandt wie Lessing: in beiden dieselbe Lebhaftigkeit, Ehrgeiz, jugendliche Ruhmsucht, die den Gegner rücksichtslos niederwarf, dieselbe Härte gegen das Schlechte, dasselbe Freundschaftsbedürfnis, bei geringerer Empfindlichkeit gegen Frauenliebe, dieselbe Mischung von Lebenslust und Pflichtgefühl, derselbe Freisinn und dieselbe Toleranz, derselbe klare, rasche Verstandesstil: Lessing verlangte von dem Geschichtschreiber, daß er die zeitgenössischen Ereignisse erzähle, eine Forderung, die Friedrich erfüllte; Lessing führte ein strammes Regiment in der Literatur wie Friedrich im Feld und im Frieden; Lessing führte die nationale Sache gegen die Fremden wie der große König; Lessing sollte noch sein Roßbach wider die Franzosen schlagen und seinen Antimachiavell wider die schlechten Fürsten schreiben: nie waren zwei Menschen mehr füreinander geschaffen als Lessing und Friedrich der Große; nirgends hätte Friedrich einen Untertanen, einen Beamten gefunden, der ihm mit größerer Treue und würdigerer Gesinnung gedient hatte, nie einen Schriftsteller, der ihm so völlig ersetzt hätte, was er an seinen Franzosen liebte ... Aber es genügte die verjährte unbewiesene, ungerechte Anklage eines Franzosen – eines Franzosen, den der König verachtete, obgleich er ihn bewunderte –, um den deutschen Dichter und Gelehrten für immer aus der Reihe derer zu streichen, die ihm dienen durften. Lessing schüttelte den märkischen Staub von seinen Füßen und ging im April 1767 nach Hamburg – einer neuen Illusion entgegen. In der Stadt der ehemaligen deutschen Oper, an dem Geburtsorte der Brockes und Hagedorn und dem Aufenthaltsorte so mancher älterer und jüngerer Gelehrten und Dichter, sollte jetzt aus Privatmitteln ein stehendes deutsches Nationaltheater gestiftet werden. Die Schauspielkunst hatte sich seit Caroline Neubers Anfängen Gottschedischen und Antigottschedischen Angedenkens beträchtlich gehoben. Die Schönemannsche, die Kochsche, die Ackermannsche Truppe waren berühmt geworden, und ihre vorzüglichsten Mitglieder fingen an, von der Nachahmung der Franzosen hinweg nach einem einfachen und natürlichen Spiele zu streben. Konrad Ekhof galt für den ersten deutschen Schauspieler; Friederike Hensel ward unter den Damen mit dem höchsten Lobe genannt; und diese beiden, ferner Ackermann und seine Töchter, Frau Löwen, geborene Schönemann, nebst anderen tüchtigen Kräften standen dem neuen Unternehmen zu Gebote; Lessing sollte sich journalistisch beteiligen, die Schauspieler durch Lob und Tadel bilden und das Urteil des Publikums erziehen. Vom 1. Mai ab erschien zweimal wöchentlich seine »Hamburgische Dramaturgie«, ein Blatt, das er ausschließlich schrieb und das sich mit den Interessen des Nationaltheaters ausschließlich befaßte. Aber die Schauspieler wollten, wie immer, nicht getadelt, sondern nur gelobt sein; das Publikum gab keine ungewöhnliche Teilnahme kund; die materiellen Mittel versagten bald; das Unternehmen ward schon nach zwei Jahren aufgegeben; und die »Dramaturgie«, die längst darauf verzichtet hatte, den Vorstellungen regelmäßig zu folgen, und dafür allgemeine Erörterungen eintreten ließ, brachte es nur auf zwei Bände; aber zwei Bände von unerschöpflichem Gehalt, reich an Belehrung über das damalige Repertoire, reich an feinen Bemerkungen über Schauspielkunst und Schauspieldichtung, eine Fortsetzung älterer theatralischer Zeitschriften, welche Lessing in seiner Jugend herausgegeben hatte, eine Fortsetzung seiner Polemik gegen die Schwächen der Franzosen – und eine Fortsetzung seines »Laokoon«. Dieser sollte nämlich in den Bänden, die uns fehlen, sich zu einer Verherrlichung des Dramas zuspitzen und das Schauspiel für die höchste Gattung der Poesie erklären, weil alle Kunst nach unmittelbarer Darstellung der Natur streben müsse und die Poesie, die nur mittelbar, nur durch Worte bezeichnen und darstellen könne, sich lediglich im Drama zu einer unmittelbaren Darstellung, zu einer eigentlichen Nachbildung oder Nachahmung des Lebens, fortschreitender Handlungen, wirkender Reden, Gefühle und Leidenschaften erhebe. Man begreift hiernach, wieviel Lessing daran gelegen sein mußte, mit einer ausgezeichneten Bühne in genaue Berührung zu kommen. Hatte er, gleichsam um ein Probestück im kleinen abzulegen, die Theorie der Fabel behandelt; hatte er im »Laokoon« Beiträge zur Theorie des Epos gegeben: um wieviel mehr mußte ihm daran liegen, seine Lieblingsgattung, die er am höchsten schätzte, der er seine Dichterkraft vorzugsweise widmete, theoretisch zu ergründen. Und wie er in der Fabel den Äsop, im Epos den Homer als untrügliches Muster ansah, so waren auch für das Drama die Griechen der besten Zeit seine Leitsterne: theoretisch Aristoteles, praktisch Sophokles. Wie er im »Laokoon« die wahre Poesie, die wahre Malerei gesucht, so forschte er hier auf einem Wege, den er schon in den Literaturbriefen angedeutet, nach dem wahren Drama. Mit der ganzen Theorie des Schauspiels französischer Schule legte er den höchsten Wert auf die Autorität des Aristoteles; mit der Wolffischen Philosophie, in der auch er seine Bildung erhalten hatte, legte er den höchsten, einen zu hohen Wert auf die richtige Definition, aus der alles übrige folgen müsse; und in der Definition des Aristoteles von der Tragödie, wie er sie verstand, glaubte er das wahre Wesen des Dramas zu besitzen. Mit dieser Definition fand er die Dramen des Sophokles in völliger Übereinstimmung; aber mit dieser Definition – so sicher drang er durch den Schein hindurch zu dem Wesen vor, so folgerichtig hielt er den Zusammenhang mit den stammverwandten Engländern fest, so entschieden wußte er das Genie zu erkennen – fand er auch die Dramen des Shakespeare in völliger Übereinstimmung. Das Tragische, worin Sophokles und Shakespeare eins sind, schien ihm das wahre Tragische, das nicht Bewunderung, sondern Mitgefühl erregt, indem es erschütternde Begebenheiten mit strenger Notwendigkeit aus der Natur der handelnden Menschen hervorgehen läßt. Von hier aus kritisierte er die bisherigen Leistungen der Deutschen, und die Trauerspiele seines alten Freundes Weiße kamen dabei nicht viel besser weg als die Lustspiele der Frau Gottsched. Von hier aus wandte er sich gegen das falsche Tragische bei Corneille, Racine und Voltaire, gegen die falsche Auffassung und willkürliche Verdrehung der aristotelischen Lehren bei den Franzosen, gegen die mißlungenen Versuche Voltaires, in der Einführung von Geistererscheinungen, in der Darstellung von Liebe und Eifersucht mit Shakespeare zu wetteifern: wie denn überhaupt Voltaire seine wuchtigsten Schläge empfing, stand er hier doch einem Lebenden, einem persönlichen Feinde, der ihn schwer geschädigt hatte, gegenüber, und galt es indirekt die deutsche Literatur an Friedrich von Preußen zu rächen, indem er den Ruhm eines Dichters einschränkte, welcher dem großen König als der größte galt. Aber wenn in diesem Kampfe zugleich noch etwas von der nationalen Aufwallung des Siebenjährigen Krieges nachzitterte, wenn nicht zufällig ein und derselbe Schriftsteller hier den weltberühmten Voltaire in alle Schlupfwinkel seiner Sophisterei und Eitelkeit verfolgte und dort einen obskuren Riccaut de la Marlinière dem allgemeinen Gelächter preisgab: so war Lessing doch kein Franzosenfresser. Wie ihn früher Diderot in seinen ersten oppositionellen Regungen gegen die französische Bühne bestärkt hatte, wie er von ihm auf die Grenzen der Künste achten lernte, wie er mit ihm in der Richtung auf das bürgerliche Trauerspiel zusammentraf, Diderots Theater übersetzte und den Einfluß, den der wackere Philosoph auf ihn genommen, dankbar anerkannte, so verfehlte er auch jetzt nicht, sich dieser Einmütigkeit zu freuen und so zu zeigen, daß er nicht die französische Nation und nicht die französische Kunst, sondern nur französische Fehler und ihren verderblichen Einfluß bekämpfte. Unmutig schloß Lessing seine Dramaturgie, unmutig nahm er die im Unmut hingeworfenen archäologischen Studien wieder auf und schleuderte seine »antiquarischen Briefe« gegen den Geheimrat und Professor Klotz in Halle, einen eleganten lateinischen Stilisten, der früh auf eine gute Stelle gekommen war, mit größter Geschicklichkeit eine Clique organisierte, Zeitschriften gründete und diese Clique, diese Zeitschriften nun auf Lessing hetzte, der aber seinerseits alle solche Gegner in ihrem Haupte zu Boden schlug und den elenden gelehrten Ränkeschmied für immer an den Pranger stellte. Unmutig ließ Lessing auch diese Polemik fallen: er wollte fort, fort aus Hamburg, fort aus Deutschland und geradeswegs nach Rom. Was er dort suchte? Am 8. Juni 1768 war Winckelmann in Triest durch Mörderhand gefallen. Sein Platz in Rom war frei. Lessing konnte für ihn eintreten; nicht im buchstäblichen Sinne, wie seine guten deutschen Feinde meinten, welche womöglich den Verdacht des Religionswechsels damit erregen wollten; sondern tatsächlich, indem er Winckelmann auf der Stelle zu ersetzen suchte, in der er für die gesamten archäologischen Interessen Europas so wichtig gewesen war, im unmittelbaren Verkehre mit den Denkmälern, wo sie am dichtesten lagen, die zu publizieren, zu interpretieren, kunstgeschichtlich einzureihen und ästhetisch abzuschätzen eine volle Manneskraft erforderte und eine volle Manneskraft wert war. Aber die Reise verzögerte sich, augenscheinlich weil Lessing das nötige Geld nicht zusammenbrachte; und sie unterblieb, weil endlich sein Schicksal eine Wendung zum Besseren nahm und ihm eine kleine, aber seiner würdige und seinen Neigungen entsprechende Stellung in der Heimat angeboten wurde. Wie der Hofprediger Sack in Berlin ein Protektorat über die jungen Dichter übte, die sich daselbst in den vierziger Jahren sammelten, so versuchte auch ein anderer aufgeklärter Geistlicher, der Abt Jerusalem in Braunschweig, von seinem bescheidenen Posten aus, soviel er vermochte, die deutsche Literatur zu fördern. Die Lehrstellen am Braunschweiger Carolinum, das Herzog Karl nach dem Muster der englischen Colleges gegründet hatte, wurden zum Teil nach Jerusalems Rat, und zwar mit einigen der Bremer Beiträger, Gärtner, Ebert, Zachariä, Schmid besetzt, zu denen eben auch Klopstock treten sollte, als der Ruf nach Kopenhagen ihm angenehmere Aussichten eröffnete. In diesem Kreise, von diesen Lehrern erhielt der Erbprinz von Braunschweig seine Bildung, und insbesondere war es Ebert, der seine Aufmerksamkeit auf Lessing lenkte. Seit er diesen in Hamburg kennengelernt und erfahren hatte, daß unter allen Ämtern ihn nur das eines Bibliothekars zu fesseln vermöge, hat Ebert für den Freund gehofft und dann eifrig gewirkt, als das Ziel erreichbar schien: Lessing ward auf des Erbprinzen Betrieb als Bibliothekar nach Wolfenbüttel berufen. Er sagte ja und trat sein Amt im Frühjahr 1770 an. Er wurde nun auch als Schriftsteller vorzugsweise Bibliothekar. Er tat manchen glücklichen Griff in die Schätze der ihm anvertrauten Büchersammlung; manches wertvolle unbekannte Stück holte er ans Licht und erstattete dem gelehrten Publikum über seine Funde regelmäßig Bericht. Doch traten die Eindrücke der Hamburger Bühne nicht sofort zurück. Er wollte nicht umsonst zwei Jahre lang Zeuge der besten schauspielerischen Leistungen gewesen sein, welche das damalige Deutschland aufweisen konnte. Er wollte nicht umsonst in der Erkenntnis der Prinzipien um einige wichtige Schritte vorwärts gekommen sein. Er wollte die praktische Probe auf die Theorie machen. Und so entstand »Emilia Galotti« und erschien 1772, ein Stück, das er längst geplant, das erst eine Virginia gewesen und wie andere Tragödien, die er in jugendlichem Feuer entworfen, eine Revolution, eine Freiheitstat verherrlichen sollte, dann aber, aus der Verbindung mit der Staatsaktion losgelöst und in ein kleines, modernes, italienisches Fürstentum verlegt, nur ein erschreckendes Gemälde des fürstlichen Egoismus entrollte, der im Taumel seiner Begehrlichkeit das Leben seiner Untertanen für nichts achtet, von Liebschaft zu Liebschaft eilt, hier durch Untreue fast eine Wahnsinnige macht, dort einen Bräutigam tötet, um die Braut zu besitzen, diese Braut selbst zum Wunsche des Todes treibt und ihrem alten Vater den Mordstahl in die Hand drückt, der mit ihrem Lebensfaden alle Gefahren abschneidet, die ihr drohen, oder, wie sie selbst, sterbend, schön, aber allzu geistreich sagt, eine Rose bricht, ehe der Sturm sie entblättert. Der würdige, rauhe, heftige Vater dieser Emilia mit seiner rücksichtslosen Übereilung und seiner Furcht vor Übereilung; die schwache, kurzsichtige, etwas unterdrückte Mutter; der schlichte, gerade, mannhafte Bräutigam; das Mädchen selbst in ihrer Schönheit, ihrem Liebreiz, ihrer Bescheidenheit, die Furchtsamste und die Entschlossenste ihres Geschlechtes, dem Ungeheuren gegenüber erst fassungslos, dann ganz gefaßt, klar über sich, über die Situation, über die Gefahr, über die Rettung, entschieden wollend, was sie für notwendig hält, und den Vater mit sich fortreißend; der feine prinzliche Wüstling, der mit einem Maler so geistreich über Kunst zu reden weiß und allen Interessen der Bildung offen steht, aber keine Schranke für seine Wünsche kennt, weil er sich über den Gesetzen glaubt; sein erstes Opfer, die halbverrückte Orsina; sein gefügiger Hofmann Marinelli, der Diener seiner Lüste, in welchem die Nähe des Despoten jedes Gefühl von Moral und Ehre unterdrückt hat: sie sind alle bis auf die Banditen herab, die Marinelli dingt, ausgezeichnet vergegenwärtigt, und der Verlauf der Handlung entspringt, wie die Dramaturgie verlangte, aus den Charakteren. Mag auch die Handlung zum voraus festgestellt, mögen die Charaktere erst nachher zum Behuf der Motivierung ausgebildet sein, mag man immerhin in dem Verfahren des Vaters tadeln, wie man getadelt hat, daß er für seinen Dolch kein besseres Ziel weiß: in der Motivierung ist keine Lücke, und technische Schwierigkeiten, die sich aus der gewählten Ökonomie ergaben, sind wie mit spielender Hand gelöst. Lessing bewährte sich in dem Stück als den Meister der Tragödie, wie ihn die Minna als Meister des Lustspiels gezeigt hatte. Er wurde damit der eigentliche Lehrer einer jüngeren Generation von Dramatikern; aber sein letztes Wort als dramatischer Dichter hatte er keineswegs gesprochen. Noch eine höhere Stufe sollte er ersteigen. Von der prosaischen Tragödie, die er mit der »Sara« eingeführt und der er trotz früheren Vorsätzen in der »Emilia« treu geblieben, ging er schließlich doch zum Drama in Versen über, um einen ganz idealen Gehalt in die würdige Form zu bringen und einem hohen Gesang von allverbindender Menschenliebe auch den Schmuck der rhythmischen Rede zu gönnen. Auf »Emilia Galotti« folgte unerwartet nach sieben Jahren »Nathan der Weise«. Was früher die Anregungen einer wirklichen Bühne, das bewirkten jetzt theologische Kämpfe. Alle Wege führen nach Rom, sagt man. Bei Lessing führten alle Wege zum Drama. Ganz schien er in bibliothekarischen Geschäften vergraben und auf verschiedenen Gebieten harmloser Wissenschaft tätig, als er 1773 seine »Beiträge zur Geschichte und Literatur aus den Schätzen der Wolfenbüttelschen Bibliothek« begann. Aber schon im nächsten Jahre tauchte bei einem Thema aus der Gelehrtengeschichte die Frage der Toleranz nebenbei darin auf, und wenig beachtet erschien die erste jener Mitteilungen aus den angeblichen Papieren des »Wolfenbütteler Ungenannten«, deren weitere Folge 1777 und 1778 herauskam und die schärfsten Angriffe auf das Christentum enthielt, die »Verschreiung der Vernunft auf den Kanzeln« rügte, die Möglichkeit einer Offenbarung leugnete, dem Alten Testament aus besonderen Gründen den Charakter einer Offenbarung absprach, im Neuen speziell die Erzählung von der Auferstehung Christi scharf kritisierte und über die Ziele Jesu und seiner Jünger höchst unehrerbietige Ansichten aufstellte. Eines der wichtigsten Ereignisse in der Geschichte der protestantischen Theologie und Kirche hatte sich vollzogen und war von Lessing in der unscheinbaren Form einer bibliothekarischen Mitteilung herbeigeführt worden. Die ganze theologische Welt geriet in Aufruhr, obgleich sie das Stärkste zu vernehmen hinlänglich vorbereitet schien. Denn die allgemeine Entwicklung des kirchlichen Lebens und der religiösen Lehre hatte eine entschieden liberale Richtung genommen; die Orthodoxie war auf dem Rückzuge; die meisten einflußreichen Stellen gehörten den Liberalen. Die Anregungen der englischen Freidenker machten sich öffentlich und geheim immer stärker geltend. Der Bund der Freimaurer, der sich ungefähr seit dem Regierungsantritte Friedrichs des Großen von England her ausbreitete, untergrub die Wertschätzung der positiven Religion. Voltaires Feindseligkeiten gegen das Christentum wurden in Deutschland, wie in ganz Europa, begierig gelesen. Überall wuchs die Gleichgültigkeit gegen das Dogma; der Stil theologischer Schriften ward eleganter, ihr Inhalt weltlicher; und wenn die allgemeinen historisch-philologischen Fortschritte wieder, wie in den Zeiten des Humanismus, nach deutscher Weise sogleich und vor allem der Theologie zugute kamen, so konnte auch daraus nur fortschreitende Unabhängigkeit des Denkens, Kritik und Minderung des Glaubens folgen. Der berühmte Philolog Ernesti zu Leipzig bahnte im Gegensatze zu dogmatischer Voreingenommenheit eine unbefangene, streng grammatische Erklärung der Bibel an. Michaelis und Semler, beide aus Halle hervorgegangen, folgten ihm darin nach; und Semler wurde der Vater der heutigen historischen Quellenkritik überhaupt, schied gleichzeitige und abgeleitete, originale und ausgeschriebene Quellen, behandelte die neutestamentlichen Schriften wie literarhistorische Denkmäler, fragte nach ihren Zwecken und Veranlassungen und wollte ihren bleibenden Gehalt von dem lokalen und temporellen absondern. Aber kühner als Semler oder irgendein anderer Gelehrter, einseitiger und radikaler, verfuhr der Hamburger Philosoph Professor Hermann Samuel Reimarus in einem handschriftlichen Werke, das Lessing mitgeteilt ward und das er wenige Jahre nach dem Tode des Verfassers, aber ohne dessen Namen zu nennen, durch jene Auszüge bekannt machte. Reimarus sah in dem Ursprung des Christentums nur weltliche Absichten des Stifters und falsches Vorgeben seiner Jünger. Das war nicht bloß den Orthodoxen, sondern auch den Liberalen zuviel. Unter jenen erhob sich der streitbare Melchior Goeze in Hamburg, unter diesen Semler und viele andere. Alle machten Lessing verantwortlich. Allen hatte Lessing Rede zu stehen. Er war darauf gefaßt gewesen. Er wußte, welchen Sturm er heraufbeschwor. Aber in welcher Stimmung hatte er die ersten einschneidenden Fragmente drucken lassen! Und in welcher Stimmung mußte er die Verteidigung seines Ungenannten übelnehmen! Damals war er soeben ein friedseliger Mann geworden. Einsam und oft im Kampf mit Not und Schulden hatte er bis ins 48. Lebensjahr seine Bahn durchmessen; endlich schien ihm das Glück zu lächeln: seine äußeren Verhältnisse hatten sich gebessert; eine klare, tatkräftige Frau, Eva König, die Witwe eines Hamburger Freundes, war am 8. Oktober 1776 mit ihm getraut worden. Sie hatte den besten Einfluß auf ihn, machte ihn ruhiger, stetiger und hielt ihn von übereilten Entschlüssen ab. Aber zu Weihnachten 1777 gab sie einem Sohne das Leben, der schon nach 24 Stunden starb, und am 10. Januar 1778 war sie selbst eine Leiche. Lessing schrieb herzzerreißende Briefe, Briefe mit dem bitteren, menschenfeindlichen Lachen seines Tellheim, seiner Orsina, Briefe voll so tiefen, unergründlichen Jammers, wie sie nur Friedrich der Große in seinen schlimmsten Lebenslagen vor ihm geschrieben hatte: »Und ich verlor ihn so ungern, diesen Sohn! Denn er hatte so viel Verstand! so viel Verstand!... War es nicht Verstand, daß er die erste Gelegenheit ergriff, sich wieder davonzumachen? ... Ich wollte es auch einmal so gut haben wie andere Menschen, aber es ist mir schlecht bekommen ... Meine Frau ist tot, und diese Erfahrung habe ich nun auch gemacht. Ich freue mich, daß mir viel dergleichen Erfahrungen nicht mehr übrig sein können zu machen, und bin ganz leicht...« In dieser Stimmung mußte er anfangen, die Gegenschriften gegen den Ungenannten und seinen Herausgeber zu beantworten. Er schrieb jenes »Testament Johannis«, jene »Duplik«, jene »Parabel«, jene »Axiomata«, jene Folge von wuchtigen Streitschriften, denen er den Titel »Anti-Goeze« vorsetzte. Er entfaltete alle Mittel seiner glänzenden Sprache, seiner scharfen Dialektik; die Bilder und Gleichnisse flossen ihm zu; und doch wirkte er weniger auf die Phantasie als auf den Verstand; rasche Übergänge halten uns beständig in Atem; wir glauben einer Disputation beizuwohnen, die in fliegender Hast geführt wird und bei der wir die Einwendungen des Gegners erraten müssen: die dramatische Lebendigkeit Lutherscher Flugschriften erneut sich unter den Händen eines wirklichen Dramatikers. Bald greift er zum Dialog, bald zur Briefform; bald entwirft er eine Parabel, bald läßt er eine geschlossene Reihe von Thesen auftreten; hier ruhiger Beweis und Erörterung, dort stürmische Fragen und Invektiven. Für jeden Gegner hat er einen besonderen Ton. Die Hauptschläge empfängt Goeze, den er als illoyalen Hetzer und Eiferer, als intoleranten Heuchler und Verleumder hinstellt. Jede Blöße, die er sich gibt, erspäht er mit Adlerblick und stürzt sich unbarmherzig darauf. Aber nicht Angriff ist sein Zweck, sondern Verteidigung. Und siegreich weist er die Vorwürfe zurück, die ihm wegen der Herausgabe der Fragmente gemacht wurden. »Ärgernis hin, Ärgernis her!« ruft er mit Luther. Freie Forschung ist gutes Protestantenrecht. Luthers Geist erfordert schlechterdings, daß man keinen Menschen, in der Erkenntnis der Wahrheit nach seinem eigenen Gutdünken fortzugehen, hindern muß: denn die letzte Absicht des Christentums ist nicht unsere Seligkeit, sie mag herkommen, woher sie will; sondern unsere Seligkeit vermittelst unserer Erleuchtung. Und der Buchstabe ist nicht der Geist, die Bibel ist nicht die Religion, folglich sind Angriffe auf die Bibel nicht notwendig Angriffe auf die Religion. In der Sache selbst aber war er keineswegs mit dem Ungenannten einverstanden. Er wollte die christliche Religion, die bestehenden christlichen Kirchen unterscheiden von der Religion Jesu, des »göttlichen Menschenfreundes«, welche sein sanfter Jünger in die Worte zusammenfaßte: »Kindlein, liebet euch untereinander.« Er war darauf gerüstet, im Anschluß an Semler die Geschichte der Evangelien als literarhistorischer Denkmäler kräftig zu fördern und durch die nähere Erkenntnis des Urchristentums jene Befreiung vom Buchstaben herbeizuführen, die er vor allem für notwendig hielt. Er würde das Christentum erklärt haben wie Winckelmann die griechische Kunst. Denn er leitete aus dem verschiedenen Klima die verschiedenen Bedürfnisse und Befriedigungen, die verschiedenen Gewohnheiten und Sitten, die verschiedenen Sittenlehren und die verschiedenen Religionen ab. Er sah in den Religionen Produkte einer notwendigen, aber rein menschlichen Entwicklung. Er hielt ihre sittlichen Wirkungen für die Hauptsache. Er hielt eben darum das fromme Gefühl für unwiderleglich, das in seinem Glauben selig ist. Aber er hoffte allerdings auf ein neues, ewiges Evangelium, welches nicht wie das Christentum die Tugend um einer künftigen Glückseligkeit, sondern nur die Tugend um ihrer selbst willen empfehlen würde. Und die edelste Blüte der Tugend schien ihm jene Liebe, welche über die endlichen Schranken der Völker, Staaten, Religionen hinweg die Menschen verbindet. Lessing ist nicht dazu gekommen, alle seine Gedanken über religiöse Dinge vorzutragen. Seine Polemik mit Goeze war nur ein Vorpostengefecht; die eigentliche Schlacht sollte noch kommen. Er ging nicht darauf aus, vorschnell ein System zu bauen. Unterscheiden, Prüfen, Zweifeln, Widerlegen, mit einem Worte: Kritik war seine Stärke. Durch Kritik gelangte er zu eigenen Überzeugungen; allein über dem Einzelnen, das er streng untersuchte, stieg ihm die Ahnung des Ganzen auf. Im Anschluß an Leibniz und mit einer gewissen Annäherung an Spinoza hatte er sich Vorstellungen von Gott und Welt und von der Seele des Menschen gebildet. Das, worauf es ihm ankam, sprach er am offensten in den Freimaurergesprächen von 1778 (er war dem Orden in Hamburg beigetreten) und mit Deckung, verhüllt, unter Umdeutung christlicher Dogmen und daher nicht im eigenen Namen, durch die »Erziehung des Menschengeschlechts« von 1780 aus. Diese Überzeugungen bilden den ruhigen Hintergrund, von dem sich die stürmische Bewegung der Streitschriften abhebt. Ins Jahr 1778 fiel die heftigste Fehde. Da mit einem Male mußte Lessing verstummen. Es war von Braunschweig her verlangt worden. Die Zensurfreiheit ward ihm entzogen. Er mußte die Waffen des theologischen Kampfes niederlegen: er holte seine alten dichterischen wieder hervor. Sie waren noch so blank wie ehedem; und nie waren sie für einen edleren Zweck geführt worden: denn es galt nicht den Sieg einer Meinung über eine andere Meinung, sondern den Sieg der Duldung über die Intoleranz. Eben 1778 war Voltaire gestorben, und Lessing setzte ihm die Grabschrift: »Hier liegt – wenn man euch glauben wollte, ihr frommen Herrn! – der längst hier liegen sollte. Der liebe Gott verzeih aus Gnade ihm seine Henriade und seine Trauerspiele und seiner Verschen viele; denn was er sonst ans Licht gebracht, das hat er ziemlich gut gemacht«. Voltaire gab im Jahre 1762 Auszüge aus dem antichristlichen Testamente des Pfarrers Meslier heraus und schrieb 1763 den Traité de la tolerance , Lessing gab die Fragmente des Wolfenbütteler Ungenannten heraus und schrieb im Jahre 1779 »Nathan den Weisen«: er griff damit auf einen Stoff zurück, der ihm zur Zeit seines Verkehres mit Voltaire nahegetreten war, zu dem auch Voltaire einige Elemente geliefert, und zu dem er selbst in dem Lustspiele »Die Juden« ein paar Motive gefunden hatte, der aber der Hauptsache nach aus Boccaccio und so aus dem großen Novellenschatze des Mittelalters stammte. Sultan Saladin braucht Geld. Er läßt einen reichen Juden holen, und um ihn zu fangen, legt er ihm die Frage vor, welche von den drei Religionen er für die wahre halte, die jüdische, die mohammedanische oder die christliche. Der Jude, der nicht bloß reich, sondern auch klug ist, bittet um die Erlaubnis, eine Geschichte zu erzählen, und erzählt von einem Ringe, der sich in einem vornehmen Hause von Vater auf Sohn vererbte und den jeweiligen Erben über seine Brüder erhöhte, bis er in den Besitz eines Vaters kam, der drei Söhne hatte, die er alle drei gleich liebte und von denen er keinen verkürzen wollte. Der Vater ließ daher zwei andere Ringe machen, die er von dem echten selbst kaum unterscheiden konnte, und gab jedem seiner Söhne einen Ring, so daß sie nach seinem Tode alle die gleichen Ansprüche erhoben, die niemand zu schlichten wußte, weil niemand den echten Ring kannte. Der Jude macht die Anwendung auf die Religionen; Saladin gibt sich zufrieden, gesteht seine Bedürftigkeit, erhält, was er gewünscht, und behandelt den Juden fortan als seinen Freund. So ungefähr erzählt Boccaccio von Saladin, und so erzählte man schon ähnlich von einem spanischen Könige des 11. Jahrhunderts: in Spanien, wo alle drei Religionen zusammen wohnten und auf friedlichen Verkehr miteinander angewiesen waren, wo die griechische Wissenschaft in arabischer Erneuerung die Vorurteile zerstreute und gegen die Unterschiede gleichgültig machte, gediehen Toleranz und Indifferentismus; und so weit diese beiden um sich griffen, so weit ward es üblich, die drei Religionen auf eine Stufe zu stellen und in der Geschichte von den Ringen diese Meinung parabolisch auszudrücken. Alle Welt kannte deren Bedeutung, und die Intoleranten gaben ihr eine andere Pointe: der echte Erbe wird erkannt, der echte Ring tut Wunder. Man ließ auch die Ringe weg und erzählte nur von den drei Brüdern. Im 17. Jahrhundert hießen sie bei den Lutheranern Petrus, Martinus, Johannes, und Martinus war natürlich der rechte Erbe. Im 18. erfaßte Swift die Brüder, um über sie alle drei zu spotten: sie sollen nach dem Testament bestimmte Röcke tragen, aber sie wissen sich übers Testament hinauszusetzen und die Röcke unkenntlich zu machen. Unser Gellert benutzte das Motiv für die Geschichte von dem Hute, der immer neue Formen annimmt und doch der alte Hut sein soll: aber nicht die Religionen, sondern die Philosophie und ihre wechselnden Systeme will er damit treffen. Die Toleranz des 12. und die Toleranz des 18. Jahrhunderts reichen sich die Hand zum Bunde, indem Lessing das ursprüngliche Thema wieder aufnimmt. Die Erzählung selbst scheint der wahre Erbring, den ein freier Kopf des Mittelalters einem der freiesten der Neuzeit übergibt, um seine Kraft im Kampfe gegen die Intoleranz zu stärken. In der Tat konnte Lessing alle wesentlichen Züge der alten Novelle seinem Schauspiel einfügen; aber er blieb dabei nicht stehen: mit der Polemik gegen die Intoleranz verband er das Evangelium der Liebe. Er erfand eine Wunderkraft des Ringes und einen Urteilspruch, der sich darauf beruft: der Ring hat die Gabe, vor Gott und Menschen angenehm zu machen, wer in dieser Zuversicht ihn trägt; und der Richter gibt den drei Brüdern, die ihn um Recht bestürmen, den Rat: wetteifert miteinander in der vorurteilsfreien Liebe, kommt durch Sanftmut, Verträglichkeit, Wohltun und Ergebenheit in Gott der Kraft des Rings entgegen. Indes, Boccaccio gewährte nur ein paar Szenen: Lessing brauchte eine Handlung von fünf Akten und womöglich eine Begebenheit, in welcher die Gesinnung des Juden sich bewährte. Denn der Jude durfte nicht bloß ein kluger Jude, er mußte auch ein weiser Jude und ein guter Jude sein, ein solcher Jude wie Moses Mendelssohn, ein Jude, wie Lessing ein Christ war. Und der Jude mußte nicht bloß eine dramatische Situation, er mußte ein Schicksal haben: der weise Nathan hat unter der Intoleranz gelitten, er hat Verfolgung, bitteres Leid erfahren; seine Frau und sieben Söhne sind ihm an einem Tage von Christen getötet worden; aber er übt die schwerste christliche Tugend: Feindesliebe. Er nimmt ein Christenkind als seines an; und Recha, diese Pflegetochter, erweist sich als des Sultans Nichte und eines Tempelherren Schwester. Christen und Mohammedaner werden von einem Familienband umschlungen, wie es einst Wolfram von Eschenbach im »Parzival« und im »Willehalm« dargestellt hatte; und ein Jude tritt nicht durch die Fügung der Natur, aber durch die Macht eines edlen Herzens in ihren Bund. Wieder fließt die Handlung wie in der »Emilia« mit Notwendigkeit aus den Charakteren; und wie Lessing schon in früheren Stücken dramatische Lebenswahrheit durch Studium des Lebens erlangt hatte, wie sein Tellheim Züge von ihm selbst und von Ewald von Kleist aufwies, wie sein Fürst von Guastalla eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Erbprinzen von Braunschweig nicht ganz verleugnen konnte; so dient ihm auch hier treue Menschenbeobachtung, so dienen ihm eigene und fremde Charakterzüge, um eine Reihe von runden, geschlossenen Gestalten zu schaffen, unter denen insbesondere Nathan zu den großartigsten, reichsten und wahrsten gehört, die unsere gesamte Literatur aufzuweisen hat: Kaufmann und Philosoph, wie Moses Mendelssohn; ein idealer, bewunderungswürdiger, durch Unglück und Selbstverleugnung geheiligter Mann und doch nirgends ins Vage idealisiert, nirgends durch Deklamation oder Superlative gezeichnet, sondern mit einer Fülle irdisch-bestimmter Züge porträtartig ausgestattet! Man begreift vollkommen, daß ein so lebenskluger Kaufmann, der andere stets so überlegen zu lenken versteht, Reichtümer erwerben mußte, daß seine Klugheit und weite Reisen ihn vorurteilslos machten und daß ein so weiser und guter Philosoph die schwer errungenen Schätze des Herzens nicht bloß für sich besitzt, sondern vielen damit nützlich wird. Man begreift, daß er den Großen dieser Welt furchtlos, aber vorsichtig gegenübertritt und daß er bei sittlich vornehmen Naturen die Berufung auf die höchsten sittlichen Ideen als die wirksamste Politik zu handhaben gelernt hat, womit er die sprödesten Gemüter siegreich gewinnt. Seine Toleranz läßt jeden in seinem Wesen gelten, wofern dieses Wesen nur nicht offenbar schlecht ist; aber wo er zu bilden hat, da bildet er zur Einfachheit und unverkünstelten Natur. So wurde Recha sein Geschöpf: er hat durch ihren Verstand auf ihr Herz gewirkt und durch Aufklärung die natürliche Reinheit ihrer Seele gestärkt. Sie ist kindhaft unschuldig und weiß nichts von Liebe; jede Anspielung auf Liebessachen gleitet völlig von ihr ab. Mit schwärmerischer Liebe hängt sie nur an dem Pflegevater, den sie für ihren rechten Vater hält und dessen geistige Stütze sie noch nicht entbehren kann: ihre Aufklärung unterliegt in seiner Abwesenheit vor einer großen Gefahr und wunderbaren Rettung; den Tempelherrn, der sie aus dem Feuer trug, hat sie sich verleiten lassen, für einen Engel zu halten; erst der rückkehrende Nathan bringt sie zur Besinnung. Und so wird auch der Tempelherr, sonst offen, geradsinnig und vorurteilslos, obgleich etwas junkerhaft ablehnend gegen den Juden, ehe er ihn kennt, durch eine jugendlich stürmische Wallung zu einem unbesonnenen Schritte hingerissen, der Nathan Gefahr bringt und ihm selbst die bitterste Reue einträgt. Saladin, ganz Herz, Gemüt, Impuls, wie man es bei Soldaten, bei Männern der Tat oft findet, leicht aufbrausend und leicht vergeßlich, unfähig, sein Geld beisammenzubehalten, kann die Familienverwandtschaft mit dem Tempelherrn nicht verleugnen: das rasche Blut haben beide von Lessing, und Saladins böse Finanzen waren gleichfalls dem Autor nicht fremd. Enthusiastisch hängt Saladin an seinen Geschwistern; und der ruhigen Intelligenz seiner klaren, umsichtigen Schwester ordnet er sich in praktischen Dingen so gern unter, wie Lessing gegenüber seiner Frau getan haben mag. Doch wirkt sie nicht immer zum Guten, und das Verfahren gegen den Juden, das sie angibt, schlägt zu Saladins wie zu ihrer Beschämung aus. Nathans Freund, der Derwisch, der »wilde, gute, edle«, jener wahre Bettler, den Nathan für den wahren König erklärt, hat sich als Schatzmeister des Sultans in eine sehr falsche Position begeben, aus der er sich zuletzt durch einfaches Entlaufen befreit: diese Schöpfung des Lessingschen Humors beruht auf einem jüdischen Mathematiker aus Mendelssohns Umgebung. In einer ähnlich falschen Lage befindet sich der Reitknecht, der einst das kleine Christenkind zu Nathan brachte und der jetzt als Klosterbruder seine fromme Einfalt in dem Dienst eines gewissenlosen, aber glücklicherweise dummen Kirchenfürsten erproben soll. Auch er wird Nathans Freund; auch er vergißt den Juden und ruft bewundernd aus: »Bei Gott, Ihr seid ein Christ, ein beßrer Christ war nie!« Alle diese Menschen harmonieren, bewußt oder unbewußt, in der Gesinnung, welche Nathan als der Weiseste am besten auszusprechen weiß und die, wie Lessing bemerkt, von jeher – wir dürfen genauer sagen: spätestens seit seinem ersten Berliner Aufenthalte – die seinige war; sie alle widerstreben den Ansprüchen der positiven Religionen; sie alle sind einig, über den Unterschied der Religion und Nationalität hinweg den Menschen zu suchen und gut handeln für das Lebensziel des Menschen zu halten; sie alle aber sind auch einig im Deismus, in einem allgemeinen Glauben an Gott und an dessen Leitung der Welt, die kein übernatürliches Eingreifen ist, aber gleichwohl die Quelle alles dessen, was geschieht. Dieser gemeinsame Glaube bildet den stillen Lebensgrund für alle die lieben, prächtigen Menschen, die sich um Nathan sympathisch zusammenschließen. Alle, den einzigen Helden ausgenommen, irren verblendet einmal, sei es aus edlen, sei es aus unedlen Beweggründen, von der Bahn ab, die sie für die rechte halten; und auf solchen Abirrungen beruhen die wichtigsten Verwicklungen des Stückes. Ihnen stehen als Kontrastfiguren der Patriarch von Jerusalem und Rechas Amme Daja gegenüber; sie wissen den einzig wahren Weg zu Gott, und der Patriarch, eine Karikatur von Johann Melchior Goeze, ist durchaus bereit, die ganze Welt mit Feuer und Schwert auf diesen zu treiben. Aber das Gute triumphiert, die überlegene Weisheit Nathans leitet alles zum erwünschten Ende, und muß der allzu jäh entfachte Tempelherr eine Liebesleidenschaft zur Bruderliebe dämpfen, so hat ihn doch Recha nicht geliebt, eine Enttäuschung war ihm gewiß, und die Strafe ist verdient. Nahm Lessing eine solche Gemeinschaft der Edlen und Duldsamen für die Zeit der Kreuzzüge an, so wissen wir, daß er nicht unrecht hatte, und ihm kann die Meinung vorgeschwebt haben, die er wirklich hegte, daß der Bund der Freimaurer historisch mit dem Templerorden zusammenhänge. Auch Wolframs heiliger Gral wird von Templern gehütet; und Wolfram selbst, wäre er im Leben einem jener edlen Heiden begegnet, die er so gern schildert, hätte ihn mit Freuden als Bruder begrüßt. Harmonie und Friede umschlingen im »Nathan« die Völker und Religionen, wie es Lessing als Freimaurer träumte. Der Geist des Friedens, der in seinem Stücke weht, ist aber ein heiterer Geist. Eine heitere Naivität wollte Goethe schon in der Sprache des »Nathan« finden. Heitere Figuren und Motive wechseln, wie in »Minna von Barnhelm«, mit ernsten und rührenden ab, und diese Mischung, ein Bild der wirklichen Welt, hält uns auf der Erde fest, wo großmütige Tat und edle Gesinnung uns mit tränenerzwingender Gewalt in ein überirdisches Reich der Versöhnung entrücken wollen. Lessing blickt in einer der Streitschriften wider Goeze auf das stürmische Alter brausender Aufwallungen zurück und fühlt sich von sanfteren Winden dem Hafen zugetrieben, in dem er so freudig wie sein Gegner zu landen hofft. Drei Jahre, nachdem er dies geschrieben, zwei Jahre, nachdem er seinem Volke den »Nathan« geschenkt und in den Gesinnungen des weisen Juden ein Abbild seiner eigenen entworfen, ist Lessing gestorben: 1781 am 15. Februar des Abends um 9 Uhr. Seine Stieftochter Malchen König (das Modell zu Nathans Recha, wie man vermutet) war seinem Krankenlager die nächste. Er war ein Mann in einer weiblichen Epoche; ein entschlossener Tragiker in einer weichen Zeit. Sanfte Rührung war auch ihm nicht fremd, und die Träne mitleidiger Menschenliebe erglänzte auch in seinem Auge. Aber er hatte kein Bedürfnis, die Welt in sein Herz schauen zu lassen. Nicht Empfinden, nicht Vernünfteln, sondern Handeln ist ihm die wahre Bestimmung des Menschen; tugendhaftes Handeln der einzige Prüfstein wahrer Religiosität; und der gereifte Mann, der ohne Aussicht auf Lohn und Ehre seine Pflicht tut, sittliches Ideal. Handlungen hält er für den vornehmsten Gegenstand der Poesie und das Drama, das sie am lebhaftesten nachbildet, für die vollkommenste poetische Gattung. Erwägt man seinen eigenen ungestümen Tätigkeitstrieb, seine Rastlosigkeit, seine Freude an bewegtem Gespräch, seine Bereitwilligkeit zu leidenschaftlichem Federkrieg, seinen protestantischen Wahrheitseifer; und nimmt man dazu den Humanisten, den Patrioten, den Tyrannenfeind, der am liebsten als freier Schriftsteller wirkt und, unbekümmert um die Zukunft, sorglos, obgleich nicht sorgenlos, ganz der Gegenwart lebt: so ist es uns, als wäre Ulrich von Hutten in ihm zum zweiten Male, nur milder, freundlicher, erschienen. Friedrich Hölderlin Aus den »Vorträgen und Aufsätzen zur Geschichte des geistigen Lebens in Deutschland und Österreich«. Geboren 20. März 1770, gestorben 7. Juni 1843. Es kann nichts wachsen und nichts so tief vergehen wie der Mensch. Mit der Nacht des Abgrunds vergleicht er oft sein Leiden und mit dem Äther seine Seligkeit. Aber wie wenig ist dadurch gesagt! Hölderlins Hyperion. Geboren 1770, gestorben 1843: – ein Alter von 73 Jahren, davon kaum ein Jahrzehnt poetischen Schaffens und vier Dezennien umnachtet vom Wahnsinn. Das ganze Schicksal des unglücklichen Dichters ist mit diesem Überschlage seines Lebens umschrieben. Ich sage: kaum ein Jahrzehnt poetischen Schaffens, und die Zahl muß noch reduziert werden. Es ist wahr: wir haben Gedichte Hölderlins schon aus dem Jahre 1785. Aber noch bis gegen 1796 bleibt er unselbständig. Erst um diese Zeit findet er seine eigene Manier, seine eigene Sprache, seinen eigenen Stil; es gelingen ihm lyrische Gedichte von hoher Vollendung; 1797 und 1799 erscheint sein Roman »Hyperion«; er versucht sich an dramatischen Plänen. Aber schon 1801 neigt sich seine Bahn nach abwärts, und bald war es völlig um ihn geschehen. Also fünf Jahre vielleicht, fünf Jahre von dreiundsiebzig, in denen ihm das Hochgefühl zuteil wurde – und auch dieses vergällt durch namenloses Leid –, das Hochgefühl, auszusprechen, was kein anderer so aussprechen konnte. Und im Anfange der Dreißiger, ehe er noch auf die »Mitte unseres Lebenswegs« gelangt war, alles vorbei. Wird da nicht sein Lied an die Parzen begreiflich? Nur einen Sommer gönnt, ihr Gewaltigen! Und einen Herbst zu reifem Gesang mir, Daß williger mein Herz, vom süßen Spiele gesättiget, dann mir sterbe! Es war die Zeit, in der er an seinem Trauerspiele »Empedokles« arbeitete, womit er das Höchste zu erreichen hoffte. Er verlangte nichts mehr, als nur dies noch vollenden zu dürfen: – ist mir einst das Heil'ge, das am Herzen mir liegt, das Gedicht, gelungen: Willkommen dann, o Stille der Schattenwelt! Nicht einmal dieser bescheidenste Wunsch wurde ihm erfüllt. Nur Fragmente des Empedokles, Fragmente von hoher Schönheit, können wir bewundern. Armer Hölderlin! Du bist verwelkt »wie ein abgefallenes Blatt, das seinen Stamm nicht wiederfindet, das umhergescheucht wird von den Winden, bis es der Sand begräbt!« – In der ersten Epoche seines Dichtens, in der Periode seiner Unselbständigkeit, erinnert Hölderlins Prosa an Wieland und Heinse, Hölderlins Poesie an Matthisson und an seine Landsleute Schubart und Schiller. Vor allem der letztere hat mächtig auf ihn eingewirkt. Hölderlins gereimte Hymnen haben ganz die bauschige Rhetorik, die langen wort- und bilderreichen Perioden, aber auch etwas von dem Schwung und Adel, der Schillers ähnliche Gedichte auszeichnet. In diesen Formen besingt er alle abstrakten Ideale hochsinniger Jünglinge: Liebe, Freundschaft, Freiheit, Menschheit, Schönheit, die Göttin der Harmonie, die Genien der Jugend und Kühnheit. Von Schiller, zu dem er in rührender Bescheidenheit emporblickte, fühlte er sich so abhängig, daß er ihm noch 1797 schreiben konnte: »Von Ihnen dependier' ich unüberwindlich.« 1798: »Ich darf Ihnen wohl gestehen, daß ich zuweilen im geheimen Kampfe mit Ihrem Genius bin, um meine Freiheit gegen ihn zu retten, und daß die Furcht, von Ihnen durch und durch beherrscht zu werden, mich schon oft verhindert hat, mit Heiterkeit mich Ihnen zu nähern.« Auch in der inneren Anlage ist die Verwandtschaft unverkennbar. Poesie und Philosophie sind die erhabenen Göttinnen, zwischen deren Verehrung er schwankt. Ideal, Natur und Griechentum – diese Begriffe flossen ihm in eins. Um Hölderlin innerhalb des schwäbischen Geistes recht zu würdigen, muß man ihn zwischen Schubart und Schiller einerseits, zwischen seine Freunde Schelling und Hegel anderseits stellen. Dort der kosmopolitische Liberalismus, genährt an Rousseau. Hier das begeisterte Studium Kants, über den hinaus es ihn zurück auf Spinoza und zum Pantheismus trieb. Alles das, insbesondere die Mängel der Form, durchschaute Schiller selbst sehr wohl. In einem denkwürdigen Briefe ruft er den Jünger ab von dem betretenen Wege. Er warnt ihn vor der Weitschweifigkeit, die in einer endlosen Ausführung und unter einer Flut von Strophen oft den glücklichsten Gedanken erdrückt. Wenige bedeutende Züge in ein einfaches Ganze verbunden, weise Sparsamkeit, sorgfältige Wahl des Bedeutenden und klarer, einfacher Ausdruck desselben: das ist's, was er ihm empfiehlt. Diesen Mahnungen, die sich Hölderlin sehr zu Herzen nahm, kam eine entscheidende Wendung seiner Gemütsverfassung entgegen. Der Zauberstab der Liebe hatte sein Herz berührt. Eine allmächtige Leidenschaft wandelt ihm das Innere um. Er fühlt sich in einer neuen Welt. Ein Wesen ist ihm erschienen, das ihm die Schwungkraft des Adlers mitteilt. Ein Wesen, worin sein Geist meint, Jahrtausende verweilen zu können, um dann noch zu sehen, wie schülerhaft all unser Denken und Verstehen vor der Natur sich findet. »Lieblichkeit und Hoheit« – schreibt er einem Freunde – »Lieblichkeit und Hoheit und Ruh' und Leben, und Geist und Gemüt und Gestalt ist ein seliges Eins in diesem Wesen.« Wohl hat er recht zu sagen: »Großer Schmerz und große Lust bildet den Menschen am besten.« Das neue Leben, das ihn durchströmte, gab ihm beides im Übermaße. Das höchste Glück und das tiefste Leid: die Seligkeit, verstanden, geliebt zu werden; die Unmöglichkeit, je die Geliebte besitzen zu dürfen. Ja, noch mehr: seine Diotima war nicht bloß die Frau eines anderen; diesem anderen befand er sich in abhängiger Stellung gegenüber, dieser andere hatte das Recht, ihn aus ihrer Nähe zu vertreiben – er hatte das Recht und machte Gebrauch davon. Es soll nicht verschwiegen werden, was die Tradition berichtet: der Unglückliche wurde unter Mißhandlungen aus dem Hause gejagt. Tödlich gekränkt, in seinem Heiligsten verletzt, durfte er die Schmach nicht einmal rächen aus Rücksicht für die Geliebte. Unter diesen Wandlungen des Schicksals bildet sich Hölderlin seinen Stil. Der Glanz der Rhetorik verschwindet, wo die Seele schwerbelastet seufzt, wo unter dem Druck einer überirdischen Gewalt das Herz nach Halt und Fassung ringt, wo im furchtbaren Zusammenstoß der ideale Hang des Gemüts vor der brutalen Wirklichkeit sich beugt. »Ich hüte mich,« – läßt der Dichter seinen Hyperion sagen – »viel Worte zu machen von Dingen, die das Herz zunächst angehen, meine Diotima hat mich so einsilbig gemacht.« Seine Gedichte werden kurz, seine Sprache knapp, allen Schmuck, auch den des Reimes verschmäht er, oft ist ihm eine einzige Strophe genug, um eine den ganzen Menschen durchzitternde Empfindung darin niederzulegen. In die wunderbarste Einfachheit des Wortes hüllt sich ihm der tiefste Inhalt. Wie mein Glück ist mein Lied. – Willst du im Abendrot Froh dich baden? Hinweg ist's, und die Erd' ist kalt. Und der Vogel der Nacht schwirrt Unbequem vor das Auge dir. »Ich habe sehr wenig von dem gesagt, was ich dabei empfand«, äußert er einmal über eine seiner vollendetsten Elegien. Aber er irrt, wenn er meint, er gebe oft seine lebendigste Seele in sehr flachen Worten hin, und kein Mensch wisse, was sie eigentlich sagen wollen, als er selbst. Gerade, daß man alles ahnt, was er verschweigt, daß alles in uns erregt wird, was ihn dabei bewegte, gerade das gibt manchen Gedichten eine so schauerliche, erschütternde Wahrheit. Die »flachen Worte« sind wie ein vielstimmiger Akkord, in den eine Welt von Tönen zusammenrinnt. Ich kann nicht beschreiben, wie es mich ergreift, wenn er seinen Lebenslauf in die scheinbar kahlen Sätze faßt: Hochauf strebte mein Geist, aber die Liebe zog Bald ihn nieder; das Leid beugt' ihn gewaltiger; So durchlauf' ich des Lebens Bogen Und kehre, woher ich kam. – Es wäre aber unrecht, sich zu täuschen und nicht scharf den Blick auf die Grenzen von Hölderlins Begabung zu lenken. Schiller und Goethe haben ihn vollkommen richtig beurteilt. Er ist zu subjektiv, überspannt, einseitig. »Fliehen Sie die philosophischen Stoffe,« – hatte ihm Schiller zugerufen – »sie sind die undankbarsten, und in fruchtlosem Ringen mit denselben verzehrt sich oft die beste Kraft. Bleiben Sie der Sinnenwelt näher, so werden Sie weniger in Gefahr sein, die Nüchternheit in der Begeisterung zu verlieren.« Das aber war es eben, was Hölderlin am wenigsten konnte. Es fehlt ihm ganz die derbe Lust an der Wirklichkeit, ohne die kein rechter Poet gedeihen kann. Sein Auge saugt sich nicht an, er klammert sich nicht fest an den Urquell aller darstellenden Kunst, an die sinnliche Erscheinung. Nicht der Stoff packt ihn, sondern die Idee. Er weiß nicht den Gedanken in Gestalt umzusetzen. Er schreitet wie ein Schwebender dahin, sein Scheitel berührt die Wolken, aber sein Fuß steht nicht auf der Erde fest. Es mangeln bei ihm alle Kontraste. Das Böse, auch wo er es darstellen will, lernt man nie von Angesicht zu Angesicht kennen. Alle seine Gedichte, auch die erzählenden und dramatischen, sind im Grunde ideale Selbstdarstellungen. Je länger er einen Stoff behandelt, desto mehr treten alle festen Elemente zurück, und der gesunde Erdgeruch verliert sich. Im Hyperion ist, unter mehrfachen Umarbeitungen des Erzählenden, des Tatsächlichen immer weniger geworden. Seine Liebesgedichte haben nichts Dramatisches, keinen Fortschritt, keine Entwicklung. Alle seine Seelenkräfte scheinen in einem einfarbigen Knäuel verschlungen. Hölderlin kennt diese Gebrechen. Er weiß, wo es ihm fehlt: weniger an Ideen als an Nuancen, weniger an einem Hauptton als an mannigfaltig geordneten Tönen, weniger an Licht wie an Schatten, und das alles aus einem Grunde: er scheut sich, das Gemeine und Gewöhnliche im wirklichen Leben zu sehen. Er ringt mit aller Kraft seiner Seele nach dem »Lebendigen in der Poesie«. Aber er fühlt auch, daß er sich nicht herauswinden kann aus den poetischen Irren, in denen er wandelt. Im Grase zu liegen und das himmlische Blau anzuträumen, war die Lust des Knaben. Es ist, als ob für seine ganze Poesie dieses Element stets die Basis geblieben wäre. »Ein Gott ist der Mensch, wenn er träumt«, ruft Hyperion aus. Die gestaltlose Idealität Klopstocks hat sich in Hölderlin fortgesetzt. Nur unendlich vertieft und veredelt und auf ein anderes Gebiet gewendet. Auch Hölderlin ist ein Pietist. Aber ein Pietist des Pantheismus. »Eins zu sein mit allem, was lebt!«– sagt Hyperion – »mit diesem Worte legt die Tugend den zürnenden Harnisch, der Geist des Menschen das Zepter weg, und alle Gedanken schwinden vor dem Bilde der ewig einigen Welt, und das eherne Schicksal entsagt der Herrschaft, und aus dem Bunde der Wesen schwindet der Tod, und Unzertrennlichkeit und ewige Jugend beseligt, verschönert die Welt.« »Dich wird kein Lorbeer trösten und kein Myrtenkranz,« – schreibt Diotima an Hyperion – »der Olymp wird's, der lebendige, gegenwärtige, der ewige jugendlich um alle Sinne Dir blüht: die schöne Welt ist Dein Olymp ...« Hölderlin schafft sich eine neue Mythologie. Der Äther ist der Gott, zu dem alle Wesen aufstreben, zu dem des Menschen Seele sich wie im Gebete erhebt. Am schärfsten läßt er seinen Empedokles das Naturevangelium verkündigen. – Was ihr geerbt, was ihr erworben, Was euch der Väter Mund erzählt, gelehrt, Gesetz' und Bräuch', der alten Götter Namen, Vergeßt es kühn und hebt wie Neugeborne Die Augen auf zur göttlichen Natur. Aber trotz allem Schwelgen in der Natur – man begreift doch, wie Goethe zu dem Eindruck kam: die Natur scheint ihm nur durch Überlieferungen bekannt zu sein. Mit wenigen Ausnahmen ist es, als ob ein Nebelkreis um ihn gelagert wäre, durch welchen die reale, greifbare Natur nicht in ihrem Glanze dringen könnte. Hölderlin war kein Plastiker. Hölderlin war ein Stimmungsmensch. Kein Wunder, daß er sich gern auf den Wogen der Musik schaukeln ließ und die Musik ihn wie ein letzter treugebliebener Schutzengel auch in die Nacht seines Geistes begleitete. Was aber war die Grundstimmung, die durch sein ganzes Dichten und Leben ging? Es war eine tiefe Verbitterung gegen die Versunkenheit des Vaterlandes. Als er ins wirkende Leben hinaustrat, wurde er schmerzlich geweckt aus kindlichen idealischen Träumen. Schillers Don Carlos »war die Zauberwolke, in welche der gute Gott seiner Jugend ihn hüllte, damit er nicht zu früh das Kleinliche und Barbarische der Welt sähe, die ihn umgab«. Es war in der Tat eine kleinliche und elende Welt, aus der er sich herauskämpfen sollte. Es war nicht die Welt von Weimar und Jena, nicht die Welt der höchsten Kreise deutscher Bildung. Es war die enge, philiströse Welt kleiner württembergischer Landstädtchen, in welcher das Höchste, was er anstrebte, als Affektation, Übertreibung, Ehrgeiz, Sonderbarkeit galt. Es war eine Welt, von der er recht hatte zu sagen: »Ich glaube, daß sich die gewöhnlichsten Tugenden und Mängel der Deutschen auf eine ziemlich bornierte Häuslichkeit reduzieren: Jeder ist nur in dem zu Hause, worin er geboren ist, und kann und mag mit seinen Interessen und seinen Begriffen nur selten darüber hinaus.« Da war kein Schwung, keine Elastizität, kein großer mannigfaltiger Trieb, kein Gefühl für gemeinschaftliche Ehre und für gemeinschaftliche Nationalität. Aus dieser Welt flüchtet er ins Griechentum. Dieser Welt hält er als Spiegelbild das antike Menschheitsideal seines Hyperion vor. Dieser Welt zur Warnung stellt er seinen Empedokles in demselben Konflikte mit beschränkter Bürgerlichkeit dar, unter welcher sein eigenes Sein sich verzehrt. »Ja, vergiß nur,« – sagt Hyperion – »vergiß nur, daß es Menschen gibt, darbendes, angefochtenes, tausendfach geärgertes Herz! Und kehre wieder dahin, wo du ausgingst, in die Arme der Natur, der wandellosen, stillen und schönen.« Seiner Nation und sich selbst wünscht er zurück die verlorene Jugend. Aus der Überfülle des Leides sehnt er sich nach dem Tode. Seine letzte Zufluchtsstätte ist das Grab. Er redet den Archipelagus an: Wenn die reißende Zeit mir Zu gewaltig das Haupt ergreift und die Not und das Irrsal Unter Sterblichen mir mein sterblich Leben erschüttert. Laß der Stille mich dann in deiner Tiefe gedenken! Er bricht in furchtbaren Groll aus gegen das Schicksal, gegen die menschliche Bestimmung. »Wir werden geboren für nichts, wir lieben ein Nichts, glauben an nichts, arbeiten uns ab für nichts, um allmählich überzugehen in nichts. Wenn ich hinsehe auf das Leben, was ist das Letzte von allem? Nichts. Wenn ich aufsteige im Geiste, was ist das Höchste von allem? Nichts.« – Solche Empfindungen waren nicht ihm allein eigentümlich. Schon andere haben bemerkt, daß Hölderlin nur mitergriffen war von einer geistigen Epidemie, welche seit den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gerade die Edelsten und Besten vielfach umstrickte und schwächere Seelen vernichtete. Es ist dieselbe Epidemie, welche in unserem Jahrhundert den Namen des Weltschmerzes erhielt und als deren Philosophen wir Schopenhauer kennen. Es ist mir unbegreiflich, wie dessen Lehren heute noch Anhänger finden können. Es gibt ja viel Elend in der Welt, und jeder hat sein Teil Unglück zu tragen. Arm, wer nie entbehren mußte und aus der Entsagung Kraft für ein höheres Dasein schöpfte. Aber wer mag sich an dem Gedanken der Vernichtung berauschen in dieser herrlichen Welt, in der täglich so viel neues Leben erwacht, in der unzählige Kräfte sich regen, in der alle Wissenschaften kühn vordringen wie auf geebneter Bahn, in der die sehnsüchtigen Wünsche von Jahrtausenden sich zu erfüllen beginnen? Wer mag zaghaft träumen, wer mag in bitterem Groll sich berauschen mitten in dieser Zeit der freudigen Zuversicht, der selbstgewissen Heiterkeit, der stolzen Tatkraft? Nein, unter uns ist kein Raum mehr für den Weltschmerz. Was will da Schopenhauer? Aber auch: Was will da Hölderlin? Hölderlin ist keine dauernde Lektüre für einen vollen heutigen Menschen. Aber er ist ein Tröster auf Augenblicke. Tröstend eben, weil er so trostlos ist. Kein besseres Heilmittel für die Erschöpfung eines Momentes als der Anblick dieser ungeheuren Erschöpfung des Schmerzes, die jeden gesammelten Gedanken in den Abgrund gezogen hat. Denkt euch ein Haus, das einen Wahnsinnigen zu pflegen hat. Heiligkeit scheint auszuströmen von ihm. Man wird besser in seiner Nähe. Vor so grenzenlosem Unglück verstummen alle kleineren Klagen. Es ist eine tiefe Bemerkung von Gervinus, daß neue Richtungen einer Nation mit neuer geistiger Anstrengung, mit der Erregung lange ungeübter Kräfte nicht ohne traurige Schicksale einzelner durchgesetzt werden können. Der neue Gott, der seine Herrschaft über die Gemüter antritt, fordert ein Opfer. Von Poesie, Philosophie, Politik erwartete Hölderlin die Erneuerung des deutschen Lebens. Er hat sich nicht geirrt. Diese Mächte kamen, wirkten segensreich, aber sie warfen ihn in die Tiefe. Seltsam, wie der Gedanke des Opfers als ein hoher und herrlicher ihn in allen seinen Gedichten viel beschäftigt hat. Den Tod fürs Vaterland preist er wiederholt. Es begeistert ihn, Achill weggerafft zu sehen in der Jugendkraft. Sein Empedokles stürzt sich in den Ätna als ein Opfer, welches seine Zeit verlangt. Und in diesem Sinne wollte er wohl einst den Tod des Sokrates behandeln, und den Tod des Agis als das letzte Aufleuchten alter Spartanertugend. Es gibt auch ein Schlachtfeld des Geistes, ein titanisches Ringen mit höheren Mächten. Auf diesem Schlachtfelde ist Hölderlin gefallen. Hölderlin war schön. Wenn er vor seinen Studiengenossen auf und nieder ging, so war es ihnen, als schritte Apollo durch den Saal. Als er im Jahre 1800 nach der Heimat zurückkehrte, glaubte man einen Schatten zu sehen. Dazwischen lag die unglückliche Liebe. Dazwischen lag das verzweifelte Ankämpfen gegen die Grenzen seines Talents. Dazwischen lag die Erfahrung, daß er keine Wirkung auf das Publikum hervorbrachte – der heftig erregte Ehrgeiz und doch kein Element, »worin er sich ein stärkend Selbstgefühl erbeuten konnte« –, das Scheitern aller seiner Hoffnungen. Schon in gesundem Zustande wurde es ihm schwer, seine Gedanken von einem Gegenstande zum anderen zu wenden. Die Kraft des Willens war nicht stark in ihm. Es fehlte ihm die sichere Herrschaft über die verschiedenen Vorstellungskreise seiner Seele. In der Fremde – seine lange Hofmeisterlaufbahn hatte ihn schließlich nach Bordeaux geworfen – traf ihn der letzte Schlag, dem die zarte, nervöse, empfindliche, gereizte, unter mütterlicher Erziehung gepflegte Organisation nicht mehr widerstehen konnte. Es scheint, daß bei der Nachricht vom Tode der Geliebten ihm zuerst der klare Zusammenhang der Gedanken abhanden kam. Die Zügel der Leitung über seinen arg bestürmten Geist entglitten ihm völlig. Die Form seines Irrsinns war eine aus gänzlicher Erschöpfung hervorgegangene Zerstreutheit. – Halten wir das Bild des Armen mit seinen eigenen Worten fest: Manches hab' ich versucht und geträumt und habe die Brust mir Wund gerungen ... Emanuel Geibel Rede, gehalten in der vom Verein »Berliner Presse« veranstalteten Gedächtnisfeier, 25. Mai 1884. Als vor 22 Jahren Ludwig Uhland starb, da hat ihm Geibel das Grablied gesungen: Es ist ein hoher Baum gefallen, Ein Baum im deutschen Dichterwald; Ein Sänger schied, getreu vor allen, Von denen deutsches Lied erschallt. Er nennt ihn einen Spiegel vaterländischer Sitte, einen Herold deutscher Ehren, beharrlich, stark und echt. Geibel hat damit den Grundton angegeben, aus dem er selbst zu feiern ist. Auch er war ein Herold deutscher Ehren. Auch er gehörte zu den Auserwählten, die in unserem vielzerrissenen Volke von Zeit zu Zeit das Gefühl der Einheit wecken dürfen. Er hat oft das Wort gefunden, das in allen Herzen widerklang. Und noch sein Tod bewährt die einigende Kraft. Denn die Trauer, der wir heute feierlichen Ausdruck geben, wird im Süden wie im Norden und wo außerhalb des Vaterlandes Deutsche wohnen, sie wird im ganzen Volk geteilt. Und indem Geibel alle Stammgenossen um sein Grab versammelt, scheint seine schöne Stimme noch einmal zu ihnen zu reden und ihnen zu verkündigen die frohe und gewaltige Botschaft von dem Werte der Poesie, von dem Glanz unserer Sprache, von dem Priestertume der Kunst. Die Deutschen, denen die Ehre zuteil wurde, den größten Dichter des modernen Europas den ihrigen nennen zu dürfen, haben es schnell verlernt, der Poesie einen enthusiastischen Kultus zu widmen. Ein großer Literarhistoriker erklärte, die Zeit der Dichtung sei zu Ende, und die Zeiten der Politik seien angebrochen. Sein strenges Wort war eine schmerzliche Prophezeiung. Die Zahl derer, die noch warm für Poesie empfinden, wird von Jahr zu Jahr geringer: Männer auf der Höhe des Lebens rechnen die Poesie nicht mehr zu den ernsthaften Angelegenheiten der Nation; selbst die Jugend, sobald sie der Schule entwachsen ist, wendet sich leichtherzig ab von den belebenden Quellen unserer Dichtkunst; und nur die Frauen bleiben den alten Lieblingen getreu. Wir haben eine einsichtige und weitblickende Pflege der Kunst und der Wissenschaft: daß auch die Poesie einer solchen fähig, wert und bedürftig sei, scheinen wenige zu wissen. Wir haben mehrere deutsche Akademien, welche Künstler und Gelehrte in ihrem Schoße versammeln: wir haben keine »Deutsche Akademie«, um diejenigen aufzunehmen, welche der kunstmäßigen Ausbildung der deutschen Poesie und Prosa eine ruhmvolle Lebensarbeit widmen. Trotz der Ungunst der Zeit aber empfing Emanuel Geibel alle die äußere Förderung, deren er bedurfte; und er erlangte eine Stellung in der Nation, welche die äußeren Ehren entbehren konnte. Er hat nie den vorübergehenden Forderungen der Mode gedient, er hat nie dem Geschmacke der Menge geschmeichelt, er hat sich nie zum Sklaven einer literarischen oder politischen Parteimeinung gemacht – und dennoch einen mächtigen, in Deutschland seltenen Erfolg errungen. Er hat damit den Beweis geliefert, daß der Erfolg des schlichten Schönen nicht von der Mode, nicht von dem Beifall des Marktes und nicht von der Gunst der Parteien abhängt. Er weckt in uns die tröstliche Hoffnung, daß das Zeitalter der Poesie doch noch nicht zu Ende sei, und daß auch in Zukunft diejenigen nicht fehlen werden, welche das echte Talent zu erheben bereit sind. Er hat im Leben Schule gemacht, jüngere Dichter neidlos gefördert und ihnen die Wege gewiesen. Er wird auch nach seinem Tode ein Wegweiser und Zielzeiger – ein Führer, ein Erzieher, ein Lehrer seines Volkes bleiben: ein Führer zur Schönheit, ein Erzieher zum Maß, ein Lehrer der Form. Die Deutschen schätzen von alters her den Gehalt mehr als die Form, das innere Leben mehr als die Erscheinung. Erscheinung gilt ihnen allzuoft für Schein, und sie wollen nicht den Schein, sondern die Wahrheit. Geibel aber besaß die Kraft, durch den Gehalt seiner Dichtung zugleich den Wert der Form allem Volk eindringlich zu predigen. Vers und Sprache waren ihm untertänig. Im Ausdruck gab es nichts Schweres, nichts Unüberwindliches für ihn. Überall drang er zur vollendeten Klarheit durch. Der sprödeste Stoff ward bildsam unter seinen Händen. Er übte die ruhige Herrschaft des Meisters, die nicht blenden will, die nicht fürchtet gewöhnlich zu werden, die nicht hascht nach Originalität. Er empfand die strenge Form, den reinen Reim, das feste Metrum nicht als Zwang, sondern als Vorteil. Seine Sprache ist voll Harmonie und Rhythmus, reich an Vokalen ohne Härten und mißtönende Zusammenstellungen, voll Wechsel, Glanz und Leben des Lautes, wie bei den Minnesängern, und doch nicht allzu weich und süßlich, nicht allzu eifrig buhlend um die Gunst eines klanggierigen Ohres, sondern erfüllt mit Kraft und Mark und mit der Wucht ewiger Gedanken. Denn der Adel der Form fließt aus dem Adel der Seele. Zwar hat keine Theorie der Poesie bis heute die Grenzen zwischen Dichtkunst und Sittenlehre endgültig gezogen; und seit im vorigen Jahrhundert zunächst innerhalb des englischen Romans und dann in der ganzen europäischen Literatur gebrochen ward mit den stoisch-heroischen Tugendhelden, deren unnatürliche Festigkeit über jede Anfechtung ohne Mühe triumphierte – seit man darauf ausging, wahre, natürliche Menschen in all ihrer Fehlbarkeit dem Leben nachzubilden – seit die Losung der Natur und Wahrheit mit Nachsicht und Menschenliebe Hand in Hand ging: – seitdem wird die Abspiegelung des wirklichen Lebens an sich vielfach für ein würdiges Ziel der Poesie gehalten; und wer von einem moralischen Zwecke derselben redet, der macht sich der Philistrosität oder des Zopfes verdächtig. Aber wie dem auch sei und was die ästhetische Theorie darüber sagen, raten und meinen mag: so viel steht fest, daß die Poesie tatsächlich es seit Jahrhunderten als ihre Aufgabe betrachtet hat, eine sittliche Bildnerin der Völker zu sein und die Ideale zu stärken, auf denen die Gemeinschaft der Menschen, auf denen die Gesellschaft beruht. Von jeher hat sie Götterbilder aufgerichtet. Von jeher hat sie Gestalten geschaffen, zu denen die Menschen in Verehrung emporblicken sollten. Was durch die Flucht der Zeiten hin für groß und wertvoll galt, das hat sie verherrlicht mit der bildenden Kraft des Wortes. Und dieser überlieferten sittlichen Mission der Poesie ist Geibel stets getreu geblieben, wie Ludwig Uhland. Fast alle, die sich in den Tagen des Schmerzes das Bild Geibels zu vergegenwärtigen suchten, mußten an das Gelübde erinnern, das er einst – gleichsam in die Hände König Friedrich Wilhelms des Vierten – ablegte: So helfe Gott mir, daß ich walte Mit Ernst des Pfundes, das mir ward, Daß ich getreu am Banner halte Der deutschen Ehre, Zucht und Art. Fast alle, die Geibel feierten, haben ihn als eine priesterliche Gestalt empfunden, als einen Priester nicht bloß des Schönen, sondern auch des Guten. Aus einem Priesterhause ging er hervor, und der ehrenfeste Geist des protestantischen Pfarrhauses ruhte auf allem seinem Wirken. Seine Seele lebte mit den Besten seiner Zeit in beständigem Einklang. Er ging die gerade Straße des Heils; kein Irrweg verlockte ihn; kein Mißlingen schreckte ihn; er wußte zu hoffen, er wußte zu glauben. Alles, was sich stetig entwickelte in unserem nationalen Leben, daran nahm er den freudigsten Anteil; alles, was einen Bruch, eine Verzerrung, einen plötzlichen Umschlag bedeutete, das fand an ihm einen Gegner: Festigkeit und Treue verließen ihn nie. Jedem, der ihn kannte, erschien er, wie ihn Berthold Auerbach einmal, unter dem unmittelbaren Eindruck des Wiedersehens, bezeichnete: »Geibel ist ständig eine im Besten lebende Seele von wahrem und warmem Pathos.« Er war eine geschlossene Persönlichkeit, wie Ludwig Uhland, und noch mehr als dieser ganz der Poesie ergeben. Er war kein aktiver Politiker wie Uhland; er war kein Fachgelehrter wie Uhland. Als Politiker, als Gelehrter blieb er immer Dichter. Sein reines und richtiges politisches Denken ging in Poesie auf; sein reiches literarisches und ästhetisches Wissen ward nur in Versen niedergelegt. Aber sein dichterisches Schaffen kam, wie bei Uhland, nicht zu breiter Entfaltung. Seine wie Uhlands sämtliche Werke umfassen wenige Bände, Gedichte und Dramen, keine Prosa, keine Novellen, keinen Roman. Er wußte ausgezeichnet zu erzählen; aber hatte keine eigentliche Lust zu fabulieren. Das glücklich begonnene Epos »Julian«, worin deutsches und russisches Wesen sich berühren, blieb Fragment. Erzählungen wie der »Morgenländische Mythus«, »Die Blutrache«, »König Sigurds Brautfahrt«, die sogenannten »Idyllen« und andere, schließen sich in engerem Rahmen knapp zusammen; »Der Tod des Tiberius« ist eine Geschichte von symbolischem Gehalt. Die halblyrische Form der Ballade war ihm innerhalb der epischen Dichtung am meisten gemäß. Aber auch diese pflegte er weniger eifrig als Uhland; und viel lieber hing er den eigenen Erinnerungen nach, um, was ihn einst in Freud' und Leid bewegt, ins Licht der Gegenwart heraufzuholen. Das »Buch Elegien«, der Anfang einer poetischen Selbstbiographie, ist vielleicht sein am meisten charakteristisches Werk. Sein Liebeslied malt nur die eigene Empfindung, nicht das Wesen der Frauen, welche diese Empfindung erregten. Er war stets mehr nach innen als nach außen gewandt. Seine Lyrik hat wie Uhlands Lyrik selten den dramatischen Zug, der uns zum Miterleben zwingt. Sie spiegelt einen Zustand ab; sie blickt in die Vergangenheit zurück. Im Drama selbst ruht auf dem Monolog der Nachdruck. Nicht die Handlung, nicht der sinnfällige Konflikt, nicht Begehrungen und Leidenschaften, die zornig aufeinander stoßen, sondern nur der Seelenkampf, der eine Tat gebiert, fordert seine höchste Kunst heraus. Der Widerstreit entgegengesetzter Empfindungen in derselben Brust, das ist sein höchstes tragisches, ja fast das einzige tragische Thema, das er behandelt: eine Verwirrung des Gefühls, wie sie Heinrich von Kleist so oft seinen Figuren mitteilt. Geibels Brunhild vernichtet, wie Kleists Penthesilea, den Helden, den sie liebt. Geibels Sophonisbe liebt den Feind ihres Volkes, den sie töten möchte. Brunhild fühlt sich beschimpft von dem einzigen Manne, dem ihr Herz entgegenschlug. Sophonisbe glaubt, daß ein solcher Schimpf ihr drohe, und steht entwaffnet, da sie sich getäuscht. Geibels Loreley hat Untreue zu rächen; auch ihre Liebe wandelt sich in Haß und treibt den einst Geliebten in den Tod. Ja selbst Geibels Lustspiel, das eine freie und reine Heiterkeit um sich verbreitet, hat eine Verwirrung des Gefühls zum Gegenstande: der zerstreute Meister Andrea wird, nach einem bekannten, von Shakespeare und Holberg gebrauchten Motive, zur Strafe für seine Zerstreutheit an sich selbst irregemacht und in den Wahn versetzt, er sei ein ganz anderer Mensch. Am großartigsten aber und an dem gewaltigsten Stoffe kommt die Neigung, den inneren Zwiespalt darzustellen, in dem Monologe »Judas Ischarioth« zur Geltung, der den Keim zu einer ganzen Tragödie enthält. Judas spricht darin das Gefühl aus, das ihm Jesus einflößt. Er zweifelt nicht, daß er der Messias ist. Aber er hat sich den Messias anders gedacht. Er wollte einen Kriegshelden, einen nationalen Führer, einen Befreier von den Römern. Et hat sich einst in diese Rolle geträumt; er würde zurückstehen, wenn nur Jesus sie übernehmen wollte; aber diese Demut, diese holdselige Sanftmut, diese weltumfangende, friedenatmende Liebe, die ihn so tief ergreift und doch so tief empört – er, Judas, ist einst auf eines Berges Gipfel an ihn herangetreten und hat ihn an sein Amt gemahnt und ihm das Land gezeigt, das seines Fürsten harrt – »Hinweg, Versucher!« rief ihm der Heiland zu, und seitdem ist er von ihm geschieden; ein tödliches Gefühl wächst in ihm auf wie Haß, und dunkle Stimmen locken zum Verrat. Jedermann sieht, wie genial hier Geibel die Überlieferung umbildete: er hat den Verräter gehoben, indem er ihm ein national-politisches Pathos verlieh; und er hat das Motiv der Versuchung vom Satan auf ihn übertragen. Den Kampf von Gut und Böse, den Kampf von Licht und Finsternis hat er in das Innere der Menschenbrust verlegt und so uns menschlich nahegerückt. Mit einer hohen sittlichen Gesinnung sucht er die Entstehung des Bösen auf und zeigt, wie das Übermaß einer einzigen, an sich vielleicht edlen Empfindung ins Verderben führt. Er kennt die Gefahr und glaubt zu wissen, wie sie beschworen wird. Er kennt den Kampf und glaubt zu wissen, wo man den Frieden findet. Wen der Zaubergesang törichter Leidenschaft verwirren will, wem zweifelnd die Seele schwankt, dem rät er ans Meer zu flüchten oder in den Wald und zu horchen auf des Meeres Tosen und des Waldes Brausen und des endlichen Reizes Lockung zu erproben am Gefühl der Unendlichkeit. Vor der großen Natur heiligem Frieden hält Nichts Unlauteres stand; von den befangenen Sinnen streift sie den Irrtum ie ein lastend Gewand herab; Und wie plötzlich entfacht einst am gesegneten Nachtmahlskelche des Grals feurige Schrift erschien, Glänzt ein göttlicher Wille klar in deinem Gewissen auf. Aber wer das Leben kennt, wird zugeben, daß dieser schöne Gedanke nicht ebenso wahr, daß der Rat, den Geibel hier erteilt, nicht allgemeingültig ist. Nur in harmonischen Seelen löst Natur die sittlichen Dissonanzen. Jene grellen inneren Konflikte, die Geibel darstellen will, den tödlichen Kampf von Haß und Liebe, den hat er nicht erlebt, sondern höchstens im schwachen Abglanz vorempfunden. Denn er war eine harmonische Seele; in ihm lösten sich die Dissonanzen; und so war die breit austönende, die stet verweilende Empfindung sein eigenstes Gebiet, das was ein Herz bedrückt, erschüttert – erhebt, entflammt, das Träumen und das Sinnen, das Hoffen und das Glauben, das Jubeln und das Trauern; Religion und Vaterland, Natur und Liebe – die uralten Gegenstände jeder Dichtung. Geibel wurzelt, wie Uhland, fest in der engsten Heimat; aber die Schranken der Heimat durchbricht die Liebe zum gemeinsamen Vaterland; und über das Vaterland hinaus huldigen sie beide dem Genius bei Menschheit. Geibel indessen ist eine mannigfaltigere, reichere Lebensbahn gewandelt als Uhland; die Gegensätze unseres Volkes und die Gegensätze unserer nationalen Bildung waren in ihm völliger versöhnt und vermittelt. In Norddeutschland geboren und erzogen, hat er entscheidende Jahre in Süddeutschland verlebt, um zuletzt nach dem Norden zurückzukehren. Lübeck gab ihm das Leben; in Bonn und Berlin hat er studiert; nach den Wanderjahren kam er in München zur schönsten und frischesten Tätigkeit; und in der geliebten Vaterstadt ruhte sein Alter aus. Drei deutsche Fürsten aus dem Norden und aus dem Süden haben nacheinander sich an ihm als großmütige Freunde der vaterländischen Dichtkunst erwiesen: König Friedrich Wilhelm der Vierte, König Max von Bayern und Se. Majestät unser Kaiser. Im Norden wie im Süden war die beste Gesellschaft stets bereit, ihn sympathisch zu empfangen; und bei der Aufführung seines »Meister Andrea« erneuerten sich die Traditionen von Weimar, wo Herzog Carl August in Goethes »Iphigenie« mitspielte. Während Uhland viele Jahre vor seinem Tode schon aufhörte, ein aktiver Dichter zu sein, und ausschließlich der Wissenschaft lebte, floß für Geibel die poetische Quelle fast bis zuletzt, und die Weisheit des Alters kam seiner Dichtung zugute. Et nahm einen stetigen Weg nach aufwärts. Welcher Fortschritt von 1840 bis 1877, von den frühesten »Gedichten« zu den »Juniusliedern«, zu den »Neuen Gedichten«, zu den »Gedichten und Gedenkblättern«, zu den »Heroldsrufen« und endlich zu den herrlichen »Spätherbstblättern«! Welcher Fortschritt von seiner ersten Tragödie, dem jugendlich unvollkommenen »König Roderich«, zur »Brunhild« und »Sophonisbe«! Nicht nur, daß er die Formen immer freier beherrschte, daß er immer mehr seinen eigenen Ton fand und aus dem Schüler ein Meister ward: er ist auch innerlich immer freier und größer geworden. Die Zeit wuchs mit ihm; sie hob ihn auf eine immer höhere Warte; immer lauter erklang seine Stimme, und in immer weiteren Kreisen ward sie vernommen. In religiösen Dingen machte die Befangenheit der Jugend einer freimütigen Kritik Platz. Wohl durfte er einst sagen: »Mir quillt der Dichtung heil'ger Bronnen am Felsen, der die Kirche trägt.« Wohl gab er in einem Gedichte, wie »Der Bildhauer des Hadrian«, die Sehnsucht des Künstlers nach einem festen Glauben kund. Wohl wußte auch er, wie alle christlichen Sänger vor ihm, den hebräischen Psalmen prachtvolle Weisen nachzusingen. Wohl feierte er im Liede kirchliche Feste mit. Wohl vertiefte er sich in die Anschauung der erhabenen Milde Jesu und betete bei dem um Frieden, vor dem die Stürme schweigen. Aber im Alter konnte er sagen: »Meiner Brust ist jener Gottesfrieden, der kein Bekenntnis hat noch braucht, beschieden.« Und der Kirche rief er zu, sie solle nicht nur der Mumie, sondern dem Phönix gleichen. Er warf ihr vor, daß sie alternd erstarre: Statt sich des Wissens der Welt zu bemächtigen, zieht sich die Kirche Von den Gedanken des Tags weiter und weiter zurück, Lebt in vergangener Zeit und spricht in verschollenen Zungen, Ach, und verwundert sich dann, daß sie der Tag nicht versteht. Er klagte: »Religion wird Theologie und Glaube Bekenntnis.« Er meinte: Theologie sei eine künstliche Leiter zum Himmel, Religion die angeborene Schwinge. Der Glaube ist ihm ein schöner Regenbogen, der zwischen Erd' und Himmel aufgezogen, ein Trost für alle, doch für jeden Wanderer je nach der Stelle, da er steht, ein anderer. Und er gibt den Rat: Wollt ihr in der Kirche Schoß Wieder die Zerstreuten sammeln, Macht die Pforten breit und groß, Statt sie selber zu verrammeln. Wie Geibels politischer Gesang sich erhob, ist uns allen in frischem Gedächtnis. Auch er hatte in seiner Jugend von dem schlafenden Kaiser im Kyffhäuser gesungen; und er durfte erleben, daß die alte Sehnsucht sich erfüllte, daß die alten Träume Wahrheit wurden; er durfte als ein Herold des neuen Reichs den Norddeutschen Bund begrüßen, nach der Brücke über den Main verlangen, den Schirmvogt Norddeutschlands in Lübeck mit dem Wunsch empfangen, daß übers Reich ununterbrochen vom Fels zum Meer sein Adler ziehe. Und er sah auch diesen Wunsch sich noch erfüllen und rief dem Vaterlande zu: Nun wirf hinweg den Witwenschleier, Nun schmücke dich zur Hochzeitsfeier, O Deutschland, mit dem grünsten Kranz! Flicht Myrten in die Lorbeerreiser! Dein Bräut'gam naht, dein Held und Kaiser, Und führt dich heim im Siegesglanz. Er hatte einst für Lübeck und Schleswig-Holstein gegen Dänemark gesungen; er hatte vor dem Feind im Westen gewarnt: er durfte noch vom deutschen Ulanen in Frankreich berichten, Deutschlands Schlachtendenker preisen und am 3. September 1870 den Triumphgesang erheben: Nun laßt die Glocken Von Turm zu Turm Durchs Land frohlocken Im Jubelsturm! Zur Friedensfeier sprach er gewichtige Worte vom deutschen Geist, der sein hohes Tagewerk aufs neue beginne: In Kirch' und Staat, in Wissenschaft und Kunst Erlöst vom Bann des Fremden, sucht er sich Die eigne Bahn und schafft sich selbst die Form. Die Satzung heimatlosen Priestertums Durchbricht der Denker, daß sich Glauben wieder Und Leben sühne; freudig ziehn die Boten Des Reichs dahin, um auf dem Fels der Macht Der Freiheit Haus in Treuen auszubauen. Und in einem jener prägnanten Epigramme seines Alters leitet er aus einem geistreichen Vergleich einen ernsten Mahnspruch ab: Wie aus Jupiters Stirn einst Pallas Athene, so sprang aus    Bismarcks Haupte das Reich waffengerüstet hervor. Tu es der Göttin gleich, Germania! Pflanze den Ölbaum,    Sei dem Gedanken ein Hort, bleibe gewaffnet, wie sie! Aber die großen Interessen der Menschheit wurden unserem Freund über den vaterländischen nicht fremd. Auch ihm scholl der Name der Freiheit süß ins Ohr. Für die Aufhebung der Sklaverei hat er mit dem ganzen Pathos seiner edlen Natur das Wort ergriffen. Und in einer Tragödie des nationalen Kampfes läßt er den siegreichen Römer zur besiegten Karthagerin, den Scipio zur Sophonisbe, von dem freien gottgegebenen Erbteil schöner Menschlichkeit versöhnend sprechen, das an keines Stamms Geschlecht und Art gebunden sei. Und die völkerverbindende Menschlichkeit hat Geibel selbst als Dichter praktisch bewährt. Auch er ist ein Zögling jenes literarischen Universalismus, den wir seit Herder als einen Vorzug der Deutschen ansehen dürfen und der sich in Übersetzungen wie in stilistischen und formalen Nachbildungen betätigt. Auch in seinen Poesien erklingen die Stimmen der Völker. Der politische Gegensatz hinderte ihn nicht, die französische Lyrik von André Chénier bis Victor Hugo und François Coppée uns in meisterhaften Proben anzueignen. Und so übersetzte er aus Lord Byron. So übersetzte er spanische Romanzen und Lieder. So übersetzte er aus den Griechen und Römern. Und die Geister, die er in deutschen Laut, in deutsche Verse bannte, halfen ihm an der eigenen Arbeit. Seine reiche literarische Bildung spiegelte sich in den mannigfaltigen metrischen und stilistischen Formen, über die er verfügte. In ihm waren Klassisch und Romantisch keine Gegensätze. Merkt man in seinen Jugendpoesien den Einfluß des Volksliedes, den Einfluß von Uhland, Heine, Lenau, Eichendorff, so macht sich daneben doch bald das Muster von Platen geltend. Die Antike bestimmte von früh auf seinen Geschmack; und ein gütiges Schicksal erlaubte ihm, den Homer und den Sophokles auf griechischer Erde, auf griechischem Meere zu lesen. Dieselbe kunstreiche Hand, welche Goethes Bildnis enthusiastisch wie keine andere schmückte, schloß ihm die Pforten von Hellas auf: Bettina von Arnim war die Vermittlerin, durch welche seine Sehnsucht nach Griechenland erfüllt wurde. Dort am Ilissos tat er das ernste Gelübde, wie er sagt, mutig im Dienste der Kunst nach dem einfach Schönen zu ringen, wahr zu bleiben und klar, und, was immer verwirrend die Brust und die Sinne bestürme, stets das geheiligte Maß fromm zu bewahren im Lied. In antiken Formen hat er den tiefsten persönlichen Lebensgehalt ausgesprochen und seine größte Originalität entfaltet. Aber die sangbaren Jugendreime hatten den breitesten äußeren Erfolg. Der Beifall, den das einzelne Lied findet, hängt nicht von dem Grade der Originalität ab, sondern von dem reinen und starken Klang, der im Gemüte des Hörers einen lauten Widerhall weckt. Die Lieder des jugendlichen Dichters wurden von der Jugend vor allem mit Freuden ergriffen; und wie in Deutschland so oft der erste Eindruck entscheidet, wie etwa Grillparzer ein Vertreter der Schicksalstragödie bleiben mußte, weil er als solcher begonnen hatte, und wie ihm alle späteren reiferen Leistungen lange nichts dagegen halfen: so behielt Geibel den Stempel eines Dichters für die Jugend, obgleich er nach und nach viele Schätze seines Geistes in melodischen Strophen und Rhythmen niederlegte, deren Wert nur ein Mann ganz zu würdigen weiß. Ein weicher, sehnsüchtiger Laut, wie ihn die Jugend liebt, findet sich allerdings auch später noch leicht bei ihm ein. Er würde immer, wenn man die überwiegende Masse seiner Produktion ins Auge faßt, nach Schillers Einteilung zu den sentimentalischen, nicht zu den naiven Dichtern gezählt werden müssen. In Griechenland sehnt er sich nach Deutschland; in Deutschland schaut er mit dankbarer Liebe nach Griechenland hin. Er geht selten im Jetzt und im Hier auf: er braucht einen Klang aus der Ferne, einen Schimmer aus einer anderen Welt. Die Gegenwart und der Besitz machen ihn nicht so beredt, wie die Vergangenheit und der Verlust. Im Rückblick erst gewinnen die Gestalten ihr frischestes Leben: da geht ihm bezeichnende Situation und charakteristische Handlung auf. Vielleicht hat nie ein Dichter so stark in der Erinnerung gelebt. Wie tauchen die alten Bilder fort und fort wieder auf: der deutsche Rhein, die griechische Reise, die Tage, die er in Lindau mit seiner Frau verlebte, und vor allem Lübeck mit seinen Türmen, Toren und Giebeln, seinen blühenden Wällen, seinen Masten und Wimpeln – Lübeck, Travemünde, Eutin, Ostsee, die ganze heimische Landschaft, Stadt, Wälder und Meer! Die landschaftlichen Motive bei Geibel stammen vielfach aus dem hergebrachten Material. Den Wechsel der Jahreszeiten konnte er nicht umgehen. Das gehört nun einmal zum echten Lyriker, daß ihm jeder neue Frühling so schön erscheint und seinen Sinn erregt, als ob er ihn zum erstenmal erlebte. Aber darüber hinaus hat Geibel viele ganz individuelle Landschaftsbilder gezeichnet. Mögen zwei statt vieler Beispiele dienen: die südliche Natur in der Elegie »Charmion«, die nördliche Heimat in der Epistel »Aus Travemünde«; beides Produkte des Alters und ausgestattet mit der vollen Reife der Kunst. Die Landschaft kommt bei Geibel in der Regel charakteristischer heraus als die Menschen. Sein Liebeslied scheint großenteils dem Gesetz unterworfen, das er selbst einmal aufstellt: Das ist des Lyrikers Kunst, aussprechen was allen gemein ist,    Wie er's im tiefsten Gemüt neu und besonders erschuf; Oder dem Eigensten auch solch allverständlich Gepräge    Leihn, daß jeglicher drin staunend sich selber erkennt. Das Besondere ist in vielen Liedern völlig verwischt und nur das Allgemeine geblieben. Typische Verhältnisse werden geschildert, die tausendmal besungen wurden und tausendmal wiederkehren und tausendmal noch den Gesang herausfordern und nie erschöpft sein werden: wie sich zwei Herzen finden – wie sich zwei Herzen scheiden. Aber auch hier überwiegt der Sehnsuchtslaut, der schmerzliche Rückblick, Abschied und Trauer. Doch nicht ganz ist das Persönliche verwischt. Mindestens zweimal blicken wir auf eigenartige Verhältnisse durch, auf besondere Erlebnisse von individueller Farbe; und beide – so stimmt Leben und Dichtung zusammen – beide konnten nur die Elemente der Sehnsucht in Geibel verstärken. Liest man das Gedicht »Wie es geht« in den Jugendpoesien, so kann man nicht zweifeln, daß die Herzen, die hier durch fremde Einflüsterung auseinandergerissen wurden, nicht erfunden sind, sondern daß ein selbsterlebter Schmerz in den bewegten Strophen nachzittert. Und den zweiten Fall – alle Freunde des Dichters kennen ihn: das kurze Glück von München und Lindau, das kurze Glück seiner Ehe. Es gab auch für diesen Schmerz ein Verklingen – kein Vergessen. Auch er ward Erinnerung, treu gepflegt, wie jedes Erlebnis des treuen Mannes, und tiefer nachempfunden als irgendein andres. Doch eine holde Gegenwart konnte zu Zeiten die Vergangenheit auslöschen; das Leben konnte den Tod verdunkeln. Wir lesen in einem poetischen Briefe der späteren Jahre, der aus dem Krankenzimmer geschrieben sich des Abends in Erinnerung verliert und bei dem See von Lindau stillesteht:         Wo sind sie hin, Die goldnen Tage? Wo die Treuen, die mit mir Den Segen ihres Strahls geteilt? Ach, fröstelnd rinnt Durch meine Brust der Schauer der Vergänglichkeit, Und tiefe Wehmut füllt mich an –         Doch plötzlich rauscht Der Pforte Vorhang; leise mit der Kerze tritt Mein Kind herein, ein lieblich Bild der Gegenwart, Und wie es sorgsam mit beschwingter Hand mir nun Die Kissen ordnet und sich zärtlich an mich schmiegt: Da weicht der Schatten, der mein bangend Herz beschlich, Und dankbar fühl' ich, ausgesöhnt mit meinem Los, Wie reich ich noch gesegnet bin, und lebe gern. Wie hier die Dissonanz sich löst, das ist des Dichters Wesen ganz. Die Harmonie ward ihm nie dauernd getrübt. Harmonisch schlossen sich Anfang und Ende zusammen. Wo seine Wiege stand, da liegt sein Grab. In sein Leben und Sterben klangen die Glocken von Lübeck bedeutend herein. Als ich ihn dort zum letzten Male sah – es war an einem Herbstabend vor drei Jahren, er hatte seine engste Familie um sich versammelt, nur wenige Fremde waren hinzugetreten – da belebte Musik den kleinen Kreis, und viele Lieder wurden gesungen. Eins, von Franz Schubert, rührte ihn zu Tränen. Es war der kurze Text von Claudius, in welchem ein Mädchen angstvoll den Tod abwehrt: »Ich bin noch jung, geh, Lieber, und rühre mich nicht an!« Der Tod aber erwidert: »Bin Freund und komme nicht zu strafen. Sei gutes Muts! Ich bin nicht wild, sollst sanft in meinen Armen schlafen.« Auch ihm, den wir feiern, ist der Tod als ein sanfter Freund erschienen. Und er hat ihn nicht im Jugendglanz dahingerafft: sein Tagewerk war vollbracht. Die verehrende Liebe seines Volkes umgab ihn; sie schmückt nun sein Grab; und er wird nicht aufhören, unter uns zu wirken. Wir rufen ihm nach, was er von Uhland sang: Segnend walte sein Gedächtnis, Unsterblich fruchtend um uns her; Das ist an uns sein groß Vermächtnis, So treu und deutsch zu sein wie er. Zu Bauernfelds siebzigstem Geburtstag (1872) Aus den »Vorträgen und Aufsätzen zur Geschichte des geistigen Lebens in Deutschland und Österreich«. Als wir neulich Mendelssohns Musik zu »Ödipus auf Kolonos« hörten, da ergriff mich der Chor »Nie geboren zu sein, ist der Wünsche größter« wieder mit wunderbarer Gewalt. Es lag etwas schauerlich Unbarmherziges und Grausames darin, als – getragen durch Mendelssohns treu an Sinn und Metrum angeschmiegte Musik – die herben Worte ertönten, in denen der griechische Dichter das Alter schildert: Am düstern Ende naht sich, verachtet, Öde, kraftlos, aller Freunde Leer, das Alter, dem sich jedes Wehe des Wehs gesellt hat: In dem, Unsel'ger, dich Überall, wie nördlich einen Seestrand, Wogenschlag und Winterorkan' erschüttern: Also stürmen auf dich auch, Hochher brandend in stetem Wutgrimme, die Leiden – und ruhen nimmer. Wie ganz anders dagegen, wie tröstlich schön und mild klingt alles, was Jacob Grimm in seiner berühmten Rede »Über das Alter« sagt. Er kennt die Leiden, er ist selbst davon betroffen, aber er deutet sie ins Schöne um, er weiß allen Schwächen eine gute Seite abzugewinnen, selbst das Härteste legt er sich zurecht; nicht geduldig fügsam, sondern fast dankbar genießend, scheint er sich in den Niedergang des Lebens zu finden. Man fühlt: es liegt eine Umwälzung der Weltanschauung zwischen dem Griechen und dem Deutschen, das Christentum hat die Menschen genügsamer gemacht. Ob ich nun aber Sophokles hernehme oder Jacob Grimm und ihre Schilderungen des Alters – auf Bauernfeld paßt weder die eine noch die andere. Gegenüber Sophokles' trübgefärbter Betrachtung steht Bauernfeld als lebendige Widerlegung da. Aber auch das friedsame Greisenalter, das Jacob Grimm zeichnet, hat auf Bauernfeld keine Anwendung. Daß Bauernfeld nicht mehr jung ist, kann leider weder er noch können's seine Freunde leugnen. Und wenn er heute und gestern und seit Wochen an diese betrübende Tatsache unaufhörlich erinnert wird, so können wir ihm die Unannehmlichkeit leider nicht ersparen. Aber Bauernfeld würde mich doch mit Recht auslachen, wollte ich ihn als ehrwürdigen Greis bezeichnen. Und selbst einen alten Herrn würde ich nicht wagen ihn zu nennen. Denn Bauernfeld ist nicht bloß einer der frischesten alten Herren – ich bitte um Verzeihung, diesmal muß. ich das Wort gebrauchen, aber ich will's nicht wieder tun –, Bauernfeld ist nicht bloß einer der frischesten alten Herren, die mir je vorgekommen, sondern einer der frischesten Menschen überhaupt, eine unerschöpflich heitere, kräftige, elastische Natur. Ich habe oft mit Neid auf ihn geblickt. Wir Jungen müssen uns beschämt verstecken vor dieser Spannkraft, dieser Unverwüstlichkeit, dieser Fülle von Lebensmut und Lebenslust. Bauernfeld ist ein Jüngling mit grauem Haar, und wenn er – was wir ihm von Herzen wünschen – das hundertste Lebensjahr erreicht, ich bin überzeugt, er wird nie ein Greis. Man möge es entschuldigen, wenn die ewig neugierige Wissenschaft diese merkwürdige Erscheinung nicht ohne weiteres als Faktum hinnimmt, sondern nach einer Erklärung sucht. Und man möge es dem Literarhistoriker zugute halten, wenn er zunächst bei seiner Wissenschaft sich Auskunft holt, wenn er einen bedeutungsvollen Zusammenhang erblickt, wo andere sich vielleicht mit der Anerkennung einer individuell glücklichen Organisation begnügen würden, und wenn er die Gefahr nicht scheut, den Inhaber dieser Organisation selbst zu den lustigsten Bemerkungen herauszufordern über eine weitausholende Gelehrsamkeit, die sich bis ins finstere Mittelalter verirrt, um den bescheidenen Geburtstagsstrauß zu pflücken, welchen sie heute im Mölkerhof überreichen möchte.– Nirgends prägt sich der Charakter eines Volkes oder Volksstammes so rein aus wie in seiner Kunst und Literatur. Und dem aufmerksamen Beobachter zeigen durch die Folge der Zeiten hin einzelne Nationen und Stämme stets dieselben Grundlinien ihrer künstlerischen Physiognomie. Durch die gesamte österreichische Literatur vom 11. Jahrhundert bis ins 19. geht ein einheitlicher Zug, ein Zug der Jugendfrische, der Naivität, des Jünglinghaften. Vergeblich bemühten sich die Mönche des 11. und 12. Jahrhunderts, ihr Publikum in den engen Gesichtskreis der Klosterzelle, in den Dunstkreis trüber aszetischer Lebensauffassung hineinzuziehen. Selten, daß sie einmal einen einzelnen Geist verfinstern und ihm die sonnige Unbefangenheit rauben. Treu hängen die Österreicher an den Jugendidealen der Völker. Die Heroen der germanischen Wanderung besingen sie nach wie vor. Die Kriegsstürme Attilas finden ihren Nachklang, die alten Gotenkönige bleiben unvergessen, der blühende Held vom Rhein, Jung Siegfried, lebt in österreichischen Liedern fort. An den Gestalten der germanischen Jugendzeit erbauen sich die adeligen Kreise des 12. Jahrhunderts, üppiger Lebensgenuß zieht in unsere Lande ein, verklärt und veredelt durch eine Liebespoesie voll natürlichen Zaubers und unverkünstelter Anmut, unmittelbarer Abdruck eines seligen, jungen, heiteren Herzenslebens. Der große Walther von der Vogelweide wächst aus dieser Welt heraus, oppositionslustig und fromm, ein echter deutscher Ritter, der die Pfaffen haßt und Rom und seinen Übermut, formgewandt und melodienreich, graziös und naiv, lebenslustig und empfindungstief. Und nach ihm, welches tolle Leben tut sich auf, welche Fülle von Scherz und guter Laune! Derbe Späße, Bauernprügeleien, Schwänke mit Dorfschönen, kräftige Satiren und komische Genrebilder, verrückte Erfindungen ausgelassenen Humors, gedichtete und gelebte Fastnachtspossen, knabenhafte Lust an Spiel und Tanz, an Mummereien und Aufzügen. Dabei heftige aufwallende Leidenschaften, plötzliche schroffe Gegensätze, die sich rasch wieder versöhnen, ein üppiges, frisches, genießendes Geschlecht. Die Wolken der Sorge liegen nicht auf seiner Stirn. Die Erde bietet ihm alle ihre Freuden dar, warum soll es nicht zugreifen, sich nicht anklammern an die schöne Welt, die es mit ihren süßesten Reizen lockt? Die ernste Denkarbeit der deutschen Philosophie des 14. Jahrhunderts, die harte Mannesarbeit der Reformation konnte hier nicht getan werden. Durch die besten österreichischen Schriften der Reformationszeit geht ein eigener weicher Ton schlichter Herzlichkeit und sanftmütiger Liebe, frommer, kindlicher Einfalt und williger Ergebung. Nachher kam die lange Knebelung der Gegenreformation. Aber die unverwüstliche Laune wußte sich auf die Kanzel Bahn zu brechen, das Theater wurde nicht müde, den deutschen Volkshumor in seinen tollsten Gestalten immerfort zu pflegen. Die energische Spannung aller Geisteskräfte, die großartige idealistische Erhebung, aus welcher die klassische Literaturepoche entsprang, dafür waren wir Österreicher verdorben. Wir fühlten uns ausgeschlossen, viele Anläufe waren vergeblich, erst das 19. Jahrhundert brachte uns den literarischen Wiederanschluß an Deutschland. Aber der Sinn, in dem wir uns an dem geistigen Leben der Nation beteiligten, war der alte. Die schöne Weltfreudigkeit der »Schöpfung« und der »Jahreszeiten«, die brausende, stürmische Lebenslust des »Don Juan« trug sich jetzt, gemäßigt und gemildert, in die Poesie hinüber. Selbst im Tragischen war etwas Jünglinghaftes: keine herben Abschlüsse, keine grellen Dissonanzen, eine Stimmung, die keine Illusionen, keine schweren Enttäuschungen kennt, mehr Rührung als Erschütterung, mehr Melancholie als Verzweiflung, und immer noch Genuß auch im Schmerz. Im Hintergrunde ein genügsames Innenleben, anspruchslos, gutmütig, heiter und froh. Und als der große politische Idealismus wie der Blitz in uns hineinfuhr, welches Feenland schien sich zu öffnen! Was für eine sonnige Jugendlichkeit lag über den Märztagen von 1848! Die Jünglingsarbeit des Niederreißens war so schön gelungen, wie es die Mannesarbeit des Aufbauens nimmermehr konnte. Wenn nun alle gute Laune, alle Lebenslust und Humor, alle Sorglosigkeit, die den Augenblick genießt, alle Aufgelegtheit zu knabenhaftem Scherz, alle Spottsucht und Oppositionslust, alle Schwelgerei in bösklingenden, aber gutmütigen Worten, wenn die Geschicklichkeit und Anstelligkeit, die Gewandtheit und Eleganz, wenn alle leichthinfließende Rede und alle einschmeichelnde Liebenswürdigkeit, die sich in einem Volksstamme aufgespeichert finden – wenn alle diese Eigenschaften sich in einem einzelnen Menschen zusammenfassen und wenn der Eine mit grauen Haaren noch ein Jüngling ist: darf man darin bloßen Zufall sehen? Ist es nicht der Geist, die Gesinnung und Stimmung, was ihn jugendlich und frisch und unverwelklich erhält? Und dankt er diesen Geist nicht dem Volksstamme, dem er angehört und den er – als einer der ersten – wieder würdig eingeführt hat in die Literatur des deutschen Volkes? Die Menschen des heutigen Österreich scheiden sich in Vor-Achtundvierziger und Nach-Achtundvierziger. Wir Jungen, die Anno 48 noch Kinder waren, fühlen uns von einem ganz fremdartigen Geiste angeweht, wenn wir den Alten gegenüberstehen. Aber dürfen wir uns mit voller Beruhigung sagen, daß wir besser geworden sind? Dürfen wir mit Zuversicht behaupten, daß sich in uns Späteren ein unbedingter Fortschritt ausspreche? Es ist eine heikle Frage, die ich hier berühre, und ich möchte nicht die Gegenwart schmähen, um einem Vertreter der Vergangenheit meine herzliche Verehrung zu bezeigen. Aber eins darf ich sagen: der vor-achtundvierziger Österreicher ist ein glücklicher Mensch aus einem Gusse, rund, voll, ganz, in sich gegründet, ein einheitlicher, konsequenter, sicherer Charakter ohne inneren Zwiespalt. In die Nachgeborenen ist ein Bruch gekommen, sie sind »problematisch« geworden. Die alte Natur kann sich nicht ganz verleugnen, aber neue Ideale sind in die Welt getreten, neue Aufgaben sind uns auferlegt, denen wir uns nicht gewachsen fühlen. Über den Zwiespalt zwischen Wollen und Können gelangen wir selten hinaus. Als handelnde Menschen suchen wir nach einem äußeren Halt. Als empfindende Menschen tragen wir das volle Heimatsgefühl in uns. Es gibt ein kleines Bild von Schwind, ein gar anspruchsloses Ding ohne großen Kunstwert: Bauernfeld und Schwind fahren über Land. Sie sitzen auf einem »Zeiselwagen«. Ein munteres Bäuerlein schwingt kräftig die Peitsche über zwei mutig anziehenden Ackergäulen. Die Straße, auf der sie sich im Vordergrunde bewegen, ist mit steifen Pappeln besetzt. Im Hintergrunde ein paar Waldberge, ganz gewöhnlich, ohne irgend hervorragende Formen, einige Burgtrümmer auf der Höhe, kurz eine alltägliche Gegend, wie man sie überall an den Ausläufern des Wiener Waldes sehen kann. Ich wußte mir lange nicht zu sagen, worin der unendliche Zauber dieses Bildes bestand, den es immer auf mich ausübte, so oft ich es in der Schwind-Ausstellung sah. Und einem Fremden könnte ich es auch heute nicht deutlich machen, ich würde jeden vorüberdrängen, damit er mir den Liebling nicht schmähe. Mit Worten ist es nicht auszudrücken, an Form und Farbe liegt es nicht, die Situation hat nichts Frappantes – aber Straße und Flur und Berg und Wald – es ist Heimat! Und die beiden lieben, fröhlichen, unbefangenen Menschen und das gemütliche Bäuerlein – sie sind Heimat! Und wenn ich mir dächte, daß ich einmal nach vielen Jahren, etwa im Auslande, vielleicht mitten unter anderen Interessen, Menschen, Pflichten, plötzlich dies Bild sehen sollte – ich weiß, es würde mit tränenerzwingender Macht mir die Seele bewegen. Als ein prächtiges Stück Heimat, das weit über die Heimat hinaus gewirkt und uns alle geehrt hat, steht Bauernfeld vor mir da. Als eine Huldigung an den heimatlichen Geist in seiner ungebrochenen, kräftigen, reinen Entfaltung möge er sich diese Zeilen gefallen lassen. Die Literaturgeschichte sucht ihre Helden gern in der geistigen Wiege auf. Sie beobachtet ihre erste Entfaltung fast noch lieber als die Höhe ihres Schaffens. So waren mir in Bauernfelds Gesammelten Werken ganz besonders die ältesten Stücke interessant, in denen seine Muse sich aus der Umarmung des romantischen Geistes noch nicht losgewunden hat. »Der Musikus von Augsburg«, »Die Geschwister von Nürnberg«, »Der Fortunat« sind solche Stücke. Vor allem ist mir der »Fortunat« ans Herz gewachsen. Der Held des alten Volksbuches hatte schon im 17. Jahrhundert einmal unter dem Schutz der »englischen Komödianten« die Bühne betreten. Seitdem, meines Wissens, nicht wieder bis auf Tieck. Und als Bauernfeld mit weit mehr Bühnentechnik als Tieck den Versuch erneuerte und seinen Fortunat den Wienern vorführte, da wurde er ziemlich schnöde abgelehnt. Und doch ist dieser Fortunat ein reizender Bursche. Ein schöner Jüngling, lieblich, freundlich, lebensfroh, Rasch, unbekümmert, kecken Handelns, herzenswarm, Gebildet nicht, doch bildsam, drum den Frauen wert. Wenn ihr in eures eignen Herzens Tiefe forscht, So habt ihr Wunderbares auch, gleich ihm, erlebt, Denn ihr wart jung, und Jugend ist der Wunder Zeit. Jawohl, alle Wundergaben der Jugend sind ausgegossen über Bauernfelds »Fortunat«. Eine Reihe bunter, lockender Bilder entrollt er uns, »erfüllet uns mit Lebens- und mit Liebesglanz«. Zu wonnigem Behagen ladet er uns ein und zum Genuß des »jungen, reichen, freudeblühenden Lebens«. Bauernfeld selbst ist ein Fortunat. Auch ihm hat die gütige Göttin Fortuna einen Wunschsäckel erteilt voll des gemünzten Goldes lauterer Poesie, voll Jugendfrische, Heiterkeit und unermüdlicher Schaffenslust. Verschwenderisch hat er seine Schätze ausgestreut. Und doch fehlt ihm der Leichtsinn Fortunats, der all die Reichtümer nicht zu Rate hält. Bauernfeld hat es wie wenige ernst mit dem Berufe des Dichters und Schriftstellers genommen. Er gehört zu den beneidenswürdigen Naturen, die in augenblicklicher Eingebung produzieren und ihre Gaben aus dem Ärmel schütteln. Nirgends liegt die Verführung zu leichtsinniger Überproduktion näher als bei so glücklicher Organisation. Aber Bauernfeld ist streng gegen sich selbst. Man betrachte nur einmal die Gesamtausgabe und seine kurzen Notizen in den Anhängen. Was ist da nicht alles weggelassen! Wie vieles hat er der Aufnahme nicht für wert gehalten! Wie vieles hat er umgearbeitet, geändert, gefeilt, gebessert! Und wie bescheiden ist der Ton, in dem er von allen seinen Sachen redet! Es ist, als wären diese Bemerkungen sämtlich von der Gesinnung eingegeben, welche ihm folgende Worte diktierte, mit denen er den ersten Band der Gesamtausgabe einer Freundin überreichte: Wie Du mich kennst, so bin ich! Und all die Fehler und Schwächen, Mäßig mit Gutem vermischt, spiegeln sich wider im Buch. Alle Menschen, denen es ernst ist um die Sache, sind bescheiden, d. h. sie beugen sich vor dem Ideal, dem sie nachstreben und das sie sich bewußt bleiben, nie zu erreichen. Diese Bescheidenheit schließt aber persönliches Selbstgefühl nicht aus. Und so wollen wir Bauernfeld wünschen, daß er an seinem 70. Geburtstage mit Stolz und Befriedigung auf die Zeit zurückblicke, die hinter ihm liegt. Möge ihm der Tag, der ihn wieder um ein Jahr älter macht, durch das Bewußtsein versüßt sein, etwas Tüchtiges geschaffen und mit seinem Pfunde redlich gewuchert zu haben! Und möge für die Zeit, die noch vor ihm liegt, der wundertätige Säckel seine Kraft nie einbüßen! Friedrich Schleiermacher Aus den »Vortragen und Aufsätzen zur Geschichte des geistigen Lebens in Deutschland und Österreich«. I. Man darf behaupten, daß die meisten großen Männer sich vorgenommen haben es zu werden; daß ihnen von früh auf, wenn auch in dunklen Umrissen, das erhabene Ziel vorschwebte, dessen Erreichung nachher das Resultat ihres Lebens war. Alexander der Große berauschte sich an den Helden Homers, ihnen wollte er ähnlich werden. Friedrich der Große gestand höchst unbefangen ein, daß er aus Ehrgeiz, aus Bedürfnis sich hervorzutun, den Schlesischen Krieg begonnen. In Lessing lag ein starkes Element der Ruhmsucht, in seiner Jugend verzehrte ihn eine Zeitlang die heftigste Eifersucht auf Klopstock. Ja, in der ganzen deutschen Literatur des vorigen Jahrhunderts spielt der Wetteifer mit den Fremden, der heftige Wunsch, es den vorgeschritteneren Franzosen und Engländern gleichzutun, die größte Rolle als bewegendes Moment. Man hat ein unbestimmtes Bewußtsein von innerer Kraft und Stärke. Die einstige Nationalgröße wirkt nach. Phrasen, wie die verbreitete von der »uralten deutschen Heldensprache«, spuken in den Köpfen. Man will sich emporarbeiten aus dem Zustande geistiger Zurücksetzung, dem man unter den zivilisierten Völkern Europas verfallen war. Die Neuberin schreibt an Gottsched, daß sie in allen ihren Bestrebungen stets nur »auf den rühmlichsten und besten Nutzen der gesamten deutschen Gesellschaft denke«. Und dem Publikum erklärt sie: Bedenkt: mein Vorsatz war, das sag' ich öffentlich, Daß unserm deutschen Reich kein Vorzug sollt' gebrechen. Und darum versuchte sie die Reform der Schauspielkunst. Mit solchem bewußten Streben ging man an den Unterbau unserer Literatur, und in denen, die das Werk krönten, war das Bewußtsein wahrlich nicht geringer. Das deutsche Volk hat im 18. Jahrhundert eine große Literatur errungen, weil es sie erringen wollte . Gerade wie es im 19. Jahrhundert seine politische Einheit erringt, weil es sie erringen will . Die kühne Tat ist die Tochter des bewußten Entschlusses. Wenn man das so hinstellt, scheint es trivial, und doch wird in den weltgeschichtlichen Entwicklungen diese treibende Kraft oft übersehen. Man führt die Ereignisse manchmal vor, als ob das Glück seine Günstlinge im Schlaf damit überraschte. Namentlich in der Kulturgeschichte scheinen mitunter die Begebenheiten wie Pflanzen aufzuwachsen. Jenes bewußte Streben ganzer Nationen sammelt sich in dem einzelnen als Ehrgeiz, Ruhmsucht, Tatenlust an. Aber dieses Phänomen ist kein ausschließlich gültiges. Es kommt vor, daß der Nationalgeist seine Organe gleichsam wider ihren Willen an ihr Tagewerk heranzwingen muß. Zu diesen seltenen Naturen gehörte Schleiermacher. Beim Durchlesen seines Briefwechsels Aus Schleiermachers Leben in Briefen. 4 Bünde. Berlin 1860–1863. ist mir nichts so aufgefallen wie die merkwürdige Abwesenheit des Verlangens nach einer Wirksamkeit ins Große. Dieser Schriftsteller, dessen gedruckte Werke Tausende von Bogen füllen, bekennt, daß es ihm eine höchst unangenehme Empfindung mache, etwas von sich gedruckt zu sehen. Er könne seine Zeit besser brauchen, als um etwas zu schreiben. Bücherschreiben ist ihm »nur ein widerliches Treiben ohne Leben, ohne Anschauung, ohne Nutzen. Das Predigen« – fährt er fort – »ist wohl etwas mehr, aber nach der gegenwärtigen Einrichtung doch auch wenig genug.« Ein Gelehrter, ein Philosoph, ein Geistlicher, der das Predigen gering anschlägt und die schriftstellerische Wirksamkeit noch geringer! Was will er in der Welt, wenn er das Predigen und das Schreiben verschmäht? »Schleiermacher ist eine Beichtvaternatur«, sagte ein witziger Freund. Die Bezeichnung trifft scharf, aber zu scharf, wenn man an die historische Erscheinung des Beichtvaters denkt, die soviel Gehässiges und Unheilvolles mit sich führt. Aber in einem höheren Sinne kann man das Wort vielleicht gebrauchen; in diesem Sinne hat es mit dem Charakter des Erziehers die entschiedenste Verwandtschaft. Und Schleiermacher selbst würde nichts dagegen einwenden, wenn man ihn eine Erziehernatur nennen wollte. »Es scheint mir« – schreibt er – »die unnachläßlichste Pflicht eines jeden Menschen zu sein, andere zu erziehen, es mögen nun Alte sein oder Kinder, eigene oder fremde.« Er fühlt in sich eine überlegene Ruhe und Sicherheit, mit der er den Wirrnissen und Verwicklungen seines Freundeskreises ordnend und klärend gegenübersteht. Darum ist es seine eingestandene Lust, »sich in vieles einzumischen, an vielem teilzunehmen und in vielerlei Verbindungen mit Menschen zu leben«. Sein Element ist die Geselligkeit, nicht der rauschende Verkehr mit vielen Leuten zugleich, sondern der Verkehr von Mensch zu Mensch, von Seele zu Seele; nicht die Region äußeren Geltenwollens, sondern des Austausches innerer Werte; nicht der glänzende Salon, sondern das stille Plauderstübchen. »Eigentlich gibt es doch keinen größeren Gegenstand des Wirkens als das Gemüt«; mit diesen Worten bezeichnet er klar die Provinz, in der er zu herrschen wünscht. Das Verborgene einer solchen Wirkung ist ihr größter Reiz. Er stellt sie wie ein heiliges Geheimnis entgegen jener »Tätigkeit der Außenwelt, die so durchaus nur Mittel ist, wo der Wert in dem allgemeinen Mechanismus sich verliert, von der so wenig bis zum eigentlichen Zweck und Ziel alles Tuns hin gedeiht und immer tausendmal soviel unterwegs verloren geht«. Man versteht es, wie eine so geartete Persönlichkeit sich immer genauer an Frauen anschließen mußte als an Männer. Die Blüte des Verkehrs, »das zarte Gefühl und den feinen Sinn für die lieblichen Kleinigkeiten des Lebens und für die feinen Äußerungen schöner Gesinnungen, die oft in kleinen Dingen unwillkürlich das ganze Gemüt enthüllen«, alles dies konnte er nur bei edlen Frauen in seiner Vollendung finden. Er braucht die Geselligkeit. Sie ist seine Heimat. Er hat Heimweh danach, wo sie ihm fehlt. Stumpfsinn kommt über ihn, wenn er isoliert ist. Ohne Freund, ohne herzliches Gespräch, ohne Wechsel zwischen Arbeit und geselligem Genuß gibt es für ihn kein Leben. Das sind die Stunden, in denen er »nichts ist«, wie er sich ausdrückt. Er fällt zusammen, wenn es ihm an der wahren und einzigen Nahrung seines Geistes fehlt. »Wahrlich« – schreibt er aus solcher Einsamkeit – »ich bin das allerabhängigste und unselbständigste Wesen auf der Erde, ich zweifle sogar, ob ich ein Individuum bin. Ich strecke alle meine Wurzeln und Blätter aus nach Liebe, ich muß sie unmittelbar berühren, und wenn ich sie nicht in vollen Zügen in mich schlürfen kann, bin ich gleich trocken und welk. Das ist meine innerste Natur, es gibt kein Mittel dagegen, und ich möchte auch keines.« So spricht Schleiermacher über sein eigenes Wesen, und er ist ein eifriger, gründlicher, scharfsichtiger Beobachter seiner selbst. Er hat den Kern seiner Anlage ohne Zweifel richtig erfaßt. Trotzdem – was ist die Frucht dieser Anlage, und was ist das Resultat dieses Lebens, das aufgehen zu wollen scheint in dem stillen, unscheinbaren Weben des Gemütes? Als Schleiermacher starb, hatte er eine so großartige Wirksamkeit nach außen hinter sich, wie sie nur wenigen Menschen unseres Jahrhunderts zuteil geworden ist. Er war bei seinem Tode vielleicht der angesehenste und einflußreichste Mann der protestantischen Kirche. Er war das Haupt einer ausgebreiteten theologischen Schule, die noch heute in Kraft steht. Er war das Haupt einer zahlreichen Gemeinde, die von nah und fern ihm ihre Verehrung entgegenbrachte. Er stand als Universitätslehrer wie als Kanzelredner gleich hoch. Er hatte an der Aufraffung des deutschen Staates den hervorragendsten Anteil. Er hat das Feuer, das die Napoleonische Herrschaft in Deutschland verzehrte, redlich geschürt. Er kämpfte für eine freiere Verfassung der protestantischen Kirche. Er war der mächtigste schriftstellerische Vertreter der Union. Er stand im preußischen Agendestreite Mann gegen Mann dem Könige Friedlich Wilhelm dem Dritten selbst gegenüber. Ist das nicht ein reiches Leben, aber reich gerade an äußeren Taten, reich an dem, was er in seiner Jugend so stolz verschmäht hatte, um allein in der Welt des Gemütes seine Wohnung aufzuschlagen? Wie war das gekommen? Woher ein solcher Gegensatz zwischen Anlage und Ausführung? Was hat ihn vertrieben aus den stillen Regionen, in denen er sich so heimisch fühlte? Was hat ihn hinausgedrängt in das Gewühl, in den Kampf, auf den Schauplatz der Außenwelt? Im allgemeinen ist die Antwort leicht gegeben. Eine bedeutende Individualität ist wie eine gewaltige Naturkraft. Welche Fesseln man ihr anlegen mag, sie zerbricht sie und stürmt heraus. Auch Schleiermachers Scheu vor dem äußeren Leben ist nur so eine Fessel, wenn auch eine Fessel, welche die Natur sich selber angelegt hat. Das Gemütsleben, das er preist, ist ein religiöses. Er spricht es aus: »Religion war der mütterliche Leib, in dessen heiligem Dunkel mein junges Leben genährt und auf die ihm noch verschlossene Welt vorbereitet wurde; in ihr atmete mein Geist, ehe er noch seine äußeren Gegenstände, Erfahrung und Wissenschaft gefunden hatte; sie half mir, als ich anfing, den väterlichen Glauben zu sichten und das Herz zu reinigen von dem Schutte der Vorwelt; sie blieb mir, als Gott und Unsterblichkeit dem zweifelnden Auge verschwanden; sie leitete mich ins tätige Leben; sie hat mich gelehrt, mich selbst mit meinen Tugenden und Fehlern in meinem ungeteilten Dasein heilig zu halten, und nur durch sie habe ich Freundschaft und Liebe gelernt.« Religion war der Gegenstand, in den er sich am gründlichsten vertiefte, dem er den größten Ernst widmete, mit dem er so lange rang, bis er ihn bewältigt zu haben glaubte. Von Religion war sein Herz voll. Es quoll über. Dieser Religiöse stand einer irreligiösen Zeit gegenüber. Er wollte sie bekehren. Es ging ihm wie den großen Religionsstiftern. Zuerst ringen sie in der Einsamkeit, bis sie die Wahrheit, bis sie das Heil gefunden zu haben glauben. Dann drängt es sie, der übrigen Menschheit diesen Segen zuzuführen. Einem solchen Drange unterlag auch Schleiermacher, als er die »Reden über die Religion« schrieb. Damit war die Fessel gesprengt. Seine Natur stellte ihre Eigentümlichkeit mit dem Anspruch auf Geltung vor die Welt. Er mußte für diese Geltung kämpfend eintreten. Die praktische Tätigkeit im möglichsten Umfang war ihm fortan Pflicht. Der Beichtvater war Priester und Prophet geworden. Er mußte erziehen im großen. Der Nationalgeist hatte ihn an sein Tagewerk herangezwungen. So, wie gesagt, läßt sich die Persönlichkeit Schleiermachers im allgemeinen, in den Umrissen ansehen. Wer Aufschluß darüber verlangt, wie sich im einzelnen der eigentümliche Inhalt seiner Individualität gestaltete, den verweise ich auf Diltheys Buch, dessen erster Band die Entwicklungsgeschichte Schleiermachers enthält, dessen zweiter Band sein philosophisches und theologisches System und seine äußere Wirksamkeit darstellen wird. W. Dilthey, Leben Schleiermachers, Bd. I. Berlin 1870 Diltheys »Leben Schleiermachers« ist eine ganz hervorragende Leistung. Alle Bedingungen, um ein ausgezeichnetes Werk zu schaffen, sind hier zusammengetroffen. Nicht leicht hat ein geistiger Heros so viel von der verborgenen Arbeit seiner Seele zu Papier gebracht in Tagebüchern, Briefen, Entwürfen, Aufzeichnungen aller Art wie Schleiermacher. Fast alles aber, was Schleiermacher aufzeichnete, sowie alles, was durch schriftlichen Verkehr von Aufzeichnungen anderer bei ihm einlief, ist bewahrt geblieben. Und alles, was bewahrt blieb, hat Dilthey benutzen dürfen. Es ist also ein ganz kolossales Material in seinem Buche verarbeitet. Weit höher aber schlage ich das an, was dem Verfasser nicht gegeben wurde, sondern was er selbst zur Behandlung seines Gegenstandes mitbrachte. Alle Probleme, welche Schleiermacher beschäftigten, hat Dilthey selbständig durchdacht. Alle Philosophen, Theologen, Dichter, welche neben und vor Schleiermacher dieselben oder ähnliche Probleme behandelten, hat Dilthey studiert. Und der Vorteil, der ihm hieraus erwuchs, ist ein doppelter. Der eine wird schon im vorliegenden Bande sichtbar, der andere muß sich erst im zweiten Bande zeigen. Der vorliegende Band sucht Schleiermacher zu erklären, der zweite muß ihn kritisieren. Schleiermacher erklären heißt: sein Denken und Empfinden auf große Gedanken und Empfindungsrichtungen vor ihm und neben ihm zurückführen. Es heißt nachweisen, wie seine Eigentümlichkeit durch das Allgemeine bedingt ist, wie seine Individualität durch den Gang der Geschichte gefordert und geschaffen wurde. Es heißt zeigen, was alt ist an Schleiermacher und was neu, worin er fortsetzt und worin er anfängt, was er aufnimmt und was er produziert, worin er abhängig ist und worin originell, und wie die Originalität oft nur in der neuen Kombination, in der Zusammenfassung gegebener Richtungen besteht. Alle die großen Kulturrichtungen, welche Schleiermacher beherrschen, welche Schleiermacher erzeugen, hat der Verfasser exakt erforscht. Und er stellt sie dar – nicht wie sie ihm erscheinen, sondern wie sie den Zeitgenossen erschienen. Alle die Persönlichkeiten um Schleiermacher her, welche jene Richtungen repräsentieren, hat er sich vergegenwärtigt und anschauliche Porträte von ihnen entworfen. So entrollt er das erhebende Schauspiel gewaltiger, gegen- und miteinander arbeitender Kräfte, aus deren gärendem Durcheinanderwogen sich neues Leben gestaltet. Aber diese Darstellung bedarf einer Ergänzung. Der Verfasser muß den Wert der Schleiermacherschen Lebens- und Weltansicht feststellen. Und er muß noch weiter gehen: er muß den Wert der allgemeinen Kulturrichtungen feststellen, aus denen sie hervorging. Er muß sie messen an der Bedeutung, die sie für unser geistiges Leben bewährten, er muß sie messen an unseren heutigen Überzeugungen, an seinen eigenen Gedanken über die höchsten Probleme. Das ist es, was wir vom zweiten Band erwarten, wenn der großartige Plan, der dem Verfasser vorschwebt, ausgeführt werden soll. Er will nicht erzählen bloß, sondern überzeugen. »Er möchte, daß vor der Seele des Lesers, wenn er dies Buch schließt, das Bild eines großen Daseins stehe, aber zugleich ein Zusammenhang bleibender Ideen, streng begründet, eingreifend in die wissenschaftliche Arbeit und das handelnde Leben der Gegenwart.« II »Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern« – unter diesem Titel erschien in Berlin 1799 das erste größere Werk Schleiermachers, das ihn zuerst berühmt machte und an das man immer zuerst denken wird, wenn der Name Schleiermacher genannt wird. Das Buch steht wie ein Wegweiser da, der aus der Religionsauffassung des 18. Jahrhunderts in die des 19. hinüberdeutet. In gewissem Sinne überragt es alle späteren theologischen Schriften Schleiermachers, insbesondere die berühmte und vielbewunderte »Glaubenslehre«. Die Reden stehen in einem unbefangeneren Verhältnis zu den Resultaten der exakten Wissenschaft als die Glaubenslehre. In die Reden könnte man sich das Leben Jesu von Strauß eingeschaltet denken, ohne daß ihr wesentlicher Inhalt irgend alteriert würde; die Glaubenslehre stellt sich mit ihrer Christologie, mit ihrem ebenso urbildlichen als geschichtlichen, ihrem absolut irrtumslosen und sündlosen Erlöser der modernen kritischen Forschung in unversöhnlichem Widerstreit entgegen. Eine Lehre, in deren Konsequenz es liegt, die höchste Stufe des tierischen Lebens, welche im Menschen erreicht wird, mittels der Vorstellung einer noch höheren Stufe, einer einmaligen übermenschlichen Erscheinung zu durchbrechen – eine solche Lehre wird die heutige Wissenschaft nicht befriedigen können, welche in dem ausnahmslosen Verhältnis von Ursache und Wirkung ein unantastbares Heiligtum erblickt. Aber die »Reden« sind von den eben geschilderten Elementen einer theologisch strengeren Auffassung noch ziemlich frei. Nur wenn ihr Verfasser eine Umprägung theologischer Begriffe vornimmt und Worten, wie »Wunder, Offenbarung, Eingebung, Weissagung, Gnadenwirkung« einen unverfänglichen Sinn unterschiebt, den sie nach dem Sprachgebrauch niemals gehabt haben, so übt er bereits jene Methode, welche ihm in der »Glaubenslehre« gestattet, sich äußerlich merkwürdig genau an die hergebrachten Lehrsätze des kirchlichen Systems anzuschließen und ihnen dabei innerlich eine ganz neue Bedeutung beizumessen. Der Hauptinhalt der »Reden« hat jedoch hiermit wenig zu tun. Sie entwickeln eine Ansicht über das Wesen der Religion, welche so interessant, so tiefgreifend und dem Standpunkte der Gegenwart in vielen Stücken so nahe ist, daß eine Auseinandersetzung damit auch heute noch lohnt. Schleiermacher weist der Religion ein besonderes, ihr ganz allein eigenes Gebiet der menschlichen Seele an, unabhängig von der Metaphysik, unabhängig von der Moral. Unabhängig von der Metaphysik: denn er stand auf den Schultern Kants, er bewegte sich auf dem Boden der Kritik der reinen Vernunft, er durchschaute die Unzulänglichkeit aller Beweise vom Dasein Gottes und von der Unsterblichkeit. Den Begriff Gottes ersetzt er durch den in der Regel ganz unpersönlich gefaßten des Universums. Von der Unsterblichkeit macht er keinen Gebrauch, ja er bezeichnet die Sehnsucht nach ewiger individueller Fortdauer als irreligiös. Der wahrhaft religiöse Mensch sehnt sich vielmehr danach, aufzugehen im Universum. Unabhängig von der Moral: dieser Punkt ist schwerer zu fassen, vielleicht aber darf man an uralte Vorstellungen dabei anknüpfen. Das Mittelalter unterschied zwei große Lebensrichtungen: die Vita activa und Vita contemplativa , das tätige und das beschauliche Leben. Es war unvermeidlich, diese Sphären einander entgegenzusetzen und gegeneinander abzuwägen, wobei stets die Kontemplation vor der Aktivität den Vorzug erhielt. Mußte man doch im Mönche den Repräsentanten des beschaulichen; im ritterlichen Kriegsmann den Repräsentanten des tätigen Lebens erblicken. Eine ähnliche Unterscheidung schwebt Schleiermacher vor, nur daß er natürlich Tätigkeit und Beschaulichkeit im weitesten Sinne nimmt. Das tätige Leben weist er ausschließlich der Moral zu; das, was man im Mittelalter Vita contemplativa nannte, entspricht ungefähr der Schleiermacherschen Religion. Als einen Typus des echt religiösen Lebens feiert er Spinoza. Ausschließlich der Religion weist er die Gefühle der Ehrfurcht, Demut, Liebe, Dankbarkeit, des Mitleids und der Reue zu: kurz alles, was die Alten als Frömmigkeit zusammenfaßten und ebenfalls unmittelbar auf die Religion bezogen. Alle diese Gefühle aber glaubt er aus der Betrachtung des Universums (Spinozas cognitio Dei intuitiva ) ableiten zu dürfen. Er schildert des näheren, was er unter dieser Betrachtung oder »Anschauung«, wie er es nennt, versteht. Er meint jene Totalanschauung des Universums, welche schon Herder in den »Ideen« auf ähnliche Weise entwickelt hatte. Er meint eine Betrachtung der äußeren Natur, welche nicht bei der Pracht der Erscheinung, nicht bei der Versenkung in die ungeheuren Massen, Zahlen und Größen stehenbleibt, sondern die Gesetze ins Auge faßt. »Erhebt euch zu dem Blick, wie diese alles umfassen, das Größte und das Kleinste, die Weltsysteme und das Stäubchen, welches unstet in der Luft umherflattert, und dann sagt, ob ihr nicht anschaut die göttliche Einheit und die ewige Unwandelbarkeit der Welt.« Er meint eine Betrachtung des geistigen Lebens, welche aus allen Individuen zusammengenommen sich die vollkommene Anschauung der Menschheit verschafft, der Menschheit als eines organisierten Ganzen, worin die einzelne Persönlichkeit nur ein verschwindender Teil ist, worin ein unaufhaltsamer Fortschritt stattfindet, worin das Rohe, das Barbarische, das Unförmliche immer mehr verschlungen und in organische Bildung umgewandelt wird. Blinder Instinkt, gedankenlose Gewöhnung, toter Gehorsam, alles Träge und Passive soll vernichtet werden. »Dahin deutet das Geschäft des Augenblicks und der Jahrhunderte, das ist das große, immer fortgehende Erlösungswerk der ewigen Liebe.« Aber die Menschheit verhält sich zum Universum wie die einzelnen Menschen zu ihr. Die Menschheit ist nur eine einzelne Form des Universums. Darum strebt die Ahnung über sie hinaus ins Unendliche. Man sieht, daß das Universum der Hauptbegriff ist in Schleiermachers Religionsansicht. In der Betrachtung des Universums durchdringt uns Ehrfurcht; demütig fühlen wir unsere Kleinheit; wir lieben unsere Brüder als dasselbe, was wir sind, als Darstellungen der Menschheit; wir sind denen dankbar, welche aus Religiosität – »als solche, die sich mit dem Ganzen schon geeinigt haben und sich ihres Lebens in demselben bewußt sind« – uns in unserem Dasein und Streben fördern; wir bemitleiden die Egoisten, die sich in ihr Ich verschanzen; wir bereuen alles in uns, was dem Genius der Menschheit feind ist. So fließt aus der Betrachtung des Universums die »Frömmigkeit« oder – warum sollen wir es nicht nennen, wie das 18. Jahrhundert es zu nennen pflegte, wie es Herder verkündigte? – die Menschlichkeit, die Humanität. Die Religion also ist Anschauung und Gefühl des Universums. Schleiermacher aber geht noch einen Schritt weiter. Er behauptet, es helfe nichts, alle diese Anschauungen und Gefühle sich zu vergegenwärtigen, sie vollkommen zu verstehen, sie zu haben im klarsten Bewußtsein; um wahrhaft religiös zu sein, um als Ausfluß einer wirklich religiösen Natur gelten zu dürfen, müssen sie in dem Menschen ursprünglich eins und ungetrennt gewesen sein, er muß Momente in sich erlebt haben, in welchen keines dieser Gefühle und Anschauungen ihm gegenwärtig war, worin aber eine Empfindung über ihn kam, welche sie alle enthielt. Und Schleiermacher beschreibt einen solchen Moment mit allem Aufwand sprachlicher Mittel, die ihm zu Gebote standen. Die Stelle ist bekannt, aber hier unentbehrlich. »Könnte und dürfte ich ihn doch aussprechen –jenen Augenblick – andeuten wenigstens, ohne ihn zu entheiligen! Flüchtig ist er und durchsichtig wie der erste Duft, womit der Tau die erwachten Blumen anhaucht, schamhaft und zart wie ein jungfräulicher Kuß, heilig und fruchtbar wie eine bräutliche Umarmung; ja nicht wie dies, sondern er ist alles dies selbst. Schnell und zauberisch entwickelt sich eine Erscheinung, eine Begebenheit zu einem Bilde des Universums. Sowie sie sich formt, die geliebte und immer gesuchte Gestalt, flieht ihr meine Seele entgegen, ich umfange sie nicht wie einen Schatten, sondern wie das heilige Wesen selbst. Ich liege am Busen der unendlichen Welt, ich bin in diesem Augenblick ihre Seele, denn ich fühle alle ihre Kräfte und ihr unendliches Leben wie mein eigenes, sie ist in diesem Augenblicke mein Leib, denn ich durchdringe ihre Muskeln und ihre Glieder wie meine eigenen, und ihre innersten Nerven bewegen sich nach meinem Sinn und meiner Ahnung wie die meinigen. Die geringste Erschütterung – und es verweht die heilige Umarmung, und nun erst steht die Anschauung vor mir als abgesonderte Gestalt, ich messe sie, und sie spiegelt sich in der offenen Seele wie das Bild der sich entwindenden Geliebten in dem aufgeschlagenen Auge des Jünglings, und nun erst arbeitet sich das Gefühl aus dem Innern empor und verbreitet sich wie die Röte der Scham und der Lust auf seiner Wange. »Dieser Moment ist die höchste Blüte der Religion. Könnte ich ihn euch schaffen, so wäre ich ein Gott – das heilige Schicksal verzeihe mir nur, daß ich mehr als eleusische Mysterien habe aufdecken müssen. Er ist die Geburtsstunde alles Lebendigen in der Religion.« Soweit Schleiermacher. Er schildert mit diesen Worten zunächst ein ganz subjektives psychologisches Phänomen, das sich auch sehr wohl erklären läßt. Die stärksten religiösen Impulse hat Schleiermacher in der Gemeinde der Herrnhuter bekommen. Die herrnhutische Religion war sozusagen eine genießende, eine schwelgerische Religion. Die Herrnhuter schwelgten in der Betrachtung des Osterlammes und seiner Wunden. Die Äußerung ihrer Gefühle bewegte sich dabei zum Teil in Formen, welche schon dem Mittelalter geläufig waren und wodurch die Seele als Braut Gottes dargestellt wurde. Eben diese Auffassung finden wir hier bei Schleiermacher. Mit Recht sagt Julian Schmidt: »Die Zärtlichkeit des Redners für das Universum hat immer etwas von der Zärtlichkeit des Herrnhuters für Jesus.« Die persönliche innere Erfahrung Schleiermachers wird also wohl klar sein. Die Gefühle seiner gläubig religiösen Zeit gegenüber einem Gegenstande, den seine Phantasie mit aller erdenklichen Vollkommenheit ausstattete, waren ihm geblieben, als jener Gegenstand selbst ihm durch ernste, wissenschaftliche Arbeit, nach langen, schweren Kämpfen verloren ging. Ein neuer Gegenstand der Verehrung bot sich ihm dar im Universum, auf ihn übertrug er die alten Gefühle. Nicht ohne Schaden für die Auffassung des Gegenstandes. Man kann nichts lieben, was keine Person ist. So läuft es denn ohne mythologische Personifikation auch in den Reden nicht ganz ab. Manchmal erscheint der Weltgeist oder das Göttliche, das Allmächtige statt des Universums. Welcher Art aber tatsächlich jene Gefühle waren, die er sich durch bloße Arbeit der Phantasie so persönlich färbte, das verrät er deutlich, wenn er das unendliche Chaos des Sternenhimmels als das schicklichste und höchste Sinnbild der Religion bezeichnet. Jene Gefühls waren ästhetischer Natur. Das Gefühl des Erhabenen überkam ihn im Anschauen des Universums. Dieses brachte die Stimmung der Ehrfurcht und Demut über ihn. War es nun richtig, eine so ganz persönliche Empfindung für das Wesen der Religion überhaupt zu erklären? Ganz gewiß nicht. Die historische Forschung widerspricht entschieden. Die ältesten Religionen sind ohne Metaphysik, will sagen ohne Mythologie, gar nicht zu denken. Teils stammen die Mythen aus bloßen poetischen Ausdrücken, deren ursprünglicher Sinn in späteren Sprachepochen verloren ging. Sie stellen sich dann als eine Art Allegorie dar. Ich will ein Beispiel geben. Was kann einfacher klingen als folgender Satz: »Odin senkte den Blick in den Born der Erinnerung, um daraus Weisheit zu schöpfen.« Die altnordische Mythologie hat aus. dem Born der Erinnerung einen wirklichen Brunnen gemacht, den ein Riese »Erinnerung« ( Mimir ) hütet und worin Weisheit und Verstand verborgen sind. Dahin kommt Odin und verlangt einen Trunk, erhält ihn aber nicht eher, als bis er sein eines Auge zum Pfande setzt, d.h. in die Weisheitsquelle versenkt. Teils muß man die Mythen als Anfänge der Physik betrachten. Der Mensch sucht sich die Naturphänomene zu erklären, indem er menschliches Tun als ihre Ursache voraussetzt. Er hört Lärm und Gepolter in den oberen Luftregionen. Das erweckt ihm die Erinnerung an Getöse und Schreien bei menschlichen Kämpfen. Also schließt er: da oben wird auch gekämpft, da schlagen sich die Leute. Er dichtet eine Schlacht und ergänzt die aus menschlichen Kämpfen bekannten Motive dazu. Die beteiligten Personen nimmt er aus der unmittelbaren Anschauung. Er sieht dunkle Wolken, er sieht den hellen Himmel davon umdüstert und dann wieder hell. Er personifiziert die Wolken und personifiziert den Himmel. Er träumt von einer Schlacht, welche der Himmelsgott den Wolkendämonen siegreich geliefert hat. Und das Gewitter ist für ihn erklärt. Die gewaltigen entfesselten Naturkräfte aber fürchtet er in ihrer unwiderstehlichen Macht. Er sucht ihnen beizukommen in seiner Weise, durch Zauberei, durch Opfer, durch Gebet. Das alles ist nichts anderes als verschiedene Mittel, um die Kräfte der Natur in seinen Dienst zu zwingen. Die stolze Formel »Beherrschung der Natur zu menschlichen Zwecken« gilt nicht bloß für unsere erleuchteten Zeiten. Was wir mit Eisenbahnen und Telegraphen tatsächlich erreichen, das glaubte der Naturmensch durch Zauberei, Opfer, Gebet zu erlangen. Wie jene Gewittermythen zu unserer Kenntnis von Dampf und Elektrizität, so verhalten sich Zauberei, Opfer, Gebet zu unserer heutigen Mechanik. Jene urweltliche Mechanik ist auch heute noch nicht ausgestorben, selbst auf den Höhen der Zivilisation. Aber verträgt sie sich mit dem gegenwärtigen Stande der exakten Wissenschaft? Wenn nicht, so ist auch bewiesen, daß Schleiermacher vollkommen recht hatte, die Metaphysik, die Fragen nach Gott und Unsterblichkeit gänzlich auszuscheiden aus der Religion. Schleiermacher irrte, wenn er sein subjektives Religionsgefühl für das Wesen der Religion überhaupt nahm. Die ältesten Religionen sind ganz anders entstanden, ihr Wesen ist ein anderes: rohe Vorstellungen von Naturkräften, rohe Versuche, dieselben dem Menschen untertänig zu machen; roh in ihrem Ursprung, wenn auch vielfach verfeinert und verflüchtigt in ihrer weiteren Entwicklung; darum aber nicht minder Abkömmlinge jener uralten Zeit. Eben deshalb mußten alle solche Vorstellungen ausgeschieden werden, wenn von Religion überhaupt noch geredet werden sollte. Die Religion mußte unabhängig von ihnen dastehen, wenn sie mit der modernen Wissenschaft sich überhaupt noch vertragen sollte. Was aber Schleiermacher an die Stelle des Verworfenen setzen will, kann schwerlich in dem Bewußtsein eines heutigen Menschen sich befestigen. Was soll uns das Gefühl der Erhebung in der Betrachtung des Universums? Die Tugenden, welche Schleiermacher daraus ableitet, haben zum Teil gewiß ganz andere Quellen. Und darum werden wir die Scheidung von der Sittlichkeit kaum zugeben können, ohne den allgemeinen und wohlbegründeten Sprachgebrauch zu verletzen. Die religiösen Gefühle sollen nach Schleiermacher nur wie eine heilige Musik alles Tun des Menschen begleiten; er soll alles mit Religion tun, nichts aus Religion; die religiösen Gefühle sollen ihn vor der Einseitigkeit bewahren, welche das handelnde Leben verlangt. Diese begleitende Versenkung ms Universum ist im Grund nichts anderes, als was wir Bildung zu nennen pflegen. Jene Gefühle der »Frömmigkeit« aber, Liebe, Mitleid, Dankbarkeit usw., erkennen wir am sichersten aus den sittlichen Handlungen, in denen die Ehrfurcht vor dem Ganzen den Egoismus des einzelnen bändigt. Und in dem »Ganzen« werden wir nicht sofort das Universum, sondern zunächst die realen sittlichen Gemeinsamkeiten: Familie, Staat, Nation, Menschheit erblicken müssen. Es gibt viele Abstufungen des Guten. Es gibt ein Gutes, das aus Furcht vor der Strafe des Staates entspringt. Es gibt ein Gutes, das aus Furcht vor der öffentlichen Meinung oder vor deren Spiegelbild, dem individuellen Gewissen, entspringt. Es gibt ein Gutes, das aus Ehrgeiz entspringt, der alles für sich aufrufen und sich dienstbar machen will, was die Menschen für hoch und trefflich halten. Das ist eine Mechanik des Geistes, welche die idealen Kräfte der Menschheit zu individuellen Zwecken verwertet. Es gibt endlich ein Gutes aus Liebe zum Guten, welches die edelsten Geister als das einzige wahrhaft Gute verherrlicht haben. Nur diese Spitze der Sittlichkeit, wenn überhaupt etwas, wollen wir Religion nennen. Sie entsteht nicht ohne ein ästhetisches Element der Bewunderung für die Tugenden, welche die Dichter besingen, welche die Kunst verewigt. Aber ihr Hauptbegriff ist der Glaube . Wieviel er auch durch die Einsicht in den bisherigen Gang der Geschichte genährt werden mag, wie sehr es auch eine historische Wahrscheinlichkeitsrechnung geben mag, die uns manchmal den Ereignissen vorausblicken und das Kommende ahnen läßt: die starke, lebendige, unerschütterliche Überzeugung des Glaubens ist über alles Wissen, über alle Erfahrung, über alle Ahnung hinaus. Und dieser Glaube treibt mehr als irgend etwas anderes zum Handeln. Wofür werdet ihr eure ganze Kraft einsetzen, als woran ihr glaubt? Willst du dich aufopfern für einen Zweck, an dessen schließliche Verwirklichung du nicht glaubst? Wirst du einem Staate mit Begeisterung dein Leben weihen, der dir verfault scheint und reif zur Auflösung? Wirst du dich einer Wissenschaft, einer Kunst hingeben, deren Schöpfungen dir gleichgültig vorkommen für die Erweiterung menschlichen Erkennens und menschlichen Empfindens? Du wirst vielmehr nur dann Großes erreichen, wenn dir die innere Weihe nicht fehlt, und damit begnadigt dich allein der Glaube. Aber die Religion ist nicht bloß, wo es sich um die allgemeinen und höchsten Angelegenheiten der Menschheit handelt. Die Religion ist überall, wo selbstlose Liebe, Treue, Hingebung, Opferwilligkeit erscheint: in der Freundschaft, in der Ehe, in jedem menschlichen Verhältnis, worin der Egoismus sich nicht bloß widerwillig beugt, sondern gleichsam aufgezehrt und vernichtet ist durch eine höhere Gewalt. Nur allerdings, woran die beseligende Macht des Glaubens sich in unserer Zeit am herrlichsten enthüllt, das sind die Begriffe Vaterland, Nation und Staat. Darum ist das Deutschland des 19. Jahrhunderts um so viel frömmer als das Deutschland des 18., weil diese Begriffe eine solche niegekannte Macht in ihm gewonnen haben. Daß Schleiermacher ein Religionsbegeisterter, ein Glaubensheld auch in unserem Sinne war, dafür möge hier nun ein einziges Zeugnis stehen. Es ist der Schluß der Reden über die Religion in der zweiten, 1806 nach Deutschlands tiefem Fall erschienenen und schon etwas mehr spezifisch christlich gefärbten Auflage. » Deutschland ist immer noch da , und seine unsichtbare Kraft ist ungeschwächt, und zu seinem Beruf wird es sich wieder einstellen mit nicht geahnter Gewalt, würdig seiner alten Heroen und seiner vielgepriesenen Stammeskraft ... Hier habt ihr ein Zeichen, wenn ihr eines bedürft, und wenn dies Wunder geschieht, dann werdet ihr vielleicht glauben wollen an die lebendige Macht der Religion und des Christentums. Aber selig sind die, durch welche es geschieht, die, welche nicht sehen und doch glauben.« Wien, im August 1870. Rede auf Jacob Grimm Gehalten in der Aula der Königlichen Friedrich-Wilhelms-Universität am 4. Januar 1885. Es war am 30. April 1841, als Jacob Grimm zum erstenmal einen Hörsaal dieser Universität betrat, um mit einer Vorlesung über die Altertümer des deutschen Rechts eine Lehrtätigkeit wieder aufzunehmen, welche vier Jahre vorher in Göttingen gewaltsam unterbrochen worden war. Er fand eine Versammlung von mehreren hundert Zuhörern vor, welche seiner schlichten Größe mit lautem, lang anhaltendem Beifall huldigte und ihre Verehrung für den Mann an den Tag legte, der wie kein anderer den vaterländischen Geist unserer Wissenschaft gestärkt, auf weiten Gebieten der Forschung neue Bahnen eröffnet und mit den sechs vertriebenen Göttinger Genossen das allgemeine Rechtsgefühl in Deutschland geschärft hatte. Jacob Grimm, so lebhaft empfangen, dankte mit sichtbarer Rührung, die noch einige Zeit bei ihm anhielt und über seinen ganzen Vortrag eine milde Wärme verbreitete. Das Schicksal, begann er, habe ihn nicht gebeugt, sondern erhoben, und darum preise er es um so mehr, weil es ihn in die Mitte seiner neuen Zuhörer geführt habe. Er sprach hierauf von seiner Art, die Dinge zu betrachten, von dem Verhältnisse zwischen Recht und Sprache, von dem Werte des deutschen Rechts gegenüber dem römischen und von seinen Studien überhaupt. »Ich habe die Rechte studiert,« sagte er, »zu einer Zeit, wo das eintönige Grau der Schmach und Erniedrigung schwer über Deutschlands Himmel hing. Da ließ das römische Recht mit aller seiner anziehenden Fülle in meinem Sinnen und Trachten eine empfindliche Leere, und das einheimische wurde nicht so gelehrt, daß es mich hätte anziehen können. Ich suchte Trost und Labung in der Geschichte der deutschen Literatur und Sprache. Es war eine unsichtbare schirmende Waffe gegen den feindlichen Übermut, daß in unscheinbaren, aber unentreißbaren Gegenständen Vorzüge und Eigenheiten verborgen lagen und wieder entdeckt werden konnten, an denen unser Bewußtsein mit gerechter Anerkennung haften durfte.« Wie Jacob Grimm, von frommen und vaterländischen Gedanken erfüllt, sich in der Zeit der Schmach am Studium des deutschen Altertums aufzurichten suchte und dadurch eine neue Wissenschaft gründete: so wußte das zertretene Preußen, nach dem unvergeßlichen Königswort, an das wir uns nicht oft genug erinnern können, durch geistige Kräfte zu ersetzen, was es an physischen verloren hatte, und schuf einen neuen Mittelpunkt deutscher Forschung und Lehre. Hier galt es und dort, sich an das Unentreißbare zu klammern. Die Universität Berlin und die Wissenschaft von deutscher Sprache, Literatur und Altertum sind aus derselben Gesinnung entsprungen. Die verdientesten Pfleger der germanischen Philologie haben in Universität und Akademie uns angehört. Niemand hat mehr Ursache als wir, den heutigen Tag zu feiern und lebendiges Zeugnis dafür abzulegen, daß wir noch wissen, was Jacob Grimm uns bedeutet. Aber es wäre nicht in seinem Sinne, wollten wir seinen Ruhm allein verkünden. Als er vor bald 25 Jahren seinem Bruder Wilhelm die akademische Gedächtnisrede hielt, da konnte er nicht umhin, von sich selbst zu sprechen; und so, indem wir von ihm reden, müssen wir des Bruders gedenken, der Leben und Lernen, Haus und Beruf mit ihm teilte. An einem Dienstag, heute vor 100 Jahren, ist Jacob Grimm geboren. Seines Bruders Geburtstag wird am 24. Februar 1886 zum hundertsten Male wiederkehren. Die Brüder sind, wie Jacob Grimm sagt, aus dem Schoße des glücklichen Mittelstandes hervorgegangen, der zu jeder gründlichen Arbeit des Lebens stärkt und die freiesten Aufschwünge des Geistes fördert. Ihr Leben spielte sich bis ins fünfte Jahrzehnt wesentlich in der hessischen Heimat ab. Zu Hanau, wo sich bald ihr Denkmal erheben wird, hat einst ihre Wiege gestanden. Zu Kassel besuchten sie das Lyzeum. Jacob bezog 1802, Wilhelm ein Jahr später die Universität Marburg. Beide sollten Juristen werden, wie der früh verstorbene Vater gewesen war. Beide fanden in Savigny einen Lehrer, der sie am römischen Recht zu geschichtlicher Betrachtung anleitete. Gemeinsam fingen sie an, mit geringen Mitteln systematisch Bücher zu kaufen und so den Grund zu der stattlichen Sammlung zu legen, die sie zeitlebens gemeinsam benutzten und die jetzt auf unserer Universitätsbibliothek den strebenden Jüngern der deutschen Philologie in die Hand gegeben ist. Im Sommer 1805, als Jacob mit Savigny in Paris war, um diesem an den Vorarbeiten zu seiner Geschichte des römischen Rechts im Mittelalter zu helfen, faßten die Brüder den Beschluß, sich im späteren Leben nie zu trennen. Um dieselbe Zeit wandten sie, unter romantischen Anregungen, sich dem Studium der altdeutschen Literatur immer entschiedener zu; und ob Jacob Grimm nach seiner Rückkehr aus Paris in das hessische Kriegskollegium eintrat, ob er unter Jerome Napoleon als Privatbibliothekar des Königs den Staatsratssitzungen beiwohnte, ob er in der Zeit der Freiheitskriege und der Friedensverhandlungen im Hauptquartier der Verbündeten, in Paris oder in Wien diplomatische Geschäfte zu besorgen hatte: unverrückbar hielten die Brüder das Ziel einer gemeinsamen Arbeit an der Wiederbelebung des deutschen Altertums fest. Im Jahre 1807 begannen sie ihre literarische Laufbahn, und seit 1816 waren sie beide an der Kasseler Bibliothek angestellt. Was sie für ihre äußere Lage wünschten, schien erreicht; und als sich Wilhelm 1825 mit Dorothea Wild , einer Urenkelin des Philologen Mathias Gesner , vermählte, einem Mädchen, das er schon als Kind gekannt und das seine Mutter wie ihr eigenes geliebt hatte: da blieb der brüderliche Bund ungestört; die Gütergemeinschaft ward aufrechterhalten; sie wohnten zusammen und aßen zusammen nach wie vor; Wilhelms Frau sorgte für Jacob mit schwesterlicher Liebe; Wilhelms Kinder waren von Jugend auf gewohnt, den Onkel wie einen zweiten Vater zu ehren; und Wilhelm selbst bekannte öffentlich, er habe niemals aufgehört, Gott für das Glück und Segensreiche der Ehe dankbar zu sein. Eine ungerechte Zurücksetzung im Dienste trieb wider alles Vermuten im Jahr 1830 die Brüder aus der geliebten Heimat nach Göttingen, wo sie nicht bloß als Bibliotheksbeamte, sondern auch als Universitätslehrer wirkten. Der Staatsstreich des Königs Ernst August von Hannover trieb sie nach sieben Jahren in die Heimat zurück, wo aber nunmehr an eine Wiederanstellung nicht zu denken war. Ihre äußere Existenz wurde durch literarische Arbeiten und durch freiwillige, von Leipzig her angeregte Geldsammlungen gesichert, deren unverbrauchte Reste zum Teil noch heut an unserer Universität wissenschaftlichen Zwecken zugute kommen. Mit Recht sagte Dahlmann , der Göttinger Kollege und Schicksalsgenosse der Brüder: »Wer sich für viele opfert, wenn er auch die Hauptsache um seiner selbst willen tut, der darf auch vielen etwas verdanken.« Die Tat des freien Gewissens, welche den sieben tapferen Göttinger Professoren ihr Amt kostete, war für viele getan, der Protest gegen einen Rechtsbruch für viele ausgesprochen und weiten Kreisen unseres Volkes zum Bewußtsein gebracht, daß es ein öffentliches Gewissen in Deutschland überhaupt gebe. Der Lohn blieb nicht aus. »Wenn Gott«, schrieb Jacob Grimm an Dahlmann , »die Gefahren und Nöten dieser Zeit gnädig vorübergehen läßt, wird sie keine unglückliche heißen dürfen; so viel Erhebung, Trost und Freundschaft ist uns in ihr geworden, daß die wohltätigste Erinnerung daran durch unser ganzes Leben dauern wird.« Die Thronbesteigung König Friedrich Wilhelm des Vierten brachte endlich den Brüdern die lange vergeblich erwartete Genugtuung, die Berufung nach Berlin. Am 15. März 1841 trafen sie hier ein. Jacob war seit 1832 auswärtiges Mitglied der preußischen Akademie: er hatte es in seiner Bescheidenheit eine unpassende Ernennung gescholten, die seiner Gesinnung und seinen Arbeiten nicht gebühre. Jetzt war sie der Faden, an dem er nach Berlin gezogen wurde. Wilhelms Wahl in die Akademie erfolgte bald, und beide haben von dem Rechte der Akademiker, Vorlesungen an unserer Universität zu halten, seit dem Sommer 1841, Jacob bis zum Sommer 1848, Wilhelm bis zum Sommer 1852, wenn auch nicht ununterbrochen, Gebrauch gemacht. Gemeinsam haben Jacob und Wilhelm Grimm in ihrer Jugend, indem sie sich, mit Unterdrückung der Vornamen, nur schlechthin »die Brüder Grimm« nannten, altdeutsche Gedichte, Lieder der Edda, Märchen und Sagen herausgegeben. Danach schufen sie jeder auf seinem besonderen Gebiet ihre Hauptwerke: Jacob die deutsche Grammatik, die deutschen Rechtsaltertümer, die deutsche Mythologie, den Reinhart Fuchs, die Geschichte der deutschen Sprache; Wilhelm die deutsche Heldensage, die Geschichte des Reims, die Ausgaben des Freidank, des Rolandsliedes, der Goldenen Schmiede, des Athis. Und wieder am Abend ihres Lebens waren sie zur Abfassung des »Deutschen Wörterbuches« verbunden, dessen Plan einst nach der Göttinger Vertreibung an sie herangebracht wurde, um sie nötigenfalls in ihren Einkünften ganz auf die eigene Arbeit zu stellen. Zahlreiche Fachgenossen hatten ihnen, Zeit und Kraft willig hingebend, Auszüge dazu geliefert; eine bloße Redaktionstätigkeit sollten sie anfangs nur übernehmen. Aber es zeigte sich, daß intensivere Versenkung notwendig sei. Schon der bloße Entschluß, an ein in mancher Beziehung für sie fremdartiges Unternehmen wirklich Hand anzulegen, wurde nicht leicht. Erst 1852 konnte das Erscheinen beginnen. Jacob bearbeitete die ersten drei Buchstaben; Wilhelm hat nur das D vollendet; Jacob drang dann noch bis zu dem Worte »Frucht« vor: hierauf entsank auch ihm die Feder. Jacob und Wilhelm Grimm hatten in ihren Schuljahren an einem Tische gearbeitet, später an zwei Tischen in demselben Zimmer, zuletzt in zwei aneinander stoßenden Zimmern: auch ihre Gräber liegen dicht beisammen, und fromme Hände, werden sie heute schmücken. Der jüngere ist zuerst, der ältere ihm bald nachgestorben. Wilhelm hat am 16. Dezember 1859, Jacob am 20. September 1863 seinen letzten Atemzug getan. Die Geschichte der deutschen Literatur und Wissenschaft hat mehrfach von geist- und kraftreichen Brüdern zu erzählen, die, auf gemeinsame oder verwandte Ziele gerichtet, sich in ihrem Streben ergänzten. Alexander von Humboldt wußte den Makrokosmos zu bewältigen, während sein Bruder Wilhelm in Sprache, Kunst und Staat den Mikrokosmos zu umspannen suchte. Wilhelm und Friedrich Schlegel traten in enger Genossenschaft auf und haben sich in ihren Anfängen sehr wesentlich gefördert. Einem Entdecker in der Wissenschaft von der Natur und vom Menschen, wie Ernst Heinrich Weber , standen zwei gleichgestimmte Brüder zur Seite. Aber eine so innige Lebens- und Arbeitsgemeinschaft, durch alle Wechselfälle des Schicksals festgehalten, durch Hingebung an die edelsten vaterländischen Zwecke geheiligt, von der ganzen Nation mit Rührung geehrt, von drei deutschen Regierungen in ihrer Untrennbarkeit anerkannt, ein gleichsam symbolischer Ausdruck dessen, was treue Liebe der Blutsverwandten ausrichten und bedeuten kann: dafür gibt es kein zweites Beispiel. Gleichwohl waren Jacob und Wilhelm Grimm kräftige Individualitäten, in seiner Eigenart jeder bestimmt bezeichnet, Jacob freilich der führende, Wilhelm der, der sich unterordnete, doch nicht überall und nicht über eine gewisse Grenze hinaus. Selbst wo sie gemeinsam arbeiteten, erlosch die Besonderheit nicht. Jacob war heftig, kühn, ungeduldig und vordringend, von einer ausdauernden, unermüdlichen Arbeitskraft ohnegleichen, in einsamer Tätigkeit am glücklichsten, der Geselligkeit abgeneigt. Er besaß den Mut des Fehlens, ohne den in den Geisteswissenschaften kein großer Wurf gelingt. Er besaß die Begierde des Entdeckers, der sich über alle Hindernisse hinwegsetzt und dem Ruf einer großen Bestimmung rücksichtslos folgt. Wilhelm dagegen, durch eine schwankende Gesundheit von vornherein zu mäßiger und unterbrochener Tätigkeit gezwungen, wußte das Leben in heiterer Geselligkeit behaglich zu genießen und zu schmücken, seine wissenschaftlichen Arbeiten in ruhiger Vorsicht und geduldiger Sammlung auszubilden, die Gegenstände zu erschöpfen, das Gewonnene wohlgeordnet mitzuteilen und durch anmutige Milde der Darstellung zu erfreuen. Jacob war ein Eroberer, der ein neues Reich gründete: Wilhelm half es befestigen und regieren. Jacob strebte unersättlich von vornherein ins Große, ins Allgemeine: Wilhelm vertiefte sich enthaltsam ins Besondere und stieg doch von da zuweilen zu einem Allgemeineren auf. Jacob durchmaß eine unregelmäßige Bahn, in der es an Umwegen und Irrwegen nicht fehlte: Wilhelms Entwicklung zeigte keine Sprünge und Umwälzungen; früher ergriff er, was ihm gemäß war, und hielt es mit Treue fest. Dem deutschen Altertum waren beide unwandelbar zugetan. Aber indem sie die Vergangenheit erforschten, lehrten sie die Gegenwart besser verstehen; und, weit über ihr besonderes Gebiet hinaus, gaben sie den Geisteswissenschaften langdauernde und noch immer nachwirkende Impulse. Sie haben den Begriff der Philologie erweitert. Sie haben die Genauigkeit der Betrachtung, welche früher nur dem klassischen Altertum und der Bibel gegönnt ward, auf die vaterländischen Dinge angewandt und dadurch jedem zivilisierten Volke für sich selbst und der Wissenschaft überhaupt für alle Völker neue Aufgaben gestellt. Sie haben im Verein mit Benecke und Lachmann die Wissenschaft der deutschen Sprache und des deutschen Altertums innerhalb eines Menschenalters auf eine Höhe der Ausbildung gebracht, daß sie die in Jahrhunderten gepflegte klassische Philologie nicht nur in allen wesentlichen Beziehungen erreichte, sondern sie, nach dem Zeugnisse von Moriz Haupt , in einigen Beziehungen überholte. Sie haben die zufriedene Liebe, mit der sie einen engen Daseinskreis im eigenen Leben umfaßten, auf die geringsten Tatsachen, in denen sich das Seelenleben unseres Volkes spiegelt, treulich übertragen und die Andacht zum Unbedeutenden, die man ihnen als einen Spottnamen aufheftete, zu einem Ehrennamen gemacht. Sie haben die strenge Beobachtung und Untersuchung nicht bloß auf die geschriebenen Denkmäler beschränkt; sie haben alle bornierten Maßstabe einer vornehmtuenden Ästhetik hinweggeworfen und in den unscheinbaren Reimen und Erzählungen, an denen sich die Kinder und Bauern ergötzen, den Glanz unvergänglicher Poesie und den unschuldigen Zauber ursprünglicher Menschheit erkannt. Sie haben auch dadurch ein Signal zu weitreichenden Sammlungen des Aberglaubens, der Lieder, der Märchen gegeben, welche sich nach und nach auf alle Länder der Erde ausdehnen; und sie haben, wenn auch unbewußt, die Forderung einer unparteiischen Ästhetik erhoben, welche zunächst nur Erscheinungen und Wirkungen beschreibt und nicht voreilig urteilt. Aber sie setzten nur fort und brachten zur Ausführung, was die besten und freiesten Köpfe des 18. Jahrhunderts gewollt hatten. Sie teilten mit Lessing den Haß gegen eine Überhebung, welche ganze Völker und Zeiten als barbarisch verachten mochte. Sie wußten überall die Keime zu pflegen und zu entwickeln, die Herder mit verschwenderischer Hand ausgestreut hatte. Sie gehörten zu den hervorragendsten Vertretern jener großen Epoche der deutschen Wissenschaft, die man sehr unvollständig und nur nach ihrer Schattenseite bezeichnet, wenn man sie als die Epoche der Metaphysik oder Naturphilosophie in den düstersten Farben schildert, statt mit patriotischem Stolze zu sagen, was ohne Anmaßung behauptet werden darf: daß die Deutschen damals einen Fortschritt in den Geisteswissenschaften vollzogen, der alle anderen Nationen zu ihren Schülern machte und worin sie bis jetzt nur von wenigen eingeholt, von keiner übertroffen sind. Unsere moderne klassische Dichtung ruhte vielfach auf einer vertieften Erkenntnis des Menschen und der Natur, welche notwendig auf die Wissenschaft herüberwirken mußte und schließlich an den luftigsten Konstruktionen des Universums Gefallen fand. Aber während sich die meisten deutschen Naturforscher von den Dichtern und Metaphysikern verführen ließen, vorschnell Systeme bauten, an Worte glaubten, der Schule Newtons entliefen und die mathematische Bildung des 18. Jahrhunderts verschmähten: legten die deutschen Philologen, Sprachforscher und Historiker den Grund zu einer neuen geschichtlichen und vergleichenden Methode, zu einer neuen Schärfe, Genauigkeit und Vollständigkeit der Beobachtung, zu einer neuen vorsichtigeren und gerechteren Kritik, indem sie die besten wissenschaftlichen Errungenschaften des 18. Jahrhunderts festhielten und sie durch noch bessere bereicherten oder verfeinerten. Selbst jener metaphysische Drang, der vorschnell ein Ganzes erfassen wollte, da er die Teile noch nicht in der Hand hatte, erwies sich für die Geisteswissenschaften als eine Vorschule der vergleichenden Methode, welche mehrfach, was erst nur ein vager Traum schien, zur gesicherten Erkenntnis erhob. Den Übergang von der vorschnellen Hypothese zur exakten Untersuchung und die Fruchtbarkeit einer, wenn auch zunächst verwegenen Hypothese stellt aber niemand in sich mit solcher Reinheit dar wie Jacob Grimm . Berückt von den ersten verführerischen Ahnungen eines verwandtschaftlichen Zusammenhangs zwischen europäischen und asiatischen Völkern und schwelgend in den etymologischen Dithyramben einer ungeregelten Sprachvergleichung, mochte Jacob Grimm noch 1815 die Behauptung drucken lassen, an sich seien alle und jede Wörter nur eins; es komme lediglich darauf an, die Kette nachzuweisen, die sie verbinde. Aber schon 1819 errichtete er das erste Gebäude einer vergleichenden Formenlehre der germanischen Sprachen; 1822 entdeckte er die Lautgesetze, auf deren Existenz alle Möglichkeit einer wissenschaftlichen, methodischen und zu verhältnismäßig sicheren Ergebnissen führenden Sprachvergleichung beruht. Er hat hier nicht allein das Entscheidende gefunden: zum Teil hat ihm Franz Bopp , zum Teil der Däne Rask den Weg gezeigt; was er für die germanischen Sprachen leistete, hatte Raynouard schon für die romanischen begonnen. Aber gewaltig wuchs sein Haupt- und Lebenswerk, seine »Deutsche Grammatik« von 1819 bis 1840 über alle Vorgänger hinaus durch die Fülle des Stoffes, die Klarheit des Vortrages, den Reichtum und die Sicherheit unerwarteter Resultate. Sie wurde für Bopp , für Diez , für Miklosich ein Vorbild. Die vergleichende Grammatik der arischen Sprachen überhaupt, die vergleichende Grammatik der romanischen und der slawischen Sprachen ist durch Jacob Grimms Beispiel auf eine höhere Stufe gehoben oder begründet worden. Nie war ein Gelehrter stärker in die Bande der alten unmethodischen Sprachvergleichung verstrickt gewesen als Jacob Grimm. Nie hat ein Gelehrter mehr getan, um eine neue methodische Sprachvergleichung ins Leben zu rufen als Jacob Grimm. Unmethode und Methode beruhen aber auf einer völlig entgegengesetzten Geistesverfassung. Trotzdem liegen sie bei Jacob Grimm nur drei oder vier Jahre auseinander. Der Akt des Überganges, des Durchkämpfens von der einen zur anderen, der sich innerhalb dieser drei oder vier Jahre vollzogen haben muß, war für viele getan und bedingte die größten Fortschritte der modernen Geisteswissenschaften. Leider wissen wir über den näheren psychologischen Prozeß, der ihn begleitete, so gut wie nichts. Der eigentliche Hergang läßt sich nur vermuten. Der vergleichende Trieb, d.h. die Sehnsucht, über die Vielheit der Erscheinungen hinweg zu einer ursprünglichen Einheit vorzudringen, wurde durch den pantheistischen Zug in der deutschen Wissenschaft, durch die Spekulation Goethes über die Metamorphose der Pflanzen, durch die halbmetaphysischen Anfänge der Transmutationstheorie, durch die romantischen und vorromantischen Träume von einem Urvolk, einer Urreligion, einer Ursprache geweckt und genährt. Aber die tumultuarischen Exzesse der etymologischen Willkür, die sich Jacob Grimm gestattete, forderten den Widerspruch heraus, führten zur Ernüchterung und Besinnung und gaben daher den Grundsätzen ruhiger und enthaltsamer Forschung Raum, die, in Savignys solider Schule eingesogen, nur verdunkelt, aber nicht vergessen in seiner Seele geruht hatten. Erst jetzt gewann er mit Bewußtsein die induktive Methode, zu der er sich in seiner ersten Berliner Vorlesung bekannte, indem er etwa folgendermaßen anhob: »Es gibt eine doppelte Art und Weise, die Dinge zu betrachten, je nachdem man die Betrachtung oder die Dinge überwiegen läßt. Herrscht die Betrachtung vor, so erhebt sie sich in die Höhe und schwingt sich in großen Kreisen über ihrem Gegenstand, den sie von oben herab fassend bewältiget. Es ist nicht zu verkennen, daß dann der Gedanke behende Kraft gewinnt und aus sich selbst eine ungehemmte Fülle zu entfalten vermag; er wird aber auch unvermerkt genötigt sein, sich zu senken und, gleichsam auf einem Ruheplatz, auf einzelnen Gegenständen zu verweilen. Wo aber umgekehrt ausgegangen wird von den Gegenständen und aufgestiegen zu der Betrachtung, da bleibt das Verfahren zäher und ruhiger, Gedanken entsprießen erst an ihrer Stelle und pflegen nur ausnahmsweise ihren sicheren Schritt gegen kühneren Aufflug zu vertauschen. Dort also wird immer ein günstiger Gesichtspunkt gesucht und eine Ansicht gewonnen; die Betrachtung weiß von vornherein, wo sie sich befindet und wie weit sie reicht. Hier hingegen klimmt sie an den Dingen selbst auf und erlangt bald niedere, bald höhere, meistens aber unberechnete Aussichten. Wenn uns dort ein Gefühl der Unzulänglichkeit menschlicher Augen und Sinne befallen mag, so können wir hier, innerhalb fester Schranke, sicheren Ertrages uns erfreuen.« »Ich will«, fuhr Jacob Grimm fort, »mit dieser Erwägung lange nicht einen Unterschied zwischen idealer und realer Forschung, noch weniger zwischen philosophischer und historischer Schule aufgestellt haben: denn diese Namen scheinen mir vom Übel, sobald sie über das hinaus, was wirklich in ihrer Entgegensetzung begründet ist, schroffe Parteien einander gegenüberstellen. Was mich betrifft, bin ich mir bewußt, keiner von beiden anzugehören, achte und schätze vielmehr ihre beiderseitigen Bestrebungen auf das willigste und bin bereit, von dem, was ihnen beiden gelingt, zu lernen. Methode und Studium (und das ist weit von solchen Grundansichten verschieden) neigen sich aber bei mir dahin, die Dinge nicht von der Betrachtung abhängen zu lassen, sondern aus ihnen als einem unerschöpften und unerschöpflichen Stoff neue und immer reichere Ergebnisse zu gewinnen.« Die erste Frucht einer solchen erfahrungsmäßigen, an den Dingen selbst aufklimmenden Forschungsweise und gleich auf ein weites Gebiet angewandt war die »Deutsche Grammatik«, der Grund- und Eckstein von Jacob Grimms deutschen Studien, der Grund- und Eckstein der deutschen Philologie, ein Grund- und Eckstein der Geisteswissenschaften überhaupt. Durch die Grammatik erst wurden Wilhelm Grimm und Lachmann Jacob Grimms Schüler. Und der Grammatik verdankte er selbst, wie er noch 1858 an Dahlmann schrieb, alles, was er erreichte. Sie war das Vorbild seiner Arbeiten über das deutsche Recht, über deutsche Mythologie, über deutsche Sitte und die Grundlage des Deutschen Wörterbuchs. Die Sprache blieb immer das Paradigma, wonach er die anderen Lebenserscheinungen beurteilte. Durchweg übte er historische Methode, indem er die Wurzeln des Heutigen in der Vorzeit aufzeigte und alle seine Forschung mit der Gesinnung durchdrang, die ihm bei seiner Berliner Antrittsrede für das Recht die Worte eingab: »Die heimliche, aber ergreifende Stimme der Vergangenheit ruft uns mahnend zu, daß wir durch die Erforschung des alten Rechts uns selbst, unsere Gegenwart und Zukunft, besser verstehen lernen werden.« Durchweg übte er auch vergleichende Methode. Auf allen Lebensgebieten wies er nach, wie man das germanische Altertum erhellen könne, indem man die heimische Überlieferung mit den Nachrichten der Alten verbinde. Von der Germania des Tacitus sagte er: »Durch eines Römers unsterbliche Schrift ist ein Morgenrot in die Geschichte Deutschlands gestellt worden, um das uns andere Völker beneiden.« Aber erst er selbst hat dieses Morgenrot recht entzündet und für jedermann offenbar gemacht, daß wir zu den Ursprüngen der Nation bei den Germanen viel weiter vordringen können als bei den Griechen und Römern und den übrigen Völkern der alten Welt. Indem er den vergleichenden Blick auf die ehemalige Einheit der Germanen gerichtet hielt, lehrte er uns den verwandtschaftlichen Zusammenhang zwischen Deutschen, Holländern, Skandinaviern, Engländern und Nordamerikanern würdigen, der, wie auch die Wechselfälle der Politik diese Völker gelegentlich zueinander stellen mögen, doch schon wiederholt im Laufe der Geschichte seine Macht bewährt hat und wieder bewähren kann. Jacob Grimm war einer der ersten, die in Herders und Wilhelm von Humboldts Sinne das Sprachstudium nicht bloß als ein Mittel ansahen, um in fremde Literaturen einzudringen, sondern als die Beschäftigung mit einer der erhabensten Äußerungen des menschlichen Geistes, die wie ein selbständiges Wesen sich nach eigenen und festen Gesetzen entwickelt und uns, auch wo eine Literatur fehlt, tiefe Blicke in das Denken und Fühlen der Völker eröffnet. Jacob Grimm wußte, daß den Wörtern Vorstellungen und Sachen entsprechen, daß daher den Wörtern Aufschlüsse über die Sachen abgewonnen werden können; er zeigte den Weg, um aus der Sprache die Kultur untergegangener Völker zu erschließen. Niemand hat lebendiger als Jacob Grimm die der Sprache innewohnende Poesie empfunden und für die Erkenntnis der deutschen Sprache, nicht minder aber für seinen eigenen Stil daraus Vorteil gezogen. Er hat die vergleichende Methode auch auf die Poesie angewandt und gezeigt, wie man aus den alliterierenden Gedichten der Deutschen, Angelsachsen und Skandinavier den ursprünglichen Stil der germanischen Poesie erraten und so einen weiten, tiefen Hintergrund für die Geschichte der deutschen Dichtung gewinnen könne, die er im einzelnen nach der Seite des Tierepos, der lateinischen Dichtung, der kunstmäßigen deutschen Lyrik des Mittelalters und anderweitig zu fördern wußte. Wo aber die deutsche Dichtung und ihre Geschichte in Frage kommt, da greift nun Wilhelm Grimms Tätigkeit ein. Er wandte die vergleichende Methode auf die deutsche Heldensage an. Er lehrte aus deutschen und skandinavischen Überlieferungen das Ursprüngliche erschließen und aus Trümmern oder zerstreuten Anspielungen verlorene Gedichte annähernd erraten. Er verfolgte auch sonst poetische Stoffe durch viele Literaturen, poetische Anschauungen durch viele literarische Denkmäler. Er gab in seiner Geschichte des Reims einen wichtigen Beitrag zur Kunde der poetischen Technik. Er stellte mehrere mittelhochdeutsche Gedichte sauber ans Licht, und wenn er vielleicht in der Schärfe der Textkritik hinter Lachmann zurückstand, so übertraf er ihn bei weitem in der literarhistorischen Verwertung, in der erschöpfenden Erläuterung und in den seinen stilistischen Beobachtungen, mit denen er eine umfassende historische Stil-Lehre vorbereitete. Wilhelm Grimm war mehr Künstler als sein Bruder. Er hat sich das Hauptverdienst um die deutschen Märchen erworben, die er seit der zweiten Auflage allein redigierte. Er stellte den einheitlichen Ton derselben fest, indem er den Erzählern des Volkes ihre Kunstmittel ablauschte und sie dann mit Freiheit handhabte. Er wußte den anspruchslosen Geschichten einen weihnachtsmäßigen Glanz zu verleihen und doch nichts Unechtes oder Persönliches einzumischen. Er gab den Kindern aller Stände ein unveraltbares Buch in die Hand, dessen Reize sich Jahr für Jahr neu bewähren und von dem eine edle volkstümliche Wirkung ausgeht, weil die volkstümliche Überlieferung darin veredelt ist. Die Ehrfurcht vor dem Traditionellen, aus welcher die liebevolle Pflege der Märchen entsprang, war dem Wesen der Brüder von Anfang an tief eingepflanzt und ruht auf dem innersten Grund ihres Charakters. Sie überschätzten das, was sie Naturpoesie nannten, und unterschätzten die Kunst. Sie setzten, wie Savigny , das Bewußte gegenüber dem Unbewußten, die individuelle Arbeit und freie Tat gegenüber dem Naturwüchsigen und Notwendigen herab. Sie trauten dem einzelnen nicht viel zu und erblickten die volle Kraft der Menschheit nur dort, wo ein ganzes Volk ergriffen ist und ein ganzes Volk zu schaffen scheint. Es war nur konsequent, wenn Jacob Grimm 1843 in Rom die typischen Göttergestalten der Antike den modernen Gemälden vorzog, wenn er in jenen das lang überlieferte Urbild bewunderte, in diesen die Phantasie und Willkür des Malers ungern empfand. Dem Literarhistoriker drängt sich dabei eine Erinnerung auf. So hatte mehr als ein halbes Jahrhundert früher auch Goethe in Rom vor den Resten griechischer Schönheit gestanden und begeistert ausgerufen: »Alles Willkürliche, Eingebildete fällt zusammen; da ist die Notwendigkeit, da ist Gott.« Wie Jacob Grimm, hat Goethe fortan das Typische für das wahre Schöne, die bleibenden Verhältnisse dieser vergänglichen Welt für den höchsten Gegenstand der Kunst gehalten und durch die Beschäftigung damit seinem Geiste, wie er sagt, erst die Ewigkeit zu verschaffen gesucht. Was aber zu den notwendigen und bleibenden Verhältnissen zu rechnen sei, welche die Ehrfurcht der Menschen herausfordern, darüber gingen die Ansichten von Goethe und Jacob Grimm mehrfach auseinander, ebenso wie die Empfindungen der verschiedenen Generationen, denen sie angehörten. Mit einer Art von trunkener Andacht sprachen Jacob Grimm und sein Bruder, sprach ihr Freund Achim von Arnim das Wort »Volk« aus; und sie verstanden darunter gleichsam einen unsichtbaren guten Geist, welcher die Übereinstimmung der Besten leite und in den unteren Schichten unverfälscht wohne: während Goethe mit der nüchternen Unbefangenheit des Weltmannes sich über die Existenz eines wirklichen Pöbels keinen Illusionen hingab und den führenden Einzelnen, der zuweilen die widerwilligen Massen fortreißen muß, niemals übersah. Aber wenn die Brüder Grimm und ihre Freunde das Vaterland unter die ewigen Güter des Lebens rechneten und, ohne jede poetische Unklarheit, ein unter Preußens Führung geeinigtes Deutschland darunter verstanden, so waren sie glücklicher und reicher als Goethe , der, so viel und so schön er auch sein Leben lang von der Hoffnung gesungen, es doch in schweren Zeiten verlernte, für das Vaterland zu hoffen. Die Brüder Grimm und ihre Freunde sprachen vom Vaterland oft mit dem elegischen Akzente der Sehnsucht. Aber sie waren stets von froher Zuversicht durchdrungen. In seiner ersten Berliner Vorlesung sprach Jacob Grimm von dem Aufschwunge der deutschen Sprache seit Klopstock und Lessing und meinte, auf dieselbe Weise werde auch ein deutsches Recht erstehen und aus den alten, festen Wurzeln ein hoher Baum mit frischgewölbter Krone erwachsen. Den 1846 in Frankfurt um ihn versammelten Fachgenossen rief er zu: »Ja, wir hegen noch Keime in uns künftiger ungeahnter Entwicklungen!« An Dahlmann schrieb er in einem seiner letzten Briefe von unserer Einheit, die uns allein retten könne und bald alle Verluste und Schwierigkeiten, die den Übergang begleiten, überwunden und reichlich ersetzt haben würde. Wie sich Jacob Grimms politische Sehnsucht erfüllte, so ging seine wissenschaftliche Saat munter auf. Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts ist nicht bloß ein mathematisch-naturwissenschaftliches, ein technisch-induktives Zeitalter. Die Geisteswissenschaften blühen wie in der ersten Hälfte des Jahrhunderts. Sie schreiten nicht zurück, sondern vorwärts. Wenn die genialen Entdecker fehlen, so mangeln doch nicht die wesentlichen Fortschritte der Erkenntnis, welche den Eifer des Untersuchens beleben. Die vergleichende Sprachforschung zieht nach und nach alle Völker der Erde in ihr Bereich. Die fundamentalen Probleme der Lautlehre stehen im Vordergrunde der linguistischen Wissenschaft. Die strengen Grundsätze philologischer Genauigkeit ergreifen von den fernsten und von den modernsten Sprachen und Literaturen glücklich Besitz. In die Geheimnisse des Stils und der künstlerischen Technik dringen wir immer tiefer und unbefangener ein. Die Geschichte der Künste wird in immer weiterem Umfange betrieben und wirkt bald verwirrend, bald reinigend auf den Geschmack und die Produktion. Die Deutschen haben ihren vollgemessenen Anteil an der Ermittelung der Tatsachen, von denen die Steine reden und die aus dem Schoße der Erde fast wie ein Wunder emporsteigen. Und wenn sie die Geschichte des eigenen Volkes erzählen, so bewegen sie sich nicht mehr bloß auf den idealen Höhen der Kriege, der auswärtigen Politik, der Verfassungskämpfe und der Literatur: sie steigen auch hernieder zu den irdischen Mühen der Wirtschaft und der Verwaltung. Die Erfahrungen der Gegenwart kommen den Auffassungen der Vergangenheit zugute. Die elementaren Tatsachen der Religion, der Sitte, des Rechtes werden bei allen Völkern aufgesucht. Die Leuchte der Kritik wird immer energischer in die heiligen und profanen Schriften hineingetragen. Es besteht ein nur teilweise bewußter, aber tatsächlicher Zusammenhang aller Prinzipien der Forschung. Die Philosophie erlangt wieder Fühlung mit der Naturwissenschaft, und die philosophische Befruchtung wird den historischen Einzelwissenschaften nicht ausbleiben. Es gedeiht das kühnste Streben ins Allgemeine ebenso wie die peinlichste Sorgfalt am Einzelnen, und in diesen beiden ist alle Tugend des Forschers beschlossen. Sie gedeihen und wachsen, als wenn in lebendigem Vorbilde, sichtbar führend, Jacob und Wilhelm Grimm uns voranschritten, weit ausgreifend der eine, sinnig vertieft der andere. Möchten sie uns allen, die wir forschend uns bemühen, auch ein menschliches Vorbild sein können! Die Gelehrsamkeit macht zuweilen stolz, selbstgenügsam, eifersüchtig und rechthaberisch. Sie zerstört leicht den Geradsinn und den derben Verstand. Sie pflanzt spitzfindige Gedanken und einen künstlichen Geschmack. Sie hat ganze literarische Epochen vergiftet durch gespreizte Vornehmheit und eine dünkelhafte Exklusivität. Sie schafft oft falsche Maßstäbe für die Menschen und stellt eine Summe beliebiger Kenntnisse, unter dem täuschenden Namen der Bildung, höher als die »alte geheimnisvolle Kraft der Herzen«. Die Brüder Grimm , das edle Paar, waren von allem Flitter falscher Bildung und leerer Geistreichigkeit unberührt. Sie blieben auf der Höhe des Lebens und Ruhmes einfache gute Menschen. Sie wußten mit den Kindern zu fühlen wie mit den Weltweisen, Staatsmännern und Dichtern. Ihre prunklose Genialität strahlt mit einem sanften Glanze durch die kommenden Zeiten; denn das Schicksal hat ihnen seine höchste Gunst verliehen: die schlichte Schönheit der Seele. Karl Lachmann Aus einer Besprechung von Lachmanns »Kleineren Schriften« (Preußisch« Jahrbücher 187S, Bd. 38). Lachmann ist im Jahre 1851 gestorben, aber er lebt auf die wunderbarste Weise unter uns fort. Er wird geliebt und gehaßt wie ein Gegenwärtiger und Wirkender. Wer gegen Jacob Grimm polemisiert, der tut es mit dem Respekt und mit der Seelenruhe, als ob er einem alten griechischen Weisen gegenüberstünde, dem es ganz gleichgültig sein könnte, was wir heutigen kleinen Menschen über ihn dächten. Wer gegen Lachmann polemisiert, der setzt sich sofort in die Positur des gesinnungstüchtigen und unentwegten Kämpfers; und wenn es sich um besonders starke Fälle handelt, wo Haupthiebe erteilt werden, so stellt man dem jungen Helden das Zeugnis aus, daß er den Stier bei den Hörnern gefaßt habe. Über Lachmann reden die Abgünstigen stets so, als ob er lächelnd dabeistünde und voraussichtlich keine Antwort geben würde, durch sein bloßes überlegenes Lächeln aber doch das ganze Publikum auf seine Seite ziehen könnte. Man ereifert sich gegen ihn, etwa wie ein Abgeordneter der entschiedensten Minorität gegen einen mächtigen und populären Minister, der unterdessen die Zeitung liest oder gemütlich mit seinen Kollegen plaudert. Wie kommt es, daß man einem ausgezeichneten Gelehrten nicht die wohlverdiente Grabesruhe gönnt? Daß man ihm gleichsam nach seinem Tode noch das undankbare Amt eines verantwortlichen Ministers der Philologie in Deutschland aufnötigen möchte? Die merkwürdige Erscheinung wird wohl verschiedene Gründe haben. Der Hauptgrund liegt jedenfalls in Lachmanns eigener Persönlichkeit. Er imponiert durchaus. Er hat etwas vornehm Abgeschlossenes; dabei etwas erschreckend Makelloses. Man traut ihm wenig Erbarmen zu, wenig Nachsicht mit fremden wie eigenen Fehlern. Man fürchtet ihn, auch wenn man ihn liebt. Ein philologischer Nachwüchsling kann vor ihm einen Schrecken bekommen, wie ein sündiger Enkel, der sich plötzlich vor dem Bilde eines tugendhaften gestrengen Ahnen sieht. Lachmann hat eine sichere, stolze Art, diese oder jene mögliche Ansicht ohne Angabe von Gründen als »ungereimt« oder »verkehrt« zu bezeichnen, daß man nicht nachträglich derjenige sein möchte, dem es gilt. Stolz aber ist eine Eigenschaft, die nie vergeben wird. Auch ein Toter muß den Haß aller derer dulden, welche ihm zutrauen, daß er sie im Leben achtungslos behandelt haben würde. Und Lachmanns Stolz wirkt darum so erregend, weil man ihn nicht etwa auf Herrschsucht oder andere unlautere Motive zurückführen kann. Es war ihm ein heiliger Ernst um die Wahrheit. Auch seine erbittertsten Gegner werden ihm im Innersten ihres Herzens nicht leichtsinnige Behauptungen zutrauen. Jedes Wort, das aus seiner Feder kommt, macht den Eindruck des Echten, des mühsam Erworbenen und aus einer starken Überzeugung Geflossenen. Er ist kein Gegner, der mit einer leichten Handbewegung beseitigt wird; und wer sich an ihm vorbeidrücken möchte, der fürchtet, daß er gewaltig hinterdrein kommen könnte. Die Rezensionen zeigen ihn manchmal entsetzlich streng. Aber überall merkt man das gewissenhafteste Streben nach Gerechtigkeit. Einem offenbar unsympathischen Manne wie v. d. Hagen zollt er die Achtung, die er ihm schuldig zu sein glaubt. Den offenbar sympathischen Koberstein und Rosenkranz sagt er schonungslos die Wahrheit. Selbst das grausame Strafgericht über Mone hat einen versöhnlichen Schluß, der den Betroffenen selbst überzeugen konnte, daß nicht persönliche Animosität wider ihn zu Felde liege, sondern Eifer für die Sache. Ganz ebenso finden wir ihn in den Schriften zur klassischen Philologie, namentlich in den herrlichen Tibull-Rezensionen, welche überhaupt einige der feinsten Seiten seines Wesens enthüllen. Ich enthalte mich nicht, eine Stelle anzuführen, worin der Kultus der scheinlosen Wahrheit ebenso entschieden zu Worte kommt wie sein lebhafter Patriotismus. Er redet auf Anlaß einer französischen Übersetzung des Tibull über den gesunkenen Geschmack des französischen Volkes (Bd. II, S. 142): »Das reine Gefühl für das Große und Schöne, das in ihm noch war, haben die Greueltage des Freiheitsschwindels erstickt. Die Wissenschaft ist untergegangen, und der Charakter hat sich von Grund aus umgewandelt. In dem harten Joche gerechter Sklaverei verlernte nicht nur das entartete Geschlecht die Sprache der Wahrheit und der Natur vollends, sondern es kam auch sogar dahin, sie aus Überzeugung zu verhöhnen. Der leere Sinnenkitzel, den man durch immer neue Mittel in ihm zu erhalten suchte, um es über sein politisches Elend zu verblenden, ist ihm der Abgott geworden. Schreibet in edler Einfalt: man liest euch nicht; versteht ihr aber in den Schwall hochtrabender, aufs höchste geputzter Redensarten spielenden Witz, scharfe Gegensätze, glänzende Bilder, auserlesene Spitzfindigkeiten einzukleiden: ihr seid ein Schriftsteller von gutem Geschmacks. Doch sprechen sie noch, die Dummstolzen, von Griechen und Römern, aber nicht ein Teilchen des römischen und griechischen Geistes ist unter ihnen verbreitet; sie kennen nicht einmal die Werke, die nach dem Willen des Schicksals das Palladium aller wahren geistigen Kultur ewig sein sollen .« Durch die letzten Worte legt Lachmann zugleich ein Zeugnis ab für die ästhetische Gesinnung, mit welcher die Begründer der altdeutschen Philologie an ihre Aufgabe gingen. Sie waren weit entfernt von jener dünkelhaften Überschätzung des heimischen Altertums, zu welcher man die Gegenwart verführen möchte. Die angefühlte Stelle ist 1816 geschrieben: 1815 stand Lachmann gegen Napoleon zu Felde, und das erklärt den leidenschaftlichen Ton. Sachlich war das nationale Selbstgefühl der Deutschen damals berechtigt: heute wäre es Überhebung. Man lese, wie Lachmann S. 124 über Vossens Verdienste um die deutsche Metrik spricht, die bereits übertroffen seien: »In wenigen Jahren haben wir Deutsche bedeutende Fortschritte in der Ausbildung unseres Zeitmaßes und in der Vervollkommnung unserer ganzen Verskunst gemacht. Das Ohr ist feiner geworden und erträgt nicht mehr, was es vor einem Jahrzehnt ertrug. Es bedarf nur noch eines Schrittes, nur noch des Vorganges eines großen Meisterwerkes, und unsere deutsche Zeitmessung ist für alle Jahrhunderte geregelt.« Ach, die seligen Zeiten, in denen man solche Hoffnungen hegte, in denen die deutsche Verskunst eine ernste und wichtige Angelegenheit war, um die sich ernsthafte gelehrte und gebildete Männer sorglich bemühten. Wer denkt jetzt noch an deutsche Verskunst! Und wie schlecht sind die deutschen Verse geworden! Wenige wissen's und fühlen's, und den meisten von ihnen ist es gleichgültig. Vielleicht, weil doch nun das Sinken des deutschen Geschmackes auf einem Gebiete vor Augen liegt, vielleicht besinnt man sich, daß der Geschmack in allen Künsten solidarisch ist; daß man nicht die brotlosen Künste vernachlässigen darf, wenn man die broteinbringenden heben will; und daß die Grundlage eines geläuterten Geschmackes die klassische Bildung ist. Die klassische, die griechische Bildung , d. h. der Sinn für die unschuldige Schönheit der hellenischen Dichtung und Kunst; nicht, was jetzt auf unseren Gymnasien mehr und mehr sich ausbreitet, die Aneignung toter Kenntnisse von griechischer Sprache, Literatur, Geschichte und Altertümern, das Traktieren der Grammatik als Selbstzweck, dieses ganz äußerliche Treiben, das uns die Philologie eskamotieren möchte, um die Sprachwissenschaft an ihre Stelle zu setzen: so daß die Philologie ihre Heimat bald nur noch in den Hörsälen der Archäologen haben wird. Mit welcher Feinheit redet Lachmann S. 155, 156 über die Auslegung lateinischer Gedichte! Er unterscheidet seine Weise von der seines Freundes Dissen: er lasse anfangs das Kunstgefühl walten, Dissen den Kunstverstand. Und wie bewährt er dieses Kunstgefühl sogleich! Die Übung kunstmäßiger Interpretation scheint mehr und mehr aus der Mode zu kommen, und das Kunstgefühl wird ebensowenig gepflegt wie der Kunstverstand, wenn ich nach den Erfahrungen urteilen darf, welche ich Jahr für Jahr über die Unfähigkeit akademisch gebildeter junger Männer mache, auch nur das einfachste deutsche Gedicht angemessen und sinnvoll zu erklären. Lachmann hat schriftlich nur einige wenige bedeutende Proben seiner Interpretationskunst gegeben. Er besaß die wichtigste Vorbedingung dazu in hohem Maße: den hingebenden, weichen, anschmiegsamen, ehrfürchtigen Sinn. Das philologische Talent entspringt aus der Tiefe seines menschlichen Charakters. Man hat darüber gespottet, daß in der trefflichen Biographie Lachmanns von Martin Hertz das Wort »sittlich« so oft vorkomme. Es entspricht dies aber durchaus Lachmanns eigener Art, Menschen und menschliche Leistungen zu beurteilen. Der »Eifer für die Wahrheit und wider den Schein« durchzieht schon die frühesten Rezensionen, wie er nachher in der Vorrede zum Iwein als die höchste Forderung an den Gelehrten auftritt. Immer sind es sittliche Eigenschaften, die Lachmann rühmt oder die er vermißt. Harte Worte fallen gegen das »blinde Raten«, gegen den »sogenannten Scharfsinn, der ohne Fleiß und Streben nach Wahrheit mit trüglichem Schein prunket«. Auch die Bezeichnung »unredlich« scheut er gelegentlich nicht. Das »Opfer der strengsten Arbeit« fordert er von einem Herausgeber des Nibelungenliedes. »Fehler« – sagt er – »wollen wir uns alle, denke ich, gerne nachweisen lassen, aber nicht Trägheit und Anmaßung. Gott erlöse uns von denen, die es bloß gut meinen und weder Gutes tun, noch gut tun wollen.« Es liegt ein furchtbarer Ernst in Äußerungen wie diese: »Darum ist es Pflicht der Redlichen, jedem Unfuge zu steuern, die Mitlebenden vor dem Fluche der Nachwelt zu warnen, der wir, durch unnützes, verkehrtes Treiben, die Arbeit, die uns befohlen war, aufladen.« Oder diese: »Die Achtung der Edlen ist, auch ohne Lobpreisen, zu gewinnen durch Tüchtigkeit; die Achtung des Pöbels erwirbt man durch unablässiges Schreien, Großtun und scheinbar geistreiches Wesen.« Auch sein Haß gegen die Symbolik und ihre Mythendeutung nimmt eine sittliche Wendung: »Beklagenswert ist, wer in gutem Glauben auf solchen Abwegen der Forschung irrt, aber wehe, wer sich hochmütige Sicherheit und trügliche Künste zu Begleiterinnen wählt! Ihn treffe Verachtung, bis er der schnöden Gesellschaft Urlaub gibt und umkehrt zur Wahrheit und Redlichkeit.« Ich kann sehr gut verstehen, wie Lachmann zu solchen Äußerungen gekommen ist. Aber ich bedaure, daß er sie nicht unterdrückte. Er hat dadurch ein Vorbild gegeben, das leicht zur Ungerechtigkeit verführen kann. Wer sehr starke, in gewissenhafter, schwerer Arbeit errungene Überzeugungen besitzt, wird nur zu leicht geneigt sein, einem widerstrebenden Gegner das Schlimmste zuzutrauen, was man einem Gelehrten nachsagen kann, daß er gegen eigenes besseres Wissen der Wahrheit nicht die Ehre geben wolle. Und doch wird dieser Fall, wie ich glaube, in Wirklichkeit sehr selten vorkommen. Meist sind mangelhafte Bildung oder Methode, geringer Verstand, unkontrollierte Vorurteile und unbewußter Einfluß der Eigenliebe, der persönlichen Zu- und Abneigung vollkommen ausreichende und sogar überwiegend wahrscheinliche Erklärungsgründe für solche Phänomene. Ich würde bei einem obstinaten Gegner niemals bösen Willen voraussetzen, um nicht seinem Verstande zu viel Ehre zu erweisen. Und sich über schlechte Leistungen sittlich ereifern, mag in vielen Fällen sehr natürlich sein, in den meisten ist es sehr unklug, weil dann ein geschickter Widersacher sofort und mit Erfolg das Publikum an den höchst bestreitbaren, aber stets wirkungsvollen Satz erinnern kann: »Wer heftig wird, hat unrecht.« Ich glaube nun, daß Lachmann wiederholt in seinen Beurteilungen sittliche Begriffe angewendet hat, wo sie nicht hingehören, daß er Trägheit und Arbeitsscheu zu finden glaubte, wo nur ungeschulte Vieltätigkeit; Eitelkeit und Prahlerei, wo nur regelloses Phantasieren vorlag. Es kann noch heute einem unverdrossenen und bescheidenen Forscher begegnen, daß in einer erregten Stunde die Wolken, die uns umhüllen, wie von selbst zu zerreißen scheinen und daß er auf einen Blick die tiefsten Geheimnisse zu erfassen meint: voll Begeisterung teilt er seine Entdeckungen mit: und über Jahr und Tag stellt sich heraus, daß alles oder vieles Täuschung war. Wie leicht mußten junge strebsame Gelehrte solchen Gefahren unterliegen in den Tagen der intuitiven Methode! Die Welt ist voll Rätsel: sollte zu ihrer Lösung die ehrliche Arbeit allein genügen? Sollte nicht manchmal ein glücklicher Moment und verwegenes Raten mehr dabei helfen? Lachmann würde das gewiß nicht in Abrede stellen, plötzliche Erleuchtungen haben auch ihm den Weg gewiesen, wie jedem großen Gelehrten. Aber er wußte, daß wir nicht fliegen können, daß viele scheinbar ebene Wege in den Sumpf führen und daß nur ruhig zähe Ausdauer, die sich selbstlos und zielbewußt durch das Gestrüpp durcharbeitet, jene Erleuchtungen wahrhaft nutzbringend machen kann. Diese Erkenntnis verlangte er von allen seinen Fachgenossen auch. Aber wenn sie irgendwo fehlte, in einer Zeit wissenschaftlicher Gärungen und Neubildungen irgendeinem Anfänger fehlte: brauchte er darin mehr zu sehen als eben Mangel der Erkenntnis? Daß Lachmann dabei nicht hochmütig war, daß er nicht seine Art, die Dinge zu behandeln, für allein berechtigt hielt, dafür gibt es mehr als einen Beweis. Stets hat er mit Bewunderung und Verehrung zu Jacob Grimm aufgeblickt, der den Mut des Fehlens zu den Tugenden des Gelehrten rechnete. Achtungsvoll hat er sich mit Gervinus auseinandergesetzt, über den heute allerhand kleine Leute teils vom philologischen, teils vom literarischen Standpunkte, ihrer eigenen Trefflichkeit froh, mit überlegener Miene geringschätzig zu reden wagen. Die schuldige Anerkennung zollt er auch dem Freiherrn von Laßberg und verteidigt dem Andersgesinnten gegenüber seine textkritischen Leistungen, als ob er dafür Nachsicht brauchte. Über den Dilettantismus spricht er ein gerechtes Wort, das sich von dem »Kampf gegen den Dilettantismus«, den heute die Halbgelehrten und Handlanger mit vielem Pochen auf echte Wissenschaftlichkeit zu ihrer eigenen Erbauung führen, vorteilhaft unterscheidet. »Uns sind auch bloße Liebhaber sehr willkommen«, – erklärt er – »wenn sie bescheiden einzelnes bemerken, wenn sie Hilfsmittel aus Handschriften oder aus entlegeneren Fächern der Gelehrsamkeit zutragen.« Soll diese mildere Auffassung, die jedem sein Recht gibt, nur dem guten Willen des Urteilenden überlassen bleiben? Sollte es nicht möglich sein, dafür allgemeine Grundsätze aufzustellen? Daß unser Rezensierwesen nicht in Blüte steht, ist bekannt. Wenn man eine objektive Analyse deutscher Bücher zu lesen wünscht, so muß man sie oft in der Pariser Revue critique suchen., Niemand kann wissenschaftliche Bücher kritisieren, wenn er nicht von einem Idealbilde des Gelehrten ausgeht, woran er den einzelnen Mann und die einzelne Leistung mißt. Aber unsere Rezensenten konstruieren sich ihr Ideal meist ganz roh und naiv nach ihren eigenen, vielleicht sehr geringen Fähigkeiten. Worin sie selbst sich stark glauben, das verlangen sie von anderen; worin sie selbst sich schwach fühlen, das erklären sie für unnötig oder verkehrt. Ein wissenschaftlicher Handwerker, der sich mühsam die vorhandenen und erlernbaren Kunstgriffe und Methoden angeeignet hat, wird wenig Verständnis dafür besitzen, wenn jemand diese Methoden zu erweitern sucht. Ein roher Empiriker wird über metaphysische Träumereien klagen, wenn jemand über den Wust einzelner Tatsachen hinaus nach Generalisationen strebt. Ein schwerfälliger oder geschmackloser Fachskribent wird denjenigen für einen »Journalisten« erklären, der die Resultate seiner Forschungen allgemeinverständlich darstellt. Jeder Beruf hat seine Spezialethik. Auch für den Gelehrten gibt es eine besondere Güter- und Pflichtenlehre. Fleiß und Wahrheitsliebe, die Lachmann immer betont, sind allerdings notwendig. Aber sie sind Pflichten so elementarer Natur wie die Gebote »du sollst nicht töten« und »du sollst nicht stehlen«. Näher streift Lachmann an die Forderungen, die ich meine, wenn er von der Arbeit spricht, »die uns befohlen war«. Jede Generation, jede Zeit hat ihre besonderen Aufgaben, und aus der Vergleichung dieser Aufgaben mit der individuellen Leistungsfähigkeit ergeben sich die Pflichten des einzelnen. Wer sich in einer leitenden Stellung befindet und diejenigen, auf die er Einfluß hat, zu falschen Aufgaben verlockt, der lädt eine schwere Verantwortung auf sich. Aber auch wer selbst nur treibt, wozu er gerade Lust hat, was ihm gerade Spaß macht, der ist ein Egoist und versäumt seine Pflicht gegen die Wissenschaft. Es gibt eine Rangordnung unter den Problemen, und wer die höheren, für die er begabt ist, beiseite laßt, um sich an den niedrigen wohlfeile Lorbeeren zu sichern, der ist nicht bescheiden, sondern ein Verschwender des ihm anvertrauten Gutes oder ein Feigling. Auch Fragen, wie die, ob es unter Umständen erlaubt oder geboten sei, Resultate ohne Beweis zu publizieren oder unfertige Untersuchungen der öffentlichen Prüfung zu unterwerfen oder bloß Probleme zu stellen oder auf andere Weise die Fachgenossen anzuregen, anstatt direkt die Wissenschaft durch neue Wahrheiten zu bereichern – alle solche Fragen sind einer allgemeinen Erörterung fähig, die Entscheidung aber kann nur aus dem jeweiligen Stande der Wissenschaft entnommen werden. Die großen Begründer der deutschen Philologie, Jacob Grimm, Wilhelm Grimm, Benecke, Lachmann, haben ihre Pflicht auf bewunderungswürdige Weise erfüllt. Jeder hat das seinen Kräften angemessene Gebiet gefunden und den Nachfolgern ein mächtiges Stück vorgearbeitet. Haben die Nachfolger ihrerseits nichts versäumt? Ich müßte weit ausholen, um diese Frage zu beantworten. Aber ich kann mir nicht denken, daß alles in Ordnung ist, wenn über einen Gelehrten, wie Lachmann, die Ansichten so weit auseinander gehen, daß er von der einen Seite als der Begründer der altdeutschen Textkritik und Metrik verehrt wird, dessen Editionen als schwer erreichbare Muster gelten, während ihm die andere Seite auf allen wesentlichen Punkten Irrtümer, Willkür, falsche Methode und falsche Resultate nachweisen zu können glaubt. Wenn ein solcher Streit unentschieden schwebt, so muß die Entscheidung wohl auf einem Gebiete liegen, das man noch nicht betreten hat, und das auch mit der gewöhnlichen Routine gar nicht zu erreichen ist. In der Tat sind alle Streitfragen, welche wir jetzt mit Lachmanns Namen vorzugsweise verknüpft sehen, ganz allgemeiner Natur und keineswegs der klassischen oder deutschen Philologie eigentümlich. Die Entscheidung über die höhere Kritik der homerischen Gedichte oder des Nibelungenliedes liegt in der vergleichenden Poetik, welche die Natur des Epos und die Natur dichterischer Produktion überhaupt zu untersuchen hat. Die Entscheidung über die Methode der Textkritik liegt in einer Untersuchung, welche die in der Überlieferung literarischer Werke möglichen und nachweisbaren Veränderungen auf Gesetze zurückführt und diesen Gesetzen gemäß das vermutlich Entstellte von dem vermutlich Echten abzusondern versucht. In beiden Fällen aber ist es notwendig, sich über die sogenannte exakte Feststellung einzelner Tatsachen zu erheben und etwas mehr philosophische Neigungen mitzubringen, als unter den Philologen jetzt üblich ist. Sollte es nicht auch zu der Berufsmoral des Gelehrten gehören, daß er über die Berechtigung der Methoden theoretisch im klaren sei, mit denen er zu arbeiten versucht? Die Forderung wird innerhalb der Geisteswissenschaften so selten erhoben, daß es dem einzelnen kaum zum Vorwurfe gleichen kann, wenn er ihr nicht genügt. Hierin auf Besserung hinzuwirken, Lachmanns Methode theoretisch auszubilden oder umzubilden, das weiße Blatt endlich zu füllen, welches die Logik und Wissenschaftslehre für uns offen hält, das wäre die schönste und würdigste Art, Lachmanns Gedächtnis zu feiern. Moriz Haupt Ein Nachruf in der »Deutschen Zeitung« (18., 21. Februar 1874). Moriz Haupt tot! Ich will zu sagen versuchen, was das bedeutet. Ich will mich versenken in das Wesen der gewaltigen Persönlichkeit, die von uns entwichen. Ich weiß nicht, ob ich soviel betrachtende Stimmung aufbringen werde. Es steht mir vor, wie ich ihn zaghaft zum erstenmal besuchte. Alle die Stunden fallen mir ein, die er mir bereitwillig schenkte, alle Belehrung, die ich in Vorlesungen und Gespräch von ihm empfangen, alle Förderung, die er mir auf meinem späteren Lebenswege zuteil werden ließ, alle guten und schönen Erinnerungen, an denen der persönliche Verkehr zwischen Lehrer und Schüler so reich ist, verfolgen mich schattenhaft und beinahe quälend in diesen Tagen der Trauer; mein Herz bleibt in unauslöschlicher Dankbarkeit an das Andenken des Mannes gekettet – wie soll ich mich besinnen, um über ihn zu reden? Der äußere Umriß seines Lebens wird aus bekannten Quellen in allen Zeitungen jetzt wiederholt. Er war in Zittau 1808 geboren. Die Art seiner Vorfahren tritt uns in Gustav Freytags »Bildern aus der deutschen Vergangenheit« Bd. IV, S. 325 ff. anschaulich entgegen. »In den ersten Regierungsjahren Friedrichs des Großen« – erzählt Freytag – »lag in Kleuden bei Leipzig ein armer Lehrer auf dem Totenbette; langer Ärger und Verfolgungen, die er durch seinen Vorgesetzten, einen heftigen Pfarrherrn, erduldet, hatten ihn auf das Krankenlager geworfen. Der geistliche Gegner suchte die Versöhnung mit dem Sterbenden; er gelobte, für seine unerzogenen Kinder Sorge zu tragen, und er hielt Wort.« Ein Leben in Kampf und Fehde, gedrückt, gequält, verdüstert, aber schließlich mit der Aussicht auf das Emporsteigen der Nachkommen: dieser arme, elend dahinsterbende Lehrer war der Urgroßvater von Moriz Haupt. Der Großvater, Kaufmann in Zittau, arbeitete sich aus bitterer Armut durch eigene Anstrengung zum Wohlstand empor. Er war ein streng rechtlicher Ehrenmann. Einfach im Leben und Wollen, jeder Prahlerei feind, schmucklos und klar in seinem Denken; rastlos tätig, dachte er nur darauf, sein Geschäft zu behaupten und zu erweitern, seine Kraft zu steigern. Außerordentlich energisch und konzentriert, arbeitete er täglich zehn bis elf Stunden, nichts zog ihn ab. Aber er wandelte stets auf gerader Bahn, alle kleinen Vorteile verschmähte er. In seinen Urteilen über Menschen traf er den Nagel auf den Kopf, – erzählt der Sohn – doch war er, wie alle rechtlichen Seelen, oft kaustisch, oft scharf und bitter. Hatte er einmal gesagt: »Der Kerl taugt nichts!« so blieb es dabei. Der Vater von Moriz Haupt berichtet bei Freytag über einige Jahre seiner Jugend, und vielfach charakterisiert er sich selbst. Durch seine Erziehung in einer ästhetisch aufstrebenden Zeit wurde das Gefühl für das Anmutige und Schöne in ihm gepflegt. Gedichte wurden gelernt und in der Familie deklamiert; Stellen, die man den Kindern erklärt hatte, erklärten sie dann wieder. Dies weckte in dem Knaben den ersten Gedanken, sich den Studien zu weihen, und anfangs den Wunsch, Prediger zu werden. Aber man lenkte ihn auf die Jurisprudenz. Er ging darauf ein, als er hörte, daß es auch juristische Professoren gebe. Der Wunsch, öffentlich zu sprechen, zog ihn an. Auch als Schauspieler mochte er sich gelegentlich gerne denken; das öffentliche Sprechen übte in jeder Form seinen Zauber: alte Rollen, Rollen, die ihm Autorität gaben, reizten ihn zumeist. Er grübelte nicht, wie sein Bruder, über die Geheimnisse der Welt und Religion. Sein leichterer Sinn, seine Phantasie, die ihn zu den alten Dichtern zog, auch überhaupt sein Gemüt half ihm über die dornenvollen Stellen der Grübelei hinweg. Die Literaturkenntnis schon des Gymnasiasten war auffallend groß. Latein sprach und schrieb er geläufig. Sein Gedächtnis war außerordentlich stark. Für seine Hauptfehler erklärter »Jähzorn bis zur Schlagfertigkeit« und aufbrausende Hitze, Bitterkeit in der Rüge fremder Fehler ist ihm geblieben. Aber stets war er versöhnlich; sich zu rächen, war ihm unmöglich. Den Ernst des Lebens hatte er kennengelernt, geliebte Geschwister verlor er, das Gefühl erlittenen Unrechtes war ihm nicht fremd und wurzelte stark in ihm. Aber ein Fonds von Heiterkeit ging ihm nicht aus, Witz und launige Einfälle standen ihm leicht zu Gebote. So trat er ins Leben. Es verlief anders, als er sich gedacht: ernst und nicht ungetrübt. Er wurde Syndikus, später Bürgermeister in seiner Vaterstadt Zittau, »ein Mann von gewaltigem Wesen und tiefem Sinn«. Aber in den unreifen politischen Regungen des Jahres 1830 wurde die Wucht seiner energischen Persönlichkeit der jüngeren Demokratie unter den Bürgern lästig. Er zog sich, tief verstimmt, von allem öffentlichen Leben zurück, und nie hat er die Kränkung verwunden. »Wenn er still vor sich hinsehend durch die Straße ging, eine schöne, finstere Greisengestalt, dann zogen die Leute mit scheuer Ehrfurcht von allen Seiten die Mützen; er aber schritt, ohne rechts und links zu sehen, durch den Haufen.« Die Wissenschaft tröstete ihn nur halb über den Undank seiner Mitbürger. Er vertiefte sich in historische Studien und gab Jahrbücher seiner Vaterstadt aus dem Mittelalter heraus. Auch lateinische Gedichte sind von ihm gedruckt, Übersetzungen Goethescher, fein und elegant und wohlgelungen. Die Grundlinien seiner Persönlichkeit kehren im Sohne wieder, fast Zug um Zug. Wer ihn kannte, dem springt die Ähnlichkeit in die Augen. Das Innere wie das Äußere scheint gleichermaßen verwandt. Wie die finstern Augenbrauen sich vom Großvater auf Sohn und Enkel vererbten, so setzt sich auch der tiefste Grund des Wesens von einem zum anderen gesteigert fort. Derselbe Charakter, dieselben Neigungen, dieselbe Mischung der Seelenkräfte, fast dasselbe Verhältnis zu den Menschen. Aufbrausende Heftigkeit, tiefer Ernst, dabei schlagender Witz und Humor. Strenge gegen sich selbst und gegen andere – im Grunde der Seele aber eine Weichheit, die wenige kannten, und wer sie kannte, wem er sich mild und gütig erzeigte, dem bleibt es unvergeßlich. Haupt konnte vernichtend tadeln, aber er vermochte auch zu loben wie kein Mensch, seine Anerkennung war wie ein Adelsdiplom. Wem sie zuteil wurde, der hatte das Gefühl, als ob er über sich selbst hinauswüchse. Aber auch die Energie und das gewaltige Gedächtnis sind ihm vom Großvater und Vater angeerbt, und von dem letzteren der Sinn für lateinische Dichtung, die er übte und liebte und die ein Mittelpunkt seiner Studien der klassischen Philologie geblieben ist. Ein großer Unterschied besteht zwischen Vater und Sohn. Was jener erträumt und erstrebt, in diesem hat es sich erfüllt. Der Urenkel des armen Dorfschulmeisters beherrscht das erste Katheder seines Faches. Der Genuß öffentlicher Rede ist ihm vollauf zuteil geworden, und er sprach außerordentlich gut, aber lateinisch und deutsch wirkte er nicht so sehr durch die fließende Geläufigkeit oder den blendenden Glanz der Perioden, als durch die markige Kraft und die niederschmetternde Wucht des überlegten, scharf treffenden Wortes. Wucht, das ist der Begriff, der sich überall zuerst darbietet, wo man sein Wesen zu fassen sucht. Anders als der Vater, hat er eine kaum jemals bestrittene Macht über seine Umgebung ausgeübt. Er brauchte sich nicht verstimmt zurückzuziehen, weil ihm die Zügel des Regimentes einen Augenblick entglitten. Er war eine Herrschernatur. Und er herrschte wirklich in dem Kreise, dem sein lebendiges Interesse angehörte. »Vor Haupt hatte jeder Respekt,« – schreibt ein Berliner Freund – »auch wer ihn haßte oder fürchtete.« Gustav Freytag hat ihm einige entscheidende Züge entlehnt, um den Professor Felix Werner in der »Verlornen Handschrift« damit auszustatten; sogar das Grundmotiv wird wohl Haupt hergegeben haben. Auch er hat eine Handschrift, nicht des Tacitus, sondern des Livius verfolgt: die letzte Spur führte ihn in das Kloster Cismar der Lübecker Diözese. Aber niemals freilich hat Moriz Haupt die Selbstbeherrschung so weit verloren wie jener blinde Philolog, der über der Jagd nach dem alten Klassiker die nächsten Pflichten versäumt. Über Haupts Bildungsgeschichte ist nur wenig bekannt. Ein Biograph müßte nachzuweisen versuchen, wie sein Lehrer und Schwiegervater Gottfried Hermann, wie sein älterer Freund Karl Lachmann auf ihn wirkten und wie er sich fortbildete. Das Andenken beider pflegte er mit nie nachlassender Pietät. Er selbst berichtet in seiner Antrittsrede vor der Berliner Akademie (1854): »In früher Jugend ward ich von dem deutschen Altertume, der Sprache und der Dichtung unserer Altvordern angezogen, und zu der Gewalt, die das Heimische auf mich übte, kam der kaum mindere Reiz der neuen, werdenden Wissenschaft. Es war dies vor mehr als dreißig Jahren, wo die deutsche Philologie vor allen durch Jacob Grimm hervorgerufen ward, wo die Reiser, die seine glückliche Hand in die Erde senkte, bald aufsproßten und auf öder und verwüsteter Stätte ein junger Wald emporwuchs. Wer damals dieses Gebiet der Philologie betrat, der konnte nicht bloß sich belehren lassen; wie ungeübt auch seine Kraft sein mochte, er mußte mitforschen – und er hatte, selbst in einsamer Stille, ein Gefühl tätiger Teilnahme , während die klassische Philologie ihre Sätze den Lehrlingen als überkommene und fertige darbot« ... Zur Erläuterung der hervorgehobenen Worte darf ich aus mündlicher Mitteilung hinzufügen, daß Haupts Beziehungen zu Jacob Grimm mit anonymen Zusendungen begannen, Nachträgen zur Grammatik und dergleichen, welche lange zu Grimms Verwunderung und Freude von Zittau nach Göttingen wanderten, bis der Absender endlich erkannt wurde. »So bin ich anfangs«, fährt Haupt fort, »von dem deutschen Altertums fast allein gefesselt worden, bis dann das griechische und römische und die höhere Schönheit der antiken Poesie mir heller aufgingen und mich festhielten, ohne mich dem Studium des Mittelalters, und besonders des deutschen, zu entfremden. Ich habe dann von Gottfried Hermann die Richtung auf kritische Philologie empfangen, der ich treu geblieben bin, weil sie meiner Neigung und dem Maße meiner Kraft entspricht.« Nach seiner Universitätszeit lebte er in Zittau bei dem Vater, um ihn nicht allein zu lassen in seiner Verdüsterung. Es war eine Zeit der Sammlung und ausgedehnter Studien. Ehrgeiz besaß er, wie es scheint, gar nicht. Sein Freund Klee holte ihn dort weg, indem er ihn überzeugte, daß er an die Universität müsse. Das führte denn zur Habilitation in Leipzig, und rasch stieg er die akademische Stufenleiter empor. Das Jahr 1848 fand ihn in Amt und Würden. In einer Leipziger Rede vom 18. Mai 1848 sagt er: »Aus den alten Geleisen des Denkens und Empfindens sind wir in ungewohnte Hoffnungen, in ungewohnte Sorgen gedrängt, in Hoffnungen für das Vaterland, dessen Einheit und Größe nicht mehr als verlorenes Gut nur den rückwärts gewendeten Blicken erscheint, sondern vor aller Augen steht als hehres Ziel rasch vordringenden Strebens, in Sorgen um das Vaterland, dem größere Gefahren nie gedroht haben, als in dem Drange dieser gewaltigen Zeit. Wohl ist ein grelles Morgenrot vor uns emporgestiegen; es verkündet sturmvolle Tage.« Der Sturm hat seine eigene Existenz erschüttert. Nicht der Frühlingssturm der Revolution, sondern der eisige Frostwind der Reaktion. Scharfe journalistische Angriffe auf Herrn v. Beust, die von Haupt und Mommsen vorzugsweise ausgingen, waren nicht der einzige, aber ein Grund der Absetzung. Einen Teil dieser Verwickelungen hat mir Haupt einmal ausführlich erzählt; meinem schlechten Gedächtnis ist nur das derbe Wort erinnerlich geblieben, womit er eine versöhnende, aber nach seiner Ansicht schimpfliche Zumutung der Regierung abwies. »Das ist eine Infamie!« sagte er dem Beamten, der ihm die betreffende Proposition machen mußte, nahm seinen Hut und ging. Der Bruch war entschieden. Die Absetzung erfolgte. Damals hat die Berliner philosophische Fakultät, nicht ohne Mühe, seine Berufung auf Lachmanns Katheder durchgesetzt. Er war der würdigste Nachfolger, der für diesen großen Kritiker gefunden werden konnte. Wie Lachmann beherrschte er gleichmäßig klassische und deutsche Philologie. Wie Lachmann ist er fast ausschließlich – ich habe seine eigene Erklärung darüber angeführt – der kritischen Seite, den formalen Aufgaben dieser Wissenschaft zugewendet. Bescheiden trat Haupt in den Kreis der Berliner Gelehrten. »Ich habe keine Leistungen aufzuweisen,« – das sind seine Worte – »die tief eingriffen in den Gang der Wissenschaft, ihre Grenzen erweiterten oder in unerforschte Tiefe zu den Gründen der Erscheinungen drängen.« Er sucht in dieser Äußerung geflissentlich die Gesichtspunkte hervorzuheben, unter denen ihm seine Leistungen klein erscheinen mußten. Anders urteilen die Zeitgenossen, und anders wird die Geschichte der Philologie in Deutschland urteilen. Haupt gehörte freilich nicht der ersten, großen Gelehrtengeneration unseres Jahrhunderts an wie Jacob Grimm und Karl Lachmann. Diese waren Bahnbrecher und Zielzeiger; ihre nächst jüngeren Genossen konnten nur Helfer sein, sie konnten nur fortsetzen, was jene begonnen. Die neuen Methoden brauchten umfassende Anwendung, diese Methoden selbst waren nicht ohne weiteres übertragbar, wie man eine neue Maschine fertig aufstellt, die dann in jeder Fabrik nachgemacht und zu deren Gebrauch jeder beliebige Arbeiter geübt werden kann. So sind wissenschaftliche Methoden überhaupt nicht, und die Methoden der Geisteswissenschaften, die Philologie voraus, am allerwenigsten. Die übertragbarkeit beruht bei ihnen wesentlich auf der inneren Verwandtschaft der forschenden Individuen. Und da hätte der deutschen Philologie ein größeres Glück gar nicht begegnen können, als daß ihr neben und nach Lachmann ein Fortsetzer und Mitarbeiter wie Moriz Haupt erstand. Haupt war vor allem von einer staunenerregenden Gelehrsamkeit . Die Gelehrsamkeit ist unter den Gelehrten seltener, als man denkt. Nicht jeder Forscher ist ein Gelehrter. Es gibt wichtige Entdeckungen, die mit großem Aufwand an Denkkraft aus nur mäßigem Wissen entspringen. Haupts Wissen war ein kolossales. Die entlegensten Gebiete kannte er, und die Fülle der Tatsachen stand ihm leicht zu Gebote. Er hatte in seinem Gedächtnis, was andere nur auf den Repositorien ihrer Bibliotheken. Bei ihm haftete alles. Jedem Historiker, der eine Spezialuntersuchung fühlte, konnte begegnen, daß ihn Haupt auf eine übersehene Notiz aufmerksam machte. Die modernen Kultursprachen kannte er alle bis in ihre Feinheiten. Auch böhmisch hat er in Zittau gelernt, und an der Aufdeckung der bekannten tschechischen Literaturfälschungen gebührt ihm ein wesentliches Verdienst. Die ältere deutsche Literaturgeschichte und die Erklärung unserer alten Dichter verdanken ihm eine große Masse von Tatsachen, die er feststellte. Die Minnesänger waren zum großen Teil Privatpersonen ohne öffentliche Stellung, die Chroniken melden nichts von ihnen, bloß in Urkunden finden wir sie als Aussteller oder Zeugen: kein neu erscheinendes Urkundenbuch daher, welches Haupt nicht auf altdeutsche Dichter hin durchsuchte. Topographien las er mit der größten Passion; in Niederösterreich z. B. kannte er jedes Dorf, denn er hatte die Gedichte des Ritters Neidhart von Reuenthal herausgegeben, in denen zahlreiche niederösterreichische Lokalitäten erwähnt werden; um diese nachzuweisen, waren die ausgedehntesten Lokalstudien nötig. Aber es genügt nicht, der Tatsachen mächtig zu sein; man muß wissen, wie sie zu verwerten sind. Jede seiner Vorlesungen begann Haupt mit dem Satze: »Ich will versuchen, Sie Methode zu lehren.« In der sicheren Handhabung der Methode war er unvergleichlich. Niemand verstand es wie er, das Urteil zu schulen. Aber wohlgemerkt: er führte nicht zu den höchsten Problemen hin. Er diente einer Wissenschaft, in welcher allzu leicht die Grundfesten zu wanken beginnen. Nicht einen schwindelnden Bau hoch aufzuführen strebte er, sondern er suchte die Fundamente zu sichern. Das Fundament der Geschichte, der Literatur- und Sprachwissenschaft ist die richtige Erklärung der überlieferten schriftlichen Denkmäler. Wie kann die vergleichende Sprachwissenschaft gedeihen, wenn wir versäumen, aus den literarischen Quellen die Bedeutung der Wörter festzustellen? Wie kann eine Geschichte des menschlichen Denkens gelingen, wenn wir die leisen Unterschiede im Gebrauche der Wörter zu fühlen verlernen? Was wäre die Geschichte und Literaturgeschichte ohne methodische Interpretation? Aber die Interpretation genügt nicht. Die Texte liegen uns nicht vor, wie sie aus der Hand der Verfasser hervorgingen. Der Text Goethescher Dichtungen hat unter Goethes eigenen Augen tiefgreifende Verderbnisse erfahren, und das in dem Zeitalter der Buchdruckerkunst und der wissenschaftlich gebildeten Korrektoren. Wie übel hat die Mißgunst der Zeiten erst den griechischen und römischen und den mittelalterlichen Schriftstellern mitgespielt! Die Verbesserung der Texte, was wir im engsten Sinne Kritik nennen, ist eine der elementarsten Aufgaben des Philologen, aber auch eine der wichtigsten. An der richtigen Wiederherstellung einer verderbten Stelle hängen für den Historiker oft die eingreifendsten Erkenntnisse. Wenn in die Kritik und Interpretation das subjektive Meinen und Belieben einreißt, wenn hier die richtige Methode verloren geht, so gerät die ganze Wissenschaft ins Schwanken. Wenn die Anatomen plötzlich verlernten, das Messer zu führen, wenn man nicht mehr wüßte, wie ein Muskel zu präparieren, wie ein Nerv bloßzulegen ist, da kämen schöne Ärzte und Zoologen heraus. In der Philologie treten von Zeit zu Zeit solche Erschütterungen ein, wo die Elemente unsicher werden. Die Natur ist immer da, und sie korrigiert die Willkür der Menschen. Der mißhandelte Horaz oder Plautus kann nicht seine verschlimmbesserten Verse reklamieren. Ein genialer Philolog kann der Versuchung unterliegen, einen alten Autor wirklich besser zu machen, als er war. Solchen Versuchungen und Versuchen hat sich Haupt stets entgegengestellt. Er hat Achtung vor der Überlieferung und maßvolle Kritik gepredigt. Der Schwerpunkt seines Unterrichtes war eindringende und schützende Interpretation. Wie ein Löwe verteidigte er seinen Autor gegen unberechtigte Erklärungs- und Verbesserungsversuche. Ein Schlag nach rechts – und da lag ein Gegner. Ein Schlag nach links – und da lag ein zweiter. Dann ließ er das Richtige in die Augen springen, daß man gar nicht zweifeln konnte. Was er so hinstellte, das war wie in Stein gemeißelt. Seine Rede klang monumental, er sprach immer kurz, bündig, mit unbeirrbarer Sicherheit. Haupt war ein einziger Interpret. Ich habe etwas Ähnliches nie wieder gehört. Mit derselben plastischen, packenden Art wußte er seine Verbesserungen zu begründen. Im Augenblicke, wo man ihn hörte, war man jedenfalls überzeugt, es konnte nicht anders sein. Noch prächtiger aber, ihn eine solche Verbesserung finden zusehen. Dann rötete sich seine Wange, und die Freude des Triumphes glänzte ihm aus den Augen. Es war, als ob eine geniale Urkraft ausbräche und alle Wirrnis mit einem Male zerrisse. Haupts Fähigkeit des Treffens hatte nicht ihresgleichen. Alle Befreundeten brachten ihm die verzweifeltsten unter den verderbten Stellen, und selten entließ er den Frager ungetröstet. Man kann auf ihn anwenden, was Jacob Grimm von Lachmann sagte: »Er war zum Kritiker geboren.« Der Kritiker ist ein Künstler. Er muß das Werk, das ihm vorliegt, nachschaffen. Er muß das Gedicht, das er in echter Gestalt herstellen soll, nachdichten. Er muß sich in die Seele des Autors versetzen, er muß aus dem Zentrum der produktiven Persönlichkeit heraus entscheiden, ob ein Dichter so oder so geschrieben haben könne. Wie ein Künstler ist er von Laune und Stimmung abhängig. Er kann sich und dem Stoffe nichts abzwingen; der glückliche Augenblick muß es schenken. Mitten im Schaffen kann die Lust plötzlich ausgehen, und wenn sie nicht wiederkommt, so bleibt die Arbeit ungetan. Einer der schönsten Pläne Haupts ist auf diese Weise unausgeführt geblieben: die altfranzösischen Lieder des 16. Jahrhunderts. Deutsche Studenten jener Zeit, die bei den großen Juristen Frankreichs studierten, hatten sie nach Hause mitgebracht, die meisten deutschen Bibliotheken besitzen davon: Haupt hat alles gesammelt, das Schönste ausgewählt – es sind wahre Perlen der Poesie darunter, und das meiste ganz unbekannt – ein großer Teil ist sauber ins reine geschrieben und zur Herausgabe fertig; das liegt seit Jahren und blieb unvollendet. Haupt war nicht bloß ein Künstler: er war ein Virtuos der Konjekturalkritik. Aber wie maßlos sein oft leidenschaftsvolles Wesen erscheinen mochte, der Grundzug seines wissenschaftlichen Charakters ist maßvolle Energie . Die Energie bewies er in den ungeheuren Massen an Material und Arbeit, die er zu bewältigen verstand. Die Energie bewies er in der Konzentration, womit er alle diese Massen auf ein Ziel lenkte, womit er sich in die vorliegende Aufgabe, mochte sie an sich noch so klein sein, vertiefte und nichts Zweckdienliches beiseite ließ. Die Energie bewies er in der Rührigkeit, womit er fremde Kräfte zu einem gemeinsamen Tun vereinigte. So gründete er die »Zeitschrift für deutsches Altertum«, die er jahrelang ruhmvoll geleitet. So gründete er mit Sauppe die Sammlung der Schulausgaben lateinischer und griechischer Klassiker, welche durch ihre erklärenden Anmerkungen eine vernünftige Methode der Interpretation befördern sollten. So hat er auch auf das gelehrte Ehrendenkmal unserer Nation und Sprache, auf das deutsche Wörterbuch der Brüder Grimm, anregend und fördernd eingewirkt. »Was meinen Sie zu einem Plan,« – schreibt Jacob Grimm an Lachmann am 12. März 1838 – »den der Leipziger Reimer und Haupt anregen, von einem ausführlichen deutschen Wörterbuche?« Die Kunst des Maßhaltens bewies Haupt als Kritiker durch den Respekt vor dem überlieferten Buchstaben, den er nicht ohne Not verließ; als Gelehrter überhaupt durch die Selbstüberwindung, womit er Nebensächliches beiseite warf (»Das Nötigste für den Philologen ist der Papierkorb!« pflegte er zu sagen), in der Selbstbeschränkung, womit er einem begrenzteren Gebiete die treueste Pflege widmete, in dem gesunden Konservatismus, womit er die überlieferten und bewährten Methoden der Philologie fortführte und auf neue Gegenstände anwendete. Er bewies die Kunst als Mensch bei tausend Gelegenheiten – vielleicht nur nicht (um mir das Urteil eines befreundeten Mannes anzueignen) in dem schweren Ernst, womit er dem Leben gegenüberstand. Aber in der Auffassung der großen Angelegenheiten der Nation hatte er eine wahre Angst vor Maßlosigkeit und Überhebung. Im September 1866, nach den preußischen Siegen in Böhmen, schrieb er mir: »Uns geht es hier sehr gut, und wir sind nicht hochmütig, aber froh. Von den österreichischen Zuständen habe ich trotz allem, was der Krieg gelehrt hat, keine deutliche Vorstellung. Aber ich hoffe, daß das deutsche Element sich mitten in der Fäulnis und Zersetzung doch erhalten und bewähren werde... Grüßen Sie Karajan, dessen Kummer wohl schwer ist.« Dies mitfühlende Wort für den österreichischen Patrioten ist ganz in seiner Art... Aber ich muß mich wohl kürzer fassen. Unter dem Schreiben sind mir so viele Einzelheiten aufgegangen, daß ich sie jetzt nicht alle wiedergeben kann. Der Interpret und der Kritiker: das ist die hervorragendste Seite von Haupt, aber es ist keineswegs die einzige. Die Beschränkung, die er sich auferlegte, ist wirklich eine Selbstbeschränkung, keine Begrenztheit der Natur. Er seinerseits übte nicht vergleichende und nicht psychologische Sprachwissenschaft; aber wer seine Vorlesungen gehört hat, der erinnert sich, wie er etwa eine lateinische Partikel mit Berufung auf Potts etymologische Forschungen erläuterte; wie er auf dem Gebiete der Satzfügung einzelne Beobachtungen zu generalisieren verstand; wie er an auffallenden syntaktischen Erscheinungen niemals vorüberging, ohne eine psychologische Erklärung dafür zu versuchen. Die Methode der Kritik und Erklärung, die er übte, ist an das lebendige Gefühl des Individuellen geknüpft. Der Schriftsteller als einzelne, endliche und begrenzte Persönlichkeit muß dem Kritiker bis in die letzten Falten des Herzens klar sein. Das hatte Haupt früh erkannt. In seiner Jugend trieb er einmal bloß Griechisch und legte weitschichtige Kollektaneen an, worin er alles beobachtete und eintrug, was nur irgend zu beobachten war. Eines schönen Tages warf er sie ins Feuer, »denn das Gefühl des Individuellen wäre mir dabei verlorengegangen«, sagte er. Und in der Tat las er für größere Aufgaben lieber die ganze vorhandene Literatur von neuem durch, als daß er systematische Sammlungen angelegt und fortgeführt hätte. Dies Individuelle, das ist der Stil des Schriftstellers. Aber der Stil ist mannigfach bedingt. Vieles darin teilt der Autor mit anderen, weniges ist ihm allein eigen. Das Charakteristische beruht meist in der unbewußten Auswahl. Der eine Stil gestattet größere Freiheit, der andere wird zur vielfältig begrenzten Manier. Ganze Schichten und Gruppen bestimmter Stileigentümlichkeiten, die sich von einem Dichter zum anderen vererben, lassen sich beobachten. Die eigensinnigste Beschränkung der Sprache und Verskunst macht sich oft geltend. Nach dieser Seite hin hat Haupt auf lateinischem wie auf altdeutschem Gebiete die umfassendsten, in ihren Resultaten sehr merkwürdigen Beobachtungen gemacht und damit einem der tiefsten sprachwissenschaftlichen Probleme gedient, ja dieses Problem erst recht deutlich und greifbar hingestellt: die Bedingtheit und Begrenzung der individuellen Rede, das Verhältnis des Wortkapitals, worüber der einzelne verfügt, zu dem gesamten Wortschatze einer gegebenen Sprache. Ein anderes Problem der allgemeinsten Art, engverknüpft mit den höchsten Aufgaben der Kultur- und Geistesgeschichte, hat er in seinen Vorlesungen selbst bezeichnet als die Naturgeschichte des Epos . Gemeint sind Beobachtungen über die analoge Entwicklung der epischen Poesie bei den Griechen, Deutschen, Franzosen, Serben, Finnen usw. Von solchen Beobachtungen teilte er mündlich viele mit, seine ausgebreitete Literaturkenntnis bot ihm dazu den Stoff. In früherer Zeit las er in Parallelvorträgen über Homer und das Nibelungenlied. Er bahnte damit eine vergleichende Literaturwissenschaft an, wie es eine vergleichende Politik, eine Naturlehre der Staatsformen seit Aristoteles gibt. Er zog damit die Konsequenz der Anschauungen über das Volksepos, welche Friedrich August Wolf und Lachmann begründet hatten. Von hier aus muß man nun zurückblicken auf die bescheidenen Worte, womit Haupt sich in der Berliner Akademie einführte. Man wird den edlen Stolz empfinden, der sie eingegeben hat, den Stolz auf die Selbstbeschränkung, die ein ungeheures und ausgebreitetes Wissen in den Dienst scheinbar kleiner und bescheidener Zwecke hingab. Haupt war weit entfernt, die Philologie isolieren zu wollen. Er wollte sie nur auch nicht herabdrücken lassen. Wie sehr ihm das Ganze der Wissenschaften überall gegenwärtig war, das ersieht man aus seiner Leipziger Rede vom Jahre 1848 über die Beziehungen der deutschen Philologie zur klassischen. Das war schließlich die Quelle der Macht, die von ihm ausging: dieser stolze Philolog stand fest und tapfer ein für die großen Traditionen unserer letzten literarischen Blüteepoche. Mit der ganzen Wucht seiner imponierenden Persönlichkeit wehrte er dem Verfall, dem uns handwerksmäßige Beschränktheit unter der lockenden Firma des modernen Fortschrittes überliefern möchte. Universität und Schule suchte er zu schützen gegen die unreifen Experimente, welche die freie Entwicklung des humanen Bildungsideals zugunsten einseitiger Fertigkeiten in Frage stellen möchten. Meinen alten Wiener Bundesgenossen im Kampfe für die ungeteilte philosophische Fakultät will ich die letzten Zeilen nicht vorenthalten, die ich von Haupt in Händen habe: »Unsere Universität ist groß,« – schreibt er – »und unsere Fakultät ist zahlreich, und der Geschäftslauf ist dadurch erschwert; dennoch glaube ich, daß unsere Fakultät keinen hat, der nicht den Segen der Ungeteiltheit erkennt und sich nicht gegen Teilung wehren würde. Eine ungeteilte philosophische Fakultät ist Bedingung einer wirklichen Universität.« Haupt stand fest und unentwegbar in der Verteidigung des Einfachen und Bewährten. Vor seiner gefürchteten Autorität verstummte manches törichte Projekt. Auch Fernerstehende haben sich bei ihren Handlungen unwillkürlich die Frage vorgelegt: »Was wird Haupt dazu sagen?« Und man scheute zurück vor einem verdammenden Urteil, das er aussprechen könnte. In Haupt ist eine Säule gestürzt, die ein gut Teil des deutschen Bildungswesens stützte und trug. Wird er jemals ersetzt werden? – – Sein Tod war glücklich – wie viele sich wünschen möchten, zu sterben. Des Abends hatte er Gesellschaft in seinem Hause, er zog sich früher zurück, klagte über leichtes Unwohlsein. Am Morgen fand man ihn tot im Bette. Er war eingeschlafen ohne eine Spur von Todeskampf und Schmerz, ohne daß die Seinen etwas davon gemerkt. »Der Eindruck, den sein Tod auf die Menschen machte,« schrieb mir ein Freund, »ist einem Entsetzen ähnlich: als wenn plötzlich eine alte, feste Burg vor unseren Augen von der Erde verschlungen würde.« In einem fürchterlichen Unwetter, unter Sturm und Schnee, in schneidender Kälte und bei sinkender Nacht gegen 6 Uhr wurde er Sonntag, den 8. Februar, auf dem Dreifaltigkeits-Kirchhofe begraben. Karl Müllenhoff Gedächtnisrede, gelesen in der Königlichen Akademie der Wissenschaften zu Berlin am Leibnizschen Jahrestage, den 3. Juli 1884. Am 19. Februar 1884 ist Karl Müllenhoff für immer aus unserem Kreise geschieden; und wenn ich heut über ihn spreche, so geschieht es wie an einem frischen Grabe: ich kann nur versuchen, in leichtem Umriß anzudeuten, was die Wissenschaft an ihm verloren. Müllenhoff trat in diese Akademie vor zwanzig Jahren, als Jacob Grimm ihr eben entrissen war; und unter allen Fachgenossen hat keiner das Werk Jacob Grimms mit solcher Energie fortgesetzt wie er. Früh wählte er sich eine große Aufgabe; unerschütterlich hielt er daran fest; und beinahe bis zum letzten Atemzuge hat er darin gelebt: er wollte eine deutsche Altertumskunde schreiben. Er wollte den Ursprung unseres Volkes erforschen, die heidnischen Germanen schildern und das deutsche Heidentum in seiner Wirkung auf die späteren Zeiten verfolgen. Alle wissenschaftlichen Arbeiten Müllenhoffs stehen mit wenigen Ausnahmen zu diesem Plan in Beziehung und dürfen als Vorarbeiten dazu angesehen werden. Von dem Buche freilich, dem er den Titel »Deutsche Altertumskunde« gab und das die Resultate lebenslänglichen Strebens zusammenfassen sollte, hat er nur den ersten Band sowie 22 Bogen des fünften noch selbst in den Druck gegeben und den zweiten Band nahezu, den dritten zum geringen Teil druckfertig hinterlassen. Aber es wird auf Grund seiner Vorlesungen, einiger handschriftlicher Aufzeichnungen und seiner gedruckten Schriften, wenn man nur allen darin enthaltenen Andeutungen sorgfältig nachgeht, im ganzen und großen wohl möglich sein, entweder das Bild des Werkes, wie es sich in seinem Geiste zuletzt ungefähr dargestellt haben muß, annähernd wieder zusammenzusetzen oder, was seinem eigenen Willen besser entsprechen würde, es auf Grund seiner Vorarbeiten und in seinem Sinne, aber mit selbständiger Ausführung zu vollenden. Ethnographische Erörterungen machen den Anfang, für welche Kaspar Zeuß in seinem Buche »Die Deutschen und ihre Nachbarstämme« einen vortrefflichen Grund gelegt hatte. Aber Müllenhoff suchte den von ihm hochverehrten Vorgänger in allen Punkten zu übertreffen, indem er an den überlieferten Nachrichten strengere Kritik übte und die Probleme vertiefte. Die Frage nach dem allmählichen Bekanntwerden der Germanen glaubte er nur beantworten zu können, wenn er in die Geschichte der Erdkunde bei den Alten eingedrungen wäre. Die Frage nach dem Verhältnisse der Deutschen zu ihren Nachbarstämmen verwandelte sich ihm in die Frage nach der Art und Weise, wie Europa bevölkert oder wenigstens wie die Völker arischen Stammes in Europa ihre Sitze eingenommen hätten. Im ersten Bande der Altertumskunde setzte er auseinander, wie das Zinn und der Bernstein frühzeitig die Seefahrer aus dem Mittelmeer in den Nordwesten unseres Weltteils lockten und wie dann auf ihrem Wege einem Griechen des 4. Jahrhunderts vor Christus, dem Pytheas von Marseille, die wissenschaftliche Entdeckung Britanniens und zugleich die Entdeckung der Nordseeküste jenseits des Rheins mit einer deutschen Bevölkerung gelang. Die Persönlichkeit des Pytheas bekam eine ungeahnte Klarheit: der Entdecker der Germanen war nach Müllenhoff der erste Gelehrte, welcher daran dachte, die Astronomie auf die Geographie anzuwenden; er war der erste, der die Polhöhe eines Ortes, die Polhöhe seiner Vaterstadt, zu bestimmen suchte; und seine Fahrt nach dem europäischen Nordwesten »war eine wissenschaftliche Erforschungs- und Entdeckungsreise, die er zunächst unternahm, um das wunderbare große Phänomen der Steigung des Pols und der Neigung des Kosmos gemäß der Veränderung des Horizontes nach Norden hin mit eigenen Augen zu verfolgen und zugleich die Ausdehnung unseres Weltteils und die Zugänglichkeit seiner Länder zu erkunden«. Müllenhoff glaubte aber später, wie er brieflich äußerte, ein Moment nicht richtig und hinlänglich hervorgehoben zu haben. »Wollte nämlich«, schrieb er mir, »Pytheas die Steigung des Pols verfolgen, so wollte er sich ohne Zweifel durch eigene Anschauung von der Kugelgestalt der Erde überzeugen, und seine Reise setzte dieses Theorem voraus.« Der zweite Band zerfällt wie der erste in zwei Bücher, das eine betitelt »Die Nord- und Ostnachbarn der Germanen«, das andere »Die Gallier und Germanen«. Es handelte sich um die frühesten nachweisbaren Grenzen Germaniens, und das Resultat sollte sein, daß das Gebiet der Oder und der Elbe unterhalb des Gebirges die älteste und eigentliche Heimat unserer Ahnen gewesen sei. In den Zusammenhang dieser Erörterungen gehört Müllenhoffs letzte akademische Abhandlung »Über den südöstlichsten Winkel des alten Germaniens«, deren Resultate er übrigens in einem Hauptpunkte mündlich mir gegenüber zurücknahm. In demselben Zusammenhange ward er zu einer genauen Erläuterung des dritten Kapitels von Jordanes' Getica geführt, worin er eine vermutlich von dem Herulerkönig Rodwulf herrührende, in sich wohlzusammenhängende Beschreibung Skandinaviens aus der Zeit um 500 nach Christus erkannte: eine Entdeckung, deren wesentliche Ergebnisse er in Herrn Mommsens Ausgabe des Jordanes eintrug. Ebenso konnte ich aus seinen Untersuchungen über die Westgrenze vor Jahren schon die schöne und vergleichsweise sichere Beobachtung veröffentlichen, daß der alte Keltenboden, in Deutschland durch die Flußnamen auf apa oder affa charakterisiert ist. Der dritte Band der Altertumskunde sollte nach Müllenhoffs Absicht »aus der Stellung und dem sprachlichen Verhältnis der ältesten, historisch bekannten Völker des mittleren Europas in dem Striche von den Pyrenäen bis zum Kaukasus den Beweis führen, daß die Väter der Germanen nicht später jenen Wohnsitz (an der Oder und Elbe) eingenommen haben können, als die urverwandten Stämme der Italiker und der Griechen ihre Sitze in Italien und Griechenland«. Der Band sollte weiter »auf Grund der Nachrichten der Römer und Griechen die Ausbreitung und Verzweigung der Germanen um den Anfang unserer Zeitrechnung darlegen«. Hier griff Müllenhoffs Artikel über die Geten von 1875, hier griffen seine akademischen Vorträge über das Sarmatien des Ptolemäus und über die Abkunft und Sprache der pontischen Skythen und Sarmaten, hier griffen seine Untersuchungen über die römische Weltkarte und sein Anhang zu Herrn Mommsens akademischer Abhandlung über das um 297 aufgesetzte Verzeichnis der römischen Provinzen, hier griff endlich seine Quellensammlung Germania antiqua ein. Er wollte nachweisen, daß das Verhältnis der europäischen Sprachen untereinander der geographischen Stellung entspreche, welche die Völker in unserem Weltteile einnehmen. Dieser Stellung, meinte er, müsse auch die Ordnung des Zuges entsprochen haben, in der die europäischen Arier einmal von Osten her einrückten. Die Ahnen der Kelten an der Spitze, hinter ihnen nebeneinander, die Uritaliker und Urgermanen, hinter jenen die Urhellenen, hinter diesen (den Urgermanen) die Litauer und Slawen als ein zweigeteilter Haufe. Die Trennung der Germanen von den Italikern müsse am Fuße der Karpathen, nicht innerhalb des Gebirges erfolgt sein, und die Urgermanen müßten von da aus auf dem nördlichen Wege, um das Gebirge herum, das wilde, wald- und wasserreiche Gebiet an der Elbe und Oder erreicht haben, das so recht eigentlich erst ihre Geburtsstätte werden sollte, wo sie zu einem eigenen und nur sich selbst ähnlichen Volk erwuchsen. Diesen Bildungsprozeß der Nation verfolgte er an der Hand der Sprache, indem er die Lautverschiebung aus dem harten verzweifelten Kampfe des Volkes mit einer lieblosen Natur und das germanische Akzentgesetz aus der einseitig kriegerischen Charakterbildung, mit der die Germanen in die Geschichte eintraten, zu erklären suchte. Die Germanen schieden sich nach ihm in Ost- und Westgermanen. Zu den Ostgermanen gehörte der vandalisch-gotische Stamm und die Skandinavier; zu den Westgermanen die übrigen Völker, die Ahnen der Deutschen, Niederländer und Engländer, welche schon in der von Tacitus überlieferten Genealogie der Söhne des Tuisto als ein unter sich näher zusammenhängendes Ganze erscheinen. Die genaue Untersuchung dieser Genealogie führte unseren verewigten Kollegen zu wichtigen Beobachtungen, welche einen Grund- und Eckstein seiner gesamten Ansicht des germanischen Altertums ausmachten, aber erst im fünften und sechsten Bande seines großen Werkes sich völlig entfalten sollten. Der vierte Band mußte zunächst den Zustand der Germanen, welchen die Nachrichten der Alten vor Augen stellen, innerhalb der weltlichen Sphäre, in Staat und Recht, in Wirtschaft und Sitte darlegen und die gleichzeitigen Berichte fremder Beobachter aus der einheimischen Überlieferung, aus den späteren Verhältnissen erläutern und ergänzen. Schöne Muster für dieses Verfahren stellte er in der mit Herrn v. Lilieneron gemeinsam verfaßten Schrift zur Runenlehre und in der Abhandlung über den Schwerttanz auf. In jener suchte er die frühe Existenz der Runen und ihren Gebrauch bei der von Tacitus geschilderten Prophezeiung durch das Los nachzuweisen und vertrat beiläufig den wichtigen Satz, daß die germanischen Personennamen die sicherste Quelle seien, aus der wir die Lebensideale unserer Vorfahren entnehmen können. In dieser zeigte er die Fortdauer des von Tacitus beschriebenen Schwerttanzes in zahlreichen jüngeren Zeugnissen auf und gewann zugleich ein genaueres Bild dieses kriegerischen Spieles, als es der Taciteische Bericht für sich allein gewähren würde. Die ganze unsterbliche Schrift des Tacitus wußte er so lebendig zu machen. Vielfach berührte er sich hierbei mit Herrn Waitz' deutscher Verfassungsgeschichte; und mit einem Aufsatz über die deutschen Wörter der Lex salica hat er sich selbst an diesem gelehrten Werke oder wenigstens an einer Beilage desselben beteiligt. Wenn auch Recht und Verfassung ihn nicht in erster Linie anzogen, so glaubte er doch gefunden zu haben, daß die germanische Urverfassung mit der römischen und keltischen identisch gewesen sei, und er vermehrte sonst unsere Kenntnis durch manche glücklich bemerkte Einzelheiten. Aber sein eigenstes Gebiet, an dem er mit ganzer Seele hing, betrat er, wo irgend germanische Poesie in Frage kam. Er achtete auf die ältesten Spuren der Alliteration. Er erörterte in wesentlicher Übereinstimmung mit seinem Lehrer Lachmann die Urform des germanischen Verses in der Abhandlung De carmine Wessofontano . Er stellte in einer anderen lateinisch geschriebenen Untersuchung De antiquissima Germanorum poesi chorica fest, daß die älteste germanische Poesie im wesentlichen strophischer Chorgesang gewesen und die Keime der epischen, der lyrischen und der dramatischen Dichtung, unentwickelt, aber entwickelungsfähig, in sich enthalten habe. Er zeigte, wie hieraus eine gemischte Form, Prosa mit eingefügten Versen, und zuletzt das Epos mit fortlaufenden, nicht strophisch gegliederten Langzeilen hervorging. Der Inhalt der ursprünglichen Chorpoesie aber war mythologisch; der Inhalt des Epos war halb mythisch, halb historisch. Dort haben wir es mit den germanischen Göttern, hier mit den deutschen Heroen zu tun. Dort galt es, sich mit Jacob Grimms »Deutscher Mythologie«, hier galt es, sich mit Wilhelm Grimms »Deutscher Heldensage« auseinanderzusetzen. Die Religion sollte im fünften , die Heldensage im sechsten Bande der deutschen Altertumskunde abgehandelt werden. Zu den wichtigsten Quellen der altgermanischen Mythologie gehören die altnordischen Überlieferungen heidnischen Inhaltes, wie sie hauptsächlich in der älteren und jüngeren Edda vorliegen. Ihnen hat Müllenhoff jahrelange, tief eindringende Untersuchungen gewidmet und einen Teil derselben in dem, was vom fünften Bande der Altertumskunde gedruckt ist, ausgearbeitet. Im weiteren Verfolge wäre dann eine Entdeckung zur Sprache gekommen, die er zum Teil schon 1847 in dem Aufsatz über Tuisco und seine Nachkommen vortrug, die er später unablässig ausbildete und welche nach der Seite der Ethnographie, der Verfassung, der politischen Geschichte, der Religions- und Literaturgeschichte ein gleich helles Licht verbreitete. Ich habe schon vorhin darauf hingedeutet. Die Existenz von vier urgermanischen Stämmen, zu denen der skandinavische als fünfter kommt, steht durch die Zeugnisse der Alten unzweifelhaft fest. Müllenhoff war in wesentlicher Übereinstimmung mit Herrn Waitz der Ansicht, daß wir die Istävonen in den späteren Franken, die Ingävonen in den Eroberern Englands und ihren deutschen Verwandten, die Herminonen teils in den Thüringern und Hessen, teils in den Alemannen wiederfinden dürfen, und daß in den Bayern sich vandilisch-gotische Elemente, wenn auch nicht unvermischt, erhalten haben. Uralte Scheidungen also leben in diesen noch heute kräftigen und für unser öffentliches Leben nicht gleichgültigen Stammesverhältnissen fort. Von welcher Art aber waren die Stämme zur Zeit des Plinius und Tacitus? Was hielt die Völker zusammen, die sich zu einem Stamme rechneten? Müllenhoff antwortete: die Religion, ein gemeinsamer Kultus. Sie verehrten eine Stammesgottheit, von der sie abzustammen glaubten und deren Heiligtum sie von Zeit zu Zeit an großen Festtagen in Massen aufsuchten. Müllenhoff aber ging weiter. Er sagte: wir brauchen die Stammkulte nicht bloß vorauszusetzen; wir haben von allen vier Stammkulten deutliche Berichte. Die Göttin Nerthus hielt die Ingävonen zusammen; der Kultus der Tanfana vereinigte die Istävonen; ein Gott, der sich leicht als der Kriegsgott zu erkennen gibt und dessen Heiligtum im Gebiete der Semnonen lag, war der Stammgott der Herminonen; und die germanischen Dioskuren, von denen Tacitus berichtet, gaben den Mittelpunkt für die vandilisch-gotischen Völkerschaften her. Aber damit nicht genug! Müllenhoff wußte wahrscheinlich zu machen, daß uns auch die Mythen, die sich an jene Gottheiten knüpften, noch erhalten seien. Insoferne die Stammgottheiten auch Stammväter oder Stammütter sind und genealogisch an der Spitze der sie verehrenden Stämme stehen, insofern insbesondere das Priester- oder auch spätere Königsgeschlecht, das ihrem Kultus vorstand, seinen Ursprung in gerader Linie von ihnen herleitete, insofern traten entweder sie selbst oder mythologische Personen, die sich von ihnen abtrennten, aus der Reihe der Götter in die Zahl der Heroen über, und an solchen Helden haftet dann der Mythus in nach und nach immer menschlicherer Gestalt ohne Bewußtsein der alten Bedeutung. So ist nach Müllenhoff Siegfried und sein Mythus aus der Stammesreligion der Istävonen oder Franken in die Nibelungensage aufgenommen worden. So lebt der ingävonische Hauptmythus in dem altenglischen Epos vom Beowulf fort. So gingen die vandalischen Dioskuren in die Sagen von Ortnit und Wolfdietrich über. So wurden Figuren des herminonischen Mythus in die Sage vom Untergange des thüringischen Reiches verflochten. Hiermit war ein bedeutungsvoller Schritt über Jacob Grimms Mythologie hinausgewagt. Verfolgte man Grimms Darstellung, so bekam man wohl von einzelnen Göttergestalten ein mehr oder weniger deutliches Bild, aber im Gegensatze zur reich entwickelten Mythologie des Nordens fiel die deutsche Mythenarmut auf. Müllenhoff zeigte, daß ein Teil wenigstens dieser Mythen und gerade der wichtigste, mit den öffentlichen Einrichtungen am meisten verknüpfte in der späteren Heldensage, in den mittelhochdeutschen Volksepen gerettet sei. Auch in der Gudrun, auch in dem Gedichte von Orendel erkannte er uralt-mythologischen Stoff, überall suchte er historische und mythische Bestandteile strenge zu scheiden und den zerstreuten Anspielungen auf unsere Heldensage, die Wilhelm Grimm gesammelt hatte und die er selbst zu sammeln fortfuhr, möglichst viel für die geschichtliche Entwicklung der deutschen heroischen Epik abzugewinnen. Hierin bewährte er sich als Lachmanns Schüler. Lachmanns Vorlesungen hatten sein Augenmerk auf die Geschichte der deutschen Heldensage und Heldendichtung gelenkt; und bald wurde sie ihm der Mittel- und Ausgangspunkt seiner Studien. Allen mittelhochdeutschen Heldenepen widmete er spezielle Untersuchungen. Er zog ihren Stoff ebenso sorgfältig in Betracht wie ihre Form und ihre Überlieferung. Er wandte Lachmanns kritische Prinzipien auf die Gudrun an. Er suchte in der Streitschrift »Zur Geschichte der Nibelunge Not« Lachmanns Ansichten über die Entstehung des Nibelungenliedes fortzubilden und die dagegen erhobenen Einwendungen zu entkräften. Er gab in Gemeinschaft mit seinen Schülern Martin, Zupitza, Jänicke, Amelung , denen sich noch Steinmeyer anschließen sollte, das »Deutsche Heldenbuch«, eine Sammlung mittelhochdeutscher Heldengedichte mit Ausnahme des Nibelungenliedes und der Gudrun, heraus. Und er wandte jene vorsichtige Scheidung des Mythischen und Historischen, welche Lachmann in seiner Kritik der Sage von den Nibelungen gelehrt hatte, auf die sämtlichen deutschen Heldensagen und auf den Beowulf an. Es zeigt sich nun, weshalb seine Altertumskunde mit einer Geschichte der deutschen Heldensage schließen mußte. In dem mittelhochdeutschen Volksepos gelangte uralter geistiger Besitz unserer Vorfahren zu neuer und zum Teil glänzender Wirkung. Das Christentum vernichtete scheinbar die alten Götter; aber den Heroen konnte es nichts anhaben, und unter diesen Heroen bargen sich Götter. Dagegen vor dem romanischen Geiste, der uns im 12. Jahrhundert viele neue Stoffe zuführte und die ritterlichen Dichter des Mittelalters für das höfische Epos gewann, hielten die heimischen Helden nicht stand. Sie verfielen einem weniger gebildeten Publikum; die Lieder, die ihnen galten, verklangen im 16. Jahrhundert; und erst die literarhistorische Bewegung, die zur romantischen Poesie und Wissenschaft führte, blies ihnen von neuem den Hauch des Lebens ein. Müllenhoff war nun aber weit entfernt, die deutsche Poesie außerhalb der Heldensage zu vernachlässigen. Er hatte sich eine klare und umfassende Vorstellung von der ganzen Entwicklung unserer Dichtung bis ins 13. Jahrhundert gebildet und setzte dieselbe seinen Zuhörern auseinander. Er las außerdem über die ältesten Lyriker, über Walther von der Vogelweide, über Wolframs Parzival, und es versteht sich von selbst, daß seine Beschäftigung mit diesen Dingen nicht unfruchtbar blieb, sei es, daß er neue Ansichten aufstellte, sei es, daß er unberechtigte Einwendungen gegen Lachmannsche oder sonstige frühere Meinungen zurückwies. Aber im Vordergründe seines Interesses und seiner produktiven Tätigkeit stand immer die volkstümliche Dichtung. In den »Denkmälern deutscher Poesie und Prosa«, die wir zusammen herausgaben, beschränkte er sich auf poetische Stücke und wählte fast nur solche, die der volkstümlichen Poesie angehören, das Wessobrunner Gebet, das Hildebrandslied, ein Runenverzeichnis, Zaubersprüche und Segen, Rätsel und Sprichwörter, Denkmäler ethnographischen und mythologischen Inhalts oder Gedichte, bei denen es darauf ankam, die mythologische Deutung zurückzuweisen, wie er denn auch durch einen Aufsatz über Reinhart Fuchs dem sogenannten Tierepos im Gegensatze zu Jacob Grimm den volkstümlichen Ursprung absprach und so das Material, aus dem wir unsere Kenntnis der Popularpoesie schöpfen, kritisch zu reinigen und vorsichtig abzugrenzen bemüht war. Der Anteil an volkstümlicher Poesie und ein starkes Heimatsgefühl führte ihn auch über den Kreis des Mittelalters hinaus, indem er die Sagen, Märchen und Lieder aus Schleswig-Holstein sammelte und sie mit einer bewunderungswürdigen Einleitung versah, welche den ganzen in einem starken Bande vereinigten Stoff unter literarhistorische Gesichtspunkte brachte und in die Geschichte der deutschen Poesie einordnete. Er ließ sich dabei von einem Begriffe des echten Volkstümlichen leiten, dessen historische Richtigkeit vielleicht bestritten werden kann, den er aber mit den Brüdern Grimm und Uhland teilte und der als ein Ideal in unserer Literatur des 19. Jahrhunderts seine Früchte getragen hat. Eine der schönsten dieser Früchte hat er in ihrem Reifen mit wahrer Liebe und Teilnahme verfolgt, den Quickborn von Herrn Klaus Groth , dessen Orthographie er feststellen half, zu dem er Einleitung, Grammatik und Glossar hinzufügte und den er zum Teil ins Hochdeutsche übertrug. Wie er sich als einen Meister in der Darstellung seiner heimatlichen Mundart bewährte, so hat er die Geschichte unserer Sprache durch die Vorrede zu den »Denkmälern« gefördert, indem er uns die fränkischen Dialekte des Althochdeutschen unterscheiden lehrte, die Entwicklung einer deutschen Gemeinsprache von Karl dem Großen bis auf die luxemburgischen Kaiser verfolgte und so die Wurzeln der neuhochdeutschen Schriftsprache bloßlegte. Er zeigte, wie man die Eigennamen der Urkunden als sicher datierte Sprachquellen benutzen und danach undatierte Denkmäler chronologisch bestimmen könne. Er gehörte zu denjenigen, welche den Anstoß zu einer neuen, von Grimm und Bopp abweichenden Auffassung des arischen, zunächst des europäischen Vokalismus gaben. Er trug die deutsche Grammatik in beständiger Fühlung mit der vergleichenden Sprachwissenschaft vor. Er war in allen germanischen Sprachen fast gleichmäßig zu Hause, übte Textkritik auf dem nordischen und altenglischen Gebiete ganz ebenso wie auf dem althochdeutschen und mittelhochdeutschen, nicht minder aber auch auf dem griechischen und lateinischen. Er war ein kundiger Etymolog, in jüngeren Jahren sehr vorsichtig und zurückhaltend, im Alter zuweilen kühn, immer aber streng methodisch und jeden Schritt, den er wagte, durch Analogien belegend. Er war insbesondere ein großer Kenner der germanischen Personennamen, die er für grammatische und antiquarische Zwecke auf Grund eigener reicher Sammlungen in umfassender Weise und höchst feinsinnig herbeizog. Er griff, wo es nötig war, über das germanische Gebiet hinaus, gewöhnte sich früh, mit Zeuß' Grammatica celtica zu operieren, schrieb in unseren Monatsberichten über die Geschichte des Auslautes im Altslowenischen, arbeitete sich, um die Nationalität der Skythen festzustellen, in die Sprache des Zendavesta ein und bewies überall dieselbe methodische Sicherheit. Wenn er zeitlebens mit der vergleichenden Sprachwissenschaft in Fühlung blieb, so hatte er auch im Anfang seiner mythologischen Forschung alle Resultate der vergleichenden Mythologie akzeptiert und darauf fortgebaut, ward aber je länger je mehr daran irre, hielt nur wenige Punkte für sicher, legte größeren Wert auf die unter ähnlichen Umständen ähnliche Entwicklung der Mythen und Sagen, und verbreitete im Sinn einer solchen Betrachtung, ausgerüstet mit den reichen Erfahrungen seiner germanischen Sagenforschung, über den Stoff der Ilias und Odyssee ein neues Licht. Er wußte Naturmythen glücklich zu deuten, deutete aber nie nach der Schablone, begünstigte weder die Sonne noch das Gewitter und hielt sich stets an die besonderen Umstände und an die zuverlässige Etymologie. Er war ein ausgezeichneter Kritiker und Interpret. Er baute immer von unten auf, nach peinlichster und gewissenhaftester Untersuchung der Fundamente. Er war gewohnt, nach Lachmanns Beispiel auf die innere Gliederung zu achten, und das konnte ihn auch wohl einmal zu weit führen, wie bei seiner Abhandlung über den Bau der Elegien des Properz . Er war gewohnt, sich nach den Grundsätzen einer strengen Interpretation ein jedes literarische Produkt darauf anzusehen, ob es einheitlich aus der Hand eines Autors hervorging, oder die Spuren nicht einheitlicher Abfassung, Widersprüche, ungeschickte Verbindungen, Kennzeichen nachträglicher Zusätze, an sich trug. Er rechnete ebensowohl mit der vielleicht unterbrochenen und unaufmerksamen Arbeit eines Verfassers, wie mit der Möglichkeit fremder Einmischung oder der Zusammenschweißung von Werken verschiedenen Ursprungs. Er übte diese Methode der sogenannten höheren Kritik an der Gudrun, am Beowulf, an den Liedern der alten Edda, an anderen Gedichten der Volks- und Kunstpoesie und fast überall mit gleichem Glück. Durchweg kam ihm sein eminent historischer Sinn zugute. Er war, wie wenige, geübt, das Sein aus dem Werden, oder vielmehr im Sein das Werden zu erkennen. Sind wir in der Lage, an der Hand einer chronologisch feststehenden Geschichte der Rechtsquellen einen juristischen Satz zu verfolgen und seine Veränderung zu beobachten, so gehört in der Regel nicht sehr viel dazu, um das Prinzip der Veränderung zu ermitteln. Besitzen wir die Quellen, die ein mittelalterlicher Annalist ausgeschrieben hat, so ist es nicht sehr schwer, sein Werk auseinanderzunehmen, es in seine Bestandteile aufzulösen und uns an die ursprünglichen Quellen statt der vielleicht unter Mißverständnissen und willkürlichen Kombinationen daraus abgeleiteten, zu halten. Schwieriger wird schon die Aufgabe, wenn sich der Verdacht solcher Ausschreiberei aufdrängt, aber die ausgeschriebenen Quellen ganz oder zum Teil verloren sind. Es gibt jedoch Mittel, um auch hierüber annähernd ins reine zu kommen, und Müllenhoff hat zahlreiche Stellen antiker Geographen oder Historiker durch Anwendung des feinsten und scharfsinnigsten Verfahrens auf ihre ursprünglichen Quellen zurückgeführt und demgemäß kritisch benutzt. Drang er hier in die Entstehungsgeschichte kompilierter Geschichtswerke ein, so war seine höhere Kritik nichts anderes als ein Versuch, die allmähliche Entstehung von literarischen Kunstwerken zu ermitteln. Aber auch die niedere Kritik, die bloße Textkritik verlangt oft ähnliches Verfahren: die Geschichte der Überlieferung müssen wir zuweilen aus Handschriften ablesen, die alle gleich gut oder gleich schlecht sind und uns durch kein äußeres Merkmal das Geschäft erleichtern, sondern uns allein auf das Urteil, auf die Abwägung von Wahrscheinlichkeiten, auf die Beobachtung des Prinzips der Entstellung, kurz auf mehr oder minder glaubliche Vermutungen, verweisen. Müllenhoff hat auch hierin die schwersten Aufgaben siegreich bewältigt; und der Takt, der ihn im kleinen sicher leitete, blieb ihm bei den größten Problemen getreu. Aus den Nachrichten des Tacitus über die germanische Religion wußte er herauszulesen, daß die bestehenden Zustände auf einer weitreichenden Umwälzung beruhten, welche den alten arischen Himmelsgott entthronte und den Wodan an seine Stelle setzte. Und so hatte es seine ganze Altertumskunde im tiefsten Grund auf Geschichte abgesehen. Die innere Entwicklung der Germanen, welche vor der zeitgenössisch beglaubigten Historie liegt, wollte er erkennen und anschaulich machen und vertraute darauf, daß es gelingen müsse, d. h. er vertraute auf die Macht seiner scheidenden und verbindenden, seiner auflösenden und aufbauenden Methode; er vertraute auf die Macht der wissenschaftlich begründeten Vermutung. Müllenhoff haftete nirgends an der überlieferten Tatsache. Er wollte stets über die Tradition hinaus auf einen höheren Zusammenhang kommen. Er begnügte sich nicht mit den Einzelheiten, sondern strebte zum Ganzen. Das war aber auf den Gebieten, die er bearbeitete, nur durch Vermutung zu erreichen, und die fruchtbare Vermutung setzt eine wissenschaftlich geschulte Phantasie voraus. Der hohe Rang, den Müllenhoff als Gelehrter einnahm, beruht auf dem Werte seiner Hypothesen und auf der Kraft seiner Phantasie. Phantasie verlangte er ausdrücklich von dem Forscher, der die Zustände verschwundener Völker in einem einheitlichen Gemälde darstellen will. Phantasie, d. h. nicht Phantasterei, sondern die Kraft der inneren Vergegenwärtigung, durch welche wir die überlieferte Tatsache nicht als etwas Totes anschauen, sondern sie ins Leben zurückversetzen und sie nach unserer allgemeinen Kenntnis menschlicher Dings zu dem seelischen Grund alles Lebens und zu der Gesamtheit der sonst überlieferten und lebendig aufgefaßten Tatsachen in Beziehung setzen. Die Kraft der inneren Vergegenwärtigung machte ihm auch abgeschiedene Menschen lebendig, den Pytheas, den Eratosthenes, den Polybius, den Strabo, den Verfasser oder die Verfasserin der Völuspa, den Wolfram von Eschenbach und Walther von der Vogelweide. Zu ihnen gewann er ein ganz persönliches Verhältnis, in Feindschaft und Freundschaft, in Haß und Liebe, in Verachtung und Verehrung. Wie es ihm im Leben begegnen konnte, daß ihm seine Phantasie die Menschen plötzlich verdunkelte und ihm Karikaturen derselben entwarf, gegen die er sich ereiferte, so fing er den »guten« Strabo, wie er ihn nennt, einmal zu schelten an, erklärte ihn für einen Mann von stumpfen, ja groben Sinnen, von kurzem Verstande, geringer Verschmitztheit und mäßigem Wissen und schließlich für einen argen Tölpel. Das Organ der Verehrung war stark in Müllenhof f ausgebildet, und das, was er verehrte, hielt er wie ein Heiligtum hoch. Was ihn an Strabo empörte, war dessen vorschnelle Polemik gegen Eratosthenes. Und so hat er im Nibelungenstreite die Gegner Lachmanns statt der überlegenen Ironie, die vollkommen ausreichte, mit der schwersten Rüstung des sittlichen Zornes bekämpft. Er sah und suchte stets den ganzen Menschen und seinen sittlichen Kern. Das Kleinste hing ihm mit dem Größten zusammen; und so war auch er selbst in jedem Augenblicke ganz. Sein innerstes Wesen erzitterte sofort, wo ihm ein heiliges Prinzip bedroht schien; und das war oft der Fall, wenn er in der geringsten Sache etwas geschehen sah, was gegen seine Überzeugung lief. Dieser leidenschaftliche Ernst, der den ganzen Mann im Innersten aufwühlen konnte und alle seine Kräfte, Gefühl, Verstand, Willen in Gärung brachte, hat ihm manche bittere Stunde bereitet und seine wissenschaftliche Laufbahn fast zu einer tragischen gemacht. Denn war es nicht ein tragisches Geschick, das Werk eines ganzen, wohlangewandten Lebens als Fragment hinterlassen zu müssen? Die schwere Gründlichkeit seiner Natur ließ ihn bei der Altertumskunde nicht aus der Stelle kommen. Sie zwang ihm eine solche Vertiefung in die Einzelheiten auf, daß das Ganze, das seinem Geiste vorschwebte, überhaupt nicht zutage trat. Er mochte wohl theoretisch zugeben, daß der Forscher, der neue Gedanken einzusetzen habe, diese nicht zu lang und zu ängstlich zurückhalten dürfe, sondern die Arbeit der anderen rasch zu befruchten habe. Er bestritt nicht, daß hier die Pflicht des entschlossenen Mitteilens höher als die Pflicht der durchgängigen Vollendung stehe. Er mußte anerkennen, daß die mächtig anregende Kraft, die von Jacob Grimm ausging, zum Teil darauf beruhte, daß er den Mut des Fehlens hatte. Er räumte bereitwillig ein, daß die Altertumskunde, vor 20 oder 30 Jahren mit einem kühnen Wurfe vielfach unfertig hingeschrieben, jetzt längst mindestens die dritte Auflage erlebt haben würde und daß diese dritte Auflage wahrscheinlich doch viel besser als die mit solcher Gründlichkeit vorbereitete erste wäre. Aber er war praktisch nicht imstande, solchen Mahnungen zu folgen; und das letzte Aufflammen seines Geistes, mit dem er sich, halb erblindet, entschließen wollte, unter Beihilfe jüngerer Freunde endlich herzugeben und zu redigieren, was er habe, und die noch vorhandenen Lücken seines Wissens unbekümmert stehen zu lassen – dieses letzte Aufflammen ging nur um wenige Tage der letzten, entscheidenden Erkrankung vorher, von der er sich nicht mehr erholte. Aber seine Wirkung auf die Nachwelt soll darum nicht geringer sein. Der fragmentarische Zustand seines Lebenswerkes enthält eine Aufforderung zu strenger, weiterführender Arbeit in seinem Sinne. Die, welche nach ihm auf der Stelle zu wirken bestimmt sind, die er ehemals unter uns einnahm, werden sich noch lang als seine Schüler fühlen und seinen bahnbrechenden Gedanken gerne jene folgsame Versenkung entgegenbringen, die jedem zum Heile gereicht, der sie übt, und auf die er gern mit den Worten Lachmanns hindeutete: »Sein Urteil befreit nur, wer sich willig ergeben hat.« Josef Diemer »Presse«, 22. Juni 1869. Es war im November 1064, als eine gewaltige Volksmenge sich die Donau hinab bewegte, durch Ungarn dem gelobten Lande zu; kleiner als ein Kreuzheer (die Kreuzzüge hatten noch nicht begonnen), weit zahlreicher als sonst die Scharen frommer Pilger: auf 7000 schätzte man die Teilnehmer. Hoch zu Roß zogen sie einher, mit goldenem und silbernem Gerät, im vornehmsten Schmuck der Kleidung und Rüstung: die ersten alten Sagen von den Nibelungen, von Gudrun, von Dietrich von Bern, an den neuen von König Artur, Parzival, Tristan: der ritterliche Geschmack dominierte. Dann kamen andere Zeiten, andere Interessen, keines aber führte zu jenen alten Dichtern zurück, bis das 18. und 19. Jahrhundert die Liebe zur vaterländischen Vorzeit teils in patriotischem, teils in wissenschaftlichem Sinne wieder erweckte. Man strebte allmählich ein Bild auch der Literatur des 11. und 12. Jahrhunderts zu gewinnen. Man fand dies und jenes. Einzelne Kräfte und Leistungen jener alten Epoche traten wieder hervor, nur der Zusammenhang, die innere Gliederung wollte nicht klar werden. Daß in den Bibliotheken österreichischer Klöster noch manches verborgen liegen müsse, erkannte man bald. Aus Deutschland kamen Graff, Maßmann, Hoffmann, Mone und durchstöberten einige. In Österreich selbst war Karajan mit unermüdlichem Spürsinn tätig. Man durfte meinen, nichts Wichtiges sei mehr zurück. Und doch lag da in Steiermark ein kleines, vergessenes Chorherrenstift, das in einer dunklen Ecke seiner Handschriftensammlung eine Urkunde der geistlichen Poesie bewahrte, mit der sich nichts, was bis dahin aufgefunden war, an wissenschaftlicher Bedeutung messen konnte. Hier schlummerten Ezzo, Frau Ava, Priester Arnold und andere den Schlaf der Verzauberten und warteten auf ihren Erlöser. Wer war dieser Erlöser? Es war der Mann, dessen Namen ich über die vorliegenden Zeilen gesetzt habe: Josef Diemer, der am 4. d. M. als Regierungsrat und Direktor der Wiener Universitätsbibliothek gestorben ist, der still und prunklos, wie er lebte, im größeren Publikum wenig gekannt war, der aber weit hinaus über Österreich in der Wissenschaft hoch geehrt und geachtet dastand. Josef Diemer war von armen Eltern zu Stainz in Steiermark 1807 geboren. In seinem 10. Jahre verwaiste er, im 12. verlor er das geringe väterliche Erbteil, auf welchem seine materielle Existenz beruhte, und war als armer Lateinschüler in Graz, ohne Freund, ohne Hilfe, auf sich selbst angewiesen. Ein bißchen Suppe, das ihm aus der Küche des Franziskanerklosters gereicht wurde, oder das Frühstücksbrot eines barmherzigen Mitschülers war oft sein einziges Mittagsmahl. Aber des Knaben Kraft erlahmte nicht. Ein ausgezeichnetes Gedächtnis und ein nie nachlassender Fleiß war das Kapital, von dem er sich erhielt. Konnte er sich die Schulbücher nicht kaufen, so mußten die wenigen Minuten vor dem Beginne der Lehrstunde genügen, um aus einem entliehenen Buche sich das Nötige rasch einzuprägen. Seinen Unterhalt gewann er durch Lektionen. So brachte er sich durch das Gymnasium und legte die damaligen philosophischen und dann die juristischen Studien mit dem besten Erfolge zurück. Schon als Student begann er seine bibliothekarische Laufbahn an den Bibliotheken des Joanneums und der Universität zu Graz. 1842 kam er als Skriptor an die Wiener Universitätsbibliothek, die er seit 1850 leitete. Diemer war, soweit ich urteilen kann, ein vortrefflicher Bibliothekar. Er wußte mit einer verhältnismäßig geringen Dotation ganz bedeutende Resultate zu erzielen. Die Wiener Universitätsbibliothek hat in ihren verschiedenen Fächern eine gleichmäßige Vollständigkeit erlangt, mit der sich viele weit reicher dotierte Bibliotheken nicht messen können. Daß sie noch manches zu wünschen übrigläßt, ist kein Wunder. Und vorschnelle Tadler mögen sich um die Größe der Summen bekümmern, über welche man dort zu verfügen hat. Billige Forderungen, die ihm von kundiger Seite zukamen, hat Diemer stets erfüllt, soweit seine Mittel reichten. Doch ich wollte nicht von dem Bibliothekar Diemer sprechen: dem Gelehrten gelten in erster Linie meine Worte. Erst in den letzten dreißiger Jahren warf sich Diemer auf das Studium der altdeutschen Literatur. »Ohne alle Anleitung, ohne Lehrer schritt ich dazu«, so erzählte er selbst. »Wer in ähnlicher Lage gewesen, der weiß, wie langwierig dieser Weg, und mit welcher Mühe und Aufopferung er verbunden ist. Wohl wäre auch ich durch die Schwierigkeiten, die sich mir entgegentürmten, entmutigt, von dem Versuche abgestanden, hätten nicht mein fester Entschluß und immer neu erscheinende Werke des Faches meine Tatkraft stets wieder neu belebt Und mir die Mittel geboten, alle Hindernisse zu überwinden. Hierzu trat noch das mit dem Gegenstande eng verknüpfte vaterländische Interesse und die Überzeugung, daß auf diesem bei uns wenig gepflegten Gebiete zuerst eine Ausbeute möglich sei, und daß meine schwachen Kräfte vielleicht ausreichen dürften, da etwas zur Ehre des Vaterlandes und seiner Literatur zu leisten. Um dieses ersehnte Ziel zu erreichen, glaubte ich dem Beispiele jener Männer des Auslandes folgen zu müssen, welche unermüdet im Forschen alle Gauen Deutschlands und auch unsere Lande durchsuchten, um die Bausteine zum Dome der altdeutschen Literatur zu sammeln. So nahm ich denn, gehörig vorbereitet und mit den vorhandenen Sprach- und Literaturdenkmalen vertraut, mein Ränzlein auf den Rücken und wanderte jährlich in den Ferien in Steiermark, Österreich und Kärnten von Archiv zu Archiv, von einem Kloster und Stifte zum anderen, um deren Bibliotheken und ihre Handschriften zu durchsuchen und so wenigstens eine gründliche Nachlese zu halten. Meine Forschungen waren nicht vergeblich. Gar manches fand ich, was seither in meinen ›Beiträgen zur älteren deutschen Literatur‹ zum Teil für die Wissenschaft verwertet ist. So erfreulich diese Funde auch waren, so treten sie gegen die im Stifte Vorau, die mir das Jahr 1841 bescherte, weit in den Hintergrund. Ich fand nämlich dort nach gewohnter Durchprüfung schon fast aller anderen Handschriften zwölf größere Dichtungen des 11. und 12. Jahrhunderts von höchster Wichtigkeit. Es war nun meine Hauptsorge, diese Dichtungen, wie einiges andere, was ich sonst gefunden hatte, ihrer, der Wissenschaft und des Vaterlandes würdig in die Öffentlichkeit zu bringen. Sieben Jahre arbeitete ich Tag und Nacht bei der mir durch den Bibliotheksdienst und meine Lektionen karg zugemessenen Zeit, um die gefundenen Werke ordentlich verstehen und ihre Beziehungen zu dem anderwärts Vorhandenen kennenzulernen und so der Aufgabe des Herausgebers zu genügen.« In der Tat, um den Vorauer Fund, der unter dem Titel »Deutsche Gedichte des XI. und XII. Jahrhunderts« (Wien, Braumüller 1849) erschien, gruppierte sich mehr oder weniger die ganze wissenschaftliche Tätigkeit Diemers. Und diejenige Eigenschaft, die allein auch wissenschaftliche wie andere Entdeckungen sichern kann, der gründliche, nie ablassende Eifer des Spürens und Suchens charakterisierte Diemer durchweg in seinen Arbeiten. Er gab sich nie zufrieden mit dem Vorhandenen und bereits Erlangten. Er grub immer tiefer und tiefer und hörte nicht auf zu graben, bis Wasser kam. Nie hat er das Werkzeug zu früh aus der Hand gelegt, weil sich nicht gleich Früchte seiner Bemühungen zeigten. Dieses Gefühl der Beunruhigung durch ein wissenschaftliches Problem, das uns nicht schlafen läßt, das uns quält und neckt wie ein ungelöstes Rätsel, das uns die Wahrheit in der Ferne zeigt wie ein Nebelgebilde, das wir nicht erhaschen können, dies führt allein zu bedeutenden wissenschaftlichen Leistungen. Und dies Gefühl war in Diemer sehr lebendig. Es tat sich nicht leicht genug. Er war stets bereit, das scheinbar schon Festgestellte abermals zu prüfen, um und um zu wenden und nach neuen Gesichtspunkten der Betrachtung dafür zu suchen. Dabei war Diemer von reiner und makelloser wissenschaftlicher Gesinnung. Jeder Tadel, der ihn fördern konnte, war ihm willkommen. Es fiel ihm nicht ein, freimütigen Widerspruch zu mißdeuten. Er warb förmlich um die Äußerung und nähere Darlegung abweichender Meinungen. Ich habe ihn einmal eigens besuchen müssen, um seine letzte Schrift mit ihm eingehend zu diskutieren . . . Und was war nun das Resultat dieses ernst und pflichttreu vollbrachten Lebens? Eine Summe neuer, wichtiger Wahrheiten, welche für alle Zeiten mit seinem Namen in der ehrenvollsten Weise verknüpft bleiben. Klingt das nicht pompös genug? Will man fragen: Was ist der Welt damit gedient? Das Ansehen der Wissenschaft ist in Osterreich noch kein so festbegründetes wie anderwärts. Die populäre Anschauung des 16. und 17. Jahrhunderts, die sich in dem Sprichworte: »Die Gelehrten, die Verkehrten« ausprägte, scheint bei uns noch nachzuwirken. Man schätzt das Wissen vor allem nach seiner praktischen Verwertbarkeit. Auch die bloße Verbreitung des Wissens, besonders wenn sie sich vielleicht glänzender äußerer Form bedient, achtet man oftmals höher als die eigentliche gelehrte Produktion. Und selbst in wissenschaftlichen Kreisen sollen ähnliche Anschauungen zum Teil sehr hoch hinaufreichen. Wer aber den Wert der Wahrheit um ihrer selbst willen begriffen hat, wem eine Ahnung innewohnt von dem stillen Glück des einsamen Forschers, dem ein schwieriges Problem in plötzlicher Klarheit sich enthüllt, dem wird auch der Wert des Lebens nicht fraglich sein, das ich hier in wenigen Hauptzügen vorzuführen versuchte. Caroline Michaelis Aus den »Vorträgen und Aufsätzen zur Geschichte des geistigen Lebens in Deutschland und Österreich«. I. Caroline ist der Titel eines eben erschienenen, von Georg Waitz herausgegebenen Buches, Caroline. Briefe an ihre Geschwister, ihre Tochter Auguste, die Familie Gotter usw., nebst Briefen von A. W. und Fr. Schlegel. Herausgegeben von G. Waitz. Zwei Bände. Leipzig. S. Hirzel 1871. zu dessen Lektüre ich meine Leser durch die nachfolgenden Zeilen verlocken möchte. Wer irgend sich für die literarischen Zustände und Parteien Deutschlands am Ende des vorigen und Anfang dieses Jahrhunderts interessiert, wird die reichste Belehrung daraus schöpfen und die Anschauung eines Frauenbildes gewinnen, das man sich nicht ohne Bewegung vergegenwärtigen kann. Die Heldin des Buches – das keine Biographie, sondern nur in einer reichen Korrespondenz die Materialien dazu liefert – ist die 1809 im Alter von 46 Jahren verstorbene Caroline Schelling, geschiedene Schlegel, verwitwete Böhmer, geborene Michaelis. Tochter des berühmten Göttinger Orientalisten, aufgewachsen in den Professorenkreisen der Universitätsstadt, dann verheiratet in einem Landstädtchen der Harzgegend an den Arzt Böhmer, den sie nach vierjähriger äußerlich ungetrübter, aber innerlich (wenigstens für sie) nicht eben sehr beglückter Ehe durch den Tod verliert – sucht die junge, geistvolle Witwe lange vergeblich nach einem festen Halt im Leben. Freundschaftliche Berührung mit August Wilhelm Schlegel, der ihr leidenschaftlich huldigt – Heiratsanträge eines würdigen Geistlichen – Liebeswirrnisse mit einem gewissen Tatter – Aufenthalt zu Mainz mitten in den Revolutionsstürmen, an denen man sie tätig beteiligt glaubte – Freundschaft mit Georg Forster – Staatsgefangenschaft auf der Festung Königstein: so ungefähr lassen sich die Lehr- und Wanderjahre der merkwürdigen Frau umschreiben, welche endlich durch die Vermählung mit Wilhelm Schlegel einen vorläufigen Abschluß finden, bis auch dieses Band sich unter beiderseitiger Übereinkunft löst und die Vielumhergeworfene in den Armen des zwölf Jahre jüngeren Schelling ein spätes, aber tief und dankbar genossenes Glück erlangt. Das ist freilich kein alltäglicher Lebenslauf. Und Caroline konnte dem Schicksale nicht entgehen, auf das jede Frau gefaßt sein muß, die so weit von der Heerstraße der Gewöhnlichkeit abschweift. Und doch ist allzu bereitwillig der Stab über sie gebrochen worden. Man vergißt so leicht, daß es in moralischen Dingen kein Rekrutenmaß gibt, daß Temperament und Naturanlage, individuelle Dispositionen und Lebensverhältnisse und die sittlichen Anschauungen des Zeitalters notwendig in Rechnung gezogen werden müssen, um ein reines und gerechtes Urteil zu ermöglichen. Wer will überhaupt alle rätselvollen Irrwege des menschlichen Herzens zum voraus berechnen und ihm ein für allemal den Gang vorzeichnen, den es nehmen müsse? Das Leben ausgezeichneter Menschen bietet mehr als einen vielverschlungenen psychologischen Knoten, den wir nicht aufzulösen vermögen, den wir als ein undurchdringliches Geheimnis schweigend anzuerkennen haben. Aber dürfen wir vorschnell verdammen, weil wir nicht überall verstehen? Vielleicht hätte man Carolinen ihre extraordinären Schicksale gern vergeben. Mindestens ihre Zeitgenossen waren darin nicht so streng. Aber sie war eine allerliebste Frau, sie hatte jene hinreißende Anmut und Weichheit, jene reizende Mischung von Geist, Lebhaftigkeit, Witz und Gefühl, jene Harmonie des ganzen Wesens, welche Liebe auszuatmen und Liebe zu verlangen scheint – nicht mit Absicht, nicht aus Berechnung, es ist ihre innerste Natur so, sie kann nicht anders; sie ist unbefangen, naiv, offen, wahrhaftig; sie hat etwas von jener »aus der Unschuld entspringenden Verwegenheit«, wie es Goethe einmal nennt, welche auf Männerherzen eine so unwiderstehliche Macht ausübt. Um solche Frauen sammelt sich regelmäßig ein Kreis ausgezeichneter Männer, die alle mehr oder weniger für sie zu schwärmen, alle mehr oder weniger von ihr bezaubert zu sein scheinen. Grund genug, daß sie von anderen Frauen gehaßt werden, die auf ebensoviel Geist und Liebenswürdigkeit Anspruch erheben zu dürfen glauben, ohne daß sie in gleichem Maße gefeiert wären. »Solche Anziehungskraft! dabei kann es nicht mit rechten Dingen zugehen, dabei müssen falsche, unerlaubte Künste im Spiele sein.« Auf diese Art bildet sich die öffentliche Meinung, und die Verleumdung hat ein weites Feld. So ungefähr ist es auch Carolinen ergangen. Die Damen, denen sie Konkurrenz macht, wollen ihr nicht wohl, die betreffenden Männer und Verehrer müssen in dasselbe Horn stoßen, in Briefen wird das Urteil Fernerstehender nach der gleichen Richtung dirigiert. Solche Briefe kommen dann unter den Nachlebenden an das Licht der Öffentlichkeit, unsere detailsüchtige Literaturgeschichte macht sich zum Echo des alten Klatsches. Und so kommt es, daß das Bild Carolinens immer dunkler und dunkler dargestellt wird, je besser man sich unterrichtet zeigen kann. Aus der zierlichen kleinen Frau wird schließlich ein dämonisches Wesen, ein zwietrachtstiftender Kobold, eine »Dame Luzifer«, die alle Verhältnisse um sich her zerrüttet, eine Art böser Genius der romantischen Schule. Mit dem vorliegenden Buche in der Hand fühlt man sich versucht, den neuesten Darstellungen der Romantik gegenüber zum Ritter der hart angefochtenen Dame zu werden und eine der jetzt so beliebten »Rettungen« zu schreiben. Aber ich glaube, das Buch selbst ist die beste Rettung. Schade, daß es nicht über alle Punkte des intimsten Lebens volle Klarheit verbreitet. »Ich könnte begreifen,« – schreibt Caroline einmal – »wie man die Dokumente eigener verworrener Begebenheiten seinen Kindern und auch der nach uns lebenden Welt als eine die Menschheit überhaupt interessierende Erfahrung hinterlassen kann. Erst wenn Namen und Personen nichts mehr zur Sache tun, tritt sie in ein wahres Licht.« In diesem Sinne läßt das Werk manches vermissen, die Begebenheiten sind nicht immer deutlich, aber der Charakter Carolinens wird vollkommen anschaulich: sie zeigt sich überall als eine groß und frei und edel angelegte Natur. Diesem Eindruck wird sich kein aufmerksamer Leser entziehen können, und die erwähnten Literarhistoriker werden gewiß selbst die Gelegenheit ergreifen, um der liebenswürdigen Frau die ungalanten Urteile abzubitten, die sie über sie gefällt haben. Man heftet sich ohnedies viel zu sehr an biographische Details, die – an sich vielleicht höchst lehrreich und interessant – doch für die Hauptsache wenig austragen. Es könnte alles wahr sein, was man Carolinen nachgesagt hat, und der Kern ihrer Persönlichkeit bliebe davon ziemlich unberührt. Was einer ist und leistet, das scheint mir die Hauptsache. Das Andenken hervorragender Männer in der Geschichte wird nicht durch ihr Privatleben bestimmt, nicht dadurch, daß sie brave Familienvater, gute Ehegatten, friedfertige Kollegen waren, sondern durch das, was sie für den Staat, für das Vaterland, für Wissenschaft und Kunst, für die ganze Menschheit getan haben. Die Wirkungssphäre der Frauen ist meist viel eingeschränkter, ihr Andenken in der Geschichte lebt in der Regel nur durch das fort, was sie ausgezeichneten Männern gewesen sind. Unvergeßlich bleibt dem deutschen Volke Frau v. Stein, weil ihr Goethe so viel verdankte. Und die indiskrete Neugier, welche in die eigentliche Natur der Beziehungen zwischen dem Dichter und der angebeteten Freundin eindringen und womöglich die intimsten Moments ihres Zusammenseins belauschen möchte, hat sehr wenig mit einer gerechten historischen Würdigung zu tun. So kommt es auch bei Caroline vor allem auf das an, was Schlegel und Schelling ihr verdankten. Der Segen, den sie im Herzen ihrer Männer zurückgelassen, ist ein unvertilgbares Verdienst, das sie sich um sie und dadurch mittelbar um Deutschlands Geistesleben erworben hat. Und wer kann darüber besser urteilen als diese Männer selbst? Etwa drei Monate nach ihrem Tode schreibt Schelling: »In je größere Ferne sie mir tritt, desto lebhafter fühle ich ihren Verlust. Sie war ein eigenes, einziges Wesen, man mußte sie ganz oder gar nicht lieben. Diese Gewalt, das Herz im Mittelpunkte zu treffen, behielt sie bis ans Ende. Wir waren durch die heiligsten Bande vereinigt, im höchsten Schmerz und im tiefsten Unglück einander treu geblieben – alle Wunden bluten neu, seit sie von meiner Seite gerissen ist. Wäre sie mir nicht gewesen, was sie war, ich müßte als Mensch sie beweinen, trauern, daß dieses Meisterstück der Geister nicht mehr ist, dieses seltene Weib von männlicher Seelengröße, von dem schärfsten Geist, mit der Weichheit des weiblichsten, zartesten, liebevollsten Herzens vereinigt. O, etwas der Art kommt nie wieder!« Caroline Schelling war eine rechte Gelehrtenfrau, nicht wie sie gewöhnlich sind, sondern wie sie sein sollten. Wissenschaft als Lebensberuf ergriffen, führt immer die Gefahr einseitiger Verbissenheit, handwerksmäßiger Beschränkung und stumpfsinniger Abgeschlossenheit in einem engen Kreise mit sich. Da muß die Frau eine Art umgekehrter Circe sein, die das gelehrte Herdentier jedesmal wieder in den Menschen verwandelt. Hiervon besaß Caroline ein lebhaftes Bewußtsein. Wie sie selbst die größte Angst hatte, sich in eine philiströse Existenz versinken zu sehen, so wußte sie auch andere davor zu bewahren. »Was ist doch das ein elendes Leben, das ein Gelehrter führt,« – schreibt sie ihrem Bruder Philipp – »o suche ja bis ans Ende Deiner Tage Sinn für die weite, offene Welt zu behalten, das ist unser bestes Glück.« Die großen Jungbrunnen der Menschheit sind Natur und Kunst; wie die Sonne nach mythologischen Vorstellungen täglich in den Ozean, so sollen wir untertauchen in das Schöne, um daraus Kraft und Freiheit der Seele zu holen neben aller eingeschränkteren Tätigkeit. »O mein Freund,« – schreibt Caroline an Wilhelm Schlegel – »wiederhole es Dir unaufhörlich, wie kurz das Leben ist und daß nichts so wahrhaftig existiert als ein Kunstwerk. – Kritik geht unter, leibliche Geschlechter erlöschen, Systeme wechseln, aber wenn die Welt einmal aufbrennt wie ein Papierschnitzel, so werden die Kunstwerke die letzten lebendigen Funken sein, die in das Haus Gottes gehen – dann erst kommt Finsternis.« So sehr Caroline das lebendigste Gefühl der Unabhängigkeit in sich nährte, und so sehr sie denen, die sie liebte, zu geben vermochte, so groß war doch ihre Fähigkeit, zu empfangen, so wunderbar ihr Talent, sich anzuschmiegen. Sie besaß eine unglaubliche Elastizität des Geistes, mit der sie alles Bedeutende ergriff, was ihr nahe kam. »Nichts Gutes und Großes war zu heilig oder zu allgemein für ihre leidenschaftlichste Teilnahme«, sagt Friedlich Schlegel. So durchlebte sie feurig bewegt die Mainzer politische Revolution, so die Revolution der Romantiker gegen das Ancien régime in der Literatur des vorigen Jahrhunderts. An Wilhelm Schlegels Shakespearearbeiten, an der Rezensionstätigkeit der verbundenen Freunde beteiligte sie sich, in die Ideen von Schellings Naturphilosophie warf sie sich mit Begier – sie hat auch dies und jenes für den Druck geschrieben, aber immer gedrängt von außen, auf bestimmte Veranlassung, um etwa Schlegel eine Freude zu machen, aber ganz ohne persönliche literarische Prätensionen. Sie besaß nach Wilhelm Schlegels Zeugnis alle Talente, um als Schriftstellerin zu glänzen, ihr Ehrgeiz war aber nicht darauf gerichtet. Sie fühlte sich nicht geschaffen, über die Grenze stiller Häuslichkeit hinwegzugehen. Es fehlte ihr in der Tat an eigentlich originaler Produktionskraft. Sie hat etwas von dem rezeptiven Genie, das in Wilhelm Schlegel, dem unvergleichlichen Übersetzer, Rezensenten, Literarhistoriker wohnte. Sie empfindet das aber als einen Mangel und bezeichnet es in einem Briefe an ihren Bruder als Familienfehler, »vieles aufzufassen, um es mit ein paar Ideen darüber wieder hinzuwerfen«. Gerade dieses Talent jedoch – welches Glück für einen Mann, der wie Schelling mit den ernstesten, tiefsten Problemen rang, wenn die Gefährtin ihm in die fernsten Gedankenregionen zu folgen vermochte, wenn er sie einweihen durfte in die Mysterien der abstraktesten Spekulation, wenn ihm seine Ideen aus ihrem Munde mit neuer Klarheit entgegentönten, wenn er mit Zinsen zurückerhielt, was er ihr von seinen Geistesschätzen spendete. Der weibliche, rasche Blick, der schlichte, gerade Verstand, das unbeirrbare, sichere Urteil war Caroline im höchsten Maße eigen. »Die Überlegenheit ihres Verstandes über den meinigen habe ich sehr frühe gefühlt«, erzählt ihr Schwager Friedrich Schlegel. Das klare Wesen einer ursprünglich heiteren, tätigen, bestimmten Natur prägt sich in ihren Jugendbriefen manchmal mit überraschender Schärfe aus. »Es ist ganz vergeblich, hier nachzudenken,« – mit diesen Worten reißt sie sich von gewissen religiösen Reflexionen los – »es ist ganz vergeblich, hier nachzudenken; es verwirrt unsere Begriffe, und verwirrte Begriffe machen mutlos.« Und ein andermal beschreibt sie, wie sie immer einen Plan haben müsse im großen oder kleinen: »Ich mag keine Nadel abstricken ohne den Eifer und die Aussicht, etwas fertig zu bekommen und hinterher zu denken, ich habe wirklich was getan. Bin ich zwecklos, so ist mir wie denen, die gewohnt sind, sich von Sonnenaufgang bis Untergang zu schnüren, und ungeschnürt nicht wissen, wo sie den Leib lassen sollen. Kommt nun noch der Pfahl im Fleisch dazu, daß ich etwas tun will, was ich nicht mag, und habe doch nicht die Macht, es zu forcieren, so bin ich ein elendes Geschöpf, das mit Gleichgültigkeit das Morgenlicht durch die Vorhänge schimmern sieht und ohne Satisfaktion sich niederlegt.« Ihre hohe Verständigkeit aber äußert sich nie aufdringlich, steif, pedantisch, sie bleibt immer biegsam, zierlich, schön. Durch die ernsten literarischen Geschäfte der Männer schlingen sich ihre anmutigen Briefe wie leichte, graziöse Arabesken durch. Die schweren Gedankenakkorde Schellingscher Philosopheme umspielt sie wie mit den geistreichen Begleitungsfiguren einer süßschwärmenden Musik. Sie war wie gemacht zur Geselligkeit, weniger zu der tauschenden Geselligkeit eines großen Zirkels, in welchem allzu viele langweilige und unbedeutende Menschen gleichmäßige Artigkeit und Aufmerksamkeit erfordern, als zu der bescheidenen Geselligkeit am traulichen Teetisch mit wenigen guten Freunden, vor denen sie sich ganz gehen lassen und alle ihre glänzenden Gaben des Gesprächs zwanglos entfalten konnte. Sie sprach wunderbar schön. Sie war wie die Jungfrau im Märchen, der bei jedem Wort, das sie spricht, eine Rose aus dem Munde fällt. »Alles umgab sie mit Gefühl und Witz, sie hatte Sinn für alles, und alles kam veredelt aus ihrer bildenden Hand und von ihren süßredenden Lippen. Sie vernahm jede Andeutung, und sie erwiderte auf die Frage, die nicht gesagt war. Keine Sphäre belebter Unterhaltung war ihr fremd. Sie konnte in derselben Stunde irgendeine komische Albernheit mit dem Mutwillen und der Feinheit einer gebildeten Schauspielerin nachahmen und ein erhabenes Gedicht vorlesen mit der hinreißenden Würde eines kunstlosen Gesanges.« Und trotz diesen geselligen Talenten, trotz den Huldigungen, die ihr überreich zuteil wurden, wie ist sie so gar nicht verwöhnt, wie anspruchslos und bescheiden steht sie neben ihrem Mann, wie eifrig leistet sie ihm Sekretärsdienste, wie willig fügt sie sich in seine Abhaltungen, wie gutmütig tritt sie zurück, wo die Wissenschaft ihn nicht losläßt. So entschuldigt sie einmal Versäumnisse Schellings bei einem Freunde mit den Worten: »Ich habe ihn selber seit acht Tagen nicht gesehen, außer wenn er zum Essen herunterkam und dabei auch eiligst die Siegesnachrichten zu sich nahm, ich habe selber oft vor der verschlossenen Tür gestanden und allerlei Anliegen gehabt, allein Baal war taub, und ich habe mir bald gesagt: Baal dichtet. So lassen wir ihn denn dichten ...« Habe ich nun nicht recht zu sagen: sie war das Ideal einer deutschen Gelehrtenfrau? Denn ich muß hinzufügen, sie ist auch eine eifrige, praktische, exakte Hausfrau, die für das Leibliche trefflich zu sorgen weiß; sie ist eine sehr geschickte Ehefrau, welche die Launen des gestrengen Herrn in anmutigster Weise zu ertragen, zu ignorieren oder zurückzuweisen versteht; sie ist auch eine gute Tochter und Schwester, eine zuverlässige Freundin, eine ausgezeichnete Mutter. Mit welcher schwärmerischen Liebe hängt sie an Auguste Böhmer, ihrer einzigen Tochter. Und wie ist ihr die ganze Welt umgewandelt von dem Augenblicke an, wo sie diese Tochter verliert. Man fühlt sofort, eine Wunde ist ihr geschlagen, die nie völlig wieder vernarben kann. Der Gedanke an das liebliche tote Mädchen ist fortan der stille, traurige Hintergrund ihres ganzen Lebens. In ihrer Jugend steht Caroline als ein herrliches Bild der Kraft, des Selbstgefühls, der Frische und des Lebensmutes vor uns da: »nicht schön, nicht bescheiden, aber gut, stolz und natürlich«, wie sie selbst sich abschildert. Wie unbekümmert wandelt sie über die Erde, »die gottlose kleine Frau, die kokette junge Witwe«; solche Lesarten gibt's nämlich über sie, und sie meldet das ganz lustig ihren Freunden. Wie reizend scherzt sie über ihre Unbesonnenheiten: »Ich hoffe in meinem achtzigsten Jahre noch welche zu begehen, wenn ich nicht so glücklich bin, vor dem vierzigsten zu sterben.« Wie genußkräftig packt sie das Leben an: »Glückseligkeit besteht nur in Augenblicken; nichts verzeih' ich mir weniger, als nicht froh zu sein, auch kann der Augenblick niemals kommen, wo ich nicht die Freude, die sich mir darbietet, herzlich genießen sollte.« Und mit welcher Sicherheit muß ein Wesen in sich selbst gegründet gewesen sein, welches sagen konnte: »Ich fürchte, das Geschick und ich haben keinen Einfluß mehr aufeinander; seine gütigen Anerbietungen kann ich nicht brauchen, seine bösen Streiche will ich nicht achten. Auf Wunder rechnet man nicht, wenn man sich fähig fühlt, Wunder zu tun und ein widerstrebendes Schicksal durch ein glühendes, überfülltes, in Schmerz wie in Freude schwelgendes Herz zu bezwingen.« Da klingt es denn freilich ganz anders, wenn sie in dem Todesjahre Augustens aus Jena, wohin sie eben erst wieder zurückgekehrt war, an Wilhelm Schlegel schreibt: »Ich bin nur froh, hier das erste überstanden zu haben, und verlasse mich für das Zukünftige ruhig auf Deine Freundschaft und die stille Gewalt meines eigenen guten Gemüts. Diese werden schon wieder etwas bilden, ein Hüttchen anbauen unter den Trümmern alter Herrlichkeit. O mein Freund, ich baute oft und riß oft ein. Dieses sind nun die letzten Zweige, Zweige der weinenden Weide, die ich über meinem Haupt zusammenflechte, um unter ihrem Schatten den Abend zu erwarten.« Der Ton der Neckerei, des Spottes, der humoristischen Schilderung verschwindet nun beinahe gänzlich aus ihren Briefen. Sie ist sehr verändert. Aber der Grundzug der Wahrhaftigkeit, Charakterstärke und Herzensgüte ist geblieben. So wie uns nun Caroline erschienen ist: wird noch jemand die Frage aufwerfen, ob sie imstande war, hübsche Briefe zu schreiben? Die reizendsten von der Welt! Der Herausgeber des gegenwärtigen Buches hat ganz recht, wenn er sagt: Carolinens Briefe dürfen als solche einen Platz in unserer Literatur in Anspruch nehmen. Sie sind nicht bloß wichtig als historische Quelle, sondern sie sind wahre Kleinode der Form, zierliche Muster des unbefangen plaudernden Briefstils, unmittelbare Abdrücke einer lebhaften, angeregten, bedeutenden Natur, »welche durchsichtig und seelenvoll hinschreibt, was sie als Gespräch gedacht hat«. Schade, daß der Herausgeber »Unbedeutendes«, wie er sagt, hinwegließ. Ob sich darunter auch gewiß nichts anderes findet, als was jeder gern entbehren würde, wenn er es kennte? Der Geschmack des Herausgebers braucht nicht notwendig auch der seiner Leser zu sein. Diese Art Frauen hat es an sich, gerade über gänzlich Unbedeutendes so reizend zu schreiben, daß man sich für jeden Strumpf und jedes Kinderhäubchen interessiert. Wie es andere Menschen gibt, die nur »Lichtstrahlen« von sich geben sollten, in deren Briefen und sonstigen Produkten ganze Seiten nur dazustehen scheinen, um eine einzige schöne Stelle zu illustrieren, so kann man bei den echt harmonischen Wesen, wie Caroline eines war, eigentlich nichts herausreißen aus dem, was ihrer Feder entfließt; sogenannte schöne Stellen gibt's da im Grunde nicht, die Einzelheiten kommen kaum zum Bewußtsein, aber das Ganze ist bezaubernd. Ich würde mich freuen, wenn ich bei einer neuen Auflage noch einige Lücken ergänzt fände. Und vielleicht entschließt man sich dann auch, ein Faksimile von Carolinens Handschrift beizugeben, das ich wenigstens ungern vermisse. Der erste Band ist durch ein Bild Auguste Böhmers geziert, es zeigt jene »zarte, in sich gekehrte Weiblichkeit«, welche die Mitlebenden über sie verbreitet fanden. Vor dem zweiten Bande entzückt uns der Anblick Carolinens selbst. Ein ganz wunderbares Gesicht; keine regelmäßige Schönheit; eine etwas unschöne, breite Nase und der Mund vielleicht zu groß. Aber welche Güte und welcher Verstand blitzt aus den Augen, welche Schalkhaftigkeit sitzt auf den Lippen, welche Klarheit thront auf der offenen Stirn: »Frank und frei« scheint als Wahlspruch über diesen Zügen zu schweben. Die Farbe ihrer Augen war blau, wie man gelegentlich aus einem Briefe erfährt, worin sie sich selbst die blauäugige Caroline nennt und neben Wilhelm Schlegel wie die blauäugige Pallas Athene neben den homerischen Helden stehen möchte, um ihn als Redner zu begeistern. Daß ich nichts Genaueres über Gestalt und Gang weiß, ist mir ein wenig fatal. Aber wenn ich lese, wie Friedlich Schlegel ihr ins Gesicht über die »kleine, zierliche, zerbrechliche, leichtsinnige, kolossalisch verliebte Frau« scherzt, so kann ich mir doch nur eine feine, biegsame Natur mit leichtem, sicherem, elastischem Schritte denken ... Ach, daß die süßredenden Lippen auf ewig verstummt sind! Es ist mir aber doch, indem ich mich in die Briefe versenke, als ob ich die Worte mit dem Klang einer weichen, melodischen Stimme vernähme – ja es ist, wie Friedrich Schlegel sagt: bei mancher Stelle glaubt man zu sehen, wie die Blicke wechseln, wie ihre Mienen leicht sich ändern. Der ganze unwiderstehliche Zauber ihrer reichen, schönen Natur wirkt durch das geschriebene Wort noch einmal; ich wenigstens muß bekennen, daß ich demselben vollständig unterlegen bin; es ergriff mich, wie wenn sie mir gestorben wäre, als ich die Schilderung ihres Todes bei Schelling las: »Ihre letzten Tage waren ruhig; sie hatte kein Gefühl von der Gewalt der Krankheit, noch der Annäherung des Todes. Sie ist gestorben, wie sie sich immer gewünscht hatte. Am letzten Abend fühlte sie sich leicht und froh; die ganze Schönheit ihrer liebevollen Seele tat sich noch einmal auf; die immer schönen Töne ihrer Sprache wurden zur Musik; der Geist schien gleichsam schon frei von dem Körper und schwebte nur noch über der Hülle, die er bald ganz verlassen sollte. Sie entschlief am Morgen des 7. September, sanft und ohne Kampf; auch im Tode verließ sie die Anmut nicht; als sie tot war, lag sie mit der lieblichsten Wendung des Hauptes, mit dem Ausdrucke der Heiterkeit und des herrlichsten Friedens auf dem Gesicht.« 15. Juni 1871. II. Als ich die vorstehenden Zeilen schrieb, wußte ich die arg kompromittierenden Dinge aus Carolinens Mainzer Epoche noch nicht, welche mir nachher Waitz mitteilte und welche Haym in seinem Artikel »Ein deutsches Frauenleben aus der Zeit unserer Literaturblüte« (Preußische Jahrbücher Bd. 28) allgemein bekanntgemacht hat. Ich war der Meinung gewesen, daß wir sie eines Augenblickes der Schwäche gegenüber einem geliebten Manne anzuklagen hätten, der sie dann treulos verließ und sich von ihr zurückzog. Ich wußte nicht, daß die herrliche Frau die Beute eines beliebigen Franzosen geworden war. Mein erstes Gefühl, als ich es hörte, war Zorn und Empörung, wie man sie empfindet, wenn ein edles Kunstwerk verstümmelt worden ist –»abscheulich! unverzeihlich!« ich hatte kein anderes Wort dafür. Alles Beschönigen und alles Entschuldigen hilft nun nicht. Gerne läßt man die von Haym angefühlten Milderungsgründe gelten. Gerne sagt man sich, daß wir alle näheren Umstände kennen müßten, um den Grad der Verschuldung zu ermessen. Aber die Verschuldung als solche bleibt unberührt, niemand kann sie leugnen, niemand kann sie hinwegschaffen. Die brutale Tatsache ist von unablöschlicher Häßlichkeit. Caroline selbst kann nur mit peinlichen Empfindungen an die wüste Mainzer Zeit zurückgedacht haben. Wenn es den Menschen vergönnt wäre, über einen Trunk Lethe zu verfügen, um nach freier Wahl einen Teil ihrer Taten und Erlebnisse für immer der Vergessenheit zu überliefern – vielleicht würden sie unschlüssig stehen und nicht wissen, wovon sie sich schwerer trennten, von ihren vergangenen Leiden oder von ihren entflohenen Freuden. Nur eins gibt es, was jeder ohne Bedenken und hastig zugreifend gerne loswerden würde, die Erinnerung an solche Augenblicke, in denen er getan, was seiner nicht würdig war. Solches Vergessen müßte sein wie Einschlafen oder Ertrinken. Die Wellen umwogen, umspielen uns, ziehen uns in die Tiefe, zuletzt ist alles ruhig. Das Leben mancher Menschen ist nicht ein Kampf ums Dasein, sondern ein Kampf um den Schlaf, moralisch vielleicht ein Kampf ums Vergessen. Manchen aber gewährt die Natur beides willig. Es ist möglich, ja es ist sehr wahrscheinlich, daß Caroline jene Gedächtnisschwäche besaß, welche öfters bei sehr elastischen Frauennaturen gefunden wird, die wie Wassernixen aus der Tiefe des Sees emportauchen und alles Gras und Schilf und Schlamm und Röhricht von sich abstreifen und wieder wie jung und neugeboren die leuchtenden Glieder durch die klaren Wogen drängen. Caroline lebte in der Gegenwart, ging voll auf in ihr, und ihre Vergangenheit konnte sie vielleicht ansehen, als ob sie selbst es nicht gewesen wäre, wie Schicksale einer fremden Person. Aber ganz vergessen kann niemand solche Erfahrungen. Und in Augenblicken, in denen ihr das Gedächtnis völlig zurückkehrte, in denen all der böse Schlamm ihr noch einmal die Phantasie beengte, durch den sie hindurch gemußt, in den sie sich hinein begeben – ich bin überzeugt, daß tiefe Schamröte ihr in die Wangen stieg. Und wenn sie auch wohl nicht an den Nutzen der Reue glaubte und die Vergangenheit so leicht und licht als möglich zu nehmen suchte (auch das traue ich ihr zu) – sie hat gewiß alles getan, damit die arge Dissonanz so wenig als möglich in ihrer Seele nachtönte. Aber als Dissonanz muß sie in ihr erklungen sein, und widerwärtig muß ihr das Andenken gewesen sein. Gleichwohl schäme ich mich nicht des ehrlichen Entzückens, das mir die Existenz dieser Frau einflößte, und ich beharre bei den enthusiastischen Worten, die man oben gelesen hat. Es ist mit überlegener Miene darüber gespottet worden, daß Caroline mehr als sechzig Jahre nach ihrem Tode noch verschiedenen deutschen Professoren die Köpfe verdreht habe. Sehr viel Ehre für die deutschen Professoren! Man wirft ihnen gerne, und nicht ganz mit Unrecht, eine gewisse Engherzigkeit und Philisterhaftigkeit in moralischen Dingen vor. Sehr schön, wenn Caroline imstande war, solche Strenge zu mildern. Ich beneide niemanden um die robuste Tugendhaftigkeit, welche Schellings angebetete Gattin ohne weiteres in eine Linie mit einer beliebigen Straßendirne stellt. Ich streite aber auch gar nicht um die moralische Beurteilung dieser einzelnen Frau, obwohl ich von Natur mehr zum Verzeihen als zum Verdammen neige. Aber ich sage offen, daß es mir als Roheit erscheint, wenn man den Wert einer Frau wie diese nur nach dem sechsten Gebot bemißt, und wenn alles, was sie sonst war und tat, einfach ausgelöscht erscheint dadurch, daß sie einmal in ihrem Leben auf unverantwortliche Weise leichtsinnig gewesen ist und Schande auf sich geladen hat. Einigermaßen dürfen doch auch wir sie mit Schellings oder mit Luise Gotters Augen betrachten. Sind wir wirklich schon so weit heruntergekommen, daß uns die bloße Korrektheit als das höchste Gut erscheint? Haben wir vergessen, daß schöne Menschlichkeit die Blüte aller Sittlichkeit ist? Was helfen uns alle korrekten Frauen der Welt, wenn sie unsere Freude am Dasein nicht verstärken. Im Beichtstuhl und nach dem Katechismus ist es äußerst gleichgültig, ob eine Frau schön oder häßlich: ist es auch fürs Leben gleichgültig und für eine höhere Sittlichkeit, für die reiche, freie und schwungvolle Entfaltung aller edlen Menschlichkeit im Menschen? Möchten wir wohl ein einziges vollkommenes, vielleicht in schrankenloser Leidenschaft entstandenes Liebeslied dahingeben um den Preis, den Dichter zu einem vorwurfsfreien, korrekten Hagestolzen oder Ehemann zu machen? Aber das sind nur nebenbei aufgeworfene Fragen. Ich fühle mich nicht zu Carolinens Advokaten berufen. Mein Enthusiasmus galt und gilt nicht dem Individuum, nicht dieser einzelnen, bestimmten Caroline, sondern der in ihr Fleisch gewordenen Idee. Wenn der Venus von Milo in den Stürmen der Pariser Kommune die Nase abgeschlagen wäre, bliebe sie darum weniger die Venus von Milo? Würde der Künstler, der sie geschaffen, darum weniger auf den Dank und die Bewunderung der Nachwelt rechnen dürfen? Ich beklage die Schuld, durch welche Caroline selbst ihr Leben entstellt hat, ganz wie eine solche Verstümmelung. Aber das herrliche Menschenbild, das dadurch entstellt ist, bewundere ich nach wie vor, und dankbar bleibe ich der schaffenden Natur, daß sie ein solches Wunderwerk erzeugen wollen. Die Sprache zwingt – oder verführt wenigstens – auch den heutigen Menschen manchmal zu einer Art Mythologie. Ich habe von der in Carolinen erschienenen Idee gesprochen. Ich meine nichts über die Tatsachen der Wirklichkeit Hinausgehendes und doch etwas Ähnliches wie die Platonische Idee. Es ist uns jetzt geläufiger, von Typen zu sprechen. Wir sammeln die zerstreuten Charakterformen, die sich zu wiederholen scheinen, deren jeder seine Einseitigkeit zeigt; wir können sie durcheinander ergänzen, berichtigen, erweitern und verengern und ein Idealbild des Typus gewinnen, das in seiner Vollkommenheit nirgends ganz erscheint, welchem sich aber die Gestalten der wirklichen Welt mehr oder weniger nähern. Das Leben entfernt das Individuum oft von der Reinheit des Typus. Das Kind verheißt mehr, als das entwickelte Wesen hält. Caroline nun ist die vollkommenste Verwirklichung des Typus, zu dem sie gehört. Dieser Typus aber, diese wunderbare Mischung hinreißender und verführerischer Eigenschaften, scheint mit einer gewissen Schwäche fast unauflöslich verbunden. Caroline war entschieden eine der Frauen, welche auf männliche Leitung, darauf, daß ein wirklicher, starker, überlegener Mann neben ihnen steht, angewiesen sind. Wenn ihnen der fehlt, wenn sie sich selbst überlassen sind, dann ist ihre Schwäche und phantastische Erregung zu allem, auch zu dem Verkehrtesten fähig. Frau Böhmer und Frau Schelling: was ist gegen diese einzuwenden? Die Witwe Böhmer und Frau Schlegel, die befanden sich in jener ungeleiteten, ungeschützten, beklagenswürdigen Lage. Wenn also eine gewisse, nicht bloß physische Zerbrechlichkeit zu jenem Typus gehört, und wenn sie auch Carolinen anhaftet und in verhängnisvoller Weise ihr Leben verunstaltet hat: sollen wir darum die Idee, die in ihr erscheint, nicht bewundern? Sollen wir uns nicht die Freude zu erhalten suchen an all den Eigenschaften, die wir loslösen können von ihrer irdischen, zufälligen Persönlichkeit, um daran ein Stück vollkommener Weiblichkeit anzuschauen? Und wenn wir uns ein Idealbild unseres Volkes gestalten, wenn wir überschauen wollen, welche reiche sittliche Produktivität es entfaltet, wie vielerlei Charaktertypen es hervorgebracht hat: so wird, dünkt mich, unter den Frauentypen an ästhetischer Vollkommenheit derjenige obenan stehen, den Caroline am vollkommensten repräsentiert. 13. Juni 1874.